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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Aus Prager Gassen und Nächten - -Author: Egon Erwin Kisch - -Illustrator: Karl Kostial - -Release Date: December 8, 2020 [EBook #63984] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS PRAGER GASSEN UND NÄCHTEN *** - - - - -Produced by Peter Becker, Jens Sadowski, and the Online -Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp. net. -This file was produced from images generously made available -by The Internet Archive. - - - - - - - - - - Aus Prager - Gassen und Nächten. - - - Von - Egon Erwin Kisch. - - Umschlagszeichnung - von Karl Kostial. - - .. 2. Auflage .. - - - 1912. - Verlag von A. Haase, Prag, - Wien, Leipzig. - - - Die in diesem Buche enthaltenen Skizzen - wurden größtenteils 1910 und 1911 geschrieben. - - Übersetzungsrecht vorbehalten. - - - Vom Autor erschien ferner: - - Vom Blütenzweig der Jugend Leipzig 1902. - Der freche Franz und andere Geschichten Berlin 1906. - - - K. u. k. Hofbuchdrucker A. Haase, Prag. - - - - - - - Der Clamsche Garten 1 - Die Gemeindetruhe 6 - Verzehrungssteuer 10 - Floßfahrt 14 - Gäste der Polizei 23 - Café Kandelaber 27 - Geschichten vom Brückenkreuzer 31 - Der Chef der Prager Detektivs 35 - Der Mann mit der Straßenspritze 39 - Eine Nacht im Asyl für Obdachlose 43 - Das Lied vom Kanonier Jaburek 52 - Die Erlaubnis zum Fußballspiel 56 - Bei „Antouschek“, dem Wasenmeister 59 - Razzia 65 - Die Zwangsarbeitsanstalt auf dem Hradschin 71 - Theatervorstellung der Korrigenden 75 - Das Märchen vom Mistwagen 80 - Weihnachtsmarkt 84 - Wie ich aus dem Rathause hinausgeworfen wurde 89 - Prager Ziehung 93 - Die Irren 101 - Volksküchen 106 - Ein tadelnder Ballbericht 111 - Von Feilbietungen, Auktionshallen und vom Chabrus 115 - Die Verhaftung 125 - Drehorgelspieler 130 - Die Gifthütte 136 - Karl May in Prag 141 - Polizeimuseum 144 - Unter Statisten 151 - Der Dichter der Vagabunden 158 - Arrestgebäude 166 - Alt-Prager Mensurlokale 170 - Prags Erwachen 175 - In der Wärmestube 179 - - - - - Der Clamsche Garten - - -Westend von Prag. Endstation der Elektrischen, die Smichow und -Koschiř durchquert. - -Über dem Gittertor steht die Aufschrift „Klamovka“ mit so großen -Goldbuchstaben, daß jeder erkennen müßte, die hohe, von blütenschweren -Bäumen überdachte Mauer umschließe keine öffentlichen Anlagen, keinen -Privatpark. Es ist offenbar ein Wirtshausschild, das dringlich zum -Eingange lädt. Aber das Tor ist versperrt, und keine Klingel ist -vorhanden, die einen öffnenden Pförtner herbeizurufen vermöchte. Und -selbst wenn man in der abzweigenden Weißbergstraße das offenstehende -Seitentürchen entdecken, durch dieses eintreten und die Stiegen zum -Garten hinaufschreiten würde, so müßte man umkehren, denn ein Zettel -verwehrt strenge dem Fremden den Eintritt. Der abweisende Inhalt des -kleinen Zettels auf dem Seitentor kontrastiert mit der einladenden -Aufschrift der großen Tafel auf dem Haupttor. Sodaß man doch in Zweifel -gerät, ob hier ein Wirtshausgarten oder ein Herrschaftspark sei. - -Beides oder keines von beiden. Früher haben Grafen und Gräfinnen hier im -Clamschen Garten auf schattigen Kieswegen lustwandelt. Aber später wurde -der gräfliche Park an einen bürgerlichen Gastwirt verkauft, und der -baute in der Mitte des Gartens ein Gasthaus mit einem Tanzsaal. - -Nun aber wird hier auch nicht mehr getanzt. Seit heuer. Noch im vorigen -Jahr war die „Klamovka“ am Sonntag nachmittag ein Wallfahrtsort der -Dienstmädchen, der Burschen und Mädchen aus dem Volke, und oben im Saale -wurden bis spät in den Abend Quadrillen und Walzer getanzt, besonders -schlürfend der Sechsschrittwalzer, der im Volksmund „Na šest“ heißt, -dessen charakteristisches Merkzeichen die langgezogenen, langsamen -Schritte bei der Linksdrehung sind, und bei dem man in erheuchelter oder -echter Verzückung die Augen zu schließen hat. In den Pausen aber gingen -die Liebespaare, sich umschlungen haltend, hinunter in den Garten, in -dem die hohen Christusakazien, die duftenden Syringensträucher, die -schattigen Kastanienbäume, die silberglänzenden Rotbuchen, die dichten -Ahornsträucher und die verzweigten Hagedornbüsche in Blüte standen. Wenn -auch die Blütenpracht von den Liebespaaren wohl kaum eines Blickes -gewürdigt worden ist — der Einfluß des Milieus muß doch im -Unterbewußtsein seinen Nachhall geweckt haben, dem Frühling der Herzen -muß es doch inmitten des Frühlings der Natur am wohlsten gewesen sein. -Sonst wären die jungen Leute doch in nähere Sonntagstanzlokale gezogen, -wie in das Weinberger Bräuhaus, in das Gasthaus „Na Slovanech“ auf dem -Karlsplatz, wo der Wirtsgarten nur aus paar verkrüppelten Bäumen -besteht. Doch dort war’s nie so voll wie in der „Klamovka“. - -Zwölf Jahre tanzte man hier. Am Anfang schien es, als wolle sich das -entlegene Tanzlokal nicht einbürgern, und der alte Hlavaček, der für -den Ankauf des Gartens und für die Aufführung des Wirtshausbaues sein -Vermögen verwendet hatte, schoß sich aus Verzweiflung eine Revolverkugel -ins Herz. Sein Sohn aber hatte mehr Glück und allsonntäglich war es voll -im Clamschen Garten. - -Vor zwei Jahren aber haben die Barmherzigen Brüder den herrlichen Garten -gekauft, um in ihrem menschenfreundlichen Wirken keine Stockung -eintreten zu lassen, falls ihr jetziges Spitalsgebäude in der Josefstadt -als Opfer der Assanierung fallen würde. Von heuer ab bleibt das Gasthaus -unvermietet und das Gartentor steht geschlossen. So werden die -Nachfolger der Liebespaare, die sich hier im Garten ihrer Jugend -freuten, die bleichen Kranken sein, die humpelnd oder in Rollwägelchen -wehmütig den Glanz der Blumen betrachten und den Duft der Blüten atmen -werden. Es kann sein, daß vielleicht einmal ein alter Patient oder ein -krankes Mütterchen, den Garten betretend, schwermütig lächeln werden, -weil sie in diesem Garten, der nun ihr Krankenasyl sein soll, in der -schönsten Zeit ihres Lebens viel geweilt haben und seither nicht mehr. -So wird ihnen doppelt wehe ums Herz sein. Aber das Gefühl wird kein -bedauerndes sein. Denn auf der „Klamovka“ ging es nicht ausschweifend -zu, wie z. B. in einer unmittelbar benachbarten Gartenwirtschaft, welche -heuer als Erbe der „Klamovka“ die Koschiřer Jugend übernommen hat und -auf deren Usancen ein Mordprozeß des vergangenen Jahres ein böses Licht -warf. Auf der „Klamovka“ gab es nie eine „parta“, wie die Platten im -Prager Vorstadtjargon heißen. Hier hatte fast jedes Mädchen bloß einen -ständigen Tänzer, den Liebhaber. Wenn der gewechselt wurde, gab es -stumme Katastrophen. - -So hat beispielsweise einmal ein Artillerie-Freiwilliger hier Unheil -angerichtet. Der hatte richtig kalkuliert, daß seine schmucke Uniform -ihm hier ein siegendes Liebesglück verschaffen müsse, und war in den -Clamschen Garten gefahren. Sein Eintritt in den Saal war eine Sensation. -Hierher, wo schon die Uniform eines Infanterie-Pferdewärters auf die -unbefangenen Mädchenherzen elektrisierend einwirkte, kam ein -Einjährig-Freiwilliger mit tadellosem Scheitel, blanken Lackkanonen, -silbernen Salonsporen, hellblauen Kammgarnhosen, dunkelbraunem -Waffenrock mit dem verschnürten Schützenzeichen und einem -vorschriftswidrigen Flitterstern auf dem feuerroten Kragen! Er kam in -den Saal und musterte die Paare kritischen Blickes. Dann wählte er sich -ein Mädel zum Tanz, ein Mädel, dem die Stammgäste prophezeiten, daß es -gar bald von der blonden Jarmila den von allen angestrebten Titel -„Hvězda Klamovky“, des Sterns des Clamschen Gartens, erben werde. Er -tanzte, tanzte wieder, und der junge Monteur, der bis zur Stunde der -Liebhaber der Kleinen gewesen war, der tanzte nicht. Der saß in dem -Saalteile, der durch Säulen vom Tanzsaale geschieden und für die -Biertische reserviert war. Als es 8 Uhr und gerade eine Tanzpause war, -ging er zu dem Mädel, das mit dem goldstrotzenden Galan promenierte. - -„Komm’ nach Hause, Božena.“ - -„Ich will nicht.“ - -„Ich muß doch um 9 Uhr im Elektrizitätswerk sein. Sonst wirft man mich -hinaus.“ - -„Dann wird man dich eben hinauswerfen.“ - -„Du weißt doch, daß mein Vater beim Bürgermeister war, damit ich die -Stelle bekomme.“ - -„Ich halte dich nicht. Du kannst ja gehen.“ - -Den letzten Satz sprach sie schon davontanzend, denn die Musik hatte das -tschechische Volkslied begonnen, das an zwei blaue Augen die Frage -richtet, warum sie voll Tränen seien. Der Monteur empfindet das -Schmerzliche des letzten Satzes doppelt schmerzlich, weil es im Arme des -anderen gesagt worden ist. Er fühlt, daß das Mädel, indem sie ihn -abwies, dem anderen eine Liebeserklärung gemacht hat. Fühlt, daß sich -jetzt die zwei fester aneinander schmiegen und vielleicht über ihn, den -heimgeschickten Dritten lächeln. Der Bursch geht zu seinem Platz zurück -und ist blaß. - -Allein fortgehen kann er nicht, trotzdem die Božena das behauptet -hat. Sonst geht das Mädel mit dem Kanonier nach Hause, und dann lächeln -die zwei nicht mehr, sondern sie lachen. Noch mehr Leute, die Stammgäste -der „Klamovka“ würden alle lachen über „křen“, den Wurzen, der ein -Mädel zum Tanz führt, damit dieses mit einem anderen nach Hause gehen -könne. So bleibt der junge Monteur sitzen bis 9 Uhr (die Stunde, zu der -er bei der Kontrolluhr im Elektrizitätswerk sein soll) längst vorbei -ist. Er sitzt blaß beim Bier und möchte sichs nicht anmerken lassen, wie -sehr ihm die Musik in das Herz schneidet, die seinem Mädel zum Tanz mit -einem anderen aufspielt. So wiederholt er sich die Worte, die ihm ein -Freund im Vorbeigehen tröstend zugerufen: „Was liegt an einem Mädel!“ -Spät abend geht er mit der Božka nach Hause. Er weiß gar wohl, daß -sie sich für morgen ein Stelldichein mit dem Freiwilligen verabredet -hat, er weiß gar wohl, daß jetzt alles aus ist. Er hat aber wenigstens -die Blamage verhütet, er begleitet wenigstens das Mädel nach Hause, mit -dem er gekommen war. Mag es ihn immerhin seine Stellung gekostet haben! - -Es war zum letztenmale, daß er mit Božka heimging. Es war zum -letztenmale, daß er auf der „Klamovka“ getanzt hat. Auch wenn das breite -Gittertor nicht verschlossen wäre, würde er nicht mehr hingehen. Er -verkehrt jetzt in anderen Lokalen. Fast täglich mit einem anderen Mädel. -Und wenn jetzt jemand seine Begleiterin verlangend mustert, dann muntert -er sie noch auf, den Blick zu erwidern. Er hat auch gar nichts dagegen, -wenn sie jetzt mit jemandem den ganzen Abend tanzt, ja selbst wenn sie -dann mit dem anderen nach Hause geht. Er fürchtet nicht mehr, als -„křen“ zu gelten. Er will nur Geld haben. „Was liegt an einem Mädel!“ -Das Wort, mit dem er sich damals zu trösten versuchte, ist seine -Lebensmaxime geworden ... - -Eine Pointe hat die Geschichte nicht. Es sei denn, man wollte es -vielleicht als Pointe ansehen, daß an manchen Abenden auch die Božka -(die ginge übrigens heute auch nicht mehr auf die „Klamovka“) zu seiner -Klientel zählt. Der Artillerie-Freiwillige tanzt aber schon lange nicht -mehr mit ihr. - -Das war so einer von den kleinen Romanen, die im Clamschen Garten -begonnen haben. Sie stehen nirgends verzeichnet und jeder der Besucher -kannte nur einen solchen Roman. Und wenn man die Sehenswürdigkeit des -Gartens zeigt, so weist man auf das „Himmelchen“, einen runden, -entzückenden Kapellenbau, durch dessen sternförmige Öffnungen in der -Wölbung das Himmelslicht strahlt, so zeigt man den hübschen Eselsstall, -so zeigt man den aus Stein gemeißelten Pferdetrog, der auf einem mit -einem steinernen Zaumzeug gemeißelten Sockel steht und ein Denkmal für -des Grafen Clam-Gallas Schlachtroß „Cassil“ darstellt, so zeigt man den -Platz, auf dem Prinz Wilhelm von Auersperg an einem Maitage vor -vierunddreißig Jahren im Duell sein Leben ließ. Aber man zeigt nicht die -Sträucher, in denen mancher junge Mensch seinen Liebesgram ausgeweint -hat, man zeigt nicht die Stelle, von der aus der blasse Monteur seinem -davontanzenden Liebesglück nachblickte. - - - - - Die Gemeindetruhe - - -Die Einführung der Gemeindetruhe sei den Kommunalbehörden aller -Weltstädte ans Herz gelegt. Nicht etwa, daß diese Empfehlung meinem -ausgeprägten Lokalpatriotismus oder irgend einem anderen Gefühle -entspringen würde. Persönliche Beziehungen verknüpfen mich mit der -Gemeindetruhe nicht. Ich kann auch aus eigenem nichts über das Innere -dieses hermetisch verschlossenen Verkehrsmittels sagen. Aber es ist ganz -hübsch. So sagt mein Freund Franta Cuček, der in der Gemeindetruhe -geboren wurde, schon oft in ihr nach Hause gefahren ist und auch -mutmaßlich einst mittels dieses Vehikels in die „Pathologie“ geschafft -werden wird. Der kennt das „Etui“, wie er es in dem Tonfall der -tschechisch-französischen Verbrüderung ausspricht, in- und auswendig. -Von weitem und um die Ecke erkennt er, welche Nummer jene Truhe hat, die -da herangerasselt kommt, um irgend einen Gast unseres Stammlokales nach -Hause zu befördern. Ohne je den Zettel zu betrachten, der an der -Rückseite des Korbes baumelt und eine rote Ziffer — die Wagennummer — -trägt. - -Daß Franta Cuček die Lenker des Gefährtes kennt, ist ganz natürlich. -Er steht mit allen auf Du und Du und sein „Serbus“ wird von dem -menschlichen Zweigespann mit gleicher Herzlichkeit erwidert. Aber diese -private Freundschaft hat natürlich nicht etwa zur Folge, daß Franta den -Lenkern bei der Ausübung ihrer Berufspflicht irgendwelche -Erleichterungen gewähren würde. Dienst ist Dienst. Es ist ein schöner -Zug im Leben Frantas, daß er einmal einem dieser Automedonten, dem Jaro -Roztopil, mit dem er selbst treu befreundet war, das linke Auge -ausgeschlagen hat, als dieser ihn in den Korb zu betten versuchte. -Trotzdem das linke Auge für jeden Menschen im Sommer nur eine unnötige -Mehrbelastung des Körpergewichtes darstellt, trotzdem das linke Auge zum -ehrsamen Gewerbe des Gemeindetruhenwärters nicht unbedingt erforderlich -ist und trotzdem Jaro Roztopil anläßlich dieser in Ausübung der -Berufspflicht erlittenen Wunde aus dem Stadtsäckel ein Schmerzensgeld -erhalten hat, lassen es seither die beiden Truhenmänner nicht mehr auf -die Betätigung von Frantas Unparteilichkeit im Dienste ankommen. Sobald -sie an den Ort kommen, auf welchen man sie begehrt, und sehen, daß -Franta Cuček zu ihrem Passagiere auserkoren ist, dann eilen sie mit -unheimlicher Schnelligkeit auf ihn zu und umklammern aus einem nicht in -die Augen springenden Grunde seine vier Gliedmaßen mit gußeiserner -Gewalt. Der eine hält Frantas rechten Arm und den rechten Fuß, dem -anderen ist die ehrenvolle Aufgabe zugewiesen, mit den linken Gliedmaßen -ein Gleiches zu tun. Oh, Franta Cuček wehrt sich noch immer nach -Leibeskräften, aber es hilft ihm nicht mehr viel. Er fällt, wie einst -Cäsar von Brutus Hand, von den Händen seiner Freunde. Er fällt in die -Truhe, ohne daß er im Kampfe mit seinen Widersachern siegreich geblieben -wäre. Sein einziger Erfolg ist höchstens, daß er manchmal einen Fuß aus -der Umklammerung der beiden befreit und einem von diesen durch einen -Tritt die Uniform beschmutzt hat. - -Ach, die Uniform der Gemeindetruhenwärter! Wer kennte sie nicht, diese -Livree: Die fesche Bluse aus blauweißer Leinwand, der nur im Winter -durch ein einfaches braungestricktes Cachenez verhüllte Hals, die hohen -Kanonenstiefel und die Eishackerhosen, die Ledermütze von -undefinierbarer Farbe mit dem blechernen Wappen der königlichen -Hauptstadt darauf — gibt es etwas Einfacheres, etwas Schöneres? Ist das -nicht schöner als der blaue Frack, den man in Wien vor kurzem als -Festkleidung für die Magistratsfunktionäre bestimmt hat? - -Übrigens sei erwähnt, daß die Chauffeure der Gemeindetruhe ihre Uniform -in Ehren tragen. Ihre Aufgabe ist schwer, aber sie erfüllen sie gut. -Nicht nur dann, wenn sie ihren Passagieren à la Franta beim Einsteigen -in die Karosserie behilflich sind, sondern auch beim Entladen des -Korbes. Dieses Entladen ist, da die Seitenwände des Korbes nicht -heruntergeklappt werden können, sondern fix sind, nicht so einfach, als -sich ein Laie auf dem Gebiete des modernen Verkehrswesens denken würde. -Aber das Problem wird dennoch auf findige Weise gelöst. Indem man die -Truhe zu einem Tobogan umwertet. Wenn nämlich die Truhe an ihrem -Endziele, dem Hof des Arrestgebäudes angelangt ist, so wird sie derart -aufgestellt, daß der Korb windschief auf den Rädern ruht und die Füße -des Etui-Inhaltes nach unten zu gerichtet sind. Nun klappen die aurigae -den Deckel auf, heben die Beine ihres Pflegebefohlenen in die Höhe und -schieben dessen Rumpf längs der schiefen Ebene so weit hinab, bis die -Beine des Passagiers über die untere Wand des Korbes ragen. Dann tritt -man auf die Füße des Korbinsassen, diese senken sich zu Boden, und der -Passagier steht vertikal auf Mutter Erde. Ein sichernder Druck auf den -Rücken hindert ihn an dem Rückfall in das Vehikel. - -In noch zarterer Weise ist man jenen Passagieren beim Aussteigen -behilflich, deren Reiseziel nicht der Hof des Polizeigefangenhauses, -sondern der Flur des Krankenhauses ist. Denn auch solche gibt es. Wenn -jemand auf der Straße überfahren wird und mit gebrochenem Schenkel -daliegt, wenn jemand von Krämpfen oder von Blutsturz befallen wird, so -holt ihn, wenn ihn nicht inzwischen der Teufel geholt hat, nach sehr -geraumer Zeit die Gemeindetruhe ab und führt ihn ins Spital, wo er in -den meisten Fällen noch lebend ankommt. Das ist das einzige, was Franta -Cuček gegen die Gemeindetruhe einzuwenden hat. Das ist auch wirklich -ein Mißbrauch dieses Vehikels. Wie kommen jene Leute, die Zeit und Geld -für Alkohol geopfert und sich so mühselig das Anrecht auf die -unentgeltliche Beförderung in diesem städtischen Fahrzeuge erworben -haben, dazu, dieses Recht mit jedem ixbeliebigen auf der Straße ganz -unabsichtlich und ganz zufällig erkrankten Menschen zu teilen? Geradezu -unappetitlich ist das! Aber das ist der einzige Fehler des Etuis und -dieser Fehler vermag die Liebe Cučeks zu seinem Fahrzeug nicht zu -erschüttern. Und wenn er auch immer wieder von seinen Ausflügen per -Schub nach Prag zurückbefördert wird — er empfindet es nicht -unangenehm. Denn Prag ist die angestammte Heimat der Gemeindetruhe. - -Ja, anderswo gibt es so etwas nicht. Man läßt zwar auch in anderen -Städten die Leichen, die Bierleichen und die prosaisch Erkrankten nicht -unbemerkt bis zu ihrer Auferstehung auf der Straße liegen. Aber in den -anderen Weltstädten gibt es Räderbahren, bei denen die beiden Holme -verschiebbar und die Füße der Bahre (nicht, wie in Prag, die des -Kranken) umgeklappt werden können. Die Bahre dieser Transportmittel -ausländischer Provenienz wird am Endziel der Reise einfach vom -Rädergestell abgehoben — ein ungeheurer Nachteil, weil die Prager -Entlade-Prozedur „System Rutschbahn“ dadurch unmöglich wird. Auch -besitzen die auswärtigen Bahnen keinen Deckel, sondern ein zum Abknöpfen -eingerichtetes Plantuch, das dem Kranken das Hinausblicken auf die -Straße gestattet, aber es den Passanten verwehrt, das Gesicht des -Patienten zu sehen. Daß dies eine Verletzung der Gleichberechtigung ist, -liegt klar auf der Hand. Aber was kann man auch von einer Truhe -verlangen, die keine Truhe ist! - -Es gibt eben nur ein Prag, es gibt eben nur eine Gattung von -Gemeindetruhen. Nur schade, daß es nur den breiteren Volksschichten -möglich ist, dieses ebenso vornehme, wie praktische Straßenfahrzeug zu -benützen. Warum könnte man nicht die Droschken und Fiaker durch -Gemeindetruhen erster und zweiter Güte ersetzen? Sogar zu Gummiradlern -könnte man die Gemeindetruhen umgestalten. Auf dem Josefsplatze stehen -die Automobildroschken unbenützt. Würde man hier nicht auf dieser Stelle -(vor dem Repräsentationshaus) einen Standplatz für Gemeindetruhen mit -mehr Erfolg errichten können? Ich glaube nicht, daß ein Einheimischer -oder ein zufälliger Fremder der Versuchung widerstehen könnte, wenn ihm -aus dem Munde von Etui-Chauffeuren die einladenden Rufe entgegenschallen -würden: „Gemeindetruhe gefällig?“, „Fahr’n m’r Euer Gnad’n?“ und -„Einsteigen, meine Herrschaften, einsteigen!“ - - - - - Verzehrungssteuer - - -„L’octroi, s’il vous plaît.“ - -Der städtische Verzehrungssteuerbeamte am Bahnhofsausgang in Paris -spricht diesen höflichen Satz in höflichem Ton, fast entschuldigend. So -höflich, daß in dem Fremden gar nicht die Befürchtung wachgerufen wird, -er werde jetzt Koffer und Kolli öffnen und nach Nahrungsmitteln und -Getränken durchsuchen lassen müssen. Den Fremden aber, der dennoch auf -die Vermutung kommen würde, daß die höfliche Frage bitterbös gemeint -sei, beruhigt der Baedeker vollkommen: „Die Kontrolle, die auf dem -Bahnhof stattfindet, erledigt sich für die Fremden in der Regel durch -die Erklärung, daß man nichts Steuerpflichtiges bei sich führe.“ - -Prag ist, wie hier ausdrücklich festgestellt sei, nicht Paris. In Prag -darf der Fremde — wenn einen solchen vielleicht widrige Winde von der -Route des internationalen Fremdenverkehres in unsere gastliche Stadt -verschlagen würden — den Bahnhof ungehindert verlassen. Die höfliche -Vorstellung des Oktroi-Beamten bleibt dem Ankommenden erspart. Aber wenn -er ahnungslos, den Koffer in der Hand, dem Hotel zustrebt, muß er sich -über den Mann entsetzen, der mit einer Harpune in der Rechten, in -kriegerischer Uniform, an irgend einer Wegkreuzung aus dem Hinterhalte -auf ihn zuspringt und ihm in einer Weise Halt gebietet, die selbst den -Marschall Vorwärts zum Stehen gezwungen hätte. - -Und mit dem bloßen Schrecken kommt man nicht davon. Der Koffer muß -geöffnet werden, auch wenn der Reisende tausendmal beteuern würde, daß -er den Kofferschlüssel nicht bei sich trage, da diesen seine Frau in -ihrer Handtasche schon tags vorher nach Prag genommen habe, auch wenn er -zehntausendmal beeiden und durch Zeugen erhärten würde, daß der Koffer -weder einen Apfel, noch ein Kognakfläschchen, sondern bloß Wäsche und -nichts als Wäsche enthalte. Der Prager Baedeker müßte bemerken, daß die -Bediensteten der Verzehrungssteuer hier in ihrem Pflichteifer vor keiner -Mühe — des Fremden zurückschrecken. Im Prager Baedeker könnte dem -Reisenden empfohlen werden, sich auf empirischem Wege von dem -Pflichteifer der Akzise-Bediensteten zu überzeugen. Zum Beispiel so: Man -lege eine Zündhölzchenschachtel, die man vorher mit Spagat kreuz und -quer verbunden und hernach vierfach versiegelt hat, auf die offene -Handfläche und versuche, sich aus der Parkstraße durch den gegenüber dem -Staatsbahnhofe gelegenen Eingang in den Stadtpark zu begeben. Auf die -forschende Frage des Akzisaken erwidere man, man kenne den Inhalt der -Schachtel nicht. Ein alter Onkel habe sie dem Überbringer mit dem -strikten Auftrag anvertraut, sie erst nach seinem Tode zu öffnen. Der -Verkehrsbedienstete wird unnachsichtlich den Schachtelträger entweder zu -dem Akzisgebäude an der Ecke der Bolzanogasse oder zu jenem gegenüber -dem Neuen deutschen Theater weisen, wo sich das Frage- und Antwortspiel -wiederholen und nachher die verdächtige Schachtel geöffnet werden wird. -Man weide sich sodann an dem Gesichte der Beamten beim Anblick der in -der Schachtel befindlichen Zündhölzchen. - -Viel leichter ist es, ein lebendes Schwein an dem uniformierten Argus -vorbeizuschaffen, als eine Streichhölzchenschachtel. Das lehrt die -Geschichte jener Wette, die vor etlichen Jahren in einem Gasthause in -Dejwitz geschlossen und damals viel besprochen worden ist: Ein Dejwitzer -Fleischhauer hatte mit einem Gastwirte gewettet, daß er ohne Wagen mit -einem großen lebenden Schwein die Tor-Akzise des Bruskatores passieren -werde. Der Fleischhauer erklärte das Schwein und 40 Kronen, der Wirt den -Kaufpreis für das Schwein und zwei Hektoliter Bier als Einsatz. Der -Fleischer stand auf und ging in seinen Laden. Hier packte er seinen -großen Hund, band ihm das Maul zu und steckte ihn in einen -mächtigen Sack. Dann ging er zum Bruskator. Auf die Frage des -Verzehrungssteuer-Bediensteten erwiderte er, scheinbar ein Lachen -verbeißend: Er trage seinen Fleischerhund, der Anzeichen von Tollwut -zeige, zum Tierarzt. Der Torwächter schenkte dieser plumpen Ausrede kein -Gehör und band den Sack auf. Im selben Augenblicke sprang der -eingesackte Hund, der vielleicht auch die Befürchtung seines Herrn -verstanden hatte, aus dem Sacke und jagte mit Riesensätzen zurück, den -heimischen Fleischtöpfen zu. - -„Sie sind daran Schuld. Das größte Unglück kann jetzt geschehen!“ Diese -Worte schrie der Fleischer dem pflichttreuen Bediensteten, der vor dem -Bruskator, wie das bekannte Haustier vor dem neugemalten Haustor stand, -erregt zu und rannte dem „tollen“ Hunde nach. Zu Hause band der -Fleischer seinem größten Schwein den Rüssel zu und steckte es in den -Sack. Dann ging er in das Gasthaus, in dem die Zeugen der Wette -versammelt waren. Er zeigte ihnen den Inhalt des Sackes, nahm diesen -huckepack auf den Rücken und forderte die Gesellschaft auf, ihm -unauffällig in beträchtlicher Distanz zu folgen. Beim Bruskator warf er -dem noch immer bestürzten Akzismann einen verachtungsvollen Blick zu und -sprach kein Wort. Der Wächter erst recht nicht. So ging der Fleischer -ruhig über die Verzehrungssteuerlinie und am Abend wurde bei -Schweinsbraten und bei zwei Hektolitern Bier das Schwein des -Fleischhauers jubelnd erörtert. - -Nicht nur von Schwein, sondern auch von Pech wissen die Bewohner der -Oktroi-Häuschen ein trauriges Liedchen zu singen. War da einmal in Prag -ein junger Schauspieler — heute wirkt er in Hamburg — dessen -Spezialität die Darstellung von Paralytikern war. Der hatte einst den -Entschluß gefaßt, den Wächtern einen Schabernack zu spielen. Mit einem -großen Paket unter dem Arm, in respektvoller Entfernung von einer -eingeweihten Freundesschar gefolgt, versuchte er es, sich an dem -Verzehrungssteuerkontrollor unterhalb des Belvedere vorbeizuschleichen. -Dieser aber packte den ertappten Schmuggler, und dieser begann sofort zu -winseln und den Paralytiker zu spielen. „Hab’ ich ein Pech, hab’ ich ein -Pech,“ wiederholte er schluchzend, und auf die Frage nach dem Inhalt -seines Pakets hatte er keine andere Antwort. Bis es dem Bediensteten zu -bunt wurde, er den Deckel des Pakets aufhob und mit schnellem Griff in -das Innere fuhr. Über und über mit Pech bedeckt war seine Hand, als er -sie herauszog. „Habe ich Ihnen nicht gesagt, daß ich Pech hab’,“ sagte -der Paralytiker, der plötzlich wieder normal geworden war, und lächelte -infam und schadenfroh darüber, daß auch einmal ein anderer „Pech gehabt“ -hatte. - -Ein übler Streich, der in den Tagen des Hagenbeckschen Besuches der -Aktualität nicht entbehrt, wurde vor wenigen Jahren dem Manne gespielt, -der am Ende des Wenzelsplatzes auf Nahrungsmittelschmuggler zu warten -hat. An einem Winterabend, gegen 9 Uhr fuhr ein Möbelwagen aus der Stadt -Weinberge gegen Prag. Auf Anruf des Akzisbediensteten ließ der Kutscher -die Pferde stoppen. Als aber der Mann seines Amtes walten wollte, trat -ein Herr, der den Wagen begleitete, auf ihn zu und bat, dies möge -unterlassen werden, da der Inhalt nicht ungeldpflichtig sei und eine -Überraschung darstelle. Der Verzehrungssteuer war aber unerbittlich und -nach längerem Hin- und Herreden öffnete er selbst die Türe des -Möbelwagens. In demselben Augenblick sprangen aus diesem Wölfe, Bären, -Löwen, Tiger und Leoparden mit ohrenbetäubendem Gebrüll heraus. Der -biedere Wächter sprang entsetzt zurück und streckte seine einzige Waffe, -den Bratspieß, mit dem er ansonsten friedlich unter die Sitze der -Equipagen und Straßenbahnwaggons, in die Rückenkörbe der Weiber und in -die Heu- oder Kohlenladung der Lastwagen zu stochern pflegte, abwehrend -von sich. Aber der Gebrauch der Waffe war nicht nötig, denn die Bestien -kehrten nach kaum einer Minute wieder zurück — es war eine -Künstlergesellschaft, die als Menagerie zu einem Maskenball nach Prag -fuhr. Der Verzehrungssteuerbedienstete atmete hörbar auf. - -Auf verschiedene Weise wurden die Leute geprellt, denen die Aufgabe -obliegt, für die Lebensmittelteuerung zu sorgen. Sie waren nicht nur die -Zielscheibe von Scherzen und Wetten, sondern auch von vielen -Schmugglertricks. Aber die gelungensten dieser Gaunerstreiche sind nicht -bekannt. Weil sie eben gelungen sind. - - - - - Floßfahrt - - - _Wittenberg_, den 1. Juli 1910. - -In Prag hatte unser Floß fünf Tage lang Haft halten müssen. Mit schweren -Ketten gefesselt lag es im Smichower Floßhafen. In den Gegenden am -Oberlauf der Moldau, an der Maltsch und der Luschnitz ließ es nicht ab -zu regnen, und auf der Moldau war Hochwasser. Wegen der Gefährlichkeit -und wegen der Anordnungen der Strompolizei — oder eigentlich nur wegen -dieser — durfte man nicht abfahren. Aber dann sank der Moldauspiegel -auf 60 Zentimeter über der Normale — die Grenze des Erlaubten. So -fuhren wir. - -Das Floß war prachtvoll. Keine dünnen Stöcke, wie sie hauptsächlich von -der Sazawa her geflößt werden, sondern breite Riesenstämme. „Eine -Salon-Prahme“, hatte mir Herr Max Winterberg versichert, als er meine -ihm erstaunliche Bitte, auf einem Floß der Firma „Löwy u. Winterberg“ -bis nach Sachsen fahren zu dürfen, in liebenswürdiger Weise erfüllt -hatte. Majestätisch schwammen die Balken dahin, ein breites Stück der -Moldau erfüllend. Doch schon hinter der Palackybrücke, unter welcher der -Mauteinnehmer zu unserem Floß gerudert kam, um die Zahl der Holztafeln -zu kontrollieren, nahmen wir eine schmälere Formation an. Es hieß -„Einzeln abfallen“, denn das Schittkauer Wehr war in der Nähe, und -dessen Floßschleuse ist eng. Während wir bisher mit zwei nebeneinander -befestigten Holztafeln gefahren waren, mußte jetzt die linke Floßhälfte -losgelöst und rückwärts befestigt werden. - -Floßführer und Floßknechte arbeiteten fieberhaft. Der Vorderteil des -Floßes wurde durch einen mächtigen Überlegbaum an der nächstfolgenden -Tafel befestigt, damit er von der Gewalt der Wassermassen der Schleuse -nicht zu tief gerissen werde. Die Durchschlagsstämme, welche je zwölf -Balken zu einer Tafel verbinden, wurden scharf darauf angesehen, ob sie -nicht schadhaft geworden seien. Die Bindwieden, die Weidenbänder, welche -die dreizehn Tafeln des Floßes aneinander festhalten, wurden mit Wasser -besprengt, damit sie nicht zu spröde seien und von der Wucht des -Schleusenwassers nicht zersprengt würden. Die Flößer bohrten mit Energie -und Schwung die harpunenartigen Staaken tief in den Moldaugrund und -schritten, sich mit dem ganzen Körper gegen die eingebohrte Stange -stemmend, rüstig vorwärts, wobei sie natürlich immer an derselben Stelle -blieben, da sich das Floß mit gleicher Schnelligkeit in -entgegengesetzter Richtung bewegte. An den Rudern war man beschäftigt, -die Prahme in die Verlängerung der Schleuse zu bringen — keine leichte -Arbeit, denn das Schittkauer Wehr ist schief gegen den Stromstrich -gelegen, weshalb auch die Kanalisierungskommission seine Demolierung und -die Errichtung eines neuen Wehres in der Höhe der Schittkauer Mühle -projektiert. Das Wehr teilt sich überdies gegen das linke Moldauufer in -zwei Arme und das Floß, das mit Mühe richtig in die erste Schleuse -eingefahren ist, muß wenige Meter hinterher, inmitten der Gewalt der -Schleusenströmung schon in die zweite einlenken. Die Vorsichtsmaßregeln, -die der alte Steuermann Vrabec und seine beiden nicht jüngeren Flößer -Kolenský und Konečny — die aus drei Leuten bestehende Bemannung des -Floßes war zusammen 182 Jahre alt — getroffen hatten, verfehlten ihre -Wirkung nicht: Trotzdem die Stämme krachend an den Schleusenrand -stießen, kamen die schwimmenden Balken unversehrt durch Strömung und -Gischt, und lenkten, die Schützeninsel links liegen lassend, zum -Altstädter Wehr ein. - -Beim „Frantischek“ erhielten wir Vorspann. Der Remorqueur „Austria“, der -die Ehre hat, der erste Dampfer im Weichbilde Prags zu sein, schleppte -uns nun bis zum Neumühl-Wehr unterhalb der Karlsbrücke — dem letzten -Wehr alter Konstruktion, das bis zur Mündung zu passieren ist. Bisher -waren die einzelnen Tafeln des Floßes nur lose aneinander geknüpft -gewesen, sodaß, unmittelbar nach Passieren der Schleuse, der Vorderteil -schon gegen die Moldaumitte gesteuert werden konnte, ohne daß die noch -vor oder innerhalb der Schleuse befindlichen Floßteile aus ihrer -Fahrtrichtung gebracht worden wären. Nachdem das Neumühlwehr durchfahren -war, wurde dem Floß durch Anspannen der Bindwieden eine steife Formation -gegeben. Die Schleuse des neuen Nadelwehres bei der Hetzinsel ist -nämlich lang, und es ist streng erforderlich, daß der rückwärtige Teil -des Floßes die gleiche Richtung habe, wie die ersten Tafeln. - -In Holleschowitz wurde Halt gemacht. Die Schregge, ein um einen festen -Punkt drehbarer Riesenbalken, wurde von zwei Flößern senkrecht -aufgestellt, und die Spitze bohrte sich tief in den Moldaugrund ein. -Ächzend blieb das Floß stehen. Nun ging es auf den hier in breiter Reihe -verankerten anderen Flößen ans Land, in das Wirtshaus „Baštecký“. Das -war mit Flößern dicht gefüllt. Gesprächsthema: Zwei Prahmen seien in der -Hetzinsel-Schleuse auseinander gegangen und die Bemannung, die selbst in -Gefahr geschwebt habe, müsse nun den ganzen Tag arbeiten, die Stämme -wieder zu ordnen und zu binden. Die Erregung ist allgemein. Darüber, daß -die Schleuse schlecht sei, sind alle einig. Auch gegen die Ansicht, daß -die deshalb an die Statthalterei gerichtete Eingabe ohne Erfolg bleiben -werde, erhebt sich kein Widerspruch. Aber über die Art der -Abwehrmaßregeln kann man sich nicht einigen. - -„Wir sollten einfach erklären, daß wir nicht durchfahren,“ meint -aufgeregt ein junger Flößerbursch. - -„Dann fahren einfach andere durch!“ erwidert ihm ruhig ein Steuermann. - -„Wir sollten uns auf andere Sachen kaprizieren, so lange die Schleuse -nicht gebessert wird,“ meint da ein blutjunger Bursch — der -jüngste Steuermann auf der Moldau. Der Sprosse eines Podskaler -Flößergeschlechts. Sein Vater ist Floßtransporteur in der Kanzlei einer -großen Prager Holzfirma, drei seiner Brüder sind Steuermänner, ein -vierter, der gleichfalls Floßführer war, hat vor Jahren den Flößertod im -Helmschen Wehr gefunden. „Wir sollten die Flöße ausmessen. Und wenn -eines länger ist als 130 Meter, sollten wir nicht darauf fahren — so -wie es das Gesetz vorschreibt.“ - -„Das ist unmöglich,“ wirft ein alter Flößer ein. „Man kann doch die -Stämme nicht abschneiden, wenn sie um einen Meter länger sind!“ - -„So müßte eben eine Tafel weniger angekoppelt werden,“ meint der junge -Floßführer. - -„Na, dann legt man sie eben als Fracht auf die Prahme, und du bist -gerade dort, wo du warst. Im übrigen würde sich das Ausmessen der Flöße -nur gegen die Holzhändler richten, und die haben mit der Schleuse nichts -zu tun.“ - -Der junge Steuermann läßt nicht locker: „Wenn sich die Holzhändler der -Sache annehmen würden, würde schnell Abhilfe geschaffen werden.“ - -„Schmarrn!“, belehrt ihn der Alte. „Die Holzhändler haben sich gegen die -ganze Moldaukanalisierung eingesetzt, welche die Flößerei fast ruiniert -hat. Und was hat’s ihnen genützt?“ - -Jetzt ist das Fragen an mir: „Wieso hat die Kanalisierung dem -Floßtransport geschadet?“ - -„Weil sie die ganze Moldau verschandelt hat. Ist denn das noch ein Fluß? -Gibt es denn noch unterhalb Prags eine Strömung? Lauter gestautes -Wasser, lauter Tümpel. Jede Weile muß man sich von Remorqueuren ans -Gängelband nehmen lassen. Von Holleschowitz bis Troja, von der Selzer -Dynamitfabrik bis Kletzan, von Žalow bis Libschitz, von Libschitz -nach Miřowitz, von da nach Wranian, von hier nach Hořin, dann nach -Beřkowitz, dann nach Wegstädtl müssen wir uns von den Remorqueuren -ins Schlepptau nehmen lassen. Lauter Vorspann, lauter blöde Schleusen. -Gott sei Dank, daß das Land kein Geld hat. Sonst hätten sie uns auch -schon in Leitmeritz und Raudnitz solche Hürden errichtet. Lauter -Wehrmeister, lauter Kontrolle ...“ - -„Nicht einmal ein Mädel kann man sich mitnehmen,“ brummt ein junger -Flößer, ein „Podskalák“ von reinstem Wasser, der sich eine Schmachtlocke -so tief über das rechte Auge gekämmt hat, daß er auf diesem fast blind -sein muß. - -„Na, du nimmst dir ein Mädel auf jeden Fall mit! Und wenn du es unter -dem Floß vor dem Wehrmeister verstecken müßtest.“ So ruft man lachend -dem „Don Juan von der Wasserkante“ zur Antwort, und selbstgefällig -streichelt das Wassergigerl seine Stirnlocke. - -Dann ergreift mein Steuermann das Wort: „Früher wars eine Kunst zu -flößen. Wenn man sich nicht auskannte, saß man flugs auf dem Trockenen. -Im Jahre 1872 flößte ich mit zwei anderen jungen Burschen am alten -Buchta vorüber. Der Buchta, das war ein guter Steuermann. Jetzt ist er -schon lang tot. Damals war er auf einer Sandbank stecken geblieben und -mußte Wasser stauen, um die Prahme flott zu kriegen. Als wir -vorbeischwammen, schimpfte der Alte: Verfluchte Buben! Wir alten Esel -bleiben stecken und die fahren glatt vorbei!“ - -Wenn jetzt der Steuermann nur hinzugefügt hätte, daß ein solches -Auffahren auf Sand heute nicht mehr vorkommen könne, so hätte er den -Anschein zu erwecken vermocht, er habe die Geschichte vom alten Buchta -nur erzählt, um zu zeigen, wie damals selbst der erfahrenste Steuermann -eine böse Fahrtunterbrechung erleiden konnte. Aber der Erzähler hat -darauf verzichtet. Offen rühmt er sich des Buchtaschen Zitates, dessen -Datum er sich durch 38 Jahre gemerkt, in denen er etwa 1200 Floßfahrten -unternommen. Der Fluch des alten Buchta ist dem alten Vrabec ein -kostbares Vermächtnis. - -Ein Bediensteter der Schiffahrtsgesellschaft kommt jetzt in das Gasthaus -und meldet, daß der Remorqueur, der andere Flöße bis Troja gezogen hat, -eben zurückkehrt. Man bricht auf und bald schwimmt das Floß wieder -talwärts. - -Im Karolinentaler Hafen werden je vier Flöße zu einem Schleppzuge, dem -„Transport“, rangiert. Die beiden vorderen Prahmen werden mit zwei -Seilen an den Schleppdampfer gebunden und die vier Flöße mit einander -verknüpft. Jetzt ist für die Flößer Zeit zur Rast. Nur hie und da muß an -den Vorderrudern gearbeitet werden, damit man bei scharfen Biegungen des -Flusses nicht an das Ufer anrenne. Im übrigen wird jetzt bloß für das -eigene Wohl gesorgt. Steuermann und Flößer setzen sich auf die -Holzladung, die auf dem Floße ruht, und stecken ihr Pfeifchen in Brand. -Einer der Flößer richtet den Feuerherd her. Rasenstücke, die aus Prag -mitgenommen worden sind, werden auf der Holzladung hoch aufgeschüttet -und reichlich mit Wasser begossen. Dann klatscht der „Hafner“ mit der -flachen Rückseite einer Schaufel das Erdreich glatt, wobei dem anderen -Flößer einige andere Kotpatzen in das Gesicht fliegen, was von diesem -mit unvergleichlich prachtvollen Schimpfworten (Made in Podskal) -quittiert wird. Nun wird ein Stück von einem Rundbalken abgesägt, klein -gehackt, und bald flackert ein lustiges Herdfeuer über den Wassern. Die -irdenen Kochgefäße hat einer der an vielen Stellen heranrudernden -Marketender den Flößersleuten gegen ein stattliches Stück Buchenholz -eingetauscht. Jetzt brodelt Kaffee in den Gefäßen, dem ein verteufelt -starkes Quantum Rum beigemengt wird. Dann wird gejaust. Um die Fahrt -braucht man sich nicht zu sorgen. - -Das gestaute Wasser ist still und unbeweglich. Lautlos fährt das -Vierfloß durch diesen Teich, und nur sein Vorderrand wird von leichten -Wellen umspült, die der vorauseilende Remorqueur verursacht. Fast -scheint es, als ob dadurch, daß dem Flusse die Strömung genommen wurde, -auch die Uferlandschaft ihrer Romantik verlustig gegangen wäre. Es fehlt -den Bäumen, deren Zweige auf das Wasser überhängen, es fehlt den -Sträuchern, welche die beiden Flußränder umrahmen, ein strömendes, an -das Ufer plätscherndes Wasser. Die ganze üppige Landschaft sieht -eintönig drein. Die Balken des Floßes schaukeln nicht, man spaziert auf -ihnen wie auf einem Parkettboden. - -Um so mächtiger wirkt der Kontrast, wenn man durch die Schleusen fährt. -Etwa zweihundert Schritt vor dem Wehr wendet sich der Dampfer mit einem -schrillen Pfiff, die vier Flöße des Transports knüpfen sich von einander -und vom Remorqueur los, und fahren einzeln — eine Distanz von 400 -Metern einhaltend — durch die Schleusen. Das ist ein Nervenkitzel. Man -möchte aufjauchzen während dieser Fahrt. Die Wellen schlagen hoch über -die Balken und peitschen das lodernde Herdfeuer, ohne es verlöschen zu -können, in das Geräusch der aus der Höhe zurückklatschenden Wogen mischt -sich das dumpfe Krachen der Randbalken der Floßtafeln, die in -ohnmächtiger Wut gegen die Steinwände des künstlichen Hohlweges Sturm -laufen und jeden Augenblick die Prahme zu zerschellen drohen. Einzelne -Balken sind durch das darüber schlagende Wasser verdeckt und es scheint, -daß die Binden entzweigegangen, das Floß in seine Bestandteile zerrissen -worden sei. Die Plattform der Prahme, die erste Floßtafel, ist -vollständig unter den schäumenden Wassermassen vergraben, trotzdem ein -am zweiten Floßgliede befestigter Mastbaum sie krampfhaft in die Höhe -zerrt. In der Mitte der zweiten Floßtafel steht der Steuermann, auf -deren rechtem und linkem Rande die beiden Gehilfen. Und wenn das Ende -der Schleuse nahe ist und die Vordertafel aus dem Wasser emportaucht, -dann rennen die drei in wilder Hast, der Wogen nicht achtend, die hoch -über ihre Wasserstiefel schlagen, zu den Steuerrudern. Es gilt nach -innen zu lenken, sonst würde die Gewalt des Schleusenwassers die -schwanke Prahme auf die Uferböschung treiben. Kaum ist das Wehr -passiert, so glätten sich die Wasser, die Balken ordnen sich wieder -parallel und an das Toben des Elementes, in dessen Mitte man sich eben -befunden, erinnert nur noch ein Blick nach rückwärts: Das nächste Floß -saust kämpfend die Schleuse hinab ... - -Hinter jeder Schleuse sammeln sich die vier Flöße des Transportes -wieder, ein anderer Remorqueur wird vorgespannt, und es geht bis zum -nächsten Wehr. - -In Jedibab, einem von Gott und Menschen verlassenen Nest, machten wir -Nachtquartier. Das Dörfchen liegt nicht einmal am Ufer, und man hat von -diesem noch gute 20 Minuten auf schlechten Wegen zu gehen. Aber Jedibab -hat das Glück 33 Kilometer von Prag gelegen und derjenige bewohnte Punkt -zu sein, welcher dem Nadelwehr von Wranian am nächsten liegt. Die Flöße -kommen nachts hier an, und da sie die Kammerschleuse nicht mehr -passieren können, so wandert die Bemannung in das Dorf, das auf diese -Weise zu einem gar nicht zu verachtenden Fremdenverkehr gekommen ist. -Man aß hier in der Schenke ein Stück warmen Brotes und trank ein -ebensolches Bier. Dann wurden Strohsäcke ins Wirtslokal geschafft und -man ging schlafen. Draußen peitschte ein scharfer Regen die -Fensterscheiben. Das nahmen die Flößer mit schadenfrohem Lachen zur -Kenntnis, denn einer von ihnen, der erklärt hatte, es falle ihm nicht -ein, das teuere Hotellogis (in Jedibab beträgt der Preis für das -Nachtlager 8 Heller, in einigen anderen Stationen wird nichts berechnet) -zu bezahlen, war draußen am Floße über Nacht geblieben. Die anderen -malten sich schon aus, wie sie ihn am Morgen uzen wollten. Aber dazu kam -es nicht. Als um ¼2 Uhr nachts aufgestanden und die Weiterreise -angetreten wurde, goß der Himmel noch immerfort Wassermassen auf das -Floß, das oben bald ebenso feucht war, wie unten. Die Balken waren naß -und glatt, bei jedem Schritte, den man machte, rutschte der Fuß aus und -man fiel in das tote Wasser zwischen den einzelnen Balken und Tafeln. -Finstere Wolken, die wie schwarze Berge aussahen, schienen wenige -Schritte vor dem Floße zu liegen und den ganzen Strom zu verstellen. Das -Floß fuhr weiter, aber da sich die Distanz zwischen ihm und den -schwarzen Bergen durch Stunden nicht verringerte und die Ufer in dem -Nebel nicht erkennbar waren, so sah es aus, als ob sich die Prahme nicht -von der Stelle rühre, als ob sie mit einer unsichtbaren Schregge -festgehalten würde. - -Dabei knurrte der Magen. Im Jedibaber Restaurant haben wir früh weder -Kaffee noch Brot bekommen und an ein Feueranmachen auf dem Floße war in -dem gießenden Regen nicht zu denken. Proviant hatten wir nicht und kein -einziger schwimmender Marketenderwagen ließ sich blicken. Wenn ein -Gasthaus von der Ferne sichtbar wurde, dann brüllte der alte Flößer -Kolenský mit heiserer Stimme, der die Verzweiflung eine furchtbare -Gewalt lieh, sein „Pivo“ über Wasser und Land. Immer heiserer, immer -verzweifelter klang sein Sehnsuchtsschrei, und als er hinter der -Sprachgrenze, von Liboch und von Wegstädtl an, nach „Bier“ zu schreien -begann, tönte sein Ruf wie der Todesschrei eines verwundeten Hirsches. -Die Leute an den Ufern vernahmen das Flehen und eilten mitleidsvoll in -das Gasthaus, wo der Wirt ein Paar Gläser einschenkte und in den Kahn -einstieg, um zum Floße zu rudern. So sehr er sich aber auch beeilen -mochte — die Strömung war schneller und unser Floß war schon vorbei, -als er herankam. Der Wirt wartete in der Mitte des Stromes und bot dann -seine Biere der Bemannung der nächsten Flöße — unseres schwamm als das -erste — zum Kaufe an. Diese konnte natürlich nicht in jedem Orte Bier -trinken und am Abend erzählten uns die Flößer in der Schenke, wie die -Wirte auf den Booten geflucht, als ihnen das mit so viel -Eindringlichkeit bestellte Bier auf dem Halse blieb. Was aber können die -Flüche aller Wirte gegen jeden einzelnen Fluch bedeuten, den der -durstige Kolenský jedesmal ausstieß, wenn er sah, wie das von ihm -bestellte Bier den „Nachfahrern“ angeboten wurde! - -Ein Anlegen des Floßes während der Fahrt — sei es wegen Sturmes, -Regengusses oder Hagelschlags, sei es infolge Hungers oder selbst -Durstes — gibt es nicht. Nur wenn der Flößer Feierabend machen muß, -weil es ihm die Vorschrift anordnet und weil er die Ufer nicht mehr -erkennt, hält er an. Er weiß, daß ihm die Reise als solche sehr gut -bezahlt wird (so erhält z. B. der Steuermann für die 2½ Tage währende -Fahrt nach Mittelgrund 59 K.), daß er aber auch an den Tagen, an denen -er sich auf keinem Holztransport befindet, daß er auch in den vier -Wintermonaten von seinen Reisehonoraren zehren muß. Er muß trachten, von -seiner Fahrt so bald es möglich zurück zu sein, um einen neuen -Holztransport zugewiesen zu erhalten. Das ist der oberste Grundsatz des -Flößers, und trotz des verzweifelten Durstes fiel es dem alten Kolenský -nicht ein, ein Anlegen des Floßes zu verlangen. Erst um 7 Uhr abends -nahmen wir, die wir um ¼2 Uhr nachts aufgebrochen waren, in Birnai, -einem Dorfe oberhalb Aussigs, unser Frühstück (einige Bierquargel) ein. - -Um 1 Uhr nachts brachen wir wieder auf. Die Nacht, durch die wir -glitten, war dunkel, aber die machtvollen Zacken der Uferberge waren -sichtbar. Drohend und schwarz schob sich der zerklüftete Workotsch in -das nächtliche Elbtal hinein, rechts blickte der Schreckenstein noch -düsterer als sonst übers Land. Es war ein Anblick, den selten ein -Tourist zu genießen Gelegenheit hat, vom Niveau des Wassers die -wechselnden Schattenrisse des Elbpanoramas zu bestaunen. Eine Reise -durch eine Silhouettenlandschaft. Wenige Stunden später wurden auch die -Hänge der Uferlandschaften sichtbar, allerdings nur in dem bizarren -Rahmen der Nebelrisse. Als wir hinter Tetschen das Elbesandsteingebirge -erblickten, war schon die Morgensonne mit glänzendem Leuchten -aufgegangen und bestrahlte die Elbfluten und die seltsamen Felsgebilde -an den Ufern. Das ruhig dahingleitende Floß war wohl ein besonders -geeignetes Beobachtungsniveau für die Schönheit der Landschaft. - -Ich bin auf der Elbe weitergefahren. Noch immer — jetzt bin ich in -Magdeburg — ist, wenn man von der stellenweisen Remorquage absieht, die -Elbströmung die einzige treibende Kraft für das Fahrzeug, dessen -Passagier ich bin. Auf meiner Fahrt habe ich manches herrliche Bild auf -den Elbufern gesehen, aber noch nichts hat die Pracht der Landschaft zu -übertreffen vermocht, die sich in der Heimat, von Leitmeritz bis über -die Grenzen des Nachbarlandes bis zur Bastei nächst Wehlen breitet. - - - - - Gäste der Polizei - - -„Departement für die öffentliche Sicherheit.“ So steht es auf dem -Torschild. Aber das ist ungenau, unpräzis. Sagt zu viel, also zu wenig. -Denn in das Gebiet der öffentlichen Sicherheit gehören auch Baubehörden, -Schieneninspektionen, Feuerwehren, Rettungsstationen, Kesselprüfungen, -Automobilvorschriften, Kutscherschulen und viele andere Dinge, mit denen -das Sicherheitsdepartement nichts zu tun hat. Immerhin bleiben ihm noch -mehr als genug Agenden. Und auf die Art dieser Agenden weist viel -deutlicher als die Aufschrift auf dem Schilde das Relief hin, das über -dem Tore prangt und eine Zusammenstellung dreier Symbole zeigt: Das -Richtbeil, das Fascesbündel und die Wage der Themis. Nun wird zwar hier -im Departement das Richtbeil nicht geschwungen, die Themis hat hier noch -nicht ihre wägende Tätigkeit zu entfalten und die Fasces, das Sinnbild -der strafenden Gewalt über Tod und Leben, dürfte eigentlich erst die -nächsthöhere Instanz, der Gerichtshof, mit voller Berechtigung im Wappen -führen. Jedoch das Sicherheitsdepartement ist Agentie und Werbeamt, und -wenn es durch seine Beamten und Detektivs nicht das Menschenmaterial -herbeischaffen würde, so könnten sich die symbolischen Manipulationen -mit Richtbeil, Fasces und Wage im allgemeinen nur auf die kleinen -Gauner, die genügsamen Dorfdiebe und die armen Landstreicher erstrecken, -welche die Gendarmerie dem Landesgerichte überantwortet. - -Übrigens ist es die Verbrecherwelt nicht allein, auf die sich die -Tätigkeit des Sicherheitsdepartements erstreckt. Mit allerhand Anliegen -kommt man in diese Räume. Da ist ein ehrsamer Handwerksmann, der sich -seit einigen Tagen durch die Amtslokalitäten schleicht. Auf seinem Wege -muß er durch das Zimmer der Detektivs. Die kennen den wackeren Bürger -und schütteln die Köpfe: Wie der in den letzten Tagen gealtert ist! Der -Ankömmling geht zu dem Beamten, der die Vermißten und Wiedergefundenen -in Evidenz führt. Dieser, ein junger Polizeikonzeptspraktikant, kennt -schon des Alten Begehr und hat diesem schon einigemale den Bescheid -gegeben, daß man von dem Aufenthalte seines Sohnes, der nach mißglückter -Prüfung nicht mehr nach Hause zurückgekehrt ist, noch immer nichts -wisse. Heute aber ist die Nachricht da, eine Hiobspost: Die Leiche des -jungen Mannes ist aus der Moldau gezogen worden. Der junge -Polizeipraktikant spielt verlegen mit dem Bleistift. Wie soll er dem -Alten die furchtbare Botschaft beibringen. Er nötigt ihn, sich zu -setzen. Da weiß der bedauernswerte Handwerksmann schon alles. - -„Tot?“, stößt er hervor. Und bald hält er das Telegramm in Händen, das -im Lapidarstil die Bestätigung der ärgsten Befürchtungen des Vaters -birgt. - -„Tot“, schluchzt der Alte, „tot! Und ich bin schuld. Ich habe ihn -studieren lassen, damit er’s besser hat, wie ich! Tot!“ - -Am gegenüberliegenden Tisch wird ein Fall von grundverschiedener Natur -verhandelt, aber auch etwas, was mit der öffentlichen Sicherheit gar -wenig zu tun hat, auch etwas Unkriminalistisches im Kriminaldepartement. -An den Grenzen des Polizeirayons ist ein Weib aufgelesen worden, das -kaum viel mehr als einen Meter groß, taubstumm, irrsinnig und halbblind -ist und nun apathisch bei dem Tische des Kommissärs steht. Dieser hat -auf den ersten Blick gesehen, daß aus der Alten über ihre Identität und -Heimatszuständigkeit nichts herauszubekommen ist, und so setzt er sich -resigniert und schreibt zuerst einen kurzen Begleitakt an das -Taubstummeninstitut, wohin die Arme zunächst gebracht werden muß, damit -man dort versuche, mittels Zeichensprache ihr irgendwelche Angaben zu -entlocken. Aber im Taubstummeninstitut wird man die Alte nicht -behalten, weil sie irrsinnig ist, ebensowenig wie man sie in der -Landesirrenanstalt aufnehmen wird, weil sie taubstumm ist. Und so muß -ein zweiter Akt an den Magistrat abgesandt werden, der aus dem -Tschechischen ins Amtsdeutsch übersetzt, folgendermaßen lautet: -„Inliegend beschriebene, unbekannte Taubstumme wird zur Unterbringung in -das Gemeindearresthaus bis zur Feststellung ihrer Heimatszuständigkeit -in Empfehlung gebracht.“ Und dann muß die Beschreibung, die polizeiliche -Photographie, die Stilisierung der Notiz für den „Polizei-Anzeiger“ -erfolgen. Unwillig brummt der Kommissär in den Bart: „Wenn nur die -Gemeindevorsteher in die Bluse solcher Kretins den Namen der -Heimatsgemeinde einnähen ließen, dann könnte man solche arme Leute -gleich per Schub nach Hause befördern, und alle diese Scherereien, -Schreibereien und Suchereien wären erspart!“ Ja, wenn! Aber das tun die -Gemeindevorsteher wohlweislich nicht, denn jeden Tag, der mit den -Recherchen verloren geht, hat die Gemeinde an Erhaltungskosten für den -lästigen Dorftrottel erspart! - -Die Expediträume des Sicherheitsdepartements beherbergen gleichfalls -eine Gruppe unkriminalistischer Gäste. Fünf oder sechs Männer und eine -junge Frau stehen dort beisammen. Jeder hält eine Harfe in der Hand und -die gibt alles an — Legitimation, Heimatsort, Leidensgeschichte und -Begehr. Aus dem Harfenistenstädtchen Nechanitz sind sie, von wo die -böhmischen Wandermusikanten stammen, und ihre Schicksale sind die ewig -alten: Vom Impresario engagiert, ausgebeutet und ohne Entlohnung -verlassen, von den österreichischen Auslandsbehörden nach Prag -einwaggoniert, kommen sie ins Sicherheitsdepartement der Polizei, um -eine Reiseunterstützung zu erbitten. Jeder erhält eine Eisenbahnkarte -von Prag nach Königgrätz oder den Fahrpreis von K 4.40 auf die Hand. Und -von Königgrätz gehen sie zu Fuß ins Heimatsstädtchen und leben hier, bis -sie wieder ein Impresario engagiert, ausbeutet, ohne Entlohnung verläßt -... ad infinitum. - -Selbst im anthropometrischen Kabinett kann man oft unkriminelle Leute -sehen, obzwar dieses, wie schon aus dem Namen und der daraus zu -deduzierenden Bestimmung ersichtlich ist, nur für die Rückfälligkeit, -beziehungsweise die zu befürchtende Rückfälligkeit der hier gemessenen -Verbrecher eingerichtet ist, und obzwar hier schon das Milieu, und die -Einrichtungsstücke darauf deuten, welche Beachtung man den Inhaftaten -zollt. Mit Kopfzirkeln, Ohrmessern, Meßkreuzen, Sitzhöhenmaßen, -Narbenmaßen, Fingerdruckkissen und dem übrigen Instrumentarium der -beiden Bertillons wird man doch nicht die Personaleigentümlichkeiten -bedauernswerter Bettler, harmloser Kretins und unterstützungsbedürftiger -Musikanten auf der Meßkarte verewigen! Gewiß nicht. Man braucht aber -auch nicht zu glauben, daß jedes halbwegs ehrliche Gesicht, das man hier -auf Ohren-, Nasenlänge und Pupillennuance mißt, gleich das Wort von der -„Verbrecherphysiognomie“ Lügen straft. Gar viele Abdrücke von -Finger-Papillarzügen, die in die Meßkarten-Registratur einverleibt -worden sind, müssen nie wieder hervorgeholt werden. Und der im -anthropometrischen Kabinett tätige Beamte hat schon von seinen Klienten, -besonders jenen, die im jugendlichen Übermut entgleisten, das Wort -gehört: - -„Meine Maße werden Sie nie mehr brauchen!“ - -Das verrät, schon nach dem Tonfall, Selbstmordabsicht. Aber der Beamte -hat da einen alten Kniff. Er mißversteht absichtlich. - -„Nun, es freut mich zu hören,“ bemerkt er wohlwollend, „daß Sie von nun -an alle derartigen Entgleisungen vermeiden wollen. Denn wenn Sie noch -ein zweites Mal hierher kommen, dann sind Sie für Ihr ganzes Leben als -Verbrecher gebrandmarkt.“ - -„Das bin ich schon,“ lautet die stereotype Antwort, „jetzt kommt es in -die Zeitungen, alle Leute erfahren es ...“ - -„Nun, wenn Sie mir Ihr Ehrenwort geben, daß Sie von jetzt ab ein -ehrlicher Mensch sein wollen, dann verspreche ich Ihnen, mich dafür -einzusetzen, daß Ihr Name nicht in die Zeitung kommt. Einmal ist -keinmal! Ihr Ehrenwort?“ - -Gar mancher gibt hier im anthropometrischen Kabinett das ehrenwörtliche -Versprechen. Und mancher hält es auch. - -Wenn dann wirklich nach ein paar Jahren ein solcher junger Mann als -ehrlicher, tüchtiger Mensch in das Sicherheitsdepartement kommt, um sich -dafür zu bedanken, daß man ihn einst so vom Selbstmord abgehalten, dann -ist das auch ein unkriminalistischer Besuch bei der Kriminalpolizei. Der -einzige freilich, den man dort gerne sieht. - - - - - Café Kandelaber - - -Der Menschheit ganzer Jammer faßt mich an, wenn ich so um fünf Uhr früh -beim Café Kandelaber mein Frühstück verzehre. Es ist zwar ein famoser -Trunk, der 80gradige, mit angenehm im Magen flammendem Rum vermengte -Tee, der hier kredenzt wird — aber er bleibt doch nur ein Frühstück, -ein verteufelt kategorischer Schlußpunkt nach einer schönen, kaum -begonnenen Nacht. Das ist es, was mich grollen macht. Ich bin bös auf -die ganze Welt. Es ist aber auch wirklich zu arg mit ihren -Einrichtungen. Jedes Schulkind weiß z. B., daß der Erfinder der -Dampfmaschine James Watt hieß. Weil dieser beim Brodeln eines Teekessels -auf die Idee kam, die Dampfmaschine zu erfinden. Auch schon etwas? Ein -anderer Erfinder, der wohl beim Vorbeifahren einer Dampfmaschine, sei es -einer Lokomotive oder einer Lokomobile auf die Idee kam, sie als -Teekessel zu verwerten, ist keinem Schulkinde bekannt, seinen Namen -meldet kein Lied, kein Heldenbuch. Und doch ist die Verwendung der -Lokomotive als Teekessel — das „Café Kandelaber“ — eine Erfindung, die -Hunderten von müden Pilgern im nächtlichen Prag die Wohltat eines -aufpulvernden, wärmenden Trankes gewährt. Der Name eines solchen -Wohltäters wird in der Weltgeschichte nicht verzeichnet! Ich muß meinen -Groll hinunterspülen. - -„Frau Jemelka, noch einen Achtziggradigen, Zwanzigprozentigen um fünf, -etwas zum Aufweichen und zwei Retten.“ - -Frau Jemelka stellt ein Glas unter die Mündung des Messingrohres, dreht -den Hahn nach rechts und läßt die Essenz in mein Glas rinnen, in welches -nun das heiße Wasser kommt. Dann sucht sie mir eine Mohnbuchte zum -„Aufweichen“ aus und gibt mir zwei „Sport“. Sie weiß ganz gut, daß mit -der Bestellung der Retten — so wird der Ausdruck „Zigaretten“ in -vorgerückter Nachtstunde abgekürzt — nur „Sport“ gemeint sein können, -damit die Zeche die runde Summe von 20 Hellern ausmache. - -Jawohl, bloß zwanzig Heller! Man zeige mir, bitte, ein Kaffeehaus, wo -für dieses Geld ein warmes Frühstück mit Mehlspeise und Zigaretten -erhältlich ist. Dabei habe ich noch die feinere Teesorte, die um 10 -Heller — nobel muß die Welt zugrunde gehen! — getrunken und „Sport“, -statt der billigen und hier bedeutend stärker verlangten „Drama“ -geraucht. - -Frau Jemelka steckt das Zwanzighellerstück in eine Blechbüchse, die ihr -als feuer- und einbruchssichere Kassa dient. Zwölf Prozent gehören der -„Cafetiere“, die nicht selbständige Unternehmerin ist, sondern eine -Angestellte der Kleinschen Likörfabrik vom „Roten Stern“ in -Karolinental. Das fahrbare Teehaus ist Eigentum der Kleinschen Fabrik -und diese liefert die Essenz, die Tee, Rum und Zucker enthält. Den Erlös -der verkauften Quanten, abzüglich der Provision von zwölf Prozent, muß -Frau Jemelka abführen. - -Keine Angst, die gesetzte, ins Pragerische transponierte Geisha kommt -trotz alledem auf ihre Kosten. Das ambulante Teehaus, das manchen -nächtlichen Passanten nährt, nährt auch seinen Mann. Im Winter kommen -die Bettmeider frierend zu dem Teeverschleiß, um sich an dem behaglichen -Koksofen zu wärmen, im Sommer aber gibt es zahllose Menschen, welche den -im Einkehrhaus „U valšu“ zu entrichtenden Logierpreis von 20 Hellern -als eine überflüssige Ausgabe betrachten, und lieber in der lauen Luft -der Gassen umherspazieren. Die statten dann dem „Café Kandelaber“ -längere Besuche ab und geben oft dreimal so viel Geld aus, als das -Nachtquartier kosten würde. - -Außerdem haben die Kandelaber-Cafetiers noch ganz gute Nebeneinkünfte. -Wenn irgend ein Neuling kommt — an der Frage nach dem Preise eines -Glases Tee ist er erkennbar — dann wird ihm statt der feinen, der 10 -Heller-Essenz, die 8 Heller-Essenz gereicht, aber das Greenhorn muß den -teuereren Preis bezahlen. Oder wird der Hahn des Kesselrohres -zurückgedreht, bevor das vorschriftsmäßige Quantum der Essenz -herausgeronnen ist. Wehe aber, wenn der Teemann eine solche Manipulation -bei einem gewiegten Bummler in Anwendung bringen wollte! Der weiß ganz -genau, daß der rechte der beiden durch ein festes Schloß vor -Verfälschung oder Verwässerung durch den Kandelaberwirt geschützte -Kessel die teure, der linke Kessel die billige Essenz birgt, und der -wacht mit Argusaugen darüber, daß kein Tröpfchen der vorgeschriebenen -Essenzmenge im Rohre des Kessels bleibe. Der würde für einen -Übervorteilungsversuch Worte finden, die selbst in dem Milieu des Café -Kandelaber ihre Wirkung nicht verfehlen würden. - -„Café Kandelaber.“ Eigentlich haben die gastlichen Lokomotiven, die in -der Nacht an den Straßenecken Station machen, offiziell einen anderen -Namen. „Ambulance heißer Getränke“ steht mit goldenen Lettern auf der -Wagenfront. Aber der Ausdruck hat sich nicht eingebürgert. Er trifft -auch nicht mehr so recht zu. Freilich ist das Teehaus ambulant, und um -die neunte Abendstunde kann man das nicht mehr ungewohnte, darum aber -nicht minder seltsame Schauspiel genießen, eine Lokomotive mit einer -vorgespannten Dogge durch die Straßen fahren zu sehen. Dann aber bezieht -sie ihren Standplatz, den sie jahraus, jahrein innehat, der Hund kuscht -sich zwischen den Rädern, und Wagen und Hund rühren sich bis zum -Morgengrauen nicht von der Stelle. Früher, vor etwa dreißig Jahren, war -das anders. Da fuhr der Teemann durch die Straßen und machte nur auf -Anruf eines hungrigen oder durstigen Passanten Halt. Dieses Geschäft, -das nur auf dem Zufall einer solchen Begegnung aufgebaut war, rentierte -sich nicht. So zogen sich denn die Kandelaber-Cafetiers resigniert an -die Ecken der Gassen oder an die Kandelaber der Plätze zurück. Und siehe -da! Kaum hatte sich der Planet in einen Fixstern verwandelt, so war er -schon beliebt. Da der Berg nicht mehr zum Mohammed kam, da kamen die -Mohammedaner zum Berg. Der Ausdruck „Café Kandelaber“, dessen beide -Worte so prächtig mit einander kontrastierten, wurde populär und er ist -dieser Erfrischungsstelle bis zum heutigen Tage geblieben, obwohl jetzt -eine Verwechslung möglich wäre, da sich ein findiger Wirt für sein -Nachtkaffeehaus in der Karlsgasse, dessen Stammgäste sich aus denselben -Gesellschaftsschichten rekrutieren, aus denen die Gäste der fahrbaren -Teehäuser stammen, den Namen „Café Kandelaber“ behördlich protokollieren -ließ. - -Von da ab erfreuten sich die fahrbaren Teehäuser steten Zuspruchs. Die -Droschkenkutscher des nahen „Staffels“ und der gleichfalls dicht -benachbarte Würstelmann polemisierten und pokulierten, bis längst das -Licht auf der Höhe des städtischen Kandelabers verlöscht und die -Wagenlaterne des „Kaffeehauses“ angezündet war. Zu ihnen gesellten sich -Nachtvögel verschiedener Gattungen und blieben auch keine kürzere Zeit -stehen. Der Teewagen auf dem Altstädter Ring erfreute sich einer so -außerordentlichen Beliebtheit, daß sie dem Wirte sogar verhängnisvoll -wurde. Hier strömten nämlich zu der Zeit, als noch die Josefstadt -nicht assaniert und voll von niedrigen Beiseln war, nach der -Gasthaus-Sperrstunde verschiedene Leute zusammen, die hier ihre Affären -der Liebe, des Alkohols und des Verbrechens fortsetzten. Das ging gar -nicht leise und gar nicht ohne blutige Raufhändel ab. Das „Café -Kandelaber“ war fast täglich in den Rapporten des Altstädter -Polizeikommissariates erwähnt und schließlich verbot man dem Wirt diesen -Standplatz. Er durfte den Ring überhaupt nicht mehr passieren und erst -als die dunkelsten Häuser der Josefsstadt dem Erdboden gleichgemacht -worden waren, durfte er wieder in das gelobte Land einziehen. In der -letzten Zeit wird diese Geschichte in den Kreisen der „Kandelaber“-Gäste -besonders oft besprochen. Man glaubt, daß durch dieses seinerzeitige -Platzverbot ein Präzedenzfall vorhanden ist, der dem Teemann vom -Josefsplatz verhängnisvoll werden kann: Man werde ihm diesen Platz -verbieten, damit er dem Repräsentationshaus keine Konkurrenz mache. - -Es ist fünf Uhr geworden. Schon graut der Tag und dem Leser. Ich muß -meine sachlichen Erwägungen schließen, wenn ich noch rechtzeitig zum -Five-o’clock-tea ins „Café Kandelaber“ kommen will. - - - - - Geschichten vom Brückenkreuzer - - -Man kann freilich von einer Brücke nicht verlangen, daß sie außer einem -Fluß auch noch die sozialen Gegensätze überbrücken soll. Aber die Prager -neuen Brücken verschärfen diese Gegensätze noch, denn die Armen haben -jetzt oft einen nahen Weg vor sich und müssen doch — um den -Brückenkreuzer zu ersparen — den Umweg über die älteste Brücke, die -unentgeltliche Karlsbrücke, machen. Durch die Prager Brücken werden zwar -die Stadtteile verbunden, aber die Bewohner dieser Stadtteile haben -keine Ursache dafür verbunden zu sein. Denn der Brückenkreuzer ist eine -Unbequemlichkeit für die Reichen, eine empfindliche Ausgabe für die -Armen. Jedesmal, wenn man in Prag eine Brücke schlägt, so schlägt man -dem modernen Verkehrswesen ein Schnippchen und die Logik aufs Haupt, -indem man je ein Mauthäuschen an die Brückenenden setzt. - -Das Vergnügen, in den verschiedenartig duftenden Anlagen des Stadtparkes -und auf dem von Alpinisten sehr geschätzten Pflaster der Prager Straßen -zu promenieren, hat man ganz umsonst. Aber die Notwendigkeit über eine -Brücke zu gehen, die muß man bezahlen. Obwohl das Prager Pflaster noch -teurer ist als die Prager Brücken. Von der Verkehrshemmung, welche die -Einhebung der Brückenmaut bedeutet, gar nicht zu reden. Man stelle sich -vor, daß auf der Weidendammer oder auf der Potsdamer Brücke in Berlin -jeder Passant stehen bleiben, jedes Auto stoppen müßte, um zwei oder -fünf Pfennige zu bezahlen. Auch der gemütliche Wiener würde wohl -verteufelt ungemütlich werden, wenn er sein „letztes Kranl“ wechseln -müßte, um über die Aspernbrücke gehen zu dürfen. - -Aber es wird uns doch ein Äquivalent für die Entrichtung des -Brückenzolls geboten. Das sind die Straßenbilder und die Geschichten, -die sich auf diese Institution gründen, und um die uns jede andere Stadt -beneiden muß. Hier fleht ein Bettelweib mit weithin hörbarem Weinen die -Gnade des Brückentyrannen an, dort nimmt ein kleines Kindermädchen den -ihr anvertrauten fünf Jahre alten Bengel keuchend auf den Arm, hier -schlängelt sich ein Gamin zwischen zwei Straßenbahnwagen auf die Brücke, -dort springt ein Prager „Pepík“ vor dem Mauthäuschen auf die -Elektrische, um jenseits des Häuschens wieder abzuspringen — alles, um -zwei Heller zu ersparen. - -Auch andere Typen und Geschichten sind bekannt. Ein -Einjährig-Freiwilliger hat den Brückenkreuzer prinzipiell — „ich lasse -mir nichts schenken“ — bezahlt, trotzdem ihn die Uniform zu freiem -Eintritt berechtigte. Von dem Jungtürken, der es absolut nicht verstehen -konnte, wie ein fremder Mann auf offener Brücke von ihm ein Bakschisch -zu verlangen wage, und dem schließlich eine hundertköpfige Menschenmenge -zu Hilfe kam, war im November des vorigen Jahres in allen Blättern zu -lesen. Der uralte Ulk des Defilees im Gänsemarsch ist bei den Bewohnern -des Mauthäuschens gar nicht beliebt, weil sich diese die Mühe nehmen -müssen, die Teilnehmer des Zuges, für die der Letzte zahlen soll, genau -zu zählen. Zum Glück läuft der zahlungspflichtige Letzte gewöhnlich -davon, so daß ein Rechenfehler ohnedies gleichgültig ist. Es gibt viel -solcher Scherze. - - * * * * * - -Rückte da neulich ein Marsjünger in Zivilkleidern, nur an der keck über -dem linken Ohre baumelnden Mütze als k. u. k. Infanterist kenntlich, vom -Ernteurlaub nach Prag ein. An dem Smichower Ufer streckte ihm der -Zöllner begehrlich seine Hand entgegen. Der Urlauber aber verweigerte -die Zahlung des Tributs. Er sei Soldat und als solcher brauche er keinen -Kreuzer zu zahlen. Der Mauteinnehmer wies auf die Zivilmontur des -Widerspenstigen, dieser legitimierte sich mit seinem Urlaubsschein als -Angehöriger der Armee. Da die Frequenz auf der Brücke gerade sehr groß -war, so hatte sich bereits ein stattliches Häuflein von Zuschauern um -die streitenden Parteien geschart. Nun konnte der Zöllner erst recht -nicht nachgeben, wenn er nicht sein Ansehen einbüßen wollte. Aber auch -dem Krieger kam es nicht in den Sinn, der Klügere zu sein, und er -bestand auf seinem Schein. Wer weiß, welche Dimensionen der Rechtsstritt -genommen hätte, wenn nicht zufällig ein Einjährig-Freiwilliger des Weges -gekommen wäre, der in hilfsbereiter Weise für seinen Fahnenbruder zwei -Heller auf das Opferbrett der Stadtgemeinde niederlegte? Der also -losgekaufte Urlauber aber setzte seinen Weg nicht sogleich fort, sondern -eilte in die genau gegenüber dem Mauthäuschen auf der Brücke gelegene -Tabaktrafik. Er kaufte sich für die ersparten zwei Heller zwei -„Drama“-Zigaretten und zog, die eine „Drama“ zufrieden im Munde haltend, -die andere kokett hinter dem Ohre, unter dem Lachen des Publikums so -stolz über die Brücke, wie einst im Mittelalter siegreiche Belagerer -über die endlich heruntergelassene Zugbrücke in die Burg des Feindes -gezogen waren. - - * * * * * - -Einmal hatte einer meiner Couleurbrüder zur endlichen Bezahlung seiner -Schulden 200 Kronen erhalten. Kaum hatte er uns von diesem -sensationellen Ereignis auf unserer Bude, die sich in dem Gasthaus auf -der Judeninsel befand, in Kenntnis gesetzt, als wir auch schon -beschlossen, damit dem Brückenmann der Franzensbrücke einen Streich zu -spielen. Zehn Bursche wurden je mit einer Zwanzigkronennote beteilt, -selbstverständlich erst nachdem sie sich „auf Grand-Cerevis“ — die -Eidesformel beim Biertisch — verpflichtet hatten, sie wieder -zurückzustellen. Nun ging es dem Mauthause zu. Der erste von uns reichte -dem Zöllner die Banknote und dieser gab murrend 19 Kronen 98 Heller -zurück. Dann kam der zweite, und gleichzeitig streckten acht andere -Hände dem Mauteinnehmer die Banknoten zu. Der gute Mann war entsetzt. -„Es könnte doch einer für alle Herren zahlen,“ wandte er ein. „Wir -kennen einander ja gar nicht,“ war unsere Antwort. Nun wollte uns der -Einnehmer mit großmütiger Gebärde die Entrichtung erlassen. Aber wir -wollten uns keinesfalls unserer Prager Bürgerpflicht begeben, wollten -den Stadtsäckel nicht schädigen. Schließlich machte Meister Zöllner dem -Konflikt ein Ende, indem er sich in seine Hütte verkroch. Da mußten wir -denn doch von dannen, ohne unserer Bürgerpflicht Genüge getan zu haben. -Wahrscheinlich hat sich der Zöllner darüber ins Fäustchen gelacht. Wir -aber lachten laut. - - * * * * * - -Einmal zogen wir aus der „Quelle“ in Bubentsch nächtlicherweile nach -Prag. Als wir zum Kleinseitner Brückenkopf des Kettenstegs kamen, -schlief der Zöllner bereits den Schlaf des Gerechten und an seinem -Fenster war der Holzladen heruntergelassen, denn drüben am andern Ufer -versah der andere Mauteinnehmer — wie allnächtlich — für ihn den -Dienst. Schon wollten wir weckend an die Bude klopfen, als uns ein üppig -gelaunter Kommilitone davon abhielt. Er legte still einen Kreuzer auf -das Brett vor dem geschlossenen Schalter und befahl uns, ihm in einer -Distanz von einigen Schritten über die Brücke zu folgen. Bei der -Josefstädter Brückenmündung trat ihm der Zerberus mit heischender Hand -entgegen. Unser Freund tat sehr erstaunt. Er werde doch nicht zweimal -zahlen, man zahle doch nur beim Betreten der Brücke und das habe er -getan. - -„Das ist eine Lüge,“ erklärte der Brückenhüter, „drüben ist ja -geschlossen. Sie müssen hier bezahlen.“ - -„Ob drüben geschlossen ist, geht mich nichts an. Darauf habe ich nicht -geachtet. Ich habe drüben bezahlt, wie ich immer beim Betreten der -Brücke zahle.“ - -Der Zöllner rief die heilige Hermandad herbei. Der Wachmann kam und mein -Freund verlangte die Sicherstellung des Mauteinnehmers, da er von diesem -durch das Wort „Lüge“ beleidigt worden sei. Der Zöllner leugnete nicht. - -„Der Herr hat behauptet, drüben gezahlt zu haben und das ist eine Lüge!“ - -Unser Freund verlangte nun erregt, der Wachmann möge konstatieren, ob -der Kreuzer wirklich drüben liege. Dies werde bei der Verhandlung in der -Ehrenbeleidigungsklage das wichtigste Moment sein. Das sah der Wachmann -ein und war bereit mit unserem Freunde auf das jenseitige Ende der -Brücke zu gehen. Der Zöllner, der eine eventuelle Beeinflussung des -Polizisten vermeiden wollte, sperrte seine Bude und ging mit. Wir -hinterdrein. Als der Zug wieder glücklich auf der anderen Seite war, -erblickte man das künftige Corpus delicti: Der Kreuzer lag friedlich auf -dem Schalterbrett. Mit majestätischer Handbewegung wies unser Freund auf -ihn. Der Brückner war geschlagen. Schon wollte er mit mißmutiger Gebärde -den Kreuzer an sich nehmen, als unser Kommilitone herzusprang und ihn -einsteckte. - -„Über eine Brücke, auf der man die Passanten derart behandelt, gehe ich -nicht. Wir gehen über die Elisabethbrücke.“ Und zum verdutzt dastehenden -Zöllner gewandt, fügte er hinzu: „Auf diese Weise treiben sie alle ihre -Kundschaften der Konkurrenz in die Arme.“ - - - - - Der Chef der Prager Detektivs - - -„Der alte Lederer“, der Chef der Prager Polizeidetektivs, hat gestern, -am 30. März 1909, im Sicherheitsdepartement sein Pensionierungsgesuch -geschrieben, heute übergibt er es und morgen macht er schon keinen -Dienst mehr. Zum erstenmale seit 38 Jahren. (Von den Krankheitszeiten -abgesehen, die er im letzten Jahre zu bestehen hatte.) Nun hat er -ausgedient und geht in den Ruhestand. Die Kunde wird bei allen, die ihn -kennen — und die Zahl derer, die ihn kennen, ist immens — Interesse -erwecken; mit Bedauern sehen ihn wohl nur wenige aus dem Amte scheiden. -Er war bestgehaßt. Ein Bann, analog jenem, der vor Jahrhunderten den -Henker umsponnen, hat auch ihn, den „Spitzel“, den „Spion“, den -„Schnüffler“ umgeben. Dergleichen Charakterisierungsworte gebrauchte man -immer, wenn man in der Nacht einen Begleiter auf den alten Lederer -aufmerksam machte, wenn dieser, Stock und Hände auf dem Rücken haltend, -mit gebückter Haltung und patrouillierenden Augen über das Trottoir -wandelte. In den Spelunken hatte man ärgere Namen für ihn. Aber noch -keiner hat es gewagt, sie ihm ins Gesicht zu schleudern. Man hatte vor -dem Alten Respekt. - -Revertenten und berufsmäßige Nachtwandlerinnen verschwanden, sobald sie -ihn von der Ferne sahen, mit größtmöglicher Akzeleration um die Ecke. -Und wenn er so gegen vier oder fünf Uhr früh in die Schenke „Zum Kranz“, -„Bei den 3 Sternchen“, im „Goldenen Zweier“, „Zur Schokolade“, „Beim -Frosch“ oder „Beim Banzett“ erschien, dann sprangen die auf den Tischen, -auf den Bänken oder auf dem Fußboden schlafenden Stammgäste beiderlei -Geschlechtes flugs auf, als ob der kommandierende General eine -Wachmannschaft beim Kartenspiel erwischt hätte. Die schlaftrunkenen -Augen der Nächtlinge blickten scheu auf den Gefürchteten und mit -heuchlerischer Devotion scholl ihm allerseits ein „Ruku líbám, -milostpane“ (Küss’ die Hand, gnä’ Herr) entgegen. Alle kannten ihn. Aber -auch er kannte alle. Sein Blick durchschnitt das rauchgeschwängerte -Lokal. Schon hat er einen erspäht, der aus Prag für immer ausgewiesen -ist. Er winkt ihm und ohne ein Wort der Widerrede zu dulden, nimmt er -den Liebhaber Prags bis zum nächsten Wachposten mit. Oder er schaut -jemanden an, den er nie zuvor gesehen: „Sie sind der R. S.!“ Aus den -Worten eines Steckbriefes hat er sich das Bild des R. S. konstruiert und -nun den Gesuchten erkannt. Das war seine Spezialität, Spürsinn oder -Routine? - -Aber die Unbeliebtheit in den Verbrecherkreisen hätte ihm in den Kreisen -der gesetzmäßig lebenden Bürgerschaft Sympathie gesichert, wenn sich der -Detektivinspektor Lederer nicht aus beruflicher Pflicht auch in ein -Gebiet hätte einmischen müssen, in welches eine Einmengung spürender -Behörden mit vielem Rechte von der Allgemeinheit sehr angefeindet wird: -Das Gebiet der Politik. Für diese Idiosynkrasie gegen „Spitzeltum“ in -der Politik hat der alte Lederer am meisten leiden müssen. Erst während -der letzten Grabenkrawalle ist er in der Nähe des Spinka von einer -Gruppe tschechisch-nationaler Sozialisten erkannt und bedroht worden, -die Sozialdemokraten haben gegen ihn Gerichtsprozesse angestrengt und -sogar von deutscher Seite ist der eifrige Geheimpolizist einmal weidlich -durchgeprügelt worden. Noch dazu auf reichsdeutschem Boden. Das war am -Sonntag, den 12. Juli 1897. Die österreichischen Behörden hatten den -Egerer Volkstag verboten, aber damit nichts erreicht. Denn die -Teilnehmer zogen in hellen Scharen nach dem nahen bayrischen Städtchen -Waldsassen, um hier — von keinem „landesfürstlichen Kommissär“ gehört -und gestört — zu beraten und zu beschließen. Aber man hatte „oben“ um -so größeres Interesse an der Versammlung jenseits der schwarz-gelben -Grenzpfähle und — so zog Herr Lederer mit einer Kornblume im Knopfloch, -als unentwegter Alldeutscher gleichfalls nach Waldsassen. Aber er wurde -erkannt, und er, der was erfahren wollte, hat nur Schlimmes erfahren. -Auch sonst hat er zahlreiche Reisen in politischer Spürmission -unternommen, aber er muß hiebei von einem Mißgeschick à la Waldsassen -verschont geblieben sein, denn nur der eine tragikomische Fall ist -bekannt geworden. U. a. hat Inspektor Lederer bei Kaiserreisen in der -ganzen Österreichisch-ungarischen Monarchie als Auge des Gesetzes -fungiert und ist spähend auf den Spuren Wilhelm des Redseligen, King -Edwards und Milans des weiland Lebenslustigen gewandelt. Sogar ein -Sonnen- oder Löwenorden wurde ihm verliehen, zum Dank dafür, daß er den -Beherrscher des Perserreiches vor eventuellem Mißgeschick behütete. - -Bei der Ausmittlung von Verbrechern hat er gute Dienste geleistet. -Freilich von moderner Kriminalistik, von Daktyloskopie und -Anthropometrie, von Kopfzirkeln, Meßkreuzen, Narbenmaßen und dem übrigen -Instrumentarium der beiden Bertillons verstand er ebensowenig wie seine -Klienten von Ehrlichkeit. Aber er erkannte seine Prager, Weinberger und -Žižkower Einbrecher an der Art, wie der Einbruch ausgeführt war. -Und verstand sie zu finden. Besonders in der Josefstadt, die vor ihrer -Assanation das Heim der Prager Kamorra gewesen war, kannte sich Lederer -— er war dort jahrelang Polizei-Wachkommandant gewesen — in jedem -Schlupfwinkel aus und jeden einzelnen Bewohner und jede einzelne -Bewohnerin der zahllosen Beisel mit Namen. - -Aber auch in besserem Milieu ließ den Detektivinspektor sein Spürsinn -nicht im Stich. Da ließ er sich auch durch Eleganz und weltmännisches -Auftreten nicht blüffen. So hat er aufs Geratewohl einmal im Kaffeehaus -einen gutgekleideten Herrn nur deshalb festgenommen, weil er -champagnisierte und freizahlte. Der Herr protestierte. Aber der alte -Lederer ließ sich nicht irre machen. Im Sicherheitsdepartement wollte -man ihn schon ausschimpfen, daß er jemanden grundlos festgenommen habe. -Man forschte aber nach der Provenienz des Geldes und da stellte sich -heraus, daß der Arretierte ein eigenes Telegraphenamt in Nusle -inszeniert, aus diesem Geld angewiesen hatte und beheben ließ. Der Name -dieses Mannes ist seither in der Geschichte des Postbetruges Europas -geläufig: Plocek. - -„Ich hab’ gleich gesehen, daß der das Geld nicht schwer verdient hat,“ -sagte der alte Lederer, als er die Prämie für seinen Fang ausbezahlt -erhielt. - -Er war bei allen Morden der letzten Jahre zur Stelle: beim Mord am -Omladinisten Mrwa, an der Juwelierin Gollerstepper, an den Mädchen Hruza -und Klima im Polnaer Walde, am Hotelier Wolf, am Liebespaar -Takacz-Hanzely zu Krtsch, am Schulmädchen Smrček, am Portier des -Gewerbemuseums Schaněl, am Gefangenaufseher Kaucky und an der -neuvermählten Frau Novotny in der Böhmerwaldgasse. Immer machte er sich -als einer der ersten auf die Suche. Manchmal mit Glück, manchmal mit -Unglück. Sein Name war in den Berichten über Prager Kriminalfälle -stereotyp. Darum geziemt es sich, das heutige Datum als das des Tages zu -registrieren, da der alte Lederer aufhört, seines Amtes zu walten. - - - - - Der Mann mit der Straßenspritze - - -Wenn es regnet, ist es naß. Besonders in Prag. Hier werden nämlich bei -Regen die Straßen besprengt. Manchmal während des Regens, manchmal nach -und manchmal vor dem Regen. In den beiden erstgenannten Fällen müßte man -nichts besonderes erblicken, weil man ja zu der Vermutung kommen kann, -der bekannte Satz, daß Feuchtigkeit des Erdbodens Regen zur Folge habe, -sei auch in der Umkehrung richtig. Aber daß man in Prag auch vor dem -Regen die Straßen besprengt, ist interessant. Es kommt ja auch nur -selten vor. Dann ist es aber umso interessanter. - -Der Mann, dem die ehrenvolle Aufgabe obliegt, die Bazillen des Prager -Straßenstaubes mit den Bazillen des Prager Wassers in fruchtbaren -Zuchtverkehr zu bringen, ist näherer Beachtung wert. Sie wird ihm auch -zuteil. Dort, wo der Spritzenmann ist, dort ist auch die Straßenjugend. -Die kennt die Prager Spritzenschläuche ganz genau und weiß, daß sie -feine Löcher haben, durch die beim Spritzen hohe Wasserstrahlen in die -Luft steigen. Diese kleinen Löcher lassen sich bequem mit einem Finger -zuhalten und wenn man diesen wegzieht, so spritzt der dünne Strahl mit -verdoppelter Gewalt in die Höhe oder auf einen Passanten. Ja, das -Spritzen ist eine Lust für die jeunesse dorée der Straße. Aber auch -ältere Passanten, die ohnedies schon um der sengenden Sonnenglut willen, -sich nicht der Eile befleißigen wollen und die — die Abneigung der -Muhme Mephistos gegen das Staubschlucken teilend — lieber auf -besprengtem Pfade weiterwandeln wollen, bleiben stehen und schauen dem -Mann mit der Straßenspritze zu. Schon die Vorbereitungen, die dieser -trifft, wirken erfrischend. Ich glaube, dieses Straßenbild wäre ein -famoser Stoff für eine Pantomime. Sie wäre abendfüllend. - -I. Akt. (Eine schmutzige Straße.) Leute treten auf, die sich den Schweiß -aus dem Gesichte wischen und dann die Taschentücher auswinden. Plötzlich -malt sich Begeisterung in ihren Zügen und freudigen Antlitzes weisen sie -in die rechte Kulisse. Aus dieser kommen zunächst barfüßige Knaben und -Mädchen mit Jubel und Tanz. Dann rollt ein Handwagen heran, der ein -großes Faß trägt. Der Wagen wird von einem Spritzenmann geschoben, ein -zweiter geht neben dem Wagen. Der Spritzenmann rekognosziert das -Terrain. Fragend blickt er seinen Genossen an. „Soll man hier spritzen?“ -Die Antwort scheint eine verneinende Gegenfrage zu sein: „No, soll man -hier spritzen?“ Aber Passanten und Straßenjugend drängen sich an die -beiden Begleiter des Fasses heran und bitten flehentlich um einen -Gespritzten für das Straßenpflaster. Die beiden nicken Gewährung und -senken den Vorderteil des Wagens zur Erde. Die Zuschauer (auf der Bühne) -treten scheu zurück. Die Spritzenleute beginnen je eine Tabakspfeife -anzuzünden. Der Vorhang fällt langsam. - -II. Akt. (Spielt eine halbe Stunde später. Personen: Wie im ersten Akt.) -Die Spritzenleute vollenden das Anzünden der Tabakspfeife. Sie nehmen -ein T-förmiges Eiseninstrument, das wie ein jugendlicher Galgen aussieht -und halb Schraubenschlüssel, halb Pfropfenzieher ist, vom Faßwagen und -heben mit der einen Zacke dieses Werkzeuges den Deckel des Hydranten in -die Höhe. Ein süßer Geruch steigt aus den Tiefen empor. (Das Orchester -spielt: „Das duftet nach Trèfle incarnat“ aus „Graf von Luxemburg“.) Der -Duft erfüllt das Theater. Die Zuschauer (auf der Bühne) verschwinden im -Hintergrund. Die Zuschauer (im Zuschauerraum) auch. Der Vorhang fällt -rasch. - -III. Akt. Aus dem Faß wird durch dessen obere Öffnung ein Metallrohr -herabgenommen, das im Sonnenglanze glitzert, wie das Rheingold in der -Komischen Oper zu Wesseli-Mezimosti. Am Ende des Rohres hängt ein -Elefantenrüssel; aber es ist gar kein Elefantenrüssel, sondern ein -Spritzenschlauch. Das andere Ende des Rohres wird irgendwo in dem -Abgrund befestigt, aus dem die bereits beschriebenen unbeschreiblichen -Düfte steigen. Damit das T-Instrument sich nicht zurückgesetzt fühle, -schraubt man es gleichfalls an den Hydranten. Die Zuschauer denken nun -wie Schiller: Wohl, nun kann der Guß beginnen. Aber damit ist’s noch -nichts. Dem einen Spritzenmann ist das Feuer der Tabakspfeife -ausgegangen und er bemüht sich nun, ein Zündholz an einem Teile seiner -Hose anzuzünden. Der Vorhang fällt diskret. - -IV. Akt. Die Pfeife brennt. Einer der beiden Spritzenleute kurbelt den -Miniaturgalgen, der andere packt den Spritzenschlauch, dessen Mündung -das Straßenpflaster zärtlich küßt. Wasserströme, welche die neue -hechtgraue Felduniform tragen, strömen durch den Schlauch und verwandeln -die Gegend um den Hydranten in eine romantische Meereslandschaft. Ein -schmuckes Dienstmädchen, einen Korb mit Eßwaren unter dem Arme, kommt -des Weges und lächelt den Wassermann an, der den Schlauch hält. Ein -Strahl der Freude zuckt über sein Gesicht und ein Strahl Wasser über das -ihre. Der Spritzenmann hat nämlich in seiner freudigen Erregung die mit -dem Schlauch bewehrte Hand erhoben. Auch die Eßwaren sind angenehm -besprengt worden und der Korb sieht aus wie ein volles Lavoir. Das -Mädchen schimpft. Die Spritzenmänner bleiben ihr die Antwort nicht -schuldig und gebrauchen einige Ausdrücke ... (Der Vorhang fällt über -Anordnung der Zensurbehörde sehr rasch.) - -V. Akt. Es wird fortgespritzt. Alle Passanten erhalten eine Dusche -gratis. Hier erhält ein hellgelber Herrenüberzieher eine schön braune -Glasur, dort wird einem Panamahut Gelegenheit geboten, zu erweisen, ob -er wirklich wasserdicht ist. Mit Wilhelm Tell-artiger Sicherheit lenkt -der schlichte Bedienstete der Prager Kommune sein feuchtes Geschoß gegen -die wandelnden Ziele. Oft weiß er mit ein- und demselben Strahl mehreren -Ahnungslosen etwas von dem erfrischenden Naß der Moldau zuteil werden zu -lassen. Längst hat sich die Straße in das Schwarze Meer verwandelt — -der Spritzenmann arbeitet weiter, als gälte es den Kanal trocken zu -legen. Da fängt es zu regnen an. (Man verwende den Platzregen aus „Das -Weiße Rößl.“) Die Spritzenmänner freuen sich höchlichst, denn im Regen -ist die Arbeit viel angenehmer. Sie lassen aus dem Schlauche Wasser in -das Faß des Wagens laufen, damit sie mit Hilfe der bekannten Holzkannen -auch jene Straßenteile besprengen können, zu denen der Spritzenstrahl -nicht gelangen kann; wenn der Regen diese Stellen näßt, so gilt das -nicht. Das Faß ist bald gefüllt und nun kommt der Deckel wieder auf den -Hydranten, Röhre, Schlauch und Schraubenschlüssel wieder auf den Wagen. -Es regnet weiter — besonders faule Äpfel und Eier aus dem -Zuschauerraum. Der Vorhang fällt mit wolkenbruchartiger Geschwindigkeit. - -Auf Hofbühnen und anderen großen Theatern kann man statt des Faßwagens -fahrbare Riesenspulen verwenden, um die sich der Spritzenschlauch -ringelt; die Aufführung verliert dadurch nicht an Lokalkolorit, da man -solche Spulen beim Besprengen der Prager Hauptstraßen verwendet. Anderer -Requisiten bedarf mein Mimodrama nicht. Trotzdem mir die Tantiemen ganz -gut zustatten kämen, sage ich den Theaterdirektoren ganz offen: Das -Stück braucht nicht sofort aufgeführt zu werden, denn der Stoff bleibt -dauernd aktuell. In Prag wurde seit jeher die Straßenbesprengung so -betrieben und wird auch weiter so betrieben werden. In den fünfziger -Jahren des vorigen Jahrhundertes haben diese Arbeit Leute besorgt, -welche von Feuerwehrmännern auf der Straße ad hoc engagiert worden waren -und unter deren Aufsicht spritzen mußten. Daß diese Leute die Sache -nicht mit jener virtuosen Sicherheit, nicht mit jener genialen -Schlauchtechnik betreiben konnten wie das wohlorganisierte städtische -Spritzenkorps von heute, liegt klar auf der Hand. Ist das nicht -Fortschritt genug? Ein Mehr wäre von Übel, hieße die Tradition -verleugnen. Und die Stadt Prag hält auf Tradition. Strahlend war früher -die Straßenbesprengung, strahlend soll sie auch in Zukunft sein. Das ist -eine Beruhigung für mich. Kann doch meine Pantomime nie veralten, wenn -die Männer, die spritzen, nie selbst „gespritzt“ werden. - - - - - Eine Nacht im Asyl für Obdachlose - - -Eine Minute von der Elisabethstraße entfernt, in der alltäglich Fiaker, -Automobile, Straßenbahnwagen, Equipagen und Droschken nach dem -Baumgarten hinausfahren, zweigt von der Klemensgasse die Neumühlgasse -ab. Sie ist keine Verkehrsstraße; vier scharfe Ecken bildend, kehrt sie -zur Klemensgasse zurück. Hier ist nichts mehr von Promenade, nichts mehr -von Luxusfuhrwerken zu merken. Nur wenige Passanten bevölkern sie. -Abends jedoch sammeln sich hier Gruppen von Menschen an, die des -Augenblickes harren, wo sich das Tor des Hauses Nr. 11 eröffnet, auf dem -in großen schwarzen Lettern die Worte „Útulna — Asyl“ stehen. - -In diesem Haus, das Eigentum des Prager Asylvereines für Obdachlose ist, -habe ich gestern übernachtet. Bei einem Freunde, der in der nahen -Sametzgasse wohnt, hatte ich mich vorher in full dress geworfen. Den -Rock, den ich anhatte, hatte voriges Jahr unser Dienstmädchen einem -Bettler geschenkt, aber dieser hatte die Annahme des Geschenkes unter -schweren Beleidigungen abgelehnt. Wenn in dem Hut, den ich aufgesetzt -hatte, noch die Firmabezeichnung erkenntlich wäre, könnte man ihn als -famoses Mittel für Erpressungen verwenden: Der Hutmacher würde jeden -Betrag bezahlen, um diese seinen Namen tragende Schmach aus der Welt zu -schaffen. Der Rock hatte zwar keine Fasson, aber dafür hatte er auch -keine Farbe und Löcher, auf die jede Regimentsfahne stolz sein könnte. -Die Risse der Stiefel waren durch die in sanften Wellenlinien -hinabfallenden roten Socken teilweise verdeckt. Die Hosen — reden wir -nicht davon. - -So ging ich, in den wahrlich nicht verwöhnten Gassen des Petersviertels -peinlichstes Aufsehen erregend, zum Asylhaus. Hier waren schon Gruppen -von Obdachlosen angesammelt. Einige saßen auf dem Geländer, das die -schmalen Anlagen der Klemenskirche umfriedet, andere auf den Stufen am -rückwärtigen Kircheneingang. Etliche standen vor dem Eingang eines -Gasthauses in der Klemensgasse, wieder andere an die Häuser der -Neumühlgasse gelehnt. Auch Frauen waren darunter. Im ganzen etwa 70 -Leute. Ein Doppelposten der Polizei hielt Wache. - -In der Gruppe, in der ich mich anstellte, war ein fünfzehnjähriger -Bauarbeiter, der gerade von seiner Fußwanderung aus Triest in Prag -eingetroffen war. Dann ein Prager Geschäftsdiener, elternlos und ohne -Verwandte, der ohne Stellung war. Vor anderthalb Tagen hatte er bei -einem ehemaligen Kollegen eine Suppe bekommen, seither hatte er -überhaupt nichts gegessen. Unter anderen Umständen hätte ich diese -Angabe vielleicht skeptisch aufgenommen. Aber hier konnte ich nicht -daran zweifeln. Was für ein Interesse hätte er gehabt, die Kollegen, die -gleich ihm arg im Bruch waren, zu belügen? Erwarten konnte er von ihnen -ja nichts. Ich versprach ihm meine Suppenportion für den Fall, als ich, -trotzdem ich kein Dienstbuch habe, in das Asyl eingelassen würde. Ich -hätte einen verdorbenen Magen und könne nichts essen. Seither wich der -Bursche nicht von meiner Seite, damit er in das gleiche Zimmer mit mir -komme. Seine einzige Sorge, die er fortwährend zu mir äußerte, war die: -„Ob man dich nur ohne Büchel hineinlassen wird?“ Von Zeit zu Zeit kamen -Besuche zu unserer Gruppe. Leute, die Arbeiter suchten. In meinem Leben -habe ich nicht so viele Engagementsanträge erhalten, wie vorgestern. -„Bist du ein Müllergehilfe?“ fragte mich ein wohlgenährter Herr, der auf -unsere Gruppe zugetreten war. Nein, ich sei kein Müllergehilfe. Damit -aber gab sich der Herr noch nicht zufrieden: „Willst du nicht in der -Mühle arbeiten?“ Ich müsse morgen abreisen, sagte ich und der Vertrag -war nun endgültig gescheitert. - -Von den übrigen Aktionen, die nichts geringeres zum Zwecke hatten, als -meine wertvolle Arbeitskraft für verschiedene Unternehmungen, wie einen -Brückenbau, eine Schneiderwerkstätte etc. zu gewinnen, sei noch eine -erwähnt. Ein Bäckergehilfe kam zu mir: „Du bist ein Bäcker?“ Wieder -verneinte ich. „Das macht nichts,“ sagte jener. „Du könntest heute -nachts bei uns in der Werkstätte statt meiner arbeiten. Mein Mädel ist -heute früh nach Prag gekommen und ich möchte gern mit ihr ausgehen. Du -brauchst nicht viel zu machen, nur soll der Alte nicht merken, daß einer -fehlt. Ich gebe zwanzig Kreuzer.“ Ich erklärte, daß ich ablehnen müsse. -Ich hätte schon drei Nächte nicht geschlafen. - -Die Arbeitgeber waren nicht die einzigen Personen, die um unsere Gunst -warben. Zwei Frauen traten auf einzelne von uns zu und boten uns -privates Logis an. Mich forderten sie nicht auf; ich sah sehr schäbig -aus. Aber auch bei den anderen hatten sie kein Glück, da ihre Forderung -zu hoch war. Je zwei hätten in einem Bette schlafen und jeder dreißig -Heller zahlen sollen. Ein jüngerer Wanderbursche ließ sich in -Unterhandlungen ein, aber ein erfahrenerer Genosse zog ihn zurück. -„Unsinn! Im Asyl schläfst du allein im Bett, zahlst keinen Heller und -kriegst noch zweimal Suppe.“ Da mußte denn die Wohnungsvermieterin -wieder abziehen. - -Wir standen von ¾6 Uhr abends bis 7 Uhr. Dann wurde das Tor geöffnet, -entweder weil der Hausvater sehen wollte, wieviel Leute draußen seien, -oder weil irgend ein Angestellter des Asyls eingelassen wurde. Das -Öffnen des Tores war das Signal zur Vergatterung vor diesem. In weitem -Bogen drängte sich die Schar der Obdachlosen. Die Frauen wurden in die -erste Reihe gelassen. An sie schlossen sich, auf Anordnung eines alten -Kunden, zunächst die Leute, die schon tags vorher die Gastfreundschaft -des Prager Asylvereines genossen hatten. In den nächsten Reihen standen -die Obdachsuchenden, welche die Bestätigung ihrer Genossenschaft darüber -in Händen hatten, daß sie stellungslos und „auf der Walz“ in Prag seien. -Dann kamen diejenigen, die durch ihr Arbeitsbuch den Nachweis ihrer -Arbeitslosigkeit führen konnten und deshalb das Anrecht auf Annahme in -das Obdach der Obdachlosen besaßen. Zuletzt die Schar jener Burschen, -die zwar stellungslos waren, aber schon zwei oder drei Tage im Asyl -genächtigt hatten; sie wußten wohl, daß sie kaum wieder Einlaß finden -würden und berieten, wo sie im Falle ihrer Abweisung nächtigen würden. -Die einen schwärmten von einer sehr schönen Scheuer in Žižkow, die -anderen waren entschieden für den Stall eines Prager Einkehrhauses, wo -es allerdings drei Kreuzer Quartiergeld koste, wieder andere -propagierten eine Exkursion in den Kinskygarten oder den Karlspark. - -Auch die drei anderen Schichten — jetzt waren auch die Obdachlosen, -diese untersten Repräsentanten der menschlichen Gesellschaft in -Gesellschaftsschichten geteilt — debattierten eifrig. Ein Alter, mit -schwarzem Bart und Havelock, führte das große Wort. Das Thema der -Debatte war nichts geringeres, als — die Frage der Landtagstätigkeit. -Es war die finanzpolitische Seite, welche diese in Lumpen gekleideten -Menschen am meisten interessierte. In der Naturalverpflegsstation hatte -man ihnen den Mangel verschiedener Gegenstände mit der Finanznot -begründet, und deshalb waren viele für die Flottmachung des Landtages, -aber einzelne waren dagegen, indem sie erklärten, wenn die Regulierung -der Landstraßen wieder in vollem Maße aufgenommen werde, dann gäbe es -wieder lauter Schikanen von seiten der Wegmeister. - -Das neuerliche Öffnen des Tores machte diesen hochpolitischen Erwägungen -ein Ende. Man ließ die Frauen — größtenteils beschäftigungslose Feld- -und Fabriksarbeiterinnen — ein und schloß wieder. Dann, nach etwa zehn -Minuten die Männer. Ein Asylbediensteter rief die Gruppe aus. Einzeln -wurde man eingelassen, jeder mußte sich legitimieren. Bei der Gruppe -„Arbeitsbücher“ fand auch ich mich ein. - -„Wo hast du dein Arbeitsbuch?“, fragte mich der Mann an der Pforte. - -„Ich habe keines,“ war meine Antwort. „Ich komme aus Reichenberg und -wollte ins Spital. Aber man hat mich nicht aufgenommen, weil überfüllt -ist.“ - -„Warum fährst du nicht zurück?“ - -„Ich habe kein Geld. Auf der Polizei werden sie mir ein Rückreisebillett -geben. Aber erst morgen. Nachmittag wird nicht amtiert, und da haben sie -mich hergeschickt.“ - -„Wer hat dir das gesagt, daß du hergehen sollst?“ - -„Der Offizial S...“ Ich nannte den Namen des Beamten, der die -Reiseunterstützungen aushändigt, und dies genügte, um den Auguren von -der Richtigkeit meiner Aussage zu überzeugen. Aber er hatte noch eine -Besorgnis: - -„Weshalb wolltest du ins Krankenhaus?“ - -„Ich habe Herzschwäche.“ - -Er sah mir forschend ins Gesicht, ob ich wirklich krank sei. Nun aber -war ich — welche ein Zufall! — ausnahmsweise, ganz ausnahmsweise in -der vorigen Nacht „auf dem Flam“ gewesen und war blaß. Da ließ er mich -denn aus Mitleid ein. „Ein Neuer!“, rief er einem anderen Bediensteten -zu, der auf der anderen Seite des Tores stand und Protokoll führte. Ich -gesellte mich zu den anderen Obdachlosen, die sich im Hausflur drängten. -Der Asylbedienstete wandte sich nun an die, die draußen harrten. „Ist -noch jemand, der noch nicht zwei Nächte hier war?“ Keine Antwort. „Gute -Nacht, hochgeehrte Herren,“ mit diesem ironischen Gruß schloß er das -große Tor. Nun stellte sich ein Angestellter des Asyls auf die erste -Stufe der Wendeltreppe und ordnete an: - -„Stiefel abputzen, Hemdkragen öffnen, paarweise antreten!“ - -Geräuschvoll wurde diesem Befehle Folge geleistet und vom ersten Stock -erscholl die zweite Order: - -„Die beiden ersten herauf!“ - -Nach etwa einer Minute: „Die beiden nächsten herauf.“ Und so fort. Oben -wurden alle eingehend nach Ungeziefer untersucht. Von Zeit zu Zeit hörte -man von oben Schimpfen und Protestieren, und dann kam immer ein -Obdachloser wieder die Treppe herunter: Man hatte bei ihm das Gesuchte -gefunden ... Das Tor öffnete sich und der Paria ward entlassen. Ich war -mit dem hungernden Handlungsdiener im Paar. Man fand nichts bei mir, und -meiner Aufnahme stand nichts im Wege. Man wies mir ein Bett an. - -In einem kleinen Zimmer, in dem vier Betten standen, wurde ich -einquartiert. Meine Zimmergenossen zogen ihre Stiefel aus und nahmen je -ein Paar der harten Lederpantoffeln, die auf dem Eisenofen lagen. Ich -zog gleichfalls die „Batschkoren“ an, setzte mich aber dabei auf das -Bett. Das war ein Fehler, denn ein zufällig in das Zimmer tretender -Angestellter des Hauses fragte mich sofort, ob ich eigentlich glaube, -daß ich im Spital sei. Ich vermutete, daß dies eine rhetorische Frage -sei, und beantwortete sie nicht. Damit gab sich der Asylbedienstete -nicht zufrieden. - -„Du bist aber ein Häuschen“ (hajzl), meinte er. Was er damit sagen -wollte, weiß ich nicht, aber ich vermute, daß dies ein Schimpfwort -gewesen sei, da er gleich darauf die Mitteilung hinzufügte, daß ich ein -„Bastard“ (parchant) sei. Diese Angabe ist unrichtig; doch der -Asylbedienstete konnte sich ja irren. Wieso er aber von mir behaupten -konnte, daß ich ein „Lausbub“ (všivák) sei, während doch die -unmittelbar vorhergegangene Untersuchung vollständig negativ verlaufen -war, ist mir unverständlich. Trotzdem habe ich es unterlassen, den -Asylmann zu kontrahieren. Für einen künftigen Ehrenrat, der mich -eventuell dafür zur Verantwortung ziehen würde, daß ich grundlose -Beschuldigungen nicht mit der ritterlichen Forderung durch die Waffe -beantwortet habe, sei gleich vorweg bemerkt, daß meine Kartellträger in -das Asylhaus überhaupt nicht eingelassen worden wären, da man eines -Arbeitsbuches oder des Nachweises einer Gewerbeausübung unbedingt zum -Eintritte bedarf. - -Der Asylbedienstete, dessen Groll ich mir zugezogen hatte, kam nach -einer Pause von etwa zehn Minuten wieder in unser Zimmer. Diesmal war -seine Mission viel sympathischer. Er legte jedem von uns ein Stück Brot -auf das Bett und bestimmte dann zwei von uns zum Holen der Suppe. Ich — -war ich doch sein Feind! — war einer von den zweien. So ging ich denn -mit meinem Arbeitsgenossen die Stiegen hinunter in den ebenerdig -gelegenen Küchenraum. Hier stand ein Holztablett für uns bereit, das mit -fünf gefüllten Blechtassen beladen war: die Suppe. Wir beförderten die -Ladung in unser Zimmer. In den Blechtassen stak kein Silberlöffel, -sondern bloß ein schlichter Zinnlöffel, was wohl der Grund dafür gewesen -sein mag, daß jeder meiner Zimmergenossen den Gebrauch des Löffels -verschmähte und den Inhalt direkt aus der Schale trank. Ich verkostete -einen Löffel und erfüllte dann das Versprechen, dem hungrigen -Handlungsdiener meine Suppenportion zu schenken, leichten Herzens. -Leichten Herzens, weil mich die ungewohnte Auftischung des Kuverts -beeinflußt hatte. Den anderen aber schmeckte die Suppe ganz famos, wie -an ihren behaglichen Mienen zu erkennen war. - -Ich benützte die Souperpause, um in den Räumen des Asyls Umschau zu -halten. Einzelne Zimmer waren doppelt so groß wie das unsrige und -beherbergten dementsprechend die doppelte Anzahl von Betten. Im ganzen -sind in den beiden Stockwerken, die für die Männer bestimmt sind, 78 -Betten untergebracht. Es sind eiserne Kavalets, die einen Strohsack, -einen Roßhaar-Kopfpolster, eine benähte Drillichdecke und ein ziemlich -reines Leintuch enthalten. Überhaupt herrschte auf den Wänden und -Fußböden der Schlafsäle, auf den Gängen, Stiegen und auf der die ganze -Front umgebenden Pawlatsche eine peinliche Sauberkeit — kein Wunder bei -der eisernen Disziplin, über die ich kurz vorher in so energischer Weise -belehrt worden war. - -Als die Suppe verzehrt und die Holztasse samt den Suppennäpfen unter -meiner Mitwirkung wieder in die Küche getragen worden war, setzten wir -uns auf die Stühle, und es begann die Konversation. Schon die Art des -Bekanntwerdens war eine viel bessere, als sie in der Gesellschaft üblich -ist. In den Salons geschieht die Vorstellung durch eigene Initiative, -sie ist aufdringlich, jeder gleichgültige Mensch stellt sich jedem -gleichgültigen Menschen vor und nennt seinen gleichgültigen Namen, der -überhaupt nicht verstanden wird. Im Asyl fragt einer den anderen: „Was -für einen Beruf hast du?“ Mit der Antwort ist alles Wissenswerte über -den Schlafgenossen gegeben. Nach dem Namen wird nicht gefragt. Namen -sind Schall und Rauch. - -Ich erfuhr, daß mein Bettnachbar zur Linken ein Kanalräumer, -beziehungsweise ein Kutscher sei, der nur in den letzten vierzehn Tagen -mangels anderer Beschäftigung der Prager Gemeinde nächtlicherweile beim -Entleeren der Kanäle behilflich gewesen, aber gerade tags vorher wegen -allzu großer Trunkenheit im Dienst entlassen worden war. Er war übrigens -nicht bös darüber: „Länger als vierzehn Tage bin ich ohnedies seit zehn -Jahren in keiner Stadt gewesen.“ - -Das Bett zu meiner Rechten hatte mein neuer Freund, der Handlungsdiener -inne, links von dem Kanalräumer war ein Zuckerbäckergehilfe aus Hartburg -bei Graz, der von dort geradewegs zu Fuß nach Prag gekommen war. Bei -diesem kam ich durch ungeschickte Beantwortung seiner Fragen in den -Verdacht ein Protz zu sein. Er fragte mich nämlich, ob ich schon in -Hamburg gewesen sei und ich bejahte. - -„Wie ist’s dort im Asyl?“ - -Ich mußte wahrheitsgemäß antworten, daß ich dies nicht wisse. Ich hätte -bei einem Freunde geschlafen, sagte ich. - -„Und wie weit ist es von hier?“ - -„Zu Fuß?“, schlüpfte mir als Gegenfrage aus dem Mund und das war dumm. - -„Willst mi eppa pflanzen?“, fuhr er mich bös an. „I wer doch net im -Fiaker hinfahren!“ - -Zum Glück machte der Kanalräumer, der sich auch Jahre lang in -Deutschland herumgetrieben hatte und nicht nur deutsch, sondern auch -italienisch — der Verkehr mit den italienischen Erdarbeitern brachte -das mit sich — verstand, weiteren Angriffen des steirischen -Zuckerbäckers gegen mich ein Ende. Er teilte ihm mit, daß er von Prag -nach Hamburg etwa zwölf Tage zu gehen habe, wenn er täglich fünfzig -Kilometer zurücklege. In Hamburg gebe es zwei Asyle, er möge aber nicht -in das Polizeiasyl gehen, denn dort werde jeder Kunde photographiert. -Auch im Asyl der Magdeburger Arbeiterkolonie möge er sich nicht -aufhalten; dort müsse man vor der Aufnahme das Arbeitsbuch abgeben und -müsse Holz sägen und hacken, „ärger wie im Arbeitshaus.“ Dann gab der -Kanalräumer dem Zuckerbäcker noch einige geographische Ratschläge. Er -beschrieb ihm den Weg, den er einschlagen müsse, um vier Heller Überfuhr -zu ersparen, und nannte ihm die Straßen, auf denen gute Zwetschken zu -erhaschen seien. Auch über die Schubverhältnisse, über die Handhabung -des Vagabundagesetzes und über die Naturalverpflegsstationen und die -Herbergen in den einzelnen Orten sagte er dem Zuckerbäcker manch -kräftiges Wörtlein. - -Während des Gespräches zog der Kanalräumer wiederholt ein Fläschchen aus -der Tasche und stärkte sich. Schließlich war der Schnaps alle. - -„Hol’s der Teufel, daß man hier kein Bier kriegt,“ brummte der -Kanalräumer wütend. - -„Ich wär’ wieder froh, wenn ich rauchen könnte,“ sagte ich, um etwas zu -sagen. - -„Hast du denn ein Stückchen Zigarette?“ meinte jener mit lauerndem -Blick. „Ich würde mich draußen einsperren und rauchen.“ - -Ich brach in der Tasche eine „Sport“ in die Hälfte und reichte meinem -Schlafgenossen eine Hälfte. Der hatte sie kaum in der Hand, als sich -schon der Zuckerbäckergehilfe an ihn herandrängte und ihn flehentlich -bat: „Schenk mir ein Stückel.“ Da wurde denn die halbe Zigarette redlich -geteilt. - -Um 9 Uhr verlosch das Gaslicht. Ich benützte die Dunkelheit, um mich in -Kleidern auf das Bett zu werfen. Während der Nacht schloß ich kein Auge. -Rechts neben mir schnarchte der postenlose Geschäftsdiener wie ein -Lokalbahnzug, links neben mir stieß der Kanalräumer in seinem -alkoholschweren Schlaf wüste Drohungen gegen irgend ein Mädel aus, von -dem er träumte. Aus dem Nebenzimmer drang in Intervallen von je zwei -Minuten ein Husten herein, als ob der Mann zu ersticken drohe. Es -dauerte lange, lange bevor es sechs Uhr wurde. Endlich aber schrillte -eine Glocke: Reveille. Alles kleidete sich an und machte das Bett -zurecht. Bald darauf kam der Aufseher und besah das Werk kritischen -Auges. Hier fand er die Decke zu wenig geglättet, dort war das Leintuch -unten zusammengefaltet, statt unterhalb des Kopfpolsters. Schließlich -verließ er uns, um auch die Nachbarräume mit seiner Inspektion zu -beehren. Als er wiederkam, legte er jedem von uns einen „Pandur“, einen -runden Wecken, auf das Bett und wir durften wieder Suppe holen. - -Nach einer halben Stunde ertönte ein lauter Ruf des Asylvaters: -„Magazin!“ Das war das Aviso für die Obdachlosen, sich um den bis dahin -versperrten Schrank zu scharen und daraus die Ranzen und Kofferchen in -Empfang zu nehmen, die sie hierher in Verwahrung gegeben hatten. Um 7 -Uhr wurde das Tor geöffnet und der Strom der Obdachlosen mündete wieder -in die Stadt. Der Doppelposten der Polizei stand wieder da und schaute -uns mißtrauisch an. - -Die meisten der Obdachlosen begaben sich zunächst in die -Arbeitsvermittlungsanstalt im „Alten Gericht“, dann in jene von -Žižkow. Ohne das Visum dieser beiden Institute finden sie anderswo -weder eine Genossenschaftsunterstützung, noch Aufnahme im Asyl. Ich -schlich mich wieder in das Haus in der Sametzgasse, in dem mein Freund -wohnte. Der Hausbesorger und die Hausbewohner, die mir begegneten, -blickten mir mit unverhohlenem Mißtrauen nach, bis mir die Wohnungstüre -geöffnet wurde. Nun restaurierte ich mich so weit, um kein Refus von -seiten eines Droschkenkutschers erwarten zu müssen und fuhr dann nach -Hause. Hier angekommen, telephonierte ich ins Bureau, daß ich wegen -Unwohlseins fernbleiben müsse. Ich gedachte einen langen Schlaf zu tun. -Vorher habe ich aber noch gründlich gebadet — eine Tatsache, die zwar -selbstverständlich ist, die ich hier aber im Interesse meiner nicht -obdachlosen Bekannten doch hier besonders registrieren will. - - - - - Das Lied vom Kanonier Jaburek - - -An den Korridorwänden in den Kasernen hängen Schlachtenbilder, Porträts -ruhmreicher Feldherren, Gedenktafeln für gefallene Soldaten des -Regiments. Alles in schönen Rahmen. Dann hängt noch in jedem -Kompagniegang ein „Verzeichnis der Gastlokale, deren Besuch der -Mannschaft untersagt ist“. Diese Tafeln haben den schönsten Rahmen. Mit -Recht. Denn in Friedenszeiten kann der Soldat seinen kriegerischen Sinn -und seine persönliche Tapferkeit nirgends so gut erweisen, wie in den -Wirtshäusern. Und in den „Gastlokalen, deren Besuch der Mannschaft -untersagt ist“, wurde eben dieser kriegerische Sinn und diese -persönliche Tapferkeit ruhmreich erprobt. Also ist es nur löblich, daß -dieses Verzeichnis der Kriegsschauplätze und Schlachtfelder kostbar -eingerahmt wird. - -Die Schlachten werden manchmal gegen Zivilisten geführt. Diese sind aber -verächtliche Gegner. Sie haben keine Waffen. Man wirft die Kerle einfach -hinaus, und gut ist’s. - -Ernster ist es schon, wenn sich zwei Teile unserer Armee, jener, der dem -Reichskriegsminister, und jener, der dem Landesverteidigungsminister -untersteht, wacker bekriegen. Wer nie einen Fernkampf der Biergläser, -oder einen Nahkampf der Ohrfeigen mitgemacht hat, der sich zwischen den -Angehörigen der Landwehr und jenen des Heeres entsponnen hat, der kennt -Euch nicht, Ihr himmlischen Mächte, die Ihr von Zeit zu Zeit die -Militärbehörden veranlaßt, das Verzeichnis der verbotenen Gastlokale um -eine neue Nummer zu bereichern. - -Ob es nun bei Trunk oder Tanz ist — immer kommt die Rivalität zwischen -den Teilen der Wehrmacht zum Ausdruck, immer ist diese in zwei Gruppen -gespalten. Ja, selbst wenn eines jener Soldatenlieder, deren Absingung -im Felde die Offiziere nur nach Gewaltmärschen nachsichtig und -stillschweigend dulden, im Wirtshause angestimmt wird, stört die -friedliche Gruppe durch ein anderes Lied die Harmonie der Stimmen. Nur -eine Ausnahme gibt es: Das Lied vom Kanonier Jaburek. Zu dessen Gesang -vereinigen sich Landwehrmänner mit Heeressoldaten, die Träger der -schwarzen mit jenen der grauen Mützen, Infanteristen und -Sanitätssoldaten, die Soldaten, die Wunden schlagen, und die Soldaten, -die Wunden lindern, die Pioniere, die im Kriege Bauten errichten, und -die Artilleristen, die im Kriege Bauten zerstören. Es ist ein -hochheiliger Kantus. - -Die einmütige Ehrung, die dem Liede zuteil wird, ist ein Beweis von Sinn -für kriegerische Heldentaten. Denn der Kanonier Jaburek, über dessen -Persönlichkeit leider weder das deutsche, nach das tschechische -Konversationlexikon etwas zu verzeichnen wissen, ist ein Mann, gegen den -die anderen Helden der Kriegsgeschichte aller Zeiten und Völker ein -Nichts darstellen. Der vielbesungene Leonidas zum Beispiel hat bei der -Verteidigung des Engpasses von Thermopylae — wie ein zeitgenössisches -Marterl meldet — nicht anders gehandelt, als „wie das Gesetz es -befahl“. Aber der Kanonier Jaburek! Wo steht im Wehrgesetz geschrieben, -daß jemand, dem der Kopf wegfliegt, sich noch entschuldigen muß, daß er -seine Hände nicht salutierend an den Kopf legen könne, wo steht im -Exerzierreglement, daß jemand ... aber dem Liede sei nicht vorgegriffen. - -Die Epopöe hat siebzehn vierzeilige Strophen und ist in -tschechisch-deutscher Sprache abgefaßt. Eigentlich ist sie tschechisch, -aber sie ist von militärischen Ausdrücken, wie „Feuerwerkr“, „Kmán“ -(Gemeiner), Lunte, „meldovati“ und deutschen Flüchen derart durchsetzt, -daß vom Tschechischen nicht viel übrig bleibt. Komponist und Textdichter -des Liedes sind, wie jene des Liedes „Prinz Eugen, der edle Ritter“, -nicht bekannt. Das Lied vom Kanonier Jaburek behandelt — wie vielleicht -schon der Name erraten läßt — die Geschichte des Kanoniers Jaburek. -Dieser hat in der Königgrätzer Schlacht im dichtesten Kugelregen, -während sich Gemeine, Chargen, Offiziere, Pferde und Kanoniere (man -beachte die Reihenfolge dieser Rangsliste) in ihrem Blute wälzten, -seinen Heldenmut bewährt: - - „Bei der Kanone dort - Stand er und lud in einem fort, - Bei der Kanone dort - Stand er und lud noch fort.“ - -Jedesmal wenn eine seiner zwei Zentner schweren Kanonenkugeln in die -preußischen Reihen einschlägt, hört man auf der Gegenseite auf Jaburek -fluchen. Aber dieser schießt weiter. Der General, der von Jabureks -tapferem Verhalten gehört hat, eilt herbei und bietet diesem einen Trunk -aus seiner Feldflasche an. Aber der Kanonier weist die freundliche -Aufforderung mit der noch freundlicheren Aufforderung ab, der General -möge seine Spassetln für sich behalten, ihm auf den Buckel steigen und -ihn weiter schießen lassen: - - „Bei der Kanone dort - Stand er und lud in einem fort etc.“ - -Der Held schießt wie ein Wahnsinniger und zertrümmert ein feindliches -Regiment. Kronprinz Friedrich von Preußen reitet vorbei und sieht den -Recken — oder, um mit den Worten des Liedes zu sprechen: - - „V tom ho viděl kronprinc Friedrich: - Her je den Kerl erschieß ich.“ - -Der Kronprinz selbst feuert gegen Jaburek, und die ganze preußische -Armee erwählt sich das gleiche Ziel, um sich beim Kronprinzen -einzuschmeicheln. Eine Kartätsche fliegt dem Artilleristen durch den -Mund in den Magen, aber der Getroffene nimmt sie schnell wieder heraus -und schießt ruhig weiter. Eine gegnerische Petarde reißt dem Schützen -beide Arme ab, doch er zieht schnell seine hohen Stiefel aus und schießt -mit den Füßen weiter. Schon aber kommt, von einem preußischen -Freiwilligen („prajský frajbilik“) gefeuert, ein Shrapnell herangeflogen -und reißt Jabureks Kopf ab. Der Kopf fliegt am General vorbei und meldet -diesem im Vorübergehen, daß er nicht salutieren könne. Aber Jaburek -selbst steht noch immer bei der Kanone dort und ladet in einem fort. -Endlich wird seiner Aufopferung eine Grenze gesetzt: Der Feind schießt -auf seine im Fluge befindlichen Geschosse, und diese fallen in die -eigenen Reihen zurück. Da gibt Jaburek das Laden auf (bei dieser Strophe -soll der Refrain entfallen), er packt seine Kanone und eilt aus der -Schußlinie. Dafür aber — für die Rettung der Kanone nämlich — wird er -geadelt und heißt von da ab „Edler von die Jaburek“. Er hat jetzt den -Adelsstand, und über das Fehlen seines Kopfes tröstet er sich mit dem -Bewußtsein, daß — das Lied schließt sehr gehässig — die kopflosen -Adeligen angeblich doppelt geachtet seien. Auf seinem Wappen stehen die -Worte: - - „Bei der Kanone dort - Stand er und lud in einem fort, - Bei der Kanone dort - Stand er und lud noch fort.“ - -Dieses ist das Lied vom Kanonier Jaburek, dessen Namen die -Kriegsgeschichte verschweigt. Aber sein Ruhm lebt im zechenden -Soldatenkreise weiter, und jedesmal wenn das Lied den Refrain „laden“ -bringt, nehmen die Sänger dem tapferen Recken zu Ehren eine stärkende -Ladung zu sich. Und das Lied hat siebzehn Strophen. - - - - - Die Erlaubnis zum Fußballspiel - - -Mein kleiner Bruder kam gestern aus dem Gymnasium nach Hause. - -„Heute ist uns erlaubt worden, in einen Fußballklub einzutreten.“ - -So, so. Ich habe diesen Beschluß des Landesschulrates schon gekannt. -Aber doch ... Das, was da den Gymnasiasten aus dem schwarzen Buche -vorgelesen worden ist, war der Epilog für eine Zeit, die erfüllt war von -einem monomanen Fanatismus der Jugend, für eine Zeit, deren Bedeutung -längst über den Rahmen der Sportrubrik hinausgewachsen ist. Die -Regierungszeit des Fußballs ist beendet. Le roi est mort. - -Man darf jetzt in einen Fußballklub eintreten. Wer uns vor fünfzehn -Jahren gesagt hätte, daß einmal eine solche Erlaubnis kommen werde, dem -hätten wir nicht zu glauben vermocht. Auf das Fußballspielen standen -damals alle Todesstrafen, die die Schule zu fällen hat: Strenges Prüfen, -Karzer, Repetieren. Selbst bei den Jugendspielen mußten wir, die wir an -zehrendem „Ballfieber“, an der „englischen Krankheit“ litten, uns beim -Barlaufspiel und beim Passatschlagen langweilen, und erst als wir dann -alle von den Jugendspielen wegblieben, erlaubte man uns für jeden -Spieltag ein knapp bemessenes Fußballwettspiel. - -Wehe dem, dessen Zugehörigkeit zu einem Klub man in der Schule in -Erfahrung brachte. Und doch: Wir spielten fast alle. Was bedeuteten die -ärgsten Strafen gegenüber dem Vergnügen zweimal je fünfunddreißig -Minuten der Gelegenheit nachjagen zu dürfen, ein Goal zu schießen. -Freilich man ließ alle möglichen Vorsichtsmaßregeln walten. In der -Zeitung waren oft alle zweiundzwanzig Spieler und der Schiedsrichter -eines Wettkampfes nur mit Pseudonymen angekündigt, zum Spielfelde wählte -man die äußersten Ränder der Kaiserwiese, des Dejwitzer Exerzierfeldes -und des Invalidenplatzes (der Teil, der hart an die Heinesche Besitzung -grenzt, war immer von Schülermannschaften bevölkert), um vor den Blicken -eines vielleicht patrouillierenden Professors möglichst gedeckt zu sein, -und die Mannschaftsitzungen fanden in den verstecktesten Spelunken der -Kleinseite, auf dem Belvedere, von Dejwitz und Karolinental statt. Nicht -die Angst vor den Professoren allein, auch allerhand Unbequemlichkeiten -hatten die Mittelschüler zu bestehen, die im vorigen Jahrhundert, um die -Mitte seines letzten Dezenniums dem Sporte oblagen. Zum Eintritt in die -bestehenden Vereine, die einen eigenen Sportplatz hatten, reichten weder -der Mut (nicht der Mut gegenüber der Schule, sondern der Mut gegenüber -den maßgebenden Faktoren des Klubs), noch die Geldmittel. So mußte man -denn den Wahlspruch „Mein Feld ist die Welt“ beherzigen und auf den -unverbauten Flächen Prags die Balltechnik üben. Da warf man sich denn -schon zu Hause in Dreßhemd, Stulpen, Schienbeinschützer und Dreßhosen, -zog darüber die Straßentoilette an, und stapfte, trotz sengender -Sonnenglut, in der doppelten Kleidung auf die Kneippwiese, auf den -Invalidenplatz, nach Dejwitz aufs Exerzierfeld, auf die Holleschowitzer -Heide, in den Canalschen Garten. Dort zog man die Straßenkleider aus und -warf sie auf zwei Haufen aufeinander, die in einer Breite von sechs -Metern von einander entfernt waren; die Kleiderhaufen bildeten die -Goalstangen. Die Anschaffung des Fußballes, sowie die Reparaturen seiner -irdischen Hülle und seiner leider auch nicht unsterblichen Seele wurden -aus den vereinigten Taschengeldern der Elf bestritten, und wenn man sich -vom Schuster fünf feste Lederstöpsel auf die Stiefelsohlen nageln ließ, -so konnte man schon in dem Wahne leben, ein Paar englischer Treter sein -eigen zu nennen. Man bedurfte keiner Goalnetze, keiner Querpfosten, man -bedurfte keiner Ankleidekabinen und keiner verschließbaren -Utensilienkästen, manchmal auch keines Unparteiischen und keines -Goalrichters, ebensowenig wie man der Erlaubnis der Professoren -bedurfte. Man spielte. - -Dafür kannten einen die Schüler der ganzen Anstalt, und mit -scheuer, schrankenloser Bewunderung schauten die Schüler zu den -Fußballkapazitäten der nächsthöheren Klasse auf. Und wenn solch einer -der „erstklassigen Menschen“ im Schulhofe oder auf dem Korridor eine -Orangenschale in die Höhe „kickte“, dann ging ein Murmeln der -Anerkennung durch die Reihen. Wenn der Sekundaner irgend eines -Gymnasiums den Tertianer irgend einer Realschule kennen lernte — was -war da der Gegenstand des Gesprächs? Die Namen der Großen im -Fußballreich, mit denen der Untergymnasiast derselben Anstalt -anzugehören die Ehre hatte. Was Wunder, daß der Ehrgeiz nach solchem -Ruhm das Fußballfieber noch mehr entfachte, daß zu Hause und in der -Schule mit allen Gegenständen „gedribbelt“, „kombiniert“ und „geshootet“ -wurde, die nicht niet- und nagelfest waren. Die Professoren teilten -allerdings weder die Liebe zum Fußballspiel, noch das Verständnis für -die Leistungen seiner Jünger. Sie haßten das „rohe Spiel“ und dieser Haß -zeitigte oft die komischesten Blüten. Wenn in irgend einer Klasse -wirklich irgend ein schwerblütiger Junge saß, der beim Fußballspiel -nicht mittat, dann konnte man mit tödlicher Sicherheit darauf rechnen, -daß er bei den Professoren in den Verdacht geraten werde, ein Vorkämpfer -des Fußballsportes zu sein. Und ein Turnlehrer, der es besonders scharf -aufs Fußballspielen abgesehen hatte, warf in der Besprechung eines -Jugendspiel-Wettspieles dem besten Stürmer vor, daß er beim Laufen eine -schlechte — Körperhaltung einnehme. Natürlich wurden solche Kritiken -ebenso belacht, wie der Vorschlag eines sonst ganz intelligenten -Schulpädagogen, man möge, um Füße und Hände in gleichem Maße -auszubilden, mitten im Fußballwettspiel nach jedem Goal Hantelübungen -einführen ... Seit dieser Kinderzeit des Fußballsportes sind fünfzehn -Jahre verstrichen. Mancher der einstigen Märtyrer in Fußballdreß gehört -heute dem Lehrkörper einer Mittelschule an, und so ist doch ein -sportfreundlicher Erlaß herausgekommen. - -Weshalb aber der Nekrolog? Fängt denn nicht erst jetzt, da die letzte -Hürde genommen ist, die Renaissance des Fußballsportes an? Mit nichten. -Gerade jetzt, da der fußballspielenden Jugend auch der letzte Hauch des -Märtyrertums genommen ist, da nicht mehr der romantische Reiz des -Verbotenen besteht, da man gewissermaßen unter der Patronanz der Schule -ein Endback oder ein Forward sein darf, gerade jetzt wird die Jugend -aufhören, mit ungeteilter Begeisterung bei der Sache zu sein. Die -Sportliebe war nur eine Ingredienz. - -Und wenn nun auch noch ein Erlaß des Landesschulrates herausgegeben -werden sollte, der den Gymnasiasten und Realschülern gestattet, -Studentenverbindungen zu bilden, dann verbrenne ich das -grün-silbern-blaue Band unserer Pennälerblase und sage endgültig meiner -Jugendzeit ade. - - - - - Bei „Antouschek“, dem Wasenmeister - - -Genau eine halbe Stunde, nachdem es einem widerwärtig geworden ist, die -endlose Beneschstraße in Pankratz zu durchschreiten, zweigen die -Telephonstangen nach rechts ab, und man hat ihnen zu folgen. In der -Třebizskygasse sieht man zum höchsten Erstaunen, daß die Gegenden, -die man vorher durchschritten hat, höchstentwickelte Großstadt waren. Im -Verhältnis nämlich. Auf einem Feldweg geht es weiter gegen Dworetz. Der -Schnee ist weiß wie das Kleid einer Kranzeljungfer; wenn er doch auch -kniefrei wäre! Auch die Volants sind von stilwidriger Färbung: Braune -Spuren der Wagenräder, die den Schnee in Kot verwandelt haben. - -Schließlich kommt man zu einem Bildstock, dem man ganz deutlich ansieht, -daß er vor Jahren grün angestrichen war. In einer blauen Nische steht -eine winzige, mit Gold bemalte Nepomukstatue. Rechts und links vom -Bildstock stehen Häuser. Links ein kleines, verfallenes Anwesen, rechts -eine Reihe von langen Gebäuden, an die sich eine Umfriedung schließt. -Man würde diese Besitzung für ein Bauerngut halten können, aber der -breite Schlot dementiert diese Vermutung. Aber auch eine Fabrik ist es -nicht. Das Hundegebell, das herausdringt, verkündet, daß hier die Prager -Abdeckerei, die thermochemische Vernichtungsstation ist. - -Im Hofe drinnen steht ein Bursche. Hohe Stiefel und ein am Rocke -befestigtes blaues Emailschild mit der Umschrift „Kontumaz- und -thermochemische Station“ und sein Aussehen sind die Abzeichen seiner -Würde: Man hat einen jener Meister des Lassowurfes vor sich, die ihre -Kunst nicht in der Prärie des wilden Westens, sondern in den Straßen -Prags, nicht an Büffeln, sondern an Hunden ausüben. Ich frage den -Schinderknecht nach seinem Herrn und bald stehe ich vor Herrn Rudolf -Nešvara, dem Wasenmeister von Prag. „Antouschek“ nennt ihn der -Volksmund, seitdem vor sechzig Jahren der Gehilfe eines seiner Vorgänger -im Amte, der Anton Schek dadurch populär geworden war, weil sein -Familienname gleichzeitig die tschechische Diminutiv-Endung ist. -Ich trage Herrn Antouschek-Nešvara mein Begehr vor, die -Vernichtungsstation besichtigen zu dürfen, und wir treten bald einen -Rundgang durch die Gebäude an. - -Zuerst öffnet Herr Nešvara die Türe zum langgestreckten Hundestall, -in dem vierzig Boxe für Hunde sind. Ein wütendes Gekläff geht an: -Morituri te salutant! Sie sind alle „morituri“, die schönen -stichelhaarigen Foxe, die eleganten Windspiele, die putzigen Pudel -hinter den schwedischen Gardinen. Drei Tage waren sie in -„Untersuchungshaft“ in der Aufbewahrungs-, der Kontumaz-Station für -eingefangene Hunde untergebracht, die sich auf der Taborer Reichsstraße -zwischen den beiden unbeschreiblich schönen Wyschehrader Toren befindet, -und hier hätten sie ihre Besitzer binnen drei Tagen durch Entrichtung -der Geldstrafe auslösen können. Das haben diese aber nicht getan und nun -sind die Hunde dem Tode geweiht. Vielleicht bellen sie so wütend, weil -die treuen Viecher über die Untreue der Herren erbittert sind, -vielleicht bellen sie so wütend, weil sie wissen, daß sie eines -unverschuldeten Todes sterben müssen, vielleicht bellen sie so wütend, -weil sie sich über den Unverstand der Menschen ärgern, welche diese -schönen Exemplare der Hunderasse zwecklos hinrichten, statt sie zu -verkaufen. Morgen müssen sie sterben. Ein aus unmittelbarer Nähe -abgegebener Schuß aus dem Stutzen und der vom Menschen verlassene -Genosse des Menschen wälzt sich in seinem Blute, oder — bei den -kleineren Hunden wird es so gemacht — ein Beilhieb auf den Kopf und ein -Hundeleben hat geendet. Man glaubt einen wehmütigen Ton in dem -erbitterten Bellen und Winseln und Knurren und Kläffen mitklingen zu -hören. - -Wir verlassen den traurigen Hundekerker. Draußen im Hofe springen einige -Hunde, darunter ein prächtiger reinrassiger Bernhardiner, namens -„Cyrano“, liebkosend an Herrn Nešvara hinauf. Sie sind von diesem -begnadigt worden und gehören zum Personale der Prager Fronerei. -Schmeichelnd schmiegen sie sich an das Knie ihres Herrn, den Henker -ihrer Stammesgenossen. Solidaritätsgefühl mit ihren eingekerkerten oder -justifizierten Kameraden scheinen sie also nicht zu kennen, diese Hunde. - -Der Rundgang wird fortgesetzt, er führt jetzt in die Räume, die dem -Zwecke der Anstalt, der gefahr- und geruchlosen Vernichtung der -Tierkadaver dienen. Wir betreten zunächst den Seziersaal, wo die Kadaver -enthäutet und wie die täglich hierher kommenden Konfiskate der -Schlachtbank und der Markthalle zerstückelt werden. Die Stücke werden -dann durch ein in der Wand angebrachtes Mannsloch in einen Apparat -geworfen, der im angrenzenden Maschinensaale an der Wand steht. Dieser -Apparat ist der sogenannte Kafilldesinfektor, der vom Antwerpener -Schlachthausdirektor de la Croix erfunden und von der Firma „Rietschel & -Henneberg“ in Berlin im Jahre 1882 zum erstenmale in Deutschland -hergestellt worden ist. Der Bruder des Herrn Nešvara ist hier am -Werke. Er scheint der technische Leiter des Unternehmens zu sein. Wenn -der Apparat gefüllt ist, verschließt er ihn hermetisch und leitet -hernach zwischen die doppelten Wände des Behälters Dampf von fünf -Atmosphären. Dadurch findet eine Trocknung der Fleischteile statt, und -die durch den Siebboden ablaufende Flüssigkeit wird durch den im -Rezipienten sich entwickelnden Dampf in einen zweiten Zylinder gedrückt. -Nun wird der Apparat durch sechs Stunden einer Temperatur von -hundertfünfzig Grad ausgesetzt, worauf man durch den Dampf alle noch -vorhandene Flüssigkeit und das ausgeschiedene Fett in den Rezipienten -drückt. Aus diesen gelangt das Fett in den rechts vom Kafilldesinfektor -stehenden Fettabscheide-Apparat, während das Leimwasser in den auf der -linken Seite des Desinfektors stehenden Verdichtungsapparat strömt. Der -nun fast trockene und geruchlose Inhalt wird nun in eine riesige -Maschine gebracht, die in der Mitte des Seziersaales steht: Den -Podewilsschen Trockentrommelmühl-Apparat, in dem die Fleischreste zu -„Tierkörpermehl,“ einem feinen Pulver zermahlen werden, das einer -Kunstdüngerfabrik in Pankratz verkauft wird. Die größeren Knochen werden -in einem anderen Apparate zu Knochenmehl — gleichfalls ein Düngemittel -— zermahlen. Eine hydraulische Presse, die unter einem Drucke von -vierhundert Atmosphären das Tierkörpermehl zu runden Kuchen zu pressen -vermag, steht außer Betrieb. Während in Deutschland diese -Tierkörpermehl-Kuchen als Futtermittel stark verwendet werden, -vermochten sie sich in Prag trotz ihres großen Proteïn-Gehaltes nicht -einzubürgern. Außerdem stehen im Maschinensaal ein mächtiger Ventilator, -Trockenapparate und Schöpfpumpen in Betrieb. - -An den Maschinensaal schließt sich der Kesselraum mit der 6 H. P. -starken Dampfmaschine und einem Dampfkessel von zwölf Meter Heizfläche. -Hinter dem Kesselraum befindet sich das Fettmagazin, in dem große Fässer -voll Tierfett stehen. Auf einer schmalen Stiege gelangt man in den -Trockenraum für Häute und das Magazin für Tierkörpermehl — weite -Bodenräume, in deren Mitte der breite, rote Schlot den Dachstuhl -durchbricht. Auf der Erde liegen braune Berge, die wie aufgeschichtete -Ackerkrume aussehen, und Tierkörpermehl sind. In einer Ecke ist ein -gelbes Pulver, das Knochenmehl aufgeschüttet. In einer anderen liegen -Knochen. Wenn man sie angreift, dann zerbröckeln sie in der Hand. Sie -sind entfettet, entleimt, sterilisiert. - -Der Rundgang ist beendet und Herr Nešvara lädt mich in seine Wohnung -ein. Wir kommen durch ein Zimmer, in dem sein jüngstes Söhnchen auf der -Erde mit einem Hunde spielt — das billigste Spielzeug dortzulande. Dann -sprechen wir vom Fach. Herr Nešvara kennt die Geschichte des Prager -Abdeckereiwesens ganz genau, ist sie doch zum Teile seine eigene -Familiengeschichte. Sein Großvater, der noch in den städtischen Urkunden -nicht „Nešvara“ sondern „Neschwara“ hieß, und sein Vater waren -Wasenmeister, seinen ältesten Sohn, der Sekundaner ist, will Herr -Nešvara Tierarzneikunde studieren lassen. Dem Abdeckergewerbe ist -längst die „Anrüchigkeit“ genommen, die vor Jahrhunderten seinen -Angehörigen die Heirat mit ehrbaren Mädchen, den Eintritt in die Zünfte, -in den Militärstand, die Zuweisung von Ehrenstellen verbot und die -Erblichkeit dieses Berufes anordnete, aber freiwillig erbt sich dieses -seltsame Handwerk noch heute vom Vater auf den Sohn fort. - -Herr Nešvara kennt die Geschichte seiner Vorgänger auch über seine -eigene Ahnenreihe hinaus. Aus einer Schublade holt er ein vergilbtes -Dokument hervor: Den Freibrief, mittels welchem Maria Theresia den -Schindern und deren Freiknechten gestatte, eine Ehe mit einem -bürgerlichen Mädchen einzugehen, allerdings unter der Bedingung, daß -diese Männer vorher ihrem Gewerbe entsagen mußten. Das muß ein -hochwichtiger Akt gewesen sein, anno dazumal, denn er ist vom Fürsten -Karl Egon Fürstenberg und „ad mandatum Sacro-Caesarea Regineque -Majestatis ex Consilio Regii Gubernii“ von Johannes Arnvers gezeichnet. - -Das Amt des Schinders wurde in Prag vom Scharfrichter versehen, man -stellte die Vernichtung der zum Tode geweihten Menschen jener der -„abgestandenen“ Tiere gleich. Im Jahre 1860 wurde der Henkersdienst -verstaatlicht, die Abdeckerei aber nicht. Die Konzession zur Ausübung -des Wasenmeistergewerbes erhielt für die am rechten Moldauufer gelegenen -Teile Prags A. Nešvara, der Großvater des heutigen Inhabers, für das -linke Ufer J. Jeřábek, dessen Amt heute ein ehemaliger Wachmann -namens Josef Černy in der Kontumazstation Tejnka bei Břewnow -ausübt. Die Nešvaras haben früher ihr Gewerbe in der Salnitergasse -beim Rudolphinum ausgeübt, an der Stelle, wo heute das tschechische -akademische Gymnasium steht. Herr Nešvara erzählt von Medizinern, die -in seiner Jugendzeit in diese Wasenmeisterei kamen, um hier verschiedene -Experimente an den Tieren zu machen. „Unsere häufigsten Besucher von -damals sind heute Professoren an der deutschen medizinischen Fakultät,“ -fügt Herr Nešvara hinzu. Meine Frage, ob die Tiere eventuell zu -Vivisektionszwecken an die Universitätsinstitute abgetreten werden, -verneinte Herr Nešvara. Nur bei besonders interessanten Fällen von -Tiererkrankungen bitten sich die physiologischen Institute das Materiale -aus, wenn sie nicht selbst solches haben. Aber das kommt fast nie vor. - -Dann beginnt Herr Nešvara auf sein Geschäft zu schimpfen. Er habe die -thermochemische Vernichtungsstation nach reichsdeutschem Muster mit -einem Aufwande von 50.000 Kronen so errichtet, daß nicht nur die -hygienische Vernichtung aller Kadaver, sondern auch deren Verarbeitung -möglich sei. Er habe sich aber verspekuliert. Das Materiale sei gering, -die Verwendungsmöglichkeit noch weit geringer. Von der Geldstrafe, die -für ausgelöste Hunde entrichtet werde, bekomme er ein Drittel, etwa -dreitausend Kronen im Jahr. Davon könne er die Betriebsspesen nicht -decken. An die Vernichtung der Kadaver — darunter jährlich etwa tausend -Hunde — müsse er jedes Jahr einen Betrag von dreißigtausend Kronen -daraufzahlen und bemühe sich daher seit neun Jahren um die Zuweisung -einer Subvention von der Stadtgemeinde. Seine Gesuche werden aber ohne -Motivierung abgelehnt. Auch sein Antrag, daß man, so wie dies in anderen -Städten geschah, den Maulkorbzwang abschaffen und bloß jene Hunde -abfangen und vernichten möge, welche ohne Hundmarke herumlaufen, habe -keinen Erfolg gehabt. Die Verwertung der Hundekadaver lohne sich nicht -und Pferde, welche ein ergiebiges Verwertungsmaterial bilden, werden -seit dem Aufschwunge des Pferdeselchergewerbes fast niemals mehr -hergebracht. So sei die Abdeckerei buchstäblich auf den Hund gekommen. - -„Ja, warum üben Sie denn Ihr Gewerbe aus, wenn Sie wirklich so viel -zusetzen müssen?“, ist meine Frage. - -„Ich werde es auch aufgeben. Mir liegt schon der Antrag vor, das -Unternehmen in eine Farbenfabrik umzuwandeln, und das werde ich tun.“ - -Es fehlte noch, daß Herr Nešvara seiner Klage das Faustsche Wort -anfügen würde: „Es möchte kein Hund so länger leben“ und man müßte -diesem Fachmann sein Leid glauben. So aber weiß man nicht, ob er es mit -seinem Entschluß gar so ernst meint, ob wirklich dieses Institut bald -der Vergangenheit angehören soll, ob ein besseres oder ein schlechteres -nachfolgen, und wie in Zukunft dem Hundeleben in Prag ein Ende gemacht -werden wird. - - - - - Razzia - - -_Vor der Streifung_, da geht’s ja hoch her. Da wird getanzt, gespielt, -getrunken, geschäkert, geraucht, gesungen, gestritten, geschrien, -geschimpft und gerauft, daß es eine Freude ist. Weiß der Teufel, wenn -der Herr Oberkommissär Protiwenski dabei wäre, er würde es gewiß nicht -übers Herz bringen, das Idyll mit rauher Hand stören zu lassen. Aber er -ist nicht dabei und er kann am Morgen, wenn er die Razzia anordnet, noch -nicht wissen, daß es am Abend in den heimzusuchenden Lokalen so lustig -sein wird. - -„Die Detektivs ... (folgen etwa zwölf Namen) haben um halb 10 Uhr abends -gestellt zu sein.“ Das ist die Ordre, die jede Woche — die Wochentage -wechseln in zwangsloser Reihenfolge ab — mindestens einmal ergeht. Es -ist das Aviso zu der kombinierten Streifung, welche drei oder vier -Partien der Sicherheitsbeamten von verschiedenen Ausgängen aus gegen -einen gemeinsamen Treffpunkt unternehmen. Auf diese Weise bilden die -Polizeigruppen eine Kette, und keinem der lichtscheuen Individuen, die -aus einer Spelunke in die benachbarten wandeln, kann das Glück -widerfahren, daß er immer vor oder immer nach dem Erscheinen der -Streifung kommt und so den Fangarmen der Polizei entgeht. Außer diesen -kombinierten Streifungen gibt es auch noch Generalstreifungen, die -mindestens zweimal im Jahr unter Mitwirkung aller Polizeibeamten -vorgenommen werden, und kleine Streifungen in bestimmte Lokale, die zur -besonderen Beaufsichtigung allen Grund geboten haben. Immer werden die -Razzien nur von Beamten in Zivilkleidern und von Geheimpolizisten -vorgenommen, damit der nächtliche Spaziergang nicht zu großes Aufsehen -errege und das Erscheinen in den ominösen Gasthäusern, Schlupfwinkeln, -Massenquartieren und Branntweinschenken nicht vorzeitig avisiert werde. - -Als noch die alten Häuser der Josefstadt standen, waren die Stätten des -Verbrechens und der Ansteckung dort konzentriert. Damals konnte man in -einem Hause oft mehr verdächtige und gesuchte Subjekte festnehmen, als -heute in etlichen Streifungen. Allerdings wurde dieser Vorteil durch das -opferwillige Wirken der Theresia Bartunek fast aufgehoben, von deren in -den achtziger Jahren entfalteten Tätigkeit die Verbrechergilde noch -heute dankbar schwärmt. Theresia stand oft nächtelang am Johannisplatz -in einem Versteck und wartete, bis aus der Türe des Kommissariates die -Beamten traten. Dann eilte sie — halb Läufer von Marathon, halb -Retterin des Kapitols — von einer Spelunke zur anderen, riß die Türe -auf und ließ den Warnungsruf „štrajfuňk“ ertönen ... Heute sind -die Nährböden des Lasters zerstreut. Kein Stadtteil, der frei von ihnen -wäre, kein Stadtteil, in den nicht Razzien unternommen werden müßten. - -Kurz nach zehn Uhr abends öffnet sich das schwere Eisentor des -Sicherheitsdepartements in der Bartholomäusgasse. Etwa fünfzehn mit -Stöcken bewehrte Männer treten hinaus: Polizeibeamte und Detektivs. Es -bilden sich drei Gruppen: die eine zieht zur Postgasse hinunter und -wendet sich dann gegen die Obere Neustadt hin. Die beiden anderen -Gruppen schreiten zur Altstadt zu. Bei der Husgasse biegt die Altstädter -Partie ab und die Gruppe, welche die Untere Neustadt mit ihrem Besuche -beehren will, zieht durch die Perlgasse und über den Obstmarkt weiter. - -Alsbald haben sie zu tun, allerdings nur mit einer belanglosen Klientel: -Es sind Passantinnen, welche die ihnen schon längst bekannten -Polizeibeamten mit einem grenzenlos ehrfürchtigen und wohl oft -heuchlerischen „Küß’ die Hand, gnädiger Herr“ begrüßen. Paßrevision. Man -sieht nach, ob in dem Dienstbuch des Mädchens das Datum des vergangenen -Montags eingetragen ist, und sie können ihren Weg fortsetzen. Manche -„gehen bloß zu ihrer Schwester“, aber da die mißtrauischen -Polizeibeamten aus verschiedenen Gründen dieser rührenden Schwesterliebe -absolut nicht glauben wollen, so muß die Dame statt zu ihrer Schwester -auf die Wachstube gehen. Eine wieder kann das Buch nicht finden, sie -habe es verlegt. Auch diese Buchverlegerin wird dem nächsten Wachmann -übergeben, der dem schönen Fräulein Arm und Geleite bis zum nächsten -Kommissariat anbietet. Sie wehrt sich: Sie sei weder Fräulein, weder -schön und könne ungeleitet nach Hause gehen. Aber das nützt ihr nichts. - -Die Streifenden setzen ihren Weg fort. Die Wachposten auf der Straße -grüßen nicht; der Gruß würde das Inkognito der Zivilpolizisten lüften, -und ihr Nahen könnte leicht drahtlos an die interessierten Stellen -depeschiert werden. Endlich ist man vor einem Gasthaus, aus dem Jubel -und Lärm auf die Straße dringt. Plötzlich wird es drinnen still, jemand, -der gerade im Hausflur war, ist in das Lokal gestürmt und hat _das -Erscheinen der Streifung_ gemeldet. Jäh verstummt der Lärm. Paare, die -sich zärtlich verschlungen hielten und eben unzertrennliche Liebe -schworen, stieben auseinander und rennen, wie die Zecher, die gerade das -Glas zum Munde führen wollten, wie die Kartenspieler, die eben den -Eichel-Ober übertrumpfen wollten, den Ausgängen zu. Aber die sind -besetzt: Im Haupteingang steht der Beamte, an den Seiteneingängen -Detektivs. Die aufgeschreckten Gäste sehen, daß an ein Entkommen nicht -zu denken ist, und kehren wieder in den Saal zurück. - -„Ganz untertänigster Diener, hohe Regierung,“ so tönt es devot von den -Lippen des Wirtes, der an den Beamten herantritt, ehrerbietig die -speckige Kappe zieht und sich im rechten Winkel verbeugt. Der Wirt hat -alle Ursache, mit den Polizeibeamten höflich zu sein, wenn diese auch -jetzt seine besten Gäste wegführen werden: Schon mehrere Male ist ihm -mit der Entziehung der Konzession gedroht worden und wieder hat vor -kurzem ein Gast seines Lokales einen anderen derart liebkost, daß am -nächsten Tage in den Zeitungen unter dem Titel „Eine tödliche Ohrfeige“ -darüber berichtet wurde. - -Der Beamte ignoriert den Gruß. Rundgang und Cercle beginnen. Ein Mädchen -sitzt nahe der Türe an einem Tisch, neben ihr ein Jüngling. Die beiden -markieren ein zärtliches Gespräch und scheinen sich um die Eintretenden -gar nicht zu kümmern. Sie haben verabredet, ein Brautpaar darzustellen. - -„Was machen Sie hier?“ fragt der Beamte das Mädchen. - -„Ich bitte, ich bin mit meinem Bräutigam hier.“ Fast beleidigt klingt -das. Und der Galan nickt eifrig Bestätigung. - -„So, so, Fräulein Harlak, Sie haben wohl geglaubt, daß ich Sie nicht -erkennen werde, weil Sie jetzt ein Jahr in Brünn waren?“ Die Erkannte -wird blaß. Der Beamte wendet sich in strengem Ton an ihren Partner: „Das -ist also Ihre Braut?“ - -Der „Bräutigam“ hat jedoch „Spundus“ gekriegt und er verleugnet seine -Braut. Er schweigt. Da wird aber die Verratene, die kurz vorher noch so -zärtlich schien, sehr fuchtig: - -„Was? Zehn Glas Bier hab’ ich Dir schon gezahlt und jetzt willst Du mich -nicht kennen. Du Hundekerl, Du ...“ Ein Wink des Beamten beendet den -Redeschwall der Jungfrau. Ein Detektiv führt sie zu dem neben der Türe -gelegenen Tisch, wo sich alle versammeln müssen, welche der Beförderung -in „Direktor Wejřiks Hotel“, das Polizeigefangenhaus, wert erachtet -werden. - -Inzwischen hat der Beamte einem Manne seine Aufmerksamkeit zugewendet, -der allein an seinem Tisch sitzt. Fast die ganze Biertasse ist -schraffiert — jeder Strich bedeutet ein Glas, das der einsame Zecher -hinter die fehlende Binde gegossen hat. Beamter und Gast blicken -einander in die Augen und über beider Gesichter huscht ein Lächeln, das -zu sagen scheint: Sieh da, ein alter Bekannter! - -„Guten Abend, Herr Kommissär,“ bricht der Zecher das Schweigen. - -„Schönen guten Abend, Herr Lojsa,“ wünscht der Kriminalpolizist. „Was -machst Du denn hier?“ - -„Ich trinke,“ antwortet Lojsa naiv und treuherzig. - -„So? Du weißt wohl nicht, daß jetzt schon zwölf Uhr ist, und daß Du -(Lojsa steht unter Polizeiaufsicht) um acht Uhr abends zu Hause sein -sollst?“ - -„Gnädiger Herr, ich habe jetzt zwei Tage Holz gehackt und da wollte ich -heute ...“ - -„Holz hast Du gehackt? Es wird wohl das Holz einer Wohnungstüre gewesen -sein. Der Kratochwil ist gestern wegen Einbruchs festgenommen worden und -hat gesagt, Du könntest sein Alibi nachweisen.“ - -„Ja, Herr Kommissär, das kann ich nachweisen!“ - -„Kannst Du? Umso besser.“ Und schon führt ein Polizist den stillen -Zecher zu dem Sammelplatz neben der Tür, wo schon Fräulein Harlak -Aufstellung genommen hat. Hier haben übrigens auch die Kellnerinnen des -Lokales Posto gefaßt, um von den „Auserwählten“ die Zeche -einzukassieren. - -Der Polizeikommissär hat wieder einen alten Freund erspäht: „Kuželka, -Du hast doch Prag!“, ruft er ihn an. Das ist ein elliptischer Satz, das -Prädikat „verboten“ ist zu ergänzen. Aber jeder, der das Prager -Rotwälsch versteht, versteht auch dieses Satzfragment. - -Revertent Kuželka will in einer langatmigen Rede dem Kommissär -auseinandersetzen, welch wichtige Angelegenheiten ihn nach Prag geführt -haben, während ihn in Wirklichkeit die schönen „Arbeitsgelegenheiten“ -und der gleichgestimmte Freundeskreis wieder in die Landeshauptstadt -riefen, aus deren Polizeirayon er dauernd abgeschafft ist. Der Beamte -hört ihm einen Augenblick lang aufmerksam zu und scheint seinen -Argumenten voll beizustimmen. Dann sagt er freundlich zu Kuželka: - -„Dorthin stell’ dich.“ Da weiß der erfahrene Kuželka, daß alle -weiteren Rekriminationen vergeblich sind und stellt sich zur Tür. - -Das Frage- und Antwort-Spiel geht weiter. Der Polizeibeamte läßt sich -Arbeitsnachweise zeigen und erkundigt sich nach dem Obdach der Gäste. -Manchmal fallen die Antworten befriedigend aus, manchmal aber endet das -Spiel mit dem Wink gegen den Formierungsplatz bei der Türe. Alle Gäste -sind verhört worden. Da wendet sich der Beamte zu dem Billardbrett und -stöbert mit seinem Stock unter die Wachsleinwand, die das Billardbrett -bis zum Boden bedeckt. Unten ist jemand. Das hat der Beamte ohnedies -gewußt und wollte nur den Zeitpunkt der Entdeckung möglichst lange -hinausschieben, damit der dort Versteckte schon die Hoffnung schöpfe, -die Polizei überlistet zu haben. Aber als die Person auf seine -Aufforderung hin hervorkriecht, ist der Beamte des Kriminalbureaus doch -überrascht: - -„Die tolle Andula! Wie kommst Du denn her? Um vier Uhr hat Dich der -Polizist über die Rayonsgrenze hinausgeführt, und jetzt bist Du wieder -hier!“ - -„Zu Fuß, gnädiger Herr, bin ich wieder zurückgegangen. Ich glaube, daß -ich früher hier war, als der Polizist auf dem Kommissariat. So bin ich -gelaufen. Meine ganzen Lackschuhe sind kaput. Neun Gulden haben sie -gekostet. Und jetzt werde ich wieder eingesperrt.“ - -Das Mädel, ein siebzehnjähriger Fratz, der verderbter ist, als die -ältesten Kolleginnen, verzieht schmollend das Gesichtchen, das nicht -unschön genannt werden kann. - -Der Polizeibeamte sagt seinen Refrain: „Stell’ Dich dorthin.“ Dann -kommandiert er den Ausgehobenen „rechts um, Marsch“, der Wirt zieht noch -devoter sein Käppi, draußen übernehmen uniformierte Polizisten die -Eskorte. Weiter geht die Razzia. - -_Nach der Streifung_ ist in den Lokalen die ganze Stimmung verflogen. -Der spärliche Rest der Gäste zahlt seine Zeche, und wenn ein -Polizeiorgan die Flüche hören würde, die der vorher so devote Wirt jetzt -gegen die Behörden ausstößt, so würde es diesem wohl nicht gut ergehen. - -Um halb 2 Uhr nachts treffen die Partien der Sicherheitsleute, wie -verabredet, beim Pulverturm zusammen. Die einzelnen Beamten erstatten -dem Rangshöchsten Bericht über die Vorkommnisse, die Detektivs werden -nach Hause entlassen. Die Razzia ist beendet, der Boden der Großstadt -wieder einmal gekehrt worden. Vierundfünfzig Verhaftete. In der -Aufnahmskanzlei des Polizeigefangenhauses werden ihre Personalien -aufgenommen, die Taschen untersucht, Zellen angewiesen. - -Am nächsten Tage werden Akten geschrieben, ärztliche Untersuchungen -vorgenommen. Die Verhafteten werden nun in den bekannten grünen Karossen -in das Strafgericht, in das Bezirksgericht, in das Allgemeine -Krankenhaus oder in die „Fišpanka“, das städtische Arbeitshaus, -befördert. Da gibt es dann Requirierungen und Erhebungen, die -Heimatszuständigkeit muß ermittelt, der Schubkostenersatz verlangt, -Convoyanten für die abzuschiebenden Personen beordert werden und was -dergleichen schöne Schreibereien mehr sind. - -Was Wunder, daß dann die betroffenen Beamten mehr als die Prager -Verbrecher und Vagabunden über die Prager Streifzüge der Polizei -schimpfen! - - - - - Die Zwangsarbeitsanstalt auf dem Hradschin - - -Das rote Riesenhaus, das neben dem Garnisonsfilialspital breitspurig -dasteht und die Lorettogasse verstellt, beherbergt gar seltsames Volk. -Die Häftlinge der Strafanstalten sind unschuldige Waisenknaben gegen die -Gäste dieser Anstalt, welche — ausdrücklich wird das hervorgehoben — -durchaus keinen Strafzweck verfolgt. In den Strafhäusern gibt es Diebe, -Betrüger, Raubmörder aus Not, Raubmörder aus Überlegung, -Affektsverbrecher, die vielleicht ein zweites- oder ein drittesmal das -Verbrechen nicht mehr verüben würden. In der Zwangsarbeitsanstalt wohnen -nur Individuen, deren Strafliste ganz beträchtliche Dimensionen -angenommen hat. Die Quantität der Strafen, nicht die Qualität -entscheidet. Manche der Zwänglinge haben über hundert Strafen -aufzuweisen, und wenn einer oder der andere auch ein mehrfach -vorbestrafter Dieb oder Mörder ist, so ist er das nur nebenbei, und -diese Bagatelle hat mit seiner Detention im Arbeitshause gar nichts oder -nur wenig zu tun. - -Die dreihundertdreißig braungekleideten Bewohner der -Landeszwangsarbeitsanstalt sind aus harmloseren Gründen hier. Die -Reichsgesetzblätter Nr. 89 und 90 vom Jahre 1885 haben die Errichtung -der Zwangsarbeitsanstalten bloß zur Vermeidung von Vagabundage und -Bettelei verfügt. Die Anstalten sollen einerseits ein Prohibitivmittel -gegen das Landstreichertum, gegen die Belästigung durch Vagabunden und -für die Verhütung von Verbrechen sein — ein Zweck, der wohl erfüllt -wird. Aber andererseits sollen auch die hierher kommenden arbeitsscheuen -Individuen gebessert, zur Arbeit erzogen werden. Damit ist es nichts. -Siebzig Prozent bleiben ungebessert. Und die restlichen dreißig Prozent -sind auch zum Teile als dubios zu buchen, denn wenn auch keine -Mitteilung von einer Gerichtsstrafe eines oder des anderen Entlassenen -eintrifft, wer bürgt dafür, daß nicht der biedere Landstreicher in der -Zelle irgend eines Bezirksgerichtes unter falschem Namen Obdach gefunden -hat? In den Besserungsanstalten für Jugendliche sind gute Resultate -aufzuweisen. Aber in die Prager Anstalt kommen nur Leute im Alter von -achtzehn bis fünfzig Jahren und die können sich an seßhafte Lebensweise -nicht mehr gewöhnen. Der Staub der Landstraße ist ihnen Lebenselement -geworden, die Mühen der Fußwanderung und die Chikanen der Gendarmen -fechten sie nicht mehr an, ein wilder Reisewahn hat sie gepackt, sie -wandern von Ort zu Ort, der Schubwagen ist ihnen eine feine -Reisegelegenheit, das Arrest ein famoses, warmes Obdach. Arbeiten — -wozu? Wer weiß, ob sie nicht recht haben. - -Gar mancher von ihnen hat Haus und Hof verlassen, um arm durch die Welt -zu flanieren, viele lassen den Lohn in den Händen ihres Arbeitsgebers -zurück, sie schleichen sich — vom Reisefieber plötzlich gepackt — bei -Nacht und Nebel aus dem Hof und wandern auf Straßen und Feldrainen -geldlos ins Weite. Was man braucht, kann man erbetteln, kann man -stehlen. Gelegenheit zum Diebstahl ist immer da, Häuser, Ställe und -Scheuern stehen offen. Und doch: Die Zahl derer, die in ihren -hundertzwanzig Vorstrafen kein einziges Diebstahlsdelikt aufzuweisen -haben, ist nicht gering. Ihre Liste ist einförmig. Immer kehren nur die -§§ 1 und 2 des Vagabundagegesetzes wieder. Ehrliche Vagabunden. Sie sind -auch durch die wiederholte Detention in Zwangsarbeitsanstalten nicht zu -bessern und — nicht zu verderben. - -Denn auch die Gefahr des schlechten Einflusses ist nicht ausgeschaltet, -da in den Zwangsarbeitsanstalten die ehrlichen Vagabunden mit wiederholt -bestraften Schwerverbrechern beisammen sind. Wünschenswert wäre, wenn -für die Gewohnheitsverbrecher eigene Arbeitshäuser errichtet werden -würden, oder wenn man sie deportieren würde. - -Immerhin wäre es ungerecht, wenn man nicht konstatieren wollte, daß auch -unter den gegebenen ungünstigen Verhältnissen jährlich eine ganz -respektable Zahl von Gebesserten die Anstalt verläßt. So zum Beispiel -ein lichtscheues Individuum, das vor Jahren an einem Raubmord in Prag -beteiligt gewesen war. Der Gerichtshof hatte ihm eine mehrjährige -Kerkerstrafe zuerkannt und sich außerdem für die Zulässigkeit seiner -Abgabe in eine Zwangsarbeitsanstalt ausgesprochen. Die „gemischte -Landeskommission“ bei der Statthalterei, welche die Aufnahme in die -Arbeitsanstalten verfügt, entschied sich für den Antrag des Gerichtes, -und so kam der Bursche nach längerer Haft in Pankratz in die -Zwangsarbeitsanstalt auf dem Hradschin. Hier benahm er sich so korrekt, -daß man nach einem Jahre zu seiner bedingten Entlassung schritt, d. h. -ihm eine Anstellung besorgte und ihn außerhalb der Anstalt wohnen läßt, -trotzdem er noch in deren Stand gehört, und von dieser, wenn er sich -nicht bewähren würde, jederzeit eingezogen werden kann. Aber er bewährt -sich. In der Schneiderwerkstätte, in der er als Lehrling arbeitet, hat -nur der Meister, nicht aber auch seine „älteren“, aber halb so alten -Arbeitskollegen eine Ahnung von seinem Vorleben. Der Verein zum Wohle -entlassener Sträflinge zahlt ihm die Wohnung, Kleidung und einen Zuschuß -von wöchentlich zwei Kronen für Wäsche und Nachtmahl gibt ihm die -Anstalt, die übrige Kost erhält er von seinem Meister. Er arbeitet -überaus strebsam, und der einstige Raubmörder freut sich schon darauf, -bald Geselle werden und sich sein Brot ehrlich selbst verdienen zu -können. - -Mag sein, daß man sich irrt, und daß der Bursche wieder zur alten -Lebensweise zurückkehrt, wenn er dem Auge der Anstaltsleiter entrückt -ist. Denn eigentlich sind alle Zwänglinge während der Zeit ihrer -Internierung fleißig und folgsam. Sie arbeiten an den Handwebstühlen, an -der Erzeugung von Papiersäcken, in den Tapezierer-, Schuster-, -Schlosser- und Tischlerwerkstätten, in der Korbflechterei und im -Anstaltsgarten, in der Küche und auf den Gängen, in den Arbeitskolonien -auf den Feldern und Stallungen der kaiserlichen Güter in Litowitz, -Hostiwitz, Rot-Aujezd und Tachlowitz, der Privatgüter zu Dubetsch, -Kletzan, Biechowitz und Radigau, sie planieren und regulieren den -Erdboden beim Bau der Landesirrenanstalt in Bohnitz und verrichten in -der Kadettenschule, in der Strakaschen Akademie, im Palais Toskana und -in der Landesfindelanstalt verschiedene Handlangerdienste. Sie arbeiten, -weil sie von den anderen abgesondert werden würden, wenn sie das nicht -täten. Strafen oder ein anderer Zwang zur Arbeit werden in der -Zwangsarbeitsanstalt nicht angewendet. Dessen bedarf es umso weniger, -als die Zwänglinge am Lohn ihrer Arbeit partizipieren. Sie sind in drei -Klassen eingeteilt. Acht Monate bleiben sie in der dritten, der letzten -Gehaltsklasse, in der sie zwanzig Prozent von ihrem Verdienst erhalten, -der Rest fließt dem Anstaltsfonde zu. Nach Ablauf der acht Monate rücken -sie in die zweite Klasse vor, in der sie fünfundzwanzig Prozent behalten -dürfen, nach weiteren acht Monaten in die erste Klasse, in der dreißig -Prozent ihres Arbeitsertrages ihr eigen sind. Einen Teil dieser -Dienstprämie darf der Zwängling zur Aufbesserung seiner Kost verwenden. -Das Nachtmahl ist wohlweislich schon so frugal bemessen, daß es einer -solchen Aufbesserung dringend bedarf — ein Ansporn zur Arbeit. Der Rest -der Verdienstesprämie wird dem Korrigenden aufbewahrt und oft erhält -dieser nach Ablauf seiner Internierung — diese währt mindestens zwei -und höchstens drei Jahre — einen ersparten Betrag von hundert Kronen -ausgehändigt. - -Die Hoffnung auf die Aushändigung des Verdienstes kann manchen nicht vor -dem Entweichen abhalten. Aus dem Anstaltsgebäude selbst kann wohl -niemand flüchten, denn die Gittertüren auf den Korridoren und die -dichtgekreuzten Eisenstäbe in den Fenstern haben aus dem alten Palast -der Trauttmansdorffs, aus diesem stillen Kleinseitner Patriziergebäude, -in dessen Garten vor drei Jahrhunderten Tycho de Brahe seine erste -Sternwarte errichtet hatte, einen Käfig gemacht. Aber draußen in den -Arbeitskolonien, wo die Sonne zur Wanderschaft lädt, wo das rote -Wirtshausschild so freundlich zum langentbehrten Schnapsgenuß -auffordert, wo ein Hügel dem Zwängling zeigt, daß kein Aufseher in der -Nähe und die Welt so groß ist, da packt den Vagabunden die alte -Leidenschaft, da vergißt er, daß ihn seine Kleidung stigmatisiert, da -vergißt er, daß ihm die Flucht arg bekommen wird, da vergißt er, daß er -für jede Strafe zwei Monate länger in der verhaßten Anstalt bleiben muß, -da vergißt er, daß in der Zwangsarbeitsanstalt auch Pfähle sind, an die -man strafweise angebunden wird. - -Dort in der Ecke der Korbflechterwerkstätte sitzt so ein Bursche, der -erst vor kurzem entwichen und wieder eingebracht worden ist. Direktor -Tilšer geht vorbei und fragt auch ihn, wieviel er heute gearbeitet -habe. Die Antwort wird in kaum verständlichem Tone geknurrt. Und aus den -Augen des Gefragten kommt ein wilder Blick des Hasses, eine Botschaft -jener Gefühle, die vor kurzem die Revolte der Korrigenden in Bohnitz -entfacht und ein Menschenleben gekostet haben. - - - - - Theatervorstellung der Korrigenden - - -In dieser historischen Woche, in der aus Anlaß des Regierungsjubiläums -so viele Veranstaltungen „Fürs Kind“ stattfanden, gab es auch eine, -deren Arrangeure ihre Veranstaltung als Selbstzweck betrachteten. Kein -„Anlaß“, kein „wohltätiger Zweck“. Und wer war es, der diese Ehrlichkeit -bewies? Die Korrigenden in der Landeszwangsarbeitsanstalt auf dem -Hradschin. - -Am Donnerstag um halb 3 Uhr nachmittags fand oben eine -Theatervorstellung statt. Direktor Tilšer hatte mir nach Erscheinen -eines Artikels, den ich über Bewohner und Einrichtungen der Hradschiner -Zwangsarbeitsanstalt veröffentlicht hatte, die Einladung zu dieser -Vorstellung gesandt, damit ich „bei dieser Gelegenheit auch die -lichteren Seiten des Anstaltslebens kennen lernen“ möge. So kam ich -hinauf. - -Im Hofe waren die Zwänglinge. Aber nur wenige promenierten, nur wenige -vergnügten sich am Kegelspiel. Die meisten drängten sich vor dem breiten -Tor, das sich nun bald öffnen sollte, um die Theaterbesucher in das Haus -zu lassen. Sie drängten sich und zwängten sich, wie die Leute an den -Kassen zu den Maifestspielen. Aber sie benahmen sich doch wie Menschen -dabei, und wenn ein Besucher kam, machten sie willfährig Platz. - -Gespielt wurde im Korbflechtersaale. Der war sorgfältig adaptiert. An -der einen Breitseite stand festgezimmert die Bühne. - -Vor Jahren wurden aus dem Dekorationsmagazine des Deutschen -Landestheaters durch dessen Intendanten, weiland Abg. Dr. Ludwig -Schlesinger, der Zwangsarbeitsanstalt mehrere Flächen kassierter -Kulissenleinwand überwiesen. Aus einem dieser Stücke war der Vorhang -geschnitten und mit Lyra, Lorbeer und Maske bemalt worden. Oben das -Landeswappen und einige naive Landschaften. Irgend eines Korrigenden -Werk. Vor der Bühne brennen zwei halbverdeckte Gaslampen — die einzige -Beleuchtung des langen Saales. So nimmt sich der Zuschauerraum gar -seltsam aus. An zweihundert Zuschauer mit dumpfen Gesichtern und -scharfen Blicken. Einige haben die braunen Flanelljacken anbehalten, -andere sitzen in den schmutzigweißen Zwilchkleidern auf den Bänken da. -Das sind fast die einzigen Toilettenunterschiede im Publikum. An der -Wand stehen die Aufseher in Uniformen als Logenschließer. Vor die -Bankreihen, auf denen die Korrigenden sitzen, sind zwei Reihen von -Stühlen gestellt, die sonst in den Wachzimmern verteilt sind: Die -Fauteuils für die Gäste. Denn auch Gäste sind da. Einige Frauen und -Kinder von Aufsehern, sowie von Landwehrfeldwebeln und Oberfeuerwerkern -aus der Nachbarschaft. Vor den Fauteuilreihen bedecken ausrangierte -Bettdecken aus den Schlafsälen die Steinfliesen — Teppiche. - -Heute ist deutsche Theatervorstellung, „Deutsches Landestheater“ wie die -Zwänglinge sagen. Das „Tschechische Nationaltheater“ hat eine Woche -vorher gespielt. Aber das Publikum ist zweisprachig. Wenn auch mancher -kein Wort von dem versteht, was da oben auf der Bühne gesprochen wird, -so freut er sich doch der Kleider und des Gehabens seiner deutschen -Kollegen auf dem Podium. - -In einer Nische neben der Bühne sitzt das Orchester. Vier Mann. Der -Kapellmeister fehlt dem „Deutschen Landestheater“ ... Die Musikanten -dirigieren selbst. Der Primgeiger ist ein alter, gebückter Mann mit -einer Brille, der krampfhaft in sein Notenblatt blickt. Der zweite -Violinist hat blondes, aufwärts gekämmtes Haar und einen stattlichen -Schnauzbart: er ist ein ehemaliger Musikfeldwebel, der von Stufe zu -Stufe gesunken ist, und nicht zum erstenmale dem Orchesterpersonale der -Hradschiner Zwangsarbeitsanstalt angehört. Neben ihm spielt ein etwa -vierzigjähriger Mann die Flöte; sein schwarzes, gescheiteltes Haar ist -tief in die Stirne gekämmt — der Typ des „šumař“, des böhmischen -Dorfmusikanten. Der vierte und letzte in dieser Kapelle ist der -Harfenist. Sein Instrument hat er sich während seiner Detention, in den -Mußestunden, die ihm nach seinen Taglöhnerarbeiten beim Bau der -Bohnitzer Landesirrenanstalt geblieben sind, selbst angefertigt, und er -beherrscht das Instrument ganz famos, trotzdem er nie Harfespielen -gelernt hat. Sie sind Tausendsassas, diese Gegner der Arbeit. - -Gegenüber an der Wand lehnt ein Feuerwehrmann. Bei näherer Betrachtung -merkt man aber, daß es gar kein Feuerwehrmann ist, sondern ein -Korrigend, der den Feuerwehrmann spielt, weil eben ein solcher zu jeder -anständigen Theatervorstellung gehört. Der Mann hat blankgeputzte -Röhrenstiefel, einen sauber gewaschenen Zwillichanzug, einen -Feuerwehrhelm — aus Pappendeckel und einen Gürtel aus dem gleichen -feuersicheren Material. Er ist von seiner Rolle ganz durchdrungen und -sein Blick schweift fortwährend durch den Saal, inspizierend und -Bewunderung heischend. - -Man spielt heute, laut dem autographierten Programm, das auch die Namen -der Darsteller nennt, drei Einakter. Zunächst das „Versprechen hinter’m -Herd“. Hinter der Bühne wird geläutet, die Musik bricht jäh ab, der -Souffleur kriecht coram publico in einen in der Korbflechterei -hergestellten Strandkorb, dessen offene Seite der Bühne zugewendet ist. -Der Vorhang hebt sich bis etwa zur halben Bühnenhöhe. Dann kann er nicht -weiter. Aber der Darsteller des „Freiherrn von Strietzow“ legt selbst -Hand an, ein Ruck und der Vorhang ist ganz oben. Die Erwartungen, die -man nach dieser vielversprechenden Leistung des „Baron Strietzow“ an -diesen knüpft, werden leider nicht erfüllt. Dieser Schauspieler hat kein -Gefühl für das Parodistische, das in dieser Rolle des Berliner -Salontirolers liegt. Er redet nicht „berlinerisch“, sondern den Dialekt, -den man in seinem Heimatsorte Georgswalde bei Schluckenau spricht. Sein -Kostüm ist schon aus technischen Gründen kein karikiertes, kein -gigerlhaftes, und so maßt er sich auch nicht das Recht an, anders zu -sein, wie die übrigen Darsteller, die echte Tiroler sein sollen. Sogar -wenn er aus seinem Notizbuch einen verstümmelten „Nationalgesang“ -vorträgt, singt er ihn wie ein Schnadahüpfel. Er trägt ihn vor, so gut -er eben kann, und würde es unverständlich finden, daß ein Schauspieler -absichtlich patzen soll. - -Grandios ist der Darsteller des Wirtes und Wilddiebes Quantner. Sein Lob -wäre nur in Superlativen zu singen. Wenn er sich räuspert, wenn er sich -schneuzt, wenn er sich seine Pfeife ansteckt, wenn er sich nach -herzhaftem Trunk mit der Zunge den Bart reinigt, wie er sein -Versprechen, daß alles, was hinter’m Herde liegt, des Dirndls Eigentum -sein soll, langsam und schwerfällig auf das Papier kritzelt, ist er von -einer Echtheit, wie sie kein Berufsschauspieler aufzubringen vermag. Und -wie er dann mit geballter Faust auf seinen unfolgsamen Sohn zustürzt — -das kann kein Mime kopieren, das muß von klein auf gelernt sein. Da sich -die Biographie dieses vortrefflichen Schauspielers in keinem -Bühnenlexikon vorfindet, sei erwähnt, daß „Quantner“, ein etwa -fünfzigjähriger Mann, schon zum viertenmale im hiesigen Arbeitshaus -deteniert ist. Nach seiner Freilassung treibt es ihn immer wieder in die -Alpen, wo er im Sommer und Winter umhervagiert. Aber auch auf den -Bergen, wo angeblich die Freiheit wohnt, gibt es Gendarmen, und die -bewirken es, daß er immer wieder nach Prag, zum Schauspielerberuf, -zurück muß. Nach der Überzeugungstreue, mit der er den Wilddieb auf der -Bühne verkörpert, könnte man schließen, daß er dieses Handwerk auch -außerhalb der Bühne auszuüben gewohnt ist. Wie dem auch sei: Erwischt -wurde er wegen dieses Deliktes noch nicht, denn unter seinen achtzehn -Vorstrafen finden sich nur solche wegen Landstreicherei, Diebstahls, -Vagabundage u. dgl. - -Das „Nandl“, die brave Bauerndirn, spielt ein jüngerer Korrigend. Er -sieht ganz reizend aus und beherrscht seine Rolle vortrefflich. Den Sohn -des Quantner und Geliebten der Nandl spielt gleichfalls ein junger -Bursch. Er war noch vor kurzem in der Arbeitsanstalt für Jugendliche in -Grulich interniert, hat sich aber nicht dauernd gebessert, obwohl er -dort brav und fleißig gewesen war. Gleich nach seiner Entlassung hatte -er seine Kleider verkauft und sich einer umherziehenden Zigeunertruppe -angeschlossen. Aus der Hradschiner Anstalt, in die er dann gebracht -worden ist, ist er entwichen, als er zur Arbeitsleistung in die -Findelanstalt beordert worden ist. Sein Spiel ist gedrückt. Er geht fast -fortwährend im Hintergrund der Bühne auf und ab und bringt seine Sätze -halb zaghaft, halb mürrisch hervor. Das wirkt sehr gut, denn er gibt ja -einen unglücklichen Liebhaber. - -Das Stück ist aus. Das Publikum klatscht stürmisch und die Darsteller -machen ungelenke Komplimente. Der Vorhang fällt. Herr Direktor Tilšer -willfahrt in liebenswürdiger Weise meinem Wunsche, die Bühne von -rückwärts besichtigen zu dürfen. Man stellt die Kulissen zum nächsten -Stücke auf. Der Protagonist, der „Quantner“, hockt auf der Schulter des -„Feuerwehrmannes“ und schlägt oben auf der Kulisse zwei Nägel ein. Auch -„Fräulein Nandel“ zimmert eifrig und keiner von den Akteuren ist müßig. -Die Anordnungen schwirren durcheinander: Einen Regisseur scheint es -nicht zu geben, und ein Aufseher darf nicht hierher. Die Künstler achten -streng auf die Wahrung ihrer Autonomie. Auf einem Tisch liegt ein dickes -Heft, auf dem von ungeschickter Hand mit Bleistift unorthographische -Sätze gekritzelt sind: Die Rolle. - -Das zweite Lustspiel beginnt. Es heißt „Ein Zwiegespräch“ und der Witz -besteht darin, daß ein alter Sonderling einen Besucher für den -Aspiranten auf die Wärterstelle bei seiner Katze hält, während sich der -Fremde um die Hauslehrerstelle bei der Tochter des Privatiers bewirbt. -Den Hauslehrer spielte ein junger Bursch, ein wiederholt vorbestrafter -Einbrecher, ganz gut. Aber den größten Beifall hatte er, als er wie -unversehens an seinen Partner anstieß, und in einem prächtigen -Purzelbaum zu Boden stürzte. Ebenso bildete es im nächsten Stücke, dem -Lustspiel „Er muß taub sein“, den Höhepunkt der Handlung, als der von -seiner Taubheit geheilte Hausherr plötzlich die Beschimpfungen seines -Dieners vernimmt, und diesem einen Fußtritt in den Rücken versetzt, der -entschieden an anderer Stelle nach § 421 StG. geahndet worden wäre. -(Stürmischer Beifall.) In diesem letzten Stücke spielt übrigens auch ein -ehemaliger Bauzeichner, der sich ganz als Gentleman benimmt und seine -Mahlzeit in einer Weise verzehrt, die auch den höchsten Anforderungen -des guten Tones entspricht. - -Zum Schluß der Vorstellung singen die Darsteller aller Stücke ein -weihevolles Abschiedslied „Gute Nacht“. Es ist ganz rührend, wie diese -wetterharten Feinde der menschlichen Gesellschaft den feierlichen, -kindlichen Choral anstimmen. - -Alles ergießt sich in den Hof, um sich draußen die Tabakspfeife -anzuzünden. Nur die Akteure müssen hierbleiben. Sie haben die Kostüme -abzulegen und einzupacken, damit sie morgen der Maskenleihanstalt wieder -rückerstattet werden können, von der sie um den Preis von drei Kronen -ausgeliehen worden sind. Dies sind die ganzen Barauslagen: sie werden -aus den Zinsen des Depositenfonds und durch freie Spenden des Direktors -gedeckt. Dann muß die Bühne abgenommen, die Kulissen, der Vorhang und -der geflochtene Souffleurkasten wieder ins Magazin getragen werden. -Jetzt hört für die Schauspieler das Benefizium auf, am Abend eine Stunde -länger aufbleiben und die Rollen lernen zu dürfen; in dem Saal, in dem -sie heute akklamierte Künstler waren, müssen sie morgen auf den -Steinfliesen sitzen und Weidenruten zu Körben flechten. Für geraume Zeit -bleibt ihnen nur die Erinnerung an ihren Erfolg, an die „lichteren -Seiten des Anstaltslebens“. - - - - - Das Märchen vom Mistwagen - - -Es war einmal — so geht ein Grimmes Märchen — eine Stadt, die sehr, -sehr alt war. Das konnte man an den vielen altertümlichen Häusern und -Türmen sehen und an dem Schmutz, der überall in den Straßen, auf den -Plätzen, in den Häusern und selbst im Wasser des Stromes vorhanden war. -Während aber die altertümlichen Häuser und Türme den Machthabern dieser -Märchenstadt durchaus nicht heilig waren, war es der Unrat um so mehr. -So heilig war der, daß eine unverbürgte Sage ging, im Hause des weisen -Rates der Stadt sei am meisten Schmutz verborgen und seine Erhaltung -verschlinge jährlich viele Millionen Goldes. - -Und draußen vor der Stadt, am Fuße eines Berges, auf dem Žižka, -der Einäugige, eine Schlacht gekämpft hatte, in einer Gegend, die nach -diesem Žižka benamset war, lebte ein Recke. Der war ein kühner -Kämpfer und ein mutiger Rufer im Streite, aber er war von unbezwingbarer -Habgier beseelt. Er hatte nicht genug an dem Schmutze, der in seiner -Behausung war, er wollte auch den Schmutz der anderen sein eigen nennen. -So fuhr er denn, um dieses Kleinod zu erringen, alltäglich auf seinem -hohen Streitwagen auf Beute aus. - -Seine Farbe war grau. Grau war der Wagen, den er stehend lenkte, grau -war der Morgen, wenn er seinen Beutezug antrat, grau war die Kunde von -seines Vaters Nam’ und Art, und grau war der Inhalt der Kisten und -Kasten, deren Besitz er erstrebte. Statt eines Helmes trug der reisige -Held eine blaue Kappe, auf der das Wappen seines Heimatsortes prangte. -In diesem Wappenschilde sah man ein vergittertes Fenster, wie man ihrer -auch im städtischen Arresthause „Fišpanka“ mancherlei sieht, und in -dem Fenster sah man einen Arm, der gebogen war, wie der Arm eines -ritterlichen Mannes beim „Šlapák“-Tanze. Im Gegensatze zu den Hörigen -und Unfreien, die draußen vor der Stadt auf dem Pankratius-Hügel wohnten -und kurzgeschorenes Haar hatten, trug unser Ritter eine Locke in die -Stirn gekämmt, die sein linkes Auge verdeckte, so daß er aussah wie sein -Ahnherr Žižka. Das war das Zeichen, daß er kein Unfreier, sondern -ein „freier“ war. Keinen Marschallstab, kein Szepter trug er in seiner -Hand — nur eine Peitsche; wenn er aber die seinen mutigen Rössern um -die Ohren sausen ließ, so erdröhnte ein stärkerer Knall als jener des -Mörserschusses, der allmittäglich den Sklaven in dieser Stadt -verkündete, daß sie in ihrer Robottarbeit innehalten durften. - -Vor seinem Wagen schritt ein Herold, der kündete das Nahen des Recken, -indem er eine Sturmglocke läutete. - -Die Bürger wußten, was dieses schrille Läuten zu bedeuten habe, aber -niemand wagte es, mit dem Recken anzubinden, niemand wagte es, ihm die -Asche, den Kehricht und den Schmutz, diese so kostbaren Kleinodien -vorzuenthalten. So sandten sie ihre Jungfrauen hinab auf die Straße, auf -daß diese seinen kriegerischen Sinn betörten, und ihm selbst den Tribut -überantworten mögen. - -Aber der Ritter war rauh und unbeugsam, und er hatte kein Auge für die -holden Mägdlein, die, malerisch gruppiert, seinen Wagen umstanden. Er -hatte nur Augen für die Schätze, die sie ihm in kostbar alten Kisten und -seltsam verbogenen Gefäßen darreichten. Mochte die Last, die so ein -schwaches Jungfräulein auf den hohen Wagen zu heben hatte, noch so -schwer sein, nie beugte er sich über seines Wagens Brüstung, um dem -schwachen Wesen behilflich zu sein. Nur beim Entleeren des Gefäßes griff -er selbst Hand an, der Habgierige, auf daß auch nichts von dem Inhalte -in der Opferschale zurückbleibe. Er begnügte sich nicht damit, daß ihm -die ehrsamen Bürger der Stadt ihre Opfergaben durch schöne Jungfrauen an -den Wagen bringen ließen, er verlangte auch, daß die Schätze gesalbt, -mit dem heiligen Wasser der Stadtbrunnen geweiht und besprengt seien. -Wehe aber, wenn ein Mädchen dies unterließ! Dann schalt und drohte er -grimmig, und manches Wort entfuhr ihm, das man selbst am Fuße des -Žižkaberges nicht allzuhäufig vernommen. Die trägen Mägde mußten -nochmals zurück in das Haus und neuerlich wiederkehren. - -Aber er war schön in seinem Groll und manches Mägdlein unterließ es, -ihre Gabe zu besprengen, um in des kühnen Ritters Auge den Blitz des -Zornes zucken zu sehen. Andere aber vergaßen in ihrer heimlichen Liebe -zu dem Ritter, die Gabe zu nässen. Und wieder andere Mägde waren, wie -das damals vorzukommen pflegte, sehr faul und besprengten deshalb die -Asche nicht. - -Nur eine Einzige vergaß niemals an ihre Pflicht. Das war ein Mädchen, so -brav und tugendhaft, wie es nur im Märchen vorkommen kann. Dieses fegte -sorgsam die Aschenreste der ganzen Wohnung zusammen und legte sie fein -säuberlich in eine alte Kohlenkiste zusammen, besprengte sie mit Wasser -und ließ sich durch die anderen Mägde, welche müßig und schwatzend auf -dem Gang umherstanden, nicht stören. Deshalb nannten sie die anderen: -„Aschenbrödel.“ - -Der sorgsame Eifer dieses Mädchens war dem Ritter nicht verborgen -geblieben. Sein Herz entflammte in jäher Liebessehnsucht zu der -minniglichen Maid, und er mußte dem Mädchen nachschauen, wenn er sein -Werk beendet hatte und wieder von dannen fahren mußte gegen Hrdlořez, -wo er in einer Senkgrube alle die Schätze verbarg, die er tagsüber -eingeheimset hatte. Und er begann das Aschenbrödel sichtlich -auszuzeichnen, er half ihr beim Aufladen des Schatzes, er lächelte ihr -von der Höhe seines Wagens freundlich zu. - -Ist es da ein Wunder, daß das Aschenbrödel hoffärtig wurde, und daß es -beschloß, den Rittersmann, den sie selbst minniglich liebte, auf die -Probe zu stellen, wie weit seine Liebe gehe. Auch wollte sie den anderen -Mägden, die sie bislang aus ihres Herzens Grunde verachtet hatten, die -Liebe des Ritters beweisen. So fegte sie an einem schönen Herbsttage die -Asche wie sonst zusammen und häufte sie in die Kohlenkiste, aber sie -besprengte die duftige Gabe diesmal nicht mit Wasser. - -Als sie hinunter kam vor des Hauses Pforte, wo schon die anderen -Jungfrauen auf ihres Ritters Ankunft harrten, da wurden diese schier -starr vor Staunen. Denn aus Aschenbrödels Kiste wirbelte beklemmender -Staub empor ... - -Atemlos und begierig wartete man des Ritters. Dieser kam herbei und sein -Gefährt hielt. Mit zitternden Knien, bleich vor Erregung, kam -Aschenbrödel mit ihrer Truhe herbei — galt es doch heute die -Liebesprobe. Liebevoll neigte sich der Recke zu ihr, um ihr behilflich -zu sein, als er den Staub bemerkte, der aus der hölzernen Opferschale -des Mädchens emporstieg. Einen Augenblick sah man ihn zaudern. Sollte -er, um seiner Liebe willen, für heute die Mißachtung seiner Vorschrift -ungerügt hingehen lassen? Nein, sagte sein Rittersinn. Und mit -schmerzlichem Sinn verweigerte er die Annahme der Gabe. Er wandte sich -den anderen Mägden zu, welche ihr höhnisches Lachen nicht verbargen. - -Aschenbrödel ging nicht in das Haus zurück. Sie stellte den -Kehrichtbehälter auf die Erde, setzte sich darauf, schlug die Hände vors -Gesicht und weinte bitterlich. Aber die Staubwolke, die aus dem Gefäße -hervorstieg, vermochte das Mädchen durch sein Körpergewicht nicht -zurückzuhalten, die Wolke hob Aschenbrödel in die Höhe, hüllte es ein -und entführte es in die Prager Luft, in der es bald den Blicken der -staunenden Mägde und des schier zu Eis erstarrten Recken entschwand. - -Seither hat man nichts mehr von Aschenbrödel gesehen, nichts mehr von -Aschenbrödel gehört. - -Aber der Ritter hat die Hoffnung nicht aufgegeben, daß das Mädchen doch -im Gleitflug irgendwo landen und wieder in die Stadt zurückkehren könne. -Und während längst in allen anderen Städten der Erde die staubfreie -Müllabfuhr mittels Kehrichtschächten, mittels verschlossener, -auswechselbarer Eisenkisten und mittels verschlossener Wagen eingeführt -worden ist, fährt unser Ritter noch heute auf seinem Streitwagen suchend -durch die Straßen jener Märchenstadt, läßt sich von den minniglichen -Mägdlein den Inhalt offener Kästen in den offenen Wagen schütten und -wird so fahren bis zum jüngsten Tag. - - - - - Weihnachtsmarkt - - -Unter dem Balkon des Altstädter Rathauses wurde an einem heißen Junitage -des Jahres 1621 an sechsundzwanzig böhmischen Adeligen ein furchtbares -Blutgericht vollzogen. Gegenüber, unter den Türmen der Teinkirche liegen -die Gebeine des Tycho, der gestorben ist, weil er an der Tafel seines -gekrönten Freundes das spanische Zeremoniell nicht verletzen und deshalb -ein plötzliches Unwohlsein mit Gewalt niederkämpfen wollte. Zwischen -diesen beiden Stätten breitet sich ein großer Platz, auf dem verhärmte -Menschen allabendlich, vor der Madonnenstatue kniend, inbrünstige Lieder -singen. Aber im Dezember, vom Sonntag vor Nikolo bis zum -Weihnachtsabend, wogt auf diesem Platze Weihnachtstreiben. - -Und doch: Selbst im Jahrmarktskleide verliert der Ringplatz sein -sentimentales Gepräge nicht, und aus dem Lärm der Ausrufer, der -drängenden und gedrängten Menschenmassen, der Marktschreier und -Verkäufer dringen die Untertöne der Schwermut hervor. Es ist kein -Jahrmarkt. Zwar ist es vollzählig versammelt, das fahrende Volk, das -während der übrigen elf Monate die Bewohner der böhmischen Dörfer -beglückt, aber hier im Zentrum der Großstadt nehmen sich seine Waren und -Vergnügungen allzu armselig aus. Die Jahrhunderte mit ihren -Errungenschaften sind spurlos an ihnen vorübergegangen, und die Späße, -Schaustellungen, Buden und Verkaufsobjekte hätten samt und sonders auch -in den Zeiten kein Staunen erweckt, deren Ereignisse den Prager -Ringplatz zu einer historischen Stätte stempelten. - -Parallel zur Front des Platzes, welche die Zeltnergasse verlängert, -läuft eine der Budenstraßen. Sie ist das Dorado der Spielwarenhändler. -Aber was sind das für Spielwaren, die hier feilgeboten werden? Keine -Miniaturautomobile oder Miniaturaeroplane, keine sprechenden Puppen und -singenden Kanarienvögel — nichts von raffinierten Kunstwerken für -Kinder der Reichen. Nur Zehnkreuzeruhren, nur Ballons auf dünner -Gummischnur, nur Holzpferde auf Rädern, papierene Tschakos und hölzerne -Säbel. Musikinstrumente überwiegen — wir sind im Heimatland der -böhmischen Musikanten. Kinderviolinen, denen selbst ein künftiger -Kubelik keine Töne zu entlocken vermöchte, Flöten, in die man von beiden -Seiten mit der gleichen nervenmarternden Wirkung blasen kann, -verschiedengestaltete Gummispezialitäten, die aufgeblasen werden, um mit -herzzerreißendem Gekreisch den fremden Odem wieder auszuhauchen, -Mundharmonikas, runde Mundpfeifen, mit denen man das Zwitschern der -Nachtigall wenn auch nicht nachahmen, so doch persiflieren kann u. dgl. -Dann die armseligen Nikolos, die aus einer unmöglichen Gipsmaske mit -langem weißen Bart bestehen, an die sich ein weißes Papiergewand -schließt, dann die Krampusse, die armen Teufel, die nicht Furcht -erregen, sondern nur Mitleid erwecken können, dann die Soldaten, die in -jeder besseren Kinderstube als untauglich erklärt oder superarbitriert -werden würden. - -In einer anderen der hier entstandenen Straßen stehen die braunleinenen -Warenhäuser, deren Besitzer sich von dem Pumpernickel nähren, den andere -essen müssen. Lebkuchenherzen dominieren; sie weisen Inschriften aus -Tragantzucker auf, die ebenso geistvoll, wie schmackhaft sind. Auf den -Firmenschildern aus Wichsleinwand sind lauter vergrößerte Ehrenmedaillen -und Ordensauszeichnungen abgebildet. Es scheint also, daß in -Potentatenfamilien Pumpernickel leidenschaftlich geliebt wird und daß -die Monarchen bei freudigen Anlässen einander Lebkuchenherzen schenken. - -Rote und schwarze Kegelchen stehen auf einem Verkaufsbrett: -Räucherkerzen. Die Erfindungen der Parfümindustrie haben diesen Artikel, -der beim Glimmen wie ein rauchender Vesuv aussieht, nicht aus der Welt -zu schaffen vermocht. Die moderne Technik der Papierindustrie wiederum -hat nichts mit den handgeschnittenen Papiersternen und den -zusammengeklebten Papierketten zu tun, welche in der benachbarten Bude -zur Verzierung der Weihnachtsbäume käuflich erworben werden können. - -Überhaupt die Technik! Die Budenbesitzer haben die denkbar schlechteste -Erfahrung mit ihr gemacht. Vor einigen Jahren hatten sie z. B. den -Phonographen in den Dienst des Jahrmarktes und auf einen Tisch inmitten -der Budenstadt gestellt. Dieser Phonograph posaunte nicht — wie es die -anderen Phonographen tun — seine ganze Weisheit durch einen -Schalltrichter in die Welt hinaus, sondern er flüsterte sie durch dünne -Gummischläuche den besonderen Menschen ins Ohr, welche sich von den -anderen Passanten wohltuend durch die Entrichtung von drei Kreuzern -unterschieden. Die anderen Menschen aber konnten gar nichts hören, und -blickten daher staunend auf die neben ihnen stehenden Auserwählten, -deren Mienen eine unbändige Heiterkeit verrieten und deren Körper und -Füße in irgend einem Marschtakte zuckten. Ebenso unerklärlich war es den -Leuten, warum der Mensch, der sich wieder an einer anderen Stelle des -Weihnachtsmarktes in herzbewegenden Grimassen, schmerzhaften Ausrufen -und krampfhaften Körperzuckungen erging, die Halter der -Elektrisiermaschine nicht einfach loslasse ... Aber der Phonograph hat -sich auf dem Prager Jahrmarkt nicht rentiert, er war dort heuer nicht -mehr anzutreffen, und auch die Elektrisiermaschine sucht nur noch in den -Nachtlokalen der unteren Zehntausend ihren Erwerb. - -Einen Augenblick könnte man doch glauben, die größten Wunder der Technik -seien vertreten. Wenn man nämlich den hochtrabenden Worten des Ausrufers -vor dem „Mechanischen Theater“ Glauben schenken würde, der im -nördlichsten Teile der Marktstadt seine Nachbarn, die Ausrufer der drei -Ringelspiele, der vier Schießbuden und des Panoptikums durch Ton und -Inhalt seiner Anpreisungen zu übertreffen sucht. Aber wenn man den -Lockungen des Mannes vom „Mechanischen Theater“ folgt, dann ist es mit -dem Glauben an irgend eine maschinelle Vorführung gründlich vorbei. Man -sieht ein großes Kinderspielzeug, das wohl irgend ein invalider Bergmann -in seinen Mußestunden mit geschickten Händen gefertigt hat. Es stellt -ein Bergwerk dar, und dessen Lebewesen werden durch eine im Hintergrunde -versteckte Kurbel bewegt. Durch diese dynamische Kraft bewegen sich die -Männchen — die „Panaken“, wie man in Prag sagt. Bergleute mit Hunten -fahren im Schachte auf und nieder, sie hacken Erz und sie trinken. Oben -bewegt sich der Leichenzug eines verunglückten Bergmannes. Zuerst der -Leichenwagen, dann die weinende Witwe mit den Kindern, dann der nach -allen Seiten grüßende Geistliche, dann die Schar absolut unmöglicher -Bergleute in Reih und Glied. Es ist zum Weinen. Auf beiden Seiten des -Budeninnern steht je eine Kulisse. Die eine stellt einen Seesturm, die -andere eine Karawane dar, und so vervollständigen sie beide die -Illusionen, daß man sich in einem Bergwerk befinde. - -In den photographischen Ateliers werden Bilder hergestellt wie weiland -zur Zeit Daguerres, und die Kunstblumen, die man feilhält, sind so -ehrlich imitiert, daß kein Mensch sie für echte halten könnte. Während -längst andere Städte ihren Lunapark haben, in dem alle Errungenschaften -des Maschinenbaues zu irrsinnigen menschlichen Vergnügungen -ausgeschrotet sind, gibts auf dem Altstädter Weihnachtsmarkt noch immer -bloß Ringelspiele mit sichtbarem Handbetrieb. Und während man anderswo -in spiritistischen Seancen des Schicksals Tiefen zu erforschen droht, -läßt sich hier — allerdings mit der gleichen Wirkung — das Prager -Dienstmädchen von weißen Mäusen oder Kanarienvögeln die „Planeten“ -ziehen, Zettel mit gedruckten Weissagungen und — allerdings entrichtet -man hiefür eine erhöhte Taxe — mit dem Bilde des Zukünftigen. Während -anderswo die Hygiene ängstlich für das Wohl des Menschen sorgt, reißt -hier der Fruchthändler mit schmutzigen Händen schmutzige Datteln von den -schmutzigen Waben und wickelt sie in schmutziges Papier. Auch „Niko -Petkovac“, der biedere Südslawe mit dem braunen Gesicht und der -Astrachanmütze, macht Geschäfte mit seinem „Sultansbrot“ und „türkischen -Honig“. Unten, an der Niklasstraße schon, feiert Kasperl, der von -Gottsched feierlich von der Bühne verbannte Kasperl, im Kampfe mit einem -Hündchen herrliche Triumphe. - -Überhaupt: Der Markt übt seine Anziehungskraft aus. Die anderen -Marktfeste, die „Fidlovačka“, das Fest der Schusterinnung im Nusler -Tal, das „Strohsack“-Fest der Schneidergilde in Bubentsch, das -Mathäi-Fest in der Scharka, das Josefi-Fest auf dem Josefsplatz und das -„Ordens“-Fest im Stern sind teils abgeschafft, teils bedeutend -restringiert worden. Nur der Nikolo- und Weihnachtsmarkt, gerade das -Fest im Innern der Stadt, ist in der alten Form erhalten geblieben, und -steht jetzt ohne Konkurrenz da. Ob es nun Pietät ist, ob man der -Tradition huldigt, ob es zu den weltmännischen Neigungen mancher -Gesellschaftsklassen gehört, sich in Kirchweihfesten auszuleben — der -Markt ist voll von Menschen. Sie ziehen an den Dezembersonntagen in -bunten Scharen auf den Ring, in diese aus morschem Holz gezimmerte -Stadt, deren Gassenfronten aus verschlissener Leinwand sind. Aus allen -Vorstädten kommen die Menschen und drängen sich hier, die Handwerksleute -mit Weib und Kind, die bekannten Prager Lebeknaben aus den -Kolonialwarengeschäften und Werkstätten, Dienstmädchen, Fabriksmädel, -Ladenmamsells, Mädchen für alles und noch mehr. Alles was sonst in -Tanzlokalen der Vororte und auf den Schleifplätzen der Moldau die Liebe -sucht, ist im Dezember hier vereint. Der langhaarige Jüngling nähert -sich innig im Gedränge seiner Angebeteten. Oder er schleudert, wenn eine -Schöne in entgegengesetztem Menschenstrom vorbeikommt, ihr seinen -Papierball, dessen Gummischnur er in der Hand hält, als schüchternen -Annäherungsversuch wuchtig ins Gesicht. Das Mädchen quittiert mit -quietschendem Aufschrei, aber sie fühlt sich durch die gezollte -Aufmerksamkeit geehrt, und mißt ihren Anbeter mit einem Blick, in dem -Aufmunterung, Aufforderung, Leichtsinn und vielleicht ihr Schicksal -liegt. - - - - - Wie ich aus dem Rathause hinausgeworfen wurde - - -Auf meinem Leben lastet eine Sünde, die ich nicht in das neue Jahrzehnt -hinüber nehmen will. So will ich durch aufrichtige Beichte diesen Alp -von meiner Seele abwälzen. Meinem Gedächtnis, dem vielleicht einzelne -Phasen des Verbrechens entschwunden oder verwischt sein könnten, kann -ich ja leicht nachhelfen. Ich brauche nur in der Universitätsbibliothek -in den gebundenen Exemplaren der tschechischen Zeitungen nachzuschlagen. -Darin steht die reine Wahrheit. - -Dort ist meine Schande zum Studium und abschreckenden Beispiel für -künftige Geschlechter aufbewahrt. War doch der Vorfall ein bedeutsamer, -und ich glaube: Über den Prager Fenstersturz, der den dreißigjährigen -Krieg einleitete, wurde nicht so ausführlich berichtet, wie über meinen -Hinauswurf aus dem Altstädter Rathause. - -Aus allen diesen Berichten geht hervor, daß ich mich damals im Prager -Rathause skandalös benommen habe. Und darf man sich denn im Prager -Rathaus skandalös benehmen? Hat man überhaupt schon gehört, daß sich -jemand im Prager Rathause skandalös benommen hätte? Nein, heute muß ich -unbedingt zugeben, daß man mich mit Recht hinausgeschmissen hat. Und es -war unverdiente Gnade, daß man mir eine ungeheure Strafmilderung -zugestand: Man hat mich nicht durch einen Hausknecht hinausgeworfen, -sondern man hat mich durch den Stadtverordneten Březnowsky -hinausexpedieren lassen. - -Dieser hat mich durchaus nicht mit Glacéhandschuhen angefaßt, obwohl er -sich in seinen stillen Stunden mit deren Erzeugung beschäftigt. Er hat -es nicht getan, weil ich es nicht verdiente. Habe ich mich denn nicht, -laut Bericht des „Hlas Národa“, das einem alttschechischen -Stadtverordneten gehört und dem daher in Rathauskreisen eine gewisse -Authentizität zukommt, „sehr frech und wütend“ benommen? „Er versetzte,“ -so heißt es in der Morgenausgabe dieses Blattes vom 10. November 1908 u. -a., „dem Stadtverordneten Vanha einen Stoß und mit dem Ausrufe ‚Ich -werde diese Diebshöhle schon beleuchten‘, sauste er blitzesschnell die -Stiegen hinunter“. Also bitte, man bedenke: Ich habe einem unserer -Stadtväter einen Stoß versetzt, und die ehrwürdige Ratsstube eine -Diebshöhle genannt. Weshalb bin ich eigentlich nicht geklagt worden! Wie -übel wäre es mir doch ergangen! Ein Leugnen hätte mir nichts geholfen, -denn auch das offizielle Rathausorgan, die „Nár. Listy“, erklärten in -aufgeregtem Tone, ich hätte die Drohung ausgestoßen, daß ich Diebstähle -(die tschechische Sprache kennt keinen bestimmten Artikel) aus dem -Rathause veröffentlichen werde. Auch den Stoß gegen den Stadtverordneten -Vanha registriert das Rathausorgan, und weiß sogar das interessante -Detail hinzuzufügen, daß ich den Stoß mit der Faust versetzt habe. - -Der klerikale „Čech“ bedeckt den Rippenstoß mit dem Mantel der -Nächstenliebe. Er verschweigt ihn ganz, trotzdem sein Bericht sonst an -Ausführlichkeit durchaus nichts zu wünschen übrig läßt. Er schreibt u. -a.: „Als erster fand sich Redaktionsmitglied der „Bohemia“ „buršák“ -Kisch ein, der durch seine Provokation auf dem Graben berüchtigt ist. Es -wurde ihm gesagt, daß es nicht angehe, in den Sitzungssaal des -Kollegiums das Redaktionsmitglied eines Blattes einzulassen, welches -alles, was aus Prag kommt, verdreht und beschimpft. Kisch aber machte -keine Miene, den Saal zu verlassen. Es traten also die Ordner hinzu und -führten ihn auf den Gang hinaus. Kisch schäumte, drohte und lehnte sich -auf, es blieb ihm aber nichts übrig, als zu suchen, wo der Zimmermann -das Loch gelassen hatte.“ Im weiteren Verlaufe des ausführlichen -Berichtes registriert das genannte Blatt die Tatsache, daß nach meiner -angedrohten Enthüllung über die Diebstähle im Prager Rathause „in dem -auf den Korridoren angesammelten Publikum Bewegung entstand“. So? - -Solche Referate konnte das nationalsoziale „České slovo“ durch -Radikalismus nicht mehr übertrumpfen; damit es aber doch in seinem -Berichte mehr Stiefel habe, als die anderen Blätter, schrieb Georg -Střibrny, der damals noch nicht Abgeordneter war, man habe die -Stiefel hinausgetragen, in denen ich steckte. - -Die Folgen meines Hinauswurfes spukten noch lange. Zuvörderst -veröffentlichte ein Mann, der davon lebt, daß andere sterben, ein -Partezettelagent, in allen tschechischen Blättern eine Erklärung: Er -heiße zwar ähnlich wie ich, aber sei nicht mit mir identisch. Ich kann -dies vollinhaltlich bestätigen, und um auch den Rest jeden Verdachtes -von dem Herrn abzuwenden, erkläre ich hiemit freiwillig, daß ich -überhaupt nicht mit ihm verwandt bin. Auf Ehrenwort. - -Der gute Mann war nicht der einzige, der sich meiner schämte. Der -„Večerní List“ veröffentlichte unter dem Titel „Sie kann nichts für -ihren Namen“ folgende Erklärung: „Herr Egon Kisch, Redakteur der -„Bohemia“, ist nicht, wie allgemein verlautet, mein Neffe, und ich bin -überhaupt nicht mit ihm verwandt. Marie Kisch, Hausbesitzerin, Prag II, -Zderasgasse.“ Der „Čech“ reproduzierte diese harmlos scheinende -Erklärung am nächsten Morgen mit der Aufklärung, daß die Absenderin der -Zuschrift die Besitzerin eines verrufenen Hauses sei. Worauf dann ein -Weinberger Lokalblatt hämische Glossen darüber machte, wieso gerade das -klerikale Organ gewußt habe, daß das Haus ein verrufenes sei. - -Ferner griff mich Abg. Myslivec im Parlamente an, und die Abgeordneten -sollen sich höchlichst darüber verwundert haben, daß man sich auch -unanständig benehmen könne. - -Der „Illustrovaný kurýr,“ eine Zeitung, die sonst hauptsächlich -Momentphotographien vom Augenblicke der Mordverübung bringt, -reproduzierte am 3. November mein Bild. Dabei passierte dem -Bildredakteur eine Verwechslung, die in den Annalen dieser Zeitschrift -gewiß nicht allzuhäufig ist. Er muß in ein falsches Fach gegriffen -haben, und — wie es der Zufall oft will — es war wirklich mein Bild, -das er erwischte und das ins Blatt kam. Allerdings steht in dem Texte, -daß ich ein sehr mürrisches Gesicht mache. Aber gerade auf dieser -Photographie bin ich „bitte, recht freundlich“. - -Das Furchtbarste aber war: Es muß sich ein Ephialtes in der Nation -gefunden haben, denn über die Stadtverordnetensitzung, aus der ich cum -infamia exkludiert worden war, erschien ein ausführlicher Bericht in den -deutschen Blättern. Mit bangem Grausen, von grenzenlosem Entsetzen -gepackt, richtet der „Čech“ an die Nation am 12. November die -Gewissensfrage: „Wer hat wohl dem aus dem Rathause hinausexpedierten -Kisch mitgeteilt, was im Stadtverordnetenkollegium vorgegangen ist?“ Und -weiter: „Da ergibt sich eine Menge von Fragen und verdächtigen Umständen -...“ - -Auf diese „Menge von Fragen“ kam keine Antwort, diese „verdächtigen -Umstände“ erfuhren keine Aufhellung, und die Berichte über das Rathaus -erscheinen in den deutschen Blättern auch weiter mit gebührender -Ausführlichkeit. Von schwerwiegenden Folgen war also mein Ausflug aus -dem Rathaus für mich nicht begleitet. Aber das ändert nichts an der -Tatsache, daß ich mich empörend benommen habe. Ich habe die damalige -Rathauswirtschaft beleidigt und einem Stadtverordneten einen Rippenstoß -versetzt. Wie leicht hätte ich ihn verletzen können! Peccavi. - - - - - Prager Ziehung - - -Im Ziehungssaale der Lotterie strömen alle die Gefühle zusammen, die auf -den Pawlatschen und in den Waschküchen, auf dem Markte und in den -Fabriken, bei den Planetenziehern und bei den Kartenlegerinnen, in und -vor den Kollekturen in gewisperten Gesprächen des Aberglaubens und der -Mystik zum Vorschein kommen. Der Ziehungssaal der Lotterie ist -vielleicht der einzige Raum, in welchem eine Harmonie des -Einzelempfindens eine Massenstimmung bildet, die nicht das Produkt -momentaner Erregung ist. Die fremden Menschen, die sich hier drängen, -sind wohl, was die Herkunft, was den Charakter anlangt, von einander -grundverschieden. Herabgekommene, und solche sind da, in deren -Geschlecht seit Menschengedenken nur gerüchtweise bekannt war, daß es -irgendwo Wohlstand gebe. Die Gruppen sind schwer zu unterscheiden — das -Elend hat die Unterschiede ihrer Abstammung verwischt, die -Einleitungskapitel ihrer Lebensromane sind mit freiem Auge nicht lesbar. -Aber die laufenden Kapitel, die ihres gegenwärtigen Seins, stehen -deutlich in ihrer Anwesenheit, ihren Blicken, ihren Gesten, ihren -Worten, ihren Ausrufen geschrieben. An allen diesen Menschen zerrt eine -quälende Unzufriedenheit mit ihrem Schicksal, in allen diesen Menschen -zuckt als einzige Hoffnung die Hoffnung auf den Zufallsgewinn, aller -dieser Menschen Glauben ist der Aberglauben. Ihr Handeln beschränkt sich -auf das Abreißen des Marginales an den Kollekturen, auf das Auslegen von -Spielkarten, Träumen, Erscheinungen und Ereignissen, und auf deren -Transponierung in Ziffernwerte, auf den Ankauf von Riskonti und auf ihr -Erscheinen bei der öffentlichen Ziehung. Alle ihre Hoffnungen heißen -Terno und Ambo, Nominate und Extratto. - -Prag teilt mit sieben Hauptstädten Österreichs die Ehre, der Schauplatz -einer öffentlichen Lotterieziehung zu sein, einen Sammelkanal für jene -Wissenschaft des Unverstandes zu besitzen, die sich unfruchtbar müht, -die wirren und unzusammenhängenden Traumgebilde mit nüchternen Ziffern -und Zahlen auszudrücken, die unklaren Wünsche und unklar ersehnten -Schicksale ziffermäßig zu werten, und die exakteste und klarste -Wissenschaft, die Mathematik in den Dienst waghalsigen Aberglaubens zu -stellen. In dem an der Ecke der Ziegengasse und des Ziegenplatzes -stehenden Ärarpalaste, der die Berghauptmannschaft und das Münzamt -beherbergt, ist auch das Lottoamt untergebracht. Alle vierzehn Tage — -immer am Mittwoch — findet hier die „Prager Ziehung“ statt, auf deren -Ergebnis tausende und abertausende aus allen Teilen des Reiches mit -hoffender Zuversicht harren. Die, die zur Ziehung kommen, sind -gewissermaßen eine Elite: Nicht alle jene, die ihr mühsam erworbenes Hab -an den Schaltern der Kollekturen entrichten, wissen, daß sie dabei sein -können, wenn sich ihr Los entscheidet. Aber die zur Ziehung kommen, das -sind die Gewohnheitsspieler, welche die staatliche Kontrolle -kontrollieren wollen, das sind die Vertreter des Verstandes in diesem -Reiche des Unverstandes, das sind die Menschen, die alles von dem Moment -der Ziehung erwarten und es nicht erwarten können, bis die Kollektanten -die fünf blauen Ziffern an ihren Läden affichieren. - -Der Ziehungssaal steht im Hofe des Gebäudes. Schon um halb 2 Uhr -nachmittags bilden sich an den Ziehungstagen im Hofe debattierende -Gruppen. Weiber mit Kopftüchern sind da, Burschen, denen man ansieht, -daß sich der Großteil ihres Tagewerkes auf die Pflege ihrer „šístky“, -ihrer Sechserlocken, erstreckt, dann die Typen der Prager Straßen, -Bettler und Hausierer, Halbidioten und Trunkenbolde. Sechs Wachleute -halten hier Dienst. - -Die Gespräche drehen sich durchwegs um Dinge, von denen sich unsere -Schulweisheit nichts träumen läßt. Die Debatten werden zwar ernst und -sachlich geführt, aber es kann eine Einigung nicht erzielt werden, was -wahrscheinlich darauf zurückzuführen ist, daß weder Unterausschüsse noch -Referentenkomitees eingesetzt werden. Eine Gruppe wird gänzlich von der -Frage beherrscht, ob „Verhaftung“ die Ziffer 79 bedeutet, wie das eine -der beiden tschechischen Traumbücher besagt, oder die Ziffer 88 — die -Ansicht des anderen Traumbuches. Frau Kratochvil vom Obstmarkt und Frau -Lenovsky aus der Markthalle haben nämlich in der Nacht von Sonntag auf -Montag den gleichen Traum gehabt: der Markthelfer Jaro Krejsa sei -arretiert worden. Kaum hatte sich in den Kreisen der Halledamen das -Gerücht von dieser Duplizität der Träume herumgesprochen, als die -Polizei wirklich den Jaro Krejsa, diesen Lumpen, wegen Diebstahls -verhaftete. 79 oder 88, das ist hier die Frage. - -Auch in einer anderen Gruppe sind Traumbücher aufgeschlagen. Aber es -handelt sich beileibe nicht um simple Traumdeutungen, sondern um -mathematisch-kabbalistisch-astrologische Berechnungen höheren Grades. -Das Traumbuch, das — so sagt das Titelblatt — „von Madame Lenormand -nach besten Quellen und untrüglichen Erfahrungen altägyptischer Priester -und persischer Magier“ zusammengestellt ist, enthält auch eine Fülle von -tabellarischen Systemen und saturnalischen Quadraten, nach denen die -Amben und die Ternen zusammenzustellen sind. Die Grundlage bilden die -Ziffern, die bei den letzten Ziehungen in Brünn, Wien, Innsbruck, -Lemberg, Linz, Prag und Triest Treffer brachten. Das sind die -Intelligenzspieler. Sie verachten und belächeln jene Lotteriespieler, -die ihr Glück dem Zufall anvertrauen, die sich von den an den -Kollekturen ausgehängten Marginalenummern, den sogenannten „trhačky“ -(Abreißzetteln), einen beliebigen auswählen oder gar sich willenlos der -Prophezeiung des Kollektanten unterwerfen, indem sie einfach die Ziffern -setzen, die auf einer schwarzen Tafel im Innern der Kollektur als -besonders empfehlenswert aufgeschrieben sind und „Kabbala“ genannt -werden. - -Die Gruppe der verachtenden Intelligenzspieler wird wieder von einer -Gruppe verachtet, die über alle anderen erhaben ist. Nicht bloß, weil -sie die drei Stufen besetzt hält, die zu dem Saaleingang führen, sondern -weil sie alle die Manipulationen und Berechnungen als hellen Unsinn -erkennen. - -„Die blöden Weiber,“ sagt der eine, der mit höhnischem Lächeln ein -Gespräch der benachbarten Weibergruppe zugehört hat, „sie glauben, daß -man die Einer der bei der letzten Ziehung herausgekommenen Zahlen zur -ersten Ziffer addieren muß. _Subtrahieren_ muß man sie.“ - -Diese Übergescheiten spielen auf Sieg und nicht wie die anderen auf -Platz. In der Prager Lotteriesprache heißt dieser Turfausdruck „Na Ruf“ -und bedeutet, daß die gesetzte Ziffer an eine bestimmte Stelle, z. B. -als dritte, gezogen und ausgerufen werden muß. Sie können sich diese -Vorausbestimmung schon leisten, denn nach ihren präzisen Berechnungen -müssen sie ja gewinnen. Sie sind auch gar nicht aufgeregt und spötteln -über die Aufregung der anderen. Wenn man sie aber fragen wollte, warum -sie denn dann hierhergekommen seien und warum sie sich unmittelbar an -der Türe anstellten, dann würden sie wohl die Antwort schuldig bleiben. - -Vom Turme der Jakobskirche tönen zwei Glockenschläge. Alles drängt sich -zur gläsernen Eingangstüre, durch die jetzt im Innern des Saales der -Amtsdiener sichtbar wird. Der sperrt die Türe auf und alles strömt in -den Ziehungssaal. - -Wie im Hofe, so stehen auch im Ziehungssaale Polizisten, Acht an der -Zahl. Vier von ihnen bilden an der kaum acht Meter langen Barriere, -welche den für das Publikum reservierten Raum der Breite nach abgrenzt, -einen Kordon. Reelle Geschäfte pflegen im allgemeinen polizeilichen -Schutzes nicht zu bedürfen. Aber das macht die Leute nicht stutzig, die -sich durch die Türe aus dem Hofe in den Saal ergießen. - -Die Wachleute sind nicht die einzige Sicherheitsvorkehrung, durch die -sich das Lottoamt vor seinen Kundschaften schützt. Die Distanz wird -gewahrt. Zwischen der Barriere und dem Podium ist ein etwa zwei Meter -breiter Zwischenraum und längs des Podiums zieht sich neuerlich ein -Geländer. - -Überdies bemüht sich die Verwaltung, durch Beobachtung allerhand -strenger Kautelen darzutun, daß das Lotto schon an sich ein so -lukratives Geschäft ist, daß es nicht auch zu seiner Durchführung einer -Düpierung des Publikums oder gar eines Schwindels bedarf. Als noch das -alte Lottoamt bestand, war das Podium sehr erhöht und das Publikum -konnte den Beamten nicht genau kontrollieren. Da gab es denn arge -Verdächtigungen. - -„Aha! Seht Ihr den Kerl? Die richtigen Nummern legt er auf den Tisch und -seine eigenen Nummern gibt er in die Kapseln!“ - -Solche und ähnliche Rufe wurden gegen den Finanzrat laut, der oben am -Tische saß. Überhaupt das alte Lottoamt! Die bejahrten Kundschaften Frau -Fortunas wissen davon sehr viel übles zu berichten. Damals war noch der -„langnasige Hausmeister“. War das ein Lumpenkerl! Der drehte und drehte -das Glücksrad wie er es brauchte. Wenn er achtmal drehte, dann kamen die -kleinen Nummern heraus, wenn er siebenmal drehte, die großen. - -Und erst die Waisenknaben! Das waren ausgesuchte Lausbuben. Die hatten -die Nummern schon im Gefühl und wer sie am besten bezahlte, dem taten -sie den Gefallen und zogen sein Terno. - -Ja, und die Soldaten! Das war auch ein Schwindel. Früher bildeten -nämlich Soldaten das Spalier an der Barriere. Wenn nun die Herren vom -Lottoamt wollten, dann bestellten sie sich die Jäger, die kleinen -Soldaten. Natürlich wurden dann immer die kleinen Nummern gezogen. Aber -wenn man die Ziehung großer Nummern beabsichtigte, dann bestellte man -die größten Soldaten vom Infanterieregiment Teuchert-Kauffmann, daß -diese das Herz der mannstollen Frau Fortuna beeinflussen mögen. War es -da nicht berechtigt, daß man die 88er-Infanteristen mit unverhohlenem -Unwillen empfing, wenn man gerade die kleinen Nummern gesetzt hatte? - -Heute ist’s anders. Es kommen keine Soldaten mehr, sondern Wachleute, -der langnasige Hausmeister ist einem Amtsdiener mit einer indifferenten -Nase gewichen und das Podium ist so niedrig, daß man den Beamten gehörig -auf die Finger schauen kann. An dem Tische auf dem Podium sitzen drei -Beamte. Einer in Uniform, zwei in Zivil. Der eine sitzt in der Mitte des -Tisches, sein Gesicht ist dem Publikum zugewendet. Die beiden anderen -sitzen zu seinen Seiten und zeigen dem Publikum nur ihr Profil. Einer -von ihnen hat eine Kassette vor sich, in der die Nummern 1 bis 90 fein -säuberlich geordnet liegen. Er entnimmt die erste Nummer und reicht sie -einem vierten Beamten, dem Assistenten, der — mit dem Rücken zum -Publikum gekehrt — bei dem Tische steht. Der Assistent steckt den -Zettel zunächst dem uniformierten Beisitzer zu, der diesen mit -ostentativ scharfen Blick betrachtet. Dann reicht der Assistent den -Zettel dem in der Mitte des Tisches sitzenden Finanzrat und verkündet -dabei laut: - -„Jedna — Eins.“ - -Der Finanzrat kontrolliert neuerlich, ob sich der Inhalt des -Papierstreifens mit der ausgerufenen Nummer deckt, und legt dann den -Zettel in eine hagebuttenähnliche Holzkapsel. Diese Hülse schraubt er -mit feierlicher Langsamkeit zu und wirft sie dann in das zu seiner -Rechten stehende Glücksrad, dessen Seitenwände aus Glas sind und so den -kritischen und mißtrauischen Beobachtern den Einblick in das Innere -gewähren. Glück und Glas. - -Mit den nächsten Nummern geht es ebenso. Die einzelnen Ziffern werden -von den Stammgästen mit allerhand Glossen und Reminiszenzen begleitet. -Jeder der Beteiligten konstatiert mit Befriedigung, daß auch seine -Nummer der Glastrommel einverleibt wurde: Der erste Schritt zum Terno -ist getan. Manche stoßen, wenn die Ziffer ihres Extratos in das -Glücksrad geworfen wird, inbrünstige Wünsche aus. Die Nennung der Zahlen -79 und 88, die durch die Verhaftung des Markthelfers Jaro Krejsa -besondere Aktualität gewonnen haben und im Vordergrunde des Interesses -stehen, wird allseitig mit beifälligem Gemurmel begrüßt. Der -Zettelvorrat in der Kassette des Beamten nimmt zusehends ab, was sich -von der Aufregung im Zuschauerraum nicht behaupten läßt. Im Gegenteil. -Sie steigt mit der Höhe der verkündeten Ziffern. - -„Hned bude neunzig,“ prophezeit Frau Lenovsky. - -Sie hat recht. Bald ruft der Assistent die „Neunzig“ aus und das -Glücksrad wird verschlossen. Der Amtsdiener schnallt einen Riemen um den -Messingmantel des Glücksrades. Einer der beiden Waisenknaben, die -bislang unbeachtet in einer Ecke des Podiums saßen, steigt auf den -Stuhl, der zwischen dem Rat und dem Rad steht. Auf einen Wink des -Finanzrates beginnt der Diener die Kurbel der Glastrommel zu drehen. -Einigemale nach rechts, einigemale nach links. Die hölzernen Hagebutten -springen klappernd in ihrem gläsernen Palaste hoch empor und hopsen -lustig durcheinander, als ob sie nicht wüßten, daß sich an sie ein -verzehrendes Hoffen und Sehnen der Leute da unten knüpfe. Und wieder ein -Wink des Finanzrates. Es klingelt, und das Rad steht still. Ein -Fensterchen in der Messingwand des Glücksrades wird geöffnet. Der -Waisenknabe streckt seinen rechten Arm in die Höhe. Der rechte Ärmel -seines grauen Zwilchmantels, den er soeben anstelle seines Rockes -angezogen hat, ist bei der Schulter abgeschnitten, das Hemd -hinaufgeschlagen, so daß der Arm nackt ist. Der Bub streckt die Finger -der Hand von sich, damit man sehe, daß er auch hier nichts verborgen -habe. Er macht das ganz putzig und lächelt dazu. - -„Ein entzückender Junge,“ registriert Frau Lenovsky, „und was er für -zarte Fingerchen hat. Der zieht sicher etwas gutes.“ - -Inzwischen hat der also Belobte seinen Arm in Fortunas Rad versenkt, -eines der hölzernen Futterale herausgezogen und es einem Mitgliede des -Beamtenquartetts gereicht, der die Hülse auseinanderschraubt, den -Papierstreifen herausnimmt, entfaltet, betrachtet und dann seinen -Kollegen reicht. Einer von diesen schreibt die gezogene Nummer ins -Protokoll und der Assistent ruft in tschechischer und deutscher Sprache -in die atemlose Stille hinein: - -„Erster Ausruf: Vier.“ - -Im Nu weicht die Ruhe einem Gemurmel des Entsetzens. Von den verehrten -Festgästen hat gerade auf „vier“ niemand gesetzt, wie sich aus den -Mienen der Enttäuschung und den Ausrufen der Bestürzung erkennen läßt. -Ein Marktweib findet die Lösung des Rätsels, wieso gerade der Vierer -gezogen wurde: - -„Weil sie den Jaro Krejsa in den Vierer gebracht haben!“ - -Der „Vierer“ wird im Volksmunde das Departement IV der Polizeidirektion, -das Sicherheitsbureau, genannt. Wie Schuppen fällt es von der Leute -Augen. Daß man daran gar nicht gedacht habe! Jaros Verhaftung hatte -weder 79, noch 88 zu bedeuten, sondern 4. Natürlich! - -„Vielleicht wird noch außerdem die Neunundsiebzig gezogen.“ An diese -Hoffnung versucht sich eine Dame der Halle zu klammern. Aber die alten -Stammgäste der „Tante Lotty“ belehren sie eines besseren. - -„Wenn einmal eine kleine Nummer gezogen worden ist, dann kommen lauter -kleine Nummern.“ - -Der Assistent hat unmittelbar nach seinem Ausrufe den gezogenen Zettel -in die Menge geworfen. Ein junger Lebemann von der Podskaler Wasserkante -hat ihn erhascht und diesen Talisman eingesteckt. Das nächstemal wird er -auf „vier“ setzen. - -Die Prozedur wiederholt sich. Beim zweiten Ausruf wird die Ziffer „81“ -gezogen, was nicht ganz dem prophetischen Ausspruche entspricht, daß -heute nur kleine Nummern gezogen würden. Aber auf dieses Nichteintreffen -der Prophezeihung ist die Erregung der Gemüter nicht zurückzuführen, die -sich nach jedem Ausruf des Assistenten in den Ausrufen des Publikums -Luft macht. Die verlesenen Zettel werden abwechselnd in den -rechtsstehenden und in den linksstehenden Teil des Publikums und in -dessen Mitte geworfen. Die Papierstreifen sind das einzige, was Frau -Fortuna ihren Bewerbern aus dem Füllhorn beschert ... Der Verkündung der -letzten Nummer ist ein besonderer Sturm der Entrüstung gefolgt. Keiner -der Harrenden hat gewonnen. Was nützt es, wenn von den drei Nummern, -welche jene Frau gesetzt hat, eine gezogen wurde? Erst zwei gezogene -Nummern des Ternos, erst zwei gezogene Nummern des Ambosolos bedeuten -einen Gewinn. Was nützt es, wenn jenem Burschen die Ziffern eines -Extratos in verkehrter Reihenfolge herausgekommen sind? Mit Unwillen -werden die Marginalzettel, diese Dokumente trügerischer Träume und -falscher Deutungen, in kleine Stücke zerrissen. - -„Seht Ihr den Galgenvogel,“ kreischt Frau Lenovsky den Waisenknaben an, -den sie vorher nicht genug zu loben wußte, und der sich jetzt mit -knabenhaftem Lächeln wieder seinen Rock statt des ärmellosen Amtskittels -anzieht. „Seht Ihr den Lumpenkerl, den Wechselbalg. Seht Ihr die -Diebsfinger? Zum Stehlen, da taugt er. Aber zu etwas Anständigem? Gott -weiß, wer sein Vater war!“ - -Das Unglücksrad wird versiegelt. Der Saal leert sich. Die Kollektanten -eilen in ihre Geschäfte, um dort die fünf roten Ziffern auszuhängen, -welche heute ausgelost worden sind. Noch früher aber als die -Kollektanten sind in deren Geschäften die Leute, die jetzt ihr Glück den -blauen Ziffern von Brünn anvertrauen. Die Hyperklugen aber eilen in -besondere Kollekturen, in jene in der Wassergasse, in der Myslikgasse, -auf dem Petersplatz und in der Schalengasse, wo man nicht bloß auf die -blauen und roten Gewinnziffern, sondern auch auf die goldenen der Wiener -Ziehung, auf die schwarzen von Linz und Triest und auf die grünen von -Graz setzen kann. - -Sie werden auch dort den großen Reichtum nicht erringen, trotz aller -ihrer geometrisch-astrologisch-okkultistisch-kabbalistisch- -kryptographisch-arithmetischen Kombinationen. Grau, teurer Freund, ist -alle Theorie. Und graue Gewinnziffern gibt es nicht. - - - - - Die Irren - - -Sie gehen umher und laufen, sie drängen sich auf den Gängen, sie stehen -in Gruppen beisammen oder schauen aus den Fenstern in den beschneiten -Garten hinunter, den fünf Gassen der Oberen Neustadt begrenzen. Der eine -raucht eine Zigarette, ein anderer hält seine Pfeife, ein dritter die -Zigarre im Mund. Der eine trägt die graue Anstaltskleidung, der zweite -einen schwarzen Gehrock, der dritte einen tadellosen grauen -Straßenanzug. Hier springt mit wirrem Lallen, gesenktem Kopf, roten -Augen und schlenkernden Armen ein Patient vorüber, dort im offenen -Zimmer spielen zwei ruhige Männer eine Partie Schach — brillante -Spieler, sagt der Arzt. - -Ein Herr reicht dem Arzt den Aufnahmsbogen eines neuen Patienten. Das -Nationale und die Anamnese sind aus dem tschechischen Rapport eines -Polizeiarztes ins Deutsche übertragen und fein säuberlich mit -Schreibmaschine geschrieben. Der Arzt vergleicht den Akt mit dem -Polizeirapport, der Überreicher steht wartend. „Auch ein Kranker,“ sagt -der Arzt französisch zu mir. - -Ich sehe mir den Mann an. Er ist behäbig, sehr sorgfältig gekleidet, und -hat einen wohlgepflegten grauen Schnurrbart. Er geht weg, und der Arzt -sagt zu mir: „Der Mann hat vor einigen Jahren einen Prager -Stadtverordneten aus Rache auf der Straße erschossen. Das Verfahren -wurde eingestellt, da sich herausstellte, daß der Mörder -unzurechnungsfähig war. Jetzt versieht er bei uns Kanzlistendienste. Die -Übersetzung des tschechischen Polizeirapports und die Übertragung auf -der Schreibmaschine hat er selbst besorgt.“ Ich erinnere mich genau an -den Mord, der in Prag beispielloses Aufsehen hervorgerufen hat. Der -Mann, der geglaubt hatte, von dem Stadtverordneten verfolgt zu sein, -hatte zuerst in den Zeitungen gegen ihn geschrieben, und schließlich war -sein Haß so furchtbar ins Krankhafte gewachsen, daß er dem Feinde -auflauerte und ihn erschoß. Und jetzt sieht der Mann so ruhig, äußerlich -und innerlich so ausgeglichen aus. - -Ein zweiter Patient: Doctor juris. Auch sein Name ist mir geläufig. Er -hat vor einigen Jahren an dem studentischen Leben Prags regen Anteil -genommen. Er spricht mit meinem Begleiter. - -„Nun, Herr Doktor, sind Sie schon zu meiner Überzeugung gelangt, daß -Ihre Diagnose falsch ist?“ - -Es entspinnt sich ein Gespräch, in dessen Verlauf sich der Jurist als -Fachmann auf psychiatrischem Gebiet entpuppt. Er ist hierher gebracht -worden, weil er in Intervallen von etwa zwei Jahren gefährliche Anfälle -bekommt; er ist überzeugt, daß er mit Unrecht in der Irrenanstalt -zurückgehalten wird: - -„Ich tröste mich aber. Auch Christus würde heutzutage nicht mehr -gekreuzigt werden; seine Widersacher würden ihn ins Irrenhaus sperren.“ - -Ein dritter Patient: hochelegant, brauner Straßenanzug von englischem -Schnitt, linierter Scheitel. Über dem rechten Auge trägt er eine -schwarze Binde. Er hat in Teplitz eine Kellnerin erschossen und sich -selbst durch einen Revolverschuß ins Auge verletzt. Sein Vater ist -Rektor in einer Stadt in Deutschland; er will von dem entarteten Sohn -nichts wissen. Der junge Mann ist der Freund des internierten Doktors. -Die beiden Geisteskranken sind Meister im Schachspiel, diesem Spiel, das -die größte Anspannung geistiger Kräfte verlangt. - -Von einem anderen Patienten, einem Dégénéré supérieur, der früher -Photograph war, und mit Josef Kainz in regem Verkehr stand, liegt mir -eine Reihe herrlicher Gedichte vor, die er einem der klinischen Ärzte -eingehändigt hat und die seine Stimmung in der Irrenanstalt schildern. -Aus einem Sonettenzyklus „Die Irren“ sei folgendes Gedicht hier -veröffentlicht: - - „Dann sterben sie in weißgetünchten Zellen - Noch einmal, da sie lange schon gestorben, - So wie die grüne Frucht, die früh verdorben - Sich noch vom Baume löst, um zu zerschellen. - - Vielleicht ist ihnen mancher Wunsch geworden, - Eh’ sie die fahlen Augen endlich schließen: - Ein süßes, schwelgerisches Traumgenießen - Und Kampfgetön, wie ferner Wind von Norden. - - Sie schwinden dann, wie Glocken, die zerschlagen, - Weil die metallne Mischung einst mißlungen, - Da ihre Hüter in der Schenke lagen. - - In Harmonien und in Dämmerungen - Von neuem Blühen und von neuen Tagen - Ruht still ihr Staub, zu bess’rem Sein gezwungen.“ - -Der Dichter, der dieses singt, ist schwer krank. Er hat seine Mutter -töten wollen, weil er ihre Not nicht mehr mit ansehen konnte. Man denkt -wieder an Lombroso: Genio e follia. - -Er ist nicht das einzige künstlerische Genie in der Irrenanstalt. Drüben -in der Frauenabteilung sitzt ein hübsches, braunes Mädel beim Fenster, -und zeichnet mit Bleistift das deutsche naturwissenschaftliche Institut. -Ich beginne mit ihr ein Gespräch. Aber die Kleine ist schnippisch; es -ist eine äußerliche Keckheit, die innere Zagheit und Schwäche verbergen -will. Das Mädchen will mir seine Zeichnung nicht zeigen. - -„Sie verstehen ja doch nichts davon,“ lacht es. - -Erst als der Doktor um das Bild ersucht, zeigt die Kranke es her. Es ist -mit natürlichem Geschick gemalt, viel Strichtechnik ist darin zu sehen, -und der gute Blick der Zeichnerin ist unverkennbar. Das Mädchen befaßt -sich viel mit Kunstgeschichte: früher war Manes, jetzt ist Aleš ihr -Lieblingsmaler. Die junge Malerin ist früher Köchin gewesen; der Tadel -über eine mißlungene Speise versetzte sie in Paroxysmus, sie entlief -ihrer Herrschaft, wollte sich ins Wasser stürzen, flüchtete dann in die -Wälder der Umgebung Prags und lief dort einige Tage umher, ohne zu essen -oder zu trinken. Entkräftet lag sie im Wald, als man sie fand. Jetzt -sieht sie gut aus, und malt. — Wir treten wieder auf den Gang hinaus. - -„Herr X.,“ ruft der Arzt einen Mann an. - -Der kommt herbei. „Wie geht’s?,“ fragt ihn der Doktor. - -„Danke, jetzt hab’ ich ja wieder ein neues Ministerium zusammengestellt. -Sie setzen jetzt in den Zeitungen einen römischen Dreier zu meinem -Namen. Na, wir werden ja sehen, wie’s gehen wird.“ - -Der Mann, der herbeigekommen war, als der Arzt seinen wirklichen Namen -rief, glaubt Bienerth zu sein. Die Politik ist dem Armen zu Kopf -gestiegen. - -Wir treten in ein Krankenzimmer. Ein alter Patient kommt auf uns zu, und -bittet ehrerbietig, ein Theaterstück aufsagen zu dürfen. Und nun spricht -er den Puppenspieler-Faust, die Stimme variierend, wenn neue Personen -auftreten. Er erzählt von den Taten des Doktor Faust, von seiner -Geistesbeschwörung und der Verschreibung seiner Seele an den Teufel, und -von den Wunderdingen, die er am Hofe des Kaisers vollbracht habe. Er -erzählt — bis wir ihm Einhalt gebieten. Ob er noch etwas tanzen dürfe, -fragt er bescheiden. So tanzt er denn, und hopst im Zimmer herum. Die -anderen Patienten betrachten seine Sprünge kaum, so wie sie früher nicht -auf seine Rezitation geachtet haben. Sie kennen diese letzten Reste der -Kunst, die der Alte — ein ehemaliger Marionettenspieler und -Schaubudenbesitzer — aus dem einstigen Beruf in seine Krankheitszeit -hinübergerettet hat. - -Wir müssen noch eine andere Vorstellung über uns ergehen lassen. Ein -Irrsinniger, der nicht sprechen, sondern nur unverständliche Laute zu -stammeln vermag, hängt einen Hampelmann an einen Schrank, umhüllt sich -und einen anderen stummen Irren mit einem Laken, schlägt mit einem -Löffel dreimal an ein Wasserglas, und beginnt nun vor dem Hampelmann -verzückte Tänze und Körperschwingen zu exekutieren. Er singt dabei in -eintönigem Rhythmus irgendwelche Worte. Sein Genosse, der überhaupt sein -willenloses Werkzeug ist, hat nur die Aufgabe, die Bewegungen zu -kopieren, und tut es mit einem dumpf-begeisterten Lachen. Was aber in -dem Innern des Protagonisten vorgeht, des Irren, dem die Anbetung des -Hampelmannes etwas Primäres ist — wer weiß das zu sagen. - -Noch trübere Bilder: Ein Kranker steht gebückt in seinem Bett und starrt -aus dem Fenster hinaus ins Leere. Eine Woche steht er schon so da, und -selbst wenn man ihm Speise einflößt, schaut er aus dem Fenster hinaus in -jene Richtung, in der sein Sehnsuchtsland liegt. - -Ein ganz kleiner Junge, der sehr, sehr schwer krank ist, treibt in einem -Krankenzimmer seine Possen. Er ist der Liebling seiner alten -Zimmerkollegen, und sie vollführen alle seine Wünsche. Der Kleine ist -ein Adeliger, der Enkel eines Hofrates, der früher in Österreich eine -nicht unbeträchtliche Rolle gespielt hat. Die Töchter des Hofrates sind -tief gesunken, der kleine Enkel kam zunächst ins Waisenhaus und dann -hierher. - -Dort im Bette in der Ecke verstummt plötzlich das Röcheln, das bislang -hörbar war. Der Arzt geht hin und leuchtet dem wachsbleichen Mann unter -das Augenlid. Die Irren sammeln sich rings um das Bett und stieren auf -den Alten. „Exitus,“ konstatiert der Arzt leise. - - - - - Volksküchen - - -Hiemit will ich einige grundlegende Details über Prager Volksküchen -veröffentlichen, auf daß sich der geneigte Leser, der — bei der -gegenwärtigen Nahrungsmittelteuerung kann man nicht wissen! — dort -Stammgast werden will, nicht so blamiere, wie ich bei meinem ersten -Besuche. So habe ich zum Beispiel in der Straße, in der sich die -Volksküche befindet, eine Gruppe von Verwahrlosten danach gefragt, wo -die Volksküche sei. Da musterte der eine meinen derangierten Anzug, und -weil er sich nicht vorstellen konnte, daß ich Lump zum erstenmale den -Weg in das Volksrestaurant gehe, und es mit meiner Frage ernst meine, so -lachte er: - -„Wenn du nicht weißt, wo die Volksküche ist, so kannst du ja ins Hotel -„Blauer Stern“ essen gehen. Das ist am Graben.“ Und ein wüstes Gegröhle -der anderen lohnte den Witzbold und verhöhnte mich. - -Ich fand aber den Eingang zur Volksküche doch, und drängte mich am -Schalter. Dort hatte ich Gelegenheit, mich zum zweitenmale zu blamieren. - -„Was kostet eine Suppe?“ fragte ich einen Burschen, der sich neben mir -drängte. - -„Zwei,“ antwortete der Lakonier. - -„Zwei Sechser?“, fragte ich weiter. - -„Sag gleich zwei Gulden,“ brummte der Gefragte. Dabei maß er mich mit -einem Blick, in dem sich die Verachtung über die Unbildung eines -Menschen, der nicht weiß, daß eine Suppe zwei Kreuzer koste, mit dem -Verdachte paarte, daß ich ihn uzen wolle. - -Vor solchen Blamagen will ich den geschätzten Leser bewahren, und so sei -hier ein kurzes Vademekum für Volksküchenbesucher publiziert. - -Es gibt in Prag sechs Volksküchen, die vom Volksküchenverein unterhalten -werden: Für die Alt- und Josefstadt in der Gemeindehofgasse, für die -Untere Neustadt in der Petersgasse, für den Wyschehrad in der -Wratislawgasse, für die Kleinseite auf dem Malteserplatz, und je eine -für Holleschowitz und für Lieben. Die Ausgaben in sämtlichen Küchen -betrugen im vergangenen Jahre 49.059 Kronen 34 Heller. Diesen steht als -Einnahme die Bezahlung der Speisen im Betrage von 35.518 Kronen 80 -Heller gegenüber, so daß in den Küchen ein Defizit von 13.540 Kronen 54 -Heller bestand und diese mit einem Schaden von 38 Prozent arbeiten. - -Ich selbst pflege in den letzten neunundzwanzig Tagen jeden Monates sehr -häufig die Volksküche für die Alt- und Josefstadt zu frequentieren, und -von den 122.298 Portionen Suppe à 4 Heller, von den 111.026 Portionen -Mehlspeisen à 12 Heller, die im Vorjahre in dieser Speisehalle zur -Ausgabe gelangten, habe ich meinen geziemenden Teil verzehrt. - -In einem der neuen Häuser, die auf der dem Gemeindehofe -gegenüberliegenden Rampe stehen, ist sie untergebracht, in einem -Parterrelokale — anscheinend zwei Geschäftsräume, die vereinigt wurden. -Auf den glatten Schamotteziegeln, mit denen der Fußboden belegt ist, -lagert allmittäglich dicker Kot, denn die Gäste sind von weither -gewandert, und sie reinigen ihre Stiefel vor dem Eintritt in das -Etablissement nicht. Der Türe gegenüber ist der Schalter zur -Speisenausgabe. Die Hungrigen drängen sich in langer Queue. Ihr Geld -halten die meisten abgezählt in der Hand, denn wer sich zulange am -Schalter zu schaffen macht, wird unbarmherzig zur Seite geschoben. Die -wenigsten bestellen ein ganzes Menu, denn dreißig Heller sind viel Geld. -Die meisten verlangen nur eine Suppe, das billigste in diesem -Restaurant. Vier Heller hat jeder. Manche nehmen zwei Suppenportionen, -mancher nimmt zur Suppe eine Mehlspeise. Fleisch ist wenig und teuer, -und so sind die Gäste der Volksküche größtenteils unfreiwillige -Vegetarianer. Die Küchenverwalterin Frau Schepkes nimmt die Bestellungen -und die Bezahlungen entgegen, und reicht die verlangten Speisen. Aus -einem Holzkistchen, das am Schalterbrett steht, nimmt sich jedermann -einen Zinnlöffel. Auch Messer und Gabel sind darin. Aber dessen bedürfen -die wenigsten, da sie ja kein Fleisch kaufen, und man die Mehlspeise mit -der Hand zum Munde führen kann. Tafelzeremoniell und Tischetikette gibts -hier nicht. - -Jeder trägt sich seine Speisen selbst auf seinen Platz. Im Saale stehen -dreizehn Tische, drei links, zehn rechts vom Eingang. Sie sind so -schmal, das an ihren Breitseiten kein Sessel steht — es wäre kein Raum -für die Schüsseln einer hier sitzenden Person. An der Längsseite jedes -Tisches läßt eine etwa einen Meter lange Bank für zwei Esser Platz. Aber -das genügt nicht für die Schar der Kostgänger, es müssen sich mehrere -aneinanderdrängen, und außerdem sitzen an jeder Ecke des Tisches vier -Leute halb auf der Bank und halb in der Luft. - -Gegen ¼1 Uhr mittags faßt ein Polizist im Saale Posto. Aber er hat nur -eine Ordnerfunktion, ist nur zur Hintanhaltung eventueller Exzesse da. -Nach Vagabunden und Revertenten fahndet er hier nicht — dieser -Zufluchtsort der Hungernden scheint stillschweigend als eine Art -exterritorialen Bodens betrachtet zu werden. Beim Eintritte des -Wachmannes ist ein hünenhaft gebauter Bursche, in Kleidung, Frisur und -Blick der Typus des Prager „Pepiks“, krampfhaft zusammengezuckt. Dann -schiebt er den Suppennapf, den er vor sich stehen hat, bedeutend nach -links, damit er beim Essen sein Gesicht von dem Polizisten abwenden -kann. Wohl nicht aus Abneigung gegen den Hüter des Gesetzes, sondern er -scheint eher seit seiner letzten Beichte vor dem Strafrichter eine neue -Sünde auf sich geladen zu haben. Aber bald fühlt unser Freund, daß der -schlenkernde Blick des Mannes mit der Hahnenfeder auf ihm haften bleibt. -So wendet er sich dem Wachmann zu. Aber der nickt nur lächelnd. Und -Pepik erwidert mit freundlichem Lächeln den Blick. Nach einer -Viertelstunde verläßt der Hüter des Gesetzes wieder den Saal. - -„Diesem Kerl habe ich einmal vor „Reismann“ (das bekannte Tanzlokal in -der Kastulusgasse) den Rüssel zerschlagen,“ konstatiert jetzt der -Bursche laut. Lebhafte Heiterkeit, beifällige Zurufe. - -„Und wieviel haben sie dir dafür gegeben?“ forscht ein Gründlicher. - -„Sechs Wochen. Wegen öffentlicher Gewalttätigkeit. Während es doch eine -rein private Angelegenheit zwischen mir und ihm war.“ Neuerliches -Halloh. - -Ein etwa vierzehnjähriger Bursch im blauen Arbeitshemd, der mit dem -Wortführer am selben Tisch sitzt, ist vielleicht der einzige, der dem -Gespräch nicht zugehört hat und der in das Beifallslachen nicht -einstimmt. Er hat das schwarze Heftchen einer tschechischen -Kriminalbibliothek aufgeschlagen vor sich liegen, und während er mit der -rechten Hand den Löffel mit Suppe mechanisch zum Munde führt, blättert -er mit der linken die Seiten um, deren Inhalt seine glänzenden Augen -verschlingen. Was rings um ihn vorgeht, weiß er nicht, er hat die -Erzählung des Renkontres von „Reismann“ nicht gehört. Der Junge, der -hier die ungesunde Nahrung der geistigen Volksküchen verschlingt, der -träumt wahrscheinlich davon, auch einst ein berühmter Räuber zu werden, -wie der Betyare Rosza Sandor war. Und wird doch nur ein Pepik werden, -wie sein Nachbar. - -Es sind noch jüngere Burschen da. Schulkinder, deren Eltern in der -Arbeit sind und die sich um achtzehn Heller ihr Mittagsbrot kaufen. Sie -verschlingen gierig die stark gezwiebelte Graupensuppe und den -Mohnkuchen — ihre einzige Nahrung bis zum Abend, vielleicht bis zum -nächsten Mittag. - -An Greisen fehlt es nicht im Raume. Altersschwache, müde Männer, denen -vielleicht sogar der Weg vom gegenüberliegenden Gemeindehof lang und -beschwerlich war. Daß sie von dort kommen, sieht man an ihrer Mütze, die -das Stadtwappen trägt. Straßenkehrer sind sie, sieche Angehörige Prags, -die eben nur zu einer ganz belanglosen Beschäftigung taugen: Zur -Straßenreinigung von Prag. - -Ein greiser Bettler wankt gebückt vom Schalter zu einem Tisch. Mit der -rechten Hand stützt er den Stock auf, in der heftig zitternden Linken -trägt er den Suppennapf, aus dem die heiße Flüssigkeit auf die Erde -spritzt. Die Hälfte des Inhaltes ist verschüttet, als sich der Alte -endlich niedergelassen hat. Jetzt hebt er mit seiner zuckenden Hand den -Löffel, aber auf dem Wege vom Teller zum Munde geht wieder ein -beträchtlicher Teil der Nahrung verloren. Und schmerzvoll bedauernd -starrt der Alte auf die kleinen Lachen, die das teure Naß auf dem -ungedeckten Tisch und auf dem Boden bildet. - -Das Mädchen, das von Zeit zu Zeit die leeren Teller und Bestecke von den -Tischen räumt, kommt auch zu mir und nimmt, da sie mich nicht mehr essen -sieht, meinen Suppennapf weg. Aber kaum hat sie hineingesehen, so stellt -sie mir ihn wieder hin. Wirklich, es sind noch etwa drei Löffel Suppe -darin! - -„Sie können sich den Teller nehmen,“ sage ich. „Ich esse nicht mehr.“ - -Das Mädchen wundert sich über diese Verschwendung. - - - - - Ein tadelnder Ballbericht - - -Jawohl, ein tadelnder Ballbericht. Du traust, lieber Leser, deinen Augen -nicht, da du dieses liest. Du glaubst — auf langjährige Erfahrung -gestützt — es könne keinen Ballbericht geben, in dem nicht stünde, daß -das heutige Fest alle bisherigen und künftigen weit übertroffen habe, -daß ein Flor bezaubernd schöner und junger Damen in noch nicht -dagewesenen Toiletten, von einem Heer tanzlustiger Herren umschwärmt, -das Tanzbein geschwungen bis sogar dem Morgen graute, daß die Dekoration -den alten Ballsaal — ei, wer hätte das gedacht — zur höchlichsten -Überraschung in einen wahren Salon verwandelt hatte, daß Frau Disponent -Kanarienvogel in einer duftigen rosa Crêpe-de-Chine-Toilette mit achtzig -echten Maréchal-Niel-Rosen am Decolleté und Fräulein Kiki Chocholauschek -in ihrem bordeauxgrünen Satinkleidchen mit echten Elbekosteletzer -Spitzen wirklich entzückend ausgesehen haben, und daß sich auf der -Estrade diesmal wirklich alle hervorragenden Vertreter der hohen -Beamtenschaft, der Großindustrie und des Großhandels, Advokaten, Ärzte, -Offiziere u. dgl., sowie Herr Larmitzer, Bureauchef der -Kolonialwarenhandlung „Porges, Ladovička & Co.“ in der Eisengasse und -Herr Jarosch in Vertretung der Ortsgruppe Prag des Südwestböhmischen -Briefträgervereines ein Stelldichein gegeben haben etc. etc. - -Und doch: Ich kenne einen tadelnden Ballbericht. Es ist allerdings schon -lange her, seit er in der Zeitung stand. Das Fest ist längst aus dem -Repertoire der Prager Faschingsveranstaltungen gestrichen und das -Gebäude, in dem es stattfand, kennen die heutigen Prager kaum vom -Hörensagen mehr. Man muß in den alten „Bohemia“-Bänden um fünfzig Jahre -zurückblättern, bevor man den seltsamen Rapport findet. Am 26. Jänner -1861 steht zu lesen: - - „Die Maskenbälle im Neustädter Theater wurden heuer nicht mit - demselben Erfolge eröffnet, wie im vorigen Jahre. Der Besuch war - bedeutend schwächer, die Logen blieben fast ganz leer und die - Galerien waren nur spärlich besetzt. Etwas Hervorragendes machte - sich unter den Masken nicht bemerklich. Da sah man außer den - unvermeidlichen Dominos die alljährlich wiederkehrenden altdeutschen - Krieger, Griechinnen, Türken, Bäuerinnen, Pierrots, Polinnen, - Harlekins, Matrosen etc. Das täte jedoch der Redoute keinen Eintrag. - Wenn nur die Masken gesprächiger gewesen wären. In dieser Beziehung - zeigten sie jedoch mit einzelnen Ausnahmen eine sehr scheue - Zurückhaltung.“ - -Am Abend des Tages, an dem ich dieses alte Referat entdeckt hatte, war -ich auf einem Maskenball. Nein, war das lustig! Auf was für Ideen doch -die jungen Leute kommen, man würde es gar nicht für möglich halten! Man -sah Dominos, Bäuerinnen und Pierretten, und einige besonders -Erfindungsreiche hatten sich als Jockeys und Zigeunerinnen verkleidet. -Und weil doch Schweigen Gold ist, so waren die Masken wahrhaft goldige -Leute, und wenn eine doch den Mund zu einer scherzhaften Bemerkung -auftat, so hätte man wünschen mögen, daß sie es nicht getan hätten: Sie -waren nämlich so raffiniert, sich nicht durch geistreiche und witzige -Bemerkungen zu verraten, sondern benützten die Maskenfreiheit kluger -Weise dazu, die Angesprochenen durch die ärgsten Gemeinplätze und -dümmsten Dummheiten famos zu verspotten. - -Oben im Saale, ganz nahe an der Musikkapelle, während die absolvierten -Petschauer und Preßnitzer Musikschüler mit Todesverachtung die -Tschinellen aneinander schlugen und in die Flöten bliesen, schrieb ich -den Ballbericht. Ich ließ mich durch den Ton des Referates von 1861 -nicht beeinflussen und lobte das Fest über den grünen Klee. „Es war ein -wahrhaft herrliches Repräsentationsfest des Prinzen Karneval ...“ - -Als ich meinen Artikel in die Redaktion geschickt hatte, trat ich wieder -in den Saal hinab, um dort zu gähnen. Das veranlaßte eine vorübergehende -Maske in spanischem Kostüm zu der Äußerung: „Na Kleiner, du langweilst -dich wohl?“ Diese geistsprühende Anrede, die Geistesgegenwart und die -scharfe Logik, die sich darin kundtat, daß sie aus meinem Gähnen darauf -geschlossen hatte, daß ich mich langweile, imponierten mir. Ich schmiß -mich der Spanierin an, wir kamen bald ins Gespräch, ich erzählte ihr von -dem tadelnden Ballberichte und war begeistert über die Summe richtiger -Folgerungen, die sie daran schloß: - -„Was würde der gestrenge Ballkritiker von damals heute alles zu tadeln -haben,“ meinte sie. „Damals gab es gewiß noch nicht in den Bällen die -Unsitte, während eines Walzers eine tanzende Dame zur Fortsetzung des -Tanzes aufzufordern, sie dem Anderen förmlich aus der Hand zu reißen, -bevor noch dieser zu tanzen oder zu sprechen begonnen hat. Andererseits -konnte damals gewiß keine Dame am Arme eines Herrn den ganzen Abend -kleben bleiben oder gar als Mauerblümchen mit schmerzerfülltem Herzen -und von höhnischen Blicken gemustert, vor der Mama den ganzen Ballabend -stehen bleiben, für den sie so viel Geld an die Schneiderin, für Wagen -und Ballentree bezahlt hat. Damals forderte man eine Dame zum Tanze auf -und durfte mit ihr einen ganzen Walzer, aber nur einen Walzer tanzen. -Dann stellte man sie wieder zur Gardedame.“ - -Ich nickte Bestätigung. Die Spanierin aber fuhr fort: „Und die Herren! -Ist es nicht ein Skandal, daß sie kein Entree bezahlen, die Kosten des -Festes von den Damen bestreiten lassen und womöglich noch, wenn sie im -Komitee sind, den unverdienten Reingewinn dazu verwenden, Kavaliere zu -spielen? Dabei tanzen sie aber gar nicht. Blasiert und mit verschränkten -Armen stehen sie in der Herreninsel und machen hämische Bemerkungen über -den Ruf der armen, wehrlosen Mädchen. Nur wenn sie die bevorstehende -Veranstaltung eines Hausballes mit „famosem Fraß“ wittern — da sind sie -mit Feuereifer beim Tanz. Hab ich nicht recht?“ - -Ich erklärte, daß sie sogar sehr recht habe. Darauf begann sie über den -Vortanz zu schimpfen. „Vortanz — so ein Blödsinn. Die paar Mädel, deren -Väter Geld haben oder so tun, als wenn sie welches besäßen, und die -jungen Topfgucker in ihren Fracks schreiten da mit komischer Grandezza -die Stiegen hinab und tanzen dann mit möglichst verschrobener Figur den -Straußschen Walzer „An der schönen blauen Donau“. Die anderen Herren -aber, die Sterblichen, die werden inzwischen wie ein Stück Weideviehs -mit einem Stricke umbunden und dürfen aus dieser Umpferchung nicht -hinaus. Die Mädchen aber, die nicht des Vortanzes wert befunden wurden, -die dürfen bewundernd dem Göttertanze zuschauen.“ - -Ich bemerkte, daß das in der Tat lächerlich sei. Meine Dame aber fuhr -fort: „Noch ärger ist es mit den Damentoiletten.“ - -Ich erwiderte, daß ich diese nicht besichtigt habe. „Nein, nein,“ rief -sie entsetzt aus, „ich meine ja die Damenkleider. Früher ist ein Mädchen -in einem einfachen Kattunkleidchen zum Tanze gegangen und hat sich -fürstlich unterhalten. Jetzt aber muß sie ein Kleid um mindestens -hundertsechzig Kronen haben, damit die anderen Damen nicht die Nase -rümpfen. Denn den Herren ist doch das Kleid ganz egal, wenn nur die Dame -hübsch ist.“ - -Wir hatten inzwischen in einem lauschigen Winkel des Saales Platz -genommen und der eisige „Moët-Chandon“ erwärmte unsere Herzen. Ich -rückte näher an die Spanierin heran und begann zärtlich mit ihrer Hand -zu spielen. Sie aber fuhr in ihrem tadelnden Ballberichte fort: „Dazu -noch die Tänze von heutzutage. Immer nur Walzer, wieder Walzer und -wieder Walzer. Und wenn die Musik ausnahmsweise irgend ein -Promenadenstück spielt, so tanzt man — Walzer. Vor fünfzig Jahren, da -hat es wohl noch Quadrillen und Mazurka gegeben, aber heute — wer kann -heute bei diesen wilden Tänzen noch Grandezza und Liebreiz zeigen?“ - -„Du, meine schöne Maske! Du mußt mir deinen Liebreiz zeigen, du mußt -dich demaskieren,“ mit diesen ungestümen Worten machte ich meiner -verhaltenen Leidenschaft und Begeisterung Luft. So fein beobachtend, so -klug war sie, meine kleine Partnerin, so seltsam stach sie von den -übrigen jungen Mädchen ab, die im Glanze der Ballsaallichter, im Banne -des Ballfiebers, am Arme des Tänzers und im Zauber der Musik an alle die -kleinen Unzukömmlichkeiten, an den freien Eintritt der Herren, an den -Vortanz und das abwechslungsarme Repertoire von Tänzen gar nicht denken, -gar nicht denken wollen. Aber die spanische Tänzerin an meiner Seite, -die konnte ihr Beobachtungstalent, ihre kritische Begabung, ihren Sinn -für Vergleiche, ihr Taktgefühl auch im Maskentohuwabohu nicht verleugnen -— ein ideales, ein einziges Weib. - -„Du mußt dich endlich demaskieren,“ flehte ich dringender, da sie sich -noch immer weigerte dies zu tun, „du mußt, du mußt.“ - -Da tat sie mir denn schließlich den Willen: Sie nahm die Maske ab und -ich konnte konstatieren, daß diese Spanierin wahrscheinlich an dem Feste -von 1861 teilgenommen hatte. - - - - - Von Feilbietungen, Auktionshallen und vom Chabrus - - -Es wäre vielleicht eine belehrende Illustration zu manchen Vorträgen an -der Juristenfakultät und an der Handelsakademie, wenn die Hörer -veranlaßt werden würden, Exkursionen in die dunkelsten Gebiete des -volkswirtschaftlichen Lebens zu unternehmen, die Tätigkeit jener -Gewerbsleute und Händler zu betrachten, die weder konzessioniert noch -protokolliert sind, die auch zum großen Teile keine Steuern bezahlen. -Man könnte da manche Lücken in den Gesetzen entdecken, manchen -Geschäftskniff bestaunen, man könnte da vielleicht konstatieren, daß -manche Finanzoperationen, über deren nationalökonomischen Wert und über -deren Zulässigkeit an den Börsen und Hochschulen Amerikas gestritten -wird, hier im kleinen, ganz kleinen Maßstabe als selbstverständlich -praktiziert werden. Und wer weiß, ob die Trusts und die Kartelle der -armen Prager Trödler und Hausierer nicht besser organisiert sind als -jene der amerikanischen Multimillionäre? - -Man kann die Gegenseitigkeitsgeschäfte dieser kleinen Leute, die sich in -einem beispiellos erbitterten Kampfe um den kleinsten Gewinst aufreiben -und die trotz ihrer Geschäftsschlauheit und ihrer raffinierten -Organisation im allgemeinen auf keinen grünen Zweig kommen, leicht -beobachten. Man kann unter irgend einem Vorwande in die -Partiewarengeschäfte und Trödlerläden, in die Handelcafés in der -Zeltnergasse und auf dem Ziegenplatz kommen, man kann aber auch den -öffentlichen Feilbietungen in der gerichtlichen Auktionshalle im -Landesgerichtsgebäude, den Pfänderversteigerungen im „K. k. Pfand- und -Leihamt“ in der Leihamtsgasse und in den zahlreichen privaten -Pfandleihanstalten beiwohnen und dort diese Börsenspekulanten in -Partiewaren in sinnfälliger Massenwirkung bei der Arbeit sehen. - - * * * * * - -Ein Kaffeehaus, hart an der Grenze der Alt- und Josefstadt. Die -Operationsbasis für die Geschäfte der Tandler und der „Šalváří“, -der Spezialisten in echten und falschen Juwelen. Es ist früh. Ein Gast -kommt herein: - -„Adalbert, bring’ mir ein Schmalzbrot,“ ruft er dem Kellner zu. - -„Schmalz ist nicht, aber harte Grieben kannst du haben,“ sagt der -Kellner. Die Brücke, die vom Gast zum Kellner führt, führt auch vom -Kellner zum Gast: Sie duzen einander. - -„Also bring’ mir die Grieben, und das „Amtsblatt“ möchte ich haben.“ - -„Da liegt es doch,“ ruft der Kellner unwillig, und deutet auf die -Zeitung, die wirklich auf dem Sessel neben dem Neuangekommenen liegt. - -Der aber ist neugierig, zu erfahren, wer schon früher das Amtsblatt -studiert hat. Und der Kellner erwidert, daß Karl Neuhof gerade -weggegangen ist. - -„Und wohin?“ forscht der Gast mit einer durch die Konkurrenz begründeten -Neugier weiter. - -„Nach Žižkow zu irgend einer Feilbietung,“ verrät der Garçon. - -Da wendet sich der Gast mit Grausen. Er spuckt aus: „Die -Werkstätteneinrichtung von Nechvátal! Schöne Sachen, was da zu kriegen -sind! Dort wird Neuhof kein Rothschild werden.“ - -Inzwischen hat sich Adalbert entfernt, und der Gast nimmt das „Amtsblatt -zur Prager Zeitung“ zur Hand, dieses zweisprachig gedruckte Blatt, in -dem der Amtsschimmel alltäglich die hohe Schule reitet. Aber unser -Freund interessiert sich weder für den Humor der Tatsache, daß der seit -„hundertsechzig Jahren abgängige Mathias Struck“ aufgefordert wird, sich -binnen sechs Wochen zu melden, widrigenfalls er todeserklärt wird, er -interessiert sich nicht für den Aufruf an die Erben „des mit -Hinterlassung eines Vermögens von 23⅓ Hellern ohne Hinterlassung -einer letztwilligen Anordnung verstorbenen konzessionierten -Drehorgelspielers Josef Horčička“, er beachtet auch die Rubriken -„Erledigungen“, „Konkursausschreibungen“, „Kundmachungen“, -„Proklamierung alter Satzposten“, „Anlegung neuer Grundbücher“, -„Amortisationen“, „Kuratelsverhängungen“ und „Erkenntnisse“ nicht, sein -Blick bleibt an der Rubrik „Feilbietungen“ haften, in der am Schluß nach -den langatmigen Ankündigungen der freihändigen Verkäufe von Realitäten, -Liegenschaften, Häusern, Mühlen und Fabriken, die Nachricht über -„Feilbietungsedikte“ stehen. Die liest er eifrig und schreibt in sein -Notizbuch mit den schwarzen Wichsleinwanddeckeln von Zeit zu Zeit etwas -ein. Nicht alles. Die Feilbietungen, die in der öffentlichen -Auktionshalle im Landesgericht abgehalten werden, braucht er nicht zu -vermerken, dort ist er ohnedies an jedem Freitag. Ebenso weiß er genau, -daß fast immer am Freitag nach dem Zehnten jedes Monates die -Versteigerung der verfallenden Pfänder des staatlichen Leihhauses -stattfindet. Was ihn aber interessiert, ist das Datum der Auktionen in -den acht privaten Pfandleihanstalten und Datum, Hausnummer und -Warengattung der Geschäfte und Wohnungen, in denen exekutive -Feilbietungen vorgenommen werden. - -Während in dem Notizbuche Ziffern und Adressen verzeichnet werden, kommt -ein neuer Gast in das Café und setzt sich mit stummen Gruß zum ersten. -Der Angekommene zieht einen Karton mit Goldinuhren aus der Tasche — -Fabriksware, die wegen kleiner oder wegen großer Fehler nicht mit der -Firmamarke versehen und nur an Ramscher abgegeben wird. Der neue Gast -will die Uhren hier nicht verkaufen, er weist sie seinem Kollegen nur -zur Begutachtung vor. - -„Sechs Kronen per Stück,“ schätzt der. - -„Fünf,“ lächelt der andere, zufrieden darüber, daß sein Branchegenosse -die Uhren überschätzt hat, und ermutigt, zieht er nach und nach sein -ganzes Warenlager hervor: Ein Paar Brillantohrgehänge aus der -Westentasche, einen Similiring vom Finger, eine Damenuhr mit Rauten aus -der Hosentasche. - -Inzwischen ist es neun Uhr geworden. Die beiden brechen auf. - -„Wohin gehst du?“, fragt der zuerst Angekommene den andern. - -„Ich geh’ ins Geschäft. Und du?“ - -„Ich geh’ zum General.“ - -So trennen sie sich. Der eine also geht „ins Geschäft“, was aber -durchaus nicht soviel bedeutet wie „ins Geschäftslokal“. Ein solches hat -er nicht. Er geht nur zu seinen Kundschaften, zu Tandlern, -Privatpersonen und Gästen der kleinen Kaffeehäuser, denen er seine -Schmucksachen aufschwatzt. - -Der andere geht „zum General“, d. h. in das Landesgerichtsgebäude an der -Ecke des Obstmarktes und der Zeltnergasse, das so heißt, weil es früher -das Generalkommando von Prag war und als solches traurige Berühmtheit -erlangte, als am 12. Juni 1848 ein Schuß durch das Fenster die Gemahlin -des Feldmarschalls Alfred Fürsten Windischgraetz, Fürstin Maria Eleonore -Windischgraetz-Schwarzenberg (die Großmutter des jetzigen -Herrenhauspräsidenten Fürsten Alfred Windischgraetz), tötete. In den -ebenerdigen Räumen des alten Generalkommandogebäudes, die ehedem als -Wachzimmer und Stallungen verwendet wurden, ist heute außer dem -Depositenamt, seit dem Jahre 1900 auch die gerichtliche Auktionshalle -untergebracht. Die ist das Ziel des Kaffeehausbesuchers, der „zum -General“ geht. - -Die Fachleute in Partiewaren und Gelegenheitskäufen behaupten, daß hier -nichts besonderes zu holen sei. Sie begründen es mit der Tatsache, daß -sich die in Geldnot befindlichen Leute absichtlich die für sie wertlosen -oder unbrauchbaren Mobilien pfänden lassen, um sie in der Auktionshalle -zu besseren Preisen loszuwerden. Wird bei der Lizitation nicht der Preis -geboten, den der Eigentümer den gepfändeten Sachen beimißt, so hat er — -vorausgesetzt, daß er pfiffig ist — noch immer Mittelchen genug, den -Preis in die Höhe zu lizitieren oder die Sachen selbst zu erstehen. - -Um dieser und anderer Mittelchen willen, und weil dort hie und da doch -etwas Preiswertes zur Versteigerung gelangen könnte, sind doch -zahlreiche Fachmänner da. Vor allem die Mitglieder des „Chabrus“. Diese -Körperschaft wird man vergeblich in den Registern der Vereinspolizei -suchen und auch im Staatswörterbuche findet man diesen Namen nicht. Das -Wort „Chabrus“ ist eine Verstümmelung des hebräischen Ausdruckes -„Chawroßo“, d. i. Freundschaft. Und ursprünglich ist auch der „Chabrus“ -eine geheime jüdische Einkaufsgenossenschaft und gleichzeitig eine Art -Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit gewesen, dem die Althändler und -Trödler des Ghettos angehörten. Als sich aber die Tore des Ghettos -öffneten, da wurde die Idee des Chabrus eine interkonfessionelle, und -mit der politischen Geschichte dieses Landes ist der Chabrus verknüpft, -den — — die ältesten Adelsgeschlechter Böhmens im Jahre 1872 gegründet -hatten. Das war nach dem Sturze des Ministeriums Hohenwart. Der Landtag -war aufgelöst worden, und zwischen den beiden Gruppen des -Großgrundbesitzes, die damals noch kein Wahlkompromiß hatten, entspann -sich ein heftiger Wahlkampf, der zugleich ein Kampf um die Majorität im -Landtag war. Da wurden denn Banken gegründet, um zur Wahl berechtigende -landtäfliche Güter zu kaufen, da traten die Besitzer zweier oder mehr -solcher Güter eines an dritte Personen ab, da gab es Güterkäufe und -Güterteilungen in Masse, beide Gruppen überboten einander, bis -schließlich die Verfassungstreuen den Sieg über die Konservativen -davontrugen. Aber manche Gesetzesbestimmung über die Wahlen in den -österreichischen Landtag wurde nach den Lehren geändert, die man aus dem -„Chabrus“ der Ära Auersperg gezogen hatte. - -So nobel ist der Chabrus der Prager Kleinhändler freilich nicht. Er war -wohl ursprünglich eine Schutzorganisation für die eigenen Mitglieder, -die falliert hatten und deren Lager versteigert wurde. Ein anderer der -Genossenschaft erstand einfach die lizitierten Waren zum Mindestanbot, -der etwa nur ein Drittel des Schätzungswertes ausmachte, ohne daß er von -den anderen gesteigert worden wäre. Kam aber ein Unbeteiligter zur -Lizitation und beteiligte sich an dieser, so wurde er so in die Höhe -lizitiert, daß er entweder einen ganz famosen Preis für die Waren des -falliten Chabrus-Bruders zahlen mußte, oder die Lust an weiterer -Beteiligung verlor. Außerdem erschienen die Chabruser oft in so großen -Massen in den kleinen Geschäftslokalen, in denen die Lizitationen -stattfanden, daß ein „Unberufener“ gar nicht hinein konnte — ein -Manöver, das durch Errichtung der gerichtlichen Auktionshalle eine -wesentliche Einschränkung erfahren hat. - -Im Laufe der Jahre erstreckte der Chabrus sein Tätigkeitsgebiet auch auf -Auktionen von Lagern, die nicht seinen Mitgliedern gehörten. Die Waren -wurden von der Kassa gekauft und dann im Kreise der Mitgliedschaft -weiter versteigert. Nutzen und Schaden trug die gemeinsame Kassa. Der -Chabrus verlor seine feste Struktur, er teilte sich nach den Branchen in -verschiedene Teile und büßte schließlich ganz den Charakter einer -einheitlichen Organisation ein. Heutzutage wird gewöhnlich nur ad hoc im -Lizitationslokale ein Chabrus gegründet und nur bei den -Pretiosenversteigerungen im k. k. Leihamte sind die beiden -Konkurrenz-Chabruse des Herrn Franz und des Herrn Široky der ruhende -Pol in der Erscheinungen Flucht. - -In der gerichtlichen Feilbietungshalle sind auch die räumlichen -Verhältnisse schlecht. Der Lizitationsleiter steht nicht in der Mitte -der Längsseite, sondern der Breitseite des Saales. Also können sich nur -wenig Leute herandrängen, und die Mehrzahl sieht von der lizitierten -Ware nichts, trotzdem der Saal leicht ansteigend gebaut ist. Nur durch -das Gäßchen, das von Barrieren eingesäumt wird, und deren Eingang ein -Wachmann streng bewacht, kann man hie und da einen Blick nach den -Schätzen auf dem Auktionstische werfen. - -Die Halle ist niedrig und der Geruch von Karbol und anderen Substanzen, -mit denen die gepfändeten Gegenstände desinfiziert worden sind, erfüllt -die Luft. - -Da ist die Auktionshalle im staatlichen Versatzamte in der Leihamtsgasse -viel moderner und eleganter. Ein glasgedeckter Lichthof von kolossaler -Breite. Also kann sich alles in die Nähe des Lizitationsleiters drängen, -alles kann die zu versteigernden Sachen aus nächster Nähe betrachten, -alles kann sich mit absichtlich gewählten oder zufälligen Nachbarn über -die Umwertung aller Werte, die hier feilgeboten werden, unterhalten, -alles kann mitsteigern, mitstreiten, mitschreien ... - -Der Schätzer wirft ein Paket auf den Tisch und der Ausrufer schreit -tschechisch in den Saal: - -„Ein Havelock, vier Messer und eine Decke: 13 Kronen.“ - -„Zehn,“ ruft jemand aus dem Publikum. - -„13 Kronen 10 Heller,“ registriert der Ausrufer, aber die Rufe „zehn“, -„zehn“ überhasten einander, so daß er den Stand der Anbote nicht laut -konstatieren kann. Und trotzdem die affischierte Lizitationsordnung -vorschreibt, daß er jedes Anbot in beiden Landessprachen wiederholen -soll, hat ihn wohl noch nie jemand ein deutsches Wort sprechen gehört. - -„Zehn, zehn,“ tönt es von rechts nach links. - -„Ich nehme ...“ ruft ein hier Einheimischer dazwischen. Die Worte „ich -nehme“ sind ein von der Lizitationsleitung anerkanntes Synonym für das -Wörtchen „zehn“. - -Eine Frau hat es besonders auf dieses Paket abgesehen. Mit rasant -wachsender Schnelligkeit kreischt sie die Rufe „deset“, „deset“ (zehn) -dem Lizitationsleiter zu, niemand lizitiert mehr mit, und sie steigert -sich fortwährend selbst. Nur die Endsilbe „..set“ ist hörbar. - -„Wieviel set (Hunderte) wollen Sie denn bezahlen?“ ruft ein Witzbold -dazwischen. Lachen. Da hält die Frau inne. Sie erwacht aus ihrem -Paroxysmus und merkt, daß sie zu teuer gekauft hat oder wenigstens mehr -bezahlen muß, als sie anfangs wollte. Bei ähnlichen Gefühlen ertappt man -sich vielleicht im Kasino von Monte Carlo. - -Der Ausrufer erklärt: „Achtzehn Kronen und zwanzig Heller zum ersten, -zum zweiten und dritten Male“. Der Lizitationsleiter drückt auf die -Glocke. Der Diener legt das Paket mit Havelock, Messern und Decke auf -den Pult, vor die Frau, die es gekauft. Der Kassier füllt einen Zettel -mit dem erzielten Betrag und das Pare des Lizitationsprotokolls aus. Der -Schätzer reicht ihn der Frau. Diese bezahlt das Geld. Dann keift sie: - -„Wo ist die Ware?“ - -„Hier liegt sie doch!“ antwortet der Schätzer. „Nehmen Sie Ihren Zwicker -ab, dann werden Sie sehen.“ - -Die Frau hat natürlich keinen Zwicker, und die Leute lachen. Stimmung: -Lustig. Sie flaut nicht einmal dann ab, als ein brauner Flanellstoff zur -Versteigerung ausgerufen wird, der von schäbiger Farbe ist: - -„Den trägt man in Pankratz,“ lacht einer vom Auditorium, „nicht wahr, -Karl?“ - -Karl bleibt die Antwort nicht schuldig: „Ganz richtig. Du kannst ihn -ruhig kaufen.“ - -Das nächste Stück, das der Ausrufer in die Höhe hebt, erweckt scheues, -ehrfurchtsvolles Murmeln. Ein Beamtenmantel ist es, mit bordeauxroten -Passepoils. Selbst der Schätzer muß Hochachtung vor diesem Sinnbild der -Staatsgewalt empfunden haben, als es versetzt wurde. Er hat nicht -weniger als achtundzwanzig Kronen darauf geliehen, denn 28 K 40 h -(geliehenes Kapital + Interessen + Lizitationskosten) sind heute der -Ausrufspreis. - -„Das ist ein Mantel von der Polizei,“ flüstert jemand einem andern zu. - -Aber der andere weiß es besser, denn er steht sozusagen bei sich selbst -als agent provocateur in Diensten. Bei den Bummelkrawallen hat er -Polizisten gegen Exzedenten und Exzedenten gegen Deutsche gehetzt, und -stand einmal als Angeklagter, einmal als Kläger vor der Barre des -Strafgerichtes. Er ist Nationalsozialist und Sozialdemokrat, Stammgast -der Meetings und im Schwurgerichtssaal und niemals fehlt er bei -Auktionen. Er schreit mit, wenn sich zwei Personen darüber streiten, wer -von ihnen das Meistangebot getan hat, wem von ihnen das abschließende -Glockenzeichen galt. Er schreit empört, wenn sich jemand in das Gäßchen -stellt, das den Zugang zum Auktionsleiter bildet und freizubleiben hat. -Er schreit und hetzt — aber sonst beteiligt er sich an den Geschäften -nicht. Er braucht nur den Nervenkitzel. Doch kehren wir zu dem Gespräch -zurück: - -„Der Mantel muß nicht von der Polizei sein,“ sagt der -Amateur-Lockspitzel, „der kann auch einem Statthaltereibeamten gehören.“ - -Der andere, ein kleiner tschechischer Trödler aus der Fabriksvorstadt -will das nicht glauben. „Alle Polizeibeamte haben doch solche dunkelrote -Aufschläge! Und zwei Behörden können doch nicht gleiche Farben haben. -Und es ist ein sehr feiner Mantel, der ist sicher von der Polizei!“ - -„Sie, Gescheiter!“, lacht der Fachmann. „Die Statthalterei ist doch mehr -wie die Polizei, das ist doch die höhere Instanz.“ - -Aber der kleine Trödler murrt nur ungläubig und unwillig: „Jo, jo, sagen -sie vielleicht auch noch, daß die Verzehrungssteuer mehr ist als die -Polizei!“ Dann dreht er sich um. Für ihn ist eben die Polizei das -höchste auf Erden. Nichts kann diesen frommen Glauben erschüttern, nicht -die Erklärung des Fachmannes, und nicht einmal die Tatsache, daß der -Mantel eines Polizeibeamten in der Leihanstalt versetzt wurde und -verfiel. - -Rings um die Lizitationskommission führt ein langes Pult, an dem die -Kauflustigsten stehen. Sie sind entweder schon so früh gekommen, daß sie -einen Platz an der Brüstung erhaschten, oder haben sie sich durch -Energie und Beharrlichkeit vorgedrängt. Auf diesen Pult breitet der -Schätzer die Schätze. Fachmännisch wird alles untersucht und gegen das -Licht gehalten, damit man das Vorhandensein von Motten konstatieren -könne. Links vor der Quality street, die zum Auktionsleiter führt und -die ein Polizist bewacht, stehen zwei Chabrusgruppen. Jedes Pfandobjekt, -das ihnen vorgelegt wird, wird durchberaten, und die beiden -Chabrusmacher (an dem hinters Ohr gesteckten Bleistift und dem -aufgeschlagenen Notizbuche sind sie kenntlich) vermerken zunächst in -ihrer Gruppe die Kauflustigen und erkunden, bis zu welchem Betrage -Kauflust vorherrschen würde. Dann unterhandeln die beiden feindlichen -Chabrusgenerale, und erzielen nach langem Feilschen die Vereinbarung, -daß bei diesem Pfandobjekt nur die eine Chabrusgruppe, bei dem nächsten -nur die andere mitlizitieren wird. Wenn das Objekt erstanden ist, dann -wird — mitten im Saal — innerhalb der Chabrusgruppe leise -weiterlizitiert. Bei dieser Privatversteigerung sind bloß 5 Heller das -geringste Mehranbot. Von dem Betrag, um der bei dieser leisen Auktion -mehr erzielt wird, als bei der offiziellen, fallen zehn Prozent der -Kassa zu, und der ganze Nutzen bleibt innerhalb des Kreises. - -Auch rückwärts im Saal gibt es verzeichnenswerte Gruppen. Ein armseliger -Kleiderhändler in Břewnow hat eben einen Riesenballen aus dem -Kommissionsraum geholt und breitet dessen Inhalt neugierig, ja -fieberhaft gespannt, auf einen Sessel. Zahlreiche Gaffer begutachten -gleichfalls die farblosen, formlosen Damenkostüme, die der biedere -Břewnower in zitternder Erregung einzeln aus dem Ballen nimmt und auf -die Sessellehne legt. Ein feister Konfektionär — Pelzkragen und -Goldzwicker zeichnen ihn aus — lächelt ironisch über den Schund. Dann -tritt er auf den Besitzer zu: - -„Wieviel haben Sie dafür gegeben?“ - -„41 Kronen 10,“ sagt der andere kleinlaut und forscht ängstlich in dem -Gesichte des Fragestellers nach dessen Ansicht. „Es war ein Dutzend.“ - -„Für ein Dutzend? Das ist wirklich sehr billig, halb umsonst.“ Der mit -dem Pelzkragen sagt das ganz ernst. Aber als sich der Břewnower -Spekulant erleichtert nach den anderen Stücken des Ballens bückt, um die -weiteren Schönheiten des eben erstandenen Lagers auszubreiten, zuckt -über das Gesicht des behäbigen Fachmannes ein Lachen zu den Zuschauern -hinüber. Die nehmen es verständnisvoll, mit Kichern auf. Der dicke Herr -befühlt die Ware: - -„Höchst moderne Fasson. Sehr feiner Stoff,“ frozzelt er im Tone höchster -Anerkennung, und das Publikum lacht. Lacht immer stärker. - -Links vom Eingang, dicht am Ofen steht eine Arbeitersfrau mit einem -Säugling am Arm. Sie will in dem Lärm ihr Kind einwiegen. Zuhause kann -es vor Frost nicht schlafen. Das Leihamt, das die ganze Habe der Frau -verschlungen, muß ihr jetzt ein bißchen Wärme geben. - - - - - Die Verhaftung - - -Man schreibt mir, ich möge wieder eine journalistische Erinnerung zum -besten geben. Also gut. - -Die Geschichte, die davon handelt, wie es einst vier Polizisten gelang, -mich durch ihr strategisches Talent zu verhaften, habe ich bislang aus -zwei Gründen nicht erzählt: - -1. Es ist ein ungeschriebenes Gesetz, daß der Journalist nichts von den -Geheimnissen seiner Technik ausplaudern soll. So soll, zum Exempel, kein -Leser davon erfahren, daß die Nachrichten über Todesfälle besonderer -Männer von der Zeitung meist mit großen Schwierigkeiten rechtzeitig in -Erfahrung gebracht werden. Die meisten Portiers der Prager Palais, der -Ämter und öffentlichen Institute sind von den Redaktionen nachdrücklich -verständigt, eventuelle Todesfälle unverzüglich zu deren Kenntnis zu -bringen, und wenn irgend eine besondere Persönlichkeit schwer krank ist, -dann wird das Haus noch überdies bewacht, damit der Leser schon am -nächsten Morgen die traurige Neuheit erfahre. - -2. Es wäre taktlos gewesen, einen Vorfall, der sich an eine solche -Überwachung knüpft, zu berichten, so lange der damals Überwachte noch am -Leben war. - -Aber jetzt kann ich die Geschichte erzählen. An ungeschriebene Gesetze -halte ich mich ebensowenig, wie an geschriebene, und verrate daher ganz -offen das Geheimnis des Todesnachrichten-Dienstes; und auf die Gefahr -hin, daß manchen angesehenen Leser ein Gruseln überfällt, verrate ich -hiemit, daß schon mancher Mann derart überwacht wurde, der -glücklicherweise noch heute frisch und gesund in sein Amt spaziert. - - * * * * * - -Es ist schon etwelche Jahre her. Ich war erst vor kurzem zur Zeitung -gekommen und zu meinen wichtigsten Obliegenheiten gehörte es, mich im -Sicherheitsdepartement der Polizeidirektion danach zu erkundigen, ob -nicht irgendwer irgendwo wegen irgendeiner ungesetzlichen Tat in Haft -genommen worden sei. Da erfuhr ich denn von Bierröhrendiebstählen, -Heiratsschwindeleien und Betrugsaffären und wenn jemand jemanden -ermordet hatte, dann war’s ein schönes Leben, denn da hatte ich viel zu -schreiben. So ging ich zweimal täglich in das Sicherheitsbureau, vor dem -immer ein Polizist Wache steht. Die Wachleute kannten mich daher und -viele wußten auch bald, aus welchen Gründen ich die gefürchteten Räume -der Kriminalpolizei betrete. Aber die Polizisten, welche schon nach -kurzer Zeit von der Altstädter Wachstube auf andere Kommissariate -versetzt wurden, wußten das nicht. - -Um jene Zeit war Direktor Angelo Neumann, kurz nach seiner Operation bei -Prof. Israel in Berlin, in Prag schwer erkrankt. Der damalige -Theatersekretär, der vor einigen Jahren in Wien verstorbene Karl -Rosenheim, hatte meinem unmittelbaren Vorgesetzten, dem gleichfalls -seither dahingeschiedenen Redakteur Hermann Katz mitgeteilt, daß es -schlecht um Angelo Neumann stehe. So erhielt ich denn den Auftrag noch -in der Nacht, unmittelbar vor Redaktionsschluß nach Angelo Neumanns -Wohnhaus zu sehen. - -Um vier Uhr nachts ging ich hin. Innerhalb der Parterrefenster im -Eckhause der Bredauergasse und des Stadtparkes, wo Angelo Neumann seine -Wohnung innehatte, war es dunkel — es war also nichts Absonderliches -geschehen. Ich wandte mich, den Weg zurückzukehren, den ich gekommen -war. Da hörte ich hinter mir schwere, eilende Schritte. Ich schaute mich -um: Es waren zwei Polizisten, denen der nächtliche Passant, der in der -menschenleeren Gegend unmittelbar vor ihnen umgekehrt war, sehr -verdächtig schien. Anfangs machten sie Miene, mir nachzueilen, aber sie -erkannten bald, daß ich ihnen leicht entwischen könnte und änderten -daher ihre Taktik. Der eine Polizist begab sich auf das linke, der -andere auf das rechte Trottoir und nun nahmen sie, auf gleicher Höhe -eilend, die Verfolgung auf. Ich beschleunigte meinen Gang, da ich -kalkulierte: Wenn ich verhaftet werde, so kann ich morgen auf Grund des -Polizeirapportes wunderbar nachweisen, daß ich wirklich um vier Uhr -nachts meinen Auftrag vollführt habe. So eilte das nächtliche Dreieck -vorwärts: Ich in der Mitte der Fahrbahn voran, rechts hinter mir ein -uniformierter Verfolger, links von mir ein zweiter. - -Die Distanz verringerte sich nicht. Die Wachleute strengten sich nicht -mehr an als ich und riefen mir kein Halt zu. Sie schienen einen Plan zu -haben. Nur dort, wo von der Bredauergasse die Olivagasse abzweigt, -vergrößerte der rechte Mann seine Eile, damit ich ihm nicht durch die -Seitengasse entwische. Aber ich ging den geraden Weg. Und bald verstand -ich den Plan: Knapp vor der Einmündung in die Heinrichsgasse ließen -meine Verfolger ihre Polizeipfeife ertönen. Und aus dem Dunkel der Nacht -tauchte jetzt auch vor mir ein Doppelposten auf. (Es war jener Posten, -der bei Nacht vor dem Hauptpostgebäude zu stehen hat und bloß einmal -nicht dort stand: Als Wasinski an dieser Stelle seinen Mord verübte.) -Ich war umzingelt und konnte nicht mehr entwischen. Wie triumphierend -ertönte hinter mir der tschechische Ruf: „Halt“. - -Ich blieb stehen und die Polizisten näherten sich mir. „Was haben Sie -hier gemacht?“ fragte der eine. - -„Ich bin spazieren gegangen,“ versetzte ich so kleinlaut, als ich -konnte. Die Wahrheit war ja Redaktionsgeheimnis und kümmerte die -Wachleute nichts. - -„Schau, schau! Spazieren sind Sie gegangen,“ wunderte sich einer der -Polizisten. „Um vier Uhr nachts geht man spazieren?“ - -„Ja, ich komme aus der Arbeit und da bin ich noch etwas frische Luft -schöpfen gegangen,“ entschuldigte ich mich weitschweifig. - -„Was sind Sie denn?“ fragte man mich weiter. - -„Ich bin bei der Firma Haase angestellt,“ antwortete ich wahrheitsgemäß, -wenn auch nicht prägnant. - -Der Fragesteller lachte siegreich auf: „Wie können Sie also jetzt aus -der Arbeit kommen! Bei Haase wird doch nachts nicht gearbeitet!“ - -Schon wollte ich etwas entgegnen, als zwei Augen des Gesetzes, die mich -bisher scharf angesehen hatten, noch näher an mich heranrückten. „Sie,“ -so begann ihr Inhaber, „Sie, mir scheint, wir kennen einander schon.“ -Und ohne meine Antwort, daß ich nicht die Ehre habe, abzuwarten, fuhr er -fort: „Waren Sie noch nie im Sicherheitsdepartement?“ - -„O ja,“ sagte ich, „ich war schon oft im Vierer.“ - -Das Wort „Vierer“ hatte eine tiefe Wirkung, denn nur den Eingeweihten, -hauptsächlich den Polizisten und den Verbrechern ist dieser Ausdruck für -das Sicherheitsbureau (das vierte Departement der Polizei) geläufig. Der -eine Polizist steckte eine Miene des Jubels auf, der zweite nickte -langsam mit dem Kopfe und der dritte verlieh geistesgegenwärtig der -allgemeinen Verblüffung beredten Ausdruck. Er führte aus: - -„Ei, ei.“ - -Der vierte aber, der Besitzer jenes Augenpaares, das mich erkannt und -entlarvt hatte, wollte nunmehr auch beweisen, daß meine Agnoszierung -keine zufällige und seine Personalkenntnis des Sicherheitsbureaus -wirklich eine tiefgründige sei: - -„Da kennen Sie wohl den Herrn Olič?“ - -„Freilich kenne ich den Herrn Regierungsrat,“ war meine Antwort. -(Olič, der vor drei Jahren als Hofrat in Pension ging, war damals -Departementschef.) Das Frage- und Antwortspiel ging weiter: - -„Und Herrn Protiwenski?“ - -„Ja, den Herrn Oberkommissär kenne ich auch. Und den Herrn Oberkommissär -Lichtenstern und die Herren Kommissäre Knotek, Drašner, Vanásek und -Kubiček kenne ich ebenfalls.“ - -Ich glaubte mit dieser summarischen Aufzählung aller damaligen -Sicherheitsbeamten weiteren Fragen meines Peinigers die Spitze -abgebrochen zu haben, aber dieser war gründlicher als ich glaubte. Er -setzte das Verhör fort: - -„Kennen Sie vielleicht den Herrn Wejřik?“ - -„Jawohl, auch den Herrn Arresthausverwalter kenne ich. Sehr gut sogar.“ - -„Das glaub’ ich,“ erscholl es jetzt — mein Schicksal schien besiegelt. -„Kommen Sie,“ sagte der eine Polizist zu mir und wandte sich nach der -Richtung, in der das Kommissariat Heuwagsplatz liegt. - -Aber um unsere Gruppe hatte sich, trotz der späten Nachtstunde, eine -ganz beträchtliche Menschenansammlung gebildet. Es waren größtenteils -die Stammgäste des alten Einkehrhauses „u Rajtknechtu“, das an der -Stelle des heutigen Palace-Hotels stand. Die allnächtliche Blütezeit -dieses Gasthauses begann erst um zwei Uhr nachts, wenn die Setzer der -nahen Zeitungsunternehmungen mit ihrer Arbeit zu Ende waren und das -offizielle Eingangstor der Schenke gesperrt werden mußte. Diese -Stammgäste hatten nun davon gehört, daß draußen vier Polizisten mit der -Festnahme eines Verbrechers beschäftigt seien, waren hinausgeeilt und -hatten mit wachsendem Staunen meiner Einvernahme gelauscht. Als ich aber -abgeführt werden sollte, traten zwei Setzer, die mich kannten, den -Polizisten in den Weg: - -„Herr Redakteur, sollen wir Sie vielleicht legitimieren?“ - -Aber das war nicht mehr nötig. Die Anrede machte die Polizisten stutzig -und langsam dämmerte ihnen der Zusammenhang zwischen den Begriffen -Nachtarbeit, Haase und Polizeikenntnis auf. Und gleichzeitig fiel ihnen -ein, daß ich sie als Bekannter der ihnen vorgesetzten Polizeibeamten vor -diesen schön blamieren könnte, wenn ich die Geschichte erzählte. Einer -der Wachleute starrte mich wütend an, kehrte mir dann verächtlich den -Rücken und ging von dannen. Ein zweiter aber verduftete blick- und -wortlos. Der dritte salutierte mit kleinlautender, entschuldigender -Miene. Der vierte aber brummte im schönsten Prager Deutsch: - -„Da haben wir uns gegeben.“ - - - - - Drehorgelspieler - - -Für jene Leser, welche den Titel dieses Feuilletons nicht verstehen -sollten, sei gleich vorweg bemerkt, daß „Drehorgel“ auf Pragerisch -„Flaschinett“ heißt. Für jene Leser aber, die deshalb die Frage stellen -würden, warum ich also nicht den allgemein verständlichen Ausdruck als -Titel gewählt habe, sei gleich vorweg bemerkt, daß sich Fremdwörter -immer sehr vornehm ausnehmen. Außerdem würde man eine Beschreibung des -in Rede stehenden Instruments im Lexikonbande 6 („Erdeessen bis -Franzèn“) weder unter dem Schlagworte „Flaschinett“ noch unter -„Folterwerkzeuge“ vorfinden. Man muß vielmehr den Band 5 -(„Differenzgeschäfte bis Erde“) hernehmen und in diesem nicht die -Rubriken „Duldsamkeit“ oder „Darlehenschwindel“ nachschlagen, sondern -das Kennwort „Drehorgel“ suchen. Gleich nach „Drehkrankheit“ kommt es. - -Das Wort „Flaschinett“ findet sich aber auch unter Chiffre „Drehorgel“ -weder im Brockhaus noch im Meyer. Diesen Ausdruck muß man wieder im -Bande 6 sub „Flageolett“ nachsuchen, wo mitgeteilt wird, daß das -Flageolett oder Flaschenett — man beachte die falsche Orthographie der -Herren Brockhaus und Meyer — ein kleines Blasinstrument, der letzte -Sprosse der Familie der Schnabelflöten ist, und nur in Frankreich und -Belgien noch in Gebrauch steht. Nun wird mich jener am Anfang dieses -Feuilletons hinreichend charakterisierte Leser wieder mit der Frage -belästigen, wo da die Logik sei, wenn man in Prag ein Musikwerk mit dem -Namen einer im Aussterben begriffenen Seitenlinie der Schnabelflöten -bezeichnet. Kruzeihimmelfix, wozu braucht man denn bei einem Flaschinett -eine Logik! Dem Fragesteller aber wünsche ich, daß ihm während seines -heutigen Nachmittagsschläfchens ein Drehorgelspieler solange ein -Ständchen bringt, bis beide Plagegeister auf alle weiteren Chikanen -Verzicht leisten. - -In Prag ist die Ansicht verbreitet, daß es ungefähr zwei- bis -dreitausend Drehorgelspieler gebe. Dem ist aber nicht so. Erwähnter -Irrtum dürfte darauf zurückzuführen sein, daß gewöhnlich zwei -Drehorgelspieler gleichzeitig in derselben Gasse konzertieren, was eine -Art zweihändigen Vierhändigspielens darstellt und die harmonischen -Wirkungen dieses Instrumentes erheblich erhöht. Besonders prächtig sind -diese musikalischen Effekte, wenn aus einem Leierkasten die Töne des -„Donna è mobile“ entquellen, während aus dem anderen beharrlich das -klassische Lied „O Emane“ — Heimatkunst! — hervorgekurbelt wird. -Dieses multiplizierte Auftreten von Drehorgelspielern in derselben Gasse -ist aber kein Beweis von deren großer Zahl, sondern es ist nur ein -ehrendes Dokument für das Vertrauen, das die Hofmusiker in die -Freigebigkeit der Bewohner dieser Gasse setzen. - -Im Bureau III. a. der Prager Polizeidirektion, dem Departement für -öffentliche Belustigungen, welches ein sehr richtiger Wortwitz als -„Departement für öffentliche Belästigungen“ bezeichnet, erfährt man zum -atemlosen Staunen, daß es in Prag nur zweiundzwanzig Drehorgelspieler -gibt. Wenn man naiv ist, gibt man sich mit dieser Erklärung zufrieden, -und geht nach Hause, in der Meinung eine zufriedenstellende Auskunft -erhalten zu haben, da ja diesem Departement für öffentliche -Belustigungen natürlich auch die Konzessionserteilung und die Handhabung -der Vorschriften für Drehorgelspieler untersteht. Wenn man aber nicht -naiv ist, so begibt man sich in ein Departement, das mit der -Konzessionserteilung an Leierkastenmänner nichts zu tun hat, das -Departement, dem die Wahrung der öffentlichen Sicherheit und daher auch -das Drehorgelspielen untersteht. Allerdings nur insoweit, als es -unbefugt ausgeübt wird. Da erfährt man ganz andere Ziffern: Die Zahl der -nichtkonzessionierten Werkelmänner ist etwa dreimal so groß, wie die -behördlich autorisierten. - -Und was für Exemplare sind darunter. Da sind zum Beispiel zwei Brüder, -welche ich hier Chwatal nennen will. Ihre Aktenfaszikel sind so groß, -daß zwei Zivilwachleute ausgesandt werden müssen, um sie aus der -Registratur zu holen. Der eine der Brüder hat allein vierhundertdreißig -Akten. Aus denen kann man die ganze Biographie Wenzel Chwatals -herauslesen. Als Kind hatte er einen sehr ernsten Beruf. Er sang an -jedem sechsten Jännertage, mit einer papiernen Goldkrone angetan, vor -den Wohnungstüren das Lied von den heiligen drei Königen. Den Rest des -Jahres scheint er sich über die Freigebigkeit der Wohnungsinhaber -orientiert zu haben, um sich dann als König nicht ein Refus zu holen. -Bei diesen Orientierungsgängen ist er, wie Wenzel Chwatals Akten künden, -wiederholt verhaftet worden und residierte dann für kurze Zeit im -Polizeiarrest. Als unser Wenzel herangewachsen war, entsagte er seinem -königlichen Berufe, aber der Musik blieb er treu. Er gründete mit einem -gleichgesinnten Manne, dem das Schicksal keine Füße beschert hatte, ein -Kompaniegeschäft. Sie liehen sich einen Leierkasten aus, den Chwatal auf -seinem rüstigen Leibe trug und dem er durch liebevolles Drehen der -Kurbel die herrlichsten Weisen entlockte, die im Busen eines -Flaschinetts schlummern. Der fußlose Kompagnon ging einsammeln. Später -verdroß es den unternehmungslustigen Chwatal, das sauer verdiente -Spielhonorar zu teilen, er engagierte ein billiges Bürschchen und -besorgte das Inkasso selbst. Das Geschäft florierte, und Wenzel Chwatal, -dessen einziger Schmuck bislang eine sorgsam gepflegte Stirnlocke -gewesen war, konnte sich eine Samtjacke kaufen. So, jetzt war er ein -Künstler. Aber die Wachleute haben eben kein Verständnis für wahre -Kunst. Die Banausen schreckten selbst vor der schönen Samtjacke nicht -zurück und fragten, durch die magischen Klänge herangelockt, den -Spieler, ob er eine Konzession habe. Das war eine herzlich alberne -Frage, denn die Bewilligung zum Spielen wird nur alten, vollkommen -erwerbsunfähigen Leuten erteilt. Und Chwatal war doch ein fescher Kerl, -nicht? So verneinte er des Wachmanns Frage, und folgte diesem zur -Polizei. Dort wurde nach seiner Einlieferung eine „Anhaltungs- und -Verhaftungsanzeige“ ausgefüllt, die fast jedesmal gleiche Worte trägt: -„Wenzel Chwatal, geboren in Prag am 7. November 1872, wurde wegen -unbefugten Drehorgelspielens angehalten und dem Polizeikommissariate -eingeliefert. — Corpus delicti: Eine Drehorgel. — Eigene Effekten: -Lederner Schutzriemen, Leibriemen, Spiegel, Kamm, Anhängetasche, drei -Zigaretten und 64 Heller Bargeld.“ Dann wurde Chwatal abgestraft und -diese Strafe auf einem zweiten Akt, dem sogenannten „Strafregisterblatt“ -gebucht, auf den stereotyp geschrieben wurde: „Wenzel Chwatal wird der -Übertretung des Erlasses der k. k. Statthalterei für das Königreich -Böhmen vom 21. Juni 1889 schuldig erkannt und wird nach der kaiserlichen -Verordnung vom 20. April 1854, Z. 96 RGBl., zu einer Haft von 24 Stunden -verurteilt. Gegen diese Erkenntnis kann bei der Statthalterei oder der -k. k. Polizeidirektion binnen drei Tagen Berufung eingelegt werden.“ -Aber dem Wenzel Chwatal fällt es gar nicht ein, Berufung einzulegen. -Auch das breite Rubrum, in welchem für „die Rechtfertigung oder das -Geständnis der Beschuldigten“ weitester Platz gelassen wird, füllt -Chwatal nur lakonisch aus: „Doznávám“ — „Ich bekenne mich schuldig.“ -Auch Sokrates verschmähte die Verteidigung. - -So steht es in den meisten Akten, und nur wenige lauten anders. So z. B. -die Beschwerde eines konzessionierten Harmonikaspielers, der sich durch -Chwatals Konkurrenz geschädigt fühlte. In dieser Beschwerde wird -ausgeführt, daß Chwatal bettle, aber gleichzeitig vier Liebschaften -unterhalte und allen vier Damen Wohnung, Kleidung und Nahrung bezahle. -Ob diese Erfordernisse für Chwatals Harem besonders große sind, steht -nicht in der Beschwerde des empörten Harmonikaspielers, und es ist -anzunehmen, daß der schöne Chwatal seine vier Verhältnisse eher unter -Einnahmen als unter Ausgaben buchen könnte. Wie dem auch sei: Chwatal -ist ein Lebemann. Das geht auch aus einer anderen Anzeige hervor: Eine -Frau — um den Ruf der Dame zu schonen, sei sie hier mit dem Decknamen -„Veronika Potvora“ bezeichnet — macht der Polizei davon Mitteilung, daß -Wenzel Chwatal ihre Tochter Philomena Potvora entführt habe. Dieser -Familienzwist scheint bald beigelegt worden zu sein, denn acht Tage -später meldet eine Note des Kommissariates Prag-Josefstadt, daß der -Drehorgelspieler und Vagant Wenzel Chwatal mit seiner Geliebten -Philomene Potvora aus seiner bisherigen Wohnung ausgezogen und zu Frau -Veronika Potvora, der Mutter seiner Geliebten, übersiedelt sei. Andere -Akten berichten davon, daß Chwatal sich seiner Verhaftung widersetzt, -bei seiner Arretierung gelacht habe. Und unter jedem Akte steht immer: -„Doznávám — Ich gestehe.“ So übte er weiter sein Handwerk aus und da -man ihm den Leierkasten nicht pfänden kann, weil dieser nicht sein -Eigentum ist, so wird man wohl noch viele Scherereien mit ihm haben. -Chwatal steht ja im schönsten Mannesalter. Einmal hat er um die -Konzession zum Drehen der Leierkastenkurbel angesucht, aber er bekam sie -nicht. „_Mir_ ist es Wurscht,“ meinte er überlegen. - -Die Konzessionen für das Drehorgelspiel sind schwer zu erlangen. Früher -bekamen ausgediente, im Kriege blessierte Soldaten außer der -Kriegsmedaille auch die Bewilligung, Werkelmänner zu werden. Aber seit -dem letzten Kriege, den Österreich geführt hat, sind schon Jahrzehnte -verstrichen und die alten Invaliden aus Kriegsläuften sind meist längst -begraben. Ein wahres Glück, daß vor zwei Jahren die drohende -Kriegsgefahr glücklich abgewendet worden ist. Die schrecklichste Folge -des Krieges wäre wohl gewesen, daß neue Werkelmänner dekretiert worden -wären! - -Die Blütezeit des Leierkastenspieles in Prag ist vorbei. Früher hat es -in Prag noch Savoyardenknaben gegeben, welche mit ihren -Miniatur-Drehorgeln, ihrer verschnürten Tracht und ihren gebräunten -Gesichtern Aufsehen und Mitleid wachriefen. Früher durften die -Werkelmänner ihr Instrument in der Mitte der Straße aufstellen, heute -sind nur die Höfe der Häuser ihr Rayon und in den neuen Häusern gibt es -gar keine Höfe. Früher durften die Drehorgelspieler von früh bis abend -werkeln und kamen oft in die Geschäfte betteln, bevor diese noch einen -Kreuzer verdient hatten; heute dürfen sie an Wochentagen nur von zwölf -Uhr mittags an, an Sonntagen bloß von vier Uhr nachmittags an bis zum -Einbruch der Dämmerung spielen. Immerhin scheint das Werkeln noch ein -lukratives Geschäft zu sein, wie voriges Jahr die Geschichte des -Raubmordes an dem Drehorgelspieler Janeček gelehrt hat, und wie die -zahllosen Gesuche um Konzessionsbewilligung beweisen, die im Departement -des Oberpolizeirates Peschka einlaufen. Ja, es kommen sogar Gesuche von -begüterten Gemeinden, man möge diesem oder jenem ihrer Ortsarmen die -Bewilligung zum Leierkastenspiel — in Prag gewähren. - -Aber die Statthalterei hat nun verboten, daß für Prag neue Konzessionen -ausgestellt werden und auch die Bewilligungen für die zum Polizeirayon -gehörenden Vorstädte werden jetzt nur in den seltensten Fällen erteilt. -Und mögen es die Dienstmädchen, welche ihren letzten Kreuzer in den Hof -hinunterwerfen, um das Lied von der „Unglückseligen Armut“ da capo zu -hören, und mögen es die Vorstadtkinder, welche so gerne zu den -verstümmelten Klängen des Walzers aus der „Lustigen Witwe“ umherhopsen, -noch so bitter empfinden — die Drehorgel ist auf den Aussterbeetat -gesetzt. Das Flaschinett wird verschwinden wie jenes Blasinstrument, -dessen Namen es entlehnt hatte, es wird verschwinden, so wie es gelebt: -Sang- und klanglos. - - - - - Die Gifthütte - - -Dorthin, in die Teile Prags, die sich südlich von der Krankenhausgasse -und der Katharinagasse bis gegen Slup und Nusle hinunterziehen, kommen -die Prager selten. Es ist eine Stadt der Kranken, die sich hier breitet. -Die Institute der medizinischen Fakultät, Kranken- und Irrenhäuser -halten mit ihren Gärten den ganzen Komplex besetzt. Nur dort, wo die -Weinberggasse in die Apollinargasse mündet, scheint die Stadt der -Kranken aufzuhören, scheint ein Dorf zu beginnen. Ein freier Platz, der -nicht gepflastert ist, und auf dem große Kastanienbäume wachsen. In den -Ecken des Platzes wuchert üppiges Gras. Ein steinerner Heiliger, der -heilige Adalbert, blickt vom Piedestal seiner Säule friedlich auf die -Kinder hinab, die zu seinen Füßen mit Kugeln spielen. Da kommt eine -Schar von Mädchen, Hand in Hand, ohne Hut, mit weißen Schürzen des -Weges. Wer nicht weiß, daß es Wärterinnen sind, müßte glauben, sorglose -Dorfmädchen vor sich zu haben. Alte Männer sitzen vor den Häusern und -schmauchen behaglich ihre Pfeife. Und die Häuser sind einstöckig. - -Das letzte Häuschen, das von der Adalbertssäule sichtbar ist, das -Häuschen, das an das Dorfkirchlein grenzt, ist das Dorfwirtshaus, wie -man aus der roten Aufschrift erkennt. Eigentlich sieht diese Hütte -selbst für ein Dorfeinkehrhaus zu schäbig, zu verwahrlost aus. Aber was -kann man auch für Ansprüche an das Gasthaus eines so gottverlassenen -Dörfchens stellen? - -Mit der Illusion, in einem Dorf zu sein, ist es freilich aus, wenn man -sich in den Wirtsgarten setzt, hart an die niedrige Grenzmauer, und in -das Tal schaut, das sich unten in weitem Boden streckt. Nichts weniger -als ein ländliches Idyll. Dort oben starren hinter den Pankratzer -Feldern die trotzigen Mauern der Strafanstalt herüber, halbrechts recken -sich zu den Felsenhöhen des Wyschehrad die riesigen Festungswälle mit -den Kasematten hinauf, die Ferdinand von Saars schönster Novelle -Schauplatz sind. Oben auf der Höhe des Wyschehrad die Basilika mit dem -Kirchhof, auf dem die Tschechen alle die begraben, die sie für groß -halten. Unten im Sluper Tal die großen Institute der Fakultäten, dann -zwei Hotels, dann Zinskasernen, auf deren Hinterfronten mit riesigen -Lettern Firmenreklamen stehen. Überall rauchen Fabriksschlote. Und um -das Idyll vollends vergessen zu machen, wird der Blick durch ein -markerschütterndes Geschrei in den angrenzenden Garten gelenkt, wo -Wärterinnen eine Irre in eine Zwangsjacke zu pressen versuchen ... - -Es ist die Kehrseite Prags, die man hier vom Gasthausgarten sieht. Das -Wirtshaus, das diesen Ausblick gewährt, heißt die „Gifthütte“. Wohl -nicht deshalb, weil es das andere Prag zeigt. Auch wegen des Bieres -führt es wohl seinen Namen nicht. Denn die Bezeichnung stammt schon von -altersher und das Bier wurde hier durchaus nicht in Dosen vertilgt, wie -sie bei Giftgenuß in Anwendung zu kommen pflegen. Vielleicht hieß es so, -weil hier besonders die Mediziner verkehrten, die mit Giften hantierten. -Ich weiß es nicht und auch die Chronik der Stadt Prag vermag über die -Herkunft dieses Namens keinen Aufschluß zu geben. Die Chronik der Stadt -Prag weiß über das Haus Numero Conscriptionis 446—II. überhaupt nichts -zu sagen, obwohl es doch im Wechsel der Zeiten so Sonderbares erlebt und -so mannigfache Gäste beherbergt hat, wie kaum ein zweites. - -In vergilbten Auflagen des Lahrer Kommersbuches findet sich auch ein -Prager Studentenlied. Ein Doctor medicinae Keim hat es an einem Maiabend -des Jahres 1853, also zu einer Zeit ersonnen, da Deutschlands Musensöhne -zu Hunderten nach Prag zogen, wo auf der medizinischen Fakultät zum -ersten Male die Kunst gelehrt wurde, die Lungenentzündung ohne Aderlaß -zu behandeln. Die in diesem Liede ausgesprochene Sehnsucht - - „Auf den Windberg, auf den steiligen, - Möcht’ ich zu den Jungfrau’n eiligen ...“ - -hat noch in späteren Studentengenerationen wiedergeklungen und -allabendlich „eiligten“ sie den steilen Windberg hinauf, um hier beim -„Jodoform-Kränzchen“ nicht zu fehlen, - - „Wo zum Tanz die hezká holka - Nach dem Klang der munter’n Polka - Den Primär am Bändchen führt.“ - -Das mit dem „Primär“ stimmte. Fast alle Primärärzte der Irrenanstalt und -die Assistenten der Kliniken tanzten hier unbekümmert um ihre ärztliche -Würde bis längst die Sonne das Nusler Tal vergoldete. Und wenn ein -Patient oder eine Patientin in einem der nahen medizinischen Institute -der ärztlichen Hilfe dringend bedurfte, dann war sie rasch zur Hand. -Brauchte man ja nur hinunter zum Gifthüttenball zu schicken. Von den -Tänzern der Jodoformkränzchen sind heute viele Hofräte, zwei sogar -wirken als Geheime Medizinalräte an Deutschlands hohen Schulen. - -Was den Ausdruck „hezká holka“ anbelangt, so ist er im allgemeinen als -dichterischer Euphemismus aufzufassen. Die Damen rekrutierten sich aus -drei Gesellschaftsschichten: I. Den dienstfreien Wärterinnen der -medizinischen Institute; II. den Dienstmädchen der in den Instituten -wohnenden Professoren der philosophischen und der medizinischen Fakultät -und III. den Hörerinnen der Hebammenkurse, die alle vier Monate -abwechselnd in deutscher und tschechischer Sprache im nahen Gebärhause -abgehalten wurden. Die Ballgespräche waren medizinischen Geistes voll. -Die Wärterinnen berichteten ihren Vorgesetzten und Tänzern über -irgendein interessantes Symptom im Krankheitsverlauf eines Patienten der -Klinik, und den Professorenköchinnen flüsterte manchmal in vorgerückter -Stunde ein Tänzer die verschämte Bitte ins Ohr: „Fräulein, kochen Sie -morgen dem Professor ein feines Essen. Ich mache nachmittags Examen.“ - -Eine Spezialität der Jodoform-Kränzchen war die sechste Tour der -Quadrille. Sie zog sich bis tief in den Garten hinaus ... - -Der Gründlichkeit halber sei auch erwähnt, daß außer den drei erwähnten -Damengattungen auch einmal eine vierte am Gifthüttenball vertreten war. -Das war so: Einige übermütige Mediziner hatten einem eben nach Prag -gekommenen Ordinarius erzählt, daß sich allabendlich ein großer Teil der -Medizinerschaft in einem nahen „Gifthütte“ benamsten Gasthause zum Tanze -versammle. Es sei zwar eine ganz ungezwungene Gesellschaft, aber wenn -der Herr Professor mit seinen Töchtern den Studenten die Ehre erweisen -wolle ... Der Herr Professor erwies den Studenten wirklich die Ehre und -kam am Abend mit seinen beiden Töchtern hin. Sprachlos blieb er in der -Tür stehen. So ungezwungen hatte er sich die Sache doch nicht gedacht: -die Herren in Hemdärmeln, die Damen in Schürzen und das Lokal, das einer -Verbrecherkneipe viel ähnlicher sah als einem Ballsaal! Aber als die -Herren Mediziner auf die beiden Professorentöchterlein zutraten und -höflich um ein Tänzchen baten, machten sie und der Herr Papa gute Miene -zum bösen Spiel und tanzten. Als später einmal eine der beiden -Professorentöchter als Professorsgattin nach Prag kam, hat sie ihr -Balldebüt in der „Gifthütte“ zum Besten gegeben und hinzugefügt, daß sie -sich seither bei keinem Ball so gut unterhalten habe, wie damals bei -diesem seltsamen „Medizinerkränzchen“. Wo sie doch die sechste -Quadrilletour gar nicht getanzt hatte! - -Nicht so günstig wie das Professorentöchterlein hat über die -Jodoform-Kränzchen der 70er Jahre der damalige Pfarrer von -Sankt-Apollinar — diese Kirche ist nur durch die Kegelbahn vom -„Gifthütten“-Garten getrennt — gedacht. Der Pfarrer richtete an den -Regierungsrat Professor Weber von Ebenhof, den Bruder des damaligen -Statthalters, eine Zuschrift, die eine Philippika gegen die Bälle war -und in der Professor von Weber ersucht wurde, er möge den Hebammen den -Ballbesuch verbieten. Aber Regierungsrat Weber, der selbst in der -„Gifthütte“ im Hörerkreis seinen täglichen Frühschoppen trank, legte den -Ballbericht ad acta und erließ keinen Boykottbefehl. - -Die alten Mediziner wissen allerhand solcher Scherze zu erzählen. Von -der Krönung der Gifthütten-Könige, von den Plakaten, die der König -affichieren ließ, von Wurstfesten und von Kegelabenden, von -medizinischen Dauersitzungen, die so lange währten, bis Frau Schuh -nichts mehr ankreiden wollte und von dem Beduinenknaben, den der -berühmte Afrikaforscher Dr. Glaser seinem in der „Gifthütte“ wohnenden -Bruder zur Pflege übergeben hatte und der bald der Liebling der -Apollinargasse war. Sie wissen auch davon zu erzählen, daß in der -„Gifthütte“ in der Zeit, da die Universität noch ungeteilt war, -tschechische Studenten mit deutschen Burschenschaftern und Corpsiers -manches feuchte Quodlibet gelöffelt haben. Aber dann begann sich das -Gift nationalen Hasses in die „Gifthütte“ zu verpflanzen, die deutschen -Mediziner blieben aus und die tschechischen, die sich nun untereinander -streiten mußten, bald auch. Dem Medizinerbeisel fehlten die Mediziner -und bloß das Beisel war geblieben. Der Wirt veranstaltete -Schrammelkonzerte, aber die lockten keine Katze in das Haus. Wiederholt -kam das Gasthaus unter den Hammer und wechselte seinen Besitzer. Heute -tanzen am Abend keine Professorentöchter mehr hier, sondern bloß die -Dämchen, die auf der nahen Walstatt den schweren Nachtkampf ums Dasein -führen müssen. In den neuen Kommersbüchern steht das Prager Lied nicht -mehr. Die letzten deutschen Stammgäste scheinen die „schweren Jungens“ -aus Berlin gewesen zu sein, die von hier aus den Plan zur Befreiung -ihres in der Irrenanstalt befindlichen Komplizen ausführen wollten und -in der „Gifthütte“ festgenommen wurden. - - - - - Karl May in Prag - - -Der Prozeß hätte nicht kommen sollen. Zwar hat uns die moralische -Verurteilung Karl Mays heute nicht mehr so arg getroffen, da wir ja -jetzt seine Werke nicht mehr so heißhungrig verschlingen, aber unser -Bedauern ist ein reflexives: Wir malen uns aus, wie uns zur Zeit, da wir -noch in der Sekunda saßen, die Enthüllungen des Prozesses aus allen -Himmeln gerissen hätten. Wie wären wir entsetzt gewesen, wenn wir damals -aus den Gerichtssaalberichten ersehen hätten, daß er „Emmeh“ schnöde -verlassen habe, „Emmeh“, sein geliebtes Weib, dem er in den Wigwams der -Apachen und in den Zelten der Hammadil-Beduinen treu gewesen war und von -dessen Güte und Schönheit er den Mormonen und Mohammedanern mit -imponierender Liebe erzählte. Wie wären wir mißtrauisch geworden, wenn -wir erfahren hätten, daß der gute Idealist „Carpio“, mit dem sich unser -Lieblingsautor in den Wäldern des Erzgebirges harmlos und dichtend -herumgetrieben haben wollte, niemand anderer war, als ein -fahnenflüchtiger Soldat und Einbrecher, mit dem zusammen Karl May -räuberische Überfälle auf Marktweiber unternommen hatte. - -Nein, nein, der Prozeß hätte nicht kommen sollen. Aber besser ist es, -daß er jetzt kam, als wenn er damals stattgefunden hätte. Nicht etwa -deshalb, weil er uns eine Illusion, eine Leidenschaft unserer Jugendzeit -geraubt hätte. Das hätten zehn solcher Gerichtsverhandlungen nicht -vermocht. Niemals hätten wir ihn preisgegeben. Im Gegenteil! Im -Bannkreis unserer Gymnasiasten-Romantik hätten wir es noch -überwältigender gefunden, wenn der Autor der Abenteuer wirklich ein -Abenteurer gewesen wäre. Wir hätten wahrscheinlich seine damaligen -Kämpfe gegen Gesetz und Recht als vielversprechenden Beginn zur Karriere -des Westmannes angesehen. Und wer weiß, ob nicht ein moralisch schwacher -Phantast unter uns hingegangen wäre und ein gleiches getan hätte. - -Und was hätte es für Kämpfe mit unseren Eltern gekostet, wenn die aus -den Zeitungen erfahren hätten, daß unser Autor ein Dieb, ein korrupter -Mensch sei! Hatten sie ihn doch ohnedies mit scheelen Blicken angesehen -und uns seine Werke weggesperrt, wenn aus der Lehrerkonferenz ein -Tadelzettel unfrankiert nach Hause gesandt worden war. Sie hatten gar -wohl gewußt, daß unser mangelnder Fortschritt in der Schule vor allem -dem Umstande zuzuschreiben sei, daß wir Tag und Nacht mit unserem ganzen -Sinnen und Trachten den Spuren Old Shatterhands folgten, daß wir in -sehnenden Gedanken mit ihm vom wilden Westen Nordamerikas in den wilden -Osten Südeuropas reisten. Auf der Strecke von Bagdad nach Stambul waren -wir besser zu Hause, als in den Gebirgsketten der Alpen, deren Kenntnis -der Geographieprofessor von uns verlangte. In den Cordilleren, in -Ägypten, am Rio de la Plata, im Lande des Mahdi, im wilden Kurdistan, im -Reiche des silbernen Löwen kannten wir uns unvergleichlich -vortrefflicher aus, als in den im Reichsrate vertretenen Königreichen -und Ländern. Die Biographien Sam Hawkens, Old Wabbles, Old Deaths, Old -Surehands, Old Firehands, des „blau-roten Methusalem“, Hadschi Halef -Omars Ben Hadschi Abbas Ibn, des „roten Gentleman“ Winnetou, -Ikwehtsi’pas, des Utah-Häuptlings Tusahga-Saritsch kannten wir viel -detaillierter, als jene Schillers, Grillparzers, Lenaus. Mit der -Naturgeschichte der Prairie und der Sahara waren wir vertrauter, als mit -jener Pokornys, und die nur für den echten Araber aussprechbare und -deshalb als nationales Erkennungszeichen angewandte „Sure des Todes“ -konnten wir fließender auswendig hersagen, als die „im Kanon der für den -Lehrplan der II. Mittelschulklasse vorgeschriebenen Gedichte“. - -Das war fürwahr kein Wunder. Denn während der Unterrichtsstunden hatten -wir einen der Fehsenfeldschen May-Bände unter der Bank aufgeschlagen, -die Zehn Uhr-Pause opferten wir der Fortsetzung der Lektüre und der Weg -von der Schule nach Hause wurde im Schnellschritt zurückgelegt, weil man -daheim in dem Buche weiterlesen konnte. Allerdings mußte man dieses mit -den Deckeln des Putzkerschen Historischen Schulatlas maskieren, um bei -den Eltern den beruhigenden Glauben zu erwecken, daß man über ein -Lehrbuch gebeugt sei. - -Praktisch wurde natürlich Karl May noch gründlicher geübt. Das -Belvedere-Plateau war damals noch nicht planiert und zur Seite der -Straße war ein etwa 4 Meter tiefer, breiter Straßengraben, dessen Hänge -von ausladenden Büschen bewachsen waren. So waren wir nach unten vor den -Blicken der Spaziergänger geschützt und konnten ungestört unseren -Kriegsrat abhalten, wobei wir aus irgend einer alten Tabakspfeife, die -wir mit Gras stopften, das Calumet rauchten — die Friedenspfeife. Wir -hatten jeder unseren Prärienamen, nur „Old Shatterhand“ durfte keiner -heißen: Das wäre Profanation, zu viel Ehre für den einen gewesen. Die -Namen der übrigen „Scouts“ waren aber durchwegs vertreten, auch waren -wir in Apachen und Commanchen eingeteilt. Da gab es heftige Kämpfe. -Manchmal siegten auch die Commanchen. Das war eigentlich nicht ganz im -Geiste unseres Autors, denn bei dem mußten immer seine Feinde -unterliegen. Er war ja — so beschrieb er sich selbst — unbesiegbar, er -allein hatte tausendmal Hunderte von Feinden im Schach gehalten. Daß er -doch nicht auch mit seinem Prozeßgegner fertig zu werden vermochte! - -Im Oktober des Jahres 1898 war Karl May in Prag. Er führte gegen einen -tschechischen Verleger einen Stritt, weil ihm das angebotene -Zeilenhonorar für die tschechische Übersetzung seiner Bücher zu gering -war. Schließlich kam ein Vergleich zustande. Wir verschlangen alles, was -wir hierüber in der „Bohemia“ finden konnten, mit wahrem Heißhunger. -Denn, wenn es auch mit der kritiklosen Bewunderung längst vorbei war — -das Interesse für den Autor unserer Jugend war noch nicht erstorben. Wir -wollten diesen einmal von Angesicht zu Angesicht sehen. Wir ließen im -Hotel de Saxe, in dem er logierte, nachfragen, ob wir mit ihm sprechen -dürften. Er ließ uns vor und machte geheimnisvolle Andeutungen über ein -entsetzliches Ende, das Hadschi Halef genommen hatte, über eine -Goldgrube, die er im Llano Estacado entdeckt habe, aber deren Ausbeutung -sehr gefahrdrohend sei. Und dergleichen. Mir als dem Sprecher der -Schüler, hat er zum Andenken den dritten Band „Old Shurehands“ -geschenkt, in dem sich sein Bild mit der Silberbüchse, dem Trapperhut, -den Ledermokasins und Henrys Revolver vorfindet. Auf die erste Seite -schrieb er einen Spruch und setzte seinen Namen darunter. Der Spruch ist -wirklich überaus schön. Er stammt von — Goethe. - - - - - Polizeimuseum - - -Verwittert, zerfallen, von Balken gestützt, hat bis zum Vorjahr der Turm -im Hofe des Polizeigebäudes auf die Gestalten herabgeschaut, die — ihm -ähnlich — auf ihren Krücken allmittäglich aus dem Arresthause in den -städtischen Schubwagen humpelten. Trotz der Stützbalken schien es, daß -der greise Turm jeden Augenblick zusammenstürzen könne. Man wollte ihn -daher demolieren, aber Rücksichten auf die Erhaltung dieses Denkmals -historischer Zeiten, in denen noch ein Wall die innere Stadt umgab, -haben die Ausführung dieser Absicht verwehrt. So mußte man den Turm -renovieren und heute steht der alte Bau freundlich und wohnlich da. - -Hierher ist jetzt das von Oberkommissär Protivenski aus dem Nichts -geschaffene Polizeimuseum übersiedelt. „Polizei-Museum.“ Das klingt wie -ein Oxymoron. Die Musen, die neun Beschützerinnen der schönen Künste, -haben doch mit dem Handwerkszeug der Verbrechergilde nicht das Geringste -zu schaffen! Wohl. Aber die Tätigkeit, die im Dienste der Kultur und -Wissenschaft erfolgreich die Spuren der Verbrecher zu ermitteln strebt, -ist eine Kunst wie bald keine zweite. Das kann man nirgends so gut -erfahren, wie hier im Polizeimuseum, wo man atemlos darüber staunt, mit -welch genialem Raffinement, mit welchem Aufgebot von manueller und -geistiger Geschicklichkeit die Welt der Verbrecher jede neue -Errungenschaft menschlichen Schaffens ihren eigenen Zwecken dienstbar -macht. - -Vor dem Eingang merkt man noch nichts davon, welche Instrumente der -Verbrecherwelt das Polizeimuseum birgt, denn über der Tür zum ersten -Museumsraum sind Studentensäbel und Korbschläger in so dekorativer Weise -angeordnet, daß man vermeinen würde, in eine Studentenbude zu treten, -wenn man nicht wüßte, daß es sich um polizeilich konfiszierte Waffen -handle. Immerhin eine freundliche Einführung für einen Raum, der -vorwiegend der Tätigkeit der _Einbrecher_ gewidmet ist. - -Hier ist Papacostas Handwerkzeug untergebracht — der langjährige Clou -des Prager Polizeimuseums. Denn Papacosta und seine Komplizen Afendakis, -Maceo Stein und Perikles Slalio waren die ersten internationalen -Einbrecher, die mit „allem Komfort der Neuzeit ausgestattet“ -Geldschränke knackten und nur in Prag wurde man ihres ganzen -Instrumentariums habhaft. Allerdings durch den Racheakt eines -benachteiligten Mitgliedes der Bande. Vom 6. April 1894 an, an welchem -Tage sie sich durch einen Einbruch in das an das Polizeikommissariat -Heuwagsplatz angrenzende Etablissement Franz Valenta ihre elektrischen -Bedarfsartikel verschafften, hatten sie ein halbes Jahr lang in kurzen -Intervallen große Einbruchdiebstähle in Prag unternommen, ohne daß man -eine Spur der Täter entdeckt hätte. Am 17. Dezember 1894 fand die -Inhaberin des Bankgeschäftes Ig. S. Weiner, als sie am Morgen in das -Geschäft kam, nicht nur zu ihrem Entsetzen Ladentüre und Kassen fast -ganz aufgesprengt vor, sondern es waren auch unzählige Einbruchsgeräte -auf dem Ladenpulte ausgebreitet: Die seither berühmte „Papacostasche -Maulstange“, der große Zentralbohrer, die sinnreiche Blendlaterne, -ein Ölfläschchen und etwa 40 Sperhaken — heute durchwegs -Ausstellungsobjekte des Museums. Die Einbrecher hatten damals -fluchtartig das Geschäft und auch am selben Tag Prag verlassen. Wie man -einige Monate später vor Gericht erfuhr, hatte Stalio, der den Aufpasser -vor der Ladentüre gemacht hatte, das Warnungssignal gegeben. Aus Rache, -weil er sich bei der Verteilung der Beute übervorteilt glaubte. - -Heute sind die damals angestaunten Utensilien der Papacosta-Bande nicht -mehr die Glanzstücke des Polizeimuseums. Diese bilden nunmehr die -Instrumente einer anderen auswärtigen Verbrecherorganisation, die in -Prag ein blutiges Andenken hinterlassen hat, nämlich der Bande -Wasinskis. Mit Staunen sieht man z. B. die vier Meter lange Maulstange. -Man hat sie bei dem pockennarbigen Riesen Adamski gefunden, der in der -Weihnachtsnacht unmittelbar nach dem Morde festgenommen worden war. Wie -Adamski das vier Meter lange Instrument bei sich verbergen konnte? Nun, -der lange Hebel der aus Birmingham-Stahl gefertigten Stange ist -zusammenlegbar und so fest ineinanderfügbar, daß drei Männer mit aller -Gewalt sich dagegen zu stemmen vermögen, wenn die Eisenplatte der -„einbruchssicheren“ Kassen entzweigeschnitten werden soll. Natürlich -kann die Riesenschere erst dann eingesetzt werden, wenn die elektrische -Handbohrmaschine „Progreß“, deren Spannung 35 Volt beträgt, ihre Wirkung -getan hat. - -In allen Ehren kann neben den Internationalen aus Griechenland und -Galizien auch ein heimischer Aussteller bestehen: Eduard Linhart, der an -einem Wintersonntag des Jahres 1908 den Kellerplafond der Karolinentaler -Vorschußkasse durchbrach und den Fußboden zerschnitt. Für diesen -mißglückten Einbruchsversuch hat Linhart nicht weniger als 8 Jahre -hinter den schwedischen Gardinen von Pankratz zuzubringen — eine harte -Strafe, die wohl vor allem darauf zurückzuführen ist, daß die corpora -delicti allzudeutlich von der Gefährlichkeit des Inkulpaten sprachen: -Ein Zentralbohrer mit Schraube ohne Ende, mit Kraftübertragung durch -Kurbeldrehung und einem Mundloch, den die „Goodel Pratt-Company“ -hergestellt hat, eine feine „Fuchsschwanz“-Säge, ein Riesenhammer und -allerhand ähnliches. - -Durch elegante Form fällt das Reisenecessaire auf, in welchem die -Kirchenräuber Kankovsky und Brünner ihre Einbruchswerkzeuge praktisch -angeordnet hatten. Auch weniger bekannte Einbrecher haben dem Museum -wertvolle Bereicherungen geliefert. Man sieht einen Gutaperchahandschuh, -den ein Einbrecher angezogen hatte, um keine Fingerspuren zu -hinterlassen und um an der elektrischen Leitung gefahrlos hantieren zu -können. Man sieht Schlüssel mit auswechselbarem Bart, bei denen sogar -jeder Bart auf zwei verschiedene Arten — normal und verkehrt — -eingesteckt werden kann. Man sieht Schlüssel, deren Stiel aus lauter -Schlüsselbärten besteht. Man sieht Hohlschlüssel für Patentschlösser. -Man sieht abgesägte amerikanische Vorhängschlösser, sieht, wie -Stecher-Schlösser einfach aus der Kassa herausgenommen werden, sieht -Brustgriffe für Bohrinstrumente, sieht Pechpflaster mit den Resten der -eingedrückten Fensterscheibe, an die sie angedrückt wurden, sieht -Nagelstöcke zum Aufkratzen des Fensterkittes, sieht Strickleitern und -stangenförmige hölzerne Kellerleitern mit Querleisten. Man sieht -„Krähenaugen“, die Frucht von Paris quadrifolia, welche die Einbrecher -den Wächterhunden vorwerfen, um diese zu vergiften. Auch eine -photographische Darstellung des Einbruches, den die Kirchenräuber Wainar -und Anton im Jahre 1904 in die Kapelle in Scharka unternahmen, ist hier -ausgestellt, um zu zeigen, wie man damals mit Hilfe der Daktyloskopie -bloß nach dem am Tatorte aufgefundenen Abdruck eines Handballens der -Täter habhaft wurde. - -Die Requisiten, welche bei _Diebstählen_ in Anwendung kommen, sind -gleichfalls in diesem Raum vorhanden. Sehr elegant ist ein Spazierstock, -dem man es gar nicht ansieht, daß er zu einer Länge von drei Meter -auseinandergezogen werden kann. Ein praktisches Mittel zum Stehlen von -Gegenständen, die noch so weit vom offenen Fenster entfernt liegen -mögen. Diese Stöcke heißen im Rotwelsch „Disputierer“, weil in den -Gefängnissen die Häftlinge auf Latten, die sie irgendwo im Hofe -gestohlen haben, einander die „Kassiber“, die Verständigungsbriefe -zustecken, also mittels eines ähnlichen Instrumentes „disputieren“. - -Das System, auf dem die Erfindung der „Betthaken“ beruht, ist ein -analoges. Das sind winzige Angelhaken, deren drei scharfe Zacken -ankerförmig angeordnet sind. Diese Haken werden an einer langen Schnur -befestigt, deren Ende der Dieb in der Hand behält. An dem Haken wird ein -Bleistück befestigt und nun das Instrument durch ein offenes Fenster in -einen Stall oder in eine Wohnung geschleudert. Die Zacken bohren sich -fest in eine Pferdedecke, ein Federbett, ein Kleidungsstück oder einen -Sack ein und dieses Objekt wird nun mit Hilfe der Schnur aus dem Fenster -auf die Straße gezogen. Fast bei jedem Zigeuner, der von der Gendarmerie -oder der Polizei festgenommen wird, findet man dieses Diebswerkzeug. - -Auf Schiffsverladeplätzen, in den Güterwaggons und in Magazinen wird der -„Kaffeeläufer“ häufig verwendet: Ein einfaches Eisenrohr, das gut -zugespitzt ist. Der Dieb stößt es scharf in einen mit Ware gefüllten -Sack und der Reis, die Kaffeebohnen, das Mehl fließen aus diesem durch -das Rohr in den Schnappsack des Diebes, ohne daß die Plombe des -bestohlenen Sackes beschädigt würde. - -Zu unauffälligem Fortschaffen der Diebsbeute ist der breite -Schmugglergürtel sehr zu empfehlen, in dessen Taschen die Beute -gleichmäßig verteilt werden kann, und an dessen Haken kompaktere -Gegenstände befestigt werden können. Natürlich arbeiten auch diese -Diebe, so wie ihre Kollegen vom Einbruchsfach, mit Glacéhandschuhen, die -zur Vermeidung von Fingerspuren dienen, mit Strickleitern u. dgl. - -_Bomben_ und andere Explosivkörper mannigfaltiger Art füllen in diesem -Museumsraum zwei ganze Vitrinen. Ein respektables Exemplar ist die -Bombe, die in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts im Flur der -ehemaligen St. Wenzelsvorschußkasse in der Karlsgasse gefunden wurde und -die damals fast so viel Aufsehen erregte, wie ein Jahrzehnt später die -Enthüllungen über die Geschäftsgebarung in diesem Hause. Die Bombe -bestand aus einer mit Pulver gefüllten Kugelflasche, die mit einem -Gipsmantel umkleidet war. In dieser Gipshülle waren Eisennägel als -Sprengstoffe eingeschmolzen, die ganze Bombe war mit Eisendraht und -Fetzen umspannt. - -Ferner befindet sich hier eine Höllenmaschine mit einem Wecker. Die -Höllenmaschine war mit Pulver und Halbblei gefüllt. Von furchtbarer -Wirkung wäre im Falle der Explosion ein oben und unten verkeiltes -Gasrohr gewesen, das mit Pulver gefüllt war, und oben ein Zündloch und -die Zündpfanne trug. - -Eine Reminiszenz aus Prager Demonstrationstagen bildet der sogenannte -„Kanonenschuß“, ein Ledersäckchen, das mit Pulver gefüllt und mit -geleimtem Spagat zusammengebunden ist. Diese Apparate pflegen mit einem -geradezu ungeheuren Krach zu explodieren, ohne aber besonders gefährlich -zu sein. Zur Belehrung der Sicherheitswache sind hier Dynamitpatronen -und Dynamitballen in Originalpackung ausgestellt. Auch gestohlene -Militärsprengstoffe, Bomben in Tafelform, und „Frösche“, wie man sie in -Prager bewegten Tagen den Pferden der berittenen Wachmannschaft unter -die Füße zu werfen pflegt, fehlen in der Sammlung nicht. - -Das Turmgemach im zweiten Stockwerke strotzt von Waffen. Am -unauffälligsten nehmen sich unter diesen wohl die Schießwaffen aus, die -zum _Wilddiebstahl_ gedient haben. Wirklich kann mit diesen Gewehren -jeder Wilderer ruhig das forschende Auge des Hegers passieren. Da ist z. -B. ein Spazierstock einfachster Form, dem man gar nicht ansieht, daß er -sich flugs in ein Zündnadelgewehr verwandeln läßt, dem nicht einmal der -Kolben fehlt. Leimruten, Schlageisen für Rehe, Drahtschlingen für -Rotwild, Strickschlingen für Hasen, Leimruten für Singvögel, Fangnetze -für Rebhühner, die man teils in Jagdrevieren abgenommen, teils bei -Wilddieben vorgefunden hat, befinden sich gleichfalls im Polizeimuseum. - -Verbotene Waffen, wie Dolche, Stilets und Stockdegen füllen eine große -Vitrine. Die übrigen Waffen, die hier zu sehen sind, stammen teils von -Selbstmorden her, teils sind sie Reminiszenzen aus den _Mordaffären_ der -letzten Jahre. Von dem simpelsten Mordinstrument bis zum modernsten -fehlt keines. Hier ist der große Pflasterstein, mit dem am Josefitage -des Jahres 1896 Pravda und Outrata die Juwelierin Gollerstepper in deren -Laden in der Husgasse ermordet haben. Hier ist das Beil, mit welchem -1895 der Schuster Franz Červenka seiner Frau die Schädeldecke -zertrümmert hat. Große Blutflecken auf drei Steinen stammen aus der -Nacht des 2. April 1902, in welcher die Trainsoldaten Čučko, -Octovsky und Velek auf dem Belvedere den Franzensbader Hotelier Wolf -getötet haben, eine plastische Karte veranschaulicht den Tatort. Ein -Tuch war das Mordinstrument, mit dem der Musikant Ježek und sein -Freund Merta in Točna den Prager Werkelmann Janeček erwürgten. -Eine ganze Vitrine weist die Instrumente auf, mit denen das würdige -Ehepaar Valeš zu Krtsch das Liebespaar Takasz-Hanzely im Schlafe -umgebracht habe: Ein Jagdgewehr, ein Strick, ein Revolver, ein Beil. Ein -Revolver, der an der Wand hängt, war das Mordinstrument des wahnsinnigen -Stadtbediensteten Wurm, der an dem Stadtrat Parůžek furchtbare -Rache für seine Entlassung nahm. Auch der Browning, die modernste der -Schießwaffen, mußte in zwei Exemplaren Aufnahme im Prager Polizeimuseum -finden: Mit einem Browning hat Wasinski den Gefängniswärter Kaucky am -Weihnachtsabend 1907 erschossen, mit einem Browning tötete Boček am -Karsamstag 1908 den Detektiv Pětiletý und verletzte die Detektivs -Lukeš, Binder und Hladík. - -An Bočeks Bluttat erinnert überdies die Totenmaske seines Opfers, -eine andere ist von dem im Nusler Tal von unbekannten Einbrechern -erschossenen Polizisten Bartoš abgenommen worden. Eine dritte -Totenmaske ist die eines Anarchisten, der in Prag wegen Mordes -justifiziert worden ist; in dem Gips ist die tiefe Strangulierungsfurche -erkennbar. Die älteste Mord-Reminiszenz, die sich im Polizeimuseum -befindet, ist ein vergilbter Steckbrief der Prager Stadthauptmannschaft -vom 1. Mai 1828. Er ist gegen zwei Fuhrleute aus der Umgebung Prags -gerichtet gewesen, die im Vogtlande die Familie eines Landmannes töteten -und beraubten. Der älteste Band des „Polizeianzeigers“ — die amtliche -Wochenschrift des Prager Sicherheitsdepartements — weist gleichfalls -schon vergilbte Blätter auf; die Leute, deren Steckbriefe in diesem -Buche gedruckt sind, haben wohl schon längst ihre Strafen gebüßt. -„Königl. Preußische Polizeidirekzion in Prag.“ Diese seltsame Inschrift -trägt eine Stampiglie, die aus der Prager Preußenzeit des Jahres 1866 -stammt. - -Verschiedenartig sind die Hilfsmittel der _Betrüger_. Wohl der genialste -Schwindel, dessen Schauplatz Prag war, ist die lukrative Gründung des -geheimen Telegraphenamtes durch Plocek und dessen Personal gewesen. Von -Ploceks Hand stammen raffinierte Postanweisungsfälschungen. Nicht minder -geschickt nachgeahmt sind Diplome, Totalisateur-Tickets und Dokumente, -Stampiglien und Marken, Orden und Medaillen. Die ganze Einrichtung einer -Münzfälscherwerkstätte und falsches Geld aller Sorten liegt zur Schau. -An der Wand hängt ein Phantasiesäbel — der „amerikanische Oberstabsarzt -Morocz“ hat ihn 1899 in Prag getragen, bevor er verhaftet, als der -langgesuchte Heiratsschwindler Theophil Lawczinski erkannt und an die -Schweiz zur Bestrafung ausgeliefert wurde. Plombierte und verschlossene -Pakete „russischen Tees“, die Sägespähne enthalten, magnetische Ringe, -elektrische Stühle und anderes aus dem Warenlager großindustrieller -Quacksalber, die präparierten „Glücks“-Spiele der Bauernfänger, die -Schmucksachen der Ringwerfer, die vor zwei Jahren in Prag reißend -abgesetzten Kassetten der „Elektrischen Amalisations-Werke in Berlin -SW“, welche einen Apparat zur Ersparung elektrischer Kraft enthalten -sollten, aber in Wirklichkeit leer waren, und vielerlei ähnliches sieht -man. - -Das sind die Dinge, die der Museumsturm der Polizeidirektion -einschließt. Aus seinen spitzen Fenstern kann man in das -anthropometrische Kabinett im Hauptgebäude hinübersehen. Dort liegt man -der Tätigkeit ob, die zur Ausmittlung der Verbrecher und zur Verhütung -des Verbrechens dient, dort daktyloskopiert man und signalisiert man, -dort werden die portraits parlé und die Photographien des -Verbrecheralbums eingeordnet. Dort rüstet man, von dort aus kämpft man -gegen den Feind, der das Eigentum, die Ordnung und das Leben der -Menschen bedroht. Manches, was hier geleistet wird, entbehrt nicht des -verblüffenden Erfolges. Aber gegenüber steht hoch, trotzig und fest der -Turm, der Rüstzeug und Waffen des Feindes birgt. - - - - - Unter Statisten - - -Meine Tätigkeit als Statist wird von der Kritik in der hartnäckigsten -Weise ignoriert. Da ich aber nicht Willens bin, mir gefallen zu lassen, -daß meine Zugehörigkeit zur dramatischen Kunst in Böhmen und meine -Teilnahme an ihrem Aufschwunge von gehässigen Federn totgeschwiegen -wird, so will ich sie selbst hier für die Ewigkeit verzeichnen. Der -Beginn meiner Bühnenlaufbahn fällt in das vorige Jahrhundert. Wir gingen -als Mittelschüler oft statieren. Erstens war es interessant, das -Bühnentreiben aus nächster Nähe zu betrachten, zweitens war es ein -einträgliches Vergnügen, da wir das Geld, das wir von den Eltern zum -Theaterbesuch bekamen, für uns behalten konnten und drittens gab es -immer ein großes Gaudium. Bei der Aufführung der Oper „Die -Rosenthalerin“ hatten wir balgende Buben im Jahrmarktsgetümmel zu mimen -und prügelten einander dabei in erfreulicher Weise, bis wir Beulen an -den Köpfen und wunde Schienbeine hatten. In den „Hugenotten“, in denen -wir als Priester und Ministranten auftraten, zogen wir im dritten Akt -auf offener Bühne statt in die Kirche in das Wirtshaus. - -Mit der Zeit wuchs unsere Bühnenroutine und unsere Courage zu -verschiedenen Streichen. Einer von diesen hat der Schlußwirkung eines -Theaterstückes starken Eintrag getan. Das war bei der Uraufführung des -Gottschallschen Bibeldramas „Rahab“ im Landestheater. Die Regie hatte -Gustav Burchard inne, der in irgend einem reichsdeutschen Dialekte die -Statisten zu beschimpfen pflegte, weshalb diese stets dazu bereit waren, -ihm irgend einen Tort anzutun. Als Darsteller der übrigen Rollen waren -Marie Immisch, Mizzi Bardi, Auguste Urfus und Emma Metz und die Herren -John, Moissi, Stiewe und Steil tätig. Wir Statisten — Söldner waren wir -— hatten während des Stückes nichts zu tun: Nur am Schlusse sollten wir -im blutigen Scheine der an allen Ecken angezündeten Stadt die Mauern -Jerichos besteigen und, unsere Schwerter und Hellebarden schwingend, -dartun, daß jede Gegenwehr der Bürgerschaft vergeblich sei. Natürlich -benützten wir die lange Zeit, die uns bis zum Schlusse des Dramas blieb, -dazu, um uns in der Handhabung der Hellebarden, Schwerter und Schilde zu -üben, bis Regisseur Burchard unseren Tournieren ein jähes Ende -bereitete. Schimpfend befahl er uns, alle Waffen hinter einer Kulisse -auf einem Haufen niederzulegen. Wir folgten, aber brüteten Rache. Die -gelang uns auch. Im letzten Akte machten sich zwei von uns auf, trugen -unbemerkt alle Lanzen und Schwerter von dannen und versteckten sie -zwischen zwei Kisten in der Nähe des Maschinenraumes. Knapp vor unserem -Auftreten rief uns Burchard zusammen und prägte uns ein: Wenn sich der -Feuerschein verbreitet habe, mögen wir unsere Waffen holen, sie mächtig -aneinanderschlagen, auf den Leitern die „Mauern“ erklimmen und oben -unsere Waffen drohend erheben. Als aber die Bärlappsamen entzündet -worden waren und wir unsere Waffen holen wollten, fanden wir sie nicht. -Burchard fluchte, schimpfte, drohte, schrie, aber das half ihm nichts. -Wir mußten wie Diebe auf die Mauern kriechen und stellten uns oben ganz -friedlich auf. Das war der Schlußeffekt des Dramas, und die Kritik war -am nächsten Tage einmütig in ihrem Urteil: die Bürgerschaft Jerichos -hätte sich gegen eine derart schäbige Einnahme ihrer Stadt erfolgreich -wehren können. - -In der vorigen Woche habe ich nach längerer Pause meine „statistische“ -Tätigkeit wieder aufgenommen. Ich debütierte in „Wallensteins Tod“. Auch -Kollege Devrient wirkte mit. Wir Statisten hatten Wallensteinsche -Soldaten zu spielen. Herr Kristoff, als Garderobier daran kenntlich, daß -er in seinen beiden Rockaufschlägen einige hundert Stecknadeln -eingesteckt hatte, (Sigmund Lautenburg hat einmal einen Garderobier -cäsarisch grollend mit den Worten entlassen: „Geben Sie Ihre Nadeln -ab!“) kommandierte, als wir in den Garderobensaal gekommen waren: - -„Hosen, Stiefel und Röcke ausziehen, Westen anbehalten.“ - -Wir bekamen rot-gelb-blau gestreifte Strümpfe, gelbe Schuhe, braunrote -Pumphosen mit blauen Bändern am Knie, ein helles Wams, einen Brustlatz -aus Blech, einen Ledergürtel mit herabhängenden Patronen, einen Degen -und einen grauen Schlapphut. Während wir uns ankleideten, teilte der -kleine Herr Rosenzweig, dessen Geschlecht schon seit einem halben -Jahrhundert die Komparseriebeistellung für das deutsche Theater besorgt, -das Spielhonorar aus: Vierzig Heller per Person. Er selbst bekommt -sechzig Heller, die restlichen zwanzig sind sein Gewinn. Ein Statist, -der sich neben mir ankleidete, sagte auf Pragerisch zu mir: - -„Nicht wahr, das ist nicht dasselbe Stück, wo der Löwe den Wallenstein -gespielt hat?“ - -Ich belehrte meinen Nachbar, indem ich ihm auseinandersetzte, daß -„Herbstmanöver“ und „Wallensteins Tod“ Kriegsdramen verschiedenen -Charakters seien, und daß der General Wallenstein nicht den gleichen -Chargengrad wie der Kadettoffizierstellvertreter Wallerstein bekleide. - -Ein anderer Statist zog, bevor er sich auskleidete, einen Gummiknüttel -und einen Revolver aus der Tasche und legte die Waffen neben sich auf -die Bank. - -„Wozu tragen Sie die Waffen mit sich?“, fragte ihn ein anderer. - -„Die brauche ich zu meinem Beruf,“ sagt der Befragte. - -„Was sind Sie denn?“ - -„Ich bin Detektiv der Polizeidirektion,“ wirft der Mann so gleichmütig -hin, als ob er wirklich das wäre, als was er sich ausgibt. Der -Garderobeinspektor des Theaters, Herr Fitzek, wendet sich interessiert -an den „Detektiv“ mit der Frage, ob es nicht einen Detektiv Fitzek in -Prag gebe. Der angebliche Polizeiagent verneint die Frage. Er habe -keinen Kollegen dieses Namens. Herr Fitzek erzählt daraufhin, sein Vater -habe ihm einmal in Wien gesagt, daß er in Prag einen Onkel bei der -Geheimpolizei habe. Der angebliche Detektiv wiederholt apodiktisch, daß -er in den fünf Jahren, in denen er Angestellter des k. k. -Sicherheitsbureaus sei, nie einen Fitzek kennen gelernt habe. Und dann -beginnt er — die Statisten haben sich um den Detektiv geschart — von -dem hervorragenden Anteil zu erzählen, den er an der Ausforschung der -Kriminalaffären der letzten fünf Jahre hatte. Er gehe oft statieren. Im -tschechischen Nationaltheater habe er neulich den gefährlichen Dieb -Burian dabei festgenommen, als er aus den Garderoben Portemonnaies -stahl. Die Statisten reißen respektvoll die Augen auf, gar als er einen -„Rapport“ aus der Tasche zieht, in dem er angibt, daß er gestern mit dem -Detektiv Batlička (dies ist tatsächlich der Name eines -Geheimpolizisten) eine Streifung unternommen habe. Alles bewundert den -Meisterdetektiv, an dem nur die Phantasie bewundernswert ist. Ich kenne -alle Geheimpolizisten. Er ist nicht darunter. - -Inzwischen ist es sieben Uhr geworden und wir Statisten schleichen auf -die Bühne. Wir hören, wie Seni-Mandé und Wallenstein-Devrient -astrologische Weisheiten tauschen. Schließlich finden wir auch eine -Lücke in der Dekoration, durch die wir auf die Szene schauen können. -„Glückseliger Aspekt!“ Wallenstein hat diesen Ausruf getan und die -Kulissenschieber nehmen ihn als Stichwort, um uns von unserem Ausguck zu -vertreiben. Flüche, in denen sich Prager Bodenständigkeit mit gräßlichen -Verwünschungen paart, schleudern sie mit verhaltener Stimme uns, „dem -miserablen Komödiantengesindel“, „den verkleideten Affenpintschern“ ins -Gesicht. Aber auch unter uns sind Männer von gewandter Rede und sie -bleiben den „Wolkenschiebern“ und „Leinwandbaumeistern“ grobe Antwort -nicht schuldig. Zwischen Bühnenarbeitern und Figuranten herrscht seit -urdenklichen Zeiten Erbfeindschaft und in den ewigen Kämpfen bleiben die -Arbeiter immer Sieger. Denn sie sind Angehörige des Theaters, die -Komparsen nur Fremde. Und das technische Personale hat im Inspizienten -und im Regisseur mächtige Verbündete. Die jagen uns fort. Ich habe aber -von allen Komparseriekollegen die größte Sehnsucht, doch etwas von den -Vorgängen auf und hinter der Szene zu erhaschen, ich schleiche mich von -einer Kulisse zur anderen, von rechts, von der Zauberbude, in der der -Oberbeleuchter mit Apparaten und Knöpfen hantiert, bis an die äußerste -Linke, wo der Vorhangmeister das Steigen und Fallen des Vorhanges -regelt, und komme mit dem Regisseur Seipp und sogar mit Heinrich -Teweles, dann mit dem vorbeikommenden Theatersekretär Bertholdi und mit -mehreren Schauspielern in unsanfte Berührung. Lauter gute Bekannte — -keiner erkennt mich. Ein Schauspieler, mit dem ich in der vergangenen -Nacht bis viertel 7 Uhr früh Kognaksorten geprobt habe, beschimpft mich, -weil ich ihm im Wege stehe. Und eine Schauspielerin, die zwei Tage -vorher mit einer öffentlichen Vorlesung meiner Werke Erfolg hatte, -schiebt mich höchst unsanft beiseite. Nur Herr Reinhart, der den Buttler -gibt und selbst nicht zu erkennen ist, hat mich erkannt: - -„Herr Redakteur, wie kommen Sie her?“ - -Ich bitte ihn um Stillschweigen, er sagt es mir zu, aber ich kann die -Folgen dieser Erkennungsszene nicht vermeiden. Ein kleiner Statist, der -neben mir steht, hat die Anrede gehört und fragt mich: - -„Sie sind ein Redakteur?“ - -„Ja.“ - -„Da haben Sie ganz recht, daß Sie sich keinen Sitz kaufen. Was brauchen -Sie sich zu drängen! Und schade ums Geld ist es.“ Nach einer Weile fährt -er aber fort: „Herr Redakteur, bitte schön, wie können Sie die Szenen -kritisieren, die Sie nicht sehen?“ - -Da rücke ich denn mit der Wahrheit heraus: „Ich schreibe nicht über das -Stück, ich schreibe nur über die Statisten.“ - -„Über die Statisten? Das ist großartig. Da müssen Sie hineinschreiben, -daß ich eine prachtvolle Stimme habe. Wenn ich disponiert bin, singe ich -elfmal hintereinander das hohe C. Nur habe ich einen Herzfehler und kann -mich deshalb nicht zum Sänger ausbilden. Aber als Schauspieler bin ich -einmal aufgetreten. In Hirschberg.“ - -„Was haben Sie da gegeben?“ - -„Den Okelly in „Maria Stuart“. Keine leichte Rolle. Ich sollte hinter -einem Mauerstück auftauchen und den Mortimer warnen. Meinen Text kannte -ich glänzend. Einen Souffleur hätte ich gar nicht gebraucht. Aber ich -habe Pech gehabt. Der Garderobier hatte mir gesagt, ich brauche mich nur -bis zum Gürtel zu kostümieren. Aber als ich mich über das Versatzstück -beugte und mit voller Kraft schrie: „Flieht, Mortimer, flieht,“ kippte -das Versatzstück um und ich fiel auf die Bühne. Das Publikum lachte wie -wahnsinnig, denn ich hatte zu dem roten Wams meine graukarrierten -Straßenhosen an und die Hosenträger hingen herunter. Der Direktor war -wütend. Und bei der nächsten „Maria Stuart“ mußte ich wieder im Volk -stehen und „Rhabarber“ murmeln. Seit der Zeit bin ich nicht mehr als -Solist aufgetreten. Der Garderobier in Hirschberg ist schuld daran. Ich -habe wirklich sehr viel Talent. Sie müssen schreiben, daß ich sehr viel -Talent habe.“ - -Der kleine Statist mit dem großen Ehrgeiz weicht nicht mehr von meiner -Seite. Schließlich werden wir beide — über Auftrag des Inspizienten — -auf den Korridor geleitet und die Türe wird hinter uns geschlossen. Wir -müssen durch die Katakomben, die von schwachen, mit Drahtnetzen -umspannten Glühbirnen beleuchtet sind, wieder in die Garderobe hinab. - -Während des dritten Aufzuges, kurz nach der Szene mit den Pappenheimern, -die von Chorherren dargestellt wird, läutet in unserer Garderobe die -elektrische Glocke: Man bedarf unser. Herr Kristoff wirft noch einen -musternden Blick auf unsere Uniformen, bessert hier und dort an unserer -Adjustierung und jagt uns dann hinauf in den Seitenraum der Bühne. Von -der Szene tönt uns das Wortgefecht zwischen Max Piccolomini und Max -Devrient entgegen. Wir stehen rechts von der Bühne und stellen die -Truppen dar, die ungeduldig die Freigabe des jungen Piccolomini -verlangen, den sie von Wallenstein gefangen glauben. Der Inspizient, -Herr Körner steht auf einem Sessel und hebt von Zeit zu Zeit die Hand. -Das ist ein Signal für uns: Jetzt ist’s Zeit zu lärmen! - -Der einundzwanzigste Auftritt geht zu Ende, Wallenstein hat seine -Absicht wahr gemacht: - - „Ich zeige mich - Vom Altan dem Rebellenheer, und schnell - Bezähmt, gebt acht, kehrt der empörte Sinn - Ins alte Bette des Gehorsams wieder.“ - -Wallenstein kommt zu uns heraus, wischt sich (dem Publikum ist er nicht -sichtbar) den Schweiß von der geschminkten Stirn, schneuzt sich -gleichmütig und schenkt uns, dem Rebellenheere, keine Beachtung. Ist es -dann ein Wunder, daß auch wir ihn mißachten und auf die freundliche -Aufforderung des Herrn Inspizienten „Vivat Ferdinandus!“ schreien?! Das -heißt: Alle schreien diese beiden Worte nicht. Vor mir z. B. steht ein -Tscheche, der in den allgemeinen Lärm nur mit einer freien tschechischen -Übersetzung des Wortes „Schmarren“ einstimmt. - -„Um zwei Sechser werde ich doch nicht ganze Monologe aufsagen,“ bemerkt -er zu seinem Nachbar. - -Nach und nach stürmen alle Statistengruppen in den Saal, der sich — -streng laut Regiebemerkung Schillers — unter Kriegsmusik allmählich mit -Bewaffneten zu füllen hat. Schließlich stehen wir alle im Hintergrund -der Szene. Einzelne von uns betrachten die Dekoration, andere mustern -die Thekla, andere starren forschend in den Zuschauerraum, der in -gähnender Dunkelheit vor uns daliegt und aus dem sich tausend -unsichtbare Augen auf uns heften. Wieder andere von uns suchen ihren -Blick abzuwenden, unerkannt zu bleiben. Jeder hat andere Wünsche. Max -Piccolomini aber schreit uns an: - - „Was wollt ihr? Kommt ihr, mich von hier hinweg - Zu reißen? — O treibt mich nicht zur Verzweiflung - Tut’s nicht! Ihr könntet es bereun.“ - -Wir würdigen den Mann gar keiner Antwort. Er aber glaubt, daß keine -Antwort auch eine Antwort sei, und brüllt uns zu: - - „Ihr habt gewählt zum eigenen Verderben, - Wer mit mir geht, der sei bereit zu sterben.“ - -Dann rennt er ab, wir ihm im wilden Tumulte nach, nicht zu sterben, -sondern in unsere Garderoben. Wir haben ausgespielt und entledigen uns -unserer Rüstungen, in denen wir von halb 7 bis 10 Uhr abends bös -transpiriert haben und kleiden uns an. Einzeln verlassen wir die -Garderobe. Der „Meisterdetektiv“ mißt jeden von uns mit forschendem -Blick, daß es den Gemusterten eiskalt überläuft. - -Der kleine Statist schärft mir noch beim Abschied ein: - -„Vergessen Sie nicht hineinzuschreiben, daß ich eine prachtvolle Stimme -habe!“ - - - - - Der Dichter der Vagabunden - - -„Die Vagabunden“ von Karl von Holtei waren eines der Lieblingsbücher -unserer Väter. Das Buch hatte Sympathien für die hungernd-fröhlichen -Jünger der Kunst und deren Lebensweise entfacht, denen im gleichen Jahr -Henri Murger den Namen Boheme gab, sie noch literarischer und noch -romantischer, sie ersehnenswert und bewundernswert machte. Karl von -Holtei war selbst ein Sprosse dieses in Frankreich von Murger geadelten -Geschlechtes, und wohl ein echter. Das zeigt z. B. die Widmung, die auf -der Titelseite des Vagabundenbuches steht: „Dem k. k. Hofrath und -Polizeidirektor in Prag Anton Frhr. von Paümann.“ Die Widmung ist -satirisch, ironisch und tendenziös. In ihr sagt der alte Holtei zu dem -Polizeigewaltigen, mit dem ihn übrigens von Graz her ein persönliches -Freundschaftsverhältnis verband: „Sie sind sonst immer hinter den -Vagabunden her, d’rum müssen Sie sich’s gefallen lassen, daß hier die -Vagabunden hinter Ihnen her sind.“ Doch konnte sich der Herr Baron -Paümann durch diese Widmung seines Freundes auch derart angesprochen -sehen: Du hetzest uns Vagabunden; sieh her, wie wenig wir’s verdienen, -wie wir fühlen, wie wir denken, wie wir sind ... Es war gewiß nicht bloß -ein Akt der Freundschaft von Holtei, wenn er einem Buch, das „Die -Vagabunden“ hieß, den Namen eines Polizeichefs voranstellte, denn er -hatte als Theaterdichter, Bühnenleiter, Theatersekretär, Schauspieler, -Rezitator und — not least — als fahrender Bohemien zeitlebens genug -von der Polizei zu leiden gehabt. Auch von der Prager. - -Der im Jahre 1797 in Breslau als Sohn eines Husarenrittmeisters geborene -Karl von Holtei wuchs vater- und mutterlos auf. Seine Gymnasialstudien, -die schon ein verzehrender Drang zum Theater beherrschte, unterbrach er, -um Landmann werden zu können. Er zog als freiwilliger Jäger gegen -Napoleon zu Felde, bezog dann die Universität, wurde Burschenschafter -und während all dem verließ ihn nie die Sehnsucht Schauspieler zu -werden. Als „Mortimer“ betritt er in seiner Heimatstadt die Bretter. -Bald gibt es Streit, als fahrender Sänger und Deklamator zieht er ins -Weite. Heimgekehrt vermählt er sich mit der entzückenden Louise Rogée, -die als Schauspielerin die Breslauer bezaubert. Er wird Theatersekretär. -Neuer Streit und Kündigung. Das junge Künstlerpaar verläßt die Heimat -und wendet sich (man schreibt 1823) zunächst nach — Prag. - - „Ich erwählte mir Prag,“ schreibt Holtei in seiner - Lebensgeschichte,[1] „und zwar deshalb, weil dies der einzige Ort - war, von wo ich auf meine Anfrage (wegen Gastierens) keine Antwort - empfangen ... Es war in der Abenddämmerung, als wir Prags Türme - erblickten. Mich überkam dabei ein poetischer Schauer, und mit - wehmütiger Begeisterung hub ich das Schenkendorfsche Lied auf - Scharnhorsts Tod, in welchem er „die alte Stadt, wo Heil’ge von den - Brücken sanken“ anredet, zu singen an. Wir gelangten in wahrhaft - feierlicher Stimmung ans Tor, um durch einen verwünschten Zöllner in - die niedrigste und ekelhafteste Prosa gezogen zu werden.“ - -Auch ein Fremder, der diese Stadt uneingeschränkt bewunderte und liebte, -bevor er mit dem ersten Bewohner in Berührung kam, um „in die niedrigste -und ekelhafteste Prosa gezogen zu werden!“ - -In Prag war damals Hans von Holbein Theaterdirektor. Wenn das Ständische -Theater auf dem Obstmarkt unter seiner Führung auch nicht die Blüte wie -unter Liebichs Leitung erreichte, stand es doch auf bedeutsamer Höhe, -auf der es nur von wenigen Hoftheatern übertroffen wurde. Unter seinem -Regime erhob sich die „böhmische Nachtigall“, Henriette Sontag, zu ihrem -die Welt erobernden Fluge, und er war der erste, der Seydelmanns -überragende Begabung anerkannte und wertete. Holbein empfing die -fahrenden Thespisjünger nicht sehr wohlwollend. - - „Er fertigte mich kurz und entschieden ab; vom Gastspiel war keine - Rede, umsoweniger als eben der berühmte Bassist Fischer und der - junge Sänger Eduard Devrient aus Berlin auftreten sollten. Da saßen - wir nun in der großen wunderbaren Stadt, ohne Freund, ohne Rat, ohne - Hoffnung — und wußten uns nicht zu helfen. Mitten in meiner Trübsal - fiel mir ein, daß ein Mitarbeiter und Korrespondent der „Deutschen - Blätter“,[2] W. A. Gerle, Professor am Konservatorium, hier weile. - Diesen freundlichen Mann sucht’ ich auf, wurde durch ihn mit dem - jungen, lebenslustigen Marsano, dem Verfasser hübscher Lustspiele, - und durch diesen wieder mit all den fröhlichen Gesellen bekannt, die - sich in der sogenannten Wolfsschlucht versammelten.“ - -Aber hatte Holtei auch keine Freunde und keine Hoffnung, so besaß er -doch etwas, was schon damals wichtiger war, als alles andere: -Protektion. Auf dem Paßbureau wies er sich, nachdem er kurz und -entschieden nach Breslau zurückgewiesen werden sollte, mit zwei Briefen -an den Oberstburggrafen von Böhmen, den Grafen Kolowrat, aus. Auf den -Rat des Beamten gab er die Briefe in dessen Palast ab, von wo sie den -Abwesenden nachgeschickt wurden. Nur wenige Tage des Wartens vergingen. -Da kommt er eines Tages nach Hause und findet bei seiner Frau den — -Theaterdirektor mit dem „Besetzungsbuche“. Frau von Holtei trat als -Lieschen in „Alpenröslein“, sowie mit ihrem Manne, der hier wieder die -Bühne betrat, in einigen seiner netten Singspiele auf und erntete -allabendlich stürmischen Beifall.[3] - -Holtei schreibt von seinem Prager Auftreten in bemerkenswerter Weise: -„Ohne Gastrollen von Prag abreisen hieß gewissermaßen auch alle übrigen -deutschen Bühnen Luisen verschließen.“ Und auch als er in dem Beutel, -der ihm als Honorar überreicht wird, statt der vermeintlichen Goldstücke -nur Kupfermünzen findet und entdeckt, daß seine Einnahme nur 3 fl. 56 -kr. W. W. beträgt, vermag das seiner guten Laune nicht Einbuße zu tun: -„Gleichviel! Wir hatten in Prag gespielt, die Bahn war gebrochen ...“ - -Nun durchwandert der Unstete Europa. Nahezu drei Jahrzehnte währen die -Irrfahrten, und die Aufzählung der äußeren Erlebnisse würde Bände -füllen. Von besonderem Interesse ist es, wie er durch einen Besuch bei -Madame Czegka in Leipzig, eine Gesangslehrerin von Weltruf, welche am -Prager Konservatorium Henriette Sontag zuerst unterrichtet hat, und -durch diplomatische Kunststücke Henriette Sontag für Berlin engagiert, -was anderen Theaterdirektoren und deren Abgesandten nicht gelang. In -Weimar wird Holtei mit Goethe gut Freund, und kommt besonders mit dessen -Sohn August in ein überaus herzliches Verhältnis. Mit Saphir kommt es -wegen dessen Krieges gegen die Sontag zum Bruch. Holtei wird -Zeitungsredakteur, schreibt eifrig und wird als erster Polensänger auch -für die Nachwelt lebendig. Noch heute gedenkt man des „tapferen -Lagienko“ und tönt das Mantellied „Schier dreißig Jahre bist du alt“. Er -heiratet zum zweitenmale (Louise ist 1825 gestorben), der alte -Schleiermacher traut ihn mit der Schauspielerin Julie Holzbecher. Er -spielt in seinem „Lorbeerbaum und Bettelstab“ und wird sehr berühmt. Im -Jahre 1850 wird er seßhaft. In Graz. Sein kundiger humorvoller -Biograph[4] meldet: „Und er kaufte sich einen Schreibtisch.“ Er -vollendet seine Selbstbiographie „Vierzig Jahre“, die als wichtige -Quelle deutschen Theater- und Literaturlebens von unschätzbarem Werte -ist. Er schreibt hier seine Landstreicherromane und Kriminalgeschichten, -von denen manches Buch wie „Christian Lammfell“ oder gar „Die -Vagabunden“ mit Unrecht vergessen ist. - -Nach Prag ist Holtei wiederholt gekommen. Hatte er sich schon bei seiner -ersten Anwesenheit manchen lieben Freund wie Gerle und Marsano erworben, -hatte sich die wunderbare Stadt, die keinen unverzaubert aus ihrem Banne -entläßt, tief ins Herz geprägt, so verdichteten sich diese Eindrücke zu -einer poetischen Verherrlichung. Als dem Dichter nach dem Tode seiner -zweiten Gattin sein Theaterdirektorposten und der Aufenthalt in Riga -verleidet worden war, hatte Johann Hoffmann, ein Wiener Kind und -ehemaliger Tenor in Petersburg, diesen übernommen. Dieser Hoffmann -sollte nun im Jahre 1846 Nachfolger Stögers in Prag werden. Als er sich -nun an Holtei um ein Eröffnungsfestspiel wandte, konnte dieser dem -Freunde die Bitte nicht abschlagen, doch stellte er die Bedingung, -vorher einen Besuch in Prag zu machen, „die dortigen Theaterzustände, -die Stimmung des Publikums, den vorherrschenden Ton wieder kennen zu -lernen ...“ Auf Hoffmanns Einladung verbrachte Holtei die -Weihnachtsfeiertage in Prag. Fleißig ging er ins Theater und „wohnte -auch den böhmischen Vorstellungen bei, die mich vorzüglich im Gebiete -der Lokalposse interessierten“. Und dann ließ er den Zauber der Stadt -auf sich wirken. „Jene Abende, wo das Schauspielhaus geschlossen blieb, -namentlich den Weihnachts- und Silvesterabend brachte ich bis tief in -die Nacht hinein in den hohen, Ehrfurcht gebietenden Kirchen zu, den -katholischen Feierlichkeiten mit banger Aufmerksamkeit lauschend.“ - -Er lernt Frau Direktor Stöger, die Witwe des „genialen Direktors -Liebich“ kennen, dessen Persönlichkeit er feiert: „... daß die Prager -Bühne durch ihre einzelnen Talente, wie auch durch ihr geistig -geleitetes Zusammenwirken unter Liebichs Direktion eine der ersten, wo -nicht die erste in Deutschland war, ist allen Kennern unserer -Theatergeschichte bekannt, und war es auch mir.“ Und Holtei hat etwas -vom Theater verstanden. Mit Eindrücken wohl versehen, ging er nun an -deren Verarbeitung. Aber es kam nicht zur Aufführung. Es paßte Hoffmann -und den Prager Maßgebenden nicht. Vielmehr wurde das neueingerichtete -Theater am Ostermontage mit dem Festspiel „Die Weihe der Kunst“ -eröffnet; der heimische Poet Hickel hatte die Worte geliefert, der -Konservatoriumsdirektor Kittl und Kapellmeister Skraup die Musik. Holtei -aber hat sein wenigstens originelles Stückchen im siebenten Bande seiner -Lebenserinnerungen abgedruckt. - -Die Szene bildet das Theatergebäude. Thalia will den nordischen Fremden -— den neuen Direktor — in die Hallen seiner Bestimmung einführen. Der -alte Guardasoni, der erste ständische Impresario des Nostitz-Theaters, -unter dem die Oper geschmückt mit dem Namen Mozarts blühte, wird von den -Toten zitiert und gibt im welschen Deutsch dem neuen Mann sein Geleite. -Der Kastellan allerdings, der ihn ins Haus einführt, spricht einen -schwerer verständlichen Dialekt. Dieser Mischmasch sollte offenbar -Prager Deutsch vorstellen — aber es war nichts. Ebensowenig ist ihm -einmal der Versuch geglückt, in einem Gedichte „Der Böhme in Berlin“ das -berüchtigte „Behmisch-daitsch“ Prags festzulegen. Man urteile selbst: - - „Bei Prag ist große Bruck - Ale ist prächtig! - Steht heil’ger Nepomuk - Auf Bruck bedächtig. - - Möcht’ ich Land meines sehn, - Möcht’ ich nach Böhmen gehn. - Böhmisch, böhmisch, - Böhmisch ist schön.“ - -Ebenso ist ihm in seinem Bühnenspiel die Einführung der kleinen -böhmischen Muse völlig vorbeigelungen. Er vermochte die Muse der -böhmischen Komödie nicht zu charakterisieren. Mit würdigen Worten -erscheint aber Hoffmanns besondere Schätzerin Euterpe: - - „Und vor jedem anderen Lande - Blieb ich diesem Lande nah - Schlang um dich die Blütenbande - Immerdar, Bohemia.“ - -Unter dem Musengeleite betritt der Fremdling die Säulenhalle. Im Kreise -des gesamten Personales wendet er sich nun mit warmen Worten ans -Publikum, Prag möge ihm nicht Huld und Geduld versagen. Und Thalia -erwidert: - - „Sie wird es nicht. Sie wird aufricht’gem Streben - Wie immer güt’ge Anerkennung geben. - Erblicke sie, die wunderschöne Stadt, - Die ihres Gleichen nicht auf Erden hat, - Erblicke sie, der du dich froh geweiht - Und stärke dich an ihrer Herrlichkeit.“ - - (Der Hintergrund teilt und Prags voller Anblick entfaltet sich.) - -Im Herbste 1853 erschien Holtei wieder in Prag und las unter großem -Beifall im Konviktsaale seinen Shakespeare. „Aber je gütiger ich -behandelt wurde, desto erkenntlicher muß ich sein.“ Und den Dank hat er -abgestattet. In Gutzkows Familienblatt „Unterhaltungen am häuslichen -Herd“[5] des Jahrgangs 1856 erschien an leitender Stelle: „Das -Kinderspital in Prag. Sendschreiben an den Herausgeber. Graz in -Steiermark. Juli 1856.“ Darin hat nun Holtei seinen Dank in würdigster -Weise abgetragen, indem er für diese Anstalt in ganz Deutschland -Stimmung zu machen versucht und uns zum andern ein treffliches Bild der -Prager Gesellschaft vor nun fünfundfünfzig Jahren gibt. In anschaulicher -Weise schildert er uns die Segnungen und Aufgaben des „Franz -Joseph-Kinderspitals“, das von Dr. Kratzmann im Jahre 1842 begründet -wurde, und dann in Dr. Löschner, dem unvergeßlichen Menschenfreunde, -seinen nimmermüden, zu jedem Opfer bereiten Leiter gefunden hat. Schon -vorher hat Holtei den Reinertrag seiner letzten Vorlesung am 23. -November — Schillers Demetrius, Goethes Egmont, Shakespeares Caesar — -dem Kinderspitale zugewiesen. - -Interessant sind die Bemerkungen, die der schlesische Poet über seine -literarischen und gesellschaftlichen Beziehungen in Prag macht. Nächst -seinem Bekannten von Graz, dem Polizeidirektor Baron Paümann, „waren es -vor allem die Redaktoren der Zeitschrift „Bohemia“ und der unter dem -Titel „Album“ weit verbreiteten Romanbibliothek, die deren beider -liebevoll verhätschelter Mitarbeiter zu begrüßen Pflicht und Ehre -hatten. Freund Klutschak saß mit seinen Kindern vor einem Tisch -Kolatschen und Wuchteln — oh Himmel, wie priesen die Kleinen den -heiligen Wenzel!“ Holtei war am Wenzelstage in Prag angekommen. Bald war -er auch in eifriger literarischer Tätigkeit. „Daneben trat ich -allwöchentlich einmal vor’s Publikum als Vorleser, war Abend für Abend -in geselligen Kreisen, machte sogar verschiedene Ausflüge aufs Land in -benachbarte Schlösser. Der jugendliche Album-Vater Kober ließ sich’s -angelegen sein, mich dem Kreise der bei ihm häufig versammelten -Schriftsteller und Journalisten näher zu bringen ...“ Mit begeisterten -Worten rühmt er Prager Bildung und Geselligkeit. Besonders die Abende -bei dem berühmten Arzte Dr. Pitha und seiner anmutigen Gemahlin sind ihm -unvergeßlich. Den Gipfel seiner Begeisterung erreicht er aber bei den -Namen: Erwein Nostitz und Schloß Mieschitz. „Welch eine Familie! Welch -ein Hauswesen, welch ein Vorbild für Gastfreiheit im höchsten, reichsten -Maßstabe! ... So denke ich mir den Landaufenthalt der besten, großen -Familien in Alt-England.“ So preist er die vornehme Persönlichkeit und -das kunstsinnige Wirken dieses kunstbegeisterten und kunstfördernden -altböhmischen Kavaliers. (Graf Erwein Nostitz war der Großvater des -gegenwärtigen Grafen dieses Namens.) Soviel Gastfreundschaft macht dem -greisen Poeten, der doch auf seinen Fahrten viel gesehen und viel erlebt -hat, die Moldaustadt unvergeßlich. „Vor dreiunddreißig Jahren hatte ich -Prag zum ersten Male gesehen und in dieser Zwischenzeit jede Gelegenheit -benützt, die wundersame, alte, für mich immer neue Stadt, sei’s auch nur -als Durchreisender auf Stunden wieder zu besuchen.“ Und kommt er nicht -selbst, so sendet er seinen Dichtergruß. Unter der langen Reihe der -besten deutschen Namen, die die Prager Lese- und Redehalle der deutschen -Studenten unter ihren Herolden nennen darf, fehlt auch der Holteis -nicht. Zum Konzerte, das dieser Studentenverein im Jahre 1857 gab, -sandte der „Alte vom Berge“, wie man diesen Nestor deutscher Poeten — -er starb erst 1880 — später nannte, den Prolog, den Fräulein Rudloff -sprach. Mit schönen Worten verteidigt er das gesprochene Wort, die Muse -der Dichtung gegen die Musik. Er ruft die unsterblichen Genien der -deutschen Sprache, denen auch dieser Verein diene, zu Bürgen und Zeugen, -um dann den Wunsch zu sprechen: - - „Glückauf, glückauf! Du Stadt der Städte, Prag! - Heil Böhmen dir, du schönes Land der Länder. - Der Tonkunst alte Heimat willst nicht minder - Du Heimat sein der Wissenschaft, der Dichtkunst! - Glückauf! Heil sei mit dir und deiner Jugend.“ - -————— - -[1] Vierzig Jahre. Berlin, 1844. S. 67 u. ff. - -[2] Deutsche Blätter für Poesie, Literatur, Kunst und Theater, -herausgegeben von Karl Schall und Karl v. Holtei. 1. Heft. 2. Januar -1823. - -[3] Teuber, Geschichte des Prager Theaters. 1888. III. — 64. - -[4] Karl von Holtei. Eine Biographie. II. Prämie zu Kobers Album. 1856. -Prag und Leipzig. Der anonyme Verfasser ist Dr. O. Storch. - -[5] Neue Folge. I. Band. Nr. 48, S. 753 u. ff. - - - - - Arrestgebäude - - -Die Albrechtskaserne in Smichow besteht aus vier Gebäuden, von denen -jedes auf der Hoffront mit großen Lettern eine der vier Aufschriften -trägt: „Westkaserne“, „Südkaserne“, „Stabsgebäude“ und „Nordkaserne“. - -Darauf läßt es sich zurückführen, daß ein Infanterist auf die Frage, -welches die vier Weltgegenden seien, geantwortet hat: - -„Nord, Süd, West und Stab.“ - -Das Stabsgebäude, das zu dieser falschen Antwort Anlaß gab, füllt nicht -die ganze Ostseite des Kasernenkarrees aus: An der Ecke der -Petřinergasse und der Königsstraße steht noch ein entzückendes, -quadratisches Häuschen: „Arrestgebäude“ ist oberhalb des Tores zu lesen. - -Die Fenster sind vergittert und auf den Stufen, die zum Eingang -hinaufführen, steht oder sitzt ein Soldat mit grauen Aufschlägen, -Tschako und Patrontasche. Der Avisoposten. Er steht da, um das Nahen des -inspizierenden Offiziers schnell dem Gefreiten melden zu können, der -Wachkommandant ist. - -In diesem Hause habe ich einige Monate lang das Zimmer gehütet. Lang, -lang ists her und vielleicht hat sich seither vieles geändert und es ist -nicht mehr so arg, wie es damals war. Dann hat dieses Feuilleton nur den -Charakter einer Reminiszenz, erzählt nur Gewesenes. - -An dem kleinen Eckhause der Petřingasse und der Smichower -Königsstraße gehe ich nie ohne leisen Schauer vorbei. Ich habe in einem -meiner Bücher und in vielen Geschichten heiteres von meinen beim Militär -verübten Streichen erzählt. Aber die Strafen habe ich immer nur mit -kurzen Worten gestreift. Sonst wäre es schnell mit dem Humor vorbei -gewesen. Meine „Festungstid“ war die böseste Zeit meines Lebens. - -Am Anfang kam ich nur zu „verschärftem Arrest“ in das vergitterte Haus. -Das heißt: Ich „durfte“ auf dem Sandberg mit den anderen Kameraden -exerzieren, „durfte“ an dem Unterrichte der Taktik, des Waffenwesens, -des Militärgeschäftsstils, des Heerwesens u. dgl. teilnehmen, aber wenn -um fünf Uhr abends die anderen nach Hause schlafen gehen konnten, dann -mußte ich ins Arrest. Später kam ich zur strengeren Strafe, zum -„strengen Arrest“ in das Nordost-Häuschen. Da machte ich die -Beschäftigung der anderen nicht mit und blieb von früh bis abends und -von abends bis früh im dunklen Loch. - -In meiner Uniform konnte ich die Haft nicht antreten, denn die wäre -schnell kaput gewesen. Ich mußte von meinem Putzer dessen ärgste -Kommißuniform entlehnen, Kleider, die er aus Schamgefühl selbst zum -Exerzieren oder zum „Ritt“, d. i. zur Reinigung der Kompagnieräume nicht -angezogen hätte: Breite, schlotternde Hosen, eine farblose Bluse mit -verschiedenartig blauen Flicken und eine unsagbar große Mütze, die — -wie verlautete — auch als Ohrenschutz, als Kochgeschirr, als -Waschschüssel und zu anderen Manipulationen verwendet werden konnte. - -In diesem Aufzuge marschierte ich über den Hof, aus dem Bereiche der -Freiwilligenschule in den Arrest. Drei Schritte hinter mir schritt der -Tagskorporal, der mich im Arrest abzuliefern hatte. - -Im Wachzimmer des Arrestgebäudes mußten wir Halt machen und auf den -Stabsführer warten, der die Profoßendienste im Regiment versieht. Der -wurde herbeigeholt. Leibesvisitation. Das Taschentuch wird mir -abgenommen; ebenso muß ich mich der Schuhriemen entledigen. Der, der -Bänder an den Unterhosen hat, muß sich gefallen lassen, daß sie ihm -abgeschnitten werden. Alle diese Maßregeln haben prophylaktischen -Charakter: das Erhängen soll dem Häftling erschwert werden. Derjenige, -der nicht an Selbstmord dächte, könnte durch diese Vorkehrungen leicht -auf solche Gedanken kommen. - -Der Stabsführer entfernt sich, ich werde in eine Zelle geleitet und die -zufallende Türe scheidet mich von der Welt. Das Rasseln des -Schlüsselbundes verklingt langsam auf dem Korridor. - -Ein Blick und ich bin mit meinem neuen Heim vertraut. Vier kahle Mauern -und in der Ecke eine Holzpritsche. Sonst kein überflüssiger Komfort. Die -offenen Rolladen des unerreichbar hohen Fensters sieben das Tageslicht -zwölffach, bevor sie es zum Arrestanten lassen. Ein gräuliches -Halbdunkel, nicht Tag noch Nacht. - -Lesen kann ich nicht, denn ich habe kein Buch. Schreiben kann ich nicht, -denn weder Feder noch Tinte, noch Bleistift, noch Papier wäre mir -gelassen worden. Rauchen kann ich nicht, denn ich habe keine Zigaretten. -Vom Sitzen auf der niedrigen Pritsche tun die hinaufgezogenen Füße weh, -vom Liegen auf der harten Pritsche der Rücken. Ans Schlafen ist nicht zu -denken. Kalt ist es auch. - -So muß ich mir denn ein Surrogat suchen, zu dem man keiner Utensilien -bedarf: Ich zähle. Ich zähle bis hundert, bis tausend, bis -vierzigtausend. Ich bin gerade bei der Ziffer 40.015 angelangt, als mir -brennender Durst zum Bewußtsein kommt. Ich schlage auf meine Tür. Der -Posten, der draußen mit aufgepflanztem Bajonett auf und ab geht, kommt -herbei und fragt mich nach meinem Begehr. „Ich will trinken,“ erkläre -ich. - -„Warte einen Augenblick,“ gibt mir der Infanterist zur Antwort. - -Er drückt auf den Knopf der elektrischen Klingel, die zum -Wachkommandanten hinunterführt. - -Nach kurzer Zeit hört man schwere Schritte: Der Gefreite-Wachkommandant -kommt die Treppe herauf, begleitet von einem Mann der Wache. - -„Was wollen Sie?“ fragt er mich durch die verschlossene Türe. - -„Ich will trinken,“ melde ich nochmals. - -„Treten Sie zurück,“ befiehlt er mir und schaut durch das vergitterte -Guckloch, ob ich diesen Befehl befolgt habe. - -Dann öffnet er und ich kann hinaustreten. Die Mündungen dreier Gewehre -sind auf mich gerichtet und bewegen sich in der Richtung eines jeden -Schrittes, den ich mache. Der Wachkommandant und sein Begleiter, sowie -der Korridorposten haben die linke Patronentasche offen, in der die -scharfen Wachpatronen stecken. Am Ende des Ganges, am Fensterbrett steht -ein großes Glas, wie man es gewöhnlich zum Einlegen von gedünstetem Obst -verwendet. Aus dem Konservenglas trinken alle Arrestanten. Darunter -steht eine Kanne, aus der ich mir eingieße. Während ich trinke, lassen -mich die Gewehrmündungen nicht aus dem Auge. - -Zum zweitenmale kommt der Wachkommandant herauf, wenn es neun Uhr abends -ist und der Hornist vor dem Kasernentore die trüben Klänge der Retraite -bläst: dann bringt er mir die dünne Kavalettdecke, in die ich mich -einhülle und vergeblich zu schlafen versuche. - -Dann bekomme ich gewöhnlich noch einen nächtlichen Besuch. Der -Kaserninspektionsoffizier kommt inspizieren. Er schaut sich forschend um -und schnuppert, ob in der Zelle kein Zigarettenrauch zu spüren ist. Dann -geht auch er. - -Manchmal ist der Gefreite, der die Wache kommandiert, einer meiner -Bekannten und läßt mich, wenn der Kaserninspizierende das Arrestgebäude -verlassen hat, zu sich ins Wachzimmer hinunter. Unten brennt wenigstens -ein Lämpchen, die graphitfarbenen Wände des Ofens sind von ärarischer -Kohle in Glut versetzt und es sind Menschen da: die Wachsoldaten, die -Zigaretten hergeben, wenn man ihnen für den nächsten Tag zehnfache -Revanche verspricht. Auch die Arrestanten aus den anderen Zellen haben -sich — wenn der Wachkommandant kein Hasenfuß ist — hier ein -Stelldichein gegeben und spielen Karten. - -Hier bin ich mit Peter Worostschuk bekannt geworden, der zwar beim 73. -Infanterieregiment in Karolinental diente, aber in den Arrest der -Albrechtskaserne gebracht worden war, weil der sicherer ist. Nach Ablauf -meiner Dienstzeit habe ich ihn noch zweimal getroffen: Einmal im -Sicherheitsbureau der Polizeidirektion und bald darauf im Strafgerichte -bei der Verhandlung, in der er wegen verursachten Meuchelmordes sieben -Jahre schweren Kerkers erhielt. Auch Wladimir Zajiček, mit dem ich -mich beim jeu im Arrestgebäude befreundet hatte, ist mir zweimal „im -Zivil“ begegnet. Einmal traf ich ihn in der Strafanstalt Pankratz, ein -zweites Mal vor drei Jahren bei den Bummelkrawallen auf dem Graben, wo -er mich herzlich begrüßte. Seither haben sich die Verhältnisse beruhigt -und der Beruf als „empörte Volksmenge“ nährt nicht mehr seinen Mann. Und -vor einigen Monaten habe ich denn gelesen, daß mein Genosse Zajiček -wieder für zehn Monate zu der ruhigen, sitzenden und beschaulichen -Lebensweise zurückkehren wird, die ihm seit seinem seinerzeitigen Sejour -im Smichower Arrestgebäude nichts fremdes mehr ist. - - - - - Alt-Prager Mensurlokale - - -In Prag ist es mit den Studentenmensuren wesentlich anders als auswärts. -Inmitten des nationalen Kampfes muß selbst dem krassesten Füchslein der -Gedanke aufdämmern, daß das Waffenspiel doch mehr als ein Spiel, daß es -Probe und Erziehungsmittel sein soll. Und trotzdem in Prag wohl keinem -Studenten Kodex, Komment und Couleurpolitik zum Lebensinhalt werden -kann, weil er sich vor ernstere Aufgaben gestellt sieht, wird hier seit -Jahrzehnten eifrig gefochten. Dabei aber erschwert der erwachende und -bald zur Herrschaft gelangte politische Haß die Zusammenkünfte der -deutschen Studenten. Von einem dunklen Schlupfwinkel zum anderen mußten -sie ziehen, von einem Ausflugsort zum andern, und wenn sich jemand der -Mühe unterzöge, nach den Mensurbüchern der Prager Korporationen eine -Liste der Paukböden zusammenzustellen, so würde dies nicht bloß ein -vielsagender Beitrag zur Geschichte des Farbenstudententums, sondern -auch eine bemerkenswerte Illustration zur politischen und kommunalen -Geschichte dieser Stadt sein. - -Auf der Bastei, der breiten Umwallung, die von der Karlshofer Kirche zum -Korntor, von da zum Roßtor und weiter über das Pořitscher Tor hinaus -bis zur Moldau führte, stand einmal das „Café Bohemia“. In der -Hibernergasse, die freilich anders aussah, wie heute. Der Staatsbahnhof -war dort, wo er heute ist, und stand doch nicht in der Mitte der Stadt, -sondern an ihrer Peripherie. Um für seine Einrichtung Raum zu schaffen, -hatte ein Stück der Basteimauern fallen müssen. Rings umher aber stand -der Wall noch breit und hoch, und an schönen Frühlingstagen konnte man -geputzte Bewohner Alt-Prags die Serpentine hinaufstolzieren sehen, die -von der Hibernergasse aus auf die Bastei führte. Dort oben stand das -„Café Bohemia“, wo man einen guten Kaffee schlürfen und altvorzeitisch -große Kipfel dazu essen konnte, und einen endlos weiten Ausblick auf die -Wiesen und Felder gegen die Wiener Reichsstraße, auf jenes Gebiet genoß, -wo sich heute Žižkow und ein Teil von Weinberge breitet. Vom -Kaffeehause aus konnte man dann auf der Steinbrücke über den Bahnhof -hinweg längs der Florenzgasse bis zum Pořitscher Tore promenieren. Im -ersten Stock des Cafés war ein großer Saal, der manches -fröhlich-schlichte Kränzchen und manchen denkwürdigen Kommers sah, wie -jenen, der im Feber 1863 den Staatsminister Schmerling in Prag begrüßte. - -Hier focht man am Anfang der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts -die ersten Mensuren. Nach dem unglückseligen Ausgang des lombardischen -Feldzuges versuchte man es in Österreich einmal statt des reaktionären -Regimes, das sich so schlecht bewährt hatte, zaghaft mit etwas -freiheitlicher Regierungskunst. Vielleicht wollte man die -österreichische Bevölkerung, die durch die in Italien erlittenen -Verluste und Mißerfolge verbittert war, einigermaßen entschädigen, indem -man ihr mehr Bewegungsfreiheit gewährte. Die Studenten, deren -Organisationsbestrebungen im Jahre 1849 hinter Kerkermauern begraben -worden waren, nützten jetzt den günstigen Wind. Das im Sommer 1859 im -Gasthause „Zum Hopfenstock“ an der Ecke der Wasser- und Hopfenstockgasse -errichtete „Bierherzogtum Lichtenhain unter Thus I.“ war der Beginn -fröhlicher studentischer Vereinigung; die schwarzen Seidenkappen, welche -die „Tabularotundisten“ 1860 in ihrem Kneiplokale „Zum Kleeblatt“ (Ecke -Teingasse und Fleischmarkt) und bald auch auf der Straße trugen, waren -der Anbeginn des Farbentragens. Nicht lange darauf stellten sich die -Anfänge des Mensurwesens ein. Bernhard Stall, ein junger frischer -Westfale, der in Bonn aktiv gewesen war, wandelte die „Tabula rotunda“ -in die Verbindung „Rugia“ um, und die schlug bald mit der „Franconia“ -Partien. Kein Lied, kein Heldenbuch meldet die Namen der ersten Kämpen. - -Die erste Mensur, über die noch Aufzeichnungen vorhanden sind, ist -zwischen den Mitgliedern zweier heute noch bestehenden Burschenschaften -am 6. Juni 1861 ausgetragen worden. Zwischen einem Mitglied der -„Carolina“, die bislang in einem anderen Basteilokale, im Café -Schubert zwischen Roßtor und Korntor (etwa dort, wo heute die -Čelakovskyanlagen sind), mit stumpfen Klingen und in Körben gepaukt -hatte, und einem Aktiven der „Albia“ auf deren Bude. Die Mensurbücher -melden hierüber: „Paukanten: Bursche Artur Liberda (Carolinae) und -Bursche Johann Tröger (Albiae); Sekundanten Ernst Hauer (Albiae) und -Karl Rösch (Carolinae); Unparteiischer Julius Zuleger (Franko-Arminae). -Mensur zweiten Grades. Liberda abgeführt; zwei Nadelstiche.“ - -Das Lokal, das der Schauplatz dieser Mensur und nachher ungezählter -anderer war, war wohl das herrlichste und romantischeste, das man sich -denken kann. Es war das in der Karlshofergasse stehende Lustschlößchen -„Amerika“, dieses kleine Wunder Kilian Dienzenhoferschen Baukunst. In -diesem Gebäude, über dessen Verwendung sich die Stadtgemeinde Prag jetzt -den Kopf zerbrochen hat, war in den sechziger und noch in den siebziger -Jahren eine freundliche Gastwirtschaft, und der Wirt hatte zwei -entzückende Töchter, die ganz vortrefflich in den Rahmen des -Lustschlößchens paßten. Hier hatte die „Albia“ ihre Bude, und hier wurde -lange geschlagen. Man glaubte wirklich in einen Rittersaal zu festlichem -Turnei gekommen zu sein. Und wenn’s einem der Paukanten etwas zaghaft -zumute wurde, dann flößte ihm wohl der lächelnd ermunternde Blick der -bunten Gestalten neuen Mut ein, die Johann Ferdinand Schors Meisterhand -anderthalb Jahrhunderte vorher an die Wand gemalt hatte. - -Die technischen Korps „Frankonia“ und „Suevia“ fochten inzwischen in dem -Brettergasthaus „Smetanka“ auf den freien Gründen zwischen Žižkow -und Weinberge, und die „Austria“ pflegte ihre Waffengänge im einstigen -Gasthaus Eggenberg auszutragen, das hinter dem Aujezder Tor auf einer -Anhöhe vor dem Kinskygarten stand. - -Die Waffe, deren man sich bediente, war eine Prager Erfindung, die unter -dem Namen „Prager Waffe“ — im Studentenjargon „Prager Plempe“ — an -Deutschlands hohen Schulen als Eigentümlichkeit der Prager Studenten -bekannt war. Sie war nicht Säbel, noch Schläger, sondern beides. Der -alte ständische Fechtmeister in Prag, Maitre Le Gros, lehrte nämlich nur -das Säbelfechten, und so mußte man eine Kombination des Säbels mit dem -studentischen Schläger erfinden, und versah den Säbelgriff mit der -geraden Schlägerklinge. Siebzehn Jahre focht man mit diesem Unikum. In -dem alten Paukbuch des akademischen Korps „Austria“ (Seite 102 und 103) -ist über die erste Schlägermensur in Prag folgende Aufzeichnung zu -finden: „Anerkennungshatz des akademischen Korps „Moldavia“ (Prag) auf -Korbschläger in den D. C.-Verband. Erste Mensuren nach dem Prager -Paukkomment auf Korbschläger. — Mensur auf Korbschläger 15 Minuten -gefochten am 8. Juni 1877 im Gasthause Eggenberg zwischen Herrn Phil. -Kand. Josef Neuwirth, „Austriae“-Prag und „Saxoniae“-Wien (der jetzige -Hofrat und Professor der technischen Hochschule in Wien) und Herrn Med. -Stud. Rudolf Eckstein, „Moldaviae“-Prag. Als Sekundanten fungierten Jur. -Ludwig Stümmer („Moldaviae“) und Med. Karl Renn („Austriae“), als -Unparteiischer MUC. Alois Pessina („Austriae“) und als Paukarzt MUC. -Karl Zoerkler („Austria“). Die Mensur endete unentschieden. Die erste -burschenschaftliche Schlägermensur fand am 2. April 1880 in dem Gasthaus -„Zur slawischen Linde“ in der Inselgasse (heute Smetanagasse) statt: -Eduard Gerson von der „Alemannia“ focht sie mit dem Prager „Teutonen“ -und Wiener „Alben“ Paul von Portheim, der jung verstorben ist und dessen -posthume Gedichtsammlung „Silentium“ Bewunderung erweckte.“ - -Es gibt und gab wenige Gasthäuser im Weichbilde und in der Umgebung -Prags, in denen nicht blitzende Schläger die mit Kolophoniumduft und -Blutgeruch geschwängerte Luft sausend durchfahren hätten, in denen nicht -schallende Eisenhiebe auf Klingen und Körbe gerasselt wären. Eine -Zeitlang — so in der Zeit um die Kuchelbader Schlacht — gab es arge -Persekutionen. Die Tschechen fanden Lust daran, die „Salamander“ — das -war der damalige Ausdruck für das heutige „buršák“ — bei der Polizei -zu vernadern, die Polizei witterte wieder in den geheimen -Zusammenkünften der Studenten politische Konspirationen. So zogen die -wehrhaften Mannen aus den Toren Prags „in die Wüste“ hinaus, und in den -vergilbten Mensurbüchern stehen auswärtige Gasthausnamen zu lesen, so -„Zum kleinen Prokop“ in Nusle, „Karl IV.“ in Wrschowitz, das „Mäuseloch“ -in Straschnitz, „Bellevue“ in Nusle, „Georg von Podiebrad“ in -Koschiř, der Pavillon im Paradiesgarten, die „Nusler Mühle“ u. dgl. -Aber die Polizei fand alle diese Schlupfwinkel nach und nach heraus, und -wenn auch mancher Polizeibeamte bei der Aushebung mit verräterischem -Wohlgefallen und verdächtiger Fachkenntnis das Pfeifen der Mensurspeere -probierte — was half das, er mußte doch die schönen Waffen -konfiszieren. Der Chef des Sicherheitsdepartements hat die Türen des -Polizeimuseums mit saisierten Schlägern und Säbeln sehr geschickt -dekoriert ... - -Von der Romantik des „Schipkapasses“, der als Sanatorium für Verwundete -beliebt war und auf dem einmal eine Kuh bei einem Pistolenduell -ritterlich verletzt wurde, und von den Schicksalen des Zimmermannschen -Paukbodens „Vaclavbude“ hat Karl Hans Strobl in seinen Prager Romanen -meisterliche Bilder gemalt. Es gibt gar viele einstige Prager Studenten, -die ähnliche Erlebnisse und Reminiszenzen von anderen Prager -Fechtlokalen aufzufrischen vermöchten. Zumindest hat jedem dieser Lokale -die Veränderung der Stadt und ihrer Häuser eine Geschichte gegeben. Der -Schreiber dieses hat u. a. selbst in einer längst der Assanation zum -Opfer gefallenen Spelunke in der Zigeunergasse der alten Judenstadt -gegen den Obmann des völkischen Lese- und Redevereins „Germania“, in -einem noblen deutschen Hotel der Unteren Neustadt gegen einen Herrn, der -heute im tschechisch-politischen Leben eine Rolle spielt, und gegen -einen zionistischen Arzt — in einem verfallenen Klostertrakt gefochten. -Ob heute noch Mensuren geschlagen werden, und wo — das möchten Sie -gerne wissen, Herr Polizeirat! - - - - - Prags Erwachen - - -„Schon wieder ist’s Tag geworden.“ Man registriert dieses Faktum, wenn -man die Türe schließt und auf die Straße tritt. Da drinnen spielen die -Zigeuner den Rakoszy-Marsch zum Abschied, aber die aufpeitschenden -Zimbaltöne dringen nur gedämpft heraus und haben in der Morgenluft ihre -faszinierende Wirkung eingebüßt. Man knöpft sich fröstelnd den Rock zu, -entzündet die letzte „Prinzesas“ und ist der Sonne gram, die schon -wieder einmal über dem Wysotschaner Firmament aufgestiegen ist, bevor -man noch zu Hause im Bette liegt. Man flucht über das teuflische -Raffinement der Nachtlokalbesitzer, die in den sonst so verschwenderisch -ausgestatteten Räumen keine Uhr anbringen. Man flucht auf Wein, Gesang -und Weib. Man verflucht sich selbst. - -Beim „Spinka“ bleibt man stehen. Die ersten Elektrischen fahren auf, -immer in einer Richtung von der Remise kommend, so schnell, daß man -denken könnte, man wäre in Berlin oder sonst in einer Großstadt. Aber -bekanntlich wird das Tempo immer langsamer und erst um Elfe abends, auf -dem Wege zur Remise, erlangen die Waggons wieder Schnelligkeit. Vom -oberen Wenzelsplatz kündigen große Staubwolken das Herannahen der -Hygieia an, den stattlichen Zug Prager Straßenkehrer mit dem Zeichen -ihrer Macht, dem Kehrbesen. Sonst ist der Platz menschenleer, auf den -sich die Prager sonst so viel einbilden, weil er die einzige Stelle ist, -auf der sich hie und da das Großstadtgetriebe ent- und abwickelt, und -weil er einen Inselperron hat wie der Potsdamerplatz. Auch das -Kandelaber-Grandcafé fehlt schon beim „Spinka“. Die Cafétiere ist Punkt -4 Uhr mit ihrem geräderten Teehaus zur städtischen Sparkassa -übersiedelt, wo sie den Marktweibern, den Fuhrleuten, deren -Helfershelfern und den mächtigen Marktpolizisten einen heißen -Morgentrunk kredenzt. Auch der Standplatz der Droschken ist verwaist. -Nur der Polizist steht Tag und Nacht da; mißmutig wartet er mit heißem -Sehnen auf den Missetäter oder mit noch viel heißerem auf die Ablösung. -Höflich salutierend legt er die Hand an seinen Chanteclerhut, aber mit -dieser Höflichkeit kontrastiert ein unterdrücktes Lächeln, das zu sagen -scheint: „Du unverbesserlicher Flamender! Unsereiner wäre glücklich, -schlafen zu können und muß Nächte aufbleiben, der da könnte schlafen und -will nicht.“ Ich muß ihm doch wenigstens zeigen, daß ich nüchtern bin. - -„Na, was war los während der Nacht?“ - -„Nichts, Besonderes gar nichts. Am Leonhardiplatz haben’s einen beinahe -erstochen. Wie er heißt, weiß ich nicht, 712 war dort. Dann war eine -Rauferei beim „Silbernen Dreier“ und dann haben wir eine „Dame“ wegen -schlechter Buchführung verhaftet.“ - -„Guten Morgen.“ - -Weiter geht der einsame Weg. Aus den Nachtlokalen tönt noch Musik, -ersterbend. Mehreremale muß Halt gemacht werden, denn alle Leute, die -man trifft, sind Bekannte. Da begrüßt einem der alte Fiala in seinem -alten, abgetragenen Havelock, der nächtliche Wetterprophet. Um zwei -Kreuzer prophezeit er den Gästen das schönste Wetter, um drei Kreuzer -gibt er es sogar schriftlich; sein Stolz ist, daß er den Zusammenstoß -des Halleyschen Kometen mit der Erde und ihren Untergang mit derselben -Bestimmtheit vorausgesagt hatte, wie die Sternwarte der -Harvard-Universität. Die alte Frau da mit der alten Seidenmantille, die -wohl auch einstens bessere Tage gesehen, spielt den Gästen in einer -Weinstube auf der oberen Neustadt bis früh zum Tanz auf; sie hat eine -Familie zu ernähren und weiß nicht, ob der Erlös der Nacht ausreichen -wird, aber sie darf sich ihre Besorgnis nicht anmerken lassen und muß -das belebende Lied von den „Honey boys“ immer wieder mit Lust und Verve -spielen, muß immer wieder ihre Zündhölzchenkunststücke zum Besten geben -und muß immer wieder den Pommery trinken, den ihr splendide Gäste -widmen. Dort kommt mir mit militärischer Pünktlichkeit im Laufschritt -ein Einjährig-Freiwilliger entgegen. Vor drei Stunden da habe ich ihn -noch tanzend in einem vornehmen Etablissement gesehen. Aber welch eine -Metamorphose hat er durchgemacht! Mitten in all dem Glanz und Flitter da -hatte er blitzende Lackschuhe, elegante hellblaue Kammgarnhosen mit -Strupfen, einen tiefdunklen Waffenrock mit hohem Kragen und strahlenden -Silbersternen und eine Mütze — die Vorschriftswidrigkeit selber. Jetzt -aber ist der Glanz der Sterne verblichen, der der Schuhe verblaßt, der -Kragen zusammengeschrumpft, die Mütze die Vorschrift selber, die Uniform -hat ihre Buntheit eingebüßt und ist grau und fad wie der Morgennebel und -wie der Staub, der in dichten Schwaden aus dem Besen der Straßenkehrer -emporwächst. Und der Blick des Marsjüngers, der um zwei Uhr nachts so -stolz und sieghaft war, ist jetzt müde und neidisch, wie eben der Blick -eines Soldaten sein kann, der nach durchjubelter Nacht zum Exerzieren -auf den Sandberg eilt und einen Zechkumpan trifft, der jetzt ruhig -schlafen geht. Dort kommt ein anderer Bekannter. Ein alter -Detektivinspektor, schon lange im Ruhestande. Aber er kann nicht -schlafen. An vierzig Jahre hat er gefahndet und inspiziert — nun kann -er das Nachtwachen nicht mehr lassen und geht die ganze Nacht spazieren. -Ein Gummiradler kommt vorüber. Die Direktrice der „Roten Mühle“ fährt -nach Hause. Gleich hinter dem Gummilutscher rollt ein schweres Gefährt -durch die Gasse: Die Kanalräumer haben ihr nächtliches Tagewerk beendet. - -Es ist die Stunde des Schichtwechsels. Ein Teil der Stadt geht schlafen, -ein Teil der Stadt erwacht. Noch ist nicht Frühstückszeit und schon -leiht die Sorge um den Mittagstisch den Gassen das Gepräge. Eine lange -Kette von Landwagen — die Retterinnen des Kapitols sind ihre Passagiere -—, Hundegespanne mit Gurkenladung, riesige Streifwagen mit Kohlköpfen -und Salat, die weißen Wagen der Dampfmolkereien, Bauersleute mit -gemüsebeladenen Schubkarren, alte Weiber mit Schwämmen, Erdbeeren und -anderen Waldfrüchten eilen der Altstadt zu. Sie bringen dem „Bauche von -Prag“ ihre Opfergaben. Die Weiber, die seit dem Abend unter den Lauben -des Kohlmarktes auf dem Straßenpflaster zusammengekauert oder lang -ausgestreckt geschlafen haben, stellen sich längs des Trottoirs hinter -ihren Körben auf, in denen Obst und Pilze sind. Sie suchen die Ware in -der Zeit von 4 Uhr bis 7 Uhr früh loszuwerden, da sie innerhalb dieses -Zeitraumes noch keine Marktgebühr zu entrichten haben. Deshalb ist in -diesen drei Stunden die Ware billiger und die armen Leute, die -Gemüsegroßhändler und die Zwischenhändler decken schon jetzt ihren -Bedarf. - -Auf dem Altstädter Ring ist um diese Zeit Markt. Rings um die -Marienstatue scheint die Wagenburg eines Hussitenlagers errichtet zu -sein. An hundert Gemüsewagen stehen hier mit vorgespannten Pferden und -lassen drei Straßen frei, in denen sich das Kaufgetriebe abspielt. Es -sind fast durchwegs Gemüsehändler, die einkaufen. Nur an der letzten -Wagenreihe, die der Teinkirche am nächsten ist, drängen sich auch -Frauen. Hier werden Kartoffeln feilgeboten und die Frauen des Volkes -müssen einkaufen, bevor in den Preis die Marktgebühr einbezogen wird. -Punkt 7 Uhr rollen die letzten Wagen davon, der Platz wird gefegt und -die Prager, die erst jetzt erwachen und über den Ring gehen, haben -jahraus, jahrein keine Ahnung, daß hier vor kurzem Jahrmarktstreiben -herrschte. - -Um diese Zeit neigt sich auch das wogende Leben, das von 3 Uhr morgens -ab in den Kaffeehäusern und Suppenstuben der Galligasse und der -Rittergasse herrschte, seinem Ende zu. Hier sitzen die Damen der Halle -im Lokale, in dessen Mitte, ganz wie im Orient, der Herd steht, und -besprechen bei einer Tasse Kaffee, die 20 Heller kostet, und bei einer -Buchte um 6 Heller die österreichische Agrarpolitik und ihre Einwirkung -auf die Fleischteuerung. Vergleichsziffern aus alten, besseren Zeiten -illustrieren diese politischen und wirtschaftlichen Enunziationen. -Manchmal ißt man vielleicht auch eine „drštková polévka“ dazu, was -laut Ranks Wörterbuch deutsch „Kuttelflecksuppe“ heißt. Na ja, Ranks -Wörterbuch ist eben kein Kochbuch, und so kann darin nicht verzeichnet -sein, welche Fülle geheimnisvoller Ingredienzien eine kommune -Kuttelflecksuppe zu einer Prager „drštková“ stempelt. Die -Schnapsbutiken sind voll von Leuten, die sich aus den zahllosen Fäßchen -Arzneien gegen Mattigkeit und Nervosität kredenzen lassen. Die Gassen -beleben sich immer mehr. Bäckerjungen, Fleischergehilfen, die auf dem -Rade aus der Holleschowitzer Zentralschlachtbank in den Laden fahren, -Nachtwächter, Plakatankleber und Zeitungsausträgerinnen sind die -Passanten. - -Schon wird der Posten eingezogen, der während der Nacht im „Alten -Gericht“ die Kasse des Steueramtes bewacht hatte. Wenige Minuten später -ziehe ich die Glocke meines Hauses. Während der Hausmeister herbeikommt, -um sein letztes Sperrsechserl einzuheimsen und dann das Haustor schon -offen zu lassen, zieht der in Phantasieuniform gekleidete Bedienstete -der „Wach- und Schließ-Gesellschaft“ seine Uhr und richtet sie. Er weiß: -Wenn ich nach Hause gehe, ist’s Punkt 6 Uhr. Und da gibt es noch -Menschen, die behaupten, ich führe keinen regelmäßigen Lebenswandel! - - - - - In der Wärmestube - - -Am Sonntag vor Weihnachten traf ich in der Kleinseitner Brückengasse den -Detektiv Wünsch, einen der intelligentesten, aber auch der -unglücklichsten Zivilwachleute der Polizeidirektion. Er war seinerzeit -bei der Aufdeckung des Doppelmordes in Krtsch, als man die Leichen des -Takacz und der Hansely im Keller ausgrub, mit einer Schaufel geritzt und -von Leichengift infiziert worden; viele Monate hatte er zwischen Leben -und Tod geschwebt. Und jetzt war er wieder krank. Er kam gerade aus der -Apotheke. „Meine Lunge ist kaput,“ flüsterte er. Das Sprechen machte ihm -Mühe. „Ich werde es nicht mehr lange machen ...“ - -Ich versuchte ihm das auszureden. „Sie werden noch erwarten können, bis -Sie Inspektor werden,“ meinte ich lächelnd, „Sie werden doch dem Staat -nicht die Inspektorspension schenken!“ Detektiv Wünsch machte eine -abwehrende Handbewegung: „Lassen wir das Thema, ich weiß das besser.“ -Dann sagte er: - -„Herr Kisch, dieser Tage habe ich mich so an Sie erinnert. Wissen Sie, -wohin Sie einmal gehen sollten? In die Wärmestube. Dort könnten Sie -Studien machen. Dort haben Sie alle unsere Kerle ...“ Mit dem Ausdruck -„unsere Kerle“ meinte er die im Sicherheitsbureau bekannten Falloten. -Als ich mich für das Thema zu interessieren begann, fuhr Wünsch fort: - -„Sie können sich bei mir umkleiden. Ich wohne in der Nähe, unter der -Karlsbrücke, Lužickygasse 10. Dort werde ich Sie anziehen, daß Sie -wie ein echter Verbrecher aussehen werden. Von meiner Wohnung aus -brauchen Sie dann nur eine Minute in Ihren Fetzen zu gehen, und schon -sind Sie in der Wärmestube.“ - -Ich versprach bald zu kommen und schon am Neujahrssonntag klopfte ich an -seine Tür, um die Exkursion anzutreten. Mir öffnete eine Frau. - -„Bitte, wohnt hier der Herr Wünsch?“ fragte ich. - -„Herr Wünsch wohnt schon in Wolschan draußen,“ wurde mir zur Antwort. -Ich glaubte, falsch verstanden zu haben. Aber man bestätigte mir die -Nachricht, die mich — schon weil sie mir so unerwartet kam — bodenlos -schmerzlich berührte: Herr Wünsch war während der Weihnachtsfeiertage -gestorben. - - * * * * * - -Er konnte also nicht meine Equipierung mehr besorgen, mir keine -besonderen Tips für die Stammgäste in der Wärmestube in seiner -Nachbarschaft geben. Aber ich beherzigte seinen Rat. In der Filiale der -Leichenbestattungsanstalt Fuchs auf der Kampa-Insel warf ich mich in -full dress. Nicht in die Fetzen, die ich auf meiner Floßfahrt nach -Magdeburg, bei meinem Besuch im Asyl für Obdachlose und bei ähnlichen -Streifzügen getragen hatte. Diesmal kam ich nicht als Arbeiter, sondern -als obdachloser Müßiggänger, als herabgekommenes Subjekt. Ich glich in -meinem, einst ganz elegant gewesenen, aber jetzt schon ganz -fadenscheinigen Überzieher, meinen zerfransten Nankinghosen, meinem -verbogenen und beschmutzten Kragen — eine Krawatte hatte ich nicht — -ungefähr dem Baron in Maxim Gorkis „Nachtasyl“, den hier in Prag Hans -Waßmann gespielt hat. - -Und nun, da ich mich des Schutzes gegen den Winter entledigt hatte, -spürte ich, kaum daß ich auf der Straße war, was es heißt, der Gewalt -des Frostes wehrlos preisgegeben zu sein. Von der Čertovka her, dem -Moldauarm, der die Kampa umfließt, mischte sich schwere Feuchtigkeit in -die eisigkalte Luft, und die dicken Schwaden, welche rings um den -brennenden Gaslaternen sichtbar waren, erweckten den Anschein, als ob -die frierende Luft sich an die Lichter herandränge, um sich zu wärmen. - -Nach kurzem, aber kaltem Wege war ich in der Wärmestube. Sie ist in -einem niedrigen Gebäude in der Belvederegasse untergebracht, das an den -Landesschulrat anschließt. Rechts ist der Eingang in die Abteilung für -Frauen, links in die für Männer. Durch diesen ging ich, durchschritt -einen kurzen Korridor und war dann vor einer Glastüre. Ich öffne und bin -in der Wärmestube. An dreißig Menschen wenden sich ruckartig gegen den -Ankömmling, ich fühle mich von ebensovielen Augenpaaren scharf, -durchdringend und verdächtigend gemustert. Ich tue als ob ich das nicht -beachte und suche mir ein Plätzchen. Das ist nicht so einfach. Das -Zimmer ist klein, und die dreißig Menschen sitzen dicht an einander -geschmiegt auf den Bänken, welche an den beiden Längswänden und parallel -zu diesen in der Saalmitte, sowie an einer Breitseite aufgestellt -stehen. Die der Tür gegenüberliegende Breitwand des Raumes ist frei; -hier ist der Eingang in die Küche und der Schalter, an dem man zu Mittag -eine Suppe und Brot bekommt. Schließlich schaffe ich mir doch einen -Sitzplatz: Zwischen zwei Schlafenden ist eine Handbreit der Bank -freigeblieben, und ich, indem ich den einen Schläfer beiseite schiebe — -er rückt mechanisch weiter — kann mich niedersetzen. Ich sinke, Apathie -heuchelnd, in mich zusammen, und die Blicke der Leute rutschen wieder -von mir ab, und die Gespräche, die während meiner Installation verstummt -waren, werden wieder fortgesetzt. - -Nun erst schaue ich mich um. Da sitzen sie, die wehrlosen Feinde des -Frostes, da sitzen sie in ihrer einzigen Zufluchtstätte. Aber auch hier, -wo sie der Gegner nicht fassen kann, legen sie ihre schwache Wehr nicht -ab. Alle haben ihre zerschlissenen Winterröcke und ihre Hüte anbehalten, -alle haben ihre Rockkragen aufgeschlagen, fast alle haben Tücher um ihre -Ohren geschlungen. Der eine hat Pulswärmer an — zwei Tuchmuster oder -Strumpfteile, die mit Spagat am Handgelenk festgebunden sind. Alle -sitzen zusammengekauert und aneinandergeschmiegt da. Besonders dicht ist -die Reihe in der Ecke, an dem Eisenofen. Die Zunächstsitzenden halten -ihre Hände an den graphitartig glänzenden Ofen, als wollten sie in der -kurzen Spanne Zeit ein möglichst großes Quantum Wärme in sich aufnehmen. - -Armselige Gestalten! Es ist ein grau in grau gemaltes Bild, das man hier -im Lichte der einen Gasflamme sieht. Aber nach und nach unterscheidet -man die Grundfarben, erkennt, daß hier zwei Gruppen menschlichen Elends -vertreten sind: Arbeitsnot und Verbrechen. Man erkennt das aus den -Gesprächen, man sieht es den Menschen an. Einer hat seinen Stiefel -ausgezogen und bindet mit schmerzverzerrter Miene einen schmutzigen -Fußlappen um seinen über und über blutigen Fuß. Ein anderer, ein junger -Bursch, der ein rotes Tuch nicht ohne Koketterie um den Hals gebunden -trägt, legt einen Taschenspiegel auf sein Knie und kämmt seinen ohnedies -bewunderungswürdig tadellosen Scheitel. Ein alter Mann blättert -verzweifelt in seinem Arbeitsbuch — er sucht wahrscheinlich, ob er bei -seiner Stellungssuche in Prag nicht einen einstigen Dienstgeber -vergessen hat. - -Alle fluchen dem Winter. Daß es heuer keinen Schnee in den Straßen zu -schaufeln, kein Eis auf der Moldau zu hacken gibt. Die anderen — und es -läßt sich nicht verschweigen, daß diese in der Mehrzahl sind — fluchen -den Polizeibezirksleitern und Bezirksrichtern, die so streng sind, im -Winter milde zu sein. - -„Voriges Jahr hab’ ich im Sommer in Deutschbrod drei Wochen wegen -Bettelei bekommen, und vorige Woche hat mir der Schuft nur -vierundzwanzig Stunden gegeben,“ schimpft einer. Ein anderer lacht -wieder: - -„Mich hat vorgestern in Smichow der Kommissär gefragt, ob ich mir nicht -Arbeit suchen wolle. Da hab’ ich gesagt, ich werde jetzt Hopfen pflücken -gehen.“ Alle lachen. Dann wendet sich der Spaßvogel zu dem Burschen mit -dem roten Schlips: - -„Wer wird denn jetzt Fahnenträger bei den Ausflügen der Sträflinge sein, -wenn du ihnen untreu geworden bist.“ Neuerliches Halloh. Aber der -Verspottete frisiert sich ruhig weiter: - -„Ich hab’s erledigt. Aber du wirst erst anfangen.“ - -Dann wird der Strafvollzug in den einzelnen Gerichten Böhmens und -Mährens einer vergleichenden Erörterung unterzogen. Der eine lobt sich -seine Salonzelle in Mährisch-Budwitz, der andere schimpft auf sein -Gerichtsquartier in einer südböhmischen Stadt. Auch das Schubwesen und -die Behandlung in den einzelnen Schubstationen werden fachlich -besprochen, und es gibt keinen Mißstand, der nicht auf Grund reicher -Erfahrungen vollkommen aufgedeckt worden wäre. Man sollte die Stammgäste -der Wärmestuben bei Enquêten in Justizangelegenheiten heranziehen. Sie -sind ja die Hauptbeteiligten, und wären zweifelsohne die -bestinformierten Experten. - -Einer, der das große Wort führt und viel von Weibern und Pferden erzählt -— allerdings von solchen, die nicht edler Rasse sind — hat mich ins -Auge gefaßt: - -„Gehst du heut’ ins Asyl?“ - -Ich verneine. Erst am nächsten Donnerstag sei der Monat um, seitdem ich -dort war, also könne ich erst nächste Woche wieder hingehen. Dann -versinke ich wieder in Schweigen. Aber der Kerl gibt nicht locker. - -„Du bist ein Schneider, nicht wahr?“ fragt er mich. - -„Ich bin Handlungsgehilfe,“ ist meine Antwort. - -„Du handelst wohl mit alten Hadern,“ sagt er und weist auf meinen -derangierten Anzug. Ein lautes Lachen geht los. - -„Nun ja, jeder kann nicht so elegant herumlaufen wie du,“ gebe ich ihm -zurück und habe jetzt die Lacher auf meiner Seite. „Der hat dir einen -flek (Trumpf) gegeben,“ ruft ein junger Bursch meinem Widersacher zu. -Ich habe in Ehren bestanden. - -Einige holen aus ihrer Tasche ein Stück des Brotes hervor, das ihnen zu -Mittag verabreicht worden ist und beginnen zu kauen. Von Zeit zu Zeit -steht ein Bursche auf und langt nach der Wasserkanne, die auf einer -Konsole steht. Dann gießt er sich Wasser in einen Blechtopf, der mit -einer Kette an die Wand befestigt ist. Mein Nachbar, der inzwischen -erwacht ist, trinkt den Topf viermal leer. Dann wischt er sich den Mund -ab und sagt: „Brr, wenn ich nur heute vier Kreuzer auftreiben könnte. So -ein Gläschen Kornschnaps könnte nichts schaden.“ - -Der Bursch mit dem roten Scarf hat andere Gelüste. Er steckt sich eine -halbe „Drama“ in den Mund und entfernt sich mit einem Schnalzen aus der -Wärmestube: „Jetzt wird fein geraucht.“ Nach fünf Minuten ist er wieder -da. - -Um halb 6 Uhr vergattern sich die Leute, die in das Nachtasyl schlafen -gehen und verlassen das Lokal. Für die Zurückbleibenden gibt es nur -einen Gesprächsstoff: das Nachtquartier. Der Eine rühmt sich, daß ihm -seine Geliebte heute Obdach gewähren werde, der Andere weiß sich eine -feine Scheuer in der Nähe des Baumgartens, ein Dritter erzählt von einem -angenehm warmen Ziegelofen in Koschiř. - -„Du meinst die Ziegelei Kudela?“ wird er gefragt. - -„Das weiß ich nicht. Ich schlafe schon seit vier Jahren im Winter dort, -aber ich weiß gar nicht wie die Ziegelei heißt.“ - -Um sechs Uhr rasselt der kleine blonde Mann, der durch eine blaue -Schürze, einen sauberen Anzug und ein Käppi als der Aufsichtsmann der -Wärmestube kenntlich ist und der bislang ruhig an einer Ecke der Bank -gesessen ist, ostentativ mit einem Schlüsselbund. Das ist die Mahnung -zum Aufbruch. Alles steht auf, jeder geht noch zum Ofen, als ob er etwas -Wärme als Wegzehrung mitnehmen wollte. Dann geht es hinaus. Hinter uns -wird die Türe gesperrt. Der Schlafbursche der Ziegelei wendet sich auf -dem Korridor an mich. - -„Komm’ mit mir nach Koschiř schlafen.“ - -„Warum denn? Bist du dort allein?“ - -„Allein! Es sind gewöhnlich vierzig dort. Größtenteils Drahtbinder.“ - -„Also weshalb willst du, daß ich mitgehe?“ - -„Na, der Weg ist weit, und zu zweit geht sichs besser. Komm’ mit!“ - -„Ein andermal. Heute werde ich noch bei einem Freunde schlafen.“ - -Dann treten wir auf die Straße hinaus. Es ist schon dunkel, und -jauchzend umpfeift der kalte Wind die zusammengeduckten Jammergestalten, -die sich für eine knappe Zeitspanne vor ihm versteckt gehalten hatten, -die ihm aber nun wieder willenlos preisgegeben sind, für eine lange -Winternacht. - - - Anmerkungen zur Transkription - -Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere -Änderungen, teilweise unter Zuhilfenahme anderer Auflagen, sind hier -aufgeführt (vorher/nachher): - - [S. 5]: - ... steinernen Zaunzeug gemeißelten Sockel steht und ein Denkmal ... - ... steinernen Zaumzeug gemeißelten Sockel steht und ein Denkmal ... - - [S. 8]: - ... und mit gebrochenen Schenkel daliegt, wenn jemand von ... - ... und mit gebrochenem Schenkel daliegt, wenn jemand von ... - - [S. 24]: - ... mißglückter Prüfung mit mehr nach Hause zurückgekehrt ist, - noch ... - ... mißglückter Prüfung nicht mehr nach Hause zurückgekehrt ist, - noch ... - - [S. 36]: - ... Aber die Unbeliebtheit in den Verbrecherkreisen hätte ihn ... - ... Aber die Unbeliebtheit in den Verbrecherkreisen hätte ihm ... - - [S. 80]: - ... altertümlichen Häusern und Türmen sehen und an den Schmutz, ... - ... altertümlichen Häusern und Türmen sehen und an dem Schmutz, ... - - [S. 87]: - ... auf den Altstädter Weihnachtsmarkt noch immer bloß - Ringelspiele ... - ... auf dem Altstädter Weihnachtsmarkt noch immer bloß - Ringelspiele ... - - [S. 87]: - ... die „Planeten“ ziehen, Zetteln mit gedruckten Weissagungen ... - ... die „Planeten“ ziehen, Zettel mit gedruckten Weissagungen ... - - [S. 88]: - ... vorbeikommt, ihr seinen Papierball, deren Gummischnur ... - ... vorbeikommt, ihr seinen Papierball, dessen Gummischnur ... - - [S. 97]: - ... die Nummer 1 bis 90 fein säuberlich geordnet liegen. Er - entnimmt ... - ... die Nummern 1 bis 90 fein säuberlich geordnet liegen. Er - entnimmt ... - - [S. 114]: - ... Beobachtungstalent, ihre kritische Begabung, ihr Sinn für - Vergleiche, ... - ... Beobachtungstalent, ihre kritische Begabung, ihren Sinn für - Vergleiche, ... - - [S. 130]: - ... auf Pragerisch „Flaschinett“ heißt. Für jene Leser, aber die - deshalb die ... - ... auf Pragerisch „Flaschinett“ heißt. Für jene Leser aber, die - deshalb die ... - - [S. 137]: - ... „Auf den Windberg, auf dem steiligen, ... - ... „Auf den Windberg, auf den steiligen, ... - - [S. 173]: - ... posthume Gedichtsammlung „Silentium“ Bewunderung erweckte. ... - ... posthume Gedichtsammlung „Silentium“ Bewunderung erweckte.“ ... - - [S. 179]: - ... in ihren Fetzen zu gehen, und schon sind Sie in der - Wärmestube.“ ... - ... in Ihren Fetzen zu gehen, und schon sind Sie in der - Wärmestube.“ ... - - - - - - -End of Project Gutenberg's Aus Prager Gassen und Nächten, by Egon Erwin Kisch - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS PRAGER GASSEN UND NÄCHTEN *** - -***** This file should be named 63984-0.txt or 63984-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/3/9/8/63984/ - -Produced by Peter Becker, Jens Sadowski, and the Online -Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp. net. -This file was produced from images generously made available -by The Internet Archive. - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. 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Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our Web site which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. - diff --git a/old/63984-0.zip b/old/63984-0.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index 9b36edc..0000000 --- a/old/63984-0.zip +++ /dev/null diff --git a/old/63984-h.zip b/old/63984-h.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index a8d408f..0000000 --- a/old/63984-h.zip +++ /dev/null diff --git a/old/63984-h/63984-h.htm b/old/63984-h/63984-h.htm deleted file mode 100644 index 516a8f6..0000000 --- a/old/63984-h/63984-h.htm +++ /dev/null @@ -1,9919 +0,0 @@ -<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" -"http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> -<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" lang="de" xml:lang="de"> -<head> -<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=utf-8" /> -<title>The Project Gutenberg eBook of Aus Prager Gassen und Nächten, by Egon Erwin Kisch</title> - <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" /> - <!-- TITLE="Aus Prager Gassen und Nächten" --> - <!-- AUTHOR="Egon Erwin Kisch" --> - <!-- ILLUSTRATOR="Karl Kostia" --> - <!-- LANGUAGE="de" --> - <!-- PUBLISHER="A. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Aus Prager Gassen und Nächten - -Author: Egon Erwin Kisch - -Illustrator: Karl Kostial - -Release Date: December 8, 2020 [EBook #63984] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS PRAGER GASSEN UND NÄCHTEN *** - - - - -Produced by Peter Becker, Jens Sadowski, and the Online -Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp. net. -This file was produced from images generously made available -by The Internet Archive. - - - - - - -</pre> - - -<div class="frontmatter chapter"> -<div class="centerpic"> -<img src="images/cover.jpg" alt="" /></div> - -</div> - -<div class="frontmatter chapter"> -<h1 class="title"> -Aus Prager<br /> -Gassen und Nächten. -</h1> - -<p class="aut"> -<span class="line1">Von</span><br /> -<span class="line2">Egon Erwin Kisch.</span> -</p> - -<p class="ill"> -Umschlagszeichnung<br /> -von Karl Kostial. -</p> - -<p class="run"> -.. 2. Auflage .. -</p> - -<div class="centerpic logo"> -<img src="images/logo.jpg" alt="" /></div> - -<p class="pub"> -1912.<br /> -Verlag von A. Haase, Prag,<br /> -Wien, Leipzig. -</p> - -</div> - -<div class="frontmatter chapter"> -<p class="note"> -Die in diesem Buche enthaltenen Skizzen<br /> -wurden größtenteils 1910 und 1911 geschrieben. -</p> - -<p class="cop"> -Übersetzungsrecht vorbehalten. -</p> - - <div class="ads"> -<p class="adh"> -Vom Autor erschien ferner: -</p> - - <div class="table"> -<table class="ads" summary="Table-1"> -<tbody> - <tr> - <td class="col1">Vom Blütenzweig der Jugend</td> - <td class="col2">Leipzig 1902.</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Der freche Franz und andere Geschichten</td> - <td class="col2">Berlin 1906.</td> - </tr> -</tbody> -</table> - </div> - </div> -<p class="printer"> -K. u. k. Hofbuchdrucker A. Haase, Prag. -</p> - -</div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="toc blank" id="part-1" title="Inhalt"> -</h2> - -</div> - -<div class="table"> -<table class="toc" summary="TOC"> -<tbody> - <tr> - <td class="col1">Der Clamsche Garten</td> - <td class="col_page"><a href="#page-1">1</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Die Gemeindetruhe</td> - <td class="col_page"><a href="#page-6">6</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Verzehrungssteuer</td> - <td class="col_page"><a href="#page-10">10</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Floßfahrt</td> - <td class="col_page"><a href="#page-14">14</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Gäste der Polizei</td> - <td class="col_page"><a href="#page-23">23</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Café Kandelaber</td> - <td class="col_page"><a href="#page-27">27</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Geschichten vom Brückenkreuzer</td> - <td class="col_page"><a href="#page-31">31</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Der Chef der Prager Detektivs</td> - <td class="col_page"><a href="#page-35">35</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Der Mann mit der Straßenspritze</td> - <td class="col_page"><a href="#page-39">39</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Eine Nacht im Asyl für Obdachlose</td> - <td class="col_page"><a href="#page-43">43</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Das Lied vom Kanonier Jaburek</td> - <td class="col_page"><a href="#page-52">52</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Die Erlaubnis zum Fußballspiel</td> - <td class="col_page"><a href="#page-56">56</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Bei „Antouschek“, dem Wasenmeister</td> - <td class="col_page"><a href="#page-59">59</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Razzia</td> - <td class="col_page"><a href="#page-65">65</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Die Zwangsarbeitsanstalt auf dem Hradschin</td> - <td class="col_page"><a href="#page-71">71</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Theatervorstellung der Korrigenden</td> - <td class="col_page"><a href="#page-75">75</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Das Märchen vom Mistwagen</td> - <td class="col_page"><a href="#page-80">80</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Weihnachtsmarkt</td> - <td class="col_page"><a href="#page-84">84</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Wie ich aus dem Rathause hinausgeworfen wurde</td> - <td class="col_page"><a href="#page-89">89</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Prager Ziehung</td> - <td class="col_page"><a href="#page-93">93</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Die Irren</td> - <td class="col_page"><a href="#page-101">101</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Volksküchen</td> - <td class="col_page"><a href="#page-106">106</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Ein tadelnder Ballbericht</td> - <td class="col_page"><a href="#page-111">111</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Von Feilbietungen, Auktionshallen und vom Chabrus</td> - <td class="col_page"><a href="#page-115">115</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Die Verhaftung</td> - <td class="col_page"><a href="#page-125">125</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Drehorgelspieler</td> - <td class="col_page"><a href="#page-130">130</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Die Gifthütte</td> - <td class="col_page"><a href="#page-136">136</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Karl May in Prag</td> - <td class="col_page"><a href="#page-141">141</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Polizeimuseum</td> - <td class="col_page"><a href="#page-144">144</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Unter Statisten</td> - <td class="col_page"><a href="#page-151">151</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Der Dichter der Vagabunden</td> - <td class="col_page"><a href="#page-158">158</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Arrestgebäude</td> - <td class="col_page"><a href="#page-166">166</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Alt-Prager Mensurlokale</td> - <td class="col_page"><a href="#page-170">170</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Prags Erwachen</td> - <td class="col_page"><a href="#page-175">175</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">In der Wärmestube</td> - <td class="col_page"><a href="#page-179">179</a></td> - </tr> -</tbody> -</table> -</div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="part-2"> -<a id="page-1" class="pagenum" title="1"></a> -Der Clamsche Garten -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">estend</span> von Prag. Endstation der Elektrischen, die Smichow -und Koschiř durchquert. -</p> - -<p> -Über dem Gittertor steht die Aufschrift „Klamovka“ mit so -großen Goldbuchstaben, daß jeder erkennen müßte, die hohe, -von blütenschweren Bäumen überdachte Mauer umschließe keine -öffentlichen Anlagen, keinen Privatpark. Es ist offenbar ein -Wirtshausschild, das dringlich zum Eingange lädt. Aber das -Tor ist versperrt, und keine Klingel ist vorhanden, die einen -öffnenden Pförtner herbeizurufen vermöchte. Und selbst wenn -man in der abzweigenden Weißbergstraße das offenstehende -Seitentürchen entdecken, durch dieses eintreten und die Stiegen -zum Garten hinaufschreiten würde, so müßte man umkehren, -denn ein Zettel verwehrt strenge dem Fremden den Eintritt. -Der abweisende Inhalt des kleinen Zettels auf dem Seitentor -kontrastiert mit der einladenden Aufschrift der großen Tafel auf -dem Haupttor. Sodaß man doch in Zweifel gerät, ob hier ein -Wirtshausgarten oder ein Herrschaftspark sei. -</p> - -<p> -Beides oder keines von beiden. Früher haben Grafen -und Gräfinnen hier im Clamschen Garten auf schattigen Kieswegen -lustwandelt. Aber später wurde der gräfliche Park an -einen bürgerlichen Gastwirt verkauft, und der baute in der Mitte -des Gartens ein Gasthaus mit einem Tanzsaal. -</p> - -<p> -Nun aber wird hier auch nicht mehr getanzt. Seit heuer. -Noch im vorigen Jahr war die „Klamovka“ am Sonntag nachmittag -ein Wallfahrtsort der Dienstmädchen, der Burschen und -Mädchen aus dem Volke, und oben im Saale wurden bis spät -in den Abend Quadrillen und Walzer getanzt, besonders schlürfend -der Sechsschrittwalzer, der im Volksmund „Na šest“ heißt, dessen -charakteristisches Merkzeichen die langgezogenen, langsamen -Schritte bei der Linksdrehung sind, und bei dem man in erheuchelter -oder echter Verzückung die Augen zu schließen hat. -In den Pausen aber gingen die Liebespaare, sich umschlungen -haltend, hinunter in den Garten, in dem die hohen Christusakazien, -die duftenden Syringensträucher, die schattigen Kastanienbäume, -<a id="page-2" class="pagenum" title="2"></a> -die silberglänzenden Rotbuchen, die dichten Ahornsträucher -und die verzweigten Hagedornbüsche in Blüte standen. -Wenn auch die Blütenpracht von den Liebespaaren wohl kaum -eines Blickes gewürdigt worden ist — der Einfluß des Milieus -muß doch im Unterbewußtsein seinen Nachhall geweckt haben, -dem Frühling der Herzen muß es doch inmitten des Frühlings der -Natur am wohlsten gewesen sein. Sonst wären die jungen Leute -doch in nähere Sonntagstanzlokale gezogen, wie in das Weinberger -Bräuhaus, in das Gasthaus „Na Slovanech“ auf dem -Karlsplatz, wo der Wirtsgarten nur aus paar verkrüppelten -Bäumen besteht. Doch dort war’s nie so voll wie in der -„Klamovka“. -</p> - -<p> -Zwölf Jahre tanzte man hier. Am Anfang schien es, als -wolle sich das entlegene Tanzlokal nicht einbürgern, und der -alte Hlavaček, der für den Ankauf des Gartens und für die -Aufführung des Wirtshausbaues sein Vermögen verwendet hatte, -schoß sich aus Verzweiflung eine Revolverkugel ins Herz. -Sein Sohn aber hatte mehr Glück und allsonntäglich war es -voll im Clamschen Garten. -</p> - -<p> -Vor zwei Jahren aber haben die Barmherzigen Brüder -den herrlichen Garten gekauft, um in ihrem menschenfreundlichen -Wirken keine Stockung eintreten zu lassen, falls ihr jetziges -Spitalsgebäude in der Josefstadt als Opfer der Assanierung fallen -würde. Von heuer ab bleibt das Gasthaus unvermietet und -das Gartentor steht geschlossen. So werden die Nachfolger der -Liebespaare, die sich hier im Garten ihrer Jugend freuten, die -bleichen Kranken sein, die humpelnd oder in Rollwägelchen -wehmütig den Glanz der Blumen betrachten und den Duft der -Blüten atmen werden. Es kann sein, daß vielleicht einmal ein -alter Patient oder ein krankes Mütterchen, den Garten betretend, -schwermütig lächeln werden, weil sie in diesem Garten, der nun -ihr Krankenasyl sein soll, in der schönsten Zeit ihres Lebens -viel geweilt haben und seither nicht mehr. So wird ihnen -doppelt wehe ums Herz sein. Aber das Gefühl wird kein bedauerndes -sein. Denn auf der „Klamovka“ ging es nicht ausschweifend -zu, wie z. B. in einer unmittelbar benachbarten -Gartenwirtschaft, welche heuer als Erbe der „Klamovka“ die -Koschiřer Jugend übernommen hat und auf deren Usancen ein -Mordprozeß des vergangenen Jahres ein böses Licht warf. Auf -<a id="page-3" class="pagenum" title="3"></a> -der „Klamovka“ gab es nie eine „parta“, wie die Platten im -Prager Vorstadtjargon heißen. Hier hatte fast jedes Mädchen -bloß einen ständigen Tänzer, den Liebhaber. Wenn der gewechselt -wurde, gab es stumme Katastrophen. -</p> - -<p> -So hat beispielsweise einmal ein Artillerie-Freiwilliger hier -Unheil angerichtet. Der hatte richtig kalkuliert, daß seine schmucke -Uniform ihm hier ein siegendes Liebesglück verschaffen müsse, -und war in den Clamschen Garten gefahren. Sein Eintritt in -den Saal war eine Sensation. Hierher, wo schon die Uniform -eines Infanterie-Pferdewärters auf die unbefangenen Mädchenherzen -elektrisierend einwirkte, kam ein Einjährig-Freiwilliger -mit tadellosem Scheitel, blanken Lackkanonen, silbernen Salonsporen, -hellblauen Kammgarnhosen, dunkelbraunem Waffenrock -mit dem verschnürten Schützenzeichen und einem vorschriftswidrigen -Flitterstern auf dem feuerroten Kragen! Er kam in -den Saal und musterte die Paare kritischen Blickes. Dann -wählte er sich ein Mädel zum Tanz, ein Mädel, dem die Stammgäste -prophezeiten, daß es gar bald von der blonden Jarmila -den von allen angestrebten Titel „Hvězda Klamovky“, des -Sterns des Clamschen Gartens, erben werde. Er tanzte, tanzte -wieder, und der junge Monteur, der bis zur Stunde der Liebhaber -der Kleinen gewesen war, der tanzte nicht. Der saß in -dem Saalteile, der durch Säulen vom Tanzsaale geschieden und -für die Biertische reserviert war. Als es 8 Uhr und gerade eine -Tanzpause war, ging er zu dem Mädel, das mit dem goldstrotzenden -Galan promenierte. -</p> - -<p> -„Komm’ nach Hause, Božena.“ -</p> - -<p> -„Ich will nicht.“ -</p> - -<p> -„Ich muß doch um 9 Uhr im Elektrizitätswerk sein. Sonst -wirft man mich hinaus.“ -</p> - -<p> -„Dann wird man dich eben hinauswerfen.“ -</p> - -<p> -„Du weißt doch, daß mein Vater beim Bürgermeister war, -damit ich die Stelle bekomme.“ -</p> - -<p> -„Ich halte dich nicht. Du kannst ja gehen.“ -</p> - -<p> -Den letzten Satz sprach sie schon davontanzend, denn die -Musik hatte das tschechische Volkslied begonnen, das an zwei -blaue Augen die Frage richtet, warum sie voll Tränen seien. Der -Monteur empfindet das Schmerzliche des letzten Satzes doppelt -schmerzlich, weil es im Arme des anderen gesagt worden ist. -<a id="page-4" class="pagenum" title="4"></a> -Er fühlt, daß das Mädel, indem sie ihn abwies, dem anderen -eine Liebeserklärung gemacht hat. Fühlt, daß sich jetzt die zwei -fester aneinander schmiegen und vielleicht über ihn, den heimgeschickten -Dritten lächeln. Der Bursch geht zu seinem Platz -zurück und ist blaß. -</p> - -<p> -Allein fortgehen kann er nicht, trotzdem die Božena das -behauptet hat. Sonst geht das Mädel mit dem Kanonier nach -Hause, und dann lächeln die zwei nicht mehr, sondern sie lachen. -Noch mehr Leute, die Stammgäste der „Klamovka“ würden alle -lachen über „křen“, den Wurzen, der ein Mädel zum Tanz führt, -damit dieses mit einem anderen nach Hause gehen könne. So -bleibt der junge Monteur sitzen bis 9 Uhr (die Stunde, zu der -er bei der Kontrolluhr im Elektrizitätswerk sein soll) längst vorbei -ist. Er sitzt blaß beim Bier und möchte sichs nicht anmerken -lassen, wie sehr ihm die Musik in das Herz schneidet, die seinem -Mädel zum Tanz mit einem anderen aufspielt. So wiederholt -er sich die Worte, die ihm ein Freund im Vorbeigehen tröstend -zugerufen: „Was liegt an einem Mädel!“ Spät abend geht -er mit der Božka nach Hause. Er weiß gar wohl, daß sie sich -für morgen ein Stelldichein mit dem Freiwilligen verabredet hat, -er weiß gar wohl, daß jetzt alles aus ist. Er hat aber wenigstens -die Blamage verhütet, er begleitet wenigstens das Mädel nach -Hause, mit dem er gekommen war. Mag es ihn immerhin seine -Stellung gekostet haben! -</p> - -<p> -Es war zum letztenmale, daß er mit Božka heimging. Es -war zum letztenmale, daß er auf der „Klamovka“ getanzt hat. -Auch wenn das breite Gittertor nicht verschlossen wäre, würde -er nicht mehr hingehen. Er verkehrt jetzt in anderen Lokalen. -Fast täglich mit einem anderen Mädel. Und wenn jetzt jemand -seine Begleiterin verlangend mustert, dann muntert er sie noch -auf, den Blick zu erwidern. Er hat auch gar nichts dagegen, -wenn sie jetzt mit jemandem den ganzen Abend tanzt, ja selbst -wenn sie dann mit dem anderen nach Hause geht. Er fürchtet -nicht mehr, als „křen“ zu gelten. Er will nur Geld haben. „Was -liegt an einem Mädel!“ Das Wort, mit dem er sich damals zu -trösten versuchte, ist seine Lebensmaxime geworden ... -</p> - -<p> -Eine Pointe hat die Geschichte nicht. Es sei denn, man -wollte es vielleicht als Pointe ansehen, daß an manchen Abenden -auch die Božka (die ginge übrigens heute auch nicht mehr auf -<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a> -die „Klamovka“) zu seiner Klientel zählt. Der Artillerie-Freiwillige -tanzt aber schon lange nicht mehr mit ihr. -</p> - -<p> -Das war so einer von den kleinen Romanen, die im Clamschen -Garten begonnen haben. Sie stehen nirgends verzeichnet und -jeder der Besucher kannte nur einen solchen Roman. Und wenn -man die Sehenswürdigkeit des Gartens zeigt, so weist man auf -das „Himmelchen“, einen runden, entzückenden Kapellenbau, -durch dessen sternförmige Öffnungen in der Wölbung das Himmelslicht -strahlt, so zeigt man den hübschen Eselsstall, so zeigt man -den aus Stein gemeißelten Pferdetrog, der auf einem mit einem -steinernen <a id="corr-0"></a>Zaumzeug gemeißelten Sockel steht und ein Denkmal -für des Grafen Clam-Gallas Schlachtroß „Cassil“ darstellt, so zeigt -man den Platz, auf dem Prinz Wilhelm von Auersperg an einem -Maitage vor vierunddreißig Jahren im Duell sein Leben ließ. -Aber man zeigt nicht die Sträucher, in denen mancher junge -Mensch seinen Liebesgram ausgeweint hat, man zeigt nicht die -Stelle, von der aus der blasse Monteur seinem davontanzenden -Liebesglück nachblickte. -</p> - -<div class="centerpic end"> -<img src="images/end.jpg" alt="" /></div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="part-3"> -<a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a> -Die Gemeindetruhe -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> Einführung der Gemeindetruhe sei den Kommunalbehörden -aller Weltstädte ans Herz gelegt. Nicht etwa, daß diese -Empfehlung meinem ausgeprägten Lokalpatriotismus oder irgend -einem anderen Gefühle entspringen würde. Persönliche Beziehungen -verknüpfen mich mit der Gemeindetruhe nicht. Ich kann -auch aus eigenem nichts über das Innere dieses hermetisch verschlossenen -Verkehrsmittels sagen. Aber es ist ganz hübsch. So -sagt mein Freund Franta Cuček, der in der Gemeindetruhe geboren -wurde, schon oft in ihr nach Hause gefahren ist und auch -mutmaßlich einst mittels dieses Vehikels in die „Pathologie“ geschafft -werden wird. Der kennt das „Etui“, wie er es in dem -Tonfall der tschechisch-französischen Verbrüderung ausspricht, in- -und auswendig. Von weitem und um die Ecke erkennt er, -welche Nummer jene Truhe hat, die da herangerasselt kommt, -um irgend einen Gast unseres Stammlokales nach Hause zu befördern. -Ohne je den Zettel zu betrachten, der an der Rückseite -des Korbes baumelt und eine rote Ziffer — die Wagennummer -— trägt. -</p> - -<p> -Daß Franta Cuček die Lenker des Gefährtes kennt, ist ganz -natürlich. Er steht mit allen auf Du und Du und sein „Serbus“ -wird von dem menschlichen Zweigespann mit gleicher Herzlichkeit -erwidert. Aber diese private Freundschaft hat natürlich -nicht etwa zur Folge, daß Franta den Lenkern bei der Ausübung -ihrer Berufspflicht irgendwelche Erleichterungen gewähren -würde. Dienst ist Dienst. Es ist ein schöner Zug im Leben Frantas, -daß er einmal einem dieser Automedonten, dem Jaro Roztopil, -mit dem er selbst treu befreundet war, das linke Auge ausgeschlagen -hat, als dieser ihn in den Korb zu betten versuchte. -Trotzdem das linke Auge für jeden Menschen im Sommer nur -eine unnötige Mehrbelastung des Körpergewichtes darstellt, trotzdem -das linke Auge zum ehrsamen Gewerbe des Gemeindetruhenwärters -nicht unbedingt erforderlich ist und trotzdem Jaro -Roztopil anläßlich dieser in Ausübung der Berufspflicht erlittenen -Wunde aus dem Stadtsäckel ein Schmerzensgeld erhalten hat, -<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a> -lassen es seither die beiden Truhenmänner nicht mehr auf die -Betätigung von Frantas Unparteilichkeit im Dienste ankommen. -Sobald sie an den Ort kommen, auf welchen man sie begehrt, -und sehen, daß Franta Cuček zu ihrem Passagiere auserkoren -ist, dann eilen sie mit unheimlicher Schnelligkeit auf ihn zu -und umklammern aus einem nicht in die Augen springenden -Grunde seine vier Gliedmaßen mit gußeiserner Gewalt. Der eine -hält Frantas rechten Arm und den rechten Fuß, dem anderen -ist die ehrenvolle Aufgabe zugewiesen, mit den linken Gliedmaßen -ein Gleiches zu tun. Oh, Franta Cuček wehrt sich noch -immer nach Leibeskräften, aber es hilft ihm nicht mehr viel. -Er fällt, wie einst Cäsar von Brutus Hand, von den Händen seiner -Freunde. Er fällt in die Truhe, ohne daß er im Kampfe mit -seinen Widersachern siegreich geblieben wäre. Sein einziger -Erfolg ist höchstens, daß er manchmal einen Fuß aus der Umklammerung -der beiden befreit und einem von diesen durch -einen Tritt die Uniform beschmutzt hat. -</p> - -<p> -Ach, die Uniform der Gemeindetruhenwärter! Wer kennte -sie nicht, diese Livree: Die fesche Bluse aus blauweißer Leinwand, -der nur im Winter durch ein einfaches braungestricktes Cachenez -verhüllte Hals, die hohen Kanonenstiefel und die Eishackerhosen, -die Ledermütze von undefinierbarer Farbe mit dem blechernen -Wappen der königlichen Hauptstadt darauf — gibt es etwas -Einfacheres, etwas Schöneres? Ist das nicht schöner als der -blaue Frack, den man in Wien vor kurzem als Festkleidung -für die Magistratsfunktionäre bestimmt hat? -</p> - -<p> -Übrigens sei erwähnt, daß die Chauffeure der Gemeindetruhe -ihre Uniform in Ehren tragen. Ihre Aufgabe ist schwer, aber -sie erfüllen sie gut. Nicht nur dann, wenn sie ihren Passagieren -à la Franta beim Einsteigen in die Karosserie behilflich sind, -sondern auch beim Entladen des Korbes. Dieses Entladen ist, -da die Seitenwände des Korbes nicht heruntergeklappt werden -können, sondern fix sind, nicht so einfach, als sich ein Laie -auf dem Gebiete des modernen Verkehrswesens denken würde. -Aber das Problem wird dennoch auf findige Weise gelöst. -Indem man die Truhe zu einem Tobogan umwertet. Wenn -nämlich die Truhe an ihrem Endziele, dem Hof des Arrestgebäudes -angelangt ist, so wird sie derart aufgestellt, daß der -Korb windschief auf den Rädern ruht und die Füße des Etui-Inhaltes -<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a> -nach unten zu gerichtet sind. Nun klappen die aurigae -den Deckel auf, heben die Beine ihres Pflegebefohlenen in die -Höhe und schieben dessen Rumpf längs der schiefen Ebene so -weit hinab, bis die Beine des Passagiers über die untere Wand -des Korbes ragen. Dann tritt man auf die Füße des Korbinsassen, -diese senken sich zu Boden, und der Passagier steht vertikal -auf Mutter Erde. Ein sichernder Druck auf den Rücken -hindert ihn an dem Rückfall in das Vehikel. -</p> - -<p> -In noch zarterer Weise ist man jenen Passagieren beim Aussteigen -behilflich, deren Reiseziel nicht der Hof des Polizeigefangenhauses, -sondern der Flur des Krankenhauses ist. Denn auch -solche gibt es. Wenn jemand auf der Straße überfahren wird -und mit <a id="corr-1"></a>gebrochenem Schenkel daliegt, wenn jemand von -Krämpfen oder von Blutsturz befallen wird, so holt ihn, wenn -ihn nicht inzwischen der Teufel geholt hat, nach sehr geraumer -Zeit die Gemeindetruhe ab und führt ihn ins Spital, wo er in -den meisten Fällen noch lebend ankommt. Das ist das einzige, -was Franta Cuček gegen die Gemeindetruhe einzuwenden hat. -Das ist auch wirklich ein Mißbrauch dieses Vehikels. Wie kommen -jene Leute, die Zeit und Geld für Alkohol geopfert und sich so -mühselig das Anrecht auf die unentgeltliche Beförderung in diesem -städtischen Fahrzeuge erworben haben, dazu, dieses Recht -mit jedem ixbeliebigen auf der Straße ganz unabsichtlich und -ganz zufällig erkrankten Menschen zu teilen? Geradezu unappetitlich -ist das! Aber das ist der einzige Fehler des Etuis und -dieser Fehler vermag die Liebe Cučeks zu seinem Fahrzeug nicht -zu erschüttern. Und wenn er auch immer wieder von seinen -Ausflügen per Schub nach Prag zurückbefördert wird — er -empfindet es nicht unangenehm. Denn Prag ist die angestammte -Heimat der Gemeindetruhe. -</p> - -<p> -Ja, anderswo gibt es so etwas nicht. Man läßt zwar auch -in anderen Städten die Leichen, die Bierleichen und die prosaisch -Erkrankten nicht unbemerkt bis zu ihrer Auferstehung auf -der Straße liegen. Aber in den anderen Weltstädten gibt -es Räderbahren, bei denen die beiden Holme verschiebbar und -die Füße der Bahre (nicht, wie in Prag, die des Kranken) umgeklappt -werden können. Die Bahre dieser Transportmittel ausländischer -Provenienz wird am Endziel der Reise einfach vom -Rädergestell abgehoben — ein ungeheurer Nachteil, weil die -<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a> -Prager Entlade-Prozedur „System Rutschbahn“ dadurch unmöglich -wird. Auch besitzen die auswärtigen Bahnen keinen Deckel, -sondern ein zum Abknöpfen eingerichtetes Plantuch, das dem -Kranken das Hinausblicken auf die Straße gestattet, aber es -den Passanten verwehrt, das Gesicht des Patienten zu sehen. -Daß dies eine Verletzung der Gleichberechtigung ist, liegt klar -auf der Hand. Aber was kann man auch von einer Truhe verlangen, -die keine Truhe ist! -</p> - -<p> -Es gibt eben nur ein Prag, es gibt eben nur eine Gattung -von Gemeindetruhen. Nur schade, daß es nur den breiteren -Volksschichten möglich ist, dieses ebenso vornehme, wie praktische -Straßenfahrzeug zu benützen. Warum könnte man nicht -die Droschken und Fiaker durch Gemeindetruhen erster und -zweiter Güte ersetzen? Sogar zu Gummiradlern könnte man -die Gemeindetruhen umgestalten. Auf dem Josefsplatze stehen -die Automobildroschken unbenützt. Würde man hier nicht auf -dieser Stelle (vor dem Repräsentationshaus) einen Standplatz für -Gemeindetruhen mit mehr Erfolg errichten können? Ich glaube -nicht, daß ein Einheimischer oder ein zufälliger Fremder der -Versuchung widerstehen könnte, wenn ihm aus dem Munde von -Etui-Chauffeuren die einladenden Rufe entgegenschallen würden: -„Gemeindetruhe gefällig?“, „Fahr’n m’r Euer Gnad’n?“ und -„Einsteigen, meine Herrschaften, einsteigen!“ -</p> - -<div class="centerpic end"> -<img src="images/end.jpg" alt="" /></div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="part-4"> -<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a> -Verzehrungssteuer -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">„</span>L</span><span class="postfirstchar">’octroi,</span> s’il vous plaît.“ -</p> - -<p> -Der städtische Verzehrungssteuerbeamte am Bahnhofsausgang -in Paris spricht diesen höflichen Satz in höflichem Ton, fast -entschuldigend. So höflich, daß in dem Fremden gar nicht die -Befürchtung wachgerufen wird, er werde jetzt Koffer und Kolli -öffnen und nach Nahrungsmitteln und Getränken durchsuchen -lassen müssen. Den Fremden aber, der dennoch auf die Vermutung -kommen würde, daß die höfliche Frage bitterbös gemeint -sei, beruhigt der Baedeker vollkommen: „Die Kontrolle, -die auf dem Bahnhof stattfindet, erledigt sich für die Fremden -in der Regel durch die Erklärung, daß man nichts Steuerpflichtiges -bei sich führe.“ -</p> - -<p> -Prag ist, wie hier ausdrücklich festgestellt sei, nicht Paris. -In Prag darf der Fremde — wenn einen solchen vielleicht widrige -Winde von der Route des internationalen Fremdenverkehres -in unsere gastliche Stadt verschlagen würden — den Bahnhof -ungehindert verlassen. Die höfliche Vorstellung des Oktroi-Beamten -bleibt dem Ankommenden erspart. Aber wenn er ahnungslos, -den Koffer in der Hand, dem Hotel zustrebt, muß er sich -über den Mann entsetzen, der mit einer Harpune in der Rechten, -in kriegerischer Uniform, an irgend einer Wegkreuzung aus dem -Hinterhalte auf ihn zuspringt und ihm in einer Weise Halt gebietet, -die selbst den Marschall Vorwärts zum Stehen gezwungen -hätte. -</p> - -<p> -Und mit dem bloßen Schrecken kommt man nicht davon. -Der Koffer muß geöffnet werden, auch wenn der Reisende -tausendmal beteuern würde, daß er den Kofferschlüssel nicht bei -sich trage, da diesen seine Frau in ihrer Handtasche schon tags -vorher nach Prag genommen habe, auch wenn er zehntausendmal -beeiden und durch Zeugen erhärten würde, daß der Koffer -weder einen Apfel, noch ein Kognakfläschchen, sondern bloß -Wäsche und nichts als Wäsche enthalte. Der Prager Baedeker -müßte bemerken, daß die Bediensteten der Verzehrungssteuer -<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a> -hier in ihrem Pflichteifer vor keiner Mühe — des Fremden zurückschrecken. -Im Prager Baedeker könnte dem Reisenden empfohlen -werden, sich auf empirischem Wege von dem Pflichteifer -der Akzise-Bediensteten zu überzeugen. Zum Beispiel so: -Man lege eine Zündhölzchenschachtel, die man vorher mit Spagat -kreuz und quer verbunden und hernach vierfach versiegelt hat, -auf die offene Handfläche und versuche, sich aus der Parkstraße -durch den gegenüber dem Staatsbahnhofe gelegenen Eingang -in den Stadtpark zu begeben. Auf die forschende Frage -des Akzisaken erwidere man, man kenne den Inhalt der -Schachtel nicht. Ein alter Onkel habe sie dem Überbringer mit -dem strikten Auftrag anvertraut, sie erst nach seinem Tode zu -öffnen. Der Verkehrsbedienstete wird unnachsichtlich den Schachtelträger -entweder zu dem Akzisgebäude an der Ecke der Bolzanogasse -oder zu jenem gegenüber dem Neuen deutschen -Theater weisen, wo sich das Frage- und Antwortspiel wiederholen -und nachher die verdächtige Schachtel geöffnet werden -wird. Man weide sich sodann an dem Gesichte der Beamten -beim Anblick der in der Schachtel befindlichen Zündhölzchen. -</p> - -<p> -Viel leichter ist es, ein lebendes Schwein an dem uniformierten -Argus vorbeizuschaffen, als eine Streichhölzchenschachtel. -Das lehrt die Geschichte jener Wette, die vor etlichen Jahren in -einem Gasthause in Dejwitz geschlossen und damals viel besprochen -worden ist: Ein Dejwitzer Fleischhauer hatte mit einem -Gastwirte gewettet, daß er ohne Wagen mit einem großen lebenden -Schwein die Tor-Akzise des Bruskatores passieren werde. -Der Fleischhauer erklärte das Schwein und 40 Kronen, der Wirt -den Kaufpreis für das Schwein und zwei Hektoliter Bier als -Einsatz. Der Fleischer stand auf und ging in seinen Laden. Hier -packte er seinen großen Hund, band ihm das Maul zu und -steckte ihn in einen mächtigen Sack. Dann ging er zum Bruskator. -Auf die Frage des Verzehrungssteuer-Bediensteten erwiderte -er, scheinbar ein Lachen verbeißend: Er trage seinen Fleischerhund, -der Anzeichen von Tollwut zeige, zum Tierarzt. Der Torwächter -schenkte dieser plumpen Ausrede kein Gehör und band -den Sack auf. Im selben Augenblicke sprang der eingesackte Hund, -der vielleicht auch die Befürchtung seines Herrn verstanden hatte, -aus dem Sacke und jagte mit Riesensätzen zurück, den heimischen -Fleischtöpfen zu. -</p> - -<p> -<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a> -„Sie sind daran Schuld. Das größte Unglück kann jetzt -geschehen!“ Diese Worte schrie der Fleischer dem pflichttreuen -Bediensteten, der vor dem Bruskator, wie das bekannte Haustier -vor dem neugemalten Haustor stand, erregt zu und rannte -dem „tollen“ Hunde nach. Zu Hause band der Fleischer seinem -größten Schwein den Rüssel zu und steckte es in den Sack. Dann ging -er in das Gasthaus, in dem die Zeugen der Wette versammelt -waren. Er zeigte ihnen den Inhalt des Sackes, nahm diesen -huckepack auf den Rücken und forderte die Gesellschaft auf, ihm -unauffällig in beträchtlicher Distanz zu folgen. Beim Bruskator -warf er dem noch immer bestürzten Akzismann einen verachtungsvollen -Blick zu und sprach kein Wort. Der Wächter erst -recht nicht. So ging der Fleischer ruhig über die Verzehrungssteuerlinie -und am Abend wurde bei Schweinsbraten und bei -zwei Hektolitern Bier das Schwein des Fleischhauers jubelnd -erörtert. -</p> - -<p> -Nicht nur von Schwein, sondern auch von Pech wissen die -Bewohner der Oktroi-Häuschen ein trauriges Liedchen zu singen. -War da einmal in Prag ein junger Schauspieler — heute wirkt -er in Hamburg — dessen Spezialität die Darstellung von Paralytikern -war. Der hatte einst den Entschluß gefaßt, den Wächtern -einen Schabernack zu spielen. Mit einem großen Paket unter -dem Arm, in respektvoller Entfernung von einer eingeweihten -Freundesschar gefolgt, versuchte er es, sich an dem Verzehrungssteuerkontrollor -unterhalb des Belvedere vorbeizuschleichen. Dieser -aber packte den ertappten Schmuggler, und dieser begann sofort -zu winseln und den Paralytiker zu spielen. „Hab’ ich ein Pech, -hab’ ich ein Pech,“ wiederholte er schluchzend, und auf die -Frage nach dem Inhalt seines Pakets hatte er keine andere -Antwort. Bis es dem Bediensteten zu bunt wurde, er den Deckel -des Pakets aufhob und mit schnellem Griff in das Innere fuhr. -Über und über mit Pech bedeckt war seine Hand, als er sie -herauszog. „Habe ich Ihnen nicht gesagt, daß ich Pech hab’,“ -sagte der Paralytiker, der plötzlich wieder normal geworden -war, und lächelte infam und schadenfroh darüber, daß auch -einmal ein anderer „Pech gehabt“ hatte. -</p> - -<p> -Ein übler Streich, der in den Tagen des Hagenbeckschen -Besuches der Aktualität nicht entbehrt, wurde vor wenigen -Jahren dem Manne gespielt, der am Ende des Wenzelsplatzes -<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a> -auf Nahrungsmittelschmuggler zu warten hat. An einem Winterabend, -gegen 9 Uhr fuhr ein Möbelwagen aus der Stadt Weinberge -gegen Prag. Auf Anruf des Akzisbediensteten ließ der Kutscher -die Pferde stoppen. Als aber der Mann seines Amtes walten -wollte, trat ein Herr, der den Wagen begleitete, auf ihn zu -und bat, dies möge unterlassen werden, da der Inhalt nicht -ungeldpflichtig sei und eine Überraschung darstelle. Der Verzehrungssteuer -war aber unerbittlich und nach längerem Hin- -und Herreden öffnete er selbst die Türe des Möbelwagens. In -demselben Augenblick sprangen aus diesem Wölfe, Bären, Löwen, -Tiger und Leoparden mit ohrenbetäubendem Gebrüll heraus. -Der biedere Wächter sprang entsetzt zurück und streckte seine -einzige Waffe, den Bratspieß, mit dem er ansonsten friedlich -unter die Sitze der Equipagen und Straßenbahnwaggons, in die -Rückenkörbe der Weiber und in die Heu- oder Kohlenladung -der Lastwagen zu stochern pflegte, abwehrend von sich. Aber -der Gebrauch der Waffe war nicht nötig, denn die Bestien -kehrten nach kaum einer Minute wieder zurück — es war eine -Künstlergesellschaft, die als Menagerie zu einem Maskenball -nach Prag fuhr. Der Verzehrungssteuerbedienstete atmete hörbar -auf. -</p> - -<p> -Auf verschiedene Weise wurden die Leute geprellt, denen -die Aufgabe obliegt, für die Lebensmittelteuerung zu sorgen. -Sie waren nicht nur die Zielscheibe von Scherzen und Wetten, -sondern auch von vielen Schmugglertricks. Aber die gelungensten -dieser Gaunerstreiche sind nicht bekannt. Weil sie eben gelungen -sind. -</p> - -<div class="centerpic end"> -<img src="images/end.jpg" alt="" /></div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="part-5"> -<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a> -Floßfahrt -</h2> - -</div> - -<p class="date"> -<em>Wittenberg</em>, den 1. Juli 1910. -</p> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">n</span> Prag hatte unser Floß fünf Tage lang Haft halten müssen. -Mit schweren Ketten gefesselt lag es im Smichower Floßhafen. -In den Gegenden am Oberlauf der Moldau, an der Maltsch -und der Luschnitz ließ es nicht ab zu regnen, und auf der -Moldau war Hochwasser. Wegen der Gefährlichkeit und wegen -der Anordnungen der Strompolizei — oder eigentlich nur wegen -dieser — durfte man nicht abfahren. Aber dann sank der -Moldauspiegel auf 60 Zentimeter über der Normale — die -Grenze des Erlaubten. So fuhren wir. -</p> - -<p> -Das Floß war prachtvoll. Keine dünnen Stöcke, wie sie -hauptsächlich von der Sazawa her geflößt werden, sondern breite -Riesenstämme. „Eine Salon-Prahme“, hatte mir Herr Max -Winterberg versichert, als er meine ihm erstaunliche Bitte, auf -einem Floß der Firma „Löwy u. Winterberg“ bis nach Sachsen -fahren zu dürfen, in liebenswürdiger Weise erfüllt hatte. Majestätisch -schwammen die Balken dahin, ein breites Stück der -Moldau erfüllend. Doch schon hinter der Palackybrücke, unter -welcher der Mauteinnehmer zu unserem Floß gerudert kam, um -die Zahl der Holztafeln zu kontrollieren, nahmen wir eine -schmälere Formation an. Es hieß „Einzeln abfallen“, denn das -Schittkauer Wehr war in der Nähe, und dessen Floßschleuse ist -eng. Während wir bisher mit zwei nebeneinander befestigten -Holztafeln gefahren waren, mußte jetzt die linke Floßhälfte losgelöst -und rückwärts befestigt werden. -</p> - -<p> -Floßführer und Floßknechte arbeiteten fieberhaft. Der Vorderteil -des Floßes wurde durch einen mächtigen Überlegbaum an -der nächstfolgenden Tafel befestigt, damit er von der Gewalt -der Wassermassen der Schleuse nicht zu tief gerissen werde. Die -Durchschlagsstämme, welche je zwölf Balken zu einer Tafel verbinden, -wurden scharf darauf angesehen, ob sie nicht schadhaft -geworden seien. Die Bindwieden, die Weidenbänder, welche die -<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a> -dreizehn Tafeln des Floßes aneinander festhalten, wurden mit -Wasser besprengt, damit sie nicht zu spröde seien und von der -Wucht des Schleusenwassers nicht zersprengt würden. Die Flößer -bohrten mit Energie und Schwung die harpunenartigen Staaken -tief in den Moldaugrund und schritten, sich mit dem ganzen -Körper gegen die eingebohrte Stange stemmend, rüstig vorwärts, -wobei sie natürlich immer an derselben Stelle blieben, -da sich das Floß mit gleicher Schnelligkeit in entgegengesetzter -Richtung bewegte. An den Rudern war man beschäftigt, die -Prahme in die Verlängerung der Schleuse zu bringen — keine -leichte Arbeit, denn das Schittkauer Wehr ist schief gegen den -Stromstrich gelegen, weshalb auch die Kanalisierungskommission -seine Demolierung und die Errichtung eines neuen Wehres in -der Höhe der Schittkauer Mühle projektiert. Das Wehr teilt sich -überdies gegen das linke Moldauufer in zwei Arme und das -Floß, das mit Mühe richtig in die erste Schleuse eingefahren -ist, muß wenige Meter hinterher, inmitten der Gewalt der -Schleusenströmung schon in die zweite einlenken. Die Vorsichtsmaßregeln, -die der alte Steuermann Vrabec und seine beiden -nicht jüngeren Flößer Kolenský und Konečny — die aus drei Leuten -bestehende Bemannung des Floßes war zusammen 182 Jahre -alt — getroffen hatten, verfehlten ihre Wirkung nicht: Trotzdem -die Stämme krachend an den Schleusenrand stießen, kamen -die schwimmenden Balken unversehrt durch Strömung und Gischt, -und lenkten, die Schützeninsel links liegen lassend, zum Altstädter -Wehr ein. -</p> - -<p> -Beim „Frantischek“ erhielten wir Vorspann. Der Remorqueur -„Austria“, der die Ehre hat, der erste Dampfer im Weichbilde -Prags zu sein, schleppte uns nun bis zum Neumühl-Wehr -unterhalb der Karlsbrücke — dem letzten Wehr alter Konstruktion, -das bis zur Mündung zu passieren ist. Bisher waren die einzelnen -Tafeln des Floßes nur lose aneinander geknüpft gewesen, -sodaß, unmittelbar nach Passieren der Schleuse, der Vorderteil -schon gegen die Moldaumitte gesteuert werden konnte, ohne -daß die noch vor oder innerhalb der Schleuse befindlichen Floßteile -aus ihrer Fahrtrichtung gebracht worden wären. Nachdem -das Neumühlwehr durchfahren war, wurde dem Floß durch -Anspannen der Bindwieden eine steife Formation gegeben. Die -Schleuse des neuen Nadelwehres bei der Hetzinsel ist nämlich -<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a> -lang, und es ist streng erforderlich, daß der rückwärtige Teil -des Floßes die gleiche Richtung habe, wie die ersten Tafeln. -</p> - -<p> -In Holleschowitz wurde Halt gemacht. Die Schregge, ein -um einen festen Punkt drehbarer Riesenbalken, wurde von zwei -Flößern senkrecht aufgestellt, und die Spitze bohrte sich tief in -den Moldaugrund ein. Ächzend blieb das Floß stehen. Nun ging -es auf den hier in breiter Reihe verankerten anderen Flößen -ans Land, in das Wirtshaus „Baštecký“. Das war mit Flößern -dicht gefüllt. Gesprächsthema: Zwei Prahmen seien in der Hetzinsel-Schleuse -auseinander gegangen und die Bemannung, die -selbst in Gefahr geschwebt habe, müsse nun den ganzen Tag -arbeiten, die Stämme wieder zu ordnen und zu binden. Die -Erregung ist allgemein. Darüber, daß die Schleuse schlecht sei, -sind alle einig. Auch gegen die Ansicht, daß die deshalb an die -Statthalterei gerichtete Eingabe ohne Erfolg bleiben werde, erhebt -sich kein Widerspruch. Aber über die Art der Abwehrmaßregeln -kann man sich nicht einigen. -</p> - -<p> -„Wir sollten einfach erklären, daß wir nicht durchfahren,“ -meint aufgeregt ein junger Flößerbursch. -</p> - -<p> -„Dann fahren einfach andere durch!“ erwidert ihm ruhig -ein Steuermann. -</p> - -<p> -„Wir sollten uns auf andere Sachen kaprizieren, so lange -die Schleuse nicht gebessert wird,“ meint da ein blutjunger -Bursch — der jüngste Steuermann auf der Moldau. Der Sprosse -eines Podskaler Flößergeschlechts. Sein Vater ist Floßtransporteur -in der Kanzlei einer großen Prager Holzfirma, drei seiner Brüder -sind Steuermänner, ein vierter, der gleichfalls Floßführer war, -hat vor Jahren den Flößertod im Helmschen Wehr gefunden. -„Wir sollten die Flöße ausmessen. Und wenn eines länger ist -als 130 Meter, sollten wir nicht darauf fahren — so wie es -das Gesetz vorschreibt.“ -</p> - -<p> -„Das ist unmöglich,“ wirft ein alter Flößer ein. „Man -kann doch die Stämme nicht abschneiden, wenn sie um einen -Meter länger sind!“ -</p> - -<p> -„So müßte eben eine Tafel weniger angekoppelt werden,“ -meint der junge Floßführer. -</p> - -<p> -„Na, dann legt man sie eben als Fracht auf die Prahme, -und du bist gerade dort, wo du warst. Im übrigen würde sich -<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a> -das Ausmessen der Flöße nur gegen die Holzhändler richten, -und die haben mit der Schleuse nichts zu tun.“ -</p> - -<p> -Der junge Steuermann läßt nicht locker: „Wenn sich die -Holzhändler der Sache annehmen würden, würde schnell Abhilfe -geschaffen werden.“ -</p> - -<p> -„Schmarrn!“, belehrt ihn der Alte. „Die Holzhändler haben -sich gegen die ganze Moldaukanalisierung eingesetzt, welche die -Flößerei fast ruiniert hat. Und was hat’s ihnen genützt?“ -</p> - -<p> -Jetzt ist das Fragen an mir: „Wieso hat die Kanalisierung -dem Floßtransport geschadet?“ -</p> - -<p> -„Weil sie die ganze Moldau verschandelt hat. Ist denn -das noch ein Fluß? Gibt es denn noch unterhalb Prags eine -Strömung? Lauter gestautes Wasser, lauter Tümpel. Jede Weile -muß man sich von Remorqueuren ans Gängelband nehmen -lassen. Von Holleschowitz bis Troja, von der Selzer Dynamitfabrik -bis Kletzan, von Žalow bis Libschitz, von Libschitz nach -Miřowitz, von da nach Wranian, von hier nach Hořin, dann -nach Beřkowitz, dann nach Wegstädtl müssen wir uns von -den Remorqueuren ins Schlepptau nehmen lassen. Lauter Vorspann, -lauter blöde Schleusen. Gott sei Dank, daß das Land -kein Geld hat. Sonst hätten sie uns auch schon in Leitmeritz -und Raudnitz solche Hürden errichtet. Lauter Wehrmeister, lauter -Kontrolle ...“ -</p> - -<p> -„Nicht einmal ein Mädel kann man sich mitnehmen,“ -brummt ein junger Flößer, ein „Podskalák“ von reinstem Wasser, -der sich eine Schmachtlocke so tief über das rechte Auge gekämmt -hat, daß er auf diesem fast blind sein muß. -</p> - -<p> -„Na, du nimmst dir ein Mädel auf jeden Fall mit! Und -wenn du es unter dem Floß vor dem Wehrmeister verstecken -müßtest.“ So ruft man lachend dem „Don Juan von der Wasserkante“ -zur Antwort, und selbstgefällig streichelt das Wassergigerl -seine Stirnlocke. -</p> - -<p> -Dann ergreift mein Steuermann das Wort: „Früher wars -eine Kunst zu flößen. Wenn man sich nicht auskannte, saß man -flugs auf dem Trockenen. Im Jahre 1872 flößte ich mit zwei -anderen jungen Burschen am alten Buchta vorüber. Der Buchta, -das war ein guter Steuermann. Jetzt ist er schon lang tot. -Damals war er auf einer Sandbank stecken geblieben und -<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a> -mußte Wasser stauen, um die Prahme flott zu kriegen. Als -wir vorbeischwammen, schimpfte der Alte: Verfluchte Buben! -Wir alten Esel bleiben stecken und die fahren glatt vorbei!“ -</p> - -<p> -Wenn jetzt der Steuermann nur hinzugefügt hätte, daß -ein solches Auffahren auf Sand heute nicht mehr vorkommen -könne, so hätte er den Anschein zu erwecken vermocht, er -habe die Geschichte vom alten Buchta nur erzählt, um zu zeigen, -wie damals selbst der erfahrenste Steuermann eine böse Fahrtunterbrechung -erleiden konnte. Aber der Erzähler hat darauf -verzichtet. Offen rühmt er sich des Buchtaschen Zitates, dessen -Datum er sich durch 38 Jahre gemerkt, in denen er etwa 1200 -Floßfahrten unternommen. Der Fluch des alten Buchta ist dem -alten Vrabec ein kostbares Vermächtnis. -</p> - -<p> -Ein Bediensteter der Schiffahrtsgesellschaft kommt jetzt in -das Gasthaus und meldet, daß der Remorqueur, der andere -Flöße bis Troja gezogen hat, eben zurückkehrt. Man bricht -auf und bald schwimmt das Floß wieder talwärts. -</p> - -<p> -Im Karolinentaler Hafen werden je vier Flöße zu einem -Schleppzuge, dem „Transport“, rangiert. Die beiden vorderen -Prahmen werden mit zwei Seilen an den Schleppdampfer gebunden -und die vier Flöße mit einander verknüpft. Jetzt ist für -die Flößer Zeit zur Rast. Nur hie und da muß an den Vorderrudern -gearbeitet werden, damit man bei scharfen Biegungen -des Flusses nicht an das Ufer anrenne. Im übrigen wird jetzt -bloß für das eigene Wohl gesorgt. Steuermann und Flößer setzen -sich auf die Holzladung, die auf dem Floße ruht, und stecken -ihr Pfeifchen in Brand. Einer der Flößer richtet den Feuerherd -her. Rasenstücke, die aus Prag mitgenommen worden sind, werden -auf der Holzladung hoch aufgeschüttet und reichlich mit Wasser -begossen. Dann klatscht der „Hafner“ mit der flachen Rückseite -einer Schaufel das Erdreich glatt, wobei dem anderen Flößer -einige andere Kotpatzen in das Gesicht fliegen, was von diesem -mit unvergleichlich prachtvollen Schimpfworten (Made in Podskal) -quittiert wird. Nun wird ein Stück von einem Rundbalken -abgesägt, klein gehackt, und bald flackert ein lustiges Herdfeuer -über den Wassern. Die irdenen Kochgefäße hat einer der an -vielen Stellen heranrudernden Marketender den Flößersleuten -gegen ein stattliches Stück Buchenholz eingetauscht. Jetzt brodelt -<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a> -Kaffee in den Gefäßen, dem ein verteufelt starkes Quantum Rum -beigemengt wird. Dann wird gejaust. Um die Fahrt braucht man -sich nicht zu sorgen. -</p> - -<p> -Das gestaute Wasser ist still und unbeweglich. Lautlos fährt -das Vierfloß durch diesen Teich, und nur sein Vorderrand wird von -leichten Wellen umspült, die der vorauseilende Remorqueur verursacht. -Fast scheint es, als ob dadurch, daß dem Flusse die -Strömung genommen wurde, auch die Uferlandschaft ihrer Romantik -verlustig gegangen wäre. Es fehlt den Bäumen, deren -Zweige auf das Wasser überhängen, es fehlt den Sträuchern, -welche die beiden Flußränder umrahmen, ein strömendes, an -das Ufer plätscherndes Wasser. Die ganze üppige Landschaft sieht -eintönig drein. Die Balken des Floßes schaukeln nicht, man spaziert -auf ihnen wie auf einem Parkettboden. -</p> - -<p> -Um so mächtiger wirkt der Kontrast, wenn man durch die -Schleusen fährt. Etwa zweihundert Schritt vor dem Wehr wendet -sich der Dampfer mit einem schrillen Pfiff, die vier Flöße des -Transports knüpfen sich von einander und vom Remorqueur -los, und fahren einzeln — eine Distanz von 400 Metern einhaltend -— durch die Schleusen. Das ist ein Nervenkitzel. Man -möchte aufjauchzen während dieser Fahrt. Die Wellen schlagen -hoch über die Balken und peitschen das lodernde Herdfeuer, -ohne es verlöschen zu können, in das Geräusch der aus der -Höhe zurückklatschenden Wogen mischt sich das dumpfe Krachen -der Randbalken der Floßtafeln, die in ohnmächtiger Wut gegen -die Steinwände des künstlichen Hohlweges Sturm laufen und -jeden Augenblick die Prahme zu zerschellen drohen. Einzelne -Balken sind durch das darüber schlagende Wasser verdeckt und -es scheint, daß die Binden entzweigegangen, das Floß in seine -Bestandteile zerrissen worden sei. Die Plattform der Prahme, die -erste Floßtafel, ist vollständig unter den schäumenden Wassermassen -vergraben, trotzdem ein am zweiten Floßgliede befestigter -Mastbaum sie krampfhaft in die Höhe zerrt. In der -Mitte der zweiten Floßtafel steht der Steuermann, auf deren -rechtem und linkem Rande die beiden Gehilfen. Und wenn das -Ende der Schleuse nahe ist und die Vordertafel aus dem Wasser -emportaucht, dann rennen die drei in wilder Hast, der Wogen -nicht achtend, die hoch über ihre Wasserstiefel schlagen, zu den -Steuerrudern. Es gilt nach innen zu lenken, sonst würde die -<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a> -Gewalt des Schleusenwassers die schwanke Prahme auf die Uferböschung -treiben. Kaum ist das Wehr passiert, so glätten sich -die Wasser, die Balken ordnen sich wieder parallel und an das -Toben des Elementes, in dessen Mitte man sich eben befunden, -erinnert nur noch ein Blick nach rückwärts: Das nächste Floß -saust kämpfend die Schleuse hinab ... -</p> - -<p> -Hinter jeder Schleuse sammeln sich die vier Flöße des -Transportes wieder, ein anderer Remorqueur wird vorgespannt, -und es geht bis zum nächsten Wehr. -</p> - -<p> -In Jedibab, einem von Gott und Menschen verlassenen -Nest, machten wir Nachtquartier. Das Dörfchen liegt nicht einmal -am Ufer, und man hat von diesem noch gute 20 Minuten -auf schlechten Wegen zu gehen. Aber Jedibab hat das Glück -33 Kilometer von Prag gelegen und derjenige bewohnte Punkt -zu sein, welcher dem Nadelwehr von Wranian am nächsten liegt. -Die Flöße kommen nachts hier an, und da sie die Kammerschleuse -nicht mehr passieren können, so wandert die Bemannung -in das Dorf, das auf diese Weise zu einem gar nicht zu verachtenden -Fremdenverkehr gekommen ist. Man aß hier in der -Schenke ein Stück warmen Brotes und trank ein ebensolches -Bier. Dann wurden Strohsäcke ins Wirtslokal geschafft und man -ging schlafen. Draußen peitschte ein scharfer Regen die Fensterscheiben. -Das nahmen die Flößer mit schadenfrohem Lachen zur -Kenntnis, denn einer von ihnen, der erklärt hatte, es falle ihm -nicht ein, das teuere Hotellogis (in Jedibab beträgt der Preis -für das Nachtlager 8 Heller, in einigen anderen Stationen wird -nichts berechnet) zu bezahlen, war draußen am Floße über -Nacht geblieben. Die anderen malten sich schon aus, wie sie -ihn am Morgen uzen wollten. Aber dazu kam es nicht. Als -um ¼2 Uhr nachts aufgestanden und die Weiterreise angetreten -wurde, goß der Himmel noch immerfort Wassermassen auf -das Floß, das oben bald ebenso feucht war, wie unten. Die Balken -waren naß und glatt, bei jedem Schritte, den man machte, -rutschte der Fuß aus und man fiel in das tote Wasser zwischen -den einzelnen Balken und Tafeln. Finstere Wolken, die wie -schwarze Berge aussahen, schienen wenige Schritte vor dem Floße -zu liegen und den ganzen Strom zu verstellen. Das Floß fuhr weiter, -aber da sich die Distanz zwischen ihm und den schwarzen Bergen -durch Stunden nicht verringerte und die Ufer in dem Nebel nicht -<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a> -erkennbar waren, so sah es aus, als ob sich die Prahme nicht -von der Stelle rühre, als ob sie mit einer unsichtbaren Schregge -festgehalten würde. -</p> - -<p> -Dabei knurrte der Magen. Im Jedibaber Restaurant haben -wir früh weder Kaffee noch Brot bekommen und an ein Feueranmachen -auf dem Floße war in dem gießenden Regen nicht zu -denken. Proviant hatten wir nicht und kein einziger schwimmender -Marketenderwagen ließ sich blicken. Wenn ein Gasthaus von der -Ferne sichtbar wurde, dann brüllte der alte Flößer Kolenský mit -heiserer Stimme, der die Verzweiflung eine furchtbare Gewalt -lieh, sein „Pivo“ über Wasser und Land. Immer heiserer, immer -verzweifelter klang sein Sehnsuchtsschrei, und als er hinter der -Sprachgrenze, von Liboch und von Wegstädtl an, nach „Bier“ -zu schreien begann, tönte sein Ruf wie der Todesschrei eines -verwundeten Hirsches. Die Leute an den Ufern vernahmen das -Flehen und eilten mitleidsvoll in das Gasthaus, wo der Wirt -ein Paar Gläser einschenkte und in den Kahn einstieg, um zum -Floße zu rudern. So sehr er sich aber auch beeilen mochte — die -Strömung war schneller und unser Floß war schon vorbei, als -er herankam. Der Wirt wartete in der Mitte des Stromes und -bot dann seine Biere der Bemannung der nächsten Flöße — -unseres schwamm als das erste — zum Kaufe an. Diese konnte -natürlich nicht in jedem Orte Bier trinken und am Abend erzählten -uns die Flößer in der Schenke, wie die Wirte auf den -Booten geflucht, als ihnen das mit so viel Eindringlichkeit bestellte -Bier auf dem Halse blieb. Was aber können die Flüche -aller Wirte gegen jeden einzelnen Fluch bedeuten, den der -durstige Kolenský jedesmal ausstieß, wenn er sah, wie das von -ihm bestellte Bier den „Nachfahrern“ angeboten wurde! -</p> - -<p> -Ein Anlegen des Floßes während der Fahrt — sei es -wegen Sturmes, Regengusses oder Hagelschlags, sei es infolge -Hungers oder selbst Durstes — gibt es nicht. Nur wenn der -Flößer Feierabend machen muß, weil es ihm die Vorschrift anordnet -und weil er die Ufer nicht mehr erkennt, hält er an. -Er weiß, daß ihm die Reise als solche sehr gut bezahlt wird -(so erhält z. B. der Steuermann für die 2½ Tage währende -Fahrt nach Mittelgrund 59 K.), daß er aber auch an den -Tagen, an denen er sich auf keinem Holztransport befindet, daß -er auch in den vier Wintermonaten von seinen Reisehonoraren -<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a> -zehren muß. Er muß trachten, von seiner Fahrt so bald es -möglich zurück zu sein, um einen neuen Holztransport zugewiesen -zu erhalten. Das ist der oberste Grundsatz des Flößers, und trotz des -verzweifelten Durstes fiel es dem alten Kolenský nicht ein, ein -Anlegen des Floßes zu verlangen. Erst um 7 Uhr abends nahmen -wir, die wir um ¼2 Uhr nachts aufgebrochen waren, in Birnai, -einem Dorfe oberhalb Aussigs, unser Frühstück (einige Bierquargel) -ein. -</p> - -<p> -Um 1 Uhr nachts brachen wir wieder auf. Die Nacht, -durch die wir glitten, war dunkel, aber die machtvollen Zacken -der Uferberge waren sichtbar. Drohend und schwarz schob sich -der zerklüftete Workotsch in das nächtliche Elbtal hinein, rechts -blickte der Schreckenstein noch düsterer als sonst übers Land. -Es war ein Anblick, den selten ein Tourist zu genießen Gelegenheit -hat, vom Niveau des Wassers die wechselnden Schattenrisse -des Elbpanoramas zu bestaunen. Eine Reise durch eine -Silhouettenlandschaft. Wenige Stunden später wurden auch die -Hänge der Uferlandschaften sichtbar, allerdings nur in dem -bizarren Rahmen der Nebelrisse. Als wir hinter Tetschen das Elbesandsteingebirge -erblickten, war schon die Morgensonne mit -glänzendem Leuchten aufgegangen und bestrahlte die Elbfluten und -die seltsamen Felsgebilde an den Ufern. Das ruhig dahingleitende -Floß war wohl ein besonders geeignetes Beobachtungsniveau -für die Schönheit der Landschaft. -</p> - -<p> -Ich bin auf der Elbe weitergefahren. Noch immer — jetzt -bin ich in Magdeburg — ist, wenn man von der stellenweisen -Remorquage absieht, die Elbströmung die einzige treibende Kraft -für das Fahrzeug, dessen Passagier ich bin. Auf meiner Fahrt -habe ich manches herrliche Bild auf den Elbufern gesehen, aber -noch nichts hat die Pracht der Landschaft zu übertreffen vermocht, -die sich in der Heimat, von Leitmeritz bis über die Grenzen -des Nachbarlandes bis zur Bastei nächst Wehlen breitet. -</p> - -<div class="centerpic end"> -<img src="images/end.jpg" alt="" /></div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="part-6"> -<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a> -Gäste der Polizei -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">„</span>D</span><span class="postfirstchar">epartement</span> für die öffentliche Sicherheit.“ So steht es -auf dem Torschild. Aber das ist ungenau, unpräzis. -Sagt zu viel, also zu wenig. Denn in das Gebiet der öffentlichen -Sicherheit gehören auch Baubehörden, Schieneninspektionen, -Feuerwehren, Rettungsstationen, Kesselprüfungen, Automobilvorschriften, -Kutscherschulen und viele andere Dinge, mit -denen das Sicherheitsdepartement nichts zu tun hat. Immerhin -bleiben ihm noch mehr als genug Agenden. Und auf die -Art dieser Agenden weist viel deutlicher als die Aufschrift auf -dem Schilde das Relief hin, das über dem Tore prangt und eine -Zusammenstellung dreier Symbole zeigt: Das Richtbeil, das -Fascesbündel und die Wage der Themis. Nun wird zwar hier -im Departement das Richtbeil nicht geschwungen, die Themis hat -hier noch nicht ihre wägende Tätigkeit zu entfalten und die -Fasces, das Sinnbild der strafenden Gewalt über Tod und Leben, -dürfte eigentlich erst die nächsthöhere Instanz, der Gerichtshof, -mit voller Berechtigung im Wappen führen. Jedoch das Sicherheitsdepartement -ist Agentie und Werbeamt, und wenn es durch -seine Beamten und Detektivs nicht das Menschenmaterial herbeischaffen -würde, so könnten sich die symbolischen Manipulationen -mit Richtbeil, Fasces und Wage im allgemeinen nur auf die -kleinen Gauner, die genügsamen Dorfdiebe und die armen Landstreicher -erstrecken, welche die Gendarmerie dem Landesgerichte -überantwortet. -</p> - -<p> -Übrigens ist es die Verbrecherwelt nicht allein, auf die sich -die Tätigkeit des Sicherheitsdepartements erstreckt. Mit allerhand -Anliegen kommt man in diese Räume. Da ist ein ehrsamer Handwerksmann, -der sich seit einigen Tagen durch die Amtslokalitäten -schleicht. Auf seinem Wege muß er durch das Zimmer der Detektivs. -Die kennen den wackeren Bürger und schütteln die Köpfe: Wie -der in den letzten Tagen gealtert ist! Der Ankömmling geht zu -dem Beamten, der die Vermißten und Wiedergefundenen in Evidenz -führt. Dieser, ein junger Polizeikonzeptspraktikant, kennt schon -des Alten Begehr und hat diesem schon einigemale den Bescheid -<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a> -gegeben, daß man von dem Aufenthalte seines Sohnes, der nach -mißglückter Prüfung <a id="corr-6"></a>nicht mehr nach Hause zurückgekehrt ist, noch -immer nichts wisse. Heute aber ist die Nachricht da, eine Hiobspost: -Die Leiche des jungen Mannes ist aus der Moldau gezogen -worden. Der junge Polizeipraktikant spielt verlegen mit -dem Bleistift. Wie soll er dem Alten die furchtbare Botschaft -beibringen. Er nötigt ihn, sich zu setzen. Da weiß der bedauernswerte -Handwerksmann schon alles. -</p> - -<p> -„Tot?“, stößt er hervor. Und bald hält er das Telegramm -in Händen, das im Lapidarstil die Bestätigung der ärgsten Befürchtungen -des Vaters birgt. -</p> - -<p> -„Tot“, schluchzt der Alte, „tot! Und ich bin schuld. Ich -habe ihn studieren lassen, damit er’s besser hat, wie ich! Tot!“ -</p> - -<p> -Am gegenüberliegenden Tisch wird ein Fall von grundverschiedener -Natur verhandelt, aber auch etwas, was mit der -öffentlichen Sicherheit gar wenig zu tun hat, auch etwas Unkriminalistisches -im Kriminaldepartement. An den Grenzen des -Polizeirayons ist ein Weib aufgelesen worden, das kaum viel -mehr als einen Meter groß, taubstumm, irrsinnig und halbblind -ist und nun apathisch bei dem Tische des Kommissärs steht. Dieser -hat auf den ersten Blick gesehen, daß aus der Alten über ihre -Identität und Heimatszuständigkeit nichts herauszubekommen ist, -und so setzt er sich resigniert und schreibt zuerst einen kurzen -Begleitakt an das Taubstummeninstitut, wohin die Arme zunächst -gebracht werden muß, damit man dort versuche, mittels Zeichensprache -ihr irgendwelche Angaben zu entlocken. Aber im Taubstummeninstitut -wird man die Alte nicht behalten, weil sie irrsinnig -ist, ebensowenig wie man sie in der Landesirrenanstalt -aufnehmen wird, weil sie taubstumm ist. Und so muß ein zweiter -Akt an den Magistrat abgesandt werden, der aus dem Tschechischen -ins Amtsdeutsch übersetzt, folgendermaßen lautet: „Inliegend -beschriebene, unbekannte Taubstumme wird zur Unterbringung -in das Gemeindearresthaus bis zur Feststellung ihrer Heimatszuständigkeit -in Empfehlung gebracht.“ Und dann muß die Beschreibung, -die polizeiliche Photographie, die Stilisierung der Notiz -für den „Polizei-Anzeiger“ erfolgen. Unwillig brummt der Kommissär -in den Bart: „Wenn nur die Gemeindevorsteher in die -Bluse solcher Kretins den Namen der Heimatsgemeinde einnähen -ließen, dann könnte man solche arme Leute gleich per Schub -<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a> -nach Hause befördern, und alle diese Scherereien, Schreibereien -und Suchereien wären erspart!“ Ja, wenn! Aber das tun die -Gemeindevorsteher wohlweislich nicht, denn jeden Tag, der mit -den Recherchen verloren geht, hat die Gemeinde an Erhaltungskosten -für den lästigen Dorftrottel erspart! -</p> - -<p> -Die Expediträume des Sicherheitsdepartements beherbergen -gleichfalls eine Gruppe unkriminalistischer Gäste. Fünf oder sechs -Männer und eine junge Frau stehen dort beisammen. Jeder hält -eine Harfe in der Hand und die gibt alles an — Legitimation, -Heimatsort, Leidensgeschichte und Begehr. Aus dem Harfenistenstädtchen -Nechanitz sind sie, von wo die böhmischen Wandermusikanten -stammen, und ihre Schicksale sind die ewig alten: -Vom Impresario engagiert, ausgebeutet und ohne Entlohnung -verlassen, von den österreichischen Auslandsbehörden nach Prag -einwaggoniert, kommen sie ins Sicherheitsdepartement der Polizei, -um eine Reiseunterstützung zu erbitten. Jeder erhält eine Eisenbahnkarte -von Prag nach Königgrätz oder den Fahrpreis von -K 4.40 auf die Hand. Und von Königgrätz gehen sie zu Fuß ins -Heimatsstädtchen und leben hier, bis sie wieder ein Impresario -engagiert, ausbeutet, ohne Entlohnung verläßt ... ad infinitum. -</p> - -<p> -Selbst im anthropometrischen Kabinett kann man oft unkriminelle -Leute sehen, obzwar dieses, wie schon aus dem Namen -und der daraus zu deduzierenden Bestimmung ersichtlich ist, nur -für die Rückfälligkeit, beziehungsweise die zu befürchtende Rückfälligkeit -der hier gemessenen Verbrecher eingerichtet ist, und -obzwar hier schon das Milieu, und die Einrichtungsstücke darauf -deuten, welche Beachtung man den Inhaftaten zollt. Mit Kopfzirkeln, -Ohrmessern, Meßkreuzen, Sitzhöhenmaßen, Narbenmaßen, -Fingerdruckkissen und dem übrigen Instrumentarium der beiden -Bertillons wird man doch nicht die Personaleigentümlichkeiten -bedauernswerter Bettler, harmloser Kretins und unterstützungsbedürftiger -Musikanten auf der Meßkarte verewigen! Gewiß -nicht. Man braucht aber auch nicht zu glauben, daß jedes -halbwegs ehrliche Gesicht, das man hier auf Ohren-, Nasenlänge -und Pupillennuance mißt, gleich das Wort von der „Verbrecherphysiognomie“ -Lügen straft. Gar viele Abdrücke von Finger-Papillarzügen, -die in die Meßkarten-Registratur einverleibt worden -sind, müssen nie wieder hervorgeholt werden. Und der im anthropometrischen -Kabinett tätige Beamte hat schon von seinen -<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a> -Klienten, besonders jenen, die im jugendlichen Übermut entgleisten, -das Wort gehört: -</p> - -<p> -„Meine Maße werden Sie nie mehr brauchen!“ -</p> - -<p> -Das verrät, schon nach dem Tonfall, Selbstmordabsicht. Aber -der Beamte hat da einen alten Kniff. Er mißversteht absichtlich. -</p> - -<p> -„Nun, es freut mich zu hören,“ bemerkt er wohlwollend, -„daß Sie von nun an alle derartigen Entgleisungen vermeiden -wollen. Denn wenn Sie noch ein zweites Mal hierher kommen, -dann sind Sie für Ihr ganzes Leben als Verbrecher gebrandmarkt.“ -</p> - -<p> -„Das bin ich schon,“ lautet die stereotype Antwort, „jetzt -kommt es in die Zeitungen, alle Leute erfahren es ...“ -</p> - -<p> -„Nun, wenn Sie mir Ihr Ehrenwort geben, daß Sie von -jetzt ab ein ehrlicher Mensch sein wollen, dann verspreche ich -Ihnen, mich dafür einzusetzen, daß Ihr Name nicht in die -Zeitung kommt. Einmal ist keinmal! Ihr Ehrenwort?“ -</p> - -<p> -Gar mancher gibt hier im anthropometrischen Kabinett das -ehrenwörtliche Versprechen. Und mancher hält es auch. -</p> - -<p> -Wenn dann wirklich nach ein paar Jahren ein solcher junger -Mann als ehrlicher, tüchtiger Mensch in das Sicherheitsdepartement -kommt, um sich dafür zu bedanken, daß man ihn einst so vom -Selbstmord abgehalten, dann ist das auch ein unkriminalistischer -Besuch bei der Kriminalpolizei. Der einzige freilich, den man -dort gerne sieht. -</p> - -<div class="centerpic end"> -<img src="images/end.jpg" alt="" /></div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="part-7"> -<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a> -Café Kandelaber -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">er</span> Menschheit ganzer Jammer faßt mich an, wenn ich so -um fünf Uhr früh beim Café Kandelaber mein Frühstück -verzehre. Es ist zwar ein famoser Trunk, der 80gradige, mit -angenehm im Magen flammendem Rum vermengte Tee, der hier -kredenzt wird — aber er bleibt doch nur ein Frühstück, ein verteufelt -kategorischer Schlußpunkt nach einer schönen, kaum begonnenen -Nacht. Das ist es, was mich grollen macht. Ich bin -bös auf die ganze Welt. Es ist aber auch wirklich zu arg mit -ihren Einrichtungen. Jedes Schulkind weiß z. B., daß der Erfinder -der Dampfmaschine James Watt hieß. Weil dieser beim -Brodeln eines Teekessels auf die Idee kam, die Dampfmaschine -zu erfinden. Auch schon etwas? Ein anderer Erfinder, der -wohl beim Vorbeifahren einer Dampfmaschine, sei es einer Lokomotive -oder einer Lokomobile auf die Idee kam, sie als Teekessel -zu verwerten, ist keinem Schulkinde bekannt, seinen Namen -meldet kein Lied, kein Heldenbuch. Und doch ist die Verwendung -der Lokomotive als Teekessel — das „Café Kandelaber“ — eine -Erfindung, die Hunderten von müden Pilgern im nächtlichen Prag -die Wohltat eines aufpulvernden, wärmenden Trankes gewährt. -Der Name eines solchen Wohltäters wird in der Weltgeschichte -nicht verzeichnet! Ich muß meinen Groll hinunterspülen. -</p> - -<p> -„Frau Jemelka, noch einen Achtziggradigen, Zwanzigprozentigen -um fünf, etwas zum Aufweichen und zwei Retten.“ -</p> - -<p> -Frau Jemelka stellt ein Glas unter die Mündung des -Messingrohres, dreht den Hahn nach rechts und läßt die Essenz -in mein Glas rinnen, in welches nun das heiße Wasser kommt. -Dann sucht sie mir eine Mohnbuchte zum „Aufweichen“ aus -und gibt mir zwei „Sport“. Sie weiß ganz gut, daß mit der -Bestellung der Retten — so wird der Ausdruck „Zigaretten“ in -vorgerückter Nachtstunde abgekürzt — nur „Sport“ gemeint sein -können, damit die Zeche die runde Summe von 20 Hellern -ausmache. -</p> - -<p> -Jawohl, bloß zwanzig Heller! Man zeige mir, bitte, ein -Kaffeehaus, wo für dieses Geld ein warmes Frühstück mit Mehlspeise -<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a> -und Zigaretten erhältlich ist. Dabei habe ich noch die -feinere Teesorte, die um 10 Heller — nobel muß die Welt zugrunde -gehen! — getrunken und „Sport“, statt der billigen und -hier bedeutend stärker verlangten „Drama“ geraucht. -</p> - -<p> -Frau Jemelka steckt das Zwanzighellerstück in eine Blechbüchse, -die ihr als feuer- und einbruchssichere Kassa dient. -Zwölf Prozent gehören der „Cafetiere“, die nicht selbständige -Unternehmerin ist, sondern eine Angestellte der Kleinschen Likörfabrik -vom „Roten Stern“ in Karolinental. Das fahrbare Teehaus -ist Eigentum der Kleinschen Fabrik und diese liefert die -Essenz, die Tee, Rum und Zucker enthält. Den Erlös der verkauften -Quanten, abzüglich der Provision von zwölf Prozent, -muß Frau Jemelka abführen. -</p> - -<p> -Keine Angst, die gesetzte, ins Pragerische transponierte -Geisha kommt trotz alledem auf ihre Kosten. Das ambulante -Teehaus, das manchen nächtlichen Passanten nährt, nährt auch -seinen Mann. Im Winter kommen die Bettmeider frierend zu -dem Teeverschleiß, um sich an dem behaglichen Koksofen zu -wärmen, im Sommer aber gibt es zahllose Menschen, welche -den im Einkehrhaus „U valšu“ zu entrichtenden Logierpreis von -20 Hellern als eine überflüssige Ausgabe betrachten, und lieber -in der lauen Luft der Gassen umherspazieren. Die statten dann -dem „Café Kandelaber“ längere Besuche ab und geben oft dreimal -so viel Geld aus, als das Nachtquartier kosten würde. -</p> - -<p> -Außerdem haben die Kandelaber-Cafetiers noch ganz gute -Nebeneinkünfte. Wenn irgend ein Neuling kommt — an der -Frage nach dem Preise eines Glases Tee ist er erkennbar — dann -wird ihm statt der feinen, der 10 Heller-Essenz, die 8 Heller-Essenz -gereicht, aber das Greenhorn muß den teuereren Preis -bezahlen. Oder wird der Hahn des Kesselrohres zurückgedreht, -bevor das vorschriftsmäßige Quantum der Essenz herausgeronnen -ist. Wehe aber, wenn der Teemann eine solche Manipulation -bei einem gewiegten Bummler in Anwendung bringen wollte! -Der weiß ganz genau, daß der rechte der beiden durch ein festes -Schloß vor Verfälschung oder Verwässerung durch den Kandelaberwirt -geschützte Kessel die teure, der linke Kessel die billige Essenz -birgt, und der wacht mit Argusaugen darüber, daß kein Tröpfchen -der vorgeschriebenen Essenzmenge im Rohre des Kessels bleibe. -<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a> -Der würde für einen Übervorteilungsversuch Worte finden, die -selbst in dem Milieu des Café Kandelaber ihre Wirkung nicht -verfehlen würden. -</p> - -<p> -„Café Kandelaber.“ Eigentlich haben die gastlichen Lokomotiven, -die in der Nacht an den Straßenecken Station machen, -offiziell einen anderen Namen. „Ambulance heißer Getränke“ -steht mit goldenen Lettern auf der Wagenfront. Aber der Ausdruck -hat sich nicht eingebürgert. Er trifft auch nicht mehr so -recht zu. Freilich ist das Teehaus ambulant, und um die neunte -Abendstunde kann man das nicht mehr ungewohnte, darum -aber nicht minder seltsame Schauspiel genießen, eine Lokomotive -mit einer vorgespannten Dogge durch die Straßen fahren zu -sehen. Dann aber bezieht sie ihren Standplatz, den sie jahraus, -jahrein innehat, der Hund kuscht sich zwischen den Rädern, und -Wagen und Hund rühren sich bis zum Morgengrauen nicht von -der Stelle. Früher, vor etwa dreißig Jahren, war das anders. -Da fuhr der Teemann durch die Straßen und machte nur auf -Anruf eines hungrigen oder durstigen Passanten Halt. Dieses -Geschäft, das nur auf dem Zufall einer solchen Begegnung aufgebaut -war, rentierte sich nicht. So zogen sich denn die Kandelaber-Cafetiers -resigniert an die Ecken der Gassen oder an die -Kandelaber der Plätze zurück. Und siehe da! Kaum hatte sich -der Planet in einen Fixstern verwandelt, so war er schon beliebt. -Da der Berg nicht mehr zum Mohammed kam, da kamen die -Mohammedaner zum Berg. Der Ausdruck „Café Kandelaber“, -dessen beide Worte so prächtig mit einander kontrastierten, wurde -populär und er ist dieser Erfrischungsstelle bis zum heutigen -Tage geblieben, obwohl jetzt eine Verwechslung möglich wäre, -da sich ein findiger Wirt für sein Nachtkaffeehaus in der Karlsgasse, -dessen Stammgäste sich aus denselben Gesellschaftsschichten -rekrutieren, aus denen die Gäste der fahrbaren Teehäuser stammen, -den Namen „Café Kandelaber“ behördlich protokollieren ließ. -</p> - -<p> -Von da ab erfreuten sich die fahrbaren Teehäuser steten -Zuspruchs. Die Droschkenkutscher des nahen „Staffels“ und der -gleichfalls dicht benachbarte Würstelmann polemisierten und pokulierten, -bis längst das Licht auf der Höhe des städtischen -Kandelabers verlöscht und die Wagenlaterne des „Kaffeehauses“ -angezündet war. Zu ihnen gesellten sich Nachtvögel verschiedener -Gattungen und blieben auch keine kürzere Zeit stehen. Der Teewagen -<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a> -auf dem Altstädter Ring erfreute sich einer so außerordentlichen -Beliebtheit, daß sie dem Wirte sogar verhängnisvoll -wurde. Hier strömten nämlich zu der Zeit, als noch die Josefstadt -nicht assaniert und voll von niedrigen Beiseln war, nach der -Gasthaus-Sperrstunde verschiedene Leute zusammen, die hier ihre -Affären der Liebe, des Alkohols und des Verbrechens fortsetzten. -Das ging gar nicht leise und gar nicht ohne blutige Raufhändel -ab. Das „Café Kandelaber“ war fast täglich in den Rapporten -des Altstädter Polizeikommissariates erwähnt und schließlich verbot -man dem Wirt diesen Standplatz. Er durfte den Ring überhaupt -nicht mehr passieren und erst als die dunkelsten Häuser -der Josefsstadt dem Erdboden gleichgemacht worden waren, -durfte er wieder in das gelobte Land einziehen. In der letzten -Zeit wird diese Geschichte in den Kreisen der „Kandelaber“-Gäste -besonders oft besprochen. Man glaubt, daß durch dieses -seinerzeitige Platzverbot ein Präzedenzfall vorhanden ist, der dem -Teemann vom Josefsplatz verhängnisvoll werden kann: Man -werde ihm diesen Platz verbieten, damit er dem Repräsentationshaus -keine Konkurrenz mache. -</p> - -<p> -Es ist fünf Uhr geworden. Schon graut der Tag und dem -Leser. Ich muß meine sachlichen Erwägungen schließen, wenn -ich noch rechtzeitig zum Five-o’clock-tea ins „Café Kandelaber“ -kommen will. -</p> - -<div class="centerpic end"> -<img src="images/end.jpg" alt="" /></div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="part-8"> -<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a> -Geschichten vom Brückenkreuzer -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">M</span><span class="postfirstchar">an</span> kann freilich von einer Brücke nicht verlangen, daß -sie außer einem Fluß auch noch die sozialen Gegensätze -überbrücken soll. Aber die Prager neuen Brücken verschärfen -diese Gegensätze noch, denn die Armen haben jetzt oft einen -nahen Weg vor sich und müssen doch — um den Brückenkreuzer -zu ersparen — den Umweg über die älteste Brücke, die unentgeltliche -Karlsbrücke, machen. Durch die Prager Brücken werden -zwar die Stadtteile verbunden, aber die Bewohner dieser Stadtteile -haben keine Ursache dafür verbunden zu sein. Denn der -Brückenkreuzer ist eine Unbequemlichkeit für die Reichen, eine -empfindliche Ausgabe für die Armen. Jedesmal, wenn man in -Prag eine Brücke schlägt, so schlägt man dem modernen Verkehrswesen -ein Schnippchen und die Logik aufs Haupt, indem -man je ein Mauthäuschen an die Brückenenden setzt. -</p> - -<p> -Das Vergnügen, in den verschiedenartig duftenden Anlagen -des Stadtparkes und auf dem von Alpinisten sehr geschätzten -Pflaster der Prager Straßen zu promenieren, hat man ganz -umsonst. Aber die Notwendigkeit über eine Brücke zu gehen, -die muß man bezahlen. Obwohl das Prager Pflaster noch teurer -ist als die Prager Brücken. Von der Verkehrshemmung, welche -die Einhebung der Brückenmaut bedeutet, gar nicht zu reden. -Man stelle sich vor, daß auf der Weidendammer oder auf der -Potsdamer Brücke in Berlin jeder Passant stehen bleiben, jedes -Auto stoppen müßte, um zwei oder fünf Pfennige zu bezahlen. -Auch der gemütliche Wiener würde wohl verteufelt ungemütlich -werden, wenn er sein „letztes Kranl“ wechseln müßte, um über -die Aspernbrücke gehen zu dürfen. -</p> - -<p> -Aber es wird uns doch ein Äquivalent für die Entrichtung -des Brückenzolls geboten. Das sind die Straßenbilder und die -Geschichten, die sich auf diese Institution gründen, und um die -uns jede andere Stadt beneiden muß. Hier fleht ein Bettelweib -mit weithin hörbarem Weinen die Gnade des Brückentyrannen -an, dort nimmt ein kleines Kindermädchen den ihr anvertrauten -fünf Jahre alten Bengel keuchend auf den Arm, hier schlängelt -<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a> -sich ein Gamin zwischen zwei Straßenbahnwagen auf die Brücke, -dort springt ein Prager „Pepík“ vor dem Mauthäuschen auf die -Elektrische, um jenseits des Häuschens wieder abzuspringen — -alles, um zwei Heller zu ersparen. -</p> - -<p> -Auch andere Typen und Geschichten sind bekannt. Ein Einjährig-Freiwilliger -hat den Brückenkreuzer prinzipiell — „ich lasse -mir nichts schenken“ — bezahlt, trotzdem ihn die Uniform zu freiem -Eintritt berechtigte. Von dem Jungtürken, der es absolut nicht -verstehen konnte, wie ein fremder Mann auf offener Brücke von -ihm ein Bakschisch zu verlangen wage, und dem schließlich eine -hundertköpfige Menschenmenge zu Hilfe kam, war im November -des vorigen Jahres in allen Blättern zu lesen. Der uralte Ulk -des Defilees im Gänsemarsch ist bei den Bewohnern des Mauthäuschens -gar nicht beliebt, weil sich diese die Mühe nehmen -müssen, die Teilnehmer des Zuges, für die der Letzte zahlen soll, -genau zu zählen. Zum Glück läuft der zahlungspflichtige Letzte -gewöhnlich davon, so daß ein Rechenfehler ohnedies gleichgültig -ist. Es gibt viel solcher Scherze. -</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="noindent"> -Rückte da neulich ein Marsjünger in Zivilkleidern, nur an -der keck über dem linken Ohre baumelnden Mütze als k. u. k. -Infanterist kenntlich, vom Ernteurlaub nach Prag ein. An dem -Smichower Ufer streckte ihm der Zöllner begehrlich seine Hand -entgegen. Der Urlauber aber verweigerte die Zahlung des -Tributs. Er sei Soldat und als solcher brauche er keinen Kreuzer -zu zahlen. Der Mauteinnehmer wies auf die Zivilmontur des -Widerspenstigen, dieser legitimierte sich mit seinem Urlaubsschein -als Angehöriger der Armee. Da die Frequenz auf der Brücke -gerade sehr groß war, so hatte sich bereits ein stattliches Häuflein -von Zuschauern um die streitenden Parteien geschart. Nun konnte -der Zöllner erst recht nicht nachgeben, wenn er nicht sein Ansehen -einbüßen wollte. Aber auch dem Krieger kam es nicht -in den Sinn, der Klügere zu sein, und er bestand auf seinem -Schein. Wer weiß, welche Dimensionen der Rechtsstritt genommen -hätte, wenn nicht zufällig ein Einjährig-Freiwilliger des Weges -gekommen wäre, der in hilfsbereiter Weise für seinen Fahnenbruder -zwei Heller auf das Opferbrett der Stadtgemeinde niederlegte? -Der also losgekaufte Urlauber aber setzte seinen Weg -<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a> -nicht sogleich fort, sondern eilte in die genau gegenüber dem -Mauthäuschen auf der Brücke gelegene Tabaktrafik. Er kaufte -sich für die ersparten zwei Heller zwei „Drama“-Zigaretten und -zog, die eine „Drama“ zufrieden im Munde haltend, die andere -kokett hinter dem Ohre, unter dem Lachen des Publikums so stolz -über die Brücke, wie einst im Mittelalter siegreiche Belagerer über -die endlich heruntergelassene Zugbrücke in die Burg des Feindes -gezogen waren. -</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="noindent"> -Einmal hatte einer meiner Couleurbrüder zur endlichen Bezahlung -seiner Schulden 200 Kronen erhalten. Kaum hatte er -uns von diesem sensationellen Ereignis auf unserer Bude, die sich -in dem Gasthaus auf der Judeninsel befand, in Kenntnis gesetzt, -als wir auch schon beschlossen, damit dem Brückenmann der -Franzensbrücke einen Streich zu spielen. Zehn Bursche wurden -je mit einer Zwanzigkronennote beteilt, selbstverständlich erst -nachdem sie sich „auf Grand-Cerevis“ — die Eidesformel beim -Biertisch — verpflichtet hatten, sie wieder zurückzustellen. Nun -ging es dem Mauthause zu. Der erste von uns reichte dem Zöllner -die Banknote und dieser gab murrend 19 Kronen 98 Heller zurück. -Dann kam der zweite, und gleichzeitig streckten acht andere Hände -dem Mauteinnehmer die Banknoten zu. Der gute Mann war -entsetzt. „Es könnte doch einer für alle Herren zahlen,“ wandte -er ein. „Wir kennen einander ja gar nicht,“ war unsere Antwort. -Nun wollte uns der Einnehmer mit großmütiger Gebärde die -Entrichtung erlassen. Aber wir wollten uns keinesfalls unserer -Prager Bürgerpflicht begeben, wollten den Stadtsäckel nicht -schädigen. Schließlich machte Meister Zöllner dem Konflikt ein -Ende, indem er sich in seine Hütte verkroch. Da mußten wir -denn doch von dannen, ohne unserer Bürgerpflicht Genüge getan -zu haben. Wahrscheinlich hat sich der Zöllner darüber ins Fäustchen -gelacht. Wir aber lachten laut. -</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="noindent"> -Einmal zogen wir aus der „Quelle“ in Bubentsch nächtlicherweile -nach Prag. Als wir zum Kleinseitner Brückenkopf des -Kettenstegs kamen, schlief der Zöllner bereits den Schlaf des -Gerechten und an seinem Fenster war der Holzladen heruntergelassen, -denn drüben am andern Ufer versah der andere Mauteinnehmer -<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a> -— wie allnächtlich — für ihn den Dienst. Schon -wollten wir weckend an die Bude klopfen, als uns ein üppig -gelaunter Kommilitone davon abhielt. Er legte still einen Kreuzer -auf das Brett vor dem geschlossenen Schalter und befahl uns, -ihm in einer Distanz von einigen Schritten über die Brücke zu -folgen. Bei der Josefstädter Brückenmündung trat ihm der Zerberus -mit heischender Hand entgegen. Unser Freund tat sehr -erstaunt. Er werde doch nicht zweimal zahlen, man zahle doch -nur beim Betreten der Brücke und das habe er getan. -</p> - -<p> -„Das ist eine Lüge,“ erklärte der Brückenhüter, „drüben ist -ja geschlossen. Sie müssen hier bezahlen.“ -</p> - -<p> -„Ob drüben geschlossen ist, geht mich nichts an. Darauf habe -ich nicht geachtet. Ich habe drüben bezahlt, wie ich immer beim -Betreten der Brücke zahle.“ -</p> - -<p> -Der Zöllner rief die heilige Hermandad herbei. Der Wachmann -kam und mein Freund verlangte die Sicherstellung des -Mauteinnehmers, da er von diesem durch das Wort „Lüge“ beleidigt -worden sei. Der Zöllner leugnete nicht. -</p> - -<p> -„Der Herr hat behauptet, drüben gezahlt zu haben und -das ist eine Lüge!“ -</p> - -<p> -Unser Freund verlangte nun erregt, der Wachmann möge -konstatieren, ob der Kreuzer wirklich drüben liege. Dies werde -bei der Verhandlung in der Ehrenbeleidigungsklage das wichtigste -Moment sein. Das sah der Wachmann ein und war bereit mit -unserem Freunde auf das jenseitige Ende der Brücke zu gehen. -Der Zöllner, der eine eventuelle Beeinflussung des Polizisten vermeiden -wollte, sperrte seine Bude und ging mit. Wir hinterdrein. -Als der Zug wieder glücklich auf der anderen Seite -war, erblickte man das künftige Corpus delicti: Der Kreuzer -lag friedlich auf dem Schalterbrett. Mit majestätischer Handbewegung -wies unser Freund auf ihn. Der Brückner war geschlagen. -Schon wollte er mit mißmutiger Gebärde den Kreuzer -an sich nehmen, als unser Kommilitone herzusprang und ihn -einsteckte. -</p> - -<p> -„Über eine Brücke, auf der man die Passanten derart behandelt, -gehe ich nicht. Wir gehen über die Elisabethbrücke.“ Und zum -verdutzt dastehenden Zöllner gewandt, fügte er hinzu: „Auf diese -Weise treiben sie alle ihre Kundschaften der Konkurrenz in die -Arme.“ -</p> - -<div class="centerpic end"> -<img src="images/end.jpg" alt="" /></div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="part-9"> -<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a> -Der Chef der Prager Detektivs -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">„</span>D</span><span class="postfirstchar">er</span> alte Lederer“, der Chef der Prager Polizeidetektivs, hat -gestern, am 30. März 1909, im Sicherheitsdepartement sein -Pensionierungsgesuch geschrieben, heute übergibt er es und morgen -macht er schon keinen Dienst mehr. Zum erstenmale seit 38 -Jahren. (Von den Krankheitszeiten abgesehen, die er im letzten -Jahre zu bestehen hatte.) Nun hat er ausgedient und geht in den -Ruhestand. Die Kunde wird bei allen, die ihn kennen — und -die Zahl derer, die ihn kennen, ist immens — Interesse erwecken; -mit Bedauern sehen ihn wohl nur wenige aus dem Amte scheiden. -Er war bestgehaßt. Ein Bann, analog jenem, der vor Jahrhunderten -den Henker umsponnen, hat auch ihn, den „Spitzel“, -den „Spion“, den „Schnüffler“ umgeben. Dergleichen Charakterisierungsworte -gebrauchte man immer, wenn man in der -Nacht einen Begleiter auf den alten Lederer aufmerksam machte, -wenn dieser, Stock und Hände auf dem Rücken haltend, mit -gebückter Haltung und patrouillierenden Augen über das Trottoir -wandelte. In den Spelunken hatte man ärgere Namen für ihn. -Aber noch keiner hat es gewagt, sie ihm ins Gesicht zu schleudern. -Man hatte vor dem Alten Respekt. -</p> - -<p> -Revertenten und berufsmäßige Nachtwandlerinnen verschwanden, -sobald sie ihn von der Ferne sahen, mit größtmöglicher -Akzeleration um die Ecke. Und wenn er so gegen vier -oder fünf Uhr früh in die Schenke „Zum Kranz“, „Bei den -3 Sternchen“, im „Goldenen Zweier“, „Zur Schokolade“, „Beim -Frosch“ oder „Beim Banzett“ erschien, dann sprangen die auf -den Tischen, auf den Bänken oder auf dem Fußboden schlafenden -Stammgäste beiderlei Geschlechtes flugs auf, als ob der kommandierende -General eine Wachmannschaft beim Kartenspiel erwischt -hätte. Die schlaftrunkenen Augen der Nächtlinge blickten -scheu auf den Gefürchteten und mit heuchlerischer Devotion scholl -ihm allerseits ein „Ruku líbám, milostpane“ (Küss’ die Hand, -<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a> -gnä’ Herr) entgegen. Alle kannten ihn. Aber auch er kannte -alle. Sein Blick durchschnitt das rauchgeschwängerte Lokal. Schon -hat er einen erspäht, der aus Prag für immer ausgewiesen ist. -Er winkt ihm und ohne ein Wort der Widerrede zu dulden, -nimmt er den Liebhaber Prags bis zum nächsten Wachposten -mit. Oder er schaut jemanden an, den er nie zuvor gesehen: -„Sie sind der R. S.!“ Aus den Worten eines Steckbriefes hat -er sich das Bild des R. S. konstruiert und nun den Gesuchten -erkannt. Das war seine Spezialität, Spürsinn oder Routine? -</p> - -<p> -Aber die Unbeliebtheit in den Verbrecherkreisen hätte <a id="corr-11"></a>ihm -in den Kreisen der gesetzmäßig lebenden Bürgerschaft Sympathie -gesichert, wenn sich der Detektivinspektor Lederer nicht aus beruflicher -Pflicht auch in ein Gebiet hätte einmischen müssen, in -welches eine Einmengung spürender Behörden mit vielem Rechte -von der Allgemeinheit sehr angefeindet wird: Das Gebiet der -Politik. Für diese Idiosynkrasie gegen „Spitzeltum“ in der Politik -hat der alte Lederer am meisten leiden müssen. Erst während -der letzten Grabenkrawalle ist er in der Nähe des Spinka von -einer Gruppe tschechisch-nationaler Sozialisten erkannt und bedroht -worden, die Sozialdemokraten haben gegen ihn Gerichtsprozesse -angestrengt und sogar von deutscher Seite ist der eifrige -Geheimpolizist einmal weidlich durchgeprügelt worden. Noch -dazu auf reichsdeutschem Boden. Das war am Sonntag, den -12. Juli 1897. Die österreichischen Behörden hatten den Egerer -Volkstag verboten, aber damit nichts erreicht. Denn die Teilnehmer -zogen in hellen Scharen nach dem nahen bayrischen -Städtchen Waldsassen, um hier — von keinem „landesfürstlichen -Kommissär“ gehört und gestört — zu beraten und zu beschließen. -Aber man hatte „oben“ um so größeres Interesse an der Versammlung -jenseits der schwarz-gelben Grenzpfähle und — so zog -Herr Lederer mit einer Kornblume im Knopfloch, als unentwegter -Alldeutscher gleichfalls nach Waldsassen. Aber er wurde erkannt, -und er, der was erfahren wollte, hat nur Schlimmes erfahren. -Auch sonst hat er zahlreiche Reisen in politischer Spürmission -unternommen, aber er muß hiebei von einem Mißgeschick à la -Waldsassen verschont geblieben sein, denn nur der eine tragikomische -Fall ist bekannt geworden. U. a. hat Inspektor Lederer -bei Kaiserreisen in der ganzen Österreichisch-ungarischen Monarchie -als Auge des Gesetzes fungiert und ist spähend auf den -<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a> -Spuren Wilhelm des Redseligen, King Edwards und Milans des -weiland Lebenslustigen gewandelt. Sogar ein Sonnen- oder -Löwenorden wurde ihm verliehen, zum Dank dafür, daß er den -Beherrscher des Perserreiches vor eventuellem Mißgeschick behütete. -</p> - -<p> -Bei der Ausmittlung von Verbrechern hat er gute Dienste -geleistet. Freilich von moderner Kriminalistik, von Daktyloskopie -und Anthropometrie, von Kopfzirkeln, Meßkreuzen, Narbenmaßen -und dem übrigen Instrumentarium der beiden Bertillons verstand -er ebensowenig wie seine Klienten von Ehrlichkeit. Aber er erkannte -seine Prager, Weinberger und Žižkower Einbrecher an -der Art, wie der Einbruch ausgeführt war. Und verstand sie zu -finden. Besonders in der Josefstadt, die vor ihrer Assanation das -Heim der Prager Kamorra gewesen war, kannte sich Lederer — -er war dort jahrelang Polizei-Wachkommandant gewesen — in -jedem Schlupfwinkel aus und jeden einzelnen Bewohner und -jede einzelne Bewohnerin der zahllosen Beisel mit Namen. -</p> - -<p> -Aber auch in besserem Milieu ließ den Detektivinspektor -sein Spürsinn nicht im Stich. Da ließ er sich auch durch Eleganz -und weltmännisches Auftreten nicht blüffen. So hat er aufs Geratewohl -einmal im Kaffeehaus einen gutgekleideten Herrn nur -deshalb festgenommen, weil er champagnisierte und freizahlte. -Der Herr protestierte. Aber der alte Lederer ließ sich nicht irre -machen. Im Sicherheitsdepartement wollte man ihn schon ausschimpfen, -daß er jemanden grundlos festgenommen habe. Man -forschte aber nach der Provenienz des Geldes und da stellte sich -heraus, daß der Arretierte ein eigenes Telegraphenamt in Nusle -inszeniert, aus diesem Geld angewiesen hatte und beheben ließ. -Der Name dieses Mannes ist seither in der Geschichte des Postbetruges -Europas geläufig: Plocek. -</p> - -<p> -„Ich hab’ gleich gesehen, daß der das Geld nicht schwer -verdient hat,“ sagte der alte Lederer, als er die Prämie für -seinen Fang ausbezahlt erhielt. -</p> - -<p> -Er war bei allen Morden der letzten Jahre zur Stelle: -beim Mord am Omladinisten Mrwa, an der Juwelierin Gollerstepper, -an den Mädchen Hruza und Klima im Polnaer Walde, -am Hotelier Wolf, am Liebespaar Takacz-Hanzely zu Krtsch, am -Schulmädchen Smrček, am Portier des Gewerbemuseums Schaněl, -<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a> -am Gefangenaufseher Kaucky und an der neuvermählten Frau -Novotny in der Böhmerwaldgasse. Immer machte er sich als -einer der ersten auf die Suche. Manchmal mit Glück, manchmal -mit Unglück. Sein Name war in den Berichten über Prager -Kriminalfälle stereotyp. Darum geziemt es sich, das heutige -Datum als das des Tages zu registrieren, da der alte Lederer -aufhört, seines Amtes zu walten. -</p> - -<div class="centerpic end"> -<img src="images/end.jpg" alt="" /></div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="part-10"> -<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a> -Der Mann mit der Straßenspritze -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">enn</span> es regnet, ist es naß. Besonders in Prag. Hier werden -nämlich bei Regen die Straßen besprengt. Manchmal während -des Regens, manchmal nach und manchmal vor dem Regen. In -den beiden erstgenannten Fällen müßte man nichts besonderes -erblicken, weil man ja zu der Vermutung kommen kann, der -bekannte Satz, daß Feuchtigkeit des Erdbodens Regen zur Folge -habe, sei auch in der Umkehrung richtig. Aber daß man in -Prag auch vor dem Regen die Straßen besprengt, ist interessant. -Es kommt ja auch nur selten vor. Dann ist es aber umso interessanter. -</p> - -<p> -Der Mann, dem die ehrenvolle Aufgabe obliegt, die Bazillen -des Prager Straßenstaubes mit den Bazillen des Prager Wassers -in fruchtbaren Zuchtverkehr zu bringen, ist näherer Beachtung -wert. Sie wird ihm auch zuteil. Dort, wo der Spritzenmann -ist, dort ist auch die Straßenjugend. Die kennt die Prager -Spritzenschläuche ganz genau und weiß, daß sie feine Löcher -haben, durch die beim Spritzen hohe Wasserstrahlen in die Luft -steigen. Diese kleinen Löcher lassen sich bequem mit einem Finger -zuhalten und wenn man diesen wegzieht, so spritzt der dünne -Strahl mit verdoppelter Gewalt in die Höhe oder auf einen -Passanten. Ja, das Spritzen ist eine Lust für die jeunesse dorée -der Straße. Aber auch ältere Passanten, die ohnedies schon um -der sengenden Sonnenglut willen, sich nicht der Eile befleißigen -wollen und die — die Abneigung der Muhme Mephistos gegen -das Staubschlucken teilend — lieber auf besprengtem Pfade weiterwandeln -wollen, bleiben stehen und schauen dem Mann mit der -Straßenspritze zu. Schon die Vorbereitungen, die dieser trifft, -wirken erfrischend. Ich glaube, dieses Straßenbild wäre ein -famoser Stoff für eine Pantomime. Sie wäre abendfüllend. -</p> - -<p> -I. Akt. (Eine schmutzige Straße.) Leute treten auf, die sich -den Schweiß aus dem Gesichte wischen und dann die Taschentücher -auswinden. Plötzlich malt sich Begeisterung in ihren Zügen -und freudigen Antlitzes weisen sie in die rechte Kulisse. Aus -dieser kommen zunächst barfüßige Knaben und Mädchen mit -<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a> -Jubel und Tanz. Dann rollt ein Handwagen heran, der ein -großes Faß trägt. Der Wagen wird von einem Spritzenmann geschoben, -ein zweiter geht neben dem Wagen. Der Spritzenmann -rekognosziert das Terrain. Fragend blickt er seinen Genossen -an. „Soll man hier spritzen?“ Die Antwort scheint eine verneinende -Gegenfrage zu sein: „No, soll man hier spritzen?“ -Aber Passanten und Straßenjugend drängen sich an die beiden -Begleiter des Fasses heran und bitten flehentlich um einen Gespritzten -für das Straßenpflaster. Die beiden nicken Gewährung -und senken den Vorderteil des Wagens zur Erde. Die Zuschauer -(auf der Bühne) treten scheu zurück. Die Spritzenleute beginnen -je eine Tabakspfeife anzuzünden. Der Vorhang fällt langsam. -</p> - -<p> -II. Akt. (Spielt eine halbe Stunde später. Personen: Wie -im ersten Akt.) Die Spritzenleute vollenden das Anzünden der -Tabakspfeife. Sie nehmen ein T-förmiges Eiseninstrument, das -wie ein jugendlicher Galgen aussieht und halb Schraubenschlüssel, -halb Pfropfenzieher ist, vom Faßwagen und heben mit der einen -Zacke dieses Werkzeuges den Deckel des Hydranten in die Höhe. -Ein süßer Geruch steigt aus den Tiefen empor. (Das Orchester -spielt: „Das duftet nach Trèfle incarnat“ aus „Graf von Luxemburg“.) -Der Duft erfüllt das Theater. Die Zuschauer (auf der -Bühne) verschwinden im Hintergrund. Die Zuschauer (im Zuschauerraum) -auch. Der Vorhang fällt rasch. -</p> - -<p> -III. Akt. Aus dem Faß wird durch dessen obere Öffnung -ein Metallrohr herabgenommen, das im Sonnenglanze glitzert, -wie das Rheingold in der Komischen Oper zu Wesseli-Mezimosti. -Am Ende des Rohres hängt ein Elefantenrüssel; aber es ist gar -kein Elefantenrüssel, sondern ein Spritzenschlauch. Das andere -Ende des Rohres wird irgendwo in dem Abgrund befestigt, aus -dem die bereits beschriebenen unbeschreiblichen Düfte steigen. -Damit das T-Instrument sich nicht zurückgesetzt fühle, schraubt -man es gleichfalls an den Hydranten. Die Zuschauer denken -nun wie Schiller: Wohl, nun kann der Guß beginnen. Aber -damit ist’s noch nichts. Dem einen Spritzenmann ist das Feuer -der Tabakspfeife ausgegangen und er bemüht sich nun, ein Zündholz -an einem Teile seiner Hose anzuzünden. Der Vorhang fällt -diskret. -</p> - -<p> -IV. Akt. Die Pfeife brennt. Einer der beiden Spritzenleute -kurbelt den Miniaturgalgen, der andere packt den Spritzenschlauch, -<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a> -dessen Mündung das Straßenpflaster zärtlich küßt. -Wasserströme, welche die neue hechtgraue Felduniform tragen, -strömen durch den Schlauch und verwandeln die Gegend um den -Hydranten in eine romantische Meereslandschaft. Ein schmuckes -Dienstmädchen, einen Korb mit Eßwaren unter dem Arme, kommt -des Weges und lächelt den Wassermann an, der den Schlauch -hält. Ein Strahl der Freude zuckt über sein Gesicht und ein -Strahl Wasser über das ihre. Der Spritzenmann hat nämlich -in seiner freudigen Erregung die mit dem Schlauch bewehrte -Hand erhoben. Auch die Eßwaren sind angenehm besprengt -worden und der Korb sieht aus wie ein volles Lavoir. Das -Mädchen schimpft. Die Spritzenmänner bleiben ihr die Antwort -nicht schuldig und gebrauchen einige Ausdrücke ... (Der -Vorhang fällt über Anordnung der Zensurbehörde sehr rasch.) -</p> - -<p> -V. Akt. Es wird fortgespritzt. Alle Passanten erhalten eine -Dusche gratis. Hier erhält ein hellgelber Herrenüberzieher eine -schön braune Glasur, dort wird einem Panamahut Gelegenheit -geboten, zu erweisen, ob er wirklich wasserdicht ist. Mit Wilhelm -Tell-artiger Sicherheit lenkt der schlichte Bedienstete der Prager -Kommune sein feuchtes Geschoß gegen die wandelnden Ziele. -Oft weiß er mit ein- und demselben Strahl mehreren Ahnungslosen -etwas von dem erfrischenden Naß der Moldau zuteil werden -zu lassen. Längst hat sich die Straße in das Schwarze Meer -verwandelt — der Spritzenmann arbeitet weiter, als gälte es -den Kanal trocken zu legen. Da fängt es zu regnen an. (Man -verwende den Platzregen aus „Das Weiße Rößl.“) Die Spritzenmänner -freuen sich höchlichst, denn im Regen ist die Arbeit -viel angenehmer. Sie lassen aus dem Schlauche Wasser in das -Faß des Wagens laufen, damit sie mit Hilfe der bekannten Holzkannen -auch jene Straßenteile besprengen können, zu denen der -Spritzenstrahl nicht gelangen kann; wenn der Regen diese -Stellen näßt, so gilt das nicht. Das Faß ist bald gefüllt und -nun kommt der Deckel wieder auf den Hydranten, Röhre, Schlauch -und Schraubenschlüssel wieder auf den Wagen. Es regnet weiter — -besonders faule Äpfel und Eier aus dem Zuschauerraum. Der Vorhang -fällt mit wolkenbruchartiger Geschwindigkeit. -</p> - -<p> -Auf Hofbühnen und anderen großen Theatern kann man -statt des Faßwagens fahrbare Riesenspulen verwenden, um die -sich der Spritzenschlauch ringelt; die Aufführung verliert dadurch -<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a> -nicht an Lokalkolorit, da man solche Spulen beim Besprengen -der Prager Hauptstraßen verwendet. Anderer Requisiten bedarf -mein Mimodrama nicht. Trotzdem mir die Tantiemen ganz gut -zustatten kämen, sage ich den Theaterdirektoren ganz offen: -Das Stück braucht nicht sofort aufgeführt zu werden, denn der -Stoff bleibt dauernd aktuell. In Prag wurde seit jeher die -Straßenbesprengung so betrieben und wird auch weiter so betrieben -werden. In den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhundertes -haben diese Arbeit Leute besorgt, welche von Feuerwehrmännern -auf der Straße ad hoc engagiert worden waren -und unter deren Aufsicht spritzen mußten. Daß diese Leute die -Sache nicht mit jener virtuosen Sicherheit, nicht mit jener genialen -Schlauchtechnik betreiben konnten wie das wohlorganisierte -städtische Spritzenkorps von heute, liegt klar auf der Hand. Ist -das nicht Fortschritt genug? Ein Mehr wäre von Übel, hieße -die Tradition verleugnen. Und die Stadt Prag hält auf Tradition. -Strahlend war früher die Straßenbesprengung, strahlend soll sie -auch in Zukunft sein. Das ist eine Beruhigung für mich. Kann -doch meine Pantomime nie veralten, wenn die Männer, die spritzen, -nie selbst „gespritzt“ werden. -</p> - -<div class="centerpic end"> -<img src="images/end.jpg" alt="" /></div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="part-11"> -<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a> -Eine Nacht im Asyl für Obdachlose -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">ine</span> Minute von der Elisabethstraße entfernt, in der alltäglich -Fiaker, Automobile, Straßenbahnwagen, Equipagen und -Droschken nach dem Baumgarten hinausfahren, zweigt von der -Klemensgasse die Neumühlgasse ab. Sie ist keine Verkehrsstraße; -vier scharfe Ecken bildend, kehrt sie zur Klemensgasse zurück. -Hier ist nichts mehr von Promenade, nichts mehr von Luxusfuhrwerken -zu merken. Nur wenige Passanten bevölkern sie. -Abends jedoch sammeln sich hier Gruppen von Menschen an, -die des Augenblickes harren, wo sich das Tor des Hauses Nr. 11 -eröffnet, auf dem in großen schwarzen Lettern die Worte -„Útulna — Asyl“ stehen. -</p> - -<p> -In diesem Haus, das Eigentum des Prager Asylvereines für -Obdachlose ist, habe ich gestern übernachtet. Bei einem Freunde, -der in der nahen Sametzgasse wohnt, hatte ich mich vorher in -full dress geworfen. Den Rock, den ich anhatte, hatte voriges -Jahr unser Dienstmädchen einem Bettler geschenkt, aber dieser -hatte die Annahme des Geschenkes unter schweren Beleidigungen -abgelehnt. Wenn in dem Hut, den ich aufgesetzt hatte, noch die -Firmabezeichnung erkenntlich wäre, könnte man ihn als famoses -Mittel für Erpressungen verwenden: Der Hutmacher würde jeden -Betrag bezahlen, um diese seinen Namen tragende Schmach aus -der Welt zu schaffen. Der Rock hatte zwar keine Fasson, aber -dafür hatte er auch keine Farbe und Löcher, auf die jede -Regimentsfahne stolz sein könnte. Die Risse der Stiefel waren -durch die in sanften Wellenlinien hinabfallenden roten Socken -teilweise verdeckt. Die Hosen — reden wir nicht davon. -</p> - -<p> -So ging ich, in den wahrlich nicht verwöhnten Gassen des -Petersviertels peinlichstes Aufsehen erregend, zum Asylhaus. Hier -waren schon Gruppen von Obdachlosen angesammelt. Einige saßen -auf dem Geländer, das die schmalen Anlagen der Klemenskirche -umfriedet, andere auf den Stufen am rückwärtigen Kircheneingang. -Etliche standen vor dem Eingang eines Gasthauses in der Klemensgasse, -wieder andere an die Häuser der Neumühlgasse gelehnt. -<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a> -Auch Frauen waren darunter. Im ganzen etwa 70 Leute. Ein -Doppelposten der Polizei hielt Wache. -</p> - -<p> -In der Gruppe, in der ich mich anstellte, war ein fünfzehnjähriger -Bauarbeiter, der gerade von seiner Fußwanderung -aus Triest in Prag eingetroffen war. Dann ein Prager Geschäftsdiener, -elternlos und ohne Verwandte, der ohne Stellung war. -Vor anderthalb Tagen hatte er bei einem ehemaligen Kollegen -eine Suppe bekommen, seither hatte er überhaupt nichts gegessen. -Unter anderen Umständen hätte ich diese Angabe vielleicht -skeptisch aufgenommen. Aber hier konnte ich nicht daran zweifeln. -Was für ein Interesse hätte er gehabt, die Kollegen, die gleich ihm -arg im Bruch waren, zu belügen? Erwarten konnte er von ihnen -ja nichts. Ich versprach ihm meine Suppenportion für den Fall, -als ich, trotzdem ich kein Dienstbuch habe, in das Asyl eingelassen -würde. Ich hätte einen verdorbenen Magen und könne -nichts essen. Seither wich der Bursche nicht von meiner Seite, -damit er in das gleiche Zimmer mit mir komme. Seine einzige -Sorge, die er fortwährend zu mir äußerte, war die: „Ob man -dich nur ohne Büchel hineinlassen wird?“ Von Zeit zu Zeit kamen -Besuche zu unserer Gruppe. Leute, die Arbeiter suchten. In -meinem Leben habe ich nicht so viele Engagementsanträge erhalten, -wie vorgestern. „Bist du ein Müllergehilfe?“ fragte mich -ein wohlgenährter Herr, der auf unsere Gruppe zugetreten war. -Nein, ich sei kein Müllergehilfe. Damit aber gab sich der Herr -noch nicht zufrieden: „Willst du nicht in der Mühle arbeiten?“ -Ich müsse morgen abreisen, sagte ich und der Vertrag war nun -endgültig gescheitert. -</p> - -<p> -Von den übrigen Aktionen, die nichts geringeres zum Zwecke -hatten, als meine wertvolle Arbeitskraft für verschiedene Unternehmungen, -wie einen Brückenbau, eine Schneiderwerkstätte etc. -zu gewinnen, sei noch eine erwähnt. Ein Bäckergehilfe kam zu -mir: „Du bist ein Bäcker?“ Wieder verneinte ich. „Das macht -nichts,“ sagte jener. „Du könntest heute nachts bei uns in der -Werkstätte statt meiner arbeiten. Mein Mädel ist heute früh -nach Prag gekommen und ich möchte gern mit ihr ausgehen. -Du brauchst nicht viel zu machen, nur soll der Alte nicht merken, -daß einer fehlt. Ich gebe zwanzig Kreuzer.“ Ich erklärte, daß -ich ablehnen müsse. Ich hätte schon drei Nächte nicht geschlafen. -</p> - -<p> -<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a> -Die Arbeitgeber waren nicht die einzigen Personen, die um -unsere Gunst warben. Zwei Frauen traten auf einzelne von uns -zu und boten uns privates Logis an. Mich forderten sie nicht -auf; ich sah sehr schäbig aus. Aber auch bei den anderen hatten -sie kein Glück, da ihre Forderung zu hoch war. Je zwei hätten -in einem Bette schlafen und jeder dreißig Heller zahlen sollen. -Ein jüngerer Wanderbursche ließ sich in Unterhandlungen ein, -aber ein erfahrenerer Genosse zog ihn zurück. „Unsinn! Im -Asyl schläfst du allein im Bett, zahlst keinen Heller und kriegst -noch zweimal Suppe.“ Da mußte denn die Wohnungsvermieterin -wieder abziehen. -</p> - -<p> -Wir standen von ¾6 Uhr abends bis 7 Uhr. Dann wurde -das Tor geöffnet, entweder weil der Hausvater sehen wollte, -wieviel Leute draußen seien, oder weil irgend ein Angestellter des -Asyls eingelassen wurde. Das Öffnen des Tores war das Signal -zur Vergatterung vor diesem. In weitem Bogen drängte sich -die Schar der Obdachlosen. Die Frauen wurden in die erste Reihe -gelassen. An sie schlossen sich, auf Anordnung eines alten Kunden, -zunächst die Leute, die schon tags vorher die Gastfreundschaft -des Prager Asylvereines genossen hatten. In den nächsten Reihen -standen die Obdachsuchenden, welche die Bestätigung ihrer Genossenschaft -darüber in Händen hatten, daß sie stellungslos und „auf -der Walz“ in Prag seien. Dann kamen diejenigen, die durch -ihr Arbeitsbuch den Nachweis ihrer Arbeitslosigkeit führen konnten -und deshalb das Anrecht auf Annahme in das Obdach der Obdachlosen -besaßen. Zuletzt die Schar jener Burschen, die zwar -stellungslos waren, aber schon zwei oder drei Tage im Asyl -genächtigt hatten; sie wußten wohl, daß sie kaum wieder Einlaß -finden würden und berieten, wo sie im Falle ihrer Abweisung -nächtigen würden. Die einen schwärmten von einer sehr schönen -Scheuer in Žižkow, die anderen waren entschieden für den Stall -eines Prager Einkehrhauses, wo es allerdings drei Kreuzer -Quartiergeld koste, wieder andere propagierten eine Exkursion -in den Kinskygarten oder den Karlspark. -</p> - -<p> -Auch die drei anderen Schichten — jetzt waren auch die -Obdachlosen, diese untersten Repräsentanten der menschlichen -Gesellschaft in Gesellschaftsschichten geteilt — debattierten eifrig. -Ein Alter, mit schwarzem Bart und Havelock, führte das große -Wort. Das Thema der Debatte war nichts geringeres, als — -<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a> -die Frage der Landtagstätigkeit. Es war die finanzpolitische Seite, -welche diese in Lumpen gekleideten Menschen am meisten interessierte. -In der Naturalverpflegsstation hatte man ihnen den -Mangel verschiedener Gegenstände mit der Finanznot begründet, -und deshalb waren viele für die Flottmachung des Landtages, -aber einzelne waren dagegen, indem sie erklärten, wenn die -Regulierung der Landstraßen wieder in vollem Maße aufgenommen -werde, dann gäbe es wieder lauter Schikanen von seiten der -Wegmeister. -</p> - -<p> -Das neuerliche Öffnen des Tores machte diesen hochpolitischen -Erwägungen ein Ende. Man ließ die Frauen — größtenteils beschäftigungslose -Feld- und Fabriksarbeiterinnen — ein und schloß -wieder. Dann, nach etwa zehn Minuten die Männer. Ein Asylbediensteter -rief die Gruppe aus. Einzeln wurde man eingelassen, -jeder mußte sich legitimieren. Bei der Gruppe „Arbeitsbücher“ -fand auch ich mich ein. -</p> - -<p> -„Wo hast du dein Arbeitsbuch?“, fragte mich der Mann -an der Pforte. -</p> - -<p> -„Ich habe keines,“ war meine Antwort. „Ich komme aus -Reichenberg und wollte ins Spital. Aber man hat mich nicht -aufgenommen, weil überfüllt ist.“ -</p> - -<p> -„Warum fährst du nicht zurück?“ -</p> - -<p> -„Ich habe kein Geld. Auf der Polizei werden sie mir ein -Rückreisebillett geben. Aber erst morgen. Nachmittag wird nicht -amtiert, und da haben sie mich hergeschickt.“ -</p> - -<p> -„Wer hat dir das gesagt, daß du hergehen sollst?“ -</p> - -<p> -„Der Offizial S...“ Ich nannte den Namen des Beamten, -der die Reiseunterstützungen aushändigt, und dies genügte, um -den Auguren von der Richtigkeit meiner Aussage zu überzeugen. -Aber er hatte noch eine Besorgnis: -</p> - -<p> -„Weshalb wolltest du ins Krankenhaus?“ -</p> - -<p> -„Ich habe Herzschwäche.“ -</p> - -<p> -Er sah mir forschend ins Gesicht, ob ich wirklich krank -sei. Nun aber war ich — welche ein Zufall! — ausnahmsweise, -ganz ausnahmsweise in der vorigen Nacht „auf dem Flam“ -gewesen und war blaß. Da ließ er mich denn aus Mitleid ein. -„Ein Neuer!“, rief er einem anderen Bediensteten zu, der auf -der anderen Seite des Tores stand und Protokoll führte. Ich -gesellte mich zu den anderen Obdachlosen, die sich im Hausflur -<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a> -drängten. Der Asylbedienstete wandte sich nun an die, die draußen -harrten. „Ist noch jemand, der noch nicht zwei Nächte hier -war?“ Keine Antwort. „Gute Nacht, hochgeehrte Herren,“ mit -diesem ironischen Gruß schloß er das große Tor. Nun stellte sich -ein Angestellter des Asyls auf die erste Stufe der Wendeltreppe -und ordnete an: -</p> - -<p> -„Stiefel abputzen, Hemdkragen öffnen, paarweise antreten!“ -</p> - -<p> -Geräuschvoll wurde diesem Befehle Folge geleistet und vom -ersten Stock erscholl die zweite Order: -</p> - -<p> -„Die beiden ersten herauf!“ -</p> - -<p> -Nach etwa einer Minute: „Die beiden nächsten herauf.“ -Und so fort. Oben wurden alle eingehend nach Ungeziefer -untersucht. Von Zeit zu Zeit hörte man von oben Schimpfen -und Protestieren, und dann kam immer ein Obdachloser wieder -die Treppe herunter: Man hatte bei ihm das Gesuchte gefunden -... Das Tor öffnete sich und der Paria ward entlassen. -Ich war mit dem hungernden Handlungsdiener im Paar. Man -fand nichts bei mir, und meiner Aufnahme stand nichts im Wege. -Man wies mir ein Bett an. -</p> - -<p> -In einem kleinen Zimmer, in dem vier Betten standen, -wurde ich einquartiert. Meine Zimmergenossen zogen ihre Stiefel -aus und nahmen je ein Paar der harten Lederpantoffeln, die -auf dem Eisenofen lagen. Ich zog gleichfalls die „Batschkoren“ -an, setzte mich aber dabei auf das Bett. Das war ein Fehler, -denn ein zufällig in das Zimmer tretender Angestellter des -Hauses fragte mich sofort, ob ich eigentlich glaube, daß ich im -Spital sei. Ich vermutete, daß dies eine rhetorische Frage sei, -und beantwortete sie nicht. Damit gab sich der Asylbedienstete -nicht zufrieden. -</p> - -<p> -„Du bist aber ein Häuschen“ (hajzl), meinte er. Was er -damit sagen wollte, weiß ich nicht, aber ich vermute, daß dies -ein Schimpfwort gewesen sei, da er gleich darauf die Mitteilung -hinzufügte, daß ich ein „Bastard“ (parchant) sei. Diese Angabe -ist unrichtig; doch der Asylbedienstete konnte sich ja irren. Wieso -er aber von mir behaupten konnte, daß ich ein „Lausbub“ -(všivák) sei, während doch die unmittelbar vorhergegangene -Untersuchung vollständig negativ verlaufen war, ist mir unverständlich. -Trotzdem habe ich es unterlassen, den Asylmann zu -kontrahieren. Für einen künftigen Ehrenrat, der mich eventuell -<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a> -dafür zur Verantwortung ziehen würde, daß ich grundlose Beschuldigungen -nicht mit der ritterlichen Forderung durch die -Waffe beantwortet habe, sei gleich vorweg bemerkt, daß meine -Kartellträger in das Asylhaus überhaupt nicht eingelassen worden -wären, da man eines Arbeitsbuches oder des Nachweises einer -Gewerbeausübung unbedingt zum Eintritte bedarf. -</p> - -<p> -Der Asylbedienstete, dessen Groll ich mir zugezogen hatte, -kam nach einer Pause von etwa zehn Minuten wieder in unser -Zimmer. Diesmal war seine Mission viel sympathischer. Er legte -jedem von uns ein Stück Brot auf das Bett und bestimmte dann -zwei von uns zum Holen der Suppe. Ich — war ich doch sein -Feind! — war einer von den zweien. So ging ich denn mit -meinem Arbeitsgenossen die Stiegen hinunter in den ebenerdig -gelegenen Küchenraum. Hier stand ein Holztablett für uns bereit, -das mit fünf gefüllten Blechtassen beladen war: die Suppe. -Wir beförderten die Ladung in unser Zimmer. In den Blechtassen -stak kein Silberlöffel, sondern bloß ein schlichter Zinnlöffel, -was wohl der Grund dafür gewesen sein mag, daß jeder -meiner Zimmergenossen den Gebrauch des Löffels verschmähte -und den Inhalt direkt aus der Schale trank. Ich verkostete einen -Löffel und erfüllte dann das Versprechen, dem hungrigen Handlungsdiener -meine Suppenportion zu schenken, leichten Herzens. -Leichten Herzens, weil mich die ungewohnte Auftischung des -Kuverts beeinflußt hatte. Den anderen aber schmeckte die Suppe -ganz famos, wie an ihren behaglichen Mienen zu erkennen war. -</p> - -<p> -Ich benützte die Souperpause, um in den Räumen des -Asyls Umschau zu halten. Einzelne Zimmer waren doppelt so -groß wie das unsrige und beherbergten dementsprechend die -doppelte Anzahl von Betten. Im ganzen sind in den beiden -Stockwerken, die für die Männer bestimmt sind, 78 Betten -untergebracht. Es sind eiserne Kavalets, die einen Strohsack, -einen Roßhaar-Kopfpolster, eine benähte Drillichdecke und ein -ziemlich reines Leintuch enthalten. Überhaupt herrschte auf den -Wänden und Fußböden der Schlafsäle, auf den Gängen, Stiegen -und auf der die ganze Front umgebenden Pawlatsche eine -peinliche Sauberkeit — kein Wunder bei der eisernen Disziplin, -über die ich kurz vorher in so energischer Weise belehrt -worden war. -</p> - -<p> -<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a> -Als die Suppe verzehrt und die Holztasse samt den Suppennäpfen -unter meiner Mitwirkung wieder in die Küche getragen -worden war, setzten wir uns auf die Stühle, und es begann -die Konversation. Schon die Art des Bekanntwerdens war eine -viel bessere, als sie in der Gesellschaft üblich ist. In den Salons -geschieht die Vorstellung durch eigene Initiative, sie ist aufdringlich, -jeder gleichgültige Mensch stellt sich jedem gleichgültigen -Menschen vor und nennt seinen gleichgültigen Namen, -der überhaupt nicht verstanden wird. Im Asyl fragt einer den -anderen: „Was für einen Beruf hast du?“ Mit der Antwort -ist alles Wissenswerte über den Schlafgenossen gegeben. Nach -dem Namen wird nicht gefragt. Namen sind Schall und Rauch. -</p> - -<p> -Ich erfuhr, daß mein Bettnachbar zur Linken ein Kanalräumer, -beziehungsweise ein Kutscher sei, der nur in den letzten -vierzehn Tagen mangels anderer Beschäftigung der Prager Gemeinde -nächtlicherweile beim Entleeren der Kanäle behilflich -gewesen, aber gerade tags vorher wegen allzu großer Trunkenheit -im Dienst entlassen worden war. Er war übrigens nicht -bös darüber: „Länger als vierzehn Tage bin ich ohnedies seit -zehn Jahren in keiner Stadt gewesen.“ -</p> - -<p> -Das Bett zu meiner Rechten hatte mein neuer Freund, -der Handlungsdiener inne, links von dem Kanalräumer war -ein Zuckerbäckergehilfe aus Hartburg bei Graz, der von dort -geradewegs zu Fuß nach Prag gekommen war. Bei diesem kam -ich durch ungeschickte Beantwortung seiner Fragen in den Verdacht -ein Protz zu sein. Er fragte mich nämlich, ob ich schon -in Hamburg gewesen sei und ich bejahte. -</p> - -<p> -„Wie ist’s dort im Asyl?“ -</p> - -<p> -Ich mußte wahrheitsgemäß antworten, daß ich dies nicht -wisse. Ich hätte bei einem Freunde geschlafen, sagte ich. -</p> - -<p> -„Und wie weit ist es von hier?“ -</p> - -<p> -„Zu Fuß?“, schlüpfte mir als Gegenfrage aus dem Mund -und das war dumm. -</p> - -<p> -„Willst mi eppa pflanzen?“, fuhr er mich bös an. „I wer -doch net im Fiaker hinfahren!“ -</p> - -<p> -Zum Glück machte der Kanalräumer, der sich auch Jahre -lang in Deutschland herumgetrieben hatte und nicht nur deutsch, -sondern auch italienisch — der Verkehr mit den italienischen -Erdarbeitern brachte das mit sich — verstand, weiteren Angriffen -<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a> -des steirischen Zuckerbäckers gegen mich ein Ende. Er -teilte ihm mit, daß er von Prag nach Hamburg etwa zwölf -Tage zu gehen habe, wenn er täglich fünfzig Kilometer zurücklege. -In Hamburg gebe es zwei Asyle, er möge aber nicht -in das Polizeiasyl gehen, denn dort werde jeder Kunde photographiert. -Auch im Asyl der Magdeburger Arbeiterkolonie möge -er sich nicht aufhalten; dort müsse man vor der Aufnahme das -Arbeitsbuch abgeben und müsse Holz sägen und hacken, „ärger -wie im Arbeitshaus.“ Dann gab der Kanalräumer dem Zuckerbäcker -noch einige geographische Ratschläge. Er beschrieb ihm -den Weg, den er einschlagen müsse, um vier Heller Überfuhr -zu ersparen, und nannte ihm die Straßen, auf denen gute -Zwetschken zu erhaschen seien. Auch über die Schubverhältnisse, -über die Handhabung des Vagabundagesetzes und über die -Naturalverpflegsstationen und die Herbergen in den einzelnen -Orten sagte er dem Zuckerbäcker manch kräftiges Wörtlein. -</p> - -<p> -Während des Gespräches zog der Kanalräumer wiederholt -ein Fläschchen aus der Tasche und stärkte sich. Schließlich war -der Schnaps alle. -</p> - -<p> -„Hol’s der Teufel, daß man hier kein Bier kriegt,“ -brummte der Kanalräumer wütend. -</p> - -<p> -„Ich wär’ wieder froh, wenn ich rauchen könnte,“ sagte -ich, um etwas zu sagen. -</p> - -<p> -„Hast du denn ein Stückchen Zigarette?“ meinte jener -mit lauerndem Blick. „Ich würde mich draußen einsperren -und rauchen.“ -</p> - -<p> -Ich brach in der Tasche eine „Sport“ in die Hälfte und -reichte meinem Schlafgenossen eine Hälfte. Der hatte sie kaum -in der Hand, als sich schon der Zuckerbäckergehilfe an ihn -herandrängte und ihn flehentlich bat: „Schenk mir ein Stückel.“ -Da wurde denn die halbe Zigarette redlich geteilt. -</p> - -<p> -Um 9 Uhr verlosch das Gaslicht. Ich benützte die Dunkelheit, -um mich in Kleidern auf das Bett zu werfen. Während der -Nacht schloß ich kein Auge. Rechts neben mir schnarchte der -postenlose Geschäftsdiener wie ein Lokalbahnzug, links -neben mir stieß der Kanalräumer in seinem alkoholschweren -Schlaf wüste Drohungen gegen irgend ein Mädel aus, von -dem er träumte. Aus dem Nebenzimmer drang in Intervallen -von je zwei Minuten ein Husten herein, als ob der Mann zu -<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a> -ersticken drohe. Es dauerte lange, lange bevor es sechs Uhr -wurde. Endlich aber schrillte eine Glocke: Reveille. Alles kleidete -sich an und machte das Bett zurecht. Bald darauf kam der -Aufseher und besah das Werk kritischen Auges. Hier fand er -die Decke zu wenig geglättet, dort war das Leintuch unten -zusammengefaltet, statt unterhalb des Kopfpolsters. Schließlich -verließ er uns, um auch die Nachbarräume mit seiner Inspektion -zu beehren. Als er wiederkam, legte er jedem von uns einen -„Pandur“, einen runden Wecken, auf das Bett und wir durften -wieder Suppe holen. -</p> - -<p> -Nach einer halben Stunde ertönte ein lauter Ruf des Asylvaters: -„Magazin!“ Das war das Aviso für die Obdachlosen, sich -um den bis dahin versperrten Schrank zu scharen und daraus -die Ranzen und Kofferchen in Empfang zu nehmen, die sie -hierher in Verwahrung gegeben hatten. Um 7 Uhr wurde das -Tor geöffnet und der Strom der Obdachlosen mündete wieder -in die Stadt. Der Doppelposten der Polizei stand wieder da und -schaute uns mißtrauisch an. -</p> - -<p> -Die meisten der Obdachlosen begaben sich zunächst in -die Arbeitsvermittlungsanstalt im „Alten Gericht“, dann in jene -von Žižkow. Ohne das Visum dieser beiden Institute finden sie -anderswo weder eine Genossenschaftsunterstützung, noch Aufnahme -im Asyl. Ich schlich mich wieder in das Haus in der -Sametzgasse, in dem mein Freund wohnte. Der Hausbesorger -und die Hausbewohner, die mir begegneten, blickten mir mit -unverhohlenem Mißtrauen nach, bis mir die Wohnungstüre geöffnet -wurde. Nun restaurierte ich mich so weit, um kein Refus -von seiten eines Droschkenkutschers erwarten zu müssen -und fuhr dann nach Hause. Hier angekommen, telephonierte ich -ins Bureau, daß ich wegen Unwohlseins fernbleiben müsse. Ich -gedachte einen langen Schlaf zu tun. Vorher habe ich aber -noch gründlich gebadet — eine Tatsache, die zwar selbstverständlich -ist, die ich hier aber im Interesse meiner nicht obdachlosen -Bekannten doch hier besonders registrieren will. -</p> - -<div class="centerpic end"> -<img src="images/end.jpg" alt="" /></div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="part-12"> -<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a> -Das Lied vom Kanonier Jaburek -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">n</span> den Korridorwänden in den Kasernen hängen Schlachtenbilder, -Porträts ruhmreicher Feldherren, Gedenktafeln für -gefallene Soldaten des Regiments. Alles in schönen Rahmen. -Dann hängt noch in jedem Kompagniegang ein „Verzeichnis der -Gastlokale, deren Besuch der Mannschaft untersagt ist“. Diese -Tafeln haben den schönsten Rahmen. Mit Recht. Denn in Friedenszeiten -kann der Soldat seinen kriegerischen Sinn und seine persönliche -Tapferkeit nirgends so gut erweisen, wie in den Wirtshäusern. -Und in den „Gastlokalen, deren Besuch der Mannschaft -untersagt ist“, wurde eben dieser kriegerische Sinn und diese -persönliche Tapferkeit ruhmreich erprobt. Also ist es nur löblich, -daß dieses Verzeichnis der Kriegsschauplätze und Schlachtfelder -kostbar eingerahmt wird. -</p> - -<p> -Die Schlachten werden manchmal gegen Zivilisten geführt. -Diese sind aber verächtliche Gegner. Sie haben keine Waffen. -Man wirft die Kerle einfach hinaus, und gut ist’s. -</p> - -<p> -Ernster ist es schon, wenn sich zwei Teile unserer Armee, -jener, der dem Reichskriegsminister, und jener, der dem Landesverteidigungsminister -untersteht, wacker bekriegen. Wer nie einen -Fernkampf der Biergläser, oder einen Nahkampf der Ohrfeigen -mitgemacht hat, der sich zwischen den Angehörigen der Landwehr -und jenen des Heeres entsponnen hat, der kennt Euch -nicht, Ihr himmlischen Mächte, die Ihr von Zeit zu Zeit die -Militärbehörden veranlaßt, das Verzeichnis der verbotenen Gastlokale -um eine neue Nummer zu bereichern. -</p> - -<p> -Ob es nun bei Trunk oder Tanz ist — immer kommt die -Rivalität zwischen den Teilen der Wehrmacht zum Ausdruck, -immer ist diese in zwei Gruppen gespalten. Ja, selbst wenn -eines jener Soldatenlieder, deren Absingung im Felde die Offiziere -nur nach Gewaltmärschen nachsichtig und stillschweigend dulden, -im Wirtshause angestimmt wird, stört die friedliche Gruppe durch -ein anderes Lied die Harmonie der Stimmen. Nur eine Ausnahme -<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a> -gibt es: Das Lied vom Kanonier Jaburek. Zu dessen -Gesang vereinigen sich Landwehrmänner mit Heeressoldaten, die -Träger der schwarzen mit jenen der grauen Mützen, Infanteristen -und Sanitätssoldaten, die Soldaten, die Wunden schlagen, und -die Soldaten, die Wunden lindern, die Pioniere, die im Kriege -Bauten errichten, und die Artilleristen, die im Kriege Bauten -zerstören. Es ist ein hochheiliger Kantus. -</p> - -<p> -Die einmütige Ehrung, die dem Liede zuteil wird, ist ein -Beweis von Sinn für kriegerische Heldentaten. Denn der Kanonier -Jaburek, über dessen Persönlichkeit leider weder das deutsche, -nach das tschechische Konversationlexikon etwas zu verzeichnen -wissen, ist ein Mann, gegen den die anderen Helden der Kriegsgeschichte -aller Zeiten und Völker ein Nichts darstellen. Der -vielbesungene Leonidas zum Beispiel hat bei der Verteidigung -des Engpasses von Thermopylae — wie ein zeitgenössisches Marterl -meldet — nicht anders gehandelt, als „wie das Gesetz es befahl“. -Aber der Kanonier Jaburek! Wo steht im Wehrgesetz -geschrieben, daß jemand, dem der Kopf wegfliegt, sich noch entschuldigen -muß, daß er seine Hände nicht salutierend an den Kopf -legen könne, wo steht im Exerzierreglement, daß jemand ... -aber dem Liede sei nicht vorgegriffen. -</p> - -<p> -Die Epopöe hat siebzehn vierzeilige Strophen und ist in -tschechisch-deutscher Sprache abgefaßt. Eigentlich ist sie tschechisch, -aber sie ist von militärischen Ausdrücken, wie „Feuerwerkr“, -„Kmán“ (Gemeiner), Lunte, „meldovati“ und deutschen Flüchen -derart durchsetzt, daß vom Tschechischen nicht viel übrig bleibt. -Komponist und Textdichter des Liedes sind, wie jene des Liedes -„Prinz Eugen, der edle Ritter“, nicht bekannt. Das Lied vom -Kanonier Jaburek behandelt — wie vielleicht schon der Name -erraten läßt — die Geschichte des Kanoniers Jaburek. Dieser -hat in der Königgrätzer Schlacht im dichtesten Kugelregen, -während sich Gemeine, Chargen, Offiziere, Pferde und Kanoniere -(man beachte die Reihenfolge dieser Rangsliste) in ihrem Blute -wälzten, seinen Heldenmut bewährt: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„Bei der Kanone dort</p> - <p class="verse">Stand er und lud in einem fort,</p> - <p class="verse">Bei der Kanone dort</p> - <p class="verse">Stand er und lud noch fort.“</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a> -Jedesmal wenn eine seiner zwei Zentner schweren Kanonenkugeln -in die preußischen Reihen einschlägt, hört man auf der -Gegenseite auf Jaburek fluchen. Aber dieser schießt weiter. Der -General, der von Jabureks tapferem Verhalten gehört hat, eilt -herbei und bietet diesem einen Trunk aus seiner Feldflasche an. -Aber der Kanonier weist die freundliche Aufforderung mit der -noch freundlicheren Aufforderung ab, der General möge seine -Spassetln für sich behalten, ihm auf den Buckel steigen und ihn -weiter schießen lassen: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„Bei der Kanone dort</p> - <p class="verse">Stand er und lud in einem fort etc.“</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Der Held schießt wie ein Wahnsinniger und zertrümmert -ein feindliches Regiment. Kronprinz Friedrich von Preußen reitet -vorbei und sieht den Recken — oder, um mit den Worten des -Liedes zu sprechen: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„V tom ho viděl kronprinc Friedrich:</p> - <p class="verse">Her je den Kerl erschieß ich.“</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Der Kronprinz selbst feuert gegen Jaburek, und die ganze -preußische Armee erwählt sich das gleiche Ziel, um sich beim -Kronprinzen einzuschmeicheln. Eine Kartätsche fliegt dem Artilleristen -durch den Mund in den Magen, aber der Getroffene -nimmt sie schnell wieder heraus und schießt ruhig weiter. Eine -gegnerische Petarde reißt dem Schützen beide Arme ab, doch er -zieht schnell seine hohen Stiefel aus und schießt mit den Füßen -weiter. Schon aber kommt, von einem preußischen Freiwilligen -(„prajský frajbilik“) gefeuert, ein Shrapnell herangeflogen und -reißt Jabureks Kopf ab. Der Kopf fliegt am General vorbei und meldet -diesem im Vorübergehen, daß er nicht salutieren könne. Aber Jaburek -selbst steht noch immer bei der Kanone dort und ladet in einem -fort. Endlich wird seiner Aufopferung eine Grenze gesetzt: Der -Feind schießt auf seine im Fluge befindlichen Geschosse, und diese -fallen in die eigenen Reihen zurück. Da gibt Jaburek das Laden -auf (bei dieser Strophe soll der Refrain entfallen), er packt seine -Kanone und eilt aus der Schußlinie. Dafür aber — für die -Rettung der Kanone nämlich — wird er geadelt und heißt von -da ab „Edler von die Jaburek“. Er hat jetzt den Adelsstand, -und über das Fehlen seines Kopfes tröstet er sich mit dem Bewußtsein, -<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a> -daß — das Lied schließt sehr gehässig — die kopflosen -Adeligen angeblich doppelt geachtet seien. Auf seinem Wappen -stehen die Worte: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„Bei der Kanone dort</p> - <p class="verse">Stand er und lud in einem fort,</p> - <p class="verse">Bei der Kanone dort</p> - <p class="verse">Stand er und lud noch fort.“</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Dieses ist das Lied vom Kanonier Jaburek, dessen Namen -die Kriegsgeschichte verschweigt. Aber sein Ruhm lebt im zechenden -Soldatenkreise weiter, und jedesmal wenn das Lied den Refrain -„laden“ bringt, nehmen die Sänger dem tapferen Recken zu -Ehren eine stärkende Ladung zu sich. Und das Lied hat siebzehn -Strophen. -</p> - -<div class="centerpic end"> -<img src="images/end.jpg" alt="" /></div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="part-13"> -<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a> -Die Erlaubnis zum Fußballspiel -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">M</span><span class="postfirstchar">ein</span> kleiner Bruder kam gestern aus dem Gymnasium -nach Hause. -</p> - -<p> -„Heute ist uns erlaubt worden, in einen Fußballklub einzutreten.“ -</p> - -<p> -So, so. Ich habe diesen Beschluß des Landesschulrates schon -gekannt. Aber doch ... Das, was da den Gymnasiasten aus -dem schwarzen Buche vorgelesen worden ist, war der Epilog für -eine Zeit, die erfüllt war von einem monomanen Fanatismus der -Jugend, für eine Zeit, deren Bedeutung längst über den Rahmen -der Sportrubrik hinausgewachsen ist. Die Regierungszeit des -Fußballs ist beendet. Le roi est mort. -</p> - -<p> -Man darf jetzt in einen Fußballklub eintreten. Wer uns -vor fünfzehn Jahren gesagt hätte, daß einmal eine solche Erlaubnis -kommen werde, dem hätten wir nicht zu glauben vermocht. -Auf das Fußballspielen standen damals alle Todesstrafen, -die die Schule zu fällen hat: Strenges Prüfen, Karzer, Repetieren. -Selbst bei den Jugendspielen mußten wir, die wir an -zehrendem „Ballfieber“, an der „englischen Krankheit“ litten, -uns beim Barlaufspiel und beim Passatschlagen langweilen, und -erst als wir dann alle von den Jugendspielen wegblieben, erlaubte -man uns für jeden Spieltag ein knapp bemessenes Fußballwettspiel. -</p> - -<p> -Wehe dem, dessen Zugehörigkeit zu einem Klub man in -der Schule in Erfahrung brachte. Und doch: Wir spielten fast -alle. Was bedeuteten die ärgsten Strafen gegenüber dem Vergnügen -zweimal je fünfunddreißig Minuten der Gelegenheit -nachjagen zu dürfen, ein Goal zu schießen. Freilich man ließ -alle möglichen Vorsichtsmaßregeln walten. In der Zeitung waren -oft alle zweiundzwanzig Spieler und der Schiedsrichter eines -Wettkampfes nur mit Pseudonymen angekündigt, zum Spielfelde -wählte man die äußersten Ränder der Kaiserwiese, des -Dejwitzer Exerzierfeldes und des Invalidenplatzes (der Teil, der -hart an die Heinesche Besitzung grenzt, war immer von Schülermannschaften -bevölkert), um vor den Blicken eines vielleicht patrouillierenden -<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a> -Professors möglichst gedeckt zu sein, und die -Mannschaftsitzungen fanden in den verstecktesten Spelunken der -Kleinseite, auf dem Belvedere, von Dejwitz und Karolinental -statt. Nicht die Angst vor den Professoren allein, auch allerhand -Unbequemlichkeiten hatten die Mittelschüler zu bestehen, die im -vorigen Jahrhundert, um die Mitte seines letzten Dezenniums -dem Sporte oblagen. Zum Eintritt in die bestehenden Vereine, -die einen eigenen Sportplatz hatten, reichten weder der Mut -(nicht der Mut gegenüber der Schule, sondern der Mut gegenüber -den maßgebenden Faktoren des Klubs), noch die Geldmittel. -So mußte man denn den Wahlspruch „Mein Feld ist die -Welt“ beherzigen und auf den unverbauten Flächen Prags die -Balltechnik üben. Da warf man sich denn schon zu Hause in -Dreßhemd, Stulpen, Schienbeinschützer und Dreßhosen, zog darüber -die Straßentoilette an, und stapfte, trotz sengender Sonnenglut, -in der doppelten Kleidung auf die Kneippwiese, auf den -Invalidenplatz, nach Dejwitz aufs Exerzierfeld, auf die Holleschowitzer -Heide, in den Canalschen Garten. Dort zog man die -Straßenkleider aus und warf sie auf zwei Haufen aufeinander, -die in einer Breite von sechs Metern von einander entfernt -waren; die Kleiderhaufen bildeten die Goalstangen. Die Anschaffung -des Fußballes, sowie die Reparaturen seiner irdischen -Hülle und seiner leider auch nicht unsterblichen Seele wurden -aus den vereinigten Taschengeldern der Elf bestritten, und wenn -man sich vom Schuster fünf feste Lederstöpsel auf die Stiefelsohlen -nageln ließ, so konnte man schon in dem Wahne leben, -ein Paar englischer Treter sein eigen zu nennen. Man bedurfte -keiner Goalnetze, keiner Querpfosten, man bedurfte keiner Ankleidekabinen -und keiner verschließbaren Utensilienkästen, manchmal -auch keines Unparteiischen und keines Goalrichters, ebensowenig -wie man der Erlaubnis der Professoren bedurfte. Man spielte. -</p> - -<p> -Dafür kannten einen die Schüler der ganzen Anstalt, und -mit scheuer, schrankenloser Bewunderung schauten die Schüler zu -den Fußballkapazitäten der nächsthöheren Klasse auf. Und wenn -solch einer der „erstklassigen Menschen“ im Schulhofe oder auf -dem Korridor eine Orangenschale in die Höhe „kickte“, dann -ging ein Murmeln der Anerkennung durch die Reihen. Wenn -der Sekundaner irgend eines Gymnasiums den Tertianer irgend -einer Realschule kennen lernte — was war da der Gegenstand -<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a> -des Gesprächs? Die Namen der Großen im Fußballreich, mit -denen der Untergymnasiast derselben Anstalt anzugehören die Ehre -hatte. Was Wunder, daß der Ehrgeiz nach solchem Ruhm das -Fußballfieber noch mehr entfachte, daß zu Hause und in der -Schule mit allen Gegenständen „gedribbelt“, „kombiniert“ und -„geshootet“ wurde, die nicht niet- und nagelfest waren. Die -Professoren teilten allerdings weder die Liebe zum Fußballspiel, -noch das Verständnis für die Leistungen seiner Jünger. Sie haßten -das „rohe Spiel“ und dieser Haß zeitigte oft die komischesten -Blüten. Wenn in irgend einer Klasse wirklich irgend ein schwerblütiger -Junge saß, der beim Fußballspiel nicht mittat, dann -konnte man mit tödlicher Sicherheit darauf rechnen, daß er bei -den Professoren in den Verdacht geraten werde, ein Vorkämpfer -des Fußballsportes zu sein. Und ein Turnlehrer, der es besonders -scharf aufs Fußballspielen abgesehen hatte, warf in der Besprechung -eines Jugendspiel-Wettspieles dem besten Stürmer vor, -daß er beim Laufen eine schlechte — Körperhaltung einnehme. -Natürlich wurden solche Kritiken ebenso belacht, wie der Vorschlag -eines sonst ganz intelligenten Schulpädagogen, man möge, -um Füße und Hände in gleichem Maße auszubilden, mitten im -Fußballwettspiel nach jedem Goal Hantelübungen einführen ... -Seit dieser Kinderzeit des Fußballsportes sind fünfzehn Jahre -verstrichen. Mancher der einstigen Märtyrer in Fußballdreß gehört -heute dem Lehrkörper einer Mittelschule an, und so ist -doch ein sportfreundlicher Erlaß herausgekommen. -</p> - -<p> -Weshalb aber der Nekrolog? Fängt denn nicht erst jetzt, -da die letzte Hürde genommen ist, die Renaissance des Fußballsportes -an? Mit nichten. Gerade jetzt, da der fußballspielenden -Jugend auch der letzte Hauch des Märtyrertums genommen ist, -da nicht mehr der romantische Reiz des Verbotenen besteht, da -man gewissermaßen unter der Patronanz der Schule ein Endback -oder ein Forward sein darf, gerade jetzt wird die Jugend -aufhören, mit ungeteilter Begeisterung bei der Sache zu sein. -Die Sportliebe war nur eine Ingredienz. -</p> - -<p> -Und wenn nun auch noch ein Erlaß des Landesschulrates -herausgegeben werden sollte, der den Gymnasiasten und Realschülern -gestattet, Studentenverbindungen zu bilden, dann verbrenne -ich das grün-silbern-blaue Band unserer Pennälerblase -und sage endgültig meiner Jugendzeit ade. -</p> - -<div class="centerpic end"> -<img src="images/end.jpg" alt="" /></div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="part-14"> -<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a> -Bei „Antouschek“, dem Wasenmeister -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">G</span><span class="postfirstchar">enau</span> eine halbe Stunde, nachdem es einem widerwärtig -geworden ist, die endlose Beneschstraße in Pankratz zu durchschreiten, -zweigen die Telephonstangen nach rechts ab, und man -hat ihnen zu folgen. In der Třebizskygasse sieht man zum -höchsten Erstaunen, daß die Gegenden, die man vorher durchschritten -hat, höchstentwickelte Großstadt waren. Im Verhältnis -nämlich. Auf einem Feldweg geht es weiter gegen Dworetz. Der -Schnee ist weiß wie das Kleid einer Kranzeljungfer; wenn er -doch auch kniefrei wäre! Auch die Volants sind von stilwidriger -Färbung: Braune Spuren der Wagenräder, die den Schnee in -Kot verwandelt haben. -</p> - -<p> -Schließlich kommt man zu einem Bildstock, dem man ganz -deutlich ansieht, daß er vor Jahren grün angestrichen war. In -einer blauen Nische steht eine winzige, mit Gold bemalte Nepomukstatue. -Rechts und links vom Bildstock stehen Häuser. Links -ein kleines, verfallenes Anwesen, rechts eine Reihe von langen -Gebäuden, an die sich eine Umfriedung schließt. Man würde -diese Besitzung für ein Bauerngut halten können, aber der breite -Schlot dementiert diese Vermutung. Aber auch eine Fabrik ist -es nicht. Das Hundegebell, das herausdringt, verkündet, daß -hier die Prager Abdeckerei, die thermochemische Vernichtungsstation -ist. -</p> - -<p> -Im Hofe drinnen steht ein Bursche. Hohe Stiefel und ein -am Rocke befestigtes blaues Emailschild mit der Umschrift -„Kontumaz- und thermochemische Station“ und sein Aussehen -sind die Abzeichen seiner Würde: Man hat einen jener Meister -des Lassowurfes vor sich, die ihre Kunst nicht in der Prärie des -wilden Westens, sondern in den Straßen Prags, nicht an Büffeln, -sondern an Hunden ausüben. Ich frage den Schinderknecht nach -seinem Herrn und bald stehe ich vor Herrn Rudolf Nešvara, dem -Wasenmeister von Prag. „Antouschek“ nennt ihn der Volksmund, -seitdem vor sechzig Jahren der Gehilfe eines seiner Vorgänger -im Amte, der Anton Schek dadurch populär geworden war, weil -<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a> -sein Familienname gleichzeitig die tschechische Diminutiv-Endung ist. -Ich trage Herrn Antouschek-Nešvara mein Begehr vor, die Vernichtungsstation -besichtigen zu dürfen, und wir treten bald einen -Rundgang durch die Gebäude an. -</p> - -<p> -Zuerst öffnet Herr Nešvara die Türe zum langgestreckten -Hundestall, in dem vierzig Boxe für Hunde sind. Ein wütendes -Gekläff geht an: Morituri te salutant! Sie sind alle „morituri“, -die schönen stichelhaarigen Foxe, die eleganten Windspiele, die -putzigen Pudel hinter den schwedischen Gardinen. Drei Tage waren -sie in „Untersuchungshaft“ in der Aufbewahrungs-, der Kontumaz-Station -für eingefangene Hunde untergebracht, die sich auf der -Taborer Reichsstraße zwischen den beiden unbeschreiblich schönen -Wyschehrader Toren befindet, und hier hätten sie ihre Besitzer -binnen drei Tagen durch Entrichtung der Geldstrafe auslösen -können. Das haben diese aber nicht getan und nun sind die -Hunde dem Tode geweiht. Vielleicht bellen sie so wütend, weil -die treuen Viecher über die Untreue der Herren erbittert sind, -vielleicht bellen sie so wütend, weil sie wissen, daß sie eines -unverschuldeten Todes sterben müssen, vielleicht bellen sie so -wütend, weil sie sich über den Unverstand der Menschen ärgern, -welche diese schönen Exemplare der Hunderasse zwecklos hinrichten, -statt sie zu verkaufen. Morgen müssen sie sterben. Ein -aus unmittelbarer Nähe abgegebener Schuß aus dem Stutzen und -der vom Menschen verlassene Genosse des Menschen wälzt sich -in seinem Blute, oder — bei den kleineren Hunden wird es so -gemacht — ein Beilhieb auf den Kopf und ein Hundeleben hat -geendet. Man glaubt einen wehmütigen Ton in dem erbitterten -Bellen und Winseln und Knurren und Kläffen mitklingen zu -hören. -</p> - -<p> -Wir verlassen den traurigen Hundekerker. Draußen im -Hofe springen einige Hunde, darunter ein prächtiger reinrassiger -Bernhardiner, namens „Cyrano“, liebkosend an Herrn Nešvara -hinauf. Sie sind von diesem begnadigt worden und gehören -zum Personale der Prager Fronerei. Schmeichelnd schmiegen sie -sich an das Knie ihres Herrn, den Henker ihrer Stammesgenossen. -Solidaritätsgefühl mit ihren eingekerkerten oder justifizierten -Kameraden scheinen sie also nicht zu kennen, diese Hunde. -</p> - -<p> -Der Rundgang wird fortgesetzt, er führt jetzt in die Räume, die -dem Zwecke der Anstalt, der gefahr- und geruchlosen Vernichtung -<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a> -der Tierkadaver dienen. Wir betreten zunächst den Seziersaal, -wo die Kadaver enthäutet und wie die täglich hierher kommenden -Konfiskate der Schlachtbank und der Markthalle zerstückelt -werden. Die Stücke werden dann durch ein in der Wand angebrachtes -Mannsloch in einen Apparat geworfen, der im angrenzenden -Maschinensaale an der Wand steht. Dieser Apparat -ist der sogenannte Kafilldesinfektor, der vom Antwerpener -Schlachthausdirektor de la Croix erfunden und von der -Firma „Rietschel & Henneberg“ in Berlin im Jahre 1882 -zum erstenmale in Deutschland hergestellt worden ist. Der -Bruder des Herrn Nešvara ist hier am Werke. Er scheint der -technische Leiter des Unternehmens zu sein. Wenn der Apparat -gefüllt ist, verschließt er ihn hermetisch und leitet hernach -zwischen die doppelten Wände des Behälters Dampf von fünf -Atmosphären. Dadurch findet eine Trocknung der Fleischteile -statt, und die durch den Siebboden ablaufende Flüssigkeit -wird durch den im Rezipienten sich entwickelnden Dampf in -einen zweiten Zylinder gedrückt. Nun wird der Apparat durch -sechs Stunden einer Temperatur von hundertfünfzig Grad ausgesetzt, -worauf man durch den Dampf alle noch vorhandene -Flüssigkeit und das ausgeschiedene Fett in den Rezipienten drückt. -Aus diesen gelangt das Fett in den rechts vom Kafilldesinfektor -stehenden Fettabscheide-Apparat, während das Leimwasser in den -auf der linken Seite des Desinfektors stehenden Verdichtungsapparat -strömt. Der nun fast trockene und geruchlose Inhalt -wird nun in eine riesige Maschine gebracht, die in der Mitte -des Seziersaales steht: Den Podewilsschen Trockentrommelmühl-Apparat, -in dem die Fleischreste zu „Tierkörpermehl,“ einem -feinen Pulver zermahlen werden, das einer Kunstdüngerfabrik -in Pankratz verkauft wird. Die größeren Knochen werden in -einem anderen Apparate zu Knochenmehl — gleichfalls ein -Düngemittel — zermahlen. Eine hydraulische Presse, die unter -einem Drucke von vierhundert Atmosphären das Tierkörpermehl -zu runden Kuchen zu pressen vermag, steht außer Betrieb. -Während in Deutschland diese Tierkörpermehl-Kuchen als Futtermittel -stark verwendet werden, vermochten sie sich in Prag trotz -ihres großen Proteïn-Gehaltes nicht einzubürgern. Außerdem -stehen im Maschinensaal ein mächtiger Ventilator, Trockenapparate -und Schöpfpumpen in Betrieb. -</p> - -<p> -<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a> -An den Maschinensaal schließt sich der Kesselraum mit -der 6 H. P. starken Dampfmaschine und einem Dampfkessel von -zwölf Meter Heizfläche. Hinter dem Kesselraum befindet sich -das Fettmagazin, in dem große Fässer voll Tierfett stehen. Auf -einer schmalen Stiege gelangt man in den Trockenraum für -Häute und das Magazin für Tierkörpermehl — weite Bodenräume, -in deren Mitte der breite, rote Schlot den Dachstuhl -durchbricht. Auf der Erde liegen braune Berge, die wie aufgeschichtete -Ackerkrume aussehen, und Tierkörpermehl sind. In -einer Ecke ist ein gelbes Pulver, das Knochenmehl aufgeschüttet. -In einer anderen liegen Knochen. Wenn man sie angreift, dann -zerbröckeln sie in der Hand. Sie sind entfettet, entleimt, sterilisiert. -</p> - -<p> -Der Rundgang ist beendet und Herr Nešvara lädt mich in -seine Wohnung ein. Wir kommen durch ein Zimmer, in dem -sein jüngstes Söhnchen auf der Erde mit einem Hunde spielt — -das billigste Spielzeug dortzulande. Dann sprechen wir vom Fach. -Herr Nešvara kennt die Geschichte des Prager Abdeckereiwesens -ganz genau, ist sie doch zum Teile seine eigene Familiengeschichte. -Sein Großvater, der noch in den städtischen Urkunden nicht -„Nešvara“ sondern „Neschwara“ hieß, und sein Vater waren -Wasenmeister, seinen ältesten Sohn, der Sekundaner ist, will Herr -Nešvara Tierarzneikunde studieren lassen. Dem Abdeckergewerbe -ist längst die „Anrüchigkeit“ genommen, die vor Jahrhunderten -seinen Angehörigen die Heirat mit ehrbaren Mädchen, den Eintritt -in die Zünfte, in den Militärstand, die Zuweisung von Ehrenstellen -verbot und die Erblichkeit dieses Berufes anordnete, aber -freiwillig erbt sich dieses seltsame Handwerk noch heute vom -Vater auf den Sohn fort. -</p> - -<p> -Herr Nešvara kennt die Geschichte seiner Vorgänger auch -über seine eigene Ahnenreihe hinaus. Aus einer Schublade holt -er ein vergilbtes Dokument hervor: Den Freibrief, mittels welchem -Maria Theresia den Schindern und deren Freiknechten gestatte, -eine Ehe mit einem bürgerlichen Mädchen einzugehen, allerdings -unter der Bedingung, daß diese Männer vorher ihrem Gewerbe -entsagen mußten. Das muß ein hochwichtiger Akt gewesen sein, -anno dazumal, denn er ist vom Fürsten Karl Egon Fürstenberg -und „ad mandatum Sacro-Caesarea Regineque Majestatis ex -Consilio Regii Gubernii“ von Johannes Arnvers gezeichnet. -</p> - -<p> -<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a> -Das Amt des Schinders wurde in Prag vom Scharfrichter -versehen, man stellte die Vernichtung der zum Tode geweihten -Menschen jener der „abgestandenen“ Tiere gleich. Im Jahre 1860 -wurde der Henkersdienst verstaatlicht, die Abdeckerei aber nicht. -Die Konzession zur Ausübung des Wasenmeistergewerbes erhielt -für die am rechten Moldauufer gelegenen Teile Prags A. Nešvara, -der Großvater des heutigen Inhabers, für das linke Ufer J. Jeřábek, -dessen Amt heute ein ehemaliger Wachmann namens Josef Černy -in der Kontumazstation Tejnka bei Břewnow ausübt. Die Nešvaras -haben früher ihr Gewerbe in der Salnitergasse beim Rudolphinum -ausgeübt, an der Stelle, wo heute das tschechische akademische -Gymnasium steht. Herr Nešvara erzählt von Medizinern, die -in seiner Jugendzeit in diese Wasenmeisterei kamen, um hier -verschiedene Experimente an den Tieren zu machen. „Unsere -häufigsten Besucher von damals sind heute Professoren an der -deutschen medizinischen Fakultät,“ fügt Herr Nešvara hinzu. -Meine Frage, ob die Tiere eventuell zu Vivisektionszwecken an -die Universitätsinstitute abgetreten werden, verneinte Herr Nešvara. -Nur bei besonders interessanten Fällen von Tiererkrankungen -bitten sich die physiologischen Institute das Materiale aus, wenn -sie nicht selbst solches haben. Aber das kommt fast nie vor. -</p> - -<p> -Dann beginnt Herr Nešvara auf sein Geschäft zu schimpfen. -Er habe die thermochemische Vernichtungsstation nach reichsdeutschem -Muster mit einem Aufwande von 50.000 Kronen so -errichtet, daß nicht nur die hygienische Vernichtung aller Kadaver, -sondern auch deren Verarbeitung möglich sei. Er habe sich aber -verspekuliert. Das Materiale sei gering, die Verwendungsmöglichkeit -noch weit geringer. Von der Geldstrafe, die für ausgelöste -Hunde entrichtet werde, bekomme er ein Drittel, etwa -dreitausend Kronen im Jahr. Davon könne er die Betriebsspesen -nicht decken. An die Vernichtung der Kadaver — darunter -jährlich etwa tausend Hunde — müsse er jedes Jahr einen Betrag -von dreißigtausend Kronen daraufzahlen und bemühe sich daher -seit neun Jahren um die Zuweisung einer Subvention von der -Stadtgemeinde. Seine Gesuche werden aber ohne Motivierung -abgelehnt. Auch sein Antrag, daß man, so wie dies in anderen -Städten geschah, den Maulkorbzwang abschaffen und bloß jene -Hunde abfangen und vernichten möge, welche ohne Hundmarke -herumlaufen, habe keinen Erfolg gehabt. Die Verwertung der -<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a> -Hundekadaver lohne sich nicht und Pferde, welche ein ergiebiges -Verwertungsmaterial bilden, werden seit dem Aufschwunge des -Pferdeselchergewerbes fast niemals mehr hergebracht. So sei -die Abdeckerei buchstäblich auf den Hund gekommen. -</p> - -<p> -„Ja, warum üben Sie denn Ihr Gewerbe aus, wenn Sie -wirklich so viel zusetzen müssen?“, ist meine Frage. -</p> - -<p> -„Ich werde es auch aufgeben. Mir liegt schon der Antrag -vor, das Unternehmen in eine Farbenfabrik umzuwandeln, und -das werde ich tun.“ -</p> - -<p> -Es fehlte noch, daß Herr Nešvara seiner Klage das Faustsche -Wort anfügen würde: „Es möchte kein Hund so länger leben“ -und man müßte diesem Fachmann sein Leid glauben. So aber -weiß man nicht, ob er es mit seinem Entschluß gar so ernst -meint, ob wirklich dieses Institut bald der Vergangenheit angehören -soll, ob ein besseres oder ein schlechteres nachfolgen, -und wie in Zukunft dem Hundeleben in Prag ein Ende gemacht -werden wird. -</p> - -<div class="centerpic end"> -<img src="images/end.jpg" alt="" /></div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="part-15"> -<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a> -Razzia -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -<em><span class="firstchar">V</span><span class="postfirstchar">or</span> der Streifung</em>, da geht’s ja hoch her. Da wird getanzt, -gespielt, getrunken, geschäkert, geraucht, gesungen, gestritten, -geschrien, geschimpft und gerauft, daß es eine Freude -ist. Weiß der Teufel, wenn der Herr Oberkommissär Protiwenski -dabei wäre, er würde es gewiß nicht übers Herz bringen, das -Idyll mit rauher Hand stören zu lassen. Aber er ist nicht dabei -und er kann am Morgen, wenn er die Razzia anordnet, noch -nicht wissen, daß es am Abend in den heimzusuchenden Lokalen -so lustig sein wird. -</p> - -<p> -„Die Detektivs ... (folgen etwa zwölf Namen) haben -um halb 10 Uhr abends gestellt zu sein.“ Das ist die Ordre, -die jede Woche — die Wochentage wechseln in zwangsloser Reihenfolge -ab — mindestens einmal ergeht. Es ist das Aviso zu der kombinierten -Streifung, welche drei oder vier Partien der Sicherheitsbeamten -von verschiedenen Ausgängen aus gegen einen gemeinsamen -Treffpunkt unternehmen. Auf diese Weise bilden die -Polizeigruppen eine Kette, und keinem der lichtscheuen Individuen, -die aus einer Spelunke in die benachbarten wandeln, -kann das Glück widerfahren, daß er immer vor oder immer -nach dem Erscheinen der Streifung kommt und so den Fangarmen -der Polizei entgeht. Außer diesen kombinierten Streifungen -gibt es auch noch Generalstreifungen, die mindestens -zweimal im Jahr unter Mitwirkung aller Polizeibeamten vorgenommen -werden, und kleine Streifungen in bestimmte Lokale, -die zur besonderen Beaufsichtigung allen Grund geboten haben. -Immer werden die Razzien nur von Beamten in Zivilkleidern -und von Geheimpolizisten vorgenommen, damit der nächtliche -Spaziergang nicht zu großes Aufsehen errege und das Erscheinen -in den ominösen Gasthäusern, Schlupfwinkeln, Massenquartieren -und Branntweinschenken nicht vorzeitig avisiert werde. -</p> - -<p> -Als noch die alten Häuser der Josefstadt standen, waren -die Stätten des Verbrechens und der Ansteckung dort konzentriert. -Damals konnte man in einem Hause oft mehr verdächtige und -gesuchte Subjekte festnehmen, als heute in etlichen Streifungen. -<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a> -Allerdings wurde dieser Vorteil durch das opferwillige Wirken -der Theresia Bartunek fast aufgehoben, von deren in den -achtziger Jahren entfalteten Tätigkeit die Verbrechergilde noch -heute dankbar schwärmt. Theresia stand oft nächtelang am -Johannisplatz in einem Versteck und wartete, bis aus der Türe -des Kommissariates die Beamten traten. Dann eilte sie — halb -Läufer von Marathon, halb Retterin des Kapitols — von einer -Spelunke zur anderen, riß die Türe auf und ließ den Warnungsruf -„štrajfuňk“ ertönen ... Heute sind die Nährböden des -Lasters zerstreut. Kein Stadtteil, der frei von ihnen wäre, kein -Stadtteil, in den nicht Razzien unternommen werden müßten. -</p> - -<p> -Kurz nach zehn Uhr abends öffnet sich das schwere Eisentor -des Sicherheitsdepartements in der Bartholomäusgasse. Etwa -fünfzehn mit Stöcken bewehrte Männer treten hinaus: Polizeibeamte -und Detektivs. Es bilden sich drei Gruppen: die eine -zieht zur Postgasse hinunter und wendet sich dann gegen die -Obere Neustadt hin. Die beiden anderen Gruppen schreiten zur -Altstadt zu. Bei der Husgasse biegt die Altstädter Partie ab und -die Gruppe, welche die Untere Neustadt mit ihrem Besuche beehren -will, zieht durch die Perlgasse und über den Obstmarkt -weiter. -</p> - -<p> -Alsbald haben sie zu tun, allerdings nur mit einer belanglosen -Klientel: Es sind Passantinnen, welche die ihnen schon längst -bekannten Polizeibeamten mit einem grenzenlos ehrfürchtigen -und wohl oft heuchlerischen „Küß’ die Hand, gnädiger Herr“ -begrüßen. Paßrevision. Man sieht nach, ob in dem Dienstbuch -des Mädchens das Datum des vergangenen Montags eingetragen -ist, und sie können ihren Weg fortsetzen. Manche „gehen -bloß zu ihrer Schwester“, aber da die mißtrauischen Polizeibeamten -aus verschiedenen Gründen dieser rührenden Schwesterliebe -absolut nicht glauben wollen, so muß die Dame statt zu -ihrer Schwester auf die Wachstube gehen. Eine wieder kann -das Buch nicht finden, sie habe es verlegt. Auch diese Buchverlegerin -wird dem nächsten Wachmann übergeben, der dem -schönen Fräulein Arm und Geleite bis zum nächsten Kommissariat -anbietet. Sie wehrt sich: Sie sei weder Fräulein, weder -schön und könne ungeleitet nach Hause gehen. Aber das nützt -ihr nichts. -</p> - -<p> -<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a> -Die Streifenden setzen ihren Weg fort. Die Wachposten -auf der Straße grüßen nicht; der Gruß würde das Inkognito -der Zivilpolizisten lüften, und ihr Nahen könnte leicht drahtlos -an die interessierten Stellen depeschiert werden. Endlich -ist man vor einem Gasthaus, aus dem Jubel und Lärm auf die -Straße dringt. Plötzlich wird es drinnen still, jemand, der gerade -im Hausflur war, ist in das Lokal gestürmt und hat -<em>das Erscheinen der Streifung</em> gemeldet. Jäh verstummt -der Lärm. Paare, die sich zärtlich verschlungen hielten -und eben unzertrennliche Liebe schworen, stieben auseinander -und rennen, wie die Zecher, die gerade das Glas zum Munde -führen wollten, wie die Kartenspieler, die eben den Eichel-Ober -übertrumpfen wollten, den Ausgängen zu. Aber die sind besetzt: -Im Haupteingang steht der Beamte, an den Seiteneingängen -Detektivs. Die aufgeschreckten Gäste sehen, daß an ein Entkommen -nicht zu denken ist, und kehren wieder in den Saal -zurück. -</p> - -<p> -„Ganz untertänigster Diener, hohe Regierung,“ so tönt es -devot von den Lippen des Wirtes, der an den Beamten herantritt, -ehrerbietig die speckige Kappe zieht und sich im rechten -Winkel verbeugt. Der Wirt hat alle Ursache, mit den Polizeibeamten -höflich zu sein, wenn diese auch jetzt seine besten Gäste -wegführen werden: Schon mehrere Male ist ihm mit der Entziehung -der Konzession gedroht worden und wieder hat vor -kurzem ein Gast seines Lokales einen anderen derart liebkost, -daß am nächsten Tage in den Zeitungen unter dem Titel „Eine -tödliche Ohrfeige“ darüber berichtet wurde. -</p> - -<p> -Der Beamte ignoriert den Gruß. Rundgang und Cercle -beginnen. Ein Mädchen sitzt nahe der Türe an einem Tisch, neben -ihr ein Jüngling. Die beiden markieren ein zärtliches Gespräch -und scheinen sich um die Eintretenden gar nicht zu kümmern. -Sie haben verabredet, ein Brautpaar darzustellen. -</p> - -<p> -„Was machen Sie hier?“ fragt der Beamte das Mädchen. -</p> - -<p> -„Ich bitte, ich bin mit meinem Bräutigam hier.“ Fast beleidigt -klingt das. Und der Galan nickt eifrig Bestätigung. -</p> - -<p> -„So, so, Fräulein Harlak, Sie haben wohl geglaubt, daß -ich Sie nicht erkennen werde, weil Sie jetzt ein Jahr in Brünn -waren?“ Die Erkannte wird blaß. Der Beamte wendet sich in -strengem Ton an ihren Partner: „Das ist also Ihre Braut?“ -</p> - -<p> -<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a> -Der „Bräutigam“ hat jedoch „Spundus“ gekriegt und er -verleugnet seine Braut. Er schweigt. Da wird aber die Verratene, -die kurz vorher noch so zärtlich schien, sehr fuchtig: -</p> - -<p> -„Was? Zehn Glas Bier hab’ ich Dir schon gezahlt und -jetzt willst Du mich nicht kennen. Du Hundekerl, Du ...“ Ein -Wink des Beamten beendet den Redeschwall der Jungfrau. Ein -Detektiv führt sie zu dem neben der Türe gelegenen Tisch, wo -sich alle versammeln müssen, welche der Beförderung in „Direktor -Wejřiks Hotel“, das Polizeigefangenhaus, wert erachtet werden. -</p> - -<p> -Inzwischen hat der Beamte einem Manne seine Aufmerksamkeit -zugewendet, der allein an seinem Tisch sitzt. Fast die -ganze Biertasse ist schraffiert — jeder Strich bedeutet ein Glas, -das der einsame Zecher hinter die fehlende Binde gegossen hat. -Beamter und Gast blicken einander in die Augen und über beider -Gesichter huscht ein Lächeln, das zu sagen scheint: Sieh da, ein -alter Bekannter! -</p> - -<p> -„Guten Abend, Herr Kommissär,“ bricht der Zecher das -Schweigen. -</p> - -<p> -„Schönen guten Abend, Herr Lojsa,“ wünscht der Kriminalpolizist. -„Was machst Du denn hier?“ -</p> - -<p> -„Ich trinke,“ antwortet Lojsa naiv und treuherzig. -</p> - -<p> -„So? Du weißt wohl nicht, daß jetzt schon zwölf Uhr ist, -und daß Du (Lojsa steht unter Polizeiaufsicht) um acht Uhr abends -zu Hause sein sollst?“ -</p> - -<p> -„Gnädiger Herr, ich habe jetzt zwei Tage Holz gehackt und -da wollte ich heute ...“ -</p> - -<p> -„Holz hast Du gehackt? Es wird wohl das Holz einer -Wohnungstüre gewesen sein. Der Kratochwil ist gestern wegen -Einbruchs festgenommen worden und hat gesagt, Du könntest sein -Alibi nachweisen.“ -</p> - -<p> -„Ja, Herr Kommissär, das kann ich nachweisen!“ -</p> - -<p> -„Kannst Du? Umso besser.“ Und schon führt ein Polizist -den stillen Zecher zu dem Sammelplatz neben der Tür, wo schon -Fräulein Harlak Aufstellung genommen hat. Hier haben übrigens -auch die Kellnerinnen des Lokales Posto gefaßt, um von den -„Auserwählten“ die Zeche einzukassieren. -</p> - -<p> -Der Polizeikommissär hat wieder einen alten Freund erspäht: -„Kuželka, Du hast doch Prag!“, ruft er ihn an. Das ist ein elliptischer -Satz, das Prädikat „verboten“ ist zu ergänzen. Aber jeder, -<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a> -der das Prager Rotwälsch versteht, versteht auch dieses Satzfragment. -</p> - -<p> -Revertent Kuželka will in einer langatmigen Rede dem -Kommissär auseinandersetzen, welch wichtige Angelegenheiten -ihn nach Prag geführt haben, während ihn in Wirklichkeit die -schönen „Arbeitsgelegenheiten“ und der gleichgestimmte Freundeskreis -wieder in die Landeshauptstadt riefen, aus deren Polizeirayon -er dauernd abgeschafft ist. Der Beamte hört ihm einen -Augenblick lang aufmerksam zu und scheint seinen Argumenten -voll beizustimmen. Dann sagt er freundlich zu Kuželka: -</p> - -<p> -„Dorthin stell’ dich.“ Da weiß der erfahrene Kuželka, daß -alle weiteren Rekriminationen vergeblich sind und stellt sich -zur Tür. -</p> - -<p> -Das Frage- und Antwort-Spiel geht weiter. Der Polizeibeamte -läßt sich Arbeitsnachweise zeigen und erkundigt sich nach -dem Obdach der Gäste. Manchmal fallen die Antworten befriedigend -aus, manchmal aber endet das Spiel mit dem Wink -gegen den Formierungsplatz bei der Türe. Alle Gäste sind verhört -worden. Da wendet sich der Beamte zu dem Billardbrett und -stöbert mit seinem Stock unter die Wachsleinwand, die das Billardbrett -bis zum Boden bedeckt. Unten ist jemand. Das hat der -Beamte ohnedies gewußt und wollte nur den Zeitpunkt der -Entdeckung möglichst lange hinausschieben, damit der dort Versteckte -schon die Hoffnung schöpfe, die Polizei überlistet zu haben. -Aber als die Person auf seine Aufforderung hin hervorkriecht, -ist der Beamte des Kriminalbureaus doch überrascht: -</p> - -<p> -„Die tolle Andula! Wie kommst Du denn her? Um vier -Uhr hat Dich der Polizist über die Rayonsgrenze hinausgeführt, -und jetzt bist Du wieder hier!“ -</p> - -<p> -„Zu Fuß, gnädiger Herr, bin ich wieder zurückgegangen. -Ich glaube, daß ich früher hier war, als der Polizist auf dem -Kommissariat. So bin ich gelaufen. Meine ganzen Lackschuhe -sind kaput. Neun Gulden haben sie gekostet. Und jetzt werde -ich wieder eingesperrt.“ -</p> - -<p> -Das Mädel, ein siebzehnjähriger Fratz, der verderbter ist, -als die ältesten Kolleginnen, verzieht schmollend das Gesichtchen, -das nicht unschön genannt werden kann. -</p> - -<p> -<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a> -Der Polizeibeamte sagt seinen Refrain: „Stell’ Dich dorthin.“ -Dann kommandiert er den Ausgehobenen „rechts um, Marsch“, -der Wirt zieht noch devoter sein Käppi, draußen übernehmen -uniformierte Polizisten die Eskorte. Weiter geht die Razzia. -</p> - -<p> -<em>Nach der Streifung</em> ist in den Lokalen die ganze -Stimmung verflogen. Der spärliche Rest der Gäste zahlt seine -Zeche, und wenn ein Polizeiorgan die Flüche hören würde, die -der vorher so devote Wirt jetzt gegen die Behörden ausstößt, so -würde es diesem wohl nicht gut ergehen. -</p> - -<p> -Um halb 2 Uhr nachts treffen die Partien der Sicherheitsleute, -wie verabredet, beim Pulverturm zusammen. Die einzelnen -Beamten erstatten dem Rangshöchsten Bericht über die Vorkommnisse, -die Detektivs werden nach Hause entlassen. Die Razzia ist beendet, -der Boden der Großstadt wieder einmal gekehrt worden. Vierundfünfzig -Verhaftete. In der Aufnahmskanzlei des Polizeigefangenhauses -werden ihre Personalien aufgenommen, die Taschen -untersucht, Zellen angewiesen. -</p> - -<p> -Am nächsten Tage werden Akten geschrieben, ärztliche -Untersuchungen vorgenommen. Die Verhafteten werden nun in -den bekannten grünen Karossen in das Strafgericht, in das -Bezirksgericht, in das Allgemeine Krankenhaus oder in die -„Fišpanka“, das städtische Arbeitshaus, befördert. Da gibt es -dann Requirierungen und Erhebungen, die Heimatszuständigkeit -muß ermittelt, der Schubkostenersatz verlangt, Convoyanten für -die abzuschiebenden Personen beordert werden und was dergleichen -schöne Schreibereien mehr sind. -</p> - -<p> -Was Wunder, daß dann die betroffenen Beamten mehr -als die Prager Verbrecher und Vagabunden über die Prager -Streifzüge der Polizei schimpfen! -</p> - -<div class="centerpic end"> -<img src="images/end.jpg" alt="" /></div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="part-16"> -<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a> -Die Zwangsarbeitsanstalt auf -dem Hradschin -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">as</span> rote Riesenhaus, das neben dem Garnisonsfilialspital breitspurig -dasteht und die Lorettogasse verstellt, beherbergt gar -seltsames Volk. Die Häftlinge der Strafanstalten sind unschuldige -Waisenknaben gegen die Gäste dieser Anstalt, welche — ausdrücklich -wird das hervorgehoben — durchaus keinen Strafzweck -verfolgt. In den Strafhäusern gibt es Diebe, Betrüger, Raubmörder -aus Not, Raubmörder aus Überlegung, Affektsverbrecher, -die vielleicht ein zweites- oder ein drittesmal das Verbrechen -nicht mehr verüben würden. In der Zwangsarbeitsanstalt -wohnen nur Individuen, deren Strafliste ganz beträchtliche Dimensionen -angenommen hat. Die Quantität der Strafen, nicht die -Qualität entscheidet. Manche der Zwänglinge haben über hundert -Strafen aufzuweisen, und wenn einer oder der andere auch ein -mehrfach vorbestrafter Dieb oder Mörder ist, so ist er das nur -nebenbei, und diese Bagatelle hat mit seiner Detention im Arbeitshause -gar nichts oder nur wenig zu tun. -</p> - -<p> -Die dreihundertdreißig braungekleideten Bewohner der -Landeszwangsarbeitsanstalt sind aus harmloseren Gründen hier. -Die Reichsgesetzblätter Nr. 89 und 90 vom Jahre 1885 haben -die Errichtung der Zwangsarbeitsanstalten bloß zur Vermeidung -von Vagabundage und Bettelei verfügt. Die Anstalten sollen -einerseits ein Prohibitivmittel gegen das Landstreichertum, gegen -die Belästigung durch Vagabunden und für die Verhütung von -Verbrechen sein — ein Zweck, der wohl erfüllt wird. Aber -andererseits sollen auch die hierher kommenden arbeitsscheuen -Individuen gebessert, zur Arbeit erzogen werden. Damit ist es -nichts. Siebzig Prozent bleiben ungebessert. Und die restlichen -dreißig Prozent sind auch zum Teile als dubios zu buchen, denn -wenn auch keine Mitteilung von einer Gerichtsstrafe eines oder -des anderen Entlassenen eintrifft, wer bürgt dafür, daß nicht -der biedere Landstreicher in der Zelle irgend eines Bezirksgerichtes -unter falschem Namen Obdach gefunden hat? In den Besserungsanstalten -<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a> -für Jugendliche sind gute Resultate aufzuweisen. Aber -in die Prager Anstalt kommen nur Leute im Alter von achtzehn -bis fünfzig Jahren und die können sich an seßhafte Lebensweise -nicht mehr gewöhnen. Der Staub der Landstraße ist ihnen -Lebenselement geworden, die Mühen der Fußwanderung und -die Chikanen der Gendarmen fechten sie nicht mehr an, ein wilder -Reisewahn hat sie gepackt, sie wandern von Ort zu Ort, der Schubwagen -ist ihnen eine feine Reisegelegenheit, das Arrest ein -famoses, warmes Obdach. Arbeiten — wozu? Wer weiß, ob -sie nicht recht haben. -</p> - -<p> -Gar mancher von ihnen hat Haus und Hof verlassen, um -arm durch die Welt zu flanieren, viele lassen den Lohn in den -Händen ihres Arbeitsgebers zurück, sie schleichen sich — vom -Reisefieber plötzlich gepackt — bei Nacht und Nebel aus dem -Hof und wandern auf Straßen und Feldrainen geldlos ins Weite. -Was man braucht, kann man erbetteln, kann man stehlen. -Gelegenheit zum Diebstahl ist immer da, Häuser, Ställe und -Scheuern stehen offen. Und doch: Die Zahl derer, die in ihren -hundertzwanzig Vorstrafen kein einziges Diebstahlsdelikt aufzuweisen -haben, ist nicht gering. Ihre Liste ist einförmig. Immer -kehren nur die §§ 1 und 2 des Vagabundagegesetzes wieder. -Ehrliche Vagabunden. Sie sind auch durch die wiederholte Detention -in Zwangsarbeitsanstalten nicht zu bessern und — nicht -zu verderben. -</p> - -<p> -Denn auch die Gefahr des schlechten Einflusses ist nicht -ausgeschaltet, da in den Zwangsarbeitsanstalten die ehrlichen -Vagabunden mit wiederholt bestraften Schwerverbrechern beisammen -sind. Wünschenswert wäre, wenn für die Gewohnheitsverbrecher -eigene Arbeitshäuser errichtet werden würden, oder -wenn man sie deportieren würde. -</p> - -<p> -Immerhin wäre es ungerecht, wenn man nicht konstatieren -wollte, daß auch unter den gegebenen ungünstigen Verhältnissen -jährlich eine ganz respektable Zahl von Gebesserten die Anstalt -verläßt. So zum Beispiel ein lichtscheues Individuum, das vor -Jahren an einem Raubmord in Prag beteiligt gewesen war. -Der Gerichtshof hatte ihm eine mehrjährige Kerkerstrafe zuerkannt -und sich außerdem für die Zulässigkeit seiner Abgabe in -eine Zwangsarbeitsanstalt ausgesprochen. Die „gemischte Landeskommission“ -bei der Statthalterei, welche die Aufnahme in die -<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a> -Arbeitsanstalten verfügt, entschied sich für den Antrag des -Gerichtes, und so kam der Bursche nach längerer Haft in Pankratz -in die Zwangsarbeitsanstalt auf dem Hradschin. Hier benahm -er sich so korrekt, daß man nach einem Jahre zu seiner bedingten -Entlassung schritt, d. h. ihm eine Anstellung besorgte und ihn -außerhalb der Anstalt wohnen läßt, trotzdem er noch in deren -Stand gehört, und von dieser, wenn er sich nicht bewähren -würde, jederzeit eingezogen werden kann. Aber er bewährt -sich. In der Schneiderwerkstätte, in der er als Lehrling arbeitet, -hat nur der Meister, nicht aber auch seine „älteren“, aber halb -so alten Arbeitskollegen eine Ahnung von seinem Vorleben. -Der Verein zum Wohle entlassener Sträflinge zahlt ihm die -Wohnung, Kleidung und einen Zuschuß von wöchentlich zwei -Kronen für Wäsche und Nachtmahl gibt ihm die Anstalt, die -übrige Kost erhält er von seinem Meister. Er arbeitet überaus -strebsam, und der einstige Raubmörder freut sich schon darauf, -bald Geselle werden und sich sein Brot ehrlich selbst verdienen -zu können. -</p> - -<p> -Mag sein, daß man sich irrt, und daß der Bursche wieder -zur alten Lebensweise zurückkehrt, wenn er dem Auge der -Anstaltsleiter entrückt ist. Denn eigentlich sind alle Zwänglinge -während der Zeit ihrer Internierung fleißig und folgsam. Sie -arbeiten an den Handwebstühlen, an der Erzeugung von Papiersäcken, -in den Tapezierer-, Schuster-, Schlosser- und Tischlerwerkstätten, -in der Korbflechterei und im Anstaltsgarten, in der -Küche und auf den Gängen, in den Arbeitskolonien auf den -Feldern und Stallungen der kaiserlichen Güter in Litowitz, Hostiwitz, -Rot-Aujezd und Tachlowitz, der Privatgüter zu Dubetsch, Kletzan, -Biechowitz und Radigau, sie planieren und regulieren den Erdboden -beim Bau der Landesirrenanstalt in Bohnitz und verrichten -in der Kadettenschule, in der Strakaschen Akademie, im Palais -Toskana und in der Landesfindelanstalt verschiedene Handlangerdienste. -Sie arbeiten, weil sie von den anderen abgesondert -werden würden, wenn sie das nicht täten. Strafen oder ein -anderer Zwang zur Arbeit werden in der Zwangsarbeitsanstalt -nicht angewendet. Dessen bedarf es umso weniger, als die -Zwänglinge am Lohn ihrer Arbeit partizipieren. Sie sind in -drei Klassen eingeteilt. Acht Monate bleiben sie in der dritten, -der letzten Gehaltsklasse, in der sie zwanzig Prozent von ihrem -<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a> -Verdienst erhalten, der Rest fließt dem Anstaltsfonde zu. Nach -Ablauf der acht Monate rücken sie in die zweite Klasse vor, in -der sie fünfundzwanzig Prozent behalten dürfen, nach weiteren -acht Monaten in die erste Klasse, in der dreißig Prozent ihres -Arbeitsertrages ihr eigen sind. Einen Teil dieser Dienstprämie -darf der Zwängling zur Aufbesserung seiner Kost verwenden. -Das Nachtmahl ist wohlweislich schon so frugal bemessen, daß -es einer solchen Aufbesserung dringend bedarf — ein Ansporn -zur Arbeit. Der Rest der Verdienstesprämie wird dem Korrigenden -aufbewahrt und oft erhält dieser nach Ablauf seiner Internierung -— diese währt mindestens zwei und höchstens drei Jahre — -einen ersparten Betrag von hundert Kronen ausgehändigt. -</p> - -<p> -Die Hoffnung auf die Aushändigung des Verdienstes kann -manchen nicht vor dem Entweichen abhalten. Aus dem Anstaltsgebäude -selbst kann wohl niemand flüchten, denn die Gittertüren -auf den Korridoren und die dichtgekreuzten Eisenstäbe in den -Fenstern haben aus dem alten Palast der Trauttmansdorffs, aus -diesem stillen Kleinseitner Patriziergebäude, in dessen Garten vor -drei Jahrhunderten Tycho de Brahe seine erste Sternwarte errichtet -hatte, einen Käfig gemacht. Aber draußen in den Arbeitskolonien, -wo die Sonne zur Wanderschaft lädt, wo das rote Wirtshausschild -so freundlich zum langentbehrten Schnapsgenuß auffordert, -wo ein Hügel dem Zwängling zeigt, daß kein Aufseher in der -Nähe und die Welt so groß ist, da packt den Vagabunden die -alte Leidenschaft, da vergißt er, daß ihn seine Kleidung stigmatisiert, -da vergißt er, daß ihm die Flucht arg bekommen wird, -da vergißt er, daß er für jede Strafe zwei Monate länger in -der verhaßten Anstalt bleiben muß, da vergißt er, daß in der -Zwangsarbeitsanstalt auch Pfähle sind, an die man strafweise -angebunden wird. -</p> - -<p> -Dort in der Ecke der Korbflechterwerkstätte sitzt so ein -Bursche, der erst vor kurzem entwichen und wieder eingebracht -worden ist. Direktor Tilšer geht vorbei und fragt auch ihn, -wieviel er heute gearbeitet habe. Die Antwort wird in kaum -verständlichem Tone geknurrt. Und aus den Augen des Gefragten -kommt ein wilder Blick des Hasses, eine Botschaft jener -Gefühle, die vor kurzem die Revolte der Korrigenden in Bohnitz -entfacht und ein Menschenleben gekostet haben. -</p> - -<div class="centerpic end"> -<img src="images/end.jpg" alt="" /></div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="part-17"> -<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a> -Theatervorstellung der Korrigenden -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">n</span> dieser historischen Woche, in der aus Anlaß des Regierungsjubiläums -so viele Veranstaltungen „Fürs Kind“ stattfanden, -gab es auch eine, deren Arrangeure ihre Veranstaltung als -Selbstzweck betrachteten. Kein „Anlaß“, kein „wohltätiger -Zweck“. Und wer war es, der diese Ehrlichkeit bewies? Die -Korrigenden in der Landeszwangsarbeitsanstalt auf dem Hradschin. -</p> - -<p> -Am Donnerstag um halb 3 Uhr nachmittags fand oben -eine Theatervorstellung statt. Direktor Tilšer hatte mir nach Erscheinen -eines Artikels, den ich über Bewohner und Einrichtungen -der Hradschiner Zwangsarbeitsanstalt veröffentlicht hatte, -die Einladung zu dieser Vorstellung gesandt, damit ich „bei dieser -Gelegenheit auch die lichteren Seiten des Anstaltslebens kennen -lernen“ möge. So kam ich hinauf. -</p> - -<p> -Im Hofe waren die Zwänglinge. Aber nur wenige -promenierten, nur wenige vergnügten sich am Kegelspiel. Die -meisten drängten sich vor dem breiten Tor, das sich nun bald -öffnen sollte, um die Theaterbesucher in das Haus zu lassen. -Sie drängten sich und zwängten sich, wie die Leute an den Kassen -zu den Maifestspielen. Aber sie benahmen sich doch wie Menschen -dabei, und wenn ein Besucher kam, machten sie willfährig Platz. -</p> - -<p> -Gespielt wurde im Korbflechtersaale. Der war sorgfältig -adaptiert. An der einen Breitseite stand festgezimmert die Bühne. -</p> - -<p> -Vor Jahren wurden aus dem Dekorationsmagazine des -Deutschen Landestheaters durch dessen Intendanten, weiland Abg. -Dr. Ludwig Schlesinger, der Zwangsarbeitsanstalt mehrere Flächen -kassierter Kulissenleinwand überwiesen. Aus einem dieser Stücke -war der Vorhang geschnitten und mit Lyra, Lorbeer und Maske -bemalt worden. Oben das Landeswappen und einige naive Landschaften. -Irgend eines Korrigenden Werk. Vor der Bühne brennen -zwei halbverdeckte Gaslampen — die einzige Beleuchtung des -langen Saales. So nimmt sich der Zuschauerraum gar seltsam -aus. An zweihundert Zuschauer mit dumpfen Gesichtern und -scharfen Blicken. Einige haben die braunen Flanelljacken anbehalten, -andere sitzen in den schmutzigweißen Zwilchkleidern -<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a> -auf den Bänken da. Das sind fast die einzigen Toilettenunterschiede -im Publikum. An der Wand stehen die Aufseher in -Uniformen als Logenschließer. Vor die Bankreihen, auf denen -die Korrigenden sitzen, sind zwei Reihen von Stühlen gestellt, -die sonst in den Wachzimmern verteilt sind: Die Fauteuils für -die Gäste. Denn auch Gäste sind da. Einige Frauen und Kinder -von Aufsehern, sowie von Landwehrfeldwebeln und Oberfeuerwerkern -aus der Nachbarschaft. Vor den Fauteuilreihen bedecken -ausrangierte Bettdecken aus den Schlafsälen die Steinfliesen — -Teppiche. -</p> - -<p> -Heute ist deutsche Theatervorstellung, „Deutsches Landestheater“ -wie die Zwänglinge sagen. Das „Tschechische Nationaltheater“ -hat eine Woche vorher gespielt. Aber das Publikum -ist zweisprachig. Wenn auch mancher kein Wort von dem versteht, -was da oben auf der Bühne gesprochen wird, so freut er -sich doch der Kleider und des Gehabens seiner deutschen Kollegen -auf dem Podium. -</p> - -<p> -In einer Nische neben der Bühne sitzt das Orchester. Vier -Mann. Der Kapellmeister fehlt dem „Deutschen Landestheater“ ... -Die Musikanten dirigieren selbst. Der Primgeiger ist ein alter, -gebückter Mann mit einer Brille, der krampfhaft in sein Notenblatt -blickt. Der zweite Violinist hat blondes, aufwärts gekämmtes -Haar und einen stattlichen Schnauzbart: er ist ein -ehemaliger Musikfeldwebel, der von Stufe zu Stufe gesunken ist, -und nicht zum erstenmale dem Orchesterpersonale der Hradschiner -Zwangsarbeitsanstalt angehört. Neben ihm spielt ein etwa vierzigjähriger -Mann die Flöte; sein schwarzes, gescheiteltes Haar ist -tief in die Stirne gekämmt — der Typ des „šumař“, des böhmischen -Dorfmusikanten. Der vierte und letzte in dieser Kapelle ist der -Harfenist. Sein Instrument hat er sich während seiner Detention, -in den Mußestunden, die ihm nach seinen Taglöhnerarbeiten -beim Bau der Bohnitzer Landesirrenanstalt geblieben sind, selbst -angefertigt, und er beherrscht das Instrument ganz famos, -trotzdem er nie Harfespielen gelernt hat. Sie sind Tausendsassas, -diese Gegner der Arbeit. -</p> - -<p> -Gegenüber an der Wand lehnt ein Feuerwehrmann. Bei -näherer Betrachtung merkt man aber, daß es gar kein Feuerwehrmann -ist, sondern ein Korrigend, der den Feuerwehrmann -spielt, weil eben ein solcher zu jeder anständigen Theatervorstellung -<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a> -gehört. Der Mann hat blankgeputzte Röhrenstiefel, einen sauber -gewaschenen Zwillichanzug, einen Feuerwehrhelm — aus Pappendeckel -und einen Gürtel aus dem gleichen feuersicheren Material. -Er ist von seiner Rolle ganz durchdrungen und sein Blick schweift -fortwährend durch den Saal, inspizierend und Bewunderung -heischend. -</p> - -<p> -Man spielt heute, laut dem autographierten Programm, -das auch die Namen der Darsteller nennt, drei Einakter. Zunächst -das „Versprechen hinter’m Herd“. Hinter der Bühne wird geläutet, -die Musik bricht jäh ab, der Souffleur kriecht coram -publico in einen in der Korbflechterei hergestellten Strandkorb, -dessen offene Seite der Bühne zugewendet ist. Der Vorhang -hebt sich bis etwa zur halben Bühnenhöhe. Dann kann er nicht -weiter. Aber der Darsteller des „Freiherrn von Strietzow“ legt -selbst Hand an, ein Ruck und der Vorhang ist ganz oben. Die -Erwartungen, die man nach dieser vielversprechenden Leistung -des „Baron Strietzow“ an diesen knüpft, werden leider nicht -erfüllt. Dieser Schauspieler hat kein Gefühl für das Parodistische, -das in dieser Rolle des Berliner Salontirolers liegt. Er redet -nicht „berlinerisch“, sondern den Dialekt, den man in seinem -Heimatsorte Georgswalde bei Schluckenau spricht. Sein Kostüm -ist schon aus technischen Gründen kein karikiertes, kein gigerlhaftes, -und so maßt er sich auch nicht das Recht an, anders zu -sein, wie die übrigen Darsteller, die echte Tiroler sein sollen. -Sogar wenn er aus seinem Notizbuch einen verstümmelten „Nationalgesang“ -vorträgt, singt er ihn wie ein Schnadahüpfel. Er -trägt ihn vor, so gut er eben kann, und würde es unverständlich -finden, daß ein Schauspieler absichtlich patzen soll. -</p> - -<p> -Grandios ist der Darsteller des Wirtes und Wilddiebes Quantner. -Sein Lob wäre nur in Superlativen zu singen. Wenn er sich -räuspert, wenn er sich schneuzt, wenn er sich seine Pfeife ansteckt, -wenn er sich nach herzhaftem Trunk mit der Zunge den Bart -reinigt, wie er sein Versprechen, daß alles, was hinter’m Herde -liegt, des Dirndls Eigentum sein soll, langsam und schwerfällig -auf das Papier kritzelt, ist er von einer Echtheit, wie sie kein -Berufsschauspieler aufzubringen vermag. Und wie er dann mit -geballter Faust auf seinen unfolgsamen Sohn zustürzt — das -kann kein Mime kopieren, das muß von klein auf gelernt sein. -Da sich die Biographie dieses vortrefflichen Schauspielers in keinem -<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a> -Bühnenlexikon vorfindet, sei erwähnt, daß „Quantner“, ein etwa -fünfzigjähriger Mann, schon zum viertenmale im hiesigen Arbeitshaus -deteniert ist. Nach seiner Freilassung treibt es ihn immer -wieder in die Alpen, wo er im Sommer und Winter umhervagiert. -Aber auch auf den Bergen, wo angeblich die Freiheit wohnt, -gibt es Gendarmen, und die bewirken es, daß er immer wieder -nach Prag, zum Schauspielerberuf, zurück muß. Nach der Überzeugungstreue, -mit der er den Wilddieb auf der Bühne verkörpert, -könnte man schließen, daß er dieses Handwerk auch -außerhalb der Bühne auszuüben gewohnt ist. Wie dem auch sei: -Erwischt wurde er wegen dieses Deliktes noch nicht, denn unter -seinen achtzehn Vorstrafen finden sich nur solche wegen Landstreicherei, -Diebstahls, Vagabundage u. dgl. -</p> - -<p> -Das „Nandl“, die brave Bauerndirn, spielt ein jüngerer -Korrigend. Er sieht ganz reizend aus und beherrscht seine Rolle -vortrefflich. Den Sohn des Quantner und Geliebten der Nandl -spielt gleichfalls ein junger Bursch. Er war noch vor kurzem -in der Arbeitsanstalt für Jugendliche in Grulich interniert, hat -sich aber nicht dauernd gebessert, obwohl er dort brav und fleißig -gewesen war. Gleich nach seiner Entlassung hatte er seine Kleider -verkauft und sich einer umherziehenden Zigeunertruppe angeschlossen. -Aus der Hradschiner Anstalt, in die er dann gebracht -worden ist, ist er entwichen, als er zur Arbeitsleistung in die -Findelanstalt beordert worden ist. Sein Spiel ist gedrückt. Er -geht fast fortwährend im Hintergrund der Bühne auf und ab -und bringt seine Sätze halb zaghaft, halb mürrisch hervor. Das -wirkt sehr gut, denn er gibt ja einen unglücklichen Liebhaber. -</p> - -<p> -Das Stück ist aus. Das Publikum klatscht stürmisch und -die Darsteller machen ungelenke Komplimente. Der Vorhang -fällt. Herr Direktor Tilšer willfahrt in liebenswürdiger Weise -meinem Wunsche, die Bühne von rückwärts besichtigen zu dürfen. -Man stellt die Kulissen zum nächsten Stücke auf. Der Protagonist, -der „Quantner“, hockt auf der Schulter des „Feuerwehrmannes“ -und schlägt oben auf der Kulisse zwei Nägel ein. Auch „Fräulein -Nandel“ zimmert eifrig und keiner von den Akteuren ist müßig. -Die Anordnungen schwirren durcheinander: Einen Regisseur -scheint es nicht zu geben, und ein Aufseher darf nicht hierher. -Die Künstler achten streng auf die Wahrung ihrer Autonomie. -<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a> -Auf einem Tisch liegt ein dickes Heft, auf dem von ungeschickter -Hand mit Bleistift unorthographische Sätze gekritzelt sind: Die Rolle. -</p> - -<p> -Das zweite Lustspiel beginnt. Es heißt „Ein Zwiegespräch“ -und der Witz besteht darin, daß ein alter Sonderling einen Besucher -für den Aspiranten auf die Wärterstelle bei seiner Katze -hält, während sich der Fremde um die Hauslehrerstelle bei der -Tochter des Privatiers bewirbt. Den Hauslehrer spielte ein junger -Bursch, ein wiederholt vorbestrafter Einbrecher, ganz gut. Aber -den größten Beifall hatte er, als er wie unversehens an seinen -Partner anstieß, und in einem prächtigen Purzelbaum zu Boden -stürzte. Ebenso bildete es im nächsten Stücke, dem Lustspiel -„Er muß taub sein“, den Höhepunkt der Handlung, als der von -seiner Taubheit geheilte Hausherr plötzlich die Beschimpfungen -seines Dieners vernimmt, und diesem einen Fußtritt in den Rücken -versetzt, der entschieden an anderer Stelle nach § 421 StG. geahndet -worden wäre. (Stürmischer Beifall.) In diesem letzten Stücke -spielt übrigens auch ein ehemaliger Bauzeichner, der sich ganz -als Gentleman benimmt und seine Mahlzeit in einer Weise verzehrt, -die auch den höchsten Anforderungen des guten Tones entspricht. -</p> - -<p> -Zum Schluß der Vorstellung singen die Darsteller aller Stücke -ein weihevolles Abschiedslied „Gute Nacht“. Es ist ganz rührend, -wie diese wetterharten Feinde der menschlichen Gesellschaft den -feierlichen, kindlichen Choral anstimmen. -</p> - -<p> -Alles ergießt sich in den Hof, um sich draußen die Tabakspfeife -anzuzünden. Nur die Akteure müssen hierbleiben. Sie -haben die Kostüme abzulegen und einzupacken, damit sie morgen -der Maskenleihanstalt wieder rückerstattet werden können, von -der sie um den Preis von drei Kronen ausgeliehen worden sind. -Dies sind die ganzen Barauslagen: sie werden aus den Zinsen -des Depositenfonds und durch freie Spenden des Direktors gedeckt. -Dann muß die Bühne abgenommen, die Kulissen, der Vorhang -und der geflochtene Souffleurkasten wieder ins Magazin getragen -werden. Jetzt hört für die Schauspieler das Benefizium auf, -am Abend eine Stunde länger aufbleiben und die Rollen lernen -zu dürfen; in dem Saal, in dem sie heute akklamierte Künstler -waren, müssen sie morgen auf den Steinfliesen sitzen und Weidenruten -zu Körben flechten. Für geraume Zeit bleibt ihnen nur -die Erinnerung an ihren Erfolg, an die „lichteren Seiten des -Anstaltslebens“. -</p> - -<div class="centerpic end"> -<img src="images/end.jpg" alt="" /></div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="part-18"> -<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a> -Das Märchen vom Mistwagen -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">s</span> war einmal — so geht ein Grimmes Märchen — eine -Stadt, die sehr, sehr alt war. Das konnte man an den vielen -altertümlichen Häusern und Türmen sehen und an <a id="corr-25"></a>dem Schmutz, -der überall in den Straßen, auf den Plätzen, in den Häusern -und selbst im Wasser des Stromes vorhanden war. Während -aber die altertümlichen Häuser und Türme den Machthabern -dieser Märchenstadt durchaus nicht heilig waren, war es der -Unrat um so mehr. So heilig war der, daß eine unverbürgte -Sage ging, im Hause des weisen Rates der Stadt sei am meisten -Schmutz verborgen und seine Erhaltung verschlinge jährlich viele -Millionen Goldes. -</p> - -<p> -Und draußen vor der Stadt, am Fuße eines Berges, auf -dem Žižka, der Einäugige, eine Schlacht gekämpft hatte, in einer -Gegend, die nach diesem Žižka benamset war, lebte ein Recke. -Der war ein kühner Kämpfer und ein mutiger Rufer im Streite, -aber er war von unbezwingbarer Habgier beseelt. Er hatte nicht -genug an dem Schmutze, der in seiner Behausung war, er wollte -auch den Schmutz der anderen sein eigen nennen. So fuhr er -denn, um dieses Kleinod zu erringen, alltäglich auf seinem hohen -Streitwagen auf Beute aus. -</p> - -<p> -Seine Farbe war grau. Grau war der Wagen, den er -stehend lenkte, grau war der Morgen, wenn er seinen Beutezug -antrat, grau war die Kunde von seines Vaters Nam’ und -Art, und grau war der Inhalt der Kisten und Kasten, deren -Besitz er erstrebte. Statt eines Helmes trug der reisige Held eine -blaue Kappe, auf der das Wappen seines Heimatsortes prangte. -In diesem Wappenschilde sah man ein vergittertes Fenster, wie -man ihrer auch im städtischen Arresthause „Fišpanka“ mancherlei -sieht, und in dem Fenster sah man einen Arm, der gebogen war, -wie der Arm eines ritterlichen Mannes beim „Šlapák“-Tanze. -Im Gegensatze zu den Hörigen und Unfreien, die draußen vor -der Stadt auf dem Pankratius-Hügel wohnten und kurzgeschorenes -Haar hatten, trug unser Ritter eine Locke in die Stirn gekämmt, -die sein linkes Auge verdeckte, so daß er aussah wie sein Ahnherr -<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a> -Žižka. Das war das Zeichen, daß er kein Unfreier, sondern ein -„freier“ war. Keinen Marschallstab, kein Szepter trug er in seiner -Hand — nur eine Peitsche; wenn er aber die seinen mutigen -Rössern um die Ohren sausen ließ, so erdröhnte ein stärkerer -Knall als jener des Mörserschusses, der allmittäglich den Sklaven -in dieser Stadt verkündete, daß sie in ihrer Robottarbeit innehalten -durften. -</p> - -<p> -Vor seinem Wagen schritt ein Herold, der kündete das -Nahen des Recken, indem er eine Sturmglocke läutete. -</p> - -<p> -Die Bürger wußten, was dieses schrille Läuten zu bedeuten -habe, aber niemand wagte es, mit dem Recken anzubinden, -niemand wagte es, ihm die Asche, den Kehricht und den Schmutz, -diese so kostbaren Kleinodien vorzuenthalten. So sandten sie ihre -Jungfrauen hinab auf die Straße, auf daß diese seinen kriegerischen -Sinn betörten, und ihm selbst den Tribut überantworten -mögen. -</p> - -<p> -Aber der Ritter war rauh und unbeugsam, und er hatte -kein Auge für die holden Mägdlein, die, malerisch gruppiert, -seinen Wagen umstanden. Er hatte nur Augen für die Schätze, -die sie ihm in kostbar alten Kisten und seltsam verbogenen -Gefäßen darreichten. Mochte die Last, die so ein schwaches Jungfräulein -auf den hohen Wagen zu heben hatte, noch so schwer -sein, nie beugte er sich über seines Wagens Brüstung, um dem -schwachen Wesen behilflich zu sein. Nur beim Entleeren des -Gefäßes griff er selbst Hand an, der Habgierige, auf daß auch -nichts von dem Inhalte in der Opferschale zurückbleibe. Er -begnügte sich nicht damit, daß ihm die ehrsamen Bürger der -Stadt ihre Opfergaben durch schöne Jungfrauen an den Wagen -bringen ließen, er verlangte auch, daß die Schätze gesalbt, mit -dem heiligen Wasser der Stadtbrunnen geweiht und besprengt -seien. Wehe aber, wenn ein Mädchen dies unterließ! Dann -schalt und drohte er grimmig, und manches Wort entfuhr ihm, -das man selbst am Fuße des Žižkaberges nicht allzuhäufig vernommen. -Die trägen Mägde mußten nochmals zurück in das -Haus und neuerlich wiederkehren. -</p> - -<p> -Aber er war schön in seinem Groll und manches Mägdlein -unterließ es, ihre Gabe zu besprengen, um in des kühnen -Ritters Auge den Blitz des Zornes zucken zu sehen. Andere aber -vergaßen in ihrer heimlichen Liebe zu dem Ritter, die Gabe zu -<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a> -nässen. Und wieder andere Mägde waren, wie das damals vorzukommen -pflegte, sehr faul und besprengten deshalb die -Asche nicht. -</p> - -<p> -Nur eine Einzige vergaß niemals an ihre Pflicht. Das war -ein Mädchen, so brav und tugendhaft, wie es nur im Märchen -vorkommen kann. Dieses fegte sorgsam die Aschenreste der -ganzen Wohnung zusammen und legte sie fein säuberlich in eine -alte Kohlenkiste zusammen, besprengte sie mit Wasser und ließ -sich durch die anderen Mägde, welche müßig und schwatzend -auf dem Gang umherstanden, nicht stören. Deshalb nannten sie -die anderen: „Aschenbrödel.“ -</p> - -<p> -Der sorgsame Eifer dieses Mädchens war dem Ritter nicht -verborgen geblieben. Sein Herz entflammte in jäher Liebessehnsucht -zu der minniglichen Maid, und er mußte dem Mädchen -nachschauen, wenn er sein Werk beendet hatte und wieder von -dannen fahren mußte gegen Hrdlořez, wo er in einer Senkgrube -alle die Schätze verbarg, die er tagsüber eingeheimset hatte. -Und er begann das Aschenbrödel sichtlich auszuzeichnen, er half -ihr beim Aufladen des Schatzes, er lächelte ihr von der Höhe -seines Wagens freundlich zu. -</p> - -<p> -Ist es da ein Wunder, daß das Aschenbrödel hoffärtig -wurde, und daß es beschloß, den Rittersmann, den sie selbst -minniglich liebte, auf die Probe zu stellen, wie weit seine Liebe -gehe. Auch wollte sie den anderen Mägden, die sie bislang aus -ihres Herzens Grunde verachtet hatten, die Liebe des Ritters -beweisen. So fegte sie an einem schönen Herbsttage die Asche -wie sonst zusammen und häufte sie in die Kohlenkiste, aber sie -besprengte die duftige Gabe diesmal nicht mit Wasser. -</p> - -<p> -Als sie hinunter kam vor des Hauses Pforte, wo schon die -anderen Jungfrauen auf ihres Ritters Ankunft harrten, da wurden -diese schier starr vor Staunen. Denn aus Aschenbrödels Kiste -wirbelte beklemmender Staub empor ... -</p> - -<p> -Atemlos und begierig wartete man des Ritters. Dieser kam -herbei und sein Gefährt hielt. Mit zitternden Knien, bleich vor -Erregung, kam Aschenbrödel mit ihrer Truhe herbei — galt es -doch heute die Liebesprobe. Liebevoll neigte sich der Recke zu -ihr, um ihr behilflich zu sein, als er den Staub bemerkte, der -aus der hölzernen Opferschale des Mädchens emporstieg. Einen -Augenblick sah man ihn zaudern. Sollte er, um seiner Liebe -<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a> -willen, für heute die Mißachtung seiner Vorschrift ungerügt hingehen -lassen? Nein, sagte sein Rittersinn. Und mit schmerzlichem -Sinn verweigerte er die Annahme der Gabe. Er wandte sich -den anderen Mägden zu, welche ihr höhnisches Lachen nicht -verbargen. -</p> - -<p> -Aschenbrödel ging nicht in das Haus zurück. Sie stellte -den Kehrichtbehälter auf die Erde, setzte sich darauf, schlug die -Hände vors Gesicht und weinte bitterlich. Aber die Staubwolke, -die aus dem Gefäße hervorstieg, vermochte das Mädchen durch -sein Körpergewicht nicht zurückzuhalten, die Wolke hob Aschenbrödel -in die Höhe, hüllte es ein und entführte es in die Prager -Luft, in der es bald den Blicken der staunenden Mägde und -des schier zu Eis erstarrten Recken entschwand. -</p> - -<p> -Seither hat man nichts mehr von Aschenbrödel gesehen, -nichts mehr von Aschenbrödel gehört. -</p> - -<p> -Aber der Ritter hat die Hoffnung nicht aufgegeben, daß -das Mädchen doch im Gleitflug irgendwo landen und wieder in -die Stadt zurückkehren könne. Und während längst in allen -anderen Städten der Erde die staubfreie Müllabfuhr mittels -Kehrichtschächten, mittels verschlossener, auswechselbarer Eisenkisten -und mittels verschlossener Wagen eingeführt worden ist, -fährt unser Ritter noch heute auf seinem Streitwagen suchend -durch die Straßen jener Märchenstadt, läßt sich von den minniglichen -Mägdlein den Inhalt offener Kästen in den offenen Wagen -schütten und wird so fahren bis zum jüngsten Tag. -</p> - -<div class="centerpic end"> -<img src="images/end.jpg" alt="" /></div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="part-19"> -<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a> -Weihnachtsmarkt -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">U</span><span class="postfirstchar">nter</span> dem Balkon des Altstädter Rathauses wurde an einem -heißen Junitage des Jahres 1621 an sechsundzwanzig -böhmischen Adeligen ein furchtbares Blutgericht vollzogen. Gegenüber, -unter den Türmen der Teinkirche liegen die Gebeine des -Tycho, der gestorben ist, weil er an der Tafel seines gekrönten -Freundes das spanische Zeremoniell nicht verletzen und deshalb -ein plötzliches Unwohlsein mit Gewalt niederkämpfen wollte. -Zwischen diesen beiden Stätten breitet sich ein großer Platz, auf -dem verhärmte Menschen allabendlich, vor der Madonnenstatue -kniend, inbrünstige Lieder singen. Aber im Dezember, vom -Sonntag vor Nikolo bis zum Weihnachtsabend, wogt auf diesem -Platze Weihnachtstreiben. -</p> - -<p> -Und doch: Selbst im Jahrmarktskleide verliert der Ringplatz -sein sentimentales Gepräge nicht, und aus dem Lärm der -Ausrufer, der drängenden und gedrängten Menschenmassen, der -Marktschreier und Verkäufer dringen die Untertöne der Schwermut -hervor. Es ist kein Jahrmarkt. Zwar ist es vollzählig versammelt, -das fahrende Volk, das während der übrigen elf Monate -die Bewohner der böhmischen Dörfer beglückt, aber hier im -Zentrum der Großstadt nehmen sich seine Waren und Vergnügungen -allzu armselig aus. Die Jahrhunderte mit ihren Errungenschaften -sind spurlos an ihnen vorübergegangen, und die Späße, Schaustellungen, -Buden und Verkaufsobjekte hätten samt und sonders -auch in den Zeiten kein Staunen erweckt, deren Ereignisse den -Prager Ringplatz zu einer historischen Stätte stempelten. -</p> - -<p> -Parallel zur Front des Platzes, welche die Zeltnergasse verlängert, -läuft eine der Budenstraßen. Sie ist das Dorado der -Spielwarenhändler. Aber was sind das für Spielwaren, die hier -feilgeboten werden? Keine Miniaturautomobile oder Miniaturaeroplane, -keine sprechenden Puppen und singenden Kanarienvögel -— nichts von raffinierten Kunstwerken für Kinder der -Reichen. Nur Zehnkreuzeruhren, nur Ballons auf dünner Gummischnur, -nur Holzpferde auf Rädern, papierene Tschakos und -<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a> -hölzerne Säbel. Musikinstrumente überwiegen — wir sind im -Heimatland der böhmischen Musikanten. Kinderviolinen, denen -selbst ein künftiger Kubelik keine Töne zu entlocken vermöchte, -Flöten, in die man von beiden Seiten mit der gleichen nervenmarternden -Wirkung blasen kann, verschiedengestaltete Gummispezialitäten, -die aufgeblasen werden, um mit herzzerreißendem -Gekreisch den fremden Odem wieder auszuhauchen, Mundharmonikas, -runde Mundpfeifen, mit denen man das Zwitschern -der Nachtigall wenn auch nicht nachahmen, so doch persiflieren -kann u. dgl. Dann die armseligen Nikolos, die aus einer unmöglichen -Gipsmaske mit langem weißen Bart bestehen, an die -sich ein weißes Papiergewand schließt, dann die Krampusse, die -armen Teufel, die nicht Furcht erregen, sondern nur Mitleid erwecken -können, dann die Soldaten, die in jeder besseren Kinderstube -als untauglich erklärt oder superarbitriert werden würden. -</p> - -<p> -In einer anderen der hier entstandenen Straßen stehen -die braunleinenen Warenhäuser, deren Besitzer sich von dem -Pumpernickel nähren, den andere essen müssen. Lebkuchenherzen -dominieren; sie weisen Inschriften aus Tragantzucker auf, die -ebenso geistvoll, wie schmackhaft sind. Auf den Firmenschildern -aus Wichsleinwand sind lauter vergrößerte Ehrenmedaillen und -Ordensauszeichnungen abgebildet. Es scheint also, daß in Potentatenfamilien -Pumpernickel leidenschaftlich geliebt wird und daß -die Monarchen bei freudigen Anlässen einander Lebkuchenherzen -schenken. -</p> - -<p> -Rote und schwarze Kegelchen stehen auf einem Verkaufsbrett: -Räucherkerzen. Die Erfindungen der Parfümindustrie -haben diesen Artikel, der beim Glimmen wie ein rauchender -Vesuv aussieht, nicht aus der Welt zu schaffen vermocht. Die -moderne Technik der Papierindustrie wiederum hat nichts mit -den handgeschnittenen Papiersternen und den zusammengeklebten -Papierketten zu tun, welche in der benachbarten Bude zur Verzierung -der Weihnachtsbäume käuflich erworben werden können. -</p> - -<p> -Überhaupt die Technik! Die Budenbesitzer haben die denkbar -schlechteste Erfahrung mit ihr gemacht. Vor einigen Jahren hatten -sie z. B. den Phonographen in den Dienst des Jahrmarktes und -auf einen Tisch inmitten der Budenstadt gestellt. Dieser Phonograph -posaunte nicht — wie es die anderen Phonographen -tun — seine ganze Weisheit durch einen Schalltrichter in die -<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a> -Welt hinaus, sondern er flüsterte sie durch dünne Gummischläuche -den besonderen Menschen ins Ohr, welche sich von den anderen -Passanten wohltuend durch die Entrichtung von drei Kreuzern -unterschieden. Die anderen Menschen aber konnten gar nichts -hören, und blickten daher staunend auf die neben ihnen stehenden -Auserwählten, deren Mienen eine unbändige Heiterkeit verrieten -und deren Körper und Füße in irgend einem Marschtakte zuckten. -Ebenso unerklärlich war es den Leuten, warum der Mensch, -der sich wieder an einer anderen Stelle des Weihnachtsmarktes -in herzbewegenden Grimassen, schmerzhaften Ausrufen und -krampfhaften Körperzuckungen erging, die Halter der Elektrisiermaschine -nicht einfach loslasse ... Aber der Phonograph -hat sich auf dem Prager Jahrmarkt nicht rentiert, er war dort -heuer nicht mehr anzutreffen, und auch die Elektrisiermaschine -sucht nur noch in den Nachtlokalen der unteren Zehntausend -ihren Erwerb. -</p> - -<p> -Einen Augenblick könnte man doch glauben, die größten -Wunder der Technik seien vertreten. Wenn man nämlich den -hochtrabenden Worten des Ausrufers vor dem „Mechanischen -Theater“ Glauben schenken würde, der im nördlichsten Teile der -Marktstadt seine Nachbarn, die Ausrufer der drei Ringelspiele, -der vier Schießbuden und des Panoptikums durch Ton und -Inhalt seiner Anpreisungen zu übertreffen sucht. Aber wenn -man den Lockungen des Mannes vom „Mechanischen Theater“ -folgt, dann ist es mit dem Glauben an irgend eine maschinelle -Vorführung gründlich vorbei. Man sieht ein großes Kinderspielzeug, -das wohl irgend ein invalider Bergmann in seinen -Mußestunden mit geschickten Händen gefertigt hat. Es stellt -ein Bergwerk dar, und dessen Lebewesen werden durch eine im -Hintergrunde versteckte Kurbel bewegt. Durch diese dynamische -Kraft bewegen sich die Männchen — die „Panaken“, wie man -in Prag sagt. Bergleute mit Hunten fahren im Schachte auf -und nieder, sie hacken Erz und sie trinken. Oben bewegt sich -der Leichenzug eines verunglückten Bergmannes. Zuerst der -Leichenwagen, dann die weinende Witwe mit den Kindern, dann -der nach allen Seiten grüßende Geistliche, dann die Schar absolut -unmöglicher Bergleute in Reih und Glied. Es ist zum Weinen. -Auf beiden Seiten des Budeninnern steht je eine Kulisse. Die -eine stellt einen Seesturm, die andere eine Karawane dar, und -<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a> -so vervollständigen sie beide die Illusionen, daß man sich in -einem Bergwerk befinde. -</p> - -<p> -In den photographischen Ateliers werden Bilder hergestellt -wie weiland zur Zeit Daguerres, und die Kunstblumen, die man -feilhält, sind so ehrlich imitiert, daß kein Mensch sie für echte -halten könnte. Während längst andere Städte ihren Lunapark -haben, in dem alle Errungenschaften des Maschinenbaues zu -irrsinnigen menschlichen Vergnügungen ausgeschrotet sind, gibts -auf <a id="corr-28"></a>dem Altstädter Weihnachtsmarkt noch immer bloß Ringelspiele -mit sichtbarem Handbetrieb. Und während man anderswo -in spiritistischen Seancen des Schicksals Tiefen zu erforschen -droht, läßt sich hier — allerdings mit der gleichen Wirkung -— das Prager Dienstmädchen von weißen Mäusen oder Kanarienvögeln -die „Planeten“ ziehen, <a id="corr-29"></a>Zettel mit gedruckten Weissagungen -und — allerdings entrichtet man hiefür eine erhöhte Taxe — -mit dem Bilde des Zukünftigen. Während anderswo die Hygiene -ängstlich für das Wohl des Menschen sorgt, reißt hier der -Fruchthändler mit schmutzigen Händen schmutzige Datteln von -den schmutzigen Waben und wickelt sie in schmutziges Papier. -Auch „Niko Petkovac“, der biedere Südslawe mit dem braunen -Gesicht und der Astrachanmütze, macht Geschäfte mit seinem -„Sultansbrot“ und „türkischen Honig“. Unten, an der Niklasstraße -schon, feiert Kasperl, der von Gottsched feierlich von der -Bühne verbannte Kasperl, im Kampfe mit einem Hündchen herrliche -Triumphe. -</p> - -<p> -Überhaupt: Der Markt übt seine Anziehungskraft aus. -Die anderen Marktfeste, die „Fidlovačka“, das Fest der Schusterinnung -im Nusler Tal, das „Strohsack“-Fest der Schneidergilde -in Bubentsch, das Mathäi-Fest in der Scharka, das Josefi-Fest -auf dem Josefsplatz und das „Ordens“-Fest im Stern sind teils -abgeschafft, teils bedeutend restringiert worden. Nur der Nikolo- -und Weihnachtsmarkt, gerade das Fest im Innern der Stadt, -ist in der alten Form erhalten geblieben, und steht jetzt ohne -Konkurrenz da. Ob es nun Pietät ist, ob man der Tradition -huldigt, ob es zu den weltmännischen Neigungen mancher -Gesellschaftsklassen gehört, sich in Kirchweihfesten auszuleben -— der Markt ist voll von Menschen. Sie ziehen an den Dezembersonntagen -in bunten Scharen auf den Ring, in diese aus morschem -Holz gezimmerte Stadt, deren Gassenfronten aus verschlissener -<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a> -Leinwand sind. Aus allen Vorstädten kommen die Menschen -und drängen sich hier, die Handwerksleute mit Weib und Kind, -die bekannten Prager Lebeknaben aus den Kolonialwarengeschäften -und Werkstätten, Dienstmädchen, Fabriksmädel, Ladenmamsells, -Mädchen für alles und noch mehr. Alles was sonst in Tanzlokalen -der Vororte und auf den Schleifplätzen der Moldau die -Liebe sucht, ist im Dezember hier vereint. Der langhaarige -Jüngling nähert sich innig im Gedränge seiner Angebeteten. Oder -er schleudert, wenn eine Schöne in entgegengesetztem Menschenstrom -vorbeikommt, ihr seinen Papierball, <a id="corr-30"></a>dessen Gummischnur -er in der Hand hält, als schüchternen Annäherungsversuch -wuchtig ins Gesicht. Das Mädchen quittiert mit quietschendem -Aufschrei, aber sie fühlt sich durch die gezollte Aufmerksamkeit -geehrt, und mißt ihren Anbeter mit einem Blick, in dem Aufmunterung, -Aufforderung, Leichtsinn und vielleicht ihr Schicksal -liegt. -</p> - -<div class="centerpic end"> -<img src="images/end.jpg" alt="" /></div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="part-20"> -<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a> -Wie ich aus dem Rathause -hinausgeworfen wurde -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">uf</span> meinem Leben lastet eine Sünde, die ich nicht in das neue -Jahrzehnt hinüber nehmen will. So will ich durch aufrichtige -Beichte diesen Alp von meiner Seele abwälzen. Meinem -Gedächtnis, dem vielleicht einzelne Phasen des Verbrechens entschwunden -oder verwischt sein könnten, kann ich ja leicht nachhelfen. -Ich brauche nur in der Universitätsbibliothek in den -gebundenen Exemplaren der tschechischen Zeitungen nachzuschlagen. -Darin steht die reine Wahrheit. -</p> - -<p> -Dort ist meine Schande zum Studium und abschreckenden -Beispiel für künftige Geschlechter aufbewahrt. War doch der -Vorfall ein bedeutsamer, und ich glaube: Über den Prager -Fenstersturz, der den dreißigjährigen Krieg einleitete, wurde nicht -so ausführlich berichtet, wie über meinen Hinauswurf aus dem -Altstädter Rathause. -</p> - -<p> -Aus allen diesen Berichten geht hervor, daß ich mich damals -im Prager Rathause skandalös benommen habe. Und darf man -sich denn im Prager Rathaus skandalös benehmen? Hat man -überhaupt schon gehört, daß sich jemand im Prager Rathause -skandalös benommen hätte? Nein, heute muß ich unbedingt zugeben, -daß man mich mit Recht hinausgeschmissen hat. Und es -war unverdiente Gnade, daß man mir eine ungeheure Strafmilderung -zugestand: Man hat mich nicht durch einen Hausknecht -hinausgeworfen, sondern man hat mich durch den Stadtverordneten -Březnowsky hinausexpedieren lassen. -</p> - -<p> -Dieser hat mich durchaus nicht mit Glacéhandschuhen angefaßt, -obwohl er sich in seinen stillen Stunden mit deren Erzeugung -beschäftigt. Er hat es nicht getan, weil ich es nicht -verdiente. Habe ich mich denn nicht, laut Bericht des „Hlas -Národa“, das einem alttschechischen Stadtverordneten gehört und -dem daher in Rathauskreisen eine gewisse Authentizität zukommt, -„sehr frech und wütend“ benommen? „Er versetzte,“ so heißt -es in der Morgenausgabe dieses Blattes vom 10. November 1908 -<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a> -u. a., „dem Stadtverordneten Vanha einen Stoß und mit dem -Ausrufe ‚Ich werde diese Diebshöhle schon beleuchten‘, sauste er -blitzesschnell die Stiegen hinunter“. Also bitte, man bedenke: -Ich habe einem unserer Stadtväter einen Stoß versetzt, und die -ehrwürdige Ratsstube eine Diebshöhle genannt. Weshalb bin ich -eigentlich nicht geklagt worden! Wie übel wäre es mir doch -ergangen! Ein Leugnen hätte mir nichts geholfen, denn auch -das offizielle Rathausorgan, die „Nár. Listy“, erklärten in aufgeregtem -Tone, ich hätte die Drohung ausgestoßen, daß ich -Diebstähle (die tschechische Sprache kennt keinen bestimmten -Artikel) aus dem Rathause veröffentlichen werde. Auch den Stoß -gegen den Stadtverordneten Vanha registriert das Rathausorgan, -und weiß sogar das interessante Detail hinzuzufügen, daß ich den -Stoß mit der Faust versetzt habe. -</p> - -<p> -Der klerikale „Čech“ bedeckt den Rippenstoß mit dem -Mantel der Nächstenliebe. Er verschweigt ihn ganz, trotzdem sein -Bericht sonst an Ausführlichkeit durchaus nichts zu wünschen -übrig läßt. Er schreibt u. a.: „Als erster fand sich Redaktionsmitglied -der „Bohemia“ „buršák“ Kisch ein, der durch seine -Provokation auf dem Graben berüchtigt ist. Es wurde ihm gesagt, -daß es nicht angehe, in den Sitzungssaal des Kollegiums das -Redaktionsmitglied eines Blattes einzulassen, welches alles, was -aus Prag kommt, verdreht und beschimpft. Kisch aber machte -keine Miene, den Saal zu verlassen. Es traten also die Ordner -hinzu und führten ihn auf den Gang hinaus. Kisch schäumte, -drohte und lehnte sich auf, es blieb ihm aber nichts übrig, als -zu suchen, wo der Zimmermann das Loch gelassen hatte.“ Im -weiteren Verlaufe des ausführlichen Berichtes registriert das genannte -Blatt die Tatsache, daß nach meiner angedrohten Enthüllung -über die Diebstähle im Prager Rathause „in dem auf -den Korridoren angesammelten Publikum Bewegung entstand“. So? -</p> - -<p> -Solche Referate konnte das nationalsoziale „České slovo“ -durch Radikalismus nicht mehr übertrumpfen; damit es aber -doch in seinem Berichte mehr Stiefel habe, als die anderen -Blätter, schrieb Georg Střibrny, der damals noch nicht Abgeordneter -war, man habe die Stiefel hinausgetragen, in denen -ich steckte. -</p> - -<p> -Die Folgen meines Hinauswurfes spukten noch lange. Zuvörderst -veröffentlichte ein Mann, der davon lebt, daß andere -<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a> -sterben, ein Partezettelagent, in allen tschechischen Blättern eine -Erklärung: Er heiße zwar ähnlich wie ich, aber sei nicht mit -mir identisch. Ich kann dies vollinhaltlich bestätigen, und um -auch den Rest jeden Verdachtes von dem Herrn abzuwenden, -erkläre ich hiemit freiwillig, daß ich überhaupt nicht mit ihm -verwandt bin. Auf Ehrenwort. -</p> - -<p> -Der gute Mann war nicht der einzige, der sich meiner -schämte. Der „Večerní List“ veröffentlichte unter dem Titel „Sie -kann nichts für ihren Namen“ folgende Erklärung: „Herr Egon -Kisch, Redakteur der „Bohemia“, ist nicht, wie allgemein verlautet, -mein Neffe, und ich bin überhaupt nicht mit ihm verwandt. -Marie Kisch, Hausbesitzerin, Prag II, Zderasgasse.“ Der -„Čech“ reproduzierte diese harmlos scheinende Erklärung am -nächsten Morgen mit der Aufklärung, daß die Absenderin der -Zuschrift die Besitzerin eines verrufenen Hauses sei. Worauf dann -ein Weinberger Lokalblatt hämische Glossen darüber machte, -wieso gerade das klerikale Organ gewußt habe, daß das Haus -ein verrufenes sei. -</p> - -<p> -Ferner griff mich Abg. Myslivec im Parlamente an, und -die Abgeordneten sollen sich höchlichst darüber verwundert haben, -daß man sich auch unanständig benehmen könne. -</p> - -<p> -Der „Illustrovaný kurýr,“ eine Zeitung, die sonst hauptsächlich -Momentphotographien vom Augenblicke der Mordverübung -bringt, reproduzierte am 3. November mein Bild. Dabei -passierte dem Bildredakteur eine Verwechslung, die in den Annalen -dieser Zeitschrift gewiß nicht allzuhäufig ist. Er muß in -ein falsches Fach gegriffen haben, und — wie es der Zufall oft -will — es war wirklich mein Bild, das er erwischte und das -ins Blatt kam. Allerdings steht in dem Texte, daß ich ein sehr -mürrisches Gesicht mache. Aber gerade auf dieser Photographie -bin ich „bitte, recht freundlich“. -</p> - -<p> -Das Furchtbarste aber war: Es muß sich ein Ephialtes in -der Nation gefunden haben, denn über die Stadtverordnetensitzung, -aus der ich cum infamia exkludiert worden war, erschien -ein ausführlicher Bericht in den deutschen Blättern. Mit bangem -Grausen, von grenzenlosem Entsetzen gepackt, richtet der „Čech“ -an die Nation am 12. November die Gewissensfrage: „Wer hat -wohl dem aus dem Rathause hinausexpedierten Kisch mitgeteilt, -was im Stadtverordnetenkollegium vorgegangen ist?“ Und weiter: -<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a> -„Da ergibt sich eine Menge von Fragen und verdächtigen Umständen -...“ -</p> - -<p> -Auf diese „Menge von Fragen“ kam keine Antwort, diese -„verdächtigen Umstände“ erfuhren keine Aufhellung, und die -Berichte über das Rathaus erscheinen in den deutschen Blättern -auch weiter mit gebührender Ausführlichkeit. Von schwerwiegenden -Folgen war also mein Ausflug aus dem Rathaus für -mich nicht begleitet. Aber das ändert nichts an der Tatsache, -daß ich mich empörend benommen habe. Ich habe die damalige -Rathauswirtschaft beleidigt und einem Stadtverordneten einen -Rippenstoß versetzt. Wie leicht hätte ich ihn verletzen können! -Peccavi. -</p> - -<div class="centerpic end"> -<img src="images/end.jpg" alt="" /></div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="part-21"> -<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a> -Prager Ziehung -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">m</span> Ziehungssaale der Lotterie strömen alle die Gefühle zusammen, -die auf den Pawlatschen und in den Waschküchen, -auf dem Markte und in den Fabriken, bei den Planetenziehern -und bei den Kartenlegerinnen, in und vor den Kollekturen in -gewisperten Gesprächen des Aberglaubens und der Mystik zum -Vorschein kommen. Der Ziehungssaal der Lotterie ist vielleicht -der einzige Raum, in welchem eine Harmonie des Einzelempfindens -eine Massenstimmung bildet, die nicht das Produkt momentaner -Erregung ist. Die fremden Menschen, die sich hier drängen, -sind wohl, was die Herkunft, was den Charakter anlangt, von -einander grundverschieden. Herabgekommene, und solche sind -da, in deren Geschlecht seit Menschengedenken nur gerüchtweise -bekannt war, daß es irgendwo Wohlstand gebe. Die Gruppen sind -schwer zu unterscheiden — das Elend hat die Unterschiede ihrer Abstammung -verwischt, die Einleitungskapitel ihrer Lebensromane -sind mit freiem Auge nicht lesbar. Aber die laufenden Kapitel, -die ihres gegenwärtigen Seins, stehen deutlich in ihrer Anwesenheit, -ihren Blicken, ihren Gesten, ihren Worten, ihren Ausrufen -geschrieben. An allen diesen Menschen zerrt eine quälende -Unzufriedenheit mit ihrem Schicksal, in allen diesen Menschen -zuckt als einzige Hoffnung die Hoffnung auf den Zufallsgewinn, -aller dieser Menschen Glauben ist der Aberglauben. Ihr Handeln -beschränkt sich auf das Abreißen des Marginales an den Kollekturen, -auf das Auslegen von Spielkarten, Träumen, Erscheinungen -und Ereignissen, und auf deren Transponierung in -Ziffernwerte, auf den Ankauf von Riskonti und auf ihr Erscheinen -bei der öffentlichen Ziehung. Alle ihre Hoffnungen -heißen Terno und Ambo, Nominate und Extratto. -</p> - -<p> -Prag teilt mit sieben Hauptstädten Österreichs die Ehre, -der Schauplatz einer öffentlichen Lotterieziehung zu sein, einen -Sammelkanal für jene Wissenschaft des Unverstandes zu besitzen, -die sich unfruchtbar müht, die wirren und unzusammenhängenden -Traumgebilde mit nüchternen Ziffern und Zahlen auszudrücken, -die unklaren Wünsche und unklar ersehnten Schicksale ziffermäßig -<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a> -zu werten, und die exakteste und klarste Wissenschaft, -die Mathematik in den Dienst waghalsigen Aberglaubens zu -stellen. In dem an der Ecke der Ziegengasse und des Ziegenplatzes -stehenden Ärarpalaste, der die Berghauptmannschaft und -das Münzamt beherbergt, ist auch das Lottoamt untergebracht. -Alle vierzehn Tage — immer am Mittwoch — findet hier die -„Prager Ziehung“ statt, auf deren Ergebnis tausende und abertausende -aus allen Teilen des Reiches mit hoffender Zuversicht -harren. Die, die zur Ziehung kommen, sind gewissermaßen eine -Elite: Nicht alle jene, die ihr mühsam erworbenes Hab an -den Schaltern der Kollekturen entrichten, wissen, daß sie dabei -sein können, wenn sich ihr Los entscheidet. Aber die zur Ziehung -kommen, das sind die Gewohnheitsspieler, welche die staatliche -Kontrolle kontrollieren wollen, das sind die Vertreter des Verstandes -in diesem Reiche des Unverstandes, das sind die Menschen, -die alles von dem Moment der Ziehung erwarten und es nicht -erwarten können, bis die Kollektanten die fünf blauen Ziffern -an ihren Läden affichieren. -</p> - -<p> -Der Ziehungssaal steht im Hofe des Gebäudes. Schon um -halb 2 Uhr nachmittags bilden sich an den Ziehungstagen im -Hofe debattierende Gruppen. Weiber mit Kopftüchern sind da, -Burschen, denen man ansieht, daß sich der Großteil ihres Tagewerkes -auf die Pflege ihrer „šístky“, ihrer Sechserlocken, erstreckt, -dann die Typen der Prager Straßen, Bettler und Hausierer, -Halbidioten und Trunkenbolde. Sechs Wachleute halten hier -Dienst. -</p> - -<p> -Die Gespräche drehen sich durchwegs um Dinge, von denen -sich unsere Schulweisheit nichts träumen läßt. Die Debatten werden -zwar ernst und sachlich geführt, aber es kann eine Einigung -nicht erzielt werden, was wahrscheinlich darauf zurückzuführen -ist, daß weder Unterausschüsse noch Referentenkomitees eingesetzt -werden. Eine Gruppe wird gänzlich von der Frage beherrscht, -ob „Verhaftung“ die Ziffer 79 bedeutet, wie das eine der beiden -tschechischen Traumbücher besagt, oder die Ziffer 88 — die Ansicht -des anderen Traumbuches. Frau Kratochvil vom Obstmarkt -und Frau Lenovsky aus der Markthalle haben nämlich in der -Nacht von Sonntag auf Montag den gleichen Traum gehabt: -der Markthelfer Jaro Krejsa sei arretiert worden. Kaum hatte -sich in den Kreisen der Halledamen das Gerücht von dieser -<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a> -Duplizität der Träume herumgesprochen, als die Polizei wirklich -den Jaro Krejsa, diesen Lumpen, wegen Diebstahls verhaftete. -79 oder 88, das ist hier die Frage. -</p> - -<p> -Auch in einer anderen Gruppe sind Traumbücher aufgeschlagen. -Aber es handelt sich beileibe nicht um simple Traumdeutungen, -sondern um mathematisch-kabbalistisch-astrologische -Berechnungen höheren Grades. Das Traumbuch, das — so sagt -das Titelblatt — „von Madame Lenormand nach besten Quellen -und untrüglichen Erfahrungen altägyptischer Priester und persischer -Magier“ zusammengestellt ist, enthält auch eine Fülle von -tabellarischen Systemen und saturnalischen Quadraten, nach denen -die Amben und die Ternen zusammenzustellen sind. Die Grundlage -bilden die Ziffern, die bei den letzten Ziehungen in Brünn, -Wien, Innsbruck, Lemberg, Linz, Prag und Triest Treffer brachten. -Das sind die Intelligenzspieler. Sie verachten und belächeln -jene Lotteriespieler, die ihr Glück dem Zufall anvertrauen, die -sich von den an den Kollekturen ausgehängten Marginalenummern, -den sogenannten „trhačky“ (Abreißzetteln), einen beliebigen -auswählen oder gar sich willenlos der Prophezeiung des Kollektanten -unterwerfen, indem sie einfach die Ziffern setzen, die auf -einer schwarzen Tafel im Innern der Kollektur als besonders -empfehlenswert aufgeschrieben sind und „Kabbala“ genannt -werden. -</p> - -<p> -Die Gruppe der verachtenden Intelligenzspieler wird wieder -von einer Gruppe verachtet, die über alle anderen erhaben ist. -Nicht bloß, weil sie die drei Stufen besetzt hält, die zu dem -Saaleingang führen, sondern weil sie alle die Manipulationen -und Berechnungen als hellen Unsinn erkennen. -</p> - -<p> -„Die blöden Weiber,“ sagt der eine, der mit höhnischem -Lächeln ein Gespräch der benachbarten Weibergruppe zugehört -hat, „sie glauben, daß man die Einer der bei der letzten Ziehung -herausgekommenen Zahlen zur ersten Ziffer addieren muß. -<em>Subtrahieren</em> muß man sie.“ -</p> - -<p> -Diese Übergescheiten spielen auf Sieg und nicht wie die -anderen auf Platz. In der Prager Lotteriesprache heißt dieser -Turfausdruck „Na Ruf“ und bedeutet, daß die gesetzte Ziffer an -eine bestimmte Stelle, z. B. als dritte, gezogen und ausgerufen -werden muß. Sie können sich diese Vorausbestimmung schon -leisten, denn nach ihren präzisen Berechnungen müssen sie ja -<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a> -gewinnen. Sie sind auch gar nicht aufgeregt und spötteln über -die Aufregung der anderen. Wenn man sie aber fragen wollte, -warum sie denn dann hierhergekommen seien und warum sie -sich unmittelbar an der Türe anstellten, dann würden sie wohl -die Antwort schuldig bleiben. -</p> - -<p> -Vom Turme der Jakobskirche tönen zwei Glockenschläge. -Alles drängt sich zur gläsernen Eingangstüre, durch die jetzt im -Innern des Saales der Amtsdiener sichtbar wird. Der sperrt -die Türe auf und alles strömt in den Ziehungssaal. -</p> - -<p> -Wie im Hofe, so stehen auch im Ziehungssaale Polizisten, -Acht an der Zahl. Vier von ihnen bilden an der kaum acht -Meter langen Barriere, welche den für das Publikum reservierten -Raum der Breite nach abgrenzt, einen Kordon. Reelle Geschäfte -pflegen im allgemeinen polizeilichen Schutzes nicht zu bedürfen. -Aber das macht die Leute nicht stutzig, die sich durch die Türe -aus dem Hofe in den Saal ergießen. -</p> - -<p> -Die Wachleute sind nicht die einzige Sicherheitsvorkehrung, -durch die sich das Lottoamt vor seinen Kundschaften schützt. Die -Distanz wird gewahrt. Zwischen der Barriere und dem Podium -ist ein etwa zwei Meter breiter Zwischenraum und längs des -Podiums zieht sich neuerlich ein Geländer. -</p> - -<p> -Überdies bemüht sich die Verwaltung, durch Beobachtung -allerhand strenger Kautelen darzutun, daß das Lotto schon an -sich ein so lukratives Geschäft ist, daß es nicht auch zu seiner -Durchführung einer Düpierung des Publikums oder gar eines -Schwindels bedarf. Als noch das alte Lottoamt bestand, war -das Podium sehr erhöht und das Publikum konnte den Beamten -nicht genau kontrollieren. Da gab es denn arge Verdächtigungen. -</p> - -<p> -„Aha! Seht Ihr den Kerl? Die richtigen Nummern legt -er auf den Tisch und seine eigenen Nummern gibt er in die -Kapseln!“ -</p> - -<p> -Solche und ähnliche Rufe wurden gegen den Finanzrat -laut, der oben am Tische saß. Überhaupt das alte Lottoamt! -Die bejahrten Kundschaften Frau Fortunas wissen davon sehr -viel übles zu berichten. Damals war noch der „langnasige Hausmeister“. -War das ein Lumpenkerl! Der drehte und drehte -das Glücksrad wie er es brauchte. Wenn er achtmal drehte, -dann kamen die kleinen Nummern heraus, wenn er siebenmal -drehte, die großen. -</p> - -<p> -<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a> -Und erst die Waisenknaben! Das waren ausgesuchte -Lausbuben. Die hatten die Nummern schon im Gefühl und wer -sie am besten bezahlte, dem taten sie den Gefallen und zogen -sein Terno. -</p> - -<p> -Ja, und die Soldaten! Das war auch ein Schwindel. -Früher bildeten nämlich Soldaten das Spalier an der Barriere. -Wenn nun die Herren vom Lottoamt wollten, dann bestellten -sie sich die Jäger, die kleinen Soldaten. Natürlich wurden dann -immer die kleinen Nummern gezogen. Aber wenn man die -Ziehung großer Nummern beabsichtigte, dann bestellte man die -größten Soldaten vom Infanterieregiment Teuchert-Kauffmann, -daß diese das Herz der mannstollen Frau Fortuna beeinflussen -mögen. War es da nicht berechtigt, daß man die 88er-Infanteristen -mit unverhohlenem Unwillen empfing, wenn man gerade die -kleinen Nummern gesetzt hatte? -</p> - -<p> -Heute ist’s anders. Es kommen keine Soldaten mehr, -sondern Wachleute, der langnasige Hausmeister ist einem Amtsdiener -mit einer indifferenten Nase gewichen und das Podium -ist so niedrig, daß man den Beamten gehörig auf die Finger -schauen kann. An dem Tische auf dem Podium sitzen drei Beamte. -Einer in Uniform, zwei in Zivil. Der eine sitzt in der Mitte des -Tisches, sein Gesicht ist dem Publikum zugewendet. Die beiden -anderen sitzen zu seinen Seiten und zeigen dem Publikum nur -ihr Profil. Einer von ihnen hat eine Kassette vor sich, in der -die <a id="corr-31"></a>Nummern 1 bis 90 fein säuberlich geordnet liegen. Er entnimmt -die erste Nummer und reicht sie einem vierten Beamten, -dem Assistenten, der — mit dem Rücken zum Publikum gekehrt -— bei dem Tische steht. Der Assistent steckt den Zettel zunächst -dem uniformierten Beisitzer zu, der diesen mit ostentativ scharfen -Blick betrachtet. Dann reicht der Assistent den Zettel dem in -der Mitte des Tisches sitzenden Finanzrat und verkündet dabei laut: -</p> - -<p> -„Jedna — Eins.“ -</p> - -<p> -Der Finanzrat kontrolliert neuerlich, ob sich der Inhalt des -Papierstreifens mit der ausgerufenen Nummer deckt, und legt -dann den Zettel in eine hagebuttenähnliche Holzkapsel. Diese -Hülse schraubt er mit feierlicher Langsamkeit zu und wirft sie -dann in das zu seiner Rechten stehende Glücksrad, dessen Seitenwände -aus Glas sind und so den kritischen und mißtrauischen -<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a> -Beobachtern den Einblick in das Innere gewähren. Glück -und Glas. -</p> - -<p> -Mit den nächsten Nummern geht es ebenso. Die einzelnen -Ziffern werden von den Stammgästen mit allerhand Glossen und -Reminiszenzen begleitet. Jeder der Beteiligten konstatiert mit -Befriedigung, daß auch seine Nummer der Glastrommel einverleibt -wurde: Der erste Schritt zum Terno ist getan. Manche -stoßen, wenn die Ziffer ihres Extratos in das Glücksrad geworfen -wird, inbrünstige Wünsche aus. Die Nennung der Zahlen 79 und -88, die durch die Verhaftung des Markthelfers Jaro Krejsa besondere -Aktualität gewonnen haben und im Vordergrunde des -Interesses stehen, wird allseitig mit beifälligem Gemurmel begrüßt. -Der Zettelvorrat in der Kassette des Beamten nimmt zusehends -ab, was sich von der Aufregung im Zuschauerraum nicht behaupten -läßt. Im Gegenteil. Sie steigt mit der Höhe der verkündeten -Ziffern. -</p> - -<p> -„Hned bude neunzig,“ prophezeit Frau Lenovsky. -</p> - -<p> -Sie hat recht. Bald ruft der Assistent die „Neunzig“ aus -und das Glücksrad wird verschlossen. Der Amtsdiener schnallt -einen Riemen um den Messingmantel des Glücksrades. Einer -der beiden Waisenknaben, die bislang unbeachtet in einer Ecke -des Podiums saßen, steigt auf den Stuhl, der zwischen dem Rat -und dem Rad steht. Auf einen Wink des Finanzrates beginnt -der Diener die Kurbel der Glastrommel zu drehen. Einigemale -nach rechts, einigemale nach links. Die hölzernen Hagebutten -springen klappernd in ihrem gläsernen Palaste hoch empor und -hopsen lustig durcheinander, als ob sie nicht wüßten, daß sich -an sie ein verzehrendes Hoffen und Sehnen der Leute da unten -knüpfe. Und wieder ein Wink des Finanzrates. Es klingelt, und -das Rad steht still. Ein Fensterchen in der Messingwand des -Glücksrades wird geöffnet. Der Waisenknabe streckt seinen -rechten Arm in die Höhe. Der rechte Ärmel seines grauen -Zwilchmantels, den er soeben anstelle seines Rockes angezogen -hat, ist bei der Schulter abgeschnitten, das Hemd hinaufgeschlagen, -so daß der Arm nackt ist. Der Bub streckt die Finger der Hand -von sich, damit man sehe, daß er auch hier nichts verborgen -habe. Er macht das ganz putzig und lächelt dazu. -</p> - -<p> -„Ein entzückender Junge,“ registriert Frau Lenovsky, „und -was er für zarte Fingerchen hat. Der zieht sicher etwas gutes.“ -</p> - -<p> -<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a> -Inzwischen hat der also Belobte seinen Arm in Fortunas -Rad versenkt, eines der hölzernen Futterale herausgezogen und -es einem Mitgliede des Beamtenquartetts gereicht, der die Hülse -auseinanderschraubt, den Papierstreifen herausnimmt, entfaltet, -betrachtet und dann seinen Kollegen reicht. Einer von diesen -schreibt die gezogene Nummer ins Protokoll und der Assistent -ruft in tschechischer und deutscher Sprache in die atemlose Stille -hinein: -</p> - -<p> -„Erster Ausruf: Vier.“ -</p> - -<p> -Im Nu weicht die Ruhe einem Gemurmel des Entsetzens. -Von den verehrten Festgästen hat gerade auf „vier“ niemand -gesetzt, wie sich aus den Mienen der Enttäuschung und den Ausrufen -der Bestürzung erkennen läßt. Ein Marktweib findet die -Lösung des Rätsels, wieso gerade der Vierer gezogen wurde: -</p> - -<p> -„Weil sie den Jaro Krejsa in den Vierer gebracht haben!“ -</p> - -<p> -Der „Vierer“ wird im Volksmunde das Departement IV -der Polizeidirektion, das Sicherheitsbureau, genannt. Wie Schuppen -fällt es von der Leute Augen. Daß man daran gar nicht gedacht -habe! Jaros Verhaftung hatte weder 79, noch 88 zu bedeuten, -sondern 4. Natürlich! -</p> - -<p> -„Vielleicht wird noch außerdem die Neunundsiebzig gezogen.“ -An diese Hoffnung versucht sich eine Dame der Halle zu klammern. -Aber die alten Stammgäste der „Tante Lotty“ belehren sie eines -besseren. -</p> - -<p> -„Wenn einmal eine kleine Nummer gezogen worden ist, -dann kommen lauter kleine Nummern.“ -</p> - -<p> -Der Assistent hat unmittelbar nach seinem Ausrufe den -gezogenen Zettel in die Menge geworfen. Ein junger Lebemann -von der Podskaler Wasserkante hat ihn erhascht und diesen Talisman -eingesteckt. Das nächstemal wird er auf „vier“ setzen. -</p> - -<p> -Die Prozedur wiederholt sich. Beim zweiten Ausruf wird -die Ziffer „81“ gezogen, was nicht ganz dem prophetischen -Ausspruche entspricht, daß heute nur kleine Nummern gezogen -würden. Aber auf dieses Nichteintreffen der Prophezeihung ist -die Erregung der Gemüter nicht zurückzuführen, die sich nach -jedem Ausruf des Assistenten in den Ausrufen des Publikums -Luft macht. Die verlesenen Zettel werden abwechselnd in den -rechtsstehenden und in den linksstehenden Teil des Publikums -und in dessen Mitte geworfen. Die Papierstreifen sind das -<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a> -einzige, was Frau Fortuna ihren Bewerbern aus dem Füllhorn -beschert ... Der Verkündung der letzten Nummer ist ein -besonderer Sturm der Entrüstung gefolgt. Keiner der Harrenden -hat gewonnen. Was nützt es, wenn von den drei Nummern, -welche jene Frau gesetzt hat, eine gezogen wurde? Erst zwei -gezogene Nummern des Ternos, erst zwei gezogene Nummern -des Ambosolos bedeuten einen Gewinn. Was nützt es, wenn -jenem Burschen die Ziffern eines Extratos in verkehrter Reihenfolge -herausgekommen sind? Mit Unwillen werden die Marginalzettel, -diese Dokumente trügerischer Träume und falscher -Deutungen, in kleine Stücke zerrissen. -</p> - -<p> -„Seht Ihr den Galgenvogel,“ kreischt Frau Lenovsky den -Waisenknaben an, den sie vorher nicht genug zu loben wußte, -und der sich jetzt mit knabenhaftem Lächeln wieder seinen Rock -statt des ärmellosen Amtskittels anzieht. „Seht Ihr den Lumpenkerl, -den Wechselbalg. Seht Ihr die Diebsfinger? Zum Stehlen, -da taugt er. Aber zu etwas Anständigem? Gott weiß, wer sein -Vater war!“ -</p> - -<p> -Das Unglücksrad wird versiegelt. Der Saal leert sich. Die -Kollektanten eilen in ihre Geschäfte, um dort die fünf roten -Ziffern auszuhängen, welche heute ausgelost worden sind. Noch -früher aber als die Kollektanten sind in deren Geschäften die -Leute, die jetzt ihr Glück den blauen Ziffern von Brünn anvertrauen. -Die Hyperklugen aber eilen in besondere Kollekturen, -in jene in der Wassergasse, in der Myslikgasse, auf dem Petersplatz -und in der Schalengasse, wo man nicht bloß auf die -blauen und roten Gewinnziffern, sondern auch auf die goldenen -der Wiener Ziehung, auf die schwarzen von Linz und Triest und -auf die grünen von Graz setzen kann. -</p> - -<p> -Sie werden auch dort den großen Reichtum nicht erringen, -trotz aller ihrer geometrisch-astrologisch-okkultistisch-kabbalistisch-kryptographisch-arithmetischen -Kombinationen. Grau, teurer -Freund, ist alle Theorie. Und graue Gewinnziffern gibt es nicht. -</p> - -<div class="centerpic end"> -<img src="images/end.jpg" alt="" /></div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="part-22"> -<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a> -Die Irren -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">S</span><span class="postfirstchar">ie</span> gehen umher und laufen, sie drängen sich auf den Gängen, -sie stehen in Gruppen beisammen oder schauen aus den -Fenstern in den beschneiten Garten hinunter, den fünf Gassen -der Oberen Neustadt begrenzen. Der eine raucht eine Zigarette, -ein anderer hält seine Pfeife, ein dritter die Zigarre im Mund. -Der eine trägt die graue Anstaltskleidung, der zweite einen -schwarzen Gehrock, der dritte einen tadellosen grauen Straßenanzug. -Hier springt mit wirrem Lallen, gesenktem Kopf, roten -Augen und schlenkernden Armen ein Patient vorüber, dort im -offenen Zimmer spielen zwei ruhige Männer eine Partie Schach -— brillante Spieler, sagt der Arzt. -</p> - -<p> -Ein Herr reicht dem Arzt den Aufnahmsbogen eines neuen -Patienten. Das Nationale und die Anamnese sind aus dem tschechischen -Rapport eines Polizeiarztes ins Deutsche übertragen und -fein säuberlich mit Schreibmaschine geschrieben. Der Arzt vergleicht -den Akt mit dem Polizeirapport, der Überreicher steht -wartend. „Auch ein Kranker,“ sagt der Arzt französisch zu mir. -</p> - -<p> -Ich sehe mir den Mann an. Er ist behäbig, sehr sorgfältig -gekleidet, und hat einen wohlgepflegten grauen Schnurrbart. -Er geht weg, und der Arzt sagt zu mir: „Der Mann hat vor -einigen Jahren einen Prager Stadtverordneten aus Rache auf -der Straße erschossen. Das Verfahren wurde eingestellt, da sich -herausstellte, daß der Mörder unzurechnungsfähig war. Jetzt -versieht er bei uns Kanzlistendienste. Die Übersetzung des tschechischen -Polizeirapports und die Übertragung auf der Schreibmaschine -hat er selbst besorgt.“ Ich erinnere mich genau an den -Mord, der in Prag beispielloses Aufsehen hervorgerufen hat. Der -Mann, der geglaubt hatte, von dem Stadtverordneten verfolgt -zu sein, hatte zuerst in den Zeitungen gegen ihn geschrieben, -und schließlich war sein Haß so furchtbar ins Krankhafte gewachsen, -daß er dem Feinde auflauerte und ihn erschoß. Und -jetzt sieht der Mann so ruhig, äußerlich und innerlich so ausgeglichen -aus. -</p> - -<p> -<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a> -Ein zweiter Patient: Doctor juris. Auch sein Name ist mir -geläufig. Er hat vor einigen Jahren an dem studentischen Leben -Prags regen Anteil genommen. Er spricht mit meinem Begleiter. -</p> - -<p> -„Nun, Herr Doktor, sind Sie schon zu meiner Überzeugung -gelangt, daß Ihre Diagnose falsch ist?“ -</p> - -<p> -Es entspinnt sich ein Gespräch, in dessen Verlauf sich der -Jurist als Fachmann auf psychiatrischem Gebiet entpuppt. Er ist -hierher gebracht worden, weil er in Intervallen von etwa zwei -Jahren gefährliche Anfälle bekommt; er ist überzeugt, daß er -mit Unrecht in der Irrenanstalt zurückgehalten wird: -</p> - -<p> -„Ich tröste mich aber. Auch Christus würde heutzutage -nicht mehr gekreuzigt werden; seine Widersacher würden ihn -ins Irrenhaus sperren.“ -</p> - -<p> -Ein dritter Patient: hochelegant, brauner Straßenanzug von -englischem Schnitt, linierter Scheitel. Über dem rechten Auge -trägt er eine schwarze Binde. Er hat in Teplitz eine Kellnerin -erschossen und sich selbst durch einen Revolverschuß ins Auge -verletzt. Sein Vater ist Rektor in einer Stadt in Deutschland; -er will von dem entarteten Sohn nichts wissen. Der junge Mann -ist der Freund des internierten Doktors. Die beiden Geisteskranken -sind Meister im Schachspiel, diesem Spiel, das die größte -Anspannung geistiger Kräfte verlangt. -</p> - -<p> -Von einem anderen Patienten, einem Dégénéré supérieur, -der früher Photograph war, und mit Josef Kainz in regem Verkehr -stand, liegt mir eine Reihe herrlicher Gedichte vor, die er -einem der klinischen Ärzte eingehändigt hat und die seine -Stimmung in der Irrenanstalt schildern. Aus einem Sonettenzyklus -„Die Irren“ sei folgendes Gedicht hier veröffentlicht: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„Dann sterben sie in weißgetünchten Zellen</p> - <p class="verse">Noch einmal, da sie lange schon gestorben,</p> - <p class="verse">So wie die grüne Frucht, die früh verdorben</p> - <p class="verse">Sich noch vom Baume löst, um zu zerschellen.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Vielleicht ist ihnen mancher Wunsch geworden,</p> - <p class="verse">Eh’ sie die fahlen Augen endlich schließen:</p> - <p class="verse">Ein süßes, schwelgerisches Traumgenießen</p> - <p class="verse">Und Kampfgetön, wie ferner Wind von Norden.</p> - </div> - <div class="stanza"> -<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a> - <p class="verse">Sie schwinden dann, wie Glocken, die zerschlagen,</p> - <p class="verse">Weil die metallne Mischung einst mißlungen,</p> - <p class="verse">Da ihre Hüter in der Schenke lagen.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">In Harmonien und in Dämmerungen</p> - <p class="verse">Von neuem Blühen und von neuen Tagen</p> - <p class="verse">Ruht still ihr Staub, zu bess’rem Sein gezwungen.“</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Der Dichter, der dieses singt, ist schwer krank. Er hat seine -Mutter töten wollen, weil er ihre Not nicht mehr mit ansehen -konnte. Man denkt wieder an Lombroso: Genio e follia. -</p> - -<p> -Er ist nicht das einzige künstlerische Genie in der Irrenanstalt. -Drüben in der Frauenabteilung sitzt ein hübsches, braunes -Mädel beim Fenster, und zeichnet mit Bleistift das deutsche naturwissenschaftliche -Institut. Ich beginne mit ihr ein Gespräch. Aber -die Kleine ist schnippisch; es ist eine äußerliche Keckheit, die -innere Zagheit und Schwäche verbergen will. Das Mädchen -will mir seine Zeichnung nicht zeigen. -</p> - -<p> -„Sie verstehen ja doch nichts davon,“ lacht es. -</p> - -<p> -Erst als der Doktor um das Bild ersucht, zeigt die Kranke -es her. Es ist mit natürlichem Geschick gemalt, viel Strichtechnik -ist darin zu sehen, und der gute Blick der Zeichnerin ist unverkennbar. -Das Mädchen befaßt sich viel mit Kunstgeschichte: früher -war Manes, jetzt ist Aleš ihr Lieblingsmaler. Die junge Malerin -ist früher Köchin gewesen; der Tadel über eine mißlungene -Speise versetzte sie in Paroxysmus, sie entlief ihrer Herrschaft, -wollte sich ins Wasser stürzen, flüchtete dann in die Wälder der -Umgebung Prags und lief dort einige Tage umher, ohne zu -essen oder zu trinken. Entkräftet lag sie im Wald, als man sie -fand. Jetzt sieht sie gut aus, und malt. — Wir treten wieder -auf den Gang hinaus. -</p> - -<p> -„Herr X.,“ ruft der Arzt einen Mann an. -</p> - -<p> -Der kommt herbei. „Wie geht’s?,“ fragt ihn der Doktor. -</p> - -<p> -„Danke, jetzt hab’ ich ja wieder ein neues Ministerium -zusammengestellt. Sie setzen jetzt in den Zeitungen einen römischen -Dreier zu meinem Namen. Na, wir werden ja sehen, -wie’s gehen wird.“ -</p> - -<p> -Der Mann, der herbeigekommen war, als der Arzt seinen -wirklichen Namen rief, glaubt Bienerth zu sein. Die Politik ist -dem Armen zu Kopf gestiegen. -</p> - -<p> -<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a> -Wir treten in ein Krankenzimmer. Ein alter Patient -kommt auf uns zu, und bittet ehrerbietig, ein Theaterstück aufsagen -zu dürfen. Und nun spricht er den Puppenspieler-Faust, -die Stimme variierend, wenn neue Personen auftreten. Er erzählt -von den Taten des Doktor Faust, von seiner Geistesbeschwörung -und der Verschreibung seiner Seele an den Teufel, und von den -Wunderdingen, die er am Hofe des Kaisers vollbracht habe. Er -erzählt — bis wir ihm Einhalt gebieten. Ob er noch etwas -tanzen dürfe, fragt er bescheiden. So tanzt er denn, und hopst -im Zimmer herum. Die anderen Patienten betrachten seine -Sprünge kaum, so wie sie früher nicht auf seine Rezitation geachtet -haben. Sie kennen diese letzten Reste der Kunst, die der -Alte — ein ehemaliger Marionettenspieler und Schaubudenbesitzer -— aus dem einstigen Beruf in seine Krankheitszeit -hinübergerettet hat. -</p> - -<p> -Wir müssen noch eine andere Vorstellung über uns ergehen -lassen. Ein Irrsinniger, der nicht sprechen, sondern nur -unverständliche Laute zu stammeln vermag, hängt einen Hampelmann -an einen Schrank, umhüllt sich und einen anderen stummen -Irren mit einem Laken, schlägt mit einem Löffel dreimal an ein -Wasserglas, und beginnt nun vor dem Hampelmann verzückte -Tänze und Körperschwingen zu exekutieren. Er singt dabei in -eintönigem Rhythmus irgendwelche Worte. Sein Genosse, der -überhaupt sein willenloses Werkzeug ist, hat nur die Aufgabe, -die Bewegungen zu kopieren, und tut es mit einem dumpf-begeisterten -Lachen. Was aber in dem Innern des Protagonisten -vorgeht, des Irren, dem die Anbetung des Hampelmannes etwas -Primäres ist — wer weiß das zu sagen. -</p> - -<p> -Noch trübere Bilder: Ein Kranker steht gebückt in seinem -Bett und starrt aus dem Fenster hinaus ins Leere. Eine Woche -steht er schon so da, und selbst wenn man ihm Speise einflößt, -schaut er aus dem Fenster hinaus in jene Richtung, in der sein -Sehnsuchtsland liegt. -</p> - -<p> -Ein ganz kleiner Junge, der sehr, sehr schwer krank ist, -treibt in einem Krankenzimmer seine Possen. Er ist der Liebling -seiner alten Zimmerkollegen, und sie vollführen alle seine Wünsche. -Der Kleine ist ein Adeliger, der Enkel eines Hofrates, der früher -in Österreich eine nicht unbeträchtliche Rolle gespielt hat. Die -<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a> -Töchter des Hofrates sind tief gesunken, der kleine Enkel kam -zunächst ins Waisenhaus und dann hierher. -</p> - -<p> -Dort im Bette in der Ecke verstummt plötzlich das Röcheln, -das bislang hörbar war. Der Arzt geht hin und leuchtet dem -wachsbleichen Mann unter das Augenlid. Die Irren sammeln sich -rings um das Bett und stieren auf den Alten. „Exitus,“ konstatiert -der Arzt leise. -</p> - -<div class="centerpic end"> -<img src="images/end.jpg" alt="" /></div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="part-23"> -<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a> -Volksküchen -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">H</span><span class="postfirstchar">iemit</span> will ich einige grundlegende Details über Prager Volksküchen -veröffentlichen, auf daß sich der geneigte Leser, der -— bei der gegenwärtigen Nahrungsmittelteuerung kann man -nicht wissen! — dort Stammgast werden will, nicht so blamiere, -wie ich bei meinem ersten Besuche. So habe ich zum Beispiel -in der Straße, in der sich die Volksküche befindet, eine Gruppe -von Verwahrlosten danach gefragt, wo die Volksküche sei. Da -musterte der eine meinen derangierten Anzug, und weil er sich -nicht vorstellen konnte, daß ich Lump zum erstenmale den Weg -in das Volksrestaurant gehe, und es mit meiner Frage ernst meine, -so lachte er: -</p> - -<p> -„Wenn du nicht weißt, wo die Volksküche ist, so kannst -du ja ins Hotel „Blauer Stern“ essen gehen. Das ist am Graben.“ -Und ein wüstes Gegröhle der anderen lohnte den Witzbold und -verhöhnte mich. -</p> - -<p> -Ich fand aber den Eingang zur Volksküche doch, und -drängte mich am Schalter. Dort hatte ich Gelegenheit, mich zum -zweitenmale zu blamieren. -</p> - -<p> -„Was kostet eine Suppe?“ fragte ich einen Burschen, der -sich neben mir drängte. -</p> - -<p> -„Zwei,“ antwortete der Lakonier. -</p> - -<p> -„Zwei Sechser?“, fragte ich weiter. -</p> - -<p> -„Sag gleich zwei Gulden,“ brummte der Gefragte. Dabei -maß er mich mit einem Blick, in dem sich die Verachtung über -die Unbildung eines Menschen, der nicht weiß, daß eine Suppe -zwei Kreuzer koste, mit dem Verdachte paarte, daß ich ihn -uzen wolle. -</p> - -<p> -Vor solchen Blamagen will ich den geschätzten Leser bewahren, -und so sei hier ein kurzes Vademekum für Volksküchenbesucher -publiziert. -</p> - -<p> -<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a> -Es gibt in Prag sechs Volksküchen, die vom Volksküchenverein -unterhalten werden: Für die Alt- und Josefstadt in der -Gemeindehofgasse, für die Untere Neustadt in der Petersgasse, -für den Wyschehrad in der Wratislawgasse, für die Kleinseite auf -dem Malteserplatz, und je eine für Holleschowitz und für Lieben. -Die Ausgaben in sämtlichen Küchen betrugen im vergangenen -Jahre 49.059 Kronen 34 Heller. Diesen steht als Einnahme die -Bezahlung der Speisen im Betrage von 35.518 Kronen 80 Heller -gegenüber, so daß in den Küchen ein Defizit von 13.540 Kronen -54 Heller bestand und diese mit einem Schaden von 38 Prozent -arbeiten. -</p> - -<p> -Ich selbst pflege in den letzten neunundzwanzig Tagen -jeden Monates sehr häufig die Volksküche für die Alt- und -Josefstadt zu frequentieren, und von den 122.298 Portionen -Suppe à 4 Heller, von den 111.026 Portionen Mehlspeisen -à 12 Heller, die im Vorjahre in dieser Speisehalle zur Ausgabe -gelangten, habe ich meinen geziemenden Teil verzehrt. -</p> - -<p> -In einem der neuen Häuser, die auf der dem Gemeindehofe -gegenüberliegenden Rampe stehen, ist sie untergebracht, in -einem Parterrelokale — anscheinend zwei Geschäftsräume, die -vereinigt wurden. Auf den glatten Schamotteziegeln, mit denen -der Fußboden belegt ist, lagert allmittäglich dicker Kot, denn die -Gäste sind von weither gewandert, und sie reinigen ihre Stiefel -vor dem Eintritt in das Etablissement nicht. Der Türe gegenüber -ist der Schalter zur Speisenausgabe. Die Hungrigen drängen sich -in langer Queue. Ihr Geld halten die meisten abgezählt in der -Hand, denn wer sich zulange am Schalter zu schaffen macht, -wird unbarmherzig zur Seite geschoben. Die wenigsten bestellen -ein ganzes Menu, denn dreißig Heller sind viel Geld. Die meisten -verlangen nur eine Suppe, das billigste in diesem Restaurant. -Vier Heller hat jeder. Manche nehmen zwei Suppenportionen, -mancher nimmt zur Suppe eine Mehlspeise. Fleisch ist wenig -und teuer, und so sind die Gäste der Volksküche größtenteils -unfreiwillige Vegetarianer. Die Küchenverwalterin Frau Schepkes -nimmt die Bestellungen und die Bezahlungen entgegen, und -reicht die verlangten Speisen. Aus einem Holzkistchen, das am -Schalterbrett steht, nimmt sich jedermann einen Zinnlöffel. Auch -Messer und Gabel sind darin. Aber dessen bedürfen die wenigsten, -da sie ja kein Fleisch kaufen, und man die Mehlspeise mit -<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a> -der Hand zum Munde führen kann. Tafelzeremoniell und Tischetikette -gibts hier nicht. -</p> - -<p> -Jeder trägt sich seine Speisen selbst auf seinen Platz. Im -Saale stehen dreizehn Tische, drei links, zehn rechts vom Eingang. -Sie sind so schmal, das an ihren Breitseiten kein Sessel -steht — es wäre kein Raum für die Schüsseln einer hier sitzenden -Person. An der Längsseite jedes Tisches läßt eine etwa einen -Meter lange Bank für zwei Esser Platz. Aber das genügt nicht -für die Schar der Kostgänger, es müssen sich mehrere aneinanderdrängen, -und außerdem sitzen an jeder Ecke des Tisches -vier Leute halb auf der Bank und halb in der Luft. -</p> - -<p> -Gegen ¼1 Uhr mittags faßt ein Polizist im Saale Posto. -Aber er hat nur eine Ordnerfunktion, ist nur zur Hintanhaltung -eventueller Exzesse da. Nach Vagabunden und Revertenten -fahndet er hier nicht — dieser Zufluchtsort der Hungernden -scheint stillschweigend als eine Art exterritorialen Bodens betrachtet -zu werden. Beim Eintritte des Wachmannes ist ein -hünenhaft gebauter Bursche, in Kleidung, Frisur und Blick der -Typus des Prager „Pepiks“, krampfhaft zusammengezuckt. Dann -schiebt er den Suppennapf, den er vor sich stehen hat, bedeutend -nach links, damit er beim Essen sein Gesicht von dem Polizisten -abwenden kann. Wohl nicht aus Abneigung gegen den Hüter -des Gesetzes, sondern er scheint eher seit seiner letzten Beichte -vor dem Strafrichter eine neue Sünde auf sich geladen zu haben. -Aber bald fühlt unser Freund, daß der schlenkernde Blick des -Mannes mit der Hahnenfeder auf ihm haften bleibt. So wendet -er sich dem Wachmann zu. Aber der nickt nur lächelnd. Und -Pepik erwidert mit freundlichem Lächeln den Blick. Nach -einer Viertelstunde verläßt der Hüter des Gesetzes wieder -den Saal. -</p> - -<p> -„Diesem Kerl habe ich einmal vor „Reismann“ (das bekannte -Tanzlokal in der Kastulusgasse) den Rüssel zerschlagen,“ konstatiert -jetzt der Bursche laut. Lebhafte Heiterkeit, beifällige -Zurufe. -</p> - -<p> -„Und wieviel haben sie dir dafür gegeben?“ forscht ein -Gründlicher. -</p> - -<p> -„Sechs Wochen. Wegen öffentlicher Gewalttätigkeit. Während -es doch eine rein private Angelegenheit zwischen mir und -ihm war.“ Neuerliches Halloh. -</p> - -<p> -<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a> -Ein etwa vierzehnjähriger Bursch im blauen Arbeitshemd, -der mit dem Wortführer am selben Tisch sitzt, ist vielleicht der -einzige, der dem Gespräch nicht zugehört hat und der in das -Beifallslachen nicht einstimmt. Er hat das schwarze Heftchen -einer tschechischen Kriminalbibliothek aufgeschlagen vor sich -liegen, und während er mit der rechten Hand den Löffel mit -Suppe mechanisch zum Munde führt, blättert er mit der -linken die Seiten um, deren Inhalt seine glänzenden Augen -verschlingen. Was rings um ihn vorgeht, weiß er nicht, er -hat die Erzählung des Renkontres von „Reismann“ nicht gehört. -Der Junge, der hier die ungesunde Nahrung der geistigen Volksküchen -verschlingt, der träumt wahrscheinlich davon, auch einst -ein berühmter Räuber zu werden, wie der Betyare Rosza -Sandor war. Und wird doch nur ein Pepik werden, wie sein -Nachbar. -</p> - -<p> -Es sind noch jüngere Burschen da. Schulkinder, deren -Eltern in der Arbeit sind und die sich um achtzehn Heller ihr -Mittagsbrot kaufen. Sie verschlingen gierig die stark gezwiebelte -Graupensuppe und den Mohnkuchen — ihre einzige Nahrung -bis zum Abend, vielleicht bis zum nächsten Mittag. -</p> - -<p> -An Greisen fehlt es nicht im Raume. Altersschwache, -müde Männer, denen vielleicht sogar der Weg vom gegenüberliegenden -Gemeindehof lang und beschwerlich war. Daß sie -von dort kommen, sieht man an ihrer Mütze, die das Stadtwappen -trägt. Straßenkehrer sind sie, sieche Angehörige Prags, -die eben nur zu einer ganz belanglosen Beschäftigung taugen: -Zur Straßenreinigung von Prag. -</p> - -<p> -Ein greiser Bettler wankt gebückt vom Schalter zu einem -Tisch. Mit der rechten Hand stützt er den Stock auf, in der -heftig zitternden Linken trägt er den Suppennapf, aus dem -die heiße Flüssigkeit auf die Erde spritzt. Die Hälfte des Inhaltes -ist verschüttet, als sich der Alte endlich niedergelassen hat. -Jetzt hebt er mit seiner zuckenden Hand den Löffel, aber auf -dem Wege vom Teller zum Munde geht wieder ein beträchtlicher -Teil der Nahrung verloren. Und schmerzvoll bedauernd -starrt der Alte auf die kleinen Lachen, die das teure Naß auf -dem ungedeckten Tisch und auf dem Boden bildet. -</p> - -<p> -Das Mädchen, das von Zeit zu Zeit die leeren Teller und -Bestecke von den Tischen räumt, kommt auch zu mir und -<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a> -nimmt, da sie mich nicht mehr essen sieht, meinen Suppennapf -weg. Aber kaum hat sie hineingesehen, so stellt sie mir -ihn wieder hin. Wirklich, es sind noch etwa drei Löffel Suppe -darin! -</p> - -<p> -„Sie können sich den Teller nehmen,“ sage ich. „Ich esse -nicht mehr.“ -</p> - -<p> -Das Mädchen wundert sich über diese Verschwendung. -</p> - -<div class="centerpic end"> -<img src="images/end.jpg" alt="" /></div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="part-24"> -<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a> -Ein tadelnder Ballbericht -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">J</span><span class="postfirstchar">awohl,</span> ein tadelnder Ballbericht. Du traust, lieber Leser, deinen -Augen nicht, da du dieses liest. Du glaubst — auf langjährige -Erfahrung gestützt — es könne keinen Ballbericht geben, in -dem nicht stünde, daß das heutige Fest alle bisherigen und -künftigen weit übertroffen habe, daß ein Flor bezaubernd schöner -und junger Damen in noch nicht dagewesenen Toiletten, von -einem Heer tanzlustiger Herren umschwärmt, das Tanzbein geschwungen -bis sogar dem Morgen graute, daß die Dekoration -den alten Ballsaal — ei, wer hätte das gedacht — zur höchlichsten -Überraschung in einen wahren Salon verwandelt hatte, -daß Frau Disponent Kanarienvogel in einer duftigen rosa Crêpe-de-Chine-Toilette -mit achtzig echten Maréchal-Niel-Rosen am -Decolleté und Fräulein Kiki Chocholauschek in ihrem bordeauxgrünen -Satinkleidchen mit echten Elbekosteletzer Spitzen wirklich -entzückend ausgesehen haben, und daß sich auf der Estrade -diesmal wirklich alle hervorragenden Vertreter der hohen Beamtenschaft, -der Großindustrie und des Großhandels, Advokaten, -Ärzte, Offiziere u. dgl., sowie Herr Larmitzer, Bureauchef der -Kolonialwarenhandlung „Porges, Ladovička & Co.“ in der Eisengasse -und Herr Jarosch in Vertretung der Ortsgruppe Prag des -Südwestböhmischen Briefträgervereines ein Stelldichein gegeben -haben etc. etc. -</p> - -<p> -Und doch: Ich kenne einen tadelnden Ballbericht. Es ist -allerdings schon lange her, seit er in der Zeitung stand. Das -Fest ist längst aus dem Repertoire der Prager Faschingsveranstaltungen -gestrichen und das Gebäude, in dem es stattfand, -kennen die heutigen Prager kaum vom Hörensagen mehr. Man -muß in den alten „Bohemia“-Bänden um fünfzig Jahre zurückblättern, -bevor man den seltsamen Rapport findet. Am 26. Jänner -1861 steht zu lesen: -</p> - -<div class="block"> -<p> -„Die Maskenbälle im Neustädter Theater wurden heuer nicht -mit demselben Erfolge eröffnet, wie im vorigen Jahre. Der Besuch -war bedeutend schwächer, die Logen blieben fast ganz leer und die -Galerien waren nur spärlich besetzt. Etwas Hervorragendes machte -<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a> -sich unter den Masken nicht bemerklich. Da sah man außer den -unvermeidlichen Dominos die alljährlich wiederkehrenden altdeutschen -Krieger, Griechinnen, Türken, Bäuerinnen, Pierrots, Polinnen, Harlekins, -Matrosen etc. Das täte jedoch der Redoute keinen Eintrag. -Wenn nur die Masken gesprächiger gewesen wären. In dieser Beziehung -zeigten sie jedoch mit einzelnen Ausnahmen eine sehr scheue -Zurückhaltung.“ -</p> - -</div> - -<p> -Am Abend des Tages, an dem ich dieses alte Referat -entdeckt hatte, war ich auf einem Maskenball. Nein, war das -lustig! Auf was für Ideen doch die jungen Leute kommen, -man würde es gar nicht für möglich halten! Man sah Dominos, -Bäuerinnen und Pierretten, und einige besonders Erfindungsreiche -hatten sich als Jockeys und Zigeunerinnen verkleidet. -Und weil doch Schweigen Gold ist, so waren die Masken wahrhaft -goldige Leute, und wenn eine doch den Mund zu einer -scherzhaften Bemerkung auftat, so hätte man wünschen mögen, -daß sie es nicht getan hätten: Sie waren nämlich so raffiniert, -sich nicht durch geistreiche und witzige Bemerkungen zu verraten, -sondern benützten die Maskenfreiheit kluger Weise dazu, -die Angesprochenen durch die ärgsten Gemeinplätze und dümmsten -Dummheiten famos zu verspotten. -</p> - -<p> -Oben im Saale, ganz nahe an der Musikkapelle, während -die absolvierten Petschauer und Preßnitzer Musikschüler mit -Todesverachtung die Tschinellen aneinander schlugen und in die -Flöten bliesen, schrieb ich den Ballbericht. Ich ließ mich durch -den Ton des Referates von 1861 nicht beeinflussen und lobte -das Fest über den grünen Klee. „Es war ein wahrhaft herrliches -Repräsentationsfest des Prinzen Karneval ...“ -</p> - -<p> -Als ich meinen Artikel in die Redaktion geschickt hatte, -trat ich wieder in den Saal hinab, um dort zu gähnen. Das -veranlaßte eine vorübergehende Maske in spanischem Kostüm -zu der Äußerung: „Na Kleiner, du langweilst dich wohl?“ -Diese geistsprühende Anrede, die Geistesgegenwart und die -scharfe Logik, die sich darin kundtat, daß sie aus meinem Gähnen -darauf geschlossen hatte, daß ich mich langweile, imponierten -mir. Ich schmiß mich der Spanierin an, wir kamen bald ins -Gespräch, ich erzählte ihr von dem tadelnden Ballberichte und -war begeistert über die Summe richtiger Folgerungen, die sie -daran schloß: -</p> - -<p> -<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a> -„Was würde der gestrenge Ballkritiker von damals heute -alles zu tadeln haben,“ meinte sie. „Damals gab es gewiß -noch nicht in den Bällen die Unsitte, während eines Walzers -eine tanzende Dame zur Fortsetzung des Tanzes aufzufordern, -sie dem Anderen förmlich aus der Hand zu reißen, bevor noch -dieser zu tanzen oder zu sprechen begonnen hat. Andererseits -konnte damals gewiß keine Dame am Arme eines Herrn den -ganzen Abend kleben bleiben oder gar als Mauerblümchen mit -schmerzerfülltem Herzen und von höhnischen Blicken gemustert, -vor der Mama den ganzen Ballabend stehen bleiben, für den -sie so viel Geld an die Schneiderin, für Wagen und Ballentree -bezahlt hat. Damals forderte man eine Dame zum Tanze auf -und durfte mit ihr einen ganzen Walzer, aber nur einen Walzer -tanzen. Dann stellte man sie wieder zur Gardedame.“ -</p> - -<p> -Ich nickte Bestätigung. Die Spanierin aber fuhr fort: -„Und die Herren! Ist es nicht ein Skandal, daß sie kein Entree -bezahlen, die Kosten des Festes von den Damen bestreiten -lassen und womöglich noch, wenn sie im Komitee sind, den -unverdienten Reingewinn dazu verwenden, Kavaliere zu spielen? -Dabei tanzen sie aber gar nicht. Blasiert und mit verschränkten -Armen stehen sie in der Herreninsel und machen hämische -Bemerkungen über den Ruf der armen, wehrlosen Mädchen. -Nur wenn sie die bevorstehende Veranstaltung eines Hausballes -mit „famosem Fraß“ wittern — da sind sie mit Feuereifer beim -Tanz. Hab ich nicht recht?“ -</p> - -<p> -Ich erklärte, daß sie sogar sehr recht habe. Darauf begann -sie über den Vortanz zu schimpfen. „Vortanz — so ein Blödsinn. -Die paar Mädel, deren Väter Geld haben oder so tun, -als wenn sie welches besäßen, und die jungen Topfgucker in -ihren Fracks schreiten da mit komischer Grandezza die Stiegen -hinab und tanzen dann mit möglichst verschrobener Figur den -Straußschen Walzer „An der schönen blauen Donau“. Die anderen -Herren aber, die Sterblichen, die werden inzwischen wie -ein Stück Weideviehs mit einem Stricke umbunden und dürfen -aus dieser Umpferchung nicht hinaus. Die Mädchen aber, die -nicht des Vortanzes wert befunden wurden, die dürfen bewundernd -dem Göttertanze zuschauen.“ -</p> - -<p> -Ich bemerkte, daß das in der Tat lächerlich sei. Meine Dame -aber fuhr fort: „Noch ärger ist es mit den Damentoiletten.“ -</p> - -<p> -<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a> -Ich erwiderte, daß ich diese nicht besichtigt habe. „Nein, -nein,“ rief sie entsetzt aus, „ich meine ja die Damenkleider. -Früher ist ein Mädchen in einem einfachen Kattunkleidchen -zum Tanze gegangen und hat sich fürstlich unterhalten. Jetzt -aber muß sie ein Kleid um mindestens hundertsechzig Kronen -haben, damit die anderen Damen nicht die Nase rümpfen. Denn -den Herren ist doch das Kleid ganz egal, wenn nur die Dame -hübsch ist.“ -</p> - -<p> -Wir hatten inzwischen in einem lauschigen Winkel des -Saales Platz genommen und der eisige „Moët-Chandon“ erwärmte -unsere Herzen. Ich rückte näher an die Spanierin -heran und begann zärtlich mit ihrer Hand zu spielen. Sie -aber fuhr in ihrem tadelnden Ballberichte fort: „Dazu noch -die Tänze von heutzutage. Immer nur Walzer, wieder Walzer -und wieder Walzer. Und wenn die Musik ausnahmsweise irgend -ein Promenadenstück spielt, so tanzt man — Walzer. Vor -fünfzig Jahren, da hat es wohl noch Quadrillen und Mazurka -gegeben, aber heute — wer kann heute bei diesen wilden -Tänzen noch Grandezza und Liebreiz zeigen?“ -</p> - -<p> -„Du, meine schöne Maske! Du mußt mir deinen Liebreiz -zeigen, du mußt dich demaskieren,“ mit diesen ungestümen -Worten machte ich meiner verhaltenen Leidenschaft und Begeisterung -Luft. So fein beobachtend, so klug war sie, meine -kleine Partnerin, so seltsam stach sie von den übrigen jungen -Mädchen ab, die im Glanze der Ballsaallichter, im Banne des -Ballfiebers, am Arme des Tänzers und im Zauber der Musik -an alle die kleinen Unzukömmlichkeiten, an den freien Eintritt -der Herren, an den Vortanz und das abwechslungsarme Repertoire -von Tänzen gar nicht denken, gar nicht denken wollen. -Aber die spanische Tänzerin an meiner Seite, die konnte ihr -Beobachtungstalent, ihre kritische Begabung, <a id="corr-34"></a>ihren Sinn für Vergleiche, -ihr Taktgefühl auch im Maskentohuwabohu nicht verleugnen -— ein ideales, ein einziges Weib. -</p> - -<p> -„Du mußt dich endlich demaskieren,“ flehte ich dringender, -da sie sich noch immer weigerte dies zu tun, „du mußt, -du mußt.“ -</p> - -<p> -Da tat sie mir denn schließlich den Willen: Sie nahm -die Maske ab und ich konnte konstatieren, daß diese Spanierin -wahrscheinlich an dem Feste von 1861 teilgenommen hatte. -</p> - -<div class="centerpic end"> -<img src="images/end.jpg" alt="" /></div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="part-25"> -<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a> -Von Feilbietungen, Auktionshallen -und vom Chabrus -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">s</span> wäre vielleicht eine belehrende Illustration zu manchen -Vorträgen an der Juristenfakultät und an der Handelsakademie, -wenn die Hörer veranlaßt werden würden, Exkursionen -in die dunkelsten Gebiete des volkswirtschaftlichen -Lebens zu unternehmen, die Tätigkeit jener Gewerbsleute und -Händler zu betrachten, die weder konzessioniert noch protokolliert -sind, die auch zum großen Teile keine Steuern bezahlen. -Man könnte da manche Lücken in den Gesetzen entdecken, -manchen Geschäftskniff bestaunen, man könnte da vielleicht -konstatieren, daß manche Finanzoperationen, über deren nationalökonomischen -Wert und über deren Zulässigkeit an den Börsen -und Hochschulen Amerikas gestritten wird, hier im kleinen, -ganz kleinen Maßstabe als selbstverständlich praktiziert werden. -Und wer weiß, ob die Trusts und die Kartelle der armen -Prager Trödler und Hausierer nicht besser organisiert sind als -jene der amerikanischen Multimillionäre? -</p> - -<p> -Man kann die Gegenseitigkeitsgeschäfte dieser kleinen -Leute, die sich in einem beispiellos erbitterten Kampfe um den -kleinsten Gewinst aufreiben und die trotz ihrer Geschäftsschlauheit -und ihrer raffinierten Organisation im allgemeinen auf keinen -grünen Zweig kommen, leicht beobachten. Man kann unter -irgend einem Vorwande in die Partiewarengeschäfte und -Trödlerläden, in die Handelcafés in der Zeltnergasse und auf -dem Ziegenplatz kommen, man kann aber auch den öffentlichen -Feilbietungen in der gerichtlichen Auktionshalle im Landesgerichtsgebäude, -den Pfänderversteigerungen im „K. k. Pfand- -und Leihamt“ in der Leihamtsgasse und in den zahlreichen -privaten Pfandleihanstalten beiwohnen und dort diese Börsenspekulanten -in Partiewaren in sinnfälliger Massenwirkung bei -der Arbeit sehen. -</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="noindent"> -<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a> -Ein Kaffeehaus, hart an der Grenze der Alt- und Josefstadt. -Die Operationsbasis für die Geschäfte der Tandler und -der „Šalváří“, der Spezialisten in echten und falschen Juwelen. -Es ist früh. Ein Gast kommt herein: -</p> - -<p> -„Adalbert, bring’ mir ein Schmalzbrot,“ ruft er dem -Kellner zu. -</p> - -<p> -„Schmalz ist nicht, aber harte Grieben kannst du haben,“ -sagt der Kellner. Die Brücke, die vom Gast zum Kellner führt, -führt auch vom Kellner zum Gast: Sie duzen einander. -</p> - -<p> -„Also bring’ mir die Grieben, und das „Amtsblatt“ -möchte ich haben.“ -</p> - -<p> -„Da liegt es doch,“ ruft der Kellner unwillig, und -deutet auf die Zeitung, die wirklich auf dem Sessel neben dem -Neuangekommenen liegt. -</p> - -<p> -Der aber ist neugierig, zu erfahren, wer schon früher das -Amtsblatt studiert hat. Und der Kellner erwidert, daß Karl -Neuhof gerade weggegangen ist. -</p> - -<p> -„Und wohin?“ forscht der Gast mit einer durch die Konkurrenz -begründeten Neugier weiter. -</p> - -<p> -„Nach Žižkow zu irgend einer Feilbietung,“ verrät der -Garçon. -</p> - -<p> -Da wendet sich der Gast mit Grausen. Er spuckt aus: -„Die Werkstätteneinrichtung von Nechvátal! Schöne Sachen, -was da zu kriegen sind! Dort wird Neuhof kein Rothschild -werden.“ -</p> - -<p> -Inzwischen hat sich Adalbert entfernt, und der Gast -nimmt das „Amtsblatt zur Prager Zeitung“ zur Hand, dieses -zweisprachig gedruckte Blatt, in dem der Amtsschimmel alltäglich -die hohe Schule reitet. Aber unser Freund interessiert -sich weder für den Humor der Tatsache, daß der seit „hundertsechzig -Jahren abgängige Mathias Struck“ aufgefordert wird, -sich binnen sechs Wochen zu melden, widrigenfalls er todeserklärt -wird, er interessiert sich nicht für den Aufruf an die -Erben „des mit Hinterlassung eines Vermögens von 23⅓ Hellern -ohne Hinterlassung einer letztwilligen Anordnung verstorbenen -konzessionierten Drehorgelspielers Josef Horčička“, er beachtet -auch die Rubriken „Erledigungen“, „Konkursausschreibungen“, -„Kundmachungen“, „Proklamierung alter Satzposten“, „Anlegung -neuer Grundbücher“, „Amortisationen“, „Kuratelsverhängungen“ -<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a> -und „Erkenntnisse“ nicht, sein Blick bleibt an der Rubrik -„Feilbietungen“ haften, in der am Schluß nach den langatmigen -Ankündigungen der freihändigen Verkäufe von Realitäten, -Liegenschaften, Häusern, Mühlen und Fabriken, die Nachricht -über „Feilbietungsedikte“ stehen. Die liest er eifrig und schreibt -in sein Notizbuch mit den schwarzen Wichsleinwanddeckeln von -Zeit zu Zeit etwas ein. Nicht alles. Die Feilbietungen, die in -der öffentlichen Auktionshalle im Landesgericht abgehalten -werden, braucht er nicht zu vermerken, dort ist er ohnedies -an jedem Freitag. Ebenso weiß er genau, daß fast immer am -Freitag nach dem Zehnten jedes Monates die Versteigerung der -verfallenden Pfänder des staatlichen Leihhauses stattfindet. Was ihn -aber interessiert, ist das Datum der Auktionen in den acht -privaten Pfandleihanstalten und Datum, Hausnummer und -Warengattung der Geschäfte und Wohnungen, in denen exekutive -Feilbietungen vorgenommen werden. -</p> - -<p> -Während in dem Notizbuche Ziffern und Adressen verzeichnet -werden, kommt ein neuer Gast in das Café und setzt -sich mit stummen Gruß zum ersten. Der Angekommene zieht -einen Karton mit Goldinuhren aus der Tasche — Fabriksware, -die wegen kleiner oder wegen großer Fehler nicht mit -der Firmamarke versehen und nur an Ramscher abgegeben -wird. Der neue Gast will die Uhren hier nicht verkaufen, -er weist sie seinem Kollegen nur zur Begutachtung vor. -</p> - -<p> -„Sechs Kronen per Stück,“ schätzt der. -</p> - -<p> -„Fünf,“ lächelt der andere, zufrieden darüber, daß sein -Branchegenosse die Uhren überschätzt hat, und ermutigt, zieht er -nach und nach sein ganzes Warenlager hervor: Ein Paar Brillantohrgehänge -aus der Westentasche, einen Similiring vom -Finger, eine Damenuhr mit Rauten aus der Hosentasche. -</p> - -<p> -Inzwischen ist es neun Uhr geworden. Die beiden -brechen auf. -</p> - -<p> -„Wohin gehst du?“, fragt der zuerst Angekommene den -andern. -</p> - -<p> -„Ich geh’ ins Geschäft. Und du?“ -</p> - -<p> -„Ich geh’ zum General.“ -</p> - -<p> -So trennen sie sich. Der eine also geht „ins Geschäft“, -was aber durchaus nicht soviel bedeutet wie „ins Geschäftslokal“. -Ein solches hat er nicht. Er geht nur zu seinen -<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a> -Kundschaften, zu Tandlern, Privatpersonen und Gästen der -kleinen Kaffeehäuser, denen er seine Schmucksachen aufschwatzt. -</p> - -<p> -Der andere geht „zum General“, d. h. in das Landesgerichtsgebäude -an der Ecke des Obstmarktes und der Zeltnergasse, -das so heißt, weil es früher das Generalkommando von -Prag war und als solches traurige Berühmtheit erlangte, als -am 12. Juni 1848 ein Schuß durch das Fenster die Gemahlin -des Feldmarschalls Alfred Fürsten Windischgraetz, Fürstin Maria -Eleonore Windischgraetz-Schwarzenberg (die Großmutter des -jetzigen Herrenhauspräsidenten Fürsten Alfred Windischgraetz), -tötete. In den ebenerdigen Räumen des alten Generalkommandogebäudes, -die ehedem als Wachzimmer und Stallungen -verwendet wurden, ist heute außer dem Depositenamt, seit dem -Jahre 1900 auch die gerichtliche Auktionshalle untergebracht. -Die ist das Ziel des Kaffeehausbesuchers, der „zum General“ geht. -</p> - -<p> -Die Fachleute in Partiewaren und Gelegenheitskäufen -behaupten, daß hier nichts besonderes zu holen sei. Sie -begründen es mit der Tatsache, daß sich die in Geldnot befindlichen -Leute absichtlich die für sie wertlosen oder unbrauchbaren -Mobilien pfänden lassen, um sie in der Auktionshalle zu -besseren Preisen loszuwerden. Wird bei der Lizitation nicht -der Preis geboten, den der Eigentümer den gepfändeten Sachen -beimißt, so hat er — vorausgesetzt, daß er pfiffig ist — noch -immer Mittelchen genug, den Preis in die Höhe zu lizitieren -oder die Sachen selbst zu erstehen. -</p> - -<p> -Um dieser und anderer Mittelchen willen, und weil dort -hie und da doch etwas Preiswertes zur Versteigerung gelangen -könnte, sind doch zahlreiche Fachmänner da. Vor allem die -Mitglieder des „Chabrus“. Diese Körperschaft wird man vergeblich -in den Registern der Vereinspolizei suchen und auch im -Staatswörterbuche findet man diesen Namen nicht. Das Wort -„Chabrus“ ist eine Verstümmelung des hebräischen Ausdruckes -„Chawroßo“, d. i. Freundschaft. Und ursprünglich ist auch der -„Chabrus“ eine geheime jüdische Einkaufsgenossenschaft und -gleichzeitig eine Art Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit -gewesen, dem die Althändler und Trödler des Ghettos angehörten. -Als sich aber die Tore des Ghettos öffneten, da wurde -die Idee des Chabrus eine interkonfessionelle, und mit der -politischen Geschichte dieses Landes ist der Chabrus verknüpft, -<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a> -den — — die ältesten Adelsgeschlechter Böhmens im Jahre -1872 gegründet hatten. Das war nach dem Sturze des Ministeriums -Hohenwart. Der Landtag war aufgelöst worden, und -zwischen den beiden Gruppen des Großgrundbesitzes, die damals -noch kein Wahlkompromiß hatten, entspann sich ein -heftiger Wahlkampf, der zugleich ein Kampf um die Majorität -im Landtag war. Da wurden denn Banken gegründet, um zur -Wahl berechtigende landtäfliche Güter zu kaufen, da traten die -Besitzer zweier oder mehr solcher Güter eines an dritte Personen -ab, da gab es Güterkäufe und Güterteilungen in Masse, -beide Gruppen überboten einander, bis schließlich die Verfassungstreuen -den Sieg über die Konservativen davontrugen. -Aber manche Gesetzesbestimmung über die Wahlen in den österreichischen -Landtag wurde nach den Lehren geändert, die man -aus dem „Chabrus“ der Ära Auersperg gezogen hatte. -</p> - -<p> -So nobel ist der Chabrus der Prager Kleinhändler freilich nicht. -Er war wohl ursprünglich eine Schutzorganisation für die eigenen -Mitglieder, die falliert hatten und deren Lager versteigert wurde. -Ein anderer der Genossenschaft erstand einfach die lizitierten -Waren zum Mindestanbot, der etwa nur ein Drittel des Schätzungswertes -ausmachte, ohne daß er von den anderen gesteigert -worden wäre. Kam aber ein Unbeteiligter zur Lizitation -und beteiligte sich an dieser, so wurde er so in die Höhe lizitiert, -daß er entweder einen ganz famosen Preis für die Waren -des falliten Chabrus-Bruders zahlen mußte, oder die Lust an -weiterer Beteiligung verlor. Außerdem erschienen die Chabruser -oft in so großen Massen in den kleinen Geschäftslokalen, in -denen die Lizitationen stattfanden, daß ein „Unberufener“ gar -nicht hinein konnte — ein Manöver, das durch Errichtung der -gerichtlichen Auktionshalle eine wesentliche Einschränkung erfahren -hat. -</p> - -<p> -Im Laufe der Jahre erstreckte der Chabrus sein Tätigkeitsgebiet -auch auf Auktionen von Lagern, die nicht seinen -Mitgliedern gehörten. Die Waren wurden von der Kassa gekauft -und dann im Kreise der Mitgliedschaft weiter versteigert. -Nutzen und Schaden trug die gemeinsame Kassa. Der Chabrus -verlor seine feste Struktur, er teilte sich nach den Branchen in -verschiedene Teile und büßte schließlich ganz den Charakter -einer einheitlichen Organisation ein. Heutzutage wird gewöhnlich -<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a> -nur ad hoc im Lizitationslokale ein Chabrus gegründet und nur -bei den Pretiosenversteigerungen im k. k. Leihamte sind die -beiden Konkurrenz-Chabruse des Herrn Franz und des Herrn -Široky der ruhende Pol in der Erscheinungen Flucht. -</p> - -<p> -In der gerichtlichen Feilbietungshalle sind auch die räumlichen -Verhältnisse schlecht. Der Lizitationsleiter steht nicht in -der Mitte der Längsseite, sondern der Breitseite des Saales. -Also können sich nur wenig Leute herandrängen, und die -Mehrzahl sieht von der lizitierten Ware nichts, trotzdem der -Saal leicht ansteigend gebaut ist. Nur durch das Gäßchen, das -von Barrieren eingesäumt wird, und deren Eingang ein Wachmann -streng bewacht, kann man hie und da einen Blick nach -den Schätzen auf dem Auktionstische werfen. -</p> - -<p> -Die Halle ist niedrig und der Geruch von Karbol und -anderen Substanzen, mit denen die gepfändeten Gegenstände -desinfiziert worden sind, erfüllt die Luft. -</p> - -<p> -Da ist die Auktionshalle im staatlichen Versatzamte in der -Leihamtsgasse viel moderner und eleganter. Ein glasgedeckter -Lichthof von kolossaler Breite. Also kann sich alles in die -Nähe des Lizitationsleiters drängen, alles kann die zu versteigernden -Sachen aus nächster Nähe betrachten, alles kann sich mit -absichtlich gewählten oder zufälligen Nachbarn über die Umwertung -aller Werte, die hier feilgeboten werden, unterhalten, -alles kann mitsteigern, mitstreiten, mitschreien ... -</p> - -<p> -Der Schätzer wirft ein Paket auf den Tisch und der Ausrufer -schreit tschechisch in den Saal: -</p> - -<p> -„Ein Havelock, vier Messer und eine Decke: 13 Kronen.“ -</p> - -<p> -„Zehn,“ ruft jemand aus dem Publikum. -</p> - -<p> -„13 Kronen 10 Heller,“ registriert der Ausrufer, aber die -Rufe „zehn“, „zehn“ überhasten einander, so daß er den -Stand der Anbote nicht laut konstatieren kann. Und trotzdem -die affischierte Lizitationsordnung vorschreibt, daß er jedes Anbot -in beiden Landessprachen wiederholen soll, hat ihn wohl -noch nie jemand ein deutsches Wort sprechen gehört. -</p> - -<p> -„Zehn, zehn,“ tönt es von rechts nach links. -</p> - -<p> -„Ich nehme ...“ ruft ein hier Einheimischer dazwischen. -Die Worte „ich nehme“ sind ein von der Lizitationsleitung -anerkanntes Synonym für das Wörtchen „zehn“. -</p> - -<p> -<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a> -Eine Frau hat es besonders auf dieses Paket abgesehen. -Mit rasant wachsender Schnelligkeit kreischt sie die Rufe „deset“, -„deset“ (zehn) dem Lizitationsleiter zu, niemand lizitiert mehr -mit, und sie steigert sich fortwährend selbst. Nur die Endsilbe -„..set“ ist hörbar. -</p> - -<p> -„Wieviel set (Hunderte) wollen Sie denn bezahlen?“ ruft -ein Witzbold dazwischen. Lachen. Da hält die Frau inne. -Sie erwacht aus ihrem Paroxysmus und merkt, daß sie zu -teuer gekauft hat oder wenigstens mehr bezahlen muß, als sie -anfangs wollte. Bei ähnlichen Gefühlen ertappt man sich vielleicht -im Kasino von Monte Carlo. -</p> - -<p> -Der Ausrufer erklärt: „Achtzehn Kronen und zwanzig -Heller zum ersten, zum zweiten und dritten Male“. Der -Lizitationsleiter drückt auf die Glocke. Der Diener legt das -Paket mit Havelock, Messern und Decke auf den Pult, vor die -Frau, die es gekauft. Der Kassier füllt einen Zettel mit dem -erzielten Betrag und das Pare des Lizitationsprotokolls aus. -Der Schätzer reicht ihn der Frau. Diese bezahlt das Geld. -Dann keift sie: -</p> - -<p> -„Wo ist die Ware?“ -</p> - -<p> -„Hier liegt sie doch!“ antwortet der Schätzer. „Nehmen -Sie Ihren Zwicker ab, dann werden Sie sehen.“ -</p> - -<p> -Die Frau hat natürlich keinen Zwicker, und die Leute -lachen. Stimmung: Lustig. Sie flaut nicht einmal dann ab, -als ein brauner Flanellstoff zur Versteigerung ausgerufen wird, -der von schäbiger Farbe ist: -</p> - -<p> -„Den trägt man in Pankratz,“ lacht einer vom Auditorium, -„nicht wahr, Karl?“ -</p> - -<p> -Karl bleibt die Antwort nicht schuldig: „Ganz richtig. -Du kannst ihn ruhig kaufen.“ -</p> - -<p> -Das nächste Stück, das der Ausrufer in die Höhe hebt, -erweckt scheues, ehrfurchtsvolles Murmeln. Ein Beamtenmantel -ist es, mit bordeauxroten Passepoils. Selbst der Schätzer muß -Hochachtung vor diesem Sinnbild der Staatsgewalt empfunden -haben, als es versetzt wurde. Er hat nicht weniger als achtundzwanzig -Kronen darauf geliehen, denn 28 K 40 h -(geliehenes Kapital + Interessen + Lizitationskosten) sind heute -der Ausrufspreis. -</p> - -<p> -<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a> -„Das ist ein Mantel von der Polizei,“ flüstert jemand -einem andern zu. -</p> - -<p> -Aber der andere weiß es besser, denn er steht sozusagen -bei sich selbst als agent provocateur in Diensten. Bei den -Bummelkrawallen hat er Polizisten gegen Exzedenten und -Exzedenten gegen Deutsche gehetzt, und stand einmal als Angeklagter, -einmal als Kläger vor der Barre des Strafgerichtes. -Er ist Nationalsozialist und Sozialdemokrat, Stammgast der -Meetings und im Schwurgerichtssaal und niemals fehlt er bei -Auktionen. Er schreit mit, wenn sich zwei Personen darüber -streiten, wer von ihnen das Meistangebot getan hat, wem von -ihnen das abschließende Glockenzeichen galt. Er schreit empört, -wenn sich jemand in das Gäßchen stellt, das den Zugang zum -Auktionsleiter bildet und freizubleiben hat. Er schreit und hetzt -— aber sonst beteiligt er sich an den Geschäften nicht. Er -braucht nur den Nervenkitzel. Doch kehren wir zu dem Gespräch -zurück: -</p> - -<p> -„Der Mantel muß nicht von der Polizei sein,“ sagt der -Amateur-Lockspitzel, „der kann auch einem Statthaltereibeamten -gehören.“ -</p> - -<p> -Der andere, ein kleiner tschechischer Trödler aus der -Fabriksvorstadt will das nicht glauben. „Alle Polizeibeamte -haben doch solche dunkelrote Aufschläge! Und zwei Behörden -können doch nicht gleiche Farben haben. Und es ist ein sehr -feiner Mantel, der ist sicher von der Polizei!“ -</p> - -<p> -„Sie, Gescheiter!“, lacht der Fachmann. „Die Statthalterei -ist doch mehr wie die Polizei, das ist doch die höhere Instanz.“ -</p> - -<p> -Aber der kleine Trödler murrt nur ungläubig und unwillig: -„Jo, jo, sagen sie vielleicht auch noch, daß die Verzehrungssteuer -mehr ist als die Polizei!“ Dann dreht er sich um. -Für ihn ist eben die Polizei das höchste auf Erden. Nichts -kann diesen frommen Glauben erschüttern, nicht die Erklärung -des Fachmannes, und nicht einmal die Tatsache, daß der -Mantel eines Polizeibeamten in der Leihanstalt versetzt wurde -und verfiel. -</p> - -<p> -Rings um die Lizitationskommission führt ein langes Pult, -an dem die Kauflustigsten stehen. Sie sind entweder schon so -früh gekommen, daß sie einen Platz an der Brüstung erhaschten, -oder haben sie sich durch Energie und Beharrlichkeit vorgedrängt. -<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a> -Auf diesen Pult breitet der Schätzer die Schätze. Fachmännisch -wird alles untersucht und gegen das Licht gehalten, damit man -das Vorhandensein von Motten konstatieren könne. Links vor -der Quality street, die zum Auktionsleiter führt und die ein -Polizist bewacht, stehen zwei Chabrusgruppen. Jedes Pfandobjekt, -das ihnen vorgelegt wird, wird durchberaten, und die -beiden Chabrusmacher (an dem hinters Ohr gesteckten Bleistift -und dem aufgeschlagenen Notizbuche sind sie kenntlich) vermerken -zunächst in ihrer Gruppe die Kauflustigen und erkunden, -bis zu welchem Betrage Kauflust vorherrschen würde. -Dann unterhandeln die beiden feindlichen Chabrusgenerale, und -erzielen nach langem Feilschen die Vereinbarung, daß bei -diesem Pfandobjekt nur die eine Chabrusgruppe, bei dem -nächsten nur die andere mitlizitieren wird. Wenn das Objekt -erstanden ist, dann wird — mitten im Saal — innerhalb der -Chabrusgruppe leise weiterlizitiert. Bei dieser Privatversteigerung -sind bloß 5 Heller das geringste Mehranbot. Von dem Betrag, -um der bei dieser leisen Auktion mehr erzielt wird, als bei -der offiziellen, fallen zehn Prozent der Kassa zu, und der -ganze Nutzen bleibt innerhalb des Kreises. -</p> - -<p> -Auch rückwärts im Saal gibt es verzeichnenswerte -Gruppen. Ein armseliger Kleiderhändler in Břewnow hat eben -einen Riesenballen aus dem Kommissionsraum geholt und -breitet dessen Inhalt neugierig, ja fieberhaft gespannt, auf -einen Sessel. Zahlreiche Gaffer begutachten gleichfalls die -farblosen, formlosen Damenkostüme, die der biedere Břewnower -in zitternder Erregung einzeln aus dem Ballen nimmt und auf -die Sessellehne legt. Ein feister Konfektionär — Pelzkragen und -Goldzwicker zeichnen ihn aus — lächelt ironisch über den -Schund. Dann tritt er auf den Besitzer zu: -</p> - -<p> -„Wieviel haben Sie dafür gegeben?“ -</p> - -<p> -„41 Kronen 10,“ sagt der andere kleinlaut und forscht -ängstlich in dem Gesichte des Fragestellers nach dessen Ansicht. -„Es war ein Dutzend.“ -</p> - -<p> -„Für ein Dutzend? Das ist wirklich sehr billig, halb umsonst.“ -Der mit dem Pelzkragen sagt das ganz ernst. Aber -als sich der Břewnower Spekulant erleichtert nach den anderen -Stücken des Ballens bückt, um die weiteren Schönheiten des -eben erstandenen Lagers auszubreiten, zuckt über das Gesicht -<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a> -des behäbigen Fachmannes ein Lachen zu den Zuschauern hinüber. -Die nehmen es verständnisvoll, mit Kichern auf. Der dicke -Herr befühlt die Ware: -</p> - -<p> -„Höchst moderne Fasson. Sehr feiner Stoff,“ frozzelt er im -Tone höchster Anerkennung, und das Publikum lacht. Lacht -immer stärker. -</p> - -<p> -Links vom Eingang, dicht am Ofen steht eine Arbeitersfrau -mit einem Säugling am Arm. Sie will in dem Lärm ihr -Kind einwiegen. Zuhause kann es vor Frost nicht schlafen. -Das Leihamt, das die ganze Habe der Frau verschlungen, muß -ihr jetzt ein bißchen Wärme geben. -</p> - -<div class="centerpic end"> -<img src="images/end.jpg" alt="" /></div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="part-26"> -<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a> -Die Verhaftung -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">M</span><span class="postfirstchar">an</span> schreibt mir, ich möge wieder eine journalistische Erinnerung -zum besten geben. Also gut. -</p> - -<p> -Die Geschichte, die davon handelt, wie es einst vier Polizisten -gelang, mich durch ihr strategisches Talent zu verhaften, -habe ich bislang aus zwei Gründen nicht erzählt: -</p> - -<p> -1. Es ist ein ungeschriebenes Gesetz, daß der Journalist -nichts von den Geheimnissen seiner Technik ausplaudern soll. -So soll, zum Exempel, kein Leser davon erfahren, daß die Nachrichten -über Todesfälle besonderer Männer von der Zeitung -meist mit großen Schwierigkeiten rechtzeitig in Erfahrung gebracht -werden. Die meisten Portiers der Prager Palais, der -Ämter und öffentlichen Institute sind von den Redaktionen nachdrücklich -verständigt, eventuelle Todesfälle unverzüglich zu deren -Kenntnis zu bringen, und wenn irgend eine besondere Persönlichkeit -schwer krank ist, dann wird das Haus noch überdies -bewacht, damit der Leser schon am nächsten Morgen die traurige -Neuheit erfahre. -</p> - -<p> -2. Es wäre taktlos gewesen, einen Vorfall, der sich an eine -solche Überwachung knüpft, zu berichten, so lange der damals -Überwachte noch am Leben war. -</p> - -<p> -Aber jetzt kann ich die Geschichte erzählen. An ungeschriebene -Gesetze halte ich mich ebensowenig, wie an geschriebene, -und verrate daher ganz offen das Geheimnis des Todesnachrichten-Dienstes; -und auf die Gefahr hin, daß manchen angesehenen -Leser ein Gruseln überfällt, verrate ich hiemit, daß -schon mancher Mann derart überwacht wurde, der glücklicherweise -noch heute frisch und gesund in sein Amt spaziert. -</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="noindent"> -Es ist schon etwelche Jahre her. Ich war erst vor kurzem -zur Zeitung gekommen und zu meinen wichtigsten Obliegenheiten -gehörte es, mich im Sicherheitsdepartement der Polizeidirektion -danach zu erkundigen, ob nicht irgendwer irgendwo -wegen irgendeiner ungesetzlichen Tat in Haft genommen worden -<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a> -sei. Da erfuhr ich denn von Bierröhrendiebstählen, Heiratsschwindeleien -und Betrugsaffären und wenn jemand jemanden -ermordet hatte, dann war’s ein schönes Leben, denn da hatte -ich viel zu schreiben. So ging ich zweimal täglich in das -Sicherheitsbureau, vor dem immer ein Polizist Wache steht. Die -Wachleute kannten mich daher und viele wußten auch bald, aus -welchen Gründen ich die gefürchteten Räume der Kriminalpolizei -betrete. Aber die Polizisten, welche schon nach kurzer Zeit von -der Altstädter Wachstube auf andere Kommissariate versetzt -wurden, wußten das nicht. -</p> - -<p> -Um jene Zeit war Direktor Angelo Neumann, kurz nach -seiner Operation bei Prof. Israel in Berlin, in Prag schwer erkrankt. -Der damalige Theatersekretär, der vor einigen Jahren in Wien -verstorbene Karl Rosenheim, hatte meinem unmittelbaren Vorgesetzten, -dem gleichfalls seither dahingeschiedenen Redakteur -Hermann Katz mitgeteilt, daß es schlecht um Angelo Neumann -stehe. So erhielt ich denn den Auftrag noch in der Nacht, unmittelbar -vor Redaktionsschluß nach Angelo Neumanns Wohnhaus -zu sehen. -</p> - -<p> -Um vier Uhr nachts ging ich hin. Innerhalb der Parterrefenster -im Eckhause der Bredauergasse und des Stadtparkes, -wo Angelo Neumann seine Wohnung innehatte, war es dunkel — -es war also nichts Absonderliches geschehen. Ich wandte mich, -den Weg zurückzukehren, den ich gekommen war. Da hörte -ich hinter mir schwere, eilende Schritte. Ich schaute mich um: -Es waren zwei Polizisten, denen der nächtliche Passant, der in -der menschenleeren Gegend unmittelbar vor ihnen umgekehrt -war, sehr verdächtig schien. Anfangs machten sie Miene, mir -nachzueilen, aber sie erkannten bald, daß ich ihnen leicht entwischen -könnte und änderten daher ihre Taktik. Der eine -Polizist begab sich auf das linke, der andere auf das rechte -Trottoir und nun nahmen sie, auf gleicher Höhe eilend, die -Verfolgung auf. Ich beschleunigte meinen Gang, da ich kalkulierte: -Wenn ich verhaftet werde, so kann ich morgen auf -Grund des Polizeirapportes wunderbar nachweisen, daß ich -wirklich um vier Uhr nachts meinen Auftrag vollführt habe. So -eilte das nächtliche Dreieck vorwärts: Ich in der Mitte der Fahrbahn -voran, rechts hinter mir ein uniformierter Verfolger, links -von mir ein zweiter. -</p> - -<p> -<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a> -Die Distanz verringerte sich nicht. Die Wachleute strengten -sich nicht mehr an als ich und riefen mir kein Halt zu. Sie -schienen einen Plan zu haben. Nur dort, wo von der Bredauergasse -die Olivagasse abzweigt, vergrößerte der rechte Mann -seine Eile, damit ich ihm nicht durch die Seitengasse entwische. -Aber ich ging den geraden Weg. Und bald verstand ich den -Plan: Knapp vor der Einmündung in die Heinrichsgasse ließen -meine Verfolger ihre Polizeipfeife ertönen. Und aus dem Dunkel -der Nacht tauchte jetzt auch vor mir ein Doppelposten auf. (Es -war jener Posten, der bei Nacht vor dem Hauptpostgebäude zu -stehen hat und bloß einmal nicht dort stand: Als Wasinski an -dieser Stelle seinen Mord verübte.) Ich war umzingelt und -konnte nicht mehr entwischen. Wie triumphierend ertönte hinter -mir der tschechische Ruf: „Halt“. -</p> - -<p> -Ich blieb stehen und die Polizisten näherten sich mir. -„Was haben Sie hier gemacht?“ fragte der eine. -</p> - -<p> -„Ich bin spazieren gegangen,“ versetzte ich so kleinlaut, -als ich konnte. Die Wahrheit war ja Redaktionsgeheimnis und -kümmerte die Wachleute nichts. -</p> - -<p> -„Schau, schau! Spazieren sind Sie gegangen,“ wunderte -sich einer der Polizisten. „Um vier Uhr nachts geht man -spazieren?“ -</p> - -<p> -„Ja, ich komme aus der Arbeit und da bin ich noch -etwas frische Luft schöpfen gegangen,“ entschuldigte ich mich -weitschweifig. -</p> - -<p> -„Was sind Sie denn?“ fragte man mich weiter. -</p> - -<p> -„Ich bin bei der Firma Haase angestellt,“ antwortete ich -wahrheitsgemäß, wenn auch nicht prägnant. -</p> - -<p> -Der Fragesteller lachte siegreich auf: „Wie können Sie also -jetzt aus der Arbeit kommen! Bei Haase wird doch nachts nicht -gearbeitet!“ -</p> - -<p> -Schon wollte ich etwas entgegnen, als zwei Augen des -Gesetzes, die mich bisher scharf angesehen hatten, noch -näher an mich heranrückten. „Sie,“ so begann ihr Inhaber, -„Sie, mir scheint, wir kennen einander schon.“ Und ohne -meine Antwort, daß ich nicht die Ehre habe, abzuwarten, -fuhr er fort: „Waren Sie noch nie im Sicherheitsdepartement?“ -</p> - -<p> -<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a> -„O ja,“ sagte ich, „ich war schon oft im Vierer.“ -</p> - -<p> -Das Wort „Vierer“ hatte eine tiefe Wirkung, denn nur -den Eingeweihten, hauptsächlich den Polizisten und den Verbrechern -ist dieser Ausdruck für das Sicherheitsbureau (das -vierte Departement der Polizei) geläufig. Der eine Polizist -steckte eine Miene des Jubels auf, der zweite nickte langsam -mit dem Kopfe und der dritte verlieh geistesgegenwärtig der -allgemeinen Verblüffung beredten Ausdruck. Er führte aus: -</p> - -<p> -„Ei, ei.“ -</p> - -<p> -Der vierte aber, der Besitzer jenes Augenpaares, das mich -erkannt und entlarvt hatte, wollte nunmehr auch beweisen, -daß meine Agnoszierung keine zufällige und seine Personalkenntnis -des Sicherheitsbureaus wirklich eine tiefgründige sei: -</p> - -<p> -„Da kennen Sie wohl den Herrn Olič?“ -</p> - -<p> -„Freilich kenne ich den Herrn Regierungsrat,“ war meine -Antwort. (Olič, der vor drei Jahren als Hofrat in Pension -ging, war damals Departementschef.) Das Frage- und Antwortspiel -ging weiter: -</p> - -<p> -„Und Herrn Protiwenski?“ -</p> - -<p> -„Ja, den Herrn Oberkommissär kenne ich auch. Und den -Herrn Oberkommissär Lichtenstern und die Herren Kommissäre -Knotek, Drašner, Vanásek und Kubiček kenne ich ebenfalls.“ -</p> - -<p> -Ich glaubte mit dieser summarischen Aufzählung aller damaligen -Sicherheitsbeamten weiteren Fragen meines Peinigers -die Spitze abgebrochen zu haben, aber dieser war gründlicher -als ich glaubte. Er setzte das Verhör fort: -</p> - -<p> -„Kennen Sie vielleicht den Herrn Wejřik?“ -</p> - -<p> -„Jawohl, auch den Herrn Arresthausverwalter kenne ich. -Sehr gut sogar.“ -</p> - -<p> -„Das glaub’ ich,“ erscholl es jetzt — mein Schicksal schien -besiegelt. „Kommen Sie,“ sagte der eine Polizist zu mir und -wandte sich nach der Richtung, in der das Kommissariat Heuwagsplatz -liegt. -</p> - -<p> -Aber um unsere Gruppe hatte sich, trotz der späten Nachtstunde, -eine ganz beträchtliche Menschenansammlung gebildet. -Es waren größtenteils die Stammgäste des alten Einkehrhauses -„u Rajtknechtu“, das an der Stelle des heutigen Palace-Hotels -stand. Die allnächtliche Blütezeit dieses Gasthauses begann erst -um zwei Uhr nachts, wenn die Setzer der nahen Zeitungsunternehmungen -<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a> -mit ihrer Arbeit zu Ende waren und das offizielle -Eingangstor der Schenke gesperrt werden mußte. Diese -Stammgäste hatten nun davon gehört, daß draußen vier Polizisten -mit der Festnahme eines Verbrechers beschäftigt seien, -waren hinausgeeilt und hatten mit wachsendem Staunen meiner -Einvernahme gelauscht. Als ich aber abgeführt werden sollte, -traten zwei Setzer, die mich kannten, den Polizisten in -den Weg: -</p> - -<p> -„Herr Redakteur, sollen wir Sie vielleicht legitimieren?“ -</p> - -<p> -Aber das war nicht mehr nötig. Die Anrede machte -die Polizisten stutzig und langsam dämmerte ihnen der Zusammenhang -zwischen den Begriffen Nachtarbeit, Haase und Polizeikenntnis -auf. Und gleichzeitig fiel ihnen ein, daß ich sie als -Bekannter der ihnen vorgesetzten Polizeibeamten vor diesen -schön blamieren könnte, wenn ich die Geschichte erzählte. Einer -der Wachleute starrte mich wütend an, kehrte mir dann verächtlich -den Rücken und ging von dannen. Ein zweiter aber -verduftete blick- und wortlos. Der dritte salutierte mit kleinlautender, -entschuldigender Miene. Der vierte aber brummte -im schönsten Prager Deutsch: -</p> - -<p> -„Da haben wir uns gegeben.“ -</p> - -<div class="centerpic end"> -<img src="images/end.jpg" alt="" /></div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="part-27"> -<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a> -Drehorgelspieler -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">F</span><span class="postfirstchar">ür</span> jene Leser, welche den Titel dieses Feuilletons nicht verstehen -sollten, sei gleich vorweg bemerkt, daß „Drehorgel“ -auf Pragerisch „Flaschinett“ heißt. Für jene <a id="corr-41"></a>Leser aber, die deshalb die -Frage stellen würden, warum ich also nicht den allgemein verständlichen -Ausdruck als Titel gewählt habe, sei gleich vorweg -bemerkt, daß sich Fremdwörter immer sehr vornehm ausnehmen. -Außerdem würde man eine Beschreibung des in Rede stehenden -Instruments im Lexikonbande 6 („Erdeessen bis Franzèn“) weder -unter dem Schlagworte „Flaschinett“ noch unter „Folterwerkzeuge“ -vorfinden. Man muß vielmehr den Band 5 („Differenzgeschäfte -bis Erde“) hernehmen und in diesem nicht die -Rubriken „Duldsamkeit“ oder „Darlehenschwindel“ nachschlagen, -sondern das Kennwort „Drehorgel“ suchen. Gleich nach „Drehkrankheit“ -kommt es. -</p> - -<p> -Das Wort „Flaschinett“ findet sich aber auch unter -Chiffre „Drehorgel“ weder im Brockhaus noch im Meyer. -Diesen Ausdruck muß man wieder im Bande 6 sub „Flageolett“ -nachsuchen, wo mitgeteilt wird, daß das Flageolett oder Flaschenett -— man beachte die falsche Orthographie der Herren Brockhaus -und Meyer — ein kleines Blasinstrument, der letzte Sprosse -der Familie der Schnabelflöten ist, und nur in Frankreich und -Belgien noch in Gebrauch steht. Nun wird mich jener am -Anfang dieses Feuilletons hinreichend charakterisierte Leser wieder -mit der Frage belästigen, wo da die Logik sei, wenn man in -Prag ein Musikwerk mit dem Namen einer im Aussterben -begriffenen Seitenlinie der Schnabelflöten bezeichnet. Kruzeihimmelfix, -wozu braucht man denn bei einem Flaschinett eine -Logik! Dem Fragesteller aber wünsche ich, daß ihm während -seines heutigen Nachmittagsschläfchens ein Drehorgelspieler solange -ein Ständchen bringt, bis beide Plagegeister auf alle -weiteren Chikanen Verzicht leisten. -</p> - -<p> -In Prag ist die Ansicht verbreitet, daß es ungefähr zwei- -bis dreitausend Drehorgelspieler gebe. Dem ist aber nicht so. -Erwähnter Irrtum dürfte darauf zurückzuführen sein, daß gewöhnlich -<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a> -zwei Drehorgelspieler gleichzeitig in derselben Gasse -konzertieren, was eine Art zweihändigen Vierhändigspielens -darstellt und die harmonischen Wirkungen dieses Instrumentes -erheblich erhöht. Besonders prächtig sind diese musikalischen -Effekte, wenn aus einem Leierkasten die Töne des „Donna è -mobile“ entquellen, während aus dem anderen beharrlich das -klassische Lied „O Emane“ — Heimatkunst! — hervorgekurbelt -wird. Dieses multiplizierte Auftreten von Drehorgelspielern in -derselben Gasse ist aber kein Beweis von deren großer Zahl, -sondern es ist nur ein ehrendes Dokument für das Vertrauen, -das die Hofmusiker in die Freigebigkeit der Bewohner dieser -Gasse setzen. -</p> - -<p> -Im Bureau III. a. der Prager Polizeidirektion, dem Departement -für öffentliche Belustigungen, welches ein sehr richtiger Wortwitz -als „Departement für öffentliche Belästigungen“ bezeichnet, erfährt -man zum atemlosen Staunen, daß es in Prag nur zweiundzwanzig -Drehorgelspieler gibt. Wenn man naiv ist, gibt man -sich mit dieser Erklärung zufrieden, und geht nach Hause, in -der Meinung eine zufriedenstellende Auskunft erhalten zu -haben, da ja diesem Departement für öffentliche Belustigungen -natürlich auch die Konzessionserteilung und die Handhabung -der Vorschriften für Drehorgelspieler untersteht. Wenn man -aber nicht naiv ist, so begibt man sich in ein Departement, das -mit der Konzessionserteilung an Leierkastenmänner nichts zu tun -hat, das Departement, dem die Wahrung der öffentlichen -Sicherheit und daher auch das Drehorgelspielen untersteht. -Allerdings nur insoweit, als es unbefugt ausgeübt wird. Da -erfährt man ganz andere Ziffern: Die Zahl der nichtkonzessionierten -Werkelmänner ist etwa dreimal so groß, wie die behördlich -autorisierten. -</p> - -<p> -Und was für Exemplare sind darunter. Da sind zum -Beispiel zwei Brüder, welche ich hier Chwatal nennen will. -Ihre Aktenfaszikel sind so groß, daß zwei Zivilwachleute ausgesandt -werden müssen, um sie aus der Registratur zu holen. -Der eine der Brüder hat allein vierhundertdreißig Akten. Aus -denen kann man die ganze Biographie Wenzel Chwatals herauslesen. -Als Kind hatte er einen sehr ernsten Beruf. Er sang -an jedem sechsten Jännertage, mit einer papiernen Goldkrone -angetan, vor den Wohnungstüren das Lied von den heiligen -<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a> -drei Königen. Den Rest des Jahres scheint er sich über die -Freigebigkeit der Wohnungsinhaber orientiert zu haben, um -sich dann als König nicht ein Refus zu holen. Bei diesen Orientierungsgängen -ist er, wie Wenzel Chwatals Akten künden, -wiederholt verhaftet worden und residierte dann für kurze -Zeit im Polizeiarrest. Als unser Wenzel herangewachsen war, -entsagte er seinem königlichen Berufe, aber der Musik blieb er -treu. Er gründete mit einem gleichgesinnten Manne, dem das -Schicksal keine Füße beschert hatte, ein Kompaniegeschäft. Sie -liehen sich einen Leierkasten aus, den Chwatal auf seinem -rüstigen Leibe trug und dem er durch liebevolles Drehen der -Kurbel die herrlichsten Weisen entlockte, die im Busen eines -Flaschinetts schlummern. Der fußlose Kompagnon ging einsammeln. -Später verdroß es den unternehmungslustigen Chwatal, -das sauer verdiente Spielhonorar zu teilen, er engagierte ein -billiges Bürschchen und besorgte das Inkasso selbst. Das Geschäft -florierte, und Wenzel Chwatal, dessen einziger Schmuck -bislang eine sorgsam gepflegte Stirnlocke gewesen war, konnte -sich eine Samtjacke kaufen. So, jetzt war er ein Künstler. -Aber die Wachleute haben eben kein Verständnis für wahre -Kunst. Die Banausen schreckten selbst vor der schönen Samtjacke -nicht zurück und fragten, durch die magischen Klänge herangelockt, -den Spieler, ob er eine Konzession habe. Das war -eine herzlich alberne Frage, denn die Bewilligung zum Spielen -wird nur alten, vollkommen erwerbsunfähigen Leuten erteilt. -Und Chwatal war doch ein fescher Kerl, nicht? So verneinte -er des Wachmanns Frage, und folgte diesem zur Polizei. Dort -wurde nach seiner Einlieferung eine „Anhaltungs- und Verhaftungsanzeige“ -ausgefüllt, die fast jedesmal gleiche Worte -trägt: „Wenzel Chwatal, geboren in Prag am 7. November 1872, -wurde wegen unbefugten Drehorgelspielens angehalten und -dem Polizeikommissariate eingeliefert. — Corpus delicti: Eine -Drehorgel. — Eigene Effekten: Lederner Schutzriemen, Leibriemen, -Spiegel, Kamm, Anhängetasche, drei Zigaretten und 64 -Heller Bargeld.“ Dann wurde Chwatal abgestraft und diese -Strafe auf einem zweiten Akt, dem sogenannten „Strafregisterblatt“ -gebucht, auf den stereotyp geschrieben wurde: „Wenzel Chwatal -wird der Übertretung des Erlasses der k. k. Statthalterei für das -Königreich Böhmen vom 21. Juni 1889 schuldig erkannt und -<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a> -wird nach der kaiserlichen Verordnung vom 20. April 1854, -Z. 96 RGBl., zu einer Haft von 24 Stunden verurteilt. -Gegen diese Erkenntnis kann bei der Statthalterei oder der -k. k. Polizeidirektion binnen drei Tagen Berufung eingelegt -werden.“ Aber dem Wenzel Chwatal fällt es gar nicht ein, -Berufung einzulegen. Auch das breite Rubrum, in welchem -für „die Rechtfertigung oder das Geständnis der Beschuldigten“ -weitester Platz gelassen wird, füllt Chwatal nur lakonisch aus: -„Doznávám“ — „Ich bekenne mich schuldig.“ Auch Sokrates -verschmähte die Verteidigung. -</p> - -<p> -So steht es in den meisten Akten, und nur wenige -lauten anders. So z. B. die Beschwerde eines konzessionierten -Harmonikaspielers, der sich durch Chwatals Konkurrenz geschädigt -fühlte. In dieser Beschwerde wird ausgeführt, daß -Chwatal bettle, aber gleichzeitig vier Liebschaften unterhalte -und allen vier Damen Wohnung, Kleidung und Nahrung -bezahle. Ob diese Erfordernisse für Chwatals Harem besonders -große sind, steht nicht in der Beschwerde des empörten Harmonikaspielers, -und es ist anzunehmen, daß der schöne Chwatal -seine vier Verhältnisse eher unter Einnahmen als unter Ausgaben -buchen könnte. Wie dem auch sei: Chwatal ist ein -Lebemann. Das geht auch aus einer anderen Anzeige hervor: -Eine Frau — um den Ruf der Dame zu schonen, sei sie hier -mit dem Decknamen „Veronika Potvora“ bezeichnet — macht -der Polizei davon Mitteilung, daß Wenzel Chwatal ihre Tochter -Philomena Potvora entführt habe. Dieser Familienzwist scheint -bald beigelegt worden zu sein, denn acht Tage später meldet -eine Note des Kommissariates Prag-Josefstadt, daß der Drehorgelspieler -und Vagant Wenzel Chwatal mit seiner Geliebten -Philomene Potvora aus seiner bisherigen Wohnung ausgezogen -und zu Frau Veronika Potvora, der Mutter seiner Geliebten, -übersiedelt sei. Andere Akten berichten davon, daß Chwatal -sich seiner Verhaftung widersetzt, bei seiner Arretierung gelacht -habe. Und unter jedem Akte steht immer: „Doznávám — Ich -gestehe.“ So übte er weiter sein Handwerk aus und da man -ihm den Leierkasten nicht pfänden kann, weil dieser nicht sein -Eigentum ist, so wird man wohl noch viele Scherereien mit -ihm haben. Chwatal steht ja im schönsten Mannesalter. Einmal -hat er um die Konzession zum Drehen der Leierkastenkurbel -<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a> -angesucht, aber er bekam sie nicht. „<em>Mir</em> ist es Wurscht,“ -meinte er überlegen. -</p> - -<p> -Die Konzessionen für das Drehorgelspiel sind schwer zu -erlangen. Früher bekamen ausgediente, im Kriege blessierte -Soldaten außer der Kriegsmedaille auch die Bewilligung, Werkelmänner -zu werden. Aber seit dem letzten Kriege, den Österreich -geführt hat, sind schon Jahrzehnte verstrichen und die alten -Invaliden aus Kriegsläuften sind meist längst begraben. Ein -wahres Glück, daß vor zwei Jahren die drohende Kriegsgefahr -glücklich abgewendet worden ist. Die schrecklichste Folge des -Krieges wäre wohl gewesen, daß neue Werkelmänner dekretiert -worden wären! -</p> - -<p> -Die Blütezeit des Leierkastenspieles in Prag ist vorbei. -Früher hat es in Prag noch Savoyardenknaben gegeben, welche -mit ihren Miniatur-Drehorgeln, ihrer verschnürten Tracht und -ihren gebräunten Gesichtern Aufsehen und Mitleid wachriefen. -Früher durften die Werkelmänner ihr Instrument in der Mitte -der Straße aufstellen, heute sind nur die Höfe der Häuser ihr -Rayon und in den neuen Häusern gibt es gar keine Höfe. -Früher durften die Drehorgelspieler von früh bis abend werkeln -und kamen oft in die Geschäfte betteln, bevor diese noch einen -Kreuzer verdient hatten; heute dürfen sie an Wochentagen nur -von zwölf Uhr mittags an, an Sonntagen bloß von vier Uhr -nachmittags an bis zum Einbruch der Dämmerung spielen. -Immerhin scheint das Werkeln noch ein lukratives Geschäft zu -sein, wie voriges Jahr die Geschichte des Raubmordes an dem -Drehorgelspieler Janeček gelehrt hat, und wie die zahllosen -Gesuche um Konzessionsbewilligung beweisen, die im Departement -des Oberpolizeirates Peschka einlaufen. Ja, es kommen -sogar Gesuche von begüterten Gemeinden, man möge diesem -oder jenem ihrer Ortsarmen die Bewilligung zum Leierkastenspiel -— in Prag gewähren. -</p> - -<p> -Aber die Statthalterei hat nun verboten, daß für Prag -neue Konzessionen ausgestellt werden und auch die Bewilligungen -für die zum Polizeirayon gehörenden Vorstädte werden jetzt -nur in den seltensten Fällen erteilt. Und mögen es die Dienstmädchen, -welche ihren letzten Kreuzer in den Hof hinunterwerfen, -um das Lied von der „Unglückseligen Armut“ da capo -<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a> -zu hören, und mögen es die Vorstadtkinder, welche so gerne -zu den verstümmelten Klängen des Walzers aus der „Lustigen -Witwe“ umherhopsen, noch so bitter empfinden — die Drehorgel -ist auf den Aussterbeetat gesetzt. Das Flaschinett wird verschwinden -wie jenes Blasinstrument, dessen Namen es entlehnt -hatte, es wird verschwinden, so wie es gelebt: Sang- und -klanglos. -</p> - -<div class="centerpic end"> -<img src="images/end.jpg" alt="" /></div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="part-28"> -<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a> -Die Gifthütte -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">orthin,</span> in die Teile Prags, die sich südlich von der Krankenhausgasse -und der Katharinagasse bis gegen Slup und -Nusle hinunterziehen, kommen die Prager selten. Es ist eine -Stadt der Kranken, die sich hier breitet. Die Institute der -medizinischen Fakultät, Kranken- und Irrenhäuser halten mit -ihren Gärten den ganzen Komplex besetzt. Nur dort, wo die -Weinberggasse in die Apollinargasse mündet, scheint die Stadt -der Kranken aufzuhören, scheint ein Dorf zu beginnen. Ein -freier Platz, der nicht gepflastert ist, und auf dem große Kastanienbäume -wachsen. In den Ecken des Platzes wuchert üppiges -Gras. Ein steinerner Heiliger, der heilige Adalbert, blickt vom -Piedestal seiner Säule friedlich auf die Kinder hinab, die zu -seinen Füßen mit Kugeln spielen. Da kommt eine Schar von Mädchen, -Hand in Hand, ohne Hut, mit weißen Schürzen des -Weges. Wer nicht weiß, daß es Wärterinnen sind, müßte -glauben, sorglose Dorfmädchen vor sich zu haben. Alte Männer -sitzen vor den Häusern und schmauchen behaglich ihre Pfeife. -Und die Häuser sind einstöckig. -</p> - -<p> -Das letzte Häuschen, das von der Adalbertssäule sichtbar -ist, das Häuschen, das an das Dorfkirchlein grenzt, ist das Dorfwirtshaus, -wie man aus der roten Aufschrift erkennt. Eigentlich -sieht diese Hütte selbst für ein Dorfeinkehrhaus zu schäbig, zu -verwahrlost aus. Aber was kann man auch für Ansprüche an -das Gasthaus eines so gottverlassenen Dörfchens stellen? -</p> - -<p> -Mit der Illusion, in einem Dorf zu sein, ist es freilich aus, -wenn man sich in den Wirtsgarten setzt, hart an die niedrige -Grenzmauer, und in das Tal schaut, das sich unten in weitem -Boden streckt. Nichts weniger als ein ländliches Idyll. Dort -oben starren hinter den Pankratzer Feldern die trotzigen Mauern -der Strafanstalt herüber, halbrechts recken sich zu den Felsenhöhen -des Wyschehrad die riesigen Festungswälle mit den -Kasematten hinauf, die Ferdinand von Saars schönster Novelle -Schauplatz sind. Oben auf der Höhe des Wyschehrad die -Basilika mit dem Kirchhof, auf dem die Tschechen alle die -<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a> -begraben, die sie für groß halten. Unten im Sluper Tal -die großen Institute der Fakultäten, dann zwei Hotels, dann -Zinskasernen, auf deren Hinterfronten mit riesigen Lettern -Firmenreklamen stehen. Überall rauchen Fabriksschlote. Und -um das Idyll vollends vergessen zu machen, wird der -Blick durch ein markerschütterndes Geschrei in den angrenzenden -Garten gelenkt, wo Wärterinnen eine Irre in eine Zwangsjacke -zu pressen versuchen ... -</p> - -<p> -Es ist die Kehrseite Prags, die man hier vom Gasthausgarten -sieht. Das Wirtshaus, das diesen Ausblick gewährt, -heißt die „Gifthütte“. Wohl nicht deshalb, weil es das -andere Prag zeigt. Auch wegen des Bieres führt es wohl -seinen Namen nicht. Denn die Bezeichnung stammt schon von -altersher und das Bier wurde hier durchaus nicht in Dosen -vertilgt, wie sie bei Giftgenuß in Anwendung zu kommen pflegen. -Vielleicht hieß es so, weil hier besonders die Mediziner verkehrten, -die mit Giften hantierten. Ich weiß es nicht und auch -die Chronik der Stadt Prag vermag über die Herkunft dieses -Namens keinen Aufschluß zu geben. Die Chronik der Stadt -Prag weiß über das Haus Numero Conscriptionis 446—II. -überhaupt nichts zu sagen, obwohl es doch im Wechsel der -Zeiten so Sonderbares erlebt und so mannigfache Gäste beherbergt -hat, wie kaum ein zweites. -</p> - -<p> -In vergilbten Auflagen des Lahrer Kommersbuches findet -sich auch ein Prager Studentenlied. Ein Doctor medicinae Keim -hat es an einem Maiabend des Jahres 1853, also zu einer -Zeit ersonnen, da Deutschlands Musensöhne zu Hunderten nach -Prag zogen, wo auf der medizinischen Fakultät zum ersten -Male die Kunst gelehrt wurde, die Lungenentzündung ohne -Aderlaß zu behandeln. Die in diesem Liede ausgesprochene -Sehnsucht -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„Auf den Windberg, auf <a id="corr-43"></a>den steiligen,</p> - <p class="verse">Möcht’ ich zu den Jungfrau’n eiligen ...“</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -hat noch in späteren Studentengenerationen wiedergeklungen -und allabendlich „eiligten“ sie den steilen Windberg hinauf, um -hier beim „Jodoform-Kränzchen“ nicht zu fehlen, -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„Wo zum Tanz die hezká holka</p> - <p class="verse">Nach dem Klang der munter’n Polka</p> - <p class="verse">Den Primär am Bändchen führt.“</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a> -Das mit dem „Primär“ stimmte. Fast alle Primärärzte -der Irrenanstalt und die Assistenten der Kliniken tanzten hier -unbekümmert um ihre ärztliche Würde bis längst die Sonne -das Nusler Tal vergoldete. Und wenn ein Patient oder eine -Patientin in einem der nahen medizinischen Institute der ärztlichen -Hilfe dringend bedurfte, dann war sie rasch zur Hand. -Brauchte man ja nur hinunter zum Gifthüttenball zu schicken. -Von den Tänzern der Jodoformkränzchen sind heute viele Hofräte, -zwei sogar wirken als Geheime Medizinalräte an Deutschlands -hohen Schulen. -</p> - -<p> -Was den Ausdruck „hezká holka“ anbelangt, so ist er im -allgemeinen als dichterischer Euphemismus aufzufassen. Die -Damen rekrutierten sich aus drei Gesellschaftsschichten: I. Den -dienstfreien Wärterinnen der medizinischen Institute; II. den -Dienstmädchen der in den Instituten wohnenden Professoren der -philosophischen und der medizinischen Fakultät und III. den -Hörerinnen der Hebammenkurse, die alle vier Monate abwechselnd -in deutscher und tschechischer Sprache im nahen Gebärhause -abgehalten wurden. Die Ballgespräche waren medizinischen -Geistes voll. Die Wärterinnen berichteten ihren Vorgesetzten -und Tänzern über irgendein interessantes Symptom im Krankheitsverlauf -eines Patienten der Klinik, und den Professorenköchinnen -flüsterte manchmal in vorgerückter Stunde ein -Tänzer die verschämte Bitte ins Ohr: „Fräulein, kochen Sie -morgen dem Professor ein feines Essen. Ich mache nachmittags -Examen.“ -</p> - -<p> -Eine Spezialität der Jodoform-Kränzchen war die sechste -Tour der Quadrille. Sie zog sich bis tief in den Garten -hinaus ... -</p> - -<p> -Der Gründlichkeit halber sei auch erwähnt, daß außer -den drei erwähnten Damengattungen auch einmal eine vierte -am Gifthüttenball vertreten war. Das war so: Einige übermütige -Mediziner hatten einem eben nach Prag gekommenen -Ordinarius erzählt, daß sich allabendlich ein großer Teil der -Medizinerschaft in einem nahen „Gifthütte“ benamsten Gasthause -zum Tanze versammle. Es sei zwar eine ganz ungezwungene -Gesellschaft, aber wenn der Herr Professor mit seinen -Töchtern den Studenten die Ehre erweisen wolle ... Der -Herr Professor erwies den Studenten wirklich die Ehre und -<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a> -kam am Abend mit seinen beiden Töchtern hin. Sprachlos -blieb er in der Tür stehen. So ungezwungen hatte er sich die -Sache doch nicht gedacht: die Herren in Hemdärmeln, die -Damen in Schürzen und das Lokal, das einer Verbrecherkneipe -viel ähnlicher sah als einem Ballsaal! Aber als die Herren -Mediziner auf die beiden Professorentöchterlein zutraten und -höflich um ein Tänzchen baten, machten sie und der Herr -Papa gute Miene zum bösen Spiel und tanzten. Als später -einmal eine der beiden Professorentöchter als Professorsgattin -nach Prag kam, hat sie ihr Balldebüt in der „Gifthütte“ zum -Besten gegeben und hinzugefügt, daß sie sich seither bei keinem -Ball so gut unterhalten habe, wie damals bei diesem seltsamen -„Medizinerkränzchen“. Wo sie doch die sechste Quadrilletour -gar nicht getanzt hatte! -</p> - -<p> -Nicht so günstig wie das Professorentöchterlein hat über -die Jodoform-Kränzchen der 70er Jahre der damalige Pfarrer -von Sankt-Apollinar — diese Kirche ist nur durch die Kegelbahn -vom „Gifthütten“-Garten getrennt — gedacht. Der Pfarrer -richtete an den Regierungsrat Professor Weber von Ebenhof, -den Bruder des damaligen Statthalters, eine Zuschrift, die eine -Philippika gegen die Bälle war und in der Professor von Weber -ersucht wurde, er möge den Hebammen den Ballbesuch verbieten. -Aber Regierungsrat Weber, der selbst in der „Gifthütte“ -im Hörerkreis seinen täglichen Frühschoppen trank, legte den -Ballbericht ad acta und erließ keinen Boykottbefehl. -</p> - -<p> -Die alten Mediziner wissen allerhand solcher Scherze zu -erzählen. Von der Krönung der Gifthütten-Könige, von den -Plakaten, die der König affichieren ließ, von Wurstfesten und -von Kegelabenden, von medizinischen Dauersitzungen, die so lange -währten, bis Frau Schuh nichts mehr ankreiden wollte und von -dem Beduinenknaben, den der berühmte Afrikaforscher Dr. -Glaser seinem in der „Gifthütte“ wohnenden Bruder zur Pflege -übergeben hatte und der bald der Liebling der Apollinargasse -war. Sie wissen auch davon zu erzählen, daß in der „Gifthütte“ in -der Zeit, da die Universität noch ungeteilt war, tschechische -Studenten mit deutschen Burschenschaftern und Corpsiers manches -feuchte Quodlibet gelöffelt haben. Aber dann begann sich das -Gift nationalen Hasses in die „Gifthütte“ zu verpflanzen, die -deutschen Mediziner blieben aus und die tschechischen, die sich -<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a> -nun untereinander streiten mußten, bald auch. Dem Medizinerbeisel -fehlten die Mediziner und bloß das Beisel war geblieben. -Der Wirt veranstaltete Schrammelkonzerte, aber die lockten -keine Katze in das Haus. Wiederholt kam das Gasthaus unter -den Hammer und wechselte seinen Besitzer. Heute tanzen am -Abend keine Professorentöchter mehr hier, sondern bloß die -Dämchen, die auf der nahen Walstatt den schweren Nachtkampf -ums Dasein führen müssen. In den neuen Kommersbüchern -steht das Prager Lied nicht mehr. Die letzten deutschen -Stammgäste scheinen die „schweren Jungens“ aus Berlin gewesen -zu sein, die von hier aus den Plan zur Befreiung ihres in der -Irrenanstalt befindlichen Komplizen ausführen wollten und in der -„Gifthütte“ festgenommen wurden. -</p> - -<div class="centerpic end"> -<img src="images/end.jpg" alt="" /></div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="part-29"> -<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a> -Karl May in Prag -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">er</span> Prozeß hätte nicht kommen sollen. Zwar hat uns die -moralische Verurteilung Karl Mays heute nicht mehr so arg -getroffen, da wir ja jetzt seine Werke nicht mehr so heißhungrig -verschlingen, aber unser Bedauern ist ein reflexives: Wir malen -uns aus, wie uns zur Zeit, da wir noch in der Sekunda saßen, -die Enthüllungen des Prozesses aus allen Himmeln gerissen -hätten. Wie wären wir entsetzt gewesen, wenn wir damals aus -den Gerichtssaalberichten ersehen hätten, daß er „Emmeh“ -schnöde verlassen habe, „Emmeh“, sein geliebtes Weib, dem er -in den Wigwams der Apachen und in den Zelten der Hammadil-Beduinen -treu gewesen war und von dessen Güte und Schönheit -er den Mormonen und Mohammedanern mit imponierender -Liebe erzählte. Wie wären wir mißtrauisch geworden, wenn -wir erfahren hätten, daß der gute Idealist „Carpio“, mit dem -sich unser Lieblingsautor in den Wäldern des Erzgebirges harmlos -und dichtend herumgetrieben haben wollte, niemand anderer -war, als ein fahnenflüchtiger Soldat und Einbrecher, mit dem -zusammen Karl May räuberische Überfälle auf Marktweiber -unternommen hatte. -</p> - -<p> -Nein, nein, der Prozeß hätte nicht kommen sollen. Aber -besser ist es, daß er jetzt kam, als wenn er damals stattgefunden -hätte. Nicht etwa deshalb, weil er uns eine Illusion, eine -Leidenschaft unserer Jugendzeit geraubt hätte. Das hätten zehn -solcher Gerichtsverhandlungen nicht vermocht. Niemals hätten -wir ihn preisgegeben. Im Gegenteil! Im Bannkreis unserer -Gymnasiasten-Romantik hätten wir es noch überwältigender -gefunden, wenn der Autor der Abenteuer wirklich ein Abenteurer -gewesen wäre. Wir hätten wahrscheinlich seine damaligen -Kämpfe gegen Gesetz und Recht als vielversprechenden Beginn -zur Karriere des Westmannes angesehen. Und wer weiß, ob -nicht ein moralisch schwacher Phantast unter uns hingegangen -wäre und ein gleiches getan hätte. -</p> - -<p> -Und was hätte es für Kämpfe mit unseren Eltern gekostet, -wenn die aus den Zeitungen erfahren hätten, daß unser Autor -<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a> -ein Dieb, ein korrupter Mensch sei! Hatten sie ihn doch ohnedies -mit scheelen Blicken angesehen und uns seine Werke weggesperrt, -wenn aus der Lehrerkonferenz ein Tadelzettel unfrankiert -nach Hause gesandt worden war. Sie hatten gar wohl -gewußt, daß unser mangelnder Fortschritt in der Schule vor -allem dem Umstande zuzuschreiben sei, daß wir Tag und Nacht -mit unserem ganzen Sinnen und Trachten den Spuren Old -Shatterhands folgten, daß wir in sehnenden Gedanken mit ihm -vom wilden Westen Nordamerikas in den wilden Osten Südeuropas -reisten. Auf der Strecke von Bagdad nach Stambul -waren wir besser zu Hause, als in den Gebirgsketten der Alpen, -deren Kenntnis der Geographieprofessor von uns verlangte. In -den Cordilleren, in Ägypten, am Rio de la Plata, im Lande -des Mahdi, im wilden Kurdistan, im Reiche des silbernen Löwen -kannten wir uns unvergleichlich vortrefflicher aus, als in den -im Reichsrate vertretenen Königreichen und Ländern. Die Biographien -Sam Hawkens, Old Wabbles, Old Deaths, Old Surehands, -Old Firehands, des „blau-roten Methusalem“, Hadschi -Halef Omars Ben Hadschi Abbas Ibn, des „roten Gentleman“ -Winnetou, Ikwehtsi’pas, des Utah-Häuptlings Tusahga-Saritsch -kannten wir viel detaillierter, als jene Schillers, Grillparzers, -Lenaus. Mit der Naturgeschichte der Prairie und der Sahara -waren wir vertrauter, als mit jener Pokornys, und die nur für -den echten Araber aussprechbare und deshalb als nationales -Erkennungszeichen angewandte „Sure des Todes“ konnten wir -fließender auswendig hersagen, als die „im Kanon der für den -Lehrplan der II. Mittelschulklasse vorgeschriebenen Gedichte“. -</p> - -<p> -Das war fürwahr kein Wunder. Denn während der -Unterrichtsstunden hatten wir einen der Fehsenfeldschen May-Bände -unter der Bank aufgeschlagen, die Zehn Uhr-Pause -opferten wir der Fortsetzung der Lektüre und der Weg von der -Schule nach Hause wurde im Schnellschritt zurückgelegt, weil man -daheim in dem Buche weiterlesen konnte. Allerdings mußte -man dieses mit den Deckeln des Putzkerschen Historischen Schulatlas -maskieren, um bei den Eltern den beruhigenden Glauben -zu erwecken, daß man über ein Lehrbuch gebeugt sei. -</p> - -<p> -Praktisch wurde natürlich Karl May noch gründlicher geübt. -Das Belvedere-Plateau war damals noch nicht planiert und -zur Seite der Straße war ein etwa 4 Meter tiefer, breiter -<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a> -Straßengraben, dessen Hänge von ausladenden Büschen bewachsen -waren. So waren wir nach unten vor den Blicken der Spaziergänger -geschützt und konnten ungestört unseren Kriegsrat abhalten, -wobei wir aus irgend einer alten Tabakspfeife, die wir -mit Gras stopften, das Calumet rauchten — die Friedenspfeife. -Wir hatten jeder unseren Prärienamen, nur „Old Shatterhand“ -durfte keiner heißen: Das wäre Profanation, zu viel Ehre für -den einen gewesen. Die Namen der übrigen „Scouts“ waren -aber durchwegs vertreten, auch waren wir in Apachen und -Commanchen eingeteilt. Da gab es heftige Kämpfe. Manchmal -siegten auch die Commanchen. Das war eigentlich nicht ganz -im Geiste unseres Autors, denn bei dem mußten immer seine -Feinde unterliegen. Er war ja — so beschrieb er sich selbst — -unbesiegbar, er allein hatte tausendmal Hunderte von Feinden -im Schach gehalten. Daß er doch nicht auch mit seinem -Prozeßgegner fertig zu werden vermochte! -</p> - -<p> -Im Oktober des Jahres 1898 war Karl May in Prag. Er -führte gegen einen tschechischen Verleger einen Stritt, weil ihm -das angebotene Zeilenhonorar für die tschechische Übersetzung -seiner Bücher zu gering war. Schließlich kam ein Vergleich zustande. -Wir verschlangen alles, was wir hierüber in der „Bohemia“ -finden konnten, mit wahrem Heißhunger. Denn, wenn es auch -mit der kritiklosen Bewunderung längst vorbei war — das -Interesse für den Autor unserer Jugend war noch nicht erstorben. -Wir wollten diesen einmal von Angesicht zu Angesicht sehen. -Wir ließen im Hotel de Saxe, in dem er logierte, nachfragen, -ob wir mit ihm sprechen dürften. Er ließ uns vor und machte -geheimnisvolle Andeutungen über ein entsetzliches Ende, das -Hadschi Halef genommen hatte, über eine Goldgrube, die er im -Llano Estacado entdeckt habe, aber deren Ausbeutung sehr -gefahrdrohend sei. Und dergleichen. Mir als dem Sprecher der -Schüler, hat er zum Andenken den dritten Band „Old Shurehands“ -geschenkt, in dem sich sein Bild mit der Silberbüchse, -dem Trapperhut, den Ledermokasins und Henrys Revolver vorfindet. -Auf die erste Seite schrieb er einen Spruch und setzte -seinen Namen darunter. Der Spruch ist wirklich überaus schön. -Er stammt von — Goethe. -</p> - -<div class="centerpic end"> -<img src="images/end.jpg" alt="" /></div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="part-30"> -<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a> -Polizeimuseum -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">V</span><span class="postfirstchar">erwittert,</span> zerfallen, von Balken gestützt, hat bis zum Vorjahr -der Turm im Hofe des Polizeigebäudes auf die Gestalten -herabgeschaut, die — ihm ähnlich — auf ihren Krücken allmittäglich -aus dem Arresthause in den städtischen Schubwagen -humpelten. Trotz der Stützbalken schien es, daß der greise Turm -jeden Augenblick zusammenstürzen könne. Man wollte ihn daher -demolieren, aber Rücksichten auf die Erhaltung dieses Denkmals -historischer Zeiten, in denen noch ein Wall die innere Stadt umgab, -haben die Ausführung dieser Absicht verwehrt. So mußte -man den Turm renovieren und heute steht der alte Bau freundlich -und wohnlich da. -</p> - -<p> -Hierher ist jetzt das von Oberkommissär Protivenski aus dem -Nichts geschaffene Polizeimuseum übersiedelt. „Polizei-Museum.“ -Das klingt wie ein Oxymoron. Die Musen, die neun Beschützerinnen -der schönen Künste, haben doch mit dem Handwerkszeug -der Verbrechergilde nicht das Geringste zu schaffen! Wohl. Aber -die Tätigkeit, die im Dienste der Kultur und Wissenschaft erfolgreich -die Spuren der Verbrecher zu ermitteln strebt, ist eine Kunst -wie bald keine zweite. Das kann man nirgends so gut erfahren, -wie hier im Polizeimuseum, wo man atemlos darüber -staunt, mit welch genialem Raffinement, mit welchem Aufgebot -von manueller und geistiger Geschicklichkeit die Welt der Verbrecher -jede neue Errungenschaft menschlichen Schaffens ihren -eigenen Zwecken dienstbar macht. -</p> - -<p> -Vor dem Eingang merkt man noch nichts davon, welche -Instrumente der Verbrecherwelt das Polizeimuseum birgt, denn -über der Tür zum ersten Museumsraum sind Studentensäbel und -Korbschläger in so dekorativer Weise angeordnet, daß man vermeinen -würde, in eine Studentenbude zu treten, wenn man -nicht wüßte, daß es sich um polizeilich konfiszierte Waffen -handle. Immerhin eine freundliche Einführung für einen Raum, -der vorwiegend der Tätigkeit der <em>Einbrecher</em> gewidmet ist. -</p> - -<p> -Hier ist Papacostas Handwerkzeug untergebracht — der -langjährige Clou des Prager Polizeimuseums. Denn Papacosta und -<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a> -seine Komplizen Afendakis, Maceo Stein und Perikles Slalio -waren die ersten internationalen Einbrecher, die mit „allem -Komfort der Neuzeit ausgestattet“ Geldschränke knackten und nur -in Prag wurde man ihres ganzen Instrumentariums habhaft. Allerdings -durch den Racheakt eines benachteiligten Mitgliedes der -Bande. Vom 6. April 1894 an, an welchem Tage sie sich durch -einen Einbruch in das an das Polizeikommissariat Heuwagsplatz -angrenzende Etablissement Franz Valenta ihre elektrischen Bedarfsartikel -verschafften, hatten sie ein halbes Jahr lang in -kurzen Intervallen große Einbruchdiebstähle in Prag unternommen, -ohne daß man eine Spur der Täter entdeckt hätte. Am 17. Dezember -1894 fand die Inhaberin des Bankgeschäftes Ig. S. -Weiner, als sie am Morgen in das Geschäft kam, nicht nur zu -ihrem Entsetzen Ladentüre und Kassen fast ganz aufgesprengt -vor, sondern es waren auch unzählige Einbruchsgeräte auf dem -Ladenpulte ausgebreitet: Die seither berühmte „Papacostasche -Maulstange“, der große Zentralbohrer, die sinnreiche Blendlaterne, -ein Ölfläschchen und etwa 40 Sperhaken — heute durchwegs -Ausstellungsobjekte des Museums. Die Einbrecher hatten -damals fluchtartig das Geschäft und auch am selben Tag Prag -verlassen. Wie man einige Monate später vor Gericht erfuhr, -hatte Stalio, der den Aufpasser vor der Ladentüre gemacht hatte, -das Warnungssignal gegeben. Aus Rache, weil er sich bei der -Verteilung der Beute übervorteilt glaubte. -</p> - -<p> -Heute sind die damals angestaunten Utensilien der Papacosta-Bande -nicht mehr die Glanzstücke des Polizeimuseums. Diese -bilden nunmehr die Instrumente einer anderen auswärtigen Verbrecherorganisation, -die in Prag ein blutiges Andenken hinterlassen -hat, nämlich der Bande Wasinskis. Mit Staunen sieht man -z. B. die vier Meter lange Maulstange. Man hat sie bei dem -pockennarbigen Riesen Adamski gefunden, der in der Weihnachtsnacht -unmittelbar nach dem Morde festgenommen worden war. Wie -Adamski das vier Meter lange Instrument bei sich verbergen -konnte? Nun, der lange Hebel der aus Birmingham-Stahl gefertigten -Stange ist zusammenlegbar und so fest ineinanderfügbar, -daß drei Männer mit aller Gewalt sich dagegen zu stemmen -vermögen, wenn die Eisenplatte der „einbruchssicheren“ Kassen -entzweigeschnitten werden soll. Natürlich kann die Riesenschere -erst dann eingesetzt werden, wenn die elektrische Handbohrmaschine -<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a> -„Progreß“, deren Spannung 35 Volt beträgt, ihre Wirkung -getan hat. -</p> - -<p> -In allen Ehren kann neben den Internationalen aus -Griechenland und Galizien auch ein heimischer Aussteller bestehen: -Eduard Linhart, der an einem Wintersonntag des Jahres -1908 den Kellerplafond der Karolinentaler Vorschußkasse durchbrach -und den Fußboden zerschnitt. Für diesen mißglückten Einbruchsversuch -hat Linhart nicht weniger als 8 Jahre hinter den -schwedischen Gardinen von Pankratz zuzubringen — eine harte -Strafe, die wohl vor allem darauf zurückzuführen ist, daß die -corpora delicti allzudeutlich von der Gefährlichkeit des Inkulpaten -sprachen: Ein Zentralbohrer mit Schraube ohne Ende, mit Kraftübertragung -durch Kurbeldrehung und einem Mundloch, den die -„Goodel Pratt-Company“ hergestellt hat, eine feine „Fuchsschwanz“-Säge, -ein Riesenhammer und allerhand ähnliches. -</p> - -<p> -Durch elegante Form fällt das Reisenecessaire auf, in welchem -die Kirchenräuber Kankovsky und Brünner ihre Einbruchswerkzeuge -praktisch angeordnet hatten. Auch weniger bekannte -Einbrecher haben dem Museum wertvolle Bereicherungen geliefert. -Man sieht einen Gutaperchahandschuh, den ein Einbrecher angezogen -hatte, um keine Fingerspuren zu hinterlassen und um an -der elektrischen Leitung gefahrlos hantieren zu können. Man -sieht Schlüssel mit auswechselbarem Bart, bei denen sogar jeder -Bart auf zwei verschiedene Arten — normal und verkehrt — -eingesteckt werden kann. Man sieht Schlüssel, deren Stiel aus -lauter Schlüsselbärten besteht. Man sieht Hohlschlüssel für Patentschlösser. -Man sieht abgesägte amerikanische Vorhängschlösser, -sieht, wie Stecher-Schlösser einfach aus der Kassa herausgenommen -werden, sieht Brustgriffe für Bohrinstrumente, sieht Pechpflaster -mit den Resten der eingedrückten Fensterscheibe, an die -sie angedrückt wurden, sieht Nagelstöcke zum Aufkratzen des -Fensterkittes, sieht Strickleitern und stangenförmige hölzerne -Kellerleitern mit Querleisten. Man sieht „Krähenaugen“, die -Frucht von Paris quadrifolia, welche die Einbrecher den Wächterhunden -vorwerfen, um diese zu vergiften. Auch eine photographische -Darstellung des Einbruches, den die Kirchenräuber -Wainar und Anton im Jahre 1904 in die Kapelle in Scharka -unternahmen, ist hier ausgestellt, um zu zeigen, wie man damals -mit Hilfe der Daktyloskopie bloß nach dem am Tatorte -<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a> -aufgefundenen Abdruck eines Handballens der Täter habhaft -wurde. -</p> - -<p> -Die Requisiten, welche bei <em>Diebstählen</em> in Anwendung -kommen, sind gleichfalls in diesem Raum vorhanden. Sehr elegant -ist ein Spazierstock, dem man es gar nicht ansieht, daß -er zu einer Länge von drei Meter auseinandergezogen werden -kann. Ein praktisches Mittel zum Stehlen von Gegenständen, -die noch so weit vom offenen Fenster entfernt liegen mögen. -Diese Stöcke heißen im Rotwelsch „Disputierer“, weil in den -Gefängnissen die Häftlinge auf Latten, die sie irgendwo im Hofe -gestohlen haben, einander die „Kassiber“, die Verständigungsbriefe -zustecken, also mittels eines ähnlichen Instrumentes „disputieren“. -</p> - -<p> -Das System, auf dem die Erfindung der „Betthaken“ beruht, -ist ein analoges. Das sind winzige Angelhaken, deren drei -scharfe Zacken ankerförmig angeordnet sind. Diese Haken werden -an einer langen Schnur befestigt, deren Ende der Dieb in der -Hand behält. An dem Haken wird ein Bleistück befestigt und -nun das Instrument durch ein offenes Fenster in einen Stall -oder in eine Wohnung geschleudert. Die Zacken bohren sich fest -in eine Pferdedecke, ein Federbett, ein Kleidungsstück oder einen -Sack ein und dieses Objekt wird nun mit Hilfe der Schnur aus -dem Fenster auf die Straße gezogen. Fast bei jedem Zigeuner, -der von der Gendarmerie oder der Polizei festgenommen wird, -findet man dieses Diebswerkzeug. -</p> - -<p> -Auf Schiffsverladeplätzen, in den Güterwaggons und in -Magazinen wird der „Kaffeeläufer“ häufig verwendet: Ein einfaches -Eisenrohr, das gut zugespitzt ist. Der Dieb stößt es scharf -in einen mit Ware gefüllten Sack und der Reis, die Kaffeebohnen, -das Mehl fließen aus diesem durch das Rohr in den -Schnappsack des Diebes, ohne daß die Plombe des bestohlenen -Sackes beschädigt würde. -</p> - -<p> -Zu unauffälligem Fortschaffen der Diebsbeute ist der breite -Schmugglergürtel sehr zu empfehlen, in dessen Taschen die Beute -gleichmäßig verteilt werden kann, und an dessen Haken kompaktere -Gegenstände befestigt werden können. Natürlich arbeiten -auch diese Diebe, so wie ihre Kollegen vom Einbruchsfach, mit -Glacéhandschuhen, die zur Vermeidung von Fingerspuren dienen, -mit Strickleitern u. dgl. -</p> - -<p> -<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a> -<em>Bomben</em> und andere Explosivkörper mannigfaltiger Art -füllen in diesem Museumsraum zwei ganze Vitrinen. Ein respektables -Exemplar ist die Bombe, die in den 90er Jahren des -vorigen Jahrhunderts im Flur der ehemaligen St. Wenzelsvorschußkasse -in der Karlsgasse gefunden wurde und die damals -fast so viel Aufsehen erregte, wie ein Jahrzehnt später die Enthüllungen -über die Geschäftsgebarung in diesem Hause. Die -Bombe bestand aus einer mit Pulver gefüllten Kugelflasche, die -mit einem Gipsmantel umkleidet war. In dieser Gipshülle waren -Eisennägel als Sprengstoffe eingeschmolzen, die ganze Bombe -war mit Eisendraht und Fetzen umspannt. -</p> - -<p> -Ferner befindet sich hier eine Höllenmaschine mit einem -Wecker. Die Höllenmaschine war mit Pulver und Halbblei gefüllt. -Von furchtbarer Wirkung wäre im Falle der Explosion ein -oben und unten verkeiltes Gasrohr gewesen, das mit Pulver -gefüllt war, und oben ein Zündloch und die Zündpfanne trug. -</p> - -<p> -Eine Reminiszenz aus Prager Demonstrationstagen bildet -der sogenannte „Kanonenschuß“, ein Ledersäckchen, das mit -Pulver gefüllt und mit geleimtem Spagat zusammengebunden -ist. Diese Apparate pflegen mit einem geradezu ungeheuren -Krach zu explodieren, ohne aber besonders gefährlich zu sein. -Zur Belehrung der Sicherheitswache sind hier Dynamitpatronen -und Dynamitballen in Originalpackung ausgestellt. Auch gestohlene -Militärsprengstoffe, Bomben in Tafelform, und „Frösche“, -wie man sie in Prager bewegten Tagen den Pferden der berittenen -Wachmannschaft unter die Füße zu werfen pflegt, -fehlen in der Sammlung nicht. -</p> - -<p> -Das Turmgemach im zweiten Stockwerke strotzt von -Waffen. Am unauffälligsten nehmen sich unter diesen wohl die -Schießwaffen aus, die zum <em>Wilddiebstahl</em> gedient haben. -Wirklich kann mit diesen Gewehren jeder Wilderer -ruhig das forschende Auge des Hegers passieren. Da ist -z. B. ein Spazierstock einfachster Form, dem man gar nicht ansieht, -daß er sich flugs in ein Zündnadelgewehr verwandeln -läßt, dem nicht einmal der Kolben fehlt. Leimruten, Schlageisen -für Rehe, Drahtschlingen für Rotwild, Strickschlingen für Hasen, -Leimruten für Singvögel, Fangnetze für Rebhühner, die man -teils in Jagdrevieren abgenommen, teils bei Wilddieben vorgefunden -hat, befinden sich gleichfalls im Polizeimuseum. -</p> - -<p> -<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a> -Verbotene Waffen, wie Dolche, Stilets und Stockdegen -füllen eine große Vitrine. Die übrigen Waffen, die hier zu sehen -sind, stammen teils von Selbstmorden her, teils sind sie Reminiszenzen -aus den <em>Mordaffären</em> der letzten Jahre. Von dem -simpelsten Mordinstrument bis zum modernsten fehlt keines. -Hier ist der große Pflasterstein, mit dem am Josefitage des -Jahres 1896 Pravda und Outrata die Juwelierin Gollerstepper -in deren Laden in der Husgasse ermordet haben. Hier ist das -Beil, mit welchem 1895 der Schuster Franz Červenka seiner Frau -die Schädeldecke zertrümmert hat. Große Blutflecken auf drei -Steinen stammen aus der Nacht des 2. April 1902, in welcher -die Trainsoldaten Čučko, Octovsky und Velek auf dem Belvedere -den Franzensbader Hotelier Wolf getötet haben, eine plastische -Karte veranschaulicht den Tatort. Ein Tuch war das Mordinstrument, -mit dem der Musikant Ježek und sein Freund Merta -in Točna den Prager Werkelmann Janeček erwürgten. Eine -ganze Vitrine weist die Instrumente auf, mit denen das würdige -Ehepaar Valeš zu Krtsch das Liebespaar Takasz-Hanzely im -Schlafe umgebracht habe: Ein Jagdgewehr, ein Strick, ein Revolver, -ein Beil. Ein Revolver, der an der Wand hängt, war -das Mordinstrument des wahnsinnigen Stadtbediensteten Wurm, -der an dem Stadtrat Parůžek furchtbare Rache für seine Entlassung -nahm. Auch der Browning, die modernste der Schießwaffen, -mußte in zwei Exemplaren Aufnahme im Prager Polizeimuseum -finden: Mit einem Browning hat Wasinski den -Gefängniswärter Kaucky am Weihnachtsabend 1907 erschossen, -mit einem Browning tötete Boček am Karsamstag 1908 den Detektiv -Pětiletý und verletzte die Detektivs Lukeš, Binder und Hladík. -</p> - -<p> -An Bočeks Bluttat erinnert überdies die Totenmaske seines -Opfers, eine andere ist von dem im Nusler Tal von unbekannten -Einbrechern erschossenen Polizisten Bartoš abgenommen -worden. Eine dritte Totenmaske ist die eines Anarchisten, der -in Prag wegen Mordes justifiziert worden ist; in dem Gips ist -die tiefe Strangulierungsfurche erkennbar. Die älteste Mord-Reminiszenz, -die sich im Polizeimuseum befindet, ist ein vergilbter -Steckbrief der Prager Stadthauptmannschaft vom 1. Mai -1828. Er ist gegen zwei Fuhrleute aus der Umgebung Prags -gerichtet gewesen, die im Vogtlande die Familie eines Landmannes -töteten und beraubten. Der älteste Band des „Polizeianzeigers“ -<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a> -— die amtliche Wochenschrift des Prager Sicherheitsdepartements -— weist gleichfalls schon vergilbte Blätter auf; -die Leute, deren Steckbriefe in diesem Buche gedruckt sind, haben -wohl schon längst ihre Strafen gebüßt. „Königl. Preußische Polizeidirekzion -in Prag.“ Diese seltsame Inschrift trägt eine Stampiglie, -die aus der Prager Preußenzeit des Jahres 1866 stammt. -</p> - -<p> -Verschiedenartig sind die Hilfsmittel der <em>Betrüger</em>. Wohl -der genialste Schwindel, dessen Schauplatz Prag war, ist die -lukrative Gründung des geheimen Telegraphenamtes durch Plocek -und dessen Personal gewesen. Von Ploceks Hand stammen raffinierte -Postanweisungsfälschungen. Nicht minder geschickt nachgeahmt -sind Diplome, Totalisateur-Tickets und Dokumente, -Stampiglien und Marken, Orden und Medaillen. Die ganze -Einrichtung einer Münzfälscherwerkstätte und falsches Geld aller -Sorten liegt zur Schau. An der Wand hängt ein Phantasiesäbel -— der „amerikanische Oberstabsarzt Morocz“ hat ihn 1899 in -Prag getragen, bevor er verhaftet, als der langgesuchte Heiratsschwindler -Theophil Lawczinski erkannt und an die Schweiz zur -Bestrafung ausgeliefert wurde. Plombierte und verschlossene -Pakete „russischen Tees“, die Sägespähne enthalten, magnetische -Ringe, elektrische Stühle und anderes aus dem Warenlager großindustrieller -Quacksalber, die präparierten „Glücks“-Spiele -der Bauernfänger, die Schmucksachen der Ringwerfer, die -vor zwei Jahren in Prag reißend abgesetzten Kassetten der -„Elektrischen Amalisations-Werke in Berlin SW“, welche einen -Apparat zur Ersparung elektrischer Kraft enthalten sollten, aber -in Wirklichkeit leer waren, und vielerlei ähnliches sieht man. -</p> - -<p> -Das sind die Dinge, die der Museumsturm der Polizeidirektion -einschließt. Aus seinen spitzen Fenstern kann man in -das anthropometrische Kabinett im Hauptgebäude hinübersehen. -Dort liegt man der Tätigkeit ob, die zur Ausmittlung der Verbrecher -und zur Verhütung des Verbrechens dient, dort daktyloskopiert -man und signalisiert man, dort werden die portraits -parlé und die Photographien des Verbrecheralbums eingeordnet. -Dort rüstet man, von dort aus kämpft man gegen den Feind, -der das Eigentum, die Ordnung und das Leben der Menschen -bedroht. Manches, was hier geleistet wird, entbehrt nicht des -verblüffenden Erfolges. Aber gegenüber steht hoch, trotzig und -fest der Turm, der Rüstzeug und Waffen des Feindes birgt. -</p> - -<div class="centerpic end"> -<img src="images/end.jpg" alt="" /></div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="part-31"> -<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a> -Unter Statisten -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">M</span><span class="postfirstchar">eine</span> Tätigkeit als Statist wird von der Kritik in der -hartnäckigsten Weise ignoriert. Da ich aber nicht Willens -bin, mir gefallen zu lassen, daß meine Zugehörigkeit zur -dramatischen Kunst in Böhmen und meine Teilnahme an ihrem -Aufschwunge von gehässigen Federn totgeschwiegen wird, so will -ich sie selbst hier für die Ewigkeit verzeichnen. Der Beginn -meiner Bühnenlaufbahn fällt in das vorige Jahrhundert. Wir -gingen als Mittelschüler oft statieren. Erstens war es interessant, -das Bühnentreiben aus nächster Nähe zu betrachten, zweitens -war es ein einträgliches Vergnügen, da wir das Geld, das wir -von den Eltern zum Theaterbesuch bekamen, für uns behalten -konnten und drittens gab es immer ein großes Gaudium. Bei -der Aufführung der Oper „Die Rosenthalerin“ hatten wir -balgende Buben im Jahrmarktsgetümmel zu mimen und prügelten -einander dabei in erfreulicher Weise, bis wir Beulen an den -Köpfen und wunde Schienbeine hatten. In den „Hugenotten“, -in denen wir als Priester und Ministranten auftraten, zogen -wir im dritten Akt auf offener Bühne statt in die Kirche in -das Wirtshaus. -</p> - -<p> -Mit der Zeit wuchs unsere Bühnenroutine und unsere -Courage zu verschiedenen Streichen. Einer von diesen hat der -Schlußwirkung eines Theaterstückes starken Eintrag getan. Das -war bei der Uraufführung des Gottschallschen Bibeldramas -„Rahab“ im Landestheater. Die Regie hatte Gustav Burchard -inne, der in irgend einem reichsdeutschen Dialekte die Statisten -zu beschimpfen pflegte, weshalb diese stets dazu bereit waren, -ihm irgend einen Tort anzutun. Als Darsteller der übrigen -Rollen waren Marie Immisch, Mizzi Bardi, Auguste Urfus und -Emma Metz und die Herren John, Moissi, Stiewe und Steil -tätig. Wir Statisten — Söldner waren wir — hatten während -des Stückes nichts zu tun: Nur am Schlusse sollten wir im -blutigen Scheine der an allen Ecken angezündeten Stadt die -Mauern Jerichos besteigen und, unsere Schwerter und Hellebarden -schwingend, dartun, daß jede Gegenwehr der Bürgerschaft -<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a> -vergeblich sei. Natürlich benützten wir die lange Zeit, die uns -bis zum Schlusse des Dramas blieb, dazu, um uns in der -Handhabung der Hellebarden, Schwerter und Schilde zu üben, -bis Regisseur Burchard unseren Tournieren ein jähes Ende bereitete. -Schimpfend befahl er uns, alle Waffen hinter einer -Kulisse auf einem Haufen niederzulegen. Wir folgten, aber -brüteten Rache. Die gelang uns auch. Im letzten Akte machten -sich zwei von uns auf, trugen unbemerkt alle Lanzen und -Schwerter von dannen und versteckten sie zwischen zwei Kisten -in der Nähe des Maschinenraumes. Knapp vor unserem Auftreten -rief uns Burchard zusammen und prägte uns ein: Wenn -sich der Feuerschein verbreitet habe, mögen wir unsere Waffen -holen, sie mächtig aneinanderschlagen, auf den Leitern die -„Mauern“ erklimmen und oben unsere Waffen drohend erheben. -Als aber die Bärlappsamen entzündet worden waren und wir -unsere Waffen holen wollten, fanden wir sie nicht. Burchard -fluchte, schimpfte, drohte, schrie, aber das half ihm nichts. Wir -mußten wie Diebe auf die Mauern kriechen und stellten uns -oben ganz friedlich auf. Das war der Schlußeffekt des Dramas, -und die Kritik war am nächsten Tage einmütig in ihrem Urteil: -die Bürgerschaft Jerichos hätte sich gegen eine derart schäbige -Einnahme ihrer Stadt erfolgreich wehren können. -</p> - -<p> -In der vorigen Woche habe ich nach längerer Pause meine -„statistische“ Tätigkeit wieder aufgenommen. Ich debütierte in -„Wallensteins Tod“. Auch Kollege Devrient wirkte mit. Wir -Statisten hatten Wallensteinsche Soldaten zu spielen. Herr Kristoff, -als Garderobier daran kenntlich, daß er in seinen beiden Rockaufschlägen -einige hundert Stecknadeln eingesteckt hatte, (Sigmund -Lautenburg hat einmal einen Garderobier cäsarisch grollend -mit den Worten entlassen: „Geben Sie Ihre Nadeln ab!“) -kommandierte, als wir in den Garderobensaal gekommen waren: -</p> - -<p> -„Hosen, Stiefel und Röcke ausziehen, Westen anbehalten.“ -</p> - -<p> -Wir bekamen rot-gelb-blau gestreifte Strümpfe, gelbe -Schuhe, braunrote Pumphosen mit blauen Bändern am Knie, -ein helles Wams, einen Brustlatz aus Blech, einen Ledergürtel -mit herabhängenden Patronen, einen Degen und einen grauen -Schlapphut. Während wir uns ankleideten, teilte der kleine -Herr Rosenzweig, dessen Geschlecht schon seit einem halben -Jahrhundert die Komparseriebeistellung für das deutsche Theater -<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a> -besorgt, das Spielhonorar aus: Vierzig Heller per Person. Er -selbst bekommt sechzig Heller, die restlichen zwanzig sind sein -Gewinn. Ein Statist, der sich neben mir ankleidete, sagte auf -Pragerisch zu mir: -</p> - -<p> -„Nicht wahr, das ist nicht dasselbe Stück, wo der Löwe -den Wallenstein gespielt hat?“ -</p> - -<p> -Ich belehrte meinen Nachbar, indem ich ihm auseinandersetzte, -daß „Herbstmanöver“ und „Wallensteins Tod“ Kriegsdramen -verschiedenen Charakters seien, und daß der General -Wallenstein nicht den gleichen Chargengrad wie der Kadettoffizierstellvertreter -Wallerstein bekleide. -</p> - -<p> -Ein anderer Statist zog, bevor er sich auskleidete, einen -Gummiknüttel und einen Revolver aus der Tasche und legte -die Waffen neben sich auf die Bank. -</p> - -<p> -„Wozu tragen Sie die Waffen mit sich?“, fragte ihn ein -anderer. -</p> - -<p> -„Die brauche ich zu meinem Beruf,“ sagt der Befragte. -</p> - -<p> -„Was sind Sie denn?“ -</p> - -<p> -„Ich bin Detektiv der Polizeidirektion,“ wirft der Mann -so gleichmütig hin, als ob er wirklich das wäre, als was er -sich ausgibt. Der Garderobeinspektor des Theaters, Herr Fitzek, -wendet sich interessiert an den „Detektiv“ mit der Frage, ob es -nicht einen Detektiv Fitzek in Prag gebe. Der angebliche Polizeiagent -verneint die Frage. Er habe keinen Kollegen dieses -Namens. Herr Fitzek erzählt daraufhin, sein Vater habe ihm -einmal in Wien gesagt, daß er in Prag einen Onkel bei der -Geheimpolizei habe. Der angebliche Detektiv wiederholt apodiktisch, -daß er in den fünf Jahren, in denen er Angestellter des -k. k. Sicherheitsbureaus sei, nie einen Fitzek kennen gelernt -habe. Und dann beginnt er — die Statisten haben sich um den -Detektiv geschart — von dem hervorragenden Anteil zu erzählen, -den er an der Ausforschung der Kriminalaffären der -letzten fünf Jahre hatte. Er gehe oft statieren. Im tschechischen -Nationaltheater habe er neulich den gefährlichen Dieb Burian -dabei festgenommen, als er aus den Garderoben Portemonnaies -stahl. Die Statisten reißen respektvoll die Augen auf, gar als -er einen „Rapport“ aus der Tasche zieht, in dem er angibt, -daß er gestern mit dem Detektiv Batlička (dies ist tatsächlich -der Name eines Geheimpolizisten) eine Streifung unternommen -<a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a> -habe. Alles bewundert den Meisterdetektiv, an dem nur die -Phantasie bewundernswert ist. Ich kenne alle Geheimpolizisten. -Er ist nicht darunter. -</p> - -<p> -Inzwischen ist es sieben Uhr geworden und wir Statisten -schleichen auf die Bühne. Wir hören, wie Seni-Mandé und -Wallenstein-Devrient astrologische Weisheiten tauschen. Schließlich -finden wir auch eine Lücke in der Dekoration, durch die -wir auf die Szene schauen können. „Glückseliger Aspekt!“ -Wallenstein hat diesen Ausruf getan und die Kulissenschieber -nehmen ihn als Stichwort, um uns von unserem Ausguck zu -vertreiben. Flüche, in denen sich Prager Bodenständigkeit mit -gräßlichen Verwünschungen paart, schleudern sie mit verhaltener -Stimme uns, „dem miserablen Komödiantengesindel“, „den -verkleideten Affenpintschern“ ins Gesicht. Aber auch unter uns -sind Männer von gewandter Rede und sie bleiben den „Wolkenschiebern“ -und „Leinwandbaumeistern“ grobe Antwort nicht -schuldig. Zwischen Bühnenarbeitern und Figuranten herrscht seit -urdenklichen Zeiten Erbfeindschaft und in den ewigen Kämpfen -bleiben die Arbeiter immer Sieger. Denn sie sind Angehörige -des Theaters, die Komparsen nur Fremde. Und das technische -Personale hat im Inspizienten und im Regisseur mächtige Verbündete. -Die jagen uns fort. Ich habe aber von allen Komparseriekollegen -die größte Sehnsucht, doch etwas von den -Vorgängen auf und hinter der Szene zu erhaschen, ich schleiche -mich von einer Kulisse zur anderen, von rechts, von der Zauberbude, -in der der Oberbeleuchter mit Apparaten und Knöpfen -hantiert, bis an die äußerste Linke, wo der Vorhangmeister das -Steigen und Fallen des Vorhanges regelt, und komme mit -dem Regisseur Seipp und sogar mit Heinrich Teweles, dann -mit dem vorbeikommenden Theatersekretär Bertholdi und mit -mehreren Schauspielern in unsanfte Berührung. Lauter gute -Bekannte — keiner erkennt mich. Ein Schauspieler, mit dem -ich in der vergangenen Nacht bis viertel 7 Uhr früh Kognaksorten -geprobt habe, beschimpft mich, weil ich ihm im Wege -stehe. Und eine Schauspielerin, die zwei Tage vorher mit einer -öffentlichen Vorlesung meiner Werke Erfolg hatte, schiebt mich -höchst unsanft beiseite. Nur Herr Reinhart, der den Buttler -gibt und selbst nicht zu erkennen ist, hat mich erkannt: -</p> - -<p> -„Herr Redakteur, wie kommen Sie her?“ -</p> - -<p> -<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a> -Ich bitte ihn um Stillschweigen, er sagt es mir zu, aber -ich kann die Folgen dieser Erkennungsszene nicht vermeiden. -Ein kleiner Statist, der neben mir steht, hat die Anrede gehört -und fragt mich: -</p> - -<p> -„Sie sind ein Redakteur?“ -</p> - -<p> -„Ja.“ -</p> - -<p> -„Da haben Sie ganz recht, daß Sie sich keinen Sitz kaufen. -Was brauchen Sie sich zu drängen! Und schade ums Geld ist -es.“ Nach einer Weile fährt er aber fort: „Herr Redakteur, -bitte schön, wie können Sie die Szenen kritisieren, die Sie -nicht sehen?“ -</p> - -<p> -Da rücke ich denn mit der Wahrheit heraus: „Ich schreibe -nicht über das Stück, ich schreibe nur über die Statisten.“ -</p> - -<p> -„Über die Statisten? Das ist großartig. Da müssen Sie -hineinschreiben, daß ich eine prachtvolle Stimme habe. Wenn -ich disponiert bin, singe ich elfmal hintereinander das hohe C. -Nur habe ich einen Herzfehler und kann mich deshalb nicht -zum Sänger ausbilden. Aber als Schauspieler bin ich einmal -aufgetreten. In Hirschberg.“ -</p> - -<p> -„Was haben Sie da gegeben?“ -</p> - -<p> -„Den Okelly in „Maria Stuart“. Keine leichte Rolle. Ich -sollte hinter einem Mauerstück auftauchen und den Mortimer -warnen. Meinen Text kannte ich glänzend. Einen Souffleur -hätte ich gar nicht gebraucht. Aber ich habe Pech gehabt. Der -Garderobier hatte mir gesagt, ich brauche mich nur bis zum -Gürtel zu kostümieren. Aber als ich mich über das Versatzstück -beugte und mit voller Kraft schrie: „Flieht, Mortimer, flieht,“ -kippte das Versatzstück um und ich fiel auf die Bühne. Das -Publikum lachte wie wahnsinnig, denn ich hatte zu dem roten -Wams meine graukarrierten Straßenhosen an und die Hosenträger -hingen herunter. Der Direktor war wütend. Und bei der -nächsten „Maria Stuart“ mußte ich wieder im Volk stehen und -„Rhabarber“ murmeln. Seit der Zeit bin ich nicht mehr als -Solist aufgetreten. Der Garderobier in Hirschberg ist schuld -daran. Ich habe wirklich sehr viel Talent. Sie müssen schreiben, -daß ich sehr viel Talent habe.“ -</p> - -<p> -Der kleine Statist mit dem großen Ehrgeiz weicht nicht -mehr von meiner Seite. Schließlich werden wir beide — über -Auftrag des Inspizienten — auf den Korridor geleitet und die -<a id="page-156" class="pagenum" title="156"></a> -Türe wird hinter uns geschlossen. Wir müssen durch die Katakomben, -die von schwachen, mit Drahtnetzen umspannten Glühbirnen -beleuchtet sind, wieder in die Garderobe hinab. -</p> - -<p> -Während des dritten Aufzuges, kurz nach der Szene mit -den Pappenheimern, die von Chorherren dargestellt wird, läutet -in unserer Garderobe die elektrische Glocke: Man bedarf unser. -Herr Kristoff wirft noch einen musternden Blick auf unsere -Uniformen, bessert hier und dort an unserer Adjustierung und -jagt uns dann hinauf in den Seitenraum der Bühne. Von der -Szene tönt uns das Wortgefecht zwischen Max Piccolomini und Max -Devrient entgegen. Wir stehen rechts von der Bühne und stellen -die Truppen dar, die ungeduldig die Freigabe des jungen -Piccolomini verlangen, den sie von Wallenstein gefangen glauben. -Der Inspizient, Herr Körner steht auf einem Sessel und hebt -von Zeit zu Zeit die Hand. Das ist ein Signal für uns: Jetzt -ist’s Zeit zu lärmen! -</p> - -<p> -Der einundzwanzigste Auftritt geht zu Ende, Wallenstein -hat seine Absicht wahr gemacht: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse3">„Ich zeige mich</p> - <p class="verse">Vom Altan dem Rebellenheer, und schnell</p> - <p class="verse">Bezähmt, gebt acht, kehrt der empörte Sinn</p> - <p class="verse">Ins alte Bette des Gehorsams wieder.“</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Wallenstein kommt zu uns heraus, wischt sich (dem Publikum -ist er nicht sichtbar) den Schweiß von der geschminkten -Stirn, schneuzt sich gleichmütig und schenkt uns, dem Rebellenheere, -keine Beachtung. Ist es dann ein Wunder, daß auch wir -ihn mißachten und auf die freundliche Aufforderung des Herrn -Inspizienten „Vivat Ferdinandus!“ schreien?! Das heißt: Alle -schreien diese beiden Worte nicht. Vor mir z. B. steht ein -Tscheche, der in den allgemeinen Lärm nur mit einer freien -tschechischen Übersetzung des Wortes „Schmarren“ einstimmt. -</p> - -<p> -„Um zwei Sechser werde ich doch nicht ganze Monologe -aufsagen,“ bemerkt er zu seinem Nachbar. -</p> - -<p> -Nach und nach stürmen alle Statistengruppen in den Saal, -der sich — streng laut Regiebemerkung Schillers — unter -Kriegsmusik allmählich mit Bewaffneten zu füllen hat. Schließlich -stehen wir alle im Hintergrund der Szene. Einzelne von -uns betrachten die Dekoration, andere mustern die Thekla, -<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a> -andere starren forschend in den Zuschauerraum, der in gähnender -Dunkelheit vor uns daliegt und aus dem sich tausend unsichtbare -Augen auf uns heften. Wieder andere von uns suchen -ihren Blick abzuwenden, unerkannt zu bleiben. Jeder hat andere -Wünsche. Max Piccolomini aber schreit uns an: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„Was wollt ihr? Kommt ihr, mich von hier hinweg</p> - <p class="verse">Zu reißen? — O treibt mich nicht zur Verzweiflung</p> - <p class="verse">Tut’s nicht! Ihr könntet es bereun.“</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Wir würdigen den Mann gar keiner Antwort. Er aber -glaubt, daß keine Antwort auch eine Antwort sei, und brüllt -uns zu: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„Ihr habt gewählt zum eigenen Verderben,</p> - <p class="verse">Wer mit mir geht, der sei bereit zu sterben.“</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Dann rennt er ab, wir ihm im wilden Tumulte nach, -nicht zu sterben, sondern in unsere Garderoben. Wir haben ausgespielt -und entledigen uns unserer Rüstungen, in denen wir -von halb 7 bis 10 Uhr abends bös transpiriert haben und -kleiden uns an. Einzeln verlassen wir die Garderobe. Der -„Meisterdetektiv“ mißt jeden von uns mit forschendem Blick, -daß es den Gemusterten eiskalt überläuft. -</p> - -<p> -Der kleine Statist schärft mir noch beim Abschied ein: -</p> - -<p> -„Vergessen Sie nicht hineinzuschreiben, daß ich eine prachtvolle -Stimme habe!“ -</p> - -<div class="centerpic end"> -<img src="images/end.jpg" alt="" /></div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="part-32"> -<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a> -Der Dichter der Vagabunden -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">„</span>D</span><span class="postfirstchar">ie</span> Vagabunden“ von Karl von Holtei waren eines der -Lieblingsbücher unserer Väter. Das Buch hatte Sympathien -für die hungernd-fröhlichen Jünger der Kunst und deren Lebensweise -entfacht, denen im gleichen Jahr Henri Murger den Namen -Boheme gab, sie noch literarischer und noch romantischer, sie -ersehnenswert und bewundernswert machte. Karl von Holtei war -selbst ein Sprosse dieses in Frankreich von Murger geadelten -Geschlechtes, und wohl ein echter. Das zeigt z. B. die Widmung, -die auf der Titelseite des Vagabundenbuches steht: „Dem k. k. -Hofrath und Polizeidirektor in Prag Anton Frhr. von Paümann.“ -Die Widmung ist satirisch, ironisch und tendenziös. In ihr sagt -der alte Holtei zu dem Polizeigewaltigen, mit dem ihn übrigens -von Graz her ein persönliches Freundschaftsverhältnis verband: -„Sie sind sonst immer hinter den Vagabunden her, d’rum müssen -Sie sich’s gefallen lassen, daß hier die Vagabunden hinter Ihnen -her sind.“ Doch konnte sich der Herr Baron Paümann durch -diese Widmung seines Freundes auch derart angesprochen sehen: -Du hetzest uns Vagabunden; sieh her, wie wenig wir’s verdienen, -wie wir fühlen, wie wir denken, wie wir sind ... Es -war gewiß nicht bloß ein Akt der Freundschaft von Holtei, wenn -er einem Buch, das „Die Vagabunden“ hieß, den Namen eines -Polizeichefs voranstellte, denn er hatte als Theaterdichter, -Bühnenleiter, Theatersekretär, Schauspieler, Rezitator und — -not least — als fahrender Bohemien zeitlebens genug von der -Polizei zu leiden gehabt. Auch von der Prager. -</p> - -<p> -Der im Jahre 1797 in Breslau als Sohn eines Husarenrittmeisters -geborene Karl von Holtei wuchs vater- und mutterlos -auf. Seine Gymnasialstudien, die schon ein verzehrender Drang -zum Theater beherrschte, unterbrach er, um Landmann werden -zu können. Er zog als freiwilliger Jäger gegen Napoleon zu -Felde, bezog dann die Universität, wurde Burschenschafter und -während all dem verließ ihn nie die Sehnsucht Schauspieler zu -werden. Als „Mortimer“ betritt er in seiner Heimatstadt die -Bretter. Bald gibt es Streit, als fahrender Sänger und Deklamator -<a id="page-159" class="pagenum" title="159"></a> -zieht er ins Weite. Heimgekehrt vermählt er sich mit der -entzückenden Louise Rogée, die als Schauspielerin die Breslauer -bezaubert. Er wird Theatersekretär. Neuer Streit und Kündigung. -Das junge Künstlerpaar verläßt die Heimat und wendet sich -(man schreibt 1823) zunächst nach — Prag. -</p> - -<div class="block"> -<p> -„Ich erwählte mir Prag,“ schreibt Holtei in seiner Lebensgeschichte,<a class="fnote" href="#footnote-1" id="fnote-1">[1]</a> -„und zwar deshalb, weil dies der einzige Ort war, von wo ich auf meine -Anfrage (wegen Gastierens) keine Antwort empfangen ... Es war in der -Abenddämmerung, als wir Prags Türme erblickten. Mich überkam dabei -ein poetischer Schauer, und mit wehmütiger Begeisterung hub ich das -Schenkendorfsche Lied auf Scharnhorsts Tod, in welchem er „die alte -Stadt, wo Heil’ge von den Brücken sanken“ anredet, zu singen an. Wir -gelangten in wahrhaft feierlicher Stimmung ans Tor, um durch einen verwünschten -Zöllner in die niedrigste und ekelhafteste Prosa gezogen zu werden.“ -</p> - -</div> - -<p> -Auch ein Fremder, der diese Stadt uneingeschränkt bewunderte -und liebte, bevor er mit dem ersten Bewohner in Berührung -kam, um „in die niedrigste und ekelhafteste Prosa gezogen -zu werden!“ -</p> - -<p> -In Prag war damals Hans von Holbein Theaterdirektor. -Wenn das Ständische Theater auf dem Obstmarkt unter seiner -Führung auch nicht die Blüte wie unter Liebichs Leitung erreichte, -stand es doch auf bedeutsamer Höhe, auf der es nur -von wenigen Hoftheatern übertroffen wurde. Unter seinem Regime -erhob sich die „böhmische Nachtigall“, Henriette Sontag, -zu ihrem die Welt erobernden Fluge, und er war der erste, der -Seydelmanns überragende Begabung anerkannte und wertete. -Holbein empfing die fahrenden Thespisjünger nicht sehr wohlwollend. -</p> - -<div class="block"> -<p> -„Er fertigte mich kurz und entschieden ab; vom Gastspiel war keine -Rede, umsoweniger als eben der berühmte Bassist Fischer und der junge -Sänger Eduard Devrient aus Berlin auftreten sollten. Da saßen wir nun -in der großen wunderbaren Stadt, ohne Freund, ohne Rat, ohne Hoffnung -— und wußten uns nicht zu helfen. Mitten in meiner Trübsal fiel -mir ein, daß ein Mitarbeiter und Korrespondent der „Deutschen Blätter“,<a class="fnote" href="#footnote-2" id="fnote-2">[2]</a> -W. A. Gerle, Professor am Konservatorium, hier weile. Diesen freundlichen -Mann sucht’ ich auf, wurde durch ihn mit dem jungen, lebenslustigen -Marsano, dem Verfasser hübscher Lustspiele, und durch diesen wieder mit -all den fröhlichen Gesellen bekannt, die sich in der sogenannten Wolfsschlucht -versammelten.“ -</p> - -</div> - -<p> -<a id="page-160" class="pagenum" title="160"></a> -Aber hatte Holtei auch keine Freunde und keine Hoffnung, -so besaß er doch etwas, was schon damals wichtiger war, als -alles andere: Protektion. Auf dem Paßbureau wies er sich, -nachdem er kurz und entschieden nach Breslau zurückgewiesen -werden sollte, mit zwei Briefen an den Oberstburggrafen von -Böhmen, den Grafen Kolowrat, aus. Auf den Rat des Beamten -gab er die Briefe in dessen Palast ab, von wo sie den Abwesenden -nachgeschickt wurden. Nur wenige Tage des Wartens -vergingen. Da kommt er eines Tages nach Hause und findet -bei seiner Frau den — Theaterdirektor mit dem „Besetzungsbuche“. -Frau von Holtei trat als Lieschen in „Alpenröslein“, -sowie mit ihrem Manne, der hier wieder die Bühne betrat, in -einigen seiner netten Singspiele auf und erntete allabendlich -stürmischen Beifall.<a class="fnote" href="#footnote-3" id="fnote-3">[3]</a> -</p> - -<p> -Holtei schreibt von seinem Prager Auftreten in bemerkenswerter -Weise: „Ohne Gastrollen von Prag abreisen hieß gewissermaßen -auch alle übrigen deutschen Bühnen Luisen verschließen.“ -Und auch als er in dem Beutel, der ihm als Honorar überreicht -wird, statt der vermeintlichen Goldstücke nur Kupfermünzen -findet und entdeckt, daß seine Einnahme nur 3 fl. 56 kr. W. W. -beträgt, vermag das seiner guten Laune nicht Einbuße zu tun: -„Gleichviel! Wir hatten in Prag gespielt, die Bahn war gebrochen -...“ -</p> - -<p> -Nun durchwandert der Unstete Europa. Nahezu drei Jahrzehnte -währen die Irrfahrten, und die Aufzählung der äußeren -Erlebnisse würde Bände füllen. Von besonderem Interesse ist es, -wie er durch einen Besuch bei Madame Czegka in Leipzig, eine -Gesangslehrerin von Weltruf, welche am Prager Konservatorium -Henriette Sontag zuerst unterrichtet hat, und durch diplomatische -Kunststücke Henriette Sontag für Berlin engagiert, was anderen -Theaterdirektoren und deren Abgesandten nicht gelang. In -Weimar wird Holtei mit Goethe gut Freund, und kommt besonders -mit dessen Sohn August in ein überaus herzliches Verhältnis. -Mit Saphir kommt es wegen dessen Krieges gegen die -Sontag zum Bruch. Holtei wird Zeitungsredakteur, schreibt -eifrig und wird als erster Polensänger auch für die Nachwelt -lebendig. Noch heute gedenkt man des „tapferen Lagienko“ und -<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a> -tönt das Mantellied „Schier dreißig Jahre bist du alt“. Er heiratet -zum zweitenmale (Louise ist 1825 gestorben), der alte -Schleiermacher traut ihn mit der Schauspielerin Julie Holzbecher. -Er spielt in seinem „Lorbeerbaum und Bettelstab“ und wird sehr -berühmt. Im Jahre 1850 wird er seßhaft. In Graz. Sein kundiger -humorvoller Biograph<a class="fnote" href="#footnote-4" id="fnote-4">[4]</a> meldet: „Und er kaufte sich einen -Schreibtisch.“ Er vollendet seine Selbstbiographie „Vierzig Jahre“, -die als wichtige Quelle deutschen Theater- und Literaturlebens -von unschätzbarem Werte ist. Er schreibt hier seine Landstreicherromane -und Kriminalgeschichten, von denen manches Buch wie -„Christian Lammfell“ oder gar „Die Vagabunden“ mit Unrecht -vergessen ist. -</p> - -<p> -Nach Prag ist Holtei wiederholt gekommen. Hatte er sich -schon bei seiner ersten Anwesenheit manchen lieben Freund wie -Gerle und Marsano erworben, hatte sich die wunderbare Stadt, -die keinen unverzaubert aus ihrem Banne entläßt, tief ins Herz -geprägt, so verdichteten sich diese Eindrücke zu einer poetischen -Verherrlichung. Als dem Dichter nach dem Tode seiner zweiten -Gattin sein Theaterdirektorposten und der Aufenthalt in Riga -verleidet worden war, hatte Johann Hoffmann, ein Wiener Kind -und ehemaliger Tenor in Petersburg, diesen übernommen. Dieser -Hoffmann sollte nun im Jahre 1846 Nachfolger Stögers in Prag -werden. Als er sich nun an Holtei um ein Eröffnungsfestspiel -wandte, konnte dieser dem Freunde die Bitte nicht abschlagen, -doch stellte er die Bedingung, vorher einen Besuch in Prag zu -machen, „die dortigen Theaterzustände, die Stimmung des Publikums, -den vorherrschenden Ton wieder kennen zu lernen ...“ -Auf Hoffmanns Einladung verbrachte Holtei die Weihnachtsfeiertage -in Prag. Fleißig ging er ins Theater und „wohnte -auch den böhmischen Vorstellungen bei, die mich vorzüglich im -Gebiete der Lokalposse interessierten“. Und dann ließ er den -Zauber der Stadt auf sich wirken. „Jene Abende, wo das Schauspielhaus -geschlossen blieb, namentlich den Weihnachts- und -Silvesterabend brachte ich bis tief in die Nacht hinein in den -hohen, Ehrfurcht gebietenden Kirchen zu, den katholischen Feierlichkeiten -mit banger Aufmerksamkeit lauschend.“ -</p> - -<p> -<a id="page-162" class="pagenum" title="162"></a> -Er lernt Frau Direktor Stöger, die Witwe des „genialen -Direktors Liebich“ kennen, dessen Persönlichkeit er feiert: -„... daß die Prager Bühne durch ihre einzelnen Talente, wie -auch durch ihr geistig geleitetes Zusammenwirken unter Liebichs -Direktion eine der ersten, wo nicht die erste in Deutschland war, -ist allen Kennern unserer Theatergeschichte bekannt, und war -es auch mir.“ Und Holtei hat etwas vom Theater verstanden. -Mit Eindrücken wohl versehen, ging er nun an deren Verarbeitung. -Aber es kam nicht zur Aufführung. Es paßte Hoffmann -und den Prager Maßgebenden nicht. Vielmehr wurde das neueingerichtete -Theater am Ostermontage mit dem Festspiel „Die -Weihe der Kunst“ eröffnet; der heimische Poet Hickel hatte die -Worte geliefert, der Konservatoriumsdirektor Kittl und Kapellmeister -Skraup die Musik. Holtei aber hat sein wenigstens -originelles Stückchen im siebenten Bande seiner Lebenserinnerungen -abgedruckt. -</p> - -<p> -Die Szene bildet das Theatergebäude. Thalia will den -nordischen Fremden — den neuen Direktor — in die Hallen -seiner Bestimmung einführen. Der alte Guardasoni, der erste -ständische Impresario des Nostitz-Theaters, unter dem die Oper -geschmückt mit dem Namen Mozarts blühte, wird von den -Toten zitiert und gibt im welschen Deutsch dem neuen Mann -sein Geleite. Der Kastellan allerdings, der ihn ins Haus einführt, -spricht einen schwerer verständlichen Dialekt. Dieser Mischmasch -sollte offenbar Prager Deutsch vorstellen — aber es war nichts. -Ebensowenig ist ihm einmal der Versuch geglückt, in einem Gedichte -„Der Böhme in Berlin“ das berüchtigte „Behmisch-daitsch“ -Prags festzulegen. Man urteile selbst: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„Bei Prag ist große Bruck</p> - <p class="verse">Ale ist prächtig!</p> - <p class="verse">Steht heil’ger Nepomuk</p> - <p class="verse">Auf Bruck bedächtig.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Möcht’ ich Land meines sehn,</p> - <p class="verse">Möcht’ ich nach Böhmen gehn.</p> - <p class="verse">Böhmisch, böhmisch,</p> - <p class="verse">Böhmisch ist schön.“</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Ebenso ist ihm in seinem Bühnenspiel die Einführung der -kleinen böhmischen Muse völlig vorbeigelungen. Er vermochte -die Muse der böhmischen Komödie nicht zu charakterisieren. -<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a> -Mit würdigen Worten erscheint aber Hoffmanns besondere -Schätzerin Euterpe: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„Und vor jedem anderen Lande</p> - <p class="verse">Blieb ich diesem Lande nah</p> - <p class="verse">Schlang um dich die Blütenbande</p> - <p class="verse">Immerdar, Bohemia.“</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Unter dem Musengeleite betritt der Fremdling die Säulenhalle. -Im Kreise des gesamten Personales wendet er sich nun -mit warmen Worten ans Publikum, Prag möge ihm nicht Huld -und Geduld versagen. Und Thalia erwidert: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„Sie wird es nicht. Sie wird aufricht’gem Streben</p> - <p class="verse">Wie immer güt’ge Anerkennung geben.</p> - <p class="verse">Erblicke sie, die wunderschöne Stadt,</p> - <p class="verse">Die ihres Gleichen nicht auf Erden hat,</p> - <p class="verse">Erblicke sie, der du dich froh geweiht</p> - <p class="verse">Und stärke dich an ihrer Herrlichkeit.“</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="center"> -(Der Hintergrund teilt und Prags voller Anblick entfaltet sich.) -</p> - -<p class="noindent"> -Im Herbste 1853 erschien Holtei wieder in Prag und las -unter großem Beifall im Konviktsaale seinen Shakespeare. „Aber -je gütiger ich behandelt wurde, desto erkenntlicher muß ich -sein.“ Und den Dank hat er abgestattet. In Gutzkows Familienblatt -„Unterhaltungen am häuslichen Herd“<a class="fnote" href="#footnote-5" id="fnote-5">[5]</a> des Jahrgangs 1856 -erschien an leitender Stelle: „Das Kinderspital in Prag. Sendschreiben -an den Herausgeber. Graz in Steiermark. Juli 1856.“ -Darin hat nun Holtei seinen Dank in würdigster Weise abgetragen, -indem er für diese Anstalt in ganz Deutschland Stimmung -zu machen versucht und uns zum andern ein treffliches -Bild der Prager Gesellschaft vor nun fünfundfünfzig Jahren gibt. -In anschaulicher Weise schildert er uns die Segnungen und Aufgaben -des „Franz Joseph-Kinderspitals“, das von Dr. Kratzmann -im Jahre 1842 begründet wurde, und dann in Dr. Löschner, -dem unvergeßlichen Menschenfreunde, seinen nimmermüden, zu -jedem Opfer bereiten Leiter gefunden hat. Schon vorher hat -Holtei den Reinertrag seiner letzten Vorlesung am 23. November -— Schillers Demetrius, Goethes Egmont, Shakespeares Caesar — -dem Kinderspitale zugewiesen. -</p> - -<p> -<a id="page-164" class="pagenum" title="164"></a> -Interessant sind die Bemerkungen, die der schlesische Poet -über seine literarischen und gesellschaftlichen Beziehungen in Prag -macht. Nächst seinem Bekannten von Graz, dem Polizeidirektor -Baron Paümann, „waren es vor allem die Redaktoren der Zeitschrift -„Bohemia“ und der unter dem Titel „Album“ weit verbreiteten -Romanbibliothek, die deren beider liebevoll verhätschelter -Mitarbeiter zu begrüßen Pflicht und Ehre hatten. Freund -Klutschak saß mit seinen Kindern vor einem Tisch Kolatschen -und Wuchteln — oh Himmel, wie priesen die Kleinen den heiligen -Wenzel!“ Holtei war am Wenzelstage in Prag angekommen. -Bald war er auch in eifriger literarischer Tätigkeit. „Daneben -trat ich allwöchentlich einmal vor’s Publikum als Vorleser, -war Abend für Abend in geselligen Kreisen, machte sogar -verschiedene Ausflüge aufs Land in benachbarte Schlösser. Der -jugendliche Album-Vater Kober ließ sich’s angelegen sein, mich -dem Kreise der bei ihm häufig versammelten Schriftsteller und -Journalisten näher zu bringen ...“ Mit begeisterten Worten -rühmt er Prager Bildung und Geselligkeit. Besonders die Abende -bei dem berühmten Arzte Dr. Pitha und seiner anmutigen Gemahlin -sind ihm unvergeßlich. Den Gipfel seiner Begeisterung -erreicht er aber bei den Namen: Erwein Nostitz und Schloß -Mieschitz. „Welch eine Familie! Welch ein Hauswesen, welch ein -Vorbild für Gastfreiheit im höchsten, reichsten Maßstabe! ... -So denke ich mir den Landaufenthalt der besten, großen Familien -in Alt-England.“ So preist er die vornehme Persönlichkeit -und das kunstsinnige Wirken dieses kunstbegeisterten und kunstfördernden -altböhmischen Kavaliers. (Graf Erwein Nostitz war -der Großvater des gegenwärtigen Grafen dieses Namens.) Soviel -Gastfreundschaft macht dem greisen Poeten, der doch auf -seinen Fahrten viel gesehen und viel erlebt hat, die Moldaustadt -unvergeßlich. „Vor dreiunddreißig Jahren hatte ich Prag zum -ersten Male gesehen und in dieser Zwischenzeit jede Gelegenheit -benützt, die wundersame, alte, für mich immer neue Stadt, -sei’s auch nur als Durchreisender auf Stunden wieder zu besuchen.“ -Und kommt er nicht selbst, so sendet er seinen Dichtergruß. -Unter der langen Reihe der besten deutschen Namen, die -die Prager Lese- und Redehalle der deutschen Studenten unter -ihren Herolden nennen darf, fehlt auch der Holteis nicht. Zum -Konzerte, das dieser Studentenverein im Jahre 1857 gab, sandte -<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a> -der „Alte vom Berge“, wie man diesen Nestor deutscher Poeten -— er starb erst 1880 — später nannte, den Prolog, den Fräulein -Rudloff sprach. Mit schönen Worten verteidigt er das gesprochene -Wort, die Muse der Dichtung gegen die Musik. Er -ruft die unsterblichen Genien der deutschen Sprache, denen auch -dieser Verein diene, zu Bürgen und Zeugen, um dann den -Wunsch zu sprechen: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„Glückauf, glückauf! Du Stadt der Städte, Prag!</p> - <p class="verse">Heil Böhmen dir, du schönes Land der Länder.</p> - <p class="verse">Der Tonkunst alte Heimat willst nicht minder</p> - <p class="verse">Du Heimat sein der Wissenschaft, der Dichtkunst!</p> - <p class="verse">Glückauf! Heil sei mit dir und deiner Jugend.“</p> - </div> - </div> -</div> - -<div class="centerpic end"> -<img src="images/end.jpg" alt="" /></div> - -<hr class="footnote" /> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-1" id="footnote-1">[1]</a> Vierzig Jahre. Berlin, 1844. S. 67 u. ff. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-2" id="footnote-2">[2]</a> Deutsche Blätter für Poesie, Literatur, Kunst und Theater, herausgegeben -von Karl Schall und Karl v. Holtei. 1. Heft. 2. Januar 1823. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-3" id="footnote-3">[3]</a> Teuber, Geschichte des Prager Theaters. 1888. III. — 64. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-4" id="footnote-4">[4]</a> Karl von Holtei. Eine Biographie. II. Prämie zu Kobers Album. -1856. Prag und Leipzig. Der anonyme Verfasser ist Dr. O. Storch. -</p> - -<p class="footnote"> -<a class="footnote" href="#fnote-5" id="footnote-5">[5]</a> Neue Folge. I. Band. Nr. 48, S. 753 u. ff. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="part-33"> -<a id="page-166" class="pagenum" title="166"></a> -Arrestgebäude -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> Albrechtskaserne in Smichow besteht aus vier Gebäuden, -von denen jedes auf der Hoffront mit großen Lettern eine -der vier Aufschriften trägt: „Westkaserne“, „Südkaserne“, „Stabsgebäude“ -und „Nordkaserne“. -</p> - -<p> -Darauf läßt es sich zurückführen, daß ein Infanterist auf -die Frage, welches die vier Weltgegenden seien, geantwortet hat: -</p> - -<p> -„Nord, Süd, West und Stab.“ -</p> - -<p> -Das Stabsgebäude, das zu dieser falschen Antwort Anlaß -gab, füllt nicht die ganze Ostseite des Kasernenkarrees aus: An -der Ecke der Petřinergasse und der Königsstraße steht noch ein -entzückendes, quadratisches Häuschen: „Arrestgebäude“ ist oberhalb -des Tores zu lesen. -</p> - -<p> -Die Fenster sind vergittert und auf den Stufen, die zum -Eingang hinaufführen, steht oder sitzt ein Soldat mit grauen -Aufschlägen, Tschako und Patrontasche. Der Avisoposten. Er steht -da, um das Nahen des inspizierenden Offiziers schnell dem -Gefreiten melden zu können, der Wachkommandant ist. -</p> - -<p> -In diesem Hause habe ich einige Monate lang das Zimmer -gehütet. Lang, lang ists her und vielleicht hat sich seither vieles -geändert und es ist nicht mehr so arg, wie es damals war. Dann -hat dieses Feuilleton nur den Charakter einer Reminiszenz, erzählt -nur Gewesenes. -</p> - -<p> -An dem kleinen Eckhause der Petřingasse und der Smichower -Königsstraße gehe ich nie ohne leisen Schauer vorbei. -Ich habe in einem meiner Bücher und in vielen Geschichten -heiteres von meinen beim Militär verübten Streichen erzählt. -Aber die Strafen habe ich immer nur mit kurzen Worten -gestreift. Sonst wäre es schnell mit dem Humor vorbei gewesen. -Meine „Festungstid“ war die böseste Zeit meines Lebens. -</p> - -<p> -Am Anfang kam ich nur zu „verschärftem Arrest“ in das -vergitterte Haus. Das heißt: Ich „durfte“ auf dem Sandberg -mit den anderen Kameraden exerzieren, „durfte“ an dem -Unterrichte der Taktik, des Waffenwesens, des Militärgeschäftsstils, -des Heerwesens u. dgl. teilnehmen, aber wenn um fünf -<a id="page-167" class="pagenum" title="167"></a> -Uhr abends die anderen nach Hause schlafen gehen konnten, -dann mußte ich ins Arrest. Später kam ich zur strengeren -Strafe, zum „strengen Arrest“ in das Nordost-Häuschen. Da -machte ich die Beschäftigung der anderen nicht mit und blieb -von früh bis abends und von abends bis früh im dunklen Loch. -</p> - -<p> -In meiner Uniform konnte ich die Haft nicht antreten, -denn die wäre schnell kaput gewesen. Ich mußte von meinem -Putzer dessen ärgste Kommißuniform entlehnen, Kleider, die er -aus Schamgefühl selbst zum Exerzieren oder zum „Ritt“, d. i. -zur Reinigung der Kompagnieräume nicht angezogen hätte: -Breite, schlotternde Hosen, eine farblose Bluse mit verschiedenartig -blauen Flicken und eine unsagbar große Mütze, die — -wie verlautete — auch als Ohrenschutz, als Kochgeschirr, als -Waschschüssel und zu anderen Manipulationen verwendet -werden konnte. -</p> - -<p> -In diesem Aufzuge marschierte ich über den Hof, aus dem -Bereiche der Freiwilligenschule in den Arrest. Drei Schritte -hinter mir schritt der Tagskorporal, der mich im Arrest abzuliefern -hatte. -</p> - -<p> -Im Wachzimmer des Arrestgebäudes mußten wir Halt -machen und auf den Stabsführer warten, der die Profoßendienste -im Regiment versieht. Der wurde herbeigeholt. Leibesvisitation. -Das Taschentuch wird mir abgenommen; ebenso muß -ich mich der Schuhriemen entledigen. Der, der Bänder an den -Unterhosen hat, muß sich gefallen lassen, daß sie ihm abgeschnitten -werden. Alle diese Maßregeln haben prophylaktischen -Charakter: das Erhängen soll dem Häftling erschwert werden. -Derjenige, der nicht an Selbstmord dächte, könnte durch diese -Vorkehrungen leicht auf solche Gedanken kommen. -</p> - -<p> -Der Stabsführer entfernt sich, ich werde in eine Zelle -geleitet und die zufallende Türe scheidet mich von der Welt. -Das Rasseln des Schlüsselbundes verklingt langsam auf dem -Korridor. -</p> - -<p> -Ein Blick und ich bin mit meinem neuen Heim vertraut. -Vier kahle Mauern und in der Ecke eine Holzpritsche. Sonst -kein überflüssiger Komfort. Die offenen Rolladen des unerreichbar -hohen Fensters sieben das Tageslicht zwölffach, bevor sie es -zum Arrestanten lassen. Ein gräuliches Halbdunkel, nicht Tag -noch Nacht. -</p> - -<p> -<a id="page-168" class="pagenum" title="168"></a> -Lesen kann ich nicht, denn ich habe kein Buch. Schreiben -kann ich nicht, denn weder Feder noch Tinte, noch Bleistift, -noch Papier wäre mir gelassen worden. Rauchen kann ich nicht, -denn ich habe keine Zigaretten. Vom Sitzen auf der niedrigen -Pritsche tun die hinaufgezogenen Füße weh, vom Liegen auf -der harten Pritsche der Rücken. Ans Schlafen ist nicht zu denken. -Kalt ist es auch. -</p> - -<p> -So muß ich mir denn ein Surrogat suchen, zu dem man -keiner Utensilien bedarf: Ich zähle. Ich zähle bis hundert, bis -tausend, bis vierzigtausend. Ich bin gerade bei der Ziffer 40.015 -angelangt, als mir brennender Durst zum Bewußtsein kommt. -Ich schlage auf meine Tür. Der Posten, der draußen mit aufgepflanztem -Bajonett auf und ab geht, kommt herbei und fragt -mich nach meinem Begehr. „Ich will trinken,“ erkläre ich. -</p> - -<p> -„Warte einen Augenblick,“ gibt mir der Infanterist zur -Antwort. -</p> - -<p> -Er drückt auf den Knopf der elektrischen Klingel, die zum -Wachkommandanten hinunterführt. -</p> - -<p> -Nach kurzer Zeit hört man schwere Schritte: Der -Gefreite-Wachkommandant kommt die Treppe herauf, begleitet -von einem Mann der Wache. -</p> - -<p> -„Was wollen Sie?“ fragt er mich durch die verschlossene Türe. -</p> - -<p> -„Ich will trinken,“ melde ich nochmals. -</p> - -<p> -„Treten Sie zurück,“ befiehlt er mir und schaut durch -das vergitterte Guckloch, ob ich diesen Befehl befolgt habe. -</p> - -<p> -Dann öffnet er und ich kann hinaustreten. Die Mündungen -dreier Gewehre sind auf mich gerichtet und bewegen sich in -der Richtung eines jeden Schrittes, den ich mache. Der Wachkommandant -und sein Begleiter, sowie der Korridorposten haben -die linke Patronentasche offen, in der die scharfen Wachpatronen -stecken. Am Ende des Ganges, am Fensterbrett steht ein großes -Glas, wie man es gewöhnlich zum Einlegen von gedünstetem -Obst verwendet. Aus dem Konservenglas trinken alle Arrestanten. -Darunter steht eine Kanne, aus der ich mir eingieße. Während -ich trinke, lassen mich die Gewehrmündungen nicht aus dem Auge. -</p> - -<p> -Zum zweitenmale kommt der Wachkommandant herauf, -wenn es neun Uhr abends ist und der Hornist vor dem -Kasernentore die trüben Klänge der Retraite bläst: dann bringt -<a id="page-169" class="pagenum" title="169"></a> -er mir die dünne Kavalettdecke, in die ich mich einhülle und -vergeblich zu schlafen versuche. -</p> - -<p> -Dann bekomme ich gewöhnlich noch einen nächtlichen Besuch. -Der Kaserninspektionsoffizier kommt inspizieren. Er schaut -sich forschend um und schnuppert, ob in der Zelle kein Zigarettenrauch -zu spüren ist. Dann geht auch er. -</p> - -<p> -Manchmal ist der Gefreite, der die Wache kommandiert, -einer meiner Bekannten und läßt mich, wenn der Kaserninspizierende -das Arrestgebäude verlassen hat, zu sich ins Wachzimmer -hinunter. Unten brennt wenigstens ein Lämpchen, die -graphitfarbenen Wände des Ofens sind von ärarischer Kohle in -Glut versetzt und es sind Menschen da: die Wachsoldaten, die -Zigaretten hergeben, wenn man ihnen für den nächsten Tag -zehnfache Revanche verspricht. Auch die Arrestanten aus den -anderen Zellen haben sich — wenn der Wachkommandant kein -Hasenfuß ist — hier ein Stelldichein gegeben und spielen Karten. -</p> - -<p> -Hier bin ich mit Peter Worostschuk bekannt geworden, -der zwar beim 73. Infanterieregiment in Karolinental diente, -aber in den Arrest der Albrechtskaserne gebracht worden war, -weil der sicherer ist. Nach Ablauf meiner Dienstzeit habe ich -ihn noch zweimal getroffen: Einmal im Sicherheitsbureau der -Polizeidirektion und bald darauf im Strafgerichte bei der Verhandlung, -in der er wegen verursachten Meuchelmordes sieben -Jahre schweren Kerkers erhielt. Auch Wladimir Zajiček, mit -dem ich mich beim jeu im Arrestgebäude befreundet hatte, ist -mir zweimal „im Zivil“ begegnet. Einmal traf ich ihn in der -Strafanstalt Pankratz, ein zweites Mal vor drei Jahren bei den -Bummelkrawallen auf dem Graben, wo er mich herzlich begrüßte. -Seither haben sich die Verhältnisse beruhigt und der Beruf als -„empörte Volksmenge“ nährt nicht mehr seinen Mann. Und -vor einigen Monaten habe ich denn gelesen, daß mein Genosse -Zajiček wieder für zehn Monate zu der ruhigen, sitzenden und -beschaulichen Lebensweise zurückkehren wird, die ihm seit seinem -seinerzeitigen Sejour im Smichower Arrestgebäude nichts fremdes -mehr ist. -</p> - -<div class="centerpic end"> -<img src="images/end.jpg" alt="" /></div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="part-34"> -<a id="page-170" class="pagenum" title="170"></a> -Alt-Prager Mensurlokale -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">n</span> Prag ist es mit den Studentenmensuren wesentlich anders -als auswärts. Inmitten des nationalen Kampfes muß selbst -dem krassesten Füchslein der Gedanke aufdämmern, daß das -Waffenspiel doch mehr als ein Spiel, daß es Probe und -Erziehungsmittel sein soll. Und trotzdem in Prag wohl keinem -Studenten Kodex, Komment und Couleurpolitik zum Lebensinhalt -werden kann, weil er sich vor ernstere Aufgaben gestellt sieht, -wird hier seit Jahrzehnten eifrig gefochten. Dabei aber erschwert -der erwachende und bald zur Herrschaft gelangte politische Haß -die Zusammenkünfte der deutschen Studenten. Von einem -dunklen Schlupfwinkel zum anderen mußten sie ziehen, von -einem Ausflugsort zum andern, und wenn sich jemand der -Mühe unterzöge, nach den Mensurbüchern der Prager Korporationen -eine Liste der Paukböden zusammenzustellen, so würde -dies nicht bloß ein vielsagender Beitrag zur Geschichte des Farbenstudententums, -sondern auch eine bemerkenswerte Illustration -zur politischen und kommunalen Geschichte dieser Stadt sein. -</p> - -<p> -Auf der Bastei, der breiten Umwallung, die von der Karlshofer -Kirche zum Korntor, von da zum Roßtor und weiter über -das Pořitscher Tor hinaus bis zur Moldau führte, stand einmal das -„Café Bohemia“. In der Hibernergasse, die freilich anders aussah, -wie heute. Der Staatsbahnhof war dort, wo er heute ist, -und stand doch nicht in der Mitte der Stadt, sondern an ihrer -Peripherie. Um für seine Einrichtung Raum zu schaffen, hatte -ein Stück der Basteimauern fallen müssen. Rings umher -aber stand der Wall noch breit und hoch, und an schönen -Frühlingstagen konnte man geputzte Bewohner Alt-Prags die -Serpentine hinaufstolzieren sehen, die von der Hibernergasse -aus auf die Bastei führte. Dort oben stand das „Café Bohemia“, -wo man einen guten Kaffee schlürfen und altvorzeitisch große -Kipfel dazu essen konnte, und einen endlos weiten Ausblick auf -die Wiesen und Felder gegen die Wiener Reichsstraße, auf jenes -Gebiet genoß, wo sich heute Žižkow und ein Teil von Weinberge -breitet. Vom Kaffeehause aus konnte man dann auf der -<a id="page-171" class="pagenum" title="171"></a> -Steinbrücke über den Bahnhof hinweg längs der Florenzgasse -bis zum Pořitscher Tore promenieren. Im ersten Stock des Cafés -war ein großer Saal, der manches fröhlich-schlichte Kränzchen -und manchen denkwürdigen Kommers sah, wie jenen, der im -Feber 1863 den Staatsminister Schmerling in Prag begrüßte. -</p> - -<p> -Hier focht man am Anfang der sechziger Jahre des -vorigen Jahrhunderts die ersten Mensuren. Nach dem unglückseligen -Ausgang des lombardischen Feldzuges versuchte man es -in Österreich einmal statt des reaktionären Regimes, das sich -so schlecht bewährt hatte, zaghaft mit etwas freiheitlicher Regierungskunst. -Vielleicht wollte man die österreichische Bevölkerung, -die durch die in Italien erlittenen Verluste und Mißerfolge -verbittert war, einigermaßen entschädigen, indem man -ihr mehr Bewegungsfreiheit gewährte. Die Studenten, deren -Organisationsbestrebungen im Jahre 1849 hinter Kerkermauern -begraben worden waren, nützten jetzt den günstigen Wind. Das -im Sommer 1859 im Gasthause „Zum Hopfenstock“ an der -Ecke der Wasser- und Hopfenstockgasse errichtete „Bierherzogtum -Lichtenhain unter Thus I.“ war der Beginn fröhlicher studentischer -Vereinigung; die schwarzen Seidenkappen, welche die -„Tabularotundisten“ 1860 in ihrem Kneiplokale „Zum Kleeblatt“ -(Ecke Teingasse und Fleischmarkt) und bald auch auf der -Straße trugen, waren der Anbeginn des Farbentragens. Nicht -lange darauf stellten sich die Anfänge des Mensurwesens ein. -Bernhard Stall, ein junger frischer Westfale, der in Bonn aktiv -gewesen war, wandelte die „Tabula rotunda“ in die Verbindung -„Rugia“ um, und die schlug bald mit der „Franconia“ Partien. -Kein Lied, kein Heldenbuch meldet die Namen der ersten -Kämpen. -</p> - -<p> -Die erste Mensur, über die noch Aufzeichnungen vorhanden -sind, ist zwischen den Mitgliedern zweier heute noch bestehenden -Burschenschaften am 6. Juni 1861 ausgetragen worden. Zwischen -einem Mitglied der „Carolina“, die bislang in einem anderen -Basteilokale, im Café Schubert zwischen Roßtor und Korntor -(etwa dort, wo heute die Čelakovskyanlagen sind), mit stumpfen -Klingen und in Körben gepaukt hatte, und einem Aktiven der -„Albia“ auf deren Bude. Die Mensurbücher melden hierüber: -„Paukanten: Bursche Artur Liberda (Carolinae) und Bursche -Johann Tröger (Albiae); Sekundanten Ernst Hauer (Albiae) und -<a id="page-172" class="pagenum" title="172"></a> -Karl Rösch (Carolinae); Unparteiischer Julius Zuleger (Franko-Arminae). -Mensur zweiten Grades. Liberda abgeführt; zwei -Nadelstiche.“ -</p> - -<p> -Das Lokal, das der Schauplatz dieser Mensur und nachher -ungezählter anderer war, war wohl das herrlichste und romantischeste, -das man sich denken kann. Es war das in der Karlshofergasse -stehende Lustschlößchen „Amerika“, dieses kleine -Wunder Kilian Dienzenhoferschen Baukunst. In diesem Gebäude, -über dessen Verwendung sich die Stadtgemeinde Prag jetzt den -Kopf zerbrochen hat, war in den sechziger und noch in den -siebziger Jahren eine freundliche Gastwirtschaft, und der Wirt -hatte zwei entzückende Töchter, die ganz vortrefflich in den -Rahmen des Lustschlößchens paßten. Hier hatte die „Albia“ -ihre Bude, und hier wurde lange geschlagen. Man glaubte -wirklich in einen Rittersaal zu festlichem Turnei gekommen zu -sein. Und wenn’s einem der Paukanten etwas zaghaft zumute -wurde, dann flößte ihm wohl der lächelnd ermunternde Blick -der bunten Gestalten neuen Mut ein, die Johann Ferdinand -Schors Meisterhand anderthalb Jahrhunderte vorher an die -Wand gemalt hatte. -</p> - -<p> -Die technischen Korps „Frankonia“ und „Suevia“ fochten -inzwischen in dem Brettergasthaus „Smetanka“ auf den freien -Gründen zwischen Žižkow und Weinberge, und die „Austria“ -pflegte ihre Waffengänge im einstigen Gasthaus Eggenberg auszutragen, -das hinter dem Aujezder Tor auf einer Anhöhe vor -dem Kinskygarten stand. -</p> - -<p> -Die Waffe, deren man sich bediente, war eine Prager Erfindung, -die unter dem Namen „Prager Waffe“ — im Studentenjargon -„Prager Plempe“ — an Deutschlands hohen Schulen als -Eigentümlichkeit der Prager Studenten bekannt war. Sie war -nicht Säbel, noch Schläger, sondern beides. Der alte ständische -Fechtmeister in Prag, Maitre Le Gros, lehrte nämlich nur das -Säbelfechten, und so mußte man eine Kombination des Säbels -mit dem studentischen Schläger erfinden, und versah den Säbelgriff -mit der geraden Schlägerklinge. Siebzehn Jahre focht man -mit diesem Unikum. In dem alten Paukbuch des akademischen -Korps „Austria“ (Seite 102 und 103) ist über die erste Schlägermensur -in Prag folgende Aufzeichnung zu finden: „Anerkennungshatz -des akademischen Korps „Moldavia“ (Prag) auf Korbschläger -<a id="page-173" class="pagenum" title="173"></a> -in den D. C.-Verband. Erste Mensuren nach dem Prager -Paukkomment auf Korbschläger. — Mensur auf Korbschläger -15 Minuten gefochten am 8. Juni 1877 im Gasthause Eggenberg -zwischen Herrn Phil. Kand. Josef Neuwirth, „Austriae“-Prag -und „Saxoniae“-Wien (der jetzige Hofrat und Professor der -technischen Hochschule in Wien) und Herrn Med. Stud. Rudolf -Eckstein, „Moldaviae“-Prag. Als Sekundanten fungierten Jur. -Ludwig Stümmer („Moldaviae“) und Med. Karl Renn („Austriae“), -als Unparteiischer MUC. Alois Pessina („Austriae“) und als Paukarzt -MUC. Karl Zoerkler („Austria“). Die Mensur endete unentschieden. -Die erste burschenschaftliche Schlägermensur fand am -2. April 1880 in dem Gasthaus „Zur slawischen Linde“ in der -Inselgasse (heute Smetanagasse) statt: Eduard Gerson von der -„Alemannia“ focht sie mit dem Prager „Teutonen“ und Wiener -„Alben“ Paul von Portheim, der jung verstorben ist und dessen -posthume Gedichtsammlung „Silentium“ Bewunderung erweckte.<a id="corr-54"></a>“ -</p> - -<p> -Es gibt und gab wenige Gasthäuser im Weichbilde und -in der Umgebung Prags, in denen nicht blitzende Schläger die -mit Kolophoniumduft und Blutgeruch geschwängerte Luft sausend -durchfahren hätten, in denen nicht schallende Eisenhiebe auf -Klingen und Körbe gerasselt wären. Eine Zeitlang — so in der -Zeit um die Kuchelbader Schlacht — gab es arge Persekutionen. -Die Tschechen fanden Lust daran, die „Salamander“ — das war -der damalige Ausdruck für das heutige „buršák“ — bei -der Polizei zu vernadern, die Polizei witterte wieder in den -geheimen Zusammenkünften der Studenten politische Konspirationen. -So zogen die wehrhaften Mannen aus den Toren Prags -„in die Wüste“ hinaus, und in den vergilbten Mensurbüchern -stehen auswärtige Gasthausnamen zu lesen, so „Zum kleinen -Prokop“ in Nusle, „Karl IV.“ in Wrschowitz, das „Mäuseloch“ -in Straschnitz, „Bellevue“ in Nusle, „Georg von Podiebrad“ -in Koschiř, der Pavillon im Paradiesgarten, die „Nusler Mühle“ -u. dgl. Aber die Polizei fand alle diese Schlupfwinkel nach und -nach heraus, und wenn auch mancher Polizeibeamte bei der -Aushebung mit verräterischem Wohlgefallen und verdächtiger -Fachkenntnis das Pfeifen der Mensurspeere probierte — was half -das, er mußte doch die schönen Waffen konfiszieren. Der Chef -des Sicherheitsdepartements hat die Türen des Polizeimuseums -mit saisierten Schlägern und Säbeln sehr geschickt dekoriert ... -</p> - -<p> -<a id="page-174" class="pagenum" title="174"></a> -Von der Romantik des „Schipkapasses“, der als Sanatorium -für Verwundete beliebt war und auf dem einmal eine -Kuh bei einem Pistolenduell ritterlich verletzt wurde, und von -den Schicksalen des Zimmermannschen Paukbodens „Vaclavbude“ -hat Karl Hans Strobl in seinen Prager Romanen meisterliche -Bilder gemalt. Es gibt gar viele einstige Prager Studenten, -die ähnliche Erlebnisse und Reminiszenzen von anderen Prager -Fechtlokalen aufzufrischen vermöchten. Zumindest hat jedem -dieser Lokale die Veränderung der Stadt und ihrer Häuser eine -Geschichte gegeben. Der Schreiber dieses hat u. a. selbst in -einer längst der Assanation zum Opfer gefallenen Spelunke in -der Zigeunergasse der alten Judenstadt gegen den Obmann des -völkischen Lese- und Redevereins „Germania“, in einem noblen -deutschen Hotel der Unteren Neustadt gegen einen Herrn, der -heute im tschechisch-politischen Leben eine Rolle spielt, und gegen -einen zionistischen Arzt — in einem verfallenen Klostertrakt -gefochten. Ob heute noch Mensuren geschlagen werden, und -wo — das möchten Sie gerne wissen, Herr Polizeirat! -</p> - -<div class="centerpic end"> -<img src="images/end.jpg" alt="" /></div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="part-35"> -<a id="page-175" class="pagenum" title="175"></a> -Prags Erwachen -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">„</span>S</span><span class="postfirstchar">chon</span> wieder ist’s Tag geworden.“ Man registriert dieses -Faktum, wenn man die Türe schließt und auf die Straße -tritt. Da drinnen spielen die Zigeuner den Rakoszy-Marsch zum Abschied, -aber die aufpeitschenden Zimbaltöne dringen nur gedämpft -heraus und haben in der Morgenluft ihre faszinierende Wirkung -eingebüßt. Man knöpft sich fröstelnd den Rock zu, entzündet -die letzte „Prinzesas“ und ist der Sonne gram, die schon wieder -einmal über dem Wysotschaner Firmament aufgestiegen ist, bevor -man noch zu Hause im Bette liegt. Man flucht über das teuflische -Raffinement der Nachtlokalbesitzer, die in den sonst so verschwenderisch -ausgestatteten Räumen keine Uhr anbringen. Man -flucht auf Wein, Gesang und Weib. Man verflucht sich selbst. -</p> - -<p> -Beim „Spinka“ bleibt man stehen. Die ersten Elektrischen -fahren auf, immer in einer Richtung von der Remise kommend, -so schnell, daß man denken könnte, man wäre in Berlin oder -sonst in einer Großstadt. Aber bekanntlich wird das Tempo -immer langsamer und erst um Elfe abends, auf dem Wege zur -Remise, erlangen die Waggons wieder Schnelligkeit. Vom oberen -Wenzelsplatz kündigen große Staubwolken das Herannahen der -Hygieia an, den stattlichen Zug Prager Straßenkehrer mit dem -Zeichen ihrer Macht, dem Kehrbesen. Sonst ist der Platz menschenleer, -auf den sich die Prager sonst so viel einbilden, weil -er die einzige Stelle ist, auf der sich hie und da das Großstadtgetriebe -ent- und abwickelt, und weil er einen Inselperron hat -wie der Potsdamerplatz. Auch das Kandelaber-Grandcafé fehlt -schon beim „Spinka“. Die Cafétiere ist Punkt 4 Uhr mit ihrem -geräderten Teehaus zur städtischen Sparkassa übersiedelt, wo -sie den Marktweibern, den Fuhrleuten, deren Helfershelfern -und den mächtigen Marktpolizisten einen heißen Morgentrunk -kredenzt. Auch der Standplatz der Droschken ist verwaist. Nur -der Polizist steht Tag und Nacht da; mißmutig wartet er mit -heißem Sehnen auf den Missetäter oder mit noch viel heißerem -auf die Ablösung. Höflich salutierend legt er die Hand an -seinen Chanteclerhut, aber mit dieser Höflichkeit kontrastiert ein -<a id="page-176" class="pagenum" title="176"></a> -unterdrücktes Lächeln, das zu sagen scheint: „Du unverbesserlicher -Flamender! Unsereiner wäre glücklich, schlafen zu können -und muß Nächte aufbleiben, der da könnte schlafen und will -nicht.“ Ich muß ihm doch wenigstens zeigen, daß ich nüchtern bin. -</p> - -<p> -„Na, was war los während der Nacht?“ -</p> - -<p> -„Nichts, Besonderes gar nichts. Am Leonhardiplatz haben’s -einen beinahe erstochen. Wie er heißt, weiß ich nicht, 712 war -dort. Dann war eine Rauferei beim „Silbernen Dreier“ und dann -haben wir eine „Dame“ wegen schlechter Buchführung verhaftet.“ -</p> - -<p> -„Guten Morgen.“ -</p> - -<p> -Weiter geht der einsame Weg. Aus den Nachtlokalen tönt -noch Musik, ersterbend. Mehreremale muß Halt gemacht werden, -denn alle Leute, die man trifft, sind Bekannte. Da begrüßt -einem der alte Fiala in seinem alten, abgetragenen Havelock, -der nächtliche Wetterprophet. Um zwei Kreuzer prophezeit er -den Gästen das schönste Wetter, um drei Kreuzer gibt er es -sogar schriftlich; sein Stolz ist, daß er den Zusammenstoß des -Halleyschen Kometen mit der Erde und ihren Untergang mit -derselben Bestimmtheit vorausgesagt hatte, wie die Sternwarte -der Harvard-Universität. Die alte Frau da mit der alten Seidenmantille, -die wohl auch einstens bessere Tage gesehen, spielt -den Gästen in einer Weinstube auf der oberen Neustadt bis früh -zum Tanz auf; sie hat eine Familie zu ernähren und weiß -nicht, ob der Erlös der Nacht ausreichen wird, aber sie darf -sich ihre Besorgnis nicht anmerken lassen und muß das belebende -Lied von den „Honey boys“ immer wieder mit Lust und -Verve spielen, muß immer wieder ihre Zündhölzchenkunststücke -zum Besten geben und muß immer wieder den Pommery trinken, -den ihr splendide Gäste widmen. Dort kommt mir mit -militärischer Pünktlichkeit im Laufschritt ein Einjährig-Freiwilliger -entgegen. Vor drei Stunden da habe ich ihn noch tanzend in -einem vornehmen Etablissement gesehen. Aber welch eine -Metamorphose hat er durchgemacht! Mitten in all dem Glanz -und Flitter da hatte er blitzende Lackschuhe, elegante hellblaue -Kammgarnhosen mit Strupfen, einen tiefdunklen Waffenrock mit -hohem Kragen und strahlenden Silbersternen und eine Mütze -— die Vorschriftswidrigkeit selber. Jetzt aber ist der Glanz der -Sterne verblichen, der der Schuhe verblaßt, der Kragen zusammengeschrumpft, -die Mütze die Vorschrift selber, die Uniform hat -<a id="page-177" class="pagenum" title="177"></a> -ihre Buntheit eingebüßt und ist grau und fad wie der Morgennebel -und wie der Staub, der in dichten Schwaden aus dem -Besen der Straßenkehrer emporwächst. Und der Blick des Marsjüngers, -der um zwei Uhr nachts so stolz und sieghaft war, -ist jetzt müde und neidisch, wie eben der Blick eines Soldaten -sein kann, der nach durchjubelter Nacht zum Exerzieren auf den -Sandberg eilt und einen Zechkumpan trifft, der jetzt ruhig -schlafen geht. Dort kommt ein anderer Bekannter. Ein alter -Detektivinspektor, schon lange im Ruhestande. Aber er kann -nicht schlafen. An vierzig Jahre hat er gefahndet und inspiziert -— nun kann er das Nachtwachen nicht mehr lassen und -geht die ganze Nacht spazieren. Ein Gummiradler kommt vorüber. -Die Direktrice der „Roten Mühle“ fährt nach Hause. -Gleich hinter dem Gummilutscher rollt ein schweres Gefährt durch -die Gasse: Die Kanalräumer haben ihr nächtliches Tagewerk -beendet. -</p> - -<p> -Es ist die Stunde des Schichtwechsels. Ein Teil der Stadt -geht schlafen, ein Teil der Stadt erwacht. Noch ist nicht Frühstückszeit -und schon leiht die Sorge um den Mittagstisch den -Gassen das Gepräge. Eine lange Kette von Landwagen — die -Retterinnen des Kapitols sind ihre Passagiere —, Hundegespanne -mit Gurkenladung, riesige Streifwagen mit Kohlköpfen und -Salat, die weißen Wagen der Dampfmolkereien, Bauersleute mit -gemüsebeladenen Schubkarren, alte Weiber mit Schwämmen, -Erdbeeren und anderen Waldfrüchten eilen der Altstadt zu. Sie -bringen dem „Bauche von Prag“ ihre Opfergaben. Die Weiber, -die seit dem Abend unter den Lauben des Kohlmarktes auf dem -Straßenpflaster zusammengekauert oder lang ausgestreckt geschlafen -haben, stellen sich längs des Trottoirs hinter ihren -Körben auf, in denen Obst und Pilze sind. Sie suchen die Ware -in der Zeit von 4 Uhr bis 7 Uhr früh loszuwerden, da sie -innerhalb dieses Zeitraumes noch keine Marktgebühr zu entrichten -haben. Deshalb ist in diesen drei Stunden die Ware -billiger und die armen Leute, die Gemüsegroßhändler und die -Zwischenhändler decken schon jetzt ihren Bedarf. -</p> - -<p> -Auf dem Altstädter Ring ist um diese Zeit Markt. Rings -um die Marienstatue scheint die Wagenburg eines Hussitenlagers -errichtet zu sein. An hundert Gemüsewagen stehen hier mit -vorgespannten Pferden und lassen drei Straßen frei, in denen -<a id="page-178" class="pagenum" title="178"></a> -sich das Kaufgetriebe abspielt. Es sind fast durchwegs Gemüsehändler, -die einkaufen. Nur an der letzten Wagenreihe, die -der Teinkirche am nächsten ist, drängen sich auch Frauen. Hier -werden Kartoffeln feilgeboten und die Frauen des Volkes müssen -einkaufen, bevor in den Preis die Marktgebühr einbezogen wird. -Punkt 7 Uhr rollen die letzten Wagen davon, der Platz wird -gefegt und die Prager, die erst jetzt erwachen und über den -Ring gehen, haben jahraus, jahrein keine Ahnung, daß hier -vor kurzem Jahrmarktstreiben herrschte. -</p> - -<p> -Um diese Zeit neigt sich auch das wogende Leben, das -von 3 Uhr morgens ab in den Kaffeehäusern und Suppenstuben -der Galligasse und der Rittergasse herrschte, seinem Ende zu. -Hier sitzen die Damen der Halle im Lokale, in dessen Mitte, -ganz wie im Orient, der Herd steht, und besprechen bei einer -Tasse Kaffee, die 20 Heller kostet, und bei einer Buchte um 6 -Heller die österreichische Agrarpolitik und ihre Einwirkung auf -die Fleischteuerung. Vergleichsziffern aus alten, besseren Zeiten -illustrieren diese politischen und wirtschaftlichen Enunziationen. -Manchmal ißt man vielleicht auch eine „drštková polévka“ dazu, -was laut Ranks Wörterbuch deutsch „Kuttelflecksuppe“ heißt. -Na ja, Ranks Wörterbuch ist eben kein Kochbuch, und so kann -darin nicht verzeichnet sein, welche Fülle geheimnisvoller Ingredienzien -eine kommune Kuttelflecksuppe zu einer Prager „drštková“ -stempelt. Die Schnapsbutiken sind voll von Leuten, die sich aus -den zahllosen Fäßchen Arzneien gegen Mattigkeit und Nervosität -kredenzen lassen. Die Gassen beleben sich immer mehr. Bäckerjungen, -Fleischergehilfen, die auf dem Rade aus der Holleschowitzer -Zentralschlachtbank in den Laden fahren, Nachtwächter, -Plakatankleber und Zeitungsausträgerinnen sind die Passanten. -</p> - -<p> -Schon wird der Posten eingezogen, der während der Nacht -im „Alten Gericht“ die Kasse des Steueramtes bewacht hatte. -Wenige Minuten später ziehe ich die Glocke meines Hauses. -Während der Hausmeister herbeikommt, um sein letztes Sperrsechserl -einzuheimsen und dann das Haustor schon offen zu -lassen, zieht der in Phantasieuniform gekleidete Bedienstete der -„Wach- und Schließ-Gesellschaft“ seine Uhr und richtet sie. Er -weiß: Wenn ich nach Hause gehe, ist’s Punkt 6 Uhr. Und da -gibt es noch Menschen, die behaupten, ich führe keinen regelmäßigen -Lebenswandel! -</p> - -<div class="centerpic end"> -<img src="images/end.jpg" alt="" /></div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="part-36"> -<a id="page-179" class="pagenum" title="179"></a> -In der Wärmestube -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">m</span> Sonntag vor Weihnachten traf ich in der Kleinseitner -Brückengasse den Detektiv Wünsch, einen der intelligentesten, -aber auch der unglücklichsten Zivilwachleute der Polizeidirektion. -Er war seinerzeit bei der Aufdeckung des Doppelmordes -in Krtsch, als man die Leichen des Takacz und der -Hansely im Keller ausgrub, mit einer Schaufel geritzt und von -Leichengift infiziert worden; viele Monate hatte er zwischen -Leben und Tod geschwebt. Und jetzt war er wieder krank. -Er kam gerade aus der Apotheke. „Meine Lunge ist kaput,“ -flüsterte er. Das Sprechen machte ihm Mühe. „Ich werde es -nicht mehr lange machen ...“ -</p> - -<p> -Ich versuchte ihm das auszureden. „Sie werden noch -erwarten können, bis Sie Inspektor werden,“ meinte ich lächelnd, -„Sie werden doch dem Staat nicht die Inspektorspension schenken!“ -Detektiv Wünsch machte eine abwehrende Handbewegung: -„Lassen wir das Thema, ich weiß das besser.“ Dann -sagte er: -</p> - -<p> -„Herr Kisch, dieser Tage habe ich mich so an Sie erinnert. -Wissen Sie, wohin Sie einmal gehen sollten? In die Wärmestube. -Dort könnten Sie Studien machen. Dort haben Sie alle -unsere Kerle ...“ Mit dem Ausdruck „unsere Kerle“ meinte -er die im Sicherheitsbureau bekannten Falloten. Als ich mich -für das Thema zu interessieren begann, fuhr Wünsch fort: -</p> - -<p> -„Sie können sich bei mir umkleiden. Ich wohne in der -Nähe, unter der Karlsbrücke, Lužickygasse 10. Dort werde ich -Sie anziehen, daß Sie wie ein echter Verbrecher aussehen werden. -Von meiner Wohnung aus brauchen Sie dann nur eine Minute -in <a id="corr-57"></a>Ihren Fetzen zu gehen, und schon sind Sie in der Wärmestube.“ -</p> - -<p> -Ich versprach bald zu kommen und schon am Neujahrssonntag -klopfte ich an seine Tür, um die Exkursion anzutreten. -Mir öffnete eine Frau. -</p> - -<p> -„Bitte, wohnt hier der Herr Wünsch?“ fragte ich. -</p> - -<p> -<a id="page-180" class="pagenum" title="180"></a> -„Herr Wünsch wohnt schon in Wolschan draußen,“ wurde -mir zur Antwort. Ich glaubte, falsch verstanden zu haben. -Aber man bestätigte mir die Nachricht, die mich — schon weil -sie mir so unerwartet kam — bodenlos schmerzlich berührte: -Herr Wünsch war während der Weihnachtsfeiertage gestorben. -</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="noindent"> -Er konnte also nicht meine Equipierung mehr besorgen, -mir keine besonderen Tips für die Stammgäste in der Wärmestube -in seiner Nachbarschaft geben. Aber ich beherzigte seinen -Rat. In der Filiale der Leichenbestattungsanstalt Fuchs auf der -Kampa-Insel warf ich mich in full dress. Nicht in die Fetzen, -die ich auf meiner Floßfahrt nach Magdeburg, bei meinem -Besuch im Asyl für Obdachlose und bei ähnlichen Streifzügen -getragen hatte. Diesmal kam ich nicht als Arbeiter, sondern -als obdachloser Müßiggänger, als herabgekommenes Subjekt. -Ich glich in meinem, einst ganz elegant gewesenen, aber jetzt -schon ganz fadenscheinigen Überzieher, meinen zerfransten -Nankinghosen, meinem verbogenen und beschmutzten Kragen -— eine Krawatte hatte ich nicht — ungefähr dem Baron in -Maxim Gorkis „Nachtasyl“, den hier in Prag Hans Waßmann -gespielt hat. -</p> - -<p> -Und nun, da ich mich des Schutzes gegen den Winter -entledigt hatte, spürte ich, kaum daß ich auf der Straße war, -was es heißt, der Gewalt des Frostes wehrlos preisgegeben zu -sein. Von der Čertovka her, dem Moldauarm, der die Kampa -umfließt, mischte sich schwere Feuchtigkeit in die eisigkalte -Luft, und die dicken Schwaden, welche rings um den brennenden -Gaslaternen sichtbar waren, erweckten den Anschein, als -ob die frierende Luft sich an die Lichter herandränge, um sich -zu wärmen. -</p> - -<p> -Nach kurzem, aber kaltem Wege war ich in der Wärmestube. -Sie ist in einem niedrigen Gebäude in der Belvederegasse -untergebracht, das an den Landesschulrat anschließt. Rechts -ist der Eingang in die Abteilung für Frauen, links in die für -Männer. Durch diesen ging ich, durchschritt einen kurzen Korridor -und war dann vor einer Glastüre. Ich öffne und bin in -der Wärmestube. An dreißig Menschen wenden sich ruckartig -gegen den Ankömmling, ich fühle mich von ebensovielen Augenpaaren -scharf, durchdringend und verdächtigend gemustert. Ich -<a id="page-181" class="pagenum" title="181"></a> -tue als ob ich das nicht beachte und suche mir ein Plätzchen. -Das ist nicht so einfach. Das Zimmer ist klein, und die dreißig -Menschen sitzen dicht an einander geschmiegt auf den Bänken, -welche an den beiden Längswänden und parallel zu diesen in -der Saalmitte, sowie an einer Breitseite aufgestellt stehen. Die -der Tür gegenüberliegende Breitwand des Raumes ist frei; hier -ist der Eingang in die Küche und der Schalter, an dem man -zu Mittag eine Suppe und Brot bekommt. Schließlich schaffe -ich mir doch einen Sitzplatz: Zwischen zwei Schlafenden ist eine -Handbreit der Bank freigeblieben, und ich, indem ich den einen -Schläfer beiseite schiebe — er rückt mechanisch weiter — kann -mich niedersetzen. Ich sinke, Apathie heuchelnd, in mich zusammen, -und die Blicke der Leute rutschen wieder von mir ab, -und die Gespräche, die während meiner Installation verstummt -waren, werden wieder fortgesetzt. -</p> - -<p> -Nun erst schaue ich mich um. Da sitzen sie, die wehrlosen -Feinde des Frostes, da sitzen sie in ihrer einzigen Zufluchtstätte. -Aber auch hier, wo sie der Gegner nicht fassen kann, legen sie -ihre schwache Wehr nicht ab. Alle haben ihre zerschlissenen Winterröcke -und ihre Hüte anbehalten, alle haben ihre Rockkragen -aufgeschlagen, fast alle haben Tücher um ihre Ohren geschlungen. -Der eine hat Pulswärmer an — zwei Tuchmuster oder Strumpfteile, -die mit Spagat am Handgelenk festgebunden sind. Alle -sitzen zusammengekauert und aneinandergeschmiegt da. Besonders -dicht ist die Reihe in der Ecke, an dem Eisenofen. Die -Zunächstsitzenden halten ihre Hände an den graphitartig glänzenden -Ofen, als wollten sie in der kurzen Spanne Zeit ein -möglichst großes Quantum Wärme in sich aufnehmen. -</p> - -<p> -Armselige Gestalten! Es ist ein grau in grau gemaltes -Bild, das man hier im Lichte der einen Gasflamme sieht. Aber -nach und nach unterscheidet man die Grundfarben, erkennt, daß -hier zwei Gruppen menschlichen Elends vertreten sind: Arbeitsnot -und Verbrechen. Man erkennt das aus den Gesprächen, -man sieht es den Menschen an. Einer hat seinen Stiefel ausgezogen -und bindet mit schmerzverzerrter Miene einen schmutzigen -Fußlappen um seinen über und über blutigen Fuß. Ein -anderer, ein junger Bursch, der ein rotes Tuch nicht ohne -Koketterie um den Hals gebunden trägt, legt einen Taschenspiegel -auf sein Knie und kämmt seinen ohnedies bewunderungswürdig -<a id="page-182" class="pagenum" title="182"></a> -tadellosen Scheitel. Ein alter Mann blättert verzweifelt -in seinem Arbeitsbuch — er sucht wahrscheinlich, ob er bei -seiner Stellungssuche in Prag nicht einen einstigen Dienstgeber -vergessen hat. -</p> - -<p> -Alle fluchen dem Winter. Daß es heuer keinen Schnee -in den Straßen zu schaufeln, kein Eis auf der Moldau zu hacken -gibt. Die anderen — und es läßt sich nicht verschweigen, daß -diese in der Mehrzahl sind — fluchen den Polizeibezirksleitern -und Bezirksrichtern, die so streng sind, im Winter milde zu sein. -</p> - -<p> -„Voriges Jahr hab’ ich im Sommer in Deutschbrod drei -Wochen wegen Bettelei bekommen, und vorige Woche hat mir -der Schuft nur vierundzwanzig Stunden gegeben,“ schimpft einer. -Ein anderer lacht wieder: -</p> - -<p> -„Mich hat vorgestern in Smichow der Kommissär gefragt, -ob ich mir nicht Arbeit suchen wolle. Da hab’ ich gesagt, ich -werde jetzt Hopfen pflücken gehen.“ Alle lachen. Dann wendet -sich der Spaßvogel zu dem Burschen mit dem roten Schlips: -</p> - -<p> -„Wer wird denn jetzt Fahnenträger bei den Ausflügen -der Sträflinge sein, wenn du ihnen untreu geworden bist.“ -Neuerliches Halloh. Aber der Verspottete frisiert sich ruhig -weiter: -</p> - -<p> -„Ich hab’s erledigt. Aber du wirst erst anfangen.“ -</p> - -<p> -Dann wird der Strafvollzug in den einzelnen Gerichten -Böhmens und Mährens einer vergleichenden Erörterung unterzogen. -Der eine lobt sich seine Salonzelle in Mährisch-Budwitz, -der andere schimpft auf sein Gerichtsquartier in einer südböhmischen -Stadt. Auch das Schubwesen und die Behandlung in -den einzelnen Schubstationen werden fachlich besprochen, und -es gibt keinen Mißstand, der nicht auf Grund reicher Erfahrungen -vollkommen aufgedeckt worden wäre. Man sollte die Stammgäste -der Wärmestuben bei Enquêten in Justizangelegenheiten -heranziehen. Sie sind ja die Hauptbeteiligten, und wären -zweifelsohne die bestinformierten Experten. -</p> - -<p> -Einer, der das große Wort führt und viel von Weibern -und Pferden erzählt — allerdings von solchen, die nicht edler -Rasse sind — hat mich ins Auge gefaßt: -</p> - -<p> -„Gehst du heut’ ins Asyl?“ -</p> - -<p> -Ich verneine. Erst am nächsten Donnerstag sei der Monat -um, seitdem ich dort war, also könne ich erst nächste Woche -<a id="page-183" class="pagenum" title="183"></a> -wieder hingehen. Dann versinke ich wieder in Schweigen. Aber -der Kerl gibt nicht locker. -</p> - -<p> -„Du bist ein Schneider, nicht wahr?“ fragt er mich. -</p> - -<p> -„Ich bin Handlungsgehilfe,“ ist meine Antwort. -</p> - -<p> -„Du handelst wohl mit alten Hadern,“ sagt er und weist -auf meinen derangierten Anzug. Ein lautes Lachen geht los. -</p> - -<p> -„Nun ja, jeder kann nicht so elegant herumlaufen wie -du,“ gebe ich ihm zurück und habe jetzt die Lacher auf meiner -Seite. „Der hat dir einen flek (Trumpf) gegeben,“ ruft ein -junger Bursch meinem Widersacher zu. Ich habe in Ehren -bestanden. -</p> - -<p> -Einige holen aus ihrer Tasche ein Stück des Brotes hervor, -das ihnen zu Mittag verabreicht worden ist und beginnen zu -kauen. Von Zeit zu Zeit steht ein Bursche auf und langt nach -der Wasserkanne, die auf einer Konsole steht. Dann gießt er sich -Wasser in einen Blechtopf, der mit einer Kette an die Wand -befestigt ist. Mein Nachbar, der inzwischen erwacht ist, trinkt -den Topf viermal leer. Dann wischt er sich den Mund ab und -sagt: „Brr, wenn ich nur heute vier Kreuzer auftreiben könnte. -So ein Gläschen Kornschnaps könnte nichts schaden.“ -</p> - -<p> -Der Bursch mit dem roten Scarf hat andere Gelüste. Er -steckt sich eine halbe „Drama“ in den Mund und entfernt sich -mit einem Schnalzen aus der Wärmestube: „Jetzt wird fein -geraucht.“ Nach fünf Minuten ist er wieder da. -</p> - -<p> -Um halb 6 Uhr vergattern sich die Leute, die in das -Nachtasyl schlafen gehen und verlassen das Lokal. Für die -Zurückbleibenden gibt es nur einen Gesprächsstoff: das Nachtquartier. -Der Eine rühmt sich, daß ihm seine Geliebte heute -Obdach gewähren werde, der Andere weiß sich eine feine Scheuer -in der Nähe des Baumgartens, ein Dritter erzählt von einem -angenehm warmen Ziegelofen in Koschiř. -</p> - -<p> -„Du meinst die Ziegelei Kudela?“ wird er gefragt. -</p> - -<p> -„Das weiß ich nicht. Ich schlafe schon seit vier Jahren -im Winter dort, aber ich weiß gar nicht wie die Ziegelei heißt.“ -</p> - -<p> -Um sechs Uhr rasselt der kleine blonde Mann, der durch -eine blaue Schürze, einen sauberen Anzug und ein Käppi als -der Aufsichtsmann der Wärmestube kenntlich ist und der bislang -ruhig an einer Ecke der Bank gesessen ist, ostentativ mit -einem Schlüsselbund. Das ist die Mahnung zum Aufbruch. Alles -<a id="page-184" class="pagenum" title="184"></a> -steht auf, jeder geht noch zum Ofen, als ob er etwas Wärme -als Wegzehrung mitnehmen wollte. Dann geht es hinaus. -Hinter uns wird die Türe gesperrt. Der Schlafbursche der Ziegelei -wendet sich auf dem Korridor an mich. -</p> - -<p> -„Komm’ mit mir nach Koschiř schlafen.“ -</p> - -<p> -„Warum denn? Bist du dort allein?“ -</p> - -<p> -„Allein! Es sind gewöhnlich vierzig dort. Größtenteils -Drahtbinder.“ -</p> - -<p> -„Also weshalb willst du, daß ich mitgehe?“ -</p> - -<p> -„Na, der Weg ist weit, und zu zweit geht sichs besser. -Komm’ mit!“ -</p> - -<p> -„Ein andermal. Heute werde ich noch bei einem Freunde -schlafen.“ -</p> - -<p> -Dann treten wir auf die Straße hinaus. Es ist schon -dunkel, und jauchzend umpfeift der kalte Wind die zusammengeduckten -Jammergestalten, die sich für eine knappe Zeitspanne -vor ihm versteckt gehalten hatten, die ihm aber nun wieder -willenlos preisgegeben sind, für eine lange Winternacht. -</p> - -<div class="centerpic end"> -<img src="images/end.jpg" alt="" /></div> - -<div class="trnote chapter"> -<p class="transnote"> -Anmerkungen zur Transkription -</p> - -<p> -Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. -Weitere Änderungen, teilweise unter Zuhilfenahme anderer Auflagen, -sind hier aufgeführt (vorher/nachher): -</p> - - - -<ul> - -<li> -... steinernen <span class="underline">Zaunzeug</span> gemeißelten Sockel steht und ein Denkmal ...<br /> -... steinernen <a href="#corr-0"><span class="underline">Zaumzeug</span></a> gemeißelten Sockel steht und ein Denkmal ...<br /> -</li> - -<li> -... und mit <span class="underline">gebrochenen</span> Schenkel daliegt, wenn jemand von ...<br /> -... und mit <a href="#corr-1"><span class="underline">gebrochenem</span></a> Schenkel daliegt, wenn jemand von ...<br /> -</li> - -<li> -... mißglückter Prüfung <span class="underline">mit</span> mehr nach Hause zurückgekehrt ist, noch ...<br /> -... mißglückter Prüfung <a href="#corr-6"><span class="underline">nicht</span></a> mehr nach Hause zurückgekehrt ist, noch ...<br /> -</li> - -<li> -... Aber die Unbeliebtheit in den Verbrecherkreisen hätte <span class="underline">ihn</span> ...<br /> -... Aber die Unbeliebtheit in den Verbrecherkreisen hätte <a href="#corr-11"><span class="underline">ihm</span></a> ...<br /> -</li> - -<li> -... altertümlichen Häusern und Türmen sehen und an <span class="underline">den</span> Schmutz, ...<br /> -... altertümlichen Häusern und Türmen sehen und an <a href="#corr-25"><span class="underline">dem</span></a> Schmutz, ...<br /> -</li> - -<li> -... auf <span class="underline">den</span> Altstädter Weihnachtsmarkt noch immer bloß Ringelspiele ...<br /> -... auf <a href="#corr-28"><span class="underline">dem</span></a> Altstädter Weihnachtsmarkt noch immer bloß Ringelspiele ...<br /> -</li> - -<li> -... die „Planeten“ ziehen, <span class="underline">Zetteln</span> mit gedruckten Weissagungen ...<br /> -... die „Planeten“ ziehen, <a href="#corr-29"><span class="underline">Zettel</span></a> mit gedruckten Weissagungen ...<br /> -</li> - -<li> -... vorbeikommt, ihr seinen Papierball, <span class="underline">deren</span> Gummischnur ...<br /> -... vorbeikommt, ihr seinen Papierball, <a href="#corr-30"><span class="underline">dessen</span></a> Gummischnur ...<br /> -</li> - -<li> -... die <span class="underline">Nummer</span> 1 bis 90 fein säuberlich geordnet liegen. Er entnimmt ...<br /> -... die <a href="#corr-31"><span class="underline">Nummern</span></a> 1 bis 90 fein säuberlich geordnet liegen. Er entnimmt ...<br /> -</li> - -<li> -... Beobachtungstalent, ihre kritische Begabung, <span class="underline">ihr</span> Sinn für Vergleiche, ...<br /> -... Beobachtungstalent, ihre kritische Begabung, <a href="#corr-34"><span class="underline">ihren</span></a> Sinn für Vergleiche, ...<br /> -</li> - -<li> -... auf Pragerisch „Flaschinett“ heißt. Für jene <span class="underline">Leser, aber</span> die deshalb die ...<br /> -... auf Pragerisch „Flaschinett“ heißt. Für jene <a href="#corr-41"><span class="underline">Leser aber,</span></a> die deshalb die ...<br /> -</li> - -<li> -... „Auf den Windberg, auf <span class="underline">dem</span> steiligen, ...<br /> -... „Auf den Windberg, auf <a href="#corr-43"><span class="underline">den</span></a> steiligen, ...<br /> -</li> - -<li> -... posthume Gedichtsammlung „Silentium“ Bewunderung erweckte. ...<br /> -... posthume Gedichtsammlung „Silentium“ Bewunderung erweckte.<a href="#corr-54"><span class="underline">“</span></a> ...<br /> -</li> - -<li> -... in <span class="underline">ihren</span> Fetzen zu gehen, und schon sind Sie in der Wärmestube.“ ...<br /> -... in <a href="#corr-57"><span class="underline">Ihren</span></a> Fetzen zu gehen, und schon sind Sie in der Wärmestube.“ ...<br /> -</li> -</ul> -</div> - - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of Project Gutenberg's Aus Prager Gassen und Nächten, by Egon Erwin Kisch - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS PRAGER GASSEN UND NÄCHTEN *** - -***** This file should be named 63984-h.htm or 63984-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/3/9/8/63984/ - -Produced by Peter Becker, Jens Sadowski, and the Online -Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp. net. -This file was produced from images generously made available -by The Internet Archive. - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Redistribution is subject to the -trademark license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. 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