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If you are not located in the United States, you -will have to check the laws of the country where you are located before -using this eBook. - -Title: Schumann - -Author: Richard Batka - -Release Date: December 28, 2020 [eBook #64151] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -Produced by: the Online Distributed Proofreading Team at - https://www.pgdp.net - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHUMANN *** - - #################################################################### - - Anmerkungen zur Transkription - - Der vorliegende Text wurde anhand der 1891 erschienenen Buchausgabe - so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische - Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute - nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen sowie Schreibvarianten - bleiben gegenüber dem Original unverändert, sofern der Sinn des - Texts dadurch nicht beeinträchtigt wird. - - Die Fußnoten wurden an das Ende des jeweiligen Kapitels gestellt. - - Die Angabe von Tonarten erfolgt uneinheitlich bezüglich der Groß- - und Kleinschreibung, sowie der Verwendung von Schriftarten. - Die vorliegende Bearbeitung folgt in dieser Hinsicht der - Originalvorlage. - - Besondere Schriftschnitte wurden mit Hilfe der folgenden - Sonderzeichen gekennzeichnet: - - gesperrt: +Pluszeichen+ - Antiqua: _Unterstriche_ - - #################################################################### - - - - - Musiker-Biographien - - 13. Band - - Schumann - - von - - Richard Batka - - Zweite Auflage - - Verlag von Philipp Reclam jun. Leipzig - - - - - _Copyright 1891 by Philipp Reclam jun. Leipzig_ - - Uebersetzungsrecht vorbehalten - - - Druck von Philipp Reclam jun. in Leipzig - - - - -Inhalt - - - Seite - - Vorwort 5 - - 1. Die Jugendzeit (1810-1828) 7 - - 2. Die Studienjahre (1828-1830) 14 - - 3. Erste Künstlerzeit (1830-1835) 21 - - 4. Klara (1835-1840) 34 - - 5. Die Lieder (1840) 45 - - 6. Wollen und Wagen (1840-1849) 54 - - 7. Letzte Lebensjahre (1849-1856) 74 - - 8. Rückblick 87 - - - - -Vorwort. - - -Die deutsche Kulturgeschichte lehrt, daß die Ideale der Musik in -vier aufeinander folgenden Zeiträumen sich nach und nach erweitert -haben, so zwar, daß zu den bereits erkannten Zielen stets neue und -schönere gewonnen werden. Zur Zeit +Händels+ und +Bachs+ gipfelt die -Musik noch vorzugsweise in kunstreichem architektonischen Bau; in -der +Mozart+schen Periode kommt dazu die Forderung des sinnlichen -Wohlklangs; +Beethoven+, der Riese, entdeckt sodann die unermeßliche -Fähigkeit der Tonkunst, ganz individuelle Gefühle und Stimmungen -auszusprechen, und +Wagner+ endlich verschwistert sie auf das Innigste -mit der Poesie. Zwischen den beiden letztgenannten Meistern nimmt -+Robert Schumann+ zeitlich und ideell eine Mittelstellung ein. Noch -ist er in erster Reihe Musiker, aber in oder an seine Tonwerke drängen -sich schon vielfach poetische Elemente; der Gebrauch, Instrumentalsätze -mit sinnigen Überschriften zu versehen, der bereits gelegentlich bei -Beethoven vorkommt, findet sich bei Schumann so allgemein, daß man ihn -fast den Programmusikern zuzählen möchte, wäre es nicht anderseits -bekannt, daß er jene poetischen Titel meist +nach+ der musikalischen -Ausführung der Tonstücke zu verfassen pflegte. Was Schumann vor der -älteren Komponistengeneration, deren Studium einzig im Kontrapunkt -und Harmonielehre aufging, voraus hat, ist +die klassische und -litterarische Bildung+, wie wir sie auch bei anderen Künstlern seiner -Zeit, z. B. Berlioz, Mendelssohn, Meyerbeer, Liszt, Cornelius, Wagner -und anderen antreffen. Diese verleiht ihm nicht nur den feineren -Sprachsinn, vermöge dessen er in Vokalkompositionen Wort und Ton weit -genauer in Übereinstimmung bringen kann, sondern auch die Fähigkeit, -sein Urteil und seine Erfahrung in Sachen der Musik schriftstellerisch -zu verwerten. Durch sein Beispiel wird allmählich -- seit der Mitte -der dreißiger Jahre -- eine gänzliche Umgestaltung der musikalischen -Kritik in Deutschland herbeigeführt und das ästhetische Richtamt gerät -aus den Händen schnellfertiger Dilettanten in die Sachverständiger -und Künstler. Wird schließlich noch erwähnt, daß Schumann die -Mehrzahl seiner gleichstrebenden Zeitgenossen an Tiefe des Gefühls -und wirklicher Begabung weit hinter sich läßt, so ist damit seine -historische Bedeutung, wenn auch nicht erschöpft, so wenigstens in den -wesentlichsten Punkten gekennzeichnet.[1] - - - [1] Aus der schon breit angeschwollenen Schumannlitteratur seien - namentlich folgende Schriften, die auch dem vorliegenden - Lebensabriß zu Grunde liegen, genannt: Fr. +Liszt+, R. Schumann. - (Gesammelte Werke IV., 1855.) +Wasiliewski+, R. Schumann. (Bonn - 1857, 3. Aufl. 1880.) +Reißmann+, R. Schumann, sein Leben und - seine Werke. (Berlin 1865.) R. +Pohl+, Erinnerungen an R. - Schumann. (Deutsche Revue, 1878.) Ph. +Spitta+, R. Schumann, - ein Lebensbild. (Leipzig 1882.) G. +Jansen+, Die Davidsbündler. - (Leipzig 1883.) M. +Kalbeck+, Aus R. Schumanns Jugendzeit. - (Endlingers österreichische Rundschau, 1883.) +Clara Schumann+, - R. Schumanns Jugendbriefe (Leipzig 1886.) +Jansen+, R. Schumanns - Briefe. (Neue Folge, Leipzig 1886.) +Reimann+, R. Schumanns - Leben und Werke. (Leipzig 1887.) B. +Vogel+, R. Schumanns - Klaviertonpoesie. (Leipzig 1887.) +Erler+, R. Schumanns Leben aus - seinen Briefen. (2 Bde., Berlin 1887.) +Jansen+, R. Schumanns - schriftstellerische Thätigkeit. (Grenzbote, 1891.) - - * * * * * - - Ergänzend sei noch auf folgende Werke hingewiesen: Gesammelte - Schriften, herausgegeben von _Dr._ Heinrich Simon (Univ.-Bibl.) - 1888; von M. Kreisig (1914). Biographien von A. Niggli (1879), - H. Abert (1903), Ernst Wolff (1906), A. Steiner (1911), - Walter Dahms (1916). Wasiliewskis Schumanniana (1884); seine - Schumann-Biographie erschien 1906 in 4. Auflage. Briefwechsel - mit Henriette Voigt (J. Gensel, 1892); Briefe in Auswahl (K. - Storck, 1896); Der junge Schumann (Alfred Schumann, 1910); - Schumann-Brevier (Friedr. Kerst); Aus Schumanns Kreisen (La Mara, - 1911); Sonderheft der „Musik“. Schumanns Faustszenen (S. Bagge, - 1879; Manfred Waldersee, 1880); Lieder in ersten und späteren - Fassungen (W. E. Wolff, 1914); Formale Eigentümlichkeiten - in Schumanns Klavierwerken (R. Hohenemser); Schumann als - Schriftsteller (H. Deiters); Clara Schumann (Berthold Litzmann). - In französischer Sprache erschienen: A. Marguerite (_„son œuvre - de piano“_); R. Pugno (_„Leçons écrits sur Schumann“_); die - Biographien von L. Schneider und M. Maréchal (1905) und Camille - Mauclair (1906); in holländischer Sprache eine solche von J. - Hartog. - - - - -Robert Alexander Schumann. - - - - -1. Die Jugendzeit. - - Es bildet ein Talent sich in der Stille. - - +Goethe.+ - - -Romantik, erwachendes Nationalgefühl und frisches, wissenschaftliches -Streben -- das sind die bedeutsamen Zeichen, unter denen +Robert -Alexander Schumann+ am 8. Juni 1810 das Licht der Welt erblickte. In -demselben Jahre nämlich erschien Kleists „Käthchen von Heilbronn“, -Webers „Sylvana“, Jahns „Deutsches Volkstum“ und die neugegründete -Berliner Universität begann ihre umfassende Wirksamkeit. Freilich, -der Wellenschlag der herrschenden Zeitideen sollte ihn vorderhand -nur wenig berühren; lag doch sein Geburtsort, das kleine sächsische -Zwickau abseits von den Mittelpunkten deutschen Geisteslebens. Hier, im -anmutigen Muldethale, dem verbildenden und zerstreuenden Getriebe einer -großen Stadt entzogen, behielt er die Wahrheit und Ursprünglichkeit des -Empfindens und gedieh, bei Mangel äußerer Anregung zu jener Sammlung -Einfalt und Innerlichkeit, welche von jeher die Quelle künstlerischen -Schaffens gewesen ist. - -Die musikalischen Anlagen hat Schumann nicht wie andere Meister der -Tonkunst von seinen Eltern überkommen. Mutter Johanna, geborene -Schnabel aus Zeitz, eine vortreffliche, aber in kleinstädtischen -Vorurteilen aufgewachsene Frau, besaß im ganzen nur wenig Sinn -für Musik. Vater August Schumann, ein ernster, tüchtiger, überaus -strebsamer Mann, der nach allerlei Drangsalen eine angesehene -Verlagsbuchhandlung gegründet und sich durch rastlosen Fleiß -zu beträchtlicher Wohlhabenheit emporgearbeitet hatte, war eher -litterarischer Beschäftigung zugethan. Er führte die Taschenausgaben -ausländischer Klassiker ein, gab die zu ihrer Zeit vielgelesenen -„Erinnerungsblätter“ heraus, schrieb selbst mehrere wichtige -kaufmännische Werke und hat sich noch kurz vor seinem Tode durch -eine Übersetzung von Byrons „Beppo“ und „Childe Harold“ bekannt -gemacht. Seine schriftstellerische Ader vererbte sich nebst manchen -Charaktereigenschaften auch auf Robert, der als jüngstes von fünf -Geschwistern natürlicherweise der Liebling des Hauses war, „der -lichte Punkt“, wie ihn die Mutter nannte. Er genoß die sorgfältigste, -liebevollste Erziehung, besuchte mit dem Beginne des sechsten -Lebensjahres die Döhnersche Sammelschule, ja sogar Klavierunterricht -wurde ihm erteilt, so gut, oder vielmehr so mangelhaft es in dem -unbedeutenden Städtchen damals anging. Zwar fehlte es seinem -Musiklehrer, dem biederen, etwas pedantischen Organisten +Kuntsch+, -gewißlich nicht am besten Willen; allein als Autodidakt, ohne sichere -Methode, war er nicht imstande, das ihm anvertraute Talent in die -rechten Bahnen zu weisen und ihm die Handwerksregeln der Kunst als -treue Geleiter beizeiten zu eigen zu geben. - -Früh schon erwachte in dem lebhaften, ehrgeizigen Knaben der -Schaffensdrang. Er verfaßte Räuberkomödien und führte sie mit Hilfe -der Brüder auf einer dazu hergerichteten Bühne zu Hause auf. Auch -wird erzählt, er habe seine Kameraden überaus drastisch am Klaviere -zu charakterisieren gewußt. So liefen poetische und musikalische -Liebhabereien eine Zeitlang nebeneinander her, bis ein zufälliges -Erlebnis zu Gunsten der Musik den Ausschlag gab. Auf einem Ausfluge -nach Karlsbad bekam er nämlich (1819) den Virtuosen +Moscheles+ zu -hören und empfing von dessen Spiele den ersten nachhaltigen Eindruck -seines Lebens. Einen Konzertzettel, den Moscheles berührt hatte, -behielt Schumann noch lange Jahre als kostbare Reliquie in Verwahrung -und sein ganzes Sinnen und Trachten war fortan auf das Klavierspiel -gerichtet. Auch der Beginn der Gymnasialstudien änderte daran nichts -weiter. Vielmehr gab sich Robert im Vereine mit einem gleichgesinnten -Freunde, Piltzing, beinahe ausschließlich den Musikfreuden hin. - -Eines Tages geriet dem Zwölfjährigen die Partitur einer Righinischen -Ouverture in die Hand und brachte ihn auf den verwegenen Einfall, die -stummen Zeichen, welche geheimnisvoll und vielverheißend aus dem Hefte -starrten, klingen und ertönen zu lassen. Gedacht, gethan. Ein Orchester -von Mitschülern wird gebildet, Schumann dirigiert und ergänzt die -fehlenden Baßstimmen am Klaviere. Nach und nach erweiterte sich das -Repertoir und wies endlich, zu nicht geringer Befriedigung der kleinen -Künstlergesellschaft, sogar ein Werk ihres Kapellmeisters, den 105. -Psalm für Chor und Orchesterbegleitung auf. - -Durch solche Erfolge kühn gemacht, wagte es Robert sich auch außerhalb -des väterlichen Hauses zu produzieren, namentlich bei der Familie -Carus, „wo alles Freude, Heiterkeit, Musik war“, wo er zuerst -die Quartette unserer klassischen Meister kennen lernte. In den -Vortragsabenden des Gymnasiums wirkte er gleichfalls eifrig mit, bald -als Deklamator, bald als Klavierspieler, und entwickelte eine solche -Fertigkeit auf dem Instrumente, daß der alte Kuntsch den Unterricht -mit dem Bemerken einstellte: Robert könne sich nun schon allein weiter -forthelfen. - -Mittlerweile hatte Vater Schumann, der Treffliche, ohne selbst -musikalisch zu sein, die Begabung des Sohnes mit richtigem Blicke -erkannt und trug sich alles Ernstes mit dem Gedanken, ihn Musiker -werden zu lassen. Praktisch wie er war, wandte er sich sogleich -an die rechte Thüre, indem er den damals in vollem Ruhmesglanze -erstrahlenden Karl Maria von Weber anging, die Ausbildung des Kindes zu -übernehmen. Obschon sich nun Weber bereit erklärt hatte, zerschlugen -sich dennoch in der Folgezeit die Unterhandlungen, man weiß nicht -aus welchem Grunde. Sicherlich mag ein Teil der Schuld auf die Mutter -fallen, welche sich dem Plane ihres Gatten von Anfang an entschieden -widersetzte, da in ihren Augen der Künstlerberuf mit „schwankender -Zukunft und unsicherem Brote“ gleichbedeutend schien. Robert blieb also -am Gymnasium und das Zwickauer Stillleben nahm seinen Fortgang. - -Bald nach dem Scheitern dieses Planes wandte sich die Neigung des -Knaben wiederum der Poesie zu. Die Werke unserer Dichter, wie sie das -väterliche Geschäft in reicher Fülle ihm darbieten konnte, wurden -gierig verschlungen; zu einer im Schumannschen Verlage erscheinenden -„Bildergalerie der berühmtesten Männer mit beigefügtem Texte“ lieferte -Robert im Alter von vierzehn Jahren litterarische Beiträge. Nicht lange -darnach finden wir ihn an der Spitze eines Vereins von Studiengenossen, -welcher nach dem Muster des Göttinger Hainbundes sich die Kenntnis und -Pflege der deutschen Litteratur zum Zweck gesetzt hatte. Schillers -Dramen wurden mit verteilten Rollen gelesen; an Goethe wagte man sich -noch nicht heran; doch scheint wenigstens der Faust schon damals -ein Lieblingsbuch Schumanns gewesen zu sein. Auch Schulze, Houwald, -Müllner, Byron haben nebst den griechischen Schriftstellern größeren -oder geringeren Einfluß auf ihn ausgeübt. - -Das Jahr 1826 brachte zwiefache Trauer und Sorgen. Zwei geliebte Wesen -wurden Robert entrissen, das eine ihm über alles teure durch den Tod, -das andere in gewisser Hinsicht gleichfalls auf immer. Schwester Emilie -verfiel in eine unheilbare Gemütskrankheit und am 10. August erlag der -Vater, sein liebreicher, verständnisvoller Führer, einem zehrenden -Siechtum. Da vollzog sich, unter dem Eindrucke dieser schmerzlichen -Ereignisse eine bedeutende Wandlung in Schumanns ganzem Charakter: der -einst so muntere, lebhafte Knabe ward zum stillen, in sich gekehrten, -nachdenklichen Jüngling. „Ich habe Ansichten und Ideen über das Leben -gewonnen, mit einem Worte ich bin mir heller geworden,“ verzeichnet -sein Tagebuch. - -Um diese Zeit begann auch die Liebe in Schumanns Brust zu erwachen. Er -schwärmte für Nanni, eine reizende Mädchengestalt, und wenige Wochen -später hatte eine stolze Schönheit, Liddy, sein Herz gewonnen. Nicht -auf lange freilich; denn sie vermochte dem Gedankenfluge Jean Pauls, -in dessen Schriften unser Robert eben damals schwelgte, nicht recht zu -folgen und seine Entrüstung über solche Einfalt machte der zarten Liebe -ein frühzeitiges Ende. Noch einmal traf er darnach mit dem Mädchen auf -einem Ausfluge wieder zusammen und begleitete es auf einen Hügel, wo -sie den Sonnenuntergang genießen wollten. Da -- doch hören wir Schumann -selbst, wie er über diese Begebenheit in einem Briefe berichtet: „Der -ganze Tempel der Natur lag weit und breit vor den trunkenen Augen: -wie eine Thetis hätte ich in diese Blumenströme fliegen und versinken -mögen; denke dir, daß ein verblühtes Ideal in der Brust still wieder -aufzukeimen begann, daß dieses verlorene Ideal an meiner Seite stand! -Und endlich, da die Sonne erst untergetaucht war und Frühlinge von -blühenden Rosen aus dem sterbenden Strahle aufdämmerten, als die -Höhen der Berge glühten, die Wälder brannten und die unermeßliche -Schöpfung in sanfte Rosenmassen zerfloß, da ich so hineinschaute in -diesen Purpurocean und alles, alles sich zu +einem+ Gedanken formte -und ich den großen Gedanken der Gottheit dachte und Natur, Geliebte -und Gottheit entzückt vor mir standen -- siehe -- da zog im Osten eine -schwarze Wolke herauf und ich ergriff Liddys Hand und sagte zu ihr: -‚Liddy, so ist das Leben,‘ und ich wies auf den schwärzlichen Purpur -am Horizonte -- und sie sah mich wehmütig an -- und eine Thräne glitt -von ihrer Wange. Da glaubte ich’s wieder gefunden zu haben das Ideal -und schweigend pflückte ich eine Rose. Aber ein Donnerschlag und ein -Blitzstrahl fuhr im Osten herauf, als ich sie ihr geben wollte -- und -ich nahm die Rose und zerzupfte sie -- jener Donnerschlag hatte mich -aus einem schönen Traume aufgeweckt. Ich war wieder auf +der Erde und -das hohe Bild des Ideals verschwunden, wenn ich an die Reden denke, die -sie über Jean Paul führte+.“ - -Bedarf es darnach etwa weiterer Zeugnisse für seine Verehrung des -großen Humoristen? Schumann stellte ihn damals über alle anderen -Dichter und konnte auch später, als er bereits im vollen Mannesalter -stand, noch bitterböse werden, wenn jemand den Wert seines Lieblings -herabzusetzen wagte. (Vgl. +Hanslick+, Aus dem Konzertsaal, S. 392.) -„Wenn die ganze Welt Jean Paul läse,“ heißt es in einem anderen Briefe, -„so würde sie bestimmt besser, aber unglücklicher; er hat mich oft -dem Wahnsinn nahe gebracht. Aber der Regenbogen des Friedens schwebt -immer sanft über allen Thränen und das Herz wird wunderbar erhoben und -milde verklärt.“ Daß die Gedichte, welche er in jener Zeit verfaßte -und die ein hübsches Verstalent verraten, von Jean Paulschen Wendungen -strotzen, kann man sich nach der obigen Stilprobe leicht vorstellen. -In derselben überschwenglichen Sprache sind auch seine beiden Romane -(Juniusabende und Selene), von denen aber nur der erste fertig geworden -ist, geschrieben. Doch wäre es irrig, den jungen Schumann für einen -fortwährenden Träumer und Sentimentalen zu halten, denn wir vernehmen -auch von lustigen Spritzfahrten mit seinen Genossen Rascher und -Walther, wobei tüchtig gekneipt, geküßt und schließlich „wankend und -schwankend“ nach Heim gezogen wird. - -Inzwischen glomm unter der Asche seiner verloschenen Musikerhoffnungen -die Liebe zur Tonkunst still, aber unvertilgbar weiter, so daß es -nur eines Windhauches bedurfte, um sie aufs neue zur hellen Flamme -zu entfachen. Da traf im Sommer 1827 eine Verwandte des Carusschen -Hauses, die junge Gattin des Colditzer Arztes Dr. Ernst Carus, in -Zwickau zu Besuch ein und „Fridolin“ -- so wurde Schumann von der -befreundeten Familie scherzweise genannt -- wandte sich, von ihrem -seelenvollen Gesange begeistert, mit Leidenschaft wieder der Musik zu. -Durch sie machte er die Bekanntschaft mit Schuberts und Mendelssohns -Tonwerken, durch sie wurde er zu neuerlichen Kompositionsversuchen -angeregt. Allein da sein Vormund, der Kaufmann Rudel, mit der Mutter -in der Verurteilung des Künstlerberufes eines Sinnes war, schien jede -Aussicht, der Musik leben zu können, versperrt, und Robert wagte auch -nicht, teils aus Mangel an Thatkraft, teils aus Rücksicht für die -zärtlich geliebte Mutter, dem Wunsche der letzteren zu widerstreben. - -Zu Ostern 1828 verließ er das Gymnasium. Wohlbewandert in den -klassischen Sprachen -- sogar an dem von seinem Bruder Karl verlegten -_Thesaurus totius latinitatis_ hat er mitgearbeitet -- bestand er die -Abgangsprüfung mit glänzendem Erfolge. Bevor er sich aber nach Leipzig -begab um Jus zu studieren, geleitete er noch einen jüngst gewonnenen -Freund, den Studenten +Gisbert Rosen+ auf seiner Fahrt nach Heidelberg. -Schwärmerische Verehrung für den Dichter des „Titan“ verband die -beiden, gleichgestimmten Jünglinge, die natürlicherweise Bayreuth als -nächstes Reiseziel erkoren und in der alten Markgrafenstadt ein paar -selige Stunden dem Andenken ihres Abgottes weihten. Am nächsten Tage -gings über Nürnberg und Augsburg nach München, wo sie Heinrich Heine -und den Maler Zimmermann kennen lernten. Hier in München trennten sich -ihre Wege. Rosen eilte über Augsburg dem Neckar zu, indessen Schumann -nach Sachsen zurückkehrte, dem Schicksal grollend, das die Menschen -zusammenführt, vereint und wieder voneinander reißt. - - - - -2. Die Studienjahre. - - Zur Rechtsgelehrsamkeit kann ich mich nicht bequemen. - - +Goethe.+ - - -„Leipzig ist ein infames Nest, wo man seines Lebens nicht froh -werden kann. Du sitzest vielleicht jetzt auf den Ruinen des alten -Bergschlosses und lächelst vergnügt und heiter die Blüten des Juni -an, während ich auf den Ruinen meiner eingesunkenen Luftschlösser -und meiner Träume stehe, und weinend in den düsteren Himmel meiner -Gegenwart und Zukunft blicke; überhaupt fliehe ich die erbärmlichen -Menschen und bin manchmal so recht zerknirscht über die Winzigkeit und -Erbärmlichkeit dieser egoistischen Welt. Ach, eine Welt ohne Menschen, -was wäre sie? Ein unendlicher Friedhof, ein Totenschlaf ohne Träume, -eine Natur ohne Blumen und Frühling, ein toter Guckkasten ohne Figuren --- und doch! Diese Welt mit Menschen, was ist sie? Ein ungeheurer -Gottesacker eingesunkener Träume, ein Garten mit Cypressen und -Thränenweiden, ein stummer Guckkasten mit weinenden Figuren.“ Solche -Ergüsse, an Freund Rosen gerichtet, kennzeichnen die Gemütsstimmung, -in welcher der nunmehrige _stud. jur._ Schumann die ersten Tage in -Leipzig verlebte, deutlich genug. „Die Natur -- wo finde ich sie -hier?“ klagt er bald darauf der Mutter, „kein Thal, kein Berg, kein -Wald, wo ich so recht meinen Gedanken nachhängen könnte, kein Ort, -wo ich allein sein kann, als in der verriegelten Stube, wo es unten -ewig lärmt und spektakelt.“ Die Leipziger Burschenschaft, in welcher -damals eine recht neblige Deutschtümelei herrschte, entsprach seinen -idealen Vorstellungen ganz und gar nicht und er trat bald mit anderen -Gleichgesinnten zur Verbindung „Markomannia“ über, ohne darum im -studentischen Leben vollständig aufzugehen. Musik und Poesie trugen -über Kneipe und Fechtboden fast immer den Sieg davon. - -Allmählich begannen die Wogen seines Schmerzes gelinder zu schlagen. -Im benachbarten Zweinaundorf fand er einen Ort, der seinen Natursinn -einigermaßen zufrieden stellte; auch fügte sich’s günstig, daß jene -Verwandte der Carusschen Familie, von der oben als trefflicher -Sängerin die Rede war, mit ihrem Gatten nach Leipzig übersiedelte. -Schumanns musikalische Natur empfing in dem musikfreundlichen Hause -mannigfaltige Anregung und Pflege, zumal da die hervorragendsten -Künstler der Stadt daselbst zu verkehren pflegten. Von hoher Bedeutung -wurde für ihn namentlich die Bekanntschaft mit +Friedrich Wieck+, dem -berühmten Klavierlehrer und dessen neunjähriger Tochter +Klara+. An dem -Spiele der kleinen Virtuosin konnte er recht deutlich absehen, welche -Erfolge durch einen planvollen, methodischen Unterricht zu erzielen -sind und war eifrig bemüht, die Mängel der eigenen Technik, wie sie -sich bei einem Autodidakten mit Notwendigkeit herausstellen müssen, -unter Wiecks kundiger Leitung wieder auszugleichen. Seinem Lehrer -erwuchs hier die heikle Aufgabe, die halberblühte Knospe noch einmal -zusammenzufalten, was bis zu einem gewissen Grade in der That auch -gelang; nur von der Unentbehrlichkeit theoretischer Musikkenntnisse -war Schumann einstweilen nicht zu überzeugen. Statt Harmonielehre zu -treiben, versenkte er sich in Gemeinschaft mit einigen musikalischen -Kommilitonen in die Schätze deutscher Kammermusik, studierte Bachs -„Wohltemperiertes Klavier“ und entzückte sich an den Tonwerken des -jüngst verstorbenen Meisters Schubert, welchen er gern mit Jean Paul zu -vergleichen pflegte. „Wenn ich Schubert spiele, so ist mir’s, als läs’ -ich einen komponierten Roman Jean Pauls.“ Unter Schubertschem Einflusse -entstanden auch mehrere eigene Kompositionen, Polonaisen, Variationen -und ein Dutzend Lieder, welch letztere er an G. Wiedebein, einen -damals geschätzten Liederkomponisten, zur Beurteilung einschickte. -Die Antwort fiel günstig aus: „Sie haben viel, sehr viel von der Natur -empfangen; nützen Sie es und die Achtung der Welt wird Ihnen nicht -entgehen.“ - -An dem öffentlichen Musiktreiben Leipzigs, welches seit dem Ende der -zwanziger Jahre immer reicher und reicher erblühte, nahm Schumann -lebhaften Anteil. Der Thomanerchor, die Gewandhauskonzerte, erfreuten -sich schon damals eines ausgezeichneten Rufes, ja selbst die -untergeordneteren Institute, z. B. der Orchesterverein „Euterpe“ oder -die Matthäischen Quartettakademien boten achtbare Leistungen. Minder -Gutes läßt sich von dem etwas verwahrlosten Theater sagen; doch besaß -es wenigstens an seinem Kapellmeister Marschner eine bedeutende Kraft, -so daß man im allgemeinen der Behauptung Schumanns beipflichten kann, -es gebe in Deutschland keinen besseren Ort für einen jungen Musiker als -Leipzig. - -Jawohl, für einen Musiker! Aber war er denn ein solcher? Gehörte er -nicht ins Kollegium, vor das _Corpus juris_, statt in den Konzertsaal -und vors Klavier? Das ist die bedenkliche Seite seines Leipziger -Universitätslebens. Zwar wird in den nach Zwickau gerichteten Briefen -von fleißigem Kollegienbesuche gesprochen und über die Eiskälte der -Rechtswissenschaften gejammert; allein aus den Briefen an vertraute -Freunde geht mit Sicherheit hervor, daß Schumann fast nie ein -juristisches Kollegium besucht, geschweige denn ein juristisches -Buch zur Hand genommen hat. Wohl aber hörte er die Vorlesungen des -Philosophen Krug und las Fichtes, Kants und Schellings Schriften. - -Im folgenden Jahre vertauschte Robert die Leipziger Hochschule mit -der in Heidelberg. Wenn er indessen der Mutter, um ihre Einwilligung -zu erhalten, als Grund dieses Wechsels angiebt, daß dort die -berühmtesten Professoren lehrten, so ist das bei einem Studenten, der -die Überzeugung hegt, „daß alle Kollegien überhaupt nur Eseln nützen -können,“ bloß eitel Vorwand. In Wahrheit wollte er aus dem von der -Natur recht stiefmütterlich bedachten Leipzig heraus -- zumal da Wieck -den Klavierunterricht kurz zuvor wegen Zeitmangels eingestellt hatte -- -wollte andere Menschen kennen lernen und vor allem wieder einmal Freund -Rosen in die Arme schließen. Die gute Mutter war bald überredet und -Schumann wandte seelenvergnügt dem „erbärmlichen Leipzig“ den Rücken. - -Das war eine Fahrt, unter blauem Himmel über lachende Frühlingsau’n! -Dazu hatte ihm der Zufall in +Willibald Alexis+ einen geistvollen -Gefährten beigesellt, dem er sogar noch eine Strecke rheinabwärts -bis Koblenz das Geleite gab. In einem reizenden Briefe an die Mutter -schildert er ausführlich all seine Reiseerlebnisse, beschreibt die -lieblichen Mainlande, das interessante Frankfurt, die herrlichen Abende -am Rhein und vergißt auch nicht einige Bemerkungen über die Kost und --- die Mädchen einzuflechten. Nur eine Stelle aus dem merkwürdigen -Berichte sei herausgehoben: „Um neun Uhr fuhren wir von Wiesbaden -ab. Ich drückte die Augen zu, um den ersten Anblick des alten, -majestätischen Vater Rhein mit ganzer Seele genießen zu können; und wie -ich sie aufschlug, lag er vor mir, ruhig, still, ernst und stolz wie -ein alter, deutscher Gott und mit ihm der ganze blühende, grüne Gau -mit seinen Bergen, Thälern und Rebenparadiesen.“ Es liegt ein Stück -Kulturgeschichte in diesen Worten; noch wenige Jahrzehnte zuvor konnte -der Deutsche mit dem Namen „Rhein“ nur die Vorstellung seiner Reben -verbinden; jetzt haftet an ihm eine Reihe mythischer Anschauungen, -jetzt ist er eine Art Heiligtum unseres Volkes geworden, und das -Weinlaub, das sein ehrwürdiges Haupt umkränzt, wird vom Epheu der Sage -beinahe überwuchert. Die Poesie dieses Stromes musikalisch zu erfassen, -wie es später Liszt in der „Lorelei“ oder Wagner in den „Nibelungen“ -gethan hat, mußte Schumann allerdings versagt bleiben: sie war damals -beinahe noch ein ausschließliches Eigentum der Dichtkunst. - -In Heidelberg, „der Vaterlandsstädte schönster“, führte Schumann mit -Rosen ein wahres Götterleben. Freilich, wenn er nach Hause schreibt, -daß ihm bei +Thibaut+ selbst das Jus besser schmecke, daß er jetzt -die Würde der Jurisprudenz begreifen lerne, so ist das gar nicht -buchstäblich zu nehmen. Der große Gelehrte betrieb, wie er offen zur -Schau trug, seine Wissenschaft nur mit Unlust und es war ein Ausspruch -von ihm bekannt, er würde, wenn er nochmals zu leben hätte, lieber -Musiker werden, als Pandektist. Solche Denkungsweise eroberte ihm -Schumanns Herz im Sturme, so wenig sich der Verehrer Schuberts sonst -mit dem musikalischen Glaubensbekenntnisse des greisen Professors auch -befreunden konnte. Thibaut hatte nämlich in seinem 1825 erschienenen -Buche „Über die Reinheit in der Tonkunst“ eine archaische Richtung -eingeschlagen und pflegte die Werke der alten Meister in seinem Hause -aufführen zu lassen. Auch Schumann wurde diesen Abendunterhaltungen -beigezogen. „Sie glauben kaum,“ schreibt er an Wieck, „was ich bei ihm -für herrliche, reine, edle Stunden verlebt habe und wie sehr seine -Einseitigkeit und pedantische Ansicht über Musik bei dieser unendlichen -Vielseitigkeit und bei diesem belebenden, entzündenden und zermalmenden -Geiste schmerzt.“ - -Der trefflichen Lehrer ungeachtet wurden die Kollegien aber nach -wie vor arg vernachlässigt. In dieser Hinsicht war Schumann einmal -unverbesserlich. Viel lieber durchstreifte er die reizende Umgebung -Heidelbergs oder stürzte sich, als der Winter seinen Ausflügen ein -Ziel setzte, in den Strudel des lustigen Studentenlebens. „Fast -alle Abende,“ heißt es in einem Briefe an die Mutter, „bin ich -in Gesellschaften oder auf Bällen.“ Bald treffen wir ihn bei den -Schlittenfahrten, welche die Studentenvereine -- er gehörte der -Saxoborussia an -- in großem Stile veranstalteten, bald und zwar am -häufigsten huldigt er dem Tanzvergnügen. Zugleich bereitet er sich -zu einer „italienischen Reise“ vor, welche in den zwischen Winter- -und Sommersemester eingeschalteten Ferien angetreten werden sollte -und treibt zu diesem Behufe das Studium der italienischen Sprache. -Einen Teil der Sonette Petrarkas hat er zu dieser Zeit mit wunderbarer -Treue und Gewandtheit, wie erzählt wird, metrisch ins Deutsche -übertragen. Mutter und Vormund wollten anfangs von dem kostspieligen -Plane begreiflicherweise nichts wissen, aber Robert legte ihnen so -eindringlich dar, daß die Ferien ja nicht zum Studium der Bücher, -als vielmehr der Welt, d. h. zum Reisen angeordnet seien, drohte -schließlich gar das erforderliche Geld wo anders auszuleihen, bis er -zuletzt doch die Bewilligung erhielt und im August, das Ränzel am -Rücken, den Stab in der Hand, gleich Eichendorffs lustigem Taugenichts -sein liebes Heidelberg verlassen konnte. - -Nachdem er die majestätische Alpenwelt durchzogen, stieg er nieder ins -wälsche Gefilde. Sechs Tage wurden unter allerhand kleinen Abenteuern -in Mailand zugebracht, wo er auch zum erstenmale (im Scalatheater) -italienische Musik und Gesangeskunst zu hören Gelegenheit hatte. Eine -bedenkliche Abnahme des Reisegeldes zwang ihn endlich in Venedig zur -Umkehr. Mit geringer Barschaft, aber reich an Erfahrungen traf er im -Oktober 1829 wieder in der Neckarstadt ein. - -Während des folgenden Winterhalbjahres bildete wieder die Musik -Schumanns eigentliches Studium. Als Klavierspieler war er in -ganz Heidelberg berühmt, namentlich seit er in einem Konzerte -des Musikvereins die Alexandervariationen von Moscheles glänzend -vorgetragen hatte. Am liebsten jedoch musizierte er in engem -Freundeskreise und riß namentlich durch seine freien Phantasien auf -dem Piano alle Hörer unwiderstehlich hin. Sein Studiengenosse +Töpken+ -erzählt, daß ihm diese unmittelbaren Ergüsse Schumanns immer einen -Genuß gewährt hätten, wie er ihn später, so große Künstler er auch -gehört, in der Art nie wieder gehabt habe. - -Wie im verflossenen Winter gab sich Schumann auch diesmal den -Karnevalsfreuden rückhaltlos hin. Auf den öffentlichen und privaten -Bällen Heidelbergs und Mannheims -- die beiden Städte standen in -Bezug auf gesellige Unterhaltungen in regem Wechselverkehr -- durfte -der wohlgebildete, stattliche Jüngling als vorzüglicher Tänzer nicht -fehlen. Daß dabei viel, sehr viel Geld aufging, kann man sich denken, -und es brauchte langer Bitten, ehe der Vormund überredet war, sein -flottes Mündel in dem teuren Heidelberg zu belassen. - -Da sein väterliches Erbteil nicht hinreichte, um von den Zinsen zu -leben, gar für einen Menschen, der an solche Ansprüche gewöhnt war -wie Robert, hätte er sich nunmehr ernstlich auf das Studium werfen -sollen. Allein im Grunde seines Herzens stand bereits der Entschluß -fest, die Künstlerlaufbahn trotz aller Hindernisse zu betreten, und -das wunderbare Spiel Paganinis, den zu hören er zu Ostern 1830 nach -Frankfurt geeilt war, scheint diesen Entschluß zu völliger Reife -gebracht zu haben. Am 30. Juli endlich eröffnete er der Mutter -sein Vorhaben in einem langen Briefe: „Mein ganzes Leben war ein -zwanzigjähriger Kampf zwischen Musik und Jus. Jetzt stehe ich am -Kreuzwege und erschrecke bei der Frage: Wohin? Folg’ ich meinem Genius, -so weist er mich zur Kunst und ich glaube den rechten Weg. Schreibe du -selbst an Wieck in Leipzig und frage ihn, was er von mir und meinem -Lebensplane hält. Fällt er ein günstiges Urteil, nun, so fehlt es an -Fortkommen und Ruhm sicherlich nicht.“ Die Bestürzung der Mutter, als -sie vernahm, daß ihr Robert, den sie bald am Ziele seines Studiums -wähnte, einen ganz neuen Beruf ergreifen wolle, war ungeheuer. Zitternd -und ängstlich schrieb sie an Wieck: „Auf Ihrem Ausspruche beruht -+alles+, die Ruhe einer liebenden Mutter, das ganze Lebensglück eines -jungen unerfahrenen Menschen, der bloß in höheren Sphären lebt und -nicht ins praktische Leben eingehen will. Ich bitte und beschwöre -Sie als Gatte und Vater, als Freund meines Sohnes, handeln Sie als -redlicher Mann und sagen Sie unumwunden Ihre Ansichten, was er zu -fürchten oder zu hoffen hat.“ - -Wieck antwortete mit einem glänzenden Zeugnisse, das die sorgende Frau -einigermaßen beruhigen konnte. Sie versagte darnach ihre Einwilligung -nicht, und Schumann, überglücklich über den günstigen Ausgang dieser -folgenschweren Angelegenheit, reiste zum zweitenmale, aber froheren -Mutes als Schüler nach Leipzig. „Ich vertraue Ihnen ganz, ich gebe mich -Ihnen ganz, nehmen Sie mich wie ich bin und haben Sie vor allen Dingen -Geduld mit mir. Kein Tadel soll mich niederdrücken und kein Lob wird -mich faul machen. Ich wollte, Sie könnten jetzt in mich sehen; es ist -still darinnen, nur um das ganze Welthaupt geht ein leiser, leichter -Morgenduft.“ Mit diesen Worten führte er sich bei dem verehrten Lehrer -ein. - - - - -3. Erste Künstlerzeit. - - Ich hasse alles, was nicht vom innersten Drange kommt. - - +Schumann+, Jugendbriefe, S. 159. - - -Überblicken wir Schumanns bisherigen Entwickelungsgang, so -fällt sogleich auf, daß er sich erst unverhältnismäßig spät dem -Künstlerberufe widmete, daß seine Erziehung auf ganz andere Ziele -gerichtet gewesen war, als auf die, welche ihm fernerhin einzig und -allein vorschweben sollten und daß ihm theoretische Kenntnisse in -der Musik beinahe noch gänzlich fehlten. Dagegen besaß er eine nicht -gewöhnliche Fertigkeit am Klaviere, feinen musikalischen Sinn und ein -hervorragendes Interpretationsvermögen. Unvergeßlich ist es seinen -Heidelberger Freunden geblieben, wie er z. B. Webers „Aufforderung zum -Tanze“ vorzutragen und während des Spieles zu erläutern wußte. „Jetzt -spricht sie,“ sagte er, „das ist der Liebe Kosen; jetzt spricht er, das -ist des Mannes ernste Stimme. Jetzt sprechen sie beide zugleich und -deutlich höre ich auch, was beide Liebende einander sagen.“ - -Solche Eigenschaften, der mächtige Zug der Zeit und die Hoffnung auf -baldigen Erwerb wiesen Schumann gebieterisch in die Virtuosenlaufbahn, -zu welcher er sich denn auch mit wahrem Feuereifer vorbereitete. In -drei bis vier Jahren hoffte er den hochverehrten Moscheles erreichen -zu können. Allein während der beseligende Gedanke, nun völlig der -Kunst anzugehören, und die Voraussicht künftiger Meisterschaft ihm die -Brust mit stiller Heiterkeit erfüllte, stand es nicht eben günstig um -seine äußeren Verhältnisse. Die Brüder, über den plötzlichen Wechsel -des Berufes ein wenig verstimmt, unterstützten ihn nur sehr spärlich -mit Geld, so daß er in allerlei lästige Verlegenheiten geraten mußte. -Erst nach einem Besuche Schumanns in Zwickau zu Ostern 1831 erscheint, -wahrscheinlich durch Vermittelung der Mutter, welche jetzt immer tapfer -auf seiner Seite stand, das frühere herzliche Einvernehmen mit der -Familie wieder hergestellt. - -„Nun ist der Himmel so schön blau,“ schreibt er bald darauf nach Hause, -„daß ich jemand haben möchte, dem ich’s so recht sagen könnte, wie -glücklich und sommerlich es in mir aussieht, wie mein inneres ruhiges -Kunstleben alle Leidenschaften zurückdrängt, wie ich manchmal recht -den Augenblick der Gegenwart fühle. Es ist nämlich eine schöne Sache -um einen jungen Dichter und vollends um einen jungen Komponisten. -Du kannst gar nicht glauben, was das für ein Gefühl ist, wenn er -sich sagen kann: dies Werk ist ganz dein, kein Mensch nimmt dir dies -Eigentum und kann dir’s nicht nehmen, denn es ist ganz dein; o fühltest -du dieses +Ganz+! Da der Grund zu diesem Gefühle nur selten kommt, -da der Genius nur ein Augenblick ist, so bricht es dann auch in -seiner ganzen Schönheit hervor und erzeugt eine Art von beruhigendem -Selbstvertrauen, das keinen Tadler zu fürchten braucht.“ - -Was diese Briefstelle erst andeuten, aber noch nicht offen verraten -wollte, kommt schon in den nächsten Monaten zu Tage. Schumann hatte -nämlich den Sommer benützt, um einige noch in Heidelberg entworfene -Kompositionen auszuführen und konnte schon am 21. September der Mutter -das Erscheinen seines ersten Werkes: _Thème sur le nom Abegg, varié -pour le pianoforte_ ankündigen. „Wüßtest du, was das für Freuden sind, -die ersten Schriftstellerfreuden! Stolz wie der Doge von Venedig mit -dem Meere, vermähle ich mich zum erstenmale mit der großen Welt.“ - -Gewidmet ist die im Walzerrhythmus gehaltene Gelegenheitsarbeit einer -fingierten Comtesse Pauline d’Abegg, hinter welcher eigentlich eine -Mannheimer Ballbekanntschaft, Meta Abegg, die Verehrte eines Freundes, -steckt. Auch in Opus 2, den +Papillons+, zwölf kleinen, flatternden und -schäkernden Stücken, das letzte Kapitel der „Flegeljahre“ Jean Pauls -in Töne umgesetzt, bedient er sich noch der Tanzform. Außerdem sollte -damals eine Toccata (_op._ 7) vollendet werden, doch hielt ihn von -der Ausarbeitung die während der Komposition der obengenannten Werke -gewonnene Einsicht von der Notwendigkeit theoretischer Musikkenntnisse -zurück. Er nahm gegen Ende des Jahres, als Wieck mit seiner Tochter -auf einer Kunstreise nach Paris begriffen war, bei +Heinrich Dorn+, -Kapellmeister am Leipziger Theater, Unterricht. Freilich wollte das -trockene Studium einem Phantasiemenschen seines Schlages gar nicht -behagen. „Mit Dorn werde ich mich nie amalgamieren können,“ klagt -er an Wieck; „er will mich dahin bringen unter der Musik eine Fuge -zu verstehen.“ Allein später, nachdem die Vergangenheit bereits ihr -verklärendes Licht über jene Lehrzeit gebreitet hatte, gab er dem -Lehrer seine Dankbarkeit mit bewegenden Worten kund. Ihre Berechtigung -soll hier nicht näher untersucht werden; genug, daß der Schüler, als -Dorn im Frühling 1832 nach Hamburg abberufen wurde, schon so weit -vorgeschritten war, um sich mit Nutzen weiter bilden zu können und -hinreichende Sicherheit zu besitzen glaubte, um eine so „herkulische“ -Arbeit, wie es die +Übertragung der Violinkaprizen Paganinis+ für -das Pianoforte war, zu unternehmen. Der kühne Versuch gelang und -fand auch gebührende Anerkennung. Namentlich freute sich Schumann -über eine sehr wohlwollende Recension seines Werkes in Haslingers -„Musikalischem Anzeiger“, die dem Dichter Grillparzer zugeschrieben -wird, wahrscheinlich aber von dessen Bruder Camillo herrühren -dürfte. In geistreicher Weise sind die leicht schwebenden, auf die -raffinierteste Violintechnik berechneten Etüden harmonisch ausgebaut, -ohne dadurch beschwert oder herabgezogen zu werden.[2] Aus derselben -Zeit stammt auch Opus 4, die +Intermezzi+, liedförmig entwickelte -Tonsätze verschiedenen Charakters. Ihr Titel erklärt sich aus dem -ähnlichen Gebrauche dieses Wortes in Eichendorffs, Heines und anderen -Gedichtsammlungen. - -Trotz dieser schöpferischen Thätigkeit und der emsig fortgesetzten -theoretischen Studien brauchten die Vorbereitungen zur -Virtuosenlaufbahn keineswegs lässiger betrieben zu werden. Schumann -widmete sich eben vom frühen Morgen bis tief in die Nacht der Musik -und verkehrte im allgemeinen nur wenig mit der Außenwelt. Aber gerade -das Streben nach raschester Vervollkommnung sollte ihm verhängnisvoll -werden, denn er zog sich durch ein unglückliches Experiment, welches -die Unabhängigkeit der Finger voneinander beschleunigen sollte, eine -Lähmung des rechten Mittelfingers zu, die später, infolge verkehrter -Behandlung, eine Zeit lang sogar die Hand ergriff und alle seine -Virtuosenträume für immer zu nichte machte. Soviel aus Schumanns -gelegentlichen Äußerungen zu entnehmen war, hatte er den bezeichneten -Finger vermittelst einer selbst erfundenen Vorrichtung, während die -übrigen Finger übten, emporgezogen und durch die übergroße Anspannung -ein Erschlaffen der Sehne verursacht. Glücklicherweise schien anfangs -Aussicht auf Genesung vorhanden zu sein, so daß der Arme nicht gleich -verzweifeln mußte, sondern nach dem ersten nicht geringen Schrecken den -guten Mut bald wiedergewann. Einstweilen, bis der Finger geheilt wäre, -beschloß er, sich mit doppelter Kraft auf die Komposition zu werfen -und schrieb, um das Brett zu bohren, wo es am dicksten war, „ganz nach -eigenem Sinne und ohne Anleitung“ einen symphonischen Satz, der später -auch wirklich in einem Konzerte der Klara Wieck (18. November 1832) zur -Aufführung gelangte, obendrein in seiner Vaterstadt. Schumann war zu -diesem für ihn hochwichtigen Ereignisse natürlicherweise nach Zwickau -geeilt und blieb daselbst den Winter über, mit der Umarbeitung seines -Werkes, auf welches er große Hoffnungen setzte, eifrig beschäftigt. In -der neuen Gestalt wurde es dann am 12. Februar 1833 im benachbarten -Schneeberg gespielt. Schon einige Wochen später kehrte der junge Autor -nicht ohne Stolz und Selbstbewußtsein nach Leipzig zurück. - -Er bezog eine reizende Wohnung in Riedels Gärten, wie sie ein stilles -Dichtergemüt nur wünschen konnte, voll Sonnenschein, Blütenduft und -Vogelgesang. Das zweite Heft der Kaprizen und die phantasiereichen -„_Impromptus sur une Romance de Clara Wieck, dedié à Monsieur Fr. -Wieck_“ (_op._ 5), eine Huldigung an das befreundete Künstlerpaar, -sind hier im Laufe des Frühlings entstanden. Schumann wandte sich -also, offenbar mißtrauisch gegen seine symphonische Begabung wieder -der Klaviermusik zu. Zwar trat seine Symphonie noch ein drittes Mal -in einem Wieckschen Konzerte im Gewandhause an die Öffentlichkeit, -ist aber nie im Druck erschienen. Immerhin diente sie dazu, ihm die -Freundschaft namhafter Musiker, Hauser, Pohlenz und Stegmeyer, mit -denen er fortan häufig verkehrte, zu erwerben. Schumann war gerade -damals viel geselliger als je in späteren Jahren. Er pflegte des -Abends, nach beendigter Tagesarbeit das Restaurant zum „+Kaffeebaum+“ -aufzusuchen, wo er im Kreise von Bekannten einige Stunden zubrachte. -Es waren fast ausschließlich Künstler und Altersgenossen, die dort -zusammenkamen: Wenzel, Knorr, Stegmayer, Ortlepp, Dr. Reuter, Lühe -und Lyser. Auf Schumanns Vermittlung hin stellte sich auch Wieck -ein, der gelegentlich sogar Klara mitbrachte und -- als Ältester -- -den geistigen Mittelpunkt der Gesellschaft abgab. Robert aber saß -seitwärts in einer versteckten Ecke, den Kopf auf den Arm gestützt, -die unentbehrliche Cigarre im Munde, mit halbgeschlossenen Augen, wie -in Traum verloren. Dann wieder auflebend bis zur Gesprächigkeit und -Lebhaftigkeit, wenn ein interessanter Ideenaustausch angeregt wurde, -so daß man das Erwachen aus seiner Versunkenheit, das Heraustreten an -die Außenwelt beobachten konnte. (Brendel.) Das Gespräch bewegte sich -gewöhnlich um die musikalischen Zustände Deutschlands, welche eben in -jener Zeit nichts weniger als erfreulich zu nennen waren; insbesondere -in Bezug auf die Klaviermusik. Hier dominierten Herz, Hünten, Czerny -mit ihrem brillanten Floskelwesen und leeren Klingklang, während -die kürzlich verstorbenen Meister Beethoven, Weber, Schubert schier -vergessen schienen und jungen, bedeutenderen Talenten, wie Chopin, -Mendelssohn und andern keine Beachtung zu teil wurde. Sie begegneten -einer Kritik, die, allen neuen und außergewöhnlichen Erscheinungen -abhold, dieselben entweder schonungslos herunterriß oder vollständig -totschwieg, jedes oberflächliche Machwerk dagegen, sofern es nur in -althergebrachter Manier verfertigt war, ungebührlich lobte. So geschah -es z. B. in der Leipziger „Allgemeinen musikalischen Zeitung“, seitdem -die Redaktion aus den Händen des alten, trefflichen +Rochlitz+ in -jene G. W. +Finks+ übergegangen. In Berlin führte +Rellstab+, der -Herausgeber der „Iris“ sein gefürchtetes Richtschwert gegen Schumann, -Chopin, Mendelssohn und Schubert. Neben diesen zwei kritischen -Zeitschriften kommt der Wiener „Musikalische Anzeiger“ (redigiert von -Castelli) gar nicht in Betracht; er pries das Beste und Schlechteste, -all einerlei. - -Da fuhr eines Junitages der Gedanke durch die jungen Brauseköpfe: laßt -uns nicht müßig zusehen, greift an, daß es besser werde, daß die Poesie -in der Kunst wieder zu Ehren komme, daß der musikalische Zopf und die -kritische Honigpinselei ein Ende habe! So entstand der Plan einer neuen -Zeitschrift für Musik, in deren Leitung sich Wieck, Knorr, Ortlepp, -Schumann und Stegmayer teilen sollten. Freilich bis zur Verwirklichung -hatte es noch gute Wege. Hoffmeister, der zur Übernahme des Verlages -ausersehen war, zauderte trotz endloser Unterhandlungen. Auch fehlte -es nicht an Differenzen zwischen den Herausgebern selbst. Wieck -zum Beispiel, der eigentlich bloß seinen Namen hergab, fühlte sich -zurückgesetzt, wenn einer der jungen Leute die Betreibung der Sache -energisch in die Hand nahm. Ohne Schumanns hingebungsvolle Thätigkeit -wäre das Unternehmen sicherlich noch gescheitert. Wie wohl er sich in -dem neuen Wirkungskreise befand, läßt sich aus den tollen Streichen -ermessen, die er den Sommer über mit seinen Genossen inscenierte. -Es kam vor, daß er sie auf der Heimkehr aus dem „Kaffeebaum“ noch -um Mitternacht in den Riedelschen Garten lud; das Gitter ward mit -Lebensgefahr überklettert, der Kellner des Weinschanks, der sich im -Hause befand, herausgetrommelt und unter den rauschenden Bäumen begann -ein übermütiges Gelage. - -War nun die Überanstrengung durch die Vorarbeiten zur Zeitschrift -oder eine Verkühlung schuld oder beides zugleich -- er verfiel nach -solch einer nächtlichen Schwärmerei in eine schwere Nervenkrankheit. -Unglücklicherweise mußte den Genesenden noch die erschütternde -Nachricht von dem Tode seiner Schwägerin Rosalie und seines Bruders -Julius treffen, wodurch die Erholung neuerdings hinausgeschoben wurde. -Erst im Dezember durfte er die Arbeit an der Zeitschrift wieder -aufnehmen. - -Um dieselbe Zeit, zu Ende des Jahres 1833, hatte ein junger -schwäbischer Musikus Leipzig zum dauernden Aufenthalt erkoren und -wurde bald nach seiner Ankunft mit dem Schumannschen Freundeskreise -bekannt. „In Krauses Keller trat ein junger Mensch an uns heran, alle -Augen waren auf ihn gerichtet. Einige wollten eine Johannesgestalt -an ihm finden, andere meinten, grübe man in Pompeji einen ähnlichen -Statuenkopf aus, man würde ihn für den eines römischen Imperators -erklären. Alle jedoch stimmten darin überein, daß es ein Künstler -sein müsse, so sicher war sein Stand von der Natur schon in der -äußerlichen Gestalt gezeichnet -- nun, ihr habt ihn ja alle gekannt; -die schwärmerischen Augen, die Adlernase, den feinironischen Mund, -das reiche, herabfallende Lockenhaar und darunter einen leichten, -schmächtigen Torso, der mehr getragen schien als zu tragen. Bevor er an -jenem Tage des ersten Sehens uns leise seinen Namen „+Ludwig Schunke+ -aus Stuttgart“ genannt hatte, hörte ich innen eine Stimme: ‚das ist -der, den wir suchen‘ -- und in seinen Augen stand etwas Ähnliches.“ -Schumann gewann an dem edlen, liebenswürdigen Künstler einen teuren -Herzensfreund, die Zeitschrift einen ihrer wärmsten Verfechter. Dank -seines werkthätigen Beistandes konnte die erste Nummer schon im April -erscheinen. - -Ihr von Schumann entworfenes Programm war im wesentlichen eine -Paraphrase des Goetheschen Lehrspruches: - - „Ältestes bewahrt mit Treue, - Freundlich aufgefaßt das Neue.“ - -Es lautet: „An die alte Zeit und ihre Werke mit allem Nachdruck -erinnern, darauf aufmerksam zu machen, wie nur an so reinem Quelle -neue Kunstschönheiten gekräftigt werden können -- sodann die letzte -Vergangenheit, die nur auf Steigerung äußerlicher Virtuosität ausging, -als eine unkünstlerische zu bekämpfen -- endlich eine neue poetische -Zeit vorzubereiten, beschleunigen zu helfen. -- Unerschütterlich -steht in uns die Ansicht, daß wir noch keineswegs am Ende unserer -Kunst sind, daß noch viel zu thun übrig bleibt, daß Talente unter uns -leben, die uns in unseren Hoffnungen auf eine neue reiche Blütenzeit -der Musik bestärken und daß noch größere erscheinen werden. -- Die -+Erhebung deutschen Sinnes durch deutsche Kunst+, geschieht sie nun -durch Hinweisung auf ältere Muster oder durch Bevorzugung jüngerer -Talente; mag als das letzte Ziel unserer Bestrebungen angesehen werden. --- Wir wüßten nicht, was wir vor anderen Künsten und Wissenschaften -voraus haben sollen, wo sich die Parteien offen gegenüberstehen und -befehden, noch überhaupt, wie es sich mit der Ehre der Kunst und der -Wahrheit der Kritik vereinbaren ließe, den drei Erzfeinden unserer und -aller Kunst, den Talentlosen, dann den Dutzendtalenten, endlich den -talentvollen Vielschreibern ruhig zuzusehen. Wir schreiben ja nicht, um -die Kaufleute reich zu machen, wir schreiben den Künstler zu ehren.“ - -In kurzer Zeit gebot die Zeitschrift über eine stattliche Anzahl -tüchtiger Mitarbeiter; wir nennen unter anderen: Bank, Berger, Dorn, -Griepenkerl, Stephen Heller, Kahlert, Keferstein, Kistner, Koßmaly, -Krägen, Lorenz, Löwe, Lyser, Mangold, Marx, Nauenburg, Riefstahl, -Schüler, Töpken, Truhn, Weißmann, Wenzel, Zuccalmaglio. Für die -Redaktion zeichneten Schunke, Schumann, Wieck und Knorr. Man blättere -in den ersten Bänden der Zeitschrift nach: das fröhliche, kräftige -Leben darin wird noch jetzt Anteil erwecken; auch Versehen kamen vor, -wie sie ja im Gefolge aller jugendlichen Unternehmungen sind. Jeder -steuerte eben bei, was er hatte. Der Stoff schien damals endlos; -man war sich eines edlen Strebens bewußt; neue Götterbilder sollten -aufgestellt, ausländische Götzen niedergerissen werden; man arbeitete -Tag und Nacht. Es war das Ideal einer großen Künstlerbrüderschaft zur -Verherrlichung deutscher, tiefsinniger Kunst, das wohl jedem als das -herrlichste Ziel seines Strebens vorleuchten mochte. Und wie denn die -Zeitschrift zu günstiger Stunde, unter günstigen Umständen unternommen -wurde, einmal weil man des Schneckenganges der alten musikalischen -Kritik überdrüssig war und weil wirklich neue Erscheinungen am -Kunsthimmel aufstiegen, dann weil die Zeitschrift im Schoß von -Deutschland, in einer von jeher berühmten Musikstadt entsprang und -der Zufall gerade mehrere junge, gleichgesinnte Künstler vereinigt -hatte, so griff das Blatt auch rasch um sich und verbreitete sich nach -allen Gegenden hin. Fast alle bedeutenden Tonsetzer dieser Periode: -Mendelssohn, Chopin, Hiller, Taubert, Stephen-Heller, Gade, Berlioz, -Franz, Verhulst und Sterndale Benett wurden teils durch dieselbe -zuerst verständnisvoll gewürdigt, teils geradezu in die musikalische -Welt eingeführt -- nur gegen Meyerbeer nahm die Zeitschrift eine -ablehnende Haltung ein; mit Recht darf man heute behaupten. Im übrigen -liegen ihre Verdienste vornehmlich auf dem Felde der Klaviermusik. -Hier erzielte sie einen vollständigen Umschwung des Geschmackes; indem -fortan gedankenvollere, polyphone Gebilde an Stelle der alten virtuosen -Passagenwerke traten. Für die gleichfalls in Aussicht genommene -Opernreform in ähnlicher, gedeihlicher Weise zu wirken, blieb ihr -dagegen versagt, schon darum, weil es in „Klein-Paris“ kein rechtes -Theaterleben gab und den Herausgebern, abgesehen von der unerläßlichen -Begabung, auch die Erfahrung im dramatischen Genre abging. - -Die Herausgeber! Ist’s denn erlaubt, von ihnen in der Mehrzahl -zu sprechen? Wieck war immerfort auf Reisen, Knorr erkrankte, so -daß eigentlich nur Schumann und Schunke als Häupter der Leipziger -romantischen Schule in Betracht kamen. Schunke wiederum, dem die Feder -nicht parieren wollte, war bloß eine moralische Macht, so daß die -Redaktionsgeschäfte fast einzig und allein auf Schumanns Schultern -lasteten. Jetzt mußten dem Musiker, der bereits 1831 in der Finkschen -Zeitung einen schönen Aufsatz über Chopin und 1833 einen über Klara -Wieck im „Kometen“ veröffentlicht hatte, seine schriftstellerischen -Gaben frommen. Er lieferte nicht allein zahlreiche Beiträge, -bearbeitete die eingelaufenen, manchmal recht elend stilisierten -Artikel, sondern besorgte auch Korrespondenzen, Verrechnungen, -Korrekturen, Anweisung der Honorare u. s. w. -- alles ohne irgend einen -pekuniären Vorteil. Zum Komponieren blieb ihm unter solchen Umständen -allerdings nur spärliche Muße. - -Es war ungefähr zur Zeit des ersten Erscheinens der Zeitschrift, -als Schumann, nicht ohne längeres Sträuben seinerseits, bei dem -kunstsinnigen Kaufmanne +Carl Voigt+ und dessen Gattin +Henriette+ -eingeführt wurde. Aber „nur einen Schritt in ihr Haus gethan, und -der Künstler fühlte sich heimisch darin. Aufgehängt waren über dem -Flügel die Bildnisse der besten Meister; eine ausgewählte musikalische -Bibliothek stand zur Verfügung; der Musiker, schien es, war Herr im -Hause, die Musik die oberste Göttin.“ Ein beredter Zeuge des regen -Künstlerverkehres ist das Album der Frau Voigt, durch die Autographe -berühmter Musiker -- Mendelssohn, Löwe, Chopin und anderer -- mit -denen sie teilweise auch Briefwechsel unterhielt, sehr kostbar. -(Jansen.) Poetisch und musikalisch begabt -- sie war L. Bergers -Schülerin im Klavierspiel -- hat Henriette (die „Beethovenerin“) auf -den ihr freundschaftlich zugethanen Schumann bildend und belebend -eingewirkt. Sie wurde auch seine Vertraute in dem etwa gleichzeitig -sich entspinnenden Liebesverhältnisse zu +Ernestine von Fricken+. - -Dieselbe, die Tochter eines reichen böhmischen Barons aus Asch, kam im -Frühjahr 1834 nach Leipzig, um sich bei Wieck im Pianofortespiel zu -vervollkommnen, „ein herrliches, reines, kindliches Gemüt,“ wie Robert -sie schildert, „zart und sinnig, mit der innigsten Liebe an mir und -allem Künstlerischen hängend, außerordentlich musikalisch -- kurz ganz -so, wie ich mir meine Frau wünsche.“ Am 5. September verlobte sich -Schumann mit ihr, erhielt auch die Einwilligung des Vaters -- allein -der Brautstand war nicht von langer Dauer. Schon im August des nächsten -Jahres wurde das Verlöbnis, aus Gründen, die sich unserer Kenntnis noch -entziehen, in aller Freundschaft wieder gelöst. - -Inzwischen hatte sich ein tief schmerzliches, aber nicht unerwartetes -Ereignis zugetragen. Ludwig Schunke war (7. Dezember 1834) an einer -zehrenden Brustkrankeit, Novalis vergleichbar, sanft aus dem Leben -geschwunden. Schumann war trostlos. Zu seiner Trauer um den Geliebten -gesellten sich noch allerlei, durch die Liederlichkeit des Verlegers -der Zeitschrift, E. +Hartmann+, hervorgerufene Zerwürfnisse, welche -endlich dadurch beigelegt wurden, daß Schumann, der nach Schunkes -Tode und Knorrs und Wiecks Rücktritt von den Leitern des Unternehmens -allein übrig geblieben, die Zeitschrift ankaufte und dem Buchhändler -+Johann Ambrosius Barth+ zum Verlag übergab. Herausgeber und Besitzer -in einer Person (vom 1. Januar 1835 ab), benützte er das erworbene -Eigentumsrecht, um wichtige Verbesserungen im kritischen Teile des -Blattes eintreten zu lassen. Musikalische Schöpfungen sind, wie schon -bemerkt, in diesem Zeitraume nur wenige zu verzeichnen. Ehe wir uns -aber mit ihnen befassen, ist es notwendig, bei dem „+Davidsbunde+“ zu -verweilen, der in den Spalten der „Neuen Zeitschrift“ eine große Rolle -spielt. Schumann dachte sich dabei einen idealen, natürlicherweise bloß -im Kopfe seines Stifters existierenden Geheimbund fortschrittlicher -Künstler, welcher König David, den mannhaften Besieger der Philister, -als Schutzpatron verehrte. Unter den Mitgliedern ragen namentlich dreie -hervor: Florestan, Eusebius und Meister Raro. +Florestan+ ist der -Wortführer der neuen Richtung in der Musik. Rücksichtslos und ungestüm -zieht er gegen jedes pedantische Festhalten am alten Zopf zu Felde. -„Warum denn rückwärts komponieren? Wem die Perücke gut steht, der mag -sich eine aufsetzen; aber streicht mir die fliegende Jugendlocke nicht -weg, wenn sie auch etwas wild über die Stirn hereinfällt. Also Locken, -Sonatenschreiber und keine falschen...! Wie kommen wir dazu, uns von -vorigen Jahrhunderten Vorschriften geben zu lassen?“ Im Gegensatze -zu ihm ist +Eusebius+ weich und schwärmerisch, ein mädchenhaft -schüchterner Jüngling. Meister +Raro+ endlich vermittelt zwischen -beiden; er vertritt die Besonnenheit und Einsicht des gereiften Mannes. -Wie diese merkwürdigen Gestalten im Verhältnis zu Schumann aufzufassen -sind, erklärt er selbst in einem Briefe an Dorn: „Florestan und Euseb -ist meine Doppelnatur, die ich wie Raro gern zum Mann verschmelzen -möchte.“ Auch hinter den übrigen Bündlern hat man wirkliche Personen -zu suchen; es sind +Walt+ (Rakemann), +Julius+ (Knorr), +Jonathan+ -(Schunke?), +Serpentinus+ (Bank), +Fritz Friederich+ (Lyser) und -+Giara+ oder +Zilia+ (Klara Wieck). Zur Gestalt Meister Raros soll -Friedrich Wieck einige Züge geliehen haben. - -Aber nicht allein in der Zeitschrift liebt es Schumann, sich -hinter den Namen Florestan und Eusebius zu verbergen. Sie prangen -auch als Verfasser auf dem Titelblatt der ersten Ausgabe seiner -leidenschaftlichen +Fis-Moll-Sonate+ (_op._ 11), deren Wert zum -erstenmale +Franz Liszt+ erkannt und in seiner geistreichen Weise -dargelegt hat. (_Gazette musicale_, 1837, Nr. 46.) Freilich will -die Bezeichnung „Sonate“ nicht durchwegs passen: die Triebkraft der -Phantasie sprengt eben da und dort die überlieferten klassischen -Formen. Einen ähnlich stürmischen Charakter trägt das sonst minder -bedeutende _op._ 8 +Allegro+ (seiner Braut gewidmet), welches Schumann -an Frau Voigt mit dem Bedeuten sandte, „daß der Verfasser mehr tauge -als das Werk und weniger als die, der es zugeeignet ist.“ Bei weitem -höher steht dagegen _op._ 9 der +Karneval+, ein anmutig belebtes, an -pikanten Rhythmen und bunten Modulationen reiches Faschingsbild. Das -beständig wiederkehrende Motiv _ASCH_ weist uns auf die persönlichen -Beziehungen dieser Schöpfung; es drückt den Namen der Vaterstadt -Ernestines in Noten aus. Schumann fand es „sehr schmerzlich“, wie denn -das ganze Werk in ernster Stimmung komponiert worden ist. Der Musik -wird das aber niemand anmerken; sie charakterisiert das fröhliche -Gewimmel im hellerleuchteten Ballsaal ganz meisterlich. Der bedächtige -Pierrot schreitet vorüber, Pantalon und Colombine kommen leichten Fußes -einhergetrippelt, der Harlekin schlägt seine Capriolen und eine Kokette -läßt verführerisch ihre Augen spielen. Die Davidbündlerschaft fehlt -auch nicht beim Feste. Wir sehen den wild dreinfahrenden Florestan, den -träumerischen Eusebius, Chiara, Estrella (Ernestine), ferner Paganini -und Chopin. Die Krone des Ganzen aber bildet der kecke „Marsch der -Davidsbündler gegen die Philister“, welch letztere sehr ergötzlich -durch die Melodie des Großvatertanzes („Und als der Großvater die -Großmutter nahm“) charakterisiert sind. Natürlich werden die Armen zu -guterletzt jämmerlich geschlagen und Davids siegreiche Jünger erheben -frohlockend ihr übermütiges Jubellied. - - - [2] Noch freier verfährt Schumann in einem zweiten Hefte, das der - Verleger des besseren Absatzes wegen als _op._ 10 erscheinen - ließ; er streift diesmal der Komposition alles Geigenmäßige - ab und ersetzt die Klangeffekte des Streichinstrumentes sehr - geschickt durch solche, die dem Klaviere eigentümlich sind. - - - - -4. Klara. - - Wem nie von Liebe Leid geschah, - Geschah auch Lieb von Liebe nie. - - +Gottfried v. Straßburg.+ - - -Nicht lange nach der Lösung des Verhältnisses zu Ernestine von Fricken -hielt eine neue Liebe Einzug in Schumanns Herzen, eine Liebe, deren -Keime wohl schon manches Jahr in seiner Brust geruht haben mochten, -ehe sie trieben, sproßten und breit sich entfalteten, eine Liebe, die -ihn harte Kämpfe und bittere Schmerzen gekostet, eine Liebe, der die -deutsche Kunst einige ihrer schönsten und edelsten Blüten zu verdanken -hat. Es war Klara Wieck, die langjährige Freundin, welche Ernestines -Stelle dauernd einnehmen sollte. Geboren am 13. September 1819, fand -sie schon als Kind ihres Klavierspieles halber allgemeine Bewunderung. -Neun Jahre alt ließ sie sich zum erstenmale öffentlich hören, zwei -Jahre später begann sie mit dem Vater, dessen vorzügliche Lehrmethode -in ihrem Spiele die größten Triumphe feierte, weite Konzertreisen, die -über Dresden, Weimar, Kassel, Frankfurt bis Paris führten. Die Aufnahme -war überall enthusiastisch. In Weimar trug der greise Goethe das -Stuhlkissen eigenhändig für sie herbei und schenkte ihr beim Abschied -sein Brustbildmedaillon mit der Widmung: „Der geistreichen Klara -Wieck.“ Auch andere berühmte Männer: Spohr, Mendelssohn, Alexander von -Humboldt, Chopin, Herz und andere nahmen an ihr lebhaftes Interesse; -Schumann verehrte sie „wie der Pilgrim das ferne Altarbild“ und -stellte sie in eine Reihe mit Paganini. Über ihre äußere Erscheinung -giebt Heinrich Dorn folgende Nachricht: „Meine Klara (denn sowohl -von ihrem Vater, als von allen, die sie kannten, wurde sie nicht -anders genannt), war 1831 ein reizender Backfisch; zierliche Gestalt, -blühende Gesichtsfarbe, zarte, weiße Händchen, üppiges, schwarzes Haar, -kluge, glutvolle Augen; alles war an ihr appetitlich.“ Mit Robert, -„dem herrlichen, prächtigen Menschen,“ stand sie in geschwisterlichem -Verhältnis. „Klara,“ schreibt er seiner Mutter 1833, „die wie immer -innig an mir hängt, ist die alte -- wild und schwärmerisch -- rennt -und springt und spielt wie ein Kind und spricht wieder einmal die -tiefinnigsten Dinge. Es macht Freude, wie sich ihre Herzens- und -Geistesanlagen jetzt immer schneller, aber gleichsam Blatt für Blatt -entwickeln. Als wir neulich zusammen von Connewitz heimgingen (wir -machen fast täglich zwei- bis dreistündige Märsche), hörte ich, wie -sie für sich sagte: „O, wie glücklich bin ich, wie glücklich!“ Wer hört -das nicht gern! Auf demselben Wege stehen sehr unnütze Steine mitten im -Fußsteg. Wie es nun trifft, daß ich oft im Gespräche mit anderen mehr -auf- als niedersehe, geht sie immer hinter mir und zupft an jedem Stein -leise am Rock, daß ich ja nicht falle. Einstweilen fällt sie selbst -darüber.“ Bald darauf spricht Schumann dem Mädchen mit der Dedikation -der Impromptus die Hoffnung aus, „daß die Vereinigung unserer Namen -auf dem Titel eine unserer Ansichten und Ideen für spätere Zeiten sein -möchte. +Mehr bieten kann ich Armer nichts.+“ Während des Brautstandes -mit Ernestine verblaßte begreiflicherweise das Bild Klaras, die sich -obendrein meist auswärts auf Kunstreisen befand. Doch schon im Sommer -1835 schwebt ihm überall ihr „Engelskopf“ mitten unter Festen und -Freudenhimmeln vor. Täglich, ja stündlich fühlte er sich mehr zu -ihr hingezogen und während des folgenden Winters vollzog sich die -Umwandlung des bisher bloß freundschaftlichen Bundes in ein offenes -Liebesverhältnis. Klaras rege Beteiligung am Leipziger Musikleben, -welches damals durch die Ankunft Mendelssohns einen neuen, mächtigen -Aufschwung nahm, brachte sie fortwährend mit Robert in Berührung. Im -Februar 1836 endlich, kurz nach dem Tode seiner Mutter (gestorben -4. Februar) erscheint das förmliche „Sie“ im Briefwechsel durch das -vertraute „Du“ ersetzt, denn Schumann schreibt: „Vielleicht daß der -Vater die Hand nicht zurückzieht, wenn ich ihn um seinen Segen bitte. -Freilich giebt es da noch viel zu denken, auszugleichen. Indes vertraue -ich auf unseren guten Geist. Wir sind vom Schicksal schon füreinander -bestimmt: schon lange wußte ich das, aber mein Hoffen war nicht so -kühn, +dir+ es früher zu sagen und von dir verstanden zu werden.“ - -Nun war Vater Wieck unserem Künstler zwar aufrichtig gewogen und -hatte gern zur Verbreitung seiner Werke beigetragen, allein _in -puncto_ seiner Tochter verstand der alte, etwas fahrige Herr keinen -Spaß. Klara, sein Stolz, die sichtbare Verkörperung seiner illustren -Klaviermethode, schien ihm wahrlich zu Höherem bestimmt als die -Frau eines noch ziemlich unbekannten und unbemittelten Komponisten -abzugeben! Er wies die kühne Werbung rundweg ab und reiste, um eine -weitere Annäherung zu vereiteln, mit Klara auf der Stelle nach Breslau. -Doch gelang es Schumann, der als Redakteur der Musikzeitung überall -Verbindungen hatte, wenigstens geheimen Briefwechsel mit der Geliebten -zu pflegen. - -Sein nächstes Streben war jetzt auf die Gründung einer sicheren -Existenz gerichtet, denn die fünfhundert Thaler Rente, die er von -seinem väterlichen Erbteil bezog, reichten wohl hin ihn vor Not -und Sorge ums tägliche Brot, den treuen Gefährtinnen des deutschen -Musikers, zu schützen, aber nicht zum Unterhalt einer Familie. Durch -Verpflanzung der Zeitschrift nach Wien hoffte er ihre Einträglichkeit -um ein Bedeutendes zu steigern und betrieb deshalb in aller Stille aber -eifrig diese Angelegenheit. So schwand das Jahr unter viel Bekümmernis, -für die ihn nur der häufige Umgang mit Felix Mendelssohn einigermaßen -entschädigen konnte. Mendelssohn besaß, was Schumann am meisten -fehlte: musikalische Durchbildung, Weltgewandtheit, außerordentlichen -Formensinn und imponierte damit dem jüngeren Meister bis zu heller -Begeisterung. „Er ist der beste Musiker der Zeit, zu dem ich aufschaue -wie zu einem hohen Gebirge,“ ruft er aus, während der Schöpfer des -„Paulus“, dem Schumanns kostbares Gut, der Gehalt im Busen eigentlich -abging, mit der schönen Form im Geiste die künstlerische Bedeutung -des Freundes, so sehr er ihn als Menschen hochschätzte, nie begriffen -hat. Wehe aber, wenn sich jemand in Schumanns Gegenwart ein abfälliges -Urteil über Mendelssohns Musik erlaubte! Das konnte den sonst so -stillen, fast apathisch Scheinenden in die größte Erregung versetzen. -Übrigens bemerkt er selbst einmal ganz richtig: „In ähnlichen -Verhältnissen wie er (Mendelssohn) aufgewachsen, von Kindheit an zur -Musik bestimmt, würde ich euch samt und sonders überflügeln.“ - -Fast täglich trafen die beiden Meister am Mittagstische des Hotels de -Baviere zusammen. Außerdem gehörten noch Walther von Goethe, Frank, -David und Sterndale Benett zur Tafelrunde. Dem letzteren, der sich -damals längere Zeit in Leipzig aufhielt, sind die _Etudes symphoniques_ -(_op._ 13) gewidmet, höchst originelle Variationen, deren prächtiges -Finale mit dem beabsichtigten Anklang an ein englisches Volkslied -(„Wer ist der Ritter hochgeehrt?“) direkt an das Nationalgefühl -Benetts appelliert. Daneben vollendete Schumann noch ein _Concert sans -orchestre_ (_op._ 14, später Sonate III genannt) und die herrliche -+C-Durphantasie+ (_op._ 17) „eine tiefe Klage um Klara.“ Anfangs wollte -er sie, da ihr eventueller Ertrag für das in Bonn zu errichtende -Beethovendenkmal bestimmt war, „Obolus“ oder „Ruinen, Siegesbogen und -Sternenkranz“ betiteln, bis er sich später für „Große Sonate“ und -schließlich für das weit angemessenere „Phantasie“ entschied. Als Motto -trug das Werk den Schlegelschen Vers: „Durch alle Töne tönet im bunten -Erdenraum ein leiser Ton gezogen für den, der heimlich lauschet.“ - -Mit dem leisen Tone ist, wie aus einem Schumannschen Briefe hervorgeht, -Klara gemeint. Auf sie weisen uns denn auch die Kompositionen -des folgenden Jahres, die +Phantasiestücke+ (_op._ 12) und die -+Davidsbündlertänze+ (_op._ 6) hin, von welchen namentlich die erste -in der Kunstwelt Anerkennung und Liebe gefunden hat. In diesen -wunderbaren Stimmungsbildern entfaltet sich Schumanns Talent in seiner -ganzen Fülle und Eigentümlichkeit, mag er nun „des Abends“ schwärmen -oder seltsame „Traumeswirren“ schildern oder „Grillen“ nachjagen oder -die bedeutungsvolle Frage „Warum?“ an das Schicksal richten. Für das -gelungenste Stück hielt er selbst das fünfte „In der Nacht“, worin -er, als es bereits fertig war, die Geschichte von Hero und Leander zu -finden glaubte: „wie er sich ins Meer stürzt, sie ruft, er antwortet, -er durch die Wellen glücklich ans Land -- dann die Kantilene, wo sie -sich in den Armen haben -- dann, wie er wieder fort muß, sich nicht -trennen kann, bis die Nacht wieder alles in Dunkel hüllt.“ Mit Bezug -auf das Schlußstück: „Das Ende vom Lied“, schreibt Schumann an Klara: -„Ich dachte dabei, nun am Ende löst sich alles in eine lustige Hochzeit -auf, aber am Schluß kam wieder der Schmerz um dich dazu und da klingt -es wie Hochzeit- und Sterbegeläute untereinander.“ Ganz ähnlich lautet -eine Briefstelle über die Davidsbündlertänze, welchen als Motto der -alte Spruch: „In all und jeder Zeit verknüpft sich Lust und Leid; -bleibt fromm in Lust und seid dem Leid mit Mut bereit“ vorangesetzt -ist. „In den Tänzen,“ heißt es dort, „sind viele Hochzeitsgedanken -- -sie sind in der schönsten Erregung entstanden, wie ich mich nur je -besinnen kann; ein ganzer Polterabend nämlich ist die Geschichte und du -kannst dir Anfang und Schluß ausmalen. War ich je glücklich am Klavier, -so war es, als ich sie komponierte.“ - -Vergleicht man die angeführten Stellen miteinander, so ergeben -sich aus ihnen wertvolle Aufschlüsse über den Verlauf seines -Liebesromanes. Während zur Zeit der Komposition der Phantasiestücke -ihn noch bange Zweifel an dem guten Ausgang heimsuchen, sehen wir ihn -jetzt in ungetrübter Heiterkeit der Zukunft entgegenschauen. Klaras -unerschütterliche Treue war’s, die ihn vor gänzlicher Resignation -bewahrte, ja schließlich sogar mit solcher Zuversicht erfüllte, daß -er am 13. September 1837, ermutigt durch das freundliche Benehmen des -Vaters, um ihre Hand nochmals anzuhalten wagte. Wieck hatte schon -vermeint, daß die Leidenschaft der beiden Liebenden, die sich auf -stillschweigendes Übereinkommen hin über ein Jahr nicht gesehen, durch -die Trennung erkalten werde und mußte nun zu seinem Ärger gewahren, -daß die Flamme heller brenne wie zuvor. Überrascht und außer Stande -begründeten Einwand zu erheben, gab er bloß unklare, ausweichende -Antwort. Er spielte auf Schumanns ungeregelte Verhältnisse an: dieser -schränkte sich auf das Äußerste ein. Er ließ verlauten, daß Schumann -noch mehr verdienen müsse. Dieser nahm, obgleich die Zeitschrift auch -so prosperierte, seinen alten Plan, die Übersiedelung nach Wien, -energisch wieder auf, besonders als Klara dortselbst im Dezember große -Triumphe gefeiert hatte. Die Unterhandlungen mit Wiener Freunden des -Blattes (Vesque von Püttlingen und Joseph Fischhof) zogen sich hin -bis zum Herbst des folgenden Jahres, und Schumann schrieb in dieser -Zeit drei seiner vorzüglichsten Werke: +Die Novelletten+ (_op._ 21), -die man als Nachklang der Phantasiestücke betrachten kann, ferner die -+Kreisleriana+ (_op._ 16) und +Kinderscenen+ (_op._ 15). - -Jene geben sich, wie ja die Überschrift sagt, als Schöpfungen -des berühmten romantischen Musikus Kreisler, mit welchem sich -Schumann hier identifiziert. Man kennt diese originelle Gestalt -T. A. Hoffmanns, deren excentrisches Wesen und Gebaren durch -atemversetzende Synkopenketten sehr zutreffend charakterisiert wird, -aus „Kater Murr“ (Universal-Bibliothek Nr. 153-156). Von einer neuen, -überaus liebenswürdigen Seite zeigt sich Schumanns Genius in den -„Kinderscenen“. Mit welcher Feinheit, bemerkt Liszt, läßt er die -verschiedensten Jugendeindrücke aufeinander folgen! Wie harmonisch -verteilt er Licht und Schatten im Fortschreiten von Begebenheiten im -äußeren Leben des Kindes zur Schilderung seiner Innerlichkeit! Und -- -um nur bei einem allgemein bekannten Werk einen Augenblick zu verweilen --- wie glücklich ist die Aufeinanderfolge der Stücke! Glaubt man doch -bei der Erzählung „von fremden Ländern und Menschen“ die aufhorchenden -blonden Kinderköpfchen starr nach dem Munde des Erzählers gerichtet -zu sehen, bis die „kuriose Geschichte“ ihre erregte Phantasie wieder -in das umgebende Leben zurückführt, wo dann mit dem „Haschemann“ der -Übergang zum Tummeln und Spielen gemacht wird. Da ist aber ein Kind, -dessen Gedanken schon in die Ferne, nach dem Unmöglichen schweifen, -das Freude auf Freude, Spiel auf Spiel häufen möchte. Dem bittenden -Kinde antwortet man mit weisem, sanftem Vorwurf: „Glückes genug.“ So -müssen die kaum sich entfaltenden Seelen schon das schwere Wort von -der irdischen Unzulänglichkeit begreifen lernen. Doch dem innigen -Sittenspruch folgt eine „wichtige Begebenheit“. Da wenden sich die -jungen Gemüter von dem Betrübtsein, das selbst der leiseste Vorwurf -ihnen bringt, zu den wechselnden Vorfällen der Wirklichkeit, in denen -wieder für einige der Hauptreiz darin liegt, daß sie zu schwärmerischem -Nachsinnen, zu „Träumereien“ führen, denen man nirgends besser als „am -Kamin“ nachhängen kann. Dort beginnen wieder wunderbare Geschichten -voll merkwürdiger Ereignisse, wie der „Ritter vom Steckenpferd“ -oder voll Grausens, wenn sie „fast zu ernst“ werden oder „fürchten -machen“. Nun aber senkt sich das friedlichste und liebenswürdigste -der Gespenster, der Sandmann, über die von wirren Bildern des Tages -ermüdeten Augen des „einschlummernden Kindes“ und „der Dichter -spricht.“ Er spricht zu den Ruhenden und giebt seinen Segen all -den kleinen Ereignissen des Tages, deren Bedeutung sein denkender -Geist erhöht; denn im symbolischen Spiegel zeigen sie die großen -Begebenheiten des reiferen Lebens, wie sie oft in derselben Folge von -denselben Eindrücken angeregt erscheinen. - -Anfang Oktober 1838 reiste Schumann, nachdem an seiner Statt Oswald -Lorenz die Leitung der Redaktionsgeschäfte übernommen hatte, selbst -nach der Donaustadt, um sowohl mit den Behörden und Verlegern die -nötigen Unterhandlungen zu pflegen, als auch um das Publikum ein wenig -kennen zu lernen. Allein schon nach den ersten Tagen sah er sich in -seinen Hoffnungen gründlich getäuscht; der heilige Boden, auf welchem -die größten deutschen Tondichter einstens gewandelt, war jetzt der -Tummelplatz italienischen Opernklingklangs und ausgelassener Tanzmusik. -Man wird den künstlerischen Niedergang Wiens wohl am treffendsten -seit dem Falle der Euryanthe (Oktober 1823) datieren, da von diesem -Zeitpunkte an die Freunde deutscher Kunst, eingeschüchtert und -uneins den fanatischen Parteigängern Rossinis das Feld ganz und gar -überließen. Bald nach seiner Ankunft schon bekennt Schumann, „ich passe -nicht unter diesen Schlag Menschen; hinge es von mir ab, morgen ging -ich nach Leipzig zurück; die Zeitung verliert offenbar, wenn sie hier -erscheinen muß;“ ja, nicht einmal das Erscheinen des Blattes sollte er -durchsetzen können, da man ihm als Ausländer die Bedingung stellte, daß -ein österreichischer Verleger an die Spitze des Unternehmens trete, die -Wiener Buchhändlerfirmen aber davon nichts wissen wollten, weil sie -für ihren Strauß, Proch u. s. w. von der „revolutionären“ Zeitschrift -fürchteten. In den landesüblichen, lobhudelnden Recensententon mit -einzustimmen und dadurch in den Augen Norddeutschlands feige, matt -und verändert zu gelten, dazu war Schumann natürlicherweise nicht zu -bewegen. Von der Aussichtslosigkeit seines Vorhabens völlig überzeugt, -kehrte er im Frühjahr 1839 schweren Herzens nach Sachsen zurück. So -ganz fruchtlos sollte übrigens der Wiener Aufenthalt für die Kunst -nicht gewesen sein, denn eine Anzahl reizender Klavierwerke ist damals -teils neu entstanden, teils vollends ausgeführt worden und zwar -folgende: +Scherzo, Gigue und Romanze+ (_op._ 32), +Arabeske+ (_op._ -18), +Blumenstück+ (_op._ 19), +Humoreske+ (_op._ 20), +Nachtstücke+ -(_op._ 23), +Faschingsschwank+ (_op._ 26). Von diesen erfordern nur die -beiden letztgenannten einige Bemerkungen. Im Faschingsschwank, der in -Wien erschienen ist, macht sich nämlich Schumann den Spaß, der hohen -Censur ein Schnippchen zu schlagen, indem er recht unschuldig mitten -unter allerlei Tanzmotiven plötzlich die in Wien streng verbotene -Marseillaise anklingen läßt. Die Nachtstücke hingegen sind darum -merkwürdig, weil sich in ihnen die ersten Spuren einer beginnenden -Gemütsverdüsterung zeigen. „Es kommt darin,“ schreibt er, „eine Stelle -vor, auf die ich immer zurückkomme; da ist, als seufzte jemand recht -aus schwerem Herzen: „Ach Gott.“ Ich sah bei der Komposition immer -Leichenzüge, Särge, unglückliche, verzweifelte Menschen und als ich -lange nach einem Titel suchte, kam ich immer auf den: Leichenphantasie. -Beim Komponieren war ich auch oft so angegriffen, daß mir die Thränen -herankamen und wußte doch nicht warum. Da kam Theresens (seiner -Schwägerin) Brief und nun stand es klar vor mir. Bruder Eduard lag im -Sterben.“ - -Solche melancholische Stimmungen verflogen indessen rasch in dem -buntfarbigen, regsamen Wiener Leben. Auch an erhebenden Momenten fehlte -es nicht, wozu man den freundschaftlichen Verkehr mit Mozarts Sohne und -den Besuch der Grabstätten der großen Tonmeister zählen muß. Auf dem -Heimwege vom Währinger Kirchhof war’s, da fiel ihm ein, daß Schuberts -Bruder Ferdinand ja noch lebe. Er suchte denselben auf, durchwühlte -den Nachlaß des früh Verblichenen und entdeckte darin zu seiner -Freude die große C-Dursymphonie, welche sogleich an Mendelssohn zur -Aufführung übersendet wurde. Auch gelang es ihm, Breitkopf und Härtel -zur Drucklegung des bedeutenden Werkes zu bewegen. Ausführliches über -die denkwürdige Episode findet man im dritten Band seiner „Gesammelten -Werke“ (Universal-Bibliothek, Nr. 2621 u. 2622). - -Nach Leipzig zurückgekehrt, widmete sich Schumann mit allen Kräften -der Zeitung, die ihn nach der langen Abwesenheit „wieder so jugendlich -anlachte“ wie in den Tagen ihrer Gründung. In richtiger Erkenntnis, -daß ihm nur die Vereinigung mit der Geliebten den zu freiem Schaffen -unentbehrlichen Seelenfrieden verleihen könne, hielt er sodann im -Sommer 1839 zum drittenmale bei Wieck um Klara an. Der alte Starrkopf -aber weigerte sich so hartnäckig, daß dem liebenden Paare kein -anderer Ausweg übrig blieb, als den Heiratskonsens gerichtlich zu -erzwingen. Wie peinlich mußte diese Notwendigkeit unseres Künstlers -stille, empfindsame Natur berühren, zumal da Wieck in seiner Wut alle -Haltung verlor und sich nicht scheute, eine Schmähschrift gegen den -Bräutigam seiner Tochter zu veröffentlichen! Komponiert wurde in dieser -aufgeregten Zeit nur wenig: +drei Romanzen für Klavier+ (_op._ 23). -Klara, die in bitterem Kampf zwischen Liebe und Kindespflicht für -Robert entschieden hatte, verließ jetzt den Vater und begab sich zu -ihrer Mutter, Wiecks erster geschiedener Gattin nach Berlin. - -Der gerichtliche Entscheid, dessen Ausfall übrigens nicht zweifelhaft -sein konnte, ließ lange auf sich warten. Inzwischen kam das Jahr 1840, -zu dessen Beginne sich Schumann durch seinen Freund Keferstein an -der Universität Jena um den Doktortitel bewarb. Derselbe wurde ihm -auch wirklich in Anbetracht seiner künstlerischen, kritischen und -ästhetischen Thätigkeit _honoris causa_ verliehen. Bald darauf hatte -der neugebackene Doktor die Freude, seinen verständnisvollen Beurteiler -in der _Gazette musicale_ (vergl. S. 33), Liszt, der eben in Leipzig -konzertierte, von Angesicht kennen zu lernen. Der geniale König des -Klaviers machte auf Schumann einen tiefen Eindruck. „Liszt erscheint -mir alle Tage gewaltiger,“ schreibt er, „ich bin mit ihm fast den -ganzen Tag beisammen. Er sagte mir gestern, mir ist’s, als kennte ich -Sie schon zwanzig Jahre -- mir geht’s auch so. Wir sind schon recht -grob gegeneinander... Wie er doch außerordentlich spielt und kühn und -toll und wieder zart und duftig, daß wir alle zitterten und jubelten!“ -Das waren ein paar schön verlebte Tage in dieser schmerzlichen Zeit des -Harrens und der Ungeduld. - -Endlich, im Sommer, traf der ersehnte Heiratskonsens ein und nun stand -der ehelichen Verbindung der Vielgeprüften kein Hindernis mehr im Wege. -Am 12. September traute sie Pfarrer Wildenhahn, ein Schulkamerad -Roberts, in aller Stille in Schönefeld, einem Dorfe bei Leipzig. - -Keine glücklichere, keine harmonischere Vereinigung -- sagt Liszt schön -und treffend -- war in der Kunstwelt denkbar als die des erfindenden -Mannes mit der ausführenden Gattin, des die Idee repräsentierenden -Komponisten mit der ihre Verwirklichung vertretenden Virtuosin. Robert -und Klara Schumann reihen sich in den Sagen der Kunst den glänzenden -Beispielen von dem schönen Walten der Natur ein, welche diese beiden -Künstler und Liebenden, die auf Erden nur in und durch sich glücklich -werden konnten, nicht durch Zeit und Raum trennte, sondern ihnen zu -günstiger Stunde in gemeinsamem Vaterlande das Leben gab, damit sie -sich begegnen, ihre Geschicke in einem Strome vereinigen, ihre Herzen -in ein Meer gemeinsamer, tiefer Anschauungen versenken konnten. Die -Annalen der Kunst werden beider Gedächtnis in keiner Beziehung trennen -und ihre Namen nicht vereinzelt nennen können, die Zukunft wird mit -+einem+ goldenen Schein beide Häupter umweben, über beiden Stirnen -nur +einen+ Stern erglänzen lassen, wie auch ein berühmter Bildner -(Rietschel) die Profile des unsterblichen Paares schon in einem -Medaillon vereinigt hat. - - - - -5. Die Lieder. - - Lenzes Gebot, die süße Not, - Die legten’s ihm in die Brust, - Nun sang er, wie er mußt. - - +Wagner.+ - - -„Ich schreibe jetzt nur Gesangssachen, großes und kleines, auch -Männerquartette. Kaum kann ich Ihnen sagen, welcher Genuß es ist, für -die Stimmen zu schreiben, im Verhältnis zur Instrumentalkomposition -und wie das in mir wogt und tobt, wenn ich in der Arbeit sitze. Da -sind mir ganz neue Dinge aufgegangen,“ berichtet ein Brief vom 19. -Februar 1840 an Keferstein. Wirklich hat Schumann in diesem Jahre, -das man darum auch das „Liederjahr“ zu nennen pflegt, ausschließlich -Vokalwerke geschaffen, und zwar so schöne, so vollendete, daß -sie noch gegenwärtig als unübertroffene Muster dastehen und den -Gipfelpunkt der ganzen Kunstform in Deutschland bedeuten. Gleichwie -einst Beethoven im Schlußsatze der neunten Symphonie das Wort zu -Hilfe nehmen mußte, um jene Deutlichkeit des Ausdruckes zu erzielen, -welche der Instrumentalmusik allein versagt ist, so drängte, _si -licet parva componere magnis_, unseren Meister, nachdem er in seinen -scharf charakterisierenden Klavierstücken die äußerste Grenze rein -musikalischen Ausdrucksvermögens berührt hatte, die Kraft des -Empfindens, welche durch das reiche Liebesglück dieses Jahres zu -höchster Gewalt gesteigert worden war, am Ende auch zur menschlichen -Sprache hin. Der äußere Anlaß, der Schumann bewog, von dem bisher -kultivierten Felde der Klavierkomposition auf das vokale Gebiet -überzutreten, ist nicht recht bekannt. Noch im Sommer 1839 schrieb er -an Hirschbach: „Komponieren Sie doch mehr für Gesang, oder sind Sie -vielleicht wie ich, der ich Gesangskompositionen, so lange ich lebe, -unter die Instrumentalmusik gesetzt habe und nie für eine große Kunst -gehalten? Doch sagen Sie niemandem davon.“ Vielleicht hat der rege -Briefwechsel mit dem Liederkomponisten Koßmaly die erste Anregung -gegeben. - -Damit wir Schumanns hohe Verdienste um das deutsche Lied nicht -unrichtig bemessen, dürfen wir bei ihrer Würdigung sein künstlerisches -Verhältnis zu Schubert nie aus dem Auge verlieren. Daß der Fortschritt -des Schöpfers der „Winterreise“ seinen Vorgängern gegenüber größer -sei, als der Fortschritt von ihm zu Schumann, wird kein Einsichtiger -bestreiten wollen. Auch entspringen manche Vorzüge des Schumannschen -Liedes nicht etwa einer -- in diesen Punkten wenigstens überlegenen -Begabung, als vielmehr äußeren, zufälligen Umständen. Nirgends -erwachte z. B. der Sinn für Sprachreinheit und Sprachrichtigkeit so -spät wie in Österreich. Nicht lange vor Mozarts Tode gestand der -österreichische Dichter Alxinger, daß er mit eiserner Geduld fast jedes -Wort in einem Lexikon nachschlagen müsse, ehe er es niederzuschreiben -wage und bewunderungswürdig erscheinen unter solchen Verhältnissen -die so häufigen Offenbarungen feineren Sprachgefühls bei ungebildeten -Musikern wie Mozart oder Schubert. Man darf nicht zweifeln, daß diese -Meister, durch irgend einen Zufall in frühester Kindheit aus der -Heimat etwa nach Sachsen verschlagen und daselbst an einem Gymnasium -erzogen, den Neueren an sorgfältiger Beachtung des Sprachaccentes und -an packender Wahrheit des Ausdrucks keineswegs nachstehen würden und -ähnlich verhält es sich mit der Wahl der Gedichte. Schubert mußte -noch komponieren, was ihm gerade zu Händen kam; Schumann hingegen -vermochte, dank seinen ausgebreiteten litterarischen Kenntnissen frei -aus dem unerschöpflichen Born deutscher Lyrik zu wählen, was ihm der -Komposition würdig und fähig schien. „Weshalb nach mittelmäßigen -Gedichten greifen, was sich dann immer an der Musik rächen muß? -Einen Kranz von Musik um ein wahres Dichterhaupt schlingen -- nichts -Schöneres. Aber ihn an ein Alltagsgesicht verschwenden, wozu die -Mühe?“ Am häufigsten hat Schumann Rückert und Heine komponiert, welche -durch mehr als vierzig Stücke vertreten sind; dann folgen Goethe (24), -Eichendorff (22), Burns (19), Justinus Kerner (17), A. v. Chamisso -(14), E. Geibel, Elisabeth Kulmann, Hoffmann von Fallersleben (11), -Uhland, Robert Reinick (10), Nikolaus Lenau, Möricke (9), Lord Byron -(6), Friedrich Hebbel, Andersen (5). Vereinzelt erscheinen Moore, -Mosen, Platen, Zedtlitz, Schiller, Halm, Anastasius Grün, Klopstock, -Shakespeare, Immermann u. a. Das ergiebt, wenn noch einige Texte -altdeutscher oder spanischer Herkunft mit eingerechnet werden, an -dreihundert Gesangsstücke, von welchen die Hälfte allein auf das Jahr -1840 fällt; vier Hefte mehrstimmiger Gesänge (_op._ 29, 33, 34, 43) und -die doppelte Anzahl mit Sololiedern, nämlich: +Liederkreis von Heine+ -(_op._ 24), +Myrthen+ (_op._ 25).[3] +Zwölf Gedichte von Justinus -Kerner+ (_op._ 35). +Sechs Gedichte von Robert Reinick+ (_op._ 36). -+Liederkreis von Eichendorff+ (_op._ 39). +Frauenliebe und Leben von -Chamisso+ (_op._ 42). +Zwölf Gedichte aus Rückerts Liebesfrühling+ -(_op._ 37). +Fünf Lieder+ (Andersen zugeeignet, _op._ 40) und -+Dichterliebe von Heine+ (_op._ 48). Das ist viel, sehr viel und reicht -doch nicht heran an Schuberts erstaunliche Fruchtbarkeit, zumal, wenn -man die kurze Lebenszeit dieses Meisters mit in Betracht zieht. - -Schon die obigen Daten lassen erkennen, daß Schumanns Lied auf der -romantischen Lyrik beruht, während Schubert sich, wie man weiß, von -Goethes Muse angezogen fühlte. Zwar hat Schumann auch und öfter -Goethesche Gedichte in Musik gesetzt, doch bezeichnenderweise meist -solche aus dem Divan (Myrthen) und Wilhelm Meister (_op._ 98), die -eine Neigung zur Romantik zeigen. Übrigens gehören sie nicht zu seinen -vorzüglichsten Leistungen, vielmehr wird uns die ganze Innigkeit seines -Herzens gerade bei der Komposition jüngerer Liederblüten enthüllt. -Ein Übel freilich haftet diesen modernen „Vertonungen“ immer an. -Gedichte, die fast kaum für den laut gesprochenen Vortrag, sondern -bloß für die stumme Lektüre bestimmt sind, werden in einer Weise -in Musik gesetzt, daß sie, gesungen, dem eigenen Dichter als etwas -ihm Wildfremdes vorkommen müssen. Bei einem Gedichte, welches als -Litteraturgedicht bereits vollkommen der Absicht des Poeten genügte und -somit eine musikalische Ausführung gar nicht aus sich bedang, kann die -musikalische Komposition natürlich auch bloß wiederum ein besonderes -Gedicht des Musikers sein, das mit dem Wortgedichte einen oft ganz -willkürlichen oder nur allgemeinen Gefühlszusammenhang hat. (Wagner.) -Die Fälle, in denen es thatsächlich zur vollen Übereinstimmung zwischen -Text und Komposition kommt, sind ziemlich selten, sogar bei den -Meistern dieser Kunstform. Auch Schumann gelang sie nur einigemale, am -schönsten wohl in dem herrlichen Cyklus „Frauenliebe und Leben“; sonst, -z. B. bei den -- im übrigen entzückend gesetzten -- Eichendorffschen -Liedern, kann er bloß einzelnen hervorstechenden Eigentümlichkeiten, -dem Verschwimmenden, in Duft sich Auflösenden gerecht werden, indessen -manch feiner Zug dieser Poesien verloren geht. Wieder anders verhält es -sich mit Fr. Rückert. Seine Verse gewinnen im Schlepptau einer schönen -Melodie („Du meine Seele, du mein Herz“), welche über die häufigen -trivialen Wendungen hinwegtäuscht; bei sorgfältiger Deklamation -aber treten die Mängel seiner bunt schillernden, stimmungsarmen -Lieder deutlich zu Tage. Bei Kerner, Burns, Reinick trifft Schumann -sehr glücklich den Volkston (Wohlauf noch getrunken, Erstes Grün; --- Das Hochlandsmädchen, Mich zieht es nach dem Dörfchen hin; -- -O Sonnenschein, Ständchen), oft aber sucht er, wie insbesondere -bei Reinick, diese anspruchslosen Gedichte tiefer aufzufassen, -wodurch ein fühlbares Mißverhältnis zwischen dem naiven Text und der -reflektierenden musikalischen Wiedergabe entstanden ist. - -Mit Heinrich Heine hat’s eine eigene Bewandtnis. Sangen einst die -Romantiker gern von wandernden Musikanten, die mit lustigem Spiel -alles Volk zu Tanz und Freude bewegen, während schneidendes Weh in -ihrem Herzen haust, so macht sich der ungezogene Liebling der Grazien -den Spaß, das ganze Verhältnis einfach umzukehren. Er thut, als sei -er unsagbar traurig, an Leib und Seele elend aus Liebesgram, bis dem -vertrauensseligen Leser die Thränen der Rührung über die Backen laufen, -indessen der Schalk sein heimlich Gaudium hat. Unter der ungeheueren -Schar der Angeführten sieht man neben sehr vielen Ästhetikprofessoren -und Litteraturhistorikern auch unsere harmlosen Liederkomponisten -der Reihe nach figurieren. Sie merkten den Ulk nur stellenweise, da -wo Heine selbst den täuschenden Schleier mit einem plötzlichen Witze -zerschleißt: daß ja die +ganze+ Dichtung ein genial durchgeführter -Witz sei, ist keinem aufgegangen. Damit soll der Wert z. B. der -Schumannschen Heinelieder nicht geschmälert sein, sondern bloß dem -verbreiteten Irrtum begegnet werden, als habe Schumann den Geist der -Heineschen Lyrik mit großer Treue bewahrt. Das ist ganz unmöglich, -denn die Musik, die wahrste von allen Künsten, wäre gar nicht -imstande, ironische Stimmungen auszudrücken. Unser Meister nahm also -diese Lügenpoesie gläubig hin als das, was sie schien, strebte ihren -(absichtlich) übertriebenen Klagen durch Erschöpfung des musikalischen -Ausdrucksvermögens zu entsprechen, so daß sie schließlich gar, -gleichsam wiedergeboren aus dem Schoße der Tonkunst, als echte und edle -Gebilde jedes Herz bezaubern und entzücken. - -Mit der Verschiedenheit der Texte hängt es auch zusammen, daß dem -Klavierpart bei Schumann eine viel bedeutendere Rolle zugeteilt -ist, als bei Schubert. Die pointenreiche, komplizierte, moderne -Lyrik läßt sich in all ihren feinen Details durch die Singstimme -gar nicht erschöpfen; hier tritt unterstützend und ergänzend der -Klavierpart hinzu und verschmilzt mit der Gesangsmelodie, welche ohne -ihn oft gar nicht als Melodie verstanden werden könnte, zu +einem+ -unauflöslichen Ganzen. Bald weckt er vor dem Eintritt des Gesanges -im Hörer die erwünschte Stimmung, bald spinnt er die, in den letzten -Worten des Gedichtes angeregten Gedanken weiter fort, nicht selten -führt er sogar die Gesangsmelodie, die manchmal gar nicht über dem -Dreiklang der Tonart endigt und gleichsam abgebrochen scheint, erst -zum befriedigenden Abschluß. In diesen Nachspielen liegt nicht zum -mindesten die Schönheit Schumannscher Lieder. Wie sinnig schlägt er, -um nur ein berühmt gewordenes Beispiel anzuführen, am Ende des Cyklus -„Frauenliebe und Leben“, die Töne des ersten Liedes „Seit ich ihn -gesehen“, wieder an, als verliere sich die Witwe in Erinnerung an ihr -zerronnenes Liebesglück! - -Daß die reich ausgestattete Klavierbegleitung die Singstimme -beeinträchtigt, ist ein nur teilweise berechtigter Vorwurf. Es ist -wahr, scharfgezeichnete melodische Linien finden sich bei ihm nicht -so häufig wie z. B. bei Schubert. Soll eine traumhaft schwankende -Empfindung dargestellt werden, so kommt der Gesang über einzelne -Melodienknospen, deren volles Erblühen man vergebens erwartet, nicht -hinaus, er bleibt zuweilen bloß musikalische Deklamation, und die -Begleitung wird die eigentliche Trägerin des poetischen Gedankens. -Anderseits aber weiß Schumann, wo die Singstimme den einfachen Gehalt -eines Liedes erschöpfen kann, mit der Begleitung auch zu sparen und -sich mit wenigen charakteristischen Accorden zu begnügen. Wenn er den -Sänger oft in unbequeme Lagen, zu weiten Sprüngen und dergleichen -zwingt, so muß man das seinem Streben nach möglichst prägnantem -Ausdruck schon zu gute halten. Ein Kunstwerk ist eben keine Schuletüde, -es fordert vom Ausführenden gesteigerte, nicht bloß gewohnhafte -Bethätigung des erworbenen Könnens. Sehr richtig bemerkt da Ehlert,[4] -daß es sich nicht darum handle, „für die Stimme möglichst bequem -zu schreiben, sondern darum, eine poetische Empfindung musikalisch -auszudrücken, natürlich nur so weit, als dies ohne offene Verletzung -der gesanglichen Rücksichten möglich ist...“ Wer beim Komponieren -eines Liedes ans Atemholen denkt, der kann alles sein, nur kein Poet. -Das Schumannsche Lied nimmt eine ganz besondere Stellung ein. Die -Vertiefung in den poetischen Lokalton des Gedichtes durch Schubert -schon in hohem Maße ausgebildet, wird von ihm bis zur erstaunlichen -Gewißheit des Selbsterlebten geführt. Wie wenig Mittel oft dazu -gehören, ersehe man aus „In der Fremde“ (_op._ 39, Nr. 1), wo die -scheinbar einfachste, accordliche Bewegung die „schöne Waldeinsamkeit,“ -in der den Sänger „keiner mehr kennt,“ mit bebender Handgreiflichkeit -zeichnet, oder aus der „Mondnacht“ (ebenda Nr. 5), wo wenige Stimmen -der Begleitung das „es war als hätte der Himmel die Erde still -geküßt“, so -- ich kann nur wiederholen -- erlebt malen, daß jeder es -fühlt, hier spannt ein Dichter im Mondlicht und Blütenschimmer „weit -seine Flügel aus.“ Namentlich alles Träumerische, Weiche, Verschämte -hat niemals durch einen anderen Musiker einen treffenderen Ausdruck -erfahren. Nie vielleicht wohnte in einem Manne so viel dichterisches -Erröten über die Rätsel seiner Bestimmung wie in ihm. Sein eigentlicher -Ausdruck in dieser Liederzeit war das Jünglingshafte mit seinem -dunkelscheuen Kraftgefühl, seinem morgenrötlichen Schimmer und seiner -Frühlingsschwermut. - -Es erübrigt nur noch zu erwähnen, daß sich Schumann 1840 auch in der -Ballade versuchte und darin mit ihrem unübertrefflichen Meister, -Carl Löwe,[5] nicht unrühmlich um den Preis rang. +Belsazar+ von -Heine (_op._ 57), je drei balladenmäßige +Gesänge+ von +Geibel+ und -+Chamisso+ (_op._ 30 der Hidalgo, _op._ 31 die Löwenbraut, _op._ 32 -die Kartenlegerin) und drei Hefte +Balladen+ und +Romanzen+ (_op._ -45, 49 die beiden Grenadiere), die feindlichen Brüder; (_op._ 53 -der arme Peter), denen später noch ein viertes (_op._ 64 Tragödie) -folgte, stammen noch aus dem Liederjahr; _op._ 87, der +Handschuh+ -von Schiller, aus 1849. Doch liegt die Bedeutung Schumanns als -Vokalkomponist nicht gerade in diesen, wenn auch wertvollen Werken, -sondern vor allem in seinen Liedern, welche bei ihrem Erscheinen -freilich mißachtet und verkannt worden sind. Um so mehr freute -Schumann das Dankgedicht Friedrich Rückerts für die Komposition des -„Liebesfrühlings“, an welcher auch Klara mit drei Liedern (2, 4, 11) -beteiligt war. Es lautet: - - -An Robert und Klara Schumann. - - Lang ist’s, lang - Seit ich meinen Liebesfrühling sang; - Aus Herzensdrang, - Wie er entsprang, - Verklang in Einsamkeit der Klang. - - Zwanzig Jahr - Wurden’s, da hört ich hier und dar - Der Vogelschar - Einen, der klar - Pfiff einen Ton, der dorther war. - - Und nun gar - Kommt im einundzwanzigsten Jahr - Ein Vogelpaar, - Macht erst mir klar, - Daß nicht ein Ton verloren war. - - Meine Lieder - Singt ihr wieder, - Mein Empfinden - Klingt ihr wieder, - Mein Gefühl - Beschwingt ihr wieder, - Meinen Frühling - Bringt ihr wieder; - Mich, wie schön - Verjüngt ihr wieder; - Nehmt meinen Dank, wenn auch die Welt - Wie mir einst, ihren vorenthält. - -Heutzutage ist ganz Deutschland über den Wert der Schumannschen Lieder, -dieser echten Kinder des Frühlings und des Glückes einig geworden und -schätzt sie als Perlen musikalischer Lyrik, von welchen ihr Schöpfer -mit Recht behaupten durfte: „Ich getraue mir nicht mehr leisten zu -können und bin auch zufrieden damit.“ Jawohl, zufrieden! - - - [3] Enthält Gedichte verschiedener Poeten: Byron, Moore, Burns, - Rückert, Heine, Mosen und Goethe. - - [4] Aus der Tonwelt. (Essays, Berlin 1882, 2. Aufl.) R. Schumann und - seine Schule, S. 221 ff. - - [5] Von Schumanns Wertschätzung Löwes giebt die folgende Stelle aus - einem Aufsatz im Leipziger Tageblatt (1835) ein schönes Zeugnis: - „Sollten wir irgend einen lebenden Komponisten anführen, der - vom Beginne seiner künstlerischen Laufbahn bis zum jetzigen - Augenblicke deutschen Geist und deutsches Gemüt beurkundet und es - im Zartesten wie im Wildesten, in der Sprache der ersten Liebe, - wie im Ausbruche des tiefsten Zornes ausgesprochen hätte, so - müßten wir Löwe nennen.“ - - - - -6. Wollen und Wagen. - - -Wir sahen, wie der bittere Kampf um Klara die herrlichen Kräfte des -Schumannschen Genius zur Entfaltung brachte; jetzt betrachten wir auch -die Wunden, die er davontrug, Wunden, die nie wieder verharschten, aus -denen langsam sein edelstes Herzblut verrann, bis die Nacht des Todes -den völlig Erschöpften in ihre Arme schloß und von qualvollem Siechtum -erlöste. Zu diesem Behufe muß aber noch einmal auf jene Zeit des -Ringens zurückgegangen werden. - -Seit der zweiten Werbung um seine Tochter hatte Vater Wieck einen -tiefen Ingrimm gegen den aufdringlichen Schwiegersohn gefaßt und keine -Gelegenheit versäumt, Robert, insbesondere aber dessen künstlerisches -Schaffen, herabzusetzen und diese Äußerungen kamen dem Betroffenen alle -zu Ohren. Er schalt ihn phlegmatisch („Fismollsonate und phlegmatisch! -Liebe zu einem solchen Mädchen und phlegmatisch!“ bemerkt Schumann -dazu), spottete, daß seine Kompositionen niemand kaufe und fragte -höhnisch, wo denn sein Freischütz und sein Don Juan wären? Solche -Reden stachelten in Robert den vom Vater überkommenen Ehrgeiz auf. -„Mir ist immer,“ schreibt er (1840), „als hätte ich doch, z. B. gegen -Mendelssohn noch nicht genug auf der Welt geleistet und das drängt und -peinigt mich manchmal.“ (Vgl. damit S. 37.) Auch der Einfluß seines -Zeitalters, des jungen Europa, dessen Geistesprodukte insgesamt mehr -dem Streben nach öffentlicher Auszeichnung als wahrem Schaffensdrang -ihr Entstehen verdanken, darf nicht unterschätzt werden. Dazu kam -jetzt gar seine Stellung als Gatte, später auch als Vater, so daß -eine Reihe von Umständen zusammentraf, die Schumann veranlaßten, das -Feld seiner künstlerischen Thätigkeit zu erweitern. „+Sonst+“, lautet -charakteristisch genug sein Bekenntnis, „galt mir gleich, ob man sich -um mich bekümmere oder nicht. Hat man Frau und Kinder, so wird das ganz -anders. Man muß ja an die Zukunft denken, man will auch die Früchte -seiner Arbeit sehen, nicht die künstlerischen, sondern die prosaischen, -die zum Leben gehören und diese bringt und vermehrt nur der +größere -Ruf+.“ „Wenden Sie sich,“ rät er Koßmaly, „ganz zur größeren -Orchestermusik, das macht Namen und flößt den Verlegern Respekt ein. -Schreiben Sie größere Stücke: Symphonien, Opern. Mit Kleinem ist schwer -durchdringen.“ - -Gerade in diesem „Kleinen“ aber war Schumann groß. Er war Genremaler -in der Musik, wie sein geliebter Jean Paul es in der Poesie gewesen. -In knappen Formen, auf engem Raume Vieles und Bedeutendes zu sagen, -darin bestand seine eigentümliche Meisterschaft. Doch das schien ihm -jetzt allzu gering: der Gatte der ruhmbedeckten Klara mußte „Größeres“ -zu Werke bringen! Hatte er einst mit einem Citat aus Wilhelm Meister -die deutschen Künstler gewarnt, das Bette ihres Talentes nicht -zu überschreiten, so verkündete er jetzt mit lauter Stimme: das -unterscheide eben die deutschen Musiker von Italienern und Franzosen, -das habe sie groß gemacht, daß sie in allen Gattungen sich versuchten. -„Wenn wir daher,“ fährt er fort, „einige Pariser Opernkomponisten große -Künstler genannt finden, so möchten wir erst fragen: wo sind denn -eure Symphonien, eure Quartette, eure Psalmen u. s. w.?“ In dieser -Meinung begann er denn auch alle möglichen Gattungen zu kultivieren, -Symphonien, Quartette, Oratorien, Opern u. s. w. -- all einerlei. - -Daß ihm der erste Versuch das Feld seiner Künstlerschaft zu verlassen, -die Liederkomposition, so überraschend gelungen war, trug wohl dazu -bei, Schumann über den Umfang seiner Begabung zu täuschen. Allein in -Wirklichkeit hatte er mit diesem ersten Versuche die ihm gesteckten -Grenzen noch gar nicht überschritten. Schumann war eine eminent -+lyrische Natur+, das wird gerade an seinen Liedern klar, in denen er -vor allem die entsprechende Stimmung wiedergiebt, während Schubert -mehr auf dramatischen Aufbau bedacht ist. In früherer Zeit hatte er -das selbst wohl eingesehen; jetzt lenkte er, vom Ehrenwahn geblendet, -ab von dem lauschigen Waldpfad, auf den die Natur ihn gewiesen, zur -sonnigen, breiten, symphonischen Heerstraße. - -Nun wär’s von vornherein nicht anzunehmen, daß ein bedeutender Geist, -auch wenn er sich auf einem seiner natürlichen Anlage fern liegenden -Gebiete hervorthun will, bloß Unbedeutendes producieren werde. Allein -bald mehr, bald minder bemerkt man doch die Forcierung des Talentes, -welche da und dort zu schwülstigen Übertreibungen führen muß, während -wieder viele Stellen hinter den Anforderungen der betreffenden -Kunstform zurückbleiben. Die nächste Folge davon ist Ungleichheit des -Werkes; neben Partien von großem Kunstwert stehen dann unmittelbar -solche, die sich aus tändelnden, unebenbürtigen Themen zusammensetzen, -was die richtige Beurteilung des Ganzen überaus erschwert. Wo aber -können wir das deutlicher wahrnehmen als an Schumanns Symphonien, mit -denen er 1841 die zweite Periode seines Schaffens eröffnet hat? - -Die große „Frühlingssymphonie“ (_B_-Dur, _op._ 38) entstand unter -dem Eindrucke eines Böttgerschen Gedichtes[6] in wenigen Tagen. -Schumann war damals im Vollbesitze seiner schöpferischen Kraft und, -wie im ersten Anlauf vieles gelingt, so ist gleich der erste Satz gar -herrlich ausgefallen: ein blühendes Tonstück, welches den Gedanken -„Im Thale geht der Frühling auf“ illustriert. „Gleich den ersten -Trompeteneinsatz“, schreibt Schumann darüber, „möcht’ ich, daß er -wie aus der Höhe klänge, wie ein Ruf zum Erwachen -- in das Folgende -könnte ich dann hineinlegen, wie es überall zu grüneln anfängt, wohl -gar ein Schmetterling aufsteigt, wie nach und nach alles zusammenkommt, -was zum Frühling etwa gehört.“ Geringeres Interesse erregt die bald -darauf verfaßte Orchestersuite: Ouvertüre, Scherzo, Finale (_op._ 52) -und auch die zweite +Symphonie+ _D-moll_ (erschienen 1853 als _op._ -Nr. IV, _op._ 120) steht trotz mancher Schönheiten im einzelnen nicht -so hoch, ist aber bei weitem einheitlicher gestaltet. Im Vergleich zu -den früheren Kompositionen fällt namentlich die formale Rundung, die -besonnene Zügelung der Phantasie auf, welche wir sicherlich seiner -Rivalität mit Mendelssohn zuzuschreiben haben; denn Mendelssohn übte -auf seinen Freund eine seltsame, magische Anziehung aus, der die -grundverschiedene Individualität desselben nur mühsam widerstand; -wie denn Schumann in Momenten, wo ihn die eigene schöpferische Kraft -verläßt, fast immer in Mendelssohnsche Phrasen zu verfallen pflegt. Die -Schnelligkeit, mit welcher er den ihm fremden Orchestersatz bewältigen -lernte, verdient übrigens rückhaltlose Bewunderung; volle Meisterschaft -darin zu erwerben, blieb ihm freilich versagt, ja, man merkt diesen -Symphonien an, daß sie am Klaviere ersonnen und erst nachträglich -instrumentiert worden sind. - -Im folgenden Jahre (1842) warf sich Schumann ganz ausschließlich -auf die Kammermusik, offenbar durch die in seinem Hause häufig -stattfindenden Quartettmatineen veranlaßt. Die Chancen waren für -ihn hier zum Teile minder günstig, insofern als dieses Genre noch -innigere Vertrautheit mit dem Charakter der einzelnen Instrumente -erfordert. Zum Teile freilich wieder besser: denn während die für den -öffentlichen Konzertsaal berechnete, in großen Zügen zu entwerfende -Symphonie seiner nach innen gekehrten Natur nicht entsprach, war -ihm der Kammermusikstil, welcher feinere Ausführung in den Details -und kontemplatives Einspinnen in gewisse Figuren verträgt, weitaus -homogener. Man sehe nur seine +Streichquartette+ (_op._ 41) an, -besonders das dritte in _A_-Dur. Kann er gar auch das Klavier zur -Mitwirkung herbeiziehen, so entstehen so prachtvolle Werke wie das -+Klavierquintett+ (_op._ 44), das wohl das hervorragendste seiner -Gattung seit Beethoven genannt werden darf. Welche kontrapunktistische -Kunst steckt in dem Schlußsatz! Von einer Klavier+begleitung+ kann -eigentlich keine Rede sein, denn das Klavier wird ebenso wie die -Viola von Schumann stets konzertierend behandelt. An Kunstwert kommt -dieser Schöpfung das +Klavierquartett+ (_op._ 47) sehr nahe: ein Trio, -betitelt +Phantasiestücke für Pianoforte, Violine und Violoncell+ -(_op._ 88) ist minder bedeutend; seine schönsten Trios (_D-moll_ und -_F-dur_) schrieb Schumann erst vier Jahre später. - -Schon im nächsten Winter sehen wir den unermüdlichen Meister auf wieder -anderem Gebiete thätig. Nachdem er mit einem melodiösen +Andante und -Variationen+ für zwei Klaviere (_op._ 46) längst verlassene Bahnen -für ein Weilchen neuerdings betreten, unternimmt er die Komposition -eines groß angelegten Chorwerkes (_op._ 50), welchem Moores Poem -„Das Paradies und die Peri“ zu Grunde liegt. Die deutsche Bearbeitung -rührt von Schumanns Jugendfreund Flechsig her, einzelne Stücke, und -zwar den Chor der Nilgenien, der Houris, das Quartett „Peri, ist’s -wahr“, das Solo „Verstoßen“, „Gesunken war der goldne Ball“ sowie -den Schlußchor dichtete er selbst hinzu. Dann ging es mit heller -Begeisterung an die Komposition des hochpoetischen Werkes, dessen -Inhalt im Folgenden kurz skizziert sei: Eine Peri -- mit diesem Namen -belegt der orientalische Mythus feenartige, eines Vergehens halber -aus der Oberwelt verstoßene Luftgeister -- eine solche Peri sehnt -sich heiß nach ihrer seligen Heimat zurück; und, da sie trauernd am -Eingang des Paradieses steht, wird ihr durch Engelsmund in rätselhaften -Worten Rückkehr verheißen, wenn sie „des Himmels liebste Gabe“ zu den -heiligen Pforten bringe. Jene zu suchen, durchwandert sie Indiens -Blumenhügel und die Wüsten des Nillandes, aber weder die letzten -Blutstropfen eines im heldenmütigen Kampfe gegen den Unterdrücker -gefallenen Jünglings, noch der letzte Seufzer einer Braut, die zu ihrem -von der Pest ergriffenen Geliebten herbeigeeilt, treu an seiner Seite -stirbt, vermögen der Peri Entsühnung zu erwirken. Zum drittenmale -schwebt sie auf neue Suche hernieder, diesmal über Syriens Fluren. Es -ist Abend. Ein Kind spielt harmlos unter Blumen, während unweit davon -ein alter Räuber sein Pferd am Brunnen tränkt. Vom Minaret ertönt der -Vesperruf der Muezzin und andächtig faltet das Kind die Händchen zum -Gebete. Das sieht der wilde Reitersmann. Die Erinnerung an die eigene -unschuldsvolle Kinderzeit übermannt ihn -- er weint. Seine Reuethränen -aber trägt die Peri empor und -- die Pforte des Paradieses springt -auf. Nicht was Menschen für das höchste Opfer halten, die Hingabe des -Lebens, dem Vaterlande oder der Liebe dargebracht, gilt also auch -dem Himmel als die wertvollste Gabe: die Thräne des reuigen Sünders, -die Erneuerung des eigenen Ich ist das Höchste und Größte in den -Augen des Ewigen. Und das Finden dieser Thräne, d. h. die Erkenntnis -jener Wahrheit öffnet der Peri den Himmel. Dies ist die durchaus -christliche Idee der allegorischen Dichtung, die sich, zumal ihr das -farbenprächtige, morgenländische Gewand einen bestrickenden Zauber -giebt, für die musikalische Darstellung, wie kaum eine andere, dankbar -erweist. (Reimann.) Schumanns Kunst feiert denn auch an diesem Stoffe -wahre Triumphe und selbst wer das fatale Genre („Weltliches Oratorium“) -zu verdammen geneigt ist, muß die außerordentlichen lyrischen -Schönheiten, die einander in langer Kette folgen, anerkennen. Schade -nur, daß die einzelnen Stücke, namentlich im letzten Drittel, zu wenig -kontrastieren, wodurch der Hörer bei der Ausführung schließlich ermüdet -wird. Schumann selber schreibt, eine innere Stimme habe ihm während der -Komposition zugerufen: dies ist nicht vergeblich, was du thust. - -Sein äußeres Leben verlief inzwischen ziemlich einförmig; nur in die -Zeit der „Peri“ fallen zwei erwähnenswerte Ereignisse. Im April 1843 -wurde er nämlich durch Mendelssohn an das neugegründete Leipziger -Konservatorium als Lehrer der Komposition berufen und bald darauf -fand auch eine Versöhnung mit dem Schwiegervater Wieck statt, welche -ihm um Klaras willen lieb sein mußte. Seine Lehrthätigkeit ist ohne -sonderliche Erfolge geblieben, dazu fehlte ihm vor allem die nötige -Beredsamkeit. Gewöhnlich setzte er sich mit der Arbeit eines Schülers -an den Flügel, las sie, und wenn ihm etwas mißfiel, so griff er es -auf dem Klaviere, wobei er jenen nur mit einem mißbilligenden Blicke -ansah. Der positive Gewinn, den man aus seinen spärlichen Bemerkungen -davontrug, war gering. In jenen Kämpfen um Klara hatte nicht nur sein -künstlerisches Streben eine andere Richtung genommen, auch mit seinem -äußeren Wesen war eine große Veränderung vor sich gegangen. Er mied -je länger, je mehr größere Gesellschaft und zeigte sich selbst im -Verkehr mit seinen besten Freunden wortkarg. Henriette Voigt erzählt, -daß sie manchmal mit ihm an schönen Sommerabenden eine Wasserfahrt -gemacht habe. Da wären sie denn eine Stunde schweigend nebeneinander -im Kahn gesessen. Bei der Trennung aber habe ihr Schumann die Hand -gedrückt und nur gesagt: „Heute haben wir uns recht verstanden.“ Etwas -Ähnliches weiß Brendel zu berichten: „Schumann hatte einen vorzüglichen -Markobrunner in Gohlis entdeckt und forderte mich auf, ihn dorthin zu -begleiten. In glühender Hitze pilgerten wir selbander, ohne ein Wort -zu sprechen, durch das Rosenthal, und draußen angekommen, war diesmal -in der That der Markobrunner die Hauptsache. Es war kein Wort aus -ihm herauszubringen und so ging es auch auf dem Rückwege. Nur eine -Bemerkung machte er, die mir zugleich einen Blick in das gestattete, -was ihn erfüllte. Er sprach über die eigentümliche Schönheit eines -solchen Sommermittags, wo alle Stimmen schweigen, vollkommene Ruhe in -der Natur herrscht. Er war versunken in diesen Eindruck und bemerkte -bloß, daß die Alten ihn mit dem Ausdruck „Pan schläft“ treffend -bezeichnet hätten. In solchen Momenten nahm Schumann nur insoweit Notiz -von der Außenwelt, als sie zufällig in seine Träume hineinspielte. -Gesellschaft war für ihn dann nur da, um ihn des Gefühls des -Alleinseins zu entheben.“ - -Zu Anfang des Jahres 1844 begleitete Robert seine Frau auf einer -Konzertreise nach Rußland, welche er ihr schon vor der Hochzeit hatte -versprechen müssen. Überall, in Mitau, Riga, Petersburg, Moskau, ward -die Künstlerin enthusiastisch aufgenommen und auch ihr Gatte erwarb -seiner Musik zahlreiche Freunde, z. B. die Grafen Wielhorsky, in deren -Palais seine _B_-Dursymphonie und seine Quartette zur Aufführung kamen. -Nach den Anstrengungen der letzten Zeit mußte die Arbeitspause und der -Wechsel der Umgebung höchst wohlthätig auf ihn einwirken; allein kaum -zurückgekehrt, machte er sich schon wieder an einen grandiosen Plan, -die Komposition des Goetheschen +Faust+ und schrieb mit Aufgebot aller -Kraft den größeren Teil der gewaltigen Schlußscene: dann erfolgte -- -im Herbste -- naturgemäß der Rückschlag. Ein nervöses Leiden stellte -sich ein, finstere Dämonen beherrschten ihn, so daß der Arzt auf das -dringendste Enthaltung von jeder geistigen Arbeit und Verlassen des -musikalisch allzu bewegten Leipzig anriet. Schumann übersiedelte nach -Dresden, anfangs mit der Absicht, daselbst nur für kurze Zeit zu -verweilen; doch entschloß er sich später, diese Stadt zum dauernden -Aufenthaltsorte zu erwählen. Die Redaktion der Zeitschrift, welche er -seit seiner Verheiratung als drückende Last empfunden, hatte er schon -vom 1. Juli des Jahres an seinen Freund und langjährigen Mitarbeiter -Oswald Lorenz abgegeben; später, im Januar 1845, verkaufte er sie an -Franz Brendel. „Ich habe was in meinen Kräften stand gethan, die besten -Talente meiner Zeit zu fördern,“ sagte er zu ihm bei der Übergabe. -„Fahren Sie darin fort!“ Wirklich ist die „Neue Zeitschrift“ stets -eine eifrige Verfechterin des Kunstfortschrittes geblieben und hat -namentlich zur richtigen Würdigung der „neudeutschen Schule“ sehr viel -beigetragen. - -Allmählich besserte sich der leidende Zustand des Meisters. Im nächsten -Frühling war er glücklicherweise so weit hergestellt, daß er wieder -an musikalische Thätigkeit denken durfte, wobei er sich zur Vorsicht -einstweilen auf kontrapunktistische Studien beschränkte, weil dieselben -mehr den Verstand als seine überreizte Phantasie in Anspruch nahmen. So -entstanden damals die +Studien und Skizzen für den Pedalflügel+ (_op._ -56, 58). Vier Fugen für das Pianoforte (_op._ 72) und sechs +Orgelfugen -über den Namen Bach+ (_op._ 60), wahre Prunkstücke kontrapunktistischer -Kunst, schöne Früchte seiner täglichen Beschäftigung mit den -Werken des großen Thomaskantors, welcher er seit jenem, so bald -abgebrochenen Unterrichtskursus bei Dorn immer eifriger obgelegen. -„Bachen ist nach meiner Überzeugung überhaupt nicht beizukommen; er -ist inkommensurabel,“ schreibt er einmal einem Freunde und gesteht, -daß ihn die armseligen, musikalischen Erzeugnisse um ihn her förmlich -misanthropisch machen. „Da rette ich mich immer in Bach und das giebt -wieder Lust und Kraft zum Wirken und Leben.“ - -Darnach wandte sich sein neubelebter Mut wieder den freieren -Kunstformen zu. Das hochbedeutende +Klavierkonzert+ _A-moll_ (_op._ -54) wurde vollendet und eine dritte +Symphonie+ _C_-Dur (_op._ 61) in -Angriff genommen. Die Gesellschaft einiger Freunde (Ferdinand Hiller, -Auerbach, Bendemann, Reinick, Rietschel, Hübner), welche sich zweimal -wöchentlich im „alten Postgebäude“ beim Biertisch zu versammeln -pflegte, suchte er jetzt häufiger auf. Daß sich zu dem Komponisten des -Tannhäuser, der dort ebenfalls verkehrte und dessen Ruf ganz Dresden -erfüllte, kein näheres Verhältnis herausgebildet hat, wird man bei der -Verschiedenheit der Charaktere begreiflich finden. „Schumann ist ein -hochbegabter Musiker,“ erzählt Wagner, „aber ein unmöglicher Mensch. -Als ich von Paris kam, besuchte ich ihn, sprach von den französischen -Musikzuständen, dann von den deutschen, sprach von Litteratur und -Politik -- er aber blieb so gut wie stumm, fast eine Stunde lang. Ja, -man kann doch nicht immer +allein+ reden! Ein unmöglicher Mensch!“ -Schumanns Urteil hingegen lautete, Wagner sei zwar sehr unterrichtet -und geistreich (-- „ein geistreicher Kerl voll toller Einfälle“ --), -rede aber unaufhörlich und das könne man doch auf die Länge nicht -aushalten. - -Über den „Tannhäuser“ selbst äußerte sich Schumann nach der Durchsicht -der ihm von Wagner geschenkten Partitur gegen Mendelssohn ziemlich -wegwerfend: um kein Haar breit besser als Rienzi, eher matter, -forcierter. Allein schon ein paar Wochen später erklärt er, manches -zurücknehmen zu müssen, denn „von der Bühne herab sieht sich alles ganz -anders an. Ich bin von vielem ganz ergriffen gewesen... Tannhäuser -enthält Tiefes, Originelles, überhaupt hundertmal Besseres als seine -früheren Opern. In Summa, er kann der Bühne von großer Bedeutung -werden. Das Technische, die Instrumentierung finde ich ausgezeichnet, -ohne Vergleich meisterhafter gegen früher.“ Solch anerkennende -Beurteilung ist Wagner damals noch selten zu teil geworden. - -Im Jahre 1846 weist das Schumannsche Kompositionsverzeichnis bloß -mehrere Chorlieder: _op._ 55 +Fünf Lieder von Burns+, _op._ 59 +Vier -Gesänge+ von Lappe, Platen, Möricke, Rückert und die Vollendung der -_C_-Dursymphonie auf. Die Kritik pflegt diesem Werke, in welchem -er seine musikalische Kraft zum Grandiosen, Beethoven-Gleichen zu -steigern rang, den Preis vor den übrigen Symphonien zuzusprechen, -in theoretischer Hinsicht, was die kunstvolle Durchführung und -Kombination der Themen anbelangt, gewiß mit Recht. Es bedeutet ohne -Zweifel den Höhepunkt seiner Künstlerlaufbahn, aber keineswegs seine -vorzüglichste Leistung. Man fühlt, daß es nicht dem „innersten -Lebensdrange“ entspringt und erst im Adagio kommt der echte Schumann, -der Lyriker voll zur Geltung und erhebt seinen wunderbarsten Gesang. -Allein, ob auch der Meister seine Kraft auf das Äußerste anspannte -und aufrieb -- der ersehnte Ruhm blieb immer noch aus. In Dresden -freilich hatte er sich über Mangel an Anerkennung nicht zu beklagen -und wenn er nach Leipzig zu Besuch kam, was ab und zu geschah, war -ihm die enthusiastischste Aufnahme gewiß. Auch die Verleger machten -keine Schwierigkeiten. Überall sonst aber kannte ihn die große Menge -bloß als den Mann der Klara Wieck, so wenig Schumann das zugeben -wollte. Als einmal ein alter Freund bemerkte, daß Klara sehr viel dazu -beigetragen habe, ihm den Weg als Tonsetzer zu erleichtern, sprang -er höchst beleidigt auf und lief davon. Wie schmerzlich mußte ihn da -der offenbare Mißerfolg mehrerer seiner schönsten Kompositionen auf -der 1847 unternommenen Konzerttour nach Wien berühren. Sie wurden -am 1. Jänner im Musikvereinssaal mit achtungsvollem Stillschweigen -aufgenommen; die Achtung galt seiner -- Frau. Die wenigen Anhänger -zitterten vor einer möglichen Wiederholung des Vorfalls bei einem -auswärtigen Hofkonzert, wo Serenissimus nach vielen Artigkeiten für -Klara unseren Meister huldreichst fragte: „Sind Sie auch musikalisch?“ -Im Künstlerverein „Konkordia“ traf Schumann den zufälligerweise -gleichfalls anwesenden Meyerbeer an; aber beide Männer wichen einander -vorsichtig aus. (Hanslick.) Zum Abschied gab das Schumannsche -Ehepaar eine glänzende Soiree, bei welcher alle Wiener Celebritäten: -Bauernfeld, Eichendorff, Stifter, Deinhardstein und _last not least_ --- Grillparzer erschienen waren. Der Letztere, ein warmer Bewunderer -der Künstlerin Klara, hatte diese schon 1838 in einem schönen Gedichte -besungen; von ihrem Gatten als Komponisten Notiz zu nehmen, fiel ihm -damals eingestandenermaßen nicht ein. So stand es um Schumanns Ruhm -am Donaustrande. Besser fielen die beiden Konzerte in Prag aus,[7] wo -Ambros, ein begeisterter Verehrer des Meisters in der „Bohemia“ unter -dem Davidsbündlernamen Flamin wirksame Propaganda gemacht hatte und -auch in Berlin, wo „Paradies und Peri“ unter des Autors Direktion -- -recht elend, nebenbei bemerkt -- zur Aufführung kam. Im Juli endlich -besuchte Schumann auch seine Vaterstadt, die ihren größten Sohn auf -jede mögliche Weise, durch Fackelzug, Ständchen u. s. w. ehrte. Die -Reisen und Zerstreuungen dieses Jahres scheinen heilsamen Einfluß auf -seinen Geist ausgeübt zu haben, denn seine Produktion ist gegen 1846 -unstreitig reicher. Nebst mehreren Chören, und zwar +Abschiedslied+ -(_op._ 84), +Ritornelle+ von Rückert in kanonischen Weisen (_op._ -65), +drei Gesänge+ für Männerchor (_op._ 62), schrieb er zwei sehr -schöne Trios (_op._ 63 u. 80); die Ouvertüre sowie den ersten Akt einer -romantischen Oper +Genoveva+ (_op._ 81). - -Schon längst hatte sich Schumann mit dem Gedanken an ein musikalisches -Drama getragen, ja sogar 1838 ein von Becker (nach T. A. Hoffmanns -Novelle: Doge und Dogaressa, Univ.-Bibliothek Nr. 464) verfertigtes -Libretto zu komponieren begonnen. Es wurde indessen bald wieder -beiseite gelegt, weil er darin ein „tiefes, deutsches Element“ -vermißte. In den folgenden Jahren steigerte sich, angesichts der -Successe der großen Pariser Opern, sein Wunsch zu verzehrender -Sehnsucht. „Wissen Sie mein morgen- und abendliches Künstlergebet?“ -schreibt er 1842, „+deutsche Oper+ heißt es. Da ist zu wirken. -- -Die deutschen Komponisten scheitern meistens an der Absicht, dem -Publikum gefallen zu wollen. Gebe aber nur einmal einer etwas Eigenes, -Einfaches, Tiefes, Deutsches, und er soll sehen, ob er nicht mehr -erlangt.“ Eine ganze Reihe nationaler Opernstoffe fand sich in seinem -Projektenbuche aufgezeichnet, unter andern Nibelungen, Wartburgkrieg, -Lohengrin, Till-Eulenspiegel, Meister Martin und seine Gesellen. Allein -vergebens fahndete er nach einem Dichter für sie, vergebens fragte er -bei Zuccamaglio, Griepenkerl, Marbach um geeignete Texte an. Endlich -glaubte er in Robert Reinick, welcher bereits für Freund Hiller ein -Libretto geliefert hatte, den rechten Mann gefunden zu haben und -veranlaßte ihn, die dramatischen Bearbeitungen der Genovevasage von -Tieck und Hebbel zu einem Opernbuche zusammenzuschweißen. Doch war -dessen Arbeit nicht nach Schumanns Sinne, und da Hebbel selbst eine -Umgestaltung seines Stückes freundlich, aber entschieden ablehnte, -sah sich der Meister der Töne dazu gedrängt, den Pegasus nach Wagners -Vorgang selbst zu besteigen. Unter seinen Händen entspann sich -die Handlung der Oper nun also: Pfalzgraf Siegfried zieht in den -Maurenkrieg und läßt seine junge Frau, Genoveva, in der Hut seines -Günstlings Golo zurück. Dieser, in sündiger Liebe für die Gebieterin -entbrannt, aber mit Entrüstung zurückgewiesen, verbündet sich mit -ihrer zauberkundigen Amme Margaretha, um sie zu verderben. Es wird das -Gerücht von einem vertrauten Verhältnis zwischen Golo und Genoveva -ausgestreut, die empörte Dienerschaft dringt in der Herrin Schlafgemach -und findet darin -- den alten Kastellan Drago, welcher sich, um -Genovevas Unschuld erweisen zu können, daselbst heimlich verborgen -hatte. Der Greis wird von den Knechten, ohne Gehör zu finden, erwürgt, -Genoveva als des Ehebruches Schuldige ins Gefängnis geschleppt. Dann -eilen Margaretha und Golo zu Siegfried, das Geschehene zu melden. -Der ergrimmte Gatte will die Ungetreue töten lassen, befragt aber, -um ganz sicher zu gehen, Margarethas Zauberspiegel. Das trügerische -Gerät zeigt ihm Dragos und Genovevas sträflichen Umgang, so daß er -vor Wut den Spiegel zerschlägt und davonstürzt. Aus den Trümmern -aber steigt Dragos Geist auf und befiehlt der Hexe, ohne Verzug dem -Grafen die Wahrheit zu gestehen. Im vierten Akte soll Genoveva, welche -eine zweite Werbung Golos wiederum abgefertigt hat, in der Wildnis -hingerichtet werden. Aber zur rechten Zeit erscheint der über den -Sachverhalt aufgeklärte Gatte und führt sein schuldloses Weib im -Triumphe auf das Schloß zurück. -- Die vielfachen Willkürlichkeiten -und Unklarheiten in der Motivierung treten an diesem knappen Aufriß -noch nicht so grell zu Tage wie an dem Stücke selbst. Zwar machte -der wohlmeinende Wagner Vorstellungen und Einwände, aber Schumann -in dem Wahne, jener wolle ihm seine besten Effekte verderben, wurde -ordentlich böse und unter seinen näheren Bekannten fand sich keiner, -der ihn bewogen hätte abzustehen, nicht nur von der Komposition -dieses Textes, sondern einer Oper überhaupt; vielmehr hetzten sie den -Irrenden, der schon jeden Kompaß verloren, eher noch in die falschen -Bahnen hinein. Die Wahrheit zwingt uns anzuerkennen, daß Schumann -auch auf diesem, seiner lyrischen Natur geradewegs widerstrebenden -Gebiete viel richtiges Wollen bekundet hat. Von italienischen Mustern -wollte er durchaus nichts wissen und „Lassen Sie mich in Ruhe mit der -Kanarienvogelmusik und den Haarbeutelmelodien“ rief er, als man ihm -von Cimarosas _Matrimonio segreto_ sprach. Sein Vorbild war Webers -Euryanthe. An Stelle des alten Recitativs, das er für eine überlebte -Kunstform hielt, strebte er eine musikalische Deklamation zu gewinnen --- freilich ohne Glück. Der Mangel an scharfen Kontrasten, an diesen -Kennzeichen eines echten Dramas, ist’s, der die Genovevamusik auf der -Bühne so wirkungslos macht; das konnten sogar eifrige Parteigänger -Schumanns gleich bei der ersten Aufführung in Leipzig, welche sich zu -seinem Leidwesen bis zum 25. Juni 1850 hinauszog, sich nicht verhehlen. -Die Spannung auf dieses Werk war nach Lobes Mitteilungen groß und -viele Umstände vereinigten sich zu Gunsten des Komponisten. In Leipzig -hatte er viele Freunde und Verehrer. Mehrere berühmte Künstler waren -zugegen: Liszt, Spohr, Meyerbeer, Hiller u. s. w. Schumann dirigierte -die Oper selbst. Das Leipziger Publikum ist für Musik leicht entzündbar -und mit Beifallsbezeugungen nicht karg. So konnte man einen jener -glänzenden Kunstabende erwarten, welche Leipzig beliebten Künstlern -für gelungene Leistungen gern bereitet. Die Erwartung wurde jedoch -teilweise getäuscht. Außer der Ouvertüre applaudierte man nur noch die -Aktschlüsse und in den Journalen entwickelte sich eine unerquickliche -Polemik für und wider. Schumann aber, fest überzeugt, daß jeder Takt -seiner Oper völlig dramatisch sei, nahm ungünstige Kritiken, entgegen -seiner einstigen Gepflogenheit, gewaltig krumm, ja, zögerte nicht, -ein langjähriges, freundliches Verhältnis zu Krüger, welcher das Werk -etwas scharf recensiert hatte, sogleich zu lösen. So verlief die ganze -Opernaffaire in jeder Hinsicht übel und bis auf den heutigen Tag ist -es den deutschen Theatern trotz mannigfacher Versuche nicht gelungen, -Schumanns Schmerzenskind dem Repertoire zu erhalten. - -Nebst der Genoveva fällt in das Revolutionsjahr 1848 noch das -kantatenartige +Adventlied+ von Rückert (_op._ 71) und zwei -Klavierwerke: die phantasievollen, farbenprächtigen, durch Rückerts -Makamen des Hariri angeregten +Bilder aus dem Osten+ (_op._ 66) und -das +Album für die Jugend+ (_op._ 68), das uns auf seine eigene, -reichbesetzte Kinderstube zurückweist. „Ich wüßte nicht, wann ich -mich je in so guter musikalischer Laune befunden hätte, als da ich -die Stücke (_op._ 68) schrieb,“ berichtet er an Reinecke. „Es strömte -mir ordentlich zu. Sie sind mir besonders ans Herz gewachsen -- und -recht eigentlich aus dem Familienleben heraus. Die ersten Stücke im -Album schrieb ich nämlich für unser ältestes Kind zu ihrem Geburtstag -und so kam eines nach dem andern hinzu. Es war mir, als finge ich -noch einmal von vorn an zu komponieren; und auch vom alten Humor -werden Sie hier und da spüren. (Vergl. Nr. 12.) Von den Kinderscenen -unterscheiden sie sich durchaus. Diese sind Rückspiegelungen eines -Älteren und für Ältere, während das Album mehr Vorspiegelungen, -zukünftige Zustände für Jüngere enthält.“ Ein Pendant zu diesen -reizenden Genrestücken, von welchen Nr. 16 Erster Verlust, Nr. 13 Mai, -lieber Mai, Nr. 28 Erinnerung (an den 1847 gestorbenen Mendelssohn) und -Nr. 30 Adagio namentlich hervorgehoben seien, bildet das im folgenden -Jahr komponierte +Liederalbum für die Jugend+ (_op._ 79), mit welchem -Schumann die später von Taubert, Reinecke und anderen weitergeführte -Gattung der Kinderlieder aufnahm. In der Anordnung bemühte er sich -die Stufenfolge vom Leichten zum Schwierigeren einzuhalten, Mignon -(Nr. 29) schließt endlich ab „ahnungsvoll den Blick in ein bewegteres -Seelenleben richtend.“ - -Von diesen lieblichen, wenn auch manchmal leidvollen, lyrischen Perlen -sticht die ungefähr gleichzeitige „Musik zu Lord Byrons +Manfred+“ -(_op._ 115) überaus grell ab. Das Gedicht, welches nur uneigentlich -der dramatischen Gattung angehört, war für den Lyriker wie geschaffen -und bot freien Spielraum zu grüblerischem Versenken. Für die innere -Zerrissenheit, die düstere Schwermut des Byronschen Helden, wie sie -der Meister in den wiederkehrenden Anfällen seines Nervenleidens -selbst empfunden haben mag, fand er denn auch tiefergreifende Töne und -besonders die Ansprache an Astarte: „Gerufen hab’ ich dich aus dunkler -Nacht“ ist den bedeutendsten Schöpfungen seines Genius beizuzählen. -Freilich wirkt diese Musik nicht so sehr auf der Bühne, für welche ja -auch das Gedicht nicht berechnet ist; auch nicht im Konzertsaal, trotz -des verbindenden Textes, welchen Richard Pohl dafür geschrieben hat; -sondern beim einsamen Genusse am Flügel daheim. - -Das Jahr 1849 ist an Kompositionen in Schumanns Leben unstreitig das -fruchtbarste. „Man muß ja schaffen,“ schreibt er, „so lange es Tag -ist.“ Namentlich fällt die große Zahl der Chorkompositionen (_op._ -67, 69, 75, 91, 93, 98 b, 108, 137, 141, 145, 146) auf, was sich aber -aus seiner Stellung als Dirigent eines Gesangvereins leicht erklärt. -Schon 1847 hatte er nach Ferdinand Hiller die Leitung der Dresdener -Liedertafel übernommen, jedoch bald wieder aufgegeben; teils weil er -darin zu wenig musikalisches Streben vorfand, teils weil ihm „die -ewigen Quartsextaccorde des Männergesang-Stiles“ bald langweilig -wurden. Größeres Vergnügen bereitete dem Meister ein von ihm selbst -am 5. Januar 1848 gegründeter Chorverein, welcher in kurzer Zeit an -hundert Mitglieder zählte. „Wir kommen,“ heißt es in einem Briefe, -„oft außerhalb der Stadt zusammen, wandeln dann bei Sternenschein -zurück und dann erklingen Mendelssohnsche und sonstige (das heißt -seine eigenen) Lieder durch die Nacht und alle sind so fröhlich, -daß man es mit werden muß.“ Aus der Zahl dieser, zum Teil ungemein -schwierigen Chöre seien die +Jagdlieder+ (_op._ 137), die Motette: -„+Verzweifle nicht im Schmerzensthal+“ (_op._ 93), das zarte +Requiem -für Mignon+ aus Wilhelm Meister (_op._ 98) und das von Schumann -besonders geliebte +Nachtlied+ von Hebbel (_op._ 108) namhaft gemacht. -Außerdem komponierte er nebst +drei Liederheften+ (_op._ 79, 95, 98 -_a_) und +vier Duetten+ für Sopran und Tenor (_op._ 78), noch einige -Liederkreise für eine und mehrere Stimmen: +Minnespiel+ von Rückert -(_op._ 101), +Spanische Liebeslieder+ (_op._ 138) und das köstliche, -gleichsam aus Jasminduft gewobene +Spanische Liederspiel+ (_op._ 74). -Eine melodramatische Begleitung zu Hebbels Ballade „+Schön Hedwig+“ -(_op._ 106) leitet uns zu den reinen Instrumentalwerken hinüber. „Es -ist eine Art der Komposition, die wohl noch nicht existiert und so sind -wir immer vor allem dem Dichter zu Dank verbunden, die, neue Wege der -Kunst zu versuchen, uns so oft anregen.“ Dem heutigen Geschmacke sagt -diese anorganische Verbindung zwischen Wort und Tönen nicht mehr zu; -Schumann dagegen that sich auf seine Errungenschaft viel zu Gute und -schrieb noch 1853 eine ähnliche Musik zu Hebbels „+Haideknaben+“ und -Schelleys „+Flüchtlingen+“ (_op._ 122). Auch die absolute Musik ist -durch eine erkleckliche Anzahl von Kompositionen vertreten; zunächst -durch mehrere Klavierwerke: die interessanten +Waldscenen+ (_op._ 82). -+Vier Märsche+ (_op._ 76). +Zwölf vierhändige Stücke+ (_op._ 85) sowie -+Introduktion und Allegro+ für Pianoforte und Orchester (_op._ 92); -dann durch Phantasien, Konzertstücke und dergleichen für Violoncello, -Horn, Klarinette und Oboe. (_op._ 70, 73, 86, 94, 102). - -Die Folgen solch übermäßiger Anstrengung, zu welcher sich noch die -mannigfachen Aufregungen durch die politischen Wirren dieses Jahres -gesellten, blieben nicht aus. Ein unerträglicher Kopfschmerz peinigte -den Meister, so daß die in Angriff genommene Vollendung des „Faust“ -nur langsam fortschreiten konnte. Seit den ersten Arbeiten daran -(1844) hatte er nach zweijähriger Pause nur ab und zu ein Stück -hinzukomponiert, den „Schlußchor“, „Gerettet ist das edle Glied“, die -„Gretchenscenen“ und „Fausts Erwachen“. Im Sommer 1848 wurde sogar -eine Privataufführung im Schumannschen Hause veranstaltet und zur -Goethefeier (29. August 1849) gab man das Werk an mehreren Orten, -in Weimar, Dresden und Leipzig. Freilich, wenn die Behauptung laut -wurde, daß der zweite Teil des Faust erst durch Schumanns Musik -verständlicht worden sei, so ist das nur insofern richtig, als dieser -von der Gedankenlosigkeit stets arg verlästerte Teil der Mitwirkung -der Tonkunst bedarf, um den gehörigen Eindruck hervorzubringen und -insofern, als viele Musiker, durch diese Komposition aufmerksam -gemacht, sich den „zweiten Teil“ besser angesehen und darum vielleicht -besser verstanden haben. Übrigens lag es gar nicht in Schumanns -Vermögen, den ungeheuren Vorgang des Weltgedichtes mit ebenbürtiger -Musik auszustatten, sondern er komponierte ihn auf seine Weise, das -heißt in den lyrischen Partien, z. B. dem wahrhaft himmlischen Hymnus -an die Gottesmutter wunderschön. Anderes, z. B. der Schlußchor, muß -als unpassend bezeichnet werden, denn wir hören zwar ein Chorstück -von erlesener Pracht, dessen Melodik aber dem durchaus mythischen -Sinn der Verse, in welchen die letzten Dinge aller menschlichen -Weisheit ausgesprochen sind, nicht entspricht. Der Autor selber -fühlte das wohl und geriet darüber einigemale in Desperation. Er -komponierte die Nummer um -- ohne auch mit dieser zweiten Fassung -den rechten Ton getroffen zu haben. Der Palestrinastil, in dessen -Herrlichkeiten sich Schumann ebendamals versenkte, wäre hier vielleicht -am Platze gewesen. 1850 schrieb er dann noch die Scene mit den grauen -Weibern, sowie Fausts Tod hinzu; die Ouvertüre, wohl der schwächste -Teil des Werkes, ist erst 1853 entstanden, aus dem Bedürfnis, das -Ganze abzurunden und auf die verschiedenen Stimmungen wenigstens -einigermaßen vorzubereiten. Mittlerweile hatte Ferdinand Hiller seine -Konzertdirektorstelle in Düsseldorf aufgegeben und sollte die Leitung -des Kölnischen Konservatoriums übernehmen. Bei seinem Abgange schlug -er zu seinem Nachfolger Schumann vor, von dem er wußte, daß er sich, -erfolglos freilich, in Wien, Berlin und Leipzig um ein ähnliches Amt -beworben habe. Der Meister zögerte lange, sich von der lieben Heimat -zu trennen; denn erstens standen daselbst mehrere, für ihn sehr -wichtige Aufführungen seiner Peri und Genoveva bevor, dann gab Klara -mit Konzertmeister Schubert in Dresden stark besuchte Soireen und -schließlich schien Aussicht vorhanden, durch Vermittlung einflußreicher -Freunde zum Kapellmeister an des flüchtigen Wagner statt ernannt zu -werden. Während nun die ganze Angelegenheit in der Schwebe hing, -begab sich Schumann mit seiner Frau auf Kunstreisen über Leipzig nach -Hamburg, wo er mit Jenny Lind bekannt wurde und an ihr eine begeisterte -Interpretin seiner Lieder fand. Der berühmten Sängerin ist -- zum Dank -für ihre Mitwirkung bei zwei Konzerten Klaras -- das Liederheft _op._ -89 gewidmet. - -Nach Dresden zurückgekehrt, vernahm er, daß die Stelle am Hoftheater -schon durch einen anderen, C. Krebs, besetzt sei; man mochte in -maßgebenden Kreisen an der „revolutionären“ Gesinnung des großen -Künstlers Anstoß genommen haben. Denn in politischer Hinsicht stimmte -er mit Wagner so ziemlich überein und machte kein Hehl aus dieser -seiner Denkungsweise. Bei einem Spaziergange mit dem bekannten -Litteraten Graf Baudissin suchte ihm der letztere zu beweisen, daß die -konstitutionelle Monarchie allen übrigen Regierungssystemen vorzuziehen -sei. Schumann hörte scheinbar aufmerksam zu, die Auseinandersetzungen -zeitweise mit einem billigenden Kopfnicken begleitend. Doch mußte -er wohl in die Fortspinnung irgend eines musikalischen Gedankens -verloren gewesen sein, denn als ihn Baudissin frug, ob er ihn nun -zu seiner Ansicht bekehrt habe, antwortete Schumann: „Die Republik -bleibt doch die beste Staatsform!“ Seine Märsche (_op._ 76) wurden von -Vertrauten sogar „Barrikadenmärsche“ genannt, obwohl ihm, bei seinem -zurückgezogenen Wesen, nichts ferner lag, als etwa persönlich auf -den Barrikaden eine Rolle zu spielen. Genug, er sah sich in seinen -Hoffnungen getäuscht und entschloß sich nunmehr rasch zur Übersiedelung -ins niederrheinische Land. Komponiert hat er im Laufe des Jahres 1850 -bis zu diesem Zeitpunkte (Anfang Oktober) bloß ein Chorwerk (_op._ -144) und mehrere Lieder (_op._ 83, 89, 90 sowie einige aus _op._ 77, -96, 127). Ein seltsamer Zufall fügte es, daß Schumann den Lenauschen -Gedichten in _op._ 90 ein altes Requiemslied angehängt, als die -Nachricht vom Ende des unglücklichen Dichters eintraf. Er hatte ihm, -ohne es zu wissen, das Totenlied gesungen; und wenige Jahre später -sollte er selbst der furchtbaren Krankheit erliegen, welche jenen, ihm -nahverwandten Geist so früh zerrüttete und zerstörte. - - - [6] Du Geist der Wolke, trüb und schwer, - Fliegst drohend über Land und Meer. - Dein grauer Schleier deckt im Nu - Des Himmels klares Auge zu. - Dein Nebel wallt herauf von fern - Und Nacht verhüllt der Liebe Stern: - Du Geist der Wolke, trüb und feucht, - Was hast du all mein Glück verscheucht, - Was rufst du Thränen ins Gesicht - Und Schatten in der Seele Licht? - O wende, wende deinen Lauf - Im Thale blüht der Frühling auf! - - [7] Das Programm enthielt u. a.: 29. Jänner. Klavierstücke von Bach, - Skarlatti, Mendelssohn, Chopin; sechs Lieder und das - Klavierquintett von Schumann. 2. Februar. Leonorenouvertüre - (Nr. 3, C-Dur); Lieder von Speyer, Klavierstücke von Klara, von - Henselt und Liszt. -- Kanon und Klavierkonzert von Schumann. - - - - -7. Letzte Lebensjahre. - - Und der letzte Schritt auf Erden - Macht den letzten Fehler gut. - - +Grillparzer.+ - - -„Ich suchte in einer alten Geographie nach Notizen über Düsseldorf und -fand da unter den Merkwürdigkeiten angeführt: drei Nonnenklöster und -eine Irrenanstalt. Die ersteren lasse ich mir gefallen allenfalls, -aber das letztere war mir unangenehm zu lesen. Ich will dir sagen, -wie das zusammenhängt. Vor einigen Jahren wohnten wir in Maxen, da -entdeckte ich denn, daß die Hauptansicht aus meinem Fenster nach dem -Sonnenstein[8] zuging. Dieser Anblick wurde mir zuletzt ganz fatal; ja, -er verleidete mir den Aufenthalt. So, dachte ich denn, könne es auch in -Düsseldorf sein. Ich muß mich sehr vor allen melancholischen Eindrücken -der Art in acht nehmen.“ - -Ahnte der arme Meister, als er diese Zeilen an Hiller schrieb, das ihm -drohende Verhängnis? Stieg das düstere Bild der Zukunft schreckhaft vor -seiner Seele auf? Fast scheint es so. Denn er mußte doch zuweilen die -allmähliche Ermattung seines Geistes fühlen, fühlen, wie die Phantasie, -ja zuletzt die klare Denkkraft ihn verließ; o furchtbare Erkenntnis! -Aber immer wieder, als sei er einem Fluche verfallen, trieb ihn der -unselige Ehrgeiz und alte Gewohnheit zu neuem Schaffen an, zermarterte -er sein müdes, brennendes Hirn und beschleunigte so seinen Untergang. -Als er im besten Mannesalter, im sechsundvierzigsten Lebensjahre starb, -da hatte die deutsche Kunst keinen wertvollen Entgang mehr zu beklagen, -es war ein völlig Erschöpfter, den sie zur ewigen, wohlverdienten Ruhe -in die Grube senkten. - -Zu Anfang der Düsseldorfer Periode hätte das allerdings niemand -vermuten können. Der neue Wirkungskreis, die Ortsveränderung, die -reizvolle Gegend und der ehrenvolle Empfang -- alles das übte zunächst -einen belebenden Einfluß auf Schumann aus. Man merkt es an den sogleich -nach der Ankunft begonnenen Kompositionen, dem +Cellokonzert+ (_op._ -129) und besonders an der fünften, der „rheinischen“ Symphonie Es-Dur -(_op._ 97), welche den symphonischen Stil in mancher Hinsicht besser -trifft als ihre älteren Schwestern, wohl darum, weil sich Schumann -diesmal sein Ziel nicht so hoch gesteckt hatte. Frische musikalische -„Bilder des Lebens am Rheine“ ziehen an uns vorüber und der vierte -Satz, der „im Charakter einer feierlichen Ceremonie“ gehalten werden -soll, weist sogar auf eine bestimmte Begebenheit, die Erhebung -des Erzbischofs von Köln (Geissel) zum Kardinal, welcher Schumann -beigewohnt hatte. - -Mit der neuen Stellung war er sehr zufrieden, obwohl ihm zum Dirigenten -viele wichtige Eigenschaften fehlten: die körperliche Geübtheit, die -Geistesgegenwart und vor allem die so notwendige Mitteilungsgabe. -Belehrungen über die Vortragsweise erwartete man von ihm vergebens, -sondern er ließ das Stück durchspielen und wenn es noch nicht ging, -wiederholen. Oft sagte er seinen Musikern, er habe sich dies oder -jenes ganz anders gedacht, ohne sie über die eigentümliche Art seiner -Auffassung weiter aufklären zu können. Zum Glück war das Düsseldorfer -Orchester durch Hiller, Rietz und Mendelssohn so weit geschult, daß -die Unzulänglichkeit Schumanns, den man auf den Händen trug, dem -Publikum nicht weiter bekannt wurde. Nebst den Abonnementskonzerten -hatte er nur noch die wöchentlichen Übungen des Singvereines und die an -gewissen Festtagen stattfindenden Musikaufführungen in der katholischen -Kirche zu leiten, so daß ihm genug freie Zeit übrig blieb, um seinen -eigenen Studien nachzugehen. Im Sommer war er gar nicht beschäftigt. -Er benützte die Konzertferien zu kleineren oder größeren Ausflügen, -reiste zum Beispiel im Juli 1851 in die Schweiz und im August dieses -Jahres zum Musikfeste nach Antwerpen, wo er zum Schiedsrichter beim -Wettsingen gewählt worden war. Sonst verfloß sein Leben in Düsseldorf -zumeist recht einförmig. Um zwölf Uhr mittags ging er mit Klara und -irgend einem Bekannten spazieren, von sechs bis acht besuchte er ein -Gasthaus, um Zeitungen zu lesen und ein Glas Bier zu trinken -- die -übrigen Stunden des Tages waren der Arbeit gewidmet. Da saß er in -seinem traulichen, langgestreckten, mit Bücher- und Musikalienschränken -verstellten Zimmer am Flügel und komponierte. - -Über die Werke dieser Periode sei zusammenfassend bemerkt, daß sie dem -Hörer im allgemeinen nur wenig Genuß gewähren. Nicht als ob, wie in -den letzten Gaben der Beethovenschen Muse der allzu hohe Ideenflug das -unmittelbare Verständnis erschwerte -- im Gegenteil, die Unkraft der -schaffenden Phantasie ist es, die es zu keiner künstlerischen Wirkung -kommen läßt und bloß Mitgefühl für den armen Meister hervorrufen kann. -Er hat, wie Dräsecke sagt, als Genie begonnen und als Talent aufgehört; -schon seit jener Erkrankung um die Mitte der vierziger Jahre ist das -allmähliche Herabsinken seines Geistesfluges, die Atrophie seines -Genius zu beobachten. Mit fiebrischer Hast, zu welcher die äußere, -fast apathische Ruhe unheimlich kontrastiert, springt er von einem -musikalischen Gebiet auf das andere, schreibt bald +Lieder+ (_op._ 107, -117, 119, 125, 135) und begeistert sich für die +Gedichte der Elisabeth -Kulmann+ (_op._ 103, 104), „einer wahren, seligen Insel, die im Chaos -der Gegenwart emporgetaucht;“ bald +Violinsonaten+ (_op._ 105, _op._ -121 _D-moll_); bald wieder kleinere +Klavierstücke+ (_op._ 109, 111), -bald ein +Trio+ (_G-moll_, _op._ 110), bald +Märchenbilder+ für Viola -(_op._ 113), bald eine +Messe+ (_op._ 147) oder ein +Requiem+ (_op._ -148). Richard Pohl, der nachmals berühmte Kritiker, und Moritz Horn -müssen ihm Opern- und Oratorientexte herstellen; Projekte, wie die -+Braut von Messina+ und +Hermann und Dorothea+ giebt er gleich wieder -auf, komponiert aber wenigstens Ouvertüren dazu (_op._ 100 und 136). -Auch Shakespeares +Julius Cäsar+ erhält eine Ouvertüre (_op._ 128). -Sehr lange beschäftigt ihn dann der Gedanke an ein Oratorium „Luther“, -über das sich ein reger Briefwechsel mit Pohl entspinnt. Einige -Stellen daraus seien hier angeführt, als Beispiel, bis zu welchem -Grade Schumann seine „Dichter“ beeinflußte und wie er sich das Ideal -eines Oratoriums ersonnen hatte: „Das Oratorium müßte ein durchaus -volkstümliches werden, das Bürger und Bauer verstände -- dem Helden -gleich, der ein so großer Volksmann war. Und in diesem Sinne würde ich -mich auch bestreben, meine Musik zu halten, also am allerwenigsten -künstlich, kompliziert, kontrapunktisch, sondern einfach, eindringlich, -durch Rhythmus und Melodie vorzugsweise wirkend. Im übrigen stimme ich -mit allem, was Sie wegen Behandlung des Textes in metrischer Hinsicht -sagen, wie über die volkstümlich altdeutsche Haltung, die dem Gedichte -zu geben wäre, durchaus überein. -- Das Oratorium müßte für Kirche und -Konzertsaal passen. Es dürfte mit Einschluß der Pausen zwischen den -verschiedenen Abteilungen nicht über zweieinhalb Stunden dauern. -- -Alles bloß Erzählende und Reflektierende wäre möglichst zu vermeiden, -überall die dramatische Form vorzuziehen. -- Möglichst historische -Treue, namentlich die Wiedergabe der bekannten Kraftsprüche Luthers. -Sein Verhältnis zur Musik überhaupt, seine Liebe für sie, in hundert -schönen Sprüchen von ihm ausgesprochen, dürfte gleichfalls nicht -unerwähnt bleiben. -- Hutten, Sickingen, Hans Sachs, Lucas Kranach, die -Kurfürsten Friedrich und Johann von Hessen müssen wir wohl aufgeben -- -leider! Erzählungsweise mögen sie aber alle vorkommen. Ich glaube, wir -müssen den Stoff auf die einfachsten Züge zurückführen, oder nur wenige -der großen Begebenheiten aus Luthers Leben herausnehmen. Auch glaube -ich, dürfen wir dem Eingreifen übersinnlicher Wesen nicht zu großen -Platz einräumen, es will mir nicht zu des Reformators ganzem Charakter -passen, wie wir ihn nun einmal recht als einen geraden, männlichen und -auf sich selbst gegründeten kennen. -- Gelegenheit zu Chören geben Sie -mir, wo Sie können. Händels ‚Israel in Egypten‘ gilt mir als das Ideal -eines Chorwerks und eine so bedeutende Rolle wünschte ich dem Chor auch -im ‚Luther‘ zugeteilt. Der Choral ‚Ein’ feste Burg‘ dürfte als höchste -Steigerung nicht eher als zum Schluß erscheinen, als Schlußchor. -- -Lassen Sie uns das große Werk mit aller Kraft ergreifen und daran -festhalten.“ Doch kam es trotz der in den letzten Worten gegebenen -Versicherung zur Ausführung des so wohl bedachten Planes nicht. -Andere, wichtiger dünkende Projekte drängten sich in den Vordergrund. -Denn im verzweifelten Streben ja nur Originelles, Bahnbrechendes -zu produzieren, sann Schumann endlich gar auf die Einführung neuer -Kunstgattungen, nahm das „weltliche Oratorium“ wieder auf und erfand -das unerfreuliche, zwitterhafte Genre der „Chorballade“. - -+Der Rose Pilgerfahrt+ (_op._ 112) heißt das bis zur Abgeschmacktheit -sentimentale Carmen Horns, welches jetzt ein -- sehr untergeordnetes --- Seitenstück zu der sinnigen „Peri“ abgeben sollte, ein Carmen, -dessen Heldin eine menschgewordene Blume ist, welche liebt, heiratet -und endlich, man weiß nicht recht warum, von der +Elfen+königin unter -die +Engel+ aufgenommen wird. Kaum begreifen wir, wie Schumann dies -fade Produkt gezierter Goldschnittlitteratur anziehen konnte, ihn, der -einige Jahre vorher sich geäußert: „Schwache Worte zu komponieren ist -mir ein Greuel; ich verlange keinen großen Dichter, aber eine gesunde -Sprache und Gesinnung.“ Horn war thöricht und eingebildet zu glauben, -an dem geringen Erfolg, den das Werk bei den ersten Aufführungen -davontrug, sei die „in der Auffassung verfehlte“ Musik des Meisters -schuld. Diese gehört nun freilich nicht zu seinen besten Leistungen, -enthält aber immerhin gar manche reizvolle Nummer. Derselbe Dichter -richtete ihm auch die Uhlandsche Ballade: +Der Königssohn+ (_op._ -116) für seine Experimente her, Pohl im folgenden Jahre +Des Sängers -Fluch+ (_op._ 139). Darnach kommt der Geibelsche Romanzenkranz +Vom -Pagen und der Königstochter+ (_op._ 140) an die Reihe und schließlich -1853 +das Glück von Edenhall+ (_op._ 143) von seinem Hausarzte Dr. -Hasenclever bearbeitet. Das Prinzip dieser zwischen Epos und Drama -schwankenden Gattung, wie es in _op._ 139 am deutlichsten ausgeprägt -erscheint, besteht darin, daß der erzählende Teil des Gedichtes einer -gewissen Stimme übertragen, alles Übrige jedoch, nötigenfalls mit Hilfe -von beträchtlichen Texterweiterungen, zu Sologesang, Duett, Terzett -oder Chor umgestaltet wird, je nachdem es die Situation erfordert. So -entwarf Schumann zu „des Sängers Fluch“ folgendes Schema: - - Nr. 1. +Chor mit Solis.+ - Es stand in alten Zeiten -- blühender Genoß. - - Nr. 2. +Duettform+ (etwa zehn Zeilen). - +Alter und Jüngling.+ - Nun sei bereit -- steinern Herz. - - Nr. 3. +Recitativ+ (Sopran). - Schon stehen -- zum Ohre schwoll. - - +Ensemble.+ - Alter, Jüngling, König, Königin, Chor. - (Breit auszuführen). - - Nr. 4. +Recitativ.+ - Und wie vom Sturm zerstoben -- Gärten gellt. - - Nr. 5. +Harfner.+ - Weh euch! - - Nr. 6. +Chor.+ - Der Alte hat’s gerufen -- Das ist des Sängers Fluch. - -Pohl legt nun den beiden Sängern ganze Uhlandsche Lieder in den Mund -und der Chor drückt seine Ergriffenheit mit dem, zu diesem Zwecke -veränderten Verse: „Wie schlägt der Greis die Saiten, so wundervoll -und mild“ aus. Ferner wird der Königin ein früheres, zärtliches -Verhältnis zum Jünglinge insinuiert. Die beiden sind so unvorsichtig, -im Angesichte des ganzen Hofes ein langes Liebesduett anzustimmen, -worauf der König in begreiflicher Entrüstung den kecken Troubadour mit -den Worten: „Stirb feiger Sklavensohn!“ niedersticht. Daß Schumann die -poetischen Sünden eines unerfahrenen Kunstnovizen für gut befinden, ja -sogar veranlassen konnte, zeugt gewiß von einer bedeutenden Trübung -seines einst so klaren, richtigen Blickes. - -Im März 1852 gab das Schumannsche Ehepaar unter großem Zulauf -auswärtiger Musiker (Liszt, Robert Franz, Joachim, Meinardus u. a.) -eine Anzahl von Konzerten in Leipzig, doch vermochten selbst vor diesem -wohlgesinnten Publikum gerade die letzten Werke keinen rechten Erfolg -zu erringen. Denn selten nur erhellt in ihnen ein Blitz, manchmal -wohl ein fernes Wetterleuchten des Genies das lastende Dunkel. Müde -und abgespannt kehrte der Meister nach Düsseldorf zurück, an dem -Männergesangsfest (im August) beteiligte er sich nur wenig und eine -Kur in Scheveningen, wo er mit seinem alten Freunde Verhulst das -Wiedersehen feierte, brachte nur vorübergehende Besserung. Von seinem -sonderbaren Zustand giebt eine Erinnerung des Malers Bendemann an eine -Abendgesellschaft, bei welcher auch Schumann zugegen war, interessanten -Bericht: „Nach dem Essen trug Klara einige Klavierstücke vor. Schumann -hatte sich unterdes seiner Gewohnheit nach in ein Nebenzimmer -zurückgezogen. Seine Frau, die immer sehr besorgt um ihn war, ging -nach Beendigung ihrer Vorträge zu ihm hin. Ich begleitete sie. Als wir -eintraten, schrak er aus seinem träumerischen Versunkensein empor und -fragte: Wer hat da gespielt? Ich merkte, wie die Frage Frau Schumann -ins Herz schnitt. Aber Robert, ich habe ja gespielt, erwiderte sie mit -bebender Stimme. So warst du das!? gab Schumann gleichgültig zurück -und versank wieder in seine Meditationen. Die sonderbaren Worte hatten -die liebe Frau so angegriffen, daß sie förmlich unwohl wurde und den -Wunsch aussprach, nach Hause zu gehen. Schumann hatte darnach nur ein -kurzes: Warum denn? Es ist ja ganz nett hier! -- Aber bester Schumann, -wenn Ihre Frau unwohl ist, müssen Sie sie doch nicht zurückhalten, -sagte ich, mich ins Mittel legend. Da brach er denn auf. Am andern -Morgen aber empfing ich einen Brief von ihm, worin er sich ziemlich -beleidigt über meine Einmischung aussprach.“ (Schrattenholz, E. -Bendemann). Über seinen damaligen Geisterglauben erzählt ein anderer -Freund, Wasiliewski, Folgendes: „Als ich im Mai 1853 eines Tages in -Schumanns Zimmer eintrat, lag er auf dem Sofa und las in einem Buche. -Auf mein Befragen, was der Inhalt des letzteren sei, erwiderte er mit -gehobener Stimme: ‚O! Wissen Sie noch nichts vom Tischrücken?‘ ‚Wohl!‘ -sagte ich in scherzendem Tone. Hierauf öffneten sich weit seine für -gewöhnlich halbgeschlossenen Augen. Die Pupille dehnte sich krampfhaft -auseinander und mit eigentümlich geisterhaftem Ausdrucke sagte er -langsam: ‚+die Tische wissen alles+.‘ Als ich diesen drohenden Ernst -sah, ging ich, um ihn nicht zu reizen, auf seine Meinung ein, infolge -dessen er sich beruhigte. Dann rief er seine zweite Tochter herbei und -fing an mit ihr und einem kleinen Tische zu experimentieren, wobei -er ihn auch den Anfang der _C_-mollsymphonie von Beethoven markieren -ließ.“ Doch konnte Schumann zu gewissen Zeiten auch recht umgänglich, -ja wohl aufgeräumt sein. Beim großen niederrheinischen Musikfest -(Pfingsten 1853) that er sich als Dirigent sogar wieder hervor und -brachte nebst der umgearbeiteten _D_-mollsymphonie auch eine neu -komponierte +Festouvertüre über das Rheinweinlied+ mit Gesang (Soli -und Chor) unter vielem Beifall zur Aufführung. Denkwürdig ist sodann -sein Verhältnis zu Johannes Brahms, der an ihn durch Joachim empfohlen -war. Schumann, die außergewöhnliche Begabung des zwanzigjährigen -Künstlers erkennend, griff anerkennungsfreudig wie immer, noch einmal -zur Feder und proklamierte ihn in der Brendelschen Zeitschrift -- -nicht als vielverheißenden Jünger, sondern als „starken Streiter“ -und Meister, der berufen sei, „den höchsten Ausdruck unserer Zeit in -idealer Weise auszusprechen.“ Brieflich bezeichnet er ihn als den, „der -kommen mußte“, als „einen jungen Aar“, welcher „die größte Bewegung -in der musikalischen Welt hervorrufen werde“. Selbst wer diesem -enthusiastischen Preise nicht in ganzem Umfange beipflichten kann, -muß zugeben, daß Brahms unter den absoluten Musikern der letzten Zeit -entschieden und verdientermaßen den ersten Platz sich erobert hat. -Kurz, der „blonde Johannes“ war Schumanns erklärter Liebling von Stund -an. Oft gedachten die beiden Künstler bei ihrem Beisammensein auch des -fern weilenden, aber zum Konzerte erwarteten Freundes Joachim, ja, der -stille, schweigsame Robert schwang sich gar einmal zu folgendem Toast -in Charadenform auf: „Drei Silben; die erste liebte ein Gott, die zwei -anderen lieben viele Leser, das Ganze lieben wir alle; das Ganze und -der Ganze sollen leben!“ (Jo-achim). Auch existiert eine Violinsonate, -welche er, Brahms und der junge Musiker Albert Dietrich dem berühmten -Geigenvirtuosen zu Ehren geschrieben haben. Sie wurde ihm nach seiner -Ankunft in Düsseldorf vorgespielt und richtig erkannte er den Verfasser -jedes einzelnen Satzes. Später ersetzte Schumann die zwei fremden Sätze -durch eigene Musik und gab die Komposition als (_op._ 131) heraus. - -Leider zählten solche Perioden geistiger Frische nur nach Tagen. In -demselben Monate (Oktober), in welchen der Verkehr mit Brahms fällt, -nahmen auch die Abonnementskonzerte ihren Anfang und schon beim ersten -zeigte es sich deutlich, daß Schumann seiner Aufgabe als Dirigent -nicht mehr gewachsen sei. Man bat ihn, das Dirigieren zur Schonung -seiner Gesundheit wenigstens vorläufig dem zweiten Kapellmeister -zu überlassen, beleidigte aber durch dieses vielleicht nicht genug -schonend vorgebrachte Ansinnen den reizbaren Meister derart, daß er -seine Stelle ohne Verzug niederlegte. - -Er wandte Düsseldorf den Rücken und begab sich mit Klara auf eine -Konzerttour nach Holland. Da durfte er denn, mit Ehren überhäuft, die -ihm vermeintlich zugefügten Kränkungen vergessen. „Das holländische -Publikum,“ schreibt er frohbewegt, „ist das enthusiastischste, die -Bildung im ganzen dem Besten zugewendet. Überall hört man neben den -alten Meistern auch die neuen. So fand ich in Hauptstädten Aufführungen -meiner Kompositionen vorbereitet (der dritten Symphonie in Rotterdam -und Utrecht, der zweiten in Haag und Amsterdam, auch der Rose in Haag), -daß ich mich nur hinzustellen brauchte, um sie zu dirigieren. Ich habe -zu meiner Verwunderung gesehen, daß meine Musik hier beinahe heimischer -ist als im Vaterlande.“ - -Am 22. Dezember traf das Künstlerpaar wieder zu Hause ein, mit dem -Vorsatz, die leidige Stadt im Laufe des kommenden Frühlings für -immer zu verlassen. Zwei litterarische Pläne beschäftigten den -Meister fortan: Zuerst die Herausgabe seiner gesammelten Aufsätze in -Buchform,[9] wobei es ihm eine Freude war zu bemerken, daß er in der -langen Zeit, seit über zwanzig Jahren, von den damals ausgesprochenen -Ansichten fast gar nicht abgewichen sei; dann eine Zusammenstellung -aller Dichtersprüche über Musik von den ältesten Zeiten an, unter dem -Titel „Dichtergarten“. An der Vollendung dieser Arbeit verhinderte ihn -jedoch sein neuerdings ausbrechendes Leiden. - -Becker erzählt, daß Schumann einmal im Gasthause plötzlich die Zeitung -weggelegt habe mit den Worten: „Ich kann nicht mehr lesen; ich höre -fortwährend _A_.“ Solche Sinnestäuschungen kehrten jetzt mit -doppelter Stärke wieder. Des Nachts erscheinen ihm Schubert und sein -lieber Mendelssohn und singen ihm eine rührende Melodie vor, bis er -vom Lager springt und sie aufzeichnet.[10] Geisterstimmen tönen ihm -entgegen, bald mild und freundlich, bald drohend und vorwurfsvoll. -Eine furchtbare Angst ergreift den Beunruhigten, während Klara durch -vierzehn bange Nächte und Tage alles aufbietet, um die quälenden -Gedanken des Gatten zu zerstreuen. Umsonst! Am Fastnachtsmontag, am 17. -Februar 1854, entfernt er sich heimlich aus dem Hause, eilt auf die -Rheinbrücke und springt, seinen peinlichen Zustand zu enden, in den -eisigen Strom. Aber anwesende Schifferknechte fischen ihn noch lebendig -wieder heraus: einen Wahnsinnigen. Man brachte ihn am 4. März in die -Privatheilanstalt des Dr. Richarz zu Endenich bei Bonn. - -Ererbte Disposition und übermäßige Anstrengung des Geistes -- das gaben -die Ärzte als Ursache der Krankheit an. Allein sie erklären damit nicht -alles. Schumann war ein großer, kräftiger, gesund aussehender Mann, -dessen Leben im ganzen glücklich genannt werden darf. Alles, was er -wünschte, hatte er errungen, Freundschaft, Liebe, Künstlerschaft; nie -hatte ihm die Sorge ums tägliche Brot ihr bleiches Antlitz gewiesen. -Bedenkt man, wie andere Künstler schwach an Körper, bettelarm, mit -wundem Herzen durch die Welt gewandelt sind, ebenso produktiv, -vielleicht noch produktiver als unser Meister, ohne dabei dem Wahnsinn -verfallen zu sein, so muß man einräumen, daß es hier eine besondere -Bewandtnis gehabt habe. Fragen wir darum nicht weiter die Medizin, -sondern lieber einen mitfühlend verstehenden Genius -- Grillparzer. -Und dieser sagt uns mit ausdrücklichem Bezug auf Schumann: „Ich meine -immer, ein Künstler, der wahnsinnig wird, sei im +Kampfe gegen -seine Natur+ gelegen.“ Herrlicher Tiefblick des Dichters! Wie -beschämt er die Instrumente des secierenden Gelehrten, welche nur über -Gehirnentartung, Gefäßerweiterung und dergleichen Aufschluß zu geben -wußten. Grillparzer, der Schumann bloß einmal flüchtig gesehen, löst -uns durch einen scharfen Hieb seines Intellekts den gordischen Knoten -der Schumannfrage und führt uns zur Erkenntnis, daß nicht das Übermaß -des Schaffens, sondern das Schaffen gegen seine Natur und Eigenart -diesen Geist erschöpft und zerrüttet habe. Im Verlaufe unserer -Darstellung wurde dieses Moment schon mehrmals hervorgehoben. - -Zu Endenich lebte Schumann meist in einem Zustande tiefster -melancholischer Depression. Manchmal trat wieder eine so bedeutende -Besserung ein, daß man sogar auf völlige Genesung hoffen zu können -glaubte: dann verschwand der irre Blick aus seinen Augen, er -musizierte und schrieb an Familie und Verleger. Doch am Beginn des -Sommers 1856 ging es mit ihm merklich zu Ende. Seine Freunde, die in -treuer Anhänglichkeit oft zum Krankenhaus wanderten, um Nachrichten -einzuholen, kamen mit immer traurigerer Botschaft heim. Die einzige -Beschäftigung dieses einst so bedeutenden Geistes bestände darin, -sich in einem, von Brahms geschenkten Atlas eingebildete Reisen -zusammenzusuchen. Am 29. Juli um vier Uhr nachmittags verschied er -sanft in den Armen seiner Gattin. Sie und alle, die Schumann liebten, -fühlten sich erleichtert: er war ja befreit von schwerem Leiden. - -Die Nachricht von Schumanns Tode durcheilte Bonn und die anderen -rheinischen Städte in wenigen Stunden. Auf Straßen und Plätzen wurde -man darauf angeredet, ob man die Trauerkunde schon vernommen. Von fern -und nah eilten die Verehrer des Meisters zu seinem Begräbnis, Brahms, -Joachim, Dietrich gingen barhaupt hinter dem Sarge, Hiller sprach die -Grabrede und die Bevölkerung Bonns war in Scharen herbeigeströmt, um -den Leichenzug zu sehen, als würde ein König beerdigt. Auf dem Bonner -Kirchhof vor dem Sternenthor, nicht weit von Vater Arndt, ruht jetzt -der müde Sänger. Dort hat ihm im Mai 1880 die Liebe seiner Freunde ein -würdiges Denkmal errichtet. - - - [8] Bekannte Irrenanstalt. - - [9] Erschienen bei Wigand, 1854. Später ging das Verlagsrecht an - Breitkopf und Härtel über. Neue Ausgabe: Universal-Bibliothek - Nr. 2472/73. 2561/62. 2621/22. - - [10] Johannes Brahms hat über dieses im Nachlasse des Meisters - vorgefundene Thema sehr schöne Variationen geschrieben (_op._ - 23). - - - - -8. Rückblick. - - Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da. - - +Antigone.+ - - -Wenn unser Auge bei der Betrachtung des Schumannschen Lebensganges an -manchen Schwächen und Irrtümern haften mußte, so darf der folgende -Abschnitt nun ganz dem Preise seiner bedeutenden Leistungen gewidmet -sein. Mag der eine dieser, der andere jener den Vorzug zuerkennen -- -über ihren hohen Wert ist heutzutage alle Welt einig und zählt ihn, -wenn auch nicht zu jenen Gewaltigen, welche die gesamten idealen -Bestrebungen des verfließenden Zeitalters kraftvoll zusammenfassend, -einem künftigen den Stempel ihres Geistes aufdrücken, so doch zu -den Musikern ersten Ranges. Er war ein musikalischer Kernmensch und -vermag darum sogar in Kunstgattungen, für welche ihm die spezielle -Befähigung abging, in Ehren zu bestehen und die volle Teilnahme des -Hörers zu erwecken. Sollen wir aber diese seine spezielle Befähigung -genauer umschreiben, was könnten wir Treffenderes vorbringen, als das -Urteil, welches er selbst, über einen anderen Künstler (L. Berger) -freilich, gefällt hat: „Überhaupt war er in kleinen Formen glücklicher -als in größeren, wie dies oft bei Naturen der Fall, die stets ihr -Bestes, Tiefstes, Innigstes geben möchten. Schlage man solche Stücke -nicht zu gering an. Eine gewisse breite Unterlage, ein bequemes -Aufbauen und Abschließen mag mancher Leistung zum Lobe gereichen. Es -giebt aber Tondichter, die, wozu andere Stunden brauchen, in Minuten -auszusprechen wissen: zur Darstellung, wie zum Genießen solcher geistig -konzentrierter Kompositionen gehört aber freilich auch eine gesteigerte -Kraft des Darstellenden wie des Aufnehmenden und dann auch die rechte -Stunde und Zeit; denn schöne, bequeme Form läßt sich immer genießen -und auslegen; tiefer Gehalt wird aber nicht zu jeder Zeit verstanden. -Daß Berger auch größerer Formen Meister war, hat er in seinen Sonaten -und Konzerten bewiesen. Keineswegs aber geben wir für diese eben jene -kleineren, genialeren Arbeiten hin, wie jene Charakterstücke, einige -seiner Variationen und vor allem seine Lieder.“ - -So Schumann. Um die Schönheiten seiner Musik zu empfinden, bedarf -es natürlich, wie bei allen tiefer gedachten Kunstwerken einer -eingehenden Bekanntschaft. „Als ich Schumann zu spielen anfing,“ -erzählt Robert Hamerling,[11] „glaubte ich in seiner Tonsprache dem -hellen Klangreize anderer Meister gegenüber etwas Herbes, Dumpfes -zu finden, welches jedoch, sobald es nur vom rechten Geschick und -Verständnis bewältigt war, in den süßesten Wohllaut sich auflöste. -Vor allem will das Individuelle, Charakteristische des Tonstückes -bei ihm erfaßt und festgehalten sein und aus diesem Grunde ist die -Kenntnisnahme der Überschriften, die er über seine Werke setzt, für -den vollen Genuß des Hörers so unentbehrlich, wie für den Vortrag. Was -soll der Hörer von den Sprüngen des Harlekins denken, wenn er nicht -weiß, daß es eben Harlekinssprünge sind.“ Als Gegensatz zu Mendelssohns -ohrenfälligem Formenspiel wurde diese Musik vom Publikum anfangs -mit der -- gleichfalls unverständlich dünkenden -- „Zukunftsmusik“ -zusammengeworfen, wozu noch der Umstand beitrug, daß Brendel in seiner -Zeitschrift die beiden Richtungen mit demselben Enthusiasmus verfocht. -Schumanns Parteigänger protestierten entschieden, aber nicht ganz mit -Recht gegen solche Beiordnung, denn thatsächlich finden sich zwischen -ihm und der „Weimarer Schule“ gar viele und wichtige Berührungspunkte. - -Beiden ist vor allem die geschichtliche Basis: Bach und (der letzte) -Beethoven gemeinsam. „Das Tiefkombinatorische, Poetische und -Humoristische der neueren Musik,“ bemerkt Schumann, „hat seinen -Ursprung zumeist in Bach. Die sogenannten Romantiker stehen Bach -weit näher als Mozart, wie ich selbst tagtäglich vor diesem Hohen -beichte, mich durch ihn zu reinigen und zu stärken suche,“ und ein -andermal gesteht er, daß ihn nur mehr „das Äußerste“ reize; „Bach fast -durchweg, Beethoven zumeist in seinen späteren Werken.“ „Es ist wahr, -zum Verständnis der Beethovenschen letzten Quartette gehört mehr als -bloße Lust zum Hören. Der empfänglichste, offenste Musikmensch wird -ungerührt von ihnen gehen, wenn er nicht tiefe Kenntnis des Charakters -Beethovens und dessen späterer Aussprache mitbringt. Dann aber, ist -er auf dem Wege dahin, so kann auch dem menschlichen Geiste kaum -etwas Wunderwürdigeres geboten werden, als jene Schöpfungen, denen -in ihrer tiefsinnigen Gestaltung, ihrem alle menschlichen Satzungen -überschwebenden Ideenfluge von anderer neuerer Musik gar nichts und -im übrigen nur einiges etwa von Lord Byron oder von Jean Pauls und -Goethes späteren Werken verglichen werden kann.“ Die Tonkunst ist -ihm „die veredelte Sprache der Seele; andere finden in ihr einen -Ohrenrausch, andere ein Rechenexempel und üben sie in dieser Weise -aus. Aber das wäre eine kleine Kunst, die nur klänge und keine Sprache -noch Zeichen für Seelenzustände hätte!“ Auch die Lehre von der Einheit -des Kunstgefühls, von der Urverwandtschaft der Künste läßt sich in -Schumanns Schriften und Briefen nachweisen. „Die Ästhetik der einen -Kunst ist die der anderen; nur das Material ist verschieden. Der -gebildete Musiker wird an einer Rafaelschen Madonna mit gleichem -Nutzen studieren können, wie der Maler an einer Mozartschen Symphonie. -Noch mehr: dem Bildhauer wird jeder Schauspieler zur ruhigen Statue, -diesem die Werke jenes zu lebendigen Gestalten; dem Maler wird das -Gedicht zum Bild, der Musiker setzt die Gemälde in Töne um.“ Gleich den -„Neudeutschen“ möchte sich Schumann vom partikularistischen Standpunkt -des Musikers zum höheren, allgemeineren des „Künstlers“ schlechthin -erheben. „Sieh dich tüchtig im Leben um, wie auch in anderen Künsten -und Wissenschaften,“ ruft er dem Musiker zu und bekennt: „Es affiziert -mich alles, was in der Welt vorgeht, Politik, Litteratur, Menschen; -über alles denke ich nach meiner Weise nach, was sich dann durch -die Musik Luft machen, einen Ausweg suchen will. Deshalb sind viele -meiner Kompositionen so schwer zu verstehen, weil sie an entfernte -Interessen anknüpfen, oft auch bedeutend, weil mich alles Merkwürdige -der Zeit ergreift und ich es dann musikalisch aussprechen muß.“ Sogar -was die Programmmusik anbelangt, stimmt er mit den Neudeutschen in der -Kardinalfrage: nach ihrer Berechtigung überein. Er meint zwar einmal, -es sei kein gutes Zeichen für ein Tonstück, wenn es der Überschrift -bedarf; es wäre dann gewiß nicht der inneren Tiefe entquollen, sondern -erst durch irgend eine äußere Vermittlung angeregt; und vom Programm -einer Berliozschen Symphonie: „Ganz Deutschland schenkt es ihm; solche -Wegweiser haben immer etwas Unwürdiges, Charlatanmäßiges.“ Doch stehen -damit zahlreiche andere Aussprüche Schumanns in offenbarem Widerspruch, -so daß es den Anschein hat, als sei er in dieser Frage nicht ganz -schlüssig geworden. Man höre: Warum könnte nicht einen Beethoven -inmitten seiner Phantasien der Gedanke an Unsterblichkeit überfallen? -Warum nicht das Andenken eines großen gefallenen Helden ihn zu einem -großen Werke begeistern? Warum nicht einen anderen die Erinnerung an -eine selig verlebte Zeit? Italien, die Alpen, das Bild des Meeres, eine -Frühlingsdämmerung -- hätte uns die Musik noch nichts von diesem allen -erzählt? Ja, selbst kleinere, speziellere Bilder können der Musik einen -so reizend festen Charakter verleihen, daß man überrascht wird, wie sie -solche Züge auszudrücken vermag. So erzählte mir ein Komponist, daß -sich ihm während des Niederschreibens das Bild eines Schmetterlings, -der auf einem Blatte im Bache mitfortschwimmt, aufgedrungen: dies -hätte dem kleinen Stücke die Zartheit und Naivetät gegeben, wie es nur -irgend das Bild in der Wirklichkeit besitzen mag.... Man irrt sich -gewiß, wenn man glaubt, die Komponisten legen sich Feder und Papier -in der elenden Absicht zurecht, dies oder jenes auszudrücken. Doch -schlage man zufällige Einflüsse und Eindrücke von außen nicht zu gering -an. Unbewußt neben der musikalischen Phantasie wirkt oft eine Idee -fort, neben dem Ohr das Auge, und dieses, das immer thätige Organ, -hält dann mitten unter den Klängen und Tönen gewisse Umrisse fest, die -sich mit der vorrückenden Musik zu deutlichen Gestalten verdichten und -ausbilden können. Je mehr nun mit der Musik verwandte Elemente die -mit den Tönen erzeugten Gedanken oder Gebilde in sich tragen, von je -poetischerem oder plastischerem Ausdrucke wird die Komposition sein -und, je phantastischer oder schärfer der Musiker aufpaßt, um so mehr -wird sein Werk erheben oder ergreifen. Daß sich Schumann zu seinen -Symphonien durch äußere Momente anregen ließ, wurde bereits erwähnt, -aber selbst in seine Kammermusikwerke spielen, wie es scheint, allerlei -poetische Ideen hinein. Umgekehrt, und das ist das Entscheidende, -genießt Schumann absolute Musik nicht rein musikalisch, sondern als -Poet, als Künstler: „Ich kann nicht unterlassen anzuführen, wie mir -einstens während eines Schubertschen Marsches der Freund, mit dem ich -spielte, auf meine Frage, ob er nicht ganz eigene Gestalten vor sich -sehe, zur Antwort gab: Wahrhaftig, ich befand mich in Sevilla, aber vor -mehr als hundert Jahren, mitten unter auf- und abspazierenden Dons und -Donnas mit Schleppkleid, Schnabelschuhen u. s. w. Merkwürdigerweise -waren wir in unseren Visionen bis auf die Stadt einig.“ Verwahrte -sich Schumann nicht ausdrücklich dagegen, so dürfte man ihn (mit -Liszt) nach den Überschriften, die er seinen Tonstücken giebt, als -Programmatiker betrachten; doch erklärt er zu wiederholten Malen, sie -seien erst später entstanden und nur „feinere Fingerzeige für Vortrag -und Auffassung.“ Mag dies nun für all seine Werke zutreffen oder nicht --- jedenfalls ist Schumann, zwar kein Partner, wohl aber ein Vorläufer -der „neudeutschen Schule“, das notwendige Mittelglied zwischen ihr und -Beethoven. - -Der Glaube, in welchem er komponierte, war der an die unversiegbare -Kraft des deutschen Kunstgeistes: „Mir ist oft, als ständen wir an den -Anfängen, als könnten wir noch Saiten anschlagen, von denen man früher -noch nicht gehört.“ Auch der Hinweis auf die Zukunft kehrt bei Schumann -häufig wieder, ja einmal sagt er gar: „Eine Zeitschrift für +zukünftige -Musik+ fehlt noch, als Redakteure wären freilich nur Männer, wie der -ehemalige, blind gewordene Kantor an der Thomasschule (Bach) und -der taube, in Wien ruhende Kapellmeister (Beethoven) passend.“ Aber -gleich den Neudeutschen verwirft er bloße Nachahmung dieser verehrten -Meister. Persönlichkeit scheint ihm nicht nur das „höchste Glück der -Erdenkinder“, sondern auch die vornehmste Eigenschaft jedes wirklichen -Künstlers. „Nenne mich beileibe nicht mehr Jean Paul den Zweiten -oder Beethoven den Zweiten,“ schreibt er Klara; „da könnte ich dich -eine Minute lang hassen. Ich will zehnmal weniger sein als andere, -aber nur für mich etwas.“ Noch muß die nationale Tendenz Schumanns -hervorgehoben werden, denn er ist eigentlich der erste Komponist, der -sein Deutschtum stärker betont, der die Anlehnung an ausländische -Muster geflissentlich vermeidet -- ganz wie die Neudeutschen. „Die -höchsten Spitzen italienischer Kunst reichen noch nicht an die Anfänge -wahrhaft Deutscher,“ sagt er, ebenso überzeugungsvoll, als ungerecht, -und die Fremdwörter, welche sich zu seiner Zeit auf Titeln und in den -Vortragsbezeichnungen breit machten, auszumerzen, war sein eifrigstes -Bestreben. Als Brendel bei der Übernahme der Zeitschrift die Absicht -aussprach, sie in Zukunft mit lateinischen Lettern drucken zu lassen, -protestierte Schumann sehr heftig dagegen und erklärte, daß er dann -imstande sei, sie nicht wieder anzusehen. -- Endlich hat Schumann mit -den Neudeutschen die Doppelthätigkeit als Künstler und Schriftsteller -gemeinsam. Bei ihm ist diese Vereinigung zweier Talente, wie Liszt -vortrefflich ausführt, „noch durch das Verdienst erhöht, daß er -nicht unbewußt dem Drange der Verhältnisse nachgab und, nachdem er -diese erkannt, nicht erst die äußerste Notwendigkeit zum Handeln -abwartete. Nicht zufrieden, für seine Idee, die damals ebenso wenig -allgemein begriffen wurde, als sie es kaum in den nächsten Dezennien -sein dürfte, zu eifern, zu predigen, zu arbeiten, zu kämpfen, setzte -er für die erkannte Wahrheit Gut und Leben ein. Ein richtiger Blick -ist zu allen Zeiten sein Vorzug, seine Kritik liefert ein schönes -Beispiel eines prinzipiell strengen, faktisch wohlwollenden Geistes, -der anspruchsvoll für die Kunst, nachsichtig gegen die Künstler ist, -der gern aus seiner Heimat in den Wolkenschichten als freundlicher -Gast in bescheidenen Niederungen einkehrt, dem Vielwollenden vieles -verzeiht, redliche Gesinnung und beharrliches Streben ermuntert, sich -mutig und voll Zorn gegen reiche Geister erhebt, die ihren Reichtum -nicht zum alleinigen Nutzen der Kunst erheben wollen, der selbst im -Tadel sanft gegen Schwache ist und im Lobe selbst gebieterisch gegen -Erfolgreiche -- ehrlich aber gegen alle.“ Schumanns unmittelbaren -Schülern kann freilich der Vorwurf nicht erspart werden, die von ihm -erlernte stilistische Gewandtheit mehr dazu benützt zu haben, ihren -eigenen Witz auf Kosten des Kunstwerkes glänzen zu lassen, als es -verständnisvoll und wohlwollend zu beleuchten; allein wer wird den -Meister für die Verirrungen seiner Jünger zur Verantwortung ziehen? Er -hatte fürwahr eine höhere Meinung von dem ehrwürdigen Amte der Kritik: -„Thörichten, Eingebildeten schlägt sie die Waffen aus der Hand,“ sagt -er, „Willige schont, bildet sie; Mutigen tritt sie rüstig freundlich -entgegen: vor Starken senkt sie die Degenspitze und salutiert.“ Ferner: -„Wir gestehen, daß wir für die höchste Kritik halten, welche durch -sich selbst einen Eindruck hinterläßt, dem gleich, den das anregende -Original hervorbringt. In diesem Sinne könnte Jean Paul zum Verständnis -einer Beethovenschen Symphonie durch ein poetisches Gegenstück mehr -beitragen, als die Dutzend-Kunstrichter, die Leitern an den Koloß -legen, um ihn nach Ellen zu messen.“ - -Unter den zahlreichen, zum größeren Teile in die „Gesammelten -Schriften“ aufgenommenen, kritischen Artikeln Schumanns haben -namentlich zwei bedeutenden Einfluß auf den musikalischen Geschmack in -Deutschland gehabt; der eine über Berlioz, worin er den Wert dieses -zumeist als Halbverrückten behandelten Künstlers unbefangen aufdeckte, -ist besonders in methodologischer Hinsicht von außerordentlicher -Bedeutung und man hört es noch heute von Musikern, daß sie daraus mehr -wirkliches und nützliches Wissen schöpfen, als aus den umfangreichsten -Lehrbüchern musikalischer Gelehrsamkeit. In späterer Zeit wurde -Schumann allerdings empfindlicher gegen das Bizarre, Extravagante in -Berlioz’ Musik, doch blieb es immer sein Stolz, „mit der kritischen -Weisheit nicht zehn Jahre hinterdrein gefahren zu sein, sondern -im voraus gesagt zu haben, daß Genie in dem Franzosen gesteckt.“ -Griepenkerls, von wahrem Fanatismus für Berlioz erfüllte Broschüre: -„Ritter Berlioz in Braunschweig“, besprach er, trotzdem gegen ihn -selbst polemisiert wurde, überaus freundlich und schloß mit den Worten: -„Möge die kleine Schrift gelesen werden; sie enthält manch blitzenden -Gedanken und konnte auf so vieles Unwürdige, Ignorantenhafte, was -neuerdings über Berlioz geschrieben worden ist, gar nicht ausbleiben.“ -Dem merkwürdigen Künstler aber schlage, was um ihn vorgeht, alles zum -Besten aus, wie Goethe sagt im Tasso: - - „Ruhm und Tadel - Muß er ertragen lernen, sich und andere - Wird er gezwungen recht zu kennen.“ - -Ganz anders gestaltete sich hingegen das Verhältnis Schumanns zu -einem anderen, nicht minder berühmten Pariser Musiker: Meyerbeer. -Nicht als hätte er bei diesem das große Talent verkannt, aber sein -unkünstlerisches Streben nach Effekt, die innere Hohlheit seiner Werke -stieß den idealistischen, ehrlichen Deutschen ab. Bedenkt man das -ungeheuere, durch die bezahlte Tagespresse erzeugte Ansehen, welches -Meyerbeer genoß und seinen verderblichen Einfluß auf den öffentlichen -Kunstgeschmack (es gab Leute, die ihn Mozart an die Seite stellten!), -so muß Schumanns Artikel gegen „Die Hugenotten“ als eine nationale und -künstlerische That bezeichnet werden. „Nie unterschrieb ich etwas mit -so fester Überzeugung als heute,“ sagte er am Schlusse des Aufsatzes -und auch späterhin ist er von seiner Meinung nicht abgekommen. Die -erste, nicht günstige Kritik über „Tannhäuser“ scheint, wenigstens -indirekt, Meyerbeer verschuldet zu haben, insofern, als Wagners -offenkundige Beziehungen zu ihm, Schumanns Argwohn erweckten. Mit -welchem Freimut er sein Urteil zurücknahm, sobald er sich von der -Unbilligkeit des Tadels überzeugt hatte, hörten wir schon. - -Sowohl durch seinen gewählten, reinen und graziösen Stil, als durch -die treffende, harmonische Anwendung seiner Bilder gehört Schumann -unbedingt zu den hervorragendsten Schriftstellern der dreißiger -Jahre. Bis dahin hatte man in Deutschland selten Wissenschaftliches, -Vernünftiges und Richtiges über Musik in einem blühenderen Stil als -dem bei Lehrbüchern der Arithmetik gebräuchlichen vortragen gehört. -Schumann vermied diese Trockenheit der Fachmenschen, die in so wenig -anziehender Weise und immer nur vom technischen Standpunkt aus über -Musik derartig gesprochen hatten, daß man leicht von ihr selbst hätte -abgeschreckt werden können. Er wußte die Laien zu interessieren, denen -bisher die musikalischen Zeitschriften meistens für zu viel Langeweile -zu wenig Belehrung geboten hatten. - -Wie Jean Paul die zwei kontrastierenden Seiten seines Wesens in -„Walt und Wult“ verkörpert hat, so Schumann bekanntlich das Seinige -in „Florestan und Eusebius“. In wie feiner Weise macht er sich nun -diese Fiktion für seine Kritik zu nutze! Er stellt Florestan als -Repräsentanten der abstrakten Kunst hin und Eusebius als das liebevoll -auffassende Künstlergemüt und vermochte, indem er bald diesem, bald -jenem das Wort erteilte, Doppelkritiken nach den bei der Beurteilung -notwendigen zwei Gesichtspunkten zu geben. Noch mehr. Er gewinnt -durch diesen Davidsbund auch eine prächtig sinnige Einkleidung für -seine kritischen Aufsätze. Als er neu erschienene Tanzlitteratur zu -besprechen hat, bedient er sich beispielsweise der Fiktion eines -Maskenballes, welchen die Bündler veranstalten und wobei die zu -besprechenden Stücke aufgespielt werden. Oder er berichtet über die -Gewandhauskonzerte des Oktober 1835 in Form von Briefen, die Eusebius -an Chiara (Klara) nach Italien schreibt. Auch recht lustige Episoden -weiß er gelegentlich zu erfinden, so wenn bei einer von Franzilla Pixis -gesungenen Donizettischen Arie „etwas sehr Nasses“ auf der Backe selbst -des gestrengen Kunstrichters Florestan sichtbar wird. Daheim läuft er -dann wütend auf und ab, vor sich hinsprechend: „O ewige Schande! O -Florestan, bist du bei Sinnen, hast du deshalb den Marpurg studiert, -deshalb das wohltemperierte Klavier seciert, kannst du deshalb den Bach -und Beethoven auswendig, um bei einer miserablen Arie von Donizetti -nach vielen Jahren so etwas wie weinen? Hätte ich die Thränen, zu -nichts wollt’ ich sie zerkratzen mit der Faust!“ Darauf setzt er sich -unter schrecklichem Lamentieren ans Klavier und spielt jene Arie so -wirtshausmäßig, lächerlich und fratzenhaft, daß er endlich beruhigt zu -sich sagen kann: „Wahrhaftig, nur der Ton ihrer Stimme war’s, der mir -so ins Herz ging!“ - -Die Idee des Davidsbundes wurde von den Freunden Schumanns ehedem viel -bewundert, ja, man dichtete allerhand Tiefsinnigkeiten in sie hinein. -„Vor allem mahne uns dieser Name,“ kommentiert Wedel (Zuccamaglio), -„an den ewigen, heiligen Bund der Dicht- und Tonkunst. Der Name des -gekrönten Sängers, der nur in gottbegeisterten Liedern sich verewigte, -deute uns immer das Verhältnis zwischen Kunst und Religion, erinnere -uns, daß die Sprache einer Geisterwelt nicht herabgewürdigt werden -darf, dem Niedrigen im Menschen zu schmeicheln und das Verwerfliche -zu übergolden und zu verbrämen.“ Solche Gedanken lagen wohl Schumann -ursprünglich fern. Er war, obgleich gut christlich gesinnt, doch -eigentlich keine tief religiöse Natur. Das erklärt sich aus der -Geistesrichtung der Periode, in welcher er lebte. Auch auf Unterschiede -zwischen den christlichen Konfessionen zu halten, fiel ihm nicht ein, -was schon durch den Umstand bewiesen wird, daß er, der doch Protestant -war, 1852 für die katholische Kirche in Düsseldorf eine Messe und ein -Requiem geschrieben hat. - -Schließlich soll noch angeführt sein, daß Schumann in den Jahren -1837-39 darauf sann, dem nur in seiner Phantasie existierenden Bunde -wirkliches Leben zu erteilen, einen großen, deutschen Künstlerbund -zu begründen. Auch einen anderen derartigen Plan hegte er damals: -die Errichtung einer Agentur zur Herausgabe von Musikwerken, „welche -den Zweck hätten, alle Vorteile, die bis jetzt den Verlegern in so -reichlichem Maße zufließen, den Komponisten zuzuwenden.“ Man sieht, -auch an praktischen Vorschlägen ließ es dieser merkwürdige Geist nicht -fehlen, so wenig er selbst darnach geschaffen war, sie in Wirklichkeit -durchführen zu können. Immerhin muß man seinem richtigen, idealen -Wollen die gebührende Anerkennung entrichten. - -Robert Schumanns Leben und Schaffen, stellt es nicht treu die Eigenart -seiner Zeit, des zweiten Drittels unseres Jahrhunderts dar? Es ist -das Zeitalter erneuter Regsamkeit auf dem Gebiete der Kunst, der -Wissenschaft und des öffentlichen Lebens. Überall zeigen sich Keime und -Ansätze, viel Enthusiasmus und Fleiß, aber geringe Thatkraft. Es ist -das Zeitalter politischer und geistiger Zersplitterung; aber auch der -Vorbereitung auf die später gewonnene Einheit; und Schumann strebte -weiter: nach Erfüllung wenigstens in der Kunst und setzte sein edles -Leben vergebens daran. Erst das künftige Geschlecht sollte ernten, wo -jenes gesäet hatte. Dank darum den emsigen Säeleuten und nicht zum -mindesten fürwahr unserem Meister. Seine Werke aber mögen im deutschen -Volke immer unvergeßlich bleiben! - - - [11] R. Hamerling, Prosa. Bd. 1: Meine Lieblinge (Hamb. 1891). - - - - -Register der Werke Robert Schumanns. - - -1. Numerierte Werke. - - 1. _Thème sur le nom Abegg._[12] - 2. _Papillons._ - 3. Studien für Pianoforte nach Kaprizen von Paganini. - 4. _Intermezzi._ - 5. Impromptüs über ein Thema von Klara Wieck. - 6. Davidsbündlertänze. (Gewidmet Walther von Goethe.) - 7. _Toccata._ - 8. _Allegro._ - 9. _Carnaval. Scènes mignonnes._ - 10. _VI Etudes pour le pianoforte d’après des caprices de - Paganini._ - 11. _Grande Sonate (dediée à Mlle. Clara Wieck)._ - 12. Phantasiestücke. - 13. _Etudes symphoniques (dediée Sterndale Bennett)._ - 14. _Concert sans orchestre (dediée J. Moscheles)._ - 15. Kinderscenen. - 16. Kreisleriana (gewidmet Friedrich Chopin). - 17. Phantasie für Pianoforte (Franz Liszt). - 18. Arabeske. - 19. Blumenstück. - 20. Humoreske. - 21. Novelletten (Adolph Henselt). - 22. Sonate Nr. II. - 23. Nachtstücke. - 24. Liederkreis von Heine (Mlle. Pauline Garcia).[13] - 25. Myrthen. Liederkreis. („Seiner geliebten Braut“.) - 26. Faschingsschwank aus Wien. - 27. Lieder und Gesänge (Heft I). - 28. Drei Romanzen für Pianoforte. - 29. Drei Gedichte von Geibel für mehrstimmigen Gesang u. - Pianoforte. - 30. Drei Gedichte von E. Geibel. - 31. Drei Gesänge von A. Chamisso. - 32. Scherzo, Gigue, Romanze und Fughette für Pianoforte, komponiert - 1838-39. - 33. Sechs Lieder für vierstimmigen Männergesang. - 34. Vier Duette für Sopran und Tenor mit Pianoforte. - 35. Zwölf Gedichte von J. Kerner. - 36. Sechs Gedichte von Reinick. - 37. Zwölf Gedichte aus E. Rückerts Liebesfrühling. - 38. Erste Symphonie (_B-Dur_). - 39. Liederkreis von J. v. Eichendorff. - 40. Fünf Lieder (H. C. Andersen). - 41. Drei Quartette (E. Mendelssohn). - 42. Frauenliebe und Leben. - 43. Drei zweistimmige Lieder mit Pianoforte. - 44. Quintett für Pianoforte, Violinen, Viola, Cello (Klara). - 45. Romanzen und Balladen (Heft I). - 46. Andante und Variationen für zwei Pianoforte. - 47. Quartett für Pianoforte, Violine, Viola und Cello. - 48. Dichterliebe aus dem Buche der Lieder von Heine - (Schröder-Devrient). - 49. Romanzen und Balladen (Heft II). - 50. Das Paradies und die Peri von Th. Moore für Soli, Chor, - Orchester. - 51. Lieder und Gesänge (Heft II), komponiert 1842. - 52. Ouvertüre, Scherzo und Finale für Orchester. - 53. Romanzen und Balladen (Heft III). - 54. Konzert für das Pianoforte mit Orchester. - 55. Fünf Lieder von R. Burns für gemischten Chor. - 56. Studien für den Pedalflügel. - 57. Belsazar, Ballade von Heine. - 58. Skizzen für den Pedalflügel. - 59. Vier Gesänge für gemischten Chor. - 60. Sechs Fugen über den Namen Bach für Orgel. - 61. Zweite Symphonie (_C-Dur_). - 62. Drei Gesänge für Männerchor. - 63. Trio für Pianoforte, Violine und Cello (_D-moll_). - 64. Romanzen und Balladen (Heft IV). - 65. Ritornelle von F. Rückert für mehrstimmigen Männergesang. - 66. Bilder aus Osten. Impromptüs für Pianoforte zu vier Händen. - 67. Romanzen und Balladen für Chor (I. Heft). - 68. Album für die Jugend. - 69. Romanzen für Frauenstimmen (Heft I). - 70. Adagio und Allegro für Pianoforte und Horn. - 71. Adventlied von F. Rückert für Sopran, Chor, Orchester. - 72. Vier Fugen für Pianoforte (Carl Reinecke). - 73. Phantasiestücke für Pianoforte und Klarinette. - 74. Spanisches Liederspiel f. eine u. mehrere Stimmen m. - Pianoforte. - 75. Romanzen und Balladen für Chor (II. Heft). - 76. Vier Märsche für Pianoforte. - 77. Lieder und Gesänge (Heft III). - 78. Vier Duette für Sopran und Tenor mit Pianoforte. - 79. Liederalbum für die Jugend. - 80. Zweites Trio (_F-Dur_). - 81. Genoveva (Oper in vier Akten nach Tieck und F. Hebbel). - 82. Waldscenen (Neun Klavierstücke). - 83. Drei Gesänge. - 84. Beim Abschied zu singen. (Lied f. Chor m. - Instrumentalbegleitung). - 85. Zwölf vierhändige Klavierstücke für kleine und große Kinder. - 86. Konzertstück für vier Hörner und großes Orchester. - 87. Der Handschuh (Ballade von Schiller). - 88. Phantasiestücke für Pianoforte, Violine, Cello. - 89. Sechs Gesänge von W. von der Neun (Jenny Lind). - 90. Sechs Gedichte von Lenau und Requiem. - 91. Romanzen für Frauenstimmen (Heft II). - 92. Introduktion und Allegro. (Konzertstück für Pianoforte mit - Orchester). - 93. Motette „Verzweifle nicht“ von Rückert für doppelten Männerchor - und Orgel. - 94. Drei Romanzen für Hoboe und Pianoforte. - 95. Drei Gesänge von Byron mit Harfe oder Pianoforte. - 96. Lieder und Gesänge (Heft IV). - 97. Dritte Symphonie (_Es-Dur_). - 98. _a_) Lieder aus „Wilhelm Meister“; _b_) Requiem für Mignon für - Soli, Chor, Orchester. - 99. Bunte Blätter (14 Stücke für Pianoforte). ††[14] - 100. Ouvertüre zur Braut von Messina für Orchester, kompon. 1851. - 101. Minnespiel aus Rückerts Liebesfrühling für eine und mehrere - Stimmen mit Pianoforte. - 102. Fünf Stücke im Volkston für Cello und Pianoforte. - 103. Mädchenlieder von E. Kulmann f. zwei Soprane m. Pianoforte. - 104. Sieben Lieder von E. Kulmann. - 105. Sonate (_A-moll_) für Pianoforte und Violine. - 106. Schön Hedwig (Ballade von Hebbel f. Deklamation u. Pianoforte). - 107. Sechs Gesänge. - 108. Nachtlied von Hebbel f. Chor u. Orchester. (Dem Dichter - gewidmet.) - 109. Ballscenen für Pianoforte zu vier Händen. - 110. Drittes Trio (_G-moll_). Niels Gade zugeeignet. - 111. Drei Phantasiestücke für Pianoforte. - 112. Der Rose Pilgerfahrt (Märchen nach Moritz Horn für Soli, Chor, - Orchester). - 113. Märchenbilder (vier Stücke für Pianoforte und Viola). - 114. Drei Lieder für drei Frauenstimmen m. Pianoforte, kompon. 1853. - 115. Manfred (dramatisches Gedicht von Lord Byron). - 116. Der Königssohn (Ballade von Uhland, für Soli, Chor, Orchester). - 117. Vier Husarenlieder von Lenau. - 118. Drei Klaviersonaten für die Jugend, komponiert 1853. - 119. Drei Gedichte von S. Pfarrius. - 120. Vierte Symphonie (_D-moll_). - 121. Sonate (_D-moll_) für Violine und Pianoforte. (Ferd. David.) - 122. Ballade vom Haideknaben von Hebbel. Die Flüchtlinge von - Shelley, für Deklamation und Pianoforte. - 123. Festouvertüre mit Gesang über das Rheinweinlied. - 124. Albumblätter (20 Klavierstücke). †† - 125. Fünf heitere Gesänge. - 126. Sieben Klavierstücke in Fughettenform, komponiert 1853. - 127. Lieder und Gesänge. - 128. Ouvertüre zu Shakespeares Julius Cäsar. - 129. Konzert (_A-moll_) für Cello mit Orchester. - 130. Kinderball (sechs leichte Tanzstücke zu vier Händen, für - Pianoforte, komponiert 1853). - 131. Phantasie für Violine mit Orchester oder Pianoforte (J. - Joachim). - 132. Märchenerzählungen (vier Stücke für Klarinette, Viola u. - Pianoforte, komponiert 1853). - 133. Gesänge der Frühe (fünf Stücke für Pianoforte, kompon. 1853). - 134. Konzert-Allegro mit Introduktion für Pianoforte mit Orchester, - komponiert 1853, (J. Brahms). - 135. Gedichte der Königin Maria Stuart. - 136. Ouvertüre zu Hermann und Dorothea. (Seiner lieben Klara.)[15] - 137. Jagdlieder aus Laubes Jagdbrevier f. vierstimmigen Männerchor. - 138. Spanische Liebeslieder für eine und mehrere Stimmen mit - Pianoforte zu vier Händen. - 139. Des Sängers Fluch (Ballade nach Uhland, bearbeitet von R. Pohl - für Soli, Chor, Orchester). - 140. Vom Pagen und der Königstochter (Balladen von Geibel, f. Soli, - Chor, Orchester). - 141. Vier doppelchörige Gesänge. - 142. Vier Gesänge, komponiert 1842. - 143. Das Glück von Edenhall (Ballade nach Uhland, bearbeitet von - Hasenclever, für Soli, Chor, Orchester). - 144. Neujahrslied von Rückert, für Chor und Orchester. - 145. Romanzen und Balladen für Chorgesang (III. Heft). - 146. Romanzen und Balladen für Chorgesang (IV. Heft). - 147. Messe für vierstimmigen Chor mit Orchester. - 148. Requiem für Chor und Orchester. - - -2. Unnumerierte Werke. - - I. Scenen aus Goethes Faust, für Soli, Chor, Orchester. - II. Der deutsche Rhein von N. Becker, für Soli, Chor, Orchester, - komponiert 1840. - III. Soldatenlied von Hoffmann von Fallersleben. † - IV. Scherzo und Presto für Pianoforte. † - V. Kanon über „An Alexis“ für Pianoforte. † - - - [12] _op._ 1-23, ausschließlich zweihändige Klavierwerke. - - [13] Wo nichts weiteres angegeben ist, sind die Lieder einstimmig mit - Begleitung des Pianoforte. - - [14] Das Zeichen † bedeutet, daß die Entstehungszeit dieser, im Texte - nicht weiter berührten Komposition nicht bekannt ist, zwei ††, - daß das Werk aus mehreren zu verschiedenen Zeiten entstandenen - Stücken besteht. - - [15] Die Werke von _op._ 136 an sind erst nach Schumanns Tode - erschienen. - - -+Ende.+ - - - - -Musiker-Biographien - -aus Reclams Universal-Bibliothek - - - Auber. Von Ad. Kohut. Bd. 17. Nr. 3389 - - J. S. Bach. Von Rich. Batka. Bd. 15. Nr. 3070 - - Beethoven. Von L. Nohl. Bd. 2. Nr. 1181/81 _a_ - - Bellini. Von Paul Voß. Bd. 23. Nr. 4238 - - Berlioz. Von Br. Schrader. Bd. 28. Nr. 5043 - - Bizet. Von Paul Voß. Bd. 22. Nr. 3925 - - Brahms. Von Richard von Perger. Bd. 27. Nr. 5006 - - Cherubini. Von M. E. Wittmann. Bd. 18. Nr. 3434 - - Chopin. Von E. Redenbacher. Bd. 30. Nr. 5327 - - Cornelius. Von Edgar Istel. Bd. 25. Nr. 4766 - - Franz, R. Von R. Freiherrn Procházka. Bd. 16. Nr. 3273/74 - - Gluck. Von Heinrich Welti. Bd. 9. Nr. 2421 - - Götz, Herm. Von G. R. Kruse. Bd. 36. Nr. 6090 - - Händel. Von Br. Schrader. Bd. 19. Nr. 3497 - - Haydn. Von Ludwig Nohl. Bd. 3. Nr. 1270 - - Liszt. 1. Teil. Von Lud. Nohl. Bd. 4. Nr. 1661 - - -- 2. Teil. Von August Göllerich. Bd. 8. Nr. 2392/92 _a_ - - Loewe. Von M. Runze. Bd. 24. Nr. 4668 - - Lortzing. Von H. Wittmann. Bd. 11. Nr. 2634 - - Mahler. Von Arthur Neißer. Bd. 35. Nr. 5985/86 - - Marschner. Von M. E. Wittmann. Bd. 20. Nr. 3677 - - Mendelssohn. Von Bruno Schrader. Bd. 21. Nr. 3794 - - Meyerbeer. Von Ad. Kohut. Bd. 12. Nr. 2734 - - Mozart. Von Ludwig Nohl. Bd. 1. Nr. 1121 - - Rossini. Von Adolf Kohut. Bd. 14. Nr. 2927 - - Anton Rubinstein. Von Nic. D. Bernstein. Bd. 29. Nr. 5302 - - Schubert. Von A. Niggli. Bd. 10. Nr. 2521 - - Schumann. Von Rich. Batka. Bd. 13. Nr. 2882 - - Spohr. Von Ludwig Nohl. Bd. 7. Nr. 1780 - - Strauß. Von F. Lange. Bd. 31. Nr. 5462 - - Verdi. Von Max Chop. Bd. 32. Nr. 5595 - - Volkmann. Von Hans Volkmann. Bd. 33. Nr. 5753 - - Wagner. Von Ludwig Nohl. 2. Aufl. Bd. 5. Nr. 1700/1700 _a_ - - Weber. Von Ludwig Nohl. Bd. 6. Nr. 1746 - - Hugo Wolf. Von E. Schmitz. Bd. 26. Nr. 4853 - - Zelter. Von G. Rich. Kruse. Bd. 34. Nr. 5815 - - -Näheres über Einbände und Preise enthält der neueste Katalog von -Reclams Universal-Bibliothek - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHUMANN *** - -***** This file should be named 64151-0.txt or 64151-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - https://www.gutenberg.org/6/4/1/5/64151/ - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms -of the Project Gutenberg License included with this eBook or online -at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. 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Ungewöhnliche -und heute nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen sowie Schreibvarianten -bleiben gegenüber dem Original unverändert, sofern der Sinn des Texts -dadurch nicht beeinträchtigt wird.</p> - -<p class="p0">Die Fußnoten wurden an das Ende des jeweiligen Kapitels -gestellt.</p> - -<p class="p0">Die Angabe von Tonarten erfolgt uneinheitlich -bezüglich der Groß- und Kleinschreibung, sowie der Verwendung von -Schriftarten. Die vorliegende Bearbeitung folgt in dieser Hinsicht der -Originalvorlage.</p> - -<p class="p0 nohtml">Abhängig von der im jeweiligen Lesegerät installierten -Schriftart können die im Original <em class="gesperrt">gesperrt</em> -gedruckten Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl -serifenlos als auch gesperrt erscheinen.</p> - -</div> - -<div class="figcenter illowe40 noebook" id="cover"> - <img class="w100" src="images/cover.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Original-Bucheinband</div> -</div> - -<div class="titelei"> - -<p class="s3 center mtop2"><em class="gesperrt">Musiker-Biographien</em></p> - -<p class="center">13. Band</p> - -<h1><em class="gesperrt">Schumann</em></h1> - -<p class="center">von</p> - -<p class="s3 center mtop2">Richard Batka</p> - -<p class="s4 center padtop5 padbot2">Zweite Auflage</p> - -<hr class="r65" /> - -<p class="s4 center ">Verlag von Philipp Reclam jun. Leipzig</p> - -<p class="center padtop5 antiqua break-before">Copyright 1891 by Philipp Reclam -jun. Leipzig</p> - -<p class="s5 center mtop2">Uebersetzungsrecht vorbehalten</p> - -<p class="s5 center padtop5"><em class="gesperrt">Druck von Philipp Reclam jun. in Leipzig</em></p> - -</div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Inhalt">Inhalt</h2> - -</div> - -<table class="toc" summary="Inhaltsverzeichnis"> - <tr> - <td class="s5 vat"> - - </td> - <td class="s5 vab"> - <div class="right">Seite</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="left">Vorwort</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#Vorwort">5</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="left">1. Die Jugendzeit (1810–1828)</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#Die_Jugendzeit">7</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="left">2. Die Studienjahre (1828–1830)</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#Die_Studienjahre">14</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="left">3. Erste Künstlerzeit (1830–1835)</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#Erste_Kuenstlerzeit">21</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="left">4. Klara (1835–1840)</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#Klara">34</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="left">5. Die Lieder (1840)</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#Die_Lieder">45</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="left">6. Wollen und Wagen (1840–1849)</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#Wollen_und_Wagen">54</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="left">7. Letzte Lebensjahre (1849–1856)</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#Letzte_Lebensjahre">74</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - <div class="left">8. Rückblick</div> - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#Rueckblick">87</a></div> - </td> - </tr> -</table> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_5"></a>[S. 5]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Vorwort">Vorwort.</h2> - -</div> - -<p>Die deutsche Kulturgeschichte lehrt, daß die Ideale der Musik in -vier aufeinander folgenden Zeiträumen sich nach und nach erweitert -haben, so zwar, daß zu den bereits erkannten Zielen stets neue und -schönere gewonnen werden. Zur Zeit <em class="gesperrt">Händels</em> und <em class="gesperrt">Bachs</em> -gipfelt die Musik noch vorzugsweise in kunstreichem architektonischen -Bau; in der <em class="gesperrt">Mozart</em>schen Periode kommt dazu die Forderung des -sinnlichen Wohlklangs; <em class="gesperrt">Beethoven</em>, der Riese, entdeckt sodann -die unermeßliche Fähigkeit der Tonkunst, ganz individuelle Gefühle und -Stimmungen auszusprechen, und <em class="gesperrt">Wagner</em> endlich verschwistert sie -auf das Innigste mit der Poesie. Zwischen den beiden letztgenannten -Meistern nimmt <em class="gesperrt">Robert Schumann</em> zeitlich und ideell eine -Mittelstellung ein. Noch ist er in erster Reihe Musiker, aber in oder -an seine Tonwerke drängen sich schon vielfach poetische Elemente; der -Gebrauch, Instrumentalsätze mit sinnigen Überschriften zu versehen, der -bereits gelegentlich bei Beethoven vorkommt, findet sich bei Schumann -so allgemein, daß man ihn fast den Programmusikern zuzählen möchte, -wäre es nicht anderseits bekannt, daß er jene poetischen Titel meist -<em class="gesperrt">nach</em> der musikalischen Ausführung der Tonstücke zu verfassen -pflegte. Was Schumann vor der älteren Komponistengeneration, deren -Studium einzig im Kontrapunkt und Harmonielehre aufging, voraus hat, -ist <em class="gesperrt">die klassische und litterarische Bildung</em>, wie wir sie -auch bei anderen Künstlern seiner Zeit, z. B. Berlioz, Mendelssohn, -Meyerbeer, Liszt, Cornelius, Wagner und anderen antreffen. Diese -verleiht ihm nicht nur den feineren Sprachsinn, vermöge dessen er in -Vokalkompositionen Wort und Ton weit genauer in Übereinstimmung bringen -kann, sondern auch die Fähigkeit, sein Urteil und seine Erfahrung in -Sachen der Musik schriftstellerisch zu verwerten. Durch sein Beispiel<span class="pagenum"><a id="Seite_6"></a>[S. 6]</span> -wird allmählich – seit der Mitte der dreißiger Jahre – eine gänzliche -Umgestaltung der musikalischen Kritik in Deutschland herbeigeführt -und das ästhetische Richtamt gerät aus den Händen schnellfertiger -Dilettanten in die Sachverständiger und Künstler. Wird schließlich noch -erwähnt, daß Schumann die Mehrzahl seiner gleichstrebenden Zeitgenossen -an Tiefe des Gefühls und wirklicher Begabung weit hinter sich läßt, so -ist damit seine historische Bedeutung, wenn auch nicht erschöpft, so -wenigstens in den wesentlichsten Punkten gekennzeichnet.<a id="FNAnker_1" href="#Fussnote_1" class="fnanchor">[1]</a></p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_1" href="#FNAnker_1" class="label">[1]</a> Aus der schon breit angeschwollenen Schumannlitteratur -seien namentlich folgende Schriften, die auch dem vorliegenden -Lebensabriß zu Grunde liegen, genannt: Fr. <em class="gesperrt">Liszt</em>, R. Schumann. -(Gesammelte Werke IV., 1855.) <em class="gesperrt">Wasiliewski</em>, R. Schumann. (Bonn -1857, 3. Aufl. 1880.) <em class="gesperrt">Reißmann</em>, R. Schumann, sein Leben und -seine Werke. (Berlin 1865.) R. <em class="gesperrt">Pohl</em>, Erinnerungen an R. -Schumann. (Deutsche Revue, 1878.) Ph. <em class="gesperrt">Spitta</em>, R. Schumann, -ein Lebensbild. (Leipzig 1882.) G. <em class="gesperrt">Jansen</em>, Die Davidsbündler. -(Leipzig 1883.) M. <em class="gesperrt">Kalbeck</em>, Aus R. Schumanns Jugendzeit. -(Endlingers österreichische Rundschau, 1883.) <em class="gesperrt">Clara Schumann</em>, -R. Schumanns Jugendbriefe (Leipzig 1886.) <em class="gesperrt">Jansen</em>, R. Schumanns -Briefe. (Neue Folge, Leipzig 1886.) <em class="gesperrt">Reimann</em>, R. Schumanns -Leben und Werke. (Leipzig 1887.) B. <em class="gesperrt">Vogel</em>, R. Schumanns -Klaviertonpoesie. (Leipzig 1887.) <em class="gesperrt">Erler</em>, R. Schumanns Leben aus -seinen Briefen. (2 Bde., Berlin 1887.) <em class="gesperrt">Jansen</em>, R. Schumanns -schriftstellerische Thätigkeit. (Grenzbote, 1891.)</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Ergänzend sei noch auf folgende Werke hingewiesen: Gesammelte -Schriften, herausgegeben von <span class="antiqua">Dr.</span> Heinrich Simon (Univ.-Bibl.) -1888; von M. Kreisig (1914). Biographien von A. Niggli (1879), H. Abert -(1903), Ernst Wolff (1906), A. Steiner (1911), Walter Dahms (1916). -Wasiliewskis Schumanniana (1884); seine Schumann-Biographie erschien -1906 in 4. Auflage. Briefwechsel mit Henriette Voigt (J. Gensel, -1892); Briefe in Auswahl (K. Storck, 1896); Der junge Schumann (Alfred -Schumann, 1910); Schumann-Brevier (Friedr. Kerst); Aus Schumanns -Kreisen (La Mara, 1911); Sonderheft der „Musik“. Schumanns Faustszenen -(S. Bagge, 1879; Manfred Waldersee, 1880); Lieder in ersten und -späteren Fassungen (W. E. Wolff, 1914); Formale Eigentümlichkeiten in -Schumanns Klavierwerken (R. Hohenemser); Schumann als Schriftsteller -(H. Deiters); Clara Schumann (Berthold Litzmann). In französischer -Sprache erschienen: A. Marguerite (<span class="antiqua">„son œuvre de piano“</span>); R. -Pugno (<span class="antiqua">„Leçons écrits sur Schumann“</span>); die Biographien von L. -Schneider und M. Maréchal (1905) und Camille Mauclair (1906); in -holländischer Sprache eine solche von J. Hartog.</p> - -</div> - -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_7"></a>[S. 7]</span></p> - -<p class="s1 center padtop3"><b>Robert Alexander Schumann.</b></p> - -<hr class="r5" /> - -<h2 class="nopad" id="Die_Jugendzeit">1. Die Jugendzeit.</h2> -</div> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Es bildet ein Talent sich in der Stille.</div> - <div class="verse mleft12"><em class="gesperrt">Goethe.</em></div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Romantik, erwachendes Nationalgefühl und frisches, wissenschaftliches -Streben – das sind die bedeutsamen Zeichen, unter denen <em class="gesperrt">Robert -Alexander Schumann</em> am 8. Juni 1810 das Licht der Welt erblickte. -In demselben Jahre nämlich erschien Kleists „Käthchen von Heilbronn“, -Webers „Sylvana“, Jahns „Deutsches Volkstum“ und die neugegründete -Berliner Universität begann ihre umfassende Wirksamkeit. Freilich, -der Wellenschlag der herrschenden Zeitideen sollte ihn vorderhand -nur wenig berühren; lag doch sein Geburtsort, das kleine sächsische -Zwickau abseits von den Mittelpunkten deutschen Geisteslebens. Hier, im -anmutigen Muldethale, dem verbildenden und zerstreuenden Getriebe einer -großen Stadt entzogen, behielt er die Wahrheit und Ursprünglichkeit des -Empfindens und gedieh, bei Mangel äußerer Anregung zu jener Sammlung -Einfalt und Innerlichkeit, welche von jeher die Quelle künstlerischen -Schaffens gewesen ist.</p> - -<p>Die musikalischen Anlagen hat Schumann nicht wie andere Meister der -Tonkunst von seinen Eltern überkommen. Mutter Johanna, geborene -Schnabel aus Zeitz, eine vortreffliche, aber in kleinstädtischen -Vorurteilen aufgewachsene Frau, besaß im ganzen nur wenig Sinn -für Musik. Vater August Schumann, ein ernster, tüchtiger, überaus -strebsamer Mann, der nach allerlei Drangsalen eine angesehene -Ver<span class="pagenum"><a id="Seite_8"></a>[S. 8]</span>lagsbuchhandlung gegründet und sich durch rastlosen Fleiß -zu beträchtlicher Wohlhabenheit emporgearbeitet hatte, war eher -litterarischer Beschäftigung zugethan. Er führte die Taschenausgaben -ausländischer Klassiker ein, gab die zu ihrer Zeit vielgelesenen -„Erinnerungsblätter“ heraus, schrieb selbst mehrere wichtige -kaufmännische Werke und hat sich noch kurz vor seinem Tode durch -eine Übersetzung von Byrons „Beppo“ und „Childe Harold“ bekannt -gemacht. Seine schriftstellerische Ader vererbte sich nebst -manchen Charaktereigenschaften auch auf Robert, der als jüngstes -von fünf Geschwistern natürlicherweise der Liebling des Hauses -war, „der lichte Punkt“, wie ihn die Mutter nannte. Er genoß die -sorgfältigste, liebevollste Erziehung, besuchte mit dem Beginne -des sechsten Lebensjahres die Döhnersche Sammelschule, ja sogar -Klavierunterricht wurde ihm erteilt, so gut, oder vielmehr so -mangelhaft es in dem unbedeutenden Städtchen damals anging. Zwar -fehlte es seinem Musiklehrer, dem biederen, etwas pedantischen -Organisten <em class="gesperrt">Kuntsch</em>, gewißlich nicht am besten Willen; allein -als Autodidakt, ohne sichere Methode, war er nicht imstande, das -ihm anvertraute Talent in die rechten Bahnen zu weisen und ihm die -Handwerksregeln der Kunst als treue Geleiter beizeiten zu eigen zu -geben.</p> - -<p>Früh schon erwachte in dem lebhaften, ehrgeizigen Knaben der -Schaffensdrang. Er verfaßte Räuberkomödien und führte sie mit Hilfe -der Brüder auf einer dazu hergerichteten Bühne zu Hause auf. Auch -wird erzählt, er habe seine Kameraden überaus drastisch am Klaviere -zu charakterisieren gewußt. So liefen poetische und musikalische -Liebhabereien eine Zeitlang nebeneinander her, bis ein zufälliges -Erlebnis zu Gunsten der Musik den Ausschlag gab. Auf einem Ausfluge -nach Karlsbad bekam er nämlich (1819) den Virtuosen <em class="gesperrt">Moscheles</em> zu -hören und empfing von dessen Spiele den ersten nachhaltigen Eindruck -seines Lebens. Einen Konzertzettel, den Moscheles berührt hatte, -behielt Schumann noch lange Jahre als kostbare Reliquie in Verwahrung -und sein ganzes Sinnen<span class="pagenum"><a id="Seite_9"></a>[S. 9]</span> und Trachten war fortan auf das Klavierspiel -gerichtet. Auch der Beginn der Gymnasialstudien änderte daran nichts -weiter. Vielmehr gab sich Robert im Vereine mit einem gleichgesinnten -Freunde, Piltzing, beinahe ausschließlich den Musikfreuden hin.</p> - -<p>Eines Tages geriet dem Zwölfjährigen die Partitur einer Righinischen -Ouverture in die Hand und brachte ihn auf den verwegenen Einfall, die -stummen Zeichen, welche geheimnisvoll und vielverheißend aus dem Hefte -starrten, klingen und ertönen zu lassen. Gedacht, gethan. Ein Orchester -von Mitschülern wird gebildet, Schumann dirigiert und ergänzt die -fehlenden Baßstimmen am Klaviere. Nach und nach erweiterte sich das -Repertoir und wies endlich, zu nicht geringer Befriedigung der kleinen -Künstlergesellschaft, sogar ein Werk ihres Kapellmeisters, den 105. -Psalm für Chor und Orchesterbegleitung auf.</p> - -<p>Durch solche Erfolge kühn gemacht, wagte es Robert sich auch außerhalb -des väterlichen Hauses zu produzieren, namentlich bei der Familie -Carus, „wo alles Freude, Heiterkeit, Musik war“, wo er zuerst -die Quartette unserer klassischen Meister kennen lernte. In den -Vortragsabenden des Gymnasiums wirkte er gleichfalls eifrig mit, bald -als Deklamator, bald als Klavierspieler, und entwickelte eine solche -Fertigkeit auf dem Instrumente, daß der alte Kuntsch den Unterricht -mit dem Bemerken einstellte: Robert könne sich nun schon allein weiter -forthelfen.</p> - -<p>Mittlerweile hatte Vater Schumann, der Treffliche, ohne selbst -musikalisch zu sein, die Begabung des Sohnes mit richtigem Blicke -erkannt und trug sich alles Ernstes mit dem Gedanken, ihn Musiker -werden zu lassen. Praktisch wie er war, wandte er sich sogleich -an die rechte Thüre, indem er den damals in vollem Ruhmesglanze -erstrahlenden Karl Maria von Weber anging, die Ausbildung des Kindes zu -übernehmen. Obschon sich nun Weber bereit erklärt hatte, zerschlugen -sich dennoch in der Folgezeit die Unterhandlungen,<span class="pagenum"><a id="Seite_10"></a>[S. 10]</span> man weiß nicht -aus welchem Grunde. Sicherlich mag ein Teil der Schuld auf die Mutter -fallen, welche sich dem Plane ihres Gatten von Anfang an entschieden -widersetzte, da in ihren Augen der Künstlerberuf mit „schwankender -Zukunft und unsicherem Brote“ gleichbedeutend schien. Robert blieb also -am Gymnasium und das Zwickauer Stillleben nahm seinen Fortgang.</p> - -<p>Bald nach dem Scheitern dieses Planes wandte sich die Neigung des -Knaben wiederum der Poesie zu. Die Werke unserer Dichter, wie sie das -väterliche Geschäft in reicher Fülle ihm darbieten konnte, wurden -gierig verschlungen; zu einer im Schumannschen Verlage erscheinenden -„Bildergalerie der berühmtesten Männer mit beigefügtem Texte“ lieferte -Robert im Alter von vierzehn Jahren litterarische Beiträge. Nicht lange -darnach finden wir ihn an der Spitze eines Vereins von Studiengenossen, -welcher nach dem Muster des Göttinger Hainbundes sich die Kenntnis und -Pflege der deutschen Litteratur zum Zweck gesetzt hatte. Schillers -Dramen wurden mit verteilten Rollen gelesen; an Goethe wagte man sich -noch nicht heran; doch scheint wenigstens der Faust schon damals -ein Lieblingsbuch Schumanns gewesen zu sein. Auch Schulze, Houwald, -Müllner, Byron haben nebst den griechischen Schriftstellern größeren -oder geringeren Einfluß auf ihn ausgeübt.</p> - -<p>Das Jahr 1826 brachte zwiefache Trauer und Sorgen. Zwei geliebte Wesen -wurden Robert entrissen, das eine ihm über alles teure durch den Tod, -das andere in gewisser Hinsicht gleichfalls auf immer. Schwester Emilie -verfiel in eine unheilbare Gemütskrankheit und am 10. August erlag der -Vater, sein liebreicher, verständnisvoller Führer, einem zehrenden -Siechtum. Da vollzog sich, unter dem Eindrucke dieser schmerzlichen -Ereignisse eine bedeutende Wandlung in Schumanns ganzem Charakter: der -einst so muntere, lebhafte Knabe ward zum stillen, in sich gekehrten, -nachdenklichen Jüngling. „Ich habe Ansichten und Ideen über das<span class="pagenum"><a id="Seite_11"></a>[S. 11]</span> Leben -gewonnen, mit einem Worte ich bin mir heller geworden,“ verzeichnet -sein Tagebuch.</p> - -<p>Um diese Zeit begann auch die Liebe in Schumanns Brust zu erwachen. Er -schwärmte für Nanni, eine reizende Mädchengestalt, und wenige Wochen -später hatte eine stolze Schönheit, Liddy, sein Herz gewonnen. Nicht -auf lange freilich; denn sie vermochte dem Gedankenfluge Jean Pauls, -in dessen Schriften unser Robert eben damals schwelgte, nicht recht zu -folgen und seine Entrüstung über solche Einfalt machte der zarten Liebe -ein frühzeitiges Ende. Noch einmal traf er darnach mit dem Mädchen auf -einem Ausfluge wieder zusammen und begleitete es auf einen Hügel, wo -sie den Sonnenuntergang genießen wollten. Da – doch hören wir Schumann -selbst, wie er über diese Begebenheit in einem Briefe berichtet: „Der -ganze Tempel der Natur lag weit und breit vor den trunkenen Augen: -wie eine Thetis hätte ich in diese Blumenströme fliegen und versinken -mögen; denke dir, daß ein verblühtes Ideal in der Brust still wieder -aufzukeimen begann, daß dieses verlorene Ideal an meiner Seite stand! -Und endlich, da die Sonne erst untergetaucht war und Frühlinge von -blühenden Rosen aus dem sterbenden Strahle aufdämmerten, als die Höhen -der Berge glühten, die Wälder brannten und die unermeßliche Schöpfung -in sanfte Rosenmassen zerfloß, da ich so hineinschaute in diesen -Purpurocean und alles, alles sich zu <em class="gesperrt">einem</em> Gedanken formte und -ich den großen Gedanken der Gottheit dachte und Natur, Geliebte und -Gottheit entzückt vor mir standen – siehe – da zog im Osten eine -schwarze Wolke herauf und ich ergriff Liddys Hand und sagte zu ihr: -‚Liddy, so ist das Leben,‘ und ich wies auf den schwärzlichen Purpur -am Horizonte – und sie sah mich wehmütig an – und eine Thräne glitt -von ihrer Wange. Da glaubte ich’s wieder gefunden zu haben das Ideal -und schweigend pflückte ich eine Rose. Aber ein Donnerschlag und ein -Blitzstrahl fuhr im Osten herauf, als ich sie ihr geben wollte – und -ich nahm<span class="pagenum"><a id="Seite_12"></a>[S. 12]</span> die Rose und zerzupfte sie – jener Donnerschlag hatte mich -aus einem schönen Traume aufgeweckt. Ich war wieder auf <em class="gesperrt">der Erde und -das hohe Bild des Ideals verschwunden, wenn ich an die Reden denke, die -sie über Jean Paul führte</em>.“</p> - -<p>Bedarf es darnach etwa weiterer Zeugnisse für seine Verehrung des -großen Humoristen? Schumann stellte ihn damals über alle anderen -Dichter und konnte auch später, als er bereits im vollen Mannesalter -stand, noch bitterböse werden, wenn jemand den Wert seines Lieblings -herabzusetzen wagte. (Vgl. <em class="gesperrt">Hanslick</em>, Aus dem Konzertsaal, S. -392.) „Wenn die ganze Welt Jean Paul läse,“ heißt es in einem anderen -Briefe, „so würde sie bestimmt besser, aber unglücklicher; er hat -mich oft dem Wahnsinn nahe gebracht. Aber der Regenbogen des Friedens -schwebt immer sanft über allen Thränen und das Herz wird wunderbar -erhoben und milde verklärt.“ Daß die Gedichte, welche er in jener Zeit -verfaßte und die ein hübsches Verstalent verraten, von Jean Paulschen -Wendungen strotzen, kann man sich nach der obigen Stilprobe leicht -vorstellen. In derselben überschwenglichen Sprache sind auch seine -beiden Romane (Juniusabende und Selene), von denen aber nur der erste -fertig geworden ist, geschrieben. Doch wäre es irrig, den jungen -Schumann für einen fortwährenden Träumer und Sentimentalen zu halten, -denn wir vernehmen auch von lustigen Spritzfahrten mit seinen Genossen -Rascher und Walther, wobei tüchtig gekneipt, geküßt und schließlich -„wankend und schwankend“ nach Heim gezogen wird.</p> - -<p>Inzwischen glomm unter der Asche seiner verloschenen Musikerhoffnungen -die Liebe zur Tonkunst still, aber unvertilgbar weiter, so daß es -nur eines Windhauches bedurfte, um sie aufs neue zur hellen Flamme -zu entfachen. Da traf im Sommer 1827 eine Verwandte des Carusschen -Hauses, die junge Gattin des Colditzer Arztes Dr. Ernst Carus, in -Zwickau zu Besuch ein und „Fridolin“ – so wurde Schu<span class="pagenum"><a id="Seite_13"></a>[S. 13]</span>mann von der -befreundeten Familie scherzweise genannt – wandte sich, von ihrem -seelenvollen Gesange begeistert, mit Leidenschaft wieder der Musik zu. -Durch sie machte er die Bekanntschaft mit Schuberts und Mendelssohns -Tonwerken, durch sie wurde er zu neuerlichen Kompositionsversuchen -angeregt. Allein da sein Vormund, der Kaufmann Rudel, mit der Mutter -in der Verurteilung des Künstlerberufes eines Sinnes war, schien jede -Aussicht, der Musik leben zu können, versperrt, und Robert wagte auch -nicht, teils aus Mangel an Thatkraft, teils aus Rücksicht für die -zärtlich geliebte Mutter, dem Wunsche der letzteren zu widerstreben.</p> - -<p>Zu Ostern 1828 verließ er das Gymnasium. Wohlbewandert in den -klassischen Sprachen – sogar an dem von seinem Bruder Karl verlegten -<span class="antiqua">Thesaurus totius latinitatis</span> hat er mitgearbeitet – bestand -er die Abgangsprüfung mit glänzendem Erfolge. Bevor er sich aber nach -Leipzig begab um Jus zu studieren, geleitete er noch einen jüngst -gewonnenen Freund, den Studenten <em class="gesperrt">Gisbert Rosen</em> auf seiner -Fahrt nach Heidelberg. Schwärmerische Verehrung für den Dichter -des „Titan“ verband die beiden, gleichgestimmten Jünglinge, die -natürlicherweise Bayreuth als nächstes Reiseziel erkoren und in der -alten Markgrafenstadt ein paar selige Stunden dem Andenken ihres -Abgottes weihten. Am nächsten Tage gings über Nürnberg und Augsburg -nach München, wo sie Heinrich Heine und den Maler Zimmermann kennen -lernten. Hier in München trennten sich ihre Wege. Rosen eilte über -Augsburg dem Neckar zu, indessen Schumann nach Sachsen zurückkehrte, -dem Schicksal grollend, das die Menschen zusammenführt, vereint und -wieder voneinander reißt.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_14"></a>[S. 14]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Die_Studienjahre">2. Die Studienjahre.</h2> - -</div> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Zur Rechtsgelehrsamkeit kann ich mich nicht bequemen.</div> - <div class="verse mleft20"><em class="gesperrt">Goethe.</em></div> - </div> - </div> -</div> - -<p>„Leipzig ist ein infames Nest, wo man seines Lebens nicht froh -werden kann. Du sitzest vielleicht jetzt auf den Ruinen des alten -Bergschlosses und lächelst vergnügt und heiter die Blüten des Juni -an, während ich auf den Ruinen meiner eingesunkenen Luftschlösser -und meiner Träume stehe, und weinend in den düsteren Himmel meiner -Gegenwart und Zukunft blicke; überhaupt fliehe ich die erbärmlichen -Menschen und bin manchmal so recht zerknirscht über die Winzigkeit und -Erbärmlichkeit dieser egoistischen Welt. Ach, eine Welt ohne Menschen, -was wäre sie? Ein unendlicher Friedhof, ein Totenschlaf ohne Träume, -eine Natur ohne Blumen und Frühling, ein toter Guckkasten ohne Figuren -– und doch! Diese Welt mit Menschen, was ist sie? Ein ungeheurer -Gottesacker eingesunkener Träume, ein Garten mit Cypressen und -Thränenweiden, ein stummer Guckkasten mit weinenden Figuren.“ Solche -Ergüsse, an Freund Rosen gerichtet, kennzeichnen die Gemütsstimmung, -in welcher der nunmehrige <span class="antiqua">stud. jur.</span> Schumann die ersten Tage -in Leipzig verlebte, deutlich genug. „Die Natur – wo finde ich sie -hier?“ klagt er bald darauf der Mutter, „kein Thal, kein Berg, kein -Wald, wo ich so recht meinen Gedanken nachhängen könnte, kein Ort, -wo ich allein sein kann, als in der verriegelten Stube, wo es unten -ewig lärmt und spektakelt.“ Die Leipziger Burschenschaft, in welcher -damals eine recht neblige Deutschtümelei herrschte, entsprach seinen -idealen Vorstellungen ganz und gar nicht und er trat bald mit anderen -Gleichgesinnten zur Verbindung „Markomannia“ über, ohne darum im -studentischen Leben vollständig aufzu<span class="pagenum"><a id="Seite_15"></a>[S. 15]</span>gehen. Musik und Poesie trugen -über Kneipe und Fechtboden fast immer den Sieg davon.</p> - -<p>Allmählich begannen die Wogen seines Schmerzes gelinder zu schlagen. -Im benachbarten Zweinaundorf fand er einen Ort, der seinen Natursinn -einigermaßen zufrieden stellte; auch fügte sich’s günstig, daß jene -Verwandte der Carusschen Familie, von der oben als trefflicher Sängerin -die Rede war, mit ihrem Gatten nach Leipzig übersiedelte. Schumanns -musikalische Natur empfing in dem musikfreundlichen Hause mannigfaltige -Anregung und Pflege, zumal da die hervorragendsten Künstler der Stadt -daselbst zu verkehren pflegten. Von hoher Bedeutung wurde für ihn -namentlich die Bekanntschaft mit <em class="gesperrt">Friedrich Wieck</em>, dem berühmten -Klavierlehrer und dessen neunjähriger Tochter <em class="gesperrt">Klara</em>. An dem -Spiele der kleinen Virtuosin konnte er recht deutlich absehen, welche -Erfolge durch einen planvollen, methodischen Unterricht zu erzielen -sind und war eifrig bemüht, die Mängel der eigenen Technik, wie sie -sich bei einem Autodidakten mit Notwendigkeit herausstellen müssen, -unter Wiecks kundiger Leitung wieder auszugleichen. Seinem Lehrer -erwuchs hier die heikle Aufgabe, die halberblühte Knospe noch einmal -zusammenzufalten, was bis zu einem gewissen Grade in der That auch -gelang; nur von der Unentbehrlichkeit theoretischer Musikkenntnisse -war Schumann einstweilen nicht zu überzeugen. Statt Harmonielehre zu -treiben, versenkte er sich in Gemeinschaft mit einigen musikalischen -Kommilitonen in die Schätze deutscher Kammermusik, studierte Bachs -„Wohltemperiertes Klavier“ und entzückte sich an den Tonwerken des -jüngst verstorbenen Meisters Schubert, welchen er gern mit Jean Paul zu -vergleichen pflegte. „Wenn ich Schubert spiele, so ist mir’s, als läs’ -ich einen komponierten Roman Jean Pauls.“ Unter Schubertschem Einflusse -entstanden auch mehrere eigene Kompositionen, Polonaisen, Variationen -und ein Dutzend Lieder, welch letztere er an G. Wiedebein, einen -damals geschätzten Liederkomponisten, zur Beurteilung<span class="pagenum"><a id="Seite_16"></a>[S. 16]</span> einschickte. -Die Antwort fiel günstig aus: „Sie haben viel, sehr viel von der Natur -empfangen; nützen Sie es und die Achtung der Welt wird Ihnen nicht -entgehen.“</p> - -<p>An dem öffentlichen Musiktreiben Leipzigs, welches seit dem Ende der -zwanziger Jahre immer reicher und reicher erblühte, nahm Schumann -lebhaften Anteil. Der Thomanerchor, die Gewandhauskonzerte, erfreuten -sich schon damals eines ausgezeichneten Rufes, ja selbst die -untergeordneteren Institute, z. B. der Orchesterverein „Euterpe“ oder -die Matthäischen Quartettakademien boten achtbare Leistungen. Minder -Gutes läßt sich von dem etwas verwahrlosten Theater sagen; doch besaß -es wenigstens an seinem Kapellmeister Marschner eine bedeutende Kraft, -so daß man im allgemeinen der Behauptung Schumanns beipflichten kann, -es gebe in Deutschland keinen besseren Ort für einen jungen Musiker als -Leipzig.</p> - -<p>Jawohl, für einen Musiker! Aber war er denn ein solcher? Gehörte -er nicht ins Kollegium, vor das <span class="antiqua">Corpus juris</span>, statt in den -Konzertsaal und vors Klavier? Das ist die bedenkliche Seite seines -Leipziger Universitätslebens. Zwar wird in den nach Zwickau gerichteten -Briefen von fleißigem Kollegienbesuche gesprochen und über die -Eiskälte der Rechtswissenschaften gejammert; allein aus den Briefen an -vertraute Freunde geht mit Sicherheit hervor, daß Schumann fast nie -ein juristisches Kollegium besucht, geschweige denn ein juristisches -Buch zur Hand genommen hat. Wohl aber hörte er die Vorlesungen des -Philosophen Krug und las Fichtes, Kants und Schellings Schriften.</p> - -<p>Im folgenden Jahre vertauschte Robert die Leipziger Hochschule mit -der in Heidelberg. Wenn er indessen der Mutter, um ihre Einwilligung -zu erhalten, als Grund dieses Wechsels angiebt, daß dort die -berühmtesten Professoren lehrten, so ist das bei einem Studenten, der -die Überzeugung hegt, „daß alle Kollegien überhaupt nur Eseln nützen -können,“ bloß eitel Vorwand. In Wahrheit wollte er aus dem von<span class="pagenum"><a id="Seite_17"></a>[S. 17]</span> der -Natur recht stiefmütterlich bedachten Leipzig heraus – zumal da Wieck -den Klavierunterricht kurz zuvor wegen Zeitmangels eingestellt hatte – -wollte andere Menschen kennen lernen und vor allem wieder einmal Freund -Rosen in die Arme schließen. Die gute Mutter war bald überredet und -Schumann wandte seelenvergnügt dem „erbärmlichen Leipzig“ den Rücken.</p> - -<p>Das war eine Fahrt, unter blauem Himmel über lachende Frühlingsau’n! -Dazu hatte ihm der Zufall in <em class="gesperrt">Willibald Alexis</em> einen geistvollen -Gefährten beigesellt, dem er sogar noch eine Strecke rheinabwärts -bis Koblenz das Geleite gab. In einem reizenden Briefe an die Mutter -schildert er ausführlich all seine Reiseerlebnisse, beschreibt die -lieblichen Mainlande, das interessante Frankfurt, die herrlichen Abende -am Rhein und vergißt auch nicht einige Bemerkungen über die Kost und -– die Mädchen einzuflechten. Nur eine Stelle aus dem merkwürdigen -Berichte sei herausgehoben: „Um neun Uhr fuhren wir von Wiesbaden -ab. Ich drückte die Augen zu, um den ersten Anblick des alten, -majestätischen Vater Rhein mit ganzer Seele genießen zu können; und wie -ich sie aufschlug, lag er vor mir, ruhig, still, ernst und stolz wie -ein alter, deutscher Gott und mit ihm der ganze blühende, grüne Gau -mit seinen Bergen, Thälern und Rebenparadiesen.“ Es liegt ein Stück -Kulturgeschichte in diesen Worten; noch wenige Jahrzehnte zuvor konnte -der Deutsche mit dem Namen „Rhein“ nur die Vorstellung seiner Reben -verbinden; jetzt haftet an ihm eine Reihe mythischer Anschauungen, -jetzt ist er eine Art Heiligtum unseres Volkes geworden, und das -Weinlaub, das sein ehrwürdiges Haupt umkränzt, wird vom Epheu der Sage -beinahe überwuchert. Die Poesie dieses Stromes musikalisch zu erfassen, -wie es später Liszt in der „Lorelei“ oder Wagner in den „Nibelungen“ -gethan hat, mußte Schumann allerdings versagt bleiben: sie war damals -beinahe noch ein ausschließliches Eigentum der Dichtkunst.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_18"></a>[S. 18]</span></p> - -<p>In Heidelberg, „der Vaterlandsstädte schönster“, führte Schumann mit -Rosen ein wahres Götterleben. Freilich, wenn er nach Hause schreibt, -daß ihm bei <em class="gesperrt">Thibaut</em> selbst das Jus besser schmecke, daß er -jetzt die Würde der Jurisprudenz begreifen lerne, so ist das gar nicht -buchstäblich zu nehmen. Der große Gelehrte betrieb, wie er offen zur -Schau trug, seine Wissenschaft nur mit Unlust und es war ein Ausspruch -von ihm bekannt, er würde, wenn er nochmals zu leben hätte, lieber -Musiker werden, als Pandektist. Solche Denkungsweise eroberte ihm -Schumanns Herz im Sturme, so wenig sich der Verehrer Schuberts sonst -mit dem musikalischen Glaubensbekenntnisse des greisen Professors auch -befreunden konnte. Thibaut hatte nämlich in seinem 1825 erschienenen -Buche „Über die Reinheit in der Tonkunst“ eine archaische Richtung -eingeschlagen und pflegte die Werke der alten Meister in seinem Hause -aufführen zu lassen. Auch Schumann wurde diesen Abendunterhaltungen -beigezogen. „Sie glauben kaum,“ schreibt er an Wieck, „was ich bei ihm -für herrliche, reine, edle Stunden verlebt habe und wie sehr seine -Einseitigkeit und pedantische Ansicht über Musik bei dieser unendlichen -Vielseitigkeit und bei diesem belebenden, entzündenden und zermalmenden -Geiste schmerzt.“</p> - -<p>Der trefflichen Lehrer ungeachtet wurden die Kollegien aber nach -wie vor arg vernachlässigt. In dieser Hinsicht war Schumann einmal -unverbesserlich. Viel lieber durchstreifte er die reizende Umgebung -Heidelbergs oder stürzte sich, als der Winter seinen Ausflügen ein -Ziel setzte, in den Strudel des lustigen Studentenlebens. „Fast -alle Abende,“ heißt es in einem Briefe an die Mutter, „bin ich -in Gesellschaften oder auf Bällen.“ Bald treffen wir ihn bei den -Schlittenfahrten, welche die Studentenvereine – er gehörte der -Saxoborussia an – in großem Stile veranstalteten, bald und zwar am -häufigsten huldigt er dem Tanzvergnügen. Zugleich bereitet er sich -zu einer „italienischen Reise“ vor, welche in den zwischen Winter- -und Sommersemester ein<span class="pagenum"><a id="Seite_19"></a>[S. 19]</span>geschalteten Ferien angetreten werden sollte -und treibt zu diesem Behufe das Studium der italienischen Sprache. -Einen Teil der Sonette Petrarkas hat er zu dieser Zeit mit wunderbarer -Treue und Gewandtheit, wie erzählt wird, metrisch ins Deutsche -übertragen. Mutter und Vormund wollten anfangs von dem kostspieligen -Plane begreiflicherweise nichts wissen, aber Robert legte ihnen so -eindringlich dar, daß die Ferien ja nicht zum Studium der Bücher, -als vielmehr der Welt, d. h. zum Reisen angeordnet seien, drohte -schließlich gar das erforderliche Geld wo anders auszuleihen, bis er -zuletzt doch die Bewilligung erhielt und im August, das Ränzel am -Rücken, den Stab in der Hand, gleich Eichendorffs lustigem Taugenichts -sein liebes Heidelberg verlassen konnte.</p> - -<p>Nachdem er die majestätische Alpenwelt durchzogen, stieg er nieder ins -wälsche Gefilde. Sechs Tage wurden unter allerhand kleinen Abenteuern -in Mailand zugebracht, wo er auch zum erstenmale (im Scalatheater) -italienische Musik und Gesangeskunst zu hören Gelegenheit hatte. Eine -bedenkliche Abnahme des Reisegeldes zwang ihn endlich in Venedig zur -Umkehr. Mit geringer Barschaft, aber reich an Erfahrungen traf er im -Oktober 1829 wieder in der Neckarstadt ein.</p> - -<p>Während des folgenden Winterhalbjahres bildete wieder die Musik -Schumanns eigentliches Studium. Als Klavierspieler war er in -ganz Heidelberg berühmt, namentlich seit er in einem Konzerte -des Musikvereins die Alexandervariationen von Moscheles glänzend -vorgetragen hatte. Am liebsten jedoch musizierte er in engem -Freundeskreise und riß namentlich durch seine freien Phantasien auf dem -Piano alle Hörer unwiderstehlich hin. Sein Studiengenosse <em class="gesperrt">Töpken</em> -erzählt, daß ihm diese unmittelbaren Ergüsse Schumanns immer einen -Genuß gewährt hätten, wie er ihn später, so große Künstler er auch -gehört, in der Art nie wieder gehabt habe.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_20"></a>[S. 20]</span></p> - -<p>Wie im verflossenen Winter gab sich Schumann auch diesmal den -Karnevalsfreuden rückhaltlos hin. Auf den öffentlichen und privaten -Bällen Heidelbergs und Mannheims – die beiden Städte standen in -Bezug auf gesellige Unterhaltungen in regem Wechselverkehr – durfte -der wohlgebildete, stattliche Jüngling als vorzüglicher Tänzer nicht -fehlen. Daß dabei viel, sehr viel Geld aufging, kann man sich denken, -und es brauchte langer Bitten, ehe der Vormund überredet war, sein -flottes Mündel in dem teuren Heidelberg zu belassen.</p> - -<p>Da sein väterliches Erbteil nicht hinreichte, um von den Zinsen zu -leben, gar für einen Menschen, der an solche Ansprüche gewöhnt war -wie Robert, hätte er sich nunmehr ernstlich auf das Studium werfen -sollen. Allein im Grunde seines Herzens stand bereits der Entschluß -fest, die Künstlerlaufbahn trotz aller Hindernisse zu betreten, und -das wunderbare Spiel Paganinis, den zu hören er zu Ostern 1830 nach -Frankfurt geeilt war, scheint diesen Entschluß zu völliger Reife -gebracht zu haben. Am 30. Juli endlich eröffnete er der Mutter -sein Vorhaben in einem langen Briefe: „Mein ganzes Leben war ein -zwanzigjähriger Kampf zwischen Musik und Jus. Jetzt stehe ich am -Kreuzwege und erschrecke bei der Frage: Wohin? Folg’ ich meinem Genius, -so weist er mich zur Kunst und ich glaube den rechten Weg. Schreibe du -selbst an Wieck in Leipzig und frage ihn, was er von mir und meinem -Lebensplane hält. Fällt er ein günstiges Urteil, nun, so fehlt es an -Fortkommen und Ruhm sicherlich nicht.“ Die Bestürzung der Mutter, als -sie vernahm, daß ihr Robert, den sie bald am Ziele seines Studiums -wähnte, einen ganz neuen Beruf ergreifen wolle, war ungeheuer. Zitternd -und ängstlich schrieb sie an Wieck: „Auf Ihrem Ausspruche beruht -<em class="gesperrt">alles</em>, die Ruhe einer liebenden Mutter, das ganze Lebensglück -eines jungen unerfahrenen Menschen, der bloß in höheren Sphären lebt -und nicht ins praktische Leben eingehen will. Ich bitte und be<span class="pagenum"><a id="Seite_21"></a>[S. 21]</span>schwöre -Sie als Gatte und Vater, als Freund meines Sohnes, handeln Sie als -redlicher Mann und sagen Sie unumwunden Ihre Ansichten, was er zu -fürchten oder zu hoffen hat.“</p> - -<p>Wieck antwortete mit einem glänzenden Zeugnisse, das die sorgende Frau -einigermaßen beruhigen konnte. Sie versagte darnach ihre Einwilligung -nicht, und Schumann, überglücklich über den günstigen Ausgang dieser -folgenschweren Angelegenheit, reiste zum zweitenmale, aber froheren -Mutes als Schüler nach Leipzig. „Ich vertraue Ihnen ganz, ich gebe mich -Ihnen ganz, nehmen Sie mich wie ich bin und haben Sie vor allen Dingen -Geduld mit mir. Kein Tadel soll mich niederdrücken und kein Lob wird -mich faul machen. Ich wollte, Sie könnten jetzt in mich sehen; es ist -still darinnen, nur um das ganze Welthaupt geht ein leiser, leichter -Morgenduft.“ Mit diesen Worten führte er sich bei dem verehrten Lehrer -ein.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Erste_Kuenstlerzeit">3. Erste Künstlerzeit.</h2> - -</div> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Ich hasse alles, was nicht vom innersten Drange kommt.</div> - <div class="verse mleft10"><em class="gesperrt">Schumann</em>, Jugendbriefe, S. 159.</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Überblicken wir Schumanns bisherigen Entwickelungsgang, so -fällt sogleich auf, daß er sich erst unverhältnismäßig spät dem -Künstlerberufe widmete, daß seine Erziehung auf ganz andere Ziele -gerichtet gewesen war, als auf die, welche ihm fernerhin einzig und -allein vorschweben sollten und daß ihm theoretische Kenntnisse in -der Musik beinahe noch gänzlich fehlten. Dagegen besaß er eine nicht -gewöhnliche Fertigkeit am Klaviere, feinen musikalischen Sinn und ein -hervorragendes Interpretationsvermögen. Unvergeßlich ist es seinen -Heidelberger Freunden geblieben, wie er z. B. Webers<span class="pagenum"><a id="Seite_22"></a>[S. 22]</span> „Aufforderung zum -Tanze“ vorzutragen und während des Spieles zu erläutern wußte. „Jetzt -spricht sie,“ sagte er, „das ist der Liebe Kosen; jetzt spricht er, das -ist des Mannes ernste Stimme. Jetzt sprechen sie beide zugleich und -deutlich höre ich auch, was beide Liebende einander sagen.“</p> - -<p>Solche Eigenschaften, der mächtige Zug der Zeit und die Hoffnung auf -baldigen Erwerb wiesen Schumann gebieterisch in die Virtuosenlaufbahn, -zu welcher er sich denn auch mit wahrem Feuereifer vorbereitete. In -drei bis vier Jahren hoffte er den hochverehrten Moscheles erreichen -zu können. Allein während der beseligende Gedanke, nun völlig der -Kunst anzugehören, und die Voraussicht künftiger Meisterschaft ihm die -Brust mit stiller Heiterkeit erfüllte, stand es nicht eben günstig um -seine äußeren Verhältnisse. Die Brüder, über den plötzlichen Wechsel -des Berufes ein wenig verstimmt, unterstützten ihn nur sehr spärlich -mit Geld, so daß er in allerlei lästige Verlegenheiten geraten mußte. -Erst nach einem Besuche Schumanns in Zwickau zu Ostern 1831 erscheint, -wahrscheinlich durch Vermittelung der Mutter, welche jetzt immer tapfer -auf seiner Seite stand, das frühere herzliche Einvernehmen mit der -Familie wieder hergestellt.</p> - -<p>„Nun ist der Himmel so schön blau,“ schreibt er bald darauf nach Hause, -„daß ich jemand haben möchte, dem ich’s so recht sagen könnte, wie -glücklich und sommerlich es in mir aussieht, wie mein inneres ruhiges -Kunstleben alle Leidenschaften zurückdrängt, wie ich manchmal recht -den Augenblick der Gegenwart fühle. Es ist nämlich eine schöne Sache -um einen jungen Dichter und vollends um einen jungen Komponisten. -Du kannst gar nicht glauben, was das für ein Gefühl ist, wenn er -sich sagen kann: dies Werk ist ganz dein, kein Mensch nimmt dir dies -Eigentum und kann dir’s nicht nehmen, denn es ist ganz dein; o fühltest -du dieses <em class="gesperrt">Ganz</em>! Da der Grund zu diesem Gefühle nur selten kommt, -da der Genius nur ein Augenblick ist, so<span class="pagenum"><a id="Seite_23"></a>[S. 23]</span> bricht es dann auch in -seiner ganzen Schönheit hervor und erzeugt eine Art von beruhigendem -Selbstvertrauen, das keinen Tadler zu fürchten braucht.“</p> - -<p>Was diese Briefstelle erst andeuten, aber noch nicht offen verraten -wollte, kommt schon in den nächsten Monaten zu Tage. Schumann hatte -nämlich den Sommer benützt, um einige noch in Heidelberg entworfene -Kompositionen auszuführen und konnte schon am 21. September der Mutter -das Erscheinen seines ersten Werkes: <span class="antiqua">Thème sur le nom Abegg, varié -pour le pianoforte</span> ankündigen. „Wüßtest du, was das für Freuden -sind, die ersten Schriftstellerfreuden! Stolz wie der Doge von Venedig -mit dem Meere, vermähle ich mich zum erstenmale mit der großen Welt.“</p> - -<p>Gewidmet ist die im Walzerrhythmus gehaltene Gelegenheitsarbeit -einer fingierten Comtesse Pauline d’Abegg, hinter welcher eigentlich -eine Mannheimer Ballbekanntschaft, Meta Abegg, die Verehrte eines -Freundes, steckt. Auch in Opus 2, den <em class="gesperrt">Papillons</em>, zwölf -kleinen, flatternden und schäkernden Stücken, das letzte Kapitel der -„Flegeljahre“ Jean Pauls in Töne umgesetzt, bedient er sich noch -der Tanzform. Außerdem sollte damals eine Toccata (<span class="antiqua">op.</span> 7) -vollendet werden, doch hielt ihn von der Ausarbeitung die während -der Komposition der obengenannten Werke gewonnene Einsicht von der -Notwendigkeit theoretischer Musikkenntnisse zurück. Er nahm gegen -Ende des Jahres, als Wieck mit seiner Tochter auf einer Kunstreise -nach Paris begriffen war, bei <em class="gesperrt">Heinrich Dorn</em>, Kapellmeister am -Leipziger Theater, Unterricht. Freilich wollte das trockene Studium -einem Phantasiemenschen seines Schlages gar nicht behagen. „Mit Dorn -werde ich mich nie amalgamieren können,“ klagt er an Wieck; „er -will mich dahin bringen unter der Musik eine Fuge zu verstehen.“ -Allein später, nachdem die Vergangenheit bereits ihr verklärendes -Licht über jene Lehrzeit gebreitet hatte, gab er dem Lehrer seine -Dankbarkeit mit bewegenden Worten kund. Ihre Berechtigung soll -hier nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_24"></a>[S. 24]</span> näher untersucht werden; genug, daß der Schüler, als -Dorn im Frühling 1832 nach Hamburg abberufen wurde, schon so weit -vorgeschritten war, um sich mit Nutzen weiter bilden zu können und -hinreichende Sicherheit zu besitzen glaubte, um eine so „herkulische“ -Arbeit, wie es die <em class="gesperrt">Übertragung der Violinkaprizen Paganinis</em> -für das Pianoforte war, zu unternehmen. Der kühne Versuch gelang und -fand auch gebührende Anerkennung. Namentlich freute sich Schumann -über eine sehr wohlwollende Recension seines Werkes in Haslingers -„Musikalischem Anzeiger“, die dem Dichter Grillparzer zugeschrieben -wird, wahrscheinlich aber von dessen Bruder Camillo herrühren -dürfte. In geistreicher Weise sind die leicht schwebenden, auf die -raffinierteste Violintechnik berechneten Etüden harmonisch ausgebaut, -ohne dadurch beschwert oder herabgezogen zu werden.<a id="FNAnker_2" href="#Fussnote_2" class="fnanchor">[2]</a> Aus derselben -Zeit stammt auch Opus 4, die <em class="gesperrt">Intermezzi</em>, liedförmig entwickelte -Tonsätze verschiedenen Charakters. Ihr Titel erklärt sich aus dem -ähnlichen Gebrauche dieses Wortes in Eichendorffs, Heines und anderen -Gedichtsammlungen.</p> - -<p>Trotz dieser schöpferischen Thätigkeit und der emsig fortgesetzten -theoretischen Studien brauchten die Vorbereitungen zur -Virtuosenlaufbahn keineswegs lässiger betrieben zu werden. Schumann -widmete sich eben vom frühen Morgen bis tief in die Nacht der Musik -und verkehrte im allgemeinen nur wenig mit der Außenwelt. Aber gerade -das Streben nach raschester Vervollkommnung sollte ihm verhängnisvoll -werden, denn er zog sich durch ein unglückliches Experiment, welches -die Unabhängigkeit der Finger voneinander beschleunigen sollte, eine -Lähmung des rechten Mittelfingers zu, die später, infolge verkehrter -Behandlung, eine Zeit lang<span class="pagenum"><a id="Seite_25"></a>[S. 25]</span> sogar die Hand ergriff und alle seine -Virtuosenträume für immer zu nichte machte. Soviel aus Schumanns -gelegentlichen Äußerungen zu entnehmen war, hatte er den bezeichneten -Finger vermittelst einer selbst erfundenen Vorrichtung, während die -übrigen Finger übten, emporgezogen und durch die übergroße Anspannung -ein Erschlaffen der Sehne verursacht. Glücklicherweise schien anfangs -Aussicht auf Genesung vorhanden zu sein, so daß der Arme nicht gleich -verzweifeln mußte, sondern nach dem ersten nicht geringen Schrecken den -guten Mut bald wiedergewann. Einstweilen, bis der Finger geheilt wäre, -beschloß er, sich mit doppelter Kraft auf die Komposition zu werfen -und schrieb, um das Brett zu bohren, wo es am dicksten war, „ganz nach -eigenem Sinne und ohne Anleitung“ einen symphonischen Satz, der später -auch wirklich in einem Konzerte der Klara Wieck (18. November 1832) zur -Aufführung gelangte, obendrein in seiner Vaterstadt. Schumann war zu -diesem für ihn hochwichtigen Ereignisse natürlicherweise nach Zwickau -geeilt und blieb daselbst den Winter über, mit der Umarbeitung seines -Werkes, auf welches er große Hoffnungen setzte, eifrig beschäftigt. In -der neuen Gestalt wurde es dann am 12. Februar 1833 im benachbarten -Schneeberg gespielt. Schon einige Wochen später kehrte der junge Autor -nicht ohne Stolz und Selbstbewußtsein nach Leipzig zurück.</p> - -<p>Er bezog eine reizende Wohnung in Riedels Gärten, wie sie ein stilles -Dichtergemüt nur wünschen konnte, voll Sonnenschein, Blütenduft und -Vogelgesang. Das zweite Heft der Kaprizen und die phantasiereichen -„<span class="antiqua">Impromptus sur une Romance de Clara Wieck, dedié à Monsieur -Fr. Wieck</span>“ (<span class="antiqua">op.</span> 5), eine Huldigung an das befreundete -Künstlerpaar, sind hier im Laufe des Frühlings entstanden. Schumann -wandte sich also, offenbar mißtrauisch gegen seine symphonische -Begabung wieder der Klaviermusik zu. Zwar trat seine Symphonie noch -ein drittes Mal in einem Wieckschen Konzerte im Gewandhause an die -Öffentlichkeit, ist<span class="pagenum"><a id="Seite_26"></a>[S. 26]</span> aber nie im Druck erschienen. Immerhin diente -sie dazu, ihm die Freundschaft namhafter Musiker, Hauser, Pohlenz -und Stegmeyer, mit denen er fortan häufig verkehrte, zu erwerben. -Schumann war gerade damals viel geselliger als je in späteren Jahren. -Er pflegte des Abends, nach beendigter Tagesarbeit das Restaurant -zum „<em class="gesperrt">Kaffeebaum</em>“ aufzusuchen, wo er im Kreise von Bekannten -einige Stunden zubrachte. Es waren fast ausschließlich Künstler und -Altersgenossen, die dort zusammenkamen: Wenzel, Knorr, Stegmayer, -Ortlepp, Dr. Reuter, Lühe und Lyser. Auf Schumanns Vermittlung hin -stellte sich auch Wieck ein, der gelegentlich sogar Klara mitbrachte -und – als Ältester – den geistigen Mittelpunkt der Gesellschaft -abgab. Robert aber saß seitwärts in einer versteckten Ecke, den -Kopf auf den Arm gestützt, die unentbehrliche Cigarre im Munde, mit -halbgeschlossenen Augen, wie in Traum verloren. Dann wieder auflebend -bis zur Gesprächigkeit und Lebhaftigkeit, wenn ein interessanter -Ideenaustausch angeregt wurde, so daß man das Erwachen aus seiner -Versunkenheit, das Heraustreten an die Außenwelt beobachten konnte. -(Brendel.) Das Gespräch bewegte sich gewöhnlich um die musikalischen -Zustände Deutschlands, welche eben in jener Zeit nichts weniger -als erfreulich zu nennen waren; insbesondere in Bezug auf die -Klaviermusik. Hier dominierten Herz, Hünten, Czerny mit ihrem -brillanten Floskelwesen und leeren Klingklang, während die kürzlich -verstorbenen Meister Beethoven, Weber, Schubert schier vergessen -schienen und jungen, bedeutenderen Talenten, wie Chopin, Mendelssohn -und andern keine Beachtung zu teil wurde. Sie begegneten einer Kritik, -die, allen neuen und außergewöhnlichen Erscheinungen abhold, dieselben -entweder schonungslos herunterriß oder vollständig totschwieg, jedes -oberflächliche Machwerk dagegen, sofern es nur in althergebrachter -Manier verfertigt war, ungebührlich lobte. So geschah es z. B. in der -Leipziger „Allgemeinen musikalischen Zeitung“, seitdem die Redaktion<span class="pagenum"><a id="Seite_27"></a>[S. 27]</span> -aus den Händen des alten, trefflichen <em class="gesperrt">Rochlitz</em> in jene G. W. -<em class="gesperrt">Finks</em> übergegangen. In Berlin führte <em class="gesperrt">Rellstab</em>, der -Herausgeber der „Iris“ sein gefürchtetes Richtschwert gegen Schumann, -Chopin, Mendelssohn und Schubert. Neben diesen zwei kritischen -Zeitschriften kommt der Wiener „Musikalische Anzeiger“ (redigiert von -Castelli) gar nicht in Betracht; er pries das Beste und Schlechteste, -all einerlei.</p> - -<p>Da fuhr eines Junitages der Gedanke durch die jungen Brauseköpfe: laßt -uns nicht müßig zusehen, greift an, daß es besser werde, daß die Poesie -in der Kunst wieder zu Ehren komme, daß der musikalische Zopf und die -kritische Honigpinselei ein Ende habe! So entstand der Plan einer neuen -Zeitschrift für Musik, in deren Leitung sich Wieck, Knorr, Ortlepp, -Schumann und Stegmayer teilen sollten. Freilich bis zur Verwirklichung -hatte es noch gute Wege. Hoffmeister, der zur Übernahme des Verlages -ausersehen war, zauderte trotz endloser Unterhandlungen. Auch fehlte -es nicht an Differenzen zwischen den Herausgebern selbst. Wieck -zum Beispiel, der eigentlich bloß seinen Namen hergab, fühlte sich -zurückgesetzt, wenn einer der jungen Leute die Betreibung der Sache -energisch in die Hand nahm. Ohne Schumanns hingebungsvolle Thätigkeit -wäre das Unternehmen sicherlich noch gescheitert. Wie wohl er sich in -dem neuen Wirkungskreise befand, läßt sich aus den tollen Streichen -ermessen, die er den Sommer über mit seinen Genossen inscenierte. -Es kam vor, daß er sie auf der Heimkehr aus dem „Kaffeebaum“ noch -um Mitternacht in den Riedelschen Garten lud; das Gitter ward mit -Lebensgefahr überklettert, der Kellner des Weinschanks, der sich im -Hause befand, herausgetrommelt und unter den rauschenden Bäumen begann -ein übermütiges Gelage.</p> - -<p>War nun die Überanstrengung durch die Vorarbeiten zur Zeitschrift -oder eine Verkühlung schuld oder beides zugleich – er verfiel nach -solch einer nächtlichen Schwärmerei in eine schwere Nervenkrankheit. -Unglücklicherweise mußte den<span class="pagenum"><a id="Seite_28"></a>[S. 28]</span> Genesenden noch die erschütternde -Nachricht von dem Tode seiner Schwägerin Rosalie und seines Bruders -Julius treffen, wodurch die Erholung neuerdings hinausgeschoben wurde. -Erst im Dezember durfte er die Arbeit an der Zeitschrift wieder -aufnehmen.</p> - -<p>Um dieselbe Zeit, zu Ende des Jahres 1833, hatte ein junger -schwäbischer Musikus Leipzig zum dauernden Aufenthalt erkoren und -wurde bald nach seiner Ankunft mit dem Schumannschen Freundeskreise -bekannt. „In Krauses Keller trat ein junger Mensch an uns heran, alle -Augen waren auf ihn gerichtet. Einige wollten eine Johannesgestalt -an ihm finden, andere meinten, grübe man in Pompeji einen ähnlichen -Statuenkopf aus, man würde ihn für den eines römischen Imperators -erklären. Alle jedoch stimmten darin überein, daß es ein Künstler -sein müsse, so sicher war sein Stand von der Natur schon in der -äußerlichen Gestalt gezeichnet – nun, ihr habt ihn ja alle gekannt; -die schwärmerischen Augen, die Adlernase, den feinironischen Mund, -das reiche, herabfallende Lockenhaar und darunter einen leichten, -schmächtigen Torso, der mehr getragen schien als zu tragen. Bevor er -an jenem Tage des ersten Sehens uns leise seinen Namen „<em class="gesperrt">Ludwig -Schunke</em> aus Stuttgart“ genannt hatte, hörte ich innen eine Stimme: -‚das ist der, den wir suchen‘ – und in seinen Augen stand etwas -Ähnliches.“ Schumann gewann an dem edlen, liebenswürdigen Künstler -einen teuren Herzensfreund, die Zeitschrift einen ihrer wärmsten -Verfechter. Dank seines werkthätigen Beistandes konnte die erste Nummer -schon im April erscheinen.</p> - -<p>Ihr von Schumann entworfenes Programm war im wesentlichen eine -Paraphrase des Goetheschen Lehrspruches:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent2">„Ältestes bewahrt mit Treue,</div> - <div class="verse indent2">Freundlich aufgefaßt das Neue.“</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Es lautet: „An die alte Zeit und ihre Werke mit allem Nachdruck -erinnern, darauf aufmerksam zu machen, wie nur an so reinem Quelle -neue Kunstschönheiten gekräftigt werden<span class="pagenum"><a id="Seite_29"></a>[S. 29]</span> können – sodann die letzte -Vergangenheit, die nur auf Steigerung äußerlicher Virtuosität ausging, -als eine unkünstlerische zu bekämpfen – endlich eine neue poetische -Zeit vorzubereiten, beschleunigen zu helfen. – Unerschütterlich steht -in uns die Ansicht, daß wir noch keineswegs am Ende unserer Kunst sind, -daß noch viel zu thun übrig bleibt, daß Talente unter uns leben, die -uns in unseren Hoffnungen auf eine neue reiche Blütenzeit der Musik -bestärken und daß noch größere erscheinen werden. – Die <em class="gesperrt">Erhebung -deutschen Sinnes durch deutsche Kunst</em>, geschieht sie nun durch -Hinweisung auf ältere Muster oder durch Bevorzugung jüngerer Talente; -mag als das letzte Ziel unserer Bestrebungen angesehen werden. – Wir -wüßten nicht, was wir vor anderen Künsten und Wissenschaften voraus -haben sollen, wo sich die Parteien offen gegenüberstehen und befehden, -noch überhaupt, wie es sich mit der Ehre der Kunst und der Wahrheit der -Kritik vereinbaren ließe, den drei Erzfeinden unserer und aller Kunst, -den Talentlosen, dann den Dutzendtalenten, endlich den talentvollen -Vielschreibern ruhig zuzusehen. Wir schreiben ja nicht, um die -Kaufleute reich zu machen, wir schreiben den Künstler zu ehren.“</p> - -<p>In kurzer Zeit gebot die Zeitschrift über eine stattliche Anzahl -tüchtiger Mitarbeiter; wir nennen unter anderen: Bank, Berger, Dorn, -Griepenkerl, Stephen Heller, Kahlert, Keferstein, Kistner, Koßmaly, -Krägen, Lorenz, Löwe, Lyser, Mangold, Marx, Nauenburg, Riefstahl, -Schüler, Töpken, Truhn, Weißmann, Wenzel, Zuccalmaglio. Für die -Redaktion zeichneten Schunke, Schumann, Wieck und Knorr. Man blättere -in den ersten Bänden der Zeitschrift nach: das fröhliche, kräftige -Leben darin wird noch jetzt Anteil erwecken; auch Versehen kamen vor, -wie sie ja im Gefolge aller jugendlichen Unternehmungen sind. Jeder -steuerte eben bei, was er hatte. Der Stoff schien damals endlos; -man war sich eines edlen Strebens bewußt; neue Götterbilder sollten -aufgestellt, ausländische Götzen niedergerissen werden;<span class="pagenum"><a id="Seite_30"></a>[S. 30]</span> man arbeitete -Tag und Nacht. Es war das Ideal einer großen Künstlerbrüderschaft zur -Verherrlichung deutscher, tiefsinniger Kunst, das wohl jedem als das -herrlichste Ziel seines Strebens vorleuchten mochte. Und wie denn die -Zeitschrift zu günstiger Stunde, unter günstigen Umständen unternommen -wurde, einmal weil man des Schneckenganges der alten musikalischen -Kritik überdrüssig war und weil wirklich neue Erscheinungen am -Kunsthimmel aufstiegen, dann weil die Zeitschrift im Schoß von -Deutschland, in einer von jeher berühmten Musikstadt entsprang und -der Zufall gerade mehrere junge, gleichgesinnte Künstler vereinigt -hatte, so griff das Blatt auch rasch um sich und verbreitete sich nach -allen Gegenden hin. Fast alle bedeutenden Tonsetzer dieser Periode: -Mendelssohn, Chopin, Hiller, Taubert, Stephen-Heller, Gade, Berlioz, -Franz, Verhulst und Sterndale Benett wurden teils durch dieselbe -zuerst verständnisvoll gewürdigt, teils geradezu in die musikalische -Welt eingeführt – nur gegen Meyerbeer nahm die Zeitschrift eine -ablehnende Haltung ein; mit Recht darf man heute behaupten. Im übrigen -liegen ihre Verdienste vornehmlich auf dem Felde der Klaviermusik. -Hier erzielte sie einen vollständigen Umschwung des Geschmackes; indem -fortan gedankenvollere, polyphone Gebilde an Stelle der alten virtuosen -Passagenwerke traten. Für die gleichfalls in Aussicht genommene -Opernreform in ähnlicher, gedeihlicher Weise zu wirken, blieb ihr -dagegen versagt, schon darum, weil es in „Klein-Paris“ kein rechtes -Theaterleben gab und den Herausgebern, abgesehen von der unerläßlichen -Begabung, auch die Erfahrung im dramatischen Genre abging.</p> - -<p>Die Herausgeber! Ist’s denn erlaubt, von ihnen in der Mehrzahl -zu sprechen? Wieck war immerfort auf Reisen, Knorr erkrankte, so -daß eigentlich nur Schumann und Schunke als Häupter der Leipziger -romantischen Schule in Betracht kamen. Schunke wiederum, dem die Feder -nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_31"></a>[S. 31]</span> parieren wollte, war bloß eine moralische Macht, so daß die -Redaktionsgeschäfte fast einzig und allein auf Schumanns Schultern -lasteten. Jetzt mußten dem Musiker, der bereits 1831 in der Finkschen -Zeitung einen schönen Aufsatz über Chopin und 1833 einen über Klara -Wieck im „Kometen“ veröffentlicht hatte, seine schriftstellerischen -Gaben frommen. Er lieferte nicht allein zahlreiche Beiträge, -bearbeitete die eingelaufenen, manchmal recht elend stilisierten -Artikel, sondern besorgte auch Korrespondenzen, Verrechnungen, -Korrekturen, Anweisung der Honorare u. s. w. – alles ohne irgend einen -pekuniären Vorteil. Zum Komponieren blieb ihm unter solchen Umständen -allerdings nur spärliche Muße.</p> - -<p>Es war ungefähr zur Zeit des ersten Erscheinens der Zeitschrift, -als Schumann, nicht ohne längeres Sträuben seinerseits, bei dem -kunstsinnigen Kaufmanne <em class="gesperrt">Carl Voigt</em> und dessen Gattin -<em class="gesperrt">Henriette</em> eingeführt wurde. Aber „nur einen Schritt in ihr Haus -gethan, und der Künstler fühlte sich heimisch darin. Aufgehängt waren -über dem Flügel die Bildnisse der besten Meister; eine ausgewählte -musikalische Bibliothek stand zur Verfügung; der Musiker, schien es, -war Herr im Hause, die Musik die oberste Göttin.“ Ein beredter Zeuge -des regen Künstlerverkehres ist das Album der Frau Voigt, durch die -Autographe berühmter Musiker – Mendelssohn, Löwe, Chopin und anderer -– mit denen sie teilweise auch Briefwechsel unterhielt, sehr kostbar. -(Jansen.) Poetisch und musikalisch begabt – sie war L. Bergers -Schülerin im Klavierspiel – hat Henriette (die „Beethovenerin“) auf -den ihr freundschaftlich zugethanen Schumann bildend und belebend -eingewirkt. Sie wurde auch seine Vertraute in dem etwa gleichzeitig -sich entspinnenden Liebesverhältnisse zu <em class="gesperrt">Ernestine von Fricken</em>.</p> - -<p>Dieselbe, die Tochter eines reichen böhmischen Barons aus Asch, kam im -Frühjahr 1834 nach Leipzig, um sich bei Wieck im Pianofortespiel zu -vervollkommnen, „ein herrliches, reines, kindliches Gemüt,“ wie Robert -sie schildert, „zart<span class="pagenum"><a id="Seite_32"></a>[S. 32]</span> und sinnig, mit der innigsten Liebe an mir und -allem Künstlerischen hängend, außerordentlich musikalisch – kurz ganz -so, wie ich mir meine Frau wünsche.“ Am 5. September verlobte sich -Schumann mit ihr, erhielt auch die Einwilligung des Vaters – allein -der Brautstand war nicht von langer Dauer. Schon im August des nächsten -Jahres wurde das Verlöbnis, aus Gründen, die sich unserer Kenntnis noch -entziehen, in aller Freundschaft wieder gelöst.</p> - -<p>Inzwischen hatte sich ein tief schmerzliches, aber nicht unerwartetes -Ereignis zugetragen. Ludwig Schunke war (7. Dezember 1834) an einer -zehrenden Brustkrankeit, Novalis vergleichbar, sanft aus dem Leben -geschwunden. Schumann war trostlos. Zu seiner Trauer um den Geliebten -gesellten sich noch allerlei, durch die Liederlichkeit des Verlegers -der Zeitschrift, E. <em class="gesperrt">Hartmann</em>, hervorgerufene Zerwürfnisse, -welche endlich dadurch beigelegt wurden, daß Schumann, der nach -Schunkes Tode und Knorrs und Wiecks Rücktritt von den Leitern des -Unternehmens allein übrig geblieben, die Zeitschrift ankaufte und -dem Buchhändler <em class="gesperrt">Johann Ambrosius Barth</em> zum Verlag übergab. -Herausgeber und Besitzer in einer Person (vom 1. Januar 1835 ab), -benützte er das erworbene Eigentumsrecht, um wichtige Verbesserungen -im kritischen Teile des Blattes eintreten zu lassen. Musikalische -Schöpfungen sind, wie schon bemerkt, in diesem Zeitraume nur wenige zu -verzeichnen. Ehe wir uns aber mit ihnen befassen, ist es notwendig, bei -dem „<em class="gesperrt">Davidsbunde</em>“ zu verweilen, der in den Spalten der „Neuen -Zeitschrift“ eine große Rolle spielt. Schumann dachte sich dabei einen -idealen, natürlicherweise bloß im Kopfe seines Stifters existierenden -Geheimbund fortschrittlicher Künstler, welcher König David, den -mannhaften Besieger der Philister, als Schutzpatron verehrte. Unter -den Mitgliedern ragen namentlich dreie hervor: Florestan, Eusebius -und Meister Raro. <em class="gesperrt">Florestan</em> ist der Wortführer der neuen -Richtung in der Musik. Rücksichtslos und un<span class="pagenum"><a id="Seite_33"></a>[S. 33]</span>gestüm zieht er gegen jedes -pedantische Festhalten am alten Zopf zu Felde. „Warum denn rückwärts -komponieren? Wem die Perücke gut steht, der mag sich eine aufsetzen; -aber streicht mir die fliegende Jugendlocke nicht weg, wenn sie auch -etwas wild über die Stirn hereinfällt. Also Locken, Sonatenschreiber -und keine falschen...! Wie kommen wir dazu, uns von vorigen -Jahrhunderten Vorschriften geben zu lassen?“ Im Gegensatze zu ihm ist -<em class="gesperrt">Eusebius</em> weich und schwärmerisch, ein mädchenhaft schüchterner -Jüngling. Meister <em class="gesperrt">Raro</em> endlich vermittelt zwischen beiden; er -vertritt die Besonnenheit und Einsicht des gereiften Mannes. Wie diese -merkwürdigen Gestalten im Verhältnis zu Schumann aufzufassen sind, -erklärt er selbst in einem Briefe an Dorn: „Florestan und Euseb ist -meine Doppelnatur, die ich wie Raro gern zum Mann verschmelzen möchte.“ -Auch hinter den übrigen Bündlern hat man wirkliche Personen zu suchen; -es sind <em class="gesperrt">Walt</em> (Rakemann), <em class="gesperrt">Julius</em> (Knorr), <em class="gesperrt">Jonathan</em> -(Schunke?), <em class="gesperrt">Serpentinus</em> (Bank), <em class="gesperrt">Fritz Friederich</em> (Lyser) -und <em class="gesperrt">Giara</em> oder <em class="gesperrt">Zilia</em> (Klara Wieck). Zur Gestalt Meister -Raros soll Friedrich Wieck einige Züge geliehen haben.</p> - -<p>Aber nicht allein in der Zeitschrift liebt es Schumann, sich -hinter den Namen Florestan und Eusebius zu verbergen. Sie prangen -auch als Verfasser auf dem Titelblatt der ersten Ausgabe seiner -leidenschaftlichen <em class="gesperrt">Fis-Moll-Sonate</em> (<span class="antiqua">op.</span> 11), deren Wert -zum erstenmale <em class="gesperrt">Franz Liszt</em> erkannt und in seiner geistreichen -Weise dargelegt hat. (<span class="antiqua">Gazette musicale</span>, 1837, Nr. 46.) Freilich -will die Bezeichnung „Sonate“ nicht durchwegs passen: die Triebkraft -der Phantasie sprengt eben da und dort die überlieferten klassischen -Formen. Einen ähnlich stürmischen Charakter trägt das sonst minder -bedeutende <span class="antiqua">op.</span> 8 <em class="gesperrt">Allegro</em> (seiner Braut gewidmet), welches -Schumann an Frau Voigt mit dem Bedeuten sandte, „daß der Verfasser -mehr tauge als das Werk und weniger als die, der es zugeeignet ist.“ -Bei weitem<span class="pagenum"><a id="Seite_34"></a>[S. 34]</span> höher steht dagegen <span class="antiqua">op.</span> 9 der <em class="gesperrt">Karneval</em>, -ein anmutig belebtes, an pikanten Rhythmen und bunten Modulationen -reiches Faschingsbild. Das beständig wiederkehrende Motiv <span class="antiqua">ASCH</span> -weist uns auf die persönlichen Beziehungen dieser Schöpfung; es drückt -den Namen der Vaterstadt Ernestines in Noten aus. Schumann fand es -„sehr schmerzlich“, wie denn das ganze Werk in ernster Stimmung -komponiert worden ist. Der Musik wird das aber niemand anmerken; sie -charakterisiert das fröhliche Gewimmel im hellerleuchteten Ballsaal -ganz meisterlich. Der bedächtige Pierrot schreitet vorüber, Pantalon -und Colombine kommen leichten Fußes einhergetrippelt, der Harlekin -schlägt seine Capriolen und eine Kokette läßt verführerisch ihre Augen -spielen. Die Davidbündlerschaft fehlt auch nicht beim Feste. Wir sehen -den wild dreinfahrenden Florestan, den träumerischen Eusebius, Chiara, -Estrella (Ernestine), ferner Paganini und Chopin. Die Krone des Ganzen -aber bildet der kecke „Marsch der Davidsbündler gegen die Philister“, -welch letztere sehr ergötzlich durch die Melodie des Großvatertanzes -(„Und als der Großvater die Großmutter nahm“) charakterisiert sind. -Natürlich werden die Armen zu guterletzt jämmerlich geschlagen und -Davids siegreiche Jünger erheben frohlockend ihr übermütiges Jubellied.</p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_2" href="#FNAnker_2" class="label">[2]</a> Noch freier verfährt Schumann in einem zweiten Hefte, das -der Verleger des besseren Absatzes wegen als <span class="antiqua">op.</span> 10 erscheinen -ließ; er streift diesmal der Komposition alles Geigenmäßige ab und -ersetzt die Klangeffekte des Streichinstrumentes sehr geschickt durch -solche, die dem Klaviere eigentümlich sind.</p> - -</div> - -</div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Klara">4. Klara.</h2> - -</div> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent2">Wem nie von Liebe Leid geschah,</div> - <div class="verse indent2">Geschah auch Lieb von Liebe nie.</div> - <div class="verse indent4"><em class="gesperrt">Gottfried v. Straßburg.</em></div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Nicht lange nach der Lösung des Verhältnisses zu Ernestine von Fricken -hielt eine neue Liebe Einzug in Schumanns Herzen, eine Liebe, deren -Keime wohl schon manches Jahr in seiner Brust geruht haben mochten, -ehe sie trieben, sproßten<span class="pagenum"><a id="Seite_35"></a>[S. 35]</span> und breit sich entfalteten, eine Liebe, die -ihn harte Kämpfe und bittere Schmerzen gekostet, eine Liebe, der die -deutsche Kunst einige ihrer schönsten und edelsten Blüten zu verdanken -hat. Es war Klara Wieck, die langjährige Freundin, welche Ernestines -Stelle dauernd einnehmen sollte. Geboren am 13. September 1819, fand -sie schon als Kind ihres Klavierspieles halber allgemeine Bewunderung. -Neun Jahre alt ließ sie sich zum erstenmale öffentlich hören, zwei -Jahre später begann sie mit dem Vater, dessen vorzügliche Lehrmethode -in ihrem Spiele die größten Triumphe feierte, weite Konzertreisen, die -über Dresden, Weimar, Kassel, Frankfurt bis Paris führten. Die Aufnahme -war überall enthusiastisch. In Weimar trug der greise Goethe das -Stuhlkissen eigenhändig für sie herbei und schenkte ihr beim Abschied -sein Brustbildmedaillon mit der Widmung: „Der geistreichen Klara -Wieck.“ Auch andere berühmte Männer: Spohr, Mendelssohn, Alexander von -Humboldt, Chopin, Herz und andere nahmen an ihr lebhaftes Interesse; -Schumann verehrte sie „wie der Pilgrim das ferne Altarbild“ und -stellte sie in eine Reihe mit Paganini. Über ihre äußere Erscheinung -giebt Heinrich Dorn folgende Nachricht: „Meine Klara (denn sowohl -von ihrem Vater, als von allen, die sie kannten, wurde sie nicht -anders genannt), war 1831 ein reizender Backfisch; zierliche Gestalt, -blühende Gesichtsfarbe, zarte, weiße Händchen, üppiges, schwarzes Haar, -kluge, glutvolle Augen; alles war an ihr appetitlich.“ Mit Robert, -„dem herrlichen, prächtigen Menschen,“ stand sie in geschwisterlichem -Verhältnis. „Klara,“ schreibt er seiner Mutter 1833, „die wie immer -innig an mir hängt, ist die alte – wild und schwärmerisch – rennt -und springt und spielt wie ein Kind und spricht wieder einmal die -tiefinnigsten Dinge. Es macht Freude, wie sich ihre Herzens- und -Geistesanlagen jetzt immer schneller, aber gleichsam Blatt für Blatt -entwickeln. Als wir neulich zusammen von Connewitz heimgingen (wir -machen fast täglich zwei- bis dreistündige Märsche),<span class="pagenum"><a id="Seite_36"></a>[S. 36]</span> hörte ich, wie -sie für sich sagte: „O, wie glücklich bin ich, wie glücklich!“ Wer hört -das nicht gern! Auf demselben Wege stehen sehr unnütze Steine mitten im -Fußsteg. Wie es nun trifft, daß ich oft im Gespräche mit anderen mehr -auf- als niedersehe, geht sie immer hinter mir und zupft an jedem Stein -leise am Rock, daß ich ja nicht falle. Einstweilen fällt sie selbst -darüber.“ Bald darauf spricht Schumann dem Mädchen mit der Dedikation -der Impromptus die Hoffnung aus, „daß die Vereinigung unserer Namen -auf dem Titel eine unserer Ansichten und Ideen für spätere Zeiten -sein möchte. <em class="gesperrt">Mehr bieten kann ich Armer nichts.</em>“ Während des -Brautstandes mit Ernestine verblaßte begreiflicherweise das Bild -Klaras, die sich obendrein meist auswärts auf Kunstreisen befand. Doch -schon im Sommer 1835 schwebt ihm überall ihr „Engelskopf“ mitten unter -Festen und Freudenhimmeln vor. Täglich, ja stündlich fühlte er sich -mehr zu ihr hingezogen und während des folgenden Winters vollzog sich -die Umwandlung des bisher bloß freundschaftlichen Bundes in ein offenes -Liebesverhältnis. Klaras rege Beteiligung am Leipziger Musikleben, -welches damals durch die Ankunft Mendelssohns einen neuen, mächtigen -Aufschwung nahm, brachte sie fortwährend mit Robert in Berührung. Im -Februar 1836 endlich, kurz nach dem Tode seiner Mutter (gestorben -4. Februar) erscheint das förmliche „Sie“ im Briefwechsel durch das -vertraute „Du“ ersetzt, denn Schumann schreibt: „Vielleicht daß der -Vater die Hand nicht zurückzieht, wenn ich ihn um seinen Segen bitte. -Freilich giebt es da noch viel zu denken, auszugleichen. Indes vertraue -ich auf unseren guten Geist. Wir sind vom Schicksal schon füreinander -bestimmt: schon lange wußte ich das, aber mein Hoffen war nicht so -kühn, <em class="gesperrt">dir</em> es früher zu sagen und von dir verstanden zu werden.“</p> - -<p>Nun war Vater Wieck unserem Künstler zwar aufrichtig gewogen und -hatte gern zur Verbreitung seiner Werke beigetragen, allein <span class="antiqua">in -puncto</span> seiner Tochter verstand der alte,<span class="pagenum"><a id="Seite_37"></a>[S. 37]</span> etwas fahrige Herr -keinen Spaß. Klara, sein Stolz, die sichtbare Verkörperung seiner -illustren Klaviermethode, schien ihm wahrlich zu Höherem bestimmt als -die Frau eines noch ziemlich unbekannten und unbemittelten Komponisten -abzugeben! Er wies die kühne Werbung rundweg ab und reiste, um eine -weitere Annäherung zu vereiteln, mit Klara auf der Stelle nach Breslau. -Doch gelang es Schumann, der als Redakteur der Musikzeitung überall -Verbindungen hatte, wenigstens geheimen Briefwechsel mit der Geliebten -zu pflegen.</p> - -<p>Sein nächstes Streben war jetzt auf die Gründung einer sicheren -Existenz gerichtet, denn die fünfhundert Thaler Rente, die er von -seinem väterlichen Erbteil bezog, reichten wohl hin ihn vor Not -und Sorge ums tägliche Brot, den treuen Gefährtinnen des deutschen -Musikers, zu schützen, aber nicht zum Unterhalt einer Familie. Durch -Verpflanzung der Zeitschrift nach Wien hoffte er ihre Einträglichkeit -um ein Bedeutendes zu steigern und betrieb deshalb in aller Stille aber -eifrig diese Angelegenheit. So schwand das Jahr unter viel Bekümmernis, -für die ihn nur der häufige Umgang mit Felix Mendelssohn einigermaßen -entschädigen konnte. Mendelssohn besaß, was Schumann am meisten -fehlte: musikalische Durchbildung, Weltgewandtheit, außerordentlichen -Formensinn und imponierte damit dem jüngeren Meister bis zu heller -Begeisterung. „Er ist der beste Musiker der Zeit, zu dem ich aufschaue -wie zu einem hohen Gebirge,“ ruft er aus, während der Schöpfer des -„Paulus“, dem Schumanns kostbares Gut, der Gehalt im Busen eigentlich -abging, mit der schönen Form im Geiste die künstlerische Bedeutung -des Freundes, so sehr er ihn als Menschen hochschätzte, nie begriffen -hat. Wehe aber, wenn sich jemand in Schumanns Gegenwart ein abfälliges -Urteil über Mendelssohns Musik erlaubte! Das konnte den sonst so -stillen, fast apathisch Scheinenden in die größte Erregung versetzen. -Übrigens bemerkt er selbst einmal ganz richtig: „In<span class="pagenum"><a id="Seite_38"></a>[S. 38]</span> ähnlichen -Verhältnissen wie er (Mendelssohn) aufgewachsen, von Kindheit an zur -Musik bestimmt, würde ich euch samt und sonders überflügeln.“</p> - -<p>Fast täglich trafen die beiden Meister am Mittagstische des Hotels -de Baviere zusammen. Außerdem gehörten noch Walther von Goethe, -Frank, David und Sterndale Benett zur Tafelrunde. Dem letzteren, der -sich damals längere Zeit in Leipzig aufhielt, sind die <span class="antiqua">Etudes -symphoniques</span> (<span class="antiqua">op.</span> 13) gewidmet, höchst originelle -Variationen, deren prächtiges Finale mit dem beabsichtigten Anklang an -ein englisches Volkslied („Wer ist der Ritter hochgeehrt?“) direkt an -das Nationalgefühl Benetts appelliert. Daneben vollendete Schumann noch -ein <span class="antiqua">Concert sans orchestre</span> (<span class="antiqua">op.</span> 14, später Sonate III -genannt) und die herrliche <em class="gesperrt">C-Durphantasie</em> (<span class="antiqua">op.</span> 17) „eine -tiefe Klage um Klara.“ Anfangs wollte er sie, da ihr eventueller Ertrag -für das in Bonn zu errichtende Beethovendenkmal bestimmt war, „Obolus“ -oder „Ruinen, Siegesbogen und Sternenkranz“ betiteln, bis er sich -später für „Große Sonate“ und schließlich für das weit angemessenere -„Phantasie“ entschied. Als Motto trug das Werk den Schlegelschen Vers: -„Durch alle Töne tönet im bunten Erdenraum ein leiser Ton gezogen für -den, der heimlich lauschet.“</p> - -<p>Mit dem leisen Tone ist, wie aus einem Schumannschen Briefe hervorgeht, -Klara gemeint. Auf sie weisen uns denn auch die Kompositionen des -folgenden Jahres, die <em class="gesperrt">Phantasiestücke</em> (<span class="antiqua">op.</span> 12) und die -<em class="gesperrt">Davidsbündlertänze</em> (<span class="antiqua">op.</span> 6) hin, von welchen namentlich -die erste in der Kunstwelt Anerkennung und Liebe gefunden hat. In -diesen wunderbaren Stimmungsbildern entfaltet sich Schumanns Talent -in seiner ganzen Fülle und Eigentümlichkeit, mag er nun „des Abends“ -schwärmen oder seltsame „Traumeswirren“ schildern oder „Grillen“ -nachjagen oder die bedeutungsvolle Frage „Warum?“ an das Schicksal -richten. Für das gelungenste Stück hielt er selbst das fünfte „In<span class="pagenum"><a id="Seite_39"></a>[S. 39]</span> -der Nacht“, worin er, als es bereits fertig war, die Geschichte von -Hero und Leander zu finden glaubte: „wie er sich ins Meer stürzt, -sie ruft, er antwortet, er durch die Wellen glücklich ans Land – -dann die Kantilene, wo sie sich in den Armen haben – dann, wie er -wieder fort muß, sich nicht trennen kann, bis die Nacht wieder alles -in Dunkel hüllt.“ Mit Bezug auf das Schlußstück: „Das Ende vom Lied“, -schreibt Schumann an Klara: „Ich dachte dabei, nun am Ende löst sich -alles in eine lustige Hochzeit auf, aber am Schluß kam wieder der -Schmerz um dich dazu und da klingt es wie Hochzeit- und Sterbegeläute -untereinander.“ Ganz ähnlich lautet eine Briefstelle über die -Davidsbündlertänze, welchen als Motto der alte Spruch: „In all und -jeder Zeit verknüpft sich Lust und Leid; bleibt fromm in Lust und seid -dem Leid mit Mut bereit“ vorangesetzt ist. „In den Tänzen,“ heißt -es dort, „sind viele Hochzeitsgedanken – sie sind in der schönsten -Erregung entstanden, wie ich mich nur je besinnen kann; ein ganzer -Polterabend nämlich ist die Geschichte und du kannst dir Anfang und -Schluß ausmalen. War ich je glücklich am Klavier, so war es, als ich -sie komponierte.“</p> - -<p>Vergleicht man die angeführten Stellen miteinander, so ergeben -sich aus ihnen wertvolle Aufschlüsse über den Verlauf seines -Liebesromanes. Während zur Zeit der Komposition der Phantasiestücke -ihn noch bange Zweifel an dem guten Ausgang heimsuchen, sehen wir ihn -jetzt in ungetrübter Heiterkeit der Zukunft entgegenschauen. Klaras -unerschütterliche Treue war’s, die ihn vor gänzlicher Resignation -bewahrte, ja schließlich sogar mit solcher Zuversicht erfüllte, daß -er am 13. September 1837, ermutigt durch das freundliche Benehmen des -Vaters, um ihre Hand nochmals anzuhalten wagte. Wieck hatte schon -vermeint, daß die Leidenschaft der beiden Liebenden, die sich auf -stillschweigendes Übereinkommen hin über ein Jahr nicht gesehen, durch -die Trennung erkalten werde und mußte nun zu seinem Ärger<span class="pagenum"><a id="Seite_40"></a>[S. 40]</span> gewahren, -daß die Flamme heller brenne wie zuvor. Überrascht und außer Stande -begründeten Einwand zu erheben, gab er bloß unklare, ausweichende -Antwort. Er spielte auf Schumanns ungeregelte Verhältnisse an: dieser -schränkte sich auf das Äußerste ein. Er ließ verlauten, daß Schumann -noch mehr verdienen müsse. Dieser nahm, obgleich die Zeitschrift auch -so prosperierte, seinen alten Plan, die Übersiedelung nach Wien, -energisch wieder auf, besonders als Klara dortselbst im Dezember große -Triumphe gefeiert hatte. Die Unterhandlungen mit Wiener Freunden des -Blattes (Vesque von Püttlingen und Joseph Fischhof) zogen sich hin bis -zum Herbst des folgenden Jahres, und Schumann schrieb in dieser Zeit -drei seiner vorzüglichsten Werke: <em class="gesperrt">Die Novelletten</em> (<span class="antiqua">op.</span> -21), die man als Nachklang der Phantasiestücke betrachten kann, ferner -die <em class="gesperrt">Kreisleriana</em> (<span class="antiqua">op.</span> 16) und <em class="gesperrt">Kinderscenen</em> -(<span class="antiqua">op.</span> 15).</p> - -<p>Jene geben sich, wie ja die Überschrift sagt, als Schöpfungen -des berühmten romantischen Musikus Kreisler, mit welchem sich -Schumann hier identifiziert. Man kennt diese originelle Gestalt -T. A. Hoffmanns, deren excentrisches Wesen und Gebaren durch -atemversetzende Synkopenketten sehr zutreffend charakterisiert wird, -aus „Kater Murr“ (Universal-Bibliothek Nr. 153–156). Von einer neuen, -überaus liebenswürdigen Seite zeigt sich Schumanns Genius in den -„Kinderscenen“. Mit welcher Feinheit, bemerkt Liszt, läßt er die -verschiedensten Jugendeindrücke aufeinander folgen! Wie harmonisch -verteilt er Licht und Schatten im Fortschreiten von Begebenheiten im -äußeren Leben des Kindes zur Schilderung seiner Innerlichkeit! Und – -um nur bei einem allgemein bekannten Werk einen Augenblick zu verweilen -– wie glücklich ist die Aufeinanderfolge der Stücke! Glaubt man doch -bei der Erzählung „von fremden Ländern und Menschen“ die aufhorchenden -blonden Kinderköpfchen starr nach dem Munde des Erzählers gerichtet -zu sehen, bis die „kuriose Geschichte“ ihre erregte Phantasie wieder -in das<span class="pagenum"><a id="Seite_41"></a>[S. 41]</span> umgebende Leben zurückführt, wo dann mit dem „Haschemann“ der -Übergang zum Tummeln und Spielen gemacht wird. Da ist aber ein Kind, -dessen Gedanken schon in die Ferne, nach dem Unmöglichen schweifen, -das Freude auf Freude, Spiel auf Spiel häufen möchte. Dem bittenden -Kinde antwortet man mit weisem, sanftem Vorwurf: „Glückes genug.“ So -müssen die kaum sich entfaltenden Seelen schon das schwere Wort von -der irdischen Unzulänglichkeit begreifen lernen. Doch dem innigen -Sittenspruch folgt eine „wichtige Begebenheit“. Da wenden sich die -jungen Gemüter von dem Betrübtsein, das selbst der leiseste Vorwurf -ihnen bringt, zu den wechselnden Vorfällen der Wirklichkeit, in denen -wieder für einige der Hauptreiz darin liegt, daß sie zu schwärmerischem -Nachsinnen, zu „Träumereien“ führen, denen man nirgends besser als „am -Kamin“ nachhängen kann. Dort beginnen wieder wunderbare Geschichten -voll merkwürdiger Ereignisse, wie der „Ritter vom Steckenpferd“ -oder voll Grausens, wenn sie „fast zu ernst“ werden oder „fürchten -machen“. Nun aber senkt sich das friedlichste und liebenswürdigste -der Gespenster, der Sandmann, über die von wirren Bildern des Tages -ermüdeten Augen des „einschlummernden Kindes“ und „der Dichter -spricht.“ Er spricht zu den Ruhenden und giebt seinen Segen all -den kleinen Ereignissen des Tages, deren Bedeutung sein denkender -Geist erhöht; denn im symbolischen Spiegel zeigen sie die großen -Begebenheiten des reiferen Lebens, wie sie oft in derselben Folge von -denselben Eindrücken angeregt erscheinen.</p> - -<p>Anfang Oktober 1838 reiste Schumann, nachdem an seiner Statt Oswald -Lorenz die Leitung der Redaktionsgeschäfte übernommen hatte, selbst -nach der Donaustadt, um sowohl mit den Behörden und Verlegern die -nötigen Unterhandlungen zu pflegen, als auch um das Publikum ein wenig -kennen zu lernen. Allein schon nach den ersten Tagen sah er sich in -seinen Hoffnungen gründlich getäuscht; der heilige Boden, auf welchem -die größten deutschen Tondichter<span class="pagenum"><a id="Seite_42"></a>[S. 42]</span> einstens gewandelt, war jetzt der -Tummelplatz italienischen Opernklingklangs und ausgelassener Tanzmusik. -Man wird den künstlerischen Niedergang Wiens wohl am treffendsten -seit dem Falle der Euryanthe (Oktober 1823) datieren, da von diesem -Zeitpunkte an die Freunde deutscher Kunst, eingeschüchtert und -uneins den fanatischen Parteigängern Rossinis das Feld ganz und gar -überließen. Bald nach seiner Ankunft schon bekennt Schumann, „ich passe -nicht unter diesen Schlag Menschen; hinge es von mir ab, morgen ging -ich nach Leipzig zurück; die Zeitung verliert offenbar, wenn sie hier -erscheinen muß;“ ja, nicht einmal das Erscheinen des Blattes sollte er -durchsetzen können, da man ihm als Ausländer die Bedingung stellte, daß -ein österreichischer Verleger an die Spitze des Unternehmens trete, die -Wiener Buchhändlerfirmen aber davon nichts wissen wollten, weil sie -für ihren Strauß, Proch u. s. w. von der „revolutionären“ Zeitschrift -fürchteten. In den landesüblichen, lobhudelnden Recensententon mit -einzustimmen und dadurch in den Augen Norddeutschlands feige, matt -und verändert zu gelten, dazu war Schumann natürlicherweise nicht zu -bewegen. Von der Aussichtslosigkeit seines Vorhabens völlig überzeugt, -kehrte er im Frühjahr 1839 schweren Herzens nach Sachsen zurück. So -ganz fruchtlos sollte übrigens der Wiener Aufenthalt für die Kunst -nicht gewesen sein, denn eine Anzahl reizender Klavierwerke ist -damals teils neu entstanden, teils vollends ausgeführt worden und -zwar folgende: <em class="gesperrt">Scherzo, Gigue und Romanze</em> (<span class="antiqua">op.</span> 32), -<em class="gesperrt">Arabeske</em> (<span class="antiqua">op.</span> 18), <em class="gesperrt">Blumenstück</em> (<span class="antiqua">op.</span> 19), -<em class="gesperrt">Humoreske</em> (<span class="antiqua">op.</span> 20), <em class="gesperrt">Nachtstücke</em> (<span class="antiqua">op.</span> 23), -<em class="gesperrt">Faschingsschwank</em> (<span class="antiqua">op.</span> 26). Von diesen erfordern nur die -beiden letztgenannten einige Bemerkungen. Im Faschingsschwank, der in -Wien erschienen ist, macht sich nämlich Schumann den Spaß, der hohen -Censur ein Schnippchen zu schlagen, indem er recht unschuldig mitten -unter allerlei Tanzmotiven plötzlich die in Wien streng verbotene -Marseillaise anklingen läßt. Die Nachtstücke hingegen sind darum<span class="pagenum"><a id="Seite_43"></a>[S. 43]</span> -merkwürdig, weil sich in ihnen die ersten Spuren einer beginnenden -Gemütsverdüsterung zeigen. „Es kommt darin,“ schreibt er, „eine Stelle -vor, auf die ich immer zurückkomme; da ist, als seufzte jemand recht -aus schwerem Herzen: „Ach Gott.“ Ich sah bei der Komposition immer -Leichenzüge, Särge, unglückliche, verzweifelte Menschen und als ich -lange nach einem Titel suchte, kam ich immer auf den: Leichenphantasie. -Beim Komponieren war ich auch oft so angegriffen, daß mir die Thränen -herankamen und wußte doch nicht warum. Da kam Theresens (seiner -Schwägerin) Brief und nun stand es klar vor mir. Bruder Eduard lag im -Sterben.“</p> - -<p>Solche melancholische Stimmungen verflogen indessen rasch in dem -buntfarbigen, regsamen Wiener Leben. Auch an erhebenden Momenten fehlte -es nicht, wozu man den freundschaftlichen Verkehr mit Mozarts Sohne und -den Besuch der Grabstätten der großen Tonmeister zählen muß. Auf dem -Heimwege vom Währinger Kirchhof war’s, da fiel ihm ein, daß Schuberts -Bruder Ferdinand ja noch lebe. Er suchte denselben auf, durchwühlte -den Nachlaß des früh Verblichenen und entdeckte darin zu seiner -Freude die große C-Dursymphonie, welche sogleich an Mendelssohn zur -Aufführung übersendet wurde. Auch gelang es ihm, Breitkopf und Härtel -zur Drucklegung des bedeutenden Werkes zu bewegen. Ausführliches über -die denkwürdige Episode findet man im dritten Band seiner „Gesammelten -Werke“ (Universal-Bibliothek, Nr. 2621 u. 2622).</p> - -<p>Nach Leipzig zurückgekehrt, widmete sich Schumann mit allen Kräften -der Zeitung, die ihn nach der langen Abwesenheit „wieder so jugendlich -anlachte“ wie in den Tagen ihrer Gründung. In richtiger Erkenntnis, -daß ihm nur die Vereinigung mit der Geliebten den zu freiem Schaffen -unentbehrlichen Seelenfrieden verleihen könne, hielt er sodann im -Sommer 1839 zum drittenmale bei Wieck um Klara an. Der alte Starrkopf -aber weigerte sich so hartnäckig, daß dem<span class="pagenum"><a id="Seite_44"></a>[S. 44]</span> liebenden Paare kein -anderer Ausweg übrig blieb, als den Heiratskonsens gerichtlich zu -erzwingen. Wie peinlich mußte diese Notwendigkeit unseres Künstlers -stille, empfindsame Natur berühren, zumal da Wieck in seiner Wut -alle Haltung verlor und sich nicht scheute, eine Schmähschrift gegen -den Bräutigam seiner Tochter zu veröffentlichen! Komponiert wurde in -dieser aufgeregten Zeit nur wenig: <em class="gesperrt">drei Romanzen für Klavier</em> -(<span class="antiqua">op.</span> 23). Klara, die in bitterem Kampf zwischen Liebe und -Kindespflicht für Robert entschieden hatte, verließ jetzt den Vater -und begab sich zu ihrer Mutter, Wiecks erster geschiedener Gattin nach -Berlin.</p> - -<p>Der gerichtliche Entscheid, dessen Ausfall übrigens nicht zweifelhaft -sein konnte, ließ lange auf sich warten. Inzwischen kam das Jahr 1840, -zu dessen Beginne sich Schumann durch seinen Freund Keferstein an -der Universität Jena um den Doktortitel bewarb. Derselbe wurde ihm -auch wirklich in Anbetracht seiner künstlerischen, kritischen und -ästhetischen Thätigkeit <span class="antiqua">honoris causa</span> verliehen. Bald darauf -hatte der neugebackene Doktor die Freude, seinen verständnisvollen -Beurteiler in der <span class="antiqua">Gazette musicale</span> (vergl. S. 33), Liszt, der -eben in Leipzig konzertierte, von Angesicht kennen zu lernen. Der -geniale König des Klaviers machte auf Schumann einen tiefen Eindruck. -„Liszt erscheint mir alle Tage gewaltiger,“ schreibt er, „ich bin mit -ihm fast den ganzen Tag beisammen. Er sagte mir gestern, mir ist’s, -als kennte ich Sie schon zwanzig Jahre – mir geht’s auch so. Wir sind -schon recht grob gegeneinander... Wie er doch außerordentlich spielt -und kühn und toll und wieder zart und duftig, daß wir alle zitterten -und jubelten!“ Das waren ein paar schön verlebte Tage in dieser -schmerzlichen Zeit des Harrens und der Ungeduld.</p> - -<p>Endlich, im Sommer, traf der ersehnte Heiratskonsens ein und nun stand -der ehelichen Verbindung der Vielgeprüften kein Hindernis mehr im Wege. -Am 12. September traute sie Pfarrer Wildenhahn, ein Schulkamerad<span class="pagenum"><a id="Seite_45"></a>[S. 45]</span> -Roberts, in aller Stille in Schönefeld, einem Dorfe bei Leipzig.</p> - -<p>Keine glücklichere, keine harmonischere Vereinigung – sagt Liszt schön -und treffend – war in der Kunstwelt denkbar als die des erfindenden -Mannes mit der ausführenden Gattin, des die Idee repräsentierenden -Komponisten mit der ihre Verwirklichung vertretenden Virtuosin. Robert -und Klara Schumann reihen sich in den Sagen der Kunst den glänzenden -Beispielen von dem schönen Walten der Natur ein, welche diese beiden -Künstler und Liebenden, die auf Erden nur in und durch sich glücklich -werden konnten, nicht durch Zeit und Raum trennte, sondern ihnen zu -günstiger Stunde in gemeinsamem Vaterlande das Leben gab, damit sie -sich begegnen, ihre Geschicke in einem Strome vereinigen, ihre Herzen -in ein Meer gemeinsamer, tiefer Anschauungen versenken konnten. Die -Annalen der Kunst werden beider Gedächtnis in keiner Beziehung trennen -und ihre Namen nicht vereinzelt nennen können, die Zukunft wird mit -<em class="gesperrt">einem</em> goldenen Schein beide Häupter umweben, über beiden Stirnen -nur <em class="gesperrt">einen</em> Stern erglänzen lassen, wie auch ein berühmter Bildner -(Rietschel) die Profile des unsterblichen Paares schon in einem -Medaillon vereinigt hat.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Die_Lieder">5. Die Lieder.</h2> - -</div> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent2">Lenzes Gebot, die süße Not,</div> - <div class="verse indent2">Die legten’s ihm in die Brust,</div> - <div class="verse indent2">Nun sang er, wie er mußt.</div> - <div class="verse mleft10"><em class="gesperrt">Wagner.</em></div> - </div> -</div> -</div> - -<p>„Ich schreibe jetzt nur Gesangssachen, großes und kleines, auch -Männerquartette. Kaum kann ich Ihnen sagen, welcher Genuß es ist, für -die Stimmen zu schreiben, im Verhältnis zur Instrumentalkomposition -und wie das in mir wogt und<span class="pagenum"><a id="Seite_46"></a>[S. 46]</span> tobt, wenn ich in der Arbeit sitze. Da -sind mir ganz neue Dinge aufgegangen,“ berichtet ein Brief vom 19. -Februar 1840 an Keferstein. Wirklich hat Schumann in diesem Jahre, -das man darum auch das „Liederjahr“ zu nennen pflegt, ausschließlich -Vokalwerke geschaffen, und zwar so schöne, so vollendete, daß -sie noch gegenwärtig als unübertroffene Muster dastehen und den -Gipfelpunkt der ganzen Kunstform in Deutschland bedeuten. Gleichwie -einst Beethoven im Schlußsatze der neunten Symphonie das Wort zu -Hilfe nehmen mußte, um jene Deutlichkeit des Ausdruckes zu erzielen, -welche der Instrumentalmusik allein versagt ist, so drängte, <span class="antiqua">si -licet parva componere magnis</span>, unseren Meister, nachdem er in -seinen scharf charakterisierenden Klavierstücken die äußerste Grenze -rein musikalischen Ausdrucksvermögens berührt hatte, die Kraft des -Empfindens, welche durch das reiche Liebesglück dieses Jahres zu -höchster Gewalt gesteigert worden war, am Ende auch zur menschlichen -Sprache hin. Der äußere Anlaß, der Schumann bewog, von dem bisher -kultivierten Felde der Klavierkomposition auf das vokale Gebiet -überzutreten, ist nicht recht bekannt. Noch im Sommer 1839 schrieb er -an Hirschbach: „Komponieren Sie doch mehr für Gesang, oder sind Sie -vielleicht wie ich, der ich Gesangskompositionen, so lange ich lebe, -unter die Instrumentalmusik gesetzt habe und nie für eine große Kunst -gehalten? Doch sagen Sie niemandem davon.“ Vielleicht hat der rege -Briefwechsel mit dem Liederkomponisten Koßmaly die erste Anregung -gegeben.</p> - -<p>Damit wir Schumanns hohe Verdienste um das deutsche Lied nicht -unrichtig bemessen, dürfen wir bei ihrer Würdigung sein künstlerisches -Verhältnis zu Schubert nie aus dem Auge verlieren. Daß der Fortschritt -des Schöpfers der „Winterreise“ seinen Vorgängern gegenüber größer -sei, als der Fortschritt von ihm zu Schumann, wird kein Einsichtiger -bestreiten wollen. Auch entspringen manche Vorzüge des Schumannschen -Liedes nicht etwa einer – in diesen Punkten wenigstens überlegenen -Begabung, als<span class="pagenum"><a id="Seite_47"></a>[S. 47]</span> vielmehr äußeren, zufälligen Umständen. Nirgends -erwachte z. B. der Sinn für Sprachreinheit und Sprachrichtigkeit so -spät wie in Österreich. Nicht lange vor Mozarts Tode gestand der -österreichische Dichter Alxinger, daß er mit eiserner Geduld fast jedes -Wort in einem Lexikon nachschlagen müsse, ehe er es niederzuschreiben -wage und bewunderungswürdig erscheinen unter solchen Verhältnissen -die so häufigen Offenbarungen feineren Sprachgefühls bei ungebildeten -Musikern wie Mozart oder Schubert. Man darf nicht zweifeln, daß diese -Meister, durch irgend einen Zufall in frühester Kindheit aus der -Heimat etwa nach Sachsen verschlagen und daselbst an einem Gymnasium -erzogen, den Neueren an sorgfältiger Beachtung des Sprachaccentes und -an packender Wahrheit des Ausdrucks keineswegs nachstehen würden und -ähnlich verhält es sich mit der Wahl der Gedichte. Schubert mußte -noch komponieren, was ihm gerade zu Händen kam; Schumann hingegen -vermochte, dank seinen ausgebreiteten litterarischen Kenntnissen frei -aus dem unerschöpflichen Born deutscher Lyrik zu wählen, was ihm der -Komposition würdig und fähig schien. „Weshalb nach mittelmäßigen -Gedichten greifen, was sich dann immer an der Musik rächen muß? -Einen Kranz von Musik um ein wahres Dichterhaupt schlingen – nichts -Schöneres. Aber ihn an ein Alltagsgesicht verschwenden, wozu die -Mühe?“ Am häufigsten hat Schumann Rückert und Heine komponiert, welche -durch mehr als vierzig Stücke vertreten sind; dann folgen Goethe (24), -Eichendorff (22), Burns (19), Justinus Kerner (17), A. v. Chamisso -(14), E. Geibel, Elisabeth Kulmann, Hoffmann von Fallersleben (11), -Uhland, Robert Reinick (10), Nikolaus Lenau, Möricke (9), Lord Byron -(6), Friedrich Hebbel, Andersen (5). Vereinzelt erscheinen Moore, -Mosen, Platen, Zedtlitz, Schiller, Halm, Anastasius Grün, Klopstock, -Shakespeare, Immermann u. a. Das ergiebt, wenn noch einige Texte -altdeutscher oder spanischer Herkunft mit eingerechnet werden, an -dreihundert Gesangsstücke, von welchen die Hälfte<span class="pagenum"><a id="Seite_48"></a>[S. 48]</span> allein auf das Jahr -1840 fällt; vier Hefte mehrstimmiger Gesänge (<span class="antiqua">op.</span> 29, 33, 34, -43) und die doppelte Anzahl mit Sololiedern, nämlich: <em class="gesperrt">Liederkreis -von Heine</em> (<span class="antiqua">op.</span> 24), <em class="gesperrt">Myrthen</em> (<span class="antiqua">op.</span> 25).<a id="FNAnker_3" href="#Fussnote_3" class="fnanchor">[3]</a> -<em class="gesperrt">Zwölf Gedichte von Justinus Kerner</em> (<span class="antiqua">op.</span> 35). <em class="gesperrt">Sechs -Gedichte von Robert Reinick</em> (<span class="antiqua">op.</span> 36). <em class="gesperrt">Liederkreis -von Eichendorff</em> (<span class="antiqua">op.</span> 39). <em class="gesperrt">Frauenliebe und Leben -von Chamisso</em> (<span class="antiqua">op.</span> 42). <em class="gesperrt">Zwölf Gedichte aus Rückerts -Liebesfrühling</em> (<span class="antiqua">op.</span> 37). <em class="gesperrt">Fünf Lieder</em> (Andersen -zugeeignet, <span class="antiqua">op.</span> 40) und <em class="gesperrt">Dichterliebe von Heine</em> -(<span class="antiqua">op.</span> 48). Das ist viel, sehr viel und reicht doch nicht heran -an Schuberts erstaunliche Fruchtbarkeit, zumal, wenn man die kurze -Lebenszeit dieses Meisters mit in Betracht zieht.</p> - -<p>Schon die obigen Daten lassen erkennen, daß Schumanns Lied auf der -romantischen Lyrik beruht, während Schubert sich, wie man weiß, von -Goethes Muse angezogen fühlte. Zwar hat Schumann auch und öfter -Goethesche Gedichte in Musik gesetzt, doch bezeichnenderweise meist -solche aus dem Divan (Myrthen) und Wilhelm Meister (<span class="antiqua">op.</span> 98), -die eine Neigung zur Romantik zeigen. Übrigens gehören sie nicht zu -seinen vorzüglichsten Leistungen, vielmehr wird uns die ganze Innigkeit -seines Herzens gerade bei der Komposition jüngerer Liederblüten -enthüllt. Ein Übel freilich haftet diesen modernen „Vertonungen“ -immer an. Gedichte, die fast kaum für den laut gesprochenen Vortrag, -sondern bloß für die stumme Lektüre bestimmt sind, werden in einer -Weise in Musik gesetzt, daß sie, gesungen, dem eigenen Dichter als -etwas ihm Wildfremdes vorkommen müssen. Bei einem Gedichte, welches als -Litteraturgedicht bereits vollkommen der Absicht des Poeten genügte und -somit eine musikalische Ausführung gar nicht aus sich bedang, kann die -musikalische Komposition natürlich auch bloß wiederum ein besonderes<span class="pagenum"><a id="Seite_49"></a>[S. 49]</span> -Gedicht des Musikers sein, das mit dem Wortgedichte einen oft ganz -willkürlichen oder nur allgemeinen Gefühlszusammenhang hat. (Wagner.) -Die Fälle, in denen es thatsächlich zur vollen Übereinstimmung zwischen -Text und Komposition kommt, sind ziemlich selten, sogar bei den -Meistern dieser Kunstform. Auch Schumann gelang sie nur einigemale, am -schönsten wohl in dem herrlichen Cyklus „Frauenliebe und Leben“; sonst, -z. B. bei den – im übrigen entzückend gesetzten – Eichendorffschen -Liedern, kann er bloß einzelnen hervorstechenden Eigentümlichkeiten, -dem Verschwimmenden, in Duft sich Auflösenden gerecht werden, indessen -manch feiner Zug dieser Poesien verloren geht. Wieder anders verhält es -sich mit Fr. Rückert. Seine Verse gewinnen im Schlepptau einer schönen -Melodie („Du meine Seele, du mein Herz“), welche über die häufigen -trivialen Wendungen hinwegtäuscht; bei sorgfältiger Deklamation -aber treten die Mängel seiner bunt schillernden, stimmungsarmen -Lieder deutlich zu Tage. Bei Kerner, Burns, Reinick trifft Schumann -sehr glücklich den Volkston (Wohlauf noch getrunken, Erstes Grün; -– Das Hochlandsmädchen, Mich zieht es nach dem Dörfchen hin; – -O Sonnenschein, Ständchen), oft aber sucht er, wie insbesondere -bei Reinick, diese anspruchslosen Gedichte tiefer aufzufassen, -wodurch ein fühlbares Mißverhältnis zwischen dem naiven Text und der -reflektierenden musikalischen Wiedergabe entstanden ist.</p> - -<p>Mit Heinrich Heine hat’s eine eigene Bewandtnis. Sangen einst die -Romantiker gern von wandernden Musikanten, die mit lustigem Spiel -alles Volk zu Tanz und Freude bewegen, während schneidendes Weh -in ihrem Herzen haust, so macht sich der ungezogene Liebling der -Grazien den Spaß, das ganze Verhältnis einfach umzukehren. Er thut, -als sei er unsagbar traurig, an Leib und Seele elend aus Liebesgram, -bis dem vertrauensseligen Leser die Thränen der Rührung über die -Backen laufen, indessen der Schalk sein heimlich Gaudium hat. Unter -der ungeheueren Schar<span class="pagenum"><a id="Seite_50"></a>[S. 50]</span> der Angeführten sieht man neben sehr vielen -Ästhetikprofessoren und Litteraturhistorikern auch unsere harmlosen -Liederkomponisten der Reihe nach figurieren. Sie merkten den Ulk nur -stellenweise, da wo Heine selbst den täuschenden Schleier mit einem -plötzlichen Witze zerschleißt: daß ja die <em class="gesperrt">ganze</em> Dichtung ein -genial durchgeführter Witz sei, ist keinem aufgegangen. Damit soll -der Wert z. B. der Schumannschen Heinelieder nicht geschmälert sein, -sondern bloß dem verbreiteten Irrtum begegnet werden, als habe Schumann -den Geist der Heineschen Lyrik mit großer Treue bewahrt. Das ist -ganz unmöglich, denn die Musik, die wahrste von allen Künsten, wäre -gar nicht imstande, ironische Stimmungen auszudrücken. Unser Meister -nahm also diese Lügenpoesie gläubig hin als das, was sie schien, -strebte ihren (absichtlich) übertriebenen Klagen durch Erschöpfung des -musikalischen Ausdrucksvermögens zu entsprechen, so daß sie schließlich -gar, gleichsam wiedergeboren aus dem Schoße der Tonkunst, als echte und -edle Gebilde jedes Herz bezaubern und entzücken.</p> - -<p>Mit der Verschiedenheit der Texte hängt es auch zusammen, daß dem -Klavierpart bei Schumann eine viel bedeutendere Rolle zugeteilt ist, -als bei Schubert. Die pointenreiche, komplizierte, moderne Lyrik -läßt sich in all ihren feinen Details durch die Singstimme gar nicht -erschöpfen; hier tritt unterstützend und ergänzend der Klavierpart -hinzu und verschmilzt mit der Gesangsmelodie, welche ohne ihn oft -gar nicht als Melodie verstanden werden könnte, zu <em class="gesperrt">einem</em> -unauflöslichen Ganzen. Bald weckt er vor dem Eintritt des Gesanges -im Hörer die erwünschte Stimmung, bald spinnt er die, in den letzten -Worten des Gedichtes angeregten Gedanken weiter fort, nicht selten -führt er sogar die Gesangsmelodie, die manchmal gar nicht über dem -Dreiklang der Tonart endigt und gleichsam abgebrochen scheint, erst -zum befriedigenden Abschluß. In diesen Nachspielen liegt nicht zum -mindesten die Schönheit Schumannscher Lieder. Wie sinnig schlägt er, -um nur ein berühmt gewordenes<span class="pagenum"><a id="Seite_51"></a>[S. 51]</span> Beispiel anzuführen, am Ende des Cyklus -„Frauenliebe und Leben“, die Töne des ersten Liedes „Seit ich ihn -gesehen“, wieder an, als verliere sich die Witwe in Erinnerung an ihr -zerronnenes Liebesglück!</p> - -<p>Daß die reich ausgestattete Klavierbegleitung die Singstimme -beeinträchtigt, ist ein nur teilweise berechtigter Vorwurf. Es ist -wahr, scharfgezeichnete melodische Linien finden sich bei ihm nicht -so häufig wie z. B. bei Schubert. Soll eine traumhaft schwankende -Empfindung dargestellt werden, so kommt der Gesang über einzelne -Melodienknospen, deren volles Erblühen man vergebens erwartet, nicht -hinaus, er bleibt zuweilen bloß musikalische Deklamation, und die -Begleitung wird die eigentliche Trägerin des poetischen Gedankens. -Anderseits aber weiß Schumann, wo die Singstimme den einfachen Gehalt -eines Liedes erschöpfen kann, mit der Begleitung auch zu sparen und -sich mit wenigen charakteristischen Accorden zu begnügen. Wenn er den -Sänger oft in unbequeme Lagen, zu weiten Sprüngen und dergleichen -zwingt, so muß man das seinem Streben nach möglichst prägnantem -Ausdruck schon zu gute halten. Ein Kunstwerk ist eben keine Schuletüde, -es fordert vom Ausführenden gesteigerte, nicht bloß gewohnhafte -Bethätigung des erworbenen Könnens. Sehr richtig bemerkt da Ehlert,<a id="FNAnker_4" href="#Fussnote_4" class="fnanchor">[4]</a> -daß es sich nicht darum handle, „für die Stimme möglichst bequem -zu schreiben, sondern darum, eine poetische Empfindung musikalisch -auszudrücken, natürlich nur so weit, als dies ohne offene Verletzung -der gesanglichen Rücksichten möglich ist...“ Wer beim Komponieren -eines Liedes ans Atemholen denkt, der kann alles sein, nur kein Poet. -Das Schumannsche Lied nimmt eine ganz besondere Stellung ein. Die -Vertiefung in den poetischen Lokalton des Gedichtes durch Schubert -schon in hohem Maße ausgebildet, wird von<span class="pagenum"><a id="Seite_52"></a>[S. 52]</span> ihm bis zur erstaunlichen -Gewißheit des Selbsterlebten geführt. Wie wenig Mittel oft dazu -gehören, ersehe man aus „In der Fremde“ (<span class="antiqua">op.</span> 39, Nr. 1), wo die -scheinbar einfachste, accordliche Bewegung die „schöne Waldeinsamkeit,“ -in der den Sänger „keiner mehr kennt,“ mit bebender Handgreiflichkeit -zeichnet, oder aus der „Mondnacht“ (ebenda Nr. 5), wo wenige Stimmen -der Begleitung das „es war als hätte der Himmel die Erde still -geküßt“, so – ich kann nur wiederholen – erlebt malen, daß jeder es -fühlt, hier spannt ein Dichter im Mondlicht und Blütenschimmer „weit -seine Flügel aus.“ Namentlich alles Träumerische, Weiche, Verschämte -hat niemals durch einen anderen Musiker einen treffenderen Ausdruck -erfahren. Nie vielleicht wohnte in einem Manne so viel dichterisches -Erröten über die Rätsel seiner Bestimmung wie in ihm. Sein eigentlicher -Ausdruck in dieser Liederzeit war das Jünglingshafte mit seinem -dunkelscheuen Kraftgefühl, seinem morgenrötlichen Schimmer und seiner -Frühlingsschwermut.</p> - -<p>Es erübrigt nur noch zu erwähnen, daß sich Schumann 1840 auch in der -Ballade versuchte und darin mit ihrem unübertrefflichen Meister, -Carl Löwe,<a id="FNAnker_5" href="#Fussnote_5" class="fnanchor">[5]</a> nicht unrühmlich um den Preis rang. <em class="gesperrt">Belsazar</em> -von Heine (<span class="antiqua">op.</span> 57), je drei balladenmäßige <em class="gesperrt">Gesänge</em> -von <em class="gesperrt">Geibel</em> und <em class="gesperrt">Chamisso</em> (<span class="antiqua">op.</span> 30 der Hidalgo, -<span class="antiqua">op.</span> 31 die Löwenbraut, <span class="antiqua">op.</span> 32 die Kartenlegerin) und -drei Hefte <em class="gesperrt">Balladen</em> und <em class="gesperrt">Romanzen</em> (<span class="antiqua">op.</span> 45, 49 die -beiden Grenadiere), die feindlichen Brüder; (<span class="antiqua">op.</span> 53 der arme -Peter), denen später noch ein viertes (<span class="antiqua">op.</span> 64 Tragödie) folgte, -stammen noch aus dem Liederjahr; <span class="antiqua">op.</span> 87, der <em class="gesperrt">Handschuh</em> -von Schiller, aus 1849. Doch<span class="pagenum"><a id="Seite_53"></a>[S. 53]</span> liegt die Bedeutung Schumanns als -Vokalkomponist nicht gerade in diesen, wenn auch wertvollen Werken, -sondern vor allem in seinen Liedern, welche bei ihrem Erscheinen -freilich mißachtet und verkannt worden sind. Um so mehr freute -Schumann das Dankgedicht Friedrich Rückerts für die Komposition des -„Liebesfrühlings“, an welcher auch Klara mit drei Liedern (2, 4, 11) -beteiligt war. Es lautet:</p> - -<p class="s4 center mtop2"><b>An Robert und Klara Schumann.</b></p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent2">Lang ist’s, lang</div> - <div class="verse indent2">Seit ich meinen Liebesfrühling sang;</div> - <div class="verse indent2">Aus Herzensdrang,</div> - <div class="verse indent2">Wie er entsprang,</div> - <div class="verse indent2">Verklang in Einsamkeit der Klang.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent2">Zwanzig Jahr</div> - <div class="verse indent2">Wurden’s, da hört ich hier und dar</div> - <div class="verse indent2">Der Vogelschar</div> - <div class="verse indent2">Einen, der klar</div> - <div class="verse indent2">Pfiff einen Ton, der dorther war.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent2">Und nun gar</div> - <div class="verse indent2">Kommt im einundzwanzigsten Jahr</div> - <div class="verse indent2">Ein Vogelpaar,</div> - <div class="verse indent2">Macht erst mir klar,</div> - <div class="verse indent2">Daß nicht ein Ton verloren war.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent2">Meine Lieder</div> - <div class="verse indent2">Singt ihr wieder,</div> - <div class="verse indent2">Mein Empfinden</div> - <div class="verse indent2">Klingt ihr wieder,</div> - <div class="verse indent2">Mein Gefühl</div> - <div class="verse indent2">Beschwingt ihr wieder,</div> - <div class="verse indent2">Meinen Frühling</div> - <div class="verse indent2">Bringt ihr wieder;</div> - <div class="verse indent2">Mich, wie schön</div> - <div class="verse indent2">Verjüngt ihr wieder;</div> - <div class="verse indent2">Nehmt meinen Dank, wenn auch die Welt</div> - <div class="verse indent2">Wie mir einst, ihren vorenthält.</div> - </div> -</div> -</div> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_54"></a>[S. 54]</span></p> -<p>Heutzutage ist ganz Deutschland über den Wert der Schumannschen Lieder, -dieser echten Kinder des Frühlings und des Glückes einig geworden und -schätzt sie als Perlen musikalischer Lyrik, von welchen ihr Schöpfer -mit Recht behaupten durfte: „Ich getraue mir nicht mehr leisten zu -können und bin auch zufrieden damit.“ Jawohl, zufrieden!</p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_3" href="#FNAnker_3" class="label">[3]</a> Enthält Gedichte verschiedener Poeten: Byron, Moore, -Burns, Rückert, Heine, Mosen und Goethe.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_4" href="#FNAnker_4" class="label">[4]</a> Aus der Tonwelt. (Essays, Berlin 1882, 2. Aufl.) R. -Schumann und seine Schule, S. 221 ff.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_5" href="#FNAnker_5" class="label">[5]</a> Von Schumanns Wertschätzung Löwes giebt die folgende -Stelle aus einem Aufsatz im Leipziger Tageblatt (1835) ein schönes -Zeugnis: „Sollten wir irgend einen lebenden Komponisten anführen, der -vom Beginne seiner künstlerischen Laufbahn bis zum jetzigen Augenblicke -deutschen Geist und deutsches Gemüt beurkundet und es im Zartesten wie -im Wildesten, in der Sprache der ersten Liebe, wie im Ausbruche des -tiefsten Zornes ausgesprochen hätte, so müßten wir Löwe nennen.“</p> - -</div> - -</div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Wollen_und_Wagen">6. Wollen und Wagen.</h2> - -</div> - -<p>Wir sahen, wie der bittere Kampf um Klara die herrlichen Kräfte des -Schumannschen Genius zur Entfaltung brachte; jetzt betrachten wir auch -die Wunden, die er davontrug, Wunden, die nie wieder verharschten, aus -denen langsam sein edelstes Herzblut verrann, bis die Nacht des Todes -den völlig Erschöpften in ihre Arme schloß und von qualvollem Siechtum -erlöste. Zu diesem Behufe muß aber noch einmal auf jene Zeit des -Ringens zurückgegangen werden.</p> - -<p>Seit der zweiten Werbung um seine Tochter hatte Vater Wieck einen -tiefen Ingrimm gegen den aufdringlichen Schwiegersohn gefaßt und keine -Gelegenheit versäumt, Robert, insbesondere aber dessen künstlerisches -Schaffen, herabzusetzen und diese Äußerungen kamen dem Betroffenen alle -zu Ohren. Er schalt ihn phlegmatisch („Fismollsonate und phlegmatisch! -Liebe zu einem solchen Mädchen und phlegmatisch!“ bemerkt Schumann -dazu), spottete, daß seine Kompositionen niemand kaufe und fragte -höhnisch, wo denn sein Freischütz und sein Don Juan wären? Solche -Reden stachelten in Robert den vom Vater überkommenen Ehrgeiz auf. -„Mir ist immer,“ schreibt er (1840), „als hätte ich doch, z. B. gegen -Mendelssohn noch nicht genug auf der Welt geleistet und das drängt und -peinigt mich manchmal.“ (Vgl. damit S. 37.)<span class="pagenum"><a id="Seite_55"></a>[S. 55]</span> Auch der Einfluß seines -Zeitalters, des jungen Europa, dessen Geistesprodukte insgesamt mehr -dem Streben nach öffentlicher Auszeichnung als wahrem Schaffensdrang -ihr Entstehen verdanken, darf nicht unterschätzt werden. Dazu kam -jetzt gar seine Stellung als Gatte, später auch als Vater, so daß eine -Reihe von Umständen zusammentraf, die Schumann veranlaßten, das Feld -seiner künstlerischen Thätigkeit zu erweitern. „<em class="gesperrt">Sonst</em>“, lautet -charakteristisch genug sein Bekenntnis, „galt mir gleich, ob man sich -um mich bekümmere oder nicht. Hat man Frau und Kinder, so wird das ganz -anders. Man muß ja an die Zukunft denken, man will auch die Früchte -seiner Arbeit sehen, nicht die künstlerischen, sondern die prosaischen, -die zum Leben gehören und diese bringt und vermehrt nur der <em class="gesperrt">größere -Ruf</em>.“ „Wenden Sie sich,“ rät er Koßmaly, „ganz zur größeren -Orchestermusik, das macht Namen und flößt den Verlegern Respekt ein. -Schreiben Sie größere Stücke: Symphonien, Opern. Mit Kleinem ist schwer -durchdringen.“</p> - -<p>Gerade in diesem „Kleinen“ aber war Schumann groß. Er war Genremaler -in der Musik, wie sein geliebter Jean Paul es in der Poesie gewesen. -In knappen Formen, auf engem Raume Vieles und Bedeutendes zu sagen, -darin bestand seine eigentümliche Meisterschaft. Doch das schien ihm -jetzt allzu gering: der Gatte der ruhmbedeckten Klara mußte „Größeres“ -zu Werke bringen! Hatte er einst mit einem Citat aus Wilhelm Meister -die deutschen Künstler gewarnt, das Bette ihres Talentes nicht -zu überschreiten, so verkündete er jetzt mit lauter Stimme: das -unterscheide eben die deutschen Musiker von Italienern und Franzosen, -das habe sie groß gemacht, daß sie in allen Gattungen sich versuchten. -„Wenn wir daher,“ fährt er fort, „einige Pariser Opernkomponisten große -Künstler genannt finden, so möchten wir erst fragen: wo sind denn -eure Symphonien, eure Quartette, eure Psalmen u. s. w.?“ In dieser -Meinung begann er denn auch alle möglichen Gattungen zu kultivieren,<span class="pagenum"><a id="Seite_56"></a>[S. 56]</span> -Symphonien, Quartette, Oratorien, Opern u. s. w. – all einerlei.</p> - -<p>Daß ihm der erste Versuch das Feld seiner Künstlerschaft zu verlassen, -die Liederkomposition, so überraschend gelungen war, trug wohl dazu -bei, Schumann über den Umfang seiner Begabung zu täuschen. Allein in -Wirklichkeit hatte er mit diesem ersten Versuche die ihm gesteckten -Grenzen noch gar nicht überschritten. Schumann war eine eminent -<em class="gesperrt">lyrische Natur</em>, das wird gerade an seinen Liedern klar, in denen -er vor allem die entsprechende Stimmung wiedergiebt, während Schubert -mehr auf dramatischen Aufbau bedacht ist. In früherer Zeit hatte er -das selbst wohl eingesehen; jetzt lenkte er, vom Ehrenwahn geblendet, -ab von dem lauschigen Waldpfad, auf den die Natur ihn gewiesen, zur -sonnigen, breiten, symphonischen Heerstraße.</p> - -<p>Nun wär’s von vornherein nicht anzunehmen, daß ein bedeutender Geist, -auch wenn er sich auf einem seiner natürlichen Anlage fern liegenden -Gebiete hervorthun will, bloß Unbedeutendes producieren werde. Allein -bald mehr, bald minder bemerkt man doch die Forcierung des Talentes, -welche da und dort zu schwülstigen Übertreibungen führen muß, während -wieder viele Stellen hinter den Anforderungen der betreffenden -Kunstform zurückbleiben. Die nächste Folge davon ist Ungleichheit des -Werkes; neben Partien von großem Kunstwert stehen dann unmittelbar -solche, die sich aus tändelnden, unebenbürtigen Themen zusammensetzen, -was die richtige Beurteilung des Ganzen überaus erschwert. Wo aber -können wir das deutlicher wahrnehmen als an Schumanns Symphonien, mit -denen er 1841 die zweite Periode seines Schaffens eröffnet hat?</p> - -<p>Die große „Frühlingssymphonie“ (<span class="antiqua">B</span>-Dur, <span class="antiqua">op.</span> 38) entstand -unter dem Eindrucke eines Böttgerschen Gedichtes<a id="FNAnker_6" href="#Fussnote_6" class="fnanchor">[6]</a><span class="pagenum"><a id="Seite_57"></a>[S. 57]</span> in wenigen Tagen. -Schumann war damals im Vollbesitze seiner schöpferischen Kraft und, -wie im ersten Anlauf vieles gelingt, so ist gleich der erste Satz gar -herrlich ausgefallen: ein blühendes Tonstück, welches den Gedanken -„Im Thale geht der Frühling auf“ illustriert. „Gleich den ersten -Trompeteneinsatz“, schreibt Schumann darüber, „möcht’ ich, daß er wie -aus der Höhe klänge, wie ein Ruf zum Erwachen – in das Folgende könnte -ich dann hineinlegen, wie es überall zu grüneln anfängt, wohl gar ein -Schmetterling aufsteigt, wie nach und nach alles zusammenkommt, was -zum Frühling etwa gehört.“ Geringeres Interesse erregt die bald darauf -verfaßte Orchestersuite: Ouvertüre, Scherzo, Finale (<span class="antiqua">op.</span> 52) und -auch die zweite <em class="gesperrt">Symphonie</em> <span class="antiqua">D-moll</span> (erschienen 1853 als -<span class="antiqua">op.</span> Nr. IV, <span class="antiqua">op.</span> 120) steht trotz mancher Schönheiten im -einzelnen nicht so hoch, ist aber bei weitem einheitlicher gestaltet. -Im Vergleich zu den früheren Kompositionen fällt namentlich die -formale Rundung, die besonnene Zügelung der Phantasie auf, welche -wir sicherlich seiner Rivalität mit Mendelssohn zuzuschreiben haben; -denn Mendelssohn übte auf seinen Freund eine seltsame, magische -Anziehung aus, der die grundverschiedene Individualität desselben nur -mühsam widerstand; wie denn Schumann in Momenten, wo ihn die eigene -schöpferische Kraft verläßt, fast immer in Mendelssohnsche Phrasen zu -verfallen pflegt. Die Schnelligkeit, mit welcher er den ihm fremden -Orchestersatz bewältigen lernte, verdient übrigens rückhaltlose -Bewunderung; volle Meisterschaft darin zu er<span class="pagenum"><a id="Seite_58"></a>[S. 58]</span>werben, blieb ihm freilich -versagt, ja, man merkt diesen Symphonien an, daß sie am Klaviere -ersonnen und erst nachträglich instrumentiert worden sind.</p> - -<p>Im folgenden Jahre (1842) warf sich Schumann ganz ausschließlich -auf die Kammermusik, offenbar durch die in seinem Hause häufig -stattfindenden Quartettmatineen veranlaßt. Die Chancen waren für -ihn hier zum Teile minder günstig, insofern als dieses Genre noch -innigere Vertrautheit mit dem Charakter der einzelnen Instrumente -erfordert. Zum Teile freilich wieder besser: denn während die für den -öffentlichen Konzertsaal berechnete, in großen Zügen zu entwerfende -Symphonie seiner nach innen gekehrten Natur nicht entsprach, war -ihm der Kammermusikstil, welcher feinere Ausführung in den Details -und kontemplatives Einspinnen in gewisse Figuren verträgt, weitaus -homogener. Man sehe nur seine <em class="gesperrt">Streichquartette</em> (<span class="antiqua">op.</span> -41) an, besonders das dritte in <span class="antiqua">A</span>-Dur. Kann er gar auch das -Klavier zur Mitwirkung herbeiziehen, so entstehen so prachtvolle -Werke wie das <em class="gesperrt">Klavierquintett</em> (<span class="antiqua">op.</span> 44), das wohl das -hervorragendste seiner Gattung seit Beethoven genannt werden darf. -Welche kontrapunktistische Kunst steckt in dem Schlußsatz! Von -einer Klavier<em class="gesperrt">begleitung</em> kann eigentlich keine Rede sein, -denn das Klavier wird ebenso wie die Viola von Schumann stets -konzertierend behandelt. An Kunstwert kommt dieser Schöpfung das -<em class="gesperrt">Klavierquartett</em> (<span class="antiqua">op.</span> 47) sehr nahe: ein Trio, betitelt -<em class="gesperrt">Phantasiestücke für Pianoforte, Violine und Violoncell</em> -(<span class="antiqua">op.</span> 88) ist minder bedeutend; seine schönsten Trios -(<span class="antiqua">D-moll</span> und <span class="antiqua">F-dur</span>) schrieb Schumann erst vier Jahre -später.</p> - -<p>Schon im nächsten Winter sehen wir den unermüdlichen Meister auf -wieder anderem Gebiete thätig. Nachdem er mit einem melodiösen -<em class="gesperrt">Andante und Variationen</em> für zwei Klaviere (<span class="antiqua">op.</span> 46) längst -verlassene Bahnen für ein Weilchen neuerdings betreten, unternimmt -er die Komposition eines groß angelegten Chorwerkes (<span class="antiqua">op.</span> 50), -welchem<span class="pagenum"><a id="Seite_59"></a>[S. 59]</span> Moores Poem „Das Paradies und die Peri“ zu Grunde liegt. -Die deutsche Bearbeitung rührt von Schumanns Jugendfreund Flechsig -her, einzelne Stücke, und zwar den Chor der Nilgenien, der Houris, -das Quartett „Peri, ist’s wahr“, das Solo „Verstoßen“, „Gesunken war -der goldne Ball“ sowie den Schlußchor dichtete er selbst hinzu. Dann -ging es mit heller Begeisterung an die Komposition des hochpoetischen -Werkes, dessen Inhalt im Folgenden kurz skizziert sei: Eine Peri – -mit diesem Namen belegt der orientalische Mythus feenartige, eines -Vergehens halber aus der Oberwelt verstoßene Luftgeister – eine solche -Peri sehnt sich heiß nach ihrer seligen Heimat zurück; und, da sie -trauernd am Eingang des Paradieses steht, wird ihr durch Engelsmund in -rätselhaften Worten Rückkehr verheißen, wenn sie „des Himmels liebste -Gabe“ zu den heiligen Pforten bringe. Jene zu suchen, durchwandert -sie Indiens Blumenhügel und die Wüsten des Nillandes, aber weder -die letzten Blutstropfen eines im heldenmütigen Kampfe gegen den -Unterdrücker gefallenen Jünglings, noch der letzte Seufzer einer Braut, -die zu ihrem von der Pest ergriffenen Geliebten herbeigeeilt, treu an -seiner Seite stirbt, vermögen der Peri Entsühnung zu erwirken. Zum -drittenmale schwebt sie auf neue Suche hernieder, diesmal über Syriens -Fluren. Es ist Abend. Ein Kind spielt harmlos unter Blumen, während -unweit davon ein alter Räuber sein Pferd am Brunnen tränkt. Vom Minaret -ertönt der Vesperruf der Muezzin und andächtig faltet das Kind die -Händchen zum Gebete. Das sieht der wilde Reitersmann. Die Erinnerung an -die eigene unschuldsvolle Kinderzeit übermannt ihn – er weint. Seine -Reuethränen aber trägt die Peri empor und – die Pforte des Paradieses -springt auf. Nicht was Menschen für das höchste Opfer halten, die -Hingabe des Lebens, dem Vaterlande oder der Liebe dargebracht, gilt -also auch dem Himmel als die wertvollste Gabe: die Thräne des reuigen -Sünders, die Erneuerung des eigenen Ich ist das<span class="pagenum"><a id="Seite_60"></a>[S. 60]</span> Höchste und Größte -in den Augen des Ewigen. Und das Finden dieser Thräne, d. h. die -Erkenntnis jener Wahrheit öffnet der Peri den Himmel. Dies ist die -durchaus christliche Idee der allegorischen Dichtung, die sich, zumal -ihr das farbenprächtige, morgenländische Gewand einen bestrickenden -Zauber giebt, für die musikalische Darstellung, wie kaum eine andere, -dankbar erweist. (Reimann.) Schumanns Kunst feiert denn auch an diesem -Stoffe wahre Triumphe und selbst wer das fatale Genre („Weltliches -Oratorium“) zu verdammen geneigt ist, muß die außerordentlichen -lyrischen Schönheiten, die einander in langer Kette folgen, anerkennen. -Schade nur, daß die einzelnen Stücke, namentlich im letzten Drittel, zu -wenig kontrastieren, wodurch der Hörer bei der Ausführung schließlich -ermüdet wird. Schumann selber schreibt, eine innere Stimme habe ihm -während der Komposition zugerufen: dies ist nicht vergeblich, was du -thust.</p> - -<p>Sein äußeres Leben verlief inzwischen ziemlich einförmig; nur in die -Zeit der „Peri“ fallen zwei erwähnenswerte Ereignisse. Im April 1843 -wurde er nämlich durch Mendelssohn an das neugegründete Leipziger -Konservatorium als Lehrer der Komposition berufen und bald darauf -fand auch eine Versöhnung mit dem Schwiegervater Wieck statt, welche -ihm um Klaras willen lieb sein mußte. Seine Lehrthätigkeit ist ohne -sonderliche Erfolge geblieben, dazu fehlte ihm vor allem die nötige -Beredsamkeit. Gewöhnlich setzte er sich mit der Arbeit eines Schülers -an den Flügel, las sie, und wenn ihm etwas mißfiel, so griff er es -auf dem Klaviere, wobei er jenen nur mit einem mißbilligenden Blicke -ansah. Der positive Gewinn, den man aus seinen spärlichen Bemerkungen -davontrug, war gering. In jenen Kämpfen um Klara hatte nicht nur sein -künstlerisches Streben eine andere Richtung genommen, auch mit seinem -äußeren Wesen war eine große Veränderung vor sich gegangen. Er mied -je länger, je mehr größere Gesellschaft und zeigte sich selbst im -Verkehr mit seinen besten Freunden wortkarg. Henriette Voigt er<span class="pagenum"><a id="Seite_61"></a>[S. 61]</span>zählt, -daß sie manchmal mit ihm an schönen Sommerabenden eine Wasserfahrt -gemacht habe. Da wären sie denn eine Stunde schweigend nebeneinander -im Kahn gesessen. Bei der Trennung aber habe ihr Schumann die Hand -gedrückt und nur gesagt: „Heute haben wir uns recht verstanden.“ Etwas -Ähnliches weiß Brendel zu berichten: „Schumann hatte einen vorzüglichen -Markobrunner in Gohlis entdeckt und forderte mich auf, ihn dorthin zu -begleiten. In glühender Hitze pilgerten wir selbander, ohne ein Wort -zu sprechen, durch das Rosenthal, und draußen angekommen, war diesmal -in der That der Markobrunner die Hauptsache. Es war kein Wort aus -ihm herauszubringen und so ging es auch auf dem Rückwege. Nur eine -Bemerkung machte er, die mir zugleich einen Blick in das gestattete, -was ihn erfüllte. Er sprach über die eigentümliche Schönheit eines -solchen Sommermittags, wo alle Stimmen schweigen, vollkommene Ruhe in -der Natur herrscht. Er war versunken in diesen Eindruck und bemerkte -bloß, daß die Alten ihn mit dem Ausdruck „Pan schläft“ treffend -bezeichnet hätten. In solchen Momenten nahm Schumann nur insoweit Notiz -von der Außenwelt, als sie zufällig in seine Träume hineinspielte. -Gesellschaft war für ihn dann nur da, um ihn des Gefühls des -Alleinseins zu entheben.“</p> - -<p>Zu Anfang des Jahres 1844 begleitete Robert seine Frau auf einer -Konzertreise nach Rußland, welche er ihr schon vor der Hochzeit hatte -versprechen müssen. Überall, in Mitau, Riga, Petersburg, Moskau, -ward die Künstlerin enthusiastisch aufgenommen und auch ihr Gatte -erwarb seiner Musik zahlreiche Freunde, z. B. die Grafen Wielhorsky, -in deren Palais seine <span class="antiqua">B</span>-Dursymphonie und seine Quartette zur -Aufführung kamen. Nach den Anstrengungen der letzten Zeit mußte -die Arbeitspause und der Wechsel der Umgebung höchst wohlthätig -auf ihn einwirken; allein kaum zurückgekehrt, machte er sich schon -wieder an einen grandiosen Plan, die Komposition des Goetheschen -<em class="gesperrt">Faust</em> und schrieb<span class="pagenum"><a id="Seite_62"></a>[S. 62]</span> mit Aufgebot aller Kraft den größeren Teil -der gewaltigen Schlußscene: dann erfolgte – im Herbste – naturgemäß -der Rückschlag. Ein nervöses Leiden stellte sich ein, finstere Dämonen -beherrschten ihn, so daß der Arzt auf das dringendste Enthaltung von -jeder geistigen Arbeit und Verlassen des musikalisch allzu bewegten -Leipzig anriet. Schumann übersiedelte nach Dresden, anfangs mit der -Absicht, daselbst nur für kurze Zeit zu verweilen; doch entschloß er -sich später, diese Stadt zum dauernden Aufenthaltsorte zu erwählen. -Die Redaktion der Zeitschrift, welche er seit seiner Verheiratung als -drückende Last empfunden, hatte er schon vom 1. Juli des Jahres an -seinen Freund und langjährigen Mitarbeiter Oswald Lorenz abgegeben; -später, im Januar 1845, verkaufte er sie an Franz Brendel. „Ich habe -was in meinen Kräften stand gethan, die besten Talente meiner Zeit zu -fördern,“ sagte er zu ihm bei der Übergabe. „Fahren Sie darin fort!“ -Wirklich ist die „Neue Zeitschrift“ stets eine eifrige Verfechterin des -Kunstfortschrittes geblieben und hat namentlich zur richtigen Würdigung -der „neudeutschen Schule“ sehr viel beigetragen.</p> - -<p>Allmählich besserte sich der leidende Zustand des Meisters. Im nächsten -Frühling war er glücklicherweise so weit hergestellt, daß er wieder -an musikalische Thätigkeit denken durfte, wobei er sich zur Vorsicht -einstweilen auf kontrapunktistische Studien beschränkte, weil dieselben -mehr den Verstand als seine überreizte Phantasie in Anspruch nahmen. So -entstanden damals die <em class="gesperrt">Studien und Skizzen für den Pedalflügel</em> -(<span class="antiqua">op.</span> 56, 58). Vier Fugen für das Pianoforte (<span class="antiqua">op.</span> 72) und -sechs <em class="gesperrt">Orgelfugen über den Namen Bach</em> (<span class="antiqua">op.</span> 60), wahre -Prunkstücke kontrapunktistischer Kunst, schöne Früchte seiner täglichen -Beschäftigung mit den Werken des großen Thomaskantors, welcher er -seit jenem, so bald abgebrochenen Unterrichtskursus bei Dorn immer -eifriger obgelegen. „Bachen ist nach meiner Überzeugung überhaupt nicht -beizukommen; er ist inkommensurabel,<span class="pagenum"><a id="Seite_63"></a>[S. 63]</span>“ schreibt er einmal einem Freunde -und gesteht, daß ihn die armseligen, musikalischen Erzeugnisse um ihn -her förmlich misanthropisch machen. „Da rette ich mich immer in Bach -und das giebt wieder Lust und Kraft zum Wirken und Leben.“</p> - -<p>Darnach wandte sich sein neubelebter Mut wieder den freieren -Kunstformen zu. Das hochbedeutende <em class="gesperrt">Klavierkonzert</em> <span class="antiqua">A-moll</span> -(<span class="antiqua">op.</span> 54) wurde vollendet und eine dritte <em class="gesperrt">Symphonie</em> -<span class="antiqua">C</span>-Dur (<span class="antiqua">op.</span> 61) in Angriff genommen. Die Gesellschaft -einiger Freunde (Ferdinand Hiller, Auerbach, Bendemann, Reinick, -Rietschel, Hübner), welche sich zweimal wöchentlich im „alten -Postgebäude“ beim Biertisch zu versammeln pflegte, suchte er jetzt -häufiger auf. Daß sich zu dem Komponisten des Tannhäuser, der dort -ebenfalls verkehrte und dessen Ruf ganz Dresden erfüllte, kein näheres -Verhältnis herausgebildet hat, wird man bei der Verschiedenheit der -Charaktere begreiflich finden. „Schumann ist ein hochbegabter Musiker,“ -erzählt Wagner, „aber ein unmöglicher Mensch. Als ich von Paris kam, -besuchte ich ihn, sprach von den französischen Musikzuständen, dann -von den deutschen, sprach von Litteratur und Politik – er aber blieb -so gut wie stumm, fast eine Stunde lang. Ja, man kann doch nicht immer -<em class="gesperrt">allein</em> reden! Ein unmöglicher Mensch!“ Schumanns Urteil hingegen -lautete, Wagner sei zwar sehr unterrichtet und geistreich (– „ein -geistreicher Kerl voll toller Einfälle“ –), rede aber unaufhörlich und -das könne man doch auf die Länge nicht aushalten.</p> - -<p>Über den „Tannhäuser“ selbst äußerte sich Schumann nach der Durchsicht -der ihm von Wagner geschenkten Partitur gegen Mendelssohn ziemlich -wegwerfend: um kein Haar breit besser als Rienzi, eher matter, -forcierter. Allein schon ein paar Wochen später erklärt er, manches -zurücknehmen zu müssen, denn „von der Bühne herab sieht sich alles ganz -anders an. Ich bin von vielem ganz ergriffen gewesen... Tannhäuser -enthält Tiefes, Originelles, überhaupt hundert<span class="pagenum"><a id="Seite_64"></a>[S. 64]</span>mal Besseres als seine -früheren Opern. In Summa, er kann der Bühne von großer Bedeutung -werden. Das Technische, die Instrumentierung finde ich ausgezeichnet, -ohne Vergleich meisterhafter gegen früher.“ Solch anerkennende -Beurteilung ist Wagner damals noch selten zu teil geworden.</p> - -<p>Im Jahre 1846 weist das Schumannsche Kompositionsverzeichnis bloß -mehrere Chorlieder: <span class="antiqua">op.</span> 55 <em class="gesperrt">Fünf Lieder von Burns</em>, -<span class="antiqua">op.</span> 59 <em class="gesperrt">Vier Gesänge</em> von Lappe, Platen, Möricke, Rückert -und die Vollendung der <span class="antiqua">C</span>-Dursymphonie auf. Die Kritik pflegt -diesem Werke, in welchem er seine musikalische Kraft zum Grandiosen, -Beethoven-Gleichen zu steigern rang, den Preis vor den übrigen -Symphonien zuzusprechen, in theoretischer Hinsicht, was die kunstvolle -Durchführung und Kombination der Themen anbelangt, gewiß mit Recht. -Es bedeutet ohne Zweifel den Höhepunkt seiner Künstlerlaufbahn, aber -keineswegs seine vorzüglichste Leistung. Man fühlt, daß es nicht -dem „innersten Lebensdrange“ entspringt und erst im Adagio kommt -der echte Schumann, der Lyriker voll zur Geltung und erhebt seinen -wunderbarsten Gesang. Allein, ob auch der Meister seine Kraft auf das -Äußerste anspannte und aufrieb – der ersehnte Ruhm blieb immer noch -aus. In Dresden freilich hatte er sich über Mangel an Anerkennung -nicht zu beklagen und wenn er nach Leipzig zu Besuch kam, was ab und -zu geschah, war ihm die enthusiastischste Aufnahme gewiß. Auch die -Verleger machten keine Schwierigkeiten. Überall sonst aber kannte -ihn die große Menge bloß als den Mann der Klara Wieck, so wenig -Schumann das zugeben wollte. Als einmal ein alter Freund bemerkte, -daß Klara sehr viel dazu beigetragen habe, ihm den Weg als Tonsetzer -zu erleichtern, sprang er höchst beleidigt auf und lief davon. Wie -schmerzlich mußte ihn da der offenbare Mißerfolg mehrerer seiner -schönsten Kompositionen auf der 1847 unternommenen Konzerttour nach -Wien berühren. Sie wurden am 1. Jänner im Musikvereinssaal mit -achtungsvollem Still<span class="pagenum"><a id="Seite_65"></a>[S. 65]</span>schweigen aufgenommen; die Achtung galt seiner – -Frau. Die wenigen Anhänger zitterten vor einer möglichen Wiederholung -des Vorfalls bei einem auswärtigen Hofkonzert, wo Serenissimus nach -vielen Artigkeiten für Klara unseren Meister huldreichst fragte: „Sind -Sie auch musikalisch?“ Im Künstlerverein „Konkordia“ traf Schumann -den zufälligerweise gleichfalls anwesenden Meyerbeer an; aber beide -Männer wichen einander vorsichtig aus. (Hanslick.) Zum Abschied gab das -Schumannsche Ehepaar eine glänzende Soiree, bei welcher alle Wiener -Celebritäten: Bauernfeld, Eichendorff, Stifter, Deinhardstein und -<span class="antiqua">last not least</span> – Grillparzer erschienen waren. Der Letztere, -ein warmer Bewunderer der Künstlerin Klara, hatte diese schon 1838 in -einem schönen Gedichte besungen; von ihrem Gatten als Komponisten Notiz -zu nehmen, fiel ihm damals eingestandenermaßen nicht ein. So stand es -um Schumanns Ruhm am Donaustrande. Besser fielen die beiden Konzerte -in Prag aus,<a id="FNAnker_7" href="#Fussnote_7" class="fnanchor">[7]</a> wo Ambros, ein begeisterter Verehrer des Meisters in -der „Bohemia“ unter dem Davidsbündlernamen Flamin wirksame Propaganda -gemacht hatte und auch in Berlin, wo „Paradies und Peri“ unter des -Autors Direktion – recht elend, nebenbei bemerkt – zur Aufführung -kam. Im Juli endlich besuchte Schumann auch seine Vaterstadt, die ihren -größten Sohn auf jede mögliche Weise, durch Fackelzug, Ständchen u. s. w. -ehrte. Die Reisen und Zerstreuungen dieses Jahres scheinen heilsamen -Einfluß auf seinen Geist ausgeübt zu haben, denn seine Produktion -ist gegen 1846 unstreitig reicher. Nebst mehreren Chören, und zwar -<em class="gesperrt">Abschiedslied</em> (<span class="antiqua">op.</span> 84), <em class="gesperrt">Ritornelle</em> von Rückert in -kanonischen Weisen (<span class="antiqua">op.</span> 65), <em class="gesperrt">drei Gesänge</em> für Männerchor<span class="pagenum"><a id="Seite_66"></a>[S. 66]</span> -(<span class="antiqua">op.</span> 62), schrieb er zwei sehr schöne Trios (<span class="antiqua">op.</span> 63 -u. 80); die Ouvertüre sowie den ersten Akt einer romantischen Oper -<em class="gesperrt">Genoveva</em> (<span class="antiqua">op.</span> 81).</p> - -<p>Schon längst hatte sich Schumann mit dem Gedanken an ein musikalisches -Drama getragen, ja sogar 1838 ein von Becker (nach T. A. Hoffmanns -Novelle: Doge und Dogaressa, Univ.-Bibliothek Nr. 464) verfertigtes -Libretto zu komponieren begonnen. Es wurde indessen bald wieder -beiseite gelegt, weil er darin ein „tiefes, deutsches Element“ -vermißte. In den folgenden Jahren steigerte sich, angesichts der -Successe der großen Pariser Opern, sein Wunsch zu verzehrender -Sehnsucht. „Wissen Sie mein morgen- und abendliches Künstlergebet?“ -schreibt er 1842, „<em class="gesperrt">deutsche Oper</em> heißt es. Da ist zu wirken. -– Die deutschen Komponisten scheitern meistens an der Absicht, dem -Publikum gefallen zu wollen. Gebe aber nur einmal einer etwas Eigenes, -Einfaches, Tiefes, Deutsches, und er soll sehen, ob er nicht mehr -erlangt.“ Eine ganze Reihe nationaler Opernstoffe fand sich in seinem -Projektenbuche aufgezeichnet, unter andern Nibelungen, Wartburgkrieg, -Lohengrin, Till-Eulenspiegel, Meister Martin und seine Gesellen. Allein -vergebens fahndete er nach einem Dichter für sie, vergebens fragte er -bei Zuccamaglio, Griepenkerl, Marbach um geeignete Texte an. Endlich -glaubte er in Robert Reinick, welcher bereits für Freund Hiller ein -Libretto geliefert hatte, den rechten Mann gefunden zu haben und -veranlaßte ihn, die dramatischen Bearbeitungen der Genovevasage von -Tieck und Hebbel zu einem Opernbuche zusammenzuschweißen. Doch war -dessen Arbeit nicht nach Schumanns Sinne, und da Hebbel selbst eine -Umgestaltung seines Stückes freundlich, aber entschieden ablehnte, -sah sich der Meister der Töne dazu gedrängt, den Pegasus nach Wagners -Vorgang selbst zu besteigen. Unter seinen Händen entspann sich -die Handlung der Oper nun also: Pfalzgraf Siegfried zieht in den -Maurenkrieg und läßt seine junge Frau, Genoveva, in der Hut<span class="pagenum"><a id="Seite_67"></a>[S. 67]</span> seines -Günstlings Golo zurück. Dieser, in sündiger Liebe für die Gebieterin -entbrannt, aber mit Entrüstung zurückgewiesen, verbündet sich mit -ihrer zauberkundigen Amme Margaretha, um sie zu verderben. Es wird das -Gerücht von einem vertrauten Verhältnis zwischen Golo und Genoveva -ausgestreut, die empörte Dienerschaft dringt in der Herrin Schlafgemach -und findet darin – den alten Kastellan Drago, welcher sich, um -Genovevas Unschuld erweisen zu können, daselbst heimlich verborgen -hatte. Der Greis wird von den Knechten, ohne Gehör zu finden, erwürgt, -Genoveva als des Ehebruches Schuldige ins Gefängnis geschleppt. Dann -eilen Margaretha und Golo zu Siegfried, das Geschehene zu melden. -Der ergrimmte Gatte will die Ungetreue töten lassen, befragt aber, -um ganz sicher zu gehen, Margarethas Zauberspiegel. Das trügerische -Gerät zeigt ihm Dragos und Genovevas sträflichen Umgang, so daß er -vor Wut den Spiegel zerschlägt und davonstürzt. Aus den Trümmern -aber steigt Dragos Geist auf und befiehlt der Hexe, ohne Verzug dem -Grafen die Wahrheit zu gestehen. Im vierten Akte soll Genoveva, welche -eine zweite Werbung Golos wiederum abgefertigt hat, in der Wildnis -hingerichtet werden. Aber zur rechten Zeit erscheint der über den -Sachverhalt aufgeklärte Gatte und führt sein schuldloses Weib im -Triumphe auf das Schloß zurück. – Die vielfachen Willkürlichkeiten -und Unklarheiten in der Motivierung treten an diesem knappen Aufriß -noch nicht so grell zu Tage wie an dem Stücke selbst. Zwar machte -der wohlmeinende Wagner Vorstellungen und Einwände, aber Schumann -in dem Wahne, jener wolle ihm seine besten Effekte verderben, wurde -ordentlich böse und unter seinen näheren Bekannten fand sich keiner, -der ihn bewogen hätte abzustehen, nicht nur von der Komposition -dieses Textes, sondern einer Oper überhaupt; vielmehr hetzten sie den -Irrenden, der schon jeden Kompaß verloren, eher noch in die falschen -Bahnen hinein. Die Wahrheit zwingt uns anzuerkennen, daß Schu<span class="pagenum"><a id="Seite_68"></a>[S. 68]</span>mann -auch auf diesem, seiner lyrischen Natur geradewegs widerstrebenden -Gebiete viel richtiges Wollen bekundet hat. Von italienischen Mustern -wollte er durchaus nichts wissen und „Lassen Sie mich in Ruhe mit der -Kanarienvogelmusik und den Haarbeutelmelodien“ rief er, als man ihm von -Cimarosas <span class="antiqua">Matrimonio segreto</span> sprach. Sein Vorbild war Webers -Euryanthe. An Stelle des alten Recitativs, das er für eine überlebte -Kunstform hielt, strebte er eine musikalische Deklamation zu gewinnen -– freilich ohne Glück. Der Mangel an scharfen Kontrasten, an diesen -Kennzeichen eines echten Dramas, ist’s, der die Genovevamusik auf der -Bühne so wirkungslos macht; das konnten sogar eifrige Parteigänger -Schumanns gleich bei der ersten Aufführung in Leipzig, welche sich zu -seinem Leidwesen bis zum 25. Juni 1850 hinauszog, sich nicht verhehlen. -Die Spannung auf dieses Werk war nach Lobes Mitteilungen groß und -viele Umstände vereinigten sich zu Gunsten des Komponisten. In Leipzig -hatte er viele Freunde und Verehrer. Mehrere berühmte Künstler waren -zugegen: Liszt, Spohr, Meyerbeer, Hiller u. s. w. Schumann dirigierte -die Oper selbst. Das Leipziger Publikum ist für Musik leicht entzündbar -und mit Beifallsbezeugungen nicht karg. So konnte man einen jener -glänzenden Kunstabende erwarten, welche Leipzig beliebten Künstlern -für gelungene Leistungen gern bereitet. Die Erwartung wurde jedoch -teilweise getäuscht. Außer der Ouvertüre applaudierte man nur noch die -Aktschlüsse und in den Journalen entwickelte sich eine unerquickliche -Polemik für und wider. Schumann aber, fest überzeugt, daß jeder Takt -seiner Oper völlig dramatisch sei, nahm ungünstige Kritiken, entgegen -seiner einstigen Gepflogenheit, gewaltig krumm, ja, zögerte nicht, -ein langjähriges, freundliches Verhältnis zu Krüger, welcher das Werk -etwas scharf recensiert hatte, sogleich zu lösen. So verlief die ganze -Opernaffaire in jeder Hinsicht übel und bis auf den heutigen Tag ist -es den deutschen Theatern trotz mannigfacher Ver<span class="pagenum"><a id="Seite_69"></a>[S. 69]</span>suche nicht gelungen, -Schumanns Schmerzenskind dem Repertoire zu erhalten.</p> - -<p>Nebst der Genoveva fällt in das Revolutionsjahr 1848 noch das -kantatenartige <em class="gesperrt">Adventlied</em> von Rückert (<span class="antiqua">op.</span> 71) und zwei -Klavierwerke: die phantasievollen, farbenprächtigen, durch Rückerts -Makamen des Hariri angeregten <em class="gesperrt">Bilder aus dem Osten</em> (<span class="antiqua">op.</span> -66) und das <em class="gesperrt">Album für die Jugend</em> (<span class="antiqua">op.</span> 68), das uns auf -seine eigene, reichbesetzte Kinderstube zurückweist. „Ich wüßte nicht, -wann ich mich je in so guter musikalischer Laune befunden hätte, als da -ich die Stücke (<span class="antiqua">op.</span> 68) schrieb,“ berichtet er an Reinecke. „Es -strömte mir ordentlich zu. Sie sind mir besonders ans Herz gewachsen – -und recht eigentlich aus dem Familienleben heraus. Die ersten Stücke im -Album schrieb ich nämlich für unser ältestes Kind zu ihrem Geburtstag -und so kam eines nach dem andern hinzu. Es war mir, als finge ich -noch einmal von vorn an zu komponieren; und auch vom alten Humor -werden Sie hier und da spüren. (Vergl. Nr. 12.) Von den Kinderscenen -unterscheiden sie sich durchaus. Diese sind Rückspiegelungen eines -Älteren und für Ältere, während das Album mehr Vorspiegelungen, -zukünftige Zustände für Jüngere enthält.“ Ein Pendant zu diesen -reizenden Genrestücken, von welchen Nr. 16 Erster Verlust, Nr. 13 Mai, -lieber Mai, Nr. 28 Erinnerung (an den 1847 gestorbenen Mendelssohn) und -Nr. 30 Adagio namentlich hervorgehoben seien, bildet das im folgenden -Jahr komponierte <em class="gesperrt">Liederalbum für die Jugend</em> (<span class="antiqua">op.</span> 79), -mit welchem Schumann die später von Taubert, Reinecke und anderen -weitergeführte Gattung der Kinderlieder aufnahm. In der Anordnung -bemühte er sich die Stufenfolge vom Leichten zum Schwierigeren -einzuhalten, Mignon (Nr. 29) schließt endlich ab „ahnungsvoll den Blick -in ein bewegteres Seelenleben richtend.“</p> - -<p>Von diesen lieblichen, wenn auch manchmal leidvollen, lyrischen -Perlen sticht die ungefähr gleichzeitige „Musik zu<span class="pagenum"><a id="Seite_70"></a>[S. 70]</span> Lord Byrons -<em class="gesperrt">Manfred</em>“ (<span class="antiqua">op.</span> 115) überaus grell ab. Das Gedicht, -welches nur uneigentlich der dramatischen Gattung angehört, war für -den Lyriker wie geschaffen und bot freien Spielraum zu grüblerischem -Versenken. Für die innere Zerrissenheit, die düstere Schwermut des -Byronschen Helden, wie sie der Meister in den wiederkehrenden Anfällen -seines Nervenleidens selbst empfunden haben mag, fand er denn auch -tiefergreifende Töne und besonders die Ansprache an Astarte: „Gerufen -hab’ ich dich aus dunkler Nacht“ ist den bedeutendsten Schöpfungen -seines Genius beizuzählen. Freilich wirkt diese Musik nicht so sehr auf -der Bühne, für welche ja auch das Gedicht nicht berechnet ist; auch -nicht im Konzertsaal, trotz des verbindenden Textes, welchen Richard -Pohl dafür geschrieben hat; sondern beim einsamen Genusse am Flügel -daheim.</p> - -<p>Das Jahr 1849 ist an Kompositionen in Schumanns Leben unstreitig das -fruchtbarste. „Man muß ja schaffen,“ schreibt er, „so lange es Tag -ist.“ Namentlich fällt die große Zahl der Chorkompositionen (<span class="antiqua">op.</span> -67, 69, 75, 91, 93, 98 b, 108, 137, 141, 145, 146) auf, was sich aber -aus seiner Stellung als Dirigent eines Gesangvereins leicht erklärt. -Schon 1847 hatte er nach Ferdinand Hiller die Leitung der Dresdener -Liedertafel übernommen, jedoch bald wieder aufgegeben; teils weil er -darin zu wenig musikalisches Streben vorfand, teils weil ihm „die -ewigen Quartsextaccorde des Männergesang-Stiles“ bald langweilig -wurden. Größeres Vergnügen bereitete dem Meister ein von ihm selbst -am 5. Januar 1848 gegründeter Chorverein, welcher in kurzer Zeit an -hundert Mitglieder zählte. „Wir kommen,“ heißt es in einem Briefe, „oft -außerhalb der Stadt zusammen, wandeln dann bei Sternenschein zurück und -dann erklingen Mendelssohnsche und sonstige (das heißt seine eigenen) -Lieder durch die Nacht und alle sind so fröhlich, daß man es mit werden -muß.“ Aus der Zahl dieser, zum Teil ungemein schwierigen Chöre seien -die <em class="gesperrt">Jagdlieder</em><span class="pagenum"><a id="Seite_71"></a>[S. 71]</span> (<span class="antiqua">op.</span> 137), die Motette: „<em class="gesperrt">Verzweifle -nicht im Schmerzensthal</em>“ (<span class="antiqua">op.</span> 93), das zarte <em class="gesperrt">Requiem für -Mignon</em> aus Wilhelm Meister (<span class="antiqua">op.</span> 98) und das von Schumann -besonders geliebte <em class="gesperrt">Nachtlied</em> von Hebbel (<span class="antiqua">op.</span> 108) namhaft -gemacht. Außerdem komponierte er nebst <em class="gesperrt">drei Liederheften</em> -(<span class="antiqua">op.</span> 79, 95, 98 <span class="antiqua">a</span>) und <em class="gesperrt">vier Duetten</em> für Sopran und -Tenor (<span class="antiqua">op.</span> 78), noch einige Liederkreise für eine und mehrere -Stimmen: <em class="gesperrt">Minnespiel</em> von Rückert (<span class="antiqua">op.</span> 101), <em class="gesperrt">Spanische -Liebeslieder</em> (<span class="antiqua">op.</span> 138) und das köstliche, gleichsam aus -Jasminduft gewobene <em class="gesperrt">Spanische Liederspiel</em> (<span class="antiqua">op.</span> 74). Eine -melodramatische Begleitung zu Hebbels Ballade „<em class="gesperrt">Schön Hedwig</em>“ -(<span class="antiqua">op.</span> 106) leitet uns zu den reinen Instrumentalwerken hinüber. -„Es ist eine Art der Komposition, die wohl noch nicht existiert und -so sind wir immer vor allem dem Dichter zu Dank verbunden, die, -neue Wege der Kunst zu versuchen, uns so oft anregen.“ Dem heutigen -Geschmacke sagt diese anorganische Verbindung zwischen Wort und Tönen -nicht mehr zu; Schumann dagegen that sich auf seine Errungenschaft -viel zu Gute und schrieb noch 1853 eine ähnliche Musik zu Hebbels -„<em class="gesperrt">Haideknaben</em>“ und Schelleys „<em class="gesperrt">Flüchtlingen</em>“ (<span class="antiqua">op.</span> -122). Auch die absolute Musik ist durch eine erkleckliche Anzahl von -Kompositionen vertreten; zunächst durch mehrere Klavierwerke: die -interessanten <em class="gesperrt">Waldscenen</em> (<span class="antiqua">op.</span> 82). <em class="gesperrt">Vier Märsche</em> -(<span class="antiqua">op.</span> 76). <em class="gesperrt">Zwölf vierhändige Stücke</em> (<span class="antiqua">op.</span> 85) -sowie <em class="gesperrt">Introduktion und Allegro</em> für Pianoforte und Orchester -(<span class="antiqua">op.</span> 92); dann durch Phantasien, Konzertstücke und dergleichen -für Violoncello, Horn, Klarinette und Oboe. (<span class="antiqua">op.</span> 70, 73, 86, 94, -102).</p> - -<p>Die Folgen solch übermäßiger Anstrengung, zu welcher sich noch die -mannigfachen Aufregungen durch die politischen Wirren dieses Jahres -gesellten, blieben nicht aus. Ein unerträglicher Kopfschmerz peinigte -den Meister, so daß die in Angriff genommene Vollendung des „Faust“ -nur langsam fortschreiten konnte. Seit den ersten Arbeiten daran<span class="pagenum"><a id="Seite_72"></a>[S. 72]</span> -(1844) hatte er nach zweijähriger Pause nur ab und zu ein Stück -hinzukomponiert, den „Schlußchor“, „Gerettet ist das edle Glied“, die -„Gretchenscenen“ und „Fausts Erwachen“. Im Sommer 1848 wurde sogar -eine Privataufführung im Schumannschen Hause veranstaltet und zur -Goethefeier (29. August 1849) gab man das Werk an mehreren Orten, -in Weimar, Dresden und Leipzig. Freilich, wenn die Behauptung laut -wurde, daß der zweite Teil des Faust erst durch Schumanns Musik -verständlicht worden sei, so ist das nur insofern richtig, als dieser -von der Gedankenlosigkeit stets arg verlästerte Teil der Mitwirkung -der Tonkunst bedarf, um den gehörigen Eindruck hervorzubringen und -insofern, als viele Musiker, durch diese Komposition aufmerksam -gemacht, sich den „zweiten Teil“ besser angesehen und darum vielleicht -besser verstanden haben. Übrigens lag es gar nicht in Schumanns -Vermögen, den ungeheuren Vorgang des Weltgedichtes mit ebenbürtiger -Musik auszustatten, sondern er komponierte ihn auf seine Weise, das -heißt in den lyrischen Partien, z. B. dem wahrhaft himmlischen Hymnus -an die Gottesmutter wunderschön. Anderes, z. B. der Schlußchor, muß -als unpassend bezeichnet werden, denn wir hören zwar ein Chorstück -von erlesener Pracht, dessen Melodik aber dem durchaus mythischen -Sinn der Verse, in welchen die letzten Dinge aller menschlichen -Weisheit ausgesprochen sind, nicht entspricht. Der Autor selber -fühlte das wohl und geriet darüber einigemale in Desperation. Er -komponierte die Nummer um – ohne auch mit dieser zweiten Fassung -den rechten Ton getroffen zu haben. Der Palestrinastil, in dessen -Herrlichkeiten sich Schumann ebendamals versenkte, wäre hier vielleicht -am Platze gewesen. 1850 schrieb er dann noch die Scene mit den grauen -Weibern, sowie Fausts Tod hinzu; die Ouvertüre, wohl der schwächste -Teil des Werkes, ist erst 1853 entstanden, aus dem Bedürfnis, das -Ganze abzurunden und auf die verschiedenen Stimmungen wenigstens -einigermaßen vorzubereiten.<span class="pagenum"><a id="Seite_73"></a>[S. 73]</span> Mittlerweile hatte Ferdinand Hiller seine -Konzertdirektorstelle in Düsseldorf aufgegeben und sollte die Leitung -des Kölnischen Konservatoriums übernehmen. Bei seinem Abgange schlug -er zu seinem Nachfolger Schumann vor, von dem er wußte, daß er sich, -erfolglos freilich, in Wien, Berlin und Leipzig um ein ähnliches Amt -beworben habe. Der Meister zögerte lange, sich von der lieben Heimat -zu trennen; denn erstens standen daselbst mehrere, für ihn sehr -wichtige Aufführungen seiner Peri und Genoveva bevor, dann gab Klara -mit Konzertmeister Schubert in Dresden stark besuchte Soireen und -schließlich schien Aussicht vorhanden, durch Vermittlung einflußreicher -Freunde zum Kapellmeister an des flüchtigen Wagner statt ernannt zu -werden. Während nun die ganze Angelegenheit in der Schwebe hing, -begab sich Schumann mit seiner Frau auf Kunstreisen über Leipzig nach -Hamburg, wo er mit Jenny Lind bekannt wurde und an ihr eine begeisterte -Interpretin seiner Lieder fand. Der berühmten Sängerin ist – zum -Dank für ihre Mitwirkung bei zwei Konzerten Klaras – das Liederheft -<span class="antiqua">op.</span> 89 gewidmet.</p> - -<p>Nach Dresden zurückgekehrt, vernahm er, daß die Stelle am Hoftheater -schon durch einen anderen, C. Krebs, besetzt sei; man mochte in -maßgebenden Kreisen an der „revolutionären“ Gesinnung des großen -Künstlers Anstoß genommen haben. Denn in politischer Hinsicht stimmte -er mit Wagner so ziemlich überein und machte kein Hehl aus dieser -seiner Denkungsweise. Bei einem Spaziergange mit dem bekannten -Litteraten Graf Baudissin suchte ihm der letztere zu beweisen, daß die -konstitutionelle Monarchie allen übrigen Regierungssystemen vorzuziehen -sei. Schumann hörte scheinbar aufmerksam zu, die Auseinandersetzungen -zeitweise mit einem billigenden Kopfnicken begleitend. Doch mußte er -wohl in die Fortspinnung irgend eines musikalischen Gedankens verloren -gewesen sein, denn als ihn Baudissin frug, ob er ihn nun zu seiner -Ansicht bekehrt habe, antwortete Schumann: „Die<span class="pagenum"><a id="Seite_74"></a>[S. 74]</span> Republik bleibt -doch die beste Staatsform!“ Seine Märsche (<span class="antiqua">op.</span> 76) wurden von -Vertrauten sogar „Barrikadenmärsche“ genannt, obwohl ihm, bei seinem -zurückgezogenen Wesen, nichts ferner lag, als etwa persönlich auf -den Barrikaden eine Rolle zu spielen. Genug, er sah sich in seinen -Hoffnungen getäuscht und entschloß sich nunmehr rasch zur Übersiedelung -ins niederrheinische Land. Komponiert hat er im Laufe des Jahres 1850 -bis zu diesem Zeitpunkte (Anfang Oktober) bloß ein Chorwerk (<span class="antiqua">op.</span> -144) und mehrere Lieder (<span class="antiqua">op.</span> 83, 89, 90 sowie einige aus -<span class="antiqua">op.</span> 77, 96, 127). Ein seltsamer Zufall fügte es, daß Schumann -den Lenauschen Gedichten in <span class="antiqua">op.</span> 90 ein altes Requiemslied -angehängt, als die Nachricht vom Ende des unglücklichen Dichters -eintraf. Er hatte ihm, ohne es zu wissen, das Totenlied gesungen; -und wenige Jahre später sollte er selbst der furchtbaren Krankheit -erliegen, welche jenen, ihm nahverwandten Geist so früh zerrüttete und -zerstörte.</p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_6" href="#FNAnker_6" class="label">[6]</a></p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent2">Du Geist der Wolke, trüb und schwer,</div> - <div class="verse indent2">Fliegst drohend über Land und Meer.</div> - <div class="verse indent2">Dein grauer Schleier deckt im Nu</div> - <div class="verse indent2">Des Himmels klares Auge zu.</div> - <div class="verse indent2">Dein Nebel wallt herauf von fern</div> - <div class="verse indent2">Und Nacht verhüllt der Liebe Stern:</div> - <div class="verse indent2">Du Geist der Wolke, trüb und feucht,</div> - <div class="verse indent2">Was hast du all mein Glück verscheucht,</div> - <div class="verse indent2">Was rufst du Thränen ins Gesicht</div> - <div class="verse indent2">Und Schatten in der Seele Licht?</div> - <div class="verse indent2">O wende, wende deinen Lauf</div> - <div class="verse indent2">Im Thale blüht der Frühling auf!</div> - </div> -</div> -</div> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_7" href="#FNAnker_7" class="label">[7]</a> Das Programm enthielt u. a.: 29. Jänner. Klavierstücke -von Bach, Skarlatti, Mendelssohn, Chopin; sechs Lieder und das -Klavierquintett von Schumann. 2. Februar. Leonorenouvertüre (Nr. 3, -C-Dur); Lieder von Speyer, Klavierstücke von Klara, von Henselt und -Liszt. – Kanon und Klavierkonzert von Schumann.</p> - -</div> - -</div> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="Letzte_Lebensjahre">7. Letzte Lebensjahre.</h2> -</div> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent2">Und der letzte Schritt auf Erden</div> - <div class="verse indent4">Macht den letzten Fehler gut.</div> - <div class="verse indent2"><em class="gesperrt mleft8">Grillparzer.</em></div> - </div> -</div> -</div> - -<p>„Ich suchte in einer alten Geographie nach Notizen über Düsseldorf und -fand da unter den Merkwürdigkeiten angeführt: drei Nonnenklöster und -eine Irrenanstalt. Die ersteren lasse ich mir gefallen allenfalls, -aber das letztere war mir unangenehm zu lesen. Ich will dir sagen, -wie das zusammenhängt. Vor einigen Jahren wohnten wir in Maxen, da -entdeckte ich denn, daß die Hauptansicht aus meinem<span class="pagenum"><a id="Seite_75"></a>[S. 75]</span> Fenster nach dem -Sonnenstein<a id="FNAnker_8" href="#Fussnote_8" class="fnanchor">[8]</a> zuging. Dieser Anblick wurde mir zuletzt ganz fatal; ja, -er verleidete mir den Aufenthalt. So, dachte ich denn, könne es auch in -Düsseldorf sein. Ich muß mich sehr vor allen melancholischen Eindrücken -der Art in acht nehmen.“</p> - -<p>Ahnte der arme Meister, als er diese Zeilen an Hiller schrieb, das ihm -drohende Verhängnis? Stieg das düstere Bild der Zukunft schreckhaft vor -seiner Seele auf? Fast scheint es so. Denn er mußte doch zuweilen die -allmähliche Ermattung seines Geistes fühlen, fühlen, wie die Phantasie, -ja zuletzt die klare Denkkraft ihn verließ; o furchtbare Erkenntnis! -Aber immer wieder, als sei er einem Fluche verfallen, trieb ihn der -unselige Ehrgeiz und alte Gewohnheit zu neuem Schaffen an, zermarterte -er sein müdes, brennendes Hirn und beschleunigte so seinen Untergang. -Als er im besten Mannesalter, im sechsundvierzigsten Lebensjahre starb, -da hatte die deutsche Kunst keinen wertvollen Entgang mehr zu beklagen, -es war ein völlig Erschöpfter, den sie zur ewigen, wohlverdienten Ruhe -in die Grube senkten.</p> - -<p>Zu Anfang der Düsseldorfer Periode hätte das allerdings niemand -vermuten können. Der neue Wirkungskreis, die Ortsveränderung, die -reizvolle Gegend und der ehrenvolle Empfang – alles das übte zunächst -einen belebenden Einfluß auf Schumann aus. Man merkt es an den sogleich -nach der Ankunft begonnenen Kompositionen, dem <em class="gesperrt">Cellokonzert</em> -(<span class="antiqua">op.</span> 129) und besonders an der fünften, der „rheinischen“ -Symphonie Es-Dur (<span class="antiqua">op.</span> 97), welche den symphonischen Stil in -mancher Hinsicht besser trifft als ihre älteren Schwestern, wohl -darum, weil sich Schumann diesmal sein Ziel nicht so hoch gesteckt -hatte. Frische musikalische „Bilder des Lebens am Rheine“ ziehen an -uns vorüber und der vierte Satz, der „im Charakter einer feierlichen -Ceremonie“ gehalten werden soll, weist sogar auf eine bestimmte -Be<span class="pagenum"><a id="Seite_76"></a>[S. 76]</span>gebenheit, die Erhebung des Erzbischofs von Köln (Geissel) zum -Kardinal, welcher Schumann beigewohnt hatte.</p> - -<p>Mit der neuen Stellung war er sehr zufrieden, obwohl ihm zum Dirigenten -viele wichtige Eigenschaften fehlten: die körperliche Geübtheit, die -Geistesgegenwart und vor allem die so notwendige Mitteilungsgabe. -Belehrungen über die Vortragsweise erwartete man von ihm vergebens, -sondern er ließ das Stück durchspielen und wenn es noch nicht ging, -wiederholen. Oft sagte er seinen Musikern, er habe sich dies oder -jenes ganz anders gedacht, ohne sie über die eigentümliche Art seiner -Auffassung weiter aufklären zu können. Zum Glück war das Düsseldorfer -Orchester durch Hiller, Rietz und Mendelssohn so weit geschult, daß -die Unzulänglichkeit Schumanns, den man auf den Händen trug, dem -Publikum nicht weiter bekannt wurde. Nebst den Abonnementskonzerten -hatte er nur noch die wöchentlichen Übungen des Singvereines und die an -gewissen Festtagen stattfindenden Musikaufführungen in der katholischen -Kirche zu leiten, so daß ihm genug freie Zeit übrig blieb, um seinen -eigenen Studien nachzugehen. Im Sommer war er gar nicht beschäftigt. -Er benützte die Konzertferien zu kleineren oder größeren Ausflügen, -reiste zum Beispiel im Juli 1851 in die Schweiz und im August dieses -Jahres zum Musikfeste nach Antwerpen, wo er zum Schiedsrichter beim -Wettsingen gewählt worden war. Sonst verfloß sein Leben in Düsseldorf -zumeist recht einförmig. Um zwölf Uhr mittags ging er mit Klara und -irgend einem Bekannten spazieren, von sechs bis acht besuchte er ein -Gasthaus, um Zeitungen zu lesen und ein Glas Bier zu trinken – die -übrigen Stunden des Tages waren der Arbeit gewidmet. Da saß er in -seinem traulichen, langgestreckten, mit Bücher- und Musikalienschränken -verstellten Zimmer am Flügel und komponierte.</p> - -<p>Über die Werke dieser Periode sei zusammenfassend bemerkt, daß sie -dem Hörer im allgemeinen nur wenig Genuß<span class="pagenum"><a id="Seite_77"></a>[S. 77]</span> gewähren. Nicht als ob, wie -in den letzten Gaben der Beethovenschen Muse der allzu hohe Ideenflug -das unmittelbare Verständnis erschwerte – im Gegenteil, die Unkraft -der schaffenden Phantasie ist es, die es zu keiner künstlerischen -Wirkung kommen läßt und bloß Mitgefühl für den armen Meister -hervorrufen kann. Er hat, wie Dräsecke sagt, als Genie begonnen und -als Talent aufgehört; schon seit jener Erkrankung um die Mitte der -vierziger Jahre ist das allmähliche Herabsinken seines Geistesfluges, -die Atrophie seines Genius zu beobachten. Mit fiebrischer Hast, zu -welcher die äußere, fast apathische Ruhe unheimlich kontrastiert, -springt er von einem musikalischen Gebiet auf das andere, schreibt -bald <em class="gesperrt">Lieder</em> (<span class="antiqua">op.</span> 107, 117, 119, 125, 135) und begeistert -sich für die <em class="gesperrt">Gedichte der Elisabeth Kulmann</em> (<span class="antiqua">op.</span> 103, -104), „einer wahren, seligen Insel, die im Chaos der Gegenwart -emporgetaucht;“ bald <em class="gesperrt">Violinsonaten</em> (<span class="antiqua">op.</span> 105, <span class="antiqua">op.</span> -121 <span class="antiqua">D-moll</span>); bald wieder kleinere <em class="gesperrt">Klavierstücke</em> -(<span class="antiqua">op.</span> 109, 111), bald ein <em class="gesperrt">Trio</em> (<span class="antiqua">G-moll</span>, <span class="antiqua">op.</span> -110), bald <em class="gesperrt">Märchenbilder</em> für Viola (<span class="antiqua">op.</span> 113), bald eine -<em class="gesperrt">Messe</em> (<span class="antiqua">op.</span> 147) oder ein <em class="gesperrt">Requiem</em> (<span class="antiqua">op.</span> 148). -Richard Pohl, der nachmals berühmte Kritiker, und Moritz Horn müssen -ihm Opern- und Oratorientexte herstellen; Projekte, wie die <em class="gesperrt">Braut -von Messina</em> und <em class="gesperrt">Hermann und Dorothea</em> giebt er gleich wieder -auf, komponiert aber wenigstens Ouvertüren dazu (<span class="antiqua">op.</span> 100 und -136). Auch Shakespeares <em class="gesperrt">Julius Cäsar</em> erhält eine Ouvertüre -(<span class="antiqua">op.</span> 128). Sehr lange beschäftigt ihn dann der Gedanke an ein -Oratorium „Luther“, über das sich ein reger Briefwechsel mit Pohl -entspinnt. Einige Stellen daraus seien hier angeführt, als Beispiel, -bis zu welchem Grade Schumann seine „Dichter“ beeinflußte und wie er -sich das Ideal eines Oratoriums ersonnen hatte: „Das Oratorium müßte -ein durchaus volkstümliches werden, das Bürger und Bauer verstände -– dem Helden gleich, der ein so großer Volksmann war. Und in diesem -Sinne würde ich mich auch be<span class="pagenum"><a id="Seite_78"></a>[S. 78]</span>streben, meine Musik zu halten, also -am allerwenigsten künstlich, kompliziert, kontrapunktisch, sondern -einfach, eindringlich, durch Rhythmus und Melodie vorzugsweise wirkend. -Im übrigen stimme ich mit allem, was Sie wegen Behandlung des Textes -in metrischer Hinsicht sagen, wie über die volkstümlich altdeutsche -Haltung, die dem Gedichte zu geben wäre, durchaus überein. – Das -Oratorium müßte für Kirche und Konzertsaal passen. Es dürfte mit -Einschluß der Pausen zwischen den verschiedenen Abteilungen nicht über -zweieinhalb Stunden dauern. – Alles bloß Erzählende und Reflektierende -wäre möglichst zu vermeiden, überall die dramatische Form vorzuziehen. -– Möglichst historische Treue, namentlich die Wiedergabe der bekannten -Kraftsprüche Luthers. Sein Verhältnis zur Musik überhaupt, seine -Liebe für sie, in hundert schönen Sprüchen von ihm ausgesprochen, -dürfte gleichfalls nicht unerwähnt bleiben. – Hutten, Sickingen, Hans -Sachs, Lucas Kranach, die Kurfürsten Friedrich und Johann von Hessen -müssen wir wohl aufgeben – leider! Erzählungsweise mögen sie aber -alle vorkommen. Ich glaube, wir müssen den Stoff auf die einfachsten -Züge zurückführen, oder nur wenige der großen Begebenheiten aus -Luthers Leben herausnehmen. Auch glaube ich, dürfen wir dem Eingreifen -übersinnlicher Wesen nicht zu großen Platz einräumen, es will mir nicht -zu des Reformators ganzem Charakter passen, wie wir ihn nun einmal -recht als einen geraden, männlichen und auf sich selbst gegründeten -kennen. – Gelegenheit zu Chören geben Sie mir, wo Sie können. Händels -‚Israel in Egypten‘ gilt mir als das Ideal eines Chorwerks und eine -so bedeutende Rolle wünschte ich dem Chor auch im ‚Luther‘ zugeteilt. -Der Choral ‚Ein’ feste Burg‘ dürfte als höchste Steigerung nicht eher -als zum Schluß erscheinen, als Schlußchor. – Lassen Sie uns das große -Werk mit aller Kraft ergreifen und daran festhalten.“ Doch kam es trotz -der in den letzten Worten gegebenen Versicherung zur Ausführung des -so wohl bedachten Planes<span class="pagenum"><a id="Seite_79"></a>[S. 79]</span> nicht. Andere, wichtiger dünkende Projekte -drängten sich in den Vordergrund. Denn im verzweifelten Streben ja nur -Originelles, Bahnbrechendes zu produzieren, sann Schumann endlich gar -auf die Einführung neuer Kunstgattungen, nahm das „weltliche Oratorium“ -wieder auf und erfand das unerfreuliche, zwitterhafte Genre der -„Chorballade“.</p> - -<p><em class="gesperrt">Der Rose Pilgerfahrt</em> (<span class="antiqua">op.</span> 112) heißt das bis zur -Abgeschmacktheit sentimentale Carmen Horns, welches jetzt ein – -sehr untergeordnetes – Seitenstück zu der sinnigen „Peri“ abgeben -sollte, ein Carmen, dessen Heldin eine menschgewordene Blume ist, -welche liebt, heiratet und endlich, man weiß nicht recht warum, -von der <em class="gesperrt">Elfen</em>königin unter die <em class="gesperrt">Engel</em> aufgenommen -wird. Kaum begreifen wir, wie Schumann dies fade Produkt gezierter -Goldschnittlitteratur anziehen konnte, ihn, der einige Jahre vorher -sich geäußert: „Schwache Worte zu komponieren ist mir ein Greuel; -ich verlange keinen großen Dichter, aber eine gesunde Sprache und -Gesinnung.“ Horn war thöricht und eingebildet zu glauben, an dem -geringen Erfolg, den das Werk bei den ersten Aufführungen davontrug, -sei die „in der Auffassung verfehlte“ Musik des Meisters schuld. Diese -gehört nun freilich nicht zu seinen besten Leistungen, enthält aber -immerhin gar manche reizvolle Nummer. Derselbe Dichter richtete ihm -auch die Uhlandsche Ballade: <em class="gesperrt">Der Königssohn</em> (<span class="antiqua">op.</span> 116) -für seine Experimente her, Pohl im folgenden Jahre <em class="gesperrt">Des Sängers -Fluch</em> (<span class="antiqua">op.</span> 139). Darnach kommt der Geibelsche Romanzenkranz -<em class="gesperrt">Vom Pagen und der Königstochter</em> (<span class="antiqua">op.</span> 140) an die Reihe -und schließlich 1853 <em class="gesperrt">das Glück von Edenhall</em> (<span class="antiqua">op.</span> 143) -von seinem Hausarzte Dr. Hasenclever bearbeitet. Das Prinzip dieser -zwischen Epos und Drama schwankenden Gattung, wie es in <span class="antiqua">op.</span> 139 -am deutlichsten ausgeprägt erscheint, besteht darin, daß der erzählende -Teil des Gedichtes einer gewissen Stimme übertragen, alles Übrige -jedoch, nötigenfalls mit Hilfe von beträchtlichen Texterweiterungen, -zu<span class="pagenum"><a id="Seite_80"></a>[S. 80]</span> Sologesang, Duett, Terzett oder Chor umgestaltet wird, je nachdem -es die Situation erfordert. So entwarf Schumann zu „des Sängers Fluch“ -folgendes Schema:</p> - -<p class="center mtop1_5">Nr. 1. <em class="gesperrt">Chor mit Solis.</em><br /> -Es stand in alten Zeiten – blühender Genoß.</p> - -<p class="center mtop1">Nr. 2. <em class="gesperrt">Duettform</em> (etwa zehn Zeilen).<br /> -<em class="gesperrt">Alter und Jüngling.</em><br /> -Nun sei bereit – steinern Herz.</p> - -<p class="center mtop1">Nr. 3. <em class="gesperrt">Recitativ</em> (Sopran).<br /> -Schon stehen – zum Ohre schwoll.</p> - -<p class="center mtop1"><em class="gesperrt">Ensemble.</em><br /> -Alter, Jüngling, König, Königin, Chor.<br /> -(Breit auszuführen).</p> - -<p class="center mtop1">Nr. 4. <em class="gesperrt">Recitativ.</em><br /> -Und wie vom Sturm zerstoben – Gärten gellt.</p> - -<p class="center mtop1">Nr. 5. <em class="gesperrt">Harfner.</em><br /> -Weh euch!</p> - -<p class="center mtop1 mbot1_5">Nr. 6. <em class="gesperrt">Chor.</em><br /> -Der Alte hat’s gerufen – Das ist des Sängers Fluch.</p> - -<p>Pohl legt nun den beiden Sängern ganze Uhlandsche Lieder in den Mund -und der Chor drückt seine Ergriffenheit mit dem, zu diesem Zwecke -veränderten Verse: „Wie schlägt der Greis die Saiten, so wundervoll -und mild“ aus. Ferner wird der Königin ein früheres, zärtliches -Verhältnis zum Jünglinge insinuiert. Die beiden sind so unvorsichtig, -im Angesichte des ganzen Hofes ein langes Liebesduett anzustimmen, -worauf der König in begreiflicher Entrüstung den kecken Troubadour mit -den Worten: „Stirb feiger Sklavensohn!“ niedersticht. Daß Schumann die -poetischen Sünden eines unerfahrenen Kunstnovizen für gut befinden, ja -sogar<span class="pagenum"><a id="Seite_81"></a>[S. 81]</span> veranlassen konnte, zeugt gewiß von einer bedeutenden Trübung -seines einst so klaren, richtigen Blickes.</p> - -<p>Im März 1852 gab das Schumannsche Ehepaar unter großem Zulauf -auswärtiger Musiker (Liszt, Robert Franz, Joachim, Meinardus u. a.) -eine Anzahl von Konzerten in Leipzig, doch vermochten selbst vor diesem -wohlgesinnten Publikum gerade die letzten Werke keinen rechten Erfolg -zu erringen. Denn selten nur erhellt in ihnen ein Blitz, manchmal -wohl ein fernes Wetterleuchten des Genies das lastende Dunkel. Müde -und abgespannt kehrte der Meister nach Düsseldorf zurück, an dem -Männergesangsfest (im August) beteiligte er sich nur wenig und eine -Kur in Scheveningen, wo er mit seinem alten Freunde Verhulst das -Wiedersehen feierte, brachte nur vorübergehende Besserung. Von seinem -sonderbaren Zustand giebt eine Erinnerung des Malers Bendemann an eine -Abendgesellschaft, bei welcher auch Schumann zugegen war, interessanten -Bericht: „Nach dem Essen trug Klara einige Klavierstücke vor. Schumann -hatte sich unterdes seiner Gewohnheit nach in ein Nebenzimmer -zurückgezogen. Seine Frau, die immer sehr besorgt um ihn war, ging -nach Beendigung ihrer Vorträge zu ihm hin. Ich begleitete sie. Als wir -eintraten, schrak er aus seinem träumerischen Versunkensein empor und -fragte: Wer hat da gespielt? Ich merkte, wie die Frage Frau Schumann -ins Herz schnitt. Aber Robert, ich habe ja gespielt, erwiderte sie mit -bebender Stimme. So warst du das!? gab Schumann gleichgültig zurück -und versank wieder in seine Meditationen. Die sonderbaren Worte hatten -die liebe Frau so angegriffen, daß sie förmlich unwohl wurde und den -Wunsch aussprach, nach Hause zu gehen. Schumann hatte darnach nur ein -kurzes: Warum denn? Es ist ja ganz nett hier! – Aber bester Schumann, -wenn Ihre Frau unwohl ist, müssen Sie sie doch nicht zurückhalten, -sagte ich, mich ins Mittel legend. Da brach er denn auf. Am andern -Morgen aber empfing ich einen Brief von ihm,<span class="pagenum"><a id="Seite_82"></a>[S. 82]</span> worin er sich ziemlich -beleidigt über meine Einmischung aussprach.“ (Schrattenholz, E. -Bendemann). Über seinen damaligen Geisterglauben erzählt ein anderer -Freund, Wasiliewski, Folgendes: „Als ich im Mai 1853 eines Tages in -Schumanns Zimmer eintrat, lag er auf dem Sofa und las in einem Buche. -Auf mein Befragen, was der Inhalt des letzteren sei, erwiderte er mit -gehobener Stimme: ‚O! Wissen Sie noch nichts vom Tischrücken?‘ ‚Wohl!‘ -sagte ich in scherzendem Tone. Hierauf öffneten sich weit seine für -gewöhnlich halbgeschlossenen Augen. Die Pupille dehnte sich krampfhaft -auseinander und mit eigentümlich geisterhaftem Ausdrucke sagte er -langsam: ‚<em class="gesperrt">die Tische wissen alles</em>.‘ Als ich diesen drohenden -Ernst sah, ging ich, um ihn nicht zu reizen, auf seine Meinung ein, -infolge dessen er sich beruhigte. Dann rief er seine zweite Tochter -herbei und fing an mit ihr und einem kleinen Tische zu experimentieren, -wobei er ihn auch den Anfang der <span class="antiqua">C</span>-mollsymphonie von Beethoven -markieren ließ.“ Doch konnte Schumann zu gewissen Zeiten auch recht -umgänglich, ja wohl aufgeräumt sein. Beim großen niederrheinischen -Musikfest (Pfingsten 1853) that er sich als Dirigent sogar wieder -hervor und brachte nebst der umgearbeiteten <span class="antiqua">D</span>-mollsymphonie -auch eine neu komponierte <em class="gesperrt">Festouvertüre über das Rheinweinlied</em> -mit Gesang (Soli und Chor) unter vielem Beifall zur Aufführung. -Denkwürdig ist sodann sein Verhältnis zu Johannes Brahms, der an ihn -durch Joachim empfohlen war. Schumann, die außergewöhnliche Begabung -des zwanzigjährigen Künstlers erkennend, griff anerkennungsfreudig wie -immer, noch einmal zur Feder und proklamierte ihn in der Brendelschen -Zeitschrift – nicht als vielverheißenden Jünger, sondern als „starken -Streiter“ und Meister, der berufen sei, „den höchsten Ausdruck unserer -Zeit in idealer Weise auszusprechen.“ Brieflich bezeichnet er ihn als -den, „der kommen mußte“, als „einen jungen Aar“, welcher „die größte -Bewegung in der musikalischen Welt hervorrufen<span class="pagenum"><a id="Seite_83"></a>[S. 83]</span> werde“. Selbst wer -diesem enthusiastischen Preise nicht in ganzem Umfange beipflichten -kann, muß zugeben, daß Brahms unter den absoluten Musikern der letzten -Zeit entschieden und verdientermaßen den ersten Platz sich erobert hat. -Kurz, der „blonde Johannes“ war Schumanns erklärter Liebling von Stund -an. Oft gedachten die beiden Künstler bei ihrem Beisammensein auch des -fern weilenden, aber zum Konzerte erwarteten Freundes Joachim, ja, der -stille, schweigsame Robert schwang sich gar einmal zu folgendem Toast -in Charadenform auf: „Drei Silben; die erste liebte ein Gott, die zwei -anderen lieben viele Leser, das Ganze lieben wir alle; das Ganze und -der Ganze sollen leben!“ (Jo-achim). Auch existiert eine Violinsonate, -welche er, Brahms und der junge Musiker Albert Dietrich dem berühmten -Geigenvirtuosen zu Ehren geschrieben haben. Sie wurde ihm nach seiner -Ankunft in Düsseldorf vorgespielt und richtig erkannte er den Verfasser -jedes einzelnen Satzes. Später ersetzte Schumann die zwei fremden Sätze -durch eigene Musik und gab die Komposition als (<span class="antiqua">op.</span> 131) heraus.</p> - -<p>Leider zählten solche Perioden geistiger Frische nur nach Tagen. In -demselben Monate (Oktober), in welchen der Verkehr mit Brahms fällt, -nahmen auch die Abonnementskonzerte ihren Anfang und schon beim ersten -zeigte es sich deutlich, daß Schumann seiner Aufgabe als Dirigent -nicht mehr gewachsen sei. Man bat ihn, das Dirigieren zur Schonung -seiner Gesundheit wenigstens vorläufig dem zweiten Kapellmeister -zu überlassen, beleidigte aber durch dieses vielleicht nicht genug -schonend vorgebrachte Ansinnen den reizbaren Meister derart, daß er -seine Stelle ohne Verzug niederlegte.</p> - -<p>Er wandte Düsseldorf den Rücken und begab sich mit Klara auf eine -Konzerttour nach Holland. Da durfte er denn, mit Ehren überhäuft, die -ihm vermeintlich zugefügten Kränkungen vergessen. „Das holländische -Publikum,“ schreibt er frohbewegt, „ist das enthusiastischste, die -Bildung im<span class="pagenum"><a id="Seite_84"></a>[S. 84]</span> ganzen dem Besten zugewendet. Überall hört man neben den -alten Meistern auch die neuen. So fand ich in Hauptstädten Aufführungen -meiner Kompositionen vorbereitet (der dritten Symphonie in Rotterdam -und Utrecht, der zweiten in Haag und Amsterdam, auch der Rose in Haag), -daß ich mich nur hinzustellen brauchte, um sie zu dirigieren. Ich habe -zu meiner Verwunderung gesehen, daß meine Musik hier beinahe heimischer -ist als im Vaterlande.“</p> - -<p>Am 22. Dezember traf das Künstlerpaar wieder zu Hause ein, mit dem -Vorsatz, die leidige Stadt im Laufe des kommenden Frühlings für -immer zu verlassen. Zwei litterarische Pläne beschäftigten den -Meister fortan: Zuerst die Herausgabe seiner gesammelten Aufsätze in -Buchform,<a id="FNAnker_9" href="#Fussnote_9" class="fnanchor">[9]</a> wobei es ihm eine Freude war zu bemerken, daß er in der -langen Zeit, seit über zwanzig Jahren, von den damals ausgesprochenen -Ansichten fast gar nicht abgewichen sei; dann eine Zusammenstellung -aller Dichtersprüche über Musik von den ältesten Zeiten an, unter dem -Titel „Dichtergarten“. An der Vollendung dieser Arbeit verhinderte ihn -jedoch sein neuerdings ausbrechendes Leiden.</p> - -<p>Becker erzählt, daß Schumann einmal im Gasthause plötzlich die Zeitung -weggelegt habe mit den Worten: „Ich kann nicht mehr lesen; ich höre -fortwährend <span class="antiqua">A</span>.“ Solche Sinnestäuschungen kehrten jetzt mit -doppelter Stärke wieder. Des Nachts erscheinen ihm Schubert und sein -lieber Mendelssohn und singen ihm eine rührende Melodie vor, bis er -vom Lager springt und sie aufzeichnet.<a id="FNAnker_10" href="#Fussnote_10" class="fnanchor">[10]</a> Geisterstimmen tönen ihm -entgegen, bald mild und freundlich, bald drohend und vorwurfsvoll. -Eine furchtbare Angst ergreift den Be<span class="pagenum"><a id="Seite_85"></a>[S. 85]</span>unruhigten, während Klara durch -vierzehn bange Nächte und Tage alles aufbietet, um die quälenden -Gedanken des Gatten zu zerstreuen. Umsonst! Am Fastnachtsmontag, am 17. -Februar 1854, entfernt er sich heimlich aus dem Hause, eilt auf die -Rheinbrücke und springt, seinen peinlichen Zustand zu enden, in den -eisigen Strom. Aber anwesende Schifferknechte fischen ihn noch lebendig -wieder heraus: einen Wahnsinnigen. Man brachte ihn am 4. März in die -Privatheilanstalt des Dr. Richarz zu Endenich bei Bonn.</p> - -<p>Ererbte Disposition und übermäßige Anstrengung des Geistes – das gaben -die Ärzte als Ursache der Krankheit an. Allein sie erklären damit nicht -alles. Schumann war ein großer, kräftiger, gesund aussehender Mann, -dessen Leben im ganzen glücklich genannt werden darf. Alles, was er -wünschte, hatte er errungen, Freundschaft, Liebe, Künstlerschaft; nie -hatte ihm die Sorge ums tägliche Brot ihr bleiches Antlitz gewiesen. -Bedenkt man, wie andere Künstler schwach an Körper, bettelarm, mit -wundem Herzen durch die Welt gewandelt sind, ebenso produktiv, -vielleicht noch produktiver als unser Meister, ohne dabei dem Wahnsinn -verfallen zu sein, so muß man einräumen, daß es hier eine besondere -Bewandtnis gehabt habe. Fragen wir darum nicht weiter die Medizin, -sondern lieber einen mitfühlend verstehenden Genius – Grillparzer. -Und dieser sagt uns mit ausdrücklichem Bezug auf Schumann: „Ich meine -immer, ein Künstler, der wahnsinnig wird, sei im <em class="gesperrt">Kampfe gegen -seine Natur</em> gelegen.“ Herrlicher Tiefblick des Dichters! Wie -beschämt er die Instrumente des secierenden Gelehrten, welche nur über -Gehirnentartung, Gefäßerweiterung und dergleichen Aufschluß zu geben -wußten. Grillparzer, der Schumann bloß einmal flüchtig gesehen, löst -uns durch einen scharfen Hieb seines Intellekts den gordischen Knoten -der Schumannfrage und führt uns zur Erkenntnis, daß nicht das Übermaß -des Schaffens, sondern das Schaffen gegen seine Natur und Eigenart -diesen Geist erschöpft und zer<span class="pagenum"><a id="Seite_86"></a>[S. 86]</span>rüttet habe. Im Verlaufe unserer -Darstellung wurde dieses Moment schon mehrmals hervorgehoben.</p> - -<p>Zu Endenich lebte Schumann meist in einem Zustande tiefster -melancholischer Depression. Manchmal trat wieder eine so bedeutende -Besserung ein, daß man sogar auf völlige Genesung hoffen zu können -glaubte: dann verschwand der irre Blick aus seinen Augen, er -musizierte und schrieb an Familie und Verleger. Doch am Beginn des -Sommers 1856 ging es mit ihm merklich zu Ende. Seine Freunde, die in -treuer Anhänglichkeit oft zum Krankenhaus wanderten, um Nachrichten -einzuholen, kamen mit immer traurigerer Botschaft heim. Die einzige -Beschäftigung dieses einst so bedeutenden Geistes bestände darin, -sich in einem, von Brahms geschenkten Atlas eingebildete Reisen -zusammenzusuchen. Am 29. Juli um vier Uhr nachmittags verschied er -sanft in den Armen seiner Gattin. Sie und alle, die Schumann liebten, -fühlten sich erleichtert: er war ja befreit von schwerem Leiden.</p> - -<p>Die Nachricht von Schumanns Tode durcheilte Bonn und die anderen -rheinischen Städte in wenigen Stunden. Auf Straßen und Plätzen wurde -man darauf angeredet, ob man die Trauerkunde schon vernommen. Von fern -und nah eilten die Verehrer des Meisters zu seinem Begräbnis, Brahms, -Joachim, Dietrich gingen barhaupt hinter dem Sarge, Hiller sprach die -Grabrede und die Bevölkerung Bonns war in Scharen herbeigeströmt, um -den Leichenzug zu sehen, als würde ein König beerdigt. Auf dem Bonner -Kirchhof vor dem Sternenthor, nicht weit von Vater Arndt, ruht jetzt -der müde Sänger. Dort hat ihm im Mai 1880 die Liebe seiner Freunde ein -würdiges Denkmal errichtet.</p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_8" href="#FNAnker_8" class="label">[8]</a> Bekannte Irrenanstalt.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_9" href="#FNAnker_9" class="label">[9]</a> Erschienen bei Wigand, 1854. Später ging das Verlagsrecht -an Breitkopf und Härtel über. Neue Ausgabe: Universal-Bibliothek Nr. -2472/73. 2561/62. 2621/22.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_10" href="#FNAnker_10" class="label">[10]</a> Johannes Brahms hat über dieses im Nachlasse des Meisters -vorgefundene Thema sehr schöne Variationen geschrieben (<span class="antiqua">op.</span> 23).</p> - -</div> - -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_87"></a>[S. 87]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Rueckblick">8. Rückblick.</h2> - -</div> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da.</div> - <div class="verse mleft12"><em class="gesperrt mleft1">Antigone.</em></div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Wenn unser Auge bei der Betrachtung des Schumannschen Lebensganges an -manchen Schwächen und Irrtümern haften mußte, so darf der folgende -Abschnitt nun ganz dem Preise seiner bedeutenden Leistungen gewidmet -sein. Mag der eine dieser, der andere jener den Vorzug zuerkennen – -über ihren hohen Wert ist heutzutage alle Welt einig und zählt ihn, -wenn auch nicht zu jenen Gewaltigen, welche die gesamten idealen -Bestrebungen des verfließenden Zeitalters kraftvoll zusammenfassend, -einem künftigen den Stempel ihres Geistes aufdrücken, so doch zu -den Musikern ersten Ranges. Er war ein musikalischer Kernmensch und -vermag darum sogar in Kunstgattungen, für welche ihm die spezielle -Befähigung abging, in Ehren zu bestehen und die volle Teilnahme des -Hörers zu erwecken. Sollen wir aber diese seine spezielle Befähigung -genauer umschreiben, was könnten wir Treffenderes vorbringen, als das -Urteil, welches er selbst, über einen anderen Künstler (L. Berger) -freilich, gefällt hat: „Überhaupt war er in kleinen Formen glücklicher -als in größeren, wie dies oft bei Naturen der Fall, die stets ihr -Bestes, Tiefstes, Innigstes geben möchten. Schlage man solche Stücke -nicht zu gering an. Eine gewisse breite Unterlage, ein bequemes -Aufbauen und Abschließen mag mancher Leistung zum Lobe gereichen. Es -giebt aber Tondichter, die, wozu andere Stunden brauchen, in Minuten -auszusprechen wissen: zur Darstellung, wie zum Genießen solcher geistig -konzentrierter Kompositionen gehört aber freilich auch eine gesteigerte -Kraft des Darstellenden wie des Aufnehmenden und dann auch die rechte -Stunde und Zeit; denn schöne, bequeme Form läßt sich immer genießen -und auslegen;<span class="pagenum"><a id="Seite_88"></a>[S. 88]</span> tiefer Gehalt wird aber nicht zu jeder Zeit verstanden. -Daß Berger auch größerer Formen Meister war, hat er in seinen Sonaten -und Konzerten bewiesen. Keineswegs aber geben wir für diese eben jene -kleineren, genialeren Arbeiten hin, wie jene Charakterstücke, einige -seiner Variationen und vor allem seine Lieder.“</p> - -<p>So Schumann. Um die Schönheiten seiner Musik zu empfinden, bedarf -es natürlich, wie bei allen tiefer gedachten Kunstwerken einer -eingehenden Bekanntschaft. „Als ich Schumann zu spielen anfing,“ -erzählt Robert Hamerling,<a id="FNAnker_11" href="#Fussnote_11" class="fnanchor">[11]</a> „glaubte ich in seiner Tonsprache dem -hellen Klangreize anderer Meister gegenüber etwas Herbes, Dumpfes -zu finden, welches jedoch, sobald es nur vom rechten Geschick und -Verständnis bewältigt war, in den süßesten Wohllaut sich auflöste. -Vor allem will das Individuelle, Charakteristische des Tonstückes -bei ihm erfaßt und festgehalten sein und aus diesem Grunde ist die -Kenntnisnahme der Überschriften, die er über seine Werke setzt, für -den vollen Genuß des Hörers so unentbehrlich, wie für den Vortrag. Was -soll der Hörer von den Sprüngen des Harlekins denken, wenn er nicht -weiß, daß es eben Harlekinssprünge sind.“ Als Gegensatz zu Mendelssohns -ohrenfälligem Formenspiel wurde diese Musik vom Publikum anfangs -mit der – gleichfalls unverständlich dünkenden – „Zukunftsmusik“ -zusammengeworfen, wozu noch der Umstand beitrug, daß Brendel in seiner -Zeitschrift die beiden Richtungen mit demselben Enthusiasmus verfocht. -Schumanns Parteigänger protestierten entschieden, aber nicht ganz mit -Recht gegen solche Beiordnung, denn thatsächlich finden sich zwischen -ihm und der „Weimarer Schule“ gar viele und wichtige Berührungspunkte.</p> - -<p>Beiden ist vor allem die geschichtliche Basis: Bach und (der letzte) -Beethoven gemeinsam. „Das Tiefkombinatorische,<span class="pagenum"><a id="Seite_89"></a>[S. 89]</span> Poetische und -Humoristische der neueren Musik,“ bemerkt Schumann, „hat seinen -Ursprung zumeist in Bach. Die sogenannten Romantiker stehen Bach -weit näher als Mozart, wie ich selbst tagtäglich vor diesem Hohen -beichte, mich durch ihn zu reinigen und zu stärken suche,“ und ein -andermal gesteht er, daß ihn nur mehr „das Äußerste“ reize; „Bach fast -durchweg, Beethoven zumeist in seinen späteren Werken.“ „Es ist wahr, -zum Verständnis der Beethovenschen letzten Quartette gehört mehr als -bloße Lust zum Hören. Der empfänglichste, offenste Musikmensch wird -ungerührt von ihnen gehen, wenn er nicht tiefe Kenntnis des Charakters -Beethovens und dessen späterer Aussprache mitbringt. Dann aber, ist -er auf dem Wege dahin, so kann auch dem menschlichen Geiste kaum -etwas Wunderwürdigeres geboten werden, als jene Schöpfungen, denen -in ihrer tiefsinnigen Gestaltung, ihrem alle menschlichen Satzungen -überschwebenden Ideenfluge von anderer neuerer Musik gar nichts und -im übrigen nur einiges etwa von Lord Byron oder von Jean Pauls und -Goethes späteren Werken verglichen werden kann.“ Die Tonkunst ist -ihm „die veredelte Sprache der Seele; andere finden in ihr einen -Ohrenrausch, andere ein Rechenexempel und üben sie in dieser Weise -aus. Aber das wäre eine kleine Kunst, die nur klänge und keine Sprache -noch Zeichen für Seelenzustände hätte!“ Auch die Lehre von der Einheit -des Kunstgefühls, von der Urverwandtschaft der Künste läßt sich in -Schumanns Schriften und Briefen nachweisen. „Die Ästhetik der einen -Kunst ist die der anderen; nur das Material ist verschieden. Der -gebildete Musiker wird an einer Rafaelschen Madonna mit gleichem -Nutzen studieren können, wie der Maler an einer Mozartschen Symphonie. -Noch mehr: dem Bildhauer wird jeder Schauspieler zur ruhigen Statue, -diesem die Werke jenes zu lebendigen Gestalten; dem Maler wird das -Gedicht zum Bild, der Musiker setzt die Gemälde in Töne um.“ Gleich den -„Neudeutschen“ möchte sich Schumann vom partikularistischen<span class="pagenum"><a id="Seite_90"></a>[S. 90]</span> Standpunkt -des Musikers zum höheren, allgemeineren des „Künstlers“ schlechthin -erheben. „Sieh dich tüchtig im Leben um, wie auch in anderen Künsten -und Wissenschaften,“ ruft er dem Musiker zu und bekennt: „Es affiziert -mich alles, was in der Welt vorgeht, Politik, Litteratur, Menschen; -über alles denke ich nach meiner Weise nach, was sich dann durch -die Musik Luft machen, einen Ausweg suchen will. Deshalb sind viele -meiner Kompositionen so schwer zu verstehen, weil sie an entfernte -Interessen anknüpfen, oft auch bedeutend, weil mich alles Merkwürdige -der Zeit ergreift und ich es dann musikalisch aussprechen muß.“ Sogar -was die Programmmusik anbelangt, stimmt er mit den Neudeutschen in der -Kardinalfrage: nach ihrer Berechtigung überein. Er meint zwar einmal, -es sei kein gutes Zeichen für ein Tonstück, wenn es der Überschrift -bedarf; es wäre dann gewiß nicht der inneren Tiefe entquollen, sondern -erst durch irgend eine äußere Vermittlung angeregt; und vom Programm -einer Berliozschen Symphonie: „Ganz Deutschland schenkt es ihm; solche -Wegweiser haben immer etwas Unwürdiges, Charlatanmäßiges.“ Doch stehen -damit zahlreiche andere Aussprüche Schumanns in offenbarem Widerspruch, -so daß es den Anschein hat, als sei er in dieser Frage nicht ganz -schlüssig geworden. Man höre: Warum könnte nicht einen Beethoven -inmitten seiner Phantasien der Gedanke an Unsterblichkeit überfallen? -Warum nicht das Andenken eines großen gefallenen Helden ihn zu einem -großen Werke begeistern? Warum nicht einen anderen die Erinnerung an -eine selig verlebte Zeit? Italien, die Alpen, das Bild des Meeres, eine -Frühlingsdämmerung – hätte uns die Musik noch nichts von diesem allen -erzählt? Ja, selbst kleinere, speziellere Bilder können der Musik einen -so reizend festen Charakter verleihen, daß man überrascht wird, wie sie -solche Züge auszudrücken vermag. So erzählte mir ein Komponist, daß -sich ihm während des Niederschreibens das Bild eines Schmetterlings, -der auf einem Blatte im<span class="pagenum"><a id="Seite_91"></a>[S. 91]</span> Bache mitfortschwimmt, aufgedrungen: dies -hätte dem kleinen Stücke die Zartheit und Naivetät gegeben, wie es nur -irgend das Bild in der Wirklichkeit besitzen mag.... Man irrt sich -gewiß, wenn man glaubt, die Komponisten legen sich Feder und Papier -in der elenden Absicht zurecht, dies oder jenes auszudrücken. Doch -schlage man zufällige Einflüsse und Eindrücke von außen nicht zu gering -an. Unbewußt neben der musikalischen Phantasie wirkt oft eine Idee -fort, neben dem Ohr das Auge, und dieses, das immer thätige Organ, -hält dann mitten unter den Klängen und Tönen gewisse Umrisse fest, die -sich mit der vorrückenden Musik zu deutlichen Gestalten verdichten und -ausbilden können. Je mehr nun mit der Musik verwandte Elemente die -mit den Tönen erzeugten Gedanken oder Gebilde in sich tragen, von je -poetischerem oder plastischerem Ausdrucke wird die Komposition sein -und, je phantastischer oder schärfer der Musiker aufpaßt, um so mehr -wird sein Werk erheben oder ergreifen. Daß sich Schumann zu seinen -Symphonien durch äußere Momente anregen ließ, wurde bereits erwähnt, -aber selbst in seine Kammermusikwerke spielen, wie es scheint, allerlei -poetische Ideen hinein. Umgekehrt, und das ist das Entscheidende, -genießt Schumann absolute Musik nicht rein musikalisch, sondern als -Poet, als Künstler: „Ich kann nicht unterlassen anzuführen, wie mir -einstens während eines Schubertschen Marsches der Freund, mit dem ich -spielte, auf meine Frage, ob er nicht ganz eigene Gestalten vor sich -sehe, zur Antwort gab: Wahrhaftig, ich befand mich in Sevilla, aber vor -mehr als hundert Jahren, mitten unter auf- und abspazierenden Dons und -Donnas mit Schleppkleid, Schnabelschuhen u. s. w. Merkwürdigerweise -waren wir in unseren Visionen bis auf die Stadt einig.“ Verwahrte -sich Schumann nicht ausdrücklich dagegen, so dürfte man ihn (mit -Liszt) nach den Überschriften, die er seinen Tonstücken giebt, als -Programmatiker betrachten; doch erklärt er zu wiederholten Malen, sie -seien erst später ent<span class="pagenum"><a id="Seite_92"></a>[S. 92]</span>standen und nur „feinere Fingerzeige für Vortrag -und Auffassung.“ Mag dies nun für all seine Werke zutreffen oder nicht -– jedenfalls ist Schumann, zwar kein Partner, wohl aber ein Vorläufer -der „neudeutschen Schule“, das notwendige Mittelglied zwischen ihr und -Beethoven.</p> - -<p>Der Glaube, in welchem er komponierte, war der an die unversiegbare -Kraft des deutschen Kunstgeistes: „Mir ist oft, als ständen wir an -den Anfängen, als könnten wir noch Saiten anschlagen, von denen man -früher noch nicht gehört.“ Auch der Hinweis auf die Zukunft kehrt bei -Schumann häufig wieder, ja einmal sagt er gar: „Eine Zeitschrift für -<em class="gesperrt">zukünftige Musik</em> fehlt noch, als Redakteure wären freilich nur -Männer, wie der ehemalige, blind gewordene Kantor an der Thomasschule -(Bach) und der taube, in Wien ruhende Kapellmeister (Beethoven) -passend.“ Aber gleich den Neudeutschen verwirft er bloße Nachahmung -dieser verehrten Meister. Persönlichkeit scheint ihm nicht nur -das „höchste Glück der Erdenkinder“, sondern auch die vornehmste -Eigenschaft jedes wirklichen Künstlers. „Nenne mich beileibe nicht -mehr Jean Paul den Zweiten oder Beethoven den Zweiten,“ schreibt -er Klara; „da könnte ich dich eine Minute lang hassen. Ich will -zehnmal weniger sein als andere, aber nur für mich etwas.“ Noch muß -die nationale Tendenz Schumanns hervorgehoben werden, denn er ist -eigentlich der erste Komponist, der sein Deutschtum stärker betont, -der die Anlehnung an ausländische Muster geflissentlich vermeidet -– ganz wie die Neudeutschen. „Die höchsten Spitzen italienischer -Kunst reichen noch nicht an die Anfänge wahrhaft Deutscher,“ sagt er, -ebenso überzeugungsvoll, als ungerecht, und die Fremdwörter, welche -sich zu seiner Zeit auf Titeln und in den Vortragsbezeichnungen breit -machten, auszumerzen, war sein eifrigstes Bestreben. Als Brendel bei -der Übernahme der Zeitschrift die Absicht aussprach, sie in Zukunft -mit lateinischen Lettern drucken zu lassen, protestierte Schumann sehr -heftig dagegen und erklärte, daß<span class="pagenum"><a id="Seite_93"></a>[S. 93]</span> er dann imstande sei, sie nicht -wieder anzusehen. – Endlich hat Schumann mit den Neudeutschen die -Doppelthätigkeit als Künstler und Schriftsteller gemeinsam. Bei ihm -ist diese Vereinigung zweier Talente, wie Liszt vortrefflich ausführt, -„noch durch das Verdienst erhöht, daß er nicht unbewußt dem Drange -der Verhältnisse nachgab und, nachdem er diese erkannt, nicht erst -die äußerste Notwendigkeit zum Handeln abwartete. Nicht zufrieden, -für seine Idee, die damals ebenso wenig allgemein begriffen wurde, -als sie es kaum in den nächsten Dezennien sein dürfte, zu eifern, zu -predigen, zu arbeiten, zu kämpfen, setzte er für die erkannte Wahrheit -Gut und Leben ein. Ein richtiger Blick ist zu allen Zeiten sein Vorzug, -seine Kritik liefert ein schönes Beispiel eines prinzipiell strengen, -faktisch wohlwollenden Geistes, der anspruchsvoll für die Kunst, -nachsichtig gegen die Künstler ist, der gern aus seiner Heimat in den -Wolkenschichten als freundlicher Gast in bescheidenen Niederungen -einkehrt, dem Vielwollenden vieles verzeiht, redliche Gesinnung und -beharrliches Streben ermuntert, sich mutig und voll Zorn gegen reiche -Geister erhebt, die ihren Reichtum nicht zum alleinigen Nutzen der -Kunst erheben wollen, der selbst im Tadel sanft gegen Schwache ist und -im Lobe selbst gebieterisch gegen Erfolgreiche – ehrlich aber gegen -alle.“ Schumanns unmittelbaren Schülern kann freilich der Vorwurf -nicht erspart werden, die von ihm erlernte stilistische Gewandtheit -mehr dazu benützt zu haben, ihren eigenen Witz auf Kosten des -Kunstwerkes glänzen zu lassen, als es verständnisvoll und wohlwollend -zu beleuchten; allein wer wird den Meister für die Verirrungen seiner -Jünger zur Verantwortung ziehen? Er hatte fürwahr eine höhere Meinung -von dem ehrwürdigen Amte der Kritik: „Thörichten, Eingebildeten schlägt -sie die Waffen aus der Hand,“ sagt er, „Willige schont, bildet sie; -Mutigen tritt sie rüstig freundlich entgegen: vor Starken senkt sie -die Degenspitze und salutiert.“ Ferner: „Wir gestehen, daß wir für -die höchste<span class="pagenum"><a id="Seite_94"></a>[S. 94]</span> Kritik halten, welche durch sich selbst einen Eindruck -hinterläßt, dem gleich, den das anregende Original hervorbringt. In -diesem Sinne könnte Jean Paul zum Verständnis einer Beethovenschen -Symphonie durch ein poetisches Gegenstück mehr beitragen, als die -Dutzend-Kunstrichter, die Leitern an den Koloß legen, um ihn nach Ellen -zu messen.“</p> - -<p>Unter den zahlreichen, zum größeren Teile in die „Gesammelten -Schriften“ aufgenommenen, kritischen Artikeln Schumanns haben -namentlich zwei bedeutenden Einfluß auf den musikalischen Geschmack in -Deutschland gehabt; der eine über Berlioz, worin er den Wert dieses -zumeist als Halbverrückten behandelten Künstlers unbefangen aufdeckte, -ist besonders in methodologischer Hinsicht von außerordentlicher -Bedeutung und man hört es noch heute von Musikern, daß sie daraus mehr -wirkliches und nützliches Wissen schöpfen, als aus den umfangreichsten -Lehrbüchern musikalischer Gelehrsamkeit. In späterer Zeit wurde -Schumann allerdings empfindlicher gegen das Bizarre, Extravagante in -Berlioz’ Musik, doch blieb es immer sein Stolz, „mit der kritischen -Weisheit nicht zehn Jahre hinterdrein gefahren zu sein, sondern -im voraus gesagt zu haben, daß Genie in dem Franzosen gesteckt.“ -Griepenkerls, von wahrem Fanatismus für Berlioz erfüllte Broschüre: -„Ritter Berlioz in Braunschweig“, besprach er, trotzdem gegen ihn -selbst polemisiert wurde, überaus freundlich und schloß mit den Worten: -„Möge die kleine Schrift gelesen werden; sie enthält manch blitzenden -Gedanken und konnte auf so vieles Unwürdige, Ignorantenhafte, was -neuerdings über Berlioz geschrieben worden ist, gar nicht ausbleiben.“ -Dem merkwürdigen Künstler aber schlage, was um ihn vorgeht, alles zum -Besten aus, wie Goethe sagt im Tasso:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent26">„Ruhm und Tadel</div> - <div class="verse indent2">Muß er ertragen lernen, sich und andere</div> - <div class="verse indent2">Wird er gezwungen recht zu kennen.“</div> - </div> -</div> -</div> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_95"></a>[S. 95]</span></p> -<p>Ganz anders gestaltete sich hingegen das Verhältnis Schumanns zu -einem anderen, nicht minder berühmten Pariser Musiker: Meyerbeer. -Nicht als hätte er bei diesem das große Talent verkannt, aber sein -unkünstlerisches Streben nach Effekt, die innere Hohlheit seiner Werke -stieß den idealistischen, ehrlichen Deutschen ab. Bedenkt man das -ungeheuere, durch die bezahlte Tagespresse erzeugte Ansehen, welches -Meyerbeer genoß und seinen verderblichen Einfluß auf den öffentlichen -Kunstgeschmack (es gab Leute, die ihn Mozart an die Seite stellten!), -so muß Schumanns Artikel gegen „Die Hugenotten“ als eine nationale und -künstlerische That bezeichnet werden. „Nie unterschrieb ich etwas mit -so fester Überzeugung als heute,“ sagte er am Schlusse des Aufsatzes -und auch späterhin ist er von seiner Meinung nicht abgekommen. Die -erste, nicht günstige Kritik über „Tannhäuser“ scheint, wenigstens -indirekt, Meyerbeer verschuldet zu haben, insofern, als Wagners -offenkundige Beziehungen zu ihm, Schumanns Argwohn erweckten. Mit -welchem Freimut er sein Urteil zurücknahm, sobald er sich von der -Unbilligkeit des Tadels überzeugt hatte, hörten wir schon.</p> - -<p>Sowohl durch seinen gewählten, reinen und graziösen Stil, als durch -die treffende, harmonische Anwendung seiner Bilder gehört Schumann -unbedingt zu den hervorragendsten Schriftstellern der dreißiger -Jahre. Bis dahin hatte man in Deutschland selten Wissenschaftliches, -Vernünftiges und Richtiges über Musik in einem blühenderen Stil als -dem bei Lehrbüchern der Arithmetik gebräuchlichen vortragen gehört. -Schumann vermied diese Trockenheit der Fachmenschen, die in so wenig -anziehender Weise und immer nur vom technischen Standpunkt aus über -Musik derartig gesprochen hatten, daß man leicht von ihr selbst hätte -abgeschreckt werden können. Er wußte die Laien zu interessieren, denen -bisher die musikalischen Zeitschriften meistens für zu viel Langeweile -zu wenig Belehrung geboten hatten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_96"></a>[S. 96]</span></p> - -<p>Wie Jean Paul die zwei kontrastierenden Seiten seines Wesens in -„Walt und Wult“ verkörpert hat, so Schumann bekanntlich das Seinige -in „Florestan und Eusebius“. In wie feiner Weise macht er sich nun -diese Fiktion für seine Kritik zu nutze! Er stellt Florestan als -Repräsentanten der abstrakten Kunst hin und Eusebius als das liebevoll -auffassende Künstlergemüt und vermochte, indem er bald diesem, bald -jenem das Wort erteilte, Doppelkritiken nach den bei der Beurteilung -notwendigen zwei Gesichtspunkten zu geben. Noch mehr. Er gewinnt -durch diesen Davidsbund auch eine prächtig sinnige Einkleidung für -seine kritischen Aufsätze. Als er neu erschienene Tanzlitteratur zu -besprechen hat, bedient er sich beispielsweise der Fiktion eines -Maskenballes, welchen die Bündler veranstalten und wobei die zu -besprechenden Stücke aufgespielt werden. Oder er berichtet über die -Gewandhauskonzerte des Oktober 1835 in Form von Briefen, die Eusebius -an Chiara (Klara) nach Italien schreibt. Auch recht lustige Episoden -weiß er gelegentlich zu erfinden, so wenn bei einer von Franzilla Pixis -gesungenen Donizettischen Arie „etwas sehr Nasses“ auf der Backe selbst -des gestrengen Kunstrichters Florestan sichtbar wird. Daheim läuft er -dann wütend auf und ab, vor sich hinsprechend: „O ewige Schande! O -Florestan, bist du bei Sinnen, hast du deshalb den Marpurg studiert, -deshalb das wohltemperierte Klavier seciert, kannst du deshalb den Bach -und Beethoven auswendig, um bei einer miserablen Arie von Donizetti -nach vielen Jahren so etwas wie weinen? Hätte ich die Thränen, zu -nichts wollt’ ich sie zerkratzen mit der Faust!“ Darauf setzt er sich -unter schrecklichem Lamentieren ans Klavier und spielt jene Arie so -wirtshausmäßig, lächerlich und fratzenhaft, daß er endlich beruhigt zu -sich sagen kann: „Wahrhaftig, nur der Ton ihrer Stimme war’s, der mir -so ins Herz ging!“</p> - -<p>Die Idee des Davidsbundes wurde von den Freunden Schumanns ehedem viel -bewundert, ja, man dichtete aller<span class="pagenum"><a id="Seite_97"></a>[S. 97]</span>hand Tiefsinnigkeiten in sie hinein. -„Vor allem mahne uns dieser Name,“ kommentiert Wedel (Zuccamaglio), -„an den ewigen, heiligen Bund der Dicht- und Tonkunst. Der Name des -gekrönten Sängers, der nur in gottbegeisterten Liedern sich verewigte, -deute uns immer das Verhältnis zwischen Kunst und Religion, erinnere -uns, daß die Sprache einer Geisterwelt nicht herabgewürdigt werden -darf, dem Niedrigen im Menschen zu schmeicheln und das Verwerfliche -zu übergolden und zu verbrämen.“ Solche Gedanken lagen wohl Schumann -ursprünglich fern. Er war, obgleich gut christlich gesinnt, doch -eigentlich keine tief religiöse Natur. Das erklärt sich aus der -Geistesrichtung der Periode, in welcher er lebte. Auch auf Unterschiede -zwischen den christlichen Konfessionen zu halten, fiel ihm nicht ein, -was schon durch den Umstand bewiesen wird, daß er, der doch Protestant -war, 1852 für die katholische Kirche in Düsseldorf eine Messe und ein -Requiem geschrieben hat.</p> - -<p>Schließlich soll noch angeführt sein, daß Schumann in den Jahren -1837–39 darauf sann, dem nur in seiner Phantasie existierenden Bunde -wirkliches Leben zu erteilen, einen großen, deutschen Künstlerbund -zu begründen. Auch einen anderen derartigen Plan hegte er damals: -die Errichtung einer Agentur zur Herausgabe von Musikwerken, „welche -den Zweck hätten, alle Vorteile, die bis jetzt den Verlegern in so -reichlichem Maße zufließen, den Komponisten zuzuwenden.“ Man sieht, -auch an praktischen Vorschlägen ließ es dieser merkwürdige Geist nicht -fehlen, so wenig er selbst darnach geschaffen war, sie in Wirklichkeit -durchführen zu können. Immerhin muß man seinem richtigen, idealen -Wollen die gebührende Anerkennung entrichten.</p> - -<p>Robert Schumanns Leben und Schaffen, stellt es nicht treu die Eigenart -seiner Zeit, des zweiten Drittels unseres Jahrhunderts dar? Es ist -das Zeitalter erneuter Regsamkeit auf dem Gebiete der Kunst, der -Wissenschaft und des öffentlichen Lebens. Überall zeigen sich Keime und -Ansätze,<span class="pagenum"><a id="Seite_98"></a>[S. 98]</span> viel Enthusiasmus und Fleiß, aber geringe Thatkraft. Es ist -das Zeitalter politischer und geistiger Zersplitterung; aber auch der -Vorbereitung auf die später gewonnene Einheit; und Schumann strebte -weiter: nach Erfüllung wenigstens in der Kunst und setzte sein edles -Leben vergebens daran. Erst das künftige Geschlecht sollte ernten, wo -jenes gesäet hatte. Dank darum den emsigen Säeleuten und nicht zum -mindesten fürwahr unserem Meister. Seine Werke aber mögen im deutschen -Volke immer unvergeßlich bleiben!</p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_11" href="#FNAnker_11" class="label">[11]</a> R. Hamerling, Prosa. Bd. 1: Meine Lieblinge (Hamb. 1891).</p> - -</div> - -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_99"></a>[S. 99]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Register_der_Werke_Robert_Schumanns">Register der Werke -Robert Schumanns.</h2> - -</div> - -<p class="s5 center"><b>1. Numerierte Werke.</b></p> - -<ol class="numeriert"> - <li><span class="antiqua">Thème sur le nom Abegg.</span><a id="FNAnker_12" href="#Fussnote_12" class="fnanchor">[12]</a></li> - <li><span class="antiqua">Papillons.</span></li> - <li>Studien für Pianoforte nach Kaprizen von Paganini.</li> - <li><span class="antiqua">Intermezzi.</span></li> - <li>Impromptüs über ein Thema von Klara Wieck.</li> - <li>Davidsbündlertänze. (Gewidmet Walther von Goethe.)</li> - <li><span class="antiqua">Toccata.</span></li> - <li><span class="antiqua">Allegro.</span></li> - <li><span class="antiqua">Carnaval. Scènes mignonnes.</span></li> - <li><span class="antiqua">VI Etudes pour le pianoforte d’après des caprices de Paganini.</span></li> - <li><span class="antiqua">Grande Sonate (dediée à Mlle. Clara Wieck).</span></li> - <li>Phantasiestücke.</li> - <li><span class="antiqua">Etudes symphoniques (dediée Sterndale Bennett).</span></li> - <li><span class="antiqua">Concert sans orchestre (dediée J. Moscheles).</span></li> - <li>Kinderscenen.</li> - <li>Kreisleriana (gewidmet Friedrich Chopin).</li> - <li>Phantasie für Pianoforte (Franz Liszt).</li> - <li>Arabeske.</li> - <li>Blumenstück.</li> - <li>Humoreske.</li> - <li>Novelletten (Adolph Henselt).</li> - <li>Sonate Nr. II.</li> - <li>Nachtstücke.</li> - <li>Liederkreis von Heine (Mlle. Pauline Garcia).<a id="FNAnker_13" href="#Fussnote_13" class="fnanchor">[13]</a></li> - <li>Myrthen. Liederkreis. („Seiner geliebten Braut“.)</li> - <li>Faschingsschwank aus Wien.</li> - <li>Lieder und Gesänge (Heft I).</li> - <li>Drei Romanzen für Pianoforte.</li> - <li>Drei Gedichte von Geibel für mehrstimmigen Gesang u. Pianoforte.</li> - <li><span class="pagenum"><a id="Seite_100"></a>[S. 100]</span> - Drei Gedichte von E. Geibel.</li> - <li>Drei Gesänge von A. Chamisso.</li> - <li>Scherzo, Gigue, Romanze und Fughette für Pianoforte, komponiert 1838–39.</li> - <li>Sechs Lieder für vierstimmigen Männergesang.</li> - <li>Vier Duette für Sopran und Tenor mit Pianoforte.</li> - <li>Zwölf Gedichte von J. Kerner.</li> - <li>Sechs Gedichte von Reinick.</li> - <li>Zwölf Gedichte aus E. Rückerts Liebesfrühling.</li> - <li>Erste Symphonie (<span class="antiqua">B-Dur</span>).</li> - <li>Liederkreis von J. v. Eichendorff.</li> - <li>Fünf Lieder (H. C. Andersen).</li> - <li>Drei Quartette (E. Mendelssohn).</li> - <li>Frauenliebe und Leben.</li> - <li>Drei zweistimmige Lieder mit Pianoforte.</li> - <li>Quintett für Pianoforte, Violinen, Viola, Cello (Klara).</li> - <li>Romanzen und Balladen (Heft I).</li> - <li>Andante und Variationen für zwei Pianoforte.</li> - <li>Quartett für Pianoforte, Violine, Viola und Cello.</li> - <li>Dichterliebe aus dem Buche der Lieder von Heine (Schröder-Devrient).</li> - <li>Romanzen und Balladen (Heft II).</li> - <li>Das Paradies und die Peri von Th. Moore für Soli, Chor, Orchester.</li> - <li>Lieder und Gesänge (Heft II), komponiert 1842.</li> - <li>Ouvertüre, Scherzo und Finale für Orchester.</li> - <li>Romanzen und Balladen (Heft III).</li> - <li>Konzert für das Pianoforte mit Orchester.</li> - <li>Fünf Lieder von R. Burns für gemischten Chor.</li> - <li>Studien für den Pedalflügel.</li> - <li>Belsazar, Ballade von Heine.</li> - <li>Skizzen für den Pedalflügel.</li> - <li>Vier Gesänge für gemischten Chor.</li> - <li>Sechs Fugen über den Namen Bach für Orgel.</li> - <li>Zweite Symphonie (<span class="antiqua">C-Dur</span>).</li> - <li>Drei Gesänge für Männerchor.</li> - <li>Trio für Pianoforte, Violine und Cello (<span class="antiqua">D-moll</span>).</li> - <li>Romanzen und Balladen (Heft IV).</li> - <li>Ritornelle von F. Rückert für mehrstimmigen Männergesang.</li> - <li>Bilder aus Osten. Impromptüs für Pianoforte zu vier Händen.</li> - <li>Romanzen und Balladen für Chor (I. Heft).</li> - <li>Album für die Jugend.</li> - <li>Romanzen für Frauenstimmen (Heft I).</li> - <li><span class="pagenum"><a id="Seite_101"></a>[S. 101]</span> - Adagio und Allegro für Pianoforte und Horn.</li> - <li>Adventlied von F. Rückert für Sopran, Chor, Orchester.</li> - <li>Vier Fugen für Pianoforte (Carl Reinecke).</li> - <li>Phantasiestücke für Pianoforte und Klarinette.</li> - <li>Spanisches Liederspiel f. eine u. mehrere Stimmen m. Pianoforte.</li> - <li>Romanzen und Balladen für Chor (II. Heft).</li> - <li>Vier Märsche für Pianoforte.</li> - <li>Lieder und Gesänge (Heft III).</li> - <li>Vier Duette für Sopran und Tenor mit Pianoforte.</li> - <li>Liederalbum für die Jugend.</li> - <li>Zweites Trio (<span class="antiqua">F-Dur</span>).</li> - <li>Genoveva (Oper in vier Akten nach Tieck und F. Hebbel).</li> - <li>Waldscenen (Neun Klavierstücke).</li> - <li>Drei Gesänge.</li> - <li>Beim Abschied zu singen. (Lied f. Chor m. Instrumentalbegleitung).</li> - <li>Zwölf vierhändige Klavierstücke für kleine und große Kinder.</li> - <li>Konzertstück für vier Hörner und großes Orchester.</li> - <li>Der Handschuh (Ballade von Schiller).</li> - <li>Phantasiestücke für Pianoforte, Violine, Cello.</li> - <li>Sechs Gesänge von W. von der Neun (Jenny Lind).</li> - <li>Sechs Gedichte von Lenau und Requiem.</li> - <li>Romanzen für Frauenstimmen (Heft II).</li> - <li>Introduktion und Allegro. (Konzertstück für Pianoforte mit Orchester).</li> - <li>Motette „Verzweifle nicht“ von Rückert für doppelten Männerchor und Orgel.</li> - <li>Drei Romanzen für Hoboe und Pianoforte.</li> - <li>Drei Gesänge von Byron mit Harfe oder Pianoforte.</li> - <li>Lieder und Gesänge (Heft IV).</li> - <li>Dritte Symphonie (<span class="antiqua">Es-Dur</span>).</li> - <li><span class="antiqua">a</span>) Lieder aus „Wilhelm Meister“; - <span class="antiqua">b</span>) Requiem für Mignon für Soli, Chor, - Orchester.</li> - <li>Bunte Blätter (14 Stücke für Pianoforte). ††<a id="FNAnker_14" href="#Fussnote_14" class="fnanchor">[14]</a>.</li> - <li>Ouvertüre zur Braut von Messina für Orchester, kompon. 1851.</li> - <li> Minnespiel aus Rückerts Liebesfrühling für eine und mehrere Stimmen mit Pianoforte.</li> - <li>Fünf Stücke im Volkston für Cello und Pianoforte.</li> - <li><span class="pagenum"><a id="Seite_102"></a>[S. 102]</span> - Mädchenlieder von E. Kulmann f. zwei Soprane m. Pianoforte.</li> - <li>Sieben Lieder von E. Kulmann.</li> - <li>Sonate (<span class="antiqua">A-moll</span>) für Pianoforte und Violine.</li> - <li>Schön Hedwig (Ballade von Hebbel f. Deklamation u. Pianoforte).</li> - <li>Sechs Gesänge.</li> - <li>Nachtlied von Hebbel f. Chor u. Orchester. (Dem Dichter gewidmet.)</li> - <li>Ballscenen für Pianoforte zu vier Händen.</li> - <li>Drittes Trio (<span class="antiqua">G-moll</span>). Niels Gade zugeeignet.</li> - <li>Drei Phantasiestücke für Pianoforte.</li> - <li>Der Rose Pilgerfahrt (Märchen nach Moritz Horn für Soli, Chor, Orchester).</li> - <li>Märchenbilder (vier Stücke für Pianoforte und Viola).</li> - <li>Drei Lieder für drei Frauenstimmen m. Pianoforte, kompon. 1853.</li> - <li>Manfred (dramatisches Gedicht von Lord Byron).</li> - <li>Der Königssohn (Ballade von Uhland, für Soli, Chor, Orchester).</li> - <li>Vier Husarenlieder von Lenau.</li> - <li>Drei Klaviersonaten für die Jugend, komponiert 1853.</li> - <li>Drei Gedichte von S. Pfarrius.</li> - <li>Vierte Symphonie (<span class="antiqua">D-moll</span>).</li> - <li>Sonate (<span class="antiqua">D-moll</span>) für Violine und Pianoforte. - (Ferd. David.)</li> - <li>Ballade vom Haideknaben von Hebbel. Die Flüchtlinge von Shelley, für - Deklamation und Pianoforte.</li> - <li>Festouvertüre mit Gesang über das Rheinweinlied.</li> - <li>Albumblätter (20 Klavierstücke). ††</li> - <li>Fünf heitere Gesänge.</li> - <li>Sieben Klavierstücke in Fughettenform, komponiert 1853.</li> - <li>Lieder und Gesänge.</li> - <li>Ouvertüre zu Shakespeares Julius Cäsar.</li> - <li>Konzert (<span class="antiqua">A-moll</span>) für Cello mit Orchester.</li> - <li>Kinderball (sechs leichte Tanzstücke zu vier Händen, für Pianoforte, - komponiert 1853).</li> - <li>Phantasie für Violine mit Orchester oder Pianoforte (J. Joachim).</li> - <li>Märchenerzählungen (vier Stücke für Klarinette, Viola u. Pianoforte, - komponiert 1853).</li> - <li>Gesänge der Frühe (fünf Stücke für Pianoforte, kompon. 1853).</li> - <li>Konzert-Allegro mit Introduktion für Pianoforte mit Orchester, komponiert 1853, - (J. Brahms).</li> - <li>Gedichte der Königin Maria Stuart.</li> - <li>Ouvertüre zu Hermann und Dorothea. (Seiner lieben - Klara.)<a id="FNAnker_15" href="#Fussnote_15" class="fnanchor">[15]</a></li> - <li>Jagdlieder aus Laubes Jagdbrevier f. vierstimmigen Männerchor.</li> - <li><span class="pagenum"><a id="Seite_103"></a>[S. 103]</span> - Spanische Liebeslieder für eine und mehrere Stimmen mit Pianoforte zu vier Händen.</li> - <li>Des Sängers Fluch (Ballade nach Uhland, bearbeitet von R. Pohl für Soli, Chor, - Orchester).</li> - <li>Vom Pagen und der Königstochter (Balladen von Geibel, f. Soli, Chor, Orchester).</li> - <li>Vier doppelchörige Gesänge.</li> - <li>Vier Gesänge, komponiert 1842.</li> - <li>Das Glück von Edenhall (Ballade nach Uhland, bearbeitet von Hasenclever, für - Soli, Chor, Orchester).</li> - <li>Neujahrslied von Rückert, für Chor und Orchester.</li> - <li>Romanzen und Balladen für Chorgesang (III. Heft).</li> - <li>Romanzen und Balladen für Chorgesang (IV. Heft).</li> - <li>Messe für vierstimmigen Chor mit Orchester.</li> - <li>Requiem für Chor und Orchester.</li> -</ol> - -<p class="s5 center mtop1"><b>2. Unnumerierte Werke.</b></p> - -<ol class="unnumeriert"> - <li>Scenen aus Goethes Faust, für Soli, Chor, Orchester.</li> - <li>Der deutsche Rhein von N. Becker, für Soli, Chor, Orchester, komponiert 1840.</li> - <li>Soldatenlied von Hoffmann von Fallersleben. †</li> - <li>Scherzo und Presto für Pianoforte. †</li> - <li>Kanon über „An Alexis“ für Pianoforte. †</li> -</ol> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_12" href="#FNAnker_12" class="label">[12]</a> <span class="antiqua">op.</span> 1–23, ausschließlich zweihändige Klavierwerke.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_13" href="#FNAnker_13" class="label">[13]</a> Wo nichts weiteres angegeben ist, sind die Lieder -einstimmig mit Begleitung des Pianoforte.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_14" href="#FNAnker_14" class="label">[14]</a> Das Zeichen † bedeutet, daß die Entstehungszeit dieser, -im Texte nicht weiter berührten Komposition nicht bekannt ist, zwei ††, -daß das Werk aus mehreren zu verschiedenen Zeiten entstandenen Stücken -besteht.</p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_15" href="#FNAnker_15" class="label">[15]</a> Die Werke von <span class="antiqua">op.</span> 136 an sind erst nach Schumanns -Tode erschienen.</p> - -</div> - -</div> - -<p class="center padtop3"><em class="gesperrt">Ende.</em></p> - -<hr class="full" /> - -<div class="rek"> - -<div class="chapter"> - -<p class="s1 center mtop3 padtop1 bbd">Musiker-Biographien<br /> - -<span class="s7"><em class="gesperrt">aus Reclams Universal-Bibliothek</em></span></p> - -</div> - -<div class="blockquot"> - -<p><span class="s3">Auber.</span> Von <span class="s3">Ad. Kohut</span>. Bd. 17. Nr. 3389</p> - -<p><span class="s3">J. S. Bach.</span> Von <span class="s3">Rich. Batka</span>. Bd. 15. Nr. 3070</p> - -<p><span class="s3">Beethoven.</span> Von <span class="s3">L. Nohl</span>. Bd. 2. Nr. 1181/81 <span class="antiqua">a</span></p> - -<p><span class="s3">Bellini.</span> Von <span class="s3">Paul Voß</span>. Bd. 23. Nr. 4238</p> - -<p>Berlioz. Von Br. Schrader. Bd. 28. Nr. 5043</p> - -<p><span class="s3">Bizet.</span> Von <span class="s3">Paul Voß</span>. Bd. 22. Nr. 3925</p> - -<p><span class="s3">Brahms.</span> Von <span class="s3">Richard von Perger</span>. Bd. 27. Nr. 5006</p> - -<p><span class="s3">Cherubini.</span> Von <span class="s3">M. E. Wittmann</span>. Bd. 18. Nr. 3434</p> - -<p><span class="s3">Chopin</span>. Von <span class="s3">E. Redenbacher</span>. Bd. 30. Nr. 5327</p> - -<p><span class="s3">Cornelius</span>. Von <span class="s3">Edgar Istel</span>. Bd. 25. Nr. 4766</p> - -<p><span class="s3">Franz, R.</span> Von <span class="s3">R. Freiherrn Procházka</span>. Bd. 16. Nr. 3273/74</p> - -<p><span class="s3">Gluck.</span> Von <span class="s3">Heinrich Welti</span>. Bd. 9. Nr. 2421</p> - -<p><span class="s3">Götz, Herm.</span> Von<span class="s3"> G. R. Kruse</span>. Bd. 36. Nr. 6090</p> - -<p><span class="s3">Händel.</span> Von <span class="s3">Br. Schrader.</span> Bd. 19. Nr. 3497</p> - -<p><span class="s3">Haydn.</span> Von <span class="s3">Ludwig Nohl</span>. Bd. 3. Nr. 1270</p> - -<p><span class="s3">Liszt. 1. Teil.</span> Von <span class="s3">Lud. Nohl</span>. Bd. 4. Nr. 1661</p> - -<p><span class="s3">— 2. Teil.</span> Von <span class="s3">August Göllerich</span>. Bd. 8. Nr. 2392/92 <span class="antiqua">a</span></p> - -<p><span class="s3">Loewe.</span> Von <span class="s3">M. Runze</span>. Bd. 24. Nr. 4668</p> - -<p><span class="s3">Lortzing.</span> Von <span class="s3">H. Wittmann</span>. Bd. 11. Nr. 2634</p> - -<p><span class="s3">Mahler.</span> Von <span class="s3">Arthur Neißer</span>. Bd. 35. Nr. 5985/86</p> - -<p><span class="s3">Marschner.</span> Von <span class="s3">M. E. Wittmann</span>. Bd. 20. Nr. 3677</p> - -<p><span class="s3">Mendelssohn.</span> Von <span class="s3">Bruno Schrader</span>. Bd. 21. Nr. 3794</p> - -<p><span class="s3">Meyerbeer.</span> Von <span class="s3">Ad. Kohut</span>. Bd. 12. Nr. 2734</p> - -<p><span class="s3">Mozart.</span> Von <span class="s3">Ludwig Nohl</span>. Bd. 1. Nr. 1121</p> - -<p><span class="s3">Rossini.</span> Von <span class="s3">Adolf Kohut</span>. Bd. 14. Nr. 2927</p> - -<p><span class="s3">Anton Rubinstein.</span> Von <span class="s3">Nic. D. Bernstein</span>. Bd. 29. Nr. 5302</p> - -<p><span class="s3">Schubert.</span> Von <span class="s3">A. Niggli</span>. Bd. 10. Nr. 2521</p> - -<p><span class="s3">Schumann.</span> Von <span class="s3">Rich. Batka</span>. Bd. 13. Nr. 2882</p> - -<p><span class="s3">Spohr.</span> Von <span class="s3">Ludwig Nohl</span>. Bd. 7. Nr. 1780</p> - -<p><span class="s3">Strauß.</span> Von <span class="s3">F. Lange</span>. Bd. 31. Nr. 5462</p> - -<p><span class="s3">Verdi.</span> Von <span class="s3">Max Chop</span>. Bd. 32. Nr. 5595</p> - -<p><span class="s3">Volkmann.</span> Von <span class="s3">Hans Volkmann</span>. Bd. 33. Nr. 5753</p> - -<p><span class="s3">Wagner.</span> Von <span class="s3">Ludwig Nohl</span>. 2. Aufl. Bd. 5. Nr. 1700/1700 <span class="antiqua">a</span></p> - -<p><span class="s3">Weber.</span> Von <span class="s3">Ludwig Nohl</span>. Bd. 6. Nr. 1746</p> - -<p><span class="s3">Hugo Wolf.</span> Von <span class="s3">E. Schmitz</span>. Bd. 26. Nr. 4853</p> - -<p><span class="s3">Zelter.</span> Von G. <span class="s3">Rich. Kruse</span>. Bd. 34. Nr. 5815</p></div> - -<p class="s4 center btd mtop2">Näheres über Einbände und Preise enthält der neueste Katalog von -Reclams Universal-Bibliothek</p> - -</div> - -<div class="figcenter illowe40 noebook" id="backtitle"> - <img class="w100" src="images/backtitle.jpg" alt="" /> - <div class="caption">Original-Buchrückseite</div> -</div> - -<div style='display:block;margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHUMANN ***</div> -<div style='display:block;margin:1em 0;'>This file should be named 64151-h.htm or 64151-h.zip</div> -<div style='display:block;margin:1em 0;'>This and all associated files of various formats will be found in https://www.gutenberg.org/6/4/1/5/64151/</div> -<div style='display:block;margin:1em 0'> -Updated editions will replace the previous one—the old editions will -be renamed. -</div> - -<div style='display:block;margin:1em 0'> -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg™ electronic works in -accordance with this agreement, and any volunteers associated with the -production, promotion and distribution of Project Gutenberg™ -electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, -including legal fees, that arise directly or indirectly from any of -the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this -or any Project Gutenberg™ work, (b) alteration, modification, or -additions or deletions to any Project Gutenberg™ work, and (c) any -Defect you cause. -</div> - -<div style='display:block;font-size:1.1em;margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg™ -</div> - -<div style='display:block;margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. -</div> - -<div style='display:block;margin:1em 0'> -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg™’s -goals and ensuring that the Project Gutenberg™ collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg™ and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org. -</div> - -<div style='display:block;font-size:1.1em;margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -</div> - -<div style='display:block;margin:1em 0'> -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation’s EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state’s laws. -</div> - -<div style='display:block;margin:1em 0'> -The Foundation’s principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation’s web site and -official page at www.gutenberg.org/contact -</div> - -<div style='display:block;margin:1em 0'> -For additional contact information: -</div> - -<div style='display:block;margin-top:1em;margin-bottom:1em; margin-left:2em;'> -Dr. Gregory B. Newby<br /> -Chief Executive and Director<br /> -gbnewby@pglaf.org -</div> - -<div style='display:block;font-size:1.1em;margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -</div> - -<div style='display:block;margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. -</div> - -<div style='display:block;margin:1em 0'> -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state -visit <a href="https://www.gutenberg.org/donate/">www.gutenberg.org/donate</a>. -</div> - -<div style='display:block;margin:1em 0'> -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. -</div> - -<div style='display:block;margin:1em 0'> -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. -</div> - -<div style='display:block;margin:1em 0'> -Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. To -donate, please visit: www.gutenberg.org/donate -</div> - -<div style='display:block;font-size:1.1em;margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 5. General Information About Project Gutenberg™ electronic works -</div> - -<div style='display:block;margin:1em 0'> -Professor Michael S. Hart was the originator of the Project -Gutenberg™ concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg™ eBooks with only a loose network of -volunteer support. -</div> - -<div style='display:block;margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. -</div> - -<div style='display:block;margin:1em 0'> -Most people start at our Web site which has the main PG search -facility: <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. -</div> - -<div style='display:block;margin:1em 0'> -This Web site includes information about Project Gutenberg™, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. -</div> - -</body> -</html> diff --git a/old/64151-h/images/backtitle.jpg b/old/64151-h/images/backtitle.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 944988d..0000000 --- a/old/64151-h/images/backtitle.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/64151-h/images/cover.jpg b/old/64151-h/images/cover.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index b7e8b84..0000000 --- a/old/64151-h/images/cover.jpg +++ /dev/null |
