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If you are not located in the United States, you -will have to check the laws of the country where you are located before -using this eBook. - -Title: Abnormitäten - -Author: Hermann Waldemar Otto - -Release Date: January 03, 2021 [eBook #64204] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -Produced by: Peter Becker and the Online Distributed Proofreading Team at - https://www.pgdp.net (This transcription was produced from - images generously made available by Bayerische - Staatsbibliothek / Bavarian State Library.) - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ABNORMITÄTEN *** - +------------------------------------------------------------------+ - | Anmerkungen zur Transkription | - | | - | Gesperrter Text ist als _gesperrt_ dargestellt, Kursivschrift | - | als ~kursiv~, und Fettschrift als ¯fett¯. | - | Eine Liste der Änderungen befindet sich am Ende des Buchs. | - +------------------------------------------------------------------+ - - - - - Abnormitäten - - Von - - Signor Saltarino - - Alle - Rechte vorbehalten - - DÜSSELDORF 1900 - - Druck und Verlag von Ed. Lintz. - - - - -Inhalts-Verzeichniss. - - - Seite - - Vorrede I-XXXII - - Johnsons zweiköpfiges Baby 1 - - Madame Taylor 3 - - Lia May 4 - - Madame Meyer 5 - - Emma Schaller 6 - - Barney Baldwin 7 - - Hermann, der Knabe mit der Wunderhand 9 - - Eli Bown 10 - - Wilhelm & Hulda 12 - - Eugène Berrey 13 - - Miss Maggie 14 - - George Woodstock 15 - - John Darrington 17 - - John Chambert 18 - - James Morris 19 - - Angelotti 20 - - James Wilson 22 - - Lady Dot 24 - - Edith, das Riesenkind 25 - - Achmed Aratas 26 - - Mac Mahon-Kinder 28 - - Katy Clary 29 - - Marquis Wolga und Marquise Louise 30 - - Leo Whitton 31 - - Monsieur Neptune 33 - - Miss Pollie Whatson 34 - - Lucy Morris 36 - - Clarence Dale 37 - - Dominique Castagna 38 - - William Campbell 41 - - Albert Brough & General Thom 43 - - Count Ivan Orloff 44 - - Johann Jacob Toccio 46 - - Jo-Jo 48 - - Miss Violet 49 - - Walter H. Drew 51 - - Miss Bella Carter 52 - - Der Hindu »Laloo« 54 - - Monroe 56 - - Ada Russel 58 - - W. Le Roy 59 - - Rham-a-Sama 61 - - Frank Home & George Moore 62 - - Die gefleckten Mädchen 64 - - George Williams 65 - - Madame Taylor 66 - - Das Bärenweib 68 - - Mr. Rannie 69 - - Frl. Lara 72 - - J. Hanson 73 - - Mary, die lebende Puppe 74 - - Radica & Doodica 75 - - Unzie 77 - - Nicodemus 79 - - Chevalier Cliquot 81 - - Seip 83 - - Gay Jewett 85 - - Marietta 86 - - Mlle. Brison 88 - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - - - - -Vorrede. - - -_Abnormitäten_, im allgemeinen mit der trivialen Bezeichnung -»Missgeburten« belegt, haben stets als Schau-Objecte eine bedeutende -Anziehungskraft auf das sog. grosse Publicum ausgeübt, das in der Regel -auch eine gewisse Befriedigung seiner Neugierde in dem gedankenlosen -Anschauen derselben fand. - -Erst den letzten Decennien unseres Jahrhunderts war es vorbehalten, -Schau-Objecte dieser Art auf das wissenschaftliche Gebiet zu -überführen, indem hervorragende ärztliche Autoritäten sie nicht selten -als lebende Illustrationen zu ihren einschlägigen Vorträgen in den -Hörsälen der Kliniken vorstellten und dadurch auch das Interesse für -sie in weiter ausgedehnte Bahnen lenkten. - -Dass das nicht auch schon in früheren Zeiten geschehen ist, lag, -abgesehen von allen Vorurtheilen, wohl mit in der, den besseren Kreisen -weniger convenirenden Art und Weise des Auftretens resp. der Vorführung -derselben, so dass selbst vorurtheilsfreie Männer der Wissenschaft -diesen äusseren Umständen gegenüber ihre Gelehrtenscheu nicht ablegen -wollten, nicht ablegen durften, wollten sie nicht aus dem Rahmen des -Althergebrachten heraustreten und ihrer und der öffentlichen Meinung -nach dadurch den ganzen Gelehrtenstand profaniren. - -Seit aber das äussere Wesen der Schaustellungen gegen früher einen -ganz ungeahnten Aufschwung genommen hat, seit die Productionen der -Fuss- und Rumpfkünstler, wenn auch nicht im allgemeinen, so doch im -besonderen, sich auf dem Gebiete der Artistik ein bedeutendes Terrain -erobert, seit ferner ein C. H. Unthan als primus omnium an der Spitze -der Fusskünstler marschirt und ihr Bannerträger ist und die sog. -Rumpfkünstler in Kobelkoff einen ebenfalls nicht zu unterschätzenden -Obmann haben, seit ferner vorurtheilsfreie Gelehrte ihre »heilige« -Scheu abgelegt und Abnormitäten nicht selten als Lehrmittel zu -sich in ihre Hörsäle emporhoben, seitdem hat auch das gesammte -Publicum allmählich gelernt, diesen, in gewisser Weise von der Natur -vernachlässigten Menschgeborenen ein vorurtheilsfreieres Interesse -entgegenzubringen. Ob sie aber das allgemeine _Mitleid_, das ihnen -stets von den Besuchern gezollt wird, _wirklich in Anspruch nehmen_, -das dürfte doch füglich zu bezweifeln sein, wenn man diesem Mitleid -z. B. Unthan's jovialen Ausspruch gegenüberstellt: »Wenn mir jetzt -plötzlich Arme angezaubert würden, ich wüsste gar nicht, was ich mit -den Dingern anfangen sollte!« -- - -Einer der ersten Fusskünstler, die das Interesse auch der Aerzte -erregten, dürfte wohl _Gottfried Dietze_ gewesen sein, der, ohne Arme -geboren, sich Ende der fünfziger Jahre unter den allerprimitivsten -Verhältnissen in einer Leinwandbude auf den sächsischen Schützenfesten -etc. producirte. Er war ein Mensch von achtzehn Jahren, der namentlich -eine ganz eminente Fertigkeit in der Verwendung des Messers zum -Auftrennen von Nähten, sowie in der Verwendung von Nadel und Zwirn zum -Nähen entwickelte. Diese Leistung als »Flickschneider« aber culminirte -in dem Einfädeln der Nadel, das mit einer unbeschreiblichen Gewandtheit -und Sicherheit erfolgte. Nachdem er noch »Heil Dir im Siegerkranz« -auf einer Ziehharmonika ziemlich geläufig gespielt hatte, zeichnete -er zum Schluss seiner Vorstellung auf einem Quartblatt Schreibpapier -mit Bleistift und colorirte mit Tuschfarben ein Blumen-Bouquet, unter -das er dann mit Tinte: »Mit den Füssen gezeichnet und geschrieben von -Gottfried Dietze« schrieb und das den Zuschauern gegen einen Obolus à -discrétion offerirt wurde, der in seine Privat-Schatulle floss. - -In der Bude aber hing das handschriftliche Gutachten eines der -bedeutendsten Aerzte jener Zeit, das ich jedoch nicht mehr dem -Wortlaute, sondern mir dem Sinne nach noch wiederzugeben vermag. -Von dem Arzte nämlich über etwaige Unregelmässigkeiten im Verlaufe -der Schwangerschaft befragt, habe die Mutter erklärt: Sie habe sich -»_versehen_«. Ein Italiener sei eines Tages mit einem Brett voll -Gipsfiguren auf dem Kopfe in den Hof gekommen und habe sie feilgeboten -und darunter sei auch eine Figur _ohne Arme_ gewesen. (Wahrscheinlich -die armlose Venus von Milo, die im Louvre zu Paris aufgestellt ist, -von der sich Gips-Nachbildungen in den natürlichen Dimensionen in -fast allen Antiken-Sammlungen befinden und die früher auch in einer -Höhe von ca. 18-20 Zoll von italienischen Gipsfiguren-Händlern mit -Vorliebe geführt wurde.) Ueber diese Figur sei sie so furchtbar -erschrocken, dass eiskalte Fieberschauer ihren ganzen Körper plötzlich -durchschüttelt hätten, dass sie einer Ohnmacht nahe gewesen sei und -dass sie sich des unangenehmen Eindruckes noch wochenlang nachher nicht -habe erwehren können. - -An diese Mittheilung knüpfte der Arzt dann folgende Reflexion: -»Wenngleich das sog. »Versehen« bei Schwangeren eine unbestreitbare -Thatsache ist, so steht die Wissenschaft hier doch einem noch endgültig -zu lösenden Problem gegenüber. Indessen dürfte der natürliche Verlauf -doch wohl folgender sein: Da der Körper des Kindes sich im Mutterleibe -nicht in allen seinen Theilen zugleich, sondern ein Theil nach dem -andern sich ausbildet -- beide Arme und beide Beine bilden sich zwar -zugleich, doch zu verschiedenen Zeiten aus --, so wird infolge des sog. -»Versehens«, also eines grossen Schreckes, oder sonst einer ähnlichen -anderen heftigen Gemüthserschütterung der gerade in der Entwickelung -begriffene Körpertheil plötzlich gestört, die Entwickelung an dieser -Stelle hört auf, die noch nicht vollständig ausgebildeten Körpertheile -bleiben unvollkommen und der natürliche Entwickelungs-Process überträgt -sich auf die nächsten in der Reihenfolge stehenden Körpertheile, die -sich dann nicht selten in höherem Maasse entwickeln, wie es unter -normalen Verhältnissen event. der Fall gewesen sein würde. Und dieser -Fall liegt auch wohl bei Gottfried Dietze vor, bei dem wir somit mit -einer »_freiwilligen Amputation im Mutterleibe_« zu rechnen haben«. -Soweit das Urtheil des Arztes! -- - -Dass es Missbildungen derart zu allen Zeiten und in allen Ländern -gegeben hat, ist eine unumstössliche Thatsache, denn der species -facti finden sich eine ziemliche Anzahl in seltenen alten gedruckten -und handschriftlichen Convoluten vor, die meist den Charakter -litterarischer Curiositäten tragen, und die, da sie theils nur in -öffentlichen Bibliotheken, theils nur in Privathänden sich befinden, -nicht »Jedermänniglich« zugängig waren und sind. _Mehr durch Zufall_, -wie durch Quellenstudien im eigentlichen Sinne des Wortes, die dem -seltenen und zerstreuten Material gegenüber fast ausgeschlossen -sind, wurden sie ans Tageslicht gefördert, und in dem vorliegenden -Werke übergebe ich sie, soweit sie zu erlangen waren, gesammelt -der Oeffentlichkeit, da sie immerhin wenigstens einiges Interesse -beanspruchen dürften. -- - -D. Valentini veröffentlicht im 3. Theile seiner »Schau Bühne frembder -Naturalien: Sodann Rüst- und Zeug-Hauss der Natur, Oder Musei Museorum« -Nachrichten über Fusskünstler, die durch einen Kupferstich illustrirt -sind, der als Original zu dem beifolgenden Cliché diente und der dem -»curiosen Leser« das Portrait eines recht wunderseltzamen - - _Barbierers ohne Händ und Füsse_ - -zeiget, welcher sich und seine Künste im Jahre 1711 zu Giessen umb ein -gewiss Stück Geld sehen liesse, wie er alles selbsten in beifolgendem -Zettul beschrieben hat: - -»Mit Bewilligung der Gnädigen und Hochgebietenden Obrigkeit wird -bekannt gemacht, dass allhier aus frembden Landen angekommen eine ohne -Händ und Füsse gebohrne Person, welche ihre Exercitia vor vielen hohen -Potentaten präsentiret hat. - -1. Schneidet er eine Feder ohne Händ und Füsse, in solcher -Geschwindigkeit, dass keiner mit 2 Händen besser kan. - -2. Schreibt er mit der Feder, die er geschnitten, so künstlich, -dass niemand auff der Welt seines gleichen gesehen hat: Schreibt -vielerley Schrifft, die Buchstaben zu unterst, oberst, verkehrt und -recht, als wann es gedruckt wäre, so, dass kein Mensch erkennen kan, -ob es gedruckt, oder geschrieben ist, woran er sich berühmt an alle -Liebhaber, und wil hundert gegen eins setzen, so jemand in diesem -umliegenden Land kan gefunden werden, der seines gleichen ist, und mit -der Feder machen kan, was er macht. - -3. Zeichnet er mit der Feder, die er geschnitten hat, eine Person nach -dem Leben ab, Wappen und andere Bilder, wie auch Laubwerk, so curieus, -dass desgleichen noch nicht gesehen worden. - -4. Präsentiret er ein curieus Stück mit Geld. - -5. Steckt er einen Faden so geschwind durch die Nadel, dass es keiner -mit Händen nachthun kan. - -6. Nimmt er eine Karte, mengt sie, und gibt sie in Geschwindigkeit aus. - -7. Er spielet mit Würfeln. - -8. Er spielet auff dem Hackbret -- das Cymbal der Zigeuner -- allerhand -curieuse Stücke ohne Händ und Füsse, dass es kein Musicant verbessern -kan. - -[Illustration] - -9. Er spielt auch etliche Stücke aus der Taschen (-- macht -Taschenspielerkunststücke --) welche so curieus zu sehen sind, dass -dergleichen Taschenspieler noch niemahls ist gesehen worden, dieweil -es ohne Händ viel eine grössere Kunst ist als mit Händen, und -versichert alle, dass sie ein Vergnügen daran haben werden. - -10. Er kegelt sehr künstlich auff vielerley Manier, dass es ihm keiner -nachthun kan. - -11. Er kan eine Flinte laden und loss schiessen. - -12. Er barbieret sich auch selber, alle Woche zweymahl, Mitwochen und -Sonnabend: die solches verlangen zu sehen, die können in sein Logiment -kommen. - -13. Er schneidet auch curieuse Sachen von Holtz, und setzet solche in -gläserne Flaschen so wunderbahrlich, dass man es von keinem mit Händen -curieuser sehen kan«. - -Die Federn, so er schnitte, gab er den Zuschauern zur Rarität -auffzuheben, nachdem er damit zuvor diese Wort auff kleine Zettul -geschrieben: - - Ich Thomas hab diese Feder geschnitten, und dieses damit - geschrieben, also gebohren ohne Hände und Füsse«. -- - -In directem Anschluss an diesen ausführlichen Bericht bringt das Werk -noch folgende Notizen: - -»Sonsten hat der berühmte Dänische Medicus Olaus Wormius in seiner -»Kunstkammer oder Museo« (Wormii Museum seu historia rerum rariorum -etc. 1655) pag. 387 noch einige andere Zettuln, welche von dergleichen -Krüppeln geschrieben, nämlich einen von Joh. Kuhn, welcher an jeder -Hand nur einen Finger hatte. Er schrieb den ganzen Kathechismus in -deutscher Sprache auf Pergament und den Liebhabern folgende Zettul gar -deutlich und leserlich: - - Johann Kuhn werd ich genanndt, - Hab nur ein Finger an jeder Hand. - -Und noch einen andern von einer Englischen Frau ohne Arm, welche mit -dem Munde ihren Namen also schreiben konte: - - ELISABETH SIMSON Anno 1620. - -Dergleichen Weibsperson auch vor sechsundzwanzig Jahr (1688) zu -Strassburg im Hospital, welche keine Hände hate, und mit den Füssen -ihren und der Zuseher Nahmen in die Schnupptücher, so man ihr -darreichte, nähen konte«. -- - -Vorerwähnter Thomas hatte aber einen ebenbürtigen Rivalen; denn im -Jahre 1712 liess sich in Breslau ein dreissigjähriger verheiratheter -Rumpfkünstler Namens Mathias Buchinger sehen. Ein alter Chronist -beschreibt ihn als »völlig von Gesicht und Leibe, munter von Gemüthe, -spasshaft, doch auch ernsthaft, und sagte man, er habe sein Weib -manchmal derbe ausgeschlagen«. Auf seinen Oberschenkeln, die zur -Hälfte erhalten waren -- die Arme fehlten gänzlich -- bewegte er sich -vorwärts und verrichtete mit ihnen wunderbare Dinge: Er schnitt Federn -(Gänsefedern) mit grosser Geschicklichkeit und Geschwindigkeit, schrieb -mit diesen schön und schnell »gleich und verkehrt, mit Zügen, Fractur, -Kantzeley und Cursiv«. Auch zeichnete er mit grosser Behendigkeit -und Accuratesse die verschiedensten Gegenstände. Ferner fädelte er -einen Faden mit solcher Schnelligkeit ein, dass ihm Niemand darin mit -den Händen gleichkommen konnte. Er mischte und spielte Karten mit -grösster Vollkommenheit, spielte mit Würfeln, auf dem Schachbrett, -Kegel u. s. w. Er lud ein Gewehr und schoss es los, er barbierte sich -selbst, schnitzte allerhand Kunstartikel aus Holz und setzte sie -kunstreich in gläserne Flaschen ein. Als Prestidigitateur kam er jedem -normal Geborenen gleich; seine Specialität war hierbei das Becherspiel, -bei dem er die Muscaten (aus Kork geschnitzte Kugeln in der Grösse -kleiner Muscatnüsse, die dann leicht angebrannt und durch kreisförmiges -Reiben in den Händen zu runden schwarzen Kugeln geformt wurden) in -einen lebenden Vogel verwandelte. Auch mit Münzen machte Buchinger -verschiedene Kunststücke, die allgemein bewundert wurden. Am Schlusse -seiner Production präsentirte er sein Portrait in Kupferstich, um das -herum seine besten Trics abgebildet waren. (Wohl zum Verkauf.) - -Minder ausführlich sind die Nachrichten über einen ungarischen -Rumpfkünstler, »einen vielgereisten Mann, der ausser seiner -Muttersprache noch Englisch, Holländisch, Deutsch und Französisch -sprach, und in einem etwa ellenhohen Kasten stets auf dem Buckel einer -andern Person transportirt wurde. Er hatte keine Beine und nur eine -verkrüppelte Hand«. Seine Erscheinung wird bei seinem Auftreten in -Regensburg im October 1719 folgendermassen beschrieben: »Von Gesicht -und Leibe war er wohlgestaltet, hatte schwarzbraune lange Haare, und -wenn er hinter dem Tische auf einem Sessel stund, so präsentirte er -sich als ein sitzender wohlgewachsener Mann; von Leibe war er mager -und geschmeidig. Seine Stimme war ziemlich klar (hell, hoch) und -weibisch, sein _Humeur_ immer lustig, er schlug die Trommel vollendet, -spielte aus der Tasche mit grosser Behendigkeit trotz einem jeden -Taschenspieler«. Sein Haupttric war der Handstand auf einer Hand -während mehrerer Minuten. -- - -In Nymwegen erschien im Jahre 1725 (so berichtete von dort Johann -Hartmann Degner) ein Mann mit einem etwa neunjährigen Sohne; er kam aus -dem Cölnischen und befand sich angeblich auf der ersten Tournée, um -zu zeigen, wie sich sein Sohn in Ermangelung der Arme der Füsse gleich -der Hände bedienen könne. Ein damals ausgegebenes Programm kündigte -folgende Nummern an: - -»1. Thut er stehend mit seinen Füssen den Hut ab. - -2. Schreibt er mit dem Fusse eine lesbare Handschrift. - -3. Thut er einen Faden durch eine Nadel. - -4. Nimmt er Geld aus seiner Tasche und steckt es wieder hinein. - -5. Nimmt er stehend mit seinem Munde Geld von der Erde. - -6. Steckt er das Essen mit seinem Fusse in den Mund. - -7. Schenkt er ein Glas Bier mit seinen Füssen ein, setzt dasselbe auf -seinen Kopf und trinkt es dann aus. - -8. Schlägt er die Drommel. - -9. Ladet er eine Pistole und schiesst sie los«. - -Nach dem alten Berichte gingen dem Knaben sämmtliche Stücke wohl -von statten, »also dass es der Mühe werth war, sie zu sehen«. Dem -Berichte war ein Autogramm des Knaben folgenden Inhaltes beigegeben: -»Joseph Clemens Chur-Fürst unsere Antonius Maria Reuter ist mein -Name«; derselbe war deutlich in Kanzleischrift abgefasst und zwar auf -vorgezogenen Linien. - -Ueber Reuters persönliche Verhältnisse ist nach seinen eigenen Angaben -hinzuzufügen, dass der Kurfürst von Cöln sein Taufpathe war, und ihn -bis zu seinem (des Kurfürsten) Tode unterhielt. Nun aber mussten Vater -und Sohn als arme Vaganten sich ihr Brot suchen; indessen hatten -sie auf dem Wege von Cöln bis Nymwegen schon so viel eingenommen, -dass sie nicht nur satt zu essen hatten, sondern auch ihren arg -heruntergekommenen Kleiderbestand ersetzen konnten. -- - -Im October des folgenden Jahres 1726 berichtete Professor Schultze -aus Altdorf: »Allhier befindet sich jetzt ein Mann aus Württemberg, -der eine vierundeinhalbjährige Tochter zeigt, die übrigens schön und -von lebhaftem Gesichte ist, von der Natur aber statt der Arme zwei -ungebildete und unvollkommene Glieder hat. Diesen Mangel der Arme und -brauchbaren Hände weiss das Kind mit seinen Füssen sehr geschicklich -zu compensiren. Es nimmt z. B. einen Faden zwischen den grossen und -anderen Zehen und mit dem andern Fusse eine Nähnadel und bringt den -Faden ganz behende durchs Nadelöhr, thut auch manchmal einige Stiche -durch ein Tuch, so geschickt als man von diesem Alter verlangen kann; -es isst mit den Füssen so schön und vorsichtig, als ein anderes Kind -mit den Händen; nimmt einen Kamm und steckt damit die Haare zurück; -setzt ein Glas auf den Kopf, trinkt ein Schälchen Thee, isst eine -Suppe mit dem Löffel ohne sich zu begiessen, und all' dergleichen ohne -ersichtliche Anstrengung«. In der That für eine noch nicht fünfjährige -Fusskünstlerin ganz hervorragende Leistungen. -- - -Im sechszehnten Jahrhundert -- 1576 oder 1576 -- sah man ein Mädchen -ohne Arme, das mit den Füssen strickte, nähte, Federn schnitt und -speiste; doch ist ihr Name und ihre Heimath uns nicht überliefert -- -1596 producirte sich eine Fusskünstlerin Namens Magdalene Einohre, -gebürtig aus dem ostfriesischen Dorfe Engerhave, gleichfalls armlos, -mit einem vierzehigen Fusse, mit dem sie ihre Künste, als Essen, -Trinken, Spielen etc., die sie für Geld sehen liess, verrichtete. (Ihr -Bild wurde 1616 in Prag in Kupfer gestochen.) -- 1627 befand sich zu -Siena ein armloses Mädchen, das Aehnliches mit den Füssen verrichtete. --- - -Am ausführlichsten sind aus dieser Zeit die Nachrichten über eine ohne -Arme im Jahre 1612 in Stockholm geborene Schwedin Namens Magdalena -Rudolphs Thuinbui, deren Name übrigens in den verschiedenen Quellen -auch in verschiedenen Formen überliefert ist. (Vergl. u. a. Harsdörfer, -Specul. Hist., p. 399; J. L. Güthe, Beschreibung der Stadt Meiningen, -S. 280.) Sie zeigte sich in den fünfziger Jahren in Deutschland und -verrichtete dort folgende Stücke mit den Füssen: Sie schloss ihren -Nähkasten auf, nahm Zwirn und Nadel heraus, fädelte ein und nähte. -Sie strickte, stickte, wirkte, kämmte sich, schnitt mit Messer und -Scheere, gebrauchte die Füsse beim Essen, schenkte sich mit denselben -ein, trank, schneuzte sich, spielte Karten, würfelte, lud eine Pistole, -schoss sie ab, wickelte ihr Kind und gab ihm Nahrung. Sie führte einen -Kupferstich bei sich, auf dem sie, umgeben von den Zeugnissen ihrer -Kunstfertigkeiten, abgebildet war; darunter stand ihr Name und Alter -und die Verse: - - »Dieweil ich denn, dass Gott erbarm, - Hab' weder Hand, Finger noch Arm, - Und mich also behelfen muss, - Mach' doch dies Alles mit meinem Fuss.« - -Später, im Jahre 1679 (September), sah man eine Jungfrau aus Paderborn, -die, der Hände und Füsse gänzlich beraubt, mit den Armstumpfen nähen, -wirken, spinnen, schreiben und noch andere Dinge verrichten konnte. -- - -Doch kehren wir zu den männlichen Rumpfkünstlern zurück und betrachten -wir hier zunächst deren zwei aus dem neunzehnten Jahrhundert, um dann -noch einen Rückblick in das siebzehnte zu werfen. - -Der eine dieser weniger bekannten Fusskünstler ist Anton Pohl aus -Böhmen, der -- ohne Arme geboren -- 1803 in Deutschland reiste; er -speiste und trank, er stopfte die Pfeife und zündete sie an, alles mit -den Füssen; dazu wusste er sehr geschickt mit dem Bohrer umzugehen, -blies die Trompete, lud Pistolen, schoss sie ab und machte die -verschiedensten Kartenpiècen. - -Der Andere war der im Jahre 1786 zu Markt Rentweinsdorf ohne Arme -geborene Schuhmacherssohn Georg Michael Weidmann; von seinen Beinen war -nur das rechte normal entwickelt, das linke indessen verkrüppelt zu -einem ganz kurzen Stumpf mit einem unansehnlichen Fuss, an dem nur die -drei ersten Zehen regelmässig, die zwei letzten aber zusammengewachsen -waren. Dessenungeachtet war die mechanische Fertigkeit seiner Füsse, -die er sich durch andauernde Uebung erworben hatte, bewundernswerth. -Als er im zweiten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts in Deutschland reiste, -konnte er mit den Füssen, die er an Stelle der Hände gebrauchen musste, -sehr gut schreiben, wozu er sich die Federn selbst schnitt; nähen, -wozu er sich selbst einfädelte; sich rasiren, eine Pistole laden und -losschiessen (ein, wie man sieht, bei den Rumpfkünstlern sehr beliebtes -Stück), kleine Arbeiten von Holz verfertigen, kurz, mit seinen beiden -Füssen fast Alles thun, was andere Menschen mit den Händen vollbringen. - -Werfen wir nunmehr auch hier unseren Blick rückwärts in das siebzehnte -Jahrhundert, so erzählt uns Johnston von einem Mann ohne Arme, der mit -den Füssen ass, trank, Karten spielte, -- stahl --, und endlich gar -Strassenräuberei trieb, wofür er in Frankreich seinen Lohn fand. -- Wir -hören da weiter andeutungsweise von einem venetianischen Knaben, der -Alles mit den Füssen von der Erde aufheben, der mit den Füssen den Hut -abnehmen und so die Vorübergehenden grüssen konnte. (Bartholin. C. II. -hist. 44.) - -Aus dem Jahre 1624 hören wir von einem gewissen Peter von Lucern, der -mit den Füssen auf musikalischen Instrumenten spielte. (Add. Zach. qu. -med. legal. lib. VII. tit. 3 quaest. VI. § 9.) -- 1628 zog im Monat -August ein Schweizer in Deutschland herum Namens Peter Stadelmann, »von -langer Figur, braun von Angesicht, mit schwarzen, krausen Haaren und -Bart, hatte ganz kleine Arme und verrichtete alle seine Sachen mit den -Füssen«. Er spielte, zahlte Geld, machte Knoten, löste sie wieder auf, -schrieb auch mit den Füssen und dergl. mehr. -- - -1629 wurde zu Wien ein Fusskünstler geboren, Theodor Steib, der mit -den Füssen Blumen anschnitt, zeichnete, in Holz schnitzte, Pistolen -losschoss und sich selbst portraitirte (in einem rothen Kleide und -mit einer schwarzen Feder auf dem Hute), mit der Unterschrift: »Hanc -effigiem proprio meo pede prinxi. Vratislaviae d. 10. IV. ann. 1654. -Theodorus Steib, Natione Vienna. (Dies Bild habe ich eigenfüssig -gemalt. Breslau, d. 10. April 1654. Theodor Steib aus Wien.) Seine -sonstigen Schreibproducte pflegte er also zu unterzeichnen: »Ego -Theodorus Steib Vienna Austriacus«, absque manibus et bracchiis natus, -scribebam ista pede meo Vratislaviae, Anno Christi 1654, aet meae -25«. (Ich Theodor Steib aus Wien in Oesterreich schrieb dies, ohne -Hände und Arme zur Welt gekommen, mit meinem Fusse zu Breslau im Jahre -Christi 1654, meines Alters 25 Jahre.) Ortsname, Datum und Jahr wurden, -den augenblicklichen Verhältnissen entsprechend, natürlich jedesmal -geändert. -- Im Januar 1673 producirte sich ein Schweizer Knabe, -François Blanchet, in Deutschland, gleichfalls ohne Arme geboren, »aber -dennoch imstande, Alles mit den Füssen zu thun, wozu Andere die Hände -gebrauchen, als Kegeln, Kartenmischen, Sich-Kämmen, Wein-Einschenken -etc.« - -Endlich sah man 1696 zu Leipzig und Jena und das letzte Mal 1702 zu -Breda noch einen ganz bedeutenden Fusskünstler. Er hiess Franz Viniot -und war um das Jahr 1665 geboren. Aus Italien kommend, trug er an der -kleinen Zehe des linken Fusses einen Diamantring und war ein Mann -von mittelmässiger Statur mit krausem, schwarzem Haar, »lustigem -_Humeur_ und sehr geläufigem Maule, wie er Französisch, Italienisch, -Englisch, Holländisch in sehr vollkommener Perfection redete«. Auf -seine Kunststücke konnte sich der alte Berichterstatter zum grossen -Theil nicht mehr besinnen, »sei es, weil er durch die Piècen ganz -perplexirt wurde, sei es aus Vergesslichkeit«. Nur Folgendes war ihm -noch in der Erinnerung geblieben: Der Mann focht mit dem Rapier und -nahm es hierbei mit manchem der Leipziger Fechter auf, wie denn auch -Niemand imstande war, ihm ein mit den Zähnen gehaltenes Florett aus -dem Munde zu reissen. Beim Schreiben hielt er die Feder zwischen den -Zehen oder den Zähnen und schrieb gewöhnlich Cursiv- und Spiegelschrift -in durchaus lesbarer Weise. Ebenso warf er sich einen Mantel mit -den Zähnen sehr behende um die Schultern. Sein Programm enthielt -in Octavformat folgende in holländischer und französischer Sprache -leserlich geschriebene Worte: - - EDele Heeren en Dames Th u Dianar of mordig - Die alle Duck tem besten koort - Hy is wys en wel geloort. - Quoi fait ce quil peus & Excusable. - -In seinem »Wunderbuch von menschlichen unerhörten Wunder- und -Missgeburten, so wider den gemeinen Lauff der Natur erschrecklich -frembd und seltsam gebildet: doch glaubwürdig in diese Welt geboren -worden u. s. w.«, das im Jahre 1610 zu Frankfurt »in Verlegung -Dietrichs von Boy seeligen Wittib, sampt zweyer ihrer Söhnen« in Quart -erschien, führt uns der Verfasser, Johann Georg Schenk von Grafenberg, -»der Artzney Doctor etc.« einige interessante Rumpfkünstler vor, unter -denen die im Folgenden aufgeführten mit Recht unsere Aufmerksamkeit in -Anspruch nehmen dürfen: - -Unter den Geschenken, welche die Indier zu Beginn unserer Zeitrechnung -dem römischen Kaiser Augustus sandten, befand sich auch ein Jüngling -ohne Arme, der mit den Füssen die Armbrust spannen und Pfeile entsenden -konnte. - -Alexander Benediktus erzählt, dass er eine Frau (in der Mitte des 15. -Jahrhunderts) gesehen habe, die, ohne Arme geboren, mit den Füssen -nähte und überhaupt im Schneiderhandwerk einiges leistete; auch hob sie -einen Becher Wein und schlug die Trommel, als ob sie Hände gehabt hätte. - -Später sah man einen armlosen Spanier, »welcher fürwahr alle -Wunderwerk, so in der Natur sind, übertraf«. Er wusste so geschickt mit -Kriegsrüstung umzugehen, dass ihm hierin kein Kriegsmann gleichkam. -Wenn er mit der Armbrust schoss, so verfehlte er sein Ziel nie und -vermochte ausserdem vermittelst einer Axt mit einem Hieb einen starken -Holzpflock zu spalten. - -Sycosthenis erzählt von einem zwanzigjährigen armlosen Menschen, er -habe mit den Füssen alle »Handarbeit« verrichtet. - -1556 sah man zu Frankfurt a. M. eine Frau ohne Hände, die nicht nur -aufs »allerzierlichste« schrieb, sondern auch allerley sonstige subtile -Arbeit mit den Füssen verrichtete. - -Cardanus berichtet im siebenzehnten Buche von einem, der Arme völlig -beraubten Manne, dass er mit dem rechten Fusse Speere schleuderte, -Kleider nähte, ass und schrieb. Sein Name war Antonius, seine -Vaterstadt Neapel. Er hat einen grossen Theil von Europa bereist und -mit den erwähnten und ähnlichen Productionen reichen Beifall und Lohn -geerntet. -- - -Der hervorragendste aller Fusskünstler älterer Zeit aber ist _Thomas -Schweicker_, der unser Interesse nicht nur allein wegen seiner Künste, -»die ihresgleichen suchten«, in Anspruch zu nehmen berechtigt ist, -sondern, weil wir ihn auch zugleich als Mensch, als Dichter und als -eine gesellschaftlich interessante Persönlichkeit kennen lernen, -die auch zu Kaisern, Königen und Fürsten zu wiederholten Malen in -Beziehungen trat. Die Litteratur des 16., 17. und 18. Jahrhunderts geht -oft auf seine Leistungen ein und auch die bildende Kunst jener Zeit -hat sich seiner angenommen, und am Abschluss des 19. Jahrhunderts soll -auch in diesem Werke nochmals seiner gedacht und ihm ein litterarisches -Denkmal gestiftet werden. - -Thomas Schweicker wurde zu Schwäbisch-Hall im Jahre 1540 geboren. Sein -Vater, Hans Schweicker, war ein angesehener Mann und bekleidete die -Stelle eines Rathsfreundes (war wohl Beigeordneter?) und starb 1571 -im Alter von vierundsiebzig Jahren. Seine Mutter war eine geborene -Dorothea Seeckbin. - -Er kam ohne Arme zur Welt, und nach Ueberwindung des ersten Kummers -darüber gingen seine Eltern alsbald daran, die Mängel des Leibes durch -Pflege des Geistes auszugleichen und ihn zu »allen guten Tugenden und -Wissenschaften fleissigst anzuhalten«. - -Mit dem siebenten Jahre kam Thomas in die deutsche und mit dem zwölften -in die lateinische Schule, wo er frühzeitig eine hohe geistige Begabung -an den Tag legte, sich aber besonders der Schreibkunst widmete, die -zu jener Zeit bei weitem nicht Jedermann beherrschte und die daher in -hohem Ansehen stand. (Noch durch Jahrzehnte zeigte man dort den Tisch, -der ihm zur Aufbewahrung seiner Sachen dortselbst eingeräumt war.) - -Infolge angestrengtester Bemühungen gelang es ihm, nicht nur eine -deutliche, sondern auch »recht saubere und schöne Schrift zu -erwerben«, durch die er, wie es in einem andern Berichte heisst, »alle -Guldenschreiber und berühmte Rechnenmeister übertroffen«, gleichviel, -ob deutsche oder lateinische Buchstaben, kaum einer that es ihm in -kunstvollem Schreiben zuvor. - -In den folgenden Versen, die er mit einer Widmung versah, hat er den -Gedanken ausgesprochen, der sein Leben erfüllte: - - O junger Gsell lehre gute Kunst, - Das ist dir nutz und bringt dir Gunst, - Es ziert auch wohl ein jungen Man, - Wie fein ists, wenn er etwas kan. - Ich nem eins glehrten Mannes mut, - Liess eim eins Narren grosses Gut, - ~Dann so das Geld sich von dir kehrt, - So bleibt die Kunst doch unversehrt, - Und dich deines gantzes Leben nehrt.~ - Plus probe thesauro docti quam divitis auro. - - (Etwa: »Was frag ich viel nach Geld und Gut, - Wenn ich zufrieden bin« -- - oder: »Vergnügt sein ohne Geld, - Das ist der Stein der Weisen«). - -Dem Ehrbarn und Wolgeachten Herrn Leonhart Stöberle, Burger und -Apotheker in Nürnberg zu Ehrn und Wolgefallen, hab ich Thomas -Schweicker zu Schwäbischen Hall, diss aus Mangel nothdürftiger Arm mit -meinen Füssen geschrieben den 21. Juli Ao. 1592, meines Alters 51 Jar«. - -Schweicker konnte aber nicht allein gut und künstlerisch-schön -schreiben, er konnte auch »allerley kunstreiche Handarbeit verrichten«, -er besass selbst Geschick in Tischlerarbeiten, wie Hobeln, Bohren, -Sägen und dergl. und »verfertigte allerley subtile Leisten und -Holtzgerämswerk«. Beim Essen sass er auf einem Stuhl in der Höhe der -Tafel, nahm mit den Füssen das Messer, schnitt Brot und andere Speisen -und führte sie ebenso, wie die Getränke, mit den Füssen zum Munde. Er -selbst sagt über diese und ähnliche Fähigkeiten Folgendes: - - »Dieweil ich, dass es GOtt erbarm, - Hab weder Finger, Händ noch Arm, - und mich also behelffen muss, - Schreib ich doch diss mit meinem Fuss, - Drumb frommer Christ dein Lebenlang - Sag GOtt für diese Wohlthat dank, - Dass Du hast einen graden Leib, - Wie meinest, dass ich mein Zeit vertreib, - Das zeigt Dir die Contrafraktur. - Weil mich nun GOtt und die Natur - Also erschuff, hats mir doch geben, - Alles zu thun mit Füssen eben, - Essen vnd trinken vber Tisch - Mit meinem Fuss ich bhend erwisch, - Schreib, mahl, schnitz, bindt Bücher ein, - Das Armbrust kan ich brauchen fein, - Zehl Gelt, vnd auff freundlichs begehren - Im Bretspiel meins Manns mich thu wehren. - Schenk ein, trink auss, die Kleider mein - Anleg selbst, schneid ein Feder fein. - - Thomas Schweicker Halensis«. - -Unter einem seiner zahlreichen Bildnisse finden sich folgende, seine -Thätigkeit charakterisirende Verse: - - »Der grosse Wunder-GOtt kan nichts als Wunder machen, - Diss zeuget Schweickers Bild, diss weisen Schweickers Sachen. - Der Mann ist ohne Hand geboren auf die Welt, - Und treibet mit dem Fuss, was aller Welt gefält; - Er trank, er ass, er schrieb, schnid Federn mit den Füssen, - Spannt Bogen, drückt sie ab, wusst seine Lust zu büssen - Mit Spielen in dem Brett. Der Maximilian, - Das Haupt der Christenheit, hielt hoch den Wundermann, - Auch Churfürst Friederich am Rhein hat ihn bey Leben - Als einem Wundermann Schild, Helm zum Wappen geben. - Der Du ihn siehst, gedenk: Was die Natur verletzt - An _einem_, hat Verstand am _andern_ Theil ersetzt«. - -In einem nach Schweickers Tode verfertigten Epigramm sagt -M. J. Gaeterus -- um eine weitere poetische Betrachtung über dessen -Fertigkeit anzuführen: - - »Von Mutterleib ohn Arm und Händt - Geboren an sein Füssen bhendt - Alles gantz hurtig und ohn Zill - Verricht, wie mans nur haben will; - Er isst und trinkt, spilt, gibt und trinkt, - Alls mit seinen Füssen zwegen bringt«. - -Man sieht, dass sich der Beifall, den seine Leistungen fanden, zu -einem förmlichen Cultus erhoben hatte und welch' ein reicher Kranz -poetischer Blüthen und Betrachtungen in Prosa, die, wollte man sie -gesammelt veröffentlichen, einen stattlichen Band füllen würden, sich -um Schweickers interessante Figur geflochten hat. - -Aber nicht die Dichtkunst allein, auch die bildenden Künste -glorificirten ihn, denn nicht nur auf Kupferstichen wurde er -abgebildet, sondern auch Medaillen, die sein Bild zeigten, wurden ihm -zu Ehren geprägt. Die eine hatte die Form und den Umfang eines Thalers -und zeigte auf der einen Seite Schweicker, wie er die Umschrift: -»Thomas Schweicker im 41. Lebensjahre 1581« mit den Füssen selbst -schreibt. Auf der Reversseite befindet sich in sieben Zeilen ein Citat -aus dem 138. Psalm: »Wunderbar sind Deine Werke, und das erkennet meine -Seele wohl«. Eine andere, zwar etwas grössere, doch minder scharfe, -wurde im Jahre 1595 geprägt. - -Nach alledem kann es nicht wundernehmen, wenn Schweicker vom ganzen -Lande und über dessen Grenzen hinaus gekannt und geschätzt war. Um ihn -zu sehen, kamen die Leute von ferne herbei und aus Schlesien erschienen -Boten in Hall, bloss zu dem Zweck, sich beglaubigte Zeugnisse über die -Existenz und Fähigkeiten Schweickers von der Obrigkeit zu erbitten. - -Aber, wie es oft gerade dem besten Künstler ergeht, sei es wegen seiner -zu grossen Freigebigkeit und Unterstützung armer Freunde, sei es, -weil minderwerthe Concurrenten auf der Bildfläche erscheinen und ihm -die Einnahmen schmälern, auch Thomas Schweicker hatte mit pecuniärer -Noth zu kämpfen, und richtete deshalb im December 1570 an den Kaiser -Maximilian II. folgende, _mit den Füssen geschriebene Bittschrift_: - - Psalm CXLIII - - Prope est Dominus invocantibus cum omnibus invocantibus cum in - veritate. - -Allerdurchlauchtigster, Grossmächtigster, Christlichster Kayser, -gnädiger Herr, nachdem der Allmächtige Ewige Gott und Vater unsers -einigen Herrn und Heylandes Jesu Christi mich armen, elenden und -verletzten Menschen also und dergestalt in diese Welt erschaffen hat, -dass ich aus Mangel meiner Glieder meine Leibes-Nahrung und Unterhalt -leider für mich selbst nicht gewinnen noch erlangen kan: Derowegen -ist hierauf an Eure Kayserliche Majestät, als an meinen gnädigsten -Herrn, meine gantz unterthänigste, demüthigste und fleissigste -Bitte und Begehr, Eu. Kayserl. Majest. wollen aus angebohrner hoch- -und weitberühmter Mildigkeit mich armen, elenden und verletzten -Menschen lauter um GOtteswillen gnädiglich bedenken, auff dass ich -die übrige Zeit meines armuthseeligen Lebens durch GOttes und Eu. -Kayserl. Majestät Hülffe und Beförderung auch in dieser Welt möge -zubringen. Solches um Eu. Kayserl. Majestät zu verdienen mit meinem -armen, andächtigen Christlichen und emsigen Gebet, gegen GOtt dem -Allmächtigen, für Eu. Kayserl. Majestät, will ich armer gehorsamer mit -höchstem Fleiss zu aller Zeit, treulich thun, auff dass der Barmherzige -Gütige GOtt Euere Kayserl. Majestät in langwieriger Gesundheit und -glücklicher Regierung gnädiglich erhalten wolle. A. M. E. N. - - Thomas Schweicker Hallensis - Quem Natura Brachiis Spoliavit - Hoc Scripsit cum pedibus suis - Anno Christi unici mediatoris - Salvatorisque nostri M. D. L. XX. - In mense Decembri. - -(Verdeutscht: Thomas Schweicker aus Hall, den die Natur der Arme -beraubte, schrieb dies mit seinen Füssen im Jahre 1570 im Monat -December.) Das Original des Briefes, auf dessen Rückseite die Worte -standen: »Gott giebt nicht Alles Allen«, befand sich noch hundert Jahre -später in der Kanzlei zu Prag. - -Anlass zu diesem Brief gab wohl die Anwesenheit des Kaisers Maximilians -in Hall bei der Reise zu einem in Speier stattfindenden Reichstage, bei -der er auch auf Schweicker und seine eminente geistige und körperliche -Begabung aufmerksam gemacht wurde. - -Gleichzeitig suchten auch Friedrich III. von der Pfalz und August von -Sachsen den weitberühmten Wundermann auf, während ihn Ludwig von der -Pfalz 1584 nach Heidelberg entbieten liess. - -Nach einem also wechselvollen und inhaltsreichen Leben ist dann Thomas -Schweicker am Donnerstag, den 7. October 1602, Morgens zwischen -sechs und sieben Uhr, verschieden, nachdem ihn am 4. October eine -anscheinend leichte Erkrankung auf das Lager geworfen hatte. Am -8. October wurde er -- eine besondere Vergünstigung -- unter dem Chor -der Hauptkirche St. Michael beigesetzt. Seine Leichenrede, die im -folgenden Jahre zu Frankfurt a. M. gedruckt wurde, hielt der Prediger -Johannes Weidner über den 39. Psalm. Dieselbe enthält noch weitere -interessante Mittheilungen über den Verblichenen. Hier sei nur noch -der Schluss mitgetheilt, der zugleich Schweickers Grabschrift bildete -(den Grabstein hatte er sich selber angefertigt und nur die Grabschrift -wurde nachgefügt) und also lautete: - -»Im Jahre 1602, den 7. Tag Octob., seines Alters 61. Jar, starb Thomas -Schweicker, Bürger allhier zu Schwäbischen Hall am Cöcher, welcher -ohne Arm und Händ, also von Mutterleib in diese Welt gebohren, und -hat gantz zierlich und kunstreich seine Grabschrifft, welche von den -Edlen, Vesten Herrn Consulibus und gantzem E. Rath der Statt in dem -Haupttempel daselbst zu S. Michael, durch die Befreunden im Chor -zu stellen, günstig approbiret, vor seinem Ende mit seinen Füssen -geschrieben, den 29. Jun. An. 1592. Seines Alters im 51. Jahr, -der Allmächtige GOtt wolle ihme und allen Ausserwehlten hie seinen -Frieden, und dorten ein ewiges Leben mit einer fröhlichen Auferstehung -gnädiglich verleihen. AMEN.« -- - -Unter den wenigen Fusskünstlerinnen, die sich im neunzehnten -Jahrhundert öffentlich producirten, war es namentlich eine Elise -Ebbinghaus, die durch ihre kunstvollen Perlen- etc. Stickereien, die -sie mit den Füssen und dem Munde zugleich ausführte, die Aufmerksamkeit -der Damenwelt auf sich zog. Ebenso schrieb sie sehr geläufig und schön, -sowohl mit dem Munde als auch mit den Füssen. -- - -[Illustration] - -Nun zu den noch lebenden Fusskünstlern. Schon seit vielen Jahren -besitzt der erste unter ihnen, Herr C. H. Unthan, einen Weltruf, -und so kann es für die Leser nur von Interesse sein, über diesen -Künstler Näheres zu erfahren. In einem Interview gab uns Herr Unthan -in der liebenswürdigsten Weise Auskunft über seine Entwickelung und -Lebensschicksale und zugleich die erwünschte Gelegenheit, uns auch im -näheren Umgange davon zu überzeugen, dass das Fehlen der Arme ihn nicht -gehindert hat, in seinen Lebensgewohnheiten es dem normal entwickelten -Menschen gleichzuthun und sich ausserdem durch eiserne Willenskraft ein -so reiches Maass von Kenntnissen und Fertigkeiten anzueignen, dass -er ein vollwerthiges Mitglied der menschlichen Gesellschaft und ein -überaus interessanter Gesellschafter wurde. - -[Illustration] - -Unthan ist am 5. April 1850 in Königsberg geboren. Statt der Arme hat -er nur zwei etwa handlange stummelartige Ansätze mit je einem Finger. -Zu irgend welcher Thätigkeit ist keiner derselben zu gebrauchen, der -linke ist durch einen Schrotschuss, den Unthan sich mit 13½ Jahren -aus Versehen beibrachte, auch noch jeder Bewegungsfähigkeit beraubt. -Als Unthan etwa 9 Monate alt war, begann er, nur auf seine Füsse -angewiesen, instinctiv sich dieser so zu bedienen wie andere Kinder -ihrer Hände, und mit dem vollendeten zweiten Jahre konnte der Knabe -vollständig allein essen und trinken. Mit 4 Jahren begann er aus -Neugierde und Nachahmungsbedürfniss Schreibversuche mit den Füssen zu -machen; und heute schreibt Herr Unthan eine ausgeschriebene, kräftige -und gewandte »Fussschrift«. Sein Vater, der Schullehrer war, bestimmte -ihn zunächst für einen gelehrten Beruf, und so besuchte der Knabe -bis Obersecunda das Gymnasium, wo er sich in den Kämpfen zwischen -Gymnasiasten und Realschülern als gefürchteter Kämpfer d. h. Treter -hervorthat. Er hatte damals, wie er lachend erzählte, eine besondere -Vorliebe für Schienbeine. Mit 16 Jahren besuchte Unthan dann das -Conservatorium zu Leipzig, um dort seiner leidenschaftlichen Vorliebe -für Violinspiel, das er seit seinem 10. Jahre immer und immer wieder -probirt hatte, nachzugehen. Sein Lehrer war dort Ferdinand David. -Nachdem Unthan diese Studien hinter sich hatte, begann er in Concerten -und Theatern aufzutreten, zunächst aber nur als Violinspieler. Von -1869 an führten ihn seine Kunstreisen nach Frankreich, England und -nach einem Ruhejahr in Ostpreussen nach Nord- und Südamerika. Mexiko -bereiste er als ausgezeichneter Reiter ganz zu Pferde, und auf einem -Maulthiere unternahm er selbst einen Zug über die Cordilleren. Von -1876 ab nahm Unthan dann auch andere Nummern, die er im Laufe der -Jahre erlernt hatte, in sein Programm auf. Alle Verrichtungen, die ein -gewöhnlicher Sterblicher mit seinen Händen und Armen ausführt, versieht -Unthan mit seinen Füssen. Er wäscht, kämmt, rasirt sich, schneidet sich -sein Brot ab und macht es zurecht, und zwar Alles nur mit normalem -Zeitaufwand. Er reitet, fährt, schwimmt und taucht ausgezeichnet und -führt seine Correspondenz selbstständig. - -[Illustration] - -Es kann nicht wundernehmen, dass sich mit diesem Manne die medicinische -Wissenschaft eingehend beschäftigt hat. Autoritäten wie Virchow -und Professor Hamy-Paris haben ihn eingehend untersucht und nur -constatiren können, dass Unthan vollständig normale Fuss- und -Beinbildung aufweist. Ja, Virchow hat sogar die Frage nicht ohne -weiteres von der Hand gewiesen, ob die Bewegungsfähigkeit der unteren -Extremitäten und ihrer Theile, sowie ihre starke Entwickelung, wie -sie bei Unthan vorhanden, nicht eigentlich das Natürliche für das -Menschengeschlecht gewesen und nur einer Regeneration gewichen sei. -Der Künstler sagt von sich selbst, dass er ein gesundes, sanguinisches -Temperament besitze und sich stets eines ausgezeichneten Appetits -erfreue. Das Gedächtniss werde dadurch, dass er nicht stets »mit dem -Bleistift in der Hand« dastehen könne, um Alles zu notiren, auch -gestärkt, und um dem Oberkörper genügende Bewegung zu verschaffen, -pflege er eben das Schwimmen. Hierin soll er ganz Hervorragendes -leisten. Erwähnt sei noch, dass Herr Unthan auf seinen vielen Reisen -sich eifrig mit Sprachstudien beschäftigte, so dass er jetzt sieben -verschiedene Sprachen beherrscht. - -[Illustration] - -Aus eigenster Kraft hat sich dieser seltene Künstler zu seiner jetzigen -Bedeutung emporgerungen, und ständig arbeitet er an der Vervollkommnung -seines Könnens weiter. - -Er ist, wie er selbst sagt, einer von denen, die nie ohne Arbeit sein -können. Hoffentlich ist dem strebenden, fast jugendlich elastischen -Künstler noch eine lange ehrenvolle Laufbahn und ein behagliches -Privatleben an der Seite seiner Gattin, mit der er seit sechszehn -Jahres in glücklicher Ehe lebt, beschieden. - -Als gleichwerthiges Pendant muss auch der Rumpfkünstler _Kobelkoff_ -registrirt werden, den die Natur noch stiefmütterlicher bedacht hat, -wie seinen berühmten Zeitgenossen Unthan, da er _nur der Rumpf_ eines -menschlichen Körpers ist, dem alle vier Extremitäten fehlen, wahrend -Unthan doch wenigstens über die beiden unteren verfügen kann. - -Kobelkoff ist ein so seltenes Phänomen, dass kein anatomisches Museum -auch nur annähernd ein solches als corpus delicti aufzuweisen hat, und -in den berühmten Werken von Buffon, Humboldt, St. Hilaire etc. sind -auch nicht die kleinsten Andeutungen, die auf ein ähnliches Vorkommen -in früheren Zeiten schliessen lassen, enthalten. - -Er erregt die Theilnahme aller Derer, die ihn sehen, zuerst im höchsten -Grade, dies Mitleid wird aber sehr schnell durch seine Lebhaftigkeit -und durch die staunenswerthe Weise abgeschwächt, mit der er sich auch -ohne die nach allgemeinen Begriffen unentbehrlichen Gliedmassen zu -behelfen weiss, denn er schreibt mit grosser Fertigkeit, isst mit -Löffel und Gabel, zeichnet und malt, verrichtet überhaupt Alles, was -Andere, von der Natur Bevorzugtere mit den Armen event. auch Beinen -verrichten, mit der grössten Gewandtheit ohne dieselben. - -Seine stets heitere Laune, seine geselligen Manieren etc. führen bald -zu der Erkenntniss, dass er sich nicht unglücklich fühlen kann, um so -weniger, als er eine Lebensgefährtin fand und Vaterfreuden ihn an das -Dasein fesseln. In den vierundzwanzig Jahren der Ehe, die bis jetzt -(1899) verflossen, sind derselben elf Kinder entsprossen, von denen -noch fünf wohlgebaute Knaben und ein Mädchen am Leben sind. - -Nicolai Wasilowitsch Kobelkoff ist in Wossnesensk bei Troizk im -Gouvernement Orenburg, einer kleinen, freundlichen Stadt im asiatischen -Russland, am 22. Juli 1851 geboren und zwar ohne Arme und Beine. Sein -Vater war Angestellter in dem in der Umgegend befindlichen kaiserlichen -Goldbergwerke. Da die Schwangerschaft ohne jegliche Störung der -normalen Verhältnisse und des physischen Wohlbefindens der Mutter -verlief, so war die Ueberraschung um so grösser, als bei der Geburt -nur ein Rumpf ohne jegliche Gliedmassen zur Welt kam, der jedoch durch -ganz energisches Schreien das Vorhandensein einer gesunden Lunge -documentirte. - -[Illustration] - -Der kleine Weltbürger wurde mit der grössten Aufopferung gepflegt, so -wie im Laufe der Jahre der Körper sich entwickelte, so nahmen auch -die geistigen Fähigkeiten einen guten Fortgang, und mit dem zehnten -Lebensjahre brachte man den »kleinen« Nicolai nach Troizk in die -Kreisschule, wo ein menschenfreundlicher Pfarrer seine Ausbildung -übernahm. - -Das war jedoch eine schwierige Sache, da, wenn Nicolai auch über einen -regen Verstand verfügte, infolge des Fehlens der Arme und Hände das -Erlernen des Schreibens etc. schlechterdings als unmöglich erschien. -Da kam der Geistliche endlich auf die Idee, ob sich die fehlende Hand -nicht durch gemeinsame Anwendung des Armstumpfes und der Wange ersetzen -liesse, und als schon der erste Versuch günstige Resultate versprach, -da wurden die Exercitien mit solchem Feuereifer betrieben, dass neben -dem Schreiben auch Versuche im Essen mit Löffel, Messer und Gabel, -überhaupt in allen Arbeiten gemacht wurden, die von normalen Menschen -mit den Händen ausgeführt werden, die denn auch vollständig glückten. -So hat sich denn Kobelkoff im Laufe der Zeit eine Schrift angeeignet, -um die ihn, wie Hofrath Professor Weinlechner sich in einem Gutachten -ausdrückt, Mancher mit normal gebildeten Händen beneiden dürfte; die -Wange dient beim Schreiben nämlich als Daumen und der Armstumpf als -Zeigefinger. - -[Illustration: (Schrift Kobelkoff's).] - -Fünf Jahre lang stand er unter der Obhut des Priesters, der zugleich -sein Religionslehrer war, als der Menageriebesitzer Berg in den Ort -kam, von dem phänomenalen Knaben hörte und ihn für die Reise engagirte, -die denn auch am 12. Mai 1872 angetreten wurde. In Petersburg wurde -er dem Publicum überhaupt zum ersten Male vorgestellt; dann wurde ein -Engagement in Berlin und dann ein solches in Wien absolvirt, wo er -dem Publicum im Jahre 1875 zum ersten Male gezeigt wurde. Hier lernte -er auch seine Frau kennen, und als die Hochzeit im Jahre 1876 in -Budapest stattgefunden hatte, da begann ein echtes Nomadenleben, indem -das Ehepaar von Land zu Land, von Stadt zu Stadt zog. So kam es auf -seinen Wanderungen nach Deutschland, Frankreich, England, Spanien etc., -überall das grösste Aufsehen erregend, das seinen Gipfelpunkt jedoch -in der Bewunderung fand, die die grössten Gelehrten aller Länder den -geistigen und körperlichen Fähigkeiten trotz der abnormen Körperbildung -zollten. - -Kobelkoff ist ein Temperenzler und nimmt keine geistigen Getränke zu -sich; er lebt nur von Milch, Thee und Fleisch, die er täglich mit -grösster Regelmässigkeit dreimal zu sich nimmt, wie denn sein ganzes -Leben gleichmässig, wie durch ein Uhrwerk regulirt, verläuft. Seine -Ruhestätte ist ein kleines, einer Wiege ähnliches Bett, das sich etwa -vierzig Centimeter über dem Fussboden erhebt, und in das er sich ohne -jede Beihülfe hineinlegt und es auch wieder verlässt. Seine stete -Begleiterin ist seine -- Privat-Equipage, ein dreirädriger Kinderwagen, -der mittels vier Handgriffen in die Bahnwaggons verladen wird und der -vorne durch Vorhänge verschlossen ist, um dem Publicum während der -Reise den Einblick zu verwehren. - -Von sämmtlichen Ausstellungen Frankreichs und Italiens, auf denen -Kobelkoff sich producirte, besitzt er die ersten Preis-Medaillen für -seine Leistungen, und am 26. April 1899 ward ihm die hohe Ehre zu -theil, sich auch vor Sr. Kaiserl. Königl. Hoheit dem Erzherzog Ludwig -Victor, Bruder Sr. Maj. des Kaisers Franz Joseph I., produciren zu -dürfen. -- - -Ein ähnliches Genre wie Unthan cultivirt der sympathische Südfranzose -Jean de Henau, der besonders als Schnellmaler und Mandolinen-Virtuose -Hervorragendes leistet und eine gesuchte Attraction der modernen -Variétébühnen ist. (Abbildung umstehend.) - -[Illustration: Jean de Henau.] - -Neben den Fuss- und Rumpfkünstlern dürfen auch die Zwerge als -_Abnormitäten_ (nur _solche_ sind sowohl die Zwerge als auch die -Riesen, nicht aber _Missgeburten_ im eigentlichen Sinne des Wortes, wie -die Fuss- und Rumpfkünstler, da sie in der Regel als _normale_ Körper -zur Welt kamen und nicht ersichtlich war, dass sie später in ihrer -Körperentwicklung zurückbleiben oder sie überschreiten würden -- diese -abnormen Erscheinungen traten meist erst mehrere Jahre nach der Geburt -zu Tage) unsere Aufmerksamkeit beanspruchen, da man sie jetzt meistens -als Miniatur-Artisten zu sehen und zu hören bekommt, sie also keine -exclusiven Schauobjecte mehr, wie früher, sind, sondern sich jetzt -enger an das Gebiet der Artistik anlehnen. Eine allzugrosse Seltenheit -bilden sie heutzutage gerade nicht mehr, und man konnte namentlich in -den letzten Decennien des neunzehnten Jahrhunderts eine Vermehrung -dieser im Wachsthum _zurückgebliebenen_ Menschen constatiren, -während die im Wachsthum wieder zu stark _vorgeschrittenen_ Riesen -im Aussterben begriffen zu sein scheinen, da sie immer mehr von der -Bildfläche verschwinden. - -[Illustration] - -Die heutigen Zwerge und Riesen kennt man so ziemlich alle, sorgen doch -die Impresarien schon frühzeitig dafür, dass möglichst viel wahr- und -unwahrscheinliche Begebenheiten aus ihrem Leben zu Reclamezwecken in -die Oeffentlichkeit gelangen. Dagegen sind viele Daten über Riesen und -Zwerge aus früheren Zeiten unbekannt, und wenn auch diese gesammelt -hier veröffentlicht werden, so geschah das der Vollständigkeit wegen -nicht nur, sondern vornehmlich, weil sie interessant genug sind, um -auch in weiteren einschlägigen Kreisen bekannt zu werden. - -(Der französische Gelehrte Henrion schrieb im Jahre 1718 ein Werk, in -welchem er zu beweisen suchte [doch wohl nicht, um sich unsterblich -- -lächerlich zu machen?], dass Adam 41 Meter 60 Centimeter, und Eva 40 -Meter hoch war. Abraham soll 6 Meter 60 Centimeter, Moses 4 Meter 70 -Centimeter und Goliath 4 Meter gemessen haben, die damalige Elle zu 58 -Centimeter gerechnet.) - -Berühmte Riesen alter Zeit waren _Walther Passous_, der Portier des -Königs Jacob I., und _Maximilian Müller_, der im 55. Lebensjahre noch -wuchs. Der Erste war 7 Fuss 6 Zoll, der Zweite 8 Fuss hoch. Sie wurden -aber von dem berühmten _Patrick O'Brien_ (Patrick Colter) übertroffen, -der 38 Jahre alt, schon 8 Fuss 7 Zoll Höhe erreicht hatte. Von ihm -erzählt man sich, dass er seine Pfeife oft an den Strassenlaternen -angezündet habe. Er starb im Alter von 47 Jahren. Da er fürchtete, -nach seinem Tode secirt zu werden, so vermachte er zwei Fischern 200 -Pfd. Sterling, mit dem Auftrage, seinen Leichnam ins Meer zu werfen. -Professor William Hunter, der den phänomenalen Körper aber gar zu gerne -zu wissenschaftlichen Studien erlangt hätte, versprach den Fischern -ebenfalls 200 Pfd., wenn sie ihm den Leichnam dennoch überliessen. Sie -warfen denn den entseelten Körper richtig ins Meer, banden ihn aber -zuvor an ein langes Seil, das am Ufer befestigt war, an dem der Herr -Professor den Leichnam wieder aus dem Meere zog und sich aneignete, als -die Fischer sich entfernt hatten. - -1897 starb in Bournemouth der chinesische Riese Chang-Yu-Sing, der 1864 -zuerst in London auftrat und gleich jedem ins Ausland gehenden Chinesen -seinen Sarg überallhin mit sich nahm. Er mass 2 Meter 36 Centimeter, -wurde somit von dem Riesen _Drasal_ noch um 4½ Zoll überholt, der 310 -Pfd. schwer war und im Alter von 45 Jahren am 17. December 1886 in -seinem Heimathsorte Holleschau in Mähren starb. - -Ein berühmter Riese war auch der Oesterreicher _Franz Winkelmeier_, -der die Höhe von 8 Fuss 9 Zoll erreicht hatte, aber überaus mager -war und am 4. September 1887 im Alter von 24 Jahren in London an -der Schwindsucht starb. -- Die grösste Riesin, welche je auf Erden -gelebt hat, war _Marian_ (Maria Wedde), geboren am 31. Januar 1866 zu -Benkendorf bei Halle a. d. Saale, gestorben Anfang 1885 in Paris. Das -Riesen-Fräulein hatte das respectable Mass von 2,65 Meter erreicht. --- Nicht geringes Aufsehen erregte in den neunziger Jahren der am -12. September 1880 in Gross-Mohnau (Kreis Schweidnitz) geborene -Riesenknabe _Carl Ullrich_, der mit fünfzehn Jahren eine Höhe von 2,5 -Meter erreicht hatte, dann aber im Wachsthum stehen blieb. Seit jener -Zeit zeigten sich aber bei ihm Krankheits-Symptome, anfangs nur in -Form leicht und schnell vorübergehenden Unwohlseins, das im Laufe der -Zeit jedoch so bedenkliche Dimensionen annahm, dass er von Russland -aus zur Erholung zu seinen Eltern nach Gross-Mohnau zurückreiste. Die -Krankheit nahm aber einen so ernsten Charakter an, dass seine Eltern -ihn auf Anrathen der Aerzte dem Krankenhause der barmherzigen Brüder -in Breslau zur Pflege übergaben, bei denen er 1897, 17 Jahre alt, an -der Zuckerkrankheit starb. Die Dimensionen seines Körpers waren so -ungeheuerlich, dass z. B. seine Füsse genau gemessen 42 Centimeter -lang waren und dass durch seinen Ring, den er am Mittelfinger der -rechten Hand trug und der nur gerade passend war, bequem ein Thaler -hindurch ging. In seinem wissenschaftlichen Gutachten über ihn sagt -Prof. Virchow u. A.: »Da alle Organe bei ihm fehlerlos functioniren, so -wird Carl Ullrich, wenn er ausgewachsen ist, alle bisherigen Riesen an -Grösse und Schönheit übertreffen.« -- - -Nun noch um ein paar Decennien zurückblickend, war in den vierziger -Jahren des 19. Jahrhunderts die »ausgezeichnete Riesendame« (so -nannte sie sich) _Elise Schmidt_ wohl die einzige Riesin, die sich -öffentlich sehen liess. Sie war über 7 Fuss rhein. hoch, aber von -unbeschreiblicher Magerkeit. Als die Spuren des Alters sich wegen ihrer -Derbheit nicht mehr aus dem Gesichte wegretouchiren lassen wollten, da -zeigte sie sich (Ende der vierziger Jahre) in Gesellschaft einer recht -hübschen und zahlreichen Sammlung von -- Schlangen und Krokodilen, -wahrscheinlich, damit durch diese die Aufmerksamkeit der Zuschauer -in etwas von ihrer eigenen Person abgelenkt werden sollte. Einer -ihrer älteren Brüder, ebenfalls ein Riese, der frühzeitig starb, war -Flügelmann beim ersten Garde-Regiment in Potsdam, somit der grösste -Mann der ganzen preussischen Armee. Sein Skelet, das 7 Fuss 3 Zoll -rhein. hoch ist, ist im anatomischen Museum in der Universität in -Berlin aufgestellt. - -In der Mitte der fünfziger Jahre war es der Riese Mr. Murphy, der -das allgemeine Interesse durch seine Hünengestalt auf sich zog. Er -war 8 Fuss 2 Zoll rhein. hoch, aber von durchaus proportionirten -Körperformen, so dass seine Grösse im gewöhnlichen Leben gar nicht -so sehr zur Geltung kam, sondern erst dann, wenn nach allgemeinen -Begriffen grosse Männer zum Vergleiche neben ihm standen. Das Interesse -für ihn war so gross, dass in Frankfurt a. M. z. B. seine Höhe an -den Thürrahmen der Säle der Hotels und Restaurants als Wahrzeichen -angemerkt war, in denen er sich während der Herbstmesse 1856 gezeigt -hatte. - -Mit Murphy gleichzeitig zeigte sich in Deutschland die Schweizer Riesin -_Marie Schubiger_ aus dem Canton Thurgau. Sie war auch etwas über 7 -Fuss rhein. hoch, von seltenem Ebenmass der Körperformen und verfügte -über ganz ungewöhnliche Kräfte. Wenn sie sich auch stets unter ihrem -Mädchen-Namen zeigte, so war sie doch eine verehelichte Frau Fehr, und -ihr Gatte war Obergärtner in den Königl. Gärtnereien in Turin; sie -hatte ihn auf ihrer Tournée durch Italien kennen gelernt und sich mit -ihm verehelicht. - -Gleich Murphy zeigte sie sich stets auf den grossen deutschen Messen, -und trafen sie dann, wie das wiederholt vorkam, an solchen Plätzen -zufällig zusammen, so zeigten sie sich zwar in verschiedenen Localen, -arrangirten aber zum Schluss der Messe dann gewöhnlich in einem der -grössten Säle einen sog. »Riesen-Ball«, bei dem sie nicht nur die Tänze -anführten, sondern sie auch leiteten -- eine Speculation, die ihnen oft -enorme Summen eintrug. - -Als sie in der letzten Hälfte der fünfziger Jahre auch in Paris -zusammentrafen, da interessirte sich Kaiser Napoleon III., der seine -Jugendzeit im Schlosse Arenenberg im Canton Thurgau verlebt hatte, -so sehr für seine »Schweizer Landsmännin«, dass er ein Ehebündniss -zwischen ihr und Murphy zustande bringen wollte, um allmählich ein -»Riesen-Geschlecht« heranzubilden, eine Lieblings-Idee, die zu seinem -Leidwesen unrealisirbar war, da Marie Schubiger bereits Frau Fehr -hiess. -- Nur wenige Jahre noch, da sie in den dreissiger Jahren stand, -reiste sie und zog sich dann auf ihr am Schweizer Ufer des Bodensees -belegenes Gut, das sie fortan selber bewirthschaftete, aus der -Oeffentlichkeit zurück. - -Im Gegensatze zu den Riesen fiel den Zwergen in der Geschichte eine -viel grössere Rolle zu. Wollte man doch schon zur Zeit des Parazelsus -Homunculi (Menschlein) auf chemischem Wege herstellen. (Das Verfahren -der Herstellung von künstlichen Zwergen aus ursprünglich normal -gebauten Kindern stammt aus dem Orient, und der Alkohol bildet einen -wichtigen Bestandtheil des Receptes.) Zweifellos ist es erwiesen, dass -vornehme Damen alter Zeit auf ihren Höfen Zwerge hielten, ebenso, wie -später zur Zeit der Madame Pompadour Mohrenknaben in der Mode waren. - -In der Renaissancezeit waren die Zwerge in den verschiedensten Ländern -Europas modern, insbesondere aber an den päpstlichen Höfen. Bei einem -Banket des Erzbischofs Vitalli im Jahre 1556 bildeten 34 missgestaltete -Zwerge die aufwartende Dienerschaft. Ihre goldene Zeit hatten die -Zwerge unter dem russischen Czaren Peter dem Grossen. Die Schwester -des Czaren, die Grossfürstin Natalie, liebte sie leidenschaftlich und -auf ihren Befehl wurden die Zwerge aus der ganzen Welt nach Moskau -berufen, und diese leisteten der Einladung auch in überaus grosser -Anzahl Folge. In Moskau angelangt, wurden sie ins kaiserliche Palais -geführt und dort hatten sie ihre eigene Hofhaltung, schöne Gewänder und -volle Verpflegung, sowie goldene Equipagen, die mit je sechs Ponies -bespannt waren. Sie heiratheten auch unter sich, und jede Hochzeit war -ein vollkommenes Hoffest in Moskau. - -Ein glückliches Loos hatte _Jeffrey Hudson_, oder richtiger »Sir« -Jeffrey Hudson, denn König Carl von England verlieh diesem 18 zölligen -Männchen den Rang eines Barons. Er war vollendeter Gentleman, höchst -kriegerischen, ritterlichen Charakters und duldete nicht, dass man -seiner spottete, oder sich gar lustig machte. Einst wurde er von einem -Manne Namens Crofts beleidigt, Hudson forderte ihn sofort zum Duell und -erschoss ihn. - -Nicht so glücklich wie Sir Hudson war _John Worrenburgh_. Als er schon -berühmt war, wollte er von Rotterdam nach England heimkehren. Er -logirte in einer Schachtel, ebenso, wie Gulliver bei den Riesen, und -diese war der Obhut eines Wärters anvertraut. Letzterer aber, als er im -Begriff war, sich einzuschiffen, glitt aus und fiel sammt der Schachtel -ins Wasser. Den Wärter zu retten gelang zwar, Worrenburgh aber kam in -seiner Schachtel elend ums Leben. -- - -Die Zwerge sterben in der Regel jung, eine Ausnahme bildete vielleicht -der polnische Graf Joseph Borowlaszki, der 1739 als Zwerg geboren wurde -und ein Alter von 98 Jahren erreichte. Berühmt war auch _Bébé_, der -Zwerg des polnischen Königs Stanislaus, der aber im Gegensatze zu dem -geistreichen Zwerg-Grafen Borowlaszki nur ein Crétin war. -- Eine sehr -bekannte Zwergenschönheit ward unter dem Namen _La Fée Corse_ in London -1734 gezeigt. Sie wog kaum 26 Pfund und war ausserordentlich schön, -nur stand ihre Nase in keinem Verhältniss zu ihrem kleinen Körper. -- -_Wybrand Lolkes_, ein holländischer Uhrmacher, der nur 27 Zoll mass, -heirathete eines der schönsten Mädchen Rotterdams, welches ihn mit -mehreren ganz normal gebauten Kindern beschenkte. -- - -Wenn wir schon von Zwergen sprechen, so dürfen wir auch den berühmten -General _Tom Pouce_ nicht vergessen. Er hiess mit seinem wirklichen -Namen Charles S. Stratton und wurde am 11. Januar 1832 in Bridgeport, -Connecticut, geboren. Bei seiner Geburt wog er 9 Pfund und war mit 5 -Monaten ein hübsch entwickeltes Baby, das dann aber nicht weiter wuchs. -Sein Auftreten machte riesige Sensation, und als seine Popularität im -Zenith stand (1847), da belief sich sein Jahreseinkommen auf 15,000 -Pfd. Sterling. Am 10. Februar 1863 verheirathete Barnum den General mit -_Lavinia Warren_ aus Middleboro. Mrs. Stratton war bei ihrer Hochzeit -32 Zoll hoch und wog 29 Pfund, der General dagegen war 35 Zoll hoch und -wog 28 Pfund. Aus der Ehe entspross ein wahrhaftes Miniaturkindchen, -das aber nur kurze Zeit lebte. Lavinia Warren starb am 23. Juli 1878 im -Alter von 29 Jahren, ihr Gatte am 15. Juli 1883 im Alter von 45 Jahren -6 Monaten in Middleboro, Massachusetts. - -Dieses kleine Verzeichniss berühmter Riesen und Zwerge älterer und -neuerer Zeit kann keineswegs Anspruch auf Vollständigkeit machen, da -namentlich in älterer Zeit wohl der weitaus grösste Theil derjenigen -Menschen, die wegen ihrer abnormen Grösse einerseits, wegen ihrer -abnormen Kleinheit andererseits Beachtung verdient hätten, mit -geringen Ausnahmen nicht in die Oeffentlichkeit traten, sondern -vielmehr ein beschauliches Privatleben führten. Sind doch unter den -Sehenswürdigkeiten der Frankfurter Messe von 1778 ein Zwergmädchen und -ein Riese als eine _neue_ und interessante Schaustellung angeführt. -Wahrscheinlich aber ist doch noch interessantes Material in alten -Archiven vergraben, das mir durch Zufall einst an das Tageslicht -gefördert und durch das dem Historiographen erst in späterer Zeit eine -grössere Concentrirung der Materie ermöglicht wird. - - _Düsseldorf_, den 1. Sept 1899. - - ¯Signor Saltarino.¯ - - - - -[Illustration] - - - - -Johnson's zweiköpfiges Baby - - -wurde im März 1890 auf einem kleinen Bauernhofe, Hayword, Wisconsin, -Nord-Amerika, geboren, und da die »allwissende« Presse in langen -Artikeln auf dieses Wunder aufmerksam machte, so wurden die Eltern auch -bald mit Offerten für ein öffentliches Produciren des Babys überhäuft -und nahmen denn auch endlich Engagements an. - -[Illustration] - -Im Juli 1890 wurden die Kinder zum ersten Male in einem Museum in -Chicago vorgestellt und erregten so grosses Aufsehen, dass das -Engagement mit einer Wochengage von 500 Dollars bei freiem Verkauf der -Photographieen und Lebensbeschreibungen auf zwei Jahre abgeschlossen -wurde. Leider wurde das Baby aber nur acht Monate alt und starb am -9. October 1890 in M. S. Robinson's Museum in Buffalo an den Masern, -- -ein Theil starb etwa fünf Stunden früher als der andere. - -[Illustration] - -Dass die körperlichen wie auch geistigen Functionen vollständig -unabhängig von einander waren, ist wohl aus dem Cliché ersichtlich -- -indess der eine Theil schläft, wacht der andere und lächelt. Die Eltern -des Babys waren kleine Bauern und kehrten nach dem Tode desselben -wieder auf ihren »Hof« zurück. - -[Illustration] - - - - -Madame Taylor - -die Zwerg-Riesen-Dame - - -ist unter ihresgleichen insofern auch noch eine Specialität, als die -Riesen-Damen nicht nur gross, sondern meistens auch corpulent sind, -während Mme. Taylor eine Zwergin von nur drei Fuss und einem Zoll Höhe -ist, aber ein Gewicht von 309 Pfund (engl. Gewicht) hat; sie wird somit -auch mit Recht die »Riesin unter den Zwergen« genannt. - -[Illustration] - -In Peru geboren, wurde sie schon in ihrem vierzehnten Lebensjahre als -Zwergin ausgestellt, mit ihrem achtzehnten Lebensjahre verheirathete -sie sich mit einem »Feuerfresser«, und fortan producirte das Ehepaar -sich nur gemeinschaftlich in Museen etc. Als sie aber nach einiger -Zeit so corpulent wurde, dass sie nicht mehr gehen konnte und es zu -beschwerlich war, sie auf Tritt und Schritt umherzutragen, da zog sie -sich von dem Schaugeschäft zurück und lebt nun mit ihrer Familie -- sie -hat drei Töchter -- in stiller Zurückgezogenheit. - -[Illustration] - - - - -Lia May - -die Skelet-Riesin - - -macht zur Zeit in Barnum & Bailey's Circus in England grosses Furore. -Sie ist in Milwaukee, Wisconsin (Amerika) geboren und wurde schon in -ihrem achtzehnten Lebensjahre als Riesen-Mädchen gezeigt. - -[Illustration] - -Um ihre Anziehungskraft zu erhöhen, kleidet sie sich in Tricot und -erscheint durch ihre Magerkeit bedeutend grösser, wie sie wirklich -ist. Durch ihre so recht herzlich gemeinte Gutmüthigkeit ist sie bei -Jedermann sehr beliebt. - -[Illustration] - - - - -Madame Meyer - -die Bart-Dame - - -ist in Fort Wayne, N.-A., geboren. Schon im Alter von acht Jahren -machten sich die Spuren eines Bartes bemerkbar, die, allen angewandten -Enthaarungsmitteln trotzend, so üppig wucherten, dass sie sich schon -mit sechszehn Jahren eines so schönen Bartes »erfreute«, dass er dem -Antlitz bedeutend älterer Männer zur Zierde gereicht haben würde und -nicht selten deren Neid erregte. - -[Illustration] - -Schon in ihrer Jugend wurde sie in Museen ausgestellt und im Laufe der -Zeit hat sie sich nicht nur ein recht hübsches Vermögen, sondern auch -einen -- Ehegatten (das Cliché zeigt das Ehepaar) erworben, so dass -sie jetzt, obgleich erst achtunddreissig Jahre alt, vom »Geschäft« -zurückgezogen, in einem gemüthlichen Heim sorglos leben kann. - -[Illustration] - - - - -Emma Schaller - -das Skelet-Mädchen - - -ist am 8. Juli 1868 in St. Louis, N.-A., geboren; ihre Eltern waren -eingewanderte Deutsche und stammten aus West-Preussen. - -Miss Emma erfreute sich bis zu ihrem sechszehnten Lebensjahre der -besten Gesundheit, wurde dann aber infolge einer hochgradigen -Erkältung und darauf folgenden Gelenk-Entzündung auf ein langwieriges -Krankenlager geworfen, und nach etwa drei Jahren war sie zu einem -Skelet abgemagert. - -[Illustration] - -Da der Vater bereits vor mehreren Jahren gestorben war und die alternde -Mutter bei schwerer Arbeit einen nur sehr kümmerlichen Lebensunterhalt -zu erwerben vermochte, so kam Miss Emma zu dem Entschluss, sich als -»lebendes Skelet« öffentlich zu zeigen. Sie trat am 4. October 1890 zum -ersten Male in ihrer Geburtsstadt auf, und seit jener Zeit ist sie -in sämmtlichen Museen Nord-Amerikas gezeigt worden. Sie erhält eine -Monatsgage von 500-800 Mark, kann somit sich und ihrer alten Mutter, -die sie stets begleitet, eine ganz sorglose Existenz schaffen. - -Leider ist bei ihr allmählich eine vollständige Steifheit der Gelenke -eingetreten, so dass sie ohne Beihülfe auch nicht die kleinste Bewegung -machen kann. -- Sie ist etwa fünf Fuss zwei Zoll gross, wiegt aber nur -sechsundvierzig Pfund. Da sie sich einen gewissen Grad von Bildung -angeeignet hat, so ist sie imstande, während ihrer Ausstellung mit dem -Publicum eine lebhafte Conversation zu unterhalten. - -[Illustration] - - - - -Barney Baldwin - -der Mann mit dem gebrochenen Genick - - -ist für die medicinische Wissenschaft ein hochinteressantes Problem. -Der jetzt etwa fünfundvierzig Jahre alte, kräftig gebaute Mann war -Schaffner an der Chicago-Alton Railway und verunglückte als solcher im -Jahre 1886, indem er beim Ueberschreiten der Plattform von einem Waggon -zum anderen vom Zuge geworfen wurde. - -Für todt gehalten, lebte er dennoch, trotzdem acht Rippen, der eine -Arm zweimal, das rechte Bein unterhalb des Knies viermal und die -Wirbelsäule des Halses gebrochen waren; auch der Schädel hatte über dem -linken Auge einen bedeutenden Defect erlitten. - -Angesichts dieses hochinteressanten »Falles« setzten die Aerzte ihre -ganze Kunst daran, eine möglichst intensive Reconstruction dieser -menschlichen Ruine zu ermöglichen, und dieses Vorhaben hatte günstigen -Erfolg. Die Rippen-, Arm- und Beinbrüche wurden in althergebrachter -Weise behandelt, der Defect des Schädels wurde durch eine grosse -Silberplatte ausgeglichen und zur Unterstützung des gebrochenen Genicks -wurde ein theilweise aus Eisenblech hergestelltes Corsett construirt, -von dem aus eine Stahlstange, der Form des Hinterkopfes entsprechend -gebogen, sich erhob. An dieser Stange, an deren Ende in der Mitte über -dem Kopfe sich ein Haken befindet, hängt der Kopf an zwei dünnen -Riemen, von denen der _eine um die Stirn, der andere aber unter dem -Kinn hindurch geht, die sich somit oberhalb der Schläfe kreuzen_. -(Siehe das Cliché.) Mit dieser Vorrichtung muss er auch schlafen. -Werden die Riemen vom Kopfe entfernt, so fällt dieser wie leblos -auf die Brust, Baldwin verliert die Besinnung und der ganze Körper -verfällt in einen starrkrampfartigen Zustand; wird der Kopf dann wieder -aufgehoben, so kehren auch die Besinnung sowie die Beweglichkeit der -Glieder sofort zurück. - -[Illustration] - -Baldwin ist in ganz Amerika als der »einzige lebende Mensch mit dem -gebrochenen Genick« bekannt und zeigt sich heute noch öffentlich. In -seiner Glanzperiode bezog er nicht selten eine _wöchentliche_ Gage von -dreihundert Dollar (etwa 1300 Mark), während er jetzt mit zwanzig bis -dreissig Dollar per Woche gern zufrieden ist, da er, als zu bekannt, -seine frühere Zugkraft verloren hat. Er hat ein grosses Vermögen an -Gagen bezogen, lebte jedoch sehr splendid mit seiner Familie, so dass -er jetzt mittellos dasteht und durch die kleinen Gagen einen nur -kümmerlichen Lebensunterhalt erwirbt. - -(Noch in den siebziger Jahren reiste in Deutschland ein bereits -alter Mann, dessen Kopf ebenfalls in einer »Schwebe« hing, deren -Construction der vorbeschriebenen im wesentlichen genau glich. Er war -einst einer der berühmtesten »Spring-Clowns« seiner Zeit und von den -grössten Kunstreiter-Gesellschaften ein begehrtes Mitglied. Einst -landete er nach einem Sprunge so unglücklich, dass er die Wirbelsäule -des Halses brach. Da aber das Rückenmark unverletzt geblieben, er -somit lebensfähig, aber nicht nur für seinen früheren Beruf, sondern -auch für jede andere Arbeit unfähig geworden war, so reiste er zur -Zeit in Deutschland umher und verkaufte in Wirthschaften jeglicher -Güte couvertirte »Planeten«, nachdem er die Gäste in kauderwelschem -Deutsch mit seinem »Malheur« bekannt gemacht und ihnen die Maschine -an seinem Körper, in der der Kopf hing, gezeigt hatte, um eine -bescheidene Existenz fristen zu können. Leider kann der Name nicht mehr -festgestellt werden, der in der Künstlerwelt einst einen hervorragenden -Klang hatte.) - -[Illustration] - - - - -Hermann - -der Knabe mit der Wunderhand - - -ist ein echtes »Berliner Kind« von ca. elf Jahren. Die abnorme -Gestaltung seiner »Wunderhand« ist durch das Cliché so instructiv -illustrirt, dass von einer Detaillirung des abnormen Zustandes Abstand -genommen werden kann. - -Ist die Hand auch beweglich, so kann der Knabe sie doch zu keinerlei -Verrichtungen, und wären es die unbedeutendsten, gebrauchen. Als er -im Sommer 1895 in Castan's Panopticum in Berlin ausgestellt war, -da liess Herr Director Louis Castan es sich schon angelegen sein, -ihn zum Bewegen der Hand, zum Halten und Tragen von Gegenständen -verschiedenster Art und zu sonst anderen Verrichtungen unterweisend -anzuhalten, und mit Ausdauer durchgeführt, werden durch diese Uebungen -auch unfehlbar günstige Resultate erzielt, ist doch die Hand viel -vollständiger entwickelt wie z. B. bei Kobelkoff, dem nur ein ganz -unbedeutendes Fingersegment zu Gebote steht. - -[Illustration] - -Obwohl eine nicht unbedeutende Abnormität, ist der Knabe bis jetzt doch -keine grosse Sehenswürdigkeit. - -[Illustration] - - - - -Eli Bown - -der Mann ohne Beine - - -ist eine der beliebtesten Schau-Nummern in ganz Amerika. Er ist -hochgebildet, hat eine grosse Familie (sein ältester Sohn ist -Rechtsanwalt) und erfreut sich eines ziemlichen Wohlstandes. -Jetzt etwa 48 Jahre alt, tritt er bereits seit seinem sechszehnten -Lebensjahre öffentlich auf und bezieht auch heute noch bedeutende Gagen. - -[Illustration] - -Mr. Bown besitzt vollständig normal entwickelte Füsse, die jedoch -direct an den Hüftengelenken stehen. Er schreibt mit dem linken -Fusse, greift Gegenstände mit den Zehen desselben und ist auch ein -nicht unbedeutender Akrobat. Er bedarf nicht der geringsten Hülfe, -bewegt sich allein auf den Strassen, besteigt die Strassenbahnen mit -Leichtigkeit und besitzt ein ausserordentlich heiteres Temperament. -(Vor vielen Jahren lebte eine junge Dame in Westpreussen, die ebenfalls -keine Beine, sondern nur Füsse hatte; sie trat nicht öffentlich auf und -war so hülflos, dass sie stets in einem Krankenstuhle gefahren werden -musste.) Mr. Bown besitzt eine ungeheure Kraft in den Armen, deren -Muskeln von Stahl zu sein scheinen. - -Die jetzt etwa zehn Jahre alte Photographie, die als Original zu dem -Cliché diente, zeigt Mr. Bown mit seiner ganzen Familie. - -[Illustration] - - - - -Wilhelm und Hulda - -die »Fett-Kinder« - - -sind ein Geschwisterpaar, wie man es nicht oft findet. Die Eltern sind -einfache Fischersleute in Ostfriesland und haben ausser diesen beiden -Kindern noch drei, die ganz normal gestaltet sind. Die Ueberfettung der -beiden Kinder ist nicht, wie man anzunehmen geneigt sein dürfte, die -Folge eines krankhaften Zustandes, im Gegentheil erfreuen sie sich der -besten Gesundheit und ist das Fleisch ihrer Körper fest und gesund. Sie -werden seit längerer Zeit auf dem Continent zur Schau ausgestellt. - -[Illustration] - -[Illustration] - - - - -Eugène Berrey - -der Mann mit dem Riesen-Fuss - - -ist eine etwas abschreckende Schaunummer und im Jahre 1872 in der -Stadt Indianapolis geboren. Der Riesenwuchs seiner Füsse war schon bei -seiner Geburt vorhanden und mit der progressiven Zunahme seines Körpers -nahmen auch seine Füsse progressiv zu und wurden immer grösser und -grösser, so dass sein linkes Bein z. B. heute ein Drittel seines ganzen -Körpergewichtes, nämlich dreiundvierzig Pfund, repräsentirt. - -[Illustration] - -Mr. Berrey hat sich einen gewissen Grad von Bildung angeeignet, spricht -auch etwas Deutsch und Französisch und ist sehr liebenswürdig in seinem -Umgange. Seit etwa sechs Jahren steht er vor der Oeffentlichkeit und -ist als der Mann mit den »Trilby«-Füssen bekannt. Seine Gagen sind -nicht bedeutend, ermöglichen ihm aber trotzdem ein comfortables Leben, -und mit Recht kann man von ihm sagen: »Mr. Berrey lebt auf grossem -Fusse!« - -[Illustration] - - - - -Miss Maggie - -die dreibeinige Dame - - -die das nächste Cliché zeigt, war, wie so manches andere in Amerika, -auch »Humbug«. - -[Illustration] - -»Vor etwa drei Jahren (also 1896)«, so berichtet mein Gewährsmann, -»wurde von einem bedeutenden Museum in der Bowery in New York unter -denkbarstem Hochdruck der Reclame als grösstes aller Naturwunder der -Welt eine »Dame mit drei Beinen« annoncirt. Der Zulauf war ein ganz -enormer, und auch ich, wenngleich mit etwas zweifelhaftem Vorgefühl, -entschloss mich zu einem Besuch. - -Nachdem mehrere »Specialitäten« von geringem Werth vorgestellt waren, -erschien der »star« des Programms, die »Dame mit den drei Beinen«, in -Gestalt eines kräftig gebauten, munteren Mädchens, das in einem Sessel -sass und unter dessen Kleidern auch wirklich drei Füsse sichtbar waren. - -Beim Vortrage des Explicators stand das Mädchen auf, hob die Kleider -fast bis zu den Knieen empor und bewegte jedes der drei Beine in -der natürlichsten Weise. Trotzdem jede Täuschung ausgeschlossen -schien, wurde »Humbug« doch das »geflügelte Wort«, dem ein Theil des -Publicums unverhohlen Ausdruck gab, während der andere Theil der festen -Ueberzeugung war, ein wirklich echtes, unverfälschtes Naturwunder vor -sich zu sehen; meine personellen Ansichten über das Pro und Contra -hatten jedoch noch keine bestimmte Richtung angenommen. Wie so oft -schon, trat aber auch hier der Zufall entscheidend auf. Einige Zeit -später passirte ich nämlich Nachts elf Uhr Bowery, um mich in mein -Hotel zu begeben. Vor dem »Museum« angelangt, trat aus dem Portal -desselben eine Dame am Arme eines jungen Mannes heraus, an deren -äusserer Erscheinung nicht nur, sondern auch an deren eigenthümlichem -Lachen ich die »dreibeinige Dame« sofort wieder erkannte. Um mir jedoch -volle Gewissheit zu verschaffen, folgte ich dem Paar unbemerkt eine -ziemliche Strecke weit und hörte nun aus dessen Unterhaltung, dass ich -mich nicht getäuscht, sondern die Dame mit den drei Beinen leibhaft vor -mir sah, dass sie jedoch jetzt gerade so gut wie jeder andere normale -Mensch auch nur »zwei« Beine hatte. Und »Humbug« tönte es höhnend durch -den kalten Nachtwind.« - -[Illustration] - - - - -George Woodstock - -der Mann mit dem Riesenbart - - -behauptet, den längsten Bart der Welt zu besitzen. Er ist ein geborener -Irländer, jedoch von seiner Kindheit an in Amerika und hat ein schönes -Bauerngut in Marshalltown, Iova. Sein Bart hat die respectable Länge -von acht Fuss und drei Zoll und ist dunkelbraun; damit er ihm bei der -täglichen Verrichtung seiner Haus- und Feldarbeiten nicht hinderlich -ist, wickelt er ihn während derselben sorgsam zusammen und verbirgt ihn -unter der Weste auf seiner Brust. - -Mr. Woodstock ist niemals öffentlich aufgetreten und wird es auch -nicht, obgleich er bereits manche gute Offerte erhalten hat. - -[Illustration] - -(In den vierziger Jahren lebte in Deutschland ein ganz kleiner -verwachsener Mann, der auf dem Rücken und der Brust bedeutende -Buckel hatte. Der auf der Brust stationirte hatte hervorragend -monstrose Dimensionen, war aber kein wirklicher Buckel, sondern der -zusammengewickelte und unter der Weste verborgene grosse Bart des -kleinen Mannes, der eine Länge von über elf (!) Fuss rhein. hatte. In -einem Testamente hatte der Mann verfügt, dass seine Gesichtshaut sammt -dem Barte nach seinem Tode abgelöst und dem Universitäts-Museum in -Bonn zur Aufbewahrung übergeben werden solle. Dieser »letzte Wille« -wurde denn auch buchstäblich erfüllt, das bezeichnete Museum trat die -Erbschaft an und wahrscheinlich ist der Riesenbart heute noch als -Curiosität in demselben zur Schau ausgestellt. -- Leider können der -Familienname des Mannes und die Ortsnamen heute nicht mehr festgestellt -werden.) - -[Illustration] - - - - -John Darrington - -das lebende Skelet - - -ist in einer kleinen Stadt Connecticuts (Nord-Amerika) geboren und -jetzt etwa achtunddreissig Jahre alt. Bis zu seinem sechsundzwanzigsten -Jahre erfreute er sich der besten Gesundheit, zog sich aber infolge -einer Erkältung ein chronisches Magenleiden zu, so dass er in ganz -verhältnissmässig kurzer Zeit zum Skelet abgemagert war. - -[Illustration] - -Da er keinerlei Arbeiten mehr verrichten und auch Niemanden hatte, -der ihm Hülfe bieten konnte, so reifte in ihm der Entschluss, sich -als »lebendes Skelet« sehen zu lassen, und er hatte auch Erfolg -damit. Nicht der Einzige dieses Genres, ist seine Gage auch stets nur -gering, reicht jedoch bei seinen bescheidenen Ansprüchen aus, ihm -eine sorgenlose Existenz zu schaffen, so dass er nach seiner eigenen -Versicherung mit seiner jetzigen Lage vollständig zufrieden ist. - -[Illustration] - - - - -John Chambert - -der Mann ohne Arme - - -wurde 1854 in London geboren und kam ohne Arme zur Welt. Wie alle -anderen Fusskünstler, unter denen jedoch Herr C. H. Unthan der -geschickteste ist, verrichtet auch Mr. Chambert alle Arbeiten mit den -Füssen, die normale Sterbliche mit den Händen ausführen. Er bedient -sich selber beim Essen und Trinken, kleidet sich an und aus, rasirt -sich, schreibt ausgezeichnet, spielt mehrere Instrumente, schiesst, -hämmert, sägt, hobelt etc. etc. - -[Illustration] - -Seit seinem achtzehnten Lebensjahre zeigte er sich dem Publicum in -Museen etc., noch nicht ganz zwanzig Jahre alt, verheirathete er -sich, zog sich vom »show« zurück und eröffnete in London ein kleines -Cigarren- und Tabak-Geschäft. Er wurde Vater von drei Töchtern, und als -diese erwachsen waren, übergab er ihnen das Geschäft und kehrte zum -»Show-Leben« zurück. Vor etwa vier Jahren verlor er seine Gattin durch -den Tod, verheirathete sich jedoch im Februar 1899 zum zweiten Male und -führt mit seiner jungen hübschen Frau, die ihren »John« von Herzen lieb -zu haben scheint, ein recht glückliches Familienleben. - -[Illustration] - -[Illustration] - - - - -James Morris - -der Mann mit der Gummihaut - - -ist am 1. September 1859 in Boston, Massachusetts (Amerika), geboren. -Als Sohn armer Eltern erlernte er das Barbierhandwerk. Seit seiner -Kindheit war er im Stande, seine Haut zu bedeutender Länge vom Körper -zu ziehen und oft that er das zum Vergnügen seiner Kameraden. Eines -Tages sagte einer derselben zu ihm: »Morris, warum lässt Du Deine Kunst -nicht für Geld sehen?« Diese Worte waren bei Morris auf fruchtbaren -Boden gefallen: eines Tages stellte er sich dem Besitzer eines Museums, -J. E. Sackett, in Providence, Rhode Island, vor und wurde von demselben -sofort für ein Jahr engagirt. - -Seit der Zeit -- im Herbst 1882 -- war sein Glück gemacht, denn -während vier Saisons war er die Haupt-Attraction von Barnum's Side -Show und erhielt eine Wochengage von 150 Dollars. Leider ist Morris -ein Gewohnheits-Trinker und -Spieler, und statt heute ein Vermögen zu -besitzen, muss er noch auftreten, um sich ernähren zu können. - -Seine Vorführung ist die beste in diesem Fache. Er kann z. B. die Haut -von seiner Brust bis zum Kopfhaar hinaufziehen, die Haut der Backen -kann er bis zu acht Zoll ausdehnen, und mit der Haut des einen Beines -kann er das andere bedecken. - -Mr. Morris ist in allen Museen und bedeutenden Circusunternehmungen -Nord-Amerikas aufgetreten und befindet sich zur Zeit mit Count Orloff's -Abnormitäten-Truppe auf Tournée durch England. Er ist unverheirathet, -sehr gebildet und ein überaus gewandter Erzähler, als der er denn auch -in jeder Gesellschaft erwünscht und beliebt ist. (Die Dehnbarkeit der -Haut ist die Folge einer Krankheit der Zellengewebe derselben, die sich -auf andere Organe des Körpers nicht überträgt.) - -[Illustration] - - - - -Angelotti - -der Mann mit den Elephanten-Füssen - - -ist eine Abnormität, die sich besser für ein Krankenhaus, als für ein -Vergnügungs-Etablissement eignet. Er kam vor etwa einem Jahre als der -einzige gerettete Passagier einer kleinen Kohlen-Barke, die auf offenem -Ocean gesunken war, mit einem Ocean-Dampfer in Liverpool an, und da in -den bezüglichen Zeitungsberichten zugleich als Merkwürdigkeit bemerkt -war, dass der gerettete Passagier »Elephantenfüsse« habe, so suchte -Director Crouch ihn auf und engagirte ihn für seine Etablissements. - -[Illustration] - -Angelotti ist ein dunkelbrauner Neger, und haben seine unförmigen -Füsse, die einen recht zurückstossenden Anblick bieten, wirklich eine -grosse Aehnlichkeit mit Elephanten-Füssen. Dieser anormale Zustand -hat seinen Grund in der sog. Elephantiasis (Knollsucht), einem -bösartigen, doch nur selten auftretenden Aussatze, durch den die Beine -und Füsse mit einer, der Elephantenhaut ähnlichen, dicken, knolligen -Decke überzogen werden. Trotzdem erfreut der Mann sich des besten -Wohlbefindens, und so lange er sein Essen und genügend Rauch-Tabak -bekommt, fühlt er sich ganz glücklich. Er ist unverheirathet und etwa -vierzig Jahre alt. - -[Illustration] - - - - -James Wilson - -der einzige Brust-Expansionist der Welt - - -kann als ein Wunder der Natur bezeichnet werden. Er ist in Belfast, -Irland, geboren, erlernte das Schmiede-Handwerk, betrieb es bis -zu seinem dreissigsten Lebensjahre und war nicht nur wegen seiner -colossalen Kräfte, sondern mehr noch wegen seiner mächtigen Brust -allgemein bekannt. Nicht ganz einunddreissig Jahre alt, wanderte er -nach Amerika aus und arbeitete auch dort als Schmied. - -[Illustration] - -Da sah er in einem Museum in New-York einen Mann, der durch das -Ausdehnen seiner Brust fest um dieselbe gebundene Stricke zerriss. -In seine Wohnung zurückgekehrt, versuchte auch er den »Tric« und -fand, dass er sogar breite Lederriemen zerreissen konnte, und als es -ihm durch fortgesetzte Uebung endlich auch gelang, eiserne Ketten zu -zersprengen, da sagte er dem Schmiede-Handwerk Valet, ging zum »Show« -über und trat zum ersten Male in Barnum's »grösstem Circus der Welt« -auf; »seine Arbeit« erregte Sensation in ganz Amerika. Im Jahre 1889 -gewann er in einem Match nicht nur die grosse Medaille, sondern auch -den Champion-Gürtel der Welt, da er seine sämmtlichen Rivalen überbot. - -[Illustration] - -Im Jahre 1891 kam er mit dem Barnum-Circus nach London, kehrte nach -beendeter Saison jedoch mit demselben wieder nach Amerika zurück. -Im December 1895 trat er zum ersten Male auf dem Continent und zwar -in Hornhardt's Etablissement in Hamburg auf, ging von dort ans -Apollo-Theater in Berlin und unternahm dann eine kurze Tournée durch -Deutschland. Da er jedoch nur englisch spricht, so fühlte er sich in -Deutschland zu sehr verlassen und kehrte im October 1896 nach Amerika -zurück, wo er zur Zeit wieder mit amerikanischem Circus auf Tournée ist. - -[Illustration] - - - - -Lady Dot - -das kleinste Mädchen der Welt - - -war eine recht liebliche Erscheinung und das Ebenbild der weltberühmten -Zwergin »Prinzess Pauline«, nur, dass diese noch etwas kleiner war. - -[Illustration] - -Lady Dot war im Jahre 1880 in Hanley, England, geboren und wog bei -ihrer Geburt nur 140 Gramm. Trotzdem die Aerzte behaupteten, dass -das Kind nicht lebensfähig sei, gelang es der Mutter doch, dasselbe -am Leben zu erhalten und schon von sieben Monaten an wurde es als -Schau-Object öffentlich ausgestellt. Lady Dot lebte bis zu ihrem -fünfzehnten Lebensjahre und starb infolge einer heftigen Erkältung. -Kurz vor ihrem Tode wog sie etwas über neun Pfund und war neunzehn Zoll -hoch. Sie hatte vier normale Geschwister. - -[Illustration] - - - - -Edith - -das Riesen-Kind - - -verdient diese Bezeichnung mit Recht, denn es war wirklich ein solches. -Es wurde am 8. Januar 1888 geboren und wog bei seiner Geburt über neun -Pfund, und da es sich der besten Gesundheit erfreute, so wurde es schon -in einem Alter von fünf Monaten ausgestellt. Das Cliché zeigt das -Kind im Alter von 1¼ Jahr, welch letzteres da schon ein Gewicht von -zweiundsiebzig Pfund erreicht hatte. Das war sein Höhepunkt, denn kurze -Zeit darauf erkrankte es schwer an den Masern und magerte furchtbar ab, -und als es wieder gesund geworden war, da war es kein Riesenkind mehr -und wuchs als ganz gewöhnliches normales Kind seines Alters auf. Jetzt -ist es ein hübsches neunjähriges Mädchen, das in Swansea, South-Wales -(England) die Schule besucht. - -[Illustration] - -[Illustration] - - - - -Achmed Aratas - -der unverwundbare Fakir - - -wurde 1872 in Oesterreich geboren. Kaum fünf Jahre alt, verliessen -seine Eltern die Heimath mit ihm und wanderten nach Persien aus, wo sie -bald dem gelben Fieber erlagen. Des verwaisten Knaben aber nahm sich -ein Einsiedler, Namens Abbed an, bei dem er bis zu seinem vierzehnten -Jahre lebte und der ihn in sämmtliche Künste und Kunstgriffe der -Fakire einweihte, in denen er so grosse Fortschritte machte, dass er -einst zum Schah Nasser-Ed-Din berufen wurde, um sich vor diesem zu -produciren, und der ihm dann den Hausorden, welcher an rothem Bande -um den Hals getragen wird, verlieh. Endlich kehrte Aratas wieder nach -seiner Heimath zurück und wurde bald eine sehr gesuchte Attraction für -Variété-Theater etc. - -[Illustration] - -Seine Productionen bestehen in Folgendem: Durch Einathmen von -Dämpfen, deren Erzeugung sein Geheimniss ist, versetzt er sich in -einen quasi hypnotischen Zustand, dann beginnt er mit Kopfschütteln -und Verdrehungen und Verrenkungen des Körpers, bis er einem -Schwindelanfalle nahe ist. In diesem Stadium soll sein Körper in -gewissem Grade gefühllos sein, so dass er von den Schmerzen, die ihm -seine Productionen verursachen, fast gar nichts empfindet. - -Dann folgen die Selbstpeinigungen: Er sticht sich vier bis sechs lange -spitze Dolchnadeln durch den einen Ober- und Unterarm; man sieht, wie -sich die Haut dehnt, bevor die Spitzen der Nadeln hindurchdringen. Dann -geht er, um etwaige Zweifel zu heben, unter das Publicum und lässt von -einer beherzten Person die Nadeln wieder langsam und vorsichtig aus dem -dicken Fleische herausziehen. - -(Dieselbe Lieblingspassion hatte 1851 die dreizehnjährige Tochter eines -Kaufmanns in Demmin in Pommern, die sich oft mit zwölf und oft mit noch -mehr Stecknadeln die Innen- und Aussenseiten der Hände spickte, ohne -dass auch nur ein Tropfen Blut zum Vorschein gekommen wäre. Auf die -Frage: »Ob sie keine Schmerzen dabei empfinde«, antwortete sie: »Nein, -nur ein heftiges Jucken, wenn die Nadeln wieder herausgezogen sind, -sonst nichts«.) - -Dann folgt das Durchstechen der Backen, des Halses und der Zunge, und -damit die allgemeine Annahme widerlegt werde, dass er die Nadeln durch -alte verwachsene Löcher steche, lässt er sich die Zunge auch von einem -Arzte unter den Zuschauern durchstechen. Dann schlägt er sich mit einem -hölzernen Hammer eine Nadel mit grossem Kopfe unter dem Bauchnabel -regelrecht in den Leib, und dann lässt er sich von zwei ziemlich -grossen Schlangen in Hals und Arme beissen. Zum Schluss hält er seinen -nackten Arm etwa fünf Minuten lang in die hochauflodernde Flamme einer -Fackel. -- Aratas ist ein schöner Mann. Trotzdem seine Productionen -hochinteressant sind, so haben sie doch etwas Abschreckendes, -Zurückstossendes für viele Zuschauer. - -[Illustration] - - - - -Die Mac-Mahon-Kinder - - -stehen insofern wohl als Seltenheit da, als sie und ihre sämmtlichen -Geschwister Albinos sind und von Neger-Eltern abstammen. Sie wurden vor -fünfzehn Jahren in Troy, Staat New-York, geboren und von ihren Eltern -schon von frühester Kindheit an öffentlich ausgestellt. Die Eltern -haben sich dadurch ein kleines Vermögen erworben und leben seit einiger -Zeit mit den Kindern in stiller Zurückgezogenheit auf einer hübschen -Besitzung in ihrer Heimath. Den Kindern wird das Haar stets ganz -kurz geschnitten, und sollen dieselben nie wieder als Schau-Objecte -functioniren. -- Leider giebt es nicht viele so vernünftige Eltern, -die auch an das Wohlergehen ihrer Kinder denken und sie nicht bis zum -Lebensende ausnützen. - -[Illustration] - -[Illustration] - - - - -Katy Clary - -die Riesen-Dame - - -ist weniger ihrer eigenen Grösse, wie ihrer kleinen Schwester wegen -eine gesuchte Attraction. Miss Katy ist nämlich fünf Fuss und zwei -Zoll hoch und wiegt 460 Pfund, ihre Schwester ist dagegen nur -zweiunddreissig Zoll hoch und wiegt trotzdem 172 Pfund. Miss Rosa, die -Zwerg Riesin, ist zwei Jahre älter, als ihre grosse Schwester. - -[Illustration] - -Sie sind in Nord-Amerika geboren, bereits seit längerer Zeit auf -Reisen, absolviren Engagements in allen bedeutenden »Shows« und -beziehen verhältnissmässig hohe Gagen. - -[Illustration] - - - - -Marquis Wolga und Marquise Louise - -das »Königspaar der Liliputaner«. - - -Zwerge giebt es zur Zeit ja eine Unmasse, wirklich gute dagegen -aber nur sehr wenige, und von diesen zeigt das Cliché ein paar -Hauptrepräsentanten. Der kleine Herr Marquis Wolga ist am 2. September -1857 in Ungarn geboren. Seine Eltern sind absolut normal gebaut, -desgleichen seine fünf Schwestern. Bei seiner Geburt war er nur -etwa neun Zoll gross und wog nicht ganz zwei Pfund, jetzt ist er -achtundzwanzig Zoll gross und wiegt circa sechszehn Pfund. Sein -Aeusseres ist sehr sympathisch und die Intelligenz seines Gesichtes -wird durch einen hübschen Schnurr- und Knebelbart sehr wirkungsvoll -unterstützt. - -[Illustration] - -Die jetzt neunundzwanzigjährige Marquise Louise ist von dänischer -Abkunft, aber in Samara in Russland geboren, und sind auch ihre -Eltern sowie ihre sieben Geschwister nicht nur normale, sondern -sogar recht grosse und starke Menschen. Da sie bei ihrer Geburt ganz -unverhältnissmässig klein und schwächlich war, so wurde sie längere -Zeit hindurch in Watte gehüllt und mit allergrösster Sorgfalt gepflegt, -um sie am Leben zu erhalten. - -Heute erfreuen sich die kleinen distinguirten Herrschaften der besten -Gesundheit und sind trotz ihrer winzigen Körper sogar recht kräftig. -Vor etwa vier Jahren begegneten sie sich zum ersten Male in Ungarn, -und da nicht nur die Gleichheit des Körperbaues allein, sondern auch -die der Gesinnungen sie geistig näher zusammenführte und endlich die -Existenzfrage auch mit in die Wagschale fiel und eine gegenseitige -Zuneigung ausschlaggebend wurde, so entschlossen sich die beiden -Naturwunder, gemeinsam auf Reisen zu gehen. Da der Herr Marquis nun -aber den moralischen Werth und die Liebenswürdigkeit seiner kleinen -Reisegefährtin sehr bald kennen und schätzen lernte, da trug er ihr -kurz entschlossen Herz und Hand an, und nach einiger Zeit wurde das -Ehebündniss mit grossem Pomp in der Eglise de Madelaine in Paris -geschlossen. - -Das kleine Menschenpaar reist heute noch auf dem Continent und -lässt sich vom Publicum bewundern, und der Impresario hat sich ein -bedeutendes Vermögen dadurch erworben. - -[Illustration] - - - - -Leo Whitton - -der canadische Coloss - - -wurde im Jahre 1857 in Northumberland in Canada von »gewichtigen« -Eltern geboren. Sein Vater wog 340, seine Mutter 375, er selbst bei -seiner Geburt schon über dreizehn Pfund. Im zwölften Jahre wog er -bereits 209, im zwanzigsten 360 und zur Zeit wiegt er 724 (!) Pfund bei -einer Grösse von fünf Fuss und elf Zoll. Der Hals hat sechsundzwanzig, -die Brust zweiundsiebenzig und die Taille vierundachtzig, die Oberarme -haben achtundzwanzig, die Oberschenkel neunundvierzig und die Waden -sechsundzwanzig Zoll Umfang. (Es bestätigt sich also auch bei diesem -Coloss, dass der Hals und die Waden eines jeden Menschen stets gleichen -Umfang haben.) - -[Illustration] - -Mr. Whitton ist auf einem Bauernhofe erzogen worden; mit dem -zweiundzwanzigsten Jahre eröffnete er einen Fleischerladen und betrieb -ihn bis zu seinem siebenunddreissigsten Jahre. Er ist verheirathet -und hat drei Söhne und eine Tochter, die jedoch nach der Mutter, die -nur 118 Pfund wiegt, arten. Er besitzt ein recht hübsches »Heim«, -ist kerngesund, voll gesunden Humors und reist zur Zeit mit Barnum's -»Riesen-Show« in England, mit dem er jedoch auf alle Fälle wieder nach -Amerika zurückkehrt. - -[Illustration] - - - - -Monsieur Neptune - -der französische Herkules - - -ist sowohl ein Wunder der Natur, als auch des Trainirens, und der -jetzt etwa siebenundzwanzigjährige junge Mann hat bereits das grösste -Aufsehen in der Athleten-Welt erregt. - -[Illustration] - -In Bordeaux geboren, ging er als dreizehnjähriger Sohn einer armen -Wittwe als Schiffsjunge auf ein Kauffahrtei-Schiff und als Seemann -wuchs er auf, wurde aber wegen seiner phänomenalen Kraft von seinen -Kameraden bald gefürchtet. - -Vor einigen Jahren besuchte Neptune ein Variété-Theater in London, auf -dem sich auch der Athlet Chas. Samson producirte. Sein Haupt-Tric war -das Heben eines Gewichtes von 210 Pfund, das er mit einer Hand bis -zur Armeslänge über seinen Kopf drückte. Als er nach Beendigung der -Production Demjenigen 10 Pfd. Sterl. (ca. 200 Mark) proponirte, der -das Gewicht mit beiden Händen bis zur Brusthöhe höbe, da bat Neptune, -diesen Versuch machen zu dürfen. - -Sein Anerbieten erregte allgemeines Gelächter im Publicum, da er -von nur kleiner Figur ist und nur 132 Pfund wiegt, und um noch mehr -Heiterkeit zu erwecken, erlaubte Samson ihm den Versuch auch; Neptune -aber gewann den Preis spielend, denn er hob das Gewicht mit auch nur -einer Hand ebenfalls über den Kopf hinaus. Ein riesiger Applaus und -zahlreiche Rufe um mehr Kraftproben waren das Resultat dieses seines -Debuts vor der Oeffentlichkeit. - -Angespornt dadurch, erwachte in ihm das Verlangen, sich ebenfalls als -Athlet produciren zu wollen. Kurz entschlossen befreite er sich von -seinen Verbindlichkeiten als Seemann und begann dann, seine Kräfte -durch regelmässige Uebungen systematisch noch mehr zu entwickeln -und heute ist er als Athlet einer der bedeutendsten, die je vor der -Oeffentlichkeit gestanden haben, vielleicht auch stehen werden. - -[Illustration] - - - - -Miss Pollie Whatson - -die schwerste Dame der Welt - - -liefert den Beweis, dass der »Humbug« nicht allein in Amerika, sondern -auch in anderen Theilen der Erde gedeiht und Blüthen zeitigt. Die -Miss, eine geborene Engländerin und vor einiger Zeit in einem Museum -in Liverpool als »schwerste Dame der Welt« ausgestellt, ist zwar -»wohlbeleibt«, aber dem unbeeinflussten Beschauer konnte es doch nicht -entgehen, dass ihre unbedeckten Arme in einem grellen Contraste zu -ihrer Körperfülle standen und der Gedanke, dass letztere »Kunst«, nicht -»Natur« sein müsse, drängte sich unwillkürlich in den Vordergrund. - -Dieser Idee gab denn auch eines Tages ein pessimistischer Besucher -Ausdruck, indem er der »Aufwärterin« eine der umfangreicheren -landesüblichen Münzen in die Hand gleiten liess, und als -Erkenntlichkeit dafür erfuhr er folgende Details über die schwerste -Dame der Welt: »Bis vor ganz kurzer Zeit sei sie noch Fischhändlerin -gewesen, die das immerhin ansehnliche Gewicht von 220 Pfund zwar gehabt -habe, dass das aber doch für eine »Riesendame« nicht ausreichend -gewesen sei. Da habe sie, die Aufwärterin, es unternommen, eine -»vollwichtige« Riesendame aus ihr zu _fabriciren_ und ihr Gewicht auf -728 Pfund zu erhöhen, ein Kunststück, das ihr auch in etwa einer Woche -gelungen sei.« - -[Illustration] - -Befriedigt über diesen Erfolg, warf der incurable Pessimist noch einen -flüchtigen Blick zu der vom glaubensseligen Publicum umstandenen -»Humbug-Riesendame« empor und berechnete im Stillen, wie viel -überflüssige Schweisstropfen sie wohl täglich unter ihrer künstlichen -Fetthülle vergiessen möge, in die der »Humbug« sie eingezwängt. - -[Illustration] - - - - -Lucy Morris - -die schwarze Riesendame - - -hat das für eine Dame gewiss respectable Gewicht von zur Zeit 605 -Pfund erreicht, doch scheint sie noch nicht »ausgewachsen« zu sein. -Sie besitzt einen ganz colossalen Körperumfang und nimmt das Prädicat -»schwerste aller Negerinnen« dictatorisch für sich in Anspruch. Trotz -ihrer »unmenschlichen« Körperfülle bewegt sie sich sehr leicht und -fährt auch auf einem eigens für sie gebauten »Dreirad« recht gewandt. -Nicht selten tritt sie auch in akademischen »Posen« auf, und ist ihr -Erscheinen dann stets von nicht endenwollenden Lachsalven begleitet. - -[Illustration] - -[Illustration] - - - - -Clarence Dale - -der Knabe mit dem Riesenkopfe - - -ist eine recht sympathische Abnormität. Er ist ein lieblicher Knabe -von etwa neun Jahren, sein Kopf ist jedoch von so aussergewöhnlicher -Grösse, dass z. B. der Hut des corpulentesten Mannes kaum die -Oberfläche seines Kopfes bedeckt. Er ist geistig sehr geweckt, Virtuose -auf der Mundharmonika und in Amerika allgemein so beliebt, dass er nie -ausser Engagement ist. - -[Illustration] - -[Illustration] - - - - -Dominique Castagna - -der Mumien-Mensch - - -ist eine jener Abnormitäten, die stets im Vordergrunde des allgemeinen -Interesses stehen werden. Er wurde am 26. April 1869 zu Sologny -(Depart. Saône und Loire) in Frankreich geboren. Waren die normalen -Eltern auch bei seiner Geburt über die unnatürliche Härte seiner Haut -erstaunt, so beruhigten sie sich doch bald, wohlthätige Aenderungen von -der Zeit erhoffend, da sich in der normalen Entwickelung des Kindes -bisher keinerlei ungewöhnliche Störungen gezeigt hatten. Von seiner -Mutter bis zu fünfzehn Monaten genährt, lernte er mit zehn Monaten -gehen und rechtzeitig sprechen, doch hatte er im Alter von vierzehn -Monaten erst vier Zähne. - -Von seinem zweiten Lebensjahre an zeigte sich jedoch eine auffallende -Abmagerung, die bis zum zwölften Jahre progressiv zunahm und dann -stehen blieb, zugleich hörte aber auch die Weiterentwickelung des -Körpers auf, sodass Castagna trotz seiner jetzt achtundzwanzig Jahre -noch immer einem zwölfjährigen Knaben gleicht. Das Längenmaass des -absolut muskellosen Körpers beträgt 1,45 m, sein Gewicht nur 48 Pfund, -und das Knochengerüst ist von der hornartigen Haut straff umspannt, die -die natürliche Farbe hat, sich jedoch auf den Fingern und Zehen wie bei -einst erfrorenen Gliedern dunkler röthet. - -Der Kopf ist verhältnissmässig gross, die Nase sehr spitz, an der -Basis eingedrückt und in der Mitte mit einem Höcker versehen, und da -dieser fleischlose Knorpel, dem auch die Nasenflügel fehlen, gleich -einem Vogelschnabel aus dem regungslosen Gesichte hervorragt und -die grossen, runden, dunkeln, sehr gewölbten Augen, denen die Lider -fehlen, unwandelbar starr um sich schauen, so hat das Gesicht etwas -Eulenartiges. Der Mund ist bewegungslos und stets geöffnet, und da -fast gar keine Lippen vorhanden sind, so macht er mehr den Eindruck -eines grossen Einschnittes, aus dem die unverdeckten unschönen Zähne, -vierzehn oben und fünfzehn unten, hervorragen. - -Die Zunge ist sehr wenig beweglich und scheint durch die zu kurzen -Wurzelbänder gewaltsam nach hinten zurückgehalten zu werden, das -Zäpfchen ist sehr wenig ausgebildet, dagegen die Gaumenwölbung sehr -tief, Missverhältnisse, durch die wohl die hässliche näselnde und -ziemlich undeutliche Sprache bedingt wird, aus der aber trotzdem etwas -Anheimelndes herausklingt, das uns sagt, dass in diesem abstossenden -Aeussern eine sympathische Seele wohne. - -[Illustration] - -Wenn sich auch aus den fleischlosen Wangen und dem runzlichen Kinn hie -und da ein vereinzeltes Härchen hervordrängt, so ist doch von einem -Barte keine Rede, dafür aber ist der Kopf mit einer auffallend reichen -Fülle brauner Haare bedeckt, die in der Mitte durch einen geraden -Scheitel getrennt sind. Die Ohren sind hart und steif und das Gehör -lässt seit einigen Jahren nach, so dass man stets etwas laut sprechen -muss, will man gut verstanden werden, dagegen functioniren die Augen -vorzüglich, und fehlen ihnen auch die schützenden Lider, so erfreut -sich Castagna seiner eigenen Aussage nach doch eines gesunden festen -Schlafes. - -Der hässliche Kopf ruht auf einem fleischlosen Halse, der Oberkörper -ist flächenartig zusammengeschrumpft und nur die Schulterblätter -scheinen das Einzige am ganzen Körper zu sein, das mit dem -Alter desselben im Einklangs steht, dagegen sind es wohl die -verhältnissmässig kleinen Arme, die der Gestalt das Kindliche geben. -Die Oberarme zeigen noch eine ganz kleine Spur von Muskulatur, die -Hände sind warm und vermögen noch einen leichten Druck auszuüben und -ein Gewicht von ca. 20 Kilogramm zu bewältigen. Die Finger aber sind -alle krumm gegeneinander gebogen und dennoch können sie sehr geschickt -mit dem Gewehr, mit Nadel und Zwirn und mit der Schreibfeder umgehen, -da sie gleich den Armen noch leichte Biegungen zulassen. Auch die -Beine, die zwei mit Haut überzogenen Stöcken gleichen, geben in den -Knieen und Hüften noch so viel nach, dass Castagna sich nothdürftig -vorwärts bewegen, und auch ohne allzugrosse Anstrengung sich beugen -und eine Treppe hinaufgehen kann, doch können diese Bewegungen nur -ruckweise ausgeführt werden. Sämmtliche innern Organe, auch das -Nervensystem, functioniren dagegen so, wie bei jedem normalen und -gesunden Menschen, so dass Castagna über keinerlei körperliches -Unbehagen klagen kann. Er ist geschlechtslos, doch neigen sich die -wenigen vorhandenen geschlechtlichen Rudimente mehr dem Femininismus -wie dem Masculinismus zu. - -Von sanftmüthiger und liebenswürdiger Natur, besitzt er einen heiteren -Charakter und ist stets bereit, an ihn in französischer Sprache -gestellte Fragen zu beantworten. Dann wird sein Gesicht, das beim -ersten Anblick etwas zurückstossend Gespensterhaftes hat, sympathisch -und unterhält man sich mit dem Träger desselben, so lässt das rege -Interesse, das man unwillkürlich für seine lebendige Sprechweise und -klare Darstellung fasst, jedes unbehagliche Gefühl zurücktreten. - -Sein erstes Auftreten, welches einen grossartigen Erfolg erzielte, fand -am 20. August 1896 in Marseille statt, und hier stellte er sich auch -vier Monate später dem Publicum im Löwenkäfig der Menagerie Pezon, -von sechs Löwen umgeben, vor. Der École de Médecine in Marseille -vorgestellt, war der dortige Professor Villeneuve in so hohem Grade -von diesem seltenen pathologischen Fall überrascht, dass er mehrere -Vorträge über Castagna in der Klinik hielt und ihm zu einer Reise durch -die Welt rieth, die grosse Erfolge verspreche -- ein Prognostikon, das -sich auch erfüllte. - -Nach einem Besuche der Städte Avignon und Nîmes wandte Castagna -sich nach Montpellier, wo er am 10. November dem Professor Grasset -vorgestellt wurde, der dann vor ca. 500 Studirenden einen Vortrag -über ihn hielt, in dem ganz besonders betont wurde, dass dies ein so -abnormer Fall von »Atrophie« sei, dass man ihn nur schwer classificiren -könne, da allen bisherigen Erfahrungen gegenüber die _geistigen_ -Fähigkeiten unter dem allgemeinen »_Körperschwund_« nicht auch, wie in -ähnlichen Fällen, in Mitleidenschaft gezogen seien. Die medicinische -Facultät Montpellier war es auch, die ihm den Namen »Mumienmensch« -(L'Homme-Momie Vivant) gab, den er heute noch führt. - -Allüberall, wo er ausgestellt wurde, erregte Castagna das Interesse der -medicinischen Capacitäten, und mehrmals sollen solche sich in grossen -Städten Rendez-vous gegeben haben, um den Vorträgen berühmter Collegen -über ihn anzuwohnen. In Paris waren es Professor Raymond, in Berlin -Professor Virchow und in München Professor Ranke, die sich für ihn -interessirten und durch ihre Vorträge die Aufmerksamkeit der Männer der -Wissenschaft nicht nur, sondern auch der ganzen gebildeten Welt auf -Castagna lenkten. - -[Illustration] - - - - -William Campbell - -der schottische Riese - - -war ein Schottländer von Geburt und diente bis zu seinem -achtundzwanzigsten Lebensjahre in der grossbritannischen Armee, musste -dann aber wegen zu grosser Körperfülle den Dienst quittiren und sich -mit einer kleinen Pension begnügen. - -Mit seinem zweiunddreissigsten Lebensjahre producirte er sich dem -britischen Publicum als »Ihrer Majestät grösstes Subject«, und mit dem -fünfundvierzigsten Lebensjahre hatte er das respectable Netto-Gewicht -von zweiundfünfzig Tons (= 680 Pfund deutsches Gewicht) erreicht, -musste sich aber zweier Krücken bedienen, wollte er sich fortbewegen, -trotzdem er kerngesund war. - -[Illustration] - -Da er seiner Unbeholfenheit wegen das Reisen aufgeben musste, so kaufte -er sich ein Gasthaus in der Stadt Newcastle-on-Tyne, erfreute sich -jedoch kaum fünf Monate des »riesigen« Geschäftes, das er darin machte, -denn der Tod befreite ihn bald darauf von seiner Last. Er hinterliess -seiner Wittwe, die ihm stets treu und hülfreich zur Seite gestanden -hatte, ein Vermögen von 28000 Mark. Ob Campbell je von einem andern -Riesen an Gewicht übertroffen wurde, ist nicht festgestellt worden. - -[Illustration] - - - - -Albert Brough und General Thom - -Riese und Zwerg - - -sind geborene Engländer. Mr. Brough, in Nottingham geboren, ist jetzt -einunddreissig Jahre alt und misst sieben Fuss und acht Zoll, ist sehr -proportionirt gebaut und als liebenswürdig unterhaltender Erzähler in -Gesellschaften gern gesehen. Sein kleiner College ist achtundvierzig -Jahre alt, misst zwei Fuss und neun Zoll und wiegt einundfünfzig Pfund. - -[Illustration] - -Die beiden Abnormitäten haben sich associirt und in dieser -Zusammenstellung treten die Contraste in das grellste Licht. Beide sind -in England sehr beliebte Schau-Objecte, und Mr. Brough hat sich auf -seinen Reisen bereits so viel erspart, dass er sich in seiner Heimath -ein hübsches Häuschen kaufen konnte, während Se. Excellenz General Thom -seinen ganzen Verdienst in Wein »anlegt« und dem nächsten Gagentage -schon immer mit grösster Sehnsucht entgegensieht, eine habituelle -Eigenthümlichkeit, die er mit grösster Consequenz cultivirt. - -[Illustration] - - - - -Count Ivan Orloff - -der einzige durchsichtige und verknöcherte Mensch der Welt - - -wurde am 19. August 1865 geboren und entstammt einer hochvornehmen -Familie, die durch schwere Schicksalsschläge ihr gesammtes, grosses -Vermögen verlor und hierauf zuerst nach Deutschland und dann nach -Amerika übersiedelte. Da aber noch Verwandte des Herrn Orloff leben -und hohe Stellungen bekleiden, so müssen aus Rücksicht auf diese hier -sowohl die Nennung seines Geburtsortes, als auch nähere Details über -seine Familien-Verhältnisse unterbleiben. - -[Illustration] - -Bis zu seinem vierzehnten Lebensjahre war Ivan ein gesunder, kräftiger -Knabe, von diesem Alter ab aber zeigte sich eine immer mehr und mehr -zunehmende Abmagerung, vornehmlich der Beine. Da damit aber auch ein -hochgradiger »Knochenschwund« verbunden war und ärztliche Hülfe sich -diesem seltenen Falle von Atrophie gegenüber als vollständig erfolglos -erwies, so musste Ivan, um sich fortbewegen zu können, zuerst Stöcke -und später Krücken zur Hülfe nehmen, und als sich diese auch nicht mehr -als ausreichend erwiesen, sich eines Fahrstuhles bedienen, in dem er -Nachts auch schläft und die halbe Welt durchreiste und den er nunmehr -seit dreizehn Jahren nicht mehr verlassen hat. - -Infolge dieser steten Bewegungslosigkeit sind aber die Gelenke seiner -Gliedmaassen nicht nur, sondern auch der ganze Körper theilweise -verknöchert, da sich die in den Gelenken befindliche kleberig-ölige -Masse, das sonovial fluid, welches allein die Beweglichkeit ermöglicht, -allmählich verhärtet, somit einen richtigen Verbindungsknochen zwischen -den Gelenk-Kugeln und -Pfannen gebildet hat, der nun die Bewegung der -Gelenke verhindert. - -In diesem Zustande der »Ossification« befindet sich gegenwärtig -der _Oberkörper_ des Herrn Orloff, während in seinen unteren -Extremitäten gerade das Gegentheil der Fall ist. Hier ist nämlich -eine Knochen-_Erweichung_ infolge theilweisen Fehlens der kreide- und -kalkartigen Substanz, die den Knochen ihre Härte und Stärke giebt, -eingetreten. Die Beine sind knorpelig, durchsichtig und gebogen, und -dieser Zustand, durch die Weichheit der Knochen und das Zusammenziehen -der Muskeln erzeugt, nimmt noch stets zu. - -Count Orloff hat ganz Amerika und einen grossen Theil von Europa -durchreist und die berühmtesten Aerzte wegen seiner Krankheit -consultirt, jedoch erfolglos, und vor den Studirenden vieler grossen -medicinischen Facultäten sind Vorträge über diesen abnormen Fall -gehalten worden. Man war jedoch nicht einmal im Stande, die Ursachen -dieser wohl _einzig_ in ihrer Art dastehenden Krankheit zu ergründen, -und soll ein derartiger eclatanter Fall (wohl aber ähnliche) bisher in -den medicinischen Annalen nicht zu verzeichnen gewesen sein. - -Abgesehen von dem körperlichen Zustande, der ihm keinerlei Schmerzen -verursacht, erfreut Herr Orloff sich der besten Gesundheit und ist -Philosoph genug, sein Missgeschick mit Ergebung und grosser Geduld -zu ertragen. Er hat eine sehr gute Schulbildung genossen, auf seinen -Reisen hat er sich verschiedene fremde Sprachen angeeignet, die -er vollständig beherrscht. Er ist jetzt 35 Jahre alt, wiegt etwa -dreiundvierzig engl. Pfund und ist sowohl durch die gesammte Presse, -als auch von den grössten medicinischen Autoritäten anerkannt als der -_einzige durchsichtige und verknöcherte Mensch, der je existirt hat_. - -[Illustration] - - - - -Johann Jacob Toccio - -der einzige lebende Mensch mit zwei Köpfen - - -ist unstreitig die grösste Abnormität, die je gelebt hat und -wahrscheinlich auch gelebt haben wird. Am 4. Oct. 1877 in Locana, einem -kleinen Städtchen in Italien, von ganz armen Eltern geboren -- die -Mutter war erst neunzehn Jahre alt --, erhielt der rechte Theil in der -Taufe den Namen Giovanni, der linke aber den Namen Giacomo. - -[Illustration] - -Bei der Geburt wog das, ein kräftiges Duett schreiende Wundergeschöpf -nur 9 Pfund, jetzt (1899) etwa 130 Pfund. Oberhalb der sechsten Rippe -sind die Körper getrennt, unterhalb derselben vereinigen sie sich, so -dass das Wundergeschöpf oben _zwei_ Personen mit zwei Köpfen, vier -Armen, zwei Brustkasten, zwei Lungen, zwei Herzen etc. repräsentirt, -während der Unterkörper eine _einzelne_ Person mit zwei Beinen, -einem Magen etc. darstellt. Das scharf entwickelte Denkvermögen ist -vollständig separirt. - -Da die inneren Organe sehr kräftig ausgebildet sind, das Geschöpf somit -vollständig lebensfähig war, so entwickelte es sich so günstig, dass -es, nachdem es im Alter von vier Wochen den Professoren der Turiner -medicinischen Facultät, Fabini und Mosse, vorgestellt und von diesen -für das grösste Wunder der Welt erklärt worden war, von seinen Eltern -gegen ein unbedeutendes Eintrittsgeld in einer kleinen Bude ohne -Gefährdung der Gesundheit öffentlich gezeigt werden konnte, so dass -sich dieselben dadurch einen kärglichen Lebensunterhalt erwarben. - -Vor nunmehr ca. acht Jahren wurde dies Naturwunder von dem Director des -Berliner Passage-Panopticums, Herrn Neumann, entdeckt, der, den hohen -Werth desselben erkennend, es sofort für sechs Monate engagirte. Als es -nach vielen Bemühungen endlich repräsentationsfähig geworden war und -den berühmtesten Aerzten Berlins, u. a. auch dem Professor Virchow, -vorgestellt werden konnte und untersucht worden war, da wurde es -endlich auch dem Gesammtpublicum vorgeführt und der Erfolg war ein ganz -colossaler. - -Da erschien aber der New Yorker Museumsbesitzer Prof. E. M. Worth -auf der Bildfläche und engagirte den -- oder die -- Knaben für eine -einjährige Tournée durch die Vereinigten Staaten. Der Manager erhielt -eine _wöchentliche_ Gage von 750 Pfd. Sterl. und den kostenfreien -Verkauf der Photographieen. Davon zahlte er an die Eltern wöchentlich -200 Pfd. Sterl. und bestritt sämmtliche Kosten für sie und die Kinder. -Nach etwa fünfjähriger Ausstellung hatten sie sich ein so bedeutendes -Vermögen erspart, dass sie sammt dem Zwillingspaare in ihre Heimath -zurückkehrten; dort lebt es in einer kleinen hübschen Villa in der -Nähe Venedigs und würde sich um keinen Preis zu einer nochmaligen -öffentlichen Ausstellung entschliessen. - -Es berührt Jedermann ganz eigenartig, wenn man sich die beiden Köpfe -in italienischer, deutscher, französischer oder englischer Sprache -unterhalten hört, als wären es zwei vollständig getrennte Personen -und unwillkürlich blickt man nieder, um den Unterkörper der zweiten -Person zu suchen. Ebenso frappirte es, wenn sich im Kindesalter die -beiden Oberkörper zankten oder gar, was nicht selten vorkam, durch -gegenseitige Püffe ihre Meinungsverschiedenheiten ins Gleichgewicht zu -bringen versuchten. Und doch konnte Niemand zwischen sie treten, um sie -»auseinander zu bringen«. - -Die jetzt etwa zweiundzwanzigjährigen Jünglinge können zwar ohne -Beihülfe aufrecht stehen, müssen jedoch beim Gehen unterstützt werden. -Sie erfreuen sich der besten Gesundheit und können nach Aussagen der -Aerzte ein hohes Alter erreichen. - -[Illustration] - - - - -Jo-Jo - -der Mann mit dem Hunde-Gesicht - - -ist zwar eine grosse Abnormität, jedoch nicht die _einzige_ dieses -Genres. Jo-Jo ist etwa dreissig Jahre alt, von mittlerer Grösse und -kräftig gebaut. Er stammt aus Russland und soll dort vor etwa zwanzig -Jahren im Verein mit seinem Vater in den Sibirischen Urwäldern -»gefunden« sein. Das ist natürlich gerade so, wie auch die »berühmte« -Erzählung über Kra-o, Darwin's fehlendes Glied zwischen Affen und -Menschen, erfunden. Die Professoren Virchow und Bartels haben über -Kra-o und den sog. »wilden Menschen« einen hochinteressanten Artikel in -der »Gartenlaube«, Jahrgang 1888, Heft 28, herausgegeben, aus dem wir -ersehen, dass der abnorme Haarwuchs seinen Grund in einer Hautkrankheit -hat. - -Jo-Jo ist geistig sehr beschränkt, fast Idiot, und hat nicht die -geringste Schulbildung genossen. Vor etwa dreizehn Jahren wurde er von -einem Impresario nach Amerika gebracht und dort in den Museen etc. -als »Mann mit dem Hunde-Gesicht« gezeigt. Der Erfolg war, a conto -der entrirten Reclame, ein ganz horrender, und der Impresario schlug -ein Vermögen aus Jo-Jo, dessen Gage während einiger Jahre bis zu 500 -Dollars (etwa 2200 Mark) pro Woche hochgeschraubt wurde. Da er aber -bereits sowohl in ganz Amerika als auch in ganz Europa und Australien -ausgestellt worden ist, so hat er keine grosse Anziehungskraft mehr -und muss oft die gegen früher sehr geringe Gage von 190-200 Mark per -Woche acceptiren, da sein Impresario, der ein leidenschaftlicher -Hazardspieler ist, nicht einen Dollar erspart hat und auf Jo-Jo's -wöchentlichen Verdienst angewiesen ist. - -[Illustration] - -Seit etwa sechs Jahren befindet sich Jo-Jo wieder in Amerika und wird -es auch wohl nicht nochmals verlassen, da der Humbug mit »wilden -Menschen« etc. in Europa nicht mehr zieht, es somit auch für ihn -unmöglich ist, diesseits des Oceans noch Engagement zu erhalten. - -[Illustration] - - - - -Miss Violet - -das Kameel-Mädchen - - -ist in ganz Amerika bekannt und eine beliebte Attraction, erweckt -jedoch Mitleid beim gesammten Publicum. Sie ist im Jahre 1878 in -New-Orleans, Nord-Amerika, geboren und wird seit etwa zwölf Jahren von -ihren Eltern zum Geld-Erwerb ausgestellt. Miss Violet (das Veilchen) -ist sehr hübsch, zieht sich jedoch von allem intimeren Verkehr zurück. -Wie das Cliché zeigt, bewegt sie sich nur auf Händen und Füssen, da -es ihr unmöglich ist, die Beine gerade zu machen. Die Kniescheiben -befinden sich nämlich auf der Rückseite der Beine und zwar in solcher -Lage, dass sie die Beine wohl »_nach vorne_« zum Körper biegen, sie -jedoch nicht gerade ausstrecken kann. -- - -[Illustration] - -Ein ganz ähnlich verkrüppelter Neger wurde vor einigen Jahren ebenfalls -in Amerika unter dem Namen Jim-Jim, »halb Pferd, halb Mensch« gezeigt. -Er hatte sich auch wirklich die Bewegungen eines Pferdes ziemlich -natürlich angeeignet. Trotz der rohen und abstossenden Art der -Vorführung fand doch die »grosse Masse« des Publicums Gefallen daran -und der Impresario (ein Deutscher Namens Max Zimmermann) erhält ausser -dem freien Verkauf der Photographieen durchschnittlich eine Wochengage -von 125 Dollars. Eine Attraction, wie diese »halb Pferd, halb Mensch«, -würde in Europa polizeilich verboten werden. - -[Illustration] - - - - -Walter H. Drew - -der »Drum«-Major - - -war ein viel grösseres Wunder für die Mediciner wie für das Publicum. -Im Jahre 1866 in Bridgeport (Nord-Amerika) geboren, fehlten ihm die -Hände ganz und statt der Füsse hatte er nur unförmige Klumpen. Ungleich -interessanter für die medicinischen Wissenschaften war jedoch die -Thatsache, dass sein Rückgrat von der rechten Seite zur linken Hüfte -ging und dass die Wirbelsäule des Halses nicht die directe Fortsetzung -des Rückgrates bildete, sondern dass sie seitwärts aus diesem -herausgewachsen war. - -[Illustration] - -Dieses wohl einzig dastehende Vorkommen wurde von allen Aerzten -Amerikas constatirt, und nach dem Ableben Drews im Jahre 1891 wurde der -Leichnam vom Jefferson-College in Philadelphia erworben, das Skelet -präparirt und im Museum des College aufgestellt. - -Durch die abnorme Verschiebung des Rückgrates wurde es unmöglich, dass -Drew jemals gehen oder auch nur aufrecht stehen konnte, er konnte -sich vielmehr während seines ganzen Lebens nur auf der Erde liegend -fortbewegen. Trotz dieser furchtbaren Situation erfreute er sich aber -einer guten Gesundheit und eines recht urwüchsigen Humors, der ihm über -seine körperliche Misère hinaushalf. - -Durch eine besondere Vorrichtung an den Füssen ermöglichte er es, -zwei Trommelstöcke zu halten und sich zu einem Trommel-Virtuosen -herauszubilden (daher auch das Prädicat »Drum«-Major, gleich Trommel- -oder Tambour-Major). Auch schrieb er mit den Füssen und war ein -tüchtiger Zeichner. Für viele Jahre war er gezwungen, sich seinen -Lebensunterhalt durch öffentliche Schaustellung zu erwerben, und waren -auch für ihn die Museen etc. die Rettungs-Anstalten, die ihn vor dem -Armenhause bewahrten. - -[Illustration] - - - - -Miss Bella Carter - -das Mädchen mit der Pferdemähne. - - -Welch fabelhafte Blüthen der Speculationsgeist der Amerikaner zu -treiben vermag, beweist das »Mädchen mit der Pferdemähne«. - -Bella Carter, ein recht hübsches Mädchen von etwa 22 bis 23 Jahren, -ist in Port Huron, Michigan (Amerika) geboren, wo sie bis zum Jahre -1889 »unentdeckt« bei ihrer Mutter lebte. Da hörte ein »findiger« -Impresario von ihr und -- dass sie ein behaartes _Muttermal_ von -ausserordentlicher Grösse auf dem Rücken habe. (Muttermale sind fast -ohne Ausnahme bald mehr, bald weniger behaart. Im Volksmunde werden -sie nicht selten »Mäuse« genannt und ihre Entstehung dem »Versehen« -an einer Maus zugeschrieben, über die sich die Mutter während der -Schwangerschaft mit dem Kinde erschreckt habe. Während aber die -Behaarung dieser Mäuse meistens plüschartig und weich ist, sind die -Haare auf Bella Carter's Muttermal drahtartig-hart und ca. 12-14 Zoll -lang.) - -Sofort stattete der Impresario Mutter und Tochter eine -Recognoscirungs-Visite ab und nachdem er das Muttermal mit der -allerdings ungewöhnlich üppigen Behaarung gesehen hatte, machte -er Beiden den Vorschlag, Miss Bella gegen ein wöchentliches Fixum -öffentlich zeigen zu wollen, ein Vorschlag, der von Mutter und Tochter -sofort acceptirt wurde, da sie in nur ärmlichen Verhältnissen lebten. - -Das »Mädchen mit der Pferdemähne« war entdeckt, und war die -Uebertreibung auch eine geradezu »phänomenale«, so war der Erfolg doch -ein so guter, dass Miss Bella heute noch für eine bewährte Zug-Nummer -gilt, die in Amerika überall gerne engagirt wird. - -[Illustration] - -Auch nach Europa wurde das »Mädchen mit der Pferdemähne« überführt, -da aber ihre Ausstellung im Berliner Passage-Panopticum _absolut -erfolglos_ war, so stand der Impresario von jeder weiteren Ausstellung -ab und kehrte mit seinem »star« nach Amerika zurück. (Das Cliché zeigt -Miss Carter während der Vorführung.) - -[Illustration] - - - - -Der Hindu »Laloo« - - -ist eines der grössten Phänomen, die jemals existirt haben. Aus seiner -Brust ist nämlich der vollständig entwickelte Körper eines Mädchens, -dem jedoch der Kopf fehlt, herausgewachsen und von sämmtlichen Aerzten, -die Untersuchungen anstellten, wird behauptet, dass der Kopf sich _in -der Brust_ Laloo's befinde. Er wurde 1882 zur indischen Ausstellung -nach London gebracht und nach Beendigung derselben in sämmtlichen -Universitäten, Museen etc. Gross-Britanniens mit ganz colossalem Erfolg -ausgestellt. - -[Illustration] - -Nach dieser neunjährigen Tournée wurde Laloo von der Direction des -Berliner Passage-Panopticums für einen Monat engagirt, das Engagement -wurde jedoch des colossalen Erfolges wegen um weitere fünf Monate -verlängert und wäre noch weiter verlängert worden, hätte der -Impresario bereits früher eingegangene Verpflichtungen in Amerika noch -länger verschieben können. - -In Berlin erhielt der Impresario eine _Monats_-Gage von 2000 Mark, -vom Prof. E. M. Worth, dem Besitzer des Palace-Museums in New York -(des grössten und elegantesten Panopticums und Variété-Theaters der -Welt) bezog derselbe jedoch während sechs Monate ab 1. October 1891 -eine _Wochen_-Gage von 700 Dollars (etwa 2950 Mark) ausser dem Verkauf -der Photos und Biographieen, der ihm auch noch einen wöchentlichen -Reingewinn -- nach seiner eigenen Aussage -- von etwa 125 Dollars -eintrug. - -[Illustration] - -Laloo ist in ganz Amerika gezeigt worden, denn das Phänomen war auch -längere Zeit für Barnum & Bailey's »Greatest Show on Earth« engagirt. -Laloo ist jetzt etwa 27 Jahre alt, sehr intelligent, spricht mehrere -Sprachen und ist ein »bildhübscher« Mann, der sich viel in guter -Gesellschaft bewegt und überall gern gelitten ist. - -Seit 1894 ist er mit einer sehr hübschen und gebildeten jungen -Deutschen aus Philadelphia verheirathet. Das Ehepaar soll sehr -glücklich leben und Laloo seine Gattin mit Diamanten und sonstigen -werthvollen Geschenken förmlich überschütten. Trotz seines grossen -Reichthums tritt er noch immer öffentlich auf und seine junge Frau -begleitet ihn auf allen seinen Reisen. - -[Illustration] - - - - -Monroe - -der verknöcherte Afrikaner - - -ist ein unlösbares medicinisches Räthsel und zugleich eine Abnormität, -die Jeder mit Wehmuth betrachtet. - -Jetzt etwa vierundfünfzig Jahre alt, war er bis zu seinem -zweiunddreissigsten Lebensjahre ein gesunder, kräftiger Mann von -gebräunter Hautfarbe, glücklicher Ehegatte und Vater von drei Kindern, -und functionirte als Schaffner an der New York Central-Railway. - -Im Jahre 1875 wurde er Nachts von einem Frachtenzuge hinabgeworfen, -und da das Unglück von Niemandem bemerkt worden war, blieb er schwer -verwundet im Schnee liegen. Als er vermisst und aufgesucht wurde, da -fand man den völlig erstarrten Körper endlich und den Bemühungen der -Aerzte gelang es, ihn nicht nur wieder ins Leben zurückzurufen, sondern -es ihm auch zu erhalten. - -Infolge des Sturzes und der furchtbaren Erkältung traten jedoch nicht -nur Gelenk-Entzündungen, sondern gleichzeitig auch Rheumatismus -bei Monroe auf, die eine sich über den ganzen Körper verbreitende -Ossification (Verknöcherung) zur Folge hatten. Sechs Jahre konnte der -Unglückliche sein Bett nicht verlassen und seit dieser Zeit ist er -nur noch ein lebendes unbewegliches Skelet, das, als wäre es aus Holz -gearbeitet, aufgehoben, umhergetragen und wieder niedergelegt werden -muss; doch empfindet er nicht die geringsten Schmerzen, ist stets -heiter und zum Scherzen aufgelegt und giebt bei seinen Vorführungen -selbst den Vortrag über sich. Trotzdem er reichliche substantielle -Nahrung zu sich nimmt und auch gut schläft, wiegt er doch nur -zweiundsechzig Pfund. - -[Illustration] - -Seit etwa elf Jahren wurde Monroe in Museen etc. gezeigt, da er -jedoch stets hohe Gagen bezog, so hat er sich nicht nur eine hübsche -Besitzung unweit Buffalo (Amerika), sondern auch ein kleines -Baar-Vermögen erworben, das ihm gestattet, sich aus der Oeffentlichkeit -zurückzuziehen und als glücklicher Gatte und Vater im Kreise seiner -Familie leben zu können. - -[Illustration] - - - - -Ada Russel - -die Albino-Dame - - -ist keine bedeutende Attraction, da es namentlich in Amerika sehr viele -Albinos giebt. Beide Eltern sowie ihre sechs Geschwister haben brünette -Hautfarbe und schwarze Haare und Augen, sie dagegen hat schneeweisse -Haare, eine weisse, durchsichtige Haut wie Alabaster und rosarothe -Augen. - -[Illustration] - -Miss Ada hat eine sehr sorgfältige Erziehung genossen und ist eine -recht gute Sängerin. Seit mehreren Jahren tritt sie in Museen etc. auf -und schafft sich auf diese Weise eine sorgenlose Existenz. Sie ist 1873 -in Michigan (Amerika) geboren, wo ihr Vater noch jetzt Schullehrer ist. - -[Illustration] - - - - -W. Le Roy - -der Nagelkönig - - -ist _keine_ Abnormität im eigentlichsten Sinne, unter den -»Zahn-Athleten« aber ist er unbestritten eine solche, denn er hat ein -Gebiss, wie aus bestem Stahl gefertigt. Er nimmt z. B. zwei bis drei -Zoll lange Nägel zwischen die Zähne und stösst sie mit diesen durch -aufeinanderliegende ein bis zwei Zoll dicke Bretter, die er auf diese -etwas ungewöhnliche Weise zusammennagelt; die Nägel zieht er aber -auch unter den verschiedensten Stellungen des Körpers wieder mit den -Zähnen, die ihm dabei als Zange dienen, heraus. Sein Haupt-Tric aber -ist folgender: Er schlägt mit einem Hammer eine etwa zwei Zoll lange, -dicke Holzschraube durch ein einzölliges Brett, befestigt dieses dann -in einem für diesen Zweck eingerichtetes Gestell, und, den Körper -rückwärts überbiegend -- siehe das Cliché -- zieht er die Schraube -mit den Zähnen wieder aus dem Brett heraus. Es ist dies eine geradezu -phänomenale Kraftleistung, und offerirt Le Roy demjenigen 500 Dollar, -der die Schraube mit einer Zange herauszieht, was bisher jedoch noch -Niemandem gelungen ist. - -[Illustration] - -[Illustration] - -Er ist in Cincinnati (Ohio) geboren, jetzt etwa siebenundzwanzig Jahre -alt und eine grosse, äusserst kräftige Gestalt. Seine seltsame Kunst -producirt er in Museen und auf Specialitäten-Bühnen und bezieht stets -bedeutende Gagen. - -[Illustration] - - - - -Rham-a-Sama - -der »wilde« Mensch - - -ist in Bolton bei Liverpool in England geboren, jetzt etwa 38 Jahre -alt und ursprünglich gelernter Tischler. Als solcher arbeitete er -bis zu seinem neunzehnten Lebensjahre, erregte aber wegen seines -colossalen Haarwuchses so allgemeines Aufsehen, dass er vom Director -W. Mercer, Besitzer des Palace-Museums in Liverpool, engagirt und als -»Haarmensch« gezeigt wurde. Als solcher reiste er dann auch während -mehrerer Jahre in Grossbritannien umher, wurde jedoch 1894 von dem -findigen Menageriebesitzer Frank Bostock für fünf Jahre engagirt -und mit dessen Menagerie nach Amerika genommen. Nachdem er sich die -höchste Potenz des »Brüllens« und Umherrasens angeeignet hatte und -zweckentsprechend herausgeputzt war, wurde er in einen _eisernen_ Käfig -gesteckt und als das fehlende Verbindungsglied zwischen dem Affen- und -Menschengeschlecht (nach Darwin) gezeigt. - -[Illustration] - -Der Humbug zog jedoch in Amerika nicht mehr, denn der Haarmensch -Kra-o hatte das Geschäft als bisher fehlendes Glied zwischen Affen -und Menschen dort zu sehr ausgebeutet und infolge weiten Gewissens -sandte Frank Bostock den »wilden« Menschen wieder nach England zurück. -Derselbe wurde dann nach Hamburg engagirt, ging später für zwei Jahre -mit einem französischen Impresario auf Tournée und kehrte kürzlich -bettelarm in seinen Heimathsort zurück. - -Rham-a-Sama ist verheirathet und Vater dreier Kinder, hat aber trotz -seines oft recht bedeutenden Einkommens nicht im geringsten für seine -eigene Zukunft, noch viel weniger für den Unterhalt seiner Familie -gesorgt und ist nun als ein recht verkommenes Subject auch sonst eine -Abnormität. - -[Illustration] - - - - -Frank Home und George Moore - -die urkomischen Boxer. - - -Die Komik dieser beiden jungen Männer, deren Körperformen die -schroffsten Gegensätze bilden, ist bei ihren »Boxer-Productionen« eine -zwerchfellerschütternde. - -Frank Home, der Sohn eines Zimmermanns, ist aus Ohio, etwa -vierundzwanzig Jahre alt, fünf Fuss und zwei Zoll hoch, aber 412 -Pfund schwer und George Moore, eines Uhrmachers Sohn, ist aus Helena -(Nord-Amerika), etwa zweiundzwanzig Jahre alt, sechs Fuss und einen -Zoll hoch, aber nur 84 Pfund schwer. - -Dieser Gegensätze wegen reisten Beide jahrelang zusammen und zeigten -sich in Museen, bei Circus-Gesellschaften etc. Da Beiden von den -Aerzten viel Bewegung empfohlen worden war, so kamen sie endlich auf -den Gedanken, sich im »Boxen« zu üben und führten ihn auch aus, indem -sie in ihrer freien Zeit in ihrem Zimmer die einschlägigen Exercitien -vornahmen. - -Von diesen hörte zufällig der Manager vom Ringling Bros. Circus, bei -dem sie engagirt waren, und eines Tages wohnte er, um sich einen Spass -zu machen, diesen Exercitien bei, aber schon nach dem dritten Gange -offerirte er den Beiden einen Gagenzuschuss von fünfundzwanzig Dollars -per Woche, wenn sie sich auch in den Vorstellungen vor dem Publicum -boxen würden -- sie waren bisher nur passive Schaunummern gewesen. - -[Illustration] - -Der »Lange« wie der »Kurze« gingen mit Freuden auf dieses Anerbieten -ein und schon der erste »match« erregte bei dem Publicum einen solchen -Sturm der Heiterkeit, dass sie fortan die erste Attraction des Circus -waren. Darüber sind jetzt etwa fünf Jahre vergangen und in dieser -Zeit haben sich die beiden jungen Männer ein ansehnliches Vermögen -zusammen»geklopft«. - -[Illustration] - - - - -Die gefleckten Mädchen - -(the spotted Girls) - - -sind in Süd-Carolina, Nord-Amerika, von ganz armen Neger-Eltern geboren -und blieben jahrelang unter der Bevölkerung unbeachtet. - -Als vor etwa elf Jahren der Circus des »Pawne Bill« (Lilian Gordon) -auch Carolina bereiste, da hörte der Akrobat Harry Mack zufällig von -den »scheckigen Mädchen« und als er dieselben gesehen und erkannt -hatte, dass sich mit den Kindern »Geld machen« liess, da machte er mit -den Eltern derselben Contract auf zehn Jahre und sie erhielten nur eine -wöchentliche Entschädigung von -- so sagt man -- fünf Dollar, da sie -froh waren, den Erziehungssorgen der Kinder überhoben zu sein. - -[Illustration] - -Mr. Mack hatte richtig speculirt, denn er hat während der zehn Jahre -an Gagen ein Vermögen erhalten, da er die Kinder stets gegen grosses -Honorar in den bedeutendsten Museen etc. ausstellte. Während dieser -Zeit hatte er die Mädchen zu Akrobatinnen und Tänzerinnen ausgebildet -und sind besonders die beiden ältesten Schwestern, Maggi und Rosa, -bedeutend in diesen Fächern. - -Auch nach Europa brachte Mr. Mack die Mädchen und waren dieselben -während des Winters 1895/96 in Castan's Panopticum in Berlin für eine -Monatsgage von 4000 Mark engagirt, doch war die Anziehungskraft der -»Cannibalen« eine nur ganz unbedeutende, so dass eine Prolongation des -Contractes nicht erfolgte. Auf der Tournée in Deutschland verliebte -sich ein junger Deutscher in die älteste Schwester und am 23. October -1896 fand die Hochzeit in London statt. - -Da sie überaus gleichmässig, fast symmetrisch gefleckt sind, so -sind sie eine bedeutende Attraction, während andere gefleckte Neger -beiderlei Geschlechter, deren es eine ziemliche Anzahl giebt, meistens -recht abstossend aussehen. - -[Illustration] - - - - -George Williams - -der Schildkröten-Knabe - - -(the Turtle-Boy) ist nicht nur eine der bekanntesten Abnormitäten, -sondern auch die entschieden beliebteste in ganz Amerika. - -»George« ist am 17. August 1871 in Arkansas geboren. Seine -Eltern, tiefschwarze Neger, waren früher Sklaven, die sich ihren -Lebensunterhalt auch später noch durch schwere Arbeiten recht -kümmerlich erwerben mussten. - -Er ist, wie das Cliché zeigt, ein Zwerg, jedoch so verkrüppelt, dass er -von Kindheit an weder stehen, noch gehen, sondern sich nur kriechend, -allerdings mit unglaublicher Schnelligkeit und Gewandtheit, vorwärts -bewegen konnte. Trotzdem erfreut er sich der besten Gesundheit und -eines wahrhaft übersprudelnden kaustischen Humors, dem er auch als -incarnirter Politiker ungenirt die Zügel schiessen lässt; werden -staatliche Institutionen discutirt -- dann schont er den Präsidenten -der Vereinigten Staaten ebensowenig, wie den untergeordnetsten -Communalbeamten mit seinen satyrischen Witzeleien. - -Wo »Turtle-George« auch auftritt, überall ist er der Cassen-Magnet und -sein Podium stets von Besuchern umdrängt, und ist er auch jedem Kinde -bekannt, so lässt seine Anziehungskraft doch nicht nach -- ausser -Engagement ist er nie. -- Er ist sehr musikalisch, singt gut und ist -Virtuose auf der Mundharmonika. - -[Illustration] - -Im Jahre 1895 hat er sich mit einem netten »weissen« Mädchen in -New-York verheirathet und soll recht glücklich mit der jungen Gattin -leben. - -[Illustration] - - - - -Madame Taylor - -die »Bart-Dame« - - -die den Vorzug hat, die Einzige mit grauem Barte zu sein, ist im Jahre -1832 in Lincoln in Nord-Amerika als Tochter kleiner Bürgersleute -geboren. Da sich schon in ihrer frühesten Jugend die Spuren eines -Bartes bei ihr zeigten, so barbierte sie sich selbst heimlich, um -Niemanden in ihr »Geheimniss« einweihen zu müssen, als sie aber in -ihrem achtundzwanzigsten Lebensjahre beide Eltern verlor und ganz -mittellos war, da entschloss sie sich, ihren Bart wachsen und sich als -»Bartdame« sehen zu lassen. Sie trat im Jahre 1862 zum ersten Male -öffentlich auf, und da in jener Zeit nur wenig Abnormitäten bekannt -waren, so hatte sie colossalen Erfolg. - -[Illustration] - -In ihrem zweiunddreissigsten Lebensjahre verheirathete sie sich und -zog sich für einige Jahre als Schau-Object aus der Oeffentlichkeit -zurück, war jedoch durch Umstände gezwungen, nochmals eine Tournée -zu unternehmen, von der sie sich erst 1892 wieder ins Privatleben -zurückzog, und da sie sich genügende Mittel erspart hat, so kann sie -bis an ihr Lebensende sorglos leben. - -[Illustration] - - - - -Das Bärenweib - - -hat seit 1895 ausserordentliches Aufsehen erregt und war für nahezu -zwei Jahre auch die Haupt-Attraction in Castan's Panopticum zu Berlin. - -[Illustration] - -Dass diese Frau mit einem Bären nichts gemein hat (ausgenommen das -schöne Bärenfell, das sie über dem Tricot-Anzuge trägt), ist wohl -ebenso begreiflich, wie es unbegreiflich ist, dass das Publicum -sich einen so colossalen »Bären aufbinden« liess, indem es einen -bei Lichte betrachtet ziemlich plump inscenirten Mummenschanz für -unverfälschte Natur nahm und anstaunte. Wenn dieses Wesen nach -Professor Virchow's Angabe auch eine ganz seltene Abnormität ist, -so ist der Titel »Bärenweib« doch durchaus ungerechtfertigt. Die -Abnormität besteht nämlich darin, dass sich die Ellenbogen ganz dicht -bei den Handgelenken und die Knie ganz dicht bei den Knöcheln befinden. -Dadurch ist allerdings eine ganz entfernte Aehnlichkeit mit einem Bären -hervorgebracht, aber nur, so lange das »Bärenweib« sich auf Händen -und Füssen fortbewegt, also nur während der Vorführung; ist diese -aber beendet, so geht es gerade so gut aufrecht, wie jeder andere -_gewöhnliche_ Sterbliche. - -Wo die Frau geboren ist, ist unbekannt. Seit etwa 1880 ist sie mit -ihrer Mutter, die ebenso missgestaltet ist wie die Tochter, zusammen -in ganz Amerika ausgestellt worden, und Beide waren stets gesuchte -Schau-Objecte. - -Trotz seiner wahrhaft abschreckenden Hässlichkeit hat das Bärenweib -doch einen recht netten Ehemann, einen nordamerikanischen Mulatten -Namens Howard Vanse, gefunden und im October 1896 einem hübschen Knaben -das Leben geschenkt, der jedoch im August 1897 wieder starb. - -Die bereits bejahrte Mutter des Bärenweibes reist jetzt als die -einzige ihres Genres immer noch in Amerika, da aber ihre »Blüthenzeit« -vorüber ist, so bezieht sie nur ganz geringe Gagen, während Mr. Howard -Vanse als Ehegatte und Impresario mit seiner Frau den »intelligenten« -Europäern auch ferner noch einen Bären resp. eine »Bärin aufbindet«. - -[Illustration] - - - - -Mr. Rannie - -der Mann mit der eisernen Haut - - -ist ein echter Singhalese aus Ceylon, der wegen seiner -Unempfindlichkeit obiges Epitheton mit Recht verdient. Er wurde am -3. Juli 1866 auf Ceylon geboren und war als 17. Kind erst der 4. Junge. -Mit dem deutschen Circus Anna Willison kam er im Alter von 10 Jahren -nach Europa und ist seitdem in den meisten Grossstädten, theils im -Variété, theils im Panopticum, ebenso auch vor dem König Albert von -Sachsen und vielen anderen Fürstlichkeiten aufgetreten. - -Rannie tritt in einem farbenbunten, orientalischen Costüm auf, das -die Beine von den Knieen abwärts und die Arme freilässt; seine -Unempfindlichkeit zeigt er nun auf mannigfache Weise. Zunächst besteigt -er -- die Augen verbunden und auf dem Kopfe eine Lampe balancirend -- -eine Doppelleiter, deren Sprossen auf der einen Seite aus ziemlich -scharf geschliffenen Säbeln, auf der anderen aus breiten Messerklingen -hergestellt sind. Langsam steigt er über die schmalen Sprossen hinauf -und herunter, indem er vorsichtig die nackte Sohle der Länge nach auf -die Sprossen mehr schiebt als setzt. Dann kommt eine Production auf -einem grossen, dicht mit starken Nägeln bespickten Brette; er stützt -sich, das Kreuz hohl gemacht, mit Händen und Füssen auf das spitzige -Lager, lässt ein Brett auf sich legen und dieses mit vier Männern -belasten. Dann springt er von einem Tische durch einen Reifen, an -dessen innerer Peripherie kurze Säbelklingen angebracht sind, auf -das mit Nägeln beschlagene Brett. Hierauf wird eine grosse Trommel, -die innen dicht mit Nägeln besetzt ist, herbeigerollt, Rannie kauert -sich hinein und lässt sich einige Male in der Trommel umherrollen. -Den Schluss bildet eine Production, während welcher Rannie auf -einer mit Nägeln besteckten Walze steht und diese mit den Füssen ins -Rollen bringt, wobei er wieder eine Lampe auf dem Kopfe balancirt. -Auf Verlangen biegt er auch mit Kopf oder Zähnen dicke eiserne -Stangen, lässt einen 20 Zoll dicken viereckigen Stein mit wuchtigen -Hammerschlägen auf seinem Kopf zertrümmern, oder schlägt mit der -blossen Hand einen grossen Nagel durch ein mehrere Zoll dickes Brett, -so dass derselbe auf der anderen Seite sichtbar wird. - -[Illustration] - -Rannie wurde erst vor wenigen Jahren von bekannten Wiener Aerzten, -die seinen Productionen beigewohnt, untersucht, so vom Director des -allgemeinen Krankenhauses Hofrath von Böhm, von den Professoren -Benedikt, von Mosetig, R. von Hofmann, den Docenten Habrda und -Lihotzky, den Herren Dr. Spiegler, Dr. Allina, Dr. Glas, Dr. Bäder -u. s. w. Die Professoren Benedikt und von Mosetig sprachen sich gegen -die Annahme der Unverwundbarkeit der Haut, welcher eine anatomische -Abnormität zu Grunde liegen müsste, aus, gaben aber selbst zu, dass -der Singhalese sich eine ganz ausserordentliche Fähigkeit im Ertragen -von Schmerzen angeeignet habe, welche durch Behandlung der Haut, lange -Uebung und vielleicht auch durch die Raceneigenthümlichkeit begünstigt -werde. Prof. Benedikt in Wien hat an Rannie sehr eingehende Versuche -mit dem Moskowski'schen Anästhesir-Meter angestellt, der Singhalese -zeigte jedoch selbst auf der Stirne, an den Schläfen, ja sogar auf -der Zunge eine absolute Unempfindlichkeit gegen die Stiche des feinen -Instruments. - -Wenn es nun auch bekannt ist, dass gewisse Völker und unter ihnen -wieder einzelne Individuen eine wesentlich geminderte Schmerzempfindung -haben, so bleibt doch die Unverletzlichkeit Rannie's, selbst wenn wir -mit Prof. v. Mosetig und Benedikt von einer anatomischen Abnormität -abstrahiren, ein hochinteressantes Beispiel von Anästhesie, erzielt -durch eine ganz ausserordentliche Uebung und Willensstärke. - -[Illustration] - - - - -Frl. Lara - -eine Colossal-Dame - - -ist in Graudenz (Westpreussen) geboren, befindet sich aber seit dem -achten Lebensjahre mit ihren Eltern in Amerika. Bis zum 19. Jahre war -sie nicht aussergewöhnlich corpulent, nahm aber von der Zeit an schnell -an Leibesfülle zu und wiegt jetzt, im Alter von 30 Jahren, 412 Pfund. -Sie ist seit Jahren verheirathet (gilt aber auf den Affichen und für -das grosse Publicum noch als Fräulein) und hat zwei reizende Kinder. -Auch diese Abnormität erwirbt den Lebensunterhalt für sich und ihre -Familie, indem sie sich in Museen etc. zur Schau stellt und bewundern -lässt. - -[Illustration] - -[Illustration] - - - - -J. Hanson - -alias »Sir« Marcus Goodwilly - - -43 Jahre alt, 6 Fuss 5 Zoll (engl. Mass) hoch, wiegt 907 Pfund, und ist -somit wohl die schwerste Person dieser Sammlung. Er ist Nordamerikaner, -wurde geboren in Ja. Raiser, Ky. und lebt jetzt in Danville, Ind. Bei -der Geburt wog er 11 Pfund, 11 Monate alt 77 Pfund, und 2 Jahre alt 206 -Pfund. Zu jener Zeit bezog er Einnahmen von 1000 Dollar pro Jahr in der -Baby-Ausstellung in New-York City im Jahre 1858. Sein Gewicht nahm mit -dem fortschreitenden Alter ganz ausserordentlich zu, so wog er 5 Jahre -alt 302 Pfund, 13 Jahre alt 405 Pfund, 21 Jahre alt 601 Pfund und mit -25 Jahren 725 Pfund. Er braucht 41 Yards Tuch zu einem passenden Anzug -und 2½ Pfund Wolle zu einem Paar Socken. Die Eltern waren nicht abnorm, -so wog der Vater nur 115 und die Mutter 122 Pfund. - -[Illustration] - -[Illustration] - - - - -Mary, - -die lebende Puppe - - -ist gewiss eine kommende »Berühmtheit«. Dieses Kind ist in Hull am -16. April 1895 geboren, war bei der Geburt nur 7 Zoll lang und wog -nicht ganz 1 Pfund. Es musste in Watte gewickelt und durch heisse -Wasserflaschen warm gehalten werden. Drei Monate lang erhielt es -nichts als Zuckerwasser, dann verdünnte Milch, und erst mit 2 Jahren -bekam es etwas Fleischbrühe etc. Zur Zeit ist es 4½ Jahre alt, 17 Zoll -hoch und wiegt nicht ganz 5 Pfund. Die kleine Mary ist recht gesund, -sehr lebhaft und heiter, läuft und spielt wie normale Kinder gleichen -Alters, und ist natürlich der Liebling aller Damen. Auch dieses Kind -»arbeitet« schon für seinen und der Eltern Lebensunterhalt, denn es -wird für Geld gezeigt und macht überall grosse Sensation. Jedenfalls -trägt Mary ihre Bezeichnung »die lebende Puppe« mit vollem Rechte. - -[Illustration] - -[Illustration] - - - - -Radica & Doodica - -»The Orissa Twin Sisters« - - -wurden 1888 in Orissa (Indien) geboren und im Jahre 1892 vom Manager -Capt. Colman nach Europa gebracht; sie konnten sich anfänglich nicht -recht an das Klima gewöhnen und erkrankten im Herbst 1892, so dass sie -längere Zeit in einem Pariser Hospital lagen und erst im Frühjahr 1893 -die begonnene Tournée fortsetzen konnten. - -[Illustration] - -Radica & Doodica zeigen dieselbe parallele Verdoppelung, wie die -siamesischen Zwillinge, welche in den sechsziger Jahren den Kontinent -bereisten und überall das lebhafteste Interesse der medicinischen -Kreise sowohl wie des Laienpublicums hervorriefen, so dass man alle -zusammengewachsenen Menschen jetzt kurzweg »siamesische Zwillinge« -nennt und dieser Ausdruck zum Sammelbegriff geworden ist. - -Das Bild lässt erkennen, dass Radica & Doodica -- übrigens sonst -gut entwickelte und körperlich gesunde Mädchen -- durch eine -Verwachsung der vorderen Rumpftheile mit einander verbunden sind. Das -Ligament, welches sie verbindet, entspringt aus der unteren Spitze -des Brustbeins. Die Blutgefässe communiciren nicht mit einander, -Herzschlag, Pulsschlag und Athembewegung sind isolirt. Trotzdem ist -die Verbindung sehr beweglich, denn gewisse, dem einen Kind gegebene -Arzneien äussern auch bei dem andern ihre Wirkung, wenn auch in -beschränkter Art, und das Nahrungsbedürfniss des einen Kindes soll -durch die Ernährung des andern befriedigt werden. Diese grosse -Beweglichkeit beweist, dass die Verwachsung nur die Schwertfortsätze -und einige Rippenknorpel, sowie die Oberbauchgegend und gewisse -Abschnitte des Magendarmkanals betreffen kann, also verhältnissmässig -biegsame oder völlig weiche Theile. Damit sind ausser der Beweglichkeit -die auf die Wirkungen der Arznei und die Befriedigung des -Nahrungsbedürfnisses bezüglichen Punkte erklärt. - -Während bei den gleichfalls zusammengewachsenen Mädchen Rosa & -Josepha Blaczek (geb. 20. Januar 1878 in Skreychow in Böhmen) die -eigenthümliche Erscheinung zu Tage tritt, dass während die eine -schläft, die andere 3 bis 4 Stunden wacht und darauf die Rollen -vertauscht werden, ist dieser Zwang bei Radica & Doodica nicht -vorhanden, beide können gleichzeitig schlafen, das eine Mädchen liegt -dabei auf dem Rücken, das andere auf der Seite. Die Intelligenz ist bei -beiden normal. - -Obwohl nun edle und wichtige Theile nicht zusammengewachsen sind, so -haben doch alle medicinischen Autoritäten einer Operation widerrathen, -und so werden die hübschen Kinder wohl ihr Lebenlang zusammenbleiben, -freilich nicht zu ihrem pekuniären Nachtheil, denn sie werden -ordentlich gehalten von ihrem Impresario, lernen durch ihre Tournée -die Welt kennen, werden anständig gekleidet, essen und trinken gut -und verdienen reichlich, was alles ihnen, als zwei getrennt lebenden -indischen Mädchen, für die das grosse Publicum keinerlei Interesse -hätte, nicht möglich wäre. Zur Zeit sind sie in Frankreich und machen -dort überall berechtigtes Aufsehen. - -[Illustration] - - - - -Unzie, - -der australische Albino. - - -Die Albinos, auch Kakerlaken oder lichtscheue Menschen genannt, gehören -als Schau-Objecte keineswegs zu den Seltenheiten, da sie bei allen -Menschen-Rassen vorkommen. In den vierziger und fünfziger Jahren -namentlich -- jetzt sind sie ja mehr vom Schauplatze verschwunden --- sah man deren beiderlei Geschlechtes oft vier bis sechs zusammen -ausgestellt, und ihre Lieder, mit denen sie das Publicum in der Regel -regalirten, waren meistens der Art, »dass sie Steine erweichen und -Menschen rasend machen konnten«. (Im Gegensatze zu diesen gesanglichen -Ungeheuerlichkeiten lebten noch 1867 in Augsburg zwei dort geborene -Albinobrüder, die noch als bejahrte Männer als Gesangs-Duettisten -auftraten und beim Publicum sehr beliebt waren. In ihren jungen Jahren -waren auch sie öffentlich gezeigt worden.) Sie wurden dem Publicum -damals als eine eigene Menschen-Rasse -- »Nachtmenschen« genannt -- -vorgeführt, die vornehmlich auf der Landenge von Panama vorkomme und -dort in Löchern tief unter der Erde lebe. Nachtmenschen nenne man sie -aber, weil sie bei Tage überhaupt nicht, sondern nur Nachts sehen, -somit auch all ihre Beschäftigungen nur Nachts verrichten könnten. - -[Illustration] - -Der Albinismus beruht auf dem gänzlichen Fehlen des Farbstoffes in der -unteren Schicht der Epidermis oder Oberhaut des Körpers, durch den -diese ihre Färbung erhält. Da aber der Mangel dieses Farbstoffes sich -auf den ganzen Körper erstreckt, so hat die Haut nicht nur die glasige -farblose Durchsichtigkeit, sondern auch die Haare und Augen haben das -anormale Aussehen. - -Am häufigsten kommt der Albinismus bei den Negern und Indianern vor, -könnte man aber auch nur die in Deutschland geborenen und jetzt noch -in den verschiedensten Lebensverhältnissen stehenden bei einander -haben, so würde diese stattliche Karawane Repräsentanten beiderlei -Geschlechtes vom schulpflichtigen Alter an bis zum Greisen-Alter -umfassen. - -Unzie, der australische Albino, wurde 1869 in Tarrabandra in -Neu-Süd-Wales geboren. Seine Eltern gehören den Ureinwohnern an, die -dunkelfarbiger wie die Indianer Amerikas sind. Bei seiner Geburt hatte -Unzie schneeweisse Haare und eine Haut wie Alabaster, und das Entsetzen -über dieses aussergewöhnliche Vorkommniss war bei dem abergläubischen -Volke so gross, dass Manche mit Entsetzen flohen, Andere sich dagegen -um die Mutter und ihn sammelten, da sie ihn für ein ganz besonderes -Geschenk des Himmels hielten. Trotzdem war sein Leben in Gefahr und -würde es noch weit mehr gewesen sein, wenn sein Vater nicht ein -Häuptling gewesen wäre, dessen Familie unter dem Schutze des Königs der -Mingery-Neger stand. Nachdem die erste Aufregung sich gelegt hatte, -bildete das Wunderkind zehn Jahre lang den Gegenstand der Anbetung für -die Menge, dann aber wurde er durch einen Engländer nach der Stadt -Melbourne entführt, der ihn wie sein eigenes Kind aufzog und ihn für -sein jetziges Leben vorbereitete. - -Schon bei seinem ersten öffentlichen Auftreten im Jahre 1886 wurde -ihm von den Medicinern ein grosses Interesse entgegengebracht und -sie erklärten ihn für einzig in seiner Art dastehend. Eine Menge -schneeweisser Haare nämlich wächst wie ein offener Sonnenschirm von -sechs Fuss Umfang auf seinem Kopfe. Es ist elastisch, kraus, elektrisch -und wächst so üppig, dass es dem Kamms Widerstand leistet und nur mit -Bürsten bearbeitet werden kann, und damit es nicht zu lang wird, alle -vier bis sechs Wochen gestutzt, um nicht zu sagen geschnitten werden -muss. - -Auch die Augen sind sehr wunderbar und unterscheiden sich von den -rothen Augen der anderen Albinos auffallend. Für gewöhnlich sind sie -sehr hell und ausdrucksvoll, aber sie wechseln die Farbe je nach dem -Lichte, welches auf sie einwirkt. In gewöhnlichem Lichte erscheinen -sie gleich den Augen anderer Albinos blassroth, bei gedämpftem -Lichte dagegen blaugrau und nach Sonnenuntergang purpurroth; starkes -glänzendes Licht verursacht den Augen Schmerzen und vermindert die -Sehkraft, während diese bei schwachem Lichte geschärft wird, so dass -Unzie noch in der grössten Dunkelheit alle ihn umgebenden Gegenstände -deutlich erkennen kann, eine Thatsache, die auf seinen Reisen die -grösste Verwunderung hervorrief. - -Unzie misst fünf Fuss und zehn Zoll und wiegt 154 Pfund, ist -aufgeweckten Geistes und erfreut sich einer vollkommenen Gesundheit, -die ihn denn auch zu seinen grossen Reisen besonders befähigte. Am -12. April 1890 besuchte er zuerst die Vereinigten Staaten. Er landete -in San Francisco und blieb 1½ Jahr an der pacifischen Küste, deren -Klima dem seines Vaterlandes gleicht. - -[Illustration] - - - - -Nicodemus - -der »Unbeschreibliche« - - -ist für Amerika eine erstclassige Attraction, und ein Blick auf das -Cliché zeigt uns, dass wir eine ganz seltene Abnormität vor uns haben, -die das Prädicat »der Unbeschreibliche« (the Nondescript) wohl -verdient. Ganz besonders muss jedoch auf sein linkes Bein aufmerksam -gemacht werden, das die Form des Beines eines Bären hat, und da -Nicodemus ein »rabenschwarzer« Neger ist, so ist die Täuschung eine um -so grössere. - -[Illustration] - -Er ist in Texas geboren, jetzt etwa sechsunddreissig Jahre alt und von -Kindheit an »ausgestellt« gewesen, und in seinen vielen Reisen ist -auch wohl der hauptsächlichste Grund seiner Intelligenz zu suchen. Da -Seinesgleichen nicht existirt und er stets ein gesuchtes Schau-Object -gewesen ist, so hat er auch stets hohe Gagen bezogen, denen gegenüber -er sich ganz zufrieden mit seiner abnormen Körperbeschaffenheit zu -fühlen scheint. - -[Illustration] - - - - -Chevalier Cliquot, - -der Schwerter-Verschlinger, - - -darf unbestritten als der Beste seines Genres bezeichnet werden. -Er entstammt einer alten französischen Adelsfamilie und ist in -Französisch-Canada in Amerika geboren. Schon als Knabe verliess -er seine Heimath und schloss sich einem fahrenden Circus an. In -Buenos-Ayres machte er die Bekanntschaft eines Schwertverschlingers, -der ihn jedoch trotz allen Bittens in die Mysterien dieser Kunst -nicht einweihen wollte. Der junge Kunst-Novize liess sich dadurch -aber nicht entmuthigen, begann seine Exercitien ohne Anleitung mit -einem Stückchen Silberdraht und brachte es durch Ausdauer bald dahin, -dass er sich öffentlich produciren konnte, und heute ist er der Beste -seines Genres nicht nur in Amerika, sondern auch in Europa. Vor kurzem -producirte er sich auch mit ganz ungewöhnlichem Erfolge im Circus -Ciniselli in St. Petersburg und bringt eine der dortigen deutschen -Zeitungen einen ziemlich eingehenden Bericht über seine Leistungen, der -im Nachstehenden in seinen Hauptmomenten reproducirt ist: - -[Illustration] - -»_Circus Ciniselli._ Gestern Abend wohnten wir der ersten Vorstellung -des Schwertkünstlers Chevalier Cliquot bei und müssen gestehen, dass -seine für den Laien ganz unerklärlichen Productionen eine geradezu -frappirende Wirkung auf den Zuschauer ausüben. Schlund und Magen -dieses merkwürdigen Amerikaners, der nebenbei gesagt im Besitz einer -wohlproportionirten, kräftigen Gestalt ist, weisen jedenfalls eine von -dem Gewöhnlichen vollständig abweichende Beschaffenheit auf. Mit einem -Degen beginnend, beförderte Herr Cliquot, die Zahl derselben steigernd, -schliesslich nicht weniger als dreizehn flach aufeinander liegende -Degen in seinen Magen, anscheinend ohne jegliche Beschwerde, denn -seine Gesichtszüge behalten stets den ruhigen, sympathischen Ausdruck -bei. Dieselbe Procedur machte er mit einem an einer Metallstange -befestigten Degen, nachdem an beiden Enden derselben gewichtige -Metallhanteln angebracht worden waren, ferner mit einem Degen, auf dem -ein nach oben gerichtetes Jagdgewehr befestigt war, welches von der -Gattin des Schwertkünstlers abgefeuert wurde. Regten sich nach allen -diesen geschauten Wunderdingen vielleicht noch immer leise Zweifel -in dem Zuschauer, so wurden solche vollständig gehoben, als Herr -Cliquot ohne weiteres auch einen scharfen, zolltief in den Holzboden -gedrungenen Säbel und dann einen Degen in seinen Schlund führte, den -er sich von einem der anwesenden Officiere hatte ausbitten lassen, -desgleichen eine von demselben Herrn hergegebene goldene Uhr, die er an -einer feinen Kette in seinen Magen hinunterliess. Diese hielt er zwei -Minuten, in der Arena umhergehend, dabei gemüthlich rauchend, im Magen -und liess zwei Herren aus dem Publicum sich von dem Ticken derselben -überzeugen. Schliesslich wanderte eine Metallstange, an deren Ende ein -elektrisches Glühlämpchen angebracht war, denselben Weg, wobei man im -verdunkelten Circus den Kehlkopf durchleuchtet und das Lämpchen sich -allmählich tiefer hinabsenken sah. Für das Gros des Publicums bildet -Chevalier Cliquot eben nur eine sehenswerthe »Specialität«, während der -Arzt in ihm sicher ein medicinisch interessantes Phänomen erblicken -wird.« - -Zur eventuellen Notiznahme für andere Schwertkünstler möge auch ein -Unglücksfall, der Herrn Cliquot betroffen, nicht unerwähnt bleiben: - -Als er dem Publicum bei einer Vorstellung zeigen wollte, dass er sich -trotz des in seinem Schlunde und Magen steckenden Schwertes nicht -nur nach allen Seiten hin bewegen, sondern sich auch sogar bücken -könne, da fühlte er, dass das Schwert sich bog. Es mit Blitzesschnelle -herausziehend, verletzte er sich in ganz grässlicher Weise. - -[Illustration] - - - - -Seip - -der verknöcherte Mann - - -war im Staate Rochester, Nord-Amerika, geboren. Er war bis etwa zum -dreissigsten Jahre ein grosser und kräftiger Neger, der für die -Michigan Central Railway als Rangirer arbeitete. Im Winter 1876 wurde -er Nachts von einem Frachtzuge überfahren und trug schwere Verletzungen -davon. Nach mehreren Stunden wurde er aufgefunden und als todt ins -Krankenhaus geschafft. Jedoch siegte seine kräftige Natur und er -blieb am Leben. Acht Jahre lang konnte er das Bett nicht verlassen, -und während dieses Zeitraums war er zum Skelet geworden. Infolge von -Gelenk-Rheumatismus war totale Verknöcherung aller Gelenke eingetreten -und er hierdurch vollständig bewegungslos geworden. - -Wie mit hunderten solcher Leute in Amerika Geld »gemacht« wird, weiss -wohl jeder Leser, so wurde auch Mr. Seip bald von einem pfiffigen -Showman aufgefunden und für zehn Jahre engagirt. Bis dahin war Seip von -seiner sehr armen Familie kümmerlich ernährt worden, nun hatte alle -Noth ein Ende. Die Familie erhält bis zum heutigen Tage noch 10 Dollars -(Mark 43) per Woche und Seip wird aufs beste versehen, damit er nur -recht lange am Leben bleibe. Dass der Impresario für die ersten Jahre -von Seip's Auftreten eine Gage bis zu 500 Dollars (Mark 2,100) per -Woche erhielt und noch jetzt 75 bis 100 Dollars wöchentlich bezieht, -ist wohl Grund genug alles aufzubieten, um den Armen am Leben zu -erhalten. Seip ist im vollen Besitze seiner Geisteskräfte, sehr geweckt -und intelligent. Seine Sprache ist jedoch sehr unverständlich, da er -die Kinnlade nicht bewegen kann und seine Vorderzähne herausgebrochen -werden mussten, um ihm Speise einflössen zu können. Oft wird er der -versteinerte Mann genannt und nicht so ganz unzutreffend, denn er kann -nur den kleinen Finger der linken Hand bewegen, während der ganze -Körper wie aus Stein gemeisselt ist. Er leidet absolut gar nicht, und -wenn er genügend Bier bekommt, ist er überglücklich. - -[Illustration] - -[Illustration] - - - - -Gay Jewett - -der menschliche »Jumbo«, - - -so genannt nach P. T. Barnum's Riesen-Elephant, mit dem Barnum etwa -eine halbe Million Dollars einnahm, war als Sohn eines Postvorstehers, -der gleichzeitig einen hübschen Bauernhof hat, im Staate Iowa, -Nord-Amerika, geboren. - -[Illustration] - -Bis zum 18. Lebensjahre versah er die Wirthschaft seines Vaters, -zusammen mit zwei Brüdern. Dann lernte er das Fleischer-Geschäft -und betrieb es bis etwa zum 26. Jahre. In der Zeit war er jedoch so -dick geworden, dass es ihm nicht mehr möglich war, seinem Geschäft -vorzustehen; er gab es auf, und da er keinen anderen Weg sah, Geld zu -verdienen, so ging auch er zu den Vaganten und hat colossales Aufsehen -in ganz Amerika hervorgerufen. - -Er starb im Jahre 1893 an Herzverfettung und wog kurz vor seinem Tode -728 engl. Pfund. Er war 6 Fuss 3 Zoll hoch, und wir können wohl mit -Recht sagen, »Jumbo« war einer der schwersten Männer, die jemals gelebt. - -Gay, so genannt bei seinen Freunden, war der gutherzigste Mensch der -Welt, stets bereit zum Helfen, und wenn er seine Geige im Arm hatte und -seinen Freunden einige Lieder vorsingen konnte, dann war er glücklich. - -Gay Jewett war acht Jahre verheirathet; seine Frau, die Tochter eines -wohlhabenden Bauern in Minnesota, war ein kleines, schwächliches Weib -und wog nur etwa 94 Pfund, jedoch war sie die Güte in Person und -verliess ihren Dicken nicht einen Tag. Sie betrauert ihren Gay noch -jetzt und will sich auch nicht wieder verheirathen. - -[Illustration] - - - - -Marietta - -das scheckig behaarte Mädchen. - - -In der Völkergeschichte begegnen wir ähnlichen Typen haarreicher -Volksstämme, so den Ainos und neuerdings den zottigen Menschen im -Innern von Siam und Anam. Auch an einzelnen interessanten Individuen --- es sei nur an den pinscherartigen Russen Adrian Jestichew und an -die kleine Kra-o erinnert -- sind solche Formen abnormer Behaarung -zu beobachten gewesen; indessen als ein Naturwunder eigenster Art -tritt Marietta, das »gescheckte Mädchen«, in Erscheinung, denn bei -ihr offenbart sich eine ganz merkwürdige Haarbildung, die in dieser -Weise noch nirgends beobachtet worden ist. Marietta stammt, wie es -bei den sogenannten »Haarmenschen« nachzuweisen ist, weder von einem -wilden Naturvolke, noch von einer farbigen Race ab, sondern sie ist von -europäischer Herkunft. Sie erinnert bald an den Leoparden, bald an das -Zebra oder an den Affen, je nach der Art der Zeichnung, Färbung und -Behaarung der einzelnen Körpertheile. Höchst unregelmässig hat hier -die Natur gearbeitet, eigentlich ganz systemlos einen atavistischen -Rückfall bezeichnend. Das Gesicht Marietta's ist auf der rechten Seite -vollständig schwarz gezeichnet und zum grössten Theil behaart, auf der -linken Wange dagegen nur mit einem Backenbart bedeckt. Auch das Kinn -weist einen ziemlich stark entwickelten Bart auf. Am auffallendsten ist -die Verfärbung und die zottige Behaarung des glänzenden Rückenfells. -Seine Haare erreichen eine Länge von über 2 Centimeter, während die -Haare des Bartes eine solche über 6 Centimeter, des Unterarmes eine -solche über 3 Centimeter aufweisen. Entgegen den Haaren des Rumpfes, -der Arme und Oberschenkel, die nach unten gerichtet sind, streben -die Haare der Unterschenkel nach oben, wie die der Unterarme der -Anthropomorphen oder Menschenaffen. Der übrige Körper des »scheckigen -Mädchens« trägt ein Gemisch von Streifen und Flecken, bald dichter, -bald dünner mit Haaren besetzt. Dabei treten überall merkwürdige -Gegensätze hervor. So ist z. B. bei Marietta von den zehn Fingern nur -einer schwarz; das eine Ohr schwarz, das andere dagegen weiss. Das -braune Colorit der Beine contrastirt merkwürdig mit der tiefschwarzen -Färbung des Kopfes. - -[Illustration] - -Im allgemeinen zeigt der Oberkörper eine vorwiegend schwarze Färbung, -die an den Unterarmen abschneidet und nur am Oberarm in spangenartigen -Streifen wieder zum Vorschein kommt. - -So bietet denn Marietta durch ihre Erscheinung ein völlig neues, -bisher noch nie gesehenes Naturwunder dar, das der Wissenschaft ein -neues und ungewöhnlich interessantes Räthsel zu lösen aufgiebt. In der -That erregte Marietta überall, wo sie in wissenschaftlichen Hörsälen -vor Anthropologen und Medizinern erschien, die grösste Sensation. Von -Herrn Medizinalrath Prof. Dr. C. Hennig der medizinischen Gesellschaft -in Leipzig vorgeführt, äusserte sich der berühmte Gelehrte in einem -längeren Vortrage, dass Marietta ein Naturspiel noch nie gesehener -Art, ein leibliches Wunder sei und in ihrer Erscheinung an Menschen -unserer entrücktesten Urzeit erinnere. Auch Herr Geheimrath Prof. -Dr. Ponfick, Breslau, betonte bei einer Demonstration Marietta's im -wissenschaftlichen, vaterländischen Verein daselbst, dass Marietta wohl -der erste Fall von so ausgeprägter Flecken- und Haarbildung sei, den -man je an einem Menschen beobachtete. - -[Illustration] - - - - -Mlle. Brison - -die Dame mit den Krebsklauen - - -die das Cliché zeigt, ist eine hübsche Französin von etwa zwanzig -Jahren, aber ein bedauernswerthes Geschöpf, denn ihre Hände und Füsse -haben mehr Aehnlichkeit mit Krebsscheeren, wie mit menschlichen -Gliedmaassen. Die Hände sind bis zum Handgelenk gespalten und von den -Fingern sind nicht einmal Rudimente vorhanden; die Füsse dagegen sind -weniger verkrüppelt. - -[Illustration] - -Durch unausgesetzte Uebung von Kindheit an hat es Mlle. Brison dahin -gebracht, dass sie fast alle Arbeiten selbst besorgen kann; sie -versieht ihren Haushalt, näht und strickt und im Sticken hat sie -sich sogar eine bewundernswerthe Fertigkeit angeeignet. Seit etwa -vier Monaten erfüllt sie auch an einem reizenden kleinen Töchterchen -gewissenhaft ihre Mutterpflichten, denn sie ist seit etwa zwei Jahren -die glückliche Gattin eines jungen liebenswürdigen Franzosen, den sie -leidenschaftlich liebt. - -[Illustration] - -[Illustration] - - -[Illustration] - -Alle Rechte vorbehalten. - -[Illustration] - - - - - +----------------------------------------------------------------+ - | Anmerkungen zur Transkription | - | | - | Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Ende des Buchs vor die | - | Vorrede verschoben. | - | Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen | - | gebräuchlich waren, wie: | - | | - | anderen -- andern | - | Bart-Dame -- Bartdame | - | Elephanten-Füsse -- Elephantenfüsse | - | Gross-Britannien -- Grossbritannien | - | Halensis -- Hallensis | - | Haupt-Tric -- Haupttric | - | inneren -- innern | - | Johnson's -- Johnsons | - | Medicinern -- Medizinern | - | Mumien-Mensch -- Mumienmensch | - | Riesen-Dame -- Riesendame | - | Schwerter-Verschlinger -- Schwerterverschlinger | - | West-Preussen -- Westpreussen | - | zweiundsiebenzig -- zweiundsiebzig | - | | - | Interpunktion wurde ohne Erwähnung korrigiert. | - | Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen: | - | | - | S. II »vorurtheilfreieres« in »vorurtheilsfreieres« geändert. | - | S. XII »ansschnitt« in »anschnitt« geändert. | - | S. XXVI »mittels vier Handgriffe« in »mittels vier | - | Handgriffen« geändert. | - | S. XXXII »Massachusets« in »Massachusetts« geändert. | - | S. 7 »im stande« in »imstande« geändert. | - | S. 13 »Indianopolis« in »Indianapolis« geändert. | - | S. 15 »Marschall-Town, Jova« in »Marshalltown, Iova« geändert. | - | S. 32 »Massachusets« in »Massachusetts« geändert. | - | S. 33 »gefürchet« in »gefürchtet« geändert. | - | S. 40 »Ecole de Médicine« in »École de Médecine« geändert. | - | S. 45 »Kochen« in »Knochen« geändert. | - | S. 65 »Castans« in »Castan's« geändert. | - | S. 65 »Arcansas« in »Arkansas« geändert. | - | S. 84 »bekömmt« in »bekommt« geändert. | - | S. 85 »Jowa« in »Iowa« geändert. | - | S. 86 »Krao« in »Kra-o« geändert. | - | | - | Die idiomatische Schreibweise Variété wurde beibehalten. | - +----------------------------------------------------------------+ - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ABNORMITÄTEN *** - -***** This file should be named 64204-0.txt or 64204-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - https://www.gutenberg.org/6/4/2/0/64204/ - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the -United States without permission and without paying copyright -royalties. 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