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-The Project Gutenberg eBook of Schumann, by Richard Batka
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
-will have to check the laws of the country where you are located before
-using this eBook.
-
-Title: Schumann
-
-Author: Richard Batka
-
-Release Date: December 28, 2020 [eBook #64151]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-Produced by: the Online Distributed Proofreading Team at
- https://www.pgdp.net
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHUMANN ***
-
- ####################################################################
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
- Der vorliegende Text wurde anhand der 1891 erschienenen Buchausgabe
- so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische
- Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute
- nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen sowie Schreibvarianten
- bleiben gegenüber dem Original unverändert, sofern der Sinn des
- Texts dadurch nicht beeinträchtigt wird.
-
- Die Fußnoten wurden an das Ende des jeweiligen Kapitels gestellt.
-
- Die Angabe von Tonarten erfolgt uneinheitlich bezüglich der Groß-
- und Kleinschreibung, sowie der Verwendung von Schriftarten.
- Die vorliegende Bearbeitung folgt in dieser Hinsicht der
- Originalvorlage.
-
- Besondere Schriftschnitte wurden mit Hilfe der folgenden
- Sonderzeichen gekennzeichnet:
-
- gesperrt: +Pluszeichen+
- Antiqua: _Unterstriche_
-
- ####################################################################
-
-
-
-
- Musiker-Biographien
-
- 13. Band
-
- Schumann
-
- von
-
- Richard Batka
-
- Zweite Auflage
-
- Verlag von Philipp Reclam jun. Leipzig
-
-
-
-
- _Copyright 1891 by Philipp Reclam jun. Leipzig_
-
- Uebersetzungsrecht vorbehalten
-
-
- Druck von Philipp Reclam jun. in Leipzig
-
-
-
-
-Inhalt
-
-
- Seite
-
- Vorwort 5
-
- 1. Die Jugendzeit (1810-1828) 7
-
- 2. Die Studienjahre (1828-1830) 14
-
- 3. Erste Künstlerzeit (1830-1835) 21
-
- 4. Klara (1835-1840) 34
-
- 5. Die Lieder (1840) 45
-
- 6. Wollen und Wagen (1840-1849) 54
-
- 7. Letzte Lebensjahre (1849-1856) 74
-
- 8. Rückblick 87
-
-
-
-
-Vorwort.
-
-
-Die deutsche Kulturgeschichte lehrt, daß die Ideale der Musik in
-vier aufeinander folgenden Zeiträumen sich nach und nach erweitert
-haben, so zwar, daß zu den bereits erkannten Zielen stets neue und
-schönere gewonnen werden. Zur Zeit +Händels+ und +Bachs+ gipfelt die
-Musik noch vorzugsweise in kunstreichem architektonischen Bau; in
-der +Mozart+schen Periode kommt dazu die Forderung des sinnlichen
-Wohlklangs; +Beethoven+, der Riese, entdeckt sodann die unermeßliche
-Fähigkeit der Tonkunst, ganz individuelle Gefühle und Stimmungen
-auszusprechen, und +Wagner+ endlich verschwistert sie auf das Innigste
-mit der Poesie. Zwischen den beiden letztgenannten Meistern nimmt
-+Robert Schumann+ zeitlich und ideell eine Mittelstellung ein. Noch
-ist er in erster Reihe Musiker, aber in oder an seine Tonwerke drängen
-sich schon vielfach poetische Elemente; der Gebrauch, Instrumentalsätze
-mit sinnigen Überschriften zu versehen, der bereits gelegentlich bei
-Beethoven vorkommt, findet sich bei Schumann so allgemein, daß man ihn
-fast den Programmusikern zuzählen möchte, wäre es nicht anderseits
-bekannt, daß er jene poetischen Titel meist +nach+ der musikalischen
-Ausführung der Tonstücke zu verfassen pflegte. Was Schumann vor der
-älteren Komponistengeneration, deren Studium einzig im Kontrapunkt
-und Harmonielehre aufging, voraus hat, ist +die klassische und
-litterarische Bildung+, wie wir sie auch bei anderen Künstlern seiner
-Zeit, z. B. Berlioz, Mendelssohn, Meyerbeer, Liszt, Cornelius, Wagner
-und anderen antreffen. Diese verleiht ihm nicht nur den feineren
-Sprachsinn, vermöge dessen er in Vokalkompositionen Wort und Ton weit
-genauer in Übereinstimmung bringen kann, sondern auch die Fähigkeit,
-sein Urteil und seine Erfahrung in Sachen der Musik schriftstellerisch
-zu verwerten. Durch sein Beispiel wird allmählich -- seit der Mitte
-der dreißiger Jahre -- eine gänzliche Umgestaltung der musikalischen
-Kritik in Deutschland herbeigeführt und das ästhetische Richtamt gerät
-aus den Händen schnellfertiger Dilettanten in die Sachverständiger
-und Künstler. Wird schließlich noch erwähnt, daß Schumann die
-Mehrzahl seiner gleichstrebenden Zeitgenossen an Tiefe des Gefühls
-und wirklicher Begabung weit hinter sich läßt, so ist damit seine
-historische Bedeutung, wenn auch nicht erschöpft, so wenigstens in den
-wesentlichsten Punkten gekennzeichnet.[1]
-
-
- [1] Aus der schon breit angeschwollenen Schumannlitteratur seien
- namentlich folgende Schriften, die auch dem vorliegenden
- Lebensabriß zu Grunde liegen, genannt: Fr. +Liszt+, R. Schumann.
- (Gesammelte Werke IV., 1855.) +Wasiliewski+, R. Schumann. (Bonn
- 1857, 3. Aufl. 1880.) +Reißmann+, R. Schumann, sein Leben und
- seine Werke. (Berlin 1865.) R. +Pohl+, Erinnerungen an R.
- Schumann. (Deutsche Revue, 1878.) Ph. +Spitta+, R. Schumann,
- ein Lebensbild. (Leipzig 1882.) G. +Jansen+, Die Davidsbündler.
- (Leipzig 1883.) M. +Kalbeck+, Aus R. Schumanns Jugendzeit.
- (Endlingers österreichische Rundschau, 1883.) +Clara Schumann+,
- R. Schumanns Jugendbriefe (Leipzig 1886.) +Jansen+, R. Schumanns
- Briefe. (Neue Folge, Leipzig 1886.) +Reimann+, R. Schumanns
- Leben und Werke. (Leipzig 1887.) B. +Vogel+, R. Schumanns
- Klaviertonpoesie. (Leipzig 1887.) +Erler+, R. Schumanns Leben aus
- seinen Briefen. (2 Bde., Berlin 1887.) +Jansen+, R. Schumanns
- schriftstellerische Thätigkeit. (Grenzbote, 1891.)
-
- * * * * *
-
- Ergänzend sei noch auf folgende Werke hingewiesen: Gesammelte
- Schriften, herausgegeben von _Dr._ Heinrich Simon (Univ.-Bibl.)
- 1888; von M. Kreisig (1914). Biographien von A. Niggli (1879),
- H. Abert (1903), Ernst Wolff (1906), A. Steiner (1911),
- Walter Dahms (1916). Wasiliewskis Schumanniana (1884); seine
- Schumann-Biographie erschien 1906 in 4. Auflage. Briefwechsel
- mit Henriette Voigt (J. Gensel, 1892); Briefe in Auswahl (K.
- Storck, 1896); Der junge Schumann (Alfred Schumann, 1910);
- Schumann-Brevier (Friedr. Kerst); Aus Schumanns Kreisen (La Mara,
- 1911); Sonderheft der „Musik“. Schumanns Faustszenen (S. Bagge,
- 1879; Manfred Waldersee, 1880); Lieder in ersten und späteren
- Fassungen (W. E. Wolff, 1914); Formale Eigentümlichkeiten
- in Schumanns Klavierwerken (R. Hohenemser); Schumann als
- Schriftsteller (H. Deiters); Clara Schumann (Berthold Litzmann).
- In französischer Sprache erschienen: A. Marguerite (_„son œuvre
- de piano“_); R. Pugno (_„Leçons écrits sur Schumann“_); die
- Biographien von L. Schneider und M. Maréchal (1905) und Camille
- Mauclair (1906); in holländischer Sprache eine solche von J.
- Hartog.
-
-
-
-
-Robert Alexander Schumann.
-
-
-
-
-1. Die Jugendzeit.
-
- Es bildet ein Talent sich in der Stille.
-
- +Goethe.+
-
-
-Romantik, erwachendes Nationalgefühl und frisches, wissenschaftliches
-Streben -- das sind die bedeutsamen Zeichen, unter denen +Robert
-Alexander Schumann+ am 8. Juni 1810 das Licht der Welt erblickte. In
-demselben Jahre nämlich erschien Kleists „Käthchen von Heilbronn“,
-Webers „Sylvana“, Jahns „Deutsches Volkstum“ und die neugegründete
-Berliner Universität begann ihre umfassende Wirksamkeit. Freilich,
-der Wellenschlag der herrschenden Zeitideen sollte ihn vorderhand
-nur wenig berühren; lag doch sein Geburtsort, das kleine sächsische
-Zwickau abseits von den Mittelpunkten deutschen Geisteslebens. Hier, im
-anmutigen Muldethale, dem verbildenden und zerstreuenden Getriebe einer
-großen Stadt entzogen, behielt er die Wahrheit und Ursprünglichkeit des
-Empfindens und gedieh, bei Mangel äußerer Anregung zu jener Sammlung
-Einfalt und Innerlichkeit, welche von jeher die Quelle künstlerischen
-Schaffens gewesen ist.
-
-Die musikalischen Anlagen hat Schumann nicht wie andere Meister der
-Tonkunst von seinen Eltern überkommen. Mutter Johanna, geborene
-Schnabel aus Zeitz, eine vortreffliche, aber in kleinstädtischen
-Vorurteilen aufgewachsene Frau, besaß im ganzen nur wenig Sinn
-für Musik. Vater August Schumann, ein ernster, tüchtiger, überaus
-strebsamer Mann, der nach allerlei Drangsalen eine angesehene
-Verlagsbuchhandlung gegründet und sich durch rastlosen Fleiß
-zu beträchtlicher Wohlhabenheit emporgearbeitet hatte, war eher
-litterarischer Beschäftigung zugethan. Er führte die Taschenausgaben
-ausländischer Klassiker ein, gab die zu ihrer Zeit vielgelesenen
-„Erinnerungsblätter“ heraus, schrieb selbst mehrere wichtige
-kaufmännische Werke und hat sich noch kurz vor seinem Tode durch
-eine Übersetzung von Byrons „Beppo“ und „Childe Harold“ bekannt
-gemacht. Seine schriftstellerische Ader vererbte sich nebst manchen
-Charaktereigenschaften auch auf Robert, der als jüngstes von fünf
-Geschwistern natürlicherweise der Liebling des Hauses war, „der
-lichte Punkt“, wie ihn die Mutter nannte. Er genoß die sorgfältigste,
-liebevollste Erziehung, besuchte mit dem Beginne des sechsten
-Lebensjahres die Döhnersche Sammelschule, ja sogar Klavierunterricht
-wurde ihm erteilt, so gut, oder vielmehr so mangelhaft es in dem
-unbedeutenden Städtchen damals anging. Zwar fehlte es seinem
-Musiklehrer, dem biederen, etwas pedantischen Organisten +Kuntsch+,
-gewißlich nicht am besten Willen; allein als Autodidakt, ohne sichere
-Methode, war er nicht imstande, das ihm anvertraute Talent in die
-rechten Bahnen zu weisen und ihm die Handwerksregeln der Kunst als
-treue Geleiter beizeiten zu eigen zu geben.
-
-Früh schon erwachte in dem lebhaften, ehrgeizigen Knaben der
-Schaffensdrang. Er verfaßte Räuberkomödien und führte sie mit Hilfe
-der Brüder auf einer dazu hergerichteten Bühne zu Hause auf. Auch
-wird erzählt, er habe seine Kameraden überaus drastisch am Klaviere
-zu charakterisieren gewußt. So liefen poetische und musikalische
-Liebhabereien eine Zeitlang nebeneinander her, bis ein zufälliges
-Erlebnis zu Gunsten der Musik den Ausschlag gab. Auf einem Ausfluge
-nach Karlsbad bekam er nämlich (1819) den Virtuosen +Moscheles+ zu
-hören und empfing von dessen Spiele den ersten nachhaltigen Eindruck
-seines Lebens. Einen Konzertzettel, den Moscheles berührt hatte,
-behielt Schumann noch lange Jahre als kostbare Reliquie in Verwahrung
-und sein ganzes Sinnen und Trachten war fortan auf das Klavierspiel
-gerichtet. Auch der Beginn der Gymnasialstudien änderte daran nichts
-weiter. Vielmehr gab sich Robert im Vereine mit einem gleichgesinnten
-Freunde, Piltzing, beinahe ausschließlich den Musikfreuden hin.
-
-Eines Tages geriet dem Zwölfjährigen die Partitur einer Righinischen
-Ouverture in die Hand und brachte ihn auf den verwegenen Einfall, die
-stummen Zeichen, welche geheimnisvoll und vielverheißend aus dem Hefte
-starrten, klingen und ertönen zu lassen. Gedacht, gethan. Ein Orchester
-von Mitschülern wird gebildet, Schumann dirigiert und ergänzt die
-fehlenden Baßstimmen am Klaviere. Nach und nach erweiterte sich das
-Repertoir und wies endlich, zu nicht geringer Befriedigung der kleinen
-Künstlergesellschaft, sogar ein Werk ihres Kapellmeisters, den 105.
-Psalm für Chor und Orchesterbegleitung auf.
-
-Durch solche Erfolge kühn gemacht, wagte es Robert sich auch außerhalb
-des väterlichen Hauses zu produzieren, namentlich bei der Familie
-Carus, „wo alles Freude, Heiterkeit, Musik war“, wo er zuerst
-die Quartette unserer klassischen Meister kennen lernte. In den
-Vortragsabenden des Gymnasiums wirkte er gleichfalls eifrig mit, bald
-als Deklamator, bald als Klavierspieler, und entwickelte eine solche
-Fertigkeit auf dem Instrumente, daß der alte Kuntsch den Unterricht
-mit dem Bemerken einstellte: Robert könne sich nun schon allein weiter
-forthelfen.
-
-Mittlerweile hatte Vater Schumann, der Treffliche, ohne selbst
-musikalisch zu sein, die Begabung des Sohnes mit richtigem Blicke
-erkannt und trug sich alles Ernstes mit dem Gedanken, ihn Musiker
-werden zu lassen. Praktisch wie er war, wandte er sich sogleich
-an die rechte Thüre, indem er den damals in vollem Ruhmesglanze
-erstrahlenden Karl Maria von Weber anging, die Ausbildung des Kindes zu
-übernehmen. Obschon sich nun Weber bereit erklärt hatte, zerschlugen
-sich dennoch in der Folgezeit die Unterhandlungen, man weiß nicht
-aus welchem Grunde. Sicherlich mag ein Teil der Schuld auf die Mutter
-fallen, welche sich dem Plane ihres Gatten von Anfang an entschieden
-widersetzte, da in ihren Augen der Künstlerberuf mit „schwankender
-Zukunft und unsicherem Brote“ gleichbedeutend schien. Robert blieb also
-am Gymnasium und das Zwickauer Stillleben nahm seinen Fortgang.
-
-Bald nach dem Scheitern dieses Planes wandte sich die Neigung des
-Knaben wiederum der Poesie zu. Die Werke unserer Dichter, wie sie das
-väterliche Geschäft in reicher Fülle ihm darbieten konnte, wurden
-gierig verschlungen; zu einer im Schumannschen Verlage erscheinenden
-„Bildergalerie der berühmtesten Männer mit beigefügtem Texte“ lieferte
-Robert im Alter von vierzehn Jahren litterarische Beiträge. Nicht lange
-darnach finden wir ihn an der Spitze eines Vereins von Studiengenossen,
-welcher nach dem Muster des Göttinger Hainbundes sich die Kenntnis und
-Pflege der deutschen Litteratur zum Zweck gesetzt hatte. Schillers
-Dramen wurden mit verteilten Rollen gelesen; an Goethe wagte man sich
-noch nicht heran; doch scheint wenigstens der Faust schon damals
-ein Lieblingsbuch Schumanns gewesen zu sein. Auch Schulze, Houwald,
-Müllner, Byron haben nebst den griechischen Schriftstellern größeren
-oder geringeren Einfluß auf ihn ausgeübt.
-
-Das Jahr 1826 brachte zwiefache Trauer und Sorgen. Zwei geliebte Wesen
-wurden Robert entrissen, das eine ihm über alles teure durch den Tod,
-das andere in gewisser Hinsicht gleichfalls auf immer. Schwester Emilie
-verfiel in eine unheilbare Gemütskrankheit und am 10. August erlag der
-Vater, sein liebreicher, verständnisvoller Führer, einem zehrenden
-Siechtum. Da vollzog sich, unter dem Eindrucke dieser schmerzlichen
-Ereignisse eine bedeutende Wandlung in Schumanns ganzem Charakter: der
-einst so muntere, lebhafte Knabe ward zum stillen, in sich gekehrten,
-nachdenklichen Jüngling. „Ich habe Ansichten und Ideen über das Leben
-gewonnen, mit einem Worte ich bin mir heller geworden,“ verzeichnet
-sein Tagebuch.
-
-Um diese Zeit begann auch die Liebe in Schumanns Brust zu erwachen. Er
-schwärmte für Nanni, eine reizende Mädchengestalt, und wenige Wochen
-später hatte eine stolze Schönheit, Liddy, sein Herz gewonnen. Nicht
-auf lange freilich; denn sie vermochte dem Gedankenfluge Jean Pauls,
-in dessen Schriften unser Robert eben damals schwelgte, nicht recht zu
-folgen und seine Entrüstung über solche Einfalt machte der zarten Liebe
-ein frühzeitiges Ende. Noch einmal traf er darnach mit dem Mädchen auf
-einem Ausfluge wieder zusammen und begleitete es auf einen Hügel, wo
-sie den Sonnenuntergang genießen wollten. Da -- doch hören wir Schumann
-selbst, wie er über diese Begebenheit in einem Briefe berichtet: „Der
-ganze Tempel der Natur lag weit und breit vor den trunkenen Augen:
-wie eine Thetis hätte ich in diese Blumenströme fliegen und versinken
-mögen; denke dir, daß ein verblühtes Ideal in der Brust still wieder
-aufzukeimen begann, daß dieses verlorene Ideal an meiner Seite stand!
-Und endlich, da die Sonne erst untergetaucht war und Frühlinge von
-blühenden Rosen aus dem sterbenden Strahle aufdämmerten, als die
-Höhen der Berge glühten, die Wälder brannten und die unermeßliche
-Schöpfung in sanfte Rosenmassen zerfloß, da ich so hineinschaute in
-diesen Purpurocean und alles, alles sich zu +einem+ Gedanken formte
-und ich den großen Gedanken der Gottheit dachte und Natur, Geliebte
-und Gottheit entzückt vor mir standen -- siehe -- da zog im Osten eine
-schwarze Wolke herauf und ich ergriff Liddys Hand und sagte zu ihr:
-‚Liddy, so ist das Leben,‘ und ich wies auf den schwärzlichen Purpur
-am Horizonte -- und sie sah mich wehmütig an -- und eine Thräne glitt
-von ihrer Wange. Da glaubte ich’s wieder gefunden zu haben das Ideal
-und schweigend pflückte ich eine Rose. Aber ein Donnerschlag und ein
-Blitzstrahl fuhr im Osten herauf, als ich sie ihr geben wollte -- und
-ich nahm die Rose und zerzupfte sie -- jener Donnerschlag hatte mich
-aus einem schönen Traume aufgeweckt. Ich war wieder auf +der Erde und
-das hohe Bild des Ideals verschwunden, wenn ich an die Reden denke, die
-sie über Jean Paul führte+.“
-
-Bedarf es darnach etwa weiterer Zeugnisse für seine Verehrung des
-großen Humoristen? Schumann stellte ihn damals über alle anderen
-Dichter und konnte auch später, als er bereits im vollen Mannesalter
-stand, noch bitterböse werden, wenn jemand den Wert seines Lieblings
-herabzusetzen wagte. (Vgl. +Hanslick+, Aus dem Konzertsaal, S. 392.)
-„Wenn die ganze Welt Jean Paul läse,“ heißt es in einem anderen Briefe,
-„so würde sie bestimmt besser, aber unglücklicher; er hat mich oft
-dem Wahnsinn nahe gebracht. Aber der Regenbogen des Friedens schwebt
-immer sanft über allen Thränen und das Herz wird wunderbar erhoben und
-milde verklärt.“ Daß die Gedichte, welche er in jener Zeit verfaßte
-und die ein hübsches Verstalent verraten, von Jean Paulschen Wendungen
-strotzen, kann man sich nach der obigen Stilprobe leicht vorstellen.
-In derselben überschwenglichen Sprache sind auch seine beiden Romane
-(Juniusabende und Selene), von denen aber nur der erste fertig geworden
-ist, geschrieben. Doch wäre es irrig, den jungen Schumann für einen
-fortwährenden Träumer und Sentimentalen zu halten, denn wir vernehmen
-auch von lustigen Spritzfahrten mit seinen Genossen Rascher und
-Walther, wobei tüchtig gekneipt, geküßt und schließlich „wankend und
-schwankend“ nach Heim gezogen wird.
-
-Inzwischen glomm unter der Asche seiner verloschenen Musikerhoffnungen
-die Liebe zur Tonkunst still, aber unvertilgbar weiter, so daß es
-nur eines Windhauches bedurfte, um sie aufs neue zur hellen Flamme
-zu entfachen. Da traf im Sommer 1827 eine Verwandte des Carusschen
-Hauses, die junge Gattin des Colditzer Arztes Dr. Ernst Carus, in
-Zwickau zu Besuch ein und „Fridolin“ -- so wurde Schumann von der
-befreundeten Familie scherzweise genannt -- wandte sich, von ihrem
-seelenvollen Gesange begeistert, mit Leidenschaft wieder der Musik zu.
-Durch sie machte er die Bekanntschaft mit Schuberts und Mendelssohns
-Tonwerken, durch sie wurde er zu neuerlichen Kompositionsversuchen
-angeregt. Allein da sein Vormund, der Kaufmann Rudel, mit der Mutter
-in der Verurteilung des Künstlerberufes eines Sinnes war, schien jede
-Aussicht, der Musik leben zu können, versperrt, und Robert wagte auch
-nicht, teils aus Mangel an Thatkraft, teils aus Rücksicht für die
-zärtlich geliebte Mutter, dem Wunsche der letzteren zu widerstreben.
-
-Zu Ostern 1828 verließ er das Gymnasium. Wohlbewandert in den
-klassischen Sprachen -- sogar an dem von seinem Bruder Karl verlegten
-_Thesaurus totius latinitatis_ hat er mitgearbeitet -- bestand er die
-Abgangsprüfung mit glänzendem Erfolge. Bevor er sich aber nach Leipzig
-begab um Jus zu studieren, geleitete er noch einen jüngst gewonnenen
-Freund, den Studenten +Gisbert Rosen+ auf seiner Fahrt nach Heidelberg.
-Schwärmerische Verehrung für den Dichter des „Titan“ verband die
-beiden, gleichgestimmten Jünglinge, die natürlicherweise Bayreuth als
-nächstes Reiseziel erkoren und in der alten Markgrafenstadt ein paar
-selige Stunden dem Andenken ihres Abgottes weihten. Am nächsten Tage
-gings über Nürnberg und Augsburg nach München, wo sie Heinrich Heine
-und den Maler Zimmermann kennen lernten. Hier in München trennten sich
-ihre Wege. Rosen eilte über Augsburg dem Neckar zu, indessen Schumann
-nach Sachsen zurückkehrte, dem Schicksal grollend, das die Menschen
-zusammenführt, vereint und wieder voneinander reißt.
-
-
-
-
-2. Die Studienjahre.
-
- Zur Rechtsgelehrsamkeit kann ich mich nicht bequemen.
-
- +Goethe.+
-
-
-„Leipzig ist ein infames Nest, wo man seines Lebens nicht froh
-werden kann. Du sitzest vielleicht jetzt auf den Ruinen des alten
-Bergschlosses und lächelst vergnügt und heiter die Blüten des Juni
-an, während ich auf den Ruinen meiner eingesunkenen Luftschlösser
-und meiner Träume stehe, und weinend in den düsteren Himmel meiner
-Gegenwart und Zukunft blicke; überhaupt fliehe ich die erbärmlichen
-Menschen und bin manchmal so recht zerknirscht über die Winzigkeit und
-Erbärmlichkeit dieser egoistischen Welt. Ach, eine Welt ohne Menschen,
-was wäre sie? Ein unendlicher Friedhof, ein Totenschlaf ohne Träume,
-eine Natur ohne Blumen und Frühling, ein toter Guckkasten ohne Figuren
--- und doch! Diese Welt mit Menschen, was ist sie? Ein ungeheurer
-Gottesacker eingesunkener Träume, ein Garten mit Cypressen und
-Thränenweiden, ein stummer Guckkasten mit weinenden Figuren.“ Solche
-Ergüsse, an Freund Rosen gerichtet, kennzeichnen die Gemütsstimmung,
-in welcher der nunmehrige _stud. jur._ Schumann die ersten Tage in
-Leipzig verlebte, deutlich genug. „Die Natur -- wo finde ich sie
-hier?“ klagt er bald darauf der Mutter, „kein Thal, kein Berg, kein
-Wald, wo ich so recht meinen Gedanken nachhängen könnte, kein Ort,
-wo ich allein sein kann, als in der verriegelten Stube, wo es unten
-ewig lärmt und spektakelt.“ Die Leipziger Burschenschaft, in welcher
-damals eine recht neblige Deutschtümelei herrschte, entsprach seinen
-idealen Vorstellungen ganz und gar nicht und er trat bald mit anderen
-Gleichgesinnten zur Verbindung „Markomannia“ über, ohne darum im
-studentischen Leben vollständig aufzugehen. Musik und Poesie trugen
-über Kneipe und Fechtboden fast immer den Sieg davon.
-
-Allmählich begannen die Wogen seines Schmerzes gelinder zu schlagen.
-Im benachbarten Zweinaundorf fand er einen Ort, der seinen Natursinn
-einigermaßen zufrieden stellte; auch fügte sich’s günstig, daß jene
-Verwandte der Carusschen Familie, von der oben als trefflicher
-Sängerin die Rede war, mit ihrem Gatten nach Leipzig übersiedelte.
-Schumanns musikalische Natur empfing in dem musikfreundlichen Hause
-mannigfaltige Anregung und Pflege, zumal da die hervorragendsten
-Künstler der Stadt daselbst zu verkehren pflegten. Von hoher Bedeutung
-wurde für ihn namentlich die Bekanntschaft mit +Friedrich Wieck+, dem
-berühmten Klavierlehrer und dessen neunjähriger Tochter +Klara+. An dem
-Spiele der kleinen Virtuosin konnte er recht deutlich absehen, welche
-Erfolge durch einen planvollen, methodischen Unterricht zu erzielen
-sind und war eifrig bemüht, die Mängel der eigenen Technik, wie sie
-sich bei einem Autodidakten mit Notwendigkeit herausstellen müssen,
-unter Wiecks kundiger Leitung wieder auszugleichen. Seinem Lehrer
-erwuchs hier die heikle Aufgabe, die halberblühte Knospe noch einmal
-zusammenzufalten, was bis zu einem gewissen Grade in der That auch
-gelang; nur von der Unentbehrlichkeit theoretischer Musikkenntnisse
-war Schumann einstweilen nicht zu überzeugen. Statt Harmonielehre zu
-treiben, versenkte er sich in Gemeinschaft mit einigen musikalischen
-Kommilitonen in die Schätze deutscher Kammermusik, studierte Bachs
-„Wohltemperiertes Klavier“ und entzückte sich an den Tonwerken des
-jüngst verstorbenen Meisters Schubert, welchen er gern mit Jean Paul zu
-vergleichen pflegte. „Wenn ich Schubert spiele, so ist mir’s, als läs’
-ich einen komponierten Roman Jean Pauls.“ Unter Schubertschem Einflusse
-entstanden auch mehrere eigene Kompositionen, Polonaisen, Variationen
-und ein Dutzend Lieder, welch letztere er an G. Wiedebein, einen
-damals geschätzten Liederkomponisten, zur Beurteilung einschickte.
-Die Antwort fiel günstig aus: „Sie haben viel, sehr viel von der Natur
-empfangen; nützen Sie es und die Achtung der Welt wird Ihnen nicht
-entgehen.“
-
-An dem öffentlichen Musiktreiben Leipzigs, welches seit dem Ende der
-zwanziger Jahre immer reicher und reicher erblühte, nahm Schumann
-lebhaften Anteil. Der Thomanerchor, die Gewandhauskonzerte, erfreuten
-sich schon damals eines ausgezeichneten Rufes, ja selbst die
-untergeordneteren Institute, z. B. der Orchesterverein „Euterpe“ oder
-die Matthäischen Quartettakademien boten achtbare Leistungen. Minder
-Gutes läßt sich von dem etwas verwahrlosten Theater sagen; doch besaß
-es wenigstens an seinem Kapellmeister Marschner eine bedeutende Kraft,
-so daß man im allgemeinen der Behauptung Schumanns beipflichten kann,
-es gebe in Deutschland keinen besseren Ort für einen jungen Musiker als
-Leipzig.
-
-Jawohl, für einen Musiker! Aber war er denn ein solcher? Gehörte er
-nicht ins Kollegium, vor das _Corpus juris_, statt in den Konzertsaal
-und vors Klavier? Das ist die bedenkliche Seite seines Leipziger
-Universitätslebens. Zwar wird in den nach Zwickau gerichteten Briefen
-von fleißigem Kollegienbesuche gesprochen und über die Eiskälte der
-Rechtswissenschaften gejammert; allein aus den Briefen an vertraute
-Freunde geht mit Sicherheit hervor, daß Schumann fast nie ein
-juristisches Kollegium besucht, geschweige denn ein juristisches
-Buch zur Hand genommen hat. Wohl aber hörte er die Vorlesungen des
-Philosophen Krug und las Fichtes, Kants und Schellings Schriften.
-
-Im folgenden Jahre vertauschte Robert die Leipziger Hochschule mit
-der in Heidelberg. Wenn er indessen der Mutter, um ihre Einwilligung
-zu erhalten, als Grund dieses Wechsels angiebt, daß dort die
-berühmtesten Professoren lehrten, so ist das bei einem Studenten, der
-die Überzeugung hegt, „daß alle Kollegien überhaupt nur Eseln nützen
-können,“ bloß eitel Vorwand. In Wahrheit wollte er aus dem von der
-Natur recht stiefmütterlich bedachten Leipzig heraus -- zumal da Wieck
-den Klavierunterricht kurz zuvor wegen Zeitmangels eingestellt hatte --
-wollte andere Menschen kennen lernen und vor allem wieder einmal Freund
-Rosen in die Arme schließen. Die gute Mutter war bald überredet und
-Schumann wandte seelenvergnügt dem „erbärmlichen Leipzig“ den Rücken.
-
-Das war eine Fahrt, unter blauem Himmel über lachende Frühlingsau’n!
-Dazu hatte ihm der Zufall in +Willibald Alexis+ einen geistvollen
-Gefährten beigesellt, dem er sogar noch eine Strecke rheinabwärts
-bis Koblenz das Geleite gab. In einem reizenden Briefe an die Mutter
-schildert er ausführlich all seine Reiseerlebnisse, beschreibt die
-lieblichen Mainlande, das interessante Frankfurt, die herrlichen Abende
-am Rhein und vergißt auch nicht einige Bemerkungen über die Kost und
--- die Mädchen einzuflechten. Nur eine Stelle aus dem merkwürdigen
-Berichte sei herausgehoben: „Um neun Uhr fuhren wir von Wiesbaden
-ab. Ich drückte die Augen zu, um den ersten Anblick des alten,
-majestätischen Vater Rhein mit ganzer Seele genießen zu können; und wie
-ich sie aufschlug, lag er vor mir, ruhig, still, ernst und stolz wie
-ein alter, deutscher Gott und mit ihm der ganze blühende, grüne Gau
-mit seinen Bergen, Thälern und Rebenparadiesen.“ Es liegt ein Stück
-Kulturgeschichte in diesen Worten; noch wenige Jahrzehnte zuvor konnte
-der Deutsche mit dem Namen „Rhein“ nur die Vorstellung seiner Reben
-verbinden; jetzt haftet an ihm eine Reihe mythischer Anschauungen,
-jetzt ist er eine Art Heiligtum unseres Volkes geworden, und das
-Weinlaub, das sein ehrwürdiges Haupt umkränzt, wird vom Epheu der Sage
-beinahe überwuchert. Die Poesie dieses Stromes musikalisch zu erfassen,
-wie es später Liszt in der „Lorelei“ oder Wagner in den „Nibelungen“
-gethan hat, mußte Schumann allerdings versagt bleiben: sie war damals
-beinahe noch ein ausschließliches Eigentum der Dichtkunst.
-
-In Heidelberg, „der Vaterlandsstädte schönster“, führte Schumann mit
-Rosen ein wahres Götterleben. Freilich, wenn er nach Hause schreibt,
-daß ihm bei +Thibaut+ selbst das Jus besser schmecke, daß er jetzt
-die Würde der Jurisprudenz begreifen lerne, so ist das gar nicht
-buchstäblich zu nehmen. Der große Gelehrte betrieb, wie er offen zur
-Schau trug, seine Wissenschaft nur mit Unlust und es war ein Ausspruch
-von ihm bekannt, er würde, wenn er nochmals zu leben hätte, lieber
-Musiker werden, als Pandektist. Solche Denkungsweise eroberte ihm
-Schumanns Herz im Sturme, so wenig sich der Verehrer Schuberts sonst
-mit dem musikalischen Glaubensbekenntnisse des greisen Professors auch
-befreunden konnte. Thibaut hatte nämlich in seinem 1825 erschienenen
-Buche „Über die Reinheit in der Tonkunst“ eine archaische Richtung
-eingeschlagen und pflegte die Werke der alten Meister in seinem Hause
-aufführen zu lassen. Auch Schumann wurde diesen Abendunterhaltungen
-beigezogen. „Sie glauben kaum,“ schreibt er an Wieck, „was ich bei ihm
-für herrliche, reine, edle Stunden verlebt habe und wie sehr seine
-Einseitigkeit und pedantische Ansicht über Musik bei dieser unendlichen
-Vielseitigkeit und bei diesem belebenden, entzündenden und zermalmenden
-Geiste schmerzt.“
-
-Der trefflichen Lehrer ungeachtet wurden die Kollegien aber nach
-wie vor arg vernachlässigt. In dieser Hinsicht war Schumann einmal
-unverbesserlich. Viel lieber durchstreifte er die reizende Umgebung
-Heidelbergs oder stürzte sich, als der Winter seinen Ausflügen ein
-Ziel setzte, in den Strudel des lustigen Studentenlebens. „Fast
-alle Abende,“ heißt es in einem Briefe an die Mutter, „bin ich
-in Gesellschaften oder auf Bällen.“ Bald treffen wir ihn bei den
-Schlittenfahrten, welche die Studentenvereine -- er gehörte der
-Saxoborussia an -- in großem Stile veranstalteten, bald und zwar am
-häufigsten huldigt er dem Tanzvergnügen. Zugleich bereitet er sich
-zu einer „italienischen Reise“ vor, welche in den zwischen Winter-
-und Sommersemester eingeschalteten Ferien angetreten werden sollte
-und treibt zu diesem Behufe das Studium der italienischen Sprache.
-Einen Teil der Sonette Petrarkas hat er zu dieser Zeit mit wunderbarer
-Treue und Gewandtheit, wie erzählt wird, metrisch ins Deutsche
-übertragen. Mutter und Vormund wollten anfangs von dem kostspieligen
-Plane begreiflicherweise nichts wissen, aber Robert legte ihnen so
-eindringlich dar, daß die Ferien ja nicht zum Studium der Bücher,
-als vielmehr der Welt, d. h. zum Reisen angeordnet seien, drohte
-schließlich gar das erforderliche Geld wo anders auszuleihen, bis er
-zuletzt doch die Bewilligung erhielt und im August, das Ränzel am
-Rücken, den Stab in der Hand, gleich Eichendorffs lustigem Taugenichts
-sein liebes Heidelberg verlassen konnte.
-
-Nachdem er die majestätische Alpenwelt durchzogen, stieg er nieder ins
-wälsche Gefilde. Sechs Tage wurden unter allerhand kleinen Abenteuern
-in Mailand zugebracht, wo er auch zum erstenmale (im Scalatheater)
-italienische Musik und Gesangeskunst zu hören Gelegenheit hatte. Eine
-bedenkliche Abnahme des Reisegeldes zwang ihn endlich in Venedig zur
-Umkehr. Mit geringer Barschaft, aber reich an Erfahrungen traf er im
-Oktober 1829 wieder in der Neckarstadt ein.
-
-Während des folgenden Winterhalbjahres bildete wieder die Musik
-Schumanns eigentliches Studium. Als Klavierspieler war er in
-ganz Heidelberg berühmt, namentlich seit er in einem Konzerte
-des Musikvereins die Alexandervariationen von Moscheles glänzend
-vorgetragen hatte. Am liebsten jedoch musizierte er in engem
-Freundeskreise und riß namentlich durch seine freien Phantasien auf
-dem Piano alle Hörer unwiderstehlich hin. Sein Studiengenosse +Töpken+
-erzählt, daß ihm diese unmittelbaren Ergüsse Schumanns immer einen
-Genuß gewährt hätten, wie er ihn später, so große Künstler er auch
-gehört, in der Art nie wieder gehabt habe.
-
-Wie im verflossenen Winter gab sich Schumann auch diesmal den
-Karnevalsfreuden rückhaltlos hin. Auf den öffentlichen und privaten
-Bällen Heidelbergs und Mannheims -- die beiden Städte standen in
-Bezug auf gesellige Unterhaltungen in regem Wechselverkehr -- durfte
-der wohlgebildete, stattliche Jüngling als vorzüglicher Tänzer nicht
-fehlen. Daß dabei viel, sehr viel Geld aufging, kann man sich denken,
-und es brauchte langer Bitten, ehe der Vormund überredet war, sein
-flottes Mündel in dem teuren Heidelberg zu belassen.
-
-Da sein väterliches Erbteil nicht hinreichte, um von den Zinsen zu
-leben, gar für einen Menschen, der an solche Ansprüche gewöhnt war
-wie Robert, hätte er sich nunmehr ernstlich auf das Studium werfen
-sollen. Allein im Grunde seines Herzens stand bereits der Entschluß
-fest, die Künstlerlaufbahn trotz aller Hindernisse zu betreten, und
-das wunderbare Spiel Paganinis, den zu hören er zu Ostern 1830 nach
-Frankfurt geeilt war, scheint diesen Entschluß zu völliger Reife
-gebracht zu haben. Am 30. Juli endlich eröffnete er der Mutter
-sein Vorhaben in einem langen Briefe: „Mein ganzes Leben war ein
-zwanzigjähriger Kampf zwischen Musik und Jus. Jetzt stehe ich am
-Kreuzwege und erschrecke bei der Frage: Wohin? Folg’ ich meinem Genius,
-so weist er mich zur Kunst und ich glaube den rechten Weg. Schreibe du
-selbst an Wieck in Leipzig und frage ihn, was er von mir und meinem
-Lebensplane hält. Fällt er ein günstiges Urteil, nun, so fehlt es an
-Fortkommen und Ruhm sicherlich nicht.“ Die Bestürzung der Mutter, als
-sie vernahm, daß ihr Robert, den sie bald am Ziele seines Studiums
-wähnte, einen ganz neuen Beruf ergreifen wolle, war ungeheuer. Zitternd
-und ängstlich schrieb sie an Wieck: „Auf Ihrem Ausspruche beruht
-+alles+, die Ruhe einer liebenden Mutter, das ganze Lebensglück eines
-jungen unerfahrenen Menschen, der bloß in höheren Sphären lebt und
-nicht ins praktische Leben eingehen will. Ich bitte und beschwöre
-Sie als Gatte und Vater, als Freund meines Sohnes, handeln Sie als
-redlicher Mann und sagen Sie unumwunden Ihre Ansichten, was er zu
-fürchten oder zu hoffen hat.“
-
-Wieck antwortete mit einem glänzenden Zeugnisse, das die sorgende Frau
-einigermaßen beruhigen konnte. Sie versagte darnach ihre Einwilligung
-nicht, und Schumann, überglücklich über den günstigen Ausgang dieser
-folgenschweren Angelegenheit, reiste zum zweitenmale, aber froheren
-Mutes als Schüler nach Leipzig. „Ich vertraue Ihnen ganz, ich gebe mich
-Ihnen ganz, nehmen Sie mich wie ich bin und haben Sie vor allen Dingen
-Geduld mit mir. Kein Tadel soll mich niederdrücken und kein Lob wird
-mich faul machen. Ich wollte, Sie könnten jetzt in mich sehen; es ist
-still darinnen, nur um das ganze Welthaupt geht ein leiser, leichter
-Morgenduft.“ Mit diesen Worten führte er sich bei dem verehrten Lehrer
-ein.
-
-
-
-
-3. Erste Künstlerzeit.
-
- Ich hasse alles, was nicht vom innersten Drange kommt.
-
- +Schumann+, Jugendbriefe, S. 159.
-
-
-Überblicken wir Schumanns bisherigen Entwickelungsgang, so
-fällt sogleich auf, daß er sich erst unverhältnismäßig spät dem
-Künstlerberufe widmete, daß seine Erziehung auf ganz andere Ziele
-gerichtet gewesen war, als auf die, welche ihm fernerhin einzig und
-allein vorschweben sollten und daß ihm theoretische Kenntnisse in
-der Musik beinahe noch gänzlich fehlten. Dagegen besaß er eine nicht
-gewöhnliche Fertigkeit am Klaviere, feinen musikalischen Sinn und ein
-hervorragendes Interpretationsvermögen. Unvergeßlich ist es seinen
-Heidelberger Freunden geblieben, wie er z. B. Webers „Aufforderung zum
-Tanze“ vorzutragen und während des Spieles zu erläutern wußte. „Jetzt
-spricht sie,“ sagte er, „das ist der Liebe Kosen; jetzt spricht er, das
-ist des Mannes ernste Stimme. Jetzt sprechen sie beide zugleich und
-deutlich höre ich auch, was beide Liebende einander sagen.“
-
-Solche Eigenschaften, der mächtige Zug der Zeit und die Hoffnung auf
-baldigen Erwerb wiesen Schumann gebieterisch in die Virtuosenlaufbahn,
-zu welcher er sich denn auch mit wahrem Feuereifer vorbereitete. In
-drei bis vier Jahren hoffte er den hochverehrten Moscheles erreichen
-zu können. Allein während der beseligende Gedanke, nun völlig der
-Kunst anzugehören, und die Voraussicht künftiger Meisterschaft ihm die
-Brust mit stiller Heiterkeit erfüllte, stand es nicht eben günstig um
-seine äußeren Verhältnisse. Die Brüder, über den plötzlichen Wechsel
-des Berufes ein wenig verstimmt, unterstützten ihn nur sehr spärlich
-mit Geld, so daß er in allerlei lästige Verlegenheiten geraten mußte.
-Erst nach einem Besuche Schumanns in Zwickau zu Ostern 1831 erscheint,
-wahrscheinlich durch Vermittelung der Mutter, welche jetzt immer tapfer
-auf seiner Seite stand, das frühere herzliche Einvernehmen mit der
-Familie wieder hergestellt.
-
-„Nun ist der Himmel so schön blau,“ schreibt er bald darauf nach Hause,
-„daß ich jemand haben möchte, dem ich’s so recht sagen könnte, wie
-glücklich und sommerlich es in mir aussieht, wie mein inneres ruhiges
-Kunstleben alle Leidenschaften zurückdrängt, wie ich manchmal recht
-den Augenblick der Gegenwart fühle. Es ist nämlich eine schöne Sache
-um einen jungen Dichter und vollends um einen jungen Komponisten.
-Du kannst gar nicht glauben, was das für ein Gefühl ist, wenn er
-sich sagen kann: dies Werk ist ganz dein, kein Mensch nimmt dir dies
-Eigentum und kann dir’s nicht nehmen, denn es ist ganz dein; o fühltest
-du dieses +Ganz+! Da der Grund zu diesem Gefühle nur selten kommt,
-da der Genius nur ein Augenblick ist, so bricht es dann auch in
-seiner ganzen Schönheit hervor und erzeugt eine Art von beruhigendem
-Selbstvertrauen, das keinen Tadler zu fürchten braucht.“
-
-Was diese Briefstelle erst andeuten, aber noch nicht offen verraten
-wollte, kommt schon in den nächsten Monaten zu Tage. Schumann hatte
-nämlich den Sommer benützt, um einige noch in Heidelberg entworfene
-Kompositionen auszuführen und konnte schon am 21. September der Mutter
-das Erscheinen seines ersten Werkes: _Thème sur le nom Abegg, varié
-pour le pianoforte_ ankündigen. „Wüßtest du, was das für Freuden sind,
-die ersten Schriftstellerfreuden! Stolz wie der Doge von Venedig mit
-dem Meere, vermähle ich mich zum erstenmale mit der großen Welt.“
-
-Gewidmet ist die im Walzerrhythmus gehaltene Gelegenheitsarbeit einer
-fingierten Comtesse Pauline d’Abegg, hinter welcher eigentlich eine
-Mannheimer Ballbekanntschaft, Meta Abegg, die Verehrte eines Freundes,
-steckt. Auch in Opus 2, den +Papillons+, zwölf kleinen, flatternden und
-schäkernden Stücken, das letzte Kapitel der „Flegeljahre“ Jean Pauls
-in Töne umgesetzt, bedient er sich noch der Tanzform. Außerdem sollte
-damals eine Toccata (_op._ 7) vollendet werden, doch hielt ihn von
-der Ausarbeitung die während der Komposition der obengenannten Werke
-gewonnene Einsicht von der Notwendigkeit theoretischer Musikkenntnisse
-zurück. Er nahm gegen Ende des Jahres, als Wieck mit seiner Tochter
-auf einer Kunstreise nach Paris begriffen war, bei +Heinrich Dorn+,
-Kapellmeister am Leipziger Theater, Unterricht. Freilich wollte das
-trockene Studium einem Phantasiemenschen seines Schlages gar nicht
-behagen. „Mit Dorn werde ich mich nie amalgamieren können,“ klagt
-er an Wieck; „er will mich dahin bringen unter der Musik eine Fuge
-zu verstehen.“ Allein später, nachdem die Vergangenheit bereits ihr
-verklärendes Licht über jene Lehrzeit gebreitet hatte, gab er dem
-Lehrer seine Dankbarkeit mit bewegenden Worten kund. Ihre Berechtigung
-soll hier nicht näher untersucht werden; genug, daß der Schüler, als
-Dorn im Frühling 1832 nach Hamburg abberufen wurde, schon so weit
-vorgeschritten war, um sich mit Nutzen weiter bilden zu können und
-hinreichende Sicherheit zu besitzen glaubte, um eine so „herkulische“
-Arbeit, wie es die +Übertragung der Violinkaprizen Paganinis+ für
-das Pianoforte war, zu unternehmen. Der kühne Versuch gelang und
-fand auch gebührende Anerkennung. Namentlich freute sich Schumann
-über eine sehr wohlwollende Recension seines Werkes in Haslingers
-„Musikalischem Anzeiger“, die dem Dichter Grillparzer zugeschrieben
-wird, wahrscheinlich aber von dessen Bruder Camillo herrühren
-dürfte. In geistreicher Weise sind die leicht schwebenden, auf die
-raffinierteste Violintechnik berechneten Etüden harmonisch ausgebaut,
-ohne dadurch beschwert oder herabgezogen zu werden.[2] Aus derselben
-Zeit stammt auch Opus 4, die +Intermezzi+, liedförmig entwickelte
-Tonsätze verschiedenen Charakters. Ihr Titel erklärt sich aus dem
-ähnlichen Gebrauche dieses Wortes in Eichendorffs, Heines und anderen
-Gedichtsammlungen.
-
-Trotz dieser schöpferischen Thätigkeit und der emsig fortgesetzten
-theoretischen Studien brauchten die Vorbereitungen zur
-Virtuosenlaufbahn keineswegs lässiger betrieben zu werden. Schumann
-widmete sich eben vom frühen Morgen bis tief in die Nacht der Musik
-und verkehrte im allgemeinen nur wenig mit der Außenwelt. Aber gerade
-das Streben nach raschester Vervollkommnung sollte ihm verhängnisvoll
-werden, denn er zog sich durch ein unglückliches Experiment, welches
-die Unabhängigkeit der Finger voneinander beschleunigen sollte, eine
-Lähmung des rechten Mittelfingers zu, die später, infolge verkehrter
-Behandlung, eine Zeit lang sogar die Hand ergriff und alle seine
-Virtuosenträume für immer zu nichte machte. Soviel aus Schumanns
-gelegentlichen Äußerungen zu entnehmen war, hatte er den bezeichneten
-Finger vermittelst einer selbst erfundenen Vorrichtung, während die
-übrigen Finger übten, emporgezogen und durch die übergroße Anspannung
-ein Erschlaffen der Sehne verursacht. Glücklicherweise schien anfangs
-Aussicht auf Genesung vorhanden zu sein, so daß der Arme nicht gleich
-verzweifeln mußte, sondern nach dem ersten nicht geringen Schrecken den
-guten Mut bald wiedergewann. Einstweilen, bis der Finger geheilt wäre,
-beschloß er, sich mit doppelter Kraft auf die Komposition zu werfen
-und schrieb, um das Brett zu bohren, wo es am dicksten war, „ganz nach
-eigenem Sinne und ohne Anleitung“ einen symphonischen Satz, der später
-auch wirklich in einem Konzerte der Klara Wieck (18. November 1832) zur
-Aufführung gelangte, obendrein in seiner Vaterstadt. Schumann war zu
-diesem für ihn hochwichtigen Ereignisse natürlicherweise nach Zwickau
-geeilt und blieb daselbst den Winter über, mit der Umarbeitung seines
-Werkes, auf welches er große Hoffnungen setzte, eifrig beschäftigt. In
-der neuen Gestalt wurde es dann am 12. Februar 1833 im benachbarten
-Schneeberg gespielt. Schon einige Wochen später kehrte der junge Autor
-nicht ohne Stolz und Selbstbewußtsein nach Leipzig zurück.
-
-Er bezog eine reizende Wohnung in Riedels Gärten, wie sie ein stilles
-Dichtergemüt nur wünschen konnte, voll Sonnenschein, Blütenduft und
-Vogelgesang. Das zweite Heft der Kaprizen und die phantasiereichen
-„_Impromptus sur une Romance de Clara Wieck, dedié à Monsieur Fr.
-Wieck_“ (_op._ 5), eine Huldigung an das befreundete Künstlerpaar,
-sind hier im Laufe des Frühlings entstanden. Schumann wandte sich
-also, offenbar mißtrauisch gegen seine symphonische Begabung wieder
-der Klaviermusik zu. Zwar trat seine Symphonie noch ein drittes Mal
-in einem Wieckschen Konzerte im Gewandhause an die Öffentlichkeit,
-ist aber nie im Druck erschienen. Immerhin diente sie dazu, ihm die
-Freundschaft namhafter Musiker, Hauser, Pohlenz und Stegmeyer, mit
-denen er fortan häufig verkehrte, zu erwerben. Schumann war gerade
-damals viel geselliger als je in späteren Jahren. Er pflegte des
-Abends, nach beendigter Tagesarbeit das Restaurant zum „+Kaffeebaum+“
-aufzusuchen, wo er im Kreise von Bekannten einige Stunden zubrachte.
-Es waren fast ausschließlich Künstler und Altersgenossen, die dort
-zusammenkamen: Wenzel, Knorr, Stegmayer, Ortlepp, Dr. Reuter, Lühe
-und Lyser. Auf Schumanns Vermittlung hin stellte sich auch Wieck
-ein, der gelegentlich sogar Klara mitbrachte und -- als Ältester --
-den geistigen Mittelpunkt der Gesellschaft abgab. Robert aber saß
-seitwärts in einer versteckten Ecke, den Kopf auf den Arm gestützt,
-die unentbehrliche Cigarre im Munde, mit halbgeschlossenen Augen, wie
-in Traum verloren. Dann wieder auflebend bis zur Gesprächigkeit und
-Lebhaftigkeit, wenn ein interessanter Ideenaustausch angeregt wurde,
-so daß man das Erwachen aus seiner Versunkenheit, das Heraustreten an
-die Außenwelt beobachten konnte. (Brendel.) Das Gespräch bewegte sich
-gewöhnlich um die musikalischen Zustände Deutschlands, welche eben in
-jener Zeit nichts weniger als erfreulich zu nennen waren; insbesondere
-in Bezug auf die Klaviermusik. Hier dominierten Herz, Hünten, Czerny
-mit ihrem brillanten Floskelwesen und leeren Klingklang, während
-die kürzlich verstorbenen Meister Beethoven, Weber, Schubert schier
-vergessen schienen und jungen, bedeutenderen Talenten, wie Chopin,
-Mendelssohn und andern keine Beachtung zu teil wurde. Sie begegneten
-einer Kritik, die, allen neuen und außergewöhnlichen Erscheinungen
-abhold, dieselben entweder schonungslos herunterriß oder vollständig
-totschwieg, jedes oberflächliche Machwerk dagegen, sofern es nur in
-althergebrachter Manier verfertigt war, ungebührlich lobte. So geschah
-es z. B. in der Leipziger „Allgemeinen musikalischen Zeitung“, seitdem
-die Redaktion aus den Händen des alten, trefflichen +Rochlitz+ in
-jene G. W. +Finks+ übergegangen. In Berlin führte +Rellstab+, der
-Herausgeber der „Iris“ sein gefürchtetes Richtschwert gegen Schumann,
-Chopin, Mendelssohn und Schubert. Neben diesen zwei kritischen
-Zeitschriften kommt der Wiener „Musikalische Anzeiger“ (redigiert von
-Castelli) gar nicht in Betracht; er pries das Beste und Schlechteste,
-all einerlei.
-
-Da fuhr eines Junitages der Gedanke durch die jungen Brauseköpfe: laßt
-uns nicht müßig zusehen, greift an, daß es besser werde, daß die Poesie
-in der Kunst wieder zu Ehren komme, daß der musikalische Zopf und die
-kritische Honigpinselei ein Ende habe! So entstand der Plan einer neuen
-Zeitschrift für Musik, in deren Leitung sich Wieck, Knorr, Ortlepp,
-Schumann und Stegmayer teilen sollten. Freilich bis zur Verwirklichung
-hatte es noch gute Wege. Hoffmeister, der zur Übernahme des Verlages
-ausersehen war, zauderte trotz endloser Unterhandlungen. Auch fehlte
-es nicht an Differenzen zwischen den Herausgebern selbst. Wieck
-zum Beispiel, der eigentlich bloß seinen Namen hergab, fühlte sich
-zurückgesetzt, wenn einer der jungen Leute die Betreibung der Sache
-energisch in die Hand nahm. Ohne Schumanns hingebungsvolle Thätigkeit
-wäre das Unternehmen sicherlich noch gescheitert. Wie wohl er sich in
-dem neuen Wirkungskreise befand, läßt sich aus den tollen Streichen
-ermessen, die er den Sommer über mit seinen Genossen inscenierte.
-Es kam vor, daß er sie auf der Heimkehr aus dem „Kaffeebaum“ noch
-um Mitternacht in den Riedelschen Garten lud; das Gitter ward mit
-Lebensgefahr überklettert, der Kellner des Weinschanks, der sich im
-Hause befand, herausgetrommelt und unter den rauschenden Bäumen begann
-ein übermütiges Gelage.
-
-War nun die Überanstrengung durch die Vorarbeiten zur Zeitschrift
-oder eine Verkühlung schuld oder beides zugleich -- er verfiel nach
-solch einer nächtlichen Schwärmerei in eine schwere Nervenkrankheit.
-Unglücklicherweise mußte den Genesenden noch die erschütternde
-Nachricht von dem Tode seiner Schwägerin Rosalie und seines Bruders
-Julius treffen, wodurch die Erholung neuerdings hinausgeschoben wurde.
-Erst im Dezember durfte er die Arbeit an der Zeitschrift wieder
-aufnehmen.
-
-Um dieselbe Zeit, zu Ende des Jahres 1833, hatte ein junger
-schwäbischer Musikus Leipzig zum dauernden Aufenthalt erkoren und
-wurde bald nach seiner Ankunft mit dem Schumannschen Freundeskreise
-bekannt. „In Krauses Keller trat ein junger Mensch an uns heran, alle
-Augen waren auf ihn gerichtet. Einige wollten eine Johannesgestalt
-an ihm finden, andere meinten, grübe man in Pompeji einen ähnlichen
-Statuenkopf aus, man würde ihn für den eines römischen Imperators
-erklären. Alle jedoch stimmten darin überein, daß es ein Künstler
-sein müsse, so sicher war sein Stand von der Natur schon in der
-äußerlichen Gestalt gezeichnet -- nun, ihr habt ihn ja alle gekannt;
-die schwärmerischen Augen, die Adlernase, den feinironischen Mund,
-das reiche, herabfallende Lockenhaar und darunter einen leichten,
-schmächtigen Torso, der mehr getragen schien als zu tragen. Bevor er an
-jenem Tage des ersten Sehens uns leise seinen Namen „+Ludwig Schunke+
-aus Stuttgart“ genannt hatte, hörte ich innen eine Stimme: ‚das ist
-der, den wir suchen‘ -- und in seinen Augen stand etwas Ähnliches.“
-Schumann gewann an dem edlen, liebenswürdigen Künstler einen teuren
-Herzensfreund, die Zeitschrift einen ihrer wärmsten Verfechter. Dank
-seines werkthätigen Beistandes konnte die erste Nummer schon im April
-erscheinen.
-
-Ihr von Schumann entworfenes Programm war im wesentlichen eine
-Paraphrase des Goetheschen Lehrspruches:
-
- „Ältestes bewahrt mit Treue,
- Freundlich aufgefaßt das Neue.“
-
-Es lautet: „An die alte Zeit und ihre Werke mit allem Nachdruck
-erinnern, darauf aufmerksam zu machen, wie nur an so reinem Quelle
-neue Kunstschönheiten gekräftigt werden können -- sodann die letzte
-Vergangenheit, die nur auf Steigerung äußerlicher Virtuosität ausging,
-als eine unkünstlerische zu bekämpfen -- endlich eine neue poetische
-Zeit vorzubereiten, beschleunigen zu helfen. -- Unerschütterlich
-steht in uns die Ansicht, daß wir noch keineswegs am Ende unserer
-Kunst sind, daß noch viel zu thun übrig bleibt, daß Talente unter uns
-leben, die uns in unseren Hoffnungen auf eine neue reiche Blütenzeit
-der Musik bestärken und daß noch größere erscheinen werden. -- Die
-+Erhebung deutschen Sinnes durch deutsche Kunst+, geschieht sie nun
-durch Hinweisung auf ältere Muster oder durch Bevorzugung jüngerer
-Talente; mag als das letzte Ziel unserer Bestrebungen angesehen werden.
--- Wir wüßten nicht, was wir vor anderen Künsten und Wissenschaften
-voraus haben sollen, wo sich die Parteien offen gegenüberstehen und
-befehden, noch überhaupt, wie es sich mit der Ehre der Kunst und der
-Wahrheit der Kritik vereinbaren ließe, den drei Erzfeinden unserer und
-aller Kunst, den Talentlosen, dann den Dutzendtalenten, endlich den
-talentvollen Vielschreibern ruhig zuzusehen. Wir schreiben ja nicht, um
-die Kaufleute reich zu machen, wir schreiben den Künstler zu ehren.“
-
-In kurzer Zeit gebot die Zeitschrift über eine stattliche Anzahl
-tüchtiger Mitarbeiter; wir nennen unter anderen: Bank, Berger, Dorn,
-Griepenkerl, Stephen Heller, Kahlert, Keferstein, Kistner, Koßmaly,
-Krägen, Lorenz, Löwe, Lyser, Mangold, Marx, Nauenburg, Riefstahl,
-Schüler, Töpken, Truhn, Weißmann, Wenzel, Zuccalmaglio. Für die
-Redaktion zeichneten Schunke, Schumann, Wieck und Knorr. Man blättere
-in den ersten Bänden der Zeitschrift nach: das fröhliche, kräftige
-Leben darin wird noch jetzt Anteil erwecken; auch Versehen kamen vor,
-wie sie ja im Gefolge aller jugendlichen Unternehmungen sind. Jeder
-steuerte eben bei, was er hatte. Der Stoff schien damals endlos;
-man war sich eines edlen Strebens bewußt; neue Götterbilder sollten
-aufgestellt, ausländische Götzen niedergerissen werden; man arbeitete
-Tag und Nacht. Es war das Ideal einer großen Künstlerbrüderschaft zur
-Verherrlichung deutscher, tiefsinniger Kunst, das wohl jedem als das
-herrlichste Ziel seines Strebens vorleuchten mochte. Und wie denn die
-Zeitschrift zu günstiger Stunde, unter günstigen Umständen unternommen
-wurde, einmal weil man des Schneckenganges der alten musikalischen
-Kritik überdrüssig war und weil wirklich neue Erscheinungen am
-Kunsthimmel aufstiegen, dann weil die Zeitschrift im Schoß von
-Deutschland, in einer von jeher berühmten Musikstadt entsprang und
-der Zufall gerade mehrere junge, gleichgesinnte Künstler vereinigt
-hatte, so griff das Blatt auch rasch um sich und verbreitete sich nach
-allen Gegenden hin. Fast alle bedeutenden Tonsetzer dieser Periode:
-Mendelssohn, Chopin, Hiller, Taubert, Stephen-Heller, Gade, Berlioz,
-Franz, Verhulst und Sterndale Benett wurden teils durch dieselbe
-zuerst verständnisvoll gewürdigt, teils geradezu in die musikalische
-Welt eingeführt -- nur gegen Meyerbeer nahm die Zeitschrift eine
-ablehnende Haltung ein; mit Recht darf man heute behaupten. Im übrigen
-liegen ihre Verdienste vornehmlich auf dem Felde der Klaviermusik.
-Hier erzielte sie einen vollständigen Umschwung des Geschmackes; indem
-fortan gedankenvollere, polyphone Gebilde an Stelle der alten virtuosen
-Passagenwerke traten. Für die gleichfalls in Aussicht genommene
-Opernreform in ähnlicher, gedeihlicher Weise zu wirken, blieb ihr
-dagegen versagt, schon darum, weil es in „Klein-Paris“ kein rechtes
-Theaterleben gab und den Herausgebern, abgesehen von der unerläßlichen
-Begabung, auch die Erfahrung im dramatischen Genre abging.
-
-Die Herausgeber! Ist’s denn erlaubt, von ihnen in der Mehrzahl
-zu sprechen? Wieck war immerfort auf Reisen, Knorr erkrankte, so
-daß eigentlich nur Schumann und Schunke als Häupter der Leipziger
-romantischen Schule in Betracht kamen. Schunke wiederum, dem die Feder
-nicht parieren wollte, war bloß eine moralische Macht, so daß die
-Redaktionsgeschäfte fast einzig und allein auf Schumanns Schultern
-lasteten. Jetzt mußten dem Musiker, der bereits 1831 in der Finkschen
-Zeitung einen schönen Aufsatz über Chopin und 1833 einen über Klara
-Wieck im „Kometen“ veröffentlicht hatte, seine schriftstellerischen
-Gaben frommen. Er lieferte nicht allein zahlreiche Beiträge,
-bearbeitete die eingelaufenen, manchmal recht elend stilisierten
-Artikel, sondern besorgte auch Korrespondenzen, Verrechnungen,
-Korrekturen, Anweisung der Honorare u. s. w. -- alles ohne irgend einen
-pekuniären Vorteil. Zum Komponieren blieb ihm unter solchen Umständen
-allerdings nur spärliche Muße.
-
-Es war ungefähr zur Zeit des ersten Erscheinens der Zeitschrift,
-als Schumann, nicht ohne längeres Sträuben seinerseits, bei dem
-kunstsinnigen Kaufmanne +Carl Voigt+ und dessen Gattin +Henriette+
-eingeführt wurde. Aber „nur einen Schritt in ihr Haus gethan, und
-der Künstler fühlte sich heimisch darin. Aufgehängt waren über dem
-Flügel die Bildnisse der besten Meister; eine ausgewählte musikalische
-Bibliothek stand zur Verfügung; der Musiker, schien es, war Herr im
-Hause, die Musik die oberste Göttin.“ Ein beredter Zeuge des regen
-Künstlerverkehres ist das Album der Frau Voigt, durch die Autographe
-berühmter Musiker -- Mendelssohn, Löwe, Chopin und anderer -- mit
-denen sie teilweise auch Briefwechsel unterhielt, sehr kostbar.
-(Jansen.) Poetisch und musikalisch begabt -- sie war L. Bergers
-Schülerin im Klavierspiel -- hat Henriette (die „Beethovenerin“) auf
-den ihr freundschaftlich zugethanen Schumann bildend und belebend
-eingewirkt. Sie wurde auch seine Vertraute in dem etwa gleichzeitig
-sich entspinnenden Liebesverhältnisse zu +Ernestine von Fricken+.
-
-Dieselbe, die Tochter eines reichen böhmischen Barons aus Asch, kam im
-Frühjahr 1834 nach Leipzig, um sich bei Wieck im Pianofortespiel zu
-vervollkommnen, „ein herrliches, reines, kindliches Gemüt,“ wie Robert
-sie schildert, „zart und sinnig, mit der innigsten Liebe an mir und
-allem Künstlerischen hängend, außerordentlich musikalisch -- kurz ganz
-so, wie ich mir meine Frau wünsche.“ Am 5. September verlobte sich
-Schumann mit ihr, erhielt auch die Einwilligung des Vaters -- allein
-der Brautstand war nicht von langer Dauer. Schon im August des nächsten
-Jahres wurde das Verlöbnis, aus Gründen, die sich unserer Kenntnis noch
-entziehen, in aller Freundschaft wieder gelöst.
-
-Inzwischen hatte sich ein tief schmerzliches, aber nicht unerwartetes
-Ereignis zugetragen. Ludwig Schunke war (7. Dezember 1834) an einer
-zehrenden Brustkrankeit, Novalis vergleichbar, sanft aus dem Leben
-geschwunden. Schumann war trostlos. Zu seiner Trauer um den Geliebten
-gesellten sich noch allerlei, durch die Liederlichkeit des Verlegers
-der Zeitschrift, E. +Hartmann+, hervorgerufene Zerwürfnisse, welche
-endlich dadurch beigelegt wurden, daß Schumann, der nach Schunkes
-Tode und Knorrs und Wiecks Rücktritt von den Leitern des Unternehmens
-allein übrig geblieben, die Zeitschrift ankaufte und dem Buchhändler
-+Johann Ambrosius Barth+ zum Verlag übergab. Herausgeber und Besitzer
-in einer Person (vom 1. Januar 1835 ab), benützte er das erworbene
-Eigentumsrecht, um wichtige Verbesserungen im kritischen Teile des
-Blattes eintreten zu lassen. Musikalische Schöpfungen sind, wie schon
-bemerkt, in diesem Zeitraume nur wenige zu verzeichnen. Ehe wir uns
-aber mit ihnen befassen, ist es notwendig, bei dem „+Davidsbunde+“ zu
-verweilen, der in den Spalten der „Neuen Zeitschrift“ eine große Rolle
-spielt. Schumann dachte sich dabei einen idealen, natürlicherweise bloß
-im Kopfe seines Stifters existierenden Geheimbund fortschrittlicher
-Künstler, welcher König David, den mannhaften Besieger der Philister,
-als Schutzpatron verehrte. Unter den Mitgliedern ragen namentlich dreie
-hervor: Florestan, Eusebius und Meister Raro. +Florestan+ ist der
-Wortführer der neuen Richtung in der Musik. Rücksichtslos und ungestüm
-zieht er gegen jedes pedantische Festhalten am alten Zopf zu Felde.
-„Warum denn rückwärts komponieren? Wem die Perücke gut steht, der mag
-sich eine aufsetzen; aber streicht mir die fliegende Jugendlocke nicht
-weg, wenn sie auch etwas wild über die Stirn hereinfällt. Also Locken,
-Sonatenschreiber und keine falschen...! Wie kommen wir dazu, uns von
-vorigen Jahrhunderten Vorschriften geben zu lassen?“ Im Gegensatze
-zu ihm ist +Eusebius+ weich und schwärmerisch, ein mädchenhaft
-schüchterner Jüngling. Meister +Raro+ endlich vermittelt zwischen
-beiden; er vertritt die Besonnenheit und Einsicht des gereiften Mannes.
-Wie diese merkwürdigen Gestalten im Verhältnis zu Schumann aufzufassen
-sind, erklärt er selbst in einem Briefe an Dorn: „Florestan und Euseb
-ist meine Doppelnatur, die ich wie Raro gern zum Mann verschmelzen
-möchte.“ Auch hinter den übrigen Bündlern hat man wirkliche Personen
-zu suchen; es sind +Walt+ (Rakemann), +Julius+ (Knorr), +Jonathan+
-(Schunke?), +Serpentinus+ (Bank), +Fritz Friederich+ (Lyser) und
-+Giara+ oder +Zilia+ (Klara Wieck). Zur Gestalt Meister Raros soll
-Friedrich Wieck einige Züge geliehen haben.
-
-Aber nicht allein in der Zeitschrift liebt es Schumann, sich
-hinter den Namen Florestan und Eusebius zu verbergen. Sie prangen
-auch als Verfasser auf dem Titelblatt der ersten Ausgabe seiner
-leidenschaftlichen +Fis-Moll-Sonate+ (_op._ 11), deren Wert zum
-erstenmale +Franz Liszt+ erkannt und in seiner geistreichen Weise
-dargelegt hat. (_Gazette musicale_, 1837, Nr. 46.) Freilich will
-die Bezeichnung „Sonate“ nicht durchwegs passen: die Triebkraft der
-Phantasie sprengt eben da und dort die überlieferten klassischen
-Formen. Einen ähnlich stürmischen Charakter trägt das sonst minder
-bedeutende _op._ 8 +Allegro+ (seiner Braut gewidmet), welches Schumann
-an Frau Voigt mit dem Bedeuten sandte, „daß der Verfasser mehr tauge
-als das Werk und weniger als die, der es zugeeignet ist.“ Bei weitem
-höher steht dagegen _op._ 9 der +Karneval+, ein anmutig belebtes, an
-pikanten Rhythmen und bunten Modulationen reiches Faschingsbild. Das
-beständig wiederkehrende Motiv _ASCH_ weist uns auf die persönlichen
-Beziehungen dieser Schöpfung; es drückt den Namen der Vaterstadt
-Ernestines in Noten aus. Schumann fand es „sehr schmerzlich“, wie denn
-das ganze Werk in ernster Stimmung komponiert worden ist. Der Musik
-wird das aber niemand anmerken; sie charakterisiert das fröhliche
-Gewimmel im hellerleuchteten Ballsaal ganz meisterlich. Der bedächtige
-Pierrot schreitet vorüber, Pantalon und Colombine kommen leichten Fußes
-einhergetrippelt, der Harlekin schlägt seine Capriolen und eine Kokette
-läßt verführerisch ihre Augen spielen. Die Davidbündlerschaft fehlt
-auch nicht beim Feste. Wir sehen den wild dreinfahrenden Florestan, den
-träumerischen Eusebius, Chiara, Estrella (Ernestine), ferner Paganini
-und Chopin. Die Krone des Ganzen aber bildet der kecke „Marsch der
-Davidsbündler gegen die Philister“, welch letztere sehr ergötzlich
-durch die Melodie des Großvatertanzes („Und als der Großvater die
-Großmutter nahm“) charakterisiert sind. Natürlich werden die Armen zu
-guterletzt jämmerlich geschlagen und Davids siegreiche Jünger erheben
-frohlockend ihr übermütiges Jubellied.
-
-
- [2] Noch freier verfährt Schumann in einem zweiten Hefte, das der
- Verleger des besseren Absatzes wegen als _op._ 10 erscheinen
- ließ; er streift diesmal der Komposition alles Geigenmäßige
- ab und ersetzt die Klangeffekte des Streichinstrumentes sehr
- geschickt durch solche, die dem Klaviere eigentümlich sind.
-
-
-
-
-4. Klara.
-
- Wem nie von Liebe Leid geschah,
- Geschah auch Lieb von Liebe nie.
-
- +Gottfried v. Straßburg.+
-
-
-Nicht lange nach der Lösung des Verhältnisses zu Ernestine von Fricken
-hielt eine neue Liebe Einzug in Schumanns Herzen, eine Liebe, deren
-Keime wohl schon manches Jahr in seiner Brust geruht haben mochten,
-ehe sie trieben, sproßten und breit sich entfalteten, eine Liebe, die
-ihn harte Kämpfe und bittere Schmerzen gekostet, eine Liebe, der die
-deutsche Kunst einige ihrer schönsten und edelsten Blüten zu verdanken
-hat. Es war Klara Wieck, die langjährige Freundin, welche Ernestines
-Stelle dauernd einnehmen sollte. Geboren am 13. September 1819, fand
-sie schon als Kind ihres Klavierspieles halber allgemeine Bewunderung.
-Neun Jahre alt ließ sie sich zum erstenmale öffentlich hören, zwei
-Jahre später begann sie mit dem Vater, dessen vorzügliche Lehrmethode
-in ihrem Spiele die größten Triumphe feierte, weite Konzertreisen, die
-über Dresden, Weimar, Kassel, Frankfurt bis Paris führten. Die Aufnahme
-war überall enthusiastisch. In Weimar trug der greise Goethe das
-Stuhlkissen eigenhändig für sie herbei und schenkte ihr beim Abschied
-sein Brustbildmedaillon mit der Widmung: „Der geistreichen Klara
-Wieck.“ Auch andere berühmte Männer: Spohr, Mendelssohn, Alexander von
-Humboldt, Chopin, Herz und andere nahmen an ihr lebhaftes Interesse;
-Schumann verehrte sie „wie der Pilgrim das ferne Altarbild“ und
-stellte sie in eine Reihe mit Paganini. Über ihre äußere Erscheinung
-giebt Heinrich Dorn folgende Nachricht: „Meine Klara (denn sowohl
-von ihrem Vater, als von allen, die sie kannten, wurde sie nicht
-anders genannt), war 1831 ein reizender Backfisch; zierliche Gestalt,
-blühende Gesichtsfarbe, zarte, weiße Händchen, üppiges, schwarzes Haar,
-kluge, glutvolle Augen; alles war an ihr appetitlich.“ Mit Robert,
-„dem herrlichen, prächtigen Menschen,“ stand sie in geschwisterlichem
-Verhältnis. „Klara,“ schreibt er seiner Mutter 1833, „die wie immer
-innig an mir hängt, ist die alte -- wild und schwärmerisch -- rennt
-und springt und spielt wie ein Kind und spricht wieder einmal die
-tiefinnigsten Dinge. Es macht Freude, wie sich ihre Herzens- und
-Geistesanlagen jetzt immer schneller, aber gleichsam Blatt für Blatt
-entwickeln. Als wir neulich zusammen von Connewitz heimgingen (wir
-machen fast täglich zwei- bis dreistündige Märsche), hörte ich, wie
-sie für sich sagte: „O, wie glücklich bin ich, wie glücklich!“ Wer hört
-das nicht gern! Auf demselben Wege stehen sehr unnütze Steine mitten im
-Fußsteg. Wie es nun trifft, daß ich oft im Gespräche mit anderen mehr
-auf- als niedersehe, geht sie immer hinter mir und zupft an jedem Stein
-leise am Rock, daß ich ja nicht falle. Einstweilen fällt sie selbst
-darüber.“ Bald darauf spricht Schumann dem Mädchen mit der Dedikation
-der Impromptus die Hoffnung aus, „daß die Vereinigung unserer Namen
-auf dem Titel eine unserer Ansichten und Ideen für spätere Zeiten sein
-möchte. +Mehr bieten kann ich Armer nichts.+“ Während des Brautstandes
-mit Ernestine verblaßte begreiflicherweise das Bild Klaras, die sich
-obendrein meist auswärts auf Kunstreisen befand. Doch schon im Sommer
-1835 schwebt ihm überall ihr „Engelskopf“ mitten unter Festen und
-Freudenhimmeln vor. Täglich, ja stündlich fühlte er sich mehr zu
-ihr hingezogen und während des folgenden Winters vollzog sich die
-Umwandlung des bisher bloß freundschaftlichen Bundes in ein offenes
-Liebesverhältnis. Klaras rege Beteiligung am Leipziger Musikleben,
-welches damals durch die Ankunft Mendelssohns einen neuen, mächtigen
-Aufschwung nahm, brachte sie fortwährend mit Robert in Berührung. Im
-Februar 1836 endlich, kurz nach dem Tode seiner Mutter (gestorben
-4. Februar) erscheint das förmliche „Sie“ im Briefwechsel durch das
-vertraute „Du“ ersetzt, denn Schumann schreibt: „Vielleicht daß der
-Vater die Hand nicht zurückzieht, wenn ich ihn um seinen Segen bitte.
-Freilich giebt es da noch viel zu denken, auszugleichen. Indes vertraue
-ich auf unseren guten Geist. Wir sind vom Schicksal schon füreinander
-bestimmt: schon lange wußte ich das, aber mein Hoffen war nicht so
-kühn, +dir+ es früher zu sagen und von dir verstanden zu werden.“
-
-Nun war Vater Wieck unserem Künstler zwar aufrichtig gewogen und
-hatte gern zur Verbreitung seiner Werke beigetragen, allein _in
-puncto_ seiner Tochter verstand der alte, etwas fahrige Herr keinen
-Spaß. Klara, sein Stolz, die sichtbare Verkörperung seiner illustren
-Klaviermethode, schien ihm wahrlich zu Höherem bestimmt als die
-Frau eines noch ziemlich unbekannten und unbemittelten Komponisten
-abzugeben! Er wies die kühne Werbung rundweg ab und reiste, um eine
-weitere Annäherung zu vereiteln, mit Klara auf der Stelle nach Breslau.
-Doch gelang es Schumann, der als Redakteur der Musikzeitung überall
-Verbindungen hatte, wenigstens geheimen Briefwechsel mit der Geliebten
-zu pflegen.
-
-Sein nächstes Streben war jetzt auf die Gründung einer sicheren
-Existenz gerichtet, denn die fünfhundert Thaler Rente, die er von
-seinem väterlichen Erbteil bezog, reichten wohl hin ihn vor Not
-und Sorge ums tägliche Brot, den treuen Gefährtinnen des deutschen
-Musikers, zu schützen, aber nicht zum Unterhalt einer Familie. Durch
-Verpflanzung der Zeitschrift nach Wien hoffte er ihre Einträglichkeit
-um ein Bedeutendes zu steigern und betrieb deshalb in aller Stille aber
-eifrig diese Angelegenheit. So schwand das Jahr unter viel Bekümmernis,
-für die ihn nur der häufige Umgang mit Felix Mendelssohn einigermaßen
-entschädigen konnte. Mendelssohn besaß, was Schumann am meisten
-fehlte: musikalische Durchbildung, Weltgewandtheit, außerordentlichen
-Formensinn und imponierte damit dem jüngeren Meister bis zu heller
-Begeisterung. „Er ist der beste Musiker der Zeit, zu dem ich aufschaue
-wie zu einem hohen Gebirge,“ ruft er aus, während der Schöpfer des
-„Paulus“, dem Schumanns kostbares Gut, der Gehalt im Busen eigentlich
-abging, mit der schönen Form im Geiste die künstlerische Bedeutung
-des Freundes, so sehr er ihn als Menschen hochschätzte, nie begriffen
-hat. Wehe aber, wenn sich jemand in Schumanns Gegenwart ein abfälliges
-Urteil über Mendelssohns Musik erlaubte! Das konnte den sonst so
-stillen, fast apathisch Scheinenden in die größte Erregung versetzen.
-Übrigens bemerkt er selbst einmal ganz richtig: „In ähnlichen
-Verhältnissen wie er (Mendelssohn) aufgewachsen, von Kindheit an zur
-Musik bestimmt, würde ich euch samt und sonders überflügeln.“
-
-Fast täglich trafen die beiden Meister am Mittagstische des Hotels de
-Baviere zusammen. Außerdem gehörten noch Walther von Goethe, Frank,
-David und Sterndale Benett zur Tafelrunde. Dem letzteren, der sich
-damals längere Zeit in Leipzig aufhielt, sind die _Etudes symphoniques_
-(_op._ 13) gewidmet, höchst originelle Variationen, deren prächtiges
-Finale mit dem beabsichtigten Anklang an ein englisches Volkslied
-(„Wer ist der Ritter hochgeehrt?“) direkt an das Nationalgefühl
-Benetts appelliert. Daneben vollendete Schumann noch ein _Concert sans
-orchestre_ (_op._ 14, später Sonate III genannt) und die herrliche
-+C-Durphantasie+ (_op._ 17) „eine tiefe Klage um Klara.“ Anfangs wollte
-er sie, da ihr eventueller Ertrag für das in Bonn zu errichtende
-Beethovendenkmal bestimmt war, „Obolus“ oder „Ruinen, Siegesbogen und
-Sternenkranz“ betiteln, bis er sich später für „Große Sonate“ und
-schließlich für das weit angemessenere „Phantasie“ entschied. Als Motto
-trug das Werk den Schlegelschen Vers: „Durch alle Töne tönet im bunten
-Erdenraum ein leiser Ton gezogen für den, der heimlich lauschet.“
-
-Mit dem leisen Tone ist, wie aus einem Schumannschen Briefe hervorgeht,
-Klara gemeint. Auf sie weisen uns denn auch die Kompositionen
-des folgenden Jahres, die +Phantasiestücke+ (_op._ 12) und die
-+Davidsbündlertänze+ (_op._ 6) hin, von welchen namentlich die erste
-in der Kunstwelt Anerkennung und Liebe gefunden hat. In diesen
-wunderbaren Stimmungsbildern entfaltet sich Schumanns Talent in seiner
-ganzen Fülle und Eigentümlichkeit, mag er nun „des Abends“ schwärmen
-oder seltsame „Traumeswirren“ schildern oder „Grillen“ nachjagen oder
-die bedeutungsvolle Frage „Warum?“ an das Schicksal richten. Für das
-gelungenste Stück hielt er selbst das fünfte „In der Nacht“, worin
-er, als es bereits fertig war, die Geschichte von Hero und Leander zu
-finden glaubte: „wie er sich ins Meer stürzt, sie ruft, er antwortet,
-er durch die Wellen glücklich ans Land -- dann die Kantilene, wo sie
-sich in den Armen haben -- dann, wie er wieder fort muß, sich nicht
-trennen kann, bis die Nacht wieder alles in Dunkel hüllt.“ Mit Bezug
-auf das Schlußstück: „Das Ende vom Lied“, schreibt Schumann an Klara:
-„Ich dachte dabei, nun am Ende löst sich alles in eine lustige Hochzeit
-auf, aber am Schluß kam wieder der Schmerz um dich dazu und da klingt
-es wie Hochzeit- und Sterbegeläute untereinander.“ Ganz ähnlich lautet
-eine Briefstelle über die Davidsbündlertänze, welchen als Motto der
-alte Spruch: „In all und jeder Zeit verknüpft sich Lust und Leid;
-bleibt fromm in Lust und seid dem Leid mit Mut bereit“ vorangesetzt
-ist. „In den Tänzen,“ heißt es dort, „sind viele Hochzeitsgedanken --
-sie sind in der schönsten Erregung entstanden, wie ich mich nur je
-besinnen kann; ein ganzer Polterabend nämlich ist die Geschichte und du
-kannst dir Anfang und Schluß ausmalen. War ich je glücklich am Klavier,
-so war es, als ich sie komponierte.“
-
-Vergleicht man die angeführten Stellen miteinander, so ergeben
-sich aus ihnen wertvolle Aufschlüsse über den Verlauf seines
-Liebesromanes. Während zur Zeit der Komposition der Phantasiestücke
-ihn noch bange Zweifel an dem guten Ausgang heimsuchen, sehen wir ihn
-jetzt in ungetrübter Heiterkeit der Zukunft entgegenschauen. Klaras
-unerschütterliche Treue war’s, die ihn vor gänzlicher Resignation
-bewahrte, ja schließlich sogar mit solcher Zuversicht erfüllte, daß
-er am 13. September 1837, ermutigt durch das freundliche Benehmen des
-Vaters, um ihre Hand nochmals anzuhalten wagte. Wieck hatte schon
-vermeint, daß die Leidenschaft der beiden Liebenden, die sich auf
-stillschweigendes Übereinkommen hin über ein Jahr nicht gesehen, durch
-die Trennung erkalten werde und mußte nun zu seinem Ärger gewahren,
-daß die Flamme heller brenne wie zuvor. Überrascht und außer Stande
-begründeten Einwand zu erheben, gab er bloß unklare, ausweichende
-Antwort. Er spielte auf Schumanns ungeregelte Verhältnisse an: dieser
-schränkte sich auf das Äußerste ein. Er ließ verlauten, daß Schumann
-noch mehr verdienen müsse. Dieser nahm, obgleich die Zeitschrift auch
-so prosperierte, seinen alten Plan, die Übersiedelung nach Wien,
-energisch wieder auf, besonders als Klara dortselbst im Dezember große
-Triumphe gefeiert hatte. Die Unterhandlungen mit Wiener Freunden des
-Blattes (Vesque von Püttlingen und Joseph Fischhof) zogen sich hin
-bis zum Herbst des folgenden Jahres, und Schumann schrieb in dieser
-Zeit drei seiner vorzüglichsten Werke: +Die Novelletten+ (_op._ 21),
-die man als Nachklang der Phantasiestücke betrachten kann, ferner die
-+Kreisleriana+ (_op._ 16) und +Kinderscenen+ (_op._ 15).
-
-Jene geben sich, wie ja die Überschrift sagt, als Schöpfungen
-des berühmten romantischen Musikus Kreisler, mit welchem sich
-Schumann hier identifiziert. Man kennt diese originelle Gestalt
-T. A. Hoffmanns, deren excentrisches Wesen und Gebaren durch
-atemversetzende Synkopenketten sehr zutreffend charakterisiert wird,
-aus „Kater Murr“ (Universal-Bibliothek Nr. 153-156). Von einer neuen,
-überaus liebenswürdigen Seite zeigt sich Schumanns Genius in den
-„Kinderscenen“. Mit welcher Feinheit, bemerkt Liszt, läßt er die
-verschiedensten Jugendeindrücke aufeinander folgen! Wie harmonisch
-verteilt er Licht und Schatten im Fortschreiten von Begebenheiten im
-äußeren Leben des Kindes zur Schilderung seiner Innerlichkeit! Und --
-um nur bei einem allgemein bekannten Werk einen Augenblick zu verweilen
--- wie glücklich ist die Aufeinanderfolge der Stücke! Glaubt man doch
-bei der Erzählung „von fremden Ländern und Menschen“ die aufhorchenden
-blonden Kinderköpfchen starr nach dem Munde des Erzählers gerichtet
-zu sehen, bis die „kuriose Geschichte“ ihre erregte Phantasie wieder
-in das umgebende Leben zurückführt, wo dann mit dem „Haschemann“ der
-Übergang zum Tummeln und Spielen gemacht wird. Da ist aber ein Kind,
-dessen Gedanken schon in die Ferne, nach dem Unmöglichen schweifen,
-das Freude auf Freude, Spiel auf Spiel häufen möchte. Dem bittenden
-Kinde antwortet man mit weisem, sanftem Vorwurf: „Glückes genug.“ So
-müssen die kaum sich entfaltenden Seelen schon das schwere Wort von
-der irdischen Unzulänglichkeit begreifen lernen. Doch dem innigen
-Sittenspruch folgt eine „wichtige Begebenheit“. Da wenden sich die
-jungen Gemüter von dem Betrübtsein, das selbst der leiseste Vorwurf
-ihnen bringt, zu den wechselnden Vorfällen der Wirklichkeit, in denen
-wieder für einige der Hauptreiz darin liegt, daß sie zu schwärmerischem
-Nachsinnen, zu „Träumereien“ führen, denen man nirgends besser als „am
-Kamin“ nachhängen kann. Dort beginnen wieder wunderbare Geschichten
-voll merkwürdiger Ereignisse, wie der „Ritter vom Steckenpferd“
-oder voll Grausens, wenn sie „fast zu ernst“ werden oder „fürchten
-machen“. Nun aber senkt sich das friedlichste und liebenswürdigste
-der Gespenster, der Sandmann, über die von wirren Bildern des Tages
-ermüdeten Augen des „einschlummernden Kindes“ und „der Dichter
-spricht.“ Er spricht zu den Ruhenden und giebt seinen Segen all
-den kleinen Ereignissen des Tages, deren Bedeutung sein denkender
-Geist erhöht; denn im symbolischen Spiegel zeigen sie die großen
-Begebenheiten des reiferen Lebens, wie sie oft in derselben Folge von
-denselben Eindrücken angeregt erscheinen.
-
-Anfang Oktober 1838 reiste Schumann, nachdem an seiner Statt Oswald
-Lorenz die Leitung der Redaktionsgeschäfte übernommen hatte, selbst
-nach der Donaustadt, um sowohl mit den Behörden und Verlegern die
-nötigen Unterhandlungen zu pflegen, als auch um das Publikum ein wenig
-kennen zu lernen. Allein schon nach den ersten Tagen sah er sich in
-seinen Hoffnungen gründlich getäuscht; der heilige Boden, auf welchem
-die größten deutschen Tondichter einstens gewandelt, war jetzt der
-Tummelplatz italienischen Opernklingklangs und ausgelassener Tanzmusik.
-Man wird den künstlerischen Niedergang Wiens wohl am treffendsten
-seit dem Falle der Euryanthe (Oktober 1823) datieren, da von diesem
-Zeitpunkte an die Freunde deutscher Kunst, eingeschüchtert und
-uneins den fanatischen Parteigängern Rossinis das Feld ganz und gar
-überließen. Bald nach seiner Ankunft schon bekennt Schumann, „ich passe
-nicht unter diesen Schlag Menschen; hinge es von mir ab, morgen ging
-ich nach Leipzig zurück; die Zeitung verliert offenbar, wenn sie hier
-erscheinen muß;“ ja, nicht einmal das Erscheinen des Blattes sollte er
-durchsetzen können, da man ihm als Ausländer die Bedingung stellte, daß
-ein österreichischer Verleger an die Spitze des Unternehmens trete, die
-Wiener Buchhändlerfirmen aber davon nichts wissen wollten, weil sie
-für ihren Strauß, Proch u. s. w. von der „revolutionären“ Zeitschrift
-fürchteten. In den landesüblichen, lobhudelnden Recensententon mit
-einzustimmen und dadurch in den Augen Norddeutschlands feige, matt
-und verändert zu gelten, dazu war Schumann natürlicherweise nicht zu
-bewegen. Von der Aussichtslosigkeit seines Vorhabens völlig überzeugt,
-kehrte er im Frühjahr 1839 schweren Herzens nach Sachsen zurück. So
-ganz fruchtlos sollte übrigens der Wiener Aufenthalt für die Kunst
-nicht gewesen sein, denn eine Anzahl reizender Klavierwerke ist damals
-teils neu entstanden, teils vollends ausgeführt worden und zwar
-folgende: +Scherzo, Gigue und Romanze+ (_op._ 32), +Arabeske+ (_op._
-18), +Blumenstück+ (_op._ 19), +Humoreske+ (_op._ 20), +Nachtstücke+
-(_op._ 23), +Faschingsschwank+ (_op._ 26). Von diesen erfordern nur die
-beiden letztgenannten einige Bemerkungen. Im Faschingsschwank, der in
-Wien erschienen ist, macht sich nämlich Schumann den Spaß, der hohen
-Censur ein Schnippchen zu schlagen, indem er recht unschuldig mitten
-unter allerlei Tanzmotiven plötzlich die in Wien streng verbotene
-Marseillaise anklingen läßt. Die Nachtstücke hingegen sind darum
-merkwürdig, weil sich in ihnen die ersten Spuren einer beginnenden
-Gemütsverdüsterung zeigen. „Es kommt darin,“ schreibt er, „eine Stelle
-vor, auf die ich immer zurückkomme; da ist, als seufzte jemand recht
-aus schwerem Herzen: „Ach Gott.“ Ich sah bei der Komposition immer
-Leichenzüge, Särge, unglückliche, verzweifelte Menschen und als ich
-lange nach einem Titel suchte, kam ich immer auf den: Leichenphantasie.
-Beim Komponieren war ich auch oft so angegriffen, daß mir die Thränen
-herankamen und wußte doch nicht warum. Da kam Theresens (seiner
-Schwägerin) Brief und nun stand es klar vor mir. Bruder Eduard lag im
-Sterben.“
-
-Solche melancholische Stimmungen verflogen indessen rasch in dem
-buntfarbigen, regsamen Wiener Leben. Auch an erhebenden Momenten fehlte
-es nicht, wozu man den freundschaftlichen Verkehr mit Mozarts Sohne und
-den Besuch der Grabstätten der großen Tonmeister zählen muß. Auf dem
-Heimwege vom Währinger Kirchhof war’s, da fiel ihm ein, daß Schuberts
-Bruder Ferdinand ja noch lebe. Er suchte denselben auf, durchwühlte
-den Nachlaß des früh Verblichenen und entdeckte darin zu seiner
-Freude die große C-Dursymphonie, welche sogleich an Mendelssohn zur
-Aufführung übersendet wurde. Auch gelang es ihm, Breitkopf und Härtel
-zur Drucklegung des bedeutenden Werkes zu bewegen. Ausführliches über
-die denkwürdige Episode findet man im dritten Band seiner „Gesammelten
-Werke“ (Universal-Bibliothek, Nr. 2621 u. 2622).
-
-Nach Leipzig zurückgekehrt, widmete sich Schumann mit allen Kräften
-der Zeitung, die ihn nach der langen Abwesenheit „wieder so jugendlich
-anlachte“ wie in den Tagen ihrer Gründung. In richtiger Erkenntnis,
-daß ihm nur die Vereinigung mit der Geliebten den zu freiem Schaffen
-unentbehrlichen Seelenfrieden verleihen könne, hielt er sodann im
-Sommer 1839 zum drittenmale bei Wieck um Klara an. Der alte Starrkopf
-aber weigerte sich so hartnäckig, daß dem liebenden Paare kein
-anderer Ausweg übrig blieb, als den Heiratskonsens gerichtlich zu
-erzwingen. Wie peinlich mußte diese Notwendigkeit unseres Künstlers
-stille, empfindsame Natur berühren, zumal da Wieck in seiner Wut alle
-Haltung verlor und sich nicht scheute, eine Schmähschrift gegen den
-Bräutigam seiner Tochter zu veröffentlichen! Komponiert wurde in dieser
-aufgeregten Zeit nur wenig: +drei Romanzen für Klavier+ (_op._ 23).
-Klara, die in bitterem Kampf zwischen Liebe und Kindespflicht für
-Robert entschieden hatte, verließ jetzt den Vater und begab sich zu
-ihrer Mutter, Wiecks erster geschiedener Gattin nach Berlin.
-
-Der gerichtliche Entscheid, dessen Ausfall übrigens nicht zweifelhaft
-sein konnte, ließ lange auf sich warten. Inzwischen kam das Jahr 1840,
-zu dessen Beginne sich Schumann durch seinen Freund Keferstein an
-der Universität Jena um den Doktortitel bewarb. Derselbe wurde ihm
-auch wirklich in Anbetracht seiner künstlerischen, kritischen und
-ästhetischen Thätigkeit _honoris causa_ verliehen. Bald darauf hatte
-der neugebackene Doktor die Freude, seinen verständnisvollen Beurteiler
-in der _Gazette musicale_ (vergl. S. 33), Liszt, der eben in Leipzig
-konzertierte, von Angesicht kennen zu lernen. Der geniale König des
-Klaviers machte auf Schumann einen tiefen Eindruck. „Liszt erscheint
-mir alle Tage gewaltiger,“ schreibt er, „ich bin mit ihm fast den
-ganzen Tag beisammen. Er sagte mir gestern, mir ist’s, als kennte ich
-Sie schon zwanzig Jahre -- mir geht’s auch so. Wir sind schon recht
-grob gegeneinander... Wie er doch außerordentlich spielt und kühn und
-toll und wieder zart und duftig, daß wir alle zitterten und jubelten!“
-Das waren ein paar schön verlebte Tage in dieser schmerzlichen Zeit des
-Harrens und der Ungeduld.
-
-Endlich, im Sommer, traf der ersehnte Heiratskonsens ein und nun stand
-der ehelichen Verbindung der Vielgeprüften kein Hindernis mehr im Wege.
-Am 12. September traute sie Pfarrer Wildenhahn, ein Schulkamerad
-Roberts, in aller Stille in Schönefeld, einem Dorfe bei Leipzig.
-
-Keine glücklichere, keine harmonischere Vereinigung -- sagt Liszt schön
-und treffend -- war in der Kunstwelt denkbar als die des erfindenden
-Mannes mit der ausführenden Gattin, des die Idee repräsentierenden
-Komponisten mit der ihre Verwirklichung vertretenden Virtuosin. Robert
-und Klara Schumann reihen sich in den Sagen der Kunst den glänzenden
-Beispielen von dem schönen Walten der Natur ein, welche diese beiden
-Künstler und Liebenden, die auf Erden nur in und durch sich glücklich
-werden konnten, nicht durch Zeit und Raum trennte, sondern ihnen zu
-günstiger Stunde in gemeinsamem Vaterlande das Leben gab, damit sie
-sich begegnen, ihre Geschicke in einem Strome vereinigen, ihre Herzen
-in ein Meer gemeinsamer, tiefer Anschauungen versenken konnten. Die
-Annalen der Kunst werden beider Gedächtnis in keiner Beziehung trennen
-und ihre Namen nicht vereinzelt nennen können, die Zukunft wird mit
-+einem+ goldenen Schein beide Häupter umweben, über beiden Stirnen
-nur +einen+ Stern erglänzen lassen, wie auch ein berühmter Bildner
-(Rietschel) die Profile des unsterblichen Paares schon in einem
-Medaillon vereinigt hat.
-
-
-
-
-5. Die Lieder.
-
- Lenzes Gebot, die süße Not,
- Die legten’s ihm in die Brust,
- Nun sang er, wie er mußt.
-
- +Wagner.+
-
-
-„Ich schreibe jetzt nur Gesangssachen, großes und kleines, auch
-Männerquartette. Kaum kann ich Ihnen sagen, welcher Genuß es ist, für
-die Stimmen zu schreiben, im Verhältnis zur Instrumentalkomposition
-und wie das in mir wogt und tobt, wenn ich in der Arbeit sitze. Da
-sind mir ganz neue Dinge aufgegangen,“ berichtet ein Brief vom 19.
-Februar 1840 an Keferstein. Wirklich hat Schumann in diesem Jahre,
-das man darum auch das „Liederjahr“ zu nennen pflegt, ausschließlich
-Vokalwerke geschaffen, und zwar so schöne, so vollendete, daß
-sie noch gegenwärtig als unübertroffene Muster dastehen und den
-Gipfelpunkt der ganzen Kunstform in Deutschland bedeuten. Gleichwie
-einst Beethoven im Schlußsatze der neunten Symphonie das Wort zu
-Hilfe nehmen mußte, um jene Deutlichkeit des Ausdruckes zu erzielen,
-welche der Instrumentalmusik allein versagt ist, so drängte, _si
-licet parva componere magnis_, unseren Meister, nachdem er in seinen
-scharf charakterisierenden Klavierstücken die äußerste Grenze rein
-musikalischen Ausdrucksvermögens berührt hatte, die Kraft des
-Empfindens, welche durch das reiche Liebesglück dieses Jahres zu
-höchster Gewalt gesteigert worden war, am Ende auch zur menschlichen
-Sprache hin. Der äußere Anlaß, der Schumann bewog, von dem bisher
-kultivierten Felde der Klavierkomposition auf das vokale Gebiet
-überzutreten, ist nicht recht bekannt. Noch im Sommer 1839 schrieb er
-an Hirschbach: „Komponieren Sie doch mehr für Gesang, oder sind Sie
-vielleicht wie ich, der ich Gesangskompositionen, so lange ich lebe,
-unter die Instrumentalmusik gesetzt habe und nie für eine große Kunst
-gehalten? Doch sagen Sie niemandem davon.“ Vielleicht hat der rege
-Briefwechsel mit dem Liederkomponisten Koßmaly die erste Anregung
-gegeben.
-
-Damit wir Schumanns hohe Verdienste um das deutsche Lied nicht
-unrichtig bemessen, dürfen wir bei ihrer Würdigung sein künstlerisches
-Verhältnis zu Schubert nie aus dem Auge verlieren. Daß der Fortschritt
-des Schöpfers der „Winterreise“ seinen Vorgängern gegenüber größer
-sei, als der Fortschritt von ihm zu Schumann, wird kein Einsichtiger
-bestreiten wollen. Auch entspringen manche Vorzüge des Schumannschen
-Liedes nicht etwa einer -- in diesen Punkten wenigstens überlegenen
-Begabung, als vielmehr äußeren, zufälligen Umständen. Nirgends
-erwachte z. B. der Sinn für Sprachreinheit und Sprachrichtigkeit so
-spät wie in Österreich. Nicht lange vor Mozarts Tode gestand der
-österreichische Dichter Alxinger, daß er mit eiserner Geduld fast jedes
-Wort in einem Lexikon nachschlagen müsse, ehe er es niederzuschreiben
-wage und bewunderungswürdig erscheinen unter solchen Verhältnissen
-die so häufigen Offenbarungen feineren Sprachgefühls bei ungebildeten
-Musikern wie Mozart oder Schubert. Man darf nicht zweifeln, daß diese
-Meister, durch irgend einen Zufall in frühester Kindheit aus der
-Heimat etwa nach Sachsen verschlagen und daselbst an einem Gymnasium
-erzogen, den Neueren an sorgfältiger Beachtung des Sprachaccentes und
-an packender Wahrheit des Ausdrucks keineswegs nachstehen würden und
-ähnlich verhält es sich mit der Wahl der Gedichte. Schubert mußte
-noch komponieren, was ihm gerade zu Händen kam; Schumann hingegen
-vermochte, dank seinen ausgebreiteten litterarischen Kenntnissen frei
-aus dem unerschöpflichen Born deutscher Lyrik zu wählen, was ihm der
-Komposition würdig und fähig schien. „Weshalb nach mittelmäßigen
-Gedichten greifen, was sich dann immer an der Musik rächen muß?
-Einen Kranz von Musik um ein wahres Dichterhaupt schlingen -- nichts
-Schöneres. Aber ihn an ein Alltagsgesicht verschwenden, wozu die
-Mühe?“ Am häufigsten hat Schumann Rückert und Heine komponiert, welche
-durch mehr als vierzig Stücke vertreten sind; dann folgen Goethe (24),
-Eichendorff (22), Burns (19), Justinus Kerner (17), A. v. Chamisso
-(14), E. Geibel, Elisabeth Kulmann, Hoffmann von Fallersleben (11),
-Uhland, Robert Reinick (10), Nikolaus Lenau, Möricke (9), Lord Byron
-(6), Friedrich Hebbel, Andersen (5). Vereinzelt erscheinen Moore,
-Mosen, Platen, Zedtlitz, Schiller, Halm, Anastasius Grün, Klopstock,
-Shakespeare, Immermann u. a. Das ergiebt, wenn noch einige Texte
-altdeutscher oder spanischer Herkunft mit eingerechnet werden, an
-dreihundert Gesangsstücke, von welchen die Hälfte allein auf das Jahr
-1840 fällt; vier Hefte mehrstimmiger Gesänge (_op._ 29, 33, 34, 43) und
-die doppelte Anzahl mit Sololiedern, nämlich: +Liederkreis von Heine+
-(_op._ 24), +Myrthen+ (_op._ 25).[3] +Zwölf Gedichte von Justinus
-Kerner+ (_op._ 35). +Sechs Gedichte von Robert Reinick+ (_op._ 36).
-+Liederkreis von Eichendorff+ (_op._ 39). +Frauenliebe und Leben von
-Chamisso+ (_op._ 42). +Zwölf Gedichte aus Rückerts Liebesfrühling+
-(_op._ 37). +Fünf Lieder+ (Andersen zugeeignet, _op._ 40) und
-+Dichterliebe von Heine+ (_op._ 48). Das ist viel, sehr viel und reicht
-doch nicht heran an Schuberts erstaunliche Fruchtbarkeit, zumal, wenn
-man die kurze Lebenszeit dieses Meisters mit in Betracht zieht.
-
-Schon die obigen Daten lassen erkennen, daß Schumanns Lied auf der
-romantischen Lyrik beruht, während Schubert sich, wie man weiß, von
-Goethes Muse angezogen fühlte. Zwar hat Schumann auch und öfter
-Goethesche Gedichte in Musik gesetzt, doch bezeichnenderweise meist
-solche aus dem Divan (Myrthen) und Wilhelm Meister (_op._ 98), die
-eine Neigung zur Romantik zeigen. Übrigens gehören sie nicht zu seinen
-vorzüglichsten Leistungen, vielmehr wird uns die ganze Innigkeit seines
-Herzens gerade bei der Komposition jüngerer Liederblüten enthüllt.
-Ein Übel freilich haftet diesen modernen „Vertonungen“ immer an.
-Gedichte, die fast kaum für den laut gesprochenen Vortrag, sondern
-bloß für die stumme Lektüre bestimmt sind, werden in einer Weise
-in Musik gesetzt, daß sie, gesungen, dem eigenen Dichter als etwas
-ihm Wildfremdes vorkommen müssen. Bei einem Gedichte, welches als
-Litteraturgedicht bereits vollkommen der Absicht des Poeten genügte und
-somit eine musikalische Ausführung gar nicht aus sich bedang, kann die
-musikalische Komposition natürlich auch bloß wiederum ein besonderes
-Gedicht des Musikers sein, das mit dem Wortgedichte einen oft ganz
-willkürlichen oder nur allgemeinen Gefühlszusammenhang hat. (Wagner.)
-Die Fälle, in denen es thatsächlich zur vollen Übereinstimmung zwischen
-Text und Komposition kommt, sind ziemlich selten, sogar bei den
-Meistern dieser Kunstform. Auch Schumann gelang sie nur einigemale, am
-schönsten wohl in dem herrlichen Cyklus „Frauenliebe und Leben“; sonst,
-z. B. bei den -- im übrigen entzückend gesetzten -- Eichendorffschen
-Liedern, kann er bloß einzelnen hervorstechenden Eigentümlichkeiten,
-dem Verschwimmenden, in Duft sich Auflösenden gerecht werden, indessen
-manch feiner Zug dieser Poesien verloren geht. Wieder anders verhält es
-sich mit Fr. Rückert. Seine Verse gewinnen im Schlepptau einer schönen
-Melodie („Du meine Seele, du mein Herz“), welche über die häufigen
-trivialen Wendungen hinwegtäuscht; bei sorgfältiger Deklamation
-aber treten die Mängel seiner bunt schillernden, stimmungsarmen
-Lieder deutlich zu Tage. Bei Kerner, Burns, Reinick trifft Schumann
-sehr glücklich den Volkston (Wohlauf noch getrunken, Erstes Grün;
--- Das Hochlandsmädchen, Mich zieht es nach dem Dörfchen hin; --
-O Sonnenschein, Ständchen), oft aber sucht er, wie insbesondere
-bei Reinick, diese anspruchslosen Gedichte tiefer aufzufassen,
-wodurch ein fühlbares Mißverhältnis zwischen dem naiven Text und der
-reflektierenden musikalischen Wiedergabe entstanden ist.
-
-Mit Heinrich Heine hat’s eine eigene Bewandtnis. Sangen einst die
-Romantiker gern von wandernden Musikanten, die mit lustigem Spiel
-alles Volk zu Tanz und Freude bewegen, während schneidendes Weh in
-ihrem Herzen haust, so macht sich der ungezogene Liebling der Grazien
-den Spaß, das ganze Verhältnis einfach umzukehren. Er thut, als sei
-er unsagbar traurig, an Leib und Seele elend aus Liebesgram, bis dem
-vertrauensseligen Leser die Thränen der Rührung über die Backen laufen,
-indessen der Schalk sein heimlich Gaudium hat. Unter der ungeheueren
-Schar der Angeführten sieht man neben sehr vielen Ästhetikprofessoren
-und Litteraturhistorikern auch unsere harmlosen Liederkomponisten
-der Reihe nach figurieren. Sie merkten den Ulk nur stellenweise, da
-wo Heine selbst den täuschenden Schleier mit einem plötzlichen Witze
-zerschleißt: daß ja die +ganze+ Dichtung ein genial durchgeführter
-Witz sei, ist keinem aufgegangen. Damit soll der Wert z. B. der
-Schumannschen Heinelieder nicht geschmälert sein, sondern bloß dem
-verbreiteten Irrtum begegnet werden, als habe Schumann den Geist der
-Heineschen Lyrik mit großer Treue bewahrt. Das ist ganz unmöglich,
-denn die Musik, die wahrste von allen Künsten, wäre gar nicht
-imstande, ironische Stimmungen auszudrücken. Unser Meister nahm also
-diese Lügenpoesie gläubig hin als das, was sie schien, strebte ihren
-(absichtlich) übertriebenen Klagen durch Erschöpfung des musikalischen
-Ausdrucksvermögens zu entsprechen, so daß sie schließlich gar,
-gleichsam wiedergeboren aus dem Schoße der Tonkunst, als echte und edle
-Gebilde jedes Herz bezaubern und entzücken.
-
-Mit der Verschiedenheit der Texte hängt es auch zusammen, daß dem
-Klavierpart bei Schumann eine viel bedeutendere Rolle zugeteilt
-ist, als bei Schubert. Die pointenreiche, komplizierte, moderne
-Lyrik läßt sich in all ihren feinen Details durch die Singstimme
-gar nicht erschöpfen; hier tritt unterstützend und ergänzend der
-Klavierpart hinzu und verschmilzt mit der Gesangsmelodie, welche ohne
-ihn oft gar nicht als Melodie verstanden werden könnte, zu +einem+
-unauflöslichen Ganzen. Bald weckt er vor dem Eintritt des Gesanges
-im Hörer die erwünschte Stimmung, bald spinnt er die, in den letzten
-Worten des Gedichtes angeregten Gedanken weiter fort, nicht selten
-führt er sogar die Gesangsmelodie, die manchmal gar nicht über dem
-Dreiklang der Tonart endigt und gleichsam abgebrochen scheint, erst
-zum befriedigenden Abschluß. In diesen Nachspielen liegt nicht zum
-mindesten die Schönheit Schumannscher Lieder. Wie sinnig schlägt er,
-um nur ein berühmt gewordenes Beispiel anzuführen, am Ende des Cyklus
-„Frauenliebe und Leben“, die Töne des ersten Liedes „Seit ich ihn
-gesehen“, wieder an, als verliere sich die Witwe in Erinnerung an ihr
-zerronnenes Liebesglück!
-
-Daß die reich ausgestattete Klavierbegleitung die Singstimme
-beeinträchtigt, ist ein nur teilweise berechtigter Vorwurf. Es ist
-wahr, scharfgezeichnete melodische Linien finden sich bei ihm nicht
-so häufig wie z. B. bei Schubert. Soll eine traumhaft schwankende
-Empfindung dargestellt werden, so kommt der Gesang über einzelne
-Melodienknospen, deren volles Erblühen man vergebens erwartet, nicht
-hinaus, er bleibt zuweilen bloß musikalische Deklamation, und die
-Begleitung wird die eigentliche Trägerin des poetischen Gedankens.
-Anderseits aber weiß Schumann, wo die Singstimme den einfachen Gehalt
-eines Liedes erschöpfen kann, mit der Begleitung auch zu sparen und
-sich mit wenigen charakteristischen Accorden zu begnügen. Wenn er den
-Sänger oft in unbequeme Lagen, zu weiten Sprüngen und dergleichen
-zwingt, so muß man das seinem Streben nach möglichst prägnantem
-Ausdruck schon zu gute halten. Ein Kunstwerk ist eben keine Schuletüde,
-es fordert vom Ausführenden gesteigerte, nicht bloß gewohnhafte
-Bethätigung des erworbenen Könnens. Sehr richtig bemerkt da Ehlert,[4]
-daß es sich nicht darum handle, „für die Stimme möglichst bequem
-zu schreiben, sondern darum, eine poetische Empfindung musikalisch
-auszudrücken, natürlich nur so weit, als dies ohne offene Verletzung
-der gesanglichen Rücksichten möglich ist...“ Wer beim Komponieren
-eines Liedes ans Atemholen denkt, der kann alles sein, nur kein Poet.
-Das Schumannsche Lied nimmt eine ganz besondere Stellung ein. Die
-Vertiefung in den poetischen Lokalton des Gedichtes durch Schubert
-schon in hohem Maße ausgebildet, wird von ihm bis zur erstaunlichen
-Gewißheit des Selbsterlebten geführt. Wie wenig Mittel oft dazu
-gehören, ersehe man aus „In der Fremde“ (_op._ 39, Nr. 1), wo die
-scheinbar einfachste, accordliche Bewegung die „schöne Waldeinsamkeit,“
-in der den Sänger „keiner mehr kennt,“ mit bebender Handgreiflichkeit
-zeichnet, oder aus der „Mondnacht“ (ebenda Nr. 5), wo wenige Stimmen
-der Begleitung das „es war als hätte der Himmel die Erde still
-geküßt“, so -- ich kann nur wiederholen -- erlebt malen, daß jeder es
-fühlt, hier spannt ein Dichter im Mondlicht und Blütenschimmer „weit
-seine Flügel aus.“ Namentlich alles Träumerische, Weiche, Verschämte
-hat niemals durch einen anderen Musiker einen treffenderen Ausdruck
-erfahren. Nie vielleicht wohnte in einem Manne so viel dichterisches
-Erröten über die Rätsel seiner Bestimmung wie in ihm. Sein eigentlicher
-Ausdruck in dieser Liederzeit war das Jünglingshafte mit seinem
-dunkelscheuen Kraftgefühl, seinem morgenrötlichen Schimmer und seiner
-Frühlingsschwermut.
-
-Es erübrigt nur noch zu erwähnen, daß sich Schumann 1840 auch in der
-Ballade versuchte und darin mit ihrem unübertrefflichen Meister,
-Carl Löwe,[5] nicht unrühmlich um den Preis rang. +Belsazar+ von
-Heine (_op._ 57), je drei balladenmäßige +Gesänge+ von +Geibel+ und
-+Chamisso+ (_op._ 30 der Hidalgo, _op._ 31 die Löwenbraut, _op._ 32
-die Kartenlegerin) und drei Hefte +Balladen+ und +Romanzen+ (_op._
-45, 49 die beiden Grenadiere), die feindlichen Brüder; (_op._ 53
-der arme Peter), denen später noch ein viertes (_op._ 64 Tragödie)
-folgte, stammen noch aus dem Liederjahr; _op._ 87, der +Handschuh+
-von Schiller, aus 1849. Doch liegt die Bedeutung Schumanns als
-Vokalkomponist nicht gerade in diesen, wenn auch wertvollen Werken,
-sondern vor allem in seinen Liedern, welche bei ihrem Erscheinen
-freilich mißachtet und verkannt worden sind. Um so mehr freute
-Schumann das Dankgedicht Friedrich Rückerts für die Komposition des
-„Liebesfrühlings“, an welcher auch Klara mit drei Liedern (2, 4, 11)
-beteiligt war. Es lautet:
-
-
-An Robert und Klara Schumann.
-
- Lang ist’s, lang
- Seit ich meinen Liebesfrühling sang;
- Aus Herzensdrang,
- Wie er entsprang,
- Verklang in Einsamkeit der Klang.
-
- Zwanzig Jahr
- Wurden’s, da hört ich hier und dar
- Der Vogelschar
- Einen, der klar
- Pfiff einen Ton, der dorther war.
-
- Und nun gar
- Kommt im einundzwanzigsten Jahr
- Ein Vogelpaar,
- Macht erst mir klar,
- Daß nicht ein Ton verloren war.
-
- Meine Lieder
- Singt ihr wieder,
- Mein Empfinden
- Klingt ihr wieder,
- Mein Gefühl
- Beschwingt ihr wieder,
- Meinen Frühling
- Bringt ihr wieder;
- Mich, wie schön
- Verjüngt ihr wieder;
- Nehmt meinen Dank, wenn auch die Welt
- Wie mir einst, ihren vorenthält.
-
-Heutzutage ist ganz Deutschland über den Wert der Schumannschen Lieder,
-dieser echten Kinder des Frühlings und des Glückes einig geworden und
-schätzt sie als Perlen musikalischer Lyrik, von welchen ihr Schöpfer
-mit Recht behaupten durfte: „Ich getraue mir nicht mehr leisten zu
-können und bin auch zufrieden damit.“ Jawohl, zufrieden!
-
-
- [3] Enthält Gedichte verschiedener Poeten: Byron, Moore, Burns,
- Rückert, Heine, Mosen und Goethe.
-
- [4] Aus der Tonwelt. (Essays, Berlin 1882, 2. Aufl.) R. Schumann und
- seine Schule, S. 221 ff.
-
- [5] Von Schumanns Wertschätzung Löwes giebt die folgende Stelle aus
- einem Aufsatz im Leipziger Tageblatt (1835) ein schönes Zeugnis:
- „Sollten wir irgend einen lebenden Komponisten anführen, der
- vom Beginne seiner künstlerischen Laufbahn bis zum jetzigen
- Augenblicke deutschen Geist und deutsches Gemüt beurkundet und es
- im Zartesten wie im Wildesten, in der Sprache der ersten Liebe,
- wie im Ausbruche des tiefsten Zornes ausgesprochen hätte, so
- müßten wir Löwe nennen.“
-
-
-
-
-6. Wollen und Wagen.
-
-
-Wir sahen, wie der bittere Kampf um Klara die herrlichen Kräfte des
-Schumannschen Genius zur Entfaltung brachte; jetzt betrachten wir auch
-die Wunden, die er davontrug, Wunden, die nie wieder verharschten, aus
-denen langsam sein edelstes Herzblut verrann, bis die Nacht des Todes
-den völlig Erschöpften in ihre Arme schloß und von qualvollem Siechtum
-erlöste. Zu diesem Behufe muß aber noch einmal auf jene Zeit des
-Ringens zurückgegangen werden.
-
-Seit der zweiten Werbung um seine Tochter hatte Vater Wieck einen
-tiefen Ingrimm gegen den aufdringlichen Schwiegersohn gefaßt und keine
-Gelegenheit versäumt, Robert, insbesondere aber dessen künstlerisches
-Schaffen, herabzusetzen und diese Äußerungen kamen dem Betroffenen alle
-zu Ohren. Er schalt ihn phlegmatisch („Fismollsonate und phlegmatisch!
-Liebe zu einem solchen Mädchen und phlegmatisch!“ bemerkt Schumann
-dazu), spottete, daß seine Kompositionen niemand kaufe und fragte
-höhnisch, wo denn sein Freischütz und sein Don Juan wären? Solche
-Reden stachelten in Robert den vom Vater überkommenen Ehrgeiz auf.
-„Mir ist immer,“ schreibt er (1840), „als hätte ich doch, z. B. gegen
-Mendelssohn noch nicht genug auf der Welt geleistet und das drängt und
-peinigt mich manchmal.“ (Vgl. damit S. 37.) Auch der Einfluß seines
-Zeitalters, des jungen Europa, dessen Geistesprodukte insgesamt mehr
-dem Streben nach öffentlicher Auszeichnung als wahrem Schaffensdrang
-ihr Entstehen verdanken, darf nicht unterschätzt werden. Dazu kam
-jetzt gar seine Stellung als Gatte, später auch als Vater, so daß
-eine Reihe von Umständen zusammentraf, die Schumann veranlaßten, das
-Feld seiner künstlerischen Thätigkeit zu erweitern. „+Sonst+“, lautet
-charakteristisch genug sein Bekenntnis, „galt mir gleich, ob man sich
-um mich bekümmere oder nicht. Hat man Frau und Kinder, so wird das ganz
-anders. Man muß ja an die Zukunft denken, man will auch die Früchte
-seiner Arbeit sehen, nicht die künstlerischen, sondern die prosaischen,
-die zum Leben gehören und diese bringt und vermehrt nur der +größere
-Ruf+.“ „Wenden Sie sich,“ rät er Koßmaly, „ganz zur größeren
-Orchestermusik, das macht Namen und flößt den Verlegern Respekt ein.
-Schreiben Sie größere Stücke: Symphonien, Opern. Mit Kleinem ist schwer
-durchdringen.“
-
-Gerade in diesem „Kleinen“ aber war Schumann groß. Er war Genremaler
-in der Musik, wie sein geliebter Jean Paul es in der Poesie gewesen.
-In knappen Formen, auf engem Raume Vieles und Bedeutendes zu sagen,
-darin bestand seine eigentümliche Meisterschaft. Doch das schien ihm
-jetzt allzu gering: der Gatte der ruhmbedeckten Klara mußte „Größeres“
-zu Werke bringen! Hatte er einst mit einem Citat aus Wilhelm Meister
-die deutschen Künstler gewarnt, das Bette ihres Talentes nicht
-zu überschreiten, so verkündete er jetzt mit lauter Stimme: das
-unterscheide eben die deutschen Musiker von Italienern und Franzosen,
-das habe sie groß gemacht, daß sie in allen Gattungen sich versuchten.
-„Wenn wir daher,“ fährt er fort, „einige Pariser Opernkomponisten große
-Künstler genannt finden, so möchten wir erst fragen: wo sind denn
-eure Symphonien, eure Quartette, eure Psalmen u. s. w.?“ In dieser
-Meinung begann er denn auch alle möglichen Gattungen zu kultivieren,
-Symphonien, Quartette, Oratorien, Opern u. s. w. -- all einerlei.
-
-Daß ihm der erste Versuch das Feld seiner Künstlerschaft zu verlassen,
-die Liederkomposition, so überraschend gelungen war, trug wohl dazu
-bei, Schumann über den Umfang seiner Begabung zu täuschen. Allein in
-Wirklichkeit hatte er mit diesem ersten Versuche die ihm gesteckten
-Grenzen noch gar nicht überschritten. Schumann war eine eminent
-+lyrische Natur+, das wird gerade an seinen Liedern klar, in denen er
-vor allem die entsprechende Stimmung wiedergiebt, während Schubert
-mehr auf dramatischen Aufbau bedacht ist. In früherer Zeit hatte er
-das selbst wohl eingesehen; jetzt lenkte er, vom Ehrenwahn geblendet,
-ab von dem lauschigen Waldpfad, auf den die Natur ihn gewiesen, zur
-sonnigen, breiten, symphonischen Heerstraße.
-
-Nun wär’s von vornherein nicht anzunehmen, daß ein bedeutender Geist,
-auch wenn er sich auf einem seiner natürlichen Anlage fern liegenden
-Gebiete hervorthun will, bloß Unbedeutendes producieren werde. Allein
-bald mehr, bald minder bemerkt man doch die Forcierung des Talentes,
-welche da und dort zu schwülstigen Übertreibungen führen muß, während
-wieder viele Stellen hinter den Anforderungen der betreffenden
-Kunstform zurückbleiben. Die nächste Folge davon ist Ungleichheit des
-Werkes; neben Partien von großem Kunstwert stehen dann unmittelbar
-solche, die sich aus tändelnden, unebenbürtigen Themen zusammensetzen,
-was die richtige Beurteilung des Ganzen überaus erschwert. Wo aber
-können wir das deutlicher wahrnehmen als an Schumanns Symphonien, mit
-denen er 1841 die zweite Periode seines Schaffens eröffnet hat?
-
-Die große „Frühlingssymphonie“ (_B_-Dur, _op._ 38) entstand unter
-dem Eindrucke eines Böttgerschen Gedichtes[6] in wenigen Tagen.
-Schumann war damals im Vollbesitze seiner schöpferischen Kraft und,
-wie im ersten Anlauf vieles gelingt, so ist gleich der erste Satz gar
-herrlich ausgefallen: ein blühendes Tonstück, welches den Gedanken
-„Im Thale geht der Frühling auf“ illustriert. „Gleich den ersten
-Trompeteneinsatz“, schreibt Schumann darüber, „möcht’ ich, daß er
-wie aus der Höhe klänge, wie ein Ruf zum Erwachen -- in das Folgende
-könnte ich dann hineinlegen, wie es überall zu grüneln anfängt, wohl
-gar ein Schmetterling aufsteigt, wie nach und nach alles zusammenkommt,
-was zum Frühling etwa gehört.“ Geringeres Interesse erregt die bald
-darauf verfaßte Orchestersuite: Ouvertüre, Scherzo, Finale (_op._ 52)
-und auch die zweite +Symphonie+ _D-moll_ (erschienen 1853 als _op._
-Nr. IV, _op._ 120) steht trotz mancher Schönheiten im einzelnen nicht
-so hoch, ist aber bei weitem einheitlicher gestaltet. Im Vergleich zu
-den früheren Kompositionen fällt namentlich die formale Rundung, die
-besonnene Zügelung der Phantasie auf, welche wir sicherlich seiner
-Rivalität mit Mendelssohn zuzuschreiben haben; denn Mendelssohn übte
-auf seinen Freund eine seltsame, magische Anziehung aus, der die
-grundverschiedene Individualität desselben nur mühsam widerstand;
-wie denn Schumann in Momenten, wo ihn die eigene schöpferische Kraft
-verläßt, fast immer in Mendelssohnsche Phrasen zu verfallen pflegt. Die
-Schnelligkeit, mit welcher er den ihm fremden Orchestersatz bewältigen
-lernte, verdient übrigens rückhaltlose Bewunderung; volle Meisterschaft
-darin zu erwerben, blieb ihm freilich versagt, ja, man merkt diesen
-Symphonien an, daß sie am Klaviere ersonnen und erst nachträglich
-instrumentiert worden sind.
-
-Im folgenden Jahre (1842) warf sich Schumann ganz ausschließlich
-auf die Kammermusik, offenbar durch die in seinem Hause häufig
-stattfindenden Quartettmatineen veranlaßt. Die Chancen waren für
-ihn hier zum Teile minder günstig, insofern als dieses Genre noch
-innigere Vertrautheit mit dem Charakter der einzelnen Instrumente
-erfordert. Zum Teile freilich wieder besser: denn während die für den
-öffentlichen Konzertsaal berechnete, in großen Zügen zu entwerfende
-Symphonie seiner nach innen gekehrten Natur nicht entsprach, war
-ihm der Kammermusikstil, welcher feinere Ausführung in den Details
-und kontemplatives Einspinnen in gewisse Figuren verträgt, weitaus
-homogener. Man sehe nur seine +Streichquartette+ (_op._ 41) an,
-besonders das dritte in _A_-Dur. Kann er gar auch das Klavier zur
-Mitwirkung herbeiziehen, so entstehen so prachtvolle Werke wie das
-+Klavierquintett+ (_op._ 44), das wohl das hervorragendste seiner
-Gattung seit Beethoven genannt werden darf. Welche kontrapunktistische
-Kunst steckt in dem Schlußsatz! Von einer Klavier+begleitung+ kann
-eigentlich keine Rede sein, denn das Klavier wird ebenso wie die
-Viola von Schumann stets konzertierend behandelt. An Kunstwert kommt
-dieser Schöpfung das +Klavierquartett+ (_op._ 47) sehr nahe: ein Trio,
-betitelt +Phantasiestücke für Pianoforte, Violine und Violoncell+
-(_op._ 88) ist minder bedeutend; seine schönsten Trios (_D-moll_ und
-_F-dur_) schrieb Schumann erst vier Jahre später.
-
-Schon im nächsten Winter sehen wir den unermüdlichen Meister auf wieder
-anderem Gebiete thätig. Nachdem er mit einem melodiösen +Andante und
-Variationen+ für zwei Klaviere (_op._ 46) längst verlassene Bahnen
-für ein Weilchen neuerdings betreten, unternimmt er die Komposition
-eines groß angelegten Chorwerkes (_op._ 50), welchem Moores Poem
-„Das Paradies und die Peri“ zu Grunde liegt. Die deutsche Bearbeitung
-rührt von Schumanns Jugendfreund Flechsig her, einzelne Stücke, und
-zwar den Chor der Nilgenien, der Houris, das Quartett „Peri, ist’s
-wahr“, das Solo „Verstoßen“, „Gesunken war der goldne Ball“ sowie
-den Schlußchor dichtete er selbst hinzu. Dann ging es mit heller
-Begeisterung an die Komposition des hochpoetischen Werkes, dessen
-Inhalt im Folgenden kurz skizziert sei: Eine Peri -- mit diesem Namen
-belegt der orientalische Mythus feenartige, eines Vergehens halber
-aus der Oberwelt verstoßene Luftgeister -- eine solche Peri sehnt
-sich heiß nach ihrer seligen Heimat zurück; und, da sie trauernd am
-Eingang des Paradieses steht, wird ihr durch Engelsmund in rätselhaften
-Worten Rückkehr verheißen, wenn sie „des Himmels liebste Gabe“ zu den
-heiligen Pforten bringe. Jene zu suchen, durchwandert sie Indiens
-Blumenhügel und die Wüsten des Nillandes, aber weder die letzten
-Blutstropfen eines im heldenmütigen Kampfe gegen den Unterdrücker
-gefallenen Jünglings, noch der letzte Seufzer einer Braut, die zu ihrem
-von der Pest ergriffenen Geliebten herbeigeeilt, treu an seiner Seite
-stirbt, vermögen der Peri Entsühnung zu erwirken. Zum drittenmale
-schwebt sie auf neue Suche hernieder, diesmal über Syriens Fluren. Es
-ist Abend. Ein Kind spielt harmlos unter Blumen, während unweit davon
-ein alter Räuber sein Pferd am Brunnen tränkt. Vom Minaret ertönt der
-Vesperruf der Muezzin und andächtig faltet das Kind die Händchen zum
-Gebete. Das sieht der wilde Reitersmann. Die Erinnerung an die eigene
-unschuldsvolle Kinderzeit übermannt ihn -- er weint. Seine Reuethränen
-aber trägt die Peri empor und -- die Pforte des Paradieses springt
-auf. Nicht was Menschen für das höchste Opfer halten, die Hingabe des
-Lebens, dem Vaterlande oder der Liebe dargebracht, gilt also auch
-dem Himmel als die wertvollste Gabe: die Thräne des reuigen Sünders,
-die Erneuerung des eigenen Ich ist das Höchste und Größte in den
-Augen des Ewigen. Und das Finden dieser Thräne, d. h. die Erkenntnis
-jener Wahrheit öffnet der Peri den Himmel. Dies ist die durchaus
-christliche Idee der allegorischen Dichtung, die sich, zumal ihr das
-farbenprächtige, morgenländische Gewand einen bestrickenden Zauber
-giebt, für die musikalische Darstellung, wie kaum eine andere, dankbar
-erweist. (Reimann.) Schumanns Kunst feiert denn auch an diesem Stoffe
-wahre Triumphe und selbst wer das fatale Genre („Weltliches Oratorium“)
-zu verdammen geneigt ist, muß die außerordentlichen lyrischen
-Schönheiten, die einander in langer Kette folgen, anerkennen. Schade
-nur, daß die einzelnen Stücke, namentlich im letzten Drittel, zu wenig
-kontrastieren, wodurch der Hörer bei der Ausführung schließlich ermüdet
-wird. Schumann selber schreibt, eine innere Stimme habe ihm während der
-Komposition zugerufen: dies ist nicht vergeblich, was du thust.
-
-Sein äußeres Leben verlief inzwischen ziemlich einförmig; nur in die
-Zeit der „Peri“ fallen zwei erwähnenswerte Ereignisse. Im April 1843
-wurde er nämlich durch Mendelssohn an das neugegründete Leipziger
-Konservatorium als Lehrer der Komposition berufen und bald darauf
-fand auch eine Versöhnung mit dem Schwiegervater Wieck statt, welche
-ihm um Klaras willen lieb sein mußte. Seine Lehrthätigkeit ist ohne
-sonderliche Erfolge geblieben, dazu fehlte ihm vor allem die nötige
-Beredsamkeit. Gewöhnlich setzte er sich mit der Arbeit eines Schülers
-an den Flügel, las sie, und wenn ihm etwas mißfiel, so griff er es
-auf dem Klaviere, wobei er jenen nur mit einem mißbilligenden Blicke
-ansah. Der positive Gewinn, den man aus seinen spärlichen Bemerkungen
-davontrug, war gering. In jenen Kämpfen um Klara hatte nicht nur sein
-künstlerisches Streben eine andere Richtung genommen, auch mit seinem
-äußeren Wesen war eine große Veränderung vor sich gegangen. Er mied
-je länger, je mehr größere Gesellschaft und zeigte sich selbst im
-Verkehr mit seinen besten Freunden wortkarg. Henriette Voigt erzählt,
-daß sie manchmal mit ihm an schönen Sommerabenden eine Wasserfahrt
-gemacht habe. Da wären sie denn eine Stunde schweigend nebeneinander
-im Kahn gesessen. Bei der Trennung aber habe ihr Schumann die Hand
-gedrückt und nur gesagt: „Heute haben wir uns recht verstanden.“ Etwas
-Ähnliches weiß Brendel zu berichten: „Schumann hatte einen vorzüglichen
-Markobrunner in Gohlis entdeckt und forderte mich auf, ihn dorthin zu
-begleiten. In glühender Hitze pilgerten wir selbander, ohne ein Wort
-zu sprechen, durch das Rosenthal, und draußen angekommen, war diesmal
-in der That der Markobrunner die Hauptsache. Es war kein Wort aus
-ihm herauszubringen und so ging es auch auf dem Rückwege. Nur eine
-Bemerkung machte er, die mir zugleich einen Blick in das gestattete,
-was ihn erfüllte. Er sprach über die eigentümliche Schönheit eines
-solchen Sommermittags, wo alle Stimmen schweigen, vollkommene Ruhe in
-der Natur herrscht. Er war versunken in diesen Eindruck und bemerkte
-bloß, daß die Alten ihn mit dem Ausdruck „Pan schläft“ treffend
-bezeichnet hätten. In solchen Momenten nahm Schumann nur insoweit Notiz
-von der Außenwelt, als sie zufällig in seine Träume hineinspielte.
-Gesellschaft war für ihn dann nur da, um ihn des Gefühls des
-Alleinseins zu entheben.“
-
-Zu Anfang des Jahres 1844 begleitete Robert seine Frau auf einer
-Konzertreise nach Rußland, welche er ihr schon vor der Hochzeit hatte
-versprechen müssen. Überall, in Mitau, Riga, Petersburg, Moskau, ward
-die Künstlerin enthusiastisch aufgenommen und auch ihr Gatte erwarb
-seiner Musik zahlreiche Freunde, z. B. die Grafen Wielhorsky, in deren
-Palais seine _B_-Dursymphonie und seine Quartette zur Aufführung kamen.
-Nach den Anstrengungen der letzten Zeit mußte die Arbeitspause und der
-Wechsel der Umgebung höchst wohlthätig auf ihn einwirken; allein kaum
-zurückgekehrt, machte er sich schon wieder an einen grandiosen Plan,
-die Komposition des Goetheschen +Faust+ und schrieb mit Aufgebot aller
-Kraft den größeren Teil der gewaltigen Schlußscene: dann erfolgte --
-im Herbste -- naturgemäß der Rückschlag. Ein nervöses Leiden stellte
-sich ein, finstere Dämonen beherrschten ihn, so daß der Arzt auf das
-dringendste Enthaltung von jeder geistigen Arbeit und Verlassen des
-musikalisch allzu bewegten Leipzig anriet. Schumann übersiedelte nach
-Dresden, anfangs mit der Absicht, daselbst nur für kurze Zeit zu
-verweilen; doch entschloß er sich später, diese Stadt zum dauernden
-Aufenthaltsorte zu erwählen. Die Redaktion der Zeitschrift, welche er
-seit seiner Verheiratung als drückende Last empfunden, hatte er schon
-vom 1. Juli des Jahres an seinen Freund und langjährigen Mitarbeiter
-Oswald Lorenz abgegeben; später, im Januar 1845, verkaufte er sie an
-Franz Brendel. „Ich habe was in meinen Kräften stand gethan, die besten
-Talente meiner Zeit zu fördern,“ sagte er zu ihm bei der Übergabe.
-„Fahren Sie darin fort!“ Wirklich ist die „Neue Zeitschrift“ stets
-eine eifrige Verfechterin des Kunstfortschrittes geblieben und hat
-namentlich zur richtigen Würdigung der „neudeutschen Schule“ sehr viel
-beigetragen.
-
-Allmählich besserte sich der leidende Zustand des Meisters. Im nächsten
-Frühling war er glücklicherweise so weit hergestellt, daß er wieder
-an musikalische Thätigkeit denken durfte, wobei er sich zur Vorsicht
-einstweilen auf kontrapunktistische Studien beschränkte, weil dieselben
-mehr den Verstand als seine überreizte Phantasie in Anspruch nahmen. So
-entstanden damals die +Studien und Skizzen für den Pedalflügel+ (_op._
-56, 58). Vier Fugen für das Pianoforte (_op._ 72) und sechs +Orgelfugen
-über den Namen Bach+ (_op._ 60), wahre Prunkstücke kontrapunktistischer
-Kunst, schöne Früchte seiner täglichen Beschäftigung mit den
-Werken des großen Thomaskantors, welcher er seit jenem, so bald
-abgebrochenen Unterrichtskursus bei Dorn immer eifriger obgelegen.
-„Bachen ist nach meiner Überzeugung überhaupt nicht beizukommen; er
-ist inkommensurabel,“ schreibt er einmal einem Freunde und gesteht,
-daß ihn die armseligen, musikalischen Erzeugnisse um ihn her förmlich
-misanthropisch machen. „Da rette ich mich immer in Bach und das giebt
-wieder Lust und Kraft zum Wirken und Leben.“
-
-Darnach wandte sich sein neubelebter Mut wieder den freieren
-Kunstformen zu. Das hochbedeutende +Klavierkonzert+ _A-moll_ (_op._
-54) wurde vollendet und eine dritte +Symphonie+ _C_-Dur (_op._ 61) in
-Angriff genommen. Die Gesellschaft einiger Freunde (Ferdinand Hiller,
-Auerbach, Bendemann, Reinick, Rietschel, Hübner), welche sich zweimal
-wöchentlich im „alten Postgebäude“ beim Biertisch zu versammeln
-pflegte, suchte er jetzt häufiger auf. Daß sich zu dem Komponisten des
-Tannhäuser, der dort ebenfalls verkehrte und dessen Ruf ganz Dresden
-erfüllte, kein näheres Verhältnis herausgebildet hat, wird man bei der
-Verschiedenheit der Charaktere begreiflich finden. „Schumann ist ein
-hochbegabter Musiker,“ erzählt Wagner, „aber ein unmöglicher Mensch.
-Als ich von Paris kam, besuchte ich ihn, sprach von den französischen
-Musikzuständen, dann von den deutschen, sprach von Litteratur und
-Politik -- er aber blieb so gut wie stumm, fast eine Stunde lang. Ja,
-man kann doch nicht immer +allein+ reden! Ein unmöglicher Mensch!“
-Schumanns Urteil hingegen lautete, Wagner sei zwar sehr unterrichtet
-und geistreich (-- „ein geistreicher Kerl voll toller Einfälle“ --),
-rede aber unaufhörlich und das könne man doch auf die Länge nicht
-aushalten.
-
-Über den „Tannhäuser“ selbst äußerte sich Schumann nach der Durchsicht
-der ihm von Wagner geschenkten Partitur gegen Mendelssohn ziemlich
-wegwerfend: um kein Haar breit besser als Rienzi, eher matter,
-forcierter. Allein schon ein paar Wochen später erklärt er, manches
-zurücknehmen zu müssen, denn „von der Bühne herab sieht sich alles ganz
-anders an. Ich bin von vielem ganz ergriffen gewesen... Tannhäuser
-enthält Tiefes, Originelles, überhaupt hundertmal Besseres als seine
-früheren Opern. In Summa, er kann der Bühne von großer Bedeutung
-werden. Das Technische, die Instrumentierung finde ich ausgezeichnet,
-ohne Vergleich meisterhafter gegen früher.“ Solch anerkennende
-Beurteilung ist Wagner damals noch selten zu teil geworden.
-
-Im Jahre 1846 weist das Schumannsche Kompositionsverzeichnis bloß
-mehrere Chorlieder: _op._ 55 +Fünf Lieder von Burns+, _op._ 59 +Vier
-Gesänge+ von Lappe, Platen, Möricke, Rückert und die Vollendung der
-_C_-Dursymphonie auf. Die Kritik pflegt diesem Werke, in welchem
-er seine musikalische Kraft zum Grandiosen, Beethoven-Gleichen zu
-steigern rang, den Preis vor den übrigen Symphonien zuzusprechen,
-in theoretischer Hinsicht, was die kunstvolle Durchführung und
-Kombination der Themen anbelangt, gewiß mit Recht. Es bedeutet ohne
-Zweifel den Höhepunkt seiner Künstlerlaufbahn, aber keineswegs seine
-vorzüglichste Leistung. Man fühlt, daß es nicht dem „innersten
-Lebensdrange“ entspringt und erst im Adagio kommt der echte Schumann,
-der Lyriker voll zur Geltung und erhebt seinen wunderbarsten Gesang.
-Allein, ob auch der Meister seine Kraft auf das Äußerste anspannte
-und aufrieb -- der ersehnte Ruhm blieb immer noch aus. In Dresden
-freilich hatte er sich über Mangel an Anerkennung nicht zu beklagen
-und wenn er nach Leipzig zu Besuch kam, was ab und zu geschah, war
-ihm die enthusiastischste Aufnahme gewiß. Auch die Verleger machten
-keine Schwierigkeiten. Überall sonst aber kannte ihn die große Menge
-bloß als den Mann der Klara Wieck, so wenig Schumann das zugeben
-wollte. Als einmal ein alter Freund bemerkte, daß Klara sehr viel dazu
-beigetragen habe, ihm den Weg als Tonsetzer zu erleichtern, sprang
-er höchst beleidigt auf und lief davon. Wie schmerzlich mußte ihn da
-der offenbare Mißerfolg mehrerer seiner schönsten Kompositionen auf
-der 1847 unternommenen Konzerttour nach Wien berühren. Sie wurden
-am 1. Jänner im Musikvereinssaal mit achtungsvollem Stillschweigen
-aufgenommen; die Achtung galt seiner -- Frau. Die wenigen Anhänger
-zitterten vor einer möglichen Wiederholung des Vorfalls bei einem
-auswärtigen Hofkonzert, wo Serenissimus nach vielen Artigkeiten für
-Klara unseren Meister huldreichst fragte: „Sind Sie auch musikalisch?“
-Im Künstlerverein „Konkordia“ traf Schumann den zufälligerweise
-gleichfalls anwesenden Meyerbeer an; aber beide Männer wichen einander
-vorsichtig aus. (Hanslick.) Zum Abschied gab das Schumannsche
-Ehepaar eine glänzende Soiree, bei welcher alle Wiener Celebritäten:
-Bauernfeld, Eichendorff, Stifter, Deinhardstein und _last not least_
--- Grillparzer erschienen waren. Der Letztere, ein warmer Bewunderer
-der Künstlerin Klara, hatte diese schon 1838 in einem schönen Gedichte
-besungen; von ihrem Gatten als Komponisten Notiz zu nehmen, fiel ihm
-damals eingestandenermaßen nicht ein. So stand es um Schumanns Ruhm
-am Donaustrande. Besser fielen die beiden Konzerte in Prag aus,[7] wo
-Ambros, ein begeisterter Verehrer des Meisters in der „Bohemia“ unter
-dem Davidsbündlernamen Flamin wirksame Propaganda gemacht hatte und
-auch in Berlin, wo „Paradies und Peri“ unter des Autors Direktion --
-recht elend, nebenbei bemerkt -- zur Aufführung kam. Im Juli endlich
-besuchte Schumann auch seine Vaterstadt, die ihren größten Sohn auf
-jede mögliche Weise, durch Fackelzug, Ständchen u. s. w. ehrte. Die
-Reisen und Zerstreuungen dieses Jahres scheinen heilsamen Einfluß auf
-seinen Geist ausgeübt zu haben, denn seine Produktion ist gegen 1846
-unstreitig reicher. Nebst mehreren Chören, und zwar +Abschiedslied+
-(_op._ 84), +Ritornelle+ von Rückert in kanonischen Weisen (_op._
-65), +drei Gesänge+ für Männerchor (_op._ 62), schrieb er zwei sehr
-schöne Trios (_op._ 63 u. 80); die Ouvertüre sowie den ersten Akt einer
-romantischen Oper +Genoveva+ (_op._ 81).
-
-Schon längst hatte sich Schumann mit dem Gedanken an ein musikalisches
-Drama getragen, ja sogar 1838 ein von Becker (nach T. A. Hoffmanns
-Novelle: Doge und Dogaressa, Univ.-Bibliothek Nr. 464) verfertigtes
-Libretto zu komponieren begonnen. Es wurde indessen bald wieder
-beiseite gelegt, weil er darin ein „tiefes, deutsches Element“
-vermißte. In den folgenden Jahren steigerte sich, angesichts der
-Successe der großen Pariser Opern, sein Wunsch zu verzehrender
-Sehnsucht. „Wissen Sie mein morgen- und abendliches Künstlergebet?“
-schreibt er 1842, „+deutsche Oper+ heißt es. Da ist zu wirken. --
-Die deutschen Komponisten scheitern meistens an der Absicht, dem
-Publikum gefallen zu wollen. Gebe aber nur einmal einer etwas Eigenes,
-Einfaches, Tiefes, Deutsches, und er soll sehen, ob er nicht mehr
-erlangt.“ Eine ganze Reihe nationaler Opernstoffe fand sich in seinem
-Projektenbuche aufgezeichnet, unter andern Nibelungen, Wartburgkrieg,
-Lohengrin, Till-Eulenspiegel, Meister Martin und seine Gesellen. Allein
-vergebens fahndete er nach einem Dichter für sie, vergebens fragte er
-bei Zuccamaglio, Griepenkerl, Marbach um geeignete Texte an. Endlich
-glaubte er in Robert Reinick, welcher bereits für Freund Hiller ein
-Libretto geliefert hatte, den rechten Mann gefunden zu haben und
-veranlaßte ihn, die dramatischen Bearbeitungen der Genovevasage von
-Tieck und Hebbel zu einem Opernbuche zusammenzuschweißen. Doch war
-dessen Arbeit nicht nach Schumanns Sinne, und da Hebbel selbst eine
-Umgestaltung seines Stückes freundlich, aber entschieden ablehnte,
-sah sich der Meister der Töne dazu gedrängt, den Pegasus nach Wagners
-Vorgang selbst zu besteigen. Unter seinen Händen entspann sich
-die Handlung der Oper nun also: Pfalzgraf Siegfried zieht in den
-Maurenkrieg und läßt seine junge Frau, Genoveva, in der Hut seines
-Günstlings Golo zurück. Dieser, in sündiger Liebe für die Gebieterin
-entbrannt, aber mit Entrüstung zurückgewiesen, verbündet sich mit
-ihrer zauberkundigen Amme Margaretha, um sie zu verderben. Es wird das
-Gerücht von einem vertrauten Verhältnis zwischen Golo und Genoveva
-ausgestreut, die empörte Dienerschaft dringt in der Herrin Schlafgemach
-und findet darin -- den alten Kastellan Drago, welcher sich, um
-Genovevas Unschuld erweisen zu können, daselbst heimlich verborgen
-hatte. Der Greis wird von den Knechten, ohne Gehör zu finden, erwürgt,
-Genoveva als des Ehebruches Schuldige ins Gefängnis geschleppt. Dann
-eilen Margaretha und Golo zu Siegfried, das Geschehene zu melden.
-Der ergrimmte Gatte will die Ungetreue töten lassen, befragt aber,
-um ganz sicher zu gehen, Margarethas Zauberspiegel. Das trügerische
-Gerät zeigt ihm Dragos und Genovevas sträflichen Umgang, so daß er
-vor Wut den Spiegel zerschlägt und davonstürzt. Aus den Trümmern
-aber steigt Dragos Geist auf und befiehlt der Hexe, ohne Verzug dem
-Grafen die Wahrheit zu gestehen. Im vierten Akte soll Genoveva, welche
-eine zweite Werbung Golos wiederum abgefertigt hat, in der Wildnis
-hingerichtet werden. Aber zur rechten Zeit erscheint der über den
-Sachverhalt aufgeklärte Gatte und führt sein schuldloses Weib im
-Triumphe auf das Schloß zurück. -- Die vielfachen Willkürlichkeiten
-und Unklarheiten in der Motivierung treten an diesem knappen Aufriß
-noch nicht so grell zu Tage wie an dem Stücke selbst. Zwar machte
-der wohlmeinende Wagner Vorstellungen und Einwände, aber Schumann
-in dem Wahne, jener wolle ihm seine besten Effekte verderben, wurde
-ordentlich böse und unter seinen näheren Bekannten fand sich keiner,
-der ihn bewogen hätte abzustehen, nicht nur von der Komposition
-dieses Textes, sondern einer Oper überhaupt; vielmehr hetzten sie den
-Irrenden, der schon jeden Kompaß verloren, eher noch in die falschen
-Bahnen hinein. Die Wahrheit zwingt uns anzuerkennen, daß Schumann
-auch auf diesem, seiner lyrischen Natur geradewegs widerstrebenden
-Gebiete viel richtiges Wollen bekundet hat. Von italienischen Mustern
-wollte er durchaus nichts wissen und „Lassen Sie mich in Ruhe mit der
-Kanarienvogelmusik und den Haarbeutelmelodien“ rief er, als man ihm
-von Cimarosas _Matrimonio segreto_ sprach. Sein Vorbild war Webers
-Euryanthe. An Stelle des alten Recitativs, das er für eine überlebte
-Kunstform hielt, strebte er eine musikalische Deklamation zu gewinnen
--- freilich ohne Glück. Der Mangel an scharfen Kontrasten, an diesen
-Kennzeichen eines echten Dramas, ist’s, der die Genovevamusik auf der
-Bühne so wirkungslos macht; das konnten sogar eifrige Parteigänger
-Schumanns gleich bei der ersten Aufführung in Leipzig, welche sich zu
-seinem Leidwesen bis zum 25. Juni 1850 hinauszog, sich nicht verhehlen.
-Die Spannung auf dieses Werk war nach Lobes Mitteilungen groß und
-viele Umstände vereinigten sich zu Gunsten des Komponisten. In Leipzig
-hatte er viele Freunde und Verehrer. Mehrere berühmte Künstler waren
-zugegen: Liszt, Spohr, Meyerbeer, Hiller u. s. w. Schumann dirigierte
-die Oper selbst. Das Leipziger Publikum ist für Musik leicht entzündbar
-und mit Beifallsbezeugungen nicht karg. So konnte man einen jener
-glänzenden Kunstabende erwarten, welche Leipzig beliebten Künstlern
-für gelungene Leistungen gern bereitet. Die Erwartung wurde jedoch
-teilweise getäuscht. Außer der Ouvertüre applaudierte man nur noch die
-Aktschlüsse und in den Journalen entwickelte sich eine unerquickliche
-Polemik für und wider. Schumann aber, fest überzeugt, daß jeder Takt
-seiner Oper völlig dramatisch sei, nahm ungünstige Kritiken, entgegen
-seiner einstigen Gepflogenheit, gewaltig krumm, ja, zögerte nicht,
-ein langjähriges, freundliches Verhältnis zu Krüger, welcher das Werk
-etwas scharf recensiert hatte, sogleich zu lösen. So verlief die ganze
-Opernaffaire in jeder Hinsicht übel und bis auf den heutigen Tag ist
-es den deutschen Theatern trotz mannigfacher Versuche nicht gelungen,
-Schumanns Schmerzenskind dem Repertoire zu erhalten.
-
-Nebst der Genoveva fällt in das Revolutionsjahr 1848 noch das
-kantatenartige +Adventlied+ von Rückert (_op._ 71) und zwei
-Klavierwerke: die phantasievollen, farbenprächtigen, durch Rückerts
-Makamen des Hariri angeregten +Bilder aus dem Osten+ (_op._ 66) und
-das +Album für die Jugend+ (_op._ 68), das uns auf seine eigene,
-reichbesetzte Kinderstube zurückweist. „Ich wüßte nicht, wann ich
-mich je in so guter musikalischer Laune befunden hätte, als da ich
-die Stücke (_op._ 68) schrieb,“ berichtet er an Reinecke. „Es strömte
-mir ordentlich zu. Sie sind mir besonders ans Herz gewachsen -- und
-recht eigentlich aus dem Familienleben heraus. Die ersten Stücke im
-Album schrieb ich nämlich für unser ältestes Kind zu ihrem Geburtstag
-und so kam eines nach dem andern hinzu. Es war mir, als finge ich
-noch einmal von vorn an zu komponieren; und auch vom alten Humor
-werden Sie hier und da spüren. (Vergl. Nr. 12.) Von den Kinderscenen
-unterscheiden sie sich durchaus. Diese sind Rückspiegelungen eines
-Älteren und für Ältere, während das Album mehr Vorspiegelungen,
-zukünftige Zustände für Jüngere enthält.“ Ein Pendant zu diesen
-reizenden Genrestücken, von welchen Nr. 16 Erster Verlust, Nr. 13 Mai,
-lieber Mai, Nr. 28 Erinnerung (an den 1847 gestorbenen Mendelssohn) und
-Nr. 30 Adagio namentlich hervorgehoben seien, bildet das im folgenden
-Jahr komponierte +Liederalbum für die Jugend+ (_op._ 79), mit welchem
-Schumann die später von Taubert, Reinecke und anderen weitergeführte
-Gattung der Kinderlieder aufnahm. In der Anordnung bemühte er sich
-die Stufenfolge vom Leichten zum Schwierigeren einzuhalten, Mignon
-(Nr. 29) schließt endlich ab „ahnungsvoll den Blick in ein bewegteres
-Seelenleben richtend.“
-
-Von diesen lieblichen, wenn auch manchmal leidvollen, lyrischen Perlen
-sticht die ungefähr gleichzeitige „Musik zu Lord Byrons +Manfred+“
-(_op._ 115) überaus grell ab. Das Gedicht, welches nur uneigentlich
-der dramatischen Gattung angehört, war für den Lyriker wie geschaffen
-und bot freien Spielraum zu grüblerischem Versenken. Für die innere
-Zerrissenheit, die düstere Schwermut des Byronschen Helden, wie sie
-der Meister in den wiederkehrenden Anfällen seines Nervenleidens
-selbst empfunden haben mag, fand er denn auch tiefergreifende Töne und
-besonders die Ansprache an Astarte: „Gerufen hab’ ich dich aus dunkler
-Nacht“ ist den bedeutendsten Schöpfungen seines Genius beizuzählen.
-Freilich wirkt diese Musik nicht so sehr auf der Bühne, für welche ja
-auch das Gedicht nicht berechnet ist; auch nicht im Konzertsaal, trotz
-des verbindenden Textes, welchen Richard Pohl dafür geschrieben hat;
-sondern beim einsamen Genusse am Flügel daheim.
-
-Das Jahr 1849 ist an Kompositionen in Schumanns Leben unstreitig das
-fruchtbarste. „Man muß ja schaffen,“ schreibt er, „so lange es Tag
-ist.“ Namentlich fällt die große Zahl der Chorkompositionen (_op._
-67, 69, 75, 91, 93, 98 b, 108, 137, 141, 145, 146) auf, was sich aber
-aus seiner Stellung als Dirigent eines Gesangvereins leicht erklärt.
-Schon 1847 hatte er nach Ferdinand Hiller die Leitung der Dresdener
-Liedertafel übernommen, jedoch bald wieder aufgegeben; teils weil er
-darin zu wenig musikalisches Streben vorfand, teils weil ihm „die
-ewigen Quartsextaccorde des Männergesang-Stiles“ bald langweilig
-wurden. Größeres Vergnügen bereitete dem Meister ein von ihm selbst
-am 5. Januar 1848 gegründeter Chorverein, welcher in kurzer Zeit an
-hundert Mitglieder zählte. „Wir kommen,“ heißt es in einem Briefe,
-„oft außerhalb der Stadt zusammen, wandeln dann bei Sternenschein
-zurück und dann erklingen Mendelssohnsche und sonstige (das heißt
-seine eigenen) Lieder durch die Nacht und alle sind so fröhlich,
-daß man es mit werden muß.“ Aus der Zahl dieser, zum Teil ungemein
-schwierigen Chöre seien die +Jagdlieder+ (_op._ 137), die Motette:
-„+Verzweifle nicht im Schmerzensthal+“ (_op._ 93), das zarte +Requiem
-für Mignon+ aus Wilhelm Meister (_op._ 98) und das von Schumann
-besonders geliebte +Nachtlied+ von Hebbel (_op._ 108) namhaft gemacht.
-Außerdem komponierte er nebst +drei Liederheften+ (_op._ 79, 95, 98
-_a_) und +vier Duetten+ für Sopran und Tenor (_op._ 78), noch einige
-Liederkreise für eine und mehrere Stimmen: +Minnespiel+ von Rückert
-(_op._ 101), +Spanische Liebeslieder+ (_op._ 138) und das köstliche,
-gleichsam aus Jasminduft gewobene +Spanische Liederspiel+ (_op._ 74).
-Eine melodramatische Begleitung zu Hebbels Ballade „+Schön Hedwig+“
-(_op._ 106) leitet uns zu den reinen Instrumentalwerken hinüber. „Es
-ist eine Art der Komposition, die wohl noch nicht existiert und so sind
-wir immer vor allem dem Dichter zu Dank verbunden, die, neue Wege der
-Kunst zu versuchen, uns so oft anregen.“ Dem heutigen Geschmacke sagt
-diese anorganische Verbindung zwischen Wort und Tönen nicht mehr zu;
-Schumann dagegen that sich auf seine Errungenschaft viel zu Gute und
-schrieb noch 1853 eine ähnliche Musik zu Hebbels „+Haideknaben+“ und
-Schelleys „+Flüchtlingen+“ (_op._ 122). Auch die absolute Musik ist
-durch eine erkleckliche Anzahl von Kompositionen vertreten; zunächst
-durch mehrere Klavierwerke: die interessanten +Waldscenen+ (_op._ 82).
-+Vier Märsche+ (_op._ 76). +Zwölf vierhändige Stücke+ (_op._ 85) sowie
-+Introduktion und Allegro+ für Pianoforte und Orchester (_op._ 92);
-dann durch Phantasien, Konzertstücke und dergleichen für Violoncello,
-Horn, Klarinette und Oboe. (_op._ 70, 73, 86, 94, 102).
-
-Die Folgen solch übermäßiger Anstrengung, zu welcher sich noch die
-mannigfachen Aufregungen durch die politischen Wirren dieses Jahres
-gesellten, blieben nicht aus. Ein unerträglicher Kopfschmerz peinigte
-den Meister, so daß die in Angriff genommene Vollendung des „Faust“
-nur langsam fortschreiten konnte. Seit den ersten Arbeiten daran
-(1844) hatte er nach zweijähriger Pause nur ab und zu ein Stück
-hinzukomponiert, den „Schlußchor“, „Gerettet ist das edle Glied“, die
-„Gretchenscenen“ und „Fausts Erwachen“. Im Sommer 1848 wurde sogar
-eine Privataufführung im Schumannschen Hause veranstaltet und zur
-Goethefeier (29. August 1849) gab man das Werk an mehreren Orten,
-in Weimar, Dresden und Leipzig. Freilich, wenn die Behauptung laut
-wurde, daß der zweite Teil des Faust erst durch Schumanns Musik
-verständlicht worden sei, so ist das nur insofern richtig, als dieser
-von der Gedankenlosigkeit stets arg verlästerte Teil der Mitwirkung
-der Tonkunst bedarf, um den gehörigen Eindruck hervorzubringen und
-insofern, als viele Musiker, durch diese Komposition aufmerksam
-gemacht, sich den „zweiten Teil“ besser angesehen und darum vielleicht
-besser verstanden haben. Übrigens lag es gar nicht in Schumanns
-Vermögen, den ungeheuren Vorgang des Weltgedichtes mit ebenbürtiger
-Musik auszustatten, sondern er komponierte ihn auf seine Weise, das
-heißt in den lyrischen Partien, z. B. dem wahrhaft himmlischen Hymnus
-an die Gottesmutter wunderschön. Anderes, z. B. der Schlußchor, muß
-als unpassend bezeichnet werden, denn wir hören zwar ein Chorstück
-von erlesener Pracht, dessen Melodik aber dem durchaus mythischen
-Sinn der Verse, in welchen die letzten Dinge aller menschlichen
-Weisheit ausgesprochen sind, nicht entspricht. Der Autor selber
-fühlte das wohl und geriet darüber einigemale in Desperation. Er
-komponierte die Nummer um -- ohne auch mit dieser zweiten Fassung
-den rechten Ton getroffen zu haben. Der Palestrinastil, in dessen
-Herrlichkeiten sich Schumann ebendamals versenkte, wäre hier vielleicht
-am Platze gewesen. 1850 schrieb er dann noch die Scene mit den grauen
-Weibern, sowie Fausts Tod hinzu; die Ouvertüre, wohl der schwächste
-Teil des Werkes, ist erst 1853 entstanden, aus dem Bedürfnis, das
-Ganze abzurunden und auf die verschiedenen Stimmungen wenigstens
-einigermaßen vorzubereiten. Mittlerweile hatte Ferdinand Hiller seine
-Konzertdirektorstelle in Düsseldorf aufgegeben und sollte die Leitung
-des Kölnischen Konservatoriums übernehmen. Bei seinem Abgange schlug
-er zu seinem Nachfolger Schumann vor, von dem er wußte, daß er sich,
-erfolglos freilich, in Wien, Berlin und Leipzig um ein ähnliches Amt
-beworben habe. Der Meister zögerte lange, sich von der lieben Heimat
-zu trennen; denn erstens standen daselbst mehrere, für ihn sehr
-wichtige Aufführungen seiner Peri und Genoveva bevor, dann gab Klara
-mit Konzertmeister Schubert in Dresden stark besuchte Soireen und
-schließlich schien Aussicht vorhanden, durch Vermittlung einflußreicher
-Freunde zum Kapellmeister an des flüchtigen Wagner statt ernannt zu
-werden. Während nun die ganze Angelegenheit in der Schwebe hing,
-begab sich Schumann mit seiner Frau auf Kunstreisen über Leipzig nach
-Hamburg, wo er mit Jenny Lind bekannt wurde und an ihr eine begeisterte
-Interpretin seiner Lieder fand. Der berühmten Sängerin ist -- zum Dank
-für ihre Mitwirkung bei zwei Konzerten Klaras -- das Liederheft _op._
-89 gewidmet.
-
-Nach Dresden zurückgekehrt, vernahm er, daß die Stelle am Hoftheater
-schon durch einen anderen, C. Krebs, besetzt sei; man mochte in
-maßgebenden Kreisen an der „revolutionären“ Gesinnung des großen
-Künstlers Anstoß genommen haben. Denn in politischer Hinsicht stimmte
-er mit Wagner so ziemlich überein und machte kein Hehl aus dieser
-seiner Denkungsweise. Bei einem Spaziergange mit dem bekannten
-Litteraten Graf Baudissin suchte ihm der letztere zu beweisen, daß die
-konstitutionelle Monarchie allen übrigen Regierungssystemen vorzuziehen
-sei. Schumann hörte scheinbar aufmerksam zu, die Auseinandersetzungen
-zeitweise mit einem billigenden Kopfnicken begleitend. Doch mußte
-er wohl in die Fortspinnung irgend eines musikalischen Gedankens
-verloren gewesen sein, denn als ihn Baudissin frug, ob er ihn nun
-zu seiner Ansicht bekehrt habe, antwortete Schumann: „Die Republik
-bleibt doch die beste Staatsform!“ Seine Märsche (_op._ 76) wurden von
-Vertrauten sogar „Barrikadenmärsche“ genannt, obwohl ihm, bei seinem
-zurückgezogenen Wesen, nichts ferner lag, als etwa persönlich auf
-den Barrikaden eine Rolle zu spielen. Genug, er sah sich in seinen
-Hoffnungen getäuscht und entschloß sich nunmehr rasch zur Übersiedelung
-ins niederrheinische Land. Komponiert hat er im Laufe des Jahres 1850
-bis zu diesem Zeitpunkte (Anfang Oktober) bloß ein Chorwerk (_op._
-144) und mehrere Lieder (_op._ 83, 89, 90 sowie einige aus _op._ 77,
-96, 127). Ein seltsamer Zufall fügte es, daß Schumann den Lenauschen
-Gedichten in _op._ 90 ein altes Requiemslied angehängt, als die
-Nachricht vom Ende des unglücklichen Dichters eintraf. Er hatte ihm,
-ohne es zu wissen, das Totenlied gesungen; und wenige Jahre später
-sollte er selbst der furchtbaren Krankheit erliegen, welche jenen, ihm
-nahverwandten Geist so früh zerrüttete und zerstörte.
-
-
- [6] Du Geist der Wolke, trüb und schwer,
- Fliegst drohend über Land und Meer.
- Dein grauer Schleier deckt im Nu
- Des Himmels klares Auge zu.
- Dein Nebel wallt herauf von fern
- Und Nacht verhüllt der Liebe Stern:
- Du Geist der Wolke, trüb und feucht,
- Was hast du all mein Glück verscheucht,
- Was rufst du Thränen ins Gesicht
- Und Schatten in der Seele Licht?
- O wende, wende deinen Lauf
- Im Thale blüht der Frühling auf!
-
- [7] Das Programm enthielt u. a.: 29. Jänner. Klavierstücke von Bach,
- Skarlatti, Mendelssohn, Chopin; sechs Lieder und das
- Klavierquintett von Schumann. 2. Februar. Leonorenouvertüre
- (Nr. 3, C-Dur); Lieder von Speyer, Klavierstücke von Klara, von
- Henselt und Liszt. -- Kanon und Klavierkonzert von Schumann.
-
-
-
-
-7. Letzte Lebensjahre.
-
- Und der letzte Schritt auf Erden
- Macht den letzten Fehler gut.
-
- +Grillparzer.+
-
-
-„Ich suchte in einer alten Geographie nach Notizen über Düsseldorf und
-fand da unter den Merkwürdigkeiten angeführt: drei Nonnenklöster und
-eine Irrenanstalt. Die ersteren lasse ich mir gefallen allenfalls,
-aber das letztere war mir unangenehm zu lesen. Ich will dir sagen,
-wie das zusammenhängt. Vor einigen Jahren wohnten wir in Maxen, da
-entdeckte ich denn, daß die Hauptansicht aus meinem Fenster nach dem
-Sonnenstein[8] zuging. Dieser Anblick wurde mir zuletzt ganz fatal; ja,
-er verleidete mir den Aufenthalt. So, dachte ich denn, könne es auch in
-Düsseldorf sein. Ich muß mich sehr vor allen melancholischen Eindrücken
-der Art in acht nehmen.“
-
-Ahnte der arme Meister, als er diese Zeilen an Hiller schrieb, das ihm
-drohende Verhängnis? Stieg das düstere Bild der Zukunft schreckhaft vor
-seiner Seele auf? Fast scheint es so. Denn er mußte doch zuweilen die
-allmähliche Ermattung seines Geistes fühlen, fühlen, wie die Phantasie,
-ja zuletzt die klare Denkkraft ihn verließ; o furchtbare Erkenntnis!
-Aber immer wieder, als sei er einem Fluche verfallen, trieb ihn der
-unselige Ehrgeiz und alte Gewohnheit zu neuem Schaffen an, zermarterte
-er sein müdes, brennendes Hirn und beschleunigte so seinen Untergang.
-Als er im besten Mannesalter, im sechsundvierzigsten Lebensjahre starb,
-da hatte die deutsche Kunst keinen wertvollen Entgang mehr zu beklagen,
-es war ein völlig Erschöpfter, den sie zur ewigen, wohlverdienten Ruhe
-in die Grube senkten.
-
-Zu Anfang der Düsseldorfer Periode hätte das allerdings niemand
-vermuten können. Der neue Wirkungskreis, die Ortsveränderung, die
-reizvolle Gegend und der ehrenvolle Empfang -- alles das übte zunächst
-einen belebenden Einfluß auf Schumann aus. Man merkt es an den sogleich
-nach der Ankunft begonnenen Kompositionen, dem +Cellokonzert+ (_op._
-129) und besonders an der fünften, der „rheinischen“ Symphonie Es-Dur
-(_op._ 97), welche den symphonischen Stil in mancher Hinsicht besser
-trifft als ihre älteren Schwestern, wohl darum, weil sich Schumann
-diesmal sein Ziel nicht so hoch gesteckt hatte. Frische musikalische
-„Bilder des Lebens am Rheine“ ziehen an uns vorüber und der vierte
-Satz, der „im Charakter einer feierlichen Ceremonie“ gehalten werden
-soll, weist sogar auf eine bestimmte Begebenheit, die Erhebung
-des Erzbischofs von Köln (Geissel) zum Kardinal, welcher Schumann
-beigewohnt hatte.
-
-Mit der neuen Stellung war er sehr zufrieden, obwohl ihm zum Dirigenten
-viele wichtige Eigenschaften fehlten: die körperliche Geübtheit, die
-Geistesgegenwart und vor allem die so notwendige Mitteilungsgabe.
-Belehrungen über die Vortragsweise erwartete man von ihm vergebens,
-sondern er ließ das Stück durchspielen und wenn es noch nicht ging,
-wiederholen. Oft sagte er seinen Musikern, er habe sich dies oder
-jenes ganz anders gedacht, ohne sie über die eigentümliche Art seiner
-Auffassung weiter aufklären zu können. Zum Glück war das Düsseldorfer
-Orchester durch Hiller, Rietz und Mendelssohn so weit geschult, daß
-die Unzulänglichkeit Schumanns, den man auf den Händen trug, dem
-Publikum nicht weiter bekannt wurde. Nebst den Abonnementskonzerten
-hatte er nur noch die wöchentlichen Übungen des Singvereines und die an
-gewissen Festtagen stattfindenden Musikaufführungen in der katholischen
-Kirche zu leiten, so daß ihm genug freie Zeit übrig blieb, um seinen
-eigenen Studien nachzugehen. Im Sommer war er gar nicht beschäftigt.
-Er benützte die Konzertferien zu kleineren oder größeren Ausflügen,
-reiste zum Beispiel im Juli 1851 in die Schweiz und im August dieses
-Jahres zum Musikfeste nach Antwerpen, wo er zum Schiedsrichter beim
-Wettsingen gewählt worden war. Sonst verfloß sein Leben in Düsseldorf
-zumeist recht einförmig. Um zwölf Uhr mittags ging er mit Klara und
-irgend einem Bekannten spazieren, von sechs bis acht besuchte er ein
-Gasthaus, um Zeitungen zu lesen und ein Glas Bier zu trinken -- die
-übrigen Stunden des Tages waren der Arbeit gewidmet. Da saß er in
-seinem traulichen, langgestreckten, mit Bücher- und Musikalienschränken
-verstellten Zimmer am Flügel und komponierte.
-
-Über die Werke dieser Periode sei zusammenfassend bemerkt, daß sie dem
-Hörer im allgemeinen nur wenig Genuß gewähren. Nicht als ob, wie in
-den letzten Gaben der Beethovenschen Muse der allzu hohe Ideenflug das
-unmittelbare Verständnis erschwerte -- im Gegenteil, die Unkraft der
-schaffenden Phantasie ist es, die es zu keiner künstlerischen Wirkung
-kommen läßt und bloß Mitgefühl für den armen Meister hervorrufen kann.
-Er hat, wie Dräsecke sagt, als Genie begonnen und als Talent aufgehört;
-schon seit jener Erkrankung um die Mitte der vierziger Jahre ist das
-allmähliche Herabsinken seines Geistesfluges, die Atrophie seines
-Genius zu beobachten. Mit fiebrischer Hast, zu welcher die äußere,
-fast apathische Ruhe unheimlich kontrastiert, springt er von einem
-musikalischen Gebiet auf das andere, schreibt bald +Lieder+ (_op._ 107,
-117, 119, 125, 135) und begeistert sich für die +Gedichte der Elisabeth
-Kulmann+ (_op._ 103, 104), „einer wahren, seligen Insel, die im Chaos
-der Gegenwart emporgetaucht;“ bald +Violinsonaten+ (_op._ 105, _op._
-121 _D-moll_); bald wieder kleinere +Klavierstücke+ (_op._ 109, 111),
-bald ein +Trio+ (_G-moll_, _op._ 110), bald +Märchenbilder+ für Viola
-(_op._ 113), bald eine +Messe+ (_op._ 147) oder ein +Requiem+ (_op._
-148). Richard Pohl, der nachmals berühmte Kritiker, und Moritz Horn
-müssen ihm Opern- und Oratorientexte herstellen; Projekte, wie die
-+Braut von Messina+ und +Hermann und Dorothea+ giebt er gleich wieder
-auf, komponiert aber wenigstens Ouvertüren dazu (_op._ 100 und 136).
-Auch Shakespeares +Julius Cäsar+ erhält eine Ouvertüre (_op._ 128).
-Sehr lange beschäftigt ihn dann der Gedanke an ein Oratorium „Luther“,
-über das sich ein reger Briefwechsel mit Pohl entspinnt. Einige
-Stellen daraus seien hier angeführt, als Beispiel, bis zu welchem
-Grade Schumann seine „Dichter“ beeinflußte und wie er sich das Ideal
-eines Oratoriums ersonnen hatte: „Das Oratorium müßte ein durchaus
-volkstümliches werden, das Bürger und Bauer verstände -- dem Helden
-gleich, der ein so großer Volksmann war. Und in diesem Sinne würde ich
-mich auch bestreben, meine Musik zu halten, also am allerwenigsten
-künstlich, kompliziert, kontrapunktisch, sondern einfach, eindringlich,
-durch Rhythmus und Melodie vorzugsweise wirkend. Im übrigen stimme ich
-mit allem, was Sie wegen Behandlung des Textes in metrischer Hinsicht
-sagen, wie über die volkstümlich altdeutsche Haltung, die dem Gedichte
-zu geben wäre, durchaus überein. -- Das Oratorium müßte für Kirche und
-Konzertsaal passen. Es dürfte mit Einschluß der Pausen zwischen den
-verschiedenen Abteilungen nicht über zweieinhalb Stunden dauern. --
-Alles bloß Erzählende und Reflektierende wäre möglichst zu vermeiden,
-überall die dramatische Form vorzuziehen. -- Möglichst historische
-Treue, namentlich die Wiedergabe der bekannten Kraftsprüche Luthers.
-Sein Verhältnis zur Musik überhaupt, seine Liebe für sie, in hundert
-schönen Sprüchen von ihm ausgesprochen, dürfte gleichfalls nicht
-unerwähnt bleiben. -- Hutten, Sickingen, Hans Sachs, Lucas Kranach, die
-Kurfürsten Friedrich und Johann von Hessen müssen wir wohl aufgeben --
-leider! Erzählungsweise mögen sie aber alle vorkommen. Ich glaube, wir
-müssen den Stoff auf die einfachsten Züge zurückführen, oder nur wenige
-der großen Begebenheiten aus Luthers Leben herausnehmen. Auch glaube
-ich, dürfen wir dem Eingreifen übersinnlicher Wesen nicht zu großen
-Platz einräumen, es will mir nicht zu des Reformators ganzem Charakter
-passen, wie wir ihn nun einmal recht als einen geraden, männlichen und
-auf sich selbst gegründeten kennen. -- Gelegenheit zu Chören geben Sie
-mir, wo Sie können. Händels ‚Israel in Egypten‘ gilt mir als das Ideal
-eines Chorwerks und eine so bedeutende Rolle wünschte ich dem Chor auch
-im ‚Luther‘ zugeteilt. Der Choral ‚Ein’ feste Burg‘ dürfte als höchste
-Steigerung nicht eher als zum Schluß erscheinen, als Schlußchor. --
-Lassen Sie uns das große Werk mit aller Kraft ergreifen und daran
-festhalten.“ Doch kam es trotz der in den letzten Worten gegebenen
-Versicherung zur Ausführung des so wohl bedachten Planes nicht.
-Andere, wichtiger dünkende Projekte drängten sich in den Vordergrund.
-Denn im verzweifelten Streben ja nur Originelles, Bahnbrechendes
-zu produzieren, sann Schumann endlich gar auf die Einführung neuer
-Kunstgattungen, nahm das „weltliche Oratorium“ wieder auf und erfand
-das unerfreuliche, zwitterhafte Genre der „Chorballade“.
-
-+Der Rose Pilgerfahrt+ (_op._ 112) heißt das bis zur Abgeschmacktheit
-sentimentale Carmen Horns, welches jetzt ein -- sehr untergeordnetes
--- Seitenstück zu der sinnigen „Peri“ abgeben sollte, ein Carmen,
-dessen Heldin eine menschgewordene Blume ist, welche liebt, heiratet
-und endlich, man weiß nicht recht warum, von der +Elfen+königin unter
-die +Engel+ aufgenommen wird. Kaum begreifen wir, wie Schumann dies
-fade Produkt gezierter Goldschnittlitteratur anziehen konnte, ihn, der
-einige Jahre vorher sich geäußert: „Schwache Worte zu komponieren ist
-mir ein Greuel; ich verlange keinen großen Dichter, aber eine gesunde
-Sprache und Gesinnung.“ Horn war thöricht und eingebildet zu glauben,
-an dem geringen Erfolg, den das Werk bei den ersten Aufführungen
-davontrug, sei die „in der Auffassung verfehlte“ Musik des Meisters
-schuld. Diese gehört nun freilich nicht zu seinen besten Leistungen,
-enthält aber immerhin gar manche reizvolle Nummer. Derselbe Dichter
-richtete ihm auch die Uhlandsche Ballade: +Der Königssohn+ (_op._
-116) für seine Experimente her, Pohl im folgenden Jahre +Des Sängers
-Fluch+ (_op._ 139). Darnach kommt der Geibelsche Romanzenkranz +Vom
-Pagen und der Königstochter+ (_op._ 140) an die Reihe und schließlich
-1853 +das Glück von Edenhall+ (_op._ 143) von seinem Hausarzte Dr.
-Hasenclever bearbeitet. Das Prinzip dieser zwischen Epos und Drama
-schwankenden Gattung, wie es in _op._ 139 am deutlichsten ausgeprägt
-erscheint, besteht darin, daß der erzählende Teil des Gedichtes einer
-gewissen Stimme übertragen, alles Übrige jedoch, nötigenfalls mit Hilfe
-von beträchtlichen Texterweiterungen, zu Sologesang, Duett, Terzett
-oder Chor umgestaltet wird, je nachdem es die Situation erfordert. So
-entwarf Schumann zu „des Sängers Fluch“ folgendes Schema:
-
- Nr. 1. +Chor mit Solis.+
- Es stand in alten Zeiten -- blühender Genoß.
-
- Nr. 2. +Duettform+ (etwa zehn Zeilen).
- +Alter und Jüngling.+
- Nun sei bereit -- steinern Herz.
-
- Nr. 3. +Recitativ+ (Sopran).
- Schon stehen -- zum Ohre schwoll.
-
- +Ensemble.+
- Alter, Jüngling, König, Königin, Chor.
- (Breit auszuführen).
-
- Nr. 4. +Recitativ.+
- Und wie vom Sturm zerstoben -- Gärten gellt.
-
- Nr. 5. +Harfner.+
- Weh euch!
-
- Nr. 6. +Chor.+
- Der Alte hat’s gerufen -- Das ist des Sängers Fluch.
-
-Pohl legt nun den beiden Sängern ganze Uhlandsche Lieder in den Mund
-und der Chor drückt seine Ergriffenheit mit dem, zu diesem Zwecke
-veränderten Verse: „Wie schlägt der Greis die Saiten, so wundervoll
-und mild“ aus. Ferner wird der Königin ein früheres, zärtliches
-Verhältnis zum Jünglinge insinuiert. Die beiden sind so unvorsichtig,
-im Angesichte des ganzen Hofes ein langes Liebesduett anzustimmen,
-worauf der König in begreiflicher Entrüstung den kecken Troubadour mit
-den Worten: „Stirb feiger Sklavensohn!“ niedersticht. Daß Schumann die
-poetischen Sünden eines unerfahrenen Kunstnovizen für gut befinden, ja
-sogar veranlassen konnte, zeugt gewiß von einer bedeutenden Trübung
-seines einst so klaren, richtigen Blickes.
-
-Im März 1852 gab das Schumannsche Ehepaar unter großem Zulauf
-auswärtiger Musiker (Liszt, Robert Franz, Joachim, Meinardus u. a.)
-eine Anzahl von Konzerten in Leipzig, doch vermochten selbst vor diesem
-wohlgesinnten Publikum gerade die letzten Werke keinen rechten Erfolg
-zu erringen. Denn selten nur erhellt in ihnen ein Blitz, manchmal
-wohl ein fernes Wetterleuchten des Genies das lastende Dunkel. Müde
-und abgespannt kehrte der Meister nach Düsseldorf zurück, an dem
-Männergesangsfest (im August) beteiligte er sich nur wenig und eine
-Kur in Scheveningen, wo er mit seinem alten Freunde Verhulst das
-Wiedersehen feierte, brachte nur vorübergehende Besserung. Von seinem
-sonderbaren Zustand giebt eine Erinnerung des Malers Bendemann an eine
-Abendgesellschaft, bei welcher auch Schumann zugegen war, interessanten
-Bericht: „Nach dem Essen trug Klara einige Klavierstücke vor. Schumann
-hatte sich unterdes seiner Gewohnheit nach in ein Nebenzimmer
-zurückgezogen. Seine Frau, die immer sehr besorgt um ihn war, ging
-nach Beendigung ihrer Vorträge zu ihm hin. Ich begleitete sie. Als wir
-eintraten, schrak er aus seinem träumerischen Versunkensein empor und
-fragte: Wer hat da gespielt? Ich merkte, wie die Frage Frau Schumann
-ins Herz schnitt. Aber Robert, ich habe ja gespielt, erwiderte sie mit
-bebender Stimme. So warst du das!? gab Schumann gleichgültig zurück
-und versank wieder in seine Meditationen. Die sonderbaren Worte hatten
-die liebe Frau so angegriffen, daß sie förmlich unwohl wurde und den
-Wunsch aussprach, nach Hause zu gehen. Schumann hatte darnach nur ein
-kurzes: Warum denn? Es ist ja ganz nett hier! -- Aber bester Schumann,
-wenn Ihre Frau unwohl ist, müssen Sie sie doch nicht zurückhalten,
-sagte ich, mich ins Mittel legend. Da brach er denn auf. Am andern
-Morgen aber empfing ich einen Brief von ihm, worin er sich ziemlich
-beleidigt über meine Einmischung aussprach.“ (Schrattenholz, E.
-Bendemann). Über seinen damaligen Geisterglauben erzählt ein anderer
-Freund, Wasiliewski, Folgendes: „Als ich im Mai 1853 eines Tages in
-Schumanns Zimmer eintrat, lag er auf dem Sofa und las in einem Buche.
-Auf mein Befragen, was der Inhalt des letzteren sei, erwiderte er mit
-gehobener Stimme: ‚O! Wissen Sie noch nichts vom Tischrücken?‘ ‚Wohl!‘
-sagte ich in scherzendem Tone. Hierauf öffneten sich weit seine für
-gewöhnlich halbgeschlossenen Augen. Die Pupille dehnte sich krampfhaft
-auseinander und mit eigentümlich geisterhaftem Ausdrucke sagte er
-langsam: ‚+die Tische wissen alles+.‘ Als ich diesen drohenden Ernst
-sah, ging ich, um ihn nicht zu reizen, auf seine Meinung ein, infolge
-dessen er sich beruhigte. Dann rief er seine zweite Tochter herbei und
-fing an mit ihr und einem kleinen Tische zu experimentieren, wobei
-er ihn auch den Anfang der _C_-mollsymphonie von Beethoven markieren
-ließ.“ Doch konnte Schumann zu gewissen Zeiten auch recht umgänglich,
-ja wohl aufgeräumt sein. Beim großen niederrheinischen Musikfest
-(Pfingsten 1853) that er sich als Dirigent sogar wieder hervor und
-brachte nebst der umgearbeiteten _D_-mollsymphonie auch eine neu
-komponierte +Festouvertüre über das Rheinweinlied+ mit Gesang (Soli
-und Chor) unter vielem Beifall zur Aufführung. Denkwürdig ist sodann
-sein Verhältnis zu Johannes Brahms, der an ihn durch Joachim empfohlen
-war. Schumann, die außergewöhnliche Begabung des zwanzigjährigen
-Künstlers erkennend, griff anerkennungsfreudig wie immer, noch einmal
-zur Feder und proklamierte ihn in der Brendelschen Zeitschrift --
-nicht als vielverheißenden Jünger, sondern als „starken Streiter“
-und Meister, der berufen sei, „den höchsten Ausdruck unserer Zeit in
-idealer Weise auszusprechen.“ Brieflich bezeichnet er ihn als den, „der
-kommen mußte“, als „einen jungen Aar“, welcher „die größte Bewegung
-in der musikalischen Welt hervorrufen werde“. Selbst wer diesem
-enthusiastischen Preise nicht in ganzem Umfange beipflichten kann,
-muß zugeben, daß Brahms unter den absoluten Musikern der letzten Zeit
-entschieden und verdientermaßen den ersten Platz sich erobert hat.
-Kurz, der „blonde Johannes“ war Schumanns erklärter Liebling von Stund
-an. Oft gedachten die beiden Künstler bei ihrem Beisammensein auch des
-fern weilenden, aber zum Konzerte erwarteten Freundes Joachim, ja, der
-stille, schweigsame Robert schwang sich gar einmal zu folgendem Toast
-in Charadenform auf: „Drei Silben; die erste liebte ein Gott, die zwei
-anderen lieben viele Leser, das Ganze lieben wir alle; das Ganze und
-der Ganze sollen leben!“ (Jo-achim). Auch existiert eine Violinsonate,
-welche er, Brahms und der junge Musiker Albert Dietrich dem berühmten
-Geigenvirtuosen zu Ehren geschrieben haben. Sie wurde ihm nach seiner
-Ankunft in Düsseldorf vorgespielt und richtig erkannte er den Verfasser
-jedes einzelnen Satzes. Später ersetzte Schumann die zwei fremden Sätze
-durch eigene Musik und gab die Komposition als (_op._ 131) heraus.
-
-Leider zählten solche Perioden geistiger Frische nur nach Tagen. In
-demselben Monate (Oktober), in welchen der Verkehr mit Brahms fällt,
-nahmen auch die Abonnementskonzerte ihren Anfang und schon beim ersten
-zeigte es sich deutlich, daß Schumann seiner Aufgabe als Dirigent
-nicht mehr gewachsen sei. Man bat ihn, das Dirigieren zur Schonung
-seiner Gesundheit wenigstens vorläufig dem zweiten Kapellmeister
-zu überlassen, beleidigte aber durch dieses vielleicht nicht genug
-schonend vorgebrachte Ansinnen den reizbaren Meister derart, daß er
-seine Stelle ohne Verzug niederlegte.
-
-Er wandte Düsseldorf den Rücken und begab sich mit Klara auf eine
-Konzerttour nach Holland. Da durfte er denn, mit Ehren überhäuft, die
-ihm vermeintlich zugefügten Kränkungen vergessen. „Das holländische
-Publikum,“ schreibt er frohbewegt, „ist das enthusiastischste, die
-Bildung im ganzen dem Besten zugewendet. Überall hört man neben den
-alten Meistern auch die neuen. So fand ich in Hauptstädten Aufführungen
-meiner Kompositionen vorbereitet (der dritten Symphonie in Rotterdam
-und Utrecht, der zweiten in Haag und Amsterdam, auch der Rose in Haag),
-daß ich mich nur hinzustellen brauchte, um sie zu dirigieren. Ich habe
-zu meiner Verwunderung gesehen, daß meine Musik hier beinahe heimischer
-ist als im Vaterlande.“
-
-Am 22. Dezember traf das Künstlerpaar wieder zu Hause ein, mit dem
-Vorsatz, die leidige Stadt im Laufe des kommenden Frühlings für
-immer zu verlassen. Zwei litterarische Pläne beschäftigten den
-Meister fortan: Zuerst die Herausgabe seiner gesammelten Aufsätze in
-Buchform,[9] wobei es ihm eine Freude war zu bemerken, daß er in der
-langen Zeit, seit über zwanzig Jahren, von den damals ausgesprochenen
-Ansichten fast gar nicht abgewichen sei; dann eine Zusammenstellung
-aller Dichtersprüche über Musik von den ältesten Zeiten an, unter dem
-Titel „Dichtergarten“. An der Vollendung dieser Arbeit verhinderte ihn
-jedoch sein neuerdings ausbrechendes Leiden.
-
-Becker erzählt, daß Schumann einmal im Gasthause plötzlich die Zeitung
-weggelegt habe mit den Worten: „Ich kann nicht mehr lesen; ich höre
-fortwährend _A_.“ Solche Sinnestäuschungen kehrten jetzt mit
-doppelter Stärke wieder. Des Nachts erscheinen ihm Schubert und sein
-lieber Mendelssohn und singen ihm eine rührende Melodie vor, bis er
-vom Lager springt und sie aufzeichnet.[10] Geisterstimmen tönen ihm
-entgegen, bald mild und freundlich, bald drohend und vorwurfsvoll.
-Eine furchtbare Angst ergreift den Beunruhigten, während Klara durch
-vierzehn bange Nächte und Tage alles aufbietet, um die quälenden
-Gedanken des Gatten zu zerstreuen. Umsonst! Am Fastnachtsmontag, am 17.
-Februar 1854, entfernt er sich heimlich aus dem Hause, eilt auf die
-Rheinbrücke und springt, seinen peinlichen Zustand zu enden, in den
-eisigen Strom. Aber anwesende Schifferknechte fischen ihn noch lebendig
-wieder heraus: einen Wahnsinnigen. Man brachte ihn am 4. März in die
-Privatheilanstalt des Dr. Richarz zu Endenich bei Bonn.
-
-Ererbte Disposition und übermäßige Anstrengung des Geistes -- das gaben
-die Ärzte als Ursache der Krankheit an. Allein sie erklären damit nicht
-alles. Schumann war ein großer, kräftiger, gesund aussehender Mann,
-dessen Leben im ganzen glücklich genannt werden darf. Alles, was er
-wünschte, hatte er errungen, Freundschaft, Liebe, Künstlerschaft; nie
-hatte ihm die Sorge ums tägliche Brot ihr bleiches Antlitz gewiesen.
-Bedenkt man, wie andere Künstler schwach an Körper, bettelarm, mit
-wundem Herzen durch die Welt gewandelt sind, ebenso produktiv,
-vielleicht noch produktiver als unser Meister, ohne dabei dem Wahnsinn
-verfallen zu sein, so muß man einräumen, daß es hier eine besondere
-Bewandtnis gehabt habe. Fragen wir darum nicht weiter die Medizin,
-sondern lieber einen mitfühlend verstehenden Genius -- Grillparzer.
-Und dieser sagt uns mit ausdrücklichem Bezug auf Schumann: „Ich meine
-immer, ein Künstler, der wahnsinnig wird, sei im +Kampfe gegen
-seine Natur+ gelegen.“ Herrlicher Tiefblick des Dichters! Wie
-beschämt er die Instrumente des secierenden Gelehrten, welche nur über
-Gehirnentartung, Gefäßerweiterung und dergleichen Aufschluß zu geben
-wußten. Grillparzer, der Schumann bloß einmal flüchtig gesehen, löst
-uns durch einen scharfen Hieb seines Intellekts den gordischen Knoten
-der Schumannfrage und führt uns zur Erkenntnis, daß nicht das Übermaß
-des Schaffens, sondern das Schaffen gegen seine Natur und Eigenart
-diesen Geist erschöpft und zerrüttet habe. Im Verlaufe unserer
-Darstellung wurde dieses Moment schon mehrmals hervorgehoben.
-
-Zu Endenich lebte Schumann meist in einem Zustande tiefster
-melancholischer Depression. Manchmal trat wieder eine so bedeutende
-Besserung ein, daß man sogar auf völlige Genesung hoffen zu können
-glaubte: dann verschwand der irre Blick aus seinen Augen, er
-musizierte und schrieb an Familie und Verleger. Doch am Beginn des
-Sommers 1856 ging es mit ihm merklich zu Ende. Seine Freunde, die in
-treuer Anhänglichkeit oft zum Krankenhaus wanderten, um Nachrichten
-einzuholen, kamen mit immer traurigerer Botschaft heim. Die einzige
-Beschäftigung dieses einst so bedeutenden Geistes bestände darin,
-sich in einem, von Brahms geschenkten Atlas eingebildete Reisen
-zusammenzusuchen. Am 29. Juli um vier Uhr nachmittags verschied er
-sanft in den Armen seiner Gattin. Sie und alle, die Schumann liebten,
-fühlten sich erleichtert: er war ja befreit von schwerem Leiden.
-
-Die Nachricht von Schumanns Tode durcheilte Bonn und die anderen
-rheinischen Städte in wenigen Stunden. Auf Straßen und Plätzen wurde
-man darauf angeredet, ob man die Trauerkunde schon vernommen. Von fern
-und nah eilten die Verehrer des Meisters zu seinem Begräbnis, Brahms,
-Joachim, Dietrich gingen barhaupt hinter dem Sarge, Hiller sprach die
-Grabrede und die Bevölkerung Bonns war in Scharen herbeigeströmt, um
-den Leichenzug zu sehen, als würde ein König beerdigt. Auf dem Bonner
-Kirchhof vor dem Sternenthor, nicht weit von Vater Arndt, ruht jetzt
-der müde Sänger. Dort hat ihm im Mai 1880 die Liebe seiner Freunde ein
-würdiges Denkmal errichtet.
-
-
- [8] Bekannte Irrenanstalt.
-
- [9] Erschienen bei Wigand, 1854. Später ging das Verlagsrecht an
- Breitkopf und Härtel über. Neue Ausgabe: Universal-Bibliothek
- Nr. 2472/73. 2561/62. 2621/22.
-
- [10] Johannes Brahms hat über dieses im Nachlasse des Meisters
- vorgefundene Thema sehr schöne Variationen geschrieben (_op._
- 23).
-
-
-
-
-8. Rückblick.
-
- Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da.
-
- +Antigone.+
-
-
-Wenn unser Auge bei der Betrachtung des Schumannschen Lebensganges an
-manchen Schwächen und Irrtümern haften mußte, so darf der folgende
-Abschnitt nun ganz dem Preise seiner bedeutenden Leistungen gewidmet
-sein. Mag der eine dieser, der andere jener den Vorzug zuerkennen --
-über ihren hohen Wert ist heutzutage alle Welt einig und zählt ihn,
-wenn auch nicht zu jenen Gewaltigen, welche die gesamten idealen
-Bestrebungen des verfließenden Zeitalters kraftvoll zusammenfassend,
-einem künftigen den Stempel ihres Geistes aufdrücken, so doch zu
-den Musikern ersten Ranges. Er war ein musikalischer Kernmensch und
-vermag darum sogar in Kunstgattungen, für welche ihm die spezielle
-Befähigung abging, in Ehren zu bestehen und die volle Teilnahme des
-Hörers zu erwecken. Sollen wir aber diese seine spezielle Befähigung
-genauer umschreiben, was könnten wir Treffenderes vorbringen, als das
-Urteil, welches er selbst, über einen anderen Künstler (L. Berger)
-freilich, gefällt hat: „Überhaupt war er in kleinen Formen glücklicher
-als in größeren, wie dies oft bei Naturen der Fall, die stets ihr
-Bestes, Tiefstes, Innigstes geben möchten. Schlage man solche Stücke
-nicht zu gering an. Eine gewisse breite Unterlage, ein bequemes
-Aufbauen und Abschließen mag mancher Leistung zum Lobe gereichen. Es
-giebt aber Tondichter, die, wozu andere Stunden brauchen, in Minuten
-auszusprechen wissen: zur Darstellung, wie zum Genießen solcher geistig
-konzentrierter Kompositionen gehört aber freilich auch eine gesteigerte
-Kraft des Darstellenden wie des Aufnehmenden und dann auch die rechte
-Stunde und Zeit; denn schöne, bequeme Form läßt sich immer genießen
-und auslegen; tiefer Gehalt wird aber nicht zu jeder Zeit verstanden.
-Daß Berger auch größerer Formen Meister war, hat er in seinen Sonaten
-und Konzerten bewiesen. Keineswegs aber geben wir für diese eben jene
-kleineren, genialeren Arbeiten hin, wie jene Charakterstücke, einige
-seiner Variationen und vor allem seine Lieder.“
-
-So Schumann. Um die Schönheiten seiner Musik zu empfinden, bedarf
-es natürlich, wie bei allen tiefer gedachten Kunstwerken einer
-eingehenden Bekanntschaft. „Als ich Schumann zu spielen anfing,“
-erzählt Robert Hamerling,[11] „glaubte ich in seiner Tonsprache dem
-hellen Klangreize anderer Meister gegenüber etwas Herbes, Dumpfes
-zu finden, welches jedoch, sobald es nur vom rechten Geschick und
-Verständnis bewältigt war, in den süßesten Wohllaut sich auflöste.
-Vor allem will das Individuelle, Charakteristische des Tonstückes
-bei ihm erfaßt und festgehalten sein und aus diesem Grunde ist die
-Kenntnisnahme der Überschriften, die er über seine Werke setzt, für
-den vollen Genuß des Hörers so unentbehrlich, wie für den Vortrag. Was
-soll der Hörer von den Sprüngen des Harlekins denken, wenn er nicht
-weiß, daß es eben Harlekinssprünge sind.“ Als Gegensatz zu Mendelssohns
-ohrenfälligem Formenspiel wurde diese Musik vom Publikum anfangs
-mit der -- gleichfalls unverständlich dünkenden -- „Zukunftsmusik“
-zusammengeworfen, wozu noch der Umstand beitrug, daß Brendel in seiner
-Zeitschrift die beiden Richtungen mit demselben Enthusiasmus verfocht.
-Schumanns Parteigänger protestierten entschieden, aber nicht ganz mit
-Recht gegen solche Beiordnung, denn thatsächlich finden sich zwischen
-ihm und der „Weimarer Schule“ gar viele und wichtige Berührungspunkte.
-
-Beiden ist vor allem die geschichtliche Basis: Bach und (der letzte)
-Beethoven gemeinsam. „Das Tiefkombinatorische, Poetische und
-Humoristische der neueren Musik,“ bemerkt Schumann, „hat seinen
-Ursprung zumeist in Bach. Die sogenannten Romantiker stehen Bach
-weit näher als Mozart, wie ich selbst tagtäglich vor diesem Hohen
-beichte, mich durch ihn zu reinigen und zu stärken suche,“ und ein
-andermal gesteht er, daß ihn nur mehr „das Äußerste“ reize; „Bach fast
-durchweg, Beethoven zumeist in seinen späteren Werken.“ „Es ist wahr,
-zum Verständnis der Beethovenschen letzten Quartette gehört mehr als
-bloße Lust zum Hören. Der empfänglichste, offenste Musikmensch wird
-ungerührt von ihnen gehen, wenn er nicht tiefe Kenntnis des Charakters
-Beethovens und dessen späterer Aussprache mitbringt. Dann aber, ist
-er auf dem Wege dahin, so kann auch dem menschlichen Geiste kaum
-etwas Wunderwürdigeres geboten werden, als jene Schöpfungen, denen
-in ihrer tiefsinnigen Gestaltung, ihrem alle menschlichen Satzungen
-überschwebenden Ideenfluge von anderer neuerer Musik gar nichts und
-im übrigen nur einiges etwa von Lord Byron oder von Jean Pauls und
-Goethes späteren Werken verglichen werden kann.“ Die Tonkunst ist
-ihm „die veredelte Sprache der Seele; andere finden in ihr einen
-Ohrenrausch, andere ein Rechenexempel und üben sie in dieser Weise
-aus. Aber das wäre eine kleine Kunst, die nur klänge und keine Sprache
-noch Zeichen für Seelenzustände hätte!“ Auch die Lehre von der Einheit
-des Kunstgefühls, von der Urverwandtschaft der Künste läßt sich in
-Schumanns Schriften und Briefen nachweisen. „Die Ästhetik der einen
-Kunst ist die der anderen; nur das Material ist verschieden. Der
-gebildete Musiker wird an einer Rafaelschen Madonna mit gleichem
-Nutzen studieren können, wie der Maler an einer Mozartschen Symphonie.
-Noch mehr: dem Bildhauer wird jeder Schauspieler zur ruhigen Statue,
-diesem die Werke jenes zu lebendigen Gestalten; dem Maler wird das
-Gedicht zum Bild, der Musiker setzt die Gemälde in Töne um.“ Gleich den
-„Neudeutschen“ möchte sich Schumann vom partikularistischen Standpunkt
-des Musikers zum höheren, allgemeineren des „Künstlers“ schlechthin
-erheben. „Sieh dich tüchtig im Leben um, wie auch in anderen Künsten
-und Wissenschaften,“ ruft er dem Musiker zu und bekennt: „Es affiziert
-mich alles, was in der Welt vorgeht, Politik, Litteratur, Menschen;
-über alles denke ich nach meiner Weise nach, was sich dann durch
-die Musik Luft machen, einen Ausweg suchen will. Deshalb sind viele
-meiner Kompositionen so schwer zu verstehen, weil sie an entfernte
-Interessen anknüpfen, oft auch bedeutend, weil mich alles Merkwürdige
-der Zeit ergreift und ich es dann musikalisch aussprechen muß.“ Sogar
-was die Programmmusik anbelangt, stimmt er mit den Neudeutschen in der
-Kardinalfrage: nach ihrer Berechtigung überein. Er meint zwar einmal,
-es sei kein gutes Zeichen für ein Tonstück, wenn es der Überschrift
-bedarf; es wäre dann gewiß nicht der inneren Tiefe entquollen, sondern
-erst durch irgend eine äußere Vermittlung angeregt; und vom Programm
-einer Berliozschen Symphonie: „Ganz Deutschland schenkt es ihm; solche
-Wegweiser haben immer etwas Unwürdiges, Charlatanmäßiges.“ Doch stehen
-damit zahlreiche andere Aussprüche Schumanns in offenbarem Widerspruch,
-so daß es den Anschein hat, als sei er in dieser Frage nicht ganz
-schlüssig geworden. Man höre: Warum könnte nicht einen Beethoven
-inmitten seiner Phantasien der Gedanke an Unsterblichkeit überfallen?
-Warum nicht das Andenken eines großen gefallenen Helden ihn zu einem
-großen Werke begeistern? Warum nicht einen anderen die Erinnerung an
-eine selig verlebte Zeit? Italien, die Alpen, das Bild des Meeres, eine
-Frühlingsdämmerung -- hätte uns die Musik noch nichts von diesem allen
-erzählt? Ja, selbst kleinere, speziellere Bilder können der Musik einen
-so reizend festen Charakter verleihen, daß man überrascht wird, wie sie
-solche Züge auszudrücken vermag. So erzählte mir ein Komponist, daß
-sich ihm während des Niederschreibens das Bild eines Schmetterlings,
-der auf einem Blatte im Bache mitfortschwimmt, aufgedrungen: dies
-hätte dem kleinen Stücke die Zartheit und Naivetät gegeben, wie es nur
-irgend das Bild in der Wirklichkeit besitzen mag.... Man irrt sich
-gewiß, wenn man glaubt, die Komponisten legen sich Feder und Papier
-in der elenden Absicht zurecht, dies oder jenes auszudrücken. Doch
-schlage man zufällige Einflüsse und Eindrücke von außen nicht zu gering
-an. Unbewußt neben der musikalischen Phantasie wirkt oft eine Idee
-fort, neben dem Ohr das Auge, und dieses, das immer thätige Organ,
-hält dann mitten unter den Klängen und Tönen gewisse Umrisse fest, die
-sich mit der vorrückenden Musik zu deutlichen Gestalten verdichten und
-ausbilden können. Je mehr nun mit der Musik verwandte Elemente die
-mit den Tönen erzeugten Gedanken oder Gebilde in sich tragen, von je
-poetischerem oder plastischerem Ausdrucke wird die Komposition sein
-und, je phantastischer oder schärfer der Musiker aufpaßt, um so mehr
-wird sein Werk erheben oder ergreifen. Daß sich Schumann zu seinen
-Symphonien durch äußere Momente anregen ließ, wurde bereits erwähnt,
-aber selbst in seine Kammermusikwerke spielen, wie es scheint, allerlei
-poetische Ideen hinein. Umgekehrt, und das ist das Entscheidende,
-genießt Schumann absolute Musik nicht rein musikalisch, sondern als
-Poet, als Künstler: „Ich kann nicht unterlassen anzuführen, wie mir
-einstens während eines Schubertschen Marsches der Freund, mit dem ich
-spielte, auf meine Frage, ob er nicht ganz eigene Gestalten vor sich
-sehe, zur Antwort gab: Wahrhaftig, ich befand mich in Sevilla, aber vor
-mehr als hundert Jahren, mitten unter auf- und abspazierenden Dons und
-Donnas mit Schleppkleid, Schnabelschuhen u. s. w. Merkwürdigerweise
-waren wir in unseren Visionen bis auf die Stadt einig.“ Verwahrte
-sich Schumann nicht ausdrücklich dagegen, so dürfte man ihn (mit
-Liszt) nach den Überschriften, die er seinen Tonstücken giebt, als
-Programmatiker betrachten; doch erklärt er zu wiederholten Malen, sie
-seien erst später entstanden und nur „feinere Fingerzeige für Vortrag
-und Auffassung.“ Mag dies nun für all seine Werke zutreffen oder nicht
--- jedenfalls ist Schumann, zwar kein Partner, wohl aber ein Vorläufer
-der „neudeutschen Schule“, das notwendige Mittelglied zwischen ihr und
-Beethoven.
-
-Der Glaube, in welchem er komponierte, war der an die unversiegbare
-Kraft des deutschen Kunstgeistes: „Mir ist oft, als ständen wir an den
-Anfängen, als könnten wir noch Saiten anschlagen, von denen man früher
-noch nicht gehört.“ Auch der Hinweis auf die Zukunft kehrt bei Schumann
-häufig wieder, ja einmal sagt er gar: „Eine Zeitschrift für +zukünftige
-Musik+ fehlt noch, als Redakteure wären freilich nur Männer, wie der
-ehemalige, blind gewordene Kantor an der Thomasschule (Bach) und
-der taube, in Wien ruhende Kapellmeister (Beethoven) passend.“ Aber
-gleich den Neudeutschen verwirft er bloße Nachahmung dieser verehrten
-Meister. Persönlichkeit scheint ihm nicht nur das „höchste Glück der
-Erdenkinder“, sondern auch die vornehmste Eigenschaft jedes wirklichen
-Künstlers. „Nenne mich beileibe nicht mehr Jean Paul den Zweiten
-oder Beethoven den Zweiten,“ schreibt er Klara; „da könnte ich dich
-eine Minute lang hassen. Ich will zehnmal weniger sein als andere,
-aber nur für mich etwas.“ Noch muß die nationale Tendenz Schumanns
-hervorgehoben werden, denn er ist eigentlich der erste Komponist, der
-sein Deutschtum stärker betont, der die Anlehnung an ausländische
-Muster geflissentlich vermeidet -- ganz wie die Neudeutschen. „Die
-höchsten Spitzen italienischer Kunst reichen noch nicht an die Anfänge
-wahrhaft Deutscher,“ sagt er, ebenso überzeugungsvoll, als ungerecht,
-und die Fremdwörter, welche sich zu seiner Zeit auf Titeln und in den
-Vortragsbezeichnungen breit machten, auszumerzen, war sein eifrigstes
-Bestreben. Als Brendel bei der Übernahme der Zeitschrift die Absicht
-aussprach, sie in Zukunft mit lateinischen Lettern drucken zu lassen,
-protestierte Schumann sehr heftig dagegen und erklärte, daß er dann
-imstande sei, sie nicht wieder anzusehen. -- Endlich hat Schumann mit
-den Neudeutschen die Doppelthätigkeit als Künstler und Schriftsteller
-gemeinsam. Bei ihm ist diese Vereinigung zweier Talente, wie Liszt
-vortrefflich ausführt, „noch durch das Verdienst erhöht, daß er
-nicht unbewußt dem Drange der Verhältnisse nachgab und, nachdem er
-diese erkannt, nicht erst die äußerste Notwendigkeit zum Handeln
-abwartete. Nicht zufrieden, für seine Idee, die damals ebenso wenig
-allgemein begriffen wurde, als sie es kaum in den nächsten Dezennien
-sein dürfte, zu eifern, zu predigen, zu arbeiten, zu kämpfen, setzte
-er für die erkannte Wahrheit Gut und Leben ein. Ein richtiger Blick
-ist zu allen Zeiten sein Vorzug, seine Kritik liefert ein schönes
-Beispiel eines prinzipiell strengen, faktisch wohlwollenden Geistes,
-der anspruchsvoll für die Kunst, nachsichtig gegen die Künstler ist,
-der gern aus seiner Heimat in den Wolkenschichten als freundlicher
-Gast in bescheidenen Niederungen einkehrt, dem Vielwollenden vieles
-verzeiht, redliche Gesinnung und beharrliches Streben ermuntert, sich
-mutig und voll Zorn gegen reiche Geister erhebt, die ihren Reichtum
-nicht zum alleinigen Nutzen der Kunst erheben wollen, der selbst im
-Tadel sanft gegen Schwache ist und im Lobe selbst gebieterisch gegen
-Erfolgreiche -- ehrlich aber gegen alle.“ Schumanns unmittelbaren
-Schülern kann freilich der Vorwurf nicht erspart werden, die von ihm
-erlernte stilistische Gewandtheit mehr dazu benützt zu haben, ihren
-eigenen Witz auf Kosten des Kunstwerkes glänzen zu lassen, als es
-verständnisvoll und wohlwollend zu beleuchten; allein wer wird den
-Meister für die Verirrungen seiner Jünger zur Verantwortung ziehen? Er
-hatte fürwahr eine höhere Meinung von dem ehrwürdigen Amte der Kritik:
-„Thörichten, Eingebildeten schlägt sie die Waffen aus der Hand,“ sagt
-er, „Willige schont, bildet sie; Mutigen tritt sie rüstig freundlich
-entgegen: vor Starken senkt sie die Degenspitze und salutiert.“ Ferner:
-„Wir gestehen, daß wir für die höchste Kritik halten, welche durch
-sich selbst einen Eindruck hinterläßt, dem gleich, den das anregende
-Original hervorbringt. In diesem Sinne könnte Jean Paul zum Verständnis
-einer Beethovenschen Symphonie durch ein poetisches Gegenstück mehr
-beitragen, als die Dutzend-Kunstrichter, die Leitern an den Koloß
-legen, um ihn nach Ellen zu messen.“
-
-Unter den zahlreichen, zum größeren Teile in die „Gesammelten
-Schriften“ aufgenommenen, kritischen Artikeln Schumanns haben
-namentlich zwei bedeutenden Einfluß auf den musikalischen Geschmack in
-Deutschland gehabt; der eine über Berlioz, worin er den Wert dieses
-zumeist als Halbverrückten behandelten Künstlers unbefangen aufdeckte,
-ist besonders in methodologischer Hinsicht von außerordentlicher
-Bedeutung und man hört es noch heute von Musikern, daß sie daraus mehr
-wirkliches und nützliches Wissen schöpfen, als aus den umfangreichsten
-Lehrbüchern musikalischer Gelehrsamkeit. In späterer Zeit wurde
-Schumann allerdings empfindlicher gegen das Bizarre, Extravagante in
-Berlioz’ Musik, doch blieb es immer sein Stolz, „mit der kritischen
-Weisheit nicht zehn Jahre hinterdrein gefahren zu sein, sondern
-im voraus gesagt zu haben, daß Genie in dem Franzosen gesteckt.“
-Griepenkerls, von wahrem Fanatismus für Berlioz erfüllte Broschüre:
-„Ritter Berlioz in Braunschweig“, besprach er, trotzdem gegen ihn
-selbst polemisiert wurde, überaus freundlich und schloß mit den Worten:
-„Möge die kleine Schrift gelesen werden; sie enthält manch blitzenden
-Gedanken und konnte auf so vieles Unwürdige, Ignorantenhafte, was
-neuerdings über Berlioz geschrieben worden ist, gar nicht ausbleiben.“
-Dem merkwürdigen Künstler aber schlage, was um ihn vorgeht, alles zum
-Besten aus, wie Goethe sagt im Tasso:
-
- „Ruhm und Tadel
- Muß er ertragen lernen, sich und andere
- Wird er gezwungen recht zu kennen.“
-
-Ganz anders gestaltete sich hingegen das Verhältnis Schumanns zu
-einem anderen, nicht minder berühmten Pariser Musiker: Meyerbeer.
-Nicht als hätte er bei diesem das große Talent verkannt, aber sein
-unkünstlerisches Streben nach Effekt, die innere Hohlheit seiner Werke
-stieß den idealistischen, ehrlichen Deutschen ab. Bedenkt man das
-ungeheuere, durch die bezahlte Tagespresse erzeugte Ansehen, welches
-Meyerbeer genoß und seinen verderblichen Einfluß auf den öffentlichen
-Kunstgeschmack (es gab Leute, die ihn Mozart an die Seite stellten!),
-so muß Schumanns Artikel gegen „Die Hugenotten“ als eine nationale und
-künstlerische That bezeichnet werden. „Nie unterschrieb ich etwas mit
-so fester Überzeugung als heute,“ sagte er am Schlusse des Aufsatzes
-und auch späterhin ist er von seiner Meinung nicht abgekommen. Die
-erste, nicht günstige Kritik über „Tannhäuser“ scheint, wenigstens
-indirekt, Meyerbeer verschuldet zu haben, insofern, als Wagners
-offenkundige Beziehungen zu ihm, Schumanns Argwohn erweckten. Mit
-welchem Freimut er sein Urteil zurücknahm, sobald er sich von der
-Unbilligkeit des Tadels überzeugt hatte, hörten wir schon.
-
-Sowohl durch seinen gewählten, reinen und graziösen Stil, als durch
-die treffende, harmonische Anwendung seiner Bilder gehört Schumann
-unbedingt zu den hervorragendsten Schriftstellern der dreißiger
-Jahre. Bis dahin hatte man in Deutschland selten Wissenschaftliches,
-Vernünftiges und Richtiges über Musik in einem blühenderen Stil als
-dem bei Lehrbüchern der Arithmetik gebräuchlichen vortragen gehört.
-Schumann vermied diese Trockenheit der Fachmenschen, die in so wenig
-anziehender Weise und immer nur vom technischen Standpunkt aus über
-Musik derartig gesprochen hatten, daß man leicht von ihr selbst hätte
-abgeschreckt werden können. Er wußte die Laien zu interessieren, denen
-bisher die musikalischen Zeitschriften meistens für zu viel Langeweile
-zu wenig Belehrung geboten hatten.
-
-Wie Jean Paul die zwei kontrastierenden Seiten seines Wesens in
-„Walt und Wult“ verkörpert hat, so Schumann bekanntlich das Seinige
-in „Florestan und Eusebius“. In wie feiner Weise macht er sich nun
-diese Fiktion für seine Kritik zu nutze! Er stellt Florestan als
-Repräsentanten der abstrakten Kunst hin und Eusebius als das liebevoll
-auffassende Künstlergemüt und vermochte, indem er bald diesem, bald
-jenem das Wort erteilte, Doppelkritiken nach den bei der Beurteilung
-notwendigen zwei Gesichtspunkten zu geben. Noch mehr. Er gewinnt
-durch diesen Davidsbund auch eine prächtig sinnige Einkleidung für
-seine kritischen Aufsätze. Als er neu erschienene Tanzlitteratur zu
-besprechen hat, bedient er sich beispielsweise der Fiktion eines
-Maskenballes, welchen die Bündler veranstalten und wobei die zu
-besprechenden Stücke aufgespielt werden. Oder er berichtet über die
-Gewandhauskonzerte des Oktober 1835 in Form von Briefen, die Eusebius
-an Chiara (Klara) nach Italien schreibt. Auch recht lustige Episoden
-weiß er gelegentlich zu erfinden, so wenn bei einer von Franzilla Pixis
-gesungenen Donizettischen Arie „etwas sehr Nasses“ auf der Backe selbst
-des gestrengen Kunstrichters Florestan sichtbar wird. Daheim läuft er
-dann wütend auf und ab, vor sich hinsprechend: „O ewige Schande! O
-Florestan, bist du bei Sinnen, hast du deshalb den Marpurg studiert,
-deshalb das wohltemperierte Klavier seciert, kannst du deshalb den Bach
-und Beethoven auswendig, um bei einer miserablen Arie von Donizetti
-nach vielen Jahren so etwas wie weinen? Hätte ich die Thränen, zu
-nichts wollt’ ich sie zerkratzen mit der Faust!“ Darauf setzt er sich
-unter schrecklichem Lamentieren ans Klavier und spielt jene Arie so
-wirtshausmäßig, lächerlich und fratzenhaft, daß er endlich beruhigt zu
-sich sagen kann: „Wahrhaftig, nur der Ton ihrer Stimme war’s, der mir
-so ins Herz ging!“
-
-Die Idee des Davidsbundes wurde von den Freunden Schumanns ehedem viel
-bewundert, ja, man dichtete allerhand Tiefsinnigkeiten in sie hinein.
-„Vor allem mahne uns dieser Name,“ kommentiert Wedel (Zuccamaglio),
-„an den ewigen, heiligen Bund der Dicht- und Tonkunst. Der Name des
-gekrönten Sängers, der nur in gottbegeisterten Liedern sich verewigte,
-deute uns immer das Verhältnis zwischen Kunst und Religion, erinnere
-uns, daß die Sprache einer Geisterwelt nicht herabgewürdigt werden
-darf, dem Niedrigen im Menschen zu schmeicheln und das Verwerfliche
-zu übergolden und zu verbrämen.“ Solche Gedanken lagen wohl Schumann
-ursprünglich fern. Er war, obgleich gut christlich gesinnt, doch
-eigentlich keine tief religiöse Natur. Das erklärt sich aus der
-Geistesrichtung der Periode, in welcher er lebte. Auch auf Unterschiede
-zwischen den christlichen Konfessionen zu halten, fiel ihm nicht ein,
-was schon durch den Umstand bewiesen wird, daß er, der doch Protestant
-war, 1852 für die katholische Kirche in Düsseldorf eine Messe und ein
-Requiem geschrieben hat.
-
-Schließlich soll noch angeführt sein, daß Schumann in den Jahren
-1837-39 darauf sann, dem nur in seiner Phantasie existierenden Bunde
-wirkliches Leben zu erteilen, einen großen, deutschen Künstlerbund
-zu begründen. Auch einen anderen derartigen Plan hegte er damals:
-die Errichtung einer Agentur zur Herausgabe von Musikwerken, „welche
-den Zweck hätten, alle Vorteile, die bis jetzt den Verlegern in so
-reichlichem Maße zufließen, den Komponisten zuzuwenden.“ Man sieht,
-auch an praktischen Vorschlägen ließ es dieser merkwürdige Geist nicht
-fehlen, so wenig er selbst darnach geschaffen war, sie in Wirklichkeit
-durchführen zu können. Immerhin muß man seinem richtigen, idealen
-Wollen die gebührende Anerkennung entrichten.
-
-Robert Schumanns Leben und Schaffen, stellt es nicht treu die Eigenart
-seiner Zeit, des zweiten Drittels unseres Jahrhunderts dar? Es ist
-das Zeitalter erneuter Regsamkeit auf dem Gebiete der Kunst, der
-Wissenschaft und des öffentlichen Lebens. Überall zeigen sich Keime und
-Ansätze, viel Enthusiasmus und Fleiß, aber geringe Thatkraft. Es ist
-das Zeitalter politischer und geistiger Zersplitterung; aber auch der
-Vorbereitung auf die später gewonnene Einheit; und Schumann strebte
-weiter: nach Erfüllung wenigstens in der Kunst und setzte sein edles
-Leben vergebens daran. Erst das künftige Geschlecht sollte ernten, wo
-jenes gesäet hatte. Dank darum den emsigen Säeleuten und nicht zum
-mindesten fürwahr unserem Meister. Seine Werke aber mögen im deutschen
-Volke immer unvergeßlich bleiben!
-
-
- [11] R. Hamerling, Prosa. Bd. 1: Meine Lieblinge (Hamb. 1891).
-
-
-
-
-Register der Werke Robert Schumanns.
-
-
-1. Numerierte Werke.
-
- 1. _Thème sur le nom Abegg._[12]
- 2. _Papillons._
- 3. Studien für Pianoforte nach Kaprizen von Paganini.
- 4. _Intermezzi._
- 5. Impromptüs über ein Thema von Klara Wieck.
- 6. Davidsbündlertänze. (Gewidmet Walther von Goethe.)
- 7. _Toccata._
- 8. _Allegro._
- 9. _Carnaval. Scènes mignonnes._
- 10. _VI Etudes pour le pianoforte d’après des caprices de
- Paganini._
- 11. _Grande Sonate (dediée à Mlle. Clara Wieck)._
- 12. Phantasiestücke.
- 13. _Etudes symphoniques (dediée Sterndale Bennett)._
- 14. _Concert sans orchestre (dediée J. Moscheles)._
- 15. Kinderscenen.
- 16. Kreisleriana (gewidmet Friedrich Chopin).
- 17. Phantasie für Pianoforte (Franz Liszt).
- 18. Arabeske.
- 19. Blumenstück.
- 20. Humoreske.
- 21. Novelletten (Adolph Henselt).
- 22. Sonate Nr. II.
- 23. Nachtstücke.
- 24. Liederkreis von Heine (Mlle. Pauline Garcia).[13]
- 25. Myrthen. Liederkreis. („Seiner geliebten Braut“.)
- 26. Faschingsschwank aus Wien.
- 27. Lieder und Gesänge (Heft I).
- 28. Drei Romanzen für Pianoforte.
- 29. Drei Gedichte von Geibel für mehrstimmigen Gesang u.
- Pianoforte.
- 30. Drei Gedichte von E. Geibel.
- 31. Drei Gesänge von A. Chamisso.
- 32. Scherzo, Gigue, Romanze und Fughette für Pianoforte, komponiert
- 1838-39.
- 33. Sechs Lieder für vierstimmigen Männergesang.
- 34. Vier Duette für Sopran und Tenor mit Pianoforte.
- 35. Zwölf Gedichte von J. Kerner.
- 36. Sechs Gedichte von Reinick.
- 37. Zwölf Gedichte aus E. Rückerts Liebesfrühling.
- 38. Erste Symphonie (_B-Dur_).
- 39. Liederkreis von J. v. Eichendorff.
- 40. Fünf Lieder (H. C. Andersen).
- 41. Drei Quartette (E. Mendelssohn).
- 42. Frauenliebe und Leben.
- 43. Drei zweistimmige Lieder mit Pianoforte.
- 44. Quintett für Pianoforte, Violinen, Viola, Cello (Klara).
- 45. Romanzen und Balladen (Heft I).
- 46. Andante und Variationen für zwei Pianoforte.
- 47. Quartett für Pianoforte, Violine, Viola und Cello.
- 48. Dichterliebe aus dem Buche der Lieder von Heine
- (Schröder-Devrient).
- 49. Romanzen und Balladen (Heft II).
- 50. Das Paradies und die Peri von Th. Moore für Soli, Chor,
- Orchester.
- 51. Lieder und Gesänge (Heft II), komponiert 1842.
- 52. Ouvertüre, Scherzo und Finale für Orchester.
- 53. Romanzen und Balladen (Heft III).
- 54. Konzert für das Pianoforte mit Orchester.
- 55. Fünf Lieder von R. Burns für gemischten Chor.
- 56. Studien für den Pedalflügel.
- 57. Belsazar, Ballade von Heine.
- 58. Skizzen für den Pedalflügel.
- 59. Vier Gesänge für gemischten Chor.
- 60. Sechs Fugen über den Namen Bach für Orgel.
- 61. Zweite Symphonie (_C-Dur_).
- 62. Drei Gesänge für Männerchor.
- 63. Trio für Pianoforte, Violine und Cello (_D-moll_).
- 64. Romanzen und Balladen (Heft IV).
- 65. Ritornelle von F. Rückert für mehrstimmigen Männergesang.
- 66. Bilder aus Osten. Impromptüs für Pianoforte zu vier Händen.
- 67. Romanzen und Balladen für Chor (I. Heft).
- 68. Album für die Jugend.
- 69. Romanzen für Frauenstimmen (Heft I).
- 70. Adagio und Allegro für Pianoforte und Horn.
- 71. Adventlied von F. Rückert für Sopran, Chor, Orchester.
- 72. Vier Fugen für Pianoforte (Carl Reinecke).
- 73. Phantasiestücke für Pianoforte und Klarinette.
- 74. Spanisches Liederspiel f. eine u. mehrere Stimmen m.
- Pianoforte.
- 75. Romanzen und Balladen für Chor (II. Heft).
- 76. Vier Märsche für Pianoforte.
- 77. Lieder und Gesänge (Heft III).
- 78. Vier Duette für Sopran und Tenor mit Pianoforte.
- 79. Liederalbum für die Jugend.
- 80. Zweites Trio (_F-Dur_).
- 81. Genoveva (Oper in vier Akten nach Tieck und F. Hebbel).
- 82. Waldscenen (Neun Klavierstücke).
- 83. Drei Gesänge.
- 84. Beim Abschied zu singen. (Lied f. Chor m.
- Instrumentalbegleitung).
- 85. Zwölf vierhändige Klavierstücke für kleine und große Kinder.
- 86. Konzertstück für vier Hörner und großes Orchester.
- 87. Der Handschuh (Ballade von Schiller).
- 88. Phantasiestücke für Pianoforte, Violine, Cello.
- 89. Sechs Gesänge von W. von der Neun (Jenny Lind).
- 90. Sechs Gedichte von Lenau und Requiem.
- 91. Romanzen für Frauenstimmen (Heft II).
- 92. Introduktion und Allegro. (Konzertstück für Pianoforte mit
- Orchester).
- 93. Motette „Verzweifle nicht“ von Rückert für doppelten Männerchor
- und Orgel.
- 94. Drei Romanzen für Hoboe und Pianoforte.
- 95. Drei Gesänge von Byron mit Harfe oder Pianoforte.
- 96. Lieder und Gesänge (Heft IV).
- 97. Dritte Symphonie (_Es-Dur_).
- 98. _a_) Lieder aus „Wilhelm Meister“; _b_) Requiem für Mignon für
- Soli, Chor, Orchester.
- 99. Bunte Blätter (14 Stücke für Pianoforte). ††[14]
- 100. Ouvertüre zur Braut von Messina für Orchester, kompon. 1851.
- 101. Minnespiel aus Rückerts Liebesfrühling für eine und mehrere
- Stimmen mit Pianoforte.
- 102. Fünf Stücke im Volkston für Cello und Pianoforte.
- 103. Mädchenlieder von E. Kulmann f. zwei Soprane m. Pianoforte.
- 104. Sieben Lieder von E. Kulmann.
- 105. Sonate (_A-moll_) für Pianoforte und Violine.
- 106. Schön Hedwig (Ballade von Hebbel f. Deklamation u. Pianoforte).
- 107. Sechs Gesänge.
- 108. Nachtlied von Hebbel f. Chor u. Orchester. (Dem Dichter
- gewidmet.)
- 109. Ballscenen für Pianoforte zu vier Händen.
- 110. Drittes Trio (_G-moll_). Niels Gade zugeeignet.
- 111. Drei Phantasiestücke für Pianoforte.
- 112. Der Rose Pilgerfahrt (Märchen nach Moritz Horn für Soli, Chor,
- Orchester).
- 113. Märchenbilder (vier Stücke für Pianoforte und Viola).
- 114. Drei Lieder für drei Frauenstimmen m. Pianoforte, kompon. 1853.
- 115. Manfred (dramatisches Gedicht von Lord Byron).
- 116. Der Königssohn (Ballade von Uhland, für Soli, Chor, Orchester).
- 117. Vier Husarenlieder von Lenau.
- 118. Drei Klaviersonaten für die Jugend, komponiert 1853.
- 119. Drei Gedichte von S. Pfarrius.
- 120. Vierte Symphonie (_D-moll_).
- 121. Sonate (_D-moll_) für Violine und Pianoforte. (Ferd. David.)
- 122. Ballade vom Haideknaben von Hebbel. Die Flüchtlinge von
- Shelley, für Deklamation und Pianoforte.
- 123. Festouvertüre mit Gesang über das Rheinweinlied.
- 124. Albumblätter (20 Klavierstücke). ††
- 125. Fünf heitere Gesänge.
- 126. Sieben Klavierstücke in Fughettenform, komponiert 1853.
- 127. Lieder und Gesänge.
- 128. Ouvertüre zu Shakespeares Julius Cäsar.
- 129. Konzert (_A-moll_) für Cello mit Orchester.
- 130. Kinderball (sechs leichte Tanzstücke zu vier Händen, für
- Pianoforte, komponiert 1853).
- 131. Phantasie für Violine mit Orchester oder Pianoforte (J.
- Joachim).
- 132. Märchenerzählungen (vier Stücke für Klarinette, Viola u.
- Pianoforte, komponiert 1853).
- 133. Gesänge der Frühe (fünf Stücke für Pianoforte, kompon. 1853).
- 134. Konzert-Allegro mit Introduktion für Pianoforte mit Orchester,
- komponiert 1853, (J. Brahms).
- 135. Gedichte der Königin Maria Stuart.
- 136. Ouvertüre zu Hermann und Dorothea. (Seiner lieben Klara.)[15]
- 137. Jagdlieder aus Laubes Jagdbrevier f. vierstimmigen Männerchor.
- 138. Spanische Liebeslieder für eine und mehrere Stimmen mit
- Pianoforte zu vier Händen.
- 139. Des Sängers Fluch (Ballade nach Uhland, bearbeitet von R. Pohl
- für Soli, Chor, Orchester).
- 140. Vom Pagen und der Königstochter (Balladen von Geibel, f. Soli,
- Chor, Orchester).
- 141. Vier doppelchörige Gesänge.
- 142. Vier Gesänge, komponiert 1842.
- 143. Das Glück von Edenhall (Ballade nach Uhland, bearbeitet von
- Hasenclever, für Soli, Chor, Orchester).
- 144. Neujahrslied von Rückert, für Chor und Orchester.
- 145. Romanzen und Balladen für Chorgesang (III. Heft).
- 146. Romanzen und Balladen für Chorgesang (IV. Heft).
- 147. Messe für vierstimmigen Chor mit Orchester.
- 148. Requiem für Chor und Orchester.
-
-
-2. Unnumerierte Werke.
-
- I. Scenen aus Goethes Faust, für Soli, Chor, Orchester.
- II. Der deutsche Rhein von N. Becker, für Soli, Chor, Orchester,
- komponiert 1840.
- III. Soldatenlied von Hoffmann von Fallersleben. †
- IV. Scherzo und Presto für Pianoforte. †
- V. Kanon über „An Alexis“ für Pianoforte. †
-
-
- [12] _op._ 1-23, ausschließlich zweihändige Klavierwerke.
-
- [13] Wo nichts weiteres angegeben ist, sind die Lieder einstimmig mit
- Begleitung des Pianoforte.
-
- [14] Das Zeichen † bedeutet, daß die Entstehungszeit dieser, im Texte
- nicht weiter berührten Komposition nicht bekannt ist, zwei ††,
- daß das Werk aus mehreren zu verschiedenen Zeiten entstandenen
- Stücken besteht.
-
- [15] Die Werke von _op._ 136 an sind erst nach Schumanns Tode
- erschienen.
-
-
-+Ende.+
-
-
-
-
-Musiker-Biographien
-
-aus Reclams Universal-Bibliothek
-
-
- Auber. Von Ad. Kohut. Bd. 17. Nr. 3389
-
- J. S. Bach. Von Rich. Batka. Bd. 15. Nr. 3070
-
- Beethoven. Von L. Nohl. Bd. 2. Nr. 1181/81 _a_
-
- Bellini. Von Paul Voß. Bd. 23. Nr. 4238
-
- Berlioz. Von Br. Schrader. Bd. 28. Nr. 5043
-
- Bizet. Von Paul Voß. Bd. 22. Nr. 3925
-
- Brahms. Von Richard von Perger. Bd. 27. Nr. 5006
-
- Cherubini. Von M. E. Wittmann. Bd. 18. Nr. 3434
-
- Chopin. Von E. Redenbacher. Bd. 30. Nr. 5327
-
- Cornelius. Von Edgar Istel. Bd. 25. Nr. 4766
-
- Franz, R. Von R. Freiherrn Procházka. Bd. 16. Nr. 3273/74
-
- Gluck. Von Heinrich Welti. Bd. 9. Nr. 2421
-
- Götz, Herm. Von G. R. Kruse. Bd. 36. Nr. 6090
-
- Händel. Von Br. Schrader. Bd. 19. Nr. 3497
-
- Haydn. Von Ludwig Nohl. Bd. 3. Nr. 1270
-
- Liszt. 1. Teil. Von Lud. Nohl. Bd. 4. Nr. 1661
-
- -- 2. Teil. Von August Göllerich. Bd. 8. Nr. 2392/92 _a_
-
- Loewe. Von M. Runze. Bd. 24. Nr. 4668
-
- Lortzing. Von H. Wittmann. Bd. 11. Nr. 2634
-
- Mahler. Von Arthur Neißer. Bd. 35. Nr. 5985/86
-
- Marschner. Von M. E. Wittmann. Bd. 20. Nr. 3677
-
- Mendelssohn. Von Bruno Schrader. Bd. 21. Nr. 3794
-
- Meyerbeer. Von Ad. Kohut. Bd. 12. Nr. 2734
-
- Mozart. Von Ludwig Nohl. Bd. 1. Nr. 1121
-
- Rossini. Von Adolf Kohut. Bd. 14. Nr. 2927
-
- Anton Rubinstein. Von Nic. D. Bernstein. Bd. 29. Nr. 5302
-
- Schubert. Von A. Niggli. Bd. 10. Nr. 2521
-
- Schumann. Von Rich. Batka. Bd. 13. Nr. 2882
-
- Spohr. Von Ludwig Nohl. Bd. 7. Nr. 1780
-
- Strauß. Von F. Lange. Bd. 31. Nr. 5462
-
- Verdi. Von Max Chop. Bd. 32. Nr. 5595
-
- Volkmann. Von Hans Volkmann. Bd. 33. Nr. 5753
-
- Wagner. Von Ludwig Nohl. 2. Aufl. Bd. 5. Nr. 1700/1700 _a_
-
- Weber. Von Ludwig Nohl. Bd. 6. Nr. 1746
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- Hugo Wolf. Von E. Schmitz. Bd. 26. Nr. 4853
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- Zelter. Von G. Rich. Kruse. Bd. 34. Nr. 5815
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-<div style='display:block;margin:1em 0'>
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
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-</div>
-<div style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Title: Schumann</div>
-<div style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Author: Richard Batka</div>
-<div style='display:block;margin:1em 0'>Release Date: December 28, 2020 [eBook #64151]</div>
-<div style='display:block;margin:1em 0'>Language: German</div>
-<div style='display:block;margin:1em 0'>Character set encoding: UTF-8</div>
-<div style='display:block; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Produced by: the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net</div>
-<div style='margin-top:2em;margin-bottom:4em'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHUMANN ***</div>
-
-<div class="transnote">
-
-<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
-
-<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der 1891 erschienenen
-Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben.
-Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche
-und heute nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen sowie Schreibvarianten
-bleiben gegenüber dem Original unverändert, sofern der Sinn des Texts
-dadurch nicht beeinträchtigt wird.</p>
-
-<p class="p0">Die Fußnoten wurden an das Ende des jeweiligen Kapitels
-gestellt.</p>
-
-<p class="p0">Die Angabe von Tonarten erfolgt uneinheitlich
-bezüglich der Groß- und Kleinschreibung, sowie der Verwendung von
-Schriftarten. Die vorliegende Bearbeitung folgt in dieser Hinsicht der
-Originalvorlage.</p>
-
-<p class="p0 nohtml">Abhängig von der im jeweiligen Lesegerät installierten
-Schriftart können die im Original <em class="gesperrt">gesperrt</em>
-gedruckten Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl
-serifenlos als auch gesperrt erscheinen.</p>
-
-</div>
-
-<div class="figcenter illowe40 noebook" id="cover">
- <img class="w100" src="images/cover.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Original-Bucheinband</div>
-</div>
-
-<div class="titelei">
-
-<p class="s3 center mtop2"><em class="gesperrt">Musiker-Biographien</em></p>
-
-<p class="center">13. Band</p>
-
-<h1><em class="gesperrt">Schumann</em></h1>
-
-<p class="center">von</p>
-
-<p class="s3 center mtop2">Richard Batka</p>
-
-<p class="s4 center padtop5 padbot2">Zweite Auflage</p>
-
-<hr class="r65" />
-
-<p class="s4 center ">Verlag von Philipp Reclam jun. Leipzig</p>
-
-<p class="center padtop5 antiqua break-before">Copyright 1891 by Philipp Reclam
-jun. Leipzig</p>
-
-<p class="s5 center mtop2">Uebersetzungsrecht vorbehalten</p>
-
-<p class="s5 center padtop5"><em class="gesperrt">Druck von Philipp Reclam jun. in Leipzig</em></p>
-
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Inhalt">Inhalt</h2>
-
-</div>
-
-<table class="toc" summary="Inhaltsverzeichnis">
- <tr>
- <td class="s5 vat">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="s5 vab">
- <div class="right">Seite</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="left">Vorwort</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Vorwort">5</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="left">1. Die Jugendzeit (1810&ndash;1828)</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Die_Jugendzeit">7</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="left">2. Die Studienjahre (1828&ndash;1830)</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Die_Studienjahre">14</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="left">3. Erste Künstlerzeit (1830&ndash;1835)</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Erste_Kuenstlerzeit">21</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="left">4. Klara (1835&ndash;1840)</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Klara">34</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="left">5. Die Lieder (1840)</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Die_Lieder">45</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="left">6. Wollen und Wagen (1840&ndash;1849)</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Wollen_und_Wagen">54</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="left">7. Letzte Lebensjahre (1849&ndash;1856)</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Letzte_Lebensjahre">74</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="left">8. Rückblick</div>
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Rueckblick">87</a></div>
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_5"></a>[S. 5]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Vorwort">Vorwort.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Die deutsche Kulturgeschichte lehrt, daß die Ideale der Musik in
-vier aufeinander folgenden Zeiträumen sich nach und nach erweitert
-haben, so zwar, daß zu den bereits erkannten Zielen stets neue und
-schönere gewonnen werden. Zur Zeit <em class="gesperrt">Händels</em> und <em class="gesperrt">Bachs</em>
-gipfelt die Musik noch vorzugsweise in kunstreichem architektonischen
-Bau; in der <em class="gesperrt">Mozart</em>schen Periode kommt dazu die Forderung des
-sinnlichen Wohlklangs; <em class="gesperrt">Beethoven</em>, der Riese, entdeckt sodann
-die unermeßliche Fähigkeit der Tonkunst, ganz individuelle Gefühle und
-Stimmungen auszusprechen, und <em class="gesperrt">Wagner</em> endlich verschwistert sie
-auf das Innigste mit der Poesie. Zwischen den beiden letztgenannten
-Meistern nimmt <em class="gesperrt">Robert Schumann</em> zeitlich und ideell eine
-Mittelstellung ein. Noch ist er in erster Reihe Musiker, aber in oder
-an seine Tonwerke drängen sich schon vielfach poetische Elemente; der
-Gebrauch, Instrumentalsätze mit sinnigen Überschriften zu versehen, der
-bereits gelegentlich bei Beethoven vorkommt, findet sich bei Schumann
-so allgemein, daß man ihn fast den Programmusikern zuzählen möchte,
-wäre es nicht anderseits bekannt, daß er jene poetischen Titel meist
-<em class="gesperrt">nach</em> der musikalischen Ausführung der Tonstücke zu verfassen
-pflegte. Was Schumann vor der älteren Komponistengeneration, deren
-Studium einzig im Kontrapunkt und Harmonielehre aufging, voraus hat,
-ist <em class="gesperrt">die klassische und litterarische Bildung</em>, wie wir sie
-auch bei anderen Künstlern seiner Zeit, z.&nbsp;B. Berlioz, Mendelssohn,
-Meyerbeer, Liszt, Cornelius, Wagner und anderen antreffen. Diese
-verleiht ihm nicht nur den feineren Sprachsinn, vermöge dessen er in
-Vokalkompositionen Wort und Ton weit genauer in Übereinstimmung bringen
-kann, sondern auch die Fähigkeit, sein Urteil und seine Erfahrung in
-Sachen der Musik schriftstellerisch zu verwerten. Durch sein Beispiel<span class="pagenum"><a id="Seite_6"></a>[S. 6]</span>
-wird allmählich &ndash; seit der Mitte der dreißiger Jahre &ndash; eine gänzliche
-Umgestaltung der musikalischen Kritik in Deutschland herbeigeführt
-und das ästhetische Richtamt gerät aus den Händen schnellfertiger
-Dilettanten in die Sachverständiger und Künstler. Wird schließlich noch
-erwähnt, daß Schumann die Mehrzahl seiner gleichstrebenden Zeitgenossen
-an Tiefe des Gefühls und wirklicher Begabung weit hinter sich läßt, so
-ist damit seine historische Bedeutung, wenn auch nicht erschöpft, so
-wenigstens in den wesentlichsten Punkten gekennzeichnet.<a id="FNAnker_1" href="#Fussnote_1" class="fnanchor">[1]</a></p>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_1" href="#FNAnker_1" class="label">[1]</a> Aus der schon breit angeschwollenen Schumannlitteratur
-seien namentlich folgende Schriften, die auch dem vorliegenden
-Lebensabriß zu Grunde liegen, genannt: Fr. <em class="gesperrt">Liszt</em>, R. Schumann.
-(Gesammelte Werke IV., 1855.) <em class="gesperrt">Wasiliewski</em>, R. Schumann. (Bonn
-1857, 3. Aufl. 1880.) <em class="gesperrt">Reißmann</em>, R. Schumann, sein Leben und
-seine Werke. (Berlin 1865.) R. <em class="gesperrt">Pohl</em>, Erinnerungen an R.
-Schumann. (Deutsche Revue, 1878.) Ph. <em class="gesperrt">Spitta</em>, R. Schumann,
-ein Lebensbild. (Leipzig 1882.) G. <em class="gesperrt">Jansen</em>, Die Davidsbündler.
-(Leipzig 1883.) M. <em class="gesperrt">Kalbeck</em>, Aus R. Schumanns Jugendzeit.
-(Endlingers österreichische Rundschau, 1883.) <em class="gesperrt">Clara Schumann</em>,
-R. Schumanns Jugendbriefe (Leipzig 1886.) <em class="gesperrt">Jansen</em>, R. Schumanns
-Briefe. (Neue Folge, Leipzig 1886.) <em class="gesperrt">Reimann</em>, R. Schumanns
-Leben und Werke. (Leipzig 1887.) B. <em class="gesperrt">Vogel</em>, R. Schumanns
-Klaviertonpoesie. (Leipzig 1887.) <em class="gesperrt">Erler</em>, R. Schumanns Leben aus
-seinen Briefen. (2 Bde., Berlin 1887.) <em class="gesperrt">Jansen</em>, R. Schumanns
-schriftstellerische Thätigkeit. (Grenzbote, 1891.)</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Ergänzend sei noch auf folgende Werke hingewiesen: Gesammelte
-Schriften, herausgegeben von <span class="antiqua">Dr.</span> Heinrich Simon (Univ.-Bibl.)
-1888; von M. Kreisig (1914). Biographien von A. Niggli (1879), H. Abert
-(1903), Ernst Wolff (1906), A. Steiner (1911), Walter Dahms (1916).
-Wasiliewskis Schumanniana (1884); seine Schumann-Biographie erschien
-1906 in 4. Auflage. Briefwechsel mit Henriette Voigt (J. Gensel,
-1892); Briefe in Auswahl (K. Storck, 1896); Der junge Schumann (Alfred
-Schumann, 1910); Schumann-Brevier (Friedr. Kerst); Aus Schumanns
-Kreisen (La Mara, 1911); Sonderheft der „Musik“. Schumanns Faustszenen
-(S. Bagge, 1879; Manfred Waldersee, 1880); Lieder in ersten und
-späteren Fassungen (W. E. Wolff, 1914); Formale Eigentümlichkeiten in
-Schumanns Klavierwerken (R. Hohenemser); Schumann als Schriftsteller
-(H. Deiters); Clara Schumann (Berthold Litzmann). In französischer
-Sprache erschienen: A. Marguerite (<span class="antiqua">„son œuvre de piano“</span>); R.
-Pugno (<span class="antiqua">„Leçons écrits sur Schumann“</span>); die Biographien von L.
-Schneider und M. Maréchal (1905) und Camille Mauclair (1906); in
-holländischer Sprache eine solche von J. Hartog.</p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_7"></a>[S. 7]</span></p>
-
-<p class="s1 center padtop3"><b>Robert Alexander Schumann.</b></p>
-
-<hr class="r5" />
-
-<h2 class="nopad" id="Die_Jugendzeit">1. Die Jugendzeit.</h2>
-</div>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Es bildet ein Talent sich in der Stille.</div>
- <div class="verse mleft12"><em class="gesperrt">Goethe.</em></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Romantik, erwachendes Nationalgefühl und frisches, wissenschaftliches
-Streben &ndash; das sind die bedeutsamen Zeichen, unter denen <em class="gesperrt">Robert
-Alexander Schumann</em> am 8. Juni 1810 das Licht der Welt erblickte.
-In demselben Jahre nämlich erschien Kleists „Käthchen von Heilbronn“,
-Webers „Sylvana“, Jahns „Deutsches Volkstum“ und die neugegründete
-Berliner Universität begann ihre umfassende Wirksamkeit. Freilich,
-der Wellenschlag der herrschenden Zeitideen sollte ihn vorderhand
-nur wenig berühren; lag doch sein Geburtsort, das kleine sächsische
-Zwickau abseits von den Mittelpunkten deutschen Geisteslebens. Hier, im
-anmutigen Muldethale, dem verbildenden und zerstreuenden Getriebe einer
-großen Stadt entzogen, behielt er die Wahrheit und Ursprünglichkeit des
-Empfindens und gedieh, bei Mangel äußerer Anregung zu jener Sammlung
-Einfalt und Innerlichkeit, welche von jeher die Quelle künstlerischen
-Schaffens gewesen ist.</p>
-
-<p>Die musikalischen Anlagen hat Schumann nicht wie andere Meister der
-Tonkunst von seinen Eltern überkommen. Mutter Johanna, geborene
-Schnabel aus Zeitz, eine vortreffliche, aber in kleinstädtischen
-Vorurteilen aufgewachsene Frau, besaß im ganzen nur wenig Sinn
-für Musik. Vater August Schumann, ein ernster, tüchtiger, überaus
-strebsamer Mann, der nach allerlei Drangsalen eine angesehene
-Ver<span class="pagenum"><a id="Seite_8"></a>[S. 8]</span>lagsbuchhandlung gegründet und sich durch rastlosen Fleiß
-zu beträchtlicher Wohlhabenheit emporgearbeitet hatte, war eher
-litterarischer Beschäftigung zugethan. Er führte die Taschenausgaben
-ausländischer Klassiker ein, gab die zu ihrer Zeit vielgelesenen
-„Erinnerungsblätter“ heraus, schrieb selbst mehrere wichtige
-kaufmännische Werke und hat sich noch kurz vor seinem Tode durch
-eine Übersetzung von Byrons „Beppo“ und „Childe Harold“ bekannt
-gemacht. Seine schriftstellerische Ader vererbte sich nebst
-manchen Charaktereigenschaften auch auf Robert, der als jüngstes
-von fünf Geschwistern natürlicherweise der Liebling des Hauses
-war, „der lichte Punkt“, wie ihn die Mutter nannte. Er genoß die
-sorgfältigste, liebevollste Erziehung, besuchte mit dem Beginne
-des sechsten Lebensjahres die Döhnersche Sammelschule, ja sogar
-Klavierunterricht wurde ihm erteilt, so gut, oder vielmehr so
-mangelhaft es in dem unbedeutenden Städtchen damals anging. Zwar
-fehlte es seinem Musiklehrer, dem biederen, etwas pedantischen
-Organisten <em class="gesperrt">Kuntsch</em>, gewißlich nicht am besten Willen; allein
-als Autodidakt, ohne sichere Methode, war er nicht imstande, das
-ihm anvertraute Talent in die rechten Bahnen zu weisen und ihm die
-Handwerksregeln der Kunst als treue Geleiter beizeiten zu eigen zu
-geben.</p>
-
-<p>Früh schon erwachte in dem lebhaften, ehrgeizigen Knaben der
-Schaffensdrang. Er verfaßte Räuberkomödien und führte sie mit Hilfe
-der Brüder auf einer dazu hergerichteten Bühne zu Hause auf. Auch
-wird erzählt, er habe seine Kameraden überaus drastisch am Klaviere
-zu charakterisieren gewußt. So liefen poetische und musikalische
-Liebhabereien eine Zeitlang nebeneinander her, bis ein zufälliges
-Erlebnis zu Gunsten der Musik den Ausschlag gab. Auf einem Ausfluge
-nach Karlsbad bekam er nämlich (1819) den Virtuosen <em class="gesperrt">Moscheles</em> zu
-hören und empfing von dessen Spiele den ersten nachhaltigen Eindruck
-seines Lebens. Einen Konzertzettel, den Moscheles berührt hatte,
-behielt Schumann noch lange Jahre als kostbare Reliquie in Verwahrung
-und sein ganzes Sinnen<span class="pagenum"><a id="Seite_9"></a>[S. 9]</span> und Trachten war fortan auf das Klavierspiel
-gerichtet. Auch der Beginn der Gymnasialstudien änderte daran nichts
-weiter. Vielmehr gab sich Robert im Vereine mit einem gleichgesinnten
-Freunde, Piltzing, beinahe ausschließlich den Musikfreuden hin.</p>
-
-<p>Eines Tages geriet dem Zwölfjährigen die Partitur einer Righinischen
-Ouverture in die Hand und brachte ihn auf den verwegenen Einfall, die
-stummen Zeichen, welche geheimnisvoll und vielverheißend aus dem Hefte
-starrten, klingen und ertönen zu lassen. Gedacht, gethan. Ein Orchester
-von Mitschülern wird gebildet, Schumann dirigiert und ergänzt die
-fehlenden Baßstimmen am Klaviere. Nach und nach erweiterte sich das
-Repertoir und wies endlich, zu nicht geringer Befriedigung der kleinen
-Künstlergesellschaft, sogar ein Werk ihres Kapellmeisters, den 105.
-Psalm für Chor und Orchesterbegleitung auf.</p>
-
-<p>Durch solche Erfolge kühn gemacht, wagte es Robert sich auch außerhalb
-des väterlichen Hauses zu produzieren, namentlich bei der Familie
-Carus, „wo alles Freude, Heiterkeit, Musik war“, wo er zuerst
-die Quartette unserer klassischen Meister kennen lernte. In den
-Vortragsabenden des Gymnasiums wirkte er gleichfalls eifrig mit, bald
-als Deklamator, bald als Klavierspieler, und entwickelte eine solche
-Fertigkeit auf dem Instrumente, daß der alte Kuntsch den Unterricht
-mit dem Bemerken einstellte: Robert könne sich nun schon allein weiter
-forthelfen.</p>
-
-<p>Mittlerweile hatte Vater Schumann, der Treffliche, ohne selbst
-musikalisch zu sein, die Begabung des Sohnes mit richtigem Blicke
-erkannt und trug sich alles Ernstes mit dem Gedanken, ihn Musiker
-werden zu lassen. Praktisch wie er war, wandte er sich sogleich
-an die rechte Thüre, indem er den damals in vollem Ruhmesglanze
-erstrahlenden Karl Maria von Weber anging, die Ausbildung des Kindes zu
-übernehmen. Obschon sich nun Weber bereit erklärt hatte, zerschlugen
-sich dennoch in der Folgezeit die Unterhandlungen,<span class="pagenum"><a id="Seite_10"></a>[S. 10]</span> man weiß nicht
-aus welchem Grunde. Sicherlich mag ein Teil der Schuld auf die Mutter
-fallen, welche sich dem Plane ihres Gatten von Anfang an entschieden
-widersetzte, da in ihren Augen der Künstlerberuf mit „schwankender
-Zukunft und unsicherem Brote“ gleichbedeutend schien. Robert blieb also
-am Gymnasium und das Zwickauer Stillleben nahm seinen Fortgang.</p>
-
-<p>Bald nach dem Scheitern dieses Planes wandte sich die Neigung des
-Knaben wiederum der Poesie zu. Die Werke unserer Dichter, wie sie das
-väterliche Geschäft in reicher Fülle ihm darbieten konnte, wurden
-gierig verschlungen; zu einer im Schumannschen Verlage erscheinenden
-„Bildergalerie der berühmtesten Männer mit beigefügtem Texte“ lieferte
-Robert im Alter von vierzehn Jahren litterarische Beiträge. Nicht lange
-darnach finden wir ihn an der Spitze eines Vereins von Studiengenossen,
-welcher nach dem Muster des Göttinger Hainbundes sich die Kenntnis und
-Pflege der deutschen Litteratur zum Zweck gesetzt hatte. Schillers
-Dramen wurden mit verteilten Rollen gelesen; an Goethe wagte man sich
-noch nicht heran; doch scheint wenigstens der Faust schon damals
-ein Lieblingsbuch Schumanns gewesen zu sein. Auch Schulze, Houwald,
-Müllner, Byron haben nebst den griechischen Schriftstellern größeren
-oder geringeren Einfluß auf ihn ausgeübt.</p>
-
-<p>Das Jahr 1826 brachte zwiefache Trauer und Sorgen. Zwei geliebte Wesen
-wurden Robert entrissen, das eine ihm über alles teure durch den Tod,
-das andere in gewisser Hinsicht gleichfalls auf immer. Schwester Emilie
-verfiel in eine unheilbare Gemütskrankheit und am 10. August erlag der
-Vater, sein liebreicher, verständnisvoller Führer, einem zehrenden
-Siechtum. Da vollzog sich, unter dem Eindrucke dieser schmerzlichen
-Ereignisse eine bedeutende Wandlung in Schumanns ganzem Charakter: der
-einst so muntere, lebhafte Knabe ward zum stillen, in sich gekehrten,
-nachdenklichen Jüngling. „Ich habe Ansichten und Ideen über das<span class="pagenum"><a id="Seite_11"></a>[S. 11]</span> Leben
-gewonnen, mit einem Worte ich bin mir heller geworden,“ verzeichnet
-sein Tagebuch.</p>
-
-<p>Um diese Zeit begann auch die Liebe in Schumanns Brust zu erwachen. Er
-schwärmte für Nanni, eine reizende Mädchengestalt, und wenige Wochen
-später hatte eine stolze Schönheit, Liddy, sein Herz gewonnen. Nicht
-auf lange freilich; denn sie vermochte dem Gedankenfluge Jean Pauls,
-in dessen Schriften unser Robert eben damals schwelgte, nicht recht zu
-folgen und seine Entrüstung über solche Einfalt machte der zarten Liebe
-ein frühzeitiges Ende. Noch einmal traf er darnach mit dem Mädchen auf
-einem Ausfluge wieder zusammen und begleitete es auf einen Hügel, wo
-sie den Sonnenuntergang genießen wollten. Da &ndash; doch hören wir Schumann
-selbst, wie er über diese Begebenheit in einem Briefe berichtet: „Der
-ganze Tempel der Natur lag weit und breit vor den trunkenen Augen:
-wie eine Thetis hätte ich in diese Blumenströme fliegen und versinken
-mögen; denke dir, daß ein verblühtes Ideal in der Brust still wieder
-aufzukeimen begann, daß dieses verlorene Ideal an meiner Seite stand!
-Und endlich, da die Sonne erst untergetaucht war und Frühlinge von
-blühenden Rosen aus dem sterbenden Strahle aufdämmerten, als die Höhen
-der Berge glühten, die Wälder brannten und die unermeßliche Schöpfung
-in sanfte Rosenmassen zerfloß, da ich so hineinschaute in diesen
-Purpurocean und alles, alles sich zu <em class="gesperrt">einem</em> Gedanken formte und
-ich den großen Gedanken der Gottheit dachte und Natur, Geliebte und
-Gottheit entzückt vor mir standen &ndash; siehe &ndash; da zog im Osten eine
-schwarze Wolke herauf und ich ergriff Liddys Hand und sagte zu ihr:
-‚Liddy, so ist das Leben,‘ und ich wies auf den schwärzlichen Purpur
-am Horizonte &ndash; und sie sah mich wehmütig an &ndash; und eine Thräne glitt
-von ihrer Wange. Da glaubte ich’s wieder gefunden zu haben das Ideal
-und schweigend pflückte ich eine Rose. Aber ein Donnerschlag und ein
-Blitzstrahl fuhr im Osten herauf, als ich sie ihr geben wollte &ndash; und
-ich nahm<span class="pagenum"><a id="Seite_12"></a>[S. 12]</span> die Rose und zerzupfte sie &ndash; jener Donnerschlag hatte mich
-aus einem schönen Traume aufgeweckt. Ich war wieder auf <em class="gesperrt">der Erde und
-das hohe Bild des Ideals verschwunden, wenn ich an die Reden denke, die
-sie über Jean Paul führte</em>.“</p>
-
-<p>Bedarf es darnach etwa weiterer Zeugnisse für seine Verehrung des
-großen Humoristen? Schumann stellte ihn damals über alle anderen
-Dichter und konnte auch später, als er bereits im vollen Mannesalter
-stand, noch bitterböse werden, wenn jemand den Wert seines Lieblings
-herabzusetzen wagte. (Vgl. <em class="gesperrt">Hanslick</em>, Aus dem Konzertsaal, S.
-392.) „Wenn die ganze Welt Jean Paul läse,“ heißt es in einem anderen
-Briefe, „so würde sie bestimmt besser, aber unglücklicher; er hat
-mich oft dem Wahnsinn nahe gebracht. Aber der Regenbogen des Friedens
-schwebt immer sanft über allen Thränen und das Herz wird wunderbar
-erhoben und milde verklärt.“ Daß die Gedichte, welche er in jener Zeit
-verfaßte und die ein hübsches Verstalent verraten, von Jean Paulschen
-Wendungen strotzen, kann man sich nach der obigen Stilprobe leicht
-vorstellen. In derselben überschwenglichen Sprache sind auch seine
-beiden Romane (Juniusabende und Selene), von denen aber nur der erste
-fertig geworden ist, geschrieben. Doch wäre es irrig, den jungen
-Schumann für einen fortwährenden Träumer und Sentimentalen zu halten,
-denn wir vernehmen auch von lustigen Spritzfahrten mit seinen Genossen
-Rascher und Walther, wobei tüchtig gekneipt, geküßt und schließlich
-„wankend und schwankend“ nach Heim gezogen wird.</p>
-
-<p>Inzwischen glomm unter der Asche seiner verloschenen Musikerhoffnungen
-die Liebe zur Tonkunst still, aber unvertilgbar weiter, so daß es
-nur eines Windhauches bedurfte, um sie aufs neue zur hellen Flamme
-zu entfachen. Da traf im Sommer 1827 eine Verwandte des Carusschen
-Hauses, die junge Gattin des Colditzer Arztes Dr. Ernst Carus, in
-Zwickau zu Besuch ein und „Fridolin“ &ndash; so wurde Schu<span class="pagenum"><a id="Seite_13"></a>[S. 13]</span>mann von der
-befreundeten Familie scherzweise genannt &ndash; wandte sich, von ihrem
-seelenvollen Gesange begeistert, mit Leidenschaft wieder der Musik zu.
-Durch sie machte er die Bekanntschaft mit Schuberts und Mendelssohns
-Tonwerken, durch sie wurde er zu neuerlichen Kompositionsversuchen
-angeregt. Allein da sein Vormund, der Kaufmann Rudel, mit der Mutter
-in der Verurteilung des Künstlerberufes eines Sinnes war, schien jede
-Aussicht, der Musik leben zu können, versperrt, und Robert wagte auch
-nicht, teils aus Mangel an Thatkraft, teils aus Rücksicht für die
-zärtlich geliebte Mutter, dem Wunsche der letzteren zu widerstreben.</p>
-
-<p>Zu Ostern 1828 verließ er das Gymnasium. Wohlbewandert in den
-klassischen Sprachen &ndash; sogar an dem von seinem Bruder Karl verlegten
-<span class="antiqua">Thesaurus totius latinitatis</span> hat er mitgearbeitet &ndash; bestand
-er die Abgangsprüfung mit glänzendem Erfolge. Bevor er sich aber nach
-Leipzig begab um Jus zu studieren, geleitete er noch einen jüngst
-gewonnenen Freund, den Studenten <em class="gesperrt">Gisbert Rosen</em> auf seiner
-Fahrt nach Heidelberg. Schwärmerische Verehrung für den Dichter
-des „Titan“ verband die beiden, gleichgestimmten Jünglinge, die
-natürlicherweise Bayreuth als nächstes Reiseziel erkoren und in der
-alten Markgrafenstadt ein paar selige Stunden dem Andenken ihres
-Abgottes weihten. Am nächsten Tage gings über Nürnberg und Augsburg
-nach München, wo sie Heinrich Heine und den Maler Zimmermann kennen
-lernten. Hier in München trennten sich ihre Wege. Rosen eilte über
-Augsburg dem Neckar zu, indessen Schumann nach Sachsen zurückkehrte,
-dem Schicksal grollend, das die Menschen zusammenführt, vereint und
-wieder voneinander reißt.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_14"></a>[S. 14]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Die_Studienjahre">2. Die Studienjahre.</h2>
-
-</div>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Zur Rechtsgelehrsamkeit kann ich mich nicht bequemen.</div>
- <div class="verse mleft20"><em class="gesperrt">Goethe.</em></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>„Leipzig ist ein infames Nest, wo man seines Lebens nicht froh
-werden kann. Du sitzest vielleicht jetzt auf den Ruinen des alten
-Bergschlosses und lächelst vergnügt und heiter die Blüten des Juni
-an, während ich auf den Ruinen meiner eingesunkenen Luftschlösser
-und meiner Träume stehe, und weinend in den düsteren Himmel meiner
-Gegenwart und Zukunft blicke; überhaupt fliehe ich die erbärmlichen
-Menschen und bin manchmal so recht zerknirscht über die Winzigkeit und
-Erbärmlichkeit dieser egoistischen Welt. Ach, eine Welt ohne Menschen,
-was wäre sie? Ein unendlicher Friedhof, ein Totenschlaf ohne Träume,
-eine Natur ohne Blumen und Frühling, ein toter Guckkasten ohne Figuren
-&ndash; und doch! Diese Welt mit Menschen, was ist sie? Ein ungeheurer
-Gottesacker eingesunkener Träume, ein Garten mit Cypressen und
-Thränenweiden, ein stummer Guckkasten mit weinenden Figuren.“ Solche
-Ergüsse, an Freund Rosen gerichtet, kennzeichnen die Gemütsstimmung,
-in welcher der nunmehrige <span class="antiqua">stud. jur.</span> Schumann die ersten Tage
-in Leipzig verlebte, deutlich genug. „Die Natur &ndash; wo finde ich sie
-hier?“ klagt er bald darauf der Mutter, „kein Thal, kein Berg, kein
-Wald, wo ich so recht meinen Gedanken nachhängen könnte, kein Ort,
-wo ich allein sein kann, als in der verriegelten Stube, wo es unten
-ewig lärmt und spektakelt.“ Die Leipziger Burschenschaft, in welcher
-damals eine recht neblige Deutschtümelei herrschte, entsprach seinen
-idealen Vorstellungen ganz und gar nicht und er trat bald mit anderen
-Gleichgesinnten zur Verbindung „Markomannia“ über, ohne darum im
-studentischen Leben vollständig aufzu<span class="pagenum"><a id="Seite_15"></a>[S. 15]</span>gehen. Musik und Poesie trugen
-über Kneipe und Fechtboden fast immer den Sieg davon.</p>
-
-<p>Allmählich begannen die Wogen seines Schmerzes gelinder zu schlagen.
-Im benachbarten Zweinaundorf fand er einen Ort, der seinen Natursinn
-einigermaßen zufrieden stellte; auch fügte sich’s günstig, daß jene
-Verwandte der Carusschen Familie, von der oben als trefflicher Sängerin
-die Rede war, mit ihrem Gatten nach Leipzig übersiedelte. Schumanns
-musikalische Natur empfing in dem musikfreundlichen Hause mannigfaltige
-Anregung und Pflege, zumal da die hervorragendsten Künstler der Stadt
-daselbst zu verkehren pflegten. Von hoher Bedeutung wurde für ihn
-namentlich die Bekanntschaft mit <em class="gesperrt">Friedrich Wieck</em>, dem berühmten
-Klavierlehrer und dessen neunjähriger Tochter <em class="gesperrt">Klara</em>. An dem
-Spiele der kleinen Virtuosin konnte er recht deutlich absehen, welche
-Erfolge durch einen planvollen, methodischen Unterricht zu erzielen
-sind und war eifrig bemüht, die Mängel der eigenen Technik, wie sie
-sich bei einem Autodidakten mit Notwendigkeit herausstellen müssen,
-unter Wiecks kundiger Leitung wieder auszugleichen. Seinem Lehrer
-erwuchs hier die heikle Aufgabe, die halberblühte Knospe noch einmal
-zusammenzufalten, was bis zu einem gewissen Grade in der That auch
-gelang; nur von der Unentbehrlichkeit theoretischer Musikkenntnisse
-war Schumann einstweilen nicht zu überzeugen. Statt Harmonielehre zu
-treiben, versenkte er sich in Gemeinschaft mit einigen musikalischen
-Kommilitonen in die Schätze deutscher Kammermusik, studierte Bachs
-„Wohltemperiertes Klavier“ und entzückte sich an den Tonwerken des
-jüngst verstorbenen Meisters Schubert, welchen er gern mit Jean Paul zu
-vergleichen pflegte. „Wenn ich Schubert spiele, so ist mir’s, als läs’
-ich einen komponierten Roman Jean Pauls.“ Unter Schubertschem Einflusse
-entstanden auch mehrere eigene Kompositionen, Polonaisen, Variationen
-und ein Dutzend Lieder, welch letztere er an G. Wiedebein, einen
-damals geschätzten Liederkomponisten, zur Beurteilung<span class="pagenum"><a id="Seite_16"></a>[S. 16]</span> einschickte.
-Die Antwort fiel günstig aus: „Sie haben viel, sehr viel von der Natur
-empfangen; nützen Sie es und die Achtung der Welt wird Ihnen nicht
-entgehen.“</p>
-
-<p>An dem öffentlichen Musiktreiben Leipzigs, welches seit dem Ende der
-zwanziger Jahre immer reicher und reicher erblühte, nahm Schumann
-lebhaften Anteil. Der Thomanerchor, die Gewandhauskonzerte, erfreuten
-sich schon damals eines ausgezeichneten Rufes, ja selbst die
-untergeordneteren Institute, z.&nbsp;B. der Orchesterverein „Euterpe“ oder
-die Matthäischen Quartettakademien boten achtbare Leistungen. Minder
-Gutes läßt sich von dem etwas verwahrlosten Theater sagen; doch besaß
-es wenigstens an seinem Kapellmeister Marschner eine bedeutende Kraft,
-so daß man im allgemeinen der Behauptung Schumanns beipflichten kann,
-es gebe in Deutschland keinen besseren Ort für einen jungen Musiker als
-Leipzig.</p>
-
-<p>Jawohl, für einen Musiker! Aber war er denn ein solcher? Gehörte
-er nicht ins Kollegium, vor das <span class="antiqua">Corpus juris</span>, statt in den
-Konzertsaal und vors Klavier? Das ist die bedenkliche Seite seines
-Leipziger Universitätslebens. Zwar wird in den nach Zwickau gerichteten
-Briefen von fleißigem Kollegienbesuche gesprochen und über die
-Eiskälte der Rechtswissenschaften gejammert; allein aus den Briefen an
-vertraute Freunde geht mit Sicherheit hervor, daß Schumann fast nie
-ein juristisches Kollegium besucht, geschweige denn ein juristisches
-Buch zur Hand genommen hat. Wohl aber hörte er die Vorlesungen des
-Philosophen Krug und las Fichtes, Kants und Schellings Schriften.</p>
-
-<p>Im folgenden Jahre vertauschte Robert die Leipziger Hochschule mit
-der in Heidelberg. Wenn er indessen der Mutter, um ihre Einwilligung
-zu erhalten, als Grund dieses Wechsels angiebt, daß dort die
-berühmtesten Professoren lehrten, so ist das bei einem Studenten, der
-die Überzeugung hegt, „daß alle Kollegien überhaupt nur Eseln nützen
-können,“ bloß eitel Vorwand. In Wahrheit wollte er aus dem von<span class="pagenum"><a id="Seite_17"></a>[S. 17]</span> der
-Natur recht stiefmütterlich bedachten Leipzig heraus &ndash; zumal da Wieck
-den Klavierunterricht kurz zuvor wegen Zeitmangels eingestellt hatte &ndash;
-wollte andere Menschen kennen lernen und vor allem wieder einmal Freund
-Rosen in die Arme schließen. Die gute Mutter war bald überredet und
-Schumann wandte seelenvergnügt dem „erbärmlichen Leipzig“ den Rücken.</p>
-
-<p>Das war eine Fahrt, unter blauem Himmel über lachende Frühlingsau’n!
-Dazu hatte ihm der Zufall in <em class="gesperrt">Willibald Alexis</em> einen geistvollen
-Gefährten beigesellt, dem er sogar noch eine Strecke rheinabwärts
-bis Koblenz das Geleite gab. In einem reizenden Briefe an die Mutter
-schildert er ausführlich all seine Reiseerlebnisse, beschreibt die
-lieblichen Mainlande, das interessante Frankfurt, die herrlichen Abende
-am Rhein und vergißt auch nicht einige Bemerkungen über die Kost und
-&ndash; die Mädchen einzuflechten. Nur eine Stelle aus dem merkwürdigen
-Berichte sei herausgehoben: „Um neun Uhr fuhren wir von Wiesbaden
-ab. Ich drückte die Augen zu, um den ersten Anblick des alten,
-majestätischen Vater Rhein mit ganzer Seele genießen zu können; und wie
-ich sie aufschlug, lag er vor mir, ruhig, still, ernst und stolz wie
-ein alter, deutscher Gott und mit ihm der ganze blühende, grüne Gau
-mit seinen Bergen, Thälern und Rebenparadiesen.“ Es liegt ein Stück
-Kulturgeschichte in diesen Worten; noch wenige Jahrzehnte zuvor konnte
-der Deutsche mit dem Namen „Rhein“ nur die Vorstellung seiner Reben
-verbinden; jetzt haftet an ihm eine Reihe mythischer Anschauungen,
-jetzt ist er eine Art Heiligtum unseres Volkes geworden, und das
-Weinlaub, das sein ehrwürdiges Haupt umkränzt, wird vom Epheu der Sage
-beinahe überwuchert. Die Poesie dieses Stromes musikalisch zu erfassen,
-wie es später Liszt in der „Lorelei“ oder Wagner in den „Nibelungen“
-gethan hat, mußte Schumann allerdings versagt bleiben: sie war damals
-beinahe noch ein ausschließliches Eigentum der Dichtkunst.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_18"></a>[S. 18]</span></p>
-
-<p>In Heidelberg, „der Vaterlandsstädte schönster“, führte Schumann mit
-Rosen ein wahres Götterleben. Freilich, wenn er nach Hause schreibt,
-daß ihm bei <em class="gesperrt">Thibaut</em> selbst das Jus besser schmecke, daß er
-jetzt die Würde der Jurisprudenz begreifen lerne, so ist das gar nicht
-buchstäblich zu nehmen. Der große Gelehrte betrieb, wie er offen zur
-Schau trug, seine Wissenschaft nur mit Unlust und es war ein Ausspruch
-von ihm bekannt, er würde, wenn er nochmals zu leben hätte, lieber
-Musiker werden, als Pandektist. Solche Denkungsweise eroberte ihm
-Schumanns Herz im Sturme, so wenig sich der Verehrer Schuberts sonst
-mit dem musikalischen Glaubensbekenntnisse des greisen Professors auch
-befreunden konnte. Thibaut hatte nämlich in seinem 1825 erschienenen
-Buche „Über die Reinheit in der Tonkunst“ eine archaische Richtung
-eingeschlagen und pflegte die Werke der alten Meister in seinem Hause
-aufführen zu lassen. Auch Schumann wurde diesen Abendunterhaltungen
-beigezogen. „Sie glauben kaum,“ schreibt er an Wieck, „was ich bei ihm
-für herrliche, reine, edle Stunden verlebt habe und wie sehr seine
-Einseitigkeit und pedantische Ansicht über Musik bei dieser unendlichen
-Vielseitigkeit und bei diesem belebenden, entzündenden und zermalmenden
-Geiste schmerzt.“</p>
-
-<p>Der trefflichen Lehrer ungeachtet wurden die Kollegien aber nach
-wie vor arg vernachlässigt. In dieser Hinsicht war Schumann einmal
-unverbesserlich. Viel lieber durchstreifte er die reizende Umgebung
-Heidelbergs oder stürzte sich, als der Winter seinen Ausflügen ein
-Ziel setzte, in den Strudel des lustigen Studentenlebens. „Fast
-alle Abende,“ heißt es in einem Briefe an die Mutter, „bin ich
-in Gesellschaften oder auf Bällen.“ Bald treffen wir ihn bei den
-Schlittenfahrten, welche die Studentenvereine &ndash; er gehörte der
-Saxoborussia an &ndash; in großem Stile veranstalteten, bald und zwar am
-häufigsten huldigt er dem Tanzvergnügen. Zugleich bereitet er sich
-zu einer „italienischen Reise“ vor, welche in den zwischen Winter-
-und Sommersemester ein<span class="pagenum"><a id="Seite_19"></a>[S. 19]</span>geschalteten Ferien angetreten werden sollte
-und treibt zu diesem Behufe das Studium der italienischen Sprache.
-Einen Teil der Sonette Petrarkas hat er zu dieser Zeit mit wunderbarer
-Treue und Gewandtheit, wie erzählt wird, metrisch ins Deutsche
-übertragen. Mutter und Vormund wollten anfangs von dem kostspieligen
-Plane begreiflicherweise nichts wissen, aber Robert legte ihnen so
-eindringlich dar, daß die Ferien ja nicht zum Studium der Bücher,
-als vielmehr der Welt, d.&nbsp;h. zum Reisen angeordnet seien, drohte
-schließlich gar das erforderliche Geld wo anders auszuleihen, bis er
-zuletzt doch die Bewilligung erhielt und im August, das Ränzel am
-Rücken, den Stab in der Hand, gleich Eichendorffs lustigem Taugenichts
-sein liebes Heidelberg verlassen konnte.</p>
-
-<p>Nachdem er die majestätische Alpenwelt durchzogen, stieg er nieder ins
-wälsche Gefilde. Sechs Tage wurden unter allerhand kleinen Abenteuern
-in Mailand zugebracht, wo er auch zum erstenmale (im Scalatheater)
-italienische Musik und Gesangeskunst zu hören Gelegenheit hatte. Eine
-bedenkliche Abnahme des Reisegeldes zwang ihn endlich in Venedig zur
-Umkehr. Mit geringer Barschaft, aber reich an Erfahrungen traf er im
-Oktober 1829 wieder in der Neckarstadt ein.</p>
-
-<p>Während des folgenden Winterhalbjahres bildete wieder die Musik
-Schumanns eigentliches Studium. Als Klavierspieler war er in
-ganz Heidelberg berühmt, namentlich seit er in einem Konzerte
-des Musikvereins die Alexandervariationen von Moscheles glänzend
-vorgetragen hatte. Am liebsten jedoch musizierte er in engem
-Freundeskreise und riß namentlich durch seine freien Phantasien auf dem
-Piano alle Hörer unwiderstehlich hin. Sein Studiengenosse <em class="gesperrt">Töpken</em>
-erzählt, daß ihm diese unmittelbaren Ergüsse Schumanns immer einen
-Genuß gewährt hätten, wie er ihn später, so große Künstler er auch
-gehört, in der Art nie wieder gehabt habe.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_20"></a>[S. 20]</span></p>
-
-<p>Wie im verflossenen Winter gab sich Schumann auch diesmal den
-Karnevalsfreuden rückhaltlos hin. Auf den öffentlichen und privaten
-Bällen Heidelbergs und Mannheims &ndash; die beiden Städte standen in
-Bezug auf gesellige Unterhaltungen in regem Wechselverkehr &ndash; durfte
-der wohlgebildete, stattliche Jüngling als vorzüglicher Tänzer nicht
-fehlen. Daß dabei viel, sehr viel Geld aufging, kann man sich denken,
-und es brauchte langer Bitten, ehe der Vormund überredet war, sein
-flottes Mündel in dem teuren Heidelberg zu belassen.</p>
-
-<p>Da sein väterliches Erbteil nicht hinreichte, um von den Zinsen zu
-leben, gar für einen Menschen, der an solche Ansprüche gewöhnt war
-wie Robert, hätte er sich nunmehr ernstlich auf das Studium werfen
-sollen. Allein im Grunde seines Herzens stand bereits der Entschluß
-fest, die Künstlerlaufbahn trotz aller Hindernisse zu betreten, und
-das wunderbare Spiel Paganinis, den zu hören er zu Ostern 1830 nach
-Frankfurt geeilt war, scheint diesen Entschluß zu völliger Reife
-gebracht zu haben. Am 30. Juli endlich eröffnete er der Mutter
-sein Vorhaben in einem langen Briefe: „Mein ganzes Leben war ein
-zwanzigjähriger Kampf zwischen Musik und Jus. Jetzt stehe ich am
-Kreuzwege und erschrecke bei der Frage: Wohin? Folg’ ich meinem Genius,
-so weist er mich zur Kunst und ich glaube den rechten Weg. Schreibe du
-selbst an Wieck in Leipzig und frage ihn, was er von mir und meinem
-Lebensplane hält. Fällt er ein günstiges Urteil, nun, so fehlt es an
-Fortkommen und Ruhm sicherlich nicht.“ Die Bestürzung der Mutter, als
-sie vernahm, daß ihr Robert, den sie bald am Ziele seines Studiums
-wähnte, einen ganz neuen Beruf ergreifen wolle, war ungeheuer. Zitternd
-und ängstlich schrieb sie an Wieck: „Auf Ihrem Ausspruche beruht
-<em class="gesperrt">alles</em>, die Ruhe einer liebenden Mutter, das ganze Lebensglück
-eines jungen unerfahrenen Menschen, der bloß in höheren Sphären lebt
-und nicht ins praktische Leben eingehen will. Ich bitte und be<span class="pagenum"><a id="Seite_21"></a>[S. 21]</span>schwöre
-Sie als Gatte und Vater, als Freund meines Sohnes, handeln Sie als
-redlicher Mann und sagen Sie unumwunden Ihre Ansichten, was er zu
-fürchten oder zu hoffen hat.“</p>
-
-<p>Wieck antwortete mit einem glänzenden Zeugnisse, das die sorgende Frau
-einigermaßen beruhigen konnte. Sie versagte darnach ihre Einwilligung
-nicht, und Schumann, überglücklich über den günstigen Ausgang dieser
-folgenschweren Angelegenheit, reiste zum zweitenmale, aber froheren
-Mutes als Schüler nach Leipzig. „Ich vertraue Ihnen ganz, ich gebe mich
-Ihnen ganz, nehmen Sie mich wie ich bin und haben Sie vor allen Dingen
-Geduld mit mir. Kein Tadel soll mich niederdrücken und kein Lob wird
-mich faul machen. Ich wollte, Sie könnten jetzt in mich sehen; es ist
-still darinnen, nur um das ganze Welthaupt geht ein leiser, leichter
-Morgenduft.“ Mit diesen Worten führte er sich bei dem verehrten Lehrer
-ein.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Erste_Kuenstlerzeit">3. Erste Künstlerzeit.</h2>
-
-</div>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Ich hasse alles, was nicht vom innersten Drange kommt.</div>
- <div class="verse mleft10"><em class="gesperrt">Schumann</em>, Jugendbriefe, S. 159.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Überblicken wir Schumanns bisherigen Entwickelungsgang, so
-fällt sogleich auf, daß er sich erst unverhältnismäßig spät dem
-Künstlerberufe widmete, daß seine Erziehung auf ganz andere Ziele
-gerichtet gewesen war, als auf die, welche ihm fernerhin einzig und
-allein vorschweben sollten und daß ihm theoretische Kenntnisse in
-der Musik beinahe noch gänzlich fehlten. Dagegen besaß er eine nicht
-gewöhnliche Fertigkeit am Klaviere, feinen musikalischen Sinn und ein
-hervorragendes Interpretationsvermögen. Unvergeßlich ist es seinen
-Heidelberger Freunden geblieben, wie er z.&nbsp;B. Webers<span class="pagenum"><a id="Seite_22"></a>[S. 22]</span> „Aufforderung zum
-Tanze“ vorzutragen und während des Spieles zu erläutern wußte. „Jetzt
-spricht sie,“ sagte er, „das ist der Liebe Kosen; jetzt spricht er, das
-ist des Mannes ernste Stimme. Jetzt sprechen sie beide zugleich und
-deutlich höre ich auch, was beide Liebende einander sagen.“</p>
-
-<p>Solche Eigenschaften, der mächtige Zug der Zeit und die Hoffnung auf
-baldigen Erwerb wiesen Schumann gebieterisch in die Virtuosenlaufbahn,
-zu welcher er sich denn auch mit wahrem Feuereifer vorbereitete. In
-drei bis vier Jahren hoffte er den hochverehrten Moscheles erreichen
-zu können. Allein während der beseligende Gedanke, nun völlig der
-Kunst anzugehören, und die Voraussicht künftiger Meisterschaft ihm die
-Brust mit stiller Heiterkeit erfüllte, stand es nicht eben günstig um
-seine äußeren Verhältnisse. Die Brüder, über den plötzlichen Wechsel
-des Berufes ein wenig verstimmt, unterstützten ihn nur sehr spärlich
-mit Geld, so daß er in allerlei lästige Verlegenheiten geraten mußte.
-Erst nach einem Besuche Schumanns in Zwickau zu Ostern 1831 erscheint,
-wahrscheinlich durch Vermittelung der Mutter, welche jetzt immer tapfer
-auf seiner Seite stand, das frühere herzliche Einvernehmen mit der
-Familie wieder hergestellt.</p>
-
-<p>„Nun ist der Himmel so schön blau,“ schreibt er bald darauf nach Hause,
-„daß ich jemand haben möchte, dem ich’s so recht sagen könnte, wie
-glücklich und sommerlich es in mir aussieht, wie mein inneres ruhiges
-Kunstleben alle Leidenschaften zurückdrängt, wie ich manchmal recht
-den Augenblick der Gegenwart fühle. Es ist nämlich eine schöne Sache
-um einen jungen Dichter und vollends um einen jungen Komponisten.
-Du kannst gar nicht glauben, was das für ein Gefühl ist, wenn er
-sich sagen kann: dies Werk ist ganz dein, kein Mensch nimmt dir dies
-Eigentum und kann dir’s nicht nehmen, denn es ist ganz dein; o fühltest
-du dieses <em class="gesperrt">Ganz</em>! Da der Grund zu diesem Gefühle nur selten kommt,
-da der Genius nur ein Augenblick ist, so<span class="pagenum"><a id="Seite_23"></a>[S. 23]</span> bricht es dann auch in
-seiner ganzen Schönheit hervor und erzeugt eine Art von beruhigendem
-Selbstvertrauen, das keinen Tadler zu fürchten braucht.“</p>
-
-<p>Was diese Briefstelle erst andeuten, aber noch nicht offen verraten
-wollte, kommt schon in den nächsten Monaten zu Tage. Schumann hatte
-nämlich den Sommer benützt, um einige noch in Heidelberg entworfene
-Kompositionen auszuführen und konnte schon am 21. September der Mutter
-das Erscheinen seines ersten Werkes: <span class="antiqua">Thème sur le nom Abegg, varié
-pour le pianoforte</span> ankündigen. „Wüßtest du, was das für Freuden
-sind, die ersten Schriftstellerfreuden! Stolz wie der Doge von Venedig
-mit dem Meere, vermähle ich mich zum erstenmale mit der großen Welt.“</p>
-
-<p>Gewidmet ist die im Walzerrhythmus gehaltene Gelegenheitsarbeit
-einer fingierten Comtesse Pauline d’Abegg, hinter welcher eigentlich
-eine Mannheimer Ballbekanntschaft, Meta Abegg, die Verehrte eines
-Freundes, steckt. Auch in Opus 2, den <em class="gesperrt">Papillons</em>, zwölf
-kleinen, flatternden und schäkernden Stücken, das letzte Kapitel der
-„Flegeljahre“ Jean Pauls in Töne umgesetzt, bedient er sich noch
-der Tanzform. Außerdem sollte damals eine Toccata (<span class="antiqua">op.</span> 7)
-vollendet werden, doch hielt ihn von der Ausarbeitung die während
-der Komposition der obengenannten Werke gewonnene Einsicht von der
-Notwendigkeit theoretischer Musikkenntnisse zurück. Er nahm gegen
-Ende des Jahres, als Wieck mit seiner Tochter auf einer Kunstreise
-nach Paris begriffen war, bei <em class="gesperrt">Heinrich Dorn</em>, Kapellmeister am
-Leipziger Theater, Unterricht. Freilich wollte das trockene Studium
-einem Phantasiemenschen seines Schlages gar nicht behagen. „Mit Dorn
-werde ich mich nie amalgamieren können,“ klagt er an Wieck; „er
-will mich dahin bringen unter der Musik eine Fuge zu verstehen.“
-Allein später, nachdem die Vergangenheit bereits ihr verklärendes
-Licht über jene Lehrzeit gebreitet hatte, gab er dem Lehrer seine
-Dankbarkeit mit bewegenden Worten kund. Ihre Berechtigung soll
-hier nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_24"></a>[S. 24]</span> näher untersucht werden; genug, daß der Schüler, als
-Dorn im Frühling 1832 nach Hamburg abberufen wurde, schon so weit
-vorgeschritten war, um sich mit Nutzen weiter bilden zu können und
-hinreichende Sicherheit zu besitzen glaubte, um eine so „herkulische“
-Arbeit, wie es die <em class="gesperrt">Übertragung der Violinkaprizen Paganinis</em>
-für das Pianoforte war, zu unternehmen. Der kühne Versuch gelang und
-fand auch gebührende Anerkennung. Namentlich freute sich Schumann
-über eine sehr wohlwollende Recension seines Werkes in Haslingers
-„Musikalischem Anzeiger“, die dem Dichter Grillparzer zugeschrieben
-wird, wahrscheinlich aber von dessen Bruder Camillo herrühren
-dürfte. In geistreicher Weise sind die leicht schwebenden, auf die
-raffinierteste Violintechnik berechneten Etüden harmonisch ausgebaut,
-ohne dadurch beschwert oder herabgezogen zu werden.<a id="FNAnker_2" href="#Fussnote_2" class="fnanchor">[2]</a> Aus derselben
-Zeit stammt auch Opus 4, die <em class="gesperrt">Intermezzi</em>, liedförmig entwickelte
-Tonsätze verschiedenen Charakters. Ihr Titel erklärt sich aus dem
-ähnlichen Gebrauche dieses Wortes in Eichendorffs, Heines und anderen
-Gedichtsammlungen.</p>
-
-<p>Trotz dieser schöpferischen Thätigkeit und der emsig fortgesetzten
-theoretischen Studien brauchten die Vorbereitungen zur
-Virtuosenlaufbahn keineswegs lässiger betrieben zu werden. Schumann
-widmete sich eben vom frühen Morgen bis tief in die Nacht der Musik
-und verkehrte im allgemeinen nur wenig mit der Außenwelt. Aber gerade
-das Streben nach raschester Vervollkommnung sollte ihm verhängnisvoll
-werden, denn er zog sich durch ein unglückliches Experiment, welches
-die Unabhängigkeit der Finger voneinander beschleunigen sollte, eine
-Lähmung des rechten Mittelfingers zu, die später, infolge verkehrter
-Behandlung, eine Zeit lang<span class="pagenum"><a id="Seite_25"></a>[S. 25]</span> sogar die Hand ergriff und alle seine
-Virtuosenträume für immer zu nichte machte. Soviel aus Schumanns
-gelegentlichen Äußerungen zu entnehmen war, hatte er den bezeichneten
-Finger vermittelst einer selbst erfundenen Vorrichtung, während die
-übrigen Finger übten, emporgezogen und durch die übergroße Anspannung
-ein Erschlaffen der Sehne verursacht. Glücklicherweise schien anfangs
-Aussicht auf Genesung vorhanden zu sein, so daß der Arme nicht gleich
-verzweifeln mußte, sondern nach dem ersten nicht geringen Schrecken den
-guten Mut bald wiedergewann. Einstweilen, bis der Finger geheilt wäre,
-beschloß er, sich mit doppelter Kraft auf die Komposition zu werfen
-und schrieb, um das Brett zu bohren, wo es am dicksten war, „ganz nach
-eigenem Sinne und ohne Anleitung“ einen symphonischen Satz, der später
-auch wirklich in einem Konzerte der Klara Wieck (18. November 1832) zur
-Aufführung gelangte, obendrein in seiner Vaterstadt. Schumann war zu
-diesem für ihn hochwichtigen Ereignisse natürlicherweise nach Zwickau
-geeilt und blieb daselbst den Winter über, mit der Umarbeitung seines
-Werkes, auf welches er große Hoffnungen setzte, eifrig beschäftigt. In
-der neuen Gestalt wurde es dann am 12. Februar 1833 im benachbarten
-Schneeberg gespielt. Schon einige Wochen später kehrte der junge Autor
-nicht ohne Stolz und Selbstbewußtsein nach Leipzig zurück.</p>
-
-<p>Er bezog eine reizende Wohnung in Riedels Gärten, wie sie ein stilles
-Dichtergemüt nur wünschen konnte, voll Sonnenschein, Blütenduft und
-Vogelgesang. Das zweite Heft der Kaprizen und die phantasiereichen
-„<span class="antiqua">Impromptus sur une Romance de Clara Wieck, dedié à Monsieur
-Fr. Wieck</span>“ (<span class="antiqua">op.</span> 5), eine Huldigung an das befreundete
-Künstlerpaar, sind hier im Laufe des Frühlings entstanden. Schumann
-wandte sich also, offenbar mißtrauisch gegen seine symphonische
-Begabung wieder der Klaviermusik zu. Zwar trat seine Symphonie noch
-ein drittes Mal in einem Wieckschen Konzerte im Gewandhause an die
-Öffentlichkeit, ist<span class="pagenum"><a id="Seite_26"></a>[S. 26]</span> aber nie im Druck erschienen. Immerhin diente
-sie dazu, ihm die Freundschaft namhafter Musiker, Hauser, Pohlenz
-und Stegmeyer, mit denen er fortan häufig verkehrte, zu erwerben.
-Schumann war gerade damals viel geselliger als je in späteren Jahren.
-Er pflegte des Abends, nach beendigter Tagesarbeit das Restaurant
-zum „<em class="gesperrt">Kaffeebaum</em>“ aufzusuchen, wo er im Kreise von Bekannten
-einige Stunden zubrachte. Es waren fast ausschließlich Künstler und
-Altersgenossen, die dort zusammenkamen: Wenzel, Knorr, Stegmayer,
-Ortlepp, Dr. Reuter, Lühe und Lyser. Auf Schumanns Vermittlung hin
-stellte sich auch Wieck ein, der gelegentlich sogar Klara mitbrachte
-und &ndash; als Ältester &ndash; den geistigen Mittelpunkt der Gesellschaft
-abgab. Robert aber saß seitwärts in einer versteckten Ecke, den
-Kopf auf den Arm gestützt, die unentbehrliche Cigarre im Munde, mit
-halbgeschlossenen Augen, wie in Traum verloren. Dann wieder auflebend
-bis zur Gesprächigkeit und Lebhaftigkeit, wenn ein interessanter
-Ideenaustausch angeregt wurde, so daß man das Erwachen aus seiner
-Versunkenheit, das Heraustreten an die Außenwelt beobachten konnte.
-(Brendel.) Das Gespräch bewegte sich gewöhnlich um die musikalischen
-Zustände Deutschlands, welche eben in jener Zeit nichts weniger
-als erfreulich zu nennen waren; insbesondere in Bezug auf die
-Klaviermusik. Hier dominierten Herz, Hünten, Czerny mit ihrem
-brillanten Floskelwesen und leeren Klingklang, während die kürzlich
-verstorbenen Meister Beethoven, Weber, Schubert schier vergessen
-schienen und jungen, bedeutenderen Talenten, wie Chopin, Mendelssohn
-und andern keine Beachtung zu teil wurde. Sie begegneten einer Kritik,
-die, allen neuen und außergewöhnlichen Erscheinungen abhold, dieselben
-entweder schonungslos herunterriß oder vollständig totschwieg, jedes
-oberflächliche Machwerk dagegen, sofern es nur in althergebrachter
-Manier verfertigt war, ungebührlich lobte. So geschah es z.&nbsp;B. in der
-Leipziger „Allgemeinen musikalischen Zeitung“, seitdem die Redaktion<span class="pagenum"><a id="Seite_27"></a>[S. 27]</span>
-aus den Händen des alten, trefflichen <em class="gesperrt">Rochlitz</em> in jene G. W.
-<em class="gesperrt">Finks</em> übergegangen. In Berlin führte <em class="gesperrt">Rellstab</em>, der
-Herausgeber der „Iris“ sein gefürchtetes Richtschwert gegen Schumann,
-Chopin, Mendelssohn und Schubert. Neben diesen zwei kritischen
-Zeitschriften kommt der Wiener „Musikalische Anzeiger“ (redigiert von
-Castelli) gar nicht in Betracht; er pries das Beste und Schlechteste,
-all einerlei.</p>
-
-<p>Da fuhr eines Junitages der Gedanke durch die jungen Brauseköpfe: laßt
-uns nicht müßig zusehen, greift an, daß es besser werde, daß die Poesie
-in der Kunst wieder zu Ehren komme, daß der musikalische Zopf und die
-kritische Honigpinselei ein Ende habe! So entstand der Plan einer neuen
-Zeitschrift für Musik, in deren Leitung sich Wieck, Knorr, Ortlepp,
-Schumann und Stegmayer teilen sollten. Freilich bis zur Verwirklichung
-hatte es noch gute Wege. Hoffmeister, der zur Übernahme des Verlages
-ausersehen war, zauderte trotz endloser Unterhandlungen. Auch fehlte
-es nicht an Differenzen zwischen den Herausgebern selbst. Wieck
-zum Beispiel, der eigentlich bloß seinen Namen hergab, fühlte sich
-zurückgesetzt, wenn einer der jungen Leute die Betreibung der Sache
-energisch in die Hand nahm. Ohne Schumanns hingebungsvolle Thätigkeit
-wäre das Unternehmen sicherlich noch gescheitert. Wie wohl er sich in
-dem neuen Wirkungskreise befand, läßt sich aus den tollen Streichen
-ermessen, die er den Sommer über mit seinen Genossen inscenierte.
-Es kam vor, daß er sie auf der Heimkehr aus dem „Kaffeebaum“ noch
-um Mitternacht in den Riedelschen Garten lud; das Gitter ward mit
-Lebensgefahr überklettert, der Kellner des Weinschanks, der sich im
-Hause befand, herausgetrommelt und unter den rauschenden Bäumen begann
-ein übermütiges Gelage.</p>
-
-<p>War nun die Überanstrengung durch die Vorarbeiten zur Zeitschrift
-oder eine Verkühlung schuld oder beides zugleich &ndash; er verfiel nach
-solch einer nächtlichen Schwärmerei in eine schwere Nervenkrankheit.
-Unglücklicherweise mußte den<span class="pagenum"><a id="Seite_28"></a>[S. 28]</span> Genesenden noch die erschütternde
-Nachricht von dem Tode seiner Schwägerin Rosalie und seines Bruders
-Julius treffen, wodurch die Erholung neuerdings hinausgeschoben wurde.
-Erst im Dezember durfte er die Arbeit an der Zeitschrift wieder
-aufnehmen.</p>
-
-<p>Um dieselbe Zeit, zu Ende des Jahres 1833, hatte ein junger
-schwäbischer Musikus Leipzig zum dauernden Aufenthalt erkoren und
-wurde bald nach seiner Ankunft mit dem Schumannschen Freundeskreise
-bekannt. „In Krauses Keller trat ein junger Mensch an uns heran, alle
-Augen waren auf ihn gerichtet. Einige wollten eine Johannesgestalt
-an ihm finden, andere meinten, grübe man in Pompeji einen ähnlichen
-Statuenkopf aus, man würde ihn für den eines römischen Imperators
-erklären. Alle jedoch stimmten darin überein, daß es ein Künstler
-sein müsse, so sicher war sein Stand von der Natur schon in der
-äußerlichen Gestalt gezeichnet &ndash; nun, ihr habt ihn ja alle gekannt;
-die schwärmerischen Augen, die Adlernase, den feinironischen Mund,
-das reiche, herabfallende Lockenhaar und darunter einen leichten,
-schmächtigen Torso, der mehr getragen schien als zu tragen. Bevor er
-an jenem Tage des ersten Sehens uns leise seinen Namen „<em class="gesperrt">Ludwig
-Schunke</em> aus Stuttgart“ genannt hatte, hörte ich innen eine Stimme:
-‚das ist der, den wir suchen‘ &ndash; und in seinen Augen stand etwas
-Ähnliches.“ Schumann gewann an dem edlen, liebenswürdigen Künstler
-einen teuren Herzensfreund, die Zeitschrift einen ihrer wärmsten
-Verfechter. Dank seines werkthätigen Beistandes konnte die erste Nummer
-schon im April erscheinen.</p>
-
-<p>Ihr von Schumann entworfenes Programm war im wesentlichen eine
-Paraphrase des Goetheschen Lehrspruches:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent2">„Ältestes bewahrt mit Treue,</div>
- <div class="verse indent2">Freundlich aufgefaßt das Neue.“</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Es lautet: „An die alte Zeit und ihre Werke mit allem Nachdruck
-erinnern, darauf aufmerksam zu machen, wie nur an so reinem Quelle
-neue Kunstschönheiten gekräftigt werden<span class="pagenum"><a id="Seite_29"></a>[S. 29]</span> können &ndash; sodann die letzte
-Vergangenheit, die nur auf Steigerung äußerlicher Virtuosität ausging,
-als eine unkünstlerische zu bekämpfen &ndash; endlich eine neue poetische
-Zeit vorzubereiten, beschleunigen zu helfen. &ndash; Unerschütterlich steht
-in uns die Ansicht, daß wir noch keineswegs am Ende unserer Kunst sind,
-daß noch viel zu thun übrig bleibt, daß Talente unter uns leben, die
-uns in unseren Hoffnungen auf eine neue reiche Blütenzeit der Musik
-bestärken und daß noch größere erscheinen werden. &ndash; Die <em class="gesperrt">Erhebung
-deutschen Sinnes durch deutsche Kunst</em>, geschieht sie nun durch
-Hinweisung auf ältere Muster oder durch Bevorzugung jüngerer Talente;
-mag als das letzte Ziel unserer Bestrebungen angesehen werden. &ndash; Wir
-wüßten nicht, was wir vor anderen Künsten und Wissenschaften voraus
-haben sollen, wo sich die Parteien offen gegenüberstehen und befehden,
-noch überhaupt, wie es sich mit der Ehre der Kunst und der Wahrheit der
-Kritik vereinbaren ließe, den drei Erzfeinden unserer und aller Kunst,
-den Talentlosen, dann den Dutzendtalenten, endlich den talentvollen
-Vielschreibern ruhig zuzusehen. Wir schreiben ja nicht, um die
-Kaufleute reich zu machen, wir schreiben den Künstler zu ehren.“</p>
-
-<p>In kurzer Zeit gebot die Zeitschrift über eine stattliche Anzahl
-tüchtiger Mitarbeiter; wir nennen unter anderen: Bank, Berger, Dorn,
-Griepenkerl, Stephen Heller, Kahlert, Keferstein, Kistner, Koßmaly,
-Krägen, Lorenz, Löwe, Lyser, Mangold, Marx, Nauenburg, Riefstahl,
-Schüler, Töpken, Truhn, Weißmann, Wenzel, Zuccalmaglio. Für die
-Redaktion zeichneten Schunke, Schumann, Wieck und Knorr. Man blättere
-in den ersten Bänden der Zeitschrift nach: das fröhliche, kräftige
-Leben darin wird noch jetzt Anteil erwecken; auch Versehen kamen vor,
-wie sie ja im Gefolge aller jugendlichen Unternehmungen sind. Jeder
-steuerte eben bei, was er hatte. Der Stoff schien damals endlos;
-man war sich eines edlen Strebens bewußt; neue Götterbilder sollten
-aufgestellt, ausländische Götzen niedergerissen werden;<span class="pagenum"><a id="Seite_30"></a>[S. 30]</span> man arbeitete
-Tag und Nacht. Es war das Ideal einer großen Künstlerbrüderschaft zur
-Verherrlichung deutscher, tiefsinniger Kunst, das wohl jedem als das
-herrlichste Ziel seines Strebens vorleuchten mochte. Und wie denn die
-Zeitschrift zu günstiger Stunde, unter günstigen Umständen unternommen
-wurde, einmal weil man des Schneckenganges der alten musikalischen
-Kritik überdrüssig war und weil wirklich neue Erscheinungen am
-Kunsthimmel aufstiegen, dann weil die Zeitschrift im Schoß von
-Deutschland, in einer von jeher berühmten Musikstadt entsprang und
-der Zufall gerade mehrere junge, gleichgesinnte Künstler vereinigt
-hatte, so griff das Blatt auch rasch um sich und verbreitete sich nach
-allen Gegenden hin. Fast alle bedeutenden Tonsetzer dieser Periode:
-Mendelssohn, Chopin, Hiller, Taubert, Stephen-Heller, Gade, Berlioz,
-Franz, Verhulst und Sterndale Benett wurden teils durch dieselbe
-zuerst verständnisvoll gewürdigt, teils geradezu in die musikalische
-Welt eingeführt &ndash; nur gegen Meyerbeer nahm die Zeitschrift eine
-ablehnende Haltung ein; mit Recht darf man heute behaupten. Im übrigen
-liegen ihre Verdienste vornehmlich auf dem Felde der Klaviermusik.
-Hier erzielte sie einen vollständigen Umschwung des Geschmackes; indem
-fortan gedankenvollere, polyphone Gebilde an Stelle der alten virtuosen
-Passagenwerke traten. Für die gleichfalls in Aussicht genommene
-Opernreform in ähnlicher, gedeihlicher Weise zu wirken, blieb ihr
-dagegen versagt, schon darum, weil es in „Klein-Paris“ kein rechtes
-Theaterleben gab und den Herausgebern, abgesehen von der unerläßlichen
-Begabung, auch die Erfahrung im dramatischen Genre abging.</p>
-
-<p>Die Herausgeber! Ist’s denn erlaubt, von ihnen in der Mehrzahl
-zu sprechen? Wieck war immerfort auf Reisen, Knorr erkrankte, so
-daß eigentlich nur Schumann und Schunke als Häupter der Leipziger
-romantischen Schule in Betracht kamen. Schunke wiederum, dem die Feder
-nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_31"></a>[S. 31]</span> parieren wollte, war bloß eine moralische Macht, so daß die
-Redaktionsgeschäfte fast einzig und allein auf Schumanns Schultern
-lasteten. Jetzt mußten dem Musiker, der bereits 1831 in der Finkschen
-Zeitung einen schönen Aufsatz über Chopin und 1833 einen über Klara
-Wieck im „Kometen“ veröffentlicht hatte, seine schriftstellerischen
-Gaben frommen. Er lieferte nicht allein zahlreiche Beiträge,
-bearbeitete die eingelaufenen, manchmal recht elend stilisierten
-Artikel, sondern besorgte auch Korrespondenzen, Verrechnungen,
-Korrekturen, Anweisung der Honorare u.&nbsp;s.&nbsp;w. &ndash; alles ohne irgend einen
-pekuniären Vorteil. Zum Komponieren blieb ihm unter solchen Umständen
-allerdings nur spärliche Muße.</p>
-
-<p>Es war ungefähr zur Zeit des ersten Erscheinens der Zeitschrift,
-als Schumann, nicht ohne längeres Sträuben seinerseits, bei dem
-kunstsinnigen Kaufmanne <em class="gesperrt">Carl Voigt</em> und dessen Gattin
-<em class="gesperrt">Henriette</em> eingeführt wurde. Aber „nur einen Schritt in ihr Haus
-gethan, und der Künstler fühlte sich heimisch darin. Aufgehängt waren
-über dem Flügel die Bildnisse der besten Meister; eine ausgewählte
-musikalische Bibliothek stand zur Verfügung; der Musiker, schien es,
-war Herr im Hause, die Musik die oberste Göttin.“ Ein beredter Zeuge
-des regen Künstlerverkehres ist das Album der Frau Voigt, durch die
-Autographe berühmter Musiker &ndash; Mendelssohn, Löwe, Chopin und anderer
-&ndash; mit denen sie teilweise auch Briefwechsel unterhielt, sehr kostbar.
-(Jansen.) Poetisch und musikalisch begabt &ndash; sie war L. Bergers
-Schülerin im Klavierspiel &ndash; hat Henriette (die „Beethovenerin“) auf
-den ihr freundschaftlich zugethanen Schumann bildend und belebend
-eingewirkt. Sie wurde auch seine Vertraute in dem etwa gleichzeitig
-sich entspinnenden Liebesverhältnisse zu <em class="gesperrt">Ernestine von Fricken</em>.</p>
-
-<p>Dieselbe, die Tochter eines reichen böhmischen Barons aus Asch, kam im
-Frühjahr 1834 nach Leipzig, um sich bei Wieck im Pianofortespiel zu
-vervollkommnen, „ein herrliches, reines, kindliches Gemüt,“ wie Robert
-sie schildert, „zart<span class="pagenum"><a id="Seite_32"></a>[S. 32]</span> und sinnig, mit der innigsten Liebe an mir und
-allem Künstlerischen hängend, außerordentlich musikalisch &ndash; kurz ganz
-so, wie ich mir meine Frau wünsche.“ Am 5. September verlobte sich
-Schumann mit ihr, erhielt auch die Einwilligung des Vaters &ndash; allein
-der Brautstand war nicht von langer Dauer. Schon im August des nächsten
-Jahres wurde das Verlöbnis, aus Gründen, die sich unserer Kenntnis noch
-entziehen, in aller Freundschaft wieder gelöst.</p>
-
-<p>Inzwischen hatte sich ein tief schmerzliches, aber nicht unerwartetes
-Ereignis zugetragen. Ludwig Schunke war (7. Dezember 1834) an einer
-zehrenden Brustkrankeit, Novalis vergleichbar, sanft aus dem Leben
-geschwunden. Schumann war trostlos. Zu seiner Trauer um den Geliebten
-gesellten sich noch allerlei, durch die Liederlichkeit des Verlegers
-der Zeitschrift, E. <em class="gesperrt">Hartmann</em>, hervorgerufene Zerwürfnisse,
-welche endlich dadurch beigelegt wurden, daß Schumann, der nach
-Schunkes Tode und Knorrs und Wiecks Rücktritt von den Leitern des
-Unternehmens allein übrig geblieben, die Zeitschrift ankaufte und
-dem Buchhändler <em class="gesperrt">Johann Ambrosius Barth</em> zum Verlag übergab.
-Herausgeber und Besitzer in einer Person (vom 1. Januar 1835 ab),
-benützte er das erworbene Eigentumsrecht, um wichtige Verbesserungen
-im kritischen Teile des Blattes eintreten zu lassen. Musikalische
-Schöpfungen sind, wie schon bemerkt, in diesem Zeitraume nur wenige zu
-verzeichnen. Ehe wir uns aber mit ihnen befassen, ist es notwendig, bei
-dem „<em class="gesperrt">Davidsbunde</em>“ zu verweilen, der in den Spalten der „Neuen
-Zeitschrift“ eine große Rolle spielt. Schumann dachte sich dabei einen
-idealen, natürlicherweise bloß im Kopfe seines Stifters existierenden
-Geheimbund fortschrittlicher Künstler, welcher König David, den
-mannhaften Besieger der Philister, als Schutzpatron verehrte. Unter
-den Mitgliedern ragen namentlich dreie hervor: Florestan, Eusebius
-und Meister Raro. <em class="gesperrt">Florestan</em> ist der Wortführer der neuen
-Richtung in der Musik. Rücksichtslos und un<span class="pagenum"><a id="Seite_33"></a>[S. 33]</span>gestüm zieht er gegen jedes
-pedantische Festhalten am alten Zopf zu Felde. „Warum denn rückwärts
-komponieren? Wem die Perücke gut steht, der mag sich eine aufsetzen;
-aber streicht mir die fliegende Jugendlocke nicht weg, wenn sie auch
-etwas wild über die Stirn hereinfällt. Also Locken, Sonatenschreiber
-und keine falschen...! Wie kommen wir dazu, uns von vorigen
-Jahrhunderten Vorschriften geben zu lassen?“ Im Gegensatze zu ihm ist
-<em class="gesperrt">Eusebius</em> weich und schwärmerisch, ein mädchenhaft schüchterner
-Jüngling. Meister <em class="gesperrt">Raro</em> endlich vermittelt zwischen beiden; er
-vertritt die Besonnenheit und Einsicht des gereiften Mannes. Wie diese
-merkwürdigen Gestalten im Verhältnis zu Schumann aufzufassen sind,
-erklärt er selbst in einem Briefe an Dorn: „Florestan und Euseb ist
-meine Doppelnatur, die ich wie Raro gern zum Mann verschmelzen möchte.“
-Auch hinter den übrigen Bündlern hat man wirkliche Personen zu suchen;
-es sind <em class="gesperrt">Walt</em> (Rakemann), <em class="gesperrt">Julius</em> (Knorr), <em class="gesperrt">Jonathan</em>
-(Schunke?), <em class="gesperrt">Serpentinus</em> (Bank), <em class="gesperrt">Fritz Friederich</em> (Lyser)
-und <em class="gesperrt">Giara</em> oder <em class="gesperrt">Zilia</em> (Klara Wieck). Zur Gestalt Meister
-Raros soll Friedrich Wieck einige Züge geliehen haben.</p>
-
-<p>Aber nicht allein in der Zeitschrift liebt es Schumann, sich
-hinter den Namen Florestan und Eusebius zu verbergen. Sie prangen
-auch als Verfasser auf dem Titelblatt der ersten Ausgabe seiner
-leidenschaftlichen <em class="gesperrt">Fis-Moll-Sonate</em> (<span class="antiqua">op.</span> 11), deren Wert
-zum erstenmale <em class="gesperrt">Franz Liszt</em> erkannt und in seiner geistreichen
-Weise dargelegt hat. (<span class="antiqua">Gazette musicale</span>, 1837, Nr. 46.) Freilich
-will die Bezeichnung „Sonate“ nicht durchwegs passen: die Triebkraft
-der Phantasie sprengt eben da und dort die überlieferten klassischen
-Formen. Einen ähnlich stürmischen Charakter trägt das sonst minder
-bedeutende <span class="antiqua">op.</span> 8 <em class="gesperrt">Allegro</em> (seiner Braut gewidmet), welches
-Schumann an Frau Voigt mit dem Bedeuten sandte, „daß der Verfasser
-mehr tauge als das Werk und weniger als die, der es zugeeignet ist.“
-Bei weitem<span class="pagenum"><a id="Seite_34"></a>[S. 34]</span> höher steht dagegen <span class="antiqua">op.</span> 9 der <em class="gesperrt">Karneval</em>,
-ein anmutig belebtes, an pikanten Rhythmen und bunten Modulationen
-reiches Faschingsbild. Das beständig wiederkehrende Motiv <span class="antiqua">ASCH</span>
-weist uns auf die persönlichen Beziehungen dieser Schöpfung; es drückt
-den Namen der Vaterstadt Ernestines in Noten aus. Schumann fand es
-„sehr schmerzlich“, wie denn das ganze Werk in ernster Stimmung
-komponiert worden ist. Der Musik wird das aber niemand anmerken; sie
-charakterisiert das fröhliche Gewimmel im hellerleuchteten Ballsaal
-ganz meisterlich. Der bedächtige Pierrot schreitet vorüber, Pantalon
-und Colombine kommen leichten Fußes einhergetrippelt, der Harlekin
-schlägt seine Capriolen und eine Kokette läßt verführerisch ihre Augen
-spielen. Die Davidbündlerschaft fehlt auch nicht beim Feste. Wir sehen
-den wild dreinfahrenden Florestan, den träumerischen Eusebius, Chiara,
-Estrella (Ernestine), ferner Paganini und Chopin. Die Krone des Ganzen
-aber bildet der kecke „Marsch der Davidsbündler gegen die Philister“,
-welch letztere sehr ergötzlich durch die Melodie des Großvatertanzes
-(„Und als der Großvater die Großmutter nahm“) charakterisiert sind.
-Natürlich werden die Armen zu guterletzt jämmerlich geschlagen und
-Davids siegreiche Jünger erheben frohlockend ihr übermütiges Jubellied.</p>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_2" href="#FNAnker_2" class="label">[2]</a> Noch freier verfährt Schumann in einem zweiten Hefte, das
-der Verleger des besseren Absatzes wegen als <span class="antiqua">op.</span> 10 erscheinen
-ließ; er streift diesmal der Komposition alles Geigenmäßige ab und
-ersetzt die Klangeffekte des Streichinstrumentes sehr geschickt durch
-solche, die dem Klaviere eigentümlich sind.</p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Klara">4. Klara.</h2>
-
-</div>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent2">Wem nie von Liebe Leid geschah,</div>
- <div class="verse indent2">Geschah auch Lieb von Liebe nie.</div>
- <div class="verse indent4"><em class="gesperrt">Gottfried&nbsp;v.&nbsp;Straßburg.</em></div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Nicht lange nach der Lösung des Verhältnisses zu Ernestine von Fricken
-hielt eine neue Liebe Einzug in Schumanns Herzen, eine Liebe, deren
-Keime wohl schon manches Jahr in seiner Brust geruht haben mochten,
-ehe sie trieben, sproßten<span class="pagenum"><a id="Seite_35"></a>[S. 35]</span> und breit sich entfalteten, eine Liebe, die
-ihn harte Kämpfe und bittere Schmerzen gekostet, eine Liebe, der die
-deutsche Kunst einige ihrer schönsten und edelsten Blüten zu verdanken
-hat. Es war Klara Wieck, die langjährige Freundin, welche Ernestines
-Stelle dauernd einnehmen sollte. Geboren am 13. September 1819, fand
-sie schon als Kind ihres Klavierspieles halber allgemeine Bewunderung.
-Neun Jahre alt ließ sie sich zum erstenmale öffentlich hören, zwei
-Jahre später begann sie mit dem Vater, dessen vorzügliche Lehrmethode
-in ihrem Spiele die größten Triumphe feierte, weite Konzertreisen, die
-über Dresden, Weimar, Kassel, Frankfurt bis Paris führten. Die Aufnahme
-war überall enthusiastisch. In Weimar trug der greise Goethe das
-Stuhlkissen eigenhändig für sie herbei und schenkte ihr beim Abschied
-sein Brustbildmedaillon mit der Widmung: „Der geistreichen Klara
-Wieck.“ Auch andere berühmte Männer: Spohr, Mendelssohn, Alexander von
-Humboldt, Chopin, Herz und andere nahmen an ihr lebhaftes Interesse;
-Schumann verehrte sie „wie der Pilgrim das ferne Altarbild“ und
-stellte sie in eine Reihe mit Paganini. Über ihre äußere Erscheinung
-giebt Heinrich Dorn folgende Nachricht: „Meine Klara (denn sowohl
-von ihrem Vater, als von allen, die sie kannten, wurde sie nicht
-anders genannt), war 1831 ein reizender Backfisch; zierliche Gestalt,
-blühende Gesichtsfarbe, zarte, weiße Händchen, üppiges, schwarzes Haar,
-kluge, glutvolle Augen; alles war an ihr appetitlich.“ Mit Robert,
-„dem herrlichen, prächtigen Menschen,“ stand sie in geschwisterlichem
-Verhältnis. „Klara,“ schreibt er seiner Mutter 1833, „die wie immer
-innig an mir hängt, ist die alte &ndash; wild und schwärmerisch &ndash; rennt
-und springt und spielt wie ein Kind und spricht wieder einmal die
-tiefinnigsten Dinge. Es macht Freude, wie sich ihre Herzens- und
-Geistesanlagen jetzt immer schneller, aber gleichsam Blatt für Blatt
-entwickeln. Als wir neulich zusammen von Connewitz heimgingen (wir
-machen fast täglich zwei- bis dreistündige Märsche),<span class="pagenum"><a id="Seite_36"></a>[S. 36]</span> hörte ich, wie
-sie für sich sagte: „O, wie glücklich bin ich, wie glücklich!“ Wer hört
-das nicht gern! Auf demselben Wege stehen sehr unnütze Steine mitten im
-Fußsteg. Wie es nun trifft, daß ich oft im Gespräche mit anderen mehr
-auf- als niedersehe, geht sie immer hinter mir und zupft an jedem Stein
-leise am Rock, daß ich ja nicht falle. Einstweilen fällt sie selbst
-darüber.“ Bald darauf spricht Schumann dem Mädchen mit der Dedikation
-der Impromptus die Hoffnung aus, „daß die Vereinigung unserer Namen
-auf dem Titel eine unserer Ansichten und Ideen für spätere Zeiten
-sein möchte. <em class="gesperrt">Mehr bieten kann ich Armer nichts.</em>“ Während des
-Brautstandes mit Ernestine verblaßte begreiflicherweise das Bild
-Klaras, die sich obendrein meist auswärts auf Kunstreisen befand. Doch
-schon im Sommer 1835 schwebt ihm überall ihr „Engelskopf“ mitten unter
-Festen und Freudenhimmeln vor. Täglich, ja stündlich fühlte er sich
-mehr zu ihr hingezogen und während des folgenden Winters vollzog sich
-die Umwandlung des bisher bloß freundschaftlichen Bundes in ein offenes
-Liebesverhältnis. Klaras rege Beteiligung am Leipziger Musikleben,
-welches damals durch die Ankunft Mendelssohns einen neuen, mächtigen
-Aufschwung nahm, brachte sie fortwährend mit Robert in Berührung. Im
-Februar 1836 endlich, kurz nach dem Tode seiner Mutter (gestorben
-4. Februar) erscheint das förmliche „Sie“ im Briefwechsel durch das
-vertraute „Du“ ersetzt, denn Schumann schreibt: „Vielleicht daß der
-Vater die Hand nicht zurückzieht, wenn ich ihn um seinen Segen bitte.
-Freilich giebt es da noch viel zu denken, auszugleichen. Indes vertraue
-ich auf unseren guten Geist. Wir sind vom Schicksal schon füreinander
-bestimmt: schon lange wußte ich das, aber mein Hoffen war nicht so
-kühn, <em class="gesperrt">dir</em> es früher zu sagen und von dir verstanden zu werden.“</p>
-
-<p>Nun war Vater Wieck unserem Künstler zwar aufrichtig gewogen und
-hatte gern zur Verbreitung seiner Werke beigetragen, allein <span class="antiqua">in
-puncto</span> seiner Tochter verstand der alte,<span class="pagenum"><a id="Seite_37"></a>[S. 37]</span> etwas fahrige Herr
-keinen Spaß. Klara, sein Stolz, die sichtbare Verkörperung seiner
-illustren Klaviermethode, schien ihm wahrlich zu Höherem bestimmt als
-die Frau eines noch ziemlich unbekannten und unbemittelten Komponisten
-abzugeben! Er wies die kühne Werbung rundweg ab und reiste, um eine
-weitere Annäherung zu vereiteln, mit Klara auf der Stelle nach Breslau.
-Doch gelang es Schumann, der als Redakteur der Musikzeitung überall
-Verbindungen hatte, wenigstens geheimen Briefwechsel mit der Geliebten
-zu pflegen.</p>
-
-<p>Sein nächstes Streben war jetzt auf die Gründung einer sicheren
-Existenz gerichtet, denn die fünfhundert Thaler Rente, die er von
-seinem väterlichen Erbteil bezog, reichten wohl hin ihn vor Not
-und Sorge ums tägliche Brot, den treuen Gefährtinnen des deutschen
-Musikers, zu schützen, aber nicht zum Unterhalt einer Familie. Durch
-Verpflanzung der Zeitschrift nach Wien hoffte er ihre Einträglichkeit
-um ein Bedeutendes zu steigern und betrieb deshalb in aller Stille aber
-eifrig diese Angelegenheit. So schwand das Jahr unter viel Bekümmernis,
-für die ihn nur der häufige Umgang mit Felix Mendelssohn einigermaßen
-entschädigen konnte. Mendelssohn besaß, was Schumann am meisten
-fehlte: musikalische Durchbildung, Weltgewandtheit, außerordentlichen
-Formensinn und imponierte damit dem jüngeren Meister bis zu heller
-Begeisterung. „Er ist der beste Musiker der Zeit, zu dem ich aufschaue
-wie zu einem hohen Gebirge,“ ruft er aus, während der Schöpfer des
-„Paulus“, dem Schumanns kostbares Gut, der Gehalt im Busen eigentlich
-abging, mit der schönen Form im Geiste die künstlerische Bedeutung
-des Freundes, so sehr er ihn als Menschen hochschätzte, nie begriffen
-hat. Wehe aber, wenn sich jemand in Schumanns Gegenwart ein abfälliges
-Urteil über Mendelssohns Musik erlaubte! Das konnte den sonst so
-stillen, fast apathisch Scheinenden in die größte Erregung versetzen.
-Übrigens bemerkt er selbst einmal ganz richtig: „In<span class="pagenum"><a id="Seite_38"></a>[S. 38]</span> ähnlichen
-Verhältnissen wie er (Mendelssohn) aufgewachsen, von Kindheit an zur
-Musik bestimmt, würde ich euch samt und sonders überflügeln.“</p>
-
-<p>Fast täglich trafen die beiden Meister am Mittagstische des Hotels
-de Baviere zusammen. Außerdem gehörten noch Walther von Goethe,
-Frank, David und Sterndale Benett zur Tafelrunde. Dem letzteren, der
-sich damals längere Zeit in Leipzig aufhielt, sind die <span class="antiqua">Etudes
-symphoniques</span> (<span class="antiqua">op.</span> 13) gewidmet, höchst originelle
-Variationen, deren prächtiges Finale mit dem beabsichtigten Anklang an
-ein englisches Volkslied („Wer ist der Ritter hochgeehrt?“) direkt an
-das Nationalgefühl Benetts appelliert. Daneben vollendete Schumann noch
-ein <span class="antiqua">Concert sans orchestre</span> (<span class="antiqua">op.</span> 14, später Sonate III
-genannt) und die herrliche <em class="gesperrt">C-Durphantasie</em> (<span class="antiqua">op.</span> 17) „eine
-tiefe Klage um Klara.“ Anfangs wollte er sie, da ihr eventueller Ertrag
-für das in Bonn zu errichtende Beethovendenkmal bestimmt war, „Obolus“
-oder „Ruinen, Siegesbogen und Sternenkranz“ betiteln, bis er sich
-später für „Große Sonate“ und schließlich für das weit angemessenere
-„Phantasie“ entschied. Als Motto trug das Werk den Schlegelschen Vers:
-„Durch alle Töne tönet im bunten Erdenraum ein leiser Ton gezogen für
-den, der heimlich lauschet.“</p>
-
-<p>Mit dem leisen Tone ist, wie aus einem Schumannschen Briefe hervorgeht,
-Klara gemeint. Auf sie weisen uns denn auch die Kompositionen des
-folgenden Jahres, die <em class="gesperrt">Phantasiestücke</em> (<span class="antiqua">op.</span> 12) und die
-<em class="gesperrt">Davidsbündlertänze</em> (<span class="antiqua">op.</span> 6) hin, von welchen namentlich
-die erste in der Kunstwelt Anerkennung und Liebe gefunden hat. In
-diesen wunderbaren Stimmungsbildern entfaltet sich Schumanns Talent
-in seiner ganzen Fülle und Eigentümlichkeit, mag er nun „des Abends“
-schwärmen oder seltsame „Traumeswirren“ schildern oder „Grillen“
-nachjagen oder die bedeutungsvolle Frage „Warum?“ an das Schicksal
-richten. Für das gelungenste Stück hielt er selbst das fünfte „In<span class="pagenum"><a id="Seite_39"></a>[S. 39]</span>
-der Nacht“, worin er, als es bereits fertig war, die Geschichte von
-Hero und Leander zu finden glaubte: „wie er sich ins Meer stürzt,
-sie ruft, er antwortet, er durch die Wellen glücklich ans Land &ndash;
-dann die Kantilene, wo sie sich in den Armen haben &ndash; dann, wie er
-wieder fort muß, sich nicht trennen kann, bis die Nacht wieder alles
-in Dunkel hüllt.“ Mit Bezug auf das Schlußstück: „Das Ende vom Lied“,
-schreibt Schumann an Klara: „Ich dachte dabei, nun am Ende löst sich
-alles in eine lustige Hochzeit auf, aber am Schluß kam wieder der
-Schmerz um dich dazu und da klingt es wie Hochzeit- und Sterbegeläute
-untereinander.“ Ganz ähnlich lautet eine Briefstelle über die
-Davidsbündlertänze, welchen als Motto der alte Spruch: „In all und
-jeder Zeit verknüpft sich Lust und Leid; bleibt fromm in Lust und seid
-dem Leid mit Mut bereit“ vorangesetzt ist. „In den Tänzen,“ heißt
-es dort, „sind viele Hochzeitsgedanken &ndash; sie sind in der schönsten
-Erregung entstanden, wie ich mich nur je besinnen kann; ein ganzer
-Polterabend nämlich ist die Geschichte und du kannst dir Anfang und
-Schluß ausmalen. War ich je glücklich am Klavier, so war es, als ich
-sie komponierte.“</p>
-
-<p>Vergleicht man die angeführten Stellen miteinander, so ergeben
-sich aus ihnen wertvolle Aufschlüsse über den Verlauf seines
-Liebesromanes. Während zur Zeit der Komposition der Phantasiestücke
-ihn noch bange Zweifel an dem guten Ausgang heimsuchen, sehen wir ihn
-jetzt in ungetrübter Heiterkeit der Zukunft entgegenschauen. Klaras
-unerschütterliche Treue war’s, die ihn vor gänzlicher Resignation
-bewahrte, ja schließlich sogar mit solcher Zuversicht erfüllte, daß
-er am 13. September 1837, ermutigt durch das freundliche Benehmen des
-Vaters, um ihre Hand nochmals anzuhalten wagte. Wieck hatte schon
-vermeint, daß die Leidenschaft der beiden Liebenden, die sich auf
-stillschweigendes Übereinkommen hin über ein Jahr nicht gesehen, durch
-die Trennung erkalten werde und mußte nun zu seinem Ärger<span class="pagenum"><a id="Seite_40"></a>[S. 40]</span> gewahren,
-daß die Flamme heller brenne wie zuvor. Überrascht und außer Stande
-begründeten Einwand zu erheben, gab er bloß unklare, ausweichende
-Antwort. Er spielte auf Schumanns ungeregelte Verhältnisse an: dieser
-schränkte sich auf das Äußerste ein. Er ließ verlauten, daß Schumann
-noch mehr verdienen müsse. Dieser nahm, obgleich die Zeitschrift auch
-so prosperierte, seinen alten Plan, die Übersiedelung nach Wien,
-energisch wieder auf, besonders als Klara dortselbst im Dezember große
-Triumphe gefeiert hatte. Die Unterhandlungen mit Wiener Freunden des
-Blattes (Vesque von Püttlingen und Joseph Fischhof) zogen sich hin bis
-zum Herbst des folgenden Jahres, und Schumann schrieb in dieser Zeit
-drei seiner vorzüglichsten Werke: <em class="gesperrt">Die Novelletten</em> (<span class="antiqua">op.</span>
-21), die man als Nachklang der Phantasiestücke betrachten kann, ferner
-die <em class="gesperrt">Kreisleriana</em> (<span class="antiqua">op.</span> 16) und <em class="gesperrt">Kinderscenen</em>
-(<span class="antiqua">op.</span> 15).</p>
-
-<p>Jene geben sich, wie ja die Überschrift sagt, als Schöpfungen
-des berühmten romantischen Musikus Kreisler, mit welchem sich
-Schumann hier identifiziert. Man kennt diese originelle Gestalt
-T. A. Hoffmanns, deren excentrisches Wesen und Gebaren durch
-atemversetzende Synkopenketten sehr zutreffend charakterisiert wird,
-aus „Kater Murr“ (Universal-Bibliothek Nr. 153&ndash;156). Von einer neuen,
-überaus liebenswürdigen Seite zeigt sich Schumanns Genius in den
-„Kinderscenen“. Mit welcher Feinheit, bemerkt Liszt, läßt er die
-verschiedensten Jugendeindrücke aufeinander folgen! Wie harmonisch
-verteilt er Licht und Schatten im Fortschreiten von Begebenheiten im
-äußeren Leben des Kindes zur Schilderung seiner Innerlichkeit! Und &ndash;
-um nur bei einem allgemein bekannten Werk einen Augenblick zu verweilen
-&ndash; wie glücklich ist die Aufeinanderfolge der Stücke! Glaubt man doch
-bei der Erzählung „von fremden Ländern und Menschen“ die aufhorchenden
-blonden Kinderköpfchen starr nach dem Munde des Erzählers gerichtet
-zu sehen, bis die „kuriose Geschichte“ ihre erregte Phantasie wieder
-in das<span class="pagenum"><a id="Seite_41"></a>[S. 41]</span> umgebende Leben zurückführt, wo dann mit dem „Haschemann“ der
-Übergang zum Tummeln und Spielen gemacht wird. Da ist aber ein Kind,
-dessen Gedanken schon in die Ferne, nach dem Unmöglichen schweifen,
-das Freude auf Freude, Spiel auf Spiel häufen möchte. Dem bittenden
-Kinde antwortet man mit weisem, sanftem Vorwurf: „Glückes genug.“ So
-müssen die kaum sich entfaltenden Seelen schon das schwere Wort von
-der irdischen Unzulänglichkeit begreifen lernen. Doch dem innigen
-Sittenspruch folgt eine „wichtige Begebenheit“. Da wenden sich die
-jungen Gemüter von dem Betrübtsein, das selbst der leiseste Vorwurf
-ihnen bringt, zu den wechselnden Vorfällen der Wirklichkeit, in denen
-wieder für einige der Hauptreiz darin liegt, daß sie zu schwärmerischem
-Nachsinnen, zu „Träumereien“ führen, denen man nirgends besser als „am
-Kamin“ nachhängen kann. Dort beginnen wieder wunderbare Geschichten
-voll merkwürdiger Ereignisse, wie der „Ritter vom Steckenpferd“
-oder voll Grausens, wenn sie „fast zu ernst“ werden oder „fürchten
-machen“. Nun aber senkt sich das friedlichste und liebenswürdigste
-der Gespenster, der Sandmann, über die von wirren Bildern des Tages
-ermüdeten Augen des „einschlummernden Kindes“ und „der Dichter
-spricht.“ Er spricht zu den Ruhenden und giebt seinen Segen all
-den kleinen Ereignissen des Tages, deren Bedeutung sein denkender
-Geist erhöht; denn im symbolischen Spiegel zeigen sie die großen
-Begebenheiten des reiferen Lebens, wie sie oft in derselben Folge von
-denselben Eindrücken angeregt erscheinen.</p>
-
-<p>Anfang Oktober 1838 reiste Schumann, nachdem an seiner Statt Oswald
-Lorenz die Leitung der Redaktionsgeschäfte übernommen hatte, selbst
-nach der Donaustadt, um sowohl mit den Behörden und Verlegern die
-nötigen Unterhandlungen zu pflegen, als auch um das Publikum ein wenig
-kennen zu lernen. Allein schon nach den ersten Tagen sah er sich in
-seinen Hoffnungen gründlich getäuscht; der heilige Boden, auf welchem
-die größten deutschen Tondichter<span class="pagenum"><a id="Seite_42"></a>[S. 42]</span> einstens gewandelt, war jetzt der
-Tummelplatz italienischen Opernklingklangs und ausgelassener Tanzmusik.
-Man wird den künstlerischen Niedergang Wiens wohl am treffendsten
-seit dem Falle der Euryanthe (Oktober 1823) datieren, da von diesem
-Zeitpunkte an die Freunde deutscher Kunst, eingeschüchtert und
-uneins den fanatischen Parteigängern Rossinis das Feld ganz und gar
-überließen. Bald nach seiner Ankunft schon bekennt Schumann, „ich passe
-nicht unter diesen Schlag Menschen; hinge es von mir ab, morgen ging
-ich nach Leipzig zurück; die Zeitung verliert offenbar, wenn sie hier
-erscheinen muß;“ ja, nicht einmal das Erscheinen des Blattes sollte er
-durchsetzen können, da man ihm als Ausländer die Bedingung stellte, daß
-ein österreichischer Verleger an die Spitze des Unternehmens trete, die
-Wiener Buchhändlerfirmen aber davon nichts wissen wollten, weil sie
-für ihren Strauß, Proch u.&nbsp;s.&nbsp;w. von der „revolutionären“ Zeitschrift
-fürchteten. In den landesüblichen, lobhudelnden Recensententon mit
-einzustimmen und dadurch in den Augen Norddeutschlands feige, matt
-und verändert zu gelten, dazu war Schumann natürlicherweise nicht zu
-bewegen. Von der Aussichtslosigkeit seines Vorhabens völlig überzeugt,
-kehrte er im Frühjahr 1839 schweren Herzens nach Sachsen zurück. So
-ganz fruchtlos sollte übrigens der Wiener Aufenthalt für die Kunst
-nicht gewesen sein, denn eine Anzahl reizender Klavierwerke ist
-damals teils neu entstanden, teils vollends ausgeführt worden und
-zwar folgende: <em class="gesperrt">Scherzo, Gigue und Romanze</em> (<span class="antiqua">op.</span> 32),
-<em class="gesperrt">Arabeske</em> (<span class="antiqua">op.</span> 18), <em class="gesperrt">Blumenstück</em> (<span class="antiqua">op.</span> 19),
-<em class="gesperrt">Humoreske</em> (<span class="antiqua">op.</span> 20), <em class="gesperrt">Nachtstücke</em> (<span class="antiqua">op.</span> 23),
-<em class="gesperrt">Faschingsschwank</em> (<span class="antiqua">op.</span> 26). Von diesen erfordern nur die
-beiden letztgenannten einige Bemerkungen. Im Faschingsschwank, der in
-Wien erschienen ist, macht sich nämlich Schumann den Spaß, der hohen
-Censur ein Schnippchen zu schlagen, indem er recht unschuldig mitten
-unter allerlei Tanzmotiven plötzlich die in Wien streng verbotene
-Marseillaise anklingen läßt. Die Nachtstücke hingegen sind darum<span class="pagenum"><a id="Seite_43"></a>[S. 43]</span>
-merkwürdig, weil sich in ihnen die ersten Spuren einer beginnenden
-Gemütsverdüsterung zeigen. „Es kommt darin,“ schreibt er, „eine Stelle
-vor, auf die ich immer zurückkomme; da ist, als seufzte jemand recht
-aus schwerem Herzen: „Ach Gott.“ Ich sah bei der Komposition immer
-Leichenzüge, Särge, unglückliche, verzweifelte Menschen und als ich
-lange nach einem Titel suchte, kam ich immer auf den: Leichenphantasie.
-Beim Komponieren war ich auch oft so angegriffen, daß mir die Thränen
-herankamen und wußte doch nicht warum. Da kam Theresens (seiner
-Schwägerin) Brief und nun stand es klar vor mir. Bruder Eduard lag im
-Sterben.“</p>
-
-<p>Solche melancholische Stimmungen verflogen indessen rasch in dem
-buntfarbigen, regsamen Wiener Leben. Auch an erhebenden Momenten fehlte
-es nicht, wozu man den freundschaftlichen Verkehr mit Mozarts Sohne und
-den Besuch der Grabstätten der großen Tonmeister zählen muß. Auf dem
-Heimwege vom Währinger Kirchhof war’s, da fiel ihm ein, daß Schuberts
-Bruder Ferdinand ja noch lebe. Er suchte denselben auf, durchwühlte
-den Nachlaß des früh Verblichenen und entdeckte darin zu seiner
-Freude die große C-Dursymphonie, welche sogleich an Mendelssohn zur
-Aufführung übersendet wurde. Auch gelang es ihm, Breitkopf und Härtel
-zur Drucklegung des bedeutenden Werkes zu bewegen. Ausführliches über
-die denkwürdige Episode findet man im dritten Band seiner „Gesammelten
-Werke“ (Universal-Bibliothek, Nr. 2621 u. 2622).</p>
-
-<p>Nach Leipzig zurückgekehrt, widmete sich Schumann mit allen Kräften
-der Zeitung, die ihn nach der langen Abwesenheit „wieder so jugendlich
-anlachte“ wie in den Tagen ihrer Gründung. In richtiger Erkenntnis,
-daß ihm nur die Vereinigung mit der Geliebten den zu freiem Schaffen
-unentbehrlichen Seelenfrieden verleihen könne, hielt er sodann im
-Sommer 1839 zum drittenmale bei Wieck um Klara an. Der alte Starrkopf
-aber weigerte sich so hartnäckig, daß dem<span class="pagenum"><a id="Seite_44"></a>[S. 44]</span> liebenden Paare kein
-anderer Ausweg übrig blieb, als den Heiratskonsens gerichtlich zu
-erzwingen. Wie peinlich mußte diese Notwendigkeit unseres Künstlers
-stille, empfindsame Natur berühren, zumal da Wieck in seiner Wut
-alle Haltung verlor und sich nicht scheute, eine Schmähschrift gegen
-den Bräutigam seiner Tochter zu veröffentlichen! Komponiert wurde in
-dieser aufgeregten Zeit nur wenig: <em class="gesperrt">drei Romanzen für Klavier</em>
-(<span class="antiqua">op.</span> 23). Klara, die in bitterem Kampf zwischen Liebe und
-Kindespflicht für Robert entschieden hatte, verließ jetzt den Vater
-und begab sich zu ihrer Mutter, Wiecks erster geschiedener Gattin nach
-Berlin.</p>
-
-<p>Der gerichtliche Entscheid, dessen Ausfall übrigens nicht zweifelhaft
-sein konnte, ließ lange auf sich warten. Inzwischen kam das Jahr 1840,
-zu dessen Beginne sich Schumann durch seinen Freund Keferstein an
-der Universität Jena um den Doktortitel bewarb. Derselbe wurde ihm
-auch wirklich in Anbetracht seiner künstlerischen, kritischen und
-ästhetischen Thätigkeit <span class="antiqua">honoris causa</span> verliehen. Bald darauf
-hatte der neugebackene Doktor die Freude, seinen verständnisvollen
-Beurteiler in der <span class="antiqua">Gazette musicale</span> (vergl. S. 33), Liszt, der
-eben in Leipzig konzertierte, von Angesicht kennen zu lernen. Der
-geniale König des Klaviers machte auf Schumann einen tiefen Eindruck.
-„Liszt erscheint mir alle Tage gewaltiger,“ schreibt er, „ich bin mit
-ihm fast den ganzen Tag beisammen. Er sagte mir gestern, mir ist’s,
-als kennte ich Sie schon zwanzig Jahre &ndash; mir geht’s auch so. Wir sind
-schon recht grob gegeneinander... Wie er doch außerordentlich spielt
-und kühn und toll und wieder zart und duftig, daß wir alle zitterten
-und jubelten!“ Das waren ein paar schön verlebte Tage in dieser
-schmerzlichen Zeit des Harrens und der Ungeduld.</p>
-
-<p>Endlich, im Sommer, traf der ersehnte Heiratskonsens ein und nun stand
-der ehelichen Verbindung der Vielgeprüften kein Hindernis mehr im Wege.
-Am 12. September traute sie Pfarrer Wildenhahn, ein Schulkamerad<span class="pagenum"><a id="Seite_45"></a>[S. 45]</span>
-Roberts, in aller Stille in Schönefeld, einem Dorfe bei Leipzig.</p>
-
-<p>Keine glücklichere, keine harmonischere Vereinigung &ndash; sagt Liszt schön
-und treffend &ndash; war in der Kunstwelt denkbar als die des erfindenden
-Mannes mit der ausführenden Gattin, des die Idee repräsentierenden
-Komponisten mit der ihre Verwirklichung vertretenden Virtuosin. Robert
-und Klara Schumann reihen sich in den Sagen der Kunst den glänzenden
-Beispielen von dem schönen Walten der Natur ein, welche diese beiden
-Künstler und Liebenden, die auf Erden nur in und durch sich glücklich
-werden konnten, nicht durch Zeit und Raum trennte, sondern ihnen zu
-günstiger Stunde in gemeinsamem Vaterlande das Leben gab, damit sie
-sich begegnen, ihre Geschicke in einem Strome vereinigen, ihre Herzen
-in ein Meer gemeinsamer, tiefer Anschauungen versenken konnten. Die
-Annalen der Kunst werden beider Gedächtnis in keiner Beziehung trennen
-und ihre Namen nicht vereinzelt nennen können, die Zukunft wird mit
-<em class="gesperrt">einem</em> goldenen Schein beide Häupter umweben, über beiden Stirnen
-nur <em class="gesperrt">einen</em> Stern erglänzen lassen, wie auch ein berühmter Bildner
-(Rietschel) die Profile des unsterblichen Paares schon in einem
-Medaillon vereinigt hat.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Die_Lieder">5. Die Lieder.</h2>
-
-</div>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent2">Lenzes Gebot, die süße Not,</div>
- <div class="verse indent2">Die legten’s ihm in die Brust,</div>
- <div class="verse indent2">Nun sang er, wie er mußt.</div>
- <div class="verse mleft10"><em class="gesperrt">Wagner.</em></div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>„Ich schreibe jetzt nur Gesangssachen, großes und kleines, auch
-Männerquartette. Kaum kann ich Ihnen sagen, welcher Genuß es ist, für
-die Stimmen zu schreiben, im Verhältnis zur Instrumentalkomposition
-und wie das in mir wogt und<span class="pagenum"><a id="Seite_46"></a>[S. 46]</span> tobt, wenn ich in der Arbeit sitze. Da
-sind mir ganz neue Dinge aufgegangen,“ berichtet ein Brief vom 19.
-Februar 1840 an Keferstein. Wirklich hat Schumann in diesem Jahre,
-das man darum auch das „Liederjahr“ zu nennen pflegt, ausschließlich
-Vokalwerke geschaffen, und zwar so schöne, so vollendete, daß
-sie noch gegenwärtig als unübertroffene Muster dastehen und den
-Gipfelpunkt der ganzen Kunstform in Deutschland bedeuten. Gleichwie
-einst Beethoven im Schlußsatze der neunten Symphonie das Wort zu
-Hilfe nehmen mußte, um jene Deutlichkeit des Ausdruckes zu erzielen,
-welche der Instrumentalmusik allein versagt ist, so drängte, <span class="antiqua">si
-licet parva componere magnis</span>, unseren Meister, nachdem er in
-seinen scharf charakterisierenden Klavierstücken die äußerste Grenze
-rein musikalischen Ausdrucksvermögens berührt hatte, die Kraft des
-Empfindens, welche durch das reiche Liebesglück dieses Jahres zu
-höchster Gewalt gesteigert worden war, am Ende auch zur menschlichen
-Sprache hin. Der äußere Anlaß, der Schumann bewog, von dem bisher
-kultivierten Felde der Klavierkomposition auf das vokale Gebiet
-überzutreten, ist nicht recht bekannt. Noch im Sommer 1839 schrieb er
-an Hirschbach: „Komponieren Sie doch mehr für Gesang, oder sind Sie
-vielleicht wie ich, der ich Gesangskompositionen, so lange ich lebe,
-unter die Instrumentalmusik gesetzt habe und nie für eine große Kunst
-gehalten? Doch sagen Sie niemandem davon.“ Vielleicht hat der rege
-Briefwechsel mit dem Liederkomponisten Koßmaly die erste Anregung
-gegeben.</p>
-
-<p>Damit wir Schumanns hohe Verdienste um das deutsche Lied nicht
-unrichtig bemessen, dürfen wir bei ihrer Würdigung sein künstlerisches
-Verhältnis zu Schubert nie aus dem Auge verlieren. Daß der Fortschritt
-des Schöpfers der „Winterreise“ seinen Vorgängern gegenüber größer
-sei, als der Fortschritt von ihm zu Schumann, wird kein Einsichtiger
-bestreiten wollen. Auch entspringen manche Vorzüge des Schumannschen
-Liedes nicht etwa einer &ndash; in diesen Punkten wenigstens überlegenen
-Begabung, als<span class="pagenum"><a id="Seite_47"></a>[S. 47]</span> vielmehr äußeren, zufälligen Umständen. Nirgends
-erwachte z.&nbsp;B. der Sinn für Sprachreinheit und Sprachrichtigkeit so
-spät wie in Österreich. Nicht lange vor Mozarts Tode gestand der
-österreichische Dichter Alxinger, daß er mit eiserner Geduld fast jedes
-Wort in einem Lexikon nachschlagen müsse, ehe er es niederzuschreiben
-wage und bewunderungswürdig erscheinen unter solchen Verhältnissen
-die so häufigen Offenbarungen feineren Sprachgefühls bei ungebildeten
-Musikern wie Mozart oder Schubert. Man darf nicht zweifeln, daß diese
-Meister, durch irgend einen Zufall in frühester Kindheit aus der
-Heimat etwa nach Sachsen verschlagen und daselbst an einem Gymnasium
-erzogen, den Neueren an sorgfältiger Beachtung des Sprachaccentes und
-an packender Wahrheit des Ausdrucks keineswegs nachstehen würden und
-ähnlich verhält es sich mit der Wahl der Gedichte. Schubert mußte
-noch komponieren, was ihm gerade zu Händen kam; Schumann hingegen
-vermochte, dank seinen ausgebreiteten litterarischen Kenntnissen frei
-aus dem unerschöpflichen Born deutscher Lyrik zu wählen, was ihm der
-Komposition würdig und fähig schien. „Weshalb nach mittelmäßigen
-Gedichten greifen, was sich dann immer an der Musik rächen muß?
-Einen Kranz von Musik um ein wahres Dichterhaupt schlingen &ndash; nichts
-Schöneres. Aber ihn an ein Alltagsgesicht verschwenden, wozu die
-Mühe?“ Am häufigsten hat Schumann Rückert und Heine komponiert, welche
-durch mehr als vierzig Stücke vertreten sind; dann folgen Goethe (24),
-Eichendorff (22), Burns (19), Justinus Kerner (17), A. v. Chamisso
-(14), E. Geibel, Elisabeth Kulmann, Hoffmann von Fallersleben (11),
-Uhland, Robert Reinick (10), Nikolaus Lenau, Möricke (9), Lord Byron
-(6), Friedrich Hebbel, Andersen (5). Vereinzelt erscheinen Moore,
-Mosen, Platen, Zedtlitz, Schiller, Halm, Anastasius Grün, Klopstock,
-Shakespeare, Immermann u.&nbsp;a. Das ergiebt, wenn noch einige Texte
-altdeutscher oder spanischer Herkunft mit eingerechnet werden, an
-dreihundert Gesangsstücke, von welchen die Hälfte<span class="pagenum"><a id="Seite_48"></a>[S. 48]</span> allein auf das Jahr
-1840 fällt; vier Hefte mehrstimmiger Gesänge (<span class="antiqua">op.</span> 29, 33, 34,
-43) und die doppelte Anzahl mit Sololiedern, nämlich: <em class="gesperrt">Liederkreis
-von Heine</em> (<span class="antiqua">op.</span> 24), <em class="gesperrt">Myrthen</em> (<span class="antiqua">op.</span> 25).<a id="FNAnker_3" href="#Fussnote_3" class="fnanchor">[3]</a>
-<em class="gesperrt">Zwölf Gedichte von Justinus Kerner</em> (<span class="antiqua">op.</span> 35). <em class="gesperrt">Sechs
-Gedichte von Robert Reinick</em> (<span class="antiqua">op.</span> 36). <em class="gesperrt">Liederkreis
-von Eichendorff</em> (<span class="antiqua">op.</span> 39). <em class="gesperrt">Frauenliebe und Leben
-von Chamisso</em> (<span class="antiqua">op.</span> 42). <em class="gesperrt">Zwölf Gedichte aus Rückerts
-Liebesfrühling</em> (<span class="antiqua">op.</span> 37). <em class="gesperrt">Fünf Lieder</em> (Andersen
-zugeeignet, <span class="antiqua">op.</span> 40) und <em class="gesperrt">Dichterliebe von Heine</em>
-(<span class="antiqua">op.</span> 48). Das ist viel, sehr viel und reicht doch nicht heran
-an Schuberts erstaunliche Fruchtbarkeit, zumal, wenn man die kurze
-Lebenszeit dieses Meisters mit in Betracht zieht.</p>
-
-<p>Schon die obigen Daten lassen erkennen, daß Schumanns Lied auf der
-romantischen Lyrik beruht, während Schubert sich, wie man weiß, von
-Goethes Muse angezogen fühlte. Zwar hat Schumann auch und öfter
-Goethesche Gedichte in Musik gesetzt, doch bezeichnenderweise meist
-solche aus dem Divan (Myrthen) und Wilhelm Meister (<span class="antiqua">op.</span> 98),
-die eine Neigung zur Romantik zeigen. Übrigens gehören sie nicht zu
-seinen vorzüglichsten Leistungen, vielmehr wird uns die ganze Innigkeit
-seines Herzens gerade bei der Komposition jüngerer Liederblüten
-enthüllt. Ein Übel freilich haftet diesen modernen „Vertonungen“
-immer an. Gedichte, die fast kaum für den laut gesprochenen Vortrag,
-sondern bloß für die stumme Lektüre bestimmt sind, werden in einer
-Weise in Musik gesetzt, daß sie, gesungen, dem eigenen Dichter als
-etwas ihm Wildfremdes vorkommen müssen. Bei einem Gedichte, welches als
-Litteraturgedicht bereits vollkommen der Absicht des Poeten genügte und
-somit eine musikalische Ausführung gar nicht aus sich bedang, kann die
-musikalische Komposition natürlich auch bloß wiederum ein besonderes<span class="pagenum"><a id="Seite_49"></a>[S. 49]</span>
-Gedicht des Musikers sein, das mit dem Wortgedichte einen oft ganz
-willkürlichen oder nur allgemeinen Gefühlszusammenhang hat. (Wagner.)
-Die Fälle, in denen es thatsächlich zur vollen Übereinstimmung zwischen
-Text und Komposition kommt, sind ziemlich selten, sogar bei den
-Meistern dieser Kunstform. Auch Schumann gelang sie nur einigemale, am
-schönsten wohl in dem herrlichen Cyklus „Frauenliebe und Leben“; sonst,
-z.&nbsp;B. bei den &ndash; im übrigen entzückend gesetzten &ndash; Eichendorffschen
-Liedern, kann er bloß einzelnen hervorstechenden Eigentümlichkeiten,
-dem Verschwimmenden, in Duft sich Auflösenden gerecht werden, indessen
-manch feiner Zug dieser Poesien verloren geht. Wieder anders verhält es
-sich mit Fr. Rückert. Seine Verse gewinnen im Schlepptau einer schönen
-Melodie („Du meine Seele, du mein Herz“), welche über die häufigen
-trivialen Wendungen hinwegtäuscht; bei sorgfältiger Deklamation
-aber treten die Mängel seiner bunt schillernden, stimmungsarmen
-Lieder deutlich zu Tage. Bei Kerner, Burns, Reinick trifft Schumann
-sehr glücklich den Volkston (Wohlauf noch getrunken, Erstes Grün;
-&ndash; Das Hochlandsmädchen, Mich zieht es nach dem Dörfchen hin; &ndash;
-O Sonnenschein, Ständchen), oft aber sucht er, wie insbesondere
-bei Reinick, diese anspruchslosen Gedichte tiefer aufzufassen,
-wodurch ein fühlbares Mißverhältnis zwischen dem naiven Text und der
-reflektierenden musikalischen Wiedergabe entstanden ist.</p>
-
-<p>Mit Heinrich Heine hat’s eine eigene Bewandtnis. Sangen einst die
-Romantiker gern von wandernden Musikanten, die mit lustigem Spiel
-alles Volk zu Tanz und Freude bewegen, während schneidendes Weh
-in ihrem Herzen haust, so macht sich der ungezogene Liebling der
-Grazien den Spaß, das ganze Verhältnis einfach umzukehren. Er thut,
-als sei er unsagbar traurig, an Leib und Seele elend aus Liebesgram,
-bis dem vertrauensseligen Leser die Thränen der Rührung über die
-Backen laufen, indessen der Schalk sein heimlich Gaudium hat. Unter
-der ungeheueren Schar<span class="pagenum"><a id="Seite_50"></a>[S. 50]</span> der Angeführten sieht man neben sehr vielen
-Ästhetikprofessoren und Litteraturhistorikern auch unsere harmlosen
-Liederkomponisten der Reihe nach figurieren. Sie merkten den Ulk nur
-stellenweise, da wo Heine selbst den täuschenden Schleier mit einem
-plötzlichen Witze zerschleißt: daß ja die <em class="gesperrt">ganze</em> Dichtung ein
-genial durchgeführter Witz sei, ist keinem aufgegangen. Damit soll
-der Wert z.&nbsp;B. der Schumannschen Heinelieder nicht geschmälert sein,
-sondern bloß dem verbreiteten Irrtum begegnet werden, als habe Schumann
-den Geist der Heineschen Lyrik mit großer Treue bewahrt. Das ist
-ganz unmöglich, denn die Musik, die wahrste von allen Künsten, wäre
-gar nicht imstande, ironische Stimmungen auszudrücken. Unser Meister
-nahm also diese Lügenpoesie gläubig hin als das, was sie schien,
-strebte ihren (absichtlich) übertriebenen Klagen durch Erschöpfung des
-musikalischen Ausdrucksvermögens zu entsprechen, so daß sie schließlich
-gar, gleichsam wiedergeboren aus dem Schoße der Tonkunst, als echte und
-edle Gebilde jedes Herz bezaubern und entzücken.</p>
-
-<p>Mit der Verschiedenheit der Texte hängt es auch zusammen, daß dem
-Klavierpart bei Schumann eine viel bedeutendere Rolle zugeteilt ist,
-als bei Schubert. Die pointenreiche, komplizierte, moderne Lyrik
-läßt sich in all ihren feinen Details durch die Singstimme gar nicht
-erschöpfen; hier tritt unterstützend und ergänzend der Klavierpart
-hinzu und verschmilzt mit der Gesangsmelodie, welche ohne ihn oft
-gar nicht als Melodie verstanden werden könnte, zu <em class="gesperrt">einem</em>
-unauflöslichen Ganzen. Bald weckt er vor dem Eintritt des Gesanges
-im Hörer die erwünschte Stimmung, bald spinnt er die, in den letzten
-Worten des Gedichtes angeregten Gedanken weiter fort, nicht selten
-führt er sogar die Gesangsmelodie, die manchmal gar nicht über dem
-Dreiklang der Tonart endigt und gleichsam abgebrochen scheint, erst
-zum befriedigenden Abschluß. In diesen Nachspielen liegt nicht zum
-mindesten die Schönheit Schumannscher Lieder. Wie sinnig schlägt er,
-um nur ein berühmt gewordenes<span class="pagenum"><a id="Seite_51"></a>[S. 51]</span> Beispiel anzuführen, am Ende des Cyklus
-„Frauenliebe und Leben“, die Töne des ersten Liedes „Seit ich ihn
-gesehen“, wieder an, als verliere sich die Witwe in Erinnerung an ihr
-zerronnenes Liebesglück!</p>
-
-<p>Daß die reich ausgestattete Klavierbegleitung die Singstimme
-beeinträchtigt, ist ein nur teilweise berechtigter Vorwurf. Es ist
-wahr, scharfgezeichnete melodische Linien finden sich bei ihm nicht
-so häufig wie z.&nbsp;B. bei Schubert. Soll eine traumhaft schwankende
-Empfindung dargestellt werden, so kommt der Gesang über einzelne
-Melodienknospen, deren volles Erblühen man vergebens erwartet, nicht
-hinaus, er bleibt zuweilen bloß musikalische Deklamation, und die
-Begleitung wird die eigentliche Trägerin des poetischen Gedankens.
-Anderseits aber weiß Schumann, wo die Singstimme den einfachen Gehalt
-eines Liedes erschöpfen kann, mit der Begleitung auch zu sparen und
-sich mit wenigen charakteristischen Accorden zu begnügen. Wenn er den
-Sänger oft in unbequeme Lagen, zu weiten Sprüngen und dergleichen
-zwingt, so muß man das seinem Streben nach möglichst prägnantem
-Ausdruck schon zu gute halten. Ein Kunstwerk ist eben keine Schuletüde,
-es fordert vom Ausführenden gesteigerte, nicht bloß gewohnhafte
-Bethätigung des erworbenen Könnens. Sehr richtig bemerkt da Ehlert,<a id="FNAnker_4" href="#Fussnote_4" class="fnanchor">[4]</a>
-daß es sich nicht darum handle, „für die Stimme möglichst bequem
-zu schreiben, sondern darum, eine poetische Empfindung musikalisch
-auszudrücken, natürlich nur so weit, als dies ohne offene Verletzung
-der gesanglichen Rücksichten möglich ist...“ Wer beim Komponieren
-eines Liedes ans Atemholen denkt, der kann alles sein, nur kein Poet.
-Das Schumannsche Lied nimmt eine ganz besondere Stellung ein. Die
-Vertiefung in den poetischen Lokalton des Gedichtes durch Schubert
-schon in hohem Maße ausgebildet, wird von<span class="pagenum"><a id="Seite_52"></a>[S. 52]</span> ihm bis zur erstaunlichen
-Gewißheit des Selbsterlebten geführt. Wie wenig Mittel oft dazu
-gehören, ersehe man aus „In der Fremde“ (<span class="antiqua">op.</span> 39, Nr. 1), wo die
-scheinbar einfachste, accordliche Bewegung die „schöne Waldeinsamkeit,“
-in der den Sänger „keiner mehr kennt,“ mit bebender Handgreiflichkeit
-zeichnet, oder aus der „Mondnacht“ (ebenda Nr. 5), wo wenige Stimmen
-der Begleitung das „es war als hätte der Himmel die Erde still
-geküßt“, so &ndash; ich kann nur wiederholen &ndash; erlebt malen, daß jeder es
-fühlt, hier spannt ein Dichter im Mondlicht und Blütenschimmer „weit
-seine Flügel aus.“ Namentlich alles Träumerische, Weiche, Verschämte
-hat niemals durch einen anderen Musiker einen treffenderen Ausdruck
-erfahren. Nie vielleicht wohnte in einem Manne so viel dichterisches
-Erröten über die Rätsel seiner Bestimmung wie in ihm. Sein eigentlicher
-Ausdruck in dieser Liederzeit war das Jünglingshafte mit seinem
-dunkelscheuen Kraftgefühl, seinem morgenrötlichen Schimmer und seiner
-Frühlingsschwermut.</p>
-
-<p>Es erübrigt nur noch zu erwähnen, daß sich Schumann 1840 auch in der
-Ballade versuchte und darin mit ihrem unübertrefflichen Meister,
-Carl Löwe,<a id="FNAnker_5" href="#Fussnote_5" class="fnanchor">[5]</a> nicht unrühmlich um den Preis rang. <em class="gesperrt">Belsazar</em>
-von Heine (<span class="antiqua">op.</span> 57), je drei balladenmäßige <em class="gesperrt">Gesänge</em>
-von <em class="gesperrt">Geibel</em> und <em class="gesperrt">Chamisso</em> (<span class="antiqua">op.</span> 30 der Hidalgo,
-<span class="antiqua">op.</span> 31 die Löwenbraut, <span class="antiqua">op.</span> 32 die Kartenlegerin) und
-drei Hefte <em class="gesperrt">Balladen</em> und <em class="gesperrt">Romanzen</em> (<span class="antiqua">op.</span> 45, 49 die
-beiden Grenadiere), die feindlichen Brüder; (<span class="antiqua">op.</span> 53 der arme
-Peter), denen später noch ein viertes (<span class="antiqua">op.</span> 64 Tragödie) folgte,
-stammen noch aus dem Liederjahr; <span class="antiqua">op.</span> 87, der <em class="gesperrt">Handschuh</em>
-von Schiller, aus 1849. Doch<span class="pagenum"><a id="Seite_53"></a>[S. 53]</span> liegt die Bedeutung Schumanns als
-Vokalkomponist nicht gerade in diesen, wenn auch wertvollen Werken,
-sondern vor allem in seinen Liedern, welche bei ihrem Erscheinen
-freilich mißachtet und verkannt worden sind. Um so mehr freute
-Schumann das Dankgedicht Friedrich Rückerts für die Komposition des
-„Liebesfrühlings“, an welcher auch Klara mit drei Liedern (2, 4, 11)
-beteiligt war. Es lautet:</p>
-
-<p class="s4 center mtop2"><b>An Robert und Klara Schumann.</b></p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent2">Lang ist’s, lang</div>
- <div class="verse indent2">Seit ich meinen Liebesfrühling sang;</div>
- <div class="verse indent2">Aus Herzensdrang,</div>
- <div class="verse indent2">Wie er entsprang,</div>
- <div class="verse indent2">Verklang in Einsamkeit der Klang.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent2">Zwanzig Jahr</div>
- <div class="verse indent2">Wurden’s, da hört ich hier und dar</div>
- <div class="verse indent2">Der Vogelschar</div>
- <div class="verse indent2">Einen, der klar</div>
- <div class="verse indent2">Pfiff einen Ton, der dorther war.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent2">Und nun gar</div>
- <div class="verse indent2">Kommt im einundzwanzigsten Jahr</div>
- <div class="verse indent2">Ein Vogelpaar,</div>
- <div class="verse indent2">Macht erst mir klar,</div>
- <div class="verse indent2">Daß nicht ein Ton verloren war.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent2">Meine Lieder</div>
- <div class="verse indent2">Singt ihr wieder,</div>
- <div class="verse indent2">Mein Empfinden</div>
- <div class="verse indent2">Klingt ihr wieder,</div>
- <div class="verse indent2">Mein Gefühl</div>
- <div class="verse indent2">Beschwingt ihr wieder,</div>
- <div class="verse indent2">Meinen Frühling</div>
- <div class="verse indent2">Bringt ihr wieder;</div>
- <div class="verse indent2">Mich, wie schön</div>
- <div class="verse indent2">Verjüngt ihr wieder;</div>
- <div class="verse indent2">Nehmt meinen Dank, wenn auch die Welt</div>
- <div class="verse indent2">Wie mir einst, ihren vorenthält.</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_54"></a>[S. 54]</span></p>
-<p>Heutzutage ist ganz Deutschland über den Wert der Schumannschen Lieder,
-dieser echten Kinder des Frühlings und des Glückes einig geworden und
-schätzt sie als Perlen musikalischer Lyrik, von welchen ihr Schöpfer
-mit Recht behaupten durfte: „Ich getraue mir nicht mehr leisten zu
-können und bin auch zufrieden damit.“ Jawohl, zufrieden!</p>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_3" href="#FNAnker_3" class="label">[3]</a> Enthält Gedichte verschiedener Poeten: Byron, Moore,
-Burns, Rückert, Heine, Mosen und Goethe.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_4" href="#FNAnker_4" class="label">[4]</a> Aus der Tonwelt. (Essays, Berlin 1882, 2. Aufl.) R.
-Schumann und seine Schule, S. 221 ff.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_5" href="#FNAnker_5" class="label">[5]</a> Von Schumanns Wertschätzung Löwes giebt die folgende
-Stelle aus einem Aufsatz im Leipziger Tageblatt (1835) ein schönes
-Zeugnis: „Sollten wir irgend einen lebenden Komponisten anführen, der
-vom Beginne seiner künstlerischen Laufbahn bis zum jetzigen Augenblicke
-deutschen Geist und deutsches Gemüt beurkundet und es im Zartesten wie
-im Wildesten, in der Sprache der ersten Liebe, wie im Ausbruche des
-tiefsten Zornes ausgesprochen hätte, so müßten wir Löwe nennen.“</p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Wollen_und_Wagen">6. Wollen und Wagen.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Wir sahen, wie der bittere Kampf um Klara die herrlichen Kräfte des
-Schumannschen Genius zur Entfaltung brachte; jetzt betrachten wir auch
-die Wunden, die er davontrug, Wunden, die nie wieder verharschten, aus
-denen langsam sein edelstes Herzblut verrann, bis die Nacht des Todes
-den völlig Erschöpften in ihre Arme schloß und von qualvollem Siechtum
-erlöste. Zu diesem Behufe muß aber noch einmal auf jene Zeit des
-Ringens zurückgegangen werden.</p>
-
-<p>Seit der zweiten Werbung um seine Tochter hatte Vater Wieck einen
-tiefen Ingrimm gegen den aufdringlichen Schwiegersohn gefaßt und keine
-Gelegenheit versäumt, Robert, insbesondere aber dessen künstlerisches
-Schaffen, herabzusetzen und diese Äußerungen kamen dem Betroffenen alle
-zu Ohren. Er schalt ihn phlegmatisch („Fismollsonate und phlegmatisch!
-Liebe zu einem solchen Mädchen und phlegmatisch!“ bemerkt Schumann
-dazu), spottete, daß seine Kompositionen niemand kaufe und fragte
-höhnisch, wo denn sein Freischütz und sein Don Juan wären? Solche
-Reden stachelten in Robert den vom Vater überkommenen Ehrgeiz auf.
-„Mir ist immer,“ schreibt er (1840), „als hätte ich doch, z.&nbsp;B. gegen
-Mendelssohn noch nicht genug auf der Welt geleistet und das drängt und
-peinigt mich manchmal.“ (Vgl. damit S. 37.)<span class="pagenum"><a id="Seite_55"></a>[S. 55]</span> Auch der Einfluß seines
-Zeitalters, des jungen Europa, dessen Geistesprodukte insgesamt mehr
-dem Streben nach öffentlicher Auszeichnung als wahrem Schaffensdrang
-ihr Entstehen verdanken, darf nicht unterschätzt werden. Dazu kam
-jetzt gar seine Stellung als Gatte, später auch als Vater, so daß eine
-Reihe von Umständen zusammentraf, die Schumann veranlaßten, das Feld
-seiner künstlerischen Thätigkeit zu erweitern. „<em class="gesperrt">Sonst</em>“, lautet
-charakteristisch genug sein Bekenntnis, „galt mir gleich, ob man sich
-um mich bekümmere oder nicht. Hat man Frau und Kinder, so wird das ganz
-anders. Man muß ja an die Zukunft denken, man will auch die Früchte
-seiner Arbeit sehen, nicht die künstlerischen, sondern die prosaischen,
-die zum Leben gehören und diese bringt und vermehrt nur der <em class="gesperrt">größere
-Ruf</em>.“ „Wenden Sie sich,“ rät er Koßmaly, „ganz zur größeren
-Orchestermusik, das macht Namen und flößt den Verlegern Respekt ein.
-Schreiben Sie größere Stücke: Symphonien, Opern. Mit Kleinem ist schwer
-durchdringen.“</p>
-
-<p>Gerade in diesem „Kleinen“ aber war Schumann groß. Er war Genremaler
-in der Musik, wie sein geliebter Jean Paul es in der Poesie gewesen.
-In knappen Formen, auf engem Raume Vieles und Bedeutendes zu sagen,
-darin bestand seine eigentümliche Meisterschaft. Doch das schien ihm
-jetzt allzu gering: der Gatte der ruhmbedeckten Klara mußte „Größeres“
-zu Werke bringen! Hatte er einst mit einem Citat aus Wilhelm Meister
-die deutschen Künstler gewarnt, das Bette ihres Talentes nicht
-zu überschreiten, so verkündete er jetzt mit lauter Stimme: das
-unterscheide eben die deutschen Musiker von Italienern und Franzosen,
-das habe sie groß gemacht, daß sie in allen Gattungen sich versuchten.
-„Wenn wir daher,“ fährt er fort, „einige Pariser Opernkomponisten große
-Künstler genannt finden, so möchten wir erst fragen: wo sind denn
-eure Symphonien, eure Quartette, eure Psalmen u.&nbsp;s.&nbsp;w.?“ In dieser
-Meinung begann er denn auch alle möglichen Gattungen zu kultivieren,<span class="pagenum"><a id="Seite_56"></a>[S. 56]</span>
-Symphonien, Quartette, Oratorien, Opern u.&nbsp;s.&nbsp;w. &ndash; all einerlei.</p>
-
-<p>Daß ihm der erste Versuch das Feld seiner Künstlerschaft zu verlassen,
-die Liederkomposition, so überraschend gelungen war, trug wohl dazu
-bei, Schumann über den Umfang seiner Begabung zu täuschen. Allein in
-Wirklichkeit hatte er mit diesem ersten Versuche die ihm gesteckten
-Grenzen noch gar nicht überschritten. Schumann war eine eminent
-<em class="gesperrt">lyrische Natur</em>, das wird gerade an seinen Liedern klar, in denen
-er vor allem die entsprechende Stimmung wiedergiebt, während Schubert
-mehr auf dramatischen Aufbau bedacht ist. In früherer Zeit hatte er
-das selbst wohl eingesehen; jetzt lenkte er, vom Ehrenwahn geblendet,
-ab von dem lauschigen Waldpfad, auf den die Natur ihn gewiesen, zur
-sonnigen, breiten, symphonischen Heerstraße.</p>
-
-<p>Nun wär’s von vornherein nicht anzunehmen, daß ein bedeutender Geist,
-auch wenn er sich auf einem seiner natürlichen Anlage fern liegenden
-Gebiete hervorthun will, bloß Unbedeutendes producieren werde. Allein
-bald mehr, bald minder bemerkt man doch die Forcierung des Talentes,
-welche da und dort zu schwülstigen Übertreibungen führen muß, während
-wieder viele Stellen hinter den Anforderungen der betreffenden
-Kunstform zurückbleiben. Die nächste Folge davon ist Ungleichheit des
-Werkes; neben Partien von großem Kunstwert stehen dann unmittelbar
-solche, die sich aus tändelnden, unebenbürtigen Themen zusammensetzen,
-was die richtige Beurteilung des Ganzen überaus erschwert. Wo aber
-können wir das deutlicher wahrnehmen als an Schumanns Symphonien, mit
-denen er 1841 die zweite Periode seines Schaffens eröffnet hat?</p>
-
-<p>Die große „Frühlingssymphonie“ (<span class="antiqua">B</span>-Dur, <span class="antiqua">op.</span> 38) entstand
-unter dem Eindrucke eines Böttgerschen Gedichtes<a id="FNAnker_6" href="#Fussnote_6" class="fnanchor">[6]</a><span class="pagenum"><a id="Seite_57"></a>[S. 57]</span> in wenigen Tagen.
-Schumann war damals im Vollbesitze seiner schöpferischen Kraft und,
-wie im ersten Anlauf vieles gelingt, so ist gleich der erste Satz gar
-herrlich ausgefallen: ein blühendes Tonstück, welches den Gedanken
-„Im Thale geht der Frühling auf“ illustriert. „Gleich den ersten
-Trompeteneinsatz“, schreibt Schumann darüber, „möcht’ ich, daß er wie
-aus der Höhe klänge, wie ein Ruf zum Erwachen &ndash; in das Folgende könnte
-ich dann hineinlegen, wie es überall zu grüneln anfängt, wohl gar ein
-Schmetterling aufsteigt, wie nach und nach alles zusammenkommt, was
-zum Frühling etwa gehört.“ Geringeres Interesse erregt die bald darauf
-verfaßte Orchestersuite: Ouvertüre, Scherzo, Finale (<span class="antiqua">op.</span> 52) und
-auch die zweite <em class="gesperrt">Symphonie</em> <span class="antiqua">D-moll</span> (erschienen 1853 als
-<span class="antiqua">op.</span> Nr. IV, <span class="antiqua">op.</span> 120) steht trotz mancher Schönheiten im
-einzelnen nicht so hoch, ist aber bei weitem einheitlicher gestaltet.
-Im Vergleich zu den früheren Kompositionen fällt namentlich die
-formale Rundung, die besonnene Zügelung der Phantasie auf, welche
-wir sicherlich seiner Rivalität mit Mendelssohn zuzuschreiben haben;
-denn Mendelssohn übte auf seinen Freund eine seltsame, magische
-Anziehung aus, der die grundverschiedene Individualität desselben nur
-mühsam widerstand; wie denn Schumann in Momenten, wo ihn die eigene
-schöpferische Kraft verläßt, fast immer in Mendelssohnsche Phrasen zu
-verfallen pflegt. Die Schnelligkeit, mit welcher er den ihm fremden
-Orchestersatz bewältigen lernte, verdient übrigens rückhaltlose
-Bewunderung; volle Meisterschaft darin zu er<span class="pagenum"><a id="Seite_58"></a>[S. 58]</span>werben, blieb ihm freilich
-versagt, ja, man merkt diesen Symphonien an, daß sie am Klaviere
-ersonnen und erst nachträglich instrumentiert worden sind.</p>
-
-<p>Im folgenden Jahre (1842) warf sich Schumann ganz ausschließlich
-auf die Kammermusik, offenbar durch die in seinem Hause häufig
-stattfindenden Quartettmatineen veranlaßt. Die Chancen waren für
-ihn hier zum Teile minder günstig, insofern als dieses Genre noch
-innigere Vertrautheit mit dem Charakter der einzelnen Instrumente
-erfordert. Zum Teile freilich wieder besser: denn während die für den
-öffentlichen Konzertsaal berechnete, in großen Zügen zu entwerfende
-Symphonie seiner nach innen gekehrten Natur nicht entsprach, war
-ihm der Kammermusikstil, welcher feinere Ausführung in den Details
-und kontemplatives Einspinnen in gewisse Figuren verträgt, weitaus
-homogener. Man sehe nur seine <em class="gesperrt">Streichquartette</em> (<span class="antiqua">op.</span>
-41) an, besonders das dritte in <span class="antiqua">A</span>-Dur. Kann er gar auch das
-Klavier zur Mitwirkung herbeiziehen, so entstehen so prachtvolle
-Werke wie das <em class="gesperrt">Klavierquintett</em> (<span class="antiqua">op.</span> 44), das wohl das
-hervorragendste seiner Gattung seit Beethoven genannt werden darf.
-Welche kontrapunktistische Kunst steckt in dem Schlußsatz! Von
-einer Klavier<em class="gesperrt">begleitung</em> kann eigentlich keine Rede sein,
-denn das Klavier wird ebenso wie die Viola von Schumann stets
-konzertierend behandelt. An Kunstwert kommt dieser Schöpfung das
-<em class="gesperrt">Klavierquartett</em> (<span class="antiqua">op.</span> 47) sehr nahe: ein Trio, betitelt
-<em class="gesperrt">Phantasiestücke für Pianoforte, Violine und Violoncell</em>
-(<span class="antiqua">op.</span> 88) ist minder bedeutend; seine schönsten Trios
-(<span class="antiqua">D-moll</span> und <span class="antiqua">F-dur</span>) schrieb Schumann erst vier Jahre
-später.</p>
-
-<p>Schon im nächsten Winter sehen wir den unermüdlichen Meister auf
-wieder anderem Gebiete thätig. Nachdem er mit einem melodiösen
-<em class="gesperrt">Andante und Variationen</em> für zwei Klaviere (<span class="antiqua">op.</span> 46) längst
-verlassene Bahnen für ein Weilchen neuerdings betreten, unternimmt
-er die Komposition eines groß angelegten Chorwerkes (<span class="antiqua">op.</span> 50),
-welchem<span class="pagenum"><a id="Seite_59"></a>[S. 59]</span> Moores Poem „Das Paradies und die Peri“ zu Grunde liegt.
-Die deutsche Bearbeitung rührt von Schumanns Jugendfreund Flechsig
-her, einzelne Stücke, und zwar den Chor der Nilgenien, der Houris,
-das Quartett „Peri, ist’s wahr“, das Solo „Verstoßen“, „Gesunken war
-der goldne Ball“ sowie den Schlußchor dichtete er selbst hinzu. Dann
-ging es mit heller Begeisterung an die Komposition des hochpoetischen
-Werkes, dessen Inhalt im Folgenden kurz skizziert sei: Eine Peri &ndash;
-mit diesem Namen belegt der orientalische Mythus feenartige, eines
-Vergehens halber aus der Oberwelt verstoßene Luftgeister &ndash; eine solche
-Peri sehnt sich heiß nach ihrer seligen Heimat zurück; und, da sie
-trauernd am Eingang des Paradieses steht, wird ihr durch Engelsmund in
-rätselhaften Worten Rückkehr verheißen, wenn sie „des Himmels liebste
-Gabe“ zu den heiligen Pforten bringe. Jene zu suchen, durchwandert
-sie Indiens Blumenhügel und die Wüsten des Nillandes, aber weder
-die letzten Blutstropfen eines im heldenmütigen Kampfe gegen den
-Unterdrücker gefallenen Jünglings, noch der letzte Seufzer einer Braut,
-die zu ihrem von der Pest ergriffenen Geliebten herbeigeeilt, treu an
-seiner Seite stirbt, vermögen der Peri Entsühnung zu erwirken. Zum
-drittenmale schwebt sie auf neue Suche hernieder, diesmal über Syriens
-Fluren. Es ist Abend. Ein Kind spielt harmlos unter Blumen, während
-unweit davon ein alter Räuber sein Pferd am Brunnen tränkt. Vom Minaret
-ertönt der Vesperruf der Muezzin und andächtig faltet das Kind die
-Händchen zum Gebete. Das sieht der wilde Reitersmann. Die Erinnerung an
-die eigene unschuldsvolle Kinderzeit übermannt ihn &ndash; er weint. Seine
-Reuethränen aber trägt die Peri empor und &ndash; die Pforte des Paradieses
-springt auf. Nicht was Menschen für das höchste Opfer halten, die
-Hingabe des Lebens, dem Vaterlande oder der Liebe dargebracht, gilt
-also auch dem Himmel als die wertvollste Gabe: die Thräne des reuigen
-Sünders, die Erneuerung des eigenen Ich ist das<span class="pagenum"><a id="Seite_60"></a>[S. 60]</span> Höchste und Größte
-in den Augen des Ewigen. Und das Finden dieser Thräne, d.&nbsp;h. die
-Erkenntnis jener Wahrheit öffnet der Peri den Himmel. Dies ist die
-durchaus christliche Idee der allegorischen Dichtung, die sich, zumal
-ihr das farbenprächtige, morgenländische Gewand einen bestrickenden
-Zauber giebt, für die musikalische Darstellung, wie kaum eine andere,
-dankbar erweist. (Reimann.) Schumanns Kunst feiert denn auch an diesem
-Stoffe wahre Triumphe und selbst wer das fatale Genre („Weltliches
-Oratorium“) zu verdammen geneigt ist, muß die außerordentlichen
-lyrischen Schönheiten, die einander in langer Kette folgen, anerkennen.
-Schade nur, daß die einzelnen Stücke, namentlich im letzten Drittel, zu
-wenig kontrastieren, wodurch der Hörer bei der Ausführung schließlich
-ermüdet wird. Schumann selber schreibt, eine innere Stimme habe ihm
-während der Komposition zugerufen: dies ist nicht vergeblich, was du
-thust.</p>
-
-<p>Sein äußeres Leben verlief inzwischen ziemlich einförmig; nur in die
-Zeit der „Peri“ fallen zwei erwähnenswerte Ereignisse. Im April 1843
-wurde er nämlich durch Mendelssohn an das neugegründete Leipziger
-Konservatorium als Lehrer der Komposition berufen und bald darauf
-fand auch eine Versöhnung mit dem Schwiegervater Wieck statt, welche
-ihm um Klaras willen lieb sein mußte. Seine Lehrthätigkeit ist ohne
-sonderliche Erfolge geblieben, dazu fehlte ihm vor allem die nötige
-Beredsamkeit. Gewöhnlich setzte er sich mit der Arbeit eines Schülers
-an den Flügel, las sie, und wenn ihm etwas mißfiel, so griff er es
-auf dem Klaviere, wobei er jenen nur mit einem mißbilligenden Blicke
-ansah. Der positive Gewinn, den man aus seinen spärlichen Bemerkungen
-davontrug, war gering. In jenen Kämpfen um Klara hatte nicht nur sein
-künstlerisches Streben eine andere Richtung genommen, auch mit seinem
-äußeren Wesen war eine große Veränderung vor sich gegangen. Er mied
-je länger, je mehr größere Gesellschaft und zeigte sich selbst im
-Verkehr mit seinen besten Freunden wortkarg. Henriette Voigt er<span class="pagenum"><a id="Seite_61"></a>[S. 61]</span>zählt,
-daß sie manchmal mit ihm an schönen Sommerabenden eine Wasserfahrt
-gemacht habe. Da wären sie denn eine Stunde schweigend nebeneinander
-im Kahn gesessen. Bei der Trennung aber habe ihr Schumann die Hand
-gedrückt und nur gesagt: „Heute haben wir uns recht verstanden.“ Etwas
-Ähnliches weiß Brendel zu berichten: „Schumann hatte einen vorzüglichen
-Markobrunner in Gohlis entdeckt und forderte mich auf, ihn dorthin zu
-begleiten. In glühender Hitze pilgerten wir selbander, ohne ein Wort
-zu sprechen, durch das Rosenthal, und draußen angekommen, war diesmal
-in der That der Markobrunner die Hauptsache. Es war kein Wort aus
-ihm herauszubringen und so ging es auch auf dem Rückwege. Nur eine
-Bemerkung machte er, die mir zugleich einen Blick in das gestattete,
-was ihn erfüllte. Er sprach über die eigentümliche Schönheit eines
-solchen Sommermittags, wo alle Stimmen schweigen, vollkommene Ruhe in
-der Natur herrscht. Er war versunken in diesen Eindruck und bemerkte
-bloß, daß die Alten ihn mit dem Ausdruck „Pan schläft“ treffend
-bezeichnet hätten. In solchen Momenten nahm Schumann nur insoweit Notiz
-von der Außenwelt, als sie zufällig in seine Träume hineinspielte.
-Gesellschaft war für ihn dann nur da, um ihn des Gefühls des
-Alleinseins zu entheben.“</p>
-
-<p>Zu Anfang des Jahres 1844 begleitete Robert seine Frau auf einer
-Konzertreise nach Rußland, welche er ihr schon vor der Hochzeit hatte
-versprechen müssen. Überall, in Mitau, Riga, Petersburg, Moskau,
-ward die Künstlerin enthusiastisch aufgenommen und auch ihr Gatte
-erwarb seiner Musik zahlreiche Freunde, z.&nbsp;B. die Grafen Wielhorsky,
-in deren Palais seine <span class="antiqua">B</span>-Dursymphonie und seine Quartette zur
-Aufführung kamen. Nach den Anstrengungen der letzten Zeit mußte
-die Arbeitspause und der Wechsel der Umgebung höchst wohlthätig
-auf ihn einwirken; allein kaum zurückgekehrt, machte er sich schon
-wieder an einen grandiosen Plan, die Komposition des Goetheschen
-<em class="gesperrt">Faust</em> und schrieb<span class="pagenum"><a id="Seite_62"></a>[S. 62]</span> mit Aufgebot aller Kraft den größeren Teil
-der gewaltigen Schlußscene: dann erfolgte &ndash; im Herbste &ndash; naturgemäß
-der Rückschlag. Ein nervöses Leiden stellte sich ein, finstere Dämonen
-beherrschten ihn, so daß der Arzt auf das dringendste Enthaltung von
-jeder geistigen Arbeit und Verlassen des musikalisch allzu bewegten
-Leipzig anriet. Schumann übersiedelte nach Dresden, anfangs mit der
-Absicht, daselbst nur für kurze Zeit zu verweilen; doch entschloß er
-sich später, diese Stadt zum dauernden Aufenthaltsorte zu erwählen.
-Die Redaktion der Zeitschrift, welche er seit seiner Verheiratung als
-drückende Last empfunden, hatte er schon vom 1. Juli des Jahres an
-seinen Freund und langjährigen Mitarbeiter Oswald Lorenz abgegeben;
-später, im Januar 1845, verkaufte er sie an Franz Brendel. „Ich habe
-was in meinen Kräften stand gethan, die besten Talente meiner Zeit zu
-fördern,“ sagte er zu ihm bei der Übergabe. „Fahren Sie darin fort!“
-Wirklich ist die „Neue Zeitschrift“ stets eine eifrige Verfechterin des
-Kunstfortschrittes geblieben und hat namentlich zur richtigen Würdigung
-der „neudeutschen Schule“ sehr viel beigetragen.</p>
-
-<p>Allmählich besserte sich der leidende Zustand des Meisters. Im nächsten
-Frühling war er glücklicherweise so weit hergestellt, daß er wieder
-an musikalische Thätigkeit denken durfte, wobei er sich zur Vorsicht
-einstweilen auf kontrapunktistische Studien beschränkte, weil dieselben
-mehr den Verstand als seine überreizte Phantasie in Anspruch nahmen. So
-entstanden damals die <em class="gesperrt">Studien und Skizzen für den Pedalflügel</em>
-(<span class="antiqua">op.</span> 56, 58). Vier Fugen für das Pianoforte (<span class="antiqua">op.</span> 72) und
-sechs <em class="gesperrt">Orgelfugen über den Namen Bach</em> (<span class="antiqua">op.</span> 60), wahre
-Prunkstücke kontrapunktistischer Kunst, schöne Früchte seiner täglichen
-Beschäftigung mit den Werken des großen Thomaskantors, welcher er
-seit jenem, so bald abgebrochenen Unterrichtskursus bei Dorn immer
-eifriger obgelegen. „Bachen ist nach meiner Überzeugung überhaupt nicht
-beizukommen; er ist inkommensurabel,<span class="pagenum"><a id="Seite_63"></a>[S. 63]</span>“ schreibt er einmal einem Freunde
-und gesteht, daß ihn die armseligen, musikalischen Erzeugnisse um ihn
-her förmlich misanthropisch machen. „Da rette ich mich immer in Bach
-und das giebt wieder Lust und Kraft zum Wirken und Leben.“</p>
-
-<p>Darnach wandte sich sein neubelebter Mut wieder den freieren
-Kunstformen zu. Das hochbedeutende <em class="gesperrt">Klavierkonzert</em> <span class="antiqua">A-moll</span>
-(<span class="antiqua">op.</span> 54) wurde vollendet und eine dritte <em class="gesperrt">Symphonie</em>
-<span class="antiqua">C</span>-Dur (<span class="antiqua">op.</span> 61) in Angriff genommen. Die Gesellschaft
-einiger Freunde (Ferdinand Hiller, Auerbach, Bendemann, Reinick,
-Rietschel, Hübner), welche sich zweimal wöchentlich im „alten
-Postgebäude“ beim Biertisch zu versammeln pflegte, suchte er jetzt
-häufiger auf. Daß sich zu dem Komponisten des Tannhäuser, der dort
-ebenfalls verkehrte und dessen Ruf ganz Dresden erfüllte, kein näheres
-Verhältnis herausgebildet hat, wird man bei der Verschiedenheit der
-Charaktere begreiflich finden. „Schumann ist ein hochbegabter Musiker,“
-erzählt Wagner, „aber ein unmöglicher Mensch. Als ich von Paris kam,
-besuchte ich ihn, sprach von den französischen Musikzuständen, dann
-von den deutschen, sprach von Litteratur und Politik &ndash; er aber blieb
-so gut wie stumm, fast eine Stunde lang. Ja, man kann doch nicht immer
-<em class="gesperrt">allein</em> reden! Ein unmöglicher Mensch!“ Schumanns Urteil hingegen
-lautete, Wagner sei zwar sehr unterrichtet und geistreich (&ndash; „ein
-geistreicher Kerl voll toller Einfälle“ &ndash;), rede aber unaufhörlich und
-das könne man doch auf die Länge nicht aushalten.</p>
-
-<p>Über den „Tannhäuser“ selbst äußerte sich Schumann nach der Durchsicht
-der ihm von Wagner geschenkten Partitur gegen Mendelssohn ziemlich
-wegwerfend: um kein Haar breit besser als Rienzi, eher matter,
-forcierter. Allein schon ein paar Wochen später erklärt er, manches
-zurücknehmen zu müssen, denn „von der Bühne herab sieht sich alles ganz
-anders an. Ich bin von vielem ganz ergriffen gewesen... Tannhäuser
-enthält Tiefes, Originelles, überhaupt hundert<span class="pagenum"><a id="Seite_64"></a>[S. 64]</span>mal Besseres als seine
-früheren Opern. In Summa, er kann der Bühne von großer Bedeutung
-werden. Das Technische, die Instrumentierung finde ich ausgezeichnet,
-ohne Vergleich meisterhafter gegen früher.“ Solch anerkennende
-Beurteilung ist Wagner damals noch selten zu teil geworden.</p>
-
-<p>Im Jahre 1846 weist das Schumannsche Kompositionsverzeichnis bloß
-mehrere Chorlieder: <span class="antiqua">op.</span> 55 <em class="gesperrt">Fünf Lieder von Burns</em>,
-<span class="antiqua">op.</span> 59 <em class="gesperrt">Vier Gesänge</em> von Lappe, Platen, Möricke, Rückert
-und die Vollendung der <span class="antiqua">C</span>-Dursymphonie auf. Die Kritik pflegt
-diesem Werke, in welchem er seine musikalische Kraft zum Grandiosen,
-Beethoven-Gleichen zu steigern rang, den Preis vor den übrigen
-Symphonien zuzusprechen, in theoretischer Hinsicht, was die kunstvolle
-Durchführung und Kombination der Themen anbelangt, gewiß mit Recht.
-Es bedeutet ohne Zweifel den Höhepunkt seiner Künstlerlaufbahn, aber
-keineswegs seine vorzüglichste Leistung. Man fühlt, daß es nicht
-dem „innersten Lebensdrange“ entspringt und erst im Adagio kommt
-der echte Schumann, der Lyriker voll zur Geltung und erhebt seinen
-wunderbarsten Gesang. Allein, ob auch der Meister seine Kraft auf das
-Äußerste anspannte und aufrieb &ndash; der ersehnte Ruhm blieb immer noch
-aus. In Dresden freilich hatte er sich über Mangel an Anerkennung
-nicht zu beklagen und wenn er nach Leipzig zu Besuch kam, was ab und
-zu geschah, war ihm die enthusiastischste Aufnahme gewiß. Auch die
-Verleger machten keine Schwierigkeiten. Überall sonst aber kannte
-ihn die große Menge bloß als den Mann der Klara Wieck, so wenig
-Schumann das zugeben wollte. Als einmal ein alter Freund bemerkte,
-daß Klara sehr viel dazu beigetragen habe, ihm den Weg als Tonsetzer
-zu erleichtern, sprang er höchst beleidigt auf und lief davon. Wie
-schmerzlich mußte ihn da der offenbare Mißerfolg mehrerer seiner
-schönsten Kompositionen auf der 1847 unternommenen Konzerttour nach
-Wien berühren. Sie wurden am 1. Jänner im Musikvereinssaal mit
-achtungsvollem Still<span class="pagenum"><a id="Seite_65"></a>[S. 65]</span>schweigen aufgenommen; die Achtung galt seiner &ndash;
-Frau. Die wenigen Anhänger zitterten vor einer möglichen Wiederholung
-des Vorfalls bei einem auswärtigen Hofkonzert, wo Serenissimus nach
-vielen Artigkeiten für Klara unseren Meister huldreichst fragte: „Sind
-Sie auch musikalisch?“ Im Künstlerverein „Konkordia“ traf Schumann
-den zufälligerweise gleichfalls anwesenden Meyerbeer an; aber beide
-Männer wichen einander vorsichtig aus. (Hanslick.) Zum Abschied gab das
-Schumannsche Ehepaar eine glänzende Soiree, bei welcher alle Wiener
-Celebritäten: Bauernfeld, Eichendorff, Stifter, Deinhardstein und
-<span class="antiqua">last not least</span> &ndash; Grillparzer erschienen waren. Der Letztere,
-ein warmer Bewunderer der Künstlerin Klara, hatte diese schon 1838 in
-einem schönen Gedichte besungen; von ihrem Gatten als Komponisten Notiz
-zu nehmen, fiel ihm damals eingestandenermaßen nicht ein. So stand es
-um Schumanns Ruhm am Donaustrande. Besser fielen die beiden Konzerte
-in Prag aus,<a id="FNAnker_7" href="#Fussnote_7" class="fnanchor">[7]</a> wo Ambros, ein begeisterter Verehrer des Meisters in
-der „Bohemia“ unter dem Davidsbündlernamen Flamin wirksame Propaganda
-gemacht hatte und auch in Berlin, wo „Paradies und Peri“ unter des
-Autors Direktion &ndash; recht elend, nebenbei bemerkt &ndash; zur Aufführung
-kam. Im Juli endlich besuchte Schumann auch seine Vaterstadt, die ihren
-größten Sohn auf jede mögliche Weise, durch Fackelzug, Ständchen u.&nbsp;s.&nbsp;w.
-ehrte. Die Reisen und Zerstreuungen dieses Jahres scheinen heilsamen
-Einfluß auf seinen Geist ausgeübt zu haben, denn seine Produktion
-ist gegen 1846 unstreitig reicher. Nebst mehreren Chören, und zwar
-<em class="gesperrt">Abschiedslied</em> (<span class="antiqua">op.</span> 84), <em class="gesperrt">Ritornelle</em> von Rückert in
-kanonischen Weisen (<span class="antiqua">op.</span> 65), <em class="gesperrt">drei Gesänge</em> für Männerchor<span class="pagenum"><a id="Seite_66"></a>[S. 66]</span>
-(<span class="antiqua">op.</span> 62), schrieb er zwei sehr schöne Trios (<span class="antiqua">op.</span> 63
-u. 80); die Ouvertüre sowie den ersten Akt einer romantischen Oper
-<em class="gesperrt">Genoveva</em> (<span class="antiqua">op.</span> 81).</p>
-
-<p>Schon längst hatte sich Schumann mit dem Gedanken an ein musikalisches
-Drama getragen, ja sogar 1838 ein von Becker (nach T. A. Hoffmanns
-Novelle: Doge und Dogaressa, Univ.-Bibliothek Nr. 464) verfertigtes
-Libretto zu komponieren begonnen. Es wurde indessen bald wieder
-beiseite gelegt, weil er darin ein „tiefes, deutsches Element“
-vermißte. In den folgenden Jahren steigerte sich, angesichts der
-Successe der großen Pariser Opern, sein Wunsch zu verzehrender
-Sehnsucht. „Wissen Sie mein morgen- und abendliches Künstlergebet?“
-schreibt er 1842, „<em class="gesperrt">deutsche Oper</em> heißt es. Da ist zu wirken.
-&ndash; Die deutschen Komponisten scheitern meistens an der Absicht, dem
-Publikum gefallen zu wollen. Gebe aber nur einmal einer etwas Eigenes,
-Einfaches, Tiefes, Deutsches, und er soll sehen, ob er nicht mehr
-erlangt.“ Eine ganze Reihe nationaler Opernstoffe fand sich in seinem
-Projektenbuche aufgezeichnet, unter andern Nibelungen, Wartburgkrieg,
-Lohengrin, Till-Eulenspiegel, Meister Martin und seine Gesellen. Allein
-vergebens fahndete er nach einem Dichter für sie, vergebens fragte er
-bei Zuccamaglio, Griepenkerl, Marbach um geeignete Texte an. Endlich
-glaubte er in Robert Reinick, welcher bereits für Freund Hiller ein
-Libretto geliefert hatte, den rechten Mann gefunden zu haben und
-veranlaßte ihn, die dramatischen Bearbeitungen der Genovevasage von
-Tieck und Hebbel zu einem Opernbuche zusammenzuschweißen. Doch war
-dessen Arbeit nicht nach Schumanns Sinne, und da Hebbel selbst eine
-Umgestaltung seines Stückes freundlich, aber entschieden ablehnte,
-sah sich der Meister der Töne dazu gedrängt, den Pegasus nach Wagners
-Vorgang selbst zu besteigen. Unter seinen Händen entspann sich
-die Handlung der Oper nun also: Pfalzgraf Siegfried zieht in den
-Maurenkrieg und läßt seine junge Frau, Genoveva, in der Hut<span class="pagenum"><a id="Seite_67"></a>[S. 67]</span> seines
-Günstlings Golo zurück. Dieser, in sündiger Liebe für die Gebieterin
-entbrannt, aber mit Entrüstung zurückgewiesen, verbündet sich mit
-ihrer zauberkundigen Amme Margaretha, um sie zu verderben. Es wird das
-Gerücht von einem vertrauten Verhältnis zwischen Golo und Genoveva
-ausgestreut, die empörte Dienerschaft dringt in der Herrin Schlafgemach
-und findet darin &ndash; den alten Kastellan Drago, welcher sich, um
-Genovevas Unschuld erweisen zu können, daselbst heimlich verborgen
-hatte. Der Greis wird von den Knechten, ohne Gehör zu finden, erwürgt,
-Genoveva als des Ehebruches Schuldige ins Gefängnis geschleppt. Dann
-eilen Margaretha und Golo zu Siegfried, das Geschehene zu melden.
-Der ergrimmte Gatte will die Ungetreue töten lassen, befragt aber,
-um ganz sicher zu gehen, Margarethas Zauberspiegel. Das trügerische
-Gerät zeigt ihm Dragos und Genovevas sträflichen Umgang, so daß er
-vor Wut den Spiegel zerschlägt und davonstürzt. Aus den Trümmern
-aber steigt Dragos Geist auf und befiehlt der Hexe, ohne Verzug dem
-Grafen die Wahrheit zu gestehen. Im vierten Akte soll Genoveva, welche
-eine zweite Werbung Golos wiederum abgefertigt hat, in der Wildnis
-hingerichtet werden. Aber zur rechten Zeit erscheint der über den
-Sachverhalt aufgeklärte Gatte und führt sein schuldloses Weib im
-Triumphe auf das Schloß zurück. &ndash; Die vielfachen Willkürlichkeiten
-und Unklarheiten in der Motivierung treten an diesem knappen Aufriß
-noch nicht so grell zu Tage wie an dem Stücke selbst. Zwar machte
-der wohlmeinende Wagner Vorstellungen und Einwände, aber Schumann
-in dem Wahne, jener wolle ihm seine besten Effekte verderben, wurde
-ordentlich böse und unter seinen näheren Bekannten fand sich keiner,
-der ihn bewogen hätte abzustehen, nicht nur von der Komposition
-dieses Textes, sondern einer Oper überhaupt; vielmehr hetzten sie den
-Irrenden, der schon jeden Kompaß verloren, eher noch in die falschen
-Bahnen hinein. Die Wahrheit zwingt uns anzuerkennen, daß Schu<span class="pagenum"><a id="Seite_68"></a>[S. 68]</span>mann
-auch auf diesem, seiner lyrischen Natur geradewegs widerstrebenden
-Gebiete viel richtiges Wollen bekundet hat. Von italienischen Mustern
-wollte er durchaus nichts wissen und „Lassen Sie mich in Ruhe mit der
-Kanarienvogelmusik und den Haarbeutelmelodien“ rief er, als man ihm von
-Cimarosas <span class="antiqua">Matrimonio segreto</span> sprach. Sein Vorbild war Webers
-Euryanthe. An Stelle des alten Recitativs, das er für eine überlebte
-Kunstform hielt, strebte er eine musikalische Deklamation zu gewinnen
-&ndash; freilich ohne Glück. Der Mangel an scharfen Kontrasten, an diesen
-Kennzeichen eines echten Dramas, ist’s, der die Genovevamusik auf der
-Bühne so wirkungslos macht; das konnten sogar eifrige Parteigänger
-Schumanns gleich bei der ersten Aufführung in Leipzig, welche sich zu
-seinem Leidwesen bis zum 25. Juni 1850 hinauszog, sich nicht verhehlen.
-Die Spannung auf dieses Werk war nach Lobes Mitteilungen groß und
-viele Umstände vereinigten sich zu Gunsten des Komponisten. In Leipzig
-hatte er viele Freunde und Verehrer. Mehrere berühmte Künstler waren
-zugegen: Liszt, Spohr, Meyerbeer, Hiller u.&nbsp;s.&nbsp;w. Schumann dirigierte
-die Oper selbst. Das Leipziger Publikum ist für Musik leicht entzündbar
-und mit Beifallsbezeugungen nicht karg. So konnte man einen jener
-glänzenden Kunstabende erwarten, welche Leipzig beliebten Künstlern
-für gelungene Leistungen gern bereitet. Die Erwartung wurde jedoch
-teilweise getäuscht. Außer der Ouvertüre applaudierte man nur noch die
-Aktschlüsse und in den Journalen entwickelte sich eine unerquickliche
-Polemik für und wider. Schumann aber, fest überzeugt, daß jeder Takt
-seiner Oper völlig dramatisch sei, nahm ungünstige Kritiken, entgegen
-seiner einstigen Gepflogenheit, gewaltig krumm, ja, zögerte nicht,
-ein langjähriges, freundliches Verhältnis zu Krüger, welcher das Werk
-etwas scharf recensiert hatte, sogleich zu lösen. So verlief die ganze
-Opernaffaire in jeder Hinsicht übel und bis auf den heutigen Tag ist
-es den deutschen Theatern trotz mannigfacher Ver<span class="pagenum"><a id="Seite_69"></a>[S. 69]</span>suche nicht gelungen,
-Schumanns Schmerzenskind dem Repertoire zu erhalten.</p>
-
-<p>Nebst der Genoveva fällt in das Revolutionsjahr 1848 noch das
-kantatenartige <em class="gesperrt">Adventlied</em> von Rückert (<span class="antiqua">op.</span> 71) und zwei
-Klavierwerke: die phantasievollen, farbenprächtigen, durch Rückerts
-Makamen des Hariri angeregten <em class="gesperrt">Bilder aus dem Osten</em> (<span class="antiqua">op.</span>
-66) und das <em class="gesperrt">Album für die Jugend</em> (<span class="antiqua">op.</span> 68), das uns auf
-seine eigene, reichbesetzte Kinderstube zurückweist. „Ich wüßte nicht,
-wann ich mich je in so guter musikalischer Laune befunden hätte, als da
-ich die Stücke (<span class="antiqua">op.</span> 68) schrieb,“ berichtet er an Reinecke. „Es
-strömte mir ordentlich zu. Sie sind mir besonders ans Herz gewachsen &ndash;
-und recht eigentlich aus dem Familienleben heraus. Die ersten Stücke im
-Album schrieb ich nämlich für unser ältestes Kind zu ihrem Geburtstag
-und so kam eines nach dem andern hinzu. Es war mir, als finge ich
-noch einmal von vorn an zu komponieren; und auch vom alten Humor
-werden Sie hier und da spüren. (Vergl. Nr. 12.) Von den Kinderscenen
-unterscheiden sie sich durchaus. Diese sind Rückspiegelungen eines
-Älteren und für Ältere, während das Album mehr Vorspiegelungen,
-zukünftige Zustände für Jüngere enthält.“ Ein Pendant zu diesen
-reizenden Genrestücken, von welchen Nr. 16 Erster Verlust, Nr. 13 Mai,
-lieber Mai, Nr. 28 Erinnerung (an den 1847 gestorbenen Mendelssohn) und
-Nr. 30 Adagio namentlich hervorgehoben seien, bildet das im folgenden
-Jahr komponierte <em class="gesperrt">Liederalbum für die Jugend</em> (<span class="antiqua">op.</span> 79),
-mit welchem Schumann die später von Taubert, Reinecke und anderen
-weitergeführte Gattung der Kinderlieder aufnahm. In der Anordnung
-bemühte er sich die Stufenfolge vom Leichten zum Schwierigeren
-einzuhalten, Mignon (Nr. 29) schließt endlich ab „ahnungsvoll den Blick
-in ein bewegteres Seelenleben richtend.“</p>
-
-<p>Von diesen lieblichen, wenn auch manchmal leidvollen, lyrischen
-Perlen sticht die ungefähr gleichzeitige „Musik zu<span class="pagenum"><a id="Seite_70"></a>[S. 70]</span> Lord Byrons
-<em class="gesperrt">Manfred</em>“ (<span class="antiqua">op.</span> 115) überaus grell ab. Das Gedicht,
-welches nur uneigentlich der dramatischen Gattung angehört, war für
-den Lyriker wie geschaffen und bot freien Spielraum zu grüblerischem
-Versenken. Für die innere Zerrissenheit, die düstere Schwermut des
-Byronschen Helden, wie sie der Meister in den wiederkehrenden Anfällen
-seines Nervenleidens selbst empfunden haben mag, fand er denn auch
-tiefergreifende Töne und besonders die Ansprache an Astarte: „Gerufen
-hab’ ich dich aus dunkler Nacht“ ist den bedeutendsten Schöpfungen
-seines Genius beizuzählen. Freilich wirkt diese Musik nicht so sehr auf
-der Bühne, für welche ja auch das Gedicht nicht berechnet ist; auch
-nicht im Konzertsaal, trotz des verbindenden Textes, welchen Richard
-Pohl dafür geschrieben hat; sondern beim einsamen Genusse am Flügel
-daheim.</p>
-
-<p>Das Jahr 1849 ist an Kompositionen in Schumanns Leben unstreitig das
-fruchtbarste. „Man muß ja schaffen,“ schreibt er, „so lange es Tag
-ist.“ Namentlich fällt die große Zahl der Chorkompositionen (<span class="antiqua">op.</span>
-67, 69, 75, 91, 93, 98 b, 108, 137, 141, 145, 146) auf, was sich aber
-aus seiner Stellung als Dirigent eines Gesangvereins leicht erklärt.
-Schon 1847 hatte er nach Ferdinand Hiller die Leitung der Dresdener
-Liedertafel übernommen, jedoch bald wieder aufgegeben; teils weil er
-darin zu wenig musikalisches Streben vorfand, teils weil ihm „die
-ewigen Quartsextaccorde des Männergesang-Stiles“ bald langweilig
-wurden. Größeres Vergnügen bereitete dem Meister ein von ihm selbst
-am 5. Januar 1848 gegründeter Chorverein, welcher in kurzer Zeit an
-hundert Mitglieder zählte. „Wir kommen,“ heißt es in einem Briefe, „oft
-außerhalb der Stadt zusammen, wandeln dann bei Sternenschein zurück und
-dann erklingen Mendelssohnsche und sonstige (das heißt seine eigenen)
-Lieder durch die Nacht und alle sind so fröhlich, daß man es mit werden
-muß.“ Aus der Zahl dieser, zum Teil ungemein schwierigen Chöre seien
-die <em class="gesperrt">Jagdlieder</em><span class="pagenum"><a id="Seite_71"></a>[S. 71]</span> (<span class="antiqua">op.</span> 137), die Motette: „<em class="gesperrt">Verzweifle
-nicht im Schmerzensthal</em>“ (<span class="antiqua">op.</span> 93), das zarte <em class="gesperrt">Requiem für
-Mignon</em> aus Wilhelm Meister (<span class="antiqua">op.</span> 98) und das von Schumann
-besonders geliebte <em class="gesperrt">Nachtlied</em> von Hebbel (<span class="antiqua">op.</span> 108) namhaft
-gemacht. Außerdem komponierte er nebst <em class="gesperrt">drei Liederheften</em>
-(<span class="antiqua">op.</span> 79, 95, 98 <span class="antiqua">a</span>) und <em class="gesperrt">vier Duetten</em> für Sopran und
-Tenor (<span class="antiqua">op.</span> 78), noch einige Liederkreise für eine und mehrere
-Stimmen: <em class="gesperrt">Minnespiel</em> von Rückert (<span class="antiqua">op.</span> 101), <em class="gesperrt">Spanische
-Liebeslieder</em> (<span class="antiqua">op.</span> 138) und das köstliche, gleichsam aus
-Jasminduft gewobene <em class="gesperrt">Spanische Liederspiel</em> (<span class="antiqua">op.</span> 74). Eine
-melodramatische Begleitung zu Hebbels Ballade „<em class="gesperrt">Schön Hedwig</em>“
-(<span class="antiqua">op.</span> 106) leitet uns zu den reinen Instrumentalwerken hinüber.
-„Es ist eine Art der Komposition, die wohl noch nicht existiert und
-so sind wir immer vor allem dem Dichter zu Dank verbunden, die,
-neue Wege der Kunst zu versuchen, uns so oft anregen.“ Dem heutigen
-Geschmacke sagt diese anorganische Verbindung zwischen Wort und Tönen
-nicht mehr zu; Schumann dagegen that sich auf seine Errungenschaft
-viel zu Gute und schrieb noch 1853 eine ähnliche Musik zu Hebbels
-„<em class="gesperrt">Haideknaben</em>“ und Schelleys „<em class="gesperrt">Flüchtlingen</em>“ (<span class="antiqua">op.</span>
-122). Auch die absolute Musik ist durch eine erkleckliche Anzahl von
-Kompositionen vertreten; zunächst durch mehrere Klavierwerke: die
-interessanten <em class="gesperrt">Waldscenen</em> (<span class="antiqua">op.</span> 82). <em class="gesperrt">Vier Märsche</em>
-(<span class="antiqua">op.</span> 76). <em class="gesperrt">Zwölf vierhändige Stücke</em> (<span class="antiqua">op.</span> 85)
-sowie <em class="gesperrt">Introduktion und Allegro</em> für Pianoforte und Orchester
-(<span class="antiqua">op.</span> 92); dann durch Phantasien, Konzertstücke und dergleichen
-für Violoncello, Horn, Klarinette und Oboe. (<span class="antiqua">op.</span> 70, 73, 86, 94,
-102).</p>
-
-<p>Die Folgen solch übermäßiger Anstrengung, zu welcher sich noch die
-mannigfachen Aufregungen durch die politischen Wirren dieses Jahres
-gesellten, blieben nicht aus. Ein unerträglicher Kopfschmerz peinigte
-den Meister, so daß die in Angriff genommene Vollendung des „Faust“
-nur langsam fortschreiten konnte. Seit den ersten Arbeiten daran<span class="pagenum"><a id="Seite_72"></a>[S. 72]</span>
-(1844) hatte er nach zweijähriger Pause nur ab und zu ein Stück
-hinzukomponiert, den „Schlußchor“, „Gerettet ist das edle Glied“, die
-„Gretchenscenen“ und „Fausts Erwachen“. Im Sommer 1848 wurde sogar
-eine Privataufführung im Schumannschen Hause veranstaltet und zur
-Goethefeier (29. August 1849) gab man das Werk an mehreren Orten,
-in Weimar, Dresden und Leipzig. Freilich, wenn die Behauptung laut
-wurde, daß der zweite Teil des Faust erst durch Schumanns Musik
-verständlicht worden sei, so ist das nur insofern richtig, als dieser
-von der Gedankenlosigkeit stets arg verlästerte Teil der Mitwirkung
-der Tonkunst bedarf, um den gehörigen Eindruck hervorzubringen und
-insofern, als viele Musiker, durch diese Komposition aufmerksam
-gemacht, sich den „zweiten Teil“ besser angesehen und darum vielleicht
-besser verstanden haben. Übrigens lag es gar nicht in Schumanns
-Vermögen, den ungeheuren Vorgang des Weltgedichtes mit ebenbürtiger
-Musik auszustatten, sondern er komponierte ihn auf seine Weise, das
-heißt in den lyrischen Partien, z.&nbsp;B. dem wahrhaft himmlischen Hymnus
-an die Gottesmutter wunderschön. Anderes, z.&nbsp;B. der Schlußchor, muß
-als unpassend bezeichnet werden, denn wir hören zwar ein Chorstück
-von erlesener Pracht, dessen Melodik aber dem durchaus mythischen
-Sinn der Verse, in welchen die letzten Dinge aller menschlichen
-Weisheit ausgesprochen sind, nicht entspricht. Der Autor selber
-fühlte das wohl und geriet darüber einigemale in Desperation. Er
-komponierte die Nummer um &ndash; ohne auch mit dieser zweiten Fassung
-den rechten Ton getroffen zu haben. Der Palestrinastil, in dessen
-Herrlichkeiten sich Schumann ebendamals versenkte, wäre hier vielleicht
-am Platze gewesen. 1850 schrieb er dann noch die Scene mit den grauen
-Weibern, sowie Fausts Tod hinzu; die Ouvertüre, wohl der schwächste
-Teil des Werkes, ist erst 1853 entstanden, aus dem Bedürfnis, das
-Ganze abzurunden und auf die verschiedenen Stimmungen wenigstens
-einigermaßen vorzubereiten.<span class="pagenum"><a id="Seite_73"></a>[S. 73]</span> Mittlerweile hatte Ferdinand Hiller seine
-Konzertdirektorstelle in Düsseldorf aufgegeben und sollte die Leitung
-des Kölnischen Konservatoriums übernehmen. Bei seinem Abgange schlug
-er zu seinem Nachfolger Schumann vor, von dem er wußte, daß er sich,
-erfolglos freilich, in Wien, Berlin und Leipzig um ein ähnliches Amt
-beworben habe. Der Meister zögerte lange, sich von der lieben Heimat
-zu trennen; denn erstens standen daselbst mehrere, für ihn sehr
-wichtige Aufführungen seiner Peri und Genoveva bevor, dann gab Klara
-mit Konzertmeister Schubert in Dresden stark besuchte Soireen und
-schließlich schien Aussicht vorhanden, durch Vermittlung einflußreicher
-Freunde zum Kapellmeister an des flüchtigen Wagner statt ernannt zu
-werden. Während nun die ganze Angelegenheit in der Schwebe hing,
-begab sich Schumann mit seiner Frau auf Kunstreisen über Leipzig nach
-Hamburg, wo er mit Jenny Lind bekannt wurde und an ihr eine begeisterte
-Interpretin seiner Lieder fand. Der berühmten Sängerin ist &ndash; zum
-Dank für ihre Mitwirkung bei zwei Konzerten Klaras &ndash; das Liederheft
-<span class="antiqua">op.</span> 89 gewidmet.</p>
-
-<p>Nach Dresden zurückgekehrt, vernahm er, daß die Stelle am Hoftheater
-schon durch einen anderen, C. Krebs, besetzt sei; man mochte in
-maßgebenden Kreisen an der „revolutionären“ Gesinnung des großen
-Künstlers Anstoß genommen haben. Denn in politischer Hinsicht stimmte
-er mit Wagner so ziemlich überein und machte kein Hehl aus dieser
-seiner Denkungsweise. Bei einem Spaziergange mit dem bekannten
-Litteraten Graf Baudissin suchte ihm der letztere zu beweisen, daß die
-konstitutionelle Monarchie allen übrigen Regierungssystemen vorzuziehen
-sei. Schumann hörte scheinbar aufmerksam zu, die Auseinandersetzungen
-zeitweise mit einem billigenden Kopfnicken begleitend. Doch mußte er
-wohl in die Fortspinnung irgend eines musikalischen Gedankens verloren
-gewesen sein, denn als ihn Baudissin frug, ob er ihn nun zu seiner
-Ansicht bekehrt habe, antwortete Schumann: „Die<span class="pagenum"><a id="Seite_74"></a>[S. 74]</span> Republik bleibt
-doch die beste Staatsform!“ Seine Märsche (<span class="antiqua">op.</span> 76) wurden von
-Vertrauten sogar „Barrikadenmärsche“ genannt, obwohl ihm, bei seinem
-zurückgezogenen Wesen, nichts ferner lag, als etwa persönlich auf
-den Barrikaden eine Rolle zu spielen. Genug, er sah sich in seinen
-Hoffnungen getäuscht und entschloß sich nunmehr rasch zur Übersiedelung
-ins niederrheinische Land. Komponiert hat er im Laufe des Jahres 1850
-bis zu diesem Zeitpunkte (Anfang Oktober) bloß ein Chorwerk (<span class="antiqua">op.</span>
-144) und mehrere Lieder (<span class="antiqua">op.</span> 83, 89, 90 sowie einige aus
-<span class="antiqua">op.</span> 77, 96, 127). Ein seltsamer Zufall fügte es, daß Schumann
-den Lenauschen Gedichten in <span class="antiqua">op.</span> 90 ein altes Requiemslied
-angehängt, als die Nachricht vom Ende des unglücklichen Dichters
-eintraf. Er hatte ihm, ohne es zu wissen, das Totenlied gesungen;
-und wenige Jahre später sollte er selbst der furchtbaren Krankheit
-erliegen, welche jenen, ihm nahverwandten Geist so früh zerrüttete und
-zerstörte.</p>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_6" href="#FNAnker_6" class="label">[6]</a></p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent2">Du Geist der Wolke, trüb und schwer,</div>
- <div class="verse indent2">Fliegst drohend über Land und Meer.</div>
- <div class="verse indent2">Dein grauer Schleier deckt im Nu</div>
- <div class="verse indent2">Des Himmels klares Auge zu.</div>
- <div class="verse indent2">Dein Nebel wallt herauf von fern</div>
- <div class="verse indent2">Und Nacht verhüllt der Liebe Stern:</div>
- <div class="verse indent2">Du Geist der Wolke, trüb und feucht,</div>
- <div class="verse indent2">Was hast du all mein Glück verscheucht,</div>
- <div class="verse indent2">Was rufst du Thränen ins Gesicht</div>
- <div class="verse indent2">Und Schatten in der Seele Licht?</div>
- <div class="verse indent2">O wende, wende deinen Lauf</div>
- <div class="verse indent2">Im Thale blüht der Frühling auf!</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_7" href="#FNAnker_7" class="label">[7]</a> Das Programm enthielt u.&nbsp;a.: 29. Jänner. Klavierstücke
-von Bach, Skarlatti, Mendelssohn, Chopin; sechs Lieder und das
-Klavierquintett von Schumann. 2. Februar. Leonorenouvertüre (Nr. 3,
-C-Dur); Lieder von Speyer, Klavierstücke von Klara, von Henselt und
-Liszt. &ndash; Kanon und Klavierkonzert von Schumann.</p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="Letzte_Lebensjahre">7. Letzte Lebensjahre.</h2>
-</div>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent2">Und der letzte Schritt auf Erden</div>
- <div class="verse indent4">Macht den letzten Fehler gut.</div>
- <div class="verse indent2"><em class="gesperrt mleft8">Grillparzer.</em></div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>„Ich suchte in einer alten Geographie nach Notizen über Düsseldorf und
-fand da unter den Merkwürdigkeiten angeführt: drei Nonnenklöster und
-eine Irrenanstalt. Die ersteren lasse ich mir gefallen allenfalls,
-aber das letztere war mir unangenehm zu lesen. Ich will dir sagen,
-wie das zusammenhängt. Vor einigen Jahren wohnten wir in Maxen, da
-entdeckte ich denn, daß die Hauptansicht aus meinem<span class="pagenum"><a id="Seite_75"></a>[S. 75]</span> Fenster nach dem
-Sonnenstein<a id="FNAnker_8" href="#Fussnote_8" class="fnanchor">[8]</a> zuging. Dieser Anblick wurde mir zuletzt ganz fatal; ja,
-er verleidete mir den Aufenthalt. So, dachte ich denn, könne es auch in
-Düsseldorf sein. Ich muß mich sehr vor allen melancholischen Eindrücken
-der Art in acht nehmen.“</p>
-
-<p>Ahnte der arme Meister, als er diese Zeilen an Hiller schrieb, das ihm
-drohende Verhängnis? Stieg das düstere Bild der Zukunft schreckhaft vor
-seiner Seele auf? Fast scheint es so. Denn er mußte doch zuweilen die
-allmähliche Ermattung seines Geistes fühlen, fühlen, wie die Phantasie,
-ja zuletzt die klare Denkkraft ihn verließ; o furchtbare Erkenntnis!
-Aber immer wieder, als sei er einem Fluche verfallen, trieb ihn der
-unselige Ehrgeiz und alte Gewohnheit zu neuem Schaffen an, zermarterte
-er sein müdes, brennendes Hirn und beschleunigte so seinen Untergang.
-Als er im besten Mannesalter, im sechsundvierzigsten Lebensjahre starb,
-da hatte die deutsche Kunst keinen wertvollen Entgang mehr zu beklagen,
-es war ein völlig Erschöpfter, den sie zur ewigen, wohlverdienten Ruhe
-in die Grube senkten.</p>
-
-<p>Zu Anfang der Düsseldorfer Periode hätte das allerdings niemand
-vermuten können. Der neue Wirkungskreis, die Ortsveränderung, die
-reizvolle Gegend und der ehrenvolle Empfang &ndash; alles das übte zunächst
-einen belebenden Einfluß auf Schumann aus. Man merkt es an den sogleich
-nach der Ankunft begonnenen Kompositionen, dem <em class="gesperrt">Cellokonzert</em>
-(<span class="antiqua">op.</span> 129) und besonders an der fünften, der „rheinischen“
-Symphonie Es-Dur (<span class="antiqua">op.</span> 97), welche den symphonischen Stil in
-mancher Hinsicht besser trifft als ihre älteren Schwestern, wohl
-darum, weil sich Schumann diesmal sein Ziel nicht so hoch gesteckt
-hatte. Frische musikalische „Bilder des Lebens am Rheine“ ziehen an
-uns vorüber und der vierte Satz, der „im Charakter einer feierlichen
-Ceremonie“ gehalten werden soll, weist sogar auf eine bestimmte
-Be<span class="pagenum"><a id="Seite_76"></a>[S. 76]</span>gebenheit, die Erhebung des Erzbischofs von Köln (Geissel) zum
-Kardinal, welcher Schumann beigewohnt hatte.</p>
-
-<p>Mit der neuen Stellung war er sehr zufrieden, obwohl ihm zum Dirigenten
-viele wichtige Eigenschaften fehlten: die körperliche Geübtheit, die
-Geistesgegenwart und vor allem die so notwendige Mitteilungsgabe.
-Belehrungen über die Vortragsweise erwartete man von ihm vergebens,
-sondern er ließ das Stück durchspielen und wenn es noch nicht ging,
-wiederholen. Oft sagte er seinen Musikern, er habe sich dies oder
-jenes ganz anders gedacht, ohne sie über die eigentümliche Art seiner
-Auffassung weiter aufklären zu können. Zum Glück war das Düsseldorfer
-Orchester durch Hiller, Rietz und Mendelssohn so weit geschult, daß
-die Unzulänglichkeit Schumanns, den man auf den Händen trug, dem
-Publikum nicht weiter bekannt wurde. Nebst den Abonnementskonzerten
-hatte er nur noch die wöchentlichen Übungen des Singvereines und die an
-gewissen Festtagen stattfindenden Musikaufführungen in der katholischen
-Kirche zu leiten, so daß ihm genug freie Zeit übrig blieb, um seinen
-eigenen Studien nachzugehen. Im Sommer war er gar nicht beschäftigt.
-Er benützte die Konzertferien zu kleineren oder größeren Ausflügen,
-reiste zum Beispiel im Juli 1851 in die Schweiz und im August dieses
-Jahres zum Musikfeste nach Antwerpen, wo er zum Schiedsrichter beim
-Wettsingen gewählt worden war. Sonst verfloß sein Leben in Düsseldorf
-zumeist recht einförmig. Um zwölf Uhr mittags ging er mit Klara und
-irgend einem Bekannten spazieren, von sechs bis acht besuchte er ein
-Gasthaus, um Zeitungen zu lesen und ein Glas Bier zu trinken &ndash; die
-übrigen Stunden des Tages waren der Arbeit gewidmet. Da saß er in
-seinem traulichen, langgestreckten, mit Bücher- und Musikalienschränken
-verstellten Zimmer am Flügel und komponierte.</p>
-
-<p>Über die Werke dieser Periode sei zusammenfassend bemerkt, daß sie
-dem Hörer im allgemeinen nur wenig Genuß<span class="pagenum"><a id="Seite_77"></a>[S. 77]</span> gewähren. Nicht als ob, wie
-in den letzten Gaben der Beethovenschen Muse der allzu hohe Ideenflug
-das unmittelbare Verständnis erschwerte &ndash; im Gegenteil, die Unkraft
-der schaffenden Phantasie ist es, die es zu keiner künstlerischen
-Wirkung kommen läßt und bloß Mitgefühl für den armen Meister
-hervorrufen kann. Er hat, wie Dräsecke sagt, als Genie begonnen und
-als Talent aufgehört; schon seit jener Erkrankung um die Mitte der
-vierziger Jahre ist das allmähliche Herabsinken seines Geistesfluges,
-die Atrophie seines Genius zu beobachten. Mit fiebrischer Hast, zu
-welcher die äußere, fast apathische Ruhe unheimlich kontrastiert,
-springt er von einem musikalischen Gebiet auf das andere, schreibt
-bald <em class="gesperrt">Lieder</em> (<span class="antiqua">op.</span> 107, 117, 119, 125, 135) und begeistert
-sich für die <em class="gesperrt">Gedichte der Elisabeth Kulmann</em> (<span class="antiqua">op.</span> 103,
-104), „einer wahren, seligen Insel, die im Chaos der Gegenwart
-emporgetaucht;“ bald <em class="gesperrt">Violinsonaten</em> (<span class="antiqua">op.</span> 105, <span class="antiqua">op.</span>
-121 <span class="antiqua">D-moll</span>); bald wieder kleinere <em class="gesperrt">Klavierstücke</em>
-(<span class="antiqua">op.</span> 109, 111), bald ein <em class="gesperrt">Trio</em> (<span class="antiqua">G-moll</span>, <span class="antiqua">op.</span>
-110), bald <em class="gesperrt">Märchenbilder</em> für Viola (<span class="antiqua">op.</span> 113), bald eine
-<em class="gesperrt">Messe</em> (<span class="antiqua">op.</span> 147) oder ein <em class="gesperrt">Requiem</em> (<span class="antiqua">op.</span> 148).
-Richard Pohl, der nachmals berühmte Kritiker, und Moritz Horn müssen
-ihm Opern- und Oratorientexte herstellen; Projekte, wie die <em class="gesperrt">Braut
-von Messina</em> und <em class="gesperrt">Hermann und Dorothea</em> giebt er gleich wieder
-auf, komponiert aber wenigstens Ouvertüren dazu (<span class="antiqua">op.</span> 100 und
-136). Auch Shakespeares <em class="gesperrt">Julius Cäsar</em> erhält eine Ouvertüre
-(<span class="antiqua">op.</span> 128). Sehr lange beschäftigt ihn dann der Gedanke an ein
-Oratorium „Luther“, über das sich ein reger Briefwechsel mit Pohl
-entspinnt. Einige Stellen daraus seien hier angeführt, als Beispiel,
-bis zu welchem Grade Schumann seine „Dichter“ beeinflußte und wie er
-sich das Ideal eines Oratoriums ersonnen hatte: „Das Oratorium müßte
-ein durchaus volkstümliches werden, das Bürger und Bauer verstände
-&ndash; dem Helden gleich, der ein so großer Volksmann war. Und in diesem
-Sinne würde ich mich auch be<span class="pagenum"><a id="Seite_78"></a>[S. 78]</span>streben, meine Musik zu halten, also
-am allerwenigsten künstlich, kompliziert, kontrapunktisch, sondern
-einfach, eindringlich, durch Rhythmus und Melodie vorzugsweise wirkend.
-Im übrigen stimme ich mit allem, was Sie wegen Behandlung des Textes
-in metrischer Hinsicht sagen, wie über die volkstümlich altdeutsche
-Haltung, die dem Gedichte zu geben wäre, durchaus überein. &ndash; Das
-Oratorium müßte für Kirche und Konzertsaal passen. Es dürfte mit
-Einschluß der Pausen zwischen den verschiedenen Abteilungen nicht über
-zweieinhalb Stunden dauern. &ndash; Alles bloß Erzählende und Reflektierende
-wäre möglichst zu vermeiden, überall die dramatische Form vorzuziehen.
-&ndash; Möglichst historische Treue, namentlich die Wiedergabe der bekannten
-Kraftsprüche Luthers. Sein Verhältnis zur Musik überhaupt, seine
-Liebe für sie, in hundert schönen Sprüchen von ihm ausgesprochen,
-dürfte gleichfalls nicht unerwähnt bleiben. &ndash; Hutten, Sickingen, Hans
-Sachs, Lucas Kranach, die Kurfürsten Friedrich und Johann von Hessen
-müssen wir wohl aufgeben &ndash; leider! Erzählungsweise mögen sie aber
-alle vorkommen. Ich glaube, wir müssen den Stoff auf die einfachsten
-Züge zurückführen, oder nur wenige der großen Begebenheiten aus
-Luthers Leben herausnehmen. Auch glaube ich, dürfen wir dem Eingreifen
-übersinnlicher Wesen nicht zu großen Platz einräumen, es will mir nicht
-zu des Reformators ganzem Charakter passen, wie wir ihn nun einmal
-recht als einen geraden, männlichen und auf sich selbst gegründeten
-kennen. &ndash; Gelegenheit zu Chören geben Sie mir, wo Sie können. Händels
-‚Israel in Egypten‘ gilt mir als das Ideal eines Chorwerks und eine
-so bedeutende Rolle wünschte ich dem Chor auch im ‚Luther‘ zugeteilt.
-Der Choral ‚Ein’ feste Burg‘ dürfte als höchste Steigerung nicht eher
-als zum Schluß erscheinen, als Schlußchor. &ndash; Lassen Sie uns das große
-Werk mit aller Kraft ergreifen und daran festhalten.“ Doch kam es trotz
-der in den letzten Worten gegebenen Versicherung zur Ausführung des
-so wohl bedachten Planes<span class="pagenum"><a id="Seite_79"></a>[S. 79]</span> nicht. Andere, wichtiger dünkende Projekte
-drängten sich in den Vordergrund. Denn im verzweifelten Streben ja nur
-Originelles, Bahnbrechendes zu produzieren, sann Schumann endlich gar
-auf die Einführung neuer Kunstgattungen, nahm das „weltliche Oratorium“
-wieder auf und erfand das unerfreuliche, zwitterhafte Genre der
-„Chorballade“.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Der Rose Pilgerfahrt</em> (<span class="antiqua">op.</span> 112) heißt das bis zur
-Abgeschmacktheit sentimentale Carmen Horns, welches jetzt ein &ndash;
-sehr untergeordnetes &ndash; Seitenstück zu der sinnigen „Peri“ abgeben
-sollte, ein Carmen, dessen Heldin eine menschgewordene Blume ist,
-welche liebt, heiratet und endlich, man weiß nicht recht warum,
-von der <em class="gesperrt">Elfen</em>königin unter die <em class="gesperrt">Engel</em> aufgenommen
-wird. Kaum begreifen wir, wie Schumann dies fade Produkt gezierter
-Goldschnittlitteratur anziehen konnte, ihn, der einige Jahre vorher
-sich geäußert: „Schwache Worte zu komponieren ist mir ein Greuel;
-ich verlange keinen großen Dichter, aber eine gesunde Sprache und
-Gesinnung.“ Horn war thöricht und eingebildet zu glauben, an dem
-geringen Erfolg, den das Werk bei den ersten Aufführungen davontrug,
-sei die „in der Auffassung verfehlte“ Musik des Meisters schuld. Diese
-gehört nun freilich nicht zu seinen besten Leistungen, enthält aber
-immerhin gar manche reizvolle Nummer. Derselbe Dichter richtete ihm
-auch die Uhlandsche Ballade: <em class="gesperrt">Der Königssohn</em> (<span class="antiqua">op.</span> 116)
-für seine Experimente her, Pohl im folgenden Jahre <em class="gesperrt">Des Sängers
-Fluch</em> (<span class="antiqua">op.</span> 139). Darnach kommt der Geibelsche Romanzenkranz
-<em class="gesperrt">Vom Pagen und der Königstochter</em> (<span class="antiqua">op.</span> 140) an die Reihe
-und schließlich 1853 <em class="gesperrt">das Glück von Edenhall</em> (<span class="antiqua">op.</span> 143)
-von seinem Hausarzte Dr. Hasenclever bearbeitet. Das Prinzip dieser
-zwischen Epos und Drama schwankenden Gattung, wie es in <span class="antiqua">op.</span> 139
-am deutlichsten ausgeprägt erscheint, besteht darin, daß der erzählende
-Teil des Gedichtes einer gewissen Stimme übertragen, alles Übrige
-jedoch, nötigenfalls mit Hilfe von beträchtlichen Texterweiterungen,
-zu<span class="pagenum"><a id="Seite_80"></a>[S. 80]</span> Sologesang, Duett, Terzett oder Chor umgestaltet wird, je nachdem
-es die Situation erfordert. So entwarf Schumann zu „des Sängers Fluch“
-folgendes Schema:</p>
-
-<p class="center mtop1_5">Nr. 1. <em class="gesperrt">Chor mit Solis.</em><br />
-Es stand in alten Zeiten &ndash; blühender Genoß.</p>
-
-<p class="center mtop1">Nr. 2. <em class="gesperrt">Duettform</em> (etwa zehn Zeilen).<br />
-<em class="gesperrt">Alter und Jüngling.</em><br />
-Nun sei bereit &ndash; steinern Herz.</p>
-
-<p class="center mtop1">Nr. 3. <em class="gesperrt">Recitativ</em> (Sopran).<br />
-Schon stehen &ndash; zum Ohre schwoll.</p>
-
-<p class="center mtop1"><em class="gesperrt">Ensemble.</em><br />
-Alter, Jüngling, König, Königin, Chor.<br />
-(Breit auszuführen).</p>
-
-<p class="center mtop1">Nr. 4. <em class="gesperrt">Recitativ.</em><br />
-Und wie vom Sturm zerstoben &ndash; Gärten gellt.</p>
-
-<p class="center mtop1">Nr. 5. <em class="gesperrt">Harfner.</em><br />
-Weh euch!</p>
-
-<p class="center mtop1 mbot1_5">Nr. 6. <em class="gesperrt">Chor.</em><br />
-Der Alte hat’s gerufen &ndash; Das ist des Sängers Fluch.</p>
-
-<p>Pohl legt nun den beiden Sängern ganze Uhlandsche Lieder in den Mund
-und der Chor drückt seine Ergriffenheit mit dem, zu diesem Zwecke
-veränderten Verse: „Wie schlägt der Greis die Saiten, so wundervoll
-und mild“ aus. Ferner wird der Königin ein früheres, zärtliches
-Verhältnis zum Jünglinge insinuiert. Die beiden sind so unvorsichtig,
-im Angesichte des ganzen Hofes ein langes Liebesduett anzustimmen,
-worauf der König in begreiflicher Entrüstung den kecken Troubadour mit
-den Worten: „Stirb feiger Sklavensohn!“ niedersticht. Daß Schumann die
-poetischen Sünden eines unerfahrenen Kunstnovizen für gut befinden, ja
-sogar<span class="pagenum"><a id="Seite_81"></a>[S. 81]</span> veranlassen konnte, zeugt gewiß von einer bedeutenden Trübung
-seines einst so klaren, richtigen Blickes.</p>
-
-<p>Im März 1852 gab das Schumannsche Ehepaar unter großem Zulauf
-auswärtiger Musiker (Liszt, Robert Franz, Joachim, Meinardus u.&nbsp;a.)
-eine Anzahl von Konzerten in Leipzig, doch vermochten selbst vor diesem
-wohlgesinnten Publikum gerade die letzten Werke keinen rechten Erfolg
-zu erringen. Denn selten nur erhellt in ihnen ein Blitz, manchmal
-wohl ein fernes Wetterleuchten des Genies das lastende Dunkel. Müde
-und abgespannt kehrte der Meister nach Düsseldorf zurück, an dem
-Männergesangsfest (im August) beteiligte er sich nur wenig und eine
-Kur in Scheveningen, wo er mit seinem alten Freunde Verhulst das
-Wiedersehen feierte, brachte nur vorübergehende Besserung. Von seinem
-sonderbaren Zustand giebt eine Erinnerung des Malers Bendemann an eine
-Abendgesellschaft, bei welcher auch Schumann zugegen war, interessanten
-Bericht: „Nach dem Essen trug Klara einige Klavierstücke vor. Schumann
-hatte sich unterdes seiner Gewohnheit nach in ein Nebenzimmer
-zurückgezogen. Seine Frau, die immer sehr besorgt um ihn war, ging
-nach Beendigung ihrer Vorträge zu ihm hin. Ich begleitete sie. Als wir
-eintraten, schrak er aus seinem träumerischen Versunkensein empor und
-fragte: Wer hat da gespielt? Ich merkte, wie die Frage Frau Schumann
-ins Herz schnitt. Aber Robert, ich habe ja gespielt, erwiderte sie mit
-bebender Stimme. So warst du das!? gab Schumann gleichgültig zurück
-und versank wieder in seine Meditationen. Die sonderbaren Worte hatten
-die liebe Frau so angegriffen, daß sie förmlich unwohl wurde und den
-Wunsch aussprach, nach Hause zu gehen. Schumann hatte darnach nur ein
-kurzes: Warum denn? Es ist ja ganz nett hier! &ndash; Aber bester Schumann,
-wenn Ihre Frau unwohl ist, müssen Sie sie doch nicht zurückhalten,
-sagte ich, mich ins Mittel legend. Da brach er denn auf. Am andern
-Morgen aber empfing ich einen Brief von ihm,<span class="pagenum"><a id="Seite_82"></a>[S. 82]</span> worin er sich ziemlich
-beleidigt über meine Einmischung aussprach.“ (Schrattenholz, E.
-Bendemann). Über seinen damaligen Geisterglauben erzählt ein anderer
-Freund, Wasiliewski, Folgendes: „Als ich im Mai 1853 eines Tages in
-Schumanns Zimmer eintrat, lag er auf dem Sofa und las in einem Buche.
-Auf mein Befragen, was der Inhalt des letzteren sei, erwiderte er mit
-gehobener Stimme: ‚O! Wissen Sie noch nichts vom Tischrücken?‘ ‚Wohl!‘
-sagte ich in scherzendem Tone. Hierauf öffneten sich weit seine für
-gewöhnlich halbgeschlossenen Augen. Die Pupille dehnte sich krampfhaft
-auseinander und mit eigentümlich geisterhaftem Ausdrucke sagte er
-langsam: ‚<em class="gesperrt">die Tische wissen alles</em>.‘ Als ich diesen drohenden
-Ernst sah, ging ich, um ihn nicht zu reizen, auf seine Meinung ein,
-infolge dessen er sich beruhigte. Dann rief er seine zweite Tochter
-herbei und fing an mit ihr und einem kleinen Tische zu experimentieren,
-wobei er ihn auch den Anfang der <span class="antiqua">C</span>-mollsymphonie von Beethoven
-markieren ließ.“ Doch konnte Schumann zu gewissen Zeiten auch recht
-umgänglich, ja wohl aufgeräumt sein. Beim großen niederrheinischen
-Musikfest (Pfingsten 1853) that er sich als Dirigent sogar wieder
-hervor und brachte nebst der umgearbeiteten <span class="antiqua">D</span>-mollsymphonie
-auch eine neu komponierte <em class="gesperrt">Festouvertüre über das Rheinweinlied</em>
-mit Gesang (Soli und Chor) unter vielem Beifall zur Aufführung.
-Denkwürdig ist sodann sein Verhältnis zu Johannes Brahms, der an ihn
-durch Joachim empfohlen war. Schumann, die außergewöhnliche Begabung
-des zwanzigjährigen Künstlers erkennend, griff anerkennungsfreudig wie
-immer, noch einmal zur Feder und proklamierte ihn in der Brendelschen
-Zeitschrift &ndash; nicht als vielverheißenden Jünger, sondern als „starken
-Streiter“ und Meister, der berufen sei, „den höchsten Ausdruck unserer
-Zeit in idealer Weise auszusprechen.“ Brieflich bezeichnet er ihn als
-den, „der kommen mußte“, als „einen jungen Aar“, welcher „die größte
-Bewegung in der musikalischen Welt hervorrufen<span class="pagenum"><a id="Seite_83"></a>[S. 83]</span> werde“. Selbst wer
-diesem enthusiastischen Preise nicht in ganzem Umfange beipflichten
-kann, muß zugeben, daß Brahms unter den absoluten Musikern der letzten
-Zeit entschieden und verdientermaßen den ersten Platz sich erobert hat.
-Kurz, der „blonde Johannes“ war Schumanns erklärter Liebling von Stund
-an. Oft gedachten die beiden Künstler bei ihrem Beisammensein auch des
-fern weilenden, aber zum Konzerte erwarteten Freundes Joachim, ja, der
-stille, schweigsame Robert schwang sich gar einmal zu folgendem Toast
-in Charadenform auf: „Drei Silben; die erste liebte ein Gott, die zwei
-anderen lieben viele Leser, das Ganze lieben wir alle; das Ganze und
-der Ganze sollen leben!“ (Jo-achim). Auch existiert eine Violinsonate,
-welche er, Brahms und der junge Musiker Albert Dietrich dem berühmten
-Geigenvirtuosen zu Ehren geschrieben haben. Sie wurde ihm nach seiner
-Ankunft in Düsseldorf vorgespielt und richtig erkannte er den Verfasser
-jedes einzelnen Satzes. Später ersetzte Schumann die zwei fremden Sätze
-durch eigene Musik und gab die Komposition als (<span class="antiqua">op.</span> 131) heraus.</p>
-
-<p>Leider zählten solche Perioden geistiger Frische nur nach Tagen. In
-demselben Monate (Oktober), in welchen der Verkehr mit Brahms fällt,
-nahmen auch die Abonnementskonzerte ihren Anfang und schon beim ersten
-zeigte es sich deutlich, daß Schumann seiner Aufgabe als Dirigent
-nicht mehr gewachsen sei. Man bat ihn, das Dirigieren zur Schonung
-seiner Gesundheit wenigstens vorläufig dem zweiten Kapellmeister
-zu überlassen, beleidigte aber durch dieses vielleicht nicht genug
-schonend vorgebrachte Ansinnen den reizbaren Meister derart, daß er
-seine Stelle ohne Verzug niederlegte.</p>
-
-<p>Er wandte Düsseldorf den Rücken und begab sich mit Klara auf eine
-Konzerttour nach Holland. Da durfte er denn, mit Ehren überhäuft, die
-ihm vermeintlich zugefügten Kränkungen vergessen. „Das holländische
-Publikum,“ schreibt er frohbewegt, „ist das enthusiastischste, die
-Bildung im<span class="pagenum"><a id="Seite_84"></a>[S. 84]</span> ganzen dem Besten zugewendet. Überall hört man neben den
-alten Meistern auch die neuen. So fand ich in Hauptstädten Aufführungen
-meiner Kompositionen vorbereitet (der dritten Symphonie in Rotterdam
-und Utrecht, der zweiten in Haag und Amsterdam, auch der Rose in Haag),
-daß ich mich nur hinzustellen brauchte, um sie zu dirigieren. Ich habe
-zu meiner Verwunderung gesehen, daß meine Musik hier beinahe heimischer
-ist als im Vaterlande.“</p>
-
-<p>Am 22. Dezember traf das Künstlerpaar wieder zu Hause ein, mit dem
-Vorsatz, die leidige Stadt im Laufe des kommenden Frühlings für
-immer zu verlassen. Zwei litterarische Pläne beschäftigten den
-Meister fortan: Zuerst die Herausgabe seiner gesammelten Aufsätze in
-Buchform,<a id="FNAnker_9" href="#Fussnote_9" class="fnanchor">[9]</a> wobei es ihm eine Freude war zu bemerken, daß er in der
-langen Zeit, seit über zwanzig Jahren, von den damals ausgesprochenen
-Ansichten fast gar nicht abgewichen sei; dann eine Zusammenstellung
-aller Dichtersprüche über Musik von den ältesten Zeiten an, unter dem
-Titel „Dichtergarten“. An der Vollendung dieser Arbeit verhinderte ihn
-jedoch sein neuerdings ausbrechendes Leiden.</p>
-
-<p>Becker erzählt, daß Schumann einmal im Gasthause plötzlich die Zeitung
-weggelegt habe mit den Worten: „Ich kann nicht mehr lesen; ich höre
-fortwährend <span class="antiqua">A</span>.“ Solche Sinnestäuschungen kehrten jetzt mit
-doppelter Stärke wieder. Des Nachts erscheinen ihm Schubert und sein
-lieber Mendelssohn und singen ihm eine rührende Melodie vor, bis er
-vom Lager springt und sie aufzeichnet.<a id="FNAnker_10" href="#Fussnote_10" class="fnanchor">[10]</a> Geisterstimmen tönen ihm
-entgegen, bald mild und freundlich, bald drohend und vorwurfsvoll.
-Eine furchtbare Angst ergreift den Be<span class="pagenum"><a id="Seite_85"></a>[S. 85]</span>unruhigten, während Klara durch
-vierzehn bange Nächte und Tage alles aufbietet, um die quälenden
-Gedanken des Gatten zu zerstreuen. Umsonst! Am Fastnachtsmontag, am 17.
-Februar 1854, entfernt er sich heimlich aus dem Hause, eilt auf die
-Rheinbrücke und springt, seinen peinlichen Zustand zu enden, in den
-eisigen Strom. Aber anwesende Schifferknechte fischen ihn noch lebendig
-wieder heraus: einen Wahnsinnigen. Man brachte ihn am 4. März in die
-Privatheilanstalt des Dr. Richarz zu Endenich bei Bonn.</p>
-
-<p>Ererbte Disposition und übermäßige Anstrengung des Geistes &ndash; das gaben
-die Ärzte als Ursache der Krankheit an. Allein sie erklären damit nicht
-alles. Schumann war ein großer, kräftiger, gesund aussehender Mann,
-dessen Leben im ganzen glücklich genannt werden darf. Alles, was er
-wünschte, hatte er errungen, Freundschaft, Liebe, Künstlerschaft; nie
-hatte ihm die Sorge ums tägliche Brot ihr bleiches Antlitz gewiesen.
-Bedenkt man, wie andere Künstler schwach an Körper, bettelarm, mit
-wundem Herzen durch die Welt gewandelt sind, ebenso produktiv,
-vielleicht noch produktiver als unser Meister, ohne dabei dem Wahnsinn
-verfallen zu sein, so muß man einräumen, daß es hier eine besondere
-Bewandtnis gehabt habe. Fragen wir darum nicht weiter die Medizin,
-sondern lieber einen mitfühlend verstehenden Genius &ndash; Grillparzer.
-Und dieser sagt uns mit ausdrücklichem Bezug auf Schumann: „Ich meine
-immer, ein Künstler, der wahnsinnig wird, sei im <em class="gesperrt">Kampfe gegen
-seine Natur</em> gelegen.“ Herrlicher Tiefblick des Dichters! Wie
-beschämt er die Instrumente des secierenden Gelehrten, welche nur über
-Gehirnentartung, Gefäßerweiterung und dergleichen Aufschluß zu geben
-wußten. Grillparzer, der Schumann bloß einmal flüchtig gesehen, löst
-uns durch einen scharfen Hieb seines Intellekts den gordischen Knoten
-der Schumannfrage und führt uns zur Erkenntnis, daß nicht das Übermaß
-des Schaffens, sondern das Schaffen gegen seine Natur und Eigenart
-diesen Geist erschöpft und zer<span class="pagenum"><a id="Seite_86"></a>[S. 86]</span>rüttet habe. Im Verlaufe unserer
-Darstellung wurde dieses Moment schon mehrmals hervorgehoben.</p>
-
-<p>Zu Endenich lebte Schumann meist in einem Zustande tiefster
-melancholischer Depression. Manchmal trat wieder eine so bedeutende
-Besserung ein, daß man sogar auf völlige Genesung hoffen zu können
-glaubte: dann verschwand der irre Blick aus seinen Augen, er
-musizierte und schrieb an Familie und Verleger. Doch am Beginn des
-Sommers 1856 ging es mit ihm merklich zu Ende. Seine Freunde, die in
-treuer Anhänglichkeit oft zum Krankenhaus wanderten, um Nachrichten
-einzuholen, kamen mit immer traurigerer Botschaft heim. Die einzige
-Beschäftigung dieses einst so bedeutenden Geistes bestände darin,
-sich in einem, von Brahms geschenkten Atlas eingebildete Reisen
-zusammenzusuchen. Am 29. Juli um vier Uhr nachmittags verschied er
-sanft in den Armen seiner Gattin. Sie und alle, die Schumann liebten,
-fühlten sich erleichtert: er war ja befreit von schwerem Leiden.</p>
-
-<p>Die Nachricht von Schumanns Tode durcheilte Bonn und die anderen
-rheinischen Städte in wenigen Stunden. Auf Straßen und Plätzen wurde
-man darauf angeredet, ob man die Trauerkunde schon vernommen. Von fern
-und nah eilten die Verehrer des Meisters zu seinem Begräbnis, Brahms,
-Joachim, Dietrich gingen barhaupt hinter dem Sarge, Hiller sprach die
-Grabrede und die Bevölkerung Bonns war in Scharen herbeigeströmt, um
-den Leichenzug zu sehen, als würde ein König beerdigt. Auf dem Bonner
-Kirchhof vor dem Sternenthor, nicht weit von Vater Arndt, ruht jetzt
-der müde Sänger. Dort hat ihm im Mai 1880 die Liebe seiner Freunde ein
-würdiges Denkmal errichtet.</p>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_8" href="#FNAnker_8" class="label">[8]</a> Bekannte Irrenanstalt.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_9" href="#FNAnker_9" class="label">[9]</a> Erschienen bei Wigand, 1854. Später ging das Verlagsrecht
-an Breitkopf und Härtel über. Neue Ausgabe: Universal-Bibliothek Nr.
-2472/73. 2561/62. 2621/22.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_10" href="#FNAnker_10" class="label">[10]</a> Johannes Brahms hat über dieses im Nachlasse des Meisters
-vorgefundene Thema sehr schöne Variationen geschrieben (<span class="antiqua">op.</span> 23).</p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_87"></a>[S. 87]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Rueckblick">8. Rückblick.</h2>
-
-</div>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da.</div>
- <div class="verse mleft12"><em class="gesperrt mleft1">Antigone.</em></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Wenn unser Auge bei der Betrachtung des Schumannschen Lebensganges an
-manchen Schwächen und Irrtümern haften mußte, so darf der folgende
-Abschnitt nun ganz dem Preise seiner bedeutenden Leistungen gewidmet
-sein. Mag der eine dieser, der andere jener den Vorzug zuerkennen &ndash;
-über ihren hohen Wert ist heutzutage alle Welt einig und zählt ihn,
-wenn auch nicht zu jenen Gewaltigen, welche die gesamten idealen
-Bestrebungen des verfließenden Zeitalters kraftvoll zusammenfassend,
-einem künftigen den Stempel ihres Geistes aufdrücken, so doch zu
-den Musikern ersten Ranges. Er war ein musikalischer Kernmensch und
-vermag darum sogar in Kunstgattungen, für welche ihm die spezielle
-Befähigung abging, in Ehren zu bestehen und die volle Teilnahme des
-Hörers zu erwecken. Sollen wir aber diese seine spezielle Befähigung
-genauer umschreiben, was könnten wir Treffenderes vorbringen, als das
-Urteil, welches er selbst, über einen anderen Künstler (L. Berger)
-freilich, gefällt hat: „Überhaupt war er in kleinen Formen glücklicher
-als in größeren, wie dies oft bei Naturen der Fall, die stets ihr
-Bestes, Tiefstes, Innigstes geben möchten. Schlage man solche Stücke
-nicht zu gering an. Eine gewisse breite Unterlage, ein bequemes
-Aufbauen und Abschließen mag mancher Leistung zum Lobe gereichen. Es
-giebt aber Tondichter, die, wozu andere Stunden brauchen, in Minuten
-auszusprechen wissen: zur Darstellung, wie zum Genießen solcher geistig
-konzentrierter Kompositionen gehört aber freilich auch eine gesteigerte
-Kraft des Darstellenden wie des Aufnehmenden und dann auch die rechte
-Stunde und Zeit; denn schöne, bequeme Form läßt sich immer genießen
-und auslegen;<span class="pagenum"><a id="Seite_88"></a>[S. 88]</span> tiefer Gehalt wird aber nicht zu jeder Zeit verstanden.
-Daß Berger auch größerer Formen Meister war, hat er in seinen Sonaten
-und Konzerten bewiesen. Keineswegs aber geben wir für diese eben jene
-kleineren, genialeren Arbeiten hin, wie jene Charakterstücke, einige
-seiner Variationen und vor allem seine Lieder.“</p>
-
-<p>So Schumann. Um die Schönheiten seiner Musik zu empfinden, bedarf
-es natürlich, wie bei allen tiefer gedachten Kunstwerken einer
-eingehenden Bekanntschaft. „Als ich Schumann zu spielen anfing,“
-erzählt Robert Hamerling,<a id="FNAnker_11" href="#Fussnote_11" class="fnanchor">[11]</a> „glaubte ich in seiner Tonsprache dem
-hellen Klangreize anderer Meister gegenüber etwas Herbes, Dumpfes
-zu finden, welches jedoch, sobald es nur vom rechten Geschick und
-Verständnis bewältigt war, in den süßesten Wohllaut sich auflöste.
-Vor allem will das Individuelle, Charakteristische des Tonstückes
-bei ihm erfaßt und festgehalten sein und aus diesem Grunde ist die
-Kenntnisnahme der Überschriften, die er über seine Werke setzt, für
-den vollen Genuß des Hörers so unentbehrlich, wie für den Vortrag. Was
-soll der Hörer von den Sprüngen des Harlekins denken, wenn er nicht
-weiß, daß es eben Harlekinssprünge sind.“ Als Gegensatz zu Mendelssohns
-ohrenfälligem Formenspiel wurde diese Musik vom Publikum anfangs
-mit der &ndash; gleichfalls unverständlich dünkenden &ndash; „Zukunftsmusik“
-zusammengeworfen, wozu noch der Umstand beitrug, daß Brendel in seiner
-Zeitschrift die beiden Richtungen mit demselben Enthusiasmus verfocht.
-Schumanns Parteigänger protestierten entschieden, aber nicht ganz mit
-Recht gegen solche Beiordnung, denn thatsächlich finden sich zwischen
-ihm und der „Weimarer Schule“ gar viele und wichtige Berührungspunkte.</p>
-
-<p>Beiden ist vor allem die geschichtliche Basis: Bach und (der letzte)
-Beethoven gemeinsam. „Das Tiefkombinatorische,<span class="pagenum"><a id="Seite_89"></a>[S. 89]</span> Poetische und
-Humoristische der neueren Musik,“ bemerkt Schumann, „hat seinen
-Ursprung zumeist in Bach. Die sogenannten Romantiker stehen Bach
-weit näher als Mozart, wie ich selbst tagtäglich vor diesem Hohen
-beichte, mich durch ihn zu reinigen und zu stärken suche,“ und ein
-andermal gesteht er, daß ihn nur mehr „das Äußerste“ reize; „Bach fast
-durchweg, Beethoven zumeist in seinen späteren Werken.“ „Es ist wahr,
-zum Verständnis der Beethovenschen letzten Quartette gehört mehr als
-bloße Lust zum Hören. Der empfänglichste, offenste Musikmensch wird
-ungerührt von ihnen gehen, wenn er nicht tiefe Kenntnis des Charakters
-Beethovens und dessen späterer Aussprache mitbringt. Dann aber, ist
-er auf dem Wege dahin, so kann auch dem menschlichen Geiste kaum
-etwas Wunderwürdigeres geboten werden, als jene Schöpfungen, denen
-in ihrer tiefsinnigen Gestaltung, ihrem alle menschlichen Satzungen
-überschwebenden Ideenfluge von anderer neuerer Musik gar nichts und
-im übrigen nur einiges etwa von Lord Byron oder von Jean Pauls und
-Goethes späteren Werken verglichen werden kann.“ Die Tonkunst ist
-ihm „die veredelte Sprache der Seele; andere finden in ihr einen
-Ohrenrausch, andere ein Rechenexempel und üben sie in dieser Weise
-aus. Aber das wäre eine kleine Kunst, die nur klänge und keine Sprache
-noch Zeichen für Seelenzustände hätte!“ Auch die Lehre von der Einheit
-des Kunstgefühls, von der Urverwandtschaft der Künste läßt sich in
-Schumanns Schriften und Briefen nachweisen. „Die Ästhetik der einen
-Kunst ist die der anderen; nur das Material ist verschieden. Der
-gebildete Musiker wird an einer Rafaelschen Madonna mit gleichem
-Nutzen studieren können, wie der Maler an einer Mozartschen Symphonie.
-Noch mehr: dem Bildhauer wird jeder Schauspieler zur ruhigen Statue,
-diesem die Werke jenes zu lebendigen Gestalten; dem Maler wird das
-Gedicht zum Bild, der Musiker setzt die Gemälde in Töne um.“ Gleich den
-„Neudeutschen“ möchte sich Schumann vom partikularistischen<span class="pagenum"><a id="Seite_90"></a>[S. 90]</span> Standpunkt
-des Musikers zum höheren, allgemeineren des „Künstlers“ schlechthin
-erheben. „Sieh dich tüchtig im Leben um, wie auch in anderen Künsten
-und Wissenschaften,“ ruft er dem Musiker zu und bekennt: „Es affiziert
-mich alles, was in der Welt vorgeht, Politik, Litteratur, Menschen;
-über alles denke ich nach meiner Weise nach, was sich dann durch
-die Musik Luft machen, einen Ausweg suchen will. Deshalb sind viele
-meiner Kompositionen so schwer zu verstehen, weil sie an entfernte
-Interessen anknüpfen, oft auch bedeutend, weil mich alles Merkwürdige
-der Zeit ergreift und ich es dann musikalisch aussprechen muß.“ Sogar
-was die Programmmusik anbelangt, stimmt er mit den Neudeutschen in der
-Kardinalfrage: nach ihrer Berechtigung überein. Er meint zwar einmal,
-es sei kein gutes Zeichen für ein Tonstück, wenn es der Überschrift
-bedarf; es wäre dann gewiß nicht der inneren Tiefe entquollen, sondern
-erst durch irgend eine äußere Vermittlung angeregt; und vom Programm
-einer Berliozschen Symphonie: „Ganz Deutschland schenkt es ihm; solche
-Wegweiser haben immer etwas Unwürdiges, Charlatanmäßiges.“ Doch stehen
-damit zahlreiche andere Aussprüche Schumanns in offenbarem Widerspruch,
-so daß es den Anschein hat, als sei er in dieser Frage nicht ganz
-schlüssig geworden. Man höre: Warum könnte nicht einen Beethoven
-inmitten seiner Phantasien der Gedanke an Unsterblichkeit überfallen?
-Warum nicht das Andenken eines großen gefallenen Helden ihn zu einem
-großen Werke begeistern? Warum nicht einen anderen die Erinnerung an
-eine selig verlebte Zeit? Italien, die Alpen, das Bild des Meeres, eine
-Frühlingsdämmerung &ndash; hätte uns die Musik noch nichts von diesem allen
-erzählt? Ja, selbst kleinere, speziellere Bilder können der Musik einen
-so reizend festen Charakter verleihen, daß man überrascht wird, wie sie
-solche Züge auszudrücken vermag. So erzählte mir ein Komponist, daß
-sich ihm während des Niederschreibens das Bild eines Schmetterlings,
-der auf einem Blatte im<span class="pagenum"><a id="Seite_91"></a>[S. 91]</span> Bache mitfortschwimmt, aufgedrungen: dies
-hätte dem kleinen Stücke die Zartheit und Naivetät gegeben, wie es nur
-irgend das Bild in der Wirklichkeit besitzen mag.... Man irrt sich
-gewiß, wenn man glaubt, die Komponisten legen sich Feder und Papier
-in der elenden Absicht zurecht, dies oder jenes auszudrücken. Doch
-schlage man zufällige Einflüsse und Eindrücke von außen nicht zu gering
-an. Unbewußt neben der musikalischen Phantasie wirkt oft eine Idee
-fort, neben dem Ohr das Auge, und dieses, das immer thätige Organ,
-hält dann mitten unter den Klängen und Tönen gewisse Umrisse fest, die
-sich mit der vorrückenden Musik zu deutlichen Gestalten verdichten und
-ausbilden können. Je mehr nun mit der Musik verwandte Elemente die
-mit den Tönen erzeugten Gedanken oder Gebilde in sich tragen, von je
-poetischerem oder plastischerem Ausdrucke wird die Komposition sein
-und, je phantastischer oder schärfer der Musiker aufpaßt, um so mehr
-wird sein Werk erheben oder ergreifen. Daß sich Schumann zu seinen
-Symphonien durch äußere Momente anregen ließ, wurde bereits erwähnt,
-aber selbst in seine Kammermusikwerke spielen, wie es scheint, allerlei
-poetische Ideen hinein. Umgekehrt, und das ist das Entscheidende,
-genießt Schumann absolute Musik nicht rein musikalisch, sondern als
-Poet, als Künstler: „Ich kann nicht unterlassen anzuführen, wie mir
-einstens während eines Schubertschen Marsches der Freund, mit dem ich
-spielte, auf meine Frage, ob er nicht ganz eigene Gestalten vor sich
-sehe, zur Antwort gab: Wahrhaftig, ich befand mich in Sevilla, aber vor
-mehr als hundert Jahren, mitten unter auf- und abspazierenden Dons und
-Donnas mit Schleppkleid, Schnabelschuhen u.&nbsp;s.&nbsp;w. Merkwürdigerweise
-waren wir in unseren Visionen bis auf die Stadt einig.“ Verwahrte
-sich Schumann nicht ausdrücklich dagegen, so dürfte man ihn (mit
-Liszt) nach den Überschriften, die er seinen Tonstücken giebt, als
-Programmatiker betrachten; doch erklärt er zu wiederholten Malen, sie
-seien erst später ent<span class="pagenum"><a id="Seite_92"></a>[S. 92]</span>standen und nur „feinere Fingerzeige für Vortrag
-und Auffassung.“ Mag dies nun für all seine Werke zutreffen oder nicht
-&ndash; jedenfalls ist Schumann, zwar kein Partner, wohl aber ein Vorläufer
-der „neudeutschen Schule“, das notwendige Mittelglied zwischen ihr und
-Beethoven.</p>
-
-<p>Der Glaube, in welchem er komponierte, war der an die unversiegbare
-Kraft des deutschen Kunstgeistes: „Mir ist oft, als ständen wir an
-den Anfängen, als könnten wir noch Saiten anschlagen, von denen man
-früher noch nicht gehört.“ Auch der Hinweis auf die Zukunft kehrt bei
-Schumann häufig wieder, ja einmal sagt er gar: „Eine Zeitschrift für
-<em class="gesperrt">zukünftige Musik</em> fehlt noch, als Redakteure wären freilich nur
-Männer, wie der ehemalige, blind gewordene Kantor an der Thomasschule
-(Bach) und der taube, in Wien ruhende Kapellmeister (Beethoven)
-passend.“ Aber gleich den Neudeutschen verwirft er bloße Nachahmung
-dieser verehrten Meister. Persönlichkeit scheint ihm nicht nur
-das „höchste Glück der Erdenkinder“, sondern auch die vornehmste
-Eigenschaft jedes wirklichen Künstlers. „Nenne mich beileibe nicht
-mehr Jean Paul den Zweiten oder Beethoven den Zweiten,“ schreibt
-er Klara; „da könnte ich dich eine Minute lang hassen. Ich will
-zehnmal weniger sein als andere, aber nur für mich etwas.“ Noch muß
-die nationale Tendenz Schumanns hervorgehoben werden, denn er ist
-eigentlich der erste Komponist, der sein Deutschtum stärker betont,
-der die Anlehnung an ausländische Muster geflissentlich vermeidet
-&ndash; ganz wie die Neudeutschen. „Die höchsten Spitzen italienischer
-Kunst reichen noch nicht an die Anfänge wahrhaft Deutscher,“ sagt er,
-ebenso überzeugungsvoll, als ungerecht, und die Fremdwörter, welche
-sich zu seiner Zeit auf Titeln und in den Vortragsbezeichnungen breit
-machten, auszumerzen, war sein eifrigstes Bestreben. Als Brendel bei
-der Übernahme der Zeitschrift die Absicht aussprach, sie in Zukunft
-mit lateinischen Lettern drucken zu lassen, protestierte Schumann sehr
-heftig dagegen und erklärte, daß<span class="pagenum"><a id="Seite_93"></a>[S. 93]</span> er dann imstande sei, sie nicht
-wieder anzusehen. &ndash; Endlich hat Schumann mit den Neudeutschen die
-Doppelthätigkeit als Künstler und Schriftsteller gemeinsam. Bei ihm
-ist diese Vereinigung zweier Talente, wie Liszt vortrefflich ausführt,
-„noch durch das Verdienst erhöht, daß er nicht unbewußt dem Drange
-der Verhältnisse nachgab und, nachdem er diese erkannt, nicht erst
-die äußerste Notwendigkeit zum Handeln abwartete. Nicht zufrieden,
-für seine Idee, die damals ebenso wenig allgemein begriffen wurde,
-als sie es kaum in den nächsten Dezennien sein dürfte, zu eifern, zu
-predigen, zu arbeiten, zu kämpfen, setzte er für die erkannte Wahrheit
-Gut und Leben ein. Ein richtiger Blick ist zu allen Zeiten sein Vorzug,
-seine Kritik liefert ein schönes Beispiel eines prinzipiell strengen,
-faktisch wohlwollenden Geistes, der anspruchsvoll für die Kunst,
-nachsichtig gegen die Künstler ist, der gern aus seiner Heimat in den
-Wolkenschichten als freundlicher Gast in bescheidenen Niederungen
-einkehrt, dem Vielwollenden vieles verzeiht, redliche Gesinnung und
-beharrliches Streben ermuntert, sich mutig und voll Zorn gegen reiche
-Geister erhebt, die ihren Reichtum nicht zum alleinigen Nutzen der
-Kunst erheben wollen, der selbst im Tadel sanft gegen Schwache ist und
-im Lobe selbst gebieterisch gegen Erfolgreiche &ndash; ehrlich aber gegen
-alle.“ Schumanns unmittelbaren Schülern kann freilich der Vorwurf
-nicht erspart werden, die von ihm erlernte stilistische Gewandtheit
-mehr dazu benützt zu haben, ihren eigenen Witz auf Kosten des
-Kunstwerkes glänzen zu lassen, als es verständnisvoll und wohlwollend
-zu beleuchten; allein wer wird den Meister für die Verirrungen seiner
-Jünger zur Verantwortung ziehen? Er hatte fürwahr eine höhere Meinung
-von dem ehrwürdigen Amte der Kritik: „Thörichten, Eingebildeten schlägt
-sie die Waffen aus der Hand,“ sagt er, „Willige schont, bildet sie;
-Mutigen tritt sie rüstig freundlich entgegen: vor Starken senkt sie
-die Degenspitze und salutiert.“ Ferner: „Wir gestehen, daß wir für
-die höchste<span class="pagenum"><a id="Seite_94"></a>[S. 94]</span> Kritik halten, welche durch sich selbst einen Eindruck
-hinterläßt, dem gleich, den das anregende Original hervorbringt. In
-diesem Sinne könnte Jean Paul zum Verständnis einer Beethovenschen
-Symphonie durch ein poetisches Gegenstück mehr beitragen, als die
-Dutzend-Kunstrichter, die Leitern an den Koloß legen, um ihn nach Ellen
-zu messen.“</p>
-
-<p>Unter den zahlreichen, zum größeren Teile in die „Gesammelten
-Schriften“ aufgenommenen, kritischen Artikeln Schumanns haben
-namentlich zwei bedeutenden Einfluß auf den musikalischen Geschmack in
-Deutschland gehabt; der eine über Berlioz, worin er den Wert dieses
-zumeist als Halbverrückten behandelten Künstlers unbefangen aufdeckte,
-ist besonders in methodologischer Hinsicht von außerordentlicher
-Bedeutung und man hört es noch heute von Musikern, daß sie daraus mehr
-wirkliches und nützliches Wissen schöpfen, als aus den umfangreichsten
-Lehrbüchern musikalischer Gelehrsamkeit. In späterer Zeit wurde
-Schumann allerdings empfindlicher gegen das Bizarre, Extravagante in
-Berlioz’ Musik, doch blieb es immer sein Stolz, „mit der kritischen
-Weisheit nicht zehn Jahre hinterdrein gefahren zu sein, sondern
-im voraus gesagt zu haben, daß Genie in dem Franzosen gesteckt.“
-Griepenkerls, von wahrem Fanatismus für Berlioz erfüllte Broschüre:
-„Ritter Berlioz in Braunschweig“, besprach er, trotzdem gegen ihn
-selbst polemisiert wurde, überaus freundlich und schloß mit den Worten:
-„Möge die kleine Schrift gelesen werden; sie enthält manch blitzenden
-Gedanken und konnte auf so vieles Unwürdige, Ignorantenhafte, was
-neuerdings über Berlioz geschrieben worden ist, gar nicht ausbleiben.“
-Dem merkwürdigen Künstler aber schlage, was um ihn vorgeht, alles zum
-Besten aus, wie Goethe sagt im Tasso:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent26">„Ruhm und Tadel</div>
- <div class="verse indent2">Muß er ertragen lernen, sich und andere</div>
- <div class="verse indent2">Wird er gezwungen recht zu kennen.“</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_95"></a>[S. 95]</span></p>
-<p>Ganz anders gestaltete sich hingegen das Verhältnis Schumanns zu
-einem anderen, nicht minder berühmten Pariser Musiker: Meyerbeer.
-Nicht als hätte er bei diesem das große Talent verkannt, aber sein
-unkünstlerisches Streben nach Effekt, die innere Hohlheit seiner Werke
-stieß den idealistischen, ehrlichen Deutschen ab. Bedenkt man das
-ungeheuere, durch die bezahlte Tagespresse erzeugte Ansehen, welches
-Meyerbeer genoß und seinen verderblichen Einfluß auf den öffentlichen
-Kunstgeschmack (es gab Leute, die ihn Mozart an die Seite stellten!),
-so muß Schumanns Artikel gegen „Die Hugenotten“ als eine nationale und
-künstlerische That bezeichnet werden. „Nie unterschrieb ich etwas mit
-so fester Überzeugung als heute,“ sagte er am Schlusse des Aufsatzes
-und auch späterhin ist er von seiner Meinung nicht abgekommen. Die
-erste, nicht günstige Kritik über „Tannhäuser“ scheint, wenigstens
-indirekt, Meyerbeer verschuldet zu haben, insofern, als Wagners
-offenkundige Beziehungen zu ihm, Schumanns Argwohn erweckten. Mit
-welchem Freimut er sein Urteil zurücknahm, sobald er sich von der
-Unbilligkeit des Tadels überzeugt hatte, hörten wir schon.</p>
-
-<p>Sowohl durch seinen gewählten, reinen und graziösen Stil, als durch
-die treffende, harmonische Anwendung seiner Bilder gehört Schumann
-unbedingt zu den hervorragendsten Schriftstellern der dreißiger
-Jahre. Bis dahin hatte man in Deutschland selten Wissenschaftliches,
-Vernünftiges und Richtiges über Musik in einem blühenderen Stil als
-dem bei Lehrbüchern der Arithmetik gebräuchlichen vortragen gehört.
-Schumann vermied diese Trockenheit der Fachmenschen, die in so wenig
-anziehender Weise und immer nur vom technischen Standpunkt aus über
-Musik derartig gesprochen hatten, daß man leicht von ihr selbst hätte
-abgeschreckt werden können. Er wußte die Laien zu interessieren, denen
-bisher die musikalischen Zeitschriften meistens für zu viel Langeweile
-zu wenig Belehrung geboten hatten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_96"></a>[S. 96]</span></p>
-
-<p>Wie Jean Paul die zwei kontrastierenden Seiten seines Wesens in
-„Walt und Wult“ verkörpert hat, so Schumann bekanntlich das Seinige
-in „Florestan und Eusebius“. In wie feiner Weise macht er sich nun
-diese Fiktion für seine Kritik zu nutze! Er stellt Florestan als
-Repräsentanten der abstrakten Kunst hin und Eusebius als das liebevoll
-auffassende Künstlergemüt und vermochte, indem er bald diesem, bald
-jenem das Wort erteilte, Doppelkritiken nach den bei der Beurteilung
-notwendigen zwei Gesichtspunkten zu geben. Noch mehr. Er gewinnt
-durch diesen Davidsbund auch eine prächtig sinnige Einkleidung für
-seine kritischen Aufsätze. Als er neu erschienene Tanzlitteratur zu
-besprechen hat, bedient er sich beispielsweise der Fiktion eines
-Maskenballes, welchen die Bündler veranstalten und wobei die zu
-besprechenden Stücke aufgespielt werden. Oder er berichtet über die
-Gewandhauskonzerte des Oktober 1835 in Form von Briefen, die Eusebius
-an Chiara (Klara) nach Italien schreibt. Auch recht lustige Episoden
-weiß er gelegentlich zu erfinden, so wenn bei einer von Franzilla Pixis
-gesungenen Donizettischen Arie „etwas sehr Nasses“ auf der Backe selbst
-des gestrengen Kunstrichters Florestan sichtbar wird. Daheim läuft er
-dann wütend auf und ab, vor sich hinsprechend: „O ewige Schande! O
-Florestan, bist du bei Sinnen, hast du deshalb den Marpurg studiert,
-deshalb das wohltemperierte Klavier seciert, kannst du deshalb den Bach
-und Beethoven auswendig, um bei einer miserablen Arie von Donizetti
-nach vielen Jahren so etwas wie weinen? Hätte ich die Thränen, zu
-nichts wollt’ ich sie zerkratzen mit der Faust!“ Darauf setzt er sich
-unter schrecklichem Lamentieren ans Klavier und spielt jene Arie so
-wirtshausmäßig, lächerlich und fratzenhaft, daß er endlich beruhigt zu
-sich sagen kann: „Wahrhaftig, nur der Ton ihrer Stimme war’s, der mir
-so ins Herz ging!“</p>
-
-<p>Die Idee des Davidsbundes wurde von den Freunden Schumanns ehedem viel
-bewundert, ja, man dichtete aller<span class="pagenum"><a id="Seite_97"></a>[S. 97]</span>hand Tiefsinnigkeiten in sie hinein.
-„Vor allem mahne uns dieser Name,“ kommentiert Wedel (Zuccamaglio),
-„an den ewigen, heiligen Bund der Dicht- und Tonkunst. Der Name des
-gekrönten Sängers, der nur in gottbegeisterten Liedern sich verewigte,
-deute uns immer das Verhältnis zwischen Kunst und Religion, erinnere
-uns, daß die Sprache einer Geisterwelt nicht herabgewürdigt werden
-darf, dem Niedrigen im Menschen zu schmeicheln und das Verwerfliche
-zu übergolden und zu verbrämen.“ Solche Gedanken lagen wohl Schumann
-ursprünglich fern. Er war, obgleich gut christlich gesinnt, doch
-eigentlich keine tief religiöse Natur. Das erklärt sich aus der
-Geistesrichtung der Periode, in welcher er lebte. Auch auf Unterschiede
-zwischen den christlichen Konfessionen zu halten, fiel ihm nicht ein,
-was schon durch den Umstand bewiesen wird, daß er, der doch Protestant
-war, 1852 für die katholische Kirche in Düsseldorf eine Messe und ein
-Requiem geschrieben hat.</p>
-
-<p>Schließlich soll noch angeführt sein, daß Schumann in den Jahren
-1837&ndash;39 darauf sann, dem nur in seiner Phantasie existierenden Bunde
-wirkliches Leben zu erteilen, einen großen, deutschen Künstlerbund
-zu begründen. Auch einen anderen derartigen Plan hegte er damals:
-die Errichtung einer Agentur zur Herausgabe von Musikwerken, „welche
-den Zweck hätten, alle Vorteile, die bis jetzt den Verlegern in so
-reichlichem Maße zufließen, den Komponisten zuzuwenden.“ Man sieht,
-auch an praktischen Vorschlägen ließ es dieser merkwürdige Geist nicht
-fehlen, so wenig er selbst darnach geschaffen war, sie in Wirklichkeit
-durchführen zu können. Immerhin muß man seinem richtigen, idealen
-Wollen die gebührende Anerkennung entrichten.</p>
-
-<p>Robert Schumanns Leben und Schaffen, stellt es nicht treu die Eigenart
-seiner Zeit, des zweiten Drittels unseres Jahrhunderts dar? Es ist
-das Zeitalter erneuter Regsamkeit auf dem Gebiete der Kunst, der
-Wissenschaft und des öffentlichen Lebens. Überall zeigen sich Keime und
-Ansätze,<span class="pagenum"><a id="Seite_98"></a>[S. 98]</span> viel Enthusiasmus und Fleiß, aber geringe Thatkraft. Es ist
-das Zeitalter politischer und geistiger Zersplitterung; aber auch der
-Vorbereitung auf die später gewonnene Einheit; und Schumann strebte
-weiter: nach Erfüllung wenigstens in der Kunst und setzte sein edles
-Leben vergebens daran. Erst das künftige Geschlecht sollte ernten, wo
-jenes gesäet hatte. Dank darum den emsigen Säeleuten und nicht zum
-mindesten fürwahr unserem Meister. Seine Werke aber mögen im deutschen
-Volke immer unvergeßlich bleiben!</p>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_11" href="#FNAnker_11" class="label">[11]</a> R. Hamerling, Prosa. Bd. 1: Meine Lieblinge (Hamb. 1891).</p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_99"></a>[S. 99]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Register_der_Werke_Robert_Schumanns">Register der Werke
-Robert Schumanns.</h2>
-
-</div>
-
-<p class="s5 center"><b>1. Numerierte Werke.</b></p>
-
-<ol class="numeriert">
- <li><span class="antiqua">Thème sur le nom Abegg.</span><a id="FNAnker_12" href="#Fussnote_12" class="fnanchor">[12]</a></li>
- <li><span class="antiqua">Papillons.</span></li>
- <li>Studien für Pianoforte nach Kaprizen von Paganini.</li>
- <li><span class="antiqua">Intermezzi.</span></li>
- <li>Impromptüs über ein Thema von Klara Wieck.</li>
- <li>Davidsbündlertänze. (Gewidmet Walther von Goethe.)</li>
- <li><span class="antiqua">Toccata.</span></li>
- <li><span class="antiqua">Allegro.</span></li>
- <li><span class="antiqua">Carnaval. Scènes mignonnes.</span></li>
- <li><span class="antiqua">VI Etudes pour le pianoforte d’après des caprices de Paganini.</span></li>
- <li><span class="antiqua">Grande Sonate (dediée à Mlle. Clara Wieck).</span></li>
- <li>Phantasiestücke.</li>
- <li><span class="antiqua">Etudes symphoniques (dediée Sterndale Bennett).</span></li>
- <li><span class="antiqua">Concert sans orchestre (dediée J. Moscheles).</span></li>
- <li>Kinderscenen.</li>
- <li>Kreisleriana (gewidmet Friedrich Chopin).</li>
- <li>Phantasie für Pianoforte (Franz Liszt).</li>
- <li>Arabeske.</li>
- <li>Blumenstück.</li>
- <li>Humoreske.</li>
- <li>Novelletten (Adolph Henselt).</li>
- <li>Sonate Nr. II.</li>
- <li>Nachtstücke.</li>
- <li>Liederkreis von Heine (Mlle. Pauline Garcia).<a id="FNAnker_13" href="#Fussnote_13" class="fnanchor">[13]</a></li>
- <li>Myrthen. Liederkreis. („Seiner geliebten Braut“.)</li>
- <li>Faschingsschwank aus Wien.</li>
- <li>Lieder und Gesänge (Heft I).</li>
- <li>Drei Romanzen für Pianoforte.</li>
- <li>Drei Gedichte von Geibel für mehrstimmigen Gesang u. Pianoforte.</li>
- <li><span class="pagenum"><a id="Seite_100"></a>[S. 100]</span>
- Drei Gedichte von E. Geibel.</li>
- <li>Drei Gesänge von A. Chamisso.</li>
- <li>Scherzo, Gigue, Romanze und Fughette für Pianoforte, komponiert 1838&ndash;39.</li>
- <li>Sechs Lieder für vierstimmigen Männergesang.</li>
- <li>Vier Duette für Sopran und Tenor mit Pianoforte.</li>
- <li>Zwölf Gedichte von J. Kerner.</li>
- <li>Sechs Gedichte von Reinick.</li>
- <li>Zwölf Gedichte aus E. Rückerts Liebesfrühling.</li>
- <li>Erste Symphonie (<span class="antiqua">B-Dur</span>).</li>
- <li>Liederkreis von J. v. Eichendorff.</li>
- <li>Fünf Lieder (H. C. Andersen).</li>
- <li>Drei Quartette (E. Mendelssohn).</li>
- <li>Frauenliebe und Leben.</li>
- <li>Drei zweistimmige Lieder mit Pianoforte.</li>
- <li>Quintett für Pianoforte, Violinen, Viola, Cello (Klara).</li>
- <li>Romanzen und Balladen (Heft I).</li>
- <li>Andante und Variationen für zwei Pianoforte.</li>
- <li>Quartett für Pianoforte, Violine, Viola und Cello.</li>
- <li>Dichterliebe aus dem Buche der Lieder von Heine (Schröder-Devrient).</li>
- <li>Romanzen und Balladen (Heft II).</li>
- <li>Das Paradies und die Peri von Th. Moore für Soli, Chor, Orchester.</li>
- <li>Lieder und Gesänge (Heft II), komponiert 1842.</li>
- <li>Ouvertüre, Scherzo und Finale für Orchester.</li>
- <li>Romanzen und Balladen (Heft III).</li>
- <li>Konzert für das Pianoforte mit Orchester.</li>
- <li>Fünf Lieder von R. Burns für gemischten Chor.</li>
- <li>Studien für den Pedalflügel.</li>
- <li>Belsazar, Ballade von Heine.</li>
- <li>Skizzen für den Pedalflügel.</li>
- <li>Vier Gesänge für gemischten Chor.</li>
- <li>Sechs Fugen über den Namen Bach für Orgel.</li>
- <li>Zweite Symphonie (<span class="antiqua">C-Dur</span>).</li>
- <li>Drei Gesänge für Männerchor.</li>
- <li>Trio für Pianoforte, Violine und Cello (<span class="antiqua">D-moll</span>).</li>
- <li>Romanzen und Balladen (Heft IV).</li>
- <li>Ritornelle von F. Rückert für mehrstimmigen Männergesang.</li>
- <li>Bilder aus Osten. Impromptüs für Pianoforte zu vier Händen.</li>
- <li>Romanzen und Balladen für Chor (I. Heft).</li>
- <li>Album für die Jugend.</li>
- <li>Romanzen für Frauenstimmen (Heft I).</li>
- <li><span class="pagenum"><a id="Seite_101"></a>[S. 101]</span>
- Adagio und Allegro für Pianoforte und Horn.</li>
- <li>Adventlied von F. Rückert für Sopran, Chor, Orchester.</li>
- <li>Vier Fugen für Pianoforte (Carl Reinecke).</li>
- <li>Phantasiestücke für Pianoforte und Klarinette.</li>
- <li>Spanisches Liederspiel f. eine u. mehrere Stimmen m. Pianoforte.</li>
- <li>Romanzen und Balladen für Chor (II. Heft).</li>
- <li>Vier Märsche für Pianoforte.</li>
- <li>Lieder und Gesänge (Heft III).</li>
- <li>Vier Duette für Sopran und Tenor mit Pianoforte.</li>
- <li>Liederalbum für die Jugend.</li>
- <li>Zweites Trio (<span class="antiqua">F-Dur</span>).</li>
- <li>Genoveva (Oper in vier Akten nach Tieck und F. Hebbel).</li>
- <li>Waldscenen (Neun Klavierstücke).</li>
- <li>Drei Gesänge.</li>
- <li>Beim Abschied zu singen. (Lied f. Chor m. Instrumentalbegleitung).</li>
- <li>Zwölf vierhändige Klavierstücke für kleine und große Kinder.</li>
- <li>Konzertstück für vier Hörner und großes Orchester.</li>
- <li>Der Handschuh (Ballade von Schiller).</li>
- <li>Phantasiestücke für Pianoforte, Violine, Cello.</li>
- <li>Sechs Gesänge von W. von der Neun (Jenny Lind).</li>
- <li>Sechs Gedichte von Lenau und Requiem.</li>
- <li>Romanzen für Frauenstimmen (Heft II).</li>
- <li>Introduktion und Allegro. (Konzertstück für Pianoforte mit Orchester).</li>
- <li>Motette „Verzweifle nicht“ von Rückert für doppelten Männerchor und Orgel.</li>
- <li>Drei Romanzen für Hoboe und Pianoforte.</li>
- <li>Drei Gesänge von Byron mit Harfe oder Pianoforte.</li>
- <li>Lieder und Gesänge (Heft IV).</li>
- <li>Dritte Symphonie (<span class="antiqua">Es-Dur</span>).</li>
- <li><span class="antiqua">a</span>) Lieder aus „Wilhelm Meister“;
- <span class="antiqua">b</span>) Requiem für Mignon für Soli, Chor,
- Orchester.</li>
- <li>Bunte Blätter (14 Stücke für Pianoforte). ††<a id="FNAnker_14" href="#Fussnote_14" class="fnanchor">[14]</a>.</li>
- <li>Ouvertüre zur Braut von Messina für Orchester, kompon. 1851.</li>
- <li> Minnespiel aus Rückerts Liebesfrühling für eine und mehrere Stimmen mit Pianoforte.</li>
- <li>Fünf Stücke im Volkston für Cello und Pianoforte.</li>
- <li><span class="pagenum"><a id="Seite_102"></a>[S. 102]</span>
- Mädchenlieder von E. Kulmann f. zwei Soprane m. Pianoforte.</li>
- <li>Sieben Lieder von E. Kulmann.</li>
- <li>Sonate (<span class="antiqua">A-moll</span>) für Pianoforte und Violine.</li>
- <li>Schön Hedwig (Ballade von Hebbel f. Deklamation u. Pianoforte).</li>
- <li>Sechs Gesänge.</li>
- <li>Nachtlied von Hebbel f. Chor u. Orchester. (Dem Dichter gewidmet.)</li>
- <li>Ballscenen für Pianoforte zu vier Händen.</li>
- <li>Drittes Trio (<span class="antiqua">G-moll</span>). Niels Gade zugeeignet.</li>
- <li>Drei Phantasiestücke für Pianoforte.</li>
- <li>Der Rose Pilgerfahrt (Märchen nach Moritz Horn für Soli, Chor, Orchester).</li>
- <li>Märchenbilder (vier Stücke für Pianoforte und Viola).</li>
- <li>Drei Lieder für drei Frauenstimmen m. Pianoforte, kompon. 1853.</li>
- <li>Manfred (dramatisches Gedicht von Lord Byron).</li>
- <li>Der Königssohn (Ballade von Uhland, für Soli, Chor, Orchester).</li>
- <li>Vier Husarenlieder von Lenau.</li>
- <li>Drei Klaviersonaten für die Jugend, komponiert 1853.</li>
- <li>Drei Gedichte von S. Pfarrius.</li>
- <li>Vierte Symphonie (<span class="antiqua">D-moll</span>).</li>
- <li>Sonate (<span class="antiqua">D-moll</span>) für Violine und Pianoforte.
- (Ferd. David.)</li>
- <li>Ballade vom Haideknaben von Hebbel. Die Flüchtlinge von Shelley, für
- Deklamation und Pianoforte.</li>
- <li>Festouvertüre mit Gesang über das Rheinweinlied.</li>
- <li>Albumblätter (20 Klavierstücke). ††</li>
- <li>Fünf heitere Gesänge.</li>
- <li>Sieben Klavierstücke in Fughettenform, komponiert 1853.</li>
- <li>Lieder und Gesänge.</li>
- <li>Ouvertüre zu Shakespeares Julius Cäsar.</li>
- <li>Konzert (<span class="antiqua">A-moll</span>) für Cello mit Orchester.</li>
- <li>Kinderball (sechs leichte Tanzstücke zu vier Händen, für Pianoforte,
- komponiert 1853).</li>
- <li>Phantasie für Violine mit Orchester oder Pianoforte (J. Joachim).</li>
- <li>Märchenerzählungen (vier Stücke für Klarinette, Viola u. Pianoforte,
- komponiert 1853).</li>
- <li>Gesänge der Frühe (fünf Stücke für Pianoforte, kompon. 1853).</li>
- <li>Konzert-Allegro mit Introduktion für Pianoforte mit Orchester, komponiert 1853,
- (J. Brahms).</li>
- <li>Gedichte der Königin Maria Stuart.</li>
- <li>Ouvertüre zu Hermann und Dorothea. (Seiner lieben
- Klara.)<a id="FNAnker_15" href="#Fussnote_15" class="fnanchor">[15]</a></li>
- <li>Jagdlieder aus Laubes Jagdbrevier f. vierstimmigen Männerchor.</li>
- <li><span class="pagenum"><a id="Seite_103"></a>[S. 103]</span>
- Spanische Liebeslieder für eine und mehrere Stimmen mit Pianoforte zu vier Händen.</li>
- <li>Des Sängers Fluch (Ballade nach Uhland, bearbeitet von R. Pohl für Soli, Chor,
- Orchester).</li>
- <li>Vom Pagen und der Königstochter (Balladen von Geibel, f. Soli, Chor, Orchester).</li>
- <li>Vier doppelchörige Gesänge.</li>
- <li>Vier Gesänge, komponiert 1842.</li>
- <li>Das Glück von Edenhall (Ballade nach Uhland, bearbeitet von Hasenclever, für
- Soli, Chor, Orchester).</li>
- <li>Neujahrslied von Rückert, für Chor und Orchester.</li>
- <li>Romanzen und Balladen für Chorgesang (III. Heft).</li>
- <li>Romanzen und Balladen für Chorgesang (IV. Heft).</li>
- <li>Messe für vierstimmigen Chor mit Orchester.</li>
- <li>Requiem für Chor und Orchester.</li>
-</ol>
-
-<p class="s5 center mtop1"><b>2. Unnumerierte Werke.</b></p>
-
-<ol class="unnumeriert">
- <li>Scenen aus Goethes Faust, für Soli, Chor, Orchester.</li>
- <li>Der deutsche Rhein von N. Becker, für Soli, Chor, Orchester, komponiert 1840.</li>
- <li>Soldatenlied von Hoffmann von Fallersleben. †</li>
- <li>Scherzo und Presto für Pianoforte. †</li>
- <li>Kanon über „An Alexis“ für Pianoforte. †</li>
-</ol>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_12" href="#FNAnker_12" class="label">[12]</a> <span class="antiqua">op.</span> 1&ndash;23, ausschließlich zweihändige Klavierwerke.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_13" href="#FNAnker_13" class="label">[13]</a> Wo nichts weiteres angegeben ist, sind die Lieder
-einstimmig mit Begleitung des Pianoforte.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_14" href="#FNAnker_14" class="label">[14]</a> Das Zeichen † bedeutet, daß die Entstehungszeit dieser,
-im Texte nicht weiter berührten Komposition nicht bekannt ist, zwei ††,
-daß das Werk aus mehreren zu verschiedenen Zeiten entstandenen Stücken
-besteht.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_15" href="#FNAnker_15" class="label">[15]</a> Die Werke von <span class="antiqua">op.</span> 136 an sind erst nach Schumanns
-Tode erschienen.</p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<p class="center padtop3"><em class="gesperrt">Ende.</em></p>
-
-<hr class="full" />
-
-<div class="rek">
-
-<div class="chapter">
-
-<p class="s1 center mtop3 padtop1 bbd">Musiker-Biographien<br />
-
-<span class="s7"><em class="gesperrt">aus Reclams Universal-Bibliothek</em></span></p>
-
-</div>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p><span class="s3">Auber.</span> Von <span class="s3">Ad. Kohut</span>. Bd. 17. Nr. 3389</p>
-
-<p><span class="s3">J. S. Bach.</span> Von <span class="s3">Rich. Batka</span>. Bd. 15. Nr. 3070</p>
-
-<p><span class="s3">Beethoven.</span> Von <span class="s3">L. Nohl</span>. Bd. 2. Nr. 1181/81 <span class="antiqua">a</span></p>
-
-<p><span class="s3">Bellini.</span> Von <span class="s3">Paul Voß</span>. Bd. 23. Nr. 4238</p>
-
-<p>Berlioz. Von Br. Schrader. Bd. 28. Nr. 5043</p>
-
-<p><span class="s3">Bizet.</span> Von <span class="s3">Paul Voß</span>. Bd. 22. Nr. 3925</p>
-
-<p><span class="s3">Brahms.</span> Von <span class="s3">Richard von Perger</span>. Bd. 27. Nr. 5006</p>
-
-<p><span class="s3">Cherubini.</span> Von <span class="s3">M. E. Wittmann</span>. Bd. 18. Nr. 3434</p>
-
-<p><span class="s3">Chopin</span>. Von <span class="s3">E. Redenbacher</span>. Bd. 30. Nr. 5327</p>
-
-<p><span class="s3">Cornelius</span>. Von <span class="s3">Edgar Istel</span>. Bd. 25. Nr. 4766</p>
-
-<p><span class="s3">Franz, R.</span> Von <span class="s3">R. Freiherrn Procházka</span>. Bd. 16. Nr. 3273/74</p>
-
-<p><span class="s3">Gluck.</span> Von <span class="s3">Heinrich Welti</span>. Bd. 9. Nr. 2421</p>
-
-<p><span class="s3">Götz, Herm.</span> Von<span class="s3"> G. R. Kruse</span>. Bd. 36. Nr. 6090</p>
-
-<p><span class="s3">Händel.</span> Von <span class="s3">Br. Schrader.</span> Bd. 19. Nr. 3497</p>
-
-<p><span class="s3">Haydn.</span> Von <span class="s3">Ludwig Nohl</span>. Bd. 3. Nr. 1270</p>
-
-<p><span class="s3">Liszt. 1. Teil.</span> Von <span class="s3">Lud. Nohl</span>. Bd. 4. Nr. 1661</p>
-
-<p><span class="s3">&mdash; 2. Teil.</span> Von <span class="s3">August Göllerich</span>. Bd. 8. Nr. 2392/92 <span class="antiqua">a</span></p>
-
-<p><span class="s3">Loewe.</span> Von <span class="s3">M. Runze</span>. Bd. 24. Nr. 4668</p>
-
-<p><span class="s3">Lortzing.</span> Von <span class="s3">H. Wittmann</span>. Bd. 11. Nr. 2634</p>
-
-<p><span class="s3">Mahler.</span> Von <span class="s3">Arthur Neißer</span>. Bd. 35. Nr. 5985/86</p>
-
-<p><span class="s3">Marschner.</span> Von <span class="s3">M. E. Wittmann</span>. Bd. 20. Nr. 3677</p>
-
-<p><span class="s3">Mendelssohn.</span> Von <span class="s3">Bruno Schrader</span>. Bd. 21. Nr. 3794</p>
-
-<p><span class="s3">Meyerbeer.</span> Von <span class="s3">Ad. Kohut</span>. Bd. 12. Nr. 2734</p>
-
-<p><span class="s3">Mozart.</span> Von <span class="s3">Ludwig Nohl</span>. Bd. 1. Nr. 1121</p>
-
-<p><span class="s3">Rossini.</span> Von <span class="s3">Adolf Kohut</span>. Bd. 14. Nr. 2927</p>
-
-<p><span class="s3">Anton Rubinstein.</span> Von <span class="s3">Nic. D. Bernstein</span>. Bd. 29. Nr. 5302</p>
-
-<p><span class="s3">Schubert.</span> Von <span class="s3">A. Niggli</span>. Bd. 10. Nr. 2521</p>
-
-<p><span class="s3">Schumann.</span> Von <span class="s3">Rich. Batka</span>. Bd. 13. Nr. 2882</p>
-
-<p><span class="s3">Spohr.</span> Von <span class="s3">Ludwig Nohl</span>. Bd. 7. Nr. 1780</p>
-
-<p><span class="s3">Strauß.</span> Von <span class="s3">F. Lange</span>. Bd. 31. Nr. 5462</p>
-
-<p><span class="s3">Verdi.</span> Von <span class="s3">Max Chop</span>. Bd. 32. Nr. 5595</p>
-
-<p><span class="s3">Volkmann.</span> Von <span class="s3">Hans Volkmann</span>. Bd. 33. Nr. 5753</p>
-
-<p><span class="s3">Wagner.</span> Von <span class="s3">Ludwig Nohl</span>. 2. Aufl. Bd. 5. Nr. 1700/1700 <span class="antiqua">a</span></p>
-
-<p><span class="s3">Weber.</span> Von <span class="s3">Ludwig Nohl</span>. Bd. 6. Nr. 1746</p>
-
-<p><span class="s3">Hugo Wolf.</span> Von <span class="s3">E. Schmitz</span>. Bd. 26. Nr. 4853</p>
-
-<p><span class="s3">Zelter.</span> Von G. <span class="s3">Rich. Kruse</span>. Bd. 34. Nr. 5815</p></div>
-
-<p class="s4 center btd mtop2">Näheres über Einbände und Preise enthält der neueste Katalog von
-Reclams Universal-Bibliothek</p>
-
-</div>
-
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-
-<div style='display:block;font-size:1.1em;margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-</div>
-
-<div style='display:block;margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&trade; depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-</div>
-
-<div style='display:block;margin:1em 0'>
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state
-visit <a href="https://www.gutenberg.org/donate/">www.gutenberg.org/donate</a>.
-</div>
-
-<div style='display:block;margin:1em 0'>
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-</div>
-
-<div style='display:block;margin:1em 0'>
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-</div>
-
-<div style='display:block;margin:1em 0'>
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-</div>
-
-<div style='display:block;font-size:1.1em;margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 5. General Information About Project Gutenberg&trade; electronic works
-</div>
-
-<div style='display:block;margin:1em 0'>
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg&trade; concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg&trade; eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-</div>
-
-<div style='display:block;margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&trade; eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-</div>
-
-<div style='display:block;margin:1em 0'>
-Most people start at our Web site which has the main PG search
-facility: <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>.
-</div>
-
-<div style='display:block;margin:1em 0'>
-This Web site includes information about Project Gutenberg&trade;,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
-</div>
-
-</body>
-</html>
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