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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Unter den Hohen Tauern - Ein Roman aus der Steiermark - -Author: Arthur Achleitner - -Release Date: November 18, 2020 [EBook #63802] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK UNTER DEN HOHEN TAUERN *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -https://www.pgdp.net - - - - - - - #################################################################### - - Anmerkungen zur Transkription - - Der vorliegende Text wurde anhand der 1911 erschienenen Buchausgabe - so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische - Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute - nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen sowie Schreibvarianten - bleiben gegenüber dem Original unverändert, sofern der Sinn des - Texts dadurch nicht beeinträchtigt wird. Fremdsprachige Ausdrücke - sowie Passagen in Dialekt wurden ohne Korrektur übernommen. - - Das Inhaltsverzeichnis wurde der Übersichtlichkeit halber vom - Bearbeiter eingefügt. - - Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Passagen in - Antiquaschrift werden im vorliegenden Text in _Unterstrichen_ - eingeschlossen. - - #################################################################### - - - - - Achleitner / Unter den Hohen Tauern - - - - - Arthur Achleitner - - Unter den Hohen Tauern - - Ein Roman - aus der Steiermark - - [Illustration] - - Frau und Mutter-Verlag - - Wien und Leipzig - - - - - _Printed in Germany_ - Neue Ausgabe des Romanes „Admont“ - Copyright 1911 by Gebrüder Paetel Verlag, Berlin - Druck von Hallberg & Büchting in Leipzig - - - - -Inhaltsverzeichnis - - - Seite - - Erstes Kapitel 5 - Zweites Kapitel 25 - Drittes Kapitel 41 - Viertes Kapitel 62 - Fünftes Kapitel 90 - Sechstes Kapitel 112 - Siebentes Kapitel 135 - Achtes Kapitel 155 - Neuntes Kapitel 177 - Zehntes Kapitel 201 - Elftes Kapitel 224 - Zwölftes Kapitel 241 - Dreizehntes Kapitel 257 - Vierzehntes Kapitel 274 - - - - -Erstes Kapitel - - -An einem Augustnachmittage schoß die Sonne noch rasch etliche stechende -Strahlenpfeile in das von der munteren Enns durchzogene Talbecken -von Admont, dann verschwand das Weltlicht hinter einer dunklen -Wolkenbank, die dräuend Sturm und Grobwetter ankündigte. Dumpfe -Schwüle brütete in der Niederung; um die grauen hochragenden Kämme -der wuchtigen Bergkolosse, der sogenannten „Haller Mauern“ im Norden -von Admont, wehte ein starker Nordwestwind, der alsbald dem breiten -Felsenhaupte des Großen Pyrgas eine Nebelhaube aufsetzte und auch dem -Scheiblingstein, der gigantischen zweitgrößten Erhebung dieses starren -Steinmeeres, Wolken und Schwaden zujagte, so daß die Zinnen und Grate, -die Schneemulden und wildzerrissenen Rippen und Runsen von einem -weißgrauen Chaos verhüllt wurden. - -Bleischwer und glühendheiß war die Luft selbst im Fichtenwalde des -Mittelgebirges, sie trieb den auf einem Jagdsteige bergan schreitenden -Förstern den Schweiß aus allen Poren. Voran stieg elastisch, stetig und -stumm der Oberförster Ambros Hartlieb, ein schlanker, geschmeidiger -Mann von etwa fünfunddreißig Jahren in verwitterter Steierertracht; -dunkel das Auge, energisch und streng der Blick, schwarz das Haar -und der kurzgehaltene Vollbart. Eine sympathische Erscheinung, doch -umweht von einer Strenge, die eine vertrauliche Annäherung verhindern -zu wollen schien. Das Gegenteil solcher Härte im Gesichtsausdruck -offenbarte die Gestalt des Begleiters, des Forstwartes mit dem -drolligen Namen Benjamin Gnugesser; mittelgroß der gleichalterige Mann -mit einem berufswidrigen Bäuchlein, blauäugig, gutmütig, rötlichblond -das lockige Haupthaar und ganz fuchsfarbig der überlange, wallende -Patriarchenbart. Wie ein Gnom, ein Bergmanndl aus der Sagenwelt, -sah der Forstwart Gnugesser aus, die Mensch gewordene Herzensgüte, -Friedensliebe und Einfalt. - -In dieser Gewitterschwüle beim Aufstieg schwitzte Gnugesser infolge -seiner Korpulenz für drei, und mancher Seufzer entfloh dem Gehege -seiner etwas schadhaften Zähne. Hartlieb achtete dieser Seufzer -nicht, zu sehr war er in Gedanken vertieft, die sich mit den durch -Besitzwechsel geschaffenen neuen Verhältnissen beschäftigten. - -An die Zukunft im Dienst, im Jagdbetrieb und in den Revieren dachte -auch Gnugesser, und viel Gutes glaubte er nicht erhoffen zu dürfen. -Gerne hätte er darüber mit dem Vorgesetzten gesprochen, Hartliebs -Meinung erholt. Da der Oberförster sich bisher ausgeschwiegen hatte, -wagte der Forstwart es nicht, das ihn überstark beschäftigende Thema -anzuschneiden. - -Auf einer kleinen Hochfläche in Nähe eines steilwandigen Grabens -blieb Hartlieb stehen, betrachtete hochgegangenes Kleinvieh, die -alte verfallene Heuhütte, modernde Baumriesen und die Hirschfährten, -die zu einer nahen Suhle führten. Dann aber richtete der Oberförster -einen forschenden Blick zum grau überzogenen Firmament und mahnte den -Begleiter zur Eile. - -„Wohl, wohl! Wird bald losgehen! Macht aber nix, naß bin ich bereits!“ -erwiderte Gnugesser, lächelnd wie immer und nach Atem ringend. - -Als die beiden weiterschritten, rollte der Donner aus der Wolkenbank, -die sich auf dem wuchtigen Pyrgas-Kolosse festgesetzt hatte. In -beschleunigtem Tempo strebte Hartlieb zwischen den Randklippen der -Gstattmaier-Hochalpe zu, auf deren Plateau die Pyrgas-Jagdhütte -inmitten der besten Gamsreviere lag. Gnugesser keuchte schweißtriefend -hinterdrein. - -Im Felsgewirre staubte es auf, der Bergwind trieb sein Spiel und -bemühte sich, den Förstern die Hüte vom Kopf zu reißen. Die Jagdhütte -kam in Sicht, ein verwittertes Holzhaus, mit einem gelbweiß blinkenden -neuen Anbau, windumtost. Ein Jagdgehilfe in Hemdsärmeln stand vor der -Türe und hielt Ausschau. Und wie er die beiden Förster erblickte, -verschwand er, um rasch darauf in Joppe und mit Hut wieder zu -erscheinen und den Vorgesetzten entgegenzugehen. Ein bildhübscher -blonder Bursch, schlank, ein Kerl zum Verlieben, zart und fein die -Gesichtszüge, etwas melancholische Augen, ein nettes Schnurrbärtchen, -kirschrot die feinen Lippen. Ein schmucker Bursch, den die -Steierertracht sehr gut kleidete. Die Sommersonne hatte Wangen, Hände -und Knie nur wenig zu bräunen vermocht. Höflich, fast demütig begrüßte -er die Vorgesetzten und wollte ihnen Rucksack und Gewehr abnehmen. - -Hartlieb nickte zum Gruße und wehrte mit einer Handbewegung die -Bemühungen des hübschen Jagdgehilfen Eichkitz ab. Der Forstwart -schnappte nach Luft und lief Galopp, als der erste Regenschauer über -den Hochalpboden rauschend prasselte. In großen Sprüngen erreichten -die drei die schützende Hütte. Und nun ging es los: knatternd schlugen -Graupeln auf das Schindeldach, dann vollführten erbsgroße Schloßen -einen betäubenden Lärm, den ein Wolkenbruch mit eigroßen Hagelstücken -ins Maßlose steigerte. - -Viel Schaden konnte der Sturm der Jagdhütte nicht zufügen, denn -Eichkitz hatte die hölzernen Fensterläden auf der Wetterseite -fürsorglich bereits vor dem Losbruch des Gewitters fest geschlossen. An -den Holzläden prallten die Hagelkörner machtlos ab. - -Im Spektakel des Orkans war ein Sprechen unmöglich; man hätte brüllen -müssen, um sich einigermaßen verständlich machen zu können. - -Angenehm empfand Oberförster Hartlieb, während er Rucksack und Gewehr -ablegte, die warme Temperatur im Kochraume der Diensthütte; der Jäger -Eichkitz als Praktikus hatte im eisernen Herd ein tüchtiges Feuer -entfacht und zum Empfang der schwitzenden Herren stetig unterhalten. -Die Wärme tat wohl nach mühevollem Aufstieg. Befriedigt nickte -Hartlieb, als Eichkitz geschäftig noch weiter Holz in den Herd schob. - -Benjamin Gnugesser machte es sich bequem, nahm Platz auf der Bank an -der einen Hüttenseite, aber er lächelte jetzt nicht und hatte auch kein -Verlangen nach der Tabakspfeife. Das schwere Unwetter schien ihn, wenn -auch nicht zu ängstigen, so doch mit einigem Unbehagen zu erfüllen. -Oft genug hatte er den Admonter Fachmann gemahnt, endlich auf der -Pyrgas-Jagdhütte den Blitzableiter anzubringen, doch dem Manne war -bisher der Weg hinauf zur einsamen Höhe zu weit gewesen. So wetterhart -Gnugesser war, vor Blitzschlägen hatte er einen gewaltigen Respekt. - -Unbekümmert um den schweren Sturm, der sich vergeblich bemühte, die -Hütte umzureißen, zündete sich Hartlieb eine Zigarre an, und zum -Dank für das wohlige Herdfeuer spendete er dem Jagdgehilfen einen -Glimmstengel, den Eichkitz katzbuckelnd, dankend entgegennahm und -sofort in Brand steckte. - -Eine Weile herrschte nächtliche Finsternis um die sturmumtoste Hütte. -Im Herdraume waren nur die roten Punkte der glimmenden Zigarren und -zuweilen aufzuckende Flämmchen im Ofen zu sehen. - -Dann ließen Hagel und Regen nach, es wurde lichter. Dafür umwallten -schwere Nebelschwaden die Hütte. - -Eichkitz öffnete nun die Fensterläden auf der Wetterseite. Eisigkalte -Luft drang herein, so daß der Jäger die Fenster schleunigst wieder -schloß. - -Auf dem Alpboden wogte ein Nebelmeer, weiß wie um Weihnachten war der -Grund, vom Hagel bedeckt. Kalt pfiff der Höhenwind. Doch der Sturm -hatte ausgetobt; ihm folgte ein feiner Regen. - -Hartlieb nahm jetzt die Besichtigung des neuen Anbaues vor, gefolgt vom -Forstwart und Jäger. Und auf den ersten Blick gewahrte der Oberförster -den Mangel eines Ofens im Wohnraume des Zuhäusels. Hartlieb wandte sich -an Gnugesser mit der Frage, ob der Ofen rechtzeitig bestellt worden -sei. Mit einem Lächeln des ruhigen Gewissens antwortete der Forstwart: -„Wohl, wohl, Herr Oberförster! Rechtzeitig bestellt, selbstverständlich -sofort, wie ich den Auftrag erhalten habe! Aber die Handwerksleut sind -halt so langsam! Und von selber kommt der Ofen halt nicht herauf zur -Pyrgas-Hütt’n!“ - -„Der Teufel soll die Kerle holen! Demnach sind vermutlich auch -in den anderen Anbauten die Öfen noch nicht aufgestellt? So eine -verdammte Schlamperei! Und jeden Tag kann die Fürstin ankommen! Wird -ein Aufenthalt auf einer der Jagdhütten befohlen, so haben wir -das höllische G’frett gleich zum Beginn der neuen Herrschaft! Der -Hausmarschall wird zetern, daß uns die Ohren sausen!“ - -Auf Gnugessers bartumwucherten Lippen erstarb das Lächeln, da er -stotterte: „Wohl, wohl! Sein tuets ein Öllend mit die Handwerksleut! -Und die neue Ära fangt schief an!“ - -„Veranlassen Sie morgen früh in Admont alles Nötige wegen der -Ofenlieferung! Treten Sie die Kerle, bis sie quietschen! Es muß alles -zusammen helfen, auf daß der Befehl vollzogen ist, bevor die neue -Gebieterin erstmals heraufkommt! Sie sind mir verantwortlich, Herr -Forstwart! Verstanden?“ - -„Wohl, wohl!“ stammelte Gnugesser in sichtlichem Unbehagen. - -Hartlieb wandte sich zum Jagdgehilfen und rügte mit scharfen Worten -die ungenügende Revierkontrolle wegen des hochgegangenen Kleinviehes. -„Dieser Unfug darf nicht geduldet werden! Sie müssen doch als Jäger -wissen, daß die Gams die Witterung von Ziegen und Schafen absolut nicht -vertragen! Ausgebrochenes und hochgegangenes Kleinvieh muß entweder -gepfändet oder erschossen werden, auf daß die Eigentümer für bessere -Beaufsichtigung sorgen! Erstmals pfänden gegen Auslösung im Jagdamt -zu Hall! Nützt das nichts, so machen Sie von der Waffe Gebrauch und -schießen das hochgegangene Kleinvieh kurzerhand ab! Die Jagdgehilfen -sind für die Reinhaltung der Reviere verantwortlich!“ - -„Zu Befehl!“ erwiderte Eichkitz. - -„Sie sind jetzt ein für allemal gewarnt! Ich dulde keine Schlamperei im -Dienst und Revier!“ - -„Zu Befehl! An mir wird’s nicht fehlen! Je schärfer wir aber vorgehen, -desto rabiater und aufsässiger werden die Almbauern werden! Wo uns -Jaagern von den Leuten eh bereits nichts mehr an Milch und Butter -abgegeben wird! Ich bitt g’horsamst: Dürfen wir es zunächst nicht im -Guten, mit Verwarnungen versuchen?“ - -Scharf klang Hartliebs Antwort: „Wie Sie es machen, das ist mir egal! -Ordnung muß herrschen! Denken Sie gefälligst mehr an Ihren Dienst! -Sehe ich noch mal hochgegangenes Kleinzeug im Revier, so haben Sie die -Kündigung zu gewärtigen!“ - -Von dieser Androhung erschreckt, bat der schmucke Jäger um Verzeihung, -und eifrig gelobte er schneidiges Vorgehen. - -„Wird gut sein in Ihrem eigenen Interesse! -- Wie haben sich die -Zimmerleute beim Bau des Zuhäusels verhalten?“ - -„Zu dienen, Herr Oberförster! Ich bin fleißig um die Weg g’wesen, ist -niemand weiter als höchstens zur Schneemulde am Großen Pyrgas gekommen! -Ich glaub nicht, daß die Gams besonders beunruhigt worden sind! -Touristen hab ich nach Möglichkeit abgewiesen!“ - -„Bis auf weiteres bleibt jeder Durchgang in den Hochrevieren gesperrt! -Will die Fürstin den Jochbummlern das -- Gamsversprengen erlauben, so -ist das Sache der Gebieterin! Die Jägerei wird hierüber verständigt -werden! Einstweilen ist jeder Tourist ausnahmslos aus den Revieren -auszuweisen! Bei Aufstellung des Ofens in der Pyrgas-Hütte haben Sie -die Aufsicht zu führen, jede Revierbeunruhigung nach Möglichkeit zu -verhindern! -- So, nun begleiten Sie uns in die Steinschütt!“ - -Die Herren kehrten in die alte Hütte zurück, indes Eichkitz das -Zuhäusel sorgfältig versperrte. - -Säuerlich lächelnd meinte Gnugesser: „Mit Verlaub, Herr Oberförster! -Ich hab g’meint, wir bleiben über Nacht in der Pyrgas-Hütte...! Wo es -doch regnet!“ - -„Das wäre sinnlose Zeitvergeudung! Wir gehen noch am Abend über -Schottenboden und Assangeralp zur Million-Hütte, wo wir den -Hausmarschall treffen werden. Der Regen kann uns nicht abhalten! -Und Ihnen kann fleißige Bewegung nur nützlich sein; je eher Sie -tannenschlank werden, desto besser für Sie! Ich fürchte sehr, daß die -neue Gebieterin wegen Ihres Bäuchleins Schlüsse auf -- Bequemlichkeit -und üppiges Leben ziehen wird!“ - -„Ach, du lieber Himmel! Bei dem mageren Gehalt und strengen Dienst ein --- üppiges Leben! Und wo meine Frau zudem keine -- Kochkünstlerin ist!“ - -Ein sarkastisches Lächeln huschte über Hartliebs Gesicht, und ein -ironischer Blick streifte Gnugessers Wanst. - -Rucksäcke und Gewehre wurden umgehangen. Auch Eichkitz hatte sich -marschfertig gemacht; er löschte das Herdfeuer und schloß die Hütte ab, -nachdem die Herren ins Freie getreten waren. - -Kalt pfiff der Wind, trostlos in Fäden träufelte der Regen hernieder. -Unter den schweren Bergschuhen knirschten die Hagelkörner auf dem -Alpboden. - -Der vorausstapfende Jäger Eichkitz nahm die Richtung zur nebelerfüllten -Felswildnis der Steinschütt, elastisch schreitend, doch arg verdrossen. - -Hartlieb erkannte sofort, daß bei dem schlechten Wetter auf einen -„guten Anblick“ nicht zu rechnen, der Marsch in die Schütt ganz -zwecklos war. Deshalb schickte er den Jäger zurück und wanderte mit dem -Forstwart auf steinigen, teils mit Schloßen bedeckten, teils vermurten -oder ausgewaschenen Pfaden durch Regen, Wind und Nebel den Weg zurück -zur Plechauer-Alp und dann hinüber zum Schottenboden. Das Ziel war die -sogenannte Million-Hütte im Bereiche des Stadlgrabens, wo die besten -Hirsche stehen. - -Spätabends erreichten die durchnäßten Förster die einsame Hütte, die -gleichfalls einen neuen Anbau für Damen aufwies. Wider Erwarten war die -Million-Hütte verschlossen, der Hausmarschall der Fürstin Sophie von -Schwarzenstein, Graf Thurn-Valsassina von Villalta und Spessa, mit dem -Jäger Xandl noch nicht angekommen. - -Dienstwillig suchte Gnugesser den Hüttenschlüssel in der Holzschicht -an der Seitenwand der alten Hütte und schloß auf. Kalte Luft wehte -entgegen. „Wird gleich warm werden!“ rief der Forstwart, der schnell -Gewehr und Rucksack ablegte und im Sparherd Feuer anzündete. Dann holte -er vom nahen Brünnlein Wasser herbei und stellte es in einem Topf -darauf. Hartlieb entnahm seinem Rucksack zwei kleine Konservenbüchsen -mit Gulasch, eine Flasche Bier und Brot. - -Als das Wasser zischte und brodelte, wurden die Konservenbüchsen in -den Topf gelegt. Wenige Minuten später war die Kocharbeit beendet. Mit -einer Blechschere öffnete Hartlieb die Büchsen, denen ein würziger Duft -entstieg. - -Gnugesser schnupperte wohl wie ein windender Jagdhund, lehnte aber -die Einladung zum Mitessen dankend ab und begnügte sich mit dem -mitgeführten Stück Speck und Schwarzbrot. - -„Wie Sie wollen! Mögen Sie Gulasch nicht?“ fragte Hartlieb. - -„Schon, aber nur in der Nähe von einem Wirtshaus!“ - -„Ach so! Von wegen dem Durst, den der Paprika erzeugt? Na, in Konserven -ist nur sehr schwacher Paprika enthalten, und zum Durstlöschen gibt -es ja Wasser genug! Ich werde die zweite Portion für den Grafen -aufbewahren, falls er keinen Proviant bei sich haben sollte!“ - -An seinem Speck kauend, richtete Gnugesser im Heuboden oberhalb des -Herdraumes ein Lager zur Nachtruhe her. Dann kehrte er in das Wohn- und -Kochstübchen zurück und fragte, ob er, da der Graf wahrscheinlich nicht -kommen werde, heimgehen dürfe. - -Ironisch fragte Hartlieb: „Treibt Sie denn sehnsüchtige Liebe nach -Hause?“ - -„Ich bitt, Herr Oberförster! Wo ich doch schon zwei Jahr verheiratet -bin! Ich hab nur gemeint, Sie benötigen mich nicht für Abend und Nacht!“ - -„Ich allerdings nicht! Kommt der Graf doch noch, so könnte es sein, daß -er Sie morgen um die Führung bitten will! Kommt er heute nimmer, so -hätte Ihre Anwesenheit allerdings keinen Zweck!“ - -„Will denn der Graf pirschen auf Hirsche? Bei diesem Wetter wird er -keinen Wedel äugen können! Was will er sonst heroben?“ - -„Weiß ich nicht! Vielleicht nur ein Inspektionsgang, Kontrolle, ob alle -Jagdhütten den Damen-Anbau vorschriftsmäßig erhalten haben!“ - -„Ist g’spaßig, daß unser Jagdbetrieb nun -- verweiblicht werden soll! -Ein Frauenzimmer als -- Jagdherr! Ich kann mir nicht denken, wie das -geht! Die Jaager stecken auch die Köpf zusammen und tuscheln darüber!“ - -Hartlieb trat vor die Hütte, lauschte, kehrte zurück und stellte es -Gnugesser frei, nach Hause zu gehen. - -Die Gelegenheit, über die neuen Verhältnisse mit dem Vorgesetzten zu -sprechen, wollte der Forstwart nun doch nützen. Er steckte die kleine -Petroleumlampe an, schloß die Fensterläden und bat, Gesellschaft -leisten zu dürfen. - -„Aber die teure Gattin?“ - -„Wird nicht sterben, wenn ich über Nacht ausbleibe! Dergleichen -kommt ja öfter vor in unserem Beruf! Mit Verlaub, glauben Sie, Herr -Oberförster, daß wir mit gleichem Gehalt übernommen werden? Hat der -Hausmarschall darüber nichts gesagt?“ - -„Bis jetzt keine Silbe! Ich denke, die Käuferin des Jagdgutes wird froh -sein, tüchtiges und geschultes Personal übernehmen zu können!“ - -„Wohl, wohl! Was aber, wenn das Gehalt etwas reduziert würde? Das wär -für uns doch recht bitter! Für die verheirateten Beamten nämlich! -Sie, Herr Oberförster, brauchen als lediger Mann sich da weniger zu -sorgen...“ - -„Verbürgen kann ich nichts! Beruhigen Sie sich nur! Wegen der Löhne und -Gehälter muß ich ja gefragt werden, und ich werde selbstverständlich -dafür eintreten, daß in dieser Beziehung alles beim alten bleibt!“ - -Gnugesser lächelte und glättete seinen fuchsigen Patriarchenbart, nun -ihm der größte Stein der Sorge von der Brust fiel. Und zutraulich -meinte er: „Noch schöner tät es sein, wenn Sie, Herr Oberförster, -eine Gehaltsaufbesserung durchsetzen könnten! Für mich gleich nur -zweihundert Kroneln, eine Wohltat wäre das für meine Verhältnisse!“ - -„Mit einer Aufbesserung darf man der Fürstin bei der Übernahme des -Besitzes nicht kommen! Um so weniger, als sie teuer, zu teuer gekauft -hat!“ - -„So? Hätt sie doch die Finger davon gelassen! Wenn man denkt: Auf -den Jagdherrn Grafen Lichtenberg, der freilich nur Pächter war, -ein Frauenzimmer als Gebieterin in Jagdangelegenheiten -- -- der -Magen könnt sich umdrehen! Jagdlicher Damenbetrieb! Unmöglich, nicht -auszudenken!“ - -Hartlieb streifte die Asche von seiner Zigarre und wollte dem Forstwart -eben raten, das Zünglein zu hüten, da wurden Schritte laut, die sich -der Hütte näherten. - -Gnugesser stand auf und eilte hinaus. - -Auch der Oberförster erhob sich und öffnete die Türe, damit die -Angekommenen etwas Licht zur Orientierung haben sollten. - -„Guten Abend!“ grüßte eine hohe schlanke Gestalt in dunklem -Lodengewande. Graf Thurn-Valsassina, der weißhaarige Hausmarschall -und Hofchef, reichte den Beamten die Hand und entschuldigte das arg -verspätete Erscheinen mit dem Hinweise auf das Unwetter, das zu -unfreiwilligem Aufenthalt in der Griesweber-Hochalm gezwungen hatte. - -Hartlieb bat den Grafen, in die warme Stube einzutreten und -vorliebzunehmen mit dem Wenigen, was geboten werden könne. - -Der Hausmarschall trat in die schwacherleuchtete Stube und rief: -„Oh, wie wohlig warm! Das ist wirklich sehr behaglich! Ich bitte -Sie, meinetwegen keine Umstände zu machen! Proviant habe ich mit im -Rucksack, den mein wackerer Begleiter, der brave Xandl, trägt! Wir -wollen in der Bergeinsamkeit brüderlich teilen! He, Xandl, antreten und -auspacken!“ - -Mit seinem schönsten Lächeln auf den bebuschten Lippen griff Gnugesser, -der fuchsige Gnom, ein, indem er dem großen Jagdgehilfen Xandl den -Rucksack abnahm und zuflüsterte: „Gschwind den Herrn bedienen! Stiefel -ausziehen!“ - -Hartlieb legte inzwischen Holz im Herde nach, so daß es alsbald -knisterte. - -Flink kniete Xandl, ein Koloß von einem sonnverbrannten Menschen, vor -dem Hausmarschall nieder und bat: „Haben S’ die Gnad, Herr Graf, und -lassen S’ Ihnen die schweren Schuach ausziehen! Einen Haxen nach dem -andern, wenn’s g’fällig ist!“ Und flink löste er die Schuhriemen auf. - -„Ei ei, wie geschult doch der Xandl im Kammerdienst ist!“ meinte -schmunzelnd Graf Thurn. - -Gnugesser fischte aus dem Inhalt des Rucksackes die Hausschuhe heraus -und überreichte sie dem Hofchef. - -Zu dritt nahmen die Herren am kleinen Tische Platz, indes Xandl -sich bescheiden auf die Bank an der Wand setzte und an einem Stück -Schwarzbrot kaute. - -„So ist’s nicht gemeint, Xandl! Auch der brave Führer und Jägersmann -gehört an den Tisch! Vorerst aber bringen Sie uns den Wein und den -kalten Aufschnitt!“ - -Brüderlich wurde alles geteilt. Der Höflichkeit halber nahmen die -Beamten die Happen Schinken zur Brotschnitte dankend an, ebenso den -Schluck Ungarweines. Hartlieb schenkte die Gulaschportion dem Xandl, -dem das Gesicht vor Freude leuchtete. „Werd ich gleich Kuchelmadel -machen und aufkochen! Vergelt’s Gott, Herr Oberförster!“ - -Graf Thurn erzählte, daß er nach der Inspektion einiger Hütten zur -Gamsquöhn aufgestiegen sei, vom Gewitter überrascht wurde, in der -Hochalm lange wartete, dann in den Falkennotgraben gestiegen sei, um -dann nach zeitraubender Kraxelei den Stadlgraben zu erreichen. „Es ist -ein wundervolles Gebiet, aber scharf und strapaziös! Der Dienst und -wohl auch die Jagdausübung wird in den Revieren der ‚Haller Mauern‘ -nicht leicht sein! -- He, Xandl, die Zigarren!“ - -Gnugesser blinzelte dem Oberförster zu, als Graf Thurn die Bemerkung -über Dienst und Jagdausübung in den Revieren gemacht hatte. Doch -Hartliebs Antlitz blieb unverändert. Auch enthielt er sich jeder -Äußerung. Die Zigarrenspende Thurns nahm er mit einer leichten -Verbeugung an, während Gnugesser und Xandl laut dankten. - -Graf Thurn fragte, ob in allen für die Fürstin bestimmten Anbauten, so -wie in den Kochzimmern gleichfalls eiserne Öfen aufgestellt seien. - -„Sie sind längst bestellt, werden nächster Tage zur Aufstellung -gelangen!“ erwiderte Hartlieb. - -„Schön! Machen Sie die Sache eilig, denn Durchlaucht werden in -allernächster Zeit ankommen! Und einmal in Hall, ist man keine Stunde -sicher, daß ein Hüttenbesuch befohlen wird! Bei Eintritt groben Wetters -wäre es sehr fatal, wenn Durchlaucht in einer Hütte frieren müßte!“ - -Gnugesser hatte den Mund angelweit offen, sosehr interessierte ihn -jedes Wort. Und plötzlich rutschte ihm die Frage heraus, ob die Fürstin -von der Jagd etwas verstehe. - -„Herr Forstwart, ich bitte Sie, jede indirekte Frage zu unterlassen!“ -bemerkte rügend Hartlieb, und ein scharfer Blick flog zu Gnugesser -hinüber. - -Begütigend meinte Graf Thurn: „Nicht doch! Das Interesse der -Forstbeamten für die neue Herrin ist ja begreiflich! Und hier unter -uns Männern hat es nichts auf sich, wenn Fragen gestellt werden! Die -Fürstin hat zu Lebzeiten ihres Gemahls den gnädigsten Herrn oft auf -Pirschgängen begleitet und, soviel ich weiß, manchen Hirsch mit gutem -Blattschuß umgelegt!“ - -Nun wagte auch der hünenhaft gebaute Jagdgehilfe Xandl eine Bemerkung -dahin, daß ein gelegentlicher Pirschgang und ein weidgerechter -Jagdbetrieb zweierlei sei. „Mit Vergunst, Herr Graf, wenn es erlaubt -ist: wird die Duhrlauch selber die Jagdleitung führen, selbständig -dirigieren, oder bleibt unser Herr Oberförster der Chef?“ - -„Das weiß ich nicht! Ich für meine Person, als Hofchef und -Hausmarschall, werde mich in die Jagdangelegenheiten ganz gewiß -nicht einmischen! Und falls ich gefragt werden sollte, werde ich -befürworten, daß Herr Oberförster Hartlieb der Jagdleiter bleibe! Den -Entschließungen der Fürstin kann natürlich nicht vorgegriffen werden! -Durchlaucht ist die Gebieterin, wir haben ihre Befehle zu vollziehen!“ - -„Oh, Jessas!“ rief Gnugesser, und sein Bäuchlein zitterte. - -„Nur keine Angst! Durchlaucht ist die Güte selbst! -- Nun aber Schluß, -meine Herren! Ich bin müde!“ - -Zu dritt kletterten die Herren auf der Leiter in den Dachboden, wo -das Nachtlager im Heu bezogen wurde. Wollene Decken schützten vor der -Zugluft, die durch die Balkenritzen trotz der Moosverstopfung kalt und -scharf eindrang. - -Xandl räumte unten auf, löschte das Lämplein und legte sich angekleidet -auf die Holzbank zur Nachtruhe nieder. - -Nach Mitternacht entlud sich ein Gewitter über den Stadlgraben, heftig -wütete der Sturm unter schweren Regengüssen, rüttelte an der Hütte, riß -grob die Türe wiederholt auf, die der aus dem Schlafe aufgeschreckte -Jäger Xandl wieder schloß. Doch gegen Tagesanbruch verstummte das -Sturmgeheul, das Wehen erstarb, der Regen hörte auf. - -Xandl erwachte, rieb sich den Schlaf aus den Augen, und sachte öffnete -er die Fensterbalken. Helles Morgenlicht und würzige Alpenluft strömten -herein. Reingefegt war das Firmament, das lichtblau sich über den -angeschneiten Haller Mauern wölbte. Ein prachtvoller Pirschmorgen nach -düsterer Sturmesnacht. Des Jägers erster Gedanke war der seiner Führung -anvertraute Graf und die günstige Chance für eine Pirsch. Aber in -Erinnerung der Tatsache, daß Graf Thurn keine Büchse mitführte, wurde -Xandl unschlüssig. Den herrlichen Pirschmorgen ungenützt verstreichen -zu lassen, deuchte ihn eine schwere Unterlassungssünde zu sein. Als -Hofchef und Hausmarschall müßte der Graf ja doch Abschußerlaubnis -haben... Und die Kugelbüchse kann ihm ja der Oberförster oder der -Forstwart leihen. So weckte denn Xandl die Herren mit der Meldung, -daß ein prachtvoller Pirschmorgen angebrochen sei. Und hurtig machte -der Jäger Feuer im Herd, um ein karges Frühstück, eine Brennsuppe zu -bereiten. - -Verfroren und steif in den alten Knochen kam Graf Thurn die Leiter -herab, hinter ihm die Förster. Vor der Hütte wurde die Pracht des -alpinen Sommermorgens, das Funkeln und Glitzern der Millionen -Wasserperlen an Blattwerk und Koniferennadeln im Glanz der ersten, in -den Graben blinzelnden Sonnenstrahlen bewundert. - -Hartlieb bot sein Dienstgewehr für einen Pirschgang an und stellte sich -als Führer zur Verfügung. Gnugesser sprach von einem guten Zwölfender, -der auf dem Waschenberge stehe. - -Da rief Graf Thurn: „Aber, meine Herren! Wo denken Sie hin! Ohne -spezielle Erlaubnis werde ich mich hüten, eine Büchse auch nur in -die Hand zu nehmen, geschweige denn auf irgendwelches Wild Dampf -zu machen! Erst muß die Gebieterin ihren Besitz angetreten, das -Jagdgut übernommen haben! Dann werden wir schon hören, ob uns die -Bejagung eines Revierteiles gestattet wird oder versagt bleibt! Zur -Hütteninspektion bin ich heroben, nicht zum weidwerken! Drum: _hands -off_!“ - -Diesmal wechselte Hartlieb mit Gnugesser einen vielsagenden Blick. - -Xandl aber platzte heraus: „Also wird die Duhrlauch -- schußneidisch -sein! Sell geht grad noch ab!“ - -Graf Thurn ignorierte diese Bemerkung und fragte, ob ein warmer -Schluck, egal was, zum Frühstück zu haben sei. - -Ganz Kuchelmadel, Kammerdiener, Küchenchef in einer Person, offerierte -Xandl: „Haben S’ die Ehr, gnädig Herr Graf, die Brennsupp’n ist -serviert! Aber noch heiß, verbrennen Sie Ihnen nicht die Lefzen! Wär -schad drum! Wo Sie einen so schönen weißen Schnauzer haben!“ - -Mit Behagen wurde die Brennsuppe, der nur das Salz fehlte, geschlürft. - -Da Graf Thurn auf die Fortsetzung der Hüttenbesichtigung verzichtete, -traf Hartlieb seine Dispositionen: Gnugesser erhielt Auftrag, wegen -schleunigster Ofenlieferung nach Admont zu gehen, Xandl solle in der -Hütte aufräumen und hiernach Dienst machen in den oberen Revieren und -im Gebiete des Natterriegel vorwitzige Gamsversprenger wegstampern, für -absolute Ruhe im Gamsrevier sorgen. Wenn nötig, unter Anwendung von -Gewalt. - -„Na, schön! Wie disponieren Sie, Herr Oberförster, über sich und mich?“ -fragte Graf Thurn. - -Lächelnd meinte Hartlieb: „Über den Herrn Hofchef hat wohl der -Jagdleiter am allerwenigsten zu verfügen! Wenn Sie aber, Herr Graf, -erlauben, möchte ich Sie durch unsere schönsten und besten Reviere -geleiten, Ihnen zeigen, daß wir einen gutgehegten Wildstand haben! -Weidmännisch gesprochen: Einen ausgiebigen ‚guten Anblick‘ mit viel -‚roten Fleckerln‘ möchte ich Ihnen verschaffen!“ - -„Topp, einverstanden! Freilich wird es schmerzlich sein, bei ‚gutem -Anblick‘ den Finger nicht krumm machen zu dürfen! Also gehen wir!“ - -Vor Gnugessers Abgang fragte Hartlieb noch, wie weit die -Schlägerungsarbeit auf dem Raschanger gediehen sei. - -„Wird heute beendet werden! Ich werd nachmittag kontrollieren! Mit -Vergunst, Herr Oberförster, darf ich dem drängelnden Simerlbauern den -erbetenen Schindelstamm anweisen! Ist ein zudringlicher Mensch!“ - -„Wenn wirtschaftlich kein Hindernis besteht, daß der betreffende -gewünschte Stamm wegkommt und der Stamm zur Taxe bezahlt wird, kann -angewiesen werden! Entspricht der Baum nicht, so geben Sie ihn als -Prügelstamm weg, aber nicht unter der üblichen Taxe!“ - -„Ist recht! Darf ich mir bei dieser Gelegenheit auch den Zangerlbauern -durch Befriedigung seines Wunsches -- er möchte drei Schnitthölzer zu -einem Schlafzimmerboden erhalten -- vom Halse schaffen? Tanne oder -Fichte?“ - -„Ist egal, je nachdem Stämme passend stehen! Halten Sie sich aber knapp -und die Bauern kurz! Gott befohlen!“ - -„Empfehl mich, Herr Oberförster!“ Und zum Hofchef gewendet, -verabschiedete sich der Bäuchleinträger mit österreichisch-höflichem -„Küß d’ Hand, Herr Graf!“ - -Eine erquickende, zuweilen freilich nasse Wanderung durch triefende -Gräser, durch kühle Wälder war es. Diana zeigte sich gnädig und gönnte -den Herren manchen „guten Anblick“ von eleganten Rehböcken, von einem -guten Zehnender mit hohem, weit ausgelegtem Geweih. Mehr als ein -Dutzend Stück Hochwild ließ die Göttin vorüberwechseln. - -Für Berghirsche waren die Geweihträger wirklich gut zu nennen. - -Graf Thurn hielt mit anerkennenden Worten für den Heger nicht zurück, -doch bat er den „Anblicks“-Gang abzubrechen. „Es berührt auf die Dauer -doch schmerzlich, wenn -- die Jagderlaubnis fehlt!“ - -Hartlieb nickte zustimmend. Aber gute Gams wollte er dem Hofchef noch -zeigen. Und dabei erproben, ob Graf Thurn -- steigen könne. Weit -war im Gebiet der Haller Mauern nicht zu wandern, aber steil ist -dieses hochragende Kalkgebirg. Leicht und geräuschlos, für sein Alter -erstaunlich gut und sicher, stieg Graf Thurn, und die Freude an der -großartigen Alpennatur, das Interesse für das Krickelwild leuchtete aus -seinen Augen. - -Nach kaum zweistündigem Aufstieg wurde ein prächtiges Plätzchen -erreicht; ein verhältnismäßig breites Latschenfeld, durchzogen von -einzelnen grünen Grasflecken, breitete sich aus und zog zu grauweiß -leuchtenden Wandeln hinauf. - -Hartlieb trat vorsichtig hinter einen Fichtenboschen und lud durch eine -leise Kopfbewegung den Begleiter ein, sich an seine Seite zu stellen. -Graf Thurn folgte dem Oberförster und stand wie angemauert, als sich -vorne ein gelbgrauer Fleck aus dem Krummholz emporschob, ein starker -Gams, der ein Weilchen äste, dann aber den Grind hob und mißtrauisch -zu äugen begann. Um den Kapitalen wurde es lebendig, sieben, acht Gams -kamen aus den Latschen, schüttelten sich die Regentropfen aus der -fahlen Sommerdecke, sonnten sich behaglich im warmen Licht und guckten -den sichernden Bock verwundert an. Die Kitze hatten Hunger und ästen -alsbald, zupften eifrig an den Spitzen der saftigen Gräser, treulich -behütet von den Mamas, die immer wieder aufwarfen und auf den kapitalen -Bock äugten. - -Der herrliche „gute Anblick“ machte den Grafen zittern vor Jagdlust. -Hartlieb, an derlei gewöhnt, stand starr wie eine Bildsäule. Thurn -verlor die Herrschaft über sich. Eine winzige Bewegung von Kopf und -Hand genügte: der Kapitale empfahl sich und verschwand plötzlich in den -Latschen, deren Äste über ihm zusammenschlugen und einen Sprühstaub von -glitzernden Tropfen in das Sonnenlicht warfen. Eiligst ahmten Geißen -und Kitze das Beispiel nach... - -Seufzend verließ Thurn diese Stätte und folgte dem Jagdleiter auf der -Wanderung zu Tale. Stumm, hochbefriedigt, dankbar. Und mit der Hoffnung -in der Brust, daß die Gebieterin vielleicht doch ein Teilchen dieser -Idealreviere zur Bejagung freigeben werde... - - - - -Zweites Kapitel - - -Dem Befehl entsprechend war der hünenhafte Jäger Xandl wohl in die -obersten Reviere gestiegen, aber mit dem Marsche zum Felsgewirr des -„Natterriegel“ eilte es ihm nicht. Viel wichtiger hielt er eine -Aussprache mit dem Kollegen Eichkitz, dem er erzählen wollte, was in -der Million-Hütte an Neuigkeiten zu hören gewesen war. Deshalb stapfte -Xandl pfadlos durch das steinige Gebiet des „Scheibling“ und suchte mit -dem Fernrohr das Gstattmaier-Revier ab, hoffend, den Kollegen irgendwo -sehen zu können. Diese Erwartung erfüllte sich nicht. Einen Besuch der -Pyrgas-Hütte mußte sich Xandl versagen, der Dienst erlaubte eine solche -Zeitvergeudung nicht. Und mit dem unerbittlich strengen Jagdleiter -Hartlieb war nicht zu spaßen. Aber ein Mittel zur Verständigung des -Kollegen wußte Xandl doch: Deponierung einer schriftlichen Nachricht in -der tiefer gelegenen Plechauer-Alm, wo Eichkitz sicher in den nächsten -Tagen einkehren wird. Der Höhenverlust hatte für einen Jäger nicht -viel zu bedeuten. Also stieg Xandl zur Plechauer-Alm herab. In der -Hütte traf er den schönen Eichkitz in eifriger Unterhaltung mit der -schmächtigen Sennerin Burgl, die einen Schreckensschrei ausstieß, als -Xandl plötzlich auftauchte und spottlustig rief: „Tue mir nix, ich tue -dir auch nix!“ - -Eichkitz ließ sich nicht in Verlegenheit bringen, vom Kollegen hatte -er keine Unannehmlichkeiten zu befürchten; gelassen meinte er: „Je, der -Xandl! Bist natürlich -- dienstlich da, wie ich!“ - -Die Sennerin benutzte die Gelegenheit, das Kämmerlein zu verlassen, und -machte sich vor der Hütte zu schaffen. - -„Dienstlich grad nicht! Hab dir einen Zettel bei der Burgl hinterlegen -wollen, die große Neuigkeit, wo der Graf Thurn, der wo der Hofchef von -der Duhrlauch ist, in der Million-Hütt’n verzählt hat!“ - -„Schieß los!“ meinte Eichkitz und zupfte an seinem Bärtchen. - -„Ja! G’sagt hat er, der Graf, er hätt bis jetzt keine Abschußerlaubnis! -Ausschauen tuets akrat so, als tät die Fürstin -- schußneidisch sein! -Spannst was, Eichkitz?“ - -Gelassen erwiderte der hübsche Bursch: „Ich wüßt nicht, warum ich -darüber heiß werden sollt! Wir kriegen ja doch keine Abschußerlaubnis! -Und ob der Graf jaagern darf oder nicht, das kann uns wurscht sein!“ - -„Ich bin der Meinung, daß es schief geht, wenn die Duhrlauch -schußneidisch ist! Das gang grad noch ab!“ - -„Bist irrig, Xandl! Ist die Fürstin wirklich schußneidisch, so haltet -sie was auf ihre Jagd! Das kann uns nur freuen!“ - -Xandl schüttelte den Kopf. „Ist überhaupt zwider, daß wir keinen Herrn -nimmer haben! Weiberwirtschaft im Jagdbetrieb, der Teufel soll s’ -holen!“ - -„Bist irrig, Xandl! Justament das Weiberregiment g’fallt mir!“ - -„Ah na! Wird nicht sein! Weiber haben verdammt viel Mucken und Launen!“ - -„Das schon! Kann auch zuweilen höllisch zwider sein und werden! Aber -weil die neue Besitzerin ein Weib ist, kann derjenige nur profitieren, -der es versteht, das Weib zu behandeln!“ - -„Jessas, na! Wie du daherredest so leicht und ausg’schamt! Du bist nur -ein Jaager, und sie eine wirkliche Fürstin! Die wird sich in Ewigkeit -nicht von dir behandeln lassen! Gstampert wirst katschaus in der ersten -Minut, wo du anfangst, frech z’ werden!“ - -„Bist wieder irrig, Xandl! Von Frech-werden ist keine Red! Im -Gegenteil! Demütig sein, katzbuckeln, einschmeicheln, vorsichtig -anpirschen, und grad nur das reden, was sie gern hört, die Duhrlauch! -Z’viel von der Jagd wird sie eh nicht verstehen! Versteht sie aber gar -nix, ist es noch besser! Um so leichter laßt sie sich anbleameln...!“ - -„Wo der Oberförster so streng und scharf ist!“ - -„Bist wieder irrig! Ich glaub, die strenge harte Zeit für uns ist -bereits vorbei! Und beim Weiberregiment wird der hantige Hartlieb -mit sich und seiner Stellung Arbeit g’nug haben! Sauer wird ihm sein -Dienst werden! Für uns aber wird es besser und leichter! Wenigstens ich -spekulier darauf!“ - -„Wenn du dich nur nicht verspekulierst!“ - -„Keine Sorg, Xandl! Auf die Weiberbehandlung versteh ich mich! -Der Fürstin wird die b’sonders schwache Seit’n wohl auch und bald -abzugucken sein! Da ist mir nicht bang!“ - -„Tue, was du willst! Ich verbrenn mir die Finger nicht! Und jetzt muß -ich springen, muß Dienst machen auf ’m Natterriegel!“ - -„Dank schön für die Botschaft! Sag nichts, daß wir uns ’troffen -haben! Der Hartlieb wird eh immer fuchtig, wenn er merkt, daß Jaager -bei Sennerinnen einkehren! Eh schon wissen! Aufs Wiederschauen -gelegentlich! B’hüt dich, Xandl!“ - -„Auch soviel!“ Xandl verließ, die Sennerin kurz grüßend, die Alm in -unbehaglicher Stimmung. Für die Art, wie Eichkitz die Lage auffaßte, -fehlte es dem Hünen an dem nötigen Verständnisse. Xandl fürchtete sich -geradezu vor dem Weiberregimente im Jagddienst. - -Eichkitz griff nach Büchse und Bergstock, um den Reviergang -fortzusetzen. - -Die Sennerin Burgl hantierte am Brunnen und rief spöttisch: „Pressiert -es jetzt auf einmal mit dem Dienstmachen? Was haben denn die Jaager so -Wichtiges zu verhandeln g’habt?“ - -„Der Xandl fürchtet sich so vor der Fürstin!“ antwortete ironisch der -hübsche Jäger. - -Burgl ließ das Wasserschaffl fallen und trippelte auf Eichkitz zu. „Was -sagst?“ - -„Fürchten tuet er sich vor der Duhrlauch!“ - -„Warum denn? Ist die Fürstin etwa ein harbes Weib?“ - -„Derweilen wissen wir noch gar nix!“ - -„Schaden könnt es nix, wenn sie einen gewissen Jaager z’sammenstauchen -tät! Von wegen Hoffart und Eitelkeit! Ist ja ganz aus der Art, wie du -mit die Weiberleut umspringst! Kein bisserl Achtung vor dem weiblichen -Geschlecht! So ein Sausewind! Gleich immer aufs Verführen aus! Schamst -dich nicht?!“ - -„Wüßt nicht warum! Küß d’Hand, gnä Fräuln!“ spottete Eichkitz. - -Nun erzürnt, sprang Burgl in die Hütte. - -Der hübsche Jäger wanderte über den grünen sonnigen Almboden und lachte -in sich hinein: „Wirst schon noch zahm werden, Wildkatzl!“ - - * - -Als der Forstwart Gnugesser sein Falstaff-Bäuchlein zum Wiedschlag auf -dem Raschanger hinaufschleppte, seufzend und nach Luft schnappend, -warteten bereits zwei spindeldürre Bergbauern auf ihn, der Simerl -und der Zangerl, rauchend, mit Tabak ordinärster Sorte die Waldluft -verpestend. Und sogleich lamentierten sie, mit dem Warten soviel Zeit -verloren zu haben. - -In seiner Herzensgüte entschuldigte sich Gnugesser, daß er beim besten -Willen nicht früher habe kommen können; der Weg nach Admont und über -Hall zurück und zum Raschanger sei weit und beanspruche Zeit. „Dafür -soll nun jeder geschwind sein Holz angewiesen bekommen!“ - -„Nur nix übereilen! Ich bitt, geben S’ mir den Schindelstamm mehr -herunten, wo die Bringung leichter ist und nicht soviel Zeit, Müh und -Geld kostet! Wo ich den Stamm auch noch zahlen muß!“ meinte der Simerl -und begann nun, der Bergsohle zustapfend, einen schönen Baum zu suchen. -An jeder Fichte hatte der Bauer etwas auszusetzen, kein Stamm war ihm -schön und astfrei genug. Und immer maulte der Simerl: „Wo ich den Stamm -zahlen muß!“ - -Lächelnd mahnte Gnugesser zur Eile und Zeitersparnis. „Such dir die -Fichte aus, aber bald! Der Zangerl möchte ja auch heute noch seine -Schnitthölzer! Und ich möcht dann meine Ruh bekommen!“ - -Endlich hatte Simerl einen Stamm gefunden, von dem er glaubte, daß die -Fichte zu Schindeln gehe. Simerl nahm die Untersuchung vor, langsam und -umständlich, bis festgestellt war, daß der Baum „gut kliebe“. Und nun -wollte Simerl den Stamm sofort gefällt haben. - -„Mußt schon warten, bis die Holzer von oben kommen! Morgen wird der -Stamm gefällt werden! Aber vorher mußt die Tax in der Kanzlei des -Oberförsters zahlen!“ - -Davon wollte Simerl aber nichts wissen. Aus dem Gejammer merkte -Gnugesser, daß es dem Bauern darum zu tun war, den Stamm zu erhalten, -das Geld dafür aber schuldig zu bleiben. Infolge dieser Wahrnehmung -unterließ es der pflichttreue Forstwart, die ausgesuchte Fichte -anzuplätzen. - -Simerl sah sich durchschaut und ging fluchend heim. - -Der gleichfalls zaundürre Zangerl holte die forstamtliche Quittung -hervor zum Beweise, daß er den Betrag für drei Schnitthölzer bereits -erlegt habe. - -„Gut! Dann hat die Auszeigung einer schönen astfreien Tanne keine -Schwierigkeit!“ versicherte Gnugesser und machte sich auf die Suche -eines besonders kräftigen Baumes. - -Da begann aber der Zangerl zu zetern und zu protestieren mit einem -ungeheuerlichen Wortaufwand. Mit aller Entschiedenheit wehrte er sich -gegen die Zuweisung einer -- Tanne. „Wo ich Holz brauch für den Boden -der Schlafkammer. Einen tänneren Boden will ich nicht und nehm ich -nicht! In Ewigkeit nicht! Wo ich die Tax bereits bezahlt hab!“ - -Verwundert fragte Gnugesser, warum denn der Bauer Tannenholz nicht -nehmen wolle. - -Ein Blick unsäglichen Bedauerns, einer Geringschätzung ob solchen -Mangels an Wissen streifte den Forstwart. Im belehrenden Tone erklärte -Zangerl: „Will der Herr ein Forstwart sein und weiß nicht, daß im -tännernen Holz die Flöh wachsen!“ - -Gnugesser lachte aus vollem Halse. Und schluckend versicherte er, davon -bis jetzt nichts gewußt zu haben. - -„Solche Leut sein Förster! Tannenholz erzeugt Flöh, das weiß jeder -Bergbauer, nur der Forstwart weiß es nicht! Also die Tann nehm ich -nicht! Ich will einen fichtenen Stubenboden!“ - -Benjamin Gnugesser lachte, daß sein Bäuchlein hüpfte. „Kannst eine -astreine Fichte haben! Wir vom Forstamt wollen es nicht verantworten, -daß der Zangerlbauer samt Familie von den Flöhen aufgefressen wird!“ - -Fast eine Stunde verfloß, bis Zangerl eine Fichte gefunden hatte, die -seinen Ansprüchen genügte. Dieser Stamm wurde dann vom Forstwart mit -dem Plätzhammer gemerkt und zur Fällung angewiesen. - -Damit hatte das Tagwerk Gnugessers ein Ende. Müde trollte er hinunter -zum Forsthause beim Dörflein Hall. - -Ein alter Quadernbau mit neuem Ziegeldache am Sträßlein, beschattet -von Fichten; „Steinkasten“ pflegte der Forstwart dieses Dienst- -und Wohngebäude zu nennen, in dem er mit seiner ihm vor zwei -Jahren angetrauten Gattin Amanda hauste. Forstwarts im Parterre, -der Oberförster Hartlieb im oberen Stockwerke, wo sich auch die -Forstkanzlei und das Jagdamt befinden. Hier wohnte auch zur Zeit -Graf Thurn, dem Hartlieb zwei Zimmerchen hatte abtreten müssen. -Straßenseitig befand sich ein Nutzgärtchen, das den Bewohnern des -Forsthauses in beschränktem Maße Salat und Gemüse lieferte. Besonders -gepflegt sah das Gärtchen aber nicht aus; es entbehrte wohl der -sorgsamen Hand. - -„Grüß Gott, Weiberl! Da bin ich endlich und nicht wenig müd und -hungrig!“ rief Benjamin beim Eintritt in die Stube und hing Hut und -Gewehr auf den Kleiderständer neben der Türe. - -Frau Amanda zuckte überrascht zusammen und schob hastig eine Zeitung in -das Nähkörbchen. „Du bist schon da?“ stieß die junge, blasse Frau aus -und erhob sich, um dem Gatten einige Schritte entgegenzutrippeln. Über -mittelgroß, sehr schlank, scharf geschnitten das Gesicht und die Nase, -eckig die Gestalt -- machte Amanda Gnugesser auf den ersten Moment -einen ungünstigen Eindruck; bei näherer Betrachtung offenbarte sich -jedoch die überraschende Schönheit des Auges. Große braune Rätselaugen, -unergründlich, seltsam leuchtend. Wundervoll auch das rehfarbige Haar -in reichster Fülle, nur mangelhaft frisiert, leichthin aufgesteckt, -in Unordnung geraten. Im einfachen Kattunkleide sah Frau Amanda -einem Dienstmädchen gleich, das durch Vernachlässigung der Toilette -gleichgültig jeden Zauber der Weiblichkeit zerstört, weil niemand da -ist, für den man sich putzen und schmücken konnte. Aus Kleidung und -Körperhaltung offenbarte sich eine Gleichgültigkeit, die geradezu -aufreizte, nach der Ursache zu forschen. Nur Benjamin Gnugesser fragte -nie danach, er sah die Vernachlässigung, die, wenn nicht zerstörte, -so doch geminderte Anmut des Weibes nicht. Er war von Anbeginn durch -die Braut nicht verwöhnt worden. Entgegen dem allgemeinen Brauche, daß -Mädchen sich vor Männern nur im Zustande einer gewissen Vollkommenheit -in der Toilette, Frisur und sehr guter Laune sehen lassen, hatte -Fräulein Amanda, damals Lehrerin, sich nie bemüht, ihr Wesen und ihre -Erscheinung zu idealisieren oder Illusionen zu erwecken. Sie wollte -nicht täuschen. Und als Ehefrau negierte sie rundweg die Behauptung, -wonach das Eheglück um so besser gefördert werde, je vollkommener es -die Gattin verstehe, den Mann in der Illusion, ein Ideal zu besitzen, -ständig zu erhalten. Die Gleichgültigkeit der zum Zölibat verurteilten -Lehrerin gegen Kleider, Schmuck, Tand und unzählige Kleinigkeiten -hatte Amanda in den Ehestand mitgebracht. Und die Fortdauer dieser -Gleichgültigkeit hatte eine bestimmte Ursache. - -Scherzend erwiderte Benjamin: „Es ist nur mein Geist, der bei dir -erschienen ist. Er hat aber Hunger und Durst!“ - -„Mußt dich schon gedulden! Die Stunde deiner Heimkehr war mir nicht -bekannt, ich muß also erst kochen! Den Durst wirst wohl selber löschen -können! Flaschenbier ist im Keller!“ - -„Dank schön für die Auskunft! Werde gleich in den Keller -hinabspazieren! Vorher möcht ich aber wissen, was es zu schnabulieren -gibt!“ - -Mit leichtem Spott sprach Amanda: „Etwas ganz Feines, Kalbsfüße!“ - -Benjamin schnalzte mit der Zunge, rief: „Nobel, grad nobel!“ und -stapfte in den Keller. - -Frau Amanda kehrte schnell an den Nähtisch zurück und verschloß die -vorhin weggelegte Zeitung gleich einer Kostbarkeit in der Schublade -einer Kommode, deren Schlüssel sie einsteckte. Dann begab sie sich in -die kleine Küche, wo die Dunkelheit sie zwang, Licht zu machen. - -Im dämmerigen Wohnstübchen leerte der Forstwart das Fläschchen Bier, -entledigte sich der schweren Bergstiefel, schlüpfte in bequeme -Hausschuhe und stellte sich an das offene Fenster, um zu beobachten, -wie die Dämmerung mählich in die Nacht überging. Für den Forstmann -und Jäger war dieses oft gesehene Schauspiel aber doch etwas -langweilig. Auch knurrte der Magen, der Hunger zerstörte die Poesie des -Sommerabends. Benjamin wollte sich die Wartezeit verkürzen und irgend -etwas lesen. Er steckte die kleine Hängelampe an und nahm von der -Kommode den dort liegenden Pack Zeitungen. Und groß wunderte er sich, -wie wohl diese Zeitungen, dem Titel nach in Köln erscheinend, in die -steierische Bergeinsamkeit und just in das Forsthaus Hall bei Admont -gekommen sein mochten. - -Eine Weile blätterte er diese Zeitungen durch, sah dann das Datum an -und legte die „ollen Kamellen“ geringschätzig weg. Lektüre war sein -Fall überhaupt nicht, für alte Zeitungen hatte er aber ganz und gar -kein Interesse. - -„Dauert das lang, bis die Kalbsfüße kommen!“ brummte der hungrige -Förster. In Gedanken entschuldigte er gutmütig die Gattin, die als -frühere Lehrerin ungern kochte. Daß Amanda sich so spät am Abend -abmühte, Kalbsfüße zu backen, fand Gnugesser sehr nett und dankenswert. - -Endlich erschien die Gattin mit der Speise. Krebsrot waren Amandas -Wangen, dunkelbraun, fast schwarz gebrannt die Kalbsfüße. - -Auf den ersten Blick erkannte Benjamin, daß die Kalbsfüße überhitzt -gebacken und wahrscheinlich ungenießbar sein würden. Dennoch lobte er -den Eifer und dankte für die Aufopferung. Und zur Belohnung wollte er -das zweite Fläschchen Bier der Gattin abtreten. - -Amanda lehnte ab mit dem Hinweise, daß sie grundsätzlich den Alkohol -meide. - -Mit Todesverachtung würgte der Gatte die außen verbrannten, innen fast -noch rohen Kalbsfüße hinab und goß mit allerdings verdächtigem Eifer -Bier darauf. - -Gottlob merkte Amanda nichts, sie saß am Tische, seltsam in Gedanken -vertieft. - -Den fuchsigen Patriarchenbart glättend, fragte Benjamin, wie denn die -Zeitungen aus Köln sich in das Haller Forsthaus verirren konnten. - -Amanda griff nach einem widerspenstigen Strähnchen ihres herrlichen -Haares und erwiderte in gekünstelt ruhigem Tone: „Die hat mir unser -Pfarrer, der Pater Wilfrid, gebracht!“ - -„So? Na, was soll denn Interessantes drinstehen?“ - -„Der Roman ist sehr schön!“ - -„Nix für ungut, Weiberl! Aber ich meine doch, dem Pfarrer hätt was -Gscheiteres einfallen können, als einer Hausfrau einen Roman zum Lesen -zu geben!“ - -Beleidigt warf Amanda den Kopf auf und scharf erwiderte sie: „Schinden -und rackern darf sich die Frau, eine geistige Erholung wird ihr aber -nicht gegönnt! Von Fortbildung gar nicht zu sprechen! Als frühere -Lehrerin habe ich andere geistige Bedürfnisse als Bauernweiber!“ - -Gutmütig beteuerte Benjamin, daß seine Bemerkung nicht schlimm gemeint -sei. „Kannst ja tun und lesen, was du willst! Ich red dir gewiß nix -drein! Bin ja ein genügsamer, bescheidener Mensch!“ - -„Den Mangel an Verkehr mit Leuten von Bildung empfinde ich bitter! Wir -leben in einer geradezu trostlosen Abgeschiedenheit! Meine einzige -Hoffnung ist, daß durch die Fürstin vielleicht ein Verkehr mit den -Kammerfrauen sich wird ermöglichen lassen...!“ - -„Nix für ungut, Weiberl! Ich bin nur ein Forstwart, ein Waldmensch, -aber um den Verkehr mit Domestiken reiß ich mich nicht! Diese Sorte -aufgeblasener hochnäsiger Menschen ist mir zu minder und nicht nach -meinem Geschmack!“ - -Amanda hob die eckigen Schultern und spottete: „Mußt halt schauen, daß -die Fürstin sich mit dem Herrn Forstwart huldvollst abgibt!“ - -„Fehlgeschossen, Weiberl! Die Duhrlauch ist mir zu hoch! Art zu Art!“ - -„Stimmt! Ich hätte das bedenken sollen, als es noch Zeit war!“ - -„Ich glaub gar, du willst sticheln? Bist heute schon sehr merkwürdig -spitz und stachlig! Hast denn Verdruß gehabt? Bist etwa krank? Blaß -schaust aus, Weiberl!“ - -Amanda ging unvermittelt auf ein anderes Thema über und fragte, ob -unter der neuen Herrschaft eine Gehaltsaufbesserung möglich sein könnte. - -„Nicht daran zu denken! Wir dürfen froh sein, wenn das gesamte Personal -unvermindert und mit unveränderten Löhnen übernommen wird!“ - -„Wieviel festes Gehalt hast du denn zur Zeit?“ - -„Seltsame Frage! Du weißt doch, daß ich tausendachthundert Kronen Fixum -habe!“ - -„Ja doch! Aber ich weiß nicht, ob das Schußgeld eingerechnet ist!“ - -„Warum willst du denn das wissen?“ - -„Ich möchte nicht vom Finanzamt unangenehm überrascht werden, wenn -beispielsweise das Einkommen höher ist und demgemäß ein größerer -Steuerbetrag zu zahlen sein würde! Muß das Schußgeld auch versteuert -werden?“ - -„Keine Idee! Wir haben nur wenig Raubzeug, also ist das Schußgeld -minimal! Jedes Sechserl braucht man denn doch nicht dem Finanzamt auf -die Nase zu binden!“ - -„Glaubst du, daß es unter der neuen Herrschaft größere Trinkgelder -geben wird?“ - -„Nix für ungut, Weiberl! Aber was du eben gesagt hast, das ist höheres -Blech! Ich bin als Forstwart Beamter, der selbstverständlich kein -Trinkgeld annimmt! Jagdgehilfen halten die Hand hin, so Jagdgäste -Weidmannsheil gehabt haben! Niemals aber die Beamten!“ - -„Na, na! Mit dem ‚fürstlichen‘ Einkommen von tausendachthundert -Silberlingen brauchst die Nase nicht gar so hoch zu tragen! Eine -Aufbesserung, egal von welcher Seite sie kommt, wäre hocherwünscht als -Zuschuß zu dem viel zu knappen Wirtschaftsgeld!“ - -„Ah, so lauft der Has! Tut mir leid, aber das Haushaltsgeld kann ich -beim besten Willen nicht erhöhen! Mußt schon schauen und trachten, daß -du damit auskommst! So, müd, krachmüd bin ich, freu mich auf das Bett! -Gehst auch schlafen?“ - -„Ich werd noch ein bisserl lesen! Gute Nacht, Beni!“ - -„Gute Nacht, Weiberl!“ Benjamin trat zur Gattin und gab ihr den -Gutenachtkuß, den Amanda kaum erwiderte. „Nix für ungut, wenn ich schon -schlafe, wenn du kommst!“ - -„Orgle nur zu! Gute Nacht!“ - -Horchend blieb Amanda am Tische sitzen. Sie holte geräuschlos das sie -so mächtig interessierende Zeitungsblatt aus der Kommode hervor, als -kräftige Gutturaltöne die Gewißheit gaben, daß der Gatte schlief. -Wieder las die Frau den kurzen Artikel, dessen Inhalt ihre ganze -Denkkraft, ihr Sinnen und Streben in Anspruch nahm, ihre Zukunft -gründlich umgestalten wird und muß. - -Wie Amandas schöne Augen aufleuchteten bei dem Gedanken, die in dem -Artikel angedeutete Reform durchzuführen! Zunächst in ihrer Ehe! Dann -aber soll dafür gesorgt werden, daß die Wohltat der Reform auch anderen -Hausfrauen zuteil werde! Nötigenfalls wird die Neuerung im ehelichen -Haushalt erkämpft werden... Amanda wird einen Frauenbund gründen. -Der früheren Lehrerin, ihrer Intelligenz und Geistesschulung gebührt -selbstverständlich der Vorsitz. Eine große Mission harrt ihrer, und ihr -Leben wird einen neuen Inhalt erhalten und lebenswert werden. - -Die Gedanken der einsamen Frau sprangen um zwei Jahre zurück und -beschäftigten sich mit der Frage, warum Amanda ihren Beruf aufgegeben -hatte und die Ehe mit Benjamin Gnugesser eingegangen war. Eine Ehe, die -nicht befriedigte. Freilich hatte sie der Beruf auch nicht befriedigt. -Nur einen einzigen Vorteil hatte die Stellung in den Augen Amandas: -die feste Besoldung. Die Arbeit in der Schule wurde gelohnt. Um der -Selbständigkeit und des Gehaltes willen war Amanda Lehrerin geworden. -Nicht aus Freude und Liebe zu diesem Berufe. Ihr Brot mußte sie sich -verdienen, die mittellose Tochter eines inzwischen verstorbenen -Subalternbeamten wollte nach Möglichkeit unabhängig sein, finanziell -gesichert in der Welt stehen, an jedem Monatsersten Bargeld in die Hand -bekommen. Dieses Ziel war erreicht worden. Aber eine gute Lehrerin war -Amanda nicht; diese Tatsache erkannte sie selbst wie auch die Ursache: -den Mangel an Berufsliebe. Aus diesem Mangel mußte eine Abneigung gegen -diesen Beruf erwachsen, die sich in dem Maße steigerte, als sich die -Widerwärtigkeiten in Schule und dörflichem Leben vermehrten. Die Schule -und der Lehrberuf verlangen Begeisterung und liebevolle Hingebung, -so Ersprießliches geleistet werden soll. Fräulein Amanda hatte die -Schule aber lediglich als Versorgungsanstalt betrachtet. Konflikte, -Reibereien, Rügen konnten nicht ausbleiben, verleideten die Stellung. -Prüfungen der Kinder ergaben Mißerfolge, die der Lehrerin angekreidet -wurden und zu Strafversetzungen führten. Sogar von Entlassung aus dem -Schuldienst war gesprochen worden. Und diese Drohung hatte Amanda -auf den Gedanken gebracht, die Versorgung im Ehestande zu suchen und -anzustreben. Benjamin war im gleichen Orte angestellt und gleich -der Lehrerin aß er im Gasthause; sie trafen sich täglich und wurden -Freunde. Und als Beni zum Forstwart ernannt worden war, warb er um -Amandas Hand, denn Beni war in Amanda ehrlich verliebt und blind gegen -den Mangel jeglicher Körperreize. Der Lehrerin hingegen war es nur um -eine anderweitige Versorgung zu tun. Liebe empfand sie nicht, weder zum -Gatten noch zum Hauswesen. Von der Führung eines Haushaltes konnte die -Ex-Lehrerin keine Ahnung haben. Er war auch danach. Es ging zur Not, -denn einiges lernte Frau Amanda ja doch, freilich unter Geldopfern für -verpfuschte Speisen. Und es wird mit „Ach und Krach“ weitergehen dank -der Herzensgüte Benis. Der Verstand sagte Amanda, daß sie nie eine -richtige und tüchtige Hausfrau werden könne. - -Amanda begann zu später Stunde zu rechnen, nachdem sie den ihr Inneres -aufwühlenden Zeitungsartikel abermals gelesen hatte. Achtzehnhundert -Kronen festes Einkommen bezieht der Gatte. Würde ein Drittel abgezogen -als Entlohnung für die Arbeit der Hausfrau, so würde Beni kaum imstande -sein, mit der verbleibenden Summe alle Bedürfnisse des Lebens und -Haushalts zu bestreiten. Demnach muß eine Gehaltserhöhung angestrebt -werden. - -Frau Amanda horchte plötzlich auf, beruhigte sich aber sofort, als sie -die Stimme des heimgekehrten Oberförsters erkannte. Hartlieb schloß die -Haustür auf und ließ dem Grafen Thurn den Vortritt. - -Schnell nahm Amanda die Lampe vom Tisch, trat in den Flur, um den -Herren die Treppe zu erleuchten. - -Graf Thurn dankte freundlichst für diese liebenswürdige Aufmerksamkeit -und fügte bei, daß die Fürstin übermorgen nachmittag ankommen -werde. „Frau Forstwart haben wohl die Güte, für die Schmückung des -Forsthauses zu sorgen, ja? Und dankbar werde ich sein, wenn Sie mir -behilflich sein wollten, die Front des Jagdschlössels zu zieren! Das -Personal kommt nämlich erst übermorgen früh hierher, also zu spät für -die Ausschmückung!“ - -„Mit größtem Vergnügen, Herr Graf!“ - -„Schön! Verbindlichsten Dank! Nun aber gute Nacht, Frau Forstwart!“ - -Amanda begleitete mit der Lampe die Herren bis in das obere Stockwerk. -Dann kehrte sie in ihre Wohnung zurück und begab sich zur Ruhe. Fand -aber lange nicht den Schlaf, da sich schwere Gedanken an Reform, -Gehaltsaufbesserung, auch an die Zukunft unter der neuen Herrschaft -durch ihren Kopf wälzten. Eine große Rolle spielte auch die Fürstin -Sophie von Schwarzenstein, die neue Gebieterin des Haller Jagdgutes... - - - - -Drittes Kapitel - - -Vom Sonnengolde verklärt, sah das winzige Dörfchen Hall mit seinem -netten Pfarrhause und dem hübschen, auf einem grünen Hügel thronenden -Kirchlein wie ein Kinderspielzeug aus. Verstreut im Tal standen -die Häuschen, meist unter Obstbäumen versteckt, die Siedlungen von -Bauern und Arbeitern; ehemals vor acht Jahrhunderten bildete das -Dorf die Stätten von Sudleuten, da das Benediktinerstift hier eine -vielumstrittene Salzpfanne besaß. Im Norden dieses Alpendörfleins -türmen sich die grauen Kalkkolosse der „Haller Mauern“ auf, deren -Mittelgebirge bewaldet ist. - -Im Wohngemach, zugleich Speisezimmer des schlichten, sauberen -Pfarrhauses, saß Oberförster Hartlieb als Gast bei seinem Freunde -Pater Wilfrid Ritter von Springenfels, der die Funktion des Pfarrers -ausübte, zugleich aber Konventual des Admonter Benediktinerklosters -und Gastmeister dieses Stiftes war. Wohnhaft im Stifte, kommt Pater -Wilfrid zweimal in der Woche nach Hall, nimmt im Pfarrhause, das -Eigentum des Stiftes ist, kurzen Aufenthalt, um sich als Seelsorger -der Gemeinde zu widmen. Wird der Pfarrer weiterhin benötigt, so muß -er im Stifte verständigt werden. Mit der Pünktlichkeit der Könige -pflegte Pater Wilfrid an den bestimmten Tagen zur üblichen Stunde nach -Hall zu kommen. Und wie ein Vater stand er jedem der Dorfbewohner -mit Rat und Tat zur Verfügung. Ein großer hagerer Aristokrat im -schwarzen Benediktinerhabit, dem obersteierischen sogenannten -Eisenadel entsprossen, adeligen Hochofen- und Hammerwerksbesitzern, -reichen Leuten zur Blütezeit der Eisenindustrie. Aus vermögender -Familie stammend, hätte es der junge Ritter von Springenfels nicht -nötig gehabt, eine Versorgung anzustreben; er erwählte freiwillig -den Priesterberuf aus Begeisterung und trat in den Admonter -Benediktinerorden ein, um in der heißgeliebten obersteierischen Heimat -lebenslang bleiben zu können. Diese Heimatsliebe schloß indes große -Reisen zur Urlaubszeit behufs Ausbildung und Weitung des Blickes -nicht aus; wie denn auch Pater Wilfrid stetig bemüht war, die Studien -aus mannigfachen Gebieten unter Ausnützung der kostbare Schätze -bergenden Stiftsbibliothek fortzusetzen. Die adelige Abstammung führte -dazu, daß in jenen Fällen, da von fürstlichen Gutsbesitzern in der -Umgebung von Admont ein priesterlicher Stiftsherr zum Messelesen -in Schloßkapellen erbeten wurde, stets Pater Wilfrid Ritter von -Springenfels delegiert ward. Diese Tätigkeit trug dem Benediktiner von -den Mitbrüdern den Scherznamen „Hofkaplan“ ein, wobei Pater Wilfrid um -die Tafeleinladungen beneidet wurde. Intelligenz, Bildung und Noblesse -kündeten Kopf und Augen dieses Benediktiners. Ein Priester wie eigens -geschaffen für den Verkehr mit dem Hochadel, mit Fürsten und Königen; -aber sein Umgang mit den Haller Dörflern bewies immer wieder, daß Pater -Wilfrid auch ein vortrefflicher Bauernpfarrer, der opferwillige Freund -der Armen und Ärmsten war. Durch den Verkehr mit dem feinen Pfarrer -von Hall nahmen selbst rauhbeinige Burschen einen gewissen Schliff -an. Und immer gedrückt voll war die Kirche an Sonn- und Feiertagen, -da die Dörfler eine gehaltvolle Predigt ihres Pfarrers zu erwarten -hatten. Kein Donnerwetter im Dialekt von der Kanzel; formvollendete, -dem Auffassungsvermögen der Zuhörer angepaßte Vorträge, liebevolle -Ermahnungen zu Eintracht und gottgefälligem, christlichem Leben gab -Pater Wilfrid. Mußte der Haller Pfarrer, durch dörfliche Ereignisse -oder Verfehlungen der Pfarrangehörigen gezwungen, scharf vorgehen, so -blieben Rüge und Tadel stets vornehm in Form und Ton, die Kanzelrede -vermied jede Nennung von Namen. Diese vornehme Objektivität und -Schonung weckte das Ehrgefühl und erzeugte Dankempfindungen derer, die -recht gut wußten, daß sie die Rüge anging. - -Stolz waren die Haller auf ihren Pfarrer im Benediktinerhabit. -Und neben diesem Stolz saß die Sorge, daß Hall den verehrten und -allbeliebten Pater Wilfrid verlieren könnte. - -„Also, womit kann ich Ihnen, Herr Oberförster, dienen?“ fragte Pater -Wilfrid zum zweiten Male, da Hartlieb mit seinem Anliegen nicht -herausrücken wollte. „Über die bevorstehende Ankunft der Fürstin bin -ich vom Hausmarschall bereits verständigt!“ - -„Eben diese Ankunft macht mir Sorge! Ich bin bekanntlich alles, nur -kein Hofmann! Vor dem Hofdienst graut mir, ich sehe sehr schwarz in die -Zukunft! Eine Bitte hätte ich, sie hängt mit der Ankunft der Fürstin -zusammen; eine Ansprache soll gehalten werden, aber ich bin kein -Redner, würde jämmerlich verunglücken! Also bitte ich herzlich, daß Sie -mir diese drückende Last abnehmen!“ - -„Gerne werde ich Ihnen, dem Freunde, dienen! Aber der Benediktiner kann -doch nicht im Namen der Jägerei und des Forstpersonals die Fürstin -begrüßen!“ - -„Der Pfarrer ist Amtsperson, hält eine offizielle Ansprache im Namen -der Pfarrgemeinde! Ich hänge dann ein kräftig ‚Weidmannsheil‘ daran, -die Jägerei wird schon donnernd einstimmen!“ - -„Das ist ein Ausweg! Gut, machen wir es nach Ihrem Vorschlag! Was nun -Ihre Befürchtungen wegen des sogenannten Hofdienstes betrifft, möchte -ich aufmerksam machen, daß Fürstlichkeiten von Forst- und Jagdbeamten -den Hofton und das Katzbuckeln weder erwarten noch wünschen! Unangenehm -sind zuweilen die Hofschranzen, liebedienerische und eingebildete -Gschaftelhuber, hochnäsige Leute, die den Beamten Dienst und Leben bei -Hofe sauer machen! Da indes Graf Thurn ein sehr liebenswürdiger und -einsichtsvoller Herr und frei von jeglicher Kompetenzeifersucht ist, -haben Sie, lieber Freund, so gut wie gar keinen Grund zu Befürchtungen!“ - -„Hm! Aber das Gefolge!“ meinte Hartlieb unsicheren Tones. - -„Na, eine Hofdame kann doch den Jagdleiter nicht genieren und wird -wohl nie Ihren Weg kreuzen! Und was sonst noch um die Fürstin wimmelt, -Zofen, Kammerdiener usw., das sind Angestellte, die der Chef des -Wald- und Jagdamtes gar nicht zu sehen braucht und am besten völlig -ignoriert! Also Kopf hoch, lieber Freund Oberförster, schneidig in -die Welt gucken, wie es der grünen Gilde ziemt! Sie erfüllen nach wie -vor Ihre Dienstpflicht mit aller Berufstreue und gehen Ihren Weg ohne -Seitenblicke! Um die Hofleute kümmern Sie sich keinen Pfifferling! -_Probatum est!_“ - -Hartlieb dankte für den freundlichen Zuspruch. Doch der sorgenvolle -Ausdruck in seinem Antlitz wollte sich nicht aufhellen. - -Pater Wilfrid verstand sich darauf, in den Mienen zu lesen; der tiefe -Ernst Hartliebs veranlaßte den Pfarrer, zu fragen, was denn noch das -Weidmannsherz bedrücke. - -Der Oberförster stieß die Worte hervor: „Der frühere Jagdherr war ein -weidgerechter Mann...!“ - -„Ahem! Und die neue Besitzerin ist eine Frau! Da liegt wohl der Hase im -Pfeffer? Und da kann nur eines empfohlen werden: Pflicht erfüllen und -abwarten, wie sich die Dinge gestalten werden!“ - -„Gewiß! Fatal bleibt es immer, wenn eine Frau die Zügel führt! Ich als -Jagdbeamter muß der Wahrheit entsprechend sagen, daß eine Gebieterin, -die sich wie ein richtiger Jagdherr um alles die Jagd Betreffende -eingehend kümmert, geradezu zu fürchten ist!“ - -„Wieso?“ - -„Weil sicher die Grundsätze und Anordnungen im Jagdbetriebe von einem -Tag zum andern wechseln werden, je nach den mannigfachen Einflüssen, -die auf das weibliche Gemüt physisch oder seelisch zu jeglicher Stunde -wirken durch schlimme Berater, Günstlinge, Schmeichler und womöglich -auch durch Freundinnen! Dem ehrlichen, geraden Jagdleiter wird es -unendlich schwer werden müssen, auf seinem Posten auszuharren, ohne -seiner Überzeugung übergroße Opfer zu bringen! Ich habe viel über -die Situation nachgedacht, konnte aber selbstverständlich darüber -mit meinem Personal aus triftigen Gründen nicht sprechen! Ihnen, dem -Freunde, muß ich gestehen: wir bekommen eine wetterwendische Wirtschaft -in das Jagdgebiet, heillose Zustände, denen selbst Sankt Hubertus -machtlos gegenüberstehen wird! So gerne ich in diesen Revieren diene, -die schönen Haller Berge liebe, es wird doch besser sein, wenn Ausschau -nach einem anderen Posten gehalten wird! Mir schwant hier Unheil!“ - -„Freund Hartlieb, Sie sehen hier vielleicht doch zu schwarz! Ich als -Priester kann nicht mitreden, der Benediktiner versteht vom Jagdwesen -nichts! Daß Frauenherrschaft je nach Laune dem Wechsel unterworfen -ist, kann freilich nicht bestritten werden! Aber es ist doch nicht -anzunehmen, daß Launenhaftigkeit sich in einem Jagdbetrieb breitmachen -werde! Ich kann mir dergleichen nicht vorstellen!“ - -„Frauensinn ist unberechenbar! Auch einer Fürstin kann ein schmucker -Jagdgehilfe gefallen, Frauengunst kann einen Liebling zum tatsächlichen -Jagddirigenten machen... Der verantwortliche Jagdleiter aber wird -entweder fliegen oder zum willenlosen Werkzeug und Spielball -herabsinken! Einem solchen Schicksal möchte ich rechtzeitig ausweichen!“ - -„Das sind düstere Gedanken zu Beginn einer neuen Ära! Ihre -Befürchtungen erschweren die Ausarbeitung einer Begrüßungsansprache! -Als Optimist hoffe ich aber dennoch, daß sich die Verhältnisse besser -gestalten werden, als wir zur Stunde glauben! Und darauf wollen wir ein -Gläschen Stiftswein leeren, ja?“ - -Die Pfortenglocke gellte durch das stille Pfarrhaus. Und kurz darauf -meldete die weißhaarige, verhutzelte Dienerin Frau Erna, daß die -Loidlbäuerin im Sterben liege... - -„Schnell den Mesner verständigen! In zehn Minuten werde ich zum -Provisurgang bereit sein!“ - -Die Dienerin verschwand. - -Zum Oberförster gewandt, sprach Pater Wilfrid: „Verzeihen Sie! Mich -ruft der heilige Dienst! Sterbende darf man nicht warten lassen!“ - -Hartlieb dankte herzlich für die Gewährung einer vertraulichen -Aussprache und verabschiedete sich. Auf dem Wege zum Gasthause, wo -der Oberförster zu speisen pflegte, traf er den Grafen Thurn, der -das gleiche Ziel hatte und zu Mittag essen wollte. Sehr befriedigt -sprach sich der Hofchef über die Frau Forstwart aus, die für eine -hübsche Außendekoration des Jagdschlössels gesorgt und dabei viel -künstlerischen Geschmack entwickelt habe. Durchlaucht werde gewiß -entzückt sein. - -Bei Tisch in dem bescheidenen Gasthause des Dörfleins richtete Graf -Thurn an den wortkargen Oberförster die Frage, ob der Jagdfachmann es -für möglich halte, daß die Jagdausübung in den wirklich herrlichen -Haller Revieren einen apathischen, blasierten jungen Mann psychisch zum -Vorteil verändern, aufrütteln, die Weidmannslust erwecken könnte. - -In seiner ernsten Weise äußerte sich Hartlieb dahin, daß vielleicht -Treibjagden auf Gams, wenn diese Jagdart noch unbekannt sei, ein -gewisses Interesse bei dem Betreffenden wachrufen könne. Fehle das -Jägerblut, so wird ein blasierter junger Mann nie ein weidgerechter -Jäger werden. Bei Treibjagden stehe indes zu befürchten, daß im jungen -Manne nicht die echte Jagdfreude, sondern die Schießwut erweckt werde. -Ein „Schießer“ sei nun und nimmer ein wünschenswerter Gast in gehegten -Revieren, eher zu fürchten, nach Möglichkeit hinauszuexpedieren. - -„Sie werden wohl recht haben, Herr Oberförster! Aber unbegreiflich -ist mir, daß sich das Jägerblut nicht immer vererbt! Der Vater des -schläfrigen, apathischen jungen Mannes war passionierter Weidmann!“ - -„Von Beruf?“ - -„Nein! Nur zum Vergnügen!“ - -„Sportinteressen vererben sich nicht! Wer die Jagd nur als Sport -betreibt, der ist noch kein echter Jäger! -- Ein interessantes -Gegenstück zu dem erwähnten jungen blasierten Manne können Sie, Herr -Graf, im Stifte der Benediktiner zu Admont sehen und gewissermaßen -bemitleiden wegen der schweren Seelenkämpfe, die der Novize Nonnosus -durchkämpfen muß, um das echte, in seinen Adern tobende Jägerblut zu -bezwingen!“ - -„Wie? Ein Novize und leidenschaftlicher Weidmann?“ - -„Der Leidenschaft muß der Novize Herr werden! Von Herzen gern hätte -ich dem jungen Manne Jagdgelegenheit verschafft, konnte es aber nicht, -da unser früherer Jagdherr unauffindbar verreist war, meine Kompetenz -nicht ausreichte, um eine Abschußbewilligung zu erteilen! Ich bin -sehr gespannt, zu vernehmen, ob Nonnosus die Leidenschaft überwinden -wird! Er ist der Sohn eines Jägers und besitzt echtes Jägerblut! Dem -Nonnosus dürfte das Ziel des höheren Jagddienstes vorgeschwebt haben, -die Armut vereitelte es; der Noblesse des Abtes war es zu danken, daß -der Jaagersbub auf Klosterkosten studieren durfte. Diese Wohltat will -der Student durch Eintritt in den Benediktinerorden vergelten; die -Dankbarkeit verhinderte ein ‚Ausspringen‘! Bis zur feierlichen Profeß -muß der Novize sich bemühen, die Jagdleidenschaft zu überwinden! Leicht -wird das nicht sein, zumal der arme Kerl kränkelt!“ - -„Ich werde mir den interessanten Mann ansehen! Glaube auch, daß sich -die Fürstin dafür speziell interessieren wird!“ - - * - -Die Begrüßungsfeierlichkeit am festlich geschmückten Forsthause war -beendet, die Fürstin und das Gefolge zum Jagdschlößl gefahren, das -drei Kilometer tiefer im einsamen waldreichen Halltale stand. Die -Jagdgehilfen hatten sich entfernt, um noch Dienst in den Revieren zu -tun; Forstwart Gnugesser hockte verstimmt in seiner Wohnung. - -Froh dessen, daß die Feierlichkeit gut verlaufen war und die neue -Gebieterin in Erwiderung auf die Ansprache des Pfarrers und auf -das „Weidmannsheil“ der Jägerei erklärt hatte, daß die Jagdherrin -einen richtigen Jagdbetrieb wünsche und mit allen im Frieden leben -möchte, lud der Oberförster den „Festredner“ Pater Wilfrid ein, in -der Jagdamtskanzlei einer Flasche den Hals zu brechen, ein Rauchopfer -darzubringen und die Zeit mit Geplauder bis zum Dinerbeginn auszufüllen. - -Pater Wilfrid willigte unter der Bedingung ein, daß er eine Stunde -auf den Besuch des Priesters bei der kranken Siebenbrunner Bäuerin -verwenden dürfe. - -Während Pater Wilfrid die Treppe hinanstieg, bat Hartlieb Frau Amanda -um Besorgung von Gläsern, Brot und etwas Schinken. Der Oberförster -holte den Wein aus dem Keller. - -Sichtlich verdrossen servierte Frau Amanda den Herren in der Kanzlei. -Das ihr von Hartlieb angebotene Glas Wein lehnte sie ab mit dem -Hinweise, daß sie erstens Abstinenzlerin und zweitens nicht in der -Stimmung sei, ein Fest zu feiern, nachdem die Fürstin den Forstwart -ignoriert und ihn nicht zum Diner eingeladen habe. - -Begütigend griff Pater Wilfrid ein: „Liebe Frau Forstwart! Nur nicht -brummen, wird schon kummen! Das Speisezimmer in dem Schlößl ist ein -beschränkter Raum, es können nicht viele Gäste zu Tische sein! Der -Herr Forstwart wird sicher ein andermal zur Tafel befohlen werden! -Wenn ich Ihnen einen Rat erteilen darf, lautet er wohlmeinend und -freundlich dahin: den Ärger unterdrücken, ein freundliches Gesicht -auch dann zeigen, wenn der Mensch Essig und Galle auf der Zunge hat! -Fürstlichkeiten muß man jeden Verdruß ersparen! Jedenfalls wird die -Fürstin die Frau Forstwart gelegentlich besuchen; es wäre unklug, wenn -Frau Gnugesser solchen auszeichnenden und vielleicht auch wichtigen und -bedeutungsvollen Besuch unmöglich machen würde! Übrigens irren Sie, -liebe Frau Forstwart, wenn Sie glauben, daß ein sogenanntes Festdiner -ein Vergnügen ist! Genau genommen ist es eine Dienstessache, steife -Etikette, es heißt schrecklich aufpassen und schweigen; antworten darf -man nur, wenn man gefragt wurde; das Essen ist Nebensache, es wird mit -wahnsinniger Eile serviert, weil die Hoheiten wie die Dienerschaft die -Gäste möglichst schnell verschwinden zu sehen wünschen!“ Pater Wilfrid -beschattete mit der rechten Hand seine lachenden Augen. - -„Also nix für uns!“ rief Frau Amanda, die jedes Wort des hofkundigen -Geistlichen glaubte, und zog sich zurück. - -Aber auch Hartlieb in seiner Furcht vor dem Hofdienst hielt die -Äußerung des Pfarrers für ernst gemeint und sprach davon, daß er die -Einladung fürchte. - -Nun schmunzelte Pater Wilfrid und witzelte: „Auch du, Brutus? Man -sollte es nicht für möglich halten, daß handgreiflicher Scherz -für blutigen Ernst genommen werde!“ Und nun gestand der joviale -Benediktiner, daß er die Schilderung des Hofdiners absichtlich -übertrieben habe, um der verärgerten Forstwartsfrau den Stachel aus der -Seele zu nehmen. Das Frauenzimmer solle nur glauben, daß die Teilnahme -an einer Festtafel für die Eingeladenen eine Qual sei; die Frau -Gnugesser werde sich dann nach einer solchen Einladung nicht sehnen. -„Das war der Zweck meiner Äußerung! Nun und nimmer hätte ich geglaubt, -daß mein Freund Hartlieb darauf reinfallen könnte! Also nur keine Angst -vor dem Festdiner! Eines wird aber gut sein: vorher essen, egal was, -damit der Eingeladene nicht hungrig zur Festtafel komme! Also: Prost! -Und ein Happen Schinken ist nicht ohne! Rauchen ist erlaubt, nur muß -man vor Dinerbeginn den Mund ausspülen oder Pfefferminz nehmen, damit -namentlich empfindliche Damen und ihre Geruchsorgane nicht beleidigt -werden!“ - -Hartlieb taute etwas auf, lächelte und drohte mit dem Zeigefinger: -„Pater Wilfrid von Springenfels, gerissener Diplomat, ein mit allen -Salben geschmierter Höfling! Im Nebenamte Pfarrer! Wo bleibt die -Wahrheitsliebe?“ - -Pater Wilfrid streckte die Finger, daß sie knackten, und meinte -lachend: „Na ja, es ist ein alter Schnee, daß ein Hofmann nicht -immer mit der absoluten Wahrheit durch das Leben gehen kann! Es gibt -zahlreiche Situationen, die Notlügen geradezu erzwingen! Für den Fall, -daß eine harmlose Notlüge Gutes beabsichtigt und erreicht, wird die -Sünde nicht besonders groß oder schwer und gewissermaßen berechtigt -sein! In solcher Erwägung habe ich als Hofmann die Frau Gnugesser -‚angeblümelt‘! Hoffentlich wird der Zweck erreicht! So, nun aber möchte -ich als Pfarrer die kranke Bäuerin besuchen! Wir treffen uns zehn -Minuten vor sieben Uhr vor dem Jagdschlößl! Auf Wiedersehen!“ - -Hartlieb begleitete den geistlichen Freund zur Treppe, und zur -Verabschiedung fragte der Förster noch schnell, in welchem Anzug man -zur Festtafel zu erscheinen habe. - -„Dienstuniform besserer Art oder Steierertracht! Wird in der -Bergeinsamkeit nicht so genau genommen von den hohen Herrschaften! Ich -erscheine ja auch, wie Figura zeigt, mit schwarzem Strohhut, nicht -mit der Angströhre! Couleur freilich schwarz, wegen unverbesserlich -klerikaler Gesinnung!“ Lachend ging der liebenswürdige Schalk... - -In die Kanzlei zurückkehrend, beneidete Hartlieb den Benediktiner um -seinen Humor und um die Weltgewandtheit... - -Graf Thurn, der die Fürstin zum Jagdschlößl geleitet hatte, verließ es -eben, um sich eiligst zum Forsthause zu begeben und Toilette für das -Diner zu machen. - -Als es Zeit wurde, zum Diner zu gehen, lud Graf Thurn den Oberförster -zur Begleitung ein. Und unterwegs brachte der Hofchef das Gespräch auf -Wildschaden und deren Behandlung seitens des Jagdamtes. - -Aus den präzisen Äußerungen Hartliebs klang die Versicherung, daß -ohne Strenge und Ernst nicht durchzukommen sei. Die Ansprüche der -Bauern gingen nicht nur ins Maßlose, der Wildschaden werde zuweilen -sogar künstlich auf sogenannten Wildschadenackerln erzeugt, um den -Jagdbesitzer schamlos schröpfen zu können. Der dümmste Bauer entwickle -auf diesem Gebiete der Täuschung und Schädigung der Jagdkasse eine -erstaunliche Raffiniertheit, die zu strengstem Vorgehen zwinge. Wo es -sich um wirklichen, vom Hochwild hervorgerufenen Schaden handle, sei -bisher stets nach Recht vergütet worden. Schwindel und Betrug hingegen -wurde mit rücksichtsloser und unerbittlicher Strenge bekämpft und -geahndet. - -„Nun ja! Der Fachmann muß die Verhältnisse kennen! Ich will mich nicht -einmischen, diese Angelegenheiten liegen außerhalb meiner Kompetenz! -Sollte je die Sprache darauf kommen, möchte ich den Jagdleiter im -voraus dahin informiert haben, daß unsere hohe Gebieterin den Frieden -wünscht! Durchlaucht wird Ihnen Milde nahelegen!“ - -„Milde ist in unseren Revieren deplaziert und kostet schwer Geld! -Und Milde erreicht niemals Zufriedenheit, macht die Querulanten und -Schwindler nur übermütig und in ihren Forderungen unersättlich!“ - -„Sagen Sie das nicht der Fürstin! Es klingt zu scharf und hart für -Damenohren! Würde den Jagdleiter im Lichte der Grausamkeit erscheinen -lassen! Bedenken Sie, daß unser Jagdherr eine Dame ist!“ - -Schatten huschten über Hartliebs Gesicht. „Zu Befehl, Herr Graf! Ich -danke Ihnen für die gütige Information!“ - -„Nehmen Sie meine gutgemeinten Worte nicht übel! Ich wollte Ihnen -nützen!“ - -„Besten Dank, Herr Graf, für Ihr Wohlwollen! Darf ich fragen, ob für -morgen oder die nächsten Tage Befehle zu Jagden zu gewärtigen sind? -Wenn ja, müßten noch heute Dispositionen getroffen werden, je nachdem -die Fürstin pirschen, drücken, riegeln oder treiben lassen will!“ - -„Bis zur Stunde ist irgendeine Andeutung nicht erfolgt! Vielleicht -hören wir beim Diner Näheres darüber! Ich möchte übrigens darauf -aufmerksam machen, daß Änderungen von Absichten, plötzliche Zurücknahme -von erteilten Befehlen nichts Seltenes sind! Derlei darf und soll den -Jagdleiter niemals verdrießen; er muß sich stets vor Augen halten, daß -eine Dame gebietet! Und immer Rücksicht nehmen auf die Fürstin, die ja -auch Kummer und Sorgen hat!“ - -In Nähe des Jagdschlößls wartete Pater Wilfrid, der sich den -angekommenen Herren sogleich anschloß. Graf Thurn führte die Gäste -hinauf in den Empfangssalon und blieb bei ihnen. - -Ein kleiner lichter Raum, mit Zirbenholz getäfelt, an den Wänden -etliche, nicht üble Jagdgemälde älterer Meister, Rohrstühle mit -hohen Lehnen um einen ovalen Tisch, dessen Zirbenplatte eine hübsch -entwickelte Blaufichte trug. - -Hartlieb stand auf dem gelben Parkett wie auf glühenden Kohlen, -unsicher, unbehaglich, in der Stimmung, die sich im steierischen -Dialekt mit knappen drei Worten ausdrücken läßt: „Außi möcht i!“ -Vieltausendmal lieber im Bergwalde bei schlechtestem Wetter, denn hier -im Salon, des Erscheinens der Fürstin gewärtig. Derlei Situationen -gewohnt, plauderten Pater Wilfrid und Graf Thurn gedämpften Tones, und -der elegante Benediktiner erzählte köstliche Audienzwitze, lustige -Mißverständnisse, die er geheimnisvoll flüsterte und dazu eine wahre -Leichenbittermiene machte. - -Die Türe wurde geöffnet, Fürstin Sophie von Schwarzenstein trat -lächelnd und elastisch ein. „‚Grüß Gott‘ dem Priester, ‚Weidmannsheil‘ -unserem Jagdleiter!“ sprach sie frisch und munter und reichte den -Herren die schmale weiße Hand. Eine Fünfzigerin von schlanker Gestalt, -noch immer eine schöne Frau, volle Büste, die Anmut der Wienerin. -Leicht ergraut das Haar, Sorgenfalten um die Augen und Lippen. -Einfache, dennoch elegante Dinertoilette, grauer Rock, schwarze -Seidenbluse, am Halse eine Brosche von Gold mit gefaßten Hirschgrandeln. - -Pater Wilfrid hauchte einen Kuß auf die Hand der Fürstin. Hartlieb -begnügte sich mit einem scheuen Händedruck und stand dann -bolzengerade, stumm, den Blick auf die Türe zum Speisezimmer gerichtet, -durch die im leisen Katzenschritt die Hofdame kam. Ein einziger Blick -und Hartliebs Wangen flammten, ein Prickeln in den Händen, ein Hämmern -in den Schläfen, ein Flimmern und Gleißen vor den Weidmannsaugen. Im Nu -des ersten Blickes auf diese in duftiges Weiß gekleidete Frauengestalt -entstand der Gedanke an _Mustela martes_, an den Edelmarder. -Geschmeidig und biegsam der Körper, scharf der Blick aus den braunen, -sprühenden Augen, deren dunkle Brauen glänzten genau wie die dunklen -Langhaare um die braunen Marderseher. Tiefbraun und schimmernd das -Haupthaar, blaß wie Elfenbein das Gesicht. Und wie beim jungen Mustela -die Kehle hochgelb leuchtet, trug die Dame ein goldfarbenes Seidenband -um den Hals; daran hing ein Medaillon. Zwischen den leicht geöffneten -Lippen schimmerten wahrhaftige Marderzähnchen. - -Die eigenartige Schönheit wirkte betäubend auf den stillen, ernsten -Weidmann. - -Fürstin Sophie sprach: „Meine Hofdame, Fräulein von Gussitsch! Die -vorzustellenden Herren sind Pater Wilfrid, der Pfarrer von Hall und -Admonter Stiftsherr, und unser Oberförster, Jagdleiter Hartlieb!“ - -Die Herren verneigten sich. - -Der Kammerdiener, ein hoch und breit gebauter, ältlicher Mann in -verfeinerter Steierertracht, meldete diskreten Tones, daß serviert sei. - -Freundlich nickend, befahl die Fürstin: „Gut, Norbert! Weisen Sie -die Plätze an! Graf Thurn, Ihren Arm, bitte! Und Herr Hartlieb führt -Fräulein von Gussitsch zu Tische!“ - -Wieder flammten Hartliebs Wangen, und schier hörbar klopfte das -Jägerherz da „Mustela“ die Hand in den Arm des Oberförsters legte. Zu -Tische geleiten konnte er die interessante schöne Dame, aber nicht -einen einzigen Ton brachte er über die zuckenden Lippen. Und vergebens -fragte er sich in Gedanken, wo er die Augen bei der Begrüßungsfeier -gehabt haben mußte, da er die Hofdame gar nicht gesehen hatte. -Allerdings war beim Empfang sein Interesse ausschließlich auf die neue -Gebieterin konzentriert gewesen. - -„Mustela“ war Hartliebs Tischnachbarin. Sehr angenehm und dennoch -fatal, prickelnder Nervenkitzel und lähmende, hilflose Verlegenheit des -an derlei Situationen nicht gewöhnten Waldbeamten: offen die Augen und -doch blind. - -Gut das Diner, diskret und rasch serviert, wenig Wein. - -Fürstin Sophie plauderte mit Pater Wilfrid, fragte bunt durcheinander -wegen der Plätze im Oratorium der Haller Kirche, nach Ortsnamen, -Kirchenbedürfnissen. Und im Handumdrehen, mit graziösen Scherzesworten -war Pater Wilfrid zum „Hofkaplan“ ernannt. - -Kühl bis ans Herz hinan, legte Pater Wilfrid ein Stück Poularde auf -seinen Teller. - -„Sie sind doch jedenfalls hochbeglückt von dieser Ernennung, wie?“ - -„Untertänigst aufzuwarten: nicht ganz hochbeglückt, Durchlaucht! Hatte -die Ernennung mindestens zum Hofburgpfarrer erhofft! Ohne Gehalt eines -solchen natürlich! Weil ich nämlich ‚Hofkaplan‘ längst bin!“ Dazu -schmunzelte der Schalk und verdrehte die Augen wie der balzende Urhahn. - -„So ein Schwerenöter! Ich habe keine Burg, kann Sie also höchstens zum -‚Hofpfarrer‘ ernennen, für die Dauer des Haller Aufenthaltes!“ - -„Untertänigsten Dank!“ Pater Wilfrid ließ den Blick über die -Tischgeräte in seiner Nähe suchend gleiten. - -„Was suchen denn Hochwürden?“ fragte neugierig und belustigt die -Fürstin. - -„Senf, Durchlaucht!“ - -„Was? Senf zum Geflügel?“ - -„Zu dienen! Mit Rücksicht auf den Einfluß der Nahrungsmittel auf den -Charakter...“ - -„Was Sie sagen! Welchen Einfluß soll denn der Senf haben, speziell auf -Ihren Charakter?“ - -„Senf stärkt das Gedächtnis! Ich muß morgen eine Rede schwingen, habe -nicht viel Zeit zum Memorieren, also nehme ich gedächtnisstärkenden -Senf zur Poularde!“ - -Höchlich amüsiert lachte die Fürstin hellauf. Auch Graf Thurn -schmunzelte vergnügt. Und Fräulein von Gussitsch zeigte die blendend -weißen Marderzähnchen. - -Nur Hartlieb blieb ernst und steif. - -„Hat der Herr Hofpfarrer noch mehr von charakterbeeinflussenden -Nahrungsmitteln auf Lager?“ - -„Nicht viel, Durchlaucht! Ochsenfleisch gibt Mut und Energie, -Schweinefleisch führt zu pessimistischen Anschauungen...“ - -„Nicht übel! Was ist’s mit Kalbfleisch?“ - -„Böse Eigenschaft, Durchlaucht! Bewirkt Verlust der geistigen -Widerstandskraft!“ - -„Huhu! Schrecklich! Und Hammelfleisch?“ - -„Die Wirkung tritt in Montenegro deutlich zutage!“ - -„Wieso denn?“ - -„Alle Bewohner der schwarzen Berge sind der Melancholie verfallen!“ - -Sophie kicherte: „Gräßlich! Was bevorzugen denn die Admonter -Stiftsherren?“ - -„Wir legen Wert auf Grazie und Geist, daher trinken wir Milch und -essen hauptsächlich Eier!“ Wilfrid blinzelte und senkte mit köstlich -markierter Demut das Haupt. - -Die hohe Frau kämpfte mit einem Lachkrampf. Und Fräulein von Gussitsch -stopfte den Serviettenzipfel in ihr Mündchen. Hartlieb blickte Wilfrid -vorwurfsvoll an, dann aber betroffen den Kammerdiener, der ihm den -Teller wegnahm, obwohl der Oberförster vom Geflügel noch keinen Bissen -gegessen hatte. - -Endlich hatte die Fürstin den Lachkitzel überwunden. Sie wandte sich zu -Hartlieb und fragte nach dem letzten Abschuß unter Graf Lichtenberg. - -Sachlich und trocken gab der Oberförster Aufschluß: zwanzig gute -Hirsche, dreißig Gamsböcke, vier Geltgeißen. - -„Wie ist der Stand an Rehwild?“ - -„Zur Zeit haben wir etwa hundert Böcke und Geißen! Vom Auerwild sicher -vierzig Hahnen! Hasen nur wenig!“ - -„Hegen, Herr Oberförster! Ich will viel Hasen haben! Überhaupt viel -Wild! Es soll wimmeln in meinen Revieren!“ - -„Zu Befehl! Das Wimmeln wird aber die Ziffern der Wildschadenvergütung -bedeutend erhöhen!“ - -Inzwischen war der Pudding serviert worden, von dem Hartlieb auch -nichts erwischt hatte. - -„Gesegnete Mahlzeit!“ Die Tafel war aufgehoben. - -„Kaffee und Zigarren in der Veranda, Norbert!“ - -Eine Importe hielt Hartlieb in Händen, doch zum Rauchen kam er -nicht; er mußte eine Menge Fragen der Gebieterin beantworten. Und -was für Fragen! Eine Gänsehaut lief dem Förster über den Rücken, als -beispielsweise die Fürstin wissen wollte, ob unter den Jagdgehilfen -sich auch hübsche Burschen befänden, fesche Steierer, schneidige Kerle. -Und ob die Jäger verlobt seien? - -Nach solchen Fragen fand es Hartlieb begreiflich, daß die insgeheim -erhoffte Abschußbewilligung, die Zuweisung einer kleinen Jagdparzelle, -jämmerlich ins Wasser fiel. - -Als die Fürstin ihre Zigarette ausdrückte, fragte Hartlieb, ob für -morgen und die nächsten Tage Pirschen befohlen werden. - -Der Bescheid lautete ausweichend. Erst mal eingewöhnen, sicheres Wetter -abwarten, die Herren können anfragen, Norbert werde Bescheid geben... - -Zum Abschied richtete die Fürstin an Pater Wilfrid die Bitte, für -übermorgen nachmittag den Besuch im Stifte Admont anzusagen und den -Cicerone zu machen. - -Schluß. Die Gäste hatten sich zu empfehlen. In Gnaden huldvoll -entlassen. Graf Thurn wurde zu einem kleinen Vortrage zurückbehalten. - -Stumm wanderten die Freunde Hartlieb und Pater Wilfrid durch die -Dämmerung auf dem Sträßlein zum Forsthause zurück. Des Försters -Stimmung verriet das Köpfen von Disteln. Wo Hartlieb am Wegrande -ragende Disteln sah, schlug er ihnen mit dem Stock die Köpfe ab... - -Beim Hause angelangt, mahnte Pater Wilfrid zu Geduld und Ruhe. - -„Danke! Der Beginn läßt sich übel an, schlimmer noch, als ich -befürchtet hatte!“ - -„Kopf hoch, lieber Freund! Denken Sie stets an das Sprüchlein: Nicht -alles Ungemach, das droht, wird dir begegnen; es muß ja nicht aus jeder -Wolke regnen! -- Gute Nacht!“ - -„Gute Nacht, Hochwürden!“ - -Pater Wilfrid setzte seinen Weg hinaus zum Dörflein Hall fort. Und er -wunderte sich, als ihm zu verhältnismäßig später Abendstunde Frau -Gnugesser mit rotem Kopf in sichtlicher Erregung begegnete, spitz -grüßte und maliziös lächelte. - -Grüßend schritt der Pfarrer weiter. Und in Hall bestieg er den seiner -harrenden Stiftswagen, um nach Admont zu fahren. - -Erst neun Uhr abends war es, doch alles Leben im Jagdschlößl -schien bereits erloschen, klösterliche Stille, da die Fürstin sich -zurückgezogen hatte. - -In einem nordseitig gelegenen Stübchen mit Blick auf den zum Greifen -nahen Tannenwald saß Martina von Gussitsch, jetzt im bequemen -Hauskleide, am kleinen Tische bei Lampenschein und kritzelte etliche -Notizen, die nicht vergessen werden durften und sich zu einer Art -Tagebuch gestalteten. So schrieb Martina: „Zweimal täglich im -Admonter Postamt nach eingelaufenen Briefen für die Fürstin fragen -lassen; das Postfräulein bitten, daß eventuell mit Abendzügen -eingetroffene Briefe mit Eilbote herausgeschickt werden! -- Seltsam -ist die Zappeligkeit der Fürstin, diese Ungeduld wegen anscheinend -mit außerordentlicher Sehnsucht erwarteten Briefe vom Filius. -- -Einstweilen geheimnisvolle Verhältnisse! Möchte wissen, was dem -Filius, Muttersöhnchen vermutlich, eigentlich fehlt; kann aber -die Kammerfrau Hildegard unmöglich fragen. Nette Leute diese zwei -Diener mit so drolligen Steierernamen: Norbert Saurugger, Hildegard -Schoiswohl! Prachtvoll! Aber Leute, die vollstes Vertrauen genießen, -sich auffallend viel aus dem -- Wurschtkessel nehmen dürfen, ohne -daß Durchlaucht es verübelt. -- Mitwisser? -- Schade, daß Prinz Emil -mit seinem Adjutanten Baron Wolffsegg schon nach Dresden abgereist -war, als die neue ‚Hofdame‘ den Dienst antrat. Seit neun Tagen -‚Hofdienst‘! Wenn ein kleinadeliges Mädel kein Geld hat, nur ein -bisserl Protektion, macht man sie zur _Lady at court_, auch _Maid of -honour_ oder gar _Lady of the bedchamber_ genannt! ‚Bettzimmerfräulein‘ -auf Deutsch. -- Was ich wohl in dieser ‚Hofstellung‘ erleben werde? -Rosige Hoffnungen habe ich nicht! Und vor dem ‚Dienst‘ als Begleiterin -der Fürstin auf Bergtouren und gar auf Jagden graut mir jetzt schon! -Unsereins darf sich doch nicht echauffieren, nie derangiert aussehen, -soll immer propre sein... Wie das erreichen, wenn gekraxelt werden -muß?! Überhaupt will es mir unsinnig erscheinen, daß Damen jaagern! -Ob wirkliche Jagdpassion die Fürstin erfüllt? Oder handelt es sich -nur um eine Laune? Oder wurde dieses Jagdgut für den Filius gekauft? -Warum ist Prinz Emil aber dann nicht hier, warum kutschiert er im -Lande herum? Sonderbar, höchst sonderbar! Es muß irgend etwas dahinter -stecken. -- Vielleicht kann man vom Grafen Thurn etwas erfahren? -- -Was wohl der Oberförster für ’ne Seele ist? Schmucker Mann, echter -Jägertyp, Waldmensch, aus Eiche geschnitzt oder aus Granit gemeißelt. -Einstweilen unbeholfen, rührend naiv, ein großes Kind. Doch nicht, der -tiefe Ernst, die Strenge widersprechen solcher Auffassung. Vielleicht -fürchtet er die neue Herrschaft? Jagdherr eine -- Frau! Komisch muß -das für den Jagdoberbeamten sein, wenn nicht unangenehm von wegen -der Rücksichtnahme. -- Großer Gott, das Jagdkleid! Was nur soll ich -anziehen? Besitze ja nur ein Lodenkostüm! Werde nun doch gezwungen -sein, in dieser Kleiderfrage die Frau Schoiswohl zu fragen; denn die -_Maid of honour_ muß doch genau so gekleidet sein wie die Gebieterin -auf der Jagd!... Werde mich nie, nie mit der Jagd befreunden können! -Niemals!“ - - - - -Viertes Kapitel - - -Mit unsicherem trüben Wetter, doch ohne Regen, begann der erste Tag des -„Hofdienstes“ in der Bergeinsamkeit für Fräulein von Gussitsch. Wohlige -Stille, göttliche Ruhe. Erquickend die würzige Waldluft. Des unsicheren -Wetters glaubte Martina sich freuen zu sollen, denn ein Jagdgang -dürfte unter diesen Umständen nicht befohlen werden. Wahrscheinlich -nach dem mittäglichen Lunch ein mehrstündiges Vorlesen oder sonstiges -Unterhaltungsmachen. Darauf war Martina gefaßt. - -Gegen zehn Uhr überbrachte die rundliche hübsche Frau Hildegard -Schoiswohl die Mitteilung, daß Durchlaucht soeben den Forstwart holen -ließ und die Begleitung der Hofdame wünschen. - -„Wird denn gejagt?“ fragte überrascht Martina. - -Die Kammerfrau erklärte: „Anscheinend nicht, denn Durchlaucht tragen -Straßentoilette! Baronesse wollen in einer halben Stunde bereit sein!“ - -Notgedrungen mußte Fräulein von Gussitsch nun doch die Frage wegen -der Jagdkleidung mit der Kammerfrau besprechen und Hildegards Hilfe -erbitten. - -Der Triumph leuchtete aus den Augen der hochbefriedigten Kammerfrau, -nun doch von der Hofdame um Rat und Hilfe gebeten zu werden. Frau -Schoiswohl fühlte sich, und ziemlich selbstbewußt erklärte sie, daß -die Angelegenheit rasch erledigt sein werde, wenn die Baronesse einen -Lodenrock fußfrei kürzen und den dazugehörenden _Pantalon fort large_ -anfertigen lasse. „Das in kürzester Zeit zu machen, bin ich gern -bereit! Ich bitte nur um den nötigen Stoff!“ - -„Sie sind sehr freundlich! Aber Stoff zu einem Jagdkostüm führe ich -nicht mit! An die Beschaffung hätte ich in Wien denken sollen! Was -machen wir nun? So eine Verlegenheit!“ - -Im Tone der Bemutterung sprach die Kammerfrau: „So wie ich -Durchlaucht kenne, wird es mit der Jagdausübung keine Eile haben, das -Hauptinteresse ist auf den Posteinlauf konzentriert! Sollte wider -Erwarten eine Jagd befohlen werden, so gibt es schon Mittel und Wege -zur Verhinderung! Baronesse lassen inzwischen von Wien oder Graz -Lodenstoff kommen, und ich werde dann schneidern! Wenn Sie wünschen, -schreibe ich und beauftrage eine Verwandte mit der raschen Besorgung!“ - -„Ja, bitte, besorgen Sie alles Nötige, selbstverständlich komme ich für -alle Kosten auf!“ - -„Wird gemacht!“ Es klang etwas arrogant, als die Kammerfrau noch darauf -aufmerksam machte, daß die Baronesse zur Begleitung keine helle Bluse -tragen dürfe. - -„Frau Schoiswohl! Ich muß bitten...“ - -„Verzeihung, Baronesse! Es ist nicht Anmaßung, nur gut gemeint, wenn -ich rate, dunkle Kleider zu tragen; Durchlaucht werden einen Reviergang -machen! Helle Kleider würden das Wild beunruhigen! Durchlaucht kleiden -sich stets dunkel auf derlei Waldwanderungen, demnach...“ - -„Ich verstehe! Danke!“ - -Devot und doch arrogant grüßend, entfernte sich die Kammerfrau, die -sich freute, die junge Hofdame in Verlegenheit und Abhängigkeit -gebracht zu haben. Und etliche Silberlinge werden bei der -Stoffbesorgung zu verdienen sein. - -Ärgerlich grub Martina ihre Marderzähnchen in die Unterlippe, während -sie die Bluse wechselte und sich zum Ausgang rüstete. - -Es kam aber gar nicht zu dem Waldbummel. Da die Forstbeamten nicht -zu Hause waren, änderte Fürstin Sophie ihre Absicht und befahl eine -Spazierfahrt nach Hall und Weng zur Besichtigung dieser Dörfer -und ihrer Kirchen. Fräulein von Gussitsch und der unvermeidliche -Kammerdiener Norbert sollten mitfahren. Norbert, der immer -Steierertracht trug und trotz seiner fünfzig Jahre und des grauen -Schnauzbartes in diesem Kostüm wie ein Junger aussah, schien die -Ausfahrt nicht zu passen. Prüfend hielt er die Hände flach in die -Luft, guckte zum grauen Firmament empor und schüttelte den Kopf so -bedenklich, daß der grüne Ausseer Hut wackelte. - -Dieses Manöver wiederholte der fesche Kammerdiener so lange, bis -richtig wie erhofft die Fürstin vom Fenster aus sein Gebaren wahrnahm -und herunterrief: „Was ist’s, Norbert? Glaubst du, daß wir schlechtes -Wetter bekommen?“ - -„Zu dienen, Durchlaucht! Grobwetter, fürchte ich! Mir tun nur die armen -Pferde leid, wenn sie in einen Wolkenbruch geraten!“ - -„Nein, nein! Die Pferde müssen geschont werden! Abbestellen, Norbert! -Wir bleiben zu Hause!“ - -„Zu Befehl, Durchlaucht!“ Vergnügt ob des Gelingens seines listigen -Manövers, bestellte Norbert die Ausfahrt ab. Und bis zum Lunch oblag -er dem behaglichen _dolce far niente_ in seiner Kammer. Dann freilich -mußte er die Tafel decken für drei Personen, denn Graf Thurn war zum -Lunch geladen. Nachmittags gedachte der bequeme Kammerdiener einen -länglichen „Schlaf zu tun“ und bis zum abendlichen Diner gründlich zu -faulenzen, sich von der Reise zu „erholen“. Doch zwischen Kaviar und -Sardinen ereilte Norbert der gemessene Befehl, nach dem Lunch nach -Admont zu gehen und die Post zu holen. - -Diskret flüsterte der geschulte Diener sein „Zu Befehl!“ Und als er der -Fürstin die Silberplatte mit den gebräunten Kalbskoteletten reichte, -fragte er mit hingehauchten Worten, ob er den Brief aus Dresden der -Eile wegen zu Wagen bringen dürfe. - -Was höhere Faulheit war, hielt die Fürstin für rührenden Diensteifer, -für den guten Willen, den heiß ersehnten Brief mit großmöglichster -Geschwindigkeit in die Bergeinsamkeit zu bringen. Hochbefriedigt -von diesem Diensteifer, erteilte die Fürstin durch Kopfnicken ihre -Zustimmung. - -Noch weilten die Herrschaften bei Tische, da kam Forstwart Gnugesser in -Wehr und Waffen schwitzend und mit hüpfendem Bäuchlein angesprungen. -Amanda hatte dem von einem Reviergange heimgekehrten Gatten mitgeteilt, -daß die Fürstin ihn zum Führer gewünscht habe. Nun war er da und wollte -sich melden. Auf sein karges Mittagessen hatte Benjamin verzichtet, um -die Fürstin nur ja nicht warten zu lassen. Nun hieß es aber für ihn -geduldig warten und hungern. - -Nach dem Lunch sprach Fürstin Sophie im Flur des Schlößls mit ihm, -hörte seinen Bericht an, wonach in der „Gschwend“ ein schußbarer Hirsch -mit einem Ovalgeweih stehe, der noch vor der Brunft abgeschossen werden -müsse. Sie gab wegen dieses Hirsches keinen Bescheid und erklärte, daß -auf die Führung Gnugessers wegen der unbeständigen Witterung verzichtet -werde. - -Die grenzenlose Gutmütigkeit veranlaßte Benjamin zu sagen: „Wohl wohl! -Ganz wie Duhrlauch wünschen! Halt ein andermal! Wünsche wohl gespeist -z’ haben! Empfehl mich g’horsamst!“ Zog sein Hütel und trug Bäuchlein, -Rucksack, Hirschfänger, Büchsflinte, Bergstock und sein goldenes -Herzelein zurück zum „Steinkasten“. Den fuchsigen Patriarchenbart -teilten die leicht zitternden Finger in zwei große Wülste. Dies war das -einzige Anzeichen dafür, daß Beni sich über die „Fopperei“ ein bisserl -geärgert hatte. Als Gnugesser hungrig wie ein Wolf am „Steinkasten“ -ankam, war der Patriarchenbart wieder geglättet und in Ordnung, der -kleine Ärger verraucht. - -Der von Norbert angekündigte Wolkenbruch kam nicht, nur etliche -Regentropfen wagten die Fahrt zur Erde. Und dann guckte Frau Sonne für -kurze Zeit in die Haller Bergeinsamkeit. Stolz wie ein Spanier fuhr -Norbert nach Admont, selbstverständlich im Fond des Wagens sitzend. - -Die Fürstin aber unternahm einen Talbummel, zum reizend gelegenen -Sensenwerk am Fuße der „Haller Mauern“. Dann zurück. Um fünf Uhr Tee -auf der Terrasse, Versuch einer Handarbeit seitens der Fürstin mit -oftmaligem Blick auf das Sträßlein. Fräulein von Gussitsch häkelte -gehorsamst und schwieg untertänigst. Graf Thurn war beurlaubt und -weilte im „Steinkasten“, beschäftigt mit den Vorbereitungen zur -befohlenen Fahrt nach Wien, um vergessene Sachen für die Fürstin zu -holen. - -Nach sechs Uhr kam Norbert zurück und überbrachte Zeitungen. Der -erwartete Brief aus Dresden war nicht eingelaufen. - -Seufzend, mit einer Kummerfalte auf der Stirne, machte sich Fürstin -Sophie an die Lektüre. Verzichtete aber bald. - -„Darf ich vielleicht vorlesen?“ fragte dienstbereit Martina. - -„Danke! Ich werde bis zum Diner etwas ruhen! Sorgen Sie bitte dafür, -daß nur zwei Gänge serviert werden, alles übrige streichen! Danke, -werde allein hinaufgehen!“ Freundlich nickend zog sich die Fürstin -zurück. - -Mitleidsvoll blickte Martina der Frau nach. Und dann begab sich auch -das Hoffräulein auf das Zimmer. - -Kaum zwanzig Minuten währte das Diner, zu dem Graf Thurn nicht geladen -war. Dann hatte der Dienst für Martina ein Ende für diesen Tag in der -Haller Bergeinsamkeit. Huldvolle Entlassung mit Handkuß, tiefer Knicks. -„Geruhsame Nacht, Durchlaucht!“ - -Ein wehmütiges Lächeln, ein gütiges Kopfnicken. Sophie von -Schwarzenstein zog sich mit ihrem Kummer zurück. Im Schlafzimmer harrte -ihrer die unentbehrliche Hildegard. - - * - -Der Wind blies durch das Admonter Ennstal und zwang in den etwas -sumpfenden Niederungen Schilf und Riedgräser zu respektvollsten -Verbeugungen. Reingefegt war das Firmament, kahl und klar starrten -die vielen Felsriesen in den lichten Himmelsdom: weißbestreut die -Spitzen der „Haller Mauern“, rechts der Enns die wuchtigen Türme -des „Sparafeld“, der „Reichenstein“, das „Hochtor“ und die vielen -Bergkolosse, die sich zusammendrängen, um das berühmte „Gesäuse“, -eine gigantische, von der tosenden Enns durchflossene Felsenwildnis, -zu bilden. Inmitten des lieblich grünen, bergumrahmten Admonter -Talbeckens erhebt sich zur Höhe von siebenzig Metern das schlanke, -doppeltürmige St.-Blasius-Münster, die elegante Domkirche im gotischen -Stile, umgeben von den quaderngefügten Gebäuden des uralten, von vielen -Schicksalsschlägen heimgesuchten Benediktinerstiftes Admont. - -Wie liebkosend umspielten die Sonnenstrahlen diese Stätte emsigen -Fleißes, der Gelehrsamkeit, der Wohltätigkeit und klösterlichen Arbeit. - -Der im Jahre 1074 gegründeten, im Laufe der Jahrhunderte durch -wissenschaftliche Tätigkeit hochberühmt gewordenen Benediktinerabtei, -an die sich die Häuser des Marktfleckens Admont schmiegen wie -Küchlein um die Mutterhenne, galt der Besuch der Fürstin Sophie von -Schwarzenstein. - -Im munteren Trabe eilte der fürstliche Wagen dem einzig schön -gelegenen, imposanten, vornehme Ruhe kündenden Stifte zu. Im Fond saßen -die Fürstin Sophie und das Hoffräulein von Gussitsch, beide in schwarze -Seide gehüllt, auf dem Rücksitze Graf Thurn. Auf dem Bock neben dem -Kutscher der unvermeidliche Norbert in der schmucken Steierertracht. -Die Diener ganz Würde, schier spanische Grandezza. - -Im Anblick der im Süden aufgetürmten Bergkolosse und des herrlichen -Münsters vergaß die Fürstin der nagenden Sorgen, auftauend pries sie -die Schönheit des Gotteshauses inmitten des entzückenden Geländes. -Und Graf Thurn mußte rasch über die Geschichte des Stiftes einige -Informationen geben. Marschallsaufgaben, auf die der gewandte Beamte -sich ahnungsvoll vorbereitet hatte und deren er sich aalglatt -entledigte. Und mit Eleganz verstand Graf Thurn das Interesse der Frau -für einen Novizen des Stiftes zu erwecken, indem er erzählte, daß ein -junger Kleriker mit Jägerblut in den Adern schwer ringe und kämpfe, um -die Jagdleidenschaft zu bezwingen bis zum Tage der für das ganze Leben -entscheidenden Profeßablegung. - -Für einen Moment wich die Farbe aus dem Antlitz der Fürstin, die Wangen -wurden kalkig, das Haupt sank um etliche Zoll tiefer wie in jäher -Betroffenheit und weher Erinnerung. Doch sogleich richtete sie sich -auf, eine leichte Röte schoß in die Wangen, und voll Interesse rief -sie: „Was Sie sagen! Ein Novize, also ein eingekleideter Kleriker, von -Jagdpassion erfüllt, Sohn eines Berufsjägers! Und für immer entsagen -müssen! Den jungen Mann möchte ich kennenlernen, mit ihm sprechen! -Bitte, veranlassen Sie, lieber Graf, das Weitere!“ - -Der Wagen rollte schnell die Hauptgasse des saubergehaltenen -Marktfleckens entlang, die Bewohner grüßten respektvoll den -- -Kammerdiener. - -Am Portal der Prälatur harrte Pater Wilfrid in seiner offiziellen -Eigenschaft als Gastmeister des Stifts, neben ihm ein Klosterfrater, -des hohen Gastes. - -Bei der Anfahrt winkte Fürstin Sophie dem Pater huldvoll grüßend zu, -ersichtlich in bester Stimmung. Und Wilfrid erwies Reverenz durch eine -tadellose Verbeugung. - -Ein Ruck, die Pferde standen mit schlagenden Flanken. Norbert flog vom -Bock wie ein Blitz und riß den Schlag auf. - -Die breite Steintreppe auf weichem Teppich hinansteigend, sprach die -Fürstin von dem vorzüglichen Eindruck, den zunächst äußerlich das -Münster wie die Stiftsgebäude hervorrufen. - -Pater Wilfrid bat, es wolle Durchlaucht sich noch eine Treppe höher -bemühen, an der Prälatur erwarten Seine Gnaden der Herr Abt den hohen -Besuch. - -„So feierlich? Wohl vorschriftsmäßige Empfangsetikette? Aber unnötig! -Privater Besuch, diktiert von regstem Interesse, wobei eine gewisse -Sympathie mitspielt, denn mein ‚Hofpfarrer‘ ist ja Admonter Stiftsherr!“ - -„Untertänigsten Dank, Durchlaucht, für so viel Huld und Gnade! -Ganz nach Vorschrift kann sich der Empfang des hohen Gastes leider -nicht vollziehen, da unser Prior verreist ist, also nicht zur -Reverenzerweisung erscheinen kann! Alles übrige im Programm wird -hoffentlich klappen!“ - -„Was? Ein ganzes Programm? _Mea culpa_, ich hätte besser getan, den -Besuch nicht anzukündigen, die Stiftsherren zu überrumpeln, um das -Vergnügen einer ‚_sweet disorder_‘ genießen zu können!“ - -„Es ist keineswegs ausgeschlossen, daß Durchlaucht trotz der -Besuchsansage dieses ‚Vergnügen‘ dennoch teilhaft werden können, denn -unsere _Camerieri_ sind nicht höfisch geschult, _ils travaillent pour -le bon Dieu_ und -- entbehren der Grazie!“ Wilfrid spitzte den Mund, -als wollte er Honig schlürfen, und blinzelte dazu. - -Kichernd ging Sophie auf den Scherz ein und rief: „Milch geben, viel -Milch den Leuten!“ - -Der Fürstin folgten Graf Thurn und Fräulein von Gussitsch. Der -Hausmarschall flüsterte: „Gottlob, die Stimmung ist vortrefflich!“ - -An der zur Prälatur führenden Flügeltüre stand die hohe Gestalt des -Abtes Beda. Ein Vierziger im Galahabit, auf der Brust die goldene -Kette des _Summus Abbas_. Schlanke Eleganz der Erscheinung, Würde und -Noblesse, durchgeistigt die Gesichtszüge, Ruhe und Milde im Blick. Die -feine, hohe Gestalt gleichsam umweht von Höflichkeit und Toleranz. -Ein Idealpriester, von Liebe, Vertrauen und Hochachtung der Mitbrüder -im Konvent erkoren und erwählt zur höchsten Würde, die das Kapitel zu -vergeben hat. _Primus inter pares._ Mit weltmännischer Ehrerbietung -begrüßte Abt Beda die Fürstin und hieß sie unter Dankesversicherungen -für den auszeichnenden Besuch willkommen. - -Den Begleitern wurde eine höfische Verbeugung gewidmet, indessen Sophie -den Grafen Thurn und ihre Hofdame vorstellte. - -Die erste Besichtigung galt der berühmten Bibliothek, einer Sammlung -von 80000 Bänden, von über 1100 Handschriftenbänden und fast 1000 -Inkunabeln. - -Die Führung übernahm hier der Archivar und Bibliothekar Pater Leo, ein -großer, breitschulteriger Mönch in strammer Haltung, dem der Offizier -aus den Augen leuchtete. Und ein Schmiß im freundlichen Gesicht verriet -den früheren Studenten. - -Mit ersichtlichem Wohlgefallen und vielem Interesse wandte sich Sophie -diesem Benediktiner zu, der es ausgezeichnet verstand, alles für Damen -Überflüssige und Uninteressante auszuscheiden und knapp nur auf das -Wichtigste aufmerksam zu machen. - -Die üppigen Formen der italienischen Spätrenaissance des prachtvollen, -durch zwei Stockwerke reichenden Saales, die herrlichen Fresken und -Deckenbilder, welsche Kunst und deutsche Skulpturen nahmen die Fürstin -sofort gefangen und lösten Rufe der Bewunderung aus. Zur Erklärung -der Bildhauerarbeiten des Meisters Stammel, für die Hinweise auf die -drolligsten Burlesken, auf weihevolle Stimmung und beißenden Witz, auf -olympische Schönheit und bäuerliche Derbheit in den Schnitzereien war -Pater Leo der richtige Mann, dessen trocken witzige Bemerkungen die -hohe Frau höchlichst belustigten und auch Fräulein von Gussitsch zum -Kichern brachten. - -Für die Manuskriptfragmente aus dem achten und neunten Jahrhundert -setzte der Bibliothekar kein Interesse voraus, aber auf das kostbare -prachtvolle Missale aus dem zwölften Jahrhundert machte er aufmerksam, -ebenso auf die handschriftliche Reisebeschreibung des Marco Polo. - -Vor diesem interessanten Manuskript im Glaskasten blieb die Fürstin -stehen und sprach: „Wie ist es nur? Von dem uralten Zeug versteh’ ich -nichts, dennoch klingt der Name so bekannt, ja modern! Haben Hochwürden -dafür eine Erklärung?“ - -Pater Leo, ein Schalk wie sein Kollegissimus Wilfrid, verzog keine -Miene, verbeugte sich leicht und erwiderte: „Durchlaucht wollen in -Gnaden an die höchstmoderne -- Teesorte Marco Polo denken!“ - -„Ach ja! Das ist es! Danke bestens!“ Zufällig blickte Sophie dem -in ihrer Nähe stehenden Pater Wilfrid ins Gesicht, der abermals -die Lippen gespitzt hatte. Auflachend drohte sie dem Gastmeister -mit dem Zeigefinger: „_Sano compatrioti_, ein Schalk ärger wie der -andere! Aber liebenswürdige Herren, die Gott sei Dank gar nichts -- -Spanisch-Inquisitorisches an sich haben! Was meint mein ‚Hofpfarrer‘?“ - -Wilfrid erwiderte respektvollst und strohtrocken: „Durchlaucht haben -immer recht! Im Stift spricht nur einer Spanisch, nämlich ich, und zwar -kann ich nur die wenigen Worte: _beso la mano_! Mehr ist vom Übel!“ - -Der Reihe nach wurden die herrliche Kirche, der Stiftsgarten und -Keller besichtigt, und zwar unter Führung des Abtes. Als Sophie dann -den Wunsch aussprach, die Klosterküche anschauen zu dürfen, tauchte -als Cicerone wieder Pater Leo auf und sprach verbindlichst: „Darf ich -bitten, sich abermals meiner Führung anzuvertrauen?“ - -Die Fürstin rief verdutzt: „Nanu?! Was hat denn den Archivar und -Bibliothekar die Klosterküche zu kümmern?“ - -„Zu dienen, Durchlaucht! Ich bin nämlich auch noch der Pater -Kuchlmeister, der im Schweiße seines Angesichts für die Mägen der -Stiftsherren zu sorgen hat! Und hoffentlich verschmähen die hohen -Herrschaften die von mir bereitgestellte Jause in der Prälatur nicht!“ - -„Archivar, Bibliothekar und Kuchlmeister, köstliche Zusammenstellung!“ - -„Köstlich finde ich diese _cumulatio_ gerade nicht!“ - -„Was sind Sie denn noch alles?“ - -„Die Bauern von Weng muß ich zum Himmel führen, so wie der Pater -Wilfrid in Hall!“ - -„Ein vielbeschäftigter Mann!“ - -Pater Leo versicherte, man habe die Förderung des geistigen und -leiblichen Wohles der Stiftsangehörigen absichtlich in eine Hand -gelegt, auf daß -- nicht zuviel des Guten auf beiden Seiten geschehe... - -Die Damen lachten vor Vergnügen über diesen Scherz. - -Graf Thurn verabschiedete sich; für ihn war die Stunde der Abreise nach -Wien gekommen. - -In der Prälatur, den Wohnräumen des Abtes, angekommen, sprach die -Fürstin die Bitte aus, es möge ihr der „Novize mit dem Jägerblut“ -vorgestellt werden. Zugleich bat sie den Abt um Mitteilung der -Verhältnisse. „Kann ich etwas zugunsten und zum Nutzen des jungen -Mannes tun, so bitte ich, es mir zu sagen!“ - -Abt Beda geleitete die Fürstin in das Empfangszimmer, während Fräulein -von Gussitsch und die Stiftsherren Wilfrid und Leo in das für hohe -Gäste bestimmte Speisezimmer der Prälatur traten. - -Abt Beda teilte der Fürstin mit, daß der Novize Nonnosus ein -übereifriger Student und beflissen sei, durch strenge Aszese der -Jagdleidenschaft Herr zu werden. Dadurch schädigte der Novize seine -Gesundheit in nicht unbedenklichem Maße. Väterliche Ermahnungen -zur Einschränkung der selbstgewählten Aszese und des übereifrigen -Studiums hatten keinen Erfolg. „Ich bin nun gerne geneigt, dem braven -Novizen Erholung und Zerstreuung zu gönnen und sogar eine Ausnahme zu -gestatten! Nur will es mir fraglich erscheinen, ob beispielsweise eine -Beteiligung am Jagdvergnügen bei dem Novizen den seelischen Zustand -bessern wird oder kann! Die Möglichkeit soll ja nicht bestritten -werden! Anderseits kann die Ausübung der Jagd die Leidenschaft erst -recht steigern!“ - -Fürstin Sophie fragte sehr interessiert: „Ist denn einem Kleriker die -Jagdausübung überhaupt gestattet?“ - -„Um das _Decorum clericale_ und namentlich die spezifisch klerikalen -Tugenden zu wahren, sollen sich, gemäß den kirchlichen Bestimmungen, -Geistliche gewissen Vergnügungen entschlagen! Direkt und streng -verboten ist die Jagd mit Hunden und Falken, die _Venatio clamorosa_, -das ist die lärmende Jagd! Die Kanonisten folgerten aus diesem strikten -Verbot, daß die Jagd mit Netzen oder die Pirsche, die _Venatio quieta_, -den Geistlichen erlaubt sei! Für diese Unterscheidung der Jagdarten -scheint sogar das Konzil von Trient zu sprechen! Selbstverständlich -können die Bischöfe jegliche Jagdart verbieten!“ - -„Was ist daraus zu folgern?“ - -„Wenn ich wüßte, daß ein kurzes, auf einige Tage beschränktes -Jagdvergnügen dem Novizen gesundheitlich nützen und psychisch nicht -schaden würde, wäre ich geneigt, ausnahmsweise die Erlaubnis zu -erteilen! Der Aufenthalt in der Höhenluft dürfte dem armen jungen Manne -sicher gut tun!“ - -„Unter diesen Umständen bitte ich, mir den Novizen in Zivilkleidung -nach Hall zu senden! Ich werde ihn mit hinaufnehmen, etwa zur -Pyrgashütte, und dort pirschen lassen! Dort oben hat er Höhenluft! -Und vielleicht gewährt die nun doch ermöglichte Jagdgelegenheit eine -Beruhigung der aufgewühlten Nerven! Der Mensch wünscht am heißesten -das, was er nicht bekommen kann! Die Jägerei wird für den Novizen -sofort an Wert und Lust verlieren, wenn er sie ausgiebig betreiben -kann! Er soll nach Herzenslust Gemsen schießen, ich gönne ihm diese -Freude! Ja, ich bin nun überzeugt, daß die Jagdleidenschaft durch -reichliche Abschußerlaubnis sich vermindert und ganz verschwindet! -Also, mit Ihrer Zustimmung, machen wir das interessante Experiment! -Senden Sie mir demnächst den jungen Kleriker nach Hall, ich werde das -Weitere veranlassen! Auf die Vorstellung jetzt verzichte ich!“ - -Mit aller Ehrerbietung und doch herzlich dankte der Abt für diesen -Huldbeweis. Und dann geleitete er die Fürstin in das Speisezimmer, wo -die Hofdame und die beiden Stiftsherren warteten. - -„Nun rasch eine kleine Jause zur Stärkung! Ich möchte nicht länger -stören!“ Kaum hatte die Fürstin Platz genommen, beeilte sich der -Gastmeister Pater Wilfrid Flaschenwein zu kredenzen. - -„Wie? Wein?“ rief die Fürstin überrascht, „Pater Wilfrid behauptet -doch, daß die Stiftsherren auf Grazie und Geist halten, also -- Milch -trinken und sich von Eiern nähren!“ - -„Ganz richtig! Tun wir auch -- zuweilen! Den hohen Gästen reichen wir -aber Wein trinkbarer Sorte aus unseren Weingärten!“ - -Ein Frater servierte kalten Aufschnitt und Schinken in einer -auffallenden Befangenheit, und zwar nur den Damen. - -Die Stiftsherren saßen zwar am Tische, nahmen aber nichts zu sich, -da just an diesem Tage das Gebot: _jejunium_, Enthaltsamkeit, -nur einmalige Sättigung, zu befolgen war, ein Gebot, das sich -selbstverständlich nicht auf die Klostergäste erstreckt. Pater -Wilfrid, als Mann von Takt, bemühte sich, durch ein Gespräch zu -verhüten, daß die Fürstin auf diese pflichtgemäße Enthaltsamkeit der -Klosterangehörigen aufmerksam werde. Er sprach von jener ‚_sweet -disorder_‘, jener „süßen Unordnung“, die stets dann eintrete, wenn -hoher Besuch im Hause weile, da die Domestiken sich mit Vorliebe zu -- -drücken pflegen. „Auch heute ist es der Fall! Ich muß daher inständig -um Entschuldigung bitten, daß ein im Servierdienst ungeschulter Frater -die hohen Gäste in wenig genügender Weise bedient!“ - -„Aber nein! Der Frater macht seine Sache ganz vortrefflich!“ Und nun -gewahrte die Fürstin die Enthaltsamkeit der Herren. „Warum greifen denn -die hochwürdigen Herren nicht zu? Frater, servieren Sie, bitte, den -Stiftsherren!“ - -Nun war doch eingetreten, was Pater Wilfrid hatte verhüten wollen. -Und die Verlegenheit machte der Frater vollständig, als er der Fürstin -wichtigtuend zuflüsterte: „Wir haben _jejunium_!“ - -„Was haben Sie?“ - -„Fasttag haben wir!“ platzte der Klosterbruder heraus. Ein Wink des -Abtes veranlaßte den Pechvogel, schleunigst zu verschwinden. - -Die Fürstin erhob sich, dankte für die liebenswürdige Bewirtung und bat -um den Wagen. - -Unter Beachtung des üblichen Zeremoniells vollzog sich die -Verabschiedung. - -Schon zogen die Pferde an, da ließ die Fürstin anhalten und bat den -Gastmeister, dafür zu sorgen, daß jener Frater nicht -- bestraft werde. -„Milde üben, ja!“ - -„Zu Befehl, Durchlaucht! Ich werde es dem Herrn Abte melden!“ - -„Vielen Dank! Auf baldiges Wiedersehen!“ - -Nun rollte der Wagen über den Hof und bog in die Hauptstraße ein. -Norbert auf dem Bock drehte sich um und meldete der Gebieterin, daß -er die Post bereits geholt habe. Wissend, wie sehnsüchtig Durchlaucht -einen Brief aus Dresden erwartete, griff Norbert in die Tasche, um den -Brief zu überreichen. - -Mit einer leichten Handbewegung wehrte die Fürstin ab. Wunderbar wußte -diese Frau sich zu beherrschen. Aber auch Norbert wußte, was er zu tun -hatte. Zum Kutscher sagte er: „Schnell fahren!“ - -Hinter der Ennsbrücke wurde ein rasendes Tempo genommen, eine wilde -Jagd begann, die ein Sprechen der Wageninsassen unmöglich machte. - -Sophie hatte aber gar nicht die Absicht, zu sprechen. Mit geschlossenen -Augen, bleich vor Erwartung, saß sie im Wagen und ließ sich rütteln und -stoßen. - -Fräulein von Gussitsch klammerte sich mit beiden Händen an den Rand -des Wagenschlages, um nicht an die Fürstin geschleudert zu werden. Den -Zweck dieser tollen, rasenden Fahrt: die Zeitverkürzung, begriff sie. -Aber lebensgefährlich war diese Ersparnis weniger Minuten doch. - -Martina atmete auf, als der Wagen vor der Villa hielt. - -„Ich sehe Sie bei Tische, bis zum Diner sind Sie frei, liebe -Gussitsch!“ sprach die Fürstin und schritt, von Norbert gefolgt, ins -Haus. Nun doch fast zappelig, nervös, aufgeregt. Zwei Stunden hatte -Martina Zeit, um sich Gedanken zu machen und Fragen zu stellen, was -denn eigentlich dieser Sorgen bereite und weshalb die Fürstin einsam in -dieser Weltabgeschiedenheit weile, der Sohn aber auf Reisen sei. Warum -die Trennung? - -Aus dem Verhalten der Fürstin bei Tische konnte Martina nicht klug -werden. Sie war einsilbig, wachsbleich, gedrückt. Manchmal öffnete sie -die Lippen, als wollte sie sprechen, sich durch eine Mitteilung von -seelischem Druck befreien. Aber es kam kein Wort. Ein Ringen nach einem -Entschlusse. Beängstigende Stille. Dann ein Wink; Norbert verschwand -aus dem Speisezimmer. - -Und nun richtete Fürstin Sophie an Fräulein von Gussitsch die Bitte, -dem Baron Wolffsegg, dem Begleiter des Prinzen Emil, zu schreiben, es -möge der Adjutant sorgsamst kontrollieren, mit wem der Prinz verkehre... - -Martina traute ihren Ohren nicht und wagte es auch nicht, einen -forschenden Blick auf die Gebieterin zu richten. - -Leise sprach die Fürstin im Tone der besorgten Mutter: „Es ist -mein Wunsch, daß Wolffsegg Leute fernhalte, die meinen Sohn übel -beeinflussen könnten!“ - -„Zu Befehl, Durchlaucht!“ - -„Verstehen Sie mich, bitte, recht! Schonend schreiben! Es soll dem -Baron kein Vorwurf gemacht werden, um Himmels willen nicht! Wolffsegg -ist ja ein tadelloser Kavalier, eine treue Seele, seit Jahren bewährt! -Also nicht die Spur einer Rüge! Höchste Vorsicht, die ja auch wegen der -Eigenart meines Sohnes geübt werden muß!“ - -Martina richtete nun einen verschüchterten Blick auf die bleich -gewordene Fürstin. Und bebenden Tones sprach die ängstlich und unsicher -gewordene Hofdame davon, daß sie den Brief mit denkbar größter Vorsicht -entwerfen, das Konzept zur höchsten Genehmigung unterbreiten werde. - -„Die Unterbreitung ist nicht nötig! Sie besitzen ja Taktgefühl, -liebe Martina! Ich bin überzeugt, daß Sie den Brief ganz nach Wunsch -konzipieren werden. Leicht wird es freilich nicht sein! Größte -Vorsicht, denn es besteht die Gefahr, daß Wolffsegg die Bitte verübelt, -in mißverständlicher Auffassung mit dem Prinzen darüber spricht und daß -dadurch mein Sohn sich verletzt fühlt!“ Ein tiefer Seufzer der Sorge -folgte diesen Worten. - -Wieder trat eine Pause ein. Die Fürstin schien zu überlegen oder sich -in wehmütige Erinnerungen zu vertiefen. - -Angesichts dieser Situation wünschte Martina sich auf eine einsame -Insel im Indischen Ozean, möglichst weit weg von dem fürstlichen -Jagdschlößl... - -Sophie richtete sich etwas auf und sprach leise, unsicheren Tones: -„Sie kennen meinen Sohn noch nicht! Sie sind ja erst nach seiner -Abreise in meine Dienste getreten! Ich muß Sie deshalb einigermaßen -informieren, daß mein Sohn -- leider Gottes -- apathischer Natur ist! -Blasiertheit kann man seinen Seelenzustand nicht nennen, vielleicht -liegt ein ungewöhnlicher Mangel an jeglichem Lebensinteresse vor! Zum -Zwecke einer sozusagen geistigen Aufrüttelung ist die Reise zunächst -nach Dresden angetreten worden! Mein armer Sohn sollte aus dem Bereich -der Wiener Luft gebracht werden...! Neue Menschen und vielleicht -auch -- Frauen soll er kennenlernen! -- Können Sie die Sorgen einer -angsterfüllten Mutter verstehen, liebe Martina? Sie sind allerdings -noch sehr jung, immerhin ein weibliches Wesen! Frauen können sich -verstehen oder doch in derlei Situationen hineindenken!“ - -„Zu dienen, Durchlaucht!“ Mehr konnte Martina beim besten Willen nicht -sagen. Und unmöglich fragen, welche Bewandtnis es mit dem Dresdner -Briefe habe, der anscheinend so große Sorgen wachrief. - -Sophie strich sich mit der schmalen Rechten über die Stirne. „Wenn -ich vorhin davon sprach, daß wir ein geistiges Erwachen erstreben, -so muß diese vertrauliche Bemerkung ergänzt werden, und zwar dahin, -daß mein Sohn in Dresden etwas aufgewacht ist! Mehr als mir lieb ist, -zu meinem Schrecken! Was Emils Brief an mich beweist! An sich ist -dieses Aufwachen gewiß erfreulich als Zeichen dafür, daß Emil sich für -Menschen zu interessieren beginnt, die Apathie abgestreift hat!“ - -Wieder trat eine Pause ein. Sophie sann und überlegte. - -Im Speisezimmer war es dunkel geworden. Den Wald umwoben die Schatten -der aufziehenden Sommernacht. - -Nach einer Weile zog die Fürstin den ihr so kostbaren Brief aus der -Tasche und sprach: „Für eine Nacht werde ich mich von diesem Dokument -doch trennen müssen, denn es erscheint mir zwingend nötig, daß Sie, -liebe Martina, den Brief lesen, sich ein eigenes Urteil bilden! Genau -informiert und orientiert, werden Sie dann auch imstande sein, den -Brief an Baron Wolffsegg meinen Intentionen entsprechend zu verfassen! -Ein Beweis besonderen Vertrauens, hören Sie, Martina, ganz besondere -Vertrauenssache! Lesen Sie in heutiger Nacht Emils Brief, bilden Sie -sich ein objektives Urteil! Morgen früh zehn Uhr bringen Sie mir den -Brief unauffällig und unsichtbar! Hildegard wird verständigt sein und -Sie, nur Sie, vorlassen! Hier, liebe Martina! Sie bürgen mir für die -prompte Rückgabe des Dokumentes, ja?“ - -„Zu Befehl, Durchlaucht!“ Martina nahm die Oktavbogen entgegen und -versenkte das knisternde Papier in ihre Tasche. - -„So, nun gute Nacht, liebe Gussitsch! Strengste Diskretion! Gute Nacht!“ - -„Geruhsame Nacht, Durchlaucht!“ Martina waltete ihres Amtes und -klingelte. - -Hildegard erschien mit Licht und begleitete die Gebieterin in ihre -Zimmer. - -Martina durfte allein ihr Kämmerlein aufsuchen. - -Nie in ihrem jungen Leben hatte Fräulein von Gussitsch so flink Licht -gemacht als jetzt, um schnell zur Lektüre des Briefes zu kommen. - -Etwas enttäuscht, aber doch von dieser Lektüre belustigt, kicherte -Martina. Unbegreiflich fand sie die Auffassung der Mutter über diesen -Brief. Soviel wie gar keinen Anlaß zu Sorgen. Ungewöhnlich war -allenfalls die Ausdrucksweise. Martina fand die Epistel weit mehr -witzig, denn derb. Sicher ein vollgültiger Beweis dafür, daß das bisher -apathische, blasierte Prinzlein in der Dresdener Luft wach geworden ist -und recht gut zu beobachten versteht. Und eine gewisse Federgewandtheit -ist ihm nicht abzusprechen. An sittengefährdenden Umgang mit bösen -Menschen war gar nicht zu denken! Außerdem sollte er sich doch eine -Frau suchen! - -Der Auftrag, dem „Zwetschgenbaron“ Wolffsegg im Sinne der Fürstin zu -schreiben, hatte nach der Lektüre des Emilschen Briefes viel von seinen -Schrecken verloren. Martina erwog nur noch, ob es möglich sein werde, -die Fürstin zu überreden, gar nicht schreiben zu lassen. - -Vergnügt kichernd, begab sich das zierliche Hoffräulein zu Bett. - - * - -Es half am anderen Morgen alles nichts, Martina erhielt den Befehl, -dem Baron Wolffsegg zu schreiben. Was alles die Fürstin noch beifügte, -ließ Fräulein von Gussitsch erkennen, daß der Hofdame die Verantwortung -aufgehalst werden sollte für den Fall, daß Wolffsegg die Warnungs- und -Rügeepistel krumm nimmt. Martina soll das -- Prügelmädchen sein in -Ermangelung eines Prügelknaben. - -Ein mehrstündiger Eiertanz mit der Feder, bis das Brieflein glatt -und säuberlich geschrieben war. Höchst vorsichtig und fein, klug und -gewandt; und mit einem salvierenden Hinweis auf -- „höchsten“ Wunsch... -Diesen Hinweis konnte sich die Hofdame leisten, da ja die Fürstin -jegliche Kenntnisnahme des Konzeptes und Briefinhaltes abgelehnt hatte. - -Also lief die Epistel nach Dresden... - -Obwohl nicht befohlen, meldete sich gegen Mittag der Forstwartpatriarch -zum Rapport und erbat Gehör bei der Gebieterin. Gnugesser wollte -endgültigen Bescheid wegen des „Oval“hirsches haben. - -Weder Norbert noch Hildegard, die Vertrauenspersonen, zeigten Lust, -den Beamten anzumelden, obwohl der gutmütige Forstwart sehr nett und -höflich um „Wohlwollen und Gnade“ bat und die Kammerfrau Hildegard -Witwe Schoiswohl sogar mit „gnä Frau“ titulierte. Half alles nichts, -denn Hildegard wollte die heute übelgelaunte Gebieterin durch Anmeldung -des Forstbeamten nicht belästigen, sich keinem Verweise aussetzen. - -Der Zufall war wohlwollender. Fürstin Sophie unternahm vor dem Lunch -einen Spaziergang, sah am Hause den wartenden Beamten und fragte nach -seinen Wünschen. - -Gnugesser erklärte in aller pflichtschuldigen Ehrerbietung, doch -mit Bestimmtheit: „Halten zu Gnaden, Duhrlauch, der Hirsch mit dem -häßlichen Ovalgeweih muß weg, und zwar noch vor Brunftbeginn, auf daß -eine Vererbung verhindert wird! Wenn gnädig Duhrlauch den Kerl nicht -selber -- wegputzen wollen, erlauben S’s vielleicht, daß ich ihn -abschieße?!“ - -„Aber keine Idee! Ich finde diese Ovalform sehr interessant! Dieser -Hirsch muß unbedingt erhalten bleiben!“ - -In Gnugessers Äugelein lag mehr als Staunen, völlige Verblüffung -und Ratlosigkeit! Und nicht wenig Verdruß über die Weiberwirtschaft -im Jagdbetriebe. Die Abschußverweigerung konnte Benjamin leicht -verwinden; den Wald- und Jagdbeamten berührte es aber schmerzlich, daß -auf ausdrücklichen Befehl ein Revierverschandler, ein die Geweihbildung -verhunzender Hirsch gar geschont werden sollte. - -Benis Mund weitete sich bis zu den beiden Ohrläppchen, als die Fürstin -mitteilte, daß ein Admonter Theologe im Revier Gstattmaier-Hochalp und -in der „Sauwiel“ pirschen und Gams in unbeschränkter Anzahl schießen -dürfe. „Melden Sie das dem Oberförster! Adieu!“ - -Soviel das Bäuchlein es gestattete, verbeugte sich Gnugesser. Dann aber -stülpte er mit einer besonderen Energie das zerzauste Hütel auf sein -Haupt und trottete heim. Mit heiliger Entrüstung in der Weidmannsbrust, -mit Zorn in der Kinderseele. - -Knirschend stieß Beni hervor, -- hübsch weit entfernt vom Jagdschlößl ---: „Toll wird’s, ganz narrisch! Weiber im Revier, o Graus! Und jetzt -gar auch -- Theologen! Höher geht’s nimmer! Kutten und Gams! Mir -gangst!“ Und der herzensgute, kindlichfromme Forstwart fluchte... - -Die Abwesenheit der Gattin zur Mittagszeit war auch nicht geeignet, die -üble Laune Benis zu bessern. Blieb ihm nichts anderes übrig, als selbst -zu kochen: Spiegeleier und Salat dazu. Mehr von der Kochkunst war nicht -sein eigen. - -Vergeblich fragte er sich, was denn zur Mittagszeit um Himmels -willen Amanda auswärts zu tun haben könne. Mehrmals war die Gattin -schon abwesend. Eine auffallende Pflichtvernachlässigung und -Rücksichtslosigkeit! - -Lange konnte sich Gnugesser derlei Fragen nicht hingeben; er mußte nach -Tisch wieder in den nimmerruhenden Dienst. - -Zum Abend war Amanda allerdings zu Hause, das schlecht gekochte Essen -bereit; die Gattin war aber nicht geneigt, Aufschlüsse über ihre -Abwesenheit zu geben. Da sie indes versicherte, sich unlieb verspätet -zu haben und just heimgekommen zu sein, wie Beni nach Tisch in das -Revier ging, ließ sich der herzensgute Mann leicht beschwichtigen. - -Leicht gelang der Gattin der Themawechsel durch die Frage, was es Neues -in den Revieren gäbe. - -Bei Gnugesser war indes der Ärger schon verraucht; vor Amanda -wollte er nicht über die Fürstin reden, schimpfen erst recht nicht. -Ein einzig und winzig Würmchen nagte allerdings noch gar emsig in -der Brust: der Neid! Den Beamten bleibt ein Abschuß versagt, der -Theologe hingegen darf Gams nach Herzenslust niederknallen. Beni war -gar nicht leidenschaftlicher Jäger, ganz frei von Schießwut; wegen -der Abschußerlaubnis beneidete er den Theologen aber doch, den er, -der fromme, kirchenfreundliche Beamte, in allergeheimsten Gedanken -einen „Schleicher“ und „Kittelpfaffen“ genannt hatte. Denn es war -doch gar nicht zu bezweifeln, daß der Theologe die Abschußerlaubnis -„erschlichen“ haben mußte. Kittelprotektion! Weiberwirtschaft im Revier! - -„Friert dich in der Zung, weil ich keine Antwort auf meine Frage -bekomm?“ klang es spitz von den Lippen Amandas. - -Gutmütig lachte Beni: „Nein, nein! Ist ja Sommer! Nur Gedanken hab’ ich -mir gemacht, weil -- na, ist Dienstsache, also Amtsgeheimnis! Neues -gibt es nichts! Nicht einmal Bescheid haben wir wegen der definitiven -Übernahme beim alten Gehalt!“ - -Schnippisch warf Amanda das Wort „Amtsgeheimnis“ hin. „Lächerlich das -Verschanzen hinter das Dienstgeheimnis, wo doch eine Frau regiert und -dirigiert! Da werden die Amtsgeheimnisse strengstens gewahrt bleiben! -Übrigens: was das Gehalt anbelangt, muß unbedingt eine Aufbesserung -eintreten!“ - -„Die Aussichten sind dazu nicht gut! Kein Darandenken!“ - -„Im Gegenteil: davon reden, und das bei nächster Gelegenheit!“ - -„Um Gottes willen nicht, Weiberl! Es könnt die Fürstin verschnupfen! Wo -sie eh nicht in rosiger Laune ist und auch noch gspaßige Ansichten vom -Jagdbetrieb hat!“ - -„Ich bin keine Klosterfrau, also laß ich mir das Reden nicht verbieten! -Ich werde mir die Fürstin schon fürifangen! Frau zu Frau redet sich -viel leichter, als wenn ein Mannsbild dabei ist!“ - -„Warum bist du denn so erpicht auf eine Gehaltsaufbesserung? Du -profitierst ja davon doch nichts, direkt wenigstens nicht!“ - -„Der Herr Forstwart irrt sich da aber ganz gewaltig! Ist übrigens egal, -ob Aufbesserung oder nicht: die Frauenarbeit im Ehestande muß von nun -an bezahlt und gelohnt werden! Mit Bargeld!“ - -Beni lachte, daß sein Bäuchlein hüpfte und Lachtränen aus den Augen -sprangen. Und übermütig zitierte er den Wiener Gassenhauer: „Maderln, -hebt’s d’ Füß in die Höh, heut geigt der Strauß!“ - -„Laß doch das hölzerne dumme Gelächter! Dir wird das Spotten schon -vergehen, wenn es blechen heißt!“ - -„Vom Zahlen bin ich allerdings kein Freund, weil ich allweil z’ wenig -Geld hab trotz aller Sparsamkeit! Aber der Witz von Bezahlung der -Ehefrau für ihre Arbeit im Hausstand ist so gut, daß ich mir ein -Flaschel Bier jetzt kaufe! Der Witz muß begossen werden!“ - -„Laß die Faxen, Beni! Es ist Ernst, nicht Scherz!“ - -„Die Leichenbittermiene steht dir ausgezeichnet, nur mußt ein schwarzes -Seidenkleid dazu anziehen!“ spottete der belustigte Ehemann. - -„Hör zu und paß auf, Beni! Es ist heiliger Ernst! Das neue Gesetz -bestimmt, daß den Ehefrauen für ihre Arbeit im Hausstand ein Drittel -des Gehalts oder Jahreseinkommens des Ehemannes ausgezahlt werden muß! -Von Rechts wegen! Gesetz ist Gesetz, es muß befolgt werden von jedem -Staatsangehörigen!“ - -„Ganz ausgezeichnet! Den Witz schick an die ‚Fliegenden Blätter‘, er -wird sicher angenommen und honoriert! Weißt was, Weiberl, für das -Honorar kaufen wir uns dann im Admonter Stiftskeller ein Flascherl -‚Eisentürer‘!“ - -„Wer nicht hören will, muß fühlen! Der Ernst des neuen Gesetzes wird -dich schon zwicken! Ohne Gehaltsaufbesserung, also nach deinem jetzigen -Einkommen, gebührt mir ein Jahreslohn von sechshundert Kronen für -meine Hausfrauenarbeit! Diese Summe verlange ich! Und kraft des neuen -Gesetzes bestehe ich auf Bezahlung dieser Summe! Und im Weigerungsfalle -werde ich dich, wozu ich gesetzlich berechtigt bin, vor Gericht -belangen!“ - -Beni schrie vor Vergnügen, trommelte mit den Fäusten auf der -Tischplatte, und im Übermaß der Freude an dem köstlichen Witz begann er -in Schlappschuhen zu schuhplatteln, ahmte die Bewegungen des balzenden -Urhahnes nach und wollte die Gattin animieren, sich am „Platteln“ zu -beteiligen. - -Amanda in höchster Entrüstung versetzte dem seelenvergnügten, lachenden -Gatten einen Stoß, der Beni ins Torkeln brachte, dann aber rauschte -Amanda aus der Stube. Krachend flog die Tür ins Schloß. - -In herrlichster Laune pfiff Benjamin die lustige Melodie des -„Schuhplattlers“ zu Ende. Und dann holte er sich wirklich ein Fläschle -Bier aus dem Keller, um den Witz und das famose neue Gesetz zu -begießen. Allein allerdings, denn Amanda ließ sich für diesen Abend -nicht mehr sehen. - -Merkwürdig -- mit einem Male wollte dem einsamen Zecher das Bier nicht -mehr schmecken. Wenn Amanda keinen Witz gemacht haben sollte, wenn -wirklich ein neues Gesetz bestünde? - -„Unmöglich!“ knurrte Beni, dem das Lachen vergangen war. „Es sind die -unglaublichsten Gesetze schon gemacht und sanktioniert worden, aber -noch nie ein Gesetz, wonach die Ehefrau wie eine Dienstmagd einen -Lohn für ihre Arbeit im Hausstande bekommen solle. Ein solches Gesetz -kann doch gar nicht gemacht werden! Undenkbar! Durch eine derartige -Lohnzahlung würde die Hausfrau ja zur Dienstmagd herabgedrückt, jeder -Würde beraubt werden! Ein verrücktes Gesetz wäre das! Und gleich ein -Drittel des Jahresgehaltes oder Einkommens! Wer kann denn das leisten -und erschwingen? Die Subalternbeamten mit ihrem winzigen Gehalt! Die -Gewerbetreibenden! Die Bauern!“ - -Je länger Benjamin über das neue Gesetz nachdachte, desto schwüler -wurde ihm trotz der Abendkühle, die durch die offenstehenden Fenster -in die Stube drang. Ganze zwölfhundert Kronen vom Gehalt würden nach -Abzug des „gesetzlichen“ Lohndrittels verbleiben für den Haushalt, für -alle Bedürfnisse des Lebens, für Kleider, Schuhe usw. Unmöglich ein -Auskommen mit einer so winzigen Summe! So unsinnig und grausam kann -doch eine Regierung nicht sein, die schlechtbesoldeten Ehemänner zu -zwingen, der Gattin ein Drittel des Jahresgehaltes auszuzahlen. - -Im bitteren Sinnieren fand Gnugesser ein Körnchen Trost: ein klein -bißchen „überspannt“ ist Amanda als frühere Lehrerin, sie wird -vielleicht irgend etwas dem angeblichen Gesetze Ähnliches aufgeschnappt -und nicht recht verstanden haben. Das vermeintliche, unmögliche Drittel -würde just der Gattin in den Kram passen, denn auf Geld ist sie erpicht -wie Meister Petz auf Zeidelhonig! - -Beni beschloß, sich wegen des „neuen“ Gesetzes zu erkundigen, am besten -beim Pfarrer Pater Wilfrid, der doch davon auch etwas wissen muß. Ist, -wie zu erwarten steht, nichts Wahres an dieser ohnehin unglaublichen -Sache, so werden der überspannten Gattin die Lohndrittelmucken bald -ausgetrieben sein. In aller Güte und Gemütlichkeit selbstverständlich. -Denn wehe tun möchte Beni der Gattin nicht... - -Im Schlafzimmer fand er Amanda schlummernd. Ihre geschlossenen Augen -täuschten und beruhigten ihn. Kaum hatte Beni das Licht ausgelöscht, -flammten Amandas Rätselaugen auf... - - - - -Fünftes Kapitel - - -Mit hochalpinen Kleidern durch Hildegards Schneiderkunst ausgerüstet, -konnte das Hoffräulein von Gussitsch einem Befehle zur Begleitung -mit einiger Ruhe entgegensehen. Stoff für ein richtiges Lodenkleid -war unterwegs. Die Fürstin Sophie schien jedoch nicht die geringste -Jagdpassion zu verspüren; der vom Jagdpersonal sehnlichst erwartete -Befehl zur Wildausmachung für Pirsch oder Drücken erfloß nicht. Dagegen -äußerte die Fürstin den Wunsch, das Forsthaus zu inspizieren, der -Forstwartfrau Gnugesser einen Besuch abzustatten. Für Fräulein von -Gussitsch war dieser Wunsch natürlich Befehl, weshalb die Hofdame -fragte, wann sie zur Disposition sein müsse. - -Der Bescheid lautete: eine halbe Stunde vor dem Lunch, keine Ansage im -Forsthause. - -Ein einleuchtender Befehl hinsichtlich der Nichtansage, damit Frau -Amanda keine Veranstaltungen zu feierlich-steifem Empfang oder gar zu -einer unerwünschten Bewirtung treffen kann. - -Weniger einleuchtend fanden die allmächtigen Angestellten Norbert -und Hildegard den Besuch, sie befürchteten eine Verspätung des -Lunchbeginnes durch Verschwatzen. Wie überall in Hofhaltungen, sahen -die „Vertrauenspersonen“ sehr darauf, daß pünktlich gegessen werde am -Tische der -- Angestellten. Die höchsten Herrschaften können leichter -warten. - -Im Forsthause herrschte eine Totenstille; die Forstbeamten weilten -dienstlich auswärts, Graf Thurn in Wien; Frau Amanda beschäftigte sich -mit dem Entwurf einer Ansprache, die demnächst in einer Versammlung -von Ehefrauen in der Angelegenheit der Entlohnung weiblicher Arbeit im -Ehestande gehalten werden solle. - -In diese ziemlich schwierige Geistesarbeit vertieft, achtete Amanda gar -nicht des Geräusches leichter Schritte im Flur. Sehr überrascht fuhr -sie in die Höhe, als eine Frauenstimme rief: „Ist jemand da?“ - -Amanda trippelte in den Flur und stieß einen Schrei des Schreckens und -zugleich freudigster Überraschung aus, als sie die Fürstin erblickte, -die ob dieser Wirkung ihres unvermuteten Erscheinens vergnügt -schmunzelte und die Frau Gnugesser bat, ja keine „Geschichten“ zu -machen. Fürstin Sophie vereitelte auch sofort jede Möglichkeit hierzu, -indem sie bat, ihr die Wohnung des Forstwarts zu zeigen und zu sagen, -was allenfalls einer Änderung oder Verbesserung bedürfe. - -Diese gutgemeinte, aber auch unvorsichtige Äußerung gab Amanda nicht -nur die Ruhe wieder, sondern auch hocherwünschten Anlaß, Bitten um -bauliche Verbesserungen vorzubringen. - -Die Fürstin bereute denn auch ihre Äußerung und ging auf ein anderes -Thema über, indem sie fragte, ob sich die Frau Forstwart wohl fühle in -dieser Einsamkeit. - -Sofort hing sich Amanda, indem sie den Damen Stühle anbot, in dieses -Thema ein und sprach gewandt und flüssig über den bitter empfundenen -Mangel an Verkehr mit gebildeten Leuten und an Mitteln geistiger -Weiterbildung. Nützliche Bücher seien ebenso schwer zu beschaffen wie -die enorm teuren Lebensmittel. - -Auf die letztere Anspielung ging die Fürstin nicht ein, doch versprach -sie, die „einsame“ Försterin mit nützlichen Büchern versehen zu wollen. - -„Untertänigsten Dank, Durchlaucht! Besonders beglückt werde ich sein, -wenn Durchlaucht die Gnade haben wollten, mir ein Exemplar des neuen, -für Hausfrauen so sehr wichtigen Gesetzes und wenn möglich eines -Kommentars dazu schenken würden!“ - -„Welches Gesetz meinen Sie denn, liebe Frau?“ - -„Es gibt ein völlig neues Gesetz, das der Frau einen Anteil am Gewinn -der Ehe in Höhe eines Drittels gewährt! Ist der Ehemann ein Beamter, so -muß er gesetzlich ein Drittel seines Jahresgehalts der Ehefrau zahlen -als Entlohnung der von der Frau im Haushalt geleisteten Arbeit! Von -Rechts wegen!“ - -Erstaunt und interessiert rief die Fürstin: „Was Sie sagen! Von einem -solchen Gesetz habe ich bisher keine Ahnung gehabt!“ Und zu Fräulein -von Gussitsch gewendet, fragte Fürstin Sophie: „Wissen Sie, liebe -Gussitsch, etwas von diesem sehr interessanten und wichtigen Gesetze?“ - -Martina mußte gestehen, daß sie bisher nicht das geringste davon -gelesen und auch nichts gehört habe. - -Amanda sprach hastig: „Doch! Die Zeitungen beschäftigen sich -angelegentlich mit dieser Frage der Entlohnung der Frau im Hausstand! -Ich habe derlei Artikel ja selbst und so oft gelesen, daß ich hierüber -sehr gut informiert bin und auch darüber sprechen kann! Durch das -neue Gesetz, durch positive Rechtsnorm, ist ein Ziel erreicht, das -angesehene Frauen längst erstrebt hatten und das doch wohl als durchaus -berechtigt und den modernen Verhältnissen entsprechend anerkannt werden -muß!“ - -„Gewiß! Sagen Sie, liebe Frau, welche Stellung haben Sie vor Ihrer -Verheiratung innegehabt? Sie verfügen augenscheinlich über eine -Vorbildung, die sonst in Kreisen kleiner Beamter nicht zu finden ist!“ - -„Ich war früher Lehrerin!“ - -„Ach so! Das macht Ihre Stellungnahme zu dieser interessanten Frage -begreiflich! Was ich aber nicht verstehe, ist die Entstehung eines -in seinen Wirkungen so einschneidenden Gesetzes. Es wird doch über -Kleinigkeiten oft ganz schrecklich debattiert und Lärm geschlagen!“ - -„Höchste Herrschaften werden von diesem Gesetze nicht betroffen, -also ist es leicht möglich, daß Durchlaucht sich um dasselbe nicht -gekümmert, das Gesetz sozusagen übersehen haben! Die Interessen- und -Gedankensphäre einer Fürstin ist doch eine ganz andere, als die einer -Forstwartfrau oder Bäuerin oder Ehefrau eines Gewerbetreibenden!“ - -„Allerdings!“ Zur Hofdame sprach die Fürstin: „Bitte, liebe Gussitsch, -behalten Sie diese Angelegenheit im Auge und beschaffen Sie -baldmöglichst das betreffende Gesetz!“ - -Martina verbeugte sich. - -Dann wandte sich die Fürstin wieder zu Amanda mit der Frage: „Wie -gedenken Sie auf Grund dieses interessanten Gesetzes in Ihrem Hauswesen -vorzugehen?“ - -Leuchtenden Auges und lebhaften Tones erwiderte Frau Gnugesser: „Die -Stellungnahme ist leicht und doch auch sehr schwer! Leicht insofern, -als das Gesetz klar und deutlich der Ehefrau das Gehaltsdrittel -zuspricht! Schwer hingegen wird es dem Ehemanne sein, dieses Drittel -in bar der Gattin auszuzahlen, wenn das Gehalt keine entsprechende -Aufbesserung findet! Mein Mann bezieht achtzehnhundert Kronen -Gehalt...“ - -„Verstehe! Also bekommen Sie als Ehefrau sechshundert Kronen, das -ist eine respektable Entlohnung Ihrer Arbeit, nicht? Ich hätte -wahrlich nicht geglaubt, daß ein so vernünftiges und wichtiges Gesetz -gemacht werden kann! Ein bedeutender Fortschritt auf dem Wege der -Gesetzgebung, eine soziale Großtat! Jeder Arbeiter ist seines Lohnes -wert! Zweifellos ist durch das Gesetz die große Bedeutung der Frau als -guter Haushälterin und Verwalterin für die Sicherung der Früchte des -Eheerwerbes nun allgemein anerkannt! Und auf der Frauentätigkeit beruht -der Segen der Familie! Sehr schön also diese Sache! Nur merkwürdig, daß -ich davon bisher keinen Ton gehört habe! Apropos: wie stellen sich denn -die anderen Hausfrauen dieser Gegend zu dieser grandiosen Neuerung?“ - -Umständlich berichtete Amanda, die sich nun in ihrem Fahrwasser befand, -über die durchgeführte Agitation, über die Belehrung der Frauen in -Hall, über den bereits errungenen Erfolg, der darin bestehe, daß sogar -auch Bauernweiber die Drittelszahlung fordern. Demnächst werde eine -öffentliche Frauenversammlung stattfinden. - -„Sehr schön! Großartige Sache! Muß unterstützt werden! Aber nun sind -wir lange genug hier gewesen! Wir sprechen gelegentlich darüber! Adieu, -liebe Frau! Auf Wiedersehen!“ - -Mit einem Wortschwall des Dankes für die hohe Ehre des auszeichnenden -Besuches geleitete Amanda die Damen vor das Haus. Ein letzter Versuch -der Anspielung auf die Notwendigkeit einer Gehaltsaufbesserung als -Folge der Drittelszahlung mißlang kläglich, da die Fürstin die Uhr zog -und sich jäh verabschiedete. War es doch bereits ein Uhr geworden, die -Stunde des Lunch erheblich überschritten. - -Eilig zum Schlößl stapfend, meinte die Fürstin: „Wie man sich nur -so verschwatzen kann! War aber ganz interessant, nur kann ich trotz -alledem nicht recht glauben, daß bei uns ein so einschneidendes Gesetz -in Geltung ist! Vergessen Sie nicht, ein Exemplar zu besorgen! Was ist -denn Ihre Meinung über dieses rätselhafte Gesetz, liebe Martina?“ - -„Verzeihen, Durchlaucht, in Gnaden! Erst möchte ich die einzelnen -Gesetzesbestimmungen lesen...!“ - -„Ja doch! Die Sache muß ihre Richtigkeit haben, denn die Försterin ist -vorzüglich informiert und orientiert! Ich bin neugierig zu erfahren, -wie sich unser ‚Hofpfarre‘ zu dieser Angelegenheit stellt!“ - -„Dem Pfarrer dürfte weniger das Gesetz, viel mehr die Revolutionierung -der Ehefrauen eine böse Bescherung verursachen!“ meinte Martina, um -doch auch etwas zu sagen und ein gewisses Interesse zu markieren. - -„Apropos: Pfarrer! Teilen Sie dem Pater Wilfrid mit, daß er am 30. -August, dem Todestage meines hochseligen Gemahls, ein feierliches -Requiem zelebrieren soll! -- So, da sind wir! Die armen Leute! Haben so -lange auf das Essen warten müssen!“ - -Norbert kam gesprungen und nahm den Damen die Schirme ab. - -„Nicht böse sein, Alter! Wir haben uns verplaudert!“ sprach -liebenswürdig die Fürstin. „Gleich servieren! Hast du argen Hunger, -Norbert?“ - -„Untertänigst zu dienen, Durchlaucht, dem alten Diener fällt das Fasten -schwer! Ich bitte um Verzeihung...“ - -„Was hast du denn angestellt?“ - -„Ich habe mir eine Kleinigkeit in der Küche geben lassen!“ - -„Ganz recht! Sehr vernünftig! Hoffentlich war auch Hildegard so klug!“ - -„Gewiß, Durchlaucht! Mit gnädigster nachträglicher Genehmigung!“ - -„Aber gern! Natürlich!“ - -Die Damen begaben sich ins Speisezimmer und durften einige Zeit warten, -bis serviert wurde. - -Die Angestellten hatten nicht eine Kleinigkeit, sondern das komplette -Menü verspeist, und zwar reichlich. Daher die Köchin nun rasch -Schnitzel als Ersatz zubereiten mußte. - - * - -Jeder Sonntag bringt dem Pfarrer, der keinen Kaplan hat, in den -Dörfern Arbeit in reichlichem Maße. Besonders mit Arbeit gesegnet -war Pater Wilfrid, der Pfarrer von Hall. Früh des Morgens begann die -Arbeit im Beichtstuhl, der sich um acht Uhr das Hochamt mit Predigt -anschloß. Unverdrossen, ja freudig tat der liebenswürdige Pfarrer und -Vater seiner Gemeinde seinen Dienst, angenehm davon berührt, wenn das -Gotteshaus dicht von Andächtigen gefüllt war. Insbesondere freute ihn -die Anwesenheit der Fürstin mit Hofdame im kleinen Oratorium. Während -der Predigt gewahrte er zu seiner Befriedigung auch die Forstbeamten -und etliche Jäger in den Reihen der Dörfler. - -Nach dem Gottesdienste drängten zahlreiche Bauern zum Pfarrhause, wo -sie sich aufstellten wie die Orgelpfeifen. - -Grüßend kam Pater Wilfrid vom Kirchlein herab, freundlich bat er die -Leute, ihm ein Viertelstündchen zum Frühstück zu gönnen, dann stehe er -zur Verfügung. Und lächelnd meinte er: „Aber einer nach dem andern! -Nicht alle zugleich einidrucken! Das vertragen die Mauern vom Häuserl -nicht!“ - -„Wohl, wohl!“ riefen die Bauern und lachten. - -Die weißhaarige Dienerin im Pfarrhause trug den Kaffee mit Semmel auf, -und bemutternd mahnte sie den Pfarrer, er solle sich nur Zeit lassen -zum Frühstücken; die Bauern könnten schon warten, die kommen allweil -noch früh genug ins Wirtshaus. - -Im Flur gellte die Hausglocke scharf und ungestüm. - -„Jesses na, so eine Pressiererei! Der Hansdampf läutet mir gut! Lassen -S’ Ihnen nur Zeit, Hochwürden Herr Pfarrer! Ich mach nicht früher auf, -als bis Sie gefrühstückt haben!“ - -Pater Wilfrid trat ans Fenster und guckte, wer denn Einlaß forderte. -Erschrocken fuhr er zurück und hastig rief er: „Erna, g’schwind -aufmachen! Die Fürstin will mich besuchen!“ - -„Wär nicht zwider! Jesses na, so was! Wo ich gar nicht darnach an’zogen -bin und keinen Hut nicht aufhab!“ - -Der Kammerdiener Norbert riß abermals am Glockenstrange. - -Die Dienerin sprang zur Haustüre und öffnete unter unzähligen -Verbeugungen. „Na, so eine Ehr! Frau Duhrlauch kommen selber, um mich -zu besuchen!“ - -Fräulein von Gussitsch sprach: „Durchlaucht geruhen den Herrn Pfarrer -zu besuchen! Bitte, melden Sie sofort!“ - -Gedehnten Tones, ob der leisen Zurechtweisung gekränkt, erwiderte die -Dienerin: „Selles Melden ist neammer nötig, wo der Pfarrer Ihnen eh -schon vom Fenster aus gesehen hat! Da springt er ja schon, der Herr -Hochwürden! Haben S’ die Ehr, und gehen S’ halt auffi!“ - -Pater Wilfrid bat die Damen, sich gütigst in das obere Stockwerk -bemühen zu wollen. Höflichst geleitete er die Fürstin hinauf. - -Die Dienerin wollte die Haustüre abschließen und sah den Kammerdiener -Norbert wartend stehen. Ihn sprach sie schnippisch an: „San Sö -vielleicht der Brettelhupfer von der Fürstin? Dann können S’ herinnen -bleiben!“ - -Würdevoll erklärte Norbert, daß er der „Herr Kammerdiener“ sei. - -Pater Wilfrid erschien oben an der Treppe und rief: „Geschwind, Erna, -Tee machen! Durchlaucht wünschen Tee zu nehmen!“ - -Schrill antwortete Frau Erna: „Was Ihnen nicht einfallt! Wo wir im -ganzen Haus kein Stäuberl Tee nicht haben! Und sicher im ganzen Dorf -auch nicht! Ein Schalerl Kaffee kann sie haben, die Frau Duhrlauch, -sonst nichts!“ - -So mußte denn Pater Wilfrid diesen Bescheid überbringen. Über seine -komisch klägliche Miene lachte die Fürstin hellauf. „Tut nichts, ist -kein Unglück! Herr Pfarrer wollen erlauben, daß ich Ihr Haus mit Tee -und was dazu gehört, versorge! Aus Selbstsucht, denn wir werden künftig -nach dem Gottesdienst bei Ihnen den Tee nehmen! Das heißt, wenn Sie -erlauben! So, nun wollen wir um so weniger stören, als zahlreiche -Bauern auf Audienzerteilung warten! Auf Wiedersehen, Herr Pfarrer!“ - -Norbert mußte den beim Wirte eingestellten Wagen holen. Am Pfarrhause -wartend, sah die Fürstin den Oberförster Hartlieb, den sie einlud, im -Wagen mit nach Hause zu fahren. - -Mit höflichen, ernsten Dankesworten nahm Hartlieb diese Einladung an, -wiewohl sie seine Absicht, im Grabnerhofe dienstlich vorzusprechen, -durchkreuzte. Unwillkommen war sie ihm aber dennoch nicht, da er doch -wieder einmal Fräulein von Gussitsch in die schönen Mustela-Lichter -gucken konnte. Fand er doch Fräulein Edelmarderchen zum Anbeißen nett -und hübsch. Insgeheim natürlich, mit Ausschluß aller Öffentlichkeit. - -Da es eine ziemliche Zeit währte, bis die Pferde angeschirrt waren, -bat die Fürstin, es wolle sich der Pfarrer nicht aufhalten lassen und -die Leute vornehmen. „Ich habe ohnedies mit dem Herrn Oberförster zu -sprechen!“ - -Pater Wilfrid verabschiedete sich und nahm den ersten wartenden Bauern -mit in die Pfarrkanzlei. - -Ehrerbietig harrte Hartlieb der Mitteilungen, und er war im voraus -überzeugt, daß sie höchst wahrscheinlich eine Überraschung wenig -angenehmer Art für den Jagddienst sein werden. Aber auf die Frage, wie -sich das Jagdgut verzinse, war er doch nicht gefaßt. Die Käuferin mußte -doch über die Verzinsung informiert sein... - -Kaum konnte Hartlieb seine Verblüffung verbergen. - -Fräulein von Gussitsch hatte sich diskret einige Schritte entfernt und -hielt auf dem Sträßlein Ausguck nach dem Wagen. - -Trocken und ernst wie immer gab Hartlieb die Auskunft: „Da für den -Haller Besitz nur das Jagdinteresse ausschlaggebend war und ist, -beträgt die Verzinsung nur zwei vom Hundert! Soll die Rente gehoben -werden, so muß eine geregelte Forstnutzung eintreten; wir haben -hiebreife Bestände, und für Nutzholz sind dieser Tage günstige Offerten -von größeren Firmen eingelaufen! Ich wollte nur noch kurze Zeit warten, -ob nicht noch einige Angebote erfolgen, und hatte vor, demnächst -hierüber Vortrag zu erstatten und die Genehmigung zur Durchforstung -und Schlägerung einzuholen!“ - -Das Antlitz der Fürstin bekam einen Zug von Geringschätzung, die Lippen -umspielte ein ironisches Lächeln, etwas wie Hochmütigkeit, da Sophie -sarkastisch sprach: „Holzhandel ist nicht mein Geschmack! Das Gut habe -ich in ganz anderer Absicht gekauft; freilich steht dahin, ob sich -diese Absicht verwirklichen läßt! Jedenfalls bleibt einzig und allein -das Jagdinteresse ausschlaggebend, ich werde mich mit der kleinen -Verzinsung begnügen! Also beachten Sie, lieber Hartlieb: nur das -Jagdinteresse im Auge behalten!“ - -„Zu dienen, Durchlaucht! Eben das Jagdinteresse veranlaßt mich auf -Grund eigener Wahrnehmungen in letzter Zeit und in Berücksichtigung der -Jägerrapporte den Abschuß überzähliger Gelttiere, und zwar bald, noch -vor Beginn der Hirschbrunft zu beantragen...“ - -„Aber warum denn?“ - -„Es hat sich das Geschlechtsmischungsverhältnis verschoben, wir -haben zu viel Kahlwild, der Abschuß von Gelttieren ist nötig! Ich -möchte bitten, daß das Personal, das ja sehr fachkundig ist, diesen -Abschuß vornehmen darf, und zwar auf der Pirsch, weil dadurch die -Revierbeunruhigung möglichst vermieden wird!“ - -Die Lippen hochziehend, meinte die Fürstin: „Ich weiß nicht! Der -Abschuß will mir nicht gefallen, noch weniger das -- Kanonieren durch -das Personal! Und ganz und gar nicht will mir gefallen, daß just das -weibliche Wild zum Opfer fallen soll! Das ist grausam! Nach Möglichkeit -hegen, Herr Oberförster, hegen!“ - -„Im Jagdinteresse bin ich genötigt, dringendst den Abschuß der -überzähligen Gelttiere zu verlangen!“ erwiderte Hartlieb höflichen, -doch dienstlich festen Tones. Und ehrlich ernst blickte er der -Gebieterin ins Auge. - -„Ja doch! Sie als Fachmann müssen es ja besser wissen und verstehen, -Sie sind ja auch verantwortlich! Aber Wünsche wird die Besitzerin, -sozusagen der ‚Jagdherr‘, denn doch noch aussprechen dürfen! Machen -Sie mal einen Überschlag, so eine Art Aufstellung, damit ich erfahre, -wieviel weibliches Wild der Kugel verfallen soll! Eines steht fest: -ich für meine Person werde mich an dem erzwungenen Abschuß nicht -beteiligen! Und ohne Kontrolle darf auch das Personal nicht abschießen! --- Der Wagen kommt! Wir fahren heim! Herr Oberförster, Sie können bis -zum Forsthause mitfahren!“ - -Unterwegs litt Hartlieb alle Qualen der Unterordnung des eigenen -Intellekts, des seelischen Kampfes in der Frage, ob der Fachmann -sich ducken, dem Willen eines Laien, noch dazu dem einer Frau, sich -unterwerfen oder auf die Dienstesstellung verzichten, sich um einen -anderen Posten bewerben solle. Unmännlich und feig erschien ihm das -Ducken, die Unterwerfung ein Verrat an den Idealen des grünen Berufes! -Lieber aus diesem Dienst scheiden mit reiner, ehrlicher Weidmannsseele! -Gehen, bevor der Waldmann -- fliegt... - -Ein Weilchen hatte Fürstin Sophie mit Martina geplaudert, Fragen -gestellt und sie selbst beantwortet, bevor das Hoffräulein die Lippen -öffnete. Dann wandte sich die Fürstin mit einem liebenswürdigen -Lächeln an den Oberförster und fragte ihn im Tone köstlicher Naivität: -„Sagen Sie mal, lieber Hartlieb, was wird denn bei der jetzigen Art -des Jagdbetriebes eigentlich aus den -- Rehwitwen und aus den alten -Rehjungfern? Es werden ja doch immer nur Rehböcke geschossen! Wer sorgt -für die -- Reh-Relikten?“ - -Hartliebs Blick kündete Verblüffung; der Oberförster war paff. Und auf -der Zunge lag sehr locker ein Ausruf gelinden Entsetzens, ein Hilferuf -des konsternierten Weidmannes zum St. Hubertus. - -Zum rettenden Engel aus dieser Verlegenheit Hartliebs wurde Martina, -die in diesem Moment lachte und ihre schimmernden Marderzähnchen zeigte. - -Dieses erquickend frische Lachen ermöglichte es dem Jagdbeamten, den -Ausruf ungesprochen hinabzuschlucken, die verblüffende naive Frage -der Fürstin im Scherztone dahin zu beantworten, daß der Schöpfer dem -Leben der „Rehwitwen“ und alten „Rehjungfern“ mit dem fünfzehnten -Jahre ein natürliches Ziel und Ende gesetzt habe, so nicht durch -Krankheiten diese „Relikten“ früher verenden. Eine Verschiebung des -Geschlechtsmischungsverhältnisses zwinge übrigens auch beim Rehwild zum -Abschuß überzähliger Geißen und Gelttiere. - -„Ach Gott! Nun kommt der schreckliche Mensch schon wieder mit den -‚Geschlechtsmischungsverhältnissen‘! An sich schon eine gräßliche -Worthäufung, gleich drei Hauptwörter aneinander gehängt und grausam -verquickt! Hat die Weidmannsprache, die ich wohl nie werde erlernen -können, noch mehr solcher Wortungetüme und Ungeheuer?“ - -Ehe Hartlieb antworten konnte, wandte sich die Fürstin aber schon -wieder an das Hoffräulein mit der Bemerkung, daß vergessen worden sei, -den Pfarrer wegen des Requiems zu interpellieren, zu fragen, ob diese -Angelegenheit in Ordnung sei. - -Martina versicherte, daß sie befehlsgemäß dem Pater Wilfrid geschrieben -habe und somit wohl auf prompte Erledigung gerechnet werden dürfe. - -„Schicken Sie den Norbert zum Pfarrer! Ich will bestimmten Bescheid -erhalten! -- Na, da sind wir ja schon am Forsthause! Apropos: Schicken -Sie mir morgen den Jäger Eichkitz zum Rapport! Auf Wiedersehen, Herr -Oberförster!“ - -Hartlieb verabschiedete sich. Ein warmer Blick inniger Sympathie flog -zum Mustela-Fräulein... - -„Bei St. Huberto! Immer muß ich das Fräulein mit dem geschmeidigen, -zierlichen Edelmarder vergleichen!“ murmelte Hartlieb, als er nach -Abfahrt der Damen in das stille Forsthaus trat. - - * - -Der Reihe nach nahm Pater Wilfrid in der Haller Pfarrkanzlei die Bauern -und sonstigen Besucher vor. - -Ein stämmiger Mann, der Schmied von Hall, ältlicher Junggeselle, erbat -Auskunft, welche Papiere zu beschaffen seien, da er aus Barmherzigkeit -eine arme Witwe mit zwei Kindern heiraten wolle, um die bittere Not zu -beseitigen. - -Mit der beruhigenden Auskunft, daß die gewöhnlichen -Legitimationspapiere genügen und daß nach Empfang derselben das -Pfarramt das Weitere besorgen werde, konnte der Schmied sich entfernen. -Ziemlich enttäuscht darüber, daß die Sache so glatt gehen werde, und -daß der Pfarrer auf die „Barmherzigkeit“ soviel wie gar nicht geachtet -hatte. - -Der zweite Besucher, seines Zeichens Spengler und Glasermeister in -einer Person, wünschte Aufschluß bezüglich des neuen Gesetzes, wonach -die Gattin für ihre Arbeit im Hauswesen künftig bezahlt werden müsse. - -Pater Wilfrid ließ die Frage wiederholen, so sehr mißtraute er seinen -Ohren. Und dann erklärte er, sich wegen des ihm ganz unbekannten -„Gesetzes“ erkundigen zu wollen. „Kommen Sie am nächsten Sonntag, dann -werden Sie Bescheid erhalten!“ - -Mit einem ähnlichen, schärfer präzisierten Anliegen kam der dritte -Besucher, ein Taglöhner und Besitzer eines Kleinanwesens bei Hall. Der -abgerackerte Mann wollte wissen, ob er wirklich verpflichtet sei, von -seinem ohnehin geringen Einkommen aus seinem Tagwerk dem Eheweibe die -Hälfte als Lohn für die Hausarbeit zahlen zu müssen. „Springgiftig“ -fordere die Gattin jetzt schon eine Anzahlung, könne aber nicht sagen, -welches Gesetz diese Zahlungspflicht des Mannes vorschreibt. - -Pater Wilfrid gab dem Manne den gleichen Bescheid wie bei Nummer zwei. - -Der vierte Besucher war ein mittlerer Bauer, der erbost klagte, daß -seine Bäuerin die Hühner verkauft, den Erlös für sich behalten habe als -Entschädigung für ihre Arbeit in Haus, Stall, Garten und Feld. - -Nun wurde Pater Wilfrid ob dieser Übereinstimmung der Anliegen doch -stutzig. Er fragte, ob Anzeichen vorliegen, daß die Bäuerin vielleicht -aufgehetzt worden sei. Ingrimmig berichtete der Bauer, daß vor einiger -Zeit die Frau des Forstwarts öfter im Gehöft erschienen sei, eifrig mit -der Bäuerin getuschelt und verhandelt habe, worauf das Eheweib sehr -scharf geworden sei. „Sagen S’ nur gleich, Herr Pfarrer, was ich machen -soll! Därf ich das hantige Weib verhauen? Und was ist das für ein -‚Gesetz‘, von dem die Bäuerin behauptet, daß ich fürder blechen muß, -was Zeug haltet?“ - -„Gedulde dich bis zum nächsten Sonntag! Ich werde mich inzwischen -erkundigen! Von einem Gesetz, das die Hausarbeit der Ehefrau entlohnt, -weiß ich einstweilen nichts! Glaub auch nicht, daß es bei uns ein -solches Gesetz gibt!“ - -„So? Nicht? Na, freu dich, Alte! Ihr werd ich das Hühnerverkaufen -hinter meinem Rücken schon austreiben mit’m Haslinger!“ - -„Warte mit dem -- Haslinger bis zum nächsten Sonntag! Aufs -Wiederschauen!“ - -Insofern die übrigen Besucher verheiratet waren, hatten sie alle -das gleiche Anliegen und den Wunsch, bezüglich des neuen Gesetzes -informiert zu werden. Auch der Dorfkrämer, der davon sprach, daß er die -Hölle auf Erden habe, seit die Frau Gnugesser in seinem Hause verkehre -und sein Weib zur Freundin und Vertrauten erkürt habe. Auch andere -Weiber kommen häufig und halten Sitzungen ab, als wenn der Kramerladen -ein Weiberparlament wäre. - -„Ausstampern!“ meinte anzüglich Pater Wilfrid und schmunzelte dazu. - -„Hat sich was mit dem Ausstampern! Hasen und Katzelen kann man -stampern, nicht aber Weiberleut, wenn die Weibets -- bleiben wollen! -Einmal hab ich das Stampern probiert, ein zweites Mal tue ich es nicht -wieder! Eine Watschen hab ich erwischt, die ist nicht von schwacher -Hand gewesen! Und was mich wurmt: ich weiß nicht von wem! Kann sein, -daß es die Kramerin gewesen ist, es kann aber auch sein, daß ein -Bauernweib mir die Watschen runtergewischt hat! Jedenfalls ist keine -christliche Demut im Spiel gewesen! Drum bin ich der Meinung, daß -Hochwürden Herr Pfarrer auf der Kanzel loswettern sollten gegen die -Malefizweiber, die rebellisch worden sind! Aber, bitt schön, ausgiebig -loswettern, gesalzen und gepfeffert, ganz sakrisch, auf daß den -Revoluzzerinnen Hören und Sehen vergeht und die Augen tropfen!“ - -„Wird schon zur rechten Zeit geschehen!“ Einer Regung folgend, riß -Pater Wilfrid rasch die Türe auf. Richtig kniete die Dienerin vor dem -Schlüsselloch. Heillose Bestürzung. Wie ein begossener Pudel sprang die -Witwe Erna auf, und krebsrot im verhutzelten Gesicht hastete sie davon. - -Der Krämer rieb sich schadenfroh die Hände und freute sich mächtig. Und -lachend verließ er das Pfarrhaus. - -Pater Wilfrid eilte nun in das Schulgebäude, um den Sonntagsschülern -Unterricht in der Christenlehre zu erteilen. - -Dann ein Halbstündchen Pause für einen kleinen Imbiß und für eine -Rüge der Dienerin wegen Belauschungsversuchen von Dienstgesprächen. -Die weißhaarige Frau Erna verhalf dem jovialen Pfarrer zu einer -nicht geringen Überraschung, indem die alte Dienerin statt mit einer -Entschuldigung mit dem Vorwurf anrückte, daß Pater Wilfrid zu den -- -nichtsnutzigen, hartherzigen und grausamen Mannsbildern halte! Deshalb -sei es eine heilige Pflicht der Weiber, sich zusammenzuschließen -und alles aufzubieten, daß die segensreichen Bestimmungen des neuen -Gesetzes voll und ganz zur Durchführung gelangen... - -Pater Wilfrid griff sich an den Kopf und rief: „Ja, wie wird mir denn?“ -Die alte Witwe richtete sich gravitätisch auf, stemmte die Hände auf -die schmalen Hüften und erwiderte triumphierend: „Jawohl! Gucken Sie -nur verwundert, Hochwürden! Ihr Staunen ändert nicht das geringste an -der Tatsache, daß das neue Gesetz die Stellung der Frauen im Haushalt -und Ehestand bedeutend heben und bessern wird! Ich für meine Person -werde allerdings von dem neuen Gesetz nichts profitieren! Dennoch -erachte ich es als meine Pflicht, mich den Frauen anzuschließen und -tapfer mitzukämpfen, bis der Sieg errungen ist!“ - -Kühl gab Pater Wilfrid zur Antwort: „Gewiß, Frau Erna! Sie können -mitkämpfen, meinetwegen heldenhaft mit Schwert und Spieß, nur nicht -als Pfarrhäuserin! Bevor Sie die Waffen zum Heldenkampf ergreifen, -müssen Sie das Pfarrhaus und Ihre bisherige Stellung verlassen! Und -das heute noch! Im Hause eines friedfertigen Priesters wird eine -Revolution, die Unterstützung verrückter Frauen nicht geduldet! Eine -Stunde Zeit zum Überlegen sei Ihnen gegönnt! Ich muß jetzt wieder in -die Schule zur Christenlehre für die Mädchen gehen! Hernach ist Segen -und Rosenkranzgebet in der Kirche! Sodann geben Sie Ihre Erklärung ab! -Guten Tag, Frau Erna!“ - -Verblüfft guckte die Matrone; ihr Kopf wackelte, die knöcherigen -Finger bebten. Und weinerlich klangen die Worte: „Mit Vergunst, Herr -Pfarrer! Wenn Sie die Sach so scharf anfassen, wird es für mich wohl -gescheiter sein, wenn ich meine Finger nicht hineinstecke! Wo soll ich -altes Weibel denn ein anderes Heimatl finden, so ich aus dem stillen -Pfarrhaus außig’schmissen werd! Ich bitt um Verzeihung! Die Frauen -sollen ohne die alte Erna kämpfen und sich die Finger verbrennen! Ich -tue nimmer mit!“ - -„Gut! Dann bleibt alles beim alten! Adieu!“ - -Im Dienste vollzog sich für Pater Wilfrid die an Sonntagen übliche -Hetzjagd: Schulunterricht, nachmittägiger Gottesdienst, Beteiligung an -einer Versammlung christlicher Arbeiter. Während dieser Verhandlung -wurde der Pfarrer abberufen, er mußte dem todkranken Zirnitzbauern -die Sterbesakramente bringen. Hernach noch die Vorkehrungen für den -Todesfall treffen, Kranke besuchen und trösten. Darüber wurde es -Abend. Im Einspännerwägelchen fuhr dann der Haller Himmelsführer zurück -ins Admonter Kloster. Das Tagewerk war aber immer noch nicht beendet; -als Gastmeister des Stiftes hatte Pater Wilfrid die Pflicht, sich um -die Gäste des Klosters zu kümmern, für ihr leibliches Wohl, für gute -Unterkunft und nach Möglichkeit auch für gesellschaftliche Unterhaltung -zu sorgen. Verpflichtungen von nicht gerade angenehmer Natur, wenn der -Gastmeister so viele Sorgen im Kopfe hat. Die größte Rolle spielte das -neue „Gesetz“ und die Haller „Weiberrevolution“. Beiläufig und sehr -dunkel glaubte Pater Wilfrid sich erinnern zu können, in einer Zeitung -vor Wochen einen Artikel gelesen zu haben, der sich mit der Frage: -Entlohnung der Hausfrauenarbeit im Ehestande, irgendwie beschäftigte. -Flüchtig gelesen und schnell vergessen. Emsig suchte Pater Wilfrid -in einer hofseitig gelegenen Zelle nach jener Zeitung. Einer der -weltlichen Klosterdiener kam und meldete pflichtgemäß, daß einige -Gäste gekommen seien, die sich jetzt in der Hofmeisterei befänden. -Provisorisch hätte der Diener des Gästetraktes die Zimmer angewiesen -und das Nötige für Beherbergung besorgt. - -Rasch kontrollierte der Pater Gastmeister, ob der Rang der Gäste -mit den angewiesenen Zimmern und ihrer Ausstattung einigermaßen -übereinstimmte. Eine Umlogierung mit Verbringung des Reisegepäckes -mußte vorgenommen, Rücksicht auf Rang und Etikette, auf die -altberühmte Gastfreundschaft des Stiftes geübt werden. Nun eilte der -vielbeschäftigte Gastmeister hinauf in die im obersten Stockwerke -gelegene sogenannte Hofmeisterei. Ein großer, vielfenstriger Saal, -klösterlich einfach ausgestattet; ein Billard, von dem der Klosterwitz -erzählt, daß schon Kolumbus vor Antritt seiner Reise nach Amerika -auf diesem Vergnügungsmöbel gespielt hätte, etliche runde Tische -für Kartenspieler, an der einen Wand ein langer Tisch für Gäste und -Stiftsherren mit etlichen seltsam geformten Flaschen, die zwei Sorten -Klosterwein enthielten. Eine Kredenz mit Gläsern, ein Kleiderrechen -und ein Ständer für Zeitungen bildeten die Ausstattung des von einer -großen Hängelampe dürftig erleuchteten Saales. Klösterlich einfach und -bescheiden. Dennoch hatte dieser Raum eine Kostbarkeit aufzuweisen: die -herrliche, überwältigende Aussicht auf die „Haller Mauern“, auf das -wuchtig ragende Felsengebirge im Norden von Admont. Freilich waren von -diesen Zyklopenmauern am späten Abend nur noch die düsteren Schatten zu -sehen. - -Etliche Stiftsherren mit dem Abte, den die goldene Prälatenkette -kenntlich machte, und drei Laiengäste saßen an dem langen Tische, -rauchten und plauderten. Nippten zeitweilig vom Weine, der an Sonntagen -auf Klosterrechnung den Stiftsherren gereicht wird. Gästen natürlich -auch an Wochentagen für die Dauer ihrer Anwesenheit. - -Pater Wilfrid stellte sich den fremden Gästen als Gastmeister vor, -bat wegen verspäteten Erscheinens um Entschuldigung und verständigte -den einen Herrn wegen der Umlogierung. Und nun waltete er mit allem -Eifer seines Amtes, auf daß die Gäste rechtzeitig die Gläser gefüllt -erhielten und Unterhaltung fanden. Seine Weltgeläufigkeit wie die -höfisch geschulten Umgangsformen kamen dem Gastmeister gut zu statten -und machten den denkbar besten Eindruck. Benediktinerhöflichkeit und --gastlichkeit. - -Der vornehme Abt richtete später diskret an den Gastmeister und Haller -Pfarrer im halblauten Tone die Frage, ob dafür gesorgt sei, daß die -Fürstin von Schwarzenstein einen standesgemäßen Platz in der Haller -Kirche habe. - -Flüsternd antwortete Pater Wilfrid: „Zu dienen, Euer Gnaden! Alles in -Ordnung und prompt besorgt!“ - -Ein freundlicher Blick des Abtes glitt zum Gastmeister, ein Nicken -kündete Befriedigung und Wohlwollen. Um zehn Uhr erhoben sich die Gäste. - -Geräuschlos und flink besorgte Pater Wilfrid Licht. Und nachdem sich -die Gäste vom Abt und von den Stiftsherren verabschiedet hatten, -geleitete der Gastmeister, witzig sich als „Zimmermadel im Habit“ -vorstellend, die Gäste in ihre Zimmer, sah noch geschwind nach, ob auch -Wasser vorhanden war, und zog sich dann mit besten Wünschen für eine -„geruhsame Nacht“ zurück. - -In seiner Zelle bei traulichem Lampenschein beschäftigte sich Pater -Wilfrid noch einmal mit dem heillos unangenehmen „neuen Gesetze“. Die -Erinnerung an jenen Zeitungsartikel kehrte zurück und wurde lichter. -Und mit einem Male wußte der einsame Denker, daß der Entwurf zum -neuen Zivilgesetzbuche die Bestimmung enthält, wonach die Ehefrau ein -Drittel des Einkommens des Mannes als Entschädigung für ihre Arbeit im -Hauswesen erhalten solle. - -Noch lichter wurde die Erinnerung: Es handelt sich um den Entwurf zum -neuen Zivilgesetzbuche der Schweiz. - -„Gott sei Dank!“ murmelte Pater Wilfrid. Und wie von einer schweren -Last befreit, atmete er tief auf. - -Und dann schlug er sich mit der Hand an die Stirne in Erinnerung, daß -jener Zeitungsartikel in einem Kölner Blatte enthalten war. Und einen -Pack dieser Zeitungen hat er selbst der Frau Forstwart Gnugesser, die -um Lektüre gebeten hatte, zum Lesen gegeben. - -„Oh! Was hab ich getan?!“ stöhnte Pater Wilfrid. „Wie kann man so -unvorsichtig sein? Den Hecht in den Karpfenteich setzen!“ - -Freilich gab es eine Entschuldigung: niemand konnte ahnen, daß die -Forstwartsfrau just diesen Zeitungsartikel aufschnappen, den Entwurf -als gültiges Gesetz betrachten, die Länder verwechseln, den Entwurf -als Agitationsmittel benützen, die Weiber von Hall „revolutionieren“ -werde... - -Die mißverständliche Auffassung, die Verwechslung der Schweiz, -ermöglicht aber eine Gegenagitation, die wirksame Bekämpfung der -„Revolution“! Die Aufklärung des Irrtums durch eine Predigt von der -Kanzel aus wird und muß die Flammen der Weiberrevolution ersticken, in -der Haller Gemeinde die Ordnung und den Frieden wiederherstellen. - -Um den Frieden bei seinen Pfarrangehörigen war es Wilfrid zu tun; dem -Frieden zuliebe hat er unzählige Opfer gebracht und wird sie bringen, -solange er Himmelsführer in der Gemeinde Hall sein wird. - -So schrieb denn Wilfrid etliche Gedanken für die Predigt nieder. - -Gegen Mitternacht machte sich die Ermüdung geltend. War der Pfarrer und -Gastmeister doch seit vier Uhr früh im Dienste, ununterbrochen tätig. - -Die Feder entsank der fleißigen Hand. - -Wilfrid löschte die Lampe aus und begab sich zur wohlverdienten Ruhe. - - - - -Sechstes Kapitel - - -Vor dem Jagdschlößl im einsamen Halltale stand eines klaren Morgens -ein schmächtiger, junger Mann in alter, verwetzter Steierertracht. -Kalkigweiß die Wangen, seltsam tief, scharfblickend und flackernd die -Augen. Bartlos, frisch rasiert die Wangen. Ein Mensch, weltfremd und -dennoch welthungrig. Mit dem aszetischen Gesichtsausdruck schien der -magere junge Mann gar nicht in die Tracht zu passen, die auf einen -Bergstock gestützte Gestalt mit einem Kugelstutzen älteren Systems auf -der linken Schulter sah wie Maskerade aus. - -An scherzhafte Verkleidung, an Salontirolerei glaubte denn auch der -Kammerdiener Norbert, als er diesen „Steierer“ erblickte und wegweisen -wollte. Unmöglich konnte der junge, bleiche Mann ein Jagdgehilfe -sein: die auffallend weißen Hände, die kalkige Gesichtsfarbe sprachen -dagegen. „Sie, junger Mann, entfernen S’ Ihnen! Hier haben Sie nichts -zu suchen!“ rief er patzig. - -Gelassen erwiderte der junge Mann: „_Ave!_ Guten Morgen!“ Und -unverändert blieb er in der Stellung. - -Norbert riß es fast um. „Was haben Sie gesagt? _Ave?_ Wer sind wir -denn?“ - -„Zu dienen! Ich heiße Nonnosus, bin Admonter Novize und von Durchlaucht -hierher befohlen!“ - -„Nicht übel das! Ich weiß kein Wort! Unmöglich können Sie in dieser -Maskerade vorgelassen werden! Und was ein angehender ‚Mönch‘ im -Jagdschlößl zu tun hat, kann ich mir auch nicht denken!“ - -In hellstem Entzücken, in fanatischer Freude flammten die Augen des -Novizen auf, leise röteten sich seine bleichen Wangen, da Nonnosus -davon sprach, daß er von der Fürstin zur Jagd eingeladen sei, mit -besonderer Erlaubnis des Abtes pirschen, etliche Tage auf einer -Jagdhütte oben verbringen dürfe. „Seien Sie so gütig, Herr, und melden -Sie der Fürstin, daß der ‚Novize mit dem Jägerblut‘ gekommen ist! Die -Fürstin wird sich dann schon erinnern, daß sie mich eingeladen hat und -daß sie mich mit hinaufnehmen will! Haben Sie die Güte!“ - -Norbert schüttelte den Kopf. - -Elastisch und flink kam der fesche Jäger Eichkitz heran. Den -sonderbaren „Steierer“ erblickend, spöttelte der schmucke Jägersmann: -„Je! Was ist denn dös für ein Spatzenschrecker! Wo haben s’ denn diesen -Popanz aus’lassen? Wohl eine Vogelscheuch’n für ein Erbsenfeld?“ - -Norbert schüttelte sich vor Lachen. Und Eichkitz lachte mit. - -Ruhig sprach Nonnosus: „_Ave!_ Der Spott sei verziehen!“ - -Eichkitz grinste, hob verächtlich die Schultern und bat den -Kammerdiener um Anmeldung. „Zum Bericht auf neun Uhr von der Duhrlauch -befohlen, Herr Kammerdiener!“ - -„Das ist eine andere Wurscht! Befohlen, na gut! Wundert mich aber, weil -so früh die Fürstin sonst niemand empfängt!“ - -Pfauenstolz meinte der schmucke Jäger: „Mich schon! Ausdrücklich auf -Neuni befohlen, aufzuwarten!“ - -Norbert verschwand. Und alsbald kam er wieder, um zu melden, daß -der Herr aus dem Stift warten möge, bis der Jäger Eichkitz Bericht -erstattet habe. - -„Danke, Herr! Ich werde geduldig warten!“ erwiderte Nonnosus in -unveränderter Haltung, auf seinen Bergstock gestützt. - -Eichkitz legte im Flur Büchsflinte und Bergstock ab; mit dem -Hirschfänger an der Linken und mit dem Hütl in der Rechten stapfte er -hinauf. Und im Zirbensalon wartete er. Ziemlich lange währte es, bis -die Fürstin erschien. - -Der unvermutete Anblick überraschte ihn; denn noch nie im Leben hatte -er eine Dame im -- Jagdkleid gesehen. - -Sophie trug eine dunkelgraue Bluse aus Rohseide, darüber eine kokette -Lodenjacke, fußfrei kurz der grüne Lodenrock, Hosen von gleichem -Stoff, zierliche, bis zu den Knöcheln reichende Lederschuhe, die -notdürftig genagelt waren. Auf dem Kopfe saß ein dunkelgrüner Ausseer -Hut, geschmückt mit hellgrünem Seidenband und einem Gamsbart. Für -einige Sekunden verblüffte den Jäger Eichkitz diese Erscheinung, -besonders die Plastik der üppigen Büste und die ungewohnte Kleidung. -Doch rasch fand der junge Jäger und Weiberkenner heraus, daß dieses -schneidige Kostüm und die grüne Farbe wohl für ein hübsches junges -Mädel passe, keineswegs aber für eine Fünfzigerin. Mit vortrefflicher -Selbstbeherrschung unterdrückte er den Lachkitzel, den diese Kleidung -in ihm geweckt hatte. Eichkitz verbeugte sich und stammelte: „Gnädig -Duhrlauch haben befohlen! Ich melde mich gehorsamst zur Stelle!“ - -Lächelnd musterte die Fürstin den bildhübschen Burschen und lobte sein -pünktliches Erscheinen. „Ich möchte von Ihnen hören, ob wir wirklich -zuviel Gelttiere in den Hirschrevieren haben! Viel zuviel Kahlwild -angeblich!“ - -Die besondere Betonung des Wörtchens „angeblich“ fing der schlaue -Bursche sofort auf, er war willens, sich ganz nach der Gebieterin zu -richten und ihr zu Gefallen zu reden. Deshalb meinte er: „Ist nicht so -gefährlich!“ - -„Wieso?“ - -„Wenn gnädig Duhrlauch Kahlwild und Geltstück nicht abschießen wollen, -muß es auch nicht sein!“ - -„Also besteht kein gebieterischer Zwang?“ - -„Zu befehlen hat doch nur gnädig Duhrlauch! Das Verhältnis jagdbarer -Hirsche zum Kahlwild soll sein wie 1 zu 5! Das langt, weil ja unsere -Geweihten an Geweih und Leib eh stetig zurückgehen!“ - -„Weshalb denn?“ - -„In den Hochrevieren haben die Hirsche nicht die beste Äsung und für -Blutauffrischung ist nichts geschehen! Im letzten Winter ist die -Fütterung nicht überreichlich gewesen, weil ja die Pachtzeit ablief und -ein Käufer nicht vorhanden gewesen ist! Wenn gnädig Duhrlauch jedem -Hirsch mehr als fünf Stück gönnen wollen, hat es nicht viel auf sich! -Ganz wie Sie wollen!“ - -„Der Gedanke, Kahlwild abschießen zu lassen, ist mir unangenehm!“ - -„Muß ja nicht sein! Schießen dafür gnädig Duhrlauch die jungen Spritzer -und Schneiderhirscheln weg!“ - -„Sie meinen wohl auch, Eichkitz, daß man den Wald möglichst unberührt -lassen soll, was?“ - -„Mit Vergunst! Ich bin nur Jaager, vom Forstwesen versteh ich nichts! -Unsereiner heult um jeden Baum, der g’schlägert wird! Wie und wo soll -denn unser Hirschwild gedeihen, wenn der Wald immer weniger wird?“ - -„Danke! Ihre Liebe zu Wild und Wald gefällt mir sehr gut! Ich hatte die -Absicht, daß wir heute nachmittag zur Pyrgas-Hütte hinaufsteigen und im -dortigen Revier auf Gemsen pirschen werden! Nun aber bestimme ich, da -ja auch der Admonter Theologe bereits da ist, daß wir in einer Stunde -aufbrechen! Die Förster sollen nachkommen! Apropos: Behandeln Sie den -Admonter Theologen gut, er ist Sohn eines Jägers, hat Jägerblut in den -Adern! Er darf pirschen, er soll mal die Wonnen des Weidmannslebens -durchkosten, ich habe ihn eingeladen, er ist für einige Tage mein -Jagdgast!“ - -„Zu Befehl! Hab ihn schon gesehen! So ein -- lieber, netter, armer -Herr! Schad, daß er als Jaagerssohn Geistlicher werden muß! Wird -ihn hart genug ankommen, die Bezwingung des Jaagerblutes! Befehlen -Duhrlauch noch was?“ - -„Danke! Sie können gehen! Verständigen Sie rasch den Herrn Oberförster -und kommen Sie alsbald zurück! Wir marschieren um zehn Uhr ab!“ - -„Zu Befehl! Küß d’Hand, gnädig Duhrlauch!“ Ein huldvoller Wink und ein -Blick des Wohlgefallens. Eichkitz machte einen Kratzfuß und stelzte -vorsichtig über das glatte Parkett. - -Den erheblich gestiegenen Wert seiner Person ließ Eichkitz dem -Kammerdiener in der patzig gesprochenen Mitteilung fühlen, daß in einer -Stunde zur Pyrgas-Hütte aufgebrochen werde. „Unter meiner Führung! -Veranlassen Sie wegen Proviant und Bagasch das Weitere! Wir marschieren -Punkt zehn Uhr ab! Servus, Herr Norbert!“ - -Seinen Ohren nicht trauend, rief Norbert: „Wie? Was? Er ist wohl nicht -bei Trost?! Und den arroganten Ton verbitt ich mir! Für Ihn, den -Jagdgehilfen, bin ich der Herr Haushofmeister! Verstanden!“ - -„‚Giften‘ S’ Ihnen, wie Sie mögen, vorher aber vollziehen Sie den -Befehl der Duhrlauch! Alles herrichten und auffitragen!“ Eichkitz ließ -den Kammerdiener in heller Entrüstung stehen und begab sich hurtig zum -Theologen vor dem Jagdschlößl, dem er mitteilte, daß die Fürstin ihn -erwarte. - -„Ich danke Ihnen herzlichst, Herr Oberjäger, für Ihre Güte!“ - -Die Titelerhöhung schmeichelte Eichkitz nicht wenig, gönnerhaft und -herablassend meinte er: „Ist gern g’schehen! Springen S’ hinauf! Hohe -Herrschaften darf man nicht warten lassen!“ Dann eilte der Jäger zum -Forsthause, um den Befehl zu überbringen. Und im voraus freute er sich, -wie die Förster Hartlieb und Gnugesser bei ihrer Rückkehr aus dem -Dienst zum Mittag überrascht und verblüfft sein werden, daß die Fürstin -unter Führung des Jägers Eichkitz bereits am Vormittag ins Revier -gegangen ist. Den Befehl mußte Eichkitz schriftlich hinterlegen und -in das Schlüsselloch der Haustüre stecken, denn das Forsthaus war wie -ausgestorben, die Männer und auch Frau Forstwart Amanda waren abwesend. - -Dann wanderte Eichkitz gemächlich zum Jagdschlößl, wo unter der -Dienerschaft eine ameisenhafte Regsamkeit herrschte infolge des -überraschenden Befehles zu verfrühtem Aufbruche. - -Im Zirbensalon unterhielt sich Fürstin Sophie mit dem bleichen -Theologen im schlotternden Steierergewand. Der junge Mann mit seinen -tiefen, leidenschaftlich flammenden Augen, sein demütiges Wesen, -sein Seelenkampf wie seine Zukunft, all das interessierte die Frau -in besonderem Maße. Etwas ganz Neues im Einerlei der Bergeinsamkeit! -Dazu der prickelnde Nervenreiz für das bevorstehende Experiment auf -psychischem Gebiete: Wird des Novizen glühende Jagdleidenschaft durch -die Jagdleidenschaft erst recht auflohen zu versengender Flamme oder -infolge gesättigter Gier erlöschen? - -Zunächst fesselte die Fürstin die Art, wie Nonnosus in Dankbarkeit des -Abtes gedachte, der ihm das Studium ermöglichte und in vollendeter -Vornehmheit seines hohen Amtes so ganz anders walte, denn sonst -anderswo die Seminarvorsteher. - -„Wieso denn?“ fragte die Fürstin. - -„Durch Grundsätze und Anleitungen für die jungen Theologen! So dringt -unser _Summus Abbas_ auf Selbstbildung und Selbstzucht! Wir müssen erst -selber Pädagogen werden, meint der Abt, dann können wir auch andere -bilden! Duckmäuser, Frömmler wünscht man im Stifte nicht!“ - -„Wie denkt man im Stifte wohl über die Beziehungen der Theologen zur -Frauenwelt?“ Ein forschender Blick flog zum Novizen. - -Ruhig erwiderte Nonnosus: „Wir haben Anstandskurse im Kloster behufs -Beseitigung von Schüchternheit und Unbeholfenheit, Erzielung eines -gesetzten und sicheren Auftretens! Noblesse im Verkehr mit Frauen wird -gefordert! Entgegen dem anderswo üblichen Gebote, daß Kleriker Frauen -kaum die Hand reichen dürfen, lehrt man uns im Stifte, daß Frauen auch -Menschen seien, und daß Leute mit übertriebener Prüderie leicht und -häufig in das Gegenteil umschlagen! Unser Abt verurteilt die totale -Abschließung der Theologen von der Welt...!“ - -„Stimmt! Was denken Sie über den Hochmut?“ - -„Im Stifte lehrt man uns, daß der Priesterberuf ein hehres Amt, die -Priesterwürde hochzuhalten sei; aber die jungen Priester sollen und -dürfen sich nicht einbilden, infolge der Würde Menschen höherer Art -oder gar unfehlbar zu sein! Aus solchen üblen Auffassungen erwachsen -Hochmut und Unverträglichkeit!“ - -„Freuen Sie sich schon auf die Tage frohen Weidwerkes?“ Die Frage warf -den Theologen im Nu aus dem seelischen Gleichgewichte; Nonnosus verlor -die Herrschaft über sich, die Augen flackerten, das Blut schoß in die -Wangen, tobte in den Schläfen und machte fast schwindelig. Begeisterung -und Leidenschaft leuchtete aus den tiefen Augen, verklärte das bleiche, -scharfgeschnittene Gesicht. Wie weggeweht war in diesem Moment der -asketische Ausdruck. - -„Sie dürfen, so Sie guten Anlauf haben, Gamsböcke schießen und von -Hirschen, was Sie mit sicherem Schuß bekommen können! Weibliches Wild -muß geschont bleiben!“ - -Wie verhaltenes Jauchzen klangen die Worte: „Vergelt’s Gott -vieltausendmal für die große, große Freud!“ - -„Schon gut, junger Freund! Schnappen Sie nur nicht über!“ Und in jäher -Erinnerung an ihren Sohn, der so gar kein Jagdinteresse besitzt, -verstummte die Fürstin, und ihre Gesichtszüge verfinsterten sich. -Schatten des Schmerzes lagen auf den leise zuckenden Lippen. Doch rasch -überwand sie sich und rief nach der Kammerfrau, die beauftragt wurde, -für ein Gabelfrühstück für den Theologen zu sorgen. - -Hildegard nahm den schier taumelnden Nonnosus mit. - -Eine Stunde später wurde der Marsch zur hochgelegenen Pyrgas-Hütte -angetreten. Als Führer an der Spitze pfauenstolz, wie ein Triumphator -der Jäger Eichkitz. In einem Abstand von etwa acht Schritten folgten -die Fürstin und Martina von Gussitsch, die gleich der Gebieterin auch -ein Jagdkleid trug. Mit dem Unterschiede, daß dem jungen zierlichen -Fräulein diese einfache Kleidung entzückend stand. Hinterdrein -stapfte Nonnosus etwas unsicher, des Steigens nicht mehr gewöhnt, vom -Jagdfieber durchrüttelt, mit heißen, lodernden Augen. - -Mürrisch folgte Herr Norbert mit dem leichten Kugelstutzen der -Gebieterin und dem Wettermäntelchen. - -Frau Hildegard trug ein kleines Köfferchen und war auffallend guter -Laune. Die dralle Kammerfrau freute sich mächtig, auf der Pyrgas-Hütte -den Oberförster Hartlieb zu treffen, den sie -- ohne sein Wissen -- -in ihr Witibherz eingeschlossen hatte. Nicht mehr und nicht weniger -als Frau Oberförster wollte Hildegard werden, den Namen Schoiswohl mit -Hartlieb vertauschen, an der Seite des Jagdoberbeamten so glücklich als -möglich werden. Einstweilen hieß es freilich vorsichtig und zu Hartlieb -liebenswürdig sein... Drei Diener schleppten Decken, dickgefüllte -Rucksäcke mit Konserven usw. - -Den Beschluß der Karawane bildete ein von einem Pferde gezogenes -Schlapfenwägelchen, geleitet vom höchst verdrossenen Leibkutscher, der -ob dieser Dienstesdegradierung empört war. Wenn etwas sein umdüstertes -Gemüt trösten und aufhellen konnte, war es der Umstand, daß die Kiste -auf dem Wägelchen viele gute eßbare Sachen, Bier und Wein in vielen -Flaschen enthielt. Auf Anordnung Norberts, der nie das leibliche Wohl -bei derlei Expeditionen vergaß und mit längerem Aufenthalte zu rechnen -pflegte nach dem bewährten Grundsatz: lieber zuviel mitnehmen als -zuwenig. Demgemäß konnte die fürstliche Freßkiste gar nicht groß genug -sein. - -Ehrgeiz und allerlei Hoffnungen hatten den Führer Eichkitz -veranlaßt, ein Eiltempo anzuschlagen, das auf Dauer wohl der geübte -Hochgebirgsjäger einhalten konnte, selbst im steilen Aufstiege, nun -und nimmer aber Damen. Absicht des Triumphators war es, die Fürstin -möglichst schnell zur Pyrgas-Hütte zu bringen, früher, als die Förster -erscheinen konnten, auf daß der Jäger als der einzige anwesende -Fachmann vielleicht den Auftrag erhalten würde, die Gebieterin auf -einer Gamspirsch zu begleiten. Jagdleiter sein für den ersten Gang, -danach lechzte der ehrgeizige Bursche. - -Wie Eichkitz aber den sehr groß gewordenen Abstand, die weit -zurückgebliebenen Damen gewahrte, gab er das Eiltempo sofort auf und -blieb wartend auf dem Steige stehen. Nicht eben entzückt von der nach -seiner Meinung miserablen Steigerei der bereits puterrot im Gesichte -gewordenen Fürstin, die sich der Jacke entledigt hatte und nur mühsam -kraxelte. Flink und sicher stieg Fräulein von Gussitsch. Wie ein -Gamserl! dachte Eichkitz, dem die hübsche Hofdame arg in die Augen -stach. Ein Hoffräulein! Eine feine Abwechslung wäre das! Aber so hoch -darf man die Augen nicht heben! Soviel Vernunft besaß der Jäger denn -doch... - -Von nun an hielt Eichkitz den kurzen Abstand ein und stieg langsam, -drehte sich oft um, gleichsam in Erwartung, von der Gebieterin befragt -und sonstwie angesprochen zu werden. - -Doch Fürstin Sophie hatte mit Atemnot zu kämpfen und nicht die -geringste Lust, sich in ein Gespräch einzulassen. - -Ein Blick auf die Taschenuhr überzeugte Eichkitz, daß bei diesem -Schneckentempo alle Pirsch- und Jagdleitungshoffnungen aufgegeben -werden müßten. - -Und als auf der Plechauer Alp eine längere Rast befohlen wurde, -konnte Eichkitz leicht ausrechnen, daß in spätestens einer Stunde die -Förster im Eilmarsch ankommen werden. Groß staunte die Sennerin ob der -Tatsache, daß der Jäger Eichkitz die hohe Ehre genoß, Führer sein zu -dürfen. Das war wenigstens ein Wonnetropfen: der Jäger imponierte jetzt -der Sennerin, dem Wildkatzl! - -Geraume Zeit benötigte die ermüdete Fürstin zur Erholung. Und vom -Aufstieg zur hoch und steil gelegenen Pyrgas-Hütte wollte sie im -Sonnenbrande vorerst gar nichts wissen. Norbert erhielt Auftrag, einen -Imbiß und kalten Tee zu reichen. - -Nicht einen Bissen konnte indes Fürstin Sophie genießen. Nur vom kalten -Tee schluckte sie fleißig. - -Nonnosus befand sich in einer Beziehung in ähnlicher Lage wie die -Fürstin: er konnte den dankend angenommenen Happen Schinken nicht -essen. Hatte überhaupt kein Bedürfnis, nur das übermächtige, brennende -Verlangen, an Wild zu kommen. So nahe dem Gamsreviere, den wuchtigen -„Haller Mauern“, von Höhenluft umweht, deuchte ihm jede vertrödelte -Viertelstunde ein schrecklicher Zeitverlust. - -Und nun ließ sich die wieder zu Atem gekommene Fürstin gar in ein -leutseliges Gespräch mit der Sennerin ein, fragte um nahezu alles im -Alpbetriebe und im Leben einer „Alpenjungfrau“, und zeigte für die -nichtigsten Dinge reges Interesse. - -Wie von Eichkitz berechnet und befürchtet, kam es: plötzlich tauchte -die hagere Gestalt Hartliebs am Rande des Almbodens auf. Und wie er -sich der Plechauer Hütte näherte, in deren Schatten die Karawane -lagerte, schleppte schier zerfließend der Forstwart Gnugesser -sein Bäuchlein über den grünen Rasen. In Strähnen flatternd der -fuchsige Patriarchenbart. Bergmännlein schwitzend, wie Neuschnee -in der Julisonne... Das große rote Taschentuch konnte das viele -„Schmelzwasser“, so von Stirne, Wangen und Nacken rieselte, nicht mehr -aufsaugen. - -Trotz alledem: pünktlich war Benjamin doch heroben! - -Die Förster meldeten sich bei der Fürstin und wurden belobt, so -herzlich belobt, daß der in der Nähe stehende Jäger Eichkitz Essig im -Munde zu haben glaubte. Und dieser Essig verwandelte sich in bitterste -Galle, als der Befehl erteilt wurde: Alles voraus zur Pyrgas-Hütte! -Hartlieb sollte den Theologen an die Gams bringen! Fräulein von -Gussitsch und Norbert haben zu bleiben als Schutz für die Gebieterin! -„Ich werde erst in der Abendkühle hinaufkommen!“ sprach die Fürstin. - -Wieder einmal anders disponiert! Aber schließlich begreiflich. In der -Nachmittagssonne steil im Gewänd aufsteigen, ist nicht jedermanns -Sache. Und Damen sind keine berggewohnten Jagdgehilfen... - -Auf dem abendlichen Pirschgange hatte Oberförster Hartlieb an dem ihm -anvertrauten Theologen nur zwei Ermahnungen gerichtet: Auf den Wind -achten und nicht übereilt und nicht zu weit schießen. - -Nonnosus, vom Jagdfieber erfaßt, hatte nur nicken können, das Sprechen -war ihm unmöglich geworden; wie zugeschnürt war ihm der Hals. - -Beim Betreten einer Mulde gab Hartlieb das Zeichen zur Wahrung größter -Vorsicht, indem er den Zeigefinger auf den Mund legte. - -An der Buchtung der von Latschen bestandenen und von Grasbändern -durchzogenen Mulde, etwa drei Büchsenschuß entfernt, ästen am Fuße -einer Felswand vier Gams ohne Kitze. Ein kapitaler Bock war darunter, -ein „alter Herr“ vermutlich, mißtrauisch, denn oft warf er auf und -sicherte. - -Ein Näherkommen war unmöglich, die Entfernung für einen sicheren Schuß -viel zu weit. Unmöglich auch eine Erörterung des Jagdplanes und der -durch Sonne und Wind kompliziert gewordenen Situation. Hartlieb hatte -nicht geglaubt, daß an der Buchtung um diese Stunde gute Gams stehen -werden, die Böcke weiter oben vermutet. Noch beschien die Sonne einen -Teil der Hänge, die obere Felsmauer stand hell im scheidenden Licht, -demgemäß mußte mit Sicherheit angenommen werden, daß der Wind aufwärts -streichen wird. Aber der Zeit nach müssen bald die Abendschatten -zu ziehen beginnen, der Wind muß umschlagen und von oben wieder -herabstreichen. In diesem sehr bald zu gewärtigenden Umschlag lag die -Komplikation, das Übersteigen der Gams war sehr erschwert, zwecklos im -Moment, da der Wind wechselt und von oben herabzieht, dem Wilde die -Menschenwitterung zuträgt. - -Einen Moment stand Hartlieb wie angemauert; plötzlich ließ er sich -geräuschlos nieder. Und wie vom Blitz getroffen sank hinter ihm der -Novize lautlos zu Boden. Nonnosus hatte den sichernden Bock rechtzeitig -eräugt, die schwere Gefahr einer Vergrämung augenblicklich erfaßt. - -Ein Überlegen nun ohne jedes Verständigungsmittel. Und zuwenig Deckung. -Die Schußdistanz zu weit. Und die Zeit drängte, für ein Übersteigen des -kleinen Rudels war es nun schon zu spät. - -Langsam und lautlos schob Hartlieb sich über das Geröll etwas -vorwärts. Nonnosus kroch vorsichtig nach, die scharfen Augen auf den -mißtrauischen Bock gerichtet, der sich mählich beruhigte und wieder zu -äsen begann. - -Auf etliche Manneslängen konnten die beiden sich vorwärtsschieben, bis -zu einem Latschenschopf, der die letzte kleine Deckung bot. Darüber -hinaus war das Gelände völlig offen. - -Hartlieb lag still wie ein Holzklotz. Unbeweglich auch Nonnosus, obwohl -die spitzen Steine sich in die Hände und Knie bohrten. Doch in heißer -Erwartung, in glühender Jagdleidenschaft achtete der Theologe dieses -körperlichen Schmerzes nicht, fühlte ihn kaum. Viel wichtiger war -die Abschätzung der Distanz, die Selbstbezwingung, das Niederkämpfen -des lockenden Gedankens, auf so große Entfernung zu schießen. Eine -Seelenmarter wurde es, der psychische Kampf viel schwerer denn die -Entsagung des Klerikers auf die Freuden der Welt. Unmöglich ein Wink, -ein Wort des Rates vom erfahrenen Jagdleiter, der wie tot am Boden lag. - -Sachte begannen die Abendschatten ihr wundersames Spiel im leisen -Ziehen. Das Schußlicht minderte sich. - -Der Bock verließ das Rudel, zog weg, verschwand zuweilen zwischen -Felsen und Latschen. Aber er kam immer wieder an den Standort, um den -Schützen zu peinigen. Und mehrmals stellte der Bock sich wannenbreit, -lockend zum Schusse. - -Nonnosus war am Ende seiner Willenskraft. Mit äußerster Mühe -unterdrückte er ein Stöhnen, das der Seelenkampf, die aufs höchste -gesteigerte Leidenschaft und die nun drängende Schießwut dem -Gemarterten erpressen wollten. - -Der regungslos liegende Jagdleiter staunte in Gedanken über das -korrekte Verhalten seines Begleiters, über die Seelenstärke, die den -mehr als gewagten, unweidmännischen Schuß nicht zuließ. Manchmal, für -Augenblicke, erwartete Hartlieb aber doch, daß es knapp hinter ihm -krachen werde, denn Nonnosus war ja nicht Fachmann, nicht gewöhnt an -solchen „Anblick“. - -Noch ein Moment größter Spannung: Nonnosus nahm den Stutzen an den Kopf -und versuchte zu zielen. - -Also doch! Sicher ein Fehlschuß bei schwindendem Licht! dachte Hartlieb -und wünschte von Herzen, daß die Kugel am Kapitalen vorbeifliegen möge. - -Aber der tapfere Theologe bezwang sich und schob den Stutzen von sich. - -Der Kapitalbock verschwand hinter einem Felsen. Und das Rudel empfahl -sich und zog gelassen weiter. - -Die Dämmerung wob dunkle Schleier um die Stätte eines harten -Seelenkampfes. - -Der letzte Schimmer auf der Pyrgas-Spitze erlosch, als sich die Herren -erhoben. - -Hartlieb reichte dem heldenhaften Theologen die Hand und sprach im -Tone aufrichtiger Bewunderung: „Brav gemacht! Meinen vollsten Respekt! -So kann nur der echte Weidmann handeln! Meine Hochachtung für Ihre -erstaunliche Willenskraft!“ - -„Fast wäre ich doch im letzten Augenblick der überstarken Versuchung -erlegen! Ich darf also Ihr Lob nicht annehmen! Doch lieber geschneidert -heimgehen, als belastet sein mit einer Jagdsünde!“ - -„Morgen ist auch Jagdtag! St. Hubertus wird Sie schon belohnen und -Diana gnädig sein!“ - -Geschäftig frohes Leben herrschte auf der Pyrgas-Hütte, als Hartlieb -und Nonnosus ankamen. Das Diner wurde eben serviert. Norbert hatte -es wichtig mit dem Bedienen der Damen, die vor dem Anbau auf einer -Bank saßen und vergnügt über die primitive Art dieser Hofjagdtafel -kicherten. Der ins Freie gebrachte Tisch wackelte bedrohlich, wenn die -Damen Fleisch schneiden wollten, die Gläser wollten nicht stehenbleiben. - -Flink kniete Eichkitz nieder, um Abhilfe zu schaffen, indem er -den Tischfüßen an der abschüssigen Stelle zusammengebogene Briefe -unterlegte. - -Dies bemerkend, meinte Fürstin Sophie gutgelaunt: „Wohl Liebesbriefe, -Eichkitz, was?“ - -„Nicht ganz erraten, Duhrlauch! Nur unbezahlte Rechnungen! Hat also -nichts zu bedeuten, wenn die Briefeln etwa gelesen werden!“ - -„Sie schreiben wohl keine Liebesbriefe, was?“ - -„Nein, Duhrlauch! Ich mach so was immer mündlich ab! Ist sicherer!“ - -Ein großes Stück Roastbeef belohnte Eichkitz für seine Bemühung. - -Hartlieb, Nonnosus und Gnugesser wurden eingeladen, am Tische der -Damen zu speisen. Da es an Stühlen mangelte, wurde die Bank aus der -Jägerstube herausgebracht. - -Nonnosus sollte Bericht erstatten. Demütig bat er um Dispens. Für ihn -ergriff Hartlieb das Wort und lobte die Selbstbezwingung des Theologen -mit Wärme. - -Die Fürstin dankte für diese Enthaltsamkeit und versprach dafür zu -sorgen, daß Nonnosus morgen sicher zu Schuß kommen werde. - -In einen Wettermantel gehüllt, von Hartlieb begleitet, unternahm -Fürstin Sophie noch eine kleine Promenade. Es wurde ein Gamstrieb für -den Vormittag angeordnet. Hartlieb machte zwar aufmerksam, daß in den -Pyrgas-Revieren nie „getrieben“ worden sei, selten „gedrückt“; aber die -Gebieterin bestand auf ihrem Willen. Sie schränkte den Befehl aber dann -doch ein, indem sie dem Wunsche Ausdruck gab, es möge für Nonnosus -„geriegelt“ werden. Eichkitz und der Forstwart sollen in die „Sauwiel“ -steigen und von oben die Gams herabdrücken zu den von der Fürstin und -von Nonnosus bezogenen Ständen. Je ein Gams genüge für die Schützen. - -„Zu Befehl, Durchlaucht! Ich werde am frühesten Morgen die Stände -herrichten! Gute Nacht, Durchlaucht, angenehme Ruhe!“ - -Nur flüchtig konnte Hartlieb noch einen Blick von Mustela, vom -zierlich-hübschen Hoffräulein erhaschen. Ein funkelnder Blick wie von -Marderlichtern im Dunkel der Nacht. - -Die Damen zogen sich in den Anbau zurück. Die Kammerfrau flüsterte -dem Oberförster die Frage zu, ob er wohl mit allem Nötigen versorgt -sei oder besondere Wünsche hege. Kühlhöflich lehnte Hartlieb alles -dankend ab. Und merkte gar nicht, wieviel Zärtlichkeit Hildegard in den -Flüsterton gelegt hatte und wie heiß ihre Augen flammten. - -Schwer enttäuscht huschte die Kammerfrau dann in den Damenanbau. - -Alles „Männervolk“ nächtigte in der alten Hütte. Der Theologe durfte -auf einer Holzbank liegen, eine Rücksichtnahme auf seinen Stand. - -Der Morgen ließ sich trüb und nebelig an. Und sehr spät wurde es, bis -die Fürstin erschien. Für das „Riegeln“ war alles vorbereitet. Eichkitz -und Gnugesser saßen wohl schon oben in der „Sauwiel“ und froren im -Nebel und warteten auf den Hebschuß, der als Zeichen des Jagdbeginnes -vereinbart worden war. Aber dieser Schuß fiel nicht, da die Fürstin -immer wieder Befehle zu erteilen hatte und von der Hütte nicht -wegzubringen war. Hartlieb wartete geduldig zwar, doch auch ziemlich -verdrossen. Und Nonnosus bebte vor Freude und Jagdlust. - -Endlich war es so weit, daß zu den Ständen gegangen wurde. Nonnosus -erhielt seinen Stand angewiesen und erkannte nun sofort, daß es sich -um eine kleine Treibjagd handeln wird. Ängstlich flüsterte er dem -Jagdleiter zu: „Verzeihung! Ich darf nur pirschen!“ - -Hartlieb konnte keine Antwort geben, es rief ihn die Fürstin zu sich. - -Sehr einfach, doch recht praktisch war für den Theologen ein Sitz -errichtet in der Weise, daß der Schütze den Anlauf in der Flanke -bekommen muß. Unbehindert der Anschuß. Der Theologe mit dem Jägerblut -kämpfte hart und schwer um einen Entschluß, denn mit aller Klarheit -erinnerte er sich der Vorschriften, die dem Kleriker die _venatio -clamorosa_, die lärmende Jagd, verbieten. Zur Pirsche war er -eingeladen, heute aber eine Treibjagd befohlen. Was soll der Theologe -nun tun? Sitzenbleiben und zuschauen, wie die Gams vorüberspringen -werden? Oder schlankweg den Stand verlassen, gehorsam den Vorschriften? -Und was wird die Fürstin sagen, die doch mit besonderer Rücksicht auf -ihn diese Treibjagd angeordnet hat, auf daß er sicher zu Schuß komme? - -In dieser Gewissensklemme stellte sich ein Beschwichtigungsgedanke ein: -bezüglich der _venatio clamorosa_ ist ausdrücklich die Jagd mit Hunden -verboten; auf Gams wird aber nie mit Hunden „geriegelt“; also kann der -Kleriker sich an dieser Jagdart beteiligen. - -Recht wohl befand sich Nonnosus bei dieser Beschwichtigung des -Gewissens nicht. Er blieb auf dem Stand und rang sich zu dem -Entschlusse durch, das Wild unbeschossen zu lassen und später auf -eventuellen Vorhalt zu erklären, daß er wegen ungenügender Sicherheit -im Ansprechen des Geschlechtes auf das Dampfmachen verzichtet habe. -Eine Notlüge wird das sein, um den Vorschriften zu gehorchen und -Rücksicht auf die Fürstin zu üben. - -Der Hebschuß fiel, vom Oberförster abgefeuert, als die Fürstin endlich -schußbereit war. - -Eine Viertelstunde später machten Eichkitz und Gnugesser durch -Einsteigen in die Wände das Krickelwild hoch. Das etwas schmale Terrain -gestattete den flüchtenden und herunterstürmenden Gemsen nicht die -hübsche Entfaltung der breiten Front in schnellster Vorwärtsbewegung. - -Ein Schuß vom Stande der Fürstin löste sie in hastende Rudel auf. - -Schon der Hebschuß hatte im Nu den so mühsam errungenen Entschluß des -Theologen zum Verzicht umgestoßen. Die bebenden Finger schoben die -Patronen in die Kugelläufe und zogen die Hähne auf. Und wie dann Diana -sich gnädig zeigte und dem Schützen einen guten Anlauf gewährte, da -siegte die Jagdleidenschaft über sämtliche kanonischen Vorschriften. -Die Büchse flog an die Wange, das scharfe Jägerauge suchte unter dem -anlaufenden Krickelwilde einen guten Bock aus, die „Fliege“ faßte -Haar, zog mit, fuhr entsprechend vor, und alsbald schlug die Kugel. -Stürzend quittierte der Gams den Schuß, der Bock rutschte, versuchte -hochzukommen, doch rasch entwich die Lebenskraft. - -Eine zweite Kugel warf eine auffallend starke Geltgeiß um. Schnell lud -Nonnosus wieder. Das Gros im Trieb war vorüber. Doch ein Nachzügler -kam gehumpelt, ein Bock mit seltsam verkrüppeltem linken Hinterlauf. -Sichtlich sehr pressiert wegen der Annäherung der Treiber, aber -infolge von Schmerzen im kranken Hinterlauf gehindert, das rettende -Fluchttempo anzuschlagen. Aus Mitleid und Barmherzigkeit feuerte -Nonnosus und fehlte. Die zweite Kugel warf den Bock um, doch stand er -wieder auf und blieb dann mit gekrümmtem Rücken stehen. - -Wieder schob Nonnosus Patronen ins Lager. Der Fangschuß ging zu hoch, -erst die vierte Kugel beendete die Leiden des Kranken. - -Der Trieb war zu Ende. Für Nonnosus begann jedoch die seelische -Bedrängnis, da der Blick auf seine Strecke fiel. Zwei Böcke und eine -starke Geltgeiß! Erlegt in einer Treibjagd. _Venatio clamorosa!_ -Trotz aller Vorschriften! Schier schwarz ward es dem Theologen vor -den Augen, da er an die Folgen dieses Vergehens dachte. Unselige -Jagdleidenschaft... - -Entblößten Hauptes, mit gesenktem Blick, erwartete Nonnosus die -Fürstin, fest entschlossen, um sofortige Entlassung behufs Rückkehr in -das Stift zu bitten. - -Aber es kam anders. Schon auf eine Distanz von einem Dutzend Schritten -rief die übelgelaunte Fürstin: „Was war denn das für eine Kanonade bei -Ihnen? Wer wird denn so gamshungrig sein! Sie wissen doch, daß ich -hegen will! Sie dezimieren mir ja mein Wild! Übermitteln Sie dem Herrn -Abte beste Grüße!“ - -So viel verstand Nonnosus nun, daß er entlassen war, in vollster -Ungnade entlassen, und daß er sich schleunigst zu verflüchtigen habe. -Er stammelte etliche Dankesworte und trollte dann eiligst ab... - -Verärgert klagte die Fürstin zu Hartlieb über Schießwut und -Undankbarkeit. - -„Halten zu Gnaden, Durchlaucht! Es ist mit echter Jagdpassion ein eigen -Ding, die Selbstbezwingung ist sehr schwer, zuweilen ganz unmöglich! -Es ist meine Schuld, daß der Theologe den guten Anlauf ausgenützt hat, -denn ich hatte vergessen, dem Theologen mitzuteilen, daß Durchlaucht -nur ein Gams bewilligt hatten! Der Abschuß des kranken Bockes mit dem -verkrüppelten Hinterlauf ist unter allen Umständen weidmännisch korrekt -zu nennen, dieser Abschuß war geboten und hätte auch gegen den Befehl -erfolgen müssen!“ - -„Was? Nicht übel! Meine Befehle müssen stets beachtet werden!“ - -„Gewiß, Durchlaucht, beachtet! In jagdlichen Angelegenheiten ist der -Vollzug hingegen auf die Möglichkeit beschränkt! Oberstes Gesetz ist -stets die weidmännische Handlungsweise!“ - -„Ich bin sehr erstaunt, solche Äußerungen zu hören!“ - -„Halten zu Gnaden, Durchlaucht! Krankes Wild muß vom Personal oder von -geladenen Gästen unbedingt abgeschossen werden; es ist heilige Pflicht, -die Leiden zu beenden!“ - -Spitz erwiderte die Gebieterin: „Ja doch, selbstverständlich! -- Sie -haben kürzlich wegen Schlägerung angefragt! Ich wünsche, daß die -Schlägerung unterbleibt!“ Und nun fügte Fürstin Sophie genau die vom -Jäger Eichkitz geäußerten Worte hinzu: „Wo sollen denn unsere Hirsche -leben und gedeihen, wenn der Wald immer weniger wird!“ - -Trocken murmelte Hartlieb: „Zu Befehl, Durchlaucht!“ - -Am Abend dieses getrübten Jagdtages saß Martina von Gussitsch wieder -in ihrer Stube der Villa im einsamen Halltale und kritzelte etliche -Bemerkungen in das „Tagebuch“. - -„Was die Diener bei Hof mit dem Ausdruck ‚Herhängen‘ meinen, weiß -ich jetzt aus eigener Erfahrung. Wenig zu tun haben und doch wie ein -Kettenhund angehängt sein! Für mich lautet es natürlich feiner: ‚zur -Disposition stehen‘! War das ein ‚Vergnügen‘ auf der Pyrgas-Jagdhütte!! -Nichts zu tun, nichts zu lesen, keine Gelegenheit zu irgendeiner -Selbstbeschäftigung! Beschränkt die Räumlichkeiten aufs äußerste! -Absonderung unmöglich! Dazu noch die untertänige und doch freche -Zudringlichkeit der Kammerfrau Hildegard, die, wie mir scheint, es -wagt, die Augen zu Hartlieb zu erheben! So eine Frechheit! Aber -Hartlieb ignoriert sie! Auf der Hütte war es ein höheres Mopsen. Gegend -ja allerdings imponierend, bei Nebel freilich weniger großartig! Und -wie der Wind in der Felsenwelt gern und häufig umspringt, so auch die -Meinungen, Ansichten usw. Launen der gnädigsten Gebieterin. -- -- -Hui, wie schnell verflog doch das Jagdinteresse! -- Und wie schnell -vollzog sich die Übersiedlung von der Pyrgas-Hütte herunter in die -Villa! Mit nahezu nüchternem Magen, denn das Gabelfrühstück wurde -abgesagt! Der ‚Strecke‘, den erlegten Gemsen, nicht ein Blick gegönnt! -Ich verstehe -- leider -- vom Jagdbetrieb, vom Jagdwesen usw. nichts, -aber so etwas wie eine Ahnung habe ich doch, daß ‚unser‘ Jagdbetrieb in -seiner Unbeständigkeit nicht der richtige sein kann. Wetterwendisch, -ohne Rücksicht auf weidmännische Sitte und Brauch! Mit dem Oberförster -Jagdleiter Hartlieb und der Gebieterin muß es ‚etwas‘ gegeben haben, -irgendeinen Verdruß; kein Wunder übrigens, wenn der Jagdleiter ob -dieses Kuddelmuddels verdrossen ist. Auch über die Bevorzugung eines -Jagdgehilfen über den Kopf des Oberbeamten hinweg. Der Eichkitz muß bei -solcher Verhätschelung bald frech werden, wenn er es nicht schon ist. -Ob sich Hartlieb diese Eingriffe in seine Kompetenz, die Ignorierung -des Instanzenzuges auf Dauer gefallen lassen wird? Hartlieb in seinem -Ernst sieht nicht darnach aus! Zu ernst, sehr verschlossen; aber -männlich, korrekt, zweifellos ehrlich: ein richtiger Mann in des Wortes -bester Bedeutung. Vielleicht durch den rauhen harten Dienst ein bisserl -‚eckig‘ geworden; sicher alles, nur kein Hofmann! Aber wie er ist, -mir gefällt er sehr gut; die ‚Ecken‘ könnten abgeschliffen werden von -sanfter Frauenhand... Ach du lieber Himmel! Wohin verirren sich die -Gedanken?!! So ‚heiß‘ kann Liebe ja gar nicht sein, um lebenslang und -besonders im Winter hier auszuhalten; ein solches Opfer kann es nicht -geben! Das Diktum von der ‚alles besiegenden Liebe‘ gilt nicht für das -Halltal, weil unmöglich! Übrigens bin ich nicht in Hartlieb verliebt! -Nein! Er gefällt mir sehr gut; das ist alles und sicher nicht viel! -_Ecco la verità!_“ - - - - -Siebentes Kapitel - - -Pater Wilfrid, der „Hofpfarrer“ von Hall, hatte einen schlimmen Tag -hinter sich, als er nach Admont zurückkehrte in nichts weniger denn -rosiger Laune. Was für einen Krach hatte es beim Spielbüchlerbauern -wegen der Verlegung des Requiem gegeben! Für den 30. August hatte -dieser Bauer einen Trauergottesdienst zum Gedächtnisse eines Verwandten -bestellt, und der Pfarrer hatte diesen Jahrtag notiert. Somit wäre -diese Angelegenheit in Ordnung gewesen, wenn nicht auch die Fürstin -von Schwarzenstein auf den gleichen Tag ein Requiem zum Gedächtnisse -des seligen Gemahls bestellt hätte. Dieser Frau mußte doch, obwohl -die Anmeldung verspätet einlief, der Vortritt eingeräumt werden. -Von dem Grundsatze: „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“ wollte der -Spielbüchler aber nicht abgehen, mit erschrecklicher Deutlichkeit hatte -er sich dahin geäußert, daß er auf die Fürstin von Schwarzenstein -- -huste, soweit die deutsche Zunge klinge. Eine niedliche Bescherung -für den Haller Pfarrer! Aber als Diplomat wußte sich Pater Wilfrid -doch zu helfen, indem er die heikle Angelegenheit auf ein Gebiet -hinüberschob, wo der Spielbüchler empfindlich und zu treffen war: -Wildschadenvergütung! Auf die Anspielung, daß der Mangel an Rücksicht -die Fürstin veranlassen werde, künftig dem Spielbüchlerbauern gegenüber -die Wildschadenvergütung nicht mehr mit Noblesse in gewünschter Höhe -zu bewilligen, reagierte der Bauer doch und er erklärte, einen Tag -warten zu wollen, wenn der Pfarrer garantiere, daß die Verschiebung des -Requiems dem Verstorbenen nicht wehe tun werde. Diese Garantie konnte -der Pfarrer geben mit gutem Gewissen. Nach dem Krach war also der Zweck -doch erreicht worden. - -Hingegen blitzte der gewandte, erfahrene und weltkundige Pater -Wilfrid bei Amanda Gnugesser jämmerlich ab. Die Försterin gab ihm -zwar die Zeitung zurück, aber sie weigerte sich mit erstaunlicher -Entschiedenheit, die Agitation für die Vergütung der Arbeit der Ehefrau -im Haushalte aufzugeben. Auf Grund des neuen Gesetzes müsse das hohe -Ziel in jeder Familie erreicht werden. Und die Agitation sei auch -bereits im besten Zuge, werde alsbald zu vollem Erfolge führen. - -Vergebens hatte Pater Wilfrid aufmerksam gemacht, daß der Gesetzentwurf -in der -- Schweiz, nicht hier im Lande geplant sei, also von einer -gültigen Gesetzesbestimmung gar nicht gesprochen werden könne. -Hartnäckig hielt Frau Amanda am segensreichen Prinzip dieser -Frauenfrage fest, die Verbesserung der Rechtslage müsse errungen -werden, und es sei ganz gleichgültig, von wem die Anregung zur -Entlohnung der Frau im Ehestande ausgegangen sei. Tue der Staat nicht -mit, wolle man diese hochwichtige Frauenfrage nicht im Wege eines -Staatsgesetzes erledigen, so werde eben der Privatweg beschritten, der -Kampf mit den Ehemännern in Hall von den Weibern ausgefochten werden. -Die Männer müssen zahlen, egal, ob ihnen die Augen tropfen. - -Pater Wilfrid verbot dann jedwede Agitation in seinem Pfarrsprengel. - -Frau Amanda aber lachte ihn aus, verwies auf die Tatsache, daß -die Haller Weiber bereits revolutioniert seien, und daß die -Fürstin von Schwarzenstein auf Seite der Frauen stehe, mit der -Entlohnungsbestrebung wärmstens sympathisiere. - -Unter solchen Umständen konnte ein weiterer Disput mit dieser hitzigen -Frau keinen Zweck mehr haben. Einstweilen mußte der Pfarrer den Rückzug -antreten. Demnächst aber wird der Kampf aufgenommen werden, und zwar -von der Kanzel aus. - -Im Stifte suchte Wilfrid den Archivar Pater Leo auf, der gleich ihm -Pfarrer des Nachbardorfes Weng ist, also ein spezielles Interesse -für die Haller Frauenrevolution haben mußte. Pater Leo sprach denn -auch offen die Befürchtung aus, daß die Funken und Flammen dieser -Weiberrevolution nach Weng überspringen und überschlagen werden, und -daß es kaum möglich sein werde, mit einer Predigt die rabiat gewordenen -Frauen zu besänftigen. - -„Ein anderes Mittel zur Bekämpfung der Revolution steht uns aber nicht -zu Gebote!“ meinte Pater Wilfrid. - -„Zunächst freilich nicht, uns wenigstens nicht! Du wirst gut tun, -deine Fürstin zum Abrücken von der Haller Frauenrevolution zu -veranlassen! Tut die Fürstin nimmer mit, so schwindet der Nimbus, die -damischen Weiber werden stutzig, wahrscheinlich durch den Rückzug der -Fürstin doch etwas eingeschüchtert werden! Wenn die Flammen nach Weng -überschlagen, werde ich als Wenger Pfarrer alles aufbieten, um den -Männern das Rückgrat zu steifen! Und das wird gelingen, denn wo die -Bauern zahlen sollen, werden sie sehr rasch bockbeinig und schwerhörig. -Gehe hin und tue desgleichen, viellieber Bruder im Herrn!“ - -„Ganz gut! Und wie soll ich meine Fürstin zum Abrücken veranlassen?“ - -„Ja, das weiß ich nicht, ich bin ja kein Hofmann! Bring ihr bei, daß -die Beteiligung an der Frauenrevolution Kosten verursacht, daß die -Fürstin blechen, die Löhne ihrer verheirateten Diener und Beamten -aufbessern muß, wenn die von ihren Frauen geschröpften Diener und -Beamten die Weiberarbeit im Haushalt entlohnen sollen! Vom Gehalt -können die Ehemänner das ja nicht leisten! Hört die Fürstin, daß die -Liebäugelei mit der Frauenbewegung sie schwer Geld kostet, dann, meine -ich unmaßgeblich, wird die Frau mit aller Beschleunigung krebsen!“ - -„Der Rat ist gut und beachtenswert! Ein gerissenes Herrchen, der -vielliebe Amtsbruder!“ - -„Ach wo! Minimale Lebensweisheit, daß Geld überall eine gewichtige -Rolle spielt! Von Gerissenheit keine Spur! Und tausend Meilen entfernt -vom klugen und gewandten -- Eisenbaron!“ - -Wilfrid lachte zu dieser harmlos gemeinten Stichelei auf seine adelige -Abstammung. Und dann fragte er, ob Gäste im Stift angekommen seien, und -was es sonst Neues _intra muros monasterii_ gebe. - -„Nicht viel, das Wenige aber schön und erquickend!“ Und nun berichtete -Pater Leo über den Stand der Jagdangelegenheit des Novizen Nonnosus, -der dem Abte Vergehen, Beteiligung an einer Treibjagd, der dem Kleriker -verbotenen _venatio clamorosa_, rückhaltlos eingestanden und demütig um -Bestrafung gebeten habe. - -„Na, was hat der _Summus Abbas_ verfügt?“ fragte in offensichtlicher -Spannung Pater Wilfrid. - -„Wie mir der Abt mitteilte, will er den Nonnosus der Heilsamkeit -wegen einige Tage zappeln lassen, dann aber verzeihen und von jeder -Bestrafung absehen. Wie der _Abbas_ den ‚Fall Nonnosus‘ auffaßt, liege -ein direkt straffälliges Vergehen gegen die kanonische Vorschrift -nicht vor; verboten sei die _venatio clamorosa_, den Ausdruck -‚Riegeljagd‘ wende der betreffende Paragraph nicht an, also habe der -Grundsatz zu gelten: ‚Strafgesetze sind streng zu interpretieren, -Analogien sind nicht zulässig, _in dubio pro reo_!‘ Der _Abbas_ -erklärt, daß demnach die Erledigung der Sache in eigener Kompetenz -zulässig, die Meldung an den Bischof nicht nötig sei! Die milde -tolerante Behandlung werde eine viel bessere Wirkung bei Nonnosus -erzielen denn eine harte Bestrafung! Und so glaubt der _Abbas_, daß -der Novize im Laufe der Zeit seine Jagdleidenschaft überwinden werde! -Wohlwollen und Liebe seien gute Heilmittel, sagte der _Abbas_, und mit -feinem Lächeln fügte er bei: ‚_studeat plus amari quam timeri_‘!“ - -Freudig berührt, begeistert sprach Pater Wilfrid: „Ja, unser _Abbas_! -Eine Perle! Gott erhalte ihn uns ungezählte Jahre!“ - -„Ganz meine Meinung! Und noch eine Neuigkeit haben wir im Hause! Die -erquickende Milde des _Abbas_ hat dem anderen Novizen, Modestus, den -Mut gegeben, sich dem Abte anzuvertrauen. Geständnis: Kein Beruf zum -Priester und erst recht nicht für das Klosterleben! Will Medizin -studieren!“ - -„Alle Wetter, so’ne Bescherung! Auf Stiftskosten studiert und jetzt -ausspringen! Was hat denn der Abt gesagt?“ - -„Wunderschönes Diktum! _Summus Abbas_ sprach: ‚Wir können auch -tüchtige, christlich denkende Ärzte brauchen, die das Ordenswesen -aus eigener Erfahrung kennen!‘ Und der _Abbas_ will auch uns, _id -est conventus_, angehen, nach Maßgabe der Stiftsverhältnisse eine -Unterstützung zu bewilligen! Erquickende Toleranz, was?“ - -„Wahrhaftig erquickend! -- Nun aber Schluß! Ich bin rechtschaffen müde! -Muß aber noch die Kampfpredigt endgültig zu Papier bringen!“ - -„Wünsche viel Vergnügen und gute Verrichtung _ad hoc_! _Salve!_“ - -Die Patres-Pfarrer trennten sich, und Wilfrid suchte seine Zelle auf -und schrieb fleißig in die Nacht hinein mit gutem Erfolge... - - * - -Mit dichtem, langsam ziehendem Allerheiligen Nebel begann der Morgen -des Augustsonntages. Kühl war es im einsamen Halltale, frostig in -den Gemächern der Villa. Die Bewohner fröstelten wohl alle, bis auf -die Köchin in der Küche, wo es wohlig warm war. Und auch Fürstin -Sophie empfand die Morgenkühle in dem Moment nicht, da die Kammerfrau -Hildegard auf silberner Platte einen soeben eingelaufenen Brief -überreichte. Vor der Vertrauten gab sich die Fürstin nicht die Mühe, -ihre Erregung zu verbergen; sie griff hastig nach dem Briefe und -sprach: „Ich werde klingeln!“ - -Hildegard verschwand. - -Gierig begann Sophie die zweite Epistel des Sohnes, aufgegeben in -Dessau, zu lesen. Mit Überfliegen der Schilderung, die Emil von der -hübschen, prächtig entwickelten Muldestadt gab. - -„Denk Dir nur, liebste Mama: der Herzog führt Allerhöchst persönlich -in seinem Theater die Regie, er ist der erste und letzte auf den -Theaterproben, kümmert sich um Kostüme, Szenerie, Dekorationen, -macht Dienst als Beleuchtungskontrolleur, prüft die Leistungen des -Orchesters und Kapellmeisters, kontrolliert die Tempi, kurz er leitet -alles selbst. Glaube aber ja nicht, liebste Mama, daß der Herzog bei -dieser verblüffenden Tätigkeit etwa ein G’schaftlhuber ist. Er ist -Fachmann durch und durch, seit vielen Jahren. Übrigens weiß ja die -heutzutage sich für Kunst interessierende Welt, daß dieser Sproß des -Hauses Askanien ein genialer Regisseur für Richard Wagner und die -musikdramatische Kunst ist, ein Bahnbrecher, der die Edeltraditionen -eines gesunden Originalstiles der deutschen Bühne mit produktivem -Geiste lebendig in seiner Person verkörpert! Alle Welt weiß das seit -vielen Jahren, nur ich habe es nicht gewußt! Zu Dessau an der Mulde, -wo die Leute halb sächsisch und halb berlinisch sprechen, habe ich -erkannt, daß ich von Wagnerscher Musik und Kunst jetzt halb soviel -verstehe wie der Leibjäger Seiner Hoheit. Nu nadierlich, es muß doch -der dienende Mensch in allernächster Umgebung des hohen Fachmannes von -Kunst mehr verstehen als unsereiner, der doch nur wegen des Balletts -ins Theater zu gehen pflegt! - -Von wo der Herzog den vielen Spiritus bezogen hat, weiß ich nun -auch, nämlich von München, wo er fleißig mit Verstand und ohne Bier -Kunstgeschichte studiert und dem dortigen Theater das Beste der -Wagner-Inszenierungen abgeguckt hat. Muß der Mann gute und geschulte -Augen haben! Und ein enormes Gedächtnis, das ihm ermöglichte, alles -auf sein Dessauer Theater zu übertragen! Münchens Errungenschaften im -verkleinerten Maße in Dessau! Und hier ein sehr dankbares, vom Herzog -gut für Kunst erzogenes Publikum!“ - -Fürstin Sophie hielt in der Lektüre inne und stöhnte: „Gott! Was er für -Nichtigkeiten schreibt!“ - -Dann las sie weiter: „Bevorzugt wird hier die Oper, das Schauspiel, gut -gepflegt, läuft nebenher! Für modernes Liebesleben in neuen Stücken -interessiert sich der Herzog anscheinend nicht, ick ooch nich! Wenn es -wahr ist, was ich hier gehört habe, übertrumpft Dessau das Münchner -Theater insofern, als es an der Mulde kein Defizit gibt! Mit so an -vierhundert braunen Lappen subventioniert der Herzog seine Bühne und -tut dabei noch Dienst als Oberregisseur und Hofkapellmeister! Allen -Respekt! -- In Gesprächen über Kunst habe ich mich aus triftigen -Gründen auf das andächtige Zuhören beschränkt und vorsichtshalber -keinen Ton von mir gegeben! Somit steht zu hoffen, daß der fürstliche -Oberspiritual nicht gemerkt hat, was für ein -- Flußpferd in _puncto_ -theatralische Kunst Prinz Emil von Schwarzenstein ist! Diese Ignoranz, -auf deutsch: Dummheit, kann ich der lieben Mama schon eingestehen, weil -Du meine Geistesbeschränktheit ja nicht auf den Stephansturm hängen -wirst!“ - -Die Kammerfrau trat ein und meldete, daß der Wagen zur Kirchfahrt -bereitstehe. - -„Gleich, Hildegard! Nur noch fünf Minuten!“ - -Hastig las Fürstin Sophie den Bericht des Sohnes zu Ende: „Tags darauf -fuhren wir, der Herzog und ich, in die Dessauer Gehege, begleitet vom -Leibjäger, der nicht bloß Kammerdiener, sondern gelernter Jäger ist -und die Pirschfahrt zu dirigieren hatte. Ein interessanter Mummelgreis -als sachkundiger Jagdkutscher auf dem Bock neben dem Leibjäger. Um -die Wahrheit zu sagen: die genaue Kenntnis der Fahrwege und ihrer -Beschaffenheit, der Bodenverhältnisse (zuweilen sumpfig), der Standorte -des Rot- und Damwildes, der Sauen, das fast wortlose Zusammenarbeiten -des Leibjägers und des Jagdkutschers, das brillante Umfahren und -Einkreisen des Wildes hat mir imponiert! Für Jagd und Wild habe ich -bekanntlich und bis jetzt kein besonderes Interesse!“ - -Seufzend unterbrach die Fürstin für einen Moment die Lektüre. Um Emils -Interesse für Jagd und Wild zu wecken, hat die Fürstin das Jagdgut Hall -gekauft. Und nun bestätigt der Sohn schwarz auf weiß den Mangel an -Jagdinteresse... Zwecklos ausgegeben das viele Geld! -- Dann las die -Fürstin den Schluß: „Was hat denn Dein neues Hoffräulein dem Wolffsegg -im Höchsten Auftrage geschrieben? Wolffsegg macht einen Kopf wie ein -Schaf beim Donnerwetter! Ist die neue Brettelhupferin wenigstens jung? -Hübsch kann sie nicht sein, weil Hofdamen nie schön sind! Mir ist’s -natürlich egal, ich frage nur, weil die Brettelhupferin ja doch Deine -Hofdame, also ständig bei Dir ist! Für die allernächste Umgebung wählt -man doch lieber nette, sozusagen patschierliche, wenn möglich jüngere -Leute aus! - -Kuß und Gruß der lieben Mama! - - Ew. Durchlaucht ehrerbietigst - Emil von Schwarzenstein. - -_P.S._ Auch hier sind die adeligen Töchter des Landes nicht nach meinem -Geschmack.“ - - -Sophie verschloß den Brief. Und fuhr mit Fräulein von Gussitsch zur -Kirche im Dörflein Hall. - -Unterwegs fragte die Fürstin: „Was haben Sie denn, liebe Martina, dem -Baron Wolffsegg geschrieben? Mein Sohn meldet, daß Wolffsegg gekränkt -sei!“ - -Die Hofdame versicherte, taktvoll und zart im Sinne der erteilten -Weisung geschrieben zu haben. Anlaß zu einem Gekränktsein sei ganz -gewiß nicht gegeben. - -Die Fürstin schwieg und hing ihren Gedanken nach, die sich mit -dem Sohne beschäftigten. Unverkennbar ein gewisses Aufwachen als -wohltätige Folge dieser Reise. - -Die Nebel wichen, die Sonne lachte. Köstlich war die Fahrt zur Kirche. -In guter Stimmung kam Sophie in Hall an, ehrerbietig von den Männern, -mit auffallender Wärme, fast mit Begeisterung von den Weibern begrüßt. - -Pater Wilfrid hatte schon mit der Predigt begonnen, als die Fürstin -mit dem Hoffräulein sich im kleinen Oratorium niederließ. Die Ankunft -der Fürstin gewahrend, zauderte der Pfarrer einen Moment. Fatal war -seine Lage, da er sich blitzschnell erinnerte, daß die Fürstin in der -Haller „Frauenfrage“ auf Seite der Frau Forstwart Gnugesser stehe. Der -Pfarrer aber soll und muß heute von der Kanzel aus den Kampf gegen die -Weiberrevolution aufnehmen. Sein Thema kann er nicht fallen lassen, -es ist unmöglich, auf die Fürstin Rücksicht zu nehmen. Das Interesse -und Wohl der Pfarrgemeinde geht vor und steht höher. Entschlossen und -mutig sprach Pater Wilfrid auf der kleinen Kanzel von der Einheit der -Kirche und des Glaubens. „Christus wollte auch jene Gemeinschaft, -welche die Wurzel des gesellschaftlichen Lebens bildet, die Ehe, auf -den Boden der unzertrennlichen Einheit stellen. Und hier wollte er -nicht nur eine äußere Einheit, er wollte die vollkommene Einheit der -Familie, besonders der Ehegatten wiederherstellen. Diese von Christus -gewollte Einheit verlangt aber die Gemeinsamkeit der beiderseitigen -Interessen der Ehegatten. Nach der Lehre Christi soll der Mann das -Haupt der Familie sein, die Frau aber soll in allen rechtlichen und -billigen Dingen dem Manne untergeordnet bleiben, wie es die Kirche den -Brautleuten ausdrücklich und entschieden an das Herz legt. Trennung -und Spaltung der Interessen beider Eheleute kann darum unmöglich der -Wille des göttlichen Stifters des Ehesakramentes sein.“ - -Pater Wilfrid hielt einen Moment inne, dann sprach er mit scharfer -Betonung: „Wenn in der gegenwärtigen Zeit Strömungen kommen, die das -Ideal der gottgewollten Einheit der Ehe zerstören wollen, so ist das -nichts anderes als ein Angriff auf die Grundfesten der Ehe selbst! -Es ist traurig und betrübend, daß in unsere Pfarrgemeinde solche -Ideen durch Zeitungsnachrichten den Weg gefunden haben. Diese irrigen -Nachrichten sind unverständigerweise mündlich weitergetragen worden -von Personen, die keine Ahnung davon haben, daß durch derlei Ideen -die Einheit der Ehe schwer geschädigt, erschüttert, ja vernichtet -wird. Darum ist es notwendig, daß bei der menschlichen Schwäche -beide Eheleute diesen Gedanken der von Christus grundgelegten und -in seiner irdischen Familie vorbildlich durchgeführten Einheit der -Ehe nie aus den Augen lassen und sich weder durch schriftliche, dem -unchristlichen Weltsinne entsprungene Neuerungsideen, noch durch -mündlich fortgepflanzte einseitige Interessenpropaganda in ihrer -gegenseitigen heiligen Aufgabe irremachen lassen! Es ist notwendig, -daß in erster Linie der Mann, der Ernährer und Brotverdiener, die -Früchte seiner Arbeit zum Wohle seiner Familie verwendet und nicht in -einseitigem Interesse nur für sein Wohlbehagen sorgt! Ihm muß als treue -Lebensgefährtin die Frau zur Seite stehen, die Gattin, die nicht durch -einen rein weltlichen Arbeitsvertrag, sondern durch ein Sakrament mit -ihm verbunden ist. - -Eine schwere Gefahr für den Familienfrieden und für die Erziehung der -Kinder ist es, wenn Mann und Frau ihre eigenen Wege gehen wollen und -sogar eine Trennung der zeitlichen Güter und irdischen Interessen -vornehmen wollen. Wenn Ehegatten dem Zuge der Zeit folgen, der darauf -hinausgeht, daß jeder nur sich selbst der Nächste sein soll und sich -nur um sein eigenes Wohl zu kümmern habe, so zerreißen solche Ehegatten -dadurch das Band des ehelichen Glückes, sie vernichten die göttliche -Gnade im verantwortungsvollen Ehestande. Gütertrennung vernichtet das -Ideal der Ehe, die innigste Verbindung von Mann und Weib. Die Ehe hat -zum Grunde die Opferliebe; jeder Gatte muß für den Ehepartner Opfer -bringen können, muß sie auch bringen im gemeinsamen Interesse. Ohne -gegenseitiges Vertrauen gibt es keine Liebe. - -In unserer Gemeinde streben einige Ehefrauen die Entlohnung ihrer -Arbeit im Haushalte an. Diese Frauen sollen bedenken, daß das Eheweib, -das für die Hausarbeit Bezahlung fordert, sich selbst erniedrigt! -Ein solches Weib ist nicht mehr die dem Manne ebenbürtige Ehegattin, -sondern eine Dienstmagd gegen Lohn!“ - -Wieder machte der Pfarrer eine kleine Pause. Und dabei gewahrte er, -wie die Fürstin Sophie sich weit vorgebeugt hatte und den Prediger -mißbilligend anblickte. Aber weder Zustimmung noch Tadel durfte -ihn abhalten, seine Pflicht zu erfüllen. So sprach er scharf im -Tone weiter: „Die Frauen, die in unserer Gemeinde den Frieden in -den Familien stören, von den Ehemännern gleich gar ein Drittel des -Jahresverdienstes als Arbeitsvergütung fordern, diese Frauen berufen -sich auf ein neues Gesetz, das eine solche Bestimmung enthalte. Laßt -euch, Ehemänner, nicht irremachen, nicht einschüchtern! Bei uns gibt -es ein solches Gesetz nicht, weder ein altes noch ein neues! In der -Schweiz ist geplant, eine ähnliche Bestimmung in den Entwurf zum neuen -Zivilgesetzbuche aufzunehmen! Was die Schweizer tun, geht uns nichts -an! Die Agitation der Frauen entbehrt also jeglicher Berechtigung! Und -strafbar ist die Aufreizung! Wahret den Frieden im Hause! Amen!“ - -Bevor Pater Wilfrid die Kanzel verließ, warf er einen Blick auf die -Menge der Andächtigen. Unverkennbar war die Überraschung der Frauen, -ein gewisses Frohlocken in den Mienen der Männer, ein Aufatmen der -drangsalierten, nun durch den Pfarrer befreiten Ehemänner. - -Überrascht, unangenehm berührt schien auch Fürstin Sophie zu sein, -die den Prediger starr vor Staunen angeguckt hatte und sich nun in -das Dunkel des Oratoriums zurückzog. Und während des anschließenden -Gottesdienstes beschäftigten sich die Gedanken der Frau mit der -Frage, wie es die Gattin des Forstwarts wagen konnte, das Protektorat -zu erbitten, wenn die ganze soziale Angelegenheit keine gesetzliche -Basis hat. Eine Unverfrorenheit war es von der Forstwartsfrau, die -Unterstützung zu erschleichen, die Fürstin in eine unberechtigte -Agitation hineinzuzerren. Unschön und rücksichtslos fand es Sophie -aber vom Pfarrer, daß er ihr nicht beizeiten die nötigen Informationen -gegeben, einen Rückzug in aller Stille ermöglicht hatte. In dieser -üblen Stimmung flüsterte die Fürstin dem Hoffräulein gegen Ende des -Gottesdienstes die Bitte zu, dafür zu sorgen, daß der Wagen zur -sofortigen Rückfahrt bereitgehalten werde. Gehorsam entfernte sich -Martina aus dem Oratorium. - -Im Pfarrhause hatte die Dienerin Witwe Erna alles schön für den zu -erwartenden Besuch der Fürstin, für das Teefrühstück vorbereitet. - -Als Pater Wilfrid hungrig von der Kirche kam und den festlich -geschmückten Frühstückstisch sah, lobte er die Wirtschafterin, die -darob zwar geschmeichelt lächelte, dennoch aber dem Pfarrer die -Bemerkung nicht schenken konnte, daß der hochwürdige Herr sich mit der -heutigen Predigt bei den Frauen eine böse Suppe eingebrockt habe. - -„Ach was! Bringen Sie den Tee! Die Fürstin wird gleich kommen!“ - -Wagengerassel auf dem Sträßlein veranlaßte Erna zum Fenster zu -springen. Und erregt rief sie: „Da haben S’ den Salat, Herr Pfarrer! -Den Tee können S’ alleinig trinken, die Fürstin fahrt heim! Mit -dem Besuch ist also nichts, und ich hab mich umensunst geplagt! -Wahrscheinlich wird sich auch die Duhrlauch wegen der Predigt geärgert -haben! Wie man sich nur eine solche Supp’n einbrocken kann...!“ - -„Bringen Sie mir das Frühstück! Auf Ihre Bemerkungen verzichte ich!“ - -Alsbald servierte Erna mit allen Anzeichen der Enttäuschung und -Verdrossenheit. - -Und Pater Wilfrid löffelte noch, als die Hausglocke Besuch anmeldete. -Der übliche Sonntagsaudienzdienst für den vielgeplagten Pfarrer -begann. Als erster Besucher kam der Forstwart Gnugesser mit seinem -strahlendsten Lächeln höchster Befriedigung, beweglich und vergnügt, -so daß das Bäuchlein hüpfte. Mit beiden Händen liebkoste der Forstwart -den fuchsigen Patriarchenbart und zog die Schnauzerenden in die Länge, -wodurch das Männlein ein geradezu kriegerisches Aussehen bekam. „Danken -möcht ich, Herr Pfarrer, für die prachtvolle Predigt! Gut, sehr gut -haben Sie den Weibern, die wo Geld möchten für die Arbeit im Haushalt, -die Meinung gesagt! Uns Ehemännern haben Sie die heißersehnte Erlösung -gebracht! Ich dank von ganzem Herzen! Und meine Amanda werd ich mir -heut noch fürifangen und die Krämerin auch, die, wo das Haupt der -Weiberrevolution ist!“ - -Scharf gellte die Hausglocke. Seine Rede unterbrechend, guckte -Gnugesser zum Fenster hinaus, zog aber sofort den krebsrot gewordenen -Kopf zurück und stotterte: „Au weh! Herr Pfarrer bekommen gefährlichen -Besuch: die Krämerin will herein! Kann ich derweil nicht in Ihrem -Schlafzimmer oder Salon warten, bis die Krämerin das Haus verlaßt?“ - -Lächelnd meinte Pater Wilfrid: „Eben sagten Sie doch, daß Sie Ihre Frau -und die Krämerin fürifangen wollten! Die Gelegenheit dazu ist geboten, -Sie können der Krämerin hier die Meinung sagen!“ - -„Nein, nein! Nicht hier, das Pfarrhaus soll doch ein Haus des Friedens -sein! Empfehl mich gehorsamst, Herr Pfarrer!“ Und der tapfere Held mit -dem Bäuchlein und Patriarchenbart drückte sich zur Türe hinaus. Und -prasselte die Treppe hinab so schnell, daß sich die hagere Krämerin -erschreckt in eine Ecke flüchtete. - -Als dann diese Frau vor dem Pfarrer stand, mußte Wilfrid unwillkürlich -an jene Hundespezies denken, die sich durch besondere Magerkeit -und minimale Menge an Gehirn auszeichnet. Dürr und mager wie ein -Windhund war die Krämerin, aus den Augen leuchtete keineswegs -Intelligenz, dafür Streitlust und Eigensinn. Unter dem schwarzen -Kopftüchel quirlten etliche dünne Haarsträhne heraus wie Schlänglein. -Das scharfgeschnittene Gesicht gemahnte an einen Raubvogel und -kündete alles, nur nicht Sanftmut und Frieden. Und Krieg die eckigen -Ellenbogen, Kampf die knochigen, auf die schmalen Hüften gestemmten -Hände. Ein böser Blick züngelte am Pfarrer hinauf, der aber diese -Musterung ruhig aushielt und mit leichter Ironie im Tone fragte, womit -er dienen könne. - -Fester stemmte die Krämerin die Hände auf die Hüften, scharf klang -die Stimme: „Die Predigt, Herr Pfarrer, die unglaubliche Predigt! Es -ist wirklich nicht zu glauben, was Sie heut von der Kanzel verkündet -haben!“ Die rechte Hand löste sich von der Hüfte, gebieterisch streckte -sich der Zeigefinger. „Diese Verkündigung wird der Herr Pfarrer -zurücknehmen!“ - -„Warum denn, liebe Frau?“ - -„Weil das neue G’setz schwarz auf weiß zu lesen ist! Die ganze Welt -weiß davon, nur der Pfarrer von Hall weiß nichts! Ich sag Ihnen: wir -führen die gesetzliche Bestimmung durch, ob es Ihnen recht ist oder -nicht! Wo ich die Fürsteherin vom Haller Frauenbund bin und zu befehlen -hab!“ - -„Die Absicht, ein gar nicht existierendes Gesetz zur Geltung zu -bringen, müssen Sie nicht dem Pfarramt, sondern der Behörde und der -Gendarmerie anzeigen, die Ihnen das Nötige und Weitere dann schon -mitteilen wird!“ - -„Mit den verdruckten Herren von der Bezirkshauptmannschaft will ich -nichts zu tun haben, die Herren sind zu politisch! Von der Kanzel hat -der Pfarrer gesprochen, durchaus Behauptungen, die dem Frauenbund nicht -passen, also halt ich mich an den Pfarrer, der die heutige Predigt -z’rücknehmen muß am nächsten Sonntag!“ - -„Zurücknehmen kann ich nichts, aber ich werde in der nächsten Predigt -schildern, was für eine grundgescheite Fürsteherin der Haller -Frauenbund hat...“ - -„Das ist grad nicht nötig! Ich weiß schon selbst, daß ich eine -g’scheite Frau bin!“ - -„Schön! Da Sie soviel Intelligenz besitzen, werden Sie gewiß auch -wissen, wie man die Tür von -- außen zumacht!“ - -„Was? Ausschaffen! Mich, die Fürsteherin, wo im kleinen Finger mehr -Gesetzeskenntnis hat als der ganze Herr Pfarrer! Das Ausschaffen -werden S’ büßen, wahrlich nicht wenig!“ Wie beschwörend streckte das -hagere Weib die dünnen Arme in die Höhe. „Sie wollen den Kampf, gut, -wir werden um unser heiliges Recht kämpfen! Empfehl mich, Hochwürden!“ -Schrill lachend, entrüstet verließ die Krämerin mit zappeligen -Schritten das Zimmer. - -Pater Wilfrid konnte der Komik dieses Auftrittes nicht widerstehen -und schmunzelte. In das Treppenhaus tretend, wollte er eben hinunter -zu Erna rufen, daß der nächste Besuch vorgelassen werden solle; das -Gekeife der Krämerin veranlaßte ihn jedoch, mit dem Rufe zu warten. - -Wütend zeterte die Krämerin zur Dienerin: „Außi g’schmissen hat er -mich! Wo ich die Fürsteherin bin! Ich aber steh gut dafür: die längste -Zeit ist er in Hall Pfarrer g’wesen! Außi muß er! Und dem Abt in Admont -werd ich meine Meinung sagen, bis ihm die Augen tropfen und die Ohren -stauben!“ - -Wilfrid lachte hellauf. - -In höchster Wut warf die Krämerin die Haustüre so wuchtig ins Schloß, -daß das Pfarrhaus erzitterte. - -Der Reihe nach kamen Bauern mit ihren Anliegen; diesmal aber auch -etliche Weiber, die aber wider Erwarten Wilfrids nicht auf die Predigt -reagierten, dafür erstaunliche Bitten vorbrachten. Eine Bäuerin -wünschte eine Bevorzugung durch Anweisung eines Kirchenstuhles in -der vordersten Bank. Die Bauersfrau Troger bat um Benediktion des -Stalles, und zwar heute noch, weil der Pfarrer an Wochentagen selten -oder nie in Hall sei, und eine Kuh Schlingbeschwerden habe. Eine andere -Bäuerin klagte über den Lehrer, der ihren Kindern zuwenig beibringe und -zuviel mit dem Stock arbeite. Mit einer kostbaren Beschwerde kam eine -alte Jungfer namens Hupfauf: „Herr Hochwürden!“ lispelte sie anfangs, -„ich bin es bekanntlich, die seit Jahren den Marienaltar mit Blumen -schmückt; Sie aber sind es, der diesen Schmuck immer wegnehmen ließ!“ - -Pater Wilfrid erwiderte trocken: „Ganz richtig! Jede Zierde muß Maß und -Geschmack haben! Auch ziert man den Marienaltar nur an Marientagen und -im Monat Mai!“ - -Bedeutend schärfer im Ton rief die Jungfer Hupfauf: „Was? Sie wollen -mir vorschreiben, wann ich die Gottesmutter verehren und schmücken -darf? Und zuwenig G’schmack soll ich haben! So eine Beleidigung! Danken -sollen Sie, daß man sich überhaupts um die Kirch’n kümmert! Wo die Welt -eh schier nichts mehr von Kirch’n und Pfarrer wissen will in dieser -schrecklichen Zeit!“ - -Wilfrid suchte die aufgeregte alte Maid zu beruhigen. - -Aber die Jungfer wurde völlig rabiat und zeterte: „Sein tun die -Mannsbilder alle gleich, lauter Spitzbuben, die z’sammenhelfen, wo -es gegen die Jungfern geht! Schamen sollen Sie Ihnen, daß Sie zu den -Mannsbildern halten und gegen die Weiber predigen! Mich geht die Sach -mit dem Frauenbund nichts an, weil ich Gott sei Dank eine Jungfer bin -und in Ewigkeit von Mann und Heirat nichts wissen will! Aber weil der -Herr Pfarrer so -- herb auf die armen Frauen ist und mir das Schmücken -des Altars nicht erlauben will, werd ich von nun an zum Frauenbund -halten! Jawohl! Und Sie werden dann schon sehen, daß Sie den kürzeren -ziehen! Denn siegen tut immer und überall das edle weibliche Geschlecht -und die Tugend! Empfehl mich, Hochwürden!“ - -Während die alte Maid hinausrauschte, krümmte sich Wilfrid vor Lachen. - - * - -Dem Requiem zum Gedächtnisse des hochseligen Fürsten wohnten die Witwe, -der zurückgekehrte Hausmarschall Graf Thurn, Fräulein von Gussitsch, -die Beamten, etliche Jäger und das gesamte Personal bei. Hernach -stattete die Fürstin mit Martina dem Pfarrer einen Dankbesuch ab. In -milder Stimmung, die der Trauerfeier entsprach, dankerfüllt ob der -rührendschönen Gedächtnisrede Wilfrids. - -Die Dienerin konnte diesmal Triumphe feiern und Anerkennung einheimsen, -denn Fürstin Sophie nahm den Tee ein und lobte die weißhaarige -Wirtschafterin nach allen Seiten hin. - -Im Verlaufe des Frühstücks kam die Fürstin auf Wilfrids „soziale“ -Predigt insofern zu sprechen, daß die hohe Frau fragte, ob es wirklich -kein Gesetz ähnlich dem Schweizer Entwurf gebe. - -Schlicht erwiderte Wilfrid: „Nein, Durchlaucht!“ - -„Was wird denn nun die Folge Ihrer Kontrastellung sein?“ - -Die Schultern hochziehend, meinte Pater Wilfrid: „Abwarten und Tee -trinken! Wenn die Männer mit dem Geld nicht herausrücken, wird die -Frauenrevolution im Sande verlaufen müssen! Je eher, desto besser! Auch -im Interesse Euer Durchlaucht!“ - -Überrascht fragte die Fürstin: „Wieso? Meine Privatinteressen haben -doch mit der Haller Frauenbewegung nichts zu tun!“ - -„Doch! Nämlich im Falle, daß ein Gesetz _à la_ Schweiz den Ehefrauen -das Gehaltsdrittel des Brotverdieners bewilligen würde!“ - -„Ich verstehe Sie wirklich nicht!“ - -„Müßten die im Dienste Euer Durchlaucht stehenden verheirateten Beamten -und Diener das Gehaltsdrittel den tugendsamen Ehefrauen zahlen, so -würden die Beamten und Diener genötigt sein, die gnädigste Gebieterin -um -- Gehalts- und Lohnaufbesserung zu bitten!“ - -„Ach so! Danke für diese wichtige Aufklärung! Sehen Sie zu, Herr -Pfarrer, daß die Frauenbewegung bald ein wohltätig Ende findet!“ - -Nach der Abfahrt der Frau rieb sich Peter Wilfrid die Hände, denn das -schnell erfolgte „Umsatteln“ der Fürstin bereitete ihm Spaß. Und dann -beschloß er, das energische Abrücken der Fürstin zu verwerten im Kampfe -gegen die Haller Weiberrevolution. - - - - -Achtes Kapitel - - -Das direkte Eingreifen der Fürstin in jagdliche Angelegenheiten, -der Befehl, daß die Jagdgehilfen ihr direkt Berichte zu erstatten -haben, all das mußte zur Ignorierung des Instanzenzuges führen, die -Dienstesverhältnisse nachteilig beeinflussen, die Charaktere ungünstig -verändern. Die Jagdgehilfen merkten sehr rasch, daß sie williges Gehör -fanden, sie kamen wegen jedes Pfifferlings, machten sich wichtig, -betonten die Mühen ihres Dienstes, ihre Aufopferung, und versuchten -Geldgeschenke herauszuschinden. Um den Jagdleiter Hartlieb kümmerten -sich die Jagdgehilfen kaum noch. Erteilte er Befehle, so wurde mit der -Befolgung gewartet, weil nach entsprechend gefärbtem Bericht von der -Fürstin ja doch Gegenorder gegeben wurde. Offene Auflehnung gegen den -Oberbeamten wagten die Jäger natürlich nicht; aber sie freuten sich -diebisch, daß so vieles über den Kopf Hartliebs hinweg angeordnet, -dem Jagdleiter die Hände gebunden, ihm Stellung und Dienst sehr sauer -gemacht wurden. - -Am frechsten gebärdete sich der schmucke, von Durchlaucht ganz -besonders bevorzugte Jäger Eichkitz. War er doch eine Art „vortragender -Rat“ in Jagddienstangelegenheiten geworden, täglich zum Bericht -befohlen. Und fast immer geschah, was er befürwortete. Die täglichen -Gänge zur Villa gaben einen willkommenen, leicht zu begründenden -Anlaß zur Dienstschwänzung, zu Erleichterungen. Die Rennerei in die -hochgelegenen Pyrgas-Reviere hatte ein Ende. Klug deckte sich Eichkitz -den Rücken gegen das Eingreifen des Oberbeamten, indem der fesche -Bursch die Gebieterin aufmerksam machte, daß er nicht gleichzeitig an -zwei Orten sein könne; nicht in der Villa bei der gnädigsten Fürstin -und nicht zur selben Zeit auf dem Pyrgas. Das begriff die Gebieterin, -und sie befahl, daß den Dienst in den Pyrgas-Revieren ein anderer -Jagdgehilfe zu machen habe; Eichkitz solle nur zeitweilig behufs -Kontrolle nachschauen. - -Eichkitz trug die Nase hoch; aber so klug war er doch, um sich -durch Brüskierungen nicht unnötigerweise Feinde zu schaffen. Groß -war freilich die Verlockung, den Kammerdiener Norbert hochnäsig zu -behandeln oder doch zu verulken; Eichkitz sagte sich aber, daß er -vielleicht den wegen seines Einflusses nicht zu unterschätzenden Mann -gelegentlich brauchen könnte, und stellte sich in dieser Erwägung -auf guten Fuß mit dem Haushofmeister. Der Kammerfrau Hildegard, der -noch immer stattlichen Witib, gegenüber spielte er den aufmerksamen, -demütigen Jüngling, huldigte ihr und verdrehte die Augen, seufzte -wohl auch, wenn just kein Beobachter vorhanden war, und bettelte um -Protektion. Nicht vergebens, denn die geschmeichelte Kammerfrau steckte -ihm manchen Bissen zu. Da Eichkitz zur Schonung seines Geldbeutels -freie Verköstigung zu Lasten, doch ohne Wissen der Fürstin anstrebte, -mußte logischerweise mit der fürstlichen Hofköchin anbandeln. Dies -gestaltete sich aber schwerer, als der hübsche Frechdachs es sich -vorgestellt hatte. Die üppige Köchin mit dem ungewöhnlichen Taufnamen -Restituta war keineswegs blind, sah ganz gut, daß der Jäger ein -bildhübscher Kerl war, aber sie hatte unerschütterliche Grundsätze. -Restituta machte auch Eichkitz gegenüber, als er sie erstmals -anschmachtete, kein Hehl daraus, daß sie gelobt und geschworen habe, -genau den gleichen Lebenswandel zu führen wie ihre Namenspatronin, -nämlich „jungfräulich“ zu bleiben und „mutig“ durch das irdische -Leben zu gehen, auf daß die Köchin wie die heilige Restituta genau -an einem 17. Mai sterbe und von einem Spezialengel in das himmlische -Paradies geführt werde. Im tiefsten, heiligsten Ernste hatte Fräulein -Restituta dies gesagt und dabei einen Blick verfrühter Verzückung zum -Küchenplafond gerichtet. Eichkitz aber kämpfte mit übermenschlicher -Kraft, um das Lachen zu verbeißen und den Anschein zu erwecken, als -glaube er jedes Wort und er sei ein Verehrer der Restituta von wegen -ihres „Mutes“. Nur sprechen konnte er in jener Stunde nicht, der -Lachkitzel war zu stark. - -Bei einem zweiten Versuch der Anbandelung war der Frechdachs aber schon -imstande, zu fragen, ob die Restituta auch -- wohltätig gewesen sei. - -Davon war der Köchin nichts bekannt; sie wußte sich aber zu helfen, -indem sie dem andächtig zuhörenden Jäger mitteilte, daß laut der -Heiligenlegende die selige Jungfrau Restituta aus einer -- adeligen -Familie stammte. Weil sie dann Christin wurde und hinterdrein ob ihres -Märtyrertodes heilig, muß sie auch wohltätig gewesen sein. - -Eichkitz beschattete mit der Hand die listig funkelnden und lachenden -Augen, und süßlichen Tones sprach er die Überzeugung aus, daß -sicherlich auch die Köchin Restituta willens sei, sich durch ausgiebige -Wohltätigkeit den freien Eintritt in das Himmelreich zu verdienen. - -Wie erhofft, biß die dicke Köchin auf diesen Köder, indem sie -herausplatze: „Aha jo! Gärn aa no! Wos möcht er denn, der Jaaga?“ - -„Der Hunger tut weh, Fräuln Restituta! Besonders tut der Hunger weh, -wenn der Mensch kein Geld nicht hat! Sind Sie vielleicht auch aus einer -adeligen Familie, Fräuln Restituta? So etwa vom Landadel?“ - -Hochgeschmeichelt meinte die Köchin mit wonnekündendem Lächeln: -„Därweil no net!“ - -Der Lohn für die kecke Schmeichelei bestand darin, daß Eichkitz ein -großes Stück Paprikaspeck bekam. Und als der enttäuschte Schelm -jammerte, daß der Paprika viel Durst erzeuge, gab ihm Restituta auch -noch Geld zur Durstlöschung. Und dazu den Rat, zu jener Stunde in die -Küche zu kommen, wenn für das Hauspersonal das Essen verabreicht werde. -Wo für so viele Leute Speise und Trank vorhanden sei, könne ein armer, -frommer Jäger auch mitessen. - -Und so erreichte der Frechdachs sein Ziel doch. Aber schon nach -etlichen Tagen juckte ihn der Übermut, er verulkte die heilige -Restituta so drollig und witzig, daß die Hausangestellten vor Vergnügen -brüllten, die entrüstete Köchin aber den Spötter mit dem Besen -fortjagte. - - * - -Oberförster Hartlieb war sich darüber völlig klargeworden, daß er -unter den so gründlich und ungünstig veränderten Dienstesverhältnissen -nicht auf die Dauer in seiner Stellung bleiben könne. Mannesehre, -Stolz und Berufsliebe zwingen dazu, den Posten aufzugeben, sich um -eine andere Stellung zu bewerben, anderswo unter einem Jagdherrn und -Sachverständigen zu dienen. Der Weiberwirtschaft im Jagdbetriebe war -Ambros Hartlieb bis zum Ekel überdrüssig geworden. Von einem richtigen -normalen Jagdbetrieb konnte überhaupt nicht mehr gesprochen werden. -Überflüssig war der Jagdleiter, er wurde nicht gerufen, erhielt auch -keine Befehle. Kam er in die Reviere, traf er den einen oder anderen -Jagdgehilfen im Dienst, so war ziemlich deutlich eine gewisse passive -Resistenz zu beobachten. Nicht offene Weigerung, die Befehle Hartliebs -zu befolgen, nur verhaltener Widerstand, Verzögerung. Lauernde Blicke, -spöttisches Lächeln, widerliche, mit Hohn gemischte Unterwürfigkeit; -Mienen, die zu künden schienen: Jagdleiter bist du nicht, hast nichts -mehr zu befehlen, kannst mir auf den Buckel steigen! - -Keine Abschußerlaubnis. Keine Einladung mehr. Diese Ignorierung tat -Ambros allerdings nicht wehe, im Gegenteil, der Forstmann und Jäger -freute sich, daß ihn die Gebieterin in dieser Beziehung vergessen zu -haben schien. Für den Hofdienst schwärmte Hartlieb nicht, hatte von -der ersten Stunde an nichts Gutes erhofft. Aber doch nicht geglaubt, -daß alles so schlimm für den Waldoberbeamten und Jagdleiter unter der -Damenherrschaft kommen würde. Unerträglich und empörend war die Lage -für den ernsten, einsamen Ambros geworden. Entwürdigend! Dirigent ist -der Jagdgehilfe Eichkitz, Frechdachs und Schmeichler in einer Person. -Ein falscher Tropf, aber ein fescher Bursch. Verlogen, faul, Egoist, -eine Null als Jäger und als Mensch. - -In einsamen Stunden fragte sich Hartlieb oft, warum er sich nicht -aufraffen kann, den Dienst aufzukündigen und den früheren Jagdpächter -Grafen Lichtenberg brieflich zu fragen, ob er eine Stellung für ihn -habe. - -Etliche Gründe hatte Ambros für seine Unentschlossenheit, für das -Hinausschieben des entscheidenden Schrittes. - -Die Hirschbrunft wird demnächst beginnen. Will die Gebieterin -Brunfthirsche schießen, so muß sie sich ja doch an ihren Jagdleiter -wenden. Unmöglich kann die Hirschbrunft ganz ignoriert bleiben; sie -ist doch die Hohe Zeit, das Herrlichste im Jagdbetriebe und für den -Jagdherrn! - -Wenn Hartlieb die Weiberwirtschaft verfluchte, so galt die Verdammung -genau genommen nur der Mißwirtschaft auf der Seite der launenhaften -und in ihren Entschlüssen unberechenbaren Gebieterin. Keineswegs der -Hofdame, die ja nichts zu sagen, nichts anzuordnen hat. - -Dachte Ambros an das ihm sympathische Fräulein von Gussitsch, so hüpfte -das Herzelein vor Wonne. Und dem einsamen ernsten Beamten war zumute, -als müßte er himmelhoch jauchzen. Wie zierlich, nett, hübsch das -Hoffräulein doch ist! Wie ein Edelmarder geschmeidig und elegant! Ob -Mustela in diesem Leben Frau Hartlieb werden könnte? - -Können und wollen ist zweierlei! - -So hoffte Ambros Hartlieb und wartete; erlitt alle Qualen trostloser -Verliebtheit... - -Über seine triste Lage hätte er gerne mit dem Grafen Thurn gesprochen, -sich dem alten liebenswürdigen Hausmarschall anvertraut. Aber der Graf -hatte infolge der miserablen Witterung das Reißen bekommen und sich mit -längerem Urlaub zum Gebrauch der berühmten heißen Quellen nach Römerbad -in der südlichen Steiermark geflüchtet. - -Am Mittag eines naßkalten Herbsttages war es. Hartlieb hatte sich von -Frau Amanda Gnugesser eine Fleischkonserve warm machen lassen, deren -Inhalt er in der Kanzlei verspeiste. Der Gang zum Wirt in Hall war -erspart. Eine Zigarre am Fenster schmauchend, hielt Ambros stehend -kurze Siesta und blickte auf das zum Jagdschlößl führende Sträßlein im -nebelerfüllten Halltale. - -Plötzlich zuckte Hartlieb zusammen. Jähe Röte schoß ihm in die Wangen, -ein Zittern lief durch den Körper, das Blut hämmerte und klopfte. - -Das Sträßlein kam Mustela-Martina herangestapft. In -neckisch-praktischem Lodenkleid, fußfrei der kurze Rock, so daß die -Stiefelchen sichtbar waren. Schneidig auf dem hübschen Köpfchen -thronend das grüne Ausseer Hütel. Die geschmeidige Mustelagestalt -freilich neidisch verhüllt von einem wasserdichten Regenmäntelchen. -Ohne Regenschirm. Der zaghaft fallenden Schnürltropfen lachend, so daß -die Marderzähnchen blinkten. Offenbar mußte das bildhübsche Hoffräulein -sehr vergnügt sein. - -„Ob Mustela zu mir in die Kanzlei kommt?“ fragte sich flüsternd Ambros. -Und des Zigarrenqualmes wegen, zur Lüftung der Kanzlei, riß er die -Fenster auf. Und grüßte respektvollst. - -Und das Hoffräulein dankte mit einem allerliebsten Kopfnicken und -munterem Lächeln. Und steuerte trippelnd dem Forsthause zu. - -Martina kam nicht herauf. Sie besuchte die Forstwartsfrau. Wie Ambros -die überspannte Amanda Gnugesser um diesen Besuch beneidete! - -Der Uhr nach war es Zeit, den Dienstgang anzutreten. Hartlieb schloß -die Fenster, machte sich marschfertig, und -- blieb in der Kanzlei. -Wartete und horchte auf das seltsame Klingen im Herzen. - -Frau Amanda begrüßte die hübsche Hofdame strahlenden Auges und mit -einer gewissen stolzen Feierlichkeit. Sie hatte brieflich um Audienz -gebeten in der Absicht, die Fürstin gewissermaßen scharfzumachen, als -Vorspann zu benützen und wegen der heillos unangenehmen Kanzelrede -gegen den Pfarrer auszuspielen. Der Eitelkeit schmeichelte es nicht -wenig, daß die Fürstin eigens die Hofdame schickt, um den erhofften, -sehnlichst gewünschten Bescheid zu bringen, der nach Amandas Auffassung -nur die Gewährung der Audienz sein konnte. Frau Amanda stutzte, als -Martina von Gussitsch es dankend ablehnte, Platz zu nehmen und höflich -mitteilte, daß auf Wunsch der Fürstin künftighin Zuschriften nicht an -sie selbst, sondern an das Marschallamt oder an die Hofdame vom Dienst -gerichtet werden sollen. - -Der Glanz in Amandas Augen erlosch, der Blick ward hart, die Lippen -bleich. Und eine tiefe Falte zeigte sich auf der Stirne. Schwer -enttäuscht sprach Frau Gnugesser: „Um mir das zu sagen, haben sich -gnädiges Fräulein selbst herbemüht?“ - -„Eine willkommene Bewegung in frischer Waldluft vor dem Lunch! Mündlich -Bescheid zu geben, ist mir lieber als das Schreiben von Briefen! -Allerdings überbringe ich einen Bescheid, der Ihren Wünschen nicht -entsprechen wird!“ - -Amanda rief erbittert schrillen Tones: „Meine Bitte um Audienz ist -abgelehnt? Der Empfang verweigert? In einer so wichtigen Angelegenheit? -Nicht zu glauben! Erst volles Interesse, jetzt Ablehnung! Ein -erstaunlicher Wankelmut! Da wird wohl die Predigt eine Rolle gespielt -haben!“ - -„Bitte, beruhigen Sie sich! Ich bin über die Gründe, die Durchlaucht -zur Ablehnung Ihrer Bitte veranlaßt haben, nicht informiert, kann -also keine Auskunft geben! Die Fürstin wünscht, daß die Agitation -eingestellt werde!“ - -Heftig und gereizt wies Amanda darauf hin, daß die Agitation reine -Privatsache sei und man demnach die Fürstin weder um ihre Meinung zu -fragen noch um Erlaubnis zu bitten habe. - -Kühl und höflich erwiderte Fräulein von Gussitsch: „Die Wünsche der -Fürstin werden von jenen Frauen respektiert werden müssen, deren -Ehemänner im fürstlichen Dienst stehen!“ - -„Soll das eine Drohung sein?“ - -„Nein, nur eine gutgemeinte Mahnung zur Vorsicht!“ - -Spitz und giftig rief Amanda: „Ach was, Papperlapapp! Der Mann im -fürstlichen Dienst erfüllt seine Pflicht, die Frau steht nicht im -fürstlichen Dienst, sie ist Privatperson, und was die Frau tut, das -geht die Fürstin keinen Pfifferling an! Will sich die Fürstin um uns -kümmern, so soll sie die Hungerlöhne aufbessern! Auf diesem Gebiete -kann sie sich nützlich machen!“ - -„Meine Mission ist beendet! Guten Tag, Frau Forstwart!“ - -Amanda begleitete das Hoffräulein bis in den Flur, und zum Abschied -höhnte sie gründlich verbittert: „Empfehl mich! Meinen Handkuß, wenn -ich bitten darf! Und wegen einer Einladung zum Essen soll man sich -nicht mehr strapazieren, wir gehen grundsätzlich nicht zu Hof!“ Und -wütend kehrte Amanda in ihre Wohnung zurück und warf die Tür krachend -ins Schloß. - -Dieser Spektakel war für Hartlieb ein hochwillkommenes Signal, daß der -Besuch beendet sein mußte. In Wehr und Waffen sprang der Oberförster -die Treppe herab, und glücklich erwischte er Martina in nächster Nähe -des Forsthauses. Weniger glücklich war er in der Wahl einer Anrede. -Ansprechen wollte er Mustela, er mußte einige Worte an Martina richten, -um die Wonne ihrer Nähe für einige Augenblicke zu genießen. Und so -stammelte er denn: „Verzeihung! Keinen Befehl für mich?“ - -Martina machte kehrt, und lachend zeigte sie die blitzenden -Marderzähnchen: „Hofdamen haben bekanntlich nichts zu befehlen! Das -könnte der Herr Oberförster und Hofjagdleiter wissen!“ - -„Darf ich Sie begleiten?“ - -„Aber ja, es wird mir ein Vergnügen sein! Vorausgesetzt, daß der Dienst -Sie auf den gleichen Weg führt!“ - -Der brave Waldmensch konnte nicht lügen, Ambros platzte mit der -Wahrheit heraus: „Dienstlich sollte ich in entgegengesetzter Richtung -wandern! Aber ich möchte Sie begleiten und ein ganz klein bisserl mit --- Mustela plaudern!“ - -Martinas zarte Wangen färbten sich. Der Verlegenheit wurde das -Hoffräulein rasch Herr. „Also schwänzt der Oberbeamte den Dienst! Ein -leuchtendes Beispiel für die Untergebenen! Apropos: mit wem wollen Sie -ein ganz klein bisserl plaudern?“ - -Jetzt war die Reihe zum Rotwerden an Hartlieb. Und in hilfloser -Verlegenheit stammelte er das Geständnis, daß Fräulein von Gussitsch -ihn besonders dann lebhaft an die Geschmeidigkeit und Zierlichkeit -des graziösen Edelmarders, der lateinisch „_Mustela martes_“ heiße, -erinnere, wenn das Fräulein ein hochgelbes Halsband trage. - -Die Bäcklein Martinas flammten glutrot. „Ei der Tausend! Soll ich mich -durch diesen Vergleich geschmeichelt oder beleidigt fühlen? Der Marder -ist doch ein Raubtier, nicht?“ - -„Allerdings! Scheu, listig, beherzt, der denkbar kühnste Räuber, aber -schön von Gestalt, vornehm besonders der Edelmarder in jungen Jahren -mit dem hochgelben Hals! Ein schneidiges Kerlchen!“ - -Martina kicherte im langsamen Weiterschreiten: „Außerordentlich -dankbar bin ich für diesen schmeichelhaften Vergleich! Entzückend nett, -daß der Herr Oberförster das harmlose Hoffräulein mit dem ‚denkbar -kühnsten Räuber‘ vergleicht! Können Sie mir vielleicht sagen, was ich -bereits -- geraubt habe?“ - -So locker zwei Worte auf Hartliebs Zunge saßen, so leicht die Antwort -wäre, er wagte nicht, sie zu geben. Die Blutwelle in Martinas Wangen -kündete, daß Fräulein von Gussitsch die zwei ungesprochenen Worte -erraten hatte. Und nun zappelte Martina mit beschleunigten Schritten -heim. - -Um doch etwas noch zu sagen, stammelte Ambros: „Die Schneid Mustelas -ist so groß, daß der schöne Edelmarder Tiere angreift, die ihm an Kraft -und Körpergröße weit überlegen sind!“ - -„So? Greift ‚Mustela‘ auch -- Menschen an?“ - -„In seltenen Ausnahmefällen auch Forstbeamte!“ - -„Huhu! Höchst gefährlich! Sehen Sie sich vor, Herr Oberförster, daß -Ihnen ‚Mustela‘ nicht mal plötzlich ins Gesicht springt und die -Äugelein auskratzt!“ - -Hartlieb lachte vergnügt: „Soll nur springen!“ - -„Lieber nicht! _Addio!_“ lispelte Martina und flatterte hastig wie ein -aufgescheuchtes Vögelchen dem nahen Schlößl zu. Wie ein Lohgerber den -fortschwimmenden Fellen, guckte Ambros dem Hoffräulein betrübt nach. -Dann kehrte er um und wanderte in den Wald auf der entgegengesetzten -Seite... - -Im Speisesaale des Schlößls stand Norbert vor der Suppenterrine am -Büfett und wartete auf das Erscheinen der Fürstin. Martina hatte in -aller Eile Dinerkleider angelegt, kam genau auf die Sekunde in den -Speisesaal und guckte verwundert. - -Norbert flüsterte ihr zu: „Kann eine Weile dauern, Durchlaucht lesen -einen soeben aus Berlin eingelaufenen Brief!“ - -Stehend wartete Martina auf das Erscheinen der Fürstin. - -Fürstin Sophie las den Brief ihres Sohnes. - -„Liebste Mama! Über Berlin zu schreiben, werde ick mir hüten; diese -großartige Weltstadt möge ein Schriftsteller von Gottes Gnaden und -Beruf schildern. Nach so kurzer Zeit ein Urteil über eine total fremde -und imponierende Millionenstadt abzugeben, wäre dumm und frech. Eines -spüre ich schon beim Kaffee jeglichen Morgen: Wien ist Wien, und Berlin -ist janz anders! In allem und jedem! Abstoßend und anziehend wie -- -Tiroler Rotwein besserer Sorte... An Damen habe ich hier vielerlei -Exemplare kennengelernt. Adelige und nichtadelige. Hübsche und alte. -Was meinst Du zu einer bürgerlichen Gattin?...“ - -Als Fürstin Sophie den Brief zu Ende gelesen hatte, lag ein schwaches -Lächeln auf den Lippen. - -Einen Blick warf sie auf die Uhr. Dann eilte die Fürstin in den -Speisesaal, wo sie sich wegen der Verspätung bei Fräulein von Gussitsch -entschuldigte. - -Wortlos verbeugte sich Martina. - -„Rasch servieren, Norbert! Und nur zwei Gänge! Nach Tisch bitte ich -Sie, liebe Gussitsch, zu mir zu kommen!“ - -„Zu Befehl, Durchlaucht!“ - -Kein Wort wurde während des abgekürzten Lunches weiter gesprochen. - -Für Martina war es leicht zu erraten, daß der neue Brief des -Prinzen den Befehl veranlaßt haben werde. Einen drolligen Bericht -vermutend, der wahrscheinlich abermals die hyperempfindlichen Nerven -der Gebieterin irritiert, sah das Hoffräulein der Aussprache im -Wohngemache mit voller Ruhe entgegen. - -„Bitte schreiben Sie das Telegramm, das ich Ihnen diktieren werde!“ - -Gehorsam holte Martina das Schreibzeug und ein Telegrammformular und -harrte alsdann des Diktates. - -Sophie sann und überlegte. Und plötzlich diktierte sie die Adresse und -den Text: „Brief erhalten, erbitte Heimkehr! Drahtantwort wegen Ankunft -und Wagen zum Bahnhof Admont. Mama.“ - -Fräulein von Gussitsch schrieb die Worte. - -Dann sagte die Fürstin: „Lassen Sie anspannen, fahren Sie mit dem -Telegramm zum Bahnhof, damit Zeit gewonnen wird! Und studieren Sie die -Fahrpläne der Schnellzüge, die mein Sohn benutzen kann!“ - -Martina gehorchte... - -Als alles nach Auftrag besorgt war, der Wettergott ein Einsehen hatte -und etliche Sonnenstrahlen in das Ennstal sandte zur Erquickung -eingeregneter Menschen, da schickte Martina den Wagen zurück; sie -wollte laufen, dem Dienst ein Schnippchen schlagen... Frei sein für -ganze zwei Stunden! Auf die Gefahr hin, bei Rückkehr von Durchlaucht -einen Wischer in zugespitzten Worten zu bekommen. - -In Gedanken nannte Martina sich eine „nette“ Hofdame, die auf das -„Dienstschwänzen“ erpicht ist. Doch dicht neben der Erkenntnis dieser -schweren Sünde saß auch schon die Entschuldigung: ein Hoffräulein hat -ja noch weniger vom Leben als die hohen Herrschaften, nicht einmal -die Ausgangsfreuden der Dienstmädchen an Sonntagen! Ein mittelloses -Hoffräulein, auf die Stellung angewiesen, besseres Zimmermädel, weiter -nichts! - -Merkwürdig, wie schnell die Gedanken des „besseren Zimmermädels“ -plötzlich sich mit der Frage beschäftigten, ob „man“ denn lebenslang in -dieser Abhängigkeit ausharren könne? - -Jedes Dienstmädel hofft und ersehnt Befreiung, möchte, bevor die Haare -grau werden, heiraten und Frau sein. - -Martinas Gedanken flatterten in das stille Forsthaus zu Hall und -umspielten den ernsten lieben Oberförster Hartlieb und erbauten -in rasender Eile ein Luftschloß, das zwei sich liebende Menschen -bewohnen... - -Wie sich Martina aber vergegenwärtigte, daß sie als Frau Hartlieb -ständig im einsamen Forsthause würde leben, viele Monate im Jahre -mit der Fürstin in Berührung kommen müssen, da fiel das kühnragende -Luftschloß jäh zusammen... - -Traurig promenierte Martina durch die stiftische Eichelau zur -Ennsbrücke und pilgerte auf dem Sträßlein gen Norden zum Dorfe Hall. -Fest entschlossen, niemals wieder Luftschlösser zu bauen. Aber -dieser Vorsatz zerschellte an einem neuen Gedanken, an der plötzlich -aufgetauchten Frage, ob denn Hartlieb genötigt sei, lebenslang im -Haller Dienste zu bleiben? - -Eine Wegstunde hindurch beschäftigte sich Martina mit der Frage, was -die Hofdame wohl tun würde, wenn Hartlieb einen anderen Posten annehmen -und um Fräulein von Gussitsch anhalten würde? Soll die Antwort ein -„Ja“ oder ein „Nein“ sein? Zur Bejahung gehört doch die große, alles -überwindende Liebe! - -Martina schüttelte das hübsche Köpfchen, in dem so viele Fragen -durcheinanderwirbelten. Und sie flüsterte dem Tann zu: „Soweit sind wir -ja noch gar nicht! Ich weiß ja gar nicht, ob Hartlieb mich liebt!“ - -Im grünen Tann seufzte der abendliche Bergwind. - -Der erwartete Wischer erfolgte nicht. Die Kammerfrau Hildegard meldete -der heimgekehrten Hofdame in flötendem Tone, daß die Fürstin das Diner -abgesagt, sich zurückgezogen und auf jede Dienstleistung seitens des -Fräuleins von Gussitsch verzichtet habe. - -Somit war Martina ein freier Abend beschieden. Dienstfrei, aber -selbstverständlich an das Haus gebunden. - -Im stillen Kämmerlein einsam und alleine lesen, schreiben. Und -denken... „Viel denken macht Kopfweh!“ Schmerzliche Gefühle stellten -sich ein, da Martina nach langem Sinnen erkannte, daß ihr so ziemlich -alle Eigenschaften einer Hausfrau fehlen. Eine „schlechte Partie“ -würde Hartlieb mit dem Hoffräulein machen. Ganz abgesehen von der -betrüblichen Tatsache, daß auch noch die Mitgift fehlte... - -Also an der Kette bleiben, besseres Dienstmädel... - -Salzige Kügelchen rannen über die Wangen... - -Ein klarer kühler Morgen brach an, einen Prachttag kündend. - -Des lachenden Sonnenscheins vermochte sich Martina nicht zu freuen, -da sie der Folgen des gestern nach Berlin abgegangenen Telegrammes -gedachte. Von Stunde zu Stunde bangte Martina einer unangenehmen -Antwort und der Berufung der Fürstin entgegen. - -Dienstbereit harrte das Hoffräulein auf dem Zimmer. - -Gegen elf Uhr brachte Norbert ein Telegramm. Unwillkürlich fragte -Martina, ob auch Durchlaucht eine Depesche erhalten habe. - -„Bis jetzt noch nicht, gnädiges Fräulein! Ist denn etwas Besonderes -los?“ - -„Danke, nein! Sie können gehen, lieber Norbert!“ - -Der Kammerdiener entfernte sich schwer enttäuscht und geärgert. - -Martina bereute, Norbert gefragt zu haben; aber eine Gewißheit -wollte sie doch darüber haben, ob auch die Gebieterin eine Depesche -erhielt. Da dies nicht der Fall ist, kann das an die Hofdame gerichtete -Telegramm nur von Baron Wolffsegg stammen, und der Inhalt muß -unangenehm sein. - -Ein Blick -- und Martina stieß einen Schrei des Schreckens aus. - -Die befürchteten Folgen des Befehles waren da: der Prinz will Berlin -nicht verlassen, Wolffsegg ersucht die Hofdame, der Fürstin die Bitte -um sofortige Entlassung zu unterbreiten. - -Eine heillose Bescherung. Wie nur mit pflichtschuldiger Rücksicht und -Zartheit der Fürstin diese Hiobspost beibringen? - -Martina biß die Marderzähnchen aufeinander, nahm die Depesche zur Hand -und ging in das Vorzimmer, wo sie Hildegard dienstbereit wartend traf: -„Bitte, melden sie mich! Dringliche Dienstangelegenheit!“ - -Hildegard zögerte und fragte flüsternd, neugierig und zudringlich: -„Doch nichts Unangenehmes? So früh am Tage Unangenehmes! Durchlaucht -müssen geschont werden, haben eine schlechte Nacht gehabt!“ - -So leise gesprochen wurde, die Fürstin mußte doch etwas gehört haben. -Sie öffnete die Türe. Bleich, übernächtig sah sie aus, brennend die -Augen, tiefe Sorgenfalten im Gesicht. - -Die Hofdame erblickend, zwang sich die Fürstin zu einem freundlichen -Lächeln. „Schon dienstbereit? Bitte, kommen Sie zu mir herein! -Hildegard soll warten!“ - -Im Zimmer seufzte Sophie schmerzhaft. „Was bringen Sie, liebe Martina?“ - -„Zu dienen, Durchlaucht! Soeben erhielt ich aus Berlin eine Depesche -des Barons Wolffsegg...“ - -„Geben Sie!“ - -Die Fürstin las das Telegramm langsam. Und mit einer das Hoffräulein -überraschenden Ruhe sprach sie: „Ähnliches habe ich befürchtet, nämlich -die Weigerung Emils! Nicht aber die Demission Wolffseggs, von der keine -Rede sein kann; wenigstens jetzt nicht und bis Emil an meiner Seite -ist! -- Wir hätten anders depeschieren sollen...!“ - -Den im Nachsatze steckenden Vorwurf schluckte Martina gehorsam -hinunter, wiewohl er schmerzte. Ein ganz ungerechtfertigter Vorwurf, -denn der Text war doch diktiert, stammte nicht vom Hoffräulein... - -Sophie sprach weiter: „Es kann auch sein, daß Wolffsegg von früher -her verärgert ist, ob des Briefes, den Sie ihm gesendet haben! -- -Depeschieren Sie, daß die Demission nicht angenommen wird!“ - -Der zweite Vorwurf tat Martina bitter wehe. „Befehlen Durchlaucht noch -etwas?“ - -„Danke, nein! Ich will abwarten, was Emil antworten wird! Die Depesche -an Wolffsegg hat übrigens keine Eile! Sie bleiben zur Disposition! -Danke! Auf Wiedersehen!“ - -Nun weinte Martina wirklich. Wimmerte eine geschlagene Stunde. Wischte -aber hastig die Tränen weg, als es klopfte. „Herein!“ - -Ein Blick, ein Aufspringen und Entgegeneilen. „Durchlaucht geruhen -selbst...!“ - -Güte, Herzlichkeit und warme Freude kündete das Antlitz der hohen -Frau. Weichen Tones sprach die Fürstin: „Ja, selbst! Muß ja Abbitte -leisten dafür, daß ich Ihnen Vorwürfe gemacht habe! Also: Verzeihung, -liebe Martina! Will mich bessern! Und Sie, liebe Martina, sollen die -erste sein, die einzige, der ich die Freudenbotschaft mitteile: Emil -fügt sich doch! Er wird morgen nach Admont kommen! Das Schmerzlichste: -Ungehorsam und Auflehnung bleibt mir also erspart! Gott sei Dank dafür! --- Aber nun sagen Sie mir, liebe Martina, was meinen Sie: wie könnte -ich dem Sohne zum Dank für seine Fügsamkeit eine besondere Freude -machen?“ - -Martina machte aufmerksam, daß sie in keiner Weise informiert sei, -nicht die hohe Ehre hätte, den Prinzen zu kennen; demnach außerstande, -irgendwelche Meinung zu haben und zu äußern. - -„Das Haller Jagdgut kann ich Emil nicht schenken, weil er sich -- -einstweilen -- noch nicht besonders für die Jagd interessiert! Gekauft -habe ich das Jagdgut ja nur für ihn!“ - -So ratlos Martina war, ein Gedanke blitzte auf. „Wie wäre es, wenn -Durchlaucht dem Prinzen die -- Oberleitung übertragen würden? Als -Beweis der Dankbarkeit und zugleich des Vertrauens! Und der Prinz -würde dadurch Beschäftigung haben, sich im Verkehr mit dem Oberförster -mählich doch für Wild, Forst und Jagd interessieren!“ - -„Hm! Zwar glaube ich nicht recht daran, aber man kann es ja versuchen! --- Und nun eine private Bitte, sprechen Sie mit Hartlieb, auf daß der -Oberförster für einen schönen Empfang meines Sohnes sorgt, ja?“ - -Martina erglühte wie eine Pfingstrose. - -Das jähe Erröten gewahrend, meinte die Fürstin: „Nanu! Was ist Ihnen -denn? Doch nicht Fieber?“ - -„Verzeihung! Mir ist arg heiß geworden --, die Freudenbotschaft -plötzlich, die wider Erwarten doch günstige Wendung nach dem -vorausgegangenen Ärger...“ - -„Nu, nu! Hofdamen dürfen sich nicht ärgern! Nun bitte ich Sie, den -Oberförster vertraulich zu verständigen! Und laden Sie ihn zum Lunch -ein! Auf Wiedersehen, liebe Martina!“ - -Fräulein von Gussitsch küßte der Fürstin die Hand und geleitete die -Gebieterin bis in den Korridor. - -Da saß nun Martina in der düsteren, ärmlich und streng dienstlich -ausgestatteten Forstkanzlei vor dem Oberförster Hartlieb, beide stumm. -So freundlich, ja freudig die Begrüßung war, ein gedämpftes Aufjauchzen -sehnsüchtiger Seelen, die fröhliche Situation wurde durch zwei Worte -verändert: „Zu spät!“ - -Mit munterer Wichtigkeit hatte Fräulein von Gussitsch berichtet, daß -künftig Prinz Emil sozusagen „Jagdherr“ sein werde, der Oberleiter, -und Hartlieb seine rechte Hand und oberster Berater, der sich wohl -bald in einen Vertrauensmann und Freund verwandeln werde. Daß Martina -der Fürstin diesen Gedanken eingeblasen hatte im Interesse Hartliebs, -verschwieg das Hoffräulein, um nicht zuviel zu verraten. Nur ganz -wenig hatte Martina durchblicken lassen, daß nach Rückkehr des jungen -Prinzen das „Weiberregiment“ ein wohltätiges Ende finden werde. -Einen Freudenschrei aus Hartliebs frohbewegter, von Druck und Sorgen -befreiter Brust hatte Martina erwartet. Ambros Hartlieb aber hatte -tiefernst mit tonloser Stimme geantwortet: „Zu spät!“ - -So bestürzt war Martina, daß sie gar nicht fragen konnte, was geschehen -sei. - -Wie erloschen schien Lebensfreude und Zukunftshoffnung in Hartlieb, da -er nach einer Pause sprach: „Zu spät kommt diese Botschaft, denn ich -habe Schritte getan, um eine -- andere Stellung zu erhalten! Hier sind -die dienstlichen und sonstigen Verhältnisse unerträglich geworden!“ - -In Martina quoll nach dem ersten lähmenden Schrecken jetzt doch -eine kleine Hoffnung auf, auch der Mut zu fragen, ob denn ein -Stellungswechsel sich so rasend schnell vollziehe, daß es für hier „zu -spät“ sein müsse. - -Ein leises Lächeln huschte über Hartliebs ernstes Antlitz: „Das -wohl nicht! Ich habe an den früheren Jagdpächter von Hall, Grafen -Lichtenberg, geschrieben, ihn um gnädige Vermittlung und Empfehlung -gebeten...“ - -„Ach so!“ rief Martina im Tone der Befreiung von schwerer Sorge. -„Demnach ist noch nichts abgemacht, Sie können also abwarten und -zusehen, wie sich die Dienstesverhältnisse -- bessern werden! Und sind -sie ‚erträglich‘ oder gar -- was ich hoffe und wünsche -- gut geworden, -so wird der Herr Oberförster doch wohl hierbleiben! Landschaftlich ist -es ja doch wundervoll im Halltale, nicht?“ - -„Gewiß! Nur schweren Herzens würde ich von hier scheiden! An eine -günstige Gestaltung der Verhältnisse vermag ich aber nicht zu glauben!“ - -„Warum nicht?“ - -„Weil es heißt, daß der junge Prinz wenig oder gar kein Interesse für -das Weidwerk habe!“ - -Rasch warf Martina die Frage ein: „Woher wissen Sie denn das?“ - -„Vor einiger Zeit, vor Ankunft der Frau Fürstin, hatte Graf Thurn die -Frage an mich gerichtet, ob die Jagdausübung in den herrlichen Haller -Revieren einen jungen apathischen Mann aufrütteln, die Weidmannslust -erwecken könne. Namen wurden nicht genannt! Ich werde mich wohl kaum -irren, wenn ich in dem ‚apathischen jungen Manne‘ den Prinzen Emil -vermute! Wenn die Weidmannslust in einem Menschen erst -- geweckt -werden soll, dann ist doch sicher ein Jagdinteresse nicht vorhanden!“ - -„Das ist allerdings richtig gefolgert! Wer weiß aber, ob sich nicht -doch ein gewisses Interesse einstellt! Der Jagdleiter selbst kann da -einen großen Einfluß ausüben, je nachdem er den jungen Herrn behandelt, -ihm Weidmannsfreuden verschafft! Nach meiner Auffassung ist das -Wichtigste, daß der Herr Oberförster in engsten Konnex mit dem Prinzen -kommt, den jungen Herrn führt und leitet! Das Weitere ergibt sich von -selbst! Und die Günstlingswirtschaft wird wohl bald ein Ende finden!“ - -„Das wäre freilich ein Segen!“ - -„Hoffen wir das Beste! Und einstweilen bleiben Sie, ja?“ - -„Versprechen kann ich nichts! Hat Graf Lichtenberg ein Jagdgut gekauft -und wünscht er mich, so werde ich seinem Rufe Folge leisten müssen!“ - -Martina sann und murmelte: „Lichtenberg, Lichtenberg?“ - -„Zu dienen: Graf Udo von Lichtenberg!“ - -Munter rief Martina: „Hab ihn schon! Vor kurzem las ich in der Zeitung, -daß Graf Udo Lichtenberg nach Afrika abgereist sei, um im Sudan zu -jagen! Demnach werden Sie von ihm in den nächsten Tagen kaum Nachricht -erhalten!“ - -„Was? Nach Afrika? Das kann nicht stimmen, nach Afrika zu Jagdzwecken -reist man gewöhnlich um die Jahreswende! Und dem Grafen Lichtenberg -sieht es nicht gleich, daß er die Hirschbrunft in heimatlichen Bergen -ignoriere!“ - -„Ist alles egal, Sie bleiben bis auf weiteres, ja?“ - -„Bis auf weiteres, ja!“ - -„Sagen wir: auf ein Jahr, ja? Hand darauf!“ - -Ambros zögerte; es schien ihm bedenklich, sich zu binden. - -„Auf Manneswort, mir zuliebe, Herr Hartlieb!“ - -Bewegt rief Ambros: „Ach Gott, was tät’ ich nicht alles -- Mustela -zuliebe?“ - -„Hand darauf!“ - -Hartlieb legte seine sonnengebräunte Hand in das ihm von Martina -gereichte schmale Händchen. - -Und nun kicherte das vergnügt gewordene Hoffräulein: „Den mir -aufgebrachten ‚Spitznamen‘ ‚Mustela‘ muß ich mir also gefallen lassen! -Ist übrigens nicht ohne, die neue Situation: Mustela fängt den Jäger! -Ansonsten ist es doch umgekehrt, nicht?“ - -Ambros gab Martinas Händchen frei. „Darf ich erfahren, warum gnädiges -Fräulein mein Verbleiben wünschen? Sind Sie denn gern im fürstlichen -Dienst?“ - -„Beide Fragen kann ich nicht beantworten, ganz unmöglich! Und nun zum -Schlusse -- die Zeit drängt und der Dienst ruft: Besorgen Sie gütigst -alles für den festlichen Empfang, auf daß der Prinz recht angenehm -überrascht wird und Sie liebgewinnt! _Addio!_ Herr Oberförster!“ - -Martina hatte es merkwürdig eilig, aus dem Forsthause zu kommen. -Hartlieb aber hatte ein Gefühl, als sei seinerseits etwas sehr Liebes -und Großes gründlich versäumt und verpatzt worden... - -Spät am Abend kritzelte Martina in das Tagebuch: „So ein Zottelbär, -dieser Ambros Hartlieb! Führt seinen Namen zu Recht, denn es geht -‚hart‘ mit seiner ‚Liebe‘! Aber ich hab’ ihn gern, schrecklich gern und -hoffe auf einen guten Ausgang in späterer Zeit! -- Gute Nacht, lieber -Hartlieb!“ - - - - -Neuntes Kapitel - - -Überraschend und mit Überraschungen für die Mama war Prinz Emil -gekommen. Ein schlanker, hochgewachsener junger Mann, blond das nicht -üppige Haupthaar, flachsartig das Schnurrbärtchen, lichtblaue Augen -mit dem Ausdruck von Gutmütigkeit. Muttersöhnchen, mager wie ein -Zahnstocher, verzärtelt, verhätschelt, unsicher; bis vor wenigen Wochen -wohl auch eitel, unfähig, einen selbständigen Entschluß zu fassen. -Ehrerbietig hatte Prinz Emil die Mama begrüßt und geküßt, nichts von -Verstimmung merken lassen, die ihm wegen der Abberufung von Berlin im -Herzen saß. - -Tadellos höflich, nur etwas neugierig, hatte er das Hoffräulein -begrüßt. Und Martina hatte mit dem schönsten Hofknicks Reverenz -erwiesen; in Gedanken aber das Muttersöhnchen „_Steccadente_ mit -Schafblick“ genannt. - -Schon die Schnurrbärtchenfasson bildete eine Überraschung für Mama. -Dann die Tatsache, daß Baron Wolffsegg nicht mitgekommen war, also Emil -allein, nur von seinem Diener begleitet, hatte reisen müssen. Daß der -Sohn bereits vierundzwanzig Lenze zählte, vergaß die Mama gänzlich. Und -verärgert war die Fürstin über den Anlaß der Pflichtvernachlässigung -seitens des Adjutanten. Verstimmt über die leichtfertige Art, wie -Emil den Baron Wolffsegg kordial entschuldigte: Erbtante freundlichst -prompt gestorben, selbstverständlich, daß Wolffsegg anstandshalber bei -Beerdigung mithalf und nun in Prag den vielen Draht einsackt; so ein -Schwein kann eben nur ein böhmischer Baron haben. - -Diese Sprachweise, diese Ausdrücke gingen der Fürstin schwer auf die -Nerven. Aber sie rügte nicht, um nicht schon am Tage des Wiedersehens -Verstimmung und Verdruß heraufzubeschwören. - -Nicht völlig nach Wunsch der Mama hatte Emil sich bei der feierlichen -Begrüßung an der festlich geschmückten Villa benommen: zu kordial und -burschikos den Oberförster behandelt, begrüßt mit den Worten: „Nette -Chose, sehr hübsch, freut mir jletscherhaft, lieber Oberförster; ich -danke Ihnen heftig! Hoffe, daß wir Freunde werden im grünen Revier! -Servus!“ - -Einfach gräßlich für einen Prinzen, dachte Mama. - -Und dann die an den Forstwart gerichteten Worte: „Ah, notleidender -Agrarier, wie Figura zeigt, essen wohl viel Notstandsgockel, daher -der große Hendlfriedhof? Wie heißen Sie denn? Was, Gnugesser! Alle -Wetter! Da versteht sich der _Plenus venter_ von selbst! Muß bezüglich -Ihrer Nase Witz von König Ludwig dem Ollen kopieren: ‚He, Landrichter, -große Nase, doch nicht von der Regierung bekommen?‘ Na, bei Ihnen gar -nicht möglich, denn Sie sind ja nicht von der Regierung, sondern unser -Beamter! Auf Wiedersehen!“ - -Für die Mama war es unverkennbar, daß Emil „aufgewacht“, von lähmender -Apathie, von Geistesträgheit befreit ist. Die Reise hat gute Früchte -gebracht. In dieser Hinsicht. Aber sonst: gräßliche Manieren, -schrecklich der Ton. Eine beklagenswerte Veränderung im Wesen des -bisher so gefügig gewesenen Muttersöhnchens. - -So sehr ging all dieses Neue auf die Nerven, daß die Fürstin alsbald, -ohne Begleitung, nach Admont fuhr, um mit Pater Wilfrid darüber zu -sprechen. - -Ein Privatissimum in der Klosterzelle, die der Öffentlichkeit -zugänglich sein muß und sich außerhalb der Klausur befindet, weil -Wilfrid Pfarrer ist, also Amtsperson. - -Fürstin und Mönch in bescheidener Zelle; sorgenerfüllt die Frau, -diensteifrig der Pfarrer und Edelmann von Erfahrung und Weltkenntnis. - -Bitter klagte Fürstin Sophie, daß der Sohn „in Preußen“ revolutioniert, -zu seinem Schaden in Kopf und Seele beeinflußt und verändert worden -sei; spottlustig, sarkastisch der lammfromm gewesene Jüngling, -standeswidrige Leutseligkeit. Seufzend, mit zitternder Stimme sprach -die Fürstin: „Denken Sie nur, Hochwürden, mein Sohn fragte mich, wie -ich über eine bürgerliche Braut dächte. Unerhört! Aber ich habe das -Schreckliche verhindert durch einen gemessenen Befehl! Mit aller -Strenge werde ich künftig vorgehen, um Entgleisungen zu verhüten, den -Jungen vor Unglück bewahren! Helfen Sie mir, Herr Pfarrer, mit Ihrem -Rat, mit Ihrer Erfahrung als Priester und Seelenhirte!“ - -Pater Wilfrid verbeugte sich und sprach: „Euer Durchlaucht werden sich -mit dem Faktum vertraut machen müssen, daß die Zeit vorüber ist, in der -sich ein Sohn gängeln läßt; Prinz Emil ist der mütterlichen Aufsicht -entwachsen, mit vierundzwanzig Jahren allerdings noch kein ausgereifter -Mann, aber auch kein Jüngling mehr, der sich lenken, am Händchen führen -läßt! Das Befehlenwollen der Eltern, nachdem der Sohn mündig geworden -ist, seine eigenen Anschauungen hat und sich über das Lebensziel klar -geworden ist, führt zu nichts Gutem! Mit solcher Befehlerei -- ich -bitte zu verzeihen -- erzielt man nur Verschlossenheit, Gereiztheit, -Eigensinn und Widerstand! Letzterer wird sich je nach Temperament und -Erziehung aktiv oder passiv zeigen! Jeder Priester von Erfahrung muß zu -den Eltern sagen: _Ne feceris!_ Tue es nicht!“ - -Die Fürstin jammerte: „Ach Gott! Nun halten gar auch Sie, der -Geistliche, dem Sohne die Stange! Die Mutter wird doch berechtigt sein, -Gehorsam zu fordern?“ - -„Zu dienen, Durchlaucht! Achtung muß der Sohn erweisen, auch Gehorsam -in dem, was den Eltern zukommt! Aber nicht darüber hinaus! Die Eltern -können mahnend und warnend einzuwirken versuchen, erzwingen können sie -aber nichts mehr! Gute Erziehung wird den Mann gewordenen Sohn davon -abhalten, daß er Mahnungen und Warnungen etwa brüsk zurückweist!“ - -Gedrückt klang die Klage: „So habe ich denn nichts mehr zu sagen und -den Sohn soviel wie verloren -- --!“ - -Soviel Pater Wilfrid sich bemühte, die hohe Frau zu trösten, es blieb -vergeblich; die Fürstin erwies sich Trostworten nicht zugänglich in -ihrem Seelenschmerze und verabschiedete sich mit Dank für die freilich -sehr bittere Aufklärung. - -Der Seelenkenner im Benediktinerhabit behielt recht mit seiner -Voraussage. Emil verhielt sich seiner Erziehung entsprechend -selbstverständlich einwandfrei im Verkehr mit der Mama bei Tisch und -sonstigem Zusammentreffen, aber von der früheren Offenherzigkeit, vom -bedingungslosen Gehorsam war keine Spur mehr vorhanden. - -Der scharf beobachtenden Mutter konnte die schmerzliche Tatsache nicht -entgehen, daß der Sohn grollte, der Mama nach Möglichkeit auswich. -Um so mehr mühte sich die Fürstin ab, eine Annäherung und Versöhnung -herbeizuführen, zumal sie befürchtete, daß die Verschlossenheit und das -untätige Leben den Sohn auf schlimme Gedanken und gefährliche Streiche -bringen könnte. Um eine Flucht zu verhindern, hielt die Fürstin Emil -sehr knapp mit Geldmitteln. Dachte gar nicht daran, daß dieses Vorgehen -den mündigen Sohn völlig erbittern mußte. Und ganz verfehlt war der -Tadel der Untätigkeit, die mit liebeflehenden Worten verzuckerte -Mahnung zu irgendeiner Beschäftigung, z. B. Übernahme der Oberleitung -im Forst- und Jagdamt, Kontrolle der Beamten und Jäger. - -Emil lehnte ab mit dem Hinweise auf Mangel an Sachverständnis. - -Eines tat er aber doch, ohne Wissen der Mama, er staubte den Freikost -und sonstige Benefizien schindenden Jäger Eichkitz aus dem Schlößl -raus, so gründlich und scharf, daß dem hübschen Frechdachs Hören und -Sehen verging. Jäh hatte das Schlemmerleben und auch die Beeinflussung -der Gebieterin ein Ende. Daniel Eichkitz mußte im Hochreviere Dienst -tun wie die anderen Jagdgehilfen. - -Zeuge dieser Ausstaubung des Parasiten war vom Fenster ihrer Stube aus -Fräulein Gussitsch, ohne daß Emil davon eine Ahnung hatte. - -Bald darauf wurde Martina zur Fürstin befohlen. Zu einer Aussprache. -Das tiefbekümmerte Mutterherz verlangte nach Hilfe und Befreiung von -quälenden Sorgen. Einen Weg sollte die Hofdame finden, der zum Herzen -des Sohnes führt. Und Martina soll intervenieren, auf daß sich der -Prinz beschäftige, um die Bewirtschaftung des Jagdgutes kümmere. - -Ob dieser Bitten war Martina anfangs erschreckt. Aber in Erinnerung an -die von ihr beobachtete Ausschaffung des Jägers Eichkitz konnte Martina -mit gutem Gewissen der hohen Gebieterin sagen, daß Prinz Emil bereits -sich der Interessen der fürstlichen Familie annehme, für Ordnung -wenigstens teilweise gesorgt habe. - -Über die Details dieses Vorganges informiert, gab die Fürstin -den seither bevorzugten Lieblingsjäger und Berater in -Jagddienstangelegenheiten sofort preis, billigte die Ausschaffung -nicht nur, sondern lobte der Hofdame gegenüber den Sohn himmelhoch, -als hätte Emil die Welt aus den Angeln gehoben. Und im selben Atemzuge -schier bat die Fürstin, es solle Martina den Prinzen dahin zu bestimmen -suchen, daß er seine Tätigkeit zur Schaffung von Ordnung und Disziplin -ausdehne und den Bediensteten scharf auf die Finger sehe. Wehen Tones -klagte sie: „Auf mich hört Emil ja leider Gottes nicht mehr, vielleicht -zeigt er sich Ihren Worten zugänglich! Seien Sie aber vorsichtig, liebe -Martina, auf daß nicht Erbitterung und Trotz geweckt wird! Diplomatisch -klug und vorsichtig vorgehen, um Emil willfährig zu machen! Mein Sohn -soll glauben, daß sein Wille respektiert wird, daß er ganz nach seinem -Gutdünken lebt und handelt; dabei aber wird er doch gelenkt durch Sie -nach meinem Willen! Leicht wird das freilich nicht durchzuführen sein! -Aber wir wollen den Versuch wagen!“ - -Martina erklärte pflichtschuldigst ihre Bereitwilligkeit, machte aber -auf die Gefahren der gewünschten Intervention aufmerksam. - -„Gefahren? Ich wüßte nicht, welche Gefahr aus Ihrer Intervention -erstehen könnte!“ - -„Ich werde mich zunächst der Gefahr aussetzen, in den Augen des Prinzen -zudringlich zu erscheinen und zurückgewiesen zu werden!“ - -„Undenkbar, wenn Sie klug und diplomatisch, mit Frauentakt -intervenieren!“ - -„Sodann befürchte ich üble Nachrede, wenn man mich häufig in -Gesellschaft des jungen Herrn sieht...!“ - -„Wo es sich um meine Wünsche handelt, hat Domestikengeschwätz nichts, -aber rein gar nichts zu bedeuten! Sie handeln ja in meinem Auftrage -und helfen einer bekümmerten Mutter! Sie dürfen jedoch mit keinem Ton -verraten, daß die Intervention mit meinem Wissen erfolgt! Und nun gehen -Sie ans Werk! Die Mutter dankt Ihnen von ganzem Herzen für diesen -Lieblingsdienst, den ich nie vergessen werde!“ Liebreich und huldvoll -reichte die Fürstin dem Hoffräulein die Hand zum Kusse. - -Auf ihrem Zimmer konnte Martina den Kriegsplan entwerfen. Ein geradezu -lästiger Auftrag, unangenehm und gefährlich; dennoch nicht ganz -unerwünscht nach der Richtung hin, daß Martina im Interesse Hartliebs -wirken kann, wenn ihr Einfluß den Prinzen bestimmt, sich um die Jagd -zu kümmern, mit Hartlieb zu verkehren und der Mißwirtschaft ein Ende -zu machen. Werden die Dienstesverhältnisse gebessert, so wird Hartlieb -froh werden und Martina dankbar sein. - -Ein beseligender Gedanke und Ausblick in die Zukunft. Vertrauensperson -der Fürstin! Wie aber schnell und ausgiebig Einfluß auf den Prinzen -gewinnen, ohne daß das hübsche Hoffräulein sich etwas vergibt und den -Ruf schädigt...? - -Ein langes Sinnen und Planen. Dann ein Lächeln der Befriedigung, wobei -die feinen Marderzähnchen blinkten. - -Martina hielt fleißig Ausschau nach dem „Zahnstocher mit dem -Schafblick“. Vorerst vergebens. - -Aber gegen Abend vor der Dinerstunde sah sie den Prinzen -zigarettenrauchend am Waldesrande unter einer Fichte liegen, -vermutlich vor Langeweile zum Sterben bereit. - -Mustela auf der Jagd... Martina schlich aus dem Schlößl, promenierte -gegen den Talschluß zu, bog vom Sträßlein ab und stieg ein Weilchen -bergan. Dann kam wie von ungefähr und rein zufällig das Hoffräulein, -leise ein Liedchen summend, von oben genau in der Richtung auf den -lungernden Prinzen herab. - -Schon das Knacken dürrer Zweige, das Kollern losgetretener Steine hatte -Emil aufmerksam gemacht. Neugierig guckte er aufwärts. Und wie er das -hübsche Hoffräulein im neckischen Lodenkleide erblickte, grüßte er -vergnügt lächelnd und fragte, ob Fräulein von Gussitsch „dienstlich“ -Steine loslöse und ein Prinzenleben dadurch schwer gefährde. - -Im grünen Tann ein köstlich karikierter Hofknicks, wobei Martina -kichernd mit den Fingerspitzen das fußfreie Lodenkittelchen um einen -Zoll hochhob. „Untertänigst zu dienen! Die Steinchen haben nicht meine -Füße losgelöst, sondern das schlechte Gewissen, die schwer bedrückte -Hofdamenseele...!“ - -Mit einem wahrhaftigen Schafblick guckte Emil das Fräulein an. „Was? -Schlechtes Gewissen, bedrückte Seele? Ich bin perplex! _Non capisco -niente!_“ - -„Glaub es gerne, daß der gnädigste Prinz mich nicht verstehen!“ - -„Nein, wirklich nicht! Habe keine Ahnung!“ - -„So muß ich denn beichten, mitten im Grünen!“ - -„Ich bin furchtbar neugierig! Schießen Sie los! Aber wollen wir uns -nicht setzen auf schwellende Moospolster?“ - -„Danke, nein! Es beichtet sich leichter im Stehen! Dabei wird auch -vermieden, daß etwaige Beobachter auf den Gedanken kommen, es handle -sich um ein -- Rendezvous zum Maikäfern!“ - -„Ach, das wär aber wirklich nett, maikäfern mit einem etikettwidrig -hübschen Hoffräulein, derweilen die gestrenge Fürstin von -- -Zahnschmerzen gepeinigt wird!“ - -„Es maikäfert sich gar nichts, gnädiger Prinz!“ Und nun beichtete -Martina planmäßig, daß sie Zeugin der Ausschaffung des profithungrigen -Jägers Eichkitz gewesen sei. Diese rettende und befreiende Tat des -Prinzen habe sie als Wohltat empfunden. Und den ordnungschaffenden -jungen Herrn lobte sie über den Klee und sprach die Hoffnung aus, daß -Prinz Emil noch mehr von den Parasiten „fürifangen“ und dreinfahren -werde „wie ein geölter Blitz“. - -Höchlich geschmeichelt und interessiert rief Emil: „Aber das ist -ja furchtbar nett! Hab’ ich mir da die Anerkennung des hübschen -Hoffräuleins errungen und hatte davon keine Ahnung! Wenn Sie es -wünschen, werde ich mit Vergnügen noch mehr der Kerls ‚fürifangen‘! -Nur müssen Sie mir die Gauner näher bezeichnen! Überhaupt sagen, wo es -Schlampereien gibt! Ordnung will ich gern und schleunigst schaffen!“ - -Mit einem strahlenden Lächeln des Triumphes blickte Martina den so -prächtig auf den gewünschten Pfad erwachenden Interesses gelockten -Prinzen an. Und auf den Scherzton eingehend, sagte sie: „Bei mangelnder -Kontrolle gibt es überall Schlampereien, besonders in Hofhaltungen ohne --- männliche Oberaufsicht! Genaue Auskunft kann ich nicht geben, denn -ich bin dienstlich stets in der Nähe der hohen Gebieterin! Direkt unter -den Augen der Durchlaucht wagt auch der frechste der Frechdachse nicht -zu stehlen! Hinterm Rücken schon! Wenn aber der gnädigste Herr den -Oberförster und Jagdleiter ins Vertrauen ziehen, kann Ihnen Hartlieb -Dinge erzählen, daß die prinzlichen Augen tropfen!“ - -„So? Nicht übel! Na, Feuerle anzünden ist von jeher meine Passion -gewesen! Gleich morgen werde ich mit dem Oberförster reden, mich -informieren lassen!“ - -„Das wäre furchtbar nett von Ihnen! Vorausgesetzt, daß Sie den -wohltätigen Sport des ‚Fürifangens‘ und ‚Feuerle-Anzündens‘ für längere -Zeit betreiben wollen, nicht nur vorübergehend auf einige Tage!“ - -„Aber gern! Sind denn die Verhältnisse durchweg so schlimm?“ - -„So unerträglich, daß der Oberförster die Stellung verlassen wollte! -Ich habe schwere Mühe gehabt, ihn zu bewegen, daß er versprach, -auszuharren, bis der gnädigste Prinz kommt und mit eiserner Hand -eingreift! Gottlob, Durchlaucht sind da und haben bereits mit Mannesmut -und Mannesfaust eingegriffen! Allen Respekt, untertänigst natürlich!“ - -„Sind Sie aber ein netter Käfer! Und so tapfer in Wahrung unserer -Interessen! Weil wir aber so nett allein sind, möchte ich Sie bitten, -mit mir einen Tauschhandel einzugehen, gewissermaßen ein Geschäft auf -Gegenseitigkeit! Ich werde alles tun, was Sie wünschen, zur Schaffung -von Ordnung und Purifizierung der Verhältnisse! Das Hoffräulein muß mir -aber versprechen, schön fein die Mama zu bearbeiten, daß sie in einiger -Zeit doch einwilligt und mir erlaubt, daß ich wieder nach Berlin kann. -Wollen Sie mir diesen Gefallen tun?“ - -Aalglatt wich Martina einem bindenden Versprechen aus und verwies -auf den Mangel an Einfluß. Was getan werden kann, soll aber gerne -geschehen. Übrigens gäbe es ein sicheres Mittel, um das gewünschte -Ziel zu erreichen: abschmeicheln! - -„Nee, Fräuleinken, dazu bin ick bereits zu alt!“ meinte gedehnt der -Prinz Emil. - -„Huhu! Ein Greis von zwei Dutzend Lenzen! Einfach schauderhaft! Krücken -gefällig zum Abstieg? Daheim Fleckerlschuhe anziehen, die gichtkranken -Knie umwickeln mit Fellen von Rheumatismus-Katzen! Mummelgreis, der -sich nicht zu helfen weiß! Tun Sie mir aber leid! Hab’ geglaubt, -Prinz Emil sei ein junger fescher Mann! Derweil ist er ein ‚alter -Mummelgreis‘!“ - -Belustigt lachte Emil auf. „Na, wir werden ja sehen, wie der Hase -läuft! Und inzwischen wollen wir zwei fest zusammenhalten, ja?“ - -„Gerne, Durchlaucht!“ - -„Ach was! Für Sie bin ich einfach der ‚Herr Emil‘! Das heißt, wenn -wir allein und unter uns sind! Die Hofschranzen und Popanzen brauchen -nichts zu merken von unserer Verschwörung! Also, auf Handschlag!“ - -Zögernd sprach Martina: „Zur ‚Verschwörung‘ bin ich wohl bereit! Aber -die Degradierung...?“ - -„Gut! Dann befehle ich Ihnen, mich mit ‚Herr Emil‘ zu titulieren.“ - -„Zu Befehl! Hier meine Hand, ‚Herr Emil‘! Und nun, damit die Schranzen -und Popanzen nichts merken, geht der ‚Herr Emil‘ schön alleine voraus -und hinunter zur Villa! Ich aber schlängle mich auf einem Umweg nach -Hause! Empfehl mich gehorsamst!“ - -„Servus, Käferl!“ Gehorsam und vergnügt stapfte der sehr munter -gewordene, aus der „Tramhapigkeit“ völlig erwachte Prinz hinunter. - -Bis Martina auf Umwegen zum Schlößl kam, war eine heillose Verspätung -eingetreten, die Dinerstunde überschritten. Fürstin Sophie sagte -nichts, blickte nur das Hoffräulein fragend an. Und wie sie das -„optische Signal“ in Martinas strahlenden Augen gewahrte, daß der erste -Schritt zur Intervention getan, mit Erfolg getan sei, da huschte ein -Lächeln der Befriedigung über die Lippen der Mama. - -Prinz Emil aber setzte eine Miene auf, als könne er nicht bis fünfe -zählen. Heuchelte absolute Gleichgültigkeit, schielte aber gelegentlich -nach Martina, die er jetzt zum Anbeißen nett fand. - -Wenn es möglich wäre, einen gesunden Forstmann des Morgens im Bette -zu überraschen, Emil von Schwarzenstein hätte dies Kunststück -fast fertiggebracht, denn er kam am nächsten Tage zu sehr früher -Stunde in das Forsthaus. Zum größten Erstaunen Hartliebs, der -seinen Ohren nicht trauen wollte, als Prinz Emil, der Träumer, von -Reorganisation, verschärfter Kontrolle, ja von Beseitigung jeglicher -Günstlingswirtschaft sprach und den Oberförster um Unterstützung bat. -Die Kontrolle der Jagdgehilfen in den Revieren sollte nach wie vor -Aufgabe des Jagdleiters sein und bleiben, die Regulierung des nötigen -Abschusses vom Vorstand des Jagdamtes persönlich vorgenommen werden. - -Auf den Einwand Hartliebs, daß die Fürstin gegenteilige Befehle erteilt -habe, äußerte sich Prinz Emil dahin, daß er nun die Oberleitung -führen werde und demgemäß seine Anordnungen zu befolgen seien, die -selbstverständlich erst nach Zustimmung des Jagdleiters gegeben werden -sollen. - -Freudig überrascht fragte Hartlieb, ob denn Prinz Emil nicht selbst den -Abschuß vornehmen, das Weidwerk ausüben wolle. - -Emil verneinte diese Frage ohne Angabe der Gründe und bat, es möge ihn -Hartlieb sofort in die Reviere führen behufs Kontrolle. - -Dazu war Ambros Hartlieb natürlich mit Vergnügen bereit. Nur fragte -er, während er nach Büchse und Bergstock griff, ob denn der Prinz mit -Proviant versehen sei. - -„Ist nicht nötig! Werde nicht verhungern!“ - -So marschierten beide denn ab. Und Hartlieb schlug einen Jägersteig -ein, der zwar arg steil war, dafür schnell in die Höhe führte... -Wie sich der Oberförster über den Wandel der Dinge freute! Manches -am jungen Herrn gefiel Hartlieb in hohem Maße: der Eifer, die -Einfachheit, der gute Wille für eine Reorganisation und Abschaffung der -Günstlingswirtschaft. Nicht weniger erfreulich war für den Jagdleiter -die Abschußbewilligung. Sonderbar fand Hartlieb allerdings den Verzicht -auf jegliches Weidwerken; sonderbar bei einem jungen Manne, dem so -herrliche, reichbestandene Reviere zur Verfügung stehen. Sollte der -Mangel an Jagdinteresse wirklich bis zur Gleichgültigkeit für jegliches -Wild gesteigert sein? Im langsamen Steigen erinnerte sich Hartlieb -wieder der Worte des Grafen Thurn, der Frage, ob ein junger apathischer -Mann beim Anblick von Wild auftauen, gewissermaßen von Jagdfieber -ergriffen werden könne. Eine Probe darauf wollte Hartlieb vornehmen, -den Prinzen an einen kapitalen Hirsch bringen, Emil das schußfertige -Gewehr geben, und das Weitere beobachten. Nach Hartliebs Meinung kann -ein schußberechtigter Mann beim Anblick eines Kapitalen unmöglich -eiszapfig bleiben, das Hirschfieber muß wirken... - -Steigen konnte Emil vorzüglich, trittsicher und geräuschlos. Immer -hielt er Abstand ein, blieb nie zurück und schwätzte nicht. - -Durch einen finsteren, engen Steilgraben ging es aufwärts, dann hinein -in düsteren Hochwald, der zu den „Haller Mauern“ sich dehnte. - -Hartlieb strebte im lautlosen Pirschschritt einer Lichtung zu, wo seit -einiger Zeit ein kapitaler Zwölfender stand. - -Emil folgte dem Führer stumm und unhörbar. - -Zwischen den alten hochstämmigen Mantelfichten schimmerte es grau, die -Lichtung war nahe. - -Hartlieb blieb stehen, um zu horchen. Wie angemauert stand fünf -Schritte von ihm der Prinz. - -Von der Lichtungswiese her kam ein rauher Ruf, ein kurzer Trenzer, dann -ein dröhnend Rollen, der Schrei des Brunfthirsches zornig, begehrlich, -ungeduldig, herausfordernd: „ä--o--ah!“ - -Ein forschender Blick Hartliebs musterte den Prinzen, der ruhig stand -und nur etwas verwundert horchte. Keine Spur von Leidenschaft oder -Ergriffenheit. - -So nahe als möglich pirschte Hartlieb den röhrenden Hirsch an. Gehorsam -wie ein guter Jagdhund folgte ihm der Prinz auf Schritt und Tritt. - -Fast in der Mitte der felsumrandeten Lichtung stand der Kapitale breit, -vorgestreckt den zottigen Hals, werbend und kampfbegierig schreiend. -Ein König, der zum Kampfe ruft... - -Bis auf Kugelschußdistanz brachte Hartlieb den Prinzen, der staunend -den kapitalen Zwölfender anguckte. Flink und lautlos machte Hartlieb -seine Büchsflinte schußfertig und gab sie wortlos dem Prinzen in der -sicheren Erwartung, daß Emil nun zielen, die berühmte Sekunde lang -die höchste Weidmannswonne genießen werde, indem das Büchsenkorn im -Hirschblatt Haar faßt und der Finger den Stecher zum Schuß berührt... - -Prinz Emil sprach laut: „Aber was wollen S’ denn?“ Und er gab die -Büchse zurück. - -In hoher Flucht ging der vergrämte Hirsch ab... - -Jetzt wußte Hartlieb bestimmt, daß dieser junge Mann kein Jäger war und -niemals einer werden wird. - -Fast schmerzlich wirkte diese Erkenntnis auf den Jagdleiter. Und nichts -weniger denn ermunternd für den Dienst unter einem Jagdherrn, der kein -Weidmann ist... - -Viel mehr als der Zwölfender, der sich so rasch empfohlen hatte, -interessierte Emil ein überraschender Kontrollbesuch des Jagdgehilfen -Eichkitz. Deshalb fragte er, in welchem Distrikt Eichkitz zu finden -sein werde. Zugleich erzählte er die Episode der „Ausstaubung“. Wobei -Emil den Ton bis zum Flüstern dämpfte, da Hartlieb den Zeigefinger an -den Mund gelegt hatte. - -Leise gab der Oberförster die kurze Antwort dahin, daß er den gnädigen -Herrn zu Eichkitz führen werde. - -Eine mehrstündige scharfe Wanderung tief in Gräben hinunter, wieder -hinauf, durch Wald, Steinwildnis, bis das grasige Plateau der Plechauer -Alpe erreicht wurde. - -Wie Emil den wuchtigen Steinkoloß des imposanten Großen Pyrgas -erblickte, rief er in heller Bewunderung: „Gott! Wie prachtvoll! Welch -herrlich schöne Natur!“ - -Trockenen und leisen Tones sprach Hartlieb: „Bitt schön! Nicht laut -werden! Wenn Sie den Eichkitz überraschen wollen, müssen wir mit aller -Vorsicht zur Almhütte pirschen! Wahrscheinlich hockt der Loder bei der -Sennerin Burgl und raspelt Süßholz!“ - -„Ja, gut! Machen wir! Bitte führen Sie mich so, daß wir nicht gesehen -werden und daß ich den Kerl ‚fürifangen‘ kann!“ - -Für diesen Überfall eines pflichtvergessenen Jagdgehilfen meinte es -die Sonne gut, sie versteckte sich hinter dunklen Wolken, so daß der -Almboden stark beschattet war. In diesem Schatten schlichen Hartlieb -und Emil der Hütte zu, deren Türe halb offenstand. - -Die scharf klingende Stimme der schmächtigen Sennerin Burgl war -deutlich zu hören: „Aus ist’s und gar ist’s! Wie du meinst, mag ich -nicht! Auf dein Rezept: ‚vorm Heiraten taufen‘ laß ich mich nicht ein! -Probier dein Rezept bei den Hofmentschern! Ich will nichts wissen! -Und jetzt pack dich durch! Ein Jaager gehört ins Refür, nicht in die -Almhütt’n!“ - -„Sehr richtig!“ rief Prinz Emil und trat plötzlich in den Herdraum der -Hütte. - -„Jeß Maria!“ schrie entsetzt die tugendhafte Burgl und rang die Hände. - -Verblüfft rutschte Daniel Eichkitz vom Herdrand herunter und stellte -sich in Positur behufs Erweisung einer Art militärischer Reverenz vor -dem Prinzen. - -Scharf sprach Emil: „Das nennen Sie Dienst machen? Für die -Schürzenjagd, für das Karessieren bezahlen wir die Jagdgehilfen nicht! -Ich warne Sie: Werden Sie noch einmal auf einer Dienstvernachlässigung -ertappt, so erfolgt die sofortige Entlassung, verstanden!“ - -Eichkitz erwiderte schnippisch: „Mit Verlaub! Der gnädig Herr hat mich -aus dem Jagdschlößl ausg’schafft, das langt! Vom Dienst ausschaffen -kann mich, so meine ich, doch wohl nur die Frau Fürstin, die wo -Gebieterin ist und die Herrschaft ’kauft hat! I glaub nicht, daß...“ - -„Herr Oberförster, darf ich bitten!“ rief Prinz Emil mit zornbebender -Stimme. - -Hartlieb trat ein und fragte: „Durchlaucht befehlen?“ - -„Der Jagdgehilfe Eichkitz ist sofort seines Dienstes zu entheben! -Über Kündigungsfrist, Lohnauszahlung usw. wollen Sie das Weitere -veranlassen! Ebenso ist für Ersatz zu sorgen! Einstweilen kann wohl ein -anderer Jagdgehilfe das Revier am Pyrgas beaufsichtigen!“ - -„Sehr wohl, Durchlaucht!“ Zu Eichkitz gewendet sprach Hartlieb: „Sie -verlassen sofort das Revier! Den Hüttenschlüssel bringen Sie in die -Jagdamtskanzlei, wo morgen früh acht Uhr mit Ihnen abgerechnet wird!“ - -Emil hatte die Almhütte bereits verlassen. Ihm folgte Hartlieb. - -Völlig verdattert hatte die schmächtige Burgl zugehört. Jetzt, da die -Herren sich entfernt hatten, meinte sie zu Eichkitz, dessen Zähne an -der Unterlippe nagten: „Siehgst es, da hast es! Ich hab es allweil -g’sagt, daß die Dienstschwänzerei nichts taugt und bald ein böses End -nimmt! Und dein Leichtsinn auch! Kannst lang suchen, bis du wieder -einen so schönen Jaagerposten findest, du Sausewind!“ - -Grob schnauzte Daniel Eichkitz die herbe Sennerin ab: „Dumme Gans! -G’heiratet hätt ich dich nie nicht! Und nun kannst mir auf den Buckel -steigen!“ Mit weiten Schritten zog er ab. Hinauf zur Pyrgas-Jagdhütte, -um seine wenigen Habseligkeiten zu packen. - -Die Herren wanderten durch den Plechauergraben zu Tale. Und in der -Ebene des Halltales angekommen, sprach Prinz Emil seinen Dank für die -Führung aus. „Um meine Dankbarkeit aber auch zu beweisen, bitte ich -Sie, den bewußten Zwölferhirsch zu schießen! Und auch nach Bedarf -überzähliges Kahlwild, ganz wie Sie es für nötig erachten! Auf -meine Beteiligung am Abschuß und überhaupt am Weidwerk müssen Sie -aber verzichten! Mir fehlt das Interesse, das Jägerblut! Ich bin nur -ein begeisterter Naturfreund und Alpinist, habe nicht das geringste -Verständnis für Wild und Jagd! Hingegen habe ich den ehrlichen Willen, -Ihnen zu helfen, auf daß Ordnung wird! Bitte, sagen Sie dem Dickwanst -Gnugesser -- drolliger Name --, er soll mich morgen acht Uhr abholen; -wir wollen einen forstlichen Kontrollgang machen! Weidmannsheil, lieber -Oberförster! Auf Wiedersehen!“ - -„Weidmannsdank! Und gehorsamsten herzlichsten Dank für die erquickende -Abschußerlaubnis!“ - -Der Forstwart Gnugesser stand Punkt acht Uhr früh am Portal des -Schlößls, diesmal in Forstuniform und statt mit dem Hirschfänger -mit dem Plätzhammer ausgerüstet. Mit seinem strahlendsten Lächeln -im bärtigen Gesicht, hocherfreut von den guten Neuigkeiten, die ihm -gestern abend Oberförster Hartlieb mitgeteilt hatte. Bereitwilligst -hatte Beni auf Ersuchen Hartliebs die Mission übernommen, den jungen -Prinzen über forsttechnische Angelegenheiten zu informieren, ihm die -Notwendigkeit einer Forstnutzung auseinanderzusetzen, auf daß Prinz -Emil den Widerstand der Mama bezüglich jeder Schlägerung überwinde und -auch auf diesem Gebiete Reformen einführe. - -Länger als vermutet mußte Beni warten, denn Prinz Emil kanzelte im -Flur des Hauses den Kammerdiener Norbert ab, und zwar so kräftig und -gut verständlich, daß sich Gnugesser bei all seiner Gutmütigkeit und -Friedensliebe hochvergnügt die Hände rieb. Offenbar versteht der junge -Herr das „Aufmischen“ gründlich; und wenn Prinz Emil jetzt sogar -die „allmächtigen“ Vertrauenspersonen und einflußreichen Diener -„fürifangt“, so müssen -- nach Benis Meinung -- die Verhältnisse bald -anders und sehr gut werden. - -Endlich kam Prinz Emil in schlichter Lodenkleidung heraus, dem -Gesichtsausdruck nach etwas verstimmt, grüßte kurz und bat, es -wolle der Forstwart auf einem Inspektionsgange über den Stand der -Forstangelegenheiten Vortrag erstatten. - -Der Marsch durch das nebelerfüllte Halltal wurde sofort angetreten. -Für Benis dickes Bäuchlein und kurze Beine in einem zu schnellen -Tempo. Eine Weile hielt Gnugesser zappelnd Schritt zur Linken des -weitausgreifenden Prinzen, der sich anscheinend durch das Renntempo den -Ärger weglaufen wollte. Dann aber wurde Benis Atem immer kürzer. So -mußte er denn bitten, es möge der gnädige Herr etwas weniger schnell -gehen. „Ich derpack das Gerenn nicht, die Haxeln sind z’ kurz!“ - -Schmunzelnd mäßigte Emil das Tempo. Und mit sarkastischem Blick -musterte er den „Hendlfriedhof“, das hüpfende Bäuchlein Gnugessers. - -Beni fing den Blick auf und sprach: „Glauben S’ nur ja nicht, gnädiger -Herr, daß mein Wanst vom zu guten Essen so dick worden ist!“ - -„Also vom Hungern und Fasten?“ meinte lächelnd Emil und ging -gemächlichen Schrittes weiter. - -Eifrig beteuerte Beni, daß bei ihm Naturanlage vorhanden sei, eine mehr -als dreimal verfluchte Veranlagung, die stetigen Verdruß verursache. - -„Warum denn Verdruß?“ - -„No ja, halten zu Gnaden, weil mich jeder Hansdampf -- Jeß Maria! Ich -nehm das dumme Wort z’ruck -- weil mich die Leut immer frozzeln wegen -des dicken Bäucherls! Ist aber nicht zum Lachen! Magere Kost...“ - -„Vielleicht futtert der Forstwart zu feucht?“ - -„Ist nicht möglich, Duhrlauch! Wo das Gehalt so klein ist!“ - -„Was? Unzufriedenheit mit dem Gehalt?“ - -„Nicht! Keine Spur nicht von Unzufriedenheit! Wenn ich sag, daß mein -Gehalt so klein ist, so hängt das mit meinem Hauskreuz und mit der -vermaledeiten Haller Weiberrevolution zusammen!“ - -Emil fragte, neugierig geworden, nach Details dieser ihm fremden -Verhältnisse und blieb stehen, damit Beni ruhigen Atems berichten -konnte. - -Der häusliche Krieg wegen der Entschädigung der Hausfrauenarbeit im -Ehestande, der Kampf um das Gehaltsdrittel des Brotverdieners hatte -Beni die Hauptwaffe, die Zunge, so geschärft, daß er sehr präzis und -geläufig über die Entwicklung dieser Frage referieren konnte. Und -besonders scharf betonte er die ethische Seite, das Herabdrücken -der Würde der Ehefrau durch Annahme eines Lohnes auf das Niveau der -bezahlten Dienstmagd. Für die ihn selbst betreffende finanzielle Seite -hatte er nur den winzigen Spott, den die Gutmütigkeit gestattete. -„Merkwürdig ist nur, daß die Weiber nicht nachgeben wollen, wiewohl -es gar kein solches Gesetz gibt und selbst in der Schweiz nur ein -Entwurf besteht! Der Pfarrer hat bereits scharf geschossen, die -Bezirkshauptmannschaft hat jedwede Agitation verboten und Bestrafung -wegen Störung der öffentlichen Ruhe angedroht! Hilft alles nichts, -meine heißgeliebte Amanda will das Gehaltsdrittel und hetzt weiter, bis -sie hoffentlich bald eingekastelt wird!“ - -„Aber das ist ja köstlich!“ - -„Mit Vergunst: was soll köstlich sein?“ - -„Die Situation, wenn Amanda -- das ist wohl Ihre Gattin? -- -‚eingekastelt‘ wird!“ - -„Köstlich oder nicht, jedenfalls krieg ich für einige Zeit Ruhe, so -meine süße Amanda hinter schwedischen Gardinen sitzt als Revoluzzerin -und Volksaufwieglerin!“ - -„Ist denn meine Mama über diese interessante Affäre informiert worden?“ - -„Wohl, wohl! Eine Zeitlang ist die Frau Fürstin für die Frauen gewesen, -Duhrlauch hat es sogar dem Pfarrer von Hall verübelt, daß er die -Revolution bekämpfte! Wie aber die Frau Fürstin vom Pfarrer genauer -informiert worden ist, hat die Frau Fürstin nichts mehr wissen wollen! -Natürlich schimpfen die Haller Weiber jetzt wie die Rohrspatzen über -die Frau Fürstin!“ - -„Na, sehr nette Chose! Was soll denn daraus werden?“ - -„Ich hab keine Ahnung! Das begehrte Drittel kann ich nicht zahlen, -soviel steht fest! Dazu ist die Gage wirklich zu klein; nichts für -ungut, gnädiger Herr!“ - -Im Weiterschreiten ließ sich Prinz Emil über die Höhe der -Beamtengehälter und über die Löhne der Waldarbeiter und Jagdgehilfen -informieren. Selbst von Mama mit Geld sehr knapp gehalten, hatte Emil -eine Ahnung davon, was es heißt, mit wenig Geld leben zu müssen. -Kein besonderes Verständnis für soziale Verhältnisse, noch weniger -Verständnis dafür, wieviel Geld der Haushalt eines schlecht bezahlten -Beamten oder Forstarbeiters jährlich verschlingt. Aber eine hübsche -Idee hatte Emil, einen niedlichen Revanchegedanken: für seine eigene -Knapphaltung ist Revanche möglich und sehr nett, indem der knickrigen -Mama etlicher Mammon dadurch abgeknöpft wird, daß man die Löhne des -Forstwarts und der verheirateten Waldarbeiter aufbessert. Diebisch -freute sich Emil über diese niedliche Revancheidee. - -Gnugesser erhielt Auftrag, ein Verzeichnis der verheirateten -Angestellten im fürstlichen Dienste anzufertigen und auszurechnen, -wieviel gezahlt werden müsse bei einer Aufbesserung um zwanzig Prozent. - -Einen Luftsprung vollführte Beni. Das Bäuchlein hüpfte. Und vor Freude -schrie Gnugesser: „Vergelt’s Gott diese Wohltat!“ - -„Nur gemach! Erst die Berechnung! Dann muß ich die Angelegenheit -prüfen, studieren, wie Gelder aus dem Ertrag des Herrschaftsgutes -flüssig gemacht werden können! Denn aus der Privatschatulle wird Mama -die zur Aufbesserung der Löhne nicht bewilligen!“ - -„Oh, gnädiger Herr! Geld soviel wie Heu können Sie herauszwicken, wenn -überständiges Holz verkauft wird! Angebote haben wir genug, hiebreifen -Bestand auch, nur die Erlaubnis zum Schlägern haben wir nicht -- -einstweilen!“ - -„Gut! Machen wir! Ich werde Mama schon umstimmen! Aber nun noch etwas: -den geldhungrigen Eheweibern muß der Mund gestopft, die Lust zum -Revolutionieren gründlich ausgetrieben werden!“ - -„Wie wollen denn gnädiger Herr dieses Kunststück fertigbringen?“ - -„Sehr einfach das: zehn Prozent der Aufbesserung liefert der Ehemann -der Gattin als Nadelgeld ab! Wer damit nicht zufrieden ist, wer weiter -hetzt und agitiert, wird entlassen!“ - -„Oha! Aber die Ehefrauen können doch nicht entlassen werden!“ - -„Die Weiber nicht, aber die in unserem Dienst stehenden verheirateten -Beamten und Arbeiter!“ - -„Ah so wohl! Jetzt versteh ich, was Sie meinen! Wir Ehekrüppel bekommen -durch die Aufbesserung eine Waffe, mit der wir die Revolution im -Haushalt bekämpfen und niederringen können! Feine Idee das! Hätt -gar nicht geglaubt, daß unser junger Prinz soviel Spiritus im Kopf -hat! Jeß Maria, nichts für ungut; es ist mir gleich nur so dumm -herausgerutscht!“ Und wütend auf sich selbst, schlug sich Beni auf den -vorlauten Mund. - -Belustigt sprach Prinz Emil: „Ist schon recht, Dickwanst! Ich bin -wirklich nicht so dumm, wie ich aussehe! Die Idee zur Lösung der -‚Revolutionsfrage‘ gefällt mir selber, und ich glaube, daß den Weibern -der Mund gründlich gestopft wird!“ - -„Wohl, wohl! Bis auf die gefährliche Krämerin in Hall! Diese -Oberhetzerin steht nicht im fürstlichen Dienst, sie kann also auf die -Herrschaften husten und pfeifen, wie sie mag! Und das wird sie auch -tun! Und solang dieses Malefizweib hetzt, wird auch keine endgültige -Ruhe eintreten!“ - -„So? Da bin ich anderer Meinung! Die Krämerin wird einfach boykottiert!“ - -„Wie denn das?“ - -„Zur Strafe für die Verhetzung wird der Boykott über die Krämerin -verhängt! Wir kaufen nichts mehr bei ihr! Und wer von unseren Beamten -und Dienern fürder den Bedarf bei der Krämerin deckt, wird entlassen! -Merkt das die Krämerin, so wird sie, um nicht geschäftlich ruiniert zu -werden, ganz gewiß zu Kreuz kriechen und jede Agitation einstellen!“ - -„Gott! Sie sind ein heller Kopf!“ Und wieder schlug sich Beni auf den -Mund. - -„Na schön! Nun gehen Sie heim und besorgen Sie mir so rasch als möglich -die Aufstellung und Berechnung! Bis Mittag will ich alles in Händen -haben!“ - -„Sehr wohl, gnädiger Herr! Aber was ist’s mit dem Inspektionsgang?“ - -„Machen wir ein andermal! Mich interessiert jetzt die -Revolutionsangelegenheit und ihre Lösung!“ - - - - -Zehntes Kapitel - - -Des guten Herbstwetters halber hatte Fürstin Sophie eine Wagenfahrt -nach dem idyllisch gelegenen Wallfahrtsorte Frauenberg bei Admont -befohlen, und zwar nach dem Lunch. Als aber bei Aufhebung der Tafel -Prinz Emil um Audienz in einer dienstlichen Angelegenheit bat mit dem -Hinweise, daß die Besprechung wahrscheinlich längere Zeit beanspruchen -werde, bestellte die erstaunte Mama den Wagen wieder ab. - -Daß der Sohn der Mutter sich wieder nähert, eine Aussprache wünscht, -sich um Herrschaftsangelegenheiten kümmert, erfüllte die Fürstin mit -größter Freude. Und im voraus war sie gewillt, allen Vorschlägen des -geliebten Sohnes zuzustimmen. - -Als aber Emil mit dem von Gnugesser gelieferten Aktenmaterial im Zimmer -der Mama erschien und von Schlägerung und Lohnaufbesserung sprach, ward -die Miene der Fürstin etwas säuerlich. Und Mama verschanzte sich hinter -dem Ausspruch des Jagdgehilfen Eichkitz, wonach die Jäger um jeden -gefällten Baum heulen und „die Hirsche auch“. - -Trocken und kurz erzählte Emil, weshalb der Eichkitz wegen grober -Dienstesvernachlässigung entlassen worden sei. - -Nun gab Mama jeden Widerstand auf, hütete sich auch, wegen der -Entlassung des früheren Günstlings Eichkitz ein Wort zu äußern. „Tu was -du willst, lieber Sohn! Wenn ich um eines bitten darf, tu nichts ohne -Hartlieb gefragt zu haben, der ja Fachmann ist!“ - -„Gewiß! Selbstverständlich! Du wirst ja zweifellos während meiner -Abwesenheit auch stets den Oberförster gefragt haben!“ - -Fürstin Sophie biß sich auf die Unterlippe und schwieg. - -„So! Es ist alles erledigt! Wenn Mama gestattet, werde ich euch -begleiten und mit nach Frauenberg fahren!“ - -„Da du mitfahren willst, kann Martina zu Hause bleiben!“ - -„Aber nein! Die Gussitsch soll nur mitfahren! Das arme Wurm versauert -ja ohnehin auf ihrem Kammerl! Das bissel Vergnügen einer Wagenfahrt -ist ihr schon zu gönnen! Vorausgesetzt, daß es in dem Nest etwas zu -schnabulieren gibt! Ich habe heute einen merkwürdigen Appetit auf -Backhühner und Steiererwein! Da der -- mündige Prinz von Schwarzenstein -naturellement die Zeche zu berappen haben wird, dermalen aber -- -_horribile dictu_ -- nur über lumpige zehn Kroneln verfügt, muß ich die -durchlauchtigste Fürstin-Mama um Ausfolgung von Moneten allergehorsamst -bitten!“ - -„Ja freilich! Wieviel wird denn das Backhendl-Vergnügen kosten?“ - -„Hundert Kroneln werden vielleicht genügen! Nichts Gewisses weiß man -nicht!“ - -„Was? Hundert Kronen?! Das ist ja ein ganzes Vermögen! Hundert Kronen -für ein Backhendl? Entsetzlich! Unerhört teuer!“ - -Schmunzelnd meinte Emil, den das Gejammer Mamas belustigte: „Ach wo! -Ein Hunderter ist ungefähr soviel, wie wenn ein Ochs ein Veigerl -frißt!“ - -„Ach Gott! Diese Ausdrücke! Schrecklich! Sie gehen mir auf die Nerven!“ - -Die Audienz endete damit, daß die Mama, die vom Geldwert und -merkantilen Dingen nicht viel verstand, dem Sohne ganze zwanzig Kronen -gab, die Emil gelassen in die Westentasche steckte. „Danke! Jetzt aber -muß auch Norbert mitfahren!“ - -„Aber warum denn?“ - -„Das bleibt einstweilen mein Geheimnis! Untertänigsten Dank, liebe -Mama!“ Emil küßte der Mutter die Hand und empfahl sich. - -Unten, und zwar in Nähe der Fenster von Martinas Zimmer, befahl Emil -dem verdutzten Kammerdiener Norbert die Bestellung des viersitzigen -Wagens absichtlich so lauten Tones, daß Fräulein von Gussitsch jedes -Wort hören mußte. Richtig erschien auch Martina an einem der offenen -Fenster. - -Hinauf grüßend und mit den Augen zwinkernd rief Emil: „Bitte, sich -rasch fertigzumachen! Dienstfahrt nach Frauenberg zu Backhendl und -Steiererwein! Ich fahre ooch mit!“ - -„Nicht möglich! _Che grandissimo onore!_“ kicherte Martina und -verschwand vom Fenster. - -In Gedanken nannte Emil das Hoffräulein einen „sehr netten Käfer“. Und -auch die Wahrheit gestand er sich ein, daß er nur deshalb mitfährt, -um die zum Anbeißen hübsche Martina etliche Stunden als Gegenüber -betrachten zu können. - -Als der Wagen vorfuhr, erteilte Emil dem Kammerdiener den Befehl: „Sie -fahren als Reisefourier mit, verstanden?“ - -„Zu Befehl! Ich werde mich sofort mit dem Nötigen versehen!“ Und -hurtig verschwand Norbert, um ebenso rasch wieder zu erscheinen. - -Noch vor der Abfahrt wurde eine Depesche gebracht, welche für den Abend -die Rückkehr des Grafen Thurn ankündigte und einen Wagen zum Bahnhofe -Admont erbat. - -Fürstin Sophie meinte, daß man auf dem Rückwege von Frauenberg den -Grafen in Admont abholen könne. - -Davon wollte aber Prinz Emil, dessen Augen die schöne Martina -anblitzten, nichts wissen; er heuchelte Sehnsucht nach familiärem -Zusammensein, das gestört würde durch ein minutiöses Erscheinen am -Bahnhofe. - -Hocherfreut nahm die Mama diese spitzbübische Heuchelei für Ernst und -gab Befehl, daß ein eigener Wagen für den Grafen Thurn gesendet werde. - -Während der Fahrt durch das in den Farben des Herbstes prangende -Ennstal verhielt sich Emil schweigsam. Gleichgültig gegen die Pracht -der himmelragenden Felskolosse, die das Tal besäumen. Um so größeres -Interesse verriet der Blick für das bildhübsche Hoffräulein. Zu -Martinas Unbehagen, denn fängt die Fürstin nur einen einzigen dieser -brennendes Interesse kündenden Blicke auf, so wird eine bitterböse -Situation heraufbeschworen sein. Unangenehm war sie jetzt schon -während dieser dem „Vergnügen“ gewidmeten Fahrt durch die angespannte -Aufmerksamkeit für die Gebieterin für den in jedem Moment möglichen -Fall einer Ansprache, durch die Dienstesbereitschaft, durch den Zwang -der Zurückdrängung von Gedanken, die sich mit Hartlieb beschäftigen -wollten. Und wegen der brennenden Blicke Emils mußte Martina doch -darüber nachdenken, wie sie der drohenden Gefahr entgegentreten -solle, wie beizeiten die züngelnde Flamme gelöscht werden könne. Der -erwachte Prinz muß toll geworden sein, von einem Sinnestaumel erfaßt; -ein verzehrendes Feuer glüht in seinen flackernden Augen. Und der -Tollgewordene wagte es sogar zu fußeln. - -Martina mahnte mit einem tiefernsten Blick zur Vernunft, und scheu -schielte sie nach der Fürstin, die gottlob von dem Gebaren des Sohnes -nichts wahrgenommen zu haben schien und ihren Gedanken nachhing. - -Emil gab auf die optische Mahnung hin Ruhe, aber am nervösen Zucken der -Finger war zu erkennen, daß der junge Mann seine drängenden Sinne kaum -länger wird beherrschen können. - -Auf dem hochgelegenen Frauenberg angekommen, besuchte Fürstin Sophie, -von Martina begleitet, sofort die doppeltürmige Wallfahrtskirche. Auch -Emil ging mit, zur sichtlichen Freude der Mutter. - -Als dann die Sehenswürdigkeiten besichtigt waren und der von Norbert -gedeckte Tisch im schattigen Garten des behäbigen Gasthofes bezogen -wurde, waren etliche Stunden verflossen. Immer noch zu früh für das von -Emil geplante ländliche Diner. Und bei dem bestellten dünnen Kaffee mit -trockenem Kuchen konnte die gewünschte Stimmung nicht eintreten. Das -eisige Verhalten Martinas, die nur für die Gebieterin zu leben schien, -machte Emil verdrossen. - -Die Fürstin sprach von der überraschenden Stilverschiedenheit der -Kirchen im Ennstale, besonders von dem Kontraste zwischen Admont -und Frauenberg. Im Blasius-Münster edelste Gotik mit romanischen -Portalen aus der Zeit des ersten Kirchenbaues, in Frauenberg hingegen -ein italienischer Barockbau, prunkvolle Stuckarbeiten und prächtige -farbenglühende Fresken. Zu Emil gewendet, sprach die Mama: „Du hattest -doch Kunstgeschichte studiert, mußt also mehr verstehen als ich! Kannst -du angeben, wie man dazu kam, just hier einen so reichen italienischen -Barockbau aufzuführen?“ - -Emil hatte keine blasse Ahnung von Kunstgeschichte, aber die Inschrift -der Grabplatte vor dem Hochaltare hatte er gelesen, und darauf sich -stützend, von plötzlichem Übermut erfaßt, schwatzte er davon, daß -der Erbauer von Frauenberg, der hier zu Ende des 17. Jahrhunderts -beigesetzte Admonter Abt Adalbert aus dem Geschlecht der Heufler zu -Rasen und Hohenbüchel ein Italiener gewesen sei. - -„Mit dem Namen Heufler zu Rasen ein Italiener? Wie ist denn das -möglich?“ - -„Oh, der Name bedeutet nicht viel für die Nationalität! Es kann ein -Stockböhmak und Urtscheche einen völlig deutschen Namen haben oder -umgekehrt!“ - -„Ja doch! Wenn aber jener Heufler zu Rasen ein Italiener war, wie kam -er in das Stift Admont?“ - -„Wahrscheinlich mit der Eisenbahn!“ - -Ob dieser handgreiflichen Aufschneiderei mußte Martina auflachen, sie -konnte sich nicht bemeistern. Der Anachronismus war zu drollig, ebenso -das spitzbübische Gesicht des Schelms, der es darauf angelegt hatte, -die Mama reinfallen zu lassen. - -Wie nun Emil sah, daß das von ihm vergötterte Hoffräulein vergnügt -lachte, war er augenblicklich in rosigster Stimmung und bemüht, Martina -in guter Laune zu erhalten. - -Leise rügend sprach die Mama: „Du beliebst zu spaßen!“ - -„Verzeihung! Harmloser Ulk im Familienkreise! Kopie der alten -Geschichte vom Kaiser Josef und der Bahnwärterstochter!“ - -Wieder ging die ahnungslose Mama dem Schalk ins Netz, indem sie sagte: -„Davon ist mir nicht das geringste bekannt! Es wird sich doch der hohe -Herr nicht so weit vergessen haben...?“ - -„Oh, Mesalliancen sind auch in früherer Zeit vorgekommen! Und in -neuester Zeit gibt es deren massenhaft! Ich würde auch nicht locker -lassen! Um keinen Preis der Welt!“ Ein heißer Blick flog auf Martina. - -Fürstin Sophie erwiderte ernsten Tones: „Die Vernunft muß immer über -der Neigung stehen!“ - -„Verzeihung, Mama! Du meinst die Staatsräson! Für sie gilt allerdings -dein Diktum immer und völlig! Bei mir wird es aber eine andere -- -Wurscht sein, da kommt die Staatsräson gar nicht in Betracht!“ - -„Gott! Diese Ausdrücke! Und dann dieses sonderbare Thema! Ich will -nicht hoffen, daß du noch derlei gefährliche Absichten hegst! Du bist -doch auch noch zu jung!“ - -„Oho! Bin schon vierundzwanzig Jahre alt!“ - -„Entschieden verfrüht!“ - -„Verzeihung, daß ich widerspreche.“ Wieder flog ein heißer Blick auf -die vor Schrecken erbleichende Hofdame. - -In italienischer Sprache mahnte Mama: „Laß doch dieses Thema fallen! -Bezahle die Rechnung! Ich wünsche heimzufahren, möchte vor Ankunft -Thurns zu Hause sein!“ - -„Nana! Welche ‚Pressiererei‘! Und die Backhendl, auf die ich mich so -mächtig gefreut habe?“ - -„Bitte, rufe Norbert und erteile Auftrag, daß angespannt wird!“ - -Der Kammerdiener stand in einiger Entfernung dienstbereit und kam auf -Emils Wink sofort herbei. - -Gedehnten Tones sprach der Prinz: „Der Reisefourier soll seines Amtes -walten! Abendessen abbestellen, aber bezahlen! Sogleich anspannen!“ - -Erstaunt fragte die Fürstin leise: „Was soll das mit dem -‚Reisefourier‘? Warum zahlst du nicht die Zeche?“ - -Emil lachte nun vergnügt: „Werde mir hüten! Die zwanzig Silberlinge -befinden sich unsäglich wohl in meiner Tasche! Der bezüglich der -nicht bewilligten Backhendl verunglückte Ausflug soll nur aus der -hochfürstlichen Kasse bezahlt werden! Norbert als Fourier wird schon -verrechnen! Ich habe Rübchen: ätsch -- ätsch! Mamale ist reingefallen! -Diesmal bin ich der Schlauere gewesen!“ Und lachend imitierte Emil das -Rübchenschaben und verbeugte sich drollig. - -Das geschah so nett und witzig, daß Mama nun doch lächelte und das -Prinzlein einen ausgewachsenen Spitzbuben nannte. - -Während der Rückfahrt attackierte Emil das Hoffräulein abermals mit -heißen Blicken, rutschte quecksilbrig auf seinem Sitze hin und her und -suchte Martinas Händchen zu erhaschen. - -Dies bemerkte die Fürstin. Mit eisigen Worten bat sie den Sohn um ein -anständiges Verhalten. „Später wird mehr zu sprechen sein!“ - -Martina erschauerte und war dem Weinen nahe. - -Emil schien toll geworden zu sein. Er meinte: „Ach Gott! Wenn nötig, -können wir sofort das Thema erörtern! Einmal muß es ja doch zum Klappen -kommen!“ - -Scharf mahnte die Fürstin: „Still jetzt! Die Leute auf dem Bock haben -Ohren! Bedenke, daß du Prinz Schwarzenstein bist!“ - -Emil verzog die Lippen und schwieg. - -Als der Wagen an der Jagdvilla vorfuhr, bat Martina bebenden Tones um -Gewährung einer außerordentlichen Audienz. - -„Ich werde Sie rufen lassen! Vorerst habe ich mit meinem Sohne zu -sprechen!“ erwiderte sehr frostig die Fürstin. - -Hildegard kam gesprungen, um die Fürstin in ihr Zimmer zu geleiten und -beim Kleiderwechsel behilflich zu sein. Das mußte auf ausdrücklichen -Befehl sehr rasch geschehen. Dann erfolgte der Auftrag, den Prinzen zu -rufen und dafür zu sorgen, daß keine Störung erfolge. - -Die Kammerfrau beteuerte, strengsten Türdienst leisten zu wollen. War -doch ihre Neugierde übergroß. - -Hochaufgerichtet, wie eine strafende Göttin, flammenden Blickes, empört -und entrüstet, stand die Mama vor dem Sohne, der sich trotzig verhielt, -zum Losplatzen bereit schien, aber doch gehorsam die gepfefferte -Strafpredigt ruhig anhörte. - -Aneinandergereihte Rügen für ein unartig gewesenes Kind, Tadelsworte, -die mit der Frage endeten, was denn das Spiel heißen solle. - -„Nicht Spiel, Mama! Ich liebe Fräulein von Gussitsch!“ - -„Ach was! Wo hast du nicht geliebt? In Dresden? In Dessau? Und in -Berlin das bürgerliche Fräulein? Jünglingslaunen, Strohfeuer! Etliche -kalte Umschläge, und der Fall ist erledigt! Bedauerlich, ja schmerzlich -ist es für mich, daß ich die nette, mir sympathische Person nun -entlassen, das arme Mädel in die grausame Welt hinausstoßen muß! Und -das ist deine Schuld!“ - -Festen Tones erwiderte Emil: „Nein, Mama! Nicht Jünglingslaunen, -denn ich bin volljährig! Und nicht Strohfeuer, denn es ist heftige -Leidenschaft, brennende Liebe!“ - -„Kinderei, nichts anderes!“ - -„Bitte, nicht dieses Wort, nicht diesen Ton! Ich bin kein Bub mehr -und auch nicht gewillt, mich gängeln zu lassen! Und ich will dir -ganz ernsthaft einen Vorschlag machen, Mama! Du weißt, daß ich sehr -gerne in Berlin weiterleben möchte! Dir zuliebe habe ich mich deinen -Wünschen gefügt und bin zurückgekehrt! Nun bin ich bereit, auf ‚Berlin‘ -zu verzichten, wenn du mir erlaubst, daß ich Fräulein von Gussitsch -heiraten darf! Martina oder keine!“ - -„Keine!“ Es klang metallisch hart und schneidend, erbittert und eisig. - -„Du lehnst meinen Vorschlag ab?“ - -„Ja, rundweg!“ - -„Gut! Für die Folgen hat die Mama aufzukommen!“ - -„Ich verbitte mir derlei Ausdrücke! Nun geh und sage Hildegard, daß sie -die Gussitsch rufen soll!“ - -So zornig und erbittert verließ Emil das Boudoir, daß er die -Verlegenheit der beim Horchen überraschten Kammerfrau nicht gewahrte. -Grollend entledigte der Prinz sich des Auftrages, und dann schloß er -sich in seinem Zimmer ein. - -Martina sah elend aus, verweint und bleich, gerötet die Augen; -schluchzend bat sie um Entlassung. - -Die Fürstin fühlte nun doch Mitleid mit dem armen Mädchen, und weichen -Tones sprach sie: „Zu meinem Schmerze werde ich Sie leider wegschicken -müssen! Doch will ich mich bemühen, eine ähnliche und passende Stellung -für Sie zu beschaffen! Deshalb bleiben Sie vorerst noch hier! Ich bin -dessen sicher, daß Sie verstehen werden, sich das -- Kind vom Leibe zu -halten! Kalte Umschläge werden den Jungen hoffentlich sehr bald zur -Vernunft bringen!“ - -Martina wimmerte: „Ich bitte inständigst, mir zu glauben, daß mich -nicht die geringste Schuld trifft! Das Aufflackern des Strohfeuers ist -mir unbegreiflich! Ich habe nichts, aber wirklich nichts getan, um eine -Entzündung herbeizuführen!“ - -„Das will ich gern glauben! Es kann ja dieses ‚Feuerfangen‘ mit dem -rasch erfolgten ‚Aufwachen‘ meines Sohnes in gewisser Verbindung -stehen! Ein psychologisch nicht genügend aufgeklärter Vorgang in der -Jünglingsseele! Für Emil sicher bedeutungslos, weil vorübergehend! Eine -Kinderei! Mißlich ist freilich, daß die Kinderei Ihnen die Stellung -kostet! Vielleicht gelingt es, Sie durch eine Heirat in gute Obhut -zu bringen! Hofdame für Lebenszeit werden Sie ja doch nicht bleiben -wollen! Was ich zu Ihrer Versorgung tun kann, soll gerne geschehen, -auch finanziell! Wollen Sie sich gegebenenfalls vertrauensvoll und -offen an mich wenden!“ - -Todtraurig wiederholte Martina die Beteuerung, daß sie frei von jeder -Schuld sei. - -Und darob empfand die Fürstin ein starkes Befremden. Sie ärgerte sich, -daß das vermögenslose Fräulein das finanzielle Anerbieten ignorierte, -alle Schuld dem Prinzen zuschieben will. In übler Laune sprach die -Gebieterin davon, daß die Hofdame nicht ganz frei von Schuld sein -könne, die „Intervention“ vermutlich zu wenig diplomatisch durchgeführt -und dem Jungen eine Annäherung erlaubt habe, die zu üblen Folgen führen -mußte. - -Schluchzend wehrte sich Martina gegen diese Vorwürfe und verwies -darauf, daß sie bei Entgegennahme des Auftrages zur Intervention auf -die Gefahren derselben rechtzeitig aufmerksam gemacht habe. - -Spitz klang die Antwort: „Sie werden doch nicht etwa mir Vorwürfe -machen wollen? Erinnern Sie sich gefälligst, daß ich die Gefährlichkeit -negierte in der selbstverständlichen Voraussetzung, daß das Hoffräulein -klug und diplomatisch, mit Frauentakt interveniere! Genug davon! Was -geschehen ist, soll totgeschwiegen werden! Damit Sie mit Emil möglichst -wenig zusammentreffen, werden Sie für einige Zeit an der Tafel nicht -teilnehmen, auf Ihrem Zimmer speisen! Auch sollen Sie einstweilen -dienstfrei bleiben! Beschränken Sie Ihre Ausgänge auf das zur Bewegung -unerläßliche Minimum, meiden Sie aber dabei jedes Zusammentreffen mit -dem -- Kinde! Und wenn nötig, weisen Sie den Jungen schroff zurück! -Es tut mir leid, so sprechen und anordnen zu müssen, aber es muß eben -sein! Ich hoffe, daß in einigen Wochen eine alle Teile befriedigende -Lösung gefunden sein wird!“ Eine Handbewegung und Martina war entlassen. - -Unmöglich war es Fräulein von Gussitsch, diesmal die strafende Hand -der gnädigen Fürstin zu küssen. Zu sehr schmerzte jedes Wort, ganz -besonders wurmten jedoch die Vorwürfe. Leise schluchzend verbeugte sich -Martina und verließ das Zimmer. - -Einer bösen, schlaflosen Nacht folgte ein kühler Morgen. Eingedenk -des Befehles, Spaziergänge auf das Minimum zu beschränken und nach -Möglichkeit ein Zusammentreffen mit dem „Kinde“ Emil von Schwarzenstein -zu vermeiden, entschloß sich Martina zu Ausgängen jeweils am frühen -Morgen und späten Abend. Und so verließ sie an diesem Morgen die Villa -zu einer frühen Stunde, da das Küchenpersonal noch nicht sichtbar war. -Hinaus ins Freie, hinein in den nebelumflorten Bergwald, wo die Tannen -geheimnisvoll flüstern und die Hirsche orgeln... - -Spät des Morgens erwachte Prinz Emil. Mit einigem Haarweh als Folgen -eines ausgiebig genommenen Schlaftrunkes am verflossenen Abend. Zwei -Flaschen schweren Ungarweines, die sich Emil als Schlummerpunsch -geleistet hatte, waren von guter Wirkung gewesen und hatten allen Ärger -verscheucht und einen prächtigen Schlaf erzeugt. Jetzt am Morgen hieß -es, Kater vertreiben, zunächst mit Kaltwasser den Schädel behandeln. -Viel quellfrisches Wasser benötigte Emil. Und in diesem vielen Naß -ertrank ganz jämmerlich eine gewisse Liebe zu einer gewissen Dame. Und -nach Beseitigung des Haarwehs sagte sich Emil, daß er eigentlich doch -sehr dämlich vorgegangen sei und sich überflüssigerweise eine böse -Suppe eingebrockt habe. In der Gewissenserforschung kam er zu einem -lebhaften Bedauern, die doch so nette Hofdame in eine sehr schlimme -Situation gebracht zu haben. Unrecht hatte die Mama ja nicht, daß sie -die Liebäugelei, den Flirt mit der Gussitsch nicht dulden wollte. Und -völlig gerechtfertigt und einleuchtend ist der Protest gegen eine -Heirat. Ordentlich froh war Emil, daß sich die Mama mit dem strikten -Verbot als die Gescheitere erwies; denn jetzt am Morgen empfand er -nicht die Spur einer heißen Liebe, nicht die geringste Lust, die -Gussitsch zu heiraten. Dafür etwas wie Reue, sich in die Nesseln -gesetzt zu haben. Das war erklecklich dumm. Dieser Selbsterkenntnis -gesellte sich die Frage bei, wie auf gute und nicht schmerzhafte Weise -die Folgen dieser Dummheit beseitigt werden könnten. Unvermeidlich wird -ein Kanossagang zur Mama, eine ehrliche Beichte sein; muß aber gemacht -werden, schon wegen der schlechten Finanzen. Und Fräulein von Gussitsch -wird man um Entschuldigung bitten müssen. - -Mit diesem guten Vorsatze fand Emil denn auch das seelische -Gleichgewicht wieder, den leichten Frohsinn der Jugend. Er frühstückte -mit Behagen. Und als er sich die Zigarette anzündete, wurde der -Oberförster Hartlieb gemeldet. - -„Ich lasse bitten, im Empfangssalon!“ sprach Prinz Emil und fügte bei: -„Seit wann versieht denn die Kammerfrau den Meldedienst? Wo steckt denn -Norbert?“ - -Hildegard gab Auskunft, daß Norbert nach Admont gefahren sei, um die -Post zu holen. Deshalb habe sie den Meldedienst übernommen. - -„Danke! Führen Sie den Oberförster in den Salon!“ - -Die Kammerfrau verschwand. - -Als gutmütiger Mensch wollte Emil den Beamten nicht unnötig warten -lassen; es tat dem Prinzen zwar leid, die Zigarette wegzuwerfen, aber -es geschah doch. - -Beim Eintritt in das Zirbenzimmer fiel Emil der verstörte -Gesichtsausdruck, die verzerrte Miene Hartliebs auf. Kalkweiß waren die -Wangen, der Blick kündete bittersten Schmerz. - -„Was ist Ihnen? Sind Sie krank?“ fragte teilnahmsvoll der Prinz. - -„Danke ergebenst! Mir ist nicht wohl!“ - -„Da wollen wir auf die dienstliche Besprechung verzichten! Gehen Sie -sofort heim, schonen und pflegen Sie sich! Der Forstwart kann Ihre -Vertretung übernehmen! Lassen Sie auch den Arzt kommen! Ich werde -später Nachschau halten!“ - -„Vielen Dank! Es wird nichts von Bedeutung sein! Und den Holzverkauf zu -guten Preisen dürfen wir nicht versäumen!“ - -„Machen Sie das alles nach Ermessen und Gewissen! Aber schonen und -pflegen Sie sich! Nehmen Sie die Akten nur wieder mit! Apropos: Mama -ist mit allen Vorschlägen einverstanden! Kann Ihnen im Vertrauen auch -mitteilen, daß Mama viel auf den Fachmann Hartlieb hält!“ - -Erstaunt blickte Ambros auf. „Darf ich erfahren, wem ich das zu -verdanken habe?“ - -„Das weiß ich nicht! Über die eingerissenen Übelstände hat mir Fräulein -von Gussitsch gesagt, daß Sie der richtige Mann zur Sanierung seien und -alles Vertrauen verdienen! Demgemäß habe ich bei Mama Vollmacht für Sie -erwirkt! Nun aber Schluß! Sie zittern ja am ganzen Leibe! Wünschen Sie -stärkende Tropfen oder Kognak? Donnerwetter, Mann, fallen Sie mir nicht -um!“ - -Hartlieb mußte sich stützen, mit den Händen an einem Stuhle festhalten. -Zuviel stürmte in dieser kurzen Spanne Zeit auf ihn ein. - -Emil sprang in das anstoßende Speisezimmer, entnahm der Kredenz die -Kognakflasche und brachte den stärkenden Schluck. - -Dankend leerte Hartlieb ein Gläschen davon. Und dann verabschiedete er -sich. - -„Auf Wiedersehen! Gegen Mittag besuche ich Sie!“ rief Emil dem -Oberförster nach, der sich schwankenden Ganges entfernte. - -Im Freien erholte sich Hartlieb rasch, und die Schwäche schwand. Er -ging taleinwärts, um beim Rottmeister eine Schlägerung anzuordnen. - -Wie er sich auf dem sonnenverklärten Sträßlein dem Sensenwerk -näherte, kam ihm zu seiner freudigen und zugleich erschreckenden -Überraschung Fräulein von Gussitsch entgegen. Verweint und eiligen -Schrittes. Und beim Anblick des Oberförsters zuckte Martina zusammen, -die Wangen erbleichten, die zierliche Gestalt erbebte. Als sie sich -gegenüberstanden, rangen beide nach Worten. Am schwersten Hartlieb, der -die bittersten Seelenqualen litt, nachdem ihm die Kammerfrau Hildegard -die alle Hoffnungen vernichtende Neuigkeit zugeflüstert hatte, daß -Prinz Emil die Hofdame von Gussitsch heiraten werde. Was soll jetzt der -im Innersten so schwer getroffene, schlichte ehrliche Waldmann sagen? -Wie danken, daß Martina sich zu seinem Gunsten verwendet hatte? Wie die -Braut des Prinzen behandeln? Darf er gratulieren? Kann er es, der jede -Hoffnung und sein Lebensglück verloren hat...? - -Vergeblich mühte sich Martina ab, die Herrschaft über sich mit -der nötigen Raschheit wiederzugewinnen. Wie gelähmt war die -Gehirntätigkeit. Unmöglich war es, dem geliebten Manne zu sagen, daß -sie tiefunglücklich sei und demnächst die Entlassung zu gewärtigen -habe. Unmöglich, von Hartlieb jetzt Abschied zu nehmen... Und ganz -unmöglich, in dieser Minute ein harmloses, nichtssagendes Gespräch -zu führen. Alle Fähigkeiten der gutgeschulten, weltgewandten Hofdame -versagten. Dagegen füllten sich die Augen mit verräterischen Zähren. - -Hartlieb stützte sich auf den Stock, um nicht zu taumeln, und stammelte -in abgehackten Worten seinen tiefgefühlten Dank für die wohlwollende -Empfehlung bei den Herrschaften. „Ich, ich hab jetzt Vollmacht für, für -alles! Aber, aber es freut mich nimmer --!“ - -Nun fand Martina doch so viel Kraft, um wehmütig zu lächeln und -zu sagen: „Das wenige, was ich für Sie tun konnte, ist gern, von -Herzen gern geschehen! Was mich wundert, ist, daß Sie von meiner -geringfügigen Bemühung Kenntnis erlangt haben!“ - -„Vorhin hat der Prinz davon gesprochen!“ - -„Sie waren eben beim jungen Herrn?“ rief überrascht Martina. - -Hartlieb nickte. Das Übermaß schmerzlichster Empfindungen überwältigte -ihn. - -In der Sorge, dem Prinzen auf der Rückkehr zur Villa in den Weg zu -laufen, erkundigte sich Martina nach der Richtung, die Prinz Emil -eingeschlagen habe. - -Ächzend stieß Hartlieb hervor: „Er ist noch daheim!“ - -„Danke! Dann muß ich mich beeilen, heimzukommen! Leben Sie wohl, Herr -Hartlieb!“ Ein Blick voll Liebe und Trauer. Dann huschte Martina hinweg -und lief im Trab davon. - -Ambros drehte sich um und guckte dem Fräulein nach. Und dachte: Wie sie -es doch eilig hat, zum Bräutigam zu kommen. Alles verloren... - -Gebrochen schleppte sich Hartlieb weiter, um den Rottmeister -aufzusuchen. - -Martina huschte in das Schlößl. Von den Dienerinnen begegnete ihr -nur die Kammerfrau Hildegard, die höflich grüßte und dem in Ungnade -gefallenen Hoffräulein einen spöttischen Blick zuwarf und grinsend -fragte, ob jetzt der Kaffee auf das Zimmer gebracht werden dürfe. - -„Ich bitte darum!“ Dann verschwand Martina in ihrer Stube, die ein -Gefängnis für sie geworden ist. - -Leichter als erwartet vollzog sich Emils Kanossagang: die Bitte um -Mamas Verzeihung wurde freudigst aufgenommen und sofort erfüllt. Aber -wegen der Aufbesserung seiner Finanzen erlebte Emil eine grausame -Enttäuschung. Nicht ein Wort wurde davon gesprochen. Antippen wollte -aber Emil nicht. Und groß staunte er, als nach der Mitteilung, daß -nun auch Fräulein von Gussitsch um Entschuldigung werde gebeten -werden, Mama dem Sohne diesen Besuch verbot und befahl, es solle Emil -schriftlich um Verzeihung bitten. - -Enttäuscht verließ Emil die gestrenge Mama. Mit dem Entschluß, nun -behufs Aufbesserung seiner trostlos schlechten Finanzen Schulden zu -machen, egal wo und bei wem. Hauptsächlich in Admont, weil der Ort doch -größer als das Dörflein Hall ist. Und der Satan flüsterte ihm den Rat -ein: „Geh pumpen ins Kloster zu den Benediktinern!“ - -Im Forsthause besuchte Prinz Emil den vom Kuraufenthalte in Römerbad -zurückgekehrten Hausmarschall Grafen Thurn. Diese Höflichkeitsvisite -fiel sehr kurz aus, da Graf Thurn von der Reise ermüdet heimgekommen -war und nicht danach aussah, als würde er geneigt sein, dem -Prinzlein die Taschen mit Dukaten zu füllen. Liebenswürdig wie -immer, ganz Hofmann und aalglatt, sehr dankbar für die ihm erwiesene -Aufmerksamkeit. Wie der Weißbart sich nach den Ergebnissen der Reise -erkundigen, gewissermaßen sondieren wollte, verabschiedete sich Emil -mit dem Versprechen, darüber ein andermal referieren zu wollen. - -Nun schlenderte Prinz Emil gemächlich nach Admont. Das von -Sonnenstrahlen goldumwobene Münster mit den schlanken Doppeltürmen -grüßte verheißungsvoll entgegen. Und die stolzen Gebäude des Stiftes -erinnerten den Wanderer an das Hauptziel des Ausfluges. Aber besonders -groß war Emils Zuversicht nicht, denn für ihn konnte doch nur ein -einziger Stiftsherr in Betracht kommen: der Pfarrer von Hall, Pater -Wilfrid. Andere Stiftsherren kannte Emil nicht. Den Abt zu behelligen, -durfte überhaupt nicht gewagt werden. Bei Wilfrid stand zu hoffen, -daß er nicht nur helfen, sondern auch schweigen werde. Mama darf unter -keinen Umständen von dieser heiklen Angelegenheit Kenntnis erlangen. -Über den Rückzahlungstermin zerbrach sich Emil einstweilen den Kopf -noch nicht. - -Die lange Hauptgasse des Marktes Admont hinaufschreitend, erblickte -Emil am Hotel „Zur Post“ zu seiner freudigsten Überraschung seinen -Adjutanten Baron Wolffsegg, der soeben wegfahren wollte. Sofort rief -Emil den sehr länglichen, elegant gekleideten Zwetschgenbaron an. -Und Wolffsegg verließ sofort den Wagen, als er den Prinzen erkannte, -nahm eine stramme Haltung an und zwirbelte den rotblonden Bart auf. -Im Schatten des ziemlich großen Strohhutes waren die unzähligen -Sommersprossen auf Nase und Wangen nicht zu sehen, die vor der -Erbschaftsübernahme den Reichtum Wolffseggs gebildet hatten. - -Auf den ersten Blick gewahrte Emil, daß der zu Geld gekommene Adjutant -sich jetzt fühlte, sich auch elegante Kleider zugelegt hat. - -Wolffsegg erwies Reverenz mit erlesener Höflichkeit wie stets, aber -doch mit einer Nuance, die merken ließ, daß man jetzt auch wer sei, -nicht mehr der in Ehrfurcht ersterbende Habenichts und Bärenführer. -Er lud den Prinzen ein, sich auf das Hotelzimmer zu bemühen. „Wollte -soeben nach Hall fahren, mich melden bei den durchlauchtigsten -Herrschaften!“ - -Emil lachte: „Bei mir ist die Meldung nicht mehr nötig! Mama wird sich -freuen, den getreuen Wolffsegg, jetzigen Dukatenhamster, wiederzusehen! -Gondeln Sie so bald wie möglich hinaus!“ - -„Zu dienen, Durchlaucht!“ - -Im Hotelzimmer angelangt, klopfte Emil auf den Busch mit der Frage, ob -sich die Trauerfeier ausgiebig gelohnt habe. - -„Untertänigsten Dank! Ausgiebig ist ein dehnbarer Begriff! So viel ist -es, daß ich, falls dazu die Lust kommt, eigenen Kohl bauen und mir den -Luxus einer Liebesheirat leisten kann!“ - -„Ah, was Sie sagen?! Also mächtig viel Moneten! Gratuliere heftig! -Wissen Sie denn was anfangen mit dem vielen Zeug?“ - -„Einstweilen alles in sicheren Papierchen in einer soliden Bank -deponiert!“ - -„Alles?“ - -„Wieviel wünschen Durchlaucht momentan?“ - -„Hm! Momentan genügt ein brauner Lappen! Wenn Sie so lieb, verbunden -mit Diskretion, sein wollen!“ - -„Aus meiner Reisekasse kann ich momentan leider nicht mehr als hundert -Kronen entbehren!“ - -„Her damit! Ist zwar verflucht wenig, aber in der Not frißt der arme -Teufel auch Fliegen! Aber, bitte, absolute Diskretion!“ - -„Selbstverständlich!“ - -Emil dankte und schob die Scheine in die Westentasche. - -„Wann soll ich den Dienst antreten?“ - -„Gar nicht! Hier wenigstens nicht! Es wäre denn, daß Sie mir helfen -wollen, die Zeit totzuschlagen! Verdammt langweiliges Nest hier!“ - -„Aber, Durchlaucht haben doch prachtvolle Reviere...!“ - -„Die Jagd interessiert mich nicht!“ - -„Hm! Demnach bin ich eigentlich überflüssig geworden! Ich werde also -demissionieren, mir ein Gut kaufen! Dürfte ich vielleicht vorher in -Ihren Revieren jagen?“ - -„Soviel Sie wollen! Wenden Sie sich nur an den Oberförster Hartlieb, -den ich verständigen werde! Und nun nochmals Dank! Auf Wiedersehen!“ - -Die Herren trennten sich. Wolffsegg fuhr nach Hall, Emil aber stapfte -in das weitgedehnte Stift und suchte den Pater Wilfrid. Aber der -Gastmeister des Klosters und Pfarrer von Hall war nicht anwesend. -Wie es hieß, dienstlich unterwegs. Drei Tage hindurch pendelte Emil -zwischen Hall und Admont hin und her, immer vergeblich; es glückte -nicht, den auswärts im Pfarrdienst vielbeschäftigten Priester zu -treffen. Bis zu später Abendstunde konnte der Prinz nicht warten, zum -Diner mußte er im Jagdschlößl sein. - -Warum er so erpicht war, sich eine größere Summe zu beschaffen, wußte -Emil sich selbst nicht zu sagen. Unabhängig für einige Zeit durch -Geldbesitz wollte er sein. Geld aber nur vom Hofpfarrer entlehnen, weil -der Mann schweigen kann. - -Wegen der Jagdwünsche Wolffseggs hatte Emil mit Hartlieb gesprochen. -Etliche Tage später hörte er gelegentlich einer Begegnung vom -Oberförster, daß der Baron von der Jagderlaubnis keinen Gebrauch -gemacht habe und plötzlich abgereist sei. - -Darob erstaunt, fragte Emil die Mama nach der Veranlassung des -Verschwindens Wolffseggs. Die Verstimmung der Fürstin bemerkend, -bereute Emil sogleich, die Mama mit einer ihr unangenehmen Frage -belästigt zu haben. - -Die Antwort enthielt zunächst die Klage, daß alles zusammenkäme, um der -Gebieterin Verdruß zu bereiten. Nicht zum wenigsten der Sohn, der sich -im Faulenzen übe... - -Emil schluckte diese Rüge wortlos hinunter. - -Sodann erzählte die Fürstin bitteren Tones von dem Riesenverdruß, den -Fräulein von Gussitsch heraufbeschworen hatte, indem Martina sich -rundweg weigerte, von einer prachtvollen Gelegenheit zur Rangierung -Gebrauch zu machen. - -Verblüfft fragte Emil: „Rangierung! Wieso denn?“ - -„Wolffsegg hatte geradezu edel gehandelt, der Gussitsch jenen -anscheinend unglücklich konzipierten Brief völlig verziehen! Mich -fragte er, ob ich zustimmen würde, wenn er um Martina werbe, wozu er -durch die Erbschaft jetzt in der Lage sei! Im Interesse der Gussitsch -habe ich natürlich zugestimmt! Martina aber hat den Heiratsantrag -rundweg abgelehnt! Unbegreiflich! Und albern!“ - -„Geschmacksache, liebe Mama! Viel Sommersprossen, eine Glatze hat er -auch! Und er ist so etwas wie ein Geldprotz, dem der Mammon in den Kopf -gestiegen ist! Er trägt jetzt die Nase ziemlich hoch!“ - -„Ach was! Ein Mädel wie Martina, nach allem, was vorgefallen ist, soll -froh sein, in eine glänzende Ehe kommen zu können!“ - -„Vielleicht war sie sich darüber klar, daß sie volles Eheglück an -Wolffseggs Seite nicht finden werde! Wenn ich ein Mädel wär, ich würde -eher ein Mondkalb heiraten, als den Wolffsegg!“ - -„Gott, diese Ausdrücke! Und dabei redest du wie ein Kind!“ - -„Verzeihung! Ich versteh es halt nicht besser! Reine Gefühlssache! Was -geschieht denn nun mit der Gussitsch?“ - -„Ich weiß noch nicht! Ihre Anwesenheit ist lästig, aber es geht nicht -an, das arme Mädel in die Welt hinauszustoßen! Es wäre dies grausam -und unchristlich! Also soll sie in Gottes Namen bis auf weiteres -bleiben! Ich werde mich schriftlich bemühen, für Martina einen anderen -annehmbaren Posten als Hofdame zu beschaffen! Genug davon! -- Was aber -dich betrifft, wünsche ich, daß du dich endlich beschäftigst, um die -Oberleitung kümmerst, Ordnung schaffst!“ - -„Hab ich ja bereits getan, wenigstens das Nötigste! Viel war ja nicht -zu tun, da doch meine liebe, umsichtige Mama seither dirigierte und -für Ordnung sorgte! Zur Zeit möchte ich ausschnaufen und ein bissel -bummeln! Es ist ja so schön in Admont! Und sehr gerne besuche ich die -Benediktiner, die doch gewiß ein guter Umgang für mich sind! Gentlemen, -nobel und gastfreundlich!“ - -Daß der Schalk ulkte und stichelte, merkte die Mama nicht; sie hörte -mit Freude, daß sich der Sohn die Admonter Stiftsherren zum Verkehr -erwählt habe. Und so gab sie gerne die Zustimmung zu weiteren Besuchen -im Stifte. Nur den erbetenen Hunderter gab sie nicht und motivierte -die Ablehnung durch Wiederholung der Worte Emils, wonach die Admonter -Benediktiner Gentlemen nobel und gastfreundlich sind, der Sohn also -kein Geld für Speise und Trank benötige. - -„Aber, Mama! _Manica, bonamano_, zu deutsch: Trinkgeld muß man den -servierenden Dienern doch geben! Ein Prinz mindestens zehnmal mehr als -ein bürgerlicher Gast des Stiftes! Und so die Paters rauchen, darf ich -mich durch Zigarrenspenden doch auch nicht lumpen lassen!“ - -„Ja doch! Es ist schrecklich, was junge Männer Geld verpulvern!“ -Seufzend gab die Fürstin etliche Scheine aus ihrer Schatulle. - -„Untertänigsten Dank, liebe Mama!“ rief Emil freudestrahlend und ließ -die Scheine in der Westentasche verschwinden. Und dann hatte er es -eilig, ins Freie zu kommen und sich satt zu lachen... - - - - -Elftes Kapitel - - -Im Frohlocken über die genehmigte Gehaltsaufbesserung, die eine -wertvolle Waffe sein sollte, hatte sich Forstwart Gnugesser die -Bekämpfung der Revolution im Haushalte als kinderleicht vorgestellt, -indem der kleine herzensgute Mann erwartete, daß nach Verkündigung der -Freudenbotschaft seine Amanda ihm jauchzend um den Hals fallen und die -ihr zustehenden zehn Prozent, in Summe hundertachtzig Kronen, mit Dank -einsacken und auf jede weitere Agitation bereitwillig verzichten werde. -Um so größer war die Verblüffung Benis, als nach Verkündigung der -Freudenbotschaft Frau Amanda kühl blieb, verächtlich und geringschätzig -den Mund verzog und in wegwerfendem Tone erklärte, daß die genannte -Summe ein Bettel sei, den sie nicht annehmen werde. - -„Wird nicht sein, liebes Weiberl! Hundertachtzig Kroneln jährlich -sind doch kein Bettel! Schön, wunderschön und nobel ist’s von der -Herrschaft, daß sie uns wirklich im Gehalt aufgebessert hat! Insofern -hat die Agitation der Revoluzzerinnen von Hall gute Früchte getragen! -Jetzt aber muß Ruhe werden, die Hetzerei ein Ende haben, ansonsten -wird der junge Herr rabiat! Am nächsten Monatsersten bekommen wir -das Geld, ich werde dann dir die hundertachtzig Kroneln gewissenhaft -einhändigen!“ - -„Ist nicht nötig! Die Annahme des Pfifferlings wird verweigert! Ich -bestehe auf Auszahlung des Drittels vom Gehalt und selbstverständlich -auch von der Aufbesserung!“ erwiderte spitz Frau Amanda und fuchtelte -mit einer langen Kleiderschere kampflustig in der Luft. - -Auf Benis bartumwucherten Lippen erstarb das gutmütige Lächeln, die -Miene wurde sehr ernst, da der kleine Bäuchlemann sich breit vor die -am Fenster sitzende Gattin stellte und energischen Tones sprach: -„Genug jetzt mit den Faxen! An der Agitation wird die Forstwartsfrau -sich von dieser Stunde an nicht mehr beteiligen, verstanden! Als -Haushaltsvorstand befehle ich das!“ - -Ein spöttischer Blick züngelte am Männle empor. Und jäh lachte Amanda. -Der Kontrast zwischen der kleinen Gestalt des Vorstandes und der -Befehlhabersmiene wirkte auf die Gattin komisch. Beleidigend klang -dieses Lachen der Geringschätzung. - -Beni richtete sich auf, hob den Kopf, teilte den Patriarchenbart -in zwei Hälften, stampfte mit dem Fuße, um seinen Worten dröhnende -Resonanz zu geben: „Ich befehle es!“ - -Nun schrie Amanda vor Lachen, warf die Schere weg und trommelte mit den -geballten Händen auf ihre Knie. - -Nie im Leben hatte Beni je die Hand gegen ein Weib erhoben, jetzt -fühlte er sich stark versucht, die Beleidigung mit einem Fausthieb zu -vergelten. Er hob wohl die Hand, aber er bezwang sich und ließ sie -wieder sinken. In seinen Augen flammte Energie, etwas Stahlhartes, -eine Unbeugsamkeit, die Amanda zwar nicht einschüchterte, aber doch -veranlaßte, das beleidigende Gelächter zu unterdrücken. - -„Der von der Herrschaft erlassene Befehl lautet dahin, daß jede -Agitation im Haushalte der verheirateten Beamten und Diener eingestellt -werden müsse! Weigern sich die Ehefrauen, beteiligen sie sich noch -weiter an der Hetze, so werden die betreffenden Männer aus dem Dienste -entlassen! Ich hoffe, daß meine Gattin soviel Vernunft besitzt, um den -Ernst der Situation zu erfassen!“ - -Wieder verzog Amanda den Mund, und sie höhnte: „Lächerlich! Derlei -Eingriffe in das Familienleben müssen mit aller Energie zurückgewiesen -werden! Der junge Hansdampf soll es nur versuchen, ich werde ihm das -Nötige schon sagen! Das Prinzerl soll erst etwas lernen und sich selbst -bei der Nase nehmen! Nicht aber die Nase in Dinge stecken, von denen -er nichts versteht! Wenn der Forstwart nicht den Mut hat, das dem -Mutterbubi zu sagen, so besorg ich das!“ - -„Genug nun, Amanda! Die Situation ist durchaus nicht spaßhaft! Ich -habe nicht Lust, mir Stellung und Existenz zu verscherzen oder durch -meine Frau gefährden zu lassen! Ein für allemal laß es dir gesagt sein -und zur Warnung dienen: ich respektiere den Befehl, ich verbiete dir -jedwede Beteiligung an der Agitation! Fügst du dich meiner Anordnung -nicht, so wirst du die Folgen zu fühlen bekommen!“ - -Amanda stand auf und fragte ironisch: „Darf ich wissen, welcherart die -Folgen sein werden?“ - -„Die Trennung!“ erwiderte Beni kurz, sehr ernst und inhaltsschwer. Und -nun schickte er sich an, die Wohnstube zu verlassen. - -Die Drohung verfehlte eine gewisse Wirkung nicht, nur wollte Amanda -das letzte Wort haben. Deshalb rupfte sie dem Gatten vor, daß es nicht -eben schön sei, wenn ein Ehemann die Stellung höher bewerte als das -angetraute Eheweib. Das Anklammern an die Berufsstellung im Dienst sei -geradezu lächerlich, ein tüchtiger Forstwart werde überall leicht ein -gleiches, wenn nicht besseres Unterkommen finden. - -Beni blieb an der Türe stehen und sprach in seiner alten Herzensgüte: -„Möglich schon, aber nicht leicht, weil es zuviel Bewerber gibt! Du -vergissest aber eins: das Halltal ist meine Heimat! Mit jeder Faser des -Herzens hängt der Steierer an seiner engeren Heimat, in ihr zu dienen -und zu wirken ist höchste Seligkeit auf Erden! Ich liebe meine Heimat -über alles! Die Heimatsliebe läßt manches weniger Erfreuliche hinnehmen -und ertragen! Verstehst du das, Amanda?“ - -„Ja, Beni! Aber ich kann mich nicht dreinfinden, daß sich die -Herrschaft in Familienangelegenheiten mischen darf!“ - -„Mit gutem Willen geht es schon! Darfst dir nur vor Augen halten, daß -die Absicht eine gute ist! Die Herrschaft will Ruhe und Frieden haben, -sie hat kein anderes Mittel, um Frieden zu stiften in den Familien -ihrer verheirateten Beamten und Diener. Sei gescheit, Amanda! Ich -glaube ja auch nicht, daß man zum Äußersten greifen, mich entlassen -würde; aber als vernünftiger Mensch will ich es nicht zum Äußersten -kommen lassen, nicht unsere Existenz gefährden, weil ich ja doch -verheiratet bin und für mein Weib zu sorgen habe! Ich füge mich aus -Liebe zu dir und zur Heimat! Also finde auch du dich drein!“ - -„Na ja, meinetwegen!“ - -„Brav gesprochen, Weiberl! Und anjetzo gelobe ich, daß ich die -bewußte Summe freiwillig aufrunden werde! Damit ist das Ziel deiner -Bestrebungen erreicht, die Bezahlung der Hausfrauenarbeit! Und noch -etwas, wonach auch du dich zu richten hast: die Herrschaft befiehlt, -daß bei weiterer Verhetzung seitens der Krämerin von Hall ihr Geschäft -boykottiert werden muß!“ - -„Wieso?“ - -„Wenn die Krämerin nicht Ruhe gibt und die Agitation einstellt, wird -die Herrschaft von ihr nichts mehr beziehen! Und die Beamten und Diener -dürfen bei der Krämerin nicht mehr einkaufen!“ - -„Eine noblichte Herrschaft, die einem Landkrämer das bisserl Existenz -ruiniert!“ - -„Gutgemeinte Drohung, die hoffentlich wirken wird! Sei gescheit, -Weiberl!“ - -„Nein, diesem Zwang füge ich mich nicht! Wir wohnen so entlegen, daß -ich nicht jeden Tag zum Einkaufen nach Admont laufen kann; ist Hall -schon weit genug entfernt!“ - -„Wart es ab, Weiberl! Merkt die Krämerin, daß ihr geschäftlicher -Schaden droht, wird sie schleunigst umsatteln, es auf den Boykott gar -nicht ankommen lassen! Sie wird sich fügen!“ - -Interessiert fragte Amanda, wer denn der Krämerin die Drohung zu -übermitteln habe. - -„Leider bin ich damit beauftragt! Ich hab aber noch keine Zeit gehabt, -zur Krämerin zu gehen!“ - -„Weißt was, Beni, diese Mission übernehme ich! Es interessiert mich zu -beobachten, was für ein Gesicht die Krämerin bei der Boykottankündigung -macht!“ - -„Merkwürdig! Erst bist du hantig und oppositionslustig, und jetzt -willst du sozusagen im Auftrag der Herrschaft handeln und gegen die -Krämerin, deine intimste Freundin, vorgehen! Das begreif ich nicht -recht!“ - -„Die Mannerleut verstehen gar oft nichts von der weiblichen Psyche! -Mein Gedankengang ist doch leicht zu begreifen: Weil ich zum Nachgeben -genötigt bin, macht es mir ein besonderes Vergnügen, gewährt es einen -aparten Nervenreiz, zu sehen, wie die Drohung und der Zwang auf die -Freundin wirkt, wie sich die Krämerin winden und krümmen, seelisch -leiden wird! Der Kampf der Stolzen gegen den Geschäftssinn und die -Profitgier wird sehr interessant sein! Und wo was Nervenspannendes los -ist, da bin ich für mein Leben gern dabei! Aus diesen Gründen übernehme -ich die Mission! Und der Krämerin werd ich zusetzen, daß ihr die Augen -tropfen!“ - -„Ja ja, die Weiber! Na, die Hauptsach ist, daß wir zwei einig sind, und -daß du dich nun den Anordnungen fügst! Das freut mich!“ - -„Abgemacht! Und jetzt geh ich nach Hall zur Krämerin!“ - -Eine Stunde später spielte Amanda Gnugesser mit der sehr -zungengewandten Krämerin wie die Katze mit der Maus. Zunächst spannte -Amanda die Freundin auf die Folter durch die tropfenweise Mitteilung -der von der Herrschaft erlassenen Drohung hinsichtlich der Entlassung -der verheirateten Beamten und Diener für den Fall, daß ihre Ehefrauen -weiteragitieren. - -Die Krämerin schrie vor Überraschung und Entrüstung. Und sogleich -wollte sie wissen, welche Stellung Amanda dieser Vergewaltigung -gegenüber einnehme. - -Amanda wich aus mit dem Hinweise auf das Diktum: Gewalt geht vor Recht. - -„Himmelschreiend und empörend ist diese Vergewaltigung! Gefährdung, -ja Raub der persönlichen Freiheit! Unerhörter Eingriff in das -Familienleben!“ Dann zeterte die rabiate Krämerin davon, daß der -Frauenbund den Kampf gegen die Herrschaft mit aller Energie, mit -Rücksichtslosigkeit aufnehmen und durchführen müsse. Mit Anzeigen -bei der Staatsanwaltschaft, mit Denunziationen bei Gericht und bei -der Gendarmerie, mit Protestnoten an die Fürstin, der man das Leben -sauer machen müsse. „Überhaupt die Fürstin! So ein wankelmütiges Weib, -wetterwendisch wie ein Kirchenhahn! Erst nennt sie unsere Bestrebungen -gut, sichert Unterstützung zu; dann krebst sie, weil der Pfarrer gegen -uns gepredigt hat!“ - -Um die Freundin noch mehr in die Hitze zu bringen, lobte Amanda die -Herrschaft wegen der bewilligten Gehalts- und Lohnaufbesserung. - -„Wird nicht von Bedeutung sein! Wo es zahlen heißt, sind die -hohen Herrschaften immer taub, sie drücken sich nach Möglichkeit! -Pfennigfuchser, Skontoschinder sind sie alle, ohne Ausnahme! Jeder -Geschäftsmann hustet auf solche Leut! Man profitiert eh schier nichts!“ - -„Also liegt Ihnen nichts an der geschäftlichen Verbindung mit der -Fürstin?“ - -„Nicht soviel als ich Schwarz unterm Nagel hab!“ rief prahlerisch die -Krämerin und schnipste mit den Fingern. - -„Na, dann ist der Verlust nicht von Bedeutung und für Sie nicht -schmerzhaft!“ meinte Amanda gedehnten und lauernden Tones. - -„Wieso? Was für ein Verlust soll mir da bevorstehen?“ - -„Ihr Geschäft soll boykottiert werden, falls Sie sich weiter an der -Agitation beteiligen! Die Herrschaft wird nichts mehr von Ihnen -beziehen! Und sämtlichen Beamten, Dienern und Arbeitern im fürstlichen -Dienst wird verboten, bei Ihnen einzukaufen -- -- --!“ - -„Allmächtiger Gott! Das tät ja mein Ruin sein! Völliger Krach! -Zusperren kann ich das Gewölb in der Stund, wo das wahr werden tät! -Sie machen wohl Spaßetteln, liebe Frau Forstwart! Jessas -- Mariand -- -Josef! Da tät ja alles verloren sein! Sagen S’ um Himmels willen, ist -der Befehl schon erteilt worden wegen der Boykottierung?“ - -„Soviel ich weiß, erwartet die Herrschaft eine bindende Erklärung -Ihrerseits! Da Sie sagten, daß der Frauenbund den Kampf gegen die -‚unmoralische‘ Herrschaft mit aller Energie und Rücksichtslosigkeit -aufnehmen und durchführen werde, ist doch wohl anzunehmen, daß die -Herrschaft Ihre Antwort als Kriegserklärung betrachtet und den Boykott -über Ihr Geschäft verhängt! Das dürfte morgen geschehen!“ - -„Jess -- Maria! Fallt mir ja gar nicht ein, den Krieg zu erklären! -Wo die Fürstin eine so gute fromme Frau ist! Eine Wohltäterin -ohnegleichen! Und wo mich die Frauen eigentlich gar nichts angehen, -von denen ich nie profitieren kann, weil ja ich das Geschäft führ -und den Simandl von einem Mann ernähren muß! Für mich kann es ja gar -kein Drittel aus Gehalt oder Verdienst der Männer geben; ich bin -ja als Geschäftsfrau die Erwerberin und Brotverdienerin! Auf den -Frauenbund hust ich, der wo mich in solche Schlamassel bringt und zum -Geschäftsruin!“ - -„Ihre Ausführungen wirken überraschend! Sie sind inkonsequent! Die -Fürstin nennen Sie wetterwendisch, dabei satteln Sie aber selbst -um -- --!“ - -„Aber natürlich! Wo es sich um Geschäft, Existenz und Profit handelt! -So dumm bin ich nicht, daß ich mich für andere Leute opfere, gegen -den Strom schwimm, wo ich gar nicht schwimmen kann! Nein, so dumm -bin ich wirklich nicht! Ich glaub auch nicht, daß Sie so dumm sein -werden! Aber wissen möcht ich, warum die Herrschaft grad und justament -die Forstwartsfrau ausgesucht hat, mir die Schreckensnachricht zu -überbringen! Sie sind doch meine Freundin, zugleich die ärgste Hetzerin -von wegen der Entlohnung der Frauenarbeit im Hausstand!“ - -„Vielleicht eine Ironie des Schicksals!“ - -„Teuflische Bosheit! Ist aber jetzt alles egal! Ich tue nimmer mit! -Sagen Sie das der Herrschaft und daß ich aus dem Frauenbund austrete! -Ist mir schon z’ dumm der Boykott!“ - -„Soll ich auch sagen, daß Sie die Fürstin eine charakterlose Frau -genannt haben?“ fragte maliziös Amanda, die sich gottvoll amüsierte. - -„Ich weiß von gar nichts! Nicht ein Wörtel hab ich gesagt!“ - -„Also werd ich melden, daß die Krämerin von Hall sich allen Anordnungen -der Herrschaft fügt, aus dem Frauenbund austritt und jede Agitation -nunmehr meidet!“ - -„Äa! Sein Sie so gut und melden Sie das der Fürstin. Mit g’horsamsten -Respekt und Handkuß! Ich laß mich empfehlen und um Aufträge bitten!“ -Nun wollte die aus dem seelischen Gleichgewicht geworfene, schwer -erregte Krämerin die Freundin mit Rosogliolikör bewirten, doch Amanda -lehnte dankend ab. Befürchtete doch Frau Gnugesser, daß sie bei -längerem Aufenthalt das Lachen nicht würde verbeißen können. - -Hochbefriedigt und belustigt ging Amanda heim. Und im Bergwalde lachte -sie sich satt und sang vergnügt ein Duliäh nach dem andern. Der Spaß -mit der Krämerin war erquickend gewesen... - - * - -Für den Novizen Nonnosus war der schönste, aber auch schwerste Tag der -feierliche Profeß, der Gelübdeablegung, des endgültigen Abschiedes -vom Weltleben, des Verzichtes für immer, gekommen. Ein strahlender -Spätherbsttag mit lachendem Sonnenglanze im schönen Admonter Becken -des Ennstales. Der frühe Morgen war freilich frostig, herb und neblig; -aber die Sonne siegte alsbald und vergoldete die wuchtigen Felskolosse, -küßte die Zinnen und Zacken, die hehr und ernst in den lichtblauen -Äther ragten. Feierliches Glockengeläute vom Blasiusmünster kündete -den Beginn dieses bedeutungsvollen Tages für den jungen Mönch, der in -seiner Zelle kniend betete um die Kraft zum Verzicht auf das Weltleben. -Den besten und ehrlichsten Willen besaß der Kleriker, um nach der heute -erfolgenden Aufnahme in das Kapitel dem Stifte Ehre zu machen durch -treueste Pflichterfüllung, die oberste Tugend der Dankbarkeit zu üben -immerdar bis zum letzten Atemzuge. Rein und abgeklärt war die Seele, -wunschlos des irdischen Lebens, erfüllt von Begeisterung für den Beruf. -Von der kleinen Verwandtschaft war Abschied genommen worden, tapfer -und mutig der Trennungsschmerz überwunden. Rein und frei fühlte sich -Nonnosus; ein ehrlicher Diener des Herrn wird heute die _Vota solemnia_ -ablegen... Ohne Mißton in der Seele! - -Entscheidend wird die nächste Stunde für das ganze Leben sein, und -darum ist sie die schwerste des Lebens. Mit der Welt hatte Nonnosus -abgerechnet, er fühlte nichts mehr, was ihn zurückhalten könnte; -dennoch befand er sich in einer starken seelischen Erregung, verbunden -mit Angst und Beklemmung, über deren Grund und Inhalt er sich keine -Rechenschaft geben konnte. Ihm war zumute, als stände er vor einem -großen Unglücke, dem er rasch ausweichen soll... Eine tiefe Traurigkeit -kam über ihn, für die er keinen Anlaß fand. Und er erinnerte sich -der Warnung des Spirituals vor einem Rücktritt ohne bestimmte, klar -erkannte Gründe; Nonnosus klangen die Worte des Spirituals im Ohre: -„Jeder Theologe wird in letzter Stunde von einer tiefen Traurigkeit -befallen, die überwunden werden muß! Der gewissenhafte Theologe soll -zum Altare gehen wie in ein brennendes Haus, entschlossen, mutig! -Dieser Mut bringt dann tiefe Freude, selige Ruhe, im Berufe die -Festigkeit! Theologen, die schwer überwinden, stehen später in ihrem -Seelsorgeramte viel fester als jene, die mit verklärtem Gesichte und in -Sehnsucht zum Altare treten...!“ - -Die Erinnerung an diese goldenen Worte des alten erfahrenen Spirituals -gab Kraft und Mut. - -Wie die Glocken zum zweitenmal ertönten, erhob sich Nonnosus vom -Betstuhl. Ein letzter Blick auf das Kruzifix an der weißgetünchten -Wand... Nonnosus hatte Angst und Zweifel überwunden. Fest wie Granit -ist der Entschluß zur Pflichterfüllung! - -Gefaßt griff der Profitent Nonnosus nach dem Pergamentblatte, das die -von ihm geschriebene Profeßformel enthielt. Bleich waren die Wangen, -die Zähne aufeinandergepreßt; doch ruhig die Seele, der Kampf beendet. -Ein Sonnenstrahl huschte in die kahle Zelle. - -Der Spiritualdirektor Pater Lullus erschien in der Zelle, um den -Profitenten Nonnosus abzuholen. Ein schmächtiges altes Männlein -mit viel Runzeln im Gesicht, unansehnlich, aber mit geistkündenden -blitzenden Augen; ein Gelehrter im Benediktinerhabit, der Spiritual der -Kleriker und zugleich ihr Freund, Führer und Berater. In lateinischer -Sprache fragte Pater Lullus, ob der Profitent zum Gange in die Kirche, -zur Ablegung der _Vota solemnia_ bereit sei. Ein forschender Blick auf -den Novizen, dann nickte Lullus befriedigt; er hatte in den Augen des -Profitenten den festen Entschluß, Verzicht und Überwindung gelesen. - -Beide Mönche verließen die Klausur, schritten durch den langen -Korridor gen Norden, dessen Fenster eine wundervolle Aussicht auf die -Bergkolosse der „Haller Mauern“ boten. - -Ein letzter Blick des Novizen flog zum Großen Pyrgas, hinauf ins -Gamsrevier... Nonnosus zuckte für einen Moment zusammen, der glühende -Kopf neigte vornüber. Heftig pochte das Blut in Herz und Schläfen. - -„Mut!“ flüsterte der alte Spiritual, „Mut und Gottvertrauen!“ - -Nonnosus nickte zum Dank und senkte die Lider. Nicht einen einzigen -Blick warf er mehr durch die vielen Fenster des Flankenkorridors. Sein -Schritt verlangsamte sich, als die Mönche die breiten Steintreppen -hinabstiegen, um die Sakristei des großen Domes zu erreichen. - -Wieder mahnte der Spiritual: „Mut und Gottvertrauen!“ - -Noch ein Schritt über die Schwelle der Sakristei... Ein ehrerbietiger -stummer Gruß für den Pater Prior, der bereits den Ornat zur -Zelebrierung des Hochamtes angelegt hatte. Ein mittelgroßer, von der -Last der sechsundsiebzig Jahre gebeugter Mönch im Silberhaar, der den -Gruß mit aufmunternd wohlwollendem Blick erwiderte. Die Diakone als -Assistenten des Priors nickten freundlich. Vom Spiritual geleitet, -begab sich Nonnosus zu seinem Platze im Chorstuhl des Presbyteriums, -wo der Profitent niederkniete. Pater Lullus blieb in seiner Nähe, -gleichsam zum Schutz. - -Feierliche Orgelklänge empfingen den von den Diakonen begleiteten Prior -auf dem Gange zum prächtig geschmückten, von einer überlebensgroßen -Statue des St. Blasius aus weißem Marmor überragten Hochaltar. - -Das Hochamt begann und wurde wie an Sonntagen zelebriert bis zum -Evangelium. Wie dieses aber gesungen wurde, ertönte die schrille, im -ganzen Kloster vernehmbare Konventglocke, die alle Patres des Stiftes -zusammenrief. - -Wohl fünf Minuten gellte diese Glocke, dann verstummte sie. - -Der Prior am Hochaltare stimmte das „Kredo“ an, das dann der Musikchor -zu Ende sang. - -Nun trat Schweigen im Dome ein. Tiefes, feierliches Schweigen. - -Aus der Sakristei kam der Zug der Stiftsherren, paarweise, voran die -jüngsten Patres, dann die älteren, die alten mit dem Schnee auf dem -Haupte oder kahlköpfig; alle bekleidet mit dem weiten, faltigen, -schwarzen Ordenskleide mit Kapuze, zuletzt schritt der Abt mit goldenem -Brustkreuz an schwerer Kette, auf dem Haupte die Mitra, in der Hand den -silbernen Stab. - -Im Presbyterium bildeten die Patres Spalier, durch das der Abt mit -seinem Zeremoniar schritt. Dann betrat der Abt die Stufen des -Hochaltars und nahm Platz auf dem für ihn bereitgestellten Stuhle. - -Der Prior mit seiner Assistenz stand auf der Epistelseite vor den -Sitzen. - -Nun waltete der Spiritual seines Amtes, indem er Nonnosus, der die -Pergamentrolle in der zitternden Rechten trug, zum Abte geleitete. Hier -kniete Nonnosus nieder und reichte die Urkunde entfaltet dem Abte, der -sie entgegennahm und dem Profitenten zum Ablesen vorhielt. - -Nonnosus bekreuzte sich und las den lateinischen Text der Profeßformel -mit dem Schlusse: „_In huius rei testimonium praesentem schedulam manu -propria scripsi._“ (Zum Zeugnis dessen hab ich gegenwärtige Urkunde mit -eigener Hand geschrieben.) - -Langsam und würdevoll sprach der Abt: „_Haec tibi servanti vitam -aeternam promitto!_“ (Wenn du dies beobachtest, verspreche ich dir das -ewige Leben.) - -Nonnosus stand auf, trug die Urkunde zur Epistelseite des Hochaltars. -Dann kehrte er zum Stuhle des Abtes zurück und kniete wieder nieder. - -Abt Beda sprach ein Gebet über den Profitenten, erhob sich von seinem -Sitze und blieb stehen, bis der vom Spiritual geleitete Nonnosus das -Ende des Presbyteriums erreichte. Hier knieten beide nieder und sangen -den Psalmvers: „_Suscipe me, Domine, secundum eloquium tuum et vivam, -et non confundas me ab expectatione mea._“ - -Der ganze Konvent, alle Patres sangen diesen Vers im gleichen Tone nach. - -Nun standen Nonnosus und der Spiritual auf, gingen bis in die Mitte des -Presbyteriums, knieten hier nieder und sangen den Vers um einen Ton -höher. - -Der Konvent wiederholte den Vers gleichfalls in erhöhtem Tone. Der -Spiritual führte den Profitenten nun bis zur untersten Stufe des -Hochaltars, wo zum drittenmal und wieder um einen Ton höher der Vers -gesungen, vom Konvent dann wiederholt wurde. Und ergreifend klang -der vom ganzen Kapitel gesungene Schluß: „_Gloria Patri et Filio et -Spiritui sancto. Sicut erat in principio et nunc et semper et in -saecula saeculorum. Amen._“ - -Nochmal segnete der Abt den vor dem Hochaltare knienden Profitenten -und sprach über ihn Gebete. Dann schritt Abt Beda zur Epistelseite und -weihte die dort niedergelegten neuen Ordenskleider für den Profitenten. -Hierauf kniete der Abt auf der obersten Stufe des Altares nieder und -stimmte den Hymnus an: „_Veni creator spiritus_“. Der Musikchor sang -den Hymnus weiter. - -Feierlich gestaltete sich die Abnahme des bisherigen Skapuliers -und Bekleidung des Profitenten mit einem neuen, _ad hoc_ geweihten -Skapulier seitens des Abtes, der dann Nonnosus die Hand reichte und ihm -auf beide Wangen den Bruderkuß gab. Während der Abt mit Mitra und Stab -in der Mitte des Altares stehenblieb, vollzog sich die Zeremonie des -Bruderkusses, indem Nonnosus mit dem Pater Prior und allen Kapitularen -den Kuß tauschte. - -Laienbrüder trugen ein schwarzes Bahrtuch in das Presbyterium und -breiteten es in der Mitte des Presbyteriums aus, just an der Stelle, -unter der sich die Totengruft des Konventes befindet. Auf das Bahrtuch -gegen den Altar zu wurde ein schwarzes Kissen gelegt. - -Nonnosus küßte den jüngsten Pater und schritt dann langsam zum -Bahrtuch, zog die Kapuze über den Kopf und legte sich der Länge nach -auf das schwarze Tuch, drückte das blasse Gesicht auf das Kissen und -blieb regungslos liegen. - -Im selben Augenblick ertönte die große Sterbeglocke dumpf in schweren -Schlägen, ernst und feierlich, mahnend, daß der auf dem Bahrtuche und -so nahe der Totengruft liegende Profitent nun der Welt abgestorben sein -soll und muß... - -Ein schwaches Zucken lief durch den Körper des Pater Nonnosus, der die -zum Gebet gefalteten Hände fester aneinanderpreßte. Kam ihm doch in -diesem erschütternden Moment so recht zum Bewußtsein, daß jetzt der -Abschied von der Welt sich für immer vollzogen hat... - -Helle Klingeltöne verkündeten das Sanktus. Der eine Diakon verließ -den Hochaltar und schritt zum Bahrtuche. Und er berührte mit dem Fuße -leicht den Profitenten und sprach: „_Surge qui dormis et exurge a -mortuis, et illuminabit te Christus!_“ (Erhebe dich, der du ruhest, und -steh auf von den Toten, erleuchten wird dich Christus.) - -Nonnosus erhob sich langsam und zog die Kapuze vom Haupte. Kalkig waren -seine Wangen. In den Augen glühte das Feuer der Begeisterung für den -Beruf. - -Nonnosus begab sich in den Chorstuhl, wo er niederkniete. Der Diakon -kehrte an den Altar zurück. - -Nach der Kommunion des zelebrierenden Priors schritt Nonnosus zum -Altar, aus der Hand des Priors empfing er das hl. Abendmahl, worauf er -zu seinem Stuhle zurückkehrte. - -Zum Schlusse des Hochamtes ging Nonnosus zum letztenmal an den Altar, -auf der untersten Stufe kniend empfing er den besonderen Segen des -Priors. Und hier blieb er dann allein, versunken in Gebete, nachdem der -Prior samt Assistenz die Kirche verlassen hatte. - -Aufgenommen als gleichberechtigter Konventual, aber allein, um -Gelegenheit zu haben, Gott zu danken... - - - - -Zwölftes Kapitel - - -Einer Herzensregung folgend, besuchte die Fürstin das vom Tisch -verbannte Fräulein von Gussitsch. Wider Absicht und Willen klagte die -Fürstin leisen Tones darüber, daß der Sohn so gar kein Faserchen Mut -besitze, wohl auch nie lernen werde, sich selbst zu überwinden. Ob Emil -je die Mannesfestigkeit erringen werde? Jenen stahlharten Willen, der -allein es ermöglicht, aufrecht durch das Erdenleben zu gehen? - -Die Fürstin hielt im Sprechen inne, erwartete von Martina Antwort, -vielleicht auch ein Trosteswort. Das arme Hoffräulein rang nach Worten -und fand keines. - -„Irre werde ich an meinem Sohne! Lange Jahre ein träumerisches Wesen, -Apathie, Schläfrigkeit, Stumpfsinn! Dann das Aufwachen mit nichts -weniger denn erfreulichen Folgen! Unausgeglichenheit, ein Schwanken wie -das Rohr im Winde! Ich fürchte, es fehlt am Charakter!“ - -Leise und schüchtern erwiderte Martina: „Verzeihung, Durchlaucht! Prinz -Emil ist ja noch jung! Der beste Most braucht Zeit zur Klärung, dann -wird guter Wein daraus!“ - -„Wenn Sie recht hätten, Martina, wie glücklich würde die Mutter sein! -Es ist ja richtig, mit vierundzwanzig Jahren ist Emil noch sehr jung! -In hohem Range kommt es fast nie vor, daß ein junger Mann mit diesen -Jahren schon abgeklärt und willensstark, ernst und gefestet ist! Wenn -er nur arbeiten, sich ernsthaft beschäftigen würde! Immer nur ein -Anlauf, ein Stehenbleiben auf halbem Wege! -- Doch nun wollen wir von -Ihnen sprechen, liebe Martina! Sie bleiben bei mir, ja --? Und es -bleibt, wie es war! Die dumme Geschichte mit Emil ist vorüber und soll -begraben sein! Wenn sich aber noch einmal Gelegenheit bietet, soll -Fräulein von Gussitsch aber doch...! Nein, davon wollen wir heute nicht -sprechen!“ - -Hildegard meldete, daß Graf Thurn um Audienz bitte, und verschwand. - -Die Fürstin verabschiedete sich von Martina und empfing im Salon den -Hausmarschall, der um Gewährung eines zweitägigen Urlaubes zum Besuche -des Prinzen Coburg in Schladming bat. - -„Selbstverständlich genehmigt! Vermutlich eine Jagdeinladung?“ - -„Zu dienen!“ - -„Eben fällt mir ein, daß unserseits völlig vergessen wurde, Ihnen -Abschußerlaubnis zu erteilen! Ich bitte, diese Vergeßlichkeit zu -entschuldigen! Da mein Sohn soviel wie gar kein Jagdinteresse hegt, ist -das Haller Jagdgut eigentlich zwecklos erworben worden! Ihnen, lieber -Graf, stehen alle Reviere frei! Und wegen der Bejagung wollen Sie sich -nur mit dem Jagdleiter Hartlieb ins Benehmen setzen! Hartlieb kann auch -nach Gutdünken abschießen! Gute Reise, lieber Graf!“ - -„Untertänigsten Dank für so viel Huld und Gnade!“ Sophie nickte -freundlich und fragte, ob der Graf sich am Lunch beteiligen werde. - -„Mit gnädigster Erlaubnis möchte ich den Mittagszug benutzen!“ - -„Viel Vergnügen! Und Weidmannsheil!“ - -Mit Handkuß verabschiedete sich der alte Hausmarschall. - -Das Versehen verspätet gutgemacht zu haben, gewährte der Fürstin eine -gewisse Befriedigung. Aber einen Stachel hatte sie doch in der Brust, -so sie an Emil, an seine Gleichgültigkeit gegen Wild und Jagd dachte. -Und sie flüsterte: „Bin aber nicht auch ich gleichgültig geworden? Ist -in mir nicht auch jegliches Jagdinteresse erstorben? Eben weil Emil -sich nicht dafür interessiert!“ Und Sophie wünschte sich, es möge der -Sohn sich einen stahlharten Willen erwerben. - - * - -Einen Tag später lauerte Prinz Emil im kleinen Bahnhofe zu Admont wie -die Spinne auf eine Fliege im Netz auf den Pfarrer Pater Wilfrid, -der mit einem Zuge von Selztal zurückkommen sollte. So hatte der -Klosterpförtner berichtet, aber nicht zu sagen gewußt, wann der Pater -Gastmeister heimkommen werde. - -Da nun Emil den Hofpfarrer in finanzieller Angelegenheit unter -allen Umständen sprechen wollte, wartete der geldhungrige Prinz von -vormittag neun Uhr ab auf jeden Zug aus der Richtung von Selztal. -Die Zwischenzeit vertrieb er sich mit Bummeln, leistete sich im -Stiftskeller, der für Laiengäste offenstand, auch ein Fläschchen -Edelweines aus der Luttenberger Gegend; doch prompt fand Emil sich -wieder im Bahnhofe ein, wenn ein Zug fällig war. Gegen Mittag kreuzten -zwei Züge aus Süd und Nord in Admont. Der Erwartete kam nicht. Aber -dem Zuge aus dem Süden entstieg eine junge Dame, deren wundersame -Erscheinung Emil Herzklopfen verursachte. Tannenschlank die Gestalt, -fein geschnitten das Gesicht, gebräunt die Wangen von südlicher Sonne. -Dunkle, feurige und große Augen. Welscher Typus aus Norditalien wohl, -gemildert etwas durch germanischen Einschlag. Elegante Toilette, -sicheres Auftreten der befehlgewohnten Aristokratin, deren Stimme wie -ein Silberglöckchen klang, als die junge Dame nach einem Gepäckträger -rief. Und zwar vergeblich, da es in dem Miniaturbahnhofe trotz des -starken Verkehrs keine Diener und Träger gab. - -Das Köfferchen und die Lederhandtasche verrieten wie die Gestalt -höchste Eleganz. - -Betroffen stand die junge Dame am Zuge und guckte nach einem -dienstbaren Geist, indes die Passagiere hastig den Zug verließen, -andere Fahrgäste aber einstiegen. - -Emil ging auf die Dame zu und bot seine Dienste mit ritterlicher -Galanterie und mit einem Humor an, der das Fräulein lachen machte. Emil -sagte nämlich: „Dem Beruf nach bin ich zwar kein Packträger, aber recht -viel mehr Intelligenz besitze ich auch nicht! Schönes Fräulein, darf -ich’s wagen, Ihnen meine Dienste anzutragen? Auf Trinkgeld verzichte -ich!“ - -„Ah, Herr Faust! _Con piacere, ecco!_“ Ohne weiteres deutete die junge -Dame auf die Gepäckstücke, und lächelnd rief sie Emil zu: „Rasch zu -einem Wagen!“ - -Prinz Schwarzenstein mußte mitteilen, daß es keine Wagen gab im kleinen -Admont und nur der Omnibus des Posthotels am Bahnhofe stehe. - -Im Befehlstone, doch liebenswürdig lächelnd, sprach die junge Dame: -„Dann besorgen Sie einen Wagen, aber rasch! Ich habe Eile!“ - -„Zu dienen! Aber Gnädigste können doch inzwischen nicht allein und -schutzlos hier warten, bis ich mit dem requirierten Wagen komme! -Gnädigste wollen mich ins Städtle begleiten!“ - -„Ob Herr Doktor Faust der richtige ‚Schutz‘ und Führer sein wird, -steht denn doch zu bezweifeln! Besonders vertrauenerweckend sieht -er nicht aus, der Herr Doktor Faust!“ Die junge Dame musterte mit -drollig forschendem Blicke den Prinzen, der inzwischen das Handgepäck -aufgenommen hatte. - -„Oh, oh! Gnädigste können mir ruhig volles Vertrauen schenken, denn ich -bin nicht Doktor Faust! Und Gnädigste sehen nicht -- gretchenhaft aus, -werden also auch nicht à la Gretchen einitappen!“ - -Das Fräulein kicherte belustigt und folgte dem seltsamen -„Gepäckträger“, der nun vorschlug, den Hotelomnibus zu benutzen und im -Hotel „Post“ einen Privatwagen zu mieten. - -Es befremdete die junge Dame, daß Emil gleich ihr in den Hotelomnibus -stieg. „Ich danke für Ihre Gefälligkeit, bedarf aber Ihrer Dienste -nicht weiter!“ - -„Doch! Ich muß ja behilflich sein, damit Gnädigste rasch den -gewünschten Wagen im Hotel bekommen! Deshalb fahre ich mit! -Furierdienst ist meine Spezialität! Besserer Brettlhupfer!“ - -„So! Vermutlich im Dienst der Fürstin von Schwarzenstein, was?“ - -Für einen Moment stutzte Emil; es überraschte ihn, daß das fremde -Fräulein Kenntnis von der Existenz der Schwarzensteins hatte. Die -Lust an Abenteuern war aber so groß, daß er keck und verwegen log und -schwindelte, frischweg behauptete, der Privatsekretär der Fürstin zu -sein. - -„Ah! Da sind Sie ja des Vertrauens würdig! Und falls Sie gleich mir -nach Hall fahren wollen, lade ich Sie ein, mich zu begleiten!“ - -„Mit größtem Vergnügen! Also Gnädigste wünschen, nach Hall zu fahren! -Darf ich fragen: Hall Dorf, Forsthaus oder Jagdschlößl?“ - -„Für einen Geheimsekretär sind Sie ein bissel -- neugierig!“ stichelte -das elegante und bildhübsche Fräulein. - -„Stimmt! Böse Beispiele verderben gute Sitten! Man lernt das -Neugierigsein von den Dienern und Vertrauenspersonen! Ich will nicht -fragen, wer Gnädigste sind!“ - -„Sehr löblich von Ihnen! Ich will aber freiwillig den Schleier des -Geheimnisses lüften: ich bin die -- Schwester des Oberförsters!“ - -Emil machte ein wahrhaftiges Schafsgesicht. Und verblüfft stotterte er: -„Nicht möglich! Hartlieb hat ja gar keine Schwester!“ - -Der Omnibus hielt vor dem Gasthofe „Post“. Hotelgäste vermutend -stürzten der Eigentümer, der „Herr Ober“, ein Kellner und der -langohrige Pikkolo dienstbereit herbei. - -Prinz Schwarzenstein half der Dame aussteigen und bestellte sofort -einen Wagen zur Fahrt nach Hall-Forsthaus. Dann bot er dem Fräulein ein -Frühstück an, das jedoch dankend abgelehnt wurde. Ziemlich abgekühlt, -überlegte Emil, ob er nicht guttun würde, sich zu drücken. Ist das -verdammt hübsche Fräulein wirklich die Schwester Hartliebs, dann heißt -es für den Prinzen: _Hands off!_ - -Das schelmische, spitzbübische Lachen im Auge der Dame brachte ihn -auf den Gedanken, daß das Fräulein genau so wie er ulkt, daß die -Dame sowenig Hartliebs Schwester ist, wie Emil der Geheimsekretär -der Fürstin. Und dieser Gedanke veranlaßte ihn, den Scherz nach -Möglichkeit bis zur Aufklärung der drolligen Situation fortzusetzen. -Ulkig fragte er, ob Papa oder Mama Hartlieb welscher Abkunft gewesen -sei. - -„Warum denn?“ - -„Weil Sie unverkennbar romanisches Blut haben müssen! Halb deutsch, -halb italienisch! Welsche Schönheit!“ sprach Emil in italienischem -Idiom der horchenden Leute wegen. - -In reinem Toskanisch scherzte die junge Dame, daß die Großmutter eine -gebürtige Olona gewesen sei, verwandt mit den Familien Masnago-Laveno; -daher habe der Oberförster den welschen Typ. - -„Donnerwetter! Die Namen Olona, Masnago-Laveno kommen mir aber bekannt -vor, sehr bekannt! Es muß die Fürstin davon gesprochen haben...!“ - -„Hat die Fürstin längere Zeit in Mailand verbracht?“ - -„Ja, vor einigen Jahren! -- Aber da ist der Wagen! Darf ich bitten! -Apropos: ist Herr Hartlieb von Ihrer Ankunft verständigt?“ - -„Nein, ich komme überraschend!“ lachte glockenhell das Fräulein. - -„Stimmt! Denn ich bin sehr überrascht! _Che bellezza!_“ - -„Für einen fürstlichen Geheimsekretär sind Sie ein besonderer -Frechdachs! Fast möchte ich bezweifeln, daß Sie sich in dieser Stellung -befinden!“ - -Während der raschen Fahrt nach Hall schwätzte Emil der jungen Dame -schier die zierlichen Ohren weg und guckte ihr möglichst oft und tief -in die schönen Augen. Doch hielt er unwillkürlich eine gewisse Grenze -ein im Empfinden, daß das Fräulein nicht die Schwester Hartliebs sei, -von erheblich höherer Abkunft sein müsse. Aber nett und lieb, zum -Anbeißen nett. Distinguiert und doch nicht prüde. - -„Als Hofbeamter müssen Sie den Grafen Thurn kennen! Ist der -Hausmarschall zu Hause?“ - -Diese Frage brachte Emil auf die richtige Spur. Frohlockend rief er: -„Gnädigste haben sich jetzt verraten! Mit dem Inkognito ist es aus! -Gnädigster Komtesse lege ich verehrungsvollsten Respekt zu Füßen!“ - -„Wie dumm von mir! Aber Sie sind auch nicht der Hofsekretär! Darauf -getraue ich mir meinen Kopf zu wetten!“ - -„Was soll ich zum Einsatz geben? Wer soll ich denn sein?“ - -Komtesse Isotta Thurn wandte den hübschen Kopf zu Emil und blickte -ihn voll und prüfend an. „Nach Papas Schilderungen sind Sie der Prinz -Schwarzenstein! Ich bitte um Verzeihung, daß ich Durchlaucht so -respektwidrig behandelt habe! Zugleich danke ich aber auch für die -ritterliche und liebenswürdige Hilfeleistung!“ - -„Keine Ursache, Komtesse! Aber Sie irren sich in meiner Person...“ - -„Unmöglich! Es stimmt die Beschreibung, die mir Papa gegeben hat, -als er mich das letztemal in der Pension zu Lausanne besuchte!“ Und -schalkhaft lachend, fügte Isotta bei: „Es stimmt aber auch bezüglich -Ihres Auftretens!“ - -„Wieso denn?“ - -„Hofsekretäre sind niemals -- Frechdachse! Oh, bitte untertänigst um -Verzeihung!“ - -„Warum soll denn ein junger Sekretär, den keine Sorgen drücken, einer -bildhübschen jungen -- ‚Oberförstersschwester‘ gegenüber nicht als -- -Frechdachs auftreten? Hätte ich gewußt, daß Gnädigste die Komtesse -Thurn sind, würde ich allerdings bescheidener mich verhalten haben! Um -Verzeihung muß also ich bitten, untertänigst und gehorsamst! Und ganz -besonders herzlichst bitte ich um Diskretion! Denn wenn Graf Thurn -erfährt, wie frech ich mit seiner Tochter angebandelt habe, fangt er -mich füri!“ - -„Diskretion wird sicher gewahrt! Aber das Versteckenspielen müssen Sie -nun aufgeben! Mit einem simplen Sekretär kann und darf die Komtesse -Thurn sich nicht weiter beschäftigen...! Das werden Sie doch begreifen!“ - -„Will sich die Komtesse mit dem Prinzen Schwarzenstein ‚beschäftigen‘?“ - -Isotta erglühte und schwieg. - -Emil ergriff ihre Hand und drückte einen Kuß darauf. Dann bat er, es -wolle die Komtesse, da Papa Thurn auf zwei Tage verreist sei, Quartier -im Jagdschlößl nehmen. - -„Danke vielmals! Aber wo Papa wohnt, wird das Quartier auch der Tochter -genügen! Und jede Belästigung der Fürstin muß vermieden werden!“ - -„Ach wo! Im Forsthause können Sie, Komtesse, nicht bleiben, in -Abwesenheit Ihres Papas schon gar nicht; es fehlt ja auch an jeder -Bedienung!“ Emil richtete sich auf, markierte Energie und sprach -gebieterisch: „Ich befehle, daß Sie Quartier im Jagdschlößl nehmen!“ - -„Huhu! Durchlaucht befehlen!“ lachte Isotta spitzbübisch. - -„Gel, das imponiert Ihnen, was?“ - -„Und wie? Zwingt zu ersterbender Ehrfurcht! Hihi! Regieren Durchlaucht -immer so energisch und scharf?“ - -„Spotten Sie nur zu! Die Hauptsache ist der Gehorsam! Bitte, teuerste -Komtesse, nehmen Sie Quartier bei uns! Es wäre nett, entzückend, -himmlisch, wenn wir ein Dach über uns hätten!“ - -Wieder erglühte Isotta. Und sie wehrte ab: „Aber, Prinz! Was wird die -Fürstin denken?“ - -„Mama wird sicher auch finden, daß die Komtesse Thurn ein entzückendes -Frauenzimmerl ist!“ - -„Nun ist’s aber genug der Schmeichelei! Ein Mischmasch-Komtessel bin -ich, halb deutsch, halb welsch!“ - -„Oh, ich bin sehr für den Mischmasch! Besonders, wenn das -Mischmasch-Komtessel so himmlisch nett und lieb ist! -- Holla! Dort -wimmelt Mama spazoren, und zwar ausnahmsweise allein! Der Fall ist -günstig! He, Kutscher, halten!“ - -Isotta wehrte sich vergeblich. Sie mußte raus und mit Emil der Fürstin -entgegengehen, die nicht wenig staunte, den Sohn mit einer eleganten -jungen Dame anmarschieren zu sehen. - -Auf Distanz von zwölf Schritt rief Emil lebhaft: „Mama, Mama! Denk dir, -ich habe Komtesse Thurn unterwegs aufgegabelt! Sie wollte den Papa -überraschen, das ist ihr aber mißglückt, denn Graf Thurn ist abwesend!“ - -Durch diesen Zuruf schwand das Befremden sofort; jetzt angenehm -berührt, kam Fürstin Sophie mit raschen Schritten heran, und freudig -begrüßte sie die Tochter des alten Hausmarschalls. Mama genehmigte auch -alle Vorschläge Emils wegen des Quartiers im Jagdschlößl, vorbehaltlich -der Zustimmung Thurns. - -Emil strahlte vor Freude. Und übermütig erzählte er, daß Komtesse sich -weigerte, daß er aber befohlen habe, Quartier im Schlößl zu nehmen. - -Mit feiner Ironie sprach die Mama: „Der Prinz Schwarzenstein kann -gegebenenfalls dem Hausmarschall Befehle erteilen, niemals aber dessen -Tochter. Ich bitte Komtesse, bei uns zu bleiben als lieber Gast! Und -nun wollen wir heimkehren!“ - -Emil schickte den Wagen mit dem Gepäck voraus. Auf dem Wege zur Villa -mußte er den stummen Begleiter spielen, denn Mama sprach ausschließlich -mit Komtesse Isotta. - -In böse Verlegenheit brachte ihn die Frage der Fürstin, wo er die -Komtesse aufgegabelt habe. „Meines Wissens hast du doch die Komtesse -bisher nie gesehen!“ - -Rasch gefaßt, antwortete Isotta an Emils Stelle, daß sie im -Bahnhofe Admont den ihr unbekannten Prinzen um Auskunft über eine -Fahrgelegenheit zum Forsthause Hall gebeten und sich hernach als -Tochter des Hausmarschalls vorgestellt habe. Worauf Prinz Emil -mitgefahren sei. - -„Ach so!“ Mit einigem Mißtrauen fragte die Fürstin den Sohn: „Was -hattest denn du auf dem Bahnhof zu tun? Noch dazu zur Zeit, da wir -speisen?“ - -„Verzeihung, Mama! Ich konnte nicht rechtzeitig um Dispens vom Lunch -bitten! Auf dem Bahnhof wollte ich Pater Wilfrid erwarten, der aber -nicht kam! Ein Glück, daß ich anwesend war, der Komtesse behilflich -sein konnte!“ - -Zwei Blicke des Einverständnisses der jungen Leute kreuzten sich. -Optische Warnungen vor Verplapperung. Besonders Isottas Blick mahnte -zur Vorsicht. - -Wonne und Glückseligkeit empfand Emil, daß die Komtesse sich so tapfer -auf seine Seite stellte und so brillant lügen konnte, um das Geheimnis -der Bekanntschaft zu wahren. Ein schneidiges Mädel, höchst sympathisch, -nett zum Anbeißen! Dazu Gräfin, also... - -Als Quartier bekam Komtesse Thurn ein Zimmer ähnlich dem -Hoffräuleingemache, klein, doch zweckentsprechend eingerichtet. Die -Räumlichkeiten waren im Jagdschlößl beschränkt, nur für Jagdgäste zu -kurzem Aufenthalt bemessen. - -Die Fürstin machte Isotta mit der Hausordnung bekannt, stellte Fräulein -von Gussitsch vor und beauftragte die Dienerschaft, dem Gaste alle -Aufmerksamkeit zu widmen. Alle Liebenswürdigkeit konnte jedoch die -Komtesse darüber nicht täuschen, daß die Fürstin irgendein Mißtrauen -hegte. Auch fiel es Isotta auf, wie scharf die Mama den Sohn bei Tisch -überwachte. - -Davon merkte Emil anscheinend nichts, er gab sich keine Mühe, die -Freude über die Anwesenheit der ihm höchst sympathischen Komtesse zu -verbergen, und widmete ihr seine Aufmerksamkeit. Ohne Übertreibung, -ohne Draufgängerei. Freilich glänzten seine Augen seltsam. - -Die Hofdame war bei Tisch nur Staffage, es hatte Martina reichlich -Gelegenheit zu stillen Beobachtungen, und sie war sich sehr rasch -darüber klar, daß Prinz Emil jetzt ernstlich Feuer gefangen habe, und -daß die Fürstin die Situation erfaßte und keineswegs einverstanden -war. Das Abschwenken Emils konnte Martina nur willkommen sein, die -Ignorierung ihrer Person verbürgte Ruhe. Aber neugierig war Martina -doch auf die Entwicklung der fühlbar gespannten Situation. - -Auffällig war, daß die Fürstin sich nach dem abendlichen Diner nicht -wie üblich zurückzog, sondern im Speisezimmer blieb und Martina um -etwas Musik bat. Fräulein von Gussitsch mußte das im Empfangssalon -stehende Pianino bearbeiten, vermutlich nur zum Zwecke, daß Prinz Emil -der Komtesse nicht die Cour schneiden konnte und zur Schweigsamkeit -gezwungen war. Eine lange Stunde hindurch mußte Martina Musik machen. -Dann wurde kurz dafür gedankt und Schluß befohlen. Kurzer Abschied, -rascher Rückzug. - -Auf seiner Bude konnte Emil sich mopsen nach Belieben. Auch das schöne -Liedchen summen: „Du bist mir nah und doch so fern.“ Wie sehr er sich -für Isotta interessierte, bewies die Tatsache, daß für diesen Abend -kein Schlummerpunsch in sein Kämmerlein kam, das verliebte Prinzlein -völlig nüchtern in die Federn kroch und langmächtig und wahrhaftig -maikäferte. - -Mehrere Enttäuschungen brachte der nächste Tag für Emil. Nicht für -ein Viertelstündchen war es möglich, mit Komtesse Isotta ohne Zeugen -zu sprechen; Mama belegte sie ständig, ging mit ihr spazieren, -beschäftigte sie fortwährend, bis es Zeit wurde, für den Grafen Thurn -den Wagen zum Admonter Bahnhof zu senden. Isotta wurde es freigestellt, -den Papa abzuholen, und für diesen Fall war Fräulein von Gussitsch zur -Begleitung befohlen. Wie dies Emil hörte, verzichtete er sofort auf die -Mitfahrt. - -Die Komtesse hingegen wollte um die Erlaubnis bitten, Papa im -Forsthause erwarten zu dürfen, fügte sich aber der Anordnung und fuhr -mit Martina weg. - -Zwei Stunden später kam Fräulein von Gussitsch allein zurück und -meldete der Fürstin dienstlich, daß Graf Thurn vorerst mit seiner -Tochter im Forsthause eine Aussprache pflegen wolle und sodann ins -Jagdschlößl kommen werde, um wegen der unangenehmen Überraschung -Durchlaucht untertänigst um Entschuldigung zu bitten. - -Fürstin Sophie nickte nur. Und das Lächeln einer gewissen Befriedigung -huschte über ihre Lippen. Sie schien die Handlungsweise des allzeit -streng korrekten Hofchefs erwartet zu haben. - -In der Wohnung Thurns entlud sich ein böses Ungewitter über das -schöne Töchterlein. Graf Thurn rüffelte Isotta wegen der leichtsinnig -unternommenen Soloreise, ganz besonders aber ob der schweren -Belästigung der Fürstin durch die geradezu unverschämte Einquartierung -in das Schlößl. - -Isotta wehrte sich mit dem Hinweise, daß man sie ja genötigt habe, -Quartier im Jagdschlößl zu nehmen. - -„Ach was! Wenn man überraschend kommt und einem ins Haus plumpst, -bleibt den hohen Herrschaften nichts anderes übrig, als gute Miene -zum bösen Spiel zu machen und den Eindringling willkommen zu heißen! -Traurig genug, daß die Tochter des Hofchefs nicht soviel Lebensart hat, -um einen skandalösen Überfall zu vermeiden!“ - -„Aber, Papa! Ich versichere dir, daß ich gezwungen worden bin!“ - -„Wer hat dich gezwungen?“ - -„Prinz Emil!“ - -Die Stirne runzelnd rief Graf Thurn: „Unmöglich! Den Prinzen kennst du -ja gar nicht! Wie kann Prinz Emil dazu kommen, dich einzuladen!“ - -Der Ärger über den Rüffel verleitete Isotta zu einer unvorsichtigen -Beichte, wie sie den netten und liebenswürdigen Prinzen kennengelernt -hatte, ganz zufällig, und dann selbstverständlich mit ihm zum -Forsthause gefahren sei. Und hierauf habe der Prinz sie der zufällig -auf einem Spaziergange herbeigekommenen Fürstin vorgestellt. - -Jetzt rügte Thurn das Gebaren der Tochter erst recht scharf und als -skandalöse Aufdringlichkeit. Nicht weniger die empörenden Mängel der -Schulerziehung. Wenn schon nicht Verstand und Vernunft, so doch das -weibliche Gefühl hätte derlei Taktlosigkeiten verhindern müssen. -Unerhört, wie sich eine Komtesse Thurn dem Prinzen geradezu an den Hals -werfen konnte. Blamiert bis auf die Knochen sei der Hofchef und Vater. -Und was die Fürstin sich denken werde! „Dein Verhalten zwingt mich, -die Konsequenzen zu ziehen! Die erste Folge ist, daß ich um sofortigen -Urlaub bitten werde, um dich morgen zu Verwandten nach Mailand zu -bringen! Zum zweiten bin ich genötigt, meine Entlassung zu erbitten! -Das Schlößl betrittst du nicht mehr! Du nächtigst bei mir! Dein Gepäck -werde ich holen lassen! So, und nun hast du Zimmerarrest! Ich gehe -indessen zur Fürstin!“ Kurz entschlossen sperrte Graf Thurn die Tochter -im Zimmer ein und steckte den Schlüssel zu sich. Und eilig ging er zum -Jagdschlößl. - -In außerordentlicher Audienz stimmte Fürstin Sophie zu, daß Graf Thurn -Urlaub nach Italien nehme, die Bitte um Entlassung hingegen lehnte sie -ab, weil kein Grund dazu vorhanden sei. Und leisen Tones fügte sie -hinzu: „Es liegt auch nicht alle Schuld auf der anderen Seite! Mein -Sohn dürfte ebenfalls -- hm -- inkorrekt vorgegangen sein, er wird -seine Strafe schon noch bekommen! Jedenfalls ist Ihre und der Komtesse -Abreise wünschenswert! Der Wagen für morgen früh steht zur Verfügung, -wollen Sie selbst den Kutscher verständigen! Norbert soll das Gepäck -der Komtesse nach dem Forsthause bringen! Gute Reise, lieber Graf!“ - -„Untertänigsten Dank, Durchlaucht!“ - -„Nehmen Sie die Sache nicht zu schwer! Trübe Stunden bleiben den -Eltern nie erspart, weder in der Hütte noch in einem Palast! Und die -sorgsamste Erziehung schützt nicht vor dummen Streichen der mündig, -aber nicht reif gewordenen Kinder! Adieu, lieber Graf! Wir bleiben in -Freundschaft die alten!“ - -Ein Handkuß, dann verließ Thurn mit zusammengepreßten Lippen das -Wohngemach. - -Ahnungslos von alledem stand Emil, mit Martina plaudernd, im -Speisesaale, auf Mama und Komtesse Isotta wartend. Und angelegentlich -hatte sich Prinz Emil erkundigt, wo denn eigentlich die gräfliche -Familie Thurn ihren Hauptsitz habe. - -Des Umstandes froh, daß der Prinz ein verhältnismäßig harmloses -Thema berührte, gab Martina Auskunft, soviel sie konnte, dahin, daß -die Thurn-Valsassina de Villalta und Spessa von einem Napoleone -della Torre, Signore di Milano abstammen und um die Mitte des 16. -Jahrhunderts Reichsgrafen wurden. - -„Also wird Mailand der Wohnort der Familie sein?“ meinte Emil. - -„Das kann stimmen!“ - -Der Eintritt der Fürstin beendigte das Gespräch. - -Die Mitteilung Mamas, daß die Thurns am Diner nicht teilnehmen, da der -Graf sehr ermüdet sei, überraschte Emil. Aber er wagte keine Bemerkung. - - - - -Dreizehntes Kapitel - - -Schon zum Frühstück erfuhr Emil von Norbert die Neuigkeit, daß die -Komtesse gar nicht im Jagdschlößl genächtigt habe und mit Papa in aller -Frühe abgereist sei. „Überraschend gekommen, überraschend gegangen! -Schade, so hübsch die Komtesse und so lustig! Was es da nur gegeben -haben mag? Diesmal weiß ich weniger wie nichts!“ - -Mit einem wahrhaftigen Schafblick guckte Emil den alten Kammerdiener -an, bestürzt, fassungslos. - -Norbert war längst gegangen, doch konnte Emil noch immer nicht -begreifen, was diese verblüffende Abreise veranlaßt haben konnte. Wie -auf den Kopf geschlagen fühlte sich der Prinz, denkunfähig, betäubt, -niedergeschmettert. Körperliche und seelische Schmerzen, das bittere -Gefühl eines furchtbaren Verlustes, eine gähnende Leere. Gewichen ein -großes Glück, erstorben jegliche Lebensfreude. Mählich aber reifte -der Entschluß, alles zu wagen, um nach Möglichkeit das mit Isotta -verknüpfte Lebensglück doch noch zu erringen. Wenn nötig, mit Kampf und -Gewalt. - -Emil fühlte mit dem Erstarken der Energie, im Zittern um sein -Lebensglück, daß es nun mit jeder Gängelei des verhätschelten -Muttersöhnchens vorbei sein müsse, daß es zugreifen heißt und Krieg -geführt werden muß. Krieg gegen Mama, die zweifellos mitgeholfen, -den Grafen Thurn bestimmt hat, seine Tochter wegzubringen. Krieg -aber auch gegen Papa Thurn, dem Emil von Schwarzenstein die Tochter -Isotta abringen muß. Wo aber die Thurns finden? Die Antwort auf -diese selbstgestellte Frage gab die Erinnerung an die Auskunft des -Hoffräuleins, daß die Thurns aus Mailand stammen, also dort irgendwo -begütert sein werden. Demnach wird man in der Gegend von Mailand nach -Thurns Verwandtschaft und Besitzungen zu suchen haben. - -Einmal soweit entschlossen, richtete Emil sein Augenmerk auf die -Hauptsache: Geld zum Kriegführen. - -Der Versuch des Prinzen, vom Oberförster Hartlieb aus der Jagdamtskasse -eine Summe zu erhalten, hatte ein klägliches Resultat: gegen Quittung -erhielt Emil den für seine Zwecke lumpigen Betrag von hundert Kronen. - -In dieser Not stellte sich der Gedanke an Pater Wilfrid ein. Den -liebenswürdigen Benediktiner als Pumpquelle hatte Emil ja schon einmal -ins Auge genommen, die Ankunft und kurze Anwesenheit Isottas aber die -Ausführung des Pumpversuches vereitelt. - -Um jedes Aufsehen zu vermeiden, verzichtete der Prinz auf den Wagen, -wie ein Dieb schlich er davon und eilte nach Admont. Und glücklich traf -er den Pater, Gastmeister und Pfarrer in der Zelle des Stiftes an. - -Emil platzte heraus: „Gott sei Dank, daß ich Sie noch rechtzeitig -erwischt habe! Ich muß nämlich in dringendster Angelegenheit verreisen, --- Ehrensache -- habe aber zuwenig Moneten! Darf Mama nicht behelligen, -ansonsten kommt sie mir zu früh auf gewisse Schliche! In dieser -Verlegenheit muß mir unser lieber Hofpfarrer aushelfen! Ich rufe also -in Not und Verlegenheit: hilf, heiliger Wilfrid!“ - -Freundlich bot er Emil fünfhundert Kronen an. „Wenn Durchlaucht damit -gedient ist!“ - -„Oh, sehr angenehm! Hochwürden verpflichten mich zu besonderem -Danke! Meine Situation ist derart mißlich, daß sie mich zwingt, Ihr -liebenswürdiges Angebot anzunehmen wider bessere Einsicht, gegen -Anstand und Sitte! Heillos unangenehme Situation! Verzeihen Sie meine -Ungezogenheit, entschuldigen Sie in Gnaden meine Frechheit! Sie wissen -ja: in der Not frißt der Teufel Fliegen! Der Prinz von Schwarzenstein -auch! Also helfen Sie mir mit den fünfhundert Kronen aus der Not! Ich -muß sie haben! Wegen Zinsen und Rückzahlung...“ - -„Bitte, jedes weitere Wort ist überflüssig! _Ecco!_“ Damit gab -Wilfrid dem Prinzen die Scheine, die Emil sofort in der Westentasche -verschwinden ließ. - -„Vergelt’s Gott vieltausendmal für diese Hilfe in der Not!“ Mit einem -kräftigen Händedruck verabschiedete sich der Prinz vom gefälligen -Priester. - -Ohne das geringste Gepäck fuhr Emil mit dem Mittagszuge von Admont nach -Selztal, wo er den Schnellzug nach dem Süden benutzte. Und in Udine -gab er ein Telegramm an Mama auf des Inhaltes, daß er genötigt sei, in -dringender Angelegenheit für einige Zeit zu verreisen. - -Die Bestürzung und Angst über Emils Verschwinden wurde durch diese -Depesche beseitigt, nicht aber die Sorge vor bösen Komplikationen. Aus -dem Aufgabeorte Udine konnte die Fürstin unschwer erraten, welcher -Art die dringende Angelegenheit sein werde. Wenngleich nun nicht zu -befürchten stand, daß Graf Thurn, falls ihn Emil findet, je die -Hand zu Dummheiten bieten wird, die Fürstin fühlte sich beunruhigt, -sie bangte um den Sohn, der ohne jede Begleitung, ohne Schutz, ohne -größeres Gepäck und gänzlich mittellos in Italien weilte. Mama sah -in Emil immer noch und nur das Mutterbubi, jetzt hilflos allen -Fährlichkeiten der Welt preisgegeben; daher die Angst, das Entsetzen, -daß dem verhätschelten Liebling, dem so lange gegängelten Herzensbubi -Unheil zustoßen könnte und werde. Daß Emil längst „erwacht“ war, -vergaß die Mutter, sie dachte auch nicht daran, wie sehr sie gewünscht -und ersehnt hatte, es möge der Sohn eine -- stahlharte Energie sich -erringen. Auf Tatkraft und Schneid deutete dieser Sprung in die Welt, -doch dies vermochte die Fürstin nicht zu erkennen. Der Liebling hilflos -im Welschland! Diese entsetzliche Tatsache peinigte die Mutter um so -mehr, als sie außerstande war, dem Sohne Geld zu senden, da seine -Adresse unbekannt war. In diesen Stunden der Angst und Sorge war die -Fürstin bereit, Tausende zu opfern, um nur den Liebling schleunigst -wieder zu erhalten. Sie dachte auch daran, dem Grafen Thurn nach -Mailand Geld für Emil zu senden. Aber der Gedanke wurde verworfen, aus -triftigen Gründen. Reiche Geldmittel würden dem Sohne sicher den Nacken -steifen, „Bubi“ veranlassen, erst recht in Italien zu bleiben und dumme -Streiche zu machen. Viel besser wird es sein, den Jungen zappeln und -mürbe werden zu lassen. Die Not wird ihm die Liebes- und Heiratsmucken -schon austreiben. - -Aber der Gedanke, daß Emil Not leiden müsse, vielleicht obdachlos -sei, als Landstreicher aufgegriffen, als Schwindler an die Grenze -abgeschoben und der Polizei übergeben werde, verursachte eine -Aufregung und Angst, die die Fürstin nahezu krank machte. Dazu die -Unmöglichkeit, mit Fräulein von Gussitsch über diesen Streich des -Sohnes zu sprechen. Unmöglich! Trotz des Bedürfnisses, sich die Angst -von der schwer bedrückten Seele zu sprechen. Die Sorgen hinunterwürgen, -totschweigen den neuen Skandal. - -In ihrem Jammer ließ die Fürstin tags darauf den Pater Wilfrid zu sich -bitten. Dem Priester vertraute sie ihr Leid an: das Verschwinden des -Sohnes, die Befürchtung, daß Emil versuchen werde, dem Grafen Thurn -die Erlaubnis zur Verlobung mit Komtesse Isotta abzutrotzen oder -abzuschmeicheln. Dabei ließ die Fürstin durchleuchten, daß für einen -Prinzen die Heirat einer Grafentochter als wenig standesgemäß nicht in -Betracht kommen könne. Trotz aller Herzensnot doch Hochmut... - -Pater Wilfrid war nicht wenig überrascht von diesen Mitteilungen. Nun -wußte er doch, wozu der Prinz das gepumpte Geld benötigte. Von einer -Ehrensache hatte der Schlingel geflunkert! Von der Tatsache, daß -der Hofpfarrer selbst mit seinem Gelde Emil den Sprung in die Welt -ermöglichte, darf die Fürstin natürlich kein Sterbenswörtchen erfahren. -Dieses Geheimnis muß Wilfrid peinlichst bewahren. - -„Helfen Sie mir doch, Hochwürden! Raten Sie mir, was soll ich tun! Die -Situation ist ja gräßlich!“ - -Wilfrid suchte sich aus der Verlegenheit zu ziehen, indem er vorschlug, -es möge Durchlaucht an den Grafen Thurn nach Mailand oder wo er sonst -Aufenthalt nehmen könnte, die telegraphische Bitte richten, mit der -Tochter rasch eine große Reise, vielleicht über See, anzutreten. -„Ist das Schiff mit Thurn an Bord abgegangen, bevor Prinz Emil die -betreffende Hafenstadt erreichte, so wird er die zwecklose Suche wohl -bald aufgeben und mangels Reisegeld reumütig heimkehren! Meine ich -unmaßgeblichst!“ - -Sofort ging die Fürstin darauf ein. Sie schrieb drei Depeschen und -bat Pater Wilfrid, diese mitzunehmen und in Admont aufzugeben. „_Col -tempo presto! Subito!_“ Die Fürstin ließ anspannen, den geistlichen -Vertrauensmann zu Wagen nach Admont bringen, um Zeit zu gewinnen. Und -so sehr drängte sie zur Eile, daß Pater Wilfrid selber zappelig wurde. -Unterwegs erst fiel ihm ein, daß die Fürstin völlig vergessen hatte, -ihm Geld zur Zahlung der Telegrammgebühren zu behändigen. Wilfrid pfiff -leise durch die Zähne und dachte sich allerlei über die Mucken des -Hofdienstes... - - * - -Mit einiger Verspätung war die Kunde vom Verschwinden des Prinzen Emil -auch in das stille Forsthaus, in die Kanzlei Hartliebs, gedrungen, -und zwar durch Frau Gnugesser, die den Oberförster mit der Frage -überraschte, ob er schon wisse, daß der Prinz plötzlich „durchgegangen“ -sei. Das jähe Entsetzen ob dieser Schreckensnachricht hatte Ambros ein -einziges Wort abgepreßt: „Allein?“ - -Auf diese kurze Frage hatte Frau Amanda lachend mit einer Gegenfrage -geantwortet: „Mit wem hätte denn der Prinz durchbrennen sollen?“ - -Worauf Hartlieb mit flammendem Antlitz fluchtähnlich die Treppe -hinaufgestürmt war, um von seinem Seelenzustande nicht noch mehr zu -verraten. Allein mußte er sein mit seinen Gedanken und Gefühlen, mit -der überquellenden Freude... Fort der Prinz, ohne Begleitung. Demnach -mußte sich Martina hier befinden, also kann es nicht wahr sein, daß -Prinz Emil sich mit dem Hoffräulein verlobt habe. Was die Kammerfrau -Hildegard mitteilte, war nichts als Tratsch. - -Und ist Martina frei, dann kann Ambros es wagen, um ihre Hand zu -bitten...! Darf er aber auf die Zustimmung hoffen? Und kann ein -Ehebund geschlossen werden im jetzigen Dienstverhältnisse? Ist die -Stellung des Oberförsters so fest gegründet, daß der Oberbeamte -heiraten kann? Freie Hand in Dienstangelegenheiten hat man ihm wieder -gegeben, den Oberbeamten in seine Rechte eingesetzt. Wie wird sich -jedoch die Zukunft gestalten, wenn infolge der Flucht des Prinzen die -Fürstin das Haller Jagdgut verkauft? Ihr wird der Besitz verleidet -sein! Ein besonderes Interesse an Jagd und Wild ist ohnehin nicht -vorhanden! Überdruß und schlechte Laune können sie sehr leicht und -rasch veranlassen, die Besitzung abzustoßen, wegzugeben selbst mit -bedeutendem Verlust! - -Wird ein neuer Eigentümer die Beamten im Dienst übernehmen, dem -Oberförster die Heirat gestatten? - -Diese schwer auf die Seele drückenden Fragen machten Ambros kleinlaut, -die Sorge vor der Zukunft nagte, biß die Hoffnungen tot. Nur eines -konnte die Sorge nicht vernichten: das Bewußtsein der Tüchtigkeit des -Beamten im Berufe. Dieses Bewußtsein hielt aufrecht, gab Mut und neue -Hoffnung. Wie eine Erleuchtung kam es über Hartlieb, ein heller und -kluger Gedanke: Tu, wozu das Herz dich antreibt! Übernommen wird der -Oberbeamte sicher, und ist er bereits verheiratet, so braucht er nicht -erst um den Ehekonsens zu bitten! - -Optimist, ein Hellseher, ein sonniger Mensch wurde Ambros in dieser -Stunde, zum mindesten hatte er die Sonne froher Hoffnung jetzt in der -Brust. Und dieses Leuchten in der Seele konnten die Nebelschwaden in -Berg und Wald nicht verschleiern, nicht verlöschen. - -So entschloß sich denn Hartlieb zum Gang in das Schlößl. Mit -Mustela-Martina wollte er sprechen, um ihre Hand bitten. - -Da klopfte es, und der Forstwart Gnugesser schob sein Bäuchlein -in die Kanzlei. Dienstliche Runzeln statt des üblichen Lächelns -der Gutmütigkeit auf der Stirne. Kläglich klangen seine Worte, der -Bericht, daß der Holzhändler mehr als vereinbart geschlägert und die -Plätzzeichen der Grenzbäume herausgehauen habe. Gnugesser wollte -wissen, was er in diesem Falle tun und wie er dienstlich gegen diesen -Betrug vorgehen solle. - -Der ernste, pflichttreue Oberförster zeigte sich wohl zum ersten Male -im Dienstesleben ungeduldig, fast ungehalten über die Störung; zappelig -und rasch rief er: „Sofort Anzeige bei der Gendarmerie erstatten! -Beseitigung der Plätzzeichen an Grenzbäumen ist Urkundenfälschung! -Veranlassen Sie das Weitere in eigener Kompetenz! Ich habe keine Zeit! -Adieu!“ Und er stürmte aus der Kanzlei, ehe der überraschte Forstwart -auch nur ein weiteres Wort über die bebuschten Lippen bringen konnte. -Langsam stapfte Beni die Treppe hinunter. Und schwer wälzte er die -Gedanken durch den Kopf, daß Waldbäume Urkunden sein können. Doch -mählich begriff er, was Hartlieb mit dem fremd klingenden Ausspruch -sagen wollte. - -Im Jagdschlößl wimmelte alles durcheinander wie in einem Ameisenhaufen; -ein emsiges Packen von Koffern, Handtaschen, Hutschachteln. Weder -Hildegard noch Norbert hatten für den Oberförster Zeit, sosehr -beschäftigt waren sie mit den Vorbereitungen zur Abreise. Nur sehr -flüchtig in wenigen Worten gab der alte Kammerdiener Auskunft, daß -plötzlich der Befehl zur Reise nach Italien erteilt worden sei. Ein -jäher Schreck fiel Hartlieb in das klopfende Herz. Wird Martina die -Gebieterin begleiten? Werden die Damen zurückkehren? - -Während Ambros überdachte, wie er sich verhalten solle, wollte die -Hofköchin an ihm vorbeihuschen. Rasch fing er die üppige Restituta ab, -hielt die aufschreiende tugendsame Maid mit eisernem Griffe fest und -bat sie, ihn zum Hoffräulein zu führen, das er dienstlich sprechen -müsse. Zwar blickte Restituta ihn sehr mißtrauisch an, doch der Hinweis -auf den Dienst veranlaßte sie doch, den Förster in das obere Stockwerk -zu führen und ihn bei Fräulein von Gussitsch anzumelden. - -Auch Martina war mit dem Kofferpacken beschäftigt; sie guckte sehr -überrascht, als Hartlieb mit fast ängstlicher Miene an der Türe stand -und flehentliche Blicke auf sie richtete. - -Vom großen Reisekoffer wegtretend, ging Martina dem Oberförster -entgegen, reichte ihm die Hand und bat Platz zu nehmen. „Womit kann -ich dienen? Wie Sie sehen, sind wir eifrig mit den Vorbereitungen zur -Abreise beschäftigt!“ - -„Verzeihung, daß ich störe! Aber es muß sein! Ich kann gnädiges -Fräulein nicht abreisen lassen...“ Hartlieb hielt inne und blickte -Martina bittend an. - -Erglühend erwiderte sie: „Sie können mich nicht abreisen lassen? -Weshalb? Ich muß aber laut Befehl die Fürstin begleiten!“ - -„Ja! Sie müssen laut Befehl!“ Wie ein schwaches Echo klangen Hartliebs -Worte, heiser, wehmütig, angsterfüllt. Fahl war sein Gesicht, eine -rührende Bitte lag in seinen Augen. - -„Sie haben vermutlich vernommen, daß wir abreisen, und Sie wollen wohl -Abschied nehmen?“ - -„Ja und nein! Verzeihung, es fällt mir so schwer, zu sprechen! Aber es -muß sein! Die jähe Abreise...! Werden Sie denn hierher zurückkehren? -Und wann? Und was hat denn diese plötzliche Abreise zu bedeuten?“ - -„Viel Fragen, Herr Oberförster! Und nicht eine einzige kann ich -beantworten!“ - -„Vielleicht doch die Frage -- nein, ich will nicht fragen, ich weiß ja, -daß es nur ein leeres Gerücht war! Aber unglücklich hat es mich doch -gemacht und schweres Leid gebracht! Bitte, bitte inständig, fahren Sie -nicht nach Italien, wenn -- etwa der Prinz dort unten sein sollte...!“ -Ambros brach ab und würgte die anderen Worte hinunter. - -Martina erriet, was Hartlieb sagen wollte und nicht aussprechen konnte. -Und für sie bestand nun kein Zweifel mehr, daß Ambros, der liebe, -ernste, eckige Waldmensch, ihr in ehrlicher Liebe zugetan ist. Ihn -darf sie nicht länger leiden lassen, ihm muß sie durch ein kleines -Entgegenkommen die Aussprache erleichtern, sozusagen die Zunge lösen. -Und das rasch, denn die Zeit drängt... Wie aber entgegenkommen, ohne -sich etwas zu vergeben? - -Ambros stöhnte: „Der Prinz...!“ - -„Beruhigen Sie sich, lieber Herr Hartlieb! Es ist nur Strohfeuer -gewesen, ein kleiner Brand, der rasch verlöschte; freilich hatte er -auch mir viel Leid gebracht! Jetzt brennt es gefährlicher, doch dieser -Brand hat uns nichts zu kümmern!“ - -„Uns?“ Jubelnd wiederholte Ambros dieses Wörtchen. Und nun fand er Mut -und Worte, um zu sagen, daß er Fräulein von Gussitsch längst liebe und -verehre. „Nur die Werbung konnte ich nicht wagen! Die Verhältnisse -sind auch jetzt nicht günstig, aber die bevorstehende Abreise, die -Ungewißheit, ob Sie wieder zurückkommen werden, die Möglichkeit, daß -die Besitzung verkauft wird, die Angst, Sie zu verlieren, all das -zusammen zwingt mich zur innigen Bitte: Erhöre mich, Martina, und -werde in Gnaden meine Frau! Viel kann ich freilich nicht bieten, nur -ein Leben in der Bergeinsamkeit, aber ehrliche Liebe und Treue und -Dankbarkeit! Nimm vorlieb mit dem Wenigen und mit dem verwilderten -Waldmenschen...!“ - -„Still!“ lispelte hold erglühend Martina und schloß mit dem -Patschhändchen den Mund Hartliebs. - -Ambros küßte das Händchen, zog Martina an sich und bettelte wie ein -schüchterner Junge um das Jawort. - -Martina aber bot dem geliebten Manne die Lippen zum Verlobungskusse. - -Heftiges Klopfen an der Tür schreckte das Paar auseinander. Hildegard -trat ein und meldete, daß Fräulein von Gussitsch sofort zur Fürstin -kommen solle. Grünlich schillerten die Augen der Kammerfrau, -Schlangenblicke trafen Martina und Ambros, ein böses Lächeln umspielte -Hildegards Lippen. Eine böse Bemerkung wagte sie aber doch nicht -auszusprechen. - -Um jedoch gehässigen Verdächtigungen schlankweg ein Ende zu machen, -erklärte Martina tapfer, daß sie sich soeben mit Herrn Oberförster -Hartlieb verlobt habe. - -„Untertänigsten Glückwunsch!“ lispelte Hildegard mit anzüglichem -Hüsteln. Und in schlecht verhehlter Wut huschte sie aus dem Zimmer. - -„Nun aber fort, Geliebter! Hier darf ich dich nicht länger behalten! -Bleib in Nähe des Schlößls, etwa gedeckt am Waldesrand, vielleicht -können wir uns noch sprechen!“ - -Gehorsam entfernte sich Ambros. Glück und Seligkeit verklärten sein -Antlitz. - -Martina trat in das Zimmer der Fürstin. „Durchlaucht haben befohlen...!“ - -In großer Erregung schritt Sophie auf und ab und hielt zwei Depeschen -in der rechten Hand. Bei jeder Bewegung knisterte das Papier. Schwer -atmend sprach die Fürstin, mühsam nach einem Entschlusse ringend: „Die -Reise werden wir absagen müssen, wir würden ja doch zu spät kommen...! -Sorgen Sie dafür, daß Pater Wilfrid unverzüglich hierherkommt, ich -muß ihn sprechen in dringender Angelegenheit! Fahren Sie, bitte, nach -Admont und bringen Sie mir den Pfarrer, unverzüglich, so rasch als -möglich!“ - -„Zu Befehl, Durchlaucht!“ sprach Martina und wandte sich zum Gehen. -Und wies den Gedanken zurück, der schmerzerfüllten Gebieterin jetzt -Mitteilungen persönlicher Art zu machen. - -Die Fürstin holte tief Atem. „Noch einen Augenblick, liebe Gussitsch! -Sie müssen ja doch wissen, um was es sich handelt! Der Kummer will -nicht enden in meinem Hause! Ein Sorgenkind ist mein Sohn! Erst die -unglückselige Affäre Emils mit -- meiner Hofdame, dann die Flucht, -und jetzt teilt mir mein Sohn mit, daß er sich mit Komtesse Isotta -Thurn gegen den Willen des Vaters verlobt habe! Emil erbittet meine -Zustimmung, Graf Thurn hingegen bittet um sofortige Entlassung! Herr -des Himmels, was soll ich tun in dieser Situation! Es ist mir peinlich, -den Pater Wilfrid belästigen zu müssen, aber ich benötige seinen Rat! -Was denken Sie, liebe Martina, über den schmerzlichen Fall, über Emils -unbegreifliches Verhalten und Vorgehen? Bitte, sagen Sie offen Ihre -ehrliche Meinung!“ - -Martina zögerte. - -Doch die Fürstin bat flehentlich in ihrer Bedrängnis. „Vielleicht, -nein: gewiß findet der Frauensinn, das weibliche Empfinden den -richtigen Weg besser als jeder Mann! Ich bitte Sie, liebe Martina, -herzlich um Bekanntgabe Ihrer Auffassung!“ - -Nun mußte das Hoffräulein wohl oder übel der Bitte, die einem Befehl -glich, nachkommen. Martina machte aufmerksam, daß es sich nun um eine -ernste Angelegenheit handle, daß eine Verweigerung der erbetenen -Zustimmung den energisch gewordenen Prinzen auf einen Weg drängen -werde, der zu einer gewalttätigen Durchsetzung seines Willens führt. -„Nach meiner allerdings unmaßgeblichen Meinung scheint Prinz Emil fest -entschlossen zu sein, die Komtesse Thurn zu ehelichen, auch gegen den -Willen der Fürstinmutter und des Grafen Thurn! In diesem Entschlusse -liegt die Gefahr einer kompromittierenden Gewalttat! Es zeugt von -Liebe, daß Prinz Emil die Mama um Zustimmung bittet...!“ - -Ächzend rief die Fürstin: „Die telegraphische Bitte kann aber ebensogut -als eine Nötigung, als ein Ultimatum aufgefaßt werden!“ - -„Allerdings! Unzweifelhaft ist Prinz Emil zum Äußersten entschlossen! -Er wird seinen Willen unter allen Umständen durchsetzen! Wird die -erbetene Zustimmung verweigert, so gestaltet sich die Situation erst -recht mißlich, der Protest bleibt wirkungslos, ebenso eine etwaige -Androhung der Enterbung!“ - -„Emil besitzt ja keine Mittel, er kann doch gar nicht heiraten! Und -die Komtesse muß doch so vernünftig sein, zu erkennen, daß diese -unglückselige Heirat einem Sprung ins Dunkle, ins Elend gleichkommt!“ - -„Verzeihung, Durchlaucht! Ein liebend Weib scheut diesen Sprung nicht, -geht mit dem Geliebten vereint, so es sein muß, auch in den Tod! -Prinz Emil und Komtesse Thurn lieben sich ehrlich und heiß, daher -diese eiserne Entschlossenheit, dieser Mut, gegen alle Hindernisse -anzukämpfen! -- Was die erwähnte momentane Mittellosigkeit anbelangt, -so hat sie nicht viel zu bedeuten; ein Prinz Schwarzenstein wird rasch -Geldgeber finden, Name und Rang verschaffen Kredit! Allerdings wird -Prinz Emil auf diese Weise in Wuchererhände geraten, und die fürstliche -Privatschatulle wird schwere Opfer bringen müssen, um den Prinzen aus -den Wuchererhänden zu befreien! Was aber in der Brust des Prinzen -verbleiben und wie ein Stachel wirken wird, das wird die Verbitterung, -der Trotz, wenn nicht Haß sein! In dieser Erwägung dürfte es sich -empfehlen, allen Komplikationen und Konsequenzen ein Ende zu machen -durch Gewährung der Bitte...!“ - -„Ich soll also zustimmend antworten?“ Fast tonlos und schwer seufzend -sprach die Fürstin diese Worte. - -„Ja, Durchlaucht! Die Liebe der Mutter zum Sohne kann auch dieses Opfer -bringen!“ sprach offen, in erquickender Ehrlichkeit Martina. Und hellen -Tones fügte sie bei: „Was den Entschluß zur Opferdarbringung erschwert, -ist lediglich der Gedanke, daß ein Ultimatum gestellt wurde! Jedes -Ultimatum reizt zum Widerstande, weckt Entrüstung; besonders aufreizend -wird ein Ultimatum dann sein, wenn es vom Kinde gegen die eigene -Mutter gerichtet wird! In diesem Falle muß aber die Mutterliebe größer -sein als die an sich berechtigte Entrüstung! Die Liebe kann alles, -sie überwindet alles! Das Größte, das Heiligste ist die Mutterliebe, -größer, heißer und opferwilliger als die Liebe des Weibes zum Manne, -denn die Mutter liebte den Sohn ja schon von der Stunde an, da sie -ihm das Leben gegeben! Können sich Durchlaucht zu dem großen Opfer -aufraffen, der Lohn wird groß, schön und beseligend sein, denn die -Mutter gewinnt die Liebe des Sohnes wieder, weckt die Dankbarkeit in -der Kinderbrust, gewinnt eine dankbare Tochter dazu!“ Martina hatte -sich warm gesprochen, Tränen liefen ihr über die Wangen. - -Die Fürstin schluchzte. In tiefer Bewegung reichte sie dem Hoffräulein -die Hand, und weinend dankte sie für die Anteilnahme, für das -Mitempfinden in schwerer Stunde. Martina küßte die Hand der seelisch -erschütterten Frau. - -Und die Fürstin zog das tapfere Mädchen gleich einer Schwester an sich, -legte den Arm um Martinas Nacken und lehnte das tränenfeuchte Antlitz -an die Schulter der in dieser Viertelstunde zur Freundin gewordenen -Hofdame. Und leise sprach die hohe Frau: „Ich habe den Sohn verloren, -durch Sie kann ich ihn wiedererhalten! Drum will ich tun, was Sie -mir raten!“ Langsam, zart und weich löste Sophie die Umarmung. Dann -diktierte sie Martina zwei Depeschen, die Zustimmung zu Emils Verlobung -mit Isotta und die Ablehnung der Bitte Thurns wegen der Demission. - -Während des Schreibens war Martina dem Heulen nahe, so mächtig wirkte -das von der Mutterliebe gebrachte Opfer auf die eigene Seele. Dicke -Zähren tropften auf das Papier. Und auch die Fürstin hatte viel an den -Augen zu wischen. Doch ziemlich gefaßt bat sie dann, es möge Martina -nach Admont fahren und die Depeschen als dringend aufgeben. - -Martina erhob sich, steckte die Telegramme ein und öffnete den kleinen -Mund, so daß die Marderzähnchen blinkten. Wollte reden und wagte es -nicht... - -Gütig und weich fragte Sophie: „Wollen Sie mir noch etwas sagen?“ - -Jetzt war der wichtige Moment da, es muß gesprochen werden. Tapfer -richtete sich das zierliche hübsche Fräulein auf, trippelte auf die -Fürstin zu, küßte ihr demütig die Hand und bettelte innigen, zu Herzen -gehenden Tones: „Verzeihung, Durchlaucht! Darf mich Herr Hartlieb im -Wagen begleiten?“ - -Verwundert blickte Sophie auf und sprach: „Wenn Sie es wünschen, warum -denn nicht? Hat denn der Oberförster zu tun in Admont?“ - -„Einiges zu besprechen hätten wir! Ich muß beichten, Euer Durchlaucht -gestehen, daß wir uns -- verlobt haben! Und so bitte ich denn in -schuldiger Demut und Ehrerbietung um die Erlaubnis...“ - -Wohl verriet der Blick der Fürstin großes Staunen, eine schmerzliche -Überraschung und Enttäuschung, doch gütig und mild sprach die hohe -Frau: „Möge Ihnen alles irdische Glück beschieden sein, das wünsche ich -Ihnen von Herzen! Wir sprechen noch darüber! Doch jetzt schon bitte ich -Sie, schieben Sie die Trauung noch etwas hinaus, lassen Sie mich nicht -allein! Eine Verschiebung, bis die Kinder hier und getraut sind! Ja, -bitte? Und nun eilen Sie nach Admont der Depeschen wegen! Emil wird -sehnsüchtig auf meine Einwilligung warten!“ - -„Untertänigsten Dank!“ jubelte Martina, küßte der Gebieterin die Hand -und wirbelte gegen jede Hofetikette davon. - -Sophie setzte sich an das Fenster und blickte hinüber zum -nebeldurchzogenen schweigenden Bergwald. Jetzt wußte die einsame Frau, -wer dem Hoffräulein die ergreifenden und hinreißenden Worte in den -Mund gelegt hatte: die Liebe! Wer selbst liebt, kann beredt von Liebe -sprechen! Und viel besser, wärmer und überzeugender als der sonst so -redegewandte Hofpfarrer Pater Wilfrid... - -Auf leisen Sohlen kam die Kammerfrau Hildegard, um nach Wünschen zu -fragen. Und Gift spritzen wollte die um eine Lebenshoffnung gebrachte -Witib, hetzen, die Heirat, wenn irgend möglich, hintertreiben. - -Kaum merkte die Fürstin, worauf Hildegard zielte, da winkte die -Gebieterin ab und sprach: „Ich weiß davon und wünsche der braven -Gussitsch alles Glück! Du kannst gehen!“ - - - - -Vierzehntes Kapitel - - -Seit Tagen schneite es mit geringen Unterbrechungen. Die Fichten rings -um die Villa im Halltal trugen weiße Zipfelmützen und waren in helle -Mäntel gehüllt. Trotz des grau verhängten düsteren Himmels war es licht -ringsum geworden, der Schnee leuchtete in die Zimmer. - -Wieder saß Fürstin Sophie am Fenster ihres behaglich erwärmten Boudoirs -und blickte sinnend hinüber zum Bergwald, der still und geduldig -die ins dunkelgrüne Geäst fallende weiße Last entgegennahm und -ergebungsvoll trug. Still und geduldig! Auch die jungen Fichten und -Tannen, die der schwere Schnee drückte, niederbeugte, sie trugen die -Last so gut sie konnten... - -Im Anblick der winterlichen Natur kam der einsamen Fürstin das schöne -Gedicht Halms in den Sinn: - - „Sei stark mein Herz! -- Ertrage still - Der Seele tiefes Leid; - Denk, daß der Herr es also will, - Der fesselt und befreit. - Und traf dich seine Hand auch schwer, - In Demut nimm es an; - Er legt auf keine Schulter mehr, - Als sie ertragen kann.“ - -Vor dem geistigen Auge zogen die Ereignisse der jüngstverflossenen Zeit -vorüber: die Rückkehr des glückstrahlenden Sohnes, an seiner Seite die -Braut in gedrückter Stimmung, scheu und verschüchtert, sich vor der -Mama des Bräutigams fürchtend. Gedrückt auch Graf Thurn, dem vom alten -ehrlichen Gesicht abzulesen war, wie sehr er litt unter dem Druck der -Schicksalsfügung. - -Sophie fühlte noch immer die bangen Minuten, da die Augen von Vater und -Tochter auf sie gerichtet waren, flehend um Gnade und Verzeihung. Und -wie damals klopfte auch jetzt noch das Herz in Erinnerung. Wie schwer -war es doch, das rechte Wort zu finden, die Autorität zu wahren, zu -rügen, ohne weh zu tun, fühlen zu lassen, welch großer Schmerz der -Mutter zugefügt worden war. Ein schwerer Kampf um das rechte Wort -war es, aber das Wort hatte die Mutter nicht gefunden, überhaupt -nichts gesprochen. Den Sohn umarmt und geküßt, nach ihm die Komtesse -verzeihend an die klopfende Brust gezogen. Wodurch ein Tränenwildbach -aus Isottas Augen entfesselt wurde. - -Richtig gehandelt mußte die Mama doch haben, denn nie im Leben war sie -so innig geküßt worden... - -Dem alten treuen Hausmarschall hatte die Fürstin die Hand gereicht, -auf die Thurn einen Kuß drückte, viel zu lang, vielsagend, in -unaussprechlicher Dankbarkeit. - -Damit war das Schwerste, der Empfang der Heimgekehrten, überwunden. - -Leben ins Haus brachte der quecksilbrig gewordene Sohn. Welchen Wandel -hatte doch Emil durchgemacht! Erst ein Träumer, schläfrig, geistig -zurückgeblieben zum Jammer der Mutter. Und dann das Erwachen zu einem -impulsiven Menschen. Und was die Mutter ersehnte: stahlharte Energie, -Emil erwarb sie sich; allerdings zu früh und nicht eben auf einem -erwünschten Wege. - -Sophie gedachte der Trauung im Haller Kirchlein. Eine sehr schlichte -Feier unter Ausschluß aller Öffentlichkeit. Sehr ergreifend und für -die Fürstin schmerzlich, weil sie den Gedanken an eine Mesalliance -nicht loswerden konnte. Eine Enttäuschung blieb diese Heirat doch. Eine -Bedrückung der Seele. Die Last mußte getragen werden. Und sie wird -weiter getragen in der Hoffnung, daß die Ehe eine glückliche werde. - -Viel Enttäuschungen, zuviel! Für Emil war das Haller Jagdgut gekauft -worden... Auf die Schwarzensteinsche Herrschaft in Böhmen will er sich -nach der Hochzeitsreise zurückziehen und seinen Kohl selber bauen. Ein -reines Ökonomiegut, ohne Jagd. - -Sophie fragte sich, ob denn sie selbst ein nennenswertes Interesse für -die Jagd entwickelt hatte. Und sie mußte diese Frage rundweg verneinen. -Allerdings gab es auch viele Ablenkung und Hindernisse. Ein Jagdgut, -auf dem das Weidwerk nicht ausgeübt wird, gehört wohl in andere Hände... - -Martina kam und meldete sich zum Dienst. Mit roten Backen vom -Spaziergange in frischer Schneeluft, munter und seelenvergnügt bei -allem höfischen Respekt. - -Wie welk und alt fühlte sich Sophie beim Anblick Martinas, die seit der -Verlobung vor Glück strahlte... Die Trennung von dem Hoffräulein wird -schwerfallen. - -„Was bringen Sie mir?“ fragte die Fürstin müden Tones. - -„Gute Nachricht, Durchlaucht! Hartlieb verbürgt für morgen herrliches, -frostklares Wetter und läßt durch mich Durchlaucht inständig bitten, -mit ihm zum Scheiblingstein hinaufzusteigen! Die Gamsbrunft ist im -besten Gange, die Böcke treiben hitzig, es wird eine gute, erfolgreiche -Pirsch geben!“ - -Lächelnd erwiderte Sophie, indem sie auf Martina zuschritt: „Ei, ei! -Welche Wandlung bei Ihnen! Wenn mich nicht alles täuscht, hatten Sie -früher nicht das geringste Interesse für Hochgebirg und Jagd! Und jetzt -bedienen sie sich sogar der Weidmannssprache!“ - -Martina senkte das purpurn erglühende Köpfchen und sprach leise: -„Es ist richtig, daß ich geglaubt habe, mich nie mit dem Jagdwesen -befreunden zu können...! Aber die Zeiten ändern sich...“ - -„Und wir mit ihnen! Bei Fräulein von Gussitsch ist der Wandel sehr -begreiflich; die Braut eines Jagdleiters muß ja dem Berufe des -Bräutigams und Gatten warmes Interesse entgegenbringen!“ - -„Werden Durchlaucht morgen ins Revier Scheiblingstein hinaufsteigen? -Ich bitte untertänigst um Bescheid, um Hartlieb verständigen zu können!“ - -„Besondere Lust verspüre ich nicht, glaube auch nicht an den Eintritt -frostklaren Wetters bis morgen!“ - -In begeisterten Worten empfahl Martina den Aufstieg ins Gamsrevier, -einen wenn auch nur kurzen Aufenthalt in der Höhenwelt mit ihrer -Winterpracht, um die Sorgen zu bannen und frischen Lebensmut -wiederzugewinnen. - -„Ei ei! Sie wünschen wohl, mich begleiten zu können? Genauer gesagt: -Martina ersehnt diesen winterlichen Jagdausflug natürlich aus rein -‚jagdlichen‘ Motiven! Gott, wie sie lügen kann und heucheln, die brave -Martina!“ Die Fürstin drohte mit erhobenem Zeigefinger und lächelte. - -„Nein, Durchlaucht! Ich will und kann nicht lügen! Also gestehe ich -ehrlich ein: Gams schauen möchte ich, Durchlaucht begleiten, und freuen -würde ich mich von Herzen, wenn die Pirsch und der Aufenthalt hoch oben -Euer Durchlaucht so froh machen könnte, wie -- mir ums Herz so fröhlich -ist!“ - -„Danke! So froh und lebensfreudig wie die junge Martina kann die alte -Frau nicht werden! Aber die Freude will ich Ihnen machen, will also -Ihren und Hartliebs Wunsch erfüllen! Veranlassen Sie alles Weitere!“ - -„Untertänigsten Dank! So darf ich also Hartlieb gleich verständigen?“ - -„Natürlich! Springen Sie hinüber zum Forsthause!“ - -„Das ist gar nicht nötig, denn Hartlieb erwartet unten den Bescheid!“ - -Sophie lachte belustigt. „Ist das eine verliebte Bande! Aber zu den -ganz Schlauen gehört meine Martina doch nicht! Würden Sie den Bescheid -ins Forsthaus tragen, so hätten Sie doch Zeit und reichlichen Anlaß zu -einer ‚Aussprache‘ in der Jagdkanzlei!“ - -„Ich komme ja vom Forsthause, und Hartlieb hat mich zum Schlößl -begleitet! Es ist alles von uns besprochen und abgekartet! Verzeihen -Durchlaucht diese Heimlichkeit und Verschlagenheit!“ - -„Ei, wie schlau! Und daher die roten Bäcklein! Na, springen Sie -hinunter! Adieu!“ - - * - -Zum Abend kam Graf Thurn von einer kleinen Dienstreise zurück, und vor -dem Diner hatte er eine längere Besprechung mit der Gebieterin. - -Die Audienz endete mit einer Einladung zur Gamspirsch, die den -Hausmarschall sehr erfreute, aber auch ernst stimmte. - -Einer gewissen Wehmut konnte sich auch die Fürstin nicht erwehren, doch -die hohe Frau überwand sie und sich. „Ein letztes Mal, Graf! Es muß -sein! Und für die Reviere sowie auch für die Beamten wird es besser -sein, wenn...! Genug davon! Sie speisen mit uns, lieber Graf! Wir -wollen uns gegenseitig trösten in unserer Vereinsamung! Und noch eins: -Am Tage der Hochzeit Martinas reisen wir ab und nehmen Winterquartier -in Wien!“ - -„Zu Befehl, Durchlaucht!“ - - * - -War das eine Pracht oben zwischen Pyrgas und Scheiblingstein, als -die Sonne aufging und ihre rotgoldigen Strahlen die verschneiten -Bergkolosse umwoben und in feurige Lichtbündel hüllten! Die Kämme mit -dem flimmernden Hermelin verwandelten sich in flüssiges Gold, und -darüber wölbte sich der Himmelsdom, prangend im schönsten Azurblau! - -Dank des sehr frühen Aufbruches noch vor Morgendämmerung hatte die -Jagdgesellschaft unter Führung Hartliebs die Pyrgas-Hütte, in der ein -Jagdgehilfe die Öfen speiste, erreicht, ehe der Schnee von der Sonne -weich gemacht worden war. - -In der Hütte wurde ein Frühstück eingenommen und dabei der Jagdplan -bekanntgegeben. Die Damen führt Hartlieb, den Grafen Thurn der Jäger. - -Alsbald wurde aufgebrochen, und zwar in nahezu entgegengesetzter -Richtung. Hartlieb bat um größtmögliche Ruhe und völlige -Schweigsamkeit. Ein liebevoller Blick flatterte zu Martina, die im -Jagddreß allerliebst aussah. Dann war Hartlieb nur noch Führer und -Fachmann. Etwas schwerfällig stapfte die Fürstin hinterdrein in -elegischer Stimmung. - -Eine Stunde später standen die Damen mit Hartlieb vor einer ziemlich -breiten Mulde, wo es von Gams wimmelte. Und was für gute Gams! Und viel -Leben! - -Trieb hier ein starker Bock einen Rivalen in sausender Fahrt aus -dem Machtbereiche, unweit davon suchte ein anderer Bock ein Rudel -anzupirschen, das ein Kapitaler beherrschte und bewachte. Am -Muldenrande stand ein sehr guter Bock, prüfte den Wind, der aufwärts -strich im Sonnenlichte, und zog die Oberlippe hinauf, wie es alle -Brunftböcke tun, wenn sie sich von der Witterung überzeugen wollen. -Und davon mußte er nicht genügend in den Windfang bekommen haben, denn -er blieb stehen und äugte forschend nach den benachbarten Rudeln. Dann -schüttelte er die dicke schwarze Winterdecke, so daß der stattliche -gereimelte Bart auf dem Rücken hin und her wackelte. - -Köstlich war dieser gute Anblick. Martina saß auf einem Felsblock in -größerer Entfernung und schwelgte im Genuß, der sich steigerte, als sie -zwischen den Gemsen etliche Steinhühner gewahrte, die sich ihr Gefieder -putzten und dann so geschäftig zwischen den Gemsen hin und her liefen, -als hätten sie wunder was und enorm viel zu tun. Hoch über der Mulde -kreisten Kolkraben und ließen ihren Ruf ertönen: Krook, krook! - -Noch immer stand der Kapitale wannenbreit in einer Distanz von etwa -fünfzig Metern. Hartlieb deutete durch einen Blick an, daß die Fürstin -schießen solle. - -Während sich Sophie fertigmachte, scharrte der Bock den Schnee weg. - -Der Schuß fiel. Der Kapitale verhoffte, äugte und schien sich über -die Schußrichtung nicht klar zu sein. Aber mit der Ruhe in der Mulde -war es nun vorbei, Geißen und Kitze wurden erregt und begannen zu -pfeifen, und mit einem Male waren nur die Spiegel zu sehen, die ganze -Gesellschaft suchte in gewaltigen Fluchten Schutz in den verschiedenen -Latschendickungen, von denen das Schmelzwasser tropfte. Auch der -Kapitale war mitgegangen in eleganter Flucht; doch der Schwarze -kehrte bald um, zog der Fürstin entgegen und blieb in Nähe eines -Krummholzgestrüppes stehen. - -Wieder gab die Fürstin Feuer, die Kugel warf den Kapitalen um, -doch kam er rasch wieder auf die Läufe, blieb aber schwerkrank mit -gekrümmtem Rücken stehen. Aus dem Latschengestrüpp fuhr ein schwarzer -Teufel heraus, und sehr interessiert untersuchte er die Schweißfährte -des Schwerkranken und stieg dann um den Kameraden in Haltung der -Brunftböcke herum, bis der Kranke sich wegschleppte und dann niedertat. - -Was sich nun ereignete, empörte die Fürstin und versetzte sie in Wut. - -Der gesunde Schwarze stürzte auf den schwerkranken Kameraden und -suchte ihn aufzutreiben. Vergebens, denn es fehlte bereits an Kraft. -Blitzesschnell schlug nun der Gesunde die Krickeln in die Drossel -des Kranken, zerrte und riß ihn nach vorne etwas in die Höhe. Der -Gepeinigte klagte laut, worauf der Gesunde von seinem Opfer abließ. -Doch nur für wenige Augenblicke war Ruhe. Erneut fuhr der Teufel auf -den im Verenden liegenden Kameraden los. - -Jetzt feuerte die Fürstin mit ihrem Repetierstutzen mehrmals, Schuß auf -Schuß, zu hoch, zu tief und daneben. Eine Kugel faßte den Teufel aber -doch, links vom Blatt. Ein Sprung in die Höhe, ein rasend schnelles -dreimaliges Drehen im Kreise, dann stürzte der schwarze Bursch und -schlegelte mit den Läufen. Er hatte genug. Die Fürstin aber schrie wie -toll... - -Damit endete diese Pirsch. Mit einem gewaltigen Verdrusse, denn die -Fürstin war außer sich wegen der Roheit des Gamsbockes. Und dieser -Verdruß erleichterte später in der Pyrgas-Hütte die Mitteilung an -Hartlieb, daß das Jagdgut unter ziemlichem Verlust, jedoch mit der -Bedingung: Übernahme aller Beamten und Bediensteten in jetziger -Gehalts- und Lohnhöhe seit gestern verkauft sei. Ein Erschrecken, wenn -nicht Entsetzen des Brautpaares hatte Fürstin Sophie erwartet. Das -Verhalten Hartliebs wie Martinas enttäuschte in dieser Beziehung, das -Brautpaar blieb gelassen und nahm die inhaltsschwere Mitteilung ruhig -entgegen. - -Hartlieb bat nur, ihm in Gnaden zu sagen, wer der Käufer sei. - -„Der frühere Pächter Graf Lichtenberg, zur Zeit Pächter der stiftischen -Jagdgründe im Triebental!“ - -„Untertänigsten Dank!“ Kein Wort mehr darüber äußerte Hartlieb. Aber -sein an die sehr überraschte Braut gerichteter Blick kündete eine -unaussprechliche Freude. - -Martina senkte die Lider, um das Frohlocken über diese Freudenbotschaft -zu verbergen. - -Graf Thurn kehrte von der Pirsch zur Hütte zurück, der Jagdgehilfe trug -zwei gute Böcke. Innig dankte der Hausmarschall der Gebieterin für die -Abschußerlaubnis. Und mit wehmütiger Freude nahm er aus den Händen -Hartliebs den grünen Latschenbruch entgegen. War es doch für Thurn der -letzte Jagdgang im Haller Revier gewesen... - -Am Abend im Jagdschlößl äußerte die Fürstin dem Grafen Thurn gegenüber -ihr Befremden darüber, daß der Jagdleiter Hartlieb die Mitteilung vom -Verkauf der Herrschaft Hall so überraschend gelassen hingenommen -habe. Keine Spur von Trauer oder Schmerz über diesen doch sehr -einschneidenden Wechsel. Und sie fragte den Hausmarschall, wie diese -befremdende Gleichgültigkeit, der Mangel an jeglicher Anhänglichkeit, -zu erklären sei. - -Diese Frage versetzte den alten Hofbeamten in eine nicht geringe -Verlegenheit. Unmöglich war es, die Wahrheit zu sagen, unmöglich darauf -hinzuweisen, daß es für den Jagdbeamten geradezu eine Wonne sei, einem -sachkundigen weidgerechten Jagdherrn zu dienen, noch dazu dem Grafen -Lichtenberg, dem Kenner der Reviere, dem bereits als grundtüchtigen -Jäger wohlbekannten und hochgeschätzten früheren Pächter. Unmöglich -konnte Thurn sagen, daß Hartlieb nach all dem seither im Dienste -Erlebten den Verkauf geradezu als Befreiung aus unerquicklichen -Verhältnissen empfinden und bejubeln muß. Aus der Verlegenheit zog -sich Graf Thurn aalglatt mit der Versicherung, daß der Brautstand des -Paares den Schmerz über den Wechsel, den Kummer über den Verlust der so -gnädigen Gebieterin paralysieren werde. Das Brautpaar habe wohl nur das -bevorstehende Eheglück vor Augen... - -Mit dieser diplomatischen Antwort gab sich die Fürstin zufrieden. Eine -leise Verstimmung mochte aber doch zurückgeblieben sein, denn Sophie -gab Befehl zur Übersiedlung nach Wien noch vor der Trauung des Paares. - -Als die Fürstin die Bestürzung Martinas gewahrte, siegte die -Herzensgüte aber doch über die Verstimmung und ließ die hohe Frau -sprechen: „Sie sollen nicht obdachlos werden, liebe Martina, ehe Sie -den Schutz des Gatten erhalten! Ich nehme Sie mit nach Wien, denn ich -benötige die Hofdame dringend zur Auswahl der Hochzeitsgeschenke! Zur -Trauung fahren Sie dann nach Hall! Ist’s recht so?“ - -In aufquellender Dankbarkeit küßte Martina der herzensguten Fürstin die -Hand. - -Als Hartlieb diese Neuigkeit erfuhr, machte er zwar einen langen Hals -und guckte verdutzt, aber er fügte sich sogleich der Anordnung und in -die kurze Trennung von der Braut. - -In aller Stille verließ die Fürstin mit Gefolge das Jagdgut... - -An einem frostklaren Wintermorgen mit glitzernder Pracht vereinigte in -der kleinen Haller Kirche Pater Wilfrid das schöne, glückstrahlende -Paar. Und der Trauung wohnte als Brautführer der neue alte Jagdherr -Graf Lichtenberg bei, der in seinem Äußern und in der Steierertracht -eher einem Jagdgehilfen gleich sah. Aber verflucht jaagerisch sah er -aus, auf den ersten Blick erkennbar als echter Weidmann. Und was der -Jagdherr nach beendigtem Gottesdienste zur kleinen Festgesellschaft -sprach, klang kurz, schneidig und jaagerisch und kündete den Beginn -einer neuen Ära: „Die Hauptsache in einem geordneten Jagdbetrieb ist -die Pünktlichkeit! Auch zur Schonzeit und für eine Jagdleitersfrau! -Jetzt ist es zehni, Punkt zwölf Uhr erscheinen das Brautpaar und alle -Festgäste inklusive Pfarrer und Jaagerei in der Villa zum Essen! Alle -sind meine Gäste! Daß mir keiner wegbleibt! Inzwischen kann jeder tun, -was er mag, nur nicht ins Wirtshaus gehen und vorher essen und trinken; -ich hab Sach genug im Haus! Und jetzt schauts, daß aussi kummts beim -Loch! Auf Wiedersehen!“ Graf Lichtenberg nickte freundlich, ging aus -der Sakristei, bestieg den Schlitten und fuhr in das verschneite, -sonnenverklärte Halltal. - -Die Hochrufe der freudig überraschten Jägerei klangen ihm nach. Als -das Brautpaar am Forsthause vorfuhr, gab es ein großes Geguck, denn -zwölf stämmige Treiberburschen und mehrere Leiterwagen harrten der -Neuvermählten und begrüßten das Paar jauchzend und jodelnd. - -Hartlieb fragte erstaunt, was denn das bedeuten solle. - -Und die Antwort lautete: die Leute hätten Befehl, den Umzug des -Oberförsters in die neue Wohnung durchzuführen, die Möbel in das -Jagdschlößl zu bringen, wo das Paar von nun an wohnen werde. - -Ein Jubelruf Martinas ertönte. - -Ambros hielt alles für einen Scherz des neuen Gebieters. Aber es war -ernst gemeint, eine Hochzeitsüberraschung, allerdings sehr drolliger -Art, denn nun hieß es in aller Eile packen, um den Termin zum Diner -einzuhalten. „Gottlob hab ich nicht viel im Eigentum!“ meinte lachend -Hartlieb, als er seine Habseligkeiten in die paar Kisten stopfte. Die -Kanzlei hatt je im Forsthause zu verbleiben. Kurz vor zwölf Uhr fuhren -Hartliebs an dem Schlößl vor, empfangen von Exzellenz, die sich vor -Lachen krümmte über das Gelingen der aparten Überraschung. Galant half -Graf Lichtenberg der jungen Frau aus dem Schlitten. Und Martinas Arm -nehmend, geleitete er die Braut in die Wohnräume Hartliebs im Parterre. -Beim Anblick des neuen behaglichen Mobiliars, alles niegelnagelneu und -ebenso komfortabel wie praktisch, schrie Martina vor Wonne. - -Und Hartlieb in seiner Überraschung stotterte: „Aber, Exzellenz! Soviel -Gnade verdiene ich ja nicht!“ - -„Still! Was Sie verdienen oder nicht, das zu beurteilen ist meine -Sache! Während wir hochzeitlich speisen, bringen die Treibervölker die -sieben Zwetschgen des verflossenen Junggesellen! Später kann sich das -Brautpaar mit Auspacken und Einräumen die Zeit vertreiben; das zu viele -Balzen taugt nix! Frau Hartlieb kann sich überzeugen, daß alles da ist: -Wäsche aller Art in den Kästen, Geschirr in der Küche, auch die Betten -sind nicht vergessen worden, zwei Betten natürlich! Gehen wir essen!“ - -„Einen Augenblick, Exzellenz!“ rief glückstrahlend Martina, trippelte -in die neue Wohnung und öffnete die Türe des Wäscheschrankes und -jubelte, als sie die reiche Ausstattung sah. - -Vergnügt zwirbelte Graf Lichtenberg den grauen Bart. Und nun -flatterte Martina auf ihn zu und rief lachend und vor Freude weinend -zugleich: „Dank, tausend Dank von ganzem Herzen! Ich muß Exzellenz -ein Dankesbusserl geben, ich kann nicht anders! Der Ambros erlaubt es -schon!“ Und schwupp hing Martina am Halse des Jagdherrn und küßte ihn. - -„Danke! Ist nicht ohne, so ’ne Balz! Fühle mich reich belohnt für die -kleine Überraschung! Nun aber -- Pünktlichkeit! Marsch fort, hinauf zu -Tisch!“ - -Hartlieb wollte danken. - -„Still! Hinauf! Immer Pünktlichkeit, auch beim Essen!“ - -Als die Sonne schied, fuhr Graf Lichtenberg nach Admont. Sehr vergnügt -darüber, sein Teil beigetragen zu haben, zwei Menschen sehr überrascht -und glückselig gemacht zu haben. - -Das Hoffräulein verwandelte sich in eine richtige Jägersfrau und liebte -den tüchtigen Gatten und hing mit ganzer Seele an der herrlichen -Bergwelt von Admont. - - -Ende - - - - -Paetels Roman-Reihe - - -Zum gleichen Preise und in gleicher Ausstattung sind erschienen: - - 1. Arthur Achleitner Das Schloß im Moor. Roman - 2. Arthur Achleitner Der Stier von Salzburg. Roman - 3. Arthur Achleitner Unter den Hohen Tauern. Roman - 24. Arthur Achleitner Die Rose vom Chiemsee. Roman - 25. Arthur Achleitner In den Bergen da lauert der - Wildschütz. Roman - 26. Arthur Achleitner Spiel mit der Liebe. Roman - 42. A. E. Brachvogel Friedemann Bach. Roman - 23. E. Brontë Der Sturmheidehof. Roman - 4. Paul Burg Freudvoll und leidvoll. Roman - 5. Paul Burg Meine Christel. Roman - 6. Paul Burg Christels Ehe. Roman - 7. Paul Burg Der schöne alte Herr. Roman - 9. Paul Burg Der Mollwitzer Schimmel. Roman - 31. A. Dumas-Sohn Die Dame mit den Kamelien. Roman - 32. A. Dumas-Sohn Die Dame mit den Perlen. Roman - 10. Otto E. Ehlers Indische Reisebilder - 11. Paul Oskar Höcker Die Sonne von St. Moritz. Roman - 12. Paul Oskar Höcker Dodi. Roman - 13. Paul Oskar Höcker Verbotene Frucht. Roman - 14. Paul Oskar Höcker Das flammende Kätchen. Roman - 15. Paul Oskar Höcker Fasching. Roman - 35. Victor Hugo „1793“. Roman - 17. Hermann Löns Was da kreucht und fleugt. 20 Tier- - und Jagdgeschichten - 22. Henriette von Meerheimb Die verlorene Krone. Roman - 19. Rudolph Stratz Die Hand der Fatme. Roman - 20. Rudolph Stratz Zum weißen Lamm. Roman - 21. Rudolph Stratz Liebe um Barbara. Roman - 18. Adolf Streckfuß Der Oberförster von Margrabowo. Roman - 45. Luise Westkirch Der Todfeind. Kriminalroman - 39. Fedor von Zobeltitz Das Glück der Eva Sporrschild. Roman - - -In jeder guten Buchhandlung vorrätig! - - -Gebrüder Paetel Verlag / Berlin - - - - -Von - -Hans Hoffmann - -erschienen in unserem Verlage: - - -Landsturm - -Roman - - -Der eiserne Rittmeister - -Roman - - -Wider den Kurfürsten - -Roman - - -Geschichten aus Hinterpommern - -Vier Novellen - - -Der Hexenprediger und andere Novellen - - -Tante Fritzchen - -Skizzen - - -Von Frühling zu Frühling - -Bilder und Skizzen - - -Das Gymnasium zu Stolpenburg - -Novelle - - -Verlag von Gebrüder Paetel / Berlin - - - - - -End of Project Gutenberg's Unter den Hohen Tauern, by Arthur Achleitner - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK UNTER DEN HOHEN TAUERN *** - -***** This file should be named 63802-0.txt or 63802-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/3/8/0/63802/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -https://www.pgdp.net - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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