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+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
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-The Project Gutenberg eBook of Was ich geschaut, by Irma von
-Troll-Borostyání
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
-will have to check the laws of the country where you are located before
-using this eBook.
-
-Title: Was ich geschaut
- Novellen
-
-Author: Irma von Troll-Borostyání
-
-Release Date: January 26, 2021 [eBook #64388]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-Produced by: the Online Distributed Proofreading Team at
- https://www.pgdp.net (This file made from scans of public
- domain material at Austrian Literature Online.)
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK WAS ICH GESCHAUT ***
-
-
-
-
-
- Was ich geschaut.
-
-
- Novellen
-
- von
-
- Irma von Troll-Borostyání.
-
-
- [Illustration]
-
-
- Wien. Pest. Leipzig.
-
- A. Hartleben's Verlag.
-
-
-
-
- Alle Rechte vorbehalten.
-
- K. u. k. Hofbuchdruckerei Carl Fromme in Wien.
-
-
-
-
-Inhaltsverzeichniß.
-
-
- Seite
-
- Erlöst! 3
-
- Justus 16
-
- Fallendes Laub 30
-
- Franzi's Weihnacht 44
-
- Der Weg zum Herzen 55
-
- Weder Glück noch Stern 65
-
- Der Unwiderstehliche 75
-
- Schwer geprüft 107
-
- »Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht« 124
-
- Der kleine Geiger 132
-
- Die Harfenspielerin 140
-
- Sein Bild 151
-
-
-
-
-Erlöst!
-
-
-Mit dem Versprechen, am anderen Tage wiederzukommen, hatte sich der Arzt
-verabschiedet und Gabriele blieb allein am Bette ihres kranken Kindes. Es
-lag in heftigem Fieber; auf den lieblich gerundeten, vollen Wangen brannten
-hochrothe Flecken und die sonst so fröhlichen, dunkelblauen Augen blickten
-schmerzlich und wie hilfesuchend auf das kummervolle Antlitz der Mutter,
-die sich zwang, es freundlich anzulächeln.
-
-Der kleine Erich war während der fünf Jahre seines Daseins niemals krank
-gewesen. Vor wenigen Tagen zeigte er eines Morgens Mattigkeit und Unlust,
-seinen gewohnten Spielen zu obliegen. Dann klagte er über Schmerzen im
-Kopfe und in der rechten Seite der Brust beim Athemholen. Fiebersymptome
-traten auf; er wurde zu Bett gebracht, und der herbeigerufene Arzt
-konnte es den Eltern nicht verhehlen, daß der Fall -- eine hochgradige
-Entzündung des rechten Lungenflügels -- ein sehr bedenklicher sei.
-
-Jetzt saß die Mutter am kleinen Bettchen des Knaben und streichelte hin
-und wieder mit weicher Hand über seinen blonden Lockenkopf, den er
-unruhig auf den Kissen hin und her wälzte. Mit ängstlicher Aufmerksamkeit
-beobachtete sie die kurzen, raschen Athemzüge, den fliegenden Puls
-des Kindes und verfolgte zugleich den vorrückenden Zeiger an der
-gegenüberhängenden Wanduhr, um den rechten Augenblick nicht zu
-versäumen, ihm, der ärztlichen Vorschrift gemäß, viertelstündlich die
-Arznei zu verabreichen.
-
-Wie ein dumpfes Brausen drang der Lärm des großstädtischen Lebens und
-Treibens durch die geschlossenen Doppelfenster des Krankenzimmers. Die
-Vorhänge waren zugezogen, und die mit einem grünen Papierschirm bedeckte
-Lampe verbreitete eine milde Helle in dem weiten Gemache.
-
-Draußen lag noch das graue Licht der schwindenden Abenddämmerung über
-den Straßen. Es war ein unfreundlicher Märztag, und ein rauher Nordost
-wirbelte einen trockenen, hustenreizenden Staub auf. Die Damen, die sich
-in leichten Frühlingstoiletten herausgewagt hatten, bedauerten es lebhaft,
-ihre warmen, winterlichen Umhüllungen zu Hause gelassen zu haben.
-
-Ein elegant gekleideter, noch junger Mann schritt quer über die Straße
-dem Hause zu, in welchem der kranke Knabe lag. Es war Otto von Brauneck,
-der Vater des Kindes. Nachdem er an der Eingangsthür geschellt und der
-Diener ihm geöffnet hatte, trat er durch das Vorzimmer in den Salon, um in
-sein neben demselben gelegenes Arbeitszimmer zu gelangen.
-
-»Was ist das? -- Sind noch keine Vorbereitungen getroffen?« fragte er den
-Diener, indem er an der Schwelle stehen blieb und einen überraschten Blick
-durch den unerleuchteten Raum schickte. »In längstens einer Stunde werden
-die Gäste eintreffen, und es ist nichts in Ordnung gebracht. Sollte meine
-Frau keine Anordnungen getroffen haben?«
-
-»Die gnädige Frau meinte, der Empfang würde heute nicht stattfinden,«
-erklärte der Diener.
-
-»Und warum nicht?«
-
-»Ich glaube -- des Kranken wegen.«
-
-»Ach, das Kind wird in seiner Ruhe nicht gestört werden. Schlagen Sie
-den Spieltisch in meinem Zimmer auf, statt im Salon, und besorgen Sie rasch
-alles nöthige. Kaltes Buffet -- einige Flaschen Bordeaux aus dem Keller --
-hier, nehmen Sie!«
-
-Mit diesen Worten reichte Brauneck dem Diener eine Banknote und schritt in
-sein Zimmer. Nachdem der Diener die Kerzen angezündet und sich entfernt
-hatte, schloß Brauneck seinen Schreibtisch auf, entnahm demselben ein
-Spiel Karten, prüfte sie und steckte sie zu sich. Einige Minuten später
-trat er in das Zimmer seines Sohnes.
-
-Gabriele hob den Kopf empor und warf einen traurigen Blick auf ihren
-Gatten, der sich mit langsamen und auf dem schweren Teppich geräuschlosen
-Schritten näherte.
-
-»Wie geht es dem Kleinen?« fragte er leise, indem er seine Frau mit
-leichtem Kopfnicken begrüßte.
-
-»Um nichts besser,« erwiderte Gabriele noch leiser. »Das Fieber steigert
-sich.«
-
-»War der Doctor hier?«
-
-Flüsternd wiederholte sie die Weisungen des Arztes. »Im Laufe der
-Nacht,« so hatte er sich geäußert, »würde die Krisis eintreten.
-Sollte das Fieber nach Mitternacht noch stärker werden, so möge man ihn
-unbedingt nochmals holen lassen.«
-
-»Rege Dich nicht so auf,« sagte Brauneck, als er bemerkte, wie ihre Augen
-sich mit Thränen füllten. »Erich ist ein kräftiger Junge; es liegt kein
-Grund zu so großer Sorge vor.«
-
-Gabriele antwortete nicht. Der Knabe aber, der die flüsternden Stimmen
-gehört, schlug die Augen auf.
-
-Ein Ausdruck von Freude glitt über sein Gesichtchen.
-
-»Ach, Papa, bist Du endlich gekommen,« sagte er. »Ich fürchtete schon,
-Du kämest nicht mehr.«
-
-Der Vater beugte sich zu dem Kinde herab und drückte einen Kuß auf seine
-brennende Stirn.
-
-»Warum hätte ich denn nicht kommen sollen?« erwiderte er lächelnd.
-»Freilich bin ich gekommen und habe Dir auch etwas mitgebracht. Einen
-wunderschönen Wald und allerlei Gethier darin. Bären, Wölfe, Füchse.
-Wenn Du wieder gesund bist, dann gehen wir miteinander auf die Jagd.«
-
-»Ja, dann spielen wir Jagd miteinander,« bekräftigte der Kleine. »Mama,
-Du und ich, alle Drei. Ich bin der Jäger, Du und Mama, Ihr müßt das Wild
-vor mir zu verstecken suchen.«
-
-»Du wirst aber alle Thiere todtschießen, und am anderen Tage werden sie
-trotzdem wieder lebendig sein, damit Du sie wieder erschießen kannst,«
-ergänzte Brauneck.
-
-Erich lachte, aber ein heftiger Hustenanfall unterbrach seine Heiterkeit,
-und die hübschen Züge seines Gesichtchens verzogen sich schmerzhaft.
-
-»Jetzt aber mußt Du still liegen, mein Kind, nicht sprechen,« fuhr
-Brauneck fort, als der Anfall vorüber war. »Sonst wirst Du nicht gesund,
-und wir können nicht zusammen Wild und Jäger spielen.«
-
-Der Knabe war erschöpft in die Kissen zurückgesunken und schloß die
-Augen. Gabriele träufelte ihm einen Löffel voll Medicin zwischen die
-trockenen, heißen Lippen; dann saßen die beiden Gatten eine Weile
-schweigend an seinem Lager. Da schlug die Uhr acht, und Brauneck schnellte
-von seinem Sitze empor.
-
-»Ich gehe, meine Gäste zu empfangen,« flüsterte er, zu Gabriele
-geneigt. »Wir werden heute unser Spielchen in meinem Zimmer abhalten, und
-ich will den Herren beim Kommen und Gehen die größtmögliche Behutsamkeit
-anempfehlen, damit Erich nicht beunruhigt werde.«
-
-Gabriele schaute auf und der Ausdruck peinlichen Staunens malte sich in
-ihren Gesichtszügen.
-
-»Wie?« sagte sie, »Du hast Deinen Herren nicht abgesagt? Du findest ein
-Vergnügen daran, Dich dem Kartenspiele zu widmen, während Dein Kind hier
-schwer krank liegt?«
-
-Brauneck zuckte die Achseln.
-
-»Liebe Gabriele, Du hast eine pessimistische Neigung, das Leben furchtbar
-tragisch aufzufassen.«
-
-Ein halbunterdrückter Seufzer entrang sich Gabrielens Lippen.
-
-»Es wäre vielleicht viel besser gewesen, für heute eine Absage ergehen
-zu lassen,« fuhr Brauneck fort. »Aber ich gestehe es, ich habe vergessen,
-es rechtzeitig zu thun. Und jetzt Abends wäre es hierzu doch jedenfalls
-zu spät gewesen. So bleibt mir nichts übrig, als die Herren zu empfangen.
-Aber, wie gesagt, ich werde dafür Sorge tragen, daß der kleine Patient in
-seinem Schlummer nicht gestört werde.«
-
-Gabriele erhob und entfernte sich einige Schritte vom Bette des Knaben. Sie
-wollte nicht, daß er ihre Worte zu hören vermöchte. Brauneck folgte ihr.
-
-»Ein schwerer Krankheitsfall in der Familie,« antwortete sie, »gäbe
-Dir wohl einen hinreichenden Rechtfertigungsgrund, Deine Einladung noch in
-letzter Stunde zurückzuziehen. Selbst jetzt noch müßten Deine Freunde
-Deine Entschuldigung annehmen. Ich bitte Dich, Otto, thu' es doch, schicke
-sie fort, bleibe bei Deinem Kinde. Wenn Du es mir zuliebe nicht thun
-willst, so thu' es Erich zuliebe. Er schläft nicht; er frägt immer nach
-Dir. Biete ihm die Erleichterung in seinem Leiden, daß er Dich bei sich
-sieht, wenn er die Augen aufschlägt und nach Dir verlangt.«
-
-Brauneck machte eine Bewegung.
-
-»Aber liebe Gabriele,« sagte er mit schlecht verhehlter Ungeduld, »das
-geht doch nicht an, daß ich die Gäste, die ich geladen, nun, da sie
-kommen, wieder gehen heiße, weil mein kleiner Sohn krank liegt. Solche
-Sentimentalität würde man allenfalls der Frau, der Mutter zugute halten,
-aber einem Manne nicht.«
-
-Vom Bette her tönte ein leises Stöhnen.
-
-Gabriele faltete die Hände und streckte sie bittend dem Gatten entgegen.
-Er aber schüttelte verneinend den Kopf.
-
-»Otto, bleibe bei uns, bleibe bei Deinem Kinde! Ich bitte Dich!«
-
-»Aber ich gehe ja nicht fort! Ich verlasse doch weder das Haus, noch
-selbst die Wohnung.«
-
-»Bleibe hier, bei Erich!«
-
-»Das kann ich nicht.«
-
-»Und was soll ich dem Kinde sagen, wenn es nach seinem Vater frägt?«
-
-»Sag' ihm, was Du willst!«
-
-Gabriele zuckte zusammen; dann richtete sie sich hoch auf.
-
-»So geh' denn! Geh' zu Deinen Genossen, geh' dem entsetzlichen --
-Vergnügen nach, das Du nicht entbehren kannst! So mächtig hat der Dämon
-des Spieles Deine Seele umstrickt, daß Du ihm Dein Vermögen zum Opfer
-brachtest, das Du Deinem Sohne hättest erhalten sollen. Jetzt siehst
-Du Deines Kindes Leben selbst bedroht -- doch auch das hält Dich nicht
-zurück. Für Dein Weib und Dein Kind ist Dein Herz erkaltet; nur die
-Flamme jener unseligen Leidenschaft verzehrt es.«
-
-Fast unhörbar leise hatte Gabriele diese Worte hervorgestoßen, aber Otto
-war keines entgangen. Er erbleichte. Einen Augenblick lang begegneten
-sich die Blicke der beiden Gatten. Dann senkte Otto den Kopf, wendete sich
-langsam um und verließ geräuschlos das Zimmer.
-
-Einige Minuten blieb Gabriele regungslos stehen und starrte auf die Thür,
-durch welche er sich entfernt hatte. Dann wandte auch sie sich um und
-kehrte an Erich's Lager zurück.
-
-Nach einer Weile schlug der Knabe die Augen auf. Ein heißer Tropfen war
-ihm auf die Stirn gefallen.
-
-»Mama,« sagte er und streichelte mit seinem Händchen über ihre Hand,
-die auf seinem Bette ruhte. »Weine nicht, Mama, mir thut nichts mehr weh,
-gewiß nicht. Weine nur nicht, Mama, liebe Mama!«
-
-Erich log. Er log, um seiner geliebten Mutter, die er traurig sah, zu
-verheimlichen, daß er litt. Der Glückliche wußte noch nicht, daß es
-einen Kummer giebt, heißer, bitterer, trostloser, als selbst der eines
-Mutterherzens am Schmerzenslager des Kindes: Der Kummer um eine verlorene
-Seele, die uns theuer ist --
-
-Brauneck war in sein Zimmer gegangen, hatte aber noch keinen seiner Gäste
-vorgefunden. Er athmete erleichtert auf, als er sich allein sah. Aber
-was nützte es ihm? In wenigen Minuten mußten sie ja doch kommen, und er
-mußte zu den Karten greifen. Zu den Karten, die -- er wußte es wohl --
-den Fluch seines Lebens bildeten, die er wahnwitzig liebte und die er in
-diesem Augenblicke zu fürchten und zu hassen vermeinte.
-
-Er seufzte tief auf, warf sich in einen Fauteuil und die Arme auf die
-Seitenlehnen gestützt, verbarg er den Kopf in seine Hände.
-
-Die Worte seiner Frau hatten ihn mächtig erschüttert. Sie hatten sein
-im Grunde leicht bewegliches und weiches Gemüth im Tiefsten aufgewühlt.
-Blitzartig zog das Bild seines eigenen Selbst vor seinem geistigen Auge
-vorüber. Nackt und aller beschönigenden Entschuldigungsgründe bar,
-schaute er seine Seele im Banne jener furchtbaren Leidenschaft, deren
-Sklave er geworden. Ja, Gabriele hatte recht, all seinen Besitz hatte er
-dem Dämon Spiel in den Rachen geworfen. Drei große Vermögen hatte er
-sich von ihm rauben lassen: sein eigenes, das seiner Mutter, das ihm wenige
-Jahre nach seiner Verheiratung zugefallen war, und jenes eines Oheims, den
-er vor kurzem beerbt hatte. Die noch übrigen Reste betrugen kaum einige
-Tausend Gulden. Er hatte seinen Sohn zum Bettler gespielt. Aber nicht das
-allein: Er war noch weit tiefer gesunken, als Gabriele ahnte. Nicht nur das
-Laster -- das Verbrechen hatte seine Hände besudelt. Als fast sein ganzes
-Capital vergeudet war und er sich am Rande vollständigen Ruines sah,
-da war eine entsetzliche Versuchung an ihn herangetreten. Schleichenden
-Schrittes erst, in flüchtigen Umrissen, wie ein Phantom. Dann nahm sie
-deutlichere Formen an und lockte ihn immer lauter und dringender. Ein
-böser Zufall, der ihm einen Genossen zuführte, welcher unentdeckt
-und erfolgreich die Bahn des Verbrechens schon betreten hatte, gab den
-Ausschlag. Seine letzten schwindenden Skrupel waren besiegt -- und -- er
-erlag. --
-
-Das war es, was er, in sein Inneres schauend, gewahrte. Er wußte, daß es
-keine Umkehr, keine Rettung für ihn gab.
-
-Ein schmerzliches Stöhnen entrang sich Otto's gequälter Brust. Da
-schellte die Klingel an der Eingangsthür; im Vorzimmer wurden Stimmen
-laut, und er sprang empor. Seine Gäste trafen ein; jetzt war nicht die
-Zeit dazu, sich düsteren Betrachtungen hinzugeben. Wozu auch? Vielleicht
-würde endlich das Glück ihm hold, und -- wer weiß, vielleicht ließe
-sich, wenn nicht alles, so doch ein Theil des Verlorenen zurückerobern.
-Nicht alles Unrecht, was in der Welt geschieht, gelangt zur Enthüllung.
-Wie viele Schurken und Verbrecher, schlimmer als er, bleiben unentdeckt und
-erfreuen sich ungestört der goldenen Früchte ihrer Gaunerstreiche.
-
-Otto trat den Ankömmlingen grüßend entgegen; bald folgten Andere, und
-eine Viertelstunde später saß die Gesellschaft vollzählig beim Spiele.
-
-Drüben aber lehnte Gabriele am Bette des kleinen Erich und sandte aus
-gläubiger Seele ein inbrünstiges Gebet zu Gott empor, daß er ihr Kind
-vom Tode und ihren Gatten vom Untergange in Laster und Verkommenheit, dem
-schlimmeren Tode, erretten möge. --
-
-Die Stunden verrannen. Tiefe Stille herrschte im Zimmer des Kranken.
-Otto hatte Wort gehalten; es drang kein Laut herüber von der lustigen
-Spielgesellschaft, den Schlummer des Knaben zu stören. Aber Erich schlief
-nicht. Wohl hatte der Husten nachgelassen, aber der Athem drang in kurzen,
-hastigen Stößen aus der Lunge, und das Fieber steigerte sich stetig.
-Einigemale hatte der Kleine nach dem Vater gefragt und Gabriele ihm
-geantwortet, daß er zu Hause sei, in seinem Zimmer, ob sie ihn herbeirufen
-solle? Erich schüttelte den Kopf. Er glaubte, daß der Vater schlafe und
-wollte ihn nicht seinetwegen wecken lassen. Mama weilte bei ihm, er war ja
-nicht allein.
-
-Und immer weiter rückten die Zeiger der Wanduhr vor, und Stunde um Stunde
-floß in den Schoß der Unendlichkeit. Mit unermüdlicher Pünktlichkeit
-reichte Gabriele dem Kinde die Arznei, träufelte einen kühlenden Trank
-zwischen die heißen Lippen, lockerte seine Kissen. Von Zeit zu Zeit
-durchmaß sie mit leichten, unhörbaren Schritten das Gemach. Eine
-qualvolle Unruhe hatte sie erfaßt. Sie wußte und sie fühlte es, daß die
-Stunde nahte der Entscheidung über Tod und Leben.
-
-Mitternacht war vorüber. Mit stockendem Herzschlage stand Gabriele über
-Erich gebeugt und lauschte. Ihr hatte plötzlich geschienen, als ob die
-stoßweisen Athemzüge des Kranken von einem leisen, röchelnden Geräusch
-begleitet würden, und eine furchtbare Angst hatte sie an der Kehle
-gepackt.
-
-Da machte Erich eine Bewegung und setzte sich im Bette auf. »Mama,« sagte
-er mit ungewöhnlich lauter und deutlicher Stimme. »Mama, jetzt hatte ich
-einen wunderschönen Traum. Den möchte ich Dir erzählen. Aber Papa soll
-ihn auch hören. Bitte, liebe Mama, ruf' ihn ein wenig zu mir.«
-
-»Gleich, mein Kind, ich hole ihn gleich,« erwiderte Gabriele. »Aber wie
-fühlst Du Dich? besser?«
-
-»Wie ich mich fühle?« wiederholte der Knabe. »Besser, viel besser. Nur
-so sonderbar ist mir zu Muthe, und hier innen -- Erich deutete mit der Hand
-auf seine Brust -- hier innen ist mir auf einmal so heiß. Aber das thut
-nichts, Mama,« fuhr er fort. »Ich fühle gar keine Schmerzen mehr. Bitte,
-gehe Papa zu holen, damit ich ihm auch meinen schönen Traum erzählen
-kann.«
-
-Gabriele nickte und verließ das Zimmer. Als sie, die Reihe der Gemächer
-durchschreitend, sich dem Zimmer ihres Gatten näherte, scholl ihr daraus
-lautes Stimmengewirre entgegen. Ein heftiger Wortwechsel schien dort
-stattzufinden. Einen Augenblick zögerte sie einzutreten. Doch nach kurzer
-Ueberlegung ging sie weiter und wurde, als sie die schwere Portière
-zurückschlug, welche jenes Gemach vom Salon trennte, Zeugin eines
-Auftrittes, der, sie mit tödtlichem Entsetzen erfüllend, ihre Schritte
-hemmte. Sie sah Folgendes:
-
-Mehrere der Herren waren von ihren Sitzen aufgesprungen und sprachen wild
-und verworren durcheinander. Einer derselben hielt mehrere Karten in der
-Hand, die er den anderen Spielern triumphirend vorwies.
-
-»Da seht!« rief er. »Da habt Ihr den Beweis. Die Karten sind markirt!«
-
-Und in der nächsten Secunde schleuderte er die Karten ihrem Gatten ins
-Angesicht. »Elender Schurke!«
-
-Otto fuhr vom Stuhle auf. Aschfahle Blässe bedeckte seine Wangen. Seine
-Lippen zuckten.
-
-Dumpfes Schweigen lagerte plötzlich über der Gesellschaft.
-
-»Die Pflichten der Höflichkeit als Hausherr verbieten mir, gegen Sie
-so vorzugehen, wie ich an jedem anderen Orte vorgehen würde,« stammelte
-Brauneck nach einigen Augenblicken. »Nichtsdestoweniger werden Sie« --
-gegen den Ankläger gewendet -- »mir für Ihre mir zugefügte Beschimpfung
-Genugthuung zu geben haben. Ich werde Ihnen morgen meine Zeugen schicken.«
-
-Ein Hohngelächter beantwortete Brauneck's Worte.
-
-»Mit einem Falschspieler schlägt man sich nicht!«
-
-Und alle Anwesenden erhoben sich von ihren Plätzen.
-
-Gabriele stand noch immer an der Thürschwelle. Ein dunkler Schatten
-legte sich ihr über die Augen. Aber sie schrie nicht auf; sie brach nicht
-zusammen. Unbemerkt wandte sie sich zurück und ehe die Gäste sich zum
-Weggehen gerüstet, erreichte sie das Zimmer ihres Kindes.
-
-Dort sank sie lautlos an Erich's Bettchen nieder.
-
-Der Knabe hatte sich wieder in die Kissen zurückgelegt. Er schien zu
-schlummern. Die Fieberröthe war von seinen Wangen gewichen. Nur die
-Athemzüge klangen noch immer so kurz und röchelnd.
-
-Jetzt regte er sich und schaute mit weitgeöffneten Augen im Zimmer umher.
-
-»Mama,« sagte er, und ein heiteres Lächeln flog über sein Gesichtchen.
-»Mein wunderschöner Traum -- wir waren in einem wunderprächtigen Garten,
-eine herrliche Musik tönte von fernher und eine Schaar hübscher Kinder
-tanzte mit mir nach ihren Klängen. Du und Papa --«
-
-Erich vollendete den Satz nicht. Ein tiefer, rasselnder Athemzug hob seine
-Brust. Dann ging ein plötzliches Zucken durch seine Glieder. Seine Lippen
-bebten und bedeckten sich mit blutigem Schaum.
-
-Er war verschieden. Eine Lungenblutung hatte sein junges Leben
-dahingerafft.
-
-Gabriele wischte den Schaum von seinem Munde und bedeckte seine Stirn und
-Hände mit Küssen. Ein convulsivisches Schluchzen durchschütterte
-sie. Aber unter den brennenden Thränen, welche unaufhaltsam ihr Gesicht
-überströmten, flüsterte sie:
-
-»Du bist erlöst, mein Kind! Erlöst von der Schmach Deines entehrten
-Namens, von dem furchtbaren Geschicke, der Sohn eines Vaters zu sein, den
-Du geliebt und den Du verachten müßtest. Erlöst -- erlöst!«
-
-
-
-
-Justus.
-
-
-Seit meinem Austritte aus dem Institute hatte ich Justus nicht mehr
-gesehen. Und als ein guter Freund und ehemaliger Schulcollege mir schrieb,
-daß Justus seine Tante beerbt habe und sich in dem von ihr hinterlassenen
-Landhause ganz nahe von dem Städtchen, in welchem ich damals wohnte,
-niederlassen werde, mußte ich mich erst besinnen. Justus? -- Wer ist
-doch Justus? Wo bin ich ihm je begegnet? Allmählich tauchte das Bild des
-einstigen Lehrers in meiner Erinnerung auf.
-
-Da stand es wieder vor mir, das hagere Männchen mit dem großen Höcker
-auf der linken Schulter. Da stand es an der großen schwarzen Tafel und
-zeichnete mit Kreide Figuren und Zahlen, indem es mit unermüdlicher Geduld
-selbst die begriffsstützigsten seiner Schüler in die Geheimnisse
-der Geometrie und Algebra einzuführen bemüht war. Auf der winzigen,
-mißgestalteten Figur saß tief in den Schultern ein mächtiger, prachtvoll
-profilirter Kopf mit schwarzem Kraushaar und tiefen, seelenvollen Augen.
-Ja, Justus hatte der sanfte Lehrer geheißen, der uns, weil allzu gütig,
-nicht zu imponiren vermochte, und uns niemals die wohlverdiente Strafe,
-sondern höchstens eine freundliche milde Mahnung zutheil werden ließ.
-
-Alles dies hatte uns an ihm lächerlich geschienen. Seine verwachsene
-Gestalt, die wir vierzehnjährigen Jungen um einen halben Kopf überragten,
-seine langsame, zögernde, beinahe stotternde Sprechweise, seine
-unerschütterliche Sanftmuth, ja selbst sein Name: Justus, Justus -- der
-Gerechte, welch komischer Name! Wie konnte man Justus heißen!
-
-Und doch hatte dieser Name für ihn gepaßt, wie selten einer sich für
-seinen Träger eignet. Denn Gerechtigkeit war die Grundlage seines Wesens,
-der vorherrschendste Zug seines Charakters. Und jede, auch die geringste
-Ungerechtigkeit, deren Zeuge er war, konnte ihn aufs tiefste empören.
-Noch weiß ich es, wie entrüstet er war, als er sah, wie mehrere kräftige
-Knaben über einen weit schwächeren Kameraden herfielen, von dem sie sich
-beleidigt glaubten. Nie vorher hatte ich ihn so gesehen. Sein Auge flammte,
-die Muskeln seines Gesichtes zuckten vor Erbitterung, seine Fäuste ballten
-sich und -- was nur in den Augenblicken mächtigster Erregung geschah -- er
-stotterte nicht, als er mit laut dröhnender Stimme über die ungeberdigen
-Jungen hindonnerte, in glühenden Zornesworten die Feigheit und
-Ungerechtigkeit, sich an dem Schwächeren zu vergreifen, ihnen
-entgegenschleudernd. Ja, selbst eine empfindliche Strafe dictirte er ihnen.
-
-Und nun sollte ich den einstigen Lehrer nach zwölf Jahren wiedersehen.
-
-Er hatte sich wenig verändert. Auch älter schien er nicht geworden in
-dieser doch stattlichen Reihe von Jahren. Man hatte es ihm nie angesehen,
-wie alt er eigentlich war. Uns, seinen Schülern, hatte er alt geschienen,
-doch hatte man uns gesagt, daß er ein junger Mann sei, noch nicht
-dreißigjährig. Und jetzt, als ich ihn in seiner neuen Behausung
-aufsuchte, sah er gerade so aus wie damals, als ich ihm bei meinem
-Austritte aus der Schule Lebewohl gesagt. Nur hatte sein dunkles,
-schwärmerisch blickendes Auge den Ausdruck milder Traurigkeit und
-Wehmuth angenommen. Die Ursache dieser Trauer zu errathen, ward mir bald
-Gelegenheit geboten.
-
-Einige Jahre vorher hatte ein Freund seines Vaters in unglücklichen
-Speculationen sein ganzes, nicht unbeträchtliches Vermögen verloren und
-in der Verzweiflung über sein Mißgeschick sich das Leben genommen. Er
-hatte nichts hinterlassen als sein vierzehnjähriges Kind, die kleine Dora,
-blond und blauäugig und lieblich wie ein thaufrischer Frühlingsmorgen.
-
-Justus' Vater nahm die Waise ins Haus und nach seinem Tode übernahm Justus
-selbst die Fürsorge für das junge Mädchen, für sie und für seinen
-Bruder Alvyn, der -- um zwanzig Jahre jünger als er -- zur Zeit, als der
-Vater starb, seine Universitätsstudien noch nicht vollendet hatte.
-
-Als ich nun bei einem meiner Besuche in dem mit wildem Wein und
-Schlingrosen überwachsenen, anmuthigen Landhause mit Dora zusammentraf,
-welche jetzt das Institut verließ, in dem sie ihre letzte Ausbildung
-erhalten hatte, um -- vorläufig, wie Justus sagte -- in das Haus ihres
-Pflegevaters zu ziehen, da ward es mir klar, warum Justus' Augen so traurig
-blickten. Er liebte Dora -- aber er war zu verständig, um auf Gegenliebe
-zu hoffen, und zu gerecht, um es nicht natürlich zu finden, daß das
-schöne, blühende Mädchen für den verwachsenen, alternden Freund
-keine anderen Gefühle in seinem Herzen nährte, als Freundschaft und
-Dankbarkeit. Und als ich Justus' bildhübschen Bruder kennen lernte, da
-konnte ich keinen Zweifel hegen, daß dieser Dora's Herz in Sturm erobern
-würde. Hoch und schlank gewachsen, den schönen Kopf stolz auf dem edel
-geformten Nacken tragend, frei und kühn in seinen Bewegungen und
-voll ritterlicher Aufmerksamkeit gegen das kaum flügge gewordene
-Pensionsfräulein, sah er neben dem unscheinbaren, mißgestalteten
-Männchen aus wie ein junger Gott. Ich wurde ganz traurig gestimmt, als
-ich die drei guten Menschen beisammen sah, denn ich konnte es mir nicht
-verhehlen, welch tiefes Herzeleid dem armen Justus aus seiner wohl
-begreiflichen, aber doch so hoffnungslosen Neigung für das liebreizende
-junge Geschöpf erwachsen würde.
-
-Dennoch aber verbrachte ich manche glückliche Stunde in Justus' gastlichem
-Heim. Tagsüber, wenn das Wetter günstig war, waren wir Alle im Garten
-oder machten Ausflüge in der nahen Umgebung, wobei es sich, wie zufällig,
-immer so traf, daß Alvyn mit Dora vorausmarschirte, während ich und
-Justus die Nachhut bildeten. Des Abends aber versammelten wir uns im
-traulichen Gartensalon, und nach dem Thee wurde Lectüre vorgenommen. Alvyn
-oder ich lasen vor, während die Anderen zuhörten.
-
-Da gab es oft lebhaft erregte Discussionen. Denn Justus vertheidigte die
-classische Richtung, während Alvyn und ich die Modernen in Schutz nahmen.
-Dora kümmerte sich nicht viel um unsere literarisch-ästhetischen Dispute.
-Nur hin und wieder warf sie ein Wort dazwischen. Abseits von uns saß sie
-an einem kleinen Tischchen und zeichnete emsig. Ich wußte, was es war,
-das sie beschäftigte, denn mich hatte sie ins Vertrauen gezogen und
-beauftragt, Justus' Aufmerksamkeit bei diesen Leseabenden so in Anspruch
-zu nehmen, daß er sie und ihre Zeichnung nicht beachtete. Denn dieselbe
-sollte eine Ueberraschung für ihn werden.
-
-Und sie gelang glänzend.
-
-Am Vorabend von Justus' Geburtstag -- es war sein vierundvierzigster,
-wie ich erfuhr -- nachdem das festliche Abendessen zu Ende und mancherlei
-Toaste ausbracht waren, verschwand Dora plötzlich aus dem Zimmer, und
-als sie nach einer kleinen Weile mit freudig geheimnißvoller Miene wieder
-eintrat, ergriff sie Justus bei der Hand und zog ihn, während sie uns
-winkte, ihnen zu folgen, in den Gartensalon hinüber. Derselbe war hell
-erleuchtet, und mitten im Zimmer ruhte auf einer Staffelei das lebensgroße
-und sehr wohlgetroffene Brustbild unseres Justus. Sprachlos vor tiefster
-Ergriffenheit, blickte dieser auf sein Porträt.
-
-»Nun, ist es gut? Bist Du zufrieden mit dem, was ich gelernt?« frug
-Dora schüchtern, als Justus noch immer keine Antwort über seine Lippen
-brachte.
-
-Ein Blick auf sein Angesicht gab ihr Antwort.
-
-Eine überirdische Freude leuchtete aus seinem Auge, eine Thräne rollte
-langsam über seine Wange, und er öffnete den Mund, als ob er sprechen
-wollte; aber das Wort versagte ihm.
-
-Da stürzte Dora ihm an den Hals, küßte und herzte ihn und rief ein- um
-das andermal:
-
-»Freut es Dich? Bist Du zufrieden? Justus, freut es Dich?«
-
-Dieser aber verfärbte sich plötzlich. Und je mehr Küsse es von den
-holden Lippen auf seinen Mund und seine Wangen regnete, um so bleicher
-wurde er und ein leichtes Zittern ging durch seine Glieder. Ich verstand,
-was in seinem Inneren vorging, und ein Gefühl peinlichen Mitleides
-beschlich mich.
-
-Warum war Dora auch so toll und thöricht, den Armen so abzuküssen, als ob
-sie ihn liebte. Bedachte sie denn gar nicht, daß auch in der Brust dieses
-unglücklichen, mißgestalteten Freundes ein warm fühlendes, der Liebe
-nicht verschlossenes Herz wohnen könne?
-
-Einige Wochen später rüstete sich Alvyn zur Abreise. In einer unfernen
-größeren Stadt wollte er sich als Arzt niederlassen. Schon war der Tag
-seiner Abreise festgesetzt, als er von einem Jagdausfluge verwundet nach
-Hause gebracht wurde. Die Kugel eines der Schützen hatte -- statt des
-Rehbockes, dem sie bestimmt gewesen -- Alvyn's linke Schulter getroffen.
-Die Verletzung war keine gefährliche, dennoch aber wurde das ganze Haus
-in die größte Bestürzung versetzt. Justus bestand darauf, die Pflege
-des Bruders selbst zu übernehmen. Dora wollte ihn ablösen, damit er Zeit
-fände, sich auszuruhen. Aber er gestattete es nicht, indem er meinte, daß
-ein Krankenbett kein geeigneter Platz für sie sei, und so mußte sie
-sich damit begnügen, in sorgsamer Ueberwachung der Hauswirthschaft dem
-Bruderpaare ihre Dienste zu erweisen. Sie war keine gewandte Hausfrau -- wo
-hätte sie bis dahin auch Gelegenheit gefunden, sich in dieser Richtung zu
-bethätigen? -- Und da war es zugleich heiter und rührend, zu sehen,
-wie sie sich abmühte, ihren ungewohnten Pflichten gerecht zu werden.
-Glücklicherweise war Agathe da, die alte, langerprobte Köchin. Sie versah
-ihren Dienst so fest und sicher, daß alles ganz gut von Statten ging;
-auch war sie viel zu gutmüthig, um dem jungen Mädchen seine grüne
-Unerfahrenheit allzu fühlbar werden zu lassen. Mit der ernstesten Miene
-von der Welt ließ sie sich täglich von Dora den Speisezettel vorschreiben
-und sich einschärfen, wie die Gerichte bereitet werden müßten, daß
-sie sich für den Kranken eigneten, und daß sie kräftig genug seien
-und leicht verdaulich, um Justus für seine anstrengende Krankenpflege
-genügend zu stärken.
-
-Langsam und traurig zog die Zeit dahin. Eines Tages aber, als ich wieder
-in dem Häuschen vorsprach, um mich nach dem Befinden des Patienten zu
-erkundigen, wurde ich von Dora mit heiterer Miene empfangen. Und sonderbar!
-Erst jetzt, als sie wieder lächelte, bemerkte ich, wie schmal und blaß
-ihr liebliches Gesichtchen geworden war. Freudig theilte sie mir mit, daß
-der Arzt heute Alvyn gestattet hatte, für einige Stunden sein Bett zu
-verlassen. Wenn ich ein wenig warten wollte, könnte ich ihn sehen.
-
-Wie erschrak ich, als eine Viertelstunde später Alvyn, auf den Arm seines
-Bruders gestützt, in das Zimmer trat! Nicht er war es, der mir Schrecken
-einflößte. Seine Wangen waren wohl etwas bleicher als vordem, aber man
-erkannte sogleich, daß der Doctor nicht zu viel versprochen, indem er
-seine baldige Genesung in Aussicht gestellt. Justus' Aussehen dagegen
-erweckte meine Sorge. Seine Gesichtsfarbe war wachsgelb geworden, die
-Backenknochen traten scharf hervor, und die schönen, strahlenden Augen
-lagen tief eingesunken in ihren bläulich umränderten Höhlen und hatten
-allen Glanz verloren. Sollten die Anstrengungen der Pflege, die Nachtwachen
-und die Angst um den Bruder ihn so arg mitgenommen haben? Ich konnte es
-nicht recht glauben. Das aber wußte ich, daß er selbst einer
-Erholung bedürftiger war, als der an seiner Seite blühend aussehende
-Reconvalescent. Auch hielt ich es für meine Pflicht, aus meiner
-Meinung kein Hehl zu machen, und nachdem wir ein Weilchen über allerlei
-alltägliche Dinge geplaudert, erklärte ich Justus, ohne Umschweife, daß
-es an der Zeit sei, sich Ruhe zu gönnen, zu seiner Erholung etwa eine
-kleine Vergnügungsreise anzutreten. Alvyn und Dora, die mittlerweile auch
-eingetreten war, stimmten mir lebhaft bei. Justus aber betheuerte, daß er
-sich ganz wohl fühle, und wollte von einer Reise nichts wissen. Die kleine
-Ermüdung, die er ja nicht leugnen wolle, werde nun, da er jetzt nichts
-mehr zu thun und zu sorgen habe, bald von selber weichen. Ich glaubte ihm
-nicht, da aber alles weitere Drängen sich als nutzlos erwies, beschloß
-ich, mich hinter den Hausarzt zu stecken und diesen zu einem Machtwort in
-Betreff Justus' zu veranlassen. Als ich mich aber zu diesem Zwecke zwei
-Tage später bei meinen Freunden einstellte, empfing mich Justus und bat
-mich, ihn in sein Arbeitszimmer zu begleiten, dessen Thür er zu meiner
-nicht geringen Verwunderung hinter uns absperrte.
-
-»Ich will nicht, daß wir gestört werden,« sagte er, indem er vor seinem
-Secretär Platz nahm und einen großen, von seiner Hand geschriebenen Bogen
-Papier entfaltete.
-
-»Sie sind Jurist und ich möchte mir Ihren Rath erbitten,« fuhr er
-fort. »Als ich da vergangene Nacht wieder nicht schlafen konnte -- am
-Krankenbette Alvyn's habe ich mir das Schlafen fast ganz abgewöhnt -- da
-fiel mir ein, daß es angezeigt sei, ein wenig Ordnung zu machen und mein
-Testament niederzuschreiben. Man kann ja nie wissen, was geschieht. Und da
-möchte ich Sie nun ersuchen, dasselbe durchzusehen, ob es in seiner Form
-richtig abgefaßt ist.«
-
-Ich nahm das Testament und las. Alvyn und Dora waren darin zu gleichen
-Theilen als Erben von Justus' nicht unbedeutendem Vermögen eingesetzt. Als
-ich ihm das Schriftstück mit der Beruhigung zurückgab, daß dasselbe
-ganz rechtsgiltig verfaßt sei, konnte ich nicht umhin, die Bemerkung
-beizufügen, daß es wohl viel vernünftiger wäre, irgend etwas zur
-Kräftigung seiner Gesundheit zu unternehmen, als sich mit Todesgedanken zu
-tragen.
-
-Justus lächelte.
-
-»Nun, nun,« sagte er, »deshalb, weil ich mein Testament gemacht habe,
-glaube ich ja nicht, schon morgen oder übermorgen sterben zu sollen. Ich
-will ja nur alles in Ordnung gebracht haben -- für alle Fälle. Was Sie
-aber da von meiner Gesundheit sagen -- ich bin ja nicht krank, wirklich
-nicht. Wenn es aber dennoch bald mit mir zu Ende ginge, was läge weiter
-daran? Ich habe doch eigentlich genug gelebt, da ich niemandem mehr zu
-etwas nützlich bin. Im Gegentheile. Ich stehe dem Glücke der Anderen nur
-im Wege. Haben Sie es denn nicht bemerkt? Dora und Alvyn lieben sich ja.
-Dora wird sich aber nicht leicht dazu entschließen, mich zu verlassen und
-Alvyn's Frau zu werden, so lange ich lebe. Das gute Geschöpf würde es
-schwer übers Herz bringen, mich einer traurigen Einsamkeit anheimzugeben.
-Die Dankbarkeit, die sie glaubt, mir schuldig zu sein, würde ihr dies
-nicht erlauben.«
-
-Ich unterdrückte einen Seufzer.
-
-»Glauben Sie wirklich?« stotterte ich nicht ohne Verlegenheit.
-
-»Glauben! Was glauben!« wiederholte Justus. »Ich weiß es! Und wenn ich
-es auch nicht schon früher bemerkt hätte, so müßte ich es doch
-jetzt wissen. Hab' ich es doch gesehen, wie sie sich in Angst und Sorge
-verzehrte, als Alvyn krank darniederlag. Nachts, wenn ich aus seinem Zimmer
-trat, fand ich sie oftmals in Thränen, statt daß sie schlief. Ich gab ihr
-wohl keine Veranlassung dazu.«
-
-»Und wenn nicht Alvyn, sondern die Sorge um Dich, um Deine Gesundheit und
-Dein Leben die Ursache ihrer Thränen gewesen wäre?« -- schoß es mir
-plötzlich durch den Kopf. Doch gleich darauf kam mir dieser Gedanke so
-komisch vor, daß ich mich wohl hütete, ihn laut werden zu lassen.
-
-»Ja, wenn es aber auch wirklich der Fall sein sollte, daß Dora Alvyn
-liebt,« sagte ich, »sind Sie dessen auch gewiß, daß ihre Liebe erwidert
-ist?«
-
-Jetzt fuhr Justus auf.
-
-»Wie? Nicht erwidert? Dora's Neigung sollte nicht erwidert sein? Aber
-Alvyn müßte ja blind und blöde, ja geradezu blöde sein, wenn er dieses
-liebe Geschöpf nicht liebte. Ich bitte Sie, wie können Sie so etwas
-denken!«
-
-Dann warf er das Testament in die Lade seines Schreibtisches und fing
-an, im Zimmer auf und ab zu laufen. Mich beachtete er gar nicht mehr, so
-mächtig war die Erregung seines Gemüthes. Wieder waren mehrere Wochen
-vorübergegangen. Alvyn war völlig hergestellt und der letzte Abend vor
-seiner Abreise sollte uns Alle zum Abschiedsfeste vereinigen. Mir bangte
-davor, denn ich war überzeugt, daß es auch zum Verlobungsfeste werden
-sollte, und wenn ich es auch einsah, daß es für Justus besser sei, wenn
-die von ihm selbst vorausgesehene Entscheidung bald fiele, so wußte ich
-doch, daß dieselbe einen schweren Streich gegen sein Herz führen würde.
-
-Als ich das Haus betrat, begegnete mir Dora im Flur. Sie kam aus der
-im Erdgeschosse gelegenen Küche und hielt auf einem Glasteller einen
-mächtigen Kuchen in der Hand. Ihre Wangen waren vom Herdfeuer geröthet
-und freudige Heiterkeit blitzte aus ihren blauen Augen.
-
-»Welch lucullische Genüsse bereiten Sie da für uns?« frug ich, auf den
-Kuchen weisend.
-
-Sie legte den Finger an den Mund.
-
-»Bst, nicht so laut,« flüsterte sie. »Es soll eine Ueberraschung für
-Justus werden. Sein Lieblingsgericht, das ich selbst gebacken. Er wird
-Augen machen, wenn er erfährt, daß Agathe mir dabei gar nicht geholfen
-hat.«
-
-Schweigend stieg ich hinter Dora die Treppe hinan. Ich war ärgerlich
-gestimmt, Dora's Aufmerksamkeiten für Justus verdrossen mich, da ich
-wußte, daß sie ihn mehr quälen als erfreuen müßten. Ich folgte ihr in
-das Speisezimmer, wo sie den Kuchen auf den Credenztisch stellte und über
-und über mit Zucker bestreute.
-
-»Das ist der Zucker, mit dem sie die bittere Pille versüßen will, die
-sie ihm zu schlucken giebt,« dachte ich zornig.
-
-Sie aber lächelte vergnügt vor sich hin.
-
-»Glauben Sie, daß es ihn freuen wird?« frug sie.
-
-Ich gab keine Antwort, so böse war ich auf sie. Plötzlich aber fuhr ich
-los:
-
-»Warum quälen Sie den armen Justus unaufhörlich? Warum überhäufen Sie
-ihn mit Zuvorkommenheiten, die ihn nur peinigen können?«
-
-Ich hielt inne; meine eigenen Worte erschreckten mich. Dora aber blickte
-mich mit großen Augen staunend an.
-
-»Quälen?« wiederholte sie. »Ich quäle Justus?«
-
-»Wie denn nicht? Das müssen Sie doch selbst einsehen, daß Ihre
-Aufmerksamkeiten ihm Qualen bereiten müssen. Es kann Ihnen doch kein
-Geheimniß geblieben sein, daß er -- Ah, bah! Sie wissen ganz gut, was ich
-meine. Aber besser wäre es, Sie machten dem grausamen Spiele ein Ende
-und erklärten sich. Heute bei Alvyn's Abschiedsfest wäre der richtige
-Augenblick hiefür.«
-
-Dora wechselte die Farbe. Ein leichtes Zittern bewegte ihre Hand, die immer
-noch die Streubüchse festhielt, und ein dichter Zuckerstaub fiel neben dem
-Kuchen auf die Tischplatte nieder.
-
-»Sie glauben, daß Justus --,« lispelte sie kaum hörbar.
-
-»Sie liebt!« fiel ich ein. »Ja, das glaube ich nicht nur, ich weiß es.
-Und daß Sie mit Ihren koketten Künsten ihn nutzlos peinigen.«
-
-Ich war so erbost gegen sie, daß es mir ordentlich wohl that, sie zu
-kränken.
-
-Sie schwieg. Nur ein leiser Seufzer drang zwischen ihre Lippen. Ihr Gesicht
-konnte ich nicht sehen, denn sie hatte mir den Rücken zugewendet. Jetzt
-klappte sie den Deckel des Schrankes zu und schlüpfte hastig aus dem
-Zimmer.
-
-Mit gemischten Gefühlen blickte ich ihr nach. Ich schämte mich meiner
-plumpen Derbheit, und doch war ich wieder froh, das unhaltbare Verhältniß
-einer Krisis entgegengedrängt zu haben. Noch mehr aber freute ich mich
-dessen, als ich, in Justus' Zimmer tretend, die bleichen Wangen, die
-nervöse Unruhe meines wackeren Freundes sah. Es war wirklich hoch an der
-Zeit, daß diese unerquickliche Lage der Dinge ein Ende nahm.
-
-Trotz der anfänglich etwas befangenen und erregten Stimmung der Mehrzahl
-der Theilnehmer verlief das Festmahl in ungestörter Heiterkeit. Alvyn's
-übersprudelnde Lustigkeit wirkte ansteckend auf die Anderen, und frohes
-Lachen, muntere Scherzworte flogen von Lippe zu Lippe.
-
-Wir waren beim Dessert angelangt, und der mir bereits bekannte Kuchen wurde
-aufgetragen. Mit etwas scheuer Miene -- denn mein auf Dora gerichteter
-Blick verwirrte sie sichtlich -- und stockendem Tone murmelte Dora, wie
-geistesabwesend, ein paar Worte vor sich hin: daß sie den Kuchen selbst
-bereitet habe, um zu beweisen, daß sie in den Künsten der Küche nicht
-so ungeschickt sei, wie Justus stets behauptete. Weiter kam sie nicht; das
-spöttische Lächeln, das sie auf meinem Munde bemerkte, schnitt ihr das
-Wort ab.
-
-Jetzt aber erhob sich Alvyn von seinem Sitze und sein mit edlem Wein
-gefülltes Glas hochhebend, rief er:
-
-»Hurrah, hoch! die Hausfrau möge leben! Ich leere meinen Becher auf
-Dora's Wohl und auf das Wohl -- desjenigen, der das Glück haben wird, sie
-als Hausfrau heimzuführen!«
-
-Tiefes Schweigen folgte Alvyn's Worten. Doch nach wenigen Augenblicken
-erhob auch Justus sich, das Glas mit bebender Hand ergreifend. Er war sehr
-blaß geworden. Ein seltsames Leuchten verklärte den dunklen Glanz seines
-Auges.
-
-»Dora!« sagte er laut und langsam. »Ich schließe mich Alvyn's Wunsche
-an. Ich trinke auf das Wohl desjenigen, den Du liebst. Willst Du mir
-Bescheid thun?«
-
-Dora zögerte. Eine Secunde lang blickte sie unschlüssig vor sich ins
-Weite. Eine jähe Röthe überfluthete ihre Wangen und ihre Brust hob und
-senkte sich in heftigen Athemzügen. Doch jetzt erhob auch sie sich und
-griff nach ihrem Becher. Hell klangen die Gläser aneinander und Justus und
-Dora's Blicke begegneten sich, als wollte jeder tief sich in des Anderen
-Seele senken.
-
-»Gern thu' ich Dir Bescheid,« sagte Dora. »Es lebe der, den ich liebe!
-Er lebe hoch! -- Justus lebe hoch!«
-
-Justus' Glas fiel zu Boden, das köstliche Naß über den Teppich
-ergießend. Er selbst stand wie versteinert. Da flog Dora ihm an den Hals
-und küßte ihn wieder lebendig.
-
-Wir aber tranken auf das Wohl des Brautpaares. Ein Toast folgte dem anderen
-und die Nacht war weit vorgerückt, als ich in heiterster Stimmung mich auf
-den Heimweg machte.
-
-Wenige Wochen später fand Justus' Vermählung mit Dora statt. Dann
-traten sie eine Reise an, und als sie wieder in ihr trauliches Heim
-zurückkehrten, fand ich Justus völlig verändert. Kraft und Gesundheit
-lag über seiner Erscheinung. Sein Schicksal hatte ihm das beste Heilmittel
-gereicht -- das Glück.
-
-
-
-
-Fallendes Laub.
-
-
-Friede lag über dem Thale. Die ermüdete Herbstsonne badete das purpurne
-und gelbe Laub der Wälder in ihrem milden, sanften Glanz. Um die Kuppen
-der Berge ringelten sich weiße, flockige Nebelstreifen, lagerten sich
-schläfrig in die Schluchten und Risse, um dann an den zackigen, grauen
-Felswänden langsam emporzukriechen und, höher und höher steigend,
-im durchsichtigen, blassen Blau des Himmelsgewölbes sich allmählich
-aufzulösen.
-
-Das ganze Land, so weit das Auge sah, lag in zitterndem, goldigem Licht.
-Das letzte warme Lächeln des fliehenden Sommers glitt über das Antlitz
-der Natur, bevor sich ihr Auge zum winterlichen Schlafe schloß. Und um
-die Mittagszeit schien die Sonne noch so warm, daß man glauben konnte,
-der Herbst mit seinem Reif und Frost, der Winter mit seinem Schnee und Eis
-seien noch in weiter, weiter Ferne.
-
-Aber die klugen Schwalben ließen sich von dem gleißnerischen Lächeln
-nicht täuschen. Fast alle hatten schon den großen Zug nach dem Süden
-angetreten und jetzt rüsteten sich auch die letzten zum Aufbruch.
-Fröhlich zwitscherten sie ihren Abschiedsgruß in die linde, laue Luft.
-Geschäftig hin und her fliegend, ordneten sie sich in Gruppen und prüften
-sorgsam die Flugkraft ihrer jüngsten Kinder, um derentwillen sie ihre
-Abreise hatten verzögern müssen.
-
-Gleichgiltig sahen die Sperlinge den Reisevorbereitungen zu. Was kümmert
-es sie, ob und wann es Herbst wird. Sorglos hüpfen sie von Zweig zu Zweig,
-trippeln auf dem kurzen, grünen Rasen umher, gierig nach kleinen Würmchen
-ausschauend, oder baden sich behaglich im Staub der trockenen Erde. Wie
-graue, schlechtgewickelte Wollknäuel sitzen sie da und blasen sich auf,
-daß alle Federn emporstehen.
-
-Plötzlich fahren zwei dieser struppigen Wollknäuel laut pipsend in die
-Höhe. Ein seltsamer Schrei hat sie erschreckt. Und doch sollten sie an
-denselben schon gewöhnt sein. Es ist ja ein guter Bekannter, der
-ihn ausgestoßen hat. Tante Cölestinens Papagei, der, während seine
-Besitzerin in dem Lusthause mit einer Handarbeit beschäftigt sitzt, neben
-ihr auf einem in die Sonne gerückten Gestelle auf und nieder flattert.
-Bei trübem Wetter verhält er sich meist still und manierlich, wie es
-sich ziemt für den wohlgesitteten Genossen eines ruheliebenden, alten
-Fräuleins.
-
-Er schaukelt sich auf dem an seinem Gestelle befestigten Ringe, lacht und
-plaudert, und wenn es ihm gestattet wird, auf der Schulter seiner Herrin zu
-ruhen, drückt er schmeichelnd sein Köpfchen an ihre Wange und läßt sich
-aus ihrem Munde mit kleingekauten Milchbrötchen füttern.
-
-Wenn aber die Sonne so recht warm auf ihn herabscheint, dann erinnert der
-Vogel sich seiner fernen sonnigen Heimat und Sehnsucht erfaßt das kleine
-Herz. Er reckt und dehnt sich, schlägt mit den verschnittenen Flügeln,
-flattert empor -- und fällt mit einem lauten kreischenden Schrei zu Boden.
-
-Tante Cölestine begreift es nicht, daß der kleine Fremdling in seiner
-vieljährigen Verbannung seine Heimat in den Urwäldern Südamerikas nicht
-schon verschmerzt und vergessen hat. Es ging ihm doch so gut. An nichts
-fehlte es ihm. Reichliche, gesunde Nahrung, Schutz vor den Unbilden der
-Witterung und der Verfolgung raubgierigen Gethiers, freundliche, liebevolle
-Behandlung -- was konnte er noch mehr verlangen, wie konnte er sich nach
-Freiheit sehnen, wo er den schweren Kampf ums Dasein aufnehmen mußte
-und von vielfältigen Gefahren bedroht wurde? Mehr Verständniß brachte
-Cölestinens siebzehnjährige Nichte der Freiheitssehnsucht des kleinen
-Gefangenen entgegen. War ihr Schicksal dem seinen doch nicht unähnlich.
-
-Nach dem Tode ihrer frühverstorbenen Eltern, eines reichbegabten
-Künstlerpaares, von der Schwester ihres Vaters an Kindesstatt angenommen,
-fühlte auch sie sich in eine ihr fremde, sie beengenden Welt versetzt.
-Trotz der innigen Liebe und Dankbarkeit, mit der sie an der Tante hing,
-deren Güte alle Sorgen und Lasten des Lebens von ihr fernhielt, war es
-ihr doch manchmal zu Muthe, als müsse sie die Flügel spannen und in die
-weite, schöne Welt hinausfliegen, von welcher sie in der verklärenden
-Erinnerung jener Zeit, da sie an der Seite ihrer Eltern ein reiches,
-glückliches Leben gelebt, ein so verlockendes Bild in ihrem Inneren trug.
-Aber auch ihr waren ja die Flügel geschnitten, und die gute Tante meinte,
-daß die Freiheit nur ein illusorisches Glück und das wahre Glück viel
-eher in dem stillen Frieden ihrer einsamen Zurückgezogenheit, denn in
-dem wüsten Sturm und Drang der Welt zu finden sei. Und nicht ohne Sorge
-gedachte sie der Zukunft, wenn ihre Augen sich für immer schließen
-würden und das junge Mädchen ohne Schutz und Stütze den vielfachen
-Gefahren und Versuchungen des Lebens preisgegeben sein werde. Doch
-vielleicht war jener Augenblick, da Gott sie abberufen würde, noch
-ferne. Noch fühlte sie sich gesund und rüstig und sie wußte, daß die
-Grundsätze, welche sie in die jugendliche Seele zu pflanzen bemüht war,
-eine feste Rüstung seien, um sie in der Stunde des Kampfes siegreich
-bestehen zu lassen.
-
-Mit unerschütterlicher Geduld hatte Cölestine sich abermals von ihrem
-Sitze erhoben, um den Papagei, der zum so und so vieltenmale mit schrillem
-Aufschrei von seinem Metallringe herabgeflattert war, und nun verzagt und
-enttäuscht um sich blickend, auf dem Boden des Lusthäuschens hockte,
-wieder auf sein Gestell emporzuheben. Mit liebkosender Hand glättete
-sie sein gesträubtes, grünes Gefieder, küßte ihn, und mit dem Finger
-drohend, redete sie ihm freundlich zu, Ruhe zu halten.
-
-»Sieh' nur, Betti, wie thöricht unsere Lora heute wieder ist,« sagte
-sie, sich lächelnd zu ihrer mit raschen Schritten sich nähernden Nichte
-wendend. »Durchaus fort will das Närrchen. Es ahnt nicht, welche Gefahren
-in der weiten Welt seiner harren würden und daß es in der ersehnten
-Freiheit umkommen müßte.«
-
-Aber Betti schenkte den Worten der Tante keine Aufmerksamkeit. Ein
-Zeitungsblatt hastig hin und her schwenkend, stand sie mit hochgerötheten
-Wangen und blitzenden Augen vor der sie verwundert anblickenden alten Dame.
-
-»Ach, Tantchen,« rief sie und ihre Stimme zitterte vor innerer Bewegung.
-»Welch ein Unglück, daß wir gerade diesmal die Zeitung nicht früher
-durchgesehen haben. Hier ist das Programm mitgetheilt von dem gestern Abend
-in der Stadt gegebenen Concerte. Und denke nur, ein junger Sänger, einer
-von den Schülern meines Vaters, hat darin mehrere von Papas Liedern
-gesungen. Und nun waren wir nicht dabei!«
-
-Tante Cölestine nahm das Blatt, las und nickte langsam mit ihrem
-weißhaarigen, mit einem kleinen Spitzenhäubchen bedeckten Haupte.
-
-»Hm -- hm, das ist freilich recht schade,« meinte sie. »Es wäre ja
-schön gewesen, die hübschen Lieder singen zu hören.« In ihrem Inneren
-aber erwog sie, ob dieser Zufall, daß sie von der Sache nicht rechtzeitig
-erfahren hatte, nicht eine Fügung Gottes gewesen sei. Sie würde Betti's
-Drängen, das Concert zu besuchen, jedenfalls nachgegeben haben und sie
-wußte aus Erfahrung, daß jede Berührung mit der Außenwelt, jedes
-Concert und jede Theatervorstellung einen Sturm in des jungen Mädchens
-Seele hervorrief, dessen leidenschaftliche Sehnsucht nach der großen
-Welt heftig entfachend. Und langer Zeit bedurfte es immer, bis die Wirkung
-solcher Ereignisse beseitigt wurde und das jugendlich stürmische Herz
-wieder zur Ruhe kam.
-
-Dann legte sie das Blatt fort und griff wieder nach ihrer Handarbeit.
-
-»Grüß Di' Gott', grüß Di' Gott!« rief der Papagei und reckte sich, so
-weit er konnte, Betti entgegen, die sein Liebling war.
-
-Betti faßte ihn und setzte ihn auf ihre Achsel.
-
-»Hast Du Deinen englischen Aufsatz für Miß Evans schon geschrieben?«
-unterbrach die Tante nach einer Weile das eingetretene Schweigen. »Morgen
-früh hast Du ja wieder Stunde.«
-
-Betti nickte stumm. Dann schwiegen sie wieder beide. Nur der Papagei
-plauderte und drehte sich und tanzte auf Betti's Schulter, als ob er ihre
-Verstimmung fühlte und sie erheitern wollte.
-
-Plötzlich wandte Betti sich wieder an ihre Tante.
-
-»Glaubst Du, daß Herr Reichel schon abgereist sei?«
-
-Die Befragte blickte erstaunt auf.
-
-»Herr Reichel -- wer ist das?«
-
-»Nun, der Sänger. In der Zeitung steht ja sein Name.«
-
-»Ach so! Ich habe es wirklich nicht beachtet, wie er heißt. Aber wie soll
-ich wissen, ob er schon abgereist ist, und warum interessirt Dich das?«
-
-»Na, ich dachte nur so. Wenn er etwa noch in der Stadt weilte, so
-könntest Du vielleicht, als die Schwester seines ehemaligen Meisters, ihn
-für heute Abend oder morgen zu Tische laden. Und da könnte er uns einige
-Lieder vorsingen.«
-
-Der Ausdruck des Mißfallens breitete sich über das Angesicht des alten
-Fräuleins.
-
-»Wie Du nur auf solch abenteuerliche Ideen verfallen kannst, Betti!«
-sagte sie vorwurfsvoll. »Was geht dieser fremde Mensch uns Beide an? Dein
-Papa hatte gar viele Schüler. Wenn wir die alle zu uns rufen wollten!«
-
-Betti blickte beschämt zu Boden.
-
-»Ja, Du hast recht, Tante,« sagte sie bescheiden. »Sei nicht böse. Es
-war ein gar alberner Gedanke von mir.«
-
-»Ich bin ja nicht böse, liebes Kind,« antwortete die Tante rasch
-besänftigend. »Jung, wie Du bist, fehlt Dir eben noch das reife Urtheil
-für das, was sich schickt und ziemt.«
-
-Durch Betti's Brausekopf schoß der Gedanke, daß ihre Eltern an ihrem
-Vorschlage nichts Unpassendes gefunden haben würden. Die Frage drängte
-sich ihr auf, ob jene mit ihren freieren Anschauungen, oder die Tante mit
-ihrer peinlichen Vorsicht, ja nichts Ungewöhnliches zu thun, ja nicht
-einmal zu denken, mehr recht hätte? Aber sie wußte sich keine Antwort
-auf diese Frage zu geben. Und wieder, wie so oft legte sich das Gefühl
-drückender Beengung auf ihr Gemüth.
-
-Die Tante ließ ihr aber nicht lange Zeit, über solche nutzlose Dinge
-nachzugrübeln. Sie hatte allerlei Aufträge für sie. Die frisch
-gebügelte Wäsche mußte revidirt und in den Schränken eingeordnet
-werden; der Gärtner war gekommen, um Rechnung zu legen über einige Körbe
-Obst aus ihrem Garten, das er in der Stadt verkauft hatte, und mit dem
-Dachdecker mußte man Rücksprache nehmen, daß er eine schadhaft gewordene
-Ecke des Hausdaches ausbessere, bevor die schlechte Jahreszeit mit ihren
-langen und ausgiebigen Herbstregen eintritt. Rasch und willig unterzog sich
-Betti der gewohnten Erfüllung derartiger Pflichten. Nachdem sie aber alles
-zur vollen Zufriedenheit ihrer Tante besorgt hatte und diese sich, der
-einbrechenden Abendkühle wegen, in ihr Zimmer zurückzog, da schlüpfte
-Betti in den Gartensalon, in welchem ein prächtiger Steinwayflügel stand,
-ein Vermächtniß ihres Vaters, ein gar lieber Genosse ihrer Einsamkeit und
-eine reiche Quelle glücklicher Augenblicke.
-
-Bald hatte sie auf dem nebenan gerückten Notenschränkchen das Gesuchte
--- das von ihrem Vater componirte Liederheft -- gefunden und wenige
-Augenblicke später klang ihre frische, klare Stimme in lieblichen
-Tonwellen hinaus in den stillen Frieden des von den goldenen Strahlen der
-sinkenden Sonne durchglühten Alpenthales.
-
-Es war Lenau's »Wunsch«, den sie gewählt hatte, eines jener Lieder,
-die, wie dem Programme entnommen, der fremde Sänger in dem am verflossenen
-Abend in der eine Wegstunde entfernten Stadt gegebenen Concerte zum
-Vortrage gebracht, und welche zu hören, ein unglücklicher Zufall sie
-verhindert hatte. Sie sang:
-
- »Fort möcht ich reisen weit, weit in die See,
- O meine Geliebte mit Dir allein!
- Die Dränger und Lauscher und kalten Störer,
- Sie hielt uns ferne der wallende Abgrund,
- Das drohende Meer,
- Wir wären so sicher und selig allein!
- Und käme der Sturm,
- Ich würde Dich halten an meiner Brust.
- Wenn donnernde Wogen zum Himmel schlügen,
- Doch höher schlüge mein trunkenes Herz;
- Und meine Liebe, die ewige, starke,
- Sie würde frohlockend Dich halten im Sturm.
- Du würdest zitternd mir blicken ins Auge
- Und würdest erblicken, was nimmer scheitert in allen Stürmen
- Und würdest lächeln und nicht mehr zittern.
-
- Sieh', nun ermüdet der tobende Aufruhr,
- In Schlummer sinken die Wellen und Winde,
- Und über den Wassern ist tiefe Stille.
- Da ruhst Du sinnend an meiner Brust.
- So tiefe Stille: mein lauschendes Herz
- Hört Antwort pochen Dein lauschendes Herz.
-
- Wir sind allein, doch flüsterst Du leise,
- Um nicht zu stören das sinnende Meer,
- Nur sanft erzittern die Lippen Dir,
- Die schwellenden Blätter der süßen Rose;
- Ich sauge Dein Wort,
- Den klingenden Duft der süßen Rose.
-
- Im Osten hebt sich der klare Mond.
- Und Gott bedecket den Himmel mit Sternen,
- Und ich bedecke, selig wie er,
- Dein liebes Antlitz, den schöneren Himmel,
- Mit feurigen Küssen.«
-
-Ein jäher Schrecken ließ sie aber verstummen, als bei dem Verse: »Dein
-liebes Antlitz, den schöneren Himmel --« eine klangvolle Baritonstimme in
-die Melodie einfiel und das Lied zu Ende sang, schöner, herrlicher als sie
-es je gehört.
-
-Und aufblickend sah sie hinter der vom Salon auf die mit dem Garten durch
-eine Freitreppe verbundene Terrasse führenden und jetzt offen stehenden
-Glasthür die Gestalt eines schlanken jungen Mannes auftauchen, der den
-Hut ziehend, vom Thürstock wie vom Rahmen eines Bildes umfaßt, auf der
-Schwelle stehen blieb.
-
-Erst nachdem er das Lied vollendet und sich noch einige Secunden an
-der grenzenlosen Verblüffung Betti's, die, gleichsam erstarrt, auf ihn
-schaute, mit lächelnder Miene geweidet hatte, verbeugte er sich tief vor
-dem jungen Mädchen. Und ohne näher zu treten, sprach er:
-
-»Verzeihen Sie dem Eindringling, mein Name ist Oswald Reichel. Zufällig
-erfuhr ich, daß die Schwester und die Tochter meines verehrten Meisters
-hier wohnen, und da wollte ich mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen,
-sie aufzusuchen.«
-
-Betti hatte unterdessen Zeit gefunden, sich zu fassen. Sie erhob sich und
-trat dem Fremden grüßend entgegen.
-
-»Fräulein Betti? -- ich irre wohl nicht?« frug dieser zögernd. »Sie
-erinnern sich meiner wohl kaum mehr? Zu viele Schüler Ihres Vaters gingen
-in Ihrem Hause ein und aus. Und Sie waren ein so kleines Mädchen, als ich
-Sie zuletzt gesehen.« Dabei machte er mit der Hand ein Zeichen, welches
-bedeutete, daß sie ihm damals etwa bis zum Ellbogen reichte.
-
-Betti lachte. Als der Künstler aber ihr seine Hand zum Gruße reichte und,
-als sie in dieselbe einschlug, als er die ihrige an seine Lippen führte,
-erröthete sie tief. An derartige Huldigungen war sie noch nicht gewöhnt.
-
-Sie stotterte etwas von ihrer Tante, und daß sie dieselbe von seinem
-Besuche benachrichtigen müsse, und im nächsten Augenblicke war sie zur
-Thür hinausgehuscht.
-
-»Ein allerliebstes Backfischchen!« murmelte der junge Mann lächelnd.
-»Noch etwas grün, aber doch ganz reizend.«
-
-Dann blickte er sich im Zimmer um, hielt von der Terrasse aus rasche
-Umschau über den Garten und, noch immer allein, setzte er sich an den
-Flügel und begann zu präludiren.
-
-Betti war mittlerweile zu ihrer Tante hinaufgeeilt, diese kam ihr schon
-entgegen.
-
-»Wer hat unten gesungen?« rief sie ihr von weitem zu.
-
-»Denke nur, Tantchen, er ist gekommen!« rief Betti athemlos.
-
-»Ja, wer denn?«
-
-»Er, Oswald Reichel!«
-
-Die Tante warf den Kopf zurück: »Welche Aufdringlichkeit!« murmelte sie
-ärgerlich. »Und so spät am Abend bei Fremden einen Besuch abstatten.
-Nun, hoffentlich bleibt er nicht lange.« Dann aber fügte sie nachdenklich
-hinzu: »Da er aber nun schon da ist -- und weil er ein Schüler meines
-seligen Bruders, so werden wir ihn wohl zum Abendessen bitten müssen.
-Sieh' einmal rasch in der Küche nach. Anna soll etwas Schinken
-aufschneiden. Mit dem Uebrigen wird es reichen. Ich will einstweilen in den
-Salon gehen, den Herrn zu begrüßen.«
-
-Betti that, wie ihr geheißen, und als sie zehn Minuten später in das
-Gartenzimmer trat, fand sie die Tante mit dem fremden jungen Mann bereits
-in ein ganz heiteres Gespräch vertieft. Vor seinem jovialen, unbefangen
-herzlichen Tone vermochte ihre anfänglich etwas steife Zurückhaltung
-nicht Stand zu halten. Er wußte tausend schnurrige Anekdoten aus
-Künstlerkreisen zu erzählen, welche die alte Dame bis zu Thränen
-lachen machten, und sprach mit einer das Herz der Schwester aufs tiefste
-rührenden Verehrung von ihrem Bruder, seinem Meister, dem er all sein
-Können und -- so ihm solche beschieden seien -- alle weiteren Erfolge zu
-danken haben würde. Ihre völlige Sympathie aber gewann er sich, als
-er eine begeisterte Lobeshymne über die stille Zurückgezogenheit ihres
-Landlebens anstimmte und erklärte, daß er sich nichts besseres wünsche,
-als nach einer Reihe von Jahren seine Laufbahn in einem selbsterbauten,
-traulichen Nestchen fern von dem lauten Treiben der Welt, beschließen zu
-dürfen.
-
-Betti fühlte sich durch die sprudelnde Unterhaltung des jungen Mannes in
-die glückliche, frohe Zeit ihrer Kindheit zurückversetzt. Ihr war es,
-als hörte sie den Wellenschlag eines mächtigen Stromes neben sich
-aufrauschen, in den es sie sehnsuchtsvoll zog sich hineinzustürzen,
-um, mit kraftvollem Arm seine Wogen durchschneidend, einem fernen,
-glückverheißenden Ziele entgegenzuschwimmen. Aber in stille Seligkeit
-versank sie, als der Künstler, ohne erst eine an ihn gestellte Bitte
-abzuwarten, sich nach dem Abendessen vom Tische erhob, und an dem noch
-geöffneten Piano Platz nehmend, die ihr theueren Lieder ihres Vaters
-vortrug. Eine Empfindung süßester Weltentrücktheit überkam sie. Unter
-dem gewaltigen Eindrucke, den die Musik auf begeisterungsfähige Gemüther
-zu üben so geeignet ist, fühlte sie ihre Seele gleichsam hinschmelzen
-in einem Meere wonnevollen, schönheitstrunkenen Entzückens. Und fast
-schmerzhaft berührte es sie, als der Sänger, dem als Priester höchster
-Kunstoffenbarung solch zaubermächtige Gewalt über ihr ganzes Wesen
-gegeben war, sich plötzlich von seinem Sitze am Clavier erhob und, in
-seinem gewöhnlichen, fast etwas burschikosen Tone die Bemerkung machte,
-daß er seinen Besuch wohl über Gebühr ausgedehnt habe und die Damen nun
-nicht länger belästigen dürfe.
-
-Tante Cölestine hielt ihn nicht zurück, von beiden Seiten wurde ein
-herzlicher Abschied genommen, und nachdem Reichel die wiederholten
-lebhaften Dankesversicherungen für den bereiteten Kunstgenuß, wie er sich
-lachend ausdrückte, »dankend quittirt« hatte, empfahl er sich nochmals
-und verließ das Haus.
-
-»Es ist in der That spät geworden,« sagte die Tante, nach seinem
-Weggehen auf die Uhr blickend. »Es ist Schlafenszeit.« Und dann zu Betti:
-»Ich will einstweilen vorausgehen, kommst Du bald nach?«
-
-»Ja, Tante, ich komme gleich,« sagte Betti träumerisch, während sie
-sich mit der Ordnung der zerstreut umherliegenden Notenhefte zu thun
-machte. Dann aber, als Cölestine weggegangen war, trat sie über die
-Terrasse ins Freie. Es war ihr jetzt unmöglich, zur Ruhe zu gehen. Alles
-wogte, gährte, fieberte in ihrer Seele. Im Frieden der Natur wollte sie
-erst Frieden suchen für ihr eigenes stürmendes Herz.
-
-Eine wunderbare Nacht lag über der schlummernden Erde. Die Sterne
-flimmerten und glänzten, als lächelten sie verständnißvoll zu ihr
-hernieder. Leises Rauschen ging durch das welkende Laub der Bäume;
-einzelne Blätter lösten sich und fielen knisternd zu Boden. Ueber einer
-der bewaldeten Bergeskuppen lag heller Schein. Und jetzt, plötzlich, mit
-einem Rucke, hob sich der Stand des Mondes über der Kante des Berges und
-übergoß, höher und höher steigend, die ganze Landschaft mit seinem
-milchweißen Lichte.
-
-Ein leiser Schrei entfuhr Betti's Lippen. Denn als sie, um eine Baumgruppe
-biegend, den Weg zur Ausgangsthür des Gartens weiter schritt, sah sie
-plötzlich Reichel vor sich stehen. Sie wollte nach dem Hause zurück. Doch
-schon hatte er sie bemerkt.
-
-»Welch eine herrliche Nacht! Welch wunderbares Bild!« rief er. Und dann
-dicht an sie herantretend, klang es im süßesten, sanftesten =sotto voce=
-von seinen Lippen:
-
- »Im Osten hebt sich der klare Mond,
- Und Gott bedecket den Himmel mit Sternen.
- Und ich bedecke, selig wie er,
- Dein liebes Antlitz, den schöneren Himmel,
- Mit feurigen Küssen!«
-
-Und nun breitete er seine Arme aus, umfaßte sie und bedeckte ihr Antlitz
-mit Küssen, ihre Augen, ihre Stirn, ihren Mund.
-
-Sie sträubte sich nicht. Sie schloß die Augen und athmete schwer. Ein
-Sturm zog durch ihre Seele, halb Schmerz, halb Seligkeit, und ihr war es,
-als müsse sie vergehen unter seinen Küssen.
-
-Plötzlich klirrte ein Fenster.
-
-»Betti, so komme doch, es ist schon spät!« ließ sich der Tante Ruf
-vernehmen.
-
-Da riß sie sich los und floh ins Haus.
-
-Der Mond lächelte in ihr Zimmer und sah, daß sie die ganze Nacht ihr
-Auge nicht im Schlummer schloß. Er sah, wie sie ihr Angesicht zwischen den
-Händen verhüllte und weinte -- bitterlich. Stirn, Augen, Mund, die
-der fremde, junge Mann geküßt, brannten ihr vor Scham. Einen schweren
-Fehltritt glaubte sie begangen zu haben, der sich nie, niemals wieder
-tilgen ließ, der sie für immer aus der Reihe der guten und reinen
-Menschen schied.
-
-Gegen Morgen erhob sich ein heftiger Nordweststurm, massige schwarzgraue
-Wolken vor sich herschiebend. In dichter Menge schüttelte er die Blätter
-von den Bäumen, hier in wirren Knäueln sie durcheinander wirbelnd, dort
-zu kleinen Hügeln zusammenfegend.
-
-Betti verließ früh ihr schlummerloses Lager. Sie ging in den Garten und
-ließ es willig geschehen, daß der Wind ihr Haar zerzauste und einzelne
-schwere Regentropfen in ihr Antlitz warf. Der lange, todte Winter,
-der seine Vorboten in Sturm und Regen vorausschickte, paßte für ihre
-Stimmung. In ihrem Inneren sah es auch so aus. Sie fühlte sich müde, und
-ihr war es, als sei etwas erstorben in ihrem Herzen.
-
-Freilich wußte sie, daß der Frühling wiederkommen und alles zu neuem
-Leben und zu neuer Blüthe erwecken werde, was jetzt in Scheintodt erstarb.
-Noch aber ahnte sie es nicht, daß der Frühling ihrer Seele nicht geknickt
-war, daß auch ihre Jugend wieder erwachen würde -- froh und kraftvoll.
-
-
-
-
-Franzi's Weihnacht.
-
-
-Trübe, schläfrige Stille ringsum im breiten Thale, öde, braune Felder,
-auf welchen das kurze, gelbe, vom Froste der vergangenen Nächte geknickte
-Gras sich lebensmüde zum Winterschlafe hinstreckt, kahle Bäume, die, um
-ihr grünes Laubgewand klagend, ihre nackten Arme zum Himmel emporrecken,
-der sich grau und kalt über die Erde spannt, mit seinem Rande auf die
-Kuppen der das Thal in weitem Bogen umfassenden Berge sich stützend, die
-in einen weichen, weißen Schneemantel gehüllt, von ihren schroffen Höhen
-bleich und ernst herabblicken.
-
-Die schläfrige Wintersonne vermag mit ihren matten Strahlen das
-schmutziggraue Wolkengehänge nicht zu durchbrechen, nur ein etwas heller
-Fleck zeigt den Punkt an, wo sie verborgen steckt.
-
-Auf der schnurgeraden Moosstraße, die von Salzburg zu dem südlich von
-der Stadt etwa eine und eine halbe Wegstunde entfernt liegenden 1957
-Meter hohen Untersberg führt, schreitet wacker ausgreifend eine kleine
-Gesellschaft fürbaß: zwei Männer, eine Frau und zwei Kinder.
-
-»Ich mein', wir kriegen bald wieder Schnee, aber vielleicht wird es
-noch aushalten, bis wir droben sind,« sagte der eine der Männer, einen
-besorgten Blick nach dem Westen werfend, dorthin, wo die bayerische
-Ebene an das österreichische Gebiet grenzt und für die Salzburger alle,
-schlechtes Wetter oder Sturm bringende Wolken heraufziehen.
-
-Der Andere zuckt die Achseln.
-
-»Ja, da laßt sich nichts machen,« antwortete er. »Hinauf müssen wir.
-Mehr als fußhoch liegt schon jetzt der Schnee auf dem Berge, und gestern,
-wie ich herunter bin, hab' in den Weg frei gemacht, so gut ich können
-hab'. Wenn es aber noch einmal schneit, dann bringen wir die da nimmer
-hinauf.«
-
-Die, von welchen der Mann spricht, das sind sein Weib und seine Kinder.
-
-Keine leichte Arbeit ist es fürwahr, die den guten Leuten zu vollbringen
-obliegt. Tüchtige Kräfte brauchen unter günstigen Verhältnissen fünf
-Stunden zum Aufstieg vom Fuße des Berges bis zu dem nahe am »Geiereck«
-gelegenen Schutzhause. Der Weg ist steil und beschwerlich und jetzt mit
-frischem, weichem Schnee bedeckt, die Kinder sind noch klein. Franzi, der
-Bube, ist noch nicht acht und das Mädchen gar erst drei Jahre alt, und die
-Mutter eine kränkliche Frau und des Bergsteigens ungewohnt. Aber der Vater
-hat recht, auf den Berg hinauf müssen sie; damit wird dem Elende ein Ende
-gemacht, aus dem sie jahrelang vergeblich herauszukommen ringen und das
-nun schon so groß geworden, daß sie die rückständigen drei Gulden
-Monatsmiethzins für ihr armseliges Dachzimmer im Dorfe Max-Glan nicht
-aufzubringen vermochten und von dem Jammer bedroht waren, bei der
-nächstfälligen Rate obdachlos zu werden. Denn Vincenz Reitmeier ist
-ein armer Taglöhner und nun schon geraume Zeit, trotz seiner eifrigsten
-Bemühungen, Arbeit zu finden, ohne Erwerb. Das bißchen Ersparte und der
-geringe Erlös für ein paar verkaufte Kleider und Möbelstücke war bald
-aufgezehrt, um Brot und Kartoffel zu kaufen, und Karl, der Bruder der Frau,
-ein armer Tagwerker wie sein Schwager, konnte auch nicht Rath und Hilfe
-schaffen.
-
-Da traf es sich, daß der österreichische Alpenverein im Spätherbst einen
-Hüter des von ihm kürzlich erbauten Untersberger Schutzhauses suchte,
-welcher für die Obliegenheit, den Winter über das Häuschen zu bewohnen
-und gewisse meteorologische Beobachtungen anzustellen, über welche er
-in bestimmten Zeiträumen im Comptoir der Salzburger Section des Vereines
-Bericht zu erstatten hat, zweihundert Gulden Bezahlung erhält. Vincenz
-hörte davon und dachte, wenn er diese Stelle annähme, so wäre ihm
-geholfen. Mit den zweihundert Gulden läßt sich während des ganzen
-Winters sein und seiner Familie Lebensunterhalt bestreiten, und im
-Frühjahr findet sich wohl leichter wieder Arbeit.
-
-Mancher seiner Freunde redete ihm zwar davon ab, sich um den Posten zu
-bewerben; zu schlimme Dinge hatte der Mann, der im verflossenen Winter
-mit Weib und Kind da oben gehaust, von seinem Aufenthalte erzählt, und um
-keinen Preis würde er eine Wiederholung desselben auf sich nehmen. Hungern
-und frieren mußten sie, daß es eine Art hatte. Selbst im Anfange, als sie
-noch Holz zur Feuerung hatten, brachten sie die Temperatur ihrer Stube
-oft nicht höher als auf drei Grad Reaumur Wärme. Und dann, als das Holz
-ausgegangen war und die dichte tiefe Schneedecke nur mit Mühe und Noth ein
-bißchen Reisig zusammenzubringen ermöglichte, da ward es natürlich noch
-ärger. Um nichts besser ging es mit der Beschaffung von Lebensmitteln.
-Freilich hatte er sich vor Eintritt starken Schneefalles mit Proviant
-versorgt, den er auf dem Rücken eines Esels auf die Höhe des Berges
-beförderte. Aber die Vorräthe an Lebensmitteln gingen schneller als
-gedacht zur Neige, und als so tiefer, lockerer Schnee auf dem Berge lag,
-daß es unmöglich war, den Abstieg zu unternehmen, konnten sie, wochenlang
-auf die geringen Reste des vorhandenen Vorrathes angewiesen, sich keinen
-Tag satt essen.
-
-Als aber Vorstellungen härtester Beschwerlichkeiten nichts nützten, weil
-Vincenz meinte, man könne denselben durch eine praktische Vorsorge wohl
-vorbeugen, da hielt man ihm auch die von anderer Seite her drohenden
-Gefahren vor Augen. Man erinnerte ihn, daß das Untersberger Schutzhaus
-den vielen Wilderern und Schmugglern -- denn die bayerisch-österreichische
-Grenze zieht sich über diesen Berg -- ein Dorn im Auge und von denselben
-in früherer Zeit schon wiederholt durch Feuer vernichtet worden sei. Auch
-wäre er da oben wohl seines Lebens nicht sicher, sei es doch erst vor
-wenigen Jahren geschehen, daß der Wächter des Unterstandshauses auf dem
-Mallnitzer Tauern ermordet worden.
-
-Aber auch diese Bedenken verfingen nicht.
-
-Auf dem Tauern, meinte Vincenz, könne so etwas wohl vorkommen; diesen
-Gebirgssattel passirten allerlei herumziehende Vagabunden, die im
-Unterstandshause Nachtquartier nehmen. Den Untersberg werde aber keiner
-solcher Strolche eigens zu dem Zwecke besteigen, um an einem armen Teufel,
-wie er es sei, der selbst kaum genug zum Leben habe, einen Raubmord zu
-verüben. Und kurz und gut: er fürchte sich nicht und sein Weib auch
-nicht. So ward es von ihnen beschlossen, daß Vincenz sich bei der
-Salzburger Alpenvereinssection zur Uebernahme des vacanten Wächterpostens
-melden sollte. Er that es und bekam die Stelle. Da fiel es ihm nun aber
-ein, daß es wohl gut wäre, wenn er dieselbe nicht wie sein Vorgänger
-im verflossenen Winter, bei beginnendem Frühling einem Anderen abtreten
-müsse, sondern sie auch den Sommer über behalten dürfe, wo die
-Verpflegung der den Berg besteigenden Touristen und Jagdfreunde einen
-kleinen Verdienst einbrächte. Auch wäre es für den Winter allein wohl
-kaum der Mühe werth, die mühevolle und beschwerliche Uebersiedlung mit
-Weib und Kind zu unternehmen. Er suchte daher um Verlängerung seines
-Engagements bis zum Herbste nach. Da für den Sommer aber ein Anderer,
-derselbe, der die Stelle in der letzten Saison innegehabt und mit dem man
-keine Ursache hatte, unzufrieden zu sein, in Aussicht genommen war, so zog
-sich die Unterhandlung mit Vincenz in die Länge, und als die Entscheidung
-endlich zu seinen Gunsten getroffen wurde, war unterdessen der Winter
-eingebrochen und der erste Schnee gefallen.
-
-Doch wohlgemuth begab Vincenz sich an die mühselige Arbeit, in
-wiederholten anstrengenden Märschen den nöthigen Proviant auf seinen
-Schultern auf den Berg zu schaffen, und zuversichtlichen und freudigen
-Herzens machte die Familie sich auf den Weg nach der von stolzer Höhe
-herabblickenden neuen Behausung, die ihnen eine, wenn auch wahrlich nicht
-minder beschwerliche, so doch dem bittersten Elend enthobene Existenz
-versprach.
-
-Das kleinste der Kinder, das nur wenige Monate zählte, war in Pflege
-gegeben worden, die beiden größeren wurden mitgenommen.
-
-Es war ein unfreundlicher, trüber Tag um die Mitte December, und als sie
-bei dem am Fuße des Berges liegenden Gasthause »zur Rositte« anlangten,
-wo der Fußsteig in den herrlichen Nadelwald einbiegt, fing es bereits zu
-schneien an, und das kleine Mädchen weinte vor Müdigkeit und Kälte.
-Man mußte sich entschließen, es den Wirthsleuten in Obhut zu geben; am
-folgenden Tage wollte der Vater es abholen. Die Anderen setzten ihren Weg
-fort. Langsam, aber gleichmäßig ausschreitend, ging es den steilen,
-von Baumwurzeln durchzogenen, mit gelbem Laub und dürren Kiefer- und
-Fichtennadeln bedeckten, schmalen Fußpfad empor.
-
-»Mutter,« sagte der Knabe, zu den schlanken Tannen aufblickend, »das
-sind ja lauter Lichterbäume -- aber ohne Lichter.«
-
-Vor wenigen Jahren war Franzi von einer Familie, die am Wohlthun ihre
-Freude hatte, zum Weihnachtsfest zugezogen worden. Und mehr noch als die
-Geschenke, mit welchen er dabei überrascht wurde, hatte der hohe, vom
-Boden bis zur Zimmerdecke ragende, in glänzendem, glitzerndem Schmucke und
-zahllosen Lichtern strahlende Christbaum auf das staunende Kinderherz
-einen tiefen und unauslöschlichen Eindruck geübt. Jeder Tannen- und
-Fichtenbaum, den er seither erblickte, rief ihm jene unvergeßlich schöne
-Erinnerung wach. Und heute, als sie sich auf die Wanderung begaben,
-hatte der Vater ihm versprochen, daß er am Christabend einen ebensolchen
-»Lichterbaum« bekommen würde, wenn er sich auf dem weiten Wege auf den
-Berg hinauf brav halte und die Mutter nicht durch Weinen ängstige. Und
-diese, sein Gemüth erfüllende frohe Hoffnung flößte ihm Muth und Kraft
-ein und tapfer trabte er mit seinen kleinen Beinen an der Hand seines
-Vaters den steilen Weg hinan.
-
-So lange der Pfad durch den Wald führte, wo die gedrängt stehenden Bäume
-den stets dichter herabwirbelnden Schnee zum Theile abhielten, auch
-der Boden noch ziemlich schneefrei war, ging der Aufstieg noch
-verhältnißmäßig gut von Statten.
-
-Dort aber, wo der Weg den Wald verlassend über die lang sich hinstreckende
-Alpenwiese lenkte, wo im Sommer kurzes, dunkelgrünes Weidegras üppig
-emporsprießt, jetzt aber frischer lockerer Schnee lag, in welchem die
-Wanderer bis zum Knie und an manchen Stellen gar bis zur Hüfte einsanken,
-da steigerte sich die Ermüdung fast zu völliger Erschöpfung. Onkel Karl
-packte den Kleinen, der mit aller Anstrengung nicht mehr weiter zu dringen
-vermochte, wie einen Rucksack auf seine Schultern und Vincenz half seinem
-Weibe vorwärts, welches schwer athmend und schweißüberströmt alle
-Energie aufbot, um gegen die überwältigende Macht des feindlichen
-Elementes anzukämpfen und das ersehnte Ziel zu erreichen. Dazu wurde der
-Weg durch die stetig zunehmende Schneemenge unkenntlich gemacht, und die
-ganze Gegend war in einen jeden orientirenden Ausblick verhindernden,
-undurchdringlichen weißgrauen Schleier gehüllt, daß es der peinlichsten
-Vorsicht und der durch die in den letzten Wochen häufig wiederholten
-Besteigungen des Berges erworbenen sichersten Ortskenntniß der beiden
-Männer bedurfte, um sie die Richtung nicht verlieren, und auf einen der
-gefährlichen Ab- und Irrwege gerathend, dem unvermeidlichen Untergange
-entgegen gehen zu lassen.
-
-Oft mußte Rast gemacht werden, um den versiegenden Kräften zu neuem
-Vorwärtsstreben Erholung zu gönnen. Besorgt blickte Vincenz auf
-seine Frau, als er sah, wie sie stehen bleibend, ihre Hand auf ihr zum
-Zerspringen klopfendes Herz preßte und keuchend nach Athem rang.
-
-»Es wär' besser gewesen, wir wären nicht herauf, Du dermachst es
-nicht,«*) sagte er ängstlich.
-
- *) »Du dermachst es nit,« hochdeutsch: »Du bringst es nicht zuwege.«
-
-Doch der Anfall ging vorüber.
-
-»Es hat sein müssen, Du weißt es ja selber,« antwortete die Frau. »Was
-wär' denn unten mit uns g'worden? Nix mehr zum Leben und kein' Arbeit. Zu
-Grund' gangen wär'n wir Alle. Da droben haben wir aber unsere Wohnung
-und a bisl a Geld und im Sommer die Wirthschaft, wenn die Herrn auf'n Berg
-steigen auf die Jagd oder so zum Vergnügen. Da oben wird's schon besser
-werd'n. Nit nur für uns selber hab'n mir's thun müssen, daß mir aufi
-g'stieg'n san, sondern auch für unsere Kinder.«
-
-Vincenz nickte. Seine Frau hatte wohl recht. Aber wenn sie nur erst oben
-wären! Ihm ward so bange.
-
-Endlich, nach sechs Stunden furchtbarster Mühe waren sie zur »steinernen
-Stiege« gelangt, einer Stelle des Berges, wo zwischen dem gähnenden
-Abgrund an der einen und der schroff und glatt ansteigenden Felsenwand von
-der anderen Seite zur Ermöglichung dieser Passage Stufen in das Gestein
-gehauen sind.
-
-Die Männer hießen die Frau und den Knaben warten und versuchten es, mit
-ihren Bergstöcken die hohen Felsenstufen so weit von Schnee zu befreien,
-daß die Gefahr nicht allzu nahe lag, durch einen Fehltritt in die
-nachgiebig poröse Schneemasse rettungslos in die schreckliche Tiefe zu
-stürzen.
-
-Und jetzt geht es vorwärts, langsam, vorsichtig von Stufe zu Stufe, mit
-dem Bergstocke erst den Platz prüfend, wo der Fuß hintreten darf, um
-sicher zu stehen. Kein Wort wurde gewechselt; man vernimmt nur das Scharren
-der Eisenspitzen der Stöcke auf den Felsen und die schweren Athemzüge
-der mit äußerster Anstrengung emporklimmenden Leute. Von einem scharfen
-Nordwest gepeitscht, der das Gehen erschwert und den Schritt unsicher
-macht, wirbeln in verdoppelter Dichtigkeit die Schneeflocken um unsere
-Wanderer, hängen sich an die Wangen, fliegen in die Augen, blendend und
-den Blick trübend.
-
-Aber ohne Unfall überschritten sie die gefährliche Stelle und langten
-wohlbehalten auf dem Hochplateau an, auf welchem, etwa eine halbe Stunde
-entfernt, das Schutzhaus liegt. Allein, so nahe sie auch dem ersehnten und
-mit Aufwand aller physischen und moralischen Energie erstrebten Ziele
-sind, so vermag die arme Frau doch nicht weiterzugehen, ohne sich nochmals
-auszurasten.
-
-Den Rest ihrer Kraft hat sie zur Ueberwindung dieser ebenso gefährlichen
-wie anstrengenden Passage aufgeboten, jetzt kann sie nimmer weiter; sie
-muß ruhen. Ihre Pulse hämmern so fürchterlich, das Herz klopft so
-beängstigend heftig, die Athemnoth ist so qualvoll -- o, sie muß ruhen,
-sonst muß sie ersticken.
-
-Während ihr Bruder Karl, vorausgehend, den vor Kälte zitternden Knaben
-nach dem Unterstandshause trägt, setzt sie sich erschöpft auf den
-Schnee nieder. Es ist ihr unmöglich, stehend auszuruhen, sie würde
-zusammenbrechen. In stummer Sorge steht ihr Mann neben ihr.
-
-Nach wenigen Secunden schaut sie auf, blickt um sich.
-
-»Vincenz,« sagt sie, »es ist gut, daß wir endlich heraufgekommen sind,
-schau nur, mir wird auf einmal so wohl. Wie schön es hier oben ist, welch
-frische Luft. Ja, jetzt wird alles gut werden. -- Lieber Gott, ich danke
-Dir.«
-
-Und einen leisen Seufzer ausstoßend, sinkt sie zurück in den Schnee.
-
-Vincenz erschrickt, er glaubt, daß seine Frau eine Ohnmacht befallen hat.
-Er kniet sich neben sie, reibt ihr Stirn und Schläfe mit Schnee, dann
-wieder die Pulse an den Armen mit Branntwein aus der Feldflasche. Doch
-während er unermüdlich immer und immer wieder neue Belebungsversuche
-vornimmt, fühlt er, wie unter seinen Händen ihre Glieder allmählich
-erkalten und erstarren -- und er erkennt, daß sie todt ist.
-
-Auf den Armen ihres Mannes und ihres Bruders wurde die Entschlafene in
-das Schutzhaus gebracht, wo, nur durch eine dünne Bretterwand von ihr
-getrennt, ihr Kind ahnungslos schlummert.
-
-Von kräftigen Gebirgsbauern auf Latschen thalwärts getragen, wurde
-die Todte in dem am Fuße des Untersberges gelegenen Dörfchen Grödig
-bestattet. Die ärztliche Obduction ergab, daß in Folge der ihre Kräfte
-übersteigenden enormen Anstrengung ein Herzschlag eingetreten war.
-
-Ihre Hoffnung hatte sich erfüllt -- wenn auch in ungeahnter Deutung. Auf
-der Höhe des Berges, der sie zustrebte, ward sie der Noth des Elendes,
-der Bürde ihres schweren Daseins enthoben, war für sie »alles gut«
-geworden.
-
-»Armer Franzi! Der Christabend kam, aber kein strahlender »Lichterbaum«
-erfreute Dein kindliches Gemüth. Verwaist und einsam blicktest Du von
-stiller Bergeshöhe auf die öden Thäler herab, traurig Deines kranken
-Vaters und Deiner todten Mutter gedenkend. Möge ihr Wort sich an Dir
-bewähren, daß es Dir gut werde dort oben!«
-
-
-
-
-Der Weg zum Herzen.
-
-
-Mein Freund Christian hatte es sich fest in den Kopf gesetzt, ein durch
-hervorragende Hausfrauentugenden ausgezeichnetes Mädchen zu heiraten.
-Dabei sollte sie aber ein gar liebliches Gesichtchen, eine schöne Gestalt,
-Jugend und feine Bildung besitzen. Er selbst war, was man so einen guten
-Jungen nennt, dabei leidlich hübsch und sehr wohlhabend. Seit fünf Jahren
-sah er sich in seinen ausgedehnten Bekanntenkreisen nach einer passenden
-Lebensgefährtin um. Denn als er, dreiundzwanzig Jahre alt, das Landgut
-seines plötzlich gestorbenen Vaters übernahm, hatte er mit der Suche
-begonnen, und zur Zeit, da das hochbedeutsame Ereigniß, welches zu
-berichten ich im Begriffe stehe, sich zutrug, zählte er achtundzwanzig
-Jahre -- und noch hatte er nicht gefunden, was er wollte. Die Eine hatte
-röthliches Haar, was er nicht leiden mochte; eine Andere mischte zu viele
-Fremdwörter ins Gespräch, wodurch er sich in seiner teutschen Gesinnung
--- er schrieb und sprach niemals: deutsch, sondern teutsch, und seine
-Freunde nannten ihn mit Vorliebe den Teutonen -- verletzt fühlte; die
-Dritte war ihm zu sentimental; die Vierte viel zu kokett; die Mehrzahl aber
-ermangelte des Haupterfordernisses, das er an seine Zukünftige stellte:
-häuslichen und wirthschaftlichen Sinnes.
-
-»Sehen Sie,« so klagte er mir einmal, »was hätte ich von einer Frau,
-wenn sie auch wie Venus so schön, klug wie Minerva, tugendhaft wie, wie --
-mir fällt ein geeigneter Vergleich nicht ein -- kurzum, wenn sie auch alle
-Tugenden der Welt in sich vereinigt, sie könnte aber nicht kochen! Ich bin
-Landwirth, den Tag über nimmt die Bewirthschaftung von Wald und Feld meine
-Zeit und Kraft in Anspruch. Wenn ich müde und hungrig nach Hause
-komme, will ich etwas Ordentliches zu essen vorfinden. Ich habe so meine
-Lieblingsspeisen, die ich in einer bestimmten Weise gekocht haben will.
-Anders mag ich sie nicht. Mit den bezahlten Köchinnen geht es nicht; die
-nehmen sich nicht die Mühe dazu, meine Eigenschaften zu studiren, und
-wenn sie es ja auch einmal gelernt haben, dann gehen sie sicherlich aus dem
-Dienste, um sich zu verheiraten, und die Plage fängt mit einer Anderen von
-neuem an. Meine gute Mutter hat mich in dieser Beziehung sehr verwöhnt.
-Sie war eine vortreffliche Hausfrau und kochte ganz vorzüglich. Wenn ich
-nicht in der Ehe unglücklich werden soll, muß ich in meiner Frau eine
-ebenso gute Hausfrau finden.«
-
-Ich bemerkte dagegen, daß das Glück der Ehe wohl durch noch andere
-Eigenschaften als allein durch Wirthschaftlichkeit und Verständniß der
-edlen Kochkunst -- so schätzenswerthe Qualitäten dies ja auch seien
--- bedingt würde; daß persönliche Sympathie zum Beispiel eine doch
-mindestens ebenso wichtige Bedingung bilde. Christian schwieg eine
-Weile nachdenklich. Dann strich er sich mit seiner kräftig geformten,
-sonnengebräunten Hand den blonden Schnurrbart und meinte lächelnd:
-
-»Sie haben im Allgemeinen ganz recht in dem, was Sie da sagen. Aber es
-bestätigt mir die Erkenntniß einer fehlerhaften socialen Institution.
-Es klingt ja recht barbarisch, so etwas auszusprechen, aber richtig ist
-es doch: Die Monogamie taugt nichts. Jeder rechtschaffene Mann, dessen
-materielle Lage es ihm gestattet, sollte zwei Frauen haben dürfen: die
-eine fürs Herz, die andere fürs Haus, für seine Wirthschaft.«
-
-Ich lachte laut auf.
-
-»Sie sollten unter die Mormonen gehen,« rief ich belustigt. »Sie haben
-entschieden Talent dazu!«
-
-Er aber schüttelte den Kopf.
-
-Ungeachtet seines unerschütterlichen Entschlusses, ein vorzüglich
-häusliches Mädchen zu seiner Gattin zu erwählen, versagte er es sich
-jedoch nicht, sich mit seiner bildhübschen, siebzehnjährigen Cousine
-Ottilie, die er mit einer gemeinsamen Tante, bei welcher sie seit dem
-Tode ihrer frühverstorbenen Eltern lebte, für einige Monate auf seinen
-Landsitz eingeladen hatte, ganz ausgezeichnet zu unterhalten, und trotzdem
-Ottilie nicht die geringste Lust und nicht das leiseste Talent bewies, die
-von ihm so hochgeschätzten häuslichen Qualitäten zu erwerben, sah man es
-ihm doch deutlich an, daß das von lebensfroher Jugendfrische strotzende,
-allerliebste Geschöpf seinem Herzen sehr theuer war. Er stellte dies auch
-nicht in Abrede, als ich einmal neckend auf den Strauch klopfte, nur fügte
-er gleich die Bemerkung bei, daß nichts vollkommen sei unter der Sonne.
-Ottilie besitze zwar alle Eigenschaften, um sein Leben zu verschönen,
-allein tüchtig in der Wirthschaft sei sie leider nicht.
-
-Das hinderte ihn jedoch keineswegs, alle Zeit, die seine ökonomische
-Thätigkeit ihm freiließ -- und manchmal auch etwas mehr -- ihr zu
-widmen und, was zu sehen mir besonders Spaß machte, sie mit sichtlichem
-Vergnügen in ihren antihäuslichen Liebhabereien noch zu bestärken. Er
-unterrichtete sie im Reiten, Kutschiren, Rudern, sie übten sich zusammen
-im Pistolenschießen nach der Scheibe, und wenn sie das Centrum öfter traf
-als er, wenn sie, ein Bild von mit Kraft gepaarter Anmuth, sich im Sattel
-wiegend, an seiner Seite über die bräunlichen Stoppelfelder -- denn
-mittlerweile war es Herbst geworden -- dahinsprengte, war er ganz außer
-sich vor Entzücken.
-
-»Da, da schauen Sie,« rief er mir einmal voll Ekstase zu, indem er mir
-eine durchschossene Papierscheibe vor Augen hielt. »Zwanzig Schüsse ins
-Centrum! Zwanzig Schüsse nacheinander auf dreißig Schritt Distanz,
-und keinen daneben, um keine Linie! Phänomenal! Das lob' ich mir, einen
-solchen Kameraden zu haben!«
-
-»Gewiß, gewiß, ein ganz famoser Kamerad!« lachte ich. »Aber Sie
-wollen sich ja eine Frau suchen, nicht einen flotten Kameraden für Ihre
-Sportvergnügungen.«
-
-Christian machte eine abwehrende Handbewegung.
-
-»Ah, bah!« brummte er etwas verstimmt. »Das hat Zeit. Warum soll ich mir
-mein angenehmes Leben mit der Erwägung verbittern, daß ich nicht finde,
-was ich suche!«
-
-Bei Tische aber widerfuhr seinem angenehmen Leben des Oefteren eine
-unliebsame Dämpfung. Er hatte eine brave ältliche Person im Dienste,
-die unter seiner Oberaufsicht die häusliche Wirthschaft leitete und ganz
-befriedigend gut kochte. Aber seine Lieblingsspeisen genau nach seinem
-Geschmacke zu bereiten, das verstand sie nicht. Und er wußte es ihr nicht
-zu erklären, woran es fehlte. So geschah es denn öfters, daß seine
-heitere Stimmung bei den Mahlzeiten, wenn auch nur vorübergehend, getrübt
-wurde.
-
-Einmal wagte er in meinem Beisein anläßlich einer Wildpastete -- auch
-eines seiner Lieblingsgerichte -- die nicht nach seinem Geschmacke war,
-eine Bemerkung zu Ottilie, daß es doch gar zu hübsch wäre, wenn sie
-nebst ihren virtuosen Amazonenkünsten auch ein bißchen von den Künsten
-der Küche verstände. Sie aber erwiderte lachend, daß ihr Ehrgeiz weit
-mehr durch das Ziel angestachelt werde, seinen feurigen Rothfuchs zu
-bändigen, was ihr bisher noch nicht gelungen, als eine wohlschmeckende
-Pastete zu bereiten.
-
-Die Tante schüttelte wehmüthig das graue Haupt, denn ihrer Neigung hätte
-es weit mehr entsprochen, Ottilie hätte sich zu einer wackeren Hausfrau
-ausgebildet, als zu einer glänzenden Sportsdame, zu der sie sich zu
-entwickeln drohte. Christian aber hatte bei Erwähnung seines Rothfuchses
-sogleich sein Bedauern über die mißlungene Pastete vergessen, und lustig
-rief er Ottilie zu:
-
-»Du willst meinen Bucephalus reiten? Nein, meine Liebe, Du bist zwar unter
-meiner Leitung eine sehr gewandte und kühne Reiterin geworden, aber mein
-Bucephalus ist nichts für Dich. Sein Rücken wird Dich nie tragen. Ich
-warne Dich vor einem erneuten Versuch.«
-
-»Ich werde sehen!« murmelte Ottilie leise. Und nach Tische erschien sie
-in dem Stalle, um dem Rothfuchs eigenhändig ein wenig Brot und Zucker zu
-reichen.
-
-Tags darauf hatte Christian den ganzen Vormittag über in seiner
-Wirthschaft zu thun und zu schaffen. Müde und ärgerlich, denn sein
-Verwalter hatte ihn erzürnt, kehrte er zu verspäteter Stunde heim. Wir
-hatten mit dem Mittagessen auf ihn gewartet, und ich befürchtete, daß ein
-in der Länge der Zeit sicherlich zu gar gebratenes Rostbeef, das er nach
-englischer Art halbroh liebte, seine Laune nicht verbessern würde.
-
-Als die Suppe schon aufgetragen war, trat Ottilie mit hochgerötheten
-Wangen in das Speisezimmer.
-
-»Du siehst ja aus, als ob Du am Herde gestanden hättest, so erhitzt bist
-Du,« sagte Christian, sie begrüßend. »Aber freilich, so etwas kommt bei
-Dir nicht vor.«
-
-Ottilie lächelte und gab keine Antwort.
-
-Als das Rostbeef an die Reihe kam, bemerkte ich zu meiner Befriedigung,
-daß dasselbe, meiner Befürchtung entgegen, noch ganz »englisch« war und
-daß sich Christian's Stimmung sichtlich erheiterte. Die Mehlspeise aber
-that das Uebrige. Es waren gewisse kleine, mit gehacktem Wild gefüllte
-Klößchen, auch ein Lieblingsgericht Christian's und -- o Wunder! ganz
-nach seinem Geschmacke zubereitet.
-
-Christian strahlte.
-
-»Ei, das schmeckt ja vorzüglich,« sagte er, indem er zum zweitenmal
-zulangte. »Meine Mathilde macht sich. Sie hat ihre Scharte von gestern
-glänzend ausgewetzt.«
-
-Und bei diesem einenmale blieb es nicht. Ueber Mathilde schien plötzlich
-eine Erleuchtung gekommen zu sein. Jedesmal, wenn Christian Vormittag
-abwesend war -- und da er jetzt viel zu thun hatte, traf sich dies öfters
--- fand er irgend eine seiner Lieblingsspeisen in vorzüglicher, ganz
-seinem Geschmacke entsprechender Bereitung bei Tische vor. Und jedesmal
-bemerkte ich bei Ottilie ebensolche geheimnißvolle Miene und erhitzte
-Wangen wie das erstemal, so daß ich nicht umhin konnte, auf eine
-Vermuthung zu verfallen, welche beide Thatsachen in einen gewissen,
-unschwer zu errathenden Zusammenhang brachte.
-
-Dieselbe Vermuthung schien übrigens auch in Christian's Kopf
-platzzugreifen, denn zuweilen machte er eine flüchtig in das Gespräch
-gestreute Bemerkung, welch ein herrliches Kleinod eine Frau sei, die
-mit all ihren sonstigen Vorzügen auch den der häuslichen Kenntnisse,
-namentlich der Kochkunst, vereinige und mit den Schwächen und Eigenheiten
-ihres Mannes freundliche Nachsicht übe.
-
-Ottilie bemühte sich hartnäckig, derartige Bemerkungen Christian's zu
-überhören, und die Tante blickte verlegen lächelnd auf ihren Teller und
-brachte die Unterhaltung auf ein anderes Thema.
-
-Mittlerweile ging mein im gastlichen Heim meines Freundes verbrachter
-Urlaub zu Ende, und ich kehrte nach der Stadt zurück, um, Christian's
-Einladung entsprechend, einige Wochen später zum Weihnachtsfeste
-wiederzukommen.
-
-Es überraschte mich nicht, Ottilie mit ihrer Tante noch vorzufinden.
-Christian hatte sie, so oft sie auch heimkehren wollten, zurückgehalten.
-Und ebenso wenig überraschte mich die sich mir bald aufdrängende
-Wahrnehmung, daß sein Herz für seine Cousine in hellen Flammen stand,
-und daß Christian's Herzensflammen mit jenen Ottiliens lodernd
-zusammenschlugen. Einigermaßen verwundert war ich nur darüber, daß die
-Tante über diese Lage der Dinge nicht sonderlich erbaut, ja von einer
-seltsamen nervösen Unruhe beherrscht schien, als erfüllte sie irgend eine
-geheime Sorge.
-
-So kam der Weihnachtsabend heran. Im großen Saale des Erdgeschosses
-brannte ein mächtiger Christbaum, dessen zahllose Lichtlein in den
-einander gegenüber hängenden Spiegeln sich hundertfach vervielfältigend
-wiederstrahlten. Eine Menge schöner Geschenke, auf weißüberdeckten
-Tischen zierlich geordnet, lagen da, nicht nur für den Herrn des Hauses
-und dessen Gäste, auch für seine Beamten und Diener und deren Kinder, die
-in stillem, freudigem Entzücken ob des in prächtigem Schmucke und hellem
-Glanze flimmernden Tannenbaumes und der großmüthigen Bescherung durch
-ihren gütigen Herrn schier verblüfft umherstanden und kaum Worte des
-Dankes fanden.
-
-Ein heiteres Festmahl folgte darauf, dann ein Tombolaspiel, und gegen
-die Mitternachtsstunde kam, zur Beendigung der Festfeier, eine dampfende
-Punschbowle auf den Tisch.
-
-Die Gläser klangen. Es wurde toastirt und poculirt.
-
-Doch inmitten der heitersten Unterhaltung wurde unser liebenswürdiger
-Gastgeber plötzlich von wehmüthiger Stimmung überflogen. Er gedachte
-seiner Mutter, die er innig geliebt, und die der Tod erst vor wenigen
-Jahren von seiner Seite gerissen. Und indem er von ihr und von dem stillen,
-glücklichen Leben, das sie miteinander geführt, erzählte, meinte er, wie
-schön es wäre, wenn sie hier in der Mitte des kleinen Kreises weilte.
-
-»Ganz so wie heute,« schloß er, zu mir gewendet, seine Rede, »feierten
-wir unser Weihnachtsfest. Nur eines fehlt. Mütterchen bescherte mir
-immer einen riesigen Baumkuchen. Sie wußte, daß ich ihn besonders liebe.
-Mathilden wollte ich dessen Herstellung aber nicht anvertrauen.«
-
-In diesem Augenblicke öffnete sich die Thür, und ein mächtiger
-Baumkuchen wurde aufgetragen.
-
-»Was ist das?« rief Christian freudig betroffen. »Ist da Zauberei im
-Spiele?«
-
-Das Stubenmädchen entfernte sich schweigend. Die Tante aber erklärte
-lächelnd:
-
-»Keine Zauberei, lieber Christian. Du vergißt, daß Du uns von diesem
-Weihnachtskuchen schon öfters gesprochen. Nun, und da dachte ich, damit
-nichts fehlen sollte --«
-
-Christian blickte auf Ottilie, die, als ob sie nichts hörte, sich mit
-frischer Füllung der Punschgläser beschäftigte.
-
-»Ah, ich verstehe,« murmelte er leise, und eine flüchtige Röthe
-überzog seine gebräunten Wangen.
-
-Der Kuchen wurde angeschnitten und erwies sich als vortrefflich, ganz so,
-wie er unter den geschickten Händen von Christian's Mutter gediehen war.
-
-Einige Minuten lang hatte Christian still und nachdenklich dagesessen.
-Plötzlich erhob er sich, und zur Tante hintretend, sagte er mit etwas
-schwankender Stimme:
-
-»Ich weiß keinen geeigneteren Augenblick, liebes Tantchen, als das
-heutige Freudenfest, um Dir ein freudiges Geheimniß zu bekennen, das für
-Dich sicherlich schon lange kein Geheimniß mehr ist: Ottilie und ich, wir
-lieben uns. Willst Du sie mir zur Frau geben?«
-
-Die Tante umarmte Christian, Christian umarmte Ottilie, und die Tante
-segnete Beide. Ich aber brachte ein Hoch aus auf das Wohl des Brautpaares.
-Und wieder erklangen die Gläser.
-
-Dann aber, als die fröhlich laute Stimmung etwas ruhiger geworden war,
-sagte Ottilie zu Christian:
-
-»Da heute schon der Tag der Ueberraschungen ist -- auch ich habe Dir etwas
-mitzutheilen, was Dich überraschen wird.«
-
-Christian lächelte freudig verschmitzt.
-
-»Kann es mir schon denken, Tilly. Der Weihnachtskuchen, nicht wahr? Und
-die Hachéklößchen damals und alle meine anderen Lieblingsspeisen.«
-
-Ottilie sah ihn groß an.
-
-»Was ist es mit all dem?« fragte sie verwundert. »Ah, Du meinst, daß
-nicht Mathilde es war, die diese guten Sachen gekocht hat? Ja, das hast
-Du errathen. Unser liebes Tantchen war es, die Dir eine Freude bereiten
-wollte, was ihr ja auch vortrefflich gelungen ist. Doch nicht das ist
-es, was ich Dir sagen wollte. Meine Ueberraschung ist anderer Art. Dein
-Rothfuchs -- täglich, wenn Du nicht zu Hause warst, hab' ich versucht,
-ihn zu reiten. Darum kam ich immer so erhitzt zu Tische. Du wolltest die
-Ursache wissen, aber ich sagte sie nicht. Nun, jetzt, mein Schatz, ist Dein
-wilder Bucephalus völlig in meiner Gewalt.«
-
-Jetzt war an Christian die Reihe, die Augen aufzusperren.
-
-»Ach, das ist es!« sagte er kleinlaut »und ich glaubte --« Und dabei
-sah er beinahe traurig aus. Doch rasch war seine Verstimmung verflogen.
-»Bah, was macht es?« rief er, wieder fröhlich. »Die gute Tante bleibt
-bei uns und leitet das Haus. Vielleicht lernst Du es auch mit der Zeit.
-Vorläufig bist Du mein lieber, flotter Kamerad. Wir reiten und schießen
-miteinander.«
-
-»Ja, wir schießen um die Wette.«
-
-»Und unser Ziel --«
-
-»-- ist unsere Liebe und unser Glück!«
-
-Sie verfehlten es nicht, dieses Ziel.
-
-
-
-
-Weder Glück noch Stern.
-
-
-Er hieß Michael Müller und war am 1. April 18.. geboren. Seine Mutter
-starb am Tage nach seiner Geburt und sein Vater liebte ihn nicht, weil eben
-sein Eintritt in die Welt seiner Mutter das Leben kostete und somit die
-Last der Sorge für seine Pflege und Erziehung dem Vater allein zu tragen
-aufbürdete, dann aber auch, weil er bei seinem Heranwachsen weder ein
-schönes noch ein kluges Kind zu werden versprach. Das einzig Hübsche
-seines Gesichtes waren die großen, stahlgrauen, schwärmerisch
-blickenden Augen, welche mit der ausdruckslosen Stumpfnase und dem weiten,
-dicklippigen Munde sonderbar contrastirten, und der einzige Witz, der
-ihm in seinem ganzen Leben gelang, war der, daß er, auf das Datum seines
-Geburtstages anspielend, mit gutmüthig traurigem Lächeln sagte, das
-Schicksal habe ihn, indem es ihn geboren werden ließ, in den April
-geschickt.
-
-Und in der That gestaltete sich sein Lebenslauf zu einer Bestätigung
-seiner harmlosen Selbstironie. Michael oder Michel, wie er allgemein
-gerufen wurde, gehörte zu jenen Pechvögeln, welchen alles, was sie
-unternehmen, mißlingt und welche, ohne dümmer, oder ungeschickter, oder
-träger zu sein als Andere, doch von Allen überholt und übervortheilt
-werden.
-
-Gab es unter den Schulknaben irgend eine Balgerei, so war es sicherlich
-Michel, der dabei am übelsten wegkam, dessen Rücken die meisten Püffe,
-dessen Kleider die meisten Risse erhielten und dem obendrein noch oft
-Strafe zutheil ward, indem ihn die Genossen, so unschuldig er zumeist auch
-war, als Rädelsführer und Urheber der Schlägerei verklagten.
-
-In der Schule lernte er nicht schlechter als die Mehrzahl seiner
-Gefährten, dennoch widerfuhr ihm wiederholt das Unglück, bei der Prüfung
-durchzufallen, einzig aus dem Grunde, weil ihm zufällig solche Fragen
-gestellt wurden, die er nicht zu beantworten wußte, während er auf
-alle seinen Collegen vorgelegten Fragen ganz richtige Antworten zu geben
-vermocht hätte. Von seinen Lehrern wurde er bemitleidet, von seinen
-Genossen verspottet. Trotz seiner Gutmüthigkeit, mit welcher er sich gern
-jedem gefällig erwies, was sich Alle ganz wohl gefallen ließen, wenn sie
-eines Dienstes bedurften, bildete er doch die Zielscheibe ihrer Neckereien.
-Und schlecht gelang es ihm, sich derselben zu erwehren, denn eine treffende
-Replik auf irgend eine spöttische Bemerkung fiel ihm regelmäßig erst
-dann ein, wenn die passende Gelegenheit, sie auszusprechen, längst
-vorüber war.
-
-Einmal ereignete es sich, daß seiner Classe als Hausaufgabe ein
-Aufsatzthema gegeben wurde, dessen Ausarbeitung unserem Michel besonderes
-Interesse und Vergnügen gewährte. Mit Ernst und Eifer machte er sich
-an die Arbeit. Aber unmittelbar vor dem Ablieferungstermin hatte er das
-Unglück, das Schreibheft, welches den Entwurf seines zu seiner eigenen
-großen Zufriedenheit vollendeten Aufsatzes enthielt, und das er
-unvorsichtigerweise bei sich trug, auf dem Wege von der Schule heimwärts,
-aus seiner Rocktasche zu verlieren. Natürlich blieb ihm nichts anderes
-übrig, als die Aufgabe in Hast und Eile -- denn die Zeit drängte -- vom
-neuem auszuarbeiten. Wer beschreibt nun seine schmerzliche Entrüstung, als
-seine Arbeit als »ungenügend« zurückgewiesen, jene eines Schulkameraden
-hingegen prämiirt und zur Auszeichnung laut verlesen wurde, in welcher er
-seinen eigenen ersten, verlorenen Aufsatz erkannte!
-
-Er hatte gut, denselben als sein Werk reclamiren und die Geschichte seines
-in Verlust gerathenen Heftchens erzählen! Niemand glaubte ihm; trug doch
-die belobte Arbeit Namen und Handschrift des Schülers, der sie dem Lehrer
-präsentirt hatte; welche Belege für das gute Recht seiner Ansprüche
-vermochte er dagegen aufzuweisen? Einige seiner Schulgenossen lachten ihn
-aus, andere empörten sich über ihn und erzählten daheim ihren Eltern
-dieses Beispiel unerhörter lügnerischer Verwegenheit. Der Lehrer aber
-verwies ihm mit scharfem Tadel seinen kecken Betrugsversuch und bedeutete
-dem schmerz- und zornverwirrten Knaben, daß er ihm nur dies einemal solch
-schweres Vergehen straflos hingehen ließe, er möge sich für die Zukunft
-hüten, denn ein zweitesmal würde er sich eine empfindliche Züchtigung
-zuziehen. Und als der Junge das Ereigniß weinend seinem Vater klagte, da
-ward ihm ein gleichgiltiges Achselzucken zutheil und eine Wiederholung des
-stereotypen Urtheiles: »Geschieht Dir recht, Michel, Du bist ein Tölpel,
-das weiß ich längst.«
-
-Solche und ähnliche Erfahrungen, die Kränkungen und ungerechten
-Zurücksetzungen, die ihm allenthalben begegneten, führten dazu, Michel's
-Gemüth zwar nicht zu verbittern -- hierzu war es zu gut -- aber es immer
-mehr von der Außenwelt abzuziehen und, sich selbst genügend, sich
-eine stille, träumerische Welt zu bilden. Langsam von Classe zu Classe
-aufsteigend, beschäftigte er sich eifrig mit seinen Studien und trat,
-nach Vollendung derselben, in ein kleines Amt. Außer den dienstlichen
-Beziehungen verkehrte er wenig mit seinen Collegen, welche ihm, wie
-früher seine Schulgefährten, wenig Sympathie entgegenbrachten. Gesellige
-Vergnügungen suchte er noch weniger. In größerer Gesellschaft, an
-welcher Frauen theilnahmen, war er schüchtern und beklommen, da er sich
-mit Recht oder Unrecht immer einbildete, eine ungeschickte, lächerliche
-Figur zu spielen, und für Damen, die für die Komik linkischer
-Unbeholfenheit meist einen noch schärferen Beobachtungssinn besitzen als
-die Männer, ein Object, wenn nicht offener, so doch sicherlich heimlicher
-Belustigung darzustellen. Da ihm dieser Gedanke peinlich war, zog er es
-vor, Damen-, sowie überhaupt jede größere Gesellschaft zu meiden.
-
-So lebte Michel freund- und freudlos für sich hin.
-
-Freund- und freudlos? Nein, nicht doch! denn einen Freund nannte er sein,
-dessen Besitz ihm Freude gewährte.
-
-Wenn dieser Freund vor ihm saß und mit seinen glänzenden dunkelbraunen
-Augen treu und ehrlich in sein Auge blickte, dann ward ihm so innig warm
-und wohl ums Herz, wie nie bisher in seinem Leben, denn noch nie in seinem
-Leben war er einem Wesen begegnet, das ihn liebte -- das wußte er. Und
-wenn dieser Gedanke durch seine arme Seele zog, da regte sich Dankbarkeit
-und Liebe in seinem Herzen zu diesem Geschöpfe, dem ersten, das ihm treue,
-aufrichtige Liebe entgegenbrachte, und mit einem Gefühle von Rührung zog
-er dessen Kopf an seine Brust und drückte einen Kuß auf seinen glatten
-Scheitel.
-
-Ja wahrhaftig, einen Kuß, obgleich dieser einzige Freund nicht mehr und
-nicht weniger war als -- sein Hund.
-
-Dieser Hund war durchaus nicht von besonders edler oder auch nur reiner
-Race. Sein Lux -- so hieß er -- war eine Kreuzung von Dachs- und
-Hühnerhund. Von letzerem hatte er den schönen, intelligenten Kopf, von
-ersterem die etwas verkürzten Beine und die Zeichnung: schwarz, gelb und
-weiß. Trotzdem war es ein hübsches Thier, wenigstens für unseren Michel
-gab es kein schöneres auf Erden. Und wie anhänglich war er seinem Herrn!
-Seitdem dieser ihm das Leben gerettet, indem er ihn aus dem Wasser zog,
-in welches sein früherer Besitzer, um sich seiner zu entledigen,
-ihn geworfen, wich er ihm nicht von der Seite. Herr und Hund waren
-unzertrennlich. Sie schliefen in demselben Zimmer, aßen in demselben
-Wirthshause, machten zusammen große Spaziergänge. Und da von den Beiden
-der Hund der auffallendere, jedenfalls hübschere und lebhaftere war
-und der Herr sich augenscheinlich oft den Wünschen seines vierfüßigen
-Gefährten unterordnete, so kam es, daß die in Betreff unseres Michels
-stets zum Spotte geneigten Leute, wenn sie Beide einherspazieren sahen,
-nicht etwa sich anständigerweise derart ausdrückten: »Da geht Herr
-Müller mit seinem Hund,« sondern aller naturgeschichtlichen Rangordnung
-zum Trotz kühnlich sagten: »Da kommt der Lux mit dem Michel.« Letzterer
-hörte zuweilen diese Aeußerung, doch war er darob weder gekränkt noch
-beleidigt; er lächelte fröhlich vor sich hin.
-
-Die Stunden, welche die Amtsthätigkeit und die weiten Spaziergänge frei
-ließen, verbrachte Michel bei seinen in der einsamen Zurückgezogenheit
-seines Lebens ihm lieb gewordenen Büchern. Er las und lernte eifrig. Was
-ihm an rascher Auffassungsgabe mangelte, ersetzte er durch Gründlichkeit
-und Fleiß. Sein Lieblingsstudium war Geschichte.
-
-Da traf es sich, daß er in einer Zeitschrift eine von der Akademie der
-Wissenschaften ausgehende Preisausschreibung für ein großes historisches
-Essay über den Einfluß einer gewissen literarischen Bewegung auf die
-Entwickelung des Schriftthums las. Die Aufgabe flößte ihm lebhaftes
-Interesse ein, und da sich bei einer glücklichen Lösung derselben sowohl
-Auszeichnung wie eine sehr bedeutende Summe als Preis erringen ließ, so
-beschloß er, sich an der Concurrenz zu betheiligen. Ohne Aufschub machte
-er sich an die Arbeit. In Archiven und Bibliotheken sammelte er mit
-Emsigkeit reiches Material und zu Hause sichtete und ordnete er dasselbe.
-
-Eines Tages wurde er in seiner neuen Thätigkeit durch den überraschenden
-Besuch eines Amtscollegen unterbrochen. So wenig vertraulich die
-Beziehungen der jungen Männer zu einander auch waren, empfing Michel
-seinen Gast doch mit zuvorkommender Freundlichkeit. Hierdurch ermuthigt,
-rückte dieser bald mit seinem den Besuch veranlassenden Anliegen hervor.
-Er befinde sich in momentaner Geldverlegenheit; um sich aus derselben
-zu ziehen, sei er genöthigt, die erforderliche Summe gegen Wechsel
-aufzunehmen. Der Geldgeber beanspruche natürlich außer seiner
-Signatur auch die zweier guter Giranten. Einer seiner Freunde habe seine
-Unterschrift bereits gegeben; nun bäte er ihn -- Müller -- um die
-Gefälligkeit, das zweite Giro zu leisten. Die Sache sei von keiner
-Bedeutung, die Summe nicht beträchtlich, der Wechsel werde von ihm
-jedenfalls vor Ablauf der Fälligkeitsfrist eingelöst und so weiter.
-
-Nach kurzem Zögern willfahrte Michel der Bitte seines Collegen und mit den
-wärmsten Dankesversicherungen entfernte sich derselbe.
-
-Michel war die Angelegenheit unangenehm. Er haßte leichtsinniges und
-unordentliches Gebaren mit dem Gelde, denn er war ein guter Wirth und
-mochte Schulden nicht leiden. Und jetzt hatte er selbst indirect eine
-Schuld contrahirt. Ja, aber die Sache war nicht zu umgehen. Er hätte es
-nicht über sich gebracht, seinen Amtsgenossen abzuweisen.
-
-Doch zu seinen Pandecten zurückkehrend, hatte Michel die ganze Geschichte
-über seiner Arbeit bald vergessen.
-
-Wochen und Monate flossen dahin in stiller, ernster Thätigkeit. Die
-Concurrenzarbeit wurde vollendet und eingereicht.
-
-Aber nicht nur sein historisches Essay allein hatte Michel während
-dieser Zeit beschäftigt. Auf der anderen Seite der Treppe, seiner Wohnung
-gegenüber, liegt das Zimmer eines hübschen jungen Mädchens, einer Waise,
-welche sich und ihren kleinen achtjährigen Bruder mit ihrer Hände Arbeit
--- sie ist Blumenmacherin -- ernährt. Dieses Mädchen hat Michel kennen
-und lieben gelernt. Er will sie zu seiner Frau machen und die Verbindung
-nur noch so lange aufschieben, bis sein demnächst zu erwartendes
-Avancement erfolgt oder -- aber die Hoffnung auf dieses Glück wagt er
-nicht laut auszusprechen, kaum zu denken -- nun, oder bis er mit seiner
-Concurrenzschrift den Preis gewinnt.
-
-Es ist am frühen Morgen. Der Tag ist angebrochen, an welchem die
-Zeitungen das Urtheil der Jury über die Zuerkennung des von der Akademie
-ausgeschriebenen Preises publiciren werden. Bleich und müde nach
-schlafloser Nacht erhebt sich Michel von seinem Lager. Eines nicht
-unbedeutenden Unwohlseins halber mußte er schon mehrere Tage Zimmer und
-Bett hüten.
-
-Auch jetzt fühlt er sich matt und zerschlagen, aber eine unüberwindliche
-innere Unruhe treibt ihn aus dem Bette. Auf dem Divan hingestreckt,
-streichelt er mit fieberheißer Hand das weiche Fell seines treuen Hundes.
-Er erinnert sich, daß die Stunde des Briefboten nahe sein muß und in der
-That klingelt dieser bald an seiner Thür und übergiebt ihm mehrere Briefe
-und das Morgenblatt seiner Zeitung.
-
-Hastig und mit vor Aufregung zuckenden Fingern löst er die Adreßschleife
-und entfaltet das Blatt.
-
-Es enthält die Publication des Preisrichterspruches. Aber der Autorname
-der preisgekrönten Arbeit ist nicht der seine --
-
-Ein herbes Lächeln irrt über seine Lippen und mit feuchtem Auge blickt er
-auf die seine stolze Hoffnung vernichtende Mittheilung.
-
-Wie konnte auch er, der Pechvogel, sich so großen Glückes vermessen!
-Solche Freuden begegnen den Sonntagskindern, nicht ihm, dem »Aprilnarr«
-des Schicksales!
-
-Er warf die Zeitung fort und griff nach den Briefen.
-
-Der eine derselben ist ein Schreiben seines Bureauchefs, in welchem
-derselbe ihm in schonendster Weise mittheilt, daß sein Amtscollege * * *
-bedeutender Schulden wegen aus seinem Dienste entlassen sei. Unter seinen
-protestirten Wechseln finde sich einer mit Müller's Giro. Sollte er nicht
-in der Lage sein, den Wechsel einzulösen, so sei es, um einer fataleren
-Eventualität vorzubeugen, das beste für ihn, um Enthebung seiner Stelle
-selbst einzukommen.
-
-Der zweite Brief ist von der Hand seiner Braut, welche ihn darin
-beschwört, sie zu vergessen und ihr zu verzeihen, daß sie nie die Seine
-werden könne. Aus Mitleid mit seiner traurigen Herzenseinsamkeit habe sie
-ihm mehr Liebe gezeigt, als sie thatsächlich für ihn fühlte. In Wahrheit
-habe sie stets einen anderen Mann geliebt, und im Begriffe, ihre Verbindung
-mit demselben einzugehen, sehe sie sich genöthigt, die Täuschung, in der
-er sich in Betreff ihrer befinde, aufzuklären.
-
-Mit einem heiseren Wuthschrei sprang Michel von seinem Sitze empor
-und eilte in die Wohnung des Mädchens. Er fand die Eingangsthür
-unverschlossen und trat in das kleine Vorzimmerchen.
-
-Doch als er schon die Hand nach der Klinke ihres Wohnzimmers ausstreckte,
-erfaßte ihn plötzlich ein Gefühl drückender Beklommenheit und Angst. Er
-wagte es nicht, derjenigen ins Auge zu schauen, die er liebte und die ihn
-so furchtbar hintergangen hatte. Da hörte er laute Stimmen. Es war eine
-kräftige Männerstimme im Gespräche mit seiner Geliebten. Er lauschte
-nicht. Aber plötzlich vernahm er deutlich seinen Namen und darauf
-schallendes, fröhliches Gelächter.
-
-Da wandte er sich zum Gehen. In seine Wohnung zurückgekehrt, sank er auf
-einen Stuhl und barg schluchzend den Kopf in seine Hände.
-
-Seine Liebe war betrogen, seine Existenz vernichtet, die Hoffnung, eine
-neue Laufbahn betreten zu können, zerstört. Was lag noch an seinem Leben?
-
- * * * * *
-
-Wenige Stunden später stieg Herr Müller =senior=, um seinen kranken
-Sohn zu besuchen, die Treppe zu dessen Wohnung empor. Als er in Michel's
-Schlafzimmer trat, fand er ihn, eine tiefe Schußwunde in der Stirn,
-entseelt in einer Ecke des Divans lehnen. Die verhängnißvollen Druck-
-und Schriftstücke lagen auf der Diele des Bodens; die eine Hand des
-Unglücklichen hielt noch die selbstmörderische Waffe umspannt, die andere
-hing schlaff über der Divanlehne herab.
-
-Leise winselnd saß der Hund vor seinem todten Herrn und Freund und
-beleckte dessen erstarrte Hand, als wollte er mit seiner warmen Zunge ihr
-neues Leben einflößen.
-
-Lasse ihn schlummern, treues, gutes Thier! Ihm ist wohl, daß er ruhen
-darf, und daß der Vorhang fiel über sein schmerzliches Dasein, das für
-ihn Tragödie war und für die Anderen -- Posse!
-
-
-
-
-Der Unwiderstehliche.
-
-
-»Treue --?! Glaubst Du wirklich noch immer, daß es diesen Artikel echt
-und unverfälscht giebt? Hat Dich das Leben nicht darüber belehrt, daß
-dies ein Begriff ist ohne realen Hintergrund, eine Vorstellung, die sich
-mit den Thatsachen nicht deckt, ein leeres Wort, das die Menschen nur zu
-dem Zwecke erfunden haben, um sich selbst etwas vorzulügen, um sich vor
-sich selbst besser zu machen, als sie wirklich sind?« -- so fragte das
-Gespräch fortsetzend, mein Freund Theodor mit lauter Stimme, um den
-polternden Lärm des Eisenbahnzuges zu übertönen, der uns aus der
-Residenz nach dem lieblichen Landsitze eines gemeinsamen Freundes führte,
-von dem wir zur Feier des Namensfestes seiner Frau zu Gast geladen waren.
-
-»Echte, unverfälschte Treue,« fing ich sein Wort auf. »Was meinst
-Du damit? Was Du da sagst, ist ein Pleonasmus. Treue muß echt sein.
-Verfälschte Treue ist ja nicht mehr Treue, sondern ihr Gegentheil.«
-
-»Keine Spur!« rief Theodor, den Rest seiner Cigarre zum Waggonfenster
-hinauswerfend. »Es giebt eine echte Treue und eine unechte. Das werde ich
-Dir gleich an einem Beispiele erläutern.«
-
-Dann steckte er sich eine andere Havana in Brand und fuhr fort:
-
-»Solche Treue, die das nothwendige Ergebniß der Empfindungen ist, ist
-echt; solche, die aber nur die Folge zufälliger äußerer Verhältnisse
-und Umstände ist, kann unmöglich für echt gelten. Die Treue einer Frau,
-die zufällig keinem Manne begegnete, der ihr besser gefiel als ihr Gatte,
-ist eine unechte Treue.«
-
-»Das sind Sophismen,« warf ich ein. »Da könnte man ja bei dem
-erhabensten Beispiele weiblicher Treue die Behauptung aufstellen, dieselbe
-sei nur durch zufällige Umstände bedingt.«
-
-»So ist es auch,« sagte der Andere ruhig lächelnd, indem er sich in die
-Wagenkissen behaglich zurücklehnte. »Kein Mensch, weder weiblichen noch
-männlichen Geschlechtes, kann bedingungslos für seine Treue bürgen.
-Immer handelt es sich darum, ob das Schicksal dem Betreffenden den Rechten
-oder die Rechte entgegenführt, denen die Macht gegeben ist, ihre Treue zu
-erschüttern. Eben darum behaupte ich, daß es auf unserem Planeten keine
-echte Treue gebe.«
-
-»Du hast vielleicht eine solche noch nicht kennen gelernt,« erwiderte
-ich gereizt, denn seine überlegene Art, mit seiner Lebens- und
-Erfahrungsweisheit groß zu thun, ärgerte mich immer. »Aus Deinen
-persönlichen Erfahrungen gleich auf die Allgemeinheit zu schließen, ist
-aber doch etwas voreilig.«
-
-»Pah, es handelt sich immer nur darum, ob der Rechte kommt,« wiederholte
-Theodor heiter lächelnd, und zwirbelte mit seinen weißen Fingern den
-blonden, wohlgepflegten Schnurrbart.
-
-Jetzt mußte auch ich lächeln. Mir ging plötzlich ein Licht auf. Er,
-Theodor, war ja dieser »Rechte«, dem gegenüber, sowie er kam und siegen
-wollte, keine Frauentreue standzuhalten, kein Mädchenherz unverwundet
-zu bleiben vermochte. Hieß er denn nicht seit der Tanzschule her »der
-Unwiderstehliche«? Und hatte er sich während der seit jenen Tanzstunden
-verflossenen Reihe von nahezu fünfzehn Jahren diesen Namen nicht bewahrt
-und stetig mehr verdient!
-
-Halb »Löwe«, halb Dandy, bald heldenhaft kühn, bald lyrisch
-schmachtend, hatte er -- so ging die Sage -- seit seiner frühesten Jugend
-fabelhaftes Glück bei den Frauen gehabt und -- auch dies erzählte die
-Fama -- das Glück gepackt, wo und so oft es sich haschen ließ.
-
-Alles dies fiel mir jetzt wieder ein, als ich bei seinen letzten Worten
-meinen Blick über ihn hingleiten ließ, während er den aus seiner Cigarre
-aufsteigenden blauen Ringelwölkchen sinnend nachschaute.
-
-Theodor war ein auffallend schöner Mann. Schlank und zierlich gebaut,
-das fein geschnittene, blasse Gesicht von seidenweichen blonden Locken und
-einem üppigen Vollbart umrahmt, der die Lippen so weit frei ließ, um das
-verführerische, zuweilen etwas frivole Lächeln, das den Frauen so
-leicht gefährlich wird, zur vollen Geltung kommen zu lassen, mit großen,
-dunklen, bald träumerisch, bald verwegen blickenden Augen -- war seine
-äußere Erscheinung so recht angethan, um seinen beliebten Wahlspruch:
-=Veni, vidi, vici= nicht Lügen zu strafen. Vorzüglicher Reiter und
-Tänzer, amusanter Causeur, der eine Menge pikante Geschichtchen und
-schnurrige Anekdoten zu erzählen wußte, stets elegant und mit feinstem
-Chic gekleidet, konnte es wahrlich nicht wundernehmen, daß alle Damen für
-ihn schwärmten, daß es keine Gesellschaft gab, zu der er nicht geladen
-wurde, und keinen Ball, dessen Cotillon nicht er führen mußte. Dabei
-hatte er eine so ganz besondere Art, mit den Damen zu verkehren.
-Voll ritterlicher Galanterie und doch nie ohne einen gewissen Anflug
-selbstbewußter Ueberlegenheit und leichter Blasirtheit.
-
-»Nun, giebst Du mir recht?« fragte er, die entstandene Pause plötzlich
-unterbrechend. »Oder bleibst Du trotz aller Vernunftgründe immer der
-alte, unverbesserliche Idealist, der Du warst?«
-
-»Im Durchschnitte magst Du ja recht haben,« erwiderte ich. »Du wirst
-aber doch nicht behaupten wollen, daß es nicht auch Ausnahmen --«
-
-»Giebt es nicht,« fiel er ein.
-
-»Doch!« bemerkte ich beinahe eingeschüchtert. »Glaubst Du nicht, daß
-Margarethe zum Beispiel --«
-
-Margarethe war die Frau jenes Freundes, zu dem wir uns auf dem Wege
-befanden.
-
-»Ach, Margarethe!« wiederholte er mit einem leichten Seufzer. »Ja, ich
-hätte es denken können, daß Du sie als Beleg Deiner unhaltbaren Theorie
-werdest heranziehen wollen.«
-
-»Nun --?!«
-
-»Wer sagt Dir, daß sie eine solche Ausnahme ist! Daß nicht auch ihre bis
-jetzt allerdings geradezu phänomenale Verliebtheit in den guten Jungen,
-der seit vier vollen Jahren das Glück hat, ihr Gatte zu sein, doch nichts
-anderes ist als das Werk des Zufalles? Des Zufalles nämlich, daß sie bis
-jetzt noch keinen Mann kennen lernte, der --«
-
-»Eben der Rechte wäre. Ich weiß schon, Du hast es ja gerade gesagt,«
-unterbrach ich ihn ungeduldig.
-
-»Ja, allerdings, das meine ich. Oder auch, daß dieser Rechte
-sich vielleicht noch nicht die Mühe gegeben, die Dichtigkeit ihres
-Herzenspanzers zu erproben.«
-
-»Ich aber meine, daß es eine Vermessenheit ist, von einer Frau, wie
-Margarethe, deren Charakter den leisesten Schatten eines Mißtrauens zu
-bannen geeignet ist, so geringschätzig zu denken.«
-
-Ich war bitterböse auf Theodor. Sein Gleichmuth aber blieb
-unerschütterlich.
-
-»Einen allgemein giltigen Maßstab an den Einzelnen anlegen,« erwiderte
-er, »heißt nicht geringschätzig denken über ihn. Ich besitze nur eben
-genug Menschenkenntniß, um die Handlungen der Menschen auf ihre innere
-Quelle zurückführen zu können. Warum sollte Frau Margarethe anders sein
-als die anderen Frauen? Sie ist eben ein Weib. Und denselben Naturgesetzen,
-die den Charakter des Weibes im Allgemeinen beherrschen, ist -- wie alle
-Anderen -- auch sie unterworfen. Daran läßt sich nichts ändern.«
-
-Ich schwieg. Einsehend, daß Theodor's Ansichten zu fest wurzelten, um
-sich durch Worte widerlegen zu lassen, hielt ich eine Fortsetzung unseres
-Disputes für ebenso zwecklos wie ermüdend. Meine Gedanken flogen voraus,
-den Freunden entgegen. Und indem ich an sie dachte, mußte ich in mich
-hinein über Theodor lachen, dessen mit solch apodiktischer Sicherheit
-verkündeten Anschauungen eben durch sie eine so schlagende Widerlegung
-fanden. Arthur's und Margarethens Ehe war die glücklichste, die ich je
-gesehen. Der verstockteste Pessimist mußte durch ihren Anblick
-bekehrt werden. Allerdings waren Beide noch sehr jung, Arthur zählte
-sechsundzwanzig, Margarethe zwanzig Jahre. Und wer die Beiden sah, hätte
-sie eher für übermüthige Geschwister, denn für Ehegatten halten
-können. Manchmal, wenn ich zu ihnen gekommen, fand ich sie im Garten
-herumtollen, als ob sie noch Kinder wären. Noch hatte kein Schatten die
-frohe Laune ihres Jugendmuthes getrübt. Das Leben konnte wohl sie ernster
-machen, sie konnten mitsammen reifen und -- altern. Aber trennend, ihre
-zu einem wohlklingenden Accord zusammengestimmten Seelen trennend, konnte
-nichts zwischen sie treten. Diese beiden herzlieben Geschöpfe paßten
-füreinander, als ob sie eigens füreinander geschaffen wären. Sie
-lebten vollkommen für- und ineinander. Und jedes war glücklich durch die
-Existenz des Anderen. Theodor kannte sie nicht so gut wie ich; wenn er sie
-näher kennen lernte, würde er bald einsehen, daß wenigstens dies eine
-Beispiel seine Ueberzeugungen Lügen strafte.
-
-Den Faden des behandelten Themas weiter spinnend, fragte ich Theodor nach
-einer kleinen Weile:
-
-»Deine Anschauung über den weiblichen Charakter im Allgemeinen und über
-weibliche Treue im Besonderen ist wohl auch die Ursache Deines Widerwillens
-gegen das Ehejoch?«
-
-Theodor nickte lächelnd.
-
-»Ich bewundere Deine Combinationsgabe! Allerdings ist dies die Ursache.
-Ich schätze meine Ruhe über alles. Was hätte ich nöthig, mich
-zu verheiraten und diese Ruhe und meine Freiheit aufzuopfern? Die
-Annehmlichkeiten des Ehestandes stehen ja dem Junggesellen, der
-verheiratete Freunde hat, beinahe in ebenso reichlichem Maße zur
-Verfügung wie den Ehemännern. Ihre Frauen sind unsere Freundinnen, an
-ihrem Tische, an ihrem Kamin ist stets ein Plätzchen für uns bereit. So
-oft wir eintreten, sind wir willkommen. Wir erheitern ihre Einsamkeit,
-die vielleicht gerade in dem Augenblicke als wir kamen, anfing, sie ein
-bißchen zu langweilen. Auf diese Weise wahren wir unsere Unabhängigkeit
-und genießen doch alle Vortheile des Ehestandes, ohne dessen Mühen,
-Lasten und beunruhigenden Sorgen zu haben. Ja, wäre doch jeder ein Thor,
-der die Lasten und Sorgen auf sich nähme, damit ein Anderer sich des
-Glückes ohne diesen bitteren Beigeschmack erfreue, ein Thor, der die Hefe
-des Bechers leerte, von dem ein Anderer den süßen Schaum fortgenippt.«
-
-Ich fand keine Zeit mehr zu antworten. Der Pfiff der Locomotive
-verkündete uns, daß wir uns dem Ziele näherten. Wir griffen nach unseren
-Handkofferchen und Ueberziehern, stiegen aus und warfen uns in einen
-Wagen, der uns in einer halben Stunde nach Arthur's allerliebsten Landsitz
-brachte.
-
-Der Empfang, der uns, namentlich aber Theodor zutheil wurde, brachte
-mich auf den Gedanken, daß er in der That nicht unrecht habe, seinen
-Junggesellenstand als einen glücklichen zu preisen. Alles, was er
-über sein beneidenswerthes Los gesagt, schien sich zu bestätigen.
-Die sichtliche Freude, die seine Gegenwart hervorrief, das herzliche
-Entgegenkommen, das der Hausherr ihm entgegenbrachte, das reizende
-Lächeln, das Margarethe ihm spendete, das Bemühen, den Aufenthalt im Heim
-des Freundes ihm wohl und behaglich zu gestalten, alles vereinte sich, um
-die Wahrheit seiner Schilderung zu bezeugen.
-
-Bald fand sich eine zahlreiche Gesellschaft ein, in der Theodor die
-Hauptrolle spielte. Seine vorzügliche Unterhaltungsgabe bewährte
-sich wieder aufs glänzendste und sämmtliche Damen, Margarethe nicht
-ausgenommen, schienen im Banne seines Zaubers zu liegen.
-
-Groll erfaßte mich, denn ich bemerkte bald, daß sie es war, die er sich
-als Opfer eines neuen Eroberungszuges ausersehen, vielleicht, um mir den
-Beweis für die Richtigkeit seiner mir so abscheulich dünkenden Theorien
-zu liefern.
-
-Einen Augenblick dachte ich daran, seine Absichten zu durchkreuzen, etwa
-Margarethens Stolz Theodor gegenüber durch Mittheilung seiner Auffassung
-des weiblichen Charakters, namentlich aber des seinen gegen sie gerichteten
-Feldzugsplänen zweifelsohne zugrunde liegenden Motives herauszufordern,
-oder die Vorsicht ihres, wie mir schien, von allzu argloser
-Vertrauensseligkeit erfüllten Gatten durch eine bei passender Gelegenheit
-angebrachte Warnung wachzurufen. Doch bald ließ ich den Gedanken wieder
-fallen. Was hatte ich mich in Anderer Angelegenheiten zu mischen? Waren
-Theodor's Anschauungen die richtigen; war mein Glaube an Frauentugend und
-Treue wirklich nur eine auf Unkenntniß der Weibesseele beruhende kindische
-Schwärmerei, dann verlohnte es sich wahrlich nicht, dem Siegeslaufe
-des Unwiderstehlichen durch Verrath seiner Pläne Einhalt zu thun. Mein
-Alarmruf konnte wohl in diesem einen Falle seinen Sieg vereiteln; der
-Widerstand, der ihm aus diesem Anlasse entgegengesetzt würde, wäre jedoch
-fürwahr nicht geeignet, mein Vertrauen zu rechtfertigen, sondern er würde
-im Gegentheile Theodor's Ansicht bestätigen, daß alle Treue nur ein Werk
-des Zufalles sei.
-
-Diese Ueberlegung bestimmte mich, die weitere Entwickelung der Dinge ohne
-Einmischung meinerseits ruhig abzuwarten. Mit Argusaugen überwachte ich
-Margarethens Benehmen gegen Theodor. Aber meine anfänglich siegessichere
-Zuversicht, daß das Ergebniß der Bemühungen Theodor's meinen von ihm
-so grausam verspotteten Ueberzeugungen recht geben möchten, schwand
-immer mehr, je lebhafter das Feuer ihrer seinen Blicken begegnenden Augen
-sprühte, je reicher und von einer seltsamen Unruhe durchbebt der Tonfall
-ihrer Stimme wurde, je heller ihr Lachen an mein Ohr schlug, mit dem sie
-seine witzigen Einfälle lohnte.
-
-Nicht sie allein war es, die an seinem Triumphwagen zog. Auch alle anderen
-anwesenden Damen schienen völlig berauscht von der hinreißenden Macht
-seiner Persönlichkeit. Sie verfolgten ihn mit brennenden Blicken, während
-er, wie ein schillernder Schmetterling von Blume zu Blume flattert, von
-der einen zur anderen unermüdlich und unermüdend die ewige Lüge seines
-verlockenden Lächelns, seines verstohlenen und doch so vielsagenden
-Augenspieles, seiner leise geflüsterten Huldigungen trug.
-
-Als es Abend wurde und die Wärme des heiteren Frühlingstages der
-nächtlichen Kühle wich, wurde ein Tänzchen arrangirt, wobei Theodor
-natürlich wieder neue Gelegenheit fand, als der anerkannt beste und
-eleganteste Tänzer alle übrigen Herren in den Hintergrund zu drängen,
-gleichwie das Licht der Sterne vor dem siegreichen Glanz der Sonne
-erbleichen muß.
-
-Mit einer anderen Dame plaudernd, stand ich neben Margarethe, als Theodor
-an sie herantrat, um sie um die letzte Quadrille zu bitten.
-
-»Bedauere, ich bin schon engagirt,« sagte sie freundlich, indem sie mit
-dem Fächer auf mich wies.
-
-»O, wie schade!« säuselte Theodor. Dann fügte er, sein schönes Haupt
-gegen sie gebeugt, ein paar leise Worte hinzu, die ich nicht verstand
-und die von Margarethe ebenso leise beantwortet wurden, während eine
-flüchtige Röthe über ihre zarten Wangen glitt.
-
-Gleich darauf wurde eine Schnellpolka gespielt und Margarethe flog an
-Theodor's Arm durch den Saal dahin.
-
-Nachdem auch ich einige Touren getanzt, schlängelte ich mich wieder in
-Margarethens Nähe, die soeben mit blitzenden Augen und hochwogendem Busen
-sich auf ein kleines Ecksofa niedergleiten ließ, während Theodor vor
-ihr stehend, ihr mit dem Fächer Kühlung zuwehte. Ich war mir dessen
-vollbewußt, eigentlich eine lächerliche Rolle zu spielen, wenn ich mich
-stets, wenn auch für Andere so unauffällig wie möglich, in Margarethens
-Nähe drängte. Aber der Groll über des Unwiderstehlichen -- des
-Unausstehlichen, wie ich ihn meinem Inneren nannte -- neue Triumphe packte
-mich so mächtig, daß ich dem Drange, den Aufpasser zu machen, selbst auf
-die Gefahr hin, abgeschmackt zu scheinen, nicht zu widerstehen vermochte.
-
-Diesmal aber schien es sich nicht zu lohnen, den Lauscherposten zu
-beziehen, denn Beide plauderten ganz harmlos über einen Pavillon, den
-Arthur in dem bis an den Garten sich hinziehenden Walde hatte bauen lassen.
-
-»Es ist mein Lieblingsplätzchen,« erzählte Margarethe, »wo ich
-mit einer Arbeit, oder einem Buche manche Stunde verbringe. Der dichte
-Nadelwald, die kleine Anhöhe, von welcher aus sich ein weiter Blick über
-das Thal öffnet, bieten einen reizenden Aufenthalt. Um mir denselben
-bequemer zu machen, überraschte mich Arthur mit dem Lusthäuschen.«
-
-»Wie tollkühn, so allein viele Stunden im Walde zuzubringen,« fiel
-Theodor ein.
-
-»Durchaus nicht allein,« erwiderte Margarethe. »Mein Pluto begleitet
-mich stets auf meinen Wegen. Und er ist ein gar wackerer und treuer
-Beschützer.«
-
-»Und trauen Sie Ihrem Pluto eine so famose Witterung zu,« mischte jetzt
-ich mich in das Gespräch, »daß er vermöge seiner feinen Nase jede
-Gefahr erkennt, die Ihnen von unvermutheter Seite droht?«
-
-Theodor warf mir einen erzürnten Blick zu, der mich einschüchtern und mir
-Schweigen gebieten zu wollen schien. Margarethe aber erwiderte mit feinem
-Lächeln:
-
-»Pluto und ich wir ergänzen einander vortrefflich. Wo sein
-Witterungsvermögen aufhört, da beginnt das meine.«
-
-»Wäre es aber nicht klüger, das Schicksal nicht durch allzu große
-Kühnheit herauszufordern?« fragte ich, meine verblümten Warnungen mit
-ungeschickter Hartnäckigkeit fortsetzend.
-
-Da lachte Margarethe, und Calderon citirend erwiderte sie:
-
-»Wer Gefahren ängstlich flieht, der stürzt sich in Gefahr.«
-
-Theodor aber gab mir den Rath, um Pluto's feine Spürnase zu erproben,
-mich als Vagabund verkleidet bei seiner Herrin in der Waldeinsamkeit
-anzuschleichen. »Da würdest Du erfahren, ob er Freund und Feind zu
-unterscheiden vermag,« schloß er spöttisch. »Und Pluto's Zähne würden
-Deine Wißbegierde befriedigen.«
-
-Nun wurde ich wieder böse und mit scharfem Tone entgegnete ich, daß
-börsengierige Strolche nicht die schlimmsten Feinde seien. Die scheinbare
-Freundschaft mancher Leute sei weit gefährlicher als offenkundige
-Feindschaft, gegen die man sich wappnen könne.
-
-»Natürlich! Der berüchtigte Wolf im Schafspelz ist ein gar böses
-Thier!« rief Theodor lachend. »Eine höchst interessante Entdeckung, nur
-nicht ganz neu.«
-
-Ich hatte mich abgewendet und im Weggehen hörte ich noch Beide lachen.
-Ich fühlte mich gekränkt, nicht nur von Theodor, auch von Margarethe, die
-sich an seinen Witzen über mich belustigte. Am liebsten hätte ich mein
-Engagement mit ihr zur Quadrille Theodor abgetreten. Da dies aber doch
-nicht anging, fand ich mich, als das Zeichen zur Quadrille gegeben wurde,
-pflichtschuldigst bei Margarethe ein.
-
-Als ich mich ihr näherte, stand ihr Gatte neben ihr. Sie sprachen eifrig
-und lächelnd miteinander und ganz deutlich schien es mir, Theodor's Namen
-aus Margarethens Munde zu hören. Welche Arglist! Sie spottete wohl mit
-Arthur über ihn, um diesen in Sicherheit zu wiegen und desto bequemer und
-unbeargwohnt ihre süßen Tändeleien mit ihrem Courmacher fortsetzen zu
-können. Mir ward ganz übel zu Muthe, Margarethe von solcher Seite
-kennen zu lernen, mit so schnöder Hand das ideale Bild, das ich von der
-Lauterkeit ihres Charakters in meiner Seele trug, verwüstet zu sehen.
-
-Doch jetzt wurde die Introduction zur Quadrille intonirt, die Paare
-traten in die Reihe und ich hatte keine Zeit, mich meinen trübseligen
-Betrachtungen hinzugeben. Schweigend verbeugte ich mich vor Margarethe und
-bot ihr meinen Arm.
-
-»Sie machen ja ein Gesicht, als ob Sie bei meinem Begräbnisse wären,
-nicht aber bei einem zur Feier meines Namensfestes veranstalteten
-Tanzkränzchen,« sagte sie, mir treuherzig in die Augen blickend.
-
-Auf diesen Vorwurf nicht vorbereitet, stotterte ich ein paar Worte der
-Erwiderung, deren ich mich nicht mehr erinnere, die aber sicherlich recht
-albern waren, denn Margarethe lachte. Sie verbarg zwar ihre spöttisch
-zuckenden Lippen in dem Blumenstrauße, den sie an ihr Gesicht drückte.
-Ich fühlte es jedoch, daß sie lachte, mich auslachte. Aber ich zürnte
-ihr nicht. Sie war so berückend schön in diesem Augenblicke, die dunklen
-Augen, die über die Blumen hinweg schelmisch auf mich hinüber blitzten,
-das zarte Adlernäschen, dessen feingeschwungene Flügel sich leise hoben
-und senkten, indem sie den Duft der Blumen begierig einsogen, der volle
-und doch schlanke weiße Nacken, der durch das schwarze Spitzengewebe
-der Corsage wie beseelter Marmor schimmerte -- es war ein so entzückend
-liebliches Bild, das sich meinem Auge darbot, daß ich nicht an mich selbst
-zu denken vermochte, sondern nur an sie, die in der ganzen Glorie ihrer
-jugendfrischen Schönheit, auf meinen Arm gestützt, leichtfüßig
-dahinglitt. Ja, nur an sie dachte ich und an den, dem es gelingen sollte,
-vielleicht schon gelungen war, bloß um seiner nimmersatten Eitelkeit zu
-fröhnen, das Herz dieses reizenden Wesens mit den Fallstricken seiner
-auswendig gelernten feurigen Blicke, seiner allerorten wiederholten
-lügenhaften Liebesbetheuerungen zu umgarnen.
-
-»Nun, wollen Sie mir nicht verrathen, was Sie so traurig stimmt?« fragte
-sie, als ich nach dem »Herren-=Eté=« an ihre Seite zurücktrat.
-
-»Warum nicht,« erwiderte ich. »Es ist der Neid, grimmer Neid, der mir
-die Laune verdirbt.«
-
-»O, wie häßlich! Und solches Laster gestehen Sie so ruhig ein?«
-
-»Sie wissen ja, wovon das Herz voll ist --«
-
-Die nächste Figur trennte uns. Dann, beim »=Balancer=«, fragte sie:
-
-»Und darf man wissen, wer der glückliche Unglückliche ist -- denn daß
-es ein Er, steht wohl außer Zweifel -- dessen Los Ihnen so beneidenswerth
-dünkt?«
-
-»Sagt es Ihnen Ihr Herz nicht?«
-
-»Mein Herz schweigt.«
-
-»Nun, so will ich es denn gestehen. Ihr Pluto ist es, den ich beneide.
-Ich beneide ihn um den Vorzug, Sie gegen alle Ihnen drohenden Gefahren
-beschützen zu dürfen.«
-
-»Ach ja, gegen den Wolf im Schafsfell,« lachte Margarethe und warf
-einen raschen Blick auf Theodor, der uns gegenüber tanzte, und, ohne uns
-Beachtung zu schenken, mit seiner Dame eifrig plauderte.
-
-Ich fing den Blick auf und ärgerte mich schon wieder.
-
-»Sehen Sie nur, was die kleine Baronesse Mischi für selige Augen macht,
-der Auszeichnungen des Unwiderstehlichen gewürdigt zu werden,« sagte ich
-boshaft.
-
-Eine neue Figur hinderte Margarethe, mir zu antworten. Dann aber beim
-»=Tour de main=« fragte sie:
-
-»Wie sagten Sie vorhin? -- Der Unwiderstehliche?«
-
-»Allerdings. Wissen Sie nicht, daß Theodor, ob der Legion weiblicher
-Herzen, die ihm nur so entgegenfliegen, unter seinen Intimen der
-Unwiderstehliche genannt wird?«
-
-»Wie komisch!« lächelte sie. »Und doch, wie zutreffend -- der
-Unwiderstehliche! -- Da wir aber gerade von Theodor sprechen -- ich habe
-einen Auftrag meines Mannes an Sie und ihn: Sie Beide zu bitten, unsere
-Landeinsamkeit für einige Tage zu theilen. Sie bleiben doch?«
-
-Ich verbeugte mich, die Einladung annehmend.
-
-Das also war es, was sie vorhin mit ihrem Manne gesprochen, wobei ich
-Theodor's Namen gehört. Sie wollte das Glück des Zusammenseins mit dem
-Geliebten -- denn daß sie ihn liebte, darüber gab ich nun schon gar
-keinem Zweifel mehr Raum -- verlängern, und ich wurde dabei als das
-mindest störende Element -- als Elephant, wie ich grollend mich selbst
-benamste, ins Schlepptau genommen. Aber sie hatten die Rechnung ohne den
-Wirth gemacht, und ich beschloß, durch dieselbe einen dicken Strich zu
-machen. »Pluto, Pluto!« rief es in meinem Inneren, »ich werde Dein
-Verbündeter, wir werden sie beschützen!« Alle meine löblichen
-Erwägungen, daß mich die Sache doch gar nichts angehe, daß ich kein
-Recht hätte, mich in Anderer Herzensangelegenheiten zu mengen, waren
-verflogen wie Spreu im Sturm meiner Entrüstung. »Ja, Margarethe, gegen
-Deinen eigenen Willen werde ich Dich schützen mit diesen Armen, in
-denen Du jetzt ruhst!« sprach ich im Geiste zu ihr, während ich im
-Walzerschritt mit ihr durch den Salon hinraste.
-
-Doch dabei verwickelte ich mich mit einem Fuße in das Kleid einer anderen
-Tänzerin, strauchelte und würde Margarethe um ein Haar mit mir zu Boden
-gerissen haben, hätte nicht Theodor, der, weiß Gott wie, in diesem
-Augenblicke neben uns auftauchte, sie aufgefangen, wobei er mir einen Blick
-zuwarf -- einen Blick so voll lächelnder, fröhlicher Geringschätzung,
-daß ich mich völlig vernichtet fühlte.
-
-Mit einer Empfindung, als wollte ich unter den Boden versinken, stotterte
-ich vor Margarethe meine Entschuldigung. Sie tröstete mich gütig, indem
-sie meinte, solch ein Malheur passire allzu leicht. Ich aber fühlte mich
-vor Margarethe und Theodor schmählich blamirt und dachte im Stillen, ob
-dies etwa eine Vorbedeutung wäre, daß ich mich vor den Beiden auch in
-meinem Rettungswerke blamiren sollte?
-
-Unbemerkt drückte ich mich aus dem Salon, denn ich schämte mich meiner
-Niederlage viel zu sehr, um eine der Damen, die sie ja alle gesehen, noch
-zum Tanze aufzufordern. Ich zog es vor, im Speisezimmer, wo das Buffet
-aufgestellt war, eine Cigarre zu rauchen und das schmerzliche Gefühl
-meiner Demüthigung mit ein paar Gläsern Rheinwein hinabzuspülen.
-
-Zwischen dem Speisezimmer und dem Salon, in dem getanzt wurde, lag ein
-zweiter, etwas kleinerer Salon mit einem Altan nach dem Garten. Die
-Verbindungsthür dieses Gemaches mit dem Tanzsaale war entfernt worden,
-und manches der tanzenden Paare benützte diesen Raum, um seine Touren zu
-verlängern.
-
-Die Nacht war milde; ich trat auf den Balcon, dessen Glasthür offen stand,
-und labte mich an der freien, frischen, vom balsamischen Duft zahlloser
-Rosen und blühender Nachtschatten gewürzten Luft. In stillem, erhabenem
-Frieden lag die schlummernde Natur vor mir ausgebreitet; die Sterne
-glänzten über meinem Haupte, ein leises Wehen flüsterte durch das Laub
-der Bäume, und mir ward zu Muthe, als ob eine weiche, schmeichelnde Hand
-allen Groll, alle Verstimmung, alle Kränkung meiner tiefsten Gefühle,
-welche die Eindrücke des heutigen Tages in meinem Inneren hervorgerufen,
-hinwegstreichelte, und wohlige Ruhe zog in meine Seele. Die Musik, die aus
-dem Saale zu mir herübertönte, das gedämpfte Geräusch der Tanzenden,
-das Schleifen der Schritte, das Murmeln der entfernten Stimmen störte mich
-nicht, es erhöhte noch die Empfindung des stillen, wonnigen Friedens, der
-sich wie ein süßer Traum über mein innerstes Wesen breitete.
-
-Der Laut eines munteren Lachens weckte mich plötzlich aus meinen
-Träumereien. Ich brauchte mich nicht umzusehen, um zu wissen, wer es sei,
-der wenige Schritte vor mir an der offenen Thür stand. Ich kannte dieses
-silberhelle, perlende Lachen. Nur Margarethe lachte so.
-
-Und jetzt ließ sich auch Theodor's schmelzender Bariton vernehmen:
-
-»Nein, noch gebe ich Sie nicht frei! Warum wollen Sie grausam mir die
-köstlichen Minuten kürzen, da ich Sie in meinen Armen halten, Ihr Herz
-an dem meinen pochen fühlen darf! Solchen Augenblick, zu dem ich wie Faust
-spreche: Verweile doch, Du bist so schön!«
-
-»Wunderbar gesprochen!« scherzte Margarethe. »Doch sagen Sie mir
-ehrlich, ist es zählbar, auf wie viel Bällen, wie vielen Damen Sie diese
-Tirade schon wiederholt haben?«
-
-»Es scheint Ihnen Vergnügen zu gewähren, mich zu quälen,« flötete
-Theodor. »Sie müssen doch erkennen, daß es nur widerwillig geschieht,
-wenn ich meine Huldigungen scheinbar Anderen zuwende, daß ich dieses Opfer
-nur zu dem Zwecke bringe, um meine wahren Empfindungen zu verbergen.«
-
-Weiter hörte ich nichts mehr. Die unfreiwillig Belauschten hatten wieder
-in den Saal zurück getanzt.
-
-Bald darauf ging die Gesellschaft auseinander. Einige der Gäste
-kehrten nach ihren benachbarten Landsitzen heim, andere fuhren nach der
-Bahnstation, um nach der Hauptstadt zurückzukehren. Theodor und ich
-begaben uns auf unsere Zimmer.
-
-»Nun, hast Du Dich von Deiner Niederlage schon erholt? Keine Beulen
-davongetragen? Du trägst ja eine Jammermiene zur Schau, als ob Du große
-Schmerzen fühltest?« spottete Theodor, nachdem der uns führende Diener
-sich entfernt hatte.
-
-»Immer noch besser, eine Jammermiene, als die Rolle eines Polichinells,«
-versetzte ich gereizt.
-
-»Ah -- wen meinst Du mit dem Polichinell?« frug Theodor sanft, während
-er sich seiner Handschuhe und Halsbinde entledigte.
-
-»Niemand Anderen als Dich,« antwortete ich, an der offenen Thür meines
-Zimmers stehend.
-
-»Ei wirklich, und warum denn das?«
-
-»Darum, weil ich es für einen Mann lächerlich finde, wie ein kokettes
-Salondämchen keinen anderen Ehrgeiz zu kennen, als den, Eroberungen zu
-machen.«
-
-»So, so! Nun, wenn es Dich lächert, zu sehen, daß die Damen sich mit mir
-lebhafter unterhalten und lieber tanzen als mit Anderen, so will ich Dir
-das Vergnügen nicht wehren, Dich über diesen Anblick zu belustigen.
-Uebrigens kenne ich ein altes Sprichwort: Wer zuletzt lacht und so
-weiter.«
-
-»Wer zuletzt lacht,« wiederholte ich. »Wer dies sein wird, muß sich
-erst zeigen.«
-
-Ich war in mein Zimmer gegangen. Einige Minuten später -- Theodor kroch
-gerade unter die Decke -- trat ich wieder unter die Thür.
-
-»Ich habe mich vorhin schlecht ausgedrückt,« begann ich neuerdings.
-»Nicht nur lächerlich, unrecht finde ich es, seine persönlichen Vorzüge
-dazu auszunützen, zur Befriedigung seiner Eitelkeit den Frieden und das
-Glück der Menschen zu zerstören.«
-
-Theodor erhob sich ein wenig. Den Ellbogen auf das Kopfkissen, das Kinn in
-die hohle Hand gestützt, sah er mich lächelnd an.
-
-»Lieber Freund,« sagte er nach einer kleinen Weile, »Du hast entschieden
-Deinen Beruf verfehlt. Du hättest Mönch werden sollen, um von der Kanzel
-herab gegen die Verderbtheit der Welt zu donnern. Wer sagt Dir denn, daß
-ich dem Frieden und dem Glücke der Menschen Eintrag thue? Man unterhält
-sich, man -- nun, man liebäugelt ein wenig und man trennt sich wieder,
-ohne Gram und Kummer. Und bedenke auch, daß Du selbst es bist, der mich
-dazu herausgefordert hat, in Betreff dieser Frau, um deren Herzensruhe Du
-jetzt so besorgt zu sein scheinst, die Stichhältigkeit Deiner Theorien
-meinen Ueberzeugungen gegenüber auf die Probe zu stellen. Entweder --
-oder. Ein drittes giebt es nicht. Entweder Deine Anschauungen sind die
-richtigen, dann ist ja doch für sie keine Gefahr vorhanden; ihre Treu
-erweist sich als echt, meine Ansichten finden Widerlegung. Oder die
-letzteren bestätigen sich: dann ist das Unglück auch nicht gar so groß.
-Denn die Wahrung einer Treue, die nur ein Werk des Zufalles -- ist wahrlich
-von keinem großen Werthe. Uebrigens verspreche ich Dir, daß ich, wenn es
-mir nicht gelingt, binnen der drei Tage meiner Anwesenheit hier -- denn in
-drei Tagen muß ich wieder zu Hause eintreffen -- von Margarethens holden
-Lippen das Geständniß ihrer Liebe zu hören, die Feuerprobe nicht länger
-fortsetze und mich vor Dir feierlich als besiegt erkläre. Bist Du nun
-zufrieden?«
-
-Ich zögerte nicht, mich einverstanden zu erklären. Theodor's Hoffnungen
-für eitle Vermessenheit haltend, glaubte ich, davon überzeugt sein zu
-dürfen, daß es dem selbstgefälligen Gecken niemals, zum mindesten aber
-nicht binnen einer so kurzen Frist, gelingen werde, Margarethens Herz in
-Banden zu schlagen und ihr ein Liebesgeständniß zu entreißen. Ja, ich
-freute mich im voraus der heilsamen Lection, welche Theodor's Eitelkeit
-zutheil werden, des Widerstandes, der dem »Unwiderstehlichen« doch
-endlich entgegengesetzt werden sollte.
-
-Völlig beruhigt schlief ich ein -- um am anderen Tage, als ich die Beiden
-wieder beisammen sah, dennoch wieder von neuen Zweifeln gequält zu werden.
-Es schien mir, als sähe ich aus den zwischen ihnen verstohlen getauschten
-Blicken zarte Fäden sich hin und wieder spinnen, die sich zu einem dichten
-Netze verschlangen. Kein Wort wurde, wenigstens in meinem Beisein -- und
-ich verließ sie selten -- von ihnen gewechselt, das nicht auch zu jedem
-Anderen gesprochen werden könnte, und dennoch glaubte ich aus dem
-Klange der Stimme, womit alles gesagt wurde, einen ganz besonderen Ton
-herauszuhören, einen Ton, der beileibe nicht derselbe war, als wenn sie
-ihre Rede an Andere richteten, und der meine peinvolle Sorge von Stunde
-zu Stunde steigerte. Ich versuchte es wohl, mich mit dem Gedanken zu
-beruhigen, es sei unmöglich, daß Margarethen an der Seite eines von ihr
-geliebten Gatten, der -- in meinen Augen wenigstens -- weit liebenswerthere
-Herzens- und Geisteseigenschaften besaß als Theodor, dessen
-Verführungskünste sollten gefährlich werden. Dann aber fiel mir wieder
-ein, welch große Macht dem Reiz des Wechsels gegeben sei. Es gehört
-zu den schmerzlichsten Geheimnissen der Liebe, wie es manchen Menschen
-möglich ist, in der Vereinigung mit den ausgezeichnetsten Wesen, welchen
-sich ihr Herz in tiefster Neigung erschlossen hatte -- bloß durch den Reiz
-der Abwechslung verlockt -- sich wieder einem Anderen zuzuwenden.
-Sonst wäre es nicht möglich, daß, wie so viele Beispiele zeigen, die
-liebenswürdigsten, edelsten Männer und Frauen oftmals um der schalsten
-Persönlichkeiten willen, die den Vergleich mit jenen in keiner Weise
-auszuhalten vermögen, betrogen werden.
-
-So von den widersprechendsten Gefühlen hin und her bewegt, bald von
-heiterer Zuversicht gehoben, bald gedrückt von quälender Sorge,
-verbrachte ich die nächsten beiden Tage in denkbar unbehaglichster
-Gemüthsstimmung. Unsere Gastfreunde boten alles auf, um uns Vergnügungen
-zu bereiten. Ausflüge zu Fuß und zu Wagen, Kahnfahrten auf dem nahen
-Flusse, Pistolenschießen, Musik oder ein Spielchen des Abends, dazu bei
-den von heiterster Laune der Theilnehmer gewürzten Mahlzeiten das Beste,
-was Küche und Keller zu bieten vermögen -- ein solches Leben hätte das
-Gemüth des düstersten Griesgrams aufheitern müssen. Ich aber konnte
-nicht froh werden. Auf jedes Wort, jeden Blick, auf jede Miene und Bewegung
-Margarethens und Theodor's lauernd, war mir alle Freude verdorben. Am
-meisten mußte ich mich über Arthur ärgern. War er denn mit Blindheit
-geschlagen, daß er es nicht wahrnahm, mit welch verwegener Unverfrorenheit
-Theodor seiner Frau den Hof machte und mit welcher Befriedigung sie es
-sich gefallen ließ? So gut wie ich mußte doch auch er es bemerken,
-wie Theodor's Hand jene Margarethens drückte, wenn er ihr beim
-Scheibenschießen die für sie geladene Pistole reichte; wie sein Arm
-ihre Schultern streifte, wenn er die Fröstelnde in den wärmenden Shawl
-einhüllte; wie sein Knie das ihrige berührte, wenn er ihr gegenüber
-im Wagen saß, und welche Blicke sie tauschten, wenn sie sich unbeachtet
-wähnten.
-
-Aber Arthur schien von allem nichts zu sehen. Ja, manchmal däuchte es mir
-geradezu, als ob seine stets frohgemuthe Laune um so fröhlicher würde, je
-kühner Theodor's seiner Frau dargebrachten Huldigungen sich äußerten.
-
-In völlige Verblüffung versetzte es mich, als unser Wirth am Abend des
-zweiten Tages uns mittheilte, daß er eines Brandes wegen, durch den
-eine zu seiner Besitzung gehörende Sägemühle zerstört worden, behufs
-Besichtigung des Schadens und zu treffender Anordnungen hinsichtlich des
-Neubaues, sich am folgenden Morgen an Ort und Stelle begeben und nicht vor
-Abend zurückkehren werde.
-
-Das fehlte gerade noch, die Beiden einen ganzen Tag allein zu lassen --
-denn meiner unbequemen Nähe würden sie sich, wenn es ihnen so genehm,
-wohl zu entziehen wissen.
-
-Ich versuchte es, Arthur zu einem Aufschub seiner geschäftlichen Excursion
-zu bestimmen. Ich bat ihn, dieselbe am zweitnächsten Tage anzutreten, an
-welchem Theodor und ich nach der Hauptstadt zurückkehren würden. Arthur
-meinte aber, daß dies gerade der Grund sei, warum er die Ordnung dieser
-Angelegenheit nicht verzögern wolle, denn so lange wir hier seien, wisse
-er, daß seine Margarethe sich nicht langweilen würde, und trotz meiner
-verschiedensten Einwendungen blieb er bei seinem Entschlusse.
-
-Theodor strahlte und auch in Margarethens Augen blitzte ein
-Freudenschimmer, der mich fast rasend machte vor Grimm, und ich
-beschloß, meine letzte Karte auszuspielen, um Arthur von seinem Vorhaben
-zurückzuhalten.
-
-Nach dem Thee, während Margarethe uns einige Lieder sang, zu welchen
-sie Theodor, wie gewöhnlich auf dem Clavier begleitete, brach ich die
-Gelegenheit vom Zaune, um meinem Freunde, mit Ausnahme des auf Margarethe
-bezüglichen Details, mein ganzes mit Theodor während der Bahnfahrt
-geführtes Gespräch zu erzählen. Mit wahrer Wonne verbreitete ich mich
-über die eines Don Juan's würdigen Anschauungen des »Unwiderstehlichen«
-über Liebe und Treue und entblödete mich nicht, auch seines, wie
-er behauptete, aus seinen intimen Erfahrungen geschöpften Wahl- und
-Wahrspruches: =Veni, vidi, vici!= Erwähnung zu thun. Wer beschreibt
-jedoch meine Fassungslosigkeit, als ich sah, daß auch dieses Mittel nicht
-verfing!
-
-Mit ruhigem Lächeln hörte Arthur mir zu, und als ich schwieg, sagte er
-ganz unbefangen:
-
-»Ja, ja, ich kenne das. Solche Ansichten sind bei den Männern gang und
-gäbe, namentlich bei den Junggesellen.«
-
-Ich war wie vor den Kopf geschlagen und starrte ihn an, als hätte er
-plötzlich angefangen, chaldäisch zu sprechen. Auch muß ich in meinem
-grenzenlosen Staunen ein etwas dummes Gesicht gemacht haben, denn er lachte
-geradezu, als er mich ansah. Ich wurde so erbittert über ihn, daß ich ihm
-sicherlich etwas Grobes gesagt hätte, wenn nicht in diesem Augenblicke
-ein von Margarethe vorgetragenes Gounod'sches Lied beendigt und sie zu uns
-herangetreten wäre, wodurch unser Gespräch abgeschnitten war.
-
-So zwang ich mich denn, gegen Margarethe gewendet, zu ein paar artigen
-Floskeln über ihren Gesang -- von dem ich diesmal freilich wenig gehört
-hatte -- während ich innerlich Arthur mit Molière apostrophirte: =Tu
-l'as voulu, George Dandin!= Am anderen Morgen, als Arthur, seinem Vorhaben
-gemäß, fort fuhr, stand Margarethe, so zeitlich früh es auch war, am
-Wagen, um ihm Adieu zu sagen. Am offenen Fenster stehend, sah ich, wie sie
-sich zärtlich umarmten und küßten und hörte Margarethe sagen:
-
-»Also pünktlich, Arthur, keine Verspätung!«
-
-»Pünktlich, wie eine Sonnenuhr!« rief er zurück, während er lachend in
-den Wagen sprang.
-
-Ich aber dachte: »Sei Du nur pünktlich, mein Lieber, so pünktlich
-kannst Du doch nicht sein, um Deinem Unheil zuvorzukommen, dem Du kopfüber
-entgegen rennst!«
-
-Der Vormittag verging wie die anderen, ohne daß etwas Besonderes vorfiel.
-Nur glaubte ich an Theodor sowohl wie an Margarethe eine gewisse nervöse
-Unruhe zu bemerken, als ob sie irgend etwas mit Spannung erwarteten.
-
-Bei Tische -- das Dessert war eben aufgetragen worden -- griff Theodor nach
-seinem mit edlem Wein gefüllten Glase und es emporhaltend, sprach er zu
-Margarethe gewendet:
-
-»Es verstößt zwar gegen die gute Lebensart, sich selbst zum
-Hauptgegenstande des Gespräches zu machen. Dennoch kann ich es mir nicht
-versagen, zu bemerken, daß ich heute mein Geburtsfest feiere. Gestatten
-Sie mir, gnädige Frau, mein Glas auf Ihr Wohl zu leeren, indem ich Ihrer
-Güte und Ihrer liebenswürdigen Einladung, in Ihrem Hause zu weilen, es
-danke, daß der heutige sich zu dem schönsten und reizvollsten Geburtstag
-meines Lebens gestaltet.«
-
-Margarethe schlug sich in die Hände.
-
-»Ihr Geburtstag ist heute!« rief sie heiter. »Das trifft sich ja
-köstlich! Schade, daß Sie es nicht früher gesagt, dann hätten wir
-ein kleines Fest veranstaltet. Never mind, noch ist es ja nicht zu spät
-dazu.«
-
-Ein schelmisches Lächeln flog über ihr Gesicht. Sie erhob ihr Glas und
-die Becher klangen aneinander.
-
-Mich aber faßte es wie ein Taumel. Indem ich mit dem Rande meines Glases
-dasjenige Margarethens berührte, rief ich lustig:
-
-»Evviva, Theodor! Ein Hoch dem Unwiderstehlichen und seiner Siegesbahn!«
-
-Theodor blickte mich betroffen an. Margarethe lachte.
-
-»Das gilt nicht,« rief sie. »Darauf stoße ich nicht an.«
-
-»Mein Freund hat sich falsch ausgedrückt,« fiel Theodor ein. »Manche
-Spötter geben mir allerdings diesen Namen. Dies beruht jedoch auf einer
-Verwechslung der Begriffe. Kein einzelner Mensch ist unwiderstehlich, nur
-die siegreiche Allmacht der Liebe ist es. Wollen Sie auf die Macht der
-Liebe trinken, gnädige Frau?«
-
-Während Theodor sprach, hatte Margarethe den Blick gesenkt. Jetzt sah sie
-wieder auf.
-
-»Es lebe die Liebe!« sagte sie.
-
-Nochmals erklangen die Gläser und Theodor's und Margarethens Blicke
-begegneten sich in stummer und doch beredter Sprache.
-
-Nach Tische zog Margarethe sich für kurze Zeit zurück, um, wie sie
-mir zuflüsterte, für Theodor's Geburtstag eine kleine Ueberraschung
-vorzubereiten.
-
-»Du wolltest mir mit Deinem Toast eine kleine Grube graben,« sagte
-Theodor, als Margarethe uns verlassen hatte. »Ich fürchte jedoch, daß
-sich wieder einmal das Sprichwort von solchem Gebaren bewähren werde.
-Nicht ich werde es sein, der hineinstürzt. Deine Theorien werden mit einem
-großen Plumps hineinfallen.«
-
-»Morgen geht die Frist zu Ende,« versetzte ich.
-
-»Allerdings. Aber zweifelst Du wirklich noch daran, daß meine
-Anschauungen Recht erhalten werden?«
-
-Ich zuckte mit den Achseln und gab keine Antwort.
-
-Eine halbe Stunde später vereinigten wir uns im kühlen Billardzimmer zu
-einer kleinen Partie, denn noch war es zu heiß, um ins Freie zu gehen.
-Später sollte eine Kahnfahrt und nach derselben ein Spaziergang in
-den Wald unternommen werden. Margarethe wollte uns zu dem an ihrem
-Lieblingsplätzchen erbauten Pavillon führen, den sie uns noch nicht
-gezeigt hatte.
-
-Alles verlief ganz programmgemäß. Aber während ich ruderte, bemerkte ich
-wiederholt, wie Theodor, der am Steuer saß, mit Margarethen leise
-Worte tauschte. Auch schien es mir, daß sich die von mir schon früher
-wahrgenommene erregte Spannung ihres Wesens sichtlich steigerte.
-
-Schon neigte sich die Sonne ihrem Untergange zu, ihre schräg auffallenden
-Strahlen glitzerten und glänzten auf den Wellen wie flüssiges Gold. Die
-Abendkühle senkte sich erfrischend hernieder.
-
-An einer buchtähnlichen Biegung des Flusses, an dessen Ufer eine Bank
-stand, landeten wir, um von dort aus den Weg durch den Forst nach
-dem Pavillon einzuschlagen. Wir hatten jedoch erst einige Schritte
-zurückgelegt, als Margarethe erklärte, vorher noch nach Hause gehen zu
-wollen, um sich einen Shawl zu holen. Der Abend sei plötzlich so kühl
-geworden.
-
-Theodor meinte jedoch, wir sollten vorangehen, er würde nach Hause eilen,
-um das Gewünschte zu bringen.
-
-Er setzte sich in Schnellschritt -- doch nur, um nach zwei Minuten einen
-kleinen Schrei auszustoßen und, indem er hinkend zu uns zurückkehrte, die
-Erklärung abzugeben, er sei gestrauchelt, habe sich den Fuß verletzt und
-bäte daher mich, die Mission zu übernehmen, da er unmöglich so rasch
-zu gehen vermöchte. Sie Beide würden hier auf der Bank meine Rückkehr
-abwarten.
-
-Ich verstand -- und vermochte es nicht, ein spöttisches Lächeln zu
-unterdrücken. Fragend blickte ich auf Margarethe, doch als sie mit
-freundlicher Bitte sich Theodor's Anordnung anschloß, sah ich, daß es ihr
-Wunsch sei, daß ich sie verlasse, und begab mich auf den Weg.
-
-»Das also haben sie mitsammen abgekartet, als ich sie flüstern sah,«
-dachte ich, während ich beinahe laufend dem Hause zustürmte. Dort ließ
-ich mir von einem Diener irgend einen Shawl Margarethens geben und kehrte
-wieder zurück. Etwa zwanzig Minuten mochten verflossen sein, so war ich
-wieder zur Stelle. Doch die Bank war leer. Weder von Margarethe noch von
-Theodor eine Spur.
-
-Ich rief, aber keine Antwort tönte zurück.
-
-Da lachte ich laut auf -- doch that mir dieses Lachen so wehe, als ob ich
-weinte.
-
-Dann überlegte ich, was ich thun sollte. Hier warten? -- Wozu! Hierher
-kamen sie gewiß nicht mehr. Nach Hause zurückkehren, allein? -- Damit
-riskirte ich, Margarethe zu compromittiren, deren Escapade mit Theodor
-dadurch bekannt wurde. Den Beiden auf dem Wege nach dem Pavillon folgen? --
-Das war unmöglich, denn ich kannte den Weg nicht, der eine Steinwurfweite
-von der Bank entfernt sich in drei verschiedenen Richtungen nach dem Walde
-hin trennte. Also was thun --?
-
-Plötzlich schoß mit ein Gedanke durch den Kopf. Spornstreichs eilte ich
-wieder zur Villa zurück und rief Pluto heran, Margarethens prächtige
-dänische Dogge, deren specielle Freundschaft ich mir bereits erworben
-hatte und die mir ohne Widerstreben folgte. Zum viertenmale legte ich,
-jetzt von Pluto begleitet, den Weg zur Bank am Flußufer zurück. Dort
-angelangt, rief ich dem Hunde zu:
-
-»Such' die Frau, such' Deine Herrin, Pluto! Such', such'!« und ich hielt
-ihm Margarethens Tuch an die Nase, auf daß er besser verstehe, wen er
-suchen sollte. Und das kluge, schöne Thier verstand mich vortrefflich.
-
-Erst hob es den Kopf empor und schnupperte in die Lüfte, dann den Weg
-entlang. Und ein leises, kurzes Gebell anschlagend, sprang es in weiten
-Sätzen auf einem der sich kreuzenden Fußpfade dem Walde zu.
-
-»Langsam, Pluto, langsam!« rief ich ihm zu, da ich ihm kaum zu folgen
-vermochte.
-
-Der Hund mäßigte seinen Lauf und nun ging es, von ihm geleitet, in den
-Wald hinein.
-
-Es dämmerte bereits und im Forste lag schon tiefes Dunkel. Mit den Füßen
-über Wurzeln stolpernd, mit dem Kopfe an Bäume stoßend, das Gesicht
-gepeitscht von den niederhängenden Zweigen, folgte ich im Laufschritte
-meinem wackeren Führer.
-
-Plötzlich sah ich eine Lichtung vor mir und in demselben Augenblicke
-hörte ich Pluto, der mir in den letzten Minuten vorangeeilt war, laut und
-freudig aufbellen. Dann ließ sich Margarethens Stimme vernehmen:
-
-»Pluto, Du hier! Wie kommst Du hierher, mein Braver?«
-
-Und darauf Theodor:
-
-»Er wird aus dem Garten entkommen und Ihrer Spur gefolgt sein.«
-
-Da waren sie also! -- Tief aufathmend blieb ich stehen. In diesem Zustande,
-athemlos, keines Wortes mächtig, mit zerzaustem Haar, die Kleider in
-Unordnung vom wilden Lauf, konnte ich unmöglich vor die Beiden hintreten.
-Was würden sie von mir denken! Auch mußte ich mich erst besinnen, was ich
-ihnen zur Erklärung meiner seltsamen Parforcejagd sagen wollte.
-
-Behutsam, um meine Nähe durch kein Geräusch zu verrathen, drang ich bis
-an den Saum des Waldes vor. Nur der dämmernde Lichtschein, der von dort in
-das Dickicht fiel, leitete mich jetzt. Denn die Stimmen der Gesuchten waren
-verstummt. Am Rande der Lichtung, vom tiefen Schatten der Bäume gedeckt,
-hielt ich nochmals inne. Und jetzt erblickte ich die Beiden.
-
-Inmitten der kleinen Waldwiese, nahe dem im Stile eines
-Miniaturschweizerhäuschens gebauten Pavillon, stand Margarethe, das Haupt
-zu Theodor herabgeneigt, der vor ihr auf den Knien lag --
-
-Und mit bebender Stimme sprach er:
-
-»Zürne mir nicht, Margarethe, daß ich es wage, Dir das Geheimniß meines
-Herzens zu entdecken. Ich liebe Dich, liebe Dich unsäglich!«
-
-Margarethe trat einen Schritt zurück.
-
-»Wie unvorsichtig!« flüsterte sie hastig. »Wissen Sie denn nicht, daß
-nicht nur Wände, zuweilen auch die Bäume Ohren haben? -- So stehen Sie
-doch auf!«
-
-Theodor erhob sich. Und die Hand nach dem Pavillon ausstreckend, bat er:
-
-»Margarethe --?!«
-
-Die Thür öffnete sich und Beide verschwanden im Inneren des Häuschens.
-
-In einer Secunde stürmte blitzartig eine Fluth von Gedanken und Gefühlen
-durch mein Inneres.
-
-Ein Schmerz durchzuckte mich, wie er heftiger nicht hätte sein können,
-wäre ich Margarethens Gatte oder Bruder gewesen. Einen Augenblick fühlte
-ich mich versucht, ihnen nachzustürzen und Theodor zu Boden zu schlagen.
-Aber hatte ich etwa ein Recht dazu? Wahrlich nicht! Dann ergriff mich
-Scham, als ob ich es wäre, der einen Frevel begangen, und eine wilde
-Qual, meinen Glauben an Tugend, an die Unwandelbarkeit treuer Liebe so
-schmählich und auf so lächerliche Weise zerstört zu sehen. Und
-alle diese Gedanken und Empfindungen waren in wenigen Augenblicken
-zusammengedrängt, denn als ich mich wieder zusammenraffte, fiel hinter den
-Beiden erst die Thür ins Schloß.
-
-Doch was war dies? -- In dem Häuschen blitzte plötzlich ein Lichtschein
-auf und ein schwacher Schrei ertönte.
-
-Ich schritt vorwärts, und durch ein Fenster in den Pavillon spähend, bot
-sich mir der überraschendste Anblick.
-
-In der mir gegenüber liegenden Fensteröffnung las ich die durch ein
-glänzendes Transparent gebildeten Worte:
-
-»=Veni, vidi -- non vici.=«
-
-Und nun wurde es hell im Pavillon. Unter Margarethens Händen flammte eine
-Lampe auf. Und ich sah auf einem Tischchen allerlei kostbare Gegenstände
-zierlich geordnet: einen eleganten Briefbeschwerer, eine prachtvolle
-türkische Pfeife, ein Cigarrenetui und noch manches andere, dessen ich
-mich nicht mehr entsinne.
-
-Neben dem Tischchen aber stand Margarethe -- an Arthur's Schulter gelehnt
-und Beide blickten lächelnd auf Theodor, der starr wie eine Bildsäule an
-der Thür stand.
-
-Jetzt trat Margarethe auf ihn zu.
-
-»Hab' ich mein Wort gehalten?« fragte sie. »Ich sagte doch, Ihr
-Geburtstag treffe sich köstlich. Schade, daß unser Freund, den wir
-so schmählich im Stiche gelassen, nicht anwesend ist, sich auch an der
-Ueberraschung zu laben.«
-
-»Ihr Wunsch ist erfüllt, gnädige Frau,« fiel ich ein, lachend durch
-die Thür tretend. »Freund Pluto hat mich hierher geführt.« Und gegen
-Theodor gewendet, flüsterte ich: »Wer zuletzt lacht --«
-
-Theodor hatte endlich seine Fassung wieder gewonnen und mit der Gewandtheit
-des Weltmannes gute Miene zum bösen Spiele machend, dankte er mit
-erzwungener Heiterkeit für die allerliebsten Geburtstagsgeschenke und --
-leise zu Margarethe -- für die heilsame Lehre.
-
-Ob diese Radicalcur ihn von dem Wahne seiner Unwiderstehlichkeit und von
-jenem, daß es keine echte Treue gebe, gründlich geheilt hat? -- Ich
-weiß es nicht. Mir gegenüber vermeidet er es ängstlich, auf dieses Thema
-zurückzukommen.
-
-
-
-
-Schwer geprüft.
-
-
-Der Wanderer, der von dem in den südwestlichen Ausläufern der Allgäuer
-Alpen, inmitten eines üppigen Tannen- und Eichenwaldes malerisch gelegenen
-und durch seine heilkräftigen Mineralquellen auch als Curort bekannten
-Weiler Adelholzen gegen das etwa eine halbe deutsche Meile davon entfernte,
-knapp an die östlichen Ufer des freundlichen Chiemsees geschmiegte
-Dörfchen Uebersee hinabsteigt, kommt, wo der Weg aus dem Walde hervortritt
-und sich tiefer gegen die Thalebene senkt, an einem massiven Eisengitter
-vorüber, das einen schattigen Garten gegen die daran vorbeiführende
-Bergstraße abschließt. Wer in der Schwüle eines heißen Sommertages
-hier vorüberschreitet, mag wohl einen Augenblick stillstehen, um durch die
-Eisenstäbe des Gitters einen begehrlichen Blick auf dieses reizende Heim
-zu werfen, welches das zwischen dem dunklen Grün der Bäume und über
-den bunten Flor eines mächtigen, den ganzen Vorplatz des Gebäudes
-einnehmenden Rosenrondeaus hell und heiter hervorblickende Landhaus seinen
-Bewohnern bieten mag.
-
-Auch heute sandte die Augustsonne ihre gluttragenden Strahlen versengend
-heiß von dem wolkenlosen, durchsichtig klaren Himmel in das Thal
-hernieder. Aber hier, in dem an breitästigen dichtbelaubten Bäumen
-reichen Garten, in welchem aus dem unmittelbar angrenzenden Nadelholzwalde
-die Luft frisch und würzig herabstrich, war die unten im Thalkessel
-drückende Hitze wohlthuend gemildert.
-
-Die Besitzer des anmuthigen Landhauses, Doctor Richard Wilnau -- den man,
-seit eine Krankheit ihn des Augenlichtes beraubt, in der ganzen Umgegend
-nicht anders als schlechtweg den »blinden Doctor« nannte -- und seine
-junge, hübsche Gattin, in der Oeffentlichkeit durch ihre vortrefflichen
-Gemälde, im Kreise der Näherstehenden aber auch durch ihre hohe
-Geistesbildung und persönliche Liebenswürdigkeit bekannt, befanden sich
-plaudernd auf der kühlen Veranda.
-
-Die junge Frau hatte soeben die Lectüre der Tagesblätter beendet, die
-sie nach eingenommenem Mittagsmahle dem Doctor täglich vorzulesen pflegte.
-Aber im Begriffe, zu ihrer Arbeit wiederkehrend, in ihr Atelier sich zu
-begeben, war sie, schon auf der Schwelle, von ihrem Gatten zurückgerufen
-worden.
-
-»Unverbesserlich, ganz unverbesserlich,« sagte der Blinde, indem
-er, heiter lächelnd, sein Haupt an die Rücklehne des Schaukelstuhles
-drückte, in dem er sich behaglich auf und nieder wiegte. »Was wirst Du
-mir für eine Strafe dictiren, Malwinchen, wenn ich bekenne -- und beinahe
-hätte ich gar nicht mehr daran gedacht -- daß ich Dein strictes Gebot,
-zum Mittags- oder Abendtische niemand einzuladen, ohne Dich vorher hiervon
-zu verständigen, abermals freventlich übertreten habe?«
-
-»Unerhört!« rief Malwine lachend. »Gestern erst gelobst Du reuig
-Besserung -- heute sündigst Du aufs neue. -- Und wer ist es denn, dessen
-anziehende Gesellschaft Dich zu so schnödem Wortbruche verführt?«
-
-»Rathe nur!«
-
-»Natürlich, der dicke Major, der sein tausend und erstes Jagdabenteuer
-noch nicht oft genug zum Besten gegeben.«
-
-»Fehlgeschossen!«
-
-»Dann ist es der Badearzt, von dem Du Berichte interessanter
-Krankheitsfälle erwartest.«
-
-»Keineswegs!«
-
-»Also vielleicht Baronin X., von der Du kürzlich sagtest, daß niemand
-Dich zur Violine so gut auf dem Klavier zu accompagniren verstände als
-sie?«
-
-»Ebenfalls nicht. Doch ich sehe schon, Du erräthst es ja nicht. Wie
-solltest Du auch?«
-
-»Nun denn?«
-
-»Universitätsprofessor -- ja, mein Gott, wie hieß er denn nur gleich?
-Professor --«
-
-»Du weißt den Namen desjenigen nicht, den Du eingeladen?« lachte
-Malwine.
-
-»Doch, doch, er wird mir gleich in den Sinn kommen. Heute Vormittag,
-während Deiner Abwesenheit, wurde ich durch den Besuch dieses Herrn
-überrascht, der allerdings nicht so sehr mir, als vielmehr Dir galt. Er
-erzählte, er sei ein Jugendfreund Deiner Familie und Schulcollege Deines
-verstorbenen Bruders gewesen, aber seit vielen Jahren -- Du warst damals
-noch nahezu ein Kind -- habe er Dich nicht gesehen. Jetzt befindet er sich
-auf seiner Ferienreise, und da er zufällig von Deinem Aufenthalte
-hier gehört, wollte er die Gelegenheit nicht ungenützt lassen, Dich
-aufzusuchen. Ja, nun fällt mir auch schon sein Name ein. Halt -- Hellwig
-nannte er sich!«
-
-»Hellwig!« wiederholte Malwine, während ihr erbleichendes Antlitz
-Schrecken, Freude und Schmerz in raschem Wechsel wiederspiegelte.
-
-Der Doctor plauderte weiter, berichtete, was der Gast von seiner Reise in
-diesem schönen Alpengebiete, das er jetzt zum erstenmal betrete, erzählt,
-und schilderte, mit welch freudiger Bewunderung er von Malwinens Bildern
-gesprochen, die er in mehreren Kunstausstellungen gesehen.
-
-Aber seine Frau hörte von all dem nichts. Der eben vernommene Name
-schwirrte ihr im Ohre, so laut, daß er die Stimme ihres blinden Gatten
-weit übertönte.
-
-Wenige Stunden später sprang Malwine ungeduldig von ihrem Sitze vor der
-Staffelei empor, Pinsel und Palette mißmuthig in eine Ecke schleudernd.
-Sie grollte mit sich selbst, denn trotz aller Anstrengung vermochte sie
-nicht zu arbeiten. Ihre Hand zitterte, unklar sah ihr Auge und unablässig
-irrten ihre Gedanken von dem seiner Vollendung harrenden Gemälde fort,
-weit fort nach ihrer Kindheit trautem Heim. Sie sah sich selbst als
-glückliches Kind, als aufblühendes Mädchen, dessen übersprudelnder
-Frohsinn selbst von des stets kränkelnden Vaters Stirn die trüben
-Schatten hinwegzuscherzen wußte. Sie schaute an ihrer Seite die stille,
-ernste, unvergeßlich theuere Frau, deren sanfte Hand und wachsames Auge
-mit jener treuen Fürsorge, die nur Mutterliebe zu üben im Stande ist,
-ihre Erziehung leitete. Sie erinnerte sich ihrer Professoren, besonders
-des grämlichen Zeichnenlehrers, der für seine Schüler selten ein
-freundliches Wort hatte, für sie aber die sonst stereotype unwirsche Miene
-zumeist ablegte, und die eine oder andere ihrer Zeichnungen ihren
-Eltern vorweisend, mit geheimnißvollem Lächeln und bedeutungsvollem
-Kopfschütteln bemerkte: »In dem Kinde steckt etwas.«
-
-Sie gedachte ihres frühverstorbenen Bruders, und neben ihm tauchte die
-Gestalt eines anderen frischen munteren Knaben immer deutlicher in ihrer
-Erinnerung auf, des Jugendfreundes, der als Dritter im Bunde alle kleinen
-Leiden und Freuden der Geschwister getheilt. Sie hatte ihn einst geliebt.
-Mit ahnungsloser, schwesterlicher Neigung zuerst und dann mit der ganzen
-Glut des erwachenden Mädchenherzens. Als sie es aber wahrnahm, oder doch
-wahrzunehmen glaubte, daß sie seine Gegenliebe nicht besaß, daß er in
-ihr nichts sah als die Gefährtin aus der Kindheit, da hatte sie stolz und
-trotzig ihre thörichte, hoffungslose Liebe bezwungen, dem rebellischen
-Wünschen und Sehnen Schweigen geboten.
-
-So waren Jahre hinüber gegangen. Sie hatte nichts mehr von ihm gehört und
-kaum mehr seiner gedacht. Da lernte Doctor Wilnau sie kennen und warb um
-ihre Hand. Wohl war es nicht jene tiefe, heiße Leidenschaft, die ihr Herz
-zu seinem Herzen zwang, von welcher die Dichter singen und sagen, daß sie
-nur einmal entflamme die Menschenseele und dann nie, niemals wieder, aber
-sie war dem trefflichen Manne in inniger Freundschaft geneigt, der süße
-Zauber des Bewußtseins, geliebt zu sein, that das Uebrige, und so ward
-sie seine Frau. Sie hatte es nie bereut. Jetzt aber beschlich sie leise ein
-seltsames Gefühl -- sie wußte es selbst nicht gleich zu deuten -- wie ein
-heimliches Bedauern, nicht frei zu sein. Sie strich sich mit der Hand über
-die Stirn, als wollte sie die Gedanken wegwischen, die da drinnen gegen
-ihren Willen sich regten.
-
-Plötzlich aber trat sie an einen Schrank, in dem sie einen Theil ihrer
-Arbeiten aufzubewahren pflegte. Sie wählte lange in der Menge der hier
-aufgestapelten Skizzen, Studienblätter, Kreide- und Federzeichnungen, bis
-sie das Gesuchte fand. Ein freudiges Lächeln glitt über ihr Gesicht, als
-sie das Gemälde vor sich auf die Staffelei stellte. Es war ein reizendes
-Bild. Kenner, die es gesehen, hatten es einstimmig für eine von Malwinens
-besten Arbeiten erklärt. Aber trotz der bedeutenden Summen, die ihr dafür
-geboten worden, hatte sie sich nie zu entschließen vermocht, sich von ihm
-zu trennen. Es war ja nicht nur ihr bestes, sondern auch ihr liebstes Bild.
-Zwei Kinder stellte es vor, einen Knaben und ein Mädchen, die auf weichem
-Waldesrasen von ihrer Beschäftigung ausruhend, auf welche das bis an
-den Rand mit rothglänzenden Erdbeeren gefüllte Körbchen hinwies, das
-zwischen ihnen und der zu ihren Füßen Wache haltenden prächtigen Dogge
-stand, eingeschlummert waren. Des Mädchens blondumlockter Kopf war an die
-Schulter des kräftigen Jungen gelehnt, während dieser zum Schutze seinen
-Arm um dessen Nacken geschlungen hielt.
-
-Lange weilte Malwinens Auge auf dem Bilde. Aber allmählich verdüsterte
-sich ihr Blick. Nicht mehr mit träumerischer Wehmuth, sondern mit
-feindseligem Trotze starrte sie jetzt auf das Abbild desjenigen, der ihre
-Gedanken abermals mit unwiderstehlicher Gewalt gefangen genommen. Sie
-zürnte ihm. Warum kam er, den schwer errungenen Frieden ihres Herzens zu
-stören? Hatte sie nicht genug durch und um ihn schon gelitten? Wer gab
-ihm das Recht, sich bei ihr einzudrängen und übermüthig die heißen,
-qualvollen Kämpfe ihrer Seele zu erneuern? Nein, das wollte sie nicht
-dulden! Sie wollte ihn nicht wiedersehen!
-
-Rasch entschlossen, trat sie an den Glockenzug, um durch die herbeigerufene
-Dienerin ihren Gatten bitten zu lassen, den heute zu erwartenden Gast
-allein zu unterhalten, da sie in Folge plötzlichen Unwohlseins gezwungen,
-sich zur Ruhe zu begeben, an der Gesellschaft nicht theilnehmen könne.
-
-Aber als sie die Hand ausstreckte, um die Klingelschnur zu ziehen, ward an
-die Thür geklopft, und im nächsten Augenblicke stand Hellwig vor Malwinen
--- nicht als der frohsinnsprühende, kecke Junge, der Gefährte ihrer
-Kindheit, nicht als großaufgeschossener, schlanker Jüngling, das Herz
-voll Jugendlust, den Kopf voll hochfliegender Pläne, das Ideal ihrer
-ersten Liebe, sondern in der Vollkraft reifer, aber frischer, ungebrochener
-Männlichkeit. Wohl hatte die Zeit in die breite, gewölbte Stirn zwei
-tiefe Furchen eingeschnitten, die von schwerer Gedankenarbeit oder auch von
-erlittenem Gram erzählten, und der mächtige, dichte Vollbart kam Malwinen
-ungemein fremd vor; aber als das seelenvolle, tiefblaue Auge mit seinem
-warmen Strahl ihr Auge traf, da erkannte sie ihn wieder, den wohlbekannten
-Blick des Freundes. Und so sonderbar ist das Menschengemüth! Während sie
-vor wenig Augenblicken noch fest entschlossen war Alfred nicht zu sehen,
-freute sie sich jetzt von ganzem Herzen seines Wiedersehens. Auch die bange
-Beklommenheit, die sie bei seinem unerwarteten Eintreten ergriffen hatte,
-wich allmählich vor dem kameradschaftlich treuherzigen Tone, den der
-einstige Spielgenosse in altgewohnter Weise anschlug.
-
-Er wußte so anmuthig zu plaudern. Zuerst berichtete er von den Reisen, die
-er nach Vollendung seiner Universitätsstudien unternommen, in lebhafter,
-fesselnder Darstellung die Eindrücke schildernd, die das Gesehene und
-Erlebte auf ihn geübt. Dann erzählte er, von welch hoher Freude er
-erfüllt ward, als er von den Erfolgen hörte, die Malwine auf ihrer
-künstlerischen Laufbahn erntete. Und schließlich kehrte er zu ihrer
-Kinderzeit zurück, der Jugendfreundin tausend kleine, gemeinschaftlich
-durchgemachte Erlebnisse ins Gedächtniß rufend, die ihnen damals als
-große, wichtige Abenteuer erschienen waren.
-
-Ob sie sich noch erinnere, fragte er sie, wie sie einst im Walde, von einem
-heftigen Gewitter überrascht, in einer auf der an den Wald grenzenden
-Wiese zur Aufbewahrung des Heues errichteten Bretterhütte Schutz gesucht,
-und in Folge der überstandenen Angst und der Ermüdung des raschen Laufes
-und wohl auch vom starken Duft des frischen Heues betäubt, in so
-tiefen Schlaf gesunken waren, daß sie den Abend und die ganze Nacht
-ununterbrochen schliefen, bis sie am anderen Morgen ein sich mächtig
-regender Appetit erweckte, worauf sie sich etwas kleinlaut und bange
-vor dem Schelten der beunruhigten Eltern, die sie mit Angst und Sorge
-vergeblich gesucht, nach Hause schlichen?
-
-Und ob Malwine daran noch denke, wie sie einmal auf einer ihrer häufigen
-Excursionen nach der auf einem nahen Hügel gelegenen Burgruine, mit
-einer Laterne versehen, in den unterirdischen Gängen und Gewölben des
-Ritterschlosses herumstöberten, fest überzeugt, daß sie entweder einen
-verborgenen Schatz, oder aber das Knochengerippe irgend eines in dem
-Verließe verschmachteten Gefangenen entdecken müßten?
-
-»Ah,« rief Alfred lachend, »ich that damals gar muthig und verwegen,
-ich versichere Dich aber, als uns das Licht in der Laterne plötzlich
-verlöschte und wir rathlos in dem finsteren, von dumpfem Modergeruch
-erfüllten Kellerraum standen, da war mir ganz abscheulich grausig zu
-Muthe, und hätte nicht der Gedanke, daß Furcht für einen Mann eine
-Schande sei, mir Kraft gegeben, so hätte ich sicherlich vor Angst
-geweint.«
-
-Und so plauderte er weiter, an dieses und jenes Begebniß aus ihrer
-Jugendzeit erinnernd, nach dem einen oder anderen Bekannten jener Epoche
-sich erkundigend, und dazwischen verflocht er die Erzählung späterer
-Ereignisse.
-
-Malwine hörte ihm schweigend zu. Selten unterbrach sie seine Rede durch
-eine Frage oder durch eine eingestreute Bemerkung. Ihr war es, als sei die
-sie umgebende Wirklichkeit, alles, was sie sah und hörte, nicht Wahrheit,
-sondern ein Traumgebilde. Und im Traume sah sie sich ins Elternhaus
-zurückversetzt -- als Mädchen -- und Alfred, den zu lieben sie nie
-aufgehört, sei heimgekehrt, um -- sie dachte den Gedanken nicht zu Ende.
-
-Allmählich veränderte Alfred sein Gesprächsthema. Von seinen eigenen
-Erlebnissen ging er auf jene Malwinens über, sprach von ihren Gemälden,
-dann von ihren Eltern, von ihrem Gatten und von dem schweren Unglücke,
-das durch dessen Erblindung ihn und sie getroffen, augenscheinlich bemüht,
-Malwine zu Mittheilungen über sie selbst und ihr Leben zu veranlassen.
-Aber ihre Antworten waren kurz und ausweichend, und so war er genöthigt,
-die Unterhaltung selbst weiterzuführen.
-
-Plötzlich unterbrach er sich. Sein über das scheinbare Chaos von
-Gemälden, Sculpturwerken, Alterthümern, Decorationsstücken und den
-sonstigen unzählbaren im Atelier zerstreuten verschiedenen Gegenständen
-schweifender Blick war auf das Bild mit den beiden Kindern gefallen, und
-mit einem Ausrufe lebhafter Ueberraschung war er aufgesprungen, um es
-näher zu betrachten.
-
-»So hattest Du des wilden Jungen doch nicht gänzlich vergessen,« sagte
-er dann. »Dieses Bild giebt Zeugniß, daß Du manchmal seiner gedacht.«
-
-Ein feines Incarnat überzog Malwinens Wangen.
-
-»Wer würde seiner Kindheit vergessen,« entgegnete sie, »zumal wenn
-dieselbe eine glückliche war?«
-
-Alfred antwortete nicht. Er war an das offene Fenster getreten, von welchem
-aus sich ein herrlicher Fernblick darbot über das weite Thal, den stillen
-See mit seinem stolzen Königsschlosse und den himmelanstrebenden Bergen
-im Hintergrunde. Die sinkende Sonne sendete ihren letzten Strahlengruß und
-die pittoresken Formen der blaugrünen Gebirge zeichneten sich scharfkantig
-auf dem in leuchtenden Farbentönen von dunklem Violett bis hellem
-Rosa erglühenden Firmamente ab. Munter und behende glitt ein kleines
-Dampfschiff über den See, und die sich hinter demselben hinziehende
-Wasserfurche glitzerte und glänzte wie flüssiges Gold. Ein sanfter
-Lufthauch strich durch die Blätter der Bäume, wiegte die Spitzen der
-schlanken, grünen Grashalme und die Kelche der Blumen und tändelte
-mit dem Strahle des Springbrunnens im Garten. Aus dem Zimmer des Blinden
-klangen leise, wie aus ferner Welt, weiche, innige Geigentöne.
-
-»Malwine,« unterbrach Alfred plötzlich das eingetretene Schweigen, indem
-er mit fast brüsker Raschheit sich vom Fenster weg zu ihr wendete, »Du
-weißt die eigentliche Ursache meines Hierherkommens noch nicht.«
-
-Erstaunt und fragend blickte Malwine in das heftig erregte Antlitz des
-Freundes.
-
-»Die eigentliche Ursache Deines Kommens --?«
-
-»Ja, die weißt Du noch nicht,« wiederholte Alfred. »Ich bin gekommen,
-Dich zu fragen, ob Du glücklich bist? Ob Deine Ehe eine glückliche ist,
-ob Dein Gatte nicht nur Deine Hand, sondern auch Dein Herz besitzt?«
-
-»Und ich,« erwiderte Malwine kalt, »muß Deine Frage mit einer
-Gegenfrage beantworten, wer Dir das Recht giebt, derartige Erklärungen von
-mir zu fordern?«
-
-»Wer mir das Recht giebt?« stieß Alfred mit gepreßter Stimme hervor.
-»Meine Liebe giebt mir das Recht hierzu. Ja, Malwine, ich liebe Dich,
-ich habe Dich immer geliebt. Aber als kindischer Junge an Deiner Seite
-hinlebend, da wußte ich es selbst nicht, daß meine Liebe eine tiefere,
-mächtigere sei als die brüderliche Zuneigung zur Jugendfreundin. Als
-ich fern von Dir weilte in weitem, fremdem Lande, da wurde es mir freilich
-klar, daß ich Dich liebte mit der ganzen Kraft meines Herzens, aber
-brieflich um Dich werben, Dir brieflich das Geständniß ablegen, das
-wollte ich nicht. Du solltest frei sein, die Jahre unserer Trennung, so
-dachte ich, würden auch Dich die Klarheit über Dich selbst gewinnen
-lassen, ob Du in mir nur den Kameraden sahst, oder ob Du mich so liebtest,
-wie mir manchmal die sinnbethörende Hoffnung meines Herzens vorspiegelte.
--- Heimgekehrt, erfuhr ich, Du seiest verlobt. -- Ich habe in diesen Jahren
-redlich mit mir gerungen, Malwine, ich hab' es versucht, meine Neigung zu
-bekämpfen, Dich zu vergessen. Ich kann es nicht. Ein Dämon des
-Zweifels flüstert mir unablässig zu, daß Du vielleicht mir doch nicht
-unwiederbringlich verloren seiest, daß Du diese Ehe vielleicht ohne
-Liebe eingegangen, daß nicht Doctor Wilnau es ist, der Dein Herz besitzt,
-sondern --«
-
-»Halt ein!« rief Malwine, deren Wangen Todesblässe überdeckte.
-
-Aber Alfred gehorchte nicht.
-
-»Nein, erst soll mir Gewißheit werden,« fuhr er fort, indem er ihre
-beiden Hände erfaßte und gegen sich hinzog. »Sprich nur das eine Wort,
-sprich es aus, Malwine, ob Du ihn liebst! Wenn es so ist, wenn es ihm
-gelungen, Dein Herz zu gewinnen und Dich zu beglücken, ich schwöre es
-Dir, dann will ich schweigend dieses Haus verlassen und Du sollst niemals
-wieder von mir hören. Wenn aber Deine Ehe ein Irrthum war, wenn sie Dir
-das Glück nicht bietet, das Du von ihr erhofft, wenn Du mich liebst
--- dann, o dann wird keine Macht der Erde Dich in diesen Fesseln
-zurückhalten, ich werde sie zu sprengen wissen und vor Gott und der Welt
-wirst Du mein Weib werden!«
-
-Malwine schwieg. Sie hatte die Augen geschlossen und ihr Athem drang schwer
-und zitternd aus ihrer hochwogenden Brust.
-
-Tief und tiefer beugte sich Alfred's Angesicht auf ihr Haupt hernieder.
-Seine Lippen berührten die ihrigen, und ihm ward die Gewißheit, nach der
-er sich gesehnt --
-
-Ein heller Glockenton weckte die Beiden aus der seligen Trunkenheit des
-ersten Kusses der Liebe. Es war das Zeichen zum Abendtisch.
-
-Auf der Veranda fanden sie Gesellschaft. Einige Herren aus der Umgebung
-waren zum Besuche des Doctors eingetroffen und der gastfreundliche Hausherr
-hatte sie zum Abendbrot gebeten. Malwine war froh, nicht mit Richard und
-Alfred allein zu sein. Die Rolle, die sie jetzt zwischen beiden Männern
-hätte spielen müssen, wäre ihr als Lüge erschienen, und ihrer geraden,
-offenen Natur war Lüge unerträglich. Die Gegenwart der Fremden enthob
-sie des trügerischen Spieles, indem sie allen Anwesenden die gleiche
-freundliche Aufmerksamkeit schenkte. Aber während sie über des einen mehr
-oder weniger geistreichem Wortspiele höflich lächelte, von einem Anderen
-sich den Unterschied zwischen der englischen und russischen Art der
-Bereitung des Thees erklären ließ, oder mit einem dritten über die
-realistische Richtung in der dichtenden und bildenden Kunst discutirte, war
-ihr Gedanke doch nur bei dem, der ihr gegenüber saß, aus dessen Auge ihr
-unermeßliche Liebe und unermeßliche Freude entgegenleuchtete, und bei
-ihrer nächsten Zukunft, die ihr ein neues, bis jetzt noch nicht gekanntes
-Glück bringen sollte.
-
-Die Abendstunden gingen vorüber und die Gäste kehrten heim. Mit einem
-flüchtigen »Schlafe wohl!« und einem raschen Händedruck verabschiedete
-Malwine sich von ihrem Gatten, um sich in ihr Schlafzimmer zurückzuziehen.
-Sie bedurfte der Einsamkeit, um über das Geschehene und noch zu
-Geschehende nachzudenken, sich auf sich selbst zu besinnen. Denn alles war
-ja so plötzlich, so unvorbereitet über sie hereingebrochen.
-
-»Morgen komme ich wieder, um mit Dir alles Nöthige zu besprechen,« hatte
-Alfred ihr beim Weggehen zugeflüstert.
-
-Ja morgen, morgen!
-
-Verwundert schaute Malwine um sich, als sie die Thür zu ihrem neben dem
-Schlafzimmer gelegenen Boudoir öffnete. Ein starker, süß betäubender
-Wohlgeruch drang ihr entgegen. Und nun erblickte sie einen mächtigen
-Heliotropenstrauß -- ihre Lieblingsblumen -- und vor demselben ein
-kleines Etui aus dunklem Leder. Es enthielt einen goldenen Armreif, dessen
-Innenseite das Datum zweier Tage trug, des morgigen und desselben Tages vor
-fünf Jahren.
-
-Was sollte all dies bedeuten?
-
-Ach, jetzt fiel es ihr ein. Morgen war der fünfte Jahrestag ihrer
-Vermählung. Und diese Geschenke kamen von Richard, der ihr damit ein
-Zeichen geben wollte, daß er dieses Tages mit Freude gedenke.
-
-»Richard, Richard!« stammelte sie, und einer mächtigen Sturmfluth gleich
-überwältigte sie die Erinnerung an den, dessen Frau sie war, der sie
-liebte und dessen sie, im heißen Drange ihrer eigenen wieder erwachten und
-jetzt erwiderten Liebe, nimmer gedachte.
-
-Mit einem halb unterdrückten Wehruf sank Malwine auf die Kissen des Divans
-und preßte die Hände vor ihr zuckendes Gesicht. Ihr Denken drehte sich
-wirr im Kreise und ein wilder, brennender Schmerz umschnürte wie mit
-eisernen Klammern ihre Brust.
-
-Doch allmählich glätteten sich die Wogen ihrer vom Grunde aufgewühlten
-Seele und ihr Geist gewann die Klarheit wieder, welche die aufgewiegelte
-Leidenschaft auf Augenblicke zu trüben vermocht. Sie überdachte die fünf
-Jahre ihrer Ehe, fünf Jahre der treuesten, innigsten Liebe ihres Mannes.
-Sie gedachte jenes entsetzlichen Tages, als seine dauernde, unheilbare
-Erblindung zur unzweifelhaften Gewißheit geworden. Sie selbst war die,
-wenn auch schuldlose Ursache dieses Unglückes. Als sie an schwerer und
-ansteckender Krankheit daniedergelegen, war Richard, als ihr Arzt
-und Pfleger, nicht von ihrem Lager gewichen. So hatte er das Gift der
-mörderischen Krankheit eingesogen. Malwine genas -- er erblindete. Und
-als er ihr Schluchzen hörte, das sie, von heißem Mitleid ergriffen, nicht
-zurückzudrängen vermochte, da versuchte er es, sie zu trösten.
-
-»Weine nicht!« sprach er, »denn ich bin nicht bedauernswerth. Ich fühle
-mich unvergleichlich glücklicher -- wenn auch blind -- an Deiner Seite,
-als mit gesunden, sehenden Augen ohne Dich.«
-
-Und von diesem Manne, dessen einziges Glück in der düsteren Nacht seines
-Lebens sie war, sollte sie sich abwenden? Dieses Herz sollte sie von sich
-stoßen, das warm und liebend nur für sie schlug? O, sie wußte es wohl,
-wenn sie es ihm sagte, daß ein Anderer ihre Liebe besitze, er würde der
-Trennung ihrer Ehe und ihrer Verbindung mit dem, den sie liebte, nicht
-entgegen treten. Er war zu groß und edel, um ein Wesen mit Gewalt an sich
-gekettet zu halten, das nicht in freier Wahl und Neigung sein eigen war.
-Aber konnte sie es denn? Vermochte sie es, auf den Trümmern des durch ihre
-Hand vernichteten Lebensglückes der großmüthigsten Seele ihr eigenes
-selbstsüchtiges Glück zu erbauen?
-
-Schwer und mühsam erhob Malwine sich von ihrem Sitze. Sie trat auf die
-Terrasse. »Er schläft,« dachte sie. »Kein Traumgott flüstert es ihm
-zu, daß ich hier stehe, eines Anderen gedenkend; daß ich, seine Frau,
-die Hand erhoben, um sein Lebensglück zu zerstören. Schlummere ruhig, Du
-Guter, Edler, möge auch mein eigenes Herz darüber brechen, Deine Liebe
-werde ich nicht verrathen --!«
-
-Da tönten leise, wie eine Antwort auf ihrer Seele Ruf, süße Klänge
-durch die stille Nacht. Richard stand am offenen Fenster und spielte. Er
-spielte für sie, spielte ihr liebstes Lied.
-
-Plötzlich legte sich ein weicher Arm um seinen Nacken und ein treues Haupt
-an seine Brust. Er ließ die Geige sinken und drückte einen Kuß auf das
-lockige Haar. Ein heißer Tropfen fiel auf seine Hand.
-
-»Du weinst, Geliebte?«
-
-»O lasse mich weinen, Richard! Sollte ich ungerührt bleiben ob Deiner
-unendlichen Güte, Deiner unendlichen Liebe?«
-
-Lächelnd zog Richard seine Frau fester an sich.
-
-»Du weinst, weil ich Dich liebe! Ich aber weine nicht, ich bin so
-glücklich, und doch liebst ja Du auch mich?«
-
-»Ich liebe Dich!«
-
-»Und wirst mich ewig lieben?«
-
-»Ewig!«
-
- * * * * *
-
-Am anderen Tage um die Mittagsstunde trat Alfred durch das Gitterthor des
-Gartens auf die Straße. Malwine hatte ihm für immer Lebewohl gesagt.
-
-Als Pfand ihrer Freundschaft nahm er das Bild der beiden Kinder auf dem
-Waldesrasen mit sich. Es hing fortan über seinem Arbeitstische. Und
-in schweren Stunden des Kampfes zwischen Pflicht und Neigung, wenn der
-ungestüme, leidenschaftliche Drang der Natur recht zu behalten drohte
-gegen die leise mahnende Stimme höherer Geisteserkenntniß, da blickte er
-zu dem Bilde auf, und im Gedanken an sie, die ihn geliebt und ihre Liebe
-der Pflicht geopfert, fand er, gleich ihr, die Kraft zum schwersten Siege,
-zum Siege über das eigene Herz!
-
-
-
-
-»Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht --«
-
-
-Irgendwo las ich einmal vor langer, langer Zeit ein Volkslied. Ich vergaß
-es wieder, nur eine Verszeile daraus ist in meiner Erinnerung haften
-geblieben:
-
- »Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht --«
-
-Und diese Zeile summt mir im Kopfe, wenn ich meines jungen Freundes Erwin
-gedenke --
-
-Kaum dreijährig hatte er seine Mutter verloren. Und da er auch keine
-Geschwister besaß, hängte er sich mit der ganzen Liebesfähigkeit
-seines kleinen Kinderherzens an seinen Vater, der ihm der Inbegriff alles
-Herrlichen, Guten und Edlen, kurz sein Abgott war. Und mit Recht.
-Denn außer diesem Manne gab es wohl kaum einen zweiten, der mit solch
-opfervoller Liebe für sein Kind sorgte. Mutter und Geschwister, Erzieher
-und Kameraden wußte er ihm zu ersetzen. Außer den Stunden, die den
-Knaben in der Schule, den Vater im Amte festhielten, sah man die Beiden
-unzertrennlich beisammen. Der Vater repetirte mit dem Jungen dessen
-Schulaufgaben, las ihm vor, theilte seine Spiele, nahm ihn auf den
-Spaziergängen mit. So schmiegte sich die junge Seele immer inniger an den
-väterlichen Freund und Berather an, und nichts spielte sich in des Sohnes
-Leben ab, was er dem Vater nicht in kindlicher Hingebung vertraut hätte.
-
-Nur einmal ereignete sich etwas, was er ihm verschwieg.
-
-Eines Tages, als die Schule zu Ende war und das Jungvolk sich lachend und
-plaudernd auf den Heimweg begab, trat einer der Knaben plötzlich an Erwin
-heran und gab ihm einen Schlag ins Gesicht.
-
-Erwin war über diesen unerwarteten Angriff so überrascht, daß er erst
-gar nicht daran dachte, sich zu vertheidigen.
-
-Der Andere aber lachte höhnisch auf und rief: »Das hast Du für Deinen
-Vater bekommen, gieb es weiter an ihn, er verdient es!«
-
-Da stürzte sich Erwin, außer sich vor Zorn, Schmerz und Entrüstung auf
-den Burschen und bläute ihn so durch, daß dieser, obgleich größer und
-stärker als Erwin, sich dessen Schläge, die ihm auf Schulter, Rücken und
-Gesicht nur so niederhagelten, nicht erwehren konnte.
-
-»Nimm es zurück, was Du gesagt hast, nimm es zurück. Sonst -- sonst --«
-rief er, stammelnd vor Wuth, während seine kleinen Fäuste den Beleidiger
-bearbeiteten.
-
-Der Andere versuchte Kopf und Gesicht mit seinen Armen zu decken, aber die
-Raserei der Empörung seiner Gefühle verlieh Erwin solche Kraft, daß
-sein Gegner, die Nutzlosigkeit jeder Vertheidigung bald einsehend, heulend
-schrie: »Hör' auf! Ich will es nicht wieder sagen, gewiß nicht! Hör'
-auf, hör' auf!«
-
-Da hielt Erwin in der Züchtigung des Buben inne. Er hob seine Schultasche,
-die er, um die Arme frei zu bekommen, von sich geworfen, vom Boden auf, und
-ohne sich um den Gemaßregelten, noch auch um die anderen Schulkameraden,
-die dem wilden Auftritte theils erschreckt, theils lachend zugeschaut
-hatten, weiter zu kümmern, verließ er raschen Schrittes, noch schwer
-athmend und mit von der Erregung und Anstrengung gerötheten Wangen und
-blitzenden Augen den Kampfplatz.
-
-Er ging nicht gleich nach Hause. Es war ihm beklommen zu Muthe. Er mochte
-dem Vater das Erlebte nicht mittheilen, ihm die abscheulichen Worte nicht
-wiedererzählen, die der freche Bursche ihm zugeschrien. Nein, das mochte
-er nicht. Er hätte, sie nicht über die Lippen gebracht, so sehr schämte
-er sich, sie gehört zu haben. Darum mußte er sich erst Zeit gönnen, um
-sich zu beruhigen und dem Vater unbefangen gegenüber treten zu können.
-
-Er machte einen weiten Umweg und als er, nothgedrungen, endlich doch seinem
-Heim zuschritt, fühlte er es als eine willkommene Erleichterung, von der
-ihm die Wohnungsthür aufschließenden alten Dienerin zu hören, daß sein
-Vater eben einen Boten mit der Nachricht geschickt habe, Erwin möge
-mit dem gewohnten abendlichen Spaziergang nicht auf ihn warten, da er
-dienstlich verhindert sei, zur üblichen Stunde nach Hause zu kommen.
-Sonst war Erwin solches ihm aufgedrungenes Alleinsein ein unerfreulicher
-Zwischenfall, heute empfand er es als eine Wohlthat.
-
-Er setzte sich an seinen Arbeitstisch, und so schwer es ihm anfänglich
-auch fiel, seine Gedanken bei seinen Schulaufgaben festzuhalten, gelang es
-seinem angestrengten Willen doch, die flüchtigen zu bannen. Allmählich
-übte die Arbeit ihre segensreiche Wirkung, sein erregtes Gemüth Ruhe
-finden zu lassen, und als der Vater, ihn begrüßend, Abends in sein
-Zimmer trat, lag kein Schatten von Verstimmung mehr im klaren Blicke seines
-Sohnes.
-
-Die Tage rollten wieder dahin im altgewohnten Geleise. Wohl tauchte hin
-und wieder die Erinnerung an den ängstlich verschwiegenen Vorfall mit
-peinlicher Lebendigkeit in Erwin's Seele auf, und zuweilen schien es
-ihm, als könnte er den Stachel, den er in seinem Herzen zurückgelassen,
-ausreißen, wenn er ihn seinem Vater erzählte. Aber so oft der Gedanke an
-Mittheilung des Geschehenen näher an ihn herantrat, fühlte er zugleich
-das innerliche Unvermögen hierzu -- und so schwieg er und vergaß es
-allmählich selbst.
-
-Eine Reihe von Jahren war verflossen, der Knabe zum Jüngling gereift. --
-An dem innigen Verhältniß zwischen Vater und Sohn hatte die Zeit aber
-nichts geändert, die Beiden schienen unter einem Himmel friedlichen,
-wolkenlosen Glückes zu wandeln.
-
-Doch als der Vater einmal von einer mehrwöchentlichen Dienstreise
-heimkehrte, fand er Erwin, den linken Arm in der Schlinge tragend.
-
-»Eine Bagatelle -- ein leichter Säbelhieb, in einer Studentenpaukerei
-davongetragen -- weiter nichts« -- so beruhigte Erwin den besorgten Vater.
-Und auf sein näheres Befragen erzählte er ihm, wie sich aus einem
-ganz unbedeutenden Vorfall ein Wortwechsel zwischen ihm und einem seiner
-Collegen entwickelt und ein Duell zur Folge gehabt habe.
-
-Es war eine Lüge, was Erwin berichtete -- die erste Lüge seines Lebens.
-Die Ursache des Zweikampfes war eine ganz andere als jene, die er dem Vater
-erzählte.
-
-Eines Abends, als Erwin im Kaffeehause einer Billardpartie seiner Collegen
-zuschaute, hörte er im Laufe eines von zwei in seiner Nähe an einem
-Tischchen sitzenden Herren mit leiser Stimme geführten Gespräches den
-Namen seines Vaters fallen. Erwin trat unauffällig näher an sie heran und
-horchte auf. Der ältere der beiden Herren erzählte dem jüngeren, daß
-er um Verleihung der Stelle als Bahnarzt bei der St.'schen
-Eisenbahngesellschaft eingekommen sei, nachdem dieselbe durch den Tod eines
-gewissen Doctor Berger, der sie zuletzt bekleidet, frei geworden. Er warte
-nur auf Herrn K...'s -- dies der Name von Erwin's Vater -- Rückkehr,
-dessen Stimme, wie er wisse, bei der Besetzung der Stelle maßgebend
-sei, um sich persönlich vorzustellen und ihn um Berücksichtigung
-seines Gesuches zu bitten. Seine langjährige und, wie er glaube, nicht
-verdienstlose Praxis berechtigte ihn wohl, auf Erlangung der betreffenden
-Stelle zu hoffen.
-
-Da lachte der Jüngere, und indem er Erwin mit herausforderndem Blicke
-maß, wobei dieser in ihm den ehemaligen Schulkameraden erkannte,
-dessen beleidigenden Ueberfall er mit seinen wackeren, kleinen Fäusten
-gezüchtigt, sagte er:
-
-»Ihre Verdienste werden Ihnen wenig nützen. Darauf dürfen Sie nicht
-hoffen. Auch das Gesuch meines Vaters wurde eben um jenes Doctor Berger
-willen, eines ganz unfähigen Arztes, abgewiesen. Wenn Sie reussiren
-wollen, geben Sie Herrn K... einige hundert Franken, und Sie werden die
-Stelle erhalten.«
-
-Diese Worte waren die Ursache von Erwin's Zweikampf mit dem, der sie
-gesprochen, gewesen. Zum zweitenmale hatte er seinen Arm erhoben zur Abwehr
-einer Beschimpfung seines Vaters. Doch wie einst als Knabe, schwieg er auch
-jetzt als Mann. Wie damals hätte er auch heute die schmachvollen Worte
-nicht zu wiederholen vermocht, die der freche Verleumder auszusprechen
-gewagt. Wozu auch? Wußte er doch, daß an der Ehrenhaftigkeit seines
-Vaters kein Flecken haftete, und lag es doch klar am Tage, daß nur der
-Grimm ob der sicherlich berechtigten Zurücksetzung zu Gunsten eines
-verdienstvolleren Mannes es war, was den verwegenen Buben gegen ihn und
-seinen Vater zu Haß und Verleumdung aufstachelte.
-
-Mit lächelnder Ergebung nahm Erwin die väterlichen Ermahnungen vor einer
-Wiederholung ähnlicher, thörichter Schlägereien entgegen und freute
-sich im Stillen, daß ihm die Täuschung seines Vaters, die seinem
-wahrheitsliebenden Herzen gar nicht leicht fiel, so gut gelungen war.
-
-Die Wunde heilte rasch, und wieder glitt das Leben der Beiden in seiner
-altgewohnten, friedlichen Weise dahin. Doch da kam ein Tag, da Erwin am
-Krankenlager seines Vaters stand, und ein anderer, da er schluchzend an
-seinem frischen Grabe kniete. Und dann kam eine Stunde --
-
-Monate waren seit seines Vaters Hinscheiden verflossen, als Erwin es
-endlich über sich gewann, ordnende Hand an dessen hinterlassene Papiere
-zu legen. Das heiße Weh seines unersetzlichen Verlustes packte ihn
-mit erneuter Gewalt, als er mit zitternden Fingern unter den vergilbten
-Blättern wühlte -- sterbende Spuren des erstorbenen Lebens. Briefe,
-Zeichnungen, amtliche und Geschäftspapiere glitten durch seine Hand.
-Wichtiges wurde zur Seite gelegt, anderes dem Feuer übergeben. Ganze
-Stöße lohten bereits leise flüsternd und knisternd im Kamin. Erwin
-trennte sich schwer von diesen Blättern. Allein, er hielt es für gut so.
-Wußte er denn, wenn auch für ihn der Augenblick kommen würde, der in der
-Vernichtung waltenden Naturkraft seinen Tribut zu zahlen? Und kein fremdes
-Auge sollte mit kalter Neugier das ihm theuerste Vermächtniß entweihen.
-Immer neue und neue Schriftenbündel wanderten in den Kamin, der vom
-Papierfeuer rasch erhitzt, milde Wärmeströme in das Gemach ausstrahlte,
-in welches vom Garten her durch das halbgeöffnete Fenster kalte Nachtluft
-drang.
-
-Es war im Frühling. Das lockende Lächeln sonniger Tage hatte das
-schlummernde Leben der Natur wachgeküßt -- um ihr Vertrauen grausam zu
-enttäuschen. Ein heftiges Gewitter hatte neuen Schnee auf die nahen Berge
-gebracht, und jetzt, als der nächtliche Himmel klar und sternhell über
-der blühenden Erde sich wölbte, lauerte der Frost, um den segenspendenden
-Thau in lebenmordendes Eis zu verwandeln.
-
-Hier in der stillen Kammer flatterte Blatt um Blatt, von der geliebten,
-liebenden Hand beschrieben, in die züngelnden Flammen, um auf dem Hügel
-des grauen Aschengrabes den vorangegangenen Brüdern sich zuzugesellen.
-Da, Briefe der Mutter, die er nie gekannt, dort von Freunden des Vaters,
-dazwischen Rechnungen, Quittungen, geschäftliche Aufzeichnungen. Und hier
-ein Notizbuch, ganz von der Hand des Vaters ausgefüllt. Erwin schlägt es
-auf und blättert darin. Sein Auge feuchtet sich. Es sind nur Zahlen, die
-das Büchlein enthält. Und doch, wie rütteln diese nüchternen, trockenen
-Zahlen an seiner Seele, den unermeßlichen Verlust, den sie erlitten, neu
-verschärfend! Es enthält die Einnahmen und Auslagen seines Vaters durch
-eine lange Reihe von Jahren mit pünktlichster Genauigkeit verzeichnet. Auf
-der einen Seite die Einnahmen, sie bleiben sich stetig gleich: die Rente
-des winzigen Vermögens und das langsam aufsteigende Gehalt des Vaters.
-Auf der gegenüberstehenden Seite die Auslagen: Wohnung, Kost, Kleider --
-außer der Bestreitung der gemeinschaftlichen Bedürfnisse größtentheils
-Auslagen für ihn, Erwin, sein Schulgeld, Bücher und so weiter. Der
-gute Vater, wie wenig hatte er sich gegönnt, um dem Sohne Genügendes zu
-bieten!
-
-Schon ist Erwin im Begriffe, das Büchlein zur Seite zu legen. Mit
-lässigem Finger schlägt er noch ein Blatt zurück.
-
-Da verfärben sich plötzlich seine Wangen, weit öffnet sich sein Auge,
-sein erstarrender Blick heftet sich auf ein kleines Wörtchen. Auf der
-Seite der Einnahmen, dicht unter dem Monatsgehalt, steht geschrieben:
-
-»Von Doctor Berger tausend Franken.«
-
- * * * * *
-
-Welk und todt senkten die vom nächtlichen Frost gemordeten Blüthen und
-Blumen ihre Häupter, als Erwin am nächsten Morgen auf dem Wege nach dem
-Amte sein Gärtchen durchschritt. Ohne ihrer zu achten, ging er an ihnen
-vorüber.
-
-Die Freunde und Bekannten aber, die ihm begegneten, blickten ihm betroffen
-nach. Kaum erkannten sie ihn wieder, so verändert schien er. Er war nicht
-krank gewesen -- und doch sah er um viele Jahre gealtert aus --
-
- »Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht --«
-
-
-
-
-Der kleine Geiger.
-
-
-In einer mächtigen deutschen Stadt weiß ich ein schönes Haus, in dem ich
-manch glückliche Stunde meines Lebens verbracht. Nicht mitten im Gewühle
-des Häusermeeres ist es gelegen, sondern außerhalb des Stadtthores, dort,
-wo vor etwa dreißig Jahren noch tiefer Wald gestanden. »Garten« wird
-dieses von ausgedehnten Plätzen und breiten Straßen durchschnittene
-Gebiet nunmehr genannt. Aber nicht in zierlicher Cultur und Kunst blickt es
-dem Besucher überall entgegen; an manchen Stellen weist es noch die alte
-Pracht und stolze Würde des einstigen Waldes auf.
-
-Jenes, mit der kleinen Geschichte, die ich hier erzählen will, verwebte
-Stück des Gartens kann keinen Anspruch darauf erheben, ob seiner
-großartigen, landschaftlichen Reize gerühmt zu werden, immerhin aber ist
-es von lieblichem, dem Auge wohlthuenden Grün geschmückt, von frischer,
-erquickender Luft durchweht und von weniger Menschen heimgesucht als andere
-Partien des ausgedehnten Gartens.
-
-An der dieses Terrain durchschlängelnden schmalen Chaussee liegt das Haus,
-zu welchem meine Erinnerung mich heute zurückführt. In griechischem Stile
-mit feinem Geschmacke erbaut, die Vorderfront dem grünen, luftigen
-Haine zugekehrt, durch Umzäunung und schattige Parkanlagen von
-den Nachbarhäusern getrennt, erhebt es sich in schmuckloser, edler
-Einfachheit.
-
-Im Frühling, wenn die linden Lüfte durch den großen Garten wehen und die
-Rosenbäume und Hecken um die Villa ihren entzückenden Duft verbreiten,
-dann klingen von allen Ecken des Hauses Gesang und Saitenspiel durch die
-weitgeöffneten Fenster. Die schönsten und süßesten Klänge aber tönen,
-nicht allen Vorübergehenden vernehmbar, von der Rückseite her, die frei
-an einen öden, sandigen Bauplatz stößt.
-
-Wenige dachten daran, ihre Schritte dorthin zu lenken. Nur ein kleiner
-Kinderwagen wurde, am weiten Tummelplatze fröhlich spielender Knaben und
-Mädchen vorüber, täglich dahingerollt. Das halbwüchsige Mädchen,
-das den Wagen leitete, trabte stets wieder von dannen, nachdem es für
-denselben ein Plätzchen im Schatten des Hauses gefunden und allerlei
-Steinchen, Gräser und Blätter auf das Bettchen im Inneren des Wagens
-gelegt hatte.
-
-Das erregte gar sehr meine Neugierde und einmal, als ich wieder um
-die Mittagszeit heimwärts schlenderte, ging ich flugs auf das winzige
-Wagengebäude los, um einen kecken Blick auf dessen stillen Insassen zu
-werfen, der hier täglich für lange Stunden der Einsamkeit anvertraut
-wurde. Leise schlich ich mich um die Ecke und schob das grüne Tuch, das
-vom Wagendache herabhing, behutsam zur Seite.
-
-Da sah ich auf dem mit großgeblümtem Kattun überzogenen Kissen einen
-blonden Knabenkopf liegen, so weiß und bleich, als läge eine Gipsmaske
-über dem Gesichtchen. Die Augen waren geschlossen und leiser Athem bewegte
-kaum bemerkbar die Wangen und Nasenflügel des kleinen Träumers. Kein
-Strahl des warmen, goldigen Sonnenglanzes, in dem die frühlingsfrische
-Erde gebadet lag, fiel in die von dem kahlen Sandplatze umgebene Mauerecke,
-wo der blasse Knabe in seinem dürftigen Strohwägelchen schlummerte.
-
-Armes Kind! Gern hätte ich Dich wachgeküßt. Aber ach, der Thränenstrom
-aus mitleidsvollem Herzen hätte Dir nichts gefruchtet. Du brauchtest
-kräftigere Arznei für Deine fahlen Wangen, für Deine so mühsam athmende
-Brust -- Du brauchst das Glück.
-
-Ich wollte mich abwenden, um heimzugehen, aber da zog aus offenem Fenster
-des Hauses ein sanfter Ton auf weicher Saite in die zitternde, webende
-Mittagsluft, schwellte, wuchs und breitete sich und öffnete die müden
-Lider des Schläfers. Der Knabe bewegte und bog sich aus dem engen
-Wagenraum; beseligtes Staunen malte sich in den feinen Zügen und
-aus großen, vertrauenden Kinderaugen blickte er hinaus in das blaue,
-sonnendurchleuchtete Aethergewölbe über sich und hinauf zu dem Fenster,
-aus dem die süßen Töne quollen. Immer voller und gewaltiger wurde der
-Gesang der Saiten, immer strahlender das Auge und bleicher die Wange des
-entzückten Lauschers, bis alles verklungen war. Dann sank er ermattet in
-die Polster zurück und die farblosen Lippen flüsterten: »So wollt' ich's
-können! -- Ach, wenn ich eine Geige hätte!« -- und ich ergrimmte ob
-solch hilflosen Wehes der Sehnsucht.
-
-Der Künstler aber -- die Welt nannte ihn damals und nennt ihn noch heute
-den »Geigenkönig« -- hörte mir lächelnd zu, als ich ihm von dem Knaben
-erzählte, und machte ihm eine kleine Geige zum Geschenk.
-
-Als der Sommer kam, wurde für den Wagen des Kleinen eine andere Ruhestelle
-gesucht, abseits vom Hause auf grünem Rasenplatz, im kühlen Schatten
-dichtbelaubter Bäume. Aber auch hier schlich ich mich oftmals leise an und
-belauschte ihn, wie er seine von ihm unzertrennliche Geige in den zarten
-Händen hielt und darauf Töne zu bilden suchte, süße, liebliche Laute,
-und ich freute mich, als ich sah, daß die Zufriedenheit des erfüllten
-Herzenswunsches und der reichliche Aufenthalt im Freien die früher so
-blassen Wangen des Kindes mit rosenfarbenem Anhauch überkleideten.
-
-Doch der Sommer enteilte. Die Rasenteppiche bleichten dem Winter entgegen;
-die grünen Wälder färbten sich in gelbe und braune Tinten. Ein
-langandauernder Regen fiel, und als sich der Himmel wieder aufheiterte,
-brachte die nächste Nacht Reif und Frost. Auf Büschen und Bäumen waren
-die vergilbten Blätter von der Nässe zusammengeklebt, und als die
-müde Herbstsonne sie allmählich wieder getrocknet hatte, fielen
-sie schaarenweise zur Erde, so oft ein Windstoß über sie hinfuhr.
-Frostschauernd, ächzend und knarrend schüttelten sich die ihres
-Laubgewandes entkleideten Bäume in den rauhen Stürmen.
-
-Und mit dem grünen Laub erbleichten auch wieder die Wangen des armen,
-kranken Knaben. Sehnsüchtig blickte er aus der dunklen, feuchten
-Portiersstube seiner Eltern ins Freie und gedachte der vielen guten
-Stunden, die er draußen, von der warmen Sommerluft umweht, vom dichten
-Blätterdach der mächtigen Buchen beschattet, verträumt hatte. Selten,
-nur an ganz milden Tagen, wurde er in sein Wägelchen, und später, als der
-Winter kam und mit seinem Schnee und Eis den großen Garten überzog, in
-den Schlitten gesteckt und unter den buntgeblümten Kissen tief begraben,
-für ein halbes Stündchen durch die Straße geführt.
-
-Fast täglich kam der freundliche Arzt zu dem kleinen Patienten, fühlte
-ihm den Puls, strich mit sanfter Hand über sein blondes Haargelock und
-verordnete dies und jenes als stärkende Nahrung. Und manchmal drückte er
-eine Banknote in die zitternde Hand der verkümmerten Mutter, damit es ihr
-leichter würde, seine Verordnungen auszuführen.
-
-Des Knaben einzige Freude war sein Geigenspielzeug. Fleißig übte er
-Triller und Läufe; immer gewandter leiteten die schlanken Fingerchen den
-kleinen Bogen über die Saiten und ein seliges Lächeln glitt über sein
-Gesichtchen, wenn es ihm gelang, eine ihm besonders schwierig dünkende
-Passage zu seiner Zufriedenheit zu bewältigen.
-
-Sein Lehrmeister aber war kein geringerer als der Geigenkönig selbst, der,
-gerührt von der glühenden Sehnsucht nach Musik, die der Funke des Genies
-in der Brust des siechen Knaben entzündet hatte, gar manchesmal
-verstohlen in die enge, dumpfe Stube trat und dem vor freudigem Entzücken
-verstummenden Kinde liebliche Weisen auf seiner Violine vorspielte.
-
-Jeder Tag, an dem solches geschah, war ein Festtag für den Kleinen, der
-seine Geige, welcher der Meister so wunderbar herrliche Töne zu entlocken
-wußte, wie ein Heiligthum betrachtete und die erlauschten Melodien
-schüchtern nachzuspielen versuchte.
-
-Allein weder die Wissenschaft des Arztes, noch die stille Seligkeit des
-Kindes, welche ihm die Beschäftigung mit seiner geliebten Musik gewährte,
-vermochten es, dem Zerstörungswerke der finsteren Naturgewalten, die an
-der Vernichtung dieses jungen Lebens arbeiteten, einen Damm zu setzen.
-Immer fahler und eingefallener wurden des Knaben Wangen, breiter die
-dunklen Ringe um seine Augen, fleischloser die zarten Glieder, und immer
-matter und müder fühlte er sich. Bald wurde ihm selbst das Geigenspiel
-zu einer Anstrengung, der seine schwindenden Kräfte nicht mehr gewachsen
-waren, und traurig haftete der Blick seiner großen, glanzlosen Augen
-auf dem Instrumente, das stumm und verstaubt auf dem Tische neben seinem
-Bettchen ruhte.
-
-Da kam die Weihnachtszeit, und voll Glanz und Pracht und froher Lust wurde
-das schöne Fest in der Künstlerfamilie gefeiert. Freunde, Bekannte und
-Kunstgenossen waren von Nah und Fern herbeigeströmt, um im gastlichen
-Hause des Geigenkönigs an der heiteren Festfeier theilzunehmen. Kaum
-vermochte der geräumige Salon, in dem der fast bis an die Decke reichende
-Christbaum in glänzend strahlendem Schmucke prangte, die reiche Zahl der
-Gäste zu fassen.
-
-Das war ein Jauchzen und Jubiliren, ein Händeklatschen und Gläserklingen,
-daß selbst die Ernstgesinnten vom Wirbel der Freude erfaßt wurden, daß
-auch die Alten in die Lust der frohlockenden Kinderherzen mit einstimmten.
-
-Mir aber fiel mitten in den Lichtglanz der dunkle Schatten meines kranken
-Schützlings, und der Gedanke beschlich traurig meine Seele, daß in dem
-heiteren Kreise wohl Keiner des Armen sich erinnert. Unbemerkt schlich ich
-mich aus den hellen Räumen ins Treppenhaus nach unten, um zu erfahren, wie
-es dem Kleinen gehe.
-
-Auch in der Portierswohnung war Licht zu sehen, und ich trat ein. Mit
-geschlossenen Augen, still und blaß, lag der Kranke in seinem Bettchen;
-der Vater kauerte stumm in einem Winkel der Stube und begrüßte mich kaum;
-die Mutter aber schlich weinend umher und machte sich tausenderlei, auch
-ganz Ueberflüssiges, zu schaffen, nur um etwas zu thun zu haben.
-
-Sie wußten, daß es mit ihrem Kinde zu Ende ging. Der Doctor hatte es
-ihnen gesagt, und der Zustand des abgezehrten, zu Tode erschöpften Knaben
-bannte jede Hoffnung.
-
-Ich fand kein Wort des Trostes für die armen Alten. Beklommenen Herzens
-setzte ich mich an die kleine Lagerstätte und hatte Mühe, meine eigenen
-Thränen zurückzuhalten, angesichts des großen, mächtigen Schmerzes, der
-den kummergebeugten Eltern bevorstand.
-
-Nicht lange hatte ich so, meinen traurigen Gedanken mich hingebend,
-dagesessen, als der Kleine die Augen aufschlug und, als er mich bemerkte,
-mühsam auf seine Geige hindeutete und, mich mit sanft flehendem Blicke
-anschauend, seine winzigen, abgemagerten Händchen bittend ineinanderlegte.
-
-Ich verstand ihn. Rasch erhob ich mich von meinem Sitze und eilte zurück
-in die lichtstrahlenden Räume zu den frohen Festgenossen.
-
-»Meister,« flüsterte ich, indem ich mich sachte an den Hausherrn
-herandrängte, »unser kleiner Schützling da unten liegt im Sterben. Ihm
-verlangt nach Euch und nach Musik. Wollt Ihr seines Lebens letzten Wunsch
-erfüllen?«
-
-Da begegnete ein warmer, milder Strahl aus dem Auge des Künstlers dem
-meinen. Leise drückte er mir die Hand und verließ mit mir den Saal. Er
-holte seine Geige, und wenige Minuten später standen wir im Zimmer des
-sterbenden Kindes.
-
-Und wieder rieselten die wundervollen Klänge gleich perlenden Toncascaden
-von den bebenden Saiten, schwellend, wogend, säuselnd wie mildes
-Frühlingswehen, innig wie liebenden Herzens Pochen, erhaben wie frommer
-Gottgedanke. Und wie ein Gruß aus Engels Munde umschmeichelten die
-lieblichen Melodien die entfliehende Kindesseele und umgaukelten sie mit
-tönenden Zauberbildern.
-
-Und wieder schlug der Knabe in entzücktem Lauschen sein Auge auf, und
-seine schmalen, bleichen Lippen lispelten fast unhörbar:
-
-»Er hat es gesagt, er selber, auch ich werde Geigenkönig wie er!«
-
-Ein sanftes, seliges Lächeln verklärte seine Züge, ein zitternder
-Seufzer hob die eingefallene Brust, und eingelullt von stolzem
-Hoffnungstraum und süßer Harmonien Sang entschlief er.
-
-Oben ward das Weihnachtsfest bis zum hellen Morgen gefeiert. Und als ich
-Abschied nahm vom Meister, da wollte mein Mund niedersinken auf des edlen
-Menschen Hand, der ruhm- und glückumgeben, der Elenden nicht vergißt und
-ihnen Trost und Liebe spendet.
-
-
-
-
-Die Harfenspielerin.
-
-
-Aergerlich warf Julian die Feder fort, daß die Tinte aufspritzte.
-
-Da sollte der Henker diese mühsamen Rechnungen revidiren, während
-vom Hofe herauf unausstehliches Harfengeklimper und eine müde, dünne
-Mädchenstimme tönte, die sinnige Volkslieder und rohe Gassenhauer in
-wüstem Durcheinander herableierte.
-
-Julian hatte der Sängerin schon eine Geldmünze zugeworfen, auf daß sie
-den Platz räume und ihre musikalischen Productionen irgend anderswohin
-verlege, wo sie ihn nicht in seiner Arbeit störten. Daran war aber
-vorläufig nicht zu denken, denn die ganze Kinderwelt des großen Hauses
-stand in einem Kreise um sie herum, ihren schrecklichen Vorträgen freudig
-lauschend. Sie wollte sie noch nicht ziehen lassen, und die Harfenistin
-blieb gern, auf eine Entlohnung von den Müttern der Kinder hoffend, die
-theils an deren Seite stehend, theils von den offenen Fenstern aus dem
-Jubel ihrer Kleinen zulächelten.
-
-Nochmals versuchte Julian, in seinen Rechnungen fortzufahren, doch ebenso
-erfolglos wie früher. Die Ziffern und Zahlen tanzten ihm wie kleine,
-neckende Kobolde vor den Augen. Bald wußte er nicht mehr, wie viel Rest
-bleibe von achtundzwanzig Mark sieben Pfennige, nach Abzug von siebzehn
-Mark zweiunddreißig Pfennige.
-
-»In der Weidlingau ist der Himmel blau --« klang es ihm in die Ohren.
-
-»Sechs Mark achtundzwanzig Pfennige. -- Nein, gefehlt!«
-
-»Ach, es wär' so schön gewesen --«
-
-»Sieben Mark fünfzehn Pfennige. -- Wieder falsch!«
-
-»Wenn die Schwalben heimwärts zieh'n --«
-
-»Zum Teufel auch, wenn diese verdammte Schwalbe nur heimwärts zöge!
--- Fünf Mark sechzehn Pfennige. -- Abermals gefehlt! -- Nein, so geht es
-nicht, absolut nicht! Da könnte man verrückt werden.«
-
- »Wann's Mailüfterl weht,
- Zergeht draußd' im Wald der Schnee --«
-
-Julian sprang von seinem Sitze auf. Er wollte lieber abwarten, daß Ruhe
-würde, als sein Gehirn foltern mit solch vergeblicher Anstrengung. Was er
-unter diesen Umständen herausrechnete, würde doch nur ein Unsinn sein.
-
-Jetzt stimmte das Mädchen das von Mendelssohn in Musik gesetzte alte
-Volkslied an:
-
- »Es ist bestimmt in Gottes Rath,
- Daß man vom Liebsten, das man hat -- muß scheiden.«
-
-Julian liebte dies Lied ungemein. Er hatte es als Knabe oft gesungen.
-Allerlei sanfte Erinnerungen erwachten in ihm: an das Elternhaus, an die
-Gefährten, an seine frohe, glückliche Kindheit. Und jetzt ertappte
-er sich dabei, wie er, gleich den Kindern im Hofe, der dünnen, etwas
-umflorten Stimme der von ihm soeben noch so zornig verwünschten Sängerin
-lauschte. Und jetzt trat er gar an das Fenster, öffnete es und blickte
-hinab in den Hofraum, wo der Gegenstand seines Aergers mitten unter der
-Schaar der entzückten Kleinen stand, spielte und sang. Ihre schwächliche,
-hagere Gestalt beugte sich nach vorn über die Harfe, das Gesicht sah er
-nicht, denn ein hoher, unmoderner Strohhut mit großen, gelben, schmutzigen
-Seidenbändern und zerknüllten Kunstblumen von derselben Farbe geziert,
-entzog es seinen Blicken. Ein verwaschenes Kattunröckchen und ein blaues,
-mit weißen Schnüren benähtes Sammetjäckchen vervollständigten ihren
-Anzug. Man sah es deutlich, diese Kleider waren, unbrauchbar geworden,
-von ihren früheren Eigenthümern statt weggeworfen zu werden, der
-armen Harfenistin geschenkt worden. Sie sah komisch genug aus in dieser
-verwitterten, theatralischen Gewandung. Man hätte darob lächeln mögen,
-hätte ihre Armseligkeit nicht so traurig gestimmt. Und noch verschärft
-wurde dieser Eindruck durch das Lied, das sie eben sang, dies Volkslied,
-das in seiner schlichten Wehmuth so ergreifend wirkt:
-
- »Es ist bestimmt in Gottes Rath,
- Daß man vom Liebsten, das man hat -- muß scheiden --«
-
-klang es wieder in schrillem, von der Uebermüdung schon heiserem Tone von
-den Lippen der jungen Bänkelsängerin; ihre Finger griffen mechanisch die
-Accorde in der alten Harfe und die großen gelben Bänder und Blumen auf dem
-lächerlichen Hute nickten und flatterten im Winde.
-
-Julian's Unmuth war gänzlich verflogen, Mitleid stahl sich in sein Herz.
-Er holte noch eine zweite kleine Geldmünze aus seinem Täschchen, wickelte
-sie in Papier und warf sie der fahrenden Sängerin vor die Füße. Diese
-hatte eben das Lied beendet, sie hob die Münze vom Boden auf, und als sie
-den Kopf neigend nach dem Fenster hinauf dankte, in dem Julian lehnte,
-sah er in ein blasses Gesichtchen, aus dem ihm dunkle, traurige Augen
-entgegenblickten. Er nickte ihr freundlich zu und schaute ihr nach,
-als sie, die schwere Harfe auf den Rücken ladend, deren Bürde ihr
-schwächlicher Körper schier nicht tragen zu können schien, langsam dem
-Hofthor zuschritt. Dann machte er sich an seine unterbrochene Arbeit und
-in einer Viertelstunde hatte er die Musikantin in der blauen Sammtjacke und
-mit den gelben Blumen auf dem Hute völlig vergessen. Doch wie unbewußt
-pfiff er leise die Melodie des Liedchens vor sich hin: »Es ist bestimmt in
-Gottes Rath --«
-
-Wie allabendlich schlenderte er auch heute nach Schluß seiner Amtsstunden,
-»der Straßen quetschenden Enge« entfliehend, aus der Stadt ins Freie. Er
-nahm seinen Weg in die Auwaldungen, die sich den launischen Windungen des
-weiter unten die Stadt durchschneidenden Flusses folgend, zwischen dessen
-Ufer und einer nach einem fürstlichen Lustschlosse führenden Lindenallee
-hinziehen.
-
-Die schon tiefstehende herbstliche Abendsonne stahl sich durch die theils
-schon entlaubten, theils in die glühendsten Bronze- und Purpurfarben
-getauchten Baumkronen der Buchen und Erlen und durch das niedrige Buschwerk
-der Weiden, zitternde Streiflichter über den fahlen Rasenboden und die
-herabgefallenen gelben Blätter hinstreuend. Plötzlich aber erloschen die
-Lichter und Farben, der Himmel, die Bäume, der Wasserspiegel des
-Flusses erkalteten -- die Sonne war gesunken. Und mit einemmale kroch
-ein bleifarbener Nebel aus dem Strombette empor, Au und Wald mit seinem
-unabsehbaren Mantel umspannend.
-
-Julian trat den Rückweg an. Wenn die Nacht hereinbrach bei solch
-dichtem Nebel, konnte er den schmalen Fußweg durch den Wald allzu leicht
-verfehlen. So eilte er beschleunigten Schrittes heimwärts, das Tempo erst
-mäßigend, als ihm der aus der Ferne auftauchende Laternenschimmer
-der Stadt, trotz der rasch hereingebrochenen Dunkelheit, über die
-einzuschlagende Richtung Sicherheit gab.
-
-Plötzlich blieb er stehen. Ihm war, als hätte er leises Weinen eines
-Kindes vernommen. Scharf aufhorchend, spähte er in das graue, wogende
-Nebelmeer, aus dem die näher stehenden Bäume wie Gespenster mit
-ausgestreckten Armen emporragten.
-
-Einige Augenblicke blieb alles still, dann hörte er sie wieder, die
-klagende Kinderstimme.
-
-»Holla! Was giebt es? Wer ist da?« rief er nun mit voller Kraft in den
-dunklen schweigenden Wald hinein.
-
-Er hatte sich nicht getäuscht. Ein ängstlicher Ruf aus kindlicher Kehle
-antwortete ihm, und der Richtung desselben nachgehend, stand er in
-wenigen Minuten an der Seite eines neben einem Bündel Reisig an dem Boden
-kauernden und bitterlich weinenden, etwa zehnjährigen Knaben.
-
-Jetzt freilich versiegten seine Thränen rasch und, das Bündel dürrer
-Baumzweige auf den Schultern, neben Julian einhertrabend erzählte er
-diesem, wie er, um Holz zu suchen, in die »Au« geschickt worden, von der
-Nacht und dem plötzlich einfallenden Nebel überrascht, aber den Heimweg
-nicht mehr habe finden können.
-
-Nach rascher Wanderung hatten sie den nach der Stadt zu gelegenen Ausgang
-des Waldes bald erreicht. Noch hatten sie einen am Damm des Flusses sich
-hinziehenden schmalen Wiesengrund zu überschreiten, um in bewohntes Gebiet
-zu gelangen. Schon tauchten die ersten Häuser mit ihren erleuchteten
-Fenstern freundlich winkend aus dem Nebel auf, als der Knabe stehen blieb
-und, das Holzbündel von der Schulter werfend, seinem Führer für die ihm
-geleistete Hilfe dankte.
-
-»Ich bin gleich zu Hause,« sagte er. »Hier wohnen wir.«
-
-Julian blickte um sich. Kein Haus, keine Hütte war zu sehen.
-
-»Da!« sagte der Kleine und streckte die Hand aus. Und jetzt bemerkte
-Julian einen dicht an dem einen großen Platz umschließenden Lattenzaun
-stehenden, unförmlichen Gegenstand, in welchem er bei näherer
-Besichtigung einen jener sonderbaren Wagen erkannte, wie ihn wandernde
-Zigeuner oder Seiltänzer minderer Sorte und derartiges fahrendes Volk
-als ihre bewegliche Wohnung mit sich zu führen pflegen: einen auf Rädern
-stehenden großen grünen Kasten mit zwei winzigen, Schiffsluken ähnlichen
-Fensterchen, hinter welchen ein Lichtlein brannte.
-
-»O --!« entschlüpfte es Julian's Lippen, während er einen Seufzer
-unterdrückte.
-
-In demselben Augenblicke aber stürzte von der Rückseite des Wagens eine
-weibliche Gestalt auf den Knaben zu. »Endlich, endlich!« rief sie. »Wir
-glaubten schon, es sei Dir ein Unglück geschehen.« Und sie umarmte und
-küßte ihn.
-
-Ihre blonden Zöpfe hingen frei in den Nacken. Der groteske Hut mit den
-großen, gelben Blumen saß ihr jetzt nicht auf dem Kopfe, ihr Gesicht zu
-verunstalten. Aber das blaue Sammtjäckchen mit den weißen Borten ließ
-Julian sogleich die Straßensängerin vom Morgen in ihr erkennen, deren
-musikalische Vorträge ihn fast zur Verzweiflung gebracht.
-
-Jetzt lief sie zu dem Wagen zurück. »Er ist da, Mutter!« schrie sie
-in das offene Fensterchen hinein. »Er ist zurück, es ist ihm nichts
-geschehen!« Des fremden Begleiters ihres Bruders wurde sie in der Hast
-und Freude des Wiedersehens gar nicht gewahr. Und Julian machte sich nicht
-bemerkbar. Er drückte ein paar kleine Münzen in die Hand des Knaben und
-verschwand im Nebel.
-
-Am anderen Abend aber saß Julian auf seinem über dem kühlen Grasboden
-gebreiteten Ueberzieher vor dem grünen Karren der Spielleute und ließ
-sich erzählen von ihrem Leben und Schicksal. Es war ein trauriges Lied,
-aber kein selten gehörtes. Der Vater -- der Ernährer -- todt, die Mutter
-erkrankt vor Noth und Mühsal, die Familie dem Elend preisgegeben, hätte
-Elvira -- dies war der Name der kleinen Harfenistin, und Roland hieß ihr
-Bruder -- sich nicht entschlossen, das von ihrem Vater -- der Dirigent
-einer von einem Circus engagirten Musikkapelle war -- ererbte und so gut
-es ging, entwickelte Talent zum Broterwerb für sich und die Ihrigen zu
-verwerthen. So zogen sie von Stadt zu Stadt, von Land zu Land. Bei Tage
-sang und spielte Elvira vor den Fenstern der Häuser, Abends in Kneipen
-und Kaffeeschänken. Schon nahte die Stunde, da sie sich wieder auf den Weg
-machen mußte nach dem Wirthshause, für welches sie heute bestellt war.
-Meist begleitete sie ihr Brüderchen auf diesen Gängen. Die Mutter wollte
-es so, da sie zu krank war, sie selbst zu begleiten. Lieber blieb sie
-die langen, öden Stunden des späten Abends allein in ihren engen vier
-Holzwänden, als daß sie das Mädchen allein hätte ziehen lassen. Auch
-half Roland ja selbst zum Erwerb, denn schon führte er den Bogen, und
-manche Hand, die sich dem Mädchen verschloß, öffnete sich mildthätig
-für das blasse Kind, das auf seiner auch vom Vater ererbten Geige mit dem
-Ernste eines großen Künstlers Tänze und Märsche herabfiedelte.
-
-Acht Tage noch wollte die Musikantenfamilie in der Stadt verweilen.
-Dann war die Zeit zu Ende, für welche sie von der Behörde
-Aufenthaltsbewilligung erhalten hatte. Jeden Abend kam Julian, um ein
-Stündchen in ihrer Mitte zu verweilen und irgend eine kleine Gabe, wie sie
-seine bescheidenen Verhältnisse ihm eben gestatteten, mitzubringen, etwas
-Geld oder Eßwaaren, die er gekauft oder von seinem Mittagsmahle erübrigt
-hatte, oder ein altes, noch brauchbares Kleidungsstück, dessen er
-glaubte, sich entledigen zu können oder das seine Hausfrau ihm für seine
-Schützlinge geschenkt. Immer wurde er mit Jubel empfangen, nicht nur wegen
-seiner kleinen Unterstützungen, sondern mehr noch um der freundlichen
-Theilnahme willen, die sie bei ihm fanden.
-
-Eines Abends jedoch -- es war der letzte ihres Aufenthaltes -- kam Roland
-nicht, wie er es sonst immer gethan, ihm freudig entgegengelaufen. Weder
-der Knabe noch seine Schwester ließen sich auf dem Platze vor dem Wagen
-blicken. Näher schreitend war Julian schon im Begriffe, seine Anwesenheit
-durch Rufen kundzugeben, als er, etwa zehn Schritte von sich entfernt,
-in einem Winkel des Lattenzaunes, zwei dunkle, eng aneinander geschmiegte
-Gestalten bemerkte. Es war Elvira. Ihr zur Seite stand ein Julian
-unbekannter Mann, seine Arme um ihren Hals geschlungen, während ihr Kopf
-auf seiner Schulter lehnte.
-
-Julian fühlte sein Herz sich zusammen schnüren. Die alte Geschichte --
-wie hätte es denn auch anders sein können unter solchen Verhältnissen!
-Und doch, ach -- wie leid that es ihm um das junge Mädchen.
-
-Er überlegte. Sollte er sich unbemerkt von dannen schleichen -- oder die
-Mutter aufsuchen, die sicherlich im Wagen saß? -- Wenn er jetzt gleich
-wieder fort ging, wie sollte er den Leuten die Flasche Wein und den kalten
-Braten zukommen lassen, die er ihnen zur Wegzehrung auf ihrer morgigen
-Wanderschaft mitgebracht.
-
-Da lösten sich die beiden Gestalten aus ihrer Umarmung, der Mann eilte
-raschen Schrittes der Stadt zu, Elvira aber, die Arme auf einen Pfosten des
-Zaunes, den Kopf in die Hände gestützt, brach in bitterliches Schluchzen
-aus.
-
-In zwei Sätzen stand Julian neben ihr.
-
-»Was ist geschehen? Warum weinen Sie?« drang er in das Mädchen, ihr den
-Kopf streichelnd, wie man einem weinenden Kinde thut.
-
-Sie antwortete nicht sogleich, die Thränen erstickten ihre Stimme. Endlich
-aber faßte sie sich. Und nun erfuhr Julian, um was es sich handelte.
-
-Der junge Mann, der eben von ihr gegangen, liebte sie. In einem kleinen
-Gasthause, wo sie zuweilen sang und er sein Abendbrot zu nehmen pflegte,
-hatte sie ihn kennen gelernt. Heute nun, da er wußte, daß sie am
-nächsten Tage fortwandern sollten, war er gekommen, ihr zu sagen, daß
-es ihm Ernst sei, daß er sie heiraten und mit der Mutter gleich alles
-Nöthige besprechen und festsetzen wolle.
-
-»Nun --?« fragte Julian, als das Mädchen stockte.
-
-»Ich werde ihn wohl nie im Leben wiedersehen,« fuhr sie mit zitternder
-Stimme leise fort. »Ich hab' ihn abgewiesen und ihm Lebewohl gesagt.«
-
-»Sie lieben ihn also nicht?«
-
-Da schluchzte sie laut auf.
-
-»O -- wie ich ihn liebe!« Und dann, nach kurzem, stillem Hinweinen:
-»Sehen Sie, ich kann ihn nicht heiraten, ich darf nicht, weder ihn noch
-einen Anderen. Wenn ich seine Frau würde, müßte ich meinen Erwerb
-aufgeben. Er würde es nicht dulden, daß ich als Harfenistin durch
-Straßen und Schenken ziehe. Er ist Buchbindergeselle und erwirbt genug
-für uns Beide. Wovon sollten aber die Mutter und Roland leben, wenn ich
-aufhörte, zu singen? Er hat nicht genug, um auch sie zu ernähren, und
-selbst, wenn er es könnte, so möchte ich doch nicht, daß sie das bittere
-Brot der Gnade äßen.«
-
-Sie schwieg. Und Julian fand kein tröstendes Wort. Es war ihm weh zu
-Muthe.
-
-Da wurden nahende Schritte hörbar. Es war Roland, der in der Stadt einige
-kleine Einkäufe besorgt hatte.
-
-Elvira raffte sich auf. »Kommen Sie, gehen wir zu den Anderen!«
-flüsterte sie. Und dann, ganz leise: »Sagen Sie der Mutter nicht, daß
-ich geweint habe. Sie weiß, daß ich ihn abgewiesen habe, aber sie soll es
-nicht erfahren, daß ich ihn lieb habe. Es würde sie zu traurig machen.«
-
-Am anderen Tage auf dem Heimwege von seinem abendlichen Spaziergange lenkte
-Julian wieder, ohne selbst recht zu wissen, warum, seine Schritte nach
-dem Wiesenplatze vor dem Auwald. Leer, öde und still lag er heute da.
-Das kurze Gras um die Stelle, wo der Wagen gestanden, war zertreten und
-zerstampft, und daneben, wo sie den kleinen eisernen Herd hingestellt
-hatten, auf dem Elvira die Suppe und Kartoffeln für das Abendessen kochte,
-lagen Stückchen halbverkohlten Holzes auf der Erde.
-
-Wo sie wohl jetzt weilen mochten? -- Was die Zukunft ihnen bringen würde?
--- Immer nur Mühe, Entbehrung, Lasten und Sorge? -- Oder auch Glück und
-Freude? -- dachte Julian. Und während er am Ufer des leise rauschenden
-Flusses langsam weiter schritt, auf dessen sanft dahingleitenden Wellen die
-Gasflammen und elektrischen Bogenlichter der Straßen- und Brückenlaternen
-sich spiegelnd aufblitzten wie herabgefallene, auf dem Wasser schwimmende
-Sterne, klang ihm wieder das Lied im Ohre:
-
- »Es ist bestimmt in Gottes Rath,
- Daß man vom Liebsten, das man hat -- muß scheiden --«
-
-Arme Elvira! Als sie es vor seinem Fenster gesungen, ahnte sie wohl nicht,
-wie bald es sich an ihr erfüllen sollte!
-
-
-
-
-Sein Bild.
-
-
-Es giebt bekanntlich Menschen, die sich nie, selbst in den glücklichsten
-Lebenstagen nicht glücklich fühlen, und Andere dagegen, die sehr wenig
-bedürfen, um froh und zufrieden zu sein. Die Ersteren -- sie sind leider
-in der Mehrzahl -- haben die unglückliche Gewohnheit, ihre eigenen
-Verhältnisse immer mit solchen der besser situirten Leute zu vergleichen
-und an diesen abzumessen, wobei sie selbstverständlich zu dem Resultate
-kommen, ihre Lage als eine bedauernswerthe zu betrachten. Statt ihr
-Augenmerk darauf zu richten, was das Geschick ihnen Gutes beschert hat,
-ziehen sie nur in Erwägung, was es ihnen versagt. Wohnen sie in einer
-kleinen Stadt, so beklagen sie es, die Vortheile eines Aufenthaltes in
-einer Großstadt entbehren zu müssen, werden sie nach einer solchen
-versetzt, so bemitleiden sie sich dafür, nicht den Sommer auf dem
-Lande zubringen zu können; wird auch dies ihnen ermöglicht, so ist
-es sicherlich nicht der ihren Wünschen entsprechende Punkt, wohin die
-Umstände sie geführt haben.
-
-Martin Jost gehörte nicht zu dieser Kategorie von Menschen. Er gehörte zu
-der kleinen Zahl jener Anderen, die sich mit dem bescheidensten Lose --
-so es nur erträglich -- zufrieden geben; die sich des flüchtigsten
-Lichtblickes in ihrem Dasein freuen und selbst dann, wenn ihr
-Schicksalshimmel, mit trüben Wolken verhängt, düster auf sie
-herniederblickt, unbewußt die tiefe Lebensweisheit üben, daß sie
-geduldig auf eine Besserung warten. Seit fünfzehn Jahren bei einem
-Rechtsanwalte als Schreiber bedienstet, bezog Martin einen Monatssold, der
-gerade ausreichte, daß er nicht hungern und nicht frieren mußte und
-nicht in schmutzigen oder zerrissenen Kleidern einherzugehen brauchte.
-Er bewohnte eine kleine, schlicht möblirte Stube bei einer ältlichen
-Beamtenswitwe, bereitete sich eigenhändig seinen Morgenkaffee, aß seit
-vielen Jahren in demselben bescheidenen Gasthause, in demselben Zimmer, an
-demselben Tische zu Mittag und trug unverändert denselben grauen Rock und
-denselben schwarzen Filzhut. Allerdings wurden Hut und Rock, wenn sie
-sich als vom Zahne der Zeit allzu scharf mitgenommen erwiesen, durch
-neue ersetzt. Da der Nachkömmling jedoch immer genau so aussah wie sein
-Vorgänger, so machte es den Eindruck, als ob Martin mit seinen Kleidern
-verwachsen wäre. Nur wenn er -- dies war der einzige Luxus, den er sich
-gönnte -- das Theater besuchte, vertauschte er den grauen mit einem
-schwarzen Rocke, mit demselben schwarzen Rocke, den er vor fünfzehn Jahren
-gelegentlich der behufs Erlangung seiner Dienststelle bei dem Advocaten
-unternommenen Präsentationsvisite getragen hatte.
-
-Es war ihm nicht an der Wiege gesungen worden, daß er es nicht weiter
-bringen sollte als bis zum Schreiber. Ein munterer, aufgeweckter Knabe,
-hatten seine Lehrer ihn als einen fleißigen und begabten Schüler sehr
-lieb gehabt. Doch als sein Vater plötzlich starb, Frau und Sohn in den
-dürftigsten Verhältnissen zurücklassend, da unterbrach der Jüngling
-seine zu den schönsten Hoffnungen berechtigenden Studien und trat, da
-sich eine bessere Stelle ihm nicht bot, als Diätist in den Dienst des
-Rechtsanwaltes, sich und die Mutter von seinem kleinen Gehalte ernährend.
-Jetzt war auch die Mutter seit Jahren todt, und da er nun für niemand mehr
-als für sich selbst zu sorgen brauchte, brachte er es, so gering seine
-Bezahlung auch war, doch fertig, nicht nur ein kleines Sümmchen für
-unvorhergesehene Fälle von Krankheit oder Noth jährlich zurückzulegen,
-sondern auch sich das Vergnügen eines zeitweiligen Theaterbesuches, des
-einzigen und ausschließlichen Vergnügens, das er kannte, zu gestatten.
-Niemand ahnte es, welche Begeisterung in dem Inneren dieses stillen,
-unscheinbaren Männchens loderte, welches mächtige Echo das Wort des
-Dichters in dem Herzen dieses scheinbar trockenen Actenabschreibers fand.
-Ein Copist! Wie sollte die Seele eines Menschen, der seit einer Reihe von
-Jahren von acht Uhr Morgens bis Mittags, von zwei Uhr Nachmittags bis
-sechs Uhr Abends nichts anderes that, als seine Feder in trostloser
-Einförmigkeit über das Papier hingleiten zu lassen, anderer Empfindungen
-und Gedanken als solcher der nüchternsten Alltäglichkeit fähig sein! Ja,
-besaß solch eine Schreibmaschine überhaupt etwas wie eine Seele?
-
-Und doch! Ein Wesen gab es, das in den sinnend vor sich hinblickenden
-grauen Augen des von niemanden beachteten, schüchternen und schweigsamen
-Mannes zu lesen verstand, ein Wesen, welches wußte, welch eine reiche Welt
-zarter und reiner Gefühle, freier und edler Ideen hinter dem durch den
-Schein alltäglicher Unbedeutendheit täuschenden Aeußeren verborgen lag.
-Dieses eine Wesen war die Blumenmacherin Elise H., die er erst vor wenigen
-Jahren kennen gelernt hatte, mit der ihn aber jetzt herzliche Freundschaft
-verband.
-
-Im Theater war es gewesen. Sie hatte neben ihm gesessen; durch sein
-bescheidenes freundliches Anerbieten, sein Opernglas zu benützen, war ein
-Gespräch herbeigeführt worden und im Laufe desselben hatte er die ihm
-wundersam scheinende Entdeckung gemacht, daß seine Sitznachbarin von
-demselben Enthusiasmus über die sie entzückende Bühnendichtung erfüllt
-war, wie er selbst. Da sie allein war und da sie den Weg nach Hause
-allein hätte zurücklegen müssen, bot er ihr, seine Schüchternheit
-überwindend, seine Begleitung an, welche angenommen wurde. Und nicht nur
-das -- sie gestattete ihm auch, sie zu besuchen. Immer reger wurde der
-Verkehr zwischen ihnen, immer mehr Freude und Erquickung fanden die beiden
-Einsamen in den trauten Stunden ihres Zusammenseins und bald wurde es
-ihnen zur Gewohnheit, an bestimmten Tagen der Woche die Abende in Elisens
-traulichem Stübchen zu verbringen.
-
-Sie verkehrten wie Geschwister miteinander. Nachdem der Thee getrunken war,
-griff Elise wieder zu ihrer Arbeit, Martin aber nach einem Buche, aus dem
-er ihr vorlas und über welches sie dann ihre Gedanken austauschten. Sie
-empfanden es Beide als ein großes Glück, einander begegnet, Einer in dem
-Anderen eine Menschenseele gefunden zu haben, die sie von der trostlosen
-Vereinsamung, die jeden bedrückte, erlöste und ihnen Gelegenheit bot,
-alles, was in ihnen lebte und webte, ihre durch das stete Schweigen
-gleichsam verschleiert gebliebenen Empfindungen, die Ideen, welche
-theilweise noch unreif und verworren, nach Klärung rangen, auszusprechen
-und sie durch das Urtheil des Anderen frische Nahrung, Erweiterung und
-Berichtigung finden zu lassen.
-
-Denn wie Martin war auch Elise solcher Eltern Kind, die für sie ein
-besseres Los als das einer Handarbeiterin im Auge gehabt und ihr eine gute
-Erziehung hatten angedeihen lassen. Sie hatte viel gelesen und manches
-gelernt; doch wies der ihr zutheil gewordene Unterricht zu viele Mängel
-und Lücken auf, um sie durch Verwerthung desselben zur Gewinnung der
-Mittel ihres Lebensunterhaltes zu befähigen. Und so kam es, daß, als
-das Unglück über sie hereinbrach, in rascher Folge ihre beiden Eltern zu
-verlieren und, ohne Vermögen, auf eigenen Broterwerb angewiesen zu sein,
-ihr bis dahin nur zu ihrem Vergnügen gepflegtes Talent der Erzeugung
-zierlicher Kunstblumen zur Quelle der Erwerbung der Subsistenzmittel wurde
-für sie selbst und für ihren von schwerem Siechthum befallenen kleinen
-Bruder.
-
-Doch während sie so saß und Stunde um Stunde die weißen
-Battistblättchen zu Blumen- und Blüthengebilden zusammenfügte, um dann
-die zarte Form mit Farbe zu überkleiden, da flatterten ihre Gedanken weit
-hinaus aus dem engen Raum, und die reichen, vielgestaltigen Bilder, die
-ihre Phantasie erbaute, belebten die gleichförmige Einsamkeit ihres
-wirklichen Lebens. Jetzt war dies anders geworden; in Martin hatte Elise
-einen Genossen gefunden, der allem von ihr Gedachten und Empfundenen
-williges Gehör und Verständniß entgegenbrachte.
-
-Auf diese Weise waren einige Jahre verflossen, als die Verschlimmerung des
-Zustandes des kleinen Patienten und schließlich sein Tod im Verkehre
-der beiden Freunde eine schmerzliche Unterbrechung herbeiführte. Und als
-Martin -- nachdem Elise den von seinen Leiden erlösten Knaben zur Ruhe
-bestattet hatte, ihr nun noch vereinsamteres Leben wieder in alter Weise
-aufnahm -- auch zur Gewohnheit seiner regelmäßigen Besuche zurückkehren
-wollte, da sah er sich plötzlich vor die Alternative gestellt, entweder
-auf seinen ihm so lieb gewordenen Verkehr mit der Freundin zu verzichten
-oder ihren guten Ruf zu gefährden. Denn jetzt fingen Elisens Nachbarsleute
-an, die Köpfe zusammenzustecken, zu zischeln und zu flüstern und Martin's
-häufige Besuche bei Elise, die nun nicht einmal mehr den Bruder an
-der Seite hatte, dessen stete Anwesenheit die Sache anständiger hatte
-erscheinen lassen, als einen die Moral verletzenden Scandal zu bezeichnen.
-
-Martin fühlte sich tief unglücklich und wußte keinen Ausweg. Die
-Freundin dem Gerede verleumderischer Lästerungen preisgeben wollte er
-nicht, auf sie Verzicht zu leisten, dies glaubte er aber nicht über sich
-bringen zu können, denn -- jetzt erst ward er sich darüber klar -- nicht
-freundschaftliche Gefühle allein waren es, die ihn an sie fesselten. Nein,
-die Freundschaft hatte sich in seinem Herzen in Liebe umgewandelt. Aber so
-sorgsam hatte er das Geheimniß gehütet, daß er bis zu diesem Augenblicke
-selbst nicht wußte, was in seinem Inneren lebte.
-
-Ein Anderer würde an seiner Stelle nicht gezögert haben, Elisen seine
-Liebe zu gestehen und sie zu fragen, ob sie seine Frau werden wolle. Er
-aber fand hierzu den Muth nicht. Seine Schüchternheit und die aus diesem
-Gefühle geborene Ueberzeugung der Unmöglichkeit, daß er im Stande sein
-sollte, die Neigung eines weiblichen Wesens, am allerwenigsten aber die
-Elisens, die er in seinem Urtheile unerreichbar hoch über sich stellte,
-zu erwerben, banden ihm die Zunge. Und so kam es, daß er, statt einen
-entscheidenden Schritt zu thun, mit eigenen Händen den Weg verrammelte,
-der ihn an das gewünschte Ziel hätte bringen können; er ließ seine
-Besuche bei Elisen immer seltener werden und blieb, allerlei Vorwände
-suchend, schließlich ganz aus.
-
-Indem er glaubte, daß Elise nichts ahnte von dem, was in ihm vorging und
-was die Ursache war seines plötzlichen Abbrechens ihres Verkehres,
-hatte er sich jedoch sehr getäuscht. Nicht nur war der Klatschbasen
-mißbilligendes und verleumderisches Geflüster über ihre vertraulichen
-Beziehungen zu Martin auch ihr, ebenso wie ihm, ja noch früher zu Ohren
-gekommen, sie hatte auch das in seinem Herzen glühende Feuer gar lange
-schon wahrgenommen. Ja, sie hatte es bereits erkannt, daß sie von ihm
-geliebt sei, bevor er sich selbst dessen bewußt geworden.
-
-Einige Wochen waren vorübergegangen, ohne daß Martin die Schwelle des
-trauten Zimmers mit dem mit geblumten Kattun überzogenen Sopha, in dessen
-Ecke er so oft gelehnt, mit dem Lederfauteuil, auf welchem er Elise so oft
-sitzen gesehen, das blasse, nicht schöne und doch so anziehende Gesicht
-mit den freundlich und klar blickenden Blauaugen nach vorne über den
-großen Arbeitstisch geneigt, ohne daß er die Schwelle dieses Zimmers,
-nach dem es ihn so mächtig zurückzog, überschritten hatte. Anfänglich
-war es ihm schwer, ach, furchtbar schwer gefallen, seinen Entschluß
-durchzuführen. Oft hatte er das Haus, das ihn unwiderstehlich lockte,
-umschritten, war an dessen Thor stehen geblieben, hatte bebenden Herzens
-nach den zwei Fenstern hinaufgeblickt, durch deren zugezogene Vorhänge
-der gedämpfte Lichtschein der Lampe fiel. Aber betreten hatte er das
-Haus nicht. Denn er wußte, daß wenn er erst im Flur stünde, er der
-Versuchung, seinen Vorsatz zu brechen, nicht widerstehen würde. Er
-glaubte, daß es seine Pflicht sei, diesen Vorsatz auszuführen. Und das
-Bewußtsein erfüllter Pflicht war ihm mehr werth als sein Glück.
-
-Da erhielt er eines Tages ein Briefchen von Elise, worin sie ihn bat, sie
-Abends zu altgewohnter Stunde zu besuchen; sie habe ihm eine Mittheilung zu
-machen, seinen Freundesrath in wichtiger Angelegenheit zu erbitten.
-
-Er kam. Und als er das liebe Gesichtchen wieder sah, noch blasser als sonst
--- oder ließen nur das Trauerkleid und die schwarze Halskrause es so
-blaß aussehen? -- und um die Augenbrauen ein seltsam nervöses Zucken,
-als wohnte hinter dieser Stirn ein neuer Kummer, ein Kummer, dessen Ursache
-vielleicht er war, da ward ihm zu Muthe, als müßte er vor sie hintreten,
-ihre Hand fassen und ihr alles sagen, wie es ihm ums Herz sei.
-
-Doch er bezwang sich und schwieg.
-
-»Sie wollen mir etwas mittheilen, meinen Rath hören,« sagte er mit
-erzwungener Ruhe.
-
-»Ja, freilich! Doch davon später, nach dem Thee,« antwortete sie. »Denn
-heute will ich zu Ehren Ihres Besuches mir Feierabend gönnen.«
-
-Und nun ging sie daran, den Tisch zu decken. Für kalten Aufschnitt,
-Sardellenbutter, geröstete Brotschnitten, auch Backwerk daneben, hatte sie
-bereits gesorgt, und nun ordnete sie alles in ihrer stillen, geräuschlosen
-Art. Dabei knisterte und flackerte das Feuer im Ofen, denn es war Winter,
-und das Wasser im Theekessel summte ein trauliches Liedchen.
-
-Martin wurde es immer wohler und zugleich immer weher in seiner Seele. Und
-er glaubte vergehen zu müssen bei dem Gedanken, wie glücklich er werden
-könnte, wenn -- ja wenn --
-
-Dann fing sie zu plaudern an von allen möglichen Dingen -- ganz wie
-früher, als sie noch gewohnt waren, einander alle kleinen Begebenheiten,
-alle Freuden und Leiden ihres einfachen Lebens mitzutheilen. Auch von dem
-todten Brüderchen sprach sie, und wie sie jetzt, seitdem es ihr genommen,
-sich noch viel einsamer fühle als früher, so lange sie für ihn zu sorgen
-und zu schaffen hatte.
-
-Und dann -- ganz plötzlich -- rückte sie mit dem heraus, was sie
-eigentlich vorhatte, ihm mitzutheilen. Sie hege die Absicht, sich zu
-verheiraten, sagte sie ihm. Der Mann ihrer Wahl sei ein guter, braver
-Mensch, arm wie sie selbst. Aber sie Beide stellen ja keine großen
-Ansprüche an das Leben und sie seien gewohnt, zu arbeiten. Und -- was die
-Hauptsache -- sie liebe ihn. Da sie aber zu einem so wichtigen Schritt sich
-nicht entschließen wolle, ohne seinen Rath zu hören, so bäte sie ihn um
-sein Urtheil. Er werde gleich Gelegenheit haben, den Erwählten kennen zu
-lernen, denn sie habe diesen gebeten, heute Abend auch zu ihr zu kommen.
-Martin schnellte von seinem Sitze empor. Kreidebleich stand er vor ihr.
-Sein Herz hämmerte in so wuchtigen Schlägen, daß er kaum zu sprechen
-vermochte.
-
-»Wie?« stammelte er. »Er kommt hierher? Jetzt, hier soll ich ihm
-begegnen? Nein, Elise, das fordern Sie nicht von mir! Das nicht! Lassen Sie
-mich gehen, bevor er kommt.«
-
-»Sie wollen mir Ihren Freundesrath vorenthalten?« fragte Elise. »Mir ist
-an Ihrem Urtheile viel gelegen.«
-
-»Ach, welchen Nutzen haben Sie davon? Nein, ich will nicht hier bleiben,
-ich will nicht!« rief Martin fast verzweifelt und rannte im Zimmer umher,
-um Hut und Ueberrock zu suchen, die er nicht fand, obgleich beides
-vor seinen Augen an einem Haken an der Thür hing. Elise aber blieb
-unerbittlich.
-
-»Warum wollen Sie ihm nicht begegnen?« fragte sie. »Sagen Sie mir, warum
-Sie es nicht wollen.«
-
-Da trat Martin dicht an sie heran, und indem er die Hände wie bittend
-ineinander legte, sagte er: »Warum? -- Weil -- weil -- Ach, Elise, Sie
-quälen mich nutzlos. Sie ahnen nicht --«
-
-Er vollendete den Satz nicht und wandte sich ab. Hut und Rock vom Nagel
-reißend, wollte er aus dem Zimmer stürzen.
-
-Elise hielt ihn zurück.
-
-»Wenn Sie meine Bitte durchaus nicht erfüllen wollen, wohlan, gehen Sie,
-ich halte Sie nicht auf. Doch sein Bild sehen Sie sich an. Hier ist es, so
-sieht er aus. Und nun sagen Sie mir, ob er Ihnen gefällt, ob Sie glauben,
-daß meine Wahl eine gute, ob ich sie nicht zu bereuen haben werde.«
-
-Und sie hielt dem Widerstrebenden eine Photographie vor die Augen. Es war
-seine eigene --
-
-Martin stieß einen leisen Schrei aus und im nächsten Augenblicke lag
-Elise in seinen Armen. Er glaubte nicht, daß ihre Wahl keine gute sei --
-und sie hatte sie nie zu bereuen.
-
-
-
-
-Collection Hartleben.
-
-Eine Auswahl
-
-der hervorragendsten Romane aller Nationen.
-
-Preis des Bandes eleg. geb. 40 Kr. = 75 Pf. = 1 Fr.
-
-Pränumeration für ein Jahr (26 Bände) 10 fl. = 19 M. = 25 Fr.
-
-
-Inhalt des ersten Jahrganges.
-
- I.-IV. Carlén, Emilie. Der Vormund.
-
- V.-VI. Dumas, Alexander. So sei es.
-
- VII.-VIII. Sue, Eugen. Miß Mary.
-
- IX. Jokai, Mor. Hallil Patrona. (Die weiße Rose.)
-
- X. Sand, Georg. Die kleine Fadette. (Die Grille.)
-
- XI.-XII. Mügge, Theod. Verloren und gefunden.
-
- XIII.-XIV. Thackeray, William. Die Geschichte Heinrich Esmond's.
-
- XV. Turgénjew, Iwan. Frühlingsfluthen.
-
- XVI. Maquet, Aug. Liebe und Verrath.
-
- XVII.-XIX. Dumas, Alex. Sohn. Roman aus dem Leben einer Frau.
-
- XX. Léval, Paul. Der schwarze Bettler.
-
- XXI.-XXII. Sandeau, Jul. Valcreuse.
-
- XXIII.-XXIV. Berthet, Elie. Der Wolfmensch.
-
- XXV.-XXVI. Ainsworth, Harisson. Der Verschwender.
-
-
-Inhalt des zweiten Jahrganges.
-
- I.-III. Kraszewski, J. I. Am Hofe August des Starken (Gräfin
- Cosel).
-
- IV. Rovetta, Gerolamo. Der erste Liebhaber.
-
- V.-VI. Delpit, Albert. Theresine.
-
- VII. Rosegger, P. K. Streit und Sieg.
-
- VIII. Dumas, Alex. Sohn. Diana de Lys.
-
- IX.-XI. Herloßsohn, K. Wallenstein's erste Liebe.
-
- XII. Besozzi, Max. Späte Einsicht.
-
- XIII.-XIV. Sue, Eugen. Kinder der Liebe.
-
- XV. Degré, Al. Blaues Blut.
-
- XVI.-XVII. Sand, George. Erkenntnisse eines jungen Mädchens.
-
- XVIII.-XX. Bell, Currer. Die Waise aus Lowood.
-
- XXI.-XXII. Flaubert, G. Mad. Bovary.
-
- XXIII. Gaskel, Mrs. Eine böse Nacht.
-
- XXIV.-XXVI. Dumas, Alex. Chevalier von Maison rouge.
-
-
-Inhalt des dritten Jahrganges.
-
- I.-III. Collins, Wilkie. Die neue Magdalena.
-
- IV.-V. Boisgobey, Fortuné. Die Stimme des Blutes.
-
- VI. Julius von der Traun. Goldschmiedkinder.
-
- VII.-VIII. Reyd, Cap. Mayne. Die Scalpjäger.
-
- IX. Vogel vom Spielberg. Irrende Seelen.
-
- X.-XI. Schlögl, Friedr. Wiener Blut.
-
- XII.-XIV. Enault, Louis. Die Geschichte einer Frau.
-
- XV. Lermontoff, Michael. Der Held unserer Zeit.
-
- XVI. Feuillet, Octave. Der Roman eines armen jungen Mannes.
-
- XVII.-XVIII. Schlögl, Friedr. Wiener Luft.
-
- XIX.-XXI. Smith, Hamlyn. Ein Londoner Geheimniß.
-
- XXII.-XXIV. Foudras, Marquis. Die Nacht der Rächer.
-
- XXV.-XXVI. Schlögl, Friedr. Wienerisches.
-
-
-Inhalt des vierten Jahrganges.
-
- I.-IV. Mary, Jules. Schuldig, oder nicht?
-
- V.-VI. Karasin, N. N. Der Brahmane.
-
- VII.-VIII. Delpit, Albert. Die schöne Frau.
-
- IX. Jokai, Mor. Clarinus und andere Novellen.
-
- X.-XII. Kraszewski, J. I. Die Sphinx.
-
- XIII.-XIV. Sand, George. Der Marquis von Villemer.
-
- XV. Caballero, Fernan. Spanische Novellen.
-
- XVI.-XVIII. Beecher-Stowe, H. Wir und unsere Nachbarn.
-
- XIX. Dumas Alex. Gabriel Lambert.
-
- XX. Turgénjew, Iwan. Der König Lear der Steppe und andere
- Novellen.
-
- XXI.-XXII. Reyd, Cap. Mayne. Die Scharfschützen.
-
- XXIII.-XXIV. Foudras, Marquis. Ein großer Komödiant.
-
- XXV.-XXVI. Perrin, Maxim. Der Sultan eines Pariser Stadtviertels.
-
-
-Inhalt des fünften Jahrganges.
-
- I.-II. Boisgobey, Fortuné. Im Banne der Schuld.
-
- III. Karasin, N. Das Drama im Grenzfort.
-
- IV.-VI. Wilson, Aug. Evans. Infelice.
-
- VII. Vogel vom Spielberg, A. Frau Lear.
-
- VIII. Delpit, Eduard. Kath. Levallier.
-
- IX. Beniczky-Bajza, Helene v. Gräfin Ruth.
-
- X. Mairet, Jeanne. Meeresblume.
-
- XI.-XII. Ssalis, E. A. Schicksalswege.
-
- XIII.-XV. Dash, Gräfin. Die schöne Aurora.
-
- XVI. Lytton, Lord. Der Ring der Amasis.
-
- XVII.-XIX. A. v. L. Am Hofe von Neapel.
-
- XX.-XXI. Longfellow, H. W. Hyperion.
-
- XXII.-XXIV. Dumas, Alexander. Isabella von Bayern.
-
- XXV. Eliot, George. Der gelüftete Schleier.
-
- XXVI. Sue, Eugen. Die Marquise von Alfi.
-
-
-Inhalt des sechsten Jahrganges.
-
- I.-III. Werthen, S. Opfer der Liebe.
-
- IV.-V. Beniczky-Bajza, Helene v. Die Würde der Schönheit.
-
- VI. Mairet, Jeanne. Marca.
-
- VII.-VIII. Wasserburger, Lina. Die Aloeblüthe.
-
- IX.-X. Pont-Yest, René de. Claudia.
-
- XI.-XII. Sienkieviz, Heinrich. Quo vadis?
-
- XIII. Serao, Mathilde. Fahr' wohl, mein Lieb!
-
- XIV.-XVI. Boborykin, P. Die Fürstin.
-
- XVII. Groner, Auguste. Der alte Herr und andere Novellen.
-
- XVIII.-XIX. Flemming, M. A. Bruderliebe.
-
- XX. Kreuth, W. Nach dem Schiffbruch. Südamerikanischer Roman.
-
- XXI. Delpit, Albert. Die Witwe Sorbier.
-
- XXII. Troll-Borostyáni, Irma v. Novellen.
-
- XXIII. Brun-Barnow, I. v. Das Verhängniß.
-
- XXIV.-XXVI. Ohnet, Georges. Der König von Paris.
-
-
-Inhalt des siebenten Jahrganges.
-
- I.-III. Black, William. Sabina Bembra.
-
- IV.-V. Guidi, Orlanda. Isabella Fianelli.
-
- VI. Brociner, Marco. Das Blumenkind und andere Novellen.
-
- VII.-VIII. Lesueur, Daniel. Hassende Liebe.
-
- IX. Josika, Koloman Freiherr von. Comtesse Tini.
-
- X.-XI. Lancken, B. von der. Der Günstling.
-
- XII.-XIII. Lowet, Cameron. Ein schwaches Weib.
-
- XIV. Guglia, Eugen. Das Begräbniß des Schauspielers und
- andere Novellen.
-
- XV. Cantacuzène, Olga, Prinzessin. Carmela.
-
- XVI.-XVII. Casetti, Alexander. Das Vermächtniß. Original-Roman aus
- der Gesellschaft.
-
- XVIII. Roest, Rust. Firma Löwe, Kurt u. Comp. Eine Erzählung.
-
- XIX.-XX. E. Braddon. Im Verdacht.
-
- XXI.-XXII. Delpin, Albert. Alle Beide.
-
- XXIII.-XXIV. Waldow, Ernst von. Die rothe Locke.
-
- XXV.-XXVI. Mairet, Jeanne. Auf der Höhe.
-
-
-A. Hartleben's Verlag in Wien, Pest und Leipzig.
-
-
-
-
-[ Hinweise zur Transkription
-
-
-Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Darstellung abweichender
-Schriftarten (ausgenommen römische Zahlen): =Antiqua= .
-
-Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Textende an den Textanfang verschoben.
-Wiederholungen von Kopf- und Fußzeilen in der Verlagswerbung wurden
-entfernt.
-
-Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden
-Ausnahmen,
-
- Seite 11:
- "unrecht" geändert in "Unrecht"
- (Nicht alles Unrecht, was in der Welt geschieht)
-
- Seite 23:
- "«," geändert in ",«"
- (»Sie sind Jurist und ich möchte mir Ihren Rath erbitten,«)
-
- Seite 75:
- "Theoder" geändert in "Theodor"
- (mein Freund Theodor mit lauter Stimme)
-
- Seite 92:
- "sie" geändert in "Sie"
- (wie vielen Damen Sie diese Tirade schon wiederholt)
-
- Seite 103:
- "." eingefügt
- (im Forste lag schon tiefes Dunkel.)
-
- Seite 112:
- "Studienbätter" geändert in "Studienblätter"
- (Skizzen, Studienblätter, Kreide- und Federzeichnungen)
-
- Seite 125:
- "»" entfernt vor "Hör'"
- (gewiß nicht! Hör' auf, hör' auf!)
-
- Seite 132:
- "Häusesmeeres" geändert in "Häusermeeres"
- (im Gewühle des Häusermeeres ist es gelegen)
-
- Seite 161:
- "Kraszwski" geändert in "Kraszewski"
- (Kraszewski, J. I. Am Hofe August des Starken)
-
- Seite 161:
- "Girolamo" geändert in "Gerolamo"
- (Rovetta, Gerolamo. Der erste Liebhaber.) ]
-
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-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK WAS ICH GESCHAUT ***
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-</div>
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-<table style='padding:0; margin-left:0; border-collapse:collapse'>
- <tr><td>Title:</td><td>Was ich geschaut</td></tr>
- <tr><td></td><td>Novellen</td></tr>
-</table>
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-<div style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Author: Irma von Troll-Borostyání</div>
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-<div style='display:block; margin:1em 0'>Release Date: January 26, 2021 [eBook #64388]</div>
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-<div style='display:block; margin:1em 0'>Language: German</div>
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-<div style='display:block; margin:1em 0'>Character set encoding: UTF-8</div>
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-<div style='display:block; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Produced by: the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file made from scans of public domain material at Austrian Literature Online.)</div>
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-<div style='margin-top:2em; margin-bottom:4em'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK WAS ICH GESCHAUT ***</div>
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-<h1><a class="pagenum" id="page_001"> </a>
-Was ich geschaut.</h1>
-
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-<p class="ce lh2"><span class="fsl ge">Novellen</span><br />
-von<br />
-<span class="fsxl">Irma von Troll-Borostyání.</span></p>
-
-<p class="ce mt2"><img src="images/emblem.png" alt="" /></p>
-
-<p class="ce"><span class="fsl">Wien. Pest. Leipzig.</span><br />
-
-<span class="ge">A. Hartleben's Verlag.</span></p>
-
-
-<p class="ce mt2"><a class="pagenum" id="page_002"> </a>
-<span class="fss ge">Alle Rechte vorbehalten.</span><br />
-&mdash;<br />
-<span class="fsxs">K. u. k. Hofbuchdruckerei Carl Fromme in Wien.</span></p>
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-
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-
-<h2>Inhaltsverzeichniß.</h2>
-
-
-<table summary="" border="0" cellpadding="3">
- <tr>
- <td>&nbsp;</td>
- <td class="tdr fss">Seite</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">Erlöst!</td>
- <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_003">3</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">Justus</td>
- <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_016">16</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">Fallendes Laub</td>
- <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_030">30</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">Franzi's Weihnacht</td>
- <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_044">44</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">Der Weg zum Herzen</td>
- <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_055">55</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">Weder Glück noch Stern</td>
- <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_065">65</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">Der Unwiderstehliche</td>
- <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_075">75</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">Schwer geprüft</td>
- <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_107">107</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">»Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht«&emsp;</td>
- <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_124">124</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">Der kleine Geiger</td>
- <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_132">132</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">Die Harfenspielerin</td>
- <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_140">140</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">Sein Bild</td>
- <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_151">151</a></td>
- </tr>
-</table>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_003" title="3"> </a>
-Erlöst!</h2>
-
-
-<p>Mit dem Versprechen, am anderen Tage wiederzukommen,
-hatte sich der Arzt verabschiedet und Gabriele blieb allein am
-Bette ihres kranken Kindes. Es lag in heftigem Fieber; auf
-den lieblich gerundeten, vollen Wangen brannten hochrothe
-Flecken und die sonst so fröhlichen, dunkelblauen Augen blickten
-schmerzlich und wie hilfesuchend auf das kummervolle Antlitz
-der Mutter, die sich zwang, es freundlich anzulächeln.</p>
-
-<p>Der kleine Erich war während der fünf Jahre seines
-Daseins niemals krank gewesen. Vor wenigen Tagen zeigte er
-eines Morgens Mattigkeit und Unlust, seinen gewohnten Spielen
-zu obliegen. Dann klagte er über Schmerzen im Kopfe und in
-der rechten Seite der Brust beim Athemholen. Fiebersymptome
-traten auf; er wurde zu Bett gebracht, und der herbeigerufene
-Arzt konnte es den Eltern nicht verhehlen, daß der Fall &ndash; eine
-hochgradige Entzündung des rechten Lungenflügels &ndash; ein sehr
-bedenklicher sei.</p>
-
-<p>Jetzt saß die Mutter am kleinen Bettchen des Knaben
-und streichelte hin und wieder mit weicher Hand über seinen
-blonden Lockenkopf, den er unruhig auf den Kissen hin und her
-wälzte. Mit ängstlicher Aufmerksamkeit beobachtete sie die kurzen,
-raschen Athemzüge, den fliegenden Puls des Kindes und verfolgte
-<a class="pagenum" id="page_004" title="4"> </a>
-zugleich den vorrückenden Zeiger an der gegenüberhängenden
-Wanduhr, um den rechten Augenblick nicht zu versäumen,
-ihm, der ärztlichen Vorschrift gemäß, viertelstündlich
-die Arznei zu verabreichen.</p>
-
-<p>Wie ein dumpfes Brausen drang der Lärm des großstädtischen
-Lebens und Treibens durch die geschlossenen Doppelfenster
-des Krankenzimmers. Die Vorhänge waren zugezogen,
-und die mit einem grünen Papierschirm bedeckte Lampe verbreitete
-eine milde Helle in dem weiten Gemache.</p>
-
-<p>Draußen lag noch das graue Licht der schwindenden Abenddämmerung
-über den Straßen. Es war ein unfreundlicher Märztag,
-und ein rauher Nordost wirbelte einen trockenen, hustenreizenden
-Staub auf. Die Damen, die sich in leichten Frühlingstoiletten
-herausgewagt hatten, bedauerten es lebhaft, ihre warmen,
-winterlichen Umhüllungen zu Hause gelassen zu haben.</p>
-
-<p>Ein elegant gekleideter, noch junger Mann schritt quer
-über die Straße dem Hause zu, in welchem der kranke Knabe
-lag. Es war Otto von Brauneck, der Vater des Kindes. Nachdem
-er an der Eingangsthür geschellt und der Diener ihm geöffnet
-hatte, trat er durch das Vorzimmer in den Salon, um
-in sein neben demselben gelegenes Arbeitszimmer zu gelangen.</p>
-
-<p>»Was ist das? &ndash; Sind noch keine Vorbereitungen getroffen?«
-fragte er den Diener, indem er an der Schwelle
-stehen blieb und einen überraschten Blick durch den unerleuchteten
-Raum schickte. »In längstens einer Stunde werden die Gäste
-eintreffen, und es ist nichts in Ordnung gebracht. Sollte meine
-Frau keine Anordnungen getroffen haben?«</p>
-
-<p>»Die gnädige Frau meinte, der Empfang würde heute
-nicht stattfinden,« erklärte der Diener.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_005" title="5"> </a>
-»Und warum nicht?«</p>
-
-<p>»Ich glaube &ndash; des Kranken wegen.«</p>
-
-<p>»Ach, das Kind wird in seiner Ruhe nicht gestört werden.
-Schlagen Sie den Spieltisch in meinem Zimmer auf, statt im
-Salon, und besorgen Sie rasch alles nöthige. Kaltes Buffet &ndash;
-einige Flaschen Bordeaux aus dem Keller &ndash; hier, nehmen Sie!«</p>
-
-<p>Mit diesen Worten reichte Brauneck dem Diener eine Banknote
-und schritt in sein Zimmer. Nachdem der Diener die
-Kerzen angezündet und sich entfernt hatte, schloß Brauneck seinen
-Schreibtisch auf, entnahm demselben ein Spiel Karten, prüfte
-sie und steckte sie zu sich. Einige Minuten später trat er in das
-Zimmer seines Sohnes.</p>
-
-<p>Gabriele hob den Kopf empor und warf einen traurigen
-Blick auf ihren Gatten, der sich mit langsamen und auf dem
-schweren Teppich geräuschlosen Schritten näherte.</p>
-
-<p>»Wie geht es dem Kleinen?« fragte er leise, indem er
-seine Frau mit leichtem Kopfnicken begrüßte.</p>
-
-<p>»Um nichts besser,« erwiderte Gabriele noch leiser. »Das
-Fieber steigert sich.«</p>
-
-<p>»War der Doctor hier?«</p>
-
-<p>Flüsternd wiederholte sie die Weisungen des Arztes. »Im
-Laufe der Nacht,« so hatte er sich geäußert, »würde die Krisis
-eintreten. Sollte das Fieber nach Mitternacht noch stärker werden,
-so möge man ihn unbedingt nochmals holen lassen.«</p>
-
-<p>»Rege Dich nicht so auf,« sagte Brauneck, als er bemerkte,
-wie ihre Augen sich mit Thränen füllten. »Erich ist ein kräftiger
-Junge; es liegt kein Grund zu so großer Sorge vor.«</p>
-
-<p>Gabriele antwortete nicht. Der Knabe aber, der die
-flüsternden Stimmen gehört, schlug die Augen auf.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_006" title="6"> </a>
-Ein Ausdruck von Freude glitt über sein Gesichtchen.</p>
-
-<p>»Ach, Papa, bist Du endlich gekommen,« sagte er. »Ich
-fürchtete schon, Du kämest nicht mehr.«</p>
-
-<p>Der Vater beugte sich zu dem Kinde herab und drückte
-einen Kuß auf seine brennende Stirn.</p>
-
-<p>»Warum hätte ich denn nicht kommen sollen?« erwiderte
-er lächelnd. »Freilich bin ich gekommen und habe Dir auch
-etwas mitgebracht. Einen wunderschönen Wald und allerlei Gethier
-darin. Bären, Wölfe, Füchse. Wenn Du wieder gesund
-bist, dann gehen wir miteinander auf die Jagd.«</p>
-
-<p>»Ja, dann spielen wir Jagd miteinander,« bekräftigte der
-Kleine. »Mama, Du und ich, alle Drei. Ich bin der Jäger,
-Du und Mama, Ihr müßt das Wild vor mir zu verstecken
-suchen.«</p>
-
-<p>»Du wirst aber alle Thiere todtschießen, und am anderen
-Tage werden sie trotzdem wieder lebendig sein, damit Du sie
-wieder erschießen kannst,« ergänzte Brauneck.</p>
-
-<p>Erich lachte, aber ein heftiger Hustenanfall unterbrach seine
-Heiterkeit, und die hübschen Züge seines Gesichtchens verzogen
-sich schmerzhaft.</p>
-
-<p>»Jetzt aber mußt Du still liegen, mein Kind, nicht sprechen,«
-fuhr Brauneck fort, als der Anfall vorüber war. »Sonst wirst
-Du nicht gesund, und wir können nicht zusammen Wild und
-Jäger spielen.«</p>
-
-<p>Der Knabe war erschöpft in die Kissen zurückgesunken und
-schloß die Augen. Gabriele träufelte ihm einen Löffel voll
-Medicin zwischen die trockenen, heißen Lippen; dann saßen die
-beiden Gatten eine Weile schweigend an seinem Lager. Da schlug
-die Uhr acht, und Brauneck schnellte von seinem Sitze empor.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_007" title="7"> </a>
-»Ich gehe, meine Gäste zu empfangen,« flüsterte er, zu
-Gabriele geneigt. »Wir werden heute unser Spielchen in meinem
-Zimmer abhalten, und ich will den Herren beim Kommen und
-Gehen die größtmögliche Behutsamkeit anempfehlen, damit Erich
-nicht beunruhigt werde.«</p>
-
-<p>Gabriele schaute auf und der Ausdruck peinlichen Staunens
-malte sich in ihren Gesichtszügen.</p>
-
-<p>»Wie?« sagte sie, »Du hast Deinen Herren nicht abgesagt?
-Du findest ein Vergnügen daran, Dich dem Kartenspiele
-zu widmen, während Dein Kind hier schwer krank liegt?«</p>
-
-<p>Brauneck zuckte die Achseln.</p>
-
-<p>»Liebe Gabriele, Du hast eine pessimistische Neigung, das
-Leben furchtbar tragisch aufzufassen.«</p>
-
-<p>Ein halbunterdrückter Seufzer entrang sich Gabrielens
-Lippen.</p>
-
-<p>»Es wäre vielleicht viel besser gewesen, für heute eine
-Absage ergehen zu lassen,« fuhr Brauneck fort. »Aber ich gestehe
-es, ich habe vergessen, es rechtzeitig zu thun. Und jetzt
-Abends wäre es hierzu doch jedenfalls zu spät gewesen. So
-bleibt mir nichts übrig, als die Herren zu empfangen. Aber,
-wie gesagt, ich werde dafür Sorge tragen, daß der kleine Patient
-in seinem Schlummer nicht gestört werde.«</p>
-
-<p>Gabriele erhob und entfernte sich einige Schritte vom
-Bette des Knaben. Sie wollte nicht, daß er ihre Worte zu
-hören vermöchte. Brauneck folgte ihr.</p>
-
-<p>»Ein schwerer Krankheitsfall in der Familie,« antwortete
-sie, »gäbe Dir wohl einen hinreichenden Rechtfertigungsgrund,
-Deine Einladung noch in letzter Stunde zurückzuziehen. Selbst
-jetzt noch müßten Deine Freunde Deine Entschuldigung annehmen.
-<a class="pagenum" id="page_008" title="8"> </a>
-Ich bitte Dich, Otto, thu' es doch, schicke sie fort,
-bleibe bei Deinem Kinde. Wenn Du es mir zuliebe nicht thun
-willst, so thu' es Erich zuliebe. Er schläft nicht; er frägt immer
-nach Dir. Biete ihm die Erleichterung in seinem Leiden, daß
-er Dich bei sich sieht, wenn er die Augen aufschlägt und nach
-Dir verlangt.«</p>
-
-<p>Brauneck machte eine Bewegung.</p>
-
-<p>»Aber liebe Gabriele,« sagte er mit schlecht verhehlter
-Ungeduld, »das geht doch nicht an, daß ich die Gäste, die ich
-geladen, nun, da sie kommen, wieder gehen heiße, weil mein
-kleiner Sohn krank liegt. Solche Sentimentalität würde man
-allenfalls der Frau, der Mutter zugute halten, aber einem
-Manne nicht.«</p>
-
-<p>Vom Bette her tönte ein leises Stöhnen.</p>
-
-<p>Gabriele faltete die Hände und streckte sie bittend dem
-Gatten entgegen. Er aber schüttelte verneinend den Kopf.</p>
-
-<p>»Otto, bleibe bei uns, bleibe bei Deinem Kinde! Ich
-bitte Dich!«</p>
-
-<p>»Aber ich gehe ja nicht fort! Ich verlasse doch weder das
-Haus, noch selbst die Wohnung.«</p>
-
-<p>»Bleibe hier, bei Erich!«</p>
-
-<p>»Das kann ich nicht.«</p>
-
-<p>»Und was soll ich dem Kinde sagen, wenn es nach seinem
-Vater frägt?«</p>
-
-<p>»Sag' ihm, was Du willst!«</p>
-
-<p>Gabriele zuckte zusammen; dann richtete sie sich hoch auf.</p>
-
-<p>»So geh' denn! Geh' zu Deinen Genossen, geh' dem entsetzlichen
-&ndash; Vergnügen nach, das Du nicht entbehren kannst!
-So mächtig hat der Dämon des Spieles Deine Seele umstrickt,
-<a class="pagenum" id="page_009" title="9"> </a>
-daß Du ihm Dein Vermögen zum Opfer brachtest, das Du
-Deinem Sohne hättest erhalten sollen. Jetzt siehst Du Deines
-Kindes Leben selbst bedroht &ndash; doch auch das hält Dich nicht
-zurück. Für Dein Weib und Dein Kind ist Dein Herz erkaltet;
-nur die Flamme jener unseligen Leidenschaft verzehrt es.«</p>
-
-<p>Fast unhörbar leise hatte Gabriele diese Worte hervorgestoßen,
-aber Otto war keines entgangen. Er erbleichte. Einen
-Augenblick lang begegneten sich die Blicke der beiden Gatten.
-Dann senkte Otto den Kopf, wendete sich langsam um und
-verließ geräuschlos das Zimmer.</p>
-
-<p>Einige Minuten blieb Gabriele regungslos stehen und
-starrte auf die Thür, durch welche er sich entfernt hatte. Dann
-wandte auch sie sich um und kehrte an Erich's Lager zurück.</p>
-
-<p>Nach einer Weile schlug der Knabe die Augen auf. Ein
-heißer Tropfen war ihm auf die Stirn gefallen.</p>
-
-<p>»Mama,« sagte er und streichelte mit seinem Händchen
-über ihre Hand, die auf seinem Bette ruhte. »Weine nicht,
-Mama, mir thut nichts mehr weh, gewiß nicht. Weine nur
-nicht, Mama, liebe Mama!«</p>
-
-<p>Erich log. Er log, um seiner geliebten Mutter, die er
-traurig sah, zu verheimlichen, daß er litt. Der Glückliche wußte
-noch nicht, daß es einen Kummer giebt, heißer, bitterer, trostloser,
-als selbst der eines Mutterherzens am Schmerzenslager
-des Kindes: Der Kummer um eine verlorene Seele, die uns
-theuer ist&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Brauneck war in sein Zimmer gegangen, hatte aber noch
-keinen seiner Gäste vorgefunden. Er athmete erleichtert auf,
-als er sich allein sah. Aber was nützte es ihm? In wenigen
-Minuten mußten sie ja doch kommen, und er mußte zu den
-<a class="pagenum" id="page_010" title="10"> </a>
-Karten greifen. Zu den Karten, die &ndash; er wußte es wohl &ndash;
-den Fluch seines Lebens bildeten, die er wahnwitzig liebte und
-die er in diesem Augenblicke zu fürchten und zu hassen vermeinte.</p>
-
-<p>Er seufzte tief auf, warf sich in einen Fauteuil und die
-Arme auf die Seitenlehnen gestützt, verbarg er den Kopf in
-seine Hände.</p>
-
-<p>Die Worte seiner Frau hatten ihn mächtig erschüttert. Sie
-hatten sein im Grunde leicht bewegliches und weiches Gemüth
-im Tiefsten aufgewühlt. Blitzartig zog das Bild seines eigenen
-Selbst vor seinem geistigen Auge vorüber. Nackt und aller beschönigenden
-Entschuldigungsgründe bar, schaute er seine Seele
-im Banne jener furchtbaren Leidenschaft, deren Sklave er geworden.
-Ja, Gabriele hatte recht, all seinen Besitz hatte er
-dem Dämon Spiel in den Rachen geworfen. Drei große Vermögen
-hatte er sich von ihm rauben lassen: sein eigenes, das
-seiner Mutter, das ihm wenige Jahre nach seiner Verheiratung
-zugefallen war, und jenes eines Oheims, den er vor kurzem
-beerbt hatte. Die noch übrigen Reste betrugen kaum einige
-Tausend Gulden. Er hatte seinen Sohn zum Bettler gespielt.
-Aber nicht das allein: Er war noch weit tiefer gesunken, als
-Gabriele ahnte. Nicht nur das Laster &ndash; das Verbrechen hatte
-seine Hände besudelt. Als fast sein ganzes Capital vergeudet
-war und er sich am Rande vollständigen Ruines sah, da war
-eine entsetzliche Versuchung an ihn herangetreten. Schleichenden
-Schrittes erst, in flüchtigen Umrissen, wie ein Phantom. Dann
-nahm sie deutlichere Formen an und lockte ihn immer lauter
-und dringender. Ein böser Zufall, der ihm einen Genossen zuführte,
-welcher unentdeckt und erfolgreich die Bahn des Verbrechens
-<a class="pagenum" id="page_011" title="11"> </a>
-schon betreten hatte, gab den Ausschlag. Seine letzten
-schwindenden Skrupel waren besiegt &ndash; und &ndash; er erlag.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Das war es, was er, in sein Inneres schauend, gewahrte.
-Er wußte, daß es keine Umkehr, keine Rettung für ihn gab.</p>
-
-<p>Ein schmerzliches Stöhnen entrang sich Otto's gequälter
-Brust. Da schellte die Klingel an der Eingangsthür; im Vorzimmer
-wurden Stimmen laut, und er sprang empor. Seine
-Gäste trafen ein; jetzt war nicht die Zeit dazu, sich düsteren
-Betrachtungen hinzugeben. Wozu auch? Vielleicht würde endlich
-das Glück ihm hold, und &ndash; wer weiß, vielleicht ließe sich,
-wenn nicht alles, so doch ein Theil des Verlorenen zurückerobern.
-Nicht alles Unrecht, was in der Welt geschieht, gelangt
-zur Enthüllung. Wie viele Schurken und Verbrecher, schlimmer
-als er, bleiben unentdeckt und erfreuen sich ungestört der goldenen
-Früchte ihrer Gaunerstreiche.</p>
-
-<p>Otto trat den Ankömmlingen grüßend entgegen; bald folgten
-Andere, und eine Viertelstunde später saß die Gesellschaft vollzählig
-beim Spiele.</p>
-
-<p>Drüben aber lehnte Gabriele am Bette des kleinen Erich
-und sandte aus gläubiger Seele ein inbrünstiges Gebet zu Gott
-empor, daß er ihr Kind vom Tode und ihren Gatten vom
-Untergange in Laster und Verkommenheit, dem schlimmeren Tode,
-erretten möge.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Die Stunden verrannen. Tiefe Stille herrschte im Zimmer
-des Kranken. Otto hatte Wort gehalten; es drang kein Laut
-herüber von der lustigen Spielgesellschaft, den Schlummer des
-Knaben zu stören. Aber Erich schlief nicht. Wohl hatte der
-Husten nachgelassen, aber der Athem drang in kurzen, hastigen
-Stößen aus der Lunge, und das Fieber steigerte sich stetig.
-<a class="pagenum" id="page_012" title="12"> </a>
-Einigemale hatte der Kleine nach dem Vater gefragt und Gabriele
-ihm geantwortet, daß er zu Hause sei, in seinem Zimmer, ob
-sie ihn herbeirufen solle? Erich schüttelte den Kopf. Er glaubte,
-daß der Vater schlafe und wollte ihn nicht seinetwegen wecken
-lassen. Mama weilte bei ihm, er war ja nicht allein.</p>
-
-<p>Und immer weiter rückten die Zeiger der Wanduhr vor,
-und Stunde um Stunde floß in den Schoß der Unendlichkeit.
-Mit unermüdlicher Pünktlichkeit reichte Gabriele dem Kinde
-die Arznei, träufelte einen kühlenden Trank zwischen die heißen
-Lippen, lockerte seine Kissen. Von Zeit zu Zeit durchmaß sie
-mit leichten, unhörbaren Schritten das Gemach. Eine qualvolle
-Unruhe hatte sie erfaßt. Sie wußte und sie fühlte es, daß die
-Stunde nahte der Entscheidung über Tod und Leben.</p>
-
-<p>Mitternacht war vorüber. Mit stockendem Herzschlage stand
-Gabriele über Erich gebeugt und lauschte. Ihr hatte plötzlich
-geschienen, als ob die stoßweisen Athemzüge des Kranken von
-einem leisen, röchelnden Geräusch begleitet würden, und eine
-furchtbare Angst hatte sie an der Kehle gepackt.</p>
-
-<p>Da machte Erich eine Bewegung und setzte sich im Bette auf.
-»Mama,« sagte er mit ungewöhnlich lauter und deutlicher
-Stimme. »Mama, jetzt hatte ich einen wunderschönen Traum.
-Den möchte ich Dir erzählen. Aber Papa soll ihn auch hören.
-Bitte, liebe Mama, ruf' ihn ein wenig zu mir.«</p>
-
-<p>»Gleich, mein Kind, ich hole ihn gleich,« erwiderte Gabriele.
-»Aber wie fühlst Du Dich? besser?«</p>
-
-<p>»Wie ich mich fühle?« wiederholte der Knabe. »Besser,
-viel besser. Nur so sonderbar ist mir zu Muthe, und hier
-innen &ndash; Erich deutete mit der Hand auf seine Brust &ndash; hier innen
-ist mir auf einmal so heiß. Aber das thut nichts, Mama,«
-<a class="pagenum" id="page_013" title="13"> </a>
-fuhr er fort. »Ich fühle gar keine Schmerzen mehr. Bitte,
-gehe Papa zu holen, damit ich ihm auch meinen schönen Traum
-erzählen kann.«</p>
-
-<p>Gabriele nickte und verließ das Zimmer. Als sie, die
-Reihe der Gemächer durchschreitend, sich dem Zimmer ihres
-Gatten näherte, scholl ihr daraus lautes Stimmengewirre
-entgegen. Ein heftiger Wortwechsel schien dort stattzufinden.
-Einen Augenblick zögerte sie einzutreten. Doch nach kurzer
-Ueberlegung ging sie weiter und wurde, als sie die schwere
-Portière zurückschlug, welche jenes Gemach vom Salon trennte,
-Zeugin eines Auftrittes, der, sie mit tödtlichem Entsetzen erfüllend,
-ihre Schritte hemmte. Sie sah Folgendes:</p>
-
-<p>Mehrere der Herren waren von ihren Sitzen aufgesprungen
-und sprachen wild und verworren durcheinander. Einer derselben
-hielt mehrere Karten in der Hand, die er den anderen
-Spielern triumphirend vorwies.</p>
-
-<p>»Da seht!« rief er. »Da habt Ihr den Beweis. Die
-Karten sind markirt!«</p>
-
-<p>Und in der nächsten Secunde schleuderte er die Karten
-ihrem Gatten ins Angesicht. »Elender Schurke!«</p>
-
-<p>Otto fuhr vom Stuhle auf. Aschfahle Blässe bedeckte seine
-Wangen. Seine Lippen zuckten.</p>
-
-<p>Dumpfes Schweigen lagerte plötzlich über der Gesellschaft.</p>
-
-<p>»Die Pflichten der Höflichkeit als Hausherr verbieten mir,
-gegen Sie so vorzugehen, wie ich an jedem anderen Orte vorgehen
-würde,« stammelte Brauneck nach einigen Augenblicken.
-»Nichtsdestoweniger werden Sie« &ndash; gegen den Ankläger gewendet
-&ndash; »mir für Ihre mir zugefügte Beschimpfung Genugthuung
-zu geben haben. Ich werde Ihnen morgen meine Zeugen schicken.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_014" title="14"> </a>
-Ein Hohngelächter beantwortete Brauneck's Worte.</p>
-
-<p>»Mit einem Falschspieler schlägt man sich nicht!«</p>
-
-<p>Und alle Anwesenden erhoben sich von ihren Plätzen.</p>
-
-<p>Gabriele stand noch immer an der Thürschwelle. Ein
-dunkler Schatten legte sich ihr über die Augen. Aber sie schrie
-nicht auf; sie brach nicht zusammen. Unbemerkt wandte sie sich
-zurück und ehe die Gäste sich zum Weggehen gerüstet, erreichte
-sie das Zimmer ihres Kindes.</p>
-
-<p>Dort sank sie lautlos an Erich's Bettchen nieder.</p>
-
-<p>Der Knabe hatte sich wieder in die Kissen zurückgelegt.
-Er schien zu schlummern. Die Fieberröthe war von seinen
-Wangen gewichen. Nur die Athemzüge klangen noch immer
-so kurz und röchelnd.</p>
-
-<p>Jetzt regte er sich und schaute mit weitgeöffneten Augen
-im Zimmer umher.</p>
-
-<p>»Mama,« sagte er, und ein heiteres Lächeln flog über
-sein Gesichtchen. »Mein wunderschöner Traum &ndash; wir waren
-in einem wunderprächtigen Garten, eine herrliche Musik tönte
-von fernher und eine Schaar hübscher Kinder tanzte mit mir
-nach ihren Klängen. Du und Papa&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Erich vollendete den Satz nicht. Ein tiefer, rasselnder
-Athemzug hob seine Brust. Dann ging ein plötzliches Zucken
-durch seine Glieder. Seine Lippen bebten und bedeckten sich mit
-blutigem Schaum.</p>
-
-<p>Er war verschieden. Eine Lungenblutung hatte sein junges
-Leben dahingerafft.</p>
-
-<p>Gabriele wischte den Schaum von seinem Munde und
-bedeckte seine Stirn und Hände mit Küssen. Ein convulsivisches
-Schluchzen durchschütterte sie. Aber unter den brennenden
-<a class="pagenum" id="page_015" title="15"> </a>
-Thränen, welche unaufhaltsam ihr Gesicht überströmten,
-flüsterte sie:</p>
-
-<p>»Du bist erlöst, mein Kind! Erlöst von der Schmach
-Deines entehrten Namens, von dem furchtbaren Geschicke, der
-Sohn eines Vaters zu sein, den Du geliebt und den Du verachten
-müßtest. Erlöst &ndash; erlöst!«</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_016" title="16"> </a>
-Justus.</h2>
-
-
-<p>Seit meinem Austritte aus dem Institute hatte ich Justus
-nicht mehr gesehen. Und als ein guter Freund und ehemaliger
-Schulcollege mir schrieb, daß Justus seine Tante beerbt habe
-und sich in dem von ihr hinterlassenen Landhause ganz nahe
-von dem Städtchen, in welchem ich damals wohnte, niederlassen
-werde, mußte ich mich erst besinnen. Justus? &ndash; Wer ist doch
-Justus? Wo bin ich ihm je begegnet? Allmählich tauchte das
-Bild des einstigen Lehrers in meiner Erinnerung auf.</p>
-
-<p>Da stand es wieder vor mir, das hagere Männchen mit
-dem großen Höcker auf der linken Schulter. Da stand es an
-der großen schwarzen Tafel und zeichnete mit Kreide Figuren
-und Zahlen, indem es mit unermüdlicher Geduld selbst die begriffsstützigsten
-seiner Schüler in die Geheimnisse der Geometrie
-und Algebra einzuführen bemüht war. Auf der winzigen, mißgestalteten
-Figur saß tief in den Schultern ein mächtiger, prachtvoll
-profilirter Kopf mit schwarzem Kraushaar und tiefen,
-seelenvollen Augen. Ja, Justus hatte der sanfte Lehrer geheißen,
-der uns, weil allzu gütig, nicht zu imponiren vermochte, und
-uns niemals die wohlverdiente Strafe, sondern höchstens eine
-freundliche milde Mahnung zutheil werden ließ.</p>
-
-<p>Alles dies hatte uns an ihm lächerlich geschienen. Seine
-verwachsene Gestalt, die wir vierzehnjährigen Jungen um einen
-<a class="pagenum" id="page_017" title="17"> </a>
-halben Kopf überragten, seine langsame, zögernde, beinahe stotternde
-Sprechweise, seine unerschütterliche Sanftmuth, ja selbst
-sein Name: Justus, Justus &ndash; der Gerechte, welch komischer
-Name! Wie konnte man Justus heißen!</p>
-
-<p>Und doch hatte dieser Name für ihn gepaßt, wie selten
-einer sich für seinen Träger eignet. Denn Gerechtigkeit war die
-Grundlage seines Wesens, der vorherrschendste Zug seines
-Charakters. Und jede, auch die geringste Ungerechtigkeit, deren
-Zeuge er war, konnte ihn aufs tiefste empören. Noch weiß ich
-es, wie entrüstet er war, als er sah, wie mehrere kräftige Knaben
-über einen weit schwächeren Kameraden herfielen, von dem sie
-sich beleidigt glaubten. Nie vorher hatte ich ihn so gesehen. Sein
-Auge flammte, die Muskeln seines Gesichtes zuckten vor Erbitterung,
-seine Fäuste ballten sich und &ndash; was nur in den
-Augenblicken mächtigster Erregung geschah &ndash; er stotterte nicht,
-als er mit laut dröhnender Stimme über die ungeberdigen
-Jungen hindonnerte, in glühenden Zornesworten die Feigheit
-und Ungerechtigkeit, sich an dem Schwächeren zu vergreifen,
-ihnen entgegenschleudernd. Ja, selbst eine empfindliche Strafe
-dictirte er ihnen.</p>
-
-<p>Und nun sollte ich den einstigen Lehrer nach zwölf Jahren
-wiedersehen.</p>
-
-<p>Er hatte sich wenig verändert. Auch älter schien er nicht
-geworden in dieser doch stattlichen Reihe von Jahren. Man hatte
-es ihm nie angesehen, wie alt er eigentlich war. Uns, seinen
-Schülern, hatte er alt geschienen, doch hatte man uns gesagt,
-daß er ein junger Mann sei, noch nicht dreißigjährig. Und
-jetzt, als ich ihn in seiner neuen Behausung aufsuchte, sah er
-gerade so aus wie damals, als ich ihm bei meinem Austritte
-<a class="pagenum" id="page_018" title="18"> </a>
-aus der Schule Lebewohl gesagt. Nur hatte sein dunkles,
-schwärmerisch blickendes Auge den Ausdruck milder Traurigkeit
-und Wehmuth angenommen. Die Ursache dieser Trauer zu errathen,
-ward mir bald Gelegenheit geboten.</p>
-
-<p>Einige Jahre vorher hatte ein Freund seines Vaters in
-unglücklichen Speculationen sein ganzes, nicht unbeträchtliches
-Vermögen verloren und in der Verzweiflung über sein Mißgeschick
-sich das Leben genommen. Er hatte nichts hinterlassen
-als sein vierzehnjähriges Kind, die kleine Dora, blond und blauäugig
-und lieblich wie ein thaufrischer Frühlingsmorgen.</p>
-
-<p>Justus' Vater nahm die Waise ins Haus und nach seinem
-Tode übernahm Justus selbst die Fürsorge für das junge Mädchen,
-für sie und für seinen Bruder Alvyn, der &ndash; um zwanzig Jahre
-jünger als er &ndash; zur Zeit, als der Vater starb, seine Universitätsstudien
-noch nicht vollendet hatte.</p>
-
-<p>Als ich nun bei einem meiner Besuche in dem mit wildem
-Wein und Schlingrosen überwachsenen, anmuthigen Landhause
-mit Dora zusammentraf, welche jetzt das Institut verließ, in dem
-sie ihre letzte Ausbildung erhalten hatte, um &ndash; vorläufig, wie
-Justus sagte &ndash; in das Haus ihres Pflegevaters zu ziehen, da
-ward es mir klar, warum Justus' Augen so traurig blickten.
-Er liebte Dora &ndash; aber er war zu verständig, um auf Gegenliebe
-zu hoffen, und zu gerecht, um es nicht natürlich zu finden,
-daß das schöne, blühende Mädchen für den verwachsenen, alternden
-Freund keine anderen Gefühle in seinem Herzen nährte, als
-Freundschaft und Dankbarkeit. Und als ich Justus' bildhübschen
-Bruder kennen lernte, da konnte ich keinen Zweifel hegen, daß
-dieser Dora's Herz in Sturm erobern würde. Hoch und schlank
-gewachsen, den schönen Kopf stolz auf dem edel geformten Nacken
-<a class="pagenum" id="page_019" title="19"> </a>
-tragend, frei und kühn in seinen Bewegungen und voll ritterlicher
-Aufmerksamkeit gegen das kaum flügge gewordene Pensionsfräulein,
-sah er neben dem unscheinbaren, mißgestalteten Männchen
-aus wie ein junger Gott. Ich wurde ganz traurig gestimmt,
-als ich die drei guten Menschen beisammen sah, denn ich konnte
-es mir nicht verhehlen, welch tiefes Herzeleid dem armen Justus
-aus seiner wohl begreiflichen, aber doch so hoffnungslosen Neigung
-für das liebreizende junge Geschöpf erwachsen würde.</p>
-
-<p>Dennoch aber verbrachte ich manche glückliche Stunde in
-Justus' gastlichem Heim. Tagsüber, wenn das Wetter günstig
-war, waren wir Alle im Garten oder machten Ausflüge in der
-nahen Umgebung, wobei es sich, wie zufällig, immer so traf,
-daß Alvyn mit Dora vorausmarschirte, während ich und Justus
-die Nachhut bildeten. Des Abends aber versammelten wir uns
-im traulichen Gartensalon, und nach dem Thee wurde Lectüre
-vorgenommen. Alvyn oder ich lasen vor, während die Anderen
-zuhörten.</p>
-
-<p>Da gab es oft lebhaft erregte Discussionen. Denn
-Justus vertheidigte die classische Richtung, während Alvyn und
-ich die Modernen in Schutz nahmen. Dora kümmerte sich nicht
-viel um unsere literarisch-ästhetischen Dispute. Nur hin und
-wieder warf sie ein Wort dazwischen. Abseits von uns saß sie
-an einem kleinen Tischchen und zeichnete emsig. Ich wußte, was
-es war, das sie beschäftigte, denn mich hatte sie ins Vertrauen
-gezogen und beauftragt, Justus' Aufmerksamkeit bei diesen Leseabenden
-so in Anspruch zu nehmen, daß er sie und ihre Zeichnung
-nicht beachtete. Denn dieselbe sollte eine Ueberraschung für
-ihn werden.</p>
-
-<p>Und sie gelang glänzend.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_020" title="20"> </a>
-Am Vorabend von Justus' Geburtstag &ndash; es war sein
-vierundvierzigster, wie ich erfuhr &ndash; nachdem das festliche Abendessen
-zu Ende und mancherlei Toaste ausbracht waren, verschwand
-Dora plötzlich aus dem Zimmer, und als sie nach einer
-kleinen Weile mit freudig geheimnißvoller Miene wieder eintrat,
-ergriff sie Justus bei der Hand und zog ihn, während sie uns
-winkte, ihnen zu folgen, in den Gartensalon hinüber. Derselbe
-war hell erleuchtet, und mitten im Zimmer ruhte auf einer
-Staffelei das lebensgroße und sehr wohlgetroffene Brustbild
-unseres Justus. Sprachlos vor tiefster Ergriffenheit, blickte dieser
-auf sein Porträt.</p>
-
-<p>»Nun, ist es gut? Bist Du zufrieden mit dem, was ich
-gelernt?« frug Dora schüchtern, als Justus noch immer keine
-Antwort über seine Lippen brachte.</p>
-
-<p>Ein Blick auf sein Angesicht gab ihr Antwort.</p>
-
-<p>Eine überirdische Freude leuchtete aus seinem Auge, eine
-Thräne rollte langsam über seine Wange, und er öffnete den
-Mund, als ob er sprechen wollte; aber das Wort versagte ihm.</p>
-
-<p>Da stürzte Dora ihm an den Hals, küßte und herzte ihn
-und rief ein- um das andermal:</p>
-
-<p>»Freut es Dich? Bist Du zufrieden? Justus, freut es
-Dich?«</p>
-
-<p>Dieser aber verfärbte sich plötzlich. Und je mehr Küsse es
-von den holden Lippen auf seinen Mund und seine Wangen
-regnete, um so bleicher wurde er und ein leichtes Zittern ging
-durch seine Glieder. Ich verstand, was in seinem Inneren vorging,
-und ein Gefühl peinlichen Mitleides beschlich mich.</p>
-
-<p>Warum war Dora auch so toll und thöricht, den Armen
-so abzuküssen, als ob sie ihn liebte. Bedachte sie denn gar
-<a class="pagenum" id="page_021" title="21"> </a>
-nicht, daß auch in der Brust dieses unglücklichen, mißgestalteten
-Freundes ein warm fühlendes, der Liebe nicht verschlossenes Herz
-wohnen könne?</p>
-
-<p>Einige Wochen später rüstete sich Alvyn zur Abreise. In
-einer unfernen größeren Stadt wollte er sich als Arzt
-niederlassen. Schon war der Tag seiner Abreise festgesetzt, als
-er von einem Jagdausfluge verwundet nach Hause gebracht
-wurde. Die Kugel eines der Schützen hatte &ndash; statt des Rehbockes,
-dem sie bestimmt gewesen &ndash; Alvyn's linke Schulter getroffen.
-Die Verletzung war keine gefährliche, dennoch aber wurde
-das ganze Haus in die größte Bestürzung versetzt. Justus bestand
-darauf, die Pflege des Bruders selbst zu übernehmen. Dora
-wollte ihn ablösen, damit er Zeit fände, sich auszuruhen. Aber
-er gestattete es nicht, indem er meinte, daß ein Krankenbett kein
-geeigneter Platz für sie sei, und so mußte sie sich damit begnügen,
-in sorgsamer Ueberwachung der Hauswirthschaft dem
-Bruderpaare ihre Dienste zu erweisen. Sie war keine gewandte
-Hausfrau &ndash; wo hätte sie bis dahin auch Gelegenheit gefunden,
-sich in dieser Richtung zu bethätigen? &ndash; Und da war es zugleich
-heiter und rührend, zu sehen, wie sie sich abmühte, ihren
-ungewohnten Pflichten gerecht zu werden. Glücklicherweise war
-Agathe da, die alte, langerprobte Köchin. Sie versah ihren
-Dienst so fest und sicher, daß alles ganz gut von Statten ging;
-auch war sie viel zu gutmüthig, um dem jungen Mädchen seine
-grüne Unerfahrenheit allzu fühlbar werden zu lassen. Mit der
-ernstesten Miene von der Welt ließ sie sich täglich von Dora
-den Speisezettel vorschreiben und sich einschärfen, wie die Gerichte
-bereitet werden müßten, daß sie sich für den Kranken
-eigneten, und daß sie kräftig genug seien und leicht verdaulich,
-<a class="pagenum" id="page_022" title="22"> </a>
-um Justus für seine anstrengende Krankenpflege genügend zu
-stärken.</p>
-
-<p>Langsam und traurig zog die Zeit dahin. Eines Tages
-aber, als ich wieder in dem Häuschen vorsprach, um mich nach
-dem Befinden des Patienten zu erkundigen, wurde ich von Dora
-mit heiterer Miene empfangen. Und sonderbar! Erst jetzt, als
-sie wieder lächelte, bemerkte ich, wie schmal und blaß ihr liebliches
-Gesichtchen geworden war. Freudig theilte sie mir mit,
-daß der Arzt heute Alvyn gestattet hatte, für einige Stunden
-sein Bett zu verlassen. Wenn ich ein wenig warten wollte,
-könnte ich ihn sehen.</p>
-
-<p>Wie erschrak ich, als eine Viertelstunde später Alvyn, auf
-den Arm seines Bruders gestützt, in das Zimmer trat! Nicht
-er war es, der mir Schrecken einflößte. Seine Wangen waren
-wohl etwas bleicher als vordem, aber man erkannte sogleich,
-daß der Doctor nicht zu viel versprochen, indem er seine baldige
-Genesung in Aussicht gestellt. Justus' Aussehen dagegen erweckte
-meine Sorge. Seine Gesichtsfarbe war wachsgelb geworden, die
-Backenknochen traten scharf hervor, und die schönen, strahlenden
-Augen lagen tief eingesunken in ihren bläulich umränderten
-Höhlen und hatten allen Glanz verloren. Sollten die Anstrengungen
-der Pflege, die Nachtwachen und die Angst um den
-Bruder ihn so arg mitgenommen haben? Ich konnte es nicht
-recht glauben. Das aber wußte ich, daß er selbst einer Erholung
-bedürftiger war, als der an seiner Seite blühend aussehende
-Reconvalescent. Auch hielt ich es für meine Pflicht, aus meiner
-Meinung kein Hehl zu machen, und nachdem wir ein Weilchen
-über allerlei alltägliche Dinge geplaudert, erklärte ich Justus,
-ohne Umschweife, daß es an der Zeit sei, sich Ruhe zu gönnen,
-<a class="pagenum" id="page_023" title="23"> </a>
-zu seiner Erholung etwa eine kleine Vergnügungsreise anzutreten.
-Alvyn und Dora, die mittlerweile auch eingetreten war,
-stimmten mir lebhaft bei. Justus aber betheuerte, daß er sich
-ganz wohl fühle, und wollte von einer Reise nichts wissen.
-Die kleine Ermüdung, die er ja nicht leugnen wolle, werde
-nun, da er jetzt nichts mehr zu thun und zu sorgen habe, bald
-von selber weichen. Ich glaubte ihm nicht, da aber alles weitere
-Drängen sich als nutzlos erwies, beschloß ich, mich hinter den
-Hausarzt zu stecken und diesen zu einem Machtwort in Betreff
-Justus' zu veranlassen. Als ich mich aber zu diesem Zwecke zwei
-Tage später bei meinen Freunden einstellte, empfing mich Justus
-und bat mich, ihn in sein Arbeitszimmer zu begleiten, dessen
-Thür er zu meiner nicht geringen Verwunderung hinter uns
-absperrte.</p>
-
-<p>»Ich will nicht, daß wir gestört werden,« sagte er, indem
-er vor seinem Secretär Platz nahm und einen großen, von
-seiner Hand geschriebenen Bogen Papier entfaltete.</p>
-
-<p>»Sie sind Jurist und ich möchte mir Ihren Rath erbitten,«
-fuhr er fort. »Als ich da vergangene Nacht wieder
-nicht schlafen konnte &ndash; am Krankenbette Alvyn's habe ich mir
-das Schlafen fast ganz abgewöhnt &ndash; da fiel mir ein, daß es
-angezeigt sei, ein wenig Ordnung zu machen und mein Testament
-niederzuschreiben. Man kann ja nie wissen, was geschieht.
-Und da möchte ich Sie nun ersuchen, dasselbe durchzusehen, ob
-es in seiner Form richtig abgefaßt ist.«</p>
-
-<p>Ich nahm das Testament und las. Alvyn und Dora
-waren darin zu gleichen Theilen als Erben von Justus' nicht
-unbedeutendem Vermögen eingesetzt. Als ich ihm das Schriftstück
-mit der Beruhigung zurückgab, daß dasselbe ganz rechtsgiltig
-<a class="pagenum" id="page_024" title="24"> </a>
-verfaßt sei, konnte ich nicht umhin, die Bemerkung beizufügen,
-daß es wohl viel vernünftiger wäre, irgend etwas zur
-Kräftigung seiner Gesundheit zu unternehmen, als sich mit
-Todesgedanken zu tragen.</p>
-
-<p>Justus lächelte.</p>
-
-<p>»Nun, nun,« sagte er, »deshalb, weil ich mein Testament
-gemacht habe, glaube ich ja nicht, schon morgen oder übermorgen
-sterben zu sollen. Ich will ja nur alles in Ordnung
-gebracht haben &ndash; für alle Fälle. Was Sie aber da von meiner
-Gesundheit sagen &ndash; ich bin ja nicht krank, wirklich nicht. Wenn
-es aber dennoch bald mit mir zu Ende ginge, was läge weiter
-daran? Ich habe doch eigentlich genug gelebt, da ich niemandem
-mehr zu etwas nützlich bin. Im Gegentheile. Ich stehe dem
-Glücke der Anderen nur im Wege. Haben Sie es denn nicht
-bemerkt? Dora und Alvyn lieben sich ja. Dora wird sich aber
-nicht leicht dazu entschließen, mich zu verlassen und Alvyn's
-Frau zu werden, so lange ich lebe. Das gute Geschöpf würde es
-schwer übers Herz bringen, mich einer traurigen Einsamkeit anheimzugeben.
-Die Dankbarkeit, die sie glaubt, mir schuldig zu
-sein, würde ihr dies nicht erlauben.«</p>
-
-<p>Ich unterdrückte einen Seufzer.</p>
-
-<p>»Glauben Sie wirklich?« stotterte ich nicht ohne Verlegenheit.</p>
-
-<p>»Glauben! Was glauben!« wiederholte Justus. »Ich weiß
-es! Und wenn ich es auch nicht schon früher bemerkt hätte, so
-müßte ich es doch jetzt wissen. Hab' ich es doch gesehen, wie sie
-sich in Angst und Sorge verzehrte, als Alvyn krank darniederlag.
-Nachts, wenn ich aus seinem Zimmer trat, fand ich sie
-oftmals in Thränen, statt daß sie schlief. Ich gab ihr wohl
-keine Veranlassung dazu.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_025" title="25"> </a>
-»Und wenn nicht Alvyn, sondern die Sorge um Dich, um
-Deine Gesundheit und Dein Leben die Ursache ihrer Thränen
-gewesen wäre?« &ndash; schoß es mir plötzlich durch den Kopf. Doch
-gleich darauf kam mir dieser Gedanke so komisch vor, daß ich
-mich wohl hütete, ihn laut werden zu lassen.</p>
-
-<p>»Ja, wenn es aber auch wirklich der Fall sein sollte, daß
-Dora Alvyn liebt,« sagte ich, »sind Sie dessen auch gewiß,
-daß ihre Liebe erwidert ist?«</p>
-
-<p>Jetzt fuhr Justus auf.</p>
-
-<p>»Wie? Nicht erwidert? Dora's Neigung sollte nicht erwidert
-sein? Aber Alvyn müßte ja blind und blöde, ja geradezu
-blöde sein, wenn er dieses liebe Geschöpf nicht liebte. Ich bitte
-Sie, wie können Sie so etwas denken!«</p>
-
-<p>Dann warf er das Testament in die Lade seines Schreibtisches
-und fing an, im Zimmer auf und ab zu laufen. Mich
-beachtete er gar nicht mehr, so mächtig war die Erregung seines
-Gemüthes. Wieder waren mehrere Wochen vorübergegangen. Alvyn
-war völlig hergestellt und der letzte Abend vor seiner Abreise
-sollte uns Alle zum Abschiedsfeste vereinigen. Mir bangte davor,
-denn ich war überzeugt, daß es auch zum Verlobungsfeste werden
-sollte, und wenn ich es auch einsah, daß es für Justus besser
-sei, wenn die von ihm selbst vorausgesehene Entscheidung bald
-fiele, so wußte ich doch, daß dieselbe einen schweren Streich
-gegen sein Herz führen würde.</p>
-
-<p>Als ich das Haus betrat, begegnete mir Dora im Flur.
-Sie kam aus der im Erdgeschosse gelegenen Küche und hielt
-auf einem Glasteller einen mächtigen Kuchen in der Hand.
-Ihre Wangen waren vom Herdfeuer geröthet und freudige
-Heiterkeit blitzte aus ihren blauen Augen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_026" title="26"> </a>
-»Welch lucullische Genüsse bereiten Sie da für uns?«
-frug ich, auf den Kuchen weisend.</p>
-
-<p>Sie legte den Finger an den Mund.</p>
-
-<p>»Bst, nicht so laut,« flüsterte sie. »Es soll eine Ueberraschung
-für Justus werden. Sein Lieblingsgericht, das ich selbst
-gebacken. Er wird Augen machen, wenn er erfährt, daß Agathe
-mir dabei gar nicht geholfen hat.«</p>
-
-<p>Schweigend stieg ich hinter Dora die Treppe hinan. Ich
-war ärgerlich gestimmt, Dora's Aufmerksamkeiten für Justus
-verdrossen mich, da ich wußte, daß sie ihn mehr quälen als
-erfreuen müßten. Ich folgte ihr in das Speisezimmer, wo sie
-den Kuchen auf den Credenztisch stellte und über und über mit
-Zucker bestreute.</p>
-
-<p>»Das ist der Zucker, mit dem sie die bittere Pille versüßen
-will, die sie ihm zu schlucken giebt,« dachte ich zornig.</p>
-
-<p>Sie aber lächelte vergnügt vor sich hin.</p>
-
-<p>»Glauben Sie, daß es ihn freuen wird?« frug sie.</p>
-
-<p>Ich gab keine Antwort, so böse war ich auf sie. Plötzlich
-aber fuhr ich los:</p>
-
-<p>»Warum quälen Sie den armen Justus unaufhörlich?
-Warum überhäufen Sie ihn mit Zuvorkommenheiten, die ihn
-nur peinigen können?«</p>
-
-<p>Ich hielt inne; meine eigenen Worte erschreckten mich.
-Dora aber blickte mich mit großen Augen staunend an.</p>
-
-<p>»Quälen?« wiederholte sie. »Ich quäle Justus?«</p>
-
-<p>»Wie denn nicht? Das müssen Sie doch selbst einsehen,
-daß Ihre Aufmerksamkeiten ihm Qualen bereiten müssen. Es
-kann Ihnen doch kein Geheimniß geblieben sein, daß er &ndash;
-Ah, bah! Sie wissen ganz gut, was ich meine. Aber besser
-<a class="pagenum" id="page_027" title="27"> </a>
-wäre es, Sie machten dem grausamen Spiele ein Ende und
-erklärten sich. Heute bei Alvyn's Abschiedsfest wäre der richtige
-Augenblick hiefür.«</p>
-
-<p>Dora wechselte die Farbe. Ein leichtes Zittern bewegte
-ihre Hand, die immer noch die Streubüchse festhielt, und ein
-dichter Zuckerstaub fiel neben dem Kuchen auf die Tischplatte
-nieder.</p>
-
-<p>»Sie glauben, daß Justus&nbsp;&ndash;,« lispelte sie kaum hörbar.</p>
-
-<p>»Sie liebt!« fiel ich ein. »Ja, das glaube ich nicht nur,
-ich weiß es. Und daß Sie mit Ihren koketten Künsten ihn
-nutzlos peinigen.«</p>
-
-<p>Ich war so erbost gegen sie, daß es mir ordentlich wohl
-that, sie zu kränken.</p>
-
-<p>Sie schwieg. Nur ein leiser Seufzer drang zwischen ihre
-Lippen. Ihr Gesicht konnte ich nicht sehen, denn sie hatte mir
-den Rücken zugewendet. Jetzt klappte sie den Deckel des Schrankes
-zu und schlüpfte hastig aus dem Zimmer.</p>
-
-<p>Mit gemischten Gefühlen blickte ich ihr nach. Ich schämte
-mich meiner plumpen Derbheit, und doch war ich wieder froh,
-das unhaltbare Verhältniß einer Krisis entgegengedrängt zu
-haben. Noch mehr aber freute ich mich dessen, als ich, in Justus'
-Zimmer tretend, die bleichen Wangen, die nervöse Unruhe meines
-wackeren Freundes sah. Es war wirklich hoch an der Zeit, daß
-diese unerquickliche Lage der Dinge ein Ende nahm.</p>
-
-<p>Trotz der anfänglich etwas befangenen und erregten Stimmung
-der Mehrzahl der Theilnehmer verlief das Festmahl in
-ungestörter Heiterkeit. Alvyn's übersprudelnde Lustigkeit wirkte
-ansteckend auf die Anderen, und frohes Lachen, muntere Scherzworte
-flogen von Lippe zu Lippe.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_028" title="28"> </a>
-Wir waren beim Dessert angelangt, und der mir bereits
-bekannte Kuchen wurde aufgetragen. Mit etwas scheuer Miene
-&ndash; denn mein auf Dora gerichteter Blick verwirrte sie sichtlich
-&ndash; und stockendem Tone murmelte Dora, wie geistesabwesend,
-ein paar Worte vor sich hin: daß sie den Kuchen
-selbst bereitet habe, um zu beweisen, daß sie in den Künsten
-der Küche nicht so ungeschickt sei, wie Justus stets behauptete.
-Weiter kam sie nicht; das spöttische Lächeln, das sie auf meinem
-Munde bemerkte, schnitt ihr das Wort ab.</p>
-
-<p>Jetzt aber erhob sich Alvyn von seinem Sitze und sein
-mit edlem Wein gefülltes Glas hochhebend, rief er:</p>
-
-<p>»Hurrah, hoch! die Hausfrau möge leben! Ich leere meinen
-Becher auf Dora's Wohl und auf das Wohl &ndash; desjenigen,
-der das Glück haben wird, sie als Hausfrau heimzuführen!«</p>
-
-<p>Tiefes Schweigen folgte Alvyn's Worten. Doch nach
-wenigen Augenblicken erhob auch Justus sich, das Glas mit
-bebender Hand ergreifend. Er war sehr blaß geworden. Ein
-seltsames Leuchten verklärte den dunklen Glanz seines Auges.</p>
-
-<p>»Dora!« sagte er laut und langsam. »Ich schließe mich
-Alvyn's Wunsche an. Ich trinke auf das Wohl desjenigen, den
-Du liebst. Willst Du mir Bescheid thun?«</p>
-
-<p>Dora zögerte. Eine Secunde lang blickte sie unschlüssig
-vor sich ins Weite. Eine jähe Röthe überfluthete ihre Wangen
-und ihre Brust hob und senkte sich in heftigen Athemzügen. Doch
-jetzt erhob auch sie sich und griff nach ihrem Becher. Hell klangen
-die Gläser aneinander und Justus und Dora's Blicke begegneten
-sich, als wollte jeder tief sich in des Anderen Seele senken.</p>
-
-<p>»Gern thu' ich Dir Bescheid,« sagte Dora. »Es lebe der,
-den ich liebe! Er lebe hoch! &ndash; Justus lebe hoch!«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_029" title="29"> </a>
-Justus' Glas fiel zu Boden, das köstliche Naß über den
-Teppich ergießend. Er selbst stand wie versteinert. Da flog
-Dora ihm an den Hals und küßte ihn wieder lebendig.</p>
-
-<p>Wir aber tranken auf das Wohl des Brautpaares. Ein
-Toast folgte dem anderen und die Nacht war weit vorgerückt,
-als ich in heiterster Stimmung mich auf den Heimweg machte.</p>
-
-<p>Wenige Wochen später fand Justus' Vermählung mit Dora
-statt. Dann traten sie eine Reise an, und als sie wieder in
-ihr trauliches Heim zurückkehrten, fand ich Justus völlig verändert.
-Kraft und Gesundheit lag über seiner Erscheinung. Sein
-Schicksal hatte ihm das beste Heilmittel gereicht &ndash; das Glück.</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_030" title="30"> </a>
-Fallendes Laub.</h2>
-
-
-<p>Friede lag über dem Thale. Die ermüdete Herbstsonne
-badete das purpurne und gelbe Laub der Wälder in ihrem
-milden, sanften Glanz. Um die Kuppen der Berge ringelten sich
-weiße, flockige Nebelstreifen, lagerten sich schläfrig in die Schluchten
-und Risse, um dann an den zackigen, grauen Felswänden langsam
-emporzukriechen und, höher und höher steigend, im durchsichtigen,
-blassen Blau des Himmelsgewölbes sich allmählich aufzulösen.</p>
-
-<p>Das ganze Land, so weit das Auge sah, lag in zitterndem,
-goldigem Licht. Das letzte warme Lächeln des fliehenden Sommers
-glitt über das Antlitz der Natur, bevor sich ihr Auge zum winterlichen
-Schlafe schloß. Und um die Mittagszeit schien die Sonne
-noch so warm, daß man glauben konnte, der Herbst mit seinem
-Reif und Frost, der Winter mit seinem Schnee und Eis seien
-noch in weiter, weiter Ferne.</p>
-
-<p>Aber die klugen Schwalben ließen sich von dem gleißnerischen
-Lächeln nicht täuschen. Fast alle hatten schon den großen
-Zug nach dem Süden angetreten und jetzt rüsteten sich auch die
-letzten zum Aufbruch. Fröhlich zwitscherten sie ihren Abschiedsgruß
-in die linde, laue Luft. Geschäftig hin und her fliegend,
-ordneten sie sich in Gruppen und prüften sorgsam die Flugkraft
-<a class="pagenum" id="page_031" title="31"> </a>
-ihrer jüngsten Kinder, um derentwillen sie ihre Abreise hatten
-verzögern müssen.</p>
-
-<p>Gleichgiltig sahen die Sperlinge den Reisevorbereitungen
-zu. Was kümmert es sie, ob und wann es Herbst wird. Sorglos
-hüpfen sie von Zweig zu Zweig, trippeln auf dem kurzen,
-grünen Rasen umher, gierig nach kleinen Würmchen ausschauend,
-oder baden sich behaglich im Staub der trockenen Erde. Wie
-graue, schlechtgewickelte Wollknäuel sitzen sie da und blasen sich
-auf, daß alle Federn emporstehen.</p>
-
-<p>Plötzlich fahren zwei dieser struppigen Wollknäuel laut
-pipsend in die Höhe. Ein seltsamer Schrei hat sie erschreckt.
-Und doch sollten sie an denselben schon gewöhnt sein. Es ist ja
-ein guter Bekannter, der ihn ausgestoßen hat. Tante Cölestinens
-Papagei, der, während seine Besitzerin in dem Lusthause mit
-einer Handarbeit beschäftigt sitzt, neben ihr auf einem in die
-Sonne gerückten Gestelle auf und nieder flattert. Bei trübem
-Wetter verhält er sich meist still und manierlich, wie es sich
-ziemt für den wohlgesitteten Genossen eines ruheliebenden, alten
-Fräuleins.</p>
-
-<p>Er schaukelt sich auf dem an seinem Gestelle befestigten
-Ringe, lacht und plaudert, und wenn es ihm gestattet
-wird, auf der Schulter seiner Herrin zu ruhen, drückt er
-schmeichelnd sein Köpfchen an ihre Wange und läßt sich aus
-ihrem Munde mit kleingekauten Milchbrötchen füttern.</p>
-
-<p>Wenn aber die Sonne so recht warm auf ihn herabscheint,
-dann erinnert der Vogel sich seiner fernen sonnigen Heimat und
-Sehnsucht erfaßt das kleine Herz. Er reckt und dehnt sich, schlägt
-mit den verschnittenen Flügeln, flattert empor &ndash; und fällt mit
-einem lauten kreischenden Schrei zu Boden.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_032" title="32"> </a>
-Tante Cölestine begreift es nicht, daß der kleine Fremdling
-in seiner vieljährigen Verbannung seine Heimat in den Urwäldern
-Südamerikas nicht schon verschmerzt und vergessen hat.
-Es ging ihm doch so gut. An nichts fehlte es ihm. Reichliche,
-gesunde Nahrung, Schutz vor den Unbilden der Witterung und
-der Verfolgung raubgierigen Gethiers, freundliche, liebevolle
-Behandlung &ndash; was konnte er noch mehr verlangen, wie konnte
-er sich nach Freiheit sehnen, wo er den schweren Kampf ums
-Dasein aufnehmen mußte und von vielfältigen Gefahren bedroht
-wurde? Mehr Verständniß brachte Cölestinens siebzehnjährige
-Nichte der Freiheitssehnsucht des kleinen Gefangenen entgegen.
-War ihr Schicksal dem seinen doch nicht unähnlich.</p>
-
-<p>Nach dem Tode ihrer frühverstorbenen Eltern, eines reichbegabten
-Künstlerpaares, von der Schwester ihres Vaters an
-Kindesstatt angenommen, fühlte auch sie sich in eine ihr fremde,
-sie beengenden Welt versetzt. Trotz der innigen Liebe und Dankbarkeit,
-mit der sie an der Tante hing, deren Güte alle Sorgen
-und Lasten des Lebens von ihr fernhielt, war es ihr doch
-manchmal zu Muthe, als müsse sie die Flügel spannen und in
-die weite, schöne Welt hinausfliegen, von welcher sie in der verklärenden
-Erinnerung jener Zeit, da sie an der Seite ihrer
-Eltern ein reiches, glückliches Leben gelebt, ein so verlockendes
-Bild in ihrem Inneren trug. Aber auch ihr waren ja die Flügel
-geschnitten, und die gute Tante meinte, daß die Freiheit nur
-ein illusorisches Glück und das wahre Glück viel eher in dem
-stillen Frieden ihrer einsamen Zurückgezogenheit, denn in dem
-wüsten Sturm und Drang der Welt zu finden sei. Und nicht
-ohne Sorge gedachte sie der Zukunft, wenn ihre Augen sich
-für immer schließen würden und das junge Mädchen ohne Schutz
-<a class="pagenum" id="page_033" title="33"> </a>
-und Stütze den vielfachen Gefahren und Versuchungen des Lebens
-preisgegeben sein werde. Doch vielleicht war jener Augenblick,
-da Gott sie abberufen würde, noch ferne. Noch fühlte sie sich
-gesund und rüstig und sie wußte, daß die Grundsätze, welche
-sie in die jugendliche Seele zu pflanzen bemüht war, eine feste
-Rüstung seien, um sie in der Stunde des Kampfes siegreich
-bestehen zu lassen.</p>
-
-<p>Mit unerschütterlicher Geduld hatte Cölestine sich abermals
-von ihrem Sitze erhoben, um den Papagei, der zum so und so
-vieltenmale mit schrillem Aufschrei von seinem Metallringe herabgeflattert
-war, und nun verzagt und enttäuscht um sich blickend,
-auf dem Boden des Lusthäuschens hockte, wieder auf sein Gestell
-emporzuheben. Mit liebkosender Hand glättete sie sein gesträubtes,
-grünes Gefieder, küßte ihn, und mit dem Finger drohend, redete
-sie ihm freundlich zu, Ruhe zu halten.</p>
-
-<p>»Sieh' nur, Betti, wie thöricht unsere Lora heute wieder
-ist,« sagte sie, sich lächelnd zu ihrer mit raschen Schritten sich
-nähernden Nichte wendend. »Durchaus fort will das Närrchen.
-Es ahnt nicht, welche Gefahren in der weiten Welt seiner
-harren würden und daß es in der ersehnten Freiheit umkommen
-müßte.«</p>
-
-<p>Aber Betti schenkte den Worten der Tante keine Aufmerksamkeit.
-Ein Zeitungsblatt hastig hin und her schwenkend, stand
-sie mit hochgerötheten Wangen und blitzenden Augen vor der
-sie verwundert anblickenden alten Dame.</p>
-
-<p>»Ach, Tantchen,« rief sie und ihre Stimme zitterte vor
-innerer Bewegung. »Welch ein Unglück, daß wir gerade diesmal
-die Zeitung nicht früher durchgesehen haben. Hier ist das
-Programm mitgetheilt von dem gestern Abend in der Stadt
-<a class="pagenum" id="page_034" title="34"> </a>
-gegebenen Concerte. Und denke nur, ein junger Sänger, einer
-von den Schülern meines Vaters, hat darin mehrere von Papas
-Liedern gesungen. Und nun waren wir nicht dabei!«</p>
-
-<p>Tante Cölestine nahm das Blatt, las und nickte langsam
-mit ihrem weißhaarigen, mit einem kleinen Spitzenhäubchen bedeckten
-Haupte.</p>
-
-<p>»Hm &ndash; hm, das ist freilich recht schade,« meinte sie. »Es
-wäre ja schön gewesen, die hübschen Lieder singen zu hören.«
-In ihrem Inneren aber erwog sie, ob dieser Zufall, daß sie von
-der Sache nicht rechtzeitig erfahren hatte, nicht eine Fügung
-Gottes gewesen sei. Sie würde Betti's Drängen, das Concert
-zu besuchen, jedenfalls nachgegeben haben und sie wußte aus
-Erfahrung, daß jede Berührung mit der Außenwelt, jedes Concert
-und jede Theatervorstellung einen Sturm in des jungen
-Mädchens Seele hervorrief, dessen leidenschaftliche Sehnsucht nach
-der großen Welt heftig entfachend. Und langer Zeit bedurfte es
-immer, bis die Wirkung solcher Ereignisse beseitigt wurde und
-das jugendlich stürmische Herz wieder zur Ruhe kam.</p>
-
-<p>Dann legte sie das Blatt fort und griff wieder nach ihrer
-Handarbeit.</p>
-
-<p>»Grüß Di' Gott', grüß Di' Gott!« rief der Papagei
-und reckte sich, so weit er konnte, Betti entgegen, die sein Liebling
-war.</p>
-
-<p>Betti faßte ihn und setzte ihn auf ihre Achsel.</p>
-
-<p>»Hast Du Deinen englischen Aufsatz für Miß Evans schon
-geschrieben?« unterbrach die Tante nach einer Weile das eingetretene
-Schweigen. »Morgen früh hast Du ja wieder Stunde.«</p>
-
-<p>Betti nickte stumm. Dann schwiegen sie wieder beide. Nur
-der Papagei plauderte und drehte sich und tanzte auf Betti's
-<a class="pagenum" id="page_035" title="35"> </a>
-Schulter, als ob er ihre Verstimmung fühlte und sie erheitern
-wollte.</p>
-
-<p>Plötzlich wandte Betti sich wieder an ihre Tante.</p>
-
-<p>»Glaubst Du, daß Herr Reichel schon abgereist sei?«</p>
-
-<p>Die Befragte blickte erstaunt auf.</p>
-
-<p>»Herr Reichel &ndash; wer ist das?«</p>
-
-<p>»Nun, der Sänger. In der Zeitung steht ja sein Name.«</p>
-
-<p>»Ach so! Ich habe es wirklich nicht beachtet, wie er heißt.
-Aber wie soll ich wissen, ob er schon abgereist ist, und warum
-interessirt Dich das?«</p>
-
-<p>»Na, ich dachte nur so. Wenn er etwa noch in der Stadt
-weilte, so könntest Du vielleicht, als die Schwester seines ehemaligen
-Meisters, ihn für heute Abend oder morgen zu Tische
-laden. Und da könnte er uns einige Lieder vorsingen.«</p>
-
-<p>Der Ausdruck des Mißfallens breitete sich über das Angesicht
-des alten Fräuleins.</p>
-
-<p>»Wie Du nur auf solch abenteuerliche Ideen verfallen
-kannst, Betti!« sagte sie vorwurfsvoll. »Was geht dieser fremde
-Mensch uns Beide an? Dein Papa hatte gar viele Schüler.
-Wenn wir die alle zu uns rufen wollten!«</p>
-
-<p>Betti blickte beschämt zu Boden.</p>
-
-<p>»Ja, Du hast recht, Tante,« sagte sie bescheiden. »Sei nicht
-böse. Es war ein gar alberner Gedanke von mir.«</p>
-
-<p>»Ich bin ja nicht böse, liebes Kind,« antwortete die Tante
-rasch besänftigend. »Jung, wie Du bist, fehlt Dir eben noch
-das reife Urtheil für das, was sich schickt und ziemt.«</p>
-
-<p>Durch Betti's Brausekopf schoß der Gedanke, daß ihre
-Eltern an ihrem Vorschlage nichts Unpassendes gefunden haben
-würden. Die Frage drängte sich ihr auf, ob jene mit ihren
-<a class="pagenum" id="page_036" title="36"> </a>
-freieren Anschauungen, oder die Tante mit ihrer peinlichen Vorsicht,
-ja nichts Ungewöhnliches zu thun, ja nicht einmal zu
-denken, mehr recht hätte? Aber sie wußte sich keine Antwort
-auf diese Frage zu geben. Und wieder, wie so oft legte sich das
-Gefühl drückender Beengung auf ihr Gemüth.</p>
-
-<p>Die Tante ließ ihr aber nicht lange Zeit, über solche nutzlose
-Dinge nachzugrübeln. Sie hatte allerlei Aufträge für sie.
-Die frisch gebügelte Wäsche mußte revidirt und in den Schränken
-eingeordnet werden; der Gärtner war gekommen, um Rechnung
-zu legen über einige Körbe Obst aus ihrem Garten, das er in
-der Stadt verkauft hatte, und mit dem Dachdecker mußte man
-Rücksprache nehmen, daß er eine schadhaft gewordene Ecke des
-Hausdaches ausbessere, bevor die schlechte Jahreszeit mit ihren
-langen und ausgiebigen Herbstregen eintritt. Rasch und willig
-unterzog sich Betti der gewohnten Erfüllung derartiger Pflichten.
-Nachdem sie aber alles zur vollen Zufriedenheit ihrer Tante
-besorgt hatte und diese sich, der einbrechenden Abendkühle wegen,
-in ihr Zimmer zurückzog, da schlüpfte Betti in den Gartensalon,
-in welchem ein prächtiger Steinwayflügel stand, ein Vermächtniß
-ihres Vaters, ein gar lieber Genosse ihrer Einsamkeit
-und eine reiche Quelle glücklicher Augenblicke.</p>
-
-<p>Bald hatte sie auf dem nebenan gerückten Notenschränkchen
-das Gesuchte &ndash; das von ihrem Vater componirte Liederheft &ndash;
-gefunden und wenige Augenblicke später klang ihre frische, klare
-Stimme in lieblichen Tonwellen hinaus in den stillen Frieden des
-von den goldenen Strahlen der sinkenden Sonne durchglühten
-Alpenthales.</p>
-
-<p>Es war Lenau's »Wunsch«, den sie gewählt hatte, eines
-jener Lieder, die, wie dem Programme entnommen, der fremde
-<a class="pagenum" id="page_037" title="37"> </a>
-Sänger in dem am verflossenen Abend in der eine Wegstunde
-entfernten Stadt gegebenen Concerte zum Vortrage gebracht,
-und welche zu hören, ein unglücklicher Zufall sie verhindert
-hatte. Sie sang:</p>
-
-<table class="fss" summary="" border="0" cellpadding="0">
- <tr><td class="tdl">»Fort möcht ich reisen weit, weit in die See,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">O meine Geliebte mit Dir allein!</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Die Dränger und Lauscher und kalten Störer,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Sie hielt uns ferne der wallende Abgrund,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Das drohende Meer,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Wir wären so sicher und selig allein!</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Und käme der Sturm,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Ich würde Dich halten an meiner Brust.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Wenn donnernde Wogen zum Himmel schlügen,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Doch höher schlüge mein trunkenes Herz;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Und meine Liebe, die ewige, starke,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Sie würde frohlockend Dich halten im Sturm.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Du würdest zitternd mir blicken ins Auge</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Und würdest erblicken, was nimmer scheitert in allen Stürmen</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Und würdest lächeln und nicht mehr zittern.</td></tr>
- <tr><td>&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Sieh', nun ermüdet der tobende Aufruhr,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">In Schlummer sinken die Wellen und Winde,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Und über den Wassern ist tiefe Stille.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Da ruhst Du sinnend an meiner Brust.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">So tiefe Stille: mein lauschendes Herz</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Hört Antwort pochen Dein lauschendes Herz.</td></tr>
- <tr><td>&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Wir sind allein, doch flüsterst Du leise,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Um nicht zu stören das sinnende Meer,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Nur sanft erzittern die Lippen Dir,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Die schwellenden Blätter der süßen Rose;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Ich sauge Dein Wort,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Den klingenden Duft der süßen Rose.</td></tr>
- <tr><td>&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Im Osten hebt sich der klare Mond.
- <a class="pagenum" id="page_038" title="38"> </a></td></tr>
- <tr><td class="tdl">Und Gott bedecket den Himmel mit Sternen,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Und ich bedecke, selig wie er,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Dein liebes Antlitz, den schöneren Himmel,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Mit feurigen Küssen.«</td></tr>
-</table>
-
-<p>Ein jäher Schrecken ließ sie aber verstummen, als bei dem
-Verse: »Dein liebes Antlitz, den schöneren Himmel&nbsp;&ndash;« eine
-klangvolle Baritonstimme in die Melodie einfiel und das Lied
-zu Ende sang, schöner, herrlicher als sie es je gehört.</p>
-
-<p>Und aufblickend sah sie hinter der vom Salon auf die mit
-dem Garten durch eine Freitreppe verbundene Terrasse führenden
-und jetzt offen stehenden Glasthür die Gestalt eines schlanken
-jungen Mannes auftauchen, der den Hut ziehend, vom Thürstock
-wie vom Rahmen eines Bildes umfaßt, auf der Schwelle
-stehen blieb.</p>
-
-<p>Erst nachdem er das Lied vollendet und sich noch einige
-Secunden an der grenzenlosen Verblüffung Betti's, die, gleichsam
-erstarrt, auf ihn schaute, mit lächelnder Miene geweidet
-hatte, verbeugte er sich tief vor dem jungen Mädchen. Und
-ohne näher zu treten, sprach er:</p>
-
-<p>»Verzeihen Sie dem Eindringling, mein Name ist Oswald
-Reichel. Zufällig erfuhr ich, daß die Schwester und die Tochter
-meines verehrten Meisters hier wohnen, und da wollte ich mir
-die Gelegenheit nicht entgehen lassen, sie aufzusuchen.«</p>
-
-<p>Betti hatte unterdessen Zeit gefunden, sich zu fassen. Sie
-erhob sich und trat dem Fremden grüßend entgegen.</p>
-
-<p>»Fräulein Betti? &ndash; ich irre wohl nicht?« frug dieser
-zögernd. »Sie erinnern sich meiner wohl kaum mehr? Zu viele
-Schüler Ihres Vaters gingen in Ihrem Hause ein und aus.
-<a class="pagenum" id="page_039" title="39"> </a>
-Und Sie waren ein so kleines Mädchen, als ich Sie zuletzt
-gesehen.« Dabei machte er mit der Hand ein Zeichen, welches
-bedeutete, daß sie ihm damals etwa bis zum Ellbogen reichte.</p>
-
-<p>Betti lachte. Als der Künstler aber ihr seine Hand zum
-Gruße reichte und, als sie in dieselbe einschlug, als er die
-ihrige an seine Lippen führte, erröthete sie tief. An derartige
-Huldigungen war sie noch nicht gewöhnt.</p>
-
-<p>Sie stotterte etwas von ihrer Tante, und daß sie dieselbe
-von seinem Besuche benachrichtigen müsse, und im nächsten Augenblicke
-war sie zur Thür hinausgehuscht.</p>
-
-<p>»Ein allerliebstes Backfischchen!« murmelte der junge Mann
-lächelnd. »Noch etwas grün, aber doch ganz reizend.«</p>
-
-<p>Dann blickte er sich im Zimmer um, hielt von der Terrasse
-aus rasche Umschau über den Garten und, noch immer allein,
-setzte er sich an den Flügel und begann zu präludiren.</p>
-
-<p>Betti war mittlerweile zu ihrer Tante hinaufgeeilt, diese
-kam ihr schon entgegen.</p>
-
-<p>»Wer hat unten gesungen?« rief sie ihr von weitem zu.</p>
-
-<p>»Denke nur, Tantchen, er ist gekommen!« rief Betti
-athemlos.</p>
-
-<p>»Ja, wer denn?«</p>
-
-<p>»Er, Oswald Reichel!«</p>
-
-<p>Die Tante warf den Kopf zurück: »Welche Aufdringlichkeit!«
-murmelte sie ärgerlich. »Und so spät am Abend bei Fremden
-einen Besuch abstatten. Nun, hoffentlich bleibt er nicht lange.«
-Dann aber fügte sie nachdenklich hinzu: »Da er aber nun schon
-da ist &ndash; und weil er ein Schüler meines seligen Bruders, so
-werden wir ihn wohl zum Abendessen bitten müssen. Sieh' einmal
-rasch in der Küche nach. Anna soll etwas Schinken aufschneiden.
-<a class="pagenum" id="page_040" title="40"> </a>
-Mit dem Uebrigen wird es reichen. Ich will einstweilen
-in den Salon gehen, den Herrn zu begrüßen.«</p>
-
-<p>Betti that, wie ihr geheißen, und als sie zehn Minuten
-später in das Gartenzimmer trat, fand sie die Tante mit dem
-fremden jungen Mann bereits in ein ganz heiteres Gespräch
-vertieft. Vor seinem jovialen, unbefangen herzlichen Tone vermochte
-ihre anfänglich etwas steife Zurückhaltung nicht Stand
-zu halten. Er wußte tausend schnurrige Anekdoten aus Künstlerkreisen
-zu erzählen, welche die alte Dame bis zu Thränen lachen
-machten, und sprach mit einer das Herz der Schwester aufs
-tiefste rührenden Verehrung von ihrem Bruder, seinem Meister,
-dem er all sein Können und &ndash; so ihm solche beschieden seien &ndash;
-alle weiteren Erfolge zu danken haben würde. Ihre völlige Sympathie
-aber gewann er sich, als er eine begeisterte Lobeshymne
-über die stille Zurückgezogenheit ihres Landlebens anstimmte und
-erklärte, daß er sich nichts besseres wünsche, als nach einer Reihe
-von Jahren seine Laufbahn in einem selbsterbauten, traulichen
-Nestchen fern von dem lauten Treiben der Welt, beschließen
-zu dürfen.</p>
-
-<p>Betti fühlte sich durch die sprudelnde Unterhaltung des
-jungen Mannes in die glückliche, frohe Zeit ihrer Kindheit
-zurückversetzt. Ihr war es, als hörte sie den Wellenschlag eines
-mächtigen Stromes neben sich aufrauschen, in den es sie sehnsuchtsvoll
-zog sich hineinzustürzen, um, mit kraftvollem Arm
-seine Wogen durchschneidend, einem fernen, glückverheißenden
-Ziele entgegenzuschwimmen. Aber in stille Seligkeit versank sie,
-als der Künstler, ohne erst eine an ihn gestellte Bitte abzuwarten,
-sich nach dem Abendessen vom Tische erhob, und an dem noch
-geöffneten Piano Platz nehmend, die ihr theueren Lieder ihres
-<a class="pagenum" id="page_041" title="41"> </a>
-Vaters vortrug. Eine Empfindung süßester Weltentrücktheit überkam
-sie. Unter dem gewaltigen Eindrucke, den die Musik auf
-begeisterungsfähige Gemüther zu üben so geeignet ist, fühlte sie
-ihre Seele gleichsam hinschmelzen in einem Meere wonnevollen,
-schönheitstrunkenen Entzückens. Und fast schmerzhaft berührte es
-sie, als der Sänger, dem als Priester höchster Kunstoffenbarung
-solch zaubermächtige Gewalt über ihr ganzes Wesen gegeben
-war, sich plötzlich von seinem Sitze am Clavier erhob und, in
-seinem gewöhnlichen, fast etwas burschikosen Tone die Bemerkung
-machte, daß er seinen Besuch wohl über Gebühr ausgedehnt
-habe und die Damen nun nicht länger belästigen dürfe.</p>
-
-<p>Tante Cölestine hielt ihn nicht zurück, von beiden Seiten
-wurde ein herzlicher Abschied genommen, und nachdem Reichel
-die wiederholten lebhaften Dankesversicherungen für den bereiteten
-Kunstgenuß, wie er sich lachend ausdrückte, »dankend quittirt«
-hatte, empfahl er sich nochmals und verließ das Haus.</p>
-
-<p>»Es ist in der That spät geworden,« sagte die Tante,
-nach seinem Weggehen auf die Uhr blickend. »Es ist Schlafenszeit.«
-Und dann zu Betti: »Ich will einstweilen vorausgehen,
-kommst Du bald nach?«</p>
-
-<p>»Ja, Tante, ich komme gleich,« sagte Betti träumerisch,
-während sie sich mit der Ordnung der zerstreut umherliegenden
-Notenhefte zu thun machte. Dann aber, als Cölestine weggegangen
-war, trat sie über die Terrasse ins Freie. Es war
-ihr jetzt unmöglich, zur Ruhe zu gehen. Alles wogte, gährte,
-fieberte in ihrer Seele. Im Frieden der Natur wollte sie erst
-Frieden suchen für ihr eigenes stürmendes Herz.</p>
-
-<p>Eine wunderbare Nacht lag über der schlummernden Erde.
-Die Sterne flimmerten und glänzten, als lächelten sie verständnißvoll
-<a class="pagenum" id="page_042" title="42"> </a>
-zu ihr hernieder. Leises Rauschen ging durch das
-welkende Laub der Bäume; einzelne Blätter lösten sich und
-fielen knisternd zu Boden. Ueber einer der bewaldeten Bergeskuppen
-lag heller Schein. Und jetzt, plötzlich, mit einem Rucke,
-hob sich der Stand des Mondes über der Kante des Berges
-und übergoß, höher und höher steigend, die ganze Landschaft
-mit seinem milchweißen Lichte.</p>
-
-<p>Ein leiser Schrei entfuhr Betti's Lippen. Denn als sie,
-um eine Baumgruppe biegend, den Weg zur Ausgangsthür des
-Gartens weiter schritt, sah sie plötzlich Reichel vor sich stehen.
-Sie wollte nach dem Hause zurück. Doch schon hatte er sie
-bemerkt.</p>
-
-<p>»Welch eine herrliche Nacht! Welch wunderbares Bild!«
-rief er. Und dann dicht an sie herantretend, klang es im süßesten,
-sanftesten <i>sotto voce</i> von seinen Lippen:</p>
-
-<table class="fss" summary="" border="0" cellpadding="0">
- <tr><td class="tdl">»Im Osten hebt sich der klare Mond,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Und Gott bedecket den Himmel mit Sternen.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Und ich bedecke, selig wie er,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Dein liebes Antlitz, den schöneren Himmel,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Mit feurigen Küssen!«</td></tr>
-</table>
-
-<p>Und nun breitete er seine Arme aus, umfaßte sie und
-bedeckte ihr Antlitz mit Küssen, ihre Augen, ihre Stirn, ihren
-Mund.</p>
-
-<p>Sie sträubte sich nicht. Sie schloß die Augen und athmete
-schwer. Ein Sturm zog durch ihre Seele, halb Schmerz, halb
-Seligkeit, und ihr war es, als müsse sie vergehen unter seinen
-Küssen.</p>
-
-<p>Plötzlich klirrte ein Fenster.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_043" title="43"> </a>
-»Betti, so komme doch, es ist schon spät!« ließ sich der
-Tante Ruf vernehmen.</p>
-
-<p>Da riß sie sich los und floh ins Haus.</p>
-
-<p>Der Mond lächelte in ihr Zimmer und sah, daß sie die
-ganze Nacht ihr Auge nicht im Schlummer schloß. Er sah, wie
-sie ihr Angesicht zwischen den Händen verhüllte und weinte &ndash;
-bitterlich. Stirn, Augen, Mund, die der fremde, junge Mann
-geküßt, brannten ihr vor Scham. Einen schweren Fehltritt
-glaubte sie begangen zu haben, der sich nie, niemals wieder
-tilgen ließ, der sie für immer aus der Reihe der guten und
-reinen Menschen schied.</p>
-
-<p>Gegen Morgen erhob sich ein heftiger Nordweststurm,
-massige schwarzgraue Wolken vor sich herschiebend. In dichter
-Menge schüttelte er die Blätter von den Bäumen, hier in wirren
-Knäueln sie durcheinander wirbelnd, dort zu kleinen Hügeln
-zusammenfegend.</p>
-
-<p>Betti verließ früh ihr schlummerloses Lager. Sie ging in
-den Garten und ließ es willig geschehen, daß der Wind ihr
-Haar zerzauste und einzelne schwere Regentropfen in ihr Antlitz
-warf. Der lange, todte Winter, der seine Vorboten in Sturm
-und Regen vorausschickte, paßte für ihre Stimmung. In ihrem
-Inneren sah es auch so aus. Sie fühlte sich müde, und ihr
-war es, als sei etwas erstorben in ihrem Herzen.</p>
-
-<p>Freilich wußte sie, daß der Frühling wiederkommen und
-alles zu neuem Leben und zu neuer Blüthe erwecken werde,
-was jetzt in Scheintodt erstarb. Noch aber ahnte sie es nicht,
-daß der Frühling ihrer Seele nicht geknickt war, daß auch ihre
-Jugend wieder erwachen würde &ndash; froh und kraftvoll.</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_044" title="44"> </a>
-Franzi's Weihnacht.</h2>
-
-
-<p>Trübe, schläfrige Stille ringsum im breiten Thale, öde,
-braune Felder, auf welchen das kurze, gelbe, vom Froste der
-vergangenen Nächte geknickte Gras sich lebensmüde zum Winterschlafe
-hinstreckt, kahle Bäume, die, um ihr grünes Laubgewand
-klagend, ihre nackten Arme zum Himmel emporrecken, der sich
-grau und kalt über die Erde spannt, mit seinem Rande auf
-die Kuppen der das Thal in weitem Bogen umfassenden Berge
-sich stützend, die in einen weichen, weißen Schneemantel gehüllt,
-von ihren schroffen Höhen bleich und ernst herabblicken.</p>
-
-<p>Die schläfrige Wintersonne vermag mit ihren matten
-Strahlen das schmutziggraue Wolkengehänge nicht zu durchbrechen,
-nur ein etwas heller Fleck zeigt den Punkt an, wo sie
-verborgen steckt.</p>
-
-<p>Auf der schnurgeraden Moosstraße, die von Salzburg zu
-dem südlich von der Stadt etwa eine und eine halbe Wegstunde
-entfernt liegenden 1957 Meter hohen Untersberg führt, schreitet
-wacker ausgreifend eine kleine Gesellschaft fürbaß: zwei Männer,
-eine Frau und zwei Kinder.</p>
-
-<p>»Ich mein', wir kriegen bald wieder Schnee, aber vielleicht
-wird es noch aushalten, bis wir droben sind,« sagte der eine
-der Männer, einen besorgten Blick nach dem Westen werfend,
-<a class="pagenum" id="page_045" title="45"> </a>
-dorthin, wo die bayerische Ebene an das österreichische Gebiet
-grenzt und für die Salzburger alle, schlechtes Wetter oder Sturm
-bringende Wolken heraufziehen.</p>
-
-<p>Der Andere zuckt die Achseln.</p>
-
-<p>»Ja, da laßt sich nichts machen,« antwortete er. »Hinauf
-müssen wir. Mehr als fußhoch liegt schon jetzt der Schnee auf
-dem Berge, und gestern, wie ich herunter bin, hab' in den Weg
-frei gemacht, so gut ich können hab'. Wenn es aber noch einmal
-schneit, dann bringen wir die da nimmer hinauf.«</p>
-
-<p>Die, von welchen der Mann spricht, das sind sein Weib
-und seine Kinder.</p>
-
-<p>Keine leichte Arbeit ist es fürwahr, die den guten Leuten
-zu vollbringen obliegt. Tüchtige Kräfte brauchen unter günstigen
-Verhältnissen fünf Stunden zum Aufstieg vom Fuße des Berges
-bis zu dem nahe am »Geiereck« gelegenen Schutzhause. Der
-Weg ist steil und beschwerlich und jetzt mit frischem, weichem
-Schnee bedeckt, die Kinder sind noch klein. Franzi, der Bube,
-ist noch nicht acht und das Mädchen gar erst drei Jahre alt,
-und die Mutter eine kränkliche Frau und des Bergsteigens ungewohnt.
-Aber der Vater hat recht, auf den Berg hinauf
-müssen sie; damit wird dem Elende ein Ende gemacht, aus dem
-sie jahrelang vergeblich herauszukommen ringen und das nun
-schon so groß geworden, daß sie die rückständigen drei Gulden
-Monatsmiethzins für ihr armseliges Dachzimmer im Dorfe Max-Glan
-nicht aufzubringen vermochten und von dem Jammer bedroht
-waren, bei der nächstfälligen Rate obdachlos zu werden.
-Denn Vincenz Reitmeier ist ein armer Taglöhner und nun
-schon geraume Zeit, trotz seiner eifrigsten Bemühungen, Arbeit
-zu finden, ohne Erwerb. Das bißchen Ersparte und der geringe
-<a class="pagenum" id="page_046" title="46"> </a>
-Erlös für ein paar verkaufte Kleider und Möbelstücke war bald
-aufgezehrt, um Brot und Kartoffel zu kaufen, und Karl, der
-Bruder der Frau, ein armer Tagwerker wie sein Schwager,
-konnte auch nicht Rath und Hilfe schaffen.</p>
-
-<p>Da traf es sich, daß der österreichische Alpenverein im
-Spätherbst einen Hüter des von ihm kürzlich erbauten Untersberger
-Schutzhauses suchte, welcher für die Obliegenheit, den
-Winter über das Häuschen zu bewohnen und gewisse meteorologische
-Beobachtungen anzustellen, über welche er in bestimmten
-Zeiträumen im Comptoir der Salzburger Section des Vereines
-Bericht zu erstatten hat, zweihundert Gulden Bezahlung erhält.
-Vincenz hörte davon und dachte, wenn er diese Stelle annähme,
-so wäre ihm geholfen. Mit den zweihundert Gulden läßt sich
-während des ganzen Winters sein und seiner Familie Lebensunterhalt
-bestreiten, und im Frühjahr findet sich wohl leichter
-wieder Arbeit.</p>
-
-<p>Mancher seiner Freunde redete ihm zwar davon ab, sich
-um den Posten zu bewerben; zu schlimme Dinge hatte der
-Mann, der im verflossenen Winter mit Weib und Kind da
-oben gehaust, von seinem Aufenthalte erzählt, und um keinen
-Preis würde er eine Wiederholung desselben auf sich nehmen.
-Hungern und frieren mußten sie, daß es eine Art hatte. Selbst
-im Anfange, als sie noch Holz zur Feuerung hatten, brachten
-sie die Temperatur ihrer Stube oft nicht höher als auf drei
-Grad Reaumur Wärme. Und dann, als das Holz ausgegangen
-war und die dichte tiefe Schneedecke nur mit Mühe und Noth
-ein bißchen Reisig zusammenzubringen ermöglichte, da ward es
-natürlich noch ärger. Um nichts besser ging es mit der Beschaffung
-von Lebensmitteln. Freilich hatte er sich vor Eintritt
-<a class="pagenum" id="page_047" title="47"> </a>
-starken Schneefalles mit Proviant versorgt, den er auf dem
-Rücken eines Esels auf die Höhe des Berges beförderte. Aber
-die Vorräthe an Lebensmitteln gingen schneller als gedacht zur
-Neige, und als so tiefer, lockerer Schnee auf dem Berge lag,
-daß es unmöglich war, den Abstieg zu unternehmen, konnten
-sie, wochenlang auf die geringen Reste des vorhandenen Vorrathes
-angewiesen, sich keinen Tag satt essen.</p>
-
-<p>Als aber Vorstellungen härtester Beschwerlichkeiten nichts
-nützten, weil Vincenz meinte, man könne denselben durch eine
-praktische Vorsorge wohl vorbeugen, da hielt man ihm auch
-die von anderer Seite her drohenden Gefahren vor Augen.
-Man erinnerte ihn, daß das Untersberger Schutzhaus den vielen
-Wilderern und Schmugglern &ndash; denn die bayerisch-österreichische
-Grenze zieht sich über diesen Berg &ndash; ein Dorn im Auge und
-von denselben in früherer Zeit schon wiederholt durch Feuer
-vernichtet worden sei. Auch wäre er da oben wohl seines Lebens
-nicht sicher, sei es doch erst vor wenigen Jahren geschehen, daß
-der Wächter des Unterstandshauses auf dem Mallnitzer Tauern
-ermordet worden.</p>
-
-<p>Aber auch diese Bedenken verfingen nicht.</p>
-
-<p>Auf dem Tauern, meinte Vincenz, könne so etwas wohl
-vorkommen; diesen Gebirgssattel passirten allerlei herumziehende
-Vagabunden, die im Unterstandshause Nachtquartier nehmen.
-Den Untersberg werde aber keiner solcher Strolche eigens zu
-dem Zwecke besteigen, um an einem armen Teufel, wie er es sei,
-der selbst kaum genug zum Leben habe, einen Raubmord zu verüben.
-Und kurz und gut: er fürchte sich nicht und sein Weib auch
-nicht. So ward es von ihnen beschlossen, daß Vincenz sich bei
-der Salzburger Alpenvereinssection zur Uebernahme des vacanten
-<a class="pagenum" id="page_048" title="48"> </a>
-Wächterpostens melden sollte. Er that es und bekam die Stelle.
-Da fiel es ihm nun aber ein, daß es wohl gut wäre, wenn
-er dieselbe nicht wie sein Vorgänger im verflossenen Winter,
-bei beginnendem Frühling einem Anderen abtreten müsse, sondern
-sie auch den Sommer über behalten dürfe, wo die Verpflegung
-der den Berg besteigenden Touristen und Jagdfreunde einen
-kleinen Verdienst einbrächte. Auch wäre es für den Winter
-allein wohl kaum der Mühe werth, die mühevolle und beschwerliche
-Uebersiedlung mit Weib und Kind zu unternehmen. Er
-suchte daher um Verlängerung seines Engagements bis zum
-Herbste nach. Da für den Sommer aber ein Anderer, derselbe,
-der die Stelle in der letzten Saison innegehabt und mit dem
-man keine Ursache hatte, unzufrieden zu sein, in Aussicht genommen
-war, so zog sich die Unterhandlung mit Vincenz in
-die Länge, und als die Entscheidung endlich zu seinen Gunsten
-getroffen wurde, war unterdessen der Winter eingebrochen und
-der erste Schnee gefallen.</p>
-
-<p>Doch wohlgemuth begab Vincenz sich an die mühselige
-Arbeit, in wiederholten anstrengenden Märschen den nöthigen
-Proviant auf seinen Schultern auf den Berg zu schaffen, und
-zuversichtlichen und freudigen Herzens machte die Familie sich
-auf den Weg nach der von stolzer Höhe herabblickenden neuen
-Behausung, die ihnen eine, wenn auch wahrlich nicht minder beschwerliche,
-so doch dem bittersten Elend enthobene Existenz versprach.</p>
-
-<p>Das kleinste der Kinder, das nur wenige Monate zählte,
-war in Pflege gegeben worden, die beiden größeren wurden
-mitgenommen.</p>
-
-<p>Es war ein unfreundlicher, trüber Tag um die Mitte
-December, und als sie bei dem am Fuße des Berges liegenden
-<a class="pagenum" id="page_049" title="49"> </a>
-Gasthause »zur Rositte« anlangten, wo der Fußsteig in den
-herrlichen Nadelwald einbiegt, fing es bereits zu schneien an,
-und das kleine Mädchen weinte vor Müdigkeit und Kälte. Man
-mußte sich entschließen, es den Wirthsleuten in Obhut zu geben;
-am folgenden Tage wollte der Vater es abholen. Die Anderen
-setzten ihren Weg fort. Langsam, aber gleichmäßig ausschreitend,
-ging es den steilen, von Baumwurzeln durchzogenen, mit gelbem
-Laub und dürren Kiefer- und Fichtennadeln bedeckten, schmalen
-Fußpfad empor.</p>
-
-<p>»Mutter,« sagte der Knabe, zu den schlanken Tannen
-aufblickend, »das sind ja lauter Lichterbäume &ndash; aber ohne
-Lichter.«</p>
-
-<p>Vor wenigen Jahren war Franzi von einer Familie, die
-am Wohlthun ihre Freude hatte, zum Weihnachtsfest zugezogen
-worden. Und mehr noch als die Geschenke, mit welchen er dabei
-überrascht wurde, hatte der hohe, vom Boden bis zur Zimmerdecke
-ragende, in glänzendem, glitzerndem Schmucke und zahllosen
-Lichtern strahlende Christbaum auf das staunende Kinderherz
-einen tiefen und unauslöschlichen Eindruck geübt. Jeder
-Tannen- und Fichtenbaum, den er seither erblickte, rief ihm
-jene unvergeßlich schöne Erinnerung wach. Und heute, als sie
-sich auf die Wanderung begaben, hatte der Vater ihm versprochen,
-daß er am Christabend einen ebensolchen »Lichterbaum«
-bekommen würde, wenn er sich auf dem weiten Wege
-auf den Berg hinauf brav halte und die Mutter nicht durch
-Weinen ängstige. Und diese, sein Gemüth erfüllende frohe Hoffnung
-flößte ihm Muth und Kraft ein und tapfer trabte er mit
-seinen kleinen Beinen an der Hand seines Vaters den steilen
-Weg hinan.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_050" title="50"> </a>
-So lange der Pfad durch den Wald führte, wo die
-gedrängt stehenden Bäume den stets dichter herabwirbelnden
-Schnee zum Theile abhielten, auch der Boden noch ziemlich
-schneefrei war, ging der Aufstieg noch verhältnißmäßig gut von
-Statten.</p>
-
-<p>Dort aber, wo der Weg den Wald verlassend über die
-lang sich hinstreckende Alpenwiese lenkte, wo im Sommer kurzes,
-dunkelgrünes Weidegras üppig emporsprießt, jetzt aber frischer
-lockerer Schnee lag, in welchem die Wanderer bis zum Knie
-und an manchen Stellen gar bis zur Hüfte einsanken, da steigerte
-sich die Ermüdung fast zu völliger Erschöpfung. Onkel Karl
-packte den Kleinen, der mit aller Anstrengung nicht mehr weiter
-zu dringen vermochte, wie einen Rucksack auf seine Schultern
-und Vincenz half seinem Weibe vorwärts, welches schwer athmend
-und schweißüberströmt alle Energie aufbot, um gegen die überwältigende
-Macht des feindlichen Elementes anzukämpfen und
-das ersehnte Ziel zu erreichen. Dazu wurde der Weg durch die
-stetig zunehmende Schneemenge unkenntlich gemacht, und die
-ganze Gegend war in einen jeden orientirenden Ausblick verhindernden,
-undurchdringlichen weißgrauen Schleier gehüllt, daß
-es der peinlichsten Vorsicht und der durch die in den letzten
-Wochen häufig wiederholten Besteigungen des Berges erworbenen
-sichersten Ortskenntniß der beiden Männer bedurfte, um sie die
-Richtung nicht verlieren, und auf einen der gefährlichen Ab-
-und Irrwege gerathend, dem unvermeidlichen Untergange entgegen
-gehen zu lassen.</p>
-
-<p>Oft mußte Rast gemacht werden, um den versiegenden
-Kräften zu neuem Vorwärtsstreben Erholung zu gönnen. Besorgt
-blickte Vincenz auf seine Frau, als er sah, wie sie stehen
-<a class="pagenum" id="page_051" title="51"> </a>
-bleibend, ihre Hand auf ihr zum Zerspringen klopfendes Herz
-preßte und keuchend nach Athem rang.</p>
-
-<p>»Es wär' besser gewesen, wir wären nicht herauf, Du
-dermachst es nicht,«*) sagte er ängstlich.</p>
-
-<p class="ci fss">*) »Du dermachst es nit,« hochdeutsch: »Du bringst es nicht
-zuwege.«</p>
-
-<p>Doch der Anfall ging vorüber.</p>
-
-<p>»Es hat sein müssen, Du weißt es ja selber,« antwortete
-die Frau. »Was wär' denn unten mit uns g'worden? Nix
-mehr zum Leben und kein' Arbeit. Zu Grund' gangen wär'n
-wir Alle. Da droben haben wir aber unsere Wohnung und a
-bisl a Geld und im Sommer die Wirthschaft, wenn die Herrn
-auf'n Berg steigen auf die Jagd oder so zum Vergnügen. Da
-oben wird's schon besser werd'n. Nit nur für uns selber hab'n
-mir's thun müssen, daß mir aufi g'stieg'n san, sondern auch
-für unsere Kinder.«</p>
-
-<p>Vincenz nickte. Seine Frau hatte wohl recht. Aber wenn
-sie nur erst oben wären! Ihm ward so bange.</p>
-
-<p>Endlich, nach sechs Stunden furchtbarster Mühe waren sie
-zur »steinernen Stiege« gelangt, einer Stelle des Berges, wo
-zwischen dem gähnenden Abgrund an der einen und der schroff
-und glatt ansteigenden Felsenwand von der anderen Seite zur
-Ermöglichung dieser Passage Stufen in das Gestein gehauen sind.</p>
-
-<p>Die Männer hießen die Frau und den Knaben warten
-und versuchten es, mit ihren Bergstöcken die hohen Felsenstufen
-so weit von Schnee zu befreien, daß die Gefahr nicht allzu
-nahe lag, durch einen Fehltritt in die nachgiebig poröse Schneemasse
-rettungslos in die schreckliche Tiefe zu stürzen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_052" title="52"> </a>
-Und jetzt geht es vorwärts, langsam, vorsichtig von Stufe
-zu Stufe, mit dem Bergstocke erst den Platz prüfend, wo der
-Fuß hintreten darf, um sicher zu stehen. Kein Wort wurde
-gewechselt; man vernimmt nur das Scharren der Eisenspitzen
-der Stöcke auf den Felsen und die schweren Athemzüge der mit
-äußerster Anstrengung emporklimmenden Leute. Von einem scharfen
-Nordwest gepeitscht, der das Gehen erschwert und den Schritt
-unsicher macht, wirbeln in verdoppelter Dichtigkeit die Schneeflocken
-um unsere Wanderer, hängen sich an die Wangen, fliegen
-in die Augen, blendend und den Blick trübend.</p>
-
-<p>Aber ohne Unfall überschritten sie die gefährliche Stelle
-und langten wohlbehalten auf dem Hochplateau an, auf welchem,
-etwa eine halbe Stunde entfernt, das Schutzhaus liegt. Allein,
-so nahe sie auch dem ersehnten und mit Aufwand aller physischen
-und moralischen Energie erstrebten Ziele sind, so vermag die
-arme Frau doch nicht weiterzugehen, ohne sich nochmals auszurasten.</p>
-
-<p>Den Rest ihrer Kraft hat sie zur Ueberwindung dieser
-ebenso gefährlichen wie anstrengenden Passage aufgeboten, jetzt
-kann sie nimmer weiter; sie muß ruhen. Ihre Pulse hämmern
-so fürchterlich, das Herz klopft so beängstigend heftig, die Athemnoth
-ist so qualvoll &ndash; o, sie muß ruhen, sonst muß sie ersticken.</p>
-
-<p>Während ihr Bruder Karl, vorausgehend, den vor Kälte
-zitternden Knaben nach dem Unterstandshause trägt, setzt sie sich
-erschöpft auf den Schnee nieder. Es ist ihr unmöglich, stehend
-auszuruhen, sie würde zusammenbrechen. In stummer Sorge
-steht ihr Mann neben ihr.</p>
-
-<p>Nach wenigen Secunden schaut sie auf, blickt um sich.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_053" title="53"> </a>
-»Vincenz,« sagt sie, »es ist gut, daß wir endlich heraufgekommen
-sind, schau nur, mir wird auf einmal so wohl. Wie
-schön es hier oben ist, welch frische Luft. Ja, jetzt wird alles
-gut werden. &ndash; Lieber Gott, ich danke Dir.«</p>
-
-<p>Und einen leisen Seufzer ausstoßend, sinkt sie zurück in
-den Schnee.</p>
-
-<p>Vincenz erschrickt, er glaubt, daß seine Frau eine Ohnmacht
-befallen hat. Er kniet sich neben sie, reibt ihr Stirn
-und Schläfe mit Schnee, dann wieder die Pulse an den Armen
-mit Branntwein aus der Feldflasche. Doch während er unermüdlich
-immer und immer wieder neue Belebungsversuche vornimmt,
-fühlt er, wie unter seinen Händen ihre Glieder allmählich
-erkalten und erstarren &ndash; und er erkennt, daß sie
-todt ist.</p>
-
-<p>Auf den Armen ihres Mannes und ihres Bruders wurde
-die Entschlafene in das Schutzhaus gebracht, wo, nur durch eine
-dünne Bretterwand von ihr getrennt, ihr Kind ahnungslos
-schlummert.</p>
-
-<p>Von kräftigen Gebirgsbauern auf Latschen thalwärts getragen,
-wurde die Todte in dem am Fuße des Untersberges
-gelegenen Dörfchen Grödig bestattet. Die ärztliche Obduction
-ergab, daß in Folge der ihre Kräfte übersteigenden enormen
-Anstrengung ein Herzschlag eingetreten war.</p>
-
-<p>Ihre Hoffnung hatte sich erfüllt &ndash; wenn auch in ungeahnter
-Deutung. Auf der Höhe des Berges, der sie zustrebte,
-ward sie der Noth des Elendes, der Bürde ihres schweren Daseins
-enthoben, war für sie »alles gut« geworden.</p>
-
-<p>»Armer Franzi! Der Christabend kam, aber kein strahlender
-»Lichterbaum« erfreute Dein kindliches Gemüth. Verwaist und
-<a class="pagenum" id="page_054" title="54"> </a>
-einsam blicktest Du von stiller Bergeshöhe auf die öden Thäler
-herab, traurig Deines kranken Vaters und Deiner todten Mutter
-gedenkend. Möge ihr Wort sich an Dir bewähren, daß es Dir
-gut werde dort oben!«</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_055" title="55"> </a>
-Der Weg zum Herzen.</h2>
-
-
-<p>Mein Freund Christian hatte es sich fest in den Kopf
-gesetzt, ein durch hervorragende Hausfrauentugenden ausgezeichnetes
-Mädchen zu heiraten. Dabei sollte sie aber ein gar liebliches
-Gesichtchen, eine schöne Gestalt, Jugend und feine Bildung
-besitzen. Er selbst war, was man so einen guten Jungen
-nennt, dabei leidlich hübsch und sehr wohlhabend. Seit fünf
-Jahren sah er sich in seinen ausgedehnten Bekanntenkreisen nach
-einer passenden Lebensgefährtin um. Denn als er, dreiundzwanzig
-Jahre alt, das Landgut seines plötzlich gestorbenen Vaters übernahm,
-hatte er mit der Suche begonnen, und zur Zeit, da das
-hochbedeutsame Ereigniß, welches zu berichten ich im Begriffe
-stehe, sich zutrug, zählte er achtundzwanzig Jahre &ndash; und noch
-hatte er nicht gefunden, was er wollte. Die Eine hatte röthliches
-Haar, was er nicht leiden mochte; eine Andere mischte zu
-viele Fremdwörter ins Gespräch, wodurch er sich in seiner
-teutschen Gesinnung &ndash; er schrieb und sprach niemals: deutsch,
-sondern teutsch, und seine Freunde nannten ihn mit Vorliebe
-den Teutonen &ndash; verletzt fühlte; die Dritte war ihm zu sentimental;
-die Vierte viel zu kokett; die Mehrzahl aber ermangelte
-des Haupterfordernisses, das er an seine Zukünftige stellte: häuslichen
-und wirthschaftlichen Sinnes.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_056" title="56"> </a>
-»Sehen Sie,« so klagte er mir einmal, »was hätte ich
-von einer Frau, wenn sie auch wie Venus so schön, klug wie
-Minerva, tugendhaft wie, wie &ndash; mir fällt ein geeigneter Vergleich
-nicht ein &ndash; kurzum, wenn sie auch alle Tugenden der
-Welt in sich vereinigt, sie könnte aber nicht kochen! Ich bin
-Landwirth, den Tag über nimmt die Bewirthschaftung von Wald
-und Feld meine Zeit und Kraft in Anspruch. Wenn ich müde
-und hungrig nach Hause komme, will ich etwas Ordentliches zu
-essen vorfinden. Ich habe so meine Lieblingsspeisen, die ich in
-einer bestimmten Weise gekocht haben will. Anders mag ich sie
-nicht. Mit den bezahlten Köchinnen geht es nicht; die nehmen
-sich nicht die Mühe dazu, meine Eigenschaften zu studiren, und
-wenn sie es ja auch einmal gelernt haben, dann gehen sie
-sicherlich aus dem Dienste, um sich zu verheiraten, und die Plage
-fängt mit einer Anderen von neuem an. Meine gute Mutter
-hat mich in dieser Beziehung sehr verwöhnt. Sie war eine vortreffliche
-Hausfrau und kochte ganz vorzüglich. Wenn ich nicht
-in der Ehe unglücklich werden soll, muß ich in meiner Frau eine
-ebenso gute Hausfrau finden.«</p>
-
-<p>Ich bemerkte dagegen, daß das Glück der Ehe wohl durch
-noch andere Eigenschaften als allein durch Wirthschaftlichkeit und
-Verständniß der edlen Kochkunst &ndash; so schätzenswerthe Qualitäten
-dies ja auch seien &ndash; bedingt würde; daß persönliche
-Sympathie zum Beispiel eine doch mindestens ebenso wichtige
-Bedingung bilde. Christian schwieg eine Weile nachdenklich. Dann
-strich er sich mit seiner kräftig geformten, sonnengebräunten Hand
-den blonden Schnurrbart und meinte lächelnd:</p>
-
-<p>»Sie haben im Allgemeinen ganz recht in dem, was Sie
-da sagen. Aber es bestätigt mir die Erkenntniß einer fehlerhaften
-<a class="pagenum" id="page_057" title="57"> </a>
-socialen Institution. Es klingt ja recht barbarisch, so
-etwas auszusprechen, aber richtig ist es doch: Die Monogamie
-taugt nichts. Jeder rechtschaffene Mann, dessen materielle Lage
-es ihm gestattet, sollte zwei Frauen haben dürfen: die eine fürs
-Herz, die andere fürs Haus, für seine Wirthschaft.«</p>
-
-<p>Ich lachte laut auf.</p>
-
-<p>»Sie sollten unter die Mormonen gehen,« rief ich belustigt.
-»Sie haben entschieden Talent dazu!«</p>
-
-<p>Er aber schüttelte den Kopf.</p>
-
-<p>Ungeachtet seines unerschütterlichen Entschlusses, ein vorzüglich
-häusliches Mädchen zu seiner Gattin zu erwählen, versagte
-er es sich jedoch nicht, sich mit seiner bildhübschen, siebzehnjährigen
-Cousine Ottilie, die er mit einer gemeinsamen
-Tante, bei welcher sie seit dem Tode ihrer frühverstorbenen
-Eltern lebte, für einige Monate auf seinen Landsitz eingeladen
-hatte, ganz ausgezeichnet zu unterhalten, und trotzdem Ottilie
-nicht die geringste Lust und nicht das leiseste Talent bewies, die
-von ihm so hochgeschätzten häuslichen Qualitäten zu erwerben,
-sah man es ihm doch deutlich an, daß das von lebensfroher
-Jugendfrische strotzende, allerliebste Geschöpf seinem Herzen sehr
-theuer war. Er stellte dies auch nicht in Abrede, als ich einmal
-neckend auf den Strauch klopfte, nur fügte er gleich die Bemerkung
-bei, daß nichts vollkommen sei unter der Sonne. Ottilie
-besitze zwar alle Eigenschaften, um sein Leben zu verschönen,
-allein tüchtig in der Wirthschaft sei sie leider nicht.</p>
-
-<p>Das hinderte ihn jedoch keineswegs, alle Zeit, die seine
-ökonomische Thätigkeit ihm freiließ &ndash; und manchmal auch etwas
-mehr &ndash; ihr zu widmen und, was zu sehen mir besonders Spaß
-machte, sie mit sichtlichem Vergnügen in ihren antihäuslichen
-<a class="pagenum" id="page_058" title="58"> </a>
-Liebhabereien noch zu bestärken. Er unterrichtete sie im Reiten,
-Kutschiren, Rudern, sie übten sich zusammen im Pistolenschießen
-nach der Scheibe, und wenn sie das Centrum öfter traf als er,
-wenn sie, ein Bild von mit Kraft gepaarter Anmuth, sich im
-Sattel wiegend, an seiner Seite über die bräunlichen Stoppelfelder
-&ndash; denn mittlerweile war es Herbst geworden &ndash; dahinsprengte,
-war er ganz außer sich vor Entzücken.</p>
-
-<p>»Da, da schauen Sie,« rief er mir einmal voll Ekstase zu,
-indem er mir eine durchschossene Papierscheibe vor Augen hielt.
-»Zwanzig Schüsse ins Centrum! Zwanzig Schüsse nacheinander
-auf dreißig Schritt Distanz, und keinen daneben, um keine Linie!
-Phänomenal! Das lob' ich mir, einen solchen Kameraden zu
-haben!«</p>
-
-<p>»Gewiß, gewiß, ein ganz famoser Kamerad!« lachte ich.
-»Aber Sie wollen sich ja eine Frau suchen, nicht einen flotten
-Kameraden für Ihre Sportvergnügungen.«</p>
-
-<p>Christian machte eine abwehrende Handbewegung.</p>
-
-<p>»Ah, bah!« brummte er etwas verstimmt. »Das hat Zeit.
-Warum soll ich mir mein angenehmes Leben mit der Erwägung
-verbittern, daß ich nicht finde, was ich suche!«</p>
-
-<p>Bei Tische aber widerfuhr seinem angenehmen Leben des
-Oefteren eine unliebsame Dämpfung. Er hatte eine brave ältliche
-Person im Dienste, die unter seiner Oberaufsicht die häusliche
-Wirthschaft leitete und ganz befriedigend gut kochte. Aber
-seine Lieblingsspeisen genau nach seinem Geschmacke zu bereiten,
-das verstand sie nicht. Und er wußte es ihr nicht zu erklären,
-woran es fehlte. So geschah es denn öfters, daß seine heitere
-Stimmung bei den Mahlzeiten, wenn auch nur vorübergehend,
-getrübt wurde.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_059" title="59"> </a>
-Einmal wagte er in meinem Beisein anläßlich einer Wildpastete
-&ndash; auch eines seiner Lieblingsgerichte &ndash; die nicht nach
-seinem Geschmacke war, eine Bemerkung zu Ottilie, daß es doch
-gar zu hübsch wäre, wenn sie nebst ihren virtuosen Amazonenkünsten
-auch ein bißchen von den Künsten der Küche verstände.
-Sie aber erwiderte lachend, daß ihr Ehrgeiz weit mehr
-durch das Ziel angestachelt werde, seinen feurigen Rothfuchs zu
-bändigen, was ihr bisher noch nicht gelungen, als eine wohlschmeckende
-Pastete zu bereiten.</p>
-
-<p>Die Tante schüttelte wehmüthig das graue Haupt, denn
-ihrer Neigung hätte es weit mehr entsprochen, Ottilie hätte sich
-zu einer wackeren Hausfrau ausgebildet, als zu einer glänzenden
-Sportsdame, zu der sie sich zu entwickeln drohte. Christian aber
-hatte bei Erwähnung seines Rothfuchses sogleich sein Bedauern
-über die mißlungene Pastete vergessen, und lustig rief er
-Ottilie zu:</p>
-
-<p>»Du willst meinen Bucephalus reiten? Nein, meine Liebe,
-Du bist zwar unter meiner Leitung eine sehr gewandte und
-kühne Reiterin geworden, aber mein Bucephalus ist nichts für
-Dich. Sein Rücken wird Dich nie tragen. Ich warne Dich vor
-einem erneuten Versuch.«</p>
-
-<p>»Ich werde sehen!« murmelte Ottilie leise. Und nach Tische
-erschien sie in dem Stalle, um dem Rothfuchs eigenhändig ein
-wenig Brot und Zucker zu reichen.</p>
-
-<p>Tags darauf hatte Christian den ganzen Vormittag über
-in seiner Wirthschaft zu thun und zu schaffen. Müde und
-ärgerlich, denn sein Verwalter hatte ihn erzürnt, kehrte er zu
-verspäteter Stunde heim. Wir hatten mit dem Mittagessen auf
-ihn gewartet, und ich befürchtete, daß ein in der Länge der Zeit
-<a class="pagenum" id="page_060" title="60"> </a>
-sicherlich zu gar gebratenes Rostbeef, das er nach englischer Art
-halbroh liebte, seine Laune nicht verbessern würde.</p>
-
-<p>Als die Suppe schon aufgetragen war, trat Ottilie mit
-hochgerötheten Wangen in das Speisezimmer.</p>
-
-<p>»Du siehst ja aus, als ob Du am Herde gestanden hättest,
-so erhitzt bist Du,« sagte Christian, sie begrüßend. »Aber freilich,
-so etwas kommt bei Dir nicht vor.«</p>
-
-<p>Ottilie lächelte und gab keine Antwort.</p>
-
-<p>Als das Rostbeef an die Reihe kam, bemerkte ich zu meiner
-Befriedigung, daß dasselbe, meiner Befürchtung entgegen, noch
-ganz »englisch« war und daß sich Christian's Stimmung sichtlich
-erheiterte. Die Mehlspeise aber that das Uebrige. Es waren
-gewisse kleine, mit gehacktem Wild gefüllte Klößchen, auch ein
-Lieblingsgericht Christian's und &ndash; o Wunder! ganz nach seinem
-Geschmacke zubereitet.</p>
-
-<p>Christian strahlte.</p>
-
-<p>»Ei, das schmeckt ja vorzüglich,« sagte er, indem er zum
-zweitenmal zulangte. »Meine Mathilde macht sich. Sie hat ihre
-Scharte von gestern glänzend ausgewetzt.«</p>
-
-<p>Und bei diesem einenmale blieb es nicht. Ueber Mathilde
-schien plötzlich eine Erleuchtung gekommen zu sein. Jedesmal,
-wenn Christian Vormittag abwesend war &ndash; und da er jetzt
-viel zu thun hatte, traf sich dies öfters &ndash; fand er irgend eine
-seiner Lieblingsspeisen in vorzüglicher, ganz seinem Geschmacke
-entsprechender Bereitung bei Tische vor. Und jedesmal bemerkte ich
-bei Ottilie ebensolche geheimnißvolle Miene und erhitzte Wangen
-wie das erstemal, so daß ich nicht umhin konnte, auf eine Vermuthung
-zu verfallen, welche beide Thatsachen in einen gewissen,
-unschwer zu errathenden Zusammenhang brachte.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_061" title="61"> </a>
-Dieselbe Vermuthung schien übrigens auch in Christian's
-Kopf platzzugreifen, denn zuweilen machte er eine flüchtig in
-das Gespräch gestreute Bemerkung, welch ein herrliches Kleinod
-eine Frau sei, die mit all ihren sonstigen Vorzügen auch den
-der häuslichen Kenntnisse, namentlich der Kochkunst, vereinige
-und mit den Schwächen und Eigenheiten ihres Mannes freundliche
-Nachsicht übe.</p>
-
-<p>Ottilie bemühte sich hartnäckig, derartige Bemerkungen
-Christian's zu überhören, und die Tante blickte verlegen lächelnd
-auf ihren Teller und brachte die Unterhaltung auf ein anderes
-Thema.</p>
-
-<p>Mittlerweile ging mein im gastlichen Heim meines Freundes
-verbrachter Urlaub zu Ende, und ich kehrte nach der Stadt
-zurück, um, Christian's Einladung entsprechend, einige Wochen
-später zum Weihnachtsfeste wiederzukommen.</p>
-
-<p>Es überraschte mich nicht, Ottilie mit ihrer Tante noch
-vorzufinden. Christian hatte sie, so oft sie auch heimkehren
-wollten, zurückgehalten. Und ebenso wenig überraschte mich die
-sich mir bald aufdrängende Wahrnehmung, daß sein Herz für
-seine Cousine in hellen Flammen stand, und daß Christian's
-Herzensflammen mit jenen Ottiliens lodernd zusammenschlugen.
-Einigermaßen verwundert war ich nur darüber, daß die Tante
-über diese Lage der Dinge nicht sonderlich erbaut, ja von einer
-seltsamen nervösen Unruhe beherrscht schien, als erfüllte sie irgend
-eine geheime Sorge.</p>
-
-<p>So kam der Weihnachtsabend heran. Im großen Saale des
-Erdgeschosses brannte ein mächtiger Christbaum, dessen zahllose
-Lichtlein in den einander gegenüber hängenden Spiegeln sich
-hundertfach vervielfältigend wiederstrahlten. Eine Menge schöner
-<a class="pagenum" id="page_062" title="62"> </a>
-Geschenke, auf weißüberdeckten Tischen zierlich geordnet, lagen
-da, nicht nur für den Herrn des Hauses und dessen Gäste, auch für
-seine Beamten und Diener und deren Kinder, die in stillem,
-freudigem Entzücken ob des in prächtigem Schmucke und hellem
-Glanze flimmernden Tannenbaumes und der großmüthigen Bescherung
-durch ihren gütigen Herrn schier verblüfft umherstanden
-und kaum Worte des Dankes fanden.</p>
-
-<p>Ein heiteres Festmahl folgte darauf, dann ein Tombolaspiel,
-und gegen die Mitternachtsstunde kam, zur Beendigung der Festfeier,
-eine dampfende Punschbowle auf den Tisch.</p>
-
-<p>Die Gläser klangen. Es wurde toastirt und poculirt.</p>
-
-<p>Doch inmitten der heitersten Unterhaltung wurde unser
-liebenswürdiger Gastgeber plötzlich von wehmüthiger Stimmung
-überflogen. Er gedachte seiner Mutter, die er innig geliebt, und
-die der Tod erst vor wenigen Jahren von seiner Seite gerissen.
-Und indem er von ihr und von dem stillen, glücklichen Leben,
-das sie miteinander geführt, erzählte, meinte er, wie schön es
-wäre, wenn sie hier in der Mitte des kleinen Kreises weilte.</p>
-
-<p>»Ganz so wie heute,« schloß er, zu mir gewendet, seine
-Rede, »feierten wir unser Weihnachtsfest. Nur eines fehlt.
-Mütterchen bescherte mir immer einen riesigen Baumkuchen. Sie
-wußte, daß ich ihn besonders liebe. Mathilden wollte ich dessen
-Herstellung aber nicht anvertrauen.«</p>
-
-<p>In diesem Augenblicke öffnete sich die Thür, und ein mächtiger
-Baumkuchen wurde aufgetragen.</p>
-
-<p>»Was ist das?« rief Christian freudig betroffen. »Ist da
-Zauberei im Spiele?«</p>
-
-<p>Das Stubenmädchen entfernte sich schweigend. Die Tante
-aber erklärte lächelnd:</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_063" title="63"> </a>
-»Keine Zauberei, lieber Christian. Du vergißt, daß Du
-uns von diesem Weihnachtskuchen schon öfters gesprochen. Nun,
-und da dachte ich, damit nichts fehlen sollte&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Christian blickte auf Ottilie, die, als ob sie nichts hörte,
-sich mit frischer Füllung der Punschgläser beschäftigte.</p>
-
-<p>»Ah, ich verstehe,« murmelte er leise, und eine flüchtige
-Röthe überzog seine gebräunten Wangen.</p>
-
-<p>Der Kuchen wurde angeschnitten und erwies sich als vortrefflich,
-ganz so, wie er unter den geschickten Händen von
-Christian's Mutter gediehen war.</p>
-
-<p>Einige Minuten lang hatte Christian still und nachdenklich
-dagesessen. Plötzlich erhob er sich, und zur Tante hintretend,
-sagte er mit etwas schwankender Stimme:</p>
-
-<p>»Ich weiß keinen geeigneteren Augenblick, liebes Tantchen,
-als das heutige Freudenfest, um Dir ein freudiges Geheimniß
-zu bekennen, das für Dich sicherlich schon lange kein Geheimniß
-mehr ist: Ottilie und ich, wir lieben uns. Willst Du sie mir
-zur Frau geben?«</p>
-
-<p>Die Tante umarmte Christian, Christian umarmte Ottilie,
-und die Tante segnete Beide. Ich aber brachte ein Hoch aus
-auf das Wohl des Brautpaares. Und wieder erklangen die Gläser.</p>
-
-<p>Dann aber, als die fröhlich laute Stimmung etwas ruhiger
-geworden war, sagte Ottilie zu Christian:</p>
-
-<p>»Da heute schon der Tag der Ueberraschungen ist &ndash; auch
-ich habe Dir etwas mitzutheilen, was Dich überraschen wird.«</p>
-
-<p>Christian lächelte freudig verschmitzt.</p>
-
-<p>»Kann es mir schon denken, Tilly. Der Weihnachtskuchen,
-nicht wahr? Und die Hachéklößchen damals und alle meine
-anderen Lieblingsspeisen.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_064" title="64"> </a>
-Ottilie sah ihn groß an.</p>
-
-<p>»Was ist es mit all dem?« fragte sie verwundert. »Ah,
-Du meinst, daß nicht Mathilde es war, die diese guten Sachen
-gekocht hat? Ja, das hast Du errathen. Unser liebes Tantchen
-war es, die Dir eine Freude bereiten wollte, was ihr ja auch
-vortrefflich gelungen ist. Doch nicht das ist es, was ich Dir
-sagen wollte. Meine Ueberraschung ist anderer Art. Dein Rothfuchs
-&ndash; täglich, wenn Du nicht zu Hause warst, hab' ich versucht,
-ihn zu reiten. Darum kam ich immer so erhitzt zu Tische.
-Du wolltest die Ursache wissen, aber ich sagte sie nicht. Nun,
-jetzt, mein Schatz, ist Dein wilder Bucephalus völlig in meiner
-Gewalt.«</p>
-
-<p>Jetzt war an Christian die Reihe, die Augen aufzusperren.</p>
-
-<p>»Ach, das ist es!« sagte er kleinlaut »und ich glaubte&nbsp;&ndash;«
-Und dabei sah er beinahe traurig aus. Doch rasch war seine
-Verstimmung verflogen. »Bah, was macht es?« rief er, wieder
-fröhlich. »Die gute Tante bleibt bei uns und leitet das Haus.
-Vielleicht lernst Du es auch mit der Zeit. Vorläufig bist Du
-mein lieber, flotter Kamerad. Wir reiten und schießen miteinander.«</p>
-
-<p>»Ja, wir schießen um die Wette.«</p>
-
-<p>»Und unser Ziel&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»&ndash; ist unsere Liebe und unser Glück!«</p>
-
-<p>Sie verfehlten es nicht, dieses Ziel.</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_065" title="65"> </a>
-Weder Glück noch Stern.</h2>
-
-
-<p>Er hieß Michael Müller und war am 1.&nbsp;April 18..
-geboren. Seine Mutter starb am Tage nach seiner Geburt
-und sein Vater liebte ihn nicht, weil eben sein Eintritt in die
-Welt seiner Mutter das Leben kostete und somit die Last der
-Sorge für seine Pflege und Erziehung dem Vater allein zu
-tragen aufbürdete, dann aber auch, weil er bei seinem Heranwachsen
-weder ein schönes noch ein kluges Kind zu werden versprach.
-Das einzig Hübsche seines Gesichtes waren die großen,
-stahlgrauen, schwärmerisch blickenden Augen, welche mit der ausdruckslosen
-Stumpfnase und dem weiten, dicklippigen Munde
-sonderbar contrastirten, und der einzige Witz, der ihm in seinem
-ganzen Leben gelang, war der, daß er, auf das Datum seines
-Geburtstages anspielend, mit gutmüthig traurigem Lächeln sagte,
-das Schicksal habe ihn, indem es ihn geboren werden ließ, in
-den April geschickt.</p>
-
-<p>Und in der That gestaltete sich sein Lebenslauf zu einer
-Bestätigung seiner harmlosen Selbstironie. Michael oder Michel,
-wie er allgemein gerufen wurde, gehörte zu jenen Pechvögeln,
-welchen alles, was sie unternehmen, mißlingt und welche, ohne
-dümmer, oder ungeschickter, oder träger zu sein als Andere, doch
-von Allen überholt und übervortheilt werden.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_066" title="66"> </a>
-Gab es unter den Schulknaben irgend eine Balgerei, so
-war es sicherlich Michel, der dabei am übelsten wegkam, dessen
-Rücken die meisten Püffe, dessen Kleider die meisten Risse erhielten
-und dem obendrein noch oft Strafe zutheil ward, indem
-ihn die Genossen, so unschuldig er zumeist auch war, als Rädelsführer
-und Urheber der Schlägerei verklagten.</p>
-
-<p>In der Schule lernte er nicht schlechter als die Mehrzahl
-seiner Gefährten, dennoch widerfuhr ihm wiederholt das Unglück,
-bei der Prüfung durchzufallen, einzig aus dem Grunde,
-weil ihm zufällig solche Fragen gestellt wurden, die er nicht zu
-beantworten wußte, während er auf alle seinen Collegen vorgelegten
-Fragen ganz richtige Antworten zu geben vermocht
-hätte. Von seinen Lehrern wurde er bemitleidet, von seinen
-Genossen verspottet. Trotz seiner Gutmüthigkeit, mit welcher er
-sich gern jedem gefällig erwies, was sich Alle ganz wohl gefallen
-ließen, wenn sie eines Dienstes bedurften, bildete er doch die
-Zielscheibe ihrer Neckereien. Und schlecht gelang es ihm, sich
-derselben zu erwehren, denn eine treffende Replik auf irgend
-eine spöttische Bemerkung fiel ihm regelmäßig erst dann ein,
-wenn die passende Gelegenheit, sie auszusprechen, längst vorüber
-war.</p>
-
-<p>Einmal ereignete es sich, daß seiner Classe als Hausaufgabe
-ein Aufsatzthema gegeben wurde, dessen Ausarbeitung
-unserem Michel besonderes Interesse und Vergnügen gewährte.
-Mit Ernst und Eifer machte er sich an die Arbeit. Aber unmittelbar
-vor dem Ablieferungstermin hatte er das Unglück, das
-Schreibheft, welches den Entwurf seines zu seiner eigenen großen
-Zufriedenheit vollendeten Aufsatzes enthielt, und das er unvorsichtigerweise
-<a class="pagenum" id="page_067" title="67"> </a>
-bei sich trug, auf dem Wege von der Schule
-heimwärts, aus seiner Rocktasche zu verlieren. Natürlich blieb
-ihm nichts anderes übrig, als die Aufgabe in Hast und Eile
-&ndash; denn die Zeit drängte &ndash; vom neuem auszuarbeiten. Wer
-beschreibt nun seine schmerzliche Entrüstung, als seine Arbeit
-als »ungenügend« zurückgewiesen, jene eines Schulkameraden
-hingegen prämiirt und zur Auszeichnung laut verlesen wurde,
-in welcher er seinen eigenen ersten, verlorenen Aufsatz erkannte!</p>
-
-<p>Er hatte gut, denselben als sein Werk reclamiren und die
-Geschichte seines in Verlust gerathenen Heftchens erzählen! Niemand
-glaubte ihm; trug doch die belobte Arbeit Namen und
-Handschrift des Schülers, der sie dem Lehrer präsentirt hatte;
-welche Belege für das gute Recht seiner Ansprüche vermochte er
-dagegen aufzuweisen? Einige seiner Schulgenossen lachten ihn aus,
-andere empörten sich über ihn und erzählten daheim ihren
-Eltern dieses Beispiel unerhörter lügnerischer Verwegenheit.
-Der Lehrer aber verwies ihm mit scharfem Tadel seinen kecken
-Betrugsversuch und bedeutete dem schmerz- und zornverwirrten
-Knaben, daß er ihm nur dies einemal solch schweres Vergehen
-straflos hingehen ließe, er möge sich für die Zukunft hüten,
-denn ein zweitesmal würde er sich eine empfindliche Züchtigung
-zuziehen. Und als der Junge das Ereigniß weinend seinem
-Vater klagte, da ward ihm ein gleichgiltiges Achselzucken zutheil
-und eine Wiederholung des stereotypen Urtheiles: »Geschieht
-Dir recht, Michel, Du bist ein Tölpel, das weiß ich
-längst.«</p>
-
-<p>Solche und ähnliche Erfahrungen, die Kränkungen und
-ungerechten Zurücksetzungen, die ihm allenthalben begegneten,
-<a class="pagenum" id="page_068" title="68"> </a>
-führten dazu, Michel's Gemüth zwar nicht zu verbittern &ndash; hierzu
-war es zu gut &ndash; aber es immer mehr von der Außenwelt
-abzuziehen und, sich selbst genügend, sich eine stille, träumerische
-Welt zu bilden. Langsam von Classe zu Classe aufsteigend,
-beschäftigte er sich eifrig mit seinen Studien und trat, nach
-Vollendung derselben, in ein kleines Amt. Außer den dienstlichen
-Beziehungen verkehrte er wenig mit seinen Collegen,
-welche ihm, wie früher seine Schulgefährten, wenig Sympathie
-entgegenbrachten. Gesellige Vergnügungen suchte er noch weniger.
-In größerer Gesellschaft, an welcher Frauen theilnahmen, war
-er schüchtern und beklommen, da er sich mit Recht oder Unrecht
-immer einbildete, eine ungeschickte, lächerliche Figur zu spielen,
-und für Damen, die für die Komik linkischer Unbeholfenheit
-meist einen noch schärferen Beobachtungssinn besitzen als die
-Männer, ein Object, wenn nicht offener, so doch sicherlich heimlicher
-Belustigung darzustellen. Da ihm dieser Gedanke peinlich
-war, zog er es vor, Damen-, sowie überhaupt jede größere
-Gesellschaft zu meiden.</p>
-
-<p>So lebte Michel freund- und freudlos für sich hin.</p>
-
-<p>Freund- und freudlos? Nein, nicht doch! denn einen Freund
-nannte er sein, dessen Besitz ihm Freude gewährte.</p>
-
-<p>Wenn dieser Freund vor ihm saß und mit seinen glänzenden
-dunkelbraunen Augen treu und ehrlich in sein Auge
-blickte, dann ward ihm so innig warm und wohl ums Herz,
-wie nie bisher in seinem Leben, denn noch nie in seinem Leben
-war er einem Wesen begegnet, das ihn liebte &ndash; das wußte
-er. Und wenn dieser Gedanke durch seine arme Seele zog, da
-regte sich Dankbarkeit und Liebe in seinem Herzen zu diesem
-<a class="pagenum" id="page_069" title="69"> </a>
-Geschöpfe, dem ersten, das ihm treue, aufrichtige Liebe entgegenbrachte,
-und mit einem Gefühle von Rührung zog er dessen
-Kopf an seine Brust und drückte einen Kuß auf seinen glatten
-Scheitel.</p>
-
-<p>Ja wahrhaftig, einen Kuß, obgleich dieser einzige Freund
-nicht mehr und nicht weniger war als &ndash; sein Hund.</p>
-
-<p>Dieser Hund war durchaus nicht von besonders edler oder
-auch nur reiner Race. Sein Lux &ndash; so hieß er &ndash; war eine
-Kreuzung von Dachs- und Hühnerhund. Von letzerem hatte
-er den schönen, intelligenten Kopf, von ersterem die etwas verkürzten
-Beine und die Zeichnung: schwarz, gelb und weiß.
-Trotzdem war es ein hübsches Thier, wenigstens für unseren
-Michel gab es kein schöneres auf Erden. Und wie anhänglich
-war er seinem Herrn! Seitdem dieser ihm das Leben gerettet,
-indem er ihn aus dem Wasser zog, in welches sein früherer
-Besitzer, um sich seiner zu entledigen, ihn geworfen, wich er
-ihm nicht von der Seite. Herr und Hund waren unzertrennlich.
-Sie schliefen in demselben Zimmer, aßen in demselben Wirthshause,
-machten zusammen große Spaziergänge. Und da von
-den Beiden der Hund der auffallendere, jedenfalls hübschere
-und lebhaftere war und der Herr sich augenscheinlich oft den
-Wünschen seines vierfüßigen Gefährten unterordnete, so kam es,
-daß die in Betreff unseres Michels stets zum Spotte geneigten
-Leute, wenn sie Beide einherspazieren sahen, nicht etwa sich
-anständigerweise derart ausdrückten: »Da geht Herr Müller mit
-seinem Hund,« sondern aller naturgeschichtlichen Rangordnung
-zum Trotz kühnlich sagten: »Da kommt der Lux mit dem
-Michel.« Letzterer hörte zuweilen diese Aeußerung, doch war
-<a class="pagenum" id="page_070" title="70"> </a>
-er darob weder gekränkt noch beleidigt; er lächelte fröhlich vor
-sich hin.</p>
-
-<p>Die Stunden, welche die Amtsthätigkeit und die weiten
-Spaziergänge frei ließen, verbrachte Michel bei seinen in der
-einsamen Zurückgezogenheit seines Lebens ihm lieb gewordenen
-Büchern. Er las und lernte eifrig. Was ihm an rascher Auffassungsgabe
-mangelte, ersetzte er durch Gründlichkeit und Fleiß.
-Sein Lieblingsstudium war Geschichte.</p>
-
-<p>Da traf es sich, daß er in einer Zeitschrift eine von der
-Akademie der Wissenschaften ausgehende Preisausschreibung für
-ein großes historisches Essay über den Einfluß einer gewissen
-literarischen Bewegung auf die Entwickelung des Schriftthums
-las. Die Aufgabe flößte ihm lebhaftes Interesse ein, und da
-sich bei einer glücklichen Lösung derselben sowohl Auszeichnung
-wie eine sehr bedeutende Summe als Preis erringen ließ, so
-beschloß er, sich an der Concurrenz zu betheiligen. Ohne Aufschub
-machte er sich an die Arbeit. In Archiven und Bibliotheken
-sammelte er mit Emsigkeit reiches Material und zu Hause
-sichtete und ordnete er dasselbe.</p>
-
-<p>Eines Tages wurde er in seiner neuen Thätigkeit durch
-den überraschenden Besuch eines Amtscollegen unterbrochen. So
-wenig vertraulich die Beziehungen der jungen Männer zu
-einander auch waren, empfing Michel seinen Gast doch mit
-zuvorkommender Freundlichkeit. Hierdurch ermuthigt, rückte dieser
-bald mit seinem den Besuch veranlassenden Anliegen hervor.
-Er befinde sich in momentaner Geldverlegenheit; um sich aus
-derselben zu ziehen, sei er genöthigt, die erforderliche Summe
-gegen Wechsel aufzunehmen. Der Geldgeber beanspruche natürlich
-<a class="pagenum" id="page_071" title="71"> </a>
-außer seiner Signatur auch die zweier guter Giranten.
-Einer seiner Freunde habe seine Unterschrift bereits gegeben;
-nun bäte er ihn &ndash; Müller &ndash; um die Gefälligkeit, das zweite
-Giro zu leisten. Die Sache sei von keiner Bedeutung, die
-Summe nicht beträchtlich, der Wechsel werde von ihm jedenfalls
-vor Ablauf der Fälligkeitsfrist eingelöst und so weiter.</p>
-
-<p>Nach kurzem Zögern willfahrte Michel der Bitte seines
-Collegen und mit den wärmsten Dankesversicherungen entfernte
-sich derselbe.</p>
-
-<p>Michel war die Angelegenheit unangenehm. Er haßte leichtsinniges
-und unordentliches Gebaren mit dem Gelde, denn er
-war ein guter Wirth und mochte Schulden nicht leiden. Und
-jetzt hatte er selbst indirect eine Schuld contrahirt. Ja, aber
-die Sache war nicht zu umgehen. Er hätte es nicht über sich
-gebracht, seinen Amtsgenossen abzuweisen.</p>
-
-<p>Doch zu seinen Pandecten zurückkehrend, hatte Michel die
-ganze Geschichte über seiner Arbeit bald vergessen.</p>
-
-<p>Wochen und Monate flossen dahin in stiller, ernster Thätigkeit.
-Die Concurrenzarbeit wurde vollendet und eingereicht.</p>
-
-<p>Aber nicht nur sein historisches Essay allein hatte Michel
-während dieser Zeit beschäftigt. Auf der anderen Seite der
-Treppe, seiner Wohnung gegenüber, liegt das Zimmer eines
-hübschen jungen Mädchens, einer Waise, welche sich und ihren
-kleinen achtjährigen Bruder mit ihrer Hände Arbeit &ndash; sie ist
-Blumenmacherin &ndash; ernährt. Dieses Mädchen hat Michel kennen
-und lieben gelernt. Er will sie zu seiner Frau machen und die
-Verbindung nur noch so lange aufschieben, bis sein demnächst
-zu erwartendes Avancement erfolgt oder &ndash; aber die Hoffnung
-<a class="pagenum" id="page_072" title="72"> </a>
-auf dieses Glück wagt er nicht laut auszusprechen, kaum zu
-denken &ndash; nun, oder bis er mit seiner Concurrenzschrift den
-Preis gewinnt.</p>
-
-<p>Es ist am frühen Morgen. Der Tag ist angebrochen, an
-welchem die Zeitungen das Urtheil der Jury über die Zuerkennung
-des von der Akademie ausgeschriebenen Preises publiciren
-werden. Bleich und müde nach schlafloser Nacht erhebt
-sich Michel von seinem Lager. Eines nicht unbedeutenden Unwohlseins
-halber mußte er schon mehrere Tage Zimmer und Bett
-hüten.</p>
-
-<p>Auch jetzt fühlt er sich matt und zerschlagen, aber eine
-unüberwindliche innere Unruhe treibt ihn aus dem Bette. Auf
-dem Divan hingestreckt, streichelt er mit fieberheißer Hand das
-weiche Fell seines treuen Hundes. Er erinnert sich, daß die
-Stunde des Briefboten nahe sein muß und in der That klingelt
-dieser bald an seiner Thür und übergiebt ihm mehrere Briefe
-und das Morgenblatt seiner Zeitung.</p>
-
-<p>Hastig und mit vor Aufregung zuckenden Fingern löst er
-die Adreßschleife und entfaltet das Blatt.</p>
-
-<p>Es enthält die Publication des Preisrichterspruches. Aber
-der Autorname der preisgekrönten Arbeit ist nicht der seine&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Ein herbes Lächeln irrt über seine Lippen und mit feuchtem
-Auge blickt er auf die seine stolze Hoffnung vernichtende Mittheilung.</p>
-
-<p>Wie konnte auch er, der Pechvogel, sich so großen Glückes
-vermessen! Solche Freuden begegnen den Sonntagskindern, nicht
-ihm, dem »Aprilnarr« des Schicksales!</p>
-
-<p>Er warf die Zeitung fort und griff nach den Briefen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_073" title="73"> </a>
-Der eine derselben ist ein Schreiben seines Bureauchefs,
-in welchem derselbe ihm in schonendster Weise mittheilt, daß
-sein Amtscollege *&nbsp;*&nbsp;* bedeutender Schulden wegen aus seinem
-Dienste entlassen sei. Unter seinen protestirten Wechseln finde
-sich einer mit Müller's Giro. Sollte er nicht in der Lage sein,
-den Wechsel einzulösen, so sei es, um einer fataleren Eventualität
-vorzubeugen, das beste für ihn, um Enthebung seiner Stelle
-selbst einzukommen.</p>
-
-<p>Der zweite Brief ist von der Hand seiner Braut, welche
-ihn darin beschwört, sie zu vergessen und ihr zu verzeihen, daß
-sie nie die Seine werden könne. Aus Mitleid mit seiner traurigen
-Herzenseinsamkeit habe sie ihm mehr Liebe gezeigt, als sie thatsächlich
-für ihn fühlte. In Wahrheit habe sie stets einen anderen
-Mann geliebt, und im Begriffe, ihre Verbindung mit demselben
-einzugehen, sehe sie sich genöthigt, die Täuschung, in der er sich
-in Betreff ihrer befinde, aufzuklären.</p>
-
-<p>Mit einem heiseren Wuthschrei sprang Michel von seinem
-Sitze empor und eilte in die Wohnung des Mädchens. Er
-fand die Eingangsthür unverschlossen und trat in das kleine
-Vorzimmerchen.</p>
-
-<p>Doch als er schon die Hand nach der Klinke ihres Wohnzimmers
-ausstreckte, erfaßte ihn plötzlich ein Gefühl drückender
-Beklommenheit und Angst. Er wagte es nicht, derjenigen ins Auge
-zu schauen, die er liebte und die ihn so furchtbar hintergangen
-hatte. Da hörte er laute Stimmen. Es war eine kräftige Männerstimme
-im Gespräche mit seiner Geliebten. Er lauschte nicht.
-Aber plötzlich vernahm er deutlich seinen Namen und darauf
-schallendes, fröhliches Gelächter.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_074" title="74"> </a>
-Da wandte er sich zum Gehen. In seine Wohnung zurückgekehrt,
-sank er auf einen Stuhl und barg schluchzend den Kopf
-in seine Hände.</p>
-
-<p>Seine Liebe war betrogen, seine Existenz vernichtet, die
-Hoffnung, eine neue Laufbahn betreten zu können, zerstört. Was
-lag noch an seinem Leben?</p>
-
-<hr />
-
-<p>Wenige Stunden später stieg Herr Müller <i>senior</i>, um
-seinen kranken Sohn zu besuchen, die Treppe zu dessen Wohnung
-empor. Als er in Michel's Schlafzimmer trat, fand er ihn,
-eine tiefe Schußwunde in der Stirn, entseelt in einer Ecke des
-Divans lehnen. Die verhängnißvollen Druck- und Schriftstücke
-lagen auf der Diele des Bodens; die eine Hand des Unglücklichen
-hielt noch die selbstmörderische Waffe umspannt, die andere
-hing schlaff über der Divanlehne herab.</p>
-
-<p>Leise winselnd saß der Hund vor seinem todten Herrn und
-Freund und beleckte dessen erstarrte Hand, als wollte er mit
-seiner warmen Zunge ihr neues Leben einflößen.</p>
-
-<p>Lasse ihn schlummern, treues, gutes Thier! Ihm ist wohl,
-daß er ruhen darf, und daß der Vorhang fiel über sein schmerzliches
-Dasein, das für ihn Tragödie war und für die Anderen
-&ndash; Posse!</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_075" title="75"> </a>
-Der Unwiderstehliche.</h2>
-
-
-<p>»Treue&nbsp;&ndash;?! Glaubst Du wirklich noch immer, daß es
-diesen Artikel echt und unverfälscht giebt? Hat Dich das Leben
-nicht darüber belehrt, daß dies ein Begriff ist ohne realen
-Hintergrund, eine Vorstellung, die sich mit den Thatsachen nicht
-deckt, ein leeres Wort, das die Menschen nur zu dem Zwecke
-erfunden haben, um sich selbst etwas vorzulügen, um sich vor
-sich selbst besser zu machen, als sie wirklich sind?« &ndash; so fragte
-das Gespräch fortsetzend, mein Freund Theodor mit lauter
-Stimme, um den polternden Lärm des Eisenbahnzuges zu übertönen,
-der uns aus der Residenz nach dem lieblichen Landsitze
-eines gemeinsamen Freundes führte, von dem wir zur Feier
-des Namensfestes seiner Frau zu Gast geladen waren.</p>
-
-<p>»Echte, unverfälschte Treue,« fing ich sein Wort auf.
-»Was meinst Du damit? Was Du da sagst, ist ein Pleonasmus.
-Treue muß echt sein. Verfälschte Treue ist ja nicht mehr
-Treue, sondern ihr Gegentheil.«</p>
-
-<p>»Keine Spur!« rief Theodor, den Rest seiner Cigarre
-zum Waggonfenster hinauswerfend. »Es giebt eine echte Treue
-und eine unechte. Das werde ich Dir gleich an einem Beispiele
-erläutern.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_076" title="76"> </a>
-Dann steckte er sich eine andere Havana in Brand und fuhr fort:</p>
-
-<p>»Solche Treue, die das nothwendige Ergebniß der Empfindungen
-ist, ist echt; solche, die aber nur die Folge zufälliger
-äußerer Verhältnisse und Umstände ist, kann unmöglich für echt
-gelten. Die Treue einer Frau, die zufällig keinem Manne begegnete,
-der ihr besser gefiel als ihr Gatte, ist eine unechte
-Treue.«</p>
-
-<p>»Das sind Sophismen,« warf ich ein. »Da könnte man
-ja bei dem erhabensten Beispiele weiblicher Treue die Behauptung
-aufstellen, dieselbe sei nur durch zufällige Umstände
-bedingt.«</p>
-
-<p>»So ist es auch,« sagte der Andere ruhig lächelnd, indem
-er sich in die Wagenkissen behaglich zurücklehnte. »Kein Mensch,
-weder weiblichen noch männlichen Geschlechtes, kann bedingungslos
-für seine Treue bürgen. Immer handelt es sich darum, ob
-das Schicksal dem Betreffenden den Rechten oder die Rechte entgegenführt,
-denen die Macht gegeben ist, ihre Treue zu erschüttern.
-Eben darum behaupte ich, daß es auf unserem Planeten keine
-echte Treue gebe.«</p>
-
-<p>»Du hast vielleicht eine solche noch nicht kennen gelernt,«
-erwiderte ich gereizt, denn seine überlegene Art, mit seiner
-Lebens- und Erfahrungsweisheit groß zu thun, ärgerte mich
-immer. »Aus Deinen persönlichen Erfahrungen gleich auf die
-Allgemeinheit zu schließen, ist aber doch etwas voreilig.«</p>
-
-<p>»Pah, es handelt sich immer nur darum, ob der Rechte
-kommt,« wiederholte Theodor heiter lächelnd, und zwirbelte mit
-seinen weißen Fingern den blonden, wohlgepflegten Schnurrbart.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_077" title="77"> </a>
-Jetzt mußte auch ich lächeln. Mir ging plötzlich ein Licht
-auf. Er, Theodor, war ja dieser »Rechte«, dem gegenüber, sowie
-er kam und siegen wollte, keine Frauentreue standzuhalten,
-kein Mädchenherz unverwundet zu bleiben vermochte. Hieß er
-denn nicht seit der Tanzschule her »der Unwiderstehliche«? Und
-hatte er sich während der seit jenen Tanzstunden verflossenen
-Reihe von nahezu fünfzehn Jahren diesen Namen nicht bewahrt
-und stetig mehr verdient!</p>
-
-<p>Halb »Löwe«, halb Dandy, bald heldenhaft kühn, bald
-lyrisch schmachtend, hatte er &ndash; so ging die Sage &ndash; seit seiner
-frühesten Jugend fabelhaftes Glück bei den Frauen gehabt und
-&ndash; auch dies erzählte die Fama &ndash; das Glück gepackt, wo und
-so oft es sich haschen ließ.</p>
-
-<p>Alles dies fiel mir jetzt wieder ein, als ich bei seinen
-letzten Worten meinen Blick über ihn hingleiten ließ, während
-er den aus seiner Cigarre aufsteigenden blauen Ringelwölkchen
-sinnend nachschaute.</p>
-
-<p>Theodor war ein auffallend schöner Mann. Schlank und
-zierlich gebaut, das fein geschnittene, blasse Gesicht von seidenweichen
-blonden Locken und einem üppigen Vollbart umrahmt,
-der die Lippen so weit frei ließ, um das verführerische, zuweilen
-etwas frivole Lächeln, das den Frauen so leicht gefährlich
-wird, zur vollen Geltung kommen zu lassen, mit großen,
-dunklen, bald träumerisch, bald verwegen blickenden Augen &ndash;
-war seine äußere Erscheinung so recht angethan, um seinen beliebten
-Wahlspruch: <i>Veni, vidi, vici</i> nicht Lügen zu strafen.
-Vorzüglicher Reiter und Tänzer, amusanter Causeur, der eine
-Menge pikante Geschichtchen und schnurrige Anekdoten zu erzählen
-<a class="pagenum" id="page_078" title="78"> </a>
-wußte, stets elegant und mit feinstem Chic gekleidet,
-konnte es wahrlich nicht wundernehmen, daß alle Damen für
-ihn schwärmten, daß es keine Gesellschaft gab, zu der er nicht
-geladen wurde, und keinen Ball, dessen Cotillon nicht er führen
-mußte. Dabei hatte er eine so ganz besondere Art, mit den
-Damen zu verkehren. Voll ritterlicher Galanterie und doch nie
-ohne einen gewissen Anflug selbstbewußter Ueberlegenheit und
-leichter Blasirtheit.</p>
-
-<p>»Nun, giebst Du mir recht?« fragte er, die entstandene
-Pause plötzlich unterbrechend. »Oder bleibst Du trotz aller Vernunftgründe
-immer der alte, unverbesserliche Idealist, der Du
-warst?«</p>
-
-<p>»Im Durchschnitte magst Du ja recht haben,« erwiderte
-ich. »Du wirst aber doch nicht behaupten wollen, daß es nicht
-auch Ausnahmen&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Giebt es nicht,« fiel er ein.</p>
-
-<p>»Doch!« bemerkte ich beinahe eingeschüchtert. »Glaubst Du
-nicht, daß Margarethe zum Beispiel&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Margarethe war die Frau jenes Freundes, zu dem wir
-uns auf dem Wege befanden.</p>
-
-<p>»Ach, Margarethe!« wiederholte er mit einem leichten
-Seufzer. »Ja, ich hätte es denken können, daß Du sie als
-Beleg Deiner unhaltbaren Theorie werdest heranziehen wollen.«</p>
-
-<p>»Nun&nbsp;&ndash;?!«</p>
-
-<p>»Wer sagt Dir, daß sie eine solche Ausnahme ist! Daß
-nicht auch ihre bis jetzt allerdings geradezu phänomenale Verliebtheit
-in den guten Jungen, der seit vier vollen Jahren das
-Glück hat, ihr Gatte zu sein, doch nichts anderes ist als das
-<a class="pagenum" id="page_079" title="79"> </a>
-Werk des Zufalles? Des Zufalles nämlich, daß sie bis jetzt
-noch keinen Mann kennen lernte, der&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Eben der Rechte wäre. Ich weiß schon, Du hast es ja
-gerade gesagt,« unterbrach ich ihn ungeduldig.</p>
-
-<p>»Ja, allerdings, das meine ich. Oder auch, daß dieser
-Rechte sich vielleicht noch nicht die Mühe gegeben, die Dichtigkeit
-ihres Herzenspanzers zu erproben.«</p>
-
-<p>»Ich aber meine, daß es eine Vermessenheit ist, von einer
-Frau, wie Margarethe, deren Charakter den leisesten Schatten
-eines Mißtrauens zu bannen geeignet ist, so geringschätzig zu
-denken.«</p>
-
-<p>Ich war bitterböse auf Theodor. Sein Gleichmuth aber
-blieb unerschütterlich.</p>
-
-<p>»Einen allgemein giltigen Maßstab an den Einzelnen anlegen,«
-erwiderte er, »heißt nicht geringschätzig denken über ihn.
-Ich besitze nur eben genug Menschenkenntniß, um die Handlungen
-der Menschen auf ihre innere Quelle zurückführen zu
-können. Warum sollte Frau Margarethe anders sein als die
-anderen Frauen? Sie ist eben ein Weib. Und denselben Naturgesetzen,
-die den Charakter des Weibes im Allgemeinen beherrschen,
-ist &ndash; wie alle Anderen &ndash; auch sie unterworfen. Daran
-läßt sich nichts ändern.«</p>
-
-<p>Ich schwieg. Einsehend, daß Theodor's Ansichten zu fest
-wurzelten, um sich durch Worte widerlegen zu lassen, hielt ich
-eine Fortsetzung unseres Disputes für ebenso zwecklos wie ermüdend.
-Meine Gedanken flogen voraus, den Freunden entgegen.
-Und indem ich an sie dachte, mußte ich in mich hinein
-über Theodor lachen, dessen mit solch apodiktischer Sicherheit
-<a class="pagenum" id="page_080" title="80"> </a>
-verkündeten Anschauungen eben durch sie eine so schlagende Widerlegung
-fanden. Arthur's und Margarethens Ehe war die glücklichste,
-die ich je gesehen. Der verstockteste Pessimist mußte durch
-ihren Anblick bekehrt werden. Allerdings waren Beide noch sehr
-jung, Arthur zählte sechsundzwanzig, Margarethe zwanzig Jahre.
-Und wer die Beiden sah, hätte sie eher für übermüthige Geschwister,
-denn für Ehegatten halten können. Manchmal, wenn
-ich zu ihnen gekommen, fand ich sie im Garten herumtollen,
-als ob sie noch Kinder wären. Noch hatte kein Schatten die
-frohe Laune ihres Jugendmuthes getrübt. Das Leben konnte
-wohl sie ernster machen, sie konnten mitsammen reifen und &ndash;
-altern. Aber trennend, ihre zu einem wohlklingenden Accord
-zusammengestimmten Seelen trennend, konnte nichts zwischen sie
-treten. Diese beiden herzlieben Geschöpfe paßten füreinander,
-als ob sie eigens füreinander geschaffen wären. Sie lebten vollkommen
-für- und ineinander. Und jedes war glücklich durch die
-Existenz des Anderen. Theodor kannte sie nicht so gut wie ich;
-wenn er sie näher kennen lernte, würde er bald einsehen, daß
-wenigstens dies eine Beispiel seine Ueberzeugungen Lügen strafte.</p>
-
-<p>Den Faden des behandelten Themas weiter spinnend, fragte
-ich Theodor nach einer kleinen Weile:</p>
-
-<p>»Deine Anschauung über den weiblichen Charakter im
-Allgemeinen und über weibliche Treue im Besonderen ist wohl
-auch die Ursache Deines Widerwillens gegen das Ehejoch?«</p>
-
-<p>Theodor nickte lächelnd.</p>
-
-<p>»Ich bewundere Deine Combinationsgabe! Allerdings ist
-dies die Ursache. Ich schätze meine Ruhe über alles. Was hätte
-ich nöthig, mich zu verheiraten und diese Ruhe und meine Freiheit
-<a class="pagenum" id="page_081" title="81"> </a>
-aufzuopfern? Die Annehmlichkeiten des Ehestandes stehen
-ja dem Junggesellen, der verheiratete Freunde hat, beinahe in
-ebenso reichlichem Maße zur Verfügung wie den Ehemännern.
-Ihre Frauen sind unsere Freundinnen, an ihrem Tische, an
-ihrem Kamin ist stets ein Plätzchen für uns bereit. So oft
-wir eintreten, sind wir willkommen. Wir erheitern ihre Einsamkeit,
-die vielleicht gerade in dem Augenblicke als wir kamen,
-anfing, sie ein bißchen zu langweilen. Auf diese Weise wahren
-wir unsere Unabhängigkeit und genießen doch alle Vortheile des
-Ehestandes, ohne dessen Mühen, Lasten und beunruhigenden
-Sorgen zu haben. Ja, wäre doch jeder ein Thor, der die Lasten
-und Sorgen auf sich nähme, damit ein Anderer sich des Glückes
-ohne diesen bitteren Beigeschmack erfreue, ein Thor, der die Hefe
-des Bechers leerte, von dem ein Anderer den süßen Schaum
-fortgenippt.«</p>
-
-<p>Ich fand keine Zeit mehr zu antworten. Der Pfiff der
-Locomotive verkündete uns, daß wir uns dem Ziele näherten.
-Wir griffen nach unseren Handkofferchen und Ueberziehern,
-stiegen aus und warfen uns in einen Wagen, der uns in einer
-halben Stunde nach Arthur's allerliebsten Landsitz brachte.</p>
-
-<p>Der Empfang, der uns, namentlich aber Theodor zutheil
-wurde, brachte mich auf den Gedanken, daß er in der That
-nicht unrecht habe, seinen Junggesellenstand als einen glücklichen
-zu preisen. Alles, was er über sein beneidenswerthes Los
-gesagt, schien sich zu bestätigen. Die sichtliche Freude, die seine
-Gegenwart hervorrief, das herzliche Entgegenkommen, das der
-Hausherr ihm entgegenbrachte, das reizende Lächeln, das Margarethe
-ihm spendete, das Bemühen, den Aufenthalt im Heim
-<a class="pagenum" id="page_082" title="82"> </a>
-des Freundes ihm wohl und behaglich zu gestalten, alles vereinte
-sich, um die Wahrheit seiner Schilderung zu bezeugen.</p>
-
-<p>Bald fand sich eine zahlreiche Gesellschaft ein, in der
-Theodor die Hauptrolle spielte. Seine vorzügliche Unterhaltungsgabe
-bewährte sich wieder aufs glänzendste und sämmtliche Damen,
-Margarethe nicht ausgenommen, schienen im Banne seines Zaubers
-zu liegen.</p>
-
-<p>Groll erfaßte mich, denn ich bemerkte bald, daß sie es
-war, die er sich als Opfer eines neuen Eroberungszuges ausersehen,
-vielleicht, um mir den Beweis für die Richtigkeit seiner
-mir so abscheulich dünkenden Theorien zu liefern.</p>
-
-<p>Einen Augenblick dachte ich daran, seine Absichten zu durchkreuzen,
-etwa Margarethens Stolz Theodor gegenüber durch
-Mittheilung seiner Auffassung des weiblichen Charakters, namentlich
-aber des seinen gegen sie gerichteten Feldzugsplänen zweifelsohne
-zugrunde liegenden Motives herauszufordern, oder die Vorsicht
-ihres, wie mir schien, von allzu argloser Vertrauensseligkeit
-erfüllten Gatten durch eine bei passender Gelegenheit angebrachte
-Warnung wachzurufen. Doch bald ließ ich den Gedanken
-wieder fallen. Was hatte ich mich in Anderer Angelegenheiten
-zu mischen? Waren Theodor's Anschauungen die richtigen; war
-mein Glaube an Frauentugend und Treue wirklich nur eine
-auf Unkenntniß der Weibesseele beruhende kindische Schwärmerei,
-dann verlohnte es sich wahrlich nicht, dem Siegeslaufe des
-Unwiderstehlichen durch Verrath seiner Pläne Einhalt zu thun.
-Mein Alarmruf konnte wohl in diesem einen Falle seinen Sieg
-vereiteln; der Widerstand, der ihm aus diesem Anlasse entgegengesetzt
-würde, wäre jedoch fürwahr nicht geeignet, mein Vertrauen
-<a class="pagenum" id="page_083" title="83"> </a>
-zu rechtfertigen, sondern er würde im Gegentheile
-Theodor's Ansicht bestätigen, daß alle Treue nur ein Werk
-des Zufalles sei.</p>
-
-<p>Diese Ueberlegung bestimmte mich, die weitere Entwickelung
-der Dinge ohne Einmischung meinerseits ruhig abzuwarten. Mit
-Argusaugen überwachte ich Margarethens Benehmen gegen
-Theodor. Aber meine anfänglich siegessichere Zuversicht, daß
-das Ergebniß der Bemühungen Theodor's meinen von ihm
-so grausam verspotteten Ueberzeugungen recht geben möchten,
-schwand immer mehr, je lebhafter das Feuer ihrer seinen Blicken
-begegnenden Augen sprühte, je reicher und von einer seltsamen
-Unruhe durchbebt der Tonfall ihrer Stimme wurde, je heller
-ihr Lachen an mein Ohr schlug, mit dem sie seine witzigen
-Einfälle lohnte.</p>
-
-<p>Nicht sie allein war es, die an seinem Triumphwagen zog.
-Auch alle anderen anwesenden Damen schienen völlig berauscht
-von der hinreißenden Macht seiner Persönlichkeit. Sie verfolgten
-ihn mit brennenden Blicken, während er, wie ein schillernder
-Schmetterling von Blume zu Blume flattert, von der einen
-zur anderen unermüdlich und unermüdend die ewige Lüge seines
-verlockenden Lächelns, seines verstohlenen und doch so vielsagenden
-Augenspieles, seiner leise geflüsterten Huldigungen trug.</p>
-
-<p>Als es Abend wurde und die Wärme des heiteren Frühlingstages
-der nächtlichen Kühle wich, wurde ein Tänzchen arrangirt,
-wobei Theodor natürlich wieder neue Gelegenheit fand, als der
-anerkannt beste und eleganteste Tänzer alle übrigen Herren in
-den Hintergrund zu drängen, gleichwie das Licht der Sterne
-vor dem siegreichen Glanz der Sonne erbleichen muß.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_084" title="84"> </a>
-Mit einer anderen Dame plaudernd, stand ich neben Margarethe,
-als Theodor an sie herantrat, um sie um die letzte
-Quadrille zu bitten.</p>
-
-<p>»Bedauere, ich bin schon engagirt,« sagte sie freundlich,
-indem sie mit dem Fächer auf mich wies.</p>
-
-<p>»O, wie schade!« säuselte Theodor. Dann fügte er, sein
-schönes Haupt gegen sie gebeugt, ein paar leise Worte hinzu,
-die ich nicht verstand und die von Margarethe ebenso leise beantwortet
-wurden, während eine flüchtige Röthe über ihre zarten
-Wangen glitt.</p>
-
-<p>Gleich darauf wurde eine Schnellpolka gespielt und Margarethe
-flog an Theodor's Arm durch den Saal dahin.</p>
-
-<p>Nachdem auch ich einige Touren getanzt, schlängelte ich
-mich wieder in Margarethens Nähe, die soeben mit blitzenden
-Augen und hochwogendem Busen sich auf ein kleines Ecksofa
-niedergleiten ließ, während Theodor vor ihr stehend, ihr mit
-dem Fächer Kühlung zuwehte. Ich war mir dessen vollbewußt,
-eigentlich eine lächerliche Rolle zu spielen, wenn ich mich stets,
-wenn auch für Andere so unauffällig wie möglich, in Margarethens
-Nähe drängte. Aber der Groll über des Unwiderstehlichen
-&ndash; des Unausstehlichen, wie ich ihn meinem Inneren
-nannte &ndash; neue Triumphe packte mich so mächtig, daß ich dem
-Drange, den Aufpasser zu machen, selbst auf die Gefahr hin,
-abgeschmackt zu scheinen, nicht zu widerstehen vermochte.</p>
-
-<p>Diesmal aber schien es sich nicht zu lohnen, den Lauscherposten
-zu beziehen, denn Beide plauderten ganz harmlos über
-einen Pavillon, den Arthur in dem bis an den Garten sich
-hinziehenden Walde hatte bauen lassen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_085" title="85"> </a>
-»Es ist mein Lieblingsplätzchen,« erzählte Margarethe, »wo
-ich mit einer Arbeit, oder einem Buche manche Stunde verbringe.
-Der dichte Nadelwald, die kleine Anhöhe, von welcher
-aus sich ein weiter Blick über das Thal öffnet, bieten einen
-reizenden Aufenthalt. Um mir denselben bequemer zu machen,
-überraschte mich Arthur mit dem Lusthäuschen.«</p>
-
-<p>»Wie tollkühn, so allein viele Stunden im Walde zuzubringen,«
-fiel Theodor ein.</p>
-
-<p>»Durchaus nicht allein,« erwiderte Margarethe. »Mein
-Pluto begleitet mich stets auf meinen Wegen. Und er ist ein
-gar wackerer und treuer Beschützer.«</p>
-
-<p>»Und trauen Sie Ihrem Pluto eine so famose Witterung
-zu,« mischte jetzt ich mich in das Gespräch, »daß er vermöge
-seiner feinen Nase jede Gefahr erkennt, die Ihnen von unvermutheter
-Seite droht?«</p>
-
-<p>Theodor warf mir einen erzürnten Blick zu, der mich
-einschüchtern und mir Schweigen gebieten zu wollen schien.
-Margarethe aber erwiderte mit feinem Lächeln:</p>
-
-<p>»Pluto und ich wir ergänzen einander vortrefflich. Wo sein
-Witterungsvermögen aufhört, da beginnt das meine.«</p>
-
-<p>»Wäre es aber nicht klüger, das Schicksal nicht durch
-allzu große Kühnheit herauszufordern?« fragte ich, meine verblümten
-Warnungen mit ungeschickter Hartnäckigkeit fortsetzend.</p>
-
-<p>Da lachte Margarethe, und Calderon citirend erwiderte sie:</p>
-
-<p>»Wer Gefahren ängstlich flieht, der stürzt sich in Gefahr.«</p>
-
-<p>Theodor aber gab mir den Rath, um Pluto's feine Spürnase
-zu erproben, mich als Vagabund verkleidet bei seiner Herrin
-in der Waldeinsamkeit anzuschleichen. »Da würdest Du erfahren,
-<a class="pagenum" id="page_086" title="86"> </a>
-ob er Freund und Feind zu unterscheiden vermag,« schloß er
-spöttisch. »Und Pluto's Zähne würden Deine Wißbegierde
-befriedigen.«</p>
-
-<p>Nun wurde ich wieder böse und mit scharfem Tone entgegnete
-ich, daß börsengierige Strolche nicht die schlimmsten
-Feinde seien. Die scheinbare Freundschaft mancher Leute sei weit
-gefährlicher als offenkundige Feindschaft, gegen die man sich
-wappnen könne.</p>
-
-<p>»Natürlich! Der berüchtigte Wolf im Schafspelz ist ein
-gar böses Thier!« rief Theodor lachend. »Eine höchst interessante
-Entdeckung, nur nicht ganz neu.«</p>
-
-<p>Ich hatte mich abgewendet und im Weggehen hörte ich
-noch Beide lachen. Ich fühlte mich gekränkt, nicht nur von
-Theodor, auch von Margarethe, die sich an seinen Witzen über
-mich belustigte. Am liebsten hätte ich mein Engagement mit ihr
-zur Quadrille Theodor abgetreten. Da dies aber doch nicht
-anging, fand ich mich, als das Zeichen zur Quadrille gegeben
-wurde, pflichtschuldigst bei Margarethe ein.</p>
-
-<p>Als ich mich ihr näherte, stand ihr Gatte neben ihr. Sie
-sprachen eifrig und lächelnd miteinander und ganz deutlich
-schien es mir, Theodor's Namen aus Margarethens Munde
-zu hören. Welche Arglist! Sie spottete wohl mit Arthur über
-ihn, um diesen in Sicherheit zu wiegen und desto bequemer und
-unbeargwohnt ihre süßen Tändeleien mit ihrem Courmacher fortsetzen
-zu können. Mir ward ganz übel zu Muthe, Margarethe
-von solcher Seite kennen zu lernen, mit so schnöder Hand das
-ideale Bild, das ich von der Lauterkeit ihres Charakters in
-meiner Seele trug, verwüstet zu sehen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_087" title="87"> </a>
-Doch jetzt wurde die Introduction zur Quadrille intonirt,
-die Paare traten in die Reihe und ich hatte keine Zeit, mich
-meinen trübseligen Betrachtungen hinzugeben. Schweigend verbeugte
-ich mich vor Margarethe und bot ihr meinen Arm.</p>
-
-<p>»Sie machen ja ein Gesicht, als ob Sie bei meinem Begräbnisse
-wären, nicht aber bei einem zur Feier meines Namensfestes
-veranstalteten Tanzkränzchen,« sagte sie, mir treuherzig in
-die Augen blickend.</p>
-
-<p>Auf diesen Vorwurf nicht vorbereitet, stotterte ich ein paar
-Worte der Erwiderung, deren ich mich nicht mehr erinnere, die
-aber sicherlich recht albern waren, denn Margarethe lachte. Sie
-verbarg zwar ihre spöttisch zuckenden Lippen in dem Blumenstrauße,
-den sie an ihr Gesicht drückte. Ich fühlte es jedoch, daß
-sie lachte, mich auslachte. Aber ich zürnte ihr nicht. Sie war
-so berückend schön in diesem Augenblicke, die dunklen Augen, die
-über die Blumen hinweg schelmisch auf mich hinüber blitzten,
-das zarte Adlernäschen, dessen feingeschwungene Flügel sich leise
-hoben und senkten, indem sie den Duft der Blumen begierig
-einsogen, der volle und doch schlanke weiße Nacken, der durch
-das schwarze Spitzengewebe der Corsage wie beseelter Marmor
-schimmerte &ndash; es war ein so entzückend liebliches Bild, das sich
-meinem Auge darbot, daß ich nicht an mich selbst zu denken
-vermochte, sondern nur an sie, die in der ganzen Glorie ihrer
-jugendfrischen Schönheit, auf meinen Arm gestützt, leichtfüßig
-dahinglitt. Ja, nur an sie dachte ich und an den, dem es gelingen
-sollte, vielleicht schon gelungen war, bloß um seiner
-nimmersatten Eitelkeit zu fröhnen, das Herz dieses reizenden
-Wesens mit den Fallstricken seiner auswendig gelernten feurigen
-<a class="pagenum" id="page_088" title="88"> </a>
-Blicke, seiner allerorten wiederholten lügenhaften Liebesbetheuerungen
-zu umgarnen.</p>
-
-<p>»Nun, wollen Sie mir nicht verrathen, was Sie so traurig
-stimmt?« fragte sie, als ich nach dem »Herren-<i>Eté</i>« an ihre
-Seite zurücktrat.</p>
-
-<p>»Warum nicht,« erwiderte ich. »Es ist der Neid, grimmer
-Neid, der mir die Laune verdirbt.«</p>
-
-<p>»O, wie häßlich! Und solches Laster gestehen Sie so
-ruhig ein?«</p>
-
-<p>»Sie wissen ja, wovon das Herz voll ist&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Die nächste Figur trennte uns. Dann, beim »<i>Balancer</i>«,
-fragte sie:</p>
-
-<p>»Und darf man wissen, wer der glückliche Unglückliche ist
-&ndash; denn daß es ein Er, steht wohl außer Zweifel &ndash; dessen
-Los Ihnen so beneidenswerth dünkt?«</p>
-
-<p>»Sagt es Ihnen Ihr Herz nicht?«</p>
-
-<p>»Mein Herz schweigt.«</p>
-
-<p>»Nun, so will ich es denn gestehen. Ihr Pluto ist es, den
-ich beneide. Ich beneide ihn um den Vorzug, Sie gegen alle
-Ihnen drohenden Gefahren beschützen zu dürfen.«</p>
-
-<p>»Ach ja, gegen den Wolf im Schafsfell,« lachte Margarethe
-und warf einen raschen Blick auf Theodor, der uns gegenüber
-tanzte, und, ohne uns Beachtung zu schenken, mit seiner
-Dame eifrig plauderte.</p>
-
-<p>Ich fing den Blick auf und ärgerte mich schon wieder.</p>
-
-<p>»Sehen Sie nur, was die kleine Baronesse Mischi für
-selige Augen macht, der Auszeichnungen des Unwiderstehlichen
-gewürdigt zu werden,« sagte ich boshaft.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_089" title="89"> </a>
-Eine neue Figur hinderte Margarethe, mir zu antworten.
-Dann aber beim »<i>Tour de main</i>« fragte sie:</p>
-
-<p>»Wie sagten Sie vorhin? &ndash; Der Unwiderstehliche?«</p>
-
-<p>»Allerdings. Wissen Sie nicht, daß Theodor, ob der Legion
-weiblicher Herzen, die ihm nur so entgegenfliegen, unter
-seinen Intimen der Unwiderstehliche genannt wird?«</p>
-
-<p>»Wie komisch!« lächelte sie. »Und doch, wie zutreffend &ndash;
-der Unwiderstehliche! &ndash; Da wir aber gerade von Theodor
-sprechen &ndash; ich habe einen Auftrag meines Mannes an Sie
-und ihn: Sie Beide zu bitten, unsere Landeinsamkeit für einige
-Tage zu theilen. Sie bleiben doch?«</p>
-
-<p>Ich verbeugte mich, die Einladung annehmend.</p>
-
-<p>Das also war es, was sie vorhin mit ihrem Manne gesprochen,
-wobei ich Theodor's Namen gehört. Sie wollte das
-Glück des Zusammenseins mit dem Geliebten &ndash; denn daß sie
-ihn liebte, darüber gab ich nun schon gar keinem Zweifel mehr
-Raum &ndash; verlängern, und ich wurde dabei als das mindest
-störende Element &ndash; als Elephant, wie ich grollend mich selbst
-benamste, ins Schlepptau genommen. Aber sie hatten die Rechnung
-ohne den Wirth gemacht, und ich beschloß, durch dieselbe
-einen dicken Strich zu machen. »Pluto, Pluto!« rief es in
-meinem Inneren, »ich werde Dein Verbündeter, wir werden
-sie beschützen!« Alle meine löblichen Erwägungen, daß mich die
-Sache doch gar nichts angehe, daß ich kein Recht hätte, mich
-in Anderer Herzensangelegenheiten zu mengen, waren verflogen
-wie Spreu im Sturm meiner Entrüstung. »Ja, Margarethe,
-gegen Deinen eigenen Willen werde ich Dich schützen mit diesen
-Armen, in denen Du jetzt ruhst!« sprach ich im Geiste zu ihr,
-<a class="pagenum" id="page_090" title="90"> </a>
-während ich im Walzerschritt mit ihr durch den Salon
-hinraste.</p>
-
-<p>Doch dabei verwickelte ich mich mit einem Fuße in das
-Kleid einer anderen Tänzerin, strauchelte und würde Margarethe
-um ein Haar mit mir zu Boden gerissen haben, hätte nicht
-Theodor, der, weiß Gott wie, in diesem Augenblicke neben uns
-auftauchte, sie aufgefangen, wobei er mir einen Blick zuwarf &ndash;
-einen Blick so voll lächelnder, fröhlicher Geringschätzung, daß
-ich mich völlig vernichtet fühlte.</p>
-
-<p>Mit einer Empfindung, als wollte ich unter den Boden
-versinken, stotterte ich vor Margarethe meine Entschuldigung.
-Sie tröstete mich gütig, indem sie meinte, solch ein Malheur
-passire allzu leicht. Ich aber fühlte mich vor Margarethe und
-Theodor schmählich blamirt und dachte im Stillen, ob dies etwa
-eine Vorbedeutung wäre, daß ich mich vor den Beiden auch in
-meinem Rettungswerke blamiren sollte?</p>
-
-<p>Unbemerkt drückte ich mich aus dem Salon, denn ich schämte
-mich meiner Niederlage viel zu sehr, um eine der Damen, die
-sie ja alle gesehen, noch zum Tanze aufzufordern. Ich zog es
-vor, im Speisezimmer, wo das Buffet aufgestellt war, eine
-Cigarre zu rauchen und das schmerzliche Gefühl meiner Demüthigung
-mit ein paar Gläsern Rheinwein hinabzuspülen.</p>
-
-<p>Zwischen dem Speisezimmer und dem Salon, in dem
-getanzt wurde, lag ein zweiter, etwas kleinerer Salon mit einem
-Altan nach dem Garten. Die Verbindungsthür dieses Gemaches
-mit dem Tanzsaale war entfernt worden, und manches der
-tanzenden Paare benützte diesen Raum, um seine Touren zu
-verlängern.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_091" title="91"> </a>
-Die Nacht war milde; ich trat auf den Balcon, dessen
-Glasthür offen stand, und labte mich an der freien, frischen,
-vom balsamischen Duft zahlloser Rosen und blühender Nachtschatten
-gewürzten Luft. In stillem, erhabenem Frieden lag die
-schlummernde Natur vor mir ausgebreitet; die Sterne glänzten
-über meinem Haupte, ein leises Wehen flüsterte durch das Laub
-der Bäume, und mir ward zu Muthe, als ob eine weiche,
-schmeichelnde Hand allen Groll, alle Verstimmung, alle Kränkung
-meiner tiefsten Gefühle, welche die Eindrücke des heutigen Tages
-in meinem Inneren hervorgerufen, hinwegstreichelte, und wohlige
-Ruhe zog in meine Seele. Die Musik, die aus dem Saale zu
-mir herübertönte, das gedämpfte Geräusch der Tanzenden, das
-Schleifen der Schritte, das Murmeln der entfernten Stimmen
-störte mich nicht, es erhöhte noch die Empfindung des stillen,
-wonnigen Friedens, der sich wie ein süßer Traum über mein
-innerstes Wesen breitete.</p>
-
-<p>Der Laut eines munteren Lachens weckte mich plötzlich aus
-meinen Träumereien. Ich brauchte mich nicht umzusehen, um
-zu wissen, wer es sei, der wenige Schritte vor mir an der
-offenen Thür stand. Ich kannte dieses silberhelle, perlende Lachen.
-Nur Margarethe lachte so.</p>
-
-<p>Und jetzt ließ sich auch Theodor's schmelzender Bariton
-vernehmen:</p>
-
-<p>»Nein, noch gebe ich Sie nicht frei! Warum wollen Sie
-grausam mir die köstlichen Minuten kürzen, da ich Sie in
-meinen Armen halten, Ihr Herz an dem meinen pochen fühlen
-darf! Solchen Augenblick, zu dem ich wie Faust spreche: Verweile
-doch, Du bist so schön!«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_092" title="92"> </a>
-»Wunderbar gesprochen!« scherzte Margarethe. »Doch sagen
-Sie mir ehrlich, ist es zählbar, auf wie viel Bällen, wie vielen
-Damen Sie diese Tirade schon wiederholt haben?«</p>
-
-<p>»Es scheint Ihnen Vergnügen zu gewähren, mich zu
-quälen,« flötete Theodor. »Sie müssen doch erkennen, daß es
-nur widerwillig geschieht, wenn ich meine Huldigungen scheinbar
-Anderen zuwende, daß ich dieses Opfer nur zu dem Zwecke
-bringe, um meine wahren Empfindungen zu verbergen.«</p>
-
-<p>Weiter hörte ich nichts mehr. Die unfreiwillig Belauschten
-hatten wieder in den Saal zurück getanzt.</p>
-
-<p>Bald darauf ging die Gesellschaft auseinander. Einige der
-Gäste kehrten nach ihren benachbarten Landsitzen heim, andere
-fuhren nach der Bahnstation, um nach der Hauptstadt zurückzukehren.
-Theodor und ich begaben uns auf unsere Zimmer.</p>
-
-<p>»Nun, hast Du Dich von Deiner Niederlage schon erholt?
-Keine Beulen davongetragen? Du trägst ja eine Jammermiene
-zur Schau, als ob Du große Schmerzen fühltest?« spottete
-Theodor, nachdem der uns führende Diener sich entfernt hatte.</p>
-
-<p>»Immer noch besser, eine Jammermiene, als die Rolle
-eines Polichinells,« versetzte ich gereizt.</p>
-
-<p>»Ah &ndash; wen meinst Du mit dem Polichinell?« frug Theodor
-sanft, während er sich seiner Handschuhe und Halsbinde entledigte.</p>
-
-<p>»Niemand Anderen als Dich,« antwortete ich, an der offenen
-Thür meines Zimmers stehend.</p>
-
-<p>»Ei wirklich, und warum denn das?«</p>
-
-<p>»Darum, weil ich es für einen Mann lächerlich finde, wie
-ein kokettes Salondämchen keinen anderen Ehrgeiz zu kennen,
-als den, Eroberungen zu machen.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_093" title="93"> </a>
-»So, so! Nun, wenn es Dich lächert, zu sehen, daß die
-Damen sich mit mir lebhafter unterhalten und lieber tanzen als
-mit Anderen, so will ich Dir das Vergnügen nicht wehren, Dich
-über diesen Anblick zu belustigen. Uebrigens kenne ich ein altes
-Sprichwort: Wer zuletzt lacht und so weiter.«</p>
-
-<p>»Wer zuletzt lacht,« wiederholte ich. »Wer dies sein wird,
-muß sich erst zeigen.«</p>
-
-<p>Ich war in mein Zimmer gegangen. Einige Minuten später
-&ndash; Theodor kroch gerade unter die Decke &ndash; trat ich wieder
-unter die Thür.</p>
-
-<p>»Ich habe mich vorhin schlecht ausgedrückt,« begann ich
-neuerdings. »Nicht nur lächerlich, unrecht finde ich es, seine
-persönlichen Vorzüge dazu auszunützen, zur Befriedigung seiner
-Eitelkeit den Frieden und das Glück der Menschen zu zerstören.«</p>
-
-<p>Theodor erhob sich ein wenig. Den Ellbogen auf das
-Kopfkissen, das Kinn in die hohle Hand gestützt, sah er mich
-lächelnd an.</p>
-
-<p>»Lieber Freund,« sagte er nach einer kleinen Weile, »Du
-hast entschieden Deinen Beruf verfehlt. Du hättest Mönch werden
-sollen, um von der Kanzel herab gegen die Verderbtheit der
-Welt zu donnern. Wer sagt Dir denn, daß ich dem Frieden
-und dem Glücke der Menschen Eintrag thue? Man unterhält
-sich, man &ndash; nun, man liebäugelt ein wenig und man trennt
-sich wieder, ohne Gram und Kummer. Und bedenke auch, daß
-Du selbst es bist, der mich dazu herausgefordert hat, in Betreff
-dieser Frau, um deren Herzensruhe Du jetzt so besorgt zu sein
-scheinst, die Stichhältigkeit Deiner Theorien meinen Ueberzeugungen
-gegenüber auf die Probe zu stellen. Entweder &ndash; oder. Ein
-<a class="pagenum" id="page_094" title="94"> </a>
-drittes giebt es nicht. Entweder Deine Anschauungen sind die
-richtigen, dann ist ja doch für sie keine Gefahr vorhanden; ihre
-Treu erweist sich als echt, meine Ansichten finden Widerlegung.
-Oder die letzteren bestätigen sich: dann ist das Unglück auch
-nicht gar so groß. Denn die Wahrung einer Treue, die nur ein
-Werk des Zufalles &ndash; ist wahrlich von keinem großen Werthe.
-Uebrigens verspreche ich Dir, daß ich, wenn es mir nicht gelingt,
-binnen der drei Tage meiner Anwesenheit hier &ndash; denn
-in drei Tagen muß ich wieder zu Hause eintreffen &ndash; von
-Margarethens holden Lippen das Geständniß ihrer Liebe zu
-hören, die Feuerprobe nicht länger fortsetze und mich vor Dir
-feierlich als besiegt erkläre. Bist Du nun zufrieden?«</p>
-
-<p>Ich zögerte nicht, mich einverstanden zu erklären. Theodor's
-Hoffnungen für eitle Vermessenheit haltend, glaubte ich, davon
-überzeugt sein zu dürfen, daß es dem selbstgefälligen Gecken
-niemals, zum mindesten aber nicht binnen einer so kurzen Frist,
-gelingen werde, Margarethens Herz in Banden zu schlagen und
-ihr ein Liebesgeständniß zu entreißen. Ja, ich freute mich im
-voraus der heilsamen Lection, welche Theodor's Eitelkeit zutheil
-werden, des Widerstandes, der dem »Unwiderstehlichen« doch
-endlich entgegengesetzt werden sollte.</p>
-
-<p>Völlig beruhigt schlief ich ein &ndash; um am anderen Tage,
-als ich die Beiden wieder beisammen sah, dennoch wieder von
-neuen Zweifeln gequält zu werden. Es schien mir, als sähe ich
-aus den zwischen ihnen verstohlen getauschten Blicken zarte Fäden
-sich hin und wieder spinnen, die sich zu einem dichten Netze
-verschlangen. Kein Wort wurde, wenigstens in meinem Beisein
-&ndash; und ich verließ sie selten &ndash; von ihnen gewechselt, das nicht
-<a class="pagenum" id="page_095" title="95"> </a>
-auch zu jedem Anderen gesprochen werden könnte, und dennoch
-glaubte ich aus dem Klange der Stimme, womit alles gesagt
-wurde, einen ganz besonderen Ton herauszuhören, einen Ton,
-der beileibe nicht derselbe war, als wenn sie ihre Rede an Andere
-richteten, und der meine peinvolle Sorge von Stunde zu Stunde
-steigerte. Ich versuchte es wohl, mich mit dem Gedanken zu
-beruhigen, es sei unmöglich, daß Margarethen an der Seite
-eines von ihr geliebten Gatten, der &ndash; in meinen Augen
-wenigstens &ndash; weit liebenswerthere Herzens- und Geisteseigenschaften
-besaß als Theodor, dessen Verführungskünste sollten gefährlich
-werden. Dann aber fiel mir wieder ein, welch große
-Macht dem Reiz des Wechsels gegeben sei. Es gehört zu den
-schmerzlichsten Geheimnissen der Liebe, wie es manchen Menschen
-möglich ist, in der Vereinigung mit den ausgezeichnetsten Wesen,
-welchen sich ihr Herz in tiefster Neigung erschlossen hatte &ndash; bloß
-durch den Reiz der Abwechslung verlockt &ndash; sich wieder einem
-Anderen zuzuwenden. Sonst wäre es nicht möglich, daß, wie
-so viele Beispiele zeigen, die liebenswürdigsten, edelsten Männer
-und Frauen oftmals um der schalsten Persönlichkeiten willen,
-die den Vergleich mit jenen in keiner Weise auszuhalten vermögen,
-betrogen werden.</p>
-
-<p>So von den widersprechendsten Gefühlen hin und her bewegt,
-bald von heiterer Zuversicht gehoben, bald gedrückt von
-quälender Sorge, verbrachte ich die nächsten beiden Tage in
-denkbar unbehaglichster Gemüthsstimmung. Unsere Gastfreunde
-boten alles auf, um uns Vergnügungen zu bereiten. Ausflüge
-zu Fuß und zu Wagen, Kahnfahrten auf dem nahen Flusse,
-Pistolenschießen, Musik oder ein Spielchen des Abends, dazu
-<a class="pagenum" id="page_096" title="96"> </a>
-bei den von heiterster Laune der Theilnehmer gewürzten Mahlzeiten
-das Beste, was Küche und Keller zu bieten vermögen &ndash;
-ein solches Leben hätte das Gemüth des düstersten Griesgrams
-aufheitern müssen. Ich aber konnte nicht froh werden. Auf jedes
-Wort, jeden Blick, auf jede Miene und Bewegung Margarethens
-und Theodor's lauernd, war mir alle Freude verdorben. Am
-meisten mußte ich mich über Arthur ärgern. War er denn mit
-Blindheit geschlagen, daß er es nicht wahrnahm, mit welch verwegener
-Unverfrorenheit Theodor seiner Frau den Hof machte
-und mit welcher Befriedigung sie es sich gefallen ließ? So gut
-wie ich mußte doch auch er es bemerken, wie Theodor's Hand
-jene Margarethens drückte, wenn er ihr beim Scheibenschießen
-die für sie geladene Pistole reichte; wie sein Arm ihre Schultern
-streifte, wenn er die Fröstelnde in den wärmenden Shawl einhüllte;
-wie sein Knie das ihrige berührte, wenn er ihr gegenüber
-im Wagen saß, und welche Blicke sie tauschten, wenn sie
-sich unbeachtet wähnten.</p>
-
-<p>Aber Arthur schien von allem nichts zu sehen. Ja, manchmal
-däuchte es mir geradezu, als ob seine stets frohgemuthe
-Laune um so fröhlicher würde, je kühner Theodor's seiner Frau
-dargebrachten Huldigungen sich äußerten.</p>
-
-<p>In völlige Verblüffung versetzte es mich, als unser Wirth
-am Abend des zweiten Tages uns mittheilte, daß er eines
-Brandes wegen, durch den eine zu seiner Besitzung gehörende
-Sägemühle zerstört worden, behufs Besichtigung des Schadens
-und zu treffender Anordnungen hinsichtlich des Neubaues, sich
-am folgenden Morgen an Ort und Stelle begeben und nicht
-vor Abend zurückkehren werde.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_097" title="97"> </a>
-Das fehlte gerade noch, die Beiden einen ganzen Tag
-allein zu lassen &ndash; denn meiner unbequemen Nähe würden sie
-sich, wenn es ihnen so genehm, wohl zu entziehen wissen.</p>
-
-<p>Ich versuchte es, Arthur zu einem Aufschub seiner geschäftlichen
-Excursion zu bestimmen. Ich bat ihn, dieselbe am zweitnächsten
-Tage anzutreten, an welchem Theodor und ich nach
-der Hauptstadt zurückkehren würden. Arthur meinte aber, daß
-dies gerade der Grund sei, warum er die Ordnung dieser Angelegenheit
-nicht verzögern wolle, denn so lange wir hier seien,
-wisse er, daß seine Margarethe sich nicht langweilen würde,
-und trotz meiner verschiedensten Einwendungen blieb er bei
-seinem Entschlusse.</p>
-
-<p>Theodor strahlte und auch in Margarethens Augen blitzte
-ein Freudenschimmer, der mich fast rasend machte vor Grimm,
-und ich beschloß, meine letzte Karte auszuspielen, um Arthur
-von seinem Vorhaben zurückzuhalten.</p>
-
-<p>Nach dem Thee, während Margarethe uns einige Lieder
-sang, zu welchen sie Theodor, wie gewöhnlich auf dem Clavier
-begleitete, brach ich die Gelegenheit vom Zaune, um meinem
-Freunde, mit Ausnahme des auf Margarethe bezüglichen Details,
-mein ganzes mit Theodor während der Bahnfahrt geführtes
-Gespräch zu erzählen. Mit wahrer Wonne verbreitete ich mich
-über die eines Don Juan's würdigen Anschauungen des »Unwiderstehlichen«
-über Liebe und Treue und entblödete mich nicht,
-auch seines, wie er behauptete, aus seinen intimen Erfahrungen
-geschöpften Wahl- und Wahrspruches: <i>Veni, vidi, vici!</i> Erwähnung
-zu thun. Wer beschreibt jedoch meine Fassungslosigkeit,
-als ich sah, daß auch dieses Mittel nicht verfing!</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_098" title="98"> </a>
-Mit ruhigem Lächeln hörte Arthur mir zu, und als ich
-schwieg, sagte er ganz unbefangen:</p>
-
-<p>»Ja, ja, ich kenne das. Solche Ansichten sind bei den
-Männern gang und gäbe, namentlich bei den Junggesellen.«</p>
-
-<p>Ich war wie vor den Kopf geschlagen und starrte ihn an,
-als hätte er plötzlich angefangen, chaldäisch zu sprechen. Auch
-muß ich in meinem grenzenlosen Staunen ein etwas dummes
-Gesicht gemacht haben, denn er lachte geradezu, als er mich
-ansah. Ich wurde so erbittert über ihn, daß ich ihm sicherlich
-etwas Grobes gesagt hätte, wenn nicht in diesem Augenblicke
-ein von Margarethe vorgetragenes Gounod'sches Lied beendigt
-und sie zu uns herangetreten wäre, wodurch unser Gespräch
-abgeschnitten war.</p>
-
-<p>So zwang ich mich denn, gegen Margarethe gewendet, zu
-ein paar artigen Floskeln über ihren Gesang &ndash; von dem ich
-diesmal freilich wenig gehört hatte &ndash; während ich innerlich
-Arthur mit Molière apostrophirte: <i>Tu l'as voulu, George
-Dandin!</i> Am anderen Morgen, als Arthur, seinem Vorhaben gemäß,
-fort fuhr, stand Margarethe, so zeitlich früh es auch war,
-am Wagen, um ihm Adieu zu sagen. Am offenen Fenster stehend,
-sah ich, wie sie sich zärtlich umarmten und küßten und hörte
-Margarethe sagen:</p>
-
-<p>»Also pünktlich, Arthur, keine Verspätung!«</p>
-
-<p>»Pünktlich, wie eine Sonnenuhr!« rief er zurück, während
-er lachend in den Wagen sprang.</p>
-
-<p>Ich aber dachte: »Sei Du nur pünktlich, mein Lieber, so
-pünktlich kannst Du doch nicht sein, um Deinem Unheil zuvorzukommen,
-dem Du kopfüber entgegen rennst!«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_099" title="99"> </a>
-Der Vormittag verging wie die anderen, ohne daß etwas
-Besonderes vorfiel. Nur glaubte ich an Theodor sowohl wie
-an Margarethe eine gewisse nervöse Unruhe zu bemerken, als
-ob sie irgend etwas mit Spannung erwarteten.</p>
-
-<p>Bei Tische &ndash; das Dessert war eben aufgetragen worden &ndash;
-griff Theodor nach seinem mit edlem Wein gefüllten Glase und
-es emporhaltend, sprach er zu Margarethe gewendet:</p>
-
-<p>»Es verstößt zwar gegen die gute Lebensart, sich selbst
-zum Hauptgegenstande des Gespräches zu machen. Dennoch kann
-ich es mir nicht versagen, zu bemerken, daß ich heute mein
-Geburtsfest feiere. Gestatten Sie mir, gnädige Frau, mein Glas
-auf Ihr Wohl zu leeren, indem ich Ihrer Güte und Ihrer
-liebenswürdigen Einladung, in Ihrem Hause zu weilen, es danke,
-daß der heutige sich zu dem schönsten und reizvollsten Geburtstag
-meines Lebens gestaltet.«</p>
-
-<p>Margarethe schlug sich in die Hände.</p>
-
-<p>»Ihr Geburtstag ist heute!« rief sie heiter. »Das trifft
-sich ja köstlich! Schade, daß Sie es nicht früher gesagt, dann
-hätten wir ein kleines Fest veranstaltet. Never mind, noch ist
-es ja nicht zu spät dazu.«</p>
-
-<p>Ein schelmisches Lächeln flog über ihr Gesicht. Sie erhob
-ihr Glas und die Becher klangen aneinander.</p>
-
-<p>Mich aber faßte es wie ein Taumel. Indem ich mit dem
-Rande meines Glases dasjenige Margarethens berührte, rief
-ich lustig:</p>
-
-<p>»Evviva, Theodor! Ein Hoch dem Unwiderstehlichen und
-seiner Siegesbahn!«</p>
-
-<p>Theodor blickte mich betroffen an. Margarethe lachte.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_100" title="100"> </a>
-»Das gilt nicht,« rief sie. »Darauf stoße ich nicht an.«</p>
-
-<p>»Mein Freund hat sich falsch ausgedrückt,« fiel Theodor
-ein. »Manche Spötter geben mir allerdings diesen Namen.
-Dies beruht jedoch auf einer Verwechslung der Begriffe. Kein
-einzelner Mensch ist unwiderstehlich, nur die siegreiche Allmacht
-der Liebe ist es. Wollen Sie auf die Macht der Liebe trinken,
-gnädige Frau?«</p>
-
-<p>Während Theodor sprach, hatte Margarethe den Blick gesenkt.
-Jetzt sah sie wieder auf.</p>
-
-<p>»Es lebe die Liebe!« sagte sie.</p>
-
-<p>Nochmals erklangen die Gläser und Theodor's und Margarethens
-Blicke begegneten sich in stummer und doch beredter
-Sprache.</p>
-
-<p>Nach Tische zog Margarethe sich für kurze Zeit zurück,
-um, wie sie mir zuflüsterte, für Theodor's Geburtstag eine kleine
-Ueberraschung vorzubereiten.</p>
-
-<p>»Du wolltest mir mit Deinem Toast eine kleine Grube
-graben,« sagte Theodor, als Margarethe uns verlassen hatte.
-»Ich fürchte jedoch, daß sich wieder einmal das Sprichwort
-von solchem Gebaren bewähren werde. Nicht ich werde es sein,
-der hineinstürzt. Deine Theorien werden mit einem großen
-Plumps hineinfallen.«</p>
-
-<p>»Morgen geht die Frist zu Ende,« versetzte ich.</p>
-
-<p>»Allerdings. Aber zweifelst Du wirklich noch daran, daß
-meine Anschauungen Recht erhalten werden?«</p>
-
-<p>Ich zuckte mit den Achseln und gab keine Antwort.</p>
-
-<p>Eine halbe Stunde später vereinigten wir uns im kühlen
-Billardzimmer zu einer kleinen Partie, denn noch war es zu
-<a class="pagenum" id="page_101" title="101"> </a>
-heiß, um ins Freie zu gehen. Später sollte eine Kahnfahrt
-und nach derselben ein Spaziergang in den Wald unternommen
-werden. Margarethe wollte uns zu dem an ihrem Lieblingsplätzchen
-erbauten Pavillon führen, den sie uns noch nicht gezeigt
-hatte.</p>
-
-<p>Alles verlief ganz programmgemäß. Aber während ich
-ruderte, bemerkte ich wiederholt, wie Theodor, der am Steuer
-saß, mit Margarethen leise Worte tauschte. Auch schien es mir,
-daß sich die von mir schon früher wahrgenommene erregte
-Spannung ihres Wesens sichtlich steigerte.</p>
-
-<p>Schon neigte sich die Sonne ihrem Untergange zu, ihre
-schräg auffallenden Strahlen glitzerten und glänzten auf den
-Wellen wie flüssiges Gold. Die Abendkühle senkte sich erfrischend
-hernieder.</p>
-
-<p>An einer buchtähnlichen Biegung des Flusses, an dessen
-Ufer eine Bank stand, landeten wir, um von dort aus den
-Weg durch den Forst nach dem Pavillon einzuschlagen. Wir
-hatten jedoch erst einige Schritte zurückgelegt, als Margarethe
-erklärte, vorher noch nach Hause gehen zu wollen, um sich einen
-Shawl zu holen. Der Abend sei plötzlich so kühl geworden.</p>
-
-<p>Theodor meinte jedoch, wir sollten vorangehen, er würde
-nach Hause eilen, um das Gewünschte zu bringen.</p>
-
-<p>Er setzte sich in Schnellschritt &ndash; doch nur, um nach zwei
-Minuten einen kleinen Schrei auszustoßen und, indem er hinkend
-zu uns zurückkehrte, die Erklärung abzugeben, er sei gestrauchelt,
-habe sich den Fuß verletzt und bäte daher mich, die Mission zu
-übernehmen, da er unmöglich so rasch zu gehen vermöchte. Sie
-Beide würden hier auf der Bank meine Rückkehr abwarten.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_102" title="102"> </a>
-Ich verstand &ndash; und vermochte es nicht, ein spöttisches
-Lächeln zu unterdrücken. Fragend blickte ich auf Margarethe,
-doch als sie mit freundlicher Bitte sich Theodor's Anordnung
-anschloß, sah ich, daß es ihr Wunsch sei, daß ich sie verlasse,
-und begab mich auf den Weg.</p>
-
-<p>»Das also haben sie mitsammen abgekartet, als ich sie
-flüstern sah,« dachte ich, während ich beinahe laufend dem Hause
-zustürmte. Dort ließ ich mir von einem Diener irgend einen
-Shawl Margarethens geben und kehrte wieder zurück. Etwa
-zwanzig Minuten mochten verflossen sein, so war ich wieder zur
-Stelle. Doch die Bank war leer. Weder von Margarethe noch
-von Theodor eine Spur.</p>
-
-<p>Ich rief, aber keine Antwort tönte zurück.</p>
-
-<p>Da lachte ich laut auf &ndash; doch that mir dieses Lachen so
-wehe, als ob ich weinte.</p>
-
-<p>Dann überlegte ich, was ich thun sollte. Hier warten? &ndash;
-Wozu! Hierher kamen sie gewiß nicht mehr. Nach Hause zurückkehren,
-allein? &ndash; Damit riskirte ich, Margarethe zu compromittiren,
-deren Escapade mit Theodor dadurch bekannt wurde.
-Den Beiden auf dem Wege nach dem Pavillon folgen? &ndash;
-Das war unmöglich, denn ich kannte den Weg nicht, der eine
-Steinwurfweite von der Bank entfernt sich in drei verschiedenen
-Richtungen nach dem Walde hin trennte. Also was thun&nbsp;&ndash;?</p>
-
-<p>Plötzlich schoß mit ein Gedanke durch den Kopf. Spornstreichs
-eilte ich wieder zur Villa zurück und rief Pluto heran,
-Margarethens prächtige dänische Dogge, deren specielle Freundschaft
-ich mir bereits erworben hatte und die mir ohne Widerstreben
-folgte. Zum viertenmale legte ich, jetzt von Pluto begleitet,
-<a class="pagenum" id="page_103" title="103"> </a>
-den Weg zur Bank am Flußufer zurück. Dort angelangt,
-rief ich dem Hunde zu:</p>
-
-<p>»Such' die Frau, such' Deine Herrin, Pluto! Such', such'!«
-und ich hielt ihm Margarethens Tuch an die Nase, auf daß er
-besser verstehe, wen er suchen sollte. Und das kluge, schöne Thier
-verstand mich vortrefflich.</p>
-
-<p>Erst hob es den Kopf empor und schnupperte in die Lüfte,
-dann den Weg entlang. Und ein leises, kurzes Gebell anschlagend,
-sprang es in weiten Sätzen auf einem der sich kreuzenden Fußpfade
-dem Walde zu.</p>
-
-<p>»Langsam, Pluto, langsam!« rief ich ihm zu, da ich ihm
-kaum zu folgen vermochte.</p>
-
-<p>Der Hund mäßigte seinen Lauf und nun ging es, von
-ihm geleitet, in den Wald hinein.</p>
-
-<p>Es dämmerte bereits und im Forste lag schon tiefes Dunkel.
-Mit den Füßen über Wurzeln stolpernd, mit dem Kopfe an
-Bäume stoßend, das Gesicht gepeitscht von den niederhängenden
-Zweigen, folgte ich im Laufschritte meinem wackeren Führer.</p>
-
-<p>Plötzlich sah ich eine Lichtung vor mir und in demselben
-Augenblicke hörte ich Pluto, der mir in den letzten Minuten
-vorangeeilt war, laut und freudig aufbellen. Dann ließ sich
-Margarethens Stimme vernehmen:</p>
-
-<p>»Pluto, Du hier! Wie kommst Du hierher, mein Braver?«</p>
-
-<p>Und darauf Theodor:</p>
-
-<p>»Er wird aus dem Garten entkommen und Ihrer Spur
-gefolgt sein.«</p>
-
-<p>Da waren sie also! &ndash; Tief aufathmend blieb ich stehen.
-In diesem Zustande, athemlos, keines Wortes mächtig, mit zerzaustem
-<a class="pagenum" id="page_104" title="104"> </a>
-Haar, die Kleider in Unordnung vom wilden Lauf,
-konnte ich unmöglich vor die Beiden hintreten. Was würden
-sie von mir denken! Auch mußte ich mich erst besinnen, was ich
-ihnen zur Erklärung meiner seltsamen Parforcejagd sagen
-wollte.</p>
-
-<p>Behutsam, um meine Nähe durch kein Geräusch zu verrathen,
-drang ich bis an den Saum des Waldes vor. Nur der
-dämmernde Lichtschein, der von dort in das Dickicht fiel, leitete
-mich jetzt. Denn die Stimmen der Gesuchten waren verstummt.
-Am Rande der Lichtung, vom tiefen Schatten der Bäume gedeckt,
-hielt ich nochmals inne. Und jetzt erblickte ich die Beiden.</p>
-
-<p>Inmitten der kleinen Waldwiese, nahe dem im Stile eines
-Miniaturschweizerhäuschens gebauten Pavillon, stand Margarethe,
-das Haupt zu Theodor herabgeneigt, der vor ihr auf den Knien
-lag&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Und mit bebender Stimme sprach er:</p>
-
-<p>»Zürne mir nicht, Margarethe, daß ich es wage, Dir das
-Geheimniß meines Herzens zu entdecken. Ich liebe Dich, liebe
-Dich unsäglich!«</p>
-
-<p>Margarethe trat einen Schritt zurück.</p>
-
-<p>»Wie unvorsichtig!« flüsterte sie hastig. »Wissen Sie denn
-nicht, daß nicht nur Wände, zuweilen auch die Bäume Ohren
-haben? &ndash; So stehen Sie doch auf!«</p>
-
-<p>Theodor erhob sich. Und die Hand nach dem Pavillon
-ausstreckend, bat er:</p>
-
-<p>»Margarethe&nbsp;&ndash;?!«</p>
-
-<p>Die Thür öffnete sich und Beide verschwanden im Inneren
-des Häuschens.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_105" title="105"> </a>
-In einer Secunde stürmte blitzartig eine Fluth von Gedanken
-und Gefühlen durch mein Inneres.</p>
-
-<p>Ein Schmerz durchzuckte mich, wie er heftiger nicht hätte
-sein können, wäre ich Margarethens Gatte oder Bruder gewesen.
-Einen Augenblick fühlte ich mich versucht, ihnen nachzustürzen
-und Theodor zu Boden zu schlagen. Aber hatte ich
-etwa ein Recht dazu? Wahrlich nicht! Dann ergriff mich Scham,
-als ob ich es wäre, der einen Frevel begangen, und eine wilde
-Qual, meinen Glauben an Tugend, an die Unwandelbarkeit
-treuer Liebe so schmählich und auf so lächerliche Weise zerstört
-zu sehen. Und alle diese Gedanken und Empfindungen waren in
-wenigen Augenblicken zusammengedrängt, denn als ich mich wieder
-zusammenraffte, fiel hinter den Beiden erst die Thür ins Schloß.</p>
-
-<p>Doch was war dies? &ndash; In dem Häuschen blitzte plötzlich
-ein Lichtschein auf und ein schwacher Schrei ertönte.</p>
-
-<p>Ich schritt vorwärts, und durch ein Fenster in den Pavillon
-spähend, bot sich mir der überraschendste Anblick.</p>
-
-<p>In der mir gegenüber liegenden Fensteröffnung las ich die
-durch ein glänzendes Transparent gebildeten Worte:</p>
-
-<p>»<i>Veni, vidi &ndash; non vici.</i>«</p>
-
-<p>Und nun wurde es hell im Pavillon. Unter Margarethens
-Händen flammte eine Lampe auf. Und ich sah auf einem Tischchen
-allerlei kostbare Gegenstände zierlich geordnet: einen eleganten
-Briefbeschwerer, eine prachtvolle türkische Pfeife, ein Cigarrenetui
-und noch manches andere, dessen ich mich nicht mehr entsinne.</p>
-
-<p>Neben dem Tischchen aber stand Margarethe &ndash; an Arthur's
-Schulter gelehnt und Beide blickten lächelnd auf Theodor, der
-starr wie eine Bildsäule an der Thür stand.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_106" title="106"> </a>
-Jetzt trat Margarethe auf ihn zu.</p>
-
-<p>»Hab' ich mein Wort gehalten?« fragte sie. »Ich sagte
-doch, Ihr Geburtstag treffe sich köstlich. Schade, daß unser
-Freund, den wir so schmählich im Stiche gelassen, nicht anwesend
-ist, sich auch an der Ueberraschung zu laben.«</p>
-
-<p>»Ihr Wunsch ist erfüllt, gnädige Frau,« fiel ich ein,
-lachend durch die Thür tretend. »Freund Pluto hat mich hierher
-geführt.« Und gegen Theodor gewendet, flüsterte ich: »Wer
-zuletzt lacht&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Theodor hatte endlich seine Fassung wieder gewonnen und
-mit der Gewandtheit des Weltmannes gute Miene zum bösen
-Spiele machend, dankte er mit erzwungener Heiterkeit für die
-allerliebsten Geburtstagsgeschenke und &ndash; leise zu Margarethe &ndash;
-für die heilsame Lehre.</p>
-
-<p>Ob diese Radicalcur ihn von dem Wahne seiner Unwiderstehlichkeit
-und von jenem, daß es keine echte Treue gebe, gründlich
-geheilt hat? &ndash; Ich weiß es nicht. Mir gegenüber vermeidet
-er es ängstlich, auf dieses Thema zurückzukommen.</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_107" title="107"> </a>
-Schwer geprüft.</h2>
-
-
-<p>Der Wanderer, der von dem in den südwestlichen Ausläufern
-der Allgäuer Alpen, inmitten eines üppigen Tannen-
-und Eichenwaldes malerisch gelegenen und durch seine heilkräftigen
-Mineralquellen auch als Curort bekannten Weiler Adelholzen
-gegen das etwa eine halbe deutsche Meile davon entfernte,
-knapp an die östlichen Ufer des freundlichen Chiemsees
-geschmiegte Dörfchen Uebersee hinabsteigt, kommt, wo der Weg
-aus dem Walde hervortritt und sich tiefer gegen die Thalebene
-senkt, an einem massiven Eisengitter vorüber, das einen schattigen
-Garten gegen die daran vorbeiführende Bergstraße abschließt.
-Wer in der Schwüle eines heißen Sommertages hier vorüberschreitet,
-mag wohl einen Augenblick stillstehen, um durch die
-Eisenstäbe des Gitters einen begehrlichen Blick auf dieses reizende
-Heim zu werfen, welches das zwischen dem dunklen Grün der
-Bäume und über den bunten Flor eines mächtigen, den ganzen
-Vorplatz des Gebäudes einnehmenden Rosenrondeaus hell und
-heiter hervorblickende Landhaus seinen Bewohnern bieten mag.</p>
-
-<p>Auch heute sandte die Augustsonne ihre gluttragenden
-Strahlen versengend heiß von dem wolkenlosen, durchsichtig
-klaren Himmel in das Thal hernieder. Aber hier, in dem an
-<a class="pagenum" id="page_108" title="108"> </a>
-breitästigen dichtbelaubten Bäumen reichen Garten, in welchem
-aus dem unmittelbar angrenzenden Nadelholzwalde die Luft frisch
-und würzig herabstrich, war die unten im Thalkessel drückende
-Hitze wohlthuend gemildert.</p>
-
-<p>Die Besitzer des anmuthigen Landhauses, Doctor Richard
-Wilnau &ndash; den man, seit eine Krankheit ihn des Augenlichtes
-beraubt, in der ganzen Umgegend nicht anders als schlechtweg
-den »blinden Doctor« nannte &ndash; und seine junge, hübsche
-Gattin, in der Oeffentlichkeit durch ihre vortrefflichen Gemälde,
-im Kreise der Näherstehenden aber auch durch ihre hohe Geistesbildung
-und persönliche Liebenswürdigkeit bekannt, befanden sich
-plaudernd auf der kühlen Veranda.</p>
-
-<p>Die junge Frau hatte soeben die Lectüre der Tagesblätter
-beendet, die sie nach eingenommenem Mittagsmahle dem Doctor
-täglich vorzulesen pflegte. Aber im Begriffe, zu ihrer Arbeit
-wiederkehrend, in ihr Atelier sich zu begeben, war sie, schon auf
-der Schwelle, von ihrem Gatten zurückgerufen worden.</p>
-
-<p>»Unverbesserlich, ganz unverbesserlich,« sagte der Blinde,
-indem er, heiter lächelnd, sein Haupt an die Rücklehne des
-Schaukelstuhles drückte, in dem er sich behaglich auf und nieder
-wiegte. »Was wirst Du mir für eine Strafe dictiren, Malwinchen,
-wenn ich bekenne &ndash; und beinahe hätte ich gar nicht
-mehr daran gedacht &ndash; daß ich Dein strictes Gebot, zum
-Mittags- oder Abendtische niemand einzuladen, ohne Dich
-vorher hiervon zu verständigen, abermals freventlich übertreten
-habe?«</p>
-
-<p>»Unerhört!« rief Malwine lachend. »Gestern erst gelobst
-Du reuig Besserung &ndash; heute sündigst Du aufs neue. &ndash; Und
-<a class="pagenum" id="page_109" title="109"> </a>
-wer ist es denn, dessen anziehende Gesellschaft Dich zu so schnödem
-Wortbruche verführt?«</p>
-
-<p>»Rathe nur!«</p>
-
-<p>»Natürlich, der dicke Major, der sein tausend und erstes
-Jagdabenteuer noch nicht oft genug zum Besten gegeben.«</p>
-
-<p>»Fehlgeschossen!«</p>
-
-<p>»Dann ist es der Badearzt, von dem Du Berichte interessanter
-Krankheitsfälle erwartest.«</p>
-
-<p>»Keineswegs!«</p>
-
-<p>»Also vielleicht Baronin X., von der Du kürzlich sagtest,
-daß niemand Dich zur Violine so gut auf dem Klavier zu
-accompagniren verstände als sie?«</p>
-
-<p>»Ebenfalls nicht. Doch ich sehe schon, Du erräthst es ja
-nicht. Wie solltest Du auch?«</p>
-
-<p>»Nun denn?«</p>
-
-<p>»Universitätsprofessor &ndash; ja, mein Gott, wie hieß er denn
-nur gleich? Professor&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Du weißt den Namen desjenigen nicht, den Du eingeladen?«
-lachte Malwine.</p>
-
-<p>»Doch, doch, er wird mir gleich in den Sinn kommen.
-Heute Vormittag, während Deiner Abwesenheit, wurde ich durch
-den Besuch dieses Herrn überrascht, der allerdings nicht so sehr
-mir, als vielmehr Dir galt. Er erzählte, er sei ein Jugendfreund
-Deiner Familie und Schulcollege Deines verstorbenen
-Bruders gewesen, aber seit vielen Jahren &ndash; Du warst damals
-noch nahezu ein Kind &ndash; habe er Dich nicht gesehen. Jetzt befindet
-er sich auf seiner Ferienreise, und da er zufällig von
-Deinem Aufenthalte hier gehört, wollte er die Gelegenheit nicht
-<a class="pagenum" id="page_110" title="110"> </a>
-ungenützt lassen, Dich aufzusuchen. Ja, nun fällt mir auch schon
-sein Name ein. Halt &ndash; Hellwig nannte er sich!«</p>
-
-<p>»Hellwig!« wiederholte Malwine, während ihr erbleichendes
-Antlitz Schrecken, Freude und Schmerz in raschem Wechsel
-wiederspiegelte.</p>
-
-<p>Der Doctor plauderte weiter, berichtete, was der Gast von
-seiner Reise in diesem schönen Alpengebiete, das er jetzt zum
-erstenmal betrete, erzählt, und schilderte, mit welch freudiger
-Bewunderung er von Malwinens Bildern gesprochen, die er in
-mehreren Kunstausstellungen gesehen.</p>
-
-<p>Aber seine Frau hörte von all dem nichts. Der eben vernommene
-Name schwirrte ihr im Ohre, so laut, daß er die
-Stimme ihres blinden Gatten weit übertönte.</p>
-
-<p>Wenige Stunden später sprang Malwine ungeduldig von
-ihrem Sitze vor der Staffelei empor, Pinsel und Palette mißmuthig
-in eine Ecke schleudernd. Sie grollte mit sich selbst, denn
-trotz aller Anstrengung vermochte sie nicht zu arbeiten. Ihre
-Hand zitterte, unklar sah ihr Auge und unablässig irrten ihre
-Gedanken von dem seiner Vollendung harrenden Gemälde fort,
-weit fort nach ihrer Kindheit trautem Heim. Sie sah sich selbst
-als glückliches Kind, als aufblühendes Mädchen, dessen übersprudelnder
-Frohsinn selbst von des stets kränkelnden Vaters
-Stirn die trüben Schatten hinwegzuscherzen wußte. Sie schaute
-an ihrer Seite die stille, ernste, unvergeßlich theuere Frau, deren
-sanfte Hand und wachsames Auge mit jener treuen Fürsorge,
-die nur Mutterliebe zu üben im Stande ist, ihre Erziehung
-leitete. Sie erinnerte sich ihrer Professoren, besonders des grämlichen
-Zeichnenlehrers, der für seine Schüler selten ein freundliches
-<a class="pagenum" id="page_111" title="111"> </a>
-Wort hatte, für sie aber die sonst stereotype unwirsche
-Miene zumeist ablegte, und die eine oder andere ihrer Zeichnungen
-ihren Eltern vorweisend, mit geheimnißvollem Lächeln
-und bedeutungsvollem Kopfschütteln bemerkte: »In dem Kinde
-steckt etwas.«</p>
-
-<p>Sie gedachte ihres frühverstorbenen Bruders, und neben
-ihm tauchte die Gestalt eines anderen frischen munteren Knaben
-immer deutlicher in ihrer Erinnerung auf, des Jugendfreundes,
-der als Dritter im Bunde alle kleinen Leiden und Freuden der
-Geschwister getheilt. Sie hatte ihn einst geliebt. Mit ahnungsloser,
-schwesterlicher Neigung zuerst und dann mit der ganzen
-Glut des erwachenden Mädchenherzens. Als sie es aber wahrnahm,
-oder doch wahrzunehmen glaubte, daß sie seine Gegenliebe
-nicht besaß, daß er in ihr nichts sah als die Gefährtin
-aus der Kindheit, da hatte sie stolz und trotzig ihre thörichte,
-hoffungslose Liebe bezwungen, dem rebellischen Wünschen und
-Sehnen Schweigen geboten.</p>
-
-<p>So waren Jahre hinüber gegangen. Sie hatte nichts mehr
-von ihm gehört und kaum mehr seiner gedacht. Da lernte Doctor
-Wilnau sie kennen und warb um ihre Hand. Wohl war es
-nicht jene tiefe, heiße Leidenschaft, die ihr Herz zu seinem Herzen
-zwang, von welcher die Dichter singen und sagen, daß sie nur
-einmal entflamme die Menschenseele und dann nie, niemals
-wieder, aber sie war dem trefflichen Manne in inniger Freundschaft
-geneigt, der süße Zauber des Bewußtseins, geliebt zu
-sein, that das Uebrige, und so ward sie seine Frau. Sie hatte
-es nie bereut. Jetzt aber beschlich sie leise ein seltsames Gefühl
-&ndash; sie wußte es selbst nicht gleich zu deuten &ndash; wie ein heimliches
-<a class="pagenum" id="page_112" title="112"> </a>
-Bedauern, nicht frei zu sein. Sie strich sich mit der Hand
-über die Stirn, als wollte sie die Gedanken wegwischen, die da
-drinnen gegen ihren Willen sich regten.</p>
-
-<p>Plötzlich aber trat sie an einen Schrank, in dem sie einen
-Theil ihrer Arbeiten aufzubewahren pflegte. Sie wählte lange
-in der Menge der hier aufgestapelten Skizzen, Studienblätter,
-Kreide- und Federzeichnungen, bis sie das Gesuchte fand. Ein
-freudiges Lächeln glitt über ihr Gesicht, als sie das Gemälde
-vor sich auf die Staffelei stellte. Es war ein reizendes
-Bild. Kenner, die es gesehen, hatten es einstimmig für eine von
-Malwinens besten Arbeiten erklärt. Aber trotz der bedeutenden
-Summen, die ihr dafür geboten worden, hatte sie sich nie zu
-entschließen vermocht, sich von ihm zu trennen. Es war ja nicht
-nur ihr bestes, sondern auch ihr liebstes Bild. Zwei Kinder
-stellte es vor, einen Knaben und ein Mädchen, die auf weichem
-Waldesrasen von ihrer Beschäftigung ausruhend, auf welche das
-bis an den Rand mit rothglänzenden Erdbeeren gefüllte Körbchen
-hinwies, das zwischen ihnen und der zu ihren Füßen Wache
-haltenden prächtigen Dogge stand, eingeschlummert waren. Des
-Mädchens blondumlockter Kopf war an die Schulter des kräftigen
-Jungen gelehnt, während dieser zum Schutze seinen Arm
-um dessen Nacken geschlungen hielt.</p>
-
-<p>Lange weilte Malwinens Auge auf dem Bilde. Aber allmählich
-verdüsterte sich ihr Blick. Nicht mehr mit träumerischer
-Wehmuth, sondern mit feindseligem Trotze starrte sie jetzt auf
-das Abbild desjenigen, der ihre Gedanken abermals mit unwiderstehlicher
-Gewalt gefangen genommen. Sie zürnte ihm. Warum
-kam er, den schwer errungenen Frieden ihres Herzens zu stören?
-<a class="pagenum" id="page_113" title="113"> </a>
-Hatte sie nicht genug durch und um ihn schon gelitten?
-Wer gab ihm das Recht, sich bei ihr einzudrängen und übermüthig
-die heißen, qualvollen Kämpfe ihrer Seele zu erneuern?
-Nein, das wollte sie nicht dulden! Sie wollte ihn nicht wiedersehen!</p>
-
-<p>Rasch entschlossen, trat sie an den Glockenzug, um durch
-die herbeigerufene Dienerin ihren Gatten bitten zu lassen, den
-heute zu erwartenden Gast allein zu unterhalten, da sie in Folge
-plötzlichen Unwohlseins gezwungen, sich zur Ruhe zu begeben,
-an der Gesellschaft nicht theilnehmen könne.</p>
-
-<p>Aber als sie die Hand ausstreckte, um die Klingelschnur zu
-ziehen, ward an die Thür geklopft, und im nächsten Augenblicke
-stand Hellwig vor Malwinen &ndash; nicht als der frohsinnsprühende,
-kecke Junge, der Gefährte ihrer Kindheit, nicht als großaufgeschossener,
-schlanker Jüngling, das Herz voll Jugendlust,
-den Kopf voll hochfliegender Pläne, das Ideal ihrer ersten
-Liebe, sondern in der Vollkraft reifer, aber frischer, ungebrochener
-Männlichkeit. Wohl hatte die Zeit in die breite, gewölbte Stirn
-zwei tiefe Furchen eingeschnitten, die von schwerer Gedankenarbeit
-oder auch von erlittenem Gram erzählten, und der mächtige,
-dichte Vollbart kam Malwinen ungemein fremd vor; aber
-als das seelenvolle, tiefblaue Auge mit seinem warmen Strahl
-ihr Auge traf, da erkannte sie ihn wieder, den wohlbekannten
-Blick des Freundes. Und so sonderbar ist das Menschengemüth!
-Während sie vor wenig Augenblicken noch fest entschlossen war
-Alfred nicht zu sehen, freute sie sich jetzt von ganzem Herzen
-seines Wiedersehens. Auch die bange Beklommenheit, die sie bei
-seinem unerwarteten Eintreten ergriffen hatte, wich allmählich
-<a class="pagenum" id="page_114" title="114"> </a>
-vor dem kameradschaftlich treuherzigen Tone, den der einstige
-Spielgenosse in altgewohnter Weise anschlug.</p>
-
-<p>Er wußte so anmuthig zu plaudern. Zuerst berichtete er
-von den Reisen, die er nach Vollendung seiner Universitätsstudien
-unternommen, in lebhafter, fesselnder Darstellung die
-Eindrücke schildernd, die das Gesehene und Erlebte auf ihn geübt.
-Dann erzählte er, von welch hoher Freude er erfüllt ward, als
-er von den Erfolgen hörte, die Malwine auf ihrer künstlerischen
-Laufbahn erntete. Und schließlich kehrte er zu ihrer Kinderzeit
-zurück, der Jugendfreundin tausend kleine, gemeinschaftlich durchgemachte
-Erlebnisse ins Gedächtniß rufend, die ihnen damals
-als große, wichtige Abenteuer erschienen waren.</p>
-
-<p>Ob sie sich noch erinnere, fragte er sie, wie sie einst im
-Walde, von einem heftigen Gewitter überrascht, in einer auf
-der an den Wald grenzenden Wiese zur Aufbewahrung des Heues
-errichteten Bretterhütte Schutz gesucht, und in Folge der überstandenen
-Angst und der Ermüdung des raschen Laufes und
-wohl auch vom starken Duft des frischen Heues betäubt, in so
-tiefen Schlaf gesunken waren, daß sie den Abend und die ganze
-Nacht ununterbrochen schliefen, bis sie am anderen Morgen ein
-sich mächtig regender Appetit erweckte, worauf sie sich etwas
-kleinlaut und bange vor dem Schelten der beunruhigten Eltern,
-die sie mit Angst und Sorge vergeblich gesucht, nach Hause
-schlichen?</p>
-
-<p>Und ob Malwine daran noch denke, wie sie einmal auf
-einer ihrer häufigen Excursionen nach der auf einem nahen
-Hügel gelegenen Burgruine, mit einer Laterne versehen, in den
-unterirdischen Gängen und Gewölben des Ritterschlosses herumstöberten,
-<a class="pagenum" id="page_115" title="115"> </a>
-fest überzeugt, daß sie entweder einen verborgenen
-Schatz, oder aber das Knochengerippe irgend eines in dem Verließe
-verschmachteten Gefangenen entdecken müßten?</p>
-
-<p>»Ah,« rief Alfred lachend, »ich that damals gar muthig
-und verwegen, ich versichere Dich aber, als uns das Licht in
-der Laterne plötzlich verlöschte und wir rathlos in dem finsteren,
-von dumpfem Modergeruch erfüllten Kellerraum standen, da war
-mir ganz abscheulich grausig zu Muthe, und hätte nicht der
-Gedanke, daß Furcht für einen Mann eine Schande sei, mir
-Kraft gegeben, so hätte ich sicherlich vor Angst geweint.«</p>
-
-<p>Und so plauderte er weiter, an dieses und jenes Begebniß
-aus ihrer Jugendzeit erinnernd, nach dem einen oder anderen
-Bekannten jener Epoche sich erkundigend, und dazwischen verflocht
-er die Erzählung späterer Ereignisse.</p>
-
-<p>Malwine hörte ihm schweigend zu. Selten unterbrach sie
-seine Rede durch eine Frage oder durch eine eingestreute Bemerkung.
-Ihr war es, als sei die sie umgebende Wirklichkeit,
-alles, was sie sah und hörte, nicht Wahrheit, sondern ein
-Traumgebilde. Und im Traume sah sie sich ins Elternhaus
-zurückversetzt &ndash; als Mädchen &ndash; und Alfred, den zu lieben sie
-nie aufgehört, sei heimgekehrt, um &ndash; sie dachte den Gedanken
-nicht zu Ende.</p>
-
-<p>Allmählich veränderte Alfred sein Gesprächsthema. Von
-seinen eigenen Erlebnissen ging er auf jene Malwinens über,
-sprach von ihren Gemälden, dann von ihren Eltern, von ihrem
-Gatten und von dem schweren Unglücke, das durch dessen Erblindung
-ihn und sie getroffen, augenscheinlich bemüht, Malwine
-zu Mittheilungen über sie selbst und ihr Leben zu veranlassen.
-<a class="pagenum" id="page_116" title="116"> </a>
-Aber ihre Antworten waren kurz und ausweichend, und so war
-er genöthigt, die Unterhaltung selbst weiterzuführen.</p>
-
-<p>Plötzlich unterbrach er sich. Sein über das scheinbare Chaos
-von Gemälden, Sculpturwerken, Alterthümern, Decorationsstücken
-und den sonstigen unzählbaren im Atelier zerstreuten verschiedenen
-Gegenständen schweifender Blick war auf das Bild
-mit den beiden Kindern gefallen, und mit einem Ausrufe lebhafter
-Ueberraschung war er aufgesprungen, um es näher zu
-betrachten.</p>
-
-<p>»So hattest Du des wilden Jungen doch nicht gänzlich
-vergessen,« sagte er dann. »Dieses Bild giebt Zeugniß, daß Du
-manchmal seiner gedacht.«</p>
-
-<p>Ein feines Incarnat überzog Malwinens Wangen.</p>
-
-<p>»Wer würde seiner Kindheit vergessen,« entgegnete sie,
-»zumal wenn dieselbe eine glückliche war?«</p>
-
-<p>Alfred antwortete nicht. Er war an das offene Fenster
-getreten, von welchem aus sich ein herrlicher Fernblick darbot
-über das weite Thal, den stillen See mit seinem stolzen Königsschlosse
-und den himmelanstrebenden Bergen im Hintergrunde.
-Die sinkende Sonne sendete ihren letzten Strahlengruß und die
-pittoresken Formen der blaugrünen Gebirge zeichneten sich scharfkantig
-auf dem in leuchtenden Farbentönen von dunklem Violett
-bis hellem Rosa erglühenden Firmamente ab. Munter und behende
-glitt ein kleines Dampfschiff über den See, und die sich
-hinter demselben hinziehende Wasserfurche glitzerte und glänzte
-wie flüssiges Gold. Ein sanfter Lufthauch strich durch die Blätter
-der Bäume, wiegte die Spitzen der schlanken, grünen Grashalme
-und die Kelche der Blumen und tändelte mit dem Strahle des
-<a class="pagenum" id="page_117" title="117"> </a>
-Springbrunnens im Garten. Aus dem Zimmer des Blinden
-klangen leise, wie aus ferner Welt, weiche, innige Geigentöne.</p>
-
-<p>»Malwine,« unterbrach Alfred plötzlich das eingetretene
-Schweigen, indem er mit fast brüsker Raschheit sich vom Fenster
-weg zu ihr wendete, »Du weißt die eigentliche Ursache meines
-Hierherkommens noch nicht.«</p>
-
-<p>Erstaunt und fragend blickte Malwine in das heftig erregte
-Antlitz des Freundes.</p>
-
-<p>»Die eigentliche Ursache Deines Kommens&nbsp;&ndash;?«</p>
-
-<p>»Ja, die weißt Du noch nicht,« wiederholte Alfred. »Ich
-bin gekommen, Dich zu fragen, ob Du glücklich bist? Ob Deine
-Ehe eine glückliche ist, ob Dein Gatte nicht nur Deine Hand,
-sondern auch Dein Herz besitzt?«</p>
-
-<p>»Und ich,« erwiderte Malwine kalt, »muß Deine Frage
-mit einer Gegenfrage beantworten, wer Dir das Recht giebt,
-derartige Erklärungen von mir zu fordern?«</p>
-
-<p>»Wer mir das Recht giebt?« stieß Alfred mit gepreßter
-Stimme hervor. »Meine Liebe giebt mir das Recht hierzu.
-Ja, Malwine, ich liebe Dich, ich habe Dich immer geliebt.
-Aber als kindischer Junge an Deiner Seite hinlebend, da wußte
-ich es selbst nicht, daß meine Liebe eine tiefere, mächtigere sei
-als die brüderliche Zuneigung zur Jugendfreundin. Als ich fern
-von Dir weilte in weitem, fremdem Lande, da wurde es mir freilich
-klar, daß ich Dich liebte mit der ganzen Kraft meines
-Herzens, aber brieflich um Dich werben, Dir brieflich das Geständniß
-ablegen, das wollte ich nicht. Du solltest frei sein, die
-Jahre unserer Trennung, so dachte ich, würden auch Dich die
-Klarheit über Dich selbst gewinnen lassen, ob Du in mir nur
-<a class="pagenum" id="page_118" title="118"> </a>
-den Kameraden sahst, oder ob Du mich so liebtest, wie mir
-manchmal die sinnbethörende Hoffnung meines Herzens vorspiegelte.
-&ndash; Heimgekehrt, erfuhr ich, Du seiest verlobt. &ndash; Ich
-habe in diesen Jahren redlich mit mir gerungen, Malwine, ich
-hab' es versucht, meine Neigung zu bekämpfen, Dich zu vergessen.
-Ich kann es nicht. Ein Dämon des Zweifels flüstert mir
-unablässig zu, daß Du vielleicht mir doch nicht unwiederbringlich
-verloren seiest, daß Du diese Ehe vielleicht ohne Liebe eingegangen,
-daß nicht Doctor Wilnau es ist, der Dein Herz besitzt,
-sondern&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Halt ein!« rief Malwine, deren Wangen Todesblässe
-überdeckte.</p>
-
-<p>Aber Alfred gehorchte nicht.</p>
-
-<p>»Nein, erst soll mir Gewißheit werden,« fuhr er fort,
-indem er ihre beiden Hände erfaßte und gegen sich hinzog.
-»Sprich nur das eine Wort, sprich es aus, Malwine, ob Du
-ihn liebst! Wenn es so ist, wenn es ihm gelungen, Dein Herz
-zu gewinnen und Dich zu beglücken, ich schwöre es Dir, dann
-will ich schweigend dieses Haus verlassen und Du sollst niemals
-wieder von mir hören. Wenn aber Deine Ehe ein Irrthum
-war, wenn sie Dir das Glück nicht bietet, das Du von ihr
-erhofft, wenn Du mich liebst &ndash; dann, o dann wird keine
-Macht der Erde Dich in diesen Fesseln zurückhalten, ich werde
-sie zu sprengen wissen und vor Gott und der Welt wirst Du
-mein Weib werden!«</p>
-
-<p>Malwine schwieg. Sie hatte die Augen geschlossen und
-ihr Athem drang schwer und zitternd aus ihrer hochwogenden
-Brust.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_119" title="119"> </a>
-Tief und tiefer beugte sich Alfred's Angesicht auf ihr Haupt
-hernieder. Seine Lippen berührten die ihrigen, und ihm ward
-die Gewißheit, nach der er sich gesehnt&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Ein heller Glockenton weckte die Beiden aus der seligen
-Trunkenheit des ersten Kusses der Liebe. Es war das Zeichen
-zum Abendtisch.</p>
-
-<p>Auf der Veranda fanden sie Gesellschaft. Einige Herren
-aus der Umgebung waren zum Besuche des Doctors eingetroffen
-und der gastfreundliche Hausherr hatte sie zum Abendbrot gebeten.
-Malwine war froh, nicht mit Richard und Alfred allein
-zu sein. Die Rolle, die sie jetzt zwischen beiden Männern hätte
-spielen müssen, wäre ihr als Lüge erschienen, und ihrer geraden,
-offenen Natur war Lüge unerträglich. Die Gegenwart der
-Fremden enthob sie des trügerischen Spieles, indem sie allen
-Anwesenden die gleiche freundliche Aufmerksamkeit schenkte. Aber
-während sie über des einen mehr oder weniger geistreichem
-Wortspiele höflich lächelte, von einem Anderen sich den Unterschied
-zwischen der englischen und russischen Art der Bereitung
-des Thees erklären ließ, oder mit einem dritten über die
-realistische Richtung in der dichtenden und bildenden Kunst
-discutirte, war ihr Gedanke doch nur bei dem, der ihr gegenüber
-saß, aus dessen Auge ihr unermeßliche Liebe und unermeßliche
-Freude entgegenleuchtete, und bei ihrer nächsten Zukunft,
-die ihr ein neues, bis jetzt noch nicht gekanntes Glück
-bringen sollte.</p>
-
-<p>Die Abendstunden gingen vorüber und die Gäste kehrten
-heim. Mit einem flüchtigen »Schlafe wohl!« und einem raschen
-Händedruck verabschiedete Malwine sich von ihrem Gatten, um
-<a class="pagenum" id="page_120" title="120"> </a>
-sich in ihr Schlafzimmer zurückzuziehen. Sie bedurfte der Einsamkeit,
-um über das Geschehene und noch zu Geschehende nachzudenken,
-sich auf sich selbst zu besinnen. Denn alles war ja
-so plötzlich, so unvorbereitet über sie hereingebrochen.</p>
-
-<p>»Morgen komme ich wieder, um mit Dir alles Nöthige
-zu besprechen,« hatte Alfred ihr beim Weggehen zugeflüstert.</p>
-
-<p>Ja morgen, morgen!</p>
-
-<p>Verwundert schaute Malwine um sich, als sie die Thür
-zu ihrem neben dem Schlafzimmer gelegenen Boudoir öffnete.
-Ein starker, süß betäubender Wohlgeruch drang ihr entgegen.
-Und nun erblickte sie einen mächtigen Heliotropenstrauß &ndash; ihre
-Lieblingsblumen &ndash; und vor demselben ein kleines Etui aus
-dunklem Leder. Es enthielt einen goldenen Armreif, dessen
-Innenseite das Datum zweier Tage trug, des morgigen und
-desselben Tages vor fünf Jahren.</p>
-
-<p>Was sollte all dies bedeuten?</p>
-
-<p>Ach, jetzt fiel es ihr ein. Morgen war der fünfte Jahrestag
-ihrer Vermählung. Und diese Geschenke kamen von Richard,
-der ihr damit ein Zeichen geben wollte, daß er dieses Tages
-mit Freude gedenke.</p>
-
-<p>»Richard, Richard!« stammelte sie, und einer mächtigen
-Sturmfluth gleich überwältigte sie die Erinnerung an den, dessen
-Frau sie war, der sie liebte und dessen sie, im heißen Drange
-ihrer eigenen wieder erwachten und jetzt erwiderten Liebe, nimmer
-gedachte.</p>
-
-<p>Mit einem halb unterdrückten Wehruf sank Malwine auf
-die Kissen des Divans und preßte die Hände vor ihr zuckendes
-Gesicht. Ihr Denken drehte sich wirr im Kreise und ein wilder,
-<a class="pagenum" id="page_121" title="121"> </a>
-brennender Schmerz umschnürte wie mit eisernen Klammern
-ihre Brust.</p>
-
-<p>Doch allmählich glätteten sich die Wogen ihrer vom Grunde
-aufgewühlten Seele und ihr Geist gewann die Klarheit wieder,
-welche die aufgewiegelte Leidenschaft auf Augenblicke zu trüben
-vermocht. Sie überdachte die fünf Jahre ihrer Ehe, fünf Jahre
-der treuesten, innigsten Liebe ihres Mannes. Sie gedachte jenes
-entsetzlichen Tages, als seine dauernde, unheilbare Erblindung
-zur unzweifelhaften Gewißheit geworden. Sie selbst war die,
-wenn auch schuldlose Ursache dieses Unglückes. Als sie an schwerer
-und ansteckender Krankheit daniedergelegen, war Richard, als
-ihr Arzt und Pfleger, nicht von ihrem Lager gewichen. So
-hatte er das Gift der mörderischen Krankheit eingesogen. Malwine
-genas &ndash; er erblindete. Und als er ihr Schluchzen hörte,
-das sie, von heißem Mitleid ergriffen, nicht zurückzudrängen
-vermochte, da versuchte er es, sie zu trösten.</p>
-
-<p>»Weine nicht!« sprach er, »denn ich bin nicht bedauernswerth.
-Ich fühle mich unvergleichlich glücklicher &ndash; wenn auch
-blind &ndash; an Deiner Seite, als mit gesunden, sehenden Augen
-ohne Dich.«</p>
-
-<p>Und von diesem Manne, dessen einziges Glück in der
-düsteren Nacht seines Lebens sie war, sollte sie sich abwenden?
-Dieses Herz sollte sie von sich stoßen, das warm und liebend
-nur für sie schlug? O, sie wußte es wohl, wenn sie es ihm
-sagte, daß ein Anderer ihre Liebe besitze, er würde der Trennung
-ihrer Ehe und ihrer Verbindung mit dem, den sie liebte, nicht
-entgegen treten. Er war zu groß und edel, um ein Wesen mit
-Gewalt an sich gekettet zu halten, das nicht in freier Wahl
-<a class="pagenum" id="page_122" title="122"> </a>
-und Neigung sein eigen war. Aber konnte sie es denn? Vermochte
-sie es, auf den Trümmern des durch ihre Hand vernichteten
-Lebensglückes der großmüthigsten Seele ihr eigenes
-selbstsüchtiges Glück zu erbauen?</p>
-
-<p>Schwer und mühsam erhob Malwine sich von ihrem Sitze.
-Sie trat auf die Terrasse. »Er schläft,« dachte sie. »Kein Traumgott
-flüstert es ihm zu, daß ich hier stehe, eines Anderen gedenkend;
-daß ich, seine Frau, die Hand erhoben, um sein Lebensglück
-zu zerstören. Schlummere ruhig, Du Guter, Edler, möge
-auch mein eigenes Herz darüber brechen, Deine Liebe werde ich
-nicht verrathen&nbsp;&ndash;!«</p>
-
-<p>Da tönten leise, wie eine Antwort auf ihrer Seele Ruf,
-süße Klänge durch die stille Nacht. Richard stand am offenen
-Fenster und spielte. Er spielte für sie, spielte ihr liebstes Lied.</p>
-
-<p>Plötzlich legte sich ein weicher Arm um seinen Nacken und
-ein treues Haupt an seine Brust. Er ließ die Geige sinken und
-drückte einen Kuß auf das lockige Haar. Ein heißer Tropfen
-fiel auf seine Hand.</p>
-
-<p>»Du weinst, Geliebte?«</p>
-
-<p>»O lasse mich weinen, Richard! Sollte ich ungerührt
-bleiben ob Deiner unendlichen Güte, Deiner unendlichen Liebe?«</p>
-
-<p>Lächelnd zog Richard seine Frau fester an sich.</p>
-
-<p>»Du weinst, weil ich Dich liebe! Ich aber weine nicht,
-ich bin so glücklich, und doch liebst ja Du auch mich?«</p>
-
-<p>»Ich liebe Dich!«</p>
-
-<p>»Und wirst mich ewig lieben?«</p>
-
-<p>»Ewig!«</p>
-
-<hr />
-
-<p><a class="pagenum" id="page_123" title="123"> </a>
-Am anderen Tage um die Mittagsstunde trat Alfred durch
-das Gitterthor des Gartens auf die Straße. Malwine hatte
-ihm für immer Lebewohl gesagt.</p>
-
-<p>Als Pfand ihrer Freundschaft nahm er das Bild der beiden
-Kinder auf dem Waldesrasen mit sich. Es hing fortan über
-seinem Arbeitstische. Und in schweren Stunden des Kampfes
-zwischen Pflicht und Neigung, wenn der ungestüme, leidenschaftliche
-Drang der Natur recht zu behalten drohte gegen die leise
-mahnende Stimme höherer Geisteserkenntniß, da blickte er zu
-dem Bilde auf, und im Gedanken an sie, die ihn geliebt und
-ihre Liebe der Pflicht geopfert, fand er, gleich ihr, die Kraft
-zum schwersten Siege, zum Siege über das eigene Herz!</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_124" title="124"> </a>
-»Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht&nbsp;&ndash;«</h2>
-
-
-<p>Irgendwo las ich einmal vor langer, langer Zeit ein
-Volkslied. Ich vergaß es wieder, nur eine Verszeile daraus ist
-in meiner Erinnerung haften geblieben:</p>
-
-<p class="ce fss">»Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Und diese Zeile summt mir im Kopfe, wenn ich meines
-jungen Freundes Erwin gedenke&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Kaum dreijährig hatte er seine Mutter verloren. Und da
-er auch keine Geschwister besaß, hängte er sich mit der ganzen
-Liebesfähigkeit seines kleinen Kinderherzens an seinen Vater, der
-ihm der Inbegriff alles Herrlichen, Guten und Edlen, kurz
-sein Abgott war. Und mit Recht. Denn außer diesem Manne
-gab es wohl kaum einen zweiten, der mit solch opfervoller Liebe
-für sein Kind sorgte. Mutter und Geschwister, Erzieher und
-Kameraden wußte er ihm zu ersetzen. Außer den Stunden, die
-den Knaben in der Schule, den Vater im Amte festhielten, sah
-man die Beiden unzertrennlich beisammen. Der Vater repetirte
-mit dem Jungen dessen Schulaufgaben, las ihm vor, theilte
-seine Spiele, nahm ihn auf den Spaziergängen mit. So schmiegte
-sich die junge Seele immer inniger an den väterlichen Freund
-<a class="pagenum" id="page_125" title="125"> </a>
-und Berather an, und nichts spielte sich in des Sohnes Leben ab,
-was er dem Vater nicht in kindlicher Hingebung vertraut hätte.</p>
-
-<p>Nur einmal ereignete sich etwas, was er ihm verschwieg.</p>
-
-<p>Eines Tages, als die Schule zu Ende war und das Jungvolk
-sich lachend und plaudernd auf den Heimweg begab, trat
-einer der Knaben plötzlich an Erwin heran und gab ihm einen
-Schlag ins Gesicht.</p>
-
-<p>Erwin war über diesen unerwarteten Angriff so überrascht,
-daß er erst gar nicht daran dachte, sich zu vertheidigen.</p>
-
-<p>Der Andere aber lachte höhnisch auf und rief: »Das hast
-Du für Deinen Vater bekommen, gieb es weiter an ihn, er
-verdient es!«</p>
-
-<p>Da stürzte sich Erwin, außer sich vor Zorn, Schmerz und
-Entrüstung auf den Burschen und bläute ihn so durch, daß
-dieser, obgleich größer und stärker als Erwin, sich dessen Schläge,
-die ihm auf Schulter, Rücken und Gesicht nur so niederhagelten,
-nicht erwehren konnte.</p>
-
-<p>»Nimm es zurück, was Du gesagt hast, nimm es zurück.
-Sonst &ndash; sonst&nbsp;&ndash;« rief er, stammelnd vor Wuth, während
-seine kleinen Fäuste den Beleidiger bearbeiteten.</p>
-
-<p>Der Andere versuchte Kopf und Gesicht mit seinen Armen
-zu decken, aber die Raserei der Empörung seiner Gefühle verlieh
-Erwin solche Kraft, daß sein Gegner, die Nutzlosigkeit jeder
-Vertheidigung bald einsehend, heulend schrie: »Hör' auf! Ich
-will es nicht wieder sagen, gewiß nicht! Hör' auf, hör' auf!«</p>
-
-<p>Da hielt Erwin in der Züchtigung des Buben inne. Er
-hob seine Schultasche, die er, um die Arme frei zu bekommen,
-von sich geworfen, vom Boden auf, und ohne sich um den
-<a class="pagenum" id="page_126" title="126"> </a>
-Gemaßregelten, noch auch um die anderen Schulkameraden, die
-dem wilden Auftritte theils erschreckt, theils lachend zugeschaut
-hatten, weiter zu kümmern, verließ er raschen Schrittes, noch
-schwer athmend und mit von der Erregung und Anstrengung
-gerötheten Wangen und blitzenden Augen den Kampfplatz.</p>
-
-<p>Er ging nicht gleich nach Hause. Es war ihm beklommen
-zu Muthe. Er mochte dem Vater das Erlebte nicht mittheilen,
-ihm die abscheulichen Worte nicht wiedererzählen, die der freche
-Bursche ihm zugeschrien. Nein, das mochte er nicht. Er hätte,
-sie nicht über die Lippen gebracht, so sehr schämte er sich, sie
-gehört zu haben. Darum mußte er sich erst Zeit gönnen, um
-sich zu beruhigen und dem Vater unbefangen gegenüber treten
-zu können.</p>
-
-<p>Er machte einen weiten Umweg und als er, nothgedrungen,
-endlich doch seinem Heim zuschritt, fühlte er es als eine willkommene
-Erleichterung, von der ihm die Wohnungsthür aufschließenden
-alten Dienerin zu hören, daß sein Vater eben einen
-Boten mit der Nachricht geschickt habe, Erwin möge mit dem
-gewohnten abendlichen Spaziergang nicht auf ihn warten, da
-er dienstlich verhindert sei, zur üblichen Stunde nach Hause zu
-kommen. Sonst war Erwin solches ihm aufgedrungenes Alleinsein
-ein unerfreulicher Zwischenfall, heute empfand er es als
-eine Wohlthat.</p>
-
-<p>Er setzte sich an seinen Arbeitstisch, und so schwer es ihm
-anfänglich auch fiel, seine Gedanken bei seinen Schulaufgaben
-festzuhalten, gelang es seinem angestrengten Willen doch, die
-flüchtigen zu bannen. Allmählich übte die Arbeit ihre segensreiche
-Wirkung, sein erregtes Gemüth Ruhe finden zu lassen,
-<a class="pagenum" id="page_127" title="127"> </a>
-und als der Vater, ihn begrüßend, Abends in sein Zimmer
-trat, lag kein Schatten von Verstimmung mehr im klaren Blicke
-seines Sohnes.</p>
-
-<p>Die Tage rollten wieder dahin im altgewohnten Geleise.
-Wohl tauchte hin und wieder die Erinnerung an den ängstlich
-verschwiegenen Vorfall mit peinlicher Lebendigkeit in Erwin's
-Seele auf, und zuweilen schien es ihm, als könnte er den
-Stachel, den er in seinem Herzen zurückgelassen, ausreißen, wenn
-er ihn seinem Vater erzählte. Aber so oft der Gedanke an Mittheilung
-des Geschehenen näher an ihn herantrat, fühlte er zugleich
-das innerliche Unvermögen hierzu &ndash; und so schwieg er
-und vergaß es allmählich selbst.</p>
-
-<p>Eine Reihe von Jahren war verflossen, der Knabe zum
-Jüngling gereift. &ndash; An dem innigen Verhältniß zwischen Vater
-und Sohn hatte die Zeit aber nichts geändert, die Beiden schienen
-unter einem Himmel friedlichen, wolkenlosen Glückes zu wandeln.</p>
-
-<p>Doch als der Vater einmal von einer mehrwöchentlichen
-Dienstreise heimkehrte, fand er Erwin, den linken Arm in der
-Schlinge tragend.</p>
-
-<p>»Eine Bagatelle &ndash; ein leichter Säbelhieb, in einer
-Studentenpaukerei davongetragen &ndash; weiter nichts« &ndash; so beruhigte
-Erwin den besorgten Vater. Und auf sein näheres Befragen
-erzählte er ihm, wie sich aus einem ganz unbedeutenden
-Vorfall ein Wortwechsel zwischen ihm und einem seiner Collegen
-entwickelt und ein Duell zur Folge gehabt habe.</p>
-
-<p>Es war eine Lüge, was Erwin berichtete &ndash; die erste Lüge
-seines Lebens. Die Ursache des Zweikampfes war eine ganz
-andere als jene, die er dem Vater erzählte.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_128" title="128"> </a>
-Eines Abends, als Erwin im Kaffeehause einer Billardpartie
-seiner Collegen zuschaute, hörte er im Laufe eines von
-zwei in seiner Nähe an einem Tischchen sitzenden Herren mit
-leiser Stimme geführten Gespräches den Namen seines Vaters
-fallen. Erwin trat unauffällig näher an sie heran und horchte
-auf. Der ältere der beiden Herren erzählte dem jüngeren, daß
-er um Verleihung der Stelle als Bahnarzt bei der St.'schen
-Eisenbahngesellschaft eingekommen sei, nachdem dieselbe durch
-den Tod eines gewissen Doctor Berger, der sie zuletzt bekleidet,
-frei geworden. Er warte nur auf Herrn K...'s &ndash; dies der
-Name von Erwin's Vater &ndash; Rückkehr, dessen Stimme, wie er
-wisse, bei der Besetzung der Stelle maßgebend sei, um sich
-persönlich vorzustellen und ihn um Berücksichtigung seines Gesuches
-zu bitten. Seine langjährige und, wie er glaube, nicht
-verdienstlose Praxis berechtigte ihn wohl, auf Erlangung der
-betreffenden Stelle zu hoffen.</p>
-
-<p>Da lachte der Jüngere, und indem er Erwin mit herausforderndem
-Blicke maß, wobei dieser in ihm den ehemaligen
-Schulkameraden erkannte, dessen beleidigenden Ueberfall er mit
-seinen wackeren, kleinen Fäusten gezüchtigt, sagte er:</p>
-
-<p>»Ihre Verdienste werden Ihnen wenig nützen. Darauf
-dürfen Sie nicht hoffen. Auch das Gesuch meines Vaters wurde
-eben um jenes Doctor Berger willen, eines ganz unfähigen
-Arztes, abgewiesen. Wenn Sie reussiren wollen, geben Sie
-Herrn K... einige hundert Franken, und Sie werden die
-Stelle erhalten.«</p>
-
-<p>Diese Worte waren die Ursache von Erwin's Zweikampf
-mit dem, der sie gesprochen, gewesen. Zum zweitenmale hatte
-<a class="pagenum" id="page_129" title="129"> </a>
-er seinen Arm erhoben zur Abwehr einer Beschimpfung seines
-Vaters. Doch wie einst als Knabe, schwieg er auch jetzt als
-Mann. Wie damals hätte er auch heute die schmachvollen Worte
-nicht zu wiederholen vermocht, die der freche Verleumder auszusprechen
-gewagt. Wozu auch? Wußte er doch, daß an der
-Ehrenhaftigkeit seines Vaters kein Flecken haftete, und lag es
-doch klar am Tage, daß nur der Grimm ob der sicherlich
-berechtigten Zurücksetzung zu Gunsten eines verdienstvolleren
-Mannes es war, was den verwegenen Buben gegen ihn und
-seinen Vater zu Haß und Verleumdung aufstachelte.</p>
-
-<p>Mit lächelnder Ergebung nahm Erwin die väterlichen
-Ermahnungen vor einer Wiederholung ähnlicher, thörichter
-Schlägereien entgegen und freute sich im Stillen, daß ihm die
-Täuschung seines Vaters, die seinem wahrheitsliebenden Herzen
-gar nicht leicht fiel, so gut gelungen war.</p>
-
-<p>Die Wunde heilte rasch, und wieder glitt das Leben der
-Beiden in seiner altgewohnten, friedlichen Weise dahin. Doch
-da kam ein Tag, da Erwin am Krankenlager seines Vaters
-stand, und ein anderer, da er schluchzend an seinem frischen
-Grabe kniete. Und dann kam eine Stunde&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Monate waren seit seines Vaters Hinscheiden verflossen,
-als Erwin es endlich über sich gewann, ordnende Hand an
-dessen hinterlassene Papiere zu legen. Das heiße Weh seines
-unersetzlichen Verlustes packte ihn mit erneuter Gewalt, als er
-mit zitternden Fingern unter den vergilbten Blättern wühlte &ndash;
-sterbende Spuren des erstorbenen Lebens. Briefe, Zeichnungen,
-amtliche und Geschäftspapiere glitten durch seine Hand. Wichtiges
-wurde zur Seite gelegt, anderes dem Feuer übergeben.
-<a class="pagenum" id="page_130" title="130"> </a>
-Ganze Stöße lohten bereits leise flüsternd und knisternd im
-Kamin. Erwin trennte sich schwer von diesen Blättern. Allein, er
-hielt es für gut so. Wußte er denn, wenn auch für ihn der
-Augenblick kommen würde, der in der Vernichtung waltenden
-Naturkraft seinen Tribut zu zahlen? Und kein fremdes Auge
-sollte mit kalter Neugier das ihm theuerste Vermächtniß entweihen.
-Immer neue und neue Schriftenbündel wanderten in den
-Kamin, der vom Papierfeuer rasch erhitzt, milde Wärmeströme
-in das Gemach ausstrahlte, in welches vom Garten her durch
-das halbgeöffnete Fenster kalte Nachtluft drang.</p>
-
-<p>Es war im Frühling. Das lockende Lächeln sonniger Tage
-hatte das schlummernde Leben der Natur wachgeküßt &ndash; um
-ihr Vertrauen grausam zu enttäuschen. Ein heftiges Gewitter
-hatte neuen Schnee auf die nahen Berge gebracht, und jetzt,
-als der nächtliche Himmel klar und sternhell über der blühenden
-Erde sich wölbte, lauerte der Frost, um den segenspendenden
-Thau in lebenmordendes Eis zu verwandeln.</p>
-
-<p>Hier in der stillen Kammer flatterte Blatt um Blatt, von
-der geliebten, liebenden Hand beschrieben, in die züngelnden
-Flammen, um auf dem Hügel des grauen Aschengrabes den
-vorangegangenen Brüdern sich zuzugesellen. Da, Briefe der
-Mutter, die er nie gekannt, dort von Freunden des Vaters,
-dazwischen Rechnungen, Quittungen, geschäftliche Aufzeichnungen.
-Und hier ein Notizbuch, ganz von der Hand des Vaters ausgefüllt.
-Erwin schlägt es auf und blättert darin. Sein Auge
-feuchtet sich. Es sind nur Zahlen, die das Büchlein enthält.
-Und doch, wie rütteln diese nüchternen, trockenen Zahlen an
-seiner Seele, den unermeßlichen Verlust, den sie erlitten, neu
-<a class="pagenum" id="page_131" title="131"> </a>
-verschärfend! Es enthält die Einnahmen und Auslagen seines
-Vaters durch eine lange Reihe von Jahren mit pünktlichster
-Genauigkeit verzeichnet. Auf der einen Seite die Einnahmen,
-sie bleiben sich stetig gleich: die Rente des winzigen Vermögens
-und das langsam aufsteigende Gehalt des Vaters. Auf der
-gegenüberstehenden Seite die Auslagen: Wohnung, Kost, Kleider
-&ndash; außer der Bestreitung der gemeinschaftlichen Bedürfnisse
-größtentheils Auslagen für ihn, Erwin, sein Schulgeld, Bücher
-und so weiter. Der gute Vater, wie wenig hatte er sich gegönnt,
-um dem Sohne Genügendes zu bieten!</p>
-
-<p>Schon ist Erwin im Begriffe, das Büchlein zur Seite zu
-legen. Mit lässigem Finger schlägt er noch ein Blatt zurück.</p>
-
-<p>Da verfärben sich plötzlich seine Wangen, weit öffnet sich
-sein Auge, sein erstarrender Blick heftet sich auf ein kleines
-Wörtchen. Auf der Seite der Einnahmen, dicht unter dem Monatsgehalt,
-steht geschrieben:</p>
-
-<p>»Von Doctor Berger tausend Franken.«</p>
-
-<hr />
-
-<p>Welk und todt senkten die vom nächtlichen Frost gemordeten
-Blüthen und Blumen ihre Häupter, als Erwin am nächsten
-Morgen auf dem Wege nach dem Amte sein Gärtchen durchschritt.
-Ohne ihrer zu achten, ging er an ihnen vorüber.</p>
-
-<p>Die Freunde und Bekannten aber, die ihm begegneten,
-blickten ihm betroffen nach. Kaum erkannten sie ihn wieder, so
-verändert schien er. Er war nicht krank gewesen &ndash; und doch
-sah er um viele Jahre gealtert aus&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p class="ce fss">»Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht&nbsp;&ndash;«</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_132" title="132"> </a>
-Der kleine Geiger.</h2>
-
-
-<p>In einer mächtigen deutschen Stadt weiß ich ein schönes
-Haus, in dem ich manch glückliche Stunde meines Lebens verbracht.
-Nicht mitten im Gewühle des Häusermeeres ist es gelegen,
-sondern außerhalb des Stadtthores, dort, wo vor etwa
-dreißig Jahren noch tiefer Wald gestanden. »Garten« wird
-dieses von ausgedehnten Plätzen und breiten Straßen durchschnittene
-Gebiet nunmehr genannt. Aber nicht in zierlicher Cultur
-und Kunst blickt es dem Besucher überall entgegen; an manchen
-Stellen weist es noch die alte Pracht und stolze Würde des
-einstigen Waldes auf.</p>
-
-<p>Jenes, mit der kleinen Geschichte, die ich hier erzählen will,
-verwebte Stück des Gartens kann keinen Anspruch darauf erheben,
-ob seiner großartigen, landschaftlichen Reize gerühmt zu
-werden, immerhin aber ist es von lieblichem, dem Auge wohlthuenden
-Grün geschmückt, von frischer, erquickender Luft durchweht
-und von weniger Menschen heimgesucht als andere Partien
-des ausgedehnten Gartens.</p>
-
-<p>An der dieses Terrain durchschlängelnden schmalen Chaussee
-liegt das Haus, zu welchem meine Erinnerung mich heute zurückführt.
-In griechischem Stile mit feinem Geschmacke erbaut, die
-<a class="pagenum" id="page_133" title="133"> </a>
-Vorderfront dem grünen, luftigen Haine zugekehrt, durch Umzäunung
-und schattige Parkanlagen von den Nachbarhäusern
-getrennt, erhebt es sich in schmuckloser, edler Einfachheit.</p>
-
-<p>Im Frühling, wenn die linden Lüfte durch den großen
-Garten wehen und die Rosenbäume und Hecken um die Villa
-ihren entzückenden Duft verbreiten, dann klingen von allen Ecken
-des Hauses Gesang und Saitenspiel durch die weitgeöffneten
-Fenster. Die schönsten und süßesten Klänge aber tönen, nicht
-allen Vorübergehenden vernehmbar, von der Rückseite her, die
-frei an einen öden, sandigen Bauplatz stößt.</p>
-
-<p>Wenige dachten daran, ihre Schritte dorthin zu lenken.
-Nur ein kleiner Kinderwagen wurde, am weiten Tummelplatze
-fröhlich spielender Knaben und Mädchen vorüber, täglich dahingerollt.
-Das halbwüchsige Mädchen, das den Wagen leitete,
-trabte stets wieder von dannen, nachdem es für denselben ein
-Plätzchen im Schatten des Hauses gefunden und allerlei Steinchen,
-Gräser und Blätter auf das Bettchen im Inneren des Wagens
-gelegt hatte.</p>
-
-<p>Das erregte gar sehr meine Neugierde und einmal, als
-ich wieder um die Mittagszeit heimwärts schlenderte, ging ich
-flugs auf das winzige Wagengebäude los, um einen kecken Blick
-auf dessen stillen Insassen zu werfen, der hier täglich für lange
-Stunden der Einsamkeit anvertraut wurde. Leise schlich ich mich
-um die Ecke und schob das grüne Tuch, das vom Wagendache
-herabhing, behutsam zur Seite.</p>
-
-<p>Da sah ich auf dem mit großgeblümtem Kattun überzogenen
-Kissen einen blonden Knabenkopf liegen, so weiß und
-bleich, als läge eine Gipsmaske über dem Gesichtchen. Die
-<a class="pagenum" id="page_134" title="134"> </a>
-Augen waren geschlossen und leiser Athem bewegte kaum bemerkbar
-die Wangen und Nasenflügel des kleinen Träumers.
-Kein Strahl des warmen, goldigen Sonnenglanzes, in dem die
-frühlingsfrische Erde gebadet lag, fiel in die von dem kahlen
-Sandplatze umgebene Mauerecke, wo der blasse Knabe in seinem
-dürftigen Strohwägelchen schlummerte.</p>
-
-<p>Armes Kind! Gern hätte ich Dich wachgeküßt. Aber ach,
-der Thränenstrom aus mitleidsvollem Herzen hätte Dir nichts
-gefruchtet. Du brauchtest kräftigere Arznei für Deine fahlen
-Wangen, für Deine so mühsam athmende Brust &ndash; Du brauchst
-das Glück.</p>
-
-<p>Ich wollte mich abwenden, um heimzugehen, aber da zog
-aus offenem Fenster des Hauses ein sanfter Ton auf weicher
-Saite in die zitternde, webende Mittagsluft, schwellte, wuchs
-und breitete sich und öffnete die müden Lider des Schläfers.
-Der Knabe bewegte und bog sich aus dem engen Wagenraum;
-beseligtes Staunen malte sich in den feinen Zügen und aus
-großen, vertrauenden Kinderaugen blickte er hinaus in das blaue,
-sonnendurchleuchtete Aethergewölbe über sich und hinauf zu dem
-Fenster, aus dem die süßen Töne quollen. Immer voller und
-gewaltiger wurde der Gesang der Saiten, immer strahlender das
-Auge und bleicher die Wange des entzückten Lauschers, bis alles
-verklungen war. Dann sank er ermattet in die Polster zurück
-und die farblosen Lippen flüsterten: »So wollt' ich's können!
-&ndash; Ach, wenn ich eine Geige hätte!« &ndash; und ich ergrimmte ob
-solch hilflosen Wehes der Sehnsucht.</p>
-
-<p>Der Künstler aber &ndash; die Welt nannte ihn damals und
-nennt ihn noch heute den »Geigenkönig« &ndash; hörte mir lächelnd
-<a class="pagenum" id="page_135" title="135"> </a>
-zu, als ich ihm von dem Knaben erzählte, und machte ihm eine
-kleine Geige zum Geschenk.</p>
-
-<p>Als der Sommer kam, wurde für den Wagen des Kleinen
-eine andere Ruhestelle gesucht, abseits vom Hause auf grünem
-Rasenplatz, im kühlen Schatten dichtbelaubter Bäume. Aber auch
-hier schlich ich mich oftmals leise an und belauschte ihn, wie er
-seine von ihm unzertrennliche Geige in den zarten Händen hielt
-und darauf Töne zu bilden suchte, süße, liebliche Laute, und ich
-freute mich, als ich sah, daß die Zufriedenheit des erfüllten
-Herzenswunsches und der reichliche Aufenthalt im Freien die
-früher so blassen Wangen des Kindes mit rosenfarbenem Anhauch
-überkleideten.</p>
-
-<p>Doch der Sommer enteilte. Die Rasenteppiche bleichten dem
-Winter entgegen; die grünen Wälder färbten sich in gelbe und
-braune Tinten. Ein langandauernder Regen fiel, und als sich
-der Himmel wieder aufheiterte, brachte die nächste Nacht Reif
-und Frost. Auf Büschen und Bäumen waren die vergilbten
-Blätter von der Nässe zusammengeklebt, und als die müde Herbstsonne
-sie allmählich wieder getrocknet hatte, fielen sie schaarenweise
-zur Erde, so oft ein Windstoß über sie hinfuhr. Frostschauernd,
-ächzend und knarrend schüttelten sich die ihres Laubgewandes
-entkleideten Bäume in den rauhen Stürmen.</p>
-
-<p>Und mit dem grünen Laub erbleichten auch wieder die
-Wangen des armen, kranken Knaben. Sehnsüchtig blickte er aus
-der dunklen, feuchten Portiersstube seiner Eltern ins Freie und
-gedachte der vielen guten Stunden, die er draußen, von der
-warmen Sommerluft umweht, vom dichten Blätterdach der mächtigen
-Buchen beschattet, verträumt hatte. Selten, nur an ganz
-<a class="pagenum" id="page_136" title="136"> </a>
-milden Tagen, wurde er in sein Wägelchen, und später, als der
-Winter kam und mit seinem Schnee und Eis den großen Garten
-überzog, in den Schlitten gesteckt und unter den buntgeblümten
-Kissen tief begraben, für ein halbes Stündchen durch die Straße
-geführt.</p>
-
-<p>Fast täglich kam der freundliche Arzt zu dem kleinen Patienten,
-fühlte ihm den Puls, strich mit sanfter Hand über sein
-blondes Haargelock und verordnete dies und jenes als stärkende
-Nahrung. Und manchmal drückte er eine Banknote in die zitternde
-Hand der verkümmerten Mutter, damit es ihr leichter
-würde, seine Verordnungen auszuführen.</p>
-
-<p>Des Knaben einzige Freude war sein Geigenspielzeug.
-Fleißig übte er Triller und Läufe; immer gewandter leiteten die
-schlanken Fingerchen den kleinen Bogen über die Saiten und
-ein seliges Lächeln glitt über sein Gesichtchen, wenn es ihm
-gelang, eine ihm besonders schwierig dünkende Passage zu seiner
-Zufriedenheit zu bewältigen.</p>
-
-<p>Sein Lehrmeister aber war kein geringerer als der Geigenkönig
-selbst, der, gerührt von der glühenden Sehnsucht nach
-Musik, die der Funke des Genies in der Brust des siechen
-Knaben entzündet hatte, gar manchesmal verstohlen in die enge,
-dumpfe Stube trat und dem vor freudigem Entzücken verstummenden
-Kinde liebliche Weisen auf seiner Violine vorspielte.</p>
-
-<p>Jeder Tag, an dem solches geschah, war ein Festtag für
-den Kleinen, der seine Geige, welcher der Meister so wunderbar
-herrliche Töne zu entlocken wußte, wie ein Heiligthum betrachtete
-und die erlauschten Melodien schüchtern nachzuspielen versuchte.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_137" title="137"> </a>
-Allein weder die Wissenschaft des Arztes, noch die stille
-Seligkeit des Kindes, welche ihm die Beschäftigung mit seiner
-geliebten Musik gewährte, vermochten es, dem Zerstörungswerke
-der finsteren Naturgewalten, die an der Vernichtung dieses jungen
-Lebens arbeiteten, einen Damm zu setzen. Immer fahler und
-eingefallener wurden des Knaben Wangen, breiter die dunklen
-Ringe um seine Augen, fleischloser die zarten Glieder, und
-immer matter und müder fühlte er sich. Bald wurde ihm selbst das
-Geigenspiel zu einer Anstrengung, der seine schwindenden Kräfte
-nicht mehr gewachsen waren, und traurig haftete der Blick seiner
-großen, glanzlosen Augen auf dem Instrumente, das stumm
-und verstaubt auf dem Tische neben seinem Bettchen ruhte.</p>
-
-<p>Da kam die Weihnachtszeit, und voll Glanz und Pracht
-und froher Lust wurde das schöne Fest in der Künstlerfamilie
-gefeiert. Freunde, Bekannte und Kunstgenossen waren von Nah
-und Fern herbeigeströmt, um im gastlichen Hause des Geigenkönigs
-an der heiteren Festfeier theilzunehmen. Kaum vermochte
-der geräumige Salon, in dem der fast bis an die Decke reichende
-Christbaum in glänzend strahlendem Schmucke prangte, die reiche
-Zahl der Gäste zu fassen.</p>
-
-<p>Das war ein Jauchzen und Jubiliren, ein Händeklatschen
-und Gläserklingen, daß selbst die Ernstgesinnten vom Wirbel der
-Freude erfaßt wurden, daß auch die Alten in die Lust der frohlockenden
-Kinderherzen mit einstimmten.</p>
-
-<p>Mir aber fiel mitten in den Lichtglanz der dunkle Schatten
-meines kranken Schützlings, und der Gedanke beschlich traurig
-meine Seele, daß in dem heiteren Kreise wohl Keiner des Armen
-sich erinnert. Unbemerkt schlich ich mich aus den hellen Räumen
-<a class="pagenum" id="page_138" title="138"> </a>
-ins Treppenhaus nach unten, um zu erfahren, wie es dem
-Kleinen gehe.</p>
-
-<p>Auch in der Portierswohnung war Licht zu sehen, und ich
-trat ein. Mit geschlossenen Augen, still und blaß, lag der Kranke
-in seinem Bettchen; der Vater kauerte stumm in einem Winkel
-der Stube und begrüßte mich kaum; die Mutter aber schlich
-weinend umher und machte sich tausenderlei, auch ganz Ueberflüssiges,
-zu schaffen, nur um etwas zu thun zu haben.</p>
-
-<p>Sie wußten, daß es mit ihrem Kinde zu Ende ging. Der
-Doctor hatte es ihnen gesagt, und der Zustand des abgezehrten,
-zu Tode erschöpften Knaben bannte jede Hoffnung.</p>
-
-<p>Ich fand kein Wort des Trostes für die armen Alten.
-Beklommenen Herzens setzte ich mich an die kleine Lagerstätte
-und hatte Mühe, meine eigenen Thränen zurückzuhalten, angesichts
-des großen, mächtigen Schmerzes, der den kummergebeugten
-Eltern bevorstand.</p>
-
-<p>Nicht lange hatte ich so, meinen traurigen Gedanken mich
-hingebend, dagesessen, als der Kleine die Augen aufschlug und,
-als er mich bemerkte, mühsam auf seine Geige hindeutete und,
-mich mit sanft flehendem Blicke anschauend, seine winzigen, abgemagerten
-Händchen bittend ineinanderlegte.</p>
-
-<p>Ich verstand ihn. Rasch erhob ich mich von meinem Sitze
-und eilte zurück in die lichtstrahlenden Räume zu den frohen
-Festgenossen.</p>
-
-<p>»Meister,« flüsterte ich, indem ich mich sachte an den
-Hausherrn herandrängte, »unser kleiner Schützling da unten
-liegt im Sterben. Ihm verlangt nach Euch und nach Musik.
-Wollt Ihr seines Lebens letzten Wunsch erfüllen?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_139" title="139"> </a>
-Da begegnete ein warmer, milder Strahl aus dem Auge
-des Künstlers dem meinen. Leise drückte er mir die Hand und
-verließ mit mir den Saal. Er holte seine Geige, und wenige
-Minuten später standen wir im Zimmer des sterbenden Kindes.</p>
-
-<p>Und wieder rieselten die wundervollen Klänge gleich perlenden
-Toncascaden von den bebenden Saiten, schwellend, wogend,
-säuselnd wie mildes Frühlingswehen, innig wie liebenden Herzens
-Pochen, erhaben wie frommer Gottgedanke. Und wie ein Gruß
-aus Engels Munde umschmeichelten die lieblichen Melodien die
-entfliehende Kindesseele und umgaukelten sie mit tönenden Zauberbildern.</p>
-
-<p>Und wieder schlug der Knabe in entzücktem Lauschen sein
-Auge auf, und seine schmalen, bleichen Lippen lispelten fast
-unhörbar:</p>
-
-<p>»Er hat es gesagt, er selber, auch ich werde Geigenkönig
-wie er!«</p>
-
-<p>Ein sanftes, seliges Lächeln verklärte seine Züge, ein zitternder
-Seufzer hob die eingefallene Brust, und eingelullt von
-stolzem Hoffnungstraum und süßer Harmonien Sang entschlief
-er.</p>
-
-<p>Oben ward das Weihnachtsfest bis zum hellen Morgen
-gefeiert. Und als ich Abschied nahm vom Meister, da wollte
-mein Mund niedersinken auf des edlen Menschen Hand, der
-ruhm- und glückumgeben, der Elenden nicht vergißt und ihnen
-Trost und Liebe spendet.</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_140" title="140"> </a>
-Die Harfenspielerin.</h2>
-
-
-<p>Aergerlich warf Julian die Feder fort, daß die Tinte
-aufspritzte.</p>
-
-<p>Da sollte der Henker diese mühsamen Rechnungen revidiren,
-während vom Hofe herauf unausstehliches Harfengeklimper
-und eine müde, dünne Mädchenstimme tönte, die sinnige Volkslieder
-und rohe Gassenhauer in wüstem Durcheinander herableierte.</p>
-
-<p>Julian hatte der Sängerin schon eine Geldmünze zugeworfen,
-auf daß sie den Platz räume und ihre musikalischen
-Productionen irgend anderswohin verlege, wo sie ihn nicht in
-seiner Arbeit störten. Daran war aber vorläufig nicht zu denken,
-denn die ganze Kinderwelt des großen Hauses stand in einem
-Kreise um sie herum, ihren schrecklichen Vorträgen freudig
-lauschend. Sie wollte sie noch nicht ziehen lassen, und die
-Harfenistin blieb gern, auf eine Entlohnung von den Müttern
-der Kinder hoffend, die theils an deren Seite stehend, theils
-von den offenen Fenstern aus dem Jubel ihrer Kleinen zulächelten.</p>
-
-<p>Nochmals versuchte Julian, in seinen Rechnungen fortzufahren,
-doch ebenso erfolglos wie früher. Die Ziffern und
-<a class="pagenum" id="page_141" title="141"> </a>
-Zahlen tanzten ihm wie kleine, neckende Kobolde vor den Augen.
-Bald wußte er nicht mehr, wie viel Rest bleibe von achtundzwanzig
-Mark sieben Pfennige, nach Abzug von siebzehn Mark
-zweiunddreißig Pfennige.</p>
-
-<p>»In der Weidlingau ist der Himmel blau&nbsp;&ndash;« klang es
-ihm in die Ohren.</p>
-
-<p>»Sechs Mark achtundzwanzig Pfennige. &ndash; Nein, gefehlt!«</p>
-
-<p>»Ach, es wär' so schön gewesen&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Sieben Mark fünfzehn Pfennige. &ndash; Wieder falsch!«</p>
-
-<p>»Wenn die Schwalben heimwärts zieh'n&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Zum Teufel auch, wenn diese verdammte Schwalbe nur
-heimwärts zöge! &ndash; Fünf Mark sechzehn Pfennige. &ndash; Abermals
-gefehlt! &ndash; Nein, so geht es nicht, absolut nicht! Da
-könnte man verrückt werden.«</p>
-
-<table class="fss" summary="" border="0" cellpadding="0">
- <tr><td class="tdl">»Wann's Mailüfterl weht,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Zergeht draußd' im Wald der Schnee&nbsp;&ndash;«</td></tr>
-</table>
-
-<p>Julian sprang von seinem Sitze auf. Er wollte lieber
-abwarten, daß Ruhe würde, als sein Gehirn foltern mit solch
-vergeblicher Anstrengung. Was er unter diesen Umständen herausrechnete,
-würde doch nur ein Unsinn sein.</p>
-
-<p>Jetzt stimmte das Mädchen das von Mendelssohn in Musik
-gesetzte alte Volkslied an:</p>
-
-<table class="fss" summary="" border="0" cellpadding="0">
- <tr><td class="tdl">»Es ist bestimmt in Gottes Rath,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Daß man vom Liebsten, das man hat &ndash; muß scheiden.«</td></tr>
-</table>
-
-<p>Julian liebte dies Lied ungemein. Er hatte es als Knabe
-oft gesungen. Allerlei sanfte Erinnerungen erwachten in ihm: an
-<a class="pagenum" id="page_142" title="142"> </a>
-das Elternhaus, an die Gefährten, an seine frohe, glückliche
-Kindheit. Und jetzt ertappte er sich dabei, wie er, gleich den
-Kindern im Hofe, der dünnen, etwas umflorten Stimme der
-von ihm soeben noch so zornig verwünschten Sängerin lauschte.
-Und jetzt trat er gar an das Fenster, öffnete es und blickte
-hinab in den Hofraum, wo der Gegenstand seines Aergers
-mitten unter der Schaar der entzückten Kleinen stand, spielte
-und sang. Ihre schwächliche, hagere Gestalt beugte sich nach
-vorn über die Harfe, das Gesicht sah er nicht, denn ein hoher,
-unmoderner Strohhut mit großen, gelben, schmutzigen Seidenbändern
-und zerknüllten Kunstblumen von derselben Farbe geziert,
-entzog es seinen Blicken. Ein verwaschenes Kattunröckchen
-und ein blaues, mit weißen Schnüren benähtes Sammetjäckchen
-vervollständigten ihren Anzug. Man sah es deutlich, diese Kleider
-waren, unbrauchbar geworden, von ihren früheren Eigenthümern
-statt weggeworfen zu werden, der armen Harfenistin geschenkt
-worden. Sie sah komisch genug aus in dieser verwitterten,
-theatralischen Gewandung. Man hätte darob lächeln mögen,
-hätte ihre Armseligkeit nicht so traurig gestimmt. Und noch verschärft
-wurde dieser Eindruck durch das Lied, das sie eben sang,
-dies Volkslied, das in seiner schlichten Wehmuth so ergreifend
-wirkt:</p>
-
-<table class="fss" summary="" border="0" cellpadding="0">
- <tr><td class="tdl">»Es ist bestimmt in Gottes Rath,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Daß man vom Liebsten, das man hat &ndash; muß scheiden&nbsp;&ndash;«</td></tr>
-</table>
-
-<p class="in0">klang es wieder in schrillem, von der Uebermüdung schon heiserem
-Tone von den Lippen der jungen Bänkelsängerin; ihre Finger
-griffen mechanisch die Accorde in der alten Harfe und die großen
-<a class="pagenum" id="page_143" title="143"> </a>
-gelben Bänder und Blumen auf dem lächerlichen Hute nickten
-und flatterten im Winde.</p>
-
-<p>Julian's Unmuth war gänzlich verflogen, Mitleid stahl sich
-in sein Herz. Er holte noch eine zweite kleine Geldmünze aus
-seinem Täschchen, wickelte sie in Papier und warf sie der fahrenden
-Sängerin vor die Füße. Diese hatte eben das Lied beendet, sie
-hob die Münze vom Boden auf, und als sie den Kopf neigend
-nach dem Fenster hinauf dankte, in dem Julian lehnte, sah er
-in ein blasses Gesichtchen, aus dem ihm dunkle, traurige Augen
-entgegenblickten. Er nickte ihr freundlich zu und schaute ihr nach,
-als sie, die schwere Harfe auf den Rücken ladend, deren Bürde
-ihr schwächlicher Körper schier nicht tragen zu können schien,
-langsam dem Hofthor zuschritt. Dann machte er sich an seine
-unterbrochene Arbeit und in einer Viertelstunde hatte er die
-Musikantin in der blauen Sammtjacke und mit den gelben
-Blumen auf dem Hute völlig vergessen. Doch wie unbewußt
-pfiff er leise die Melodie des Liedchens vor sich hin: »Es ist
-bestimmt in Gottes Rath&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Wie allabendlich schlenderte er auch heute nach Schluß
-seiner Amtsstunden, »der Straßen quetschenden Enge« entfliehend,
-aus der Stadt ins Freie. Er nahm seinen Weg in die Auwaldungen,
-die sich den launischen Windungen des weiter unten
-die Stadt durchschneidenden Flusses folgend, zwischen dessen Ufer
-und einer nach einem fürstlichen Lustschlosse führenden Lindenallee
-hinziehen.</p>
-
-<p>Die schon tiefstehende herbstliche Abendsonne stahl sich durch
-die theils schon entlaubten, theils in die glühendsten Bronze-
-und Purpurfarben getauchten Baumkronen der Buchen und Erlen
-<a class="pagenum" id="page_144" title="144"> </a>
-und durch das niedrige Buschwerk der Weiden, zitternde Streiflichter
-über den fahlen Rasenboden und die herabgefallenen gelben
-Blätter hinstreuend. Plötzlich aber erloschen die Lichter und
-Farben, der Himmel, die Bäume, der Wasserspiegel des Flusses
-erkalteten &ndash; die Sonne war gesunken. Und mit einemmale kroch
-ein bleifarbener Nebel aus dem Strombette empor, Au und
-Wald mit seinem unabsehbaren Mantel umspannend.</p>
-
-<p>Julian trat den Rückweg an. Wenn die Nacht hereinbrach
-bei solch dichtem Nebel, konnte er den schmalen Fußweg durch
-den Wald allzu leicht verfehlen. So eilte er beschleunigten
-Schrittes heimwärts, das Tempo erst mäßigend, als ihm der
-aus der Ferne auftauchende Laternenschimmer der Stadt, trotz
-der rasch hereingebrochenen Dunkelheit, über die einzuschlagende
-Richtung Sicherheit gab.</p>
-
-<p>Plötzlich blieb er stehen. Ihm war, als hätte er leises
-Weinen eines Kindes vernommen. Scharf aufhorchend, spähte
-er in das graue, wogende Nebelmeer, aus dem die näher
-stehenden Bäume wie Gespenster mit ausgestreckten Armen
-emporragten.</p>
-
-<p>Einige Augenblicke blieb alles still, dann hörte er sie
-wieder, die klagende Kinderstimme.</p>
-
-<p>»Holla! Was giebt es? Wer ist da?« rief er nun mit
-voller Kraft in den dunklen schweigenden Wald hinein.</p>
-
-<p>Er hatte sich nicht getäuscht. Ein ängstlicher Ruf aus
-kindlicher Kehle antwortete ihm, und der Richtung desselben
-nachgehend, stand er in wenigen Minuten an der Seite eines
-neben einem Bündel Reisig an dem Boden kauernden und
-bitterlich weinenden, etwa zehnjährigen Knaben.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_145" title="145"> </a>
-Jetzt freilich versiegten seine Thränen rasch und, das Bündel
-dürrer Baumzweige auf den Schultern, neben Julian einhertrabend
-erzählte er diesem, wie er, um Holz zu suchen, in die »Au« geschickt
-worden, von der Nacht und dem plötzlich einfallenden Nebel
-überrascht, aber den Heimweg nicht mehr habe finden können.</p>
-
-<p>Nach rascher Wanderung hatten sie den nach der Stadt
-zu gelegenen Ausgang des Waldes bald erreicht. Noch hatten
-sie einen am Damm des Flusses sich hinziehenden schmalen
-Wiesengrund zu überschreiten, um in bewohntes Gebiet zu
-gelangen. Schon tauchten die ersten Häuser mit ihren erleuchteten
-Fenstern freundlich winkend aus dem Nebel auf, als
-der Knabe stehen blieb und, das Holzbündel von der Schulter
-werfend, seinem Führer für die ihm geleistete Hilfe dankte.</p>
-
-<p>»Ich bin gleich zu Hause,« sagte er. »Hier wohnen wir.«</p>
-
-<p>Julian blickte um sich. Kein Haus, keine Hütte war zu sehen.</p>
-
-<p>»Da!« sagte der Kleine und streckte die Hand aus. Und
-jetzt bemerkte Julian einen dicht an dem einen großen Platz
-umschließenden Lattenzaun stehenden, unförmlichen Gegenstand,
-in welchem er bei näherer Besichtigung einen jener sonderbaren
-Wagen erkannte, wie ihn wandernde Zigeuner oder Seiltänzer
-minderer Sorte und derartiges fahrendes Volk als ihre bewegliche
-Wohnung mit sich zu führen pflegen: einen auf Rädern
-stehenden großen grünen Kasten mit zwei winzigen, Schiffsluken
-ähnlichen Fensterchen, hinter welchen ein Lichtlein brannte.</p>
-
-<p>»O&nbsp;&ndash;!« entschlüpfte es Julian's Lippen, während er
-einen Seufzer unterdrückte.</p>
-
-<p>In demselben Augenblicke aber stürzte von der Rückseite
-des Wagens eine weibliche Gestalt auf den Knaben zu. »Endlich,
-<a class="pagenum" id="page_146" title="146"> </a>
-endlich!« rief sie. »Wir glaubten schon, es sei Dir ein Unglück
-geschehen.« Und sie umarmte und küßte ihn.</p>
-
-<p>Ihre blonden Zöpfe hingen frei in den Nacken. Der groteske
-Hut mit den großen, gelben Blumen saß ihr jetzt nicht auf
-dem Kopfe, ihr Gesicht zu verunstalten. Aber das blaue Sammtjäckchen
-mit den weißen Borten ließ Julian sogleich die Straßensängerin
-vom Morgen in ihr erkennen, deren musikalische Vorträge
-ihn fast zur Verzweiflung gebracht.</p>
-
-<p>Jetzt lief sie zu dem Wagen zurück. »Er ist da, Mutter!«
-schrie sie in das offene Fensterchen hinein. »Er ist zurück, es ist
-ihm nichts geschehen!« Des fremden Begleiters ihres Bruders
-wurde sie in der Hast und Freude des Wiedersehens gar nicht
-gewahr. Und Julian machte sich nicht bemerkbar. Er drückte
-ein paar kleine Münzen in die Hand des Knaben und verschwand
-im Nebel.</p>
-
-<p>Am anderen Abend aber saß Julian auf seinem über
-dem kühlen Grasboden gebreiteten Ueberzieher vor dem grünen
-Karren der Spielleute und ließ sich erzählen von ihrem Leben
-und Schicksal. Es war ein trauriges Lied, aber kein selten gehörtes.
-Der Vater &ndash; der Ernährer &ndash; todt, die Mutter erkrankt
-vor Noth und Mühsal, die Familie dem Elend preisgegeben,
-hätte Elvira &ndash; dies war der Name der kleinen
-Harfenistin, und Roland hieß ihr Bruder &ndash; sich nicht entschlossen,
-das von ihrem Vater &ndash; der Dirigent einer von einem
-Circus engagirten Musikkapelle war &ndash; ererbte und so gut es
-ging, entwickelte Talent zum Broterwerb für sich und die Ihrigen
-zu verwerthen. So zogen sie von Stadt zu Stadt, von Land
-zu Land. Bei Tage sang und spielte Elvira vor den Fenstern
-<a class="pagenum" id="page_147" title="147"> </a>
-der Häuser, Abends in Kneipen und Kaffeeschänken. Schon nahte
-die Stunde, da sie sich wieder auf den Weg machen mußte
-nach dem Wirthshause, für welches sie heute bestellt war. Meist
-begleitete sie ihr Brüderchen auf diesen Gängen. Die Mutter
-wollte es so, da sie zu krank war, sie selbst zu begleiten. Lieber
-blieb sie die langen, öden Stunden des späten Abends allein
-in ihren engen vier Holzwänden, als daß sie das Mädchen
-allein hätte ziehen lassen. Auch half Roland ja selbst zum Erwerb,
-denn schon führte er den Bogen, und manche Hand, die
-sich dem Mädchen verschloß, öffnete sich mildthätig für das blasse
-Kind, das auf seiner auch vom Vater ererbten Geige mit dem
-Ernste eines großen Künstlers Tänze und Märsche herabfiedelte.</p>
-
-<p>Acht Tage noch wollte die Musikantenfamilie in der Stadt
-verweilen. Dann war die Zeit zu Ende, für welche sie von der
-Behörde Aufenthaltsbewilligung erhalten hatte. Jeden Abend
-kam Julian, um ein Stündchen in ihrer Mitte zu verweilen
-und irgend eine kleine Gabe, wie sie seine bescheidenen Verhältnisse
-ihm eben gestatteten, mitzubringen, etwas Geld oder
-Eßwaaren, die er gekauft oder von seinem Mittagsmahle erübrigt
-hatte, oder ein altes, noch brauchbares Kleidungsstück,
-dessen er glaubte, sich entledigen zu können oder das seine Hausfrau
-ihm für seine Schützlinge geschenkt. Immer wurde er mit
-Jubel empfangen, nicht nur wegen seiner kleinen Unterstützungen,
-sondern mehr noch um der freundlichen Theilnahme willen, die
-sie bei ihm fanden.</p>
-
-<p>Eines Abends jedoch &ndash; es war der letzte ihres Aufenthaltes
-&ndash; kam Roland nicht, wie er es sonst immer gethan,
-ihm freudig entgegengelaufen. Weder der Knabe noch seine
-<a class="pagenum" id="page_148" title="148"> </a>
-Schwester ließen sich auf dem Platze vor dem Wagen blicken.
-Näher schreitend war Julian schon im Begriffe, seine Anwesenheit
-durch Rufen kundzugeben, als er, etwa zehn Schritte von
-sich entfernt, in einem Winkel des Lattenzaunes, zwei dunkle,
-eng aneinander geschmiegte Gestalten bemerkte. Es war Elvira.
-Ihr zur Seite stand ein Julian unbekannter Mann, seine Arme
-um ihren Hals geschlungen, während ihr Kopf auf seiner
-Schulter lehnte.</p>
-
-<p>Julian fühlte sein Herz sich zusammen schnüren. Die alte
-Geschichte &ndash; wie hätte es denn auch anders sein können unter
-solchen Verhältnissen! Und doch, ach &ndash; wie leid that es ihm
-um das junge Mädchen.</p>
-
-<p>Er überlegte. Sollte er sich unbemerkt von dannen schleichen
-&ndash; oder die Mutter aufsuchen, die sicherlich im Wagen saß? &ndash;
-Wenn er jetzt gleich wieder fort ging, wie sollte er den Leuten
-die Flasche Wein und den kalten Braten zukommen lassen, die er
-ihnen zur Wegzehrung auf ihrer morgigen Wanderschaft mitgebracht.</p>
-
-<p>Da lösten sich die beiden Gestalten aus ihrer Umarmung,
-der Mann eilte raschen Schrittes der Stadt zu, Elvira aber,
-die Arme auf einen Pfosten des Zaunes, den Kopf in die Hände
-gestützt, brach in bitterliches Schluchzen aus.</p>
-
-<p>In zwei Sätzen stand Julian neben ihr.</p>
-
-<p>»Was ist geschehen? Warum weinen Sie?« drang er in
-das Mädchen, ihr den Kopf streichelnd, wie man einem weinenden
-Kinde thut.</p>
-
-<p>Sie antwortete nicht sogleich, die Thränen erstickten ihre
-Stimme. Endlich aber faßte sie sich. Und nun erfuhr Julian,
-um was es sich handelte.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_149" title="149"> </a>
-Der junge Mann, der eben von ihr gegangen, liebte sie. In
-einem kleinen Gasthause, wo sie zuweilen sang und er sein Abendbrot
-zu nehmen pflegte, hatte sie ihn kennen gelernt. Heute nun, da
-er wußte, daß sie am nächsten Tage fortwandern sollten, war er gekommen,
-ihr zu sagen, daß es ihm Ernst sei, daß er sie heiraten und
-mit der Mutter gleich alles Nöthige besprechen und festsetzen wolle.</p>
-
-<p>»Nun&nbsp;&ndash;?« fragte Julian, als das Mädchen stockte.</p>
-
-<p>»Ich werde ihn wohl nie im Leben wiedersehen,« fuhr sie
-mit zitternder Stimme leise fort. »Ich hab' ihn abgewiesen und
-ihm Lebewohl gesagt.«</p>
-
-<p>»Sie lieben ihn also nicht?«</p>
-
-<p>Da schluchzte sie laut auf.</p>
-
-<p>»O &ndash; wie ich ihn liebe!« Und dann, nach kurzem, stillem
-Hinweinen: »Sehen Sie, ich kann ihn nicht heiraten, ich darf
-nicht, weder ihn noch einen Anderen. Wenn ich seine Frau
-würde, müßte ich meinen Erwerb aufgeben. Er würde es nicht
-dulden, daß ich als Harfenistin durch Straßen und Schenken
-ziehe. Er ist Buchbindergeselle und erwirbt genug für uns Beide.
-Wovon sollten aber die Mutter und Roland leben, wenn ich
-aufhörte, zu singen? Er hat nicht genug, um auch sie zu ernähren,
-und selbst, wenn er es könnte, so möchte ich doch nicht,
-daß sie das bittere Brot der Gnade äßen.«</p>
-
-<p>Sie schwieg. Und Julian fand kein tröstendes Wort. Es
-war ihm weh zu Muthe.</p>
-
-<p>Da wurden nahende Schritte hörbar. Es war Roland,
-der in der Stadt einige kleine Einkäufe besorgt hatte.</p>
-
-<p>Elvira raffte sich auf. »Kommen Sie, gehen wir zu den
-Anderen!« flüsterte sie. Und dann, ganz leise: »Sagen Sie der
-<a class="pagenum" id="page_150" title="150"> </a>
-Mutter nicht, daß ich geweint habe. Sie weiß, daß ich ihn
-abgewiesen habe, aber sie soll es nicht erfahren, daß ich ihn
-lieb habe. Es würde sie zu traurig machen.«</p>
-
-<p>Am anderen Tage auf dem Heimwege von seinem abendlichen
-Spaziergange lenkte Julian wieder, ohne selbst recht zu
-wissen, warum, seine Schritte nach dem Wiesenplatze vor dem
-Auwald. Leer, öde und still lag er heute da. Das kurze Gras
-um die Stelle, wo der Wagen gestanden, war zertreten und
-zerstampft, und daneben, wo sie den kleinen eisernen Herd hingestellt
-hatten, auf dem Elvira die Suppe und Kartoffeln für
-das Abendessen kochte, lagen Stückchen halbverkohlten Holzes
-auf der Erde.</p>
-
-<p>Wo sie wohl jetzt weilen mochten? &ndash; Was die Zukunft
-ihnen bringen würde? &ndash; Immer nur Mühe, Entbehrung,
-Lasten und Sorge? &ndash; Oder auch Glück und Freude? &ndash; dachte
-Julian. Und während er am Ufer des leise rauschenden Flusses
-langsam weiter schritt, auf dessen sanft dahingleitenden Wellen
-die Gasflammen und elektrischen Bogenlichter der Straßen- und
-Brückenlaternen sich spiegelnd aufblitzten wie herabgefallene, auf
-dem Wasser schwimmende Sterne, klang ihm wieder das Lied
-im Ohre:</p>
-
-<table class="fss" summary="" border="0" cellpadding="0">
- <tr><td class="tdl">»Es ist bestimmt in Gottes Rath,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Daß man vom Liebsten, das man hat &ndash; muß scheiden&nbsp;&ndash;«</td></tr>
-</table>
-
-<p>Arme Elvira! Als sie es vor seinem Fenster gesungen,
-ahnte sie wohl nicht, wie bald es sich an ihr erfüllen sollte!</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_151" title="151"> </a>
-Sein Bild.</h2>
-
-
-<p>Es giebt bekanntlich Menschen, die sich nie, selbst in den
-glücklichsten Lebenstagen nicht glücklich fühlen, und Andere dagegen,
-die sehr wenig bedürfen, um froh und zufrieden zu sein.
-Die Ersteren &ndash; sie sind leider in der Mehrzahl &ndash; haben die
-unglückliche Gewohnheit, ihre eigenen Verhältnisse immer mit
-solchen der besser situirten Leute zu vergleichen und an diesen
-abzumessen, wobei sie selbstverständlich zu dem Resultate kommen,
-ihre Lage als eine bedauernswerthe zu betrachten. Statt ihr
-Augenmerk darauf zu richten, was das Geschick ihnen Gutes
-beschert hat, ziehen sie nur in Erwägung, was es ihnen versagt.
-Wohnen sie in einer kleinen Stadt, so beklagen sie es, die
-Vortheile eines Aufenthaltes in einer Großstadt entbehren zu
-müssen, werden sie nach einer solchen versetzt, so bemitleiden sie
-sich dafür, nicht den Sommer auf dem Lande zubringen zu
-können; wird auch dies ihnen ermöglicht, so ist es sicherlich nicht
-der ihren Wünschen entsprechende Punkt, wohin die Umstände
-sie geführt haben.</p>
-
-<p>Martin Jost gehörte nicht zu dieser Kategorie von Menschen.
-Er gehörte zu der kleinen Zahl jener Anderen, die sich mit dem
-bescheidensten Lose &ndash; so es nur erträglich &ndash; zufrieden geben;
-die sich des flüchtigsten Lichtblickes in ihrem Dasein freuen und
-selbst dann, wenn ihr Schicksalshimmel, mit trüben Wolken verhängt,
-düster auf sie herniederblickt, unbewußt die tiefe Lebensweisheit
-<a class="pagenum" id="page_152" title="152"> </a>
-üben, daß sie geduldig auf eine Besserung warten. Seit
-fünfzehn Jahren bei einem Rechtsanwalte als Schreiber bedienstet,
-bezog Martin einen Monatssold, der gerade ausreichte, daß er
-nicht hungern und nicht frieren mußte und nicht in schmutzigen
-oder zerrissenen Kleidern einherzugehen brauchte. Er bewohnte
-eine kleine, schlicht möblirte Stube bei einer ältlichen Beamtenswitwe,
-bereitete sich eigenhändig seinen Morgenkaffee, aß seit
-vielen Jahren in demselben bescheidenen Gasthause, in demselben
-Zimmer, an demselben Tische zu Mittag und trug unverändert
-denselben grauen Rock und denselben schwarzen Filzhut. Allerdings
-wurden Hut und Rock, wenn sie sich als vom Zahne der
-Zeit allzu scharf mitgenommen erwiesen, durch neue ersetzt. Da
-der Nachkömmling jedoch immer genau so aussah wie sein Vorgänger,
-so machte es den Eindruck, als ob Martin mit seinen
-Kleidern verwachsen wäre. Nur wenn er &ndash; dies war der einzige
-Luxus, den er sich gönnte &ndash; das Theater besuchte, vertauschte
-er den grauen mit einem schwarzen Rocke, mit demselben
-schwarzen Rocke, den er vor fünfzehn Jahren gelegentlich der
-behufs Erlangung seiner Dienststelle bei dem Advocaten unternommenen
-Präsentationsvisite getragen hatte.</p>
-
-<p>Es war ihm nicht an der Wiege gesungen worden, daß
-er es nicht weiter bringen sollte als bis zum Schreiber. Ein
-munterer, aufgeweckter Knabe, hatten seine Lehrer ihn als einen
-fleißigen und begabten Schüler sehr lieb gehabt. Doch als sein
-Vater plötzlich starb, Frau und Sohn in den dürftigsten Verhältnissen
-zurücklassend, da unterbrach der Jüngling seine zu den
-schönsten Hoffnungen berechtigenden Studien und trat, da sich
-eine bessere Stelle ihm nicht bot, als Diätist in den Dienst des
-Rechtsanwaltes, sich und die Mutter von seinem kleinen Gehalte
-ernährend. Jetzt war auch die Mutter seit Jahren todt,
-und da er nun für niemand mehr als für sich selbst zu sorgen
-<a class="pagenum" id="page_153" title="153"> </a>
-brauchte, brachte er es, so gering seine Bezahlung auch war,
-doch fertig, nicht nur ein kleines Sümmchen für unvorhergesehene
-Fälle von Krankheit oder Noth jährlich zurückzulegen, sondern
-auch sich das Vergnügen eines zeitweiligen Theaterbesuches, des
-einzigen und ausschließlichen Vergnügens, das er kannte, zu gestatten.
-Niemand ahnte es, welche Begeisterung in dem Inneren
-dieses stillen, unscheinbaren Männchens loderte, welches mächtige
-Echo das Wort des Dichters in dem Herzen dieses scheinbar
-trockenen Actenabschreibers fand. Ein Copist! Wie sollte die
-Seele eines Menschen, der seit einer Reihe von Jahren von
-acht Uhr Morgens bis Mittags, von zwei Uhr Nachmittags bis
-sechs Uhr Abends nichts anderes that, als seine Feder in trostloser
-Einförmigkeit über das Papier hingleiten zu lassen, anderer
-Empfindungen und Gedanken als solcher der nüchternsten Alltäglichkeit
-fähig sein! Ja, besaß solch eine Schreibmaschine überhaupt
-etwas wie eine Seele?</p>
-
-<p>Und doch! Ein Wesen gab es, das in den sinnend vor
-sich hinblickenden grauen Augen des von niemanden beachteten,
-schüchternen und schweigsamen Mannes zu lesen verstand, ein
-Wesen, welches wußte, welch eine reiche Welt zarter und reiner
-Gefühle, freier und edler Ideen hinter dem durch den Schein
-alltäglicher Unbedeutendheit täuschenden Aeußeren verborgen lag.
-Dieses eine Wesen war die Blumenmacherin Elise H., die er
-erst vor wenigen Jahren kennen gelernt hatte, mit der ihn aber
-jetzt herzliche Freundschaft verband.</p>
-
-<p>Im Theater war es gewesen. Sie hatte neben ihm gesessen;
-durch sein bescheidenes freundliches Anerbieten, sein Opernglas
-zu benützen, war ein Gespräch herbeigeführt worden und
-im Laufe desselben hatte er die ihm wundersam scheinende Entdeckung
-gemacht, daß seine Sitznachbarin von demselben Enthusiasmus
-über die sie entzückende Bühnendichtung erfüllt war,
-<a class="pagenum" id="page_154" title="154"> </a>
-wie er selbst. Da sie allein war und da sie den Weg nach Hause
-allein hätte zurücklegen müssen, bot er ihr, seine Schüchternheit
-überwindend, seine Begleitung an, welche angenommen wurde.
-Und nicht nur das &ndash; sie gestattete ihm auch, sie zu besuchen.
-Immer reger wurde der Verkehr zwischen ihnen, immer mehr
-Freude und Erquickung fanden die beiden Einsamen in den
-trauten Stunden ihres Zusammenseins und bald wurde es ihnen
-zur Gewohnheit, an bestimmten Tagen der Woche die Abende
-in Elisens traulichem Stübchen zu verbringen.</p>
-
-<p>Sie verkehrten wie Geschwister miteinander. Nachdem der
-Thee getrunken war, griff Elise wieder zu ihrer Arbeit, Martin
-aber nach einem Buche, aus dem er ihr vorlas und über welches
-sie dann ihre Gedanken austauschten. Sie empfanden es Beide
-als ein großes Glück, einander begegnet, Einer in dem Anderen
-eine Menschenseele gefunden zu haben, die sie von der trostlosen
-Vereinsamung, die jeden bedrückte, erlöste und ihnen Gelegenheit
-bot, alles, was in ihnen lebte und webte, ihre durch das stete
-Schweigen gleichsam verschleiert gebliebenen Empfindungen, die
-Ideen, welche theilweise noch unreif und verworren, nach Klärung
-rangen, auszusprechen und sie durch das Urtheil des Anderen
-frische Nahrung, Erweiterung und Berichtigung finden zu lassen.</p>
-
-<p>Denn wie Martin war auch Elise solcher Eltern Kind,
-die für sie ein besseres Los als das einer Handarbeiterin im
-Auge gehabt und ihr eine gute Erziehung hatten angedeihen
-lassen. Sie hatte viel gelesen und manches gelernt; doch wies
-der ihr zutheil gewordene Unterricht zu viele Mängel und Lücken
-auf, um sie durch Verwerthung desselben zur Gewinnung der
-Mittel ihres Lebensunterhaltes zu befähigen. Und so kam es,
-daß, als das Unglück über sie hereinbrach, in rascher Folge ihre
-beiden Eltern zu verlieren und, ohne Vermögen, auf eigenen
-Broterwerb angewiesen zu sein, ihr bis dahin nur zu ihrem
-<a class="pagenum" id="page_155" title="155"> </a>
-Vergnügen gepflegtes Talent der Erzeugung zierlicher Kunstblumen
-zur Quelle der Erwerbung der Subsistenzmittel wurde
-für sie selbst und für ihren von schwerem Siechthum befallenen
-kleinen Bruder.</p>
-
-<p>Doch während sie so saß und Stunde um Stunde die
-weißen Battistblättchen zu Blumen- und Blüthengebilden zusammenfügte,
-um dann die zarte Form mit Farbe zu überkleiden,
-da flatterten ihre Gedanken weit hinaus aus dem engen Raum,
-und die reichen, vielgestaltigen Bilder, die ihre Phantasie erbaute,
-belebten die gleichförmige Einsamkeit ihres wirklichen
-Lebens. Jetzt war dies anders geworden; in Martin hatte Elise
-einen Genossen gefunden, der allem von ihr Gedachten und
-Empfundenen williges Gehör und Verständniß entgegenbrachte.</p>
-
-<p>Auf diese Weise waren einige Jahre verflossen, als die
-Verschlimmerung des Zustandes des kleinen Patienten und
-schließlich sein Tod im Verkehre der beiden Freunde eine schmerzliche
-Unterbrechung herbeiführte. Und als Martin &ndash; nachdem
-Elise den von seinen Leiden erlösten Knaben zur Ruhe bestattet
-hatte, ihr nun noch vereinsamteres Leben wieder in alter Weise
-aufnahm &ndash; auch zur Gewohnheit seiner regelmäßigen Besuche
-zurückkehren wollte, da sah er sich plötzlich vor die Alternative
-gestellt, entweder auf seinen ihm so lieb gewordenen Verkehr
-mit der Freundin zu verzichten oder ihren guten Ruf zu gefährden.
-Denn jetzt fingen Elisens Nachbarsleute an, die Köpfe
-zusammenzustecken, zu zischeln und zu flüstern und Martin's
-häufige Besuche bei Elise, die nun nicht einmal mehr den Bruder
-an der Seite hatte, dessen stete Anwesenheit die Sache anständiger
-hatte erscheinen lassen, als einen die Moral verletzenden
-Scandal zu bezeichnen.</p>
-
-<p>Martin fühlte sich tief unglücklich und wußte keinen Ausweg.
-Die Freundin dem Gerede verleumderischer Lästerungen
-<a class="pagenum" id="page_156" title="156"> </a>
-preisgeben wollte er nicht, auf sie Verzicht zu leisten, dies
-glaubte er aber nicht über sich bringen zu können, denn &ndash; jetzt
-erst ward er sich darüber klar &ndash; nicht freundschaftliche Gefühle
-allein waren es, die ihn an sie fesselten. Nein, die Freundschaft
-hatte sich in seinem Herzen in Liebe umgewandelt. Aber so
-sorgsam hatte er das Geheimniß gehütet, daß er bis zu diesem
-Augenblicke selbst nicht wußte, was in seinem Inneren lebte.</p>
-
-<p>Ein Anderer würde an seiner Stelle nicht gezögert haben,
-Elisen seine Liebe zu gestehen und sie zu fragen, ob sie seine
-Frau werden wolle. Er aber fand hierzu den Muth nicht. Seine
-Schüchternheit und die aus diesem Gefühle geborene Ueberzeugung
-der Unmöglichkeit, daß er im Stande sein sollte, die Neigung eines
-weiblichen Wesens, am allerwenigsten aber die Elisens, die er
-in seinem Urtheile unerreichbar hoch über sich stellte, zu erwerben,
-banden ihm die Zunge. Und so kam es, daß er, statt
-einen entscheidenden Schritt zu thun, mit eigenen Händen den
-Weg verrammelte, der ihn an das gewünschte Ziel hätte bringen
-können; er ließ seine Besuche bei Elisen immer seltener werden
-und blieb, allerlei Vorwände suchend, schließlich ganz aus.</p>
-
-<p>Indem er glaubte, daß Elise nichts ahnte von dem, was
-in ihm vorging und was die Ursache war seines plötzlichen
-Abbrechens ihres Verkehres, hatte er sich jedoch sehr getäuscht.
-Nicht nur war der Klatschbasen mißbilligendes und verleumderisches
-Geflüster über ihre vertraulichen Beziehungen zu Martin
-auch ihr, ebenso wie ihm, ja noch früher zu Ohren gekommen,
-sie hatte auch das in seinem Herzen glühende Feuer gar lange
-schon wahrgenommen. Ja, sie hatte es bereits erkannt, daß sie
-von ihm geliebt sei, bevor er sich selbst dessen bewußt geworden.</p>
-
-<p>Einige Wochen waren vorübergegangen, ohne daß Martin
-die Schwelle des trauten Zimmers mit dem mit geblumten
-Kattun überzogenen Sopha, in dessen Ecke er so oft gelehnt,
-<a class="pagenum" id="page_157" title="157"> </a>
-mit dem Lederfauteuil, auf welchem er Elise so oft sitzen gesehen,
-das blasse, nicht schöne und doch so anziehende Gesicht mit den
-freundlich und klar blickenden Blauaugen nach vorne über den
-großen Arbeitstisch geneigt, ohne daß er die Schwelle dieses
-Zimmers, nach dem es ihn so mächtig zurückzog, überschritten
-hatte. Anfänglich war es ihm schwer, ach, furchtbar schwer gefallen,
-seinen Entschluß durchzuführen. Oft hatte er das Haus,
-das ihn unwiderstehlich lockte, umschritten, war an dessen Thor
-stehen geblieben, hatte bebenden Herzens nach den zwei Fenstern
-hinaufgeblickt, durch deren zugezogene Vorhänge der gedämpfte
-Lichtschein der Lampe fiel. Aber betreten hatte er das Haus
-nicht. Denn er wußte, daß wenn er erst im Flur stünde, er der
-Versuchung, seinen Vorsatz zu brechen, nicht widerstehen würde. Er
-glaubte, daß es seine Pflicht sei, diesen Vorsatz auszuführen. Und
-das Bewußtsein erfüllter Pflicht war ihm mehr werth als
-sein Glück.</p>
-
-<p>Da erhielt er eines Tages ein Briefchen von Elise, worin
-sie ihn bat, sie Abends zu altgewohnter Stunde zu besuchen;
-sie habe ihm eine Mittheilung zu machen, seinen Freundesrath
-in wichtiger Angelegenheit zu erbitten.</p>
-
-<p>Er kam. Und als er das liebe Gesichtchen wieder sah, noch
-blasser als sonst &ndash; oder ließen nur das Trauerkleid und die
-schwarze Halskrause es so blaß aussehen? &ndash; und um die Augenbrauen
-ein seltsam nervöses Zucken, als wohnte hinter dieser
-Stirn ein neuer Kummer, ein Kummer, dessen Ursache vielleicht
-er war, da ward ihm zu Muthe, als müßte er vor sie hintreten,
-ihre Hand fassen und ihr alles sagen, wie es ihm ums
-Herz sei.</p>
-
-<p>Doch er bezwang sich und schwieg.</p>
-
-<p>»Sie wollen mir etwas mittheilen, meinen Rath hören,«
-sagte er mit erzwungener Ruhe.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_158" title="158"> </a>
-»Ja, freilich! Doch davon später, nach dem Thee,« antwortete
-sie. »Denn heute will ich zu Ehren Ihres Besuches mir
-Feierabend gönnen.«</p>
-
-<p>Und nun ging sie daran, den Tisch zu decken. Für kalten
-Aufschnitt, Sardellenbutter, geröstete Brotschnitten, auch Backwerk
-daneben, hatte sie bereits gesorgt, und nun ordnete sie
-alles in ihrer stillen, geräuschlosen Art. Dabei knisterte und
-flackerte das Feuer im Ofen, denn es war Winter, und das
-Wasser im Theekessel summte ein trauliches Liedchen.</p>
-
-<p>Martin wurde es immer wohler und zugleich immer weher
-in seiner Seele. Und er glaubte vergehen zu müssen bei dem
-Gedanken, wie glücklich er werden könnte, wenn &ndash; ja wenn&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Dann fing sie zu plaudern an von allen möglichen Dingen
-&ndash; ganz wie früher, als sie noch gewohnt waren, einander alle
-kleinen Begebenheiten, alle Freuden und Leiden ihres einfachen
-Lebens mitzutheilen. Auch von dem todten Brüderchen sprach sie, und
-wie sie jetzt, seitdem es ihr genommen, sich noch viel einsamer fühle
-als früher, so lange sie für ihn zu sorgen und zu schaffen hatte.</p>
-
-<p>Und dann &ndash; ganz plötzlich &ndash; rückte sie mit dem heraus,
-was sie eigentlich vorhatte, ihm mitzutheilen. Sie hege die Absicht,
-sich zu verheiraten, sagte sie ihm. Der Mann ihrer Wahl
-sei ein guter, braver Mensch, arm wie sie selbst. Aber sie Beide
-stellen ja keine großen Ansprüche an das Leben und sie seien
-gewohnt, zu arbeiten. Und &ndash; was die Hauptsache &ndash; sie liebe
-ihn. Da sie aber zu einem so wichtigen Schritt sich nicht entschließen
-wolle, ohne seinen Rath zu hören, so bäte sie ihn um
-sein Urtheil. Er werde gleich Gelegenheit haben, den Erwählten
-kennen zu lernen, denn sie habe diesen gebeten, heute Abend
-auch zu ihr zu kommen. Martin schnellte von seinem Sitze empor.
-Kreidebleich stand er vor ihr. Sein Herz hämmerte in so wuchtigen
-Schlägen, daß er kaum zu sprechen vermochte.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_159" title="159"> </a>
-»Wie?« stammelte er. »Er kommt hierher? Jetzt, hier
-soll ich ihm begegnen? Nein, Elise, das fordern Sie nicht von
-mir! Das nicht! Lassen Sie mich gehen, bevor er kommt.«</p>
-
-<p>»Sie wollen mir Ihren Freundesrath vorenthalten?« fragte
-Elise. »Mir ist an Ihrem Urtheile viel gelegen.«</p>
-
-<p>»Ach, welchen Nutzen haben Sie davon? Nein, ich will
-nicht hier bleiben, ich will nicht!« rief Martin fast verzweifelt
-und rannte im Zimmer umher, um Hut und Ueberrock zu suchen,
-die er nicht fand, obgleich beides vor seinen Augen an einem
-Haken an der Thür hing. Elise aber blieb unerbittlich.</p>
-
-<p>»Warum wollen Sie ihm nicht begegnen?« fragte sie.
-»Sagen Sie mir, warum Sie es nicht wollen.«</p>
-
-<p>Da trat Martin dicht an sie heran, und indem er die
-Hände wie bittend ineinander legte, sagte er: »Warum? &ndash;
-Weil &ndash; weil &ndash; Ach, Elise, Sie quälen mich nutzlos. Sie
-ahnen nicht&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Er vollendete den Satz nicht und wandte sich ab. Hut und
-Rock vom Nagel reißend, wollte er aus dem Zimmer stürzen.</p>
-
-<p>Elise hielt ihn zurück.</p>
-
-<p>»Wenn Sie meine Bitte durchaus nicht erfüllen wollen,
-wohlan, gehen Sie, ich halte Sie nicht auf. Doch sein Bild
-sehen Sie sich an. Hier ist es, so sieht er aus. Und nun sagen
-Sie mir, ob er Ihnen gefällt, ob Sie glauben, daß meine
-Wahl eine gute, ob ich sie nicht zu bereuen haben werde.«</p>
-
-<p>Und sie hielt dem Widerstrebenden eine Photographie vor
-die Augen. Es war seine eigene&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Martin stieß einen leisen Schrei aus und im nächsten
-Augenblicke lag Elise in seinen Armen. Er glaubte nicht, daß
-ihre Wahl keine gute sei &ndash; und sie hatte sie nie zu bereuen.</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_161" title="161"> </a>
-<b>Collection Hartleben.</b></h2>
-
-<p class="ce fsl">Eine Auswahl<br/>
-der hervorragendsten Romane aller Nationen.</p>
-
-<p class="ce">Preis des Bandes eleg. geb. 40&nbsp;Kr. = 75&nbsp;Pf. = 1&nbsp;Fr.<br />
-Pränumeration für ein Jahr (26&nbsp;Bände) 10&nbsp;fl. = 19&nbsp;M. = 25&nbsp;Fr.</p>
-
-<table class="fss" summary="" border="0" cellpadding="0">
- <tr>
- <td>&nbsp;</td>
- <td class="tdlad"><b>Inhalt des ersten Jahrganges.</b></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">I.-IV.</td>
- <td class="tdlad">Carlén, Emilie. Der Vormund.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">V.-VI.</td>
- <td class="tdlad">Dumas, Alexander. So sei es.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">VII.-VIII.</td>
- <td class="tdlad">Sue, Eugen. Miß Mary.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">IX.</td>
- <td class="tdlad">Jokai, Mor. Hallil Patrona. (Die weiße Rose.)</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">X.</td>
- <td class="tdlad">Sand, Georg. Die kleine Fadette. (Die Grille.)</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">XI.-XII.</td>
- <td class="tdlad">Mügge, Theod. Verloren und gefunden.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">XIII.-XIV.</td>
- <td class="tdlad">Thackeray, William. Die Geschichte Heinrich Esmond's.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">XV.</td>
- <td class="tdlad">Turgénjew, Iwan. Frühlingsfluthen.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">XVI.</td>
- <td class="tdlad">Maquet, Aug. Liebe und Verrath.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">XVII.-XIX.</td>
- <td class="tdlad">Dumas, Alex. Sohn. Roman aus dem Leben einer Frau.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">XX.</td>
- <td class="tdlad">Léval, Paul. Der schwarze Bettler.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">XXI.-XXII.</td>
- <td class="tdlad">Sandeau, Jul. Valcreuse.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">XXIII.-XXIV.</td>
- <td class="tdlad">Berthet, Elie. Der Wolfmensch.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">XXV.-XXVI.</td>
- <td class="tdlad">Ainsworth, Harisson. Der Verschwender.</td>
- </tr>
-
- <tr><td>&nbsp;</td></tr>
- <tr>
- <td>&nbsp;</td>
- <td class="tdlad"><b>Inhalt des zweiten Jahrganges.</b></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">I.-III.</td>
- <td class="tdlad">Kraszewski, J. I. Am Hofe August des Starken (Gräfin Cosel).</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">IV.</td>
- <td class="tdlad">Rovetta, Gerolamo. Der erste Liebhaber.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">V.-VI.</td>
- <td class="tdlad">Delpit, Albert. Theresine.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">VII.</td>
- <td class="tdlad">Rosegger, P. K. Streit und Sieg.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">VIII.</td>
- <td class="tdlad">Dumas, Alex. Sohn. Diana de Lys.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">IX.-XI.</td>
- <td class="tdlad">Herloßsohn, K. Wallenstein's erste Liebe.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">XII.</td>
- <td class="tdlad">Besozzi, Max. Späte Einsicht.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">XIII.-XIV.</td>
- <td class="tdlad">Sue, Eugen. Kinder der Liebe.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">XV.</td>
- <td class="tdlad">Degré, Al. Blaues Blut.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">XVI.-XVII.</td>
- <td class="tdlad">Sand, George. Erkenntnisse eines jungen Mädchens.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">XVIII.-XX.</td>
- <td class="tdlad">Bell, Currer. Die Waise aus Lowood.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">XXI.-XXII.</td>
- <td class="tdlad">Flaubert, G. Mad. Bovary.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">XXIII.</td>
- <td class="tdlad">Gaskel, Mrs. Eine böse Nacht.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">XXIV.-XXVI.</td>
- <td class="tdlad">Dumas, Alex. Chevalier von Maison rouge.</td>
- </tr>
-
- <tr><td>&nbsp;</td></tr>
- <tr>
- <td>&nbsp;</td>
- <td class="tdlad"><b>Inhalt des dritten Jahrganges.</b>
- <a class="pagenum" id="page_162" title="162"> </a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">I.-III.</td>
- <td class="tdlad">Collins, Wilkie. Die neue Magdalena.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">IV.-V.</td>
- <td class="tdlad">Boisgobey, Fortuné. Die Stimme des Blutes.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">VI.</td>
- <td class="tdlad">Julius von der Traun. Goldschmiedkinder.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">VII.-VIII.</td>
- <td class="tdlad">Reyd, Cap. Mayne. Die Scalpjäger.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">IX.</td>
- <td class="tdlad">Vogel vom Spielberg. Irrende Seelen.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">X.-XI.</td>
- <td class="tdlad">Schlögl, Friedr. Wiener Blut.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">XII.-XIV.</td>
- <td class="tdlad">Enault, Louis. Die Geschichte einer Frau.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">XV.</td>
- <td class="tdlad">Lermontoff, Michael. Der Held unserer Zeit.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">XVI.</td>
- <td class="tdlad">Feuillet, Octave. Der Roman eines armen jungen Mannes.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">XVII.-XVIII.</td>
- <td class="tdlad">Schlögl, Friedr. Wiener Luft.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">XIX.-XXI.</td>
- <td class="tdlad">Smith, Hamlyn. Ein Londoner Geheimniß.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">XXII.-XXIV.</td>
- <td class="tdlad">Foudras, Marquis. Die Nacht der Rächer.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">XXV.-XXVI.</td>
- <td class="tdlad">Schlögl, Friedr. Wienerisches.</td>
- </tr>
-
- <tr><td>&nbsp;</td></tr>
- <tr>
- <td>&nbsp;</td>
- <td class="tdlad"><b>Inhalt des vierten Jahrganges.</b></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">I.-IV.</td>
- <td class="tdlad">Mary, Jules. Schuldig, oder nicht?</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">V.-VI.</td>
- <td class="tdlad">Karasin, N. N. Der Brahmane.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">VII.-VIII.</td>
- <td class="tdlad">Delpit, Albert. Die schöne Frau.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">IX.</td>
- <td class="tdlad">Jokai, Mor. Clarinus und andere Novellen.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">X.-XII.</td>
- <td class="tdlad">Kraszewski, J. I. Die Sphinx.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">XIII.-XIV.</td>
- <td class="tdlad">Sand, George. Der Marquis von Villemer.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">XV.</td>
- <td class="tdlad">Caballero, Fernan. Spanische Novellen.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">XVI.-XVIII.</td>
- <td class="tdlad">Beecher-Stowe, H. Wir und unsere Nachbarn.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">XIX.</td>
- <td class="tdlad">Dumas Alex. Gabriel Lambert.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">XX.</td>
- <td class="tdlad">Turgénjew, Iwan. Der König Lear der Steppe und andere Novellen.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">XXI.-XXII.</td>
- <td class="tdlad">Reyd, Cap. Mayne. Die Scharfschützen.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">XXIII.-XXIV.</td>
- <td class="tdlad">Foudras, Marquis. Ein großer Komödiant.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">XXV.-XXVI.</td>
- <td class="tdlad">Perrin, Maxim. Der Sultan eines Pariser Stadtviertels.</td>
- </tr>
-
- <tr><td>&nbsp;</td></tr>
- <tr>
- <td>&nbsp;</td>
- <td class="tdlad"><b>Inhalt des fünften Jahrganges.</b></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">I.-II.</td>
- <td class="tdlad">Boisgobey, Fortuné. Im Banne der Schuld.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">III.</td>
- <td class="tdlad">Karasin, N. Das Drama im Grenzfort.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">IV.-VI.</td>
- <td class="tdlad">Wilson, Aug. Evans. Infelice.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">VII.</td>
- <td class="tdlad">Vogel vom Spielberg, A. Frau Lear.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">VIII.</td>
- <td class="tdlad">Delpit, Eduard. Kath. Levallier.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">IX.</td>
- <td class="tdlad">Beniczky-Bajza, Helene v. Gräfin Ruth.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">X.</td>
- <td class="tdlad">Mairet, Jeanne. Meeresblume.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">XI.-XII.</td>
- <td class="tdlad">Ssalis, E. A. Schicksalswege.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">XIII.-XV.</td>
- <td class="tdlad">Dash, Gräfin. Die schöne Aurora.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">XVI.</td>
- <td class="tdlad">Lytton, Lord. Der Ring der Amasis.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">XVII.-XIX.</td>
- <td class="tdlad">A. v. L. Am Hofe von Neapel.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">XX.-XXI.</td>
- <td class="tdlad">Longfellow, H. W. Hyperion.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">XXII.-XXIV.</td>
- <td class="tdlad">Dumas, Alexander. Isabella von Bayern.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">XXV.</td>
- <td class="tdlad">Eliot, George. Der gelüftete Schleier.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">XXVI.</td>
- <td class="tdlad">Sue, Eugen. Die Marquise von Alfi.</td>
- </tr>
-
- <tr><td>&nbsp;</td></tr>
- <tr>
- <td>&nbsp;</td>
- <td class="tdlad"><b>Inhalt des sechsten Jahrganges.</b>
- <a class="pagenum" id="page_163" title="163"> </a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">I.-III.</td>
- <td class="tdlad">Werthen, S. Opfer der Liebe.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">IV.-V.</td>
- <td class="tdlad">Beniczky-Bajza, Helene v. Die Würde der Schönheit.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">VI.</td>
- <td class="tdlad">Mairet, Jeanne. Marca.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">VII.-VIII.</td>
- <td class="tdlad">Wasserburger, Lina. Die Aloeblüthe.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">IX.-X.</td>
- <td class="tdlad">Pont-Yest, René de. Claudia.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">XI.-XII.</td>
- <td class="tdlad">Sienkieviz, Heinrich. Quo vadis?</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">XIII.</td>
- <td class="tdlad">Serao, Mathilde. Fahr' wohl, mein Lieb!</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">XIV.-XVI.</td>
- <td class="tdlad">Boborykin, P. Die Fürstin.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">XVII.</td>
- <td class="tdlad">Groner, Auguste. Der alte Herr und andere Novellen.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">XVIII.-XIX.</td>
- <td class="tdlad">Flemming, M. A. Bruderliebe.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">XX.</td>
- <td class="tdlad">Kreuth, W. Nach dem Schiffbruch. Südamerikanischer Roman.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">XXI.</td>
- <td class="tdlad">Delpit, Albert. Die Witwe Sorbier.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">XXII.</td>
- <td class="tdlad">Troll-Borostyáni, Irma v. Novellen.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">XXIII.</td>
- <td class="tdlad">Brun-Barnow, I. v. Das Verhängniß.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">XXIV.-XXVI.</td>
- <td class="tdlad">Ohnet, Georges. Der König von Paris.</td>
- </tr>
-
- <tr><td>&nbsp;</td></tr>
- <tr>
- <td>&nbsp;</td>
- <td class="tdlad"><b>Inhalt des siebenten Jahrganges.</b></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">I.-III.</td>
- <td class="tdlad">Black, William. Sabina Bembra.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">IV.-V.</td>
- <td class="tdlad">Guidi, Orlanda. Isabella Fianelli.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">VI.</td>
- <td class="tdlad">Brociner, Marco. Das Blumenkind und andere Novellen.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">VII.-VIII.</td>
- <td class="tdlad">Lesueur, Daniel. Hassende Liebe.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">IX.</td>
- <td class="tdlad">Josika, Koloman Freiherr von. Comtesse Tini.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">X.-XI.</td>
- <td class="tdlad">Lancken, B. von der. Der Günstling.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">XII.-XIII.</td>
- <td class="tdlad">Lowet, Cameron. Ein schwaches Weib.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">XIV.</td>
- <td class="tdlad">Guglia, Eugen. Das Begräbniß des Schauspielers und andere Novellen.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">XV.</td>
- <td class="tdlad">Cantacuzène, Olga, Prinzessin. Carmela.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">XVI.-XVII.</td>
- <td class="tdlad">Casetti, Alexander. Das Vermächtniß. Original-Roman aus der Gesellschaft.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">XVIII.</td>
- <td class="tdlad">Roest, Rust. Firma Löwe, Kurt u. Comp. Eine Erzählung.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">XIX.-XX.</td>
- <td class="tdlad">E. Braddon. Im Verdacht.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">XXI.-XXII.</td>
- <td class="tdlad">Delpin, Albert. Alle Beide.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">XXIII.-XXIV.</td>
- <td class="tdlad">Waldow, Ernst von. Die rothe Locke.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdrad">XXV.-XXVI.</td>
- <td class="tdlad">Mairet, Jeanne. Auf der Höhe.</td>
- </tr>
-</table>
-
-<p class="ce"><b>A. Hartleben's Verlag in Wien, Pest und Leipzig.</b></p>
-
-
-
-
-<h2>Hinweise zur Transkription</h2>
-
-
-<p class="in0">Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.
-Darstellung abweichender Schriftarten (ausgenommen römische Zahlen): <i>Antiqua</i>.</p>
-
-<p class="in0">Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Textende an den Textanfang verschoben.
-Wiederholungen von Kopf- und Fußzeilen in der Verlagswerbung wurden entfernt.</p>
-
-<p class="in0">Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden
-Ausnahmen,</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_011">11</a>:<br />
-"unrecht" geändert in "Unrecht"<br />
-(Nicht alles Unrecht, was in der Welt geschieht)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_023">23</a>:<br />
-"«," geändert in ",«"<br />
-(»Sie sind Jurist und ich möchte mir Ihren Rath erbitten,«)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_075">75</a>:<br />
-"Theoder" geändert in "Theodor"<br />
-(mein Freund Theodor mit lauter Stimme)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_092">92</a>:<br />
-"sie" geändert in "Sie"<br />
-(wie vielen Damen Sie diese Tirade schon wiederholt)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_103">103</a>:<br />
-"." eingefügt<br />
-(im Forste lag schon tiefes Dunkel.)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_112">112</a>:<br />
-"Studienbätter" geändert in "Studienblätter"<br />
-(Skizzen, Studienblätter, Kreide- und Federzeichnungen)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_125">125</a>:<br />
-"»" entfernt vor "Hör'"<br />
-(gewiß nicht! Hör' auf, hör' auf!)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_132">132</a>:<br />
-"Häusesmeeres" geändert in "Häusermeeres"<br />
-(im Gewühle des Häusermeeres ist es gelegen)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_161">161</a>:<br />
-"Kraszwski" geändert in "Kraszewski"<br />
-(Kraszewski, J. I. Am Hofe August des Starken)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_161">161</a>:<br />
-"Girolamo" geändert in "Gerolamo"<br />
-(Rovetta, Gerolamo. Der erste Liebhaber.)</p>
-
-<hr />
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-<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK WAS ICH GESCHAUT ***</div>
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-Defect you cause.
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg&#8482;
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&#8482; is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg&#8482;&#8217;s
-goals and ensuring that the Project Gutenberg&#8482; collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg&#8482; and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org.
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation&#8217;s EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state&#8217;s laws.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Foundation&#8217;s business office is located at 809 North 1500 West,
-Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up
-to date contact information can be found at the Foundation&#8217;s website
-and official page at www.gutenberg.org/contact
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&#8482; depends upon and cannot survive without widespread
-public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state
-visit <a href="https://www.gutenberg.org/donate/">www.gutenberg.org/donate</a>.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Please check the Project Gutenberg web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 5. General Information About Project Gutenberg&#8482; electronic works
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg&#8482; concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg&#8482; eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&#8482; eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Most people start at our website which has the main PG search
-facility: <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-This website includes information about Project Gutenberg&#8482;,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
-</div>
-
-</body>
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