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-The Project Gutenberg eBook of Abnormitäten, by Hermann Waldemar Otto
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
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-using this eBook.
-
-Title: Abnormitäten
-
-Author: Hermann Waldemar Otto
-
-Release Date: January 03, 2021 [eBook #64204]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-Produced by: Peter Becker and the Online Distributed Proofreading Team at
- https://www.pgdp.net (This transcription was produced from
- images generously made available by Bayerische
- Staatsbibliothek / Bavarian State Library.)
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ABNORMITÄTEN ***
- +------------------------------------------------------------------+
- | Anmerkungen zur Transkription |
- | |
- | Gesperrter Text ist als _gesperrt_ dargestellt, Kursivschrift |
- | als ~kursiv~, und Fettschrift als ¯fett¯. |
- | Eine Liste der Änderungen befindet sich am Ende des Buchs. |
- +------------------------------------------------------------------+
-
-
-
-
- Abnormitäten
-
- Von
-
- Signor Saltarino
-
- Alle
- Rechte vorbehalten
-
- DÜSSELDORF 1900
-
- Druck und Verlag von Ed. Lintz.
-
-
-
-
-Inhalts-Verzeichniss.
-
-
- Seite
-
- Vorrede I-XXXII
-
- Johnsons zweiköpfiges Baby 1
-
- Madame Taylor 3
-
- Lia May 4
-
- Madame Meyer 5
-
- Emma Schaller 6
-
- Barney Baldwin 7
-
- Hermann, der Knabe mit der Wunderhand 9
-
- Eli Bown 10
-
- Wilhelm & Hulda 12
-
- Eugène Berrey 13
-
- Miss Maggie 14
-
- George Woodstock 15
-
- John Darrington 17
-
- John Chambert 18
-
- James Morris 19
-
- Angelotti 20
-
- James Wilson 22
-
- Lady Dot 24
-
- Edith, das Riesenkind 25
-
- Achmed Aratas 26
-
- Mac Mahon-Kinder 28
-
- Katy Clary 29
-
- Marquis Wolga und Marquise Louise 30
-
- Leo Whitton 31
-
- Monsieur Neptune 33
-
- Miss Pollie Whatson 34
-
- Lucy Morris 36
-
- Clarence Dale 37
-
- Dominique Castagna 38
-
- William Campbell 41
-
- Albert Brough & General Thom 43
-
- Count Ivan Orloff 44
-
- Johann Jacob Toccio 46
-
- Jo-Jo 48
-
- Miss Violet 49
-
- Walter H. Drew 51
-
- Miss Bella Carter 52
-
- Der Hindu »Laloo« 54
-
- Monroe 56
-
- Ada Russel 58
-
- W. Le Roy 59
-
- Rham-a-Sama 61
-
- Frank Home & George Moore 62
-
- Die gefleckten Mädchen 64
-
- George Williams 65
-
- Madame Taylor 66
-
- Das Bärenweib 68
-
- Mr. Rannie 69
-
- Frl. Lara 72
-
- J. Hanson 73
-
- Mary, die lebende Puppe 74
-
- Radica & Doodica 75
-
- Unzie 77
-
- Nicodemus 79
-
- Chevalier Cliquot 81
-
- Seip 83
-
- Gay Jewett 85
-
- Marietta 86
-
- Mlle. Brison 88
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Vorrede.
-
-
-_Abnormitäten_, im allgemeinen mit der trivialen Bezeichnung
-»Missgeburten« belegt, haben stets als Schau-Objecte eine bedeutende
-Anziehungskraft auf das sog. grosse Publicum ausgeübt, das in der Regel
-auch eine gewisse Befriedigung seiner Neugierde in dem gedankenlosen
-Anschauen derselben fand.
-
-Erst den letzten Decennien unseres Jahrhunderts war es vorbehalten,
-Schau-Objecte dieser Art auf das wissenschaftliche Gebiet zu
-überführen, indem hervorragende ärztliche Autoritäten sie nicht selten
-als lebende Illustrationen zu ihren einschlägigen Vorträgen in den
-Hörsälen der Kliniken vorstellten und dadurch auch das Interesse für
-sie in weiter ausgedehnte Bahnen lenkten.
-
-Dass das nicht auch schon in früheren Zeiten geschehen ist, lag,
-abgesehen von allen Vorurtheilen, wohl mit in der, den besseren Kreisen
-weniger convenirenden Art und Weise des Auftretens resp. der Vorführung
-derselben, so dass selbst vorurtheilsfreie Männer der Wissenschaft
-diesen äusseren Umständen gegenüber ihre Gelehrtenscheu nicht ablegen
-wollten, nicht ablegen durften, wollten sie nicht aus dem Rahmen des
-Althergebrachten heraustreten und ihrer und der öffentlichen Meinung
-nach dadurch den ganzen Gelehrtenstand profaniren.
-
-Seit aber das äussere Wesen der Schaustellungen gegen früher einen
-ganz ungeahnten Aufschwung genommen hat, seit die Productionen der
-Fuss- und Rumpfkünstler, wenn auch nicht im allgemeinen, so doch im
-besonderen, sich auf dem Gebiete der Artistik ein bedeutendes Terrain
-erobert, seit ferner ein C. H. Unthan als primus omnium an der Spitze
-der Fusskünstler marschirt und ihr Bannerträger ist und die sog.
-Rumpfkünstler in Kobelkoff einen ebenfalls nicht zu unterschätzenden
-Obmann haben, seit ferner vorurtheilsfreie Gelehrte ihre »heilige«
-Scheu abgelegt und Abnormitäten nicht selten als Lehrmittel zu
-sich in ihre Hörsäle emporhoben, seitdem hat auch das gesammte
-Publicum allmählich gelernt, diesen, in gewisser Weise von der Natur
-vernachlässigten Menschgeborenen ein vorurtheilsfreieres Interesse
-entgegenzubringen. Ob sie aber das allgemeine _Mitleid_, das ihnen
-stets von den Besuchern gezollt wird, _wirklich in Anspruch nehmen_,
-das dürfte doch füglich zu bezweifeln sein, wenn man diesem Mitleid
-z. B. Unthan's jovialen Ausspruch gegenüberstellt: »Wenn mir jetzt
-plötzlich Arme angezaubert würden, ich wüsste gar nicht, was ich mit
-den Dingern anfangen sollte!« --
-
-Einer der ersten Fusskünstler, die das Interesse auch der Aerzte
-erregten, dürfte wohl _Gottfried Dietze_ gewesen sein, der, ohne Arme
-geboren, sich Ende der fünfziger Jahre unter den allerprimitivsten
-Verhältnissen in einer Leinwandbude auf den sächsischen Schützenfesten
-etc. producirte. Er war ein Mensch von achtzehn Jahren, der namentlich
-eine ganz eminente Fertigkeit in der Verwendung des Messers zum
-Auftrennen von Nähten, sowie in der Verwendung von Nadel und Zwirn zum
-Nähen entwickelte. Diese Leistung als »Flickschneider« aber culminirte
-in dem Einfädeln der Nadel, das mit einer unbeschreiblichen Gewandtheit
-und Sicherheit erfolgte. Nachdem er noch »Heil Dir im Siegerkranz«
-auf einer Ziehharmonika ziemlich geläufig gespielt hatte, zeichnete
-er zum Schluss seiner Vorstellung auf einem Quartblatt Schreibpapier
-mit Bleistift und colorirte mit Tuschfarben ein Blumen-Bouquet, unter
-das er dann mit Tinte: »Mit den Füssen gezeichnet und geschrieben von
-Gottfried Dietze« schrieb und das den Zuschauern gegen einen Obolus à
-discrétion offerirt wurde, der in seine Privat-Schatulle floss.
-
-In der Bude aber hing das handschriftliche Gutachten eines der
-bedeutendsten Aerzte jener Zeit, das ich jedoch nicht mehr dem
-Wortlaute, sondern mir dem Sinne nach noch wiederzugeben vermag.
-Von dem Arzte nämlich über etwaige Unregelmässigkeiten im Verlaufe
-der Schwangerschaft befragt, habe die Mutter erklärt: Sie habe sich
-»_versehen_«. Ein Italiener sei eines Tages mit einem Brett voll
-Gipsfiguren auf dem Kopfe in den Hof gekommen und habe sie feilgeboten
-und darunter sei auch eine Figur _ohne Arme_ gewesen. (Wahrscheinlich
-die armlose Venus von Milo, die im Louvre zu Paris aufgestellt ist,
-von der sich Gips-Nachbildungen in den natürlichen Dimensionen in
-fast allen Antiken-Sammlungen befinden und die früher auch in einer
-Höhe von ca. 18-20 Zoll von italienischen Gipsfiguren-Händlern mit
-Vorliebe geführt wurde.) Ueber diese Figur sei sie so furchtbar
-erschrocken, dass eiskalte Fieberschauer ihren ganzen Körper plötzlich
-durchschüttelt hätten, dass sie einer Ohnmacht nahe gewesen sei und
-dass sie sich des unangenehmen Eindruckes noch wochenlang nachher nicht
-habe erwehren können.
-
-An diese Mittheilung knüpfte der Arzt dann folgende Reflexion:
-»Wenngleich das sog. »Versehen« bei Schwangeren eine unbestreitbare
-Thatsache ist, so steht die Wissenschaft hier doch einem noch endgültig
-zu lösenden Problem gegenüber. Indessen dürfte der natürliche Verlauf
-doch wohl folgender sein: Da der Körper des Kindes sich im Mutterleibe
-nicht in allen seinen Theilen zugleich, sondern ein Theil nach dem
-andern sich ausbildet -- beide Arme und beide Beine bilden sich zwar
-zugleich, doch zu verschiedenen Zeiten aus --, so wird infolge des sog.
-»Versehens«, also eines grossen Schreckes, oder sonst einer ähnlichen
-anderen heftigen Gemüthserschütterung der gerade in der Entwickelung
-begriffene Körpertheil plötzlich gestört, die Entwickelung an dieser
-Stelle hört auf, die noch nicht vollständig ausgebildeten Körpertheile
-bleiben unvollkommen und der natürliche Entwickelungs-Process überträgt
-sich auf die nächsten in der Reihenfolge stehenden Körpertheile, die
-sich dann nicht selten in höherem Maasse entwickeln, wie es unter
-normalen Verhältnissen event. der Fall gewesen sein würde. Und dieser
-Fall liegt auch wohl bei Gottfried Dietze vor, bei dem wir somit mit
-einer »_freiwilligen Amputation im Mutterleibe_« zu rechnen haben«.
-Soweit das Urtheil des Arztes! --
-
-Dass es Missbildungen derart zu allen Zeiten und in allen Ländern
-gegeben hat, ist eine unumstössliche Thatsache, denn der species
-facti finden sich eine ziemliche Anzahl in seltenen alten gedruckten
-und handschriftlichen Convoluten vor, die meist den Charakter
-litterarischer Curiositäten tragen, und die, da sie theils nur in
-öffentlichen Bibliotheken, theils nur in Privathänden sich befinden,
-nicht »Jedermänniglich« zugängig waren und sind. _Mehr durch Zufall_,
-wie durch Quellenstudien im eigentlichen Sinne des Wortes, die dem
-seltenen und zerstreuten Material gegenüber fast ausgeschlossen
-sind, wurden sie ans Tageslicht gefördert, und in dem vorliegenden
-Werke übergebe ich sie, soweit sie zu erlangen waren, gesammelt
-der Oeffentlichkeit, da sie immerhin wenigstens einiges Interesse
-beanspruchen dürften. --
-
-D. Valentini veröffentlicht im 3. Theile seiner »Schau Bühne frembder
-Naturalien: Sodann Rüst- und Zeug-Hauss der Natur, Oder Musei Museorum«
-Nachrichten über Fusskünstler, die durch einen Kupferstich illustrirt
-sind, der als Original zu dem beifolgenden Cliché diente und der dem
-»curiosen Leser« das Portrait eines recht wunderseltzamen
-
- _Barbierers ohne Händ und Füsse_
-
-zeiget, welcher sich und seine Künste im Jahre 1711 zu Giessen umb ein
-gewiss Stück Geld sehen liesse, wie er alles selbsten in beifolgendem
-Zettul beschrieben hat:
-
-»Mit Bewilligung der Gnädigen und Hochgebietenden Obrigkeit wird
-bekannt gemacht, dass allhier aus frembden Landen angekommen eine ohne
-Händ und Füsse gebohrne Person, welche ihre Exercitia vor vielen hohen
-Potentaten präsentiret hat.
-
-1. Schneidet er eine Feder ohne Händ und Füsse, in solcher
-Geschwindigkeit, dass keiner mit 2 Händen besser kan.
-
-2. Schreibt er mit der Feder, die er geschnitten, so künstlich,
-dass niemand auff der Welt seines gleichen gesehen hat: Schreibt
-vielerley Schrifft, die Buchstaben zu unterst, oberst, verkehrt und
-recht, als wann es gedruckt wäre, so, dass kein Mensch erkennen kan,
-ob es gedruckt, oder geschrieben ist, woran er sich berühmt an alle
-Liebhaber, und wil hundert gegen eins setzen, so jemand in diesem
-umliegenden Land kan gefunden werden, der seines gleichen ist, und mit
-der Feder machen kan, was er macht.
-
-3. Zeichnet er mit der Feder, die er geschnitten hat, eine Person nach
-dem Leben ab, Wappen und andere Bilder, wie auch Laubwerk, so curieus,
-dass desgleichen noch nicht gesehen worden.
-
-4. Präsentiret er ein curieus Stück mit Geld.
-
-5. Steckt er einen Faden so geschwind durch die Nadel, dass es keiner
-mit Händen nachthun kan.
-
-6. Nimmt er eine Karte, mengt sie, und gibt sie in Geschwindigkeit aus.
-
-7. Er spielet mit Würfeln.
-
-8. Er spielet auff dem Hackbret -- das Cymbal der Zigeuner -- allerhand
-curieuse Stücke ohne Händ und Füsse, dass es kein Musicant verbessern
-kan.
-
-[Illustration]
-
-9. Er spielt auch etliche Stücke aus der Taschen (-- macht
-Taschenspielerkunststücke --) welche so curieus zu sehen sind, dass
-dergleichen Taschenspieler noch niemahls ist gesehen worden, dieweil
-es ohne Händ viel eine grössere Kunst ist als mit Händen, und
-versichert alle, dass sie ein Vergnügen daran haben werden.
-
-10. Er kegelt sehr künstlich auff vielerley Manier, dass es ihm keiner
-nachthun kan.
-
-11. Er kan eine Flinte laden und loss schiessen.
-
-12. Er barbieret sich auch selber, alle Woche zweymahl, Mitwochen und
-Sonnabend: die solches verlangen zu sehen, die können in sein Logiment
-kommen.
-
-13. Er schneidet auch curieuse Sachen von Holtz, und setzet solche in
-gläserne Flaschen so wunderbahrlich, dass man es von keinem mit Händen
-curieuser sehen kan«.
-
-Die Federn, so er schnitte, gab er den Zuschauern zur Rarität
-auffzuheben, nachdem er damit zuvor diese Wort auff kleine Zettul
-geschrieben:
-
- Ich Thomas hab diese Feder geschnitten, und dieses damit
- geschrieben, also gebohren ohne Hände und Füsse«. --
-
-In directem Anschluss an diesen ausführlichen Bericht bringt das Werk
-noch folgende Notizen:
-
-»Sonsten hat der berühmte Dänische Medicus Olaus Wormius in seiner
-»Kunstkammer oder Museo« (Wormii Museum seu historia rerum rariorum
-etc. 1655) pag. 387 noch einige andere Zettuln, welche von dergleichen
-Krüppeln geschrieben, nämlich einen von Joh. Kuhn, welcher an jeder
-Hand nur einen Finger hatte. Er schrieb den ganzen Kathechismus in
-deutscher Sprache auf Pergament und den Liebhabern folgende Zettul gar
-deutlich und leserlich:
-
- Johann Kuhn werd ich genanndt,
- Hab nur ein Finger an jeder Hand.
-
-Und noch einen andern von einer Englischen Frau ohne Arm, welche mit
-dem Munde ihren Namen also schreiben konte:
-
- ELISABETH SIMSON Anno 1620.
-
-Dergleichen Weibsperson auch vor sechsundzwanzig Jahr (1688) zu
-Strassburg im Hospital, welche keine Hände hate, und mit den Füssen
-ihren und der Zuseher Nahmen in die Schnupptücher, so man ihr
-darreichte, nähen konte«. --
-
-Vorerwähnter Thomas hatte aber einen ebenbürtigen Rivalen; denn im
-Jahre 1712 liess sich in Breslau ein dreissigjähriger verheiratheter
-Rumpfkünstler Namens Mathias Buchinger sehen. Ein alter Chronist
-beschreibt ihn als »völlig von Gesicht und Leibe, munter von Gemüthe,
-spasshaft, doch auch ernsthaft, und sagte man, er habe sein Weib
-manchmal derbe ausgeschlagen«. Auf seinen Oberschenkeln, die zur
-Hälfte erhalten waren -- die Arme fehlten gänzlich -- bewegte er sich
-vorwärts und verrichtete mit ihnen wunderbare Dinge: Er schnitt Federn
-(Gänsefedern) mit grosser Geschicklichkeit und Geschwindigkeit, schrieb
-mit diesen schön und schnell »gleich und verkehrt, mit Zügen, Fractur,
-Kantzeley und Cursiv«. Auch zeichnete er mit grosser Behendigkeit
-und Accuratesse die verschiedensten Gegenstände. Ferner fädelte er
-einen Faden mit solcher Schnelligkeit ein, dass ihm Niemand darin mit
-den Händen gleichkommen konnte. Er mischte und spielte Karten mit
-grösster Vollkommenheit, spielte mit Würfeln, auf dem Schachbrett,
-Kegel u. s. w. Er lud ein Gewehr und schoss es los, er barbierte sich
-selbst, schnitzte allerhand Kunstartikel aus Holz und setzte sie
-kunstreich in gläserne Flaschen ein. Als Prestidigitateur kam er jedem
-normal Geborenen gleich; seine Specialität war hierbei das Becherspiel,
-bei dem er die Muscaten (aus Kork geschnitzte Kugeln in der Grösse
-kleiner Muscatnüsse, die dann leicht angebrannt und durch kreisförmiges
-Reiben in den Händen zu runden schwarzen Kugeln geformt wurden) in
-einen lebenden Vogel verwandelte. Auch mit Münzen machte Buchinger
-verschiedene Kunststücke, die allgemein bewundert wurden. Am Schlusse
-seiner Production präsentirte er sein Portrait in Kupferstich, um das
-herum seine besten Trics abgebildet waren. (Wohl zum Verkauf.)
-
-Minder ausführlich sind die Nachrichten über einen ungarischen
-Rumpfkünstler, »einen vielgereisten Mann, der ausser seiner
-Muttersprache noch Englisch, Holländisch, Deutsch und Französisch
-sprach, und in einem etwa ellenhohen Kasten stets auf dem Buckel einer
-andern Person transportirt wurde. Er hatte keine Beine und nur eine
-verkrüppelte Hand«. Seine Erscheinung wird bei seinem Auftreten in
-Regensburg im October 1719 folgendermassen beschrieben: »Von Gesicht
-und Leibe war er wohlgestaltet, hatte schwarzbraune lange Haare, und
-wenn er hinter dem Tische auf einem Sessel stund, so präsentirte er
-sich als ein sitzender wohlgewachsener Mann; von Leibe war er mager
-und geschmeidig. Seine Stimme war ziemlich klar (hell, hoch) und
-weibisch, sein _Humeur_ immer lustig, er schlug die Trommel vollendet,
-spielte aus der Tasche mit grosser Behendigkeit trotz einem jeden
-Taschenspieler«. Sein Haupttric war der Handstand auf einer Hand
-während mehrerer Minuten. --
-
-In Nymwegen erschien im Jahre 1725 (so berichtete von dort Johann
-Hartmann Degner) ein Mann mit einem etwa neunjährigen Sohne; er kam aus
-dem Cölnischen und befand sich angeblich auf der ersten Tournée, um
-zu zeigen, wie sich sein Sohn in Ermangelung der Arme der Füsse gleich
-der Hände bedienen könne. Ein damals ausgegebenes Programm kündigte
-folgende Nummern an:
-
-»1. Thut er stehend mit seinen Füssen den Hut ab.
-
-2. Schreibt er mit dem Fusse eine lesbare Handschrift.
-
-3. Thut er einen Faden durch eine Nadel.
-
-4. Nimmt er Geld aus seiner Tasche und steckt es wieder hinein.
-
-5. Nimmt er stehend mit seinem Munde Geld von der Erde.
-
-6. Steckt er das Essen mit seinem Fusse in den Mund.
-
-7. Schenkt er ein Glas Bier mit seinen Füssen ein, setzt dasselbe auf
-seinen Kopf und trinkt es dann aus.
-
-8. Schlägt er die Drommel.
-
-9. Ladet er eine Pistole und schiesst sie los«.
-
-Nach dem alten Berichte gingen dem Knaben sämmtliche Stücke wohl
-von statten, »also dass es der Mühe werth war, sie zu sehen«. Dem
-Berichte war ein Autogramm des Knaben folgenden Inhaltes beigegeben:
-»Joseph Clemens Chur-Fürst unsere Antonius Maria Reuter ist mein
-Name«; derselbe war deutlich in Kanzleischrift abgefasst und zwar auf
-vorgezogenen Linien.
-
-Ueber Reuters persönliche Verhältnisse ist nach seinen eigenen Angaben
-hinzuzufügen, dass der Kurfürst von Cöln sein Taufpathe war, und ihn
-bis zu seinem (des Kurfürsten) Tode unterhielt. Nun aber mussten Vater
-und Sohn als arme Vaganten sich ihr Brot suchen; indessen hatten
-sie auf dem Wege von Cöln bis Nymwegen schon so viel eingenommen,
-dass sie nicht nur satt zu essen hatten, sondern auch ihren arg
-heruntergekommenen Kleiderbestand ersetzen konnten. --
-
-Im October des folgenden Jahres 1726 berichtete Professor Schultze
-aus Altdorf: »Allhier befindet sich jetzt ein Mann aus Württemberg,
-der eine vierundeinhalbjährige Tochter zeigt, die übrigens schön und
-von lebhaftem Gesichte ist, von der Natur aber statt der Arme zwei
-ungebildete und unvollkommene Glieder hat. Diesen Mangel der Arme und
-brauchbaren Hände weiss das Kind mit seinen Füssen sehr geschicklich
-zu compensiren. Es nimmt z. B. einen Faden zwischen den grossen und
-anderen Zehen und mit dem andern Fusse eine Nähnadel und bringt den
-Faden ganz behende durchs Nadelöhr, thut auch manchmal einige Stiche
-durch ein Tuch, so geschickt als man von diesem Alter verlangen kann;
-es isst mit den Füssen so schön und vorsichtig, als ein anderes Kind
-mit den Händen; nimmt einen Kamm und steckt damit die Haare zurück;
-setzt ein Glas auf den Kopf, trinkt ein Schälchen Thee, isst eine
-Suppe mit dem Löffel ohne sich zu begiessen, und all' dergleichen ohne
-ersichtliche Anstrengung«. In der That für eine noch nicht fünfjährige
-Fusskünstlerin ganz hervorragende Leistungen. --
-
-Im sechszehnten Jahrhundert -- 1576 oder 1576 -- sah man ein Mädchen
-ohne Arme, das mit den Füssen strickte, nähte, Federn schnitt und
-speiste; doch ist ihr Name und ihre Heimath uns nicht überliefert --
-1596 producirte sich eine Fusskünstlerin Namens Magdalene Einohre,
-gebürtig aus dem ostfriesischen Dorfe Engerhave, gleichfalls armlos,
-mit einem vierzehigen Fusse, mit dem sie ihre Künste, als Essen,
-Trinken, Spielen etc., die sie für Geld sehen liess, verrichtete. (Ihr
-Bild wurde 1616 in Prag in Kupfer gestochen.) -- 1627 befand sich zu
-Siena ein armloses Mädchen, das Aehnliches mit den Füssen verrichtete.
---
-
-Am ausführlichsten sind aus dieser Zeit die Nachrichten über eine ohne
-Arme im Jahre 1612 in Stockholm geborene Schwedin Namens Magdalena
-Rudolphs Thuinbui, deren Name übrigens in den verschiedenen Quellen
-auch in verschiedenen Formen überliefert ist. (Vergl. u. a. Harsdörfer,
-Specul. Hist., p. 399; J. L. Güthe, Beschreibung der Stadt Meiningen,
-S. 280.) Sie zeigte sich in den fünfziger Jahren in Deutschland und
-verrichtete dort folgende Stücke mit den Füssen: Sie schloss ihren
-Nähkasten auf, nahm Zwirn und Nadel heraus, fädelte ein und nähte.
-Sie strickte, stickte, wirkte, kämmte sich, schnitt mit Messer und
-Scheere, gebrauchte die Füsse beim Essen, schenkte sich mit denselben
-ein, trank, schneuzte sich, spielte Karten, würfelte, lud eine Pistole,
-schoss sie ab, wickelte ihr Kind und gab ihm Nahrung. Sie führte einen
-Kupferstich bei sich, auf dem sie, umgeben von den Zeugnissen ihrer
-Kunstfertigkeiten, abgebildet war; darunter stand ihr Name und Alter
-und die Verse:
-
- »Dieweil ich denn, dass Gott erbarm,
- Hab' weder Hand, Finger noch Arm,
- Und mich also behelfen muss,
- Mach' doch dies Alles mit meinem Fuss.«
-
-Später, im Jahre 1679 (September), sah man eine Jungfrau aus Paderborn,
-die, der Hände und Füsse gänzlich beraubt, mit den Armstumpfen nähen,
-wirken, spinnen, schreiben und noch andere Dinge verrichten konnte. --
-
-Doch kehren wir zu den männlichen Rumpfkünstlern zurück und betrachten
-wir hier zunächst deren zwei aus dem neunzehnten Jahrhundert, um dann
-noch einen Rückblick in das siebzehnte zu werfen.
-
-Der eine dieser weniger bekannten Fusskünstler ist Anton Pohl aus
-Böhmen, der -- ohne Arme geboren -- 1803 in Deutschland reiste; er
-speiste und trank, er stopfte die Pfeife und zündete sie an, alles mit
-den Füssen; dazu wusste er sehr geschickt mit dem Bohrer umzugehen,
-blies die Trompete, lud Pistolen, schoss sie ab und machte die
-verschiedensten Kartenpiècen.
-
-Der Andere war der im Jahre 1786 zu Markt Rentweinsdorf ohne Arme
-geborene Schuhmacherssohn Georg Michael Weidmann; von seinen Beinen war
-nur das rechte normal entwickelt, das linke indessen verkrüppelt zu
-einem ganz kurzen Stumpf mit einem unansehnlichen Fuss, an dem nur die
-drei ersten Zehen regelmässig, die zwei letzten aber zusammengewachsen
-waren. Dessenungeachtet war die mechanische Fertigkeit seiner Füsse,
-die er sich durch andauernde Uebung erworben hatte, bewundernswerth.
-Als er im zweiten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts in Deutschland reiste,
-konnte er mit den Füssen, die er an Stelle der Hände gebrauchen musste,
-sehr gut schreiben, wozu er sich die Federn selbst schnitt; nähen,
-wozu er sich selbst einfädelte; sich rasiren, eine Pistole laden und
-losschiessen (ein, wie man sieht, bei den Rumpfkünstlern sehr beliebtes
-Stück), kleine Arbeiten von Holz verfertigen, kurz, mit seinen beiden
-Füssen fast Alles thun, was andere Menschen mit den Händen vollbringen.
-
-Werfen wir nunmehr auch hier unseren Blick rückwärts in das siebzehnte
-Jahrhundert, so erzählt uns Johnston von einem Mann ohne Arme, der mit
-den Füssen ass, trank, Karten spielte, -- stahl --, und endlich gar
-Strassenräuberei trieb, wofür er in Frankreich seinen Lohn fand. -- Wir
-hören da weiter andeutungsweise von einem venetianischen Knaben, der
-Alles mit den Füssen von der Erde aufheben, der mit den Füssen den Hut
-abnehmen und so die Vorübergehenden grüssen konnte. (Bartholin. C. II.
-hist. 44.)
-
-Aus dem Jahre 1624 hören wir von einem gewissen Peter von Lucern, der
-mit den Füssen auf musikalischen Instrumenten spielte. (Add. Zach. qu.
-med. legal. lib. VII. tit. 3 quaest. VI. § 9.) -- 1628 zog im Monat
-August ein Schweizer in Deutschland herum Namens Peter Stadelmann, »von
-langer Figur, braun von Angesicht, mit schwarzen, krausen Haaren und
-Bart, hatte ganz kleine Arme und verrichtete alle seine Sachen mit den
-Füssen«. Er spielte, zahlte Geld, machte Knoten, löste sie wieder auf,
-schrieb auch mit den Füssen und dergl. mehr. --
-
-1629 wurde zu Wien ein Fusskünstler geboren, Theodor Steib, der mit
-den Füssen Blumen anschnitt, zeichnete, in Holz schnitzte, Pistolen
-losschoss und sich selbst portraitirte (in einem rothen Kleide und
-mit einer schwarzen Feder auf dem Hute), mit der Unterschrift: »Hanc
-effigiem proprio meo pede prinxi. Vratislaviae d. 10. IV. ann. 1654.
-Theodorus Steib, Natione Vienna. (Dies Bild habe ich eigenfüssig
-gemalt. Breslau, d. 10. April 1654. Theodor Steib aus Wien.) Seine
-sonstigen Schreibproducte pflegte er also zu unterzeichnen: »Ego
-Theodorus Steib Vienna Austriacus«, absque manibus et bracchiis natus,
-scribebam ista pede meo Vratislaviae, Anno Christi 1654, aet meae
-25«. (Ich Theodor Steib aus Wien in Oesterreich schrieb dies, ohne
-Hände und Arme zur Welt gekommen, mit meinem Fusse zu Breslau im Jahre
-Christi 1654, meines Alters 25 Jahre.) Ortsname, Datum und Jahr wurden,
-den augenblicklichen Verhältnissen entsprechend, natürlich jedesmal
-geändert. -- Im Januar 1673 producirte sich ein Schweizer Knabe,
-François Blanchet, in Deutschland, gleichfalls ohne Arme geboren, »aber
-dennoch imstande, Alles mit den Füssen zu thun, wozu Andere die Hände
-gebrauchen, als Kegeln, Kartenmischen, Sich-Kämmen, Wein-Einschenken
-etc.«
-
-Endlich sah man 1696 zu Leipzig und Jena und das letzte Mal 1702 zu
-Breda noch einen ganz bedeutenden Fusskünstler. Er hiess Franz Viniot
-und war um das Jahr 1665 geboren. Aus Italien kommend, trug er an der
-kleinen Zehe des linken Fusses einen Diamantring und war ein Mann
-von mittelmässiger Statur mit krausem, schwarzem Haar, »lustigem
-_Humeur_ und sehr geläufigem Maule, wie er Französisch, Italienisch,
-Englisch, Holländisch in sehr vollkommener Perfection redete«. Auf
-seine Kunststücke konnte sich der alte Berichterstatter zum grossen
-Theil nicht mehr besinnen, »sei es, weil er durch die Piècen ganz
-perplexirt wurde, sei es aus Vergesslichkeit«. Nur Folgendes war ihm
-noch in der Erinnerung geblieben: Der Mann focht mit dem Rapier und
-nahm es hierbei mit manchem der Leipziger Fechter auf, wie denn auch
-Niemand imstande war, ihm ein mit den Zähnen gehaltenes Florett aus
-dem Munde zu reissen. Beim Schreiben hielt er die Feder zwischen den
-Zehen oder den Zähnen und schrieb gewöhnlich Cursiv- und Spiegelschrift
-in durchaus lesbarer Weise. Ebenso warf er sich einen Mantel mit
-den Zähnen sehr behende um die Schultern. Sein Programm enthielt
-in Octavformat folgende in holländischer und französischer Sprache
-leserlich geschriebene Worte:
-
- EDele Heeren en Dames Th u Dianar of mordig
- Die alle Duck tem besten koort
- Hy is wys en wel geloort.
- Quoi fait ce quil peus & Excusable.
-
-In seinem »Wunderbuch von menschlichen unerhörten Wunder- und
-Missgeburten, so wider den gemeinen Lauff der Natur erschrecklich
-frembd und seltsam gebildet: doch glaubwürdig in diese Welt geboren
-worden u. s. w.«, das im Jahre 1610 zu Frankfurt »in Verlegung
-Dietrichs von Boy seeligen Wittib, sampt zweyer ihrer Söhnen« in Quart
-erschien, führt uns der Verfasser, Johann Georg Schenk von Grafenberg,
-»der Artzney Doctor etc.« einige interessante Rumpfkünstler vor, unter
-denen die im Folgenden aufgeführten mit Recht unsere Aufmerksamkeit in
-Anspruch nehmen dürfen:
-
-Unter den Geschenken, welche die Indier zu Beginn unserer Zeitrechnung
-dem römischen Kaiser Augustus sandten, befand sich auch ein Jüngling
-ohne Arme, der mit den Füssen die Armbrust spannen und Pfeile entsenden
-konnte.
-
-Alexander Benediktus erzählt, dass er eine Frau (in der Mitte des 15.
-Jahrhunderts) gesehen habe, die, ohne Arme geboren, mit den Füssen
-nähte und überhaupt im Schneiderhandwerk einiges leistete; auch hob sie
-einen Becher Wein und schlug die Trommel, als ob sie Hände gehabt hätte.
-
-Später sah man einen armlosen Spanier, »welcher fürwahr alle
-Wunderwerk, so in der Natur sind, übertraf«. Er wusste so geschickt mit
-Kriegsrüstung umzugehen, dass ihm hierin kein Kriegsmann gleichkam.
-Wenn er mit der Armbrust schoss, so verfehlte er sein Ziel nie und
-vermochte ausserdem vermittelst einer Axt mit einem Hieb einen starken
-Holzpflock zu spalten.
-
-Sycosthenis erzählt von einem zwanzigjährigen armlosen Menschen, er
-habe mit den Füssen alle »Handarbeit« verrichtet.
-
-1556 sah man zu Frankfurt a. M. eine Frau ohne Hände, die nicht nur
-aufs »allerzierlichste« schrieb, sondern auch allerley sonstige subtile
-Arbeit mit den Füssen verrichtete.
-
-Cardanus berichtet im siebenzehnten Buche von einem, der Arme völlig
-beraubten Manne, dass er mit dem rechten Fusse Speere schleuderte,
-Kleider nähte, ass und schrieb. Sein Name war Antonius, seine
-Vaterstadt Neapel. Er hat einen grossen Theil von Europa bereist und
-mit den erwähnten und ähnlichen Productionen reichen Beifall und Lohn
-geerntet. --
-
-Der hervorragendste aller Fusskünstler älterer Zeit aber ist _Thomas
-Schweicker_, der unser Interesse nicht nur allein wegen seiner Künste,
-»die ihresgleichen suchten«, in Anspruch zu nehmen berechtigt ist,
-sondern, weil wir ihn auch zugleich als Mensch, als Dichter und als
-eine gesellschaftlich interessante Persönlichkeit kennen lernen,
-die auch zu Kaisern, Königen und Fürsten zu wiederholten Malen in
-Beziehungen trat. Die Litteratur des 16., 17. und 18. Jahrhunderts geht
-oft auf seine Leistungen ein und auch die bildende Kunst jener Zeit
-hat sich seiner angenommen, und am Abschluss des 19. Jahrhunderts soll
-auch in diesem Werke nochmals seiner gedacht und ihm ein litterarisches
-Denkmal gestiftet werden.
-
-Thomas Schweicker wurde zu Schwäbisch-Hall im Jahre 1540 geboren. Sein
-Vater, Hans Schweicker, war ein angesehener Mann und bekleidete die
-Stelle eines Rathsfreundes (war wohl Beigeordneter?) und starb 1571
-im Alter von vierundsiebzig Jahren. Seine Mutter war eine geborene
-Dorothea Seeckbin.
-
-Er kam ohne Arme zur Welt, und nach Ueberwindung des ersten Kummers
-darüber gingen seine Eltern alsbald daran, die Mängel des Leibes durch
-Pflege des Geistes auszugleichen und ihn zu »allen guten Tugenden und
-Wissenschaften fleissigst anzuhalten«.
-
-Mit dem siebenten Jahre kam Thomas in die deutsche und mit dem zwölften
-in die lateinische Schule, wo er frühzeitig eine hohe geistige Begabung
-an den Tag legte, sich aber besonders der Schreibkunst widmete, die
-zu jener Zeit bei weitem nicht Jedermann beherrschte und die daher in
-hohem Ansehen stand. (Noch durch Jahrzehnte zeigte man dort den Tisch,
-der ihm zur Aufbewahrung seiner Sachen dortselbst eingeräumt war.)
-
-Infolge angestrengtester Bemühungen gelang es ihm, nicht nur eine
-deutliche, sondern auch »recht saubere und schöne Schrift zu
-erwerben«, durch die er, wie es in einem andern Berichte heisst, »alle
-Guldenschreiber und berühmte Rechnenmeister übertroffen«, gleichviel,
-ob deutsche oder lateinische Buchstaben, kaum einer that es ihm in
-kunstvollem Schreiben zuvor.
-
-In den folgenden Versen, die er mit einer Widmung versah, hat er den
-Gedanken ausgesprochen, der sein Leben erfüllte:
-
- O junger Gsell lehre gute Kunst,
- Das ist dir nutz und bringt dir Gunst,
- Es ziert auch wohl ein jungen Man,
- Wie fein ists, wenn er etwas kan.
- Ich nem eins glehrten Mannes mut,
- Liess eim eins Narren grosses Gut,
- ~Dann so das Geld sich von dir kehrt,
- So bleibt die Kunst doch unversehrt,
- Und dich deines gantzes Leben nehrt.~
- Plus probe thesauro docti quam divitis auro.
-
- (Etwa: »Was frag ich viel nach Geld und Gut,
- Wenn ich zufrieden bin« --
- oder: »Vergnügt sein ohne Geld,
- Das ist der Stein der Weisen«).
-
-Dem Ehrbarn und Wolgeachten Herrn Leonhart Stöberle, Burger und
-Apotheker in Nürnberg zu Ehrn und Wolgefallen, hab ich Thomas
-Schweicker zu Schwäbischen Hall, diss aus Mangel nothdürftiger Arm mit
-meinen Füssen geschrieben den 21. Juli Ao. 1592, meines Alters 51 Jar«.
-
-Schweicker konnte aber nicht allein gut und künstlerisch-schön
-schreiben, er konnte auch »allerley kunstreiche Handarbeit verrichten«,
-er besass selbst Geschick in Tischlerarbeiten, wie Hobeln, Bohren,
-Sägen und dergl. und »verfertigte allerley subtile Leisten und
-Holtzgerämswerk«. Beim Essen sass er auf einem Stuhl in der Höhe der
-Tafel, nahm mit den Füssen das Messer, schnitt Brot und andere Speisen
-und führte sie ebenso, wie die Getränke, mit den Füssen zum Munde. Er
-selbst sagt über diese und ähnliche Fähigkeiten Folgendes:
-
- »Dieweil ich, dass es GOtt erbarm,
- Hab weder Finger, Händ noch Arm,
- und mich also behelffen muss,
- Schreib ich doch diss mit meinem Fuss,
- Drumb frommer Christ dein Lebenlang
- Sag GOtt für diese Wohlthat dank,
- Dass Du hast einen graden Leib,
- Wie meinest, dass ich mein Zeit vertreib,
- Das zeigt Dir die Contrafraktur.
- Weil mich nun GOtt und die Natur
- Also erschuff, hats mir doch geben,
- Alles zu thun mit Füssen eben,
- Essen vnd trinken vber Tisch
- Mit meinem Fuss ich bhend erwisch,
- Schreib, mahl, schnitz, bindt Bücher ein,
- Das Armbrust kan ich brauchen fein,
- Zehl Gelt, vnd auff freundlichs begehren
- Im Bretspiel meins Manns mich thu wehren.
- Schenk ein, trink auss, die Kleider mein
- Anleg selbst, schneid ein Feder fein.
-
- Thomas Schweicker Halensis«.
-
-Unter einem seiner zahlreichen Bildnisse finden sich folgende, seine
-Thätigkeit charakterisirende Verse:
-
- »Der grosse Wunder-GOtt kan nichts als Wunder machen,
- Diss zeuget Schweickers Bild, diss weisen Schweickers Sachen.
- Der Mann ist ohne Hand geboren auf die Welt,
- Und treibet mit dem Fuss, was aller Welt gefält;
- Er trank, er ass, er schrieb, schnid Federn mit den Füssen,
- Spannt Bogen, drückt sie ab, wusst seine Lust zu büssen
- Mit Spielen in dem Brett. Der Maximilian,
- Das Haupt der Christenheit, hielt hoch den Wundermann,
- Auch Churfürst Friederich am Rhein hat ihn bey Leben
- Als einem Wundermann Schild, Helm zum Wappen geben.
- Der Du ihn siehst, gedenk: Was die Natur verletzt
- An _einem_, hat Verstand am _andern_ Theil ersetzt«.
-
-In einem nach Schweickers Tode verfertigten Epigramm sagt
-M. J. Gaeterus -- um eine weitere poetische Betrachtung über dessen
-Fertigkeit anzuführen:
-
- »Von Mutterleib ohn Arm und Händt
- Geboren an sein Füssen bhendt
- Alles gantz hurtig und ohn Zill
- Verricht, wie mans nur haben will;
- Er isst und trinkt, spilt, gibt und trinkt,
- Alls mit seinen Füssen zwegen bringt«.
-
-Man sieht, dass sich der Beifall, den seine Leistungen fanden, zu
-einem förmlichen Cultus erhoben hatte und welch' ein reicher Kranz
-poetischer Blüthen und Betrachtungen in Prosa, die, wollte man sie
-gesammelt veröffentlichen, einen stattlichen Band füllen würden, sich
-um Schweickers interessante Figur geflochten hat.
-
-Aber nicht die Dichtkunst allein, auch die bildenden Künste
-glorificirten ihn, denn nicht nur auf Kupferstichen wurde er
-abgebildet, sondern auch Medaillen, die sein Bild zeigten, wurden ihm
-zu Ehren geprägt. Die eine hatte die Form und den Umfang eines Thalers
-und zeigte auf der einen Seite Schweicker, wie er die Umschrift:
-»Thomas Schweicker im 41. Lebensjahre 1581« mit den Füssen selbst
-schreibt. Auf der Reversseite befindet sich in sieben Zeilen ein Citat
-aus dem 138. Psalm: »Wunderbar sind Deine Werke, und das erkennet meine
-Seele wohl«. Eine andere, zwar etwas grössere, doch minder scharfe,
-wurde im Jahre 1595 geprägt.
-
-Nach alledem kann es nicht wundernehmen, wenn Schweicker vom ganzen
-Lande und über dessen Grenzen hinaus gekannt und geschätzt war. Um ihn
-zu sehen, kamen die Leute von ferne herbei und aus Schlesien erschienen
-Boten in Hall, bloss zu dem Zweck, sich beglaubigte Zeugnisse über die
-Existenz und Fähigkeiten Schweickers von der Obrigkeit zu erbitten.
-
-Aber, wie es oft gerade dem besten Künstler ergeht, sei es wegen seiner
-zu grossen Freigebigkeit und Unterstützung armer Freunde, sei es,
-weil minderwerthe Concurrenten auf der Bildfläche erscheinen und ihm
-die Einnahmen schmälern, auch Thomas Schweicker hatte mit pecuniärer
-Noth zu kämpfen, und richtete deshalb im December 1570 an den Kaiser
-Maximilian II. folgende, _mit den Füssen geschriebene Bittschrift_:
-
- Psalm CXLIII
-
- Prope est Dominus invocantibus cum omnibus invocantibus cum in
- veritate.
-
-Allerdurchlauchtigster, Grossmächtigster, Christlichster Kayser,
-gnädiger Herr, nachdem der Allmächtige Ewige Gott und Vater unsers
-einigen Herrn und Heylandes Jesu Christi mich armen, elenden und
-verletzten Menschen also und dergestalt in diese Welt erschaffen hat,
-dass ich aus Mangel meiner Glieder meine Leibes-Nahrung und Unterhalt
-leider für mich selbst nicht gewinnen noch erlangen kan: Derowegen
-ist hierauf an Eure Kayserliche Majestät, als an meinen gnädigsten
-Herrn, meine gantz unterthänigste, demüthigste und fleissigste
-Bitte und Begehr, Eu. Kayserl. Majest. wollen aus angebohrner hoch-
-und weitberühmter Mildigkeit mich armen, elenden und verletzten
-Menschen lauter um GOtteswillen gnädiglich bedenken, auff dass ich
-die übrige Zeit meines armuthseeligen Lebens durch GOttes und Eu.
-Kayserl. Majestät Hülffe und Beförderung auch in dieser Welt möge
-zubringen. Solches um Eu. Kayserl. Majestät zu verdienen mit meinem
-armen, andächtigen Christlichen und emsigen Gebet, gegen GOtt dem
-Allmächtigen, für Eu. Kayserl. Majestät, will ich armer gehorsamer mit
-höchstem Fleiss zu aller Zeit, treulich thun, auff dass der Barmherzige
-Gütige GOtt Euere Kayserl. Majestät in langwieriger Gesundheit und
-glücklicher Regierung gnädiglich erhalten wolle. A. M. E. N.
-
- Thomas Schweicker Hallensis
- Quem Natura Brachiis Spoliavit
- Hoc Scripsit cum pedibus suis
- Anno Christi unici mediatoris
- Salvatorisque nostri M. D. L. XX.
- In mense Decembri.
-
-(Verdeutscht: Thomas Schweicker aus Hall, den die Natur der Arme
-beraubte, schrieb dies mit seinen Füssen im Jahre 1570 im Monat
-December.) Das Original des Briefes, auf dessen Rückseite die Worte
-standen: »Gott giebt nicht Alles Allen«, befand sich noch hundert Jahre
-später in der Kanzlei zu Prag.
-
-Anlass zu diesem Brief gab wohl die Anwesenheit des Kaisers Maximilians
-in Hall bei der Reise zu einem in Speier stattfindenden Reichstage, bei
-der er auch auf Schweicker und seine eminente geistige und körperliche
-Begabung aufmerksam gemacht wurde.
-
-Gleichzeitig suchten auch Friedrich III. von der Pfalz und August von
-Sachsen den weitberühmten Wundermann auf, während ihn Ludwig von der
-Pfalz 1584 nach Heidelberg entbieten liess.
-
-Nach einem also wechselvollen und inhaltsreichen Leben ist dann Thomas
-Schweicker am Donnerstag, den 7. October 1602, Morgens zwischen
-sechs und sieben Uhr, verschieden, nachdem ihn am 4. October eine
-anscheinend leichte Erkrankung auf das Lager geworfen hatte. Am
-8. October wurde er -- eine besondere Vergünstigung -- unter dem Chor
-der Hauptkirche St. Michael beigesetzt. Seine Leichenrede, die im
-folgenden Jahre zu Frankfurt a. M. gedruckt wurde, hielt der Prediger
-Johannes Weidner über den 39. Psalm. Dieselbe enthält noch weitere
-interessante Mittheilungen über den Verblichenen. Hier sei nur noch
-der Schluss mitgetheilt, der zugleich Schweickers Grabschrift bildete
-(den Grabstein hatte er sich selber angefertigt und nur die Grabschrift
-wurde nachgefügt) und also lautete:
-
-»Im Jahre 1602, den 7. Tag Octob., seines Alters 61. Jar, starb Thomas
-Schweicker, Bürger allhier zu Schwäbischen Hall am Cöcher, welcher
-ohne Arm und Händ, also von Mutterleib in diese Welt gebohren, und
-hat gantz zierlich und kunstreich seine Grabschrifft, welche von den
-Edlen, Vesten Herrn Consulibus und gantzem E. Rath der Statt in dem
-Haupttempel daselbst zu S. Michael, durch die Befreunden im Chor
-zu stellen, günstig approbiret, vor seinem Ende mit seinen Füssen
-geschrieben, den 29. Jun. An. 1592. Seines Alters im 51. Jahr,
-der Allmächtige GOtt wolle ihme und allen Ausserwehlten hie seinen
-Frieden, und dorten ein ewiges Leben mit einer fröhlichen Auferstehung
-gnädiglich verleihen. AMEN.« --
-
-Unter den wenigen Fusskünstlerinnen, die sich im neunzehnten
-Jahrhundert öffentlich producirten, war es namentlich eine Elise
-Ebbinghaus, die durch ihre kunstvollen Perlen- etc. Stickereien, die
-sie mit den Füssen und dem Munde zugleich ausführte, die Aufmerksamkeit
-der Damenwelt auf sich zog. Ebenso schrieb sie sehr geläufig und schön,
-sowohl mit dem Munde als auch mit den Füssen. --
-
-[Illustration]
-
-Nun zu den noch lebenden Fusskünstlern. Schon seit vielen Jahren
-besitzt der erste unter ihnen, Herr C. H. Unthan, einen Weltruf,
-und so kann es für die Leser nur von Interesse sein, über diesen
-Künstler Näheres zu erfahren. In einem Interview gab uns Herr Unthan
-in der liebenswürdigsten Weise Auskunft über seine Entwickelung und
-Lebensschicksale und zugleich die erwünschte Gelegenheit, uns auch im
-näheren Umgange davon zu überzeugen, dass das Fehlen der Arme ihn nicht
-gehindert hat, in seinen Lebensgewohnheiten es dem normal entwickelten
-Menschen gleichzuthun und sich ausserdem durch eiserne Willenskraft ein
-so reiches Maass von Kenntnissen und Fertigkeiten anzueignen, dass
-er ein vollwerthiges Mitglied der menschlichen Gesellschaft und ein
-überaus interessanter Gesellschafter wurde.
-
-[Illustration]
-
-Unthan ist am 5. April 1850 in Königsberg geboren. Statt der Arme hat
-er nur zwei etwa handlange stummelartige Ansätze mit je einem Finger.
-Zu irgend welcher Thätigkeit ist keiner derselben zu gebrauchen, der
-linke ist durch einen Schrotschuss, den Unthan sich mit 13½ Jahren
-aus Versehen beibrachte, auch noch jeder Bewegungsfähigkeit beraubt.
-Als Unthan etwa 9 Monate alt war, begann er, nur auf seine Füsse
-angewiesen, instinctiv sich dieser so zu bedienen wie andere Kinder
-ihrer Hände, und mit dem vollendeten zweiten Jahre konnte der Knabe
-vollständig allein essen und trinken. Mit 4 Jahren begann er aus
-Neugierde und Nachahmungsbedürfniss Schreibversuche mit den Füssen zu
-machen; und heute schreibt Herr Unthan eine ausgeschriebene, kräftige
-und gewandte »Fussschrift«. Sein Vater, der Schullehrer war, bestimmte
-ihn zunächst für einen gelehrten Beruf, und so besuchte der Knabe
-bis Obersecunda das Gymnasium, wo er sich in den Kämpfen zwischen
-Gymnasiasten und Realschülern als gefürchteter Kämpfer d. h. Treter
-hervorthat. Er hatte damals, wie er lachend erzählte, eine besondere
-Vorliebe für Schienbeine. Mit 16 Jahren besuchte Unthan dann das
-Conservatorium zu Leipzig, um dort seiner leidenschaftlichen Vorliebe
-für Violinspiel, das er seit seinem 10. Jahre immer und immer wieder
-probirt hatte, nachzugehen. Sein Lehrer war dort Ferdinand David.
-Nachdem Unthan diese Studien hinter sich hatte, begann er in Concerten
-und Theatern aufzutreten, zunächst aber nur als Violinspieler. Von
-1869 an führten ihn seine Kunstreisen nach Frankreich, England und
-nach einem Ruhejahr in Ostpreussen nach Nord- und Südamerika. Mexiko
-bereiste er als ausgezeichneter Reiter ganz zu Pferde, und auf einem
-Maulthiere unternahm er selbst einen Zug über die Cordilleren. Von
-1876 ab nahm Unthan dann auch andere Nummern, die er im Laufe der
-Jahre erlernt hatte, in sein Programm auf. Alle Verrichtungen, die ein
-gewöhnlicher Sterblicher mit seinen Händen und Armen ausführt, versieht
-Unthan mit seinen Füssen. Er wäscht, kämmt, rasirt sich, schneidet sich
-sein Brot ab und macht es zurecht, und zwar Alles nur mit normalem
-Zeitaufwand. Er reitet, fährt, schwimmt und taucht ausgezeichnet und
-führt seine Correspondenz selbstständig.
-
-[Illustration]
-
-Es kann nicht wundernehmen, dass sich mit diesem Manne die medicinische
-Wissenschaft eingehend beschäftigt hat. Autoritäten wie Virchow
-und Professor Hamy-Paris haben ihn eingehend untersucht und nur
-constatiren können, dass Unthan vollständig normale Fuss- und
-Beinbildung aufweist. Ja, Virchow hat sogar die Frage nicht ohne
-weiteres von der Hand gewiesen, ob die Bewegungsfähigkeit der unteren
-Extremitäten und ihrer Theile, sowie ihre starke Entwickelung, wie
-sie bei Unthan vorhanden, nicht eigentlich das Natürliche für das
-Menschengeschlecht gewesen und nur einer Regeneration gewichen sei.
-Der Künstler sagt von sich selbst, dass er ein gesundes, sanguinisches
-Temperament besitze und sich stets eines ausgezeichneten Appetits
-erfreue. Das Gedächtniss werde dadurch, dass er nicht stets »mit dem
-Bleistift in der Hand« dastehen könne, um Alles zu notiren, auch
-gestärkt, und um dem Oberkörper genügende Bewegung zu verschaffen,
-pflege er eben das Schwimmen. Hierin soll er ganz Hervorragendes
-leisten. Erwähnt sei noch, dass Herr Unthan auf seinen vielen Reisen
-sich eifrig mit Sprachstudien beschäftigte, so dass er jetzt sieben
-verschiedene Sprachen beherrscht.
-
-[Illustration]
-
-Aus eigenster Kraft hat sich dieser seltene Künstler zu seiner jetzigen
-Bedeutung emporgerungen, und ständig arbeitet er an der Vervollkommnung
-seines Könnens weiter.
-
-Er ist, wie er selbst sagt, einer von denen, die nie ohne Arbeit sein
-können. Hoffentlich ist dem strebenden, fast jugendlich elastischen
-Künstler noch eine lange ehrenvolle Laufbahn und ein behagliches
-Privatleben an der Seite seiner Gattin, mit der er seit sechszehn
-Jahres in glücklicher Ehe lebt, beschieden.
-
-Als gleichwerthiges Pendant muss auch der Rumpfkünstler _Kobelkoff_
-registrirt werden, den die Natur noch stiefmütterlicher bedacht hat,
-wie seinen berühmten Zeitgenossen Unthan, da er _nur der Rumpf_ eines
-menschlichen Körpers ist, dem alle vier Extremitäten fehlen, wahrend
-Unthan doch wenigstens über die beiden unteren verfügen kann.
-
-Kobelkoff ist ein so seltenes Phänomen, dass kein anatomisches Museum
-auch nur annähernd ein solches als corpus delicti aufzuweisen hat, und
-in den berühmten Werken von Buffon, Humboldt, St. Hilaire etc. sind
-auch nicht die kleinsten Andeutungen, die auf ein ähnliches Vorkommen
-in früheren Zeiten schliessen lassen, enthalten.
-
-Er erregt die Theilnahme aller Derer, die ihn sehen, zuerst im höchsten
-Grade, dies Mitleid wird aber sehr schnell durch seine Lebhaftigkeit
-und durch die staunenswerthe Weise abgeschwächt, mit der er sich auch
-ohne die nach allgemeinen Begriffen unentbehrlichen Gliedmassen zu
-behelfen weiss, denn er schreibt mit grosser Fertigkeit, isst mit
-Löffel und Gabel, zeichnet und malt, verrichtet überhaupt Alles, was
-Andere, von der Natur Bevorzugtere mit den Armen event. auch Beinen
-verrichten, mit der grössten Gewandtheit ohne dieselben.
-
-Seine stets heitere Laune, seine geselligen Manieren etc. führen bald
-zu der Erkenntniss, dass er sich nicht unglücklich fühlen kann, um so
-weniger, als er eine Lebensgefährtin fand und Vaterfreuden ihn an das
-Dasein fesseln. In den vierundzwanzig Jahren der Ehe, die bis jetzt
-(1899) verflossen, sind derselben elf Kinder entsprossen, von denen
-noch fünf wohlgebaute Knaben und ein Mädchen am Leben sind.
-
-Nicolai Wasilowitsch Kobelkoff ist in Wossnesensk bei Troizk im
-Gouvernement Orenburg, einer kleinen, freundlichen Stadt im asiatischen
-Russland, am 22. Juli 1851 geboren und zwar ohne Arme und Beine. Sein
-Vater war Angestellter in dem in der Umgegend befindlichen kaiserlichen
-Goldbergwerke. Da die Schwangerschaft ohne jegliche Störung der
-normalen Verhältnisse und des physischen Wohlbefindens der Mutter
-verlief, so war die Ueberraschung um so grösser, als bei der Geburt
-nur ein Rumpf ohne jegliche Gliedmassen zur Welt kam, der jedoch durch
-ganz energisches Schreien das Vorhandensein einer gesunden Lunge
-documentirte.
-
-[Illustration]
-
-Der kleine Weltbürger wurde mit der grössten Aufopferung gepflegt, so
-wie im Laufe der Jahre der Körper sich entwickelte, so nahmen auch
-die geistigen Fähigkeiten einen guten Fortgang, und mit dem zehnten
-Lebensjahre brachte man den »kleinen« Nicolai nach Troizk in die
-Kreisschule, wo ein menschenfreundlicher Pfarrer seine Ausbildung
-übernahm.
-
-Das war jedoch eine schwierige Sache, da, wenn Nicolai auch über einen
-regen Verstand verfügte, infolge des Fehlens der Arme und Hände das
-Erlernen des Schreibens etc. schlechterdings als unmöglich erschien.
-Da kam der Geistliche endlich auf die Idee, ob sich die fehlende Hand
-nicht durch gemeinsame Anwendung des Armstumpfes und der Wange ersetzen
-liesse, und als schon der erste Versuch günstige Resultate versprach,
-da wurden die Exercitien mit solchem Feuereifer betrieben, dass neben
-dem Schreiben auch Versuche im Essen mit Löffel, Messer und Gabel,
-überhaupt in allen Arbeiten gemacht wurden, die von normalen Menschen
-mit den Händen ausgeführt werden, die denn auch vollständig glückten.
-So hat sich denn Kobelkoff im Laufe der Zeit eine Schrift angeeignet,
-um die ihn, wie Hofrath Professor Weinlechner sich in einem Gutachten
-ausdrückt, Mancher mit normal gebildeten Händen beneiden dürfte; die
-Wange dient beim Schreiben nämlich als Daumen und der Armstumpf als
-Zeigefinger.
-
-[Illustration: (Schrift Kobelkoff's).]
-
-Fünf Jahre lang stand er unter der Obhut des Priesters, der zugleich
-sein Religionslehrer war, als der Menageriebesitzer Berg in den Ort
-kam, von dem phänomenalen Knaben hörte und ihn für die Reise engagirte,
-die denn auch am 12. Mai 1872 angetreten wurde. In Petersburg wurde
-er dem Publicum überhaupt zum ersten Male vorgestellt; dann wurde ein
-Engagement in Berlin und dann ein solches in Wien absolvirt, wo er
-dem Publicum im Jahre 1875 zum ersten Male gezeigt wurde. Hier lernte
-er auch seine Frau kennen, und als die Hochzeit im Jahre 1876 in
-Budapest stattgefunden hatte, da begann ein echtes Nomadenleben, indem
-das Ehepaar von Land zu Land, von Stadt zu Stadt zog. So kam es auf
-seinen Wanderungen nach Deutschland, Frankreich, England, Spanien etc.,
-überall das grösste Aufsehen erregend, das seinen Gipfelpunkt jedoch
-in der Bewunderung fand, die die grössten Gelehrten aller Länder den
-geistigen und körperlichen Fähigkeiten trotz der abnormen Körperbildung
-zollten.
-
-Kobelkoff ist ein Temperenzler und nimmt keine geistigen Getränke zu
-sich; er lebt nur von Milch, Thee und Fleisch, die er täglich mit
-grösster Regelmässigkeit dreimal zu sich nimmt, wie denn sein ganzes
-Leben gleichmässig, wie durch ein Uhrwerk regulirt, verläuft. Seine
-Ruhestätte ist ein kleines, einer Wiege ähnliches Bett, das sich etwa
-vierzig Centimeter über dem Fussboden erhebt, und in das er sich ohne
-jede Beihülfe hineinlegt und es auch wieder verlässt. Seine stete
-Begleiterin ist seine -- Privat-Equipage, ein dreirädriger Kinderwagen,
-der mittels vier Handgriffen in die Bahnwaggons verladen wird und der
-vorne durch Vorhänge verschlossen ist, um dem Publicum während der
-Reise den Einblick zu verwehren.
-
-Von sämmtlichen Ausstellungen Frankreichs und Italiens, auf denen
-Kobelkoff sich producirte, besitzt er die ersten Preis-Medaillen für
-seine Leistungen, und am 26. April 1899 ward ihm die hohe Ehre zu
-theil, sich auch vor Sr. Kaiserl. Königl. Hoheit dem Erzherzog Ludwig
-Victor, Bruder Sr. Maj. des Kaisers Franz Joseph I., produciren zu
-dürfen. --
-
-Ein ähnliches Genre wie Unthan cultivirt der sympathische Südfranzose
-Jean de Henau, der besonders als Schnellmaler und Mandolinen-Virtuose
-Hervorragendes leistet und eine gesuchte Attraction der modernen
-Variétébühnen ist. (Abbildung umstehend.)
-
-[Illustration: Jean de Henau.]
-
-Neben den Fuss- und Rumpfkünstlern dürfen auch die Zwerge als
-_Abnormitäten_ (nur _solche_ sind sowohl die Zwerge als auch die
-Riesen, nicht aber _Missgeburten_ im eigentlichen Sinne des Wortes, wie
-die Fuss- und Rumpfkünstler, da sie in der Regel als _normale_ Körper
-zur Welt kamen und nicht ersichtlich war, dass sie später in ihrer
-Körperentwicklung zurückbleiben oder sie überschreiten würden -- diese
-abnormen Erscheinungen traten meist erst mehrere Jahre nach der Geburt
-zu Tage) unsere Aufmerksamkeit beanspruchen, da man sie jetzt meistens
-als Miniatur-Artisten zu sehen und zu hören bekommt, sie also keine
-exclusiven Schauobjecte mehr, wie früher, sind, sondern sich jetzt
-enger an das Gebiet der Artistik anlehnen. Eine allzugrosse Seltenheit
-bilden sie heutzutage gerade nicht mehr, und man konnte namentlich in
-den letzten Decennien des neunzehnten Jahrhunderts eine Vermehrung
-dieser im Wachsthum _zurückgebliebenen_ Menschen constatiren,
-während die im Wachsthum wieder zu stark _vorgeschrittenen_ Riesen
-im Aussterben begriffen zu sein scheinen, da sie immer mehr von der
-Bildfläche verschwinden.
-
-[Illustration]
-
-Die heutigen Zwerge und Riesen kennt man so ziemlich alle, sorgen doch
-die Impresarien schon frühzeitig dafür, dass möglichst viel wahr- und
-unwahrscheinliche Begebenheiten aus ihrem Leben zu Reclamezwecken in
-die Oeffentlichkeit gelangen. Dagegen sind viele Daten über Riesen und
-Zwerge aus früheren Zeiten unbekannt, und wenn auch diese gesammelt
-hier veröffentlicht werden, so geschah das der Vollständigkeit wegen
-nicht nur, sondern vornehmlich, weil sie interessant genug sind, um
-auch in weiteren einschlägigen Kreisen bekannt zu werden.
-
-(Der französische Gelehrte Henrion schrieb im Jahre 1718 ein Werk, in
-welchem er zu beweisen suchte [doch wohl nicht, um sich unsterblich --
-lächerlich zu machen?], dass Adam 41 Meter 60 Centimeter, und Eva 40
-Meter hoch war. Abraham soll 6 Meter 60 Centimeter, Moses 4 Meter 70
-Centimeter und Goliath 4 Meter gemessen haben, die damalige Elle zu 58
-Centimeter gerechnet.)
-
-Berühmte Riesen alter Zeit waren _Walther Passous_, der Portier des
-Königs Jacob I., und _Maximilian Müller_, der im 55. Lebensjahre noch
-wuchs. Der Erste war 7 Fuss 6 Zoll, der Zweite 8 Fuss hoch. Sie wurden
-aber von dem berühmten _Patrick O'Brien_ (Patrick Colter) übertroffen,
-der 38 Jahre alt, schon 8 Fuss 7 Zoll Höhe erreicht hatte. Von ihm
-erzählt man sich, dass er seine Pfeife oft an den Strassenlaternen
-angezündet habe. Er starb im Alter von 47 Jahren. Da er fürchtete,
-nach seinem Tode secirt zu werden, so vermachte er zwei Fischern 200
-Pfd. Sterling, mit dem Auftrage, seinen Leichnam ins Meer zu werfen.
-Professor William Hunter, der den phänomenalen Körper aber gar zu gerne
-zu wissenschaftlichen Studien erlangt hätte, versprach den Fischern
-ebenfalls 200 Pfd., wenn sie ihm den Leichnam dennoch überliessen. Sie
-warfen denn den entseelten Körper richtig ins Meer, banden ihn aber
-zuvor an ein langes Seil, das am Ufer befestigt war, an dem der Herr
-Professor den Leichnam wieder aus dem Meere zog und sich aneignete, als
-die Fischer sich entfernt hatten.
-
-1897 starb in Bournemouth der chinesische Riese Chang-Yu-Sing, der 1864
-zuerst in London auftrat und gleich jedem ins Ausland gehenden Chinesen
-seinen Sarg überallhin mit sich nahm. Er mass 2 Meter 36 Centimeter,
-wurde somit von dem Riesen _Drasal_ noch um 4½ Zoll überholt, der 310
-Pfd. schwer war und im Alter von 45 Jahren am 17. December 1886 in
-seinem Heimathsorte Holleschau in Mähren starb.
-
-Ein berühmter Riese war auch der Oesterreicher _Franz Winkelmeier_,
-der die Höhe von 8 Fuss 9 Zoll erreicht hatte, aber überaus mager
-war und am 4. September 1887 im Alter von 24 Jahren in London an
-der Schwindsucht starb. -- Die grösste Riesin, welche je auf Erden
-gelebt hat, war _Marian_ (Maria Wedde), geboren am 31. Januar 1866 zu
-Benkendorf bei Halle a. d. Saale, gestorben Anfang 1885 in Paris. Das
-Riesen-Fräulein hatte das respectable Mass von 2,65 Meter erreicht.
--- Nicht geringes Aufsehen erregte in den neunziger Jahren der am
-12. September 1880 in Gross-Mohnau (Kreis Schweidnitz) geborene
-Riesenknabe _Carl Ullrich_, der mit fünfzehn Jahren eine Höhe von 2,5
-Meter erreicht hatte, dann aber im Wachsthum stehen blieb. Seit jener
-Zeit zeigten sich aber bei ihm Krankheits-Symptome, anfangs nur in
-Form leicht und schnell vorübergehenden Unwohlseins, das im Laufe der
-Zeit jedoch so bedenkliche Dimensionen annahm, dass er von Russland
-aus zur Erholung zu seinen Eltern nach Gross-Mohnau zurückreiste. Die
-Krankheit nahm aber einen so ernsten Charakter an, dass seine Eltern
-ihn auf Anrathen der Aerzte dem Krankenhause der barmherzigen Brüder
-in Breslau zur Pflege übergaben, bei denen er 1897, 17 Jahre alt, an
-der Zuckerkrankheit starb. Die Dimensionen seines Körpers waren so
-ungeheuerlich, dass z. B. seine Füsse genau gemessen 42 Centimeter
-lang waren und dass durch seinen Ring, den er am Mittelfinger der
-rechten Hand trug und der nur gerade passend war, bequem ein Thaler
-hindurch ging. In seinem wissenschaftlichen Gutachten über ihn sagt
-Prof. Virchow u. A.: »Da alle Organe bei ihm fehlerlos functioniren, so
-wird Carl Ullrich, wenn er ausgewachsen ist, alle bisherigen Riesen an
-Grösse und Schönheit übertreffen.« --
-
-Nun noch um ein paar Decennien zurückblickend, war in den vierziger
-Jahren des 19. Jahrhunderts die »ausgezeichnete Riesendame« (so
-nannte sie sich) _Elise Schmidt_ wohl die einzige Riesin, die sich
-öffentlich sehen liess. Sie war über 7 Fuss rhein. hoch, aber von
-unbeschreiblicher Magerkeit. Als die Spuren des Alters sich wegen ihrer
-Derbheit nicht mehr aus dem Gesichte wegretouchiren lassen wollten, da
-zeigte sie sich (Ende der vierziger Jahre) in Gesellschaft einer recht
-hübschen und zahlreichen Sammlung von -- Schlangen und Krokodilen,
-wahrscheinlich, damit durch diese die Aufmerksamkeit der Zuschauer
-in etwas von ihrer eigenen Person abgelenkt werden sollte. Einer
-ihrer älteren Brüder, ebenfalls ein Riese, der frühzeitig starb, war
-Flügelmann beim ersten Garde-Regiment in Potsdam, somit der grösste
-Mann der ganzen preussischen Armee. Sein Skelet, das 7 Fuss 3 Zoll
-rhein. hoch ist, ist im anatomischen Museum in der Universität in
-Berlin aufgestellt.
-
-In der Mitte der fünfziger Jahre war es der Riese Mr. Murphy, der
-das allgemeine Interesse durch seine Hünengestalt auf sich zog. Er
-war 8 Fuss 2 Zoll rhein. hoch, aber von durchaus proportionirten
-Körperformen, so dass seine Grösse im gewöhnlichen Leben gar nicht
-so sehr zur Geltung kam, sondern erst dann, wenn nach allgemeinen
-Begriffen grosse Männer zum Vergleiche neben ihm standen. Das Interesse
-für ihn war so gross, dass in Frankfurt a. M. z. B. seine Höhe an
-den Thürrahmen der Säle der Hotels und Restaurants als Wahrzeichen
-angemerkt war, in denen er sich während der Herbstmesse 1856 gezeigt
-hatte.
-
-Mit Murphy gleichzeitig zeigte sich in Deutschland die Schweizer Riesin
-_Marie Schubiger_ aus dem Canton Thurgau. Sie war auch etwas über 7
-Fuss rhein. hoch, von seltenem Ebenmass der Körperformen und verfügte
-über ganz ungewöhnliche Kräfte. Wenn sie sich auch stets unter ihrem
-Mädchen-Namen zeigte, so war sie doch eine verehelichte Frau Fehr, und
-ihr Gatte war Obergärtner in den Königl. Gärtnereien in Turin; sie
-hatte ihn auf ihrer Tournée durch Italien kennen gelernt und sich mit
-ihm verehelicht.
-
-Gleich Murphy zeigte sie sich stets auf den grossen deutschen Messen,
-und trafen sie dann, wie das wiederholt vorkam, an solchen Plätzen
-zufällig zusammen, so zeigten sie sich zwar in verschiedenen Localen,
-arrangirten aber zum Schluss der Messe dann gewöhnlich in einem der
-grössten Säle einen sog. »Riesen-Ball«, bei dem sie nicht nur die Tänze
-anführten, sondern sie auch leiteten -- eine Speculation, die ihnen oft
-enorme Summen eintrug.
-
-Als sie in der letzten Hälfte der fünfziger Jahre auch in Paris
-zusammentrafen, da interessirte sich Kaiser Napoleon III., der seine
-Jugendzeit im Schlosse Arenenberg im Canton Thurgau verlebt hatte,
-so sehr für seine »Schweizer Landsmännin«, dass er ein Ehebündniss
-zwischen ihr und Murphy zustande bringen wollte, um allmählich ein
-»Riesen-Geschlecht« heranzubilden, eine Lieblings-Idee, die zu seinem
-Leidwesen unrealisirbar war, da Marie Schubiger bereits Frau Fehr
-hiess. -- Nur wenige Jahre noch, da sie in den dreissiger Jahren stand,
-reiste sie und zog sich dann auf ihr am Schweizer Ufer des Bodensees
-belegenes Gut, das sie fortan selber bewirthschaftete, aus der
-Oeffentlichkeit zurück.
-
-Im Gegensatze zu den Riesen fiel den Zwergen in der Geschichte eine
-viel grössere Rolle zu. Wollte man doch schon zur Zeit des Parazelsus
-Homunculi (Menschlein) auf chemischem Wege herstellen. (Das Verfahren
-der Herstellung von künstlichen Zwergen aus ursprünglich normal
-gebauten Kindern stammt aus dem Orient, und der Alkohol bildet einen
-wichtigen Bestandtheil des Receptes.) Zweifellos ist es erwiesen, dass
-vornehme Damen alter Zeit auf ihren Höfen Zwerge hielten, ebenso, wie
-später zur Zeit der Madame Pompadour Mohrenknaben in der Mode waren.
-
-In der Renaissancezeit waren die Zwerge in den verschiedensten Ländern
-Europas modern, insbesondere aber an den päpstlichen Höfen. Bei einem
-Banket des Erzbischofs Vitalli im Jahre 1556 bildeten 34 missgestaltete
-Zwerge die aufwartende Dienerschaft. Ihre goldene Zeit hatten die
-Zwerge unter dem russischen Czaren Peter dem Grossen. Die Schwester
-des Czaren, die Grossfürstin Natalie, liebte sie leidenschaftlich und
-auf ihren Befehl wurden die Zwerge aus der ganzen Welt nach Moskau
-berufen, und diese leisteten der Einladung auch in überaus grosser
-Anzahl Folge. In Moskau angelangt, wurden sie ins kaiserliche Palais
-geführt und dort hatten sie ihre eigene Hofhaltung, schöne Gewänder und
-volle Verpflegung, sowie goldene Equipagen, die mit je sechs Ponies
-bespannt waren. Sie heiratheten auch unter sich, und jede Hochzeit war
-ein vollkommenes Hoffest in Moskau.
-
-Ein glückliches Loos hatte _Jeffrey Hudson_, oder richtiger »Sir«
-Jeffrey Hudson, denn König Carl von England verlieh diesem 18 zölligen
-Männchen den Rang eines Barons. Er war vollendeter Gentleman, höchst
-kriegerischen, ritterlichen Charakters und duldete nicht, dass man
-seiner spottete, oder sich gar lustig machte. Einst wurde er von einem
-Manne Namens Crofts beleidigt, Hudson forderte ihn sofort zum Duell und
-erschoss ihn.
-
-Nicht so glücklich wie Sir Hudson war _John Worrenburgh_. Als er schon
-berühmt war, wollte er von Rotterdam nach England heimkehren. Er
-logirte in einer Schachtel, ebenso, wie Gulliver bei den Riesen, und
-diese war der Obhut eines Wärters anvertraut. Letzterer aber, als er im
-Begriff war, sich einzuschiffen, glitt aus und fiel sammt der Schachtel
-ins Wasser. Den Wärter zu retten gelang zwar, Worrenburgh aber kam in
-seiner Schachtel elend ums Leben. --
-
-Die Zwerge sterben in der Regel jung, eine Ausnahme bildete vielleicht
-der polnische Graf Joseph Borowlaszki, der 1739 als Zwerg geboren wurde
-und ein Alter von 98 Jahren erreichte. Berühmt war auch _Bébé_, der
-Zwerg des polnischen Königs Stanislaus, der aber im Gegensatze zu dem
-geistreichen Zwerg-Grafen Borowlaszki nur ein Crétin war. -- Eine sehr
-bekannte Zwergenschönheit ward unter dem Namen _La Fée Corse_ in London
-1734 gezeigt. Sie wog kaum 26 Pfund und war ausserordentlich schön,
-nur stand ihre Nase in keinem Verhältniss zu ihrem kleinen Körper. --
-_Wybrand Lolkes_, ein holländischer Uhrmacher, der nur 27 Zoll mass,
-heirathete eines der schönsten Mädchen Rotterdams, welches ihn mit
-mehreren ganz normal gebauten Kindern beschenkte. --
-
-Wenn wir schon von Zwergen sprechen, so dürfen wir auch den berühmten
-General _Tom Pouce_ nicht vergessen. Er hiess mit seinem wirklichen
-Namen Charles S. Stratton und wurde am 11. Januar 1832 in Bridgeport,
-Connecticut, geboren. Bei seiner Geburt wog er 9 Pfund und war mit 5
-Monaten ein hübsch entwickeltes Baby, das dann aber nicht weiter wuchs.
-Sein Auftreten machte riesige Sensation, und als seine Popularität im
-Zenith stand (1847), da belief sich sein Jahreseinkommen auf 15,000
-Pfd. Sterling. Am 10. Februar 1863 verheirathete Barnum den General mit
-_Lavinia Warren_ aus Middleboro. Mrs. Stratton war bei ihrer Hochzeit
-32 Zoll hoch und wog 29 Pfund, der General dagegen war 35 Zoll hoch und
-wog 28 Pfund. Aus der Ehe entspross ein wahrhaftes Miniaturkindchen,
-das aber nur kurze Zeit lebte. Lavinia Warren starb am 23. Juli 1878 im
-Alter von 29 Jahren, ihr Gatte am 15. Juli 1883 im Alter von 45 Jahren
-6 Monaten in Middleboro, Massachusetts.
-
-Dieses kleine Verzeichniss berühmter Riesen und Zwerge älterer und
-neuerer Zeit kann keineswegs Anspruch auf Vollständigkeit machen, da
-namentlich in älterer Zeit wohl der weitaus grösste Theil derjenigen
-Menschen, die wegen ihrer abnormen Grösse einerseits, wegen ihrer
-abnormen Kleinheit andererseits Beachtung verdient hätten, mit
-geringen Ausnahmen nicht in die Oeffentlichkeit traten, sondern
-vielmehr ein beschauliches Privatleben führten. Sind doch unter den
-Sehenswürdigkeiten der Frankfurter Messe von 1778 ein Zwergmädchen und
-ein Riese als eine _neue_ und interessante Schaustellung angeführt.
-Wahrscheinlich aber ist doch noch interessantes Material in alten
-Archiven vergraben, das mir durch Zufall einst an das Tageslicht
-gefördert und durch das dem Historiographen erst in späterer Zeit eine
-grössere Concentrirung der Materie ermöglicht wird.
-
- _Düsseldorf_, den 1. Sept 1899.
-
- ¯Signor Saltarino.¯
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Johnson's zweiköpfiges Baby
-
-
-wurde im März 1890 auf einem kleinen Bauernhofe, Hayword, Wisconsin,
-Nord-Amerika, geboren, und da die »allwissende« Presse in langen
-Artikeln auf dieses Wunder aufmerksam machte, so wurden die Eltern auch
-bald mit Offerten für ein öffentliches Produciren des Babys überhäuft
-und nahmen denn auch endlich Engagements an.
-
-[Illustration]
-
-Im Juli 1890 wurden die Kinder zum ersten Male in einem Museum in
-Chicago vorgestellt und erregten so grosses Aufsehen, dass das
-Engagement mit einer Wochengage von 500 Dollars bei freiem Verkauf der
-Photographieen und Lebensbeschreibungen auf zwei Jahre abgeschlossen
-wurde. Leider wurde das Baby aber nur acht Monate alt und starb am
-9. October 1890 in M. S. Robinson's Museum in Buffalo an den Masern, --
-ein Theil starb etwa fünf Stunden früher als der andere.
-
-[Illustration]
-
-Dass die körperlichen wie auch geistigen Functionen vollständig
-unabhängig von einander waren, ist wohl aus dem Cliché ersichtlich --
-indess der eine Theil schläft, wacht der andere und lächelt. Die Eltern
-des Babys waren kleine Bauern und kehrten nach dem Tode desselben
-wieder auf ihren »Hof« zurück.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Madame Taylor
-
-die Zwerg-Riesen-Dame
-
-
-ist unter ihresgleichen insofern auch noch eine Specialität, als die
-Riesen-Damen nicht nur gross, sondern meistens auch corpulent sind,
-während Mme. Taylor eine Zwergin von nur drei Fuss und einem Zoll Höhe
-ist, aber ein Gewicht von 309 Pfund (engl. Gewicht) hat; sie wird somit
-auch mit Recht die »Riesin unter den Zwergen« genannt.
-
-[Illustration]
-
-In Peru geboren, wurde sie schon in ihrem vierzehnten Lebensjahre als
-Zwergin ausgestellt, mit ihrem achtzehnten Lebensjahre verheirathete
-sie sich mit einem »Feuerfresser«, und fortan producirte das Ehepaar
-sich nur gemeinschaftlich in Museen etc. Als sie aber nach einiger
-Zeit so corpulent wurde, dass sie nicht mehr gehen konnte und es zu
-beschwerlich war, sie auf Tritt und Schritt umherzutragen, da zog sie
-sich von dem Schaugeschäft zurück und lebt nun mit ihrer Familie -- sie
-hat drei Töchter -- in stiller Zurückgezogenheit.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Lia May
-
-die Skelet-Riesin
-
-
-macht zur Zeit in Barnum & Bailey's Circus in England grosses Furore.
-Sie ist in Milwaukee, Wisconsin (Amerika) geboren und wurde schon in
-ihrem achtzehnten Lebensjahre als Riesen-Mädchen gezeigt.
-
-[Illustration]
-
-Um ihre Anziehungskraft zu erhöhen, kleidet sie sich in Tricot und
-erscheint durch ihre Magerkeit bedeutend grösser, wie sie wirklich
-ist. Durch ihre so recht herzlich gemeinte Gutmüthigkeit ist sie bei
-Jedermann sehr beliebt.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Madame Meyer
-
-die Bart-Dame
-
-
-ist in Fort Wayne, N.-A., geboren. Schon im Alter von acht Jahren
-machten sich die Spuren eines Bartes bemerkbar, die, allen angewandten
-Enthaarungsmitteln trotzend, so üppig wucherten, dass sie sich schon
-mit sechszehn Jahren eines so schönen Bartes »erfreute«, dass er dem
-Antlitz bedeutend älterer Männer zur Zierde gereicht haben würde und
-nicht selten deren Neid erregte.
-
-[Illustration]
-
-Schon in ihrer Jugend wurde sie in Museen ausgestellt und im Laufe der
-Zeit hat sie sich nicht nur ein recht hübsches Vermögen, sondern auch
-einen -- Ehegatten (das Cliché zeigt das Ehepaar) erworben, so dass
-sie jetzt, obgleich erst achtunddreissig Jahre alt, vom »Geschäft«
-zurückgezogen, in einem gemüthlichen Heim sorglos leben kann.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Emma Schaller
-
-das Skelet-Mädchen
-
-
-ist am 8. Juli 1868 in St. Louis, N.-A., geboren; ihre Eltern waren
-eingewanderte Deutsche und stammten aus West-Preussen.
-
-Miss Emma erfreute sich bis zu ihrem sechszehnten Lebensjahre der
-besten Gesundheit, wurde dann aber infolge einer hochgradigen
-Erkältung und darauf folgenden Gelenk-Entzündung auf ein langwieriges
-Krankenlager geworfen, und nach etwa drei Jahren war sie zu einem
-Skelet abgemagert.
-
-[Illustration]
-
-Da der Vater bereits vor mehreren Jahren gestorben war und die alternde
-Mutter bei schwerer Arbeit einen nur sehr kümmerlichen Lebensunterhalt
-zu erwerben vermochte, so kam Miss Emma zu dem Entschluss, sich als
-»lebendes Skelet« öffentlich zu zeigen. Sie trat am 4. October 1890 zum
-ersten Male in ihrer Geburtsstadt auf, und seit jener Zeit ist sie
-in sämmtlichen Museen Nord-Amerikas gezeigt worden. Sie erhält eine
-Monatsgage von 500-800 Mark, kann somit sich und ihrer alten Mutter,
-die sie stets begleitet, eine ganz sorglose Existenz schaffen.
-
-Leider ist bei ihr allmählich eine vollständige Steifheit der Gelenke
-eingetreten, so dass sie ohne Beihülfe auch nicht die kleinste Bewegung
-machen kann. -- Sie ist etwa fünf Fuss zwei Zoll gross, wiegt aber nur
-sechsundvierzig Pfund. Da sie sich einen gewissen Grad von Bildung
-angeeignet hat, so ist sie imstande, während ihrer Ausstellung mit dem
-Publicum eine lebhafte Conversation zu unterhalten.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Barney Baldwin
-
-der Mann mit dem gebrochenen Genick
-
-
-ist für die medicinische Wissenschaft ein hochinteressantes Problem.
-Der jetzt etwa fünfundvierzig Jahre alte, kräftig gebaute Mann war
-Schaffner an der Chicago-Alton Railway und verunglückte als solcher im
-Jahre 1886, indem er beim Ueberschreiten der Plattform von einem Waggon
-zum anderen vom Zuge geworfen wurde.
-
-Für todt gehalten, lebte er dennoch, trotzdem acht Rippen, der eine
-Arm zweimal, das rechte Bein unterhalb des Knies viermal und die
-Wirbelsäule des Halses gebrochen waren; auch der Schädel hatte über dem
-linken Auge einen bedeutenden Defect erlitten.
-
-Angesichts dieses hochinteressanten »Falles« setzten die Aerzte ihre
-ganze Kunst daran, eine möglichst intensive Reconstruction dieser
-menschlichen Ruine zu ermöglichen, und dieses Vorhaben hatte günstigen
-Erfolg. Die Rippen-, Arm- und Beinbrüche wurden in althergebrachter
-Weise behandelt, der Defect des Schädels wurde durch eine grosse
-Silberplatte ausgeglichen und zur Unterstützung des gebrochenen Genicks
-wurde ein theilweise aus Eisenblech hergestelltes Corsett construirt,
-von dem aus eine Stahlstange, der Form des Hinterkopfes entsprechend
-gebogen, sich erhob. An dieser Stange, an deren Ende in der Mitte über
-dem Kopfe sich ein Haken befindet, hängt der Kopf an zwei dünnen
-Riemen, von denen der _eine um die Stirn, der andere aber unter dem
-Kinn hindurch geht, die sich somit oberhalb der Schläfe kreuzen_.
-(Siehe das Cliché.) Mit dieser Vorrichtung muss er auch schlafen.
-Werden die Riemen vom Kopfe entfernt, so fällt dieser wie leblos
-auf die Brust, Baldwin verliert die Besinnung und der ganze Körper
-verfällt in einen starrkrampfartigen Zustand; wird der Kopf dann wieder
-aufgehoben, so kehren auch die Besinnung sowie die Beweglichkeit der
-Glieder sofort zurück.
-
-[Illustration]
-
-Baldwin ist in ganz Amerika als der »einzige lebende Mensch mit dem
-gebrochenen Genick« bekannt und zeigt sich heute noch öffentlich. In
-seiner Glanzperiode bezog er nicht selten eine _wöchentliche_ Gage von
-dreihundert Dollar (etwa 1300 Mark), während er jetzt mit zwanzig bis
-dreissig Dollar per Woche gern zufrieden ist, da er, als zu bekannt,
-seine frühere Zugkraft verloren hat. Er hat ein grosses Vermögen an
-Gagen bezogen, lebte jedoch sehr splendid mit seiner Familie, so dass
-er jetzt mittellos dasteht und durch die kleinen Gagen einen nur
-kümmerlichen Lebensunterhalt erwirbt.
-
-(Noch in den siebziger Jahren reiste in Deutschland ein bereits
-alter Mann, dessen Kopf ebenfalls in einer »Schwebe« hing, deren
-Construction der vorbeschriebenen im wesentlichen genau glich. Er war
-einst einer der berühmtesten »Spring-Clowns« seiner Zeit und von den
-grössten Kunstreiter-Gesellschaften ein begehrtes Mitglied. Einst
-landete er nach einem Sprunge so unglücklich, dass er die Wirbelsäule
-des Halses brach. Da aber das Rückenmark unverletzt geblieben, er
-somit lebensfähig, aber nicht nur für seinen früheren Beruf, sondern
-auch für jede andere Arbeit unfähig geworden war, so reiste er zur
-Zeit in Deutschland umher und verkaufte in Wirthschaften jeglicher
-Güte couvertirte »Planeten«, nachdem er die Gäste in kauderwelschem
-Deutsch mit seinem »Malheur« bekannt gemacht und ihnen die Maschine
-an seinem Körper, in der der Kopf hing, gezeigt hatte, um eine
-bescheidene Existenz fristen zu können. Leider kann der Name nicht mehr
-festgestellt werden, der in der Künstlerwelt einst einen hervorragenden
-Klang hatte.)
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Hermann
-
-der Knabe mit der Wunderhand
-
-
-ist ein echtes »Berliner Kind« von ca. elf Jahren. Die abnorme
-Gestaltung seiner »Wunderhand« ist durch das Cliché so instructiv
-illustrirt, dass von einer Detaillirung des abnormen Zustandes Abstand
-genommen werden kann.
-
-Ist die Hand auch beweglich, so kann der Knabe sie doch zu keinerlei
-Verrichtungen, und wären es die unbedeutendsten, gebrauchen. Als er
-im Sommer 1895 in Castan's Panopticum in Berlin ausgestellt war,
-da liess Herr Director Louis Castan es sich schon angelegen sein,
-ihn zum Bewegen der Hand, zum Halten und Tragen von Gegenständen
-verschiedenster Art und zu sonst anderen Verrichtungen unterweisend
-anzuhalten, und mit Ausdauer durchgeführt, werden durch diese Uebungen
-auch unfehlbar günstige Resultate erzielt, ist doch die Hand viel
-vollständiger entwickelt wie z. B. bei Kobelkoff, dem nur ein ganz
-unbedeutendes Fingersegment zu Gebote steht.
-
-[Illustration]
-
-Obwohl eine nicht unbedeutende Abnormität, ist der Knabe bis jetzt doch
-keine grosse Sehenswürdigkeit.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Eli Bown
-
-der Mann ohne Beine
-
-
-ist eine der beliebtesten Schau-Nummern in ganz Amerika. Er ist
-hochgebildet, hat eine grosse Familie (sein ältester Sohn ist
-Rechtsanwalt) und erfreut sich eines ziemlichen Wohlstandes.
-Jetzt etwa 48 Jahre alt, tritt er bereits seit seinem sechszehnten
-Lebensjahre öffentlich auf und bezieht auch heute noch bedeutende Gagen.
-
-[Illustration]
-
-Mr. Bown besitzt vollständig normal entwickelte Füsse, die jedoch
-direct an den Hüftengelenken stehen. Er schreibt mit dem linken
-Fusse, greift Gegenstände mit den Zehen desselben und ist auch ein
-nicht unbedeutender Akrobat. Er bedarf nicht der geringsten Hülfe,
-bewegt sich allein auf den Strassen, besteigt die Strassenbahnen mit
-Leichtigkeit und besitzt ein ausserordentlich heiteres Temperament.
-(Vor vielen Jahren lebte eine junge Dame in Westpreussen, die ebenfalls
-keine Beine, sondern nur Füsse hatte; sie trat nicht öffentlich auf und
-war so hülflos, dass sie stets in einem Krankenstuhle gefahren werden
-musste.) Mr. Bown besitzt eine ungeheure Kraft in den Armen, deren
-Muskeln von Stahl zu sein scheinen.
-
-Die jetzt etwa zehn Jahre alte Photographie, die als Original zu dem
-Cliché diente, zeigt Mr. Bown mit seiner ganzen Familie.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Wilhelm und Hulda
-
-die »Fett-Kinder«
-
-
-sind ein Geschwisterpaar, wie man es nicht oft findet. Die Eltern sind
-einfache Fischersleute in Ostfriesland und haben ausser diesen beiden
-Kindern noch drei, die ganz normal gestaltet sind. Die Ueberfettung der
-beiden Kinder ist nicht, wie man anzunehmen geneigt sein dürfte, die
-Folge eines krankhaften Zustandes, im Gegentheil erfreuen sie sich der
-besten Gesundheit und ist das Fleisch ihrer Körper fest und gesund. Sie
-werden seit längerer Zeit auf dem Continent zur Schau ausgestellt.
-
-[Illustration]
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Eugène Berrey
-
-der Mann mit dem Riesen-Fuss
-
-
-ist eine etwas abschreckende Schaunummer und im Jahre 1872 in der
-Stadt Indianapolis geboren. Der Riesenwuchs seiner Füsse war schon bei
-seiner Geburt vorhanden und mit der progressiven Zunahme seines Körpers
-nahmen auch seine Füsse progressiv zu und wurden immer grösser und
-grösser, so dass sein linkes Bein z. B. heute ein Drittel seines ganzen
-Körpergewichtes, nämlich dreiundvierzig Pfund, repräsentirt.
-
-[Illustration]
-
-Mr. Berrey hat sich einen gewissen Grad von Bildung angeeignet, spricht
-auch etwas Deutsch und Französisch und ist sehr liebenswürdig in seinem
-Umgange. Seit etwa sechs Jahren steht er vor der Oeffentlichkeit und
-ist als der Mann mit den »Trilby«-Füssen bekannt. Seine Gagen sind
-nicht bedeutend, ermöglichen ihm aber trotzdem ein comfortables Leben,
-und mit Recht kann man von ihm sagen: »Mr. Berrey lebt auf grossem
-Fusse!«
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Miss Maggie
-
-die dreibeinige Dame
-
-
-die das nächste Cliché zeigt, war, wie so manches andere in Amerika,
-auch »Humbug«.
-
-[Illustration]
-
-»Vor etwa drei Jahren (also 1896)«, so berichtet mein Gewährsmann,
-»wurde von einem bedeutenden Museum in der Bowery in New York unter
-denkbarstem Hochdruck der Reclame als grösstes aller Naturwunder der
-Welt eine »Dame mit drei Beinen« annoncirt. Der Zulauf war ein ganz
-enormer, und auch ich, wenngleich mit etwas zweifelhaftem Vorgefühl,
-entschloss mich zu einem Besuch.
-
-Nachdem mehrere »Specialitäten« von geringem Werth vorgestellt waren,
-erschien der »star« des Programms, die »Dame mit den drei Beinen«, in
-Gestalt eines kräftig gebauten, munteren Mädchens, das in einem Sessel
-sass und unter dessen Kleidern auch wirklich drei Füsse sichtbar waren.
-
-Beim Vortrage des Explicators stand das Mädchen auf, hob die Kleider
-fast bis zu den Knieen empor und bewegte jedes der drei Beine in
-der natürlichsten Weise. Trotzdem jede Täuschung ausgeschlossen
-schien, wurde »Humbug« doch das »geflügelte Wort«, dem ein Theil des
-Publicums unverhohlen Ausdruck gab, während der andere Theil der festen
-Ueberzeugung war, ein wirklich echtes, unverfälschtes Naturwunder vor
-sich zu sehen; meine personellen Ansichten über das Pro und Contra
-hatten jedoch noch keine bestimmte Richtung angenommen. Wie so oft
-schon, trat aber auch hier der Zufall entscheidend auf. Einige Zeit
-später passirte ich nämlich Nachts elf Uhr Bowery, um mich in mein
-Hotel zu begeben. Vor dem »Museum« angelangt, trat aus dem Portal
-desselben eine Dame am Arme eines jungen Mannes heraus, an deren
-äusserer Erscheinung nicht nur, sondern auch an deren eigenthümlichem
-Lachen ich die »dreibeinige Dame« sofort wieder erkannte. Um mir jedoch
-volle Gewissheit zu verschaffen, folgte ich dem Paar unbemerkt eine
-ziemliche Strecke weit und hörte nun aus dessen Unterhaltung, dass ich
-mich nicht getäuscht, sondern die Dame mit den drei Beinen leibhaft vor
-mir sah, dass sie jedoch jetzt gerade so gut wie jeder andere normale
-Mensch auch nur »zwei« Beine hatte. Und »Humbug« tönte es höhnend durch
-den kalten Nachtwind.«
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-George Woodstock
-
-der Mann mit dem Riesenbart
-
-
-behauptet, den längsten Bart der Welt zu besitzen. Er ist ein geborener
-Irländer, jedoch von seiner Kindheit an in Amerika und hat ein schönes
-Bauerngut in Marshalltown, Iova. Sein Bart hat die respectable Länge
-von acht Fuss und drei Zoll und ist dunkelbraun; damit er ihm bei der
-täglichen Verrichtung seiner Haus- und Feldarbeiten nicht hinderlich
-ist, wickelt er ihn während derselben sorgsam zusammen und verbirgt ihn
-unter der Weste auf seiner Brust.
-
-Mr. Woodstock ist niemals öffentlich aufgetreten und wird es auch
-nicht, obgleich er bereits manche gute Offerte erhalten hat.
-
-[Illustration]
-
-(In den vierziger Jahren lebte in Deutschland ein ganz kleiner
-verwachsener Mann, der auf dem Rücken und der Brust bedeutende
-Buckel hatte. Der auf der Brust stationirte hatte hervorragend
-monstrose Dimensionen, war aber kein wirklicher Buckel, sondern der
-zusammengewickelte und unter der Weste verborgene grosse Bart des
-kleinen Mannes, der eine Länge von über elf (!) Fuss rhein. hatte. In
-einem Testamente hatte der Mann verfügt, dass seine Gesichtshaut sammt
-dem Barte nach seinem Tode abgelöst und dem Universitäts-Museum in
-Bonn zur Aufbewahrung übergeben werden solle. Dieser »letzte Wille«
-wurde denn auch buchstäblich erfüllt, das bezeichnete Museum trat die
-Erbschaft an und wahrscheinlich ist der Riesenbart heute noch als
-Curiosität in demselben zur Schau ausgestellt. -- Leider können der
-Familienname des Mannes und die Ortsnamen heute nicht mehr festgestellt
-werden.)
-
-[Illustration]
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-John Darrington
-
-das lebende Skelet
-
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-ist in einer kleinen Stadt Connecticuts (Nord-Amerika) geboren und
-jetzt etwa achtunddreissig Jahre alt. Bis zu seinem sechsundzwanzigsten
-Jahre erfreute er sich der besten Gesundheit, zog sich aber infolge
-einer Erkältung ein chronisches Magenleiden zu, so dass er in ganz
-verhältnissmässig kurzer Zeit zum Skelet abgemagert war.
-
-[Illustration]
-
-Da er keinerlei Arbeiten mehr verrichten und auch Niemanden hatte,
-der ihm Hülfe bieten konnte, so reifte in ihm der Entschluss, sich
-als »lebendes Skelet« sehen zu lassen, und er hatte auch Erfolg
-damit. Nicht der Einzige dieses Genres, ist seine Gage auch stets nur
-gering, reicht jedoch bei seinen bescheidenen Ansprüchen aus, ihm
-eine sorgenlose Existenz zu schaffen, so dass er nach seiner eigenen
-Versicherung mit seiner jetzigen Lage vollständig zufrieden ist.
-
-[Illustration]
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-
-John Chambert
-
-der Mann ohne Arme
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-wurde 1854 in London geboren und kam ohne Arme zur Welt. Wie alle
-anderen Fusskünstler, unter denen jedoch Herr C. H. Unthan der
-geschickteste ist, verrichtet auch Mr. Chambert alle Arbeiten mit den
-Füssen, die normale Sterbliche mit den Händen ausführen. Er bedient
-sich selber beim Essen und Trinken, kleidet sich an und aus, rasirt
-sich, schreibt ausgezeichnet, spielt mehrere Instrumente, schiesst,
-hämmert, sägt, hobelt etc. etc.
-
-[Illustration]
-
-Seit seinem achtzehnten Lebensjahre zeigte er sich dem Publicum in
-Museen etc., noch nicht ganz zwanzig Jahre alt, verheirathete er
-sich, zog sich vom »show« zurück und eröffnete in London ein kleines
-Cigarren- und Tabak-Geschäft. Er wurde Vater von drei Töchtern, und als
-diese erwachsen waren, übergab er ihnen das Geschäft und kehrte zum
-»Show-Leben« zurück. Vor etwa vier Jahren verlor er seine Gattin durch
-den Tod, verheirathete sich jedoch im Februar 1899 zum zweiten Male und
-führt mit seiner jungen hübschen Frau, die ihren »John« von Herzen lieb
-zu haben scheint, ein recht glückliches Familienleben.
-
-[Illustration]
-
-[Illustration]
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-
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-
-James Morris
-
-der Mann mit der Gummihaut
-
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-ist am 1. September 1859 in Boston, Massachusetts (Amerika), geboren.
-Als Sohn armer Eltern erlernte er das Barbierhandwerk. Seit seiner
-Kindheit war er im Stande, seine Haut zu bedeutender Länge vom Körper
-zu ziehen und oft that er das zum Vergnügen seiner Kameraden. Eines
-Tages sagte einer derselben zu ihm: »Morris, warum lässt Du Deine Kunst
-nicht für Geld sehen?« Diese Worte waren bei Morris auf fruchtbaren
-Boden gefallen: eines Tages stellte er sich dem Besitzer eines Museums,
-J. E. Sackett, in Providence, Rhode Island, vor und wurde von demselben
-sofort für ein Jahr engagirt.
-
-Seit der Zeit -- im Herbst 1882 -- war sein Glück gemacht, denn
-während vier Saisons war er die Haupt-Attraction von Barnum's Side
-Show und erhielt eine Wochengage von 150 Dollars. Leider ist Morris
-ein Gewohnheits-Trinker und -Spieler, und statt heute ein Vermögen zu
-besitzen, muss er noch auftreten, um sich ernähren zu können.
-
-Seine Vorführung ist die beste in diesem Fache. Er kann z. B. die Haut
-von seiner Brust bis zum Kopfhaar hinaufziehen, die Haut der Backen
-kann er bis zu acht Zoll ausdehnen, und mit der Haut des einen Beines
-kann er das andere bedecken.
-
-Mr. Morris ist in allen Museen und bedeutenden Circusunternehmungen
-Nord-Amerikas aufgetreten und befindet sich zur Zeit mit Count Orloff's
-Abnormitäten-Truppe auf Tournée durch England. Er ist unverheirathet,
-sehr gebildet und ein überaus gewandter Erzähler, als der er denn auch
-in jeder Gesellschaft erwünscht und beliebt ist. (Die Dehnbarkeit der
-Haut ist die Folge einer Krankheit der Zellengewebe derselben, die sich
-auf andere Organe des Körpers nicht überträgt.)
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Angelotti
-
-der Mann mit den Elephanten-Füssen
-
-
-ist eine Abnormität, die sich besser für ein Krankenhaus, als für ein
-Vergnügungs-Etablissement eignet. Er kam vor etwa einem Jahre als der
-einzige gerettete Passagier einer kleinen Kohlen-Barke, die auf offenem
-Ocean gesunken war, mit einem Ocean-Dampfer in Liverpool an, und da in
-den bezüglichen Zeitungsberichten zugleich als Merkwürdigkeit bemerkt
-war, dass der gerettete Passagier »Elephantenfüsse« habe, so suchte
-Director Crouch ihn auf und engagirte ihn für seine Etablissements.
-
-[Illustration]
-
-Angelotti ist ein dunkelbrauner Neger, und haben seine unförmigen
-Füsse, die einen recht zurückstossenden Anblick bieten, wirklich eine
-grosse Aehnlichkeit mit Elephanten-Füssen. Dieser anormale Zustand
-hat seinen Grund in der sog. Elephantiasis (Knollsucht), einem
-bösartigen, doch nur selten auftretenden Aussatze, durch den die Beine
-und Füsse mit einer, der Elephantenhaut ähnlichen, dicken, knolligen
-Decke überzogen werden. Trotzdem erfreut der Mann sich des besten
-Wohlbefindens, und so lange er sein Essen und genügend Rauch-Tabak
-bekommt, fühlt er sich ganz glücklich. Er ist unverheirathet und etwa
-vierzig Jahre alt.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-James Wilson
-
-der einzige Brust-Expansionist der Welt
-
-
-kann als ein Wunder der Natur bezeichnet werden. Er ist in Belfast,
-Irland, geboren, erlernte das Schmiede-Handwerk, betrieb es bis
-zu seinem dreissigsten Lebensjahre und war nicht nur wegen seiner
-colossalen Kräfte, sondern mehr noch wegen seiner mächtigen Brust
-allgemein bekannt. Nicht ganz einunddreissig Jahre alt, wanderte er
-nach Amerika aus und arbeitete auch dort als Schmied.
-
-[Illustration]
-
-Da sah er in einem Museum in New-York einen Mann, der durch das
-Ausdehnen seiner Brust fest um dieselbe gebundene Stricke zerriss.
-In seine Wohnung zurückgekehrt, versuchte auch er den »Tric« und
-fand, dass er sogar breite Lederriemen zerreissen konnte, und als es
-ihm durch fortgesetzte Uebung endlich auch gelang, eiserne Ketten zu
-zersprengen, da sagte er dem Schmiede-Handwerk Valet, ging zum »Show«
-über und trat zum ersten Male in Barnum's »grösstem Circus der Welt«
-auf; »seine Arbeit« erregte Sensation in ganz Amerika. Im Jahre 1889
-gewann er in einem Match nicht nur die grosse Medaille, sondern auch
-den Champion-Gürtel der Welt, da er seine sämmtlichen Rivalen überbot.
-
-[Illustration]
-
-Im Jahre 1891 kam er mit dem Barnum-Circus nach London, kehrte nach
-beendeter Saison jedoch mit demselben wieder nach Amerika zurück.
-Im December 1895 trat er zum ersten Male auf dem Continent und zwar
-in Hornhardt's Etablissement in Hamburg auf, ging von dort ans
-Apollo-Theater in Berlin und unternahm dann eine kurze Tournée durch
-Deutschland. Da er jedoch nur englisch spricht, so fühlte er sich in
-Deutschland zu sehr verlassen und kehrte im October 1896 nach Amerika
-zurück, wo er zur Zeit wieder mit amerikanischem Circus auf Tournée ist.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Lady Dot
-
-das kleinste Mädchen der Welt
-
-
-war eine recht liebliche Erscheinung und das Ebenbild der weltberühmten
-Zwergin »Prinzess Pauline«, nur, dass diese noch etwas kleiner war.
-
-[Illustration]
-
-Lady Dot war im Jahre 1880 in Hanley, England, geboren und wog bei
-ihrer Geburt nur 140 Gramm. Trotzdem die Aerzte behaupteten, dass
-das Kind nicht lebensfähig sei, gelang es der Mutter doch, dasselbe
-am Leben zu erhalten und schon von sieben Monaten an wurde es als
-Schau-Object öffentlich ausgestellt. Lady Dot lebte bis zu ihrem
-fünfzehnten Lebensjahre und starb infolge einer heftigen Erkältung.
-Kurz vor ihrem Tode wog sie etwas über neun Pfund und war neunzehn Zoll
-hoch. Sie hatte vier normale Geschwister.
-
-[Illustration]
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-
-
-
-Edith
-
-das Riesen-Kind
-
-
-verdient diese Bezeichnung mit Recht, denn es war wirklich ein solches.
-Es wurde am 8. Januar 1888 geboren und wog bei seiner Geburt über neun
-Pfund, und da es sich der besten Gesundheit erfreute, so wurde es schon
-in einem Alter von fünf Monaten ausgestellt. Das Cliché zeigt das
-Kind im Alter von 1¼ Jahr, welch letzteres da schon ein Gewicht von
-zweiundsiebzig Pfund erreicht hatte. Das war sein Höhepunkt, denn kurze
-Zeit darauf erkrankte es schwer an den Masern und magerte furchtbar ab,
-und als es wieder gesund geworden war, da war es kein Riesenkind mehr
-und wuchs als ganz gewöhnliches normales Kind seines Alters auf. Jetzt
-ist es ein hübsches neunjähriges Mädchen, das in Swansea, South-Wales
-(England) die Schule besucht.
-
-[Illustration]
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Achmed Aratas
-
-der unverwundbare Fakir
-
-
-wurde 1872 in Oesterreich geboren. Kaum fünf Jahre alt, verliessen
-seine Eltern die Heimath mit ihm und wanderten nach Persien aus, wo sie
-bald dem gelben Fieber erlagen. Des verwaisten Knaben aber nahm sich
-ein Einsiedler, Namens Abbed an, bei dem er bis zu seinem vierzehnten
-Jahre lebte und der ihn in sämmtliche Künste und Kunstgriffe der
-Fakire einweihte, in denen er so grosse Fortschritte machte, dass er
-einst zum Schah Nasser-Ed-Din berufen wurde, um sich vor diesem zu
-produciren, und der ihm dann den Hausorden, welcher an rothem Bande
-um den Hals getragen wird, verlieh. Endlich kehrte Aratas wieder nach
-seiner Heimath zurück und wurde bald eine sehr gesuchte Attraction für
-Variété-Theater etc.
-
-[Illustration]
-
-Seine Productionen bestehen in Folgendem: Durch Einathmen von
-Dämpfen, deren Erzeugung sein Geheimniss ist, versetzt er sich in
-einen quasi hypnotischen Zustand, dann beginnt er mit Kopfschütteln
-und Verdrehungen und Verrenkungen des Körpers, bis er einem
-Schwindelanfalle nahe ist. In diesem Stadium soll sein Körper in
-gewissem Grade gefühllos sein, so dass er von den Schmerzen, die ihm
-seine Productionen verursachen, fast gar nichts empfindet.
-
-Dann folgen die Selbstpeinigungen: Er sticht sich vier bis sechs lange
-spitze Dolchnadeln durch den einen Ober- und Unterarm; man sieht, wie
-sich die Haut dehnt, bevor die Spitzen der Nadeln hindurchdringen. Dann
-geht er, um etwaige Zweifel zu heben, unter das Publicum und lässt von
-einer beherzten Person die Nadeln wieder langsam und vorsichtig aus dem
-dicken Fleische herausziehen.
-
-(Dieselbe Lieblingspassion hatte 1851 die dreizehnjährige Tochter eines
-Kaufmanns in Demmin in Pommern, die sich oft mit zwölf und oft mit noch
-mehr Stecknadeln die Innen- und Aussenseiten der Hände spickte, ohne
-dass auch nur ein Tropfen Blut zum Vorschein gekommen wäre. Auf die
-Frage: »Ob sie keine Schmerzen dabei empfinde«, antwortete sie: »Nein,
-nur ein heftiges Jucken, wenn die Nadeln wieder herausgezogen sind,
-sonst nichts«.)
-
-Dann folgt das Durchstechen der Backen, des Halses und der Zunge, und
-damit die allgemeine Annahme widerlegt werde, dass er die Nadeln durch
-alte verwachsene Löcher steche, lässt er sich die Zunge auch von einem
-Arzte unter den Zuschauern durchstechen. Dann schlägt er sich mit einem
-hölzernen Hammer eine Nadel mit grossem Kopfe unter dem Bauchnabel
-regelrecht in den Leib, und dann lässt er sich von zwei ziemlich
-grossen Schlangen in Hals und Arme beissen. Zum Schluss hält er seinen
-nackten Arm etwa fünf Minuten lang in die hochauflodernde Flamme einer
-Fackel. -- Aratas ist ein schöner Mann. Trotzdem seine Productionen
-hochinteressant sind, so haben sie doch etwas Abschreckendes,
-Zurückstossendes für viele Zuschauer.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Die Mac-Mahon-Kinder
-
-
-stehen insofern wohl als Seltenheit da, als sie und ihre sämmtlichen
-Geschwister Albinos sind und von Neger-Eltern abstammen. Sie wurden vor
-fünfzehn Jahren in Troy, Staat New-York, geboren und von ihren Eltern
-schon von frühester Kindheit an öffentlich ausgestellt. Die Eltern
-haben sich dadurch ein kleines Vermögen erworben und leben seit einiger
-Zeit mit den Kindern in stiller Zurückgezogenheit auf einer hübschen
-Besitzung in ihrer Heimath. Den Kindern wird das Haar stets ganz
-kurz geschnitten, und sollen dieselben nie wieder als Schau-Objecte
-functioniren. -- Leider giebt es nicht viele so vernünftige Eltern,
-die auch an das Wohlergehen ihrer Kinder denken und sie nicht bis zum
-Lebensende ausnützen.
-
-[Illustration]
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Katy Clary
-
-die Riesen-Dame
-
-
-ist weniger ihrer eigenen Grösse, wie ihrer kleinen Schwester wegen
-eine gesuchte Attraction. Miss Katy ist nämlich fünf Fuss und zwei
-Zoll hoch und wiegt 460 Pfund, ihre Schwester ist dagegen nur
-zweiunddreissig Zoll hoch und wiegt trotzdem 172 Pfund. Miss Rosa, die
-Zwerg Riesin, ist zwei Jahre älter, als ihre grosse Schwester.
-
-[Illustration]
-
-Sie sind in Nord-Amerika geboren, bereits seit längerer Zeit auf
-Reisen, absolviren Engagements in allen bedeutenden »Shows« und
-beziehen verhältnissmässig hohe Gagen.
-
-[Illustration]
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-
-
-
-Marquis Wolga und Marquise Louise
-
-das »Königspaar der Liliputaner«.
-
-
-Zwerge giebt es zur Zeit ja eine Unmasse, wirklich gute dagegen
-aber nur sehr wenige, und von diesen zeigt das Cliché ein paar
-Hauptrepräsentanten. Der kleine Herr Marquis Wolga ist am 2. September
-1857 in Ungarn geboren. Seine Eltern sind absolut normal gebaut,
-desgleichen seine fünf Schwestern. Bei seiner Geburt war er nur
-etwa neun Zoll gross und wog nicht ganz zwei Pfund, jetzt ist er
-achtundzwanzig Zoll gross und wiegt circa sechszehn Pfund. Sein
-Aeusseres ist sehr sympathisch und die Intelligenz seines Gesichtes
-wird durch einen hübschen Schnurr- und Knebelbart sehr wirkungsvoll
-unterstützt.
-
-[Illustration]
-
-Die jetzt neunundzwanzigjährige Marquise Louise ist von dänischer
-Abkunft, aber in Samara in Russland geboren, und sind auch ihre
-Eltern sowie ihre sieben Geschwister nicht nur normale, sondern
-sogar recht grosse und starke Menschen. Da sie bei ihrer Geburt ganz
-unverhältnissmässig klein und schwächlich war, so wurde sie längere
-Zeit hindurch in Watte gehüllt und mit allergrösster Sorgfalt gepflegt,
-um sie am Leben zu erhalten.
-
-Heute erfreuen sich die kleinen distinguirten Herrschaften der besten
-Gesundheit und sind trotz ihrer winzigen Körper sogar recht kräftig.
-Vor etwa vier Jahren begegneten sie sich zum ersten Male in Ungarn,
-und da nicht nur die Gleichheit des Körperbaues allein, sondern auch
-die der Gesinnungen sie geistig näher zusammenführte und endlich die
-Existenzfrage auch mit in die Wagschale fiel und eine gegenseitige
-Zuneigung ausschlaggebend wurde, so entschlossen sich die beiden
-Naturwunder, gemeinsam auf Reisen zu gehen. Da der Herr Marquis nun
-aber den moralischen Werth und die Liebenswürdigkeit seiner kleinen
-Reisegefährtin sehr bald kennen und schätzen lernte, da trug er ihr
-kurz entschlossen Herz und Hand an, und nach einiger Zeit wurde das
-Ehebündniss mit grossem Pomp in der Eglise de Madelaine in Paris
-geschlossen.
-
-Das kleine Menschenpaar reist heute noch auf dem Continent und
-lässt sich vom Publicum bewundern, und der Impresario hat sich ein
-bedeutendes Vermögen dadurch erworben.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Leo Whitton
-
-der canadische Coloss
-
-
-wurde im Jahre 1857 in Northumberland in Canada von »gewichtigen«
-Eltern geboren. Sein Vater wog 340, seine Mutter 375, er selbst bei
-seiner Geburt schon über dreizehn Pfund. Im zwölften Jahre wog er
-bereits 209, im zwanzigsten 360 und zur Zeit wiegt er 724 (!) Pfund bei
-einer Grösse von fünf Fuss und elf Zoll. Der Hals hat sechsundzwanzig,
-die Brust zweiundsiebenzig und die Taille vierundachtzig, die Oberarme
-haben achtundzwanzig, die Oberschenkel neunundvierzig und die Waden
-sechsundzwanzig Zoll Umfang. (Es bestätigt sich also auch bei diesem
-Coloss, dass der Hals und die Waden eines jeden Menschen stets gleichen
-Umfang haben.)
-
-[Illustration]
-
-Mr. Whitton ist auf einem Bauernhofe erzogen worden; mit dem
-zweiundzwanzigsten Jahre eröffnete er einen Fleischerladen und betrieb
-ihn bis zu seinem siebenunddreissigsten Jahre. Er ist verheirathet
-und hat drei Söhne und eine Tochter, die jedoch nach der Mutter, die
-nur 118 Pfund wiegt, arten. Er besitzt ein recht hübsches »Heim«,
-ist kerngesund, voll gesunden Humors und reist zur Zeit mit Barnum's
-»Riesen-Show« in England, mit dem er jedoch auf alle Fälle wieder nach
-Amerika zurückkehrt.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Monsieur Neptune
-
-der französische Herkules
-
-
-ist sowohl ein Wunder der Natur, als auch des Trainirens, und der
-jetzt etwa siebenundzwanzigjährige junge Mann hat bereits das grösste
-Aufsehen in der Athleten-Welt erregt.
-
-[Illustration]
-
-In Bordeaux geboren, ging er als dreizehnjähriger Sohn einer armen
-Wittwe als Schiffsjunge auf ein Kauffahrtei-Schiff und als Seemann
-wuchs er auf, wurde aber wegen seiner phänomenalen Kraft von seinen
-Kameraden bald gefürchtet.
-
-Vor einigen Jahren besuchte Neptune ein Variété-Theater in London, auf
-dem sich auch der Athlet Chas. Samson producirte. Sein Haupt-Tric war
-das Heben eines Gewichtes von 210 Pfund, das er mit einer Hand bis
-zur Armeslänge über seinen Kopf drückte. Als er nach Beendigung der
-Production Demjenigen 10 Pfd. Sterl. (ca. 200 Mark) proponirte, der
-das Gewicht mit beiden Händen bis zur Brusthöhe höbe, da bat Neptune,
-diesen Versuch machen zu dürfen.
-
-Sein Anerbieten erregte allgemeines Gelächter im Publicum, da er
-von nur kleiner Figur ist und nur 132 Pfund wiegt, und um noch mehr
-Heiterkeit zu erwecken, erlaubte Samson ihm den Versuch auch; Neptune
-aber gewann den Preis spielend, denn er hob das Gewicht mit auch nur
-einer Hand ebenfalls über den Kopf hinaus. Ein riesiger Applaus und
-zahlreiche Rufe um mehr Kraftproben waren das Resultat dieses seines
-Debuts vor der Oeffentlichkeit.
-
-Angespornt dadurch, erwachte in ihm das Verlangen, sich ebenfalls als
-Athlet produciren zu wollen. Kurz entschlossen befreite er sich von
-seinen Verbindlichkeiten als Seemann und begann dann, seine Kräfte
-durch regelmässige Uebungen systematisch noch mehr zu entwickeln
-und heute ist er als Athlet einer der bedeutendsten, die je vor der
-Oeffentlichkeit gestanden haben, vielleicht auch stehen werden.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Miss Pollie Whatson
-
-die schwerste Dame der Welt
-
-
-liefert den Beweis, dass der »Humbug« nicht allein in Amerika, sondern
-auch in anderen Theilen der Erde gedeiht und Blüthen zeitigt. Die
-Miss, eine geborene Engländerin und vor einiger Zeit in einem Museum
-in Liverpool als »schwerste Dame der Welt« ausgestellt, ist zwar
-»wohlbeleibt«, aber dem unbeeinflussten Beschauer konnte es doch nicht
-entgehen, dass ihre unbedeckten Arme in einem grellen Contraste zu
-ihrer Körperfülle standen und der Gedanke, dass letztere »Kunst«, nicht
-»Natur« sein müsse, drängte sich unwillkürlich in den Vordergrund.
-
-Dieser Idee gab denn auch eines Tages ein pessimistischer Besucher
-Ausdruck, indem er der »Aufwärterin« eine der umfangreicheren
-landesüblichen Münzen in die Hand gleiten liess, und als
-Erkenntlichkeit dafür erfuhr er folgende Details über die schwerste
-Dame der Welt: »Bis vor ganz kurzer Zeit sei sie noch Fischhändlerin
-gewesen, die das immerhin ansehnliche Gewicht von 220 Pfund zwar gehabt
-habe, dass das aber doch für eine »Riesendame« nicht ausreichend
-gewesen sei. Da habe sie, die Aufwärterin, es unternommen, eine
-»vollwichtige« Riesendame aus ihr zu _fabriciren_ und ihr Gewicht auf
-728 Pfund zu erhöhen, ein Kunststück, das ihr auch in etwa einer Woche
-gelungen sei.«
-
-[Illustration]
-
-Befriedigt über diesen Erfolg, warf der incurable Pessimist noch einen
-flüchtigen Blick zu der vom glaubensseligen Publicum umstandenen
-»Humbug-Riesendame« empor und berechnete im Stillen, wie viel
-überflüssige Schweisstropfen sie wohl täglich unter ihrer künstlichen
-Fetthülle vergiessen möge, in die der »Humbug« sie eingezwängt.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Lucy Morris
-
-die schwarze Riesendame
-
-
-hat das für eine Dame gewiss respectable Gewicht von zur Zeit 605
-Pfund erreicht, doch scheint sie noch nicht »ausgewachsen« zu sein.
-Sie besitzt einen ganz colossalen Körperumfang und nimmt das Prädicat
-»schwerste aller Negerinnen« dictatorisch für sich in Anspruch. Trotz
-ihrer »unmenschlichen« Körperfülle bewegt sie sich sehr leicht und
-fährt auch auf einem eigens für sie gebauten »Dreirad« recht gewandt.
-Nicht selten tritt sie auch in akademischen »Posen« auf, und ist ihr
-Erscheinen dann stets von nicht endenwollenden Lachsalven begleitet.
-
-[Illustration]
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Clarence Dale
-
-der Knabe mit dem Riesenkopfe
-
-
-ist eine recht sympathische Abnormität. Er ist ein lieblicher Knabe
-von etwa neun Jahren, sein Kopf ist jedoch von so aussergewöhnlicher
-Grösse, dass z. B. der Hut des corpulentesten Mannes kaum die
-Oberfläche seines Kopfes bedeckt. Er ist geistig sehr geweckt, Virtuose
-auf der Mundharmonika und in Amerika allgemein so beliebt, dass er nie
-ausser Engagement ist.
-
-[Illustration]
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-[Illustration]
-
-
-
-
-Dominique Castagna
-
-der Mumien-Mensch
-
-
-ist eine jener Abnormitäten, die stets im Vordergrunde des allgemeinen
-Interesses stehen werden. Er wurde am 26. April 1869 zu Sologny
-(Depart. Saône und Loire) in Frankreich geboren. Waren die normalen
-Eltern auch bei seiner Geburt über die unnatürliche Härte seiner Haut
-erstaunt, so beruhigten sie sich doch bald, wohlthätige Aenderungen von
-der Zeit erhoffend, da sich in der normalen Entwickelung des Kindes
-bisher keinerlei ungewöhnliche Störungen gezeigt hatten. Von seiner
-Mutter bis zu fünfzehn Monaten genährt, lernte er mit zehn Monaten
-gehen und rechtzeitig sprechen, doch hatte er im Alter von vierzehn
-Monaten erst vier Zähne.
-
-Von seinem zweiten Lebensjahre an zeigte sich jedoch eine auffallende
-Abmagerung, die bis zum zwölften Jahre progressiv zunahm und dann
-stehen blieb, zugleich hörte aber auch die Weiterentwickelung des
-Körpers auf, sodass Castagna trotz seiner jetzt achtundzwanzig Jahre
-noch immer einem zwölfjährigen Knaben gleicht. Das Längenmaass des
-absolut muskellosen Körpers beträgt 1,45 m, sein Gewicht nur 48 Pfund,
-und das Knochengerüst ist von der hornartigen Haut straff umspannt, die
-die natürliche Farbe hat, sich jedoch auf den Fingern und Zehen wie bei
-einst erfrorenen Gliedern dunkler röthet.
-
-Der Kopf ist verhältnissmässig gross, die Nase sehr spitz, an der
-Basis eingedrückt und in der Mitte mit einem Höcker versehen, und da
-dieser fleischlose Knorpel, dem auch die Nasenflügel fehlen, gleich
-einem Vogelschnabel aus dem regungslosen Gesichte hervorragt und
-die grossen, runden, dunkeln, sehr gewölbten Augen, denen die Lider
-fehlen, unwandelbar starr um sich schauen, so hat das Gesicht etwas
-Eulenartiges. Der Mund ist bewegungslos und stets geöffnet, und da
-fast gar keine Lippen vorhanden sind, so macht er mehr den Eindruck
-eines grossen Einschnittes, aus dem die unverdeckten unschönen Zähne,
-vierzehn oben und fünfzehn unten, hervorragen.
-
-Die Zunge ist sehr wenig beweglich und scheint durch die zu kurzen
-Wurzelbänder gewaltsam nach hinten zurückgehalten zu werden, das
-Zäpfchen ist sehr wenig ausgebildet, dagegen die Gaumenwölbung sehr
-tief, Missverhältnisse, durch die wohl die hässliche näselnde und
-ziemlich undeutliche Sprache bedingt wird, aus der aber trotzdem etwas
-Anheimelndes herausklingt, das uns sagt, dass in diesem abstossenden
-Aeussern eine sympathische Seele wohne.
-
-[Illustration]
-
-Wenn sich auch aus den fleischlosen Wangen und dem runzlichen Kinn hie
-und da ein vereinzeltes Härchen hervordrängt, so ist doch von einem
-Barte keine Rede, dafür aber ist der Kopf mit einer auffallend reichen
-Fülle brauner Haare bedeckt, die in der Mitte durch einen geraden
-Scheitel getrennt sind. Die Ohren sind hart und steif und das Gehör
-lässt seit einigen Jahren nach, so dass man stets etwas laut sprechen
-muss, will man gut verstanden werden, dagegen functioniren die Augen
-vorzüglich, und fehlen ihnen auch die schützenden Lider, so erfreut
-sich Castagna seiner eigenen Aussage nach doch eines gesunden festen
-Schlafes.
-
-Der hässliche Kopf ruht auf einem fleischlosen Halse, der Oberkörper
-ist flächenartig zusammengeschrumpft und nur die Schulterblätter
-scheinen das Einzige am ganzen Körper zu sein, das mit dem
-Alter desselben im Einklangs steht, dagegen sind es wohl die
-verhältnissmässig kleinen Arme, die der Gestalt das Kindliche geben.
-Die Oberarme zeigen noch eine ganz kleine Spur von Muskulatur, die
-Hände sind warm und vermögen noch einen leichten Druck auszuüben und
-ein Gewicht von ca. 20 Kilogramm zu bewältigen. Die Finger aber sind
-alle krumm gegeneinander gebogen und dennoch können sie sehr geschickt
-mit dem Gewehr, mit Nadel und Zwirn und mit der Schreibfeder umgehen,
-da sie gleich den Armen noch leichte Biegungen zulassen. Auch die
-Beine, die zwei mit Haut überzogenen Stöcken gleichen, geben in den
-Knieen und Hüften noch so viel nach, dass Castagna sich nothdürftig
-vorwärts bewegen, und auch ohne allzugrosse Anstrengung sich beugen
-und eine Treppe hinaufgehen kann, doch können diese Bewegungen nur
-ruckweise ausgeführt werden. Sämmtliche innern Organe, auch das
-Nervensystem, functioniren dagegen so, wie bei jedem normalen und
-gesunden Menschen, so dass Castagna über keinerlei körperliches
-Unbehagen klagen kann. Er ist geschlechtslos, doch neigen sich die
-wenigen vorhandenen geschlechtlichen Rudimente mehr dem Femininismus
-wie dem Masculinismus zu.
-
-Von sanftmüthiger und liebenswürdiger Natur, besitzt er einen heiteren
-Charakter und ist stets bereit, an ihn in französischer Sprache
-gestellte Fragen zu beantworten. Dann wird sein Gesicht, das beim
-ersten Anblick etwas zurückstossend Gespensterhaftes hat, sympathisch
-und unterhält man sich mit dem Träger desselben, so lässt das rege
-Interesse, das man unwillkürlich für seine lebendige Sprechweise und
-klare Darstellung fasst, jedes unbehagliche Gefühl zurücktreten.
-
-Sein erstes Auftreten, welches einen grossartigen Erfolg erzielte, fand
-am 20. August 1896 in Marseille statt, und hier stellte er sich auch
-vier Monate später dem Publicum im Löwenkäfig der Menagerie Pezon,
-von sechs Löwen umgeben, vor. Der École de Médecine in Marseille
-vorgestellt, war der dortige Professor Villeneuve in so hohem Grade
-von diesem seltenen pathologischen Fall überrascht, dass er mehrere
-Vorträge über Castagna in der Klinik hielt und ihm zu einer Reise durch
-die Welt rieth, die grosse Erfolge verspreche -- ein Prognostikon, das
-sich auch erfüllte.
-
-Nach einem Besuche der Städte Avignon und Nîmes wandte Castagna
-sich nach Montpellier, wo er am 10. November dem Professor Grasset
-vorgestellt wurde, der dann vor ca. 500 Studirenden einen Vortrag
-über ihn hielt, in dem ganz besonders betont wurde, dass dies ein so
-abnormer Fall von »Atrophie« sei, dass man ihn nur schwer classificiren
-könne, da allen bisherigen Erfahrungen gegenüber die _geistigen_
-Fähigkeiten unter dem allgemeinen »_Körperschwund_« nicht auch, wie in
-ähnlichen Fällen, in Mitleidenschaft gezogen seien. Die medicinische
-Facultät Montpellier war es auch, die ihm den Namen »Mumienmensch«
-(L'Homme-Momie Vivant) gab, den er heute noch führt.
-
-Allüberall, wo er ausgestellt wurde, erregte Castagna das Interesse der
-medicinischen Capacitäten, und mehrmals sollen solche sich in grossen
-Städten Rendez-vous gegeben haben, um den Vorträgen berühmter Collegen
-über ihn anzuwohnen. In Paris waren es Professor Raymond, in Berlin
-Professor Virchow und in München Professor Ranke, die sich für ihn
-interessirten und durch ihre Vorträge die Aufmerksamkeit der Männer der
-Wissenschaft nicht nur, sondern auch der ganzen gebildeten Welt auf
-Castagna lenkten.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-William Campbell
-
-der schottische Riese
-
-
-war ein Schottländer von Geburt und diente bis zu seinem
-achtundzwanzigsten Lebensjahre in der grossbritannischen Armee, musste
-dann aber wegen zu grosser Körperfülle den Dienst quittiren und sich
-mit einer kleinen Pension begnügen.
-
-Mit seinem zweiunddreissigsten Lebensjahre producirte er sich dem
-britischen Publicum als »Ihrer Majestät grösstes Subject«, und mit dem
-fünfundvierzigsten Lebensjahre hatte er das respectable Netto-Gewicht
-von zweiundfünfzig Tons (= 680 Pfund deutsches Gewicht) erreicht,
-musste sich aber zweier Krücken bedienen, wollte er sich fortbewegen,
-trotzdem er kerngesund war.
-
-[Illustration]
-
-Da er seiner Unbeholfenheit wegen das Reisen aufgeben musste, so kaufte
-er sich ein Gasthaus in der Stadt Newcastle-on-Tyne, erfreute sich
-jedoch kaum fünf Monate des »riesigen« Geschäftes, das er darin machte,
-denn der Tod befreite ihn bald darauf von seiner Last. Er hinterliess
-seiner Wittwe, die ihm stets treu und hülfreich zur Seite gestanden
-hatte, ein Vermögen von 28000 Mark. Ob Campbell je von einem andern
-Riesen an Gewicht übertroffen wurde, ist nicht festgestellt worden.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Albert Brough und General Thom
-
-Riese und Zwerg
-
-
-sind geborene Engländer. Mr. Brough, in Nottingham geboren, ist jetzt
-einunddreissig Jahre alt und misst sieben Fuss und acht Zoll, ist sehr
-proportionirt gebaut und als liebenswürdig unterhaltender Erzähler in
-Gesellschaften gern gesehen. Sein kleiner College ist achtundvierzig
-Jahre alt, misst zwei Fuss und neun Zoll und wiegt einundfünfzig Pfund.
-
-[Illustration]
-
-Die beiden Abnormitäten haben sich associirt und in dieser
-Zusammenstellung treten die Contraste in das grellste Licht. Beide sind
-in England sehr beliebte Schau-Objecte, und Mr. Brough hat sich auf
-seinen Reisen bereits so viel erspart, dass er sich in seiner Heimath
-ein hübsches Häuschen kaufen konnte, während Se. Excellenz General Thom
-seinen ganzen Verdienst in Wein »anlegt« und dem nächsten Gagentage
-schon immer mit grösster Sehnsucht entgegensieht, eine habituelle
-Eigenthümlichkeit, die er mit grösster Consequenz cultivirt.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Count Ivan Orloff
-
-der einzige durchsichtige und verknöcherte Mensch der Welt
-
-
-wurde am 19. August 1865 geboren und entstammt einer hochvornehmen
-Familie, die durch schwere Schicksalsschläge ihr gesammtes, grosses
-Vermögen verlor und hierauf zuerst nach Deutschland und dann nach
-Amerika übersiedelte. Da aber noch Verwandte des Herrn Orloff leben
-und hohe Stellungen bekleiden, so müssen aus Rücksicht auf diese hier
-sowohl die Nennung seines Geburtsortes, als auch nähere Details über
-seine Familien-Verhältnisse unterbleiben.
-
-[Illustration]
-
-Bis zu seinem vierzehnten Lebensjahre war Ivan ein gesunder, kräftiger
-Knabe, von diesem Alter ab aber zeigte sich eine immer mehr und mehr
-zunehmende Abmagerung, vornehmlich der Beine. Da damit aber auch ein
-hochgradiger »Knochenschwund« verbunden war und ärztliche Hülfe sich
-diesem seltenen Falle von Atrophie gegenüber als vollständig erfolglos
-erwies, so musste Ivan, um sich fortbewegen zu können, zuerst Stöcke
-und später Krücken zur Hülfe nehmen, und als sich diese auch nicht mehr
-als ausreichend erwiesen, sich eines Fahrstuhles bedienen, in dem er
-Nachts auch schläft und die halbe Welt durchreiste und den er nunmehr
-seit dreizehn Jahren nicht mehr verlassen hat.
-
-Infolge dieser steten Bewegungslosigkeit sind aber die Gelenke seiner
-Gliedmaassen nicht nur, sondern auch der ganze Körper theilweise
-verknöchert, da sich die in den Gelenken befindliche kleberig-ölige
-Masse, das sonovial fluid, welches allein die Beweglichkeit ermöglicht,
-allmählich verhärtet, somit einen richtigen Verbindungsknochen zwischen
-den Gelenk-Kugeln und -Pfannen gebildet hat, der nun die Bewegung der
-Gelenke verhindert.
-
-In diesem Zustande der »Ossification« befindet sich gegenwärtig
-der _Oberkörper_ des Herrn Orloff, während in seinen unteren
-Extremitäten gerade das Gegentheil der Fall ist. Hier ist nämlich
-eine Knochen-_Erweichung_ infolge theilweisen Fehlens der kreide- und
-kalkartigen Substanz, die den Knochen ihre Härte und Stärke giebt,
-eingetreten. Die Beine sind knorpelig, durchsichtig und gebogen, und
-dieser Zustand, durch die Weichheit der Knochen und das Zusammenziehen
-der Muskeln erzeugt, nimmt noch stets zu.
-
-Count Orloff hat ganz Amerika und einen grossen Theil von Europa
-durchreist und die berühmtesten Aerzte wegen seiner Krankheit
-consultirt, jedoch erfolglos, und vor den Studirenden vieler grossen
-medicinischen Facultäten sind Vorträge über diesen abnormen Fall
-gehalten worden. Man war jedoch nicht einmal im Stande, die Ursachen
-dieser wohl _einzig_ in ihrer Art dastehenden Krankheit zu ergründen,
-und soll ein derartiger eclatanter Fall (wohl aber ähnliche) bisher in
-den medicinischen Annalen nicht zu verzeichnen gewesen sein.
-
-Abgesehen von dem körperlichen Zustande, der ihm keinerlei Schmerzen
-verursacht, erfreut Herr Orloff sich der besten Gesundheit und ist
-Philosoph genug, sein Missgeschick mit Ergebung und grosser Geduld
-zu ertragen. Er hat eine sehr gute Schulbildung genossen, auf seinen
-Reisen hat er sich verschiedene fremde Sprachen angeeignet, die
-er vollständig beherrscht. Er ist jetzt 35 Jahre alt, wiegt etwa
-dreiundvierzig engl. Pfund und ist sowohl durch die gesammte Presse,
-als auch von den grössten medicinischen Autoritäten anerkannt als der
-_einzige durchsichtige und verknöcherte Mensch, der je existirt hat_.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Johann Jacob Toccio
-
-der einzige lebende Mensch mit zwei Köpfen
-
-
-ist unstreitig die grösste Abnormität, die je gelebt hat und
-wahrscheinlich auch gelebt haben wird. Am 4. Oct. 1877 in Locana, einem
-kleinen Städtchen in Italien, von ganz armen Eltern geboren -- die
-Mutter war erst neunzehn Jahre alt --, erhielt der rechte Theil in der
-Taufe den Namen Giovanni, der linke aber den Namen Giacomo.
-
-[Illustration]
-
-Bei der Geburt wog das, ein kräftiges Duett schreiende Wundergeschöpf
-nur 9 Pfund, jetzt (1899) etwa 130 Pfund. Oberhalb der sechsten Rippe
-sind die Körper getrennt, unterhalb derselben vereinigen sie sich, so
-dass das Wundergeschöpf oben _zwei_ Personen mit zwei Köpfen, vier
-Armen, zwei Brustkasten, zwei Lungen, zwei Herzen etc. repräsentirt,
-während der Unterkörper eine _einzelne_ Person mit zwei Beinen,
-einem Magen etc. darstellt. Das scharf entwickelte Denkvermögen ist
-vollständig separirt.
-
-Da die inneren Organe sehr kräftig ausgebildet sind, das Geschöpf somit
-vollständig lebensfähig war, so entwickelte es sich so günstig, dass
-es, nachdem es im Alter von vier Wochen den Professoren der Turiner
-medicinischen Facultät, Fabini und Mosse, vorgestellt und von diesen
-für das grösste Wunder der Welt erklärt worden war, von seinen Eltern
-gegen ein unbedeutendes Eintrittsgeld in einer kleinen Bude ohne
-Gefährdung der Gesundheit öffentlich gezeigt werden konnte, so dass
-sich dieselben dadurch einen kärglichen Lebensunterhalt erwarben.
-
-Vor nunmehr ca. acht Jahren wurde dies Naturwunder von dem Director des
-Berliner Passage-Panopticums, Herrn Neumann, entdeckt, der, den hohen
-Werth desselben erkennend, es sofort für sechs Monate engagirte. Als es
-nach vielen Bemühungen endlich repräsentationsfähig geworden war und
-den berühmtesten Aerzten Berlins, u. a. auch dem Professor Virchow,
-vorgestellt werden konnte und untersucht worden war, da wurde es
-endlich auch dem Gesammtpublicum vorgeführt und der Erfolg war ein ganz
-colossaler.
-
-Da erschien aber der New Yorker Museumsbesitzer Prof. E. M. Worth
-auf der Bildfläche und engagirte den -- oder die -- Knaben für eine
-einjährige Tournée durch die Vereinigten Staaten. Der Manager erhielt
-eine _wöchentliche_ Gage von 750 Pfd. Sterl. und den kostenfreien
-Verkauf der Photographieen. Davon zahlte er an die Eltern wöchentlich
-200 Pfd. Sterl. und bestritt sämmtliche Kosten für sie und die Kinder.
-Nach etwa fünfjähriger Ausstellung hatten sie sich ein so bedeutendes
-Vermögen erspart, dass sie sammt dem Zwillingspaare in ihre Heimath
-zurückkehrten; dort lebt es in einer kleinen hübschen Villa in der
-Nähe Venedigs und würde sich um keinen Preis zu einer nochmaligen
-öffentlichen Ausstellung entschliessen.
-
-Es berührt Jedermann ganz eigenartig, wenn man sich die beiden Köpfe
-in italienischer, deutscher, französischer oder englischer Sprache
-unterhalten hört, als wären es zwei vollständig getrennte Personen
-und unwillkürlich blickt man nieder, um den Unterkörper der zweiten
-Person zu suchen. Ebenso frappirte es, wenn sich im Kindesalter die
-beiden Oberkörper zankten oder gar, was nicht selten vorkam, durch
-gegenseitige Püffe ihre Meinungsverschiedenheiten ins Gleichgewicht zu
-bringen versuchten. Und doch konnte Niemand zwischen sie treten, um sie
-»auseinander zu bringen«.
-
-Die jetzt etwa zweiundzwanzigjährigen Jünglinge können zwar ohne
-Beihülfe aufrecht stehen, müssen jedoch beim Gehen unterstützt werden.
-Sie erfreuen sich der besten Gesundheit und können nach Aussagen der
-Aerzte ein hohes Alter erreichen.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Jo-Jo
-
-der Mann mit dem Hunde-Gesicht
-
-
-ist zwar eine grosse Abnormität, jedoch nicht die _einzige_ dieses
-Genres. Jo-Jo ist etwa dreissig Jahre alt, von mittlerer Grösse und
-kräftig gebaut. Er stammt aus Russland und soll dort vor etwa zwanzig
-Jahren im Verein mit seinem Vater in den Sibirischen Urwäldern
-»gefunden« sein. Das ist natürlich gerade so, wie auch die »berühmte«
-Erzählung über Kra-o, Darwin's fehlendes Glied zwischen Affen und
-Menschen, erfunden. Die Professoren Virchow und Bartels haben über
-Kra-o und den sog. »wilden Menschen« einen hochinteressanten Artikel in
-der »Gartenlaube«, Jahrgang 1888, Heft 28, herausgegeben, aus dem wir
-ersehen, dass der abnorme Haarwuchs seinen Grund in einer Hautkrankheit
-hat.
-
-Jo-Jo ist geistig sehr beschränkt, fast Idiot, und hat nicht die
-geringste Schulbildung genossen. Vor etwa dreizehn Jahren wurde er von
-einem Impresario nach Amerika gebracht und dort in den Museen etc.
-als »Mann mit dem Hunde-Gesicht« gezeigt. Der Erfolg war, a conto
-der entrirten Reclame, ein ganz horrender, und der Impresario schlug
-ein Vermögen aus Jo-Jo, dessen Gage während einiger Jahre bis zu 500
-Dollars (etwa 2200 Mark) pro Woche hochgeschraubt wurde. Da er aber
-bereits sowohl in ganz Amerika als auch in ganz Europa und Australien
-ausgestellt worden ist, so hat er keine grosse Anziehungskraft mehr
-und muss oft die gegen früher sehr geringe Gage von 190-200 Mark per
-Woche acceptiren, da sein Impresario, der ein leidenschaftlicher
-Hazardspieler ist, nicht einen Dollar erspart hat und auf Jo-Jo's
-wöchentlichen Verdienst angewiesen ist.
-
-[Illustration]
-
-Seit etwa sechs Jahren befindet sich Jo-Jo wieder in Amerika und wird
-es auch wohl nicht nochmals verlassen, da der Humbug mit »wilden
-Menschen« etc. in Europa nicht mehr zieht, es somit auch für ihn
-unmöglich ist, diesseits des Oceans noch Engagement zu erhalten.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Miss Violet
-
-das Kameel-Mädchen
-
-
-ist in ganz Amerika bekannt und eine beliebte Attraction, erweckt
-jedoch Mitleid beim gesammten Publicum. Sie ist im Jahre 1878 in
-New-Orleans, Nord-Amerika, geboren und wird seit etwa zwölf Jahren von
-ihren Eltern zum Geld-Erwerb ausgestellt. Miss Violet (das Veilchen)
-ist sehr hübsch, zieht sich jedoch von allem intimeren Verkehr zurück.
-Wie das Cliché zeigt, bewegt sie sich nur auf Händen und Füssen, da
-es ihr unmöglich ist, die Beine gerade zu machen. Die Kniescheiben
-befinden sich nämlich auf der Rückseite der Beine und zwar in solcher
-Lage, dass sie die Beine wohl »_nach vorne_« zum Körper biegen, sie
-jedoch nicht gerade ausstrecken kann. --
-
-[Illustration]
-
-Ein ganz ähnlich verkrüppelter Neger wurde vor einigen Jahren ebenfalls
-in Amerika unter dem Namen Jim-Jim, »halb Pferd, halb Mensch« gezeigt.
-Er hatte sich auch wirklich die Bewegungen eines Pferdes ziemlich
-natürlich angeeignet. Trotz der rohen und abstossenden Art der
-Vorführung fand doch die »grosse Masse« des Publicums Gefallen daran
-und der Impresario (ein Deutscher Namens Max Zimmermann) erhält ausser
-dem freien Verkauf der Photographieen durchschnittlich eine Wochengage
-von 125 Dollars. Eine Attraction, wie diese »halb Pferd, halb Mensch«,
-würde in Europa polizeilich verboten werden.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Walter H. Drew
-
-der »Drum«-Major
-
-
-war ein viel grösseres Wunder für die Mediciner wie für das Publicum.
-Im Jahre 1866 in Bridgeport (Nord-Amerika) geboren, fehlten ihm die
-Hände ganz und statt der Füsse hatte er nur unförmige Klumpen. Ungleich
-interessanter für die medicinischen Wissenschaften war jedoch die
-Thatsache, dass sein Rückgrat von der rechten Seite zur linken Hüfte
-ging und dass die Wirbelsäule des Halses nicht die directe Fortsetzung
-des Rückgrates bildete, sondern dass sie seitwärts aus diesem
-herausgewachsen war.
-
-[Illustration]
-
-Dieses wohl einzig dastehende Vorkommen wurde von allen Aerzten
-Amerikas constatirt, und nach dem Ableben Drews im Jahre 1891 wurde der
-Leichnam vom Jefferson-College in Philadelphia erworben, das Skelet
-präparirt und im Museum des College aufgestellt.
-
-Durch die abnorme Verschiebung des Rückgrates wurde es unmöglich, dass
-Drew jemals gehen oder auch nur aufrecht stehen konnte, er konnte
-sich vielmehr während seines ganzen Lebens nur auf der Erde liegend
-fortbewegen. Trotz dieser furchtbaren Situation erfreute er sich aber
-einer guten Gesundheit und eines recht urwüchsigen Humors, der ihm über
-seine körperliche Misère hinaushalf.
-
-Durch eine besondere Vorrichtung an den Füssen ermöglichte er es,
-zwei Trommelstöcke zu halten und sich zu einem Trommel-Virtuosen
-herauszubilden (daher auch das Prädicat »Drum«-Major, gleich Trommel-
-oder Tambour-Major). Auch schrieb er mit den Füssen und war ein
-tüchtiger Zeichner. Für viele Jahre war er gezwungen, sich seinen
-Lebensunterhalt durch öffentliche Schaustellung zu erwerben, und waren
-auch für ihn die Museen etc. die Rettungs-Anstalten, die ihn vor dem
-Armenhause bewahrten.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Miss Bella Carter
-
-das Mädchen mit der Pferdemähne.
-
-
-Welch fabelhafte Blüthen der Speculationsgeist der Amerikaner zu
-treiben vermag, beweist das »Mädchen mit der Pferdemähne«.
-
-Bella Carter, ein recht hübsches Mädchen von etwa 22 bis 23 Jahren,
-ist in Port Huron, Michigan (Amerika) geboren, wo sie bis zum Jahre
-1889 »unentdeckt« bei ihrer Mutter lebte. Da hörte ein »findiger«
-Impresario von ihr und -- dass sie ein behaartes _Muttermal_ von
-ausserordentlicher Grösse auf dem Rücken habe. (Muttermale sind fast
-ohne Ausnahme bald mehr, bald weniger behaart. Im Volksmunde werden
-sie nicht selten »Mäuse« genannt und ihre Entstehung dem »Versehen«
-an einer Maus zugeschrieben, über die sich die Mutter während der
-Schwangerschaft mit dem Kinde erschreckt habe. Während aber die
-Behaarung dieser Mäuse meistens plüschartig und weich ist, sind die
-Haare auf Bella Carter's Muttermal drahtartig-hart und ca. 12-14 Zoll
-lang.)
-
-Sofort stattete der Impresario Mutter und Tochter eine
-Recognoscirungs-Visite ab und nachdem er das Muttermal mit der
-allerdings ungewöhnlich üppigen Behaarung gesehen hatte, machte
-er Beiden den Vorschlag, Miss Bella gegen ein wöchentliches Fixum
-öffentlich zeigen zu wollen, ein Vorschlag, der von Mutter und Tochter
-sofort acceptirt wurde, da sie in nur ärmlichen Verhältnissen lebten.
-
-Das »Mädchen mit der Pferdemähne« war entdeckt, und war die
-Uebertreibung auch eine geradezu »phänomenale«, so war der Erfolg doch
-ein so guter, dass Miss Bella heute noch für eine bewährte Zug-Nummer
-gilt, die in Amerika überall gerne engagirt wird.
-
-[Illustration]
-
-Auch nach Europa wurde das »Mädchen mit der Pferdemähne« überführt,
-da aber ihre Ausstellung im Berliner Passage-Panopticum _absolut
-erfolglos_ war, so stand der Impresario von jeder weiteren Ausstellung
-ab und kehrte mit seinem »star« nach Amerika zurück. (Das Cliché zeigt
-Miss Carter während der Vorführung.)
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Der Hindu »Laloo«
-
-
-ist eines der grössten Phänomen, die jemals existirt haben. Aus seiner
-Brust ist nämlich der vollständig entwickelte Körper eines Mädchens,
-dem jedoch der Kopf fehlt, herausgewachsen und von sämmtlichen Aerzten,
-die Untersuchungen anstellten, wird behauptet, dass der Kopf sich _in
-der Brust_ Laloo's befinde. Er wurde 1882 zur indischen Ausstellung
-nach London gebracht und nach Beendigung derselben in sämmtlichen
-Universitäten, Museen etc. Gross-Britanniens mit ganz colossalem Erfolg
-ausgestellt.
-
-[Illustration]
-
-Nach dieser neunjährigen Tournée wurde Laloo von der Direction des
-Berliner Passage-Panopticums für einen Monat engagirt, das Engagement
-wurde jedoch des colossalen Erfolges wegen um weitere fünf Monate
-verlängert und wäre noch weiter verlängert worden, hätte der
-Impresario bereits früher eingegangene Verpflichtungen in Amerika noch
-länger verschieben können.
-
-In Berlin erhielt der Impresario eine _Monats_-Gage von 2000 Mark,
-vom Prof. E. M. Worth, dem Besitzer des Palace-Museums in New York
-(des grössten und elegantesten Panopticums und Variété-Theaters der
-Welt) bezog derselbe jedoch während sechs Monate ab 1. October 1891
-eine _Wochen_-Gage von 700 Dollars (etwa 2950 Mark) ausser dem Verkauf
-der Photos und Biographieen, der ihm auch noch einen wöchentlichen
-Reingewinn -- nach seiner eigenen Aussage -- von etwa 125 Dollars
-eintrug.
-
-[Illustration]
-
-Laloo ist in ganz Amerika gezeigt worden, denn das Phänomen war auch
-längere Zeit für Barnum & Bailey's »Greatest Show on Earth« engagirt.
-Laloo ist jetzt etwa 27 Jahre alt, sehr intelligent, spricht mehrere
-Sprachen und ist ein »bildhübscher« Mann, der sich viel in guter
-Gesellschaft bewegt und überall gern gelitten ist.
-
-Seit 1894 ist er mit einer sehr hübschen und gebildeten jungen
-Deutschen aus Philadelphia verheirathet. Das Ehepaar soll sehr
-glücklich leben und Laloo seine Gattin mit Diamanten und sonstigen
-werthvollen Geschenken förmlich überschütten. Trotz seines grossen
-Reichthums tritt er noch immer öffentlich auf und seine junge Frau
-begleitet ihn auf allen seinen Reisen.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Monroe
-
-der verknöcherte Afrikaner
-
-
-ist ein unlösbares medicinisches Räthsel und zugleich eine Abnormität,
-die Jeder mit Wehmuth betrachtet.
-
-Jetzt etwa vierundfünfzig Jahre alt, war er bis zu seinem
-zweiunddreissigsten Lebensjahre ein gesunder, kräftiger Mann von
-gebräunter Hautfarbe, glücklicher Ehegatte und Vater von drei Kindern,
-und functionirte als Schaffner an der New York Central-Railway.
-
-Im Jahre 1875 wurde er Nachts von einem Frachtenzuge hinabgeworfen,
-und da das Unglück von Niemandem bemerkt worden war, blieb er schwer
-verwundet im Schnee liegen. Als er vermisst und aufgesucht wurde, da
-fand man den völlig erstarrten Körper endlich und den Bemühungen der
-Aerzte gelang es, ihn nicht nur wieder ins Leben zurückzurufen, sondern
-es ihm auch zu erhalten.
-
-Infolge des Sturzes und der furchtbaren Erkältung traten jedoch nicht
-nur Gelenk-Entzündungen, sondern gleichzeitig auch Rheumatismus
-bei Monroe auf, die eine sich über den ganzen Körper verbreitende
-Ossification (Verknöcherung) zur Folge hatten. Sechs Jahre konnte der
-Unglückliche sein Bett nicht verlassen und seit dieser Zeit ist er
-nur noch ein lebendes unbewegliches Skelet, das, als wäre es aus Holz
-gearbeitet, aufgehoben, umhergetragen und wieder niedergelegt werden
-muss; doch empfindet er nicht die geringsten Schmerzen, ist stets
-heiter und zum Scherzen aufgelegt und giebt bei seinen Vorführungen
-selbst den Vortrag über sich. Trotzdem er reichliche substantielle
-Nahrung zu sich nimmt und auch gut schläft, wiegt er doch nur
-zweiundsechzig Pfund.
-
-[Illustration]
-
-Seit etwa elf Jahren wurde Monroe in Museen etc. gezeigt, da er
-jedoch stets hohe Gagen bezog, so hat er sich nicht nur eine hübsche
-Besitzung unweit Buffalo (Amerika), sondern auch ein kleines
-Baar-Vermögen erworben, das ihm gestattet, sich aus der Oeffentlichkeit
-zurückzuziehen und als glücklicher Gatte und Vater im Kreise seiner
-Familie leben zu können.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Ada Russel
-
-die Albino-Dame
-
-
-ist keine bedeutende Attraction, da es namentlich in Amerika sehr viele
-Albinos giebt. Beide Eltern sowie ihre sechs Geschwister haben brünette
-Hautfarbe und schwarze Haare und Augen, sie dagegen hat schneeweisse
-Haare, eine weisse, durchsichtige Haut wie Alabaster und rosarothe
-Augen.
-
-[Illustration]
-
-Miss Ada hat eine sehr sorgfältige Erziehung genossen und ist eine
-recht gute Sängerin. Seit mehreren Jahren tritt sie in Museen etc. auf
-und schafft sich auf diese Weise eine sorgenlose Existenz. Sie ist 1873
-in Michigan (Amerika) geboren, wo ihr Vater noch jetzt Schullehrer ist.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-W. Le Roy
-
-der Nagelkönig
-
-
-ist _keine_ Abnormität im eigentlichsten Sinne, unter den
-»Zahn-Athleten« aber ist er unbestritten eine solche, denn er hat ein
-Gebiss, wie aus bestem Stahl gefertigt. Er nimmt z. B. zwei bis drei
-Zoll lange Nägel zwischen die Zähne und stösst sie mit diesen durch
-aufeinanderliegende ein bis zwei Zoll dicke Bretter, die er auf diese
-etwas ungewöhnliche Weise zusammennagelt; die Nägel zieht er aber
-auch unter den verschiedensten Stellungen des Körpers wieder mit den
-Zähnen, die ihm dabei als Zange dienen, heraus. Sein Haupt-Tric aber
-ist folgender: Er schlägt mit einem Hammer eine etwa zwei Zoll lange,
-dicke Holzschraube durch ein einzölliges Brett, befestigt dieses dann
-in einem für diesen Zweck eingerichtetes Gestell, und, den Körper
-rückwärts überbiegend -- siehe das Cliché -- zieht er die Schraube
-mit den Zähnen wieder aus dem Brett heraus. Es ist dies eine geradezu
-phänomenale Kraftleistung, und offerirt Le Roy demjenigen 500 Dollar,
-der die Schraube mit einer Zange herauszieht, was bisher jedoch noch
-Niemandem gelungen ist.
-
-[Illustration]
-
-[Illustration]
-
-Er ist in Cincinnati (Ohio) geboren, jetzt etwa siebenundzwanzig Jahre
-alt und eine grosse, äusserst kräftige Gestalt. Seine seltsame Kunst
-producirt er in Museen und auf Specialitäten-Bühnen und bezieht stets
-bedeutende Gagen.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Rham-a-Sama
-
-der »wilde« Mensch
-
-
-ist in Bolton bei Liverpool in England geboren, jetzt etwa 38 Jahre
-alt und ursprünglich gelernter Tischler. Als solcher arbeitete er
-bis zu seinem neunzehnten Lebensjahre, erregte aber wegen seines
-colossalen Haarwuchses so allgemeines Aufsehen, dass er vom Director
-W. Mercer, Besitzer des Palace-Museums in Liverpool, engagirt und als
-»Haarmensch« gezeigt wurde. Als solcher reiste er dann auch während
-mehrerer Jahre in Grossbritannien umher, wurde jedoch 1894 von dem
-findigen Menageriebesitzer Frank Bostock für fünf Jahre engagirt
-und mit dessen Menagerie nach Amerika genommen. Nachdem er sich die
-höchste Potenz des »Brüllens« und Umherrasens angeeignet hatte und
-zweckentsprechend herausgeputzt war, wurde er in einen _eisernen_ Käfig
-gesteckt und als das fehlende Verbindungsglied zwischen dem Affen- und
-Menschengeschlecht (nach Darwin) gezeigt.
-
-[Illustration]
-
-Der Humbug zog jedoch in Amerika nicht mehr, denn der Haarmensch
-Kra-o hatte das Geschäft als bisher fehlendes Glied zwischen Affen
-und Menschen dort zu sehr ausgebeutet und infolge weiten Gewissens
-sandte Frank Bostock den »wilden« Menschen wieder nach England zurück.
-Derselbe wurde dann nach Hamburg engagirt, ging später für zwei Jahre
-mit einem französischen Impresario auf Tournée und kehrte kürzlich
-bettelarm in seinen Heimathsort zurück.
-
-Rham-a-Sama ist verheirathet und Vater dreier Kinder, hat aber trotz
-seines oft recht bedeutenden Einkommens nicht im geringsten für seine
-eigene Zukunft, noch viel weniger für den Unterhalt seiner Familie
-gesorgt und ist nun als ein recht verkommenes Subject auch sonst eine
-Abnormität.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Frank Home und George Moore
-
-die urkomischen Boxer.
-
-
-Die Komik dieser beiden jungen Männer, deren Körperformen die
-schroffsten Gegensätze bilden, ist bei ihren »Boxer-Productionen« eine
-zwerchfellerschütternde.
-
-Frank Home, der Sohn eines Zimmermanns, ist aus Ohio, etwa
-vierundzwanzig Jahre alt, fünf Fuss und zwei Zoll hoch, aber 412
-Pfund schwer und George Moore, eines Uhrmachers Sohn, ist aus Helena
-(Nord-Amerika), etwa zweiundzwanzig Jahre alt, sechs Fuss und einen
-Zoll hoch, aber nur 84 Pfund schwer.
-
-Dieser Gegensätze wegen reisten Beide jahrelang zusammen und zeigten
-sich in Museen, bei Circus-Gesellschaften etc. Da Beiden von den
-Aerzten viel Bewegung empfohlen worden war, so kamen sie endlich auf
-den Gedanken, sich im »Boxen« zu üben und führten ihn auch aus, indem
-sie in ihrer freien Zeit in ihrem Zimmer die einschlägigen Exercitien
-vornahmen.
-
-Von diesen hörte zufällig der Manager vom Ringling Bros. Circus, bei
-dem sie engagirt waren, und eines Tages wohnte er, um sich einen Spass
-zu machen, diesen Exercitien bei, aber schon nach dem dritten Gange
-offerirte er den Beiden einen Gagenzuschuss von fünfundzwanzig Dollars
-per Woche, wenn sie sich auch in den Vorstellungen vor dem Publicum
-boxen würden -- sie waren bisher nur passive Schaunummern gewesen.
-
-[Illustration]
-
-Der »Lange« wie der »Kurze« gingen mit Freuden auf dieses Anerbieten
-ein und schon der erste »match« erregte bei dem Publicum einen solchen
-Sturm der Heiterkeit, dass sie fortan die erste Attraction des Circus
-waren. Darüber sind jetzt etwa fünf Jahre vergangen und in dieser
-Zeit haben sich die beiden jungen Männer ein ansehnliches Vermögen
-zusammen»geklopft«.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Die gefleckten Mädchen
-
-(the spotted Girls)
-
-
-sind in Süd-Carolina, Nord-Amerika, von ganz armen Neger-Eltern geboren
-und blieben jahrelang unter der Bevölkerung unbeachtet.
-
-Als vor etwa elf Jahren der Circus des »Pawne Bill« (Lilian Gordon)
-auch Carolina bereiste, da hörte der Akrobat Harry Mack zufällig von
-den »scheckigen Mädchen« und als er dieselben gesehen und erkannt
-hatte, dass sich mit den Kindern »Geld machen« liess, da machte er mit
-den Eltern derselben Contract auf zehn Jahre und sie erhielten nur eine
-wöchentliche Entschädigung von -- so sagt man -- fünf Dollar, da sie
-froh waren, den Erziehungssorgen der Kinder überhoben zu sein.
-
-[Illustration]
-
-Mr. Mack hatte richtig speculirt, denn er hat während der zehn Jahre
-an Gagen ein Vermögen erhalten, da er die Kinder stets gegen grosses
-Honorar in den bedeutendsten Museen etc. ausstellte. Während dieser
-Zeit hatte er die Mädchen zu Akrobatinnen und Tänzerinnen ausgebildet
-und sind besonders die beiden ältesten Schwestern, Maggi und Rosa,
-bedeutend in diesen Fächern.
-
-Auch nach Europa brachte Mr. Mack die Mädchen und waren dieselben
-während des Winters 1895/96 in Castan's Panopticum in Berlin für eine
-Monatsgage von 4000 Mark engagirt, doch war die Anziehungskraft der
-»Cannibalen« eine nur ganz unbedeutende, so dass eine Prolongation des
-Contractes nicht erfolgte. Auf der Tournée in Deutschland verliebte
-sich ein junger Deutscher in die älteste Schwester und am 23. October
-1896 fand die Hochzeit in London statt.
-
-Da sie überaus gleichmässig, fast symmetrisch gefleckt sind, so
-sind sie eine bedeutende Attraction, während andere gefleckte Neger
-beiderlei Geschlechter, deren es eine ziemliche Anzahl giebt, meistens
-recht abstossend aussehen.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-George Williams
-
-der Schildkröten-Knabe
-
-
-(the Turtle-Boy) ist nicht nur eine der bekanntesten Abnormitäten,
-sondern auch die entschieden beliebteste in ganz Amerika.
-
-»George« ist am 17. August 1871 in Arkansas geboren. Seine
-Eltern, tiefschwarze Neger, waren früher Sklaven, die sich ihren
-Lebensunterhalt auch später noch durch schwere Arbeiten recht
-kümmerlich erwerben mussten.
-
-Er ist, wie das Cliché zeigt, ein Zwerg, jedoch so verkrüppelt, dass er
-von Kindheit an weder stehen, noch gehen, sondern sich nur kriechend,
-allerdings mit unglaublicher Schnelligkeit und Gewandtheit, vorwärts
-bewegen konnte. Trotzdem erfreut er sich der besten Gesundheit und
-eines wahrhaft übersprudelnden kaustischen Humors, dem er auch als
-incarnirter Politiker ungenirt die Zügel schiessen lässt; werden
-staatliche Institutionen discutirt -- dann schont er den Präsidenten
-der Vereinigten Staaten ebensowenig, wie den untergeordnetsten
-Communalbeamten mit seinen satyrischen Witzeleien.
-
-Wo »Turtle-George« auch auftritt, überall ist er der Cassen-Magnet und
-sein Podium stets von Besuchern umdrängt, und ist er auch jedem Kinde
-bekannt, so lässt seine Anziehungskraft doch nicht nach -- ausser
-Engagement ist er nie. -- Er ist sehr musikalisch, singt gut und ist
-Virtuose auf der Mundharmonika.
-
-[Illustration]
-
-Im Jahre 1895 hat er sich mit einem netten »weissen« Mädchen in
-New-York verheirathet und soll recht glücklich mit der jungen Gattin
-leben.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Madame Taylor
-
-die »Bart-Dame«
-
-
-die den Vorzug hat, die Einzige mit grauem Barte zu sein, ist im Jahre
-1832 in Lincoln in Nord-Amerika als Tochter kleiner Bürgersleute
-geboren. Da sich schon in ihrer frühesten Jugend die Spuren eines
-Bartes bei ihr zeigten, so barbierte sie sich selbst heimlich, um
-Niemanden in ihr »Geheimniss« einweihen zu müssen, als sie aber in
-ihrem achtundzwanzigsten Lebensjahre beide Eltern verlor und ganz
-mittellos war, da entschloss sie sich, ihren Bart wachsen und sich als
-»Bartdame« sehen zu lassen. Sie trat im Jahre 1862 zum ersten Male
-öffentlich auf, und da in jener Zeit nur wenig Abnormitäten bekannt
-waren, so hatte sie colossalen Erfolg.
-
-[Illustration]
-
-In ihrem zweiunddreissigsten Lebensjahre verheirathete sie sich und
-zog sich für einige Jahre als Schau-Object aus der Oeffentlichkeit
-zurück, war jedoch durch Umstände gezwungen, nochmals eine Tournée
-zu unternehmen, von der sie sich erst 1892 wieder ins Privatleben
-zurückzog, und da sie sich genügende Mittel erspart hat, so kann sie
-bis an ihr Lebensende sorglos leben.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Das Bärenweib
-
-
-hat seit 1895 ausserordentliches Aufsehen erregt und war für nahezu
-zwei Jahre auch die Haupt-Attraction in Castan's Panopticum zu Berlin.
-
-[Illustration]
-
-Dass diese Frau mit einem Bären nichts gemein hat (ausgenommen das
-schöne Bärenfell, das sie über dem Tricot-Anzuge trägt), ist wohl
-ebenso begreiflich, wie es unbegreiflich ist, dass das Publicum
-sich einen so colossalen »Bären aufbinden« liess, indem es einen
-bei Lichte betrachtet ziemlich plump inscenirten Mummenschanz für
-unverfälschte Natur nahm und anstaunte. Wenn dieses Wesen nach
-Professor Virchow's Angabe auch eine ganz seltene Abnormität ist,
-so ist der Titel »Bärenweib« doch durchaus ungerechtfertigt. Die
-Abnormität besteht nämlich darin, dass sich die Ellenbogen ganz dicht
-bei den Handgelenken und die Knie ganz dicht bei den Knöcheln befinden.
-Dadurch ist allerdings eine ganz entfernte Aehnlichkeit mit einem Bären
-hervorgebracht, aber nur, so lange das »Bärenweib« sich auf Händen
-und Füssen fortbewegt, also nur während der Vorführung; ist diese
-aber beendet, so geht es gerade so gut aufrecht, wie jeder andere
-_gewöhnliche_ Sterbliche.
-
-Wo die Frau geboren ist, ist unbekannt. Seit etwa 1880 ist sie mit
-ihrer Mutter, die ebenso missgestaltet ist wie die Tochter, zusammen
-in ganz Amerika ausgestellt worden, und Beide waren stets gesuchte
-Schau-Objecte.
-
-Trotz seiner wahrhaft abschreckenden Hässlichkeit hat das Bärenweib
-doch einen recht netten Ehemann, einen nordamerikanischen Mulatten
-Namens Howard Vanse, gefunden und im October 1896 einem hübschen Knaben
-das Leben geschenkt, der jedoch im August 1897 wieder starb.
-
-Die bereits bejahrte Mutter des Bärenweibes reist jetzt als die
-einzige ihres Genres immer noch in Amerika, da aber ihre »Blüthenzeit«
-vorüber ist, so bezieht sie nur ganz geringe Gagen, während Mr. Howard
-Vanse als Ehegatte und Impresario mit seiner Frau den »intelligenten«
-Europäern auch ferner noch einen Bären resp. eine »Bärin aufbindet«.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Mr. Rannie
-
-der Mann mit der eisernen Haut
-
-
-ist ein echter Singhalese aus Ceylon, der wegen seiner
-Unempfindlichkeit obiges Epitheton mit Recht verdient. Er wurde am
-3. Juli 1866 auf Ceylon geboren und war als 17. Kind erst der 4. Junge.
-Mit dem deutschen Circus Anna Willison kam er im Alter von 10 Jahren
-nach Europa und ist seitdem in den meisten Grossstädten, theils im
-Variété, theils im Panopticum, ebenso auch vor dem König Albert von
-Sachsen und vielen anderen Fürstlichkeiten aufgetreten.
-
-Rannie tritt in einem farbenbunten, orientalischen Costüm auf, das
-die Beine von den Knieen abwärts und die Arme freilässt; seine
-Unempfindlichkeit zeigt er nun auf mannigfache Weise. Zunächst besteigt
-er -- die Augen verbunden und auf dem Kopfe eine Lampe balancirend --
-eine Doppelleiter, deren Sprossen auf der einen Seite aus ziemlich
-scharf geschliffenen Säbeln, auf der anderen aus breiten Messerklingen
-hergestellt sind. Langsam steigt er über die schmalen Sprossen hinauf
-und herunter, indem er vorsichtig die nackte Sohle der Länge nach auf
-die Sprossen mehr schiebt als setzt. Dann kommt eine Production auf
-einem grossen, dicht mit starken Nägeln bespickten Brette; er stützt
-sich, das Kreuz hohl gemacht, mit Händen und Füssen auf das spitzige
-Lager, lässt ein Brett auf sich legen und dieses mit vier Männern
-belasten. Dann springt er von einem Tische durch einen Reifen, an
-dessen innerer Peripherie kurze Säbelklingen angebracht sind, auf
-das mit Nägeln beschlagene Brett. Hierauf wird eine grosse Trommel,
-die innen dicht mit Nägeln besetzt ist, herbeigerollt, Rannie kauert
-sich hinein und lässt sich einige Male in der Trommel umherrollen.
-Den Schluss bildet eine Production, während welcher Rannie auf
-einer mit Nägeln besteckten Walze steht und diese mit den Füssen ins
-Rollen bringt, wobei er wieder eine Lampe auf dem Kopfe balancirt.
-Auf Verlangen biegt er auch mit Kopf oder Zähnen dicke eiserne
-Stangen, lässt einen 20 Zoll dicken viereckigen Stein mit wuchtigen
-Hammerschlägen auf seinem Kopf zertrümmern, oder schlägt mit der
-blossen Hand einen grossen Nagel durch ein mehrere Zoll dickes Brett,
-so dass derselbe auf der anderen Seite sichtbar wird.
-
-[Illustration]
-
-Rannie wurde erst vor wenigen Jahren von bekannten Wiener Aerzten,
-die seinen Productionen beigewohnt, untersucht, so vom Director des
-allgemeinen Krankenhauses Hofrath von Böhm, von den Professoren
-Benedikt, von Mosetig, R. von Hofmann, den Docenten Habrda und
-Lihotzky, den Herren Dr. Spiegler, Dr. Allina, Dr. Glas, Dr. Bäder
-u. s. w. Die Professoren Benedikt und von Mosetig sprachen sich gegen
-die Annahme der Unverwundbarkeit der Haut, welcher eine anatomische
-Abnormität zu Grunde liegen müsste, aus, gaben aber selbst zu, dass
-der Singhalese sich eine ganz ausserordentliche Fähigkeit im Ertragen
-von Schmerzen angeeignet habe, welche durch Behandlung der Haut, lange
-Uebung und vielleicht auch durch die Raceneigenthümlichkeit begünstigt
-werde. Prof. Benedikt in Wien hat an Rannie sehr eingehende Versuche
-mit dem Moskowski'schen Anästhesir-Meter angestellt, der Singhalese
-zeigte jedoch selbst auf der Stirne, an den Schläfen, ja sogar auf
-der Zunge eine absolute Unempfindlichkeit gegen die Stiche des feinen
-Instruments.
-
-Wenn es nun auch bekannt ist, dass gewisse Völker und unter ihnen
-wieder einzelne Individuen eine wesentlich geminderte Schmerzempfindung
-haben, so bleibt doch die Unverletzlichkeit Rannie's, selbst wenn wir
-mit Prof. v. Mosetig und Benedikt von einer anatomischen Abnormität
-abstrahiren, ein hochinteressantes Beispiel von Anästhesie, erzielt
-durch eine ganz ausserordentliche Uebung und Willensstärke.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Frl. Lara
-
-eine Colossal-Dame
-
-
-ist in Graudenz (Westpreussen) geboren, befindet sich aber seit dem
-achten Lebensjahre mit ihren Eltern in Amerika. Bis zum 19. Jahre war
-sie nicht aussergewöhnlich corpulent, nahm aber von der Zeit an schnell
-an Leibesfülle zu und wiegt jetzt, im Alter von 30 Jahren, 412 Pfund.
-Sie ist seit Jahren verheirathet (gilt aber auf den Affichen und für
-das grosse Publicum noch als Fräulein) und hat zwei reizende Kinder.
-Auch diese Abnormität erwirbt den Lebensunterhalt für sich und ihre
-Familie, indem sie sich in Museen etc. zur Schau stellt und bewundern
-lässt.
-
-[Illustration]
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-J. Hanson
-
-alias »Sir« Marcus Goodwilly
-
-
-43 Jahre alt, 6 Fuss 5 Zoll (engl. Mass) hoch, wiegt 907 Pfund, und ist
-somit wohl die schwerste Person dieser Sammlung. Er ist Nordamerikaner,
-wurde geboren in Ja. Raiser, Ky. und lebt jetzt in Danville, Ind. Bei
-der Geburt wog er 11 Pfund, 11 Monate alt 77 Pfund, und 2 Jahre alt 206
-Pfund. Zu jener Zeit bezog er Einnahmen von 1000 Dollar pro Jahr in der
-Baby-Ausstellung in New-York City im Jahre 1858. Sein Gewicht nahm mit
-dem fortschreitenden Alter ganz ausserordentlich zu, so wog er 5 Jahre
-alt 302 Pfund, 13 Jahre alt 405 Pfund, 21 Jahre alt 601 Pfund und mit
-25 Jahren 725 Pfund. Er braucht 41 Yards Tuch zu einem passenden Anzug
-und 2½ Pfund Wolle zu einem Paar Socken. Die Eltern waren nicht abnorm,
-so wog der Vater nur 115 und die Mutter 122 Pfund.
-
-[Illustration]
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-[Illustration]
-
-
-
-
-Mary,
-
-die lebende Puppe
-
-
-ist gewiss eine kommende »Berühmtheit«. Dieses Kind ist in Hull am
-16. April 1895 geboren, war bei der Geburt nur 7 Zoll lang und wog
-nicht ganz 1 Pfund. Es musste in Watte gewickelt und durch heisse
-Wasserflaschen warm gehalten werden. Drei Monate lang erhielt es
-nichts als Zuckerwasser, dann verdünnte Milch, und erst mit 2 Jahren
-bekam es etwas Fleischbrühe etc. Zur Zeit ist es 4½ Jahre alt, 17 Zoll
-hoch und wiegt nicht ganz 5 Pfund. Die kleine Mary ist recht gesund,
-sehr lebhaft und heiter, läuft und spielt wie normale Kinder gleichen
-Alters, und ist natürlich der Liebling aller Damen. Auch dieses Kind
-»arbeitet« schon für seinen und der Eltern Lebensunterhalt, denn es
-wird für Geld gezeigt und macht überall grosse Sensation. Jedenfalls
-trägt Mary ihre Bezeichnung »die lebende Puppe« mit vollem Rechte.
-
-[Illustration]
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-[Illustration]
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-
-
-
-Radica & Doodica
-
-»The Orissa Twin Sisters«
-
-
-wurden 1888 in Orissa (Indien) geboren und im Jahre 1892 vom Manager
-Capt. Colman nach Europa gebracht; sie konnten sich anfänglich nicht
-recht an das Klima gewöhnen und erkrankten im Herbst 1892, so dass sie
-längere Zeit in einem Pariser Hospital lagen und erst im Frühjahr 1893
-die begonnene Tournée fortsetzen konnten.
-
-[Illustration]
-
-Radica & Doodica zeigen dieselbe parallele Verdoppelung, wie die
-siamesischen Zwillinge, welche in den sechsziger Jahren den Kontinent
-bereisten und überall das lebhafteste Interesse der medicinischen
-Kreise sowohl wie des Laienpublicums hervorriefen, so dass man alle
-zusammengewachsenen Menschen jetzt kurzweg »siamesische Zwillinge«
-nennt und dieser Ausdruck zum Sammelbegriff geworden ist.
-
-Das Bild lässt erkennen, dass Radica & Doodica -- übrigens sonst
-gut entwickelte und körperlich gesunde Mädchen -- durch eine
-Verwachsung der vorderen Rumpftheile mit einander verbunden sind. Das
-Ligament, welches sie verbindet, entspringt aus der unteren Spitze
-des Brustbeins. Die Blutgefässe communiciren nicht mit einander,
-Herzschlag, Pulsschlag und Athembewegung sind isolirt. Trotzdem ist
-die Verbindung sehr beweglich, denn gewisse, dem einen Kind gegebene
-Arzneien äussern auch bei dem andern ihre Wirkung, wenn auch in
-beschränkter Art, und das Nahrungsbedürfniss des einen Kindes soll
-durch die Ernährung des andern befriedigt werden. Diese grosse
-Beweglichkeit beweist, dass die Verwachsung nur die Schwertfortsätze
-und einige Rippenknorpel, sowie die Oberbauchgegend und gewisse
-Abschnitte des Magendarmkanals betreffen kann, also verhältnissmässig
-biegsame oder völlig weiche Theile. Damit sind ausser der Beweglichkeit
-die auf die Wirkungen der Arznei und die Befriedigung des
-Nahrungsbedürfnisses bezüglichen Punkte erklärt.
-
-Während bei den gleichfalls zusammengewachsenen Mädchen Rosa &
-Josepha Blaczek (geb. 20. Januar 1878 in Skreychow in Böhmen) die
-eigenthümliche Erscheinung zu Tage tritt, dass während die eine
-schläft, die andere 3 bis 4 Stunden wacht und darauf die Rollen
-vertauscht werden, ist dieser Zwang bei Radica & Doodica nicht
-vorhanden, beide können gleichzeitig schlafen, das eine Mädchen liegt
-dabei auf dem Rücken, das andere auf der Seite. Die Intelligenz ist bei
-beiden normal.
-
-Obwohl nun edle und wichtige Theile nicht zusammengewachsen sind, so
-haben doch alle medicinischen Autoritäten einer Operation widerrathen,
-und so werden die hübschen Kinder wohl ihr Lebenlang zusammenbleiben,
-freilich nicht zu ihrem pekuniären Nachtheil, denn sie werden
-ordentlich gehalten von ihrem Impresario, lernen durch ihre Tournée
-die Welt kennen, werden anständig gekleidet, essen und trinken gut
-und verdienen reichlich, was alles ihnen, als zwei getrennt lebenden
-indischen Mädchen, für die das grosse Publicum keinerlei Interesse
-hätte, nicht möglich wäre. Zur Zeit sind sie in Frankreich und machen
-dort überall berechtigtes Aufsehen.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Unzie,
-
-der australische Albino.
-
-
-Die Albinos, auch Kakerlaken oder lichtscheue Menschen genannt, gehören
-als Schau-Objecte keineswegs zu den Seltenheiten, da sie bei allen
-Menschen-Rassen vorkommen. In den vierziger und fünfziger Jahren
-namentlich -- jetzt sind sie ja mehr vom Schauplatze verschwunden
--- sah man deren beiderlei Geschlechtes oft vier bis sechs zusammen
-ausgestellt, und ihre Lieder, mit denen sie das Publicum in der Regel
-regalirten, waren meistens der Art, »dass sie Steine erweichen und
-Menschen rasend machen konnten«. (Im Gegensatze zu diesen gesanglichen
-Ungeheuerlichkeiten lebten noch 1867 in Augsburg zwei dort geborene
-Albinobrüder, die noch als bejahrte Männer als Gesangs-Duettisten
-auftraten und beim Publicum sehr beliebt waren. In ihren jungen Jahren
-waren auch sie öffentlich gezeigt worden.) Sie wurden dem Publicum
-damals als eine eigene Menschen-Rasse -- »Nachtmenschen« genannt --
-vorgeführt, die vornehmlich auf der Landenge von Panama vorkomme und
-dort in Löchern tief unter der Erde lebe. Nachtmenschen nenne man sie
-aber, weil sie bei Tage überhaupt nicht, sondern nur Nachts sehen,
-somit auch all ihre Beschäftigungen nur Nachts verrichten könnten.
-
-[Illustration]
-
-Der Albinismus beruht auf dem gänzlichen Fehlen des Farbstoffes in der
-unteren Schicht der Epidermis oder Oberhaut des Körpers, durch den
-diese ihre Färbung erhält. Da aber der Mangel dieses Farbstoffes sich
-auf den ganzen Körper erstreckt, so hat die Haut nicht nur die glasige
-farblose Durchsichtigkeit, sondern auch die Haare und Augen haben das
-anormale Aussehen.
-
-Am häufigsten kommt der Albinismus bei den Negern und Indianern vor,
-könnte man aber auch nur die in Deutschland geborenen und jetzt noch
-in den verschiedensten Lebensverhältnissen stehenden bei einander
-haben, so würde diese stattliche Karawane Repräsentanten beiderlei
-Geschlechtes vom schulpflichtigen Alter an bis zum Greisen-Alter
-umfassen.
-
-Unzie, der australische Albino, wurde 1869 in Tarrabandra in
-Neu-Süd-Wales geboren. Seine Eltern gehören den Ureinwohnern an, die
-dunkelfarbiger wie die Indianer Amerikas sind. Bei seiner Geburt hatte
-Unzie schneeweisse Haare und eine Haut wie Alabaster, und das Entsetzen
-über dieses aussergewöhnliche Vorkommniss war bei dem abergläubischen
-Volke so gross, dass Manche mit Entsetzen flohen, Andere sich dagegen
-um die Mutter und ihn sammelten, da sie ihn für ein ganz besonderes
-Geschenk des Himmels hielten. Trotzdem war sein Leben in Gefahr und
-würde es noch weit mehr gewesen sein, wenn sein Vater nicht ein
-Häuptling gewesen wäre, dessen Familie unter dem Schutze des Königs der
-Mingery-Neger stand. Nachdem die erste Aufregung sich gelegt hatte,
-bildete das Wunderkind zehn Jahre lang den Gegenstand der Anbetung für
-die Menge, dann aber wurde er durch einen Engländer nach der Stadt
-Melbourne entführt, der ihn wie sein eigenes Kind aufzog und ihn für
-sein jetziges Leben vorbereitete.
-
-Schon bei seinem ersten öffentlichen Auftreten im Jahre 1886 wurde
-ihm von den Medicinern ein grosses Interesse entgegengebracht und
-sie erklärten ihn für einzig in seiner Art dastehend. Eine Menge
-schneeweisser Haare nämlich wächst wie ein offener Sonnenschirm von
-sechs Fuss Umfang auf seinem Kopfe. Es ist elastisch, kraus, elektrisch
-und wächst so üppig, dass es dem Kamms Widerstand leistet und nur mit
-Bürsten bearbeitet werden kann, und damit es nicht zu lang wird, alle
-vier bis sechs Wochen gestutzt, um nicht zu sagen geschnitten werden
-muss.
-
-Auch die Augen sind sehr wunderbar und unterscheiden sich von den
-rothen Augen der anderen Albinos auffallend. Für gewöhnlich sind sie
-sehr hell und ausdrucksvoll, aber sie wechseln die Farbe je nach dem
-Lichte, welches auf sie einwirkt. In gewöhnlichem Lichte erscheinen
-sie gleich den Augen anderer Albinos blassroth, bei gedämpftem
-Lichte dagegen blaugrau und nach Sonnenuntergang purpurroth; starkes
-glänzendes Licht verursacht den Augen Schmerzen und vermindert die
-Sehkraft, während diese bei schwachem Lichte geschärft wird, so dass
-Unzie noch in der grössten Dunkelheit alle ihn umgebenden Gegenstände
-deutlich erkennen kann, eine Thatsache, die auf seinen Reisen die
-grösste Verwunderung hervorrief.
-
-Unzie misst fünf Fuss und zehn Zoll und wiegt 154 Pfund, ist
-aufgeweckten Geistes und erfreut sich einer vollkommenen Gesundheit,
-die ihn denn auch zu seinen grossen Reisen besonders befähigte. Am
-12. April 1890 besuchte er zuerst die Vereinigten Staaten. Er landete
-in San Francisco und blieb 1½ Jahr an der pacifischen Küste, deren
-Klima dem seines Vaterlandes gleicht.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Nicodemus
-
-der »Unbeschreibliche«
-
-
-ist für Amerika eine erstclassige Attraction, und ein Blick auf das
-Cliché zeigt uns, dass wir eine ganz seltene Abnormität vor uns haben,
-die das Prädicat »der Unbeschreibliche« (the Nondescript) wohl
-verdient. Ganz besonders muss jedoch auf sein linkes Bein aufmerksam
-gemacht werden, das die Form des Beines eines Bären hat, und da
-Nicodemus ein »rabenschwarzer« Neger ist, so ist die Täuschung eine um
-so grössere.
-
-[Illustration]
-
-Er ist in Texas geboren, jetzt etwa sechsunddreissig Jahre alt und von
-Kindheit an »ausgestellt« gewesen, und in seinen vielen Reisen ist
-auch wohl der hauptsächlichste Grund seiner Intelligenz zu suchen. Da
-Seinesgleichen nicht existirt und er stets ein gesuchtes Schau-Object
-gewesen ist, so hat er auch stets hohe Gagen bezogen, denen gegenüber
-er sich ganz zufrieden mit seiner abnormen Körperbeschaffenheit zu
-fühlen scheint.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Chevalier Cliquot,
-
-der Schwerter-Verschlinger,
-
-
-darf unbestritten als der Beste seines Genres bezeichnet werden.
-Er entstammt einer alten französischen Adelsfamilie und ist in
-Französisch-Canada in Amerika geboren. Schon als Knabe verliess
-er seine Heimath und schloss sich einem fahrenden Circus an. In
-Buenos-Ayres machte er die Bekanntschaft eines Schwertverschlingers,
-der ihn jedoch trotz allen Bittens in die Mysterien dieser Kunst
-nicht einweihen wollte. Der junge Kunst-Novize liess sich dadurch
-aber nicht entmuthigen, begann seine Exercitien ohne Anleitung mit
-einem Stückchen Silberdraht und brachte es durch Ausdauer bald dahin,
-dass er sich öffentlich produciren konnte, und heute ist er der Beste
-seines Genres nicht nur in Amerika, sondern auch in Europa. Vor kurzem
-producirte er sich auch mit ganz ungewöhnlichem Erfolge im Circus
-Ciniselli in St. Petersburg und bringt eine der dortigen deutschen
-Zeitungen einen ziemlich eingehenden Bericht über seine Leistungen, der
-im Nachstehenden in seinen Hauptmomenten reproducirt ist:
-
-[Illustration]
-
-»_Circus Ciniselli._ Gestern Abend wohnten wir der ersten Vorstellung
-des Schwertkünstlers Chevalier Cliquot bei und müssen gestehen, dass
-seine für den Laien ganz unerklärlichen Productionen eine geradezu
-frappirende Wirkung auf den Zuschauer ausüben. Schlund und Magen
-dieses merkwürdigen Amerikaners, der nebenbei gesagt im Besitz einer
-wohlproportionirten, kräftigen Gestalt ist, weisen jedenfalls eine von
-dem Gewöhnlichen vollständig abweichende Beschaffenheit auf. Mit einem
-Degen beginnend, beförderte Herr Cliquot, die Zahl derselben steigernd,
-schliesslich nicht weniger als dreizehn flach aufeinander liegende
-Degen in seinen Magen, anscheinend ohne jegliche Beschwerde, denn
-seine Gesichtszüge behalten stets den ruhigen, sympathischen Ausdruck
-bei. Dieselbe Procedur machte er mit einem an einer Metallstange
-befestigten Degen, nachdem an beiden Enden derselben gewichtige
-Metallhanteln angebracht worden waren, ferner mit einem Degen, auf dem
-ein nach oben gerichtetes Jagdgewehr befestigt war, welches von der
-Gattin des Schwertkünstlers abgefeuert wurde. Regten sich nach allen
-diesen geschauten Wunderdingen vielleicht noch immer leise Zweifel
-in dem Zuschauer, so wurden solche vollständig gehoben, als Herr
-Cliquot ohne weiteres auch einen scharfen, zolltief in den Holzboden
-gedrungenen Säbel und dann einen Degen in seinen Schlund führte, den
-er sich von einem der anwesenden Officiere hatte ausbitten lassen,
-desgleichen eine von demselben Herrn hergegebene goldene Uhr, die er an
-einer feinen Kette in seinen Magen hinunterliess. Diese hielt er zwei
-Minuten, in der Arena umhergehend, dabei gemüthlich rauchend, im Magen
-und liess zwei Herren aus dem Publicum sich von dem Ticken derselben
-überzeugen. Schliesslich wanderte eine Metallstange, an deren Ende ein
-elektrisches Glühlämpchen angebracht war, denselben Weg, wobei man im
-verdunkelten Circus den Kehlkopf durchleuchtet und das Lämpchen sich
-allmählich tiefer hinabsenken sah. Für das Gros des Publicums bildet
-Chevalier Cliquot eben nur eine sehenswerthe »Specialität«, während der
-Arzt in ihm sicher ein medicinisch interessantes Phänomen erblicken
-wird.«
-
-Zur eventuellen Notiznahme für andere Schwertkünstler möge auch ein
-Unglücksfall, der Herrn Cliquot betroffen, nicht unerwähnt bleiben:
-
-Als er dem Publicum bei einer Vorstellung zeigen wollte, dass er sich
-trotz des in seinem Schlunde und Magen steckenden Schwertes nicht
-nur nach allen Seiten hin bewegen, sondern sich auch sogar bücken
-könne, da fühlte er, dass das Schwert sich bog. Es mit Blitzesschnelle
-herausziehend, verletzte er sich in ganz grässlicher Weise.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Seip
-
-der verknöcherte Mann
-
-
-war im Staate Rochester, Nord-Amerika, geboren. Er war bis etwa zum
-dreissigsten Jahre ein grosser und kräftiger Neger, der für die
-Michigan Central Railway als Rangirer arbeitete. Im Winter 1876 wurde
-er Nachts von einem Frachtzuge überfahren und trug schwere Verletzungen
-davon. Nach mehreren Stunden wurde er aufgefunden und als todt ins
-Krankenhaus geschafft. Jedoch siegte seine kräftige Natur und er
-blieb am Leben. Acht Jahre lang konnte er das Bett nicht verlassen,
-und während dieses Zeitraums war er zum Skelet geworden. Infolge von
-Gelenk-Rheumatismus war totale Verknöcherung aller Gelenke eingetreten
-und er hierdurch vollständig bewegungslos geworden.
-
-Wie mit hunderten solcher Leute in Amerika Geld »gemacht« wird, weiss
-wohl jeder Leser, so wurde auch Mr. Seip bald von einem pfiffigen
-Showman aufgefunden und für zehn Jahre engagirt. Bis dahin war Seip von
-seiner sehr armen Familie kümmerlich ernährt worden, nun hatte alle
-Noth ein Ende. Die Familie erhält bis zum heutigen Tage noch 10 Dollars
-(Mark 43) per Woche und Seip wird aufs beste versehen, damit er nur
-recht lange am Leben bleibe. Dass der Impresario für die ersten Jahre
-von Seip's Auftreten eine Gage bis zu 500 Dollars (Mark 2,100) per
-Woche erhielt und noch jetzt 75 bis 100 Dollars wöchentlich bezieht,
-ist wohl Grund genug alles aufzubieten, um den Armen am Leben zu
-erhalten. Seip ist im vollen Besitze seiner Geisteskräfte, sehr geweckt
-und intelligent. Seine Sprache ist jedoch sehr unverständlich, da er
-die Kinnlade nicht bewegen kann und seine Vorderzähne herausgebrochen
-werden mussten, um ihm Speise einflössen zu können. Oft wird er der
-versteinerte Mann genannt und nicht so ganz unzutreffend, denn er kann
-nur den kleinen Finger der linken Hand bewegen, während der ganze
-Körper wie aus Stein gemeisselt ist. Er leidet absolut gar nicht, und
-wenn er genügend Bier bekommt, ist er überglücklich.
-
-[Illustration]
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Gay Jewett
-
-der menschliche »Jumbo«,
-
-
-so genannt nach P. T. Barnum's Riesen-Elephant, mit dem Barnum etwa
-eine halbe Million Dollars einnahm, war als Sohn eines Postvorstehers,
-der gleichzeitig einen hübschen Bauernhof hat, im Staate Iowa,
-Nord-Amerika, geboren.
-
-[Illustration]
-
-Bis zum 18. Lebensjahre versah er die Wirthschaft seines Vaters,
-zusammen mit zwei Brüdern. Dann lernte er das Fleischer-Geschäft
-und betrieb es bis etwa zum 26. Jahre. In der Zeit war er jedoch so
-dick geworden, dass es ihm nicht mehr möglich war, seinem Geschäft
-vorzustehen; er gab es auf, und da er keinen anderen Weg sah, Geld zu
-verdienen, so ging auch er zu den Vaganten und hat colossales Aufsehen
-in ganz Amerika hervorgerufen.
-
-Er starb im Jahre 1893 an Herzverfettung und wog kurz vor seinem Tode
-728 engl. Pfund. Er war 6 Fuss 3 Zoll hoch, und wir können wohl mit
-Recht sagen, »Jumbo« war einer der schwersten Männer, die jemals gelebt.
-
-Gay, so genannt bei seinen Freunden, war der gutherzigste Mensch der
-Welt, stets bereit zum Helfen, und wenn er seine Geige im Arm hatte und
-seinen Freunden einige Lieder vorsingen konnte, dann war er glücklich.
-
-Gay Jewett war acht Jahre verheirathet; seine Frau, die Tochter eines
-wohlhabenden Bauern in Minnesota, war ein kleines, schwächliches Weib
-und wog nur etwa 94 Pfund, jedoch war sie die Güte in Person und
-verliess ihren Dicken nicht einen Tag. Sie betrauert ihren Gay noch
-jetzt und will sich auch nicht wieder verheirathen.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Marietta
-
-das scheckig behaarte Mädchen.
-
-
-In der Völkergeschichte begegnen wir ähnlichen Typen haarreicher
-Volksstämme, so den Ainos und neuerdings den zottigen Menschen im
-Innern von Siam und Anam. Auch an einzelnen interessanten Individuen
--- es sei nur an den pinscherartigen Russen Adrian Jestichew und an
-die kleine Kra-o erinnert -- sind solche Formen abnormer Behaarung
-zu beobachten gewesen; indessen als ein Naturwunder eigenster Art
-tritt Marietta, das »gescheckte Mädchen«, in Erscheinung, denn bei
-ihr offenbart sich eine ganz merkwürdige Haarbildung, die in dieser
-Weise noch nirgends beobachtet worden ist. Marietta stammt, wie es
-bei den sogenannten »Haarmenschen« nachzuweisen ist, weder von einem
-wilden Naturvolke, noch von einer farbigen Race ab, sondern sie ist von
-europäischer Herkunft. Sie erinnert bald an den Leoparden, bald an das
-Zebra oder an den Affen, je nach der Art der Zeichnung, Färbung und
-Behaarung der einzelnen Körpertheile. Höchst unregelmässig hat hier
-die Natur gearbeitet, eigentlich ganz systemlos einen atavistischen
-Rückfall bezeichnend. Das Gesicht Marietta's ist auf der rechten Seite
-vollständig schwarz gezeichnet und zum grössten Theil behaart, auf der
-linken Wange dagegen nur mit einem Backenbart bedeckt. Auch das Kinn
-weist einen ziemlich stark entwickelten Bart auf. Am auffallendsten ist
-die Verfärbung und die zottige Behaarung des glänzenden Rückenfells.
-Seine Haare erreichen eine Länge von über 2 Centimeter, während die
-Haare des Bartes eine solche über 6 Centimeter, des Unterarmes eine
-solche über 3 Centimeter aufweisen. Entgegen den Haaren des Rumpfes,
-der Arme und Oberschenkel, die nach unten gerichtet sind, streben
-die Haare der Unterschenkel nach oben, wie die der Unterarme der
-Anthropomorphen oder Menschenaffen. Der übrige Körper des »scheckigen
-Mädchens« trägt ein Gemisch von Streifen und Flecken, bald dichter,
-bald dünner mit Haaren besetzt. Dabei treten überall merkwürdige
-Gegensätze hervor. So ist z. B. bei Marietta von den zehn Fingern nur
-einer schwarz; das eine Ohr schwarz, das andere dagegen weiss. Das
-braune Colorit der Beine contrastirt merkwürdig mit der tiefschwarzen
-Färbung des Kopfes.
-
-[Illustration]
-
-Im allgemeinen zeigt der Oberkörper eine vorwiegend schwarze Färbung,
-die an den Unterarmen abschneidet und nur am Oberarm in spangenartigen
-Streifen wieder zum Vorschein kommt.
-
-So bietet denn Marietta durch ihre Erscheinung ein völlig neues,
-bisher noch nie gesehenes Naturwunder dar, das der Wissenschaft ein
-neues und ungewöhnlich interessantes Räthsel zu lösen aufgiebt. In der
-That erregte Marietta überall, wo sie in wissenschaftlichen Hörsälen
-vor Anthropologen und Medizinern erschien, die grösste Sensation. Von
-Herrn Medizinalrath Prof. Dr. C. Hennig der medizinischen Gesellschaft
-in Leipzig vorgeführt, äusserte sich der berühmte Gelehrte in einem
-längeren Vortrage, dass Marietta ein Naturspiel noch nie gesehener
-Art, ein leibliches Wunder sei und in ihrer Erscheinung an Menschen
-unserer entrücktesten Urzeit erinnere. Auch Herr Geheimrath Prof.
-Dr. Ponfick, Breslau, betonte bei einer Demonstration Marietta's im
-wissenschaftlichen, vaterländischen Verein daselbst, dass Marietta wohl
-der erste Fall von so ausgeprägter Flecken- und Haarbildung sei, den
-man je an einem Menschen beobachtete.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Mlle. Brison
-
-die Dame mit den Krebsklauen
-
-
-die das Cliché zeigt, ist eine hübsche Französin von etwa zwanzig
-Jahren, aber ein bedauernswerthes Geschöpf, denn ihre Hände und Füsse
-haben mehr Aehnlichkeit mit Krebsscheeren, wie mit menschlichen
-Gliedmaassen. Die Hände sind bis zum Handgelenk gespalten und von den
-Fingern sind nicht einmal Rudimente vorhanden; die Füsse dagegen sind
-weniger verkrüppelt.
-
-[Illustration]
-
-Durch unausgesetzte Uebung von Kindheit an hat es Mlle. Brison dahin
-gebracht, dass sie fast alle Arbeiten selbst besorgen kann; sie
-versieht ihren Haushalt, näht und strickt und im Sticken hat sie
-sich sogar eine bewundernswerthe Fertigkeit angeeignet. Seit etwa
-vier Monaten erfüllt sie auch an einem reizenden kleinen Töchterchen
-gewissenhaft ihre Mutterpflichten, denn sie ist seit etwa zwei Jahren
-die glückliche Gattin eines jungen liebenswürdigen Franzosen, den sie
-leidenschaftlich liebt.
-
-[Illustration]
-
-[Illustration]
-
-
-[Illustration]
-
-Alle Rechte vorbehalten.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
- +----------------------------------------------------------------+
- | Anmerkungen zur Transkription |
- | |
- | Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Ende des Buchs vor die |
- | Vorrede verschoben. |
- | Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen |
- | gebräuchlich waren, wie: |
- | |
- | anderen -- andern |
- | Bart-Dame -- Bartdame |
- | Elephanten-Füsse -- Elephantenfüsse |
- | Gross-Britannien -- Grossbritannien |
- | Halensis -- Hallensis |
- | Haupt-Tric -- Haupttric |
- | inneren -- innern |
- | Johnson's -- Johnsons |
- | Medicinern -- Medizinern |
- | Mumien-Mensch -- Mumienmensch |
- | Riesen-Dame -- Riesendame |
- | Schwerter-Verschlinger -- Schwerterverschlinger |
- | West-Preussen -- Westpreussen |
- | zweiundsiebenzig -- zweiundsiebzig |
- | |
- | Interpunktion wurde ohne Erwähnung korrigiert. |
- | Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen: |
- | |
- | S. II »vorurtheilfreieres« in »vorurtheilsfreieres« geändert. |
- | S. XII »ansschnitt« in »anschnitt« geändert. |
- | S. XXVI »mittels vier Handgriffe« in »mittels vier |
- | Handgriffen« geändert. |
- | S. XXXII »Massachusets« in »Massachusetts« geändert. |
- | S. 7 »im stande« in »imstande« geändert. |
- | S. 13 »Indianopolis« in »Indianapolis« geändert. |
- | S. 15 »Marschall-Town, Jova« in »Marshalltown, Iova« geändert. |
- | S. 32 »Massachusets« in »Massachusetts« geändert. |
- | S. 33 »gefürchet« in »gefürchtet« geändert. |
- | S. 40 »Ecole de Médicine« in »École de Médecine« geändert. |
- | S. 45 »Kochen« in »Knochen« geändert. |
- | S. 65 »Castans« in »Castan's« geändert. |
- | S. 65 »Arcansas« in »Arkansas« geändert. |
- | S. 84 »bekömmt« in »bekommt« geändert. |
- | S. 85 »Jowa« in »Iowa« geändert. |
- | S. 86 »Krao« in »Kra-o« geändert. |
- | |
- | Die idiomatische Schreibweise Variété wurde beibehalten. |
- +----------------------------------------------------------------+
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-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ABNORMITÄTEN ***
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