summaryrefslogtreecommitdiff
diff options
context:
space:
mode:
-rw-r--r--.gitattributes4
-rw-r--r--LICENSE.txt11
-rw-r--r--README.md2
-rw-r--r--old/63984-0.txt7069
-rw-r--r--old/63984-0.zipbin166986 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/63984-h.zipbin319188 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/63984-h/63984-h.htm9919
-rw-r--r--old/63984-h/images/cover.jpgbin100923 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/63984-h/images/end.jpgbin4582 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/63984-h/images/logo.jpgbin42036 -> 0 bytes
10 files changed, 17 insertions, 16988 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes
new file mode 100644
index 0000000..d7b82bc
--- /dev/null
+++ b/.gitattributes
@@ -0,0 +1,4 @@
+*.txt text eol=lf
+*.htm text eol=lf
+*.html text eol=lf
+*.md text eol=lf
diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt
new file mode 100644
index 0000000..6312041
--- /dev/null
+++ b/LICENSE.txt
@@ -0,0 +1,11 @@
+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
+
+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
+
+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
diff --git a/README.md b/README.md
new file mode 100644
index 0000000..595490f
--- /dev/null
+++ b/README.md
@@ -0,0 +1,2 @@
+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
+eBook #63984 (https://www.gutenberg.org/ebooks/63984)
diff --git a/old/63984-0.txt b/old/63984-0.txt
deleted file mode 100644
index 84a1b15..0000000
--- a/old/63984-0.txt
+++ /dev/null
@@ -1,7069 +0,0 @@
-Project Gutenberg's Aus Prager Gassen und Nächten, by Egon Erwin Kisch
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Aus Prager Gassen und Nächten
-
-Author: Egon Erwin Kisch
-
-Illustrator: Karl Kostial
-
-Release Date: December 8, 2020 [EBook #63984]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS PRAGER GASSEN UND NÄCHTEN ***
-
-
-
-
-Produced by Peter Becker, Jens Sadowski, and the Online
-Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp. net.
-This file was produced from images generously made available
-by The Internet Archive.
-
-
-
-
-
-
-
-
-
- Aus Prager
- Gassen und Nächten.
-
-
- Von
- Egon Erwin Kisch.
-
- Umschlagszeichnung
- von Karl Kostial.
-
- .. 2. Auflage ..
-
-
- 1912.
- Verlag von A. Haase, Prag,
- Wien, Leipzig.
-
-
- Die in diesem Buche enthaltenen Skizzen
- wurden größtenteils 1910 und 1911 geschrieben.
-
- Übersetzungsrecht vorbehalten.
-
-
- Vom Autor erschien ferner:
-
- Vom Blütenzweig der Jugend Leipzig 1902.
- Der freche Franz und andere Geschichten Berlin 1906.
-
-
- K. u. k. Hofbuchdrucker A. Haase, Prag.
-
-
-
-
-
-
- Der Clamsche Garten 1
- Die Gemeindetruhe 6
- Verzehrungssteuer 10
- Floßfahrt 14
- Gäste der Polizei 23
- Café Kandelaber 27
- Geschichten vom Brückenkreuzer 31
- Der Chef der Prager Detektivs 35
- Der Mann mit der Straßenspritze 39
- Eine Nacht im Asyl für Obdachlose 43
- Das Lied vom Kanonier Jaburek 52
- Die Erlaubnis zum Fußballspiel 56
- Bei „Antouschek“, dem Wasenmeister 59
- Razzia 65
- Die Zwangsarbeitsanstalt auf dem Hradschin 71
- Theatervorstellung der Korrigenden 75
- Das Märchen vom Mistwagen 80
- Weihnachtsmarkt 84
- Wie ich aus dem Rathause hinausgeworfen wurde 89
- Prager Ziehung 93
- Die Irren 101
- Volksküchen 106
- Ein tadelnder Ballbericht 111
- Von Feilbietungen, Auktionshallen und vom Chabrus 115
- Die Verhaftung 125
- Drehorgelspieler 130
- Die Gifthütte 136
- Karl May in Prag 141
- Polizeimuseum 144
- Unter Statisten 151
- Der Dichter der Vagabunden 158
- Arrestgebäude 166
- Alt-Prager Mensurlokale 170
- Prags Erwachen 175
- In der Wärmestube 179
-
-
-
-
- Der Clamsche Garten
-
-
-Westend von Prag. Endstation der Elektrischen, die Smichow und
-Koschiř durchquert.
-
-Über dem Gittertor steht die Aufschrift „Klamovka“ mit so großen
-Goldbuchstaben, daß jeder erkennen müßte, die hohe, von blütenschweren
-Bäumen überdachte Mauer umschließe keine öffentlichen Anlagen, keinen
-Privatpark. Es ist offenbar ein Wirtshausschild, das dringlich zum
-Eingange lädt. Aber das Tor ist versperrt, und keine Klingel ist
-vorhanden, die einen öffnenden Pförtner herbeizurufen vermöchte. Und
-selbst wenn man in der abzweigenden Weißbergstraße das offenstehende
-Seitentürchen entdecken, durch dieses eintreten und die Stiegen zum
-Garten hinaufschreiten würde, so müßte man umkehren, denn ein Zettel
-verwehrt strenge dem Fremden den Eintritt. Der abweisende Inhalt des
-kleinen Zettels auf dem Seitentor kontrastiert mit der einladenden
-Aufschrift der großen Tafel auf dem Haupttor. Sodaß man doch in Zweifel
-gerät, ob hier ein Wirtshausgarten oder ein Herrschaftspark sei.
-
-Beides oder keines von beiden. Früher haben Grafen und Gräfinnen hier im
-Clamschen Garten auf schattigen Kieswegen lustwandelt. Aber später wurde
-der gräfliche Park an einen bürgerlichen Gastwirt verkauft, und der
-baute in der Mitte des Gartens ein Gasthaus mit einem Tanzsaal.
-
-Nun aber wird hier auch nicht mehr getanzt. Seit heuer. Noch im vorigen
-Jahr war die „Klamovka“ am Sonntag nachmittag ein Wallfahrtsort der
-Dienstmädchen, der Burschen und Mädchen aus dem Volke, und oben im Saale
-wurden bis spät in den Abend Quadrillen und Walzer getanzt, besonders
-schlürfend der Sechsschrittwalzer, der im Volksmund „Na šest“ heißt,
-dessen charakteristisches Merkzeichen die langgezogenen, langsamen
-Schritte bei der Linksdrehung sind, und bei dem man in erheuchelter oder
-echter Verzückung die Augen zu schließen hat. In den Pausen aber gingen
-die Liebespaare, sich umschlungen haltend, hinunter in den Garten, in
-dem die hohen Christusakazien, die duftenden Syringensträucher, die
-schattigen Kastanienbäume, die silberglänzenden Rotbuchen, die dichten
-Ahornsträucher und die verzweigten Hagedornbüsche in Blüte standen. Wenn
-auch die Blütenpracht von den Liebespaaren wohl kaum eines Blickes
-gewürdigt worden ist — der Einfluß des Milieus muß doch im
-Unterbewußtsein seinen Nachhall geweckt haben, dem Frühling der Herzen
-muß es doch inmitten des Frühlings der Natur am wohlsten gewesen sein.
-Sonst wären die jungen Leute doch in nähere Sonntagstanzlokale gezogen,
-wie in das Weinberger Bräuhaus, in das Gasthaus „Na Slovanech“ auf dem
-Karlsplatz, wo der Wirtsgarten nur aus paar verkrüppelten Bäumen
-besteht. Doch dort war’s nie so voll wie in der „Klamovka“.
-
-Zwölf Jahre tanzte man hier. Am Anfang schien es, als wolle sich das
-entlegene Tanzlokal nicht einbürgern, und der alte Hlavaček, der für
-den Ankauf des Gartens und für die Aufführung des Wirtshausbaues sein
-Vermögen verwendet hatte, schoß sich aus Verzweiflung eine Revolverkugel
-ins Herz. Sein Sohn aber hatte mehr Glück und allsonntäglich war es voll
-im Clamschen Garten.
-
-Vor zwei Jahren aber haben die Barmherzigen Brüder den herrlichen Garten
-gekauft, um in ihrem menschenfreundlichen Wirken keine Stockung
-eintreten zu lassen, falls ihr jetziges Spitalsgebäude in der Josefstadt
-als Opfer der Assanierung fallen würde. Von heuer ab bleibt das Gasthaus
-unvermietet und das Gartentor steht geschlossen. So werden die
-Nachfolger der Liebespaare, die sich hier im Garten ihrer Jugend
-freuten, die bleichen Kranken sein, die humpelnd oder in Rollwägelchen
-wehmütig den Glanz der Blumen betrachten und den Duft der Blüten atmen
-werden. Es kann sein, daß vielleicht einmal ein alter Patient oder ein
-krankes Mütterchen, den Garten betretend, schwermütig lächeln werden,
-weil sie in diesem Garten, der nun ihr Krankenasyl sein soll, in der
-schönsten Zeit ihres Lebens viel geweilt haben und seither nicht mehr.
-So wird ihnen doppelt wehe ums Herz sein. Aber das Gefühl wird kein
-bedauerndes sein. Denn auf der „Klamovka“ ging es nicht ausschweifend
-zu, wie z. B. in einer unmittelbar benachbarten Gartenwirtschaft, welche
-heuer als Erbe der „Klamovka“ die Koschiřer Jugend übernommen hat und
-auf deren Usancen ein Mordprozeß des vergangenen Jahres ein böses Licht
-warf. Auf der „Klamovka“ gab es nie eine „parta“, wie die Platten im
-Prager Vorstadtjargon heißen. Hier hatte fast jedes Mädchen bloß einen
-ständigen Tänzer, den Liebhaber. Wenn der gewechselt wurde, gab es
-stumme Katastrophen.
-
-So hat beispielsweise einmal ein Artillerie-Freiwilliger hier Unheil
-angerichtet. Der hatte richtig kalkuliert, daß seine schmucke Uniform
-ihm hier ein siegendes Liebesglück verschaffen müsse, und war in den
-Clamschen Garten gefahren. Sein Eintritt in den Saal war eine Sensation.
-Hierher, wo schon die Uniform eines Infanterie-Pferdewärters auf die
-unbefangenen Mädchenherzen elektrisierend einwirkte, kam ein
-Einjährig-Freiwilliger mit tadellosem Scheitel, blanken Lackkanonen,
-silbernen Salonsporen, hellblauen Kammgarnhosen, dunkelbraunem
-Waffenrock mit dem verschnürten Schützenzeichen und einem
-vorschriftswidrigen Flitterstern auf dem feuerroten Kragen! Er kam in
-den Saal und musterte die Paare kritischen Blickes. Dann wählte er sich
-ein Mädel zum Tanz, ein Mädel, dem die Stammgäste prophezeiten, daß es
-gar bald von der blonden Jarmila den von allen angestrebten Titel
-„Hvězda Klamovky“, des Sterns des Clamschen Gartens, erben werde. Er
-tanzte, tanzte wieder, und der junge Monteur, der bis zur Stunde der
-Liebhaber der Kleinen gewesen war, der tanzte nicht. Der saß in dem
-Saalteile, der durch Säulen vom Tanzsaale geschieden und für die
-Biertische reserviert war. Als es 8 Uhr und gerade eine Tanzpause war,
-ging er zu dem Mädel, das mit dem goldstrotzenden Galan promenierte.
-
-„Komm’ nach Hause, Božena.“
-
-„Ich will nicht.“
-
-„Ich muß doch um 9 Uhr im Elektrizitätswerk sein. Sonst wirft man mich
-hinaus.“
-
-„Dann wird man dich eben hinauswerfen.“
-
-„Du weißt doch, daß mein Vater beim Bürgermeister war, damit ich die
-Stelle bekomme.“
-
-„Ich halte dich nicht. Du kannst ja gehen.“
-
-Den letzten Satz sprach sie schon davontanzend, denn die Musik hatte das
-tschechische Volkslied begonnen, das an zwei blaue Augen die Frage
-richtet, warum sie voll Tränen seien. Der Monteur empfindet das
-Schmerzliche des letzten Satzes doppelt schmerzlich, weil es im Arme des
-anderen gesagt worden ist. Er fühlt, daß das Mädel, indem sie ihn
-abwies, dem anderen eine Liebeserklärung gemacht hat. Fühlt, daß sich
-jetzt die zwei fester aneinander schmiegen und vielleicht über ihn, den
-heimgeschickten Dritten lächeln. Der Bursch geht zu seinem Platz zurück
-und ist blaß.
-
-Allein fortgehen kann er nicht, trotzdem die Božena das behauptet
-hat. Sonst geht das Mädel mit dem Kanonier nach Hause, und dann lächeln
-die zwei nicht mehr, sondern sie lachen. Noch mehr Leute, die Stammgäste
-der „Klamovka“ würden alle lachen über „křen“, den Wurzen, der ein
-Mädel zum Tanz führt, damit dieses mit einem anderen nach Hause gehen
-könne. So bleibt der junge Monteur sitzen bis 9 Uhr (die Stunde, zu der
-er bei der Kontrolluhr im Elektrizitätswerk sein soll) längst vorbei
-ist. Er sitzt blaß beim Bier und möchte sichs nicht anmerken lassen, wie
-sehr ihm die Musik in das Herz schneidet, die seinem Mädel zum Tanz mit
-einem anderen aufspielt. So wiederholt er sich die Worte, die ihm ein
-Freund im Vorbeigehen tröstend zugerufen: „Was liegt an einem Mädel!“
-Spät abend geht er mit der Božka nach Hause. Er weiß gar wohl, daß
-sie sich für morgen ein Stelldichein mit dem Freiwilligen verabredet
-hat, er weiß gar wohl, daß jetzt alles aus ist. Er hat aber wenigstens
-die Blamage verhütet, er begleitet wenigstens das Mädel nach Hause, mit
-dem er gekommen war. Mag es ihn immerhin seine Stellung gekostet haben!
-
-Es war zum letztenmale, daß er mit Božka heimging. Es war zum
-letztenmale, daß er auf der „Klamovka“ getanzt hat. Auch wenn das breite
-Gittertor nicht verschlossen wäre, würde er nicht mehr hingehen. Er
-verkehrt jetzt in anderen Lokalen. Fast täglich mit einem anderen Mädel.
-Und wenn jetzt jemand seine Begleiterin verlangend mustert, dann muntert
-er sie noch auf, den Blick zu erwidern. Er hat auch gar nichts dagegen,
-wenn sie jetzt mit jemandem den ganzen Abend tanzt, ja selbst wenn sie
-dann mit dem anderen nach Hause geht. Er fürchtet nicht mehr, als
-„křen“ zu gelten. Er will nur Geld haben. „Was liegt an einem Mädel!“
-Das Wort, mit dem er sich damals zu trösten versuchte, ist seine
-Lebensmaxime geworden ...
-
-Eine Pointe hat die Geschichte nicht. Es sei denn, man wollte es
-vielleicht als Pointe ansehen, daß an manchen Abenden auch die Božka
-(die ginge übrigens heute auch nicht mehr auf die „Klamovka“) zu seiner
-Klientel zählt. Der Artillerie-Freiwillige tanzt aber schon lange nicht
-mehr mit ihr.
-
-Das war so einer von den kleinen Romanen, die im Clamschen Garten
-begonnen haben. Sie stehen nirgends verzeichnet und jeder der Besucher
-kannte nur einen solchen Roman. Und wenn man die Sehenswürdigkeit des
-Gartens zeigt, so weist man auf das „Himmelchen“, einen runden,
-entzückenden Kapellenbau, durch dessen sternförmige Öffnungen in der
-Wölbung das Himmelslicht strahlt, so zeigt man den hübschen Eselsstall,
-so zeigt man den aus Stein gemeißelten Pferdetrog, der auf einem mit
-einem steinernen Zaumzeug gemeißelten Sockel steht und ein Denkmal für
-des Grafen Clam-Gallas Schlachtroß „Cassil“ darstellt, so zeigt man den
-Platz, auf dem Prinz Wilhelm von Auersperg an einem Maitage vor
-vierunddreißig Jahren im Duell sein Leben ließ. Aber man zeigt nicht die
-Sträucher, in denen mancher junge Mensch seinen Liebesgram ausgeweint
-hat, man zeigt nicht die Stelle, von der aus der blasse Monteur seinem
-davontanzenden Liebesglück nachblickte.
-
-
-
-
- Die Gemeindetruhe
-
-
-Die Einführung der Gemeindetruhe sei den Kommunalbehörden aller
-Weltstädte ans Herz gelegt. Nicht etwa, daß diese Empfehlung meinem
-ausgeprägten Lokalpatriotismus oder irgend einem anderen Gefühle
-entspringen würde. Persönliche Beziehungen verknüpfen mich mit der
-Gemeindetruhe nicht. Ich kann auch aus eigenem nichts über das Innere
-dieses hermetisch verschlossenen Verkehrsmittels sagen. Aber es ist ganz
-hübsch. So sagt mein Freund Franta Cuček, der in der Gemeindetruhe
-geboren wurde, schon oft in ihr nach Hause gefahren ist und auch
-mutmaßlich einst mittels dieses Vehikels in die „Pathologie“ geschafft
-werden wird. Der kennt das „Etui“, wie er es in dem Tonfall der
-tschechisch-französischen Verbrüderung ausspricht, in- und auswendig.
-Von weitem und um die Ecke erkennt er, welche Nummer jene Truhe hat, die
-da herangerasselt kommt, um irgend einen Gast unseres Stammlokales nach
-Hause zu befördern. Ohne je den Zettel zu betrachten, der an der
-Rückseite des Korbes baumelt und eine rote Ziffer — die Wagennummer —
-trägt.
-
-Daß Franta Cuček die Lenker des Gefährtes kennt, ist ganz natürlich.
-Er steht mit allen auf Du und Du und sein „Serbus“ wird von dem
-menschlichen Zweigespann mit gleicher Herzlichkeit erwidert. Aber diese
-private Freundschaft hat natürlich nicht etwa zur Folge, daß Franta den
-Lenkern bei der Ausübung ihrer Berufspflicht irgendwelche
-Erleichterungen gewähren würde. Dienst ist Dienst. Es ist ein schöner
-Zug im Leben Frantas, daß er einmal einem dieser Automedonten, dem Jaro
-Roztopil, mit dem er selbst treu befreundet war, das linke Auge
-ausgeschlagen hat, als dieser ihn in den Korb zu betten versuchte.
-Trotzdem das linke Auge für jeden Menschen im Sommer nur eine unnötige
-Mehrbelastung des Körpergewichtes darstellt, trotzdem das linke Auge zum
-ehrsamen Gewerbe des Gemeindetruhenwärters nicht unbedingt erforderlich
-ist und trotzdem Jaro Roztopil anläßlich dieser in Ausübung der
-Berufspflicht erlittenen Wunde aus dem Stadtsäckel ein Schmerzensgeld
-erhalten hat, lassen es seither die beiden Truhenmänner nicht mehr auf
-die Betätigung von Frantas Unparteilichkeit im Dienste ankommen. Sobald
-sie an den Ort kommen, auf welchen man sie begehrt, und sehen, daß
-Franta Cuček zu ihrem Passagiere auserkoren ist, dann eilen sie mit
-unheimlicher Schnelligkeit auf ihn zu und umklammern aus einem nicht in
-die Augen springenden Grunde seine vier Gliedmaßen mit gußeiserner
-Gewalt. Der eine hält Frantas rechten Arm und den rechten Fuß, dem
-anderen ist die ehrenvolle Aufgabe zugewiesen, mit den linken Gliedmaßen
-ein Gleiches zu tun. Oh, Franta Cuček wehrt sich noch immer nach
-Leibeskräften, aber es hilft ihm nicht mehr viel. Er fällt, wie einst
-Cäsar von Brutus Hand, von den Händen seiner Freunde. Er fällt in die
-Truhe, ohne daß er im Kampfe mit seinen Widersachern siegreich geblieben
-wäre. Sein einziger Erfolg ist höchstens, daß er manchmal einen Fuß aus
-der Umklammerung der beiden befreit und einem von diesen durch einen
-Tritt die Uniform beschmutzt hat.
-
-Ach, die Uniform der Gemeindetruhenwärter! Wer kennte sie nicht, diese
-Livree: Die fesche Bluse aus blauweißer Leinwand, der nur im Winter
-durch ein einfaches braungestricktes Cachenez verhüllte Hals, die hohen
-Kanonenstiefel und die Eishackerhosen, die Ledermütze von
-undefinierbarer Farbe mit dem blechernen Wappen der königlichen
-Hauptstadt darauf — gibt es etwas Einfacheres, etwas Schöneres? Ist das
-nicht schöner als der blaue Frack, den man in Wien vor kurzem als
-Festkleidung für die Magistratsfunktionäre bestimmt hat?
-
-Übrigens sei erwähnt, daß die Chauffeure der Gemeindetruhe ihre Uniform
-in Ehren tragen. Ihre Aufgabe ist schwer, aber sie erfüllen sie gut.
-Nicht nur dann, wenn sie ihren Passagieren à la Franta beim Einsteigen
-in die Karosserie behilflich sind, sondern auch beim Entladen des
-Korbes. Dieses Entladen ist, da die Seitenwände des Korbes nicht
-heruntergeklappt werden können, sondern fix sind, nicht so einfach, als
-sich ein Laie auf dem Gebiete des modernen Verkehrswesens denken würde.
-Aber das Problem wird dennoch auf findige Weise gelöst. Indem man die
-Truhe zu einem Tobogan umwertet. Wenn nämlich die Truhe an ihrem
-Endziele, dem Hof des Arrestgebäudes angelangt ist, so wird sie derart
-aufgestellt, daß der Korb windschief auf den Rädern ruht und die Füße
-des Etui-Inhaltes nach unten zu gerichtet sind. Nun klappen die aurigae
-den Deckel auf, heben die Beine ihres Pflegebefohlenen in die Höhe und
-schieben dessen Rumpf längs der schiefen Ebene so weit hinab, bis die
-Beine des Passagiers über die untere Wand des Korbes ragen. Dann tritt
-man auf die Füße des Korbinsassen, diese senken sich zu Boden, und der
-Passagier steht vertikal auf Mutter Erde. Ein sichernder Druck auf den
-Rücken hindert ihn an dem Rückfall in das Vehikel.
-
-In noch zarterer Weise ist man jenen Passagieren beim Aussteigen
-behilflich, deren Reiseziel nicht der Hof des Polizeigefangenhauses,
-sondern der Flur des Krankenhauses ist. Denn auch solche gibt es. Wenn
-jemand auf der Straße überfahren wird und mit gebrochenem Schenkel
-daliegt, wenn jemand von Krämpfen oder von Blutsturz befallen wird, so
-holt ihn, wenn ihn nicht inzwischen der Teufel geholt hat, nach sehr
-geraumer Zeit die Gemeindetruhe ab und führt ihn ins Spital, wo er in
-den meisten Fällen noch lebend ankommt. Das ist das einzige, was Franta
-Cuček gegen die Gemeindetruhe einzuwenden hat. Das ist auch wirklich
-ein Mißbrauch dieses Vehikels. Wie kommen jene Leute, die Zeit und Geld
-für Alkohol geopfert und sich so mühselig das Anrecht auf die
-unentgeltliche Beförderung in diesem städtischen Fahrzeuge erworben
-haben, dazu, dieses Recht mit jedem ixbeliebigen auf der Straße ganz
-unabsichtlich und ganz zufällig erkrankten Menschen zu teilen? Geradezu
-unappetitlich ist das! Aber das ist der einzige Fehler des Etuis und
-dieser Fehler vermag die Liebe Cučeks zu seinem Fahrzeug nicht zu
-erschüttern. Und wenn er auch immer wieder von seinen Ausflügen per
-Schub nach Prag zurückbefördert wird — er empfindet es nicht
-unangenehm. Denn Prag ist die angestammte Heimat der Gemeindetruhe.
-
-Ja, anderswo gibt es so etwas nicht. Man läßt zwar auch in anderen
-Städten die Leichen, die Bierleichen und die prosaisch Erkrankten nicht
-unbemerkt bis zu ihrer Auferstehung auf der Straße liegen. Aber in den
-anderen Weltstädten gibt es Räderbahren, bei denen die beiden Holme
-verschiebbar und die Füße der Bahre (nicht, wie in Prag, die des
-Kranken) umgeklappt werden können. Die Bahre dieser Transportmittel
-ausländischer Provenienz wird am Endziel der Reise einfach vom
-Rädergestell abgehoben — ein ungeheurer Nachteil, weil die Prager
-Entlade-Prozedur „System Rutschbahn“ dadurch unmöglich wird. Auch
-besitzen die auswärtigen Bahnen keinen Deckel, sondern ein zum Abknöpfen
-eingerichtetes Plantuch, das dem Kranken das Hinausblicken auf die
-Straße gestattet, aber es den Passanten verwehrt, das Gesicht des
-Patienten zu sehen. Daß dies eine Verletzung der Gleichberechtigung ist,
-liegt klar auf der Hand. Aber was kann man auch von einer Truhe
-verlangen, die keine Truhe ist!
-
-Es gibt eben nur ein Prag, es gibt eben nur eine Gattung von
-Gemeindetruhen. Nur schade, daß es nur den breiteren Volksschichten
-möglich ist, dieses ebenso vornehme, wie praktische Straßenfahrzeug zu
-benützen. Warum könnte man nicht die Droschken und Fiaker durch
-Gemeindetruhen erster und zweiter Güte ersetzen? Sogar zu Gummiradlern
-könnte man die Gemeindetruhen umgestalten. Auf dem Josefsplatze stehen
-die Automobildroschken unbenützt. Würde man hier nicht auf dieser Stelle
-(vor dem Repräsentationshaus) einen Standplatz für Gemeindetruhen mit
-mehr Erfolg errichten können? Ich glaube nicht, daß ein Einheimischer
-oder ein zufälliger Fremder der Versuchung widerstehen könnte, wenn ihm
-aus dem Munde von Etui-Chauffeuren die einladenden Rufe entgegenschallen
-würden: „Gemeindetruhe gefällig?“, „Fahr’n m’r Euer Gnad’n?“ und
-„Einsteigen, meine Herrschaften, einsteigen!“
-
-
-
-
- Verzehrungssteuer
-
-
-„L’octroi, s’il vous plaît.“
-
-Der städtische Verzehrungssteuerbeamte am Bahnhofsausgang in Paris
-spricht diesen höflichen Satz in höflichem Ton, fast entschuldigend. So
-höflich, daß in dem Fremden gar nicht die Befürchtung wachgerufen wird,
-er werde jetzt Koffer und Kolli öffnen und nach Nahrungsmitteln und
-Getränken durchsuchen lassen müssen. Den Fremden aber, der dennoch auf
-die Vermutung kommen würde, daß die höfliche Frage bitterbös gemeint
-sei, beruhigt der Baedeker vollkommen: „Die Kontrolle, die auf dem
-Bahnhof stattfindet, erledigt sich für die Fremden in der Regel durch
-die Erklärung, daß man nichts Steuerpflichtiges bei sich führe.“
-
-Prag ist, wie hier ausdrücklich festgestellt sei, nicht Paris. In Prag
-darf der Fremde — wenn einen solchen vielleicht widrige Winde von der
-Route des internationalen Fremdenverkehres in unsere gastliche Stadt
-verschlagen würden — den Bahnhof ungehindert verlassen. Die höfliche
-Vorstellung des Oktroi-Beamten bleibt dem Ankommenden erspart. Aber wenn
-er ahnungslos, den Koffer in der Hand, dem Hotel zustrebt, muß er sich
-über den Mann entsetzen, der mit einer Harpune in der Rechten, in
-kriegerischer Uniform, an irgend einer Wegkreuzung aus dem Hinterhalte
-auf ihn zuspringt und ihm in einer Weise Halt gebietet, die selbst den
-Marschall Vorwärts zum Stehen gezwungen hätte.
-
-Und mit dem bloßen Schrecken kommt man nicht davon. Der Koffer muß
-geöffnet werden, auch wenn der Reisende tausendmal beteuern würde, daß
-er den Kofferschlüssel nicht bei sich trage, da diesen seine Frau in
-ihrer Handtasche schon tags vorher nach Prag genommen habe, auch wenn er
-zehntausendmal beeiden und durch Zeugen erhärten würde, daß der Koffer
-weder einen Apfel, noch ein Kognakfläschchen, sondern bloß Wäsche und
-nichts als Wäsche enthalte. Der Prager Baedeker müßte bemerken, daß die
-Bediensteten der Verzehrungssteuer hier in ihrem Pflichteifer vor keiner
-Mühe — des Fremden zurückschrecken. Im Prager Baedeker könnte dem
-Reisenden empfohlen werden, sich auf empirischem Wege von dem
-Pflichteifer der Akzise-Bediensteten zu überzeugen. Zum Beispiel so: Man
-lege eine Zündhölzchenschachtel, die man vorher mit Spagat kreuz und
-quer verbunden und hernach vierfach versiegelt hat, auf die offene
-Handfläche und versuche, sich aus der Parkstraße durch den gegenüber dem
-Staatsbahnhofe gelegenen Eingang in den Stadtpark zu begeben. Auf die
-forschende Frage des Akzisaken erwidere man, man kenne den Inhalt der
-Schachtel nicht. Ein alter Onkel habe sie dem Überbringer mit dem
-strikten Auftrag anvertraut, sie erst nach seinem Tode zu öffnen. Der
-Verkehrsbedienstete wird unnachsichtlich den Schachtelträger entweder zu
-dem Akzisgebäude an der Ecke der Bolzanogasse oder zu jenem gegenüber
-dem Neuen deutschen Theater weisen, wo sich das Frage- und Antwortspiel
-wiederholen und nachher die verdächtige Schachtel geöffnet werden wird.
-Man weide sich sodann an dem Gesichte der Beamten beim Anblick der in
-der Schachtel befindlichen Zündhölzchen.
-
-Viel leichter ist es, ein lebendes Schwein an dem uniformierten Argus
-vorbeizuschaffen, als eine Streichhölzchenschachtel. Das lehrt die
-Geschichte jener Wette, die vor etlichen Jahren in einem Gasthause in
-Dejwitz geschlossen und damals viel besprochen worden ist: Ein Dejwitzer
-Fleischhauer hatte mit einem Gastwirte gewettet, daß er ohne Wagen mit
-einem großen lebenden Schwein die Tor-Akzise des Bruskatores passieren
-werde. Der Fleischhauer erklärte das Schwein und 40 Kronen, der Wirt den
-Kaufpreis für das Schwein und zwei Hektoliter Bier als Einsatz. Der
-Fleischer stand auf und ging in seinen Laden. Hier packte er seinen
-großen Hund, band ihm das Maul zu und steckte ihn in einen
-mächtigen Sack. Dann ging er zum Bruskator. Auf die Frage des
-Verzehrungssteuer-Bediensteten erwiderte er, scheinbar ein Lachen
-verbeißend: Er trage seinen Fleischerhund, der Anzeichen von Tollwut
-zeige, zum Tierarzt. Der Torwächter schenkte dieser plumpen Ausrede kein
-Gehör und band den Sack auf. Im selben Augenblicke sprang der
-eingesackte Hund, der vielleicht auch die Befürchtung seines Herrn
-verstanden hatte, aus dem Sacke und jagte mit Riesensätzen zurück, den
-heimischen Fleischtöpfen zu.
-
-„Sie sind daran Schuld. Das größte Unglück kann jetzt geschehen!“ Diese
-Worte schrie der Fleischer dem pflichttreuen Bediensteten, der vor dem
-Bruskator, wie das bekannte Haustier vor dem neugemalten Haustor stand,
-erregt zu und rannte dem „tollen“ Hunde nach. Zu Hause band der
-Fleischer seinem größten Schwein den Rüssel zu und steckte es in den
-Sack. Dann ging er in das Gasthaus, in dem die Zeugen der Wette
-versammelt waren. Er zeigte ihnen den Inhalt des Sackes, nahm diesen
-huckepack auf den Rücken und forderte die Gesellschaft auf, ihm
-unauffällig in beträchtlicher Distanz zu folgen. Beim Bruskator warf er
-dem noch immer bestürzten Akzismann einen verachtungsvollen Blick zu und
-sprach kein Wort. Der Wächter erst recht nicht. So ging der Fleischer
-ruhig über die Verzehrungssteuerlinie und am Abend wurde bei
-Schweinsbraten und bei zwei Hektolitern Bier das Schwein des
-Fleischhauers jubelnd erörtert.
-
-Nicht nur von Schwein, sondern auch von Pech wissen die Bewohner der
-Oktroi-Häuschen ein trauriges Liedchen zu singen. War da einmal in Prag
-ein junger Schauspieler — heute wirkt er in Hamburg — dessen
-Spezialität die Darstellung von Paralytikern war. Der hatte einst den
-Entschluß gefaßt, den Wächtern einen Schabernack zu spielen. Mit einem
-großen Paket unter dem Arm, in respektvoller Entfernung von einer
-eingeweihten Freundesschar gefolgt, versuchte er es, sich an dem
-Verzehrungssteuerkontrollor unterhalb des Belvedere vorbeizuschleichen.
-Dieser aber packte den ertappten Schmuggler, und dieser begann sofort zu
-winseln und den Paralytiker zu spielen. „Hab’ ich ein Pech, hab’ ich ein
-Pech,“ wiederholte er schluchzend, und auf die Frage nach dem Inhalt
-seines Pakets hatte er keine andere Antwort. Bis es dem Bediensteten zu
-bunt wurde, er den Deckel des Pakets aufhob und mit schnellem Griff in
-das Innere fuhr. Über und über mit Pech bedeckt war seine Hand, als er
-sie herauszog. „Habe ich Ihnen nicht gesagt, daß ich Pech hab’,“ sagte
-der Paralytiker, der plötzlich wieder normal geworden war, und lächelte
-infam und schadenfroh darüber, daß auch einmal ein anderer „Pech gehabt“
-hatte.
-
-Ein übler Streich, der in den Tagen des Hagenbeckschen Besuches der
-Aktualität nicht entbehrt, wurde vor wenigen Jahren dem Manne gespielt,
-der am Ende des Wenzelsplatzes auf Nahrungsmittelschmuggler zu warten
-hat. An einem Winterabend, gegen 9 Uhr fuhr ein Möbelwagen aus der Stadt
-Weinberge gegen Prag. Auf Anruf des Akzisbediensteten ließ der Kutscher
-die Pferde stoppen. Als aber der Mann seines Amtes walten wollte, trat
-ein Herr, der den Wagen begleitete, auf ihn zu und bat, dies möge
-unterlassen werden, da der Inhalt nicht ungeldpflichtig sei und eine
-Überraschung darstelle. Der Verzehrungssteuer war aber unerbittlich und
-nach längerem Hin- und Herreden öffnete er selbst die Türe des
-Möbelwagens. In demselben Augenblick sprangen aus diesem Wölfe, Bären,
-Löwen, Tiger und Leoparden mit ohrenbetäubendem Gebrüll heraus. Der
-biedere Wächter sprang entsetzt zurück und streckte seine einzige Waffe,
-den Bratspieß, mit dem er ansonsten friedlich unter die Sitze der
-Equipagen und Straßenbahnwaggons, in die Rückenkörbe der Weiber und in
-die Heu- oder Kohlenladung der Lastwagen zu stochern pflegte, abwehrend
-von sich. Aber der Gebrauch der Waffe war nicht nötig, denn die Bestien
-kehrten nach kaum einer Minute wieder zurück — es war eine
-Künstlergesellschaft, die als Menagerie zu einem Maskenball nach Prag
-fuhr. Der Verzehrungssteuerbedienstete atmete hörbar auf.
-
-Auf verschiedene Weise wurden die Leute geprellt, denen die Aufgabe
-obliegt, für die Lebensmittelteuerung zu sorgen. Sie waren nicht nur die
-Zielscheibe von Scherzen und Wetten, sondern auch von vielen
-Schmugglertricks. Aber die gelungensten dieser Gaunerstreiche sind nicht
-bekannt. Weil sie eben gelungen sind.
-
-
-
-
- Floßfahrt
-
-
- _Wittenberg_, den 1. Juli 1910.
-
-In Prag hatte unser Floß fünf Tage lang Haft halten müssen. Mit schweren
-Ketten gefesselt lag es im Smichower Floßhafen. In den Gegenden am
-Oberlauf der Moldau, an der Maltsch und der Luschnitz ließ es nicht ab
-zu regnen, und auf der Moldau war Hochwasser. Wegen der Gefährlichkeit
-und wegen der Anordnungen der Strompolizei — oder eigentlich nur wegen
-dieser — durfte man nicht abfahren. Aber dann sank der Moldauspiegel
-auf 60 Zentimeter über der Normale — die Grenze des Erlaubten. So
-fuhren wir.
-
-Das Floß war prachtvoll. Keine dünnen Stöcke, wie sie hauptsächlich von
-der Sazawa her geflößt werden, sondern breite Riesenstämme. „Eine
-Salon-Prahme“, hatte mir Herr Max Winterberg versichert, als er meine
-ihm erstaunliche Bitte, auf einem Floß der Firma „Löwy u. Winterberg“
-bis nach Sachsen fahren zu dürfen, in liebenswürdiger Weise erfüllt
-hatte. Majestätisch schwammen die Balken dahin, ein breites Stück der
-Moldau erfüllend. Doch schon hinter der Palackybrücke, unter welcher der
-Mauteinnehmer zu unserem Floß gerudert kam, um die Zahl der Holztafeln
-zu kontrollieren, nahmen wir eine schmälere Formation an. Es hieß
-„Einzeln abfallen“, denn das Schittkauer Wehr war in der Nähe, und
-dessen Floßschleuse ist eng. Während wir bisher mit zwei nebeneinander
-befestigten Holztafeln gefahren waren, mußte jetzt die linke Floßhälfte
-losgelöst und rückwärts befestigt werden.
-
-Floßführer und Floßknechte arbeiteten fieberhaft. Der Vorderteil des
-Floßes wurde durch einen mächtigen Überlegbaum an der nächstfolgenden
-Tafel befestigt, damit er von der Gewalt der Wassermassen der Schleuse
-nicht zu tief gerissen werde. Die Durchschlagsstämme, welche je zwölf
-Balken zu einer Tafel verbinden, wurden scharf darauf angesehen, ob sie
-nicht schadhaft geworden seien. Die Bindwieden, die Weidenbänder, welche
-die dreizehn Tafeln des Floßes aneinander festhalten, wurden mit Wasser
-besprengt, damit sie nicht zu spröde seien und von der Wucht des
-Schleusenwassers nicht zersprengt würden. Die Flößer bohrten mit Energie
-und Schwung die harpunenartigen Staaken tief in den Moldaugrund und
-schritten, sich mit dem ganzen Körper gegen die eingebohrte Stange
-stemmend, rüstig vorwärts, wobei sie natürlich immer an derselben Stelle
-blieben, da sich das Floß mit gleicher Schnelligkeit in
-entgegengesetzter Richtung bewegte. An den Rudern war man beschäftigt,
-die Prahme in die Verlängerung der Schleuse zu bringen — keine leichte
-Arbeit, denn das Schittkauer Wehr ist schief gegen den Stromstrich
-gelegen, weshalb auch die Kanalisierungskommission seine Demolierung und
-die Errichtung eines neuen Wehres in der Höhe der Schittkauer Mühle
-projektiert. Das Wehr teilt sich überdies gegen das linke Moldauufer in
-zwei Arme und das Floß, das mit Mühe richtig in die erste Schleuse
-eingefahren ist, muß wenige Meter hinterher, inmitten der Gewalt der
-Schleusenströmung schon in die zweite einlenken. Die Vorsichtsmaßregeln,
-die der alte Steuermann Vrabec und seine beiden nicht jüngeren Flößer
-Kolenský und Konečny — die aus drei Leuten bestehende Bemannung des
-Floßes war zusammen 182 Jahre alt — getroffen hatten, verfehlten ihre
-Wirkung nicht: Trotzdem die Stämme krachend an den Schleusenrand
-stießen, kamen die schwimmenden Balken unversehrt durch Strömung und
-Gischt, und lenkten, die Schützeninsel links liegen lassend, zum
-Altstädter Wehr ein.
-
-Beim „Frantischek“ erhielten wir Vorspann. Der Remorqueur „Austria“, der
-die Ehre hat, der erste Dampfer im Weichbilde Prags zu sein, schleppte
-uns nun bis zum Neumühl-Wehr unterhalb der Karlsbrücke — dem letzten
-Wehr alter Konstruktion, das bis zur Mündung zu passieren ist. Bisher
-waren die einzelnen Tafeln des Floßes nur lose aneinander geknüpft
-gewesen, sodaß, unmittelbar nach Passieren der Schleuse, der Vorderteil
-schon gegen die Moldaumitte gesteuert werden konnte, ohne daß die noch
-vor oder innerhalb der Schleuse befindlichen Floßteile aus ihrer
-Fahrtrichtung gebracht worden wären. Nachdem das Neumühlwehr durchfahren
-war, wurde dem Floß durch Anspannen der Bindwieden eine steife Formation
-gegeben. Die Schleuse des neuen Nadelwehres bei der Hetzinsel ist
-nämlich lang, und es ist streng erforderlich, daß der rückwärtige Teil
-des Floßes die gleiche Richtung habe, wie die ersten Tafeln.
-
-In Holleschowitz wurde Halt gemacht. Die Schregge, ein um einen festen
-Punkt drehbarer Riesenbalken, wurde von zwei Flößern senkrecht
-aufgestellt, und die Spitze bohrte sich tief in den Moldaugrund ein.
-Ächzend blieb das Floß stehen. Nun ging es auf den hier in breiter Reihe
-verankerten anderen Flößen ans Land, in das Wirtshaus „Baštecký“. Das
-war mit Flößern dicht gefüllt. Gesprächsthema: Zwei Prahmen seien in der
-Hetzinsel-Schleuse auseinander gegangen und die Bemannung, die selbst in
-Gefahr geschwebt habe, müsse nun den ganzen Tag arbeiten, die Stämme
-wieder zu ordnen und zu binden. Die Erregung ist allgemein. Darüber, daß
-die Schleuse schlecht sei, sind alle einig. Auch gegen die Ansicht, daß
-die deshalb an die Statthalterei gerichtete Eingabe ohne Erfolg bleiben
-werde, erhebt sich kein Widerspruch. Aber über die Art der
-Abwehrmaßregeln kann man sich nicht einigen.
-
-„Wir sollten einfach erklären, daß wir nicht durchfahren,“ meint
-aufgeregt ein junger Flößerbursch.
-
-„Dann fahren einfach andere durch!“ erwidert ihm ruhig ein Steuermann.
-
-„Wir sollten uns auf andere Sachen kaprizieren, so lange die Schleuse
-nicht gebessert wird,“ meint da ein blutjunger Bursch — der
-jüngste Steuermann auf der Moldau. Der Sprosse eines Podskaler
-Flößergeschlechts. Sein Vater ist Floßtransporteur in der Kanzlei einer
-großen Prager Holzfirma, drei seiner Brüder sind Steuermänner, ein
-vierter, der gleichfalls Floßführer war, hat vor Jahren den Flößertod im
-Helmschen Wehr gefunden. „Wir sollten die Flöße ausmessen. Und wenn
-eines länger ist als 130 Meter, sollten wir nicht darauf fahren — so
-wie es das Gesetz vorschreibt.“
-
-„Das ist unmöglich,“ wirft ein alter Flößer ein. „Man kann doch die
-Stämme nicht abschneiden, wenn sie um einen Meter länger sind!“
-
-„So müßte eben eine Tafel weniger angekoppelt werden,“ meint der junge
-Floßführer.
-
-„Na, dann legt man sie eben als Fracht auf die Prahme, und du bist
-gerade dort, wo du warst. Im übrigen würde sich das Ausmessen der Flöße
-nur gegen die Holzhändler richten, und die haben mit der Schleuse nichts
-zu tun.“
-
-Der junge Steuermann läßt nicht locker: „Wenn sich die Holzhändler der
-Sache annehmen würden, würde schnell Abhilfe geschaffen werden.“
-
-„Schmarrn!“, belehrt ihn der Alte. „Die Holzhändler haben sich gegen die
-ganze Moldaukanalisierung eingesetzt, welche die Flößerei fast ruiniert
-hat. Und was hat’s ihnen genützt?“
-
-Jetzt ist das Fragen an mir: „Wieso hat die Kanalisierung dem
-Floßtransport geschadet?“
-
-„Weil sie die ganze Moldau verschandelt hat. Ist denn das noch ein Fluß?
-Gibt es denn noch unterhalb Prags eine Strömung? Lauter gestautes
-Wasser, lauter Tümpel. Jede Weile muß man sich von Remorqueuren ans
-Gängelband nehmen lassen. Von Holleschowitz bis Troja, von der Selzer
-Dynamitfabrik bis Kletzan, von Žalow bis Libschitz, von Libschitz
-nach Miřowitz, von da nach Wranian, von hier nach Hořin, dann nach
-Beřkowitz, dann nach Wegstädtl müssen wir uns von den Remorqueuren
-ins Schlepptau nehmen lassen. Lauter Vorspann, lauter blöde Schleusen.
-Gott sei Dank, daß das Land kein Geld hat. Sonst hätten sie uns auch
-schon in Leitmeritz und Raudnitz solche Hürden errichtet. Lauter
-Wehrmeister, lauter Kontrolle ...“
-
-„Nicht einmal ein Mädel kann man sich mitnehmen,“ brummt ein junger
-Flößer, ein „Podskalák“ von reinstem Wasser, der sich eine Schmachtlocke
-so tief über das rechte Auge gekämmt hat, daß er auf diesem fast blind
-sein muß.
-
-„Na, du nimmst dir ein Mädel auf jeden Fall mit! Und wenn du es unter
-dem Floß vor dem Wehrmeister verstecken müßtest.“ So ruft man lachend
-dem „Don Juan von der Wasserkante“ zur Antwort, und selbstgefällig
-streichelt das Wassergigerl seine Stirnlocke.
-
-Dann ergreift mein Steuermann das Wort: „Früher wars eine Kunst zu
-flößen. Wenn man sich nicht auskannte, saß man flugs auf dem Trockenen.
-Im Jahre 1872 flößte ich mit zwei anderen jungen Burschen am alten
-Buchta vorüber. Der Buchta, das war ein guter Steuermann. Jetzt ist er
-schon lang tot. Damals war er auf einer Sandbank stecken geblieben und
-mußte Wasser stauen, um die Prahme flott zu kriegen. Als wir
-vorbeischwammen, schimpfte der Alte: Verfluchte Buben! Wir alten Esel
-bleiben stecken und die fahren glatt vorbei!“
-
-Wenn jetzt der Steuermann nur hinzugefügt hätte, daß ein solches
-Auffahren auf Sand heute nicht mehr vorkommen könne, so hätte er den
-Anschein zu erwecken vermocht, er habe die Geschichte vom alten Buchta
-nur erzählt, um zu zeigen, wie damals selbst der erfahrenste Steuermann
-eine böse Fahrtunterbrechung erleiden konnte. Aber der Erzähler hat
-darauf verzichtet. Offen rühmt er sich des Buchtaschen Zitates, dessen
-Datum er sich durch 38 Jahre gemerkt, in denen er etwa 1200 Floßfahrten
-unternommen. Der Fluch des alten Buchta ist dem alten Vrabec ein
-kostbares Vermächtnis.
-
-Ein Bediensteter der Schiffahrtsgesellschaft kommt jetzt in das Gasthaus
-und meldet, daß der Remorqueur, der andere Flöße bis Troja gezogen hat,
-eben zurückkehrt. Man bricht auf und bald schwimmt das Floß wieder
-talwärts.
-
-Im Karolinentaler Hafen werden je vier Flöße zu einem Schleppzuge, dem
-„Transport“, rangiert. Die beiden vorderen Prahmen werden mit zwei
-Seilen an den Schleppdampfer gebunden und die vier Flöße mit einander
-verknüpft. Jetzt ist für die Flößer Zeit zur Rast. Nur hie und da muß an
-den Vorderrudern gearbeitet werden, damit man bei scharfen Biegungen des
-Flusses nicht an das Ufer anrenne. Im übrigen wird jetzt bloß für das
-eigene Wohl gesorgt. Steuermann und Flößer setzen sich auf die
-Holzladung, die auf dem Floße ruht, und stecken ihr Pfeifchen in Brand.
-Einer der Flößer richtet den Feuerherd her. Rasenstücke, die aus Prag
-mitgenommen worden sind, werden auf der Holzladung hoch aufgeschüttet
-und reichlich mit Wasser begossen. Dann klatscht der „Hafner“ mit der
-flachen Rückseite einer Schaufel das Erdreich glatt, wobei dem anderen
-Flößer einige andere Kotpatzen in das Gesicht fliegen, was von diesem
-mit unvergleichlich prachtvollen Schimpfworten (Made in Podskal)
-quittiert wird. Nun wird ein Stück von einem Rundbalken abgesägt, klein
-gehackt, und bald flackert ein lustiges Herdfeuer über den Wassern. Die
-irdenen Kochgefäße hat einer der an vielen Stellen heranrudernden
-Marketender den Flößersleuten gegen ein stattliches Stück Buchenholz
-eingetauscht. Jetzt brodelt Kaffee in den Gefäßen, dem ein verteufelt
-starkes Quantum Rum beigemengt wird. Dann wird gejaust. Um die Fahrt
-braucht man sich nicht zu sorgen.
-
-Das gestaute Wasser ist still und unbeweglich. Lautlos fährt das
-Vierfloß durch diesen Teich, und nur sein Vorderrand wird von leichten
-Wellen umspült, die der vorauseilende Remorqueur verursacht. Fast
-scheint es, als ob dadurch, daß dem Flusse die Strömung genommen wurde,
-auch die Uferlandschaft ihrer Romantik verlustig gegangen wäre. Es fehlt
-den Bäumen, deren Zweige auf das Wasser überhängen, es fehlt den
-Sträuchern, welche die beiden Flußränder umrahmen, ein strömendes, an
-das Ufer plätscherndes Wasser. Die ganze üppige Landschaft sieht
-eintönig drein. Die Balken des Floßes schaukeln nicht, man spaziert auf
-ihnen wie auf einem Parkettboden.
-
-Um so mächtiger wirkt der Kontrast, wenn man durch die Schleusen fährt.
-Etwa zweihundert Schritt vor dem Wehr wendet sich der Dampfer mit einem
-schrillen Pfiff, die vier Flöße des Transports knüpfen sich von einander
-und vom Remorqueur los, und fahren einzeln — eine Distanz von 400
-Metern einhaltend — durch die Schleusen. Das ist ein Nervenkitzel. Man
-möchte aufjauchzen während dieser Fahrt. Die Wellen schlagen hoch über
-die Balken und peitschen das lodernde Herdfeuer, ohne es verlöschen zu
-können, in das Geräusch der aus der Höhe zurückklatschenden Wogen mischt
-sich das dumpfe Krachen der Randbalken der Floßtafeln, die in
-ohnmächtiger Wut gegen die Steinwände des künstlichen Hohlweges Sturm
-laufen und jeden Augenblick die Prahme zu zerschellen drohen. Einzelne
-Balken sind durch das darüber schlagende Wasser verdeckt und es scheint,
-daß die Binden entzweigegangen, das Floß in seine Bestandteile zerrissen
-worden sei. Die Plattform der Prahme, die erste Floßtafel, ist
-vollständig unter den schäumenden Wassermassen vergraben, trotzdem ein
-am zweiten Floßgliede befestigter Mastbaum sie krampfhaft in die Höhe
-zerrt. In der Mitte der zweiten Floßtafel steht der Steuermann, auf
-deren rechtem und linkem Rande die beiden Gehilfen. Und wenn das Ende
-der Schleuse nahe ist und die Vordertafel aus dem Wasser emportaucht,
-dann rennen die drei in wilder Hast, der Wogen nicht achtend, die hoch
-über ihre Wasserstiefel schlagen, zu den Steuerrudern. Es gilt nach
-innen zu lenken, sonst würde die Gewalt des Schleusenwassers die
-schwanke Prahme auf die Uferböschung treiben. Kaum ist das Wehr
-passiert, so glätten sich die Wasser, die Balken ordnen sich wieder
-parallel und an das Toben des Elementes, in dessen Mitte man sich eben
-befunden, erinnert nur noch ein Blick nach rückwärts: Das nächste Floß
-saust kämpfend die Schleuse hinab ...
-
-Hinter jeder Schleuse sammeln sich die vier Flöße des Transportes
-wieder, ein anderer Remorqueur wird vorgespannt, und es geht bis zum
-nächsten Wehr.
-
-In Jedibab, einem von Gott und Menschen verlassenen Nest, machten wir
-Nachtquartier. Das Dörfchen liegt nicht einmal am Ufer, und man hat von
-diesem noch gute 20 Minuten auf schlechten Wegen zu gehen. Aber Jedibab
-hat das Glück 33 Kilometer von Prag gelegen und derjenige bewohnte Punkt
-zu sein, welcher dem Nadelwehr von Wranian am nächsten liegt. Die Flöße
-kommen nachts hier an, und da sie die Kammerschleuse nicht mehr
-passieren können, so wandert die Bemannung in das Dorf, das auf diese
-Weise zu einem gar nicht zu verachtenden Fremdenverkehr gekommen ist.
-Man aß hier in der Schenke ein Stück warmen Brotes und trank ein
-ebensolches Bier. Dann wurden Strohsäcke ins Wirtslokal geschafft und
-man ging schlafen. Draußen peitschte ein scharfer Regen die
-Fensterscheiben. Das nahmen die Flößer mit schadenfrohem Lachen zur
-Kenntnis, denn einer von ihnen, der erklärt hatte, es falle ihm nicht
-ein, das teuere Hotellogis (in Jedibab beträgt der Preis für das
-Nachtlager 8 Heller, in einigen anderen Stationen wird nichts berechnet)
-zu bezahlen, war draußen am Floße über Nacht geblieben. Die anderen
-malten sich schon aus, wie sie ihn am Morgen uzen wollten. Aber dazu kam
-es nicht. Als um ¼2 Uhr nachts aufgestanden und die Weiterreise
-angetreten wurde, goß der Himmel noch immerfort Wassermassen auf das
-Floß, das oben bald ebenso feucht war, wie unten. Die Balken waren naß
-und glatt, bei jedem Schritte, den man machte, rutschte der Fuß aus und
-man fiel in das tote Wasser zwischen den einzelnen Balken und Tafeln.
-Finstere Wolken, die wie schwarze Berge aussahen, schienen wenige
-Schritte vor dem Floße zu liegen und den ganzen Strom zu verstellen. Das
-Floß fuhr weiter, aber da sich die Distanz zwischen ihm und den
-schwarzen Bergen durch Stunden nicht verringerte und die Ufer in dem
-Nebel nicht erkennbar waren, so sah es aus, als ob sich die Prahme nicht
-von der Stelle rühre, als ob sie mit einer unsichtbaren Schregge
-festgehalten würde.
-
-Dabei knurrte der Magen. Im Jedibaber Restaurant haben wir früh weder
-Kaffee noch Brot bekommen und an ein Feueranmachen auf dem Floße war in
-dem gießenden Regen nicht zu denken. Proviant hatten wir nicht und kein
-einziger schwimmender Marketenderwagen ließ sich blicken. Wenn ein
-Gasthaus von der Ferne sichtbar wurde, dann brüllte der alte Flößer
-Kolenský mit heiserer Stimme, der die Verzweiflung eine furchtbare
-Gewalt lieh, sein „Pivo“ über Wasser und Land. Immer heiserer, immer
-verzweifelter klang sein Sehnsuchtsschrei, und als er hinter der
-Sprachgrenze, von Liboch und von Wegstädtl an, nach „Bier“ zu schreien
-begann, tönte sein Ruf wie der Todesschrei eines verwundeten Hirsches.
-Die Leute an den Ufern vernahmen das Flehen und eilten mitleidsvoll in
-das Gasthaus, wo der Wirt ein Paar Gläser einschenkte und in den Kahn
-einstieg, um zum Floße zu rudern. So sehr er sich aber auch beeilen
-mochte — die Strömung war schneller und unser Floß war schon vorbei,
-als er herankam. Der Wirt wartete in der Mitte des Stromes und bot dann
-seine Biere der Bemannung der nächsten Flöße — unseres schwamm als das
-erste — zum Kaufe an. Diese konnte natürlich nicht in jedem Orte Bier
-trinken und am Abend erzählten uns die Flößer in der Schenke, wie die
-Wirte auf den Booten geflucht, als ihnen das mit so viel
-Eindringlichkeit bestellte Bier auf dem Halse blieb. Was aber können die
-Flüche aller Wirte gegen jeden einzelnen Fluch bedeuten, den der
-durstige Kolenský jedesmal ausstieß, wenn er sah, wie das von ihm
-bestellte Bier den „Nachfahrern“ angeboten wurde!
-
-Ein Anlegen des Floßes während der Fahrt — sei es wegen Sturmes,
-Regengusses oder Hagelschlags, sei es infolge Hungers oder selbst
-Durstes — gibt es nicht. Nur wenn der Flößer Feierabend machen muß,
-weil es ihm die Vorschrift anordnet und weil er die Ufer nicht mehr
-erkennt, hält er an. Er weiß, daß ihm die Reise als solche sehr gut
-bezahlt wird (so erhält z. B. der Steuermann für die 2½ Tage währende
-Fahrt nach Mittelgrund 59 K.), daß er aber auch an den Tagen, an denen
-er sich auf keinem Holztransport befindet, daß er auch in den vier
-Wintermonaten von seinen Reisehonoraren zehren muß. Er muß trachten, von
-seiner Fahrt so bald es möglich zurück zu sein, um einen neuen
-Holztransport zugewiesen zu erhalten. Das ist der oberste Grundsatz des
-Flößers, und trotz des verzweifelten Durstes fiel es dem alten Kolenský
-nicht ein, ein Anlegen des Floßes zu verlangen. Erst um 7 Uhr abends
-nahmen wir, die wir um ¼2 Uhr nachts aufgebrochen waren, in Birnai,
-einem Dorfe oberhalb Aussigs, unser Frühstück (einige Bierquargel) ein.
-
-Um 1 Uhr nachts brachen wir wieder auf. Die Nacht, durch die wir
-glitten, war dunkel, aber die machtvollen Zacken der Uferberge waren
-sichtbar. Drohend und schwarz schob sich der zerklüftete Workotsch in
-das nächtliche Elbtal hinein, rechts blickte der Schreckenstein noch
-düsterer als sonst übers Land. Es war ein Anblick, den selten ein
-Tourist zu genießen Gelegenheit hat, vom Niveau des Wassers die
-wechselnden Schattenrisse des Elbpanoramas zu bestaunen. Eine Reise
-durch eine Silhouettenlandschaft. Wenige Stunden später wurden auch die
-Hänge der Uferlandschaften sichtbar, allerdings nur in dem bizarren
-Rahmen der Nebelrisse. Als wir hinter Tetschen das Elbesandsteingebirge
-erblickten, war schon die Morgensonne mit glänzendem Leuchten
-aufgegangen und bestrahlte die Elbfluten und die seltsamen Felsgebilde
-an den Ufern. Das ruhig dahingleitende Floß war wohl ein besonders
-geeignetes Beobachtungsniveau für die Schönheit der Landschaft.
-
-Ich bin auf der Elbe weitergefahren. Noch immer — jetzt bin ich in
-Magdeburg — ist, wenn man von der stellenweisen Remorquage absieht, die
-Elbströmung die einzige treibende Kraft für das Fahrzeug, dessen
-Passagier ich bin. Auf meiner Fahrt habe ich manches herrliche Bild auf
-den Elbufern gesehen, aber noch nichts hat die Pracht der Landschaft zu
-übertreffen vermocht, die sich in der Heimat, von Leitmeritz bis über
-die Grenzen des Nachbarlandes bis zur Bastei nächst Wehlen breitet.
-
-
-
-
- Gäste der Polizei
-
-
-„Departement für die öffentliche Sicherheit.“ So steht es auf dem
-Torschild. Aber das ist ungenau, unpräzis. Sagt zu viel, also zu wenig.
-Denn in das Gebiet der öffentlichen Sicherheit gehören auch Baubehörden,
-Schieneninspektionen, Feuerwehren, Rettungsstationen, Kesselprüfungen,
-Automobilvorschriften, Kutscherschulen und viele andere Dinge, mit denen
-das Sicherheitsdepartement nichts zu tun hat. Immerhin bleiben ihm noch
-mehr als genug Agenden. Und auf die Art dieser Agenden weist viel
-deutlicher als die Aufschrift auf dem Schilde das Relief hin, das über
-dem Tore prangt und eine Zusammenstellung dreier Symbole zeigt: Das
-Richtbeil, das Fascesbündel und die Wage der Themis. Nun wird zwar hier
-im Departement das Richtbeil nicht geschwungen, die Themis hat hier noch
-nicht ihre wägende Tätigkeit zu entfalten und die Fasces, das Sinnbild
-der strafenden Gewalt über Tod und Leben, dürfte eigentlich erst die
-nächsthöhere Instanz, der Gerichtshof, mit voller Berechtigung im Wappen
-führen. Jedoch das Sicherheitsdepartement ist Agentie und Werbeamt, und
-wenn es durch seine Beamten und Detektivs nicht das Menschenmaterial
-herbeischaffen würde, so könnten sich die symbolischen Manipulationen
-mit Richtbeil, Fasces und Wage im allgemeinen nur auf die kleinen
-Gauner, die genügsamen Dorfdiebe und die armen Landstreicher erstrecken,
-welche die Gendarmerie dem Landesgerichte überantwortet.
-
-Übrigens ist es die Verbrecherwelt nicht allein, auf die sich die
-Tätigkeit des Sicherheitsdepartements erstreckt. Mit allerhand Anliegen
-kommt man in diese Räume. Da ist ein ehrsamer Handwerksmann, der sich
-seit einigen Tagen durch die Amtslokalitäten schleicht. Auf seinem Wege
-muß er durch das Zimmer der Detektivs. Die kennen den wackeren Bürger
-und schütteln die Köpfe: Wie der in den letzten Tagen gealtert ist! Der
-Ankömmling geht zu dem Beamten, der die Vermißten und Wiedergefundenen
-in Evidenz führt. Dieser, ein junger Polizeikonzeptspraktikant, kennt
-schon des Alten Begehr und hat diesem schon einigemale den Bescheid
-gegeben, daß man von dem Aufenthalte seines Sohnes, der nach mißglückter
-Prüfung nicht mehr nach Hause zurückgekehrt ist, noch immer nichts
-wisse. Heute aber ist die Nachricht da, eine Hiobspost: Die Leiche des
-jungen Mannes ist aus der Moldau gezogen worden. Der junge
-Polizeipraktikant spielt verlegen mit dem Bleistift. Wie soll er dem
-Alten die furchtbare Botschaft beibringen. Er nötigt ihn, sich zu
-setzen. Da weiß der bedauernswerte Handwerksmann schon alles.
-
-„Tot?“, stößt er hervor. Und bald hält er das Telegramm in Händen, das
-im Lapidarstil die Bestätigung der ärgsten Befürchtungen des Vaters
-birgt.
-
-„Tot“, schluchzt der Alte, „tot! Und ich bin schuld. Ich habe ihn
-studieren lassen, damit er’s besser hat, wie ich! Tot!“
-
-Am gegenüberliegenden Tisch wird ein Fall von grundverschiedener Natur
-verhandelt, aber auch etwas, was mit der öffentlichen Sicherheit gar
-wenig zu tun hat, auch etwas Unkriminalistisches im Kriminaldepartement.
-An den Grenzen des Polizeirayons ist ein Weib aufgelesen worden, das
-kaum viel mehr als einen Meter groß, taubstumm, irrsinnig und halbblind
-ist und nun apathisch bei dem Tische des Kommissärs steht. Dieser hat
-auf den ersten Blick gesehen, daß aus der Alten über ihre Identität und
-Heimatszuständigkeit nichts herauszubekommen ist, und so setzt er sich
-resigniert und schreibt zuerst einen kurzen Begleitakt an das
-Taubstummeninstitut, wohin die Arme zunächst gebracht werden muß, damit
-man dort versuche, mittels Zeichensprache ihr irgendwelche Angaben zu
-entlocken. Aber im Taubstummeninstitut wird man die Alte nicht
-behalten, weil sie irrsinnig ist, ebensowenig wie man sie in der
-Landesirrenanstalt aufnehmen wird, weil sie taubstumm ist. Und so muß
-ein zweiter Akt an den Magistrat abgesandt werden, der aus dem
-Tschechischen ins Amtsdeutsch übersetzt, folgendermaßen lautet:
-„Inliegend beschriebene, unbekannte Taubstumme wird zur Unterbringung in
-das Gemeindearresthaus bis zur Feststellung ihrer Heimatszuständigkeit
-in Empfehlung gebracht.“ Und dann muß die Beschreibung, die polizeiliche
-Photographie, die Stilisierung der Notiz für den „Polizei-Anzeiger“
-erfolgen. Unwillig brummt der Kommissär in den Bart: „Wenn nur die
-Gemeindevorsteher in die Bluse solcher Kretins den Namen der
-Heimatsgemeinde einnähen ließen, dann könnte man solche arme Leute
-gleich per Schub nach Hause befördern, und alle diese Scherereien,
-Schreibereien und Suchereien wären erspart!“ Ja, wenn! Aber das tun die
-Gemeindevorsteher wohlweislich nicht, denn jeden Tag, der mit den
-Recherchen verloren geht, hat die Gemeinde an Erhaltungskosten für den
-lästigen Dorftrottel erspart!
-
-Die Expediträume des Sicherheitsdepartements beherbergen gleichfalls
-eine Gruppe unkriminalistischer Gäste. Fünf oder sechs Männer und eine
-junge Frau stehen dort beisammen. Jeder hält eine Harfe in der Hand und
-die gibt alles an — Legitimation, Heimatsort, Leidensgeschichte und
-Begehr. Aus dem Harfenistenstädtchen Nechanitz sind sie, von wo die
-böhmischen Wandermusikanten stammen, und ihre Schicksale sind die ewig
-alten: Vom Impresario engagiert, ausgebeutet und ohne Entlohnung
-verlassen, von den österreichischen Auslandsbehörden nach Prag
-einwaggoniert, kommen sie ins Sicherheitsdepartement der Polizei, um
-eine Reiseunterstützung zu erbitten. Jeder erhält eine Eisenbahnkarte
-von Prag nach Königgrätz oder den Fahrpreis von K 4.40 auf die Hand. Und
-von Königgrätz gehen sie zu Fuß ins Heimatsstädtchen und leben hier, bis
-sie wieder ein Impresario engagiert, ausbeutet, ohne Entlohnung verläßt
-... ad infinitum.
-
-Selbst im anthropometrischen Kabinett kann man oft unkriminelle Leute
-sehen, obzwar dieses, wie schon aus dem Namen und der daraus zu
-deduzierenden Bestimmung ersichtlich ist, nur für die Rückfälligkeit,
-beziehungsweise die zu befürchtende Rückfälligkeit der hier gemessenen
-Verbrecher eingerichtet ist, und obzwar hier schon das Milieu, und die
-Einrichtungsstücke darauf deuten, welche Beachtung man den Inhaftaten
-zollt. Mit Kopfzirkeln, Ohrmessern, Meßkreuzen, Sitzhöhenmaßen,
-Narbenmaßen, Fingerdruckkissen und dem übrigen Instrumentarium der
-beiden Bertillons wird man doch nicht die Personaleigentümlichkeiten
-bedauernswerter Bettler, harmloser Kretins und unterstützungsbedürftiger
-Musikanten auf der Meßkarte verewigen! Gewiß nicht. Man braucht aber
-auch nicht zu glauben, daß jedes halbwegs ehrliche Gesicht, das man hier
-auf Ohren-, Nasenlänge und Pupillennuance mißt, gleich das Wort von der
-„Verbrecherphysiognomie“ Lügen straft. Gar viele Abdrücke von
-Finger-Papillarzügen, die in die Meßkarten-Registratur einverleibt
-worden sind, müssen nie wieder hervorgeholt werden. Und der im
-anthropometrischen Kabinett tätige Beamte hat schon von seinen Klienten,
-besonders jenen, die im jugendlichen Übermut entgleisten, das Wort
-gehört:
-
-„Meine Maße werden Sie nie mehr brauchen!“
-
-Das verrät, schon nach dem Tonfall, Selbstmordabsicht. Aber der Beamte
-hat da einen alten Kniff. Er mißversteht absichtlich.
-
-„Nun, es freut mich zu hören,“ bemerkt er wohlwollend, „daß Sie von nun
-an alle derartigen Entgleisungen vermeiden wollen. Denn wenn Sie noch
-ein zweites Mal hierher kommen, dann sind Sie für Ihr ganzes Leben als
-Verbrecher gebrandmarkt.“
-
-„Das bin ich schon,“ lautet die stereotype Antwort, „jetzt kommt es in
-die Zeitungen, alle Leute erfahren es ...“
-
-„Nun, wenn Sie mir Ihr Ehrenwort geben, daß Sie von jetzt ab ein
-ehrlicher Mensch sein wollen, dann verspreche ich Ihnen, mich dafür
-einzusetzen, daß Ihr Name nicht in die Zeitung kommt. Einmal ist
-keinmal! Ihr Ehrenwort?“
-
-Gar mancher gibt hier im anthropometrischen Kabinett das ehrenwörtliche
-Versprechen. Und mancher hält es auch.
-
-Wenn dann wirklich nach ein paar Jahren ein solcher junger Mann als
-ehrlicher, tüchtiger Mensch in das Sicherheitsdepartement kommt, um sich
-dafür zu bedanken, daß man ihn einst so vom Selbstmord abgehalten, dann
-ist das auch ein unkriminalistischer Besuch bei der Kriminalpolizei. Der
-einzige freilich, den man dort gerne sieht.
-
-
-
-
- Café Kandelaber
-
-
-Der Menschheit ganzer Jammer faßt mich an, wenn ich so um fünf Uhr früh
-beim Café Kandelaber mein Frühstück verzehre. Es ist zwar ein famoser
-Trunk, der 80gradige, mit angenehm im Magen flammendem Rum vermengte
-Tee, der hier kredenzt wird — aber er bleibt doch nur ein Frühstück,
-ein verteufelt kategorischer Schlußpunkt nach einer schönen, kaum
-begonnenen Nacht. Das ist es, was mich grollen macht. Ich bin bös auf
-die ganze Welt. Es ist aber auch wirklich zu arg mit ihren
-Einrichtungen. Jedes Schulkind weiß z. B., daß der Erfinder der
-Dampfmaschine James Watt hieß. Weil dieser beim Brodeln eines Teekessels
-auf die Idee kam, die Dampfmaschine zu erfinden. Auch schon etwas? Ein
-anderer Erfinder, der wohl beim Vorbeifahren einer Dampfmaschine, sei es
-einer Lokomotive oder einer Lokomobile auf die Idee kam, sie als
-Teekessel zu verwerten, ist keinem Schulkinde bekannt, seinen Namen
-meldet kein Lied, kein Heldenbuch. Und doch ist die Verwendung der
-Lokomotive als Teekessel — das „Café Kandelaber“ — eine Erfindung, die
-Hunderten von müden Pilgern im nächtlichen Prag die Wohltat eines
-aufpulvernden, wärmenden Trankes gewährt. Der Name eines solchen
-Wohltäters wird in der Weltgeschichte nicht verzeichnet! Ich muß meinen
-Groll hinunterspülen.
-
-„Frau Jemelka, noch einen Achtziggradigen, Zwanzigprozentigen um fünf,
-etwas zum Aufweichen und zwei Retten.“
-
-Frau Jemelka stellt ein Glas unter die Mündung des Messingrohres, dreht
-den Hahn nach rechts und läßt die Essenz in mein Glas rinnen, in welches
-nun das heiße Wasser kommt. Dann sucht sie mir eine Mohnbuchte zum
-„Aufweichen“ aus und gibt mir zwei „Sport“. Sie weiß ganz gut, daß mit
-der Bestellung der Retten — so wird der Ausdruck „Zigaretten“ in
-vorgerückter Nachtstunde abgekürzt — nur „Sport“ gemeint sein können,
-damit die Zeche die runde Summe von 20 Hellern ausmache.
-
-Jawohl, bloß zwanzig Heller! Man zeige mir, bitte, ein Kaffeehaus, wo
-für dieses Geld ein warmes Frühstück mit Mehlspeise und Zigaretten
-erhältlich ist. Dabei habe ich noch die feinere Teesorte, die um 10
-Heller — nobel muß die Welt zugrunde gehen! — getrunken und „Sport“,
-statt der billigen und hier bedeutend stärker verlangten „Drama“
-geraucht.
-
-Frau Jemelka steckt das Zwanzighellerstück in eine Blechbüchse, die ihr
-als feuer- und einbruchssichere Kassa dient. Zwölf Prozent gehören der
-„Cafetiere“, die nicht selbständige Unternehmerin ist, sondern eine
-Angestellte der Kleinschen Likörfabrik vom „Roten Stern“ in
-Karolinental. Das fahrbare Teehaus ist Eigentum der Kleinschen Fabrik
-und diese liefert die Essenz, die Tee, Rum und Zucker enthält. Den Erlös
-der verkauften Quanten, abzüglich der Provision von zwölf Prozent, muß
-Frau Jemelka abführen.
-
-Keine Angst, die gesetzte, ins Pragerische transponierte Geisha kommt
-trotz alledem auf ihre Kosten. Das ambulante Teehaus, das manchen
-nächtlichen Passanten nährt, nährt auch seinen Mann. Im Winter kommen
-die Bettmeider frierend zu dem Teeverschleiß, um sich an dem behaglichen
-Koksofen zu wärmen, im Sommer aber gibt es zahllose Menschen, welche den
-im Einkehrhaus „U valšu“ zu entrichtenden Logierpreis von 20 Hellern
-als eine überflüssige Ausgabe betrachten, und lieber in der lauen Luft
-der Gassen umherspazieren. Die statten dann dem „Café Kandelaber“
-längere Besuche ab und geben oft dreimal so viel Geld aus, als das
-Nachtquartier kosten würde.
-
-Außerdem haben die Kandelaber-Cafetiers noch ganz gute Nebeneinkünfte.
-Wenn irgend ein Neuling kommt — an der Frage nach dem Preise eines
-Glases Tee ist er erkennbar — dann wird ihm statt der feinen, der 10
-Heller-Essenz, die 8 Heller-Essenz gereicht, aber das Greenhorn muß den
-teuereren Preis bezahlen. Oder wird der Hahn des Kesselrohres
-zurückgedreht, bevor das vorschriftsmäßige Quantum der Essenz
-herausgeronnen ist. Wehe aber, wenn der Teemann eine solche Manipulation
-bei einem gewiegten Bummler in Anwendung bringen wollte! Der weiß ganz
-genau, daß der rechte der beiden durch ein festes Schloß vor
-Verfälschung oder Verwässerung durch den Kandelaberwirt geschützte
-Kessel die teure, der linke Kessel die billige Essenz birgt, und der
-wacht mit Argusaugen darüber, daß kein Tröpfchen der vorgeschriebenen
-Essenzmenge im Rohre des Kessels bleibe. Der würde für einen
-Übervorteilungsversuch Worte finden, die selbst in dem Milieu des Café
-Kandelaber ihre Wirkung nicht verfehlen würden.
-
-„Café Kandelaber.“ Eigentlich haben die gastlichen Lokomotiven, die in
-der Nacht an den Straßenecken Station machen, offiziell einen anderen
-Namen. „Ambulance heißer Getränke“ steht mit goldenen Lettern auf der
-Wagenfront. Aber der Ausdruck hat sich nicht eingebürgert. Er trifft
-auch nicht mehr so recht zu. Freilich ist das Teehaus ambulant, und um
-die neunte Abendstunde kann man das nicht mehr ungewohnte, darum aber
-nicht minder seltsame Schauspiel genießen, eine Lokomotive mit einer
-vorgespannten Dogge durch die Straßen fahren zu sehen. Dann aber bezieht
-sie ihren Standplatz, den sie jahraus, jahrein innehat, der Hund kuscht
-sich zwischen den Rädern, und Wagen und Hund rühren sich bis zum
-Morgengrauen nicht von der Stelle. Früher, vor etwa dreißig Jahren, war
-das anders. Da fuhr der Teemann durch die Straßen und machte nur auf
-Anruf eines hungrigen oder durstigen Passanten Halt. Dieses Geschäft,
-das nur auf dem Zufall einer solchen Begegnung aufgebaut war, rentierte
-sich nicht. So zogen sich denn die Kandelaber-Cafetiers resigniert an
-die Ecken der Gassen oder an die Kandelaber der Plätze zurück. Und siehe
-da! Kaum hatte sich der Planet in einen Fixstern verwandelt, so war er
-schon beliebt. Da der Berg nicht mehr zum Mohammed kam, da kamen die
-Mohammedaner zum Berg. Der Ausdruck „Café Kandelaber“, dessen beide
-Worte so prächtig mit einander kontrastierten, wurde populär und er ist
-dieser Erfrischungsstelle bis zum heutigen Tage geblieben, obwohl jetzt
-eine Verwechslung möglich wäre, da sich ein findiger Wirt für sein
-Nachtkaffeehaus in der Karlsgasse, dessen Stammgäste sich aus denselben
-Gesellschaftsschichten rekrutieren, aus denen die Gäste der fahrbaren
-Teehäuser stammen, den Namen „Café Kandelaber“ behördlich protokollieren
-ließ.
-
-Von da ab erfreuten sich die fahrbaren Teehäuser steten Zuspruchs. Die
-Droschkenkutscher des nahen „Staffels“ und der gleichfalls dicht
-benachbarte Würstelmann polemisierten und pokulierten, bis längst das
-Licht auf der Höhe des städtischen Kandelabers verlöscht und die
-Wagenlaterne des „Kaffeehauses“ angezündet war. Zu ihnen gesellten sich
-Nachtvögel verschiedener Gattungen und blieben auch keine kürzere Zeit
-stehen. Der Teewagen auf dem Altstädter Ring erfreute sich einer so
-außerordentlichen Beliebtheit, daß sie dem Wirte sogar verhängnisvoll
-wurde. Hier strömten nämlich zu der Zeit, als noch die Josefstadt
-nicht assaniert und voll von niedrigen Beiseln war, nach der
-Gasthaus-Sperrstunde verschiedene Leute zusammen, die hier ihre Affären
-der Liebe, des Alkohols und des Verbrechens fortsetzten. Das ging gar
-nicht leise und gar nicht ohne blutige Raufhändel ab. Das „Café
-Kandelaber“ war fast täglich in den Rapporten des Altstädter
-Polizeikommissariates erwähnt und schließlich verbot man dem Wirt diesen
-Standplatz. Er durfte den Ring überhaupt nicht mehr passieren und erst
-als die dunkelsten Häuser der Josefsstadt dem Erdboden gleichgemacht
-worden waren, durfte er wieder in das gelobte Land einziehen. In der
-letzten Zeit wird diese Geschichte in den Kreisen der „Kandelaber“-Gäste
-besonders oft besprochen. Man glaubt, daß durch dieses seinerzeitige
-Platzverbot ein Präzedenzfall vorhanden ist, der dem Teemann vom
-Josefsplatz verhängnisvoll werden kann: Man werde ihm diesen Platz
-verbieten, damit er dem Repräsentationshaus keine Konkurrenz mache.
-
-Es ist fünf Uhr geworden. Schon graut der Tag und dem Leser. Ich muß
-meine sachlichen Erwägungen schließen, wenn ich noch rechtzeitig zum
-Five-o’clock-tea ins „Café Kandelaber“ kommen will.
-
-
-
-
- Geschichten vom Brückenkreuzer
-
-
-Man kann freilich von einer Brücke nicht verlangen, daß sie außer einem
-Fluß auch noch die sozialen Gegensätze überbrücken soll. Aber die Prager
-neuen Brücken verschärfen diese Gegensätze noch, denn die Armen haben
-jetzt oft einen nahen Weg vor sich und müssen doch — um den
-Brückenkreuzer zu ersparen — den Umweg über die älteste Brücke, die
-unentgeltliche Karlsbrücke, machen. Durch die Prager Brücken werden zwar
-die Stadtteile verbunden, aber die Bewohner dieser Stadtteile haben
-keine Ursache dafür verbunden zu sein. Denn der Brückenkreuzer ist eine
-Unbequemlichkeit für die Reichen, eine empfindliche Ausgabe für die
-Armen. Jedesmal, wenn man in Prag eine Brücke schlägt, so schlägt man
-dem modernen Verkehrswesen ein Schnippchen und die Logik aufs Haupt,
-indem man je ein Mauthäuschen an die Brückenenden setzt.
-
-Das Vergnügen, in den verschiedenartig duftenden Anlagen des Stadtparkes
-und auf dem von Alpinisten sehr geschätzten Pflaster der Prager Straßen
-zu promenieren, hat man ganz umsonst. Aber die Notwendigkeit über eine
-Brücke zu gehen, die muß man bezahlen. Obwohl das Prager Pflaster noch
-teurer ist als die Prager Brücken. Von der Verkehrshemmung, welche die
-Einhebung der Brückenmaut bedeutet, gar nicht zu reden. Man stelle sich
-vor, daß auf der Weidendammer oder auf der Potsdamer Brücke in Berlin
-jeder Passant stehen bleiben, jedes Auto stoppen müßte, um zwei oder
-fünf Pfennige zu bezahlen. Auch der gemütliche Wiener würde wohl
-verteufelt ungemütlich werden, wenn er sein „letztes Kranl“ wechseln
-müßte, um über die Aspernbrücke gehen zu dürfen.
-
-Aber es wird uns doch ein Äquivalent für die Entrichtung des
-Brückenzolls geboten. Das sind die Straßenbilder und die Geschichten,
-die sich auf diese Institution gründen, und um die uns jede andere Stadt
-beneiden muß. Hier fleht ein Bettelweib mit weithin hörbarem Weinen die
-Gnade des Brückentyrannen an, dort nimmt ein kleines Kindermädchen den
-ihr anvertrauten fünf Jahre alten Bengel keuchend auf den Arm, hier
-schlängelt sich ein Gamin zwischen zwei Straßenbahnwagen auf die Brücke,
-dort springt ein Prager „Pepík“ vor dem Mauthäuschen auf die
-Elektrische, um jenseits des Häuschens wieder abzuspringen — alles, um
-zwei Heller zu ersparen.
-
-Auch andere Typen und Geschichten sind bekannt. Ein
-Einjährig-Freiwilliger hat den Brückenkreuzer prinzipiell — „ich lasse
-mir nichts schenken“ — bezahlt, trotzdem ihn die Uniform zu freiem
-Eintritt berechtigte. Von dem Jungtürken, der es absolut nicht verstehen
-konnte, wie ein fremder Mann auf offener Brücke von ihm ein Bakschisch
-zu verlangen wage, und dem schließlich eine hundertköpfige Menschenmenge
-zu Hilfe kam, war im November des vorigen Jahres in allen Blättern zu
-lesen. Der uralte Ulk des Defilees im Gänsemarsch ist bei den Bewohnern
-des Mauthäuschens gar nicht beliebt, weil sich diese die Mühe nehmen
-müssen, die Teilnehmer des Zuges, für die der Letzte zahlen soll, genau
-zu zählen. Zum Glück läuft der zahlungspflichtige Letzte gewöhnlich
-davon, so daß ein Rechenfehler ohnedies gleichgültig ist. Es gibt viel
-solcher Scherze.
-
- * * * * *
-
-Rückte da neulich ein Marsjünger in Zivilkleidern, nur an der keck über
-dem linken Ohre baumelnden Mütze als k. u. k. Infanterist kenntlich, vom
-Ernteurlaub nach Prag ein. An dem Smichower Ufer streckte ihm der
-Zöllner begehrlich seine Hand entgegen. Der Urlauber aber verweigerte
-die Zahlung des Tributs. Er sei Soldat und als solcher brauche er keinen
-Kreuzer zu zahlen. Der Mauteinnehmer wies auf die Zivilmontur des
-Widerspenstigen, dieser legitimierte sich mit seinem Urlaubsschein als
-Angehöriger der Armee. Da die Frequenz auf der Brücke gerade sehr groß
-war, so hatte sich bereits ein stattliches Häuflein von Zuschauern um
-die streitenden Parteien geschart. Nun konnte der Zöllner erst recht
-nicht nachgeben, wenn er nicht sein Ansehen einbüßen wollte. Aber auch
-dem Krieger kam es nicht in den Sinn, der Klügere zu sein, und er
-bestand auf seinem Schein. Wer weiß, welche Dimensionen der Rechtsstritt
-genommen hätte, wenn nicht zufällig ein Einjährig-Freiwilliger des Weges
-gekommen wäre, der in hilfsbereiter Weise für seinen Fahnenbruder zwei
-Heller auf das Opferbrett der Stadtgemeinde niederlegte? Der also
-losgekaufte Urlauber aber setzte seinen Weg nicht sogleich fort, sondern
-eilte in die genau gegenüber dem Mauthäuschen auf der Brücke gelegene
-Tabaktrafik. Er kaufte sich für die ersparten zwei Heller zwei
-„Drama“-Zigaretten und zog, die eine „Drama“ zufrieden im Munde haltend,
-die andere kokett hinter dem Ohre, unter dem Lachen des Publikums so
-stolz über die Brücke, wie einst im Mittelalter siegreiche Belagerer
-über die endlich heruntergelassene Zugbrücke in die Burg des Feindes
-gezogen waren.
-
- * * * * *
-
-Einmal hatte einer meiner Couleurbrüder zur endlichen Bezahlung seiner
-Schulden 200 Kronen erhalten. Kaum hatte er uns von diesem
-sensationellen Ereignis auf unserer Bude, die sich in dem Gasthaus auf
-der Judeninsel befand, in Kenntnis gesetzt, als wir auch schon
-beschlossen, damit dem Brückenmann der Franzensbrücke einen Streich zu
-spielen. Zehn Bursche wurden je mit einer Zwanzigkronennote beteilt,
-selbstverständlich erst nachdem sie sich „auf Grand-Cerevis“ — die
-Eidesformel beim Biertisch — verpflichtet hatten, sie wieder
-zurückzustellen. Nun ging es dem Mauthause zu. Der erste von uns reichte
-dem Zöllner die Banknote und dieser gab murrend 19 Kronen 98 Heller
-zurück. Dann kam der zweite, und gleichzeitig streckten acht andere
-Hände dem Mauteinnehmer die Banknoten zu. Der gute Mann war entsetzt.
-„Es könnte doch einer für alle Herren zahlen,“ wandte er ein. „Wir
-kennen einander ja gar nicht,“ war unsere Antwort. Nun wollte uns der
-Einnehmer mit großmütiger Gebärde die Entrichtung erlassen. Aber wir
-wollten uns keinesfalls unserer Prager Bürgerpflicht begeben, wollten
-den Stadtsäckel nicht schädigen. Schließlich machte Meister Zöllner dem
-Konflikt ein Ende, indem er sich in seine Hütte verkroch. Da mußten wir
-denn doch von dannen, ohne unserer Bürgerpflicht Genüge getan zu haben.
-Wahrscheinlich hat sich der Zöllner darüber ins Fäustchen gelacht. Wir
-aber lachten laut.
-
- * * * * *
-
-Einmal zogen wir aus der „Quelle“ in Bubentsch nächtlicherweile nach
-Prag. Als wir zum Kleinseitner Brückenkopf des Kettenstegs kamen,
-schlief der Zöllner bereits den Schlaf des Gerechten und an seinem
-Fenster war der Holzladen heruntergelassen, denn drüben am andern Ufer
-versah der andere Mauteinnehmer — wie allnächtlich — für ihn den
-Dienst. Schon wollten wir weckend an die Bude klopfen, als uns ein üppig
-gelaunter Kommilitone davon abhielt. Er legte still einen Kreuzer auf
-das Brett vor dem geschlossenen Schalter und befahl uns, ihm in einer
-Distanz von einigen Schritten über die Brücke zu folgen. Bei der
-Josefstädter Brückenmündung trat ihm der Zerberus mit heischender Hand
-entgegen. Unser Freund tat sehr erstaunt. Er werde doch nicht zweimal
-zahlen, man zahle doch nur beim Betreten der Brücke und das habe er
-getan.
-
-„Das ist eine Lüge,“ erklärte der Brückenhüter, „drüben ist ja
-geschlossen. Sie müssen hier bezahlen.“
-
-„Ob drüben geschlossen ist, geht mich nichts an. Darauf habe ich nicht
-geachtet. Ich habe drüben bezahlt, wie ich immer beim Betreten der
-Brücke zahle.“
-
-Der Zöllner rief die heilige Hermandad herbei. Der Wachmann kam und mein
-Freund verlangte die Sicherstellung des Mauteinnehmers, da er von diesem
-durch das Wort „Lüge“ beleidigt worden sei. Der Zöllner leugnete nicht.
-
-„Der Herr hat behauptet, drüben gezahlt zu haben und das ist eine Lüge!“
-
-Unser Freund verlangte nun erregt, der Wachmann möge konstatieren, ob
-der Kreuzer wirklich drüben liege. Dies werde bei der Verhandlung in der
-Ehrenbeleidigungsklage das wichtigste Moment sein. Das sah der Wachmann
-ein und war bereit mit unserem Freunde auf das jenseitige Ende der
-Brücke zu gehen. Der Zöllner, der eine eventuelle Beeinflussung des
-Polizisten vermeiden wollte, sperrte seine Bude und ging mit. Wir
-hinterdrein. Als der Zug wieder glücklich auf der anderen Seite war,
-erblickte man das künftige Corpus delicti: Der Kreuzer lag friedlich auf
-dem Schalterbrett. Mit majestätischer Handbewegung wies unser Freund auf
-ihn. Der Brückner war geschlagen. Schon wollte er mit mißmutiger Gebärde
-den Kreuzer an sich nehmen, als unser Kommilitone herzusprang und ihn
-einsteckte.
-
-„Über eine Brücke, auf der man die Passanten derart behandelt, gehe ich
-nicht. Wir gehen über die Elisabethbrücke.“ Und zum verdutzt dastehenden
-Zöllner gewandt, fügte er hinzu: „Auf diese Weise treiben sie alle ihre
-Kundschaften der Konkurrenz in die Arme.“
-
-
-
-
- Der Chef der Prager Detektivs
-
-
-„Der alte Lederer“, der Chef der Prager Polizeidetektivs, hat gestern,
-am 30. März 1909, im Sicherheitsdepartement sein Pensionierungsgesuch
-geschrieben, heute übergibt er es und morgen macht er schon keinen
-Dienst mehr. Zum erstenmale seit 38 Jahren. (Von den Krankheitszeiten
-abgesehen, die er im letzten Jahre zu bestehen hatte.) Nun hat er
-ausgedient und geht in den Ruhestand. Die Kunde wird bei allen, die ihn
-kennen — und die Zahl derer, die ihn kennen, ist immens — Interesse
-erwecken; mit Bedauern sehen ihn wohl nur wenige aus dem Amte scheiden.
-Er war bestgehaßt. Ein Bann, analog jenem, der vor Jahrhunderten den
-Henker umsponnen, hat auch ihn, den „Spitzel“, den „Spion“, den
-„Schnüffler“ umgeben. Dergleichen Charakterisierungsworte gebrauchte man
-immer, wenn man in der Nacht einen Begleiter auf den alten Lederer
-aufmerksam machte, wenn dieser, Stock und Hände auf dem Rücken haltend,
-mit gebückter Haltung und patrouillierenden Augen über das Trottoir
-wandelte. In den Spelunken hatte man ärgere Namen für ihn. Aber noch
-keiner hat es gewagt, sie ihm ins Gesicht zu schleudern. Man hatte vor
-dem Alten Respekt.
-
-Revertenten und berufsmäßige Nachtwandlerinnen verschwanden, sobald sie
-ihn von der Ferne sahen, mit größtmöglicher Akzeleration um die Ecke.
-Und wenn er so gegen vier oder fünf Uhr früh in die Schenke „Zum Kranz“,
-„Bei den 3 Sternchen“, im „Goldenen Zweier“, „Zur Schokolade“, „Beim
-Frosch“ oder „Beim Banzett“ erschien, dann sprangen die auf den Tischen,
-auf den Bänken oder auf dem Fußboden schlafenden Stammgäste beiderlei
-Geschlechtes flugs auf, als ob der kommandierende General eine
-Wachmannschaft beim Kartenspiel erwischt hätte. Die schlaftrunkenen
-Augen der Nächtlinge blickten scheu auf den Gefürchteten und mit
-heuchlerischer Devotion scholl ihm allerseits ein „Ruku líbám,
-milostpane“ (Küss’ die Hand, gnä’ Herr) entgegen. Alle kannten ihn. Aber
-auch er kannte alle. Sein Blick durchschnitt das rauchgeschwängerte
-Lokal. Schon hat er einen erspäht, der aus Prag für immer ausgewiesen
-ist. Er winkt ihm und ohne ein Wort der Widerrede zu dulden, nimmt er
-den Liebhaber Prags bis zum nächsten Wachposten mit. Oder er schaut
-jemanden an, den er nie zuvor gesehen: „Sie sind der R. S.!“ Aus den
-Worten eines Steckbriefes hat er sich das Bild des R. S. konstruiert und
-nun den Gesuchten erkannt. Das war seine Spezialität, Spürsinn oder
-Routine?
-
-Aber die Unbeliebtheit in den Verbrecherkreisen hätte ihm in den Kreisen
-der gesetzmäßig lebenden Bürgerschaft Sympathie gesichert, wenn sich der
-Detektivinspektor Lederer nicht aus beruflicher Pflicht auch in ein
-Gebiet hätte einmischen müssen, in welches eine Einmengung spürender
-Behörden mit vielem Rechte von der Allgemeinheit sehr angefeindet wird:
-Das Gebiet der Politik. Für diese Idiosynkrasie gegen „Spitzeltum“ in
-der Politik hat der alte Lederer am meisten leiden müssen. Erst während
-der letzten Grabenkrawalle ist er in der Nähe des Spinka von einer
-Gruppe tschechisch-nationaler Sozialisten erkannt und bedroht worden,
-die Sozialdemokraten haben gegen ihn Gerichtsprozesse angestrengt und
-sogar von deutscher Seite ist der eifrige Geheimpolizist einmal weidlich
-durchgeprügelt worden. Noch dazu auf reichsdeutschem Boden. Das war am
-Sonntag, den 12. Juli 1897. Die österreichischen Behörden hatten den
-Egerer Volkstag verboten, aber damit nichts erreicht. Denn die
-Teilnehmer zogen in hellen Scharen nach dem nahen bayrischen Städtchen
-Waldsassen, um hier — von keinem „landesfürstlichen Kommissär“ gehört
-und gestört — zu beraten und zu beschließen. Aber man hatte „oben“ um
-so größeres Interesse an der Versammlung jenseits der schwarz-gelben
-Grenzpfähle und — so zog Herr Lederer mit einer Kornblume im Knopfloch,
-als unentwegter Alldeutscher gleichfalls nach Waldsassen. Aber er wurde
-erkannt, und er, der was erfahren wollte, hat nur Schlimmes erfahren.
-Auch sonst hat er zahlreiche Reisen in politischer Spürmission
-unternommen, aber er muß hiebei von einem Mißgeschick à la Waldsassen
-verschont geblieben sein, denn nur der eine tragikomische Fall ist
-bekannt geworden. U. a. hat Inspektor Lederer bei Kaiserreisen in der
-ganzen Österreichisch-ungarischen Monarchie als Auge des Gesetzes
-fungiert und ist spähend auf den Spuren Wilhelm des Redseligen, King
-Edwards und Milans des weiland Lebenslustigen gewandelt. Sogar ein
-Sonnen- oder Löwenorden wurde ihm verliehen, zum Dank dafür, daß er den
-Beherrscher des Perserreiches vor eventuellem Mißgeschick behütete.
-
-Bei der Ausmittlung von Verbrechern hat er gute Dienste geleistet.
-Freilich von moderner Kriminalistik, von Daktyloskopie und
-Anthropometrie, von Kopfzirkeln, Meßkreuzen, Narbenmaßen und dem übrigen
-Instrumentarium der beiden Bertillons verstand er ebensowenig wie seine
-Klienten von Ehrlichkeit. Aber er erkannte seine Prager, Weinberger und
-Žižkower Einbrecher an der Art, wie der Einbruch ausgeführt war.
-Und verstand sie zu finden. Besonders in der Josefstadt, die vor ihrer
-Assanation das Heim der Prager Kamorra gewesen war, kannte sich Lederer
-— er war dort jahrelang Polizei-Wachkommandant gewesen — in jedem
-Schlupfwinkel aus und jeden einzelnen Bewohner und jede einzelne
-Bewohnerin der zahllosen Beisel mit Namen.
-
-Aber auch in besserem Milieu ließ den Detektivinspektor sein Spürsinn
-nicht im Stich. Da ließ er sich auch durch Eleganz und weltmännisches
-Auftreten nicht blüffen. So hat er aufs Geratewohl einmal im Kaffeehaus
-einen gutgekleideten Herrn nur deshalb festgenommen, weil er
-champagnisierte und freizahlte. Der Herr protestierte. Aber der alte
-Lederer ließ sich nicht irre machen. Im Sicherheitsdepartement wollte
-man ihn schon ausschimpfen, daß er jemanden grundlos festgenommen habe.
-Man forschte aber nach der Provenienz des Geldes und da stellte sich
-heraus, daß der Arretierte ein eigenes Telegraphenamt in Nusle
-inszeniert, aus diesem Geld angewiesen hatte und beheben ließ. Der Name
-dieses Mannes ist seither in der Geschichte des Postbetruges Europas
-geläufig: Plocek.
-
-„Ich hab’ gleich gesehen, daß der das Geld nicht schwer verdient hat,“
-sagte der alte Lederer, als er die Prämie für seinen Fang ausbezahlt
-erhielt.
-
-Er war bei allen Morden der letzten Jahre zur Stelle: beim Mord am
-Omladinisten Mrwa, an der Juwelierin Gollerstepper, an den Mädchen Hruza
-und Klima im Polnaer Walde, am Hotelier Wolf, am Liebespaar
-Takacz-Hanzely zu Krtsch, am Schulmädchen Smrček, am Portier des
-Gewerbemuseums Schaněl, am Gefangenaufseher Kaucky und an der
-neuvermählten Frau Novotny in der Böhmerwaldgasse. Immer machte er sich
-als einer der ersten auf die Suche. Manchmal mit Glück, manchmal mit
-Unglück. Sein Name war in den Berichten über Prager Kriminalfälle
-stereotyp. Darum geziemt es sich, das heutige Datum als das des Tages zu
-registrieren, da der alte Lederer aufhört, seines Amtes zu walten.
-
-
-
-
- Der Mann mit der Straßenspritze
-
-
-Wenn es regnet, ist es naß. Besonders in Prag. Hier werden nämlich bei
-Regen die Straßen besprengt. Manchmal während des Regens, manchmal nach
-und manchmal vor dem Regen. In den beiden erstgenannten Fällen müßte man
-nichts besonderes erblicken, weil man ja zu der Vermutung kommen kann,
-der bekannte Satz, daß Feuchtigkeit des Erdbodens Regen zur Folge habe,
-sei auch in der Umkehrung richtig. Aber daß man in Prag auch vor dem
-Regen die Straßen besprengt, ist interessant. Es kommt ja auch nur
-selten vor. Dann ist es aber umso interessanter.
-
-Der Mann, dem die ehrenvolle Aufgabe obliegt, die Bazillen des Prager
-Straßenstaubes mit den Bazillen des Prager Wassers in fruchtbaren
-Zuchtverkehr zu bringen, ist näherer Beachtung wert. Sie wird ihm auch
-zuteil. Dort, wo der Spritzenmann ist, dort ist auch die Straßenjugend.
-Die kennt die Prager Spritzenschläuche ganz genau und weiß, daß sie
-feine Löcher haben, durch die beim Spritzen hohe Wasserstrahlen in die
-Luft steigen. Diese kleinen Löcher lassen sich bequem mit einem Finger
-zuhalten und wenn man diesen wegzieht, so spritzt der dünne Strahl mit
-verdoppelter Gewalt in die Höhe oder auf einen Passanten. Ja, das
-Spritzen ist eine Lust für die jeunesse dorée der Straße. Aber auch
-ältere Passanten, die ohnedies schon um der sengenden Sonnenglut willen,
-sich nicht der Eile befleißigen wollen und die — die Abneigung der
-Muhme Mephistos gegen das Staubschlucken teilend — lieber auf
-besprengtem Pfade weiterwandeln wollen, bleiben stehen und schauen dem
-Mann mit der Straßenspritze zu. Schon die Vorbereitungen, die dieser
-trifft, wirken erfrischend. Ich glaube, dieses Straßenbild wäre ein
-famoser Stoff für eine Pantomime. Sie wäre abendfüllend.
-
-I. Akt. (Eine schmutzige Straße.) Leute treten auf, die sich den Schweiß
-aus dem Gesichte wischen und dann die Taschentücher auswinden. Plötzlich
-malt sich Begeisterung in ihren Zügen und freudigen Antlitzes weisen sie
-in die rechte Kulisse. Aus dieser kommen zunächst barfüßige Knaben und
-Mädchen mit Jubel und Tanz. Dann rollt ein Handwagen heran, der ein
-großes Faß trägt. Der Wagen wird von einem Spritzenmann geschoben, ein
-zweiter geht neben dem Wagen. Der Spritzenmann rekognosziert das
-Terrain. Fragend blickt er seinen Genossen an. „Soll man hier spritzen?“
-Die Antwort scheint eine verneinende Gegenfrage zu sein: „No, soll man
-hier spritzen?“ Aber Passanten und Straßenjugend drängen sich an die
-beiden Begleiter des Fasses heran und bitten flehentlich um einen
-Gespritzten für das Straßenpflaster. Die beiden nicken Gewährung und
-senken den Vorderteil des Wagens zur Erde. Die Zuschauer (auf der Bühne)
-treten scheu zurück. Die Spritzenleute beginnen je eine Tabakspfeife
-anzuzünden. Der Vorhang fällt langsam.
-
-II. Akt. (Spielt eine halbe Stunde später. Personen: Wie im ersten Akt.)
-Die Spritzenleute vollenden das Anzünden der Tabakspfeife. Sie nehmen
-ein T-förmiges Eiseninstrument, das wie ein jugendlicher Galgen aussieht
-und halb Schraubenschlüssel, halb Pfropfenzieher ist, vom Faßwagen und
-heben mit der einen Zacke dieses Werkzeuges den Deckel des Hydranten in
-die Höhe. Ein süßer Geruch steigt aus den Tiefen empor. (Das Orchester
-spielt: „Das duftet nach Trèfle incarnat“ aus „Graf von Luxemburg“.) Der
-Duft erfüllt das Theater. Die Zuschauer (auf der Bühne) verschwinden im
-Hintergrund. Die Zuschauer (im Zuschauerraum) auch. Der Vorhang fällt
-rasch.
-
-III. Akt. Aus dem Faß wird durch dessen obere Öffnung ein Metallrohr
-herabgenommen, das im Sonnenglanze glitzert, wie das Rheingold in der
-Komischen Oper zu Wesseli-Mezimosti. Am Ende des Rohres hängt ein
-Elefantenrüssel; aber es ist gar kein Elefantenrüssel, sondern ein
-Spritzenschlauch. Das andere Ende des Rohres wird irgendwo in dem
-Abgrund befestigt, aus dem die bereits beschriebenen unbeschreiblichen
-Düfte steigen. Damit das T-Instrument sich nicht zurückgesetzt fühle,
-schraubt man es gleichfalls an den Hydranten. Die Zuschauer denken nun
-wie Schiller: Wohl, nun kann der Guß beginnen. Aber damit ist’s noch
-nichts. Dem einen Spritzenmann ist das Feuer der Tabakspfeife
-ausgegangen und er bemüht sich nun, ein Zündholz an einem Teile seiner
-Hose anzuzünden. Der Vorhang fällt diskret.
-
-IV. Akt. Die Pfeife brennt. Einer der beiden Spritzenleute kurbelt den
-Miniaturgalgen, der andere packt den Spritzenschlauch, dessen Mündung
-das Straßenpflaster zärtlich küßt. Wasserströme, welche die neue
-hechtgraue Felduniform tragen, strömen durch den Schlauch und verwandeln
-die Gegend um den Hydranten in eine romantische Meereslandschaft. Ein
-schmuckes Dienstmädchen, einen Korb mit Eßwaren unter dem Arme, kommt
-des Weges und lächelt den Wassermann an, der den Schlauch hält. Ein
-Strahl der Freude zuckt über sein Gesicht und ein Strahl Wasser über das
-ihre. Der Spritzenmann hat nämlich in seiner freudigen Erregung die mit
-dem Schlauch bewehrte Hand erhoben. Auch die Eßwaren sind angenehm
-besprengt worden und der Korb sieht aus wie ein volles Lavoir. Das
-Mädchen schimpft. Die Spritzenmänner bleiben ihr die Antwort nicht
-schuldig und gebrauchen einige Ausdrücke ... (Der Vorhang fällt über
-Anordnung der Zensurbehörde sehr rasch.)
-
-V. Akt. Es wird fortgespritzt. Alle Passanten erhalten eine Dusche
-gratis. Hier erhält ein hellgelber Herrenüberzieher eine schön braune
-Glasur, dort wird einem Panamahut Gelegenheit geboten, zu erweisen, ob
-er wirklich wasserdicht ist. Mit Wilhelm Tell-artiger Sicherheit lenkt
-der schlichte Bedienstete der Prager Kommune sein feuchtes Geschoß gegen
-die wandelnden Ziele. Oft weiß er mit ein- und demselben Strahl mehreren
-Ahnungslosen etwas von dem erfrischenden Naß der Moldau zuteil werden zu
-lassen. Längst hat sich die Straße in das Schwarze Meer verwandelt —
-der Spritzenmann arbeitet weiter, als gälte es den Kanal trocken zu
-legen. Da fängt es zu regnen an. (Man verwende den Platzregen aus „Das
-Weiße Rößl.“) Die Spritzenmänner freuen sich höchlichst, denn im Regen
-ist die Arbeit viel angenehmer. Sie lassen aus dem Schlauche Wasser in
-das Faß des Wagens laufen, damit sie mit Hilfe der bekannten Holzkannen
-auch jene Straßenteile besprengen können, zu denen der Spritzenstrahl
-nicht gelangen kann; wenn der Regen diese Stellen näßt, so gilt das
-nicht. Das Faß ist bald gefüllt und nun kommt der Deckel wieder auf den
-Hydranten, Röhre, Schlauch und Schraubenschlüssel wieder auf den Wagen.
-Es regnet weiter — besonders faule Äpfel und Eier aus dem
-Zuschauerraum. Der Vorhang fällt mit wolkenbruchartiger Geschwindigkeit.
-
-Auf Hofbühnen und anderen großen Theatern kann man statt des Faßwagens
-fahrbare Riesenspulen verwenden, um die sich der Spritzenschlauch
-ringelt; die Aufführung verliert dadurch nicht an Lokalkolorit, da man
-solche Spulen beim Besprengen der Prager Hauptstraßen verwendet. Anderer
-Requisiten bedarf mein Mimodrama nicht. Trotzdem mir die Tantiemen ganz
-gut zustatten kämen, sage ich den Theaterdirektoren ganz offen: Das
-Stück braucht nicht sofort aufgeführt zu werden, denn der Stoff bleibt
-dauernd aktuell. In Prag wurde seit jeher die Straßenbesprengung so
-betrieben und wird auch weiter so betrieben werden. In den fünfziger
-Jahren des vorigen Jahrhundertes haben diese Arbeit Leute besorgt,
-welche von Feuerwehrmännern auf der Straße ad hoc engagiert worden waren
-und unter deren Aufsicht spritzen mußten. Daß diese Leute die Sache
-nicht mit jener virtuosen Sicherheit, nicht mit jener genialen
-Schlauchtechnik betreiben konnten wie das wohlorganisierte städtische
-Spritzenkorps von heute, liegt klar auf der Hand. Ist das nicht
-Fortschritt genug? Ein Mehr wäre von Übel, hieße die Tradition
-verleugnen. Und die Stadt Prag hält auf Tradition. Strahlend war früher
-die Straßenbesprengung, strahlend soll sie auch in Zukunft sein. Das ist
-eine Beruhigung für mich. Kann doch meine Pantomime nie veralten, wenn
-die Männer, die spritzen, nie selbst „gespritzt“ werden.
-
-
-
-
- Eine Nacht im Asyl für Obdachlose
-
-
-Eine Minute von der Elisabethstraße entfernt, in der alltäglich Fiaker,
-Automobile, Straßenbahnwagen, Equipagen und Droschken nach dem
-Baumgarten hinausfahren, zweigt von der Klemensgasse die Neumühlgasse
-ab. Sie ist keine Verkehrsstraße; vier scharfe Ecken bildend, kehrt sie
-zur Klemensgasse zurück. Hier ist nichts mehr von Promenade, nichts mehr
-von Luxusfuhrwerken zu merken. Nur wenige Passanten bevölkern sie.
-Abends jedoch sammeln sich hier Gruppen von Menschen an, die des
-Augenblickes harren, wo sich das Tor des Hauses Nr. 11 eröffnet, auf dem
-in großen schwarzen Lettern die Worte „Útulna — Asyl“ stehen.
-
-In diesem Haus, das Eigentum des Prager Asylvereines für Obdachlose ist,
-habe ich gestern übernachtet. Bei einem Freunde, der in der nahen
-Sametzgasse wohnt, hatte ich mich vorher in full dress geworfen. Den
-Rock, den ich anhatte, hatte voriges Jahr unser Dienstmädchen einem
-Bettler geschenkt, aber dieser hatte die Annahme des Geschenkes unter
-schweren Beleidigungen abgelehnt. Wenn in dem Hut, den ich aufgesetzt
-hatte, noch die Firmabezeichnung erkenntlich wäre, könnte man ihn als
-famoses Mittel für Erpressungen verwenden: Der Hutmacher würde jeden
-Betrag bezahlen, um diese seinen Namen tragende Schmach aus der Welt zu
-schaffen. Der Rock hatte zwar keine Fasson, aber dafür hatte er auch
-keine Farbe und Löcher, auf die jede Regimentsfahne stolz sein könnte.
-Die Risse der Stiefel waren durch die in sanften Wellenlinien
-hinabfallenden roten Socken teilweise verdeckt. Die Hosen — reden wir
-nicht davon.
-
-So ging ich, in den wahrlich nicht verwöhnten Gassen des Petersviertels
-peinlichstes Aufsehen erregend, zum Asylhaus. Hier waren schon Gruppen
-von Obdachlosen angesammelt. Einige saßen auf dem Geländer, das die
-schmalen Anlagen der Klemenskirche umfriedet, andere auf den Stufen am
-rückwärtigen Kircheneingang. Etliche standen vor dem Eingang eines
-Gasthauses in der Klemensgasse, wieder andere an die Häuser der
-Neumühlgasse gelehnt. Auch Frauen waren darunter. Im ganzen etwa 70
-Leute. Ein Doppelposten der Polizei hielt Wache.
-
-In der Gruppe, in der ich mich anstellte, war ein fünfzehnjähriger
-Bauarbeiter, der gerade von seiner Fußwanderung aus Triest in Prag
-eingetroffen war. Dann ein Prager Geschäftsdiener, elternlos und ohne
-Verwandte, der ohne Stellung war. Vor anderthalb Tagen hatte er bei
-einem ehemaligen Kollegen eine Suppe bekommen, seither hatte er
-überhaupt nichts gegessen. Unter anderen Umständen hätte ich diese
-Angabe vielleicht skeptisch aufgenommen. Aber hier konnte ich nicht
-daran zweifeln. Was für ein Interesse hätte er gehabt, die Kollegen, die
-gleich ihm arg im Bruch waren, zu belügen? Erwarten konnte er von ihnen
-ja nichts. Ich versprach ihm meine Suppenportion für den Fall, als ich,
-trotzdem ich kein Dienstbuch habe, in das Asyl eingelassen würde. Ich
-hätte einen verdorbenen Magen und könne nichts essen. Seither wich der
-Bursche nicht von meiner Seite, damit er in das gleiche Zimmer mit mir
-komme. Seine einzige Sorge, die er fortwährend zu mir äußerte, war die:
-„Ob man dich nur ohne Büchel hineinlassen wird?“ Von Zeit zu Zeit kamen
-Besuche zu unserer Gruppe. Leute, die Arbeiter suchten. In meinem Leben
-habe ich nicht so viele Engagementsanträge erhalten, wie vorgestern.
-„Bist du ein Müllergehilfe?“ fragte mich ein wohlgenährter Herr, der auf
-unsere Gruppe zugetreten war. Nein, ich sei kein Müllergehilfe. Damit
-aber gab sich der Herr noch nicht zufrieden: „Willst du nicht in der
-Mühle arbeiten?“ Ich müsse morgen abreisen, sagte ich und der Vertrag
-war nun endgültig gescheitert.
-
-Von den übrigen Aktionen, die nichts geringeres zum Zwecke hatten, als
-meine wertvolle Arbeitskraft für verschiedene Unternehmungen, wie einen
-Brückenbau, eine Schneiderwerkstätte etc. zu gewinnen, sei noch eine
-erwähnt. Ein Bäckergehilfe kam zu mir: „Du bist ein Bäcker?“ Wieder
-verneinte ich. „Das macht nichts,“ sagte jener. „Du könntest heute
-nachts bei uns in der Werkstätte statt meiner arbeiten. Mein Mädel ist
-heute früh nach Prag gekommen und ich möchte gern mit ihr ausgehen. Du
-brauchst nicht viel zu machen, nur soll der Alte nicht merken, daß einer
-fehlt. Ich gebe zwanzig Kreuzer.“ Ich erklärte, daß ich ablehnen müsse.
-Ich hätte schon drei Nächte nicht geschlafen.
-
-Die Arbeitgeber waren nicht die einzigen Personen, die um unsere Gunst
-warben. Zwei Frauen traten auf einzelne von uns zu und boten uns
-privates Logis an. Mich forderten sie nicht auf; ich sah sehr schäbig
-aus. Aber auch bei den anderen hatten sie kein Glück, da ihre Forderung
-zu hoch war. Je zwei hätten in einem Bette schlafen und jeder dreißig
-Heller zahlen sollen. Ein jüngerer Wanderbursche ließ sich in
-Unterhandlungen ein, aber ein erfahrenerer Genosse zog ihn zurück.
-„Unsinn! Im Asyl schläfst du allein im Bett, zahlst keinen Heller und
-kriegst noch zweimal Suppe.“ Da mußte denn die Wohnungsvermieterin
-wieder abziehen.
-
-Wir standen von ¾6 Uhr abends bis 7 Uhr. Dann wurde das Tor geöffnet,
-entweder weil der Hausvater sehen wollte, wieviel Leute draußen seien,
-oder weil irgend ein Angestellter des Asyls eingelassen wurde. Das
-Öffnen des Tores war das Signal zur Vergatterung vor diesem. In weitem
-Bogen drängte sich die Schar der Obdachlosen. Die Frauen wurden in die
-erste Reihe gelassen. An sie schlossen sich, auf Anordnung eines alten
-Kunden, zunächst die Leute, die schon tags vorher die Gastfreundschaft
-des Prager Asylvereines genossen hatten. In den nächsten Reihen standen
-die Obdachsuchenden, welche die Bestätigung ihrer Genossenschaft darüber
-in Händen hatten, daß sie stellungslos und „auf der Walz“ in Prag seien.
-Dann kamen diejenigen, die durch ihr Arbeitsbuch den Nachweis ihrer
-Arbeitslosigkeit führen konnten und deshalb das Anrecht auf Annahme in
-das Obdach der Obdachlosen besaßen. Zuletzt die Schar jener Burschen,
-die zwar stellungslos waren, aber schon zwei oder drei Tage im Asyl
-genächtigt hatten; sie wußten wohl, daß sie kaum wieder Einlaß finden
-würden und berieten, wo sie im Falle ihrer Abweisung nächtigen würden.
-Die einen schwärmten von einer sehr schönen Scheuer in Žižkow, die
-anderen waren entschieden für den Stall eines Prager Einkehrhauses, wo
-es allerdings drei Kreuzer Quartiergeld koste, wieder andere
-propagierten eine Exkursion in den Kinskygarten oder den Karlspark.
-
-Auch die drei anderen Schichten — jetzt waren auch die Obdachlosen,
-diese untersten Repräsentanten der menschlichen Gesellschaft in
-Gesellschaftsschichten geteilt — debattierten eifrig. Ein Alter, mit
-schwarzem Bart und Havelock, führte das große Wort. Das Thema der
-Debatte war nichts geringeres, als — die Frage der Landtagstätigkeit.
-Es war die finanzpolitische Seite, welche diese in Lumpen gekleideten
-Menschen am meisten interessierte. In der Naturalverpflegsstation hatte
-man ihnen den Mangel verschiedener Gegenstände mit der Finanznot
-begründet, und deshalb waren viele für die Flottmachung des Landtages,
-aber einzelne waren dagegen, indem sie erklärten, wenn die Regulierung
-der Landstraßen wieder in vollem Maße aufgenommen werde, dann gäbe es
-wieder lauter Schikanen von seiten der Wegmeister.
-
-Das neuerliche Öffnen des Tores machte diesen hochpolitischen Erwägungen
-ein Ende. Man ließ die Frauen — größtenteils beschäftigungslose Feld-
-und Fabriksarbeiterinnen — ein und schloß wieder. Dann, nach etwa zehn
-Minuten die Männer. Ein Asylbediensteter rief die Gruppe aus. Einzeln
-wurde man eingelassen, jeder mußte sich legitimieren. Bei der Gruppe
-„Arbeitsbücher“ fand auch ich mich ein.
-
-„Wo hast du dein Arbeitsbuch?“, fragte mich der Mann an der Pforte.
-
-„Ich habe keines,“ war meine Antwort. „Ich komme aus Reichenberg und
-wollte ins Spital. Aber man hat mich nicht aufgenommen, weil überfüllt
-ist.“
-
-„Warum fährst du nicht zurück?“
-
-„Ich habe kein Geld. Auf der Polizei werden sie mir ein Rückreisebillett
-geben. Aber erst morgen. Nachmittag wird nicht amtiert, und da haben sie
-mich hergeschickt.“
-
-„Wer hat dir das gesagt, daß du hergehen sollst?“
-
-„Der Offizial S...“ Ich nannte den Namen des Beamten, der die
-Reiseunterstützungen aushändigt, und dies genügte, um den Auguren von
-der Richtigkeit meiner Aussage zu überzeugen. Aber er hatte noch eine
-Besorgnis:
-
-„Weshalb wolltest du ins Krankenhaus?“
-
-„Ich habe Herzschwäche.“
-
-Er sah mir forschend ins Gesicht, ob ich wirklich krank sei. Nun aber
-war ich — welche ein Zufall! — ausnahmsweise, ganz ausnahmsweise in
-der vorigen Nacht „auf dem Flam“ gewesen und war blaß. Da ließ er mich
-denn aus Mitleid ein. „Ein Neuer!“, rief er einem anderen Bediensteten
-zu, der auf der anderen Seite des Tores stand und Protokoll führte. Ich
-gesellte mich zu den anderen Obdachlosen, die sich im Hausflur drängten.
-Der Asylbedienstete wandte sich nun an die, die draußen harrten. „Ist
-noch jemand, der noch nicht zwei Nächte hier war?“ Keine Antwort. „Gute
-Nacht, hochgeehrte Herren,“ mit diesem ironischen Gruß schloß er das
-große Tor. Nun stellte sich ein Angestellter des Asyls auf die erste
-Stufe der Wendeltreppe und ordnete an:
-
-„Stiefel abputzen, Hemdkragen öffnen, paarweise antreten!“
-
-Geräuschvoll wurde diesem Befehle Folge geleistet und vom ersten Stock
-erscholl die zweite Order:
-
-„Die beiden ersten herauf!“
-
-Nach etwa einer Minute: „Die beiden nächsten herauf.“ Und so fort. Oben
-wurden alle eingehend nach Ungeziefer untersucht. Von Zeit zu Zeit hörte
-man von oben Schimpfen und Protestieren, und dann kam immer ein
-Obdachloser wieder die Treppe herunter: Man hatte bei ihm das Gesuchte
-gefunden ... Das Tor öffnete sich und der Paria ward entlassen. Ich war
-mit dem hungernden Handlungsdiener im Paar. Man fand nichts bei mir, und
-meiner Aufnahme stand nichts im Wege. Man wies mir ein Bett an.
-
-In einem kleinen Zimmer, in dem vier Betten standen, wurde ich
-einquartiert. Meine Zimmergenossen zogen ihre Stiefel aus und nahmen je
-ein Paar der harten Lederpantoffeln, die auf dem Eisenofen lagen. Ich
-zog gleichfalls die „Batschkoren“ an, setzte mich aber dabei auf das
-Bett. Das war ein Fehler, denn ein zufällig in das Zimmer tretender
-Angestellter des Hauses fragte mich sofort, ob ich eigentlich glaube,
-daß ich im Spital sei. Ich vermutete, daß dies eine rhetorische Frage
-sei, und beantwortete sie nicht. Damit gab sich der Asylbedienstete
-nicht zufrieden.
-
-„Du bist aber ein Häuschen“ (hajzl), meinte er. Was er damit sagen
-wollte, weiß ich nicht, aber ich vermute, daß dies ein Schimpfwort
-gewesen sei, da er gleich darauf die Mitteilung hinzufügte, daß ich ein
-„Bastard“ (parchant) sei. Diese Angabe ist unrichtig; doch der
-Asylbedienstete konnte sich ja irren. Wieso er aber von mir behaupten
-konnte, daß ich ein „Lausbub“ (všivák) sei, während doch die
-unmittelbar vorhergegangene Untersuchung vollständig negativ verlaufen
-war, ist mir unverständlich. Trotzdem habe ich es unterlassen, den
-Asylmann zu kontrahieren. Für einen künftigen Ehrenrat, der mich
-eventuell dafür zur Verantwortung ziehen würde, daß ich grundlose
-Beschuldigungen nicht mit der ritterlichen Forderung durch die Waffe
-beantwortet habe, sei gleich vorweg bemerkt, daß meine Kartellträger in
-das Asylhaus überhaupt nicht eingelassen worden wären, da man eines
-Arbeitsbuches oder des Nachweises einer Gewerbeausübung unbedingt zum
-Eintritte bedarf.
-
-Der Asylbedienstete, dessen Groll ich mir zugezogen hatte, kam nach
-einer Pause von etwa zehn Minuten wieder in unser Zimmer. Diesmal war
-seine Mission viel sympathischer. Er legte jedem von uns ein Stück Brot
-auf das Bett und bestimmte dann zwei von uns zum Holen der Suppe. Ich —
-war ich doch sein Feind! — war einer von den zweien. So ging ich denn
-mit meinem Arbeitsgenossen die Stiegen hinunter in den ebenerdig
-gelegenen Küchenraum. Hier stand ein Holztablett für uns bereit, das mit
-fünf gefüllten Blechtassen beladen war: die Suppe. Wir beförderten die
-Ladung in unser Zimmer. In den Blechtassen stak kein Silberlöffel,
-sondern bloß ein schlichter Zinnlöffel, was wohl der Grund dafür gewesen
-sein mag, daß jeder meiner Zimmergenossen den Gebrauch des Löffels
-verschmähte und den Inhalt direkt aus der Schale trank. Ich verkostete
-einen Löffel und erfüllte dann das Versprechen, dem hungrigen
-Handlungsdiener meine Suppenportion zu schenken, leichten Herzens.
-Leichten Herzens, weil mich die ungewohnte Auftischung des Kuverts
-beeinflußt hatte. Den anderen aber schmeckte die Suppe ganz famos, wie
-an ihren behaglichen Mienen zu erkennen war.
-
-Ich benützte die Souperpause, um in den Räumen des Asyls Umschau zu
-halten. Einzelne Zimmer waren doppelt so groß wie das unsrige und
-beherbergten dementsprechend die doppelte Anzahl von Betten. Im ganzen
-sind in den beiden Stockwerken, die für die Männer bestimmt sind, 78
-Betten untergebracht. Es sind eiserne Kavalets, die einen Strohsack,
-einen Roßhaar-Kopfpolster, eine benähte Drillichdecke und ein ziemlich
-reines Leintuch enthalten. Überhaupt herrschte auf den Wänden und
-Fußböden der Schlafsäle, auf den Gängen, Stiegen und auf der die ganze
-Front umgebenden Pawlatsche eine peinliche Sauberkeit — kein Wunder bei
-der eisernen Disziplin, über die ich kurz vorher in so energischer Weise
-belehrt worden war.
-
-Als die Suppe verzehrt und die Holztasse samt den Suppennäpfen unter
-meiner Mitwirkung wieder in die Küche getragen worden war, setzten wir
-uns auf die Stühle, und es begann die Konversation. Schon die Art des
-Bekanntwerdens war eine viel bessere, als sie in der Gesellschaft üblich
-ist. In den Salons geschieht die Vorstellung durch eigene Initiative,
-sie ist aufdringlich, jeder gleichgültige Mensch stellt sich jedem
-gleichgültigen Menschen vor und nennt seinen gleichgültigen Namen, der
-überhaupt nicht verstanden wird. Im Asyl fragt einer den anderen: „Was
-für einen Beruf hast du?“ Mit der Antwort ist alles Wissenswerte über
-den Schlafgenossen gegeben. Nach dem Namen wird nicht gefragt. Namen
-sind Schall und Rauch.
-
-Ich erfuhr, daß mein Bettnachbar zur Linken ein Kanalräumer,
-beziehungsweise ein Kutscher sei, der nur in den letzten vierzehn Tagen
-mangels anderer Beschäftigung der Prager Gemeinde nächtlicherweile beim
-Entleeren der Kanäle behilflich gewesen, aber gerade tags vorher wegen
-allzu großer Trunkenheit im Dienst entlassen worden war. Er war übrigens
-nicht bös darüber: „Länger als vierzehn Tage bin ich ohnedies seit zehn
-Jahren in keiner Stadt gewesen.“
-
-Das Bett zu meiner Rechten hatte mein neuer Freund, der Handlungsdiener
-inne, links von dem Kanalräumer war ein Zuckerbäckergehilfe aus Hartburg
-bei Graz, der von dort geradewegs zu Fuß nach Prag gekommen war. Bei
-diesem kam ich durch ungeschickte Beantwortung seiner Fragen in den
-Verdacht ein Protz zu sein. Er fragte mich nämlich, ob ich schon in
-Hamburg gewesen sei und ich bejahte.
-
-„Wie ist’s dort im Asyl?“
-
-Ich mußte wahrheitsgemäß antworten, daß ich dies nicht wisse. Ich hätte
-bei einem Freunde geschlafen, sagte ich.
-
-„Und wie weit ist es von hier?“
-
-„Zu Fuß?“, schlüpfte mir als Gegenfrage aus dem Mund und das war dumm.
-
-„Willst mi eppa pflanzen?“, fuhr er mich bös an. „I wer doch net im
-Fiaker hinfahren!“
-
-Zum Glück machte der Kanalräumer, der sich auch Jahre lang in
-Deutschland herumgetrieben hatte und nicht nur deutsch, sondern auch
-italienisch — der Verkehr mit den italienischen Erdarbeitern brachte
-das mit sich — verstand, weiteren Angriffen des steirischen
-Zuckerbäckers gegen mich ein Ende. Er teilte ihm mit, daß er von Prag
-nach Hamburg etwa zwölf Tage zu gehen habe, wenn er täglich fünfzig
-Kilometer zurücklege. In Hamburg gebe es zwei Asyle, er möge aber nicht
-in das Polizeiasyl gehen, denn dort werde jeder Kunde photographiert.
-Auch im Asyl der Magdeburger Arbeiterkolonie möge er sich nicht
-aufhalten; dort müsse man vor der Aufnahme das Arbeitsbuch abgeben und
-müsse Holz sägen und hacken, „ärger wie im Arbeitshaus.“ Dann gab der
-Kanalräumer dem Zuckerbäcker noch einige geographische Ratschläge. Er
-beschrieb ihm den Weg, den er einschlagen müsse, um vier Heller Überfuhr
-zu ersparen, und nannte ihm die Straßen, auf denen gute Zwetschken zu
-erhaschen seien. Auch über die Schubverhältnisse, über die Handhabung
-des Vagabundagesetzes und über die Naturalverpflegsstationen und die
-Herbergen in den einzelnen Orten sagte er dem Zuckerbäcker manch
-kräftiges Wörtlein.
-
-Während des Gespräches zog der Kanalräumer wiederholt ein Fläschchen aus
-der Tasche und stärkte sich. Schließlich war der Schnaps alle.
-
-„Hol’s der Teufel, daß man hier kein Bier kriegt,“ brummte der
-Kanalräumer wütend.
-
-„Ich wär’ wieder froh, wenn ich rauchen könnte,“ sagte ich, um etwas zu
-sagen.
-
-„Hast du denn ein Stückchen Zigarette?“ meinte jener mit lauerndem
-Blick. „Ich würde mich draußen einsperren und rauchen.“
-
-Ich brach in der Tasche eine „Sport“ in die Hälfte und reichte meinem
-Schlafgenossen eine Hälfte. Der hatte sie kaum in der Hand, als sich
-schon der Zuckerbäckergehilfe an ihn herandrängte und ihn flehentlich
-bat: „Schenk mir ein Stückel.“ Da wurde denn die halbe Zigarette redlich
-geteilt.
-
-Um 9 Uhr verlosch das Gaslicht. Ich benützte die Dunkelheit, um mich in
-Kleidern auf das Bett zu werfen. Während der Nacht schloß ich kein Auge.
-Rechts neben mir schnarchte der postenlose Geschäftsdiener wie ein
-Lokalbahnzug, links neben mir stieß der Kanalräumer in seinem
-alkoholschweren Schlaf wüste Drohungen gegen irgend ein Mädel aus, von
-dem er träumte. Aus dem Nebenzimmer drang in Intervallen von je zwei
-Minuten ein Husten herein, als ob der Mann zu ersticken drohe. Es
-dauerte lange, lange bevor es sechs Uhr wurde. Endlich aber schrillte
-eine Glocke: Reveille. Alles kleidete sich an und machte das Bett
-zurecht. Bald darauf kam der Aufseher und besah das Werk kritischen
-Auges. Hier fand er die Decke zu wenig geglättet, dort war das Leintuch
-unten zusammengefaltet, statt unterhalb des Kopfpolsters. Schließlich
-verließ er uns, um auch die Nachbarräume mit seiner Inspektion zu
-beehren. Als er wiederkam, legte er jedem von uns einen „Pandur“, einen
-runden Wecken, auf das Bett und wir durften wieder Suppe holen.
-
-Nach einer halben Stunde ertönte ein lauter Ruf des Asylvaters:
-„Magazin!“ Das war das Aviso für die Obdachlosen, sich um den bis dahin
-versperrten Schrank zu scharen und daraus die Ranzen und Kofferchen in
-Empfang zu nehmen, die sie hierher in Verwahrung gegeben hatten. Um 7
-Uhr wurde das Tor geöffnet und der Strom der Obdachlosen mündete wieder
-in die Stadt. Der Doppelposten der Polizei stand wieder da und schaute
-uns mißtrauisch an.
-
-Die meisten der Obdachlosen begaben sich zunächst in die
-Arbeitsvermittlungsanstalt im „Alten Gericht“, dann in jene von
-Žižkow. Ohne das Visum dieser beiden Institute finden sie anderswo
-weder eine Genossenschaftsunterstützung, noch Aufnahme im Asyl. Ich
-schlich mich wieder in das Haus in der Sametzgasse, in dem mein Freund
-wohnte. Der Hausbesorger und die Hausbewohner, die mir begegneten,
-blickten mir mit unverhohlenem Mißtrauen nach, bis mir die Wohnungstüre
-geöffnet wurde. Nun restaurierte ich mich so weit, um kein Refus von
-seiten eines Droschkenkutschers erwarten zu müssen und fuhr dann nach
-Hause. Hier angekommen, telephonierte ich ins Bureau, daß ich wegen
-Unwohlseins fernbleiben müsse. Ich gedachte einen langen Schlaf zu tun.
-Vorher habe ich aber noch gründlich gebadet — eine Tatsache, die zwar
-selbstverständlich ist, die ich hier aber im Interesse meiner nicht
-obdachlosen Bekannten doch hier besonders registrieren will.
-
-
-
-
- Das Lied vom Kanonier Jaburek
-
-
-An den Korridorwänden in den Kasernen hängen Schlachtenbilder, Porträts
-ruhmreicher Feldherren, Gedenktafeln für gefallene Soldaten des
-Regiments. Alles in schönen Rahmen. Dann hängt noch in jedem
-Kompagniegang ein „Verzeichnis der Gastlokale, deren Besuch der
-Mannschaft untersagt ist“. Diese Tafeln haben den schönsten Rahmen. Mit
-Recht. Denn in Friedenszeiten kann der Soldat seinen kriegerischen Sinn
-und seine persönliche Tapferkeit nirgends so gut erweisen, wie in den
-Wirtshäusern. Und in den „Gastlokalen, deren Besuch der Mannschaft
-untersagt ist“, wurde eben dieser kriegerische Sinn und diese
-persönliche Tapferkeit ruhmreich erprobt. Also ist es nur löblich, daß
-dieses Verzeichnis der Kriegsschauplätze und Schlachtfelder kostbar
-eingerahmt wird.
-
-Die Schlachten werden manchmal gegen Zivilisten geführt. Diese sind aber
-verächtliche Gegner. Sie haben keine Waffen. Man wirft die Kerle einfach
-hinaus, und gut ist’s.
-
-Ernster ist es schon, wenn sich zwei Teile unserer Armee, jener, der dem
-Reichskriegsminister, und jener, der dem Landesverteidigungsminister
-untersteht, wacker bekriegen. Wer nie einen Fernkampf der Biergläser,
-oder einen Nahkampf der Ohrfeigen mitgemacht hat, der sich zwischen den
-Angehörigen der Landwehr und jenen des Heeres entsponnen hat, der kennt
-Euch nicht, Ihr himmlischen Mächte, die Ihr von Zeit zu Zeit die
-Militärbehörden veranlaßt, das Verzeichnis der verbotenen Gastlokale um
-eine neue Nummer zu bereichern.
-
-Ob es nun bei Trunk oder Tanz ist — immer kommt die Rivalität zwischen
-den Teilen der Wehrmacht zum Ausdruck, immer ist diese in zwei Gruppen
-gespalten. Ja, selbst wenn eines jener Soldatenlieder, deren Absingung
-im Felde die Offiziere nur nach Gewaltmärschen nachsichtig und
-stillschweigend dulden, im Wirtshause angestimmt wird, stört die
-friedliche Gruppe durch ein anderes Lied die Harmonie der Stimmen. Nur
-eine Ausnahme gibt es: Das Lied vom Kanonier Jaburek. Zu dessen Gesang
-vereinigen sich Landwehrmänner mit Heeressoldaten, die Träger der
-schwarzen mit jenen der grauen Mützen, Infanteristen und
-Sanitätssoldaten, die Soldaten, die Wunden schlagen, und die Soldaten,
-die Wunden lindern, die Pioniere, die im Kriege Bauten errichten, und
-die Artilleristen, die im Kriege Bauten zerstören. Es ist ein
-hochheiliger Kantus.
-
-Die einmütige Ehrung, die dem Liede zuteil wird, ist ein Beweis von Sinn
-für kriegerische Heldentaten. Denn der Kanonier Jaburek, über dessen
-Persönlichkeit leider weder das deutsche, nach das tschechische
-Konversationlexikon etwas zu verzeichnen wissen, ist ein Mann, gegen den
-die anderen Helden der Kriegsgeschichte aller Zeiten und Völker ein
-Nichts darstellen. Der vielbesungene Leonidas zum Beispiel hat bei der
-Verteidigung des Engpasses von Thermopylae — wie ein zeitgenössisches
-Marterl meldet — nicht anders gehandelt, als „wie das Gesetz es
-befahl“. Aber der Kanonier Jaburek! Wo steht im Wehrgesetz geschrieben,
-daß jemand, dem der Kopf wegfliegt, sich noch entschuldigen muß, daß er
-seine Hände nicht salutierend an den Kopf legen könne, wo steht im
-Exerzierreglement, daß jemand ... aber dem Liede sei nicht vorgegriffen.
-
-Die Epopöe hat siebzehn vierzeilige Strophen und ist in
-tschechisch-deutscher Sprache abgefaßt. Eigentlich ist sie tschechisch,
-aber sie ist von militärischen Ausdrücken, wie „Feuerwerkr“, „Kmán“
-(Gemeiner), Lunte, „meldovati“ und deutschen Flüchen derart durchsetzt,
-daß vom Tschechischen nicht viel übrig bleibt. Komponist und Textdichter
-des Liedes sind, wie jene des Liedes „Prinz Eugen, der edle Ritter“,
-nicht bekannt. Das Lied vom Kanonier Jaburek behandelt — wie vielleicht
-schon der Name erraten läßt — die Geschichte des Kanoniers Jaburek.
-Dieser hat in der Königgrätzer Schlacht im dichtesten Kugelregen,
-während sich Gemeine, Chargen, Offiziere, Pferde und Kanoniere (man
-beachte die Reihenfolge dieser Rangsliste) in ihrem Blute wälzten,
-seinen Heldenmut bewährt:
-
- „Bei der Kanone dort
- Stand er und lud in einem fort,
- Bei der Kanone dort
- Stand er und lud noch fort.“
-
-Jedesmal wenn eine seiner zwei Zentner schweren Kanonenkugeln in die
-preußischen Reihen einschlägt, hört man auf der Gegenseite auf Jaburek
-fluchen. Aber dieser schießt weiter. Der General, der von Jabureks
-tapferem Verhalten gehört hat, eilt herbei und bietet diesem einen Trunk
-aus seiner Feldflasche an. Aber der Kanonier weist die freundliche
-Aufforderung mit der noch freundlicheren Aufforderung ab, der General
-möge seine Spassetln für sich behalten, ihm auf den Buckel steigen und
-ihn weiter schießen lassen:
-
- „Bei der Kanone dort
- Stand er und lud in einem fort etc.“
-
-Der Held schießt wie ein Wahnsinniger und zertrümmert ein feindliches
-Regiment. Kronprinz Friedrich von Preußen reitet vorbei und sieht den
-Recken — oder, um mit den Worten des Liedes zu sprechen:
-
- „V tom ho viděl kronprinc Friedrich:
- Her je den Kerl erschieß ich.“
-
-Der Kronprinz selbst feuert gegen Jaburek, und die ganze preußische
-Armee erwählt sich das gleiche Ziel, um sich beim Kronprinzen
-einzuschmeicheln. Eine Kartätsche fliegt dem Artilleristen durch den
-Mund in den Magen, aber der Getroffene nimmt sie schnell wieder heraus
-und schießt ruhig weiter. Eine gegnerische Petarde reißt dem Schützen
-beide Arme ab, doch er zieht schnell seine hohen Stiefel aus und schießt
-mit den Füßen weiter. Schon aber kommt, von einem preußischen
-Freiwilligen („prajský frajbilik“) gefeuert, ein Shrapnell herangeflogen
-und reißt Jabureks Kopf ab. Der Kopf fliegt am General vorbei und meldet
-diesem im Vorübergehen, daß er nicht salutieren könne. Aber Jaburek
-selbst steht noch immer bei der Kanone dort und ladet in einem fort.
-Endlich wird seiner Aufopferung eine Grenze gesetzt: Der Feind schießt
-auf seine im Fluge befindlichen Geschosse, und diese fallen in die
-eigenen Reihen zurück. Da gibt Jaburek das Laden auf (bei dieser Strophe
-soll der Refrain entfallen), er packt seine Kanone und eilt aus der
-Schußlinie. Dafür aber — für die Rettung der Kanone nämlich — wird er
-geadelt und heißt von da ab „Edler von die Jaburek“. Er hat jetzt den
-Adelsstand, und über das Fehlen seines Kopfes tröstet er sich mit dem
-Bewußtsein, daß — das Lied schließt sehr gehässig — die kopflosen
-Adeligen angeblich doppelt geachtet seien. Auf seinem Wappen stehen die
-Worte:
-
- „Bei der Kanone dort
- Stand er und lud in einem fort,
- Bei der Kanone dort
- Stand er und lud noch fort.“
-
-Dieses ist das Lied vom Kanonier Jaburek, dessen Namen die
-Kriegsgeschichte verschweigt. Aber sein Ruhm lebt im zechenden
-Soldatenkreise weiter, und jedesmal wenn das Lied den Refrain „laden“
-bringt, nehmen die Sänger dem tapferen Recken zu Ehren eine stärkende
-Ladung zu sich. Und das Lied hat siebzehn Strophen.
-
-
-
-
- Die Erlaubnis zum Fußballspiel
-
-
-Mein kleiner Bruder kam gestern aus dem Gymnasium nach Hause.
-
-„Heute ist uns erlaubt worden, in einen Fußballklub einzutreten.“
-
-So, so. Ich habe diesen Beschluß des Landesschulrates schon gekannt.
-Aber doch ... Das, was da den Gymnasiasten aus dem schwarzen Buche
-vorgelesen worden ist, war der Epilog für eine Zeit, die erfüllt war von
-einem monomanen Fanatismus der Jugend, für eine Zeit, deren Bedeutung
-längst über den Rahmen der Sportrubrik hinausgewachsen ist. Die
-Regierungszeit des Fußballs ist beendet. Le roi est mort.
-
-Man darf jetzt in einen Fußballklub eintreten. Wer uns vor fünfzehn
-Jahren gesagt hätte, daß einmal eine solche Erlaubnis kommen werde, dem
-hätten wir nicht zu glauben vermocht. Auf das Fußballspielen standen
-damals alle Todesstrafen, die die Schule zu fällen hat: Strenges Prüfen,
-Karzer, Repetieren. Selbst bei den Jugendspielen mußten wir, die wir an
-zehrendem „Ballfieber“, an der „englischen Krankheit“ litten, uns beim
-Barlaufspiel und beim Passatschlagen langweilen, und erst als wir dann
-alle von den Jugendspielen wegblieben, erlaubte man uns für jeden
-Spieltag ein knapp bemessenes Fußballwettspiel.
-
-Wehe dem, dessen Zugehörigkeit zu einem Klub man in der Schule in
-Erfahrung brachte. Und doch: Wir spielten fast alle. Was bedeuteten die
-ärgsten Strafen gegenüber dem Vergnügen zweimal je fünfunddreißig
-Minuten der Gelegenheit nachjagen zu dürfen, ein Goal zu schießen.
-Freilich man ließ alle möglichen Vorsichtsmaßregeln walten. In der
-Zeitung waren oft alle zweiundzwanzig Spieler und der Schiedsrichter
-eines Wettkampfes nur mit Pseudonymen angekündigt, zum Spielfelde wählte
-man die äußersten Ränder der Kaiserwiese, des Dejwitzer Exerzierfeldes
-und des Invalidenplatzes (der Teil, der hart an die Heinesche Besitzung
-grenzt, war immer von Schülermannschaften bevölkert), um vor den Blicken
-eines vielleicht patrouillierenden Professors möglichst gedeckt zu sein,
-und die Mannschaftsitzungen fanden in den verstecktesten Spelunken der
-Kleinseite, auf dem Belvedere, von Dejwitz und Karolinental statt. Nicht
-die Angst vor den Professoren allein, auch allerhand Unbequemlichkeiten
-hatten die Mittelschüler zu bestehen, die im vorigen Jahrhundert, um die
-Mitte seines letzten Dezenniums dem Sporte oblagen. Zum Eintritt in die
-bestehenden Vereine, die einen eigenen Sportplatz hatten, reichten weder
-der Mut (nicht der Mut gegenüber der Schule, sondern der Mut gegenüber
-den maßgebenden Faktoren des Klubs), noch die Geldmittel. So mußte man
-denn den Wahlspruch „Mein Feld ist die Welt“ beherzigen und auf den
-unverbauten Flächen Prags die Balltechnik üben. Da warf man sich denn
-schon zu Hause in Dreßhemd, Stulpen, Schienbeinschützer und Dreßhosen,
-zog darüber die Straßentoilette an, und stapfte, trotz sengender
-Sonnenglut, in der doppelten Kleidung auf die Kneippwiese, auf den
-Invalidenplatz, nach Dejwitz aufs Exerzierfeld, auf die Holleschowitzer
-Heide, in den Canalschen Garten. Dort zog man die Straßenkleider aus und
-warf sie auf zwei Haufen aufeinander, die in einer Breite von sechs
-Metern von einander entfernt waren; die Kleiderhaufen bildeten die
-Goalstangen. Die Anschaffung des Fußballes, sowie die Reparaturen seiner
-irdischen Hülle und seiner leider auch nicht unsterblichen Seele wurden
-aus den vereinigten Taschengeldern der Elf bestritten, und wenn man sich
-vom Schuster fünf feste Lederstöpsel auf die Stiefelsohlen nageln ließ,
-so konnte man schon in dem Wahne leben, ein Paar englischer Treter sein
-eigen zu nennen. Man bedurfte keiner Goalnetze, keiner Querpfosten, man
-bedurfte keiner Ankleidekabinen und keiner verschließbaren
-Utensilienkästen, manchmal auch keines Unparteiischen und keines
-Goalrichters, ebensowenig wie man der Erlaubnis der Professoren
-bedurfte. Man spielte.
-
-Dafür kannten einen die Schüler der ganzen Anstalt, und mit
-scheuer, schrankenloser Bewunderung schauten die Schüler zu den
-Fußballkapazitäten der nächsthöheren Klasse auf. Und wenn solch einer
-der „erstklassigen Menschen“ im Schulhofe oder auf dem Korridor eine
-Orangenschale in die Höhe „kickte“, dann ging ein Murmeln der
-Anerkennung durch die Reihen. Wenn der Sekundaner irgend eines
-Gymnasiums den Tertianer irgend einer Realschule kennen lernte — was
-war da der Gegenstand des Gesprächs? Die Namen der Großen im
-Fußballreich, mit denen der Untergymnasiast derselben Anstalt
-anzugehören die Ehre hatte. Was Wunder, daß der Ehrgeiz nach solchem
-Ruhm das Fußballfieber noch mehr entfachte, daß zu Hause und in der
-Schule mit allen Gegenständen „gedribbelt“, „kombiniert“ und „geshootet“
-wurde, die nicht niet- und nagelfest waren. Die Professoren teilten
-allerdings weder die Liebe zum Fußballspiel, noch das Verständnis für
-die Leistungen seiner Jünger. Sie haßten das „rohe Spiel“ und dieser Haß
-zeitigte oft die komischesten Blüten. Wenn in irgend einer Klasse
-wirklich irgend ein schwerblütiger Junge saß, der beim Fußballspiel
-nicht mittat, dann konnte man mit tödlicher Sicherheit darauf rechnen,
-daß er bei den Professoren in den Verdacht geraten werde, ein Vorkämpfer
-des Fußballsportes zu sein. Und ein Turnlehrer, der es besonders scharf
-aufs Fußballspielen abgesehen hatte, warf in der Besprechung eines
-Jugendspiel-Wettspieles dem besten Stürmer vor, daß er beim Laufen eine
-schlechte — Körperhaltung einnehme. Natürlich wurden solche Kritiken
-ebenso belacht, wie der Vorschlag eines sonst ganz intelligenten
-Schulpädagogen, man möge, um Füße und Hände in gleichem Maße
-auszubilden, mitten im Fußballwettspiel nach jedem Goal Hantelübungen
-einführen ... Seit dieser Kinderzeit des Fußballsportes sind fünfzehn
-Jahre verstrichen. Mancher der einstigen Märtyrer in Fußballdreß gehört
-heute dem Lehrkörper einer Mittelschule an, und so ist doch ein
-sportfreundlicher Erlaß herausgekommen.
-
-Weshalb aber der Nekrolog? Fängt denn nicht erst jetzt, da die letzte
-Hürde genommen ist, die Renaissance des Fußballsportes an? Mit nichten.
-Gerade jetzt, da der fußballspielenden Jugend auch der letzte Hauch des
-Märtyrertums genommen ist, da nicht mehr der romantische Reiz des
-Verbotenen besteht, da man gewissermaßen unter der Patronanz der Schule
-ein Endback oder ein Forward sein darf, gerade jetzt wird die Jugend
-aufhören, mit ungeteilter Begeisterung bei der Sache zu sein. Die
-Sportliebe war nur eine Ingredienz.
-
-Und wenn nun auch noch ein Erlaß des Landesschulrates herausgegeben
-werden sollte, der den Gymnasiasten und Realschülern gestattet,
-Studentenverbindungen zu bilden, dann verbrenne ich das
-grün-silbern-blaue Band unserer Pennälerblase und sage endgültig meiner
-Jugendzeit ade.
-
-
-
-
- Bei „Antouschek“, dem Wasenmeister
-
-
-Genau eine halbe Stunde, nachdem es einem widerwärtig geworden ist, die
-endlose Beneschstraße in Pankratz zu durchschreiten, zweigen die
-Telephonstangen nach rechts ab, und man hat ihnen zu folgen. In der
-Třebizskygasse sieht man zum höchsten Erstaunen, daß die Gegenden,
-die man vorher durchschritten hat, höchstentwickelte Großstadt waren. Im
-Verhältnis nämlich. Auf einem Feldweg geht es weiter gegen Dworetz. Der
-Schnee ist weiß wie das Kleid einer Kranzeljungfer; wenn er doch auch
-kniefrei wäre! Auch die Volants sind von stilwidriger Färbung: Braune
-Spuren der Wagenräder, die den Schnee in Kot verwandelt haben.
-
-Schließlich kommt man zu einem Bildstock, dem man ganz deutlich ansieht,
-daß er vor Jahren grün angestrichen war. In einer blauen Nische steht
-eine winzige, mit Gold bemalte Nepomukstatue. Rechts und links vom
-Bildstock stehen Häuser. Links ein kleines, verfallenes Anwesen, rechts
-eine Reihe von langen Gebäuden, an die sich eine Umfriedung schließt.
-Man würde diese Besitzung für ein Bauerngut halten können, aber der
-breite Schlot dementiert diese Vermutung. Aber auch eine Fabrik ist es
-nicht. Das Hundegebell, das herausdringt, verkündet, daß hier die Prager
-Abdeckerei, die thermochemische Vernichtungsstation ist.
-
-Im Hofe drinnen steht ein Bursche. Hohe Stiefel und ein am Rocke
-befestigtes blaues Emailschild mit der Umschrift „Kontumaz- und
-thermochemische Station“ und sein Aussehen sind die Abzeichen seiner
-Würde: Man hat einen jener Meister des Lassowurfes vor sich, die ihre
-Kunst nicht in der Prärie des wilden Westens, sondern in den Straßen
-Prags, nicht an Büffeln, sondern an Hunden ausüben. Ich frage den
-Schinderknecht nach seinem Herrn und bald stehe ich vor Herrn Rudolf
-Nešvara, dem Wasenmeister von Prag. „Antouschek“ nennt ihn der
-Volksmund, seitdem vor sechzig Jahren der Gehilfe eines seiner Vorgänger
-im Amte, der Anton Schek dadurch populär geworden war, weil sein
-Familienname gleichzeitig die tschechische Diminutiv-Endung ist.
-Ich trage Herrn Antouschek-Nešvara mein Begehr vor, die
-Vernichtungsstation besichtigen zu dürfen, und wir treten bald einen
-Rundgang durch die Gebäude an.
-
-Zuerst öffnet Herr Nešvara die Türe zum langgestreckten Hundestall,
-in dem vierzig Boxe für Hunde sind. Ein wütendes Gekläff geht an:
-Morituri te salutant! Sie sind alle „morituri“, die schönen
-stichelhaarigen Foxe, die eleganten Windspiele, die putzigen Pudel
-hinter den schwedischen Gardinen. Drei Tage waren sie in
-„Untersuchungshaft“ in der Aufbewahrungs-, der Kontumaz-Station für
-eingefangene Hunde untergebracht, die sich auf der Taborer Reichsstraße
-zwischen den beiden unbeschreiblich schönen Wyschehrader Toren befindet,
-und hier hätten sie ihre Besitzer binnen drei Tagen durch Entrichtung
-der Geldstrafe auslösen können. Das haben diese aber nicht getan und nun
-sind die Hunde dem Tode geweiht. Vielleicht bellen sie so wütend, weil
-die treuen Viecher über die Untreue der Herren erbittert sind,
-vielleicht bellen sie so wütend, weil sie wissen, daß sie eines
-unverschuldeten Todes sterben müssen, vielleicht bellen sie so wütend,
-weil sie sich über den Unverstand der Menschen ärgern, welche diese
-schönen Exemplare der Hunderasse zwecklos hinrichten, statt sie zu
-verkaufen. Morgen müssen sie sterben. Ein aus unmittelbarer Nähe
-abgegebener Schuß aus dem Stutzen und der vom Menschen verlassene
-Genosse des Menschen wälzt sich in seinem Blute, oder — bei den
-kleineren Hunden wird es so gemacht — ein Beilhieb auf den Kopf und ein
-Hundeleben hat geendet. Man glaubt einen wehmütigen Ton in dem
-erbitterten Bellen und Winseln und Knurren und Kläffen mitklingen zu
-hören.
-
-Wir verlassen den traurigen Hundekerker. Draußen im Hofe springen einige
-Hunde, darunter ein prächtiger reinrassiger Bernhardiner, namens
-„Cyrano“, liebkosend an Herrn Nešvara hinauf. Sie sind von diesem
-begnadigt worden und gehören zum Personale der Prager Fronerei.
-Schmeichelnd schmiegen sie sich an das Knie ihres Herrn, den Henker
-ihrer Stammesgenossen. Solidaritätsgefühl mit ihren eingekerkerten oder
-justifizierten Kameraden scheinen sie also nicht zu kennen, diese Hunde.
-
-Der Rundgang wird fortgesetzt, er führt jetzt in die Räume, die dem
-Zwecke der Anstalt, der gefahr- und geruchlosen Vernichtung der
-Tierkadaver dienen. Wir betreten zunächst den Seziersaal, wo die Kadaver
-enthäutet und wie die täglich hierher kommenden Konfiskate der
-Schlachtbank und der Markthalle zerstückelt werden. Die Stücke werden
-dann durch ein in der Wand angebrachtes Mannsloch in einen Apparat
-geworfen, der im angrenzenden Maschinensaale an der Wand steht. Dieser
-Apparat ist der sogenannte Kafilldesinfektor, der vom Antwerpener
-Schlachthausdirektor de la Croix erfunden und von der Firma „Rietschel &
-Henneberg“ in Berlin im Jahre 1882 zum erstenmale in Deutschland
-hergestellt worden ist. Der Bruder des Herrn Nešvara ist hier am
-Werke. Er scheint der technische Leiter des Unternehmens zu sein. Wenn
-der Apparat gefüllt ist, verschließt er ihn hermetisch und leitet
-hernach zwischen die doppelten Wände des Behälters Dampf von fünf
-Atmosphären. Dadurch findet eine Trocknung der Fleischteile statt, und
-die durch den Siebboden ablaufende Flüssigkeit wird durch den im
-Rezipienten sich entwickelnden Dampf in einen zweiten Zylinder gedrückt.
-Nun wird der Apparat durch sechs Stunden einer Temperatur von
-hundertfünfzig Grad ausgesetzt, worauf man durch den Dampf alle noch
-vorhandene Flüssigkeit und das ausgeschiedene Fett in den Rezipienten
-drückt. Aus diesen gelangt das Fett in den rechts vom Kafilldesinfektor
-stehenden Fettabscheide-Apparat, während das Leimwasser in den auf der
-linken Seite des Desinfektors stehenden Verdichtungsapparat strömt. Der
-nun fast trockene und geruchlose Inhalt wird nun in eine riesige
-Maschine gebracht, die in der Mitte des Seziersaales steht: Den
-Podewilsschen Trockentrommelmühl-Apparat, in dem die Fleischreste zu
-„Tierkörpermehl,“ einem feinen Pulver zermahlen werden, das einer
-Kunstdüngerfabrik in Pankratz verkauft wird. Die größeren Knochen werden
-in einem anderen Apparate zu Knochenmehl — gleichfalls ein Düngemittel
-— zermahlen. Eine hydraulische Presse, die unter einem Drucke von
-vierhundert Atmosphären das Tierkörpermehl zu runden Kuchen zu pressen
-vermag, steht außer Betrieb. Während in Deutschland diese
-Tierkörpermehl-Kuchen als Futtermittel stark verwendet werden,
-vermochten sie sich in Prag trotz ihres großen Proteïn-Gehaltes nicht
-einzubürgern. Außerdem stehen im Maschinensaal ein mächtiger Ventilator,
-Trockenapparate und Schöpfpumpen in Betrieb.
-
-An den Maschinensaal schließt sich der Kesselraum mit der 6 H. P.
-starken Dampfmaschine und einem Dampfkessel von zwölf Meter Heizfläche.
-Hinter dem Kesselraum befindet sich das Fettmagazin, in dem große Fässer
-voll Tierfett stehen. Auf einer schmalen Stiege gelangt man in den
-Trockenraum für Häute und das Magazin für Tierkörpermehl — weite
-Bodenräume, in deren Mitte der breite, rote Schlot den Dachstuhl
-durchbricht. Auf der Erde liegen braune Berge, die wie aufgeschichtete
-Ackerkrume aussehen, und Tierkörpermehl sind. In einer Ecke ist ein
-gelbes Pulver, das Knochenmehl aufgeschüttet. In einer anderen liegen
-Knochen. Wenn man sie angreift, dann zerbröckeln sie in der Hand. Sie
-sind entfettet, entleimt, sterilisiert.
-
-Der Rundgang ist beendet und Herr Nešvara lädt mich in seine Wohnung
-ein. Wir kommen durch ein Zimmer, in dem sein jüngstes Söhnchen auf der
-Erde mit einem Hunde spielt — das billigste Spielzeug dortzulande. Dann
-sprechen wir vom Fach. Herr Nešvara kennt die Geschichte des Prager
-Abdeckereiwesens ganz genau, ist sie doch zum Teile seine eigene
-Familiengeschichte. Sein Großvater, der noch in den städtischen Urkunden
-nicht „Nešvara“ sondern „Neschwara“ hieß, und sein Vater waren
-Wasenmeister, seinen ältesten Sohn, der Sekundaner ist, will Herr
-Nešvara Tierarzneikunde studieren lassen. Dem Abdeckergewerbe ist
-längst die „Anrüchigkeit“ genommen, die vor Jahrhunderten seinen
-Angehörigen die Heirat mit ehrbaren Mädchen, den Eintritt in die Zünfte,
-in den Militärstand, die Zuweisung von Ehrenstellen verbot und die
-Erblichkeit dieses Berufes anordnete, aber freiwillig erbt sich dieses
-seltsame Handwerk noch heute vom Vater auf den Sohn fort.
-
-Herr Nešvara kennt die Geschichte seiner Vorgänger auch über seine
-eigene Ahnenreihe hinaus. Aus einer Schublade holt er ein vergilbtes
-Dokument hervor: Den Freibrief, mittels welchem Maria Theresia den
-Schindern und deren Freiknechten gestatte, eine Ehe mit einem
-bürgerlichen Mädchen einzugehen, allerdings unter der Bedingung, daß
-diese Männer vorher ihrem Gewerbe entsagen mußten. Das muß ein
-hochwichtiger Akt gewesen sein, anno dazumal, denn er ist vom Fürsten
-Karl Egon Fürstenberg und „ad mandatum Sacro-Caesarea Regineque
-Majestatis ex Consilio Regii Gubernii“ von Johannes Arnvers gezeichnet.
-
-Das Amt des Schinders wurde in Prag vom Scharfrichter versehen, man
-stellte die Vernichtung der zum Tode geweihten Menschen jener der
-„abgestandenen“ Tiere gleich. Im Jahre 1860 wurde der Henkersdienst
-verstaatlicht, die Abdeckerei aber nicht. Die Konzession zur Ausübung
-des Wasenmeistergewerbes erhielt für die am rechten Moldauufer gelegenen
-Teile Prags A. Nešvara, der Großvater des heutigen Inhabers, für das
-linke Ufer J. Jeřábek, dessen Amt heute ein ehemaliger Wachmann
-namens Josef Černy in der Kontumazstation Tejnka bei Břewnow
-ausübt. Die Nešvaras haben früher ihr Gewerbe in der Salnitergasse
-beim Rudolphinum ausgeübt, an der Stelle, wo heute das tschechische
-akademische Gymnasium steht. Herr Nešvara erzählt von Medizinern, die
-in seiner Jugendzeit in diese Wasenmeisterei kamen, um hier verschiedene
-Experimente an den Tieren zu machen. „Unsere häufigsten Besucher von
-damals sind heute Professoren an der deutschen medizinischen Fakultät,“
-fügt Herr Nešvara hinzu. Meine Frage, ob die Tiere eventuell zu
-Vivisektionszwecken an die Universitätsinstitute abgetreten werden,
-verneinte Herr Nešvara. Nur bei besonders interessanten Fällen von
-Tiererkrankungen bitten sich die physiologischen Institute das Materiale
-aus, wenn sie nicht selbst solches haben. Aber das kommt fast nie vor.
-
-Dann beginnt Herr Nešvara auf sein Geschäft zu schimpfen. Er habe die
-thermochemische Vernichtungsstation nach reichsdeutschem Muster mit
-einem Aufwande von 50.000 Kronen so errichtet, daß nicht nur die
-hygienische Vernichtung aller Kadaver, sondern auch deren Verarbeitung
-möglich sei. Er habe sich aber verspekuliert. Das Materiale sei gering,
-die Verwendungsmöglichkeit noch weit geringer. Von der Geldstrafe, die
-für ausgelöste Hunde entrichtet werde, bekomme er ein Drittel, etwa
-dreitausend Kronen im Jahr. Davon könne er die Betriebsspesen nicht
-decken. An die Vernichtung der Kadaver — darunter jährlich etwa tausend
-Hunde — müsse er jedes Jahr einen Betrag von dreißigtausend Kronen
-daraufzahlen und bemühe sich daher seit neun Jahren um die Zuweisung
-einer Subvention von der Stadtgemeinde. Seine Gesuche werden aber ohne
-Motivierung abgelehnt. Auch sein Antrag, daß man, so wie dies in anderen
-Städten geschah, den Maulkorbzwang abschaffen und bloß jene Hunde
-abfangen und vernichten möge, welche ohne Hundmarke herumlaufen, habe
-keinen Erfolg gehabt. Die Verwertung der Hundekadaver lohne sich nicht
-und Pferde, welche ein ergiebiges Verwertungsmaterial bilden, werden
-seit dem Aufschwunge des Pferdeselchergewerbes fast niemals mehr
-hergebracht. So sei die Abdeckerei buchstäblich auf den Hund gekommen.
-
-„Ja, warum üben Sie denn Ihr Gewerbe aus, wenn Sie wirklich so viel
-zusetzen müssen?“, ist meine Frage.
-
-„Ich werde es auch aufgeben. Mir liegt schon der Antrag vor, das
-Unternehmen in eine Farbenfabrik umzuwandeln, und das werde ich tun.“
-
-Es fehlte noch, daß Herr Nešvara seiner Klage das Faustsche Wort
-anfügen würde: „Es möchte kein Hund so länger leben“ und man müßte
-diesem Fachmann sein Leid glauben. So aber weiß man nicht, ob er es mit
-seinem Entschluß gar so ernst meint, ob wirklich dieses Institut bald
-der Vergangenheit angehören soll, ob ein besseres oder ein schlechteres
-nachfolgen, und wie in Zukunft dem Hundeleben in Prag ein Ende gemacht
-werden wird.
-
-
-
-
- Razzia
-
-
-_Vor der Streifung_, da geht’s ja hoch her. Da wird getanzt, gespielt,
-getrunken, geschäkert, geraucht, gesungen, gestritten, geschrien,
-geschimpft und gerauft, daß es eine Freude ist. Weiß der Teufel, wenn
-der Herr Oberkommissär Protiwenski dabei wäre, er würde es gewiß nicht
-übers Herz bringen, das Idyll mit rauher Hand stören zu lassen. Aber er
-ist nicht dabei und er kann am Morgen, wenn er die Razzia anordnet, noch
-nicht wissen, daß es am Abend in den heimzusuchenden Lokalen so lustig
-sein wird.
-
-„Die Detektivs ... (folgen etwa zwölf Namen) haben um halb 10 Uhr abends
-gestellt zu sein.“ Das ist die Ordre, die jede Woche — die Wochentage
-wechseln in zwangsloser Reihenfolge ab — mindestens einmal ergeht. Es
-ist das Aviso zu der kombinierten Streifung, welche drei oder vier
-Partien der Sicherheitsbeamten von verschiedenen Ausgängen aus gegen
-einen gemeinsamen Treffpunkt unternehmen. Auf diese Weise bilden die
-Polizeigruppen eine Kette, und keinem der lichtscheuen Individuen, die
-aus einer Spelunke in die benachbarten wandeln, kann das Glück
-widerfahren, daß er immer vor oder immer nach dem Erscheinen der
-Streifung kommt und so den Fangarmen der Polizei entgeht. Außer diesen
-kombinierten Streifungen gibt es auch noch Generalstreifungen, die
-mindestens zweimal im Jahr unter Mitwirkung aller Polizeibeamten
-vorgenommen werden, und kleine Streifungen in bestimmte Lokale, die zur
-besonderen Beaufsichtigung allen Grund geboten haben. Immer werden die
-Razzien nur von Beamten in Zivilkleidern und von Geheimpolizisten
-vorgenommen, damit der nächtliche Spaziergang nicht zu großes Aufsehen
-errege und das Erscheinen in den ominösen Gasthäusern, Schlupfwinkeln,
-Massenquartieren und Branntweinschenken nicht vorzeitig avisiert werde.
-
-Als noch die alten Häuser der Josefstadt standen, waren die Stätten des
-Verbrechens und der Ansteckung dort konzentriert. Damals konnte man in
-einem Hause oft mehr verdächtige und gesuchte Subjekte festnehmen, als
-heute in etlichen Streifungen. Allerdings wurde dieser Vorteil durch das
-opferwillige Wirken der Theresia Bartunek fast aufgehoben, von deren in
-den achtziger Jahren entfalteten Tätigkeit die Verbrechergilde noch
-heute dankbar schwärmt. Theresia stand oft nächtelang am Johannisplatz
-in einem Versteck und wartete, bis aus der Türe des Kommissariates die
-Beamten traten. Dann eilte sie — halb Läufer von Marathon, halb
-Retterin des Kapitols — von einer Spelunke zur anderen, riß die Türe
-auf und ließ den Warnungsruf „štrajfuňk“ ertönen ... Heute sind
-die Nährböden des Lasters zerstreut. Kein Stadtteil, der frei von ihnen
-wäre, kein Stadtteil, in den nicht Razzien unternommen werden müßten.
-
-Kurz nach zehn Uhr abends öffnet sich das schwere Eisentor des
-Sicherheitsdepartements in der Bartholomäusgasse. Etwa fünfzehn mit
-Stöcken bewehrte Männer treten hinaus: Polizeibeamte und Detektivs. Es
-bilden sich drei Gruppen: die eine zieht zur Postgasse hinunter und
-wendet sich dann gegen die Obere Neustadt hin. Die beiden anderen
-Gruppen schreiten zur Altstadt zu. Bei der Husgasse biegt die Altstädter
-Partie ab und die Gruppe, welche die Untere Neustadt mit ihrem Besuche
-beehren will, zieht durch die Perlgasse und über den Obstmarkt weiter.
-
-Alsbald haben sie zu tun, allerdings nur mit einer belanglosen Klientel:
-Es sind Passantinnen, welche die ihnen schon längst bekannten
-Polizeibeamten mit einem grenzenlos ehrfürchtigen und wohl oft
-heuchlerischen „Küß’ die Hand, gnädiger Herr“ begrüßen. Paßrevision. Man
-sieht nach, ob in dem Dienstbuch des Mädchens das Datum des vergangenen
-Montags eingetragen ist, und sie können ihren Weg fortsetzen. Manche
-„gehen bloß zu ihrer Schwester“, aber da die mißtrauischen
-Polizeibeamten aus verschiedenen Gründen dieser rührenden Schwesterliebe
-absolut nicht glauben wollen, so muß die Dame statt zu ihrer Schwester
-auf die Wachstube gehen. Eine wieder kann das Buch nicht finden, sie
-habe es verlegt. Auch diese Buchverlegerin wird dem nächsten Wachmann
-übergeben, der dem schönen Fräulein Arm und Geleite bis zum nächsten
-Kommissariat anbietet. Sie wehrt sich: Sie sei weder Fräulein, weder
-schön und könne ungeleitet nach Hause gehen. Aber das nützt ihr nichts.
-
-Die Streifenden setzen ihren Weg fort. Die Wachposten auf der Straße
-grüßen nicht; der Gruß würde das Inkognito der Zivilpolizisten lüften,
-und ihr Nahen könnte leicht drahtlos an die interessierten Stellen
-depeschiert werden. Endlich ist man vor einem Gasthaus, aus dem Jubel
-und Lärm auf die Straße dringt. Plötzlich wird es drinnen still, jemand,
-der gerade im Hausflur war, ist in das Lokal gestürmt und hat _das
-Erscheinen der Streifung_ gemeldet. Jäh verstummt der Lärm. Paare, die
-sich zärtlich verschlungen hielten und eben unzertrennliche Liebe
-schworen, stieben auseinander und rennen, wie die Zecher, die gerade das
-Glas zum Munde führen wollten, wie die Kartenspieler, die eben den
-Eichel-Ober übertrumpfen wollten, den Ausgängen zu. Aber die sind
-besetzt: Im Haupteingang steht der Beamte, an den Seiteneingängen
-Detektivs. Die aufgeschreckten Gäste sehen, daß an ein Entkommen nicht
-zu denken ist, und kehren wieder in den Saal zurück.
-
-„Ganz untertänigster Diener, hohe Regierung,“ so tönt es devot von den
-Lippen des Wirtes, der an den Beamten herantritt, ehrerbietig die
-speckige Kappe zieht und sich im rechten Winkel verbeugt. Der Wirt hat
-alle Ursache, mit den Polizeibeamten höflich zu sein, wenn diese auch
-jetzt seine besten Gäste wegführen werden: Schon mehrere Male ist ihm
-mit der Entziehung der Konzession gedroht worden und wieder hat vor
-kurzem ein Gast seines Lokales einen anderen derart liebkost, daß am
-nächsten Tage in den Zeitungen unter dem Titel „Eine tödliche Ohrfeige“
-darüber berichtet wurde.
-
-Der Beamte ignoriert den Gruß. Rundgang und Cercle beginnen. Ein Mädchen
-sitzt nahe der Türe an einem Tisch, neben ihr ein Jüngling. Die beiden
-markieren ein zärtliches Gespräch und scheinen sich um die Eintretenden
-gar nicht zu kümmern. Sie haben verabredet, ein Brautpaar darzustellen.
-
-„Was machen Sie hier?“ fragt der Beamte das Mädchen.
-
-„Ich bitte, ich bin mit meinem Bräutigam hier.“ Fast beleidigt klingt
-das. Und der Galan nickt eifrig Bestätigung.
-
-„So, so, Fräulein Harlak, Sie haben wohl geglaubt, daß ich Sie nicht
-erkennen werde, weil Sie jetzt ein Jahr in Brünn waren?“ Die Erkannte
-wird blaß. Der Beamte wendet sich in strengem Ton an ihren Partner: „Das
-ist also Ihre Braut?“
-
-Der „Bräutigam“ hat jedoch „Spundus“ gekriegt und er verleugnet seine
-Braut. Er schweigt. Da wird aber die Verratene, die kurz vorher noch so
-zärtlich schien, sehr fuchtig:
-
-„Was? Zehn Glas Bier hab’ ich Dir schon gezahlt und jetzt willst Du mich
-nicht kennen. Du Hundekerl, Du ...“ Ein Wink des Beamten beendet den
-Redeschwall der Jungfrau. Ein Detektiv führt sie zu dem neben der Türe
-gelegenen Tisch, wo sich alle versammeln müssen, welche der Beförderung
-in „Direktor Wejřiks Hotel“, das Polizeigefangenhaus, wert erachtet
-werden.
-
-Inzwischen hat der Beamte einem Manne seine Aufmerksamkeit zugewendet,
-der allein an seinem Tisch sitzt. Fast die ganze Biertasse ist
-schraffiert — jeder Strich bedeutet ein Glas, das der einsame Zecher
-hinter die fehlende Binde gegossen hat. Beamter und Gast blicken
-einander in die Augen und über beider Gesichter huscht ein Lächeln, das
-zu sagen scheint: Sieh da, ein alter Bekannter!
-
-„Guten Abend, Herr Kommissär,“ bricht der Zecher das Schweigen.
-
-„Schönen guten Abend, Herr Lojsa,“ wünscht der Kriminalpolizist. „Was
-machst Du denn hier?“
-
-„Ich trinke,“ antwortet Lojsa naiv und treuherzig.
-
-„So? Du weißt wohl nicht, daß jetzt schon zwölf Uhr ist, und daß Du
-(Lojsa steht unter Polizeiaufsicht) um acht Uhr abends zu Hause sein
-sollst?“
-
-„Gnädiger Herr, ich habe jetzt zwei Tage Holz gehackt und da wollte ich
-heute ...“
-
-„Holz hast Du gehackt? Es wird wohl das Holz einer Wohnungstüre gewesen
-sein. Der Kratochwil ist gestern wegen Einbruchs festgenommen worden und
-hat gesagt, Du könntest sein Alibi nachweisen.“
-
-„Ja, Herr Kommissär, das kann ich nachweisen!“
-
-„Kannst Du? Umso besser.“ Und schon führt ein Polizist den stillen
-Zecher zu dem Sammelplatz neben der Tür, wo schon Fräulein Harlak
-Aufstellung genommen hat. Hier haben übrigens auch die Kellnerinnen des
-Lokales Posto gefaßt, um von den „Auserwählten“ die Zeche
-einzukassieren.
-
-Der Polizeikommissär hat wieder einen alten Freund erspäht: „Kuželka,
-Du hast doch Prag!“, ruft er ihn an. Das ist ein elliptischer Satz, das
-Prädikat „verboten“ ist zu ergänzen. Aber jeder, der das Prager
-Rotwälsch versteht, versteht auch dieses Satzfragment.
-
-Revertent Kuželka will in einer langatmigen Rede dem Kommissär
-auseinandersetzen, welch wichtige Angelegenheiten ihn nach Prag geführt
-haben, während ihn in Wirklichkeit die schönen „Arbeitsgelegenheiten“
-und der gleichgestimmte Freundeskreis wieder in die Landeshauptstadt
-riefen, aus deren Polizeirayon er dauernd abgeschafft ist. Der Beamte
-hört ihm einen Augenblick lang aufmerksam zu und scheint seinen
-Argumenten voll beizustimmen. Dann sagt er freundlich zu Kuželka:
-
-„Dorthin stell’ dich.“ Da weiß der erfahrene Kuželka, daß alle
-weiteren Rekriminationen vergeblich sind und stellt sich zur Tür.
-
-Das Frage- und Antwort-Spiel geht weiter. Der Polizeibeamte läßt sich
-Arbeitsnachweise zeigen und erkundigt sich nach dem Obdach der Gäste.
-Manchmal fallen die Antworten befriedigend aus, manchmal aber endet das
-Spiel mit dem Wink gegen den Formierungsplatz bei der Türe. Alle Gäste
-sind verhört worden. Da wendet sich der Beamte zu dem Billardbrett und
-stöbert mit seinem Stock unter die Wachsleinwand, die das Billardbrett
-bis zum Boden bedeckt. Unten ist jemand. Das hat der Beamte ohnedies
-gewußt und wollte nur den Zeitpunkt der Entdeckung möglichst lange
-hinausschieben, damit der dort Versteckte schon die Hoffnung schöpfe,
-die Polizei überlistet zu haben. Aber als die Person auf seine
-Aufforderung hin hervorkriecht, ist der Beamte des Kriminalbureaus doch
-überrascht:
-
-„Die tolle Andula! Wie kommst Du denn her? Um vier Uhr hat Dich der
-Polizist über die Rayonsgrenze hinausgeführt, und jetzt bist Du wieder
-hier!“
-
-„Zu Fuß, gnädiger Herr, bin ich wieder zurückgegangen. Ich glaube, daß
-ich früher hier war, als der Polizist auf dem Kommissariat. So bin ich
-gelaufen. Meine ganzen Lackschuhe sind kaput. Neun Gulden haben sie
-gekostet. Und jetzt werde ich wieder eingesperrt.“
-
-Das Mädel, ein siebzehnjähriger Fratz, der verderbter ist, als die
-ältesten Kolleginnen, verzieht schmollend das Gesichtchen, das nicht
-unschön genannt werden kann.
-
-Der Polizeibeamte sagt seinen Refrain: „Stell’ Dich dorthin.“ Dann
-kommandiert er den Ausgehobenen „rechts um, Marsch“, der Wirt zieht noch
-devoter sein Käppi, draußen übernehmen uniformierte Polizisten die
-Eskorte. Weiter geht die Razzia.
-
-_Nach der Streifung_ ist in den Lokalen die ganze Stimmung verflogen.
-Der spärliche Rest der Gäste zahlt seine Zeche, und wenn ein
-Polizeiorgan die Flüche hören würde, die der vorher so devote Wirt jetzt
-gegen die Behörden ausstößt, so würde es diesem wohl nicht gut ergehen.
-
-Um halb 2 Uhr nachts treffen die Partien der Sicherheitsleute, wie
-verabredet, beim Pulverturm zusammen. Die einzelnen Beamten erstatten
-dem Rangshöchsten Bericht über die Vorkommnisse, die Detektivs werden
-nach Hause entlassen. Die Razzia ist beendet, der Boden der Großstadt
-wieder einmal gekehrt worden. Vierundfünfzig Verhaftete. In der
-Aufnahmskanzlei des Polizeigefangenhauses werden ihre Personalien
-aufgenommen, die Taschen untersucht, Zellen angewiesen.
-
-Am nächsten Tage werden Akten geschrieben, ärztliche Untersuchungen
-vorgenommen. Die Verhafteten werden nun in den bekannten grünen Karossen
-in das Strafgericht, in das Bezirksgericht, in das Allgemeine
-Krankenhaus oder in die „Fišpanka“, das städtische Arbeitshaus,
-befördert. Da gibt es dann Requirierungen und Erhebungen, die
-Heimatszuständigkeit muß ermittelt, der Schubkostenersatz verlangt,
-Convoyanten für die abzuschiebenden Personen beordert werden und was
-dergleichen schöne Schreibereien mehr sind.
-
-Was Wunder, daß dann die betroffenen Beamten mehr als die Prager
-Verbrecher und Vagabunden über die Prager Streifzüge der Polizei
-schimpfen!
-
-
-
-
- Die Zwangsarbeitsanstalt auf dem Hradschin
-
-
-Das rote Riesenhaus, das neben dem Garnisonsfilialspital breitspurig
-dasteht und die Lorettogasse verstellt, beherbergt gar seltsames Volk.
-Die Häftlinge der Strafanstalten sind unschuldige Waisenknaben gegen die
-Gäste dieser Anstalt, welche — ausdrücklich wird das hervorgehoben —
-durchaus keinen Strafzweck verfolgt. In den Strafhäusern gibt es Diebe,
-Betrüger, Raubmörder aus Not, Raubmörder aus Überlegung,
-Affektsverbrecher, die vielleicht ein zweites- oder ein drittesmal das
-Verbrechen nicht mehr verüben würden. In der Zwangsarbeitsanstalt wohnen
-nur Individuen, deren Strafliste ganz beträchtliche Dimensionen
-angenommen hat. Die Quantität der Strafen, nicht die Qualität
-entscheidet. Manche der Zwänglinge haben über hundert Strafen
-aufzuweisen, und wenn einer oder der andere auch ein mehrfach
-vorbestrafter Dieb oder Mörder ist, so ist er das nur nebenbei, und
-diese Bagatelle hat mit seiner Detention im Arbeitshause gar nichts oder
-nur wenig zu tun.
-
-Die dreihundertdreißig braungekleideten Bewohner der
-Landeszwangsarbeitsanstalt sind aus harmloseren Gründen hier. Die
-Reichsgesetzblätter Nr. 89 und 90 vom Jahre 1885 haben die Errichtung
-der Zwangsarbeitsanstalten bloß zur Vermeidung von Vagabundage und
-Bettelei verfügt. Die Anstalten sollen einerseits ein Prohibitivmittel
-gegen das Landstreichertum, gegen die Belästigung durch Vagabunden und
-für die Verhütung von Verbrechen sein — ein Zweck, der wohl erfüllt
-wird. Aber andererseits sollen auch die hierher kommenden arbeitsscheuen
-Individuen gebessert, zur Arbeit erzogen werden. Damit ist es nichts.
-Siebzig Prozent bleiben ungebessert. Und die restlichen dreißig Prozent
-sind auch zum Teile als dubios zu buchen, denn wenn auch keine
-Mitteilung von einer Gerichtsstrafe eines oder des anderen Entlassenen
-eintrifft, wer bürgt dafür, daß nicht der biedere Landstreicher in der
-Zelle irgend eines Bezirksgerichtes unter falschem Namen Obdach gefunden
-hat? In den Besserungsanstalten für Jugendliche sind gute Resultate
-aufzuweisen. Aber in die Prager Anstalt kommen nur Leute im Alter von
-achtzehn bis fünfzig Jahren und die können sich an seßhafte Lebensweise
-nicht mehr gewöhnen. Der Staub der Landstraße ist ihnen Lebenselement
-geworden, die Mühen der Fußwanderung und die Chikanen der Gendarmen
-fechten sie nicht mehr an, ein wilder Reisewahn hat sie gepackt, sie
-wandern von Ort zu Ort, der Schubwagen ist ihnen eine feine
-Reisegelegenheit, das Arrest ein famoses, warmes Obdach. Arbeiten —
-wozu? Wer weiß, ob sie nicht recht haben.
-
-Gar mancher von ihnen hat Haus und Hof verlassen, um arm durch die Welt
-zu flanieren, viele lassen den Lohn in den Händen ihres Arbeitsgebers
-zurück, sie schleichen sich — vom Reisefieber plötzlich gepackt — bei
-Nacht und Nebel aus dem Hof und wandern auf Straßen und Feldrainen
-geldlos ins Weite. Was man braucht, kann man erbetteln, kann man
-stehlen. Gelegenheit zum Diebstahl ist immer da, Häuser, Ställe und
-Scheuern stehen offen. Und doch: Die Zahl derer, die in ihren
-hundertzwanzig Vorstrafen kein einziges Diebstahlsdelikt aufzuweisen
-haben, ist nicht gering. Ihre Liste ist einförmig. Immer kehren nur die
-§§ 1 und 2 des Vagabundagegesetzes wieder. Ehrliche Vagabunden. Sie sind
-auch durch die wiederholte Detention in Zwangsarbeitsanstalten nicht zu
-bessern und — nicht zu verderben.
-
-Denn auch die Gefahr des schlechten Einflusses ist nicht ausgeschaltet,
-da in den Zwangsarbeitsanstalten die ehrlichen Vagabunden mit wiederholt
-bestraften Schwerverbrechern beisammen sind. Wünschenswert wäre, wenn
-für die Gewohnheitsverbrecher eigene Arbeitshäuser errichtet werden
-würden, oder wenn man sie deportieren würde.
-
-Immerhin wäre es ungerecht, wenn man nicht konstatieren wollte, daß auch
-unter den gegebenen ungünstigen Verhältnissen jährlich eine ganz
-respektable Zahl von Gebesserten die Anstalt verläßt. So zum Beispiel
-ein lichtscheues Individuum, das vor Jahren an einem Raubmord in Prag
-beteiligt gewesen war. Der Gerichtshof hatte ihm eine mehrjährige
-Kerkerstrafe zuerkannt und sich außerdem für die Zulässigkeit seiner
-Abgabe in eine Zwangsarbeitsanstalt ausgesprochen. Die „gemischte
-Landeskommission“ bei der Statthalterei, welche die Aufnahme in die
-Arbeitsanstalten verfügt, entschied sich für den Antrag des Gerichtes,
-und so kam der Bursche nach längerer Haft in Pankratz in die
-Zwangsarbeitsanstalt auf dem Hradschin. Hier benahm er sich so korrekt,
-daß man nach einem Jahre zu seiner bedingten Entlassung schritt, d. h.
-ihm eine Anstellung besorgte und ihn außerhalb der Anstalt wohnen läßt,
-trotzdem er noch in deren Stand gehört, und von dieser, wenn er sich
-nicht bewähren würde, jederzeit eingezogen werden kann. Aber er bewährt
-sich. In der Schneiderwerkstätte, in der er als Lehrling arbeitet, hat
-nur der Meister, nicht aber auch seine „älteren“, aber halb so alten
-Arbeitskollegen eine Ahnung von seinem Vorleben. Der Verein zum Wohle
-entlassener Sträflinge zahlt ihm die Wohnung, Kleidung und einen Zuschuß
-von wöchentlich zwei Kronen für Wäsche und Nachtmahl gibt ihm die
-Anstalt, die übrige Kost erhält er von seinem Meister. Er arbeitet
-überaus strebsam, und der einstige Raubmörder freut sich schon darauf,
-bald Geselle werden und sich sein Brot ehrlich selbst verdienen zu
-können.
-
-Mag sein, daß man sich irrt, und daß der Bursche wieder zur alten
-Lebensweise zurückkehrt, wenn er dem Auge der Anstaltsleiter entrückt
-ist. Denn eigentlich sind alle Zwänglinge während der Zeit ihrer
-Internierung fleißig und folgsam. Sie arbeiten an den Handwebstühlen, an
-der Erzeugung von Papiersäcken, in den Tapezierer-, Schuster-,
-Schlosser- und Tischlerwerkstätten, in der Korbflechterei und im
-Anstaltsgarten, in der Küche und auf den Gängen, in den Arbeitskolonien
-auf den Feldern und Stallungen der kaiserlichen Güter in Litowitz,
-Hostiwitz, Rot-Aujezd und Tachlowitz, der Privatgüter zu Dubetsch,
-Kletzan, Biechowitz und Radigau, sie planieren und regulieren den
-Erdboden beim Bau der Landesirrenanstalt in Bohnitz und verrichten in
-der Kadettenschule, in der Strakaschen Akademie, im Palais Toskana und
-in der Landesfindelanstalt verschiedene Handlangerdienste. Sie arbeiten,
-weil sie von den anderen abgesondert werden würden, wenn sie das nicht
-täten. Strafen oder ein anderer Zwang zur Arbeit werden in der
-Zwangsarbeitsanstalt nicht angewendet. Dessen bedarf es umso weniger,
-als die Zwänglinge am Lohn ihrer Arbeit partizipieren. Sie sind in drei
-Klassen eingeteilt. Acht Monate bleiben sie in der dritten, der letzten
-Gehaltsklasse, in der sie zwanzig Prozent von ihrem Verdienst erhalten,
-der Rest fließt dem Anstaltsfonde zu. Nach Ablauf der acht Monate rücken
-sie in die zweite Klasse vor, in der sie fünfundzwanzig Prozent behalten
-dürfen, nach weiteren acht Monaten in die erste Klasse, in der dreißig
-Prozent ihres Arbeitsertrages ihr eigen sind. Einen Teil dieser
-Dienstprämie darf der Zwängling zur Aufbesserung seiner Kost verwenden.
-Das Nachtmahl ist wohlweislich schon so frugal bemessen, daß es einer
-solchen Aufbesserung dringend bedarf — ein Ansporn zur Arbeit. Der Rest
-der Verdienstesprämie wird dem Korrigenden aufbewahrt und oft erhält
-dieser nach Ablauf seiner Internierung — diese währt mindestens zwei
-und höchstens drei Jahre — einen ersparten Betrag von hundert Kronen
-ausgehändigt.
-
-Die Hoffnung auf die Aushändigung des Verdienstes kann manchen nicht vor
-dem Entweichen abhalten. Aus dem Anstaltsgebäude selbst kann wohl
-niemand flüchten, denn die Gittertüren auf den Korridoren und die
-dichtgekreuzten Eisenstäbe in den Fenstern haben aus dem alten Palast
-der Trauttmansdorffs, aus diesem stillen Kleinseitner Patriziergebäude,
-in dessen Garten vor drei Jahrhunderten Tycho de Brahe seine erste
-Sternwarte errichtet hatte, einen Käfig gemacht. Aber draußen in den
-Arbeitskolonien, wo die Sonne zur Wanderschaft lädt, wo das rote
-Wirtshausschild so freundlich zum langentbehrten Schnapsgenuß
-auffordert, wo ein Hügel dem Zwängling zeigt, daß kein Aufseher in der
-Nähe und die Welt so groß ist, da packt den Vagabunden die alte
-Leidenschaft, da vergißt er, daß ihn seine Kleidung stigmatisiert, da
-vergißt er, daß ihm die Flucht arg bekommen wird, da vergißt er, daß er
-für jede Strafe zwei Monate länger in der verhaßten Anstalt bleiben muß,
-da vergißt er, daß in der Zwangsarbeitsanstalt auch Pfähle sind, an die
-man strafweise angebunden wird.
-
-Dort in der Ecke der Korbflechterwerkstätte sitzt so ein Bursche, der
-erst vor kurzem entwichen und wieder eingebracht worden ist. Direktor
-Tilšer geht vorbei und fragt auch ihn, wieviel er heute gearbeitet
-habe. Die Antwort wird in kaum verständlichem Tone geknurrt. Und aus den
-Augen des Gefragten kommt ein wilder Blick des Hasses, eine Botschaft
-jener Gefühle, die vor kurzem die Revolte der Korrigenden in Bohnitz
-entfacht und ein Menschenleben gekostet haben.
-
-
-
-
- Theatervorstellung der Korrigenden
-
-
-In dieser historischen Woche, in der aus Anlaß des Regierungsjubiläums
-so viele Veranstaltungen „Fürs Kind“ stattfanden, gab es auch eine,
-deren Arrangeure ihre Veranstaltung als Selbstzweck betrachteten. Kein
-„Anlaß“, kein „wohltätiger Zweck“. Und wer war es, der diese Ehrlichkeit
-bewies? Die Korrigenden in der Landeszwangsarbeitsanstalt auf dem
-Hradschin.
-
-Am Donnerstag um halb 3 Uhr nachmittags fand oben eine
-Theatervorstellung statt. Direktor Tilšer hatte mir nach Erscheinen
-eines Artikels, den ich über Bewohner und Einrichtungen der Hradschiner
-Zwangsarbeitsanstalt veröffentlicht hatte, die Einladung zu dieser
-Vorstellung gesandt, damit ich „bei dieser Gelegenheit auch die
-lichteren Seiten des Anstaltslebens kennen lernen“ möge. So kam ich
-hinauf.
-
-Im Hofe waren die Zwänglinge. Aber nur wenige promenierten, nur wenige
-vergnügten sich am Kegelspiel. Die meisten drängten sich vor dem breiten
-Tor, das sich nun bald öffnen sollte, um die Theaterbesucher in das Haus
-zu lassen. Sie drängten sich und zwängten sich, wie die Leute an den
-Kassen zu den Maifestspielen. Aber sie benahmen sich doch wie Menschen
-dabei, und wenn ein Besucher kam, machten sie willfährig Platz.
-
-Gespielt wurde im Korbflechtersaale. Der war sorgfältig adaptiert. An
-der einen Breitseite stand festgezimmert die Bühne.
-
-Vor Jahren wurden aus dem Dekorationsmagazine des Deutschen
-Landestheaters durch dessen Intendanten, weiland Abg. Dr. Ludwig
-Schlesinger, der Zwangsarbeitsanstalt mehrere Flächen kassierter
-Kulissenleinwand überwiesen. Aus einem dieser Stücke war der Vorhang
-geschnitten und mit Lyra, Lorbeer und Maske bemalt worden. Oben das
-Landeswappen und einige naive Landschaften. Irgend eines Korrigenden
-Werk. Vor der Bühne brennen zwei halbverdeckte Gaslampen — die einzige
-Beleuchtung des langen Saales. So nimmt sich der Zuschauerraum gar
-seltsam aus. An zweihundert Zuschauer mit dumpfen Gesichtern und
-scharfen Blicken. Einige haben die braunen Flanelljacken anbehalten,
-andere sitzen in den schmutzigweißen Zwilchkleidern auf den Bänken da.
-Das sind fast die einzigen Toilettenunterschiede im Publikum. An der
-Wand stehen die Aufseher in Uniformen als Logenschließer. Vor die
-Bankreihen, auf denen die Korrigenden sitzen, sind zwei Reihen von
-Stühlen gestellt, die sonst in den Wachzimmern verteilt sind: Die
-Fauteuils für die Gäste. Denn auch Gäste sind da. Einige Frauen und
-Kinder von Aufsehern, sowie von Landwehrfeldwebeln und Oberfeuerwerkern
-aus der Nachbarschaft. Vor den Fauteuilreihen bedecken ausrangierte
-Bettdecken aus den Schlafsälen die Steinfliesen — Teppiche.
-
-Heute ist deutsche Theatervorstellung, „Deutsches Landestheater“ wie die
-Zwänglinge sagen. Das „Tschechische Nationaltheater“ hat eine Woche
-vorher gespielt. Aber das Publikum ist zweisprachig. Wenn auch mancher
-kein Wort von dem versteht, was da oben auf der Bühne gesprochen wird,
-so freut er sich doch der Kleider und des Gehabens seiner deutschen
-Kollegen auf dem Podium.
-
-In einer Nische neben der Bühne sitzt das Orchester. Vier Mann. Der
-Kapellmeister fehlt dem „Deutschen Landestheater“ ... Die Musikanten
-dirigieren selbst. Der Primgeiger ist ein alter, gebückter Mann mit
-einer Brille, der krampfhaft in sein Notenblatt blickt. Der zweite
-Violinist hat blondes, aufwärts gekämmtes Haar und einen stattlichen
-Schnauzbart: er ist ein ehemaliger Musikfeldwebel, der von Stufe zu
-Stufe gesunken ist, und nicht zum erstenmale dem Orchesterpersonale der
-Hradschiner Zwangsarbeitsanstalt angehört. Neben ihm spielt ein etwa
-vierzigjähriger Mann die Flöte; sein schwarzes, gescheiteltes Haar ist
-tief in die Stirne gekämmt — der Typ des „šumař“, des böhmischen
-Dorfmusikanten. Der vierte und letzte in dieser Kapelle ist der
-Harfenist. Sein Instrument hat er sich während seiner Detention, in den
-Mußestunden, die ihm nach seinen Taglöhnerarbeiten beim Bau der
-Bohnitzer Landesirrenanstalt geblieben sind, selbst angefertigt, und er
-beherrscht das Instrument ganz famos, trotzdem er nie Harfespielen
-gelernt hat. Sie sind Tausendsassas, diese Gegner der Arbeit.
-
-Gegenüber an der Wand lehnt ein Feuerwehrmann. Bei näherer Betrachtung
-merkt man aber, daß es gar kein Feuerwehrmann ist, sondern ein
-Korrigend, der den Feuerwehrmann spielt, weil eben ein solcher zu jeder
-anständigen Theatervorstellung gehört. Der Mann hat blankgeputzte
-Röhrenstiefel, einen sauber gewaschenen Zwillichanzug, einen
-Feuerwehrhelm — aus Pappendeckel und einen Gürtel aus dem gleichen
-feuersicheren Material. Er ist von seiner Rolle ganz durchdrungen und
-sein Blick schweift fortwährend durch den Saal, inspizierend und
-Bewunderung heischend.
-
-Man spielt heute, laut dem autographierten Programm, das auch die Namen
-der Darsteller nennt, drei Einakter. Zunächst das „Versprechen hinter’m
-Herd“. Hinter der Bühne wird geläutet, die Musik bricht jäh ab, der
-Souffleur kriecht coram publico in einen in der Korbflechterei
-hergestellten Strandkorb, dessen offene Seite der Bühne zugewendet ist.
-Der Vorhang hebt sich bis etwa zur halben Bühnenhöhe. Dann kann er nicht
-weiter. Aber der Darsteller des „Freiherrn von Strietzow“ legt selbst
-Hand an, ein Ruck und der Vorhang ist ganz oben. Die Erwartungen, die
-man nach dieser vielversprechenden Leistung des „Baron Strietzow“ an
-diesen knüpft, werden leider nicht erfüllt. Dieser Schauspieler hat kein
-Gefühl für das Parodistische, das in dieser Rolle des Berliner
-Salontirolers liegt. Er redet nicht „berlinerisch“, sondern den Dialekt,
-den man in seinem Heimatsorte Georgswalde bei Schluckenau spricht. Sein
-Kostüm ist schon aus technischen Gründen kein karikiertes, kein
-gigerlhaftes, und so maßt er sich auch nicht das Recht an, anders zu
-sein, wie die übrigen Darsteller, die echte Tiroler sein sollen. Sogar
-wenn er aus seinem Notizbuch einen verstümmelten „Nationalgesang“
-vorträgt, singt er ihn wie ein Schnadahüpfel. Er trägt ihn vor, so gut
-er eben kann, und würde es unverständlich finden, daß ein Schauspieler
-absichtlich patzen soll.
-
-Grandios ist der Darsteller des Wirtes und Wilddiebes Quantner. Sein Lob
-wäre nur in Superlativen zu singen. Wenn er sich räuspert, wenn er sich
-schneuzt, wenn er sich seine Pfeife ansteckt, wenn er sich nach
-herzhaftem Trunk mit der Zunge den Bart reinigt, wie er sein
-Versprechen, daß alles, was hinter’m Herde liegt, des Dirndls Eigentum
-sein soll, langsam und schwerfällig auf das Papier kritzelt, ist er von
-einer Echtheit, wie sie kein Berufsschauspieler aufzubringen vermag. Und
-wie er dann mit geballter Faust auf seinen unfolgsamen Sohn zustürzt —
-das kann kein Mime kopieren, das muß von klein auf gelernt sein. Da sich
-die Biographie dieses vortrefflichen Schauspielers in keinem
-Bühnenlexikon vorfindet, sei erwähnt, daß „Quantner“, ein etwa
-fünfzigjähriger Mann, schon zum viertenmale im hiesigen Arbeitshaus
-deteniert ist. Nach seiner Freilassung treibt es ihn immer wieder in die
-Alpen, wo er im Sommer und Winter umhervagiert. Aber auch auf den
-Bergen, wo angeblich die Freiheit wohnt, gibt es Gendarmen, und die
-bewirken es, daß er immer wieder nach Prag, zum Schauspielerberuf,
-zurück muß. Nach der Überzeugungstreue, mit der er den Wilddieb auf der
-Bühne verkörpert, könnte man schließen, daß er dieses Handwerk auch
-außerhalb der Bühne auszuüben gewohnt ist. Wie dem auch sei: Erwischt
-wurde er wegen dieses Deliktes noch nicht, denn unter seinen achtzehn
-Vorstrafen finden sich nur solche wegen Landstreicherei, Diebstahls,
-Vagabundage u. dgl.
-
-Das „Nandl“, die brave Bauerndirn, spielt ein jüngerer Korrigend. Er
-sieht ganz reizend aus und beherrscht seine Rolle vortrefflich. Den Sohn
-des Quantner und Geliebten der Nandl spielt gleichfalls ein junger
-Bursch. Er war noch vor kurzem in der Arbeitsanstalt für Jugendliche in
-Grulich interniert, hat sich aber nicht dauernd gebessert, obwohl er
-dort brav und fleißig gewesen war. Gleich nach seiner Entlassung hatte
-er seine Kleider verkauft und sich einer umherziehenden Zigeunertruppe
-angeschlossen. Aus der Hradschiner Anstalt, in die er dann gebracht
-worden ist, ist er entwichen, als er zur Arbeitsleistung in die
-Findelanstalt beordert worden ist. Sein Spiel ist gedrückt. Er geht fast
-fortwährend im Hintergrund der Bühne auf und ab und bringt seine Sätze
-halb zaghaft, halb mürrisch hervor. Das wirkt sehr gut, denn er gibt ja
-einen unglücklichen Liebhaber.
-
-Das Stück ist aus. Das Publikum klatscht stürmisch und die Darsteller
-machen ungelenke Komplimente. Der Vorhang fällt. Herr Direktor Tilšer
-willfahrt in liebenswürdiger Weise meinem Wunsche, die Bühne von
-rückwärts besichtigen zu dürfen. Man stellt die Kulissen zum nächsten
-Stücke auf. Der Protagonist, der „Quantner“, hockt auf der Schulter des
-„Feuerwehrmannes“ und schlägt oben auf der Kulisse zwei Nägel ein. Auch
-„Fräulein Nandel“ zimmert eifrig und keiner von den Akteuren ist müßig.
-Die Anordnungen schwirren durcheinander: Einen Regisseur scheint es
-nicht zu geben, und ein Aufseher darf nicht hierher. Die Künstler achten
-streng auf die Wahrung ihrer Autonomie. Auf einem Tisch liegt ein dickes
-Heft, auf dem von ungeschickter Hand mit Bleistift unorthographische
-Sätze gekritzelt sind: Die Rolle.
-
-Das zweite Lustspiel beginnt. Es heißt „Ein Zwiegespräch“ und der Witz
-besteht darin, daß ein alter Sonderling einen Besucher für den
-Aspiranten auf die Wärterstelle bei seiner Katze hält, während sich der
-Fremde um die Hauslehrerstelle bei der Tochter des Privatiers bewirbt.
-Den Hauslehrer spielte ein junger Bursch, ein wiederholt vorbestrafter
-Einbrecher, ganz gut. Aber den größten Beifall hatte er, als er wie
-unversehens an seinen Partner anstieß, und in einem prächtigen
-Purzelbaum zu Boden stürzte. Ebenso bildete es im nächsten Stücke, dem
-Lustspiel „Er muß taub sein“, den Höhepunkt der Handlung, als der von
-seiner Taubheit geheilte Hausherr plötzlich die Beschimpfungen seines
-Dieners vernimmt, und diesem einen Fußtritt in den Rücken versetzt, der
-entschieden an anderer Stelle nach § 421 StG. geahndet worden wäre.
-(Stürmischer Beifall.) In diesem letzten Stücke spielt übrigens auch ein
-ehemaliger Bauzeichner, der sich ganz als Gentleman benimmt und seine
-Mahlzeit in einer Weise verzehrt, die auch den höchsten Anforderungen
-des guten Tones entspricht.
-
-Zum Schluß der Vorstellung singen die Darsteller aller Stücke ein
-weihevolles Abschiedslied „Gute Nacht“. Es ist ganz rührend, wie diese
-wetterharten Feinde der menschlichen Gesellschaft den feierlichen,
-kindlichen Choral anstimmen.
-
-Alles ergießt sich in den Hof, um sich draußen die Tabakspfeife
-anzuzünden. Nur die Akteure müssen hierbleiben. Sie haben die Kostüme
-abzulegen und einzupacken, damit sie morgen der Maskenleihanstalt wieder
-rückerstattet werden können, von der sie um den Preis von drei Kronen
-ausgeliehen worden sind. Dies sind die ganzen Barauslagen: sie werden
-aus den Zinsen des Depositenfonds und durch freie Spenden des Direktors
-gedeckt. Dann muß die Bühne abgenommen, die Kulissen, der Vorhang und
-der geflochtene Souffleurkasten wieder ins Magazin getragen werden.
-Jetzt hört für die Schauspieler das Benefizium auf, am Abend eine Stunde
-länger aufbleiben und die Rollen lernen zu dürfen; in dem Saal, in dem
-sie heute akklamierte Künstler waren, müssen sie morgen auf den
-Steinfliesen sitzen und Weidenruten zu Körben flechten. Für geraume Zeit
-bleibt ihnen nur die Erinnerung an ihren Erfolg, an die „lichteren
-Seiten des Anstaltslebens“.
-
-
-
-
- Das Märchen vom Mistwagen
-
-
-Es war einmal — so geht ein Grimmes Märchen — eine Stadt, die sehr,
-sehr alt war. Das konnte man an den vielen altertümlichen Häusern und
-Türmen sehen und an dem Schmutz, der überall in den Straßen, auf den
-Plätzen, in den Häusern und selbst im Wasser des Stromes vorhanden war.
-Während aber die altertümlichen Häuser und Türme den Machthabern dieser
-Märchenstadt durchaus nicht heilig waren, war es der Unrat um so mehr.
-So heilig war der, daß eine unverbürgte Sage ging, im Hause des weisen
-Rates der Stadt sei am meisten Schmutz verborgen und seine Erhaltung
-verschlinge jährlich viele Millionen Goldes.
-
-Und draußen vor der Stadt, am Fuße eines Berges, auf dem Žižka,
-der Einäugige, eine Schlacht gekämpft hatte, in einer Gegend, die nach
-diesem Žižka benamset war, lebte ein Recke. Der war ein kühner
-Kämpfer und ein mutiger Rufer im Streite, aber er war von unbezwingbarer
-Habgier beseelt. Er hatte nicht genug an dem Schmutze, der in seiner
-Behausung war, er wollte auch den Schmutz der anderen sein eigen nennen.
-So fuhr er denn, um dieses Kleinod zu erringen, alltäglich auf seinem
-hohen Streitwagen auf Beute aus.
-
-Seine Farbe war grau. Grau war der Wagen, den er stehend lenkte, grau
-war der Morgen, wenn er seinen Beutezug antrat, grau war die Kunde von
-seines Vaters Nam’ und Art, und grau war der Inhalt der Kisten und
-Kasten, deren Besitz er erstrebte. Statt eines Helmes trug der reisige
-Held eine blaue Kappe, auf der das Wappen seines Heimatsortes prangte.
-In diesem Wappenschilde sah man ein vergittertes Fenster, wie man ihrer
-auch im städtischen Arresthause „Fišpanka“ mancherlei sieht, und in
-dem Fenster sah man einen Arm, der gebogen war, wie der Arm eines
-ritterlichen Mannes beim „Šlapák“-Tanze. Im Gegensatze zu den Hörigen
-und Unfreien, die draußen vor der Stadt auf dem Pankratius-Hügel wohnten
-und kurzgeschorenes Haar hatten, trug unser Ritter eine Locke in die
-Stirn gekämmt, die sein linkes Auge verdeckte, so daß er aussah wie sein
-Ahnherr Žižka. Das war das Zeichen, daß er kein Unfreier, sondern
-ein „freier“ war. Keinen Marschallstab, kein Szepter trug er in seiner
-Hand — nur eine Peitsche; wenn er aber die seinen mutigen Rössern um
-die Ohren sausen ließ, so erdröhnte ein stärkerer Knall als jener des
-Mörserschusses, der allmittäglich den Sklaven in dieser Stadt
-verkündete, daß sie in ihrer Robottarbeit innehalten durften.
-
-Vor seinem Wagen schritt ein Herold, der kündete das Nahen des Recken,
-indem er eine Sturmglocke läutete.
-
-Die Bürger wußten, was dieses schrille Läuten zu bedeuten habe, aber
-niemand wagte es, mit dem Recken anzubinden, niemand wagte es, ihm die
-Asche, den Kehricht und den Schmutz, diese so kostbaren Kleinodien
-vorzuenthalten. So sandten sie ihre Jungfrauen hinab auf die Straße, auf
-daß diese seinen kriegerischen Sinn betörten, und ihm selbst den Tribut
-überantworten mögen.
-
-Aber der Ritter war rauh und unbeugsam, und er hatte kein Auge für die
-holden Mägdlein, die, malerisch gruppiert, seinen Wagen umstanden. Er
-hatte nur Augen für die Schätze, die sie ihm in kostbar alten Kisten und
-seltsam verbogenen Gefäßen darreichten. Mochte die Last, die so ein
-schwaches Jungfräulein auf den hohen Wagen zu heben hatte, noch so
-schwer sein, nie beugte er sich über seines Wagens Brüstung, um dem
-schwachen Wesen behilflich zu sein. Nur beim Entleeren des Gefäßes griff
-er selbst Hand an, der Habgierige, auf daß auch nichts von dem Inhalte
-in der Opferschale zurückbleibe. Er begnügte sich nicht damit, daß ihm
-die ehrsamen Bürger der Stadt ihre Opfergaben durch schöne Jungfrauen an
-den Wagen bringen ließen, er verlangte auch, daß die Schätze gesalbt,
-mit dem heiligen Wasser der Stadtbrunnen geweiht und besprengt seien.
-Wehe aber, wenn ein Mädchen dies unterließ! Dann schalt und drohte er
-grimmig, und manches Wort entfuhr ihm, das man selbst am Fuße des
-Žižkaberges nicht allzuhäufig vernommen. Die trägen Mägde mußten
-nochmals zurück in das Haus und neuerlich wiederkehren.
-
-Aber er war schön in seinem Groll und manches Mägdlein unterließ es,
-ihre Gabe zu besprengen, um in des kühnen Ritters Auge den Blitz des
-Zornes zucken zu sehen. Andere aber vergaßen in ihrer heimlichen Liebe
-zu dem Ritter, die Gabe zu nässen. Und wieder andere Mägde waren, wie
-das damals vorzukommen pflegte, sehr faul und besprengten deshalb die
-Asche nicht.
-
-Nur eine Einzige vergaß niemals an ihre Pflicht. Das war ein Mädchen, so
-brav und tugendhaft, wie es nur im Märchen vorkommen kann. Dieses fegte
-sorgsam die Aschenreste der ganzen Wohnung zusammen und legte sie fein
-säuberlich in eine alte Kohlenkiste zusammen, besprengte sie mit Wasser
-und ließ sich durch die anderen Mägde, welche müßig und schwatzend auf
-dem Gang umherstanden, nicht stören. Deshalb nannten sie die anderen:
-„Aschenbrödel.“
-
-Der sorgsame Eifer dieses Mädchens war dem Ritter nicht verborgen
-geblieben. Sein Herz entflammte in jäher Liebessehnsucht zu der
-minniglichen Maid, und er mußte dem Mädchen nachschauen, wenn er sein
-Werk beendet hatte und wieder von dannen fahren mußte gegen Hrdlořez,
-wo er in einer Senkgrube alle die Schätze verbarg, die er tagsüber
-eingeheimset hatte. Und er begann das Aschenbrödel sichtlich
-auszuzeichnen, er half ihr beim Aufladen des Schatzes, er lächelte ihr
-von der Höhe seines Wagens freundlich zu.
-
-Ist es da ein Wunder, daß das Aschenbrödel hoffärtig wurde, und daß es
-beschloß, den Rittersmann, den sie selbst minniglich liebte, auf die
-Probe zu stellen, wie weit seine Liebe gehe. Auch wollte sie den anderen
-Mägden, die sie bislang aus ihres Herzens Grunde verachtet hatten, die
-Liebe des Ritters beweisen. So fegte sie an einem schönen Herbsttage die
-Asche wie sonst zusammen und häufte sie in die Kohlenkiste, aber sie
-besprengte die duftige Gabe diesmal nicht mit Wasser.
-
-Als sie hinunter kam vor des Hauses Pforte, wo schon die anderen
-Jungfrauen auf ihres Ritters Ankunft harrten, da wurden diese schier
-starr vor Staunen. Denn aus Aschenbrödels Kiste wirbelte beklemmender
-Staub empor ...
-
-Atemlos und begierig wartete man des Ritters. Dieser kam herbei und sein
-Gefährt hielt. Mit zitternden Knien, bleich vor Erregung, kam
-Aschenbrödel mit ihrer Truhe herbei — galt es doch heute die
-Liebesprobe. Liebevoll neigte sich der Recke zu ihr, um ihr behilflich
-zu sein, als er den Staub bemerkte, der aus der hölzernen Opferschale
-des Mädchens emporstieg. Einen Augenblick sah man ihn zaudern. Sollte
-er, um seiner Liebe willen, für heute die Mißachtung seiner Vorschrift
-ungerügt hingehen lassen? Nein, sagte sein Rittersinn. Und mit
-schmerzlichem Sinn verweigerte er die Annahme der Gabe. Er wandte sich
-den anderen Mägden zu, welche ihr höhnisches Lachen nicht verbargen.
-
-Aschenbrödel ging nicht in das Haus zurück. Sie stellte den
-Kehrichtbehälter auf die Erde, setzte sich darauf, schlug die Hände vors
-Gesicht und weinte bitterlich. Aber die Staubwolke, die aus dem Gefäße
-hervorstieg, vermochte das Mädchen durch sein Körpergewicht nicht
-zurückzuhalten, die Wolke hob Aschenbrödel in die Höhe, hüllte es ein
-und entführte es in die Prager Luft, in der es bald den Blicken der
-staunenden Mägde und des schier zu Eis erstarrten Recken entschwand.
-
-Seither hat man nichts mehr von Aschenbrödel gesehen, nichts mehr von
-Aschenbrödel gehört.
-
-Aber der Ritter hat die Hoffnung nicht aufgegeben, daß das Mädchen doch
-im Gleitflug irgendwo landen und wieder in die Stadt zurückkehren könne.
-Und während längst in allen anderen Städten der Erde die staubfreie
-Müllabfuhr mittels Kehrichtschächten, mittels verschlossener,
-auswechselbarer Eisenkisten und mittels verschlossener Wagen eingeführt
-worden ist, fährt unser Ritter noch heute auf seinem Streitwagen suchend
-durch die Straßen jener Märchenstadt, läßt sich von den minniglichen
-Mägdlein den Inhalt offener Kästen in den offenen Wagen schütten und
-wird so fahren bis zum jüngsten Tag.
-
-
-
-
- Weihnachtsmarkt
-
-
-Unter dem Balkon des Altstädter Rathauses wurde an einem heißen Junitage
-des Jahres 1621 an sechsundzwanzig böhmischen Adeligen ein furchtbares
-Blutgericht vollzogen. Gegenüber, unter den Türmen der Teinkirche liegen
-die Gebeine des Tycho, der gestorben ist, weil er an der Tafel seines
-gekrönten Freundes das spanische Zeremoniell nicht verletzen und deshalb
-ein plötzliches Unwohlsein mit Gewalt niederkämpfen wollte. Zwischen
-diesen beiden Stätten breitet sich ein großer Platz, auf dem verhärmte
-Menschen allabendlich, vor der Madonnenstatue kniend, inbrünstige Lieder
-singen. Aber im Dezember, vom Sonntag vor Nikolo bis zum
-Weihnachtsabend, wogt auf diesem Platze Weihnachtstreiben.
-
-Und doch: Selbst im Jahrmarktskleide verliert der Ringplatz sein
-sentimentales Gepräge nicht, und aus dem Lärm der Ausrufer, der
-drängenden und gedrängten Menschenmassen, der Marktschreier und
-Verkäufer dringen die Untertöne der Schwermut hervor. Es ist kein
-Jahrmarkt. Zwar ist es vollzählig versammelt, das fahrende Volk, das
-während der übrigen elf Monate die Bewohner der böhmischen Dörfer
-beglückt, aber hier im Zentrum der Großstadt nehmen sich seine Waren und
-Vergnügungen allzu armselig aus. Die Jahrhunderte mit ihren
-Errungenschaften sind spurlos an ihnen vorübergegangen, und die Späße,
-Schaustellungen, Buden und Verkaufsobjekte hätten samt und sonders auch
-in den Zeiten kein Staunen erweckt, deren Ereignisse den Prager
-Ringplatz zu einer historischen Stätte stempelten.
-
-Parallel zur Front des Platzes, welche die Zeltnergasse verlängert,
-läuft eine der Budenstraßen. Sie ist das Dorado der Spielwarenhändler.
-Aber was sind das für Spielwaren, die hier feilgeboten werden? Keine
-Miniaturautomobile oder Miniaturaeroplane, keine sprechenden Puppen und
-singenden Kanarienvögel — nichts von raffinierten Kunstwerken für
-Kinder der Reichen. Nur Zehnkreuzeruhren, nur Ballons auf dünner
-Gummischnur, nur Holzpferde auf Rädern, papierene Tschakos und hölzerne
-Säbel. Musikinstrumente überwiegen — wir sind im Heimatland der
-böhmischen Musikanten. Kinderviolinen, denen selbst ein künftiger
-Kubelik keine Töne zu entlocken vermöchte, Flöten, in die man von beiden
-Seiten mit der gleichen nervenmarternden Wirkung blasen kann,
-verschiedengestaltete Gummispezialitäten, die aufgeblasen werden, um mit
-herzzerreißendem Gekreisch den fremden Odem wieder auszuhauchen,
-Mundharmonikas, runde Mundpfeifen, mit denen man das Zwitschern der
-Nachtigall wenn auch nicht nachahmen, so doch persiflieren kann u. dgl.
-Dann die armseligen Nikolos, die aus einer unmöglichen Gipsmaske mit
-langem weißen Bart bestehen, an die sich ein weißes Papiergewand
-schließt, dann die Krampusse, die armen Teufel, die nicht Furcht
-erregen, sondern nur Mitleid erwecken können, dann die Soldaten, die in
-jeder besseren Kinderstube als untauglich erklärt oder superarbitriert
-werden würden.
-
-In einer anderen der hier entstandenen Straßen stehen die braunleinenen
-Warenhäuser, deren Besitzer sich von dem Pumpernickel nähren, den andere
-essen müssen. Lebkuchenherzen dominieren; sie weisen Inschriften aus
-Tragantzucker auf, die ebenso geistvoll, wie schmackhaft sind. Auf den
-Firmenschildern aus Wichsleinwand sind lauter vergrößerte Ehrenmedaillen
-und Ordensauszeichnungen abgebildet. Es scheint also, daß in
-Potentatenfamilien Pumpernickel leidenschaftlich geliebt wird und daß
-die Monarchen bei freudigen Anlässen einander Lebkuchenherzen schenken.
-
-Rote und schwarze Kegelchen stehen auf einem Verkaufsbrett:
-Räucherkerzen. Die Erfindungen der Parfümindustrie haben diesen Artikel,
-der beim Glimmen wie ein rauchender Vesuv aussieht, nicht aus der Welt
-zu schaffen vermocht. Die moderne Technik der Papierindustrie wiederum
-hat nichts mit den handgeschnittenen Papiersternen und den
-zusammengeklebten Papierketten zu tun, welche in der benachbarten Bude
-zur Verzierung der Weihnachtsbäume käuflich erworben werden können.
-
-Überhaupt die Technik! Die Budenbesitzer haben die denkbar schlechteste
-Erfahrung mit ihr gemacht. Vor einigen Jahren hatten sie z. B. den
-Phonographen in den Dienst des Jahrmarktes und auf einen Tisch inmitten
-der Budenstadt gestellt. Dieser Phonograph posaunte nicht — wie es die
-anderen Phonographen tun — seine ganze Weisheit durch einen
-Schalltrichter in die Welt hinaus, sondern er flüsterte sie durch dünne
-Gummischläuche den besonderen Menschen ins Ohr, welche sich von den
-anderen Passanten wohltuend durch die Entrichtung von drei Kreuzern
-unterschieden. Die anderen Menschen aber konnten gar nichts hören, und
-blickten daher staunend auf die neben ihnen stehenden Auserwählten,
-deren Mienen eine unbändige Heiterkeit verrieten und deren Körper und
-Füße in irgend einem Marschtakte zuckten. Ebenso unerklärlich war es den
-Leuten, warum der Mensch, der sich wieder an einer anderen Stelle des
-Weihnachtsmarktes in herzbewegenden Grimassen, schmerzhaften Ausrufen
-und krampfhaften Körperzuckungen erging, die Halter der
-Elektrisiermaschine nicht einfach loslasse ... Aber der Phonograph hat
-sich auf dem Prager Jahrmarkt nicht rentiert, er war dort heuer nicht
-mehr anzutreffen, und auch die Elektrisiermaschine sucht nur noch in den
-Nachtlokalen der unteren Zehntausend ihren Erwerb.
-
-Einen Augenblick könnte man doch glauben, die größten Wunder der Technik
-seien vertreten. Wenn man nämlich den hochtrabenden Worten des Ausrufers
-vor dem „Mechanischen Theater“ Glauben schenken würde, der im
-nördlichsten Teile der Marktstadt seine Nachbarn, die Ausrufer der drei
-Ringelspiele, der vier Schießbuden und des Panoptikums durch Ton und
-Inhalt seiner Anpreisungen zu übertreffen sucht. Aber wenn man den
-Lockungen des Mannes vom „Mechanischen Theater“ folgt, dann ist es mit
-dem Glauben an irgend eine maschinelle Vorführung gründlich vorbei. Man
-sieht ein großes Kinderspielzeug, das wohl irgend ein invalider Bergmann
-in seinen Mußestunden mit geschickten Händen gefertigt hat. Es stellt
-ein Bergwerk dar, und dessen Lebewesen werden durch eine im Hintergrunde
-versteckte Kurbel bewegt. Durch diese dynamische Kraft bewegen sich die
-Männchen — die „Panaken“, wie man in Prag sagt. Bergleute mit Hunten
-fahren im Schachte auf und nieder, sie hacken Erz und sie trinken. Oben
-bewegt sich der Leichenzug eines verunglückten Bergmannes. Zuerst der
-Leichenwagen, dann die weinende Witwe mit den Kindern, dann der nach
-allen Seiten grüßende Geistliche, dann die Schar absolut unmöglicher
-Bergleute in Reih und Glied. Es ist zum Weinen. Auf beiden Seiten des
-Budeninnern steht je eine Kulisse. Die eine stellt einen Seesturm, die
-andere eine Karawane dar, und so vervollständigen sie beide die
-Illusionen, daß man sich in einem Bergwerk befinde.
-
-In den photographischen Ateliers werden Bilder hergestellt wie weiland
-zur Zeit Daguerres, und die Kunstblumen, die man feilhält, sind so
-ehrlich imitiert, daß kein Mensch sie für echte halten könnte. Während
-längst andere Städte ihren Lunapark haben, in dem alle Errungenschaften
-des Maschinenbaues zu irrsinnigen menschlichen Vergnügungen
-ausgeschrotet sind, gibts auf dem Altstädter Weihnachtsmarkt noch immer
-bloß Ringelspiele mit sichtbarem Handbetrieb. Und während man anderswo
-in spiritistischen Seancen des Schicksals Tiefen zu erforschen droht,
-läßt sich hier — allerdings mit der gleichen Wirkung — das Prager
-Dienstmädchen von weißen Mäusen oder Kanarienvögeln die „Planeten“
-ziehen, Zettel mit gedruckten Weissagungen und — allerdings entrichtet
-man hiefür eine erhöhte Taxe — mit dem Bilde des Zukünftigen. Während
-anderswo die Hygiene ängstlich für das Wohl des Menschen sorgt, reißt
-hier der Fruchthändler mit schmutzigen Händen schmutzige Datteln von den
-schmutzigen Waben und wickelt sie in schmutziges Papier. Auch „Niko
-Petkovac“, der biedere Südslawe mit dem braunen Gesicht und der
-Astrachanmütze, macht Geschäfte mit seinem „Sultansbrot“ und „türkischen
-Honig“. Unten, an der Niklasstraße schon, feiert Kasperl, der von
-Gottsched feierlich von der Bühne verbannte Kasperl, im Kampfe mit einem
-Hündchen herrliche Triumphe.
-
-Überhaupt: Der Markt übt seine Anziehungskraft aus. Die anderen
-Marktfeste, die „Fidlovačka“, das Fest der Schusterinnung im Nusler
-Tal, das „Strohsack“-Fest der Schneidergilde in Bubentsch, das
-Mathäi-Fest in der Scharka, das Josefi-Fest auf dem Josefsplatz und das
-„Ordens“-Fest im Stern sind teils abgeschafft, teils bedeutend
-restringiert worden. Nur der Nikolo- und Weihnachtsmarkt, gerade das
-Fest im Innern der Stadt, ist in der alten Form erhalten geblieben, und
-steht jetzt ohne Konkurrenz da. Ob es nun Pietät ist, ob man der
-Tradition huldigt, ob es zu den weltmännischen Neigungen mancher
-Gesellschaftsklassen gehört, sich in Kirchweihfesten auszuleben — der
-Markt ist voll von Menschen. Sie ziehen an den Dezembersonntagen in
-bunten Scharen auf den Ring, in diese aus morschem Holz gezimmerte
-Stadt, deren Gassenfronten aus verschlissener Leinwand sind. Aus allen
-Vorstädten kommen die Menschen und drängen sich hier, die Handwerksleute
-mit Weib und Kind, die bekannten Prager Lebeknaben aus den
-Kolonialwarengeschäften und Werkstätten, Dienstmädchen, Fabriksmädel,
-Ladenmamsells, Mädchen für alles und noch mehr. Alles was sonst in
-Tanzlokalen der Vororte und auf den Schleifplätzen der Moldau die Liebe
-sucht, ist im Dezember hier vereint. Der langhaarige Jüngling nähert
-sich innig im Gedränge seiner Angebeteten. Oder er schleudert, wenn eine
-Schöne in entgegengesetztem Menschenstrom vorbeikommt, ihr seinen
-Papierball, dessen Gummischnur er in der Hand hält, als schüchternen
-Annäherungsversuch wuchtig ins Gesicht. Das Mädchen quittiert mit
-quietschendem Aufschrei, aber sie fühlt sich durch die gezollte
-Aufmerksamkeit geehrt, und mißt ihren Anbeter mit einem Blick, in dem
-Aufmunterung, Aufforderung, Leichtsinn und vielleicht ihr Schicksal
-liegt.
-
-
-
-
- Wie ich aus dem Rathause hinausgeworfen wurde
-
-
-Auf meinem Leben lastet eine Sünde, die ich nicht in das neue Jahrzehnt
-hinüber nehmen will. So will ich durch aufrichtige Beichte diesen Alp
-von meiner Seele abwälzen. Meinem Gedächtnis, dem vielleicht einzelne
-Phasen des Verbrechens entschwunden oder verwischt sein könnten, kann
-ich ja leicht nachhelfen. Ich brauche nur in der Universitätsbibliothek
-in den gebundenen Exemplaren der tschechischen Zeitungen nachzuschlagen.
-Darin steht die reine Wahrheit.
-
-Dort ist meine Schande zum Studium und abschreckenden Beispiel für
-künftige Geschlechter aufbewahrt. War doch der Vorfall ein bedeutsamer,
-und ich glaube: Über den Prager Fenstersturz, der den dreißigjährigen
-Krieg einleitete, wurde nicht so ausführlich berichtet, wie über meinen
-Hinauswurf aus dem Altstädter Rathause.
-
-Aus allen diesen Berichten geht hervor, daß ich mich damals im Prager
-Rathause skandalös benommen habe. Und darf man sich denn im Prager
-Rathaus skandalös benehmen? Hat man überhaupt schon gehört, daß sich
-jemand im Prager Rathause skandalös benommen hätte? Nein, heute muß ich
-unbedingt zugeben, daß man mich mit Recht hinausgeschmissen hat. Und es
-war unverdiente Gnade, daß man mir eine ungeheure Strafmilderung
-zugestand: Man hat mich nicht durch einen Hausknecht hinausgeworfen,
-sondern man hat mich durch den Stadtverordneten Březnowsky
-hinausexpedieren lassen.
-
-Dieser hat mich durchaus nicht mit Glacéhandschuhen angefaßt, obwohl er
-sich in seinen stillen Stunden mit deren Erzeugung beschäftigt. Er hat
-es nicht getan, weil ich es nicht verdiente. Habe ich mich denn nicht,
-laut Bericht des „Hlas Národa“, das einem alttschechischen
-Stadtverordneten gehört und dem daher in Rathauskreisen eine gewisse
-Authentizität zukommt, „sehr frech und wütend“ benommen? „Er versetzte,“
-so heißt es in der Morgenausgabe dieses Blattes vom 10. November 1908 u.
-a., „dem Stadtverordneten Vanha einen Stoß und mit dem Ausrufe ‚Ich
-werde diese Diebshöhle schon beleuchten‘, sauste er blitzesschnell die
-Stiegen hinunter“. Also bitte, man bedenke: Ich habe einem unserer
-Stadtväter einen Stoß versetzt, und die ehrwürdige Ratsstube eine
-Diebshöhle genannt. Weshalb bin ich eigentlich nicht geklagt worden! Wie
-übel wäre es mir doch ergangen! Ein Leugnen hätte mir nichts geholfen,
-denn auch das offizielle Rathausorgan, die „Nár. Listy“, erklärten in
-aufgeregtem Tone, ich hätte die Drohung ausgestoßen, daß ich Diebstähle
-(die tschechische Sprache kennt keinen bestimmten Artikel) aus dem
-Rathause veröffentlichen werde. Auch den Stoß gegen den Stadtverordneten
-Vanha registriert das Rathausorgan, und weiß sogar das interessante
-Detail hinzuzufügen, daß ich den Stoß mit der Faust versetzt habe.
-
-Der klerikale „Čech“ bedeckt den Rippenstoß mit dem Mantel der
-Nächstenliebe. Er verschweigt ihn ganz, trotzdem sein Bericht sonst an
-Ausführlichkeit durchaus nichts zu wünschen übrig läßt. Er schreibt u.
-a.: „Als erster fand sich Redaktionsmitglied der „Bohemia“ „buršák“
-Kisch ein, der durch seine Provokation auf dem Graben berüchtigt ist. Es
-wurde ihm gesagt, daß es nicht angehe, in den Sitzungssaal des
-Kollegiums das Redaktionsmitglied eines Blattes einzulassen, welches
-alles, was aus Prag kommt, verdreht und beschimpft. Kisch aber machte
-keine Miene, den Saal zu verlassen. Es traten also die Ordner hinzu und
-führten ihn auf den Gang hinaus. Kisch schäumte, drohte und lehnte sich
-auf, es blieb ihm aber nichts übrig, als zu suchen, wo der Zimmermann
-das Loch gelassen hatte.“ Im weiteren Verlaufe des ausführlichen
-Berichtes registriert das genannte Blatt die Tatsache, daß nach meiner
-angedrohten Enthüllung über die Diebstähle im Prager Rathause „in dem
-auf den Korridoren angesammelten Publikum Bewegung entstand“. So?
-
-Solche Referate konnte das nationalsoziale „České slovo“ durch
-Radikalismus nicht mehr übertrumpfen; damit es aber doch in seinem
-Berichte mehr Stiefel habe, als die anderen Blätter, schrieb Georg
-Střibrny, der damals noch nicht Abgeordneter war, man habe die
-Stiefel hinausgetragen, in denen ich steckte.
-
-Die Folgen meines Hinauswurfes spukten noch lange. Zuvörderst
-veröffentlichte ein Mann, der davon lebt, daß andere sterben, ein
-Partezettelagent, in allen tschechischen Blättern eine Erklärung: Er
-heiße zwar ähnlich wie ich, aber sei nicht mit mir identisch. Ich kann
-dies vollinhaltlich bestätigen, und um auch den Rest jeden Verdachtes
-von dem Herrn abzuwenden, erkläre ich hiemit freiwillig, daß ich
-überhaupt nicht mit ihm verwandt bin. Auf Ehrenwort.
-
-Der gute Mann war nicht der einzige, der sich meiner schämte. Der
-„Večerní List“ veröffentlichte unter dem Titel „Sie kann nichts für
-ihren Namen“ folgende Erklärung: „Herr Egon Kisch, Redakteur der
-„Bohemia“, ist nicht, wie allgemein verlautet, mein Neffe, und ich bin
-überhaupt nicht mit ihm verwandt. Marie Kisch, Hausbesitzerin, Prag II,
-Zderasgasse.“ Der „Čech“ reproduzierte diese harmlos scheinende
-Erklärung am nächsten Morgen mit der Aufklärung, daß die Absenderin der
-Zuschrift die Besitzerin eines verrufenen Hauses sei. Worauf dann ein
-Weinberger Lokalblatt hämische Glossen darüber machte, wieso gerade das
-klerikale Organ gewußt habe, daß das Haus ein verrufenes sei.
-
-Ferner griff mich Abg. Myslivec im Parlamente an, und die Abgeordneten
-sollen sich höchlichst darüber verwundert haben, daß man sich auch
-unanständig benehmen könne.
-
-Der „Illustrovaný kurýr,“ eine Zeitung, die sonst hauptsächlich
-Momentphotographien vom Augenblicke der Mordverübung bringt,
-reproduzierte am 3. November mein Bild. Dabei passierte dem
-Bildredakteur eine Verwechslung, die in den Annalen dieser Zeitschrift
-gewiß nicht allzuhäufig ist. Er muß in ein falsches Fach gegriffen
-haben, und — wie es der Zufall oft will — es war wirklich mein Bild,
-das er erwischte und das ins Blatt kam. Allerdings steht in dem Texte,
-daß ich ein sehr mürrisches Gesicht mache. Aber gerade auf dieser
-Photographie bin ich „bitte, recht freundlich“.
-
-Das Furchtbarste aber war: Es muß sich ein Ephialtes in der Nation
-gefunden haben, denn über die Stadtverordnetensitzung, aus der ich cum
-infamia exkludiert worden war, erschien ein ausführlicher Bericht in den
-deutschen Blättern. Mit bangem Grausen, von grenzenlosem Entsetzen
-gepackt, richtet der „Čech“ an die Nation am 12. November die
-Gewissensfrage: „Wer hat wohl dem aus dem Rathause hinausexpedierten
-Kisch mitgeteilt, was im Stadtverordnetenkollegium vorgegangen ist?“ Und
-weiter: „Da ergibt sich eine Menge von Fragen und verdächtigen Umständen
-...“
-
-Auf diese „Menge von Fragen“ kam keine Antwort, diese „verdächtigen
-Umstände“ erfuhren keine Aufhellung, und die Berichte über das Rathaus
-erscheinen in den deutschen Blättern auch weiter mit gebührender
-Ausführlichkeit. Von schwerwiegenden Folgen war also mein Ausflug aus
-dem Rathaus für mich nicht begleitet. Aber das ändert nichts an der
-Tatsache, daß ich mich empörend benommen habe. Ich habe die damalige
-Rathauswirtschaft beleidigt und einem Stadtverordneten einen Rippenstoß
-versetzt. Wie leicht hätte ich ihn verletzen können! Peccavi.
-
-
-
-
- Prager Ziehung
-
-
-Im Ziehungssaale der Lotterie strömen alle die Gefühle zusammen, die auf
-den Pawlatschen und in den Waschküchen, auf dem Markte und in den
-Fabriken, bei den Planetenziehern und bei den Kartenlegerinnen, in und
-vor den Kollekturen in gewisperten Gesprächen des Aberglaubens und der
-Mystik zum Vorschein kommen. Der Ziehungssaal der Lotterie ist
-vielleicht der einzige Raum, in welchem eine Harmonie des
-Einzelempfindens eine Massenstimmung bildet, die nicht das Produkt
-momentaner Erregung ist. Die fremden Menschen, die sich hier drängen,
-sind wohl, was die Herkunft, was den Charakter anlangt, von einander
-grundverschieden. Herabgekommene, und solche sind da, in deren
-Geschlecht seit Menschengedenken nur gerüchtweise bekannt war, daß es
-irgendwo Wohlstand gebe. Die Gruppen sind schwer zu unterscheiden — das
-Elend hat die Unterschiede ihrer Abstammung verwischt, die
-Einleitungskapitel ihrer Lebensromane sind mit freiem Auge nicht lesbar.
-Aber die laufenden Kapitel, die ihres gegenwärtigen Seins, stehen
-deutlich in ihrer Anwesenheit, ihren Blicken, ihren Gesten, ihren
-Worten, ihren Ausrufen geschrieben. An allen diesen Menschen zerrt eine
-quälende Unzufriedenheit mit ihrem Schicksal, in allen diesen Menschen
-zuckt als einzige Hoffnung die Hoffnung auf den Zufallsgewinn, aller
-dieser Menschen Glauben ist der Aberglauben. Ihr Handeln beschränkt sich
-auf das Abreißen des Marginales an den Kollekturen, auf das Auslegen von
-Spielkarten, Träumen, Erscheinungen und Ereignissen, und auf deren
-Transponierung in Ziffernwerte, auf den Ankauf von Riskonti und auf ihr
-Erscheinen bei der öffentlichen Ziehung. Alle ihre Hoffnungen heißen
-Terno und Ambo, Nominate und Extratto.
-
-Prag teilt mit sieben Hauptstädten Österreichs die Ehre, der Schauplatz
-einer öffentlichen Lotterieziehung zu sein, einen Sammelkanal für jene
-Wissenschaft des Unverstandes zu besitzen, die sich unfruchtbar müht,
-die wirren und unzusammenhängenden Traumgebilde mit nüchternen Ziffern
-und Zahlen auszudrücken, die unklaren Wünsche und unklar ersehnten
-Schicksale ziffermäßig zu werten, und die exakteste und klarste
-Wissenschaft, die Mathematik in den Dienst waghalsigen Aberglaubens zu
-stellen. In dem an der Ecke der Ziegengasse und des Ziegenplatzes
-stehenden Ärarpalaste, der die Berghauptmannschaft und das Münzamt
-beherbergt, ist auch das Lottoamt untergebracht. Alle vierzehn Tage —
-immer am Mittwoch — findet hier die „Prager Ziehung“ statt, auf deren
-Ergebnis tausende und abertausende aus allen Teilen des Reiches mit
-hoffender Zuversicht harren. Die, die zur Ziehung kommen, sind
-gewissermaßen eine Elite: Nicht alle jene, die ihr mühsam erworbenes Hab
-an den Schaltern der Kollekturen entrichten, wissen, daß sie dabei sein
-können, wenn sich ihr Los entscheidet. Aber die zur Ziehung kommen, das
-sind die Gewohnheitsspieler, welche die staatliche Kontrolle
-kontrollieren wollen, das sind die Vertreter des Verstandes in diesem
-Reiche des Unverstandes, das sind die Menschen, die alles von dem Moment
-der Ziehung erwarten und es nicht erwarten können, bis die Kollektanten
-die fünf blauen Ziffern an ihren Läden affichieren.
-
-Der Ziehungssaal steht im Hofe des Gebäudes. Schon um halb 2 Uhr
-nachmittags bilden sich an den Ziehungstagen im Hofe debattierende
-Gruppen. Weiber mit Kopftüchern sind da, Burschen, denen man ansieht,
-daß sich der Großteil ihres Tagewerkes auf die Pflege ihrer „šístky“,
-ihrer Sechserlocken, erstreckt, dann die Typen der Prager Straßen,
-Bettler und Hausierer, Halbidioten und Trunkenbolde. Sechs Wachleute
-halten hier Dienst.
-
-Die Gespräche drehen sich durchwegs um Dinge, von denen sich unsere
-Schulweisheit nichts träumen läßt. Die Debatten werden zwar ernst und
-sachlich geführt, aber es kann eine Einigung nicht erzielt werden, was
-wahrscheinlich darauf zurückzuführen ist, daß weder Unterausschüsse noch
-Referentenkomitees eingesetzt werden. Eine Gruppe wird gänzlich von der
-Frage beherrscht, ob „Verhaftung“ die Ziffer 79 bedeutet, wie das eine
-der beiden tschechischen Traumbücher besagt, oder die Ziffer 88 — die
-Ansicht des anderen Traumbuches. Frau Kratochvil vom Obstmarkt und Frau
-Lenovsky aus der Markthalle haben nämlich in der Nacht von Sonntag auf
-Montag den gleichen Traum gehabt: der Markthelfer Jaro Krejsa sei
-arretiert worden. Kaum hatte sich in den Kreisen der Halledamen das
-Gerücht von dieser Duplizität der Träume herumgesprochen, als die
-Polizei wirklich den Jaro Krejsa, diesen Lumpen, wegen Diebstahls
-verhaftete. 79 oder 88, das ist hier die Frage.
-
-Auch in einer anderen Gruppe sind Traumbücher aufgeschlagen. Aber es
-handelt sich beileibe nicht um simple Traumdeutungen, sondern um
-mathematisch-kabbalistisch-astrologische Berechnungen höheren Grades.
-Das Traumbuch, das — so sagt das Titelblatt — „von Madame Lenormand
-nach besten Quellen und untrüglichen Erfahrungen altägyptischer Priester
-und persischer Magier“ zusammengestellt ist, enthält auch eine Fülle von
-tabellarischen Systemen und saturnalischen Quadraten, nach denen die
-Amben und die Ternen zusammenzustellen sind. Die Grundlage bilden die
-Ziffern, die bei den letzten Ziehungen in Brünn, Wien, Innsbruck,
-Lemberg, Linz, Prag und Triest Treffer brachten. Das sind die
-Intelligenzspieler. Sie verachten und belächeln jene Lotteriespieler,
-die ihr Glück dem Zufall anvertrauen, die sich von den an den
-Kollekturen ausgehängten Marginalenummern, den sogenannten „trhačky“
-(Abreißzetteln), einen beliebigen auswählen oder gar sich willenlos der
-Prophezeiung des Kollektanten unterwerfen, indem sie einfach die Ziffern
-setzen, die auf einer schwarzen Tafel im Innern der Kollektur als
-besonders empfehlenswert aufgeschrieben sind und „Kabbala“ genannt
-werden.
-
-Die Gruppe der verachtenden Intelligenzspieler wird wieder von einer
-Gruppe verachtet, die über alle anderen erhaben ist. Nicht bloß, weil
-sie die drei Stufen besetzt hält, die zu dem Saaleingang führen, sondern
-weil sie alle die Manipulationen und Berechnungen als hellen Unsinn
-erkennen.
-
-„Die blöden Weiber,“ sagt der eine, der mit höhnischem Lächeln ein
-Gespräch der benachbarten Weibergruppe zugehört hat, „sie glauben, daß
-man die Einer der bei der letzten Ziehung herausgekommenen Zahlen zur
-ersten Ziffer addieren muß. _Subtrahieren_ muß man sie.“
-
-Diese Übergescheiten spielen auf Sieg und nicht wie die anderen auf
-Platz. In der Prager Lotteriesprache heißt dieser Turfausdruck „Na Ruf“
-und bedeutet, daß die gesetzte Ziffer an eine bestimmte Stelle, z. B.
-als dritte, gezogen und ausgerufen werden muß. Sie können sich diese
-Vorausbestimmung schon leisten, denn nach ihren präzisen Berechnungen
-müssen sie ja gewinnen. Sie sind auch gar nicht aufgeregt und spötteln
-über die Aufregung der anderen. Wenn man sie aber fragen wollte, warum
-sie denn dann hierhergekommen seien und warum sie sich unmittelbar an
-der Türe anstellten, dann würden sie wohl die Antwort schuldig bleiben.
-
-Vom Turme der Jakobskirche tönen zwei Glockenschläge. Alles drängt sich
-zur gläsernen Eingangstüre, durch die jetzt im Innern des Saales der
-Amtsdiener sichtbar wird. Der sperrt die Türe auf und alles strömt in
-den Ziehungssaal.
-
-Wie im Hofe, so stehen auch im Ziehungssaale Polizisten, Acht an der
-Zahl. Vier von ihnen bilden an der kaum acht Meter langen Barriere,
-welche den für das Publikum reservierten Raum der Breite nach abgrenzt,
-einen Kordon. Reelle Geschäfte pflegen im allgemeinen polizeilichen
-Schutzes nicht zu bedürfen. Aber das macht die Leute nicht stutzig, die
-sich durch die Türe aus dem Hofe in den Saal ergießen.
-
-Die Wachleute sind nicht die einzige Sicherheitsvorkehrung, durch die
-sich das Lottoamt vor seinen Kundschaften schützt. Die Distanz wird
-gewahrt. Zwischen der Barriere und dem Podium ist ein etwa zwei Meter
-breiter Zwischenraum und längs des Podiums zieht sich neuerlich ein
-Geländer.
-
-Überdies bemüht sich die Verwaltung, durch Beobachtung allerhand
-strenger Kautelen darzutun, daß das Lotto schon an sich ein so
-lukratives Geschäft ist, daß es nicht auch zu seiner Durchführung einer
-Düpierung des Publikums oder gar eines Schwindels bedarf. Als noch das
-alte Lottoamt bestand, war das Podium sehr erhöht und das Publikum
-konnte den Beamten nicht genau kontrollieren. Da gab es denn arge
-Verdächtigungen.
-
-„Aha! Seht Ihr den Kerl? Die richtigen Nummern legt er auf den Tisch und
-seine eigenen Nummern gibt er in die Kapseln!“
-
-Solche und ähnliche Rufe wurden gegen den Finanzrat laut, der oben am
-Tische saß. Überhaupt das alte Lottoamt! Die bejahrten Kundschaften Frau
-Fortunas wissen davon sehr viel übles zu berichten. Damals war noch der
-„langnasige Hausmeister“. War das ein Lumpenkerl! Der drehte und drehte
-das Glücksrad wie er es brauchte. Wenn er achtmal drehte, dann kamen die
-kleinen Nummern heraus, wenn er siebenmal drehte, die großen.
-
-Und erst die Waisenknaben! Das waren ausgesuchte Lausbuben. Die hatten
-die Nummern schon im Gefühl und wer sie am besten bezahlte, dem taten
-sie den Gefallen und zogen sein Terno.
-
-Ja, und die Soldaten! Das war auch ein Schwindel. Früher bildeten
-nämlich Soldaten das Spalier an der Barriere. Wenn nun die Herren vom
-Lottoamt wollten, dann bestellten sie sich die Jäger, die kleinen
-Soldaten. Natürlich wurden dann immer die kleinen Nummern gezogen. Aber
-wenn man die Ziehung großer Nummern beabsichtigte, dann bestellte man
-die größten Soldaten vom Infanterieregiment Teuchert-Kauffmann, daß
-diese das Herz der mannstollen Frau Fortuna beeinflussen mögen. War es
-da nicht berechtigt, daß man die 88er-Infanteristen mit unverhohlenem
-Unwillen empfing, wenn man gerade die kleinen Nummern gesetzt hatte?
-
-Heute ist’s anders. Es kommen keine Soldaten mehr, sondern Wachleute,
-der langnasige Hausmeister ist einem Amtsdiener mit einer indifferenten
-Nase gewichen und das Podium ist so niedrig, daß man den Beamten gehörig
-auf die Finger schauen kann. An dem Tische auf dem Podium sitzen drei
-Beamte. Einer in Uniform, zwei in Zivil. Der eine sitzt in der Mitte des
-Tisches, sein Gesicht ist dem Publikum zugewendet. Die beiden anderen
-sitzen zu seinen Seiten und zeigen dem Publikum nur ihr Profil. Einer
-von ihnen hat eine Kassette vor sich, in der die Nummern 1 bis 90 fein
-säuberlich geordnet liegen. Er entnimmt die erste Nummer und reicht sie
-einem vierten Beamten, dem Assistenten, der — mit dem Rücken zum
-Publikum gekehrt — bei dem Tische steht. Der Assistent steckt den
-Zettel zunächst dem uniformierten Beisitzer zu, der diesen mit
-ostentativ scharfen Blick betrachtet. Dann reicht der Assistent den
-Zettel dem in der Mitte des Tisches sitzenden Finanzrat und verkündet
-dabei laut:
-
-„Jedna — Eins.“
-
-Der Finanzrat kontrolliert neuerlich, ob sich der Inhalt des
-Papierstreifens mit der ausgerufenen Nummer deckt, und legt dann den
-Zettel in eine hagebuttenähnliche Holzkapsel. Diese Hülse schraubt er
-mit feierlicher Langsamkeit zu und wirft sie dann in das zu seiner
-Rechten stehende Glücksrad, dessen Seitenwände aus Glas sind und so den
-kritischen und mißtrauischen Beobachtern den Einblick in das Innere
-gewähren. Glück und Glas.
-
-Mit den nächsten Nummern geht es ebenso. Die einzelnen Ziffern werden
-von den Stammgästen mit allerhand Glossen und Reminiszenzen begleitet.
-Jeder der Beteiligten konstatiert mit Befriedigung, daß auch seine
-Nummer der Glastrommel einverleibt wurde: Der erste Schritt zum Terno
-ist getan. Manche stoßen, wenn die Ziffer ihres Extratos in das
-Glücksrad geworfen wird, inbrünstige Wünsche aus. Die Nennung der Zahlen
-79 und 88, die durch die Verhaftung des Markthelfers Jaro Krejsa
-besondere Aktualität gewonnen haben und im Vordergrunde des Interesses
-stehen, wird allseitig mit beifälligem Gemurmel begrüßt. Der
-Zettelvorrat in der Kassette des Beamten nimmt zusehends ab, was sich
-von der Aufregung im Zuschauerraum nicht behaupten läßt. Im Gegenteil.
-Sie steigt mit der Höhe der verkündeten Ziffern.
-
-„Hned bude neunzig,“ prophezeit Frau Lenovsky.
-
-Sie hat recht. Bald ruft der Assistent die „Neunzig“ aus und das
-Glücksrad wird verschlossen. Der Amtsdiener schnallt einen Riemen um den
-Messingmantel des Glücksrades. Einer der beiden Waisenknaben, die
-bislang unbeachtet in einer Ecke des Podiums saßen, steigt auf den
-Stuhl, der zwischen dem Rat und dem Rad steht. Auf einen Wink des
-Finanzrates beginnt der Diener die Kurbel der Glastrommel zu drehen.
-Einigemale nach rechts, einigemale nach links. Die hölzernen Hagebutten
-springen klappernd in ihrem gläsernen Palaste hoch empor und hopsen
-lustig durcheinander, als ob sie nicht wüßten, daß sich an sie ein
-verzehrendes Hoffen und Sehnen der Leute da unten knüpfe. Und wieder ein
-Wink des Finanzrates. Es klingelt, und das Rad steht still. Ein
-Fensterchen in der Messingwand des Glücksrades wird geöffnet. Der
-Waisenknabe streckt seinen rechten Arm in die Höhe. Der rechte Ärmel
-seines grauen Zwilchmantels, den er soeben anstelle seines Rockes
-angezogen hat, ist bei der Schulter abgeschnitten, das Hemd
-hinaufgeschlagen, so daß der Arm nackt ist. Der Bub streckt die Finger
-der Hand von sich, damit man sehe, daß er auch hier nichts verborgen
-habe. Er macht das ganz putzig und lächelt dazu.
-
-„Ein entzückender Junge,“ registriert Frau Lenovsky, „und was er für
-zarte Fingerchen hat. Der zieht sicher etwas gutes.“
-
-Inzwischen hat der also Belobte seinen Arm in Fortunas Rad versenkt,
-eines der hölzernen Futterale herausgezogen und es einem Mitgliede des
-Beamtenquartetts gereicht, der die Hülse auseinanderschraubt, den
-Papierstreifen herausnimmt, entfaltet, betrachtet und dann seinen
-Kollegen reicht. Einer von diesen schreibt die gezogene Nummer ins
-Protokoll und der Assistent ruft in tschechischer und deutscher Sprache
-in die atemlose Stille hinein:
-
-„Erster Ausruf: Vier.“
-
-Im Nu weicht die Ruhe einem Gemurmel des Entsetzens. Von den verehrten
-Festgästen hat gerade auf „vier“ niemand gesetzt, wie sich aus den
-Mienen der Enttäuschung und den Ausrufen der Bestürzung erkennen läßt.
-Ein Marktweib findet die Lösung des Rätsels, wieso gerade der Vierer
-gezogen wurde:
-
-„Weil sie den Jaro Krejsa in den Vierer gebracht haben!“
-
-Der „Vierer“ wird im Volksmunde das Departement IV der Polizeidirektion,
-das Sicherheitsbureau, genannt. Wie Schuppen fällt es von der Leute
-Augen. Daß man daran gar nicht gedacht habe! Jaros Verhaftung hatte
-weder 79, noch 88 zu bedeuten, sondern 4. Natürlich!
-
-„Vielleicht wird noch außerdem die Neunundsiebzig gezogen.“ An diese
-Hoffnung versucht sich eine Dame der Halle zu klammern. Aber die alten
-Stammgäste der „Tante Lotty“ belehren sie eines besseren.
-
-„Wenn einmal eine kleine Nummer gezogen worden ist, dann kommen lauter
-kleine Nummern.“
-
-Der Assistent hat unmittelbar nach seinem Ausrufe den gezogenen Zettel
-in die Menge geworfen. Ein junger Lebemann von der Podskaler Wasserkante
-hat ihn erhascht und diesen Talisman eingesteckt. Das nächstemal wird er
-auf „vier“ setzen.
-
-Die Prozedur wiederholt sich. Beim zweiten Ausruf wird die Ziffer „81“
-gezogen, was nicht ganz dem prophetischen Ausspruche entspricht, daß
-heute nur kleine Nummern gezogen würden. Aber auf dieses Nichteintreffen
-der Prophezeihung ist die Erregung der Gemüter nicht zurückzuführen, die
-sich nach jedem Ausruf des Assistenten in den Ausrufen des Publikums
-Luft macht. Die verlesenen Zettel werden abwechselnd in den
-rechtsstehenden und in den linksstehenden Teil des Publikums und in
-dessen Mitte geworfen. Die Papierstreifen sind das einzige, was Frau
-Fortuna ihren Bewerbern aus dem Füllhorn beschert ... Der Verkündung der
-letzten Nummer ist ein besonderer Sturm der Entrüstung gefolgt. Keiner
-der Harrenden hat gewonnen. Was nützt es, wenn von den drei Nummern,
-welche jene Frau gesetzt hat, eine gezogen wurde? Erst zwei gezogene
-Nummern des Ternos, erst zwei gezogene Nummern des Ambosolos bedeuten
-einen Gewinn. Was nützt es, wenn jenem Burschen die Ziffern eines
-Extratos in verkehrter Reihenfolge herausgekommen sind? Mit Unwillen
-werden die Marginalzettel, diese Dokumente trügerischer Träume und
-falscher Deutungen, in kleine Stücke zerrissen.
-
-„Seht Ihr den Galgenvogel,“ kreischt Frau Lenovsky den Waisenknaben an,
-den sie vorher nicht genug zu loben wußte, und der sich jetzt mit
-knabenhaftem Lächeln wieder seinen Rock statt des ärmellosen Amtskittels
-anzieht. „Seht Ihr den Lumpenkerl, den Wechselbalg. Seht Ihr die
-Diebsfinger? Zum Stehlen, da taugt er. Aber zu etwas Anständigem? Gott
-weiß, wer sein Vater war!“
-
-Das Unglücksrad wird versiegelt. Der Saal leert sich. Die Kollektanten
-eilen in ihre Geschäfte, um dort die fünf roten Ziffern auszuhängen,
-welche heute ausgelost worden sind. Noch früher aber als die
-Kollektanten sind in deren Geschäften die Leute, die jetzt ihr Glück den
-blauen Ziffern von Brünn anvertrauen. Die Hyperklugen aber eilen in
-besondere Kollekturen, in jene in der Wassergasse, in der Myslikgasse,
-auf dem Petersplatz und in der Schalengasse, wo man nicht bloß auf die
-blauen und roten Gewinnziffern, sondern auch auf die goldenen der Wiener
-Ziehung, auf die schwarzen von Linz und Triest und auf die grünen von
-Graz setzen kann.
-
-Sie werden auch dort den großen Reichtum nicht erringen, trotz aller
-ihrer geometrisch-astrologisch-okkultistisch-kabbalistisch-
-kryptographisch-arithmetischen Kombinationen. Grau, teurer Freund, ist
-alle Theorie. Und graue Gewinnziffern gibt es nicht.
-
-
-
-
- Die Irren
-
-
-Sie gehen umher und laufen, sie drängen sich auf den Gängen, sie stehen
-in Gruppen beisammen oder schauen aus den Fenstern in den beschneiten
-Garten hinunter, den fünf Gassen der Oberen Neustadt begrenzen. Der eine
-raucht eine Zigarette, ein anderer hält seine Pfeife, ein dritter die
-Zigarre im Mund. Der eine trägt die graue Anstaltskleidung, der zweite
-einen schwarzen Gehrock, der dritte einen tadellosen grauen
-Straßenanzug. Hier springt mit wirrem Lallen, gesenktem Kopf, roten
-Augen und schlenkernden Armen ein Patient vorüber, dort im offenen
-Zimmer spielen zwei ruhige Männer eine Partie Schach — brillante
-Spieler, sagt der Arzt.
-
-Ein Herr reicht dem Arzt den Aufnahmsbogen eines neuen Patienten. Das
-Nationale und die Anamnese sind aus dem tschechischen Rapport eines
-Polizeiarztes ins Deutsche übertragen und fein säuberlich mit
-Schreibmaschine geschrieben. Der Arzt vergleicht den Akt mit dem
-Polizeirapport, der Überreicher steht wartend. „Auch ein Kranker,“ sagt
-der Arzt französisch zu mir.
-
-Ich sehe mir den Mann an. Er ist behäbig, sehr sorgfältig gekleidet, und
-hat einen wohlgepflegten grauen Schnurrbart. Er geht weg, und der Arzt
-sagt zu mir: „Der Mann hat vor einigen Jahren einen Prager
-Stadtverordneten aus Rache auf der Straße erschossen. Das Verfahren
-wurde eingestellt, da sich herausstellte, daß der Mörder
-unzurechnungsfähig war. Jetzt versieht er bei uns Kanzlistendienste. Die
-Übersetzung des tschechischen Polizeirapports und die Übertragung auf
-der Schreibmaschine hat er selbst besorgt.“ Ich erinnere mich genau an
-den Mord, der in Prag beispielloses Aufsehen hervorgerufen hat. Der
-Mann, der geglaubt hatte, von dem Stadtverordneten verfolgt zu sein,
-hatte zuerst in den Zeitungen gegen ihn geschrieben, und schließlich war
-sein Haß so furchtbar ins Krankhafte gewachsen, daß er dem Feinde
-auflauerte und ihn erschoß. Und jetzt sieht der Mann so ruhig, äußerlich
-und innerlich so ausgeglichen aus.
-
-Ein zweiter Patient: Doctor juris. Auch sein Name ist mir geläufig. Er
-hat vor einigen Jahren an dem studentischen Leben Prags regen Anteil
-genommen. Er spricht mit meinem Begleiter.
-
-„Nun, Herr Doktor, sind Sie schon zu meiner Überzeugung gelangt, daß
-Ihre Diagnose falsch ist?“
-
-Es entspinnt sich ein Gespräch, in dessen Verlauf sich der Jurist als
-Fachmann auf psychiatrischem Gebiet entpuppt. Er ist hierher gebracht
-worden, weil er in Intervallen von etwa zwei Jahren gefährliche Anfälle
-bekommt; er ist überzeugt, daß er mit Unrecht in der Irrenanstalt
-zurückgehalten wird:
-
-„Ich tröste mich aber. Auch Christus würde heutzutage nicht mehr
-gekreuzigt werden; seine Widersacher würden ihn ins Irrenhaus sperren.“
-
-Ein dritter Patient: hochelegant, brauner Straßenanzug von englischem
-Schnitt, linierter Scheitel. Über dem rechten Auge trägt er eine
-schwarze Binde. Er hat in Teplitz eine Kellnerin erschossen und sich
-selbst durch einen Revolverschuß ins Auge verletzt. Sein Vater ist
-Rektor in einer Stadt in Deutschland; er will von dem entarteten Sohn
-nichts wissen. Der junge Mann ist der Freund des internierten Doktors.
-Die beiden Geisteskranken sind Meister im Schachspiel, diesem Spiel, das
-die größte Anspannung geistiger Kräfte verlangt.
-
-Von einem anderen Patienten, einem Dégénéré supérieur, der früher
-Photograph war, und mit Josef Kainz in regem Verkehr stand, liegt mir
-eine Reihe herrlicher Gedichte vor, die er einem der klinischen Ärzte
-eingehändigt hat und die seine Stimmung in der Irrenanstalt schildern.
-Aus einem Sonettenzyklus „Die Irren“ sei folgendes Gedicht hier
-veröffentlicht:
-
- „Dann sterben sie in weißgetünchten Zellen
- Noch einmal, da sie lange schon gestorben,
- So wie die grüne Frucht, die früh verdorben
- Sich noch vom Baume löst, um zu zerschellen.
-
- Vielleicht ist ihnen mancher Wunsch geworden,
- Eh’ sie die fahlen Augen endlich schließen:
- Ein süßes, schwelgerisches Traumgenießen
- Und Kampfgetön, wie ferner Wind von Norden.
-
- Sie schwinden dann, wie Glocken, die zerschlagen,
- Weil die metallne Mischung einst mißlungen,
- Da ihre Hüter in der Schenke lagen.
-
- In Harmonien und in Dämmerungen
- Von neuem Blühen und von neuen Tagen
- Ruht still ihr Staub, zu bess’rem Sein gezwungen.“
-
-Der Dichter, der dieses singt, ist schwer krank. Er hat seine Mutter
-töten wollen, weil er ihre Not nicht mehr mit ansehen konnte. Man denkt
-wieder an Lombroso: Genio e follia.
-
-Er ist nicht das einzige künstlerische Genie in der Irrenanstalt. Drüben
-in der Frauenabteilung sitzt ein hübsches, braunes Mädel beim Fenster,
-und zeichnet mit Bleistift das deutsche naturwissenschaftliche Institut.
-Ich beginne mit ihr ein Gespräch. Aber die Kleine ist schnippisch; es
-ist eine äußerliche Keckheit, die innere Zagheit und Schwäche verbergen
-will. Das Mädchen will mir seine Zeichnung nicht zeigen.
-
-„Sie verstehen ja doch nichts davon,“ lacht es.
-
-Erst als der Doktor um das Bild ersucht, zeigt die Kranke es her. Es ist
-mit natürlichem Geschick gemalt, viel Strichtechnik ist darin zu sehen,
-und der gute Blick der Zeichnerin ist unverkennbar. Das Mädchen befaßt
-sich viel mit Kunstgeschichte: früher war Manes, jetzt ist Aleš ihr
-Lieblingsmaler. Die junge Malerin ist früher Köchin gewesen; der Tadel
-über eine mißlungene Speise versetzte sie in Paroxysmus, sie entlief
-ihrer Herrschaft, wollte sich ins Wasser stürzen, flüchtete dann in die
-Wälder der Umgebung Prags und lief dort einige Tage umher, ohne zu essen
-oder zu trinken. Entkräftet lag sie im Wald, als man sie fand. Jetzt
-sieht sie gut aus, und malt. — Wir treten wieder auf den Gang hinaus.
-
-„Herr X.,“ ruft der Arzt einen Mann an.
-
-Der kommt herbei. „Wie geht’s?,“ fragt ihn der Doktor.
-
-„Danke, jetzt hab’ ich ja wieder ein neues Ministerium zusammengestellt.
-Sie setzen jetzt in den Zeitungen einen römischen Dreier zu meinem
-Namen. Na, wir werden ja sehen, wie’s gehen wird.“
-
-Der Mann, der herbeigekommen war, als der Arzt seinen wirklichen Namen
-rief, glaubt Bienerth zu sein. Die Politik ist dem Armen zu Kopf
-gestiegen.
-
-Wir treten in ein Krankenzimmer. Ein alter Patient kommt auf uns zu, und
-bittet ehrerbietig, ein Theaterstück aufsagen zu dürfen. Und nun spricht
-er den Puppenspieler-Faust, die Stimme variierend, wenn neue Personen
-auftreten. Er erzählt von den Taten des Doktor Faust, von seiner
-Geistesbeschwörung und der Verschreibung seiner Seele an den Teufel, und
-von den Wunderdingen, die er am Hofe des Kaisers vollbracht habe. Er
-erzählt — bis wir ihm Einhalt gebieten. Ob er noch etwas tanzen dürfe,
-fragt er bescheiden. So tanzt er denn, und hopst im Zimmer herum. Die
-anderen Patienten betrachten seine Sprünge kaum, so wie sie früher nicht
-auf seine Rezitation geachtet haben. Sie kennen diese letzten Reste der
-Kunst, die der Alte — ein ehemaliger Marionettenspieler und
-Schaubudenbesitzer — aus dem einstigen Beruf in seine Krankheitszeit
-hinübergerettet hat.
-
-Wir müssen noch eine andere Vorstellung über uns ergehen lassen. Ein
-Irrsinniger, der nicht sprechen, sondern nur unverständliche Laute zu
-stammeln vermag, hängt einen Hampelmann an einen Schrank, umhüllt sich
-und einen anderen stummen Irren mit einem Laken, schlägt mit einem
-Löffel dreimal an ein Wasserglas, und beginnt nun vor dem Hampelmann
-verzückte Tänze und Körperschwingen zu exekutieren. Er singt dabei in
-eintönigem Rhythmus irgendwelche Worte. Sein Genosse, der überhaupt sein
-willenloses Werkzeug ist, hat nur die Aufgabe, die Bewegungen zu
-kopieren, und tut es mit einem dumpf-begeisterten Lachen. Was aber in
-dem Innern des Protagonisten vorgeht, des Irren, dem die Anbetung des
-Hampelmannes etwas Primäres ist — wer weiß das zu sagen.
-
-Noch trübere Bilder: Ein Kranker steht gebückt in seinem Bett und starrt
-aus dem Fenster hinaus ins Leere. Eine Woche steht er schon so da, und
-selbst wenn man ihm Speise einflößt, schaut er aus dem Fenster hinaus in
-jene Richtung, in der sein Sehnsuchtsland liegt.
-
-Ein ganz kleiner Junge, der sehr, sehr schwer krank ist, treibt in einem
-Krankenzimmer seine Possen. Er ist der Liebling seiner alten
-Zimmerkollegen, und sie vollführen alle seine Wünsche. Der Kleine ist
-ein Adeliger, der Enkel eines Hofrates, der früher in Österreich eine
-nicht unbeträchtliche Rolle gespielt hat. Die Töchter des Hofrates sind
-tief gesunken, der kleine Enkel kam zunächst ins Waisenhaus und dann
-hierher.
-
-Dort im Bette in der Ecke verstummt plötzlich das Röcheln, das bislang
-hörbar war. Der Arzt geht hin und leuchtet dem wachsbleichen Mann unter
-das Augenlid. Die Irren sammeln sich rings um das Bett und stieren auf
-den Alten. „Exitus,“ konstatiert der Arzt leise.
-
-
-
-
- Volksküchen
-
-
-Hiemit will ich einige grundlegende Details über Prager Volksküchen
-veröffentlichen, auf daß sich der geneigte Leser, der — bei der
-gegenwärtigen Nahrungsmittelteuerung kann man nicht wissen! — dort
-Stammgast werden will, nicht so blamiere, wie ich bei meinem ersten
-Besuche. So habe ich zum Beispiel in der Straße, in der sich die
-Volksküche befindet, eine Gruppe von Verwahrlosten danach gefragt, wo
-die Volksküche sei. Da musterte der eine meinen derangierten Anzug, und
-weil er sich nicht vorstellen konnte, daß ich Lump zum erstenmale den
-Weg in das Volksrestaurant gehe, und es mit meiner Frage ernst meine, so
-lachte er:
-
-„Wenn du nicht weißt, wo die Volksküche ist, so kannst du ja ins Hotel
-„Blauer Stern“ essen gehen. Das ist am Graben.“ Und ein wüstes Gegröhle
-der anderen lohnte den Witzbold und verhöhnte mich.
-
-Ich fand aber den Eingang zur Volksküche doch, und drängte mich am
-Schalter. Dort hatte ich Gelegenheit, mich zum zweitenmale zu blamieren.
-
-„Was kostet eine Suppe?“ fragte ich einen Burschen, der sich neben mir
-drängte.
-
-„Zwei,“ antwortete der Lakonier.
-
-„Zwei Sechser?“, fragte ich weiter.
-
-„Sag gleich zwei Gulden,“ brummte der Gefragte. Dabei maß er mich mit
-einem Blick, in dem sich die Verachtung über die Unbildung eines
-Menschen, der nicht weiß, daß eine Suppe zwei Kreuzer koste, mit dem
-Verdachte paarte, daß ich ihn uzen wolle.
-
-Vor solchen Blamagen will ich den geschätzten Leser bewahren, und so sei
-hier ein kurzes Vademekum für Volksküchenbesucher publiziert.
-
-Es gibt in Prag sechs Volksküchen, die vom Volksküchenverein unterhalten
-werden: Für die Alt- und Josefstadt in der Gemeindehofgasse, für die
-Untere Neustadt in der Petersgasse, für den Wyschehrad in der
-Wratislawgasse, für die Kleinseite auf dem Malteserplatz, und je eine
-für Holleschowitz und für Lieben. Die Ausgaben in sämtlichen Küchen
-betrugen im vergangenen Jahre 49.059 Kronen 34 Heller. Diesen steht als
-Einnahme die Bezahlung der Speisen im Betrage von 35.518 Kronen 80
-Heller gegenüber, so daß in den Küchen ein Defizit von 13.540 Kronen 54
-Heller bestand und diese mit einem Schaden von 38 Prozent arbeiten.
-
-Ich selbst pflege in den letzten neunundzwanzig Tagen jeden Monates sehr
-häufig die Volksküche für die Alt- und Josefstadt zu frequentieren, und
-von den 122.298 Portionen Suppe à 4 Heller, von den 111.026 Portionen
-Mehlspeisen à 12 Heller, die im Vorjahre in dieser Speisehalle zur
-Ausgabe gelangten, habe ich meinen geziemenden Teil verzehrt.
-
-In einem der neuen Häuser, die auf der dem Gemeindehofe
-gegenüberliegenden Rampe stehen, ist sie untergebracht, in einem
-Parterrelokale — anscheinend zwei Geschäftsräume, die vereinigt wurden.
-Auf den glatten Schamotteziegeln, mit denen der Fußboden belegt ist,
-lagert allmittäglich dicker Kot, denn die Gäste sind von weither
-gewandert, und sie reinigen ihre Stiefel vor dem Eintritt in das
-Etablissement nicht. Der Türe gegenüber ist der Schalter zur
-Speisenausgabe. Die Hungrigen drängen sich in langer Queue. Ihr Geld
-halten die meisten abgezählt in der Hand, denn wer sich zulange am
-Schalter zu schaffen macht, wird unbarmherzig zur Seite geschoben. Die
-wenigsten bestellen ein ganzes Menu, denn dreißig Heller sind viel Geld.
-Die meisten verlangen nur eine Suppe, das billigste in diesem
-Restaurant. Vier Heller hat jeder. Manche nehmen zwei Suppenportionen,
-mancher nimmt zur Suppe eine Mehlspeise. Fleisch ist wenig und teuer,
-und so sind die Gäste der Volksküche größtenteils unfreiwillige
-Vegetarianer. Die Küchenverwalterin Frau Schepkes nimmt die Bestellungen
-und die Bezahlungen entgegen, und reicht die verlangten Speisen. Aus
-einem Holzkistchen, das am Schalterbrett steht, nimmt sich jedermann
-einen Zinnlöffel. Auch Messer und Gabel sind darin. Aber dessen bedürfen
-die wenigsten, da sie ja kein Fleisch kaufen, und man die Mehlspeise mit
-der Hand zum Munde führen kann. Tafelzeremoniell und Tischetikette gibts
-hier nicht.
-
-Jeder trägt sich seine Speisen selbst auf seinen Platz. Im Saale stehen
-dreizehn Tische, drei links, zehn rechts vom Eingang. Sie sind so
-schmal, das an ihren Breitseiten kein Sessel steht — es wäre kein Raum
-für die Schüsseln einer hier sitzenden Person. An der Längsseite jedes
-Tisches läßt eine etwa einen Meter lange Bank für zwei Esser Platz. Aber
-das genügt nicht für die Schar der Kostgänger, es müssen sich mehrere
-aneinanderdrängen, und außerdem sitzen an jeder Ecke des Tisches vier
-Leute halb auf der Bank und halb in der Luft.
-
-Gegen ¼1 Uhr mittags faßt ein Polizist im Saale Posto. Aber er hat nur
-eine Ordnerfunktion, ist nur zur Hintanhaltung eventueller Exzesse da.
-Nach Vagabunden und Revertenten fahndet er hier nicht — dieser
-Zufluchtsort der Hungernden scheint stillschweigend als eine Art
-exterritorialen Bodens betrachtet zu werden. Beim Eintritte des
-Wachmannes ist ein hünenhaft gebauter Bursche, in Kleidung, Frisur und
-Blick der Typus des Prager „Pepiks“, krampfhaft zusammengezuckt. Dann
-schiebt er den Suppennapf, den er vor sich stehen hat, bedeutend nach
-links, damit er beim Essen sein Gesicht von dem Polizisten abwenden
-kann. Wohl nicht aus Abneigung gegen den Hüter des Gesetzes, sondern er
-scheint eher seit seiner letzten Beichte vor dem Strafrichter eine neue
-Sünde auf sich geladen zu haben. Aber bald fühlt unser Freund, daß der
-schlenkernde Blick des Mannes mit der Hahnenfeder auf ihm haften bleibt.
-So wendet er sich dem Wachmann zu. Aber der nickt nur lächelnd. Und
-Pepik erwidert mit freundlichem Lächeln den Blick. Nach einer
-Viertelstunde verläßt der Hüter des Gesetzes wieder den Saal.
-
-„Diesem Kerl habe ich einmal vor „Reismann“ (das bekannte Tanzlokal in
-der Kastulusgasse) den Rüssel zerschlagen,“ konstatiert jetzt der
-Bursche laut. Lebhafte Heiterkeit, beifällige Zurufe.
-
-„Und wieviel haben sie dir dafür gegeben?“ forscht ein Gründlicher.
-
-„Sechs Wochen. Wegen öffentlicher Gewalttätigkeit. Während es doch eine
-rein private Angelegenheit zwischen mir und ihm war.“ Neuerliches
-Halloh.
-
-Ein etwa vierzehnjähriger Bursch im blauen Arbeitshemd, der mit dem
-Wortführer am selben Tisch sitzt, ist vielleicht der einzige, der dem
-Gespräch nicht zugehört hat und der in das Beifallslachen nicht
-einstimmt. Er hat das schwarze Heftchen einer tschechischen
-Kriminalbibliothek aufgeschlagen vor sich liegen, und während er mit der
-rechten Hand den Löffel mit Suppe mechanisch zum Munde führt, blättert
-er mit der linken die Seiten um, deren Inhalt seine glänzenden Augen
-verschlingen. Was rings um ihn vorgeht, weiß er nicht, er hat die
-Erzählung des Renkontres von „Reismann“ nicht gehört. Der Junge, der
-hier die ungesunde Nahrung der geistigen Volksküchen verschlingt, der
-träumt wahrscheinlich davon, auch einst ein berühmter Räuber zu werden,
-wie der Betyare Rosza Sandor war. Und wird doch nur ein Pepik werden,
-wie sein Nachbar.
-
-Es sind noch jüngere Burschen da. Schulkinder, deren Eltern in der
-Arbeit sind und die sich um achtzehn Heller ihr Mittagsbrot kaufen. Sie
-verschlingen gierig die stark gezwiebelte Graupensuppe und den
-Mohnkuchen — ihre einzige Nahrung bis zum Abend, vielleicht bis zum
-nächsten Mittag.
-
-An Greisen fehlt es nicht im Raume. Altersschwache, müde Männer, denen
-vielleicht sogar der Weg vom gegenüberliegenden Gemeindehof lang und
-beschwerlich war. Daß sie von dort kommen, sieht man an ihrer Mütze, die
-das Stadtwappen trägt. Straßenkehrer sind sie, sieche Angehörige Prags,
-die eben nur zu einer ganz belanglosen Beschäftigung taugen: Zur
-Straßenreinigung von Prag.
-
-Ein greiser Bettler wankt gebückt vom Schalter zu einem Tisch. Mit der
-rechten Hand stützt er den Stock auf, in der heftig zitternden Linken
-trägt er den Suppennapf, aus dem die heiße Flüssigkeit auf die Erde
-spritzt. Die Hälfte des Inhaltes ist verschüttet, als sich der Alte
-endlich niedergelassen hat. Jetzt hebt er mit seiner zuckenden Hand den
-Löffel, aber auf dem Wege vom Teller zum Munde geht wieder ein
-beträchtlicher Teil der Nahrung verloren. Und schmerzvoll bedauernd
-starrt der Alte auf die kleinen Lachen, die das teure Naß auf dem
-ungedeckten Tisch und auf dem Boden bildet.
-
-Das Mädchen, das von Zeit zu Zeit die leeren Teller und Bestecke von den
-Tischen räumt, kommt auch zu mir und nimmt, da sie mich nicht mehr essen
-sieht, meinen Suppennapf weg. Aber kaum hat sie hineingesehen, so stellt
-sie mir ihn wieder hin. Wirklich, es sind noch etwa drei Löffel Suppe
-darin!
-
-„Sie können sich den Teller nehmen,“ sage ich. „Ich esse nicht mehr.“
-
-Das Mädchen wundert sich über diese Verschwendung.
-
-
-
-
- Ein tadelnder Ballbericht
-
-
-Jawohl, ein tadelnder Ballbericht. Du traust, lieber Leser, deinen Augen
-nicht, da du dieses liest. Du glaubst — auf langjährige Erfahrung
-gestützt — es könne keinen Ballbericht geben, in dem nicht stünde, daß
-das heutige Fest alle bisherigen und künftigen weit übertroffen habe,
-daß ein Flor bezaubernd schöner und junger Damen in noch nicht
-dagewesenen Toiletten, von einem Heer tanzlustiger Herren umschwärmt,
-das Tanzbein geschwungen bis sogar dem Morgen graute, daß die Dekoration
-den alten Ballsaal — ei, wer hätte das gedacht — zur höchlichsten
-Überraschung in einen wahren Salon verwandelt hatte, daß Frau Disponent
-Kanarienvogel in einer duftigen rosa Crêpe-de-Chine-Toilette mit achtzig
-echten Maréchal-Niel-Rosen am Decolleté und Fräulein Kiki Chocholauschek
-in ihrem bordeauxgrünen Satinkleidchen mit echten Elbekosteletzer
-Spitzen wirklich entzückend ausgesehen haben, und daß sich auf der
-Estrade diesmal wirklich alle hervorragenden Vertreter der hohen
-Beamtenschaft, der Großindustrie und des Großhandels, Advokaten, Ärzte,
-Offiziere u. dgl., sowie Herr Larmitzer, Bureauchef der
-Kolonialwarenhandlung „Porges, Ladovička & Co.“ in der Eisengasse und
-Herr Jarosch in Vertretung der Ortsgruppe Prag des Südwestböhmischen
-Briefträgervereines ein Stelldichein gegeben haben etc. etc.
-
-Und doch: Ich kenne einen tadelnden Ballbericht. Es ist allerdings schon
-lange her, seit er in der Zeitung stand. Das Fest ist längst aus dem
-Repertoire der Prager Faschingsveranstaltungen gestrichen und das
-Gebäude, in dem es stattfand, kennen die heutigen Prager kaum vom
-Hörensagen mehr. Man muß in den alten „Bohemia“-Bänden um fünfzig Jahre
-zurückblättern, bevor man den seltsamen Rapport findet. Am 26. Jänner
-1861 steht zu lesen:
-
- „Die Maskenbälle im Neustädter Theater wurden heuer nicht mit
- demselben Erfolge eröffnet, wie im vorigen Jahre. Der Besuch war
- bedeutend schwächer, die Logen blieben fast ganz leer und die
- Galerien waren nur spärlich besetzt. Etwas Hervorragendes machte
- sich unter den Masken nicht bemerklich. Da sah man außer den
- unvermeidlichen Dominos die alljährlich wiederkehrenden altdeutschen
- Krieger, Griechinnen, Türken, Bäuerinnen, Pierrots, Polinnen,
- Harlekins, Matrosen etc. Das täte jedoch der Redoute keinen Eintrag.
- Wenn nur die Masken gesprächiger gewesen wären. In dieser Beziehung
- zeigten sie jedoch mit einzelnen Ausnahmen eine sehr scheue
- Zurückhaltung.“
-
-Am Abend des Tages, an dem ich dieses alte Referat entdeckt hatte, war
-ich auf einem Maskenball. Nein, war das lustig! Auf was für Ideen doch
-die jungen Leute kommen, man würde es gar nicht für möglich halten! Man
-sah Dominos, Bäuerinnen und Pierretten, und einige besonders
-Erfindungsreiche hatten sich als Jockeys und Zigeunerinnen verkleidet.
-Und weil doch Schweigen Gold ist, so waren die Masken wahrhaft goldige
-Leute, und wenn eine doch den Mund zu einer scherzhaften Bemerkung
-auftat, so hätte man wünschen mögen, daß sie es nicht getan hätten: Sie
-waren nämlich so raffiniert, sich nicht durch geistreiche und witzige
-Bemerkungen zu verraten, sondern benützten die Maskenfreiheit kluger
-Weise dazu, die Angesprochenen durch die ärgsten Gemeinplätze und
-dümmsten Dummheiten famos zu verspotten.
-
-Oben im Saale, ganz nahe an der Musikkapelle, während die absolvierten
-Petschauer und Preßnitzer Musikschüler mit Todesverachtung die
-Tschinellen aneinander schlugen und in die Flöten bliesen, schrieb ich
-den Ballbericht. Ich ließ mich durch den Ton des Referates von 1861
-nicht beeinflussen und lobte das Fest über den grünen Klee. „Es war ein
-wahrhaft herrliches Repräsentationsfest des Prinzen Karneval ...“
-
-Als ich meinen Artikel in die Redaktion geschickt hatte, trat ich wieder
-in den Saal hinab, um dort zu gähnen. Das veranlaßte eine vorübergehende
-Maske in spanischem Kostüm zu der Äußerung: „Na Kleiner, du langweilst
-dich wohl?“ Diese geistsprühende Anrede, die Geistesgegenwart und die
-scharfe Logik, die sich darin kundtat, daß sie aus meinem Gähnen darauf
-geschlossen hatte, daß ich mich langweile, imponierten mir. Ich schmiß
-mich der Spanierin an, wir kamen bald ins Gespräch, ich erzählte ihr von
-dem tadelnden Ballberichte und war begeistert über die Summe richtiger
-Folgerungen, die sie daran schloß:
-
-„Was würde der gestrenge Ballkritiker von damals heute alles zu tadeln
-haben,“ meinte sie. „Damals gab es gewiß noch nicht in den Bällen die
-Unsitte, während eines Walzers eine tanzende Dame zur Fortsetzung des
-Tanzes aufzufordern, sie dem Anderen förmlich aus der Hand zu reißen,
-bevor noch dieser zu tanzen oder zu sprechen begonnen hat. Andererseits
-konnte damals gewiß keine Dame am Arme eines Herrn den ganzen Abend
-kleben bleiben oder gar als Mauerblümchen mit schmerzerfülltem Herzen
-und von höhnischen Blicken gemustert, vor der Mama den ganzen Ballabend
-stehen bleiben, für den sie so viel Geld an die Schneiderin, für Wagen
-und Ballentree bezahlt hat. Damals forderte man eine Dame zum Tanze auf
-und durfte mit ihr einen ganzen Walzer, aber nur einen Walzer tanzen.
-Dann stellte man sie wieder zur Gardedame.“
-
-Ich nickte Bestätigung. Die Spanierin aber fuhr fort: „Und die Herren!
-Ist es nicht ein Skandal, daß sie kein Entree bezahlen, die Kosten des
-Festes von den Damen bestreiten lassen und womöglich noch, wenn sie im
-Komitee sind, den unverdienten Reingewinn dazu verwenden, Kavaliere zu
-spielen? Dabei tanzen sie aber gar nicht. Blasiert und mit verschränkten
-Armen stehen sie in der Herreninsel und machen hämische Bemerkungen über
-den Ruf der armen, wehrlosen Mädchen. Nur wenn sie die bevorstehende
-Veranstaltung eines Hausballes mit „famosem Fraß“ wittern — da sind sie
-mit Feuereifer beim Tanz. Hab ich nicht recht?“
-
-Ich erklärte, daß sie sogar sehr recht habe. Darauf begann sie über den
-Vortanz zu schimpfen. „Vortanz — so ein Blödsinn. Die paar Mädel, deren
-Väter Geld haben oder so tun, als wenn sie welches besäßen, und die
-jungen Topfgucker in ihren Fracks schreiten da mit komischer Grandezza
-die Stiegen hinab und tanzen dann mit möglichst verschrobener Figur den
-Straußschen Walzer „An der schönen blauen Donau“. Die anderen Herren
-aber, die Sterblichen, die werden inzwischen wie ein Stück Weideviehs
-mit einem Stricke umbunden und dürfen aus dieser Umpferchung nicht
-hinaus. Die Mädchen aber, die nicht des Vortanzes wert befunden wurden,
-die dürfen bewundernd dem Göttertanze zuschauen.“
-
-Ich bemerkte, daß das in der Tat lächerlich sei. Meine Dame aber fuhr
-fort: „Noch ärger ist es mit den Damentoiletten.“
-
-Ich erwiderte, daß ich diese nicht besichtigt habe. „Nein, nein,“ rief
-sie entsetzt aus, „ich meine ja die Damenkleider. Früher ist ein Mädchen
-in einem einfachen Kattunkleidchen zum Tanze gegangen und hat sich
-fürstlich unterhalten. Jetzt aber muß sie ein Kleid um mindestens
-hundertsechzig Kronen haben, damit die anderen Damen nicht die Nase
-rümpfen. Denn den Herren ist doch das Kleid ganz egal, wenn nur die Dame
-hübsch ist.“
-
-Wir hatten inzwischen in einem lauschigen Winkel des Saales Platz
-genommen und der eisige „Moët-Chandon“ erwärmte unsere Herzen. Ich
-rückte näher an die Spanierin heran und begann zärtlich mit ihrer Hand
-zu spielen. Sie aber fuhr in ihrem tadelnden Ballberichte fort: „Dazu
-noch die Tänze von heutzutage. Immer nur Walzer, wieder Walzer und
-wieder Walzer. Und wenn die Musik ausnahmsweise irgend ein
-Promenadenstück spielt, so tanzt man — Walzer. Vor fünfzig Jahren, da
-hat es wohl noch Quadrillen und Mazurka gegeben, aber heute — wer kann
-heute bei diesen wilden Tänzen noch Grandezza und Liebreiz zeigen?“
-
-„Du, meine schöne Maske! Du mußt mir deinen Liebreiz zeigen, du mußt
-dich demaskieren,“ mit diesen ungestümen Worten machte ich meiner
-verhaltenen Leidenschaft und Begeisterung Luft. So fein beobachtend, so
-klug war sie, meine kleine Partnerin, so seltsam stach sie von den
-übrigen jungen Mädchen ab, die im Glanze der Ballsaallichter, im Banne
-des Ballfiebers, am Arme des Tänzers und im Zauber der Musik an alle die
-kleinen Unzukömmlichkeiten, an den freien Eintritt der Herren, an den
-Vortanz und das abwechslungsarme Repertoire von Tänzen gar nicht denken,
-gar nicht denken wollen. Aber die spanische Tänzerin an meiner Seite,
-die konnte ihr Beobachtungstalent, ihre kritische Begabung, ihren Sinn
-für Vergleiche, ihr Taktgefühl auch im Maskentohuwabohu nicht verleugnen
-— ein ideales, ein einziges Weib.
-
-„Du mußt dich endlich demaskieren,“ flehte ich dringender, da sie sich
-noch immer weigerte dies zu tun, „du mußt, du mußt.“
-
-Da tat sie mir denn schließlich den Willen: Sie nahm die Maske ab und
-ich konnte konstatieren, daß diese Spanierin wahrscheinlich an dem Feste
-von 1861 teilgenommen hatte.
-
-
-
-
- Von Feilbietungen, Auktionshallen und vom Chabrus
-
-
-Es wäre vielleicht eine belehrende Illustration zu manchen Vorträgen an
-der Juristenfakultät und an der Handelsakademie, wenn die Hörer
-veranlaßt werden würden, Exkursionen in die dunkelsten Gebiete des
-volkswirtschaftlichen Lebens zu unternehmen, die Tätigkeit jener
-Gewerbsleute und Händler zu betrachten, die weder konzessioniert noch
-protokolliert sind, die auch zum großen Teile keine Steuern bezahlen.
-Man könnte da manche Lücken in den Gesetzen entdecken, manchen
-Geschäftskniff bestaunen, man könnte da vielleicht konstatieren, daß
-manche Finanzoperationen, über deren nationalökonomischen Wert und über
-deren Zulässigkeit an den Börsen und Hochschulen Amerikas gestritten
-wird, hier im kleinen, ganz kleinen Maßstabe als selbstverständlich
-praktiziert werden. Und wer weiß, ob die Trusts und die Kartelle der
-armen Prager Trödler und Hausierer nicht besser organisiert sind als
-jene der amerikanischen Multimillionäre?
-
-Man kann die Gegenseitigkeitsgeschäfte dieser kleinen Leute, die sich in
-einem beispiellos erbitterten Kampfe um den kleinsten Gewinst aufreiben
-und die trotz ihrer Geschäftsschlauheit und ihrer raffinierten
-Organisation im allgemeinen auf keinen grünen Zweig kommen, leicht
-beobachten. Man kann unter irgend einem Vorwande in die
-Partiewarengeschäfte und Trödlerläden, in die Handelcafés in der
-Zeltnergasse und auf dem Ziegenplatz kommen, man kann aber auch den
-öffentlichen Feilbietungen in der gerichtlichen Auktionshalle im
-Landesgerichtsgebäude, den Pfänderversteigerungen im „K. k. Pfand- und
-Leihamt“ in der Leihamtsgasse und in den zahlreichen privaten
-Pfandleihanstalten beiwohnen und dort diese Börsenspekulanten in
-Partiewaren in sinnfälliger Massenwirkung bei der Arbeit sehen.
-
- * * * * *
-
-Ein Kaffeehaus, hart an der Grenze der Alt- und Josefstadt. Die
-Operationsbasis für die Geschäfte der Tandler und der „Šalváří“,
-der Spezialisten in echten und falschen Juwelen. Es ist früh. Ein Gast
-kommt herein:
-
-„Adalbert, bring’ mir ein Schmalzbrot,“ ruft er dem Kellner zu.
-
-„Schmalz ist nicht, aber harte Grieben kannst du haben,“ sagt der
-Kellner. Die Brücke, die vom Gast zum Kellner führt, führt auch vom
-Kellner zum Gast: Sie duzen einander.
-
-„Also bring’ mir die Grieben, und das „Amtsblatt“ möchte ich haben.“
-
-„Da liegt es doch,“ ruft der Kellner unwillig, und deutet auf die
-Zeitung, die wirklich auf dem Sessel neben dem Neuangekommenen liegt.
-
-Der aber ist neugierig, zu erfahren, wer schon früher das Amtsblatt
-studiert hat. Und der Kellner erwidert, daß Karl Neuhof gerade
-weggegangen ist.
-
-„Und wohin?“ forscht der Gast mit einer durch die Konkurrenz begründeten
-Neugier weiter.
-
-„Nach Žižkow zu irgend einer Feilbietung,“ verrät der Garçon.
-
-Da wendet sich der Gast mit Grausen. Er spuckt aus: „Die
-Werkstätteneinrichtung von Nechvátal! Schöne Sachen, was da zu kriegen
-sind! Dort wird Neuhof kein Rothschild werden.“
-
-Inzwischen hat sich Adalbert entfernt, und der Gast nimmt das „Amtsblatt
-zur Prager Zeitung“ zur Hand, dieses zweisprachig gedruckte Blatt, in
-dem der Amtsschimmel alltäglich die hohe Schule reitet. Aber unser
-Freund interessiert sich weder für den Humor der Tatsache, daß der seit
-„hundertsechzig Jahren abgängige Mathias Struck“ aufgefordert wird, sich
-binnen sechs Wochen zu melden, widrigenfalls er todeserklärt wird, er
-interessiert sich nicht für den Aufruf an die Erben „des mit
-Hinterlassung eines Vermögens von 23⅓ Hellern ohne Hinterlassung
-einer letztwilligen Anordnung verstorbenen konzessionierten
-Drehorgelspielers Josef Horčička“, er beachtet auch die Rubriken
-„Erledigungen“, „Konkursausschreibungen“, „Kundmachungen“,
-„Proklamierung alter Satzposten“, „Anlegung neuer Grundbücher“,
-„Amortisationen“, „Kuratelsverhängungen“ und „Erkenntnisse“ nicht, sein
-Blick bleibt an der Rubrik „Feilbietungen“ haften, in der am Schluß nach
-den langatmigen Ankündigungen der freihändigen Verkäufe von Realitäten,
-Liegenschaften, Häusern, Mühlen und Fabriken, die Nachricht über
-„Feilbietungsedikte“ stehen. Die liest er eifrig und schreibt in sein
-Notizbuch mit den schwarzen Wichsleinwanddeckeln von Zeit zu Zeit etwas
-ein. Nicht alles. Die Feilbietungen, die in der öffentlichen
-Auktionshalle im Landesgericht abgehalten werden, braucht er nicht zu
-vermerken, dort ist er ohnedies an jedem Freitag. Ebenso weiß er genau,
-daß fast immer am Freitag nach dem Zehnten jedes Monates die
-Versteigerung der verfallenden Pfänder des staatlichen Leihhauses
-stattfindet. Was ihn aber interessiert, ist das Datum der Auktionen in
-den acht privaten Pfandleihanstalten und Datum, Hausnummer und
-Warengattung der Geschäfte und Wohnungen, in denen exekutive
-Feilbietungen vorgenommen werden.
-
-Während in dem Notizbuche Ziffern und Adressen verzeichnet werden, kommt
-ein neuer Gast in das Café und setzt sich mit stummen Gruß zum ersten.
-Der Angekommene zieht einen Karton mit Goldinuhren aus der Tasche —
-Fabriksware, die wegen kleiner oder wegen großer Fehler nicht mit der
-Firmamarke versehen und nur an Ramscher abgegeben wird. Der neue Gast
-will die Uhren hier nicht verkaufen, er weist sie seinem Kollegen nur
-zur Begutachtung vor.
-
-„Sechs Kronen per Stück,“ schätzt der.
-
-„Fünf,“ lächelt der andere, zufrieden darüber, daß sein Branchegenosse
-die Uhren überschätzt hat, und ermutigt, zieht er nach und nach sein
-ganzes Warenlager hervor: Ein Paar Brillantohrgehänge aus der
-Westentasche, einen Similiring vom Finger, eine Damenuhr mit Rauten aus
-der Hosentasche.
-
-Inzwischen ist es neun Uhr geworden. Die beiden brechen auf.
-
-„Wohin gehst du?“, fragt der zuerst Angekommene den andern.
-
-„Ich geh’ ins Geschäft. Und du?“
-
-„Ich geh’ zum General.“
-
-So trennen sie sich. Der eine also geht „ins Geschäft“, was aber
-durchaus nicht soviel bedeutet wie „ins Geschäftslokal“. Ein solches hat
-er nicht. Er geht nur zu seinen Kundschaften, zu Tandlern,
-Privatpersonen und Gästen der kleinen Kaffeehäuser, denen er seine
-Schmucksachen aufschwatzt.
-
-Der andere geht „zum General“, d. h. in das Landesgerichtsgebäude an der
-Ecke des Obstmarktes und der Zeltnergasse, das so heißt, weil es früher
-das Generalkommando von Prag war und als solches traurige Berühmtheit
-erlangte, als am 12. Juni 1848 ein Schuß durch das Fenster die Gemahlin
-des Feldmarschalls Alfred Fürsten Windischgraetz, Fürstin Maria Eleonore
-Windischgraetz-Schwarzenberg (die Großmutter des jetzigen
-Herrenhauspräsidenten Fürsten Alfred Windischgraetz), tötete. In den
-ebenerdigen Räumen des alten Generalkommandogebäudes, die ehedem als
-Wachzimmer und Stallungen verwendet wurden, ist heute außer dem
-Depositenamt, seit dem Jahre 1900 auch die gerichtliche Auktionshalle
-untergebracht. Die ist das Ziel des Kaffeehausbesuchers, der „zum
-General“ geht.
-
-Die Fachleute in Partiewaren und Gelegenheitskäufen behaupten, daß hier
-nichts besonderes zu holen sei. Sie begründen es mit der Tatsache, daß
-sich die in Geldnot befindlichen Leute absichtlich die für sie wertlosen
-oder unbrauchbaren Mobilien pfänden lassen, um sie in der Auktionshalle
-zu besseren Preisen loszuwerden. Wird bei der Lizitation nicht der Preis
-geboten, den der Eigentümer den gepfändeten Sachen beimißt, so hat er —
-vorausgesetzt, daß er pfiffig ist — noch immer Mittelchen genug, den
-Preis in die Höhe zu lizitieren oder die Sachen selbst zu erstehen.
-
-Um dieser und anderer Mittelchen willen, und weil dort hie und da doch
-etwas Preiswertes zur Versteigerung gelangen könnte, sind doch
-zahlreiche Fachmänner da. Vor allem die Mitglieder des „Chabrus“. Diese
-Körperschaft wird man vergeblich in den Registern der Vereinspolizei
-suchen und auch im Staatswörterbuche findet man diesen Namen nicht. Das
-Wort „Chabrus“ ist eine Verstümmelung des hebräischen Ausdruckes
-„Chawroßo“, d. i. Freundschaft. Und ursprünglich ist auch der „Chabrus“
-eine geheime jüdische Einkaufsgenossenschaft und gleichzeitig eine Art
-Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit gewesen, dem die Althändler und
-Trödler des Ghettos angehörten. Als sich aber die Tore des Ghettos
-öffneten, da wurde die Idee des Chabrus eine interkonfessionelle, und
-mit der politischen Geschichte dieses Landes ist der Chabrus verknüpft,
-den — — die ältesten Adelsgeschlechter Böhmens im Jahre 1872 gegründet
-hatten. Das war nach dem Sturze des Ministeriums Hohenwart. Der Landtag
-war aufgelöst worden, und zwischen den beiden Gruppen des
-Großgrundbesitzes, die damals noch kein Wahlkompromiß hatten, entspann
-sich ein heftiger Wahlkampf, der zugleich ein Kampf um die Majorität im
-Landtag war. Da wurden denn Banken gegründet, um zur Wahl berechtigende
-landtäfliche Güter zu kaufen, da traten die Besitzer zweier oder mehr
-solcher Güter eines an dritte Personen ab, da gab es Güterkäufe und
-Güterteilungen in Masse, beide Gruppen überboten einander, bis
-schließlich die Verfassungstreuen den Sieg über die Konservativen
-davontrugen. Aber manche Gesetzesbestimmung über die Wahlen in den
-österreichischen Landtag wurde nach den Lehren geändert, die man aus dem
-„Chabrus“ der Ära Auersperg gezogen hatte.
-
-So nobel ist der Chabrus der Prager Kleinhändler freilich nicht. Er war
-wohl ursprünglich eine Schutzorganisation für die eigenen Mitglieder,
-die falliert hatten und deren Lager versteigert wurde. Ein anderer der
-Genossenschaft erstand einfach die lizitierten Waren zum Mindestanbot,
-der etwa nur ein Drittel des Schätzungswertes ausmachte, ohne daß er von
-den anderen gesteigert worden wäre. Kam aber ein Unbeteiligter zur
-Lizitation und beteiligte sich an dieser, so wurde er so in die Höhe
-lizitiert, daß er entweder einen ganz famosen Preis für die Waren des
-falliten Chabrus-Bruders zahlen mußte, oder die Lust an weiterer
-Beteiligung verlor. Außerdem erschienen die Chabruser oft in so großen
-Massen in den kleinen Geschäftslokalen, in denen die Lizitationen
-stattfanden, daß ein „Unberufener“ gar nicht hinein konnte — ein
-Manöver, das durch Errichtung der gerichtlichen Auktionshalle eine
-wesentliche Einschränkung erfahren hat.
-
-Im Laufe der Jahre erstreckte der Chabrus sein Tätigkeitsgebiet auch auf
-Auktionen von Lagern, die nicht seinen Mitgliedern gehörten. Die Waren
-wurden von der Kassa gekauft und dann im Kreise der Mitgliedschaft
-weiter versteigert. Nutzen und Schaden trug die gemeinsame Kassa. Der
-Chabrus verlor seine feste Struktur, er teilte sich nach den Branchen in
-verschiedene Teile und büßte schließlich ganz den Charakter einer
-einheitlichen Organisation ein. Heutzutage wird gewöhnlich nur ad hoc im
-Lizitationslokale ein Chabrus gegründet und nur bei den
-Pretiosenversteigerungen im k. k. Leihamte sind die beiden
-Konkurrenz-Chabruse des Herrn Franz und des Herrn Široky der ruhende
-Pol in der Erscheinungen Flucht.
-
-In der gerichtlichen Feilbietungshalle sind auch die räumlichen
-Verhältnisse schlecht. Der Lizitationsleiter steht nicht in der Mitte
-der Längsseite, sondern der Breitseite des Saales. Also können sich nur
-wenig Leute herandrängen, und die Mehrzahl sieht von der lizitierten
-Ware nichts, trotzdem der Saal leicht ansteigend gebaut ist. Nur durch
-das Gäßchen, das von Barrieren eingesäumt wird, und deren Eingang ein
-Wachmann streng bewacht, kann man hie und da einen Blick nach den
-Schätzen auf dem Auktionstische werfen.
-
-Die Halle ist niedrig und der Geruch von Karbol und anderen Substanzen,
-mit denen die gepfändeten Gegenstände desinfiziert worden sind, erfüllt
-die Luft.
-
-Da ist die Auktionshalle im staatlichen Versatzamte in der Leihamtsgasse
-viel moderner und eleganter. Ein glasgedeckter Lichthof von kolossaler
-Breite. Also kann sich alles in die Nähe des Lizitationsleiters drängen,
-alles kann die zu versteigernden Sachen aus nächster Nähe betrachten,
-alles kann sich mit absichtlich gewählten oder zufälligen Nachbarn über
-die Umwertung aller Werte, die hier feilgeboten werden, unterhalten,
-alles kann mitsteigern, mitstreiten, mitschreien ...
-
-Der Schätzer wirft ein Paket auf den Tisch und der Ausrufer schreit
-tschechisch in den Saal:
-
-„Ein Havelock, vier Messer und eine Decke: 13 Kronen.“
-
-„Zehn,“ ruft jemand aus dem Publikum.
-
-„13 Kronen 10 Heller,“ registriert der Ausrufer, aber die Rufe „zehn“,
-„zehn“ überhasten einander, so daß er den Stand der Anbote nicht laut
-konstatieren kann. Und trotzdem die affischierte Lizitationsordnung
-vorschreibt, daß er jedes Anbot in beiden Landessprachen wiederholen
-soll, hat ihn wohl noch nie jemand ein deutsches Wort sprechen gehört.
-
-„Zehn, zehn,“ tönt es von rechts nach links.
-
-„Ich nehme ...“ ruft ein hier Einheimischer dazwischen. Die Worte „ich
-nehme“ sind ein von der Lizitationsleitung anerkanntes Synonym für das
-Wörtchen „zehn“.
-
-Eine Frau hat es besonders auf dieses Paket abgesehen. Mit rasant
-wachsender Schnelligkeit kreischt sie die Rufe „deset“, „deset“ (zehn)
-dem Lizitationsleiter zu, niemand lizitiert mehr mit, und sie steigert
-sich fortwährend selbst. Nur die Endsilbe „..set“ ist hörbar.
-
-„Wieviel set (Hunderte) wollen Sie denn bezahlen?“ ruft ein Witzbold
-dazwischen. Lachen. Da hält die Frau inne. Sie erwacht aus ihrem
-Paroxysmus und merkt, daß sie zu teuer gekauft hat oder wenigstens mehr
-bezahlen muß, als sie anfangs wollte. Bei ähnlichen Gefühlen ertappt man
-sich vielleicht im Kasino von Monte Carlo.
-
-Der Ausrufer erklärt: „Achtzehn Kronen und zwanzig Heller zum ersten,
-zum zweiten und dritten Male“. Der Lizitationsleiter drückt auf die
-Glocke. Der Diener legt das Paket mit Havelock, Messern und Decke auf
-den Pult, vor die Frau, die es gekauft. Der Kassier füllt einen Zettel
-mit dem erzielten Betrag und das Pare des Lizitationsprotokolls aus. Der
-Schätzer reicht ihn der Frau. Diese bezahlt das Geld. Dann keift sie:
-
-„Wo ist die Ware?“
-
-„Hier liegt sie doch!“ antwortet der Schätzer. „Nehmen Sie Ihren Zwicker
-ab, dann werden Sie sehen.“
-
-Die Frau hat natürlich keinen Zwicker, und die Leute lachen. Stimmung:
-Lustig. Sie flaut nicht einmal dann ab, als ein brauner Flanellstoff zur
-Versteigerung ausgerufen wird, der von schäbiger Farbe ist:
-
-„Den trägt man in Pankratz,“ lacht einer vom Auditorium, „nicht wahr,
-Karl?“
-
-Karl bleibt die Antwort nicht schuldig: „Ganz richtig. Du kannst ihn
-ruhig kaufen.“
-
-Das nächste Stück, das der Ausrufer in die Höhe hebt, erweckt scheues,
-ehrfurchtsvolles Murmeln. Ein Beamtenmantel ist es, mit bordeauxroten
-Passepoils. Selbst der Schätzer muß Hochachtung vor diesem Sinnbild der
-Staatsgewalt empfunden haben, als es versetzt wurde. Er hat nicht
-weniger als achtundzwanzig Kronen darauf geliehen, denn 28 K 40 h
-(geliehenes Kapital + Interessen + Lizitationskosten) sind heute der
-Ausrufspreis.
-
-„Das ist ein Mantel von der Polizei,“ flüstert jemand einem andern zu.
-
-Aber der andere weiß es besser, denn er steht sozusagen bei sich selbst
-als agent provocateur in Diensten. Bei den Bummelkrawallen hat er
-Polizisten gegen Exzedenten und Exzedenten gegen Deutsche gehetzt, und
-stand einmal als Angeklagter, einmal als Kläger vor der Barre des
-Strafgerichtes. Er ist Nationalsozialist und Sozialdemokrat, Stammgast
-der Meetings und im Schwurgerichtssaal und niemals fehlt er bei
-Auktionen. Er schreit mit, wenn sich zwei Personen darüber streiten, wer
-von ihnen das Meistangebot getan hat, wem von ihnen das abschließende
-Glockenzeichen galt. Er schreit empört, wenn sich jemand in das Gäßchen
-stellt, das den Zugang zum Auktionsleiter bildet und freizubleiben hat.
-Er schreit und hetzt — aber sonst beteiligt er sich an den Geschäften
-nicht. Er braucht nur den Nervenkitzel. Doch kehren wir zu dem Gespräch
-zurück:
-
-„Der Mantel muß nicht von der Polizei sein,“ sagt der
-Amateur-Lockspitzel, „der kann auch einem Statthaltereibeamten gehören.“
-
-Der andere, ein kleiner tschechischer Trödler aus der Fabriksvorstadt
-will das nicht glauben. „Alle Polizeibeamte haben doch solche dunkelrote
-Aufschläge! Und zwei Behörden können doch nicht gleiche Farben haben.
-Und es ist ein sehr feiner Mantel, der ist sicher von der Polizei!“
-
-„Sie, Gescheiter!“, lacht der Fachmann. „Die Statthalterei ist doch mehr
-wie die Polizei, das ist doch die höhere Instanz.“
-
-Aber der kleine Trödler murrt nur ungläubig und unwillig: „Jo, jo, sagen
-sie vielleicht auch noch, daß die Verzehrungssteuer mehr ist als die
-Polizei!“ Dann dreht er sich um. Für ihn ist eben die Polizei das
-höchste auf Erden. Nichts kann diesen frommen Glauben erschüttern, nicht
-die Erklärung des Fachmannes, und nicht einmal die Tatsache, daß der
-Mantel eines Polizeibeamten in der Leihanstalt versetzt wurde und
-verfiel.
-
-Rings um die Lizitationskommission führt ein langes Pult, an dem die
-Kauflustigsten stehen. Sie sind entweder schon so früh gekommen, daß sie
-einen Platz an der Brüstung erhaschten, oder haben sie sich durch
-Energie und Beharrlichkeit vorgedrängt. Auf diesen Pult breitet der
-Schätzer die Schätze. Fachmännisch wird alles untersucht und gegen das
-Licht gehalten, damit man das Vorhandensein von Motten konstatieren
-könne. Links vor der Quality street, die zum Auktionsleiter führt und
-die ein Polizist bewacht, stehen zwei Chabrusgruppen. Jedes Pfandobjekt,
-das ihnen vorgelegt wird, wird durchberaten, und die beiden
-Chabrusmacher (an dem hinters Ohr gesteckten Bleistift und dem
-aufgeschlagenen Notizbuche sind sie kenntlich) vermerken zunächst in
-ihrer Gruppe die Kauflustigen und erkunden, bis zu welchem Betrage
-Kauflust vorherrschen würde. Dann unterhandeln die beiden feindlichen
-Chabrusgenerale, und erzielen nach langem Feilschen die Vereinbarung,
-daß bei diesem Pfandobjekt nur die eine Chabrusgruppe, bei dem nächsten
-nur die andere mitlizitieren wird. Wenn das Objekt erstanden ist, dann
-wird — mitten im Saal — innerhalb der Chabrusgruppe leise
-weiterlizitiert. Bei dieser Privatversteigerung sind bloß 5 Heller das
-geringste Mehranbot. Von dem Betrag, um der bei dieser leisen Auktion
-mehr erzielt wird, als bei der offiziellen, fallen zehn Prozent der
-Kassa zu, und der ganze Nutzen bleibt innerhalb des Kreises.
-
-Auch rückwärts im Saal gibt es verzeichnenswerte Gruppen. Ein armseliger
-Kleiderhändler in Břewnow hat eben einen Riesenballen aus dem
-Kommissionsraum geholt und breitet dessen Inhalt neugierig, ja
-fieberhaft gespannt, auf einen Sessel. Zahlreiche Gaffer begutachten
-gleichfalls die farblosen, formlosen Damenkostüme, die der biedere
-Břewnower in zitternder Erregung einzeln aus dem Ballen nimmt und auf
-die Sessellehne legt. Ein feister Konfektionär — Pelzkragen und
-Goldzwicker zeichnen ihn aus — lächelt ironisch über den Schund. Dann
-tritt er auf den Besitzer zu:
-
-„Wieviel haben Sie dafür gegeben?“
-
-„41 Kronen 10,“ sagt der andere kleinlaut und forscht ängstlich in dem
-Gesichte des Fragestellers nach dessen Ansicht. „Es war ein Dutzend.“
-
-„Für ein Dutzend? Das ist wirklich sehr billig, halb umsonst.“ Der mit
-dem Pelzkragen sagt das ganz ernst. Aber als sich der Břewnower
-Spekulant erleichtert nach den anderen Stücken des Ballens bückt, um die
-weiteren Schönheiten des eben erstandenen Lagers auszubreiten, zuckt
-über das Gesicht des behäbigen Fachmannes ein Lachen zu den Zuschauern
-hinüber. Die nehmen es verständnisvoll, mit Kichern auf. Der dicke Herr
-befühlt die Ware:
-
-„Höchst moderne Fasson. Sehr feiner Stoff,“ frozzelt er im Tone höchster
-Anerkennung, und das Publikum lacht. Lacht immer stärker.
-
-Links vom Eingang, dicht am Ofen steht eine Arbeitersfrau mit einem
-Säugling am Arm. Sie will in dem Lärm ihr Kind einwiegen. Zuhause kann
-es vor Frost nicht schlafen. Das Leihamt, das die ganze Habe der Frau
-verschlungen, muß ihr jetzt ein bißchen Wärme geben.
-
-
-
-
- Die Verhaftung
-
-
-Man schreibt mir, ich möge wieder eine journalistische Erinnerung zum
-besten geben. Also gut.
-
-Die Geschichte, die davon handelt, wie es einst vier Polizisten gelang,
-mich durch ihr strategisches Talent zu verhaften, habe ich bislang aus
-zwei Gründen nicht erzählt:
-
-1. Es ist ein ungeschriebenes Gesetz, daß der Journalist nichts von den
-Geheimnissen seiner Technik ausplaudern soll. So soll, zum Exempel, kein
-Leser davon erfahren, daß die Nachrichten über Todesfälle besonderer
-Männer von der Zeitung meist mit großen Schwierigkeiten rechtzeitig in
-Erfahrung gebracht werden. Die meisten Portiers der Prager Palais, der
-Ämter und öffentlichen Institute sind von den Redaktionen nachdrücklich
-verständigt, eventuelle Todesfälle unverzüglich zu deren Kenntnis zu
-bringen, und wenn irgend eine besondere Persönlichkeit schwer krank ist,
-dann wird das Haus noch überdies bewacht, damit der Leser schon am
-nächsten Morgen die traurige Neuheit erfahre.
-
-2. Es wäre taktlos gewesen, einen Vorfall, der sich an eine solche
-Überwachung knüpft, zu berichten, so lange der damals Überwachte noch am
-Leben war.
-
-Aber jetzt kann ich die Geschichte erzählen. An ungeschriebene Gesetze
-halte ich mich ebensowenig, wie an geschriebene, und verrate daher ganz
-offen das Geheimnis des Todesnachrichten-Dienstes; und auf die Gefahr
-hin, daß manchen angesehenen Leser ein Gruseln überfällt, verrate ich
-hiemit, daß schon mancher Mann derart überwacht wurde, der
-glücklicherweise noch heute frisch und gesund in sein Amt spaziert.
-
- * * * * *
-
-Es ist schon etwelche Jahre her. Ich war erst vor kurzem zur Zeitung
-gekommen und zu meinen wichtigsten Obliegenheiten gehörte es, mich im
-Sicherheitsdepartement der Polizeidirektion danach zu erkundigen, ob
-nicht irgendwer irgendwo wegen irgendeiner ungesetzlichen Tat in Haft
-genommen worden sei. Da erfuhr ich denn von Bierröhrendiebstählen,
-Heiratsschwindeleien und Betrugsaffären und wenn jemand jemanden
-ermordet hatte, dann war’s ein schönes Leben, denn da hatte ich viel zu
-schreiben. So ging ich zweimal täglich in das Sicherheitsbureau, vor dem
-immer ein Polizist Wache steht. Die Wachleute kannten mich daher und
-viele wußten auch bald, aus welchen Gründen ich die gefürchteten Räume
-der Kriminalpolizei betrete. Aber die Polizisten, welche schon nach
-kurzer Zeit von der Altstädter Wachstube auf andere Kommissariate
-versetzt wurden, wußten das nicht.
-
-Um jene Zeit war Direktor Angelo Neumann, kurz nach seiner Operation bei
-Prof. Israel in Berlin, in Prag schwer erkrankt. Der damalige
-Theatersekretär, der vor einigen Jahren in Wien verstorbene Karl
-Rosenheim, hatte meinem unmittelbaren Vorgesetzten, dem gleichfalls
-seither dahingeschiedenen Redakteur Hermann Katz mitgeteilt, daß es
-schlecht um Angelo Neumann stehe. So erhielt ich denn den Auftrag noch
-in der Nacht, unmittelbar vor Redaktionsschluß nach Angelo Neumanns
-Wohnhaus zu sehen.
-
-Um vier Uhr nachts ging ich hin. Innerhalb der Parterrefenster im
-Eckhause der Bredauergasse und des Stadtparkes, wo Angelo Neumann seine
-Wohnung innehatte, war es dunkel — es war also nichts Absonderliches
-geschehen. Ich wandte mich, den Weg zurückzukehren, den ich gekommen
-war. Da hörte ich hinter mir schwere, eilende Schritte. Ich schaute mich
-um: Es waren zwei Polizisten, denen der nächtliche Passant, der in der
-menschenleeren Gegend unmittelbar vor ihnen umgekehrt war, sehr
-verdächtig schien. Anfangs machten sie Miene, mir nachzueilen, aber sie
-erkannten bald, daß ich ihnen leicht entwischen könnte und änderten
-daher ihre Taktik. Der eine Polizist begab sich auf das linke, der
-andere auf das rechte Trottoir und nun nahmen sie, auf gleicher Höhe
-eilend, die Verfolgung auf. Ich beschleunigte meinen Gang, da ich
-kalkulierte: Wenn ich verhaftet werde, so kann ich morgen auf Grund des
-Polizeirapportes wunderbar nachweisen, daß ich wirklich um vier Uhr
-nachts meinen Auftrag vollführt habe. So eilte das nächtliche Dreieck
-vorwärts: Ich in der Mitte der Fahrbahn voran, rechts hinter mir ein
-uniformierter Verfolger, links von mir ein zweiter.
-
-Die Distanz verringerte sich nicht. Die Wachleute strengten sich nicht
-mehr an als ich und riefen mir kein Halt zu. Sie schienen einen Plan zu
-haben. Nur dort, wo von der Bredauergasse die Olivagasse abzweigt,
-vergrößerte der rechte Mann seine Eile, damit ich ihm nicht durch die
-Seitengasse entwische. Aber ich ging den geraden Weg. Und bald verstand
-ich den Plan: Knapp vor der Einmündung in die Heinrichsgasse ließen
-meine Verfolger ihre Polizeipfeife ertönen. Und aus dem Dunkel der Nacht
-tauchte jetzt auch vor mir ein Doppelposten auf. (Es war jener Posten,
-der bei Nacht vor dem Hauptpostgebäude zu stehen hat und bloß einmal
-nicht dort stand: Als Wasinski an dieser Stelle seinen Mord verübte.)
-Ich war umzingelt und konnte nicht mehr entwischen. Wie triumphierend
-ertönte hinter mir der tschechische Ruf: „Halt“.
-
-Ich blieb stehen und die Polizisten näherten sich mir. „Was haben Sie
-hier gemacht?“ fragte der eine.
-
-„Ich bin spazieren gegangen,“ versetzte ich so kleinlaut, als ich
-konnte. Die Wahrheit war ja Redaktionsgeheimnis und kümmerte die
-Wachleute nichts.
-
-„Schau, schau! Spazieren sind Sie gegangen,“ wunderte sich einer der
-Polizisten. „Um vier Uhr nachts geht man spazieren?“
-
-„Ja, ich komme aus der Arbeit und da bin ich noch etwas frische Luft
-schöpfen gegangen,“ entschuldigte ich mich weitschweifig.
-
-„Was sind Sie denn?“ fragte man mich weiter.
-
-„Ich bin bei der Firma Haase angestellt,“ antwortete ich wahrheitsgemäß,
-wenn auch nicht prägnant.
-
-Der Fragesteller lachte siegreich auf: „Wie können Sie also jetzt aus
-der Arbeit kommen! Bei Haase wird doch nachts nicht gearbeitet!“
-
-Schon wollte ich etwas entgegnen, als zwei Augen des Gesetzes, die mich
-bisher scharf angesehen hatten, noch näher an mich heranrückten. „Sie,“
-so begann ihr Inhaber, „Sie, mir scheint, wir kennen einander schon.“
-Und ohne meine Antwort, daß ich nicht die Ehre habe, abzuwarten, fuhr er
-fort: „Waren Sie noch nie im Sicherheitsdepartement?“
-
-„O ja,“ sagte ich, „ich war schon oft im Vierer.“
-
-Das Wort „Vierer“ hatte eine tiefe Wirkung, denn nur den Eingeweihten,
-hauptsächlich den Polizisten und den Verbrechern ist dieser Ausdruck für
-das Sicherheitsbureau (das vierte Departement der Polizei) geläufig. Der
-eine Polizist steckte eine Miene des Jubels auf, der zweite nickte
-langsam mit dem Kopfe und der dritte verlieh geistesgegenwärtig der
-allgemeinen Verblüffung beredten Ausdruck. Er führte aus:
-
-„Ei, ei.“
-
-Der vierte aber, der Besitzer jenes Augenpaares, das mich erkannt und
-entlarvt hatte, wollte nunmehr auch beweisen, daß meine Agnoszierung
-keine zufällige und seine Personalkenntnis des Sicherheitsbureaus
-wirklich eine tiefgründige sei:
-
-„Da kennen Sie wohl den Herrn Olič?“
-
-„Freilich kenne ich den Herrn Regierungsrat,“ war meine Antwort.
-(Olič, der vor drei Jahren als Hofrat in Pension ging, war damals
-Departementschef.) Das Frage- und Antwortspiel ging weiter:
-
-„Und Herrn Protiwenski?“
-
-„Ja, den Herrn Oberkommissär kenne ich auch. Und den Herrn Oberkommissär
-Lichtenstern und die Herren Kommissäre Knotek, Drašner, Vanásek und
-Kubiček kenne ich ebenfalls.“
-
-Ich glaubte mit dieser summarischen Aufzählung aller damaligen
-Sicherheitsbeamten weiteren Fragen meines Peinigers die Spitze
-abgebrochen zu haben, aber dieser war gründlicher als ich glaubte. Er
-setzte das Verhör fort:
-
-„Kennen Sie vielleicht den Herrn Wejřik?“
-
-„Jawohl, auch den Herrn Arresthausverwalter kenne ich. Sehr gut sogar.“
-
-„Das glaub’ ich,“ erscholl es jetzt — mein Schicksal schien besiegelt.
-„Kommen Sie,“ sagte der eine Polizist zu mir und wandte sich nach der
-Richtung, in der das Kommissariat Heuwagsplatz liegt.
-
-Aber um unsere Gruppe hatte sich, trotz der späten Nachtstunde, eine
-ganz beträchtliche Menschenansammlung gebildet. Es waren größtenteils
-die Stammgäste des alten Einkehrhauses „u Rajtknechtu“, das an der
-Stelle des heutigen Palace-Hotels stand. Die allnächtliche Blütezeit
-dieses Gasthauses begann erst um zwei Uhr nachts, wenn die Setzer der
-nahen Zeitungsunternehmungen mit ihrer Arbeit zu Ende waren und das
-offizielle Eingangstor der Schenke gesperrt werden mußte. Diese
-Stammgäste hatten nun davon gehört, daß draußen vier Polizisten mit der
-Festnahme eines Verbrechers beschäftigt seien, waren hinausgeeilt und
-hatten mit wachsendem Staunen meiner Einvernahme gelauscht. Als ich aber
-abgeführt werden sollte, traten zwei Setzer, die mich kannten, den
-Polizisten in den Weg:
-
-„Herr Redakteur, sollen wir Sie vielleicht legitimieren?“
-
-Aber das war nicht mehr nötig. Die Anrede machte die Polizisten stutzig
-und langsam dämmerte ihnen der Zusammenhang zwischen den Begriffen
-Nachtarbeit, Haase und Polizeikenntnis auf. Und gleichzeitig fiel ihnen
-ein, daß ich sie als Bekannter der ihnen vorgesetzten Polizeibeamten vor
-diesen schön blamieren könnte, wenn ich die Geschichte erzählte. Einer
-der Wachleute starrte mich wütend an, kehrte mir dann verächtlich den
-Rücken und ging von dannen. Ein zweiter aber verduftete blick- und
-wortlos. Der dritte salutierte mit kleinlautender, entschuldigender
-Miene. Der vierte aber brummte im schönsten Prager Deutsch:
-
-„Da haben wir uns gegeben.“
-
-
-
-
- Drehorgelspieler
-
-
-Für jene Leser, welche den Titel dieses Feuilletons nicht verstehen
-sollten, sei gleich vorweg bemerkt, daß „Drehorgel“ auf Pragerisch
-„Flaschinett“ heißt. Für jene Leser aber, die deshalb die Frage stellen
-würden, warum ich also nicht den allgemein verständlichen Ausdruck als
-Titel gewählt habe, sei gleich vorweg bemerkt, daß sich Fremdwörter
-immer sehr vornehm ausnehmen. Außerdem würde man eine Beschreibung des
-in Rede stehenden Instruments im Lexikonbande 6 („Erdeessen bis
-Franzèn“) weder unter dem Schlagworte „Flaschinett“ noch unter
-„Folterwerkzeuge“ vorfinden. Man muß vielmehr den Band 5
-(„Differenzgeschäfte bis Erde“) hernehmen und in diesem nicht die
-Rubriken „Duldsamkeit“ oder „Darlehenschwindel“ nachschlagen, sondern
-das Kennwort „Drehorgel“ suchen. Gleich nach „Drehkrankheit“ kommt es.
-
-Das Wort „Flaschinett“ findet sich aber auch unter Chiffre „Drehorgel“
-weder im Brockhaus noch im Meyer. Diesen Ausdruck muß man wieder im
-Bande 6 sub „Flageolett“ nachsuchen, wo mitgeteilt wird, daß das
-Flageolett oder Flaschenett — man beachte die falsche Orthographie der
-Herren Brockhaus und Meyer — ein kleines Blasinstrument, der letzte
-Sprosse der Familie der Schnabelflöten ist, und nur in Frankreich und
-Belgien noch in Gebrauch steht. Nun wird mich jener am Anfang dieses
-Feuilletons hinreichend charakterisierte Leser wieder mit der Frage
-belästigen, wo da die Logik sei, wenn man in Prag ein Musikwerk mit dem
-Namen einer im Aussterben begriffenen Seitenlinie der Schnabelflöten
-bezeichnet. Kruzeihimmelfix, wozu braucht man denn bei einem Flaschinett
-eine Logik! Dem Fragesteller aber wünsche ich, daß ihm während seines
-heutigen Nachmittagsschläfchens ein Drehorgelspieler solange ein
-Ständchen bringt, bis beide Plagegeister auf alle weiteren Chikanen
-Verzicht leisten.
-
-In Prag ist die Ansicht verbreitet, daß es ungefähr zwei- bis
-dreitausend Drehorgelspieler gebe. Dem ist aber nicht so. Erwähnter
-Irrtum dürfte darauf zurückzuführen sein, daß gewöhnlich zwei
-Drehorgelspieler gleichzeitig in derselben Gasse konzertieren, was eine
-Art zweihändigen Vierhändigspielens darstellt und die harmonischen
-Wirkungen dieses Instrumentes erheblich erhöht. Besonders prächtig sind
-diese musikalischen Effekte, wenn aus einem Leierkasten die Töne des
-„Donna è mobile“ entquellen, während aus dem anderen beharrlich das
-klassische Lied „O Emane“ — Heimatkunst! — hervorgekurbelt wird.
-Dieses multiplizierte Auftreten von Drehorgelspielern in derselben Gasse
-ist aber kein Beweis von deren großer Zahl, sondern es ist nur ein
-ehrendes Dokument für das Vertrauen, das die Hofmusiker in die
-Freigebigkeit der Bewohner dieser Gasse setzen.
-
-Im Bureau III. a. der Prager Polizeidirektion, dem Departement für
-öffentliche Belustigungen, welches ein sehr richtiger Wortwitz als
-„Departement für öffentliche Belästigungen“ bezeichnet, erfährt man zum
-atemlosen Staunen, daß es in Prag nur zweiundzwanzig Drehorgelspieler
-gibt. Wenn man naiv ist, gibt man sich mit dieser Erklärung zufrieden,
-und geht nach Hause, in der Meinung eine zufriedenstellende Auskunft
-erhalten zu haben, da ja diesem Departement für öffentliche
-Belustigungen natürlich auch die Konzessionserteilung und die Handhabung
-der Vorschriften für Drehorgelspieler untersteht. Wenn man aber nicht
-naiv ist, so begibt man sich in ein Departement, das mit der
-Konzessionserteilung an Leierkastenmänner nichts zu tun hat, das
-Departement, dem die Wahrung der öffentlichen Sicherheit und daher auch
-das Drehorgelspielen untersteht. Allerdings nur insoweit, als es
-unbefugt ausgeübt wird. Da erfährt man ganz andere Ziffern: Die Zahl der
-nichtkonzessionierten Werkelmänner ist etwa dreimal so groß, wie die
-behördlich autorisierten.
-
-Und was für Exemplare sind darunter. Da sind zum Beispiel zwei Brüder,
-welche ich hier Chwatal nennen will. Ihre Aktenfaszikel sind so groß,
-daß zwei Zivilwachleute ausgesandt werden müssen, um sie aus der
-Registratur zu holen. Der eine der Brüder hat allein vierhundertdreißig
-Akten. Aus denen kann man die ganze Biographie Wenzel Chwatals
-herauslesen. Als Kind hatte er einen sehr ernsten Beruf. Er sang an
-jedem sechsten Jännertage, mit einer papiernen Goldkrone angetan, vor
-den Wohnungstüren das Lied von den heiligen drei Königen. Den Rest des
-Jahres scheint er sich über die Freigebigkeit der Wohnungsinhaber
-orientiert zu haben, um sich dann als König nicht ein Refus zu holen.
-Bei diesen Orientierungsgängen ist er, wie Wenzel Chwatals Akten künden,
-wiederholt verhaftet worden und residierte dann für kurze Zeit im
-Polizeiarrest. Als unser Wenzel herangewachsen war, entsagte er seinem
-königlichen Berufe, aber der Musik blieb er treu. Er gründete mit einem
-gleichgesinnten Manne, dem das Schicksal keine Füße beschert hatte, ein
-Kompaniegeschäft. Sie liehen sich einen Leierkasten aus, den Chwatal auf
-seinem rüstigen Leibe trug und dem er durch liebevolles Drehen der
-Kurbel die herrlichsten Weisen entlockte, die im Busen eines
-Flaschinetts schlummern. Der fußlose Kompagnon ging einsammeln. Später
-verdroß es den unternehmungslustigen Chwatal, das sauer verdiente
-Spielhonorar zu teilen, er engagierte ein billiges Bürschchen und
-besorgte das Inkasso selbst. Das Geschäft florierte, und Wenzel Chwatal,
-dessen einziger Schmuck bislang eine sorgsam gepflegte Stirnlocke
-gewesen war, konnte sich eine Samtjacke kaufen. So, jetzt war er ein
-Künstler. Aber die Wachleute haben eben kein Verständnis für wahre
-Kunst. Die Banausen schreckten selbst vor der schönen Samtjacke nicht
-zurück und fragten, durch die magischen Klänge herangelockt, den
-Spieler, ob er eine Konzession habe. Das war eine herzlich alberne
-Frage, denn die Bewilligung zum Spielen wird nur alten, vollkommen
-erwerbsunfähigen Leuten erteilt. Und Chwatal war doch ein fescher Kerl,
-nicht? So verneinte er des Wachmanns Frage, und folgte diesem zur
-Polizei. Dort wurde nach seiner Einlieferung eine „Anhaltungs- und
-Verhaftungsanzeige“ ausgefüllt, die fast jedesmal gleiche Worte trägt:
-„Wenzel Chwatal, geboren in Prag am 7. November 1872, wurde wegen
-unbefugten Drehorgelspielens angehalten und dem Polizeikommissariate
-eingeliefert. — Corpus delicti: Eine Drehorgel. — Eigene Effekten:
-Lederner Schutzriemen, Leibriemen, Spiegel, Kamm, Anhängetasche, drei
-Zigaretten und 64 Heller Bargeld.“ Dann wurde Chwatal abgestraft und
-diese Strafe auf einem zweiten Akt, dem sogenannten „Strafregisterblatt“
-gebucht, auf den stereotyp geschrieben wurde: „Wenzel Chwatal wird der
-Übertretung des Erlasses der k. k. Statthalterei für das Königreich
-Böhmen vom 21. Juni 1889 schuldig erkannt und wird nach der kaiserlichen
-Verordnung vom 20. April 1854, Z. 96 RGBl., zu einer Haft von 24 Stunden
-verurteilt. Gegen diese Erkenntnis kann bei der Statthalterei oder der
-k. k. Polizeidirektion binnen drei Tagen Berufung eingelegt werden.“
-Aber dem Wenzel Chwatal fällt es gar nicht ein, Berufung einzulegen.
-Auch das breite Rubrum, in welchem für „die Rechtfertigung oder das
-Geständnis der Beschuldigten“ weitester Platz gelassen wird, füllt
-Chwatal nur lakonisch aus: „Doznávám“ — „Ich bekenne mich schuldig.“
-Auch Sokrates verschmähte die Verteidigung.
-
-So steht es in den meisten Akten, und nur wenige lauten anders. So z. B.
-die Beschwerde eines konzessionierten Harmonikaspielers, der sich durch
-Chwatals Konkurrenz geschädigt fühlte. In dieser Beschwerde wird
-ausgeführt, daß Chwatal bettle, aber gleichzeitig vier Liebschaften
-unterhalte und allen vier Damen Wohnung, Kleidung und Nahrung bezahle.
-Ob diese Erfordernisse für Chwatals Harem besonders große sind, steht
-nicht in der Beschwerde des empörten Harmonikaspielers, und es ist
-anzunehmen, daß der schöne Chwatal seine vier Verhältnisse eher unter
-Einnahmen als unter Ausgaben buchen könnte. Wie dem auch sei: Chwatal
-ist ein Lebemann. Das geht auch aus einer anderen Anzeige hervor: Eine
-Frau — um den Ruf der Dame zu schonen, sei sie hier mit dem Decknamen
-„Veronika Potvora“ bezeichnet — macht der Polizei davon Mitteilung, daß
-Wenzel Chwatal ihre Tochter Philomena Potvora entführt habe. Dieser
-Familienzwist scheint bald beigelegt worden zu sein, denn acht Tage
-später meldet eine Note des Kommissariates Prag-Josefstadt, daß der
-Drehorgelspieler und Vagant Wenzel Chwatal mit seiner Geliebten
-Philomene Potvora aus seiner bisherigen Wohnung ausgezogen und zu Frau
-Veronika Potvora, der Mutter seiner Geliebten, übersiedelt sei. Andere
-Akten berichten davon, daß Chwatal sich seiner Verhaftung widersetzt,
-bei seiner Arretierung gelacht habe. Und unter jedem Akte steht immer:
-„Doznávám — Ich gestehe.“ So übte er weiter sein Handwerk aus und da
-man ihm den Leierkasten nicht pfänden kann, weil dieser nicht sein
-Eigentum ist, so wird man wohl noch viele Scherereien mit ihm haben.
-Chwatal steht ja im schönsten Mannesalter. Einmal hat er um die
-Konzession zum Drehen der Leierkastenkurbel angesucht, aber er bekam sie
-nicht. „_Mir_ ist es Wurscht,“ meinte er überlegen.
-
-Die Konzessionen für das Drehorgelspiel sind schwer zu erlangen. Früher
-bekamen ausgediente, im Kriege blessierte Soldaten außer der
-Kriegsmedaille auch die Bewilligung, Werkelmänner zu werden. Aber seit
-dem letzten Kriege, den Österreich geführt hat, sind schon Jahrzehnte
-verstrichen und die alten Invaliden aus Kriegsläuften sind meist längst
-begraben. Ein wahres Glück, daß vor zwei Jahren die drohende
-Kriegsgefahr glücklich abgewendet worden ist. Die schrecklichste Folge
-des Krieges wäre wohl gewesen, daß neue Werkelmänner dekretiert worden
-wären!
-
-Die Blütezeit des Leierkastenspieles in Prag ist vorbei. Früher hat es
-in Prag noch Savoyardenknaben gegeben, welche mit ihren
-Miniatur-Drehorgeln, ihrer verschnürten Tracht und ihren gebräunten
-Gesichtern Aufsehen und Mitleid wachriefen. Früher durften die
-Werkelmänner ihr Instrument in der Mitte der Straße aufstellen, heute
-sind nur die Höfe der Häuser ihr Rayon und in den neuen Häusern gibt es
-gar keine Höfe. Früher durften die Drehorgelspieler von früh bis abend
-werkeln und kamen oft in die Geschäfte betteln, bevor diese noch einen
-Kreuzer verdient hatten; heute dürfen sie an Wochentagen nur von zwölf
-Uhr mittags an, an Sonntagen bloß von vier Uhr nachmittags an bis zum
-Einbruch der Dämmerung spielen. Immerhin scheint das Werkeln noch ein
-lukratives Geschäft zu sein, wie voriges Jahr die Geschichte des
-Raubmordes an dem Drehorgelspieler Janeček gelehrt hat, und wie die
-zahllosen Gesuche um Konzessionsbewilligung beweisen, die im Departement
-des Oberpolizeirates Peschka einlaufen. Ja, es kommen sogar Gesuche von
-begüterten Gemeinden, man möge diesem oder jenem ihrer Ortsarmen die
-Bewilligung zum Leierkastenspiel — in Prag gewähren.
-
-Aber die Statthalterei hat nun verboten, daß für Prag neue Konzessionen
-ausgestellt werden und auch die Bewilligungen für die zum Polizeirayon
-gehörenden Vorstädte werden jetzt nur in den seltensten Fällen erteilt.
-Und mögen es die Dienstmädchen, welche ihren letzten Kreuzer in den Hof
-hinunterwerfen, um das Lied von der „Unglückseligen Armut“ da capo zu
-hören, und mögen es die Vorstadtkinder, welche so gerne zu den
-verstümmelten Klängen des Walzers aus der „Lustigen Witwe“ umherhopsen,
-noch so bitter empfinden — die Drehorgel ist auf den Aussterbeetat
-gesetzt. Das Flaschinett wird verschwinden wie jenes Blasinstrument,
-dessen Namen es entlehnt hatte, es wird verschwinden, so wie es gelebt:
-Sang- und klanglos.
-
-
-
-
- Die Gifthütte
-
-
-Dorthin, in die Teile Prags, die sich südlich von der Krankenhausgasse
-und der Katharinagasse bis gegen Slup und Nusle hinunterziehen, kommen
-die Prager selten. Es ist eine Stadt der Kranken, die sich hier breitet.
-Die Institute der medizinischen Fakultät, Kranken- und Irrenhäuser
-halten mit ihren Gärten den ganzen Komplex besetzt. Nur dort, wo die
-Weinberggasse in die Apollinargasse mündet, scheint die Stadt der
-Kranken aufzuhören, scheint ein Dorf zu beginnen. Ein freier Platz, der
-nicht gepflastert ist, und auf dem große Kastanienbäume wachsen. In den
-Ecken des Platzes wuchert üppiges Gras. Ein steinerner Heiliger, der
-heilige Adalbert, blickt vom Piedestal seiner Säule friedlich auf die
-Kinder hinab, die zu seinen Füßen mit Kugeln spielen. Da kommt eine
-Schar von Mädchen, Hand in Hand, ohne Hut, mit weißen Schürzen des
-Weges. Wer nicht weiß, daß es Wärterinnen sind, müßte glauben, sorglose
-Dorfmädchen vor sich zu haben. Alte Männer sitzen vor den Häusern und
-schmauchen behaglich ihre Pfeife. Und die Häuser sind einstöckig.
-
-Das letzte Häuschen, das von der Adalbertssäule sichtbar ist, das
-Häuschen, das an das Dorfkirchlein grenzt, ist das Dorfwirtshaus, wie
-man aus der roten Aufschrift erkennt. Eigentlich sieht diese Hütte
-selbst für ein Dorfeinkehrhaus zu schäbig, zu verwahrlost aus. Aber was
-kann man auch für Ansprüche an das Gasthaus eines so gottverlassenen
-Dörfchens stellen?
-
-Mit der Illusion, in einem Dorf zu sein, ist es freilich aus, wenn man
-sich in den Wirtsgarten setzt, hart an die niedrige Grenzmauer, und in
-das Tal schaut, das sich unten in weitem Boden streckt. Nichts weniger
-als ein ländliches Idyll. Dort oben starren hinter den Pankratzer
-Feldern die trotzigen Mauern der Strafanstalt herüber, halbrechts recken
-sich zu den Felsenhöhen des Wyschehrad die riesigen Festungswälle mit
-den Kasematten hinauf, die Ferdinand von Saars schönster Novelle
-Schauplatz sind. Oben auf der Höhe des Wyschehrad die Basilika mit dem
-Kirchhof, auf dem die Tschechen alle die begraben, die sie für groß
-halten. Unten im Sluper Tal die großen Institute der Fakultäten, dann
-zwei Hotels, dann Zinskasernen, auf deren Hinterfronten mit riesigen
-Lettern Firmenreklamen stehen. Überall rauchen Fabriksschlote. Und um
-das Idyll vollends vergessen zu machen, wird der Blick durch ein
-markerschütterndes Geschrei in den angrenzenden Garten gelenkt, wo
-Wärterinnen eine Irre in eine Zwangsjacke zu pressen versuchen ...
-
-Es ist die Kehrseite Prags, die man hier vom Gasthausgarten sieht. Das
-Wirtshaus, das diesen Ausblick gewährt, heißt die „Gifthütte“. Wohl
-nicht deshalb, weil es das andere Prag zeigt. Auch wegen des Bieres
-führt es wohl seinen Namen nicht. Denn die Bezeichnung stammt schon von
-altersher und das Bier wurde hier durchaus nicht in Dosen vertilgt, wie
-sie bei Giftgenuß in Anwendung zu kommen pflegen. Vielleicht hieß es so,
-weil hier besonders die Mediziner verkehrten, die mit Giften hantierten.
-Ich weiß es nicht und auch die Chronik der Stadt Prag vermag über die
-Herkunft dieses Namens keinen Aufschluß zu geben. Die Chronik der Stadt
-Prag weiß über das Haus Numero Conscriptionis 446—II. überhaupt nichts
-zu sagen, obwohl es doch im Wechsel der Zeiten so Sonderbares erlebt und
-so mannigfache Gäste beherbergt hat, wie kaum ein zweites.
-
-In vergilbten Auflagen des Lahrer Kommersbuches findet sich auch ein
-Prager Studentenlied. Ein Doctor medicinae Keim hat es an einem Maiabend
-des Jahres 1853, also zu einer Zeit ersonnen, da Deutschlands Musensöhne
-zu Hunderten nach Prag zogen, wo auf der medizinischen Fakultät zum
-ersten Male die Kunst gelehrt wurde, die Lungenentzündung ohne Aderlaß
-zu behandeln. Die in diesem Liede ausgesprochene Sehnsucht
-
- „Auf den Windberg, auf den steiligen,
- Möcht’ ich zu den Jungfrau’n eiligen ...“
-
-hat noch in späteren Studentengenerationen wiedergeklungen und
-allabendlich „eiligten“ sie den steilen Windberg hinauf, um hier beim
-„Jodoform-Kränzchen“ nicht zu fehlen,
-
- „Wo zum Tanz die hezká holka
- Nach dem Klang der munter’n Polka
- Den Primär am Bändchen führt.“
-
-Das mit dem „Primär“ stimmte. Fast alle Primärärzte der Irrenanstalt und
-die Assistenten der Kliniken tanzten hier unbekümmert um ihre ärztliche
-Würde bis längst die Sonne das Nusler Tal vergoldete. Und wenn ein
-Patient oder eine Patientin in einem der nahen medizinischen Institute
-der ärztlichen Hilfe dringend bedurfte, dann war sie rasch zur Hand.
-Brauchte man ja nur hinunter zum Gifthüttenball zu schicken. Von den
-Tänzern der Jodoformkränzchen sind heute viele Hofräte, zwei sogar
-wirken als Geheime Medizinalräte an Deutschlands hohen Schulen.
-
-Was den Ausdruck „hezká holka“ anbelangt, so ist er im allgemeinen als
-dichterischer Euphemismus aufzufassen. Die Damen rekrutierten sich aus
-drei Gesellschaftsschichten: I. Den dienstfreien Wärterinnen der
-medizinischen Institute; II. den Dienstmädchen der in den Instituten
-wohnenden Professoren der philosophischen und der medizinischen Fakultät
-und III. den Hörerinnen der Hebammenkurse, die alle vier Monate
-abwechselnd in deutscher und tschechischer Sprache im nahen Gebärhause
-abgehalten wurden. Die Ballgespräche waren medizinischen Geistes voll.
-Die Wärterinnen berichteten ihren Vorgesetzten und Tänzern über
-irgendein interessantes Symptom im Krankheitsverlauf eines Patienten der
-Klinik, und den Professorenköchinnen flüsterte manchmal in vorgerückter
-Stunde ein Tänzer die verschämte Bitte ins Ohr: „Fräulein, kochen Sie
-morgen dem Professor ein feines Essen. Ich mache nachmittags Examen.“
-
-Eine Spezialität der Jodoform-Kränzchen war die sechste Tour der
-Quadrille. Sie zog sich bis tief in den Garten hinaus ...
-
-Der Gründlichkeit halber sei auch erwähnt, daß außer den drei erwähnten
-Damengattungen auch einmal eine vierte am Gifthüttenball vertreten war.
-Das war so: Einige übermütige Mediziner hatten einem eben nach Prag
-gekommenen Ordinarius erzählt, daß sich allabendlich ein großer Teil der
-Medizinerschaft in einem nahen „Gifthütte“ benamsten Gasthause zum Tanze
-versammle. Es sei zwar eine ganz ungezwungene Gesellschaft, aber wenn
-der Herr Professor mit seinen Töchtern den Studenten die Ehre erweisen
-wolle ... Der Herr Professor erwies den Studenten wirklich die Ehre und
-kam am Abend mit seinen beiden Töchtern hin. Sprachlos blieb er in der
-Tür stehen. So ungezwungen hatte er sich die Sache doch nicht gedacht:
-die Herren in Hemdärmeln, die Damen in Schürzen und das Lokal, das einer
-Verbrecherkneipe viel ähnlicher sah als einem Ballsaal! Aber als die
-Herren Mediziner auf die beiden Professorentöchterlein zutraten und
-höflich um ein Tänzchen baten, machten sie und der Herr Papa gute Miene
-zum bösen Spiel und tanzten. Als später einmal eine der beiden
-Professorentöchter als Professorsgattin nach Prag kam, hat sie ihr
-Balldebüt in der „Gifthütte“ zum Besten gegeben und hinzugefügt, daß sie
-sich seither bei keinem Ball so gut unterhalten habe, wie damals bei
-diesem seltsamen „Medizinerkränzchen“. Wo sie doch die sechste
-Quadrilletour gar nicht getanzt hatte!
-
-Nicht so günstig wie das Professorentöchterlein hat über die
-Jodoform-Kränzchen der 70er Jahre der damalige Pfarrer von
-Sankt-Apollinar — diese Kirche ist nur durch die Kegelbahn vom
-„Gifthütten“-Garten getrennt — gedacht. Der Pfarrer richtete an den
-Regierungsrat Professor Weber von Ebenhof, den Bruder des damaligen
-Statthalters, eine Zuschrift, die eine Philippika gegen die Bälle war
-und in der Professor von Weber ersucht wurde, er möge den Hebammen den
-Ballbesuch verbieten. Aber Regierungsrat Weber, der selbst in der
-„Gifthütte“ im Hörerkreis seinen täglichen Frühschoppen trank, legte den
-Ballbericht ad acta und erließ keinen Boykottbefehl.
-
-Die alten Mediziner wissen allerhand solcher Scherze zu erzählen. Von
-der Krönung der Gifthütten-Könige, von den Plakaten, die der König
-affichieren ließ, von Wurstfesten und von Kegelabenden, von
-medizinischen Dauersitzungen, die so lange währten, bis Frau Schuh
-nichts mehr ankreiden wollte und von dem Beduinenknaben, den der
-berühmte Afrikaforscher Dr. Glaser seinem in der „Gifthütte“ wohnenden
-Bruder zur Pflege übergeben hatte und der bald der Liebling der
-Apollinargasse war. Sie wissen auch davon zu erzählen, daß in der
-„Gifthütte“ in der Zeit, da die Universität noch ungeteilt war,
-tschechische Studenten mit deutschen Burschenschaftern und Corpsiers
-manches feuchte Quodlibet gelöffelt haben. Aber dann begann sich das
-Gift nationalen Hasses in die „Gifthütte“ zu verpflanzen, die deutschen
-Mediziner blieben aus und die tschechischen, die sich nun untereinander
-streiten mußten, bald auch. Dem Medizinerbeisel fehlten die Mediziner
-und bloß das Beisel war geblieben. Der Wirt veranstaltete
-Schrammelkonzerte, aber die lockten keine Katze in das Haus. Wiederholt
-kam das Gasthaus unter den Hammer und wechselte seinen Besitzer. Heute
-tanzen am Abend keine Professorentöchter mehr hier, sondern bloß die
-Dämchen, die auf der nahen Walstatt den schweren Nachtkampf ums Dasein
-führen müssen. In den neuen Kommersbüchern steht das Prager Lied nicht
-mehr. Die letzten deutschen Stammgäste scheinen die „schweren Jungens“
-aus Berlin gewesen zu sein, die von hier aus den Plan zur Befreiung
-ihres in der Irrenanstalt befindlichen Komplizen ausführen wollten und
-in der „Gifthütte“ festgenommen wurden.
-
-
-
-
- Karl May in Prag
-
-
-Der Prozeß hätte nicht kommen sollen. Zwar hat uns die moralische
-Verurteilung Karl Mays heute nicht mehr so arg getroffen, da wir ja
-jetzt seine Werke nicht mehr so heißhungrig verschlingen, aber unser
-Bedauern ist ein reflexives: Wir malen uns aus, wie uns zur Zeit, da wir
-noch in der Sekunda saßen, die Enthüllungen des Prozesses aus allen
-Himmeln gerissen hätten. Wie wären wir entsetzt gewesen, wenn wir damals
-aus den Gerichtssaalberichten ersehen hätten, daß er „Emmeh“ schnöde
-verlassen habe, „Emmeh“, sein geliebtes Weib, dem er in den Wigwams der
-Apachen und in den Zelten der Hammadil-Beduinen treu gewesen war und von
-dessen Güte und Schönheit er den Mormonen und Mohammedanern mit
-imponierender Liebe erzählte. Wie wären wir mißtrauisch geworden, wenn
-wir erfahren hätten, daß der gute Idealist „Carpio“, mit dem sich unser
-Lieblingsautor in den Wäldern des Erzgebirges harmlos und dichtend
-herumgetrieben haben wollte, niemand anderer war, als ein
-fahnenflüchtiger Soldat und Einbrecher, mit dem zusammen Karl May
-räuberische Überfälle auf Marktweiber unternommen hatte.
-
-Nein, nein, der Prozeß hätte nicht kommen sollen. Aber besser ist es,
-daß er jetzt kam, als wenn er damals stattgefunden hätte. Nicht etwa
-deshalb, weil er uns eine Illusion, eine Leidenschaft unserer Jugendzeit
-geraubt hätte. Das hätten zehn solcher Gerichtsverhandlungen nicht
-vermocht. Niemals hätten wir ihn preisgegeben. Im Gegenteil! Im
-Bannkreis unserer Gymnasiasten-Romantik hätten wir es noch
-überwältigender gefunden, wenn der Autor der Abenteuer wirklich ein
-Abenteurer gewesen wäre. Wir hätten wahrscheinlich seine damaligen
-Kämpfe gegen Gesetz und Recht als vielversprechenden Beginn zur Karriere
-des Westmannes angesehen. Und wer weiß, ob nicht ein moralisch schwacher
-Phantast unter uns hingegangen wäre und ein gleiches getan hätte.
-
-Und was hätte es für Kämpfe mit unseren Eltern gekostet, wenn die aus
-den Zeitungen erfahren hätten, daß unser Autor ein Dieb, ein korrupter
-Mensch sei! Hatten sie ihn doch ohnedies mit scheelen Blicken angesehen
-und uns seine Werke weggesperrt, wenn aus der Lehrerkonferenz ein
-Tadelzettel unfrankiert nach Hause gesandt worden war. Sie hatten gar
-wohl gewußt, daß unser mangelnder Fortschritt in der Schule vor allem
-dem Umstande zuzuschreiben sei, daß wir Tag und Nacht mit unserem ganzen
-Sinnen und Trachten den Spuren Old Shatterhands folgten, daß wir in
-sehnenden Gedanken mit ihm vom wilden Westen Nordamerikas in den wilden
-Osten Südeuropas reisten. Auf der Strecke von Bagdad nach Stambul waren
-wir besser zu Hause, als in den Gebirgsketten der Alpen, deren Kenntnis
-der Geographieprofessor von uns verlangte. In den Cordilleren, in
-Ägypten, am Rio de la Plata, im Lande des Mahdi, im wilden Kurdistan, im
-Reiche des silbernen Löwen kannten wir uns unvergleichlich
-vortrefflicher aus, als in den im Reichsrate vertretenen Königreichen
-und Ländern. Die Biographien Sam Hawkens, Old Wabbles, Old Deaths, Old
-Surehands, Old Firehands, des „blau-roten Methusalem“, Hadschi Halef
-Omars Ben Hadschi Abbas Ibn, des „roten Gentleman“ Winnetou,
-Ikwehtsi’pas, des Utah-Häuptlings Tusahga-Saritsch kannten wir viel
-detaillierter, als jene Schillers, Grillparzers, Lenaus. Mit der
-Naturgeschichte der Prairie und der Sahara waren wir vertrauter, als mit
-jener Pokornys, und die nur für den echten Araber aussprechbare und
-deshalb als nationales Erkennungszeichen angewandte „Sure des Todes“
-konnten wir fließender auswendig hersagen, als die „im Kanon der für den
-Lehrplan der II. Mittelschulklasse vorgeschriebenen Gedichte“.
-
-Das war fürwahr kein Wunder. Denn während der Unterrichtsstunden hatten
-wir einen der Fehsenfeldschen May-Bände unter der Bank aufgeschlagen,
-die Zehn Uhr-Pause opferten wir der Fortsetzung der Lektüre und der Weg
-von der Schule nach Hause wurde im Schnellschritt zurückgelegt, weil man
-daheim in dem Buche weiterlesen konnte. Allerdings mußte man dieses mit
-den Deckeln des Putzkerschen Historischen Schulatlas maskieren, um bei
-den Eltern den beruhigenden Glauben zu erwecken, daß man über ein
-Lehrbuch gebeugt sei.
-
-Praktisch wurde natürlich Karl May noch gründlicher geübt. Das
-Belvedere-Plateau war damals noch nicht planiert und zur Seite der
-Straße war ein etwa 4 Meter tiefer, breiter Straßengraben, dessen Hänge
-von ausladenden Büschen bewachsen waren. So waren wir nach unten vor den
-Blicken der Spaziergänger geschützt und konnten ungestört unseren
-Kriegsrat abhalten, wobei wir aus irgend einer alten Tabakspfeife, die
-wir mit Gras stopften, das Calumet rauchten — die Friedenspfeife. Wir
-hatten jeder unseren Prärienamen, nur „Old Shatterhand“ durfte keiner
-heißen: Das wäre Profanation, zu viel Ehre für den einen gewesen. Die
-Namen der übrigen „Scouts“ waren aber durchwegs vertreten, auch waren
-wir in Apachen und Commanchen eingeteilt. Da gab es heftige Kämpfe.
-Manchmal siegten auch die Commanchen. Das war eigentlich nicht ganz im
-Geiste unseres Autors, denn bei dem mußten immer seine Feinde
-unterliegen. Er war ja — so beschrieb er sich selbst — unbesiegbar, er
-allein hatte tausendmal Hunderte von Feinden im Schach gehalten. Daß er
-doch nicht auch mit seinem Prozeßgegner fertig zu werden vermochte!
-
-Im Oktober des Jahres 1898 war Karl May in Prag. Er führte gegen einen
-tschechischen Verleger einen Stritt, weil ihm das angebotene
-Zeilenhonorar für die tschechische Übersetzung seiner Bücher zu gering
-war. Schließlich kam ein Vergleich zustande. Wir verschlangen alles, was
-wir hierüber in der „Bohemia“ finden konnten, mit wahrem Heißhunger.
-Denn, wenn es auch mit der kritiklosen Bewunderung längst vorbei war —
-das Interesse für den Autor unserer Jugend war noch nicht erstorben. Wir
-wollten diesen einmal von Angesicht zu Angesicht sehen. Wir ließen im
-Hotel de Saxe, in dem er logierte, nachfragen, ob wir mit ihm sprechen
-dürften. Er ließ uns vor und machte geheimnisvolle Andeutungen über ein
-entsetzliches Ende, das Hadschi Halef genommen hatte, über eine
-Goldgrube, die er im Llano Estacado entdeckt habe, aber deren Ausbeutung
-sehr gefahrdrohend sei. Und dergleichen. Mir als dem Sprecher der
-Schüler, hat er zum Andenken den dritten Band „Old Shurehands“
-geschenkt, in dem sich sein Bild mit der Silberbüchse, dem Trapperhut,
-den Ledermokasins und Henrys Revolver vorfindet. Auf die erste Seite
-schrieb er einen Spruch und setzte seinen Namen darunter. Der Spruch ist
-wirklich überaus schön. Er stammt von — Goethe.
-
-
-
-
- Polizeimuseum
-
-
-Verwittert, zerfallen, von Balken gestützt, hat bis zum Vorjahr der Turm
-im Hofe des Polizeigebäudes auf die Gestalten herabgeschaut, die — ihm
-ähnlich — auf ihren Krücken allmittäglich aus dem Arresthause in den
-städtischen Schubwagen humpelten. Trotz der Stützbalken schien es, daß
-der greise Turm jeden Augenblick zusammenstürzen könne. Man wollte ihn
-daher demolieren, aber Rücksichten auf die Erhaltung dieses Denkmals
-historischer Zeiten, in denen noch ein Wall die innere Stadt umgab,
-haben die Ausführung dieser Absicht verwehrt. So mußte man den Turm
-renovieren und heute steht der alte Bau freundlich und wohnlich da.
-
-Hierher ist jetzt das von Oberkommissär Protivenski aus dem Nichts
-geschaffene Polizeimuseum übersiedelt. „Polizei-Museum.“ Das klingt wie
-ein Oxymoron. Die Musen, die neun Beschützerinnen der schönen Künste,
-haben doch mit dem Handwerkszeug der Verbrechergilde nicht das Geringste
-zu schaffen! Wohl. Aber die Tätigkeit, die im Dienste der Kultur und
-Wissenschaft erfolgreich die Spuren der Verbrecher zu ermitteln strebt,
-ist eine Kunst wie bald keine zweite. Das kann man nirgends so gut
-erfahren, wie hier im Polizeimuseum, wo man atemlos darüber staunt, mit
-welch genialem Raffinement, mit welchem Aufgebot von manueller und
-geistiger Geschicklichkeit die Welt der Verbrecher jede neue
-Errungenschaft menschlichen Schaffens ihren eigenen Zwecken dienstbar
-macht.
-
-Vor dem Eingang merkt man noch nichts davon, welche Instrumente der
-Verbrecherwelt das Polizeimuseum birgt, denn über der Tür zum ersten
-Museumsraum sind Studentensäbel und Korbschläger in so dekorativer Weise
-angeordnet, daß man vermeinen würde, in eine Studentenbude zu treten,
-wenn man nicht wüßte, daß es sich um polizeilich konfiszierte Waffen
-handle. Immerhin eine freundliche Einführung für einen Raum, der
-vorwiegend der Tätigkeit der _Einbrecher_ gewidmet ist.
-
-Hier ist Papacostas Handwerkzeug untergebracht — der langjährige Clou
-des Prager Polizeimuseums. Denn Papacosta und seine Komplizen Afendakis,
-Maceo Stein und Perikles Slalio waren die ersten internationalen
-Einbrecher, die mit „allem Komfort der Neuzeit ausgestattet“
-Geldschränke knackten und nur in Prag wurde man ihres ganzen
-Instrumentariums habhaft. Allerdings durch den Racheakt eines
-benachteiligten Mitgliedes der Bande. Vom 6. April 1894 an, an welchem
-Tage sie sich durch einen Einbruch in das an das Polizeikommissariat
-Heuwagsplatz angrenzende Etablissement Franz Valenta ihre elektrischen
-Bedarfsartikel verschafften, hatten sie ein halbes Jahr lang in kurzen
-Intervallen große Einbruchdiebstähle in Prag unternommen, ohne daß man
-eine Spur der Täter entdeckt hätte. Am 17. Dezember 1894 fand die
-Inhaberin des Bankgeschäftes Ig. S. Weiner, als sie am Morgen in das
-Geschäft kam, nicht nur zu ihrem Entsetzen Ladentüre und Kassen fast
-ganz aufgesprengt vor, sondern es waren auch unzählige Einbruchsgeräte
-auf dem Ladenpulte ausgebreitet: Die seither berühmte „Papacostasche
-Maulstange“, der große Zentralbohrer, die sinnreiche Blendlaterne,
-ein Ölfläschchen und etwa 40 Sperhaken — heute durchwegs
-Ausstellungsobjekte des Museums. Die Einbrecher hatten damals
-fluchtartig das Geschäft und auch am selben Tag Prag verlassen. Wie man
-einige Monate später vor Gericht erfuhr, hatte Stalio, der den Aufpasser
-vor der Ladentüre gemacht hatte, das Warnungssignal gegeben. Aus Rache,
-weil er sich bei der Verteilung der Beute übervorteilt glaubte.
-
-Heute sind die damals angestaunten Utensilien der Papacosta-Bande nicht
-mehr die Glanzstücke des Polizeimuseums. Diese bilden nunmehr die
-Instrumente einer anderen auswärtigen Verbrecherorganisation, die in
-Prag ein blutiges Andenken hinterlassen hat, nämlich der Bande
-Wasinskis. Mit Staunen sieht man z. B. die vier Meter lange Maulstange.
-Man hat sie bei dem pockennarbigen Riesen Adamski gefunden, der in der
-Weihnachtsnacht unmittelbar nach dem Morde festgenommen worden war. Wie
-Adamski das vier Meter lange Instrument bei sich verbergen konnte? Nun,
-der lange Hebel der aus Birmingham-Stahl gefertigten Stange ist
-zusammenlegbar und so fest ineinanderfügbar, daß drei Männer mit aller
-Gewalt sich dagegen zu stemmen vermögen, wenn die Eisenplatte der
-„einbruchssicheren“ Kassen entzweigeschnitten werden soll. Natürlich
-kann die Riesenschere erst dann eingesetzt werden, wenn die elektrische
-Handbohrmaschine „Progreß“, deren Spannung 35 Volt beträgt, ihre Wirkung
-getan hat.
-
-In allen Ehren kann neben den Internationalen aus Griechenland und
-Galizien auch ein heimischer Aussteller bestehen: Eduard Linhart, der an
-einem Wintersonntag des Jahres 1908 den Kellerplafond der Karolinentaler
-Vorschußkasse durchbrach und den Fußboden zerschnitt. Für diesen
-mißglückten Einbruchsversuch hat Linhart nicht weniger als 8 Jahre
-hinter den schwedischen Gardinen von Pankratz zuzubringen — eine harte
-Strafe, die wohl vor allem darauf zurückzuführen ist, daß die corpora
-delicti allzudeutlich von der Gefährlichkeit des Inkulpaten sprachen:
-Ein Zentralbohrer mit Schraube ohne Ende, mit Kraftübertragung durch
-Kurbeldrehung und einem Mundloch, den die „Goodel Pratt-Company“
-hergestellt hat, eine feine „Fuchsschwanz“-Säge, ein Riesenhammer und
-allerhand ähnliches.
-
-Durch elegante Form fällt das Reisenecessaire auf, in welchem die
-Kirchenräuber Kankovsky und Brünner ihre Einbruchswerkzeuge praktisch
-angeordnet hatten. Auch weniger bekannte Einbrecher haben dem Museum
-wertvolle Bereicherungen geliefert. Man sieht einen Gutaperchahandschuh,
-den ein Einbrecher angezogen hatte, um keine Fingerspuren zu
-hinterlassen und um an der elektrischen Leitung gefahrlos hantieren zu
-können. Man sieht Schlüssel mit auswechselbarem Bart, bei denen sogar
-jeder Bart auf zwei verschiedene Arten — normal und verkehrt —
-eingesteckt werden kann. Man sieht Schlüssel, deren Stiel aus lauter
-Schlüsselbärten besteht. Man sieht Hohlschlüssel für Patentschlösser.
-Man sieht abgesägte amerikanische Vorhängschlösser, sieht, wie
-Stecher-Schlösser einfach aus der Kassa herausgenommen werden, sieht
-Brustgriffe für Bohrinstrumente, sieht Pechpflaster mit den Resten der
-eingedrückten Fensterscheibe, an die sie angedrückt wurden, sieht
-Nagelstöcke zum Aufkratzen des Fensterkittes, sieht Strickleitern und
-stangenförmige hölzerne Kellerleitern mit Querleisten. Man sieht
-„Krähenaugen“, die Frucht von Paris quadrifolia, welche die Einbrecher
-den Wächterhunden vorwerfen, um diese zu vergiften. Auch eine
-photographische Darstellung des Einbruches, den die Kirchenräuber Wainar
-und Anton im Jahre 1904 in die Kapelle in Scharka unternahmen, ist hier
-ausgestellt, um zu zeigen, wie man damals mit Hilfe der Daktyloskopie
-bloß nach dem am Tatorte aufgefundenen Abdruck eines Handballens der
-Täter habhaft wurde.
-
-Die Requisiten, welche bei _Diebstählen_ in Anwendung kommen, sind
-gleichfalls in diesem Raum vorhanden. Sehr elegant ist ein Spazierstock,
-dem man es gar nicht ansieht, daß er zu einer Länge von drei Meter
-auseinandergezogen werden kann. Ein praktisches Mittel zum Stehlen von
-Gegenständen, die noch so weit vom offenen Fenster entfernt liegen
-mögen. Diese Stöcke heißen im Rotwelsch „Disputierer“, weil in den
-Gefängnissen die Häftlinge auf Latten, die sie irgendwo im Hofe
-gestohlen haben, einander die „Kassiber“, die Verständigungsbriefe
-zustecken, also mittels eines ähnlichen Instrumentes „disputieren“.
-
-Das System, auf dem die Erfindung der „Betthaken“ beruht, ist ein
-analoges. Das sind winzige Angelhaken, deren drei scharfe Zacken
-ankerförmig angeordnet sind. Diese Haken werden an einer langen Schnur
-befestigt, deren Ende der Dieb in der Hand behält. An dem Haken wird ein
-Bleistück befestigt und nun das Instrument durch ein offenes Fenster in
-einen Stall oder in eine Wohnung geschleudert. Die Zacken bohren sich
-fest in eine Pferdedecke, ein Federbett, ein Kleidungsstück oder einen
-Sack ein und dieses Objekt wird nun mit Hilfe der Schnur aus dem Fenster
-auf die Straße gezogen. Fast bei jedem Zigeuner, der von der Gendarmerie
-oder der Polizei festgenommen wird, findet man dieses Diebswerkzeug.
-
-Auf Schiffsverladeplätzen, in den Güterwaggons und in Magazinen wird der
-„Kaffeeläufer“ häufig verwendet: Ein einfaches Eisenrohr, das gut
-zugespitzt ist. Der Dieb stößt es scharf in einen mit Ware gefüllten
-Sack und der Reis, die Kaffeebohnen, das Mehl fließen aus diesem durch
-das Rohr in den Schnappsack des Diebes, ohne daß die Plombe des
-bestohlenen Sackes beschädigt würde.
-
-Zu unauffälligem Fortschaffen der Diebsbeute ist der breite
-Schmugglergürtel sehr zu empfehlen, in dessen Taschen die Beute
-gleichmäßig verteilt werden kann, und an dessen Haken kompaktere
-Gegenstände befestigt werden können. Natürlich arbeiten auch diese
-Diebe, so wie ihre Kollegen vom Einbruchsfach, mit Glacéhandschuhen, die
-zur Vermeidung von Fingerspuren dienen, mit Strickleitern u. dgl.
-
-_Bomben_ und andere Explosivkörper mannigfaltiger Art füllen in diesem
-Museumsraum zwei ganze Vitrinen. Ein respektables Exemplar ist die
-Bombe, die in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts im Flur der
-ehemaligen St. Wenzelsvorschußkasse in der Karlsgasse gefunden wurde und
-die damals fast so viel Aufsehen erregte, wie ein Jahrzehnt später die
-Enthüllungen über die Geschäftsgebarung in diesem Hause. Die Bombe
-bestand aus einer mit Pulver gefüllten Kugelflasche, die mit einem
-Gipsmantel umkleidet war. In dieser Gipshülle waren Eisennägel als
-Sprengstoffe eingeschmolzen, die ganze Bombe war mit Eisendraht und
-Fetzen umspannt.
-
-Ferner befindet sich hier eine Höllenmaschine mit einem Wecker. Die
-Höllenmaschine war mit Pulver und Halbblei gefüllt. Von furchtbarer
-Wirkung wäre im Falle der Explosion ein oben und unten verkeiltes
-Gasrohr gewesen, das mit Pulver gefüllt war, und oben ein Zündloch und
-die Zündpfanne trug.
-
-Eine Reminiszenz aus Prager Demonstrationstagen bildet der sogenannte
-„Kanonenschuß“, ein Ledersäckchen, das mit Pulver gefüllt und mit
-geleimtem Spagat zusammengebunden ist. Diese Apparate pflegen mit einem
-geradezu ungeheuren Krach zu explodieren, ohne aber besonders gefährlich
-zu sein. Zur Belehrung der Sicherheitswache sind hier Dynamitpatronen
-und Dynamitballen in Originalpackung ausgestellt. Auch gestohlene
-Militärsprengstoffe, Bomben in Tafelform, und „Frösche“, wie man sie in
-Prager bewegten Tagen den Pferden der berittenen Wachmannschaft unter
-die Füße zu werfen pflegt, fehlen in der Sammlung nicht.
-
-Das Turmgemach im zweiten Stockwerke strotzt von Waffen. Am
-unauffälligsten nehmen sich unter diesen wohl die Schießwaffen aus, die
-zum _Wilddiebstahl_ gedient haben. Wirklich kann mit diesen Gewehren
-jeder Wilderer ruhig das forschende Auge des Hegers passieren. Da ist z.
-B. ein Spazierstock einfachster Form, dem man gar nicht ansieht, daß er
-sich flugs in ein Zündnadelgewehr verwandeln läßt, dem nicht einmal der
-Kolben fehlt. Leimruten, Schlageisen für Rehe, Drahtschlingen für
-Rotwild, Strickschlingen für Hasen, Leimruten für Singvögel, Fangnetze
-für Rebhühner, die man teils in Jagdrevieren abgenommen, teils bei
-Wilddieben vorgefunden hat, befinden sich gleichfalls im Polizeimuseum.
-
-Verbotene Waffen, wie Dolche, Stilets und Stockdegen füllen eine große
-Vitrine. Die übrigen Waffen, die hier zu sehen sind, stammen teils von
-Selbstmorden her, teils sind sie Reminiszenzen aus den _Mordaffären_ der
-letzten Jahre. Von dem simpelsten Mordinstrument bis zum modernsten
-fehlt keines. Hier ist der große Pflasterstein, mit dem am Josefitage
-des Jahres 1896 Pravda und Outrata die Juwelierin Gollerstepper in deren
-Laden in der Husgasse ermordet haben. Hier ist das Beil, mit welchem
-1895 der Schuster Franz Červenka seiner Frau die Schädeldecke
-zertrümmert hat. Große Blutflecken auf drei Steinen stammen aus der
-Nacht des 2. April 1902, in welcher die Trainsoldaten Čučko,
-Octovsky und Velek auf dem Belvedere den Franzensbader Hotelier Wolf
-getötet haben, eine plastische Karte veranschaulicht den Tatort. Ein
-Tuch war das Mordinstrument, mit dem der Musikant Ježek und sein
-Freund Merta in Točna den Prager Werkelmann Janeček erwürgten.
-Eine ganze Vitrine weist die Instrumente auf, mit denen das würdige
-Ehepaar Valeš zu Krtsch das Liebespaar Takasz-Hanzely im Schlafe
-umgebracht habe: Ein Jagdgewehr, ein Strick, ein Revolver, ein Beil. Ein
-Revolver, der an der Wand hängt, war das Mordinstrument des wahnsinnigen
-Stadtbediensteten Wurm, der an dem Stadtrat Parůžek furchtbare
-Rache für seine Entlassung nahm. Auch der Browning, die modernste der
-Schießwaffen, mußte in zwei Exemplaren Aufnahme im Prager Polizeimuseum
-finden: Mit einem Browning hat Wasinski den Gefängniswärter Kaucky am
-Weihnachtsabend 1907 erschossen, mit einem Browning tötete Boček am
-Karsamstag 1908 den Detektiv Pětiletý und verletzte die Detektivs
-Lukeš, Binder und Hladík.
-
-An Bočeks Bluttat erinnert überdies die Totenmaske seines Opfers,
-eine andere ist von dem im Nusler Tal von unbekannten Einbrechern
-erschossenen Polizisten Bartoš abgenommen worden. Eine dritte
-Totenmaske ist die eines Anarchisten, der in Prag wegen Mordes
-justifiziert worden ist; in dem Gips ist die tiefe Strangulierungsfurche
-erkennbar. Die älteste Mord-Reminiszenz, die sich im Polizeimuseum
-befindet, ist ein vergilbter Steckbrief der Prager Stadthauptmannschaft
-vom 1. Mai 1828. Er ist gegen zwei Fuhrleute aus der Umgebung Prags
-gerichtet gewesen, die im Vogtlande die Familie eines Landmannes töteten
-und beraubten. Der älteste Band des „Polizeianzeigers“ — die amtliche
-Wochenschrift des Prager Sicherheitsdepartements — weist gleichfalls
-schon vergilbte Blätter auf; die Leute, deren Steckbriefe in diesem
-Buche gedruckt sind, haben wohl schon längst ihre Strafen gebüßt.
-„Königl. Preußische Polizeidirekzion in Prag.“ Diese seltsame Inschrift
-trägt eine Stampiglie, die aus der Prager Preußenzeit des Jahres 1866
-stammt.
-
-Verschiedenartig sind die Hilfsmittel der _Betrüger_. Wohl der genialste
-Schwindel, dessen Schauplatz Prag war, ist die lukrative Gründung des
-geheimen Telegraphenamtes durch Plocek und dessen Personal gewesen. Von
-Ploceks Hand stammen raffinierte Postanweisungsfälschungen. Nicht minder
-geschickt nachgeahmt sind Diplome, Totalisateur-Tickets und Dokumente,
-Stampiglien und Marken, Orden und Medaillen. Die ganze Einrichtung einer
-Münzfälscherwerkstätte und falsches Geld aller Sorten liegt zur Schau.
-An der Wand hängt ein Phantasiesäbel — der „amerikanische Oberstabsarzt
-Morocz“ hat ihn 1899 in Prag getragen, bevor er verhaftet, als der
-langgesuchte Heiratsschwindler Theophil Lawczinski erkannt und an die
-Schweiz zur Bestrafung ausgeliefert wurde. Plombierte und verschlossene
-Pakete „russischen Tees“, die Sägespähne enthalten, magnetische Ringe,
-elektrische Stühle und anderes aus dem Warenlager großindustrieller
-Quacksalber, die präparierten „Glücks“-Spiele der Bauernfänger, die
-Schmucksachen der Ringwerfer, die vor zwei Jahren in Prag reißend
-abgesetzten Kassetten der „Elektrischen Amalisations-Werke in Berlin
-SW“, welche einen Apparat zur Ersparung elektrischer Kraft enthalten
-sollten, aber in Wirklichkeit leer waren, und vielerlei ähnliches sieht
-man.
-
-Das sind die Dinge, die der Museumsturm der Polizeidirektion
-einschließt. Aus seinen spitzen Fenstern kann man in das
-anthropometrische Kabinett im Hauptgebäude hinübersehen. Dort liegt man
-der Tätigkeit ob, die zur Ausmittlung der Verbrecher und zur Verhütung
-des Verbrechens dient, dort daktyloskopiert man und signalisiert man,
-dort werden die portraits parlé und die Photographien des
-Verbrecheralbums eingeordnet. Dort rüstet man, von dort aus kämpft man
-gegen den Feind, der das Eigentum, die Ordnung und das Leben der
-Menschen bedroht. Manches, was hier geleistet wird, entbehrt nicht des
-verblüffenden Erfolges. Aber gegenüber steht hoch, trotzig und fest der
-Turm, der Rüstzeug und Waffen des Feindes birgt.
-
-
-
-
- Unter Statisten
-
-
-Meine Tätigkeit als Statist wird von der Kritik in der hartnäckigsten
-Weise ignoriert. Da ich aber nicht Willens bin, mir gefallen zu lassen,
-daß meine Zugehörigkeit zur dramatischen Kunst in Böhmen und meine
-Teilnahme an ihrem Aufschwunge von gehässigen Federn totgeschwiegen
-wird, so will ich sie selbst hier für die Ewigkeit verzeichnen. Der
-Beginn meiner Bühnenlaufbahn fällt in das vorige Jahrhundert. Wir gingen
-als Mittelschüler oft statieren. Erstens war es interessant, das
-Bühnentreiben aus nächster Nähe zu betrachten, zweitens war es ein
-einträgliches Vergnügen, da wir das Geld, das wir von den Eltern zum
-Theaterbesuch bekamen, für uns behalten konnten und drittens gab es
-immer ein großes Gaudium. Bei der Aufführung der Oper „Die
-Rosenthalerin“ hatten wir balgende Buben im Jahrmarktsgetümmel zu mimen
-und prügelten einander dabei in erfreulicher Weise, bis wir Beulen an
-den Köpfen und wunde Schienbeine hatten. In den „Hugenotten“, in denen
-wir als Priester und Ministranten auftraten, zogen wir im dritten Akt
-auf offener Bühne statt in die Kirche in das Wirtshaus.
-
-Mit der Zeit wuchs unsere Bühnenroutine und unsere Courage zu
-verschiedenen Streichen. Einer von diesen hat der Schlußwirkung eines
-Theaterstückes starken Eintrag getan. Das war bei der Uraufführung des
-Gottschallschen Bibeldramas „Rahab“ im Landestheater. Die Regie hatte
-Gustav Burchard inne, der in irgend einem reichsdeutschen Dialekte die
-Statisten zu beschimpfen pflegte, weshalb diese stets dazu bereit waren,
-ihm irgend einen Tort anzutun. Als Darsteller der übrigen Rollen waren
-Marie Immisch, Mizzi Bardi, Auguste Urfus und Emma Metz und die Herren
-John, Moissi, Stiewe und Steil tätig. Wir Statisten — Söldner waren wir
-— hatten während des Stückes nichts zu tun: Nur am Schlusse sollten wir
-im blutigen Scheine der an allen Ecken angezündeten Stadt die Mauern
-Jerichos besteigen und, unsere Schwerter und Hellebarden schwingend,
-dartun, daß jede Gegenwehr der Bürgerschaft vergeblich sei. Natürlich
-benützten wir die lange Zeit, die uns bis zum Schlusse des Dramas blieb,
-dazu, um uns in der Handhabung der Hellebarden, Schwerter und Schilde zu
-üben, bis Regisseur Burchard unseren Tournieren ein jähes Ende
-bereitete. Schimpfend befahl er uns, alle Waffen hinter einer Kulisse
-auf einem Haufen niederzulegen. Wir folgten, aber brüteten Rache. Die
-gelang uns auch. Im letzten Akte machten sich zwei von uns auf, trugen
-unbemerkt alle Lanzen und Schwerter von dannen und versteckten sie
-zwischen zwei Kisten in der Nähe des Maschinenraumes. Knapp vor unserem
-Auftreten rief uns Burchard zusammen und prägte uns ein: Wenn sich der
-Feuerschein verbreitet habe, mögen wir unsere Waffen holen, sie mächtig
-aneinanderschlagen, auf den Leitern die „Mauern“ erklimmen und oben
-unsere Waffen drohend erheben. Als aber die Bärlappsamen entzündet
-worden waren und wir unsere Waffen holen wollten, fanden wir sie nicht.
-Burchard fluchte, schimpfte, drohte, schrie, aber das half ihm nichts.
-Wir mußten wie Diebe auf die Mauern kriechen und stellten uns oben ganz
-friedlich auf. Das war der Schlußeffekt des Dramas, und die Kritik war
-am nächsten Tage einmütig in ihrem Urteil: die Bürgerschaft Jerichos
-hätte sich gegen eine derart schäbige Einnahme ihrer Stadt erfolgreich
-wehren können.
-
-In der vorigen Woche habe ich nach längerer Pause meine „statistische“
-Tätigkeit wieder aufgenommen. Ich debütierte in „Wallensteins Tod“. Auch
-Kollege Devrient wirkte mit. Wir Statisten hatten Wallensteinsche
-Soldaten zu spielen. Herr Kristoff, als Garderobier daran kenntlich, daß
-er in seinen beiden Rockaufschlägen einige hundert Stecknadeln
-eingesteckt hatte, (Sigmund Lautenburg hat einmal einen Garderobier
-cäsarisch grollend mit den Worten entlassen: „Geben Sie Ihre Nadeln
-ab!“) kommandierte, als wir in den Garderobensaal gekommen waren:
-
-„Hosen, Stiefel und Röcke ausziehen, Westen anbehalten.“
-
-Wir bekamen rot-gelb-blau gestreifte Strümpfe, gelbe Schuhe, braunrote
-Pumphosen mit blauen Bändern am Knie, ein helles Wams, einen Brustlatz
-aus Blech, einen Ledergürtel mit herabhängenden Patronen, einen Degen
-und einen grauen Schlapphut. Während wir uns ankleideten, teilte der
-kleine Herr Rosenzweig, dessen Geschlecht schon seit einem halben
-Jahrhundert die Komparseriebeistellung für das deutsche Theater besorgt,
-das Spielhonorar aus: Vierzig Heller per Person. Er selbst bekommt
-sechzig Heller, die restlichen zwanzig sind sein Gewinn. Ein Statist,
-der sich neben mir ankleidete, sagte auf Pragerisch zu mir:
-
-„Nicht wahr, das ist nicht dasselbe Stück, wo der Löwe den Wallenstein
-gespielt hat?“
-
-Ich belehrte meinen Nachbar, indem ich ihm auseinandersetzte, daß
-„Herbstmanöver“ und „Wallensteins Tod“ Kriegsdramen verschiedenen
-Charakters seien, und daß der General Wallenstein nicht den gleichen
-Chargengrad wie der Kadettoffizierstellvertreter Wallerstein bekleide.
-
-Ein anderer Statist zog, bevor er sich auskleidete, einen Gummiknüttel
-und einen Revolver aus der Tasche und legte die Waffen neben sich auf
-die Bank.
-
-„Wozu tragen Sie die Waffen mit sich?“, fragte ihn ein anderer.
-
-„Die brauche ich zu meinem Beruf,“ sagt der Befragte.
-
-„Was sind Sie denn?“
-
-„Ich bin Detektiv der Polizeidirektion,“ wirft der Mann so gleichmütig
-hin, als ob er wirklich das wäre, als was er sich ausgibt. Der
-Garderobeinspektor des Theaters, Herr Fitzek, wendet sich interessiert
-an den „Detektiv“ mit der Frage, ob es nicht einen Detektiv Fitzek in
-Prag gebe. Der angebliche Polizeiagent verneint die Frage. Er habe
-keinen Kollegen dieses Namens. Herr Fitzek erzählt daraufhin, sein Vater
-habe ihm einmal in Wien gesagt, daß er in Prag einen Onkel bei der
-Geheimpolizei habe. Der angebliche Detektiv wiederholt apodiktisch, daß
-er in den fünf Jahren, in denen er Angestellter des k. k.
-Sicherheitsbureaus sei, nie einen Fitzek kennen gelernt habe. Und dann
-beginnt er — die Statisten haben sich um den Detektiv geschart — von
-dem hervorragenden Anteil zu erzählen, den er an der Ausforschung der
-Kriminalaffären der letzten fünf Jahre hatte. Er gehe oft statieren. Im
-tschechischen Nationaltheater habe er neulich den gefährlichen Dieb
-Burian dabei festgenommen, als er aus den Garderoben Portemonnaies
-stahl. Die Statisten reißen respektvoll die Augen auf, gar als er einen
-„Rapport“ aus der Tasche zieht, in dem er angibt, daß er gestern mit dem
-Detektiv Batlička (dies ist tatsächlich der Name eines
-Geheimpolizisten) eine Streifung unternommen habe. Alles bewundert den
-Meisterdetektiv, an dem nur die Phantasie bewundernswert ist. Ich kenne
-alle Geheimpolizisten. Er ist nicht darunter.
-
-Inzwischen ist es sieben Uhr geworden und wir Statisten schleichen auf
-die Bühne. Wir hören, wie Seni-Mandé und Wallenstein-Devrient
-astrologische Weisheiten tauschen. Schließlich finden wir auch eine
-Lücke in der Dekoration, durch die wir auf die Szene schauen können.
-„Glückseliger Aspekt!“ Wallenstein hat diesen Ausruf getan und die
-Kulissenschieber nehmen ihn als Stichwort, um uns von unserem Ausguck zu
-vertreiben. Flüche, in denen sich Prager Bodenständigkeit mit gräßlichen
-Verwünschungen paart, schleudern sie mit verhaltener Stimme uns, „dem
-miserablen Komödiantengesindel“, „den verkleideten Affenpintschern“ ins
-Gesicht. Aber auch unter uns sind Männer von gewandter Rede und sie
-bleiben den „Wolkenschiebern“ und „Leinwandbaumeistern“ grobe Antwort
-nicht schuldig. Zwischen Bühnenarbeitern und Figuranten herrscht seit
-urdenklichen Zeiten Erbfeindschaft und in den ewigen Kämpfen bleiben die
-Arbeiter immer Sieger. Denn sie sind Angehörige des Theaters, die
-Komparsen nur Fremde. Und das technische Personale hat im Inspizienten
-und im Regisseur mächtige Verbündete. Die jagen uns fort. Ich habe aber
-von allen Komparseriekollegen die größte Sehnsucht, doch etwas von den
-Vorgängen auf und hinter der Szene zu erhaschen, ich schleiche mich von
-einer Kulisse zur anderen, von rechts, von der Zauberbude, in der der
-Oberbeleuchter mit Apparaten und Knöpfen hantiert, bis an die äußerste
-Linke, wo der Vorhangmeister das Steigen und Fallen des Vorhanges
-regelt, und komme mit dem Regisseur Seipp und sogar mit Heinrich
-Teweles, dann mit dem vorbeikommenden Theatersekretär Bertholdi und mit
-mehreren Schauspielern in unsanfte Berührung. Lauter gute Bekannte —
-keiner erkennt mich. Ein Schauspieler, mit dem ich in der vergangenen
-Nacht bis viertel 7 Uhr früh Kognaksorten geprobt habe, beschimpft mich,
-weil ich ihm im Wege stehe. Und eine Schauspielerin, die zwei Tage
-vorher mit einer öffentlichen Vorlesung meiner Werke Erfolg hatte,
-schiebt mich höchst unsanft beiseite. Nur Herr Reinhart, der den Buttler
-gibt und selbst nicht zu erkennen ist, hat mich erkannt:
-
-„Herr Redakteur, wie kommen Sie her?“
-
-Ich bitte ihn um Stillschweigen, er sagt es mir zu, aber ich kann die
-Folgen dieser Erkennungsszene nicht vermeiden. Ein kleiner Statist, der
-neben mir steht, hat die Anrede gehört und fragt mich:
-
-„Sie sind ein Redakteur?“
-
-„Ja.“
-
-„Da haben Sie ganz recht, daß Sie sich keinen Sitz kaufen. Was brauchen
-Sie sich zu drängen! Und schade ums Geld ist es.“ Nach einer Weile fährt
-er aber fort: „Herr Redakteur, bitte schön, wie können Sie die Szenen
-kritisieren, die Sie nicht sehen?“
-
-Da rücke ich denn mit der Wahrheit heraus: „Ich schreibe nicht über das
-Stück, ich schreibe nur über die Statisten.“
-
-„Über die Statisten? Das ist großartig. Da müssen Sie hineinschreiben,
-daß ich eine prachtvolle Stimme habe. Wenn ich disponiert bin, singe ich
-elfmal hintereinander das hohe C. Nur habe ich einen Herzfehler und kann
-mich deshalb nicht zum Sänger ausbilden. Aber als Schauspieler bin ich
-einmal aufgetreten. In Hirschberg.“
-
-„Was haben Sie da gegeben?“
-
-„Den Okelly in „Maria Stuart“. Keine leichte Rolle. Ich sollte hinter
-einem Mauerstück auftauchen und den Mortimer warnen. Meinen Text kannte
-ich glänzend. Einen Souffleur hätte ich gar nicht gebraucht. Aber ich
-habe Pech gehabt. Der Garderobier hatte mir gesagt, ich brauche mich nur
-bis zum Gürtel zu kostümieren. Aber als ich mich über das Versatzstück
-beugte und mit voller Kraft schrie: „Flieht, Mortimer, flieht,“ kippte
-das Versatzstück um und ich fiel auf die Bühne. Das Publikum lachte wie
-wahnsinnig, denn ich hatte zu dem roten Wams meine graukarrierten
-Straßenhosen an und die Hosenträger hingen herunter. Der Direktor war
-wütend. Und bei der nächsten „Maria Stuart“ mußte ich wieder im Volk
-stehen und „Rhabarber“ murmeln. Seit der Zeit bin ich nicht mehr als
-Solist aufgetreten. Der Garderobier in Hirschberg ist schuld daran. Ich
-habe wirklich sehr viel Talent. Sie müssen schreiben, daß ich sehr viel
-Talent habe.“
-
-Der kleine Statist mit dem großen Ehrgeiz weicht nicht mehr von meiner
-Seite. Schließlich werden wir beide — über Auftrag des Inspizienten —
-auf den Korridor geleitet und die Türe wird hinter uns geschlossen. Wir
-müssen durch die Katakomben, die von schwachen, mit Drahtnetzen
-umspannten Glühbirnen beleuchtet sind, wieder in die Garderobe hinab.
-
-Während des dritten Aufzuges, kurz nach der Szene mit den Pappenheimern,
-die von Chorherren dargestellt wird, läutet in unserer Garderobe die
-elektrische Glocke: Man bedarf unser. Herr Kristoff wirft noch einen
-musternden Blick auf unsere Uniformen, bessert hier und dort an unserer
-Adjustierung und jagt uns dann hinauf in den Seitenraum der Bühne. Von
-der Szene tönt uns das Wortgefecht zwischen Max Piccolomini und Max
-Devrient entgegen. Wir stehen rechts von der Bühne und stellen die
-Truppen dar, die ungeduldig die Freigabe des jungen Piccolomini
-verlangen, den sie von Wallenstein gefangen glauben. Der Inspizient,
-Herr Körner steht auf einem Sessel und hebt von Zeit zu Zeit die Hand.
-Das ist ein Signal für uns: Jetzt ist’s Zeit zu lärmen!
-
-Der einundzwanzigste Auftritt geht zu Ende, Wallenstein hat seine
-Absicht wahr gemacht:
-
- „Ich zeige mich
- Vom Altan dem Rebellenheer, und schnell
- Bezähmt, gebt acht, kehrt der empörte Sinn
- Ins alte Bette des Gehorsams wieder.“
-
-Wallenstein kommt zu uns heraus, wischt sich (dem Publikum ist er nicht
-sichtbar) den Schweiß von der geschminkten Stirn, schneuzt sich
-gleichmütig und schenkt uns, dem Rebellenheere, keine Beachtung. Ist es
-dann ein Wunder, daß auch wir ihn mißachten und auf die freundliche
-Aufforderung des Herrn Inspizienten „Vivat Ferdinandus!“ schreien?! Das
-heißt: Alle schreien diese beiden Worte nicht. Vor mir z. B. steht ein
-Tscheche, der in den allgemeinen Lärm nur mit einer freien tschechischen
-Übersetzung des Wortes „Schmarren“ einstimmt.
-
-„Um zwei Sechser werde ich doch nicht ganze Monologe aufsagen,“ bemerkt
-er zu seinem Nachbar.
-
-Nach und nach stürmen alle Statistengruppen in den Saal, der sich —
-streng laut Regiebemerkung Schillers — unter Kriegsmusik allmählich mit
-Bewaffneten zu füllen hat. Schließlich stehen wir alle im Hintergrund
-der Szene. Einzelne von uns betrachten die Dekoration, andere mustern
-die Thekla, andere starren forschend in den Zuschauerraum, der in
-gähnender Dunkelheit vor uns daliegt und aus dem sich tausend
-unsichtbare Augen auf uns heften. Wieder andere von uns suchen ihren
-Blick abzuwenden, unerkannt zu bleiben. Jeder hat andere Wünsche. Max
-Piccolomini aber schreit uns an:
-
- „Was wollt ihr? Kommt ihr, mich von hier hinweg
- Zu reißen? — O treibt mich nicht zur Verzweiflung
- Tut’s nicht! Ihr könntet es bereun.“
-
-Wir würdigen den Mann gar keiner Antwort. Er aber glaubt, daß keine
-Antwort auch eine Antwort sei, und brüllt uns zu:
-
- „Ihr habt gewählt zum eigenen Verderben,
- Wer mit mir geht, der sei bereit zu sterben.“
-
-Dann rennt er ab, wir ihm im wilden Tumulte nach, nicht zu sterben,
-sondern in unsere Garderoben. Wir haben ausgespielt und entledigen uns
-unserer Rüstungen, in denen wir von halb 7 bis 10 Uhr abends bös
-transpiriert haben und kleiden uns an. Einzeln verlassen wir die
-Garderobe. Der „Meisterdetektiv“ mißt jeden von uns mit forschendem
-Blick, daß es den Gemusterten eiskalt überläuft.
-
-Der kleine Statist schärft mir noch beim Abschied ein:
-
-„Vergessen Sie nicht hineinzuschreiben, daß ich eine prachtvolle Stimme
-habe!“
-
-
-
-
- Der Dichter der Vagabunden
-
-
-„Die Vagabunden“ von Karl von Holtei waren eines der Lieblingsbücher
-unserer Väter. Das Buch hatte Sympathien für die hungernd-fröhlichen
-Jünger der Kunst und deren Lebensweise entfacht, denen im gleichen Jahr
-Henri Murger den Namen Boheme gab, sie noch literarischer und noch
-romantischer, sie ersehnenswert und bewundernswert machte. Karl von
-Holtei war selbst ein Sprosse dieses in Frankreich von Murger geadelten
-Geschlechtes, und wohl ein echter. Das zeigt z. B. die Widmung, die auf
-der Titelseite des Vagabundenbuches steht: „Dem k. k. Hofrath und
-Polizeidirektor in Prag Anton Frhr. von Paümann.“ Die Widmung ist
-satirisch, ironisch und tendenziös. In ihr sagt der alte Holtei zu dem
-Polizeigewaltigen, mit dem ihn übrigens von Graz her ein persönliches
-Freundschaftsverhältnis verband: „Sie sind sonst immer hinter den
-Vagabunden her, d’rum müssen Sie sich’s gefallen lassen, daß hier die
-Vagabunden hinter Ihnen her sind.“ Doch konnte sich der Herr Baron
-Paümann durch diese Widmung seines Freundes auch derart angesprochen
-sehen: Du hetzest uns Vagabunden; sieh her, wie wenig wir’s verdienen,
-wie wir fühlen, wie wir denken, wie wir sind ... Es war gewiß nicht bloß
-ein Akt der Freundschaft von Holtei, wenn er einem Buch, das „Die
-Vagabunden“ hieß, den Namen eines Polizeichefs voranstellte, denn er
-hatte als Theaterdichter, Bühnenleiter, Theatersekretär, Schauspieler,
-Rezitator und — not least — als fahrender Bohemien zeitlebens genug
-von der Polizei zu leiden gehabt. Auch von der Prager.
-
-Der im Jahre 1797 in Breslau als Sohn eines Husarenrittmeisters geborene
-Karl von Holtei wuchs vater- und mutterlos auf. Seine Gymnasialstudien,
-die schon ein verzehrender Drang zum Theater beherrschte, unterbrach er,
-um Landmann werden zu können. Er zog als freiwilliger Jäger gegen
-Napoleon zu Felde, bezog dann die Universität, wurde Burschenschafter
-und während all dem verließ ihn nie die Sehnsucht Schauspieler zu
-werden. Als „Mortimer“ betritt er in seiner Heimatstadt die Bretter.
-Bald gibt es Streit, als fahrender Sänger und Deklamator zieht er ins
-Weite. Heimgekehrt vermählt er sich mit der entzückenden Louise Rogée,
-die als Schauspielerin die Breslauer bezaubert. Er wird Theatersekretär.
-Neuer Streit und Kündigung. Das junge Künstlerpaar verläßt die Heimat
-und wendet sich (man schreibt 1823) zunächst nach — Prag.
-
- „Ich erwählte mir Prag,“ schreibt Holtei in seiner
- Lebensgeschichte,[1] „und zwar deshalb, weil dies der einzige Ort
- war, von wo ich auf meine Anfrage (wegen Gastierens) keine Antwort
- empfangen ... Es war in der Abenddämmerung, als wir Prags Türme
- erblickten. Mich überkam dabei ein poetischer Schauer, und mit
- wehmütiger Begeisterung hub ich das Schenkendorfsche Lied auf
- Scharnhorsts Tod, in welchem er „die alte Stadt, wo Heil’ge von den
- Brücken sanken“ anredet, zu singen an. Wir gelangten in wahrhaft
- feierlicher Stimmung ans Tor, um durch einen verwünschten Zöllner in
- die niedrigste und ekelhafteste Prosa gezogen zu werden.“
-
-Auch ein Fremder, der diese Stadt uneingeschränkt bewunderte und liebte,
-bevor er mit dem ersten Bewohner in Berührung kam, um „in die niedrigste
-und ekelhafteste Prosa gezogen zu werden!“
-
-In Prag war damals Hans von Holbein Theaterdirektor. Wenn das Ständische
-Theater auf dem Obstmarkt unter seiner Führung auch nicht die Blüte wie
-unter Liebichs Leitung erreichte, stand es doch auf bedeutsamer Höhe,
-auf der es nur von wenigen Hoftheatern übertroffen wurde. Unter seinem
-Regime erhob sich die „böhmische Nachtigall“, Henriette Sontag, zu ihrem
-die Welt erobernden Fluge, und er war der erste, der Seydelmanns
-überragende Begabung anerkannte und wertete. Holbein empfing die
-fahrenden Thespisjünger nicht sehr wohlwollend.
-
- „Er fertigte mich kurz und entschieden ab; vom Gastspiel war keine
- Rede, umsoweniger als eben der berühmte Bassist Fischer und der
- junge Sänger Eduard Devrient aus Berlin auftreten sollten. Da saßen
- wir nun in der großen wunderbaren Stadt, ohne Freund, ohne Rat, ohne
- Hoffnung — und wußten uns nicht zu helfen. Mitten in meiner Trübsal
- fiel mir ein, daß ein Mitarbeiter und Korrespondent der „Deutschen
- Blätter“,[2] W. A. Gerle, Professor am Konservatorium, hier weile.
- Diesen freundlichen Mann sucht’ ich auf, wurde durch ihn mit dem
- jungen, lebenslustigen Marsano, dem Verfasser hübscher Lustspiele,
- und durch diesen wieder mit all den fröhlichen Gesellen bekannt, die
- sich in der sogenannten Wolfsschlucht versammelten.“
-
-Aber hatte Holtei auch keine Freunde und keine Hoffnung, so besaß er
-doch etwas, was schon damals wichtiger war, als alles andere:
-Protektion. Auf dem Paßbureau wies er sich, nachdem er kurz und
-entschieden nach Breslau zurückgewiesen werden sollte, mit zwei Briefen
-an den Oberstburggrafen von Böhmen, den Grafen Kolowrat, aus. Auf den
-Rat des Beamten gab er die Briefe in dessen Palast ab, von wo sie den
-Abwesenden nachgeschickt wurden. Nur wenige Tage des Wartens vergingen.
-Da kommt er eines Tages nach Hause und findet bei seiner Frau den —
-Theaterdirektor mit dem „Besetzungsbuche“. Frau von Holtei trat als
-Lieschen in „Alpenröslein“, sowie mit ihrem Manne, der hier wieder die
-Bühne betrat, in einigen seiner netten Singspiele auf und erntete
-allabendlich stürmischen Beifall.[3]
-
-Holtei schreibt von seinem Prager Auftreten in bemerkenswerter Weise:
-„Ohne Gastrollen von Prag abreisen hieß gewissermaßen auch alle übrigen
-deutschen Bühnen Luisen verschließen.“ Und auch als er in dem Beutel,
-der ihm als Honorar überreicht wird, statt der vermeintlichen Goldstücke
-nur Kupfermünzen findet und entdeckt, daß seine Einnahme nur 3 fl. 56
-kr. W. W. beträgt, vermag das seiner guten Laune nicht Einbuße zu tun:
-„Gleichviel! Wir hatten in Prag gespielt, die Bahn war gebrochen ...“
-
-Nun durchwandert der Unstete Europa. Nahezu drei Jahrzehnte währen die
-Irrfahrten, und die Aufzählung der äußeren Erlebnisse würde Bände
-füllen. Von besonderem Interesse ist es, wie er durch einen Besuch bei
-Madame Czegka in Leipzig, eine Gesangslehrerin von Weltruf, welche am
-Prager Konservatorium Henriette Sontag zuerst unterrichtet hat, und
-durch diplomatische Kunststücke Henriette Sontag für Berlin engagiert,
-was anderen Theaterdirektoren und deren Abgesandten nicht gelang. In
-Weimar wird Holtei mit Goethe gut Freund, und kommt besonders mit dessen
-Sohn August in ein überaus herzliches Verhältnis. Mit Saphir kommt es
-wegen dessen Krieges gegen die Sontag zum Bruch. Holtei wird
-Zeitungsredakteur, schreibt eifrig und wird als erster Polensänger auch
-für die Nachwelt lebendig. Noch heute gedenkt man des „tapferen
-Lagienko“ und tönt das Mantellied „Schier dreißig Jahre bist du alt“. Er
-heiratet zum zweitenmale (Louise ist 1825 gestorben), der alte
-Schleiermacher traut ihn mit der Schauspielerin Julie Holzbecher. Er
-spielt in seinem „Lorbeerbaum und Bettelstab“ und wird sehr berühmt. Im
-Jahre 1850 wird er seßhaft. In Graz. Sein kundiger humorvoller
-Biograph[4] meldet: „Und er kaufte sich einen Schreibtisch.“ Er
-vollendet seine Selbstbiographie „Vierzig Jahre“, die als wichtige
-Quelle deutschen Theater- und Literaturlebens von unschätzbarem Werte
-ist. Er schreibt hier seine Landstreicherromane und Kriminalgeschichten,
-von denen manches Buch wie „Christian Lammfell“ oder gar „Die
-Vagabunden“ mit Unrecht vergessen ist.
-
-Nach Prag ist Holtei wiederholt gekommen. Hatte er sich schon bei seiner
-ersten Anwesenheit manchen lieben Freund wie Gerle und Marsano erworben,
-hatte sich die wunderbare Stadt, die keinen unverzaubert aus ihrem Banne
-entläßt, tief ins Herz geprägt, so verdichteten sich diese Eindrücke zu
-einer poetischen Verherrlichung. Als dem Dichter nach dem Tode seiner
-zweiten Gattin sein Theaterdirektorposten und der Aufenthalt in Riga
-verleidet worden war, hatte Johann Hoffmann, ein Wiener Kind und
-ehemaliger Tenor in Petersburg, diesen übernommen. Dieser Hoffmann
-sollte nun im Jahre 1846 Nachfolger Stögers in Prag werden. Als er sich
-nun an Holtei um ein Eröffnungsfestspiel wandte, konnte dieser dem
-Freunde die Bitte nicht abschlagen, doch stellte er die Bedingung,
-vorher einen Besuch in Prag zu machen, „die dortigen Theaterzustände,
-die Stimmung des Publikums, den vorherrschenden Ton wieder kennen zu
-lernen ...“ Auf Hoffmanns Einladung verbrachte Holtei die
-Weihnachtsfeiertage in Prag. Fleißig ging er ins Theater und „wohnte
-auch den böhmischen Vorstellungen bei, die mich vorzüglich im Gebiete
-der Lokalposse interessierten“. Und dann ließ er den Zauber der Stadt
-auf sich wirken. „Jene Abende, wo das Schauspielhaus geschlossen blieb,
-namentlich den Weihnachts- und Silvesterabend brachte ich bis tief in
-die Nacht hinein in den hohen, Ehrfurcht gebietenden Kirchen zu, den
-katholischen Feierlichkeiten mit banger Aufmerksamkeit lauschend.“
-
-Er lernt Frau Direktor Stöger, die Witwe des „genialen Direktors
-Liebich“ kennen, dessen Persönlichkeit er feiert: „... daß die Prager
-Bühne durch ihre einzelnen Talente, wie auch durch ihr geistig
-geleitetes Zusammenwirken unter Liebichs Direktion eine der ersten, wo
-nicht die erste in Deutschland war, ist allen Kennern unserer
-Theatergeschichte bekannt, und war es auch mir.“ Und Holtei hat etwas
-vom Theater verstanden. Mit Eindrücken wohl versehen, ging er nun an
-deren Verarbeitung. Aber es kam nicht zur Aufführung. Es paßte Hoffmann
-und den Prager Maßgebenden nicht. Vielmehr wurde das neueingerichtete
-Theater am Ostermontage mit dem Festspiel „Die Weihe der Kunst“
-eröffnet; der heimische Poet Hickel hatte die Worte geliefert, der
-Konservatoriumsdirektor Kittl und Kapellmeister Skraup die Musik. Holtei
-aber hat sein wenigstens originelles Stückchen im siebenten Bande seiner
-Lebenserinnerungen abgedruckt.
-
-Die Szene bildet das Theatergebäude. Thalia will den nordischen Fremden
-— den neuen Direktor — in die Hallen seiner Bestimmung einführen. Der
-alte Guardasoni, der erste ständische Impresario des Nostitz-Theaters,
-unter dem die Oper geschmückt mit dem Namen Mozarts blühte, wird von den
-Toten zitiert und gibt im welschen Deutsch dem neuen Mann sein Geleite.
-Der Kastellan allerdings, der ihn ins Haus einführt, spricht einen
-schwerer verständlichen Dialekt. Dieser Mischmasch sollte offenbar
-Prager Deutsch vorstellen — aber es war nichts. Ebensowenig ist ihm
-einmal der Versuch geglückt, in einem Gedichte „Der Böhme in Berlin“ das
-berüchtigte „Behmisch-daitsch“ Prags festzulegen. Man urteile selbst:
-
- „Bei Prag ist große Bruck
- Ale ist prächtig!
- Steht heil’ger Nepomuk
- Auf Bruck bedächtig.
-
- Möcht’ ich Land meines sehn,
- Möcht’ ich nach Böhmen gehn.
- Böhmisch, böhmisch,
- Böhmisch ist schön.“
-
-Ebenso ist ihm in seinem Bühnenspiel die Einführung der kleinen
-böhmischen Muse völlig vorbeigelungen. Er vermochte die Muse der
-böhmischen Komödie nicht zu charakterisieren. Mit würdigen Worten
-erscheint aber Hoffmanns besondere Schätzerin Euterpe:
-
- „Und vor jedem anderen Lande
- Blieb ich diesem Lande nah
- Schlang um dich die Blütenbande
- Immerdar, Bohemia.“
-
-Unter dem Musengeleite betritt der Fremdling die Säulenhalle. Im Kreise
-des gesamten Personales wendet er sich nun mit warmen Worten ans
-Publikum, Prag möge ihm nicht Huld und Geduld versagen. Und Thalia
-erwidert:
-
- „Sie wird es nicht. Sie wird aufricht’gem Streben
- Wie immer güt’ge Anerkennung geben.
- Erblicke sie, die wunderschöne Stadt,
- Die ihres Gleichen nicht auf Erden hat,
- Erblicke sie, der du dich froh geweiht
- Und stärke dich an ihrer Herrlichkeit.“
-
- (Der Hintergrund teilt und Prags voller Anblick entfaltet sich.)
-
-Im Herbste 1853 erschien Holtei wieder in Prag und las unter großem
-Beifall im Konviktsaale seinen Shakespeare. „Aber je gütiger ich
-behandelt wurde, desto erkenntlicher muß ich sein.“ Und den Dank hat er
-abgestattet. In Gutzkows Familienblatt „Unterhaltungen am häuslichen
-Herd“[5] des Jahrgangs 1856 erschien an leitender Stelle: „Das
-Kinderspital in Prag. Sendschreiben an den Herausgeber. Graz in
-Steiermark. Juli 1856.“ Darin hat nun Holtei seinen Dank in würdigster
-Weise abgetragen, indem er für diese Anstalt in ganz Deutschland
-Stimmung zu machen versucht und uns zum andern ein treffliches Bild der
-Prager Gesellschaft vor nun fünfundfünfzig Jahren gibt. In anschaulicher
-Weise schildert er uns die Segnungen und Aufgaben des „Franz
-Joseph-Kinderspitals“, das von Dr. Kratzmann im Jahre 1842 begründet
-wurde, und dann in Dr. Löschner, dem unvergeßlichen Menschenfreunde,
-seinen nimmermüden, zu jedem Opfer bereiten Leiter gefunden hat. Schon
-vorher hat Holtei den Reinertrag seiner letzten Vorlesung am 23.
-November — Schillers Demetrius, Goethes Egmont, Shakespeares Caesar —
-dem Kinderspitale zugewiesen.
-
-Interessant sind die Bemerkungen, die der schlesische Poet über seine
-literarischen und gesellschaftlichen Beziehungen in Prag macht. Nächst
-seinem Bekannten von Graz, dem Polizeidirektor Baron Paümann, „waren es
-vor allem die Redaktoren der Zeitschrift „Bohemia“ und der unter dem
-Titel „Album“ weit verbreiteten Romanbibliothek, die deren beider
-liebevoll verhätschelter Mitarbeiter zu begrüßen Pflicht und Ehre
-hatten. Freund Klutschak saß mit seinen Kindern vor einem Tisch
-Kolatschen und Wuchteln — oh Himmel, wie priesen die Kleinen den
-heiligen Wenzel!“ Holtei war am Wenzelstage in Prag angekommen. Bald war
-er auch in eifriger literarischer Tätigkeit. „Daneben trat ich
-allwöchentlich einmal vor’s Publikum als Vorleser, war Abend für Abend
-in geselligen Kreisen, machte sogar verschiedene Ausflüge aufs Land in
-benachbarte Schlösser. Der jugendliche Album-Vater Kober ließ sich’s
-angelegen sein, mich dem Kreise der bei ihm häufig versammelten
-Schriftsteller und Journalisten näher zu bringen ...“ Mit begeisterten
-Worten rühmt er Prager Bildung und Geselligkeit. Besonders die Abende
-bei dem berühmten Arzte Dr. Pitha und seiner anmutigen Gemahlin sind ihm
-unvergeßlich. Den Gipfel seiner Begeisterung erreicht er aber bei den
-Namen: Erwein Nostitz und Schloß Mieschitz. „Welch eine Familie! Welch
-ein Hauswesen, welch ein Vorbild für Gastfreiheit im höchsten, reichsten
-Maßstabe! ... So denke ich mir den Landaufenthalt der besten, großen
-Familien in Alt-England.“ So preist er die vornehme Persönlichkeit und
-das kunstsinnige Wirken dieses kunstbegeisterten und kunstfördernden
-altböhmischen Kavaliers. (Graf Erwein Nostitz war der Großvater des
-gegenwärtigen Grafen dieses Namens.) Soviel Gastfreundschaft macht dem
-greisen Poeten, der doch auf seinen Fahrten viel gesehen und viel erlebt
-hat, die Moldaustadt unvergeßlich. „Vor dreiunddreißig Jahren hatte ich
-Prag zum ersten Male gesehen und in dieser Zwischenzeit jede Gelegenheit
-benützt, die wundersame, alte, für mich immer neue Stadt, sei’s auch nur
-als Durchreisender auf Stunden wieder zu besuchen.“ Und kommt er nicht
-selbst, so sendet er seinen Dichtergruß. Unter der langen Reihe der
-besten deutschen Namen, die die Prager Lese- und Redehalle der deutschen
-Studenten unter ihren Herolden nennen darf, fehlt auch der Holteis
-nicht. Zum Konzerte, das dieser Studentenverein im Jahre 1857 gab,
-sandte der „Alte vom Berge“, wie man diesen Nestor deutscher Poeten —
-er starb erst 1880 — später nannte, den Prolog, den Fräulein Rudloff
-sprach. Mit schönen Worten verteidigt er das gesprochene Wort, die Muse
-der Dichtung gegen die Musik. Er ruft die unsterblichen Genien der
-deutschen Sprache, denen auch dieser Verein diene, zu Bürgen und Zeugen,
-um dann den Wunsch zu sprechen:
-
- „Glückauf, glückauf! Du Stadt der Städte, Prag!
- Heil Böhmen dir, du schönes Land der Länder.
- Der Tonkunst alte Heimat willst nicht minder
- Du Heimat sein der Wissenschaft, der Dichtkunst!
- Glückauf! Heil sei mit dir und deiner Jugend.“
-
-—————
-
-[1] Vierzig Jahre. Berlin, 1844. S. 67 u. ff.
-
-[2] Deutsche Blätter für Poesie, Literatur, Kunst und Theater,
-herausgegeben von Karl Schall und Karl v. Holtei. 1. Heft. 2. Januar
-1823.
-
-[3] Teuber, Geschichte des Prager Theaters. 1888. III. — 64.
-
-[4] Karl von Holtei. Eine Biographie. II. Prämie zu Kobers Album. 1856.
-Prag und Leipzig. Der anonyme Verfasser ist Dr. O. Storch.
-
-[5] Neue Folge. I. Band. Nr. 48, S. 753 u. ff.
-
-
-
-
- Arrestgebäude
-
-
-Die Albrechtskaserne in Smichow besteht aus vier Gebäuden, von denen
-jedes auf der Hoffront mit großen Lettern eine der vier Aufschriften
-trägt: „Westkaserne“, „Südkaserne“, „Stabsgebäude“ und „Nordkaserne“.
-
-Darauf läßt es sich zurückführen, daß ein Infanterist auf die Frage,
-welches die vier Weltgegenden seien, geantwortet hat:
-
-„Nord, Süd, West und Stab.“
-
-Das Stabsgebäude, das zu dieser falschen Antwort Anlaß gab, füllt nicht
-die ganze Ostseite des Kasernenkarrees aus: An der Ecke der
-Petřinergasse und der Königsstraße steht noch ein entzückendes,
-quadratisches Häuschen: „Arrestgebäude“ ist oberhalb des Tores zu lesen.
-
-Die Fenster sind vergittert und auf den Stufen, die zum Eingang
-hinaufführen, steht oder sitzt ein Soldat mit grauen Aufschlägen,
-Tschako und Patrontasche. Der Avisoposten. Er steht da, um das Nahen des
-inspizierenden Offiziers schnell dem Gefreiten melden zu können, der
-Wachkommandant ist.
-
-In diesem Hause habe ich einige Monate lang das Zimmer gehütet. Lang,
-lang ists her und vielleicht hat sich seither vieles geändert und es ist
-nicht mehr so arg, wie es damals war. Dann hat dieses Feuilleton nur den
-Charakter einer Reminiszenz, erzählt nur Gewesenes.
-
-An dem kleinen Eckhause der Petřingasse und der Smichower
-Königsstraße gehe ich nie ohne leisen Schauer vorbei. Ich habe in einem
-meiner Bücher und in vielen Geschichten heiteres von meinen beim Militär
-verübten Streichen erzählt. Aber die Strafen habe ich immer nur mit
-kurzen Worten gestreift. Sonst wäre es schnell mit dem Humor vorbei
-gewesen. Meine „Festungstid“ war die böseste Zeit meines Lebens.
-
-Am Anfang kam ich nur zu „verschärftem Arrest“ in das vergitterte Haus.
-Das heißt: Ich „durfte“ auf dem Sandberg mit den anderen Kameraden
-exerzieren, „durfte“ an dem Unterrichte der Taktik, des Waffenwesens,
-des Militärgeschäftsstils, des Heerwesens u. dgl. teilnehmen, aber wenn
-um fünf Uhr abends die anderen nach Hause schlafen gehen konnten, dann
-mußte ich ins Arrest. Später kam ich zur strengeren Strafe, zum
-„strengen Arrest“ in das Nordost-Häuschen. Da machte ich die
-Beschäftigung der anderen nicht mit und blieb von früh bis abends und
-von abends bis früh im dunklen Loch.
-
-In meiner Uniform konnte ich die Haft nicht antreten, denn die wäre
-schnell kaput gewesen. Ich mußte von meinem Putzer dessen ärgste
-Kommißuniform entlehnen, Kleider, die er aus Schamgefühl selbst zum
-Exerzieren oder zum „Ritt“, d. i. zur Reinigung der Kompagnieräume nicht
-angezogen hätte: Breite, schlotternde Hosen, eine farblose Bluse mit
-verschiedenartig blauen Flicken und eine unsagbar große Mütze, die —
-wie verlautete — auch als Ohrenschutz, als Kochgeschirr, als
-Waschschüssel und zu anderen Manipulationen verwendet werden konnte.
-
-In diesem Aufzuge marschierte ich über den Hof, aus dem Bereiche der
-Freiwilligenschule in den Arrest. Drei Schritte hinter mir schritt der
-Tagskorporal, der mich im Arrest abzuliefern hatte.
-
-Im Wachzimmer des Arrestgebäudes mußten wir Halt machen und auf den
-Stabsführer warten, der die Profoßendienste im Regiment versieht. Der
-wurde herbeigeholt. Leibesvisitation. Das Taschentuch wird mir
-abgenommen; ebenso muß ich mich der Schuhriemen entledigen. Der, der
-Bänder an den Unterhosen hat, muß sich gefallen lassen, daß sie ihm
-abgeschnitten werden. Alle diese Maßregeln haben prophylaktischen
-Charakter: das Erhängen soll dem Häftling erschwert werden. Derjenige,
-der nicht an Selbstmord dächte, könnte durch diese Vorkehrungen leicht
-auf solche Gedanken kommen.
-
-Der Stabsführer entfernt sich, ich werde in eine Zelle geleitet und die
-zufallende Türe scheidet mich von der Welt. Das Rasseln des
-Schlüsselbundes verklingt langsam auf dem Korridor.
-
-Ein Blick und ich bin mit meinem neuen Heim vertraut. Vier kahle Mauern
-und in der Ecke eine Holzpritsche. Sonst kein überflüssiger Komfort. Die
-offenen Rolladen des unerreichbar hohen Fensters sieben das Tageslicht
-zwölffach, bevor sie es zum Arrestanten lassen. Ein gräuliches
-Halbdunkel, nicht Tag noch Nacht.
-
-Lesen kann ich nicht, denn ich habe kein Buch. Schreiben kann ich nicht,
-denn weder Feder noch Tinte, noch Bleistift, noch Papier wäre mir
-gelassen worden. Rauchen kann ich nicht, denn ich habe keine Zigaretten.
-Vom Sitzen auf der niedrigen Pritsche tun die hinaufgezogenen Füße weh,
-vom Liegen auf der harten Pritsche der Rücken. Ans Schlafen ist nicht zu
-denken. Kalt ist es auch.
-
-So muß ich mir denn ein Surrogat suchen, zu dem man keiner Utensilien
-bedarf: Ich zähle. Ich zähle bis hundert, bis tausend, bis
-vierzigtausend. Ich bin gerade bei der Ziffer 40.015 angelangt, als mir
-brennender Durst zum Bewußtsein kommt. Ich schlage auf meine Tür. Der
-Posten, der draußen mit aufgepflanztem Bajonett auf und ab geht, kommt
-herbei und fragt mich nach meinem Begehr. „Ich will trinken,“ erkläre
-ich.
-
-„Warte einen Augenblick,“ gibt mir der Infanterist zur Antwort.
-
-Er drückt auf den Knopf der elektrischen Klingel, die zum
-Wachkommandanten hinunterführt.
-
-Nach kurzer Zeit hört man schwere Schritte: Der Gefreite-Wachkommandant
-kommt die Treppe herauf, begleitet von einem Mann der Wache.
-
-„Was wollen Sie?“ fragt er mich durch die verschlossene Türe.
-
-„Ich will trinken,“ melde ich nochmals.
-
-„Treten Sie zurück,“ befiehlt er mir und schaut durch das vergitterte
-Guckloch, ob ich diesen Befehl befolgt habe.
-
-Dann öffnet er und ich kann hinaustreten. Die Mündungen dreier Gewehre
-sind auf mich gerichtet und bewegen sich in der Richtung eines jeden
-Schrittes, den ich mache. Der Wachkommandant und sein Begleiter, sowie
-der Korridorposten haben die linke Patronentasche offen, in der die
-scharfen Wachpatronen stecken. Am Ende des Ganges, am Fensterbrett steht
-ein großes Glas, wie man es gewöhnlich zum Einlegen von gedünstetem Obst
-verwendet. Aus dem Konservenglas trinken alle Arrestanten. Darunter
-steht eine Kanne, aus der ich mir eingieße. Während ich trinke, lassen
-mich die Gewehrmündungen nicht aus dem Auge.
-
-Zum zweitenmale kommt der Wachkommandant herauf, wenn es neun Uhr abends
-ist und der Hornist vor dem Kasernentore die trüben Klänge der Retraite
-bläst: dann bringt er mir die dünne Kavalettdecke, in die ich mich
-einhülle und vergeblich zu schlafen versuche.
-
-Dann bekomme ich gewöhnlich noch einen nächtlichen Besuch. Der
-Kaserninspektionsoffizier kommt inspizieren. Er schaut sich forschend um
-und schnuppert, ob in der Zelle kein Zigarettenrauch zu spüren ist. Dann
-geht auch er.
-
-Manchmal ist der Gefreite, der die Wache kommandiert, einer meiner
-Bekannten und läßt mich, wenn der Kaserninspizierende das Arrestgebäude
-verlassen hat, zu sich ins Wachzimmer hinunter. Unten brennt wenigstens
-ein Lämpchen, die graphitfarbenen Wände des Ofens sind von ärarischer
-Kohle in Glut versetzt und es sind Menschen da: die Wachsoldaten, die
-Zigaretten hergeben, wenn man ihnen für den nächsten Tag zehnfache
-Revanche verspricht. Auch die Arrestanten aus den anderen Zellen haben
-sich — wenn der Wachkommandant kein Hasenfuß ist — hier ein
-Stelldichein gegeben und spielen Karten.
-
-Hier bin ich mit Peter Worostschuk bekannt geworden, der zwar beim 73.
-Infanterieregiment in Karolinental diente, aber in den Arrest der
-Albrechtskaserne gebracht worden war, weil der sicherer ist. Nach Ablauf
-meiner Dienstzeit habe ich ihn noch zweimal getroffen: Einmal im
-Sicherheitsbureau der Polizeidirektion und bald darauf im Strafgerichte
-bei der Verhandlung, in der er wegen verursachten Meuchelmordes sieben
-Jahre schweren Kerkers erhielt. Auch Wladimir Zajiček, mit dem ich
-mich beim jeu im Arrestgebäude befreundet hatte, ist mir zweimal „im
-Zivil“ begegnet. Einmal traf ich ihn in der Strafanstalt Pankratz, ein
-zweites Mal vor drei Jahren bei den Bummelkrawallen auf dem Graben, wo
-er mich herzlich begrüßte. Seither haben sich die Verhältnisse beruhigt
-und der Beruf als „empörte Volksmenge“ nährt nicht mehr seinen Mann. Und
-vor einigen Monaten habe ich denn gelesen, daß mein Genosse Zajiček
-wieder für zehn Monate zu der ruhigen, sitzenden und beschaulichen
-Lebensweise zurückkehren wird, die ihm seit seinem seinerzeitigen Sejour
-im Smichower Arrestgebäude nichts fremdes mehr ist.
-
-
-
-
- Alt-Prager Mensurlokale
-
-
-In Prag ist es mit den Studentenmensuren wesentlich anders als auswärts.
-Inmitten des nationalen Kampfes muß selbst dem krassesten Füchslein der
-Gedanke aufdämmern, daß das Waffenspiel doch mehr als ein Spiel, daß es
-Probe und Erziehungsmittel sein soll. Und trotzdem in Prag wohl keinem
-Studenten Kodex, Komment und Couleurpolitik zum Lebensinhalt werden
-kann, weil er sich vor ernstere Aufgaben gestellt sieht, wird hier seit
-Jahrzehnten eifrig gefochten. Dabei aber erschwert der erwachende und
-bald zur Herrschaft gelangte politische Haß die Zusammenkünfte der
-deutschen Studenten. Von einem dunklen Schlupfwinkel zum anderen mußten
-sie ziehen, von einem Ausflugsort zum andern, und wenn sich jemand der
-Mühe unterzöge, nach den Mensurbüchern der Prager Korporationen eine
-Liste der Paukböden zusammenzustellen, so würde dies nicht bloß ein
-vielsagender Beitrag zur Geschichte des Farbenstudententums, sondern
-auch eine bemerkenswerte Illustration zur politischen und kommunalen
-Geschichte dieser Stadt sein.
-
-Auf der Bastei, der breiten Umwallung, die von der Karlshofer Kirche zum
-Korntor, von da zum Roßtor und weiter über das Pořitscher Tor hinaus
-bis zur Moldau führte, stand einmal das „Café Bohemia“. In der
-Hibernergasse, die freilich anders aussah, wie heute. Der Staatsbahnhof
-war dort, wo er heute ist, und stand doch nicht in der Mitte der Stadt,
-sondern an ihrer Peripherie. Um für seine Einrichtung Raum zu schaffen,
-hatte ein Stück der Basteimauern fallen müssen. Rings umher aber stand
-der Wall noch breit und hoch, und an schönen Frühlingstagen konnte man
-geputzte Bewohner Alt-Prags die Serpentine hinaufstolzieren sehen, die
-von der Hibernergasse aus auf die Bastei führte. Dort oben stand das
-„Café Bohemia“, wo man einen guten Kaffee schlürfen und altvorzeitisch
-große Kipfel dazu essen konnte, und einen endlos weiten Ausblick auf die
-Wiesen und Felder gegen die Wiener Reichsstraße, auf jenes Gebiet genoß,
-wo sich heute Žižkow und ein Teil von Weinberge breitet. Vom
-Kaffeehause aus konnte man dann auf der Steinbrücke über den Bahnhof
-hinweg längs der Florenzgasse bis zum Pořitscher Tore promenieren. Im
-ersten Stock des Cafés war ein großer Saal, der manches
-fröhlich-schlichte Kränzchen und manchen denkwürdigen Kommers sah, wie
-jenen, der im Feber 1863 den Staatsminister Schmerling in Prag begrüßte.
-
-Hier focht man am Anfang der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts
-die ersten Mensuren. Nach dem unglückseligen Ausgang des lombardischen
-Feldzuges versuchte man es in Österreich einmal statt des reaktionären
-Regimes, das sich so schlecht bewährt hatte, zaghaft mit etwas
-freiheitlicher Regierungskunst. Vielleicht wollte man die
-österreichische Bevölkerung, die durch die in Italien erlittenen
-Verluste und Mißerfolge verbittert war, einigermaßen entschädigen, indem
-man ihr mehr Bewegungsfreiheit gewährte. Die Studenten, deren
-Organisationsbestrebungen im Jahre 1849 hinter Kerkermauern begraben
-worden waren, nützten jetzt den günstigen Wind. Das im Sommer 1859 im
-Gasthause „Zum Hopfenstock“ an der Ecke der Wasser- und Hopfenstockgasse
-errichtete „Bierherzogtum Lichtenhain unter Thus I.“ war der Beginn
-fröhlicher studentischer Vereinigung; die schwarzen Seidenkappen, welche
-die „Tabularotundisten“ 1860 in ihrem Kneiplokale „Zum Kleeblatt“ (Ecke
-Teingasse und Fleischmarkt) und bald auch auf der Straße trugen, waren
-der Anbeginn des Farbentragens. Nicht lange darauf stellten sich die
-Anfänge des Mensurwesens ein. Bernhard Stall, ein junger frischer
-Westfale, der in Bonn aktiv gewesen war, wandelte die „Tabula rotunda“
-in die Verbindung „Rugia“ um, und die schlug bald mit der „Franconia“
-Partien. Kein Lied, kein Heldenbuch meldet die Namen der ersten Kämpen.
-
-Die erste Mensur, über die noch Aufzeichnungen vorhanden sind, ist
-zwischen den Mitgliedern zweier heute noch bestehenden Burschenschaften
-am 6. Juni 1861 ausgetragen worden. Zwischen einem Mitglied der
-„Carolina“, die bislang in einem anderen Basteilokale, im Café
-Schubert zwischen Roßtor und Korntor (etwa dort, wo heute die
-Čelakovskyanlagen sind), mit stumpfen Klingen und in Körben gepaukt
-hatte, und einem Aktiven der „Albia“ auf deren Bude. Die Mensurbücher
-melden hierüber: „Paukanten: Bursche Artur Liberda (Carolinae) und
-Bursche Johann Tröger (Albiae); Sekundanten Ernst Hauer (Albiae) und
-Karl Rösch (Carolinae); Unparteiischer Julius Zuleger (Franko-Arminae).
-Mensur zweiten Grades. Liberda abgeführt; zwei Nadelstiche.“
-
-Das Lokal, das der Schauplatz dieser Mensur und nachher ungezählter
-anderer war, war wohl das herrlichste und romantischeste, das man sich
-denken kann. Es war das in der Karlshofergasse stehende Lustschlößchen
-„Amerika“, dieses kleine Wunder Kilian Dienzenhoferschen Baukunst. In
-diesem Gebäude, über dessen Verwendung sich die Stadtgemeinde Prag jetzt
-den Kopf zerbrochen hat, war in den sechziger und noch in den siebziger
-Jahren eine freundliche Gastwirtschaft, und der Wirt hatte zwei
-entzückende Töchter, die ganz vortrefflich in den Rahmen des
-Lustschlößchens paßten. Hier hatte die „Albia“ ihre Bude, und hier wurde
-lange geschlagen. Man glaubte wirklich in einen Rittersaal zu festlichem
-Turnei gekommen zu sein. Und wenn’s einem der Paukanten etwas zaghaft
-zumute wurde, dann flößte ihm wohl der lächelnd ermunternde Blick der
-bunten Gestalten neuen Mut ein, die Johann Ferdinand Schors Meisterhand
-anderthalb Jahrhunderte vorher an die Wand gemalt hatte.
-
-Die technischen Korps „Frankonia“ und „Suevia“ fochten inzwischen in dem
-Brettergasthaus „Smetanka“ auf den freien Gründen zwischen Žižkow
-und Weinberge, und die „Austria“ pflegte ihre Waffengänge im einstigen
-Gasthaus Eggenberg auszutragen, das hinter dem Aujezder Tor auf einer
-Anhöhe vor dem Kinskygarten stand.
-
-Die Waffe, deren man sich bediente, war eine Prager Erfindung, die unter
-dem Namen „Prager Waffe“ — im Studentenjargon „Prager Plempe“ — an
-Deutschlands hohen Schulen als Eigentümlichkeit der Prager Studenten
-bekannt war. Sie war nicht Säbel, noch Schläger, sondern beides. Der
-alte ständische Fechtmeister in Prag, Maitre Le Gros, lehrte nämlich nur
-das Säbelfechten, und so mußte man eine Kombination des Säbels mit dem
-studentischen Schläger erfinden, und versah den Säbelgriff mit der
-geraden Schlägerklinge. Siebzehn Jahre focht man mit diesem Unikum. In
-dem alten Paukbuch des akademischen Korps „Austria“ (Seite 102 und 103)
-ist über die erste Schlägermensur in Prag folgende Aufzeichnung zu
-finden: „Anerkennungshatz des akademischen Korps „Moldavia“ (Prag) auf
-Korbschläger in den D. C.-Verband. Erste Mensuren nach dem Prager
-Paukkomment auf Korbschläger. — Mensur auf Korbschläger 15 Minuten
-gefochten am 8. Juni 1877 im Gasthause Eggenberg zwischen Herrn Phil.
-Kand. Josef Neuwirth, „Austriae“-Prag und „Saxoniae“-Wien (der jetzige
-Hofrat und Professor der technischen Hochschule in Wien) und Herrn Med.
-Stud. Rudolf Eckstein, „Moldaviae“-Prag. Als Sekundanten fungierten Jur.
-Ludwig Stümmer („Moldaviae“) und Med. Karl Renn („Austriae“), als
-Unparteiischer MUC. Alois Pessina („Austriae“) und als Paukarzt MUC.
-Karl Zoerkler („Austria“). Die Mensur endete unentschieden. Die erste
-burschenschaftliche Schlägermensur fand am 2. April 1880 in dem Gasthaus
-„Zur slawischen Linde“ in der Inselgasse (heute Smetanagasse) statt:
-Eduard Gerson von der „Alemannia“ focht sie mit dem Prager „Teutonen“
-und Wiener „Alben“ Paul von Portheim, der jung verstorben ist und dessen
-posthume Gedichtsammlung „Silentium“ Bewunderung erweckte.“
-
-Es gibt und gab wenige Gasthäuser im Weichbilde und in der Umgebung
-Prags, in denen nicht blitzende Schläger die mit Kolophoniumduft und
-Blutgeruch geschwängerte Luft sausend durchfahren hätten, in denen nicht
-schallende Eisenhiebe auf Klingen und Körbe gerasselt wären. Eine
-Zeitlang — so in der Zeit um die Kuchelbader Schlacht — gab es arge
-Persekutionen. Die Tschechen fanden Lust daran, die „Salamander“ — das
-war der damalige Ausdruck für das heutige „buršák“ — bei der Polizei
-zu vernadern, die Polizei witterte wieder in den geheimen
-Zusammenkünften der Studenten politische Konspirationen. So zogen die
-wehrhaften Mannen aus den Toren Prags „in die Wüste“ hinaus, und in den
-vergilbten Mensurbüchern stehen auswärtige Gasthausnamen zu lesen, so
-„Zum kleinen Prokop“ in Nusle, „Karl IV.“ in Wrschowitz, das „Mäuseloch“
-in Straschnitz, „Bellevue“ in Nusle, „Georg von Podiebrad“ in
-Koschiř, der Pavillon im Paradiesgarten, die „Nusler Mühle“ u. dgl.
-Aber die Polizei fand alle diese Schlupfwinkel nach und nach heraus, und
-wenn auch mancher Polizeibeamte bei der Aushebung mit verräterischem
-Wohlgefallen und verdächtiger Fachkenntnis das Pfeifen der Mensurspeere
-probierte — was half das, er mußte doch die schönen Waffen
-konfiszieren. Der Chef des Sicherheitsdepartements hat die Türen des
-Polizeimuseums mit saisierten Schlägern und Säbeln sehr geschickt
-dekoriert ...
-
-Von der Romantik des „Schipkapasses“, der als Sanatorium für Verwundete
-beliebt war und auf dem einmal eine Kuh bei einem Pistolenduell
-ritterlich verletzt wurde, und von den Schicksalen des Zimmermannschen
-Paukbodens „Vaclavbude“ hat Karl Hans Strobl in seinen Prager Romanen
-meisterliche Bilder gemalt. Es gibt gar viele einstige Prager Studenten,
-die ähnliche Erlebnisse und Reminiszenzen von anderen Prager
-Fechtlokalen aufzufrischen vermöchten. Zumindest hat jedem dieser Lokale
-die Veränderung der Stadt und ihrer Häuser eine Geschichte gegeben. Der
-Schreiber dieses hat u. a. selbst in einer längst der Assanation zum
-Opfer gefallenen Spelunke in der Zigeunergasse der alten Judenstadt
-gegen den Obmann des völkischen Lese- und Redevereins „Germania“, in
-einem noblen deutschen Hotel der Unteren Neustadt gegen einen Herrn, der
-heute im tschechisch-politischen Leben eine Rolle spielt, und gegen
-einen zionistischen Arzt — in einem verfallenen Klostertrakt gefochten.
-Ob heute noch Mensuren geschlagen werden, und wo — das möchten Sie
-gerne wissen, Herr Polizeirat!
-
-
-
-
- Prags Erwachen
-
-
-„Schon wieder ist’s Tag geworden.“ Man registriert dieses Faktum, wenn
-man die Türe schließt und auf die Straße tritt. Da drinnen spielen die
-Zigeuner den Rakoszy-Marsch zum Abschied, aber die aufpeitschenden
-Zimbaltöne dringen nur gedämpft heraus und haben in der Morgenluft ihre
-faszinierende Wirkung eingebüßt. Man knöpft sich fröstelnd den Rock zu,
-entzündet die letzte „Prinzesas“ und ist der Sonne gram, die schon
-wieder einmal über dem Wysotschaner Firmament aufgestiegen ist, bevor
-man noch zu Hause im Bette liegt. Man flucht über das teuflische
-Raffinement der Nachtlokalbesitzer, die in den sonst so verschwenderisch
-ausgestatteten Räumen keine Uhr anbringen. Man flucht auf Wein, Gesang
-und Weib. Man verflucht sich selbst.
-
-Beim „Spinka“ bleibt man stehen. Die ersten Elektrischen fahren auf,
-immer in einer Richtung von der Remise kommend, so schnell, daß man
-denken könnte, man wäre in Berlin oder sonst in einer Großstadt. Aber
-bekanntlich wird das Tempo immer langsamer und erst um Elfe abends, auf
-dem Wege zur Remise, erlangen die Waggons wieder Schnelligkeit. Vom
-oberen Wenzelsplatz kündigen große Staubwolken das Herannahen der
-Hygieia an, den stattlichen Zug Prager Straßenkehrer mit dem Zeichen
-ihrer Macht, dem Kehrbesen. Sonst ist der Platz menschenleer, auf den
-sich die Prager sonst so viel einbilden, weil er die einzige Stelle ist,
-auf der sich hie und da das Großstadtgetriebe ent- und abwickelt, und
-weil er einen Inselperron hat wie der Potsdamerplatz. Auch das
-Kandelaber-Grandcafé fehlt schon beim „Spinka“. Die Cafétiere ist Punkt
-4 Uhr mit ihrem geräderten Teehaus zur städtischen Sparkassa
-übersiedelt, wo sie den Marktweibern, den Fuhrleuten, deren
-Helfershelfern und den mächtigen Marktpolizisten einen heißen
-Morgentrunk kredenzt. Auch der Standplatz der Droschken ist verwaist.
-Nur der Polizist steht Tag und Nacht da; mißmutig wartet er mit heißem
-Sehnen auf den Missetäter oder mit noch viel heißerem auf die Ablösung.
-Höflich salutierend legt er die Hand an seinen Chanteclerhut, aber mit
-dieser Höflichkeit kontrastiert ein unterdrücktes Lächeln, das zu sagen
-scheint: „Du unverbesserlicher Flamender! Unsereiner wäre glücklich,
-schlafen zu können und muß Nächte aufbleiben, der da könnte schlafen und
-will nicht.“ Ich muß ihm doch wenigstens zeigen, daß ich nüchtern bin.
-
-„Na, was war los während der Nacht?“
-
-„Nichts, Besonderes gar nichts. Am Leonhardiplatz haben’s einen beinahe
-erstochen. Wie er heißt, weiß ich nicht, 712 war dort. Dann war eine
-Rauferei beim „Silbernen Dreier“ und dann haben wir eine „Dame“ wegen
-schlechter Buchführung verhaftet.“
-
-„Guten Morgen.“
-
-Weiter geht der einsame Weg. Aus den Nachtlokalen tönt noch Musik,
-ersterbend. Mehreremale muß Halt gemacht werden, denn alle Leute, die
-man trifft, sind Bekannte. Da begrüßt einem der alte Fiala in seinem
-alten, abgetragenen Havelock, der nächtliche Wetterprophet. Um zwei
-Kreuzer prophezeit er den Gästen das schönste Wetter, um drei Kreuzer
-gibt er es sogar schriftlich; sein Stolz ist, daß er den Zusammenstoß
-des Halleyschen Kometen mit der Erde und ihren Untergang mit derselben
-Bestimmtheit vorausgesagt hatte, wie die Sternwarte der
-Harvard-Universität. Die alte Frau da mit der alten Seidenmantille, die
-wohl auch einstens bessere Tage gesehen, spielt den Gästen in einer
-Weinstube auf der oberen Neustadt bis früh zum Tanz auf; sie hat eine
-Familie zu ernähren und weiß nicht, ob der Erlös der Nacht ausreichen
-wird, aber sie darf sich ihre Besorgnis nicht anmerken lassen und muß
-das belebende Lied von den „Honey boys“ immer wieder mit Lust und Verve
-spielen, muß immer wieder ihre Zündhölzchenkunststücke zum Besten geben
-und muß immer wieder den Pommery trinken, den ihr splendide Gäste
-widmen. Dort kommt mir mit militärischer Pünktlichkeit im Laufschritt
-ein Einjährig-Freiwilliger entgegen. Vor drei Stunden da habe ich ihn
-noch tanzend in einem vornehmen Etablissement gesehen. Aber welch eine
-Metamorphose hat er durchgemacht! Mitten in all dem Glanz und Flitter da
-hatte er blitzende Lackschuhe, elegante hellblaue Kammgarnhosen mit
-Strupfen, einen tiefdunklen Waffenrock mit hohem Kragen und strahlenden
-Silbersternen und eine Mütze — die Vorschriftswidrigkeit selber. Jetzt
-aber ist der Glanz der Sterne verblichen, der der Schuhe verblaßt, der
-Kragen zusammengeschrumpft, die Mütze die Vorschrift selber, die Uniform
-hat ihre Buntheit eingebüßt und ist grau und fad wie der Morgennebel und
-wie der Staub, der in dichten Schwaden aus dem Besen der Straßenkehrer
-emporwächst. Und der Blick des Marsjüngers, der um zwei Uhr nachts so
-stolz und sieghaft war, ist jetzt müde und neidisch, wie eben der Blick
-eines Soldaten sein kann, der nach durchjubelter Nacht zum Exerzieren
-auf den Sandberg eilt und einen Zechkumpan trifft, der jetzt ruhig
-schlafen geht. Dort kommt ein anderer Bekannter. Ein alter
-Detektivinspektor, schon lange im Ruhestande. Aber er kann nicht
-schlafen. An vierzig Jahre hat er gefahndet und inspiziert — nun kann
-er das Nachtwachen nicht mehr lassen und geht die ganze Nacht spazieren.
-Ein Gummiradler kommt vorüber. Die Direktrice der „Roten Mühle“ fährt
-nach Hause. Gleich hinter dem Gummilutscher rollt ein schweres Gefährt
-durch die Gasse: Die Kanalräumer haben ihr nächtliches Tagewerk beendet.
-
-Es ist die Stunde des Schichtwechsels. Ein Teil der Stadt geht schlafen,
-ein Teil der Stadt erwacht. Noch ist nicht Frühstückszeit und schon
-leiht die Sorge um den Mittagstisch den Gassen das Gepräge. Eine lange
-Kette von Landwagen — die Retterinnen des Kapitols sind ihre Passagiere
-—, Hundegespanne mit Gurkenladung, riesige Streifwagen mit Kohlköpfen
-und Salat, die weißen Wagen der Dampfmolkereien, Bauersleute mit
-gemüsebeladenen Schubkarren, alte Weiber mit Schwämmen, Erdbeeren und
-anderen Waldfrüchten eilen der Altstadt zu. Sie bringen dem „Bauche von
-Prag“ ihre Opfergaben. Die Weiber, die seit dem Abend unter den Lauben
-des Kohlmarktes auf dem Straßenpflaster zusammengekauert oder lang
-ausgestreckt geschlafen haben, stellen sich längs des Trottoirs hinter
-ihren Körben auf, in denen Obst und Pilze sind. Sie suchen die Ware in
-der Zeit von 4 Uhr bis 7 Uhr früh loszuwerden, da sie innerhalb dieses
-Zeitraumes noch keine Marktgebühr zu entrichten haben. Deshalb ist in
-diesen drei Stunden die Ware billiger und die armen Leute, die
-Gemüsegroßhändler und die Zwischenhändler decken schon jetzt ihren
-Bedarf.
-
-Auf dem Altstädter Ring ist um diese Zeit Markt. Rings um die
-Marienstatue scheint die Wagenburg eines Hussitenlagers errichtet zu
-sein. An hundert Gemüsewagen stehen hier mit vorgespannten Pferden und
-lassen drei Straßen frei, in denen sich das Kaufgetriebe abspielt. Es
-sind fast durchwegs Gemüsehändler, die einkaufen. Nur an der letzten
-Wagenreihe, die der Teinkirche am nächsten ist, drängen sich auch
-Frauen. Hier werden Kartoffeln feilgeboten und die Frauen des Volkes
-müssen einkaufen, bevor in den Preis die Marktgebühr einbezogen wird.
-Punkt 7 Uhr rollen die letzten Wagen davon, der Platz wird gefegt und
-die Prager, die erst jetzt erwachen und über den Ring gehen, haben
-jahraus, jahrein keine Ahnung, daß hier vor kurzem Jahrmarktstreiben
-herrschte.
-
-Um diese Zeit neigt sich auch das wogende Leben, das von 3 Uhr morgens
-ab in den Kaffeehäusern und Suppenstuben der Galligasse und der
-Rittergasse herrschte, seinem Ende zu. Hier sitzen die Damen der Halle
-im Lokale, in dessen Mitte, ganz wie im Orient, der Herd steht, und
-besprechen bei einer Tasse Kaffee, die 20 Heller kostet, und bei einer
-Buchte um 6 Heller die österreichische Agrarpolitik und ihre Einwirkung
-auf die Fleischteuerung. Vergleichsziffern aus alten, besseren Zeiten
-illustrieren diese politischen und wirtschaftlichen Enunziationen.
-Manchmal ißt man vielleicht auch eine „drštková polévka“ dazu, was
-laut Ranks Wörterbuch deutsch „Kuttelflecksuppe“ heißt. Na ja, Ranks
-Wörterbuch ist eben kein Kochbuch, und so kann darin nicht verzeichnet
-sein, welche Fülle geheimnisvoller Ingredienzien eine kommune
-Kuttelflecksuppe zu einer Prager „drštková“ stempelt. Die
-Schnapsbutiken sind voll von Leuten, die sich aus den zahllosen Fäßchen
-Arzneien gegen Mattigkeit und Nervosität kredenzen lassen. Die Gassen
-beleben sich immer mehr. Bäckerjungen, Fleischergehilfen, die auf dem
-Rade aus der Holleschowitzer Zentralschlachtbank in den Laden fahren,
-Nachtwächter, Plakatankleber und Zeitungsausträgerinnen sind die
-Passanten.
-
-Schon wird der Posten eingezogen, der während der Nacht im „Alten
-Gericht“ die Kasse des Steueramtes bewacht hatte. Wenige Minuten später
-ziehe ich die Glocke meines Hauses. Während der Hausmeister herbeikommt,
-um sein letztes Sperrsechserl einzuheimsen und dann das Haustor schon
-offen zu lassen, zieht der in Phantasieuniform gekleidete Bedienstete
-der „Wach- und Schließ-Gesellschaft“ seine Uhr und richtet sie. Er weiß:
-Wenn ich nach Hause gehe, ist’s Punkt 6 Uhr. Und da gibt es noch
-Menschen, die behaupten, ich führe keinen regelmäßigen Lebenswandel!
-
-
-
-
- In der Wärmestube
-
-
-Am Sonntag vor Weihnachten traf ich in der Kleinseitner Brückengasse den
-Detektiv Wünsch, einen der intelligentesten, aber auch der
-unglücklichsten Zivilwachleute der Polizeidirektion. Er war seinerzeit
-bei der Aufdeckung des Doppelmordes in Krtsch, als man die Leichen des
-Takacz und der Hansely im Keller ausgrub, mit einer Schaufel geritzt und
-von Leichengift infiziert worden; viele Monate hatte er zwischen Leben
-und Tod geschwebt. Und jetzt war er wieder krank. Er kam gerade aus der
-Apotheke. „Meine Lunge ist kaput,“ flüsterte er. Das Sprechen machte ihm
-Mühe. „Ich werde es nicht mehr lange machen ...“
-
-Ich versuchte ihm das auszureden. „Sie werden noch erwarten können, bis
-Sie Inspektor werden,“ meinte ich lächelnd, „Sie werden doch dem Staat
-nicht die Inspektorspension schenken!“ Detektiv Wünsch machte eine
-abwehrende Handbewegung: „Lassen wir das Thema, ich weiß das besser.“
-Dann sagte er:
-
-„Herr Kisch, dieser Tage habe ich mich so an Sie erinnert. Wissen Sie,
-wohin Sie einmal gehen sollten? In die Wärmestube. Dort könnten Sie
-Studien machen. Dort haben Sie alle unsere Kerle ...“ Mit dem Ausdruck
-„unsere Kerle“ meinte er die im Sicherheitsbureau bekannten Falloten.
-Als ich mich für das Thema zu interessieren begann, fuhr Wünsch fort:
-
-„Sie können sich bei mir umkleiden. Ich wohne in der Nähe, unter der
-Karlsbrücke, Lužickygasse 10. Dort werde ich Sie anziehen, daß Sie
-wie ein echter Verbrecher aussehen werden. Von meiner Wohnung aus
-brauchen Sie dann nur eine Minute in Ihren Fetzen zu gehen, und schon
-sind Sie in der Wärmestube.“
-
-Ich versprach bald zu kommen und schon am Neujahrssonntag klopfte ich an
-seine Tür, um die Exkursion anzutreten. Mir öffnete eine Frau.
-
-„Bitte, wohnt hier der Herr Wünsch?“ fragte ich.
-
-„Herr Wünsch wohnt schon in Wolschan draußen,“ wurde mir zur Antwort.
-Ich glaubte, falsch verstanden zu haben. Aber man bestätigte mir die
-Nachricht, die mich — schon weil sie mir so unerwartet kam — bodenlos
-schmerzlich berührte: Herr Wünsch war während der Weihnachtsfeiertage
-gestorben.
-
- * * * * *
-
-Er konnte also nicht meine Equipierung mehr besorgen, mir keine
-besonderen Tips für die Stammgäste in der Wärmestube in seiner
-Nachbarschaft geben. Aber ich beherzigte seinen Rat. In der Filiale der
-Leichenbestattungsanstalt Fuchs auf der Kampa-Insel warf ich mich in
-full dress. Nicht in die Fetzen, die ich auf meiner Floßfahrt nach
-Magdeburg, bei meinem Besuch im Asyl für Obdachlose und bei ähnlichen
-Streifzügen getragen hatte. Diesmal kam ich nicht als Arbeiter, sondern
-als obdachloser Müßiggänger, als herabgekommenes Subjekt. Ich glich in
-meinem, einst ganz elegant gewesenen, aber jetzt schon ganz
-fadenscheinigen Überzieher, meinen zerfransten Nankinghosen, meinem
-verbogenen und beschmutzten Kragen — eine Krawatte hatte ich nicht —
-ungefähr dem Baron in Maxim Gorkis „Nachtasyl“, den hier in Prag Hans
-Waßmann gespielt hat.
-
-Und nun, da ich mich des Schutzes gegen den Winter entledigt hatte,
-spürte ich, kaum daß ich auf der Straße war, was es heißt, der Gewalt
-des Frostes wehrlos preisgegeben zu sein. Von der Čertovka her, dem
-Moldauarm, der die Kampa umfließt, mischte sich schwere Feuchtigkeit in
-die eisigkalte Luft, und die dicken Schwaden, welche rings um den
-brennenden Gaslaternen sichtbar waren, erweckten den Anschein, als ob
-die frierende Luft sich an die Lichter herandränge, um sich zu wärmen.
-
-Nach kurzem, aber kaltem Wege war ich in der Wärmestube. Sie ist in
-einem niedrigen Gebäude in der Belvederegasse untergebracht, das an den
-Landesschulrat anschließt. Rechts ist der Eingang in die Abteilung für
-Frauen, links in die für Männer. Durch diesen ging ich, durchschritt
-einen kurzen Korridor und war dann vor einer Glastüre. Ich öffne und bin
-in der Wärmestube. An dreißig Menschen wenden sich ruckartig gegen den
-Ankömmling, ich fühle mich von ebensovielen Augenpaaren scharf,
-durchdringend und verdächtigend gemustert. Ich tue als ob ich das nicht
-beachte und suche mir ein Plätzchen. Das ist nicht so einfach. Das
-Zimmer ist klein, und die dreißig Menschen sitzen dicht an einander
-geschmiegt auf den Bänken, welche an den beiden Längswänden und parallel
-zu diesen in der Saalmitte, sowie an einer Breitseite aufgestellt
-stehen. Die der Tür gegenüberliegende Breitwand des Raumes ist frei;
-hier ist der Eingang in die Küche und der Schalter, an dem man zu Mittag
-eine Suppe und Brot bekommt. Schließlich schaffe ich mir doch einen
-Sitzplatz: Zwischen zwei Schlafenden ist eine Handbreit der Bank
-freigeblieben, und ich, indem ich den einen Schläfer beiseite schiebe —
-er rückt mechanisch weiter — kann mich niedersetzen. Ich sinke, Apathie
-heuchelnd, in mich zusammen, und die Blicke der Leute rutschen wieder
-von mir ab, und die Gespräche, die während meiner Installation verstummt
-waren, werden wieder fortgesetzt.
-
-Nun erst schaue ich mich um. Da sitzen sie, die wehrlosen Feinde des
-Frostes, da sitzen sie in ihrer einzigen Zufluchtstätte. Aber auch hier,
-wo sie der Gegner nicht fassen kann, legen sie ihre schwache Wehr nicht
-ab. Alle haben ihre zerschlissenen Winterröcke und ihre Hüte anbehalten,
-alle haben ihre Rockkragen aufgeschlagen, fast alle haben Tücher um ihre
-Ohren geschlungen. Der eine hat Pulswärmer an — zwei Tuchmuster oder
-Strumpfteile, die mit Spagat am Handgelenk festgebunden sind. Alle
-sitzen zusammengekauert und aneinandergeschmiegt da. Besonders dicht ist
-die Reihe in der Ecke, an dem Eisenofen. Die Zunächstsitzenden halten
-ihre Hände an den graphitartig glänzenden Ofen, als wollten sie in der
-kurzen Spanne Zeit ein möglichst großes Quantum Wärme in sich aufnehmen.
-
-Armselige Gestalten! Es ist ein grau in grau gemaltes Bild, das man hier
-im Lichte der einen Gasflamme sieht. Aber nach und nach unterscheidet
-man die Grundfarben, erkennt, daß hier zwei Gruppen menschlichen Elends
-vertreten sind: Arbeitsnot und Verbrechen. Man erkennt das aus den
-Gesprächen, man sieht es den Menschen an. Einer hat seinen Stiefel
-ausgezogen und bindet mit schmerzverzerrter Miene einen schmutzigen
-Fußlappen um seinen über und über blutigen Fuß. Ein anderer, ein junger
-Bursch, der ein rotes Tuch nicht ohne Koketterie um den Hals gebunden
-trägt, legt einen Taschenspiegel auf sein Knie und kämmt seinen ohnedies
-bewunderungswürdig tadellosen Scheitel. Ein alter Mann blättert
-verzweifelt in seinem Arbeitsbuch — er sucht wahrscheinlich, ob er bei
-seiner Stellungssuche in Prag nicht einen einstigen Dienstgeber
-vergessen hat.
-
-Alle fluchen dem Winter. Daß es heuer keinen Schnee in den Straßen zu
-schaufeln, kein Eis auf der Moldau zu hacken gibt. Die anderen — und es
-läßt sich nicht verschweigen, daß diese in der Mehrzahl sind — fluchen
-den Polizeibezirksleitern und Bezirksrichtern, die so streng sind, im
-Winter milde zu sein.
-
-„Voriges Jahr hab’ ich im Sommer in Deutschbrod drei Wochen wegen
-Bettelei bekommen, und vorige Woche hat mir der Schuft nur
-vierundzwanzig Stunden gegeben,“ schimpft einer. Ein anderer lacht
-wieder:
-
-„Mich hat vorgestern in Smichow der Kommissär gefragt, ob ich mir nicht
-Arbeit suchen wolle. Da hab’ ich gesagt, ich werde jetzt Hopfen pflücken
-gehen.“ Alle lachen. Dann wendet sich der Spaßvogel zu dem Burschen mit
-dem roten Schlips:
-
-„Wer wird denn jetzt Fahnenträger bei den Ausflügen der Sträflinge sein,
-wenn du ihnen untreu geworden bist.“ Neuerliches Halloh. Aber der
-Verspottete frisiert sich ruhig weiter:
-
-„Ich hab’s erledigt. Aber du wirst erst anfangen.“
-
-Dann wird der Strafvollzug in den einzelnen Gerichten Böhmens und
-Mährens einer vergleichenden Erörterung unterzogen. Der eine lobt sich
-seine Salonzelle in Mährisch-Budwitz, der andere schimpft auf sein
-Gerichtsquartier in einer südböhmischen Stadt. Auch das Schubwesen und
-die Behandlung in den einzelnen Schubstationen werden fachlich
-besprochen, und es gibt keinen Mißstand, der nicht auf Grund reicher
-Erfahrungen vollkommen aufgedeckt worden wäre. Man sollte die Stammgäste
-der Wärmestuben bei Enquêten in Justizangelegenheiten heranziehen. Sie
-sind ja die Hauptbeteiligten, und wären zweifelsohne die
-bestinformierten Experten.
-
-Einer, der das große Wort führt und viel von Weibern und Pferden erzählt
-— allerdings von solchen, die nicht edler Rasse sind — hat mich ins
-Auge gefaßt:
-
-„Gehst du heut’ ins Asyl?“
-
-Ich verneine. Erst am nächsten Donnerstag sei der Monat um, seitdem ich
-dort war, also könne ich erst nächste Woche wieder hingehen. Dann
-versinke ich wieder in Schweigen. Aber der Kerl gibt nicht locker.
-
-„Du bist ein Schneider, nicht wahr?“ fragt er mich.
-
-„Ich bin Handlungsgehilfe,“ ist meine Antwort.
-
-„Du handelst wohl mit alten Hadern,“ sagt er und weist auf meinen
-derangierten Anzug. Ein lautes Lachen geht los.
-
-„Nun ja, jeder kann nicht so elegant herumlaufen wie du,“ gebe ich ihm
-zurück und habe jetzt die Lacher auf meiner Seite. „Der hat dir einen
-flek (Trumpf) gegeben,“ ruft ein junger Bursch meinem Widersacher zu.
-Ich habe in Ehren bestanden.
-
-Einige holen aus ihrer Tasche ein Stück des Brotes hervor, das ihnen zu
-Mittag verabreicht worden ist und beginnen zu kauen. Von Zeit zu Zeit
-steht ein Bursche auf und langt nach der Wasserkanne, die auf einer
-Konsole steht. Dann gießt er sich Wasser in einen Blechtopf, der mit
-einer Kette an die Wand befestigt ist. Mein Nachbar, der inzwischen
-erwacht ist, trinkt den Topf viermal leer. Dann wischt er sich den Mund
-ab und sagt: „Brr, wenn ich nur heute vier Kreuzer auftreiben könnte. So
-ein Gläschen Kornschnaps könnte nichts schaden.“
-
-Der Bursch mit dem roten Scarf hat andere Gelüste. Er steckt sich eine
-halbe „Drama“ in den Mund und entfernt sich mit einem Schnalzen aus der
-Wärmestube: „Jetzt wird fein geraucht.“ Nach fünf Minuten ist er wieder
-da.
-
-Um halb 6 Uhr vergattern sich die Leute, die in das Nachtasyl schlafen
-gehen und verlassen das Lokal. Für die Zurückbleibenden gibt es nur
-einen Gesprächsstoff: das Nachtquartier. Der Eine rühmt sich, daß ihm
-seine Geliebte heute Obdach gewähren werde, der Andere weiß sich eine
-feine Scheuer in der Nähe des Baumgartens, ein Dritter erzählt von einem
-angenehm warmen Ziegelofen in Koschiř.
-
-„Du meinst die Ziegelei Kudela?“ wird er gefragt.
-
-„Das weiß ich nicht. Ich schlafe schon seit vier Jahren im Winter dort,
-aber ich weiß gar nicht wie die Ziegelei heißt.“
-
-Um sechs Uhr rasselt der kleine blonde Mann, der durch eine blaue
-Schürze, einen sauberen Anzug und ein Käppi als der Aufsichtsmann der
-Wärmestube kenntlich ist und der bislang ruhig an einer Ecke der Bank
-gesessen ist, ostentativ mit einem Schlüsselbund. Das ist die Mahnung
-zum Aufbruch. Alles steht auf, jeder geht noch zum Ofen, als ob er etwas
-Wärme als Wegzehrung mitnehmen wollte. Dann geht es hinaus. Hinter uns
-wird die Türe gesperrt. Der Schlafbursche der Ziegelei wendet sich auf
-dem Korridor an mich.
-
-„Komm’ mit mir nach Koschiř schlafen.“
-
-„Warum denn? Bist du dort allein?“
-
-„Allein! Es sind gewöhnlich vierzig dort. Größtenteils Drahtbinder.“
-
-„Also weshalb willst du, daß ich mitgehe?“
-
-„Na, der Weg ist weit, und zu zweit geht sichs besser. Komm’ mit!“
-
-„Ein andermal. Heute werde ich noch bei einem Freunde schlafen.“
-
-Dann treten wir auf die Straße hinaus. Es ist schon dunkel, und
-jauchzend umpfeift der kalte Wind die zusammengeduckten Jammergestalten,
-die sich für eine knappe Zeitspanne vor ihm versteckt gehalten hatten,
-die ihm aber nun wieder willenlos preisgegeben sind, für eine lange
-Winternacht.
-
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere
-Änderungen, teilweise unter Zuhilfenahme anderer Auflagen, sind hier
-aufgeführt (vorher/nachher):
-
- [S. 5]:
- ... steinernen Zaunzeug gemeißelten Sockel steht und ein Denkmal ...
- ... steinernen Zaumzeug gemeißelten Sockel steht und ein Denkmal ...
-
- [S. 8]:
- ... und mit gebrochenen Schenkel daliegt, wenn jemand von ...
- ... und mit gebrochenem Schenkel daliegt, wenn jemand von ...
-
- [S. 24]:
- ... mißglückter Prüfung mit mehr nach Hause zurückgekehrt ist,
- noch ...
- ... mißglückter Prüfung nicht mehr nach Hause zurückgekehrt ist,
- noch ...
-
- [S. 36]:
- ... Aber die Unbeliebtheit in den Verbrecherkreisen hätte ihn ...
- ... Aber die Unbeliebtheit in den Verbrecherkreisen hätte ihm ...
-
- [S. 80]:
- ... altertümlichen Häusern und Türmen sehen und an den Schmutz, ...
- ... altertümlichen Häusern und Türmen sehen und an dem Schmutz, ...
-
- [S. 87]:
- ... auf den Altstädter Weihnachtsmarkt noch immer bloß
- Ringelspiele ...
- ... auf dem Altstädter Weihnachtsmarkt noch immer bloß
- Ringelspiele ...
-
- [S. 87]:
- ... die „Planeten“ ziehen, Zetteln mit gedruckten Weissagungen ...
- ... die „Planeten“ ziehen, Zettel mit gedruckten Weissagungen ...
-
- [S. 88]:
- ... vorbeikommt, ihr seinen Papierball, deren Gummischnur ...
- ... vorbeikommt, ihr seinen Papierball, dessen Gummischnur ...
-
- [S. 97]:
- ... die Nummer 1 bis 90 fein säuberlich geordnet liegen. Er
- entnimmt ...
- ... die Nummern 1 bis 90 fein säuberlich geordnet liegen. Er
- entnimmt ...
-
- [S. 114]:
- ... Beobachtungstalent, ihre kritische Begabung, ihr Sinn für
- Vergleiche, ...
- ... Beobachtungstalent, ihre kritische Begabung, ihren Sinn für
- Vergleiche, ...
-
- [S. 130]:
- ... auf Pragerisch „Flaschinett“ heißt. Für jene Leser, aber die
- deshalb die ...
- ... auf Pragerisch „Flaschinett“ heißt. Für jene Leser aber, die
- deshalb die ...
-
- [S. 137]:
- ... „Auf den Windberg, auf dem steiligen, ...
- ... „Auf den Windberg, auf den steiligen, ...
-
- [S. 173]:
- ... posthume Gedichtsammlung „Silentium“ Bewunderung erweckte. ...
- ... posthume Gedichtsammlung „Silentium“ Bewunderung erweckte.“ ...
-
- [S. 179]:
- ... in ihren Fetzen zu gehen, und schon sind Sie in der
- Wärmestube.“ ...
- ... in Ihren Fetzen zu gehen, und schon sind Sie in der
- Wärmestube.“ ...
-
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Aus Prager Gassen und Nächten, by Egon Erwin Kisch
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS PRAGER GASSEN UND NÄCHTEN ***
-
-***** This file should be named 63984-0.txt or 63984-0.zip *****
-This and all associated files of various formats will be found in:
- http://www.gutenberg.org/6/3/9/8/63984/
-
-Produced by Peter Becker, Jens Sadowski, and the Online
-Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp. net.
-This file was produced from images generously made available
-by The Internet Archive.
-
-Updated editions will replace the previous one--the old editions will
-be renamed.
-
-Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
-law means that no one owns a United States copyright in these works,
-so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
-States without permission and without paying copyright
-royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
-of this license, apply to copying and distributing Project
-Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
-concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
-and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive
-specific permission. If you do not charge anything for copies of this
-eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
-for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
-performances and research. They may be modified and printed and given
-away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks
-not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the
-trademark license, especially commercial redistribution.
-
-START: FULL LICENSE
-
-THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
-PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
-
-To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
-distribution of electronic works, by using or distributing this work
-(or any other work associated in any way with the phrase "Project
-Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full
-Project Gutenberg-tm License available with this file or online at
-www.gutenberg.org/license.
-
-Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project
-Gutenberg-tm electronic works
-
-1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
-electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
-and accept all the terms of this license and intellectual property
-(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
-the terms of this agreement, you must cease using and return or
-destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your
-possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
-Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
-by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
-person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
-1.E.8.
-
-1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
-used on or associated in any way with an electronic work by people who
-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
-agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
-electronic works. See paragraph 1.E below.
-
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
-Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
-of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
-works in the collection are in the public domain in the United
-States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
-United States and you are located in the United States, we do not
-claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
-displaying or creating derivative works based on the work as long as
-all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
-that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
-free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
-works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
-Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
-comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
-same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
-you share it without charge with others.
-
-1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
-what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
-in a constant state of change. If you are outside the United States,
-check the laws of your country in addition to the terms of this
-agreement before downloading, copying, displaying, performing,
-distributing or creating derivative works based on this work or any
-other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
-representations concerning the copyright status of any work in any
-country outside the United States.
-
-1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
-
-1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
-immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
-prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
-on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
-phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
-performed, viewed, copied or distributed:
-
- This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
- most other parts of the world at no cost and with almost no
- restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
- under the terms of the Project Gutenberg License included with this
- eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
- United States, you'll have to check the laws of the country where you
- are located before using this ebook.
-
-1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
-derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
-contain a notice indicating that it is posted with permission of the
-copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
-the United States without paying any fees or charges. If you are
-redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
-Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
-either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
-obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
-trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
-additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
-will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
-posted with the permission of the copyright holder found at the
-beginning of this work.
-
-1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
-
-1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg-tm License.
-
-1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
-any word processing or hypertext form. However, if you provide access
-to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
-other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
-version posted on the official Project Gutenberg-tm web site
-(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
-to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
-of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
-Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
-full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.
-
-1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
-access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
-provided that
-
-* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
- the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
- you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
- to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
- agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
- within 60 days following each date on which you prepare (or are
- legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
- payments should be clearly marked as such and sent to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
- Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
- Literary Archive Foundation."
-
-* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
- you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
- does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
- License. You must require such a user to return or destroy all
- copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
- all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
- works.
-
-* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
- any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
- electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
- receipt of the work.
-
-* You comply with all other terms of this agreement for free
- distribution of Project Gutenberg-tm works.
-
-1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
-Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
-are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
-from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
-Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm
-trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.
-
-1.F.
-
-1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
-effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
-works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
-Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
-electronic works, and the medium on which they may be stored, may
-contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
-or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
-intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
-other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
-cannot be read by your equipment.
-
-1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
-of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
-Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
-Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
-liability to you for damages, costs and expenses, including legal
-fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
-LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
-PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
-TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
-LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
-INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
-DAMAGE.
-
-1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
-defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
-receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
-written explanation to the person you received the work from. If you
-received the work on a physical medium, you must return the medium
-with your written explanation. The person or entity that provided you
-with the defective work may elect to provide a replacement copy in
-lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
-or entity providing it to you may choose to give you a second
-opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
-the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
-without further opportunities to fix the problem.
-
-1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
-OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
-LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
-
-1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
-warranties or the exclusion or limitation of certain types of
-damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
-violates the law of the state applicable to this agreement, the
-agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
-limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
-unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
-remaining provisions.
-
-1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
-accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
-production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
-electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
-including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
-the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
-or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
-additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
-Defect you cause.
-
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org
-
-
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
-mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact
-
-For additional contact information:
-
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
-state visit www.gutenberg.org/donate
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-
-Most people start at our Web site which has the main PG search
-facility: www.gutenberg.org
-
-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
-
diff --git a/old/63984-0.zip b/old/63984-0.zip
deleted file mode 100644
index 9b36edc..0000000
--- a/old/63984-0.zip
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/63984-h.zip b/old/63984-h.zip
deleted file mode 100644
index a8d408f..0000000
--- a/old/63984-h.zip
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/63984-h/63984-h.htm b/old/63984-h/63984-h.htm
deleted file mode 100644
index 516a8f6..0000000
--- a/old/63984-h/63984-h.htm
+++ /dev/null
@@ -1,9919 +0,0 @@
-<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN"
-"http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd">
-<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" lang="de" xml:lang="de">
-<head>
-<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=utf-8" />
-<title>The Project Gutenberg eBook of Aus Prager Gassen und Nächten, by Egon Erwin Kisch</title>
- <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" />
- <!-- TITLE="Aus Prager Gassen und Nächten" -->
- <!-- AUTHOR="Egon Erwin Kisch" -->
- <!-- ILLUSTRATOR="Karl Kostia" -->
- <!-- LANGUAGE="de" -->
- <!-- PUBLISHER="A. Haase, Prag, Wien, Leipzig" -->
- <!-- DATE="1912" -->
- <!-- COVER="images/cover.jpg" -->
-
-<style type='text/css'>
-
-body { margin-left:15%; margin-right:15%; }
-
-div.frontmatter { page-break-before:always; margin:auto; }
-h1.title { text-indent:0; text-align:center; }
-.aut { text-indent:0; text-align:center; font-weight:bold; margin-bottom:1em;
- line-height:2em; }
-.aut .line1{ font-size:0.8em; }
-.ill { text-indent:0; text-align:center; margin-bottom:2em; font-size:0.8em; }
-.run { text-indent:0; text-align:center; margin-bottom:2em; font-size:0.8em; }
-.logo { margin-bottom:1em; }
-.logo img { max-width:5em; }
-.pub { text-indent:0; text-align:center; }
-.note { text-indent:0; text-align:center; margin-top:4em; font-size:0.8em;
- margin-bottom:0.5em; }
-.cop { text-indent:0; text-align:center; margin-bottom:4em; font-size:0.8em; }
-.printer { text-indent:0; text-align:center; font-size:0.8em; }
-
-div.chapter{ page-break-before:always; }
-h2 { text-indent:0; text-align:center; margin-top:2em; margin-bottom:1em; }
-
-p { margin:0; text-align:justify; text-indent:1em; }
-p.first { text-indent:0; }
-span.firstchar { float:left; font-size:3em; line-height:0.83em; }
-span.prefirstchar { display:none; }
-p.noindent { text-indent:0; }
-p.date { text-indent:0; text-align:right; margin-right:1em; margin-bottom:1em; }
-p.center { text-indent:0; text-align:center; margin:1em; font-size:0.8em; }
-hr.tb { border:0; border-top:1px solid black; margin:1em;
- margin-left:45%; width:10%; }
-p.footnote { text-indent:0; margin:1em; font-size:0.8em; }
-hr.footnote{ border:0; border-top:1px solid black; margin:1em; margin-left:0; width:20%; }
-div.end { margin-top:2em; }
-div.end img{ max-width:4em; }
-div.block { margin:1em; font-size:0.8em; }
-
-/* "emphasis"—used for spaced out text */
-em { font-style:italic; }
-
-/* antiqua—use to mark alternative font for foreign language parts if so desired */
-.antiqua { font-style:italic; }
-
-.underline { text-decoration: underline; }
-.hidden { display:none; }
-
-/* poetry */
-div.poem-container { text-align:center; }
-div.poem-container div.poem { display:inline-block; }
-div.stanza { text-align:left; text-indent:0; margin-top:1em; margin-bottom:1em;
- font-size:0.8em; }
-.stanza .verse { text-align:left; text-indent:-2em; margin-left:2em; }
-.stanza .verse3{ text-align:left; text-indent:-2em; margin-left:6em; }
-
-/* tables */
-div.table { text-align:center; }
-table { margin-left:auto; margin-right:auto; border-collapse:collapse; clear:both; }
-table td { padding-left:0em; padding-right:0em; vertical-align:top; text-align:left; }
-table.toc td { font-size:0.8em; }
-table.toc td.col_page { padding-left:1em; text-align:right; width:4em; }
-
-/* ads */
-div.ads { font-size:0.8em; margin-bottom:2em; }
-div.ads .adh { text-indent:0; text-align:center; margin-bottom:0.5em; }
-div.ads table .col1 { text-align:left; font-weight:bold; }
-div.ads table .col2 { text-align:right; padding-left:1em; }
-
-a:link { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); }
-a:visited { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); }
-a:hover { text-decoration: underline; }
-a:active { text-decoration: underline; }
-
-/* Transcriber’s note */
-.trnote { font-size:0.8em; line-height:1.2em; background-color: #ccc;
- color: #000; border: black 1px dotted; margin: 2em; padding: 1em;
- page-break-before:always; margin-top:3em; }
-span.trnote { font-size:inherit; line-height:inherit; background-color: #ccc;
- color: #000; border:0; margin:0; padding:0;
- page-break-before:avoid; margin-top:0em; }
-.trnote p { text-indent:0; margin-bottom:1em; }
-.trnote ul { margin-left: 0; padding-left: 0; }
-.trnote li { text-align: left; margin-bottom: 0.5em; margin-left: 1em; }
-.trnote ul li { list-style-type: square; }
-.trnote .transnote { text-indent:0; text-align:center; font-weight:bold; }
-
-/* page numbers */
-a[title].pagenum { position: absolute; right: 1%; }
-a[title].pagenum:after { content: attr(title); color: gray; background-color: inherit;
- letter-spacing: 0; text-indent: 0; text-align: right; font-style: normal;
- font-variant: normal; font-weight: normal; font-size: x-small;
- border: 1px solid silver; padding: 1px 4px 1px 4px;
- display: inline; }
-
-div.centerpic { text-align:center; text-indent:0; display:block; }
-
-@media handheld {
- body { margin-left:0; margin-right:0; }
- span.firstchar { float:left; }
- div.poem-container div.poem { display:block; margin-left:2em; }
- em { letter-spacing:0; margin-right:0; font-style:italic; }
- a.pagenum { display:none; }
- a.pagenum:after { display:none; }
-}
-
-</style>
-</head>
-
-<body>
-
-
-<pre>
-
-Project Gutenberg's Aus Prager Gassen und Nächten, by Egon Erwin Kisch
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Aus Prager Gassen und Nächten
-
-Author: Egon Erwin Kisch
-
-Illustrator: Karl Kostial
-
-Release Date: December 8, 2020 [EBook #63984]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS PRAGER GASSEN UND NÄCHTEN ***
-
-
-
-
-Produced by Peter Becker, Jens Sadowski, and the Online
-Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp. net.
-This file was produced from images generously made available
-by The Internet Archive.
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="frontmatter chapter">
-<div class="centerpic">
-<img src="images/cover.jpg" alt="" /></div>
-
-</div>
-
-<div class="frontmatter chapter">
-<h1 class="title">
-Aus Prager<br />
-Gassen und Nächten.
-</h1>
-
-<p class="aut">
-<span class="line1">Von</span><br />
-<span class="line2">Egon Erwin Kisch.</span>
-</p>
-
-<p class="ill">
-Umschlagszeichnung<br />
-von Karl Kostial.
-</p>
-
-<p class="run">
-.. 2. Auflage ..
-</p>
-
-<div class="centerpic logo">
-<img src="images/logo.jpg" alt="" /></div>
-
-<p class="pub">
-1912.<br />
-Verlag von A. Haase, Prag,<br />
-Wien, Leipzig.
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="frontmatter chapter">
-<p class="note">
-Die in diesem Buche enthaltenen Skizzen<br />
-wurden größtenteils 1910 und 1911 geschrieben.
-</p>
-
-<p class="cop">
-Übersetzungsrecht vorbehalten.
-</p>
-
- <div class="ads">
-<p class="adh">
-Vom Autor erschien ferner:
-</p>
-
- <div class="table">
-<table class="ads" summary="Table-1">
-<tbody>
- <tr>
- <td class="col1">Vom Blütenzweig der Jugend</td>
- <td class="col2">Leipzig 1902.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Der freche Franz und andere Geschichten</td>
- <td class="col2">Berlin 1906.</td>
- </tr>
-</tbody>
-</table>
- </div>
- </div>
-<p class="printer">
-K. u. k. Hofbuchdrucker A. Haase, Prag.
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="toc blank" id="part-1" title="Inhalt">
-</h2>
-
-</div>
-
-<div class="table">
-<table class="toc" summary="TOC">
-<tbody>
- <tr>
- <td class="col1">Der Clamsche Garten</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-1">1</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Die Gemeindetruhe</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-6">6</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Verzehrungssteuer</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-10">10</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Floßfahrt</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-14">14</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Gäste der Polizei</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-23">23</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Café Kandelaber</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-27">27</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Geschichten vom Brückenkreuzer</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-31">31</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Der Chef der Prager Detektivs</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-35">35</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Der Mann mit der Straßenspritze</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-39">39</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Eine Nacht im Asyl für Obdachlose</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-43">43</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Das Lied vom Kanonier Jaburek</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-52">52</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Die Erlaubnis zum Fußballspiel</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-56">56</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Bei „Antouschek“, dem Wasenmeister</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-59">59</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Razzia</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-65">65</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Die Zwangsarbeitsanstalt auf dem Hradschin</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-71">71</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Theatervorstellung der Korrigenden</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-75">75</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Das Märchen vom Mistwagen</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-80">80</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Weihnachtsmarkt</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-84">84</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Wie ich aus dem Rathause hinausgeworfen wurde</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-89">89</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Prager Ziehung</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-93">93</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Die Irren</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-101">101</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Volksküchen</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-106">106</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Ein tadelnder Ballbericht</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-111">111</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Von Feilbietungen, Auktionshallen und vom Chabrus</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-115">115</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Die Verhaftung</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-125">125</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Drehorgelspieler</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-130">130</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Die Gifthütte</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-136">136</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Karl May in Prag</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-141">141</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Polizeimuseum</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-144">144</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Unter Statisten</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-151">151</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Der Dichter der Vagabunden</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-158">158</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Arrestgebäude</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-166">166</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Alt-Prager Mensurlokale</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-170">170</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Prags Erwachen</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-175">175</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">In der Wärmestube</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-179">179</a></td>
- </tr>
-</tbody>
-</table>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="part-2">
-<a id="page-1" class="pagenum" title="1"></a>
-Der Clamsche Garten
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">estend</span> von Prag. Endstation der Elektrischen, die Smichow
-und Koschiř durchquert.
-</p>
-
-<p>
-Über dem Gittertor steht die Aufschrift „Klamovka“ mit so
-großen Goldbuchstaben, daß jeder erkennen müßte, die hohe,
-von blütenschweren Bäumen überdachte Mauer umschließe keine
-öffentlichen Anlagen, keinen Privatpark. Es ist offenbar ein
-Wirtshausschild, das dringlich zum Eingange lädt. Aber das
-Tor ist versperrt, und keine Klingel ist vorhanden, die einen
-öffnenden Pförtner herbeizurufen vermöchte. Und selbst wenn
-man in der abzweigenden Weißbergstraße das offenstehende
-Seitentürchen entdecken, durch dieses eintreten und die Stiegen
-zum Garten hinaufschreiten würde, so müßte man umkehren,
-denn ein Zettel verwehrt strenge dem Fremden den Eintritt.
-Der abweisende Inhalt des kleinen Zettels auf dem Seitentor
-kontrastiert mit der einladenden Aufschrift der großen Tafel auf
-dem Haupttor. Sodaß man doch in Zweifel gerät, ob hier ein
-Wirtshausgarten oder ein Herrschaftspark sei.
-</p>
-
-<p>
-Beides oder keines von beiden. Früher haben Grafen
-und Gräfinnen hier im Clamschen Garten auf schattigen Kieswegen
-lustwandelt. Aber später wurde der gräfliche Park an
-einen bürgerlichen Gastwirt verkauft, und der baute in der Mitte
-des Gartens ein Gasthaus mit einem Tanzsaal.
-</p>
-
-<p>
-Nun aber wird hier auch nicht mehr getanzt. Seit heuer.
-Noch im vorigen Jahr war die „Klamovka“ am Sonntag nachmittag
-ein Wallfahrtsort der Dienstmädchen, der Burschen und
-Mädchen aus dem Volke, und oben im Saale wurden bis spät
-in den Abend Quadrillen und Walzer getanzt, besonders schlürfend
-der Sechsschrittwalzer, der im Volksmund „Na šest“ heißt, dessen
-charakteristisches Merkzeichen die langgezogenen, langsamen
-Schritte bei der Linksdrehung sind, und bei dem man in erheuchelter
-oder echter Verzückung die Augen zu schließen hat.
-In den Pausen aber gingen die Liebespaare, sich umschlungen
-haltend, hinunter in den Garten, in dem die hohen Christusakazien,
-die duftenden Syringensträucher, die schattigen Kastanienbäume,
-<a id="page-2" class="pagenum" title="2"></a>
-die silberglänzenden Rotbuchen, die dichten Ahornsträucher
-und die verzweigten Hagedornbüsche in Blüte standen.
-Wenn auch die Blütenpracht von den Liebespaaren wohl kaum
-eines Blickes gewürdigt worden ist — der Einfluß des Milieus
-muß doch im Unterbewußtsein seinen Nachhall geweckt haben,
-dem Frühling der Herzen muß es doch inmitten des Frühlings der
-Natur am wohlsten gewesen sein. Sonst wären die jungen Leute
-doch in nähere Sonntagstanzlokale gezogen, wie in das Weinberger
-Bräuhaus, in das Gasthaus „Na Slovanech“ auf dem
-Karlsplatz, wo der Wirtsgarten nur aus paar verkrüppelten
-Bäumen besteht. Doch dort war’s nie so voll wie in der
-„Klamovka“.
-</p>
-
-<p>
-Zwölf Jahre tanzte man hier. Am Anfang schien es, als
-wolle sich das entlegene Tanzlokal nicht einbürgern, und der
-alte Hlavaček, der für den Ankauf des Gartens und für die
-Aufführung des Wirtshausbaues sein Vermögen verwendet hatte,
-schoß sich aus Verzweiflung eine Revolverkugel ins Herz.
-Sein Sohn aber hatte mehr Glück und allsonntäglich war es
-voll im Clamschen Garten.
-</p>
-
-<p>
-Vor zwei Jahren aber haben die Barmherzigen Brüder
-den herrlichen Garten gekauft, um in ihrem menschenfreundlichen
-Wirken keine Stockung eintreten zu lassen, falls ihr jetziges
-Spitalsgebäude in der Josefstadt als Opfer der Assanierung fallen
-würde. Von heuer ab bleibt das Gasthaus unvermietet und
-das Gartentor steht geschlossen. So werden die Nachfolger der
-Liebespaare, die sich hier im Garten ihrer Jugend freuten, die
-bleichen Kranken sein, die humpelnd oder in Rollwägelchen
-wehmütig den Glanz der Blumen betrachten und den Duft der
-Blüten atmen werden. Es kann sein, daß vielleicht einmal ein
-alter Patient oder ein krankes Mütterchen, den Garten betretend,
-schwermütig lächeln werden, weil sie in diesem Garten, der nun
-ihr Krankenasyl sein soll, in der schönsten Zeit ihres Lebens
-viel geweilt haben und seither nicht mehr. So wird ihnen
-doppelt wehe ums Herz sein. Aber das Gefühl wird kein bedauerndes
-sein. Denn auf der „Klamovka“ ging es nicht ausschweifend
-zu, wie z. B. in einer unmittelbar benachbarten
-Gartenwirtschaft, welche heuer als Erbe der „Klamovka“ die
-Koschiřer Jugend übernommen hat und auf deren Usancen ein
-Mordprozeß des vergangenen Jahres ein böses Licht warf. Auf
-<a id="page-3" class="pagenum" title="3"></a>
-der „Klamovka“ gab es nie eine „parta“, wie die Platten im
-Prager Vorstadtjargon heißen. Hier hatte fast jedes Mädchen
-bloß einen ständigen Tänzer, den Liebhaber. Wenn der gewechselt
-wurde, gab es stumme Katastrophen.
-</p>
-
-<p>
-So hat beispielsweise einmal ein Artillerie-Freiwilliger hier
-Unheil angerichtet. Der hatte richtig kalkuliert, daß seine schmucke
-Uniform ihm hier ein siegendes Liebesglück verschaffen müsse,
-und war in den Clamschen Garten gefahren. Sein Eintritt in
-den Saal war eine Sensation. Hierher, wo schon die Uniform
-eines Infanterie-Pferdewärters auf die unbefangenen Mädchenherzen
-elektrisierend einwirkte, kam ein Einjährig-Freiwilliger
-mit tadellosem Scheitel, blanken Lackkanonen, silbernen Salonsporen,
-hellblauen Kammgarnhosen, dunkelbraunem Waffenrock
-mit dem verschnürten Schützenzeichen und einem vorschriftswidrigen
-Flitterstern auf dem feuerroten Kragen! Er kam in
-den Saal und musterte die Paare kritischen Blickes. Dann
-wählte er sich ein Mädel zum Tanz, ein Mädel, dem die Stammgäste
-prophezeiten, daß es gar bald von der blonden Jarmila
-den von allen angestrebten Titel „Hvězda Klamovky“, des
-Sterns des Clamschen Gartens, erben werde. Er tanzte, tanzte
-wieder, und der junge Monteur, der bis zur Stunde der Liebhaber
-der Kleinen gewesen war, der tanzte nicht. Der saß in
-dem Saalteile, der durch Säulen vom Tanzsaale geschieden und
-für die Biertische reserviert war. Als es 8 Uhr und gerade eine
-Tanzpause war, ging er zu dem Mädel, das mit dem goldstrotzenden
-Galan promenierte.
-</p>
-
-<p>
-„Komm’ nach Hause, Božena.“
-</p>
-
-<p>
-„Ich will nicht.“
-</p>
-
-<p>
-„Ich muß doch um 9 Uhr im Elektrizitätswerk sein. Sonst
-wirft man mich hinaus.“
-</p>
-
-<p>
-„Dann wird man dich eben hinauswerfen.“
-</p>
-
-<p>
-„Du weißt doch, daß mein Vater beim Bürgermeister war,
-damit ich die Stelle bekomme.“
-</p>
-
-<p>
-„Ich halte dich nicht. Du kannst ja gehen.“
-</p>
-
-<p>
-Den letzten Satz sprach sie schon davontanzend, denn die
-Musik hatte das tschechische Volkslied begonnen, das an zwei
-blaue Augen die Frage richtet, warum sie voll Tränen seien. Der
-Monteur empfindet das Schmerzliche des letzten Satzes doppelt
-schmerzlich, weil es im Arme des anderen gesagt worden ist.
-<a id="page-4" class="pagenum" title="4"></a>
-Er fühlt, daß das Mädel, indem sie ihn abwies, dem anderen
-eine Liebeserklärung gemacht hat. Fühlt, daß sich jetzt die zwei
-fester aneinander schmiegen und vielleicht über ihn, den heimgeschickten
-Dritten lächeln. Der Bursch geht zu seinem Platz
-zurück und ist blaß.
-</p>
-
-<p>
-Allein fortgehen kann er nicht, trotzdem die Božena das
-behauptet hat. Sonst geht das Mädel mit dem Kanonier nach
-Hause, und dann lächeln die zwei nicht mehr, sondern sie lachen.
-Noch mehr Leute, die Stammgäste der „Klamovka“ würden alle
-lachen über „křen“, den Wurzen, der ein Mädel zum Tanz führt,
-damit dieses mit einem anderen nach Hause gehen könne. So
-bleibt der junge Monteur sitzen bis 9 Uhr (die Stunde, zu der
-er bei der Kontrolluhr im Elektrizitätswerk sein soll) längst vorbei
-ist. Er sitzt blaß beim Bier und möchte sichs nicht anmerken
-lassen, wie sehr ihm die Musik in das Herz schneidet, die seinem
-Mädel zum Tanz mit einem anderen aufspielt. So wiederholt
-er sich die Worte, die ihm ein Freund im Vorbeigehen tröstend
-zugerufen: „Was liegt an einem Mädel!“ Spät abend geht
-er mit der Božka nach Hause. Er weiß gar wohl, daß sie sich
-für morgen ein Stelldichein mit dem Freiwilligen verabredet hat,
-er weiß gar wohl, daß jetzt alles aus ist. Er hat aber wenigstens
-die Blamage verhütet, er begleitet wenigstens das Mädel nach
-Hause, mit dem er gekommen war. Mag es ihn immerhin seine
-Stellung gekostet haben!
-</p>
-
-<p>
-Es war zum letztenmale, daß er mit Božka heimging. Es
-war zum letztenmale, daß er auf der „Klamovka“ getanzt hat.
-Auch wenn das breite Gittertor nicht verschlossen wäre, würde
-er nicht mehr hingehen. Er verkehrt jetzt in anderen Lokalen.
-Fast täglich mit einem anderen Mädel. Und wenn jetzt jemand
-seine Begleiterin verlangend mustert, dann muntert er sie noch
-auf, den Blick zu erwidern. Er hat auch gar nichts dagegen,
-wenn sie jetzt mit jemandem den ganzen Abend tanzt, ja selbst
-wenn sie dann mit dem anderen nach Hause geht. Er fürchtet
-nicht mehr, als „křen“ zu gelten. Er will nur Geld haben. „Was
-liegt an einem Mädel!“ Das Wort, mit dem er sich damals zu
-trösten versuchte, ist seine Lebensmaxime geworden ...
-</p>
-
-<p>
-Eine Pointe hat die Geschichte nicht. Es sei denn, man
-wollte es vielleicht als Pointe ansehen, daß an manchen Abenden
-auch die Božka (die ginge übrigens heute auch nicht mehr auf
-<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a>
-die „Klamovka“) zu seiner Klientel zählt. Der Artillerie-Freiwillige
-tanzt aber schon lange nicht mehr mit ihr.
-</p>
-
-<p>
-Das war so einer von den kleinen Romanen, die im Clamschen
-Garten begonnen haben. Sie stehen nirgends verzeichnet und
-jeder der Besucher kannte nur einen solchen Roman. Und wenn
-man die Sehenswürdigkeit des Gartens zeigt, so weist man auf
-das „Himmelchen“, einen runden, entzückenden Kapellenbau,
-durch dessen sternförmige Öffnungen in der Wölbung das Himmelslicht
-strahlt, so zeigt man den hübschen Eselsstall, so zeigt man
-den aus Stein gemeißelten Pferdetrog, der auf einem mit einem
-steinernen <a id="corr-0"></a>Zaumzeug gemeißelten Sockel steht und ein Denkmal
-für des Grafen Clam-Gallas Schlachtroß „Cassil“ darstellt, so zeigt
-man den Platz, auf dem Prinz Wilhelm von Auersperg an einem
-Maitage vor vierunddreißig Jahren im Duell sein Leben ließ.
-Aber man zeigt nicht die Sträucher, in denen mancher junge
-Mensch seinen Liebesgram ausgeweint hat, man zeigt nicht die
-Stelle, von der aus der blasse Monteur seinem davontanzenden
-Liebesglück nachblickte.
-</p>
-
-<div class="centerpic end">
-<img src="images/end.jpg" alt="" /></div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="part-3">
-<a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a>
-Die Gemeindetruhe
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> Einführung der Gemeindetruhe sei den Kommunalbehörden
-aller Weltstädte ans Herz gelegt. Nicht etwa, daß diese
-Empfehlung meinem ausgeprägten Lokalpatriotismus oder irgend
-einem anderen Gefühle entspringen würde. Persönliche Beziehungen
-verknüpfen mich mit der Gemeindetruhe nicht. Ich kann
-auch aus eigenem nichts über das Innere dieses hermetisch verschlossenen
-Verkehrsmittels sagen. Aber es ist ganz hübsch. So
-sagt mein Freund Franta Cuček, der in der Gemeindetruhe geboren
-wurde, schon oft in ihr nach Hause gefahren ist und auch
-mutmaßlich einst mittels dieses Vehikels in die „Pathologie“ geschafft
-werden wird. Der kennt das „Etui“, wie er es in dem
-Tonfall der tschechisch-französischen Verbrüderung ausspricht, in-
-und auswendig. Von weitem und um die Ecke erkennt er,
-welche Nummer jene Truhe hat, die da herangerasselt kommt,
-um irgend einen Gast unseres Stammlokales nach Hause zu befördern.
-Ohne je den Zettel zu betrachten, der an der Rückseite
-des Korbes baumelt und eine rote Ziffer — die Wagennummer
-— trägt.
-</p>
-
-<p>
-Daß Franta Cuček die Lenker des Gefährtes kennt, ist ganz
-natürlich. Er steht mit allen auf Du und Du und sein „Serbus“
-wird von dem menschlichen Zweigespann mit gleicher Herzlichkeit
-erwidert. Aber diese private Freundschaft hat natürlich
-nicht etwa zur Folge, daß Franta den Lenkern bei der Ausübung
-ihrer Berufspflicht irgendwelche Erleichterungen gewähren
-würde. Dienst ist Dienst. Es ist ein schöner Zug im Leben Frantas,
-daß er einmal einem dieser Automedonten, dem Jaro Roztopil,
-mit dem er selbst treu befreundet war, das linke Auge ausgeschlagen
-hat, als dieser ihn in den Korb zu betten versuchte.
-Trotzdem das linke Auge für jeden Menschen im Sommer nur
-eine unnötige Mehrbelastung des Körpergewichtes darstellt, trotzdem
-das linke Auge zum ehrsamen Gewerbe des Gemeindetruhenwärters
-nicht unbedingt erforderlich ist und trotzdem Jaro
-Roztopil anläßlich dieser in Ausübung der Berufspflicht erlittenen
-Wunde aus dem Stadtsäckel ein Schmerzensgeld erhalten hat,
-<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a>
-lassen es seither die beiden Truhenmänner nicht mehr auf die
-Betätigung von Frantas Unparteilichkeit im Dienste ankommen.
-Sobald sie an den Ort kommen, auf welchen man sie begehrt,
-und sehen, daß Franta Cuček zu ihrem Passagiere auserkoren
-ist, dann eilen sie mit unheimlicher Schnelligkeit auf ihn zu
-und umklammern aus einem nicht in die Augen springenden
-Grunde seine vier Gliedmaßen mit gußeiserner Gewalt. Der eine
-hält Frantas rechten Arm und den rechten Fuß, dem anderen
-ist die ehrenvolle Aufgabe zugewiesen, mit den linken Gliedmaßen
-ein Gleiches zu tun. Oh, Franta Cuček wehrt sich noch
-immer nach Leibeskräften, aber es hilft ihm nicht mehr viel.
-Er fällt, wie einst Cäsar von Brutus Hand, von den Händen seiner
-Freunde. Er fällt in die Truhe, ohne daß er im Kampfe mit
-seinen Widersachern siegreich geblieben wäre. Sein einziger
-Erfolg ist höchstens, daß er manchmal einen Fuß aus der Umklammerung
-der beiden befreit und einem von diesen durch
-einen Tritt die Uniform beschmutzt hat.
-</p>
-
-<p>
-Ach, die Uniform der Gemeindetruhenwärter! Wer kennte
-sie nicht, diese Livree: Die fesche Bluse aus blauweißer Leinwand,
-der nur im Winter durch ein einfaches braungestricktes Cachenez
-verhüllte Hals, die hohen Kanonenstiefel und die Eishackerhosen,
-die Ledermütze von undefinierbarer Farbe mit dem blechernen
-Wappen der königlichen Hauptstadt darauf — gibt es etwas
-Einfacheres, etwas Schöneres? Ist das nicht schöner als der
-blaue Frack, den man in Wien vor kurzem als Festkleidung
-für die Magistratsfunktionäre bestimmt hat?
-</p>
-
-<p>
-Übrigens sei erwähnt, daß die Chauffeure der Gemeindetruhe
-ihre Uniform in Ehren tragen. Ihre Aufgabe ist schwer, aber
-sie erfüllen sie gut. Nicht nur dann, wenn sie ihren Passagieren
-à la Franta beim Einsteigen in die Karosserie behilflich sind,
-sondern auch beim Entladen des Korbes. Dieses Entladen ist,
-da die Seitenwände des Korbes nicht heruntergeklappt werden
-können, sondern fix sind, nicht so einfach, als sich ein Laie
-auf dem Gebiete des modernen Verkehrswesens denken würde.
-Aber das Problem wird dennoch auf findige Weise gelöst.
-Indem man die Truhe zu einem Tobogan umwertet. Wenn
-nämlich die Truhe an ihrem Endziele, dem Hof des Arrestgebäudes
-angelangt ist, so wird sie derart aufgestellt, daß der
-Korb windschief auf den Rädern ruht und die Füße des Etui-Inhaltes
-<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a>
-nach unten zu gerichtet sind. Nun klappen die aurigae
-den Deckel auf, heben die Beine ihres Pflegebefohlenen in die
-Höhe und schieben dessen Rumpf längs der schiefen Ebene so
-weit hinab, bis die Beine des Passagiers über die untere Wand
-des Korbes ragen. Dann tritt man auf die Füße des Korbinsassen,
-diese senken sich zu Boden, und der Passagier steht vertikal
-auf Mutter Erde. Ein sichernder Druck auf den Rücken
-hindert ihn an dem Rückfall in das Vehikel.
-</p>
-
-<p>
-In noch zarterer Weise ist man jenen Passagieren beim Aussteigen
-behilflich, deren Reiseziel nicht der Hof des Polizeigefangenhauses,
-sondern der Flur des Krankenhauses ist. Denn auch
-solche gibt es. Wenn jemand auf der Straße überfahren wird
-und mit <a id="corr-1"></a>gebrochenem Schenkel daliegt, wenn jemand von
-Krämpfen oder von Blutsturz befallen wird, so holt ihn, wenn
-ihn nicht inzwischen der Teufel geholt hat, nach sehr geraumer
-Zeit die Gemeindetruhe ab und führt ihn ins Spital, wo er in
-den meisten Fällen noch lebend ankommt. Das ist das einzige,
-was Franta Cuček gegen die Gemeindetruhe einzuwenden hat.
-Das ist auch wirklich ein Mißbrauch dieses Vehikels. Wie kommen
-jene Leute, die Zeit und Geld für Alkohol geopfert und sich so
-mühselig das Anrecht auf die unentgeltliche Beförderung in diesem
-städtischen Fahrzeuge erworben haben, dazu, dieses Recht
-mit jedem ixbeliebigen auf der Straße ganz unabsichtlich und
-ganz zufällig erkrankten Menschen zu teilen? Geradezu unappetitlich
-ist das! Aber das ist der einzige Fehler des Etuis und
-dieser Fehler vermag die Liebe Cučeks zu seinem Fahrzeug nicht
-zu erschüttern. Und wenn er auch immer wieder von seinen
-Ausflügen per Schub nach Prag zurückbefördert wird — er
-empfindet es nicht unangenehm. Denn Prag ist die angestammte
-Heimat der Gemeindetruhe.
-</p>
-
-<p>
-Ja, anderswo gibt es so etwas nicht. Man läßt zwar auch
-in anderen Städten die Leichen, die Bierleichen und die prosaisch
-Erkrankten nicht unbemerkt bis zu ihrer Auferstehung auf
-der Straße liegen. Aber in den anderen Weltstädten gibt
-es Räderbahren, bei denen die beiden Holme verschiebbar und
-die Füße der Bahre (nicht, wie in Prag, die des Kranken) umgeklappt
-werden können. Die Bahre dieser Transportmittel ausländischer
-Provenienz wird am Endziel der Reise einfach vom
-Rädergestell abgehoben — ein ungeheurer Nachteil, weil die
-<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a>
-Prager Entlade-Prozedur „System Rutschbahn“ dadurch unmöglich
-wird. Auch besitzen die auswärtigen Bahnen keinen Deckel,
-sondern ein zum Abknöpfen eingerichtetes Plantuch, das dem
-Kranken das Hinausblicken auf die Straße gestattet, aber es
-den Passanten verwehrt, das Gesicht des Patienten zu sehen.
-Daß dies eine Verletzung der Gleichberechtigung ist, liegt klar
-auf der Hand. Aber was kann man auch von einer Truhe verlangen,
-die keine Truhe ist!
-</p>
-
-<p>
-Es gibt eben nur ein Prag, es gibt eben nur eine Gattung
-von Gemeindetruhen. Nur schade, daß es nur den breiteren
-Volksschichten möglich ist, dieses ebenso vornehme, wie praktische
-Straßenfahrzeug zu benützen. Warum könnte man nicht
-die Droschken und Fiaker durch Gemeindetruhen erster und
-zweiter Güte ersetzen? Sogar zu Gummiradlern könnte man
-die Gemeindetruhen umgestalten. Auf dem Josefsplatze stehen
-die Automobildroschken unbenützt. Würde man hier nicht auf
-dieser Stelle (vor dem Repräsentationshaus) einen Standplatz für
-Gemeindetruhen mit mehr Erfolg errichten können? Ich glaube
-nicht, daß ein Einheimischer oder ein zufälliger Fremder der
-Versuchung widerstehen könnte, wenn ihm aus dem Munde von
-Etui-Chauffeuren die einladenden Rufe entgegenschallen würden:
-„Gemeindetruhe gefällig?“, „Fahr’n m’r Euer Gnad’n?“ und
-„Einsteigen, meine Herrschaften, einsteigen!“
-</p>
-
-<div class="centerpic end">
-<img src="images/end.jpg" alt="" /></div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="part-4">
-<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a>
-Verzehrungssteuer
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">„</span>L</span><span class="postfirstchar">’octroi,</span> s’il vous plaît.“
-</p>
-
-<p>
-Der städtische Verzehrungssteuerbeamte am Bahnhofsausgang
-in Paris spricht diesen höflichen Satz in höflichem Ton, fast
-entschuldigend. So höflich, daß in dem Fremden gar nicht die
-Befürchtung wachgerufen wird, er werde jetzt Koffer und Kolli
-öffnen und nach Nahrungsmitteln und Getränken durchsuchen
-lassen müssen. Den Fremden aber, der dennoch auf die Vermutung
-kommen würde, daß die höfliche Frage bitterbös gemeint
-sei, beruhigt der Baedeker vollkommen: „Die Kontrolle,
-die auf dem Bahnhof stattfindet, erledigt sich für die Fremden
-in der Regel durch die Erklärung, daß man nichts Steuerpflichtiges
-bei sich führe.“
-</p>
-
-<p>
-Prag ist, wie hier ausdrücklich festgestellt sei, nicht Paris.
-In Prag darf der Fremde — wenn einen solchen vielleicht widrige
-Winde von der Route des internationalen Fremdenverkehres
-in unsere gastliche Stadt verschlagen würden — den Bahnhof
-ungehindert verlassen. Die höfliche Vorstellung des Oktroi-Beamten
-bleibt dem Ankommenden erspart. Aber wenn er ahnungslos,
-den Koffer in der Hand, dem Hotel zustrebt, muß er sich
-über den Mann entsetzen, der mit einer Harpune in der Rechten,
-in kriegerischer Uniform, an irgend einer Wegkreuzung aus dem
-Hinterhalte auf ihn zuspringt und ihm in einer Weise Halt gebietet,
-die selbst den Marschall Vorwärts zum Stehen gezwungen
-hätte.
-</p>
-
-<p>
-Und mit dem bloßen Schrecken kommt man nicht davon.
-Der Koffer muß geöffnet werden, auch wenn der Reisende
-tausendmal beteuern würde, daß er den Kofferschlüssel nicht bei
-sich trage, da diesen seine Frau in ihrer Handtasche schon tags
-vorher nach Prag genommen habe, auch wenn er zehntausendmal
-beeiden und durch Zeugen erhärten würde, daß der Koffer
-weder einen Apfel, noch ein Kognakfläschchen, sondern bloß
-Wäsche und nichts als Wäsche enthalte. Der Prager Baedeker
-müßte bemerken, daß die Bediensteten der Verzehrungssteuer
-<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a>
-hier in ihrem Pflichteifer vor keiner Mühe — des Fremden zurückschrecken.
-Im Prager Baedeker könnte dem Reisenden empfohlen
-werden, sich auf empirischem Wege von dem Pflichteifer
-der Akzise-Bediensteten zu überzeugen. Zum Beispiel so:
-Man lege eine Zündhölzchenschachtel, die man vorher mit Spagat
-kreuz und quer verbunden und hernach vierfach versiegelt hat,
-auf die offene Handfläche und versuche, sich aus der Parkstraße
-durch den gegenüber dem Staatsbahnhofe gelegenen Eingang
-in den Stadtpark zu begeben. Auf die forschende Frage
-des Akzisaken erwidere man, man kenne den Inhalt der
-Schachtel nicht. Ein alter Onkel habe sie dem Überbringer mit
-dem strikten Auftrag anvertraut, sie erst nach seinem Tode zu
-öffnen. Der Verkehrsbedienstete wird unnachsichtlich den Schachtelträger
-entweder zu dem Akzisgebäude an der Ecke der Bolzanogasse
-oder zu jenem gegenüber dem Neuen deutschen
-Theater weisen, wo sich das Frage- und Antwortspiel wiederholen
-und nachher die verdächtige Schachtel geöffnet werden
-wird. Man weide sich sodann an dem Gesichte der Beamten
-beim Anblick der in der Schachtel befindlichen Zündhölzchen.
-</p>
-
-<p>
-Viel leichter ist es, ein lebendes Schwein an dem uniformierten
-Argus vorbeizuschaffen, als eine Streichhölzchenschachtel.
-Das lehrt die Geschichte jener Wette, die vor etlichen Jahren in
-einem Gasthause in Dejwitz geschlossen und damals viel besprochen
-worden ist: Ein Dejwitzer Fleischhauer hatte mit einem
-Gastwirte gewettet, daß er ohne Wagen mit einem großen lebenden
-Schwein die Tor-Akzise des Bruskatores passieren werde.
-Der Fleischhauer erklärte das Schwein und 40 Kronen, der Wirt
-den Kaufpreis für das Schwein und zwei Hektoliter Bier als
-Einsatz. Der Fleischer stand auf und ging in seinen Laden. Hier
-packte er seinen großen Hund, band ihm das Maul zu und
-steckte ihn in einen mächtigen Sack. Dann ging er zum Bruskator.
-Auf die Frage des Verzehrungssteuer-Bediensteten erwiderte
-er, scheinbar ein Lachen verbeißend: Er trage seinen Fleischerhund,
-der Anzeichen von Tollwut zeige, zum Tierarzt. Der Torwächter
-schenkte dieser plumpen Ausrede kein Gehör und band
-den Sack auf. Im selben Augenblicke sprang der eingesackte Hund,
-der vielleicht auch die Befürchtung seines Herrn verstanden hatte,
-aus dem Sacke und jagte mit Riesensätzen zurück, den heimischen
-Fleischtöpfen zu.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a>
-„Sie sind daran Schuld. Das größte Unglück kann jetzt
-geschehen!“ Diese Worte schrie der Fleischer dem pflichttreuen
-Bediensteten, der vor dem Bruskator, wie das bekannte Haustier
-vor dem neugemalten Haustor stand, erregt zu und rannte
-dem „tollen“ Hunde nach. Zu Hause band der Fleischer seinem
-größten Schwein den Rüssel zu und steckte es in den Sack. Dann ging
-er in das Gasthaus, in dem die Zeugen der Wette versammelt
-waren. Er zeigte ihnen den Inhalt des Sackes, nahm diesen
-huckepack auf den Rücken und forderte die Gesellschaft auf, ihm
-unauffällig in beträchtlicher Distanz zu folgen. Beim Bruskator
-warf er dem noch immer bestürzten Akzismann einen verachtungsvollen
-Blick zu und sprach kein Wort. Der Wächter erst
-recht nicht. So ging der Fleischer ruhig über die Verzehrungssteuerlinie
-und am Abend wurde bei Schweinsbraten und bei
-zwei Hektolitern Bier das Schwein des Fleischhauers jubelnd
-erörtert.
-</p>
-
-<p>
-Nicht nur von Schwein, sondern auch von Pech wissen die
-Bewohner der Oktroi-Häuschen ein trauriges Liedchen zu singen.
-War da einmal in Prag ein junger Schauspieler — heute wirkt
-er in Hamburg — dessen Spezialität die Darstellung von Paralytikern
-war. Der hatte einst den Entschluß gefaßt, den Wächtern
-einen Schabernack zu spielen. Mit einem großen Paket unter
-dem Arm, in respektvoller Entfernung von einer eingeweihten
-Freundesschar gefolgt, versuchte er es, sich an dem Verzehrungssteuerkontrollor
-unterhalb des Belvedere vorbeizuschleichen. Dieser
-aber packte den ertappten Schmuggler, und dieser begann sofort
-zu winseln und den Paralytiker zu spielen. „Hab’ ich ein Pech,
-hab’ ich ein Pech,“ wiederholte er schluchzend, und auf die
-Frage nach dem Inhalt seines Pakets hatte er keine andere
-Antwort. Bis es dem Bediensteten zu bunt wurde, er den Deckel
-des Pakets aufhob und mit schnellem Griff in das Innere fuhr.
-Über und über mit Pech bedeckt war seine Hand, als er sie
-herauszog. „Habe ich Ihnen nicht gesagt, daß ich Pech hab’,“
-sagte der Paralytiker, der plötzlich wieder normal geworden
-war, und lächelte infam und schadenfroh darüber, daß auch
-einmal ein anderer „Pech gehabt“ hatte.
-</p>
-
-<p>
-Ein übler Streich, der in den Tagen des Hagenbeckschen
-Besuches der Aktualität nicht entbehrt, wurde vor wenigen
-Jahren dem Manne gespielt, der am Ende des Wenzelsplatzes
-<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a>
-auf Nahrungsmittelschmuggler zu warten hat. An einem Winterabend,
-gegen 9 Uhr fuhr ein Möbelwagen aus der Stadt Weinberge
-gegen Prag. Auf Anruf des Akzisbediensteten ließ der Kutscher
-die Pferde stoppen. Als aber der Mann seines Amtes walten
-wollte, trat ein Herr, der den Wagen begleitete, auf ihn zu
-und bat, dies möge unterlassen werden, da der Inhalt nicht
-ungeldpflichtig sei und eine Überraschung darstelle. Der Verzehrungssteuer
-war aber unerbittlich und nach längerem Hin-
-und Herreden öffnete er selbst die Türe des Möbelwagens. In
-demselben Augenblick sprangen aus diesem Wölfe, Bären, Löwen,
-Tiger und Leoparden mit ohrenbetäubendem Gebrüll heraus.
-Der biedere Wächter sprang entsetzt zurück und streckte seine
-einzige Waffe, den Bratspieß, mit dem er ansonsten friedlich
-unter die Sitze der Equipagen und Straßenbahnwaggons, in die
-Rückenkörbe der Weiber und in die Heu- oder Kohlenladung
-der Lastwagen zu stochern pflegte, abwehrend von sich. Aber
-der Gebrauch der Waffe war nicht nötig, denn die Bestien
-kehrten nach kaum einer Minute wieder zurück — es war eine
-Künstlergesellschaft, die als Menagerie zu einem Maskenball
-nach Prag fuhr. Der Verzehrungssteuerbedienstete atmete hörbar
-auf.
-</p>
-
-<p>
-Auf verschiedene Weise wurden die Leute geprellt, denen
-die Aufgabe obliegt, für die Lebensmittelteuerung zu sorgen.
-Sie waren nicht nur die Zielscheibe von Scherzen und Wetten,
-sondern auch von vielen Schmugglertricks. Aber die gelungensten
-dieser Gaunerstreiche sind nicht bekannt. Weil sie eben gelungen
-sind.
-</p>
-
-<div class="centerpic end">
-<img src="images/end.jpg" alt="" /></div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="part-5">
-<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a>
-Floßfahrt
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="date">
-<em>Wittenberg</em>, den 1. Juli 1910.
-</p>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">n</span> Prag hatte unser Floß fünf Tage lang Haft halten müssen.
-Mit schweren Ketten gefesselt lag es im Smichower Floßhafen.
-In den Gegenden am Oberlauf der Moldau, an der Maltsch
-und der Luschnitz ließ es nicht ab zu regnen, und auf der
-Moldau war Hochwasser. Wegen der Gefährlichkeit und wegen
-der Anordnungen der Strompolizei — oder eigentlich nur wegen
-dieser — durfte man nicht abfahren. Aber dann sank der
-Moldauspiegel auf 60 Zentimeter über der Normale — die
-Grenze des Erlaubten. So fuhren wir.
-</p>
-
-<p>
-Das Floß war prachtvoll. Keine dünnen Stöcke, wie sie
-hauptsächlich von der Sazawa her geflößt werden, sondern breite
-Riesenstämme. „Eine Salon-Prahme“, hatte mir Herr Max
-Winterberg versichert, als er meine ihm erstaunliche Bitte, auf
-einem Floß der Firma „Löwy u. Winterberg“ bis nach Sachsen
-fahren zu dürfen, in liebenswürdiger Weise erfüllt hatte. Majestätisch
-schwammen die Balken dahin, ein breites Stück der
-Moldau erfüllend. Doch schon hinter der Palackybrücke, unter
-welcher der Mauteinnehmer zu unserem Floß gerudert kam, um
-die Zahl der Holztafeln zu kontrollieren, nahmen wir eine
-schmälere Formation an. Es hieß „Einzeln abfallen“, denn das
-Schittkauer Wehr war in der Nähe, und dessen Floßschleuse ist
-eng. Während wir bisher mit zwei nebeneinander befestigten
-Holztafeln gefahren waren, mußte jetzt die linke Floßhälfte losgelöst
-und rückwärts befestigt werden.
-</p>
-
-<p>
-Floßführer und Floßknechte arbeiteten fieberhaft. Der Vorderteil
-des Floßes wurde durch einen mächtigen Überlegbaum an
-der nächstfolgenden Tafel befestigt, damit er von der Gewalt
-der Wassermassen der Schleuse nicht zu tief gerissen werde. Die
-Durchschlagsstämme, welche je zwölf Balken zu einer Tafel verbinden,
-wurden scharf darauf angesehen, ob sie nicht schadhaft
-geworden seien. Die Bindwieden, die Weidenbänder, welche die
-<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a>
-dreizehn Tafeln des Floßes aneinander festhalten, wurden mit
-Wasser besprengt, damit sie nicht zu spröde seien und von der
-Wucht des Schleusenwassers nicht zersprengt würden. Die Flößer
-bohrten mit Energie und Schwung die harpunenartigen Staaken
-tief in den Moldaugrund und schritten, sich mit dem ganzen
-Körper gegen die eingebohrte Stange stemmend, rüstig vorwärts,
-wobei sie natürlich immer an derselben Stelle blieben,
-da sich das Floß mit gleicher Schnelligkeit in entgegengesetzter
-Richtung bewegte. An den Rudern war man beschäftigt, die
-Prahme in die Verlängerung der Schleuse zu bringen — keine
-leichte Arbeit, denn das Schittkauer Wehr ist schief gegen den
-Stromstrich gelegen, weshalb auch die Kanalisierungskommission
-seine Demolierung und die Errichtung eines neuen Wehres in
-der Höhe der Schittkauer Mühle projektiert. Das Wehr teilt sich
-überdies gegen das linke Moldauufer in zwei Arme und das
-Floß, das mit Mühe richtig in die erste Schleuse eingefahren
-ist, muß wenige Meter hinterher, inmitten der Gewalt der
-Schleusenströmung schon in die zweite einlenken. Die Vorsichtsmaßregeln,
-die der alte Steuermann Vrabec und seine beiden
-nicht jüngeren Flößer Kolenský und Konečny — die aus drei Leuten
-bestehende Bemannung des Floßes war zusammen 182 Jahre
-alt — getroffen hatten, verfehlten ihre Wirkung nicht: Trotzdem
-die Stämme krachend an den Schleusenrand stießen, kamen
-die schwimmenden Balken unversehrt durch Strömung und Gischt,
-und lenkten, die Schützeninsel links liegen lassend, zum Altstädter
-Wehr ein.
-</p>
-
-<p>
-Beim „Frantischek“ erhielten wir Vorspann. Der Remorqueur
-„Austria“, der die Ehre hat, der erste Dampfer im Weichbilde
-Prags zu sein, schleppte uns nun bis zum Neumühl-Wehr
-unterhalb der Karlsbrücke — dem letzten Wehr alter Konstruktion,
-das bis zur Mündung zu passieren ist. Bisher waren die einzelnen
-Tafeln des Floßes nur lose aneinander geknüpft gewesen,
-sodaß, unmittelbar nach Passieren der Schleuse, der Vorderteil
-schon gegen die Moldaumitte gesteuert werden konnte, ohne
-daß die noch vor oder innerhalb der Schleuse befindlichen Floßteile
-aus ihrer Fahrtrichtung gebracht worden wären. Nachdem
-das Neumühlwehr durchfahren war, wurde dem Floß durch
-Anspannen der Bindwieden eine steife Formation gegeben. Die
-Schleuse des neuen Nadelwehres bei der Hetzinsel ist nämlich
-<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a>
-lang, und es ist streng erforderlich, daß der rückwärtige Teil
-des Floßes die gleiche Richtung habe, wie die ersten Tafeln.
-</p>
-
-<p>
-In Holleschowitz wurde Halt gemacht. Die Schregge, ein
-um einen festen Punkt drehbarer Riesenbalken, wurde von zwei
-Flößern senkrecht aufgestellt, und die Spitze bohrte sich tief in
-den Moldaugrund ein. Ächzend blieb das Floß stehen. Nun ging
-es auf den hier in breiter Reihe verankerten anderen Flößen
-ans Land, in das Wirtshaus „Baštecký“. Das war mit Flößern
-dicht gefüllt. Gesprächsthema: Zwei Prahmen seien in der Hetzinsel-Schleuse
-auseinander gegangen und die Bemannung, die
-selbst in Gefahr geschwebt habe, müsse nun den ganzen Tag
-arbeiten, die Stämme wieder zu ordnen und zu binden. Die
-Erregung ist allgemein. Darüber, daß die Schleuse schlecht sei,
-sind alle einig. Auch gegen die Ansicht, daß die deshalb an die
-Statthalterei gerichtete Eingabe ohne Erfolg bleiben werde, erhebt
-sich kein Widerspruch. Aber über die Art der Abwehrmaßregeln
-kann man sich nicht einigen.
-</p>
-
-<p>
-„Wir sollten einfach erklären, daß wir nicht durchfahren,“
-meint aufgeregt ein junger Flößerbursch.
-</p>
-
-<p>
-„Dann fahren einfach andere durch!“ erwidert ihm ruhig
-ein Steuermann.
-</p>
-
-<p>
-„Wir sollten uns auf andere Sachen kaprizieren, so lange
-die Schleuse nicht gebessert wird,“ meint da ein blutjunger
-Bursch — der jüngste Steuermann auf der Moldau. Der Sprosse
-eines Podskaler Flößergeschlechts. Sein Vater ist Floßtransporteur
-in der Kanzlei einer großen Prager Holzfirma, drei seiner Brüder
-sind Steuermänner, ein vierter, der gleichfalls Floßführer war,
-hat vor Jahren den Flößertod im Helmschen Wehr gefunden.
-„Wir sollten die Flöße ausmessen. Und wenn eines länger ist
-als 130 Meter, sollten wir nicht darauf fahren — so wie es
-das Gesetz vorschreibt.“
-</p>
-
-<p>
-„Das ist unmöglich,“ wirft ein alter Flößer ein. „Man
-kann doch die Stämme nicht abschneiden, wenn sie um einen
-Meter länger sind!“
-</p>
-
-<p>
-„So müßte eben eine Tafel weniger angekoppelt werden,“
-meint der junge Floßführer.
-</p>
-
-<p>
-„Na, dann legt man sie eben als Fracht auf die Prahme,
-und du bist gerade dort, wo du warst. Im übrigen würde sich
-<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a>
-das Ausmessen der Flöße nur gegen die Holzhändler richten,
-und die haben mit der Schleuse nichts zu tun.“
-</p>
-
-<p>
-Der junge Steuermann läßt nicht locker: „Wenn sich die
-Holzhändler der Sache annehmen würden, würde schnell Abhilfe
-geschaffen werden.“
-</p>
-
-<p>
-„Schmarrn!“, belehrt ihn der Alte. „Die Holzhändler haben
-sich gegen die ganze Moldaukanalisierung eingesetzt, welche die
-Flößerei fast ruiniert hat. Und was hat’s ihnen genützt?“
-</p>
-
-<p>
-Jetzt ist das Fragen an mir: „Wieso hat die Kanalisierung
-dem Floßtransport geschadet?“
-</p>
-
-<p>
-„Weil sie die ganze Moldau verschandelt hat. Ist denn
-das noch ein Fluß? Gibt es denn noch unterhalb Prags eine
-Strömung? Lauter gestautes Wasser, lauter Tümpel. Jede Weile
-muß man sich von Remorqueuren ans Gängelband nehmen
-lassen. Von Holleschowitz bis Troja, von der Selzer Dynamitfabrik
-bis Kletzan, von Žalow bis Libschitz, von Libschitz nach
-Miřowitz, von da nach Wranian, von hier nach Hořin, dann
-nach Beřkowitz, dann nach Wegstädtl müssen wir uns von
-den Remorqueuren ins Schlepptau nehmen lassen. Lauter Vorspann,
-lauter blöde Schleusen. Gott sei Dank, daß das Land
-kein Geld hat. Sonst hätten sie uns auch schon in Leitmeritz
-und Raudnitz solche Hürden errichtet. Lauter Wehrmeister, lauter
-Kontrolle ...“
-</p>
-
-<p>
-„Nicht einmal ein Mädel kann man sich mitnehmen,“
-brummt ein junger Flößer, ein „Podskalák“ von reinstem Wasser,
-der sich eine Schmachtlocke so tief über das rechte Auge gekämmt
-hat, daß er auf diesem fast blind sein muß.
-</p>
-
-<p>
-„Na, du nimmst dir ein Mädel auf jeden Fall mit! Und
-wenn du es unter dem Floß vor dem Wehrmeister verstecken
-müßtest.“ So ruft man lachend dem „Don Juan von der Wasserkante“
-zur Antwort, und selbstgefällig streichelt das Wassergigerl
-seine Stirnlocke.
-</p>
-
-<p>
-Dann ergreift mein Steuermann das Wort: „Früher wars
-eine Kunst zu flößen. Wenn man sich nicht auskannte, saß man
-flugs auf dem Trockenen. Im Jahre 1872 flößte ich mit zwei
-anderen jungen Burschen am alten Buchta vorüber. Der Buchta,
-das war ein guter Steuermann. Jetzt ist er schon lang tot.
-Damals war er auf einer Sandbank stecken geblieben und
-<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a>
-mußte Wasser stauen, um die Prahme flott zu kriegen. Als
-wir vorbeischwammen, schimpfte der Alte: Verfluchte Buben!
-Wir alten Esel bleiben stecken und die fahren glatt vorbei!“
-</p>
-
-<p>
-Wenn jetzt der Steuermann nur hinzugefügt hätte, daß
-ein solches Auffahren auf Sand heute nicht mehr vorkommen
-könne, so hätte er den Anschein zu erwecken vermocht, er
-habe die Geschichte vom alten Buchta nur erzählt, um zu zeigen,
-wie damals selbst der erfahrenste Steuermann eine böse Fahrtunterbrechung
-erleiden konnte. Aber der Erzähler hat darauf
-verzichtet. Offen rühmt er sich des Buchtaschen Zitates, dessen
-Datum er sich durch 38 Jahre gemerkt, in denen er etwa 1200
-Floßfahrten unternommen. Der Fluch des alten Buchta ist dem
-alten Vrabec ein kostbares Vermächtnis.
-</p>
-
-<p>
-Ein Bediensteter der Schiffahrtsgesellschaft kommt jetzt in
-das Gasthaus und meldet, daß der Remorqueur, der andere
-Flöße bis Troja gezogen hat, eben zurückkehrt. Man bricht
-auf und bald schwimmt das Floß wieder talwärts.
-</p>
-
-<p>
-Im Karolinentaler Hafen werden je vier Flöße zu einem
-Schleppzuge, dem „Transport“, rangiert. Die beiden vorderen
-Prahmen werden mit zwei Seilen an den Schleppdampfer gebunden
-und die vier Flöße mit einander verknüpft. Jetzt ist für
-die Flößer Zeit zur Rast. Nur hie und da muß an den Vorderrudern
-gearbeitet werden, damit man bei scharfen Biegungen
-des Flusses nicht an das Ufer anrenne. Im übrigen wird jetzt
-bloß für das eigene Wohl gesorgt. Steuermann und Flößer setzen
-sich auf die Holzladung, die auf dem Floße ruht, und stecken
-ihr Pfeifchen in Brand. Einer der Flößer richtet den Feuerherd
-her. Rasenstücke, die aus Prag mitgenommen worden sind, werden
-auf der Holzladung hoch aufgeschüttet und reichlich mit Wasser
-begossen. Dann klatscht der „Hafner“ mit der flachen Rückseite
-einer Schaufel das Erdreich glatt, wobei dem anderen Flößer
-einige andere Kotpatzen in das Gesicht fliegen, was von diesem
-mit unvergleichlich prachtvollen Schimpfworten (Made in Podskal)
-quittiert wird. Nun wird ein Stück von einem Rundbalken
-abgesägt, klein gehackt, und bald flackert ein lustiges Herdfeuer
-über den Wassern. Die irdenen Kochgefäße hat einer der an
-vielen Stellen heranrudernden Marketender den Flößersleuten
-gegen ein stattliches Stück Buchenholz eingetauscht. Jetzt brodelt
-<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a>
-Kaffee in den Gefäßen, dem ein verteufelt starkes Quantum Rum
-beigemengt wird. Dann wird gejaust. Um die Fahrt braucht man
-sich nicht zu sorgen.
-</p>
-
-<p>
-Das gestaute Wasser ist still und unbeweglich. Lautlos fährt
-das Vierfloß durch diesen Teich, und nur sein Vorderrand wird von
-leichten Wellen umspült, die der vorauseilende Remorqueur verursacht.
-Fast scheint es, als ob dadurch, daß dem Flusse die
-Strömung genommen wurde, auch die Uferlandschaft ihrer Romantik
-verlustig gegangen wäre. Es fehlt den Bäumen, deren
-Zweige auf das Wasser überhängen, es fehlt den Sträuchern,
-welche die beiden Flußränder umrahmen, ein strömendes, an
-das Ufer plätscherndes Wasser. Die ganze üppige Landschaft sieht
-eintönig drein. Die Balken des Floßes schaukeln nicht, man spaziert
-auf ihnen wie auf einem Parkettboden.
-</p>
-
-<p>
-Um so mächtiger wirkt der Kontrast, wenn man durch die
-Schleusen fährt. Etwa zweihundert Schritt vor dem Wehr wendet
-sich der Dampfer mit einem schrillen Pfiff, die vier Flöße des
-Transports knüpfen sich von einander und vom Remorqueur
-los, und fahren einzeln — eine Distanz von 400 Metern einhaltend
-— durch die Schleusen. Das ist ein Nervenkitzel. Man
-möchte aufjauchzen während dieser Fahrt. Die Wellen schlagen
-hoch über die Balken und peitschen das lodernde Herdfeuer,
-ohne es verlöschen zu können, in das Geräusch der aus der
-Höhe zurückklatschenden Wogen mischt sich das dumpfe Krachen
-der Randbalken der Floßtafeln, die in ohnmächtiger Wut gegen
-die Steinwände des künstlichen Hohlweges Sturm laufen und
-jeden Augenblick die Prahme zu zerschellen drohen. Einzelne
-Balken sind durch das darüber schlagende Wasser verdeckt und
-es scheint, daß die Binden entzweigegangen, das Floß in seine
-Bestandteile zerrissen worden sei. Die Plattform der Prahme, die
-erste Floßtafel, ist vollständig unter den schäumenden Wassermassen
-vergraben, trotzdem ein am zweiten Floßgliede befestigter
-Mastbaum sie krampfhaft in die Höhe zerrt. In der
-Mitte der zweiten Floßtafel steht der Steuermann, auf deren
-rechtem und linkem Rande die beiden Gehilfen. Und wenn das
-Ende der Schleuse nahe ist und die Vordertafel aus dem Wasser
-emportaucht, dann rennen die drei in wilder Hast, der Wogen
-nicht achtend, die hoch über ihre Wasserstiefel schlagen, zu den
-Steuerrudern. Es gilt nach innen zu lenken, sonst würde die
-<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a>
-Gewalt des Schleusenwassers die schwanke Prahme auf die Uferböschung
-treiben. Kaum ist das Wehr passiert, so glätten sich
-die Wasser, die Balken ordnen sich wieder parallel und an das
-Toben des Elementes, in dessen Mitte man sich eben befunden,
-erinnert nur noch ein Blick nach rückwärts: Das nächste Floß
-saust kämpfend die Schleuse hinab ...
-</p>
-
-<p>
-Hinter jeder Schleuse sammeln sich die vier Flöße des
-Transportes wieder, ein anderer Remorqueur wird vorgespannt,
-und es geht bis zum nächsten Wehr.
-</p>
-
-<p>
-In Jedibab, einem von Gott und Menschen verlassenen
-Nest, machten wir Nachtquartier. Das Dörfchen liegt nicht einmal
-am Ufer, und man hat von diesem noch gute 20 Minuten
-auf schlechten Wegen zu gehen. Aber Jedibab hat das Glück
-33 Kilometer von Prag gelegen und derjenige bewohnte Punkt
-zu sein, welcher dem Nadelwehr von Wranian am nächsten liegt.
-Die Flöße kommen nachts hier an, und da sie die Kammerschleuse
-nicht mehr passieren können, so wandert die Bemannung
-in das Dorf, das auf diese Weise zu einem gar nicht zu verachtenden
-Fremdenverkehr gekommen ist. Man aß hier in der
-Schenke ein Stück warmen Brotes und trank ein ebensolches
-Bier. Dann wurden Strohsäcke ins Wirtslokal geschafft und man
-ging schlafen. Draußen peitschte ein scharfer Regen die Fensterscheiben.
-Das nahmen die Flößer mit schadenfrohem Lachen zur
-Kenntnis, denn einer von ihnen, der erklärt hatte, es falle ihm
-nicht ein, das teuere Hotellogis (in Jedibab beträgt der Preis
-für das Nachtlager 8 Heller, in einigen anderen Stationen wird
-nichts berechnet) zu bezahlen, war draußen am Floße über
-Nacht geblieben. Die anderen malten sich schon aus, wie sie
-ihn am Morgen uzen wollten. Aber dazu kam es nicht. Als
-um ¼2 Uhr nachts aufgestanden und die Weiterreise angetreten
-wurde, goß der Himmel noch immerfort Wassermassen auf
-das Floß, das oben bald ebenso feucht war, wie unten. Die Balken
-waren naß und glatt, bei jedem Schritte, den man machte,
-rutschte der Fuß aus und man fiel in das tote Wasser zwischen
-den einzelnen Balken und Tafeln. Finstere Wolken, die wie
-schwarze Berge aussahen, schienen wenige Schritte vor dem Floße
-zu liegen und den ganzen Strom zu verstellen. Das Floß fuhr weiter,
-aber da sich die Distanz zwischen ihm und den schwarzen Bergen
-durch Stunden nicht verringerte und die Ufer in dem Nebel nicht
-<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a>
-erkennbar waren, so sah es aus, als ob sich die Prahme nicht
-von der Stelle rühre, als ob sie mit einer unsichtbaren Schregge
-festgehalten würde.
-</p>
-
-<p>
-Dabei knurrte der Magen. Im Jedibaber Restaurant haben
-wir früh weder Kaffee noch Brot bekommen und an ein Feueranmachen
-auf dem Floße war in dem gießenden Regen nicht zu
-denken. Proviant hatten wir nicht und kein einziger schwimmender
-Marketenderwagen ließ sich blicken. Wenn ein Gasthaus von der
-Ferne sichtbar wurde, dann brüllte der alte Flößer Kolenský mit
-heiserer Stimme, der die Verzweiflung eine furchtbare Gewalt
-lieh, sein „Pivo“ über Wasser und Land. Immer heiserer, immer
-verzweifelter klang sein Sehnsuchtsschrei, und als er hinter der
-Sprachgrenze, von Liboch und von Wegstädtl an, nach „Bier“
-zu schreien begann, tönte sein Ruf wie der Todesschrei eines
-verwundeten Hirsches. Die Leute an den Ufern vernahmen das
-Flehen und eilten mitleidsvoll in das Gasthaus, wo der Wirt
-ein Paar Gläser einschenkte und in den Kahn einstieg, um zum
-Floße zu rudern. So sehr er sich aber auch beeilen mochte — die
-Strömung war schneller und unser Floß war schon vorbei, als
-er herankam. Der Wirt wartete in der Mitte des Stromes und
-bot dann seine Biere der Bemannung der nächsten Flöße —
-unseres schwamm als das erste — zum Kaufe an. Diese konnte
-natürlich nicht in jedem Orte Bier trinken und am Abend erzählten
-uns die Flößer in der Schenke, wie die Wirte auf den
-Booten geflucht, als ihnen das mit so viel Eindringlichkeit bestellte
-Bier auf dem Halse blieb. Was aber können die Flüche
-aller Wirte gegen jeden einzelnen Fluch bedeuten, den der
-durstige Kolenský jedesmal ausstieß, wenn er sah, wie das von
-ihm bestellte Bier den „Nachfahrern“ angeboten wurde!
-</p>
-
-<p>
-Ein Anlegen des Floßes während der Fahrt — sei es
-wegen Sturmes, Regengusses oder Hagelschlags, sei es infolge
-Hungers oder selbst Durstes — gibt es nicht. Nur wenn der
-Flößer Feierabend machen muß, weil es ihm die Vorschrift anordnet
-und weil er die Ufer nicht mehr erkennt, hält er an.
-Er weiß, daß ihm die Reise als solche sehr gut bezahlt wird
-(so erhält z. B. der Steuermann für die 2½ Tage währende
-Fahrt nach Mittelgrund 59 K.), daß er aber auch an den
-Tagen, an denen er sich auf keinem Holztransport befindet, daß
-er auch in den vier Wintermonaten von seinen Reisehonoraren
-<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a>
-zehren muß. Er muß trachten, von seiner Fahrt so bald es
-möglich zurück zu sein, um einen neuen Holztransport zugewiesen
-zu erhalten. Das ist der oberste Grundsatz des Flößers, und trotz des
-verzweifelten Durstes fiel es dem alten Kolenský nicht ein, ein
-Anlegen des Floßes zu verlangen. Erst um 7 Uhr abends nahmen
-wir, die wir um ¼2 Uhr nachts aufgebrochen waren, in Birnai,
-einem Dorfe oberhalb Aussigs, unser Frühstück (einige Bierquargel)
-ein.
-</p>
-
-<p>
-Um 1 Uhr nachts brachen wir wieder auf. Die Nacht,
-durch die wir glitten, war dunkel, aber die machtvollen Zacken
-der Uferberge waren sichtbar. Drohend und schwarz schob sich
-der zerklüftete Workotsch in das nächtliche Elbtal hinein, rechts
-blickte der Schreckenstein noch düsterer als sonst übers Land.
-Es war ein Anblick, den selten ein Tourist zu genießen Gelegenheit
-hat, vom Niveau des Wassers die wechselnden Schattenrisse
-des Elbpanoramas zu bestaunen. Eine Reise durch eine
-Silhouettenlandschaft. Wenige Stunden später wurden auch die
-Hänge der Uferlandschaften sichtbar, allerdings nur in dem
-bizarren Rahmen der Nebelrisse. Als wir hinter Tetschen das Elbesandsteingebirge
-erblickten, war schon die Morgensonne mit
-glänzendem Leuchten aufgegangen und bestrahlte die Elbfluten und
-die seltsamen Felsgebilde an den Ufern. Das ruhig dahingleitende
-Floß war wohl ein besonders geeignetes Beobachtungsniveau
-für die Schönheit der Landschaft.
-</p>
-
-<p>
-Ich bin auf der Elbe weitergefahren. Noch immer — jetzt
-bin ich in Magdeburg — ist, wenn man von der stellenweisen
-Remorquage absieht, die Elbströmung die einzige treibende Kraft
-für das Fahrzeug, dessen Passagier ich bin. Auf meiner Fahrt
-habe ich manches herrliche Bild auf den Elbufern gesehen, aber
-noch nichts hat die Pracht der Landschaft zu übertreffen vermocht,
-die sich in der Heimat, von Leitmeritz bis über die Grenzen
-des Nachbarlandes bis zur Bastei nächst Wehlen breitet.
-</p>
-
-<div class="centerpic end">
-<img src="images/end.jpg" alt="" /></div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="part-6">
-<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a>
-Gäste der Polizei
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">„</span>D</span><span class="postfirstchar">epartement</span> für die öffentliche Sicherheit.“ So steht es
-auf dem Torschild. Aber das ist ungenau, unpräzis.
-Sagt zu viel, also zu wenig. Denn in das Gebiet der öffentlichen
-Sicherheit gehören auch Baubehörden, Schieneninspektionen,
-Feuerwehren, Rettungsstationen, Kesselprüfungen, Automobilvorschriften,
-Kutscherschulen und viele andere Dinge, mit
-denen das Sicherheitsdepartement nichts zu tun hat. Immerhin
-bleiben ihm noch mehr als genug Agenden. Und auf die
-Art dieser Agenden weist viel deutlicher als die Aufschrift auf
-dem Schilde das Relief hin, das über dem Tore prangt und eine
-Zusammenstellung dreier Symbole zeigt: Das Richtbeil, das
-Fascesbündel und die Wage der Themis. Nun wird zwar hier
-im Departement das Richtbeil nicht geschwungen, die Themis hat
-hier noch nicht ihre wägende Tätigkeit zu entfalten und die
-Fasces, das Sinnbild der strafenden Gewalt über Tod und Leben,
-dürfte eigentlich erst die nächsthöhere Instanz, der Gerichtshof,
-mit voller Berechtigung im Wappen führen. Jedoch das Sicherheitsdepartement
-ist Agentie und Werbeamt, und wenn es durch
-seine Beamten und Detektivs nicht das Menschenmaterial herbeischaffen
-würde, so könnten sich die symbolischen Manipulationen
-mit Richtbeil, Fasces und Wage im allgemeinen nur auf die
-kleinen Gauner, die genügsamen Dorfdiebe und die armen Landstreicher
-erstrecken, welche die Gendarmerie dem Landesgerichte
-überantwortet.
-</p>
-
-<p>
-Übrigens ist es die Verbrecherwelt nicht allein, auf die sich
-die Tätigkeit des Sicherheitsdepartements erstreckt. Mit allerhand
-Anliegen kommt man in diese Räume. Da ist ein ehrsamer Handwerksmann,
-der sich seit einigen Tagen durch die Amtslokalitäten
-schleicht. Auf seinem Wege muß er durch das Zimmer der Detektivs.
-Die kennen den wackeren Bürger und schütteln die Köpfe: Wie
-der in den letzten Tagen gealtert ist! Der Ankömmling geht zu
-dem Beamten, der die Vermißten und Wiedergefundenen in Evidenz
-führt. Dieser, ein junger Polizeikonzeptspraktikant, kennt schon
-des Alten Begehr und hat diesem schon einigemale den Bescheid
-<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a>
-gegeben, daß man von dem Aufenthalte seines Sohnes, der nach
-mißglückter Prüfung <a id="corr-6"></a>nicht mehr nach Hause zurückgekehrt ist, noch
-immer nichts wisse. Heute aber ist die Nachricht da, eine Hiobspost:
-Die Leiche des jungen Mannes ist aus der Moldau gezogen
-worden. Der junge Polizeipraktikant spielt verlegen mit
-dem Bleistift. Wie soll er dem Alten die furchtbare Botschaft
-beibringen. Er nötigt ihn, sich zu setzen. Da weiß der bedauernswerte
-Handwerksmann schon alles.
-</p>
-
-<p>
-„Tot?“, stößt er hervor. Und bald hält er das Telegramm
-in Händen, das im Lapidarstil die Bestätigung der ärgsten Befürchtungen
-des Vaters birgt.
-</p>
-
-<p>
-„Tot“, schluchzt der Alte, „tot! Und ich bin schuld. Ich
-habe ihn studieren lassen, damit er’s besser hat, wie ich! Tot!“
-</p>
-
-<p>
-Am gegenüberliegenden Tisch wird ein Fall von grundverschiedener
-Natur verhandelt, aber auch etwas, was mit der
-öffentlichen Sicherheit gar wenig zu tun hat, auch etwas Unkriminalistisches
-im Kriminaldepartement. An den Grenzen des
-Polizeirayons ist ein Weib aufgelesen worden, das kaum viel
-mehr als einen Meter groß, taubstumm, irrsinnig und halbblind
-ist und nun apathisch bei dem Tische des Kommissärs steht. Dieser
-hat auf den ersten Blick gesehen, daß aus der Alten über ihre
-Identität und Heimatszuständigkeit nichts herauszubekommen ist,
-und so setzt er sich resigniert und schreibt zuerst einen kurzen
-Begleitakt an das Taubstummeninstitut, wohin die Arme zunächst
-gebracht werden muß, damit man dort versuche, mittels Zeichensprache
-ihr irgendwelche Angaben zu entlocken. Aber im Taubstummeninstitut
-wird man die Alte nicht behalten, weil sie irrsinnig
-ist, ebensowenig wie man sie in der Landesirrenanstalt
-aufnehmen wird, weil sie taubstumm ist. Und so muß ein zweiter
-Akt an den Magistrat abgesandt werden, der aus dem Tschechischen
-ins Amtsdeutsch übersetzt, folgendermaßen lautet: „Inliegend
-beschriebene, unbekannte Taubstumme wird zur Unterbringung
-in das Gemeindearresthaus bis zur Feststellung ihrer Heimatszuständigkeit
-in Empfehlung gebracht.“ Und dann muß die Beschreibung,
-die polizeiliche Photographie, die Stilisierung der Notiz
-für den „Polizei-Anzeiger“ erfolgen. Unwillig brummt der Kommissär
-in den Bart: „Wenn nur die Gemeindevorsteher in die
-Bluse solcher Kretins den Namen der Heimatsgemeinde einnähen
-ließen, dann könnte man solche arme Leute gleich per Schub
-<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a>
-nach Hause befördern, und alle diese Scherereien, Schreibereien
-und Suchereien wären erspart!“ Ja, wenn! Aber das tun die
-Gemeindevorsteher wohlweislich nicht, denn jeden Tag, der mit
-den Recherchen verloren geht, hat die Gemeinde an Erhaltungskosten
-für den lästigen Dorftrottel erspart!
-</p>
-
-<p>
-Die Expediträume des Sicherheitsdepartements beherbergen
-gleichfalls eine Gruppe unkriminalistischer Gäste. Fünf oder sechs
-Männer und eine junge Frau stehen dort beisammen. Jeder hält
-eine Harfe in der Hand und die gibt alles an — Legitimation,
-Heimatsort, Leidensgeschichte und Begehr. Aus dem Harfenistenstädtchen
-Nechanitz sind sie, von wo die böhmischen Wandermusikanten
-stammen, und ihre Schicksale sind die ewig alten:
-Vom Impresario engagiert, ausgebeutet und ohne Entlohnung
-verlassen, von den österreichischen Auslandsbehörden nach Prag
-einwaggoniert, kommen sie ins Sicherheitsdepartement der Polizei,
-um eine Reiseunterstützung zu erbitten. Jeder erhält eine Eisenbahnkarte
-von Prag nach Königgrätz oder den Fahrpreis von
-K 4.40 auf die Hand. Und von Königgrätz gehen sie zu Fuß ins
-Heimatsstädtchen und leben hier, bis sie wieder ein Impresario
-engagiert, ausbeutet, ohne Entlohnung verläßt ... ad infinitum.
-</p>
-
-<p>
-Selbst im anthropometrischen Kabinett kann man oft unkriminelle
-Leute sehen, obzwar dieses, wie schon aus dem Namen
-und der daraus zu deduzierenden Bestimmung ersichtlich ist, nur
-für die Rückfälligkeit, beziehungsweise die zu befürchtende Rückfälligkeit
-der hier gemessenen Verbrecher eingerichtet ist, und
-obzwar hier schon das Milieu, und die Einrichtungsstücke darauf
-deuten, welche Beachtung man den Inhaftaten zollt. Mit Kopfzirkeln,
-Ohrmessern, Meßkreuzen, Sitzhöhenmaßen, Narbenmaßen,
-Fingerdruckkissen und dem übrigen Instrumentarium der beiden
-Bertillons wird man doch nicht die Personaleigentümlichkeiten
-bedauernswerter Bettler, harmloser Kretins und unterstützungsbedürftiger
-Musikanten auf der Meßkarte verewigen! Gewiß
-nicht. Man braucht aber auch nicht zu glauben, daß jedes
-halbwegs ehrliche Gesicht, das man hier auf Ohren-, Nasenlänge
-und Pupillennuance mißt, gleich das Wort von der „Verbrecherphysiognomie“
-Lügen straft. Gar viele Abdrücke von Finger-Papillarzügen,
-die in die Meßkarten-Registratur einverleibt worden
-sind, müssen nie wieder hervorgeholt werden. Und der im anthropometrischen
-Kabinett tätige Beamte hat schon von seinen
-<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a>
-Klienten, besonders jenen, die im jugendlichen Übermut entgleisten,
-das Wort gehört:
-</p>
-
-<p>
-„Meine Maße werden Sie nie mehr brauchen!“
-</p>
-
-<p>
-Das verrät, schon nach dem Tonfall, Selbstmordabsicht. Aber
-der Beamte hat da einen alten Kniff. Er mißversteht absichtlich.
-</p>
-
-<p>
-„Nun, es freut mich zu hören,“ bemerkt er wohlwollend,
-„daß Sie von nun an alle derartigen Entgleisungen vermeiden
-wollen. Denn wenn Sie noch ein zweites Mal hierher kommen,
-dann sind Sie für Ihr ganzes Leben als Verbrecher gebrandmarkt.“
-</p>
-
-<p>
-„Das bin ich schon,“ lautet die stereotype Antwort, „jetzt
-kommt es in die Zeitungen, alle Leute erfahren es ...“
-</p>
-
-<p>
-„Nun, wenn Sie mir Ihr Ehrenwort geben, daß Sie von
-jetzt ab ein ehrlicher Mensch sein wollen, dann verspreche ich
-Ihnen, mich dafür einzusetzen, daß Ihr Name nicht in die
-Zeitung kommt. Einmal ist keinmal! Ihr Ehrenwort?“
-</p>
-
-<p>
-Gar mancher gibt hier im anthropometrischen Kabinett das
-ehrenwörtliche Versprechen. Und mancher hält es auch.
-</p>
-
-<p>
-Wenn dann wirklich nach ein paar Jahren ein solcher junger
-Mann als ehrlicher, tüchtiger Mensch in das Sicherheitsdepartement
-kommt, um sich dafür zu bedanken, daß man ihn einst so vom
-Selbstmord abgehalten, dann ist das auch ein unkriminalistischer
-Besuch bei der Kriminalpolizei. Der einzige freilich, den man
-dort gerne sieht.
-</p>
-
-<div class="centerpic end">
-<img src="images/end.jpg" alt="" /></div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="part-7">
-<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a>
-Café Kandelaber
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">er</span> Menschheit ganzer Jammer faßt mich an, wenn ich so
-um fünf Uhr früh beim Café Kandelaber mein Frühstück
-verzehre. Es ist zwar ein famoser Trunk, der 80gradige, mit
-angenehm im Magen flammendem Rum vermengte Tee, der hier
-kredenzt wird — aber er bleibt doch nur ein Frühstück, ein verteufelt
-kategorischer Schlußpunkt nach einer schönen, kaum begonnenen
-Nacht. Das ist es, was mich grollen macht. Ich bin
-bös auf die ganze Welt. Es ist aber auch wirklich zu arg mit
-ihren Einrichtungen. Jedes Schulkind weiß z. B., daß der Erfinder
-der Dampfmaschine James Watt hieß. Weil dieser beim
-Brodeln eines Teekessels auf die Idee kam, die Dampfmaschine
-zu erfinden. Auch schon etwas? Ein anderer Erfinder, der
-wohl beim Vorbeifahren einer Dampfmaschine, sei es einer Lokomotive
-oder einer Lokomobile auf die Idee kam, sie als Teekessel
-zu verwerten, ist keinem Schulkinde bekannt, seinen Namen
-meldet kein Lied, kein Heldenbuch. Und doch ist die Verwendung
-der Lokomotive als Teekessel — das „Café Kandelaber“ — eine
-Erfindung, die Hunderten von müden Pilgern im nächtlichen Prag
-die Wohltat eines aufpulvernden, wärmenden Trankes gewährt.
-Der Name eines solchen Wohltäters wird in der Weltgeschichte
-nicht verzeichnet! Ich muß meinen Groll hinunterspülen.
-</p>
-
-<p>
-„Frau Jemelka, noch einen Achtziggradigen, Zwanzigprozentigen
-um fünf, etwas zum Aufweichen und zwei Retten.“
-</p>
-
-<p>
-Frau Jemelka stellt ein Glas unter die Mündung des
-Messingrohres, dreht den Hahn nach rechts und läßt die Essenz
-in mein Glas rinnen, in welches nun das heiße Wasser kommt.
-Dann sucht sie mir eine Mohnbuchte zum „Aufweichen“ aus
-und gibt mir zwei „Sport“. Sie weiß ganz gut, daß mit der
-Bestellung der Retten — so wird der Ausdruck „Zigaretten“ in
-vorgerückter Nachtstunde abgekürzt — nur „Sport“ gemeint sein
-können, damit die Zeche die runde Summe von 20 Hellern
-ausmache.
-</p>
-
-<p>
-Jawohl, bloß zwanzig Heller! Man zeige mir, bitte, ein
-Kaffeehaus, wo für dieses Geld ein warmes Frühstück mit Mehlspeise
-<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a>
-und Zigaretten erhältlich ist. Dabei habe ich noch die
-feinere Teesorte, die um 10 Heller — nobel muß die Welt zugrunde
-gehen! — getrunken und „Sport“, statt der billigen und
-hier bedeutend stärker verlangten „Drama“ geraucht.
-</p>
-
-<p>
-Frau Jemelka steckt das Zwanzighellerstück in eine Blechbüchse,
-die ihr als feuer- und einbruchssichere Kassa dient.
-Zwölf Prozent gehören der „Cafetiere“, die nicht selbständige
-Unternehmerin ist, sondern eine Angestellte der Kleinschen Likörfabrik
-vom „Roten Stern“ in Karolinental. Das fahrbare Teehaus
-ist Eigentum der Kleinschen Fabrik und diese liefert die
-Essenz, die Tee, Rum und Zucker enthält. Den Erlös der verkauften
-Quanten, abzüglich der Provision von zwölf Prozent,
-muß Frau Jemelka abführen.
-</p>
-
-<p>
-Keine Angst, die gesetzte, ins Pragerische transponierte
-Geisha kommt trotz alledem auf ihre Kosten. Das ambulante
-Teehaus, das manchen nächtlichen Passanten nährt, nährt auch
-seinen Mann. Im Winter kommen die Bettmeider frierend zu
-dem Teeverschleiß, um sich an dem behaglichen Koksofen zu
-wärmen, im Sommer aber gibt es zahllose Menschen, welche
-den im Einkehrhaus „U valšu“ zu entrichtenden Logierpreis von
-20 Hellern als eine überflüssige Ausgabe betrachten, und lieber
-in der lauen Luft der Gassen umherspazieren. Die statten dann
-dem „Café Kandelaber“ längere Besuche ab und geben oft dreimal
-so viel Geld aus, als das Nachtquartier kosten würde.
-</p>
-
-<p>
-Außerdem haben die Kandelaber-Cafetiers noch ganz gute
-Nebeneinkünfte. Wenn irgend ein Neuling kommt — an der
-Frage nach dem Preise eines Glases Tee ist er erkennbar — dann
-wird ihm statt der feinen, der 10 Heller-Essenz, die 8 Heller-Essenz
-gereicht, aber das Greenhorn muß den teuereren Preis
-bezahlen. Oder wird der Hahn des Kesselrohres zurückgedreht,
-bevor das vorschriftsmäßige Quantum der Essenz herausgeronnen
-ist. Wehe aber, wenn der Teemann eine solche Manipulation
-bei einem gewiegten Bummler in Anwendung bringen wollte!
-Der weiß ganz genau, daß der rechte der beiden durch ein festes
-Schloß vor Verfälschung oder Verwässerung durch den Kandelaberwirt
-geschützte Kessel die teure, der linke Kessel die billige Essenz
-birgt, und der wacht mit Argusaugen darüber, daß kein Tröpfchen
-der vorgeschriebenen Essenzmenge im Rohre des Kessels bleibe.
-<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a>
-Der würde für einen Übervorteilungsversuch Worte finden, die
-selbst in dem Milieu des Café Kandelaber ihre Wirkung nicht
-verfehlen würden.
-</p>
-
-<p>
-„Café Kandelaber.“ Eigentlich haben die gastlichen Lokomotiven,
-die in der Nacht an den Straßenecken Station machen,
-offiziell einen anderen Namen. „Ambulance heißer Getränke“
-steht mit goldenen Lettern auf der Wagenfront. Aber der Ausdruck
-hat sich nicht eingebürgert. Er trifft auch nicht mehr so
-recht zu. Freilich ist das Teehaus ambulant, und um die neunte
-Abendstunde kann man das nicht mehr ungewohnte, darum
-aber nicht minder seltsame Schauspiel genießen, eine Lokomotive
-mit einer vorgespannten Dogge durch die Straßen fahren zu
-sehen. Dann aber bezieht sie ihren Standplatz, den sie jahraus,
-jahrein innehat, der Hund kuscht sich zwischen den Rädern, und
-Wagen und Hund rühren sich bis zum Morgengrauen nicht von
-der Stelle. Früher, vor etwa dreißig Jahren, war das anders.
-Da fuhr der Teemann durch die Straßen und machte nur auf
-Anruf eines hungrigen oder durstigen Passanten Halt. Dieses
-Geschäft, das nur auf dem Zufall einer solchen Begegnung aufgebaut
-war, rentierte sich nicht. So zogen sich denn die Kandelaber-Cafetiers
-resigniert an die Ecken der Gassen oder an die
-Kandelaber der Plätze zurück. Und siehe da! Kaum hatte sich
-der Planet in einen Fixstern verwandelt, so war er schon beliebt.
-Da der Berg nicht mehr zum Mohammed kam, da kamen die
-Mohammedaner zum Berg. Der Ausdruck „Café Kandelaber“,
-dessen beide Worte so prächtig mit einander kontrastierten, wurde
-populär und er ist dieser Erfrischungsstelle bis zum heutigen
-Tage geblieben, obwohl jetzt eine Verwechslung möglich wäre,
-da sich ein findiger Wirt für sein Nachtkaffeehaus in der Karlsgasse,
-dessen Stammgäste sich aus denselben Gesellschaftsschichten
-rekrutieren, aus denen die Gäste der fahrbaren Teehäuser stammen,
-den Namen „Café Kandelaber“ behördlich protokollieren ließ.
-</p>
-
-<p>
-Von da ab erfreuten sich die fahrbaren Teehäuser steten
-Zuspruchs. Die Droschkenkutscher des nahen „Staffels“ und der
-gleichfalls dicht benachbarte Würstelmann polemisierten und pokulierten,
-bis längst das Licht auf der Höhe des städtischen
-Kandelabers verlöscht und die Wagenlaterne des „Kaffeehauses“
-angezündet war. Zu ihnen gesellten sich Nachtvögel verschiedener
-Gattungen und blieben auch keine kürzere Zeit stehen. Der Teewagen
-<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a>
-auf dem Altstädter Ring erfreute sich einer so außerordentlichen
-Beliebtheit, daß sie dem Wirte sogar verhängnisvoll
-wurde. Hier strömten nämlich zu der Zeit, als noch die Josefstadt
-nicht assaniert und voll von niedrigen Beiseln war, nach der
-Gasthaus-Sperrstunde verschiedene Leute zusammen, die hier ihre
-Affären der Liebe, des Alkohols und des Verbrechens fortsetzten.
-Das ging gar nicht leise und gar nicht ohne blutige Raufhändel
-ab. Das „Café Kandelaber“ war fast täglich in den Rapporten
-des Altstädter Polizeikommissariates erwähnt und schließlich verbot
-man dem Wirt diesen Standplatz. Er durfte den Ring überhaupt
-nicht mehr passieren und erst als die dunkelsten Häuser
-der Josefsstadt dem Erdboden gleichgemacht worden waren,
-durfte er wieder in das gelobte Land einziehen. In der letzten
-Zeit wird diese Geschichte in den Kreisen der „Kandelaber“-Gäste
-besonders oft besprochen. Man glaubt, daß durch dieses
-seinerzeitige Platzverbot ein Präzedenzfall vorhanden ist, der dem
-Teemann vom Josefsplatz verhängnisvoll werden kann: Man
-werde ihm diesen Platz verbieten, damit er dem Repräsentationshaus
-keine Konkurrenz mache.
-</p>
-
-<p>
-Es ist fünf Uhr geworden. Schon graut der Tag und dem
-Leser. Ich muß meine sachlichen Erwägungen schließen, wenn
-ich noch rechtzeitig zum Five-o’clock-tea ins „Café Kandelaber“
-kommen will.
-</p>
-
-<div class="centerpic end">
-<img src="images/end.jpg" alt="" /></div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="part-8">
-<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a>
-Geschichten vom Brückenkreuzer
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">M</span><span class="postfirstchar">an</span> kann freilich von einer Brücke nicht verlangen, daß
-sie außer einem Fluß auch noch die sozialen Gegensätze
-überbrücken soll. Aber die Prager neuen Brücken verschärfen
-diese Gegensätze noch, denn die Armen haben jetzt oft einen
-nahen Weg vor sich und müssen doch — um den Brückenkreuzer
-zu ersparen — den Umweg über die älteste Brücke, die unentgeltliche
-Karlsbrücke, machen. Durch die Prager Brücken werden
-zwar die Stadtteile verbunden, aber die Bewohner dieser Stadtteile
-haben keine Ursache dafür verbunden zu sein. Denn der
-Brückenkreuzer ist eine Unbequemlichkeit für die Reichen, eine
-empfindliche Ausgabe für die Armen. Jedesmal, wenn man in
-Prag eine Brücke schlägt, so schlägt man dem modernen Verkehrswesen
-ein Schnippchen und die Logik aufs Haupt, indem
-man je ein Mauthäuschen an die Brückenenden setzt.
-</p>
-
-<p>
-Das Vergnügen, in den verschiedenartig duftenden Anlagen
-des Stadtparkes und auf dem von Alpinisten sehr geschätzten
-Pflaster der Prager Straßen zu promenieren, hat man ganz
-umsonst. Aber die Notwendigkeit über eine Brücke zu gehen,
-die muß man bezahlen. Obwohl das Prager Pflaster noch teurer
-ist als die Prager Brücken. Von der Verkehrshemmung, welche
-die Einhebung der Brückenmaut bedeutet, gar nicht zu reden.
-Man stelle sich vor, daß auf der Weidendammer oder auf der
-Potsdamer Brücke in Berlin jeder Passant stehen bleiben, jedes
-Auto stoppen müßte, um zwei oder fünf Pfennige zu bezahlen.
-Auch der gemütliche Wiener würde wohl verteufelt ungemütlich
-werden, wenn er sein „letztes Kranl“ wechseln müßte, um über
-die Aspernbrücke gehen zu dürfen.
-</p>
-
-<p>
-Aber es wird uns doch ein Äquivalent für die Entrichtung
-des Brückenzolls geboten. Das sind die Straßenbilder und die
-Geschichten, die sich auf diese Institution gründen, und um die
-uns jede andere Stadt beneiden muß. Hier fleht ein Bettelweib
-mit weithin hörbarem Weinen die Gnade des Brückentyrannen
-an, dort nimmt ein kleines Kindermädchen den ihr anvertrauten
-fünf Jahre alten Bengel keuchend auf den Arm, hier schlängelt
-<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a>
-sich ein Gamin zwischen zwei Straßenbahnwagen auf die Brücke,
-dort springt ein Prager „Pepík“ vor dem Mauthäuschen auf die
-Elektrische, um jenseits des Häuschens wieder abzuspringen —
-alles, um zwei Heller zu ersparen.
-</p>
-
-<p>
-Auch andere Typen und Geschichten sind bekannt. Ein Einjährig-Freiwilliger
-hat den Brückenkreuzer prinzipiell — „ich lasse
-mir nichts schenken“ — bezahlt, trotzdem ihn die Uniform zu freiem
-Eintritt berechtigte. Von dem Jungtürken, der es absolut nicht
-verstehen konnte, wie ein fremder Mann auf offener Brücke von
-ihm ein Bakschisch zu verlangen wage, und dem schließlich eine
-hundertköpfige Menschenmenge zu Hilfe kam, war im November
-des vorigen Jahres in allen Blättern zu lesen. Der uralte Ulk
-des Defilees im Gänsemarsch ist bei den Bewohnern des Mauthäuschens
-gar nicht beliebt, weil sich diese die Mühe nehmen
-müssen, die Teilnehmer des Zuges, für die der Letzte zahlen soll,
-genau zu zählen. Zum Glück läuft der zahlungspflichtige Letzte
-gewöhnlich davon, so daß ein Rechenfehler ohnedies gleichgültig
-ist. Es gibt viel solcher Scherze.
-</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="noindent">
-Rückte da neulich ein Marsjünger in Zivilkleidern, nur an
-der keck über dem linken Ohre baumelnden Mütze als k. u. k.
-Infanterist kenntlich, vom Ernteurlaub nach Prag ein. An dem
-Smichower Ufer streckte ihm der Zöllner begehrlich seine Hand
-entgegen. Der Urlauber aber verweigerte die Zahlung des
-Tributs. Er sei Soldat und als solcher brauche er keinen Kreuzer
-zu zahlen. Der Mauteinnehmer wies auf die Zivilmontur des
-Widerspenstigen, dieser legitimierte sich mit seinem Urlaubsschein
-als Angehöriger der Armee. Da die Frequenz auf der Brücke
-gerade sehr groß war, so hatte sich bereits ein stattliches Häuflein
-von Zuschauern um die streitenden Parteien geschart. Nun konnte
-der Zöllner erst recht nicht nachgeben, wenn er nicht sein Ansehen
-einbüßen wollte. Aber auch dem Krieger kam es nicht
-in den Sinn, der Klügere zu sein, und er bestand auf seinem
-Schein. Wer weiß, welche Dimensionen der Rechtsstritt genommen
-hätte, wenn nicht zufällig ein Einjährig-Freiwilliger des Weges
-gekommen wäre, der in hilfsbereiter Weise für seinen Fahnenbruder
-zwei Heller auf das Opferbrett der Stadtgemeinde niederlegte?
-Der also losgekaufte Urlauber aber setzte seinen Weg
-<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a>
-nicht sogleich fort, sondern eilte in die genau gegenüber dem
-Mauthäuschen auf der Brücke gelegene Tabaktrafik. Er kaufte
-sich für die ersparten zwei Heller zwei „Drama“-Zigaretten und
-zog, die eine „Drama“ zufrieden im Munde haltend, die andere
-kokett hinter dem Ohre, unter dem Lachen des Publikums so stolz
-über die Brücke, wie einst im Mittelalter siegreiche Belagerer über
-die endlich heruntergelassene Zugbrücke in die Burg des Feindes
-gezogen waren.
-</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="noindent">
-Einmal hatte einer meiner Couleurbrüder zur endlichen Bezahlung
-seiner Schulden 200 Kronen erhalten. Kaum hatte er
-uns von diesem sensationellen Ereignis auf unserer Bude, die sich
-in dem Gasthaus auf der Judeninsel befand, in Kenntnis gesetzt,
-als wir auch schon beschlossen, damit dem Brückenmann der
-Franzensbrücke einen Streich zu spielen. Zehn Bursche wurden
-je mit einer Zwanzigkronennote beteilt, selbstverständlich erst
-nachdem sie sich „auf Grand-Cerevis“ — die Eidesformel beim
-Biertisch — verpflichtet hatten, sie wieder zurückzustellen. Nun
-ging es dem Mauthause zu. Der erste von uns reichte dem Zöllner
-die Banknote und dieser gab murrend 19 Kronen 98 Heller zurück.
-Dann kam der zweite, und gleichzeitig streckten acht andere Hände
-dem Mauteinnehmer die Banknoten zu. Der gute Mann war
-entsetzt. „Es könnte doch einer für alle Herren zahlen,“ wandte
-er ein. „Wir kennen einander ja gar nicht,“ war unsere Antwort.
-Nun wollte uns der Einnehmer mit großmütiger Gebärde die
-Entrichtung erlassen. Aber wir wollten uns keinesfalls unserer
-Prager Bürgerpflicht begeben, wollten den Stadtsäckel nicht
-schädigen. Schließlich machte Meister Zöllner dem Konflikt ein
-Ende, indem er sich in seine Hütte verkroch. Da mußten wir
-denn doch von dannen, ohne unserer Bürgerpflicht Genüge getan
-zu haben. Wahrscheinlich hat sich der Zöllner darüber ins Fäustchen
-gelacht. Wir aber lachten laut.
-</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="noindent">
-Einmal zogen wir aus der „Quelle“ in Bubentsch nächtlicherweile
-nach Prag. Als wir zum Kleinseitner Brückenkopf des
-Kettenstegs kamen, schlief der Zöllner bereits den Schlaf des
-Gerechten und an seinem Fenster war der Holzladen heruntergelassen,
-denn drüben am andern Ufer versah der andere Mauteinnehmer
-<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a>
-— wie allnächtlich — für ihn den Dienst. Schon
-wollten wir weckend an die Bude klopfen, als uns ein üppig
-gelaunter Kommilitone davon abhielt. Er legte still einen Kreuzer
-auf das Brett vor dem geschlossenen Schalter und befahl uns,
-ihm in einer Distanz von einigen Schritten über die Brücke zu
-folgen. Bei der Josefstädter Brückenmündung trat ihm der Zerberus
-mit heischender Hand entgegen. Unser Freund tat sehr
-erstaunt. Er werde doch nicht zweimal zahlen, man zahle doch
-nur beim Betreten der Brücke und das habe er getan.
-</p>
-
-<p>
-„Das ist eine Lüge,“ erklärte der Brückenhüter, „drüben ist
-ja geschlossen. Sie müssen hier bezahlen.“
-</p>
-
-<p>
-„Ob drüben geschlossen ist, geht mich nichts an. Darauf habe
-ich nicht geachtet. Ich habe drüben bezahlt, wie ich immer beim
-Betreten der Brücke zahle.“
-</p>
-
-<p>
-Der Zöllner rief die heilige Hermandad herbei. Der Wachmann
-kam und mein Freund verlangte die Sicherstellung des
-Mauteinnehmers, da er von diesem durch das Wort „Lüge“ beleidigt
-worden sei. Der Zöllner leugnete nicht.
-</p>
-
-<p>
-„Der Herr hat behauptet, drüben gezahlt zu haben und
-das ist eine Lüge!“
-</p>
-
-<p>
-Unser Freund verlangte nun erregt, der Wachmann möge
-konstatieren, ob der Kreuzer wirklich drüben liege. Dies werde
-bei der Verhandlung in der Ehrenbeleidigungsklage das wichtigste
-Moment sein. Das sah der Wachmann ein und war bereit mit
-unserem Freunde auf das jenseitige Ende der Brücke zu gehen.
-Der Zöllner, der eine eventuelle Beeinflussung des Polizisten vermeiden
-wollte, sperrte seine Bude und ging mit. Wir hinterdrein.
-Als der Zug wieder glücklich auf der anderen Seite
-war, erblickte man das künftige Corpus delicti: Der Kreuzer
-lag friedlich auf dem Schalterbrett. Mit majestätischer Handbewegung
-wies unser Freund auf ihn. Der Brückner war geschlagen.
-Schon wollte er mit mißmutiger Gebärde den Kreuzer
-an sich nehmen, als unser Kommilitone herzusprang und ihn
-einsteckte.
-</p>
-
-<p>
-„Über eine Brücke, auf der man die Passanten derart behandelt,
-gehe ich nicht. Wir gehen über die Elisabethbrücke.“ Und zum
-verdutzt dastehenden Zöllner gewandt, fügte er hinzu: „Auf diese
-Weise treiben sie alle ihre Kundschaften der Konkurrenz in die
-Arme.“
-</p>
-
-<div class="centerpic end">
-<img src="images/end.jpg" alt="" /></div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="part-9">
-<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a>
-Der Chef der Prager Detektivs
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">„</span>D</span><span class="postfirstchar">er</span> alte Lederer“, der Chef der Prager Polizeidetektivs, hat
-gestern, am 30. März 1909, im Sicherheitsdepartement sein
-Pensionierungsgesuch geschrieben, heute übergibt er es und morgen
-macht er schon keinen Dienst mehr. Zum erstenmale seit 38
-Jahren. (Von den Krankheitszeiten abgesehen, die er im letzten
-Jahre zu bestehen hatte.) Nun hat er ausgedient und geht in den
-Ruhestand. Die Kunde wird bei allen, die ihn kennen — und
-die Zahl derer, die ihn kennen, ist immens — Interesse erwecken;
-mit Bedauern sehen ihn wohl nur wenige aus dem Amte scheiden.
-Er war bestgehaßt. Ein Bann, analog jenem, der vor Jahrhunderten
-den Henker umsponnen, hat auch ihn, den „Spitzel“,
-den „Spion“, den „Schnüffler“ umgeben. Dergleichen Charakterisierungsworte
-gebrauchte man immer, wenn man in der
-Nacht einen Begleiter auf den alten Lederer aufmerksam machte,
-wenn dieser, Stock und Hände auf dem Rücken haltend, mit
-gebückter Haltung und patrouillierenden Augen über das Trottoir
-wandelte. In den Spelunken hatte man ärgere Namen für ihn.
-Aber noch keiner hat es gewagt, sie ihm ins Gesicht zu schleudern.
-Man hatte vor dem Alten Respekt.
-</p>
-
-<p>
-Revertenten und berufsmäßige Nachtwandlerinnen verschwanden,
-sobald sie ihn von der Ferne sahen, mit größtmöglicher
-Akzeleration um die Ecke. Und wenn er so gegen vier
-oder fünf Uhr früh in die Schenke „Zum Kranz“, „Bei den
-3 Sternchen“, im „Goldenen Zweier“, „Zur Schokolade“, „Beim
-Frosch“ oder „Beim Banzett“ erschien, dann sprangen die auf
-den Tischen, auf den Bänken oder auf dem Fußboden schlafenden
-Stammgäste beiderlei Geschlechtes flugs auf, als ob der kommandierende
-General eine Wachmannschaft beim Kartenspiel erwischt
-hätte. Die schlaftrunkenen Augen der Nächtlinge blickten
-scheu auf den Gefürchteten und mit heuchlerischer Devotion scholl
-ihm allerseits ein „Ruku líbám, milostpane“ (Küss’ die Hand,
-<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a>
-gnä’ Herr) entgegen. Alle kannten ihn. Aber auch er kannte
-alle. Sein Blick durchschnitt das rauchgeschwängerte Lokal. Schon
-hat er einen erspäht, der aus Prag für immer ausgewiesen ist.
-Er winkt ihm und ohne ein Wort der Widerrede zu dulden,
-nimmt er den Liebhaber Prags bis zum nächsten Wachposten
-mit. Oder er schaut jemanden an, den er nie zuvor gesehen:
-„Sie sind der R. S.!“ Aus den Worten eines Steckbriefes hat
-er sich das Bild des R. S. konstruiert und nun den Gesuchten
-erkannt. Das war seine Spezialität, Spürsinn oder Routine?
-</p>
-
-<p>
-Aber die Unbeliebtheit in den Verbrecherkreisen hätte <a id="corr-11"></a>ihm
-in den Kreisen der gesetzmäßig lebenden Bürgerschaft Sympathie
-gesichert, wenn sich der Detektivinspektor Lederer nicht aus beruflicher
-Pflicht auch in ein Gebiet hätte einmischen müssen, in
-welches eine Einmengung spürender Behörden mit vielem Rechte
-von der Allgemeinheit sehr angefeindet wird: Das Gebiet der
-Politik. Für diese Idiosynkrasie gegen „Spitzeltum“ in der Politik
-hat der alte Lederer am meisten leiden müssen. Erst während
-der letzten Grabenkrawalle ist er in der Nähe des Spinka von
-einer Gruppe tschechisch-nationaler Sozialisten erkannt und bedroht
-worden, die Sozialdemokraten haben gegen ihn Gerichtsprozesse
-angestrengt und sogar von deutscher Seite ist der eifrige
-Geheimpolizist einmal weidlich durchgeprügelt worden. Noch
-dazu auf reichsdeutschem Boden. Das war am Sonntag, den
-12. Juli 1897. Die österreichischen Behörden hatten den Egerer
-Volkstag verboten, aber damit nichts erreicht. Denn die Teilnehmer
-zogen in hellen Scharen nach dem nahen bayrischen
-Städtchen Waldsassen, um hier — von keinem „landesfürstlichen
-Kommissär“ gehört und gestört — zu beraten und zu beschließen.
-Aber man hatte „oben“ um so größeres Interesse an der Versammlung
-jenseits der schwarz-gelben Grenzpfähle und — so zog
-Herr Lederer mit einer Kornblume im Knopfloch, als unentwegter
-Alldeutscher gleichfalls nach Waldsassen. Aber er wurde erkannt,
-und er, der was erfahren wollte, hat nur Schlimmes erfahren.
-Auch sonst hat er zahlreiche Reisen in politischer Spürmission
-unternommen, aber er muß hiebei von einem Mißgeschick à la
-Waldsassen verschont geblieben sein, denn nur der eine tragikomische
-Fall ist bekannt geworden. U. a. hat Inspektor Lederer
-bei Kaiserreisen in der ganzen Österreichisch-ungarischen Monarchie
-als Auge des Gesetzes fungiert und ist spähend auf den
-<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a>
-Spuren Wilhelm des Redseligen, King Edwards und Milans des
-weiland Lebenslustigen gewandelt. Sogar ein Sonnen- oder
-Löwenorden wurde ihm verliehen, zum Dank dafür, daß er den
-Beherrscher des Perserreiches vor eventuellem Mißgeschick behütete.
-</p>
-
-<p>
-Bei der Ausmittlung von Verbrechern hat er gute Dienste
-geleistet. Freilich von moderner Kriminalistik, von Daktyloskopie
-und Anthropometrie, von Kopfzirkeln, Meßkreuzen, Narbenmaßen
-und dem übrigen Instrumentarium der beiden Bertillons verstand
-er ebensowenig wie seine Klienten von Ehrlichkeit. Aber er erkannte
-seine Prager, Weinberger und Žižkower Einbrecher an
-der Art, wie der Einbruch ausgeführt war. Und verstand sie zu
-finden. Besonders in der Josefstadt, die vor ihrer Assanation das
-Heim der Prager Kamorra gewesen war, kannte sich Lederer —
-er war dort jahrelang Polizei-Wachkommandant gewesen — in
-jedem Schlupfwinkel aus und jeden einzelnen Bewohner und
-jede einzelne Bewohnerin der zahllosen Beisel mit Namen.
-</p>
-
-<p>
-Aber auch in besserem Milieu ließ den Detektivinspektor
-sein Spürsinn nicht im Stich. Da ließ er sich auch durch Eleganz
-und weltmännisches Auftreten nicht blüffen. So hat er aufs Geratewohl
-einmal im Kaffeehaus einen gutgekleideten Herrn nur
-deshalb festgenommen, weil er champagnisierte und freizahlte.
-Der Herr protestierte. Aber der alte Lederer ließ sich nicht irre
-machen. Im Sicherheitsdepartement wollte man ihn schon ausschimpfen,
-daß er jemanden grundlos festgenommen habe. Man
-forschte aber nach der Provenienz des Geldes und da stellte sich
-heraus, daß der Arretierte ein eigenes Telegraphenamt in Nusle
-inszeniert, aus diesem Geld angewiesen hatte und beheben ließ.
-Der Name dieses Mannes ist seither in der Geschichte des Postbetruges
-Europas geläufig: Plocek.
-</p>
-
-<p>
-„Ich hab’ gleich gesehen, daß der das Geld nicht schwer
-verdient hat,“ sagte der alte Lederer, als er die Prämie für
-seinen Fang ausbezahlt erhielt.
-</p>
-
-<p>
-Er war bei allen Morden der letzten Jahre zur Stelle:
-beim Mord am Omladinisten Mrwa, an der Juwelierin Gollerstepper,
-an den Mädchen Hruza und Klima im Polnaer Walde,
-am Hotelier Wolf, am Liebespaar Takacz-Hanzely zu Krtsch, am
-Schulmädchen Smrček, am Portier des Gewerbemuseums Schaněl,
-<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a>
-am Gefangenaufseher Kaucky und an der neuvermählten Frau
-Novotny in der Böhmerwaldgasse. Immer machte er sich als
-einer der ersten auf die Suche. Manchmal mit Glück, manchmal
-mit Unglück. Sein Name war in den Berichten über Prager
-Kriminalfälle stereotyp. Darum geziemt es sich, das heutige
-Datum als das des Tages zu registrieren, da der alte Lederer
-aufhört, seines Amtes zu walten.
-</p>
-
-<div class="centerpic end">
-<img src="images/end.jpg" alt="" /></div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="part-10">
-<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a>
-Der Mann mit der Straßenspritze
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">enn</span> es regnet, ist es naß. Besonders in Prag. Hier werden
-nämlich bei Regen die Straßen besprengt. Manchmal während
-des Regens, manchmal nach und manchmal vor dem Regen. In
-den beiden erstgenannten Fällen müßte man nichts besonderes
-erblicken, weil man ja zu der Vermutung kommen kann, der
-bekannte Satz, daß Feuchtigkeit des Erdbodens Regen zur Folge
-habe, sei auch in der Umkehrung richtig. Aber daß man in
-Prag auch vor dem Regen die Straßen besprengt, ist interessant.
-Es kommt ja auch nur selten vor. Dann ist es aber umso interessanter.
-</p>
-
-<p>
-Der Mann, dem die ehrenvolle Aufgabe obliegt, die Bazillen
-des Prager Straßenstaubes mit den Bazillen des Prager Wassers
-in fruchtbaren Zuchtverkehr zu bringen, ist näherer Beachtung
-wert. Sie wird ihm auch zuteil. Dort, wo der Spritzenmann
-ist, dort ist auch die Straßenjugend. Die kennt die Prager
-Spritzenschläuche ganz genau und weiß, daß sie feine Löcher
-haben, durch die beim Spritzen hohe Wasserstrahlen in die Luft
-steigen. Diese kleinen Löcher lassen sich bequem mit einem Finger
-zuhalten und wenn man diesen wegzieht, so spritzt der dünne
-Strahl mit verdoppelter Gewalt in die Höhe oder auf einen
-Passanten. Ja, das Spritzen ist eine Lust für die jeunesse dorée
-der Straße. Aber auch ältere Passanten, die ohnedies schon um
-der sengenden Sonnenglut willen, sich nicht der Eile befleißigen
-wollen und die — die Abneigung der Muhme Mephistos gegen
-das Staubschlucken teilend — lieber auf besprengtem Pfade weiterwandeln
-wollen, bleiben stehen und schauen dem Mann mit der
-Straßenspritze zu. Schon die Vorbereitungen, die dieser trifft,
-wirken erfrischend. Ich glaube, dieses Straßenbild wäre ein
-famoser Stoff für eine Pantomime. Sie wäre abendfüllend.
-</p>
-
-<p>
-I. Akt. (Eine schmutzige Straße.) Leute treten auf, die sich
-den Schweiß aus dem Gesichte wischen und dann die Taschentücher
-auswinden. Plötzlich malt sich Begeisterung in ihren Zügen
-und freudigen Antlitzes weisen sie in die rechte Kulisse. Aus
-dieser kommen zunächst barfüßige Knaben und Mädchen mit
-<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a>
-Jubel und Tanz. Dann rollt ein Handwagen heran, der ein
-großes Faß trägt. Der Wagen wird von einem Spritzenmann geschoben,
-ein zweiter geht neben dem Wagen. Der Spritzenmann
-rekognosziert das Terrain. Fragend blickt er seinen Genossen
-an. „Soll man hier spritzen?“ Die Antwort scheint eine verneinende
-Gegenfrage zu sein: „No, soll man hier spritzen?“
-Aber Passanten und Straßenjugend drängen sich an die beiden
-Begleiter des Fasses heran und bitten flehentlich um einen Gespritzten
-für das Straßenpflaster. Die beiden nicken Gewährung
-und senken den Vorderteil des Wagens zur Erde. Die Zuschauer
-(auf der Bühne) treten scheu zurück. Die Spritzenleute beginnen
-je eine Tabakspfeife anzuzünden. Der Vorhang fällt langsam.
-</p>
-
-<p>
-II. Akt. (Spielt eine halbe Stunde später. Personen: Wie
-im ersten Akt.) Die Spritzenleute vollenden das Anzünden der
-Tabakspfeife. Sie nehmen ein T-förmiges Eiseninstrument, das
-wie ein jugendlicher Galgen aussieht und halb Schraubenschlüssel,
-halb Pfropfenzieher ist, vom Faßwagen und heben mit der einen
-Zacke dieses Werkzeuges den Deckel des Hydranten in die Höhe.
-Ein süßer Geruch steigt aus den Tiefen empor. (Das Orchester
-spielt: „Das duftet nach Trèfle incarnat“ aus „Graf von Luxemburg“.)
-Der Duft erfüllt das Theater. Die Zuschauer (auf der
-Bühne) verschwinden im Hintergrund. Die Zuschauer (im Zuschauerraum)
-auch. Der Vorhang fällt rasch.
-</p>
-
-<p>
-III. Akt. Aus dem Faß wird durch dessen obere Öffnung
-ein Metallrohr herabgenommen, das im Sonnenglanze glitzert,
-wie das Rheingold in der Komischen Oper zu Wesseli-Mezimosti.
-Am Ende des Rohres hängt ein Elefantenrüssel; aber es ist gar
-kein Elefantenrüssel, sondern ein Spritzenschlauch. Das andere
-Ende des Rohres wird irgendwo in dem Abgrund befestigt, aus
-dem die bereits beschriebenen unbeschreiblichen Düfte steigen.
-Damit das T-Instrument sich nicht zurückgesetzt fühle, schraubt
-man es gleichfalls an den Hydranten. Die Zuschauer denken
-nun wie Schiller: Wohl, nun kann der Guß beginnen. Aber
-damit ist’s noch nichts. Dem einen Spritzenmann ist das Feuer
-der Tabakspfeife ausgegangen und er bemüht sich nun, ein Zündholz
-an einem Teile seiner Hose anzuzünden. Der Vorhang fällt
-diskret.
-</p>
-
-<p>
-IV. Akt. Die Pfeife brennt. Einer der beiden Spritzenleute
-kurbelt den Miniaturgalgen, der andere packt den Spritzenschlauch,
-<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a>
-dessen Mündung das Straßenpflaster zärtlich küßt.
-Wasserströme, welche die neue hechtgraue Felduniform tragen,
-strömen durch den Schlauch und verwandeln die Gegend um den
-Hydranten in eine romantische Meereslandschaft. Ein schmuckes
-Dienstmädchen, einen Korb mit Eßwaren unter dem Arme, kommt
-des Weges und lächelt den Wassermann an, der den Schlauch
-hält. Ein Strahl der Freude zuckt über sein Gesicht und ein
-Strahl Wasser über das ihre. Der Spritzenmann hat nämlich
-in seiner freudigen Erregung die mit dem Schlauch bewehrte
-Hand erhoben. Auch die Eßwaren sind angenehm besprengt
-worden und der Korb sieht aus wie ein volles Lavoir. Das
-Mädchen schimpft. Die Spritzenmänner bleiben ihr die Antwort
-nicht schuldig und gebrauchen einige Ausdrücke ... (Der
-Vorhang fällt über Anordnung der Zensurbehörde sehr rasch.)
-</p>
-
-<p>
-V. Akt. Es wird fortgespritzt. Alle Passanten erhalten eine
-Dusche gratis. Hier erhält ein hellgelber Herrenüberzieher eine
-schön braune Glasur, dort wird einem Panamahut Gelegenheit
-geboten, zu erweisen, ob er wirklich wasserdicht ist. Mit Wilhelm
-Tell-artiger Sicherheit lenkt der schlichte Bedienstete der Prager
-Kommune sein feuchtes Geschoß gegen die wandelnden Ziele.
-Oft weiß er mit ein- und demselben Strahl mehreren Ahnungslosen
-etwas von dem erfrischenden Naß der Moldau zuteil werden
-zu lassen. Längst hat sich die Straße in das Schwarze Meer
-verwandelt — der Spritzenmann arbeitet weiter, als gälte es
-den Kanal trocken zu legen. Da fängt es zu regnen an. (Man
-verwende den Platzregen aus „Das Weiße Rößl.“) Die Spritzenmänner
-freuen sich höchlichst, denn im Regen ist die Arbeit
-viel angenehmer. Sie lassen aus dem Schlauche Wasser in das
-Faß des Wagens laufen, damit sie mit Hilfe der bekannten Holzkannen
-auch jene Straßenteile besprengen können, zu denen der
-Spritzenstrahl nicht gelangen kann; wenn der Regen diese
-Stellen näßt, so gilt das nicht. Das Faß ist bald gefüllt und
-nun kommt der Deckel wieder auf den Hydranten, Röhre, Schlauch
-und Schraubenschlüssel wieder auf den Wagen. Es regnet weiter —
-besonders faule Äpfel und Eier aus dem Zuschauerraum. Der Vorhang
-fällt mit wolkenbruchartiger Geschwindigkeit.
-</p>
-
-<p>
-Auf Hofbühnen und anderen großen Theatern kann man
-statt des Faßwagens fahrbare Riesenspulen verwenden, um die
-sich der Spritzenschlauch ringelt; die Aufführung verliert dadurch
-<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a>
-nicht an Lokalkolorit, da man solche Spulen beim Besprengen
-der Prager Hauptstraßen verwendet. Anderer Requisiten bedarf
-mein Mimodrama nicht. Trotzdem mir die Tantiemen ganz gut
-zustatten kämen, sage ich den Theaterdirektoren ganz offen:
-Das Stück braucht nicht sofort aufgeführt zu werden, denn der
-Stoff bleibt dauernd aktuell. In Prag wurde seit jeher die
-Straßenbesprengung so betrieben und wird auch weiter so betrieben
-werden. In den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhundertes
-haben diese Arbeit Leute besorgt, welche von Feuerwehrmännern
-auf der Straße ad hoc engagiert worden waren
-und unter deren Aufsicht spritzen mußten. Daß diese Leute die
-Sache nicht mit jener virtuosen Sicherheit, nicht mit jener genialen
-Schlauchtechnik betreiben konnten wie das wohlorganisierte
-städtische Spritzenkorps von heute, liegt klar auf der Hand. Ist
-das nicht Fortschritt genug? Ein Mehr wäre von Übel, hieße
-die Tradition verleugnen. Und die Stadt Prag hält auf Tradition.
-Strahlend war früher die Straßenbesprengung, strahlend soll sie
-auch in Zukunft sein. Das ist eine Beruhigung für mich. Kann
-doch meine Pantomime nie veralten, wenn die Männer, die spritzen,
-nie selbst „gespritzt“ werden.
-</p>
-
-<div class="centerpic end">
-<img src="images/end.jpg" alt="" /></div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="part-11">
-<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a>
-Eine Nacht im Asyl für Obdachlose
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">ine</span> Minute von der Elisabethstraße entfernt, in der alltäglich
-Fiaker, Automobile, Straßenbahnwagen, Equipagen und
-Droschken nach dem Baumgarten hinausfahren, zweigt von der
-Klemensgasse die Neumühlgasse ab. Sie ist keine Verkehrsstraße;
-vier scharfe Ecken bildend, kehrt sie zur Klemensgasse zurück.
-Hier ist nichts mehr von Promenade, nichts mehr von Luxusfuhrwerken
-zu merken. Nur wenige Passanten bevölkern sie.
-Abends jedoch sammeln sich hier Gruppen von Menschen an,
-die des Augenblickes harren, wo sich das Tor des Hauses Nr. 11
-eröffnet, auf dem in großen schwarzen Lettern die Worte
-„Útulna — Asyl“ stehen.
-</p>
-
-<p>
-In diesem Haus, das Eigentum des Prager Asylvereines für
-Obdachlose ist, habe ich gestern übernachtet. Bei einem Freunde,
-der in der nahen Sametzgasse wohnt, hatte ich mich vorher in
-full dress geworfen. Den Rock, den ich anhatte, hatte voriges
-Jahr unser Dienstmädchen einem Bettler geschenkt, aber dieser
-hatte die Annahme des Geschenkes unter schweren Beleidigungen
-abgelehnt. Wenn in dem Hut, den ich aufgesetzt hatte, noch die
-Firmabezeichnung erkenntlich wäre, könnte man ihn als famoses
-Mittel für Erpressungen verwenden: Der Hutmacher würde jeden
-Betrag bezahlen, um diese seinen Namen tragende Schmach aus
-der Welt zu schaffen. Der Rock hatte zwar keine Fasson, aber
-dafür hatte er auch keine Farbe und Löcher, auf die jede
-Regimentsfahne stolz sein könnte. Die Risse der Stiefel waren
-durch die in sanften Wellenlinien hinabfallenden roten Socken
-teilweise verdeckt. Die Hosen — reden wir nicht davon.
-</p>
-
-<p>
-So ging ich, in den wahrlich nicht verwöhnten Gassen des
-Petersviertels peinlichstes Aufsehen erregend, zum Asylhaus. Hier
-waren schon Gruppen von Obdachlosen angesammelt. Einige saßen
-auf dem Geländer, das die schmalen Anlagen der Klemenskirche
-umfriedet, andere auf den Stufen am rückwärtigen Kircheneingang.
-Etliche standen vor dem Eingang eines Gasthauses in der Klemensgasse,
-wieder andere an die Häuser der Neumühlgasse gelehnt.
-<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a>
-Auch Frauen waren darunter. Im ganzen etwa 70 Leute. Ein
-Doppelposten der Polizei hielt Wache.
-</p>
-
-<p>
-In der Gruppe, in der ich mich anstellte, war ein fünfzehnjähriger
-Bauarbeiter, der gerade von seiner Fußwanderung
-aus Triest in Prag eingetroffen war. Dann ein Prager Geschäftsdiener,
-elternlos und ohne Verwandte, der ohne Stellung war.
-Vor anderthalb Tagen hatte er bei einem ehemaligen Kollegen
-eine Suppe bekommen, seither hatte er überhaupt nichts gegessen.
-Unter anderen Umständen hätte ich diese Angabe vielleicht
-skeptisch aufgenommen. Aber hier konnte ich nicht daran zweifeln.
-Was für ein Interesse hätte er gehabt, die Kollegen, die gleich ihm
-arg im Bruch waren, zu belügen? Erwarten konnte er von ihnen
-ja nichts. Ich versprach ihm meine Suppenportion für den Fall,
-als ich, trotzdem ich kein Dienstbuch habe, in das Asyl eingelassen
-würde. Ich hätte einen verdorbenen Magen und könne
-nichts essen. Seither wich der Bursche nicht von meiner Seite,
-damit er in das gleiche Zimmer mit mir komme. Seine einzige
-Sorge, die er fortwährend zu mir äußerte, war die: „Ob man
-dich nur ohne Büchel hineinlassen wird?“ Von Zeit zu Zeit kamen
-Besuche zu unserer Gruppe. Leute, die Arbeiter suchten. In
-meinem Leben habe ich nicht so viele Engagementsanträge erhalten,
-wie vorgestern. „Bist du ein Müllergehilfe?“ fragte mich
-ein wohlgenährter Herr, der auf unsere Gruppe zugetreten war.
-Nein, ich sei kein Müllergehilfe. Damit aber gab sich der Herr
-noch nicht zufrieden: „Willst du nicht in der Mühle arbeiten?“
-Ich müsse morgen abreisen, sagte ich und der Vertrag war nun
-endgültig gescheitert.
-</p>
-
-<p>
-Von den übrigen Aktionen, die nichts geringeres zum Zwecke
-hatten, als meine wertvolle Arbeitskraft für verschiedene Unternehmungen,
-wie einen Brückenbau, eine Schneiderwerkstätte etc.
-zu gewinnen, sei noch eine erwähnt. Ein Bäckergehilfe kam zu
-mir: „Du bist ein Bäcker?“ Wieder verneinte ich. „Das macht
-nichts,“ sagte jener. „Du könntest heute nachts bei uns in der
-Werkstätte statt meiner arbeiten. Mein Mädel ist heute früh
-nach Prag gekommen und ich möchte gern mit ihr ausgehen.
-Du brauchst nicht viel zu machen, nur soll der Alte nicht merken,
-daß einer fehlt. Ich gebe zwanzig Kreuzer.“ Ich erklärte, daß
-ich ablehnen müsse. Ich hätte schon drei Nächte nicht geschlafen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a>
-Die Arbeitgeber waren nicht die einzigen Personen, die um
-unsere Gunst warben. Zwei Frauen traten auf einzelne von uns
-zu und boten uns privates Logis an. Mich forderten sie nicht
-auf; ich sah sehr schäbig aus. Aber auch bei den anderen hatten
-sie kein Glück, da ihre Forderung zu hoch war. Je zwei hätten
-in einem Bette schlafen und jeder dreißig Heller zahlen sollen.
-Ein jüngerer Wanderbursche ließ sich in Unterhandlungen ein,
-aber ein erfahrenerer Genosse zog ihn zurück. „Unsinn! Im
-Asyl schläfst du allein im Bett, zahlst keinen Heller und kriegst
-noch zweimal Suppe.“ Da mußte denn die Wohnungsvermieterin
-wieder abziehen.
-</p>
-
-<p>
-Wir standen von ¾6 Uhr abends bis 7 Uhr. Dann wurde
-das Tor geöffnet, entweder weil der Hausvater sehen wollte,
-wieviel Leute draußen seien, oder weil irgend ein Angestellter des
-Asyls eingelassen wurde. Das Öffnen des Tores war das Signal
-zur Vergatterung vor diesem. In weitem Bogen drängte sich
-die Schar der Obdachlosen. Die Frauen wurden in die erste Reihe
-gelassen. An sie schlossen sich, auf Anordnung eines alten Kunden,
-zunächst die Leute, die schon tags vorher die Gastfreundschaft
-des Prager Asylvereines genossen hatten. In den nächsten Reihen
-standen die Obdachsuchenden, welche die Bestätigung ihrer Genossenschaft
-darüber in Händen hatten, daß sie stellungslos und „auf
-der Walz“ in Prag seien. Dann kamen diejenigen, die durch
-ihr Arbeitsbuch den Nachweis ihrer Arbeitslosigkeit führen konnten
-und deshalb das Anrecht auf Annahme in das Obdach der Obdachlosen
-besaßen. Zuletzt die Schar jener Burschen, die zwar
-stellungslos waren, aber schon zwei oder drei Tage im Asyl
-genächtigt hatten; sie wußten wohl, daß sie kaum wieder Einlaß
-finden würden und berieten, wo sie im Falle ihrer Abweisung
-nächtigen würden. Die einen schwärmten von einer sehr schönen
-Scheuer in Žižkow, die anderen waren entschieden für den Stall
-eines Prager Einkehrhauses, wo es allerdings drei Kreuzer
-Quartiergeld koste, wieder andere propagierten eine Exkursion
-in den Kinskygarten oder den Karlspark.
-</p>
-
-<p>
-Auch die drei anderen Schichten — jetzt waren auch die
-Obdachlosen, diese untersten Repräsentanten der menschlichen
-Gesellschaft in Gesellschaftsschichten geteilt — debattierten eifrig.
-Ein Alter, mit schwarzem Bart und Havelock, führte das große
-Wort. Das Thema der Debatte war nichts geringeres, als —
-<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a>
-die Frage der Landtagstätigkeit. Es war die finanzpolitische Seite,
-welche diese in Lumpen gekleideten Menschen am meisten interessierte.
-In der Naturalverpflegsstation hatte man ihnen den
-Mangel verschiedener Gegenstände mit der Finanznot begründet,
-und deshalb waren viele für die Flottmachung des Landtages,
-aber einzelne waren dagegen, indem sie erklärten, wenn die
-Regulierung der Landstraßen wieder in vollem Maße aufgenommen
-werde, dann gäbe es wieder lauter Schikanen von seiten der
-Wegmeister.
-</p>
-
-<p>
-Das neuerliche Öffnen des Tores machte diesen hochpolitischen
-Erwägungen ein Ende. Man ließ die Frauen — größtenteils beschäftigungslose
-Feld- und Fabriksarbeiterinnen — ein und schloß
-wieder. Dann, nach etwa zehn Minuten die Männer. Ein Asylbediensteter
-rief die Gruppe aus. Einzeln wurde man eingelassen,
-jeder mußte sich legitimieren. Bei der Gruppe „Arbeitsbücher“
-fand auch ich mich ein.
-</p>
-
-<p>
-„Wo hast du dein Arbeitsbuch?“, fragte mich der Mann
-an der Pforte.
-</p>
-
-<p>
-„Ich habe keines,“ war meine Antwort. „Ich komme aus
-Reichenberg und wollte ins Spital. Aber man hat mich nicht
-aufgenommen, weil überfüllt ist.“
-</p>
-
-<p>
-„Warum fährst du nicht zurück?“
-</p>
-
-<p>
-„Ich habe kein Geld. Auf der Polizei werden sie mir ein
-Rückreisebillett geben. Aber erst morgen. Nachmittag wird nicht
-amtiert, und da haben sie mich hergeschickt.“
-</p>
-
-<p>
-„Wer hat dir das gesagt, daß du hergehen sollst?“
-</p>
-
-<p>
-„Der Offizial S...“ Ich nannte den Namen des Beamten,
-der die Reiseunterstützungen aushändigt, und dies genügte, um
-den Auguren von der Richtigkeit meiner Aussage zu überzeugen.
-Aber er hatte noch eine Besorgnis:
-</p>
-
-<p>
-„Weshalb wolltest du ins Krankenhaus?“
-</p>
-
-<p>
-„Ich habe Herzschwäche.“
-</p>
-
-<p>
-Er sah mir forschend ins Gesicht, ob ich wirklich krank
-sei. Nun aber war ich — welche ein Zufall! — ausnahmsweise,
-ganz ausnahmsweise in der vorigen Nacht „auf dem Flam“
-gewesen und war blaß. Da ließ er mich denn aus Mitleid ein.
-„Ein Neuer!“, rief er einem anderen Bediensteten zu, der auf
-der anderen Seite des Tores stand und Protokoll führte. Ich
-gesellte mich zu den anderen Obdachlosen, die sich im Hausflur
-<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a>
-drängten. Der Asylbedienstete wandte sich nun an die, die draußen
-harrten. „Ist noch jemand, der noch nicht zwei Nächte hier
-war?“ Keine Antwort. „Gute Nacht, hochgeehrte Herren,“ mit
-diesem ironischen Gruß schloß er das große Tor. Nun stellte sich
-ein Angestellter des Asyls auf die erste Stufe der Wendeltreppe
-und ordnete an:
-</p>
-
-<p>
-„Stiefel abputzen, Hemdkragen öffnen, paarweise antreten!“
-</p>
-
-<p>
-Geräuschvoll wurde diesem Befehle Folge geleistet und vom
-ersten Stock erscholl die zweite Order:
-</p>
-
-<p>
-„Die beiden ersten herauf!“
-</p>
-
-<p>
-Nach etwa einer Minute: „Die beiden nächsten herauf.“
-Und so fort. Oben wurden alle eingehend nach Ungeziefer
-untersucht. Von Zeit zu Zeit hörte man von oben Schimpfen
-und Protestieren, und dann kam immer ein Obdachloser wieder
-die Treppe herunter: Man hatte bei ihm das Gesuchte gefunden
-... Das Tor öffnete sich und der Paria ward entlassen.
-Ich war mit dem hungernden Handlungsdiener im Paar. Man
-fand nichts bei mir, und meiner Aufnahme stand nichts im Wege.
-Man wies mir ein Bett an.
-</p>
-
-<p>
-In einem kleinen Zimmer, in dem vier Betten standen,
-wurde ich einquartiert. Meine Zimmergenossen zogen ihre Stiefel
-aus und nahmen je ein Paar der harten Lederpantoffeln, die
-auf dem Eisenofen lagen. Ich zog gleichfalls die „Batschkoren“
-an, setzte mich aber dabei auf das Bett. Das war ein Fehler,
-denn ein zufällig in das Zimmer tretender Angestellter des
-Hauses fragte mich sofort, ob ich eigentlich glaube, daß ich im
-Spital sei. Ich vermutete, daß dies eine rhetorische Frage sei,
-und beantwortete sie nicht. Damit gab sich der Asylbedienstete
-nicht zufrieden.
-</p>
-
-<p>
-„Du bist aber ein Häuschen“ (hajzl), meinte er. Was er
-damit sagen wollte, weiß ich nicht, aber ich vermute, daß dies
-ein Schimpfwort gewesen sei, da er gleich darauf die Mitteilung
-hinzufügte, daß ich ein „Bastard“ (parchant) sei. Diese Angabe
-ist unrichtig; doch der Asylbedienstete konnte sich ja irren. Wieso
-er aber von mir behaupten konnte, daß ich ein „Lausbub“
-(všivák) sei, während doch die unmittelbar vorhergegangene
-Untersuchung vollständig negativ verlaufen war, ist mir unverständlich.
-Trotzdem habe ich es unterlassen, den Asylmann zu
-kontrahieren. Für einen künftigen Ehrenrat, der mich eventuell
-<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a>
-dafür zur Verantwortung ziehen würde, daß ich grundlose Beschuldigungen
-nicht mit der ritterlichen Forderung durch die
-Waffe beantwortet habe, sei gleich vorweg bemerkt, daß meine
-Kartellträger in das Asylhaus überhaupt nicht eingelassen worden
-wären, da man eines Arbeitsbuches oder des Nachweises einer
-Gewerbeausübung unbedingt zum Eintritte bedarf.
-</p>
-
-<p>
-Der Asylbedienstete, dessen Groll ich mir zugezogen hatte,
-kam nach einer Pause von etwa zehn Minuten wieder in unser
-Zimmer. Diesmal war seine Mission viel sympathischer. Er legte
-jedem von uns ein Stück Brot auf das Bett und bestimmte dann
-zwei von uns zum Holen der Suppe. Ich — war ich doch sein
-Feind! — war einer von den zweien. So ging ich denn mit
-meinem Arbeitsgenossen die Stiegen hinunter in den ebenerdig
-gelegenen Küchenraum. Hier stand ein Holztablett für uns bereit,
-das mit fünf gefüllten Blechtassen beladen war: die Suppe.
-Wir beförderten die Ladung in unser Zimmer. In den Blechtassen
-stak kein Silberlöffel, sondern bloß ein schlichter Zinnlöffel,
-was wohl der Grund dafür gewesen sein mag, daß jeder
-meiner Zimmergenossen den Gebrauch des Löffels verschmähte
-und den Inhalt direkt aus der Schale trank. Ich verkostete einen
-Löffel und erfüllte dann das Versprechen, dem hungrigen Handlungsdiener
-meine Suppenportion zu schenken, leichten Herzens.
-Leichten Herzens, weil mich die ungewohnte Auftischung des
-Kuverts beeinflußt hatte. Den anderen aber schmeckte die Suppe
-ganz famos, wie an ihren behaglichen Mienen zu erkennen war.
-</p>
-
-<p>
-Ich benützte die Souperpause, um in den Räumen des
-Asyls Umschau zu halten. Einzelne Zimmer waren doppelt so
-groß wie das unsrige und beherbergten dementsprechend die
-doppelte Anzahl von Betten. Im ganzen sind in den beiden
-Stockwerken, die für die Männer bestimmt sind, 78 Betten
-untergebracht. Es sind eiserne Kavalets, die einen Strohsack,
-einen Roßhaar-Kopfpolster, eine benähte Drillichdecke und ein
-ziemlich reines Leintuch enthalten. Überhaupt herrschte auf den
-Wänden und Fußböden der Schlafsäle, auf den Gängen, Stiegen
-und auf der die ganze Front umgebenden Pawlatsche eine
-peinliche Sauberkeit — kein Wunder bei der eisernen Disziplin,
-über die ich kurz vorher in so energischer Weise belehrt
-worden war.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a>
-Als die Suppe verzehrt und die Holztasse samt den Suppennäpfen
-unter meiner Mitwirkung wieder in die Küche getragen
-worden war, setzten wir uns auf die Stühle, und es begann
-die Konversation. Schon die Art des Bekanntwerdens war eine
-viel bessere, als sie in der Gesellschaft üblich ist. In den Salons
-geschieht die Vorstellung durch eigene Initiative, sie ist aufdringlich,
-jeder gleichgültige Mensch stellt sich jedem gleichgültigen
-Menschen vor und nennt seinen gleichgültigen Namen,
-der überhaupt nicht verstanden wird. Im Asyl fragt einer den
-anderen: „Was für einen Beruf hast du?“ Mit der Antwort
-ist alles Wissenswerte über den Schlafgenossen gegeben. Nach
-dem Namen wird nicht gefragt. Namen sind Schall und Rauch.
-</p>
-
-<p>
-Ich erfuhr, daß mein Bettnachbar zur Linken ein Kanalräumer,
-beziehungsweise ein Kutscher sei, der nur in den letzten
-vierzehn Tagen mangels anderer Beschäftigung der Prager Gemeinde
-nächtlicherweile beim Entleeren der Kanäle behilflich
-gewesen, aber gerade tags vorher wegen allzu großer Trunkenheit
-im Dienst entlassen worden war. Er war übrigens nicht
-bös darüber: „Länger als vierzehn Tage bin ich ohnedies seit
-zehn Jahren in keiner Stadt gewesen.“
-</p>
-
-<p>
-Das Bett zu meiner Rechten hatte mein neuer Freund,
-der Handlungsdiener inne, links von dem Kanalräumer war
-ein Zuckerbäckergehilfe aus Hartburg bei Graz, der von dort
-geradewegs zu Fuß nach Prag gekommen war. Bei diesem kam
-ich durch ungeschickte Beantwortung seiner Fragen in den Verdacht
-ein Protz zu sein. Er fragte mich nämlich, ob ich schon
-in Hamburg gewesen sei und ich bejahte.
-</p>
-
-<p>
-„Wie ist’s dort im Asyl?“
-</p>
-
-<p>
-Ich mußte wahrheitsgemäß antworten, daß ich dies nicht
-wisse. Ich hätte bei einem Freunde geschlafen, sagte ich.
-</p>
-
-<p>
-„Und wie weit ist es von hier?“
-</p>
-
-<p>
-„Zu Fuß?“, schlüpfte mir als Gegenfrage aus dem Mund
-und das war dumm.
-</p>
-
-<p>
-„Willst mi eppa pflanzen?“, fuhr er mich bös an. „I wer
-doch net im Fiaker hinfahren!“
-</p>
-
-<p>
-Zum Glück machte der Kanalräumer, der sich auch Jahre
-lang in Deutschland herumgetrieben hatte und nicht nur deutsch,
-sondern auch italienisch — der Verkehr mit den italienischen
-Erdarbeitern brachte das mit sich — verstand, weiteren Angriffen
-<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a>
-des steirischen Zuckerbäckers gegen mich ein Ende. Er
-teilte ihm mit, daß er von Prag nach Hamburg etwa zwölf
-Tage zu gehen habe, wenn er täglich fünfzig Kilometer zurücklege.
-In Hamburg gebe es zwei Asyle, er möge aber nicht
-in das Polizeiasyl gehen, denn dort werde jeder Kunde photographiert.
-Auch im Asyl der Magdeburger Arbeiterkolonie möge
-er sich nicht aufhalten; dort müsse man vor der Aufnahme das
-Arbeitsbuch abgeben und müsse Holz sägen und hacken, „ärger
-wie im Arbeitshaus.“ Dann gab der Kanalräumer dem Zuckerbäcker
-noch einige geographische Ratschläge. Er beschrieb ihm
-den Weg, den er einschlagen müsse, um vier Heller Überfuhr
-zu ersparen, und nannte ihm die Straßen, auf denen gute
-Zwetschken zu erhaschen seien. Auch über die Schubverhältnisse,
-über die Handhabung des Vagabundagesetzes und über die
-Naturalverpflegsstationen und die Herbergen in den einzelnen
-Orten sagte er dem Zuckerbäcker manch kräftiges Wörtlein.
-</p>
-
-<p>
-Während des Gespräches zog der Kanalräumer wiederholt
-ein Fläschchen aus der Tasche und stärkte sich. Schließlich war
-der Schnaps alle.
-</p>
-
-<p>
-„Hol’s der Teufel, daß man hier kein Bier kriegt,“
-brummte der Kanalräumer wütend.
-</p>
-
-<p>
-„Ich wär’ wieder froh, wenn ich rauchen könnte,“ sagte
-ich, um etwas zu sagen.
-</p>
-
-<p>
-„Hast du denn ein Stückchen Zigarette?“ meinte jener
-mit lauerndem Blick. „Ich würde mich draußen einsperren
-und rauchen.“
-</p>
-
-<p>
-Ich brach in der Tasche eine „Sport“ in die Hälfte und
-reichte meinem Schlafgenossen eine Hälfte. Der hatte sie kaum
-in der Hand, als sich schon der Zuckerbäckergehilfe an ihn
-herandrängte und ihn flehentlich bat: „Schenk mir ein Stückel.“
-Da wurde denn die halbe Zigarette redlich geteilt.
-</p>
-
-<p>
-Um 9 Uhr verlosch das Gaslicht. Ich benützte die Dunkelheit,
-um mich in Kleidern auf das Bett zu werfen. Während der
-Nacht schloß ich kein Auge. Rechts neben mir schnarchte der
-postenlose Geschäftsdiener wie ein Lokalbahnzug, links
-neben mir stieß der Kanalräumer in seinem alkoholschweren
-Schlaf wüste Drohungen gegen irgend ein Mädel aus, von
-dem er träumte. Aus dem Nebenzimmer drang in Intervallen
-von je zwei Minuten ein Husten herein, als ob der Mann zu
-<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a>
-ersticken drohe. Es dauerte lange, lange bevor es sechs Uhr
-wurde. Endlich aber schrillte eine Glocke: Reveille. Alles kleidete
-sich an und machte das Bett zurecht. Bald darauf kam der
-Aufseher und besah das Werk kritischen Auges. Hier fand er
-die Decke zu wenig geglättet, dort war das Leintuch unten
-zusammengefaltet, statt unterhalb des Kopfpolsters. Schließlich
-verließ er uns, um auch die Nachbarräume mit seiner Inspektion
-zu beehren. Als er wiederkam, legte er jedem von uns einen
-„Pandur“, einen runden Wecken, auf das Bett und wir durften
-wieder Suppe holen.
-</p>
-
-<p>
-Nach einer halben Stunde ertönte ein lauter Ruf des Asylvaters:
-„Magazin!“ Das war das Aviso für die Obdachlosen, sich
-um den bis dahin versperrten Schrank zu scharen und daraus
-die Ranzen und Kofferchen in Empfang zu nehmen, die sie
-hierher in Verwahrung gegeben hatten. Um 7 Uhr wurde das
-Tor geöffnet und der Strom der Obdachlosen mündete wieder
-in die Stadt. Der Doppelposten der Polizei stand wieder da und
-schaute uns mißtrauisch an.
-</p>
-
-<p>
-Die meisten der Obdachlosen begaben sich zunächst in
-die Arbeitsvermittlungsanstalt im „Alten Gericht“, dann in jene
-von Žižkow. Ohne das Visum dieser beiden Institute finden sie
-anderswo weder eine Genossenschaftsunterstützung, noch Aufnahme
-im Asyl. Ich schlich mich wieder in das Haus in der
-Sametzgasse, in dem mein Freund wohnte. Der Hausbesorger
-und die Hausbewohner, die mir begegneten, blickten mir mit
-unverhohlenem Mißtrauen nach, bis mir die Wohnungstüre geöffnet
-wurde. Nun restaurierte ich mich so weit, um kein Refus
-von seiten eines Droschkenkutschers erwarten zu müssen
-und fuhr dann nach Hause. Hier angekommen, telephonierte ich
-ins Bureau, daß ich wegen Unwohlseins fernbleiben müsse. Ich
-gedachte einen langen Schlaf zu tun. Vorher habe ich aber
-noch gründlich gebadet — eine Tatsache, die zwar selbstverständlich
-ist, die ich hier aber im Interesse meiner nicht obdachlosen
-Bekannten doch hier besonders registrieren will.
-</p>
-
-<div class="centerpic end">
-<img src="images/end.jpg" alt="" /></div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="part-12">
-<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a>
-Das Lied vom Kanonier Jaburek
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">n</span> den Korridorwänden in den Kasernen hängen Schlachtenbilder,
-Porträts ruhmreicher Feldherren, Gedenktafeln für
-gefallene Soldaten des Regiments. Alles in schönen Rahmen.
-Dann hängt noch in jedem Kompagniegang ein „Verzeichnis der
-Gastlokale, deren Besuch der Mannschaft untersagt ist“. Diese
-Tafeln haben den schönsten Rahmen. Mit Recht. Denn in Friedenszeiten
-kann der Soldat seinen kriegerischen Sinn und seine persönliche
-Tapferkeit nirgends so gut erweisen, wie in den Wirtshäusern.
-Und in den „Gastlokalen, deren Besuch der Mannschaft
-untersagt ist“, wurde eben dieser kriegerische Sinn und diese
-persönliche Tapferkeit ruhmreich erprobt. Also ist es nur löblich,
-daß dieses Verzeichnis der Kriegsschauplätze und Schlachtfelder
-kostbar eingerahmt wird.
-</p>
-
-<p>
-Die Schlachten werden manchmal gegen Zivilisten geführt.
-Diese sind aber verächtliche Gegner. Sie haben keine Waffen.
-Man wirft die Kerle einfach hinaus, und gut ist’s.
-</p>
-
-<p>
-Ernster ist es schon, wenn sich zwei Teile unserer Armee,
-jener, der dem Reichskriegsminister, und jener, der dem Landesverteidigungsminister
-untersteht, wacker bekriegen. Wer nie einen
-Fernkampf der Biergläser, oder einen Nahkampf der Ohrfeigen
-mitgemacht hat, der sich zwischen den Angehörigen der Landwehr
-und jenen des Heeres entsponnen hat, der kennt Euch
-nicht, Ihr himmlischen Mächte, die Ihr von Zeit zu Zeit die
-Militärbehörden veranlaßt, das Verzeichnis der verbotenen Gastlokale
-um eine neue Nummer zu bereichern.
-</p>
-
-<p>
-Ob es nun bei Trunk oder Tanz ist — immer kommt die
-Rivalität zwischen den Teilen der Wehrmacht zum Ausdruck,
-immer ist diese in zwei Gruppen gespalten. Ja, selbst wenn
-eines jener Soldatenlieder, deren Absingung im Felde die Offiziere
-nur nach Gewaltmärschen nachsichtig und stillschweigend dulden,
-im Wirtshause angestimmt wird, stört die friedliche Gruppe durch
-ein anderes Lied die Harmonie der Stimmen. Nur eine Ausnahme
-<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a>
-gibt es: Das Lied vom Kanonier Jaburek. Zu dessen
-Gesang vereinigen sich Landwehrmänner mit Heeressoldaten, die
-Träger der schwarzen mit jenen der grauen Mützen, Infanteristen
-und Sanitätssoldaten, die Soldaten, die Wunden schlagen, und
-die Soldaten, die Wunden lindern, die Pioniere, die im Kriege
-Bauten errichten, und die Artilleristen, die im Kriege Bauten
-zerstören. Es ist ein hochheiliger Kantus.
-</p>
-
-<p>
-Die einmütige Ehrung, die dem Liede zuteil wird, ist ein
-Beweis von Sinn für kriegerische Heldentaten. Denn der Kanonier
-Jaburek, über dessen Persönlichkeit leider weder das deutsche,
-nach das tschechische Konversationlexikon etwas zu verzeichnen
-wissen, ist ein Mann, gegen den die anderen Helden der Kriegsgeschichte
-aller Zeiten und Völker ein Nichts darstellen. Der
-vielbesungene Leonidas zum Beispiel hat bei der Verteidigung
-des Engpasses von Thermopylae — wie ein zeitgenössisches Marterl
-meldet — nicht anders gehandelt, als „wie das Gesetz es befahl“.
-Aber der Kanonier Jaburek! Wo steht im Wehrgesetz
-geschrieben, daß jemand, dem der Kopf wegfliegt, sich noch entschuldigen
-muß, daß er seine Hände nicht salutierend an den Kopf
-legen könne, wo steht im Exerzierreglement, daß jemand ...
-aber dem Liede sei nicht vorgegriffen.
-</p>
-
-<p>
-Die Epopöe hat siebzehn vierzeilige Strophen und ist in
-tschechisch-deutscher Sprache abgefaßt. Eigentlich ist sie tschechisch,
-aber sie ist von militärischen Ausdrücken, wie „Feuerwerkr“,
-„Kmán“ (Gemeiner), Lunte, „meldovati“ und deutschen Flüchen
-derart durchsetzt, daß vom Tschechischen nicht viel übrig bleibt.
-Komponist und Textdichter des Liedes sind, wie jene des Liedes
-„Prinz Eugen, der edle Ritter“, nicht bekannt. Das Lied vom
-Kanonier Jaburek behandelt — wie vielleicht schon der Name
-erraten läßt — die Geschichte des Kanoniers Jaburek. Dieser
-hat in der Königgrätzer Schlacht im dichtesten Kugelregen,
-während sich Gemeine, Chargen, Offiziere, Pferde und Kanoniere
-(man beachte die Reihenfolge dieser Rangsliste) in ihrem Blute
-wälzten, seinen Heldenmut bewährt:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">„Bei der Kanone dort</p>
- <p class="verse">Stand er und lud in einem fort,</p>
- <p class="verse">Bei der Kanone dort</p>
- <p class="verse">Stand er und lud noch fort.“</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a>
-Jedesmal wenn eine seiner zwei Zentner schweren Kanonenkugeln
-in die preußischen Reihen einschlägt, hört man auf der
-Gegenseite auf Jaburek fluchen. Aber dieser schießt weiter. Der
-General, der von Jabureks tapferem Verhalten gehört hat, eilt
-herbei und bietet diesem einen Trunk aus seiner Feldflasche an.
-Aber der Kanonier weist die freundliche Aufforderung mit der
-noch freundlicheren Aufforderung ab, der General möge seine
-Spassetln für sich behalten, ihm auf den Buckel steigen und ihn
-weiter schießen lassen:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">„Bei der Kanone dort</p>
- <p class="verse">Stand er und lud in einem fort etc.“</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Der Held schießt wie ein Wahnsinniger und zertrümmert
-ein feindliches Regiment. Kronprinz Friedrich von Preußen reitet
-vorbei und sieht den Recken — oder, um mit den Worten des
-Liedes zu sprechen:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">„V tom ho viděl kronprinc Friedrich:</p>
- <p class="verse">Her je den Kerl erschieß ich.“</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Der Kronprinz selbst feuert gegen Jaburek, und die ganze
-preußische Armee erwählt sich das gleiche Ziel, um sich beim
-Kronprinzen einzuschmeicheln. Eine Kartätsche fliegt dem Artilleristen
-durch den Mund in den Magen, aber der Getroffene
-nimmt sie schnell wieder heraus und schießt ruhig weiter. Eine
-gegnerische Petarde reißt dem Schützen beide Arme ab, doch er
-zieht schnell seine hohen Stiefel aus und schießt mit den Füßen
-weiter. Schon aber kommt, von einem preußischen Freiwilligen
-(„prajský frajbilik“) gefeuert, ein Shrapnell herangeflogen und
-reißt Jabureks Kopf ab. Der Kopf fliegt am General vorbei und meldet
-diesem im Vorübergehen, daß er nicht salutieren könne. Aber Jaburek
-selbst steht noch immer bei der Kanone dort und ladet in einem
-fort. Endlich wird seiner Aufopferung eine Grenze gesetzt: Der
-Feind schießt auf seine im Fluge befindlichen Geschosse, und diese
-fallen in die eigenen Reihen zurück. Da gibt Jaburek das Laden
-auf (bei dieser Strophe soll der Refrain entfallen), er packt seine
-Kanone und eilt aus der Schußlinie. Dafür aber — für die
-Rettung der Kanone nämlich — wird er geadelt und heißt von
-da ab „Edler von die Jaburek“. Er hat jetzt den Adelsstand,
-und über das Fehlen seines Kopfes tröstet er sich mit dem Bewußtsein,
-<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a>
-daß — das Lied schließt sehr gehässig — die kopflosen
-Adeligen angeblich doppelt geachtet seien. Auf seinem Wappen
-stehen die Worte:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">„Bei der Kanone dort</p>
- <p class="verse">Stand er und lud in einem fort,</p>
- <p class="verse">Bei der Kanone dort</p>
- <p class="verse">Stand er und lud noch fort.“</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Dieses ist das Lied vom Kanonier Jaburek, dessen Namen
-die Kriegsgeschichte verschweigt. Aber sein Ruhm lebt im zechenden
-Soldatenkreise weiter, und jedesmal wenn das Lied den Refrain
-„laden“ bringt, nehmen die Sänger dem tapferen Recken zu
-Ehren eine stärkende Ladung zu sich. Und das Lied hat siebzehn
-Strophen.
-</p>
-
-<div class="centerpic end">
-<img src="images/end.jpg" alt="" /></div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="part-13">
-<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a>
-Die Erlaubnis zum Fußballspiel
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">M</span><span class="postfirstchar">ein</span> kleiner Bruder kam gestern aus dem Gymnasium
-nach Hause.
-</p>
-
-<p>
-„Heute ist uns erlaubt worden, in einen Fußballklub einzutreten.“
-</p>
-
-<p>
-So, so. Ich habe diesen Beschluß des Landesschulrates schon
-gekannt. Aber doch ... Das, was da den Gymnasiasten aus
-dem schwarzen Buche vorgelesen worden ist, war der Epilog für
-eine Zeit, die erfüllt war von einem monomanen Fanatismus der
-Jugend, für eine Zeit, deren Bedeutung längst über den Rahmen
-der Sportrubrik hinausgewachsen ist. Die Regierungszeit des
-Fußballs ist beendet. Le roi est mort.
-</p>
-
-<p>
-Man darf jetzt in einen Fußballklub eintreten. Wer uns
-vor fünfzehn Jahren gesagt hätte, daß einmal eine solche Erlaubnis
-kommen werde, dem hätten wir nicht zu glauben vermocht.
-Auf das Fußballspielen standen damals alle Todesstrafen,
-die die Schule zu fällen hat: Strenges Prüfen, Karzer, Repetieren.
-Selbst bei den Jugendspielen mußten wir, die wir an
-zehrendem „Ballfieber“, an der „englischen Krankheit“ litten,
-uns beim Barlaufspiel und beim Passatschlagen langweilen, und
-erst als wir dann alle von den Jugendspielen wegblieben, erlaubte
-man uns für jeden Spieltag ein knapp bemessenes Fußballwettspiel.
-</p>
-
-<p>
-Wehe dem, dessen Zugehörigkeit zu einem Klub man in
-der Schule in Erfahrung brachte. Und doch: Wir spielten fast
-alle. Was bedeuteten die ärgsten Strafen gegenüber dem Vergnügen
-zweimal je fünfunddreißig Minuten der Gelegenheit
-nachjagen zu dürfen, ein Goal zu schießen. Freilich man ließ
-alle möglichen Vorsichtsmaßregeln walten. In der Zeitung waren
-oft alle zweiundzwanzig Spieler und der Schiedsrichter eines
-Wettkampfes nur mit Pseudonymen angekündigt, zum Spielfelde
-wählte man die äußersten Ränder der Kaiserwiese, des
-Dejwitzer Exerzierfeldes und des Invalidenplatzes (der Teil, der
-hart an die Heinesche Besitzung grenzt, war immer von Schülermannschaften
-bevölkert), um vor den Blicken eines vielleicht patrouillierenden
-<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a>
-Professors möglichst gedeckt zu sein, und die
-Mannschaftsitzungen fanden in den verstecktesten Spelunken der
-Kleinseite, auf dem Belvedere, von Dejwitz und Karolinental
-statt. Nicht die Angst vor den Professoren allein, auch allerhand
-Unbequemlichkeiten hatten die Mittelschüler zu bestehen, die im
-vorigen Jahrhundert, um die Mitte seines letzten Dezenniums
-dem Sporte oblagen. Zum Eintritt in die bestehenden Vereine,
-die einen eigenen Sportplatz hatten, reichten weder der Mut
-(nicht der Mut gegenüber der Schule, sondern der Mut gegenüber
-den maßgebenden Faktoren des Klubs), noch die Geldmittel.
-So mußte man denn den Wahlspruch „Mein Feld ist die
-Welt“ beherzigen und auf den unverbauten Flächen Prags die
-Balltechnik üben. Da warf man sich denn schon zu Hause in
-Dreßhemd, Stulpen, Schienbeinschützer und Dreßhosen, zog darüber
-die Straßentoilette an, und stapfte, trotz sengender Sonnenglut,
-in der doppelten Kleidung auf die Kneippwiese, auf den
-Invalidenplatz, nach Dejwitz aufs Exerzierfeld, auf die Holleschowitzer
-Heide, in den Canalschen Garten. Dort zog man die
-Straßenkleider aus und warf sie auf zwei Haufen aufeinander,
-die in einer Breite von sechs Metern von einander entfernt
-waren; die Kleiderhaufen bildeten die Goalstangen. Die Anschaffung
-des Fußballes, sowie die Reparaturen seiner irdischen
-Hülle und seiner leider auch nicht unsterblichen Seele wurden
-aus den vereinigten Taschengeldern der Elf bestritten, und wenn
-man sich vom Schuster fünf feste Lederstöpsel auf die Stiefelsohlen
-nageln ließ, so konnte man schon in dem Wahne leben,
-ein Paar englischer Treter sein eigen zu nennen. Man bedurfte
-keiner Goalnetze, keiner Querpfosten, man bedurfte keiner Ankleidekabinen
-und keiner verschließbaren Utensilienkästen, manchmal
-auch keines Unparteiischen und keines Goalrichters, ebensowenig
-wie man der Erlaubnis der Professoren bedurfte. Man spielte.
-</p>
-
-<p>
-Dafür kannten einen die Schüler der ganzen Anstalt, und
-mit scheuer, schrankenloser Bewunderung schauten die Schüler zu
-den Fußballkapazitäten der nächsthöheren Klasse auf. Und wenn
-solch einer der „erstklassigen Menschen“ im Schulhofe oder auf
-dem Korridor eine Orangenschale in die Höhe „kickte“, dann
-ging ein Murmeln der Anerkennung durch die Reihen. Wenn
-der Sekundaner irgend eines Gymnasiums den Tertianer irgend
-einer Realschule kennen lernte — was war da der Gegenstand
-<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a>
-des Gesprächs? Die Namen der Großen im Fußballreich, mit
-denen der Untergymnasiast derselben Anstalt anzugehören die Ehre
-hatte. Was Wunder, daß der Ehrgeiz nach solchem Ruhm das
-Fußballfieber noch mehr entfachte, daß zu Hause und in der
-Schule mit allen Gegenständen „gedribbelt“, „kombiniert“ und
-„geshootet“ wurde, die nicht niet- und nagelfest waren. Die
-Professoren teilten allerdings weder die Liebe zum Fußballspiel,
-noch das Verständnis für die Leistungen seiner Jünger. Sie haßten
-das „rohe Spiel“ und dieser Haß zeitigte oft die komischesten
-Blüten. Wenn in irgend einer Klasse wirklich irgend ein schwerblütiger
-Junge saß, der beim Fußballspiel nicht mittat, dann
-konnte man mit tödlicher Sicherheit darauf rechnen, daß er bei
-den Professoren in den Verdacht geraten werde, ein Vorkämpfer
-des Fußballsportes zu sein. Und ein Turnlehrer, der es besonders
-scharf aufs Fußballspielen abgesehen hatte, warf in der Besprechung
-eines Jugendspiel-Wettspieles dem besten Stürmer vor,
-daß er beim Laufen eine schlechte — Körperhaltung einnehme.
-Natürlich wurden solche Kritiken ebenso belacht, wie der Vorschlag
-eines sonst ganz intelligenten Schulpädagogen, man möge,
-um Füße und Hände in gleichem Maße auszubilden, mitten im
-Fußballwettspiel nach jedem Goal Hantelübungen einführen ...
-Seit dieser Kinderzeit des Fußballsportes sind fünfzehn Jahre
-verstrichen. Mancher der einstigen Märtyrer in Fußballdreß gehört
-heute dem Lehrkörper einer Mittelschule an, und so ist
-doch ein sportfreundlicher Erlaß herausgekommen.
-</p>
-
-<p>
-Weshalb aber der Nekrolog? Fängt denn nicht erst jetzt,
-da die letzte Hürde genommen ist, die Renaissance des Fußballsportes
-an? Mit nichten. Gerade jetzt, da der fußballspielenden
-Jugend auch der letzte Hauch des Märtyrertums genommen ist,
-da nicht mehr der romantische Reiz des Verbotenen besteht, da
-man gewissermaßen unter der Patronanz der Schule ein Endback
-oder ein Forward sein darf, gerade jetzt wird die Jugend
-aufhören, mit ungeteilter Begeisterung bei der Sache zu sein.
-Die Sportliebe war nur eine Ingredienz.
-</p>
-
-<p>
-Und wenn nun auch noch ein Erlaß des Landesschulrates
-herausgegeben werden sollte, der den Gymnasiasten und Realschülern
-gestattet, Studentenverbindungen zu bilden, dann verbrenne
-ich das grün-silbern-blaue Band unserer Pennälerblase
-und sage endgültig meiner Jugendzeit ade.
-</p>
-
-<div class="centerpic end">
-<img src="images/end.jpg" alt="" /></div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="part-14">
-<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a>
-Bei „Antouschek“, dem Wasenmeister
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">G</span><span class="postfirstchar">enau</span> eine halbe Stunde, nachdem es einem widerwärtig
-geworden ist, die endlose Beneschstraße in Pankratz zu durchschreiten,
-zweigen die Telephonstangen nach rechts ab, und man
-hat ihnen zu folgen. In der Třebizskygasse sieht man zum
-höchsten Erstaunen, daß die Gegenden, die man vorher durchschritten
-hat, höchstentwickelte Großstadt waren. Im Verhältnis
-nämlich. Auf einem Feldweg geht es weiter gegen Dworetz. Der
-Schnee ist weiß wie das Kleid einer Kranzeljungfer; wenn er
-doch auch kniefrei wäre! Auch die Volants sind von stilwidriger
-Färbung: Braune Spuren der Wagenräder, die den Schnee in
-Kot verwandelt haben.
-</p>
-
-<p>
-Schließlich kommt man zu einem Bildstock, dem man ganz
-deutlich ansieht, daß er vor Jahren grün angestrichen war. In
-einer blauen Nische steht eine winzige, mit Gold bemalte Nepomukstatue.
-Rechts und links vom Bildstock stehen Häuser. Links
-ein kleines, verfallenes Anwesen, rechts eine Reihe von langen
-Gebäuden, an die sich eine Umfriedung schließt. Man würde
-diese Besitzung für ein Bauerngut halten können, aber der breite
-Schlot dementiert diese Vermutung. Aber auch eine Fabrik ist
-es nicht. Das Hundegebell, das herausdringt, verkündet, daß
-hier die Prager Abdeckerei, die thermochemische Vernichtungsstation
-ist.
-</p>
-
-<p>
-Im Hofe drinnen steht ein Bursche. Hohe Stiefel und ein
-am Rocke befestigtes blaues Emailschild mit der Umschrift
-„Kontumaz- und thermochemische Station“ und sein Aussehen
-sind die Abzeichen seiner Würde: Man hat einen jener Meister
-des Lassowurfes vor sich, die ihre Kunst nicht in der Prärie des
-wilden Westens, sondern in den Straßen Prags, nicht an Büffeln,
-sondern an Hunden ausüben. Ich frage den Schinderknecht nach
-seinem Herrn und bald stehe ich vor Herrn Rudolf Nešvara, dem
-Wasenmeister von Prag. „Antouschek“ nennt ihn der Volksmund,
-seitdem vor sechzig Jahren der Gehilfe eines seiner Vorgänger
-im Amte, der Anton Schek dadurch populär geworden war, weil
-<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a>
-sein Familienname gleichzeitig die tschechische Diminutiv-Endung ist.
-Ich trage Herrn Antouschek-Nešvara mein Begehr vor, die Vernichtungsstation
-besichtigen zu dürfen, und wir treten bald einen
-Rundgang durch die Gebäude an.
-</p>
-
-<p>
-Zuerst öffnet Herr Nešvara die Türe zum langgestreckten
-Hundestall, in dem vierzig Boxe für Hunde sind. Ein wütendes
-Gekläff geht an: Morituri te salutant! Sie sind alle „morituri“,
-die schönen stichelhaarigen Foxe, die eleganten Windspiele, die
-putzigen Pudel hinter den schwedischen Gardinen. Drei Tage waren
-sie in „Untersuchungshaft“ in der Aufbewahrungs-, der Kontumaz-Station
-für eingefangene Hunde untergebracht, die sich auf der
-Taborer Reichsstraße zwischen den beiden unbeschreiblich schönen
-Wyschehrader Toren befindet, und hier hätten sie ihre Besitzer
-binnen drei Tagen durch Entrichtung der Geldstrafe auslösen
-können. Das haben diese aber nicht getan und nun sind die
-Hunde dem Tode geweiht. Vielleicht bellen sie so wütend, weil
-die treuen Viecher über die Untreue der Herren erbittert sind,
-vielleicht bellen sie so wütend, weil sie wissen, daß sie eines
-unverschuldeten Todes sterben müssen, vielleicht bellen sie so
-wütend, weil sie sich über den Unverstand der Menschen ärgern,
-welche diese schönen Exemplare der Hunderasse zwecklos hinrichten,
-statt sie zu verkaufen. Morgen müssen sie sterben. Ein
-aus unmittelbarer Nähe abgegebener Schuß aus dem Stutzen und
-der vom Menschen verlassene Genosse des Menschen wälzt sich
-in seinem Blute, oder — bei den kleineren Hunden wird es so
-gemacht — ein Beilhieb auf den Kopf und ein Hundeleben hat
-geendet. Man glaubt einen wehmütigen Ton in dem erbitterten
-Bellen und Winseln und Knurren und Kläffen mitklingen zu
-hören.
-</p>
-
-<p>
-Wir verlassen den traurigen Hundekerker. Draußen im
-Hofe springen einige Hunde, darunter ein prächtiger reinrassiger
-Bernhardiner, namens „Cyrano“, liebkosend an Herrn Nešvara
-hinauf. Sie sind von diesem begnadigt worden und gehören
-zum Personale der Prager Fronerei. Schmeichelnd schmiegen sie
-sich an das Knie ihres Herrn, den Henker ihrer Stammesgenossen.
-Solidaritätsgefühl mit ihren eingekerkerten oder justifizierten
-Kameraden scheinen sie also nicht zu kennen, diese Hunde.
-</p>
-
-<p>
-Der Rundgang wird fortgesetzt, er führt jetzt in die Räume, die
-dem Zwecke der Anstalt, der gefahr- und geruchlosen Vernichtung
-<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a>
-der Tierkadaver dienen. Wir betreten zunächst den Seziersaal,
-wo die Kadaver enthäutet und wie die täglich hierher kommenden
-Konfiskate der Schlachtbank und der Markthalle zerstückelt
-werden. Die Stücke werden dann durch ein in der Wand angebrachtes
-Mannsloch in einen Apparat geworfen, der im angrenzenden
-Maschinensaale an der Wand steht. Dieser Apparat
-ist der sogenannte Kafilldesinfektor, der vom Antwerpener
-Schlachthausdirektor de la Croix erfunden und von der
-Firma „Rietschel &amp; Henneberg“ in Berlin im Jahre 1882
-zum erstenmale in Deutschland hergestellt worden ist. Der
-Bruder des Herrn Nešvara ist hier am Werke. Er scheint der
-technische Leiter des Unternehmens zu sein. Wenn der Apparat
-gefüllt ist, verschließt er ihn hermetisch und leitet hernach
-zwischen die doppelten Wände des Behälters Dampf von fünf
-Atmosphären. Dadurch findet eine Trocknung der Fleischteile
-statt, und die durch den Siebboden ablaufende Flüssigkeit
-wird durch den im Rezipienten sich entwickelnden Dampf in
-einen zweiten Zylinder gedrückt. Nun wird der Apparat durch
-sechs Stunden einer Temperatur von hundertfünfzig Grad ausgesetzt,
-worauf man durch den Dampf alle noch vorhandene
-Flüssigkeit und das ausgeschiedene Fett in den Rezipienten drückt.
-Aus diesen gelangt das Fett in den rechts vom Kafilldesinfektor
-stehenden Fettabscheide-Apparat, während das Leimwasser in den
-auf der linken Seite des Desinfektors stehenden Verdichtungsapparat
-strömt. Der nun fast trockene und geruchlose Inhalt
-wird nun in eine riesige Maschine gebracht, die in der Mitte
-des Seziersaales steht: Den Podewilsschen Trockentrommelmühl-Apparat,
-in dem die Fleischreste zu „Tierkörpermehl,“ einem
-feinen Pulver zermahlen werden, das einer Kunstdüngerfabrik
-in Pankratz verkauft wird. Die größeren Knochen werden in
-einem anderen Apparate zu Knochenmehl — gleichfalls ein
-Düngemittel — zermahlen. Eine hydraulische Presse, die unter
-einem Drucke von vierhundert Atmosphären das Tierkörpermehl
-zu runden Kuchen zu pressen vermag, steht außer Betrieb.
-Während in Deutschland diese Tierkörpermehl-Kuchen als Futtermittel
-stark verwendet werden, vermochten sie sich in Prag trotz
-ihres großen Proteïn-Gehaltes nicht einzubürgern. Außerdem
-stehen im Maschinensaal ein mächtiger Ventilator, Trockenapparate
-und Schöpfpumpen in Betrieb.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a>
-An den Maschinensaal schließt sich der Kesselraum mit
-der 6 H. P. starken Dampfmaschine und einem Dampfkessel von
-zwölf Meter Heizfläche. Hinter dem Kesselraum befindet sich
-das Fettmagazin, in dem große Fässer voll Tierfett stehen. Auf
-einer schmalen Stiege gelangt man in den Trockenraum für
-Häute und das Magazin für Tierkörpermehl — weite Bodenräume,
-in deren Mitte der breite, rote Schlot den Dachstuhl
-durchbricht. Auf der Erde liegen braune Berge, die wie aufgeschichtete
-Ackerkrume aussehen, und Tierkörpermehl sind. In
-einer Ecke ist ein gelbes Pulver, das Knochenmehl aufgeschüttet.
-In einer anderen liegen Knochen. Wenn man sie angreift, dann
-zerbröckeln sie in der Hand. Sie sind entfettet, entleimt, sterilisiert.
-</p>
-
-<p>
-Der Rundgang ist beendet und Herr Nešvara lädt mich in
-seine Wohnung ein. Wir kommen durch ein Zimmer, in dem
-sein jüngstes Söhnchen auf der Erde mit einem Hunde spielt —
-das billigste Spielzeug dortzulande. Dann sprechen wir vom Fach.
-Herr Nešvara kennt die Geschichte des Prager Abdeckereiwesens
-ganz genau, ist sie doch zum Teile seine eigene Familiengeschichte.
-Sein Großvater, der noch in den städtischen Urkunden nicht
-„Nešvara“ sondern „Neschwara“ hieß, und sein Vater waren
-Wasenmeister, seinen ältesten Sohn, der Sekundaner ist, will Herr
-Nešvara Tierarzneikunde studieren lassen. Dem Abdeckergewerbe
-ist längst die „Anrüchigkeit“ genommen, die vor Jahrhunderten
-seinen Angehörigen die Heirat mit ehrbaren Mädchen, den Eintritt
-in die Zünfte, in den Militärstand, die Zuweisung von Ehrenstellen
-verbot und die Erblichkeit dieses Berufes anordnete, aber
-freiwillig erbt sich dieses seltsame Handwerk noch heute vom
-Vater auf den Sohn fort.
-</p>
-
-<p>
-Herr Nešvara kennt die Geschichte seiner Vorgänger auch
-über seine eigene Ahnenreihe hinaus. Aus einer Schublade holt
-er ein vergilbtes Dokument hervor: Den Freibrief, mittels welchem
-Maria Theresia den Schindern und deren Freiknechten gestatte,
-eine Ehe mit einem bürgerlichen Mädchen einzugehen, allerdings
-unter der Bedingung, daß diese Männer vorher ihrem Gewerbe
-entsagen mußten. Das muß ein hochwichtiger Akt gewesen sein,
-anno dazumal, denn er ist vom Fürsten Karl Egon Fürstenberg
-und „ad mandatum Sacro-Caesarea Regineque Majestatis ex
-Consilio Regii Gubernii“ von Johannes Arnvers gezeichnet.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a>
-Das Amt des Schinders wurde in Prag vom Scharfrichter
-versehen, man stellte die Vernichtung der zum Tode geweihten
-Menschen jener der „abgestandenen“ Tiere gleich. Im Jahre 1860
-wurde der Henkersdienst verstaatlicht, die Abdeckerei aber nicht.
-Die Konzession zur Ausübung des Wasenmeistergewerbes erhielt
-für die am rechten Moldauufer gelegenen Teile Prags A. Nešvara,
-der Großvater des heutigen Inhabers, für das linke Ufer J. Jeřábek,
-dessen Amt heute ein ehemaliger Wachmann namens Josef Černy
-in der Kontumazstation Tejnka bei Břewnow ausübt. Die Nešvaras
-haben früher ihr Gewerbe in der Salnitergasse beim Rudolphinum
-ausgeübt, an der Stelle, wo heute das tschechische akademische
-Gymnasium steht. Herr Nešvara erzählt von Medizinern, die
-in seiner Jugendzeit in diese Wasenmeisterei kamen, um hier
-verschiedene Experimente an den Tieren zu machen. „Unsere
-häufigsten Besucher von damals sind heute Professoren an der
-deutschen medizinischen Fakultät,“ fügt Herr Nešvara hinzu.
-Meine Frage, ob die Tiere eventuell zu Vivisektionszwecken an
-die Universitätsinstitute abgetreten werden, verneinte Herr Nešvara.
-Nur bei besonders interessanten Fällen von Tiererkrankungen
-bitten sich die physiologischen Institute das Materiale aus, wenn
-sie nicht selbst solches haben. Aber das kommt fast nie vor.
-</p>
-
-<p>
-Dann beginnt Herr Nešvara auf sein Geschäft zu schimpfen.
-Er habe die thermochemische Vernichtungsstation nach reichsdeutschem
-Muster mit einem Aufwande von 50.000 Kronen so
-errichtet, daß nicht nur die hygienische Vernichtung aller Kadaver,
-sondern auch deren Verarbeitung möglich sei. Er habe sich aber
-verspekuliert. Das Materiale sei gering, die Verwendungsmöglichkeit
-noch weit geringer. Von der Geldstrafe, die für ausgelöste
-Hunde entrichtet werde, bekomme er ein Drittel, etwa
-dreitausend Kronen im Jahr. Davon könne er die Betriebsspesen
-nicht decken. An die Vernichtung der Kadaver — darunter
-jährlich etwa tausend Hunde — müsse er jedes Jahr einen Betrag
-von dreißigtausend Kronen daraufzahlen und bemühe sich daher
-seit neun Jahren um die Zuweisung einer Subvention von der
-Stadtgemeinde. Seine Gesuche werden aber ohne Motivierung
-abgelehnt. Auch sein Antrag, daß man, so wie dies in anderen
-Städten geschah, den Maulkorbzwang abschaffen und bloß jene
-Hunde abfangen und vernichten möge, welche ohne Hundmarke
-herumlaufen, habe keinen Erfolg gehabt. Die Verwertung der
-<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a>
-Hundekadaver lohne sich nicht und Pferde, welche ein ergiebiges
-Verwertungsmaterial bilden, werden seit dem Aufschwunge des
-Pferdeselchergewerbes fast niemals mehr hergebracht. So sei
-die Abdeckerei buchstäblich auf den Hund gekommen.
-</p>
-
-<p>
-„Ja, warum üben Sie denn Ihr Gewerbe aus, wenn Sie
-wirklich so viel zusetzen müssen?“, ist meine Frage.
-</p>
-
-<p>
-„Ich werde es auch aufgeben. Mir liegt schon der Antrag
-vor, das Unternehmen in eine Farbenfabrik umzuwandeln, und
-das werde ich tun.“
-</p>
-
-<p>
-Es fehlte noch, daß Herr Nešvara seiner Klage das Faustsche
-Wort anfügen würde: „Es möchte kein Hund so länger leben“
-und man müßte diesem Fachmann sein Leid glauben. So aber
-weiß man nicht, ob er es mit seinem Entschluß gar so ernst
-meint, ob wirklich dieses Institut bald der Vergangenheit angehören
-soll, ob ein besseres oder ein schlechteres nachfolgen,
-und wie in Zukunft dem Hundeleben in Prag ein Ende gemacht
-werden wird.
-</p>
-
-<div class="centerpic end">
-<img src="images/end.jpg" alt="" /></div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="part-15">
-<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a>
-Razzia
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<em><span class="firstchar">V</span><span class="postfirstchar">or</span> der Streifung</em>, da geht’s ja hoch her. Da wird getanzt,
-gespielt, getrunken, geschäkert, geraucht, gesungen, gestritten,
-geschrien, geschimpft und gerauft, daß es eine Freude
-ist. Weiß der Teufel, wenn der Herr Oberkommissär Protiwenski
-dabei wäre, er würde es gewiß nicht übers Herz bringen, das
-Idyll mit rauher Hand stören zu lassen. Aber er ist nicht dabei
-und er kann am Morgen, wenn er die Razzia anordnet, noch
-nicht wissen, daß es am Abend in den heimzusuchenden Lokalen
-so lustig sein wird.
-</p>
-
-<p>
-„Die Detektivs ... (folgen etwa zwölf Namen) haben
-um halb 10 Uhr abends gestellt zu sein.“ Das ist die Ordre,
-die jede Woche — die Wochentage wechseln in zwangsloser Reihenfolge
-ab — mindestens einmal ergeht. Es ist das Aviso zu der kombinierten
-Streifung, welche drei oder vier Partien der Sicherheitsbeamten
-von verschiedenen Ausgängen aus gegen einen gemeinsamen
-Treffpunkt unternehmen. Auf diese Weise bilden die
-Polizeigruppen eine Kette, und keinem der lichtscheuen Individuen,
-die aus einer Spelunke in die benachbarten wandeln,
-kann das Glück widerfahren, daß er immer vor oder immer
-nach dem Erscheinen der Streifung kommt und so den Fangarmen
-der Polizei entgeht. Außer diesen kombinierten Streifungen
-gibt es auch noch Generalstreifungen, die mindestens
-zweimal im Jahr unter Mitwirkung aller Polizeibeamten vorgenommen
-werden, und kleine Streifungen in bestimmte Lokale,
-die zur besonderen Beaufsichtigung allen Grund geboten haben.
-Immer werden die Razzien nur von Beamten in Zivilkleidern
-und von Geheimpolizisten vorgenommen, damit der nächtliche
-Spaziergang nicht zu großes Aufsehen errege und das Erscheinen
-in den ominösen Gasthäusern, Schlupfwinkeln, Massenquartieren
-und Branntweinschenken nicht vorzeitig avisiert werde.
-</p>
-
-<p>
-Als noch die alten Häuser der Josefstadt standen, waren
-die Stätten des Verbrechens und der Ansteckung dort konzentriert.
-Damals konnte man in einem Hause oft mehr verdächtige und
-gesuchte Subjekte festnehmen, als heute in etlichen Streifungen.
-<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a>
-Allerdings wurde dieser Vorteil durch das opferwillige Wirken
-der Theresia Bartunek fast aufgehoben, von deren in den
-achtziger Jahren entfalteten Tätigkeit die Verbrechergilde noch
-heute dankbar schwärmt. Theresia stand oft nächtelang am
-Johannisplatz in einem Versteck und wartete, bis aus der Türe
-des Kommissariates die Beamten traten. Dann eilte sie — halb
-Läufer von Marathon, halb Retterin des Kapitols — von einer
-Spelunke zur anderen, riß die Türe auf und ließ den Warnungsruf
-„štrajfuňk“ ertönen ... Heute sind die Nährböden des
-Lasters zerstreut. Kein Stadtteil, der frei von ihnen wäre, kein
-Stadtteil, in den nicht Razzien unternommen werden müßten.
-</p>
-
-<p>
-Kurz nach zehn Uhr abends öffnet sich das schwere Eisentor
-des Sicherheitsdepartements in der Bartholomäusgasse. Etwa
-fünfzehn mit Stöcken bewehrte Männer treten hinaus: Polizeibeamte
-und Detektivs. Es bilden sich drei Gruppen: die eine
-zieht zur Postgasse hinunter und wendet sich dann gegen die
-Obere Neustadt hin. Die beiden anderen Gruppen schreiten zur
-Altstadt zu. Bei der Husgasse biegt die Altstädter Partie ab und
-die Gruppe, welche die Untere Neustadt mit ihrem Besuche beehren
-will, zieht durch die Perlgasse und über den Obstmarkt
-weiter.
-</p>
-
-<p>
-Alsbald haben sie zu tun, allerdings nur mit einer belanglosen
-Klientel: Es sind Passantinnen, welche die ihnen schon längst
-bekannten Polizeibeamten mit einem grenzenlos ehrfürchtigen
-und wohl oft heuchlerischen „Küß’ die Hand, gnädiger Herr“
-begrüßen. Paßrevision. Man sieht nach, ob in dem Dienstbuch
-des Mädchens das Datum des vergangenen Montags eingetragen
-ist, und sie können ihren Weg fortsetzen. Manche „gehen
-bloß zu ihrer Schwester“, aber da die mißtrauischen Polizeibeamten
-aus verschiedenen Gründen dieser rührenden Schwesterliebe
-absolut nicht glauben wollen, so muß die Dame statt zu
-ihrer Schwester auf die Wachstube gehen. Eine wieder kann
-das Buch nicht finden, sie habe es verlegt. Auch diese Buchverlegerin
-wird dem nächsten Wachmann übergeben, der dem
-schönen Fräulein Arm und Geleite bis zum nächsten Kommissariat
-anbietet. Sie wehrt sich: Sie sei weder Fräulein, weder
-schön und könne ungeleitet nach Hause gehen. Aber das nützt
-ihr nichts.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a>
-Die Streifenden setzen ihren Weg fort. Die Wachposten
-auf der Straße grüßen nicht; der Gruß würde das Inkognito
-der Zivilpolizisten lüften, und ihr Nahen könnte leicht drahtlos
-an die interessierten Stellen depeschiert werden. Endlich
-ist man vor einem Gasthaus, aus dem Jubel und Lärm auf die
-Straße dringt. Plötzlich wird es drinnen still, jemand, der gerade
-im Hausflur war, ist in das Lokal gestürmt und hat
-<em>das Erscheinen der Streifung</em> gemeldet. Jäh verstummt
-der Lärm. Paare, die sich zärtlich verschlungen hielten
-und eben unzertrennliche Liebe schworen, stieben auseinander
-und rennen, wie die Zecher, die gerade das Glas zum Munde
-führen wollten, wie die Kartenspieler, die eben den Eichel-Ober
-übertrumpfen wollten, den Ausgängen zu. Aber die sind besetzt:
-Im Haupteingang steht der Beamte, an den Seiteneingängen
-Detektivs. Die aufgeschreckten Gäste sehen, daß an ein Entkommen
-nicht zu denken ist, und kehren wieder in den Saal
-zurück.
-</p>
-
-<p>
-„Ganz untertänigster Diener, hohe Regierung,“ so tönt es
-devot von den Lippen des Wirtes, der an den Beamten herantritt,
-ehrerbietig die speckige Kappe zieht und sich im rechten
-Winkel verbeugt. Der Wirt hat alle Ursache, mit den Polizeibeamten
-höflich zu sein, wenn diese auch jetzt seine besten Gäste
-wegführen werden: Schon mehrere Male ist ihm mit der Entziehung
-der Konzession gedroht worden und wieder hat vor
-kurzem ein Gast seines Lokales einen anderen derart liebkost,
-daß am nächsten Tage in den Zeitungen unter dem Titel „Eine
-tödliche Ohrfeige“ darüber berichtet wurde.
-</p>
-
-<p>
-Der Beamte ignoriert den Gruß. Rundgang und Cercle
-beginnen. Ein Mädchen sitzt nahe der Türe an einem Tisch, neben
-ihr ein Jüngling. Die beiden markieren ein zärtliches Gespräch
-und scheinen sich um die Eintretenden gar nicht zu kümmern.
-Sie haben verabredet, ein Brautpaar darzustellen.
-</p>
-
-<p>
-„Was machen Sie hier?“ fragt der Beamte das Mädchen.
-</p>
-
-<p>
-„Ich bitte, ich bin mit meinem Bräutigam hier.“ Fast beleidigt
-klingt das. Und der Galan nickt eifrig Bestätigung.
-</p>
-
-<p>
-„So, so, Fräulein Harlak, Sie haben wohl geglaubt, daß
-ich Sie nicht erkennen werde, weil Sie jetzt ein Jahr in Brünn
-waren?“ Die Erkannte wird blaß. Der Beamte wendet sich in
-strengem Ton an ihren Partner: „Das ist also Ihre Braut?“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a>
-Der „Bräutigam“ hat jedoch „Spundus“ gekriegt und er
-verleugnet seine Braut. Er schweigt. Da wird aber die Verratene,
-die kurz vorher noch so zärtlich schien, sehr fuchtig:
-</p>
-
-<p>
-„Was? Zehn Glas Bier hab’ ich Dir schon gezahlt und
-jetzt willst Du mich nicht kennen. Du Hundekerl, Du ...“ Ein
-Wink des Beamten beendet den Redeschwall der Jungfrau. Ein
-Detektiv führt sie zu dem neben der Türe gelegenen Tisch, wo
-sich alle versammeln müssen, welche der Beförderung in „Direktor
-Wejřiks Hotel“, das Polizeigefangenhaus, wert erachtet werden.
-</p>
-
-<p>
-Inzwischen hat der Beamte einem Manne seine Aufmerksamkeit
-zugewendet, der allein an seinem Tisch sitzt. Fast die
-ganze Biertasse ist schraffiert — jeder Strich bedeutet ein Glas,
-das der einsame Zecher hinter die fehlende Binde gegossen hat.
-Beamter und Gast blicken einander in die Augen und über beider
-Gesichter huscht ein Lächeln, das zu sagen scheint: Sieh da, ein
-alter Bekannter!
-</p>
-
-<p>
-„Guten Abend, Herr Kommissär,“ bricht der Zecher das
-Schweigen.
-</p>
-
-<p>
-„Schönen guten Abend, Herr Lojsa,“ wünscht der Kriminalpolizist.
-„Was machst Du denn hier?“
-</p>
-
-<p>
-„Ich trinke,“ antwortet Lojsa naiv und treuherzig.
-</p>
-
-<p>
-„So? Du weißt wohl nicht, daß jetzt schon zwölf Uhr ist,
-und daß Du (Lojsa steht unter Polizeiaufsicht) um acht Uhr abends
-zu Hause sein sollst?“
-</p>
-
-<p>
-„Gnädiger Herr, ich habe jetzt zwei Tage Holz gehackt und
-da wollte ich heute ...“
-</p>
-
-<p>
-„Holz hast Du gehackt? Es wird wohl das Holz einer
-Wohnungstüre gewesen sein. Der Kratochwil ist gestern wegen
-Einbruchs festgenommen worden und hat gesagt, Du könntest sein
-Alibi nachweisen.“
-</p>
-
-<p>
-„Ja, Herr Kommissär, das kann ich nachweisen!“
-</p>
-
-<p>
-„Kannst Du? Umso besser.“ Und schon führt ein Polizist
-den stillen Zecher zu dem Sammelplatz neben der Tür, wo schon
-Fräulein Harlak Aufstellung genommen hat. Hier haben übrigens
-auch die Kellnerinnen des Lokales Posto gefaßt, um von den
-„Auserwählten“ die Zeche einzukassieren.
-</p>
-
-<p>
-Der Polizeikommissär hat wieder einen alten Freund erspäht:
-„Kuželka, Du hast doch Prag!“, ruft er ihn an. Das ist ein elliptischer
-Satz, das Prädikat „verboten“ ist zu ergänzen. Aber jeder,
-<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a>
-der das Prager Rotwälsch versteht, versteht auch dieses Satzfragment.
-</p>
-
-<p>
-Revertent Kuželka will in einer langatmigen Rede dem
-Kommissär auseinandersetzen, welch wichtige Angelegenheiten
-ihn nach Prag geführt haben, während ihn in Wirklichkeit die
-schönen „Arbeitsgelegenheiten“ und der gleichgestimmte Freundeskreis
-wieder in die Landeshauptstadt riefen, aus deren Polizeirayon
-er dauernd abgeschafft ist. Der Beamte hört ihm einen
-Augenblick lang aufmerksam zu und scheint seinen Argumenten
-voll beizustimmen. Dann sagt er freundlich zu Kuželka:
-</p>
-
-<p>
-„Dorthin stell’ dich.“ Da weiß der erfahrene Kuželka, daß
-alle weiteren Rekriminationen vergeblich sind und stellt sich
-zur Tür.
-</p>
-
-<p>
-Das Frage- und Antwort-Spiel geht weiter. Der Polizeibeamte
-läßt sich Arbeitsnachweise zeigen und erkundigt sich nach
-dem Obdach der Gäste. Manchmal fallen die Antworten befriedigend
-aus, manchmal aber endet das Spiel mit dem Wink
-gegen den Formierungsplatz bei der Türe. Alle Gäste sind verhört
-worden. Da wendet sich der Beamte zu dem Billardbrett und
-stöbert mit seinem Stock unter die Wachsleinwand, die das Billardbrett
-bis zum Boden bedeckt. Unten ist jemand. Das hat der
-Beamte ohnedies gewußt und wollte nur den Zeitpunkt der
-Entdeckung möglichst lange hinausschieben, damit der dort Versteckte
-schon die Hoffnung schöpfe, die Polizei überlistet zu haben.
-Aber als die Person auf seine Aufforderung hin hervorkriecht,
-ist der Beamte des Kriminalbureaus doch überrascht:
-</p>
-
-<p>
-„Die tolle Andula! Wie kommst Du denn her? Um vier
-Uhr hat Dich der Polizist über die Rayonsgrenze hinausgeführt,
-und jetzt bist Du wieder hier!“
-</p>
-
-<p>
-„Zu Fuß, gnädiger Herr, bin ich wieder zurückgegangen.
-Ich glaube, daß ich früher hier war, als der Polizist auf dem
-Kommissariat. So bin ich gelaufen. Meine ganzen Lackschuhe
-sind kaput. Neun Gulden haben sie gekostet. Und jetzt werde
-ich wieder eingesperrt.“
-</p>
-
-<p>
-Das Mädel, ein siebzehnjähriger Fratz, der verderbter ist,
-als die ältesten Kolleginnen, verzieht schmollend das Gesichtchen,
-das nicht unschön genannt werden kann.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a>
-Der Polizeibeamte sagt seinen Refrain: „Stell’ Dich dorthin.“
-Dann kommandiert er den Ausgehobenen „rechts um, Marsch“,
-der Wirt zieht noch devoter sein Käppi, draußen übernehmen
-uniformierte Polizisten die Eskorte. Weiter geht die Razzia.
-</p>
-
-<p>
-<em>Nach der Streifung</em> ist in den Lokalen die ganze
-Stimmung verflogen. Der spärliche Rest der Gäste zahlt seine
-Zeche, und wenn ein Polizeiorgan die Flüche hören würde, die
-der vorher so devote Wirt jetzt gegen die Behörden ausstößt, so
-würde es diesem wohl nicht gut ergehen.
-</p>
-
-<p>
-Um halb 2 Uhr nachts treffen die Partien der Sicherheitsleute,
-wie verabredet, beim Pulverturm zusammen. Die einzelnen
-Beamten erstatten dem Rangshöchsten Bericht über die Vorkommnisse,
-die Detektivs werden nach Hause entlassen. Die Razzia ist beendet,
-der Boden der Großstadt wieder einmal gekehrt worden. Vierundfünfzig
-Verhaftete. In der Aufnahmskanzlei des Polizeigefangenhauses
-werden ihre Personalien aufgenommen, die Taschen
-untersucht, Zellen angewiesen.
-</p>
-
-<p>
-Am nächsten Tage werden Akten geschrieben, ärztliche
-Untersuchungen vorgenommen. Die Verhafteten werden nun in
-den bekannten grünen Karossen in das Strafgericht, in das
-Bezirksgericht, in das Allgemeine Krankenhaus oder in die
-„Fišpanka“, das städtische Arbeitshaus, befördert. Da gibt es
-dann Requirierungen und Erhebungen, die Heimatszuständigkeit
-muß ermittelt, der Schubkostenersatz verlangt, Convoyanten für
-die abzuschiebenden Personen beordert werden und was dergleichen
-schöne Schreibereien mehr sind.
-</p>
-
-<p>
-Was Wunder, daß dann die betroffenen Beamten mehr
-als die Prager Verbrecher und Vagabunden über die Prager
-Streifzüge der Polizei schimpfen!
-</p>
-
-<div class="centerpic end">
-<img src="images/end.jpg" alt="" /></div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="part-16">
-<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a>
-Die Zwangsarbeitsanstalt auf
-dem Hradschin
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">as</span> rote Riesenhaus, das neben dem Garnisonsfilialspital breitspurig
-dasteht und die Lorettogasse verstellt, beherbergt gar
-seltsames Volk. Die Häftlinge der Strafanstalten sind unschuldige
-Waisenknaben gegen die Gäste dieser Anstalt, welche — ausdrücklich
-wird das hervorgehoben — durchaus keinen Strafzweck
-verfolgt. In den Strafhäusern gibt es Diebe, Betrüger, Raubmörder
-aus Not, Raubmörder aus Überlegung, Affektsverbrecher,
-die vielleicht ein zweites- oder ein drittesmal das Verbrechen
-nicht mehr verüben würden. In der Zwangsarbeitsanstalt
-wohnen nur Individuen, deren Strafliste ganz beträchtliche Dimensionen
-angenommen hat. Die Quantität der Strafen, nicht die
-Qualität entscheidet. Manche der Zwänglinge haben über hundert
-Strafen aufzuweisen, und wenn einer oder der andere auch ein
-mehrfach vorbestrafter Dieb oder Mörder ist, so ist er das nur
-nebenbei, und diese Bagatelle hat mit seiner Detention im Arbeitshause
-gar nichts oder nur wenig zu tun.
-</p>
-
-<p>
-Die dreihundertdreißig braungekleideten Bewohner der
-Landeszwangsarbeitsanstalt sind aus harmloseren Gründen hier.
-Die Reichsgesetzblätter Nr. 89 und 90 vom Jahre 1885 haben
-die Errichtung der Zwangsarbeitsanstalten bloß zur Vermeidung
-von Vagabundage und Bettelei verfügt. Die Anstalten sollen
-einerseits ein Prohibitivmittel gegen das Landstreichertum, gegen
-die Belästigung durch Vagabunden und für die Verhütung von
-Verbrechen sein — ein Zweck, der wohl erfüllt wird. Aber
-andererseits sollen auch die hierher kommenden arbeitsscheuen
-Individuen gebessert, zur Arbeit erzogen werden. Damit ist es
-nichts. Siebzig Prozent bleiben ungebessert. Und die restlichen
-dreißig Prozent sind auch zum Teile als dubios zu buchen, denn
-wenn auch keine Mitteilung von einer Gerichtsstrafe eines oder
-des anderen Entlassenen eintrifft, wer bürgt dafür, daß nicht
-der biedere Landstreicher in der Zelle irgend eines Bezirksgerichtes
-unter falschem Namen Obdach gefunden hat? In den Besserungsanstalten
-<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a>
-für Jugendliche sind gute Resultate aufzuweisen. Aber
-in die Prager Anstalt kommen nur Leute im Alter von achtzehn
-bis fünfzig Jahren und die können sich an seßhafte Lebensweise
-nicht mehr gewöhnen. Der Staub der Landstraße ist ihnen
-Lebenselement geworden, die Mühen der Fußwanderung und
-die Chikanen der Gendarmen fechten sie nicht mehr an, ein wilder
-Reisewahn hat sie gepackt, sie wandern von Ort zu Ort, der Schubwagen
-ist ihnen eine feine Reisegelegenheit, das Arrest ein
-famoses, warmes Obdach. Arbeiten — wozu? Wer weiß, ob
-sie nicht recht haben.
-</p>
-
-<p>
-Gar mancher von ihnen hat Haus und Hof verlassen, um
-arm durch die Welt zu flanieren, viele lassen den Lohn in den
-Händen ihres Arbeitsgebers zurück, sie schleichen sich — vom
-Reisefieber plötzlich gepackt — bei Nacht und Nebel aus dem
-Hof und wandern auf Straßen und Feldrainen geldlos ins Weite.
-Was man braucht, kann man erbetteln, kann man stehlen.
-Gelegenheit zum Diebstahl ist immer da, Häuser, Ställe und
-Scheuern stehen offen. Und doch: Die Zahl derer, die in ihren
-hundertzwanzig Vorstrafen kein einziges Diebstahlsdelikt aufzuweisen
-haben, ist nicht gering. Ihre Liste ist einförmig. Immer
-kehren nur die §§ 1 und 2 des Vagabundagegesetzes wieder.
-Ehrliche Vagabunden. Sie sind auch durch die wiederholte Detention
-in Zwangsarbeitsanstalten nicht zu bessern und — nicht
-zu verderben.
-</p>
-
-<p>
-Denn auch die Gefahr des schlechten Einflusses ist nicht
-ausgeschaltet, da in den Zwangsarbeitsanstalten die ehrlichen
-Vagabunden mit wiederholt bestraften Schwerverbrechern beisammen
-sind. Wünschenswert wäre, wenn für die Gewohnheitsverbrecher
-eigene Arbeitshäuser errichtet werden würden, oder
-wenn man sie deportieren würde.
-</p>
-
-<p>
-Immerhin wäre es ungerecht, wenn man nicht konstatieren
-wollte, daß auch unter den gegebenen ungünstigen Verhältnissen
-jährlich eine ganz respektable Zahl von Gebesserten die Anstalt
-verläßt. So zum Beispiel ein lichtscheues Individuum, das vor
-Jahren an einem Raubmord in Prag beteiligt gewesen war.
-Der Gerichtshof hatte ihm eine mehrjährige Kerkerstrafe zuerkannt
-und sich außerdem für die Zulässigkeit seiner Abgabe in
-eine Zwangsarbeitsanstalt ausgesprochen. Die „gemischte Landeskommission“
-bei der Statthalterei, welche die Aufnahme in die
-<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a>
-Arbeitsanstalten verfügt, entschied sich für den Antrag des
-Gerichtes, und so kam der Bursche nach längerer Haft in Pankratz
-in die Zwangsarbeitsanstalt auf dem Hradschin. Hier benahm
-er sich so korrekt, daß man nach einem Jahre zu seiner bedingten
-Entlassung schritt, d. h. ihm eine Anstellung besorgte und ihn
-außerhalb der Anstalt wohnen läßt, trotzdem er noch in deren
-Stand gehört, und von dieser, wenn er sich nicht bewähren
-würde, jederzeit eingezogen werden kann. Aber er bewährt
-sich. In der Schneiderwerkstätte, in der er als Lehrling arbeitet,
-hat nur der Meister, nicht aber auch seine „älteren“, aber halb
-so alten Arbeitskollegen eine Ahnung von seinem Vorleben.
-Der Verein zum Wohle entlassener Sträflinge zahlt ihm die
-Wohnung, Kleidung und einen Zuschuß von wöchentlich zwei
-Kronen für Wäsche und Nachtmahl gibt ihm die Anstalt, die
-übrige Kost erhält er von seinem Meister. Er arbeitet überaus
-strebsam, und der einstige Raubmörder freut sich schon darauf,
-bald Geselle werden und sich sein Brot ehrlich selbst verdienen
-zu können.
-</p>
-
-<p>
-Mag sein, daß man sich irrt, und daß der Bursche wieder
-zur alten Lebensweise zurückkehrt, wenn er dem Auge der
-Anstaltsleiter entrückt ist. Denn eigentlich sind alle Zwänglinge
-während der Zeit ihrer Internierung fleißig und folgsam. Sie
-arbeiten an den Handwebstühlen, an der Erzeugung von Papiersäcken,
-in den Tapezierer-, Schuster-, Schlosser- und Tischlerwerkstätten,
-in der Korbflechterei und im Anstaltsgarten, in der
-Küche und auf den Gängen, in den Arbeitskolonien auf den
-Feldern und Stallungen der kaiserlichen Güter in Litowitz, Hostiwitz,
-Rot-Aujezd und Tachlowitz, der Privatgüter zu Dubetsch, Kletzan,
-Biechowitz und Radigau, sie planieren und regulieren den Erdboden
-beim Bau der Landesirrenanstalt in Bohnitz und verrichten
-in der Kadettenschule, in der Strakaschen Akademie, im Palais
-Toskana und in der Landesfindelanstalt verschiedene Handlangerdienste.
-Sie arbeiten, weil sie von den anderen abgesondert
-werden würden, wenn sie das nicht täten. Strafen oder ein
-anderer Zwang zur Arbeit werden in der Zwangsarbeitsanstalt
-nicht angewendet. Dessen bedarf es umso weniger, als die
-Zwänglinge am Lohn ihrer Arbeit partizipieren. Sie sind in
-drei Klassen eingeteilt. Acht Monate bleiben sie in der dritten,
-der letzten Gehaltsklasse, in der sie zwanzig Prozent von ihrem
-<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a>
-Verdienst erhalten, der Rest fließt dem Anstaltsfonde zu. Nach
-Ablauf der acht Monate rücken sie in die zweite Klasse vor, in
-der sie fünfundzwanzig Prozent behalten dürfen, nach weiteren
-acht Monaten in die erste Klasse, in der dreißig Prozent ihres
-Arbeitsertrages ihr eigen sind. Einen Teil dieser Dienstprämie
-darf der Zwängling zur Aufbesserung seiner Kost verwenden.
-Das Nachtmahl ist wohlweislich schon so frugal bemessen, daß
-es einer solchen Aufbesserung dringend bedarf — ein Ansporn
-zur Arbeit. Der Rest der Verdienstesprämie wird dem Korrigenden
-aufbewahrt und oft erhält dieser nach Ablauf seiner Internierung
-— diese währt mindestens zwei und höchstens drei Jahre —
-einen ersparten Betrag von hundert Kronen ausgehändigt.
-</p>
-
-<p>
-Die Hoffnung auf die Aushändigung des Verdienstes kann
-manchen nicht vor dem Entweichen abhalten. Aus dem Anstaltsgebäude
-selbst kann wohl niemand flüchten, denn die Gittertüren
-auf den Korridoren und die dichtgekreuzten Eisenstäbe in den
-Fenstern haben aus dem alten Palast der Trauttmansdorffs, aus
-diesem stillen Kleinseitner Patriziergebäude, in dessen Garten vor
-drei Jahrhunderten Tycho de Brahe seine erste Sternwarte errichtet
-hatte, einen Käfig gemacht. Aber draußen in den Arbeitskolonien,
-wo die Sonne zur Wanderschaft lädt, wo das rote Wirtshausschild
-so freundlich zum langentbehrten Schnapsgenuß auffordert,
-wo ein Hügel dem Zwängling zeigt, daß kein Aufseher in der
-Nähe und die Welt so groß ist, da packt den Vagabunden die
-alte Leidenschaft, da vergißt er, daß ihn seine Kleidung stigmatisiert,
-da vergißt er, daß ihm die Flucht arg bekommen wird,
-da vergißt er, daß er für jede Strafe zwei Monate länger in
-der verhaßten Anstalt bleiben muß, da vergißt er, daß in der
-Zwangsarbeitsanstalt auch Pfähle sind, an die man strafweise
-angebunden wird.
-</p>
-
-<p>
-Dort in der Ecke der Korbflechterwerkstätte sitzt so ein
-Bursche, der erst vor kurzem entwichen und wieder eingebracht
-worden ist. Direktor Tilšer geht vorbei und fragt auch ihn,
-wieviel er heute gearbeitet habe. Die Antwort wird in kaum
-verständlichem Tone geknurrt. Und aus den Augen des Gefragten
-kommt ein wilder Blick des Hasses, eine Botschaft jener
-Gefühle, die vor kurzem die Revolte der Korrigenden in Bohnitz
-entfacht und ein Menschenleben gekostet haben.
-</p>
-
-<div class="centerpic end">
-<img src="images/end.jpg" alt="" /></div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="part-17">
-<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a>
-Theatervorstellung der Korrigenden
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">n</span> dieser historischen Woche, in der aus Anlaß des Regierungsjubiläums
-so viele Veranstaltungen „Fürs Kind“ stattfanden,
-gab es auch eine, deren Arrangeure ihre Veranstaltung als
-Selbstzweck betrachteten. Kein „Anlaß“, kein „wohltätiger
-Zweck“. Und wer war es, der diese Ehrlichkeit bewies? Die
-Korrigenden in der Landeszwangsarbeitsanstalt auf dem Hradschin.
-</p>
-
-<p>
-Am Donnerstag um halb 3 Uhr nachmittags fand oben
-eine Theatervorstellung statt. Direktor Tilšer hatte mir nach Erscheinen
-eines Artikels, den ich über Bewohner und Einrichtungen
-der Hradschiner Zwangsarbeitsanstalt veröffentlicht hatte,
-die Einladung zu dieser Vorstellung gesandt, damit ich „bei dieser
-Gelegenheit auch die lichteren Seiten des Anstaltslebens kennen
-lernen“ möge. So kam ich hinauf.
-</p>
-
-<p>
-Im Hofe waren die Zwänglinge. Aber nur wenige
-promenierten, nur wenige vergnügten sich am Kegelspiel. Die
-meisten drängten sich vor dem breiten Tor, das sich nun bald
-öffnen sollte, um die Theaterbesucher in das Haus zu lassen.
-Sie drängten sich und zwängten sich, wie die Leute an den Kassen
-zu den Maifestspielen. Aber sie benahmen sich doch wie Menschen
-dabei, und wenn ein Besucher kam, machten sie willfährig Platz.
-</p>
-
-<p>
-Gespielt wurde im Korbflechtersaale. Der war sorgfältig
-adaptiert. An der einen Breitseite stand festgezimmert die Bühne.
-</p>
-
-<p>
-Vor Jahren wurden aus dem Dekorationsmagazine des
-Deutschen Landestheaters durch dessen Intendanten, weiland Abg.
-Dr. Ludwig Schlesinger, der Zwangsarbeitsanstalt mehrere Flächen
-kassierter Kulissenleinwand überwiesen. Aus einem dieser Stücke
-war der Vorhang geschnitten und mit Lyra, Lorbeer und Maske
-bemalt worden. Oben das Landeswappen und einige naive Landschaften.
-Irgend eines Korrigenden Werk. Vor der Bühne brennen
-zwei halbverdeckte Gaslampen — die einzige Beleuchtung des
-langen Saales. So nimmt sich der Zuschauerraum gar seltsam
-aus. An zweihundert Zuschauer mit dumpfen Gesichtern und
-scharfen Blicken. Einige haben die braunen Flanelljacken anbehalten,
-andere sitzen in den schmutzigweißen Zwilchkleidern
-<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a>
-auf den Bänken da. Das sind fast die einzigen Toilettenunterschiede
-im Publikum. An der Wand stehen die Aufseher in
-Uniformen als Logenschließer. Vor die Bankreihen, auf denen
-die Korrigenden sitzen, sind zwei Reihen von Stühlen gestellt,
-die sonst in den Wachzimmern verteilt sind: Die Fauteuils für
-die Gäste. Denn auch Gäste sind da. Einige Frauen und Kinder
-von Aufsehern, sowie von Landwehrfeldwebeln und Oberfeuerwerkern
-aus der Nachbarschaft. Vor den Fauteuilreihen bedecken
-ausrangierte Bettdecken aus den Schlafsälen die Steinfliesen —
-Teppiche.
-</p>
-
-<p>
-Heute ist deutsche Theatervorstellung, „Deutsches Landestheater“
-wie die Zwänglinge sagen. Das „Tschechische Nationaltheater“
-hat eine Woche vorher gespielt. Aber das Publikum
-ist zweisprachig. Wenn auch mancher kein Wort von dem versteht,
-was da oben auf der Bühne gesprochen wird, so freut er
-sich doch der Kleider und des Gehabens seiner deutschen Kollegen
-auf dem Podium.
-</p>
-
-<p>
-In einer Nische neben der Bühne sitzt das Orchester. Vier
-Mann. Der Kapellmeister fehlt dem „Deutschen Landestheater“ ...
-Die Musikanten dirigieren selbst. Der Primgeiger ist ein alter,
-gebückter Mann mit einer Brille, der krampfhaft in sein Notenblatt
-blickt. Der zweite Violinist hat blondes, aufwärts gekämmtes
-Haar und einen stattlichen Schnauzbart: er ist ein
-ehemaliger Musikfeldwebel, der von Stufe zu Stufe gesunken ist,
-und nicht zum erstenmale dem Orchesterpersonale der Hradschiner
-Zwangsarbeitsanstalt angehört. Neben ihm spielt ein etwa vierzigjähriger
-Mann die Flöte; sein schwarzes, gescheiteltes Haar ist
-tief in die Stirne gekämmt — der Typ des „šumař“, des böhmischen
-Dorfmusikanten. Der vierte und letzte in dieser Kapelle ist der
-Harfenist. Sein Instrument hat er sich während seiner Detention,
-in den Mußestunden, die ihm nach seinen Taglöhnerarbeiten
-beim Bau der Bohnitzer Landesirrenanstalt geblieben sind, selbst
-angefertigt, und er beherrscht das Instrument ganz famos,
-trotzdem er nie Harfespielen gelernt hat. Sie sind Tausendsassas,
-diese Gegner der Arbeit.
-</p>
-
-<p>
-Gegenüber an der Wand lehnt ein Feuerwehrmann. Bei
-näherer Betrachtung merkt man aber, daß es gar kein Feuerwehrmann
-ist, sondern ein Korrigend, der den Feuerwehrmann
-spielt, weil eben ein solcher zu jeder anständigen Theatervorstellung
-<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a>
-gehört. Der Mann hat blankgeputzte Röhrenstiefel, einen sauber
-gewaschenen Zwillichanzug, einen Feuerwehrhelm — aus Pappendeckel
-und einen Gürtel aus dem gleichen feuersicheren Material.
-Er ist von seiner Rolle ganz durchdrungen und sein Blick schweift
-fortwährend durch den Saal, inspizierend und Bewunderung
-heischend.
-</p>
-
-<p>
-Man spielt heute, laut dem autographierten Programm,
-das auch die Namen der Darsteller nennt, drei Einakter. Zunächst
-das „Versprechen hinter’m Herd“. Hinter der Bühne wird geläutet,
-die Musik bricht jäh ab, der Souffleur kriecht coram
-publico in einen in der Korbflechterei hergestellten Strandkorb,
-dessen offene Seite der Bühne zugewendet ist. Der Vorhang
-hebt sich bis etwa zur halben Bühnenhöhe. Dann kann er nicht
-weiter. Aber der Darsteller des „Freiherrn von Strietzow“ legt
-selbst Hand an, ein Ruck und der Vorhang ist ganz oben. Die
-Erwartungen, die man nach dieser vielversprechenden Leistung
-des „Baron Strietzow“ an diesen knüpft, werden leider nicht
-erfüllt. Dieser Schauspieler hat kein Gefühl für das Parodistische,
-das in dieser Rolle des Berliner Salontirolers liegt. Er redet
-nicht „berlinerisch“, sondern den Dialekt, den man in seinem
-Heimatsorte Georgswalde bei Schluckenau spricht. Sein Kostüm
-ist schon aus technischen Gründen kein karikiertes, kein gigerlhaftes,
-und so maßt er sich auch nicht das Recht an, anders zu
-sein, wie die übrigen Darsteller, die echte Tiroler sein sollen.
-Sogar wenn er aus seinem Notizbuch einen verstümmelten „Nationalgesang“
-vorträgt, singt er ihn wie ein Schnadahüpfel. Er
-trägt ihn vor, so gut er eben kann, und würde es unverständlich
-finden, daß ein Schauspieler absichtlich patzen soll.
-</p>
-
-<p>
-Grandios ist der Darsteller des Wirtes und Wilddiebes Quantner.
-Sein Lob wäre nur in Superlativen zu singen. Wenn er sich
-räuspert, wenn er sich schneuzt, wenn er sich seine Pfeife ansteckt,
-wenn er sich nach herzhaftem Trunk mit der Zunge den Bart
-reinigt, wie er sein Versprechen, daß alles, was hinter’m Herde
-liegt, des Dirndls Eigentum sein soll, langsam und schwerfällig
-auf das Papier kritzelt, ist er von einer Echtheit, wie sie kein
-Berufsschauspieler aufzubringen vermag. Und wie er dann mit
-geballter Faust auf seinen unfolgsamen Sohn zustürzt — das
-kann kein Mime kopieren, das muß von klein auf gelernt sein.
-Da sich die Biographie dieses vortrefflichen Schauspielers in keinem
-<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a>
-Bühnenlexikon vorfindet, sei erwähnt, daß „Quantner“, ein etwa
-fünfzigjähriger Mann, schon zum viertenmale im hiesigen Arbeitshaus
-deteniert ist. Nach seiner Freilassung treibt es ihn immer
-wieder in die Alpen, wo er im Sommer und Winter umhervagiert.
-Aber auch auf den Bergen, wo angeblich die Freiheit wohnt,
-gibt es Gendarmen, und die bewirken es, daß er immer wieder
-nach Prag, zum Schauspielerberuf, zurück muß. Nach der Überzeugungstreue,
-mit der er den Wilddieb auf der Bühne verkörpert,
-könnte man schließen, daß er dieses Handwerk auch
-außerhalb der Bühne auszuüben gewohnt ist. Wie dem auch sei:
-Erwischt wurde er wegen dieses Deliktes noch nicht, denn unter
-seinen achtzehn Vorstrafen finden sich nur solche wegen Landstreicherei,
-Diebstahls, Vagabundage u. dgl.
-</p>
-
-<p>
-Das „Nandl“, die brave Bauerndirn, spielt ein jüngerer
-Korrigend. Er sieht ganz reizend aus und beherrscht seine Rolle
-vortrefflich. Den Sohn des Quantner und Geliebten der Nandl
-spielt gleichfalls ein junger Bursch. Er war noch vor kurzem
-in der Arbeitsanstalt für Jugendliche in Grulich interniert, hat
-sich aber nicht dauernd gebessert, obwohl er dort brav und fleißig
-gewesen war. Gleich nach seiner Entlassung hatte er seine Kleider
-verkauft und sich einer umherziehenden Zigeunertruppe angeschlossen.
-Aus der Hradschiner Anstalt, in die er dann gebracht
-worden ist, ist er entwichen, als er zur Arbeitsleistung in die
-Findelanstalt beordert worden ist. Sein Spiel ist gedrückt. Er
-geht fast fortwährend im Hintergrund der Bühne auf und ab
-und bringt seine Sätze halb zaghaft, halb mürrisch hervor. Das
-wirkt sehr gut, denn er gibt ja einen unglücklichen Liebhaber.
-</p>
-
-<p>
-Das Stück ist aus. Das Publikum klatscht stürmisch und
-die Darsteller machen ungelenke Komplimente. Der Vorhang
-fällt. Herr Direktor Tilšer willfahrt in liebenswürdiger Weise
-meinem Wunsche, die Bühne von rückwärts besichtigen zu dürfen.
-Man stellt die Kulissen zum nächsten Stücke auf. Der Protagonist,
-der „Quantner“, hockt auf der Schulter des „Feuerwehrmannes“
-und schlägt oben auf der Kulisse zwei Nägel ein. Auch „Fräulein
-Nandel“ zimmert eifrig und keiner von den Akteuren ist müßig.
-Die Anordnungen schwirren durcheinander: Einen Regisseur
-scheint es nicht zu geben, und ein Aufseher darf nicht hierher.
-Die Künstler achten streng auf die Wahrung ihrer Autonomie.
-<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a>
-Auf einem Tisch liegt ein dickes Heft, auf dem von ungeschickter
-Hand mit Bleistift unorthographische Sätze gekritzelt sind: Die Rolle.
-</p>
-
-<p>
-Das zweite Lustspiel beginnt. Es heißt „Ein Zwiegespräch“
-und der Witz besteht darin, daß ein alter Sonderling einen Besucher
-für den Aspiranten auf die Wärterstelle bei seiner Katze
-hält, während sich der Fremde um die Hauslehrerstelle bei der
-Tochter des Privatiers bewirbt. Den Hauslehrer spielte ein junger
-Bursch, ein wiederholt vorbestrafter Einbrecher, ganz gut. Aber
-den größten Beifall hatte er, als er wie unversehens an seinen
-Partner anstieß, und in einem prächtigen Purzelbaum zu Boden
-stürzte. Ebenso bildete es im nächsten Stücke, dem Lustspiel
-„Er muß taub sein“, den Höhepunkt der Handlung, als der von
-seiner Taubheit geheilte Hausherr plötzlich die Beschimpfungen
-seines Dieners vernimmt, und diesem einen Fußtritt in den Rücken
-versetzt, der entschieden an anderer Stelle nach § 421 StG. geahndet
-worden wäre. (Stürmischer Beifall.) In diesem letzten Stücke
-spielt übrigens auch ein ehemaliger Bauzeichner, der sich ganz
-als Gentleman benimmt und seine Mahlzeit in einer Weise verzehrt,
-die auch den höchsten Anforderungen des guten Tones entspricht.
-</p>
-
-<p>
-Zum Schluß der Vorstellung singen die Darsteller aller Stücke
-ein weihevolles Abschiedslied „Gute Nacht“. Es ist ganz rührend,
-wie diese wetterharten Feinde der menschlichen Gesellschaft den
-feierlichen, kindlichen Choral anstimmen.
-</p>
-
-<p>
-Alles ergießt sich in den Hof, um sich draußen die Tabakspfeife
-anzuzünden. Nur die Akteure müssen hierbleiben. Sie
-haben die Kostüme abzulegen und einzupacken, damit sie morgen
-der Maskenleihanstalt wieder rückerstattet werden können, von
-der sie um den Preis von drei Kronen ausgeliehen worden sind.
-Dies sind die ganzen Barauslagen: sie werden aus den Zinsen
-des Depositenfonds und durch freie Spenden des Direktors gedeckt.
-Dann muß die Bühne abgenommen, die Kulissen, der Vorhang
-und der geflochtene Souffleurkasten wieder ins Magazin getragen
-werden. Jetzt hört für die Schauspieler das Benefizium auf,
-am Abend eine Stunde länger aufbleiben und die Rollen lernen
-zu dürfen; in dem Saal, in dem sie heute akklamierte Künstler
-waren, müssen sie morgen auf den Steinfliesen sitzen und Weidenruten
-zu Körben flechten. Für geraume Zeit bleibt ihnen nur
-die Erinnerung an ihren Erfolg, an die „lichteren Seiten des
-Anstaltslebens“.
-</p>
-
-<div class="centerpic end">
-<img src="images/end.jpg" alt="" /></div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="part-18">
-<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a>
-Das Märchen vom Mistwagen
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">s</span> war einmal — so geht ein Grimmes Märchen — eine
-Stadt, die sehr, sehr alt war. Das konnte man an den vielen
-altertümlichen Häusern und Türmen sehen und an <a id="corr-25"></a>dem Schmutz,
-der überall in den Straßen, auf den Plätzen, in den Häusern
-und selbst im Wasser des Stromes vorhanden war. Während
-aber die altertümlichen Häuser und Türme den Machthabern
-dieser Märchenstadt durchaus nicht heilig waren, war es der
-Unrat um so mehr. So heilig war der, daß eine unverbürgte
-Sage ging, im Hause des weisen Rates der Stadt sei am meisten
-Schmutz verborgen und seine Erhaltung verschlinge jährlich viele
-Millionen Goldes.
-</p>
-
-<p>
-Und draußen vor der Stadt, am Fuße eines Berges, auf
-dem Žižka, der Einäugige, eine Schlacht gekämpft hatte, in einer
-Gegend, die nach diesem Žižka benamset war, lebte ein Recke.
-Der war ein kühner Kämpfer und ein mutiger Rufer im Streite,
-aber er war von unbezwingbarer Habgier beseelt. Er hatte nicht
-genug an dem Schmutze, der in seiner Behausung war, er wollte
-auch den Schmutz der anderen sein eigen nennen. So fuhr er
-denn, um dieses Kleinod zu erringen, alltäglich auf seinem hohen
-Streitwagen auf Beute aus.
-</p>
-
-<p>
-Seine Farbe war grau. Grau war der Wagen, den er
-stehend lenkte, grau war der Morgen, wenn er seinen Beutezug
-antrat, grau war die Kunde von seines Vaters Nam’ und
-Art, und grau war der Inhalt der Kisten und Kasten, deren
-Besitz er erstrebte. Statt eines Helmes trug der reisige Held eine
-blaue Kappe, auf der das Wappen seines Heimatsortes prangte.
-In diesem Wappenschilde sah man ein vergittertes Fenster, wie
-man ihrer auch im städtischen Arresthause „Fišpanka“ mancherlei
-sieht, und in dem Fenster sah man einen Arm, der gebogen war,
-wie der Arm eines ritterlichen Mannes beim „Šlapák“-Tanze.
-Im Gegensatze zu den Hörigen und Unfreien, die draußen vor
-der Stadt auf dem Pankratius-Hügel wohnten und kurzgeschorenes
-Haar hatten, trug unser Ritter eine Locke in die Stirn gekämmt,
-die sein linkes Auge verdeckte, so daß er aussah wie sein Ahnherr
-<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a>
-Žižka. Das war das Zeichen, daß er kein Unfreier, sondern ein
-„freier“ war. Keinen Marschallstab, kein Szepter trug er in seiner
-Hand — nur eine Peitsche; wenn er aber die seinen mutigen
-Rössern um die Ohren sausen ließ, so erdröhnte ein stärkerer
-Knall als jener des Mörserschusses, der allmittäglich den Sklaven
-in dieser Stadt verkündete, daß sie in ihrer Robottarbeit innehalten
-durften.
-</p>
-
-<p>
-Vor seinem Wagen schritt ein Herold, der kündete das
-Nahen des Recken, indem er eine Sturmglocke läutete.
-</p>
-
-<p>
-Die Bürger wußten, was dieses schrille Läuten zu bedeuten
-habe, aber niemand wagte es, mit dem Recken anzubinden,
-niemand wagte es, ihm die Asche, den Kehricht und den Schmutz,
-diese so kostbaren Kleinodien vorzuenthalten. So sandten sie ihre
-Jungfrauen hinab auf die Straße, auf daß diese seinen kriegerischen
-Sinn betörten, und ihm selbst den Tribut überantworten
-mögen.
-</p>
-
-<p>
-Aber der Ritter war rauh und unbeugsam, und er hatte
-kein Auge für die holden Mägdlein, die, malerisch gruppiert,
-seinen Wagen umstanden. Er hatte nur Augen für die Schätze,
-die sie ihm in kostbar alten Kisten und seltsam verbogenen
-Gefäßen darreichten. Mochte die Last, die so ein schwaches Jungfräulein
-auf den hohen Wagen zu heben hatte, noch so schwer
-sein, nie beugte er sich über seines Wagens Brüstung, um dem
-schwachen Wesen behilflich zu sein. Nur beim Entleeren des
-Gefäßes griff er selbst Hand an, der Habgierige, auf daß auch
-nichts von dem Inhalte in der Opferschale zurückbleibe. Er
-begnügte sich nicht damit, daß ihm die ehrsamen Bürger der
-Stadt ihre Opfergaben durch schöne Jungfrauen an den Wagen
-bringen ließen, er verlangte auch, daß die Schätze gesalbt, mit
-dem heiligen Wasser der Stadtbrunnen geweiht und besprengt
-seien. Wehe aber, wenn ein Mädchen dies unterließ! Dann
-schalt und drohte er grimmig, und manches Wort entfuhr ihm,
-das man selbst am Fuße des Žižkaberges nicht allzuhäufig vernommen.
-Die trägen Mägde mußten nochmals zurück in das
-Haus und neuerlich wiederkehren.
-</p>
-
-<p>
-Aber er war schön in seinem Groll und manches Mägdlein
-unterließ es, ihre Gabe zu besprengen, um in des kühnen
-Ritters Auge den Blitz des Zornes zucken zu sehen. Andere aber
-vergaßen in ihrer heimlichen Liebe zu dem Ritter, die Gabe zu
-<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a>
-nässen. Und wieder andere Mägde waren, wie das damals vorzukommen
-pflegte, sehr faul und besprengten deshalb die
-Asche nicht.
-</p>
-
-<p>
-Nur eine Einzige vergaß niemals an ihre Pflicht. Das war
-ein Mädchen, so brav und tugendhaft, wie es nur im Märchen
-vorkommen kann. Dieses fegte sorgsam die Aschenreste der
-ganzen Wohnung zusammen und legte sie fein säuberlich in eine
-alte Kohlenkiste zusammen, besprengte sie mit Wasser und ließ
-sich durch die anderen Mägde, welche müßig und schwatzend
-auf dem Gang umherstanden, nicht stören. Deshalb nannten sie
-die anderen: „Aschenbrödel.“
-</p>
-
-<p>
-Der sorgsame Eifer dieses Mädchens war dem Ritter nicht
-verborgen geblieben. Sein Herz entflammte in jäher Liebessehnsucht
-zu der minniglichen Maid, und er mußte dem Mädchen
-nachschauen, wenn er sein Werk beendet hatte und wieder von
-dannen fahren mußte gegen Hrdlořez, wo er in einer Senkgrube
-alle die Schätze verbarg, die er tagsüber eingeheimset hatte.
-Und er begann das Aschenbrödel sichtlich auszuzeichnen, er half
-ihr beim Aufladen des Schatzes, er lächelte ihr von der Höhe
-seines Wagens freundlich zu.
-</p>
-
-<p>
-Ist es da ein Wunder, daß das Aschenbrödel hoffärtig
-wurde, und daß es beschloß, den Rittersmann, den sie selbst
-minniglich liebte, auf die Probe zu stellen, wie weit seine Liebe
-gehe. Auch wollte sie den anderen Mägden, die sie bislang aus
-ihres Herzens Grunde verachtet hatten, die Liebe des Ritters
-beweisen. So fegte sie an einem schönen Herbsttage die Asche
-wie sonst zusammen und häufte sie in die Kohlenkiste, aber sie
-besprengte die duftige Gabe diesmal nicht mit Wasser.
-</p>
-
-<p>
-Als sie hinunter kam vor des Hauses Pforte, wo schon die
-anderen Jungfrauen auf ihres Ritters Ankunft harrten, da wurden
-diese schier starr vor Staunen. Denn aus Aschenbrödels Kiste
-wirbelte beklemmender Staub empor ...
-</p>
-
-<p>
-Atemlos und begierig wartete man des Ritters. Dieser kam
-herbei und sein Gefährt hielt. Mit zitternden Knien, bleich vor
-Erregung, kam Aschenbrödel mit ihrer Truhe herbei — galt es
-doch heute die Liebesprobe. Liebevoll neigte sich der Recke zu
-ihr, um ihr behilflich zu sein, als er den Staub bemerkte, der
-aus der hölzernen Opferschale des Mädchens emporstieg. Einen
-Augenblick sah man ihn zaudern. Sollte er, um seiner Liebe
-<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a>
-willen, für heute die Mißachtung seiner Vorschrift ungerügt hingehen
-lassen? Nein, sagte sein Rittersinn. Und mit schmerzlichem
-Sinn verweigerte er die Annahme der Gabe. Er wandte sich
-den anderen Mägden zu, welche ihr höhnisches Lachen nicht
-verbargen.
-</p>
-
-<p>
-Aschenbrödel ging nicht in das Haus zurück. Sie stellte
-den Kehrichtbehälter auf die Erde, setzte sich darauf, schlug die
-Hände vors Gesicht und weinte bitterlich. Aber die Staubwolke,
-die aus dem Gefäße hervorstieg, vermochte das Mädchen durch
-sein Körpergewicht nicht zurückzuhalten, die Wolke hob Aschenbrödel
-in die Höhe, hüllte es ein und entführte es in die Prager
-Luft, in der es bald den Blicken der staunenden Mägde und
-des schier zu Eis erstarrten Recken entschwand.
-</p>
-
-<p>
-Seither hat man nichts mehr von Aschenbrödel gesehen,
-nichts mehr von Aschenbrödel gehört.
-</p>
-
-<p>
-Aber der Ritter hat die Hoffnung nicht aufgegeben, daß
-das Mädchen doch im Gleitflug irgendwo landen und wieder in
-die Stadt zurückkehren könne. Und während längst in allen
-anderen Städten der Erde die staubfreie Müllabfuhr mittels
-Kehrichtschächten, mittels verschlossener, auswechselbarer Eisenkisten
-und mittels verschlossener Wagen eingeführt worden ist,
-fährt unser Ritter noch heute auf seinem Streitwagen suchend
-durch die Straßen jener Märchenstadt, läßt sich von den minniglichen
-Mägdlein den Inhalt offener Kästen in den offenen Wagen
-schütten und wird so fahren bis zum jüngsten Tag.
-</p>
-
-<div class="centerpic end">
-<img src="images/end.jpg" alt="" /></div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="part-19">
-<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a>
-Weihnachtsmarkt
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">U</span><span class="postfirstchar">nter</span> dem Balkon des Altstädter Rathauses wurde an einem
-heißen Junitage des Jahres 1621 an sechsundzwanzig
-böhmischen Adeligen ein furchtbares Blutgericht vollzogen. Gegenüber,
-unter den Türmen der Teinkirche liegen die Gebeine des
-Tycho, der gestorben ist, weil er an der Tafel seines gekrönten
-Freundes das spanische Zeremoniell nicht verletzen und deshalb
-ein plötzliches Unwohlsein mit Gewalt niederkämpfen wollte.
-Zwischen diesen beiden Stätten breitet sich ein großer Platz, auf
-dem verhärmte Menschen allabendlich, vor der Madonnenstatue
-kniend, inbrünstige Lieder singen. Aber im Dezember, vom
-Sonntag vor Nikolo bis zum Weihnachtsabend, wogt auf diesem
-Platze Weihnachtstreiben.
-</p>
-
-<p>
-Und doch: Selbst im Jahrmarktskleide verliert der Ringplatz
-sein sentimentales Gepräge nicht, und aus dem Lärm der
-Ausrufer, der drängenden und gedrängten Menschenmassen, der
-Marktschreier und Verkäufer dringen die Untertöne der Schwermut
-hervor. Es ist kein Jahrmarkt. Zwar ist es vollzählig versammelt,
-das fahrende Volk, das während der übrigen elf Monate
-die Bewohner der böhmischen Dörfer beglückt, aber hier im
-Zentrum der Großstadt nehmen sich seine Waren und Vergnügungen
-allzu armselig aus. Die Jahrhunderte mit ihren Errungenschaften
-sind spurlos an ihnen vorübergegangen, und die Späße, Schaustellungen,
-Buden und Verkaufsobjekte hätten samt und sonders
-auch in den Zeiten kein Staunen erweckt, deren Ereignisse den
-Prager Ringplatz zu einer historischen Stätte stempelten.
-</p>
-
-<p>
-Parallel zur Front des Platzes, welche die Zeltnergasse verlängert,
-läuft eine der Budenstraßen. Sie ist das Dorado der
-Spielwarenhändler. Aber was sind das für Spielwaren, die hier
-feilgeboten werden? Keine Miniaturautomobile oder Miniaturaeroplane,
-keine sprechenden Puppen und singenden Kanarienvögel
-— nichts von raffinierten Kunstwerken für Kinder der
-Reichen. Nur Zehnkreuzeruhren, nur Ballons auf dünner Gummischnur,
-nur Holzpferde auf Rädern, papierene Tschakos und
-<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a>
-hölzerne Säbel. Musikinstrumente überwiegen — wir sind im
-Heimatland der böhmischen Musikanten. Kinderviolinen, denen
-selbst ein künftiger Kubelik keine Töne zu entlocken vermöchte,
-Flöten, in die man von beiden Seiten mit der gleichen nervenmarternden
-Wirkung blasen kann, verschiedengestaltete Gummispezialitäten,
-die aufgeblasen werden, um mit herzzerreißendem
-Gekreisch den fremden Odem wieder auszuhauchen, Mundharmonikas,
-runde Mundpfeifen, mit denen man das Zwitschern
-der Nachtigall wenn auch nicht nachahmen, so doch persiflieren
-kann u. dgl. Dann die armseligen Nikolos, die aus einer unmöglichen
-Gipsmaske mit langem weißen Bart bestehen, an die
-sich ein weißes Papiergewand schließt, dann die Krampusse, die
-armen Teufel, die nicht Furcht erregen, sondern nur Mitleid erwecken
-können, dann die Soldaten, die in jeder besseren Kinderstube
-als untauglich erklärt oder superarbitriert werden würden.
-</p>
-
-<p>
-In einer anderen der hier entstandenen Straßen stehen
-die braunleinenen Warenhäuser, deren Besitzer sich von dem
-Pumpernickel nähren, den andere essen müssen. Lebkuchenherzen
-dominieren; sie weisen Inschriften aus Tragantzucker auf, die
-ebenso geistvoll, wie schmackhaft sind. Auf den Firmenschildern
-aus Wichsleinwand sind lauter vergrößerte Ehrenmedaillen und
-Ordensauszeichnungen abgebildet. Es scheint also, daß in Potentatenfamilien
-Pumpernickel leidenschaftlich geliebt wird und daß
-die Monarchen bei freudigen Anlässen einander Lebkuchenherzen
-schenken.
-</p>
-
-<p>
-Rote und schwarze Kegelchen stehen auf einem Verkaufsbrett:
-Räucherkerzen. Die Erfindungen der Parfümindustrie
-haben diesen Artikel, der beim Glimmen wie ein rauchender
-Vesuv aussieht, nicht aus der Welt zu schaffen vermocht. Die
-moderne Technik der Papierindustrie wiederum hat nichts mit
-den handgeschnittenen Papiersternen und den zusammengeklebten
-Papierketten zu tun, welche in der benachbarten Bude zur Verzierung
-der Weihnachtsbäume käuflich erworben werden können.
-</p>
-
-<p>
-Überhaupt die Technik! Die Budenbesitzer haben die denkbar
-schlechteste Erfahrung mit ihr gemacht. Vor einigen Jahren hatten
-sie z. B. den Phonographen in den Dienst des Jahrmarktes und
-auf einen Tisch inmitten der Budenstadt gestellt. Dieser Phonograph
-posaunte nicht — wie es die anderen Phonographen
-tun — seine ganze Weisheit durch einen Schalltrichter in die
-<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a>
-Welt hinaus, sondern er flüsterte sie durch dünne Gummischläuche
-den besonderen Menschen ins Ohr, welche sich von den anderen
-Passanten wohltuend durch die Entrichtung von drei Kreuzern
-unterschieden. Die anderen Menschen aber konnten gar nichts
-hören, und blickten daher staunend auf die neben ihnen stehenden
-Auserwählten, deren Mienen eine unbändige Heiterkeit verrieten
-und deren Körper und Füße in irgend einem Marschtakte zuckten.
-Ebenso unerklärlich war es den Leuten, warum der Mensch,
-der sich wieder an einer anderen Stelle des Weihnachtsmarktes
-in herzbewegenden Grimassen, schmerzhaften Ausrufen und
-krampfhaften Körperzuckungen erging, die Halter der Elektrisiermaschine
-nicht einfach loslasse ... Aber der Phonograph
-hat sich auf dem Prager Jahrmarkt nicht rentiert, er war dort
-heuer nicht mehr anzutreffen, und auch die Elektrisiermaschine
-sucht nur noch in den Nachtlokalen der unteren Zehntausend
-ihren Erwerb.
-</p>
-
-<p>
-Einen Augenblick könnte man doch glauben, die größten
-Wunder der Technik seien vertreten. Wenn man nämlich den
-hochtrabenden Worten des Ausrufers vor dem „Mechanischen
-Theater“ Glauben schenken würde, der im nördlichsten Teile der
-Marktstadt seine Nachbarn, die Ausrufer der drei Ringelspiele,
-der vier Schießbuden und des Panoptikums durch Ton und
-Inhalt seiner Anpreisungen zu übertreffen sucht. Aber wenn
-man den Lockungen des Mannes vom „Mechanischen Theater“
-folgt, dann ist es mit dem Glauben an irgend eine maschinelle
-Vorführung gründlich vorbei. Man sieht ein großes Kinderspielzeug,
-das wohl irgend ein invalider Bergmann in seinen
-Mußestunden mit geschickten Händen gefertigt hat. Es stellt
-ein Bergwerk dar, und dessen Lebewesen werden durch eine im
-Hintergrunde versteckte Kurbel bewegt. Durch diese dynamische
-Kraft bewegen sich die Männchen — die „Panaken“, wie man
-in Prag sagt. Bergleute mit Hunten fahren im Schachte auf
-und nieder, sie hacken Erz und sie trinken. Oben bewegt sich
-der Leichenzug eines verunglückten Bergmannes. Zuerst der
-Leichenwagen, dann die weinende Witwe mit den Kindern, dann
-der nach allen Seiten grüßende Geistliche, dann die Schar absolut
-unmöglicher Bergleute in Reih und Glied. Es ist zum Weinen.
-Auf beiden Seiten des Budeninnern steht je eine Kulisse. Die
-eine stellt einen Seesturm, die andere eine Karawane dar, und
-<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a>
-so vervollständigen sie beide die Illusionen, daß man sich in
-einem Bergwerk befinde.
-</p>
-
-<p>
-In den photographischen Ateliers werden Bilder hergestellt
-wie weiland zur Zeit Daguerres, und die Kunstblumen, die man
-feilhält, sind so ehrlich imitiert, daß kein Mensch sie für echte
-halten könnte. Während längst andere Städte ihren Lunapark
-haben, in dem alle Errungenschaften des Maschinenbaues zu
-irrsinnigen menschlichen Vergnügungen ausgeschrotet sind, gibts
-auf <a id="corr-28"></a>dem Altstädter Weihnachtsmarkt noch immer bloß Ringelspiele
-mit sichtbarem Handbetrieb. Und während man anderswo
-in spiritistischen Seancen des Schicksals Tiefen zu erforschen
-droht, läßt sich hier — allerdings mit der gleichen Wirkung
-— das Prager Dienstmädchen von weißen Mäusen oder Kanarienvögeln
-die „Planeten“ ziehen, <a id="corr-29"></a>Zettel mit gedruckten Weissagungen
-und — allerdings entrichtet man hiefür eine erhöhte Taxe —
-mit dem Bilde des Zukünftigen. Während anderswo die Hygiene
-ängstlich für das Wohl des Menschen sorgt, reißt hier der
-Fruchthändler mit schmutzigen Händen schmutzige Datteln von
-den schmutzigen Waben und wickelt sie in schmutziges Papier.
-Auch „Niko Petkovac“, der biedere Südslawe mit dem braunen
-Gesicht und der Astrachanmütze, macht Geschäfte mit seinem
-„Sultansbrot“ und „türkischen Honig“. Unten, an der Niklasstraße
-schon, feiert Kasperl, der von Gottsched feierlich von der
-Bühne verbannte Kasperl, im Kampfe mit einem Hündchen herrliche
-Triumphe.
-</p>
-
-<p>
-Überhaupt: Der Markt übt seine Anziehungskraft aus.
-Die anderen Marktfeste, die „Fidlovačka“, das Fest der Schusterinnung
-im Nusler Tal, das „Strohsack“-Fest der Schneidergilde
-in Bubentsch, das Mathäi-Fest in der Scharka, das Josefi-Fest
-auf dem Josefsplatz und das „Ordens“-Fest im Stern sind teils
-abgeschafft, teils bedeutend restringiert worden. Nur der Nikolo-
-und Weihnachtsmarkt, gerade das Fest im Innern der Stadt,
-ist in der alten Form erhalten geblieben, und steht jetzt ohne
-Konkurrenz da. Ob es nun Pietät ist, ob man der Tradition
-huldigt, ob es zu den weltmännischen Neigungen mancher
-Gesellschaftsklassen gehört, sich in Kirchweihfesten auszuleben
-— der Markt ist voll von Menschen. Sie ziehen an den Dezembersonntagen
-in bunten Scharen auf den Ring, in diese aus morschem
-Holz gezimmerte Stadt, deren Gassenfronten aus verschlissener
-<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a>
-Leinwand sind. Aus allen Vorstädten kommen die Menschen
-und drängen sich hier, die Handwerksleute mit Weib und Kind,
-die bekannten Prager Lebeknaben aus den Kolonialwarengeschäften
-und Werkstätten, Dienstmädchen, Fabriksmädel, Ladenmamsells,
-Mädchen für alles und noch mehr. Alles was sonst in Tanzlokalen
-der Vororte und auf den Schleifplätzen der Moldau die
-Liebe sucht, ist im Dezember hier vereint. Der langhaarige
-Jüngling nähert sich innig im Gedränge seiner Angebeteten. Oder
-er schleudert, wenn eine Schöne in entgegengesetztem Menschenstrom
-vorbeikommt, ihr seinen Papierball, <a id="corr-30"></a>dessen Gummischnur
-er in der Hand hält, als schüchternen Annäherungsversuch
-wuchtig ins Gesicht. Das Mädchen quittiert mit quietschendem
-Aufschrei, aber sie fühlt sich durch die gezollte Aufmerksamkeit
-geehrt, und mißt ihren Anbeter mit einem Blick, in dem Aufmunterung,
-Aufforderung, Leichtsinn und vielleicht ihr Schicksal
-liegt.
-</p>
-
-<div class="centerpic end">
-<img src="images/end.jpg" alt="" /></div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="part-20">
-<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a>
-Wie ich aus dem Rathause
-hinausgeworfen wurde
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">uf</span> meinem Leben lastet eine Sünde, die ich nicht in das neue
-Jahrzehnt hinüber nehmen will. So will ich durch aufrichtige
-Beichte diesen Alp von meiner Seele abwälzen. Meinem
-Gedächtnis, dem vielleicht einzelne Phasen des Verbrechens entschwunden
-oder verwischt sein könnten, kann ich ja leicht nachhelfen.
-Ich brauche nur in der Universitätsbibliothek in den
-gebundenen Exemplaren der tschechischen Zeitungen nachzuschlagen.
-Darin steht die reine Wahrheit.
-</p>
-
-<p>
-Dort ist meine Schande zum Studium und abschreckenden
-Beispiel für künftige Geschlechter aufbewahrt. War doch der
-Vorfall ein bedeutsamer, und ich glaube: Über den Prager
-Fenstersturz, der den dreißigjährigen Krieg einleitete, wurde nicht
-so ausführlich berichtet, wie über meinen Hinauswurf aus dem
-Altstädter Rathause.
-</p>
-
-<p>
-Aus allen diesen Berichten geht hervor, daß ich mich damals
-im Prager Rathause skandalös benommen habe. Und darf man
-sich denn im Prager Rathaus skandalös benehmen? Hat man
-überhaupt schon gehört, daß sich jemand im Prager Rathause
-skandalös benommen hätte? Nein, heute muß ich unbedingt zugeben,
-daß man mich mit Recht hinausgeschmissen hat. Und es
-war unverdiente Gnade, daß man mir eine ungeheure Strafmilderung
-zugestand: Man hat mich nicht durch einen Hausknecht
-hinausgeworfen, sondern man hat mich durch den Stadtverordneten
-Březnowsky hinausexpedieren lassen.
-</p>
-
-<p>
-Dieser hat mich durchaus nicht mit Glacéhandschuhen angefaßt,
-obwohl er sich in seinen stillen Stunden mit deren Erzeugung
-beschäftigt. Er hat es nicht getan, weil ich es nicht
-verdiente. Habe ich mich denn nicht, laut Bericht des „Hlas
-Národa“, das einem alttschechischen Stadtverordneten gehört und
-dem daher in Rathauskreisen eine gewisse Authentizität zukommt,
-„sehr frech und wütend“ benommen? „Er versetzte,“ so heißt
-es in der Morgenausgabe dieses Blattes vom 10. November 1908
-<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a>
-u. a., „dem Stadtverordneten Vanha einen Stoß und mit dem
-Ausrufe ‚Ich werde diese Diebshöhle schon beleuchten‘, sauste er
-blitzesschnell die Stiegen hinunter“. Also bitte, man bedenke:
-Ich habe einem unserer Stadtväter einen Stoß versetzt, und die
-ehrwürdige Ratsstube eine Diebshöhle genannt. Weshalb bin ich
-eigentlich nicht geklagt worden! Wie übel wäre es mir doch
-ergangen! Ein Leugnen hätte mir nichts geholfen, denn auch
-das offizielle Rathausorgan, die „Nár. Listy“, erklärten in aufgeregtem
-Tone, ich hätte die Drohung ausgestoßen, daß ich
-Diebstähle (die tschechische Sprache kennt keinen bestimmten
-Artikel) aus dem Rathause veröffentlichen werde. Auch den Stoß
-gegen den Stadtverordneten Vanha registriert das Rathausorgan,
-und weiß sogar das interessante Detail hinzuzufügen, daß ich den
-Stoß mit der Faust versetzt habe.
-</p>
-
-<p>
-Der klerikale „Čech“ bedeckt den Rippenstoß mit dem
-Mantel der Nächstenliebe. Er verschweigt ihn ganz, trotzdem sein
-Bericht sonst an Ausführlichkeit durchaus nichts zu wünschen
-übrig läßt. Er schreibt u. a.: „Als erster fand sich Redaktionsmitglied
-der „Bohemia“ „buršák“ Kisch ein, der durch seine
-Provokation auf dem Graben berüchtigt ist. Es wurde ihm gesagt,
-daß es nicht angehe, in den Sitzungssaal des Kollegiums das
-Redaktionsmitglied eines Blattes einzulassen, welches alles, was
-aus Prag kommt, verdreht und beschimpft. Kisch aber machte
-keine Miene, den Saal zu verlassen. Es traten also die Ordner
-hinzu und führten ihn auf den Gang hinaus. Kisch schäumte,
-drohte und lehnte sich auf, es blieb ihm aber nichts übrig, als
-zu suchen, wo der Zimmermann das Loch gelassen hatte.“ Im
-weiteren Verlaufe des ausführlichen Berichtes registriert das genannte
-Blatt die Tatsache, daß nach meiner angedrohten Enthüllung
-über die Diebstähle im Prager Rathause „in dem auf
-den Korridoren angesammelten Publikum Bewegung entstand“. So?
-</p>
-
-<p>
-Solche Referate konnte das nationalsoziale „České slovo“
-durch Radikalismus nicht mehr übertrumpfen; damit es aber
-doch in seinem Berichte mehr Stiefel habe, als die anderen
-Blätter, schrieb Georg Střibrny, der damals noch nicht Abgeordneter
-war, man habe die Stiefel hinausgetragen, in denen
-ich steckte.
-</p>
-
-<p>
-Die Folgen meines Hinauswurfes spukten noch lange. Zuvörderst
-veröffentlichte ein Mann, der davon lebt, daß andere
-<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a>
-sterben, ein Partezettelagent, in allen tschechischen Blättern eine
-Erklärung: Er heiße zwar ähnlich wie ich, aber sei nicht mit
-mir identisch. Ich kann dies vollinhaltlich bestätigen, und um
-auch den Rest jeden Verdachtes von dem Herrn abzuwenden,
-erkläre ich hiemit freiwillig, daß ich überhaupt nicht mit ihm
-verwandt bin. Auf Ehrenwort.
-</p>
-
-<p>
-Der gute Mann war nicht der einzige, der sich meiner
-schämte. Der „Večerní List“ veröffentlichte unter dem Titel „Sie
-kann nichts für ihren Namen“ folgende Erklärung: „Herr Egon
-Kisch, Redakteur der „Bohemia“, ist nicht, wie allgemein verlautet,
-mein Neffe, und ich bin überhaupt nicht mit ihm verwandt.
-Marie Kisch, Hausbesitzerin, Prag II, Zderasgasse.“ Der
-„Čech“ reproduzierte diese harmlos scheinende Erklärung am
-nächsten Morgen mit der Aufklärung, daß die Absenderin der
-Zuschrift die Besitzerin eines verrufenen Hauses sei. Worauf dann
-ein Weinberger Lokalblatt hämische Glossen darüber machte,
-wieso gerade das klerikale Organ gewußt habe, daß das Haus
-ein verrufenes sei.
-</p>
-
-<p>
-Ferner griff mich Abg. Myslivec im Parlamente an, und
-die Abgeordneten sollen sich höchlichst darüber verwundert haben,
-daß man sich auch unanständig benehmen könne.
-</p>
-
-<p>
-Der „Illustrovaný kurýr,“ eine Zeitung, die sonst hauptsächlich
-Momentphotographien vom Augenblicke der Mordverübung
-bringt, reproduzierte am 3. November mein Bild. Dabei
-passierte dem Bildredakteur eine Verwechslung, die in den Annalen
-dieser Zeitschrift gewiß nicht allzuhäufig ist. Er muß in
-ein falsches Fach gegriffen haben, und — wie es der Zufall oft
-will — es war wirklich mein Bild, das er erwischte und das
-ins Blatt kam. Allerdings steht in dem Texte, daß ich ein sehr
-mürrisches Gesicht mache. Aber gerade auf dieser Photographie
-bin ich „bitte, recht freundlich“.
-</p>
-
-<p>
-Das Furchtbarste aber war: Es muß sich ein Ephialtes in
-der Nation gefunden haben, denn über die Stadtverordnetensitzung,
-aus der ich cum infamia exkludiert worden war, erschien
-ein ausführlicher Bericht in den deutschen Blättern. Mit bangem
-Grausen, von grenzenlosem Entsetzen gepackt, richtet der „Čech“
-an die Nation am 12. November die Gewissensfrage: „Wer hat
-wohl dem aus dem Rathause hinausexpedierten Kisch mitgeteilt,
-was im Stadtverordnetenkollegium vorgegangen ist?“ Und weiter:
-<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a>
-„Da ergibt sich eine Menge von Fragen und verdächtigen Umständen
-...“
-</p>
-
-<p>
-Auf diese „Menge von Fragen“ kam keine Antwort, diese
-„verdächtigen Umstände“ erfuhren keine Aufhellung, und die
-Berichte über das Rathaus erscheinen in den deutschen Blättern
-auch weiter mit gebührender Ausführlichkeit. Von schwerwiegenden
-Folgen war also mein Ausflug aus dem Rathaus für
-mich nicht begleitet. Aber das ändert nichts an der Tatsache,
-daß ich mich empörend benommen habe. Ich habe die damalige
-Rathauswirtschaft beleidigt und einem Stadtverordneten einen
-Rippenstoß versetzt. Wie leicht hätte ich ihn verletzen können!
-Peccavi.
-</p>
-
-<div class="centerpic end">
-<img src="images/end.jpg" alt="" /></div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="part-21">
-<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a>
-Prager Ziehung
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">m</span> Ziehungssaale der Lotterie strömen alle die Gefühle zusammen,
-die auf den Pawlatschen und in den Waschküchen,
-auf dem Markte und in den Fabriken, bei den Planetenziehern
-und bei den Kartenlegerinnen, in und vor den Kollekturen in
-gewisperten Gesprächen des Aberglaubens und der Mystik zum
-Vorschein kommen. Der Ziehungssaal der Lotterie ist vielleicht
-der einzige Raum, in welchem eine Harmonie des Einzelempfindens
-eine Massenstimmung bildet, die nicht das Produkt momentaner
-Erregung ist. Die fremden Menschen, die sich hier drängen,
-sind wohl, was die Herkunft, was den Charakter anlangt, von
-einander grundverschieden. Herabgekommene, und solche sind
-da, in deren Geschlecht seit Menschengedenken nur gerüchtweise
-bekannt war, daß es irgendwo Wohlstand gebe. Die Gruppen sind
-schwer zu unterscheiden — das Elend hat die Unterschiede ihrer Abstammung
-verwischt, die Einleitungskapitel ihrer Lebensromane
-sind mit freiem Auge nicht lesbar. Aber die laufenden Kapitel,
-die ihres gegenwärtigen Seins, stehen deutlich in ihrer Anwesenheit,
-ihren Blicken, ihren Gesten, ihren Worten, ihren Ausrufen
-geschrieben. An allen diesen Menschen zerrt eine quälende
-Unzufriedenheit mit ihrem Schicksal, in allen diesen Menschen
-zuckt als einzige Hoffnung die Hoffnung auf den Zufallsgewinn,
-aller dieser Menschen Glauben ist der Aberglauben. Ihr Handeln
-beschränkt sich auf das Abreißen des Marginales an den Kollekturen,
-auf das Auslegen von Spielkarten, Träumen, Erscheinungen
-und Ereignissen, und auf deren Transponierung in
-Ziffernwerte, auf den Ankauf von Riskonti und auf ihr Erscheinen
-bei der öffentlichen Ziehung. Alle ihre Hoffnungen
-heißen Terno und Ambo, Nominate und Extratto.
-</p>
-
-<p>
-Prag teilt mit sieben Hauptstädten Österreichs die Ehre,
-der Schauplatz einer öffentlichen Lotterieziehung zu sein, einen
-Sammelkanal für jene Wissenschaft des Unverstandes zu besitzen,
-die sich unfruchtbar müht, die wirren und unzusammenhängenden
-Traumgebilde mit nüchternen Ziffern und Zahlen auszudrücken,
-die unklaren Wünsche und unklar ersehnten Schicksale ziffermäßig
-<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a>
-zu werten, und die exakteste und klarste Wissenschaft,
-die Mathematik in den Dienst waghalsigen Aberglaubens zu
-stellen. In dem an der Ecke der Ziegengasse und des Ziegenplatzes
-stehenden Ärarpalaste, der die Berghauptmannschaft und
-das Münzamt beherbergt, ist auch das Lottoamt untergebracht.
-Alle vierzehn Tage — immer am Mittwoch — findet hier die
-„Prager Ziehung“ statt, auf deren Ergebnis tausende und abertausende
-aus allen Teilen des Reiches mit hoffender Zuversicht
-harren. Die, die zur Ziehung kommen, sind gewissermaßen eine
-Elite: Nicht alle jene, die ihr mühsam erworbenes Hab an
-den Schaltern der Kollekturen entrichten, wissen, daß sie dabei
-sein können, wenn sich ihr Los entscheidet. Aber die zur Ziehung
-kommen, das sind die Gewohnheitsspieler, welche die staatliche
-Kontrolle kontrollieren wollen, das sind die Vertreter des Verstandes
-in diesem Reiche des Unverstandes, das sind die Menschen,
-die alles von dem Moment der Ziehung erwarten und es nicht
-erwarten können, bis die Kollektanten die fünf blauen Ziffern
-an ihren Läden affichieren.
-</p>
-
-<p>
-Der Ziehungssaal steht im Hofe des Gebäudes. Schon um
-halb 2 Uhr nachmittags bilden sich an den Ziehungstagen im
-Hofe debattierende Gruppen. Weiber mit Kopftüchern sind da,
-Burschen, denen man ansieht, daß sich der Großteil ihres Tagewerkes
-auf die Pflege ihrer „šístky“, ihrer Sechserlocken, erstreckt,
-dann die Typen der Prager Straßen, Bettler und Hausierer,
-Halbidioten und Trunkenbolde. Sechs Wachleute halten hier
-Dienst.
-</p>
-
-<p>
-Die Gespräche drehen sich durchwegs um Dinge, von denen
-sich unsere Schulweisheit nichts träumen läßt. Die Debatten werden
-zwar ernst und sachlich geführt, aber es kann eine Einigung
-nicht erzielt werden, was wahrscheinlich darauf zurückzuführen
-ist, daß weder Unterausschüsse noch Referentenkomitees eingesetzt
-werden. Eine Gruppe wird gänzlich von der Frage beherrscht,
-ob „Verhaftung“ die Ziffer 79 bedeutet, wie das eine der beiden
-tschechischen Traumbücher besagt, oder die Ziffer 88 — die Ansicht
-des anderen Traumbuches. Frau Kratochvil vom Obstmarkt
-und Frau Lenovsky aus der Markthalle haben nämlich in der
-Nacht von Sonntag auf Montag den gleichen Traum gehabt:
-der Markthelfer Jaro Krejsa sei arretiert worden. Kaum hatte
-sich in den Kreisen der Halledamen das Gerücht von dieser
-<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a>
-Duplizität der Träume herumgesprochen, als die Polizei wirklich
-den Jaro Krejsa, diesen Lumpen, wegen Diebstahls verhaftete.
-79 oder 88, das ist hier die Frage.
-</p>
-
-<p>
-Auch in einer anderen Gruppe sind Traumbücher aufgeschlagen.
-Aber es handelt sich beileibe nicht um simple Traumdeutungen,
-sondern um mathematisch-kabbalistisch-astrologische
-Berechnungen höheren Grades. Das Traumbuch, das — so sagt
-das Titelblatt — „von Madame Lenormand nach besten Quellen
-und untrüglichen Erfahrungen altägyptischer Priester und persischer
-Magier“ zusammengestellt ist, enthält auch eine Fülle von
-tabellarischen Systemen und saturnalischen Quadraten, nach denen
-die Amben und die Ternen zusammenzustellen sind. Die Grundlage
-bilden die Ziffern, die bei den letzten Ziehungen in Brünn,
-Wien, Innsbruck, Lemberg, Linz, Prag und Triest Treffer brachten.
-Das sind die Intelligenzspieler. Sie verachten und belächeln
-jene Lotteriespieler, die ihr Glück dem Zufall anvertrauen, die
-sich von den an den Kollekturen ausgehängten Marginalenummern,
-den sogenannten „trhačky“ (Abreißzetteln), einen beliebigen
-auswählen oder gar sich willenlos der Prophezeiung des Kollektanten
-unterwerfen, indem sie einfach die Ziffern setzen, die auf
-einer schwarzen Tafel im Innern der Kollektur als besonders
-empfehlenswert aufgeschrieben sind und „Kabbala“ genannt
-werden.
-</p>
-
-<p>
-Die Gruppe der verachtenden Intelligenzspieler wird wieder
-von einer Gruppe verachtet, die über alle anderen erhaben ist.
-Nicht bloß, weil sie die drei Stufen besetzt hält, die zu dem
-Saaleingang führen, sondern weil sie alle die Manipulationen
-und Berechnungen als hellen Unsinn erkennen.
-</p>
-
-<p>
-„Die blöden Weiber,“ sagt der eine, der mit höhnischem
-Lächeln ein Gespräch der benachbarten Weibergruppe zugehört
-hat, „sie glauben, daß man die Einer der bei der letzten Ziehung
-herausgekommenen Zahlen zur ersten Ziffer addieren muß.
-<em>Subtrahieren</em> muß man sie.“
-</p>
-
-<p>
-Diese Übergescheiten spielen auf Sieg und nicht wie die
-anderen auf Platz. In der Prager Lotteriesprache heißt dieser
-Turfausdruck „Na Ruf“ und bedeutet, daß die gesetzte Ziffer an
-eine bestimmte Stelle, z. B. als dritte, gezogen und ausgerufen
-werden muß. Sie können sich diese Vorausbestimmung schon
-leisten, denn nach ihren präzisen Berechnungen müssen sie ja
-<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a>
-gewinnen. Sie sind auch gar nicht aufgeregt und spötteln über
-die Aufregung der anderen. Wenn man sie aber fragen wollte,
-warum sie denn dann hierhergekommen seien und warum sie
-sich unmittelbar an der Türe anstellten, dann würden sie wohl
-die Antwort schuldig bleiben.
-</p>
-
-<p>
-Vom Turme der Jakobskirche tönen zwei Glockenschläge.
-Alles drängt sich zur gläsernen Eingangstüre, durch die jetzt im
-Innern des Saales der Amtsdiener sichtbar wird. Der sperrt
-die Türe auf und alles strömt in den Ziehungssaal.
-</p>
-
-<p>
-Wie im Hofe, so stehen auch im Ziehungssaale Polizisten,
-Acht an der Zahl. Vier von ihnen bilden an der kaum acht
-Meter langen Barriere, welche den für das Publikum reservierten
-Raum der Breite nach abgrenzt, einen Kordon. Reelle Geschäfte
-pflegen im allgemeinen polizeilichen Schutzes nicht zu bedürfen.
-Aber das macht die Leute nicht stutzig, die sich durch die Türe
-aus dem Hofe in den Saal ergießen.
-</p>
-
-<p>
-Die Wachleute sind nicht die einzige Sicherheitsvorkehrung,
-durch die sich das Lottoamt vor seinen Kundschaften schützt. Die
-Distanz wird gewahrt. Zwischen der Barriere und dem Podium
-ist ein etwa zwei Meter breiter Zwischenraum und längs des
-Podiums zieht sich neuerlich ein Geländer.
-</p>
-
-<p>
-Überdies bemüht sich die Verwaltung, durch Beobachtung
-allerhand strenger Kautelen darzutun, daß das Lotto schon an
-sich ein so lukratives Geschäft ist, daß es nicht auch zu seiner
-Durchführung einer Düpierung des Publikums oder gar eines
-Schwindels bedarf. Als noch das alte Lottoamt bestand, war
-das Podium sehr erhöht und das Publikum konnte den Beamten
-nicht genau kontrollieren. Da gab es denn arge Verdächtigungen.
-</p>
-
-<p>
-„Aha! Seht Ihr den Kerl? Die richtigen Nummern legt
-er auf den Tisch und seine eigenen Nummern gibt er in die
-Kapseln!“
-</p>
-
-<p>
-Solche und ähnliche Rufe wurden gegen den Finanzrat
-laut, der oben am Tische saß. Überhaupt das alte Lottoamt!
-Die bejahrten Kundschaften Frau Fortunas wissen davon sehr
-viel übles zu berichten. Damals war noch der „langnasige Hausmeister“.
-War das ein Lumpenkerl! Der drehte und drehte
-das Glücksrad wie er es brauchte. Wenn er achtmal drehte,
-dann kamen die kleinen Nummern heraus, wenn er siebenmal
-drehte, die großen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a>
-Und erst die Waisenknaben! Das waren ausgesuchte
-Lausbuben. Die hatten die Nummern schon im Gefühl und wer
-sie am besten bezahlte, dem taten sie den Gefallen und zogen
-sein Terno.
-</p>
-
-<p>
-Ja, und die Soldaten! Das war auch ein Schwindel.
-Früher bildeten nämlich Soldaten das Spalier an der Barriere.
-Wenn nun die Herren vom Lottoamt wollten, dann bestellten
-sie sich die Jäger, die kleinen Soldaten. Natürlich wurden dann
-immer die kleinen Nummern gezogen. Aber wenn man die
-Ziehung großer Nummern beabsichtigte, dann bestellte man die
-größten Soldaten vom Infanterieregiment Teuchert-Kauffmann,
-daß diese das Herz der mannstollen Frau Fortuna beeinflussen
-mögen. War es da nicht berechtigt, daß man die 88er-Infanteristen
-mit unverhohlenem Unwillen empfing, wenn man gerade die
-kleinen Nummern gesetzt hatte?
-</p>
-
-<p>
-Heute ist’s anders. Es kommen keine Soldaten mehr,
-sondern Wachleute, der langnasige Hausmeister ist einem Amtsdiener
-mit einer indifferenten Nase gewichen und das Podium
-ist so niedrig, daß man den Beamten gehörig auf die Finger
-schauen kann. An dem Tische auf dem Podium sitzen drei Beamte.
-Einer in Uniform, zwei in Zivil. Der eine sitzt in der Mitte des
-Tisches, sein Gesicht ist dem Publikum zugewendet. Die beiden
-anderen sitzen zu seinen Seiten und zeigen dem Publikum nur
-ihr Profil. Einer von ihnen hat eine Kassette vor sich, in der
-die <a id="corr-31"></a>Nummern 1 bis 90 fein säuberlich geordnet liegen. Er entnimmt
-die erste Nummer und reicht sie einem vierten Beamten,
-dem Assistenten, der — mit dem Rücken zum Publikum gekehrt
-— bei dem Tische steht. Der Assistent steckt den Zettel zunächst
-dem uniformierten Beisitzer zu, der diesen mit ostentativ scharfen
-Blick betrachtet. Dann reicht der Assistent den Zettel dem in
-der Mitte des Tisches sitzenden Finanzrat und verkündet dabei laut:
-</p>
-
-<p>
-„Jedna — Eins.“
-</p>
-
-<p>
-Der Finanzrat kontrolliert neuerlich, ob sich der Inhalt des
-Papierstreifens mit der ausgerufenen Nummer deckt, und legt
-dann den Zettel in eine hagebuttenähnliche Holzkapsel. Diese
-Hülse schraubt er mit feierlicher Langsamkeit zu und wirft sie
-dann in das zu seiner Rechten stehende Glücksrad, dessen Seitenwände
-aus Glas sind und so den kritischen und mißtrauischen
-<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a>
-Beobachtern den Einblick in das Innere gewähren. Glück
-und Glas.
-</p>
-
-<p>
-Mit den nächsten Nummern geht es ebenso. Die einzelnen
-Ziffern werden von den Stammgästen mit allerhand Glossen und
-Reminiszenzen begleitet. Jeder der Beteiligten konstatiert mit
-Befriedigung, daß auch seine Nummer der Glastrommel einverleibt
-wurde: Der erste Schritt zum Terno ist getan. Manche
-stoßen, wenn die Ziffer ihres Extratos in das Glücksrad geworfen
-wird, inbrünstige Wünsche aus. Die Nennung der Zahlen 79 und
-88, die durch die Verhaftung des Markthelfers Jaro Krejsa besondere
-Aktualität gewonnen haben und im Vordergrunde des
-Interesses stehen, wird allseitig mit beifälligem Gemurmel begrüßt.
-Der Zettelvorrat in der Kassette des Beamten nimmt zusehends
-ab, was sich von der Aufregung im Zuschauerraum nicht behaupten
-läßt. Im Gegenteil. Sie steigt mit der Höhe der verkündeten
-Ziffern.
-</p>
-
-<p>
-„Hned bude neunzig,“ prophezeit Frau Lenovsky.
-</p>
-
-<p>
-Sie hat recht. Bald ruft der Assistent die „Neunzig“ aus
-und das Glücksrad wird verschlossen. Der Amtsdiener schnallt
-einen Riemen um den Messingmantel des Glücksrades. Einer
-der beiden Waisenknaben, die bislang unbeachtet in einer Ecke
-des Podiums saßen, steigt auf den Stuhl, der zwischen dem Rat
-und dem Rad steht. Auf einen Wink des Finanzrates beginnt
-der Diener die Kurbel der Glastrommel zu drehen. Einigemale
-nach rechts, einigemale nach links. Die hölzernen Hagebutten
-springen klappernd in ihrem gläsernen Palaste hoch empor und
-hopsen lustig durcheinander, als ob sie nicht wüßten, daß sich
-an sie ein verzehrendes Hoffen und Sehnen der Leute da unten
-knüpfe. Und wieder ein Wink des Finanzrates. Es klingelt, und
-das Rad steht still. Ein Fensterchen in der Messingwand des
-Glücksrades wird geöffnet. Der Waisenknabe streckt seinen
-rechten Arm in die Höhe. Der rechte Ärmel seines grauen
-Zwilchmantels, den er soeben anstelle seines Rockes angezogen
-hat, ist bei der Schulter abgeschnitten, das Hemd hinaufgeschlagen,
-so daß der Arm nackt ist. Der Bub streckt die Finger der Hand
-von sich, damit man sehe, daß er auch hier nichts verborgen
-habe. Er macht das ganz putzig und lächelt dazu.
-</p>
-
-<p>
-„Ein entzückender Junge,“ registriert Frau Lenovsky, „und
-was er für zarte Fingerchen hat. Der zieht sicher etwas gutes.“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a>
-Inzwischen hat der also Belobte seinen Arm in Fortunas
-Rad versenkt, eines der hölzernen Futterale herausgezogen und
-es einem Mitgliede des Beamtenquartetts gereicht, der die Hülse
-auseinanderschraubt, den Papierstreifen herausnimmt, entfaltet,
-betrachtet und dann seinen Kollegen reicht. Einer von diesen
-schreibt die gezogene Nummer ins Protokoll und der Assistent
-ruft in tschechischer und deutscher Sprache in die atemlose Stille
-hinein:
-</p>
-
-<p>
-„Erster Ausruf: Vier.“
-</p>
-
-<p>
-Im Nu weicht die Ruhe einem Gemurmel des Entsetzens.
-Von den verehrten Festgästen hat gerade auf „vier“ niemand
-gesetzt, wie sich aus den Mienen der Enttäuschung und den Ausrufen
-der Bestürzung erkennen läßt. Ein Marktweib findet die
-Lösung des Rätsels, wieso gerade der Vierer gezogen wurde:
-</p>
-
-<p>
-„Weil sie den Jaro Krejsa in den Vierer gebracht haben!“
-</p>
-
-<p>
-Der „Vierer“ wird im Volksmunde das Departement IV
-der Polizeidirektion, das Sicherheitsbureau, genannt. Wie Schuppen
-fällt es von der Leute Augen. Daß man daran gar nicht gedacht
-habe! Jaros Verhaftung hatte weder 79, noch 88 zu bedeuten,
-sondern 4. Natürlich!
-</p>
-
-<p>
-„Vielleicht wird noch außerdem die Neunundsiebzig gezogen.“
-An diese Hoffnung versucht sich eine Dame der Halle zu klammern.
-Aber die alten Stammgäste der „Tante Lotty“ belehren sie eines
-besseren.
-</p>
-
-<p>
-„Wenn einmal eine kleine Nummer gezogen worden ist,
-dann kommen lauter kleine Nummern.“
-</p>
-
-<p>
-Der Assistent hat unmittelbar nach seinem Ausrufe den
-gezogenen Zettel in die Menge geworfen. Ein junger Lebemann
-von der Podskaler Wasserkante hat ihn erhascht und diesen Talisman
-eingesteckt. Das nächstemal wird er auf „vier“ setzen.
-</p>
-
-<p>
-Die Prozedur wiederholt sich. Beim zweiten Ausruf wird
-die Ziffer „81“ gezogen, was nicht ganz dem prophetischen
-Ausspruche entspricht, daß heute nur kleine Nummern gezogen
-würden. Aber auf dieses Nichteintreffen der Prophezeihung ist
-die Erregung der Gemüter nicht zurückzuführen, die sich nach
-jedem Ausruf des Assistenten in den Ausrufen des Publikums
-Luft macht. Die verlesenen Zettel werden abwechselnd in den
-rechtsstehenden und in den linksstehenden Teil des Publikums
-und in dessen Mitte geworfen. Die Papierstreifen sind das
-<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a>
-einzige, was Frau Fortuna ihren Bewerbern aus dem Füllhorn
-beschert ... Der Verkündung der letzten Nummer ist ein
-besonderer Sturm der Entrüstung gefolgt. Keiner der Harrenden
-hat gewonnen. Was nützt es, wenn von den drei Nummern,
-welche jene Frau gesetzt hat, eine gezogen wurde? Erst zwei
-gezogene Nummern des Ternos, erst zwei gezogene Nummern
-des Ambosolos bedeuten einen Gewinn. Was nützt es, wenn
-jenem Burschen die Ziffern eines Extratos in verkehrter Reihenfolge
-herausgekommen sind? Mit Unwillen werden die Marginalzettel,
-diese Dokumente trügerischer Träume und falscher
-Deutungen, in kleine Stücke zerrissen.
-</p>
-
-<p>
-„Seht Ihr den Galgenvogel,“ kreischt Frau Lenovsky den
-Waisenknaben an, den sie vorher nicht genug zu loben wußte,
-und der sich jetzt mit knabenhaftem Lächeln wieder seinen Rock
-statt des ärmellosen Amtskittels anzieht. „Seht Ihr den Lumpenkerl,
-den Wechselbalg. Seht Ihr die Diebsfinger? Zum Stehlen,
-da taugt er. Aber zu etwas Anständigem? Gott weiß, wer sein
-Vater war!“
-</p>
-
-<p>
-Das Unglücksrad wird versiegelt. Der Saal leert sich. Die
-Kollektanten eilen in ihre Geschäfte, um dort die fünf roten
-Ziffern auszuhängen, welche heute ausgelost worden sind. Noch
-früher aber als die Kollektanten sind in deren Geschäften die
-Leute, die jetzt ihr Glück den blauen Ziffern von Brünn anvertrauen.
-Die Hyperklugen aber eilen in besondere Kollekturen,
-in jene in der Wassergasse, in der Myslikgasse, auf dem Petersplatz
-und in der Schalengasse, wo man nicht bloß auf die
-blauen und roten Gewinnziffern, sondern auch auf die goldenen
-der Wiener Ziehung, auf die schwarzen von Linz und Triest und
-auf die grünen von Graz setzen kann.
-</p>
-
-<p>
-Sie werden auch dort den großen Reichtum nicht erringen,
-trotz aller ihrer geometrisch-astrologisch-okkultistisch-kabbalistisch-kryptographisch-arithmetischen
-Kombinationen. Grau, teurer
-Freund, ist alle Theorie. Und graue Gewinnziffern gibt es nicht.
-</p>
-
-<div class="centerpic end">
-<img src="images/end.jpg" alt="" /></div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="part-22">
-<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a>
-Die Irren
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">S</span><span class="postfirstchar">ie</span> gehen umher und laufen, sie drängen sich auf den Gängen,
-sie stehen in Gruppen beisammen oder schauen aus den
-Fenstern in den beschneiten Garten hinunter, den fünf Gassen
-der Oberen Neustadt begrenzen. Der eine raucht eine Zigarette,
-ein anderer hält seine Pfeife, ein dritter die Zigarre im Mund.
-Der eine trägt die graue Anstaltskleidung, der zweite einen
-schwarzen Gehrock, der dritte einen tadellosen grauen Straßenanzug.
-Hier springt mit wirrem Lallen, gesenktem Kopf, roten
-Augen und schlenkernden Armen ein Patient vorüber, dort im
-offenen Zimmer spielen zwei ruhige Männer eine Partie Schach
-— brillante Spieler, sagt der Arzt.
-</p>
-
-<p>
-Ein Herr reicht dem Arzt den Aufnahmsbogen eines neuen
-Patienten. Das Nationale und die Anamnese sind aus dem tschechischen
-Rapport eines Polizeiarztes ins Deutsche übertragen und
-fein säuberlich mit Schreibmaschine geschrieben. Der Arzt vergleicht
-den Akt mit dem Polizeirapport, der Überreicher steht
-wartend. „Auch ein Kranker,“ sagt der Arzt französisch zu mir.
-</p>
-
-<p>
-Ich sehe mir den Mann an. Er ist behäbig, sehr sorgfältig
-gekleidet, und hat einen wohlgepflegten grauen Schnurrbart.
-Er geht weg, und der Arzt sagt zu mir: „Der Mann hat vor
-einigen Jahren einen Prager Stadtverordneten aus Rache auf
-der Straße erschossen. Das Verfahren wurde eingestellt, da sich
-herausstellte, daß der Mörder unzurechnungsfähig war. Jetzt
-versieht er bei uns Kanzlistendienste. Die Übersetzung des tschechischen
-Polizeirapports und die Übertragung auf der Schreibmaschine
-hat er selbst besorgt.“ Ich erinnere mich genau an den
-Mord, der in Prag beispielloses Aufsehen hervorgerufen hat. Der
-Mann, der geglaubt hatte, von dem Stadtverordneten verfolgt
-zu sein, hatte zuerst in den Zeitungen gegen ihn geschrieben,
-und schließlich war sein Haß so furchtbar ins Krankhafte gewachsen,
-daß er dem Feinde auflauerte und ihn erschoß. Und
-jetzt sieht der Mann so ruhig, äußerlich und innerlich so ausgeglichen
-aus.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a>
-Ein zweiter Patient: Doctor juris. Auch sein Name ist mir
-geläufig. Er hat vor einigen Jahren an dem studentischen Leben
-Prags regen Anteil genommen. Er spricht mit meinem Begleiter.
-</p>
-
-<p>
-„Nun, Herr Doktor, sind Sie schon zu meiner Überzeugung
-gelangt, daß Ihre Diagnose falsch ist?“
-</p>
-
-<p>
-Es entspinnt sich ein Gespräch, in dessen Verlauf sich der
-Jurist als Fachmann auf psychiatrischem Gebiet entpuppt. Er ist
-hierher gebracht worden, weil er in Intervallen von etwa zwei
-Jahren gefährliche Anfälle bekommt; er ist überzeugt, daß er
-mit Unrecht in der Irrenanstalt zurückgehalten wird:
-</p>
-
-<p>
-„Ich tröste mich aber. Auch Christus würde heutzutage
-nicht mehr gekreuzigt werden; seine Widersacher würden ihn
-ins Irrenhaus sperren.“
-</p>
-
-<p>
-Ein dritter Patient: hochelegant, brauner Straßenanzug von
-englischem Schnitt, linierter Scheitel. Über dem rechten Auge
-trägt er eine schwarze Binde. Er hat in Teplitz eine Kellnerin
-erschossen und sich selbst durch einen Revolverschuß ins Auge
-verletzt. Sein Vater ist Rektor in einer Stadt in Deutschland;
-er will von dem entarteten Sohn nichts wissen. Der junge Mann
-ist der Freund des internierten Doktors. Die beiden Geisteskranken
-sind Meister im Schachspiel, diesem Spiel, das die größte
-Anspannung geistiger Kräfte verlangt.
-</p>
-
-<p>
-Von einem anderen Patienten, einem Dégénéré supérieur,
-der früher Photograph war, und mit Josef Kainz in regem Verkehr
-stand, liegt mir eine Reihe herrlicher Gedichte vor, die er
-einem der klinischen Ärzte eingehändigt hat und die seine
-Stimmung in der Irrenanstalt schildern. Aus einem Sonettenzyklus
-„Die Irren“ sei folgendes Gedicht hier veröffentlicht:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">„Dann sterben sie in weißgetünchten Zellen</p>
- <p class="verse">Noch einmal, da sie lange schon gestorben,</p>
- <p class="verse">So wie die grüne Frucht, die früh verdorben</p>
- <p class="verse">Sich noch vom Baume löst, um zu zerschellen.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Vielleicht ist ihnen mancher Wunsch geworden,</p>
- <p class="verse">Eh’ sie die fahlen Augen endlich schließen:</p>
- <p class="verse">Ein süßes, schwelgerisches Traumgenießen</p>
- <p class="verse">Und Kampfgetön, wie ferner Wind von Norden.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
-<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a>
- <p class="verse">Sie schwinden dann, wie Glocken, die zerschlagen,</p>
- <p class="verse">Weil die metallne Mischung einst mißlungen,</p>
- <p class="verse">Da ihre Hüter in der Schenke lagen.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">In Harmonien und in Dämmerungen</p>
- <p class="verse">Von neuem Blühen und von neuen Tagen</p>
- <p class="verse">Ruht still ihr Staub, zu bess’rem Sein gezwungen.“</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Der Dichter, der dieses singt, ist schwer krank. Er hat seine
-Mutter töten wollen, weil er ihre Not nicht mehr mit ansehen
-konnte. Man denkt wieder an Lombroso: Genio e follia.
-</p>
-
-<p>
-Er ist nicht das einzige künstlerische Genie in der Irrenanstalt.
-Drüben in der Frauenabteilung sitzt ein hübsches, braunes
-Mädel beim Fenster, und zeichnet mit Bleistift das deutsche naturwissenschaftliche
-Institut. Ich beginne mit ihr ein Gespräch. Aber
-die Kleine ist schnippisch; es ist eine äußerliche Keckheit, die
-innere Zagheit und Schwäche verbergen will. Das Mädchen
-will mir seine Zeichnung nicht zeigen.
-</p>
-
-<p>
-„Sie verstehen ja doch nichts davon,“ lacht es.
-</p>
-
-<p>
-Erst als der Doktor um das Bild ersucht, zeigt die Kranke
-es her. Es ist mit natürlichem Geschick gemalt, viel Strichtechnik
-ist darin zu sehen, und der gute Blick der Zeichnerin ist unverkennbar.
-Das Mädchen befaßt sich viel mit Kunstgeschichte: früher
-war Manes, jetzt ist Aleš ihr Lieblingsmaler. Die junge Malerin
-ist früher Köchin gewesen; der Tadel über eine mißlungene
-Speise versetzte sie in Paroxysmus, sie entlief ihrer Herrschaft,
-wollte sich ins Wasser stürzen, flüchtete dann in die Wälder der
-Umgebung Prags und lief dort einige Tage umher, ohne zu
-essen oder zu trinken. Entkräftet lag sie im Wald, als man sie
-fand. Jetzt sieht sie gut aus, und malt. — Wir treten wieder
-auf den Gang hinaus.
-</p>
-
-<p>
-„Herr X.,“ ruft der Arzt einen Mann an.
-</p>
-
-<p>
-Der kommt herbei. „Wie geht’s?,“ fragt ihn der Doktor.
-</p>
-
-<p>
-„Danke, jetzt hab’ ich ja wieder ein neues Ministerium
-zusammengestellt. Sie setzen jetzt in den Zeitungen einen römischen
-Dreier zu meinem Namen. Na, wir werden ja sehen,
-wie’s gehen wird.“
-</p>
-
-<p>
-Der Mann, der herbeigekommen war, als der Arzt seinen
-wirklichen Namen rief, glaubt Bienerth zu sein. Die Politik ist
-dem Armen zu Kopf gestiegen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a>
-Wir treten in ein Krankenzimmer. Ein alter Patient
-kommt auf uns zu, und bittet ehrerbietig, ein Theaterstück aufsagen
-zu dürfen. Und nun spricht er den Puppenspieler-Faust,
-die Stimme variierend, wenn neue Personen auftreten. Er erzählt
-von den Taten des Doktor Faust, von seiner Geistesbeschwörung
-und der Verschreibung seiner Seele an den Teufel, und von den
-Wunderdingen, die er am Hofe des Kaisers vollbracht habe. Er
-erzählt — bis wir ihm Einhalt gebieten. Ob er noch etwas
-tanzen dürfe, fragt er bescheiden. So tanzt er denn, und hopst
-im Zimmer herum. Die anderen Patienten betrachten seine
-Sprünge kaum, so wie sie früher nicht auf seine Rezitation geachtet
-haben. Sie kennen diese letzten Reste der Kunst, die der
-Alte — ein ehemaliger Marionettenspieler und Schaubudenbesitzer
-— aus dem einstigen Beruf in seine Krankheitszeit
-hinübergerettet hat.
-</p>
-
-<p>
-Wir müssen noch eine andere Vorstellung über uns ergehen
-lassen. Ein Irrsinniger, der nicht sprechen, sondern nur
-unverständliche Laute zu stammeln vermag, hängt einen Hampelmann
-an einen Schrank, umhüllt sich und einen anderen stummen
-Irren mit einem Laken, schlägt mit einem Löffel dreimal an ein
-Wasserglas, und beginnt nun vor dem Hampelmann verzückte
-Tänze und Körperschwingen zu exekutieren. Er singt dabei in
-eintönigem Rhythmus irgendwelche Worte. Sein Genosse, der
-überhaupt sein willenloses Werkzeug ist, hat nur die Aufgabe,
-die Bewegungen zu kopieren, und tut es mit einem dumpf-begeisterten
-Lachen. Was aber in dem Innern des Protagonisten
-vorgeht, des Irren, dem die Anbetung des Hampelmannes etwas
-Primäres ist — wer weiß das zu sagen.
-</p>
-
-<p>
-Noch trübere Bilder: Ein Kranker steht gebückt in seinem
-Bett und starrt aus dem Fenster hinaus ins Leere. Eine Woche
-steht er schon so da, und selbst wenn man ihm Speise einflößt,
-schaut er aus dem Fenster hinaus in jene Richtung, in der sein
-Sehnsuchtsland liegt.
-</p>
-
-<p>
-Ein ganz kleiner Junge, der sehr, sehr schwer krank ist,
-treibt in einem Krankenzimmer seine Possen. Er ist der Liebling
-seiner alten Zimmerkollegen, und sie vollführen alle seine Wünsche.
-Der Kleine ist ein Adeliger, der Enkel eines Hofrates, der früher
-in Österreich eine nicht unbeträchtliche Rolle gespielt hat. Die
-<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a>
-Töchter des Hofrates sind tief gesunken, der kleine Enkel kam
-zunächst ins Waisenhaus und dann hierher.
-</p>
-
-<p>
-Dort im Bette in der Ecke verstummt plötzlich das Röcheln,
-das bislang hörbar war. Der Arzt geht hin und leuchtet dem
-wachsbleichen Mann unter das Augenlid. Die Irren sammeln sich
-rings um das Bett und stieren auf den Alten. „Exitus,“ konstatiert
-der Arzt leise.
-</p>
-
-<div class="centerpic end">
-<img src="images/end.jpg" alt="" /></div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="part-23">
-<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a>
-Volksküchen
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">H</span><span class="postfirstchar">iemit</span> will ich einige grundlegende Details über Prager Volksküchen
-veröffentlichen, auf daß sich der geneigte Leser, der
-— bei der gegenwärtigen Nahrungsmittelteuerung kann man
-nicht wissen! — dort Stammgast werden will, nicht so blamiere,
-wie ich bei meinem ersten Besuche. So habe ich zum Beispiel
-in der Straße, in der sich die Volksküche befindet, eine Gruppe
-von Verwahrlosten danach gefragt, wo die Volksküche sei. Da
-musterte der eine meinen derangierten Anzug, und weil er sich
-nicht vorstellen konnte, daß ich Lump zum erstenmale den Weg
-in das Volksrestaurant gehe, und es mit meiner Frage ernst meine,
-so lachte er:
-</p>
-
-<p>
-„Wenn du nicht weißt, wo die Volksküche ist, so kannst
-du ja ins Hotel „Blauer Stern“ essen gehen. Das ist am Graben.“
-Und ein wüstes Gegröhle der anderen lohnte den Witzbold und
-verhöhnte mich.
-</p>
-
-<p>
-Ich fand aber den Eingang zur Volksküche doch, und
-drängte mich am Schalter. Dort hatte ich Gelegenheit, mich zum
-zweitenmale zu blamieren.
-</p>
-
-<p>
-„Was kostet eine Suppe?“ fragte ich einen Burschen, der
-sich neben mir drängte.
-</p>
-
-<p>
-„Zwei,“ antwortete der Lakonier.
-</p>
-
-<p>
-„Zwei Sechser?“, fragte ich weiter.
-</p>
-
-<p>
-„Sag gleich zwei Gulden,“ brummte der Gefragte. Dabei
-maß er mich mit einem Blick, in dem sich die Verachtung über
-die Unbildung eines Menschen, der nicht weiß, daß eine Suppe
-zwei Kreuzer koste, mit dem Verdachte paarte, daß ich ihn
-uzen wolle.
-</p>
-
-<p>
-Vor solchen Blamagen will ich den geschätzten Leser bewahren,
-und so sei hier ein kurzes Vademekum für Volksküchenbesucher
-publiziert.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a>
-Es gibt in Prag sechs Volksküchen, die vom Volksküchenverein
-unterhalten werden: Für die Alt- und Josefstadt in der
-Gemeindehofgasse, für die Untere Neustadt in der Petersgasse,
-für den Wyschehrad in der Wratislawgasse, für die Kleinseite auf
-dem Malteserplatz, und je eine für Holleschowitz und für Lieben.
-Die Ausgaben in sämtlichen Küchen betrugen im vergangenen
-Jahre 49.059 Kronen 34 Heller. Diesen steht als Einnahme die
-Bezahlung der Speisen im Betrage von 35.518 Kronen 80 Heller
-gegenüber, so daß in den Küchen ein Defizit von 13.540 Kronen
-54 Heller bestand und diese mit einem Schaden von 38 Prozent
-arbeiten.
-</p>
-
-<p>
-Ich selbst pflege in den letzten neunundzwanzig Tagen
-jeden Monates sehr häufig die Volksküche für die Alt- und
-Josefstadt zu frequentieren, und von den 122.298 Portionen
-Suppe à 4 Heller, von den 111.026 Portionen Mehlspeisen
-à 12 Heller, die im Vorjahre in dieser Speisehalle zur Ausgabe
-gelangten, habe ich meinen geziemenden Teil verzehrt.
-</p>
-
-<p>
-In einem der neuen Häuser, die auf der dem Gemeindehofe
-gegenüberliegenden Rampe stehen, ist sie untergebracht, in
-einem Parterrelokale — anscheinend zwei Geschäftsräume, die
-vereinigt wurden. Auf den glatten Schamotteziegeln, mit denen
-der Fußboden belegt ist, lagert allmittäglich dicker Kot, denn die
-Gäste sind von weither gewandert, und sie reinigen ihre Stiefel
-vor dem Eintritt in das Etablissement nicht. Der Türe gegenüber
-ist der Schalter zur Speisenausgabe. Die Hungrigen drängen sich
-in langer Queue. Ihr Geld halten die meisten abgezählt in der
-Hand, denn wer sich zulange am Schalter zu schaffen macht,
-wird unbarmherzig zur Seite geschoben. Die wenigsten bestellen
-ein ganzes Menu, denn dreißig Heller sind viel Geld. Die meisten
-verlangen nur eine Suppe, das billigste in diesem Restaurant.
-Vier Heller hat jeder. Manche nehmen zwei Suppenportionen,
-mancher nimmt zur Suppe eine Mehlspeise. Fleisch ist wenig
-und teuer, und so sind die Gäste der Volksküche größtenteils
-unfreiwillige Vegetarianer. Die Küchenverwalterin Frau Schepkes
-nimmt die Bestellungen und die Bezahlungen entgegen, und
-reicht die verlangten Speisen. Aus einem Holzkistchen, das am
-Schalterbrett steht, nimmt sich jedermann einen Zinnlöffel. Auch
-Messer und Gabel sind darin. Aber dessen bedürfen die wenigsten,
-da sie ja kein Fleisch kaufen, und man die Mehlspeise mit
-<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a>
-der Hand zum Munde führen kann. Tafelzeremoniell und Tischetikette
-gibts hier nicht.
-</p>
-
-<p>
-Jeder trägt sich seine Speisen selbst auf seinen Platz. Im
-Saale stehen dreizehn Tische, drei links, zehn rechts vom Eingang.
-Sie sind so schmal, das an ihren Breitseiten kein Sessel
-steht — es wäre kein Raum für die Schüsseln einer hier sitzenden
-Person. An der Längsseite jedes Tisches läßt eine etwa einen
-Meter lange Bank für zwei Esser Platz. Aber das genügt nicht
-für die Schar der Kostgänger, es müssen sich mehrere aneinanderdrängen,
-und außerdem sitzen an jeder Ecke des Tisches
-vier Leute halb auf der Bank und halb in der Luft.
-</p>
-
-<p>
-Gegen ¼1 Uhr mittags faßt ein Polizist im Saale Posto.
-Aber er hat nur eine Ordnerfunktion, ist nur zur Hintanhaltung
-eventueller Exzesse da. Nach Vagabunden und Revertenten
-fahndet er hier nicht — dieser Zufluchtsort der Hungernden
-scheint stillschweigend als eine Art exterritorialen Bodens betrachtet
-zu werden. Beim Eintritte des Wachmannes ist ein
-hünenhaft gebauter Bursche, in Kleidung, Frisur und Blick der
-Typus des Prager „Pepiks“, krampfhaft zusammengezuckt. Dann
-schiebt er den Suppennapf, den er vor sich stehen hat, bedeutend
-nach links, damit er beim Essen sein Gesicht von dem Polizisten
-abwenden kann. Wohl nicht aus Abneigung gegen den Hüter
-des Gesetzes, sondern er scheint eher seit seiner letzten Beichte
-vor dem Strafrichter eine neue Sünde auf sich geladen zu haben.
-Aber bald fühlt unser Freund, daß der schlenkernde Blick des
-Mannes mit der Hahnenfeder auf ihm haften bleibt. So wendet
-er sich dem Wachmann zu. Aber der nickt nur lächelnd. Und
-Pepik erwidert mit freundlichem Lächeln den Blick. Nach
-einer Viertelstunde verläßt der Hüter des Gesetzes wieder
-den Saal.
-</p>
-
-<p>
-„Diesem Kerl habe ich einmal vor „Reismann“ (das bekannte
-Tanzlokal in der Kastulusgasse) den Rüssel zerschlagen,“ konstatiert
-jetzt der Bursche laut. Lebhafte Heiterkeit, beifällige
-Zurufe.
-</p>
-
-<p>
-„Und wieviel haben sie dir dafür gegeben?“ forscht ein
-Gründlicher.
-</p>
-
-<p>
-„Sechs Wochen. Wegen öffentlicher Gewalttätigkeit. Während
-es doch eine rein private Angelegenheit zwischen mir und
-ihm war.“ Neuerliches Halloh.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a>
-Ein etwa vierzehnjähriger Bursch im blauen Arbeitshemd,
-der mit dem Wortführer am selben Tisch sitzt, ist vielleicht der
-einzige, der dem Gespräch nicht zugehört hat und der in das
-Beifallslachen nicht einstimmt. Er hat das schwarze Heftchen
-einer tschechischen Kriminalbibliothek aufgeschlagen vor sich
-liegen, und während er mit der rechten Hand den Löffel mit
-Suppe mechanisch zum Munde führt, blättert er mit der
-linken die Seiten um, deren Inhalt seine glänzenden Augen
-verschlingen. Was rings um ihn vorgeht, weiß er nicht, er
-hat die Erzählung des Renkontres von „Reismann“ nicht gehört.
-Der Junge, der hier die ungesunde Nahrung der geistigen Volksküchen
-verschlingt, der träumt wahrscheinlich davon, auch einst
-ein berühmter Räuber zu werden, wie der Betyare Rosza
-Sandor war. Und wird doch nur ein Pepik werden, wie sein
-Nachbar.
-</p>
-
-<p>
-Es sind noch jüngere Burschen da. Schulkinder, deren
-Eltern in der Arbeit sind und die sich um achtzehn Heller ihr
-Mittagsbrot kaufen. Sie verschlingen gierig die stark gezwiebelte
-Graupensuppe und den Mohnkuchen — ihre einzige Nahrung
-bis zum Abend, vielleicht bis zum nächsten Mittag.
-</p>
-
-<p>
-An Greisen fehlt es nicht im Raume. Altersschwache,
-müde Männer, denen vielleicht sogar der Weg vom gegenüberliegenden
-Gemeindehof lang und beschwerlich war. Daß sie
-von dort kommen, sieht man an ihrer Mütze, die das Stadtwappen
-trägt. Straßenkehrer sind sie, sieche Angehörige Prags,
-die eben nur zu einer ganz belanglosen Beschäftigung taugen:
-Zur Straßenreinigung von Prag.
-</p>
-
-<p>
-Ein greiser Bettler wankt gebückt vom Schalter zu einem
-Tisch. Mit der rechten Hand stützt er den Stock auf, in der
-heftig zitternden Linken trägt er den Suppennapf, aus dem
-die heiße Flüssigkeit auf die Erde spritzt. Die Hälfte des Inhaltes
-ist verschüttet, als sich der Alte endlich niedergelassen hat.
-Jetzt hebt er mit seiner zuckenden Hand den Löffel, aber auf
-dem Wege vom Teller zum Munde geht wieder ein beträchtlicher
-Teil der Nahrung verloren. Und schmerzvoll bedauernd
-starrt der Alte auf die kleinen Lachen, die das teure Naß auf
-dem ungedeckten Tisch und auf dem Boden bildet.
-</p>
-
-<p>
-Das Mädchen, das von Zeit zu Zeit die leeren Teller und
-Bestecke von den Tischen räumt, kommt auch zu mir und
-<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a>
-nimmt, da sie mich nicht mehr essen sieht, meinen Suppennapf
-weg. Aber kaum hat sie hineingesehen, so stellt sie mir
-ihn wieder hin. Wirklich, es sind noch etwa drei Löffel Suppe
-darin!
-</p>
-
-<p>
-„Sie können sich den Teller nehmen,“ sage ich. „Ich esse
-nicht mehr.“
-</p>
-
-<p>
-Das Mädchen wundert sich über diese Verschwendung.
-</p>
-
-<div class="centerpic end">
-<img src="images/end.jpg" alt="" /></div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="part-24">
-<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a>
-Ein tadelnder Ballbericht
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">J</span><span class="postfirstchar">awohl,</span> ein tadelnder Ballbericht. Du traust, lieber Leser, deinen
-Augen nicht, da du dieses liest. Du glaubst — auf langjährige
-Erfahrung gestützt — es könne keinen Ballbericht geben, in
-dem nicht stünde, daß das heutige Fest alle bisherigen und
-künftigen weit übertroffen habe, daß ein Flor bezaubernd schöner
-und junger Damen in noch nicht dagewesenen Toiletten, von
-einem Heer tanzlustiger Herren umschwärmt, das Tanzbein geschwungen
-bis sogar dem Morgen graute, daß die Dekoration
-den alten Ballsaal — ei, wer hätte das gedacht — zur höchlichsten
-Überraschung in einen wahren Salon verwandelt hatte,
-daß Frau Disponent Kanarienvogel in einer duftigen rosa Crêpe-de-Chine-Toilette
-mit achtzig echten Maréchal-Niel-Rosen am
-Decolleté und Fräulein Kiki Chocholauschek in ihrem bordeauxgrünen
-Satinkleidchen mit echten Elbekosteletzer Spitzen wirklich
-entzückend ausgesehen haben, und daß sich auf der Estrade
-diesmal wirklich alle hervorragenden Vertreter der hohen Beamtenschaft,
-der Großindustrie und des Großhandels, Advokaten,
-Ärzte, Offiziere u. dgl., sowie Herr Larmitzer, Bureauchef der
-Kolonialwarenhandlung „Porges, Ladovička &amp; Co.“ in der Eisengasse
-und Herr Jarosch in Vertretung der Ortsgruppe Prag des
-Südwestböhmischen Briefträgervereines ein Stelldichein gegeben
-haben etc. etc.
-</p>
-
-<p>
-Und doch: Ich kenne einen tadelnden Ballbericht. Es ist
-allerdings schon lange her, seit er in der Zeitung stand. Das
-Fest ist längst aus dem Repertoire der Prager Faschingsveranstaltungen
-gestrichen und das Gebäude, in dem es stattfand,
-kennen die heutigen Prager kaum vom Hörensagen mehr. Man
-muß in den alten „Bohemia“-Bänden um fünfzig Jahre zurückblättern,
-bevor man den seltsamen Rapport findet. Am 26. Jänner
-1861 steht zu lesen:
-</p>
-
-<div class="block">
-<p>
-„Die Maskenbälle im Neustädter Theater wurden heuer nicht
-mit demselben Erfolge eröffnet, wie im vorigen Jahre. Der Besuch
-war bedeutend schwächer, die Logen blieben fast ganz leer und die
-Galerien waren nur spärlich besetzt. Etwas Hervorragendes machte
-<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a>
-sich unter den Masken nicht bemerklich. Da sah man außer den
-unvermeidlichen Dominos die alljährlich wiederkehrenden altdeutschen
-Krieger, Griechinnen, Türken, Bäuerinnen, Pierrots, Polinnen, Harlekins,
-Matrosen etc. Das täte jedoch der Redoute keinen Eintrag.
-Wenn nur die Masken gesprächiger gewesen wären. In dieser Beziehung
-zeigten sie jedoch mit einzelnen Ausnahmen eine sehr scheue
-Zurückhaltung.“
-</p>
-
-</div>
-
-<p>
-Am Abend des Tages, an dem ich dieses alte Referat
-entdeckt hatte, war ich auf einem Maskenball. Nein, war das
-lustig! Auf was für Ideen doch die jungen Leute kommen,
-man würde es gar nicht für möglich halten! Man sah Dominos,
-Bäuerinnen und Pierretten, und einige besonders Erfindungsreiche
-hatten sich als Jockeys und Zigeunerinnen verkleidet.
-Und weil doch Schweigen Gold ist, so waren die Masken wahrhaft
-goldige Leute, und wenn eine doch den Mund zu einer
-scherzhaften Bemerkung auftat, so hätte man wünschen mögen,
-daß sie es nicht getan hätten: Sie waren nämlich so raffiniert,
-sich nicht durch geistreiche und witzige Bemerkungen zu verraten,
-sondern benützten die Maskenfreiheit kluger Weise dazu,
-die Angesprochenen durch die ärgsten Gemeinplätze und dümmsten
-Dummheiten famos zu verspotten.
-</p>
-
-<p>
-Oben im Saale, ganz nahe an der Musikkapelle, während
-die absolvierten Petschauer und Preßnitzer Musikschüler mit
-Todesverachtung die Tschinellen aneinander schlugen und in die
-Flöten bliesen, schrieb ich den Ballbericht. Ich ließ mich durch
-den Ton des Referates von 1861 nicht beeinflussen und lobte
-das Fest über den grünen Klee. „Es war ein wahrhaft herrliches
-Repräsentationsfest des Prinzen Karneval ...“
-</p>
-
-<p>
-Als ich meinen Artikel in die Redaktion geschickt hatte,
-trat ich wieder in den Saal hinab, um dort zu gähnen. Das
-veranlaßte eine vorübergehende Maske in spanischem Kostüm
-zu der Äußerung: „Na Kleiner, du langweilst dich wohl?“
-Diese geistsprühende Anrede, die Geistesgegenwart und die
-scharfe Logik, die sich darin kundtat, daß sie aus meinem Gähnen
-darauf geschlossen hatte, daß ich mich langweile, imponierten
-mir. Ich schmiß mich der Spanierin an, wir kamen bald ins
-Gespräch, ich erzählte ihr von dem tadelnden Ballberichte und
-war begeistert über die Summe richtiger Folgerungen, die sie
-daran schloß:
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a>
-„Was würde der gestrenge Ballkritiker von damals heute
-alles zu tadeln haben,“ meinte sie. „Damals gab es gewiß
-noch nicht in den Bällen die Unsitte, während eines Walzers
-eine tanzende Dame zur Fortsetzung des Tanzes aufzufordern,
-sie dem Anderen förmlich aus der Hand zu reißen, bevor noch
-dieser zu tanzen oder zu sprechen begonnen hat. Andererseits
-konnte damals gewiß keine Dame am Arme eines Herrn den
-ganzen Abend kleben bleiben oder gar als Mauerblümchen mit
-schmerzerfülltem Herzen und von höhnischen Blicken gemustert,
-vor der Mama den ganzen Ballabend stehen bleiben, für den
-sie so viel Geld an die Schneiderin, für Wagen und Ballentree
-bezahlt hat. Damals forderte man eine Dame zum Tanze auf
-und durfte mit ihr einen ganzen Walzer, aber nur einen Walzer
-tanzen. Dann stellte man sie wieder zur Gardedame.“
-</p>
-
-<p>
-Ich nickte Bestätigung. Die Spanierin aber fuhr fort:
-„Und die Herren! Ist es nicht ein Skandal, daß sie kein Entree
-bezahlen, die Kosten des Festes von den Damen bestreiten
-lassen und womöglich noch, wenn sie im Komitee sind, den
-unverdienten Reingewinn dazu verwenden, Kavaliere zu spielen?
-Dabei tanzen sie aber gar nicht. Blasiert und mit verschränkten
-Armen stehen sie in der Herreninsel und machen hämische
-Bemerkungen über den Ruf der armen, wehrlosen Mädchen.
-Nur wenn sie die bevorstehende Veranstaltung eines Hausballes
-mit „famosem Fraß“ wittern — da sind sie mit Feuereifer beim
-Tanz. Hab ich nicht recht?“
-</p>
-
-<p>
-Ich erklärte, daß sie sogar sehr recht habe. Darauf begann
-sie über den Vortanz zu schimpfen. „Vortanz — so ein Blödsinn.
-Die paar Mädel, deren Väter Geld haben oder so tun,
-als wenn sie welches besäßen, und die jungen Topfgucker in
-ihren Fracks schreiten da mit komischer Grandezza die Stiegen
-hinab und tanzen dann mit möglichst verschrobener Figur den
-Straußschen Walzer „An der schönen blauen Donau“. Die anderen
-Herren aber, die Sterblichen, die werden inzwischen wie
-ein Stück Weideviehs mit einem Stricke umbunden und dürfen
-aus dieser Umpferchung nicht hinaus. Die Mädchen aber, die
-nicht des Vortanzes wert befunden wurden, die dürfen bewundernd
-dem Göttertanze zuschauen.“
-</p>
-
-<p>
-Ich bemerkte, daß das in der Tat lächerlich sei. Meine Dame
-aber fuhr fort: „Noch ärger ist es mit den Damentoiletten.“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a>
-Ich erwiderte, daß ich diese nicht besichtigt habe. „Nein,
-nein,“ rief sie entsetzt aus, „ich meine ja die Damenkleider.
-Früher ist ein Mädchen in einem einfachen Kattunkleidchen
-zum Tanze gegangen und hat sich fürstlich unterhalten. Jetzt
-aber muß sie ein Kleid um mindestens hundertsechzig Kronen
-haben, damit die anderen Damen nicht die Nase rümpfen. Denn
-den Herren ist doch das Kleid ganz egal, wenn nur die Dame
-hübsch ist.“
-</p>
-
-<p>
-Wir hatten inzwischen in einem lauschigen Winkel des
-Saales Platz genommen und der eisige „Moët-Chandon“ erwärmte
-unsere Herzen. Ich rückte näher an die Spanierin
-heran und begann zärtlich mit ihrer Hand zu spielen. Sie
-aber fuhr in ihrem tadelnden Ballberichte fort: „Dazu noch
-die Tänze von heutzutage. Immer nur Walzer, wieder Walzer
-und wieder Walzer. Und wenn die Musik ausnahmsweise irgend
-ein Promenadenstück spielt, so tanzt man — Walzer. Vor
-fünfzig Jahren, da hat es wohl noch Quadrillen und Mazurka
-gegeben, aber heute — wer kann heute bei diesen wilden
-Tänzen noch Grandezza und Liebreiz zeigen?“
-</p>
-
-<p>
-„Du, meine schöne Maske! Du mußt mir deinen Liebreiz
-zeigen, du mußt dich demaskieren,“ mit diesen ungestümen
-Worten machte ich meiner verhaltenen Leidenschaft und Begeisterung
-Luft. So fein beobachtend, so klug war sie, meine
-kleine Partnerin, so seltsam stach sie von den übrigen jungen
-Mädchen ab, die im Glanze der Ballsaallichter, im Banne des
-Ballfiebers, am Arme des Tänzers und im Zauber der Musik
-an alle die kleinen Unzukömmlichkeiten, an den freien Eintritt
-der Herren, an den Vortanz und das abwechslungsarme Repertoire
-von Tänzen gar nicht denken, gar nicht denken wollen.
-Aber die spanische Tänzerin an meiner Seite, die konnte ihr
-Beobachtungstalent, ihre kritische Begabung, <a id="corr-34"></a>ihren Sinn für Vergleiche,
-ihr Taktgefühl auch im Maskentohuwabohu nicht verleugnen
-— ein ideales, ein einziges Weib.
-</p>
-
-<p>
-„Du mußt dich endlich demaskieren,“ flehte ich dringender,
-da sie sich noch immer weigerte dies zu tun, „du mußt,
-du mußt.“
-</p>
-
-<p>
-Da tat sie mir denn schließlich den Willen: Sie nahm
-die Maske ab und ich konnte konstatieren, daß diese Spanierin
-wahrscheinlich an dem Feste von 1861 teilgenommen hatte.
-</p>
-
-<div class="centerpic end">
-<img src="images/end.jpg" alt="" /></div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="part-25">
-<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a>
-Von Feilbietungen, Auktionshallen
-und vom Chabrus
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">s</span> wäre vielleicht eine belehrende Illustration zu manchen
-Vorträgen an der Juristenfakultät und an der Handelsakademie,
-wenn die Hörer veranlaßt werden würden, Exkursionen
-in die dunkelsten Gebiete des volkswirtschaftlichen
-Lebens zu unternehmen, die Tätigkeit jener Gewerbsleute und
-Händler zu betrachten, die weder konzessioniert noch protokolliert
-sind, die auch zum großen Teile keine Steuern bezahlen.
-Man könnte da manche Lücken in den Gesetzen entdecken,
-manchen Geschäftskniff bestaunen, man könnte da vielleicht
-konstatieren, daß manche Finanzoperationen, über deren nationalökonomischen
-Wert und über deren Zulässigkeit an den Börsen
-und Hochschulen Amerikas gestritten wird, hier im kleinen,
-ganz kleinen Maßstabe als selbstverständlich praktiziert werden.
-Und wer weiß, ob die Trusts und die Kartelle der armen
-Prager Trödler und Hausierer nicht besser organisiert sind als
-jene der amerikanischen Multimillionäre?
-</p>
-
-<p>
-Man kann die Gegenseitigkeitsgeschäfte dieser kleinen
-Leute, die sich in einem beispiellos erbitterten Kampfe um den
-kleinsten Gewinst aufreiben und die trotz ihrer Geschäftsschlauheit
-und ihrer raffinierten Organisation im allgemeinen auf keinen
-grünen Zweig kommen, leicht beobachten. Man kann unter
-irgend einem Vorwande in die Partiewarengeschäfte und
-Trödlerläden, in die Handelcafés in der Zeltnergasse und auf
-dem Ziegenplatz kommen, man kann aber auch den öffentlichen
-Feilbietungen in der gerichtlichen Auktionshalle im Landesgerichtsgebäude,
-den Pfänderversteigerungen im „K. k. Pfand-
-und Leihamt“ in der Leihamtsgasse und in den zahlreichen
-privaten Pfandleihanstalten beiwohnen und dort diese Börsenspekulanten
-in Partiewaren in sinnfälliger Massenwirkung bei
-der Arbeit sehen.
-</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="noindent">
-<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a>
-Ein Kaffeehaus, hart an der Grenze der Alt- und Josefstadt.
-Die Operationsbasis für die Geschäfte der Tandler und
-der „Šalváří“, der Spezialisten in echten und falschen Juwelen.
-Es ist früh. Ein Gast kommt herein:
-</p>
-
-<p>
-„Adalbert, bring’ mir ein Schmalzbrot,“ ruft er dem
-Kellner zu.
-</p>
-
-<p>
-„Schmalz ist nicht, aber harte Grieben kannst du haben,“
-sagt der Kellner. Die Brücke, die vom Gast zum Kellner führt,
-führt auch vom Kellner zum Gast: Sie duzen einander.
-</p>
-
-<p>
-„Also bring’ mir die Grieben, und das „Amtsblatt“
-möchte ich haben.“
-</p>
-
-<p>
-„Da liegt es doch,“ ruft der Kellner unwillig, und
-deutet auf die Zeitung, die wirklich auf dem Sessel neben dem
-Neuangekommenen liegt.
-</p>
-
-<p>
-Der aber ist neugierig, zu erfahren, wer schon früher das
-Amtsblatt studiert hat. Und der Kellner erwidert, daß Karl
-Neuhof gerade weggegangen ist.
-</p>
-
-<p>
-„Und wohin?“ forscht der Gast mit einer durch die Konkurrenz
-begründeten Neugier weiter.
-</p>
-
-<p>
-„Nach Žižkow zu irgend einer Feilbietung,“ verrät der
-Garçon.
-</p>
-
-<p>
-Da wendet sich der Gast mit Grausen. Er spuckt aus:
-„Die Werkstätteneinrichtung von Nechvátal! Schöne Sachen,
-was da zu kriegen sind! Dort wird Neuhof kein Rothschild
-werden.“
-</p>
-
-<p>
-Inzwischen hat sich Adalbert entfernt, und der Gast
-nimmt das „Amtsblatt zur Prager Zeitung“ zur Hand, dieses
-zweisprachig gedruckte Blatt, in dem der Amtsschimmel alltäglich
-die hohe Schule reitet. Aber unser Freund interessiert
-sich weder für den Humor der Tatsache, daß der seit „hundertsechzig
-Jahren abgängige Mathias Struck“ aufgefordert wird,
-sich binnen sechs Wochen zu melden, widrigenfalls er todeserklärt
-wird, er interessiert sich nicht für den Aufruf an die
-Erben „des mit Hinterlassung eines Vermögens von 23⅓ Hellern
-ohne Hinterlassung einer letztwilligen Anordnung verstorbenen
-konzessionierten Drehorgelspielers Josef Horčička“, er beachtet
-auch die Rubriken „Erledigungen“, „Konkursausschreibungen“,
-„Kundmachungen“, „Proklamierung alter Satzposten“, „Anlegung
-neuer Grundbücher“, „Amortisationen“, „Kuratelsverhängungen“
-<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a>
-und „Erkenntnisse“ nicht, sein Blick bleibt an der Rubrik
-„Feilbietungen“ haften, in der am Schluß nach den langatmigen
-Ankündigungen der freihändigen Verkäufe von Realitäten,
-Liegenschaften, Häusern, Mühlen und Fabriken, die Nachricht
-über „Feilbietungsedikte“ stehen. Die liest er eifrig und schreibt
-in sein Notizbuch mit den schwarzen Wichsleinwanddeckeln von
-Zeit zu Zeit etwas ein. Nicht alles. Die Feilbietungen, die in
-der öffentlichen Auktionshalle im Landesgericht abgehalten
-werden, braucht er nicht zu vermerken, dort ist er ohnedies
-an jedem Freitag. Ebenso weiß er genau, daß fast immer am
-Freitag nach dem Zehnten jedes Monates die Versteigerung der
-verfallenden Pfänder des staatlichen Leihhauses stattfindet. Was ihn
-aber interessiert, ist das Datum der Auktionen in den acht
-privaten Pfandleihanstalten und Datum, Hausnummer und
-Warengattung der Geschäfte und Wohnungen, in denen exekutive
-Feilbietungen vorgenommen werden.
-</p>
-
-<p>
-Während in dem Notizbuche Ziffern und Adressen verzeichnet
-werden, kommt ein neuer Gast in das Café und setzt
-sich mit stummen Gruß zum ersten. Der Angekommene zieht
-einen Karton mit Goldinuhren aus der Tasche — Fabriksware,
-die wegen kleiner oder wegen großer Fehler nicht mit
-der Firmamarke versehen und nur an Ramscher abgegeben
-wird. Der neue Gast will die Uhren hier nicht verkaufen,
-er weist sie seinem Kollegen nur zur Begutachtung vor.
-</p>
-
-<p>
-„Sechs Kronen per Stück,“ schätzt der.
-</p>
-
-<p>
-„Fünf,“ lächelt der andere, zufrieden darüber, daß sein
-Branchegenosse die Uhren überschätzt hat, und ermutigt, zieht er
-nach und nach sein ganzes Warenlager hervor: Ein Paar Brillantohrgehänge
-aus der Westentasche, einen Similiring vom
-Finger, eine Damenuhr mit Rauten aus der Hosentasche.
-</p>
-
-<p>
-Inzwischen ist es neun Uhr geworden. Die beiden
-brechen auf.
-</p>
-
-<p>
-„Wohin gehst du?“, fragt der zuerst Angekommene den
-andern.
-</p>
-
-<p>
-„Ich geh’ ins Geschäft. Und du?“
-</p>
-
-<p>
-„Ich geh’ zum General.“
-</p>
-
-<p>
-So trennen sie sich. Der eine also geht „ins Geschäft“,
-was aber durchaus nicht soviel bedeutet wie „ins Geschäftslokal“.
-Ein solches hat er nicht. Er geht nur zu seinen
-<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a>
-Kundschaften, zu Tandlern, Privatpersonen und Gästen der
-kleinen Kaffeehäuser, denen er seine Schmucksachen aufschwatzt.
-</p>
-
-<p>
-Der andere geht „zum General“, d. h. in das Landesgerichtsgebäude
-an der Ecke des Obstmarktes und der Zeltnergasse,
-das so heißt, weil es früher das Generalkommando von
-Prag war und als solches traurige Berühmtheit erlangte, als
-am 12. Juni 1848 ein Schuß durch das Fenster die Gemahlin
-des Feldmarschalls Alfred Fürsten Windischgraetz, Fürstin Maria
-Eleonore Windischgraetz-Schwarzenberg (die Großmutter des
-jetzigen Herrenhauspräsidenten Fürsten Alfred Windischgraetz),
-tötete. In den ebenerdigen Räumen des alten Generalkommandogebäudes,
-die ehedem als Wachzimmer und Stallungen
-verwendet wurden, ist heute außer dem Depositenamt, seit dem
-Jahre 1900 auch die gerichtliche Auktionshalle untergebracht.
-Die ist das Ziel des Kaffeehausbesuchers, der „zum General“ geht.
-</p>
-
-<p>
-Die Fachleute in Partiewaren und Gelegenheitskäufen
-behaupten, daß hier nichts besonderes zu holen sei. Sie
-begründen es mit der Tatsache, daß sich die in Geldnot befindlichen
-Leute absichtlich die für sie wertlosen oder unbrauchbaren
-Mobilien pfänden lassen, um sie in der Auktionshalle zu
-besseren Preisen loszuwerden. Wird bei der Lizitation nicht
-der Preis geboten, den der Eigentümer den gepfändeten Sachen
-beimißt, so hat er — vorausgesetzt, daß er pfiffig ist — noch
-immer Mittelchen genug, den Preis in die Höhe zu lizitieren
-oder die Sachen selbst zu erstehen.
-</p>
-
-<p>
-Um dieser und anderer Mittelchen willen, und weil dort
-hie und da doch etwas Preiswertes zur Versteigerung gelangen
-könnte, sind doch zahlreiche Fachmänner da. Vor allem die
-Mitglieder des „Chabrus“. Diese Körperschaft wird man vergeblich
-in den Registern der Vereinspolizei suchen und auch im
-Staatswörterbuche findet man diesen Namen nicht. Das Wort
-„Chabrus“ ist eine Verstümmelung des hebräischen Ausdruckes
-„Chawroßo“, d. i. Freundschaft. Und ursprünglich ist auch der
-„Chabrus“ eine geheime jüdische Einkaufsgenossenschaft und
-gleichzeitig eine Art Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit
-gewesen, dem die Althändler und Trödler des Ghettos angehörten.
-Als sich aber die Tore des Ghettos öffneten, da wurde
-die Idee des Chabrus eine interkonfessionelle, und mit der
-politischen Geschichte dieses Landes ist der Chabrus verknüpft,
-<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a>
-den — — die ältesten Adelsgeschlechter Böhmens im Jahre
-1872 gegründet hatten. Das war nach dem Sturze des Ministeriums
-Hohenwart. Der Landtag war aufgelöst worden, und
-zwischen den beiden Gruppen des Großgrundbesitzes, die damals
-noch kein Wahlkompromiß hatten, entspann sich ein
-heftiger Wahlkampf, der zugleich ein Kampf um die Majorität
-im Landtag war. Da wurden denn Banken gegründet, um zur
-Wahl berechtigende landtäfliche Güter zu kaufen, da traten die
-Besitzer zweier oder mehr solcher Güter eines an dritte Personen
-ab, da gab es Güterkäufe und Güterteilungen in Masse,
-beide Gruppen überboten einander, bis schließlich die Verfassungstreuen
-den Sieg über die Konservativen davontrugen.
-Aber manche Gesetzesbestimmung über die Wahlen in den österreichischen
-Landtag wurde nach den Lehren geändert, die man
-aus dem „Chabrus“ der Ära Auersperg gezogen hatte.
-</p>
-
-<p>
-So nobel ist der Chabrus der Prager Kleinhändler freilich nicht.
-Er war wohl ursprünglich eine Schutzorganisation für die eigenen
-Mitglieder, die falliert hatten und deren Lager versteigert wurde.
-Ein anderer der Genossenschaft erstand einfach die lizitierten
-Waren zum Mindestanbot, der etwa nur ein Drittel des Schätzungswertes
-ausmachte, ohne daß er von den anderen gesteigert
-worden wäre. Kam aber ein Unbeteiligter zur Lizitation
-und beteiligte sich an dieser, so wurde er so in die Höhe lizitiert,
-daß er entweder einen ganz famosen Preis für die Waren
-des falliten Chabrus-Bruders zahlen mußte, oder die Lust an
-weiterer Beteiligung verlor. Außerdem erschienen die Chabruser
-oft in so großen Massen in den kleinen Geschäftslokalen, in
-denen die Lizitationen stattfanden, daß ein „Unberufener“ gar
-nicht hinein konnte — ein Manöver, das durch Errichtung der
-gerichtlichen Auktionshalle eine wesentliche Einschränkung erfahren
-hat.
-</p>
-
-<p>
-Im Laufe der Jahre erstreckte der Chabrus sein Tätigkeitsgebiet
-auch auf Auktionen von Lagern, die nicht seinen
-Mitgliedern gehörten. Die Waren wurden von der Kassa gekauft
-und dann im Kreise der Mitgliedschaft weiter versteigert.
-Nutzen und Schaden trug die gemeinsame Kassa. Der Chabrus
-verlor seine feste Struktur, er teilte sich nach den Branchen in
-verschiedene Teile und büßte schließlich ganz den Charakter
-einer einheitlichen Organisation ein. Heutzutage wird gewöhnlich
-<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a>
-nur ad hoc im Lizitationslokale ein Chabrus gegründet und nur
-bei den Pretiosenversteigerungen im k. k. Leihamte sind die
-beiden Konkurrenz-Chabruse des Herrn Franz und des Herrn
-Široky der ruhende Pol in der Erscheinungen Flucht.
-</p>
-
-<p>
-In der gerichtlichen Feilbietungshalle sind auch die räumlichen
-Verhältnisse schlecht. Der Lizitationsleiter steht nicht in
-der Mitte der Längsseite, sondern der Breitseite des Saales.
-Also können sich nur wenig Leute herandrängen, und die
-Mehrzahl sieht von der lizitierten Ware nichts, trotzdem der
-Saal leicht ansteigend gebaut ist. Nur durch das Gäßchen, das
-von Barrieren eingesäumt wird, und deren Eingang ein Wachmann
-streng bewacht, kann man hie und da einen Blick nach
-den Schätzen auf dem Auktionstische werfen.
-</p>
-
-<p>
-Die Halle ist niedrig und der Geruch von Karbol und
-anderen Substanzen, mit denen die gepfändeten Gegenstände
-desinfiziert worden sind, erfüllt die Luft.
-</p>
-
-<p>
-Da ist die Auktionshalle im staatlichen Versatzamte in der
-Leihamtsgasse viel moderner und eleganter. Ein glasgedeckter
-Lichthof von kolossaler Breite. Also kann sich alles in die
-Nähe des Lizitationsleiters drängen, alles kann die zu versteigernden
-Sachen aus nächster Nähe betrachten, alles kann sich mit
-absichtlich gewählten oder zufälligen Nachbarn über die Umwertung
-aller Werte, die hier feilgeboten werden, unterhalten,
-alles kann mitsteigern, mitstreiten, mitschreien ...
-</p>
-
-<p>
-Der Schätzer wirft ein Paket auf den Tisch und der Ausrufer
-schreit tschechisch in den Saal:
-</p>
-
-<p>
-„Ein Havelock, vier Messer und eine Decke: 13 Kronen.“
-</p>
-
-<p>
-„Zehn,“ ruft jemand aus dem Publikum.
-</p>
-
-<p>
-„13 Kronen 10 Heller,“ registriert der Ausrufer, aber die
-Rufe „zehn“, „zehn“ überhasten einander, so daß er den
-Stand der Anbote nicht laut konstatieren kann. Und trotzdem
-die affischierte Lizitationsordnung vorschreibt, daß er jedes Anbot
-in beiden Landessprachen wiederholen soll, hat ihn wohl
-noch nie jemand ein deutsches Wort sprechen gehört.
-</p>
-
-<p>
-„Zehn, zehn,“ tönt es von rechts nach links.
-</p>
-
-<p>
-„Ich nehme ...“ ruft ein hier Einheimischer dazwischen.
-Die Worte „ich nehme“ sind ein von der Lizitationsleitung
-anerkanntes Synonym für das Wörtchen „zehn“.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a>
-Eine Frau hat es besonders auf dieses Paket abgesehen.
-Mit rasant wachsender Schnelligkeit kreischt sie die Rufe „deset“,
-„deset“ (zehn) dem Lizitationsleiter zu, niemand lizitiert mehr
-mit, und sie steigert sich fortwährend selbst. Nur die Endsilbe
-„..set“ ist hörbar.
-</p>
-
-<p>
-„Wieviel set (Hunderte) wollen Sie denn bezahlen?“ ruft
-ein Witzbold dazwischen. Lachen. Da hält die Frau inne.
-Sie erwacht aus ihrem Paroxysmus und merkt, daß sie zu
-teuer gekauft hat oder wenigstens mehr bezahlen muß, als sie
-anfangs wollte. Bei ähnlichen Gefühlen ertappt man sich vielleicht
-im Kasino von Monte Carlo.
-</p>
-
-<p>
-Der Ausrufer erklärt: „Achtzehn Kronen und zwanzig
-Heller zum ersten, zum zweiten und dritten Male“. Der
-Lizitationsleiter drückt auf die Glocke. Der Diener legt das
-Paket mit Havelock, Messern und Decke auf den Pult, vor die
-Frau, die es gekauft. Der Kassier füllt einen Zettel mit dem
-erzielten Betrag und das Pare des Lizitationsprotokolls aus.
-Der Schätzer reicht ihn der Frau. Diese bezahlt das Geld.
-Dann keift sie:
-</p>
-
-<p>
-„Wo ist die Ware?“
-</p>
-
-<p>
-„Hier liegt sie doch!“ antwortet der Schätzer. „Nehmen
-Sie Ihren Zwicker ab, dann werden Sie sehen.“
-</p>
-
-<p>
-Die Frau hat natürlich keinen Zwicker, und die Leute
-lachen. Stimmung: Lustig. Sie flaut nicht einmal dann ab,
-als ein brauner Flanellstoff zur Versteigerung ausgerufen wird,
-der von schäbiger Farbe ist:
-</p>
-
-<p>
-„Den trägt man in Pankratz,“ lacht einer vom Auditorium,
-„nicht wahr, Karl?“
-</p>
-
-<p>
-Karl bleibt die Antwort nicht schuldig: „Ganz richtig.
-Du kannst ihn ruhig kaufen.“
-</p>
-
-<p>
-Das nächste Stück, das der Ausrufer in die Höhe hebt,
-erweckt scheues, ehrfurchtsvolles Murmeln. Ein Beamtenmantel
-ist es, mit bordeauxroten Passepoils. Selbst der Schätzer muß
-Hochachtung vor diesem Sinnbild der Staatsgewalt empfunden
-haben, als es versetzt wurde. Er hat nicht weniger als achtundzwanzig
-Kronen darauf geliehen, denn 28 K 40 h
-(geliehenes Kapital + Interessen + Lizitationskosten) sind heute
-der Ausrufspreis.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a>
-„Das ist ein Mantel von der Polizei,“ flüstert jemand
-einem andern zu.
-</p>
-
-<p>
-Aber der andere weiß es besser, denn er steht sozusagen
-bei sich selbst als agent provocateur in Diensten. Bei den
-Bummelkrawallen hat er Polizisten gegen Exzedenten und
-Exzedenten gegen Deutsche gehetzt, und stand einmal als Angeklagter,
-einmal als Kläger vor der Barre des Strafgerichtes.
-Er ist Nationalsozialist und Sozialdemokrat, Stammgast der
-Meetings und im Schwurgerichtssaal und niemals fehlt er bei
-Auktionen. Er schreit mit, wenn sich zwei Personen darüber
-streiten, wer von ihnen das Meistangebot getan hat, wem von
-ihnen das abschließende Glockenzeichen galt. Er schreit empört,
-wenn sich jemand in das Gäßchen stellt, das den Zugang zum
-Auktionsleiter bildet und freizubleiben hat. Er schreit und hetzt
-— aber sonst beteiligt er sich an den Geschäften nicht. Er
-braucht nur den Nervenkitzel. Doch kehren wir zu dem Gespräch
-zurück:
-</p>
-
-<p>
-„Der Mantel muß nicht von der Polizei sein,“ sagt der
-Amateur-Lockspitzel, „der kann auch einem Statthaltereibeamten
-gehören.“
-</p>
-
-<p>
-Der andere, ein kleiner tschechischer Trödler aus der
-Fabriksvorstadt will das nicht glauben. „Alle Polizeibeamte
-haben doch solche dunkelrote Aufschläge! Und zwei Behörden
-können doch nicht gleiche Farben haben. Und es ist ein sehr
-feiner Mantel, der ist sicher von der Polizei!“
-</p>
-
-<p>
-„Sie, Gescheiter!“, lacht der Fachmann. „Die Statthalterei
-ist doch mehr wie die Polizei, das ist doch die höhere Instanz.“
-</p>
-
-<p>
-Aber der kleine Trödler murrt nur ungläubig und unwillig:
-„Jo, jo, sagen sie vielleicht auch noch, daß die Verzehrungssteuer
-mehr ist als die Polizei!“ Dann dreht er sich um.
-Für ihn ist eben die Polizei das höchste auf Erden. Nichts
-kann diesen frommen Glauben erschüttern, nicht die Erklärung
-des Fachmannes, und nicht einmal die Tatsache, daß der
-Mantel eines Polizeibeamten in der Leihanstalt versetzt wurde
-und verfiel.
-</p>
-
-<p>
-Rings um die Lizitationskommission führt ein langes Pult,
-an dem die Kauflustigsten stehen. Sie sind entweder schon so
-früh gekommen, daß sie einen Platz an der Brüstung erhaschten,
-oder haben sie sich durch Energie und Beharrlichkeit vorgedrängt.
-<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a>
-Auf diesen Pult breitet der Schätzer die Schätze. Fachmännisch
-wird alles untersucht und gegen das Licht gehalten, damit man
-das Vorhandensein von Motten konstatieren könne. Links vor
-der Quality street, die zum Auktionsleiter führt und die ein
-Polizist bewacht, stehen zwei Chabrusgruppen. Jedes Pfandobjekt,
-das ihnen vorgelegt wird, wird durchberaten, und die
-beiden Chabrusmacher (an dem hinters Ohr gesteckten Bleistift
-und dem aufgeschlagenen Notizbuche sind sie kenntlich) vermerken
-zunächst in ihrer Gruppe die Kauflustigen und erkunden,
-bis zu welchem Betrage Kauflust vorherrschen würde.
-Dann unterhandeln die beiden feindlichen Chabrusgenerale, und
-erzielen nach langem Feilschen die Vereinbarung, daß bei
-diesem Pfandobjekt nur die eine Chabrusgruppe, bei dem
-nächsten nur die andere mitlizitieren wird. Wenn das Objekt
-erstanden ist, dann wird — mitten im Saal — innerhalb der
-Chabrusgruppe leise weiterlizitiert. Bei dieser Privatversteigerung
-sind bloß 5 Heller das geringste Mehranbot. Von dem Betrag,
-um der bei dieser leisen Auktion mehr erzielt wird, als bei
-der offiziellen, fallen zehn Prozent der Kassa zu, und der
-ganze Nutzen bleibt innerhalb des Kreises.
-</p>
-
-<p>
-Auch rückwärts im Saal gibt es verzeichnenswerte
-Gruppen. Ein armseliger Kleiderhändler in Břewnow hat eben
-einen Riesenballen aus dem Kommissionsraum geholt und
-breitet dessen Inhalt neugierig, ja fieberhaft gespannt, auf
-einen Sessel. Zahlreiche Gaffer begutachten gleichfalls die
-farblosen, formlosen Damenkostüme, die der biedere Břewnower
-in zitternder Erregung einzeln aus dem Ballen nimmt und auf
-die Sessellehne legt. Ein feister Konfektionär — Pelzkragen und
-Goldzwicker zeichnen ihn aus — lächelt ironisch über den
-Schund. Dann tritt er auf den Besitzer zu:
-</p>
-
-<p>
-„Wieviel haben Sie dafür gegeben?“
-</p>
-
-<p>
-„41 Kronen 10,“ sagt der andere kleinlaut und forscht
-ängstlich in dem Gesichte des Fragestellers nach dessen Ansicht.
-„Es war ein Dutzend.“
-</p>
-
-<p>
-„Für ein Dutzend? Das ist wirklich sehr billig, halb umsonst.“
-Der mit dem Pelzkragen sagt das ganz ernst. Aber
-als sich der Břewnower Spekulant erleichtert nach den anderen
-Stücken des Ballens bückt, um die weiteren Schönheiten des
-eben erstandenen Lagers auszubreiten, zuckt über das Gesicht
-<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a>
-des behäbigen Fachmannes ein Lachen zu den Zuschauern hinüber.
-Die nehmen es verständnisvoll, mit Kichern auf. Der dicke
-Herr befühlt die Ware:
-</p>
-
-<p>
-„Höchst moderne Fasson. Sehr feiner Stoff,“ frozzelt er im
-Tone höchster Anerkennung, und das Publikum lacht. Lacht
-immer stärker.
-</p>
-
-<p>
-Links vom Eingang, dicht am Ofen steht eine Arbeitersfrau
-mit einem Säugling am Arm. Sie will in dem Lärm ihr
-Kind einwiegen. Zuhause kann es vor Frost nicht schlafen.
-Das Leihamt, das die ganze Habe der Frau verschlungen, muß
-ihr jetzt ein bißchen Wärme geben.
-</p>
-
-<div class="centerpic end">
-<img src="images/end.jpg" alt="" /></div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="part-26">
-<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a>
-Die Verhaftung
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">M</span><span class="postfirstchar">an</span> schreibt mir, ich möge wieder eine journalistische Erinnerung
-zum besten geben. Also gut.
-</p>
-
-<p>
-Die Geschichte, die davon handelt, wie es einst vier Polizisten
-gelang, mich durch ihr strategisches Talent zu verhaften,
-habe ich bislang aus zwei Gründen nicht erzählt:
-</p>
-
-<p>
-1. Es ist ein ungeschriebenes Gesetz, daß der Journalist
-nichts von den Geheimnissen seiner Technik ausplaudern soll.
-So soll, zum Exempel, kein Leser davon erfahren, daß die Nachrichten
-über Todesfälle besonderer Männer von der Zeitung
-meist mit großen Schwierigkeiten rechtzeitig in Erfahrung gebracht
-werden. Die meisten Portiers der Prager Palais, der
-Ämter und öffentlichen Institute sind von den Redaktionen nachdrücklich
-verständigt, eventuelle Todesfälle unverzüglich zu deren
-Kenntnis zu bringen, und wenn irgend eine besondere Persönlichkeit
-schwer krank ist, dann wird das Haus noch überdies
-bewacht, damit der Leser schon am nächsten Morgen die traurige
-Neuheit erfahre.
-</p>
-
-<p>
-2. Es wäre taktlos gewesen, einen Vorfall, der sich an eine
-solche Überwachung knüpft, zu berichten, so lange der damals
-Überwachte noch am Leben war.
-</p>
-
-<p>
-Aber jetzt kann ich die Geschichte erzählen. An ungeschriebene
-Gesetze halte ich mich ebensowenig, wie an geschriebene,
-und verrate daher ganz offen das Geheimnis des Todesnachrichten-Dienstes;
-und auf die Gefahr hin, daß manchen angesehenen
-Leser ein Gruseln überfällt, verrate ich hiemit, daß
-schon mancher Mann derart überwacht wurde, der glücklicherweise
-noch heute frisch und gesund in sein Amt spaziert.
-</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="noindent">
-Es ist schon etwelche Jahre her. Ich war erst vor kurzem
-zur Zeitung gekommen und zu meinen wichtigsten Obliegenheiten
-gehörte es, mich im Sicherheitsdepartement der Polizeidirektion
-danach zu erkundigen, ob nicht irgendwer irgendwo
-wegen irgendeiner ungesetzlichen Tat in Haft genommen worden
-<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a>
-sei. Da erfuhr ich denn von Bierröhrendiebstählen, Heiratsschwindeleien
-und Betrugsaffären und wenn jemand jemanden
-ermordet hatte, dann war’s ein schönes Leben, denn da hatte
-ich viel zu schreiben. So ging ich zweimal täglich in das
-Sicherheitsbureau, vor dem immer ein Polizist Wache steht. Die
-Wachleute kannten mich daher und viele wußten auch bald, aus
-welchen Gründen ich die gefürchteten Räume der Kriminalpolizei
-betrete. Aber die Polizisten, welche schon nach kurzer Zeit von
-der Altstädter Wachstube auf andere Kommissariate versetzt
-wurden, wußten das nicht.
-</p>
-
-<p>
-Um jene Zeit war Direktor Angelo Neumann, kurz nach
-seiner Operation bei Prof. Israel in Berlin, in Prag schwer erkrankt.
-Der damalige Theatersekretär, der vor einigen Jahren in Wien
-verstorbene Karl Rosenheim, hatte meinem unmittelbaren Vorgesetzten,
-dem gleichfalls seither dahingeschiedenen Redakteur
-Hermann Katz mitgeteilt, daß es schlecht um Angelo Neumann
-stehe. So erhielt ich denn den Auftrag noch in der Nacht, unmittelbar
-vor Redaktionsschluß nach Angelo Neumanns Wohnhaus
-zu sehen.
-</p>
-
-<p>
-Um vier Uhr nachts ging ich hin. Innerhalb der Parterrefenster
-im Eckhause der Bredauergasse und des Stadtparkes,
-wo Angelo Neumann seine Wohnung innehatte, war es dunkel —
-es war also nichts Absonderliches geschehen. Ich wandte mich,
-den Weg zurückzukehren, den ich gekommen war. Da hörte
-ich hinter mir schwere, eilende Schritte. Ich schaute mich um:
-Es waren zwei Polizisten, denen der nächtliche Passant, der in
-der menschenleeren Gegend unmittelbar vor ihnen umgekehrt
-war, sehr verdächtig schien. Anfangs machten sie Miene, mir
-nachzueilen, aber sie erkannten bald, daß ich ihnen leicht entwischen
-könnte und änderten daher ihre Taktik. Der eine
-Polizist begab sich auf das linke, der andere auf das rechte
-Trottoir und nun nahmen sie, auf gleicher Höhe eilend, die
-Verfolgung auf. Ich beschleunigte meinen Gang, da ich kalkulierte:
-Wenn ich verhaftet werde, so kann ich morgen auf
-Grund des Polizeirapportes wunderbar nachweisen, daß ich
-wirklich um vier Uhr nachts meinen Auftrag vollführt habe. So
-eilte das nächtliche Dreieck vorwärts: Ich in der Mitte der Fahrbahn
-voran, rechts hinter mir ein uniformierter Verfolger, links
-von mir ein zweiter.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a>
-Die Distanz verringerte sich nicht. Die Wachleute strengten
-sich nicht mehr an als ich und riefen mir kein Halt zu. Sie
-schienen einen Plan zu haben. Nur dort, wo von der Bredauergasse
-die Olivagasse abzweigt, vergrößerte der rechte Mann
-seine Eile, damit ich ihm nicht durch die Seitengasse entwische.
-Aber ich ging den geraden Weg. Und bald verstand ich den
-Plan: Knapp vor der Einmündung in die Heinrichsgasse ließen
-meine Verfolger ihre Polizeipfeife ertönen. Und aus dem Dunkel
-der Nacht tauchte jetzt auch vor mir ein Doppelposten auf. (Es
-war jener Posten, der bei Nacht vor dem Hauptpostgebäude zu
-stehen hat und bloß einmal nicht dort stand: Als Wasinski an
-dieser Stelle seinen Mord verübte.) Ich war umzingelt und
-konnte nicht mehr entwischen. Wie triumphierend ertönte hinter
-mir der tschechische Ruf: „Halt“.
-</p>
-
-<p>
-Ich blieb stehen und die Polizisten näherten sich mir.
-„Was haben Sie hier gemacht?“ fragte der eine.
-</p>
-
-<p>
-„Ich bin spazieren gegangen,“ versetzte ich so kleinlaut,
-als ich konnte. Die Wahrheit war ja Redaktionsgeheimnis und
-kümmerte die Wachleute nichts.
-</p>
-
-<p>
-„Schau, schau! Spazieren sind Sie gegangen,“ wunderte
-sich einer der Polizisten. „Um vier Uhr nachts geht man
-spazieren?“
-</p>
-
-<p>
-„Ja, ich komme aus der Arbeit und da bin ich noch
-etwas frische Luft schöpfen gegangen,“ entschuldigte ich mich
-weitschweifig.
-</p>
-
-<p>
-„Was sind Sie denn?“ fragte man mich weiter.
-</p>
-
-<p>
-„Ich bin bei der Firma Haase angestellt,“ antwortete ich
-wahrheitsgemäß, wenn auch nicht prägnant.
-</p>
-
-<p>
-Der Fragesteller lachte siegreich auf: „Wie können Sie also
-jetzt aus der Arbeit kommen! Bei Haase wird doch nachts nicht
-gearbeitet!“
-</p>
-
-<p>
-Schon wollte ich etwas entgegnen, als zwei Augen des
-Gesetzes, die mich bisher scharf angesehen hatten, noch
-näher an mich heranrückten. „Sie,“ so begann ihr Inhaber,
-„Sie, mir scheint, wir kennen einander schon.“ Und ohne
-meine Antwort, daß ich nicht die Ehre habe, abzuwarten,
-fuhr er fort: „Waren Sie noch nie im Sicherheitsdepartement?“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a>
-„O ja,“ sagte ich, „ich war schon oft im Vierer.“
-</p>
-
-<p>
-Das Wort „Vierer“ hatte eine tiefe Wirkung, denn nur
-den Eingeweihten, hauptsächlich den Polizisten und den Verbrechern
-ist dieser Ausdruck für das Sicherheitsbureau (das
-vierte Departement der Polizei) geläufig. Der eine Polizist
-steckte eine Miene des Jubels auf, der zweite nickte langsam
-mit dem Kopfe und der dritte verlieh geistesgegenwärtig der
-allgemeinen Verblüffung beredten Ausdruck. Er führte aus:
-</p>
-
-<p>
-„Ei, ei.“
-</p>
-
-<p>
-Der vierte aber, der Besitzer jenes Augenpaares, das mich
-erkannt und entlarvt hatte, wollte nunmehr auch beweisen,
-daß meine Agnoszierung keine zufällige und seine Personalkenntnis
-des Sicherheitsbureaus wirklich eine tiefgründige sei:
-</p>
-
-<p>
-„Da kennen Sie wohl den Herrn Olič?“
-</p>
-
-<p>
-„Freilich kenne ich den Herrn Regierungsrat,“ war meine
-Antwort. (Olič, der vor drei Jahren als Hofrat in Pension
-ging, war damals Departementschef.) Das Frage- und Antwortspiel
-ging weiter:
-</p>
-
-<p>
-„Und Herrn Protiwenski?“
-</p>
-
-<p>
-„Ja, den Herrn Oberkommissär kenne ich auch. Und den
-Herrn Oberkommissär Lichtenstern und die Herren Kommissäre
-Knotek, Drašner, Vanásek und Kubiček kenne ich ebenfalls.“
-</p>
-
-<p>
-Ich glaubte mit dieser summarischen Aufzählung aller damaligen
-Sicherheitsbeamten weiteren Fragen meines Peinigers
-die Spitze abgebrochen zu haben, aber dieser war gründlicher
-als ich glaubte. Er setzte das Verhör fort:
-</p>
-
-<p>
-„Kennen Sie vielleicht den Herrn Wejřik?“
-</p>
-
-<p>
-„Jawohl, auch den Herrn Arresthausverwalter kenne ich.
-Sehr gut sogar.“
-</p>
-
-<p>
-„Das glaub’ ich,“ erscholl es jetzt — mein Schicksal schien
-besiegelt. „Kommen Sie,“ sagte der eine Polizist zu mir und
-wandte sich nach der Richtung, in der das Kommissariat Heuwagsplatz
-liegt.
-</p>
-
-<p>
-Aber um unsere Gruppe hatte sich, trotz der späten Nachtstunde,
-eine ganz beträchtliche Menschenansammlung gebildet.
-Es waren größtenteils die Stammgäste des alten Einkehrhauses
-„u Rajtknechtu“, das an der Stelle des heutigen Palace-Hotels
-stand. Die allnächtliche Blütezeit dieses Gasthauses begann erst
-um zwei Uhr nachts, wenn die Setzer der nahen Zeitungsunternehmungen
-<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a>
-mit ihrer Arbeit zu Ende waren und das offizielle
-Eingangstor der Schenke gesperrt werden mußte. Diese
-Stammgäste hatten nun davon gehört, daß draußen vier Polizisten
-mit der Festnahme eines Verbrechers beschäftigt seien,
-waren hinausgeeilt und hatten mit wachsendem Staunen meiner
-Einvernahme gelauscht. Als ich aber abgeführt werden sollte,
-traten zwei Setzer, die mich kannten, den Polizisten in
-den Weg:
-</p>
-
-<p>
-„Herr Redakteur, sollen wir Sie vielleicht legitimieren?“
-</p>
-
-<p>
-Aber das war nicht mehr nötig. Die Anrede machte
-die Polizisten stutzig und langsam dämmerte ihnen der Zusammenhang
-zwischen den Begriffen Nachtarbeit, Haase und Polizeikenntnis
-auf. Und gleichzeitig fiel ihnen ein, daß ich sie als
-Bekannter der ihnen vorgesetzten Polizeibeamten vor diesen
-schön blamieren könnte, wenn ich die Geschichte erzählte. Einer
-der Wachleute starrte mich wütend an, kehrte mir dann verächtlich
-den Rücken und ging von dannen. Ein zweiter aber
-verduftete blick- und wortlos. Der dritte salutierte mit kleinlautender,
-entschuldigender Miene. Der vierte aber brummte
-im schönsten Prager Deutsch:
-</p>
-
-<p>
-„Da haben wir uns gegeben.“
-</p>
-
-<div class="centerpic end">
-<img src="images/end.jpg" alt="" /></div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="part-27">
-<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a>
-Drehorgelspieler
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">F</span><span class="postfirstchar">ür</span> jene Leser, welche den Titel dieses Feuilletons nicht verstehen
-sollten, sei gleich vorweg bemerkt, daß „Drehorgel“
-auf Pragerisch „Flaschinett“ heißt. Für jene <a id="corr-41"></a>Leser aber, die deshalb die
-Frage stellen würden, warum ich also nicht den allgemein verständlichen
-Ausdruck als Titel gewählt habe, sei gleich vorweg
-bemerkt, daß sich Fremdwörter immer sehr vornehm ausnehmen.
-Außerdem würde man eine Beschreibung des in Rede stehenden
-Instruments im Lexikonbande 6 („Erdeessen bis Franzèn“) weder
-unter dem Schlagworte „Flaschinett“ noch unter „Folterwerkzeuge“
-vorfinden. Man muß vielmehr den Band 5 („Differenzgeschäfte
-bis Erde“) hernehmen und in diesem nicht die
-Rubriken „Duldsamkeit“ oder „Darlehenschwindel“ nachschlagen,
-sondern das Kennwort „Drehorgel“ suchen. Gleich nach „Drehkrankheit“
-kommt es.
-</p>
-
-<p>
-Das Wort „Flaschinett“ findet sich aber auch unter
-Chiffre „Drehorgel“ weder im Brockhaus noch im Meyer.
-Diesen Ausdruck muß man wieder im Bande 6 sub „Flageolett“
-nachsuchen, wo mitgeteilt wird, daß das Flageolett oder Flaschenett
-— man beachte die falsche Orthographie der Herren Brockhaus
-und Meyer — ein kleines Blasinstrument, der letzte Sprosse
-der Familie der Schnabelflöten ist, und nur in Frankreich und
-Belgien noch in Gebrauch steht. Nun wird mich jener am
-Anfang dieses Feuilletons hinreichend charakterisierte Leser wieder
-mit der Frage belästigen, wo da die Logik sei, wenn man in
-Prag ein Musikwerk mit dem Namen einer im Aussterben
-begriffenen Seitenlinie der Schnabelflöten bezeichnet. Kruzeihimmelfix,
-wozu braucht man denn bei einem Flaschinett eine
-Logik! Dem Fragesteller aber wünsche ich, daß ihm während
-seines heutigen Nachmittagsschläfchens ein Drehorgelspieler solange
-ein Ständchen bringt, bis beide Plagegeister auf alle
-weiteren Chikanen Verzicht leisten.
-</p>
-
-<p>
-In Prag ist die Ansicht verbreitet, daß es ungefähr zwei-
-bis dreitausend Drehorgelspieler gebe. Dem ist aber nicht so.
-Erwähnter Irrtum dürfte darauf zurückzuführen sein, daß gewöhnlich
-<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a>
-zwei Drehorgelspieler gleichzeitig in derselben Gasse
-konzertieren, was eine Art zweihändigen Vierhändigspielens
-darstellt und die harmonischen Wirkungen dieses Instrumentes
-erheblich erhöht. Besonders prächtig sind diese musikalischen
-Effekte, wenn aus einem Leierkasten die Töne des „Donna è
-mobile“ entquellen, während aus dem anderen beharrlich das
-klassische Lied „O Emane“ — Heimatkunst! — hervorgekurbelt
-wird. Dieses multiplizierte Auftreten von Drehorgelspielern in
-derselben Gasse ist aber kein Beweis von deren großer Zahl,
-sondern es ist nur ein ehrendes Dokument für das Vertrauen,
-das die Hofmusiker in die Freigebigkeit der Bewohner dieser
-Gasse setzen.
-</p>
-
-<p>
-Im Bureau III. a. der Prager Polizeidirektion, dem Departement
-für öffentliche Belustigungen, welches ein sehr richtiger Wortwitz
-als „Departement für öffentliche Belästigungen“ bezeichnet, erfährt
-man zum atemlosen Staunen, daß es in Prag nur zweiundzwanzig
-Drehorgelspieler gibt. Wenn man naiv ist, gibt man
-sich mit dieser Erklärung zufrieden, und geht nach Hause, in
-der Meinung eine zufriedenstellende Auskunft erhalten zu
-haben, da ja diesem Departement für öffentliche Belustigungen
-natürlich auch die Konzessionserteilung und die Handhabung
-der Vorschriften für Drehorgelspieler untersteht. Wenn man
-aber nicht naiv ist, so begibt man sich in ein Departement, das
-mit der Konzessionserteilung an Leierkastenmänner nichts zu tun
-hat, das Departement, dem die Wahrung der öffentlichen
-Sicherheit und daher auch das Drehorgelspielen untersteht.
-Allerdings nur insoweit, als es unbefugt ausgeübt wird. Da
-erfährt man ganz andere Ziffern: Die Zahl der nichtkonzessionierten
-Werkelmänner ist etwa dreimal so groß, wie die behördlich
-autorisierten.
-</p>
-
-<p>
-Und was für Exemplare sind darunter. Da sind zum
-Beispiel zwei Brüder, welche ich hier Chwatal nennen will.
-Ihre Aktenfaszikel sind so groß, daß zwei Zivilwachleute ausgesandt
-werden müssen, um sie aus der Registratur zu holen.
-Der eine der Brüder hat allein vierhundertdreißig Akten. Aus
-denen kann man die ganze Biographie Wenzel Chwatals herauslesen.
-Als Kind hatte er einen sehr ernsten Beruf. Er sang
-an jedem sechsten Jännertage, mit einer papiernen Goldkrone
-angetan, vor den Wohnungstüren das Lied von den heiligen
-<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a>
-drei Königen. Den Rest des Jahres scheint er sich über die
-Freigebigkeit der Wohnungsinhaber orientiert zu haben, um
-sich dann als König nicht ein Refus zu holen. Bei diesen Orientierungsgängen
-ist er, wie Wenzel Chwatals Akten künden,
-wiederholt verhaftet worden und residierte dann für kurze
-Zeit im Polizeiarrest. Als unser Wenzel herangewachsen war,
-entsagte er seinem königlichen Berufe, aber der Musik blieb er
-treu. Er gründete mit einem gleichgesinnten Manne, dem das
-Schicksal keine Füße beschert hatte, ein Kompaniegeschäft. Sie
-liehen sich einen Leierkasten aus, den Chwatal auf seinem
-rüstigen Leibe trug und dem er durch liebevolles Drehen der
-Kurbel die herrlichsten Weisen entlockte, die im Busen eines
-Flaschinetts schlummern. Der fußlose Kompagnon ging einsammeln.
-Später verdroß es den unternehmungslustigen Chwatal,
-das sauer verdiente Spielhonorar zu teilen, er engagierte ein
-billiges Bürschchen und besorgte das Inkasso selbst. Das Geschäft
-florierte, und Wenzel Chwatal, dessen einziger Schmuck
-bislang eine sorgsam gepflegte Stirnlocke gewesen war, konnte
-sich eine Samtjacke kaufen. So, jetzt war er ein Künstler.
-Aber die Wachleute haben eben kein Verständnis für wahre
-Kunst. Die Banausen schreckten selbst vor der schönen Samtjacke
-nicht zurück und fragten, durch die magischen Klänge herangelockt,
-den Spieler, ob er eine Konzession habe. Das war
-eine herzlich alberne Frage, denn die Bewilligung zum Spielen
-wird nur alten, vollkommen erwerbsunfähigen Leuten erteilt.
-Und Chwatal war doch ein fescher Kerl, nicht? So verneinte
-er des Wachmanns Frage, und folgte diesem zur Polizei. Dort
-wurde nach seiner Einlieferung eine „Anhaltungs- und Verhaftungsanzeige“
-ausgefüllt, die fast jedesmal gleiche Worte
-trägt: „Wenzel Chwatal, geboren in Prag am 7. November 1872,
-wurde wegen unbefugten Drehorgelspielens angehalten und
-dem Polizeikommissariate eingeliefert. — Corpus delicti: Eine
-Drehorgel. — Eigene Effekten: Lederner Schutzriemen, Leibriemen,
-Spiegel, Kamm, Anhängetasche, drei Zigaretten und 64
-Heller Bargeld.“ Dann wurde Chwatal abgestraft und diese
-Strafe auf einem zweiten Akt, dem sogenannten „Strafregisterblatt“
-gebucht, auf den stereotyp geschrieben wurde: „Wenzel Chwatal
-wird der Übertretung des Erlasses der k. k. Statthalterei für das
-Königreich Böhmen vom 21. Juni 1889 schuldig erkannt und
-<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a>
-wird nach der kaiserlichen Verordnung vom 20. April 1854,
-Z. 96 RGBl., zu einer Haft von 24 Stunden verurteilt.
-Gegen diese Erkenntnis kann bei der Statthalterei oder der
-k. k. Polizeidirektion binnen drei Tagen Berufung eingelegt
-werden.“ Aber dem Wenzel Chwatal fällt es gar nicht ein,
-Berufung einzulegen. Auch das breite Rubrum, in welchem
-für „die Rechtfertigung oder das Geständnis der Beschuldigten“
-weitester Platz gelassen wird, füllt Chwatal nur lakonisch aus:
-„Doznávám“ — „Ich bekenne mich schuldig.“ Auch Sokrates
-verschmähte die Verteidigung.
-</p>
-
-<p>
-So steht es in den meisten Akten, und nur wenige
-lauten anders. So z. B. die Beschwerde eines konzessionierten
-Harmonikaspielers, der sich durch Chwatals Konkurrenz geschädigt
-fühlte. In dieser Beschwerde wird ausgeführt, daß
-Chwatal bettle, aber gleichzeitig vier Liebschaften unterhalte
-und allen vier Damen Wohnung, Kleidung und Nahrung
-bezahle. Ob diese Erfordernisse für Chwatals Harem besonders
-große sind, steht nicht in der Beschwerde des empörten Harmonikaspielers,
-und es ist anzunehmen, daß der schöne Chwatal
-seine vier Verhältnisse eher unter Einnahmen als unter Ausgaben
-buchen könnte. Wie dem auch sei: Chwatal ist ein
-Lebemann. Das geht auch aus einer anderen Anzeige hervor:
-Eine Frau — um den Ruf der Dame zu schonen, sei sie hier
-mit dem Decknamen „Veronika Potvora“ bezeichnet — macht
-der Polizei davon Mitteilung, daß Wenzel Chwatal ihre Tochter
-Philomena Potvora entführt habe. Dieser Familienzwist scheint
-bald beigelegt worden zu sein, denn acht Tage später meldet
-eine Note des Kommissariates Prag-Josefstadt, daß der Drehorgelspieler
-und Vagant Wenzel Chwatal mit seiner Geliebten
-Philomene Potvora aus seiner bisherigen Wohnung ausgezogen
-und zu Frau Veronika Potvora, der Mutter seiner Geliebten,
-übersiedelt sei. Andere Akten berichten davon, daß Chwatal
-sich seiner Verhaftung widersetzt, bei seiner Arretierung gelacht
-habe. Und unter jedem Akte steht immer: „Doznávám — Ich
-gestehe.“ So übte er weiter sein Handwerk aus und da man
-ihm den Leierkasten nicht pfänden kann, weil dieser nicht sein
-Eigentum ist, so wird man wohl noch viele Scherereien mit
-ihm haben. Chwatal steht ja im schönsten Mannesalter. Einmal
-hat er um die Konzession zum Drehen der Leierkastenkurbel
-<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a>
-angesucht, aber er bekam sie nicht. „<em>Mir</em> ist es Wurscht,“
-meinte er überlegen.
-</p>
-
-<p>
-Die Konzessionen für das Drehorgelspiel sind schwer zu
-erlangen. Früher bekamen ausgediente, im Kriege blessierte
-Soldaten außer der Kriegsmedaille auch die Bewilligung, Werkelmänner
-zu werden. Aber seit dem letzten Kriege, den Österreich
-geführt hat, sind schon Jahrzehnte verstrichen und die alten
-Invaliden aus Kriegsläuften sind meist längst begraben. Ein
-wahres Glück, daß vor zwei Jahren die drohende Kriegsgefahr
-glücklich abgewendet worden ist. Die schrecklichste Folge des
-Krieges wäre wohl gewesen, daß neue Werkelmänner dekretiert
-worden wären!
-</p>
-
-<p>
-Die Blütezeit des Leierkastenspieles in Prag ist vorbei.
-Früher hat es in Prag noch Savoyardenknaben gegeben, welche
-mit ihren Miniatur-Drehorgeln, ihrer verschnürten Tracht und
-ihren gebräunten Gesichtern Aufsehen und Mitleid wachriefen.
-Früher durften die Werkelmänner ihr Instrument in der Mitte
-der Straße aufstellen, heute sind nur die Höfe der Häuser ihr
-Rayon und in den neuen Häusern gibt es gar keine Höfe.
-Früher durften die Drehorgelspieler von früh bis abend werkeln
-und kamen oft in die Geschäfte betteln, bevor diese noch einen
-Kreuzer verdient hatten; heute dürfen sie an Wochentagen nur
-von zwölf Uhr mittags an, an Sonntagen bloß von vier Uhr
-nachmittags an bis zum Einbruch der Dämmerung spielen.
-Immerhin scheint das Werkeln noch ein lukratives Geschäft zu
-sein, wie voriges Jahr die Geschichte des Raubmordes an dem
-Drehorgelspieler Janeček gelehrt hat, und wie die zahllosen
-Gesuche um Konzessionsbewilligung beweisen, die im Departement
-des Oberpolizeirates Peschka einlaufen. Ja, es kommen
-sogar Gesuche von begüterten Gemeinden, man möge diesem
-oder jenem ihrer Ortsarmen die Bewilligung zum Leierkastenspiel
-— in Prag gewähren.
-</p>
-
-<p>
-Aber die Statthalterei hat nun verboten, daß für Prag
-neue Konzessionen ausgestellt werden und auch die Bewilligungen
-für die zum Polizeirayon gehörenden Vorstädte werden jetzt
-nur in den seltensten Fällen erteilt. Und mögen es die Dienstmädchen,
-welche ihren letzten Kreuzer in den Hof hinunterwerfen,
-um das Lied von der „Unglückseligen Armut“ da capo
-<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a>
-zu hören, und mögen es die Vorstadtkinder, welche so gerne
-zu den verstümmelten Klängen des Walzers aus der „Lustigen
-Witwe“ umherhopsen, noch so bitter empfinden — die Drehorgel
-ist auf den Aussterbeetat gesetzt. Das Flaschinett wird verschwinden
-wie jenes Blasinstrument, dessen Namen es entlehnt
-hatte, es wird verschwinden, so wie es gelebt: Sang- und
-klanglos.
-</p>
-
-<div class="centerpic end">
-<img src="images/end.jpg" alt="" /></div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="part-28">
-<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a>
-Die Gifthütte
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">orthin,</span> in die Teile Prags, die sich südlich von der Krankenhausgasse
-und der Katharinagasse bis gegen Slup und
-Nusle hinunterziehen, kommen die Prager selten. Es ist eine
-Stadt der Kranken, die sich hier breitet. Die Institute der
-medizinischen Fakultät, Kranken- und Irrenhäuser halten mit
-ihren Gärten den ganzen Komplex besetzt. Nur dort, wo die
-Weinberggasse in die Apollinargasse mündet, scheint die Stadt
-der Kranken aufzuhören, scheint ein Dorf zu beginnen. Ein
-freier Platz, der nicht gepflastert ist, und auf dem große Kastanienbäume
-wachsen. In den Ecken des Platzes wuchert üppiges
-Gras. Ein steinerner Heiliger, der heilige Adalbert, blickt vom
-Piedestal seiner Säule friedlich auf die Kinder hinab, die zu
-seinen Füßen mit Kugeln spielen. Da kommt eine Schar von Mädchen,
-Hand in Hand, ohne Hut, mit weißen Schürzen des
-Weges. Wer nicht weiß, daß es Wärterinnen sind, müßte
-glauben, sorglose Dorfmädchen vor sich zu haben. Alte Männer
-sitzen vor den Häusern und schmauchen behaglich ihre Pfeife.
-Und die Häuser sind einstöckig.
-</p>
-
-<p>
-Das letzte Häuschen, das von der Adalbertssäule sichtbar
-ist, das Häuschen, das an das Dorfkirchlein grenzt, ist das Dorfwirtshaus,
-wie man aus der roten Aufschrift erkennt. Eigentlich
-sieht diese Hütte selbst für ein Dorfeinkehrhaus zu schäbig, zu
-verwahrlost aus. Aber was kann man auch für Ansprüche an
-das Gasthaus eines so gottverlassenen Dörfchens stellen?
-</p>
-
-<p>
-Mit der Illusion, in einem Dorf zu sein, ist es freilich aus,
-wenn man sich in den Wirtsgarten setzt, hart an die niedrige
-Grenzmauer, und in das Tal schaut, das sich unten in weitem
-Boden streckt. Nichts weniger als ein ländliches Idyll. Dort
-oben starren hinter den Pankratzer Feldern die trotzigen Mauern
-der Strafanstalt herüber, halbrechts recken sich zu den Felsenhöhen
-des Wyschehrad die riesigen Festungswälle mit den
-Kasematten hinauf, die Ferdinand von Saars schönster Novelle
-Schauplatz sind. Oben auf der Höhe des Wyschehrad die
-Basilika mit dem Kirchhof, auf dem die Tschechen alle die
-<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a>
-begraben, die sie für groß halten. Unten im Sluper Tal
-die großen Institute der Fakultäten, dann zwei Hotels, dann
-Zinskasernen, auf deren Hinterfronten mit riesigen Lettern
-Firmenreklamen stehen. Überall rauchen Fabriksschlote. Und
-um das Idyll vollends vergessen zu machen, wird der
-Blick durch ein markerschütterndes Geschrei in den angrenzenden
-Garten gelenkt, wo Wärterinnen eine Irre in eine Zwangsjacke
-zu pressen versuchen ...
-</p>
-
-<p>
-Es ist die Kehrseite Prags, die man hier vom Gasthausgarten
-sieht. Das Wirtshaus, das diesen Ausblick gewährt,
-heißt die „Gifthütte“. Wohl nicht deshalb, weil es das
-andere Prag zeigt. Auch wegen des Bieres führt es wohl
-seinen Namen nicht. Denn die Bezeichnung stammt schon von
-altersher und das Bier wurde hier durchaus nicht in Dosen
-vertilgt, wie sie bei Giftgenuß in Anwendung zu kommen pflegen.
-Vielleicht hieß es so, weil hier besonders die Mediziner verkehrten,
-die mit Giften hantierten. Ich weiß es nicht und auch
-die Chronik der Stadt Prag vermag über die Herkunft dieses
-Namens keinen Aufschluß zu geben. Die Chronik der Stadt
-Prag weiß über das Haus Numero Conscriptionis 446—II.
-überhaupt nichts zu sagen, obwohl es doch im Wechsel der
-Zeiten so Sonderbares erlebt und so mannigfache Gäste beherbergt
-hat, wie kaum ein zweites.
-</p>
-
-<p>
-In vergilbten Auflagen des Lahrer Kommersbuches findet
-sich auch ein Prager Studentenlied. Ein Doctor medicinae Keim
-hat es an einem Maiabend des Jahres 1853, also zu einer
-Zeit ersonnen, da Deutschlands Musensöhne zu Hunderten nach
-Prag zogen, wo auf der medizinischen Fakultät zum ersten
-Male die Kunst gelehrt wurde, die Lungenentzündung ohne
-Aderlaß zu behandeln. Die in diesem Liede ausgesprochene
-Sehnsucht
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">„Auf den Windberg, auf <a id="corr-43"></a>den steiligen,</p>
- <p class="verse">Möcht’ ich zu den Jungfrau’n eiligen ...“</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-hat noch in späteren Studentengenerationen wiedergeklungen
-und allabendlich „eiligten“ sie den steilen Windberg hinauf, um
-hier beim „Jodoform-Kränzchen“ nicht zu fehlen,
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">„Wo zum Tanz die hezká holka</p>
- <p class="verse">Nach dem Klang der munter’n Polka</p>
- <p class="verse">Den Primär am Bändchen führt.“</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a>
-Das mit dem „Primär“ stimmte. Fast alle Primärärzte
-der Irrenanstalt und die Assistenten der Kliniken tanzten hier
-unbekümmert um ihre ärztliche Würde bis längst die Sonne
-das Nusler Tal vergoldete. Und wenn ein Patient oder eine
-Patientin in einem der nahen medizinischen Institute der ärztlichen
-Hilfe dringend bedurfte, dann war sie rasch zur Hand.
-Brauchte man ja nur hinunter zum Gifthüttenball zu schicken.
-Von den Tänzern der Jodoformkränzchen sind heute viele Hofräte,
-zwei sogar wirken als Geheime Medizinalräte an Deutschlands
-hohen Schulen.
-</p>
-
-<p>
-Was den Ausdruck „hezká holka“ anbelangt, so ist er im
-allgemeinen als dichterischer Euphemismus aufzufassen. Die
-Damen rekrutierten sich aus drei Gesellschaftsschichten: I. Den
-dienstfreien Wärterinnen der medizinischen Institute; II. den
-Dienstmädchen der in den Instituten wohnenden Professoren der
-philosophischen und der medizinischen Fakultät und III. den
-Hörerinnen der Hebammenkurse, die alle vier Monate abwechselnd
-in deutscher und tschechischer Sprache im nahen Gebärhause
-abgehalten wurden. Die Ballgespräche waren medizinischen
-Geistes voll. Die Wärterinnen berichteten ihren Vorgesetzten
-und Tänzern über irgendein interessantes Symptom im Krankheitsverlauf
-eines Patienten der Klinik, und den Professorenköchinnen
-flüsterte manchmal in vorgerückter Stunde ein
-Tänzer die verschämte Bitte ins Ohr: „Fräulein, kochen Sie
-morgen dem Professor ein feines Essen. Ich mache nachmittags
-Examen.“
-</p>
-
-<p>
-Eine Spezialität der Jodoform-Kränzchen war die sechste
-Tour der Quadrille. Sie zog sich bis tief in den Garten
-hinaus ...
-</p>
-
-<p>
-Der Gründlichkeit halber sei auch erwähnt, daß außer
-den drei erwähnten Damengattungen auch einmal eine vierte
-am Gifthüttenball vertreten war. Das war so: Einige übermütige
-Mediziner hatten einem eben nach Prag gekommenen
-Ordinarius erzählt, daß sich allabendlich ein großer Teil der
-Medizinerschaft in einem nahen „Gifthütte“ benamsten Gasthause
-zum Tanze versammle. Es sei zwar eine ganz ungezwungene
-Gesellschaft, aber wenn der Herr Professor mit seinen
-Töchtern den Studenten die Ehre erweisen wolle ... Der
-Herr Professor erwies den Studenten wirklich die Ehre und
-<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a>
-kam am Abend mit seinen beiden Töchtern hin. Sprachlos
-blieb er in der Tür stehen. So ungezwungen hatte er sich die
-Sache doch nicht gedacht: die Herren in Hemdärmeln, die
-Damen in Schürzen und das Lokal, das einer Verbrecherkneipe
-viel ähnlicher sah als einem Ballsaal! Aber als die Herren
-Mediziner auf die beiden Professorentöchterlein zutraten und
-höflich um ein Tänzchen baten, machten sie und der Herr
-Papa gute Miene zum bösen Spiel und tanzten. Als später
-einmal eine der beiden Professorentöchter als Professorsgattin
-nach Prag kam, hat sie ihr Balldebüt in der „Gifthütte“ zum
-Besten gegeben und hinzugefügt, daß sie sich seither bei keinem
-Ball so gut unterhalten habe, wie damals bei diesem seltsamen
-„Medizinerkränzchen“. Wo sie doch die sechste Quadrilletour
-gar nicht getanzt hatte!
-</p>
-
-<p>
-Nicht so günstig wie das Professorentöchterlein hat über
-die Jodoform-Kränzchen der 70er Jahre der damalige Pfarrer
-von Sankt-Apollinar — diese Kirche ist nur durch die Kegelbahn
-vom „Gifthütten“-Garten getrennt — gedacht. Der Pfarrer
-richtete an den Regierungsrat Professor Weber von Ebenhof,
-den Bruder des damaligen Statthalters, eine Zuschrift, die eine
-Philippika gegen die Bälle war und in der Professor von Weber
-ersucht wurde, er möge den Hebammen den Ballbesuch verbieten.
-Aber Regierungsrat Weber, der selbst in der „Gifthütte“
-im Hörerkreis seinen täglichen Frühschoppen trank, legte den
-Ballbericht ad acta und erließ keinen Boykottbefehl.
-</p>
-
-<p>
-Die alten Mediziner wissen allerhand solcher Scherze zu
-erzählen. Von der Krönung der Gifthütten-Könige, von den
-Plakaten, die der König affichieren ließ, von Wurstfesten und
-von Kegelabenden, von medizinischen Dauersitzungen, die so lange
-währten, bis Frau Schuh nichts mehr ankreiden wollte und von
-dem Beduinenknaben, den der berühmte Afrikaforscher Dr.
-Glaser seinem in der „Gifthütte“ wohnenden Bruder zur Pflege
-übergeben hatte und der bald der Liebling der Apollinargasse
-war. Sie wissen auch davon zu erzählen, daß in der „Gifthütte“ in
-der Zeit, da die Universität noch ungeteilt war, tschechische
-Studenten mit deutschen Burschenschaftern und Corpsiers manches
-feuchte Quodlibet gelöffelt haben. Aber dann begann sich das
-Gift nationalen Hasses in die „Gifthütte“ zu verpflanzen, die
-deutschen Mediziner blieben aus und die tschechischen, die sich
-<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a>
-nun untereinander streiten mußten, bald auch. Dem Medizinerbeisel
-fehlten die Mediziner und bloß das Beisel war geblieben.
-Der Wirt veranstaltete Schrammelkonzerte, aber die lockten
-keine Katze in das Haus. Wiederholt kam das Gasthaus unter
-den Hammer und wechselte seinen Besitzer. Heute tanzen am
-Abend keine Professorentöchter mehr hier, sondern bloß die
-Dämchen, die auf der nahen Walstatt den schweren Nachtkampf
-ums Dasein führen müssen. In den neuen Kommersbüchern
-steht das Prager Lied nicht mehr. Die letzten deutschen
-Stammgäste scheinen die „schweren Jungens“ aus Berlin gewesen
-zu sein, die von hier aus den Plan zur Befreiung ihres in der
-Irrenanstalt befindlichen Komplizen ausführen wollten und in der
-„Gifthütte“ festgenommen wurden.
-</p>
-
-<div class="centerpic end">
-<img src="images/end.jpg" alt="" /></div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="part-29">
-<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a>
-Karl May in Prag
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">er</span> Prozeß hätte nicht kommen sollen. Zwar hat uns die
-moralische Verurteilung Karl Mays heute nicht mehr so arg
-getroffen, da wir ja jetzt seine Werke nicht mehr so heißhungrig
-verschlingen, aber unser Bedauern ist ein reflexives: Wir malen
-uns aus, wie uns zur Zeit, da wir noch in der Sekunda saßen,
-die Enthüllungen des Prozesses aus allen Himmeln gerissen
-hätten. Wie wären wir entsetzt gewesen, wenn wir damals aus
-den Gerichtssaalberichten ersehen hätten, daß er „Emmeh“
-schnöde verlassen habe, „Emmeh“, sein geliebtes Weib, dem er
-in den Wigwams der Apachen und in den Zelten der Hammadil-Beduinen
-treu gewesen war und von dessen Güte und Schönheit
-er den Mormonen und Mohammedanern mit imponierender
-Liebe erzählte. Wie wären wir mißtrauisch geworden, wenn
-wir erfahren hätten, daß der gute Idealist „Carpio“, mit dem
-sich unser Lieblingsautor in den Wäldern des Erzgebirges harmlos
-und dichtend herumgetrieben haben wollte, niemand anderer
-war, als ein fahnenflüchtiger Soldat und Einbrecher, mit dem
-zusammen Karl May räuberische Überfälle auf Marktweiber
-unternommen hatte.
-</p>
-
-<p>
-Nein, nein, der Prozeß hätte nicht kommen sollen. Aber
-besser ist es, daß er jetzt kam, als wenn er damals stattgefunden
-hätte. Nicht etwa deshalb, weil er uns eine Illusion, eine
-Leidenschaft unserer Jugendzeit geraubt hätte. Das hätten zehn
-solcher Gerichtsverhandlungen nicht vermocht. Niemals hätten
-wir ihn preisgegeben. Im Gegenteil! Im Bannkreis unserer
-Gymnasiasten-Romantik hätten wir es noch überwältigender
-gefunden, wenn der Autor der Abenteuer wirklich ein Abenteurer
-gewesen wäre. Wir hätten wahrscheinlich seine damaligen
-Kämpfe gegen Gesetz und Recht als vielversprechenden Beginn
-zur Karriere des Westmannes angesehen. Und wer weiß, ob
-nicht ein moralisch schwacher Phantast unter uns hingegangen
-wäre und ein gleiches getan hätte.
-</p>
-
-<p>
-Und was hätte es für Kämpfe mit unseren Eltern gekostet,
-wenn die aus den Zeitungen erfahren hätten, daß unser Autor
-<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a>
-ein Dieb, ein korrupter Mensch sei! Hatten sie ihn doch ohnedies
-mit scheelen Blicken angesehen und uns seine Werke weggesperrt,
-wenn aus der Lehrerkonferenz ein Tadelzettel unfrankiert
-nach Hause gesandt worden war. Sie hatten gar wohl
-gewußt, daß unser mangelnder Fortschritt in der Schule vor
-allem dem Umstande zuzuschreiben sei, daß wir Tag und Nacht
-mit unserem ganzen Sinnen und Trachten den Spuren Old
-Shatterhands folgten, daß wir in sehnenden Gedanken mit ihm
-vom wilden Westen Nordamerikas in den wilden Osten Südeuropas
-reisten. Auf der Strecke von Bagdad nach Stambul
-waren wir besser zu Hause, als in den Gebirgsketten der Alpen,
-deren Kenntnis der Geographieprofessor von uns verlangte. In
-den Cordilleren, in Ägypten, am Rio de la Plata, im Lande
-des Mahdi, im wilden Kurdistan, im Reiche des silbernen Löwen
-kannten wir uns unvergleichlich vortrefflicher aus, als in den
-im Reichsrate vertretenen Königreichen und Ländern. Die Biographien
-Sam Hawkens, Old Wabbles, Old Deaths, Old Surehands,
-Old Firehands, des „blau-roten Methusalem“, Hadschi
-Halef Omars Ben Hadschi Abbas Ibn, des „roten Gentleman“
-Winnetou, Ikwehtsi’pas, des Utah-Häuptlings Tusahga-Saritsch
-kannten wir viel detaillierter, als jene Schillers, Grillparzers,
-Lenaus. Mit der Naturgeschichte der Prairie und der Sahara
-waren wir vertrauter, als mit jener Pokornys, und die nur für
-den echten Araber aussprechbare und deshalb als nationales
-Erkennungszeichen angewandte „Sure des Todes“ konnten wir
-fließender auswendig hersagen, als die „im Kanon der für den
-Lehrplan der II. Mittelschulklasse vorgeschriebenen Gedichte“.
-</p>
-
-<p>
-Das war fürwahr kein Wunder. Denn während der
-Unterrichtsstunden hatten wir einen der Fehsenfeldschen May-Bände
-unter der Bank aufgeschlagen, die Zehn Uhr-Pause
-opferten wir der Fortsetzung der Lektüre und der Weg von der
-Schule nach Hause wurde im Schnellschritt zurückgelegt, weil man
-daheim in dem Buche weiterlesen konnte. Allerdings mußte
-man dieses mit den Deckeln des Putzkerschen Historischen Schulatlas
-maskieren, um bei den Eltern den beruhigenden Glauben
-zu erwecken, daß man über ein Lehrbuch gebeugt sei.
-</p>
-
-<p>
-Praktisch wurde natürlich Karl May noch gründlicher geübt.
-Das Belvedere-Plateau war damals noch nicht planiert und
-zur Seite der Straße war ein etwa 4 Meter tiefer, breiter
-<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a>
-Straßengraben, dessen Hänge von ausladenden Büschen bewachsen
-waren. So waren wir nach unten vor den Blicken der Spaziergänger
-geschützt und konnten ungestört unseren Kriegsrat abhalten,
-wobei wir aus irgend einer alten Tabakspfeife, die wir
-mit Gras stopften, das Calumet rauchten — die Friedenspfeife.
-Wir hatten jeder unseren Prärienamen, nur „Old Shatterhand“
-durfte keiner heißen: Das wäre Profanation, zu viel Ehre für
-den einen gewesen. Die Namen der übrigen „Scouts“ waren
-aber durchwegs vertreten, auch waren wir in Apachen und
-Commanchen eingeteilt. Da gab es heftige Kämpfe. Manchmal
-siegten auch die Commanchen. Das war eigentlich nicht ganz
-im Geiste unseres Autors, denn bei dem mußten immer seine
-Feinde unterliegen. Er war ja — so beschrieb er sich selbst —
-unbesiegbar, er allein hatte tausendmal Hunderte von Feinden
-im Schach gehalten. Daß er doch nicht auch mit seinem
-Prozeßgegner fertig zu werden vermochte!
-</p>
-
-<p>
-Im Oktober des Jahres 1898 war Karl May in Prag. Er
-führte gegen einen tschechischen Verleger einen Stritt, weil ihm
-das angebotene Zeilenhonorar für die tschechische Übersetzung
-seiner Bücher zu gering war. Schließlich kam ein Vergleich zustande.
-Wir verschlangen alles, was wir hierüber in der „Bohemia“
-finden konnten, mit wahrem Heißhunger. Denn, wenn es auch
-mit der kritiklosen Bewunderung längst vorbei war — das
-Interesse für den Autor unserer Jugend war noch nicht erstorben.
-Wir wollten diesen einmal von Angesicht zu Angesicht sehen.
-Wir ließen im Hotel de Saxe, in dem er logierte, nachfragen,
-ob wir mit ihm sprechen dürften. Er ließ uns vor und machte
-geheimnisvolle Andeutungen über ein entsetzliches Ende, das
-Hadschi Halef genommen hatte, über eine Goldgrube, die er im
-Llano Estacado entdeckt habe, aber deren Ausbeutung sehr
-gefahrdrohend sei. Und dergleichen. Mir als dem Sprecher der
-Schüler, hat er zum Andenken den dritten Band „Old Shurehands“
-geschenkt, in dem sich sein Bild mit der Silberbüchse,
-dem Trapperhut, den Ledermokasins und Henrys Revolver vorfindet.
-Auf die erste Seite schrieb er einen Spruch und setzte
-seinen Namen darunter. Der Spruch ist wirklich überaus schön.
-Er stammt von — Goethe.
-</p>
-
-<div class="centerpic end">
-<img src="images/end.jpg" alt="" /></div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="part-30">
-<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a>
-Polizeimuseum
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">V</span><span class="postfirstchar">erwittert,</span> zerfallen, von Balken gestützt, hat bis zum Vorjahr
-der Turm im Hofe des Polizeigebäudes auf die Gestalten
-herabgeschaut, die — ihm ähnlich — auf ihren Krücken allmittäglich
-aus dem Arresthause in den städtischen Schubwagen
-humpelten. Trotz der Stützbalken schien es, daß der greise Turm
-jeden Augenblick zusammenstürzen könne. Man wollte ihn daher
-demolieren, aber Rücksichten auf die Erhaltung dieses Denkmals
-historischer Zeiten, in denen noch ein Wall die innere Stadt umgab,
-haben die Ausführung dieser Absicht verwehrt. So mußte
-man den Turm renovieren und heute steht der alte Bau freundlich
-und wohnlich da.
-</p>
-
-<p>
-Hierher ist jetzt das von Oberkommissär Protivenski aus dem
-Nichts geschaffene Polizeimuseum übersiedelt. „Polizei-Museum.“
-Das klingt wie ein Oxymoron. Die Musen, die neun Beschützerinnen
-der schönen Künste, haben doch mit dem Handwerkszeug
-der Verbrechergilde nicht das Geringste zu schaffen! Wohl. Aber
-die Tätigkeit, die im Dienste der Kultur und Wissenschaft erfolgreich
-die Spuren der Verbrecher zu ermitteln strebt, ist eine Kunst
-wie bald keine zweite. Das kann man nirgends so gut erfahren,
-wie hier im Polizeimuseum, wo man atemlos darüber
-staunt, mit welch genialem Raffinement, mit welchem Aufgebot
-von manueller und geistiger Geschicklichkeit die Welt der Verbrecher
-jede neue Errungenschaft menschlichen Schaffens ihren
-eigenen Zwecken dienstbar macht.
-</p>
-
-<p>
-Vor dem Eingang merkt man noch nichts davon, welche
-Instrumente der Verbrecherwelt das Polizeimuseum birgt, denn
-über der Tür zum ersten Museumsraum sind Studentensäbel und
-Korbschläger in so dekorativer Weise angeordnet, daß man vermeinen
-würde, in eine Studentenbude zu treten, wenn man
-nicht wüßte, daß es sich um polizeilich konfiszierte Waffen
-handle. Immerhin eine freundliche Einführung für einen Raum,
-der vorwiegend der Tätigkeit der <em>Einbrecher</em> gewidmet ist.
-</p>
-
-<p>
-Hier ist Papacostas Handwerkzeug untergebracht — der
-langjährige Clou des Prager Polizeimuseums. Denn Papacosta und
-<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a>
-seine Komplizen Afendakis, Maceo Stein und Perikles Slalio
-waren die ersten internationalen Einbrecher, die mit „allem
-Komfort der Neuzeit ausgestattet“ Geldschränke knackten und nur
-in Prag wurde man ihres ganzen Instrumentariums habhaft. Allerdings
-durch den Racheakt eines benachteiligten Mitgliedes der
-Bande. Vom 6. April 1894 an, an welchem Tage sie sich durch
-einen Einbruch in das an das Polizeikommissariat Heuwagsplatz
-angrenzende Etablissement Franz Valenta ihre elektrischen Bedarfsartikel
-verschafften, hatten sie ein halbes Jahr lang in
-kurzen Intervallen große Einbruchdiebstähle in Prag unternommen,
-ohne daß man eine Spur der Täter entdeckt hätte. Am 17. Dezember
-1894 fand die Inhaberin des Bankgeschäftes Ig. S.
-Weiner, als sie am Morgen in das Geschäft kam, nicht nur zu
-ihrem Entsetzen Ladentüre und Kassen fast ganz aufgesprengt
-vor, sondern es waren auch unzählige Einbruchsgeräte auf dem
-Ladenpulte ausgebreitet: Die seither berühmte „Papacostasche
-Maulstange“, der große Zentralbohrer, die sinnreiche Blendlaterne,
-ein Ölfläschchen und etwa 40 Sperhaken — heute durchwegs
-Ausstellungsobjekte des Museums. Die Einbrecher hatten
-damals fluchtartig das Geschäft und auch am selben Tag Prag
-verlassen. Wie man einige Monate später vor Gericht erfuhr,
-hatte Stalio, der den Aufpasser vor der Ladentüre gemacht hatte,
-das Warnungssignal gegeben. Aus Rache, weil er sich bei der
-Verteilung der Beute übervorteilt glaubte.
-</p>
-
-<p>
-Heute sind die damals angestaunten Utensilien der Papacosta-Bande
-nicht mehr die Glanzstücke des Polizeimuseums. Diese
-bilden nunmehr die Instrumente einer anderen auswärtigen Verbrecherorganisation,
-die in Prag ein blutiges Andenken hinterlassen
-hat, nämlich der Bande Wasinskis. Mit Staunen sieht man
-z. B. die vier Meter lange Maulstange. Man hat sie bei dem
-pockennarbigen Riesen Adamski gefunden, der in der Weihnachtsnacht
-unmittelbar nach dem Morde festgenommen worden war. Wie
-Adamski das vier Meter lange Instrument bei sich verbergen
-konnte? Nun, der lange Hebel der aus Birmingham-Stahl gefertigten
-Stange ist zusammenlegbar und so fest ineinanderfügbar,
-daß drei Männer mit aller Gewalt sich dagegen zu stemmen
-vermögen, wenn die Eisenplatte der „einbruchssicheren“ Kassen
-entzweigeschnitten werden soll. Natürlich kann die Riesenschere
-erst dann eingesetzt werden, wenn die elektrische Handbohrmaschine
-<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a>
-„Progreß“, deren Spannung 35 Volt beträgt, ihre Wirkung
-getan hat.
-</p>
-
-<p>
-In allen Ehren kann neben den Internationalen aus
-Griechenland und Galizien auch ein heimischer Aussteller bestehen:
-Eduard Linhart, der an einem Wintersonntag des Jahres
-1908 den Kellerplafond der Karolinentaler Vorschußkasse durchbrach
-und den Fußboden zerschnitt. Für diesen mißglückten Einbruchsversuch
-hat Linhart nicht weniger als 8 Jahre hinter den
-schwedischen Gardinen von Pankratz zuzubringen — eine harte
-Strafe, die wohl vor allem darauf zurückzuführen ist, daß die
-corpora delicti allzudeutlich von der Gefährlichkeit des Inkulpaten
-sprachen: Ein Zentralbohrer mit Schraube ohne Ende, mit Kraftübertragung
-durch Kurbeldrehung und einem Mundloch, den die
-„Goodel Pratt-Company“ hergestellt hat, eine feine „Fuchsschwanz“-Säge,
-ein Riesenhammer und allerhand ähnliches.
-</p>
-
-<p>
-Durch elegante Form fällt das Reisenecessaire auf, in welchem
-die Kirchenräuber Kankovsky und Brünner ihre Einbruchswerkzeuge
-praktisch angeordnet hatten. Auch weniger bekannte
-Einbrecher haben dem Museum wertvolle Bereicherungen geliefert.
-Man sieht einen Gutaperchahandschuh, den ein Einbrecher angezogen
-hatte, um keine Fingerspuren zu hinterlassen und um an
-der elektrischen Leitung gefahrlos hantieren zu können. Man
-sieht Schlüssel mit auswechselbarem Bart, bei denen sogar jeder
-Bart auf zwei verschiedene Arten — normal und verkehrt —
-eingesteckt werden kann. Man sieht Schlüssel, deren Stiel aus
-lauter Schlüsselbärten besteht. Man sieht Hohlschlüssel für Patentschlösser.
-Man sieht abgesägte amerikanische Vorhängschlösser,
-sieht, wie Stecher-Schlösser einfach aus der Kassa herausgenommen
-werden, sieht Brustgriffe für Bohrinstrumente, sieht Pechpflaster
-mit den Resten der eingedrückten Fensterscheibe, an die
-sie angedrückt wurden, sieht Nagelstöcke zum Aufkratzen des
-Fensterkittes, sieht Strickleitern und stangenförmige hölzerne
-Kellerleitern mit Querleisten. Man sieht „Krähenaugen“, die
-Frucht von Paris quadrifolia, welche die Einbrecher den Wächterhunden
-vorwerfen, um diese zu vergiften. Auch eine photographische
-Darstellung des Einbruches, den die Kirchenräuber
-Wainar und Anton im Jahre 1904 in die Kapelle in Scharka
-unternahmen, ist hier ausgestellt, um zu zeigen, wie man damals
-mit Hilfe der Daktyloskopie bloß nach dem am Tatorte
-<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a>
-aufgefundenen Abdruck eines Handballens der Täter habhaft
-wurde.
-</p>
-
-<p>
-Die Requisiten, welche bei <em>Diebstählen</em> in Anwendung
-kommen, sind gleichfalls in diesem Raum vorhanden. Sehr elegant
-ist ein Spazierstock, dem man es gar nicht ansieht, daß
-er zu einer Länge von drei Meter auseinandergezogen werden
-kann. Ein praktisches Mittel zum Stehlen von Gegenständen,
-die noch so weit vom offenen Fenster entfernt liegen mögen.
-Diese Stöcke heißen im Rotwelsch „Disputierer“, weil in den
-Gefängnissen die Häftlinge auf Latten, die sie irgendwo im Hofe
-gestohlen haben, einander die „Kassiber“, die Verständigungsbriefe
-zustecken, also mittels eines ähnlichen Instrumentes „disputieren“.
-</p>
-
-<p>
-Das System, auf dem die Erfindung der „Betthaken“ beruht,
-ist ein analoges. Das sind winzige Angelhaken, deren drei
-scharfe Zacken ankerförmig angeordnet sind. Diese Haken werden
-an einer langen Schnur befestigt, deren Ende der Dieb in der
-Hand behält. An dem Haken wird ein Bleistück befestigt und
-nun das Instrument durch ein offenes Fenster in einen Stall
-oder in eine Wohnung geschleudert. Die Zacken bohren sich fest
-in eine Pferdedecke, ein Federbett, ein Kleidungsstück oder einen
-Sack ein und dieses Objekt wird nun mit Hilfe der Schnur aus
-dem Fenster auf die Straße gezogen. Fast bei jedem Zigeuner,
-der von der Gendarmerie oder der Polizei festgenommen wird,
-findet man dieses Diebswerkzeug.
-</p>
-
-<p>
-Auf Schiffsverladeplätzen, in den Güterwaggons und in
-Magazinen wird der „Kaffeeläufer“ häufig verwendet: Ein einfaches
-Eisenrohr, das gut zugespitzt ist. Der Dieb stößt es scharf
-in einen mit Ware gefüllten Sack und der Reis, die Kaffeebohnen,
-das Mehl fließen aus diesem durch das Rohr in den
-Schnappsack des Diebes, ohne daß die Plombe des bestohlenen
-Sackes beschädigt würde.
-</p>
-
-<p>
-Zu unauffälligem Fortschaffen der Diebsbeute ist der breite
-Schmugglergürtel sehr zu empfehlen, in dessen Taschen die Beute
-gleichmäßig verteilt werden kann, und an dessen Haken kompaktere
-Gegenstände befestigt werden können. Natürlich arbeiten
-auch diese Diebe, so wie ihre Kollegen vom Einbruchsfach, mit
-Glacéhandschuhen, die zur Vermeidung von Fingerspuren dienen,
-mit Strickleitern u. dgl.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a>
-<em>Bomben</em> und andere Explosivkörper mannigfaltiger Art
-füllen in diesem Museumsraum zwei ganze Vitrinen. Ein respektables
-Exemplar ist die Bombe, die in den 90er Jahren des
-vorigen Jahrhunderts im Flur der ehemaligen St. Wenzelsvorschußkasse
-in der Karlsgasse gefunden wurde und die damals
-fast so viel Aufsehen erregte, wie ein Jahrzehnt später die Enthüllungen
-über die Geschäftsgebarung in diesem Hause. Die
-Bombe bestand aus einer mit Pulver gefüllten Kugelflasche, die
-mit einem Gipsmantel umkleidet war. In dieser Gipshülle waren
-Eisennägel als Sprengstoffe eingeschmolzen, die ganze Bombe
-war mit Eisendraht und Fetzen umspannt.
-</p>
-
-<p>
-Ferner befindet sich hier eine Höllenmaschine mit einem
-Wecker. Die Höllenmaschine war mit Pulver und Halbblei gefüllt.
-Von furchtbarer Wirkung wäre im Falle der Explosion ein
-oben und unten verkeiltes Gasrohr gewesen, das mit Pulver
-gefüllt war, und oben ein Zündloch und die Zündpfanne trug.
-</p>
-
-<p>
-Eine Reminiszenz aus Prager Demonstrationstagen bildet
-der sogenannte „Kanonenschuß“, ein Ledersäckchen, das mit
-Pulver gefüllt und mit geleimtem Spagat zusammengebunden
-ist. Diese Apparate pflegen mit einem geradezu ungeheuren
-Krach zu explodieren, ohne aber besonders gefährlich zu sein.
-Zur Belehrung der Sicherheitswache sind hier Dynamitpatronen
-und Dynamitballen in Originalpackung ausgestellt. Auch gestohlene
-Militärsprengstoffe, Bomben in Tafelform, und „Frösche“,
-wie man sie in Prager bewegten Tagen den Pferden der berittenen
-Wachmannschaft unter die Füße zu werfen pflegt,
-fehlen in der Sammlung nicht.
-</p>
-
-<p>
-Das Turmgemach im zweiten Stockwerke strotzt von
-Waffen. Am unauffälligsten nehmen sich unter diesen wohl die
-Schießwaffen aus, die zum <em>Wilddiebstahl</em> gedient haben.
-Wirklich kann mit diesen Gewehren jeder Wilderer
-ruhig das forschende Auge des Hegers passieren. Da ist
-z. B. ein Spazierstock einfachster Form, dem man gar nicht ansieht,
-daß er sich flugs in ein Zündnadelgewehr verwandeln
-läßt, dem nicht einmal der Kolben fehlt. Leimruten, Schlageisen
-für Rehe, Drahtschlingen für Rotwild, Strickschlingen für Hasen,
-Leimruten für Singvögel, Fangnetze für Rebhühner, die man
-teils in Jagdrevieren abgenommen, teils bei Wilddieben vorgefunden
-hat, befinden sich gleichfalls im Polizeimuseum.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a>
-Verbotene Waffen, wie Dolche, Stilets und Stockdegen
-füllen eine große Vitrine. Die übrigen Waffen, die hier zu sehen
-sind, stammen teils von Selbstmorden her, teils sind sie Reminiszenzen
-aus den <em>Mordaffären</em> der letzten Jahre. Von dem
-simpelsten Mordinstrument bis zum modernsten fehlt keines.
-Hier ist der große Pflasterstein, mit dem am Josefitage des
-Jahres 1896 Pravda und Outrata die Juwelierin Gollerstepper
-in deren Laden in der Husgasse ermordet haben. Hier ist das
-Beil, mit welchem 1895 der Schuster Franz Červenka seiner Frau
-die Schädeldecke zertrümmert hat. Große Blutflecken auf drei
-Steinen stammen aus der Nacht des 2. April 1902, in welcher
-die Trainsoldaten Čučko, Octovsky und Velek auf dem Belvedere
-den Franzensbader Hotelier Wolf getötet haben, eine plastische
-Karte veranschaulicht den Tatort. Ein Tuch war das Mordinstrument,
-mit dem der Musikant Ježek und sein Freund Merta
-in Točna den Prager Werkelmann Janeček erwürgten. Eine
-ganze Vitrine weist die Instrumente auf, mit denen das würdige
-Ehepaar Valeš zu Krtsch das Liebespaar Takasz-Hanzely im
-Schlafe umgebracht habe: Ein Jagdgewehr, ein Strick, ein Revolver,
-ein Beil. Ein Revolver, der an der Wand hängt, war
-das Mordinstrument des wahnsinnigen Stadtbediensteten Wurm,
-der an dem Stadtrat Parůžek furchtbare Rache für seine Entlassung
-nahm. Auch der Browning, die modernste der Schießwaffen,
-mußte in zwei Exemplaren Aufnahme im Prager Polizeimuseum
-finden: Mit einem Browning hat Wasinski den
-Gefängniswärter Kaucky am Weihnachtsabend 1907 erschossen,
-mit einem Browning tötete Boček am Karsamstag 1908 den Detektiv
-Pětiletý und verletzte die Detektivs Lukeš, Binder und Hladík.
-</p>
-
-<p>
-An Bočeks Bluttat erinnert überdies die Totenmaske seines
-Opfers, eine andere ist von dem im Nusler Tal von unbekannten
-Einbrechern erschossenen Polizisten Bartoš abgenommen
-worden. Eine dritte Totenmaske ist die eines Anarchisten, der
-in Prag wegen Mordes justifiziert worden ist; in dem Gips ist
-die tiefe Strangulierungsfurche erkennbar. Die älteste Mord-Reminiszenz,
-die sich im Polizeimuseum befindet, ist ein vergilbter
-Steckbrief der Prager Stadthauptmannschaft vom 1. Mai
-1828. Er ist gegen zwei Fuhrleute aus der Umgebung Prags
-gerichtet gewesen, die im Vogtlande die Familie eines Landmannes
-töteten und beraubten. Der älteste Band des „Polizeianzeigers“
-<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a>
-— die amtliche Wochenschrift des Prager Sicherheitsdepartements
-— weist gleichfalls schon vergilbte Blätter auf;
-die Leute, deren Steckbriefe in diesem Buche gedruckt sind, haben
-wohl schon längst ihre Strafen gebüßt. „Königl. Preußische Polizeidirekzion
-in Prag.“ Diese seltsame Inschrift trägt eine Stampiglie,
-die aus der Prager Preußenzeit des Jahres 1866 stammt.
-</p>
-
-<p>
-Verschiedenartig sind die Hilfsmittel der <em>Betrüger</em>. Wohl
-der genialste Schwindel, dessen Schauplatz Prag war, ist die
-lukrative Gründung des geheimen Telegraphenamtes durch Plocek
-und dessen Personal gewesen. Von Ploceks Hand stammen raffinierte
-Postanweisungsfälschungen. Nicht minder geschickt nachgeahmt
-sind Diplome, Totalisateur-Tickets und Dokumente,
-Stampiglien und Marken, Orden und Medaillen. Die ganze
-Einrichtung einer Münzfälscherwerkstätte und falsches Geld aller
-Sorten liegt zur Schau. An der Wand hängt ein Phantasiesäbel
-— der „amerikanische Oberstabsarzt Morocz“ hat ihn 1899 in
-Prag getragen, bevor er verhaftet, als der langgesuchte Heiratsschwindler
-Theophil Lawczinski erkannt und an die Schweiz zur
-Bestrafung ausgeliefert wurde. Plombierte und verschlossene
-Pakete „russischen Tees“, die Sägespähne enthalten, magnetische
-Ringe, elektrische Stühle und anderes aus dem Warenlager großindustrieller
-Quacksalber, die präparierten „Glücks“-Spiele
-der Bauernfänger, die Schmucksachen der Ringwerfer, die
-vor zwei Jahren in Prag reißend abgesetzten Kassetten der
-„Elektrischen Amalisations-Werke in Berlin SW“, welche einen
-Apparat zur Ersparung elektrischer Kraft enthalten sollten, aber
-in Wirklichkeit leer waren, und vielerlei ähnliches sieht man.
-</p>
-
-<p>
-Das sind die Dinge, die der Museumsturm der Polizeidirektion
-einschließt. Aus seinen spitzen Fenstern kann man in
-das anthropometrische Kabinett im Hauptgebäude hinübersehen.
-Dort liegt man der Tätigkeit ob, die zur Ausmittlung der Verbrecher
-und zur Verhütung des Verbrechens dient, dort daktyloskopiert
-man und signalisiert man, dort werden die portraits
-parlé und die Photographien des Verbrecheralbums eingeordnet.
-Dort rüstet man, von dort aus kämpft man gegen den Feind,
-der das Eigentum, die Ordnung und das Leben der Menschen
-bedroht. Manches, was hier geleistet wird, entbehrt nicht des
-verblüffenden Erfolges. Aber gegenüber steht hoch, trotzig und
-fest der Turm, der Rüstzeug und Waffen des Feindes birgt.
-</p>
-
-<div class="centerpic end">
-<img src="images/end.jpg" alt="" /></div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="part-31">
-<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a>
-Unter Statisten
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">M</span><span class="postfirstchar">eine</span> Tätigkeit als Statist wird von der Kritik in der
-hartnäckigsten Weise ignoriert. Da ich aber nicht Willens
-bin, mir gefallen zu lassen, daß meine Zugehörigkeit zur
-dramatischen Kunst in Böhmen und meine Teilnahme an ihrem
-Aufschwunge von gehässigen Federn totgeschwiegen wird, so will
-ich sie selbst hier für die Ewigkeit verzeichnen. Der Beginn
-meiner Bühnenlaufbahn fällt in das vorige Jahrhundert. Wir
-gingen als Mittelschüler oft statieren. Erstens war es interessant,
-das Bühnentreiben aus nächster Nähe zu betrachten, zweitens
-war es ein einträgliches Vergnügen, da wir das Geld, das wir
-von den Eltern zum Theaterbesuch bekamen, für uns behalten
-konnten und drittens gab es immer ein großes Gaudium. Bei
-der Aufführung der Oper „Die Rosenthalerin“ hatten wir
-balgende Buben im Jahrmarktsgetümmel zu mimen und prügelten
-einander dabei in erfreulicher Weise, bis wir Beulen an den
-Köpfen und wunde Schienbeine hatten. In den „Hugenotten“,
-in denen wir als Priester und Ministranten auftraten, zogen
-wir im dritten Akt auf offener Bühne statt in die Kirche in
-das Wirtshaus.
-</p>
-
-<p>
-Mit der Zeit wuchs unsere Bühnenroutine und unsere
-Courage zu verschiedenen Streichen. Einer von diesen hat der
-Schlußwirkung eines Theaterstückes starken Eintrag getan. Das
-war bei der Uraufführung des Gottschallschen Bibeldramas
-„Rahab“ im Landestheater. Die Regie hatte Gustav Burchard
-inne, der in irgend einem reichsdeutschen Dialekte die Statisten
-zu beschimpfen pflegte, weshalb diese stets dazu bereit waren,
-ihm irgend einen Tort anzutun. Als Darsteller der übrigen
-Rollen waren Marie Immisch, Mizzi Bardi, Auguste Urfus und
-Emma Metz und die Herren John, Moissi, Stiewe und Steil
-tätig. Wir Statisten — Söldner waren wir — hatten während
-des Stückes nichts zu tun: Nur am Schlusse sollten wir im
-blutigen Scheine der an allen Ecken angezündeten Stadt die
-Mauern Jerichos besteigen und, unsere Schwerter und Hellebarden
-schwingend, dartun, daß jede Gegenwehr der Bürgerschaft
-<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a>
-vergeblich sei. Natürlich benützten wir die lange Zeit, die uns
-bis zum Schlusse des Dramas blieb, dazu, um uns in der
-Handhabung der Hellebarden, Schwerter und Schilde zu üben,
-bis Regisseur Burchard unseren Tournieren ein jähes Ende bereitete.
-Schimpfend befahl er uns, alle Waffen hinter einer
-Kulisse auf einem Haufen niederzulegen. Wir folgten, aber
-brüteten Rache. Die gelang uns auch. Im letzten Akte machten
-sich zwei von uns auf, trugen unbemerkt alle Lanzen und
-Schwerter von dannen und versteckten sie zwischen zwei Kisten
-in der Nähe des Maschinenraumes. Knapp vor unserem Auftreten
-rief uns Burchard zusammen und prägte uns ein: Wenn
-sich der Feuerschein verbreitet habe, mögen wir unsere Waffen
-holen, sie mächtig aneinanderschlagen, auf den Leitern die
-„Mauern“ erklimmen und oben unsere Waffen drohend erheben.
-Als aber die Bärlappsamen entzündet worden waren und wir
-unsere Waffen holen wollten, fanden wir sie nicht. Burchard
-fluchte, schimpfte, drohte, schrie, aber das half ihm nichts. Wir
-mußten wie Diebe auf die Mauern kriechen und stellten uns
-oben ganz friedlich auf. Das war der Schlußeffekt des Dramas,
-und die Kritik war am nächsten Tage einmütig in ihrem Urteil:
-die Bürgerschaft Jerichos hätte sich gegen eine derart schäbige
-Einnahme ihrer Stadt erfolgreich wehren können.
-</p>
-
-<p>
-In der vorigen Woche habe ich nach längerer Pause meine
-„statistische“ Tätigkeit wieder aufgenommen. Ich debütierte in
-„Wallensteins Tod“. Auch Kollege Devrient wirkte mit. Wir
-Statisten hatten Wallensteinsche Soldaten zu spielen. Herr Kristoff,
-als Garderobier daran kenntlich, daß er in seinen beiden Rockaufschlägen
-einige hundert Stecknadeln eingesteckt hatte, (Sigmund
-Lautenburg hat einmal einen Garderobier cäsarisch grollend
-mit den Worten entlassen: „Geben Sie Ihre Nadeln ab!“)
-kommandierte, als wir in den Garderobensaal gekommen waren:
-</p>
-
-<p>
-„Hosen, Stiefel und Röcke ausziehen, Westen anbehalten.“
-</p>
-
-<p>
-Wir bekamen rot-gelb-blau gestreifte Strümpfe, gelbe
-Schuhe, braunrote Pumphosen mit blauen Bändern am Knie,
-ein helles Wams, einen Brustlatz aus Blech, einen Ledergürtel
-mit herabhängenden Patronen, einen Degen und einen grauen
-Schlapphut. Während wir uns ankleideten, teilte der kleine
-Herr Rosenzweig, dessen Geschlecht schon seit einem halben
-Jahrhundert die Komparseriebeistellung für das deutsche Theater
-<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a>
-besorgt, das Spielhonorar aus: Vierzig Heller per Person. Er
-selbst bekommt sechzig Heller, die restlichen zwanzig sind sein
-Gewinn. Ein Statist, der sich neben mir ankleidete, sagte auf
-Pragerisch zu mir:
-</p>
-
-<p>
-„Nicht wahr, das ist nicht dasselbe Stück, wo der Löwe
-den Wallenstein gespielt hat?“
-</p>
-
-<p>
-Ich belehrte meinen Nachbar, indem ich ihm auseinandersetzte,
-daß „Herbstmanöver“ und „Wallensteins Tod“ Kriegsdramen
-verschiedenen Charakters seien, und daß der General
-Wallenstein nicht den gleichen Chargengrad wie der Kadettoffizierstellvertreter
-Wallerstein bekleide.
-</p>
-
-<p>
-Ein anderer Statist zog, bevor er sich auskleidete, einen
-Gummiknüttel und einen Revolver aus der Tasche und legte
-die Waffen neben sich auf die Bank.
-</p>
-
-<p>
-„Wozu tragen Sie die Waffen mit sich?“, fragte ihn ein
-anderer.
-</p>
-
-<p>
-„Die brauche ich zu meinem Beruf,“ sagt der Befragte.
-</p>
-
-<p>
-„Was sind Sie denn?“
-</p>
-
-<p>
-„Ich bin Detektiv der Polizeidirektion,“ wirft der Mann
-so gleichmütig hin, als ob er wirklich das wäre, als was er
-sich ausgibt. Der Garderobeinspektor des Theaters, Herr Fitzek,
-wendet sich interessiert an den „Detektiv“ mit der Frage, ob es
-nicht einen Detektiv Fitzek in Prag gebe. Der angebliche Polizeiagent
-verneint die Frage. Er habe keinen Kollegen dieses
-Namens. Herr Fitzek erzählt daraufhin, sein Vater habe ihm
-einmal in Wien gesagt, daß er in Prag einen Onkel bei der
-Geheimpolizei habe. Der angebliche Detektiv wiederholt apodiktisch,
-daß er in den fünf Jahren, in denen er Angestellter des
-k. k. Sicherheitsbureaus sei, nie einen Fitzek kennen gelernt
-habe. Und dann beginnt er — die Statisten haben sich um den
-Detektiv geschart — von dem hervorragenden Anteil zu erzählen,
-den er an der Ausforschung der Kriminalaffären der
-letzten fünf Jahre hatte. Er gehe oft statieren. Im tschechischen
-Nationaltheater habe er neulich den gefährlichen Dieb Burian
-dabei festgenommen, als er aus den Garderoben Portemonnaies
-stahl. Die Statisten reißen respektvoll die Augen auf, gar als
-er einen „Rapport“ aus der Tasche zieht, in dem er angibt,
-daß er gestern mit dem Detektiv Batlička (dies ist tatsächlich
-der Name eines Geheimpolizisten) eine Streifung unternommen
-<a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a>
-habe. Alles bewundert den Meisterdetektiv, an dem nur die
-Phantasie bewundernswert ist. Ich kenne alle Geheimpolizisten.
-Er ist nicht darunter.
-</p>
-
-<p>
-Inzwischen ist es sieben Uhr geworden und wir Statisten
-schleichen auf die Bühne. Wir hören, wie Seni-Mandé und
-Wallenstein-Devrient astrologische Weisheiten tauschen. Schließlich
-finden wir auch eine Lücke in der Dekoration, durch die
-wir auf die Szene schauen können. „Glückseliger Aspekt!“
-Wallenstein hat diesen Ausruf getan und die Kulissenschieber
-nehmen ihn als Stichwort, um uns von unserem Ausguck zu
-vertreiben. Flüche, in denen sich Prager Bodenständigkeit mit
-gräßlichen Verwünschungen paart, schleudern sie mit verhaltener
-Stimme uns, „dem miserablen Komödiantengesindel“, „den
-verkleideten Affenpintschern“ ins Gesicht. Aber auch unter uns
-sind Männer von gewandter Rede und sie bleiben den „Wolkenschiebern“
-und „Leinwandbaumeistern“ grobe Antwort nicht
-schuldig. Zwischen Bühnenarbeitern und Figuranten herrscht seit
-urdenklichen Zeiten Erbfeindschaft und in den ewigen Kämpfen
-bleiben die Arbeiter immer Sieger. Denn sie sind Angehörige
-des Theaters, die Komparsen nur Fremde. Und das technische
-Personale hat im Inspizienten und im Regisseur mächtige Verbündete.
-Die jagen uns fort. Ich habe aber von allen Komparseriekollegen
-die größte Sehnsucht, doch etwas von den
-Vorgängen auf und hinter der Szene zu erhaschen, ich schleiche
-mich von einer Kulisse zur anderen, von rechts, von der Zauberbude,
-in der der Oberbeleuchter mit Apparaten und Knöpfen
-hantiert, bis an die äußerste Linke, wo der Vorhangmeister das
-Steigen und Fallen des Vorhanges regelt, und komme mit
-dem Regisseur Seipp und sogar mit Heinrich Teweles, dann
-mit dem vorbeikommenden Theatersekretär Bertholdi und mit
-mehreren Schauspielern in unsanfte Berührung. Lauter gute
-Bekannte — keiner erkennt mich. Ein Schauspieler, mit dem
-ich in der vergangenen Nacht bis viertel 7 Uhr früh Kognaksorten
-geprobt habe, beschimpft mich, weil ich ihm im Wege
-stehe. Und eine Schauspielerin, die zwei Tage vorher mit einer
-öffentlichen Vorlesung meiner Werke Erfolg hatte, schiebt mich
-höchst unsanft beiseite. Nur Herr Reinhart, der den Buttler
-gibt und selbst nicht zu erkennen ist, hat mich erkannt:
-</p>
-
-<p>
-„Herr Redakteur, wie kommen Sie her?“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a>
-Ich bitte ihn um Stillschweigen, er sagt es mir zu, aber
-ich kann die Folgen dieser Erkennungsszene nicht vermeiden.
-Ein kleiner Statist, der neben mir steht, hat die Anrede gehört
-und fragt mich:
-</p>
-
-<p>
-„Sie sind ein Redakteur?“
-</p>
-
-<p>
-„Ja.“
-</p>
-
-<p>
-„Da haben Sie ganz recht, daß Sie sich keinen Sitz kaufen.
-Was brauchen Sie sich zu drängen! Und schade ums Geld ist
-es.“ Nach einer Weile fährt er aber fort: „Herr Redakteur,
-bitte schön, wie können Sie die Szenen kritisieren, die Sie
-nicht sehen?“
-</p>
-
-<p>
-Da rücke ich denn mit der Wahrheit heraus: „Ich schreibe
-nicht über das Stück, ich schreibe nur über die Statisten.“
-</p>
-
-<p>
-„Über die Statisten? Das ist großartig. Da müssen Sie
-hineinschreiben, daß ich eine prachtvolle Stimme habe. Wenn
-ich disponiert bin, singe ich elfmal hintereinander das hohe C.
-Nur habe ich einen Herzfehler und kann mich deshalb nicht
-zum Sänger ausbilden. Aber als Schauspieler bin ich einmal
-aufgetreten. In Hirschberg.“
-</p>
-
-<p>
-„Was haben Sie da gegeben?“
-</p>
-
-<p>
-„Den Okelly in „Maria Stuart“. Keine leichte Rolle. Ich
-sollte hinter einem Mauerstück auftauchen und den Mortimer
-warnen. Meinen Text kannte ich glänzend. Einen Souffleur
-hätte ich gar nicht gebraucht. Aber ich habe Pech gehabt. Der
-Garderobier hatte mir gesagt, ich brauche mich nur bis zum
-Gürtel zu kostümieren. Aber als ich mich über das Versatzstück
-beugte und mit voller Kraft schrie: „Flieht, Mortimer, flieht,“
-kippte das Versatzstück um und ich fiel auf die Bühne. Das
-Publikum lachte wie wahnsinnig, denn ich hatte zu dem roten
-Wams meine graukarrierten Straßenhosen an und die Hosenträger
-hingen herunter. Der Direktor war wütend. Und bei der
-nächsten „Maria Stuart“ mußte ich wieder im Volk stehen und
-„Rhabarber“ murmeln. Seit der Zeit bin ich nicht mehr als
-Solist aufgetreten. Der Garderobier in Hirschberg ist schuld
-daran. Ich habe wirklich sehr viel Talent. Sie müssen schreiben,
-daß ich sehr viel Talent habe.“
-</p>
-
-<p>
-Der kleine Statist mit dem großen Ehrgeiz weicht nicht
-mehr von meiner Seite. Schließlich werden wir beide — über
-Auftrag des Inspizienten — auf den Korridor geleitet und die
-<a id="page-156" class="pagenum" title="156"></a>
-Türe wird hinter uns geschlossen. Wir müssen durch die Katakomben,
-die von schwachen, mit Drahtnetzen umspannten Glühbirnen
-beleuchtet sind, wieder in die Garderobe hinab.
-</p>
-
-<p>
-Während des dritten Aufzuges, kurz nach der Szene mit
-den Pappenheimern, die von Chorherren dargestellt wird, läutet
-in unserer Garderobe die elektrische Glocke: Man bedarf unser.
-Herr Kristoff wirft noch einen musternden Blick auf unsere
-Uniformen, bessert hier und dort an unserer Adjustierung und
-jagt uns dann hinauf in den Seitenraum der Bühne. Von der
-Szene tönt uns das Wortgefecht zwischen Max Piccolomini und Max
-Devrient entgegen. Wir stehen rechts von der Bühne und stellen
-die Truppen dar, die ungeduldig die Freigabe des jungen
-Piccolomini verlangen, den sie von Wallenstein gefangen glauben.
-Der Inspizient, Herr Körner steht auf einem Sessel und hebt
-von Zeit zu Zeit die Hand. Das ist ein Signal für uns: Jetzt
-ist’s Zeit zu lärmen!
-</p>
-
-<p>
-Der einundzwanzigste Auftritt geht zu Ende, Wallenstein
-hat seine Absicht wahr gemacht:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse3">„Ich zeige mich</p>
- <p class="verse">Vom Altan dem Rebellenheer, und schnell</p>
- <p class="verse">Bezähmt, gebt acht, kehrt der empörte Sinn</p>
- <p class="verse">Ins alte Bette des Gehorsams wieder.“</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Wallenstein kommt zu uns heraus, wischt sich (dem Publikum
-ist er nicht sichtbar) den Schweiß von der geschminkten
-Stirn, schneuzt sich gleichmütig und schenkt uns, dem Rebellenheere,
-keine Beachtung. Ist es dann ein Wunder, daß auch wir
-ihn mißachten und auf die freundliche Aufforderung des Herrn
-Inspizienten „Vivat Ferdinandus!“ schreien?! Das heißt: Alle
-schreien diese beiden Worte nicht. Vor mir z. B. steht ein
-Tscheche, der in den allgemeinen Lärm nur mit einer freien
-tschechischen Übersetzung des Wortes „Schmarren“ einstimmt.
-</p>
-
-<p>
-„Um zwei Sechser werde ich doch nicht ganze Monologe
-aufsagen,“ bemerkt er zu seinem Nachbar.
-</p>
-
-<p>
-Nach und nach stürmen alle Statistengruppen in den Saal,
-der sich — streng laut Regiebemerkung Schillers — unter
-Kriegsmusik allmählich mit Bewaffneten zu füllen hat. Schließlich
-stehen wir alle im Hintergrund der Szene. Einzelne von
-uns betrachten die Dekoration, andere mustern die Thekla,
-<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a>
-andere starren forschend in den Zuschauerraum, der in gähnender
-Dunkelheit vor uns daliegt und aus dem sich tausend unsichtbare
-Augen auf uns heften. Wieder andere von uns suchen
-ihren Blick abzuwenden, unerkannt zu bleiben. Jeder hat andere
-Wünsche. Max Piccolomini aber schreit uns an:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">„Was wollt ihr? Kommt ihr, mich von hier hinweg</p>
- <p class="verse">Zu reißen? — O treibt mich nicht zur Verzweiflung</p>
- <p class="verse">Tut’s nicht! Ihr könntet es bereun.“</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Wir würdigen den Mann gar keiner Antwort. Er aber
-glaubt, daß keine Antwort auch eine Antwort sei, und brüllt
-uns zu:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">„Ihr habt gewählt zum eigenen Verderben,</p>
- <p class="verse">Wer mit mir geht, der sei bereit zu sterben.“</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Dann rennt er ab, wir ihm im wilden Tumulte nach,
-nicht zu sterben, sondern in unsere Garderoben. Wir haben ausgespielt
-und entledigen uns unserer Rüstungen, in denen wir
-von halb 7 bis 10 Uhr abends bös transpiriert haben und
-kleiden uns an. Einzeln verlassen wir die Garderobe. Der
-„Meisterdetektiv“ mißt jeden von uns mit forschendem Blick,
-daß es den Gemusterten eiskalt überläuft.
-</p>
-
-<p>
-Der kleine Statist schärft mir noch beim Abschied ein:
-</p>
-
-<p>
-„Vergessen Sie nicht hineinzuschreiben, daß ich eine prachtvolle
-Stimme habe!“
-</p>
-
-<div class="centerpic end">
-<img src="images/end.jpg" alt="" /></div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="part-32">
-<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a>
-Der Dichter der Vagabunden
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">„</span>D</span><span class="postfirstchar">ie</span> Vagabunden“ von Karl von Holtei waren eines der
-Lieblingsbücher unserer Väter. Das Buch hatte Sympathien
-für die hungernd-fröhlichen Jünger der Kunst und deren Lebensweise
-entfacht, denen im gleichen Jahr Henri Murger den Namen
-Boheme gab, sie noch literarischer und noch romantischer, sie
-ersehnenswert und bewundernswert machte. Karl von Holtei war
-selbst ein Sprosse dieses in Frankreich von Murger geadelten
-Geschlechtes, und wohl ein echter. Das zeigt z. B. die Widmung,
-die auf der Titelseite des Vagabundenbuches steht: „Dem k. k.
-Hofrath und Polizeidirektor in Prag Anton Frhr. von Paümann.“
-Die Widmung ist satirisch, ironisch und tendenziös. In ihr sagt
-der alte Holtei zu dem Polizeigewaltigen, mit dem ihn übrigens
-von Graz her ein persönliches Freundschaftsverhältnis verband:
-„Sie sind sonst immer hinter den Vagabunden her, d’rum müssen
-Sie sich’s gefallen lassen, daß hier die Vagabunden hinter Ihnen
-her sind.“ Doch konnte sich der Herr Baron Paümann durch
-diese Widmung seines Freundes auch derart angesprochen sehen:
-Du hetzest uns Vagabunden; sieh her, wie wenig wir’s verdienen,
-wie wir fühlen, wie wir denken, wie wir sind ... Es
-war gewiß nicht bloß ein Akt der Freundschaft von Holtei, wenn
-er einem Buch, das „Die Vagabunden“ hieß, den Namen eines
-Polizeichefs voranstellte, denn er hatte als Theaterdichter,
-Bühnenleiter, Theatersekretär, Schauspieler, Rezitator und —
-not least — als fahrender Bohemien zeitlebens genug von der
-Polizei zu leiden gehabt. Auch von der Prager.
-</p>
-
-<p>
-Der im Jahre 1797 in Breslau als Sohn eines Husarenrittmeisters
-geborene Karl von Holtei wuchs vater- und mutterlos
-auf. Seine Gymnasialstudien, die schon ein verzehrender Drang
-zum Theater beherrschte, unterbrach er, um Landmann werden
-zu können. Er zog als freiwilliger Jäger gegen Napoleon zu
-Felde, bezog dann die Universität, wurde Burschenschafter und
-während all dem verließ ihn nie die Sehnsucht Schauspieler zu
-werden. Als „Mortimer“ betritt er in seiner Heimatstadt die
-Bretter. Bald gibt es Streit, als fahrender Sänger und Deklamator
-<a id="page-159" class="pagenum" title="159"></a>
-zieht er ins Weite. Heimgekehrt vermählt er sich mit der
-entzückenden Louise Rogée, die als Schauspielerin die Breslauer
-bezaubert. Er wird Theatersekretär. Neuer Streit und Kündigung.
-Das junge Künstlerpaar verläßt die Heimat und wendet sich
-(man schreibt 1823) zunächst nach — Prag.
-</p>
-
-<div class="block">
-<p>
-„Ich erwählte mir Prag,“ schreibt Holtei in seiner Lebensgeschichte,<a class="fnote" href="#footnote-1" id="fnote-1">[1]</a>
-„und zwar deshalb, weil dies der einzige Ort war, von wo ich auf meine
-Anfrage (wegen Gastierens) keine Antwort empfangen ... Es war in der
-Abenddämmerung, als wir Prags Türme erblickten. Mich überkam dabei
-ein poetischer Schauer, und mit wehmütiger Begeisterung hub ich das
-Schenkendorfsche Lied auf Scharnhorsts Tod, in welchem er „die alte
-Stadt, wo Heil’ge von den Brücken sanken“ anredet, zu singen an. Wir
-gelangten in wahrhaft feierlicher Stimmung ans Tor, um durch einen verwünschten
-Zöllner in die niedrigste und ekelhafteste Prosa gezogen zu werden.“
-</p>
-
-</div>
-
-<p>
-Auch ein Fremder, der diese Stadt uneingeschränkt bewunderte
-und liebte, bevor er mit dem ersten Bewohner in Berührung
-kam, um „in die niedrigste und ekelhafteste Prosa gezogen
-zu werden!“
-</p>
-
-<p>
-In Prag war damals Hans von Holbein Theaterdirektor.
-Wenn das Ständische Theater auf dem Obstmarkt unter seiner
-Führung auch nicht die Blüte wie unter Liebichs Leitung erreichte,
-stand es doch auf bedeutsamer Höhe, auf der es nur
-von wenigen Hoftheatern übertroffen wurde. Unter seinem Regime
-erhob sich die „böhmische Nachtigall“, Henriette Sontag,
-zu ihrem die Welt erobernden Fluge, und er war der erste, der
-Seydelmanns überragende Begabung anerkannte und wertete.
-Holbein empfing die fahrenden Thespisjünger nicht sehr wohlwollend.
-</p>
-
-<div class="block">
-<p>
-„Er fertigte mich kurz und entschieden ab; vom Gastspiel war keine
-Rede, umsoweniger als eben der berühmte Bassist Fischer und der junge
-Sänger Eduard Devrient aus Berlin auftreten sollten. Da saßen wir nun
-in der großen wunderbaren Stadt, ohne Freund, ohne Rat, ohne Hoffnung
-— und wußten uns nicht zu helfen. Mitten in meiner Trübsal fiel
-mir ein, daß ein Mitarbeiter und Korrespondent der „Deutschen Blätter“,<a class="fnote" href="#footnote-2" id="fnote-2">[2]</a>
-W. A. Gerle, Professor am Konservatorium, hier weile. Diesen freundlichen
-Mann sucht’ ich auf, wurde durch ihn mit dem jungen, lebenslustigen
-Marsano, dem Verfasser hübscher Lustspiele, und durch diesen wieder mit
-all den fröhlichen Gesellen bekannt, die sich in der sogenannten Wolfsschlucht
-versammelten.“
-</p>
-
-</div>
-
-<p>
-<a id="page-160" class="pagenum" title="160"></a>
-Aber hatte Holtei auch keine Freunde und keine Hoffnung,
-so besaß er doch etwas, was schon damals wichtiger war, als
-alles andere: Protektion. Auf dem Paßbureau wies er sich,
-nachdem er kurz und entschieden nach Breslau zurückgewiesen
-werden sollte, mit zwei Briefen an den Oberstburggrafen von
-Böhmen, den Grafen Kolowrat, aus. Auf den Rat des Beamten
-gab er die Briefe in dessen Palast ab, von wo sie den Abwesenden
-nachgeschickt wurden. Nur wenige Tage des Wartens
-vergingen. Da kommt er eines Tages nach Hause und findet
-bei seiner Frau den — Theaterdirektor mit dem „Besetzungsbuche“.
-Frau von Holtei trat als Lieschen in „Alpenröslein“,
-sowie mit ihrem Manne, der hier wieder die Bühne betrat, in
-einigen seiner netten Singspiele auf und erntete allabendlich
-stürmischen Beifall.<a class="fnote" href="#footnote-3" id="fnote-3">[3]</a>
-</p>
-
-<p>
-Holtei schreibt von seinem Prager Auftreten in bemerkenswerter
-Weise: „Ohne Gastrollen von Prag abreisen hieß gewissermaßen
-auch alle übrigen deutschen Bühnen Luisen verschließen.“
-Und auch als er in dem Beutel, der ihm als Honorar überreicht
-wird, statt der vermeintlichen Goldstücke nur Kupfermünzen
-findet und entdeckt, daß seine Einnahme nur 3 fl. 56 kr. W. W.
-beträgt, vermag das seiner guten Laune nicht Einbuße zu tun:
-„Gleichviel! Wir hatten in Prag gespielt, die Bahn war gebrochen
-...“
-</p>
-
-<p>
-Nun durchwandert der Unstete Europa. Nahezu drei Jahrzehnte
-währen die Irrfahrten, und die Aufzählung der äußeren
-Erlebnisse würde Bände füllen. Von besonderem Interesse ist es,
-wie er durch einen Besuch bei Madame Czegka in Leipzig, eine
-Gesangslehrerin von Weltruf, welche am Prager Konservatorium
-Henriette Sontag zuerst unterrichtet hat, und durch diplomatische
-Kunststücke Henriette Sontag für Berlin engagiert, was anderen
-Theaterdirektoren und deren Abgesandten nicht gelang. In
-Weimar wird Holtei mit Goethe gut Freund, und kommt besonders
-mit dessen Sohn August in ein überaus herzliches Verhältnis.
-Mit Saphir kommt es wegen dessen Krieges gegen die
-Sontag zum Bruch. Holtei wird Zeitungsredakteur, schreibt
-eifrig und wird als erster Polensänger auch für die Nachwelt
-lebendig. Noch heute gedenkt man des „tapferen Lagienko“ und
-<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a>
-tönt das Mantellied „Schier dreißig Jahre bist du alt“. Er heiratet
-zum zweitenmale (Louise ist 1825 gestorben), der alte
-Schleiermacher traut ihn mit der Schauspielerin Julie Holzbecher.
-Er spielt in seinem „Lorbeerbaum und Bettelstab“ und wird sehr
-berühmt. Im Jahre 1850 wird er seßhaft. In Graz. Sein kundiger
-humorvoller Biograph<a class="fnote" href="#footnote-4" id="fnote-4">[4]</a> meldet: „Und er kaufte sich einen
-Schreibtisch.“ Er vollendet seine Selbstbiographie „Vierzig Jahre“,
-die als wichtige Quelle deutschen Theater- und Literaturlebens
-von unschätzbarem Werte ist. Er schreibt hier seine Landstreicherromane
-und Kriminalgeschichten, von denen manches Buch wie
-„Christian Lammfell“ oder gar „Die Vagabunden“ mit Unrecht
-vergessen ist.
-</p>
-
-<p>
-Nach Prag ist Holtei wiederholt gekommen. Hatte er sich
-schon bei seiner ersten Anwesenheit manchen lieben Freund wie
-Gerle und Marsano erworben, hatte sich die wunderbare Stadt,
-die keinen unverzaubert aus ihrem Banne entläßt, tief ins Herz
-geprägt, so verdichteten sich diese Eindrücke zu einer poetischen
-Verherrlichung. Als dem Dichter nach dem Tode seiner zweiten
-Gattin sein Theaterdirektorposten und der Aufenthalt in Riga
-verleidet worden war, hatte Johann Hoffmann, ein Wiener Kind
-und ehemaliger Tenor in Petersburg, diesen übernommen. Dieser
-Hoffmann sollte nun im Jahre 1846 Nachfolger Stögers in Prag
-werden. Als er sich nun an Holtei um ein Eröffnungsfestspiel
-wandte, konnte dieser dem Freunde die Bitte nicht abschlagen,
-doch stellte er die Bedingung, vorher einen Besuch in Prag zu
-machen, „die dortigen Theaterzustände, die Stimmung des Publikums,
-den vorherrschenden Ton wieder kennen zu lernen ...“
-Auf Hoffmanns Einladung verbrachte Holtei die Weihnachtsfeiertage
-in Prag. Fleißig ging er ins Theater und „wohnte
-auch den böhmischen Vorstellungen bei, die mich vorzüglich im
-Gebiete der Lokalposse interessierten“. Und dann ließ er den
-Zauber der Stadt auf sich wirken. „Jene Abende, wo das Schauspielhaus
-geschlossen blieb, namentlich den Weihnachts- und
-Silvesterabend brachte ich bis tief in die Nacht hinein in den
-hohen, Ehrfurcht gebietenden Kirchen zu, den katholischen Feierlichkeiten
-mit banger Aufmerksamkeit lauschend.“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-162" class="pagenum" title="162"></a>
-Er lernt Frau Direktor Stöger, die Witwe des „genialen
-Direktors Liebich“ kennen, dessen Persönlichkeit er feiert:
-„... daß die Prager Bühne durch ihre einzelnen Talente, wie
-auch durch ihr geistig geleitetes Zusammenwirken unter Liebichs
-Direktion eine der ersten, wo nicht die erste in Deutschland war,
-ist allen Kennern unserer Theatergeschichte bekannt, und war
-es auch mir.“ Und Holtei hat etwas vom Theater verstanden.
-Mit Eindrücken wohl versehen, ging er nun an deren Verarbeitung.
-Aber es kam nicht zur Aufführung. Es paßte Hoffmann
-und den Prager Maßgebenden nicht. Vielmehr wurde das neueingerichtete
-Theater am Ostermontage mit dem Festspiel „Die
-Weihe der Kunst“ eröffnet; der heimische Poet Hickel hatte die
-Worte geliefert, der Konservatoriumsdirektor Kittl und Kapellmeister
-Skraup die Musik. Holtei aber hat sein wenigstens
-originelles Stückchen im siebenten Bande seiner Lebenserinnerungen
-abgedruckt.
-</p>
-
-<p>
-Die Szene bildet das Theatergebäude. Thalia will den
-nordischen Fremden — den neuen Direktor — in die Hallen
-seiner Bestimmung einführen. Der alte Guardasoni, der erste
-ständische Impresario des Nostitz-Theaters, unter dem die Oper
-geschmückt mit dem Namen Mozarts blühte, wird von den
-Toten zitiert und gibt im welschen Deutsch dem neuen Mann
-sein Geleite. Der Kastellan allerdings, der ihn ins Haus einführt,
-spricht einen schwerer verständlichen Dialekt. Dieser Mischmasch
-sollte offenbar Prager Deutsch vorstellen — aber es war nichts.
-Ebensowenig ist ihm einmal der Versuch geglückt, in einem Gedichte
-„Der Böhme in Berlin“ das berüchtigte „Behmisch-daitsch“
-Prags festzulegen. Man urteile selbst:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">„Bei Prag ist große Bruck</p>
- <p class="verse">Ale ist prächtig!</p>
- <p class="verse">Steht heil’ger Nepomuk</p>
- <p class="verse">Auf Bruck bedächtig.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Möcht’ ich Land meines sehn,</p>
- <p class="verse">Möcht’ ich nach Böhmen gehn.</p>
- <p class="verse">Böhmisch, böhmisch,</p>
- <p class="verse">Böhmisch ist schön.“</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Ebenso ist ihm in seinem Bühnenspiel die Einführung der
-kleinen böhmischen Muse völlig vorbeigelungen. Er vermochte
-die Muse der böhmischen Komödie nicht zu charakterisieren.
-<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a>
-Mit würdigen Worten erscheint aber Hoffmanns besondere
-Schätzerin Euterpe:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">„Und vor jedem anderen Lande</p>
- <p class="verse">Blieb ich diesem Lande nah</p>
- <p class="verse">Schlang um dich die Blütenbande</p>
- <p class="verse">Immerdar, Bohemia.“</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Unter dem Musengeleite betritt der Fremdling die Säulenhalle.
-Im Kreise des gesamten Personales wendet er sich nun
-mit warmen Worten ans Publikum, Prag möge ihm nicht Huld
-und Geduld versagen. Und Thalia erwidert:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">„Sie wird es nicht. Sie wird aufricht’gem Streben</p>
- <p class="verse">Wie immer güt’ge Anerkennung geben.</p>
- <p class="verse">Erblicke sie, die wunderschöne Stadt,</p>
- <p class="verse">Die ihres Gleichen nicht auf Erden hat,</p>
- <p class="verse">Erblicke sie, der du dich froh geweiht</p>
- <p class="verse">Und stärke dich an ihrer Herrlichkeit.“</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="center">
-(Der Hintergrund teilt und Prags voller Anblick entfaltet sich.)
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Im Herbste 1853 erschien Holtei wieder in Prag und las
-unter großem Beifall im Konviktsaale seinen Shakespeare. „Aber
-je gütiger ich behandelt wurde, desto erkenntlicher muß ich
-sein.“ Und den Dank hat er abgestattet. In Gutzkows Familienblatt
-„Unterhaltungen am häuslichen Herd“<a class="fnote" href="#footnote-5" id="fnote-5">[5]</a> des Jahrgangs 1856
-erschien an leitender Stelle: „Das Kinderspital in Prag. Sendschreiben
-an den Herausgeber. Graz in Steiermark. Juli 1856.“
-Darin hat nun Holtei seinen Dank in würdigster Weise abgetragen,
-indem er für diese Anstalt in ganz Deutschland Stimmung
-zu machen versucht und uns zum andern ein treffliches
-Bild der Prager Gesellschaft vor nun fünfundfünfzig Jahren gibt.
-In anschaulicher Weise schildert er uns die Segnungen und Aufgaben
-des „Franz Joseph-Kinderspitals“, das von Dr. Kratzmann
-im Jahre 1842 begründet wurde, und dann in Dr. Löschner,
-dem unvergeßlichen Menschenfreunde, seinen nimmermüden, zu
-jedem Opfer bereiten Leiter gefunden hat. Schon vorher hat
-Holtei den Reinertrag seiner letzten Vorlesung am 23. November
-— Schillers Demetrius, Goethes Egmont, Shakespeares Caesar —
-dem Kinderspitale zugewiesen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-164" class="pagenum" title="164"></a>
-Interessant sind die Bemerkungen, die der schlesische Poet
-über seine literarischen und gesellschaftlichen Beziehungen in Prag
-macht. Nächst seinem Bekannten von Graz, dem Polizeidirektor
-Baron Paümann, „waren es vor allem die Redaktoren der Zeitschrift
-„Bohemia“ und der unter dem Titel „Album“ weit verbreiteten
-Romanbibliothek, die deren beider liebevoll verhätschelter
-Mitarbeiter zu begrüßen Pflicht und Ehre hatten. Freund
-Klutschak saß mit seinen Kindern vor einem Tisch Kolatschen
-und Wuchteln — oh Himmel, wie priesen die Kleinen den heiligen
-Wenzel!“ Holtei war am Wenzelstage in Prag angekommen.
-Bald war er auch in eifriger literarischer Tätigkeit. „Daneben
-trat ich allwöchentlich einmal vor’s Publikum als Vorleser,
-war Abend für Abend in geselligen Kreisen, machte sogar
-verschiedene Ausflüge aufs Land in benachbarte Schlösser. Der
-jugendliche Album-Vater Kober ließ sich’s angelegen sein, mich
-dem Kreise der bei ihm häufig versammelten Schriftsteller und
-Journalisten näher zu bringen ...“ Mit begeisterten Worten
-rühmt er Prager Bildung und Geselligkeit. Besonders die Abende
-bei dem berühmten Arzte Dr. Pitha und seiner anmutigen Gemahlin
-sind ihm unvergeßlich. Den Gipfel seiner Begeisterung
-erreicht er aber bei den Namen: Erwein Nostitz und Schloß
-Mieschitz. „Welch eine Familie! Welch ein Hauswesen, welch ein
-Vorbild für Gastfreiheit im höchsten, reichsten Maßstabe! ...
-So denke ich mir den Landaufenthalt der besten, großen Familien
-in Alt-England.“ So preist er die vornehme Persönlichkeit
-und das kunstsinnige Wirken dieses kunstbegeisterten und kunstfördernden
-altböhmischen Kavaliers. (Graf Erwein Nostitz war
-der Großvater des gegenwärtigen Grafen dieses Namens.) Soviel
-Gastfreundschaft macht dem greisen Poeten, der doch auf
-seinen Fahrten viel gesehen und viel erlebt hat, die Moldaustadt
-unvergeßlich. „Vor dreiunddreißig Jahren hatte ich Prag zum
-ersten Male gesehen und in dieser Zwischenzeit jede Gelegenheit
-benützt, die wundersame, alte, für mich immer neue Stadt,
-sei’s auch nur als Durchreisender auf Stunden wieder zu besuchen.“
-Und kommt er nicht selbst, so sendet er seinen Dichtergruß.
-Unter der langen Reihe der besten deutschen Namen, die
-die Prager Lese- und Redehalle der deutschen Studenten unter
-ihren Herolden nennen darf, fehlt auch der Holteis nicht. Zum
-Konzerte, das dieser Studentenverein im Jahre 1857 gab, sandte
-<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a>
-der „Alte vom Berge“, wie man diesen Nestor deutscher Poeten
-— er starb erst 1880 — später nannte, den Prolog, den Fräulein
-Rudloff sprach. Mit schönen Worten verteidigt er das gesprochene
-Wort, die Muse der Dichtung gegen die Musik. Er
-ruft die unsterblichen Genien der deutschen Sprache, denen auch
-dieser Verein diene, zu Bürgen und Zeugen, um dann den
-Wunsch zu sprechen:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">„Glückauf, glückauf! Du Stadt der Städte, Prag!</p>
- <p class="verse">Heil Böhmen dir, du schönes Land der Länder.</p>
- <p class="verse">Der Tonkunst alte Heimat willst nicht minder</p>
- <p class="verse">Du Heimat sein der Wissenschaft, der Dichtkunst!</p>
- <p class="verse">Glückauf! Heil sei mit dir und deiner Jugend.“</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<div class="centerpic end">
-<img src="images/end.jpg" alt="" /></div>
-
-<hr class="footnote" />
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-1" id="footnote-1">[1]</a> Vierzig Jahre. Berlin, 1844. S. 67 u. ff.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-2" id="footnote-2">[2]</a> Deutsche Blätter für Poesie, Literatur, Kunst und Theater, herausgegeben
-von Karl Schall und Karl v. Holtei. 1. Heft. 2. Januar 1823.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-3" id="footnote-3">[3]</a> Teuber, Geschichte des Prager Theaters. 1888. III. — 64.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-4" id="footnote-4">[4]</a> Karl von Holtei. Eine Biographie. II. Prämie zu Kobers Album.
-1856. Prag und Leipzig. Der anonyme Verfasser ist Dr. O. Storch.
-</p>
-
-<p class="footnote">
-<a class="footnote" href="#fnote-5" id="footnote-5">[5]</a> Neue Folge. I. Band. Nr. 48, S. 753 u. ff.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="part-33">
-<a id="page-166" class="pagenum" title="166"></a>
-Arrestgebäude
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> Albrechtskaserne in Smichow besteht aus vier Gebäuden,
-von denen jedes auf der Hoffront mit großen Lettern eine
-der vier Aufschriften trägt: „Westkaserne“, „Südkaserne“, „Stabsgebäude“
-und „Nordkaserne“.
-</p>
-
-<p>
-Darauf läßt es sich zurückführen, daß ein Infanterist auf
-die Frage, welches die vier Weltgegenden seien, geantwortet hat:
-</p>
-
-<p>
-„Nord, Süd, West und Stab.“
-</p>
-
-<p>
-Das Stabsgebäude, das zu dieser falschen Antwort Anlaß
-gab, füllt nicht die ganze Ostseite des Kasernenkarrees aus: An
-der Ecke der Petřinergasse und der Königsstraße steht noch ein
-entzückendes, quadratisches Häuschen: „Arrestgebäude“ ist oberhalb
-des Tores zu lesen.
-</p>
-
-<p>
-Die Fenster sind vergittert und auf den Stufen, die zum
-Eingang hinaufführen, steht oder sitzt ein Soldat mit grauen
-Aufschlägen, Tschako und Patrontasche. Der Avisoposten. Er steht
-da, um das Nahen des inspizierenden Offiziers schnell dem
-Gefreiten melden zu können, der Wachkommandant ist.
-</p>
-
-<p>
-In diesem Hause habe ich einige Monate lang das Zimmer
-gehütet. Lang, lang ists her und vielleicht hat sich seither vieles
-geändert und es ist nicht mehr so arg, wie es damals war. Dann
-hat dieses Feuilleton nur den Charakter einer Reminiszenz, erzählt
-nur Gewesenes.
-</p>
-
-<p>
-An dem kleinen Eckhause der Petřingasse und der Smichower
-Königsstraße gehe ich nie ohne leisen Schauer vorbei.
-Ich habe in einem meiner Bücher und in vielen Geschichten
-heiteres von meinen beim Militär verübten Streichen erzählt.
-Aber die Strafen habe ich immer nur mit kurzen Worten
-gestreift. Sonst wäre es schnell mit dem Humor vorbei gewesen.
-Meine „Festungstid“ war die böseste Zeit meines Lebens.
-</p>
-
-<p>
-Am Anfang kam ich nur zu „verschärftem Arrest“ in das
-vergitterte Haus. Das heißt: Ich „durfte“ auf dem Sandberg
-mit den anderen Kameraden exerzieren, „durfte“ an dem
-Unterrichte der Taktik, des Waffenwesens, des Militärgeschäftsstils,
-des Heerwesens u. dgl. teilnehmen, aber wenn um fünf
-<a id="page-167" class="pagenum" title="167"></a>
-Uhr abends die anderen nach Hause schlafen gehen konnten,
-dann mußte ich ins Arrest. Später kam ich zur strengeren
-Strafe, zum „strengen Arrest“ in das Nordost-Häuschen. Da
-machte ich die Beschäftigung der anderen nicht mit und blieb
-von früh bis abends und von abends bis früh im dunklen Loch.
-</p>
-
-<p>
-In meiner Uniform konnte ich die Haft nicht antreten,
-denn die wäre schnell kaput gewesen. Ich mußte von meinem
-Putzer dessen ärgste Kommißuniform entlehnen, Kleider, die er
-aus Schamgefühl selbst zum Exerzieren oder zum „Ritt“, d. i.
-zur Reinigung der Kompagnieräume nicht angezogen hätte:
-Breite, schlotternde Hosen, eine farblose Bluse mit verschiedenartig
-blauen Flicken und eine unsagbar große Mütze, die —
-wie verlautete — auch als Ohrenschutz, als Kochgeschirr, als
-Waschschüssel und zu anderen Manipulationen verwendet
-werden konnte.
-</p>
-
-<p>
-In diesem Aufzuge marschierte ich über den Hof, aus dem
-Bereiche der Freiwilligenschule in den Arrest. Drei Schritte
-hinter mir schritt der Tagskorporal, der mich im Arrest abzuliefern
-hatte.
-</p>
-
-<p>
-Im Wachzimmer des Arrestgebäudes mußten wir Halt
-machen und auf den Stabsführer warten, der die Profoßendienste
-im Regiment versieht. Der wurde herbeigeholt. Leibesvisitation.
-Das Taschentuch wird mir abgenommen; ebenso muß
-ich mich der Schuhriemen entledigen. Der, der Bänder an den
-Unterhosen hat, muß sich gefallen lassen, daß sie ihm abgeschnitten
-werden. Alle diese Maßregeln haben prophylaktischen
-Charakter: das Erhängen soll dem Häftling erschwert werden.
-Derjenige, der nicht an Selbstmord dächte, könnte durch diese
-Vorkehrungen leicht auf solche Gedanken kommen.
-</p>
-
-<p>
-Der Stabsführer entfernt sich, ich werde in eine Zelle
-geleitet und die zufallende Türe scheidet mich von der Welt.
-Das Rasseln des Schlüsselbundes verklingt langsam auf dem
-Korridor.
-</p>
-
-<p>
-Ein Blick und ich bin mit meinem neuen Heim vertraut.
-Vier kahle Mauern und in der Ecke eine Holzpritsche. Sonst
-kein überflüssiger Komfort. Die offenen Rolladen des unerreichbar
-hohen Fensters sieben das Tageslicht zwölffach, bevor sie es
-zum Arrestanten lassen. Ein gräuliches Halbdunkel, nicht Tag
-noch Nacht.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-168" class="pagenum" title="168"></a>
-Lesen kann ich nicht, denn ich habe kein Buch. Schreiben
-kann ich nicht, denn weder Feder noch Tinte, noch Bleistift,
-noch Papier wäre mir gelassen worden. Rauchen kann ich nicht,
-denn ich habe keine Zigaretten. Vom Sitzen auf der niedrigen
-Pritsche tun die hinaufgezogenen Füße weh, vom Liegen auf
-der harten Pritsche der Rücken. Ans Schlafen ist nicht zu denken.
-Kalt ist es auch.
-</p>
-
-<p>
-So muß ich mir denn ein Surrogat suchen, zu dem man
-keiner Utensilien bedarf: Ich zähle. Ich zähle bis hundert, bis
-tausend, bis vierzigtausend. Ich bin gerade bei der Ziffer 40.015
-angelangt, als mir brennender Durst zum Bewußtsein kommt.
-Ich schlage auf meine Tür. Der Posten, der draußen mit aufgepflanztem
-Bajonett auf und ab geht, kommt herbei und fragt
-mich nach meinem Begehr. „Ich will trinken,“ erkläre ich.
-</p>
-
-<p>
-„Warte einen Augenblick,“ gibt mir der Infanterist zur
-Antwort.
-</p>
-
-<p>
-Er drückt auf den Knopf der elektrischen Klingel, die zum
-Wachkommandanten hinunterführt.
-</p>
-
-<p>
-Nach kurzer Zeit hört man schwere Schritte: Der
-Gefreite-Wachkommandant kommt die Treppe herauf, begleitet
-von einem Mann der Wache.
-</p>
-
-<p>
-„Was wollen Sie?“ fragt er mich durch die verschlossene Türe.
-</p>
-
-<p>
-„Ich will trinken,“ melde ich nochmals.
-</p>
-
-<p>
-„Treten Sie zurück,“ befiehlt er mir und schaut durch
-das vergitterte Guckloch, ob ich diesen Befehl befolgt habe.
-</p>
-
-<p>
-Dann öffnet er und ich kann hinaustreten. Die Mündungen
-dreier Gewehre sind auf mich gerichtet und bewegen sich in
-der Richtung eines jeden Schrittes, den ich mache. Der Wachkommandant
-und sein Begleiter, sowie der Korridorposten haben
-die linke Patronentasche offen, in der die scharfen Wachpatronen
-stecken. Am Ende des Ganges, am Fensterbrett steht ein großes
-Glas, wie man es gewöhnlich zum Einlegen von gedünstetem
-Obst verwendet. Aus dem Konservenglas trinken alle Arrestanten.
-Darunter steht eine Kanne, aus der ich mir eingieße. Während
-ich trinke, lassen mich die Gewehrmündungen nicht aus dem Auge.
-</p>
-
-<p>
-Zum zweitenmale kommt der Wachkommandant herauf,
-wenn es neun Uhr abends ist und der Hornist vor dem
-Kasernentore die trüben Klänge der Retraite bläst: dann bringt
-<a id="page-169" class="pagenum" title="169"></a>
-er mir die dünne Kavalettdecke, in die ich mich einhülle und
-vergeblich zu schlafen versuche.
-</p>
-
-<p>
-Dann bekomme ich gewöhnlich noch einen nächtlichen Besuch.
-Der Kaserninspektionsoffizier kommt inspizieren. Er schaut
-sich forschend um und schnuppert, ob in der Zelle kein Zigarettenrauch
-zu spüren ist. Dann geht auch er.
-</p>
-
-<p>
-Manchmal ist der Gefreite, der die Wache kommandiert,
-einer meiner Bekannten und läßt mich, wenn der Kaserninspizierende
-das Arrestgebäude verlassen hat, zu sich ins Wachzimmer
-hinunter. Unten brennt wenigstens ein Lämpchen, die
-graphitfarbenen Wände des Ofens sind von ärarischer Kohle in
-Glut versetzt und es sind Menschen da: die Wachsoldaten, die
-Zigaretten hergeben, wenn man ihnen für den nächsten Tag
-zehnfache Revanche verspricht. Auch die Arrestanten aus den
-anderen Zellen haben sich — wenn der Wachkommandant kein
-Hasenfuß ist — hier ein Stelldichein gegeben und spielen Karten.
-</p>
-
-<p>
-Hier bin ich mit Peter Worostschuk bekannt geworden,
-der zwar beim 73. Infanterieregiment in Karolinental diente,
-aber in den Arrest der Albrechtskaserne gebracht worden war,
-weil der sicherer ist. Nach Ablauf meiner Dienstzeit habe ich
-ihn noch zweimal getroffen: Einmal im Sicherheitsbureau der
-Polizeidirektion und bald darauf im Strafgerichte bei der Verhandlung,
-in der er wegen verursachten Meuchelmordes sieben
-Jahre schweren Kerkers erhielt. Auch Wladimir Zajiček, mit
-dem ich mich beim jeu im Arrestgebäude befreundet hatte, ist
-mir zweimal „im Zivil“ begegnet. Einmal traf ich ihn in der
-Strafanstalt Pankratz, ein zweites Mal vor drei Jahren bei den
-Bummelkrawallen auf dem Graben, wo er mich herzlich begrüßte.
-Seither haben sich die Verhältnisse beruhigt und der Beruf als
-„empörte Volksmenge“ nährt nicht mehr seinen Mann. Und
-vor einigen Monaten habe ich denn gelesen, daß mein Genosse
-Zajiček wieder für zehn Monate zu der ruhigen, sitzenden und
-beschaulichen Lebensweise zurückkehren wird, die ihm seit seinem
-seinerzeitigen Sejour im Smichower Arrestgebäude nichts fremdes
-mehr ist.
-</p>
-
-<div class="centerpic end">
-<img src="images/end.jpg" alt="" /></div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="part-34">
-<a id="page-170" class="pagenum" title="170"></a>
-Alt-Prager Mensurlokale
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">n</span> Prag ist es mit den Studentenmensuren wesentlich anders
-als auswärts. Inmitten des nationalen Kampfes muß selbst
-dem krassesten Füchslein der Gedanke aufdämmern, daß das
-Waffenspiel doch mehr als ein Spiel, daß es Probe und
-Erziehungsmittel sein soll. Und trotzdem in Prag wohl keinem
-Studenten Kodex, Komment und Couleurpolitik zum Lebensinhalt
-werden kann, weil er sich vor ernstere Aufgaben gestellt sieht,
-wird hier seit Jahrzehnten eifrig gefochten. Dabei aber erschwert
-der erwachende und bald zur Herrschaft gelangte politische Haß
-die Zusammenkünfte der deutschen Studenten. Von einem
-dunklen Schlupfwinkel zum anderen mußten sie ziehen, von
-einem Ausflugsort zum andern, und wenn sich jemand der
-Mühe unterzöge, nach den Mensurbüchern der Prager Korporationen
-eine Liste der Paukböden zusammenzustellen, so würde
-dies nicht bloß ein vielsagender Beitrag zur Geschichte des Farbenstudententums,
-sondern auch eine bemerkenswerte Illustration
-zur politischen und kommunalen Geschichte dieser Stadt sein.
-</p>
-
-<p>
-Auf der Bastei, der breiten Umwallung, die von der Karlshofer
-Kirche zum Korntor, von da zum Roßtor und weiter über
-das Pořitscher Tor hinaus bis zur Moldau führte, stand einmal das
-„Café Bohemia“. In der Hibernergasse, die freilich anders aussah,
-wie heute. Der Staatsbahnhof war dort, wo er heute ist,
-und stand doch nicht in der Mitte der Stadt, sondern an ihrer
-Peripherie. Um für seine Einrichtung Raum zu schaffen, hatte
-ein Stück der Basteimauern fallen müssen. Rings umher
-aber stand der Wall noch breit und hoch, und an schönen
-Frühlingstagen konnte man geputzte Bewohner Alt-Prags die
-Serpentine hinaufstolzieren sehen, die von der Hibernergasse
-aus auf die Bastei führte. Dort oben stand das „Café Bohemia“,
-wo man einen guten Kaffee schlürfen und altvorzeitisch große
-Kipfel dazu essen konnte, und einen endlos weiten Ausblick auf
-die Wiesen und Felder gegen die Wiener Reichsstraße, auf jenes
-Gebiet genoß, wo sich heute Žižkow und ein Teil von Weinberge
-breitet. Vom Kaffeehause aus konnte man dann auf der
-<a id="page-171" class="pagenum" title="171"></a>
-Steinbrücke über den Bahnhof hinweg längs der Florenzgasse
-bis zum Pořitscher Tore promenieren. Im ersten Stock des Cafés
-war ein großer Saal, der manches fröhlich-schlichte Kränzchen
-und manchen denkwürdigen Kommers sah, wie jenen, der im
-Feber 1863 den Staatsminister Schmerling in Prag begrüßte.
-</p>
-
-<p>
-Hier focht man am Anfang der sechziger Jahre des
-vorigen Jahrhunderts die ersten Mensuren. Nach dem unglückseligen
-Ausgang des lombardischen Feldzuges versuchte man es
-in Österreich einmal statt des reaktionären Regimes, das sich
-so schlecht bewährt hatte, zaghaft mit etwas freiheitlicher Regierungskunst.
-Vielleicht wollte man die österreichische Bevölkerung,
-die durch die in Italien erlittenen Verluste und Mißerfolge
-verbittert war, einigermaßen entschädigen, indem man
-ihr mehr Bewegungsfreiheit gewährte. Die Studenten, deren
-Organisationsbestrebungen im Jahre 1849 hinter Kerkermauern
-begraben worden waren, nützten jetzt den günstigen Wind. Das
-im Sommer 1859 im Gasthause „Zum Hopfenstock“ an der
-Ecke der Wasser- und Hopfenstockgasse errichtete „Bierherzogtum
-Lichtenhain unter Thus I.“ war der Beginn fröhlicher studentischer
-Vereinigung; die schwarzen Seidenkappen, welche die
-„Tabularotundisten“ 1860 in ihrem Kneiplokale „Zum Kleeblatt“
-(Ecke Teingasse und Fleischmarkt) und bald auch auf der
-Straße trugen, waren der Anbeginn des Farbentragens. Nicht
-lange darauf stellten sich die Anfänge des Mensurwesens ein.
-Bernhard Stall, ein junger frischer Westfale, der in Bonn aktiv
-gewesen war, wandelte die „Tabula rotunda“ in die Verbindung
-„Rugia“ um, und die schlug bald mit der „Franconia“ Partien.
-Kein Lied, kein Heldenbuch meldet die Namen der ersten
-Kämpen.
-</p>
-
-<p>
-Die erste Mensur, über die noch Aufzeichnungen vorhanden
-sind, ist zwischen den Mitgliedern zweier heute noch bestehenden
-Burschenschaften am 6. Juni 1861 ausgetragen worden. Zwischen
-einem Mitglied der „Carolina“, die bislang in einem anderen
-Basteilokale, im Café Schubert zwischen Roßtor und Korntor
-(etwa dort, wo heute die Čelakovskyanlagen sind), mit stumpfen
-Klingen und in Körben gepaukt hatte, und einem Aktiven der
-„Albia“ auf deren Bude. Die Mensurbücher melden hierüber:
-„Paukanten: Bursche Artur Liberda (Carolinae) und Bursche
-Johann Tröger (Albiae); Sekundanten Ernst Hauer (Albiae) und
-<a id="page-172" class="pagenum" title="172"></a>
-Karl Rösch (Carolinae); Unparteiischer Julius Zuleger (Franko-Arminae).
-Mensur zweiten Grades. Liberda abgeführt; zwei
-Nadelstiche.“
-</p>
-
-<p>
-Das Lokal, das der Schauplatz dieser Mensur und nachher
-ungezählter anderer war, war wohl das herrlichste und romantischeste,
-das man sich denken kann. Es war das in der Karlshofergasse
-stehende Lustschlößchen „Amerika“, dieses kleine
-Wunder Kilian Dienzenhoferschen Baukunst. In diesem Gebäude,
-über dessen Verwendung sich die Stadtgemeinde Prag jetzt den
-Kopf zerbrochen hat, war in den sechziger und noch in den
-siebziger Jahren eine freundliche Gastwirtschaft, und der Wirt
-hatte zwei entzückende Töchter, die ganz vortrefflich in den
-Rahmen des Lustschlößchens paßten. Hier hatte die „Albia“
-ihre Bude, und hier wurde lange geschlagen. Man glaubte
-wirklich in einen Rittersaal zu festlichem Turnei gekommen zu
-sein. Und wenn’s einem der Paukanten etwas zaghaft zumute
-wurde, dann flößte ihm wohl der lächelnd ermunternde Blick
-der bunten Gestalten neuen Mut ein, die Johann Ferdinand
-Schors Meisterhand anderthalb Jahrhunderte vorher an die
-Wand gemalt hatte.
-</p>
-
-<p>
-Die technischen Korps „Frankonia“ und „Suevia“ fochten
-inzwischen in dem Brettergasthaus „Smetanka“ auf den freien
-Gründen zwischen Žižkow und Weinberge, und die „Austria“
-pflegte ihre Waffengänge im einstigen Gasthaus Eggenberg auszutragen,
-das hinter dem Aujezder Tor auf einer Anhöhe vor
-dem Kinskygarten stand.
-</p>
-
-<p>
-Die Waffe, deren man sich bediente, war eine Prager Erfindung,
-die unter dem Namen „Prager Waffe“ — im Studentenjargon
-„Prager Plempe“ — an Deutschlands hohen Schulen als
-Eigentümlichkeit der Prager Studenten bekannt war. Sie war
-nicht Säbel, noch Schläger, sondern beides. Der alte ständische
-Fechtmeister in Prag, Maitre Le Gros, lehrte nämlich nur das
-Säbelfechten, und so mußte man eine Kombination des Säbels
-mit dem studentischen Schläger erfinden, und versah den Säbelgriff
-mit der geraden Schlägerklinge. Siebzehn Jahre focht man
-mit diesem Unikum. In dem alten Paukbuch des akademischen
-Korps „Austria“ (Seite 102 und 103) ist über die erste Schlägermensur
-in Prag folgende Aufzeichnung zu finden: „Anerkennungshatz
-des akademischen Korps „Moldavia“ (Prag) auf Korbschläger
-<a id="page-173" class="pagenum" title="173"></a>
-in den D. C.-Verband. Erste Mensuren nach dem Prager
-Paukkomment auf Korbschläger. — Mensur auf Korbschläger
-15 Minuten gefochten am 8. Juni 1877 im Gasthause Eggenberg
-zwischen Herrn Phil. Kand. Josef Neuwirth, „Austriae“-Prag
-und „Saxoniae“-Wien (der jetzige Hofrat und Professor der
-technischen Hochschule in Wien) und Herrn Med. Stud. Rudolf
-Eckstein, „Moldaviae“-Prag. Als Sekundanten fungierten Jur.
-Ludwig Stümmer („Moldaviae“) und Med. Karl Renn („Austriae“),
-als Unparteiischer MUC. Alois Pessina („Austriae“) und als Paukarzt
-MUC. Karl Zoerkler („Austria“). Die Mensur endete unentschieden.
-Die erste burschenschaftliche Schlägermensur fand am
-2. April 1880 in dem Gasthaus „Zur slawischen Linde“ in der
-Inselgasse (heute Smetanagasse) statt: Eduard Gerson von der
-„Alemannia“ focht sie mit dem Prager „Teutonen“ und Wiener
-„Alben“ Paul von Portheim, der jung verstorben ist und dessen
-posthume Gedichtsammlung „Silentium“ Bewunderung erweckte.<a id="corr-54"></a>“
-</p>
-
-<p>
-Es gibt und gab wenige Gasthäuser im Weichbilde und
-in der Umgebung Prags, in denen nicht blitzende Schläger die
-mit Kolophoniumduft und Blutgeruch geschwängerte Luft sausend
-durchfahren hätten, in denen nicht schallende Eisenhiebe auf
-Klingen und Körbe gerasselt wären. Eine Zeitlang — so in der
-Zeit um die Kuchelbader Schlacht — gab es arge Persekutionen.
-Die Tschechen fanden Lust daran, die „Salamander“ — das war
-der damalige Ausdruck für das heutige „buršák“ — bei
-der Polizei zu vernadern, die Polizei witterte wieder in den
-geheimen Zusammenkünften der Studenten politische Konspirationen.
-So zogen die wehrhaften Mannen aus den Toren Prags
-„in die Wüste“ hinaus, und in den vergilbten Mensurbüchern
-stehen auswärtige Gasthausnamen zu lesen, so „Zum kleinen
-Prokop“ in Nusle, „Karl IV.“ in Wrschowitz, das „Mäuseloch“
-in Straschnitz, „Bellevue“ in Nusle, „Georg von Podiebrad“
-in Koschiř, der Pavillon im Paradiesgarten, die „Nusler Mühle“
-u. dgl. Aber die Polizei fand alle diese Schlupfwinkel nach und
-nach heraus, und wenn auch mancher Polizeibeamte bei der
-Aushebung mit verräterischem Wohlgefallen und verdächtiger
-Fachkenntnis das Pfeifen der Mensurspeere probierte — was half
-das, er mußte doch die schönen Waffen konfiszieren. Der Chef
-des Sicherheitsdepartements hat die Türen des Polizeimuseums
-mit saisierten Schlägern und Säbeln sehr geschickt dekoriert ...
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-174" class="pagenum" title="174"></a>
-Von der Romantik des „Schipkapasses“, der als Sanatorium
-für Verwundete beliebt war und auf dem einmal eine
-Kuh bei einem Pistolenduell ritterlich verletzt wurde, und von
-den Schicksalen des Zimmermannschen Paukbodens „Vaclavbude“
-hat Karl Hans Strobl in seinen Prager Romanen meisterliche
-Bilder gemalt. Es gibt gar viele einstige Prager Studenten,
-die ähnliche Erlebnisse und Reminiszenzen von anderen Prager
-Fechtlokalen aufzufrischen vermöchten. Zumindest hat jedem
-dieser Lokale die Veränderung der Stadt und ihrer Häuser eine
-Geschichte gegeben. Der Schreiber dieses hat u. a. selbst in
-einer längst der Assanation zum Opfer gefallenen Spelunke in
-der Zigeunergasse der alten Judenstadt gegen den Obmann des
-völkischen Lese- und Redevereins „Germania“, in einem noblen
-deutschen Hotel der Unteren Neustadt gegen einen Herrn, der
-heute im tschechisch-politischen Leben eine Rolle spielt, und gegen
-einen zionistischen Arzt — in einem verfallenen Klostertrakt
-gefochten. Ob heute noch Mensuren geschlagen werden, und
-wo — das möchten Sie gerne wissen, Herr Polizeirat!
-</p>
-
-<div class="centerpic end">
-<img src="images/end.jpg" alt="" /></div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="part-35">
-<a id="page-175" class="pagenum" title="175"></a>
-Prags Erwachen
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">„</span>S</span><span class="postfirstchar">chon</span> wieder ist’s Tag geworden.“ Man registriert dieses
-Faktum, wenn man die Türe schließt und auf die Straße
-tritt. Da drinnen spielen die Zigeuner den Rakoszy-Marsch zum Abschied,
-aber die aufpeitschenden Zimbaltöne dringen nur gedämpft
-heraus und haben in der Morgenluft ihre faszinierende Wirkung
-eingebüßt. Man knöpft sich fröstelnd den Rock zu, entzündet
-die letzte „Prinzesas“ und ist der Sonne gram, die schon wieder
-einmal über dem Wysotschaner Firmament aufgestiegen ist, bevor
-man noch zu Hause im Bette liegt. Man flucht über das teuflische
-Raffinement der Nachtlokalbesitzer, die in den sonst so verschwenderisch
-ausgestatteten Räumen keine Uhr anbringen. Man
-flucht auf Wein, Gesang und Weib. Man verflucht sich selbst.
-</p>
-
-<p>
-Beim „Spinka“ bleibt man stehen. Die ersten Elektrischen
-fahren auf, immer in einer Richtung von der Remise kommend,
-so schnell, daß man denken könnte, man wäre in Berlin oder
-sonst in einer Großstadt. Aber bekanntlich wird das Tempo
-immer langsamer und erst um Elfe abends, auf dem Wege zur
-Remise, erlangen die Waggons wieder Schnelligkeit. Vom oberen
-Wenzelsplatz kündigen große Staubwolken das Herannahen der
-Hygieia an, den stattlichen Zug Prager Straßenkehrer mit dem
-Zeichen ihrer Macht, dem Kehrbesen. Sonst ist der Platz menschenleer,
-auf den sich die Prager sonst so viel einbilden, weil
-er die einzige Stelle ist, auf der sich hie und da das Großstadtgetriebe
-ent- und abwickelt, und weil er einen Inselperron hat
-wie der Potsdamerplatz. Auch das Kandelaber-Grandcafé fehlt
-schon beim „Spinka“. Die Cafétiere ist Punkt 4 Uhr mit ihrem
-geräderten Teehaus zur städtischen Sparkassa übersiedelt, wo
-sie den Marktweibern, den Fuhrleuten, deren Helfershelfern
-und den mächtigen Marktpolizisten einen heißen Morgentrunk
-kredenzt. Auch der Standplatz der Droschken ist verwaist. Nur
-der Polizist steht Tag und Nacht da; mißmutig wartet er mit
-heißem Sehnen auf den Missetäter oder mit noch viel heißerem
-auf die Ablösung. Höflich salutierend legt er die Hand an
-seinen Chanteclerhut, aber mit dieser Höflichkeit kontrastiert ein
-<a id="page-176" class="pagenum" title="176"></a>
-unterdrücktes Lächeln, das zu sagen scheint: „Du unverbesserlicher
-Flamender! Unsereiner wäre glücklich, schlafen zu können
-und muß Nächte aufbleiben, der da könnte schlafen und will
-nicht.“ Ich muß ihm doch wenigstens zeigen, daß ich nüchtern bin.
-</p>
-
-<p>
-„Na, was war los während der Nacht?“
-</p>
-
-<p>
-„Nichts, Besonderes gar nichts. Am Leonhardiplatz haben’s
-einen beinahe erstochen. Wie er heißt, weiß ich nicht, 712 war
-dort. Dann war eine Rauferei beim „Silbernen Dreier“ und dann
-haben wir eine „Dame“ wegen schlechter Buchführung verhaftet.“
-</p>
-
-<p>
-„Guten Morgen.“
-</p>
-
-<p>
-Weiter geht der einsame Weg. Aus den Nachtlokalen tönt
-noch Musik, ersterbend. Mehreremale muß Halt gemacht werden,
-denn alle Leute, die man trifft, sind Bekannte. Da begrüßt
-einem der alte Fiala in seinem alten, abgetragenen Havelock,
-der nächtliche Wetterprophet. Um zwei Kreuzer prophezeit er
-den Gästen das schönste Wetter, um drei Kreuzer gibt er es
-sogar schriftlich; sein Stolz ist, daß er den Zusammenstoß des
-Halleyschen Kometen mit der Erde und ihren Untergang mit
-derselben Bestimmtheit vorausgesagt hatte, wie die Sternwarte
-der Harvard-Universität. Die alte Frau da mit der alten Seidenmantille,
-die wohl auch einstens bessere Tage gesehen, spielt
-den Gästen in einer Weinstube auf der oberen Neustadt bis früh
-zum Tanz auf; sie hat eine Familie zu ernähren und weiß
-nicht, ob der Erlös der Nacht ausreichen wird, aber sie darf
-sich ihre Besorgnis nicht anmerken lassen und muß das belebende
-Lied von den „Honey boys“ immer wieder mit Lust und
-Verve spielen, muß immer wieder ihre Zündhölzchenkunststücke
-zum Besten geben und muß immer wieder den Pommery trinken,
-den ihr splendide Gäste widmen. Dort kommt mir mit
-militärischer Pünktlichkeit im Laufschritt ein Einjährig-Freiwilliger
-entgegen. Vor drei Stunden da habe ich ihn noch tanzend in
-einem vornehmen Etablissement gesehen. Aber welch eine
-Metamorphose hat er durchgemacht! Mitten in all dem Glanz
-und Flitter da hatte er blitzende Lackschuhe, elegante hellblaue
-Kammgarnhosen mit Strupfen, einen tiefdunklen Waffenrock mit
-hohem Kragen und strahlenden Silbersternen und eine Mütze
-— die Vorschriftswidrigkeit selber. Jetzt aber ist der Glanz der
-Sterne verblichen, der der Schuhe verblaßt, der Kragen zusammengeschrumpft,
-die Mütze die Vorschrift selber, die Uniform hat
-<a id="page-177" class="pagenum" title="177"></a>
-ihre Buntheit eingebüßt und ist grau und fad wie der Morgennebel
-und wie der Staub, der in dichten Schwaden aus dem
-Besen der Straßenkehrer emporwächst. Und der Blick des Marsjüngers,
-der um zwei Uhr nachts so stolz und sieghaft war,
-ist jetzt müde und neidisch, wie eben der Blick eines Soldaten
-sein kann, der nach durchjubelter Nacht zum Exerzieren auf den
-Sandberg eilt und einen Zechkumpan trifft, der jetzt ruhig
-schlafen geht. Dort kommt ein anderer Bekannter. Ein alter
-Detektivinspektor, schon lange im Ruhestande. Aber er kann
-nicht schlafen. An vierzig Jahre hat er gefahndet und inspiziert
-— nun kann er das Nachtwachen nicht mehr lassen und
-geht die ganze Nacht spazieren. Ein Gummiradler kommt vorüber.
-Die Direktrice der „Roten Mühle“ fährt nach Hause.
-Gleich hinter dem Gummilutscher rollt ein schweres Gefährt durch
-die Gasse: Die Kanalräumer haben ihr nächtliches Tagewerk
-beendet.
-</p>
-
-<p>
-Es ist die Stunde des Schichtwechsels. Ein Teil der Stadt
-geht schlafen, ein Teil der Stadt erwacht. Noch ist nicht Frühstückszeit
-und schon leiht die Sorge um den Mittagstisch den
-Gassen das Gepräge. Eine lange Kette von Landwagen — die
-Retterinnen des Kapitols sind ihre Passagiere —, Hundegespanne
-mit Gurkenladung, riesige Streifwagen mit Kohlköpfen und
-Salat, die weißen Wagen der Dampfmolkereien, Bauersleute mit
-gemüsebeladenen Schubkarren, alte Weiber mit Schwämmen,
-Erdbeeren und anderen Waldfrüchten eilen der Altstadt zu. Sie
-bringen dem „Bauche von Prag“ ihre Opfergaben. Die Weiber,
-die seit dem Abend unter den Lauben des Kohlmarktes auf dem
-Straßenpflaster zusammengekauert oder lang ausgestreckt geschlafen
-haben, stellen sich längs des Trottoirs hinter ihren
-Körben auf, in denen Obst und Pilze sind. Sie suchen die Ware
-in der Zeit von 4 Uhr bis 7 Uhr früh loszuwerden, da sie
-innerhalb dieses Zeitraumes noch keine Marktgebühr zu entrichten
-haben. Deshalb ist in diesen drei Stunden die Ware
-billiger und die armen Leute, die Gemüsegroßhändler und die
-Zwischenhändler decken schon jetzt ihren Bedarf.
-</p>
-
-<p>
-Auf dem Altstädter Ring ist um diese Zeit Markt. Rings
-um die Marienstatue scheint die Wagenburg eines Hussitenlagers
-errichtet zu sein. An hundert Gemüsewagen stehen hier mit
-vorgespannten Pferden und lassen drei Straßen frei, in denen
-<a id="page-178" class="pagenum" title="178"></a>
-sich das Kaufgetriebe abspielt. Es sind fast durchwegs Gemüsehändler,
-die einkaufen. Nur an der letzten Wagenreihe, die
-der Teinkirche am nächsten ist, drängen sich auch Frauen. Hier
-werden Kartoffeln feilgeboten und die Frauen des Volkes müssen
-einkaufen, bevor in den Preis die Marktgebühr einbezogen wird.
-Punkt 7 Uhr rollen die letzten Wagen davon, der Platz wird
-gefegt und die Prager, die erst jetzt erwachen und über den
-Ring gehen, haben jahraus, jahrein keine Ahnung, daß hier
-vor kurzem Jahrmarktstreiben herrschte.
-</p>
-
-<p>
-Um diese Zeit neigt sich auch das wogende Leben, das
-von 3 Uhr morgens ab in den Kaffeehäusern und Suppenstuben
-der Galligasse und der Rittergasse herrschte, seinem Ende zu.
-Hier sitzen die Damen der Halle im Lokale, in dessen Mitte,
-ganz wie im Orient, der Herd steht, und besprechen bei einer
-Tasse Kaffee, die 20 Heller kostet, und bei einer Buchte um 6
-Heller die österreichische Agrarpolitik und ihre Einwirkung auf
-die Fleischteuerung. Vergleichsziffern aus alten, besseren Zeiten
-illustrieren diese politischen und wirtschaftlichen Enunziationen.
-Manchmal ißt man vielleicht auch eine „drštková polévka“ dazu,
-was laut Ranks Wörterbuch deutsch „Kuttelflecksuppe“ heißt.
-Na ja, Ranks Wörterbuch ist eben kein Kochbuch, und so kann
-darin nicht verzeichnet sein, welche Fülle geheimnisvoller Ingredienzien
-eine kommune Kuttelflecksuppe zu einer Prager „drštková“
-stempelt. Die Schnapsbutiken sind voll von Leuten, die sich aus
-den zahllosen Fäßchen Arzneien gegen Mattigkeit und Nervosität
-kredenzen lassen. Die Gassen beleben sich immer mehr. Bäckerjungen,
-Fleischergehilfen, die auf dem Rade aus der Holleschowitzer
-Zentralschlachtbank in den Laden fahren, Nachtwächter,
-Plakatankleber und Zeitungsausträgerinnen sind die Passanten.
-</p>
-
-<p>
-Schon wird der Posten eingezogen, der während der Nacht
-im „Alten Gericht“ die Kasse des Steueramtes bewacht hatte.
-Wenige Minuten später ziehe ich die Glocke meines Hauses.
-Während der Hausmeister herbeikommt, um sein letztes Sperrsechserl
-einzuheimsen und dann das Haustor schon offen zu
-lassen, zieht der in Phantasieuniform gekleidete Bedienstete der
-„Wach- und Schließ-Gesellschaft“ seine Uhr und richtet sie. Er
-weiß: Wenn ich nach Hause gehe, ist’s Punkt 6 Uhr. Und da
-gibt es noch Menschen, die behaupten, ich führe keinen regelmäßigen
-Lebenswandel!
-</p>
-
-<div class="centerpic end">
-<img src="images/end.jpg" alt="" /></div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="part-36">
-<a id="page-179" class="pagenum" title="179"></a>
-In der Wärmestube
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">m</span> Sonntag vor Weihnachten traf ich in der Kleinseitner
-Brückengasse den Detektiv Wünsch, einen der intelligentesten,
-aber auch der unglücklichsten Zivilwachleute der Polizeidirektion.
-Er war seinerzeit bei der Aufdeckung des Doppelmordes
-in Krtsch, als man die Leichen des Takacz und der
-Hansely im Keller ausgrub, mit einer Schaufel geritzt und von
-Leichengift infiziert worden; viele Monate hatte er zwischen
-Leben und Tod geschwebt. Und jetzt war er wieder krank.
-Er kam gerade aus der Apotheke. „Meine Lunge ist kaput,“
-flüsterte er. Das Sprechen machte ihm Mühe. „Ich werde es
-nicht mehr lange machen ...“
-</p>
-
-<p>
-Ich versuchte ihm das auszureden. „Sie werden noch
-erwarten können, bis Sie Inspektor werden,“ meinte ich lächelnd,
-„Sie werden doch dem Staat nicht die Inspektorspension schenken!“
-Detektiv Wünsch machte eine abwehrende Handbewegung:
-„Lassen wir das Thema, ich weiß das besser.“ Dann
-sagte er:
-</p>
-
-<p>
-„Herr Kisch, dieser Tage habe ich mich so an Sie erinnert.
-Wissen Sie, wohin Sie einmal gehen sollten? In die Wärmestube.
-Dort könnten Sie Studien machen. Dort haben Sie alle
-unsere Kerle ...“ Mit dem Ausdruck „unsere Kerle“ meinte
-er die im Sicherheitsbureau bekannten Falloten. Als ich mich
-für das Thema zu interessieren begann, fuhr Wünsch fort:
-</p>
-
-<p>
-„Sie können sich bei mir umkleiden. Ich wohne in der
-Nähe, unter der Karlsbrücke, Lužickygasse 10. Dort werde ich
-Sie anziehen, daß Sie wie ein echter Verbrecher aussehen werden.
-Von meiner Wohnung aus brauchen Sie dann nur eine Minute
-in <a id="corr-57"></a>Ihren Fetzen zu gehen, und schon sind Sie in der Wärmestube.“
-</p>
-
-<p>
-Ich versprach bald zu kommen und schon am Neujahrssonntag
-klopfte ich an seine Tür, um die Exkursion anzutreten.
-Mir öffnete eine Frau.
-</p>
-
-<p>
-„Bitte, wohnt hier der Herr Wünsch?“ fragte ich.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-180" class="pagenum" title="180"></a>
-„Herr Wünsch wohnt schon in Wolschan draußen,“ wurde
-mir zur Antwort. Ich glaubte, falsch verstanden zu haben.
-Aber man bestätigte mir die Nachricht, die mich — schon weil
-sie mir so unerwartet kam — bodenlos schmerzlich berührte:
-Herr Wünsch war während der Weihnachtsfeiertage gestorben.
-</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="noindent">
-Er konnte also nicht meine Equipierung mehr besorgen,
-mir keine besonderen Tips für die Stammgäste in der Wärmestube
-in seiner Nachbarschaft geben. Aber ich beherzigte seinen
-Rat. In der Filiale der Leichenbestattungsanstalt Fuchs auf der
-Kampa-Insel warf ich mich in full dress. Nicht in die Fetzen,
-die ich auf meiner Floßfahrt nach Magdeburg, bei meinem
-Besuch im Asyl für Obdachlose und bei ähnlichen Streifzügen
-getragen hatte. Diesmal kam ich nicht als Arbeiter, sondern
-als obdachloser Müßiggänger, als herabgekommenes Subjekt.
-Ich glich in meinem, einst ganz elegant gewesenen, aber jetzt
-schon ganz fadenscheinigen Überzieher, meinen zerfransten
-Nankinghosen, meinem verbogenen und beschmutzten Kragen
-— eine Krawatte hatte ich nicht — ungefähr dem Baron in
-Maxim Gorkis „Nachtasyl“, den hier in Prag Hans Waßmann
-gespielt hat.
-</p>
-
-<p>
-Und nun, da ich mich des Schutzes gegen den Winter
-entledigt hatte, spürte ich, kaum daß ich auf der Straße war,
-was es heißt, der Gewalt des Frostes wehrlos preisgegeben zu
-sein. Von der Čertovka her, dem Moldauarm, der die Kampa
-umfließt, mischte sich schwere Feuchtigkeit in die eisigkalte
-Luft, und die dicken Schwaden, welche rings um den brennenden
-Gaslaternen sichtbar waren, erweckten den Anschein, als
-ob die frierende Luft sich an die Lichter herandränge, um sich
-zu wärmen.
-</p>
-
-<p>
-Nach kurzem, aber kaltem Wege war ich in der Wärmestube.
-Sie ist in einem niedrigen Gebäude in der Belvederegasse
-untergebracht, das an den Landesschulrat anschließt. Rechts
-ist der Eingang in die Abteilung für Frauen, links in die für
-Männer. Durch diesen ging ich, durchschritt einen kurzen Korridor
-und war dann vor einer Glastüre. Ich öffne und bin in
-der Wärmestube. An dreißig Menschen wenden sich ruckartig
-gegen den Ankömmling, ich fühle mich von ebensovielen Augenpaaren
-scharf, durchdringend und verdächtigend gemustert. Ich
-<a id="page-181" class="pagenum" title="181"></a>
-tue als ob ich das nicht beachte und suche mir ein Plätzchen.
-Das ist nicht so einfach. Das Zimmer ist klein, und die dreißig
-Menschen sitzen dicht an einander geschmiegt auf den Bänken,
-welche an den beiden Längswänden und parallel zu diesen in
-der Saalmitte, sowie an einer Breitseite aufgestellt stehen. Die
-der Tür gegenüberliegende Breitwand des Raumes ist frei; hier
-ist der Eingang in die Küche und der Schalter, an dem man
-zu Mittag eine Suppe und Brot bekommt. Schließlich schaffe
-ich mir doch einen Sitzplatz: Zwischen zwei Schlafenden ist eine
-Handbreit der Bank freigeblieben, und ich, indem ich den einen
-Schläfer beiseite schiebe — er rückt mechanisch weiter — kann
-mich niedersetzen. Ich sinke, Apathie heuchelnd, in mich zusammen,
-und die Blicke der Leute rutschen wieder von mir ab,
-und die Gespräche, die während meiner Installation verstummt
-waren, werden wieder fortgesetzt.
-</p>
-
-<p>
-Nun erst schaue ich mich um. Da sitzen sie, die wehrlosen
-Feinde des Frostes, da sitzen sie in ihrer einzigen Zufluchtstätte.
-Aber auch hier, wo sie der Gegner nicht fassen kann, legen sie
-ihre schwache Wehr nicht ab. Alle haben ihre zerschlissenen Winterröcke
-und ihre Hüte anbehalten, alle haben ihre Rockkragen
-aufgeschlagen, fast alle haben Tücher um ihre Ohren geschlungen.
-Der eine hat Pulswärmer an — zwei Tuchmuster oder Strumpfteile,
-die mit Spagat am Handgelenk festgebunden sind. Alle
-sitzen zusammengekauert und aneinandergeschmiegt da. Besonders
-dicht ist die Reihe in der Ecke, an dem Eisenofen. Die
-Zunächstsitzenden halten ihre Hände an den graphitartig glänzenden
-Ofen, als wollten sie in der kurzen Spanne Zeit ein
-möglichst großes Quantum Wärme in sich aufnehmen.
-</p>
-
-<p>
-Armselige Gestalten! Es ist ein grau in grau gemaltes
-Bild, das man hier im Lichte der einen Gasflamme sieht. Aber
-nach und nach unterscheidet man die Grundfarben, erkennt, daß
-hier zwei Gruppen menschlichen Elends vertreten sind: Arbeitsnot
-und Verbrechen. Man erkennt das aus den Gesprächen,
-man sieht es den Menschen an. Einer hat seinen Stiefel ausgezogen
-und bindet mit schmerzverzerrter Miene einen schmutzigen
-Fußlappen um seinen über und über blutigen Fuß. Ein
-anderer, ein junger Bursch, der ein rotes Tuch nicht ohne
-Koketterie um den Hals gebunden trägt, legt einen Taschenspiegel
-auf sein Knie und kämmt seinen ohnedies bewunderungswürdig
-<a id="page-182" class="pagenum" title="182"></a>
-tadellosen Scheitel. Ein alter Mann blättert verzweifelt
-in seinem Arbeitsbuch — er sucht wahrscheinlich, ob er bei
-seiner Stellungssuche in Prag nicht einen einstigen Dienstgeber
-vergessen hat.
-</p>
-
-<p>
-Alle fluchen dem Winter. Daß es heuer keinen Schnee
-in den Straßen zu schaufeln, kein Eis auf der Moldau zu hacken
-gibt. Die anderen — und es läßt sich nicht verschweigen, daß
-diese in der Mehrzahl sind — fluchen den Polizeibezirksleitern
-und Bezirksrichtern, die so streng sind, im Winter milde zu sein.
-</p>
-
-<p>
-„Voriges Jahr hab’ ich im Sommer in Deutschbrod drei
-Wochen wegen Bettelei bekommen, und vorige Woche hat mir
-der Schuft nur vierundzwanzig Stunden gegeben,“ schimpft einer.
-Ein anderer lacht wieder:
-</p>
-
-<p>
-„Mich hat vorgestern in Smichow der Kommissär gefragt,
-ob ich mir nicht Arbeit suchen wolle. Da hab’ ich gesagt, ich
-werde jetzt Hopfen pflücken gehen.“ Alle lachen. Dann wendet
-sich der Spaßvogel zu dem Burschen mit dem roten Schlips:
-</p>
-
-<p>
-„Wer wird denn jetzt Fahnenträger bei den Ausflügen
-der Sträflinge sein, wenn du ihnen untreu geworden bist.“
-Neuerliches Halloh. Aber der Verspottete frisiert sich ruhig
-weiter:
-</p>
-
-<p>
-„Ich hab’s erledigt. Aber du wirst erst anfangen.“
-</p>
-
-<p>
-Dann wird der Strafvollzug in den einzelnen Gerichten
-Böhmens und Mährens einer vergleichenden Erörterung unterzogen.
-Der eine lobt sich seine Salonzelle in Mährisch-Budwitz,
-der andere schimpft auf sein Gerichtsquartier in einer südböhmischen
-Stadt. Auch das Schubwesen und die Behandlung in
-den einzelnen Schubstationen werden fachlich besprochen, und
-es gibt keinen Mißstand, der nicht auf Grund reicher Erfahrungen
-vollkommen aufgedeckt worden wäre. Man sollte die Stammgäste
-der Wärmestuben bei Enquêten in Justizangelegenheiten
-heranziehen. Sie sind ja die Hauptbeteiligten, und wären
-zweifelsohne die bestinformierten Experten.
-</p>
-
-<p>
-Einer, der das große Wort führt und viel von Weibern
-und Pferden erzählt — allerdings von solchen, die nicht edler
-Rasse sind — hat mich ins Auge gefaßt:
-</p>
-
-<p>
-„Gehst du heut’ ins Asyl?“
-</p>
-
-<p>
-Ich verneine. Erst am nächsten Donnerstag sei der Monat
-um, seitdem ich dort war, also könne ich erst nächste Woche
-<a id="page-183" class="pagenum" title="183"></a>
-wieder hingehen. Dann versinke ich wieder in Schweigen. Aber
-der Kerl gibt nicht locker.
-</p>
-
-<p>
-„Du bist ein Schneider, nicht wahr?“ fragt er mich.
-</p>
-
-<p>
-„Ich bin Handlungsgehilfe,“ ist meine Antwort.
-</p>
-
-<p>
-„Du handelst wohl mit alten Hadern,“ sagt er und weist
-auf meinen derangierten Anzug. Ein lautes Lachen geht los.
-</p>
-
-<p>
-„Nun ja, jeder kann nicht so elegant herumlaufen wie
-du,“ gebe ich ihm zurück und habe jetzt die Lacher auf meiner
-Seite. „Der hat dir einen flek (Trumpf) gegeben,“ ruft ein
-junger Bursch meinem Widersacher zu. Ich habe in Ehren
-bestanden.
-</p>
-
-<p>
-Einige holen aus ihrer Tasche ein Stück des Brotes hervor,
-das ihnen zu Mittag verabreicht worden ist und beginnen zu
-kauen. Von Zeit zu Zeit steht ein Bursche auf und langt nach
-der Wasserkanne, die auf einer Konsole steht. Dann gießt er sich
-Wasser in einen Blechtopf, der mit einer Kette an die Wand
-befestigt ist. Mein Nachbar, der inzwischen erwacht ist, trinkt
-den Topf viermal leer. Dann wischt er sich den Mund ab und
-sagt: „Brr, wenn ich nur heute vier Kreuzer auftreiben könnte.
-So ein Gläschen Kornschnaps könnte nichts schaden.“
-</p>
-
-<p>
-Der Bursch mit dem roten Scarf hat andere Gelüste. Er
-steckt sich eine halbe „Drama“ in den Mund und entfernt sich
-mit einem Schnalzen aus der Wärmestube: „Jetzt wird fein
-geraucht.“ Nach fünf Minuten ist er wieder da.
-</p>
-
-<p>
-Um halb 6 Uhr vergattern sich die Leute, die in das
-Nachtasyl schlafen gehen und verlassen das Lokal. Für die
-Zurückbleibenden gibt es nur einen Gesprächsstoff: das Nachtquartier.
-Der Eine rühmt sich, daß ihm seine Geliebte heute
-Obdach gewähren werde, der Andere weiß sich eine feine Scheuer
-in der Nähe des Baumgartens, ein Dritter erzählt von einem
-angenehm warmen Ziegelofen in Koschiř.
-</p>
-
-<p>
-„Du meinst die Ziegelei Kudela?“ wird er gefragt.
-</p>
-
-<p>
-„Das weiß ich nicht. Ich schlafe schon seit vier Jahren
-im Winter dort, aber ich weiß gar nicht wie die Ziegelei heißt.“
-</p>
-
-<p>
-Um sechs Uhr rasselt der kleine blonde Mann, der durch
-eine blaue Schürze, einen sauberen Anzug und ein Käppi als
-der Aufsichtsmann der Wärmestube kenntlich ist und der bislang
-ruhig an einer Ecke der Bank gesessen ist, ostentativ mit
-einem Schlüsselbund. Das ist die Mahnung zum Aufbruch. Alles
-<a id="page-184" class="pagenum" title="184"></a>
-steht auf, jeder geht noch zum Ofen, als ob er etwas Wärme
-als Wegzehrung mitnehmen wollte. Dann geht es hinaus.
-Hinter uns wird die Türe gesperrt. Der Schlafbursche der Ziegelei
-wendet sich auf dem Korridor an mich.
-</p>
-
-<p>
-„Komm’ mit mir nach Koschiř schlafen.“
-</p>
-
-<p>
-„Warum denn? Bist du dort allein?“
-</p>
-
-<p>
-„Allein! Es sind gewöhnlich vierzig dort. Größtenteils
-Drahtbinder.“
-</p>
-
-<p>
-„Also weshalb willst du, daß ich mitgehe?“
-</p>
-
-<p>
-„Na, der Weg ist weit, und zu zweit geht sichs besser.
-Komm’ mit!“
-</p>
-
-<p>
-„Ein andermal. Heute werde ich noch bei einem Freunde
-schlafen.“
-</p>
-
-<p>
-Dann treten wir auf die Straße hinaus. Es ist schon
-dunkel, und jauchzend umpfeift der kalte Wind die zusammengeduckten
-Jammergestalten, die sich für eine knappe Zeitspanne
-vor ihm versteckt gehalten hatten, die ihm aber nun wieder
-willenlos preisgegeben sind, für eine lange Winternacht.
-</p>
-
-<div class="centerpic end">
-<img src="images/end.jpg" alt="" /></div>
-
-<div class="trnote chapter">
-<p class="transnote">
-Anmerkungen zur Transkription
-</p>
-
-<p>
-Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
-Weitere Änderungen, teilweise unter Zuhilfenahme anderer Auflagen,
-sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
-</p>
-
-
-
-<ul>
-
-<li>
-... steinernen <span class="underline">Zaunzeug</span> gemeißelten Sockel steht und ein Denkmal ...<br />
-... steinernen <a href="#corr-0"><span class="underline">Zaumzeug</span></a> gemeißelten Sockel steht und ein Denkmal ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... und mit <span class="underline">gebrochenen</span> Schenkel daliegt, wenn jemand von ...<br />
-... und mit <a href="#corr-1"><span class="underline">gebrochenem</span></a> Schenkel daliegt, wenn jemand von ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... mißglückter Prüfung <span class="underline">mit</span> mehr nach Hause zurückgekehrt ist, noch ...<br />
-... mißglückter Prüfung <a href="#corr-6"><span class="underline">nicht</span></a> mehr nach Hause zurückgekehrt ist, noch ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Aber die Unbeliebtheit in den Verbrecherkreisen hätte <span class="underline">ihn</span> ...<br />
-... Aber die Unbeliebtheit in den Verbrecherkreisen hätte <a href="#corr-11"><span class="underline">ihm</span></a> ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... altertümlichen Häusern und Türmen sehen und an <span class="underline">den</span> Schmutz, ...<br />
-... altertümlichen Häusern und Türmen sehen und an <a href="#corr-25"><span class="underline">dem</span></a> Schmutz, ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... auf <span class="underline">den</span> Altstädter Weihnachtsmarkt noch immer bloß Ringelspiele ...<br />
-... auf <a href="#corr-28"><span class="underline">dem</span></a> Altstädter Weihnachtsmarkt noch immer bloß Ringelspiele ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... die „Planeten“ ziehen, <span class="underline">Zetteln</span> mit gedruckten Weissagungen ...<br />
-... die „Planeten“ ziehen, <a href="#corr-29"><span class="underline">Zettel</span></a> mit gedruckten Weissagungen ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... vorbeikommt, ihr seinen Papierball, <span class="underline">deren</span> Gummischnur ...<br />
-... vorbeikommt, ihr seinen Papierball, <a href="#corr-30"><span class="underline">dessen</span></a> Gummischnur ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... die <span class="underline">Nummer</span> 1 bis 90 fein säuberlich geordnet liegen. Er entnimmt ...<br />
-... die <a href="#corr-31"><span class="underline">Nummern</span></a> 1 bis 90 fein säuberlich geordnet liegen. Er entnimmt ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Beobachtungstalent, ihre kritische Begabung, <span class="underline">ihr</span> Sinn für Vergleiche, ...<br />
-... Beobachtungstalent, ihre kritische Begabung, <a href="#corr-34"><span class="underline">ihren</span></a> Sinn für Vergleiche, ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... auf Pragerisch „Flaschinett“ heißt. Für jene <span class="underline">Leser, aber</span> die deshalb die ...<br />
-... auf Pragerisch „Flaschinett“ heißt. Für jene <a href="#corr-41"><span class="underline">Leser aber,</span></a> die deshalb die ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... „Auf den Windberg, auf <span class="underline">dem</span> steiligen, ...<br />
-... „Auf den Windberg, auf <a href="#corr-43"><span class="underline">den</span></a> steiligen, ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... posthume Gedichtsammlung „Silentium“ Bewunderung erweckte. ...<br />
-... posthume Gedichtsammlung „Silentium“ Bewunderung erweckte.<a href="#corr-54"><span class="underline">“</span></a> ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... in <span class="underline">ihren</span> Fetzen zu gehen, und schon sind Sie in der Wärmestube.“ ...<br />
-... in <a href="#corr-57"><span class="underline">Ihren</span></a> Fetzen zu gehen, und schon sind Sie in der Wärmestube.“ ...<br />
-</li>
-</ul>
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Aus Prager Gassen und Nächten, by Egon Erwin Kisch
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS PRAGER GASSEN UND NÄCHTEN ***
-
-***** This file should be named 63984-h.htm or 63984-h.zip *****
-This and all associated files of various formats will be found in:
- http://www.gutenberg.org/6/3/9/8/63984/
-
-Produced by Peter Becker, Jens Sadowski, and the Online
-Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp. net.
-This file was produced from images generously made available
-by The Internet Archive.
-
-Updated editions will replace the previous one--the old editions will
-be renamed.
-
-Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
-law means that no one owns a United States copyright in these works,
-so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
-States without permission and without paying copyright
-royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
-of this license, apply to copying and distributing Project
-Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
-concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
-and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive
-specific permission. If you do not charge anything for copies of this
-eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
-for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
-performances and research. They may be modified and printed and given
-away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks
-not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the
-trademark license, especially commercial redistribution.
-
-START: FULL LICENSE
-
-THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
-PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
-
-To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
-distribution of electronic works, by using or distributing this work
-(or any other work associated in any way with the phrase "Project
-Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full
-Project Gutenberg-tm License available with this file or online at
-www.gutenberg.org/license.
-
-Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project
-Gutenberg-tm electronic works
-
-1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
-electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
-and accept all the terms of this license and intellectual property
-(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
-the terms of this agreement, you must cease using and return or
-destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your
-possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
-Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
-by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
-person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
-1.E.8.
-
-1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
-used on or associated in any way with an electronic work by people who
-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
-agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
-electronic works. See paragraph 1.E below.
-
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
-Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
-of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
-works in the collection are in the public domain in the United
-States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
-United States and you are located in the United States, we do not
-claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
-displaying or creating derivative works based on the work as long as
-all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
-that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
-free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
-works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
-Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
-comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
-same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
-you share it without charge with others.
-
-1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
-what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
-in a constant state of change. If you are outside the United States,
-check the laws of your country in addition to the terms of this
-agreement before downloading, copying, displaying, performing,
-distributing or creating derivative works based on this work or any
-other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
-representations concerning the copyright status of any work in any
-country outside the United States.
-
-1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
-
-1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
-immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
-prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
-on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
-phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
-performed, viewed, copied or distributed:
-
- This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
- most other parts of the world at no cost and with almost no
- restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
- under the terms of the Project Gutenberg License included with this
- eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
- United States, you'll have to check the laws of the country where you
- are located before using this ebook.
-
-1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
-derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
-contain a notice indicating that it is posted with permission of the
-copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
-the United States without paying any fees or charges. If you are
-redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
-Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
-either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
-obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
-trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
-additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
-will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
-posted with the permission of the copyright holder found at the
-beginning of this work.
-
-1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
-
-1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg-tm License.
-
-1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
-any word processing or hypertext form. However, if you provide access
-to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
-other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
-version posted on the official Project Gutenberg-tm web site
-(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
-to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
-of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
-Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
-full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.
-
-1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
-access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
-provided that
-
-* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
- the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
- you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
- to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
- agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
- within 60 days following each date on which you prepare (or are
- legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
- payments should be clearly marked as such and sent to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
- Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
- Literary Archive Foundation."
-
-* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
- you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
- does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
- License. You must require such a user to return or destroy all
- copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
- all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
- works.
-
-* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
- any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
- electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
- receipt of the work.
-
-* You comply with all other terms of this agreement for free
- distribution of Project Gutenberg-tm works.
-
-1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
-Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
-are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
-from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
-Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm
-trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.
-
-1.F.
-
-1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
-effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
-works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
-Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
-electronic works, and the medium on which they may be stored, may
-contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
-or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
-intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
-other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
-cannot be read by your equipment.
-
-1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
-of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
-Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
-Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
-liability to you for damages, costs and expenses, including legal
-fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
-LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
-PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
-TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
-LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
-INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
-DAMAGE.
-
-1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
-defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
-receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
-written explanation to the person you received the work from. If you
-received the work on a physical medium, you must return the medium
-with your written explanation. The person or entity that provided you
-with the defective work may elect to provide a replacement copy in
-lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
-or entity providing it to you may choose to give you a second
-opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
-the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
-without further opportunities to fix the problem.
-
-1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
-OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
-LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
-
-1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
-warranties or the exclusion or limitation of certain types of
-damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
-violates the law of the state applicable to this agreement, the
-agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
-limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
-unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
-remaining provisions.
-
-1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
-accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
-production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
-electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
-including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
-the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
-or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
-additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
-Defect you cause.
-
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org
-
-
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
-mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact
-
-For additional contact information:
-
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
-state visit www.gutenberg.org/donate
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-
-Most people start at our Web site which has the main PG search
-facility: www.gutenberg.org
-
-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
-
-
-
-</pre>
-
-</body>
-</html>
diff --git a/old/63984-h/images/cover.jpg b/old/63984-h/images/cover.jpg
deleted file mode 100644
index cda06a1..0000000
--- a/old/63984-h/images/cover.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/63984-h/images/end.jpg b/old/63984-h/images/end.jpg
deleted file mode 100644
index 8c9844c..0000000
--- a/old/63984-h/images/end.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/63984-h/images/logo.jpg b/old/63984-h/images/logo.jpg
deleted file mode 100644
index f501b45..0000000
--- a/old/63984-h/images/logo.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ