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-The Project Gutenberg EBook of Unter den Hohen Tauern, by Arthur Achleitner
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Unter den Hohen Tauern
- Ein Roman aus der Steiermark
-
-Author: Arthur Achleitner
-
-Release Date: November 18, 2020 [EBook #63802]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK UNTER DEN HOHEN TAUERN ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-https://www.pgdp.net
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-
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- ####################################################################
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
- Der vorliegende Text wurde anhand der 1911 erschienenen Buchausgabe
- so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische
- Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute
- nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen sowie Schreibvarianten
- bleiben gegenüber dem Original unverändert, sofern der Sinn des
- Texts dadurch nicht beeinträchtigt wird. Fremdsprachige Ausdrücke
- sowie Passagen in Dialekt wurden ohne Korrektur übernommen.
-
- Das Inhaltsverzeichnis wurde der Übersichtlichkeit halber vom
- Bearbeiter eingefügt.
-
- Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Passagen in
- Antiquaschrift werden im vorliegenden Text in _Unterstrichen_
- eingeschlossen.
-
- ####################################################################
-
-
-
-
- Achleitner / Unter den Hohen Tauern
-
-
-
-
- Arthur Achleitner
-
- Unter den Hohen Tauern
-
- Ein Roman
- aus der Steiermark
-
- [Illustration]
-
- Frau und Mutter-Verlag
-
- Wien und Leipzig
-
-
-
-
- _Printed in Germany_
- Neue Ausgabe des Romanes „Admont“
- Copyright 1911 by Gebrüder Paetel Verlag, Berlin
- Druck von Hallberg & Büchting in Leipzig
-
-
-
-
-Inhaltsverzeichnis
-
-
- Seite
-
- Erstes Kapitel 5
- Zweites Kapitel 25
- Drittes Kapitel 41
- Viertes Kapitel 62
- Fünftes Kapitel 90
- Sechstes Kapitel 112
- Siebentes Kapitel 135
- Achtes Kapitel 155
- Neuntes Kapitel 177
- Zehntes Kapitel 201
- Elftes Kapitel 224
- Zwölftes Kapitel 241
- Dreizehntes Kapitel 257
- Vierzehntes Kapitel 274
-
-
-
-
-Erstes Kapitel
-
-
-An einem Augustnachmittage schoß die Sonne noch rasch etliche stechende
-Strahlenpfeile in das von der munteren Enns durchzogene Talbecken
-von Admont, dann verschwand das Weltlicht hinter einer dunklen
-Wolkenbank, die dräuend Sturm und Grobwetter ankündigte. Dumpfe
-Schwüle brütete in der Niederung; um die grauen hochragenden Kämme
-der wuchtigen Bergkolosse, der sogenannten „Haller Mauern“ im Norden
-von Admont, wehte ein starker Nordwestwind, der alsbald dem breiten
-Felsenhaupte des Großen Pyrgas eine Nebelhaube aufsetzte und auch dem
-Scheiblingstein, der gigantischen zweitgrößten Erhebung dieses starren
-Steinmeeres, Wolken und Schwaden zujagte, so daß die Zinnen und Grate,
-die Schneemulden und wildzerrissenen Rippen und Runsen von einem
-weißgrauen Chaos verhüllt wurden.
-
-Bleischwer und glühendheiß war die Luft selbst im Fichtenwalde des
-Mittelgebirges, sie trieb den auf einem Jagdsteige bergan schreitenden
-Förstern den Schweiß aus allen Poren. Voran stieg elastisch, stetig und
-stumm der Oberförster Ambros Hartlieb, ein schlanker, geschmeidiger
-Mann von etwa fünfunddreißig Jahren in verwitterter Steierertracht;
-dunkel das Auge, energisch und streng der Blick, schwarz das Haar
-und der kurzgehaltene Vollbart. Eine sympathische Erscheinung, doch
-umweht von einer Strenge, die eine vertrauliche Annäherung verhindern
-zu wollen schien. Das Gegenteil solcher Härte im Gesichtsausdruck
-offenbarte die Gestalt des Begleiters, des Forstwartes mit dem
-drolligen Namen Benjamin Gnugesser; mittelgroß der gleichalterige Mann
-mit einem berufswidrigen Bäuchlein, blauäugig, gutmütig, rötlichblond
-das lockige Haupthaar und ganz fuchsfarbig der überlange, wallende
-Patriarchenbart. Wie ein Gnom, ein Bergmanndl aus der Sagenwelt,
-sah der Forstwart Gnugesser aus, die Mensch gewordene Herzensgüte,
-Friedensliebe und Einfalt.
-
-In dieser Gewitterschwüle beim Aufstieg schwitzte Gnugesser infolge
-seiner Korpulenz für drei, und mancher Seufzer entfloh dem Gehege
-seiner etwas schadhaften Zähne. Hartlieb achtete dieser Seufzer
-nicht, zu sehr war er in Gedanken vertieft, die sich mit den durch
-Besitzwechsel geschaffenen neuen Verhältnissen beschäftigten.
-
-An die Zukunft im Dienst, im Jagdbetrieb und in den Revieren dachte
-auch Gnugesser, und viel Gutes glaubte er nicht erhoffen zu dürfen.
-Gerne hätte er darüber mit dem Vorgesetzten gesprochen, Hartliebs
-Meinung erholt. Da der Oberförster sich bisher ausgeschwiegen hatte,
-wagte der Forstwart es nicht, das ihn überstark beschäftigende Thema
-anzuschneiden.
-
-Auf einer kleinen Hochfläche in Nähe eines steilwandigen Grabens
-blieb Hartlieb stehen, betrachtete hochgegangenes Kleinvieh, die
-alte verfallene Heuhütte, modernde Baumriesen und die Hirschfährten,
-die zu einer nahen Suhle führten. Dann aber richtete der Oberförster
-einen forschenden Blick zum grau überzogenen Firmament und mahnte den
-Begleiter zur Eile.
-
-„Wohl, wohl! Wird bald losgehen! Macht aber nix, naß bin ich bereits!“
-erwiderte Gnugesser, lächelnd wie immer und nach Atem ringend.
-
-Als die beiden weiterschritten, rollte der Donner aus der Wolkenbank,
-die sich auf dem wuchtigen Pyrgas-Kolosse festgesetzt hatte. In
-beschleunigtem Tempo strebte Hartlieb zwischen den Randklippen der
-Gstattmaier-Hochalpe zu, auf deren Plateau die Pyrgas-Jagdhütte
-inmitten der besten Gamsreviere lag. Gnugesser keuchte schweißtriefend
-hinterdrein.
-
-Im Felsgewirre staubte es auf, der Bergwind trieb sein Spiel und
-bemühte sich, den Förstern die Hüte vom Kopf zu reißen. Die Jagdhütte
-kam in Sicht, ein verwittertes Holzhaus, mit einem gelbweiß blinkenden
-neuen Anbau, windumtost. Ein Jagdgehilfe in Hemdsärmeln stand vor der
-Türe und hielt Ausschau. Und wie er die beiden Förster erblickte,
-verschwand er, um rasch darauf in Joppe und mit Hut wieder zu
-erscheinen und den Vorgesetzten entgegenzugehen. Ein bildhübscher
-blonder Bursch, schlank, ein Kerl zum Verlieben, zart und fein die
-Gesichtszüge, etwas melancholische Augen, ein nettes Schnurrbärtchen,
-kirschrot die feinen Lippen. Ein schmucker Bursch, den die
-Steierertracht sehr gut kleidete. Die Sommersonne hatte Wangen, Hände
-und Knie nur wenig zu bräunen vermocht. Höflich, fast demütig begrüßte
-er die Vorgesetzten und wollte ihnen Rucksack und Gewehr abnehmen.
-
-Hartlieb nickte zum Gruße und wehrte mit einer Handbewegung die
-Bemühungen des hübschen Jagdgehilfen Eichkitz ab. Der Forstwart
-schnappte nach Luft und lief Galopp, als der erste Regenschauer über
-den Hochalpboden rauschend prasselte. In großen Sprüngen erreichten
-die drei die schützende Hütte. Und nun ging es los: knatternd schlugen
-Graupeln auf das Schindeldach, dann vollführten erbsgroße Schloßen
-einen betäubenden Lärm, den ein Wolkenbruch mit eigroßen Hagelstücken
-ins Maßlose steigerte.
-
-Viel Schaden konnte der Sturm der Jagdhütte nicht zufügen, denn
-Eichkitz hatte die hölzernen Fensterläden auf der Wetterseite
-fürsorglich bereits vor dem Losbruch des Gewitters fest geschlossen. An
-den Holzläden prallten die Hagelkörner machtlos ab.
-
-Im Spektakel des Orkans war ein Sprechen unmöglich; man hätte brüllen
-müssen, um sich einigermaßen verständlich machen zu können.
-
-Angenehm empfand Oberförster Hartlieb, während er Rucksack und Gewehr
-ablegte, die warme Temperatur im Kochraume der Diensthütte; der Jäger
-Eichkitz als Praktikus hatte im eisernen Herd ein tüchtiges Feuer
-entfacht und zum Empfang der schwitzenden Herren stetig unterhalten.
-Die Wärme tat wohl nach mühevollem Aufstieg. Befriedigt nickte
-Hartlieb, als Eichkitz geschäftig noch weiter Holz in den Herd schob.
-
-Benjamin Gnugesser machte es sich bequem, nahm Platz auf der Bank an
-der einen Hüttenseite, aber er lächelte jetzt nicht und hatte auch kein
-Verlangen nach der Tabakspfeife. Das schwere Unwetter schien ihn, wenn
-auch nicht zu ängstigen, so doch mit einigem Unbehagen zu erfüllen.
-Oft genug hatte er den Admonter Fachmann gemahnt, endlich auf der
-Pyrgas-Jagdhütte den Blitzableiter anzubringen, doch dem Manne war
-bisher der Weg hinauf zur einsamen Höhe zu weit gewesen. So wetterhart
-Gnugesser war, vor Blitzschlägen hatte er einen gewaltigen Respekt.
-
-Unbekümmert um den schweren Sturm, der sich vergeblich bemühte, die
-Hütte umzureißen, zündete sich Hartlieb eine Zigarre an, und zum
-Dank für das wohlige Herdfeuer spendete er dem Jagdgehilfen einen
-Glimmstengel, den Eichkitz katzbuckelnd, dankend entgegennahm und
-sofort in Brand steckte.
-
-Eine Weile herrschte nächtliche Finsternis um die sturmumtoste Hütte.
-Im Herdraume waren nur die roten Punkte der glimmenden Zigarren und
-zuweilen aufzuckende Flämmchen im Ofen zu sehen.
-
-Dann ließen Hagel und Regen nach, es wurde lichter. Dafür umwallten
-schwere Nebelschwaden die Hütte.
-
-Eichkitz öffnete nun die Fensterläden auf der Wetterseite. Eisigkalte
-Luft drang herein, so daß der Jäger die Fenster schleunigst wieder
-schloß.
-
-Auf dem Alpboden wogte ein Nebelmeer, weiß wie um Weihnachten war der
-Grund, vom Hagel bedeckt. Kalt pfiff der Höhenwind. Doch der Sturm
-hatte ausgetobt; ihm folgte ein feiner Regen.
-
-Hartlieb nahm jetzt die Besichtigung des neuen Anbaues vor, gefolgt vom
-Forstwart und Jäger. Und auf den ersten Blick gewahrte der Oberförster
-den Mangel eines Ofens im Wohnraume des Zuhäusels. Hartlieb wandte sich
-an Gnugesser mit der Frage, ob der Ofen rechtzeitig bestellt worden
-sei. Mit einem Lächeln des ruhigen Gewissens antwortete der Forstwart:
-„Wohl, wohl, Herr Oberförster! Rechtzeitig bestellt, selbstverständlich
-sofort, wie ich den Auftrag erhalten habe! Aber die Handwerksleut sind
-halt so langsam! Und von selber kommt der Ofen halt nicht herauf zur
-Pyrgas-Hütt’n!“
-
-„Der Teufel soll die Kerle holen! Demnach sind vermutlich auch
-in den anderen Anbauten die Öfen noch nicht aufgestellt? So eine
-verdammte Schlamperei! Und jeden Tag kann die Fürstin ankommen! Wird
-ein Aufenthalt auf einer der Jagdhütten befohlen, so haben wir
-das höllische G’frett gleich zum Beginn der neuen Herrschaft! Der
-Hausmarschall wird zetern, daß uns die Ohren sausen!“
-
-Auf Gnugessers bartumwucherten Lippen erstarb das Lächeln, da er
-stotterte: „Wohl, wohl! Sein tuets ein Öllend mit die Handwerksleut!
-Und die neue Ära fangt schief an!“
-
-„Veranlassen Sie morgen früh in Admont alles Nötige wegen der
-Ofenlieferung! Treten Sie die Kerle, bis sie quietschen! Es muß alles
-zusammen helfen, auf daß der Befehl vollzogen ist, bevor die neue
-Gebieterin erstmals heraufkommt! Sie sind mir verantwortlich, Herr
-Forstwart! Verstanden?“
-
-„Wohl, wohl!“ stammelte Gnugesser in sichtlichem Unbehagen.
-
-Hartlieb wandte sich zum Jagdgehilfen und rügte mit scharfen Worten
-die ungenügende Revierkontrolle wegen des hochgegangenen Kleinviehes.
-„Dieser Unfug darf nicht geduldet werden! Sie müssen doch als Jäger
-wissen, daß die Gams die Witterung von Ziegen und Schafen absolut nicht
-vertragen! Ausgebrochenes und hochgegangenes Kleinvieh muß entweder
-gepfändet oder erschossen werden, auf daß die Eigentümer für bessere
-Beaufsichtigung sorgen! Erstmals pfänden gegen Auslösung im Jagdamt
-zu Hall! Nützt das nichts, so machen Sie von der Waffe Gebrauch und
-schießen das hochgegangene Kleinvieh kurzerhand ab! Die Jagdgehilfen
-sind für die Reinhaltung der Reviere verantwortlich!“
-
-„Zu Befehl!“ erwiderte Eichkitz.
-
-„Sie sind jetzt ein für allemal gewarnt! Ich dulde keine Schlamperei im
-Dienst und Revier!“
-
-„Zu Befehl! An mir wird’s nicht fehlen! Je schärfer wir aber vorgehen,
-desto rabiater und aufsässiger werden die Almbauern werden! Wo uns
-Jaagern von den Leuten eh bereits nichts mehr an Milch und Butter
-abgegeben wird! Ich bitt g’horsamst: Dürfen wir es zunächst nicht im
-Guten, mit Verwarnungen versuchen?“
-
-Scharf klang Hartliebs Antwort: „Wie Sie es machen, das ist mir egal!
-Ordnung muß herrschen! Denken Sie gefälligst mehr an Ihren Dienst!
-Sehe ich noch mal hochgegangenes Kleinzeug im Revier, so haben Sie die
-Kündigung zu gewärtigen!“
-
-Von dieser Androhung erschreckt, bat der schmucke Jäger um Verzeihung,
-und eifrig gelobte er schneidiges Vorgehen.
-
-„Wird gut sein in Ihrem eigenen Interesse! -- Wie haben sich die
-Zimmerleute beim Bau des Zuhäusels verhalten?“
-
-„Zu dienen, Herr Oberförster! Ich bin fleißig um die Weg g’wesen, ist
-niemand weiter als höchstens zur Schneemulde am Großen Pyrgas gekommen!
-Ich glaub nicht, daß die Gams besonders beunruhigt worden sind!
-Touristen hab ich nach Möglichkeit abgewiesen!“
-
-„Bis auf weiteres bleibt jeder Durchgang in den Hochrevieren gesperrt!
-Will die Fürstin den Jochbummlern das -- Gamsversprengen erlauben, so
-ist das Sache der Gebieterin! Die Jägerei wird hierüber verständigt
-werden! Einstweilen ist jeder Tourist ausnahmslos aus den Revieren
-auszuweisen! Bei Aufstellung des Ofens in der Pyrgas-Hütte haben Sie
-die Aufsicht zu führen, jede Revierbeunruhigung nach Möglichkeit zu
-verhindern! -- So, nun begleiten Sie uns in die Steinschütt!“
-
-Die Herren kehrten in die alte Hütte zurück, indes Eichkitz das
-Zuhäusel sorgfältig versperrte.
-
-Säuerlich lächelnd meinte Gnugesser: „Mit Verlaub, Herr Oberförster!
-Ich hab g’meint, wir bleiben über Nacht in der Pyrgas-Hütte...! Wo es
-doch regnet!“
-
-„Das wäre sinnlose Zeitvergeudung! Wir gehen noch am Abend über
-Schottenboden und Assangeralp zur Million-Hütte, wo wir den
-Hausmarschall treffen werden. Der Regen kann uns nicht abhalten!
-Und Ihnen kann fleißige Bewegung nur nützlich sein; je eher Sie
-tannenschlank werden, desto besser für Sie! Ich fürchte sehr, daß die
-neue Gebieterin wegen Ihres Bäuchleins Schlüsse auf -- Bequemlichkeit
-und üppiges Leben ziehen wird!“
-
-„Ach, du lieber Himmel! Bei dem mageren Gehalt und strengen Dienst ein
--- üppiges Leben! Und wo meine Frau zudem keine -- Kochkünstlerin ist!“
-
-Ein sarkastisches Lächeln huschte über Hartliebs Gesicht, und ein
-ironischer Blick streifte Gnugessers Wanst.
-
-Rucksäcke und Gewehre wurden umgehangen. Auch Eichkitz hatte sich
-marschfertig gemacht; er löschte das Herdfeuer und schloß die Hütte ab,
-nachdem die Herren ins Freie getreten waren.
-
-Kalt pfiff der Wind, trostlos in Fäden träufelte der Regen hernieder.
-Unter den schweren Bergschuhen knirschten die Hagelkörner auf dem
-Alpboden.
-
-Der vorausstapfende Jäger Eichkitz nahm die Richtung zur nebelerfüllten
-Felswildnis der Steinschütt, elastisch schreitend, doch arg verdrossen.
-
-Hartlieb erkannte sofort, daß bei dem schlechten Wetter auf einen
-„guten Anblick“ nicht zu rechnen, der Marsch in die Schütt ganz
-zwecklos war. Deshalb schickte er den Jäger zurück und wanderte mit dem
-Forstwart auf steinigen, teils mit Schloßen bedeckten, teils vermurten
-oder ausgewaschenen Pfaden durch Regen, Wind und Nebel den Weg zurück
-zur Plechauer-Alp und dann hinüber zum Schottenboden. Das Ziel war die
-sogenannte Million-Hütte im Bereiche des Stadlgrabens, wo die besten
-Hirsche stehen.
-
-Spätabends erreichten die durchnäßten Förster die einsame Hütte, die
-gleichfalls einen neuen Anbau für Damen aufwies. Wider Erwarten war die
-Million-Hütte verschlossen, der Hausmarschall der Fürstin Sophie von
-Schwarzenstein, Graf Thurn-Valsassina von Villalta und Spessa, mit dem
-Jäger Xandl noch nicht angekommen.
-
-Dienstwillig suchte Gnugesser den Hüttenschlüssel in der Holzschicht
-an der Seitenwand der alten Hütte und schloß auf. Kalte Luft wehte
-entgegen. „Wird gleich warm werden!“ rief der Forstwart, der schnell
-Gewehr und Rucksack ablegte und im Sparherd Feuer anzündete. Dann holte
-er vom nahen Brünnlein Wasser herbei und stellte es in einem Topf
-darauf. Hartlieb entnahm seinem Rucksack zwei kleine Konservenbüchsen
-mit Gulasch, eine Flasche Bier und Brot.
-
-Als das Wasser zischte und brodelte, wurden die Konservenbüchsen in
-den Topf gelegt. Wenige Minuten später war die Kocharbeit beendet. Mit
-einer Blechschere öffnete Hartlieb die Büchsen, denen ein würziger Duft
-entstieg.
-
-Gnugesser schnupperte wohl wie ein windender Jagdhund, lehnte aber
-die Einladung zum Mitessen dankend ab und begnügte sich mit dem
-mitgeführten Stück Speck und Schwarzbrot.
-
-„Wie Sie wollen! Mögen Sie Gulasch nicht?“ fragte Hartlieb.
-
-„Schon, aber nur in der Nähe von einem Wirtshaus!“
-
-„Ach so! Von wegen dem Durst, den der Paprika erzeugt? Na, in Konserven
-ist nur sehr schwacher Paprika enthalten, und zum Durstlöschen gibt
-es ja Wasser genug! Ich werde die zweite Portion für den Grafen
-aufbewahren, falls er keinen Proviant bei sich haben sollte!“
-
-An seinem Speck kauend, richtete Gnugesser im Heuboden oberhalb des
-Herdraumes ein Lager zur Nachtruhe her. Dann kehrte er in das Wohn- und
-Kochstübchen zurück und fragte, ob er, da der Graf wahrscheinlich nicht
-kommen werde, heimgehen dürfe.
-
-Ironisch fragte Hartlieb: „Treibt Sie denn sehnsüchtige Liebe nach
-Hause?“
-
-„Ich bitt, Herr Oberförster! Wo ich doch schon zwei Jahr verheiratet
-bin! Ich hab nur gemeint, Sie benötigen mich nicht für Abend und Nacht!“
-
-„Ich allerdings nicht! Kommt der Graf doch noch, so könnte es sein, daß
-er Sie morgen um die Führung bitten will! Kommt er heute nimmer, so
-hätte Ihre Anwesenheit allerdings keinen Zweck!“
-
-„Will denn der Graf pirschen auf Hirsche? Bei diesem Wetter wird er
-keinen Wedel äugen können! Was will er sonst heroben?“
-
-„Weiß ich nicht! Vielleicht nur ein Inspektionsgang, Kontrolle, ob alle
-Jagdhütten den Damen-Anbau vorschriftsmäßig erhalten haben!“
-
-„Ist g’spaßig, daß unser Jagdbetrieb nun -- verweiblicht werden soll!
-Ein Frauenzimmer als -- Jagdherr! Ich kann mir nicht denken, wie das
-geht! Die Jaager stecken auch die Köpf zusammen und tuscheln darüber!“
-
-Hartlieb trat vor die Hütte, lauschte, kehrte zurück und stellte es
-Gnugesser frei, nach Hause zu gehen.
-
-Die Gelegenheit, über die neuen Verhältnisse mit dem Vorgesetzten zu
-sprechen, wollte der Forstwart nun doch nützen. Er steckte die kleine
-Petroleumlampe an, schloß die Fensterläden und bat, Gesellschaft
-leisten zu dürfen.
-
-„Aber die teure Gattin?“
-
-„Wird nicht sterben, wenn ich über Nacht ausbleibe! Dergleichen
-kommt ja öfter vor in unserem Beruf! Mit Verlaub, glauben Sie, Herr
-Oberförster, daß wir mit gleichem Gehalt übernommen werden? Hat der
-Hausmarschall darüber nichts gesagt?“
-
-„Bis jetzt keine Silbe! Ich denke, die Käuferin des Jagdgutes wird froh
-sein, tüchtiges und geschultes Personal übernehmen zu können!“
-
-„Wohl, wohl! Was aber, wenn das Gehalt etwas reduziert würde? Das wär
-für uns doch recht bitter! Für die verheirateten Beamten nämlich!
-Sie, Herr Oberförster, brauchen als lediger Mann sich da weniger zu
-sorgen...“
-
-„Verbürgen kann ich nichts! Beruhigen Sie sich nur! Wegen der Löhne und
-Gehälter muß ich ja gefragt werden, und ich werde selbstverständlich
-dafür eintreten, daß in dieser Beziehung alles beim alten bleibt!“
-
-Gnugesser lächelte und glättete seinen fuchsigen Patriarchenbart, nun
-ihm der größte Stein der Sorge von der Brust fiel. Und zutraulich
-meinte er: „Noch schöner tät es sein, wenn Sie, Herr Oberförster,
-eine Gehaltsaufbesserung durchsetzen könnten! Für mich gleich nur
-zweihundert Kroneln, eine Wohltat wäre das für meine Verhältnisse!“
-
-„Mit einer Aufbesserung darf man der Fürstin bei der Übernahme des
-Besitzes nicht kommen! Um so weniger, als sie teuer, zu teuer gekauft
-hat!“
-
-„So? Hätt sie doch die Finger davon gelassen! Wenn man denkt: Auf
-den Jagdherrn Grafen Lichtenberg, der freilich nur Pächter war,
-ein Frauenzimmer als Gebieterin in Jagdangelegenheiten -- -- der
-Magen könnt sich umdrehen! Jagdlicher Damenbetrieb! Unmöglich, nicht
-auszudenken!“
-
-Hartlieb streifte die Asche von seiner Zigarre und wollte dem Forstwart
-eben raten, das Zünglein zu hüten, da wurden Schritte laut, die sich
-der Hütte näherten.
-
-Gnugesser stand auf und eilte hinaus.
-
-Auch der Oberförster erhob sich und öffnete die Türe, damit die
-Angekommenen etwas Licht zur Orientierung haben sollten.
-
-„Guten Abend!“ grüßte eine hohe schlanke Gestalt in dunklem
-Lodengewande. Graf Thurn-Valsassina, der weißhaarige Hausmarschall
-und Hofchef, reichte den Beamten die Hand und entschuldigte das arg
-verspätete Erscheinen mit dem Hinweise auf das Unwetter, das zu
-unfreiwilligem Aufenthalt in der Griesweber-Hochalm gezwungen hatte.
-
-Hartlieb bat den Grafen, in die warme Stube einzutreten und
-vorliebzunehmen mit dem Wenigen, was geboten werden könne.
-
-Der Hausmarschall trat in die schwacherleuchtete Stube und rief:
-„Oh, wie wohlig warm! Das ist wirklich sehr behaglich! Ich bitte
-Sie, meinetwegen keine Umstände zu machen! Proviant habe ich mit im
-Rucksack, den mein wackerer Begleiter, der brave Xandl, trägt! Wir
-wollen in der Bergeinsamkeit brüderlich teilen! He, Xandl, antreten und
-auspacken!“
-
-Mit seinem schönsten Lächeln auf den bebuschten Lippen griff Gnugesser,
-der fuchsige Gnom, ein, indem er dem großen Jagdgehilfen Xandl den
-Rucksack abnahm und zuflüsterte: „Gschwind den Herrn bedienen! Stiefel
-ausziehen!“
-
-Hartlieb legte inzwischen Holz im Herde nach, so daß es alsbald
-knisterte.
-
-Flink kniete Xandl, ein Koloß von einem sonnverbrannten Menschen, vor
-dem Hausmarschall nieder und bat: „Haben S’ die Gnad, Herr Graf, und
-lassen S’ Ihnen die schweren Schuach ausziehen! Einen Haxen nach dem
-andern, wenn’s g’fällig ist!“ Und flink löste er die Schuhriemen auf.
-
-„Ei ei, wie geschult doch der Xandl im Kammerdienst ist!“ meinte
-schmunzelnd Graf Thurn.
-
-Gnugesser fischte aus dem Inhalt des Rucksackes die Hausschuhe heraus
-und überreichte sie dem Hofchef.
-
-Zu dritt nahmen die Herren am kleinen Tische Platz, indes Xandl
-sich bescheiden auf die Bank an der Wand setzte und an einem Stück
-Schwarzbrot kaute.
-
-„So ist’s nicht gemeint, Xandl! Auch der brave Führer und Jägersmann
-gehört an den Tisch! Vorerst aber bringen Sie uns den Wein und den
-kalten Aufschnitt!“
-
-Brüderlich wurde alles geteilt. Der Höflichkeit halber nahmen die
-Beamten die Happen Schinken zur Brotschnitte dankend an, ebenso den
-Schluck Ungarweines. Hartlieb schenkte die Gulaschportion dem Xandl,
-dem das Gesicht vor Freude leuchtete. „Werd ich gleich Kuchelmadel
-machen und aufkochen! Vergelt’s Gott, Herr Oberförster!“
-
-Graf Thurn erzählte, daß er nach der Inspektion einiger Hütten zur
-Gamsquöhn aufgestiegen sei, vom Gewitter überrascht wurde, in der
-Hochalm lange wartete, dann in den Falkennotgraben gestiegen sei, um
-dann nach zeitraubender Kraxelei den Stadlgraben zu erreichen. „Es ist
-ein wundervolles Gebiet, aber scharf und strapaziös! Der Dienst und
-wohl auch die Jagdausübung wird in den Revieren der ‚Haller Mauern‘
-nicht leicht sein! -- He, Xandl, die Zigarren!“
-
-Gnugesser blinzelte dem Oberförster zu, als Graf Thurn die Bemerkung
-über Dienst und Jagdausübung in den Revieren gemacht hatte. Doch
-Hartliebs Antlitz blieb unverändert. Auch enthielt er sich jeder
-Äußerung. Die Zigarrenspende Thurns nahm er mit einer leichten
-Verbeugung an, während Gnugesser und Xandl laut dankten.
-
-Graf Thurn fragte, ob in allen für die Fürstin bestimmten Anbauten, so
-wie in den Kochzimmern gleichfalls eiserne Öfen aufgestellt seien.
-
-„Sie sind längst bestellt, werden nächster Tage zur Aufstellung
-gelangen!“ erwiderte Hartlieb.
-
-„Schön! Machen Sie die Sache eilig, denn Durchlaucht werden in
-allernächster Zeit ankommen! Und einmal in Hall, ist man keine Stunde
-sicher, daß ein Hüttenbesuch befohlen wird! Bei Eintritt groben Wetters
-wäre es sehr fatal, wenn Durchlaucht in einer Hütte frieren müßte!“
-
-Gnugesser hatte den Mund angelweit offen, sosehr interessierte ihn
-jedes Wort. Und plötzlich rutschte ihm die Frage heraus, ob die Fürstin
-von der Jagd etwas verstehe.
-
-„Herr Forstwart, ich bitte Sie, jede indirekte Frage zu unterlassen!“
-bemerkte rügend Hartlieb, und ein scharfer Blick flog zu Gnugesser
-hinüber.
-
-Begütigend meinte Graf Thurn: „Nicht doch! Das Interesse der
-Forstbeamten für die neue Herrin ist ja begreiflich! Und hier unter
-uns Männern hat es nichts auf sich, wenn Fragen gestellt werden! Die
-Fürstin hat zu Lebzeiten ihres Gemahls den gnädigsten Herrn oft auf
-Pirschgängen begleitet und, soviel ich weiß, manchen Hirsch mit gutem
-Blattschuß umgelegt!“
-
-Nun wagte auch der hünenhaft gebaute Jagdgehilfe Xandl eine Bemerkung
-dahin, daß ein gelegentlicher Pirschgang und ein weidgerechter
-Jagdbetrieb zweierlei sei. „Mit Vergunst, Herr Graf, wenn es erlaubt
-ist: wird die Duhrlauch selber die Jagdleitung führen, selbständig
-dirigieren, oder bleibt unser Herr Oberförster der Chef?“
-
-„Das weiß ich nicht! Ich für meine Person, als Hofchef und
-Hausmarschall, werde mich in die Jagdangelegenheiten ganz gewiß
-nicht einmischen! Und falls ich gefragt werden sollte, werde ich
-befürworten, daß Herr Oberförster Hartlieb der Jagdleiter bleibe! Den
-Entschließungen der Fürstin kann natürlich nicht vorgegriffen werden!
-Durchlaucht ist die Gebieterin, wir haben ihre Befehle zu vollziehen!“
-
-„Oh, Jessas!“ rief Gnugesser, und sein Bäuchlein zitterte.
-
-„Nur keine Angst! Durchlaucht ist die Güte selbst! -- Nun aber Schluß,
-meine Herren! Ich bin müde!“
-
-Zu dritt kletterten die Herren auf der Leiter in den Dachboden, wo
-das Nachtlager im Heu bezogen wurde. Wollene Decken schützten vor der
-Zugluft, die durch die Balkenritzen trotz der Moosverstopfung kalt und
-scharf eindrang.
-
-Xandl räumte unten auf, löschte das Lämplein und legte sich angekleidet
-auf die Holzbank zur Nachtruhe nieder.
-
-Nach Mitternacht entlud sich ein Gewitter über den Stadlgraben, heftig
-wütete der Sturm unter schweren Regengüssen, rüttelte an der Hütte, riß
-grob die Türe wiederholt auf, die der aus dem Schlafe aufgeschreckte
-Jäger Xandl wieder schloß. Doch gegen Tagesanbruch verstummte das
-Sturmgeheul, das Wehen erstarb, der Regen hörte auf.
-
-Xandl erwachte, rieb sich den Schlaf aus den Augen, und sachte öffnete
-er die Fensterbalken. Helles Morgenlicht und würzige Alpenluft strömten
-herein. Reingefegt war das Firmament, das lichtblau sich über den
-angeschneiten Haller Mauern wölbte. Ein prachtvoller Pirschmorgen nach
-düsterer Sturmesnacht. Des Jägers erster Gedanke war der seiner Führung
-anvertraute Graf und die günstige Chance für eine Pirsch. Aber in
-Erinnerung der Tatsache, daß Graf Thurn keine Büchse mitführte, wurde
-Xandl unschlüssig. Den herrlichen Pirschmorgen ungenützt verstreichen
-zu lassen, deuchte ihn eine schwere Unterlassungssünde zu sein. Als
-Hofchef und Hausmarschall müßte der Graf ja doch Abschußerlaubnis
-haben... Und die Kugelbüchse kann ihm ja der Oberförster oder der
-Forstwart leihen. So weckte denn Xandl die Herren mit der Meldung,
-daß ein prachtvoller Pirschmorgen angebrochen sei. Und hurtig machte
-der Jäger Feuer im Herd, um ein karges Frühstück, eine Brennsuppe zu
-bereiten.
-
-Verfroren und steif in den alten Knochen kam Graf Thurn die Leiter
-herab, hinter ihm die Förster. Vor der Hütte wurde die Pracht des
-alpinen Sommermorgens, das Funkeln und Glitzern der Millionen
-Wasserperlen an Blattwerk und Koniferennadeln im Glanz der ersten, in
-den Graben blinzelnden Sonnenstrahlen bewundert.
-
-Hartlieb bot sein Dienstgewehr für einen Pirschgang an und stellte sich
-als Führer zur Verfügung. Gnugesser sprach von einem guten Zwölfender,
-der auf dem Waschenberge stehe.
-
-Da rief Graf Thurn: „Aber, meine Herren! Wo denken Sie hin! Ohne
-spezielle Erlaubnis werde ich mich hüten, eine Büchse auch nur in
-die Hand zu nehmen, geschweige denn auf irgendwelches Wild Dampf
-zu machen! Erst muß die Gebieterin ihren Besitz angetreten, das
-Jagdgut übernommen haben! Dann werden wir schon hören, ob uns die
-Bejagung eines Revierteiles gestattet wird oder versagt bleibt! Zur
-Hütteninspektion bin ich heroben, nicht zum weidwerken! Drum: _hands
-off_!“
-
-Diesmal wechselte Hartlieb mit Gnugesser einen vielsagenden Blick.
-
-Xandl aber platzte heraus: „Also wird die Duhrlauch -- schußneidisch
-sein! Sell geht grad noch ab!“
-
-Graf Thurn ignorierte diese Bemerkung und fragte, ob ein warmer
-Schluck, egal was, zum Frühstück zu haben sei.
-
-Ganz Kuchelmadel, Kammerdiener, Küchenchef in einer Person, offerierte
-Xandl: „Haben S’ die Ehr, gnädig Herr Graf, die Brennsupp’n ist
-serviert! Aber noch heiß, verbrennen Sie Ihnen nicht die Lefzen! Wär
-schad drum! Wo Sie einen so schönen weißen Schnauzer haben!“
-
-Mit Behagen wurde die Brennsuppe, der nur das Salz fehlte, geschlürft.
-
-Da Graf Thurn auf die Fortsetzung der Hüttenbesichtigung verzichtete,
-traf Hartlieb seine Dispositionen: Gnugesser erhielt Auftrag, wegen
-schleunigster Ofenlieferung nach Admont zu gehen, Xandl solle in der
-Hütte aufräumen und hiernach Dienst machen in den oberen Revieren und
-im Gebiete des Natterriegel vorwitzige Gamsversprenger wegstampern, für
-absolute Ruhe im Gamsrevier sorgen. Wenn nötig, unter Anwendung von
-Gewalt.
-
-„Na, schön! Wie disponieren Sie, Herr Oberförster, über sich und mich?“
-fragte Graf Thurn.
-
-Lächelnd meinte Hartlieb: „Über den Herrn Hofchef hat wohl der
-Jagdleiter am allerwenigsten zu verfügen! Wenn Sie aber, Herr Graf,
-erlauben, möchte ich Sie durch unsere schönsten und besten Reviere
-geleiten, Ihnen zeigen, daß wir einen gutgehegten Wildstand haben!
-Weidmännisch gesprochen: Einen ausgiebigen ‚guten Anblick‘ mit viel
-‚roten Fleckerln‘ möchte ich Ihnen verschaffen!“
-
-„Topp, einverstanden! Freilich wird es schmerzlich sein, bei ‚gutem
-Anblick‘ den Finger nicht krumm machen zu dürfen! Also gehen wir!“
-
-Vor Gnugessers Abgang fragte Hartlieb noch, wie weit die
-Schlägerungsarbeit auf dem Raschanger gediehen sei.
-
-„Wird heute beendet werden! Ich werd nachmittag kontrollieren! Mit
-Vergunst, Herr Oberförster, darf ich dem drängelnden Simerlbauern den
-erbetenen Schindelstamm anweisen! Ist ein zudringlicher Mensch!“
-
-„Wenn wirtschaftlich kein Hindernis besteht, daß der betreffende
-gewünschte Stamm wegkommt und der Stamm zur Taxe bezahlt wird, kann
-angewiesen werden! Entspricht der Baum nicht, so geben Sie ihn als
-Prügelstamm weg, aber nicht unter der üblichen Taxe!“
-
-„Ist recht! Darf ich mir bei dieser Gelegenheit auch den Zangerlbauern
-durch Befriedigung seines Wunsches -- er möchte drei Schnitthölzer zu
-einem Schlafzimmerboden erhalten -- vom Halse schaffen? Tanne oder
-Fichte?“
-
-„Ist egal, je nachdem Stämme passend stehen! Halten Sie sich aber knapp
-und die Bauern kurz! Gott befohlen!“
-
-„Empfehl mich, Herr Oberförster!“ Und zum Hofchef gewendet,
-verabschiedete sich der Bäuchleinträger mit österreichisch-höflichem
-„Küß d’ Hand, Herr Graf!“
-
-Eine erquickende, zuweilen freilich nasse Wanderung durch triefende
-Gräser, durch kühle Wälder war es. Diana zeigte sich gnädig und gönnte
-den Herren manchen „guten Anblick“ von eleganten Rehböcken, von einem
-guten Zehnender mit hohem, weit ausgelegtem Geweih. Mehr als ein
-Dutzend Stück Hochwild ließ die Göttin vorüberwechseln.
-
-Für Berghirsche waren die Geweihträger wirklich gut zu nennen.
-
-Graf Thurn hielt mit anerkennenden Worten für den Heger nicht zurück,
-doch bat er den „Anblicks“-Gang abzubrechen. „Es berührt auf die Dauer
-doch schmerzlich, wenn -- die Jagderlaubnis fehlt!“
-
-Hartlieb nickte zustimmend. Aber gute Gams wollte er dem Hofchef noch
-zeigen. Und dabei erproben, ob Graf Thurn -- steigen könne. Weit
-war im Gebiet der Haller Mauern nicht zu wandern, aber steil ist
-dieses hochragende Kalkgebirg. Leicht und geräuschlos, für sein Alter
-erstaunlich gut und sicher, stieg Graf Thurn, und die Freude an der
-großartigen Alpennatur, das Interesse für das Krickelwild leuchtete aus
-seinen Augen.
-
-Nach kaum zweistündigem Aufstieg wurde ein prächtiges Plätzchen
-erreicht; ein verhältnismäßig breites Latschenfeld, durchzogen von
-einzelnen grünen Grasflecken, breitete sich aus und zog zu grauweiß
-leuchtenden Wandeln hinauf.
-
-Hartlieb trat vorsichtig hinter einen Fichtenboschen und lud durch eine
-leise Kopfbewegung den Begleiter ein, sich an seine Seite zu stellen.
-Graf Thurn folgte dem Oberförster und stand wie angemauert, als sich
-vorne ein gelbgrauer Fleck aus dem Krummholz emporschob, ein starker
-Gams, der ein Weilchen äste, dann aber den Grind hob und mißtrauisch
-zu äugen begann. Um den Kapitalen wurde es lebendig, sieben, acht Gams
-kamen aus den Latschen, schüttelten sich die Regentropfen aus der
-fahlen Sommerdecke, sonnten sich behaglich im warmen Licht und guckten
-den sichernden Bock verwundert an. Die Kitze hatten Hunger und ästen
-alsbald, zupften eifrig an den Spitzen der saftigen Gräser, treulich
-behütet von den Mamas, die immer wieder aufwarfen und auf den kapitalen
-Bock äugten.
-
-Der herrliche „gute Anblick“ machte den Grafen zittern vor Jagdlust.
-Hartlieb, an derlei gewöhnt, stand starr wie eine Bildsäule. Thurn
-verlor die Herrschaft über sich. Eine winzige Bewegung von Kopf und
-Hand genügte: der Kapitale empfahl sich und verschwand plötzlich in den
-Latschen, deren Äste über ihm zusammenschlugen und einen Sprühstaub von
-glitzernden Tropfen in das Sonnenlicht warfen. Eiligst ahmten Geißen
-und Kitze das Beispiel nach...
-
-Seufzend verließ Thurn diese Stätte und folgte dem Jagdleiter auf der
-Wanderung zu Tale. Stumm, hochbefriedigt, dankbar. Und mit der Hoffnung
-in der Brust, daß die Gebieterin vielleicht doch ein Teilchen dieser
-Idealreviere zur Bejagung freigeben werde...
-
-
-
-
-Zweites Kapitel
-
-
-Dem Befehl entsprechend war der hünenhafte Jäger Xandl wohl in die
-obersten Reviere gestiegen, aber mit dem Marsche zum Felsgewirr des
-„Natterriegel“ eilte es ihm nicht. Viel wichtiger hielt er eine
-Aussprache mit dem Kollegen Eichkitz, dem er erzählen wollte, was in
-der Million-Hütte an Neuigkeiten zu hören gewesen war. Deshalb stapfte
-Xandl pfadlos durch das steinige Gebiet des „Scheibling“ und suchte mit
-dem Fernrohr das Gstattmaier-Revier ab, hoffend, den Kollegen irgendwo
-sehen zu können. Diese Erwartung erfüllte sich nicht. Einen Besuch der
-Pyrgas-Hütte mußte sich Xandl versagen, der Dienst erlaubte eine solche
-Zeitvergeudung nicht. Und mit dem unerbittlich strengen Jagdleiter
-Hartlieb war nicht zu spaßen. Aber ein Mittel zur Verständigung des
-Kollegen wußte Xandl doch: Deponierung einer schriftlichen Nachricht in
-der tiefer gelegenen Plechauer-Alm, wo Eichkitz sicher in den nächsten
-Tagen einkehren wird. Der Höhenverlust hatte für einen Jäger nicht
-viel zu bedeuten. Also stieg Xandl zur Plechauer-Alm herab. In der
-Hütte traf er den schönen Eichkitz in eifriger Unterhaltung mit der
-schmächtigen Sennerin Burgl, die einen Schreckensschrei ausstieß, als
-Xandl plötzlich auftauchte und spottlustig rief: „Tue mir nix, ich tue
-dir auch nix!“
-
-Eichkitz ließ sich nicht in Verlegenheit bringen, vom Kollegen hatte
-er keine Unannehmlichkeiten zu befürchten; gelassen meinte er: „Je, der
-Xandl! Bist natürlich -- dienstlich da, wie ich!“
-
-Die Sennerin benutzte die Gelegenheit, das Kämmerlein zu verlassen, und
-machte sich vor der Hütte zu schaffen.
-
-„Dienstlich grad nicht! Hab dir einen Zettel bei der Burgl hinterlegen
-wollen, die große Neuigkeit, wo der Graf Thurn, der wo der Hofchef von
-der Duhrlauch ist, in der Million-Hütt’n verzählt hat!“
-
-„Schieß los!“ meinte Eichkitz und zupfte an seinem Bärtchen.
-
-„Ja! G’sagt hat er, der Graf, er hätt bis jetzt keine Abschußerlaubnis!
-Ausschauen tuets akrat so, als tät die Fürstin -- schußneidisch sein!
-Spannst was, Eichkitz?“
-
-Gelassen erwiderte der hübsche Bursch: „Ich wüßt nicht, warum ich
-darüber heiß werden sollt! Wir kriegen ja doch keine Abschußerlaubnis!
-Und ob der Graf jaagern darf oder nicht, das kann uns wurscht sein!“
-
-„Ich bin der Meinung, daß es schief geht, wenn die Duhrlauch
-schußneidisch ist! Das gang grad noch ab!“
-
-„Bist irrig, Xandl! Ist die Fürstin wirklich schußneidisch, so haltet
-sie was auf ihre Jagd! Das kann uns nur freuen!“
-
-Xandl schüttelte den Kopf. „Ist überhaupt zwider, daß wir keinen Herrn
-nimmer haben! Weiberwirtschaft im Jagdbetrieb, der Teufel soll s’
-holen!“
-
-„Bist irrig, Xandl! Justament das Weiberregiment g’fallt mir!“
-
-„Ah na! Wird nicht sein! Weiber haben verdammt viel Mucken und Launen!“
-
-„Das schon! Kann auch zuweilen höllisch zwider sein und werden! Aber
-weil die neue Besitzerin ein Weib ist, kann derjenige nur profitieren,
-der es versteht, das Weib zu behandeln!“
-
-„Jessas, na! Wie du daherredest so leicht und ausg’schamt! Du bist nur
-ein Jaager, und sie eine wirkliche Fürstin! Die wird sich in Ewigkeit
-nicht von dir behandeln lassen! Gstampert wirst katschaus in der ersten
-Minut, wo du anfangst, frech z’ werden!“
-
-„Bist wieder irrig, Xandl! Von Frech-werden ist keine Red! Im
-Gegenteil! Demütig sein, katzbuckeln, einschmeicheln, vorsichtig
-anpirschen, und grad nur das reden, was sie gern hört, die Duhrlauch!
-Z’viel von der Jagd wird sie eh nicht verstehen! Versteht sie aber gar
-nix, ist es noch besser! Um so leichter laßt sie sich anbleameln...!“
-
-„Wo der Oberförster so streng und scharf ist!“
-
-„Bist wieder irrig! Ich glaub, die strenge harte Zeit für uns ist
-bereits vorbei! Und beim Weiberregiment wird der hantige Hartlieb
-mit sich und seiner Stellung Arbeit g’nug haben! Sauer wird ihm sein
-Dienst werden! Für uns aber wird es besser und leichter! Wenigstens ich
-spekulier darauf!“
-
-„Wenn du dich nur nicht verspekulierst!“
-
-„Keine Sorg, Xandl! Auf die Weiberbehandlung versteh ich mich!
-Der Fürstin wird die b’sonders schwache Seit’n wohl auch und bald
-abzugucken sein! Da ist mir nicht bang!“
-
-„Tue, was du willst! Ich verbrenn mir die Finger nicht! Und jetzt muß
-ich springen, muß Dienst machen auf ’m Natterriegel!“
-
-„Dank schön für die Botschaft! Sag nichts, daß wir uns ’troffen
-haben! Der Hartlieb wird eh immer fuchtig, wenn er merkt, daß Jaager
-bei Sennerinnen einkehren! Eh schon wissen! Aufs Wiederschauen
-gelegentlich! B’hüt dich, Xandl!“
-
-„Auch soviel!“ Xandl verließ, die Sennerin kurz grüßend, die Alm in
-unbehaglicher Stimmung. Für die Art, wie Eichkitz die Lage auffaßte,
-fehlte es dem Hünen an dem nötigen Verständnisse. Xandl fürchtete sich
-geradezu vor dem Weiberregimente im Jagddienst.
-
-Eichkitz griff nach Büchse und Bergstock, um den Reviergang
-fortzusetzen.
-
-Die Sennerin Burgl hantierte am Brunnen und rief spöttisch: „Pressiert
-es jetzt auf einmal mit dem Dienstmachen? Was haben denn die Jaager so
-Wichtiges zu verhandeln g’habt?“
-
-„Der Xandl fürchtet sich so vor der Fürstin!“ antwortete ironisch der
-hübsche Jäger.
-
-Burgl ließ das Wasserschaffl fallen und trippelte auf Eichkitz zu. „Was
-sagst?“
-
-„Fürchten tuet er sich vor der Duhrlauch!“
-
-„Warum denn? Ist die Fürstin etwa ein harbes Weib?“
-
-„Derweilen wissen wir noch gar nix!“
-
-„Schaden könnt es nix, wenn sie einen gewissen Jaager z’sammenstauchen
-tät! Von wegen Hoffart und Eitelkeit! Ist ja ganz aus der Art, wie du
-mit die Weiberleut umspringst! Kein bisserl Achtung vor dem weiblichen
-Geschlecht! So ein Sausewind! Gleich immer aufs Verführen aus! Schamst
-dich nicht?!“
-
-„Wüßt nicht warum! Küß d’Hand, gnä Fräuln!“ spottete Eichkitz.
-
-Nun erzürnt, sprang Burgl in die Hütte.
-
-Der hübsche Jäger wanderte über den grünen sonnigen Almboden und lachte
-in sich hinein: „Wirst schon noch zahm werden, Wildkatzl!“
-
- *
-
-Als der Forstwart Gnugesser sein Falstaff-Bäuchlein zum Wiedschlag auf
-dem Raschanger hinaufschleppte, seufzend und nach Luft schnappend,
-warteten bereits zwei spindeldürre Bergbauern auf ihn, der Simerl
-und der Zangerl, rauchend, mit Tabak ordinärster Sorte die Waldluft
-verpestend. Und sogleich lamentierten sie, mit dem Warten soviel Zeit
-verloren zu haben.
-
-In seiner Herzensgüte entschuldigte sich Gnugesser, daß er beim besten
-Willen nicht früher habe kommen können; der Weg nach Admont und über
-Hall zurück und zum Raschanger sei weit und beanspruche Zeit. „Dafür
-soll nun jeder geschwind sein Holz angewiesen bekommen!“
-
-„Nur nix übereilen! Ich bitt, geben S’ mir den Schindelstamm mehr
-herunten, wo die Bringung leichter ist und nicht soviel Zeit, Müh und
-Geld kostet! Wo ich den Stamm auch noch zahlen muß!“ meinte der Simerl
-und begann nun, der Bergsohle zustapfend, einen schönen Baum zu suchen.
-An jeder Fichte hatte der Bauer etwas auszusetzen, kein Stamm war ihm
-schön und astfrei genug. Und immer maulte der Simerl: „Wo ich den Stamm
-zahlen muß!“
-
-Lächelnd mahnte Gnugesser zur Eile und Zeitersparnis. „Such dir die
-Fichte aus, aber bald! Der Zangerl möchte ja auch heute noch seine
-Schnitthölzer! Und ich möcht dann meine Ruh bekommen!“
-
-Endlich hatte Simerl einen Stamm gefunden, von dem er glaubte, daß die
-Fichte zu Schindeln gehe. Simerl nahm die Untersuchung vor, langsam und
-umständlich, bis festgestellt war, daß der Baum „gut kliebe“. Und nun
-wollte Simerl den Stamm sofort gefällt haben.
-
-„Mußt schon warten, bis die Holzer von oben kommen! Morgen wird der
-Stamm gefällt werden! Aber vorher mußt die Tax in der Kanzlei des
-Oberförsters zahlen!“
-
-Davon wollte Simerl aber nichts wissen. Aus dem Gejammer merkte
-Gnugesser, daß es dem Bauern darum zu tun war, den Stamm zu erhalten,
-das Geld dafür aber schuldig zu bleiben. Infolge dieser Wahrnehmung
-unterließ es der pflichttreue Forstwart, die ausgesuchte Fichte
-anzuplätzen.
-
-Simerl sah sich durchschaut und ging fluchend heim.
-
-Der gleichfalls zaundürre Zangerl holte die forstamtliche Quittung
-hervor zum Beweise, daß er den Betrag für drei Schnitthölzer bereits
-erlegt habe.
-
-„Gut! Dann hat die Auszeigung einer schönen astfreien Tanne keine
-Schwierigkeit!“ versicherte Gnugesser und machte sich auf die Suche
-eines besonders kräftigen Baumes.
-
-Da begann aber der Zangerl zu zetern und zu protestieren mit einem
-ungeheuerlichen Wortaufwand. Mit aller Entschiedenheit wehrte er sich
-gegen die Zuweisung einer -- Tanne. „Wo ich Holz brauch für den Boden
-der Schlafkammer. Einen tänneren Boden will ich nicht und nehm ich
-nicht! In Ewigkeit nicht! Wo ich die Tax bereits bezahlt hab!“
-
-Verwundert fragte Gnugesser, warum denn der Bauer Tannenholz nicht
-nehmen wolle.
-
-Ein Blick unsäglichen Bedauerns, einer Geringschätzung ob solchen
-Mangels an Wissen streifte den Forstwart. Im belehrenden Tone erklärte
-Zangerl: „Will der Herr ein Forstwart sein und weiß nicht, daß im
-tännernen Holz die Flöh wachsen!“
-
-Gnugesser lachte aus vollem Halse. Und schluckend versicherte er, davon
-bis jetzt nichts gewußt zu haben.
-
-„Solche Leut sein Förster! Tannenholz erzeugt Flöh, das weiß jeder
-Bergbauer, nur der Forstwart weiß es nicht! Also die Tann nehm ich
-nicht! Ich will einen fichtenen Stubenboden!“
-
-Benjamin Gnugesser lachte, daß sein Bäuchlein hüpfte. „Kannst eine
-astreine Fichte haben! Wir vom Forstamt wollen es nicht verantworten,
-daß der Zangerlbauer samt Familie von den Flöhen aufgefressen wird!“
-
-Fast eine Stunde verfloß, bis Zangerl eine Fichte gefunden hatte, die
-seinen Ansprüchen genügte. Dieser Stamm wurde dann vom Forstwart mit
-dem Plätzhammer gemerkt und zur Fällung angewiesen.
-
-Damit hatte das Tagwerk Gnugessers ein Ende. Müde trollte er hinunter
-zum Forsthause beim Dörflein Hall.
-
-Ein alter Quadernbau mit neuem Ziegeldache am Sträßlein, beschattet
-von Fichten; „Steinkasten“ pflegte der Forstwart dieses Dienst-
-und Wohngebäude zu nennen, in dem er mit seiner ihm vor zwei
-Jahren angetrauten Gattin Amanda hauste. Forstwarts im Parterre,
-der Oberförster Hartlieb im oberen Stockwerke, wo sich auch die
-Forstkanzlei und das Jagdamt befinden. Hier wohnte auch zur Zeit
-Graf Thurn, dem Hartlieb zwei Zimmerchen hatte abtreten müssen.
-Straßenseitig befand sich ein Nutzgärtchen, das den Bewohnern des
-Forsthauses in beschränktem Maße Salat und Gemüse lieferte. Besonders
-gepflegt sah das Gärtchen aber nicht aus; es entbehrte wohl der
-sorgsamen Hand.
-
-„Grüß Gott, Weiberl! Da bin ich endlich und nicht wenig müd und
-hungrig!“ rief Benjamin beim Eintritt in die Stube und hing Hut und
-Gewehr auf den Kleiderständer neben der Türe.
-
-Frau Amanda zuckte überrascht zusammen und schob hastig eine Zeitung in
-das Nähkörbchen. „Du bist schon da?“ stieß die junge, blasse Frau aus
-und erhob sich, um dem Gatten einige Schritte entgegenzutrippeln. Über
-mittelgroß, sehr schlank, scharf geschnitten das Gesicht und die Nase,
-eckig die Gestalt -- machte Amanda Gnugesser auf den ersten Moment
-einen ungünstigen Eindruck; bei näherer Betrachtung offenbarte sich
-jedoch die überraschende Schönheit des Auges. Große braune Rätselaugen,
-unergründlich, seltsam leuchtend. Wundervoll auch das rehfarbige Haar
-in reichster Fülle, nur mangelhaft frisiert, leichthin aufgesteckt,
-in Unordnung geraten. Im einfachen Kattunkleide sah Frau Amanda
-einem Dienstmädchen gleich, das durch Vernachlässigung der Toilette
-gleichgültig jeden Zauber der Weiblichkeit zerstört, weil niemand da
-ist, für den man sich putzen und schmücken konnte. Aus Kleidung und
-Körperhaltung offenbarte sich eine Gleichgültigkeit, die geradezu
-aufreizte, nach der Ursache zu forschen. Nur Benjamin Gnugesser fragte
-nie danach, er sah die Vernachlässigung, die, wenn nicht zerstörte,
-so doch geminderte Anmut des Weibes nicht. Er war von Anbeginn durch
-die Braut nicht verwöhnt worden. Entgegen dem allgemeinen Brauche, daß
-Mädchen sich vor Männern nur im Zustande einer gewissen Vollkommenheit
-in der Toilette, Frisur und sehr guter Laune sehen lassen, hatte
-Fräulein Amanda, damals Lehrerin, sich nie bemüht, ihr Wesen und ihre
-Erscheinung zu idealisieren oder Illusionen zu erwecken. Sie wollte
-nicht täuschen. Und als Ehefrau negierte sie rundweg die Behauptung,
-wonach das Eheglück um so besser gefördert werde, je vollkommener es
-die Gattin verstehe, den Mann in der Illusion, ein Ideal zu besitzen,
-ständig zu erhalten. Die Gleichgültigkeit der zum Zölibat verurteilten
-Lehrerin gegen Kleider, Schmuck, Tand und unzählige Kleinigkeiten
-hatte Amanda in den Ehestand mitgebracht. Und die Fortdauer dieser
-Gleichgültigkeit hatte eine bestimmte Ursache.
-
-Scherzend erwiderte Benjamin: „Es ist nur mein Geist, der bei dir
-erschienen ist. Er hat aber Hunger und Durst!“
-
-„Mußt dich schon gedulden! Die Stunde deiner Heimkehr war mir nicht
-bekannt, ich muß also erst kochen! Den Durst wirst wohl selber löschen
-können! Flaschenbier ist im Keller!“
-
-„Dank schön für die Auskunft! Werde gleich in den Keller
-hinabspazieren! Vorher möcht ich aber wissen, was es zu schnabulieren
-gibt!“
-
-Mit leichtem Spott sprach Amanda: „Etwas ganz Feines, Kalbsfüße!“
-
-Benjamin schnalzte mit der Zunge, rief: „Nobel, grad nobel!“ und
-stapfte in den Keller.
-
-Frau Amanda kehrte schnell an den Nähtisch zurück und verschloß die
-vorhin weggelegte Zeitung gleich einer Kostbarkeit in der Schublade
-einer Kommode, deren Schlüssel sie einsteckte. Dann begab sie sich in
-die kleine Küche, wo die Dunkelheit sie zwang, Licht zu machen.
-
-Im dämmerigen Wohnstübchen leerte der Forstwart das Fläschchen Bier,
-entledigte sich der schweren Bergstiefel, schlüpfte in bequeme
-Hausschuhe und stellte sich an das offene Fenster, um zu beobachten,
-wie die Dämmerung mählich in die Nacht überging. Für den Forstmann
-und Jäger war dieses oft gesehene Schauspiel aber doch etwas
-langweilig. Auch knurrte der Magen, der Hunger zerstörte die Poesie des
-Sommerabends. Benjamin wollte sich die Wartezeit verkürzen und irgend
-etwas lesen. Er steckte die kleine Hängelampe an und nahm von der
-Kommode den dort liegenden Pack Zeitungen. Und groß wunderte er sich,
-wie wohl diese Zeitungen, dem Titel nach in Köln erscheinend, in die
-steierische Bergeinsamkeit und just in das Forsthaus Hall bei Admont
-gekommen sein mochten.
-
-Eine Weile blätterte er diese Zeitungen durch, sah dann das Datum an
-und legte die „ollen Kamellen“ geringschätzig weg. Lektüre war sein
-Fall überhaupt nicht, für alte Zeitungen hatte er aber ganz und gar
-kein Interesse.
-
-„Dauert das lang, bis die Kalbsfüße kommen!“ brummte der hungrige
-Förster. In Gedanken entschuldigte er gutmütig die Gattin, die als
-frühere Lehrerin ungern kochte. Daß Amanda sich so spät am Abend
-abmühte, Kalbsfüße zu backen, fand Gnugesser sehr nett und dankenswert.
-
-Endlich erschien die Gattin mit der Speise. Krebsrot waren Amandas
-Wangen, dunkelbraun, fast schwarz gebrannt die Kalbsfüße.
-
-Auf den ersten Blick erkannte Benjamin, daß die Kalbsfüße überhitzt
-gebacken und wahrscheinlich ungenießbar sein würden. Dennoch lobte er
-den Eifer und dankte für die Aufopferung. Und zur Belohnung wollte er
-das zweite Fläschchen Bier der Gattin abtreten.
-
-Amanda lehnte ab mit dem Hinweise, daß sie grundsätzlich den Alkohol
-meide.
-
-Mit Todesverachtung würgte der Gatte die außen verbrannten, innen fast
-noch rohen Kalbsfüße hinab und goß mit allerdings verdächtigem Eifer
-Bier darauf.
-
-Gottlob merkte Amanda nichts, sie saß am Tische, seltsam in Gedanken
-vertieft.
-
-Den fuchsigen Patriarchenbart glättend, fragte Benjamin, wie denn die
-Zeitungen aus Köln sich in das Haller Forsthaus verirren konnten.
-
-Amanda griff nach einem widerspenstigen Strähnchen ihres herrlichen
-Haares und erwiderte in gekünstelt ruhigem Tone: „Die hat mir unser
-Pfarrer, der Pater Wilfrid, gebracht!“
-
-„So? Na, was soll denn Interessantes drinstehen?“
-
-„Der Roman ist sehr schön!“
-
-„Nix für ungut, Weiberl! Aber ich meine doch, dem Pfarrer hätt was
-Gscheiteres einfallen können, als einer Hausfrau einen Roman zum Lesen
-zu geben!“
-
-Beleidigt warf Amanda den Kopf auf und scharf erwiderte sie: „Schinden
-und rackern darf sich die Frau, eine geistige Erholung wird ihr aber
-nicht gegönnt! Von Fortbildung gar nicht zu sprechen! Als frühere
-Lehrerin habe ich andere geistige Bedürfnisse als Bauernweiber!“
-
-Gutmütig beteuerte Benjamin, daß seine Bemerkung nicht schlimm gemeint
-sei. „Kannst ja tun und lesen, was du willst! Ich red dir gewiß nix
-drein! Bin ja ein genügsamer, bescheidener Mensch!“
-
-„Den Mangel an Verkehr mit Leuten von Bildung empfinde ich bitter! Wir
-leben in einer geradezu trostlosen Abgeschiedenheit! Meine einzige
-Hoffnung ist, daß durch die Fürstin vielleicht ein Verkehr mit den
-Kammerfrauen sich wird ermöglichen lassen...!“
-
-„Nix für ungut, Weiberl! Ich bin nur ein Forstwart, ein Waldmensch,
-aber um den Verkehr mit Domestiken reiß ich mich nicht! Diese Sorte
-aufgeblasener hochnäsiger Menschen ist mir zu minder und nicht nach
-meinem Geschmack!“
-
-Amanda hob die eckigen Schultern und spottete: „Mußt halt schauen, daß
-die Fürstin sich mit dem Herrn Forstwart huldvollst abgibt!“
-
-„Fehlgeschossen, Weiberl! Die Duhrlauch ist mir zu hoch! Art zu Art!“
-
-„Stimmt! Ich hätte das bedenken sollen, als es noch Zeit war!“
-
-„Ich glaub gar, du willst sticheln? Bist heute schon sehr merkwürdig
-spitz und stachlig! Hast denn Verdruß gehabt? Bist etwa krank? Blaß
-schaust aus, Weiberl!“
-
-Amanda ging unvermittelt auf ein anderes Thema über und fragte, ob
-unter der neuen Herrschaft eine Gehaltsaufbesserung möglich sein könnte.
-
-„Nicht daran zu denken! Wir dürfen froh sein, wenn das gesamte Personal
-unvermindert und mit unveränderten Löhnen übernommen wird!“
-
-„Wieviel festes Gehalt hast du denn zur Zeit?“
-
-„Seltsame Frage! Du weißt doch, daß ich tausendachthundert Kronen Fixum
-habe!“
-
-„Ja doch! Aber ich weiß nicht, ob das Schußgeld eingerechnet ist!“
-
-„Warum willst du denn das wissen?“
-
-„Ich möchte nicht vom Finanzamt unangenehm überrascht werden, wenn
-beispielsweise das Einkommen höher ist und demgemäß ein größerer
-Steuerbetrag zu zahlen sein würde! Muß das Schußgeld auch versteuert
-werden?“
-
-„Keine Idee! Wir haben nur wenig Raubzeug, also ist das Schußgeld
-minimal! Jedes Sechserl braucht man denn doch nicht dem Finanzamt auf
-die Nase zu binden!“
-
-„Glaubst du, daß es unter der neuen Herrschaft größere Trinkgelder
-geben wird?“
-
-„Nix für ungut, Weiberl! Aber was du eben gesagt hast, das ist höheres
-Blech! Ich bin als Forstwart Beamter, der selbstverständlich kein
-Trinkgeld annimmt! Jagdgehilfen halten die Hand hin, so Jagdgäste
-Weidmannsheil gehabt haben! Niemals aber die Beamten!“
-
-„Na, na! Mit dem ‚fürstlichen‘ Einkommen von tausendachthundert
-Silberlingen brauchst die Nase nicht gar so hoch zu tragen! Eine
-Aufbesserung, egal von welcher Seite sie kommt, wäre hocherwünscht als
-Zuschuß zu dem viel zu knappen Wirtschaftsgeld!“
-
-„Ah, so lauft der Has! Tut mir leid, aber das Haushaltsgeld kann ich
-beim besten Willen nicht erhöhen! Mußt schon schauen und trachten, daß
-du damit auskommst! So, müd, krachmüd bin ich, freu mich auf das Bett!
-Gehst auch schlafen?“
-
-„Ich werd noch ein bisserl lesen! Gute Nacht, Beni!“
-
-„Gute Nacht, Weiberl!“ Benjamin trat zur Gattin und gab ihr den
-Gutenachtkuß, den Amanda kaum erwiderte. „Nix für ungut, wenn ich schon
-schlafe, wenn du kommst!“
-
-„Orgle nur zu! Gute Nacht!“
-
-Horchend blieb Amanda am Tische sitzen. Sie holte geräuschlos das sie
-so mächtig interessierende Zeitungsblatt aus der Kommode hervor, als
-kräftige Gutturaltöne die Gewißheit gaben, daß der Gatte schlief.
-Wieder las die Frau den kurzen Artikel, dessen Inhalt ihre ganze
-Denkkraft, ihr Sinnen und Streben in Anspruch nahm, ihre Zukunft
-gründlich umgestalten wird und muß.
-
-Wie Amandas schöne Augen aufleuchteten bei dem Gedanken, die in dem
-Artikel angedeutete Reform durchzuführen! Zunächst in ihrer Ehe! Dann
-aber soll dafür gesorgt werden, daß die Wohltat der Reform auch anderen
-Hausfrauen zuteil werde! Nötigenfalls wird die Neuerung im ehelichen
-Haushalt erkämpft werden... Amanda wird einen Frauenbund gründen.
-Der früheren Lehrerin, ihrer Intelligenz und Geistesschulung gebührt
-selbstverständlich der Vorsitz. Eine große Mission harrt ihrer, und ihr
-Leben wird einen neuen Inhalt erhalten und lebenswert werden.
-
-Die Gedanken der einsamen Frau sprangen um zwei Jahre zurück und
-beschäftigten sich mit der Frage, warum Amanda ihren Beruf aufgegeben
-hatte und die Ehe mit Benjamin Gnugesser eingegangen war. Eine Ehe, die
-nicht befriedigte. Freilich hatte sie der Beruf auch nicht befriedigt.
-Nur einen einzigen Vorteil hatte die Stellung in den Augen Amandas:
-die feste Besoldung. Die Arbeit in der Schule wurde gelohnt. Um der
-Selbständigkeit und des Gehaltes willen war Amanda Lehrerin geworden.
-Nicht aus Freude und Liebe zu diesem Berufe. Ihr Brot mußte sie sich
-verdienen, die mittellose Tochter eines inzwischen verstorbenen
-Subalternbeamten wollte nach Möglichkeit unabhängig sein, finanziell
-gesichert in der Welt stehen, an jedem Monatsersten Bargeld in die Hand
-bekommen. Dieses Ziel war erreicht worden. Aber eine gute Lehrerin war
-Amanda nicht; diese Tatsache erkannte sie selbst wie auch die Ursache:
-den Mangel an Berufsliebe. Aus diesem Mangel mußte eine Abneigung gegen
-diesen Beruf erwachsen, die sich in dem Maße steigerte, als sich die
-Widerwärtigkeiten in Schule und dörflichem Leben vermehrten. Die Schule
-und der Lehrberuf verlangen Begeisterung und liebevolle Hingebung,
-so Ersprießliches geleistet werden soll. Fräulein Amanda hatte die
-Schule aber lediglich als Versorgungsanstalt betrachtet. Konflikte,
-Reibereien, Rügen konnten nicht ausbleiben, verleideten die Stellung.
-Prüfungen der Kinder ergaben Mißerfolge, die der Lehrerin angekreidet
-wurden und zu Strafversetzungen führten. Sogar von Entlassung aus dem
-Schuldienst war gesprochen worden. Und diese Drohung hatte Amanda
-auf den Gedanken gebracht, die Versorgung im Ehestande zu suchen und
-anzustreben. Benjamin war im gleichen Orte angestellt und gleich
-der Lehrerin aß er im Gasthause; sie trafen sich täglich und wurden
-Freunde. Und als Beni zum Forstwart ernannt worden war, warb er um
-Amandas Hand, denn Beni war in Amanda ehrlich verliebt und blind gegen
-den Mangel jeglicher Körperreize. Der Lehrerin hingegen war es nur um
-eine anderweitige Versorgung zu tun. Liebe empfand sie nicht, weder zum
-Gatten noch zum Hauswesen. Von der Führung eines Haushaltes konnte die
-Ex-Lehrerin keine Ahnung haben. Er war auch danach. Es ging zur Not,
-denn einiges lernte Frau Amanda ja doch, freilich unter Geldopfern für
-verpfuschte Speisen. Und es wird mit „Ach und Krach“ weitergehen dank
-der Herzensgüte Benis. Der Verstand sagte Amanda, daß sie nie eine
-richtige und tüchtige Hausfrau werden könne.
-
-Amanda begann zu später Stunde zu rechnen, nachdem sie den ihr Inneres
-aufwühlenden Zeitungsartikel abermals gelesen hatte. Achtzehnhundert
-Kronen festes Einkommen bezieht der Gatte. Würde ein Drittel abgezogen
-als Entlohnung für die Arbeit der Hausfrau, so würde Beni kaum imstande
-sein, mit der verbleibenden Summe alle Bedürfnisse des Lebens und
-Haushalts zu bestreiten. Demnach muß eine Gehaltserhöhung angestrebt
-werden.
-
-Frau Amanda horchte plötzlich auf, beruhigte sich aber sofort, als sie
-die Stimme des heimgekehrten Oberförsters erkannte. Hartlieb schloß die
-Haustür auf und ließ dem Grafen Thurn den Vortritt.
-
-Schnell nahm Amanda die Lampe vom Tisch, trat in den Flur, um den
-Herren die Treppe zu erleuchten.
-
-Graf Thurn dankte freundlichst für diese liebenswürdige Aufmerksamkeit
-und fügte bei, daß die Fürstin übermorgen nachmittag ankommen
-werde. „Frau Forstwart haben wohl die Güte, für die Schmückung des
-Forsthauses zu sorgen, ja? Und dankbar werde ich sein, wenn Sie mir
-behilflich sein wollten, die Front des Jagdschlössels zu zieren! Das
-Personal kommt nämlich erst übermorgen früh hierher, also zu spät für
-die Ausschmückung!“
-
-„Mit größtem Vergnügen, Herr Graf!“
-
-„Schön! Verbindlichsten Dank! Nun aber gute Nacht, Frau Forstwart!“
-
-Amanda begleitete mit der Lampe die Herren bis in das obere Stockwerk.
-Dann kehrte sie in ihre Wohnung zurück und begab sich zur Ruhe. Fand
-aber lange nicht den Schlaf, da sich schwere Gedanken an Reform,
-Gehaltsaufbesserung, auch an die Zukunft unter der neuen Herrschaft
-durch ihren Kopf wälzten. Eine große Rolle spielte auch die Fürstin
-Sophie von Schwarzenstein, die neue Gebieterin des Haller Jagdgutes...
-
-
-
-
-Drittes Kapitel
-
-
-Vom Sonnengolde verklärt, sah das winzige Dörfchen Hall mit seinem
-netten Pfarrhause und dem hübschen, auf einem grünen Hügel thronenden
-Kirchlein wie ein Kinderspielzeug aus. Verstreut im Tal standen
-die Häuschen, meist unter Obstbäumen versteckt, die Siedlungen von
-Bauern und Arbeitern; ehemals vor acht Jahrhunderten bildete das
-Dorf die Stätten von Sudleuten, da das Benediktinerstift hier eine
-vielumstrittene Salzpfanne besaß. Im Norden dieses Alpendörfleins
-türmen sich die grauen Kalkkolosse der „Haller Mauern“ auf, deren
-Mittelgebirge bewaldet ist.
-
-Im Wohngemach, zugleich Speisezimmer des schlichten, sauberen
-Pfarrhauses, saß Oberförster Hartlieb als Gast bei seinem Freunde
-Pater Wilfrid Ritter von Springenfels, der die Funktion des Pfarrers
-ausübte, zugleich aber Konventual des Admonter Benediktinerklosters
-und Gastmeister dieses Stiftes war. Wohnhaft im Stifte, kommt Pater
-Wilfrid zweimal in der Woche nach Hall, nimmt im Pfarrhause, das
-Eigentum des Stiftes ist, kurzen Aufenthalt, um sich als Seelsorger
-der Gemeinde zu widmen. Wird der Pfarrer weiterhin benötigt, so muß
-er im Stifte verständigt werden. Mit der Pünktlichkeit der Könige
-pflegte Pater Wilfrid an den bestimmten Tagen zur üblichen Stunde nach
-Hall zu kommen. Und wie ein Vater stand er jedem der Dorfbewohner
-mit Rat und Tat zur Verfügung. Ein großer hagerer Aristokrat im
-schwarzen Benediktinerhabit, dem obersteierischen sogenannten
-Eisenadel entsprossen, adeligen Hochofen- und Hammerwerksbesitzern,
-reichen Leuten zur Blütezeit der Eisenindustrie. Aus vermögender
-Familie stammend, hätte es der junge Ritter von Springenfels nicht
-nötig gehabt, eine Versorgung anzustreben; er erwählte freiwillig
-den Priesterberuf aus Begeisterung und trat in den Admonter
-Benediktinerorden ein, um in der heißgeliebten obersteierischen Heimat
-lebenslang bleiben zu können. Diese Heimatsliebe schloß indes große
-Reisen zur Urlaubszeit behufs Ausbildung und Weitung des Blickes
-nicht aus; wie denn auch Pater Wilfrid stetig bemüht war, die Studien
-aus mannigfachen Gebieten unter Ausnützung der kostbare Schätze
-bergenden Stiftsbibliothek fortzusetzen. Die adelige Abstammung führte
-dazu, daß in jenen Fällen, da von fürstlichen Gutsbesitzern in der
-Umgebung von Admont ein priesterlicher Stiftsherr zum Messelesen
-in Schloßkapellen erbeten wurde, stets Pater Wilfrid Ritter von
-Springenfels delegiert ward. Diese Tätigkeit trug dem Benediktiner von
-den Mitbrüdern den Scherznamen „Hofkaplan“ ein, wobei Pater Wilfrid um
-die Tafeleinladungen beneidet wurde. Intelligenz, Bildung und Noblesse
-kündeten Kopf und Augen dieses Benediktiners. Ein Priester wie eigens
-geschaffen für den Verkehr mit dem Hochadel, mit Fürsten und Königen;
-aber sein Umgang mit den Haller Dörflern bewies immer wieder, daß Pater
-Wilfrid auch ein vortrefflicher Bauernpfarrer, der opferwillige Freund
-der Armen und Ärmsten war. Durch den Verkehr mit dem feinen Pfarrer
-von Hall nahmen selbst rauhbeinige Burschen einen gewissen Schliff
-an. Und immer gedrückt voll war die Kirche an Sonn- und Feiertagen,
-da die Dörfler eine gehaltvolle Predigt ihres Pfarrers zu erwarten
-hatten. Kein Donnerwetter im Dialekt von der Kanzel; formvollendete,
-dem Auffassungsvermögen der Zuhörer angepaßte Vorträge, liebevolle
-Ermahnungen zu Eintracht und gottgefälligem, christlichem Leben gab
-Pater Wilfrid. Mußte der Haller Pfarrer, durch dörfliche Ereignisse
-oder Verfehlungen der Pfarrangehörigen gezwungen, scharf vorgehen, so
-blieben Rüge und Tadel stets vornehm in Form und Ton, die Kanzelrede
-vermied jede Nennung von Namen. Diese vornehme Objektivität und
-Schonung weckte das Ehrgefühl und erzeugte Dankempfindungen derer, die
-recht gut wußten, daß sie die Rüge anging.
-
-Stolz waren die Haller auf ihren Pfarrer im Benediktinerhabit.
-Und neben diesem Stolz saß die Sorge, daß Hall den verehrten und
-allbeliebten Pater Wilfrid verlieren könnte.
-
-„Also, womit kann ich Ihnen, Herr Oberförster, dienen?“ fragte Pater
-Wilfrid zum zweiten Male, da Hartlieb mit seinem Anliegen nicht
-herausrücken wollte. „Über die bevorstehende Ankunft der Fürstin bin
-ich vom Hausmarschall bereits verständigt!“
-
-„Eben diese Ankunft macht mir Sorge! Ich bin bekanntlich alles, nur
-kein Hofmann! Vor dem Hofdienst graut mir, ich sehe sehr schwarz in die
-Zukunft! Eine Bitte hätte ich, sie hängt mit der Ankunft der Fürstin
-zusammen; eine Ansprache soll gehalten werden, aber ich bin kein
-Redner, würde jämmerlich verunglücken! Also bitte ich herzlich, daß Sie
-mir diese drückende Last abnehmen!“
-
-„Gerne werde ich Ihnen, dem Freunde, dienen! Aber der Benediktiner kann
-doch nicht im Namen der Jägerei und des Forstpersonals die Fürstin
-begrüßen!“
-
-„Der Pfarrer ist Amtsperson, hält eine offizielle Ansprache im Namen
-der Pfarrgemeinde! Ich hänge dann ein kräftig ‚Weidmannsheil‘ daran,
-die Jägerei wird schon donnernd einstimmen!“
-
-„Das ist ein Ausweg! Gut, machen wir es nach Ihrem Vorschlag! Was nun
-Ihre Befürchtungen wegen des sogenannten Hofdienstes betrifft, möchte
-ich aufmerksam machen, daß Fürstlichkeiten von Forst- und Jagdbeamten
-den Hofton und das Katzbuckeln weder erwarten noch wünschen! Unangenehm
-sind zuweilen die Hofschranzen, liebedienerische und eingebildete
-Gschaftelhuber, hochnäsige Leute, die den Beamten Dienst und Leben bei
-Hofe sauer machen! Da indes Graf Thurn ein sehr liebenswürdiger und
-einsichtsvoller Herr und frei von jeglicher Kompetenzeifersucht ist,
-haben Sie, lieber Freund, so gut wie gar keinen Grund zu Befürchtungen!“
-
-„Hm! Aber das Gefolge!“ meinte Hartlieb unsicheren Tones.
-
-„Na, eine Hofdame kann doch den Jagdleiter nicht genieren und wird
-wohl nie Ihren Weg kreuzen! Und was sonst noch um die Fürstin wimmelt,
-Zofen, Kammerdiener usw., das sind Angestellte, die der Chef des
-Wald- und Jagdamtes gar nicht zu sehen braucht und am besten völlig
-ignoriert! Also Kopf hoch, lieber Freund Oberförster, schneidig in
-die Welt gucken, wie es der grünen Gilde ziemt! Sie erfüllen nach wie
-vor Ihre Dienstpflicht mit aller Berufstreue und gehen Ihren Weg ohne
-Seitenblicke! Um die Hofleute kümmern Sie sich keinen Pfifferling!
-_Probatum est!_“
-
-Hartlieb dankte für den freundlichen Zuspruch. Doch der sorgenvolle
-Ausdruck in seinem Antlitz wollte sich nicht aufhellen.
-
-Pater Wilfrid verstand sich darauf, in den Mienen zu lesen; der tiefe
-Ernst Hartliebs veranlaßte den Pfarrer, zu fragen, was denn noch das
-Weidmannsherz bedrücke.
-
-Der Oberförster stieß die Worte hervor: „Der frühere Jagdherr war ein
-weidgerechter Mann...!“
-
-„Ahem! Und die neue Besitzerin ist eine Frau! Da liegt wohl der Hase im
-Pfeffer? Und da kann nur eines empfohlen werden: Pflicht erfüllen und
-abwarten, wie sich die Dinge gestalten werden!“
-
-„Gewiß! Fatal bleibt es immer, wenn eine Frau die Zügel führt! Ich als
-Jagdbeamter muß der Wahrheit entsprechend sagen, daß eine Gebieterin,
-die sich wie ein richtiger Jagdherr um alles die Jagd Betreffende
-eingehend kümmert, geradezu zu fürchten ist!“
-
-„Wieso?“
-
-„Weil sicher die Grundsätze und Anordnungen im Jagdbetriebe von einem
-Tag zum andern wechseln werden, je nach den mannigfachen Einflüssen,
-die auf das weibliche Gemüt physisch oder seelisch zu jeglicher Stunde
-wirken durch schlimme Berater, Günstlinge, Schmeichler und womöglich
-auch durch Freundinnen! Dem ehrlichen, geraden Jagdleiter wird es
-unendlich schwer werden müssen, auf seinem Posten auszuharren, ohne
-seiner Überzeugung übergroße Opfer zu bringen! Ich habe viel über
-die Situation nachgedacht, konnte aber selbstverständlich darüber
-mit meinem Personal aus triftigen Gründen nicht sprechen! Ihnen, dem
-Freunde, muß ich gestehen: wir bekommen eine wetterwendische Wirtschaft
-in das Jagdgebiet, heillose Zustände, denen selbst Sankt Hubertus
-machtlos gegenüberstehen wird! So gerne ich in diesen Revieren diene,
-die schönen Haller Berge liebe, es wird doch besser sein, wenn Ausschau
-nach einem anderen Posten gehalten wird! Mir schwant hier Unheil!“
-
-„Freund Hartlieb, Sie sehen hier vielleicht doch zu schwarz! Ich als
-Priester kann nicht mitreden, der Benediktiner versteht vom Jagdwesen
-nichts! Daß Frauenherrschaft je nach Laune dem Wechsel unterworfen
-ist, kann freilich nicht bestritten werden! Aber es ist doch nicht
-anzunehmen, daß Launenhaftigkeit sich in einem Jagdbetrieb breitmachen
-werde! Ich kann mir dergleichen nicht vorstellen!“
-
-„Frauensinn ist unberechenbar! Auch einer Fürstin kann ein schmucker
-Jagdgehilfe gefallen, Frauengunst kann einen Liebling zum tatsächlichen
-Jagddirigenten machen... Der verantwortliche Jagdleiter aber wird
-entweder fliegen oder zum willenlosen Werkzeug und Spielball
-herabsinken! Einem solchen Schicksal möchte ich rechtzeitig ausweichen!“
-
-„Das sind düstere Gedanken zu Beginn einer neuen Ära! Ihre
-Befürchtungen erschweren die Ausarbeitung einer Begrüßungsansprache!
-Als Optimist hoffe ich aber dennoch, daß sich die Verhältnisse besser
-gestalten werden, als wir zur Stunde glauben! Und darauf wollen wir ein
-Gläschen Stiftswein leeren, ja?“
-
-Die Pfortenglocke gellte durch das stille Pfarrhaus. Und kurz darauf
-meldete die weißhaarige, verhutzelte Dienerin Frau Erna, daß die
-Loidlbäuerin im Sterben liege...
-
-„Schnell den Mesner verständigen! In zehn Minuten werde ich zum
-Provisurgang bereit sein!“
-
-Die Dienerin verschwand.
-
-Zum Oberförster gewandt, sprach Pater Wilfrid: „Verzeihen Sie! Mich
-ruft der heilige Dienst! Sterbende darf man nicht warten lassen!“
-
-Hartlieb dankte herzlich für die Gewährung einer vertraulichen
-Aussprache und verabschiedete sich. Auf dem Wege zum Gasthause, wo
-der Oberförster zu speisen pflegte, traf er den Grafen Thurn, der
-das gleiche Ziel hatte und zu Mittag essen wollte. Sehr befriedigt
-sprach sich der Hofchef über die Frau Forstwart aus, die für eine
-hübsche Außendekoration des Jagdschlössels gesorgt und dabei viel
-künstlerischen Geschmack entwickelt habe. Durchlaucht werde gewiß
-entzückt sein.
-
-Bei Tisch in dem bescheidenen Gasthause des Dörfleins richtete Graf
-Thurn an den wortkargen Oberförster die Frage, ob der Jagdfachmann es
-für möglich halte, daß die Jagdausübung in den wirklich herrlichen
-Haller Revieren einen apathischen, blasierten jungen Mann psychisch zum
-Vorteil verändern, aufrütteln, die Weidmannslust erwecken könnte.
-
-In seiner ernsten Weise äußerte sich Hartlieb dahin, daß vielleicht
-Treibjagden auf Gams, wenn diese Jagdart noch unbekannt sei, ein
-gewisses Interesse bei dem Betreffenden wachrufen könne. Fehle das
-Jägerblut, so wird ein blasierter junger Mann nie ein weidgerechter
-Jäger werden. Bei Treibjagden stehe indes zu befürchten, daß im jungen
-Manne nicht die echte Jagdfreude, sondern die Schießwut erweckt werde.
-Ein „Schießer“ sei nun und nimmer ein wünschenswerter Gast in gehegten
-Revieren, eher zu fürchten, nach Möglichkeit hinauszuexpedieren.
-
-„Sie werden wohl recht haben, Herr Oberförster! Aber unbegreiflich
-ist mir, daß sich das Jägerblut nicht immer vererbt! Der Vater des
-schläfrigen, apathischen jungen Mannes war passionierter Weidmann!“
-
-„Von Beruf?“
-
-„Nein! Nur zum Vergnügen!“
-
-„Sportinteressen vererben sich nicht! Wer die Jagd nur als Sport
-betreibt, der ist noch kein echter Jäger! -- Ein interessantes
-Gegenstück zu dem erwähnten jungen blasierten Manne können Sie, Herr
-Graf, im Stifte der Benediktiner zu Admont sehen und gewissermaßen
-bemitleiden wegen der schweren Seelenkämpfe, die der Novize Nonnosus
-durchkämpfen muß, um das echte, in seinen Adern tobende Jägerblut zu
-bezwingen!“
-
-„Wie? Ein Novize und leidenschaftlicher Weidmann?“
-
-„Der Leidenschaft muß der Novize Herr werden! Von Herzen gern hätte
-ich dem jungen Manne Jagdgelegenheit verschafft, konnte es aber nicht,
-da unser früherer Jagdherr unauffindbar verreist war, meine Kompetenz
-nicht ausreichte, um eine Abschußbewilligung zu erteilen! Ich bin
-sehr gespannt, zu vernehmen, ob Nonnosus die Leidenschaft überwinden
-wird! Er ist der Sohn eines Jägers und besitzt echtes Jägerblut! Dem
-Nonnosus dürfte das Ziel des höheren Jagddienstes vorgeschwebt haben,
-die Armut vereitelte es; der Noblesse des Abtes war es zu danken, daß
-der Jaagersbub auf Klosterkosten studieren durfte. Diese Wohltat will
-der Student durch Eintritt in den Benediktinerorden vergelten; die
-Dankbarkeit verhinderte ein ‚Ausspringen‘! Bis zur feierlichen Profeß
-muß der Novize sich bemühen, die Jagdleidenschaft zu überwinden! Leicht
-wird das nicht sein, zumal der arme Kerl kränkelt!“
-
-„Ich werde mir den interessanten Mann ansehen! Glaube auch, daß sich
-die Fürstin dafür speziell interessieren wird!“
-
- *
-
-Die Begrüßungsfeierlichkeit am festlich geschmückten Forsthause war
-beendet, die Fürstin und das Gefolge zum Jagdschlößl gefahren, das
-drei Kilometer tiefer im einsamen waldreichen Halltale stand. Die
-Jagdgehilfen hatten sich entfernt, um noch Dienst in den Revieren zu
-tun; Forstwart Gnugesser hockte verstimmt in seiner Wohnung.
-
-Froh dessen, daß die Feierlichkeit gut verlaufen war und die neue
-Gebieterin in Erwiderung auf die Ansprache des Pfarrers und auf
-das „Weidmannsheil“ der Jägerei erklärt hatte, daß die Jagdherrin
-einen richtigen Jagdbetrieb wünsche und mit allen im Frieden leben
-möchte, lud der Oberförster den „Festredner“ Pater Wilfrid ein, in
-der Jagdamtskanzlei einer Flasche den Hals zu brechen, ein Rauchopfer
-darzubringen und die Zeit mit Geplauder bis zum Dinerbeginn auszufüllen.
-
-Pater Wilfrid willigte unter der Bedingung ein, daß er eine Stunde
-auf den Besuch des Priesters bei der kranken Siebenbrunner Bäuerin
-verwenden dürfe.
-
-Während Pater Wilfrid die Treppe hinanstieg, bat Hartlieb Frau Amanda
-um Besorgung von Gläsern, Brot und etwas Schinken. Der Oberförster
-holte den Wein aus dem Keller.
-
-Sichtlich verdrossen servierte Frau Amanda den Herren in der Kanzlei.
-Das ihr von Hartlieb angebotene Glas Wein lehnte sie ab mit dem
-Hinweise, daß sie erstens Abstinenzlerin und zweitens nicht in der
-Stimmung sei, ein Fest zu feiern, nachdem die Fürstin den Forstwart
-ignoriert und ihn nicht zum Diner eingeladen habe.
-
-Begütigend griff Pater Wilfrid ein: „Liebe Frau Forstwart! Nur nicht
-brummen, wird schon kummen! Das Speisezimmer in dem Schlößl ist ein
-beschränkter Raum, es können nicht viele Gäste zu Tische sein! Der
-Herr Forstwart wird sicher ein andermal zur Tafel befohlen werden!
-Wenn ich Ihnen einen Rat erteilen darf, lautet er wohlmeinend und
-freundlich dahin: den Ärger unterdrücken, ein freundliches Gesicht
-auch dann zeigen, wenn der Mensch Essig und Galle auf der Zunge hat!
-Fürstlichkeiten muß man jeden Verdruß ersparen! Jedenfalls wird die
-Fürstin die Frau Forstwart gelegentlich besuchen; es wäre unklug, wenn
-Frau Gnugesser solchen auszeichnenden und vielleicht auch wichtigen und
-bedeutungsvollen Besuch unmöglich machen würde! Übrigens irren Sie,
-liebe Frau Forstwart, wenn Sie glauben, daß ein sogenanntes Festdiner
-ein Vergnügen ist! Genau genommen ist es eine Dienstessache, steife
-Etikette, es heißt schrecklich aufpassen und schweigen; antworten darf
-man nur, wenn man gefragt wurde; das Essen ist Nebensache, es wird mit
-wahnsinniger Eile serviert, weil die Hoheiten wie die Dienerschaft die
-Gäste möglichst schnell verschwinden zu sehen wünschen!“ Pater Wilfrid
-beschattete mit der rechten Hand seine lachenden Augen.
-
-„Also nix für uns!“ rief Frau Amanda, die jedes Wort des hofkundigen
-Geistlichen glaubte, und zog sich zurück.
-
-Aber auch Hartlieb in seiner Furcht vor dem Hofdienst hielt die
-Äußerung des Pfarrers für ernst gemeint und sprach davon, daß er die
-Einladung fürchte.
-
-Nun schmunzelte Pater Wilfrid und witzelte: „Auch du, Brutus? Man
-sollte es nicht für möglich halten, daß handgreiflicher Scherz
-für blutigen Ernst genommen werde!“ Und nun gestand der joviale
-Benediktiner, daß er die Schilderung des Hofdiners absichtlich
-übertrieben habe, um der verärgerten Forstwartsfrau den Stachel aus der
-Seele zu nehmen. Das Frauenzimmer solle nur glauben, daß die Teilnahme
-an einer Festtafel für die Eingeladenen eine Qual sei; die Frau
-Gnugesser werde sich dann nach einer solchen Einladung nicht sehnen.
-„Das war der Zweck meiner Äußerung! Nun und nimmer hätte ich geglaubt,
-daß mein Freund Hartlieb darauf reinfallen könnte! Also nur keine Angst
-vor dem Festdiner! Eines wird aber gut sein: vorher essen, egal was,
-damit der Eingeladene nicht hungrig zur Festtafel komme! Also: Prost!
-Und ein Happen Schinken ist nicht ohne! Rauchen ist erlaubt, nur muß
-man vor Dinerbeginn den Mund ausspülen oder Pfefferminz nehmen, damit
-namentlich empfindliche Damen und ihre Geruchsorgane nicht beleidigt
-werden!“
-
-Hartlieb taute etwas auf, lächelte und drohte mit dem Zeigefinger:
-„Pater Wilfrid von Springenfels, gerissener Diplomat, ein mit allen
-Salben geschmierter Höfling! Im Nebenamte Pfarrer! Wo bleibt die
-Wahrheitsliebe?“
-
-Pater Wilfrid streckte die Finger, daß sie knackten, und meinte
-lachend: „Na ja, es ist ein alter Schnee, daß ein Hofmann nicht
-immer mit der absoluten Wahrheit durch das Leben gehen kann! Es gibt
-zahlreiche Situationen, die Notlügen geradezu erzwingen! Für den Fall,
-daß eine harmlose Notlüge Gutes beabsichtigt und erreicht, wird die
-Sünde nicht besonders groß oder schwer und gewissermaßen berechtigt
-sein! In solcher Erwägung habe ich als Hofmann die Frau Gnugesser
-‚angeblümelt‘! Hoffentlich wird der Zweck erreicht! So, nun aber möchte
-ich als Pfarrer die kranke Bäuerin besuchen! Wir treffen uns zehn
-Minuten vor sieben Uhr vor dem Jagdschlößl! Auf Wiedersehen!“
-
-Hartlieb begleitete den geistlichen Freund zur Treppe, und zur
-Verabschiedung fragte der Förster noch schnell, in welchem Anzug man
-zur Festtafel zu erscheinen habe.
-
-„Dienstuniform besserer Art oder Steierertracht! Wird in der
-Bergeinsamkeit nicht so genau genommen von den hohen Herrschaften! Ich
-erscheine ja auch, wie Figura zeigt, mit schwarzem Strohhut, nicht
-mit der Angströhre! Couleur freilich schwarz, wegen unverbesserlich
-klerikaler Gesinnung!“ Lachend ging der liebenswürdige Schalk...
-
-In die Kanzlei zurückkehrend, beneidete Hartlieb den Benediktiner um
-seinen Humor und um die Weltgewandtheit...
-
-Graf Thurn, der die Fürstin zum Jagdschlößl geleitet hatte, verließ es
-eben, um sich eiligst zum Forsthause zu begeben und Toilette für das
-Diner zu machen.
-
-Als es Zeit wurde, zum Diner zu gehen, lud Graf Thurn den Oberförster
-zur Begleitung ein. Und unterwegs brachte der Hofchef das Gespräch auf
-Wildschaden und deren Behandlung seitens des Jagdamtes.
-
-Aus den präzisen Äußerungen Hartliebs klang die Versicherung, daß
-ohne Strenge und Ernst nicht durchzukommen sei. Die Ansprüche der
-Bauern gingen nicht nur ins Maßlose, der Wildschaden werde zuweilen
-sogar künstlich auf sogenannten Wildschadenackerln erzeugt, um den
-Jagdbesitzer schamlos schröpfen zu können. Der dümmste Bauer entwickle
-auf diesem Gebiete der Täuschung und Schädigung der Jagdkasse eine
-erstaunliche Raffiniertheit, die zu strengstem Vorgehen zwinge. Wo es
-sich um wirklichen, vom Hochwild hervorgerufenen Schaden handle, sei
-bisher stets nach Recht vergütet worden. Schwindel und Betrug hingegen
-wurde mit rücksichtsloser und unerbittlicher Strenge bekämpft und
-geahndet.
-
-„Nun ja! Der Fachmann muß die Verhältnisse kennen! Ich will mich nicht
-einmischen, diese Angelegenheiten liegen außerhalb meiner Kompetenz!
-Sollte je die Sprache darauf kommen, möchte ich den Jagdleiter im
-voraus dahin informiert haben, daß unsere hohe Gebieterin den Frieden
-wünscht! Durchlaucht wird Ihnen Milde nahelegen!“
-
-„Milde ist in unseren Revieren deplaziert und kostet schwer Geld!
-Und Milde erreicht niemals Zufriedenheit, macht die Querulanten und
-Schwindler nur übermütig und in ihren Forderungen unersättlich!“
-
-„Sagen Sie das nicht der Fürstin! Es klingt zu scharf und hart für
-Damenohren! Würde den Jagdleiter im Lichte der Grausamkeit erscheinen
-lassen! Bedenken Sie, daß unser Jagdherr eine Dame ist!“
-
-Schatten huschten über Hartliebs Gesicht. „Zu Befehl, Herr Graf! Ich
-danke Ihnen für die gütige Information!“
-
-„Nehmen Sie meine gutgemeinten Worte nicht übel! Ich wollte Ihnen
-nützen!“
-
-„Besten Dank, Herr Graf, für Ihr Wohlwollen! Darf ich fragen, ob für
-morgen oder die nächsten Tage Befehle zu Jagden zu gewärtigen sind?
-Wenn ja, müßten noch heute Dispositionen getroffen werden, je nachdem
-die Fürstin pirschen, drücken, riegeln oder treiben lassen will!“
-
-„Bis zur Stunde ist irgendeine Andeutung nicht erfolgt! Vielleicht
-hören wir beim Diner Näheres darüber! Ich möchte übrigens darauf
-aufmerksam machen, daß Änderungen von Absichten, plötzliche Zurücknahme
-von erteilten Befehlen nichts Seltenes sind! Derlei darf und soll den
-Jagdleiter niemals verdrießen; er muß sich stets vor Augen halten, daß
-eine Dame gebietet! Und immer Rücksicht nehmen auf die Fürstin, die ja
-auch Kummer und Sorgen hat!“
-
-In Nähe des Jagdschlößls wartete Pater Wilfrid, der sich den
-angekommenen Herren sogleich anschloß. Graf Thurn führte die Gäste
-hinauf in den Empfangssalon und blieb bei ihnen.
-
-Ein kleiner lichter Raum, mit Zirbenholz getäfelt, an den Wänden
-etliche, nicht üble Jagdgemälde älterer Meister, Rohrstühle mit
-hohen Lehnen um einen ovalen Tisch, dessen Zirbenplatte eine hübsch
-entwickelte Blaufichte trug.
-
-Hartlieb stand auf dem gelben Parkett wie auf glühenden Kohlen,
-unsicher, unbehaglich, in der Stimmung, die sich im steierischen
-Dialekt mit knappen drei Worten ausdrücken läßt: „Außi möcht i!“
-Vieltausendmal lieber im Bergwalde bei schlechtestem Wetter, denn hier
-im Salon, des Erscheinens der Fürstin gewärtig. Derlei Situationen
-gewohnt, plauderten Pater Wilfrid und Graf Thurn gedämpften Tones, und
-der elegante Benediktiner erzählte köstliche Audienzwitze, lustige
-Mißverständnisse, die er geheimnisvoll flüsterte und dazu eine wahre
-Leichenbittermiene machte.
-
-Die Türe wurde geöffnet, Fürstin Sophie von Schwarzenstein trat
-lächelnd und elastisch ein. „‚Grüß Gott‘ dem Priester, ‚Weidmannsheil‘
-unserem Jagdleiter!“ sprach sie frisch und munter und reichte den
-Herren die schmale weiße Hand. Eine Fünfzigerin von schlanker Gestalt,
-noch immer eine schöne Frau, volle Büste, die Anmut der Wienerin.
-Leicht ergraut das Haar, Sorgenfalten um die Augen und Lippen.
-Einfache, dennoch elegante Dinertoilette, grauer Rock, schwarze
-Seidenbluse, am Halse eine Brosche von Gold mit gefaßten Hirschgrandeln.
-
-Pater Wilfrid hauchte einen Kuß auf die Hand der Fürstin. Hartlieb
-begnügte sich mit einem scheuen Händedruck und stand dann
-bolzengerade, stumm, den Blick auf die Türe zum Speisezimmer gerichtet,
-durch die im leisen Katzenschritt die Hofdame kam. Ein einziger Blick
-und Hartliebs Wangen flammten, ein Prickeln in den Händen, ein Hämmern
-in den Schläfen, ein Flimmern und Gleißen vor den Weidmannsaugen. Im Nu
-des ersten Blickes auf diese in duftiges Weiß gekleidete Frauengestalt
-entstand der Gedanke an _Mustela martes_, an den Edelmarder.
-Geschmeidig und biegsam der Körper, scharf der Blick aus den braunen,
-sprühenden Augen, deren dunkle Brauen glänzten genau wie die dunklen
-Langhaare um die braunen Marderseher. Tiefbraun und schimmernd das
-Haupthaar, blaß wie Elfenbein das Gesicht. Und wie beim jungen Mustela
-die Kehle hochgelb leuchtet, trug die Dame ein goldfarbenes Seidenband
-um den Hals; daran hing ein Medaillon. Zwischen den leicht geöffneten
-Lippen schimmerten wahrhaftige Marderzähnchen.
-
-Die eigenartige Schönheit wirkte betäubend auf den stillen, ernsten
-Weidmann.
-
-Fürstin Sophie sprach: „Meine Hofdame, Fräulein von Gussitsch! Die
-vorzustellenden Herren sind Pater Wilfrid, der Pfarrer von Hall und
-Admonter Stiftsherr, und unser Oberförster, Jagdleiter Hartlieb!“
-
-Die Herren verneigten sich.
-
-Der Kammerdiener, ein hoch und breit gebauter, ältlicher Mann in
-verfeinerter Steierertracht, meldete diskreten Tones, daß serviert sei.
-
-Freundlich nickend, befahl die Fürstin: „Gut, Norbert! Weisen Sie
-die Plätze an! Graf Thurn, Ihren Arm, bitte! Und Herr Hartlieb führt
-Fräulein von Gussitsch zu Tische!“
-
-Wieder flammten Hartliebs Wangen, und schier hörbar klopfte das
-Jägerherz da „Mustela“ die Hand in den Arm des Oberförsters legte. Zu
-Tische geleiten konnte er die interessante schöne Dame, aber nicht
-einen einzigen Ton brachte er über die zuckenden Lippen. Und vergebens
-fragte er sich in Gedanken, wo er die Augen bei der Begrüßungsfeier
-gehabt haben mußte, da er die Hofdame gar nicht gesehen hatte.
-Allerdings war beim Empfang sein Interesse ausschließlich auf die neue
-Gebieterin konzentriert gewesen.
-
-„Mustela“ war Hartliebs Tischnachbarin. Sehr angenehm und dennoch
-fatal, prickelnder Nervenkitzel und lähmende, hilflose Verlegenheit des
-an derlei Situationen nicht gewöhnten Waldbeamten: offen die Augen und
-doch blind.
-
-Gut das Diner, diskret und rasch serviert, wenig Wein.
-
-Fürstin Sophie plauderte mit Pater Wilfrid, fragte bunt durcheinander
-wegen der Plätze im Oratorium der Haller Kirche, nach Ortsnamen,
-Kirchenbedürfnissen. Und im Handumdrehen, mit graziösen Scherzesworten
-war Pater Wilfrid zum „Hofkaplan“ ernannt.
-
-Kühl bis ans Herz hinan, legte Pater Wilfrid ein Stück Poularde auf
-seinen Teller.
-
-„Sie sind doch jedenfalls hochbeglückt von dieser Ernennung, wie?“
-
-„Untertänigst aufzuwarten: nicht ganz hochbeglückt, Durchlaucht! Hatte
-die Ernennung mindestens zum Hofburgpfarrer erhofft! Ohne Gehalt eines
-solchen natürlich! Weil ich nämlich ‚Hofkaplan‘ längst bin!“ Dazu
-schmunzelte der Schalk und verdrehte die Augen wie der balzende Urhahn.
-
-„So ein Schwerenöter! Ich habe keine Burg, kann Sie also höchstens zum
-‚Hofpfarrer‘ ernennen, für die Dauer des Haller Aufenthaltes!“
-
-„Untertänigsten Dank!“ Pater Wilfrid ließ den Blick über die
-Tischgeräte in seiner Nähe suchend gleiten.
-
-„Was suchen denn Hochwürden?“ fragte neugierig und belustigt die
-Fürstin.
-
-„Senf, Durchlaucht!“
-
-„Was? Senf zum Geflügel?“
-
-„Zu dienen! Mit Rücksicht auf den Einfluß der Nahrungsmittel auf den
-Charakter...“
-
-„Was Sie sagen! Welchen Einfluß soll denn der Senf haben, speziell auf
-Ihren Charakter?“
-
-„Senf stärkt das Gedächtnis! Ich muß morgen eine Rede schwingen, habe
-nicht viel Zeit zum Memorieren, also nehme ich gedächtnisstärkenden
-Senf zur Poularde!“
-
-Höchlich amüsiert lachte die Fürstin hellauf. Auch Graf Thurn
-schmunzelte vergnügt. Und Fräulein von Gussitsch zeigte die blendend
-weißen Marderzähnchen.
-
-Nur Hartlieb blieb ernst und steif.
-
-„Hat der Herr Hofpfarrer noch mehr von charakterbeeinflussenden
-Nahrungsmitteln auf Lager?“
-
-„Nicht viel, Durchlaucht! Ochsenfleisch gibt Mut und Energie,
-Schweinefleisch führt zu pessimistischen Anschauungen...“
-
-„Nicht übel! Was ist’s mit Kalbfleisch?“
-
-„Böse Eigenschaft, Durchlaucht! Bewirkt Verlust der geistigen
-Widerstandskraft!“
-
-„Huhu! Schrecklich! Und Hammelfleisch?“
-
-„Die Wirkung tritt in Montenegro deutlich zutage!“
-
-„Wieso denn?“
-
-„Alle Bewohner der schwarzen Berge sind der Melancholie verfallen!“
-
-Sophie kicherte: „Gräßlich! Was bevorzugen denn die Admonter
-Stiftsherren?“
-
-„Wir legen Wert auf Grazie und Geist, daher trinken wir Milch und
-essen hauptsächlich Eier!“ Wilfrid blinzelte und senkte mit köstlich
-markierter Demut das Haupt.
-
-Die hohe Frau kämpfte mit einem Lachkrampf. Und Fräulein von Gussitsch
-stopfte den Serviettenzipfel in ihr Mündchen. Hartlieb blickte Wilfrid
-vorwurfsvoll an, dann aber betroffen den Kammerdiener, der ihm den
-Teller wegnahm, obwohl der Oberförster vom Geflügel noch keinen Bissen
-gegessen hatte.
-
-Endlich hatte die Fürstin den Lachkitzel überwunden. Sie wandte sich zu
-Hartlieb und fragte nach dem letzten Abschuß unter Graf Lichtenberg.
-
-Sachlich und trocken gab der Oberförster Aufschluß: zwanzig gute
-Hirsche, dreißig Gamsböcke, vier Geltgeißen.
-
-„Wie ist der Stand an Rehwild?“
-
-„Zur Zeit haben wir etwa hundert Böcke und Geißen! Vom Auerwild sicher
-vierzig Hahnen! Hasen nur wenig!“
-
-„Hegen, Herr Oberförster! Ich will viel Hasen haben! Überhaupt viel
-Wild! Es soll wimmeln in meinen Revieren!“
-
-„Zu Befehl! Das Wimmeln wird aber die Ziffern der Wildschadenvergütung
-bedeutend erhöhen!“
-
-Inzwischen war der Pudding serviert worden, von dem Hartlieb auch
-nichts erwischt hatte.
-
-„Gesegnete Mahlzeit!“ Die Tafel war aufgehoben.
-
-„Kaffee und Zigarren in der Veranda, Norbert!“
-
-Eine Importe hielt Hartlieb in Händen, doch zum Rauchen kam er
-nicht; er mußte eine Menge Fragen der Gebieterin beantworten. Und
-was für Fragen! Eine Gänsehaut lief dem Förster über den Rücken, als
-beispielsweise die Fürstin wissen wollte, ob unter den Jagdgehilfen
-sich auch hübsche Burschen befänden, fesche Steierer, schneidige Kerle.
-Und ob die Jäger verlobt seien?
-
-Nach solchen Fragen fand es Hartlieb begreiflich, daß die insgeheim
-erhoffte Abschußbewilligung, die Zuweisung einer kleinen Jagdparzelle,
-jämmerlich ins Wasser fiel.
-
-Als die Fürstin ihre Zigarette ausdrückte, fragte Hartlieb, ob für
-morgen und die nächsten Tage Pirschen befohlen werden.
-
-Der Bescheid lautete ausweichend. Erst mal eingewöhnen, sicheres Wetter
-abwarten, die Herren können anfragen, Norbert werde Bescheid geben...
-
-Zum Abschied richtete die Fürstin an Pater Wilfrid die Bitte, für
-übermorgen nachmittag den Besuch im Stifte Admont anzusagen und den
-Cicerone zu machen.
-
-Schluß. Die Gäste hatten sich zu empfehlen. In Gnaden huldvoll
-entlassen. Graf Thurn wurde zu einem kleinen Vortrage zurückbehalten.
-
-Stumm wanderten die Freunde Hartlieb und Pater Wilfrid durch die
-Dämmerung auf dem Sträßlein zum Forsthause zurück. Des Försters
-Stimmung verriet das Köpfen von Disteln. Wo Hartlieb am Wegrande
-ragende Disteln sah, schlug er ihnen mit dem Stock die Köpfe ab...
-
-Beim Hause angelangt, mahnte Pater Wilfrid zu Geduld und Ruhe.
-
-„Danke! Der Beginn läßt sich übel an, schlimmer noch, als ich
-befürchtet hatte!“
-
-„Kopf hoch, lieber Freund! Denken Sie stets an das Sprüchlein: Nicht
-alles Ungemach, das droht, wird dir begegnen; es muß ja nicht aus jeder
-Wolke regnen! -- Gute Nacht!“
-
-„Gute Nacht, Hochwürden!“
-
-Pater Wilfrid setzte seinen Weg hinaus zum Dörflein Hall fort. Und er
-wunderte sich, als ihm zu verhältnismäßig später Abendstunde Frau
-Gnugesser mit rotem Kopf in sichtlicher Erregung begegnete, spitz
-grüßte und maliziös lächelte.
-
-Grüßend schritt der Pfarrer weiter. Und in Hall bestieg er den seiner
-harrenden Stiftswagen, um nach Admont zu fahren.
-
-Erst neun Uhr abends war es, doch alles Leben im Jagdschlößl
-schien bereits erloschen, klösterliche Stille, da die Fürstin sich
-zurückgezogen hatte.
-
-In einem nordseitig gelegenen Stübchen mit Blick auf den zum Greifen
-nahen Tannenwald saß Martina von Gussitsch, jetzt im bequemen
-Hauskleide, am kleinen Tische bei Lampenschein und kritzelte etliche
-Notizen, die nicht vergessen werden durften und sich zu einer Art
-Tagebuch gestalteten. So schrieb Martina: „Zweimal täglich im
-Admonter Postamt nach eingelaufenen Briefen für die Fürstin fragen
-lassen; das Postfräulein bitten, daß eventuell mit Abendzügen
-eingetroffene Briefe mit Eilbote herausgeschickt werden! -- Seltsam
-ist die Zappeligkeit der Fürstin, diese Ungeduld wegen anscheinend
-mit außerordentlicher Sehnsucht erwarteten Briefe vom Filius. --
-Einstweilen geheimnisvolle Verhältnisse! Möchte wissen, was dem
-Filius, Muttersöhnchen vermutlich, eigentlich fehlt; kann aber
-die Kammerfrau Hildegard unmöglich fragen. Nette Leute diese zwei
-Diener mit so drolligen Steierernamen: Norbert Saurugger, Hildegard
-Schoiswohl! Prachtvoll! Aber Leute, die vollstes Vertrauen genießen,
-sich auffallend viel aus dem -- Wurschtkessel nehmen dürfen, ohne
-daß Durchlaucht es verübelt. -- Mitwisser? -- Schade, daß Prinz Emil
-mit seinem Adjutanten Baron Wolffsegg schon nach Dresden abgereist
-war, als die neue ‚Hofdame‘ den Dienst antrat. Seit neun Tagen
-‚Hofdienst‘! Wenn ein kleinadeliges Mädel kein Geld hat, nur ein
-bisserl Protektion, macht man sie zur _Lady at court_, auch _Maid of
-honour_ oder gar _Lady of the bedchamber_ genannt! ‚Bettzimmerfräulein‘
-auf Deutsch. -- Was ich wohl in dieser ‚Hofstellung‘ erleben werde?
-Rosige Hoffnungen habe ich nicht! Und vor dem ‚Dienst‘ als Begleiterin
-der Fürstin auf Bergtouren und gar auf Jagden graut mir jetzt schon!
-Unsereins darf sich doch nicht echauffieren, nie derangiert aussehen,
-soll immer propre sein... Wie das erreichen, wenn gekraxelt werden
-muß?! Überhaupt will es mir unsinnig erscheinen, daß Damen jaagern!
-Ob wirkliche Jagdpassion die Fürstin erfüllt? Oder handelt es sich
-nur um eine Laune? Oder wurde dieses Jagdgut für den Filius gekauft?
-Warum ist Prinz Emil aber dann nicht hier, warum kutschiert er im
-Lande herum? Sonderbar, höchst sonderbar! Es muß irgend etwas dahinter
-stecken. -- Vielleicht kann man vom Grafen Thurn etwas erfahren? --
-Was wohl der Oberförster für ’ne Seele ist? Schmucker Mann, echter
-Jägertyp, Waldmensch, aus Eiche geschnitzt oder aus Granit gemeißelt.
-Einstweilen unbeholfen, rührend naiv, ein großes Kind. Doch nicht, der
-tiefe Ernst, die Strenge widersprechen solcher Auffassung. Vielleicht
-fürchtet er die neue Herrschaft? Jagdherr eine -- Frau! Komisch muß
-das für den Jagdoberbeamten sein, wenn nicht unangenehm von wegen
-der Rücksichtnahme. -- Großer Gott, das Jagdkleid! Was nur soll ich
-anziehen? Besitze ja nur ein Lodenkostüm! Werde nun doch gezwungen
-sein, in dieser Kleiderfrage die Frau Schoiswohl zu fragen; denn die
-_Maid of honour_ muß doch genau so gekleidet sein wie die Gebieterin
-auf der Jagd!... Werde mich nie, nie mit der Jagd befreunden können!
-Niemals!“
-
-
-
-
-Viertes Kapitel
-
-
-Mit unsicherem trüben Wetter, doch ohne Regen, begann der erste Tag des
-„Hofdienstes“ in der Bergeinsamkeit für Fräulein von Gussitsch. Wohlige
-Stille, göttliche Ruhe. Erquickend die würzige Waldluft. Des unsicheren
-Wetters glaubte Martina sich freuen zu sollen, denn ein Jagdgang
-dürfte unter diesen Umständen nicht befohlen werden. Wahrscheinlich
-nach dem mittäglichen Lunch ein mehrstündiges Vorlesen oder sonstiges
-Unterhaltungsmachen. Darauf war Martina gefaßt.
-
-Gegen zehn Uhr überbrachte die rundliche hübsche Frau Hildegard
-Schoiswohl die Mitteilung, daß Durchlaucht soeben den Forstwart holen
-ließ und die Begleitung der Hofdame wünschen.
-
-„Wird denn gejagt?“ fragte überrascht Martina.
-
-Die Kammerfrau erklärte: „Anscheinend nicht, denn Durchlaucht tragen
-Straßentoilette! Baronesse wollen in einer halben Stunde bereit sein!“
-
-Notgedrungen mußte Fräulein von Gussitsch nun doch die Frage wegen
-der Jagdkleidung mit der Kammerfrau besprechen und Hildegards Hilfe
-erbitten.
-
-Der Triumph leuchtete aus den Augen der hochbefriedigten Kammerfrau,
-nun doch von der Hofdame um Rat und Hilfe gebeten zu werden. Frau
-Schoiswohl fühlte sich, und ziemlich selbstbewußt erklärte sie, daß
-die Angelegenheit rasch erledigt sein werde, wenn die Baronesse einen
-Lodenrock fußfrei kürzen und den dazugehörenden _Pantalon fort large_
-anfertigen lasse. „Das in kürzester Zeit zu machen, bin ich gern
-bereit! Ich bitte nur um den nötigen Stoff!“
-
-„Sie sind sehr freundlich! Aber Stoff zu einem Jagdkostüm führe ich
-nicht mit! An die Beschaffung hätte ich in Wien denken sollen! Was
-machen wir nun? So eine Verlegenheit!“
-
-Im Tone der Bemutterung sprach die Kammerfrau: „So wie ich
-Durchlaucht kenne, wird es mit der Jagdausübung keine Eile haben, das
-Hauptinteresse ist auf den Posteinlauf konzentriert! Sollte wider
-Erwarten eine Jagd befohlen werden, so gibt es schon Mittel und Wege
-zur Verhinderung! Baronesse lassen inzwischen von Wien oder Graz
-Lodenstoff kommen, und ich werde dann schneidern! Wenn Sie wünschen,
-schreibe ich und beauftrage eine Verwandte mit der raschen Besorgung!“
-
-„Ja, bitte, besorgen Sie alles Nötige, selbstverständlich komme ich für
-alle Kosten auf!“
-
-„Wird gemacht!“ Es klang etwas arrogant, als die Kammerfrau noch darauf
-aufmerksam machte, daß die Baronesse zur Begleitung keine helle Bluse
-tragen dürfe.
-
-„Frau Schoiswohl! Ich muß bitten...“
-
-„Verzeihung, Baronesse! Es ist nicht Anmaßung, nur gut gemeint, wenn
-ich rate, dunkle Kleider zu tragen; Durchlaucht werden einen Reviergang
-machen! Helle Kleider würden das Wild beunruhigen! Durchlaucht kleiden
-sich stets dunkel auf derlei Waldwanderungen, demnach...“
-
-„Ich verstehe! Danke!“
-
-Devot und doch arrogant grüßend, entfernte sich die Kammerfrau, die
-sich freute, die junge Hofdame in Verlegenheit und Abhängigkeit
-gebracht zu haben. Und etliche Silberlinge werden bei der
-Stoffbesorgung zu verdienen sein.
-
-Ärgerlich grub Martina ihre Marderzähnchen in die Unterlippe, während
-sie die Bluse wechselte und sich zum Ausgang rüstete.
-
-Es kam aber gar nicht zu dem Waldbummel. Da die Forstbeamten nicht
-zu Hause waren, änderte Fürstin Sophie ihre Absicht und befahl eine
-Spazierfahrt nach Hall und Weng zur Besichtigung dieser Dörfer
-und ihrer Kirchen. Fräulein von Gussitsch und der unvermeidliche
-Kammerdiener Norbert sollten mitfahren. Norbert, der immer
-Steierertracht trug und trotz seiner fünfzig Jahre und des grauen
-Schnauzbartes in diesem Kostüm wie ein Junger aussah, schien die
-Ausfahrt nicht zu passen. Prüfend hielt er die Hände flach in die
-Luft, guckte zum grauen Firmament empor und schüttelte den Kopf so
-bedenklich, daß der grüne Ausseer Hut wackelte.
-
-Dieses Manöver wiederholte der fesche Kammerdiener so lange, bis
-richtig wie erhofft die Fürstin vom Fenster aus sein Gebaren wahrnahm
-und herunterrief: „Was ist’s, Norbert? Glaubst du, daß wir schlechtes
-Wetter bekommen?“
-
-„Zu dienen, Durchlaucht! Grobwetter, fürchte ich! Mir tun nur die armen
-Pferde leid, wenn sie in einen Wolkenbruch geraten!“
-
-„Nein, nein! Die Pferde müssen geschont werden! Abbestellen, Norbert!
-Wir bleiben zu Hause!“
-
-„Zu Befehl, Durchlaucht!“ Vergnügt ob des Gelingens seines listigen
-Manövers, bestellte Norbert die Ausfahrt ab. Und bis zum Lunch oblag
-er dem behaglichen _dolce far niente_ in seiner Kammer. Dann freilich
-mußte er die Tafel decken für drei Personen, denn Graf Thurn war zum
-Lunch geladen. Nachmittags gedachte der bequeme Kammerdiener einen
-länglichen „Schlaf zu tun“ und bis zum abendlichen Diner gründlich zu
-faulenzen, sich von der Reise zu „erholen“. Doch zwischen Kaviar und
-Sardinen ereilte Norbert der gemessene Befehl, nach dem Lunch nach
-Admont zu gehen und die Post zu holen.
-
-Diskret flüsterte der geschulte Diener sein „Zu Befehl!“ Und als er der
-Fürstin die Silberplatte mit den gebräunten Kalbskoteletten reichte,
-fragte er mit hingehauchten Worten, ob er den Brief aus Dresden der
-Eile wegen zu Wagen bringen dürfe.
-
-Was höhere Faulheit war, hielt die Fürstin für rührenden Diensteifer,
-für den guten Willen, den heiß ersehnten Brief mit großmöglichster
-Geschwindigkeit in die Bergeinsamkeit zu bringen. Hochbefriedigt
-von diesem Diensteifer, erteilte die Fürstin durch Kopfnicken ihre
-Zustimmung.
-
-Noch weilten die Herrschaften bei Tische, da kam Forstwart Gnugesser in
-Wehr und Waffen schwitzend und mit hüpfendem Bäuchlein angesprungen.
-Amanda hatte dem von einem Reviergange heimgekehrten Gatten mitgeteilt,
-daß die Fürstin ihn zum Führer gewünscht habe. Nun war er da und wollte
-sich melden. Auf sein karges Mittagessen hatte Benjamin verzichtet, um
-die Fürstin nur ja nicht warten zu lassen. Nun hieß es aber für ihn
-geduldig warten und hungern.
-
-Nach dem Lunch sprach Fürstin Sophie im Flur des Schlößls mit ihm,
-hörte seinen Bericht an, wonach in der „Gschwend“ ein schußbarer Hirsch
-mit einem Ovalgeweih stehe, der noch vor der Brunft abgeschossen werden
-müsse. Sie gab wegen dieses Hirsches keinen Bescheid und erklärte, daß
-auf die Führung Gnugessers wegen der unbeständigen Witterung verzichtet
-werde.
-
-Die grenzenlose Gutmütigkeit veranlaßte Benjamin zu sagen: „Wohl wohl!
-Ganz wie Duhrlauch wünschen! Halt ein andermal! Wünsche wohl gespeist
-z’ haben! Empfehl mich g’horsamst!“ Zog sein Hütel und trug Bäuchlein,
-Rucksack, Hirschfänger, Büchsflinte, Bergstock und sein goldenes
-Herzelein zurück zum „Steinkasten“. Den fuchsigen Patriarchenbart
-teilten die leicht zitternden Finger in zwei große Wülste. Dies war das
-einzige Anzeichen dafür, daß Beni sich über die „Fopperei“ ein bisserl
-geärgert hatte. Als Gnugesser hungrig wie ein Wolf am „Steinkasten“
-ankam, war der Patriarchenbart wieder geglättet und in Ordnung, der
-kleine Ärger verraucht.
-
-Der von Norbert angekündigte Wolkenbruch kam nicht, nur etliche
-Regentropfen wagten die Fahrt zur Erde. Und dann guckte Frau Sonne für
-kurze Zeit in die Haller Bergeinsamkeit. Stolz wie ein Spanier fuhr
-Norbert nach Admont, selbstverständlich im Fond des Wagens sitzend.
-
-Die Fürstin aber unternahm einen Talbummel, zum reizend gelegenen
-Sensenwerk am Fuße der „Haller Mauern“. Dann zurück. Um fünf Uhr Tee
-auf der Terrasse, Versuch einer Handarbeit seitens der Fürstin mit
-oftmaligem Blick auf das Sträßlein. Fräulein von Gussitsch häkelte
-gehorsamst und schwieg untertänigst. Graf Thurn war beurlaubt und
-weilte im „Steinkasten“, beschäftigt mit den Vorbereitungen zur
-befohlenen Fahrt nach Wien, um vergessene Sachen für die Fürstin zu
-holen.
-
-Nach sechs Uhr kam Norbert zurück und überbrachte Zeitungen. Der
-erwartete Brief aus Dresden war nicht eingelaufen.
-
-Seufzend, mit einer Kummerfalte auf der Stirne, machte sich Fürstin
-Sophie an die Lektüre. Verzichtete aber bald.
-
-„Darf ich vielleicht vorlesen?“ fragte dienstbereit Martina.
-
-„Danke! Ich werde bis zum Diner etwas ruhen! Sorgen Sie bitte dafür,
-daß nur zwei Gänge serviert werden, alles übrige streichen! Danke,
-werde allein hinaufgehen!“ Freundlich nickend zog sich die Fürstin
-zurück.
-
-Mitleidsvoll blickte Martina der Frau nach. Und dann begab sich auch
-das Hoffräulein auf das Zimmer.
-
-Kaum zwanzig Minuten währte das Diner, zu dem Graf Thurn nicht geladen
-war. Dann hatte der Dienst für Martina ein Ende für diesen Tag in der
-Haller Bergeinsamkeit. Huldvolle Entlassung mit Handkuß, tiefer Knicks.
-„Geruhsame Nacht, Durchlaucht!“
-
-Ein wehmütiges Lächeln, ein gütiges Kopfnicken. Sophie von
-Schwarzenstein zog sich mit ihrem Kummer zurück. Im Schlafzimmer harrte
-ihrer die unentbehrliche Hildegard.
-
- *
-
-Der Wind blies durch das Admonter Ennstal und zwang in den etwas
-sumpfenden Niederungen Schilf und Riedgräser zu respektvollsten
-Verbeugungen. Reingefegt war das Firmament, kahl und klar starrten
-die vielen Felsriesen in den lichten Himmelsdom: weißbestreut die
-Spitzen der „Haller Mauern“, rechts der Enns die wuchtigen Türme
-des „Sparafeld“, der „Reichenstein“, das „Hochtor“ und die vielen
-Bergkolosse, die sich zusammendrängen, um das berühmte „Gesäuse“,
-eine gigantische, von der tosenden Enns durchflossene Felsenwildnis,
-zu bilden. Inmitten des lieblich grünen, bergumrahmten Admonter
-Talbeckens erhebt sich zur Höhe von siebenzig Metern das schlanke,
-doppeltürmige St.-Blasius-Münster, die elegante Domkirche im gotischen
-Stile, umgeben von den quaderngefügten Gebäuden des uralten, von vielen
-Schicksalsschlägen heimgesuchten Benediktinerstiftes Admont.
-
-Wie liebkosend umspielten die Sonnenstrahlen diese Stätte emsigen
-Fleißes, der Gelehrsamkeit, der Wohltätigkeit und klösterlichen Arbeit.
-
-Der im Jahre 1074 gegründeten, im Laufe der Jahrhunderte durch
-wissenschaftliche Tätigkeit hochberühmt gewordenen Benediktinerabtei,
-an die sich die Häuser des Marktfleckens Admont schmiegen wie
-Küchlein um die Mutterhenne, galt der Besuch der Fürstin Sophie von
-Schwarzenstein.
-
-Im munteren Trabe eilte der fürstliche Wagen dem einzig schön
-gelegenen, imposanten, vornehme Ruhe kündenden Stifte zu. Im Fond saßen
-die Fürstin Sophie und das Hoffräulein von Gussitsch, beide in schwarze
-Seide gehüllt, auf dem Rücksitze Graf Thurn. Auf dem Bock neben dem
-Kutscher der unvermeidliche Norbert in der schmucken Steierertracht.
-Die Diener ganz Würde, schier spanische Grandezza.
-
-Im Anblick der im Süden aufgetürmten Bergkolosse und des herrlichen
-Münsters vergaß die Fürstin der nagenden Sorgen, auftauend pries sie
-die Schönheit des Gotteshauses inmitten des entzückenden Geländes.
-Und Graf Thurn mußte rasch über die Geschichte des Stiftes einige
-Informationen geben. Marschallsaufgaben, auf die der gewandte Beamte
-sich ahnungsvoll vorbereitet hatte und deren er sich aalglatt
-entledigte. Und mit Eleganz verstand Graf Thurn das Interesse der Frau
-für einen Novizen des Stiftes zu erwecken, indem er erzählte, daß ein
-junger Kleriker mit Jägerblut in den Adern schwer ringe und kämpfe, um
-die Jagdleidenschaft zu bezwingen bis zum Tage der für das ganze Leben
-entscheidenden Profeßablegung.
-
-Für einen Moment wich die Farbe aus dem Antlitz der Fürstin, die Wangen
-wurden kalkig, das Haupt sank um etliche Zoll tiefer wie in jäher
-Betroffenheit und weher Erinnerung. Doch sogleich richtete sie sich
-auf, eine leichte Röte schoß in die Wangen, und voll Interesse rief
-sie: „Was Sie sagen! Ein Novize, also ein eingekleideter Kleriker, von
-Jagdpassion erfüllt, Sohn eines Berufsjägers! Und für immer entsagen
-müssen! Den jungen Mann möchte ich kennenlernen, mit ihm sprechen!
-Bitte, veranlassen Sie, lieber Graf, das Weitere!“
-
-Der Wagen rollte schnell die Hauptgasse des saubergehaltenen
-Marktfleckens entlang, die Bewohner grüßten respektvoll den --
-Kammerdiener.
-
-Am Portal der Prälatur harrte Pater Wilfrid in seiner offiziellen
-Eigenschaft als Gastmeister des Stifts, neben ihm ein Klosterfrater,
-des hohen Gastes.
-
-Bei der Anfahrt winkte Fürstin Sophie dem Pater huldvoll grüßend zu,
-ersichtlich in bester Stimmung. Und Wilfrid erwies Reverenz durch eine
-tadellose Verbeugung.
-
-Ein Ruck, die Pferde standen mit schlagenden Flanken. Norbert flog vom
-Bock wie ein Blitz und riß den Schlag auf.
-
-Die breite Steintreppe auf weichem Teppich hinansteigend, sprach die
-Fürstin von dem vorzüglichen Eindruck, den zunächst äußerlich das
-Münster wie die Stiftsgebäude hervorrufen.
-
-Pater Wilfrid bat, es wolle Durchlaucht sich noch eine Treppe höher
-bemühen, an der Prälatur erwarten Seine Gnaden der Herr Abt den hohen
-Besuch.
-
-„So feierlich? Wohl vorschriftsmäßige Empfangsetikette? Aber unnötig!
-Privater Besuch, diktiert von regstem Interesse, wobei eine gewisse
-Sympathie mitspielt, denn mein ‚Hofpfarrer‘ ist ja Admonter Stiftsherr!“
-
-„Untertänigsten Dank, Durchlaucht, für so viel Huld und Gnade!
-Ganz nach Vorschrift kann sich der Empfang des hohen Gastes leider
-nicht vollziehen, da unser Prior verreist ist, also nicht zur
-Reverenzerweisung erscheinen kann! Alles übrige im Programm wird
-hoffentlich klappen!“
-
-„Was? Ein ganzes Programm? _Mea culpa_, ich hätte besser getan, den
-Besuch nicht anzukündigen, die Stiftsherren zu überrumpeln, um das
-Vergnügen einer ‚_sweet disorder_‘ genießen zu können!“
-
-„Es ist keineswegs ausgeschlossen, daß Durchlaucht trotz der
-Besuchsansage dieses ‚Vergnügen‘ dennoch teilhaft werden können, denn
-unsere _Camerieri_ sind nicht höfisch geschult, _ils travaillent pour
-le bon Dieu_ und -- entbehren der Grazie!“ Wilfrid spitzte den Mund,
-als wollte er Honig schlürfen, und blinzelte dazu.
-
-Kichernd ging Sophie auf den Scherz ein und rief: „Milch geben, viel
-Milch den Leuten!“
-
-Der Fürstin folgten Graf Thurn und Fräulein von Gussitsch. Der
-Hausmarschall flüsterte: „Gottlob, die Stimmung ist vortrefflich!“
-
-An der zur Prälatur führenden Flügeltüre stand die hohe Gestalt des
-Abtes Beda. Ein Vierziger im Galahabit, auf der Brust die goldene
-Kette des _Summus Abbas_. Schlanke Eleganz der Erscheinung, Würde und
-Noblesse, durchgeistigt die Gesichtszüge, Ruhe und Milde im Blick. Die
-feine, hohe Gestalt gleichsam umweht von Höflichkeit und Toleranz.
-Ein Idealpriester, von Liebe, Vertrauen und Hochachtung der Mitbrüder
-im Konvent erkoren und erwählt zur höchsten Würde, die das Kapitel zu
-vergeben hat. _Primus inter pares._ Mit weltmännischer Ehrerbietung
-begrüßte Abt Beda die Fürstin und hieß sie unter Dankesversicherungen
-für den auszeichnenden Besuch willkommen.
-
-Den Begleitern wurde eine höfische Verbeugung gewidmet, indessen Sophie
-den Grafen Thurn und ihre Hofdame vorstellte.
-
-Die erste Besichtigung galt der berühmten Bibliothek, einer Sammlung
-von 80000 Bänden, von über 1100 Handschriftenbänden und fast 1000
-Inkunabeln.
-
-Die Führung übernahm hier der Archivar und Bibliothekar Pater Leo, ein
-großer, breitschulteriger Mönch in strammer Haltung, dem der Offizier
-aus den Augen leuchtete. Und ein Schmiß im freundlichen Gesicht verriet
-den früheren Studenten.
-
-Mit ersichtlichem Wohlgefallen und vielem Interesse wandte sich Sophie
-diesem Benediktiner zu, der es ausgezeichnet verstand, alles für Damen
-Überflüssige und Uninteressante auszuscheiden und knapp nur auf das
-Wichtigste aufmerksam zu machen.
-
-Die üppigen Formen der italienischen Spätrenaissance des prachtvollen,
-durch zwei Stockwerke reichenden Saales, die herrlichen Fresken und
-Deckenbilder, welsche Kunst und deutsche Skulpturen nahmen die Fürstin
-sofort gefangen und lösten Rufe der Bewunderung aus. Zur Erklärung
-der Bildhauerarbeiten des Meisters Stammel, für die Hinweise auf die
-drolligsten Burlesken, auf weihevolle Stimmung und beißenden Witz, auf
-olympische Schönheit und bäuerliche Derbheit in den Schnitzereien war
-Pater Leo der richtige Mann, dessen trocken witzige Bemerkungen die
-hohe Frau höchlichst belustigten und auch Fräulein von Gussitsch zum
-Kichern brachten.
-
-Für die Manuskriptfragmente aus dem achten und neunten Jahrhundert
-setzte der Bibliothekar kein Interesse voraus, aber auf das kostbare
-prachtvolle Missale aus dem zwölften Jahrhundert machte er aufmerksam,
-ebenso auf die handschriftliche Reisebeschreibung des Marco Polo.
-
-Vor diesem interessanten Manuskript im Glaskasten blieb die Fürstin
-stehen und sprach: „Wie ist es nur? Von dem uralten Zeug versteh’ ich
-nichts, dennoch klingt der Name so bekannt, ja modern! Haben Hochwürden
-dafür eine Erklärung?“
-
-Pater Leo, ein Schalk wie sein Kollegissimus Wilfrid, verzog keine
-Miene, verbeugte sich leicht und erwiderte: „Durchlaucht wollen in
-Gnaden an die höchstmoderne -- Teesorte Marco Polo denken!“
-
-„Ach ja! Das ist es! Danke bestens!“ Zufällig blickte Sophie dem
-in ihrer Nähe stehenden Pater Wilfrid ins Gesicht, der abermals
-die Lippen gespitzt hatte. Auflachend drohte sie dem Gastmeister
-mit dem Zeigefinger: „_Sano compatrioti_, ein Schalk ärger wie der
-andere! Aber liebenswürdige Herren, die Gott sei Dank gar nichts --
-Spanisch-Inquisitorisches an sich haben! Was meint mein ‚Hofpfarrer‘?“
-
-Wilfrid erwiderte respektvollst und strohtrocken: „Durchlaucht haben
-immer recht! Im Stift spricht nur einer Spanisch, nämlich ich, und zwar
-kann ich nur die wenigen Worte: _beso la mano_! Mehr ist vom Übel!“
-
-Der Reihe nach wurden die herrliche Kirche, der Stiftsgarten und
-Keller besichtigt, und zwar unter Führung des Abtes. Als Sophie dann
-den Wunsch aussprach, die Klosterküche anschauen zu dürfen, tauchte
-als Cicerone wieder Pater Leo auf und sprach verbindlichst: „Darf ich
-bitten, sich abermals meiner Führung anzuvertrauen?“
-
-Die Fürstin rief verdutzt: „Nanu?! Was hat denn den Archivar und
-Bibliothekar die Klosterküche zu kümmern?“
-
-„Zu dienen, Durchlaucht! Ich bin nämlich auch noch der Pater
-Kuchlmeister, der im Schweiße seines Angesichts für die Mägen der
-Stiftsherren zu sorgen hat! Und hoffentlich verschmähen die hohen
-Herrschaften die von mir bereitgestellte Jause in der Prälatur nicht!“
-
-„Archivar, Bibliothekar und Kuchlmeister, köstliche Zusammenstellung!“
-
-„Köstlich finde ich diese _cumulatio_ gerade nicht!“
-
-„Was sind Sie denn noch alles?“
-
-„Die Bauern von Weng muß ich zum Himmel führen, so wie der Pater
-Wilfrid in Hall!“
-
-„Ein vielbeschäftigter Mann!“
-
-Pater Leo versicherte, man habe die Förderung des geistigen und
-leiblichen Wohles der Stiftsangehörigen absichtlich in eine Hand
-gelegt, auf daß -- nicht zuviel des Guten auf beiden Seiten geschehe...
-
-Die Damen lachten vor Vergnügen über diesen Scherz.
-
-Graf Thurn verabschiedete sich; für ihn war die Stunde der Abreise nach
-Wien gekommen.
-
-In der Prälatur, den Wohnräumen des Abtes, angekommen, sprach die
-Fürstin die Bitte aus, es möge ihr der „Novize mit dem Jägerblut“
-vorgestellt werden. Zugleich bat sie den Abt um Mitteilung der
-Verhältnisse. „Kann ich etwas zugunsten und zum Nutzen des jungen
-Mannes tun, so bitte ich, es mir zu sagen!“
-
-Abt Beda geleitete die Fürstin in das Empfangszimmer, während Fräulein
-von Gussitsch und die Stiftsherren Wilfrid und Leo in das für hohe
-Gäste bestimmte Speisezimmer der Prälatur traten.
-
-Abt Beda teilte der Fürstin mit, daß der Novize Nonnosus ein
-übereifriger Student und beflissen sei, durch strenge Aszese der
-Jagdleidenschaft Herr zu werden. Dadurch schädigte der Novize seine
-Gesundheit in nicht unbedenklichem Maße. Väterliche Ermahnungen
-zur Einschränkung der selbstgewählten Aszese und des übereifrigen
-Studiums hatten keinen Erfolg. „Ich bin nun gerne geneigt, dem braven
-Novizen Erholung und Zerstreuung zu gönnen und sogar eine Ausnahme zu
-gestatten! Nur will es mir fraglich erscheinen, ob beispielsweise eine
-Beteiligung am Jagdvergnügen bei dem Novizen den seelischen Zustand
-bessern wird oder kann! Die Möglichkeit soll ja nicht bestritten
-werden! Anderseits kann die Ausübung der Jagd die Leidenschaft erst
-recht steigern!“
-
-Fürstin Sophie fragte sehr interessiert: „Ist denn einem Kleriker die
-Jagdausübung überhaupt gestattet?“
-
-„Um das _Decorum clericale_ und namentlich die spezifisch klerikalen
-Tugenden zu wahren, sollen sich, gemäß den kirchlichen Bestimmungen,
-Geistliche gewissen Vergnügungen entschlagen! Direkt und streng
-verboten ist die Jagd mit Hunden und Falken, die _Venatio clamorosa_,
-das ist die lärmende Jagd! Die Kanonisten folgerten aus diesem strikten
-Verbot, daß die Jagd mit Netzen oder die Pirsche, die _Venatio quieta_,
-den Geistlichen erlaubt sei! Für diese Unterscheidung der Jagdarten
-scheint sogar das Konzil von Trient zu sprechen! Selbstverständlich
-können die Bischöfe jegliche Jagdart verbieten!“
-
-„Was ist daraus zu folgern?“
-
-„Wenn ich wüßte, daß ein kurzes, auf einige Tage beschränktes
-Jagdvergnügen dem Novizen gesundheitlich nützen und psychisch nicht
-schaden würde, wäre ich geneigt, ausnahmsweise die Erlaubnis zu
-erteilen! Der Aufenthalt in der Höhenluft dürfte dem armen jungen Manne
-sicher gut tun!“
-
-„Unter diesen Umständen bitte ich, mir den Novizen in Zivilkleidung
-nach Hall zu senden! Ich werde ihn mit hinaufnehmen, etwa zur
-Pyrgashütte, und dort pirschen lassen! Dort oben hat er Höhenluft!
-Und vielleicht gewährt die nun doch ermöglichte Jagdgelegenheit eine
-Beruhigung der aufgewühlten Nerven! Der Mensch wünscht am heißesten
-das, was er nicht bekommen kann! Die Jägerei wird für den Novizen
-sofort an Wert und Lust verlieren, wenn er sie ausgiebig betreiben
-kann! Er soll nach Herzenslust Gemsen schießen, ich gönne ihm diese
-Freude! Ja, ich bin nun überzeugt, daß die Jagdleidenschaft durch
-reichliche Abschußerlaubnis sich vermindert und ganz verschwindet!
-Also, mit Ihrer Zustimmung, machen wir das interessante Experiment!
-Senden Sie mir demnächst den jungen Kleriker nach Hall, ich werde das
-Weitere veranlassen! Auf die Vorstellung jetzt verzichte ich!“
-
-Mit aller Ehrerbietung und doch herzlich dankte der Abt für diesen
-Huldbeweis. Und dann geleitete er die Fürstin in das Speisezimmer, wo
-die Hofdame und die beiden Stiftsherren warteten.
-
-„Nun rasch eine kleine Jause zur Stärkung! Ich möchte nicht länger
-stören!“ Kaum hatte die Fürstin Platz genommen, beeilte sich der
-Gastmeister Pater Wilfrid Flaschenwein zu kredenzen.
-
-„Wie? Wein?“ rief die Fürstin überrascht, „Pater Wilfrid behauptet
-doch, daß die Stiftsherren auf Grazie und Geist halten, also -- Milch
-trinken und sich von Eiern nähren!“
-
-„Ganz richtig! Tun wir auch -- zuweilen! Den hohen Gästen reichen wir
-aber Wein trinkbarer Sorte aus unseren Weingärten!“
-
-Ein Frater servierte kalten Aufschnitt und Schinken in einer
-auffallenden Befangenheit, und zwar nur den Damen.
-
-Die Stiftsherren saßen zwar am Tische, nahmen aber nichts zu sich,
-da just an diesem Tage das Gebot: _jejunium_, Enthaltsamkeit,
-nur einmalige Sättigung, zu befolgen war, ein Gebot, das sich
-selbstverständlich nicht auf die Klostergäste erstreckt. Pater
-Wilfrid, als Mann von Takt, bemühte sich, durch ein Gespräch zu
-verhüten, daß die Fürstin auf diese pflichtgemäße Enthaltsamkeit der
-Klosterangehörigen aufmerksam werde. Er sprach von jener ‚_sweet
-disorder_‘, jener „süßen Unordnung“, die stets dann eintrete, wenn
-hoher Besuch im Hause weile, da die Domestiken sich mit Vorliebe zu --
-drücken pflegen. „Auch heute ist es der Fall! Ich muß daher inständig
-um Entschuldigung bitten, daß ein im Servierdienst ungeschulter Frater
-die hohen Gäste in wenig genügender Weise bedient!“
-
-„Aber nein! Der Frater macht seine Sache ganz vortrefflich!“ Und nun
-gewahrte die Fürstin die Enthaltsamkeit der Herren. „Warum greifen denn
-die hochwürdigen Herren nicht zu? Frater, servieren Sie, bitte, den
-Stiftsherren!“
-
-Nun war doch eingetreten, was Pater Wilfrid hatte verhüten wollen.
-Und die Verlegenheit machte der Frater vollständig, als er der Fürstin
-wichtigtuend zuflüsterte: „Wir haben _jejunium_!“
-
-„Was haben Sie?“
-
-„Fasttag haben wir!“ platzte der Klosterbruder heraus. Ein Wink des
-Abtes veranlaßte den Pechvogel, schleunigst zu verschwinden.
-
-Die Fürstin erhob sich, dankte für die liebenswürdige Bewirtung und bat
-um den Wagen.
-
-Unter Beachtung des üblichen Zeremoniells vollzog sich die
-Verabschiedung.
-
-Schon zogen die Pferde an, da ließ die Fürstin anhalten und bat den
-Gastmeister, dafür zu sorgen, daß jener Frater nicht -- bestraft werde.
-„Milde üben, ja!“
-
-„Zu Befehl, Durchlaucht! Ich werde es dem Herrn Abte melden!“
-
-„Vielen Dank! Auf baldiges Wiedersehen!“
-
-Nun rollte der Wagen über den Hof und bog in die Hauptstraße ein.
-Norbert auf dem Bock drehte sich um und meldete der Gebieterin, daß
-er die Post bereits geholt habe. Wissend, wie sehnsüchtig Durchlaucht
-einen Brief aus Dresden erwartete, griff Norbert in die Tasche, um den
-Brief zu überreichen.
-
-Mit einer leichten Handbewegung wehrte die Fürstin ab. Wunderbar wußte
-diese Frau sich zu beherrschen. Aber auch Norbert wußte, was er zu tun
-hatte. Zum Kutscher sagte er: „Schnell fahren!“
-
-Hinter der Ennsbrücke wurde ein rasendes Tempo genommen, eine wilde
-Jagd begann, die ein Sprechen der Wageninsassen unmöglich machte.
-
-Sophie hatte aber gar nicht die Absicht, zu sprechen. Mit geschlossenen
-Augen, bleich vor Erwartung, saß sie im Wagen und ließ sich rütteln und
-stoßen.
-
-Fräulein von Gussitsch klammerte sich mit beiden Händen an den Rand
-des Wagenschlages, um nicht an die Fürstin geschleudert zu werden. Den
-Zweck dieser tollen, rasenden Fahrt: die Zeitverkürzung, begriff sie.
-Aber lebensgefährlich war diese Ersparnis weniger Minuten doch.
-
-Martina atmete auf, als der Wagen vor der Villa hielt.
-
-„Ich sehe Sie bei Tische, bis zum Diner sind Sie frei, liebe
-Gussitsch!“ sprach die Fürstin und schritt, von Norbert gefolgt, ins
-Haus. Nun doch fast zappelig, nervös, aufgeregt. Zwei Stunden hatte
-Martina Zeit, um sich Gedanken zu machen und Fragen zu stellen, was
-denn eigentlich dieser Sorgen bereite und weshalb die Fürstin einsam in
-dieser Weltabgeschiedenheit weile, der Sohn aber auf Reisen sei. Warum
-die Trennung?
-
-Aus dem Verhalten der Fürstin bei Tische konnte Martina nicht klug
-werden. Sie war einsilbig, wachsbleich, gedrückt. Manchmal öffnete sie
-die Lippen, als wollte sie sprechen, sich durch eine Mitteilung von
-seelischem Druck befreien. Aber es kam kein Wort. Ein Ringen nach einem
-Entschlusse. Beängstigende Stille. Dann ein Wink; Norbert verschwand
-aus dem Speisezimmer.
-
-Und nun richtete Fürstin Sophie an Fräulein von Gussitsch die Bitte,
-dem Baron Wolffsegg, dem Begleiter des Prinzen Emil, zu schreiben, es
-möge der Adjutant sorgsamst kontrollieren, mit wem der Prinz verkehre...
-
-Martina traute ihren Ohren nicht und wagte es auch nicht, einen
-forschenden Blick auf die Gebieterin zu richten.
-
-Leise sprach die Fürstin im Tone der besorgten Mutter: „Es ist
-mein Wunsch, daß Wolffsegg Leute fernhalte, die meinen Sohn übel
-beeinflussen könnten!“
-
-„Zu Befehl, Durchlaucht!“
-
-„Verstehen Sie mich, bitte, recht! Schonend schreiben! Es soll dem
-Baron kein Vorwurf gemacht werden, um Himmels willen nicht! Wolffsegg
-ist ja ein tadelloser Kavalier, eine treue Seele, seit Jahren bewährt!
-Also nicht die Spur einer Rüge! Höchste Vorsicht, die ja auch wegen der
-Eigenart meines Sohnes geübt werden muß!“
-
-Martina richtete nun einen verschüchterten Blick auf die bleich
-gewordene Fürstin. Und bebenden Tones sprach die ängstlich und unsicher
-gewordene Hofdame davon, daß sie den Brief mit denkbar größter Vorsicht
-entwerfen, das Konzept zur höchsten Genehmigung unterbreiten werde.
-
-„Die Unterbreitung ist nicht nötig! Sie besitzen ja Taktgefühl,
-liebe Martina! Ich bin überzeugt, daß Sie den Brief ganz nach Wunsch
-konzipieren werden. Leicht wird es freilich nicht sein! Größte
-Vorsicht, denn es besteht die Gefahr, daß Wolffsegg die Bitte verübelt,
-in mißverständlicher Auffassung mit dem Prinzen darüber spricht und daß
-dadurch mein Sohn sich verletzt fühlt!“ Ein tiefer Seufzer der Sorge
-folgte diesen Worten.
-
-Wieder trat eine Pause ein. Die Fürstin schien zu überlegen oder sich
-in wehmütige Erinnerungen zu vertiefen.
-
-Angesichts dieser Situation wünschte Martina sich auf eine einsame
-Insel im Indischen Ozean, möglichst weit weg von dem fürstlichen
-Jagdschlößl...
-
-Sophie richtete sich etwas auf und sprach leise, unsicheren Tones:
-„Sie kennen meinen Sohn noch nicht! Sie sind ja erst nach seiner
-Abreise in meine Dienste getreten! Ich muß Sie deshalb einigermaßen
-informieren, daß mein Sohn -- leider Gottes -- apathischer Natur ist!
-Blasiertheit kann man seinen Seelenzustand nicht nennen, vielleicht
-liegt ein ungewöhnlicher Mangel an jeglichem Lebensinteresse vor! Zum
-Zwecke einer sozusagen geistigen Aufrüttelung ist die Reise zunächst
-nach Dresden angetreten worden! Mein armer Sohn sollte aus dem Bereich
-der Wiener Luft gebracht werden...! Neue Menschen und vielleicht
-auch -- Frauen soll er kennenlernen! -- Können Sie die Sorgen einer
-angsterfüllten Mutter verstehen, liebe Martina? Sie sind allerdings
-noch sehr jung, immerhin ein weibliches Wesen! Frauen können sich
-verstehen oder doch in derlei Situationen hineindenken!“
-
-„Zu dienen, Durchlaucht!“ Mehr konnte Martina beim besten Willen nicht
-sagen. Und unmöglich fragen, welche Bewandtnis es mit dem Dresdner
-Briefe habe, der anscheinend so große Sorgen wachrief.
-
-Sophie strich sich mit der schmalen Rechten über die Stirne. „Wenn
-ich vorhin davon sprach, daß wir ein geistiges Erwachen erstreben,
-so muß diese vertrauliche Bemerkung ergänzt werden, und zwar dahin,
-daß mein Sohn in Dresden etwas aufgewacht ist! Mehr als mir lieb ist,
-zu meinem Schrecken! Was Emils Brief an mich beweist! An sich ist
-dieses Aufwachen gewiß erfreulich als Zeichen dafür, daß Emil sich für
-Menschen zu interessieren beginnt, die Apathie abgestreift hat!“
-
-Wieder trat eine Pause ein. Sophie sann und überlegte.
-
-Im Speisezimmer war es dunkel geworden. Den Wald umwoben die Schatten
-der aufziehenden Sommernacht.
-
-Nach einer Weile zog die Fürstin den ihr so kostbaren Brief aus der
-Tasche und sprach: „Für eine Nacht werde ich mich von diesem Dokument
-doch trennen müssen, denn es erscheint mir zwingend nötig, daß Sie,
-liebe Martina, den Brief lesen, sich ein eigenes Urteil bilden! Genau
-informiert und orientiert, werden Sie dann auch imstande sein, den
-Brief an Baron Wolffsegg meinen Intentionen entsprechend zu verfassen!
-Ein Beweis besonderen Vertrauens, hören Sie, Martina, ganz besondere
-Vertrauenssache! Lesen Sie in heutiger Nacht Emils Brief, bilden Sie
-sich ein objektives Urteil! Morgen früh zehn Uhr bringen Sie mir den
-Brief unauffällig und unsichtbar! Hildegard wird verständigt sein und
-Sie, nur Sie, vorlassen! Hier, liebe Martina! Sie bürgen mir für die
-prompte Rückgabe des Dokumentes, ja?“
-
-„Zu Befehl, Durchlaucht!“ Martina nahm die Oktavbogen entgegen und
-versenkte das knisternde Papier in ihre Tasche.
-
-„So, nun gute Nacht, liebe Gussitsch! Strengste Diskretion! Gute Nacht!“
-
-„Geruhsame Nacht, Durchlaucht!“ Martina waltete ihres Amtes und
-klingelte.
-
-Hildegard erschien mit Licht und begleitete die Gebieterin in ihre
-Zimmer.
-
-Martina durfte allein ihr Kämmerlein aufsuchen.
-
-Nie in ihrem jungen Leben hatte Fräulein von Gussitsch so flink Licht
-gemacht als jetzt, um schnell zur Lektüre des Briefes zu kommen.
-
-Etwas enttäuscht, aber doch von dieser Lektüre belustigt, kicherte
-Martina. Unbegreiflich fand sie die Auffassung der Mutter über diesen
-Brief. Soviel wie gar keinen Anlaß zu Sorgen. Ungewöhnlich war
-allenfalls die Ausdrucksweise. Martina fand die Epistel weit mehr
-witzig, denn derb. Sicher ein vollgültiger Beweis dafür, daß das bisher
-apathische, blasierte Prinzlein in der Dresdener Luft wach geworden ist
-und recht gut zu beobachten versteht. Und eine gewisse Federgewandtheit
-ist ihm nicht abzusprechen. An sittengefährdenden Umgang mit bösen
-Menschen war gar nicht zu denken! Außerdem sollte er sich doch eine
-Frau suchen!
-
-Der Auftrag, dem „Zwetschgenbaron“ Wolffsegg im Sinne der Fürstin zu
-schreiben, hatte nach der Lektüre des Emilschen Briefes viel von seinen
-Schrecken verloren. Martina erwog nur noch, ob es möglich sein werde,
-die Fürstin zu überreden, gar nicht schreiben zu lassen.
-
-Vergnügt kichernd, begab sich das zierliche Hoffräulein zu Bett.
-
- *
-
-Es half am anderen Morgen alles nichts, Martina erhielt den Befehl,
-dem Baron Wolffsegg zu schreiben. Was alles die Fürstin noch beifügte,
-ließ Fräulein von Gussitsch erkennen, daß der Hofdame die Verantwortung
-aufgehalst werden sollte für den Fall, daß Wolffsegg die Warnungs- und
-Rügeepistel krumm nimmt. Martina soll das -- Prügelmädchen sein in
-Ermangelung eines Prügelknaben.
-
-Ein mehrstündiger Eiertanz mit der Feder, bis das Brieflein glatt
-und säuberlich geschrieben war. Höchst vorsichtig und fein, klug und
-gewandt; und mit einem salvierenden Hinweis auf -- „höchsten“ Wunsch...
-Diesen Hinweis konnte sich die Hofdame leisten, da ja die Fürstin
-jegliche Kenntnisnahme des Konzeptes und Briefinhaltes abgelehnt hatte.
-
-Also lief die Epistel nach Dresden...
-
-Obwohl nicht befohlen, meldete sich gegen Mittag der Forstwartpatriarch
-zum Rapport und erbat Gehör bei der Gebieterin. Gnugesser wollte
-endgültigen Bescheid wegen des „Oval“hirsches haben.
-
-Weder Norbert noch Hildegard, die Vertrauenspersonen, zeigten Lust,
-den Beamten anzumelden, obwohl der gutmütige Forstwart sehr nett und
-höflich um „Wohlwollen und Gnade“ bat und die Kammerfrau Hildegard
-Witwe Schoiswohl sogar mit „gnä Frau“ titulierte. Half alles nichts,
-denn Hildegard wollte die heute übelgelaunte Gebieterin durch Anmeldung
-des Forstbeamten nicht belästigen, sich keinem Verweise aussetzen.
-
-Der Zufall war wohlwollender. Fürstin Sophie unternahm vor dem Lunch
-einen Spaziergang, sah am Hause den wartenden Beamten und fragte nach
-seinen Wünschen.
-
-Gnugesser erklärte in aller pflichtschuldigen Ehrerbietung, doch
-mit Bestimmtheit: „Halten zu Gnaden, Duhrlauch, der Hirsch mit dem
-häßlichen Ovalgeweih muß weg, und zwar noch vor Brunftbeginn, auf daß
-eine Vererbung verhindert wird! Wenn gnädig Duhrlauch den Kerl nicht
-selber -- wegputzen wollen, erlauben S’s vielleicht, daß ich ihn
-abschieße?!“
-
-„Aber keine Idee! Ich finde diese Ovalform sehr interessant! Dieser
-Hirsch muß unbedingt erhalten bleiben!“
-
-In Gnugessers Äugelein lag mehr als Staunen, völlige Verblüffung
-und Ratlosigkeit! Und nicht wenig Verdruß über die Weiberwirtschaft
-im Jagdbetriebe. Die Abschußverweigerung konnte Benjamin leicht
-verwinden; den Wald- und Jagdbeamten berührte es aber schmerzlich, daß
-auf ausdrücklichen Befehl ein Revierverschandler, ein die Geweihbildung
-verhunzender Hirsch gar geschont werden sollte.
-
-Benis Mund weitete sich bis zu den beiden Ohrläppchen, als die Fürstin
-mitteilte, daß ein Admonter Theologe im Revier Gstattmaier-Hochalp und
-in der „Sauwiel“ pirschen und Gams in unbeschränkter Anzahl schießen
-dürfe. „Melden Sie das dem Oberförster! Adieu!“
-
-Soviel das Bäuchlein es gestattete, verbeugte sich Gnugesser. Dann aber
-stülpte er mit einer besonderen Energie das zerzauste Hütel auf sein
-Haupt und trottete heim. Mit heiliger Entrüstung in der Weidmannsbrust,
-mit Zorn in der Kinderseele.
-
-Knirschend stieß Beni hervor, -- hübsch weit entfernt vom Jagdschlößl
---: „Toll wird’s, ganz narrisch! Weiber im Revier, o Graus! Und jetzt
-gar auch -- Theologen! Höher geht’s nimmer! Kutten und Gams! Mir
-gangst!“ Und der herzensgute, kindlichfromme Forstwart fluchte...
-
-Die Abwesenheit der Gattin zur Mittagszeit war auch nicht geeignet, die
-üble Laune Benis zu bessern. Blieb ihm nichts anderes übrig, als selbst
-zu kochen: Spiegeleier und Salat dazu. Mehr von der Kochkunst war nicht
-sein eigen.
-
-Vergeblich fragte er sich, was denn zur Mittagszeit um Himmels
-willen Amanda auswärts zu tun haben könne. Mehrmals war die Gattin
-schon abwesend. Eine auffallende Pflichtvernachlässigung und
-Rücksichtslosigkeit!
-
-Lange konnte sich Gnugesser derlei Fragen nicht hingeben; er mußte nach
-Tisch wieder in den nimmerruhenden Dienst.
-
-Zum Abend war Amanda allerdings zu Hause, das schlecht gekochte Essen
-bereit; die Gattin war aber nicht geneigt, Aufschlüsse über ihre
-Abwesenheit zu geben. Da sie indes versicherte, sich unlieb verspätet
-zu haben und just heimgekommen zu sein, wie Beni nach Tisch in das
-Revier ging, ließ sich der herzensgute Mann leicht beschwichtigen.
-
-Leicht gelang der Gattin der Themawechsel durch die Frage, was es Neues
-in den Revieren gäbe.
-
-Bei Gnugesser war indes der Ärger schon verraucht; vor Amanda
-wollte er nicht über die Fürstin reden, schimpfen erst recht nicht.
-Ein einzig und winzig Würmchen nagte allerdings noch gar emsig in
-der Brust: der Neid! Den Beamten bleibt ein Abschuß versagt, der
-Theologe hingegen darf Gams nach Herzenslust niederknallen. Beni war
-gar nicht leidenschaftlicher Jäger, ganz frei von Schießwut; wegen
-der Abschußerlaubnis beneidete er den Theologen aber doch, den er,
-der fromme, kirchenfreundliche Beamte, in allergeheimsten Gedanken
-einen „Schleicher“ und „Kittelpfaffen“ genannt hatte. Denn es war
-doch gar nicht zu bezweifeln, daß der Theologe die Abschußerlaubnis
-„erschlichen“ haben mußte. Kittelprotektion! Weiberwirtschaft im Revier!
-
-„Friert dich in der Zung, weil ich keine Antwort auf meine Frage
-bekomm?“ klang es spitz von den Lippen Amandas.
-
-Gutmütig lachte Beni: „Nein, nein! Ist ja Sommer! Nur Gedanken hab’ ich
-mir gemacht, weil -- na, ist Dienstsache, also Amtsgeheimnis! Neues
-gibt es nichts! Nicht einmal Bescheid haben wir wegen der definitiven
-Übernahme beim alten Gehalt!“
-
-Schnippisch warf Amanda das Wort „Amtsgeheimnis“ hin. „Lächerlich das
-Verschanzen hinter das Dienstgeheimnis, wo doch eine Frau regiert und
-dirigiert! Da werden die Amtsgeheimnisse strengstens gewahrt bleiben!
-Übrigens: was das Gehalt anbelangt, muß unbedingt eine Aufbesserung
-eintreten!“
-
-„Die Aussichten sind dazu nicht gut! Kein Darandenken!“
-
-„Im Gegenteil: davon reden, und das bei nächster Gelegenheit!“
-
-„Um Gottes willen nicht, Weiberl! Es könnt die Fürstin verschnupfen! Wo
-sie eh nicht in rosiger Laune ist und auch noch gspaßige Ansichten vom
-Jagdbetrieb hat!“
-
-„Ich bin keine Klosterfrau, also laß ich mir das Reden nicht verbieten!
-Ich werde mir die Fürstin schon fürifangen! Frau zu Frau redet sich
-viel leichter, als wenn ein Mannsbild dabei ist!“
-
-„Warum bist du denn so erpicht auf eine Gehaltsaufbesserung? Du
-profitierst ja davon doch nichts, direkt wenigstens nicht!“
-
-„Der Herr Forstwart irrt sich da aber ganz gewaltig! Ist übrigens egal,
-ob Aufbesserung oder nicht: die Frauenarbeit im Ehestande muß von nun
-an bezahlt und gelohnt werden! Mit Bargeld!“
-
-Beni lachte, daß sein Bäuchlein hüpfte und Lachtränen aus den Augen
-sprangen. Und übermütig zitierte er den Wiener Gassenhauer: „Maderln,
-hebt’s d’ Füß in die Höh, heut geigt der Strauß!“
-
-„Laß doch das hölzerne dumme Gelächter! Dir wird das Spotten schon
-vergehen, wenn es blechen heißt!“
-
-„Vom Zahlen bin ich allerdings kein Freund, weil ich allweil z’ wenig
-Geld hab trotz aller Sparsamkeit! Aber der Witz von Bezahlung der
-Ehefrau für ihre Arbeit im Hausstand ist so gut, daß ich mir ein
-Flaschel Bier jetzt kaufe! Der Witz muß begossen werden!“
-
-„Laß die Faxen, Beni! Es ist Ernst, nicht Scherz!“
-
-„Die Leichenbittermiene steht dir ausgezeichnet, nur mußt ein schwarzes
-Seidenkleid dazu anziehen!“ spottete der belustigte Ehemann.
-
-„Hör zu und paß auf, Beni! Es ist heiliger Ernst! Das neue Gesetz
-bestimmt, daß den Ehefrauen für ihre Arbeit im Hausstand ein Drittel
-des Gehalts oder Jahreseinkommens des Ehemannes ausgezahlt werden muß!
-Von Rechts wegen! Gesetz ist Gesetz, es muß befolgt werden von jedem
-Staatsangehörigen!“
-
-„Ganz ausgezeichnet! Den Witz schick an die ‚Fliegenden Blätter‘, er
-wird sicher angenommen und honoriert! Weißt was, Weiberl, für das
-Honorar kaufen wir uns dann im Admonter Stiftskeller ein Flascherl
-‚Eisentürer‘!“
-
-„Wer nicht hören will, muß fühlen! Der Ernst des neuen Gesetzes wird
-dich schon zwicken! Ohne Gehaltsaufbesserung, also nach deinem jetzigen
-Einkommen, gebührt mir ein Jahreslohn von sechshundert Kronen für
-meine Hausfrauenarbeit! Diese Summe verlange ich! Und kraft des neuen
-Gesetzes bestehe ich auf Bezahlung dieser Summe! Und im Weigerungsfalle
-werde ich dich, wozu ich gesetzlich berechtigt bin, vor Gericht
-belangen!“
-
-Beni schrie vor Vergnügen, trommelte mit den Fäusten auf der
-Tischplatte, und im Übermaß der Freude an dem köstlichen Witz begann er
-in Schlappschuhen zu schuhplatteln, ahmte die Bewegungen des balzenden
-Urhahnes nach und wollte die Gattin animieren, sich am „Platteln“ zu
-beteiligen.
-
-Amanda in höchster Entrüstung versetzte dem seelenvergnügten, lachenden
-Gatten einen Stoß, der Beni ins Torkeln brachte, dann aber rauschte
-Amanda aus der Stube. Krachend flog die Tür ins Schloß.
-
-In herrlichster Laune pfiff Benjamin die lustige Melodie des
-„Schuhplattlers“ zu Ende. Und dann holte er sich wirklich ein Fläschle
-Bier aus dem Keller, um den Witz und das famose neue Gesetz zu
-begießen. Allein allerdings, denn Amanda ließ sich für diesen Abend
-nicht mehr sehen.
-
-Merkwürdig -- mit einem Male wollte dem einsamen Zecher das Bier nicht
-mehr schmecken. Wenn Amanda keinen Witz gemacht haben sollte, wenn
-wirklich ein neues Gesetz bestünde?
-
-„Unmöglich!“ knurrte Beni, dem das Lachen vergangen war. „Es sind die
-unglaublichsten Gesetze schon gemacht und sanktioniert worden, aber
-noch nie ein Gesetz, wonach die Ehefrau wie eine Dienstmagd einen
-Lohn für ihre Arbeit im Hausstande bekommen solle. Ein solches Gesetz
-kann doch gar nicht gemacht werden! Undenkbar! Durch eine derartige
-Lohnzahlung würde die Hausfrau ja zur Dienstmagd herabgedrückt, jeder
-Würde beraubt werden! Ein verrücktes Gesetz wäre das! Und gleich ein
-Drittel des Jahresgehaltes oder Einkommens! Wer kann denn das leisten
-und erschwingen? Die Subalternbeamten mit ihrem winzigen Gehalt! Die
-Gewerbetreibenden! Die Bauern!“
-
-Je länger Benjamin über das neue Gesetz nachdachte, desto schwüler
-wurde ihm trotz der Abendkühle, die durch die offenstehenden Fenster
-in die Stube drang. Ganze zwölfhundert Kronen vom Gehalt würden nach
-Abzug des „gesetzlichen“ Lohndrittels verbleiben für den Haushalt, für
-alle Bedürfnisse des Lebens, für Kleider, Schuhe usw. Unmöglich ein
-Auskommen mit einer so winzigen Summe! So unsinnig und grausam kann
-doch eine Regierung nicht sein, die schlechtbesoldeten Ehemänner zu
-zwingen, der Gattin ein Drittel des Jahresgehaltes auszuzahlen.
-
-Im bitteren Sinnieren fand Gnugesser ein Körnchen Trost: ein klein
-bißchen „überspannt“ ist Amanda als frühere Lehrerin, sie wird
-vielleicht irgend etwas dem angeblichen Gesetze Ähnliches aufgeschnappt
-und nicht recht verstanden haben. Das vermeintliche, unmögliche Drittel
-würde just der Gattin in den Kram passen, denn auf Geld ist sie erpicht
-wie Meister Petz auf Zeidelhonig!
-
-Beni beschloß, sich wegen des „neuen“ Gesetzes zu erkundigen, am besten
-beim Pfarrer Pater Wilfrid, der doch davon auch etwas wissen muß. Ist,
-wie zu erwarten steht, nichts Wahres an dieser ohnehin unglaublichen
-Sache, so werden der überspannten Gattin die Lohndrittelmucken bald
-ausgetrieben sein. In aller Güte und Gemütlichkeit selbstverständlich.
-Denn wehe tun möchte Beni der Gattin nicht...
-
-Im Schlafzimmer fand er Amanda schlummernd. Ihre geschlossenen Augen
-täuschten und beruhigten ihn. Kaum hatte Beni das Licht ausgelöscht,
-flammten Amandas Rätselaugen auf...
-
-
-
-
-Fünftes Kapitel
-
-
-Mit hochalpinen Kleidern durch Hildegards Schneiderkunst ausgerüstet,
-konnte das Hoffräulein von Gussitsch einem Befehle zur Begleitung
-mit einiger Ruhe entgegensehen. Stoff für ein richtiges Lodenkleid
-war unterwegs. Die Fürstin Sophie schien jedoch nicht die geringste
-Jagdpassion zu verspüren; der vom Jagdpersonal sehnlichst erwartete
-Befehl zur Wildausmachung für Pirsch oder Drücken erfloß nicht. Dagegen
-äußerte die Fürstin den Wunsch, das Forsthaus zu inspizieren, der
-Forstwartfrau Gnugesser einen Besuch abzustatten. Für Fräulein von
-Gussitsch war dieser Wunsch natürlich Befehl, weshalb die Hofdame
-fragte, wann sie zur Disposition sein müsse.
-
-Der Bescheid lautete: eine halbe Stunde vor dem Lunch, keine Ansage im
-Forsthause.
-
-Ein einleuchtender Befehl hinsichtlich der Nichtansage, damit Frau
-Amanda keine Veranstaltungen zu feierlich-steifem Empfang oder gar zu
-einer unerwünschten Bewirtung treffen kann.
-
-Weniger einleuchtend fanden die allmächtigen Angestellten Norbert
-und Hildegard den Besuch, sie befürchteten eine Verspätung des
-Lunchbeginnes durch Verschwatzen. Wie überall in Hofhaltungen, sahen
-die „Vertrauenspersonen“ sehr darauf, daß pünktlich gegessen werde am
-Tische der -- Angestellten. Die höchsten Herrschaften können leichter
-warten.
-
-Im Forsthause herrschte eine Totenstille; die Forstbeamten weilten
-dienstlich auswärts, Graf Thurn in Wien; Frau Amanda beschäftigte sich
-mit dem Entwurf einer Ansprache, die demnächst in einer Versammlung
-von Ehefrauen in der Angelegenheit der Entlohnung weiblicher Arbeit im
-Ehestande gehalten werden solle.
-
-In diese ziemlich schwierige Geistesarbeit vertieft, achtete Amanda gar
-nicht des Geräusches leichter Schritte im Flur. Sehr überrascht fuhr
-sie in die Höhe, als eine Frauenstimme rief: „Ist jemand da?“
-
-Amanda trippelte in den Flur und stieß einen Schrei des Schreckens und
-zugleich freudigster Überraschung aus, als sie die Fürstin erblickte,
-die ob dieser Wirkung ihres unvermuteten Erscheinens vergnügt
-schmunzelte und die Frau Gnugesser bat, ja keine „Geschichten“ zu
-machen. Fürstin Sophie vereitelte auch sofort jede Möglichkeit hierzu,
-indem sie bat, ihr die Wohnung des Forstwarts zu zeigen und zu sagen,
-was allenfalls einer Änderung oder Verbesserung bedürfe.
-
-Diese gutgemeinte, aber auch unvorsichtige Äußerung gab Amanda nicht
-nur die Ruhe wieder, sondern auch hocherwünschten Anlaß, Bitten um
-bauliche Verbesserungen vorzubringen.
-
-Die Fürstin bereute denn auch ihre Äußerung und ging auf ein anderes
-Thema über, indem sie fragte, ob sich die Frau Forstwart wohl fühle in
-dieser Einsamkeit.
-
-Sofort hing sich Amanda, indem sie den Damen Stühle anbot, in dieses
-Thema ein und sprach gewandt und flüssig über den bitter empfundenen
-Mangel an Verkehr mit gebildeten Leuten und an Mitteln geistiger
-Weiterbildung. Nützliche Bücher seien ebenso schwer zu beschaffen wie
-die enorm teuren Lebensmittel.
-
-Auf die letztere Anspielung ging die Fürstin nicht ein, doch versprach
-sie, die „einsame“ Försterin mit nützlichen Büchern versehen zu wollen.
-
-„Untertänigsten Dank, Durchlaucht! Besonders beglückt werde ich sein,
-wenn Durchlaucht die Gnade haben wollten, mir ein Exemplar des neuen,
-für Hausfrauen so sehr wichtigen Gesetzes und wenn möglich eines
-Kommentars dazu schenken würden!“
-
-„Welches Gesetz meinen Sie denn, liebe Frau?“
-
-„Es gibt ein völlig neues Gesetz, das der Frau einen Anteil am Gewinn
-der Ehe in Höhe eines Drittels gewährt! Ist der Ehemann ein Beamter, so
-muß er gesetzlich ein Drittel seines Jahresgehalts der Ehefrau zahlen
-als Entlohnung der von der Frau im Haushalt geleisteten Arbeit! Von
-Rechts wegen!“
-
-Erstaunt und interessiert rief die Fürstin: „Was Sie sagen! Von einem
-solchen Gesetz habe ich bisher keine Ahnung gehabt!“ Und zu Fräulein
-von Gussitsch gewendet, fragte Fürstin Sophie: „Wissen Sie, liebe
-Gussitsch, etwas von diesem sehr interessanten und wichtigen Gesetze?“
-
-Martina mußte gestehen, daß sie bisher nicht das geringste davon
-gelesen und auch nichts gehört habe.
-
-Amanda sprach hastig: „Doch! Die Zeitungen beschäftigen sich
-angelegentlich mit dieser Frage der Entlohnung der Frau im Hausstand!
-Ich habe derlei Artikel ja selbst und so oft gelesen, daß ich hierüber
-sehr gut informiert bin und auch darüber sprechen kann! Durch das
-neue Gesetz, durch positive Rechtsnorm, ist ein Ziel erreicht, das
-angesehene Frauen längst erstrebt hatten und das doch wohl als durchaus
-berechtigt und den modernen Verhältnissen entsprechend anerkannt werden
-muß!“
-
-„Gewiß! Sagen Sie, liebe Frau, welche Stellung haben Sie vor Ihrer
-Verheiratung innegehabt? Sie verfügen augenscheinlich über eine
-Vorbildung, die sonst in Kreisen kleiner Beamter nicht zu finden ist!“
-
-„Ich war früher Lehrerin!“
-
-„Ach so! Das macht Ihre Stellungnahme zu dieser interessanten Frage
-begreiflich! Was ich aber nicht verstehe, ist die Entstehung eines
-in seinen Wirkungen so einschneidenden Gesetzes. Es wird doch über
-Kleinigkeiten oft ganz schrecklich debattiert und Lärm geschlagen!“
-
-„Höchste Herrschaften werden von diesem Gesetze nicht betroffen,
-also ist es leicht möglich, daß Durchlaucht sich um dasselbe nicht
-gekümmert, das Gesetz sozusagen übersehen haben! Die Interessen- und
-Gedankensphäre einer Fürstin ist doch eine ganz andere, als die einer
-Forstwartfrau oder Bäuerin oder Ehefrau eines Gewerbetreibenden!“
-
-„Allerdings!“ Zur Hofdame sprach die Fürstin: „Bitte, liebe Gussitsch,
-behalten Sie diese Angelegenheit im Auge und beschaffen Sie
-baldmöglichst das betreffende Gesetz!“
-
-Martina verbeugte sich.
-
-Dann wandte sich die Fürstin wieder zu Amanda mit der Frage: „Wie
-gedenken Sie auf Grund dieses interessanten Gesetzes in Ihrem Hauswesen
-vorzugehen?“
-
-Leuchtenden Auges und lebhaften Tones erwiderte Frau Gnugesser: „Die
-Stellungnahme ist leicht und doch auch sehr schwer! Leicht insofern,
-als das Gesetz klar und deutlich der Ehefrau das Gehaltsdrittel
-zuspricht! Schwer hingegen wird es dem Ehemanne sein, dieses Drittel
-in bar der Gattin auszuzahlen, wenn das Gehalt keine entsprechende
-Aufbesserung findet! Mein Mann bezieht achtzehnhundert Kronen
-Gehalt...“
-
-„Verstehe! Also bekommen Sie als Ehefrau sechshundert Kronen, das
-ist eine respektable Entlohnung Ihrer Arbeit, nicht? Ich hätte
-wahrlich nicht geglaubt, daß ein so vernünftiges und wichtiges Gesetz
-gemacht werden kann! Ein bedeutender Fortschritt auf dem Wege der
-Gesetzgebung, eine soziale Großtat! Jeder Arbeiter ist seines Lohnes
-wert! Zweifellos ist durch das Gesetz die große Bedeutung der Frau als
-guter Haushälterin und Verwalterin für die Sicherung der Früchte des
-Eheerwerbes nun allgemein anerkannt! Und auf der Frauentätigkeit beruht
-der Segen der Familie! Sehr schön also diese Sache! Nur merkwürdig, daß
-ich davon bisher keinen Ton gehört habe! Apropos: wie stellen sich denn
-die anderen Hausfrauen dieser Gegend zu dieser grandiosen Neuerung?“
-
-Umständlich berichtete Amanda, die sich nun in ihrem Fahrwasser befand,
-über die durchgeführte Agitation, über die Belehrung der Frauen in
-Hall, über den bereits errungenen Erfolg, der darin bestehe, daß sogar
-auch Bauernweiber die Drittelszahlung fordern. Demnächst werde eine
-öffentliche Frauenversammlung stattfinden.
-
-„Sehr schön! Großartige Sache! Muß unterstützt werden! Aber nun sind
-wir lange genug hier gewesen! Wir sprechen gelegentlich darüber! Adieu,
-liebe Frau! Auf Wiedersehen!“
-
-Mit einem Wortschwall des Dankes für die hohe Ehre des auszeichnenden
-Besuches geleitete Amanda die Damen vor das Haus. Ein letzter Versuch
-der Anspielung auf die Notwendigkeit einer Gehaltsaufbesserung als
-Folge der Drittelszahlung mißlang kläglich, da die Fürstin die Uhr zog
-und sich jäh verabschiedete. War es doch bereits ein Uhr geworden, die
-Stunde des Lunch erheblich überschritten.
-
-Eilig zum Schlößl stapfend, meinte die Fürstin: „Wie man sich nur
-so verschwatzen kann! War aber ganz interessant, nur kann ich trotz
-alledem nicht recht glauben, daß bei uns ein so einschneidendes Gesetz
-in Geltung ist! Vergessen Sie nicht, ein Exemplar zu besorgen! Was ist
-denn Ihre Meinung über dieses rätselhafte Gesetz, liebe Martina?“
-
-„Verzeihen, Durchlaucht, in Gnaden! Erst möchte ich die einzelnen
-Gesetzesbestimmungen lesen...!“
-
-„Ja doch! Die Sache muß ihre Richtigkeit haben, denn die Försterin ist
-vorzüglich informiert und orientiert! Ich bin neugierig zu erfahren,
-wie sich unser ‚Hofpfarre‘ zu dieser Angelegenheit stellt!“
-
-„Dem Pfarrer dürfte weniger das Gesetz, viel mehr die Revolutionierung
-der Ehefrauen eine böse Bescherung verursachen!“ meinte Martina, um
-doch auch etwas zu sagen und ein gewisses Interesse zu markieren.
-
-„Apropos: Pfarrer! Teilen Sie dem Pater Wilfrid mit, daß er am 30.
-August, dem Todestage meines hochseligen Gemahls, ein feierliches
-Requiem zelebrieren soll! -- So, da sind wir! Die armen Leute! Haben so
-lange auf das Essen warten müssen!“
-
-Norbert kam gesprungen und nahm den Damen die Schirme ab.
-
-„Nicht böse sein, Alter! Wir haben uns verplaudert!“ sprach
-liebenswürdig die Fürstin. „Gleich servieren! Hast du argen Hunger,
-Norbert?“
-
-„Untertänigst zu dienen, Durchlaucht, dem alten Diener fällt das Fasten
-schwer! Ich bitte um Verzeihung...“
-
-„Was hast du denn angestellt?“
-
-„Ich habe mir eine Kleinigkeit in der Küche geben lassen!“
-
-„Ganz recht! Sehr vernünftig! Hoffentlich war auch Hildegard so klug!“
-
-„Gewiß, Durchlaucht! Mit gnädigster nachträglicher Genehmigung!“
-
-„Aber gern! Natürlich!“
-
-Die Damen begaben sich ins Speisezimmer und durften einige Zeit warten,
-bis serviert wurde.
-
-Die Angestellten hatten nicht eine Kleinigkeit, sondern das komplette
-Menü verspeist, und zwar reichlich. Daher die Köchin nun rasch
-Schnitzel als Ersatz zubereiten mußte.
-
- *
-
-Jeder Sonntag bringt dem Pfarrer, der keinen Kaplan hat, in den
-Dörfern Arbeit in reichlichem Maße. Besonders mit Arbeit gesegnet
-war Pater Wilfrid, der Pfarrer von Hall. Früh des Morgens begann die
-Arbeit im Beichtstuhl, der sich um acht Uhr das Hochamt mit Predigt
-anschloß. Unverdrossen, ja freudig tat der liebenswürdige Pfarrer und
-Vater seiner Gemeinde seinen Dienst, angenehm davon berührt, wenn das
-Gotteshaus dicht von Andächtigen gefüllt war. Insbesondere freute ihn
-die Anwesenheit der Fürstin mit Hofdame im kleinen Oratorium. Während
-der Predigt gewahrte er zu seiner Befriedigung auch die Forstbeamten
-und etliche Jäger in den Reihen der Dörfler.
-
-Nach dem Gottesdienste drängten zahlreiche Bauern zum Pfarrhause, wo
-sie sich aufstellten wie die Orgelpfeifen.
-
-Grüßend kam Pater Wilfrid vom Kirchlein herab, freundlich bat er die
-Leute, ihm ein Viertelstündchen zum Frühstück zu gönnen, dann stehe er
-zur Verfügung. Und lächelnd meinte er: „Aber einer nach dem andern!
-Nicht alle zugleich einidrucken! Das vertragen die Mauern vom Häuserl
-nicht!“
-
-„Wohl, wohl!“ riefen die Bauern und lachten.
-
-Die weißhaarige Dienerin im Pfarrhause trug den Kaffee mit Semmel auf,
-und bemutternd mahnte sie den Pfarrer, er solle sich nur Zeit lassen
-zum Frühstücken; die Bauern könnten schon warten, die kommen allweil
-noch früh genug ins Wirtshaus.
-
-Im Flur gellte die Hausglocke scharf und ungestüm.
-
-„Jesses na, so eine Pressiererei! Der Hansdampf läutet mir gut! Lassen
-S’ Ihnen nur Zeit, Hochwürden Herr Pfarrer! Ich mach nicht früher auf,
-als bis Sie gefrühstückt haben!“
-
-Pater Wilfrid trat ans Fenster und guckte, wer denn Einlaß forderte.
-Erschrocken fuhr er zurück und hastig rief er: „Erna, g’schwind
-aufmachen! Die Fürstin will mich besuchen!“
-
-„Wär nicht zwider! Jesses na, so was! Wo ich gar nicht darnach an’zogen
-bin und keinen Hut nicht aufhab!“
-
-Der Kammerdiener Norbert riß abermals am Glockenstrange.
-
-Die Dienerin sprang zur Haustüre und öffnete unter unzähligen
-Verbeugungen. „Na, so eine Ehr! Frau Duhrlauch kommen selber, um mich
-zu besuchen!“
-
-Fräulein von Gussitsch sprach: „Durchlaucht geruhen den Herrn Pfarrer
-zu besuchen! Bitte, melden Sie sofort!“
-
-Gedehnten Tones, ob der leisen Zurechtweisung gekränkt, erwiderte die
-Dienerin: „Selles Melden ist neammer nötig, wo der Pfarrer Ihnen eh
-schon vom Fenster aus gesehen hat! Da springt er ja schon, der Herr
-Hochwürden! Haben S’ die Ehr, und gehen S’ halt auffi!“
-
-Pater Wilfrid bat die Damen, sich gütigst in das obere Stockwerk
-bemühen zu wollen. Höflichst geleitete er die Fürstin hinauf.
-
-Die Dienerin wollte die Haustüre abschließen und sah den Kammerdiener
-Norbert wartend stehen. Ihn sprach sie schnippisch an: „San Sö
-vielleicht der Brettelhupfer von der Fürstin? Dann können S’ herinnen
-bleiben!“
-
-Würdevoll erklärte Norbert, daß er der „Herr Kammerdiener“ sei.
-
-Pater Wilfrid erschien oben an der Treppe und rief: „Geschwind, Erna,
-Tee machen! Durchlaucht wünschen Tee zu nehmen!“
-
-Schrill antwortete Frau Erna: „Was Ihnen nicht einfallt! Wo wir im
-ganzen Haus kein Stäuberl Tee nicht haben! Und sicher im ganzen Dorf
-auch nicht! Ein Schalerl Kaffee kann sie haben, die Frau Duhrlauch,
-sonst nichts!“
-
-So mußte denn Pater Wilfrid diesen Bescheid überbringen. Über seine
-komisch klägliche Miene lachte die Fürstin hellauf. „Tut nichts, ist
-kein Unglück! Herr Pfarrer wollen erlauben, daß ich Ihr Haus mit Tee
-und was dazu gehört, versorge! Aus Selbstsucht, denn wir werden künftig
-nach dem Gottesdienst bei Ihnen den Tee nehmen! Das heißt, wenn Sie
-erlauben! So, nun wollen wir um so weniger stören, als zahlreiche
-Bauern auf Audienzerteilung warten! Auf Wiedersehen, Herr Pfarrer!“
-
-Norbert mußte den beim Wirte eingestellten Wagen holen. Am Pfarrhause
-wartend, sah die Fürstin den Oberförster Hartlieb, den sie einlud, im
-Wagen mit nach Hause zu fahren.
-
-Mit höflichen, ernsten Dankesworten nahm Hartlieb diese Einladung an,
-wiewohl sie seine Absicht, im Grabnerhofe dienstlich vorzusprechen,
-durchkreuzte. Unwillkommen war sie ihm aber dennoch nicht, da er doch
-wieder einmal Fräulein von Gussitsch in die schönen Mustela-Lichter
-gucken konnte. Fand er doch Fräulein Edelmarderchen zum Anbeißen nett
-und hübsch. Insgeheim natürlich, mit Ausschluß aller Öffentlichkeit.
-
-Da es eine ziemliche Zeit währte, bis die Pferde angeschirrt waren,
-bat die Fürstin, es wolle sich der Pfarrer nicht aufhalten lassen und
-die Leute vornehmen. „Ich habe ohnedies mit dem Herrn Oberförster zu
-sprechen!“
-
-Pater Wilfrid verabschiedete sich und nahm den ersten wartenden Bauern
-mit in die Pfarrkanzlei.
-
-Ehrerbietig harrte Hartlieb der Mitteilungen, und er war im voraus
-überzeugt, daß sie höchst wahrscheinlich eine Überraschung wenig
-angenehmer Art für den Jagddienst sein werden. Aber auf die Frage, wie
-sich das Jagdgut verzinse, war er doch nicht gefaßt. Die Käuferin mußte
-doch über die Verzinsung informiert sein...
-
-Kaum konnte Hartlieb seine Verblüffung verbergen.
-
-Fräulein von Gussitsch hatte sich diskret einige Schritte entfernt und
-hielt auf dem Sträßlein Ausguck nach dem Wagen.
-
-Trocken und ernst wie immer gab Hartlieb die Auskunft: „Da für den
-Haller Besitz nur das Jagdinteresse ausschlaggebend war und ist,
-beträgt die Verzinsung nur zwei vom Hundert! Soll die Rente gehoben
-werden, so muß eine geregelte Forstnutzung eintreten; wir haben
-hiebreife Bestände, und für Nutzholz sind dieser Tage günstige Offerten
-von größeren Firmen eingelaufen! Ich wollte nur noch kurze Zeit warten,
-ob nicht noch einige Angebote erfolgen, und hatte vor, demnächst
-hierüber Vortrag zu erstatten und die Genehmigung zur Durchforstung
-und Schlägerung einzuholen!“
-
-Das Antlitz der Fürstin bekam einen Zug von Geringschätzung, die Lippen
-umspielte ein ironisches Lächeln, etwas wie Hochmütigkeit, da Sophie
-sarkastisch sprach: „Holzhandel ist nicht mein Geschmack! Das Gut habe
-ich in ganz anderer Absicht gekauft; freilich steht dahin, ob sich
-diese Absicht verwirklichen läßt! Jedenfalls bleibt einzig und allein
-das Jagdinteresse ausschlaggebend, ich werde mich mit der kleinen
-Verzinsung begnügen! Also beachten Sie, lieber Hartlieb: nur das
-Jagdinteresse im Auge behalten!“
-
-„Zu dienen, Durchlaucht! Eben das Jagdinteresse veranlaßt mich auf
-Grund eigener Wahrnehmungen in letzter Zeit und in Berücksichtigung der
-Jägerrapporte den Abschuß überzähliger Gelttiere, und zwar bald, noch
-vor Beginn der Hirschbrunft zu beantragen...“
-
-„Aber warum denn?“
-
-„Es hat sich das Geschlechtsmischungsverhältnis verschoben, wir
-haben zu viel Kahlwild, der Abschuß von Gelttieren ist nötig! Ich
-möchte bitten, daß das Personal, das ja sehr fachkundig ist, diesen
-Abschuß vornehmen darf, und zwar auf der Pirsch, weil dadurch die
-Revierbeunruhigung möglichst vermieden wird!“
-
-Die Lippen hochziehend, meinte die Fürstin: „Ich weiß nicht! Der
-Abschuß will mir nicht gefallen, noch weniger das -- Kanonieren durch
-das Personal! Und ganz und gar nicht will mir gefallen, daß just das
-weibliche Wild zum Opfer fallen soll! Das ist grausam! Nach Möglichkeit
-hegen, Herr Oberförster, hegen!“
-
-„Im Jagdinteresse bin ich genötigt, dringendst den Abschuß der
-überzähligen Gelttiere zu verlangen!“ erwiderte Hartlieb höflichen,
-doch dienstlich festen Tones. Und ehrlich ernst blickte er der
-Gebieterin ins Auge.
-
-„Ja doch! Sie als Fachmann müssen es ja besser wissen und verstehen,
-Sie sind ja auch verantwortlich! Aber Wünsche wird die Besitzerin,
-sozusagen der ‚Jagdherr‘, denn doch noch aussprechen dürfen! Machen
-Sie mal einen Überschlag, so eine Art Aufstellung, damit ich erfahre,
-wieviel weibliches Wild der Kugel verfallen soll! Eines steht fest:
-ich für meine Person werde mich an dem erzwungenen Abschuß nicht
-beteiligen! Und ohne Kontrolle darf auch das Personal nicht abschießen!
--- Der Wagen kommt! Wir fahren heim! Herr Oberförster, Sie können bis
-zum Forsthause mitfahren!“
-
-Unterwegs litt Hartlieb alle Qualen der Unterordnung des eigenen
-Intellekts, des seelischen Kampfes in der Frage, ob der Fachmann
-sich ducken, dem Willen eines Laien, noch dazu dem einer Frau, sich
-unterwerfen oder auf die Dienstesstellung verzichten, sich um einen
-anderen Posten bewerben solle. Unmännlich und feig erschien ihm das
-Ducken, die Unterwerfung ein Verrat an den Idealen des grünen Berufes!
-Lieber aus diesem Dienst scheiden mit reiner, ehrlicher Weidmannsseele!
-Gehen, bevor der Waldmann -- fliegt...
-
-Ein Weilchen hatte Fürstin Sophie mit Martina geplaudert, Fragen
-gestellt und sie selbst beantwortet, bevor das Hoffräulein die Lippen
-öffnete. Dann wandte sich die Fürstin mit einem liebenswürdigen
-Lächeln an den Oberförster und fragte ihn im Tone köstlicher Naivität:
-„Sagen Sie mal, lieber Hartlieb, was wird denn bei der jetzigen Art
-des Jagdbetriebes eigentlich aus den -- Rehwitwen und aus den alten
-Rehjungfern? Es werden ja doch immer nur Rehböcke geschossen! Wer sorgt
-für die -- Reh-Relikten?“
-
-Hartliebs Blick kündete Verblüffung; der Oberförster war paff. Und auf
-der Zunge lag sehr locker ein Ausruf gelinden Entsetzens, ein Hilferuf
-des konsternierten Weidmannes zum St. Hubertus.
-
-Zum rettenden Engel aus dieser Verlegenheit Hartliebs wurde Martina,
-die in diesem Moment lachte und ihre schimmernden Marderzähnchen zeigte.
-
-Dieses erquickend frische Lachen ermöglichte es dem Jagdbeamten, den
-Ausruf ungesprochen hinabzuschlucken, die verblüffende naive Frage
-der Fürstin im Scherztone dahin zu beantworten, daß der Schöpfer dem
-Leben der „Rehwitwen“ und alten „Rehjungfern“ mit dem fünfzehnten
-Jahre ein natürliches Ziel und Ende gesetzt habe, so nicht durch
-Krankheiten diese „Relikten“ früher verenden. Eine Verschiebung des
-Geschlechtsmischungsverhältnisses zwinge übrigens auch beim Rehwild zum
-Abschuß überzähliger Geißen und Gelttiere.
-
-„Ach Gott! Nun kommt der schreckliche Mensch schon wieder mit den
-‚Geschlechtsmischungsverhältnissen‘! An sich schon eine gräßliche
-Worthäufung, gleich drei Hauptwörter aneinander gehängt und grausam
-verquickt! Hat die Weidmannsprache, die ich wohl nie werde erlernen
-können, noch mehr solcher Wortungetüme und Ungeheuer?“
-
-Ehe Hartlieb antworten konnte, wandte sich die Fürstin aber schon
-wieder an das Hoffräulein mit der Bemerkung, daß vergessen worden sei,
-den Pfarrer wegen des Requiems zu interpellieren, zu fragen, ob diese
-Angelegenheit in Ordnung sei.
-
-Martina versicherte, daß sie befehlsgemäß dem Pater Wilfrid geschrieben
-habe und somit wohl auf prompte Erledigung gerechnet werden dürfe.
-
-„Schicken Sie den Norbert zum Pfarrer! Ich will bestimmten Bescheid
-erhalten! -- Na, da sind wir ja schon am Forsthause! Apropos: Schicken
-Sie mir morgen den Jäger Eichkitz zum Rapport! Auf Wiedersehen, Herr
-Oberförster!“
-
-Hartlieb verabschiedete sich. Ein warmer Blick inniger Sympathie flog
-zum Mustela-Fräulein...
-
-„Bei St. Huberto! Immer muß ich das Fräulein mit dem geschmeidigen,
-zierlichen Edelmarder vergleichen!“ murmelte Hartlieb, als er nach
-Abfahrt der Damen in das stille Forsthaus trat.
-
- *
-
-Der Reihe nach nahm Pater Wilfrid in der Haller Pfarrkanzlei die Bauern
-und sonstigen Besucher vor.
-
-Ein stämmiger Mann, der Schmied von Hall, ältlicher Junggeselle, erbat
-Auskunft, welche Papiere zu beschaffen seien, da er aus Barmherzigkeit
-eine arme Witwe mit zwei Kindern heiraten wolle, um die bittere Not zu
-beseitigen.
-
-Mit der beruhigenden Auskunft, daß die gewöhnlichen
-Legitimationspapiere genügen und daß nach Empfang derselben das
-Pfarramt das Weitere besorgen werde, konnte der Schmied sich entfernen.
-Ziemlich enttäuscht darüber, daß die Sache so glatt gehen werde, und
-daß der Pfarrer auf die „Barmherzigkeit“ soviel wie gar nicht geachtet
-hatte.
-
-Der zweite Besucher, seines Zeichens Spengler und Glasermeister in
-einer Person, wünschte Aufschluß bezüglich des neuen Gesetzes, wonach
-die Gattin für ihre Arbeit im Hauswesen künftig bezahlt werden müsse.
-
-Pater Wilfrid ließ die Frage wiederholen, so sehr mißtraute er seinen
-Ohren. Und dann erklärte er, sich wegen des ihm ganz unbekannten
-„Gesetzes“ erkundigen zu wollen. „Kommen Sie am nächsten Sonntag, dann
-werden Sie Bescheid erhalten!“
-
-Mit einem ähnlichen, schärfer präzisierten Anliegen kam der dritte
-Besucher, ein Taglöhner und Besitzer eines Kleinanwesens bei Hall. Der
-abgerackerte Mann wollte wissen, ob er wirklich verpflichtet sei, von
-seinem ohnehin geringen Einkommen aus seinem Tagwerk dem Eheweibe die
-Hälfte als Lohn für die Hausarbeit zahlen zu müssen. „Springgiftig“
-fordere die Gattin jetzt schon eine Anzahlung, könne aber nicht sagen,
-welches Gesetz diese Zahlungspflicht des Mannes vorschreibt.
-
-Pater Wilfrid gab dem Manne den gleichen Bescheid wie bei Nummer zwei.
-
-Der vierte Besucher war ein mittlerer Bauer, der erbost klagte, daß
-seine Bäuerin die Hühner verkauft, den Erlös für sich behalten habe als
-Entschädigung für ihre Arbeit in Haus, Stall, Garten und Feld.
-
-Nun wurde Pater Wilfrid ob dieser Übereinstimmung der Anliegen doch
-stutzig. Er fragte, ob Anzeichen vorliegen, daß die Bäuerin vielleicht
-aufgehetzt worden sei. Ingrimmig berichtete der Bauer, daß vor einiger
-Zeit die Frau des Forstwarts öfter im Gehöft erschienen sei, eifrig mit
-der Bäuerin getuschelt und verhandelt habe, worauf das Eheweib sehr
-scharf geworden sei. „Sagen S’ nur gleich, Herr Pfarrer, was ich machen
-soll! Därf ich das hantige Weib verhauen? Und was ist das für ein
-‚Gesetz‘, von dem die Bäuerin behauptet, daß ich fürder blechen muß,
-was Zeug haltet?“
-
-„Gedulde dich bis zum nächsten Sonntag! Ich werde mich inzwischen
-erkundigen! Von einem Gesetz, das die Hausarbeit der Ehefrau entlohnt,
-weiß ich einstweilen nichts! Glaub auch nicht, daß es bei uns ein
-solches Gesetz gibt!“
-
-„So? Nicht? Na, freu dich, Alte! Ihr werd ich das Hühnerverkaufen
-hinter meinem Rücken schon austreiben mit’m Haslinger!“
-
-„Warte mit dem -- Haslinger bis zum nächsten Sonntag! Aufs
-Wiederschauen!“
-
-Insofern die übrigen Besucher verheiratet waren, hatten sie alle
-das gleiche Anliegen und den Wunsch, bezüglich des neuen Gesetzes
-informiert zu werden. Auch der Dorfkrämer, der davon sprach, daß er die
-Hölle auf Erden habe, seit die Frau Gnugesser in seinem Hause verkehre
-und sein Weib zur Freundin und Vertrauten erkürt habe. Auch andere
-Weiber kommen häufig und halten Sitzungen ab, als wenn der Kramerladen
-ein Weiberparlament wäre.
-
-„Ausstampern!“ meinte anzüglich Pater Wilfrid und schmunzelte dazu.
-
-„Hat sich was mit dem Ausstampern! Hasen und Katzelen kann man
-stampern, nicht aber Weiberleut, wenn die Weibets -- bleiben wollen!
-Einmal hab ich das Stampern probiert, ein zweites Mal tue ich es nicht
-wieder! Eine Watschen hab ich erwischt, die ist nicht von schwacher
-Hand gewesen! Und was mich wurmt: ich weiß nicht von wem! Kann sein,
-daß es die Kramerin gewesen ist, es kann aber auch sein, daß ein
-Bauernweib mir die Watschen runtergewischt hat! Jedenfalls ist keine
-christliche Demut im Spiel gewesen! Drum bin ich der Meinung, daß
-Hochwürden Herr Pfarrer auf der Kanzel loswettern sollten gegen die
-Malefizweiber, die rebellisch worden sind! Aber, bitt schön, ausgiebig
-loswettern, gesalzen und gepfeffert, ganz sakrisch, auf daß den
-Revoluzzerinnen Hören und Sehen vergeht und die Augen tropfen!“
-
-„Wird schon zur rechten Zeit geschehen!“ Einer Regung folgend, riß
-Pater Wilfrid rasch die Türe auf. Richtig kniete die Dienerin vor dem
-Schlüsselloch. Heillose Bestürzung. Wie ein begossener Pudel sprang die
-Witwe Erna auf, und krebsrot im verhutzelten Gesicht hastete sie davon.
-
-Der Krämer rieb sich schadenfroh die Hände und freute sich mächtig. Und
-lachend verließ er das Pfarrhaus.
-
-Pater Wilfrid eilte nun in das Schulgebäude, um den Sonntagsschülern
-Unterricht in der Christenlehre zu erteilen.
-
-Dann ein Halbstündchen Pause für einen kleinen Imbiß und für eine
-Rüge der Dienerin wegen Belauschungsversuchen von Dienstgesprächen.
-Die weißhaarige Frau Erna verhalf dem jovialen Pfarrer zu einer
-nicht geringen Überraschung, indem die alte Dienerin statt mit einer
-Entschuldigung mit dem Vorwurf anrückte, daß Pater Wilfrid zu den --
-nichtsnutzigen, hartherzigen und grausamen Mannsbildern halte! Deshalb
-sei es eine heilige Pflicht der Weiber, sich zusammenzuschließen
-und alles aufzubieten, daß die segensreichen Bestimmungen des neuen
-Gesetzes voll und ganz zur Durchführung gelangen...
-
-Pater Wilfrid griff sich an den Kopf und rief: „Ja, wie wird mir denn?“
-Die alte Witwe richtete sich gravitätisch auf, stemmte die Hände auf
-die schmalen Hüften und erwiderte triumphierend: „Jawohl! Gucken Sie
-nur verwundert, Hochwürden! Ihr Staunen ändert nicht das geringste an
-der Tatsache, daß das neue Gesetz die Stellung der Frauen im Haushalt
-und Ehestand bedeutend heben und bessern wird! Ich für meine Person
-werde allerdings von dem neuen Gesetz nichts profitieren! Dennoch
-erachte ich es als meine Pflicht, mich den Frauen anzuschließen und
-tapfer mitzukämpfen, bis der Sieg errungen ist!“
-
-Kühl gab Pater Wilfrid zur Antwort: „Gewiß, Frau Erna! Sie können
-mitkämpfen, meinetwegen heldenhaft mit Schwert und Spieß, nur nicht
-als Pfarrhäuserin! Bevor Sie die Waffen zum Heldenkampf ergreifen,
-müssen Sie das Pfarrhaus und Ihre bisherige Stellung verlassen! Und
-das heute noch! Im Hause eines friedfertigen Priesters wird eine
-Revolution, die Unterstützung verrückter Frauen nicht geduldet! Eine
-Stunde Zeit zum Überlegen sei Ihnen gegönnt! Ich muß jetzt wieder in
-die Schule zur Christenlehre für die Mädchen gehen! Hernach ist Segen
-und Rosenkranzgebet in der Kirche! Sodann geben Sie Ihre Erklärung ab!
-Guten Tag, Frau Erna!“
-
-Verblüfft guckte die Matrone; ihr Kopf wackelte, die knöcherigen
-Finger bebten. Und weinerlich klangen die Worte: „Mit Vergunst, Herr
-Pfarrer! Wenn Sie die Sach so scharf anfassen, wird es für mich wohl
-gescheiter sein, wenn ich meine Finger nicht hineinstecke! Wo soll ich
-altes Weibel denn ein anderes Heimatl finden, so ich aus dem stillen
-Pfarrhaus außig’schmissen werd! Ich bitt um Verzeihung! Die Frauen
-sollen ohne die alte Erna kämpfen und sich die Finger verbrennen! Ich
-tue nimmer mit!“
-
-„Gut! Dann bleibt alles beim alten! Adieu!“
-
-Im Dienste vollzog sich für Pater Wilfrid die an Sonntagen übliche
-Hetzjagd: Schulunterricht, nachmittägiger Gottesdienst, Beteiligung an
-einer Versammlung christlicher Arbeiter. Während dieser Verhandlung
-wurde der Pfarrer abberufen, er mußte dem todkranken Zirnitzbauern
-die Sterbesakramente bringen. Hernach noch die Vorkehrungen für den
-Todesfall treffen, Kranke besuchen und trösten. Darüber wurde es
-Abend. Im Einspännerwägelchen fuhr dann der Haller Himmelsführer zurück
-ins Admonter Kloster. Das Tagewerk war aber immer noch nicht beendet;
-als Gastmeister des Stiftes hatte Pater Wilfrid die Pflicht, sich um
-die Gäste des Klosters zu kümmern, für ihr leibliches Wohl, für gute
-Unterkunft und nach Möglichkeit auch für gesellschaftliche Unterhaltung
-zu sorgen. Verpflichtungen von nicht gerade angenehmer Natur, wenn der
-Gastmeister so viele Sorgen im Kopfe hat. Die größte Rolle spielte das
-neue „Gesetz“ und die Haller „Weiberrevolution“. Beiläufig und sehr
-dunkel glaubte Pater Wilfrid sich erinnern zu können, in einer Zeitung
-vor Wochen einen Artikel gelesen zu haben, der sich mit der Frage:
-Entlohnung der Hausfrauenarbeit im Ehestande, irgendwie beschäftigte.
-Flüchtig gelesen und schnell vergessen. Emsig suchte Pater Wilfrid
-in einer hofseitig gelegenen Zelle nach jener Zeitung. Einer der
-weltlichen Klosterdiener kam und meldete pflichtgemäß, daß einige
-Gäste gekommen seien, die sich jetzt in der Hofmeisterei befänden.
-Provisorisch hätte der Diener des Gästetraktes die Zimmer angewiesen
-und das Nötige für Beherbergung besorgt.
-
-Rasch kontrollierte der Pater Gastmeister, ob der Rang der Gäste
-mit den angewiesenen Zimmern und ihrer Ausstattung einigermaßen
-übereinstimmte. Eine Umlogierung mit Verbringung des Reisegepäckes
-mußte vorgenommen, Rücksicht auf Rang und Etikette, auf die
-altberühmte Gastfreundschaft des Stiftes geübt werden. Nun eilte der
-vielbeschäftigte Gastmeister hinauf in die im obersten Stockwerke
-gelegene sogenannte Hofmeisterei. Ein großer, vielfenstriger Saal,
-klösterlich einfach ausgestattet; ein Billard, von dem der Klosterwitz
-erzählt, daß schon Kolumbus vor Antritt seiner Reise nach Amerika
-auf diesem Vergnügungsmöbel gespielt hätte, etliche runde Tische
-für Kartenspieler, an der einen Wand ein langer Tisch für Gäste und
-Stiftsherren mit etlichen seltsam geformten Flaschen, die zwei Sorten
-Klosterwein enthielten. Eine Kredenz mit Gläsern, ein Kleiderrechen
-und ein Ständer für Zeitungen bildeten die Ausstattung des von einer
-großen Hängelampe dürftig erleuchteten Saales. Klösterlich einfach und
-bescheiden. Dennoch hatte dieser Raum eine Kostbarkeit aufzuweisen: die
-herrliche, überwältigende Aussicht auf die „Haller Mauern“, auf das
-wuchtig ragende Felsengebirge im Norden von Admont. Freilich waren von
-diesen Zyklopenmauern am späten Abend nur noch die düsteren Schatten zu
-sehen.
-
-Etliche Stiftsherren mit dem Abte, den die goldene Prälatenkette
-kenntlich machte, und drei Laiengäste saßen an dem langen Tische,
-rauchten und plauderten. Nippten zeitweilig vom Weine, der an Sonntagen
-auf Klosterrechnung den Stiftsherren gereicht wird. Gästen natürlich
-auch an Wochentagen für die Dauer ihrer Anwesenheit.
-
-Pater Wilfrid stellte sich den fremden Gästen als Gastmeister vor,
-bat wegen verspäteten Erscheinens um Entschuldigung und verständigte
-den einen Herrn wegen der Umlogierung. Und nun waltete er mit allem
-Eifer seines Amtes, auf daß die Gäste rechtzeitig die Gläser gefüllt
-erhielten und Unterhaltung fanden. Seine Weltgeläufigkeit wie die
-höfisch geschulten Umgangsformen kamen dem Gastmeister gut zu statten
-und machten den denkbar besten Eindruck. Benediktinerhöflichkeit und
--gastlichkeit.
-
-Der vornehme Abt richtete später diskret an den Gastmeister und Haller
-Pfarrer im halblauten Tone die Frage, ob dafür gesorgt sei, daß die
-Fürstin von Schwarzenstein einen standesgemäßen Platz in der Haller
-Kirche habe.
-
-Flüsternd antwortete Pater Wilfrid: „Zu dienen, Euer Gnaden! Alles in
-Ordnung und prompt besorgt!“
-
-Ein freundlicher Blick des Abtes glitt zum Gastmeister, ein Nicken
-kündete Befriedigung und Wohlwollen. Um zehn Uhr erhoben sich die Gäste.
-
-Geräuschlos und flink besorgte Pater Wilfrid Licht. Und nachdem sich
-die Gäste vom Abt und von den Stiftsherren verabschiedet hatten,
-geleitete der Gastmeister, witzig sich als „Zimmermadel im Habit“
-vorstellend, die Gäste in ihre Zimmer, sah noch geschwind nach, ob auch
-Wasser vorhanden war, und zog sich dann mit besten Wünschen für eine
-„geruhsame Nacht“ zurück.
-
-In seiner Zelle bei traulichem Lampenschein beschäftigte sich Pater
-Wilfrid noch einmal mit dem heillos unangenehmen „neuen Gesetze“. Die
-Erinnerung an jenen Zeitungsartikel kehrte zurück und wurde lichter.
-Und mit einem Male wußte der einsame Denker, daß der Entwurf zum
-neuen Zivilgesetzbuche die Bestimmung enthält, wonach die Ehefrau ein
-Drittel des Einkommens des Mannes als Entschädigung für ihre Arbeit im
-Hauswesen erhalten solle.
-
-Noch lichter wurde die Erinnerung: Es handelt sich um den Entwurf zum
-neuen Zivilgesetzbuche der Schweiz.
-
-„Gott sei Dank!“ murmelte Pater Wilfrid. Und wie von einer schweren
-Last befreit, atmete er tief auf.
-
-Und dann schlug er sich mit der Hand an die Stirne in Erinnerung, daß
-jener Zeitungsartikel in einem Kölner Blatte enthalten war. Und einen
-Pack dieser Zeitungen hat er selbst der Frau Forstwart Gnugesser, die
-um Lektüre gebeten hatte, zum Lesen gegeben.
-
-„Oh! Was hab ich getan?!“ stöhnte Pater Wilfrid. „Wie kann man so
-unvorsichtig sein? Den Hecht in den Karpfenteich setzen!“
-
-Freilich gab es eine Entschuldigung: niemand konnte ahnen, daß die
-Forstwartsfrau just diesen Zeitungsartikel aufschnappen, den Entwurf
-als gültiges Gesetz betrachten, die Länder verwechseln, den Entwurf
-als Agitationsmittel benützen, die Weiber von Hall „revolutionieren“
-werde...
-
-Die mißverständliche Auffassung, die Verwechslung der Schweiz,
-ermöglicht aber eine Gegenagitation, die wirksame Bekämpfung der
-„Revolution“! Die Aufklärung des Irrtums durch eine Predigt von der
-Kanzel aus wird und muß die Flammen der Weiberrevolution ersticken, in
-der Haller Gemeinde die Ordnung und den Frieden wiederherstellen.
-
-Um den Frieden bei seinen Pfarrangehörigen war es Wilfrid zu tun; dem
-Frieden zuliebe hat er unzählige Opfer gebracht und wird sie bringen,
-solange er Himmelsführer in der Gemeinde Hall sein wird.
-
-So schrieb denn Wilfrid etliche Gedanken für die Predigt nieder.
-
-Gegen Mitternacht machte sich die Ermüdung geltend. War der Pfarrer und
-Gastmeister doch seit vier Uhr früh im Dienste, ununterbrochen tätig.
-
-Die Feder entsank der fleißigen Hand.
-
-Wilfrid löschte die Lampe aus und begab sich zur wohlverdienten Ruhe.
-
-
-
-
-Sechstes Kapitel
-
-
-Vor dem Jagdschlößl im einsamen Halltale stand eines klaren Morgens
-ein schmächtiger, junger Mann in alter, verwetzter Steierertracht.
-Kalkigweiß die Wangen, seltsam tief, scharfblickend und flackernd die
-Augen. Bartlos, frisch rasiert die Wangen. Ein Mensch, weltfremd und
-dennoch welthungrig. Mit dem aszetischen Gesichtsausdruck schien der
-magere junge Mann gar nicht in die Tracht zu passen, die auf einen
-Bergstock gestützte Gestalt mit einem Kugelstutzen älteren Systems auf
-der linken Schulter sah wie Maskerade aus.
-
-An scherzhafte Verkleidung, an Salontirolerei glaubte denn auch der
-Kammerdiener Norbert, als er diesen „Steierer“ erblickte und wegweisen
-wollte. Unmöglich konnte der junge, bleiche Mann ein Jagdgehilfe
-sein: die auffallend weißen Hände, die kalkige Gesichtsfarbe sprachen
-dagegen. „Sie, junger Mann, entfernen S’ Ihnen! Hier haben Sie nichts
-zu suchen!“ rief er patzig.
-
-Gelassen erwiderte der junge Mann: „_Ave!_ Guten Morgen!“ Und
-unverändert blieb er in der Stellung.
-
-Norbert riß es fast um. „Was haben Sie gesagt? _Ave?_ Wer sind wir
-denn?“
-
-„Zu dienen! Ich heiße Nonnosus, bin Admonter Novize und von Durchlaucht
-hierher befohlen!“
-
-„Nicht übel das! Ich weiß kein Wort! Unmöglich können Sie in dieser
-Maskerade vorgelassen werden! Und was ein angehender ‚Mönch‘ im
-Jagdschlößl zu tun hat, kann ich mir auch nicht denken!“
-
-In hellstem Entzücken, in fanatischer Freude flammten die Augen des
-Novizen auf, leise röteten sich seine bleichen Wangen, da Nonnosus
-davon sprach, daß er von der Fürstin zur Jagd eingeladen sei, mit
-besonderer Erlaubnis des Abtes pirschen, etliche Tage auf einer
-Jagdhütte oben verbringen dürfe. „Seien Sie so gütig, Herr, und melden
-Sie der Fürstin, daß der ‚Novize mit dem Jägerblut‘ gekommen ist! Die
-Fürstin wird sich dann schon erinnern, daß sie mich eingeladen hat und
-daß sie mich mit hinaufnehmen will! Haben Sie die Güte!“
-
-Norbert schüttelte den Kopf.
-
-Elastisch und flink kam der fesche Jäger Eichkitz heran. Den
-sonderbaren „Steierer“ erblickend, spöttelte der schmucke Jägersmann:
-„Je! Was ist denn dös für ein Spatzenschrecker! Wo haben s’ denn diesen
-Popanz aus’lassen? Wohl eine Vogelscheuch’n für ein Erbsenfeld?“
-
-Norbert schüttelte sich vor Lachen. Und Eichkitz lachte mit.
-
-Ruhig sprach Nonnosus: „_Ave!_ Der Spott sei verziehen!“
-
-Eichkitz grinste, hob verächtlich die Schultern und bat den
-Kammerdiener um Anmeldung. „Zum Bericht auf neun Uhr von der Duhrlauch
-befohlen, Herr Kammerdiener!“
-
-„Das ist eine andere Wurscht! Befohlen, na gut! Wundert mich aber, weil
-so früh die Fürstin sonst niemand empfängt!“
-
-Pfauenstolz meinte der schmucke Jäger: „Mich schon! Ausdrücklich auf
-Neuni befohlen, aufzuwarten!“
-
-Norbert verschwand. Und alsbald kam er wieder, um zu melden, daß
-der Herr aus dem Stift warten möge, bis der Jäger Eichkitz Bericht
-erstattet habe.
-
-„Danke, Herr! Ich werde geduldig warten!“ erwiderte Nonnosus in
-unveränderter Haltung, auf seinen Bergstock gestützt.
-
-Eichkitz legte im Flur Büchsflinte und Bergstock ab; mit dem
-Hirschfänger an der Linken und mit dem Hütl in der Rechten stapfte er
-hinauf. Und im Zirbensalon wartete er. Ziemlich lange währte es, bis
-die Fürstin erschien.
-
-Der unvermutete Anblick überraschte ihn; denn noch nie im Leben hatte
-er eine Dame im -- Jagdkleid gesehen.
-
-Sophie trug eine dunkelgraue Bluse aus Rohseide, darüber eine kokette
-Lodenjacke, fußfrei kurz der grüne Lodenrock, Hosen von gleichem
-Stoff, zierliche, bis zu den Knöcheln reichende Lederschuhe, die
-notdürftig genagelt waren. Auf dem Kopfe saß ein dunkelgrüner Ausseer
-Hut, geschmückt mit hellgrünem Seidenband und einem Gamsbart. Für
-einige Sekunden verblüffte den Jäger Eichkitz diese Erscheinung,
-besonders die Plastik der üppigen Büste und die ungewohnte Kleidung.
-Doch rasch fand der junge Jäger und Weiberkenner heraus, daß dieses
-schneidige Kostüm und die grüne Farbe wohl für ein hübsches junges
-Mädel passe, keineswegs aber für eine Fünfzigerin. Mit vortrefflicher
-Selbstbeherrschung unterdrückte er den Lachkitzel, den diese Kleidung
-in ihm geweckt hatte. Eichkitz verbeugte sich und stammelte: „Gnädig
-Duhrlauch haben befohlen! Ich melde mich gehorsamst zur Stelle!“
-
-Lächelnd musterte die Fürstin den bildhübschen Burschen und lobte sein
-pünktliches Erscheinen. „Ich möchte von Ihnen hören, ob wir wirklich
-zuviel Gelttiere in den Hirschrevieren haben! Viel zuviel Kahlwild
-angeblich!“
-
-Die besondere Betonung des Wörtchens „angeblich“ fing der schlaue
-Bursche sofort auf, er war willens, sich ganz nach der Gebieterin zu
-richten und ihr zu Gefallen zu reden. Deshalb meinte er: „Ist nicht so
-gefährlich!“
-
-„Wieso?“
-
-„Wenn gnädig Duhrlauch Kahlwild und Geltstück nicht abschießen wollen,
-muß es auch nicht sein!“
-
-„Also besteht kein gebieterischer Zwang?“
-
-„Zu befehlen hat doch nur gnädig Duhrlauch! Das Verhältnis jagdbarer
-Hirsche zum Kahlwild soll sein wie 1 zu 5! Das langt, weil ja unsere
-Geweihten an Geweih und Leib eh stetig zurückgehen!“
-
-„Weshalb denn?“
-
-„In den Hochrevieren haben die Hirsche nicht die beste Äsung und für
-Blutauffrischung ist nichts geschehen! Im letzten Winter ist die
-Fütterung nicht überreichlich gewesen, weil ja die Pachtzeit ablief und
-ein Käufer nicht vorhanden gewesen ist! Wenn gnädig Duhrlauch jedem
-Hirsch mehr als fünf Stück gönnen wollen, hat es nicht viel auf sich!
-Ganz wie Sie wollen!“
-
-„Der Gedanke, Kahlwild abschießen zu lassen, ist mir unangenehm!“
-
-„Muß ja nicht sein! Schießen dafür gnädig Duhrlauch die jungen Spritzer
-und Schneiderhirscheln weg!“
-
-„Sie meinen wohl auch, Eichkitz, daß man den Wald möglichst unberührt
-lassen soll, was?“
-
-„Mit Vergunst! Ich bin nur Jaager, vom Forstwesen versteh ich nichts!
-Unsereiner heult um jeden Baum, der g’schlägert wird! Wie und wo soll
-denn unser Hirschwild gedeihen, wenn der Wald immer weniger wird?“
-
-„Danke! Ihre Liebe zu Wild und Wald gefällt mir sehr gut! Ich hatte die
-Absicht, daß wir heute nachmittag zur Pyrgas-Hütte hinaufsteigen und im
-dortigen Revier auf Gemsen pirschen werden! Nun aber bestimme ich, da
-ja auch der Admonter Theologe bereits da ist, daß wir in einer Stunde
-aufbrechen! Die Förster sollen nachkommen! Apropos: Behandeln Sie den
-Admonter Theologen gut, er ist Sohn eines Jägers, hat Jägerblut in den
-Adern! Er darf pirschen, er soll mal die Wonnen des Weidmannslebens
-durchkosten, ich habe ihn eingeladen, er ist für einige Tage mein
-Jagdgast!“
-
-„Zu Befehl! Hab ihn schon gesehen! So ein -- lieber, netter, armer
-Herr! Schad, daß er als Jaagerssohn Geistlicher werden muß! Wird
-ihn hart genug ankommen, die Bezwingung des Jaagerblutes! Befehlen
-Duhrlauch noch was?“
-
-„Danke! Sie können gehen! Verständigen Sie rasch den Herrn Oberförster
-und kommen Sie alsbald zurück! Wir marschieren um zehn Uhr ab!“
-
-„Zu Befehl! Küß d’Hand, gnädig Duhrlauch!“ Ein huldvoller Wink und ein
-Blick des Wohlgefallens. Eichkitz machte einen Kratzfuß und stelzte
-vorsichtig über das glatte Parkett.
-
-Den erheblich gestiegenen Wert seiner Person ließ Eichkitz dem
-Kammerdiener in der patzig gesprochenen Mitteilung fühlen, daß in einer
-Stunde zur Pyrgas-Hütte aufgebrochen werde. „Unter meiner Führung!
-Veranlassen Sie wegen Proviant und Bagasch das Weitere! Wir marschieren
-Punkt zehn Uhr ab! Servus, Herr Norbert!“
-
-Seinen Ohren nicht trauend, rief Norbert: „Wie? Was? Er ist wohl nicht
-bei Trost?! Und den arroganten Ton verbitt ich mir! Für Ihn, den
-Jagdgehilfen, bin ich der Herr Haushofmeister! Verstanden!“
-
-„‚Giften‘ S’ Ihnen, wie Sie mögen, vorher aber vollziehen Sie den
-Befehl der Duhrlauch! Alles herrichten und auffitragen!“ Eichkitz ließ
-den Kammerdiener in heller Entrüstung stehen und begab sich hurtig zum
-Theologen vor dem Jagdschlößl, dem er mitteilte, daß die Fürstin ihn
-erwarte.
-
-„Ich danke Ihnen herzlichst, Herr Oberjäger, für Ihre Güte!“
-
-Die Titelerhöhung schmeichelte Eichkitz nicht wenig, gönnerhaft und
-herablassend meinte er: „Ist gern g’schehen! Springen S’ hinauf! Hohe
-Herrschaften darf man nicht warten lassen!“ Dann eilte der Jäger zum
-Forsthause, um den Befehl zu überbringen. Und im voraus freute er sich,
-wie die Förster Hartlieb und Gnugesser bei ihrer Rückkehr aus dem
-Dienst zum Mittag überrascht und verblüfft sein werden, daß die Fürstin
-unter Führung des Jägers Eichkitz bereits am Vormittag ins Revier
-gegangen ist. Den Befehl mußte Eichkitz schriftlich hinterlegen und
-in das Schlüsselloch der Haustüre stecken, denn das Forsthaus war wie
-ausgestorben, die Männer und auch Frau Forstwart Amanda waren abwesend.
-
-Dann wanderte Eichkitz gemächlich zum Jagdschlößl, wo unter der
-Dienerschaft eine ameisenhafte Regsamkeit herrschte infolge des
-überraschenden Befehles zu verfrühtem Aufbruche.
-
-Im Zirbensalon unterhielt sich Fürstin Sophie mit dem bleichen
-Theologen im schlotternden Steierergewand. Der junge Mann mit seinen
-tiefen, leidenschaftlich flammenden Augen, sein demütiges Wesen,
-sein Seelenkampf wie seine Zukunft, all das interessierte die Frau
-in besonderem Maße. Etwas ganz Neues im Einerlei der Bergeinsamkeit!
-Dazu der prickelnde Nervenreiz für das bevorstehende Experiment auf
-psychischem Gebiete: Wird des Novizen glühende Jagdleidenschaft durch
-die Jagdleidenschaft erst recht auflohen zu versengender Flamme oder
-infolge gesättigter Gier erlöschen?
-
-Zunächst fesselte die Fürstin die Art, wie Nonnosus in Dankbarkeit des
-Abtes gedachte, der ihm das Studium ermöglichte und in vollendeter
-Vornehmheit seines hohen Amtes so ganz anders walte, denn sonst
-anderswo die Seminarvorsteher.
-
-„Wieso denn?“ fragte die Fürstin.
-
-„Durch Grundsätze und Anleitungen für die jungen Theologen! So dringt
-unser _Summus Abbas_ auf Selbstbildung und Selbstzucht! Wir müssen erst
-selber Pädagogen werden, meint der Abt, dann können wir auch andere
-bilden! Duckmäuser, Frömmler wünscht man im Stifte nicht!“
-
-„Wie denkt man im Stifte wohl über die Beziehungen der Theologen zur
-Frauenwelt?“ Ein forschender Blick flog zum Novizen.
-
-Ruhig erwiderte Nonnosus: „Wir haben Anstandskurse im Kloster behufs
-Beseitigung von Schüchternheit und Unbeholfenheit, Erzielung eines
-gesetzten und sicheren Auftretens! Noblesse im Verkehr mit Frauen wird
-gefordert! Entgegen dem anderswo üblichen Gebote, daß Kleriker Frauen
-kaum die Hand reichen dürfen, lehrt man uns im Stifte, daß Frauen auch
-Menschen seien, und daß Leute mit übertriebener Prüderie leicht und
-häufig in das Gegenteil umschlagen! Unser Abt verurteilt die totale
-Abschließung der Theologen von der Welt...!“
-
-„Stimmt! Was denken Sie über den Hochmut?“
-
-„Im Stifte lehrt man uns, daß der Priesterberuf ein hehres Amt, die
-Priesterwürde hochzuhalten sei; aber die jungen Priester sollen und
-dürfen sich nicht einbilden, infolge der Würde Menschen höherer Art
-oder gar unfehlbar zu sein! Aus solchen üblen Auffassungen erwachsen
-Hochmut und Unverträglichkeit!“
-
-„Freuen Sie sich schon auf die Tage frohen Weidwerkes?“ Die Frage warf
-den Theologen im Nu aus dem seelischen Gleichgewichte; Nonnosus verlor
-die Herrschaft über sich, die Augen flackerten, das Blut schoß in die
-Wangen, tobte in den Schläfen und machte fast schwindelig. Begeisterung
-und Leidenschaft leuchtete aus den tiefen Augen, verklärte das bleiche,
-scharfgeschnittene Gesicht. Wie weggeweht war in diesem Moment der
-asketische Ausdruck.
-
-„Sie dürfen, so Sie guten Anlauf haben, Gamsböcke schießen und von
-Hirschen, was Sie mit sicherem Schuß bekommen können! Weibliches Wild
-muß geschont bleiben!“
-
-Wie verhaltenes Jauchzen klangen die Worte: „Vergelt’s Gott
-vieltausendmal für die große, große Freud!“
-
-„Schon gut, junger Freund! Schnappen Sie nur nicht über!“ Und in jäher
-Erinnerung an ihren Sohn, der so gar kein Jagdinteresse besitzt,
-verstummte die Fürstin, und ihre Gesichtszüge verfinsterten sich.
-Schatten des Schmerzes lagen auf den leise zuckenden Lippen. Doch rasch
-überwand sie sich und rief nach der Kammerfrau, die beauftragt wurde,
-für ein Gabelfrühstück für den Theologen zu sorgen.
-
-Hildegard nahm den schier taumelnden Nonnosus mit.
-
-Eine Stunde später wurde der Marsch zur hochgelegenen Pyrgas-Hütte
-angetreten. Als Führer an der Spitze pfauenstolz, wie ein Triumphator
-der Jäger Eichkitz. In einem Abstand von etwa acht Schritten folgten
-die Fürstin und Martina von Gussitsch, die gleich der Gebieterin auch
-ein Jagdkleid trug. Mit dem Unterschiede, daß dem jungen zierlichen
-Fräulein diese einfache Kleidung entzückend stand. Hinterdrein
-stapfte Nonnosus etwas unsicher, des Steigens nicht mehr gewöhnt, vom
-Jagdfieber durchrüttelt, mit heißen, lodernden Augen.
-
-Mürrisch folgte Herr Norbert mit dem leichten Kugelstutzen der
-Gebieterin und dem Wettermäntelchen.
-
-Frau Hildegard trug ein kleines Köfferchen und war auffallend guter
-Laune. Die dralle Kammerfrau freute sich mächtig, auf der Pyrgas-Hütte
-den Oberförster Hartlieb zu treffen, den sie -- ohne sein Wissen --
-in ihr Witibherz eingeschlossen hatte. Nicht mehr und nicht weniger
-als Frau Oberförster wollte Hildegard werden, den Namen Schoiswohl mit
-Hartlieb vertauschen, an der Seite des Jagdoberbeamten so glücklich als
-möglich werden. Einstweilen hieß es freilich vorsichtig und zu Hartlieb
-liebenswürdig sein... Drei Diener schleppten Decken, dickgefüllte
-Rucksäcke mit Konserven usw.
-
-Den Beschluß der Karawane bildete ein von einem Pferde gezogenes
-Schlapfenwägelchen, geleitet vom höchst verdrossenen Leibkutscher, der
-ob dieser Dienstesdegradierung empört war. Wenn etwas sein umdüstertes
-Gemüt trösten und aufhellen konnte, war es der Umstand, daß die Kiste
-auf dem Wägelchen viele gute eßbare Sachen, Bier und Wein in vielen
-Flaschen enthielt. Auf Anordnung Norberts, der nie das leibliche Wohl
-bei derlei Expeditionen vergaß und mit längerem Aufenthalte zu rechnen
-pflegte nach dem bewährten Grundsatz: lieber zuviel mitnehmen als
-zuwenig. Demgemäß konnte die fürstliche Freßkiste gar nicht groß genug
-sein.
-
-Ehrgeiz und allerlei Hoffnungen hatten den Führer Eichkitz
-veranlaßt, ein Eiltempo anzuschlagen, das auf Dauer wohl der geübte
-Hochgebirgsjäger einhalten konnte, selbst im steilen Aufstiege, nun
-und nimmer aber Damen. Absicht des Triumphators war es, die Fürstin
-möglichst schnell zur Pyrgas-Hütte zu bringen, früher, als die Förster
-erscheinen konnten, auf daß der Jäger als der einzige anwesende
-Fachmann vielleicht den Auftrag erhalten würde, die Gebieterin auf
-einer Gamspirsch zu begleiten. Jagdleiter sein für den ersten Gang,
-danach lechzte der ehrgeizige Bursche.
-
-Wie Eichkitz aber den sehr groß gewordenen Abstand, die weit
-zurückgebliebenen Damen gewahrte, gab er das Eiltempo sofort auf und
-blieb wartend auf dem Steige stehen. Nicht eben entzückt von der nach
-seiner Meinung miserablen Steigerei der bereits puterrot im Gesichte
-gewordenen Fürstin, die sich der Jacke entledigt hatte und nur mühsam
-kraxelte. Flink und sicher stieg Fräulein von Gussitsch. Wie ein
-Gamserl! dachte Eichkitz, dem die hübsche Hofdame arg in die Augen
-stach. Ein Hoffräulein! Eine feine Abwechslung wäre das! Aber so hoch
-darf man die Augen nicht heben! Soviel Vernunft besaß der Jäger denn
-doch...
-
-Von nun an hielt Eichkitz den kurzen Abstand ein und stieg langsam,
-drehte sich oft um, gleichsam in Erwartung, von der Gebieterin befragt
-und sonstwie angesprochen zu werden.
-
-Doch Fürstin Sophie hatte mit Atemnot zu kämpfen und nicht die
-geringste Lust, sich in ein Gespräch einzulassen.
-
-Ein Blick auf die Taschenuhr überzeugte Eichkitz, daß bei diesem
-Schneckentempo alle Pirsch- und Jagdleitungshoffnungen aufgegeben
-werden müßten.
-
-Und als auf der Plechauer Alp eine längere Rast befohlen wurde,
-konnte Eichkitz leicht ausrechnen, daß in spätestens einer Stunde die
-Förster im Eilmarsch ankommen werden. Groß staunte die Sennerin ob der
-Tatsache, daß der Jäger Eichkitz die hohe Ehre genoß, Führer sein zu
-dürfen. Das war wenigstens ein Wonnetropfen: der Jäger imponierte jetzt
-der Sennerin, dem Wildkatzl!
-
-Geraume Zeit benötigte die ermüdete Fürstin zur Erholung. Und vom
-Aufstieg zur hoch und steil gelegenen Pyrgas-Hütte wollte sie im
-Sonnenbrande vorerst gar nichts wissen. Norbert erhielt Auftrag, einen
-Imbiß und kalten Tee zu reichen.
-
-Nicht einen Bissen konnte indes Fürstin Sophie genießen. Nur vom kalten
-Tee schluckte sie fleißig.
-
-Nonnosus befand sich in einer Beziehung in ähnlicher Lage wie die
-Fürstin: er konnte den dankend angenommenen Happen Schinken nicht
-essen. Hatte überhaupt kein Bedürfnis, nur das übermächtige, brennende
-Verlangen, an Wild zu kommen. So nahe dem Gamsreviere, den wuchtigen
-„Haller Mauern“, von Höhenluft umweht, deuchte ihm jede vertrödelte
-Viertelstunde ein schrecklicher Zeitverlust.
-
-Und nun ließ sich die wieder zu Atem gekommene Fürstin gar in ein
-leutseliges Gespräch mit der Sennerin ein, fragte um nahezu alles im
-Alpbetriebe und im Leben einer „Alpenjungfrau“, und zeigte für die
-nichtigsten Dinge reges Interesse.
-
-Wie von Eichkitz berechnet und befürchtet, kam es: plötzlich tauchte
-die hagere Gestalt Hartliebs am Rande des Almbodens auf. Und wie er
-sich der Plechauer Hütte näherte, in deren Schatten die Karawane
-lagerte, schleppte schier zerfließend der Forstwart Gnugesser
-sein Bäuchlein über den grünen Rasen. In Strähnen flatternd der
-fuchsige Patriarchenbart. Bergmännlein schwitzend, wie Neuschnee
-in der Julisonne... Das große rote Taschentuch konnte das viele
-„Schmelzwasser“, so von Stirne, Wangen und Nacken rieselte, nicht mehr
-aufsaugen.
-
-Trotz alledem: pünktlich war Benjamin doch heroben!
-
-Die Förster meldeten sich bei der Fürstin und wurden belobt, so
-herzlich belobt, daß der in der Nähe stehende Jäger Eichkitz Essig im
-Munde zu haben glaubte. Und dieser Essig verwandelte sich in bitterste
-Galle, als der Befehl erteilt wurde: Alles voraus zur Pyrgas-Hütte!
-Hartlieb sollte den Theologen an die Gams bringen! Fräulein von
-Gussitsch und Norbert haben zu bleiben als Schutz für die Gebieterin!
-„Ich werde erst in der Abendkühle hinaufkommen!“ sprach die Fürstin.
-
-Wieder einmal anders disponiert! Aber schließlich begreiflich. In der
-Nachmittagssonne steil im Gewänd aufsteigen, ist nicht jedermanns
-Sache. Und Damen sind keine berggewohnten Jagdgehilfen...
-
-Auf dem abendlichen Pirschgange hatte Oberförster Hartlieb an dem ihm
-anvertrauten Theologen nur zwei Ermahnungen gerichtet: Auf den Wind
-achten und nicht übereilt und nicht zu weit schießen.
-
-Nonnosus, vom Jagdfieber erfaßt, hatte nur nicken können, das Sprechen
-war ihm unmöglich geworden; wie zugeschnürt war ihm der Hals.
-
-Beim Betreten einer Mulde gab Hartlieb das Zeichen zur Wahrung größter
-Vorsicht, indem er den Zeigefinger auf den Mund legte.
-
-An der Buchtung der von Latschen bestandenen und von Grasbändern
-durchzogenen Mulde, etwa drei Büchsenschuß entfernt, ästen am Fuße
-einer Felswand vier Gams ohne Kitze. Ein kapitaler Bock war darunter,
-ein „alter Herr“ vermutlich, mißtrauisch, denn oft warf er auf und
-sicherte.
-
-Ein Näherkommen war unmöglich, die Entfernung für einen sicheren Schuß
-viel zu weit. Unmöglich auch eine Erörterung des Jagdplanes und der
-durch Sonne und Wind kompliziert gewordenen Situation. Hartlieb hatte
-nicht geglaubt, daß an der Buchtung um diese Stunde gute Gams stehen
-werden, die Böcke weiter oben vermutet. Noch beschien die Sonne einen
-Teil der Hänge, die obere Felsmauer stand hell im scheidenden Licht,
-demgemäß mußte mit Sicherheit angenommen werden, daß der Wind aufwärts
-streichen wird. Aber der Zeit nach müssen bald die Abendschatten
-zu ziehen beginnen, der Wind muß umschlagen und von oben wieder
-herabstreichen. In diesem sehr bald zu gewärtigenden Umschlag lag die
-Komplikation, das Übersteigen der Gams war sehr erschwert, zwecklos im
-Moment, da der Wind wechselt und von oben herabzieht, dem Wilde die
-Menschenwitterung zuträgt.
-
-Einen Moment stand Hartlieb wie angemauert; plötzlich ließ er sich
-geräuschlos nieder. Und wie vom Blitz getroffen sank hinter ihm der
-Novize lautlos zu Boden. Nonnosus hatte den sichernden Bock rechtzeitig
-eräugt, die schwere Gefahr einer Vergrämung augenblicklich erfaßt.
-
-Ein Überlegen nun ohne jedes Verständigungsmittel. Und zuwenig Deckung.
-Die Schußdistanz zu weit. Und die Zeit drängte, für ein Übersteigen des
-kleinen Rudels war es nun schon zu spät.
-
-Langsam und lautlos schob Hartlieb sich über das Geröll etwas
-vorwärts. Nonnosus kroch vorsichtig nach, die scharfen Augen auf den
-mißtrauischen Bock gerichtet, der sich mählich beruhigte und wieder zu
-äsen begann.
-
-Auf etliche Manneslängen konnten die beiden sich vorwärtsschieben, bis
-zu einem Latschenschopf, der die letzte kleine Deckung bot. Darüber
-hinaus war das Gelände völlig offen.
-
-Hartlieb lag still wie ein Holzklotz. Unbeweglich auch Nonnosus, obwohl
-die spitzen Steine sich in die Hände und Knie bohrten. Doch in heißer
-Erwartung, in glühender Jagdleidenschaft achtete der Theologe dieses
-körperlichen Schmerzes nicht, fühlte ihn kaum. Viel wichtiger war
-die Abschätzung der Distanz, die Selbstbezwingung, das Niederkämpfen
-des lockenden Gedankens, auf so große Entfernung zu schießen. Eine
-Seelenmarter wurde es, der psychische Kampf viel schwerer denn die
-Entsagung des Klerikers auf die Freuden der Welt. Unmöglich ein Wink,
-ein Wort des Rates vom erfahrenen Jagdleiter, der wie tot am Boden lag.
-
-Sachte begannen die Abendschatten ihr wundersames Spiel im leisen
-Ziehen. Das Schußlicht minderte sich.
-
-Der Bock verließ das Rudel, zog weg, verschwand zuweilen zwischen
-Felsen und Latschen. Aber er kam immer wieder an den Standort, um den
-Schützen zu peinigen. Und mehrmals stellte der Bock sich wannenbreit,
-lockend zum Schusse.
-
-Nonnosus war am Ende seiner Willenskraft. Mit äußerster Mühe
-unterdrückte er ein Stöhnen, das der Seelenkampf, die aufs höchste
-gesteigerte Leidenschaft und die nun drängende Schießwut dem
-Gemarterten erpressen wollten.
-
-Der regungslos liegende Jagdleiter staunte in Gedanken über das
-korrekte Verhalten seines Begleiters, über die Seelenstärke, die den
-mehr als gewagten, unweidmännischen Schuß nicht zuließ. Manchmal, für
-Augenblicke, erwartete Hartlieb aber doch, daß es knapp hinter ihm
-krachen werde, denn Nonnosus war ja nicht Fachmann, nicht gewöhnt an
-solchen „Anblick“.
-
-Noch ein Moment größter Spannung: Nonnosus nahm den Stutzen an den Kopf
-und versuchte zu zielen.
-
-Also doch! Sicher ein Fehlschuß bei schwindendem Licht! dachte Hartlieb
-und wünschte von Herzen, daß die Kugel am Kapitalen vorbeifliegen möge.
-
-Aber der tapfere Theologe bezwang sich und schob den Stutzen von sich.
-
-Der Kapitalbock verschwand hinter einem Felsen. Und das Rudel empfahl
-sich und zog gelassen weiter.
-
-Die Dämmerung wob dunkle Schleier um die Stätte eines harten
-Seelenkampfes.
-
-Der letzte Schimmer auf der Pyrgas-Spitze erlosch, als sich die Herren
-erhoben.
-
-Hartlieb reichte dem heldenhaften Theologen die Hand und sprach im
-Tone aufrichtiger Bewunderung: „Brav gemacht! Meinen vollsten Respekt!
-So kann nur der echte Weidmann handeln! Meine Hochachtung für Ihre
-erstaunliche Willenskraft!“
-
-„Fast wäre ich doch im letzten Augenblick der überstarken Versuchung
-erlegen! Ich darf also Ihr Lob nicht annehmen! Doch lieber geschneidert
-heimgehen, als belastet sein mit einer Jagdsünde!“
-
-„Morgen ist auch Jagdtag! St. Hubertus wird Sie schon belohnen und
-Diana gnädig sein!“
-
-Geschäftig frohes Leben herrschte auf der Pyrgas-Hütte, als Hartlieb
-und Nonnosus ankamen. Das Diner wurde eben serviert. Norbert hatte
-es wichtig mit dem Bedienen der Damen, die vor dem Anbau auf einer
-Bank saßen und vergnügt über die primitive Art dieser Hofjagdtafel
-kicherten. Der ins Freie gebrachte Tisch wackelte bedrohlich, wenn die
-Damen Fleisch schneiden wollten, die Gläser wollten nicht stehenbleiben.
-
-Flink kniete Eichkitz nieder, um Abhilfe zu schaffen, indem er
-den Tischfüßen an der abschüssigen Stelle zusammengebogene Briefe
-unterlegte.
-
-Dies bemerkend, meinte Fürstin Sophie gutgelaunt: „Wohl Liebesbriefe,
-Eichkitz, was?“
-
-„Nicht ganz erraten, Duhrlauch! Nur unbezahlte Rechnungen! Hat also
-nichts zu bedeuten, wenn die Briefeln etwa gelesen werden!“
-
-„Sie schreiben wohl keine Liebesbriefe, was?“
-
-„Nein, Duhrlauch! Ich mach so was immer mündlich ab! Ist sicherer!“
-
-Ein großes Stück Roastbeef belohnte Eichkitz für seine Bemühung.
-
-Hartlieb, Nonnosus und Gnugesser wurden eingeladen, am Tische der
-Damen zu speisen. Da es an Stühlen mangelte, wurde die Bank aus der
-Jägerstube herausgebracht.
-
-Nonnosus sollte Bericht erstatten. Demütig bat er um Dispens. Für ihn
-ergriff Hartlieb das Wort und lobte die Selbstbezwingung des Theologen
-mit Wärme.
-
-Die Fürstin dankte für diese Enthaltsamkeit und versprach dafür zu
-sorgen, daß Nonnosus morgen sicher zu Schuß kommen werde.
-
-In einen Wettermantel gehüllt, von Hartlieb begleitet, unternahm
-Fürstin Sophie noch eine kleine Promenade. Es wurde ein Gamstrieb für
-den Vormittag angeordnet. Hartlieb machte zwar aufmerksam, daß in den
-Pyrgas-Revieren nie „getrieben“ worden sei, selten „gedrückt“; aber die
-Gebieterin bestand auf ihrem Willen. Sie schränkte den Befehl aber dann
-doch ein, indem sie dem Wunsche Ausdruck gab, es möge für Nonnosus
-„geriegelt“ werden. Eichkitz und der Forstwart sollen in die „Sauwiel“
-steigen und von oben die Gams herabdrücken zu den von der Fürstin und
-von Nonnosus bezogenen Ständen. Je ein Gams genüge für die Schützen.
-
-„Zu Befehl, Durchlaucht! Ich werde am frühesten Morgen die Stände
-herrichten! Gute Nacht, Durchlaucht, angenehme Ruhe!“
-
-Nur flüchtig konnte Hartlieb noch einen Blick von Mustela, vom
-zierlich-hübschen Hoffräulein erhaschen. Ein funkelnder Blick wie von
-Marderlichtern im Dunkel der Nacht.
-
-Die Damen zogen sich in den Anbau zurück. Die Kammerfrau flüsterte
-dem Oberförster die Frage zu, ob er wohl mit allem Nötigen versorgt
-sei oder besondere Wünsche hege. Kühlhöflich lehnte Hartlieb alles
-dankend ab. Und merkte gar nicht, wieviel Zärtlichkeit Hildegard in den
-Flüsterton gelegt hatte und wie heiß ihre Augen flammten.
-
-Schwer enttäuscht huschte die Kammerfrau dann in den Damenanbau.
-
-Alles „Männervolk“ nächtigte in der alten Hütte. Der Theologe durfte
-auf einer Holzbank liegen, eine Rücksichtnahme auf seinen Stand.
-
-Der Morgen ließ sich trüb und nebelig an. Und sehr spät wurde es, bis
-die Fürstin erschien. Für das „Riegeln“ war alles vorbereitet. Eichkitz
-und Gnugesser saßen wohl schon oben in der „Sauwiel“ und froren im
-Nebel und warteten auf den Hebschuß, der als Zeichen des Jagdbeginnes
-vereinbart worden war. Aber dieser Schuß fiel nicht, da die Fürstin
-immer wieder Befehle zu erteilen hatte und von der Hütte nicht
-wegzubringen war. Hartlieb wartete geduldig zwar, doch auch ziemlich
-verdrossen. Und Nonnosus bebte vor Freude und Jagdlust.
-
-Endlich war es so weit, daß zu den Ständen gegangen wurde. Nonnosus
-erhielt seinen Stand angewiesen und erkannte nun sofort, daß es sich
-um eine kleine Treibjagd handeln wird. Ängstlich flüsterte er dem
-Jagdleiter zu: „Verzeihung! Ich darf nur pirschen!“
-
-Hartlieb konnte keine Antwort geben, es rief ihn die Fürstin zu sich.
-
-Sehr einfach, doch recht praktisch war für den Theologen ein Sitz
-errichtet in der Weise, daß der Schütze den Anlauf in der Flanke
-bekommen muß. Unbehindert der Anschuß. Der Theologe mit dem Jägerblut
-kämpfte hart und schwer um einen Entschluß, denn mit aller Klarheit
-erinnerte er sich der Vorschriften, die dem Kleriker die _venatio
-clamorosa_, die lärmende Jagd, verbieten. Zur Pirsche war er
-eingeladen, heute aber eine Treibjagd befohlen. Was soll der Theologe
-nun tun? Sitzenbleiben und zuschauen, wie die Gams vorüberspringen
-werden? Oder schlankweg den Stand verlassen, gehorsam den Vorschriften?
-Und was wird die Fürstin sagen, die doch mit besonderer Rücksicht auf
-ihn diese Treibjagd angeordnet hat, auf daß er sicher zu Schuß komme?
-
-In dieser Gewissensklemme stellte sich ein Beschwichtigungsgedanke ein:
-bezüglich der _venatio clamorosa_ ist ausdrücklich die Jagd mit Hunden
-verboten; auf Gams wird aber nie mit Hunden „geriegelt“; also kann der
-Kleriker sich an dieser Jagdart beteiligen.
-
-Recht wohl befand sich Nonnosus bei dieser Beschwichtigung des
-Gewissens nicht. Er blieb auf dem Stand und rang sich zu dem
-Entschlusse durch, das Wild unbeschossen zu lassen und später auf
-eventuellen Vorhalt zu erklären, daß er wegen ungenügender Sicherheit
-im Ansprechen des Geschlechtes auf das Dampfmachen verzichtet habe.
-Eine Notlüge wird das sein, um den Vorschriften zu gehorchen und
-Rücksicht auf die Fürstin zu üben.
-
-Der Hebschuß fiel, vom Oberförster abgefeuert, als die Fürstin endlich
-schußbereit war.
-
-Eine Viertelstunde später machten Eichkitz und Gnugesser durch
-Einsteigen in die Wände das Krickelwild hoch. Das etwas schmale Terrain
-gestattete den flüchtenden und herunterstürmenden Gemsen nicht die
-hübsche Entfaltung der breiten Front in schnellster Vorwärtsbewegung.
-
-Ein Schuß vom Stande der Fürstin löste sie in hastende Rudel auf.
-
-Schon der Hebschuß hatte im Nu den so mühsam errungenen Entschluß des
-Theologen zum Verzicht umgestoßen. Die bebenden Finger schoben die
-Patronen in die Kugelläufe und zogen die Hähne auf. Und wie dann Diana
-sich gnädig zeigte und dem Schützen einen guten Anlauf gewährte, da
-siegte die Jagdleidenschaft über sämtliche kanonischen Vorschriften.
-Die Büchse flog an die Wange, das scharfe Jägerauge suchte unter dem
-anlaufenden Krickelwilde einen guten Bock aus, die „Fliege“ faßte
-Haar, zog mit, fuhr entsprechend vor, und alsbald schlug die Kugel.
-Stürzend quittierte der Gams den Schuß, der Bock rutschte, versuchte
-hochzukommen, doch rasch entwich die Lebenskraft.
-
-Eine zweite Kugel warf eine auffallend starke Geltgeiß um. Schnell lud
-Nonnosus wieder. Das Gros im Trieb war vorüber. Doch ein Nachzügler
-kam gehumpelt, ein Bock mit seltsam verkrüppeltem linken Hinterlauf.
-Sichtlich sehr pressiert wegen der Annäherung der Treiber, aber
-infolge von Schmerzen im kranken Hinterlauf gehindert, das rettende
-Fluchttempo anzuschlagen. Aus Mitleid und Barmherzigkeit feuerte
-Nonnosus und fehlte. Die zweite Kugel warf den Bock um, doch stand er
-wieder auf und blieb dann mit gekrümmtem Rücken stehen.
-
-Wieder schob Nonnosus Patronen ins Lager. Der Fangschuß ging zu hoch,
-erst die vierte Kugel beendete die Leiden des Kranken.
-
-Der Trieb war zu Ende. Für Nonnosus begann jedoch die seelische
-Bedrängnis, da der Blick auf seine Strecke fiel. Zwei Böcke und eine
-starke Geltgeiß! Erlegt in einer Treibjagd. _Venatio clamorosa!_
-Trotz aller Vorschriften! Schier schwarz ward es dem Theologen vor
-den Augen, da er an die Folgen dieses Vergehens dachte. Unselige
-Jagdleidenschaft...
-
-Entblößten Hauptes, mit gesenktem Blick, erwartete Nonnosus die
-Fürstin, fest entschlossen, um sofortige Entlassung behufs Rückkehr in
-das Stift zu bitten.
-
-Aber es kam anders. Schon auf eine Distanz von einem Dutzend Schritten
-rief die übelgelaunte Fürstin: „Was war denn das für eine Kanonade bei
-Ihnen? Wer wird denn so gamshungrig sein! Sie wissen doch, daß ich
-hegen will! Sie dezimieren mir ja mein Wild! Übermitteln Sie dem Herrn
-Abte beste Grüße!“
-
-So viel verstand Nonnosus nun, daß er entlassen war, in vollster
-Ungnade entlassen, und daß er sich schleunigst zu verflüchtigen habe.
-Er stammelte etliche Dankesworte und trollte dann eiligst ab...
-
-Verärgert klagte die Fürstin zu Hartlieb über Schießwut und
-Undankbarkeit.
-
-„Halten zu Gnaden, Durchlaucht! Es ist mit echter Jagdpassion ein eigen
-Ding, die Selbstbezwingung ist sehr schwer, zuweilen ganz unmöglich!
-Es ist meine Schuld, daß der Theologe den guten Anlauf ausgenützt hat,
-denn ich hatte vergessen, dem Theologen mitzuteilen, daß Durchlaucht
-nur ein Gams bewilligt hatten! Der Abschuß des kranken Bockes mit dem
-verkrüppelten Hinterlauf ist unter allen Umständen weidmännisch korrekt
-zu nennen, dieser Abschuß war geboten und hätte auch gegen den Befehl
-erfolgen müssen!“
-
-„Was? Nicht übel! Meine Befehle müssen stets beachtet werden!“
-
-„Gewiß, Durchlaucht, beachtet! In jagdlichen Angelegenheiten ist der
-Vollzug hingegen auf die Möglichkeit beschränkt! Oberstes Gesetz ist
-stets die weidmännische Handlungsweise!“
-
-„Ich bin sehr erstaunt, solche Äußerungen zu hören!“
-
-„Halten zu Gnaden, Durchlaucht! Krankes Wild muß vom Personal oder von
-geladenen Gästen unbedingt abgeschossen werden; es ist heilige Pflicht,
-die Leiden zu beenden!“
-
-Spitz erwiderte die Gebieterin: „Ja doch, selbstverständlich! -- Sie
-haben kürzlich wegen Schlägerung angefragt! Ich wünsche, daß die
-Schlägerung unterbleibt!“ Und nun fügte Fürstin Sophie genau die vom
-Jäger Eichkitz geäußerten Worte hinzu: „Wo sollen denn unsere Hirsche
-leben und gedeihen, wenn der Wald immer weniger wird!“
-
-Trocken murmelte Hartlieb: „Zu Befehl, Durchlaucht!“
-
-Am Abend dieses getrübten Jagdtages saß Martina von Gussitsch wieder
-in ihrer Stube der Villa im einsamen Halltale und kritzelte etliche
-Bemerkungen in das „Tagebuch“.
-
-„Was die Diener bei Hof mit dem Ausdruck ‚Herhängen‘ meinen, weiß
-ich jetzt aus eigener Erfahrung. Wenig zu tun haben und doch wie ein
-Kettenhund angehängt sein! Für mich lautet es natürlich feiner: ‚zur
-Disposition stehen‘! War das ein ‚Vergnügen‘ auf der Pyrgas-Jagdhütte!!
-Nichts zu tun, nichts zu lesen, keine Gelegenheit zu irgendeiner
-Selbstbeschäftigung! Beschränkt die Räumlichkeiten aufs äußerste!
-Absonderung unmöglich! Dazu noch die untertänige und doch freche
-Zudringlichkeit der Kammerfrau Hildegard, die, wie mir scheint, es
-wagt, die Augen zu Hartlieb zu erheben! So eine Frechheit! Aber
-Hartlieb ignoriert sie! Auf der Hütte war es ein höheres Mopsen. Gegend
-ja allerdings imponierend, bei Nebel freilich weniger großartig! Und
-wie der Wind in der Felsenwelt gern und häufig umspringt, so auch die
-Meinungen, Ansichten usw. Launen der gnädigsten Gebieterin. -- --
-Hui, wie schnell verflog doch das Jagdinteresse! -- Und wie schnell
-vollzog sich die Übersiedlung von der Pyrgas-Hütte herunter in die
-Villa! Mit nahezu nüchternem Magen, denn das Gabelfrühstück wurde
-abgesagt! Der ‚Strecke‘, den erlegten Gemsen, nicht ein Blick gegönnt!
-Ich verstehe -- leider -- vom Jagdbetrieb, vom Jagdwesen usw. nichts,
-aber so etwas wie eine Ahnung habe ich doch, daß ‚unser‘ Jagdbetrieb in
-seiner Unbeständigkeit nicht der richtige sein kann. Wetterwendisch,
-ohne Rücksicht auf weidmännische Sitte und Brauch! Mit dem Oberförster
-Jagdleiter Hartlieb und der Gebieterin muß es ‚etwas‘ gegeben haben,
-irgendeinen Verdruß; kein Wunder übrigens, wenn der Jagdleiter ob
-dieses Kuddelmuddels verdrossen ist. Auch über die Bevorzugung eines
-Jagdgehilfen über den Kopf des Oberbeamten hinweg. Der Eichkitz muß bei
-solcher Verhätschelung bald frech werden, wenn er es nicht schon ist.
-Ob sich Hartlieb diese Eingriffe in seine Kompetenz, die Ignorierung
-des Instanzenzuges auf Dauer gefallen lassen wird? Hartlieb in seinem
-Ernst sieht nicht darnach aus! Zu ernst, sehr verschlossen; aber
-männlich, korrekt, zweifellos ehrlich: ein richtiger Mann in des Wortes
-bester Bedeutung. Vielleicht durch den rauhen harten Dienst ein bisserl
-‚eckig‘ geworden; sicher alles, nur kein Hofmann! Aber wie er ist,
-mir gefällt er sehr gut; die ‚Ecken‘ könnten abgeschliffen werden von
-sanfter Frauenhand... Ach du lieber Himmel! Wohin verirren sich die
-Gedanken?!! So ‚heiß‘ kann Liebe ja gar nicht sein, um lebenslang und
-besonders im Winter hier auszuhalten; ein solches Opfer kann es nicht
-geben! Das Diktum von der ‚alles besiegenden Liebe‘ gilt nicht für das
-Halltal, weil unmöglich! Übrigens bin ich nicht in Hartlieb verliebt!
-Nein! Er gefällt mir sehr gut; das ist alles und sicher nicht viel!
-_Ecco la verità!_“
-
-
-
-
-Siebentes Kapitel
-
-
-Pater Wilfrid, der „Hofpfarrer“ von Hall, hatte einen schlimmen Tag
-hinter sich, als er nach Admont zurückkehrte in nichts weniger denn
-rosiger Laune. Was für einen Krach hatte es beim Spielbüchlerbauern
-wegen der Verlegung des Requiem gegeben! Für den 30. August hatte
-dieser Bauer einen Trauergottesdienst zum Gedächtnisse eines Verwandten
-bestellt, und der Pfarrer hatte diesen Jahrtag notiert. Somit wäre
-diese Angelegenheit in Ordnung gewesen, wenn nicht auch die Fürstin
-von Schwarzenstein auf den gleichen Tag ein Requiem zum Gedächtnisse
-des seligen Gemahls bestellt hätte. Dieser Frau mußte doch, obwohl
-die Anmeldung verspätet einlief, der Vortritt eingeräumt werden.
-Von dem Grundsatze: „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“ wollte der
-Spielbüchler aber nicht abgehen, mit erschrecklicher Deutlichkeit hatte
-er sich dahin geäußert, daß er auf die Fürstin von Schwarzenstein --
-huste, soweit die deutsche Zunge klinge. Eine niedliche Bescherung
-für den Haller Pfarrer! Aber als Diplomat wußte sich Pater Wilfrid
-doch zu helfen, indem er die heikle Angelegenheit auf ein Gebiet
-hinüberschob, wo der Spielbüchler empfindlich und zu treffen war:
-Wildschadenvergütung! Auf die Anspielung, daß der Mangel an Rücksicht
-die Fürstin veranlassen werde, künftig dem Spielbüchlerbauern gegenüber
-die Wildschadenvergütung nicht mehr mit Noblesse in gewünschter Höhe
-zu bewilligen, reagierte der Bauer doch und er erklärte, einen Tag
-warten zu wollen, wenn der Pfarrer garantiere, daß die Verschiebung des
-Requiems dem Verstorbenen nicht wehe tun werde. Diese Garantie konnte
-der Pfarrer geben mit gutem Gewissen. Nach dem Krach war also der Zweck
-doch erreicht worden.
-
-Hingegen blitzte der gewandte, erfahrene und weltkundige Pater
-Wilfrid bei Amanda Gnugesser jämmerlich ab. Die Försterin gab ihm
-zwar die Zeitung zurück, aber sie weigerte sich mit erstaunlicher
-Entschiedenheit, die Agitation für die Vergütung der Arbeit der Ehefrau
-im Haushalte aufzugeben. Auf Grund des neuen Gesetzes müsse das hohe
-Ziel in jeder Familie erreicht werden. Und die Agitation sei auch
-bereits im besten Zuge, werde alsbald zu vollem Erfolge führen.
-
-Vergebens hatte Pater Wilfrid aufmerksam gemacht, daß der Gesetzentwurf
-in der -- Schweiz, nicht hier im Lande geplant sei, also von einer
-gültigen Gesetzesbestimmung gar nicht gesprochen werden könne.
-Hartnäckig hielt Frau Amanda am segensreichen Prinzip dieser
-Frauenfrage fest, die Verbesserung der Rechtslage müsse errungen
-werden, und es sei ganz gleichgültig, von wem die Anregung zur
-Entlohnung der Frau im Ehestande ausgegangen sei. Tue der Staat nicht
-mit, wolle man diese hochwichtige Frauenfrage nicht im Wege eines
-Staatsgesetzes erledigen, so werde eben der Privatweg beschritten, der
-Kampf mit den Ehemännern in Hall von den Weibern ausgefochten werden.
-Die Männer müssen zahlen, egal, ob ihnen die Augen tropfen.
-
-Pater Wilfrid verbot dann jedwede Agitation in seinem Pfarrsprengel.
-
-Frau Amanda aber lachte ihn aus, verwies auf die Tatsache, daß
-die Haller Weiber bereits revolutioniert seien, und daß die
-Fürstin von Schwarzenstein auf Seite der Frauen stehe, mit der
-Entlohnungsbestrebung wärmstens sympathisiere.
-
-Unter solchen Umständen konnte ein weiterer Disput mit dieser hitzigen
-Frau keinen Zweck mehr haben. Einstweilen mußte der Pfarrer den Rückzug
-antreten. Demnächst aber wird der Kampf aufgenommen werden, und zwar
-von der Kanzel aus.
-
-Im Stifte suchte Wilfrid den Archivar Pater Leo auf, der gleich ihm
-Pfarrer des Nachbardorfes Weng ist, also ein spezielles Interesse
-für die Haller Frauenrevolution haben mußte. Pater Leo sprach denn
-auch offen die Befürchtung aus, daß die Funken und Flammen dieser
-Weiberrevolution nach Weng überspringen und überschlagen werden, und
-daß es kaum möglich sein werde, mit einer Predigt die rabiat gewordenen
-Frauen zu besänftigen.
-
-„Ein anderes Mittel zur Bekämpfung der Revolution steht uns aber nicht
-zu Gebote!“ meinte Pater Wilfrid.
-
-„Zunächst freilich nicht, uns wenigstens nicht! Du wirst gut tun,
-deine Fürstin zum Abrücken von der Haller Frauenrevolution zu
-veranlassen! Tut die Fürstin nimmer mit, so schwindet der Nimbus, die
-damischen Weiber werden stutzig, wahrscheinlich durch den Rückzug der
-Fürstin doch etwas eingeschüchtert werden! Wenn die Flammen nach Weng
-überschlagen, werde ich als Wenger Pfarrer alles aufbieten, um den
-Männern das Rückgrat zu steifen! Und das wird gelingen, denn wo die
-Bauern zahlen sollen, werden sie sehr rasch bockbeinig und schwerhörig.
-Gehe hin und tue desgleichen, viellieber Bruder im Herrn!“
-
-„Ganz gut! Und wie soll ich meine Fürstin zum Abrücken veranlassen?“
-
-„Ja, das weiß ich nicht, ich bin ja kein Hofmann! Bring ihr bei, daß
-die Beteiligung an der Frauenrevolution Kosten verursacht, daß die
-Fürstin blechen, die Löhne ihrer verheirateten Diener und Beamten
-aufbessern muß, wenn die von ihren Frauen geschröpften Diener und
-Beamten die Weiberarbeit im Haushalt entlohnen sollen! Vom Gehalt
-können die Ehemänner das ja nicht leisten! Hört die Fürstin, daß die
-Liebäugelei mit der Frauenbewegung sie schwer Geld kostet, dann, meine
-ich unmaßgeblich, wird die Frau mit aller Beschleunigung krebsen!“
-
-„Der Rat ist gut und beachtenswert! Ein gerissenes Herrchen, der
-vielliebe Amtsbruder!“
-
-„Ach wo! Minimale Lebensweisheit, daß Geld überall eine gewichtige
-Rolle spielt! Von Gerissenheit keine Spur! Und tausend Meilen entfernt
-vom klugen und gewandten -- Eisenbaron!“
-
-Wilfrid lachte zu dieser harmlos gemeinten Stichelei auf seine adelige
-Abstammung. Und dann fragte er, ob Gäste im Stift angekommen seien, und
-was es sonst Neues _intra muros monasterii_ gebe.
-
-„Nicht viel, das Wenige aber schön und erquickend!“ Und nun berichtete
-Pater Leo über den Stand der Jagdangelegenheit des Novizen Nonnosus,
-der dem Abte Vergehen, Beteiligung an einer Treibjagd, der dem Kleriker
-verbotenen _venatio clamorosa_, rückhaltlos eingestanden und demütig um
-Bestrafung gebeten habe.
-
-„Na, was hat der _Summus Abbas_ verfügt?“ fragte in offensichtlicher
-Spannung Pater Wilfrid.
-
-„Wie mir der Abt mitteilte, will er den Nonnosus der Heilsamkeit
-wegen einige Tage zappeln lassen, dann aber verzeihen und von jeder
-Bestrafung absehen. Wie der _Abbas_ den ‚Fall Nonnosus‘ auffaßt, liege
-ein direkt straffälliges Vergehen gegen die kanonische Vorschrift
-nicht vor; verboten sei die _venatio clamorosa_, den Ausdruck
-‚Riegeljagd‘ wende der betreffende Paragraph nicht an, also habe der
-Grundsatz zu gelten: ‚Strafgesetze sind streng zu interpretieren,
-Analogien sind nicht zulässig, _in dubio pro reo_!‘ Der _Abbas_
-erklärt, daß demnach die Erledigung der Sache in eigener Kompetenz
-zulässig, die Meldung an den Bischof nicht nötig sei! Die milde
-tolerante Behandlung werde eine viel bessere Wirkung bei Nonnosus
-erzielen denn eine harte Bestrafung! Und so glaubt der _Abbas_, daß
-der Novize im Laufe der Zeit seine Jagdleidenschaft überwinden werde!
-Wohlwollen und Liebe seien gute Heilmittel, sagte der _Abbas_, und mit
-feinem Lächeln fügte er bei: ‚_studeat plus amari quam timeri_‘!“
-
-Freudig berührt, begeistert sprach Pater Wilfrid: „Ja, unser _Abbas_!
-Eine Perle! Gott erhalte ihn uns ungezählte Jahre!“
-
-„Ganz meine Meinung! Und noch eine Neuigkeit haben wir im Hause! Die
-erquickende Milde des _Abbas_ hat dem anderen Novizen, Modestus, den
-Mut gegeben, sich dem Abte anzuvertrauen. Geständnis: Kein Beruf zum
-Priester und erst recht nicht für das Klosterleben! Will Medizin
-studieren!“
-
-„Alle Wetter, so’ne Bescherung! Auf Stiftskosten studiert und jetzt
-ausspringen! Was hat denn der Abt gesagt?“
-
-„Wunderschönes Diktum! _Summus Abbas_ sprach: ‚Wir können auch
-tüchtige, christlich denkende Ärzte brauchen, die das Ordenswesen
-aus eigener Erfahrung kennen!‘ Und der _Abbas_ will auch uns, _id
-est conventus_, angehen, nach Maßgabe der Stiftsverhältnisse eine
-Unterstützung zu bewilligen! Erquickende Toleranz, was?“
-
-„Wahrhaftig erquickend! -- Nun aber Schluß! Ich bin rechtschaffen müde!
-Muß aber noch die Kampfpredigt endgültig zu Papier bringen!“
-
-„Wünsche viel Vergnügen und gute Verrichtung _ad hoc_! _Salve!_“
-
-Die Patres-Pfarrer trennten sich, und Wilfrid suchte seine Zelle auf
-und schrieb fleißig in die Nacht hinein mit gutem Erfolge...
-
- *
-
-Mit dichtem, langsam ziehendem Allerheiligen Nebel begann der Morgen
-des Augustsonntages. Kühl war es im einsamen Halltale, frostig in
-den Gemächern der Villa. Die Bewohner fröstelten wohl alle, bis auf
-die Köchin in der Küche, wo es wohlig warm war. Und auch Fürstin
-Sophie empfand die Morgenkühle in dem Moment nicht, da die Kammerfrau
-Hildegard auf silberner Platte einen soeben eingelaufenen Brief
-überreichte. Vor der Vertrauten gab sich die Fürstin nicht die Mühe,
-ihre Erregung zu verbergen; sie griff hastig nach dem Briefe und
-sprach: „Ich werde klingeln!“
-
-Hildegard verschwand.
-
-Gierig begann Sophie die zweite Epistel des Sohnes, aufgegeben in
-Dessau, zu lesen. Mit Überfliegen der Schilderung, die Emil von der
-hübschen, prächtig entwickelten Muldestadt gab.
-
-„Denk Dir nur, liebste Mama: der Herzog führt Allerhöchst persönlich
-in seinem Theater die Regie, er ist der erste und letzte auf den
-Theaterproben, kümmert sich um Kostüme, Szenerie, Dekorationen,
-macht Dienst als Beleuchtungskontrolleur, prüft die Leistungen des
-Orchesters und Kapellmeisters, kontrolliert die Tempi, kurz er leitet
-alles selbst. Glaube aber ja nicht, liebste Mama, daß der Herzog bei
-dieser verblüffenden Tätigkeit etwa ein G’schaftlhuber ist. Er ist
-Fachmann durch und durch, seit vielen Jahren. Übrigens weiß ja die
-heutzutage sich für Kunst interessierende Welt, daß dieser Sproß des
-Hauses Askanien ein genialer Regisseur für Richard Wagner und die
-musikdramatische Kunst ist, ein Bahnbrecher, der die Edeltraditionen
-eines gesunden Originalstiles der deutschen Bühne mit produktivem
-Geiste lebendig in seiner Person verkörpert! Alle Welt weiß das seit
-vielen Jahren, nur ich habe es nicht gewußt! Zu Dessau an der Mulde,
-wo die Leute halb sächsisch und halb berlinisch sprechen, habe ich
-erkannt, daß ich von Wagnerscher Musik und Kunst jetzt halb soviel
-verstehe wie der Leibjäger Seiner Hoheit. Nu nadierlich, es muß doch
-der dienende Mensch in allernächster Umgebung des hohen Fachmannes von
-Kunst mehr verstehen als unsereiner, der doch nur wegen des Balletts
-ins Theater zu gehen pflegt!
-
-Von wo der Herzog den vielen Spiritus bezogen hat, weiß ich nun
-auch, nämlich von München, wo er fleißig mit Verstand und ohne Bier
-Kunstgeschichte studiert und dem dortigen Theater das Beste der
-Wagner-Inszenierungen abgeguckt hat. Muß der Mann gute und geschulte
-Augen haben! Und ein enormes Gedächtnis, das ihm ermöglichte, alles
-auf sein Dessauer Theater zu übertragen! Münchens Errungenschaften im
-verkleinerten Maße in Dessau! Und hier ein sehr dankbares, vom Herzog
-gut für Kunst erzogenes Publikum!“
-
-Fürstin Sophie hielt in der Lektüre inne und stöhnte: „Gott! Was er für
-Nichtigkeiten schreibt!“
-
-Dann las sie weiter: „Bevorzugt wird hier die Oper, das Schauspiel, gut
-gepflegt, läuft nebenher! Für modernes Liebesleben in neuen Stücken
-interessiert sich der Herzog anscheinend nicht, ick ooch nich! Wenn es
-wahr ist, was ich hier gehört habe, übertrumpft Dessau das Münchner
-Theater insofern, als es an der Mulde kein Defizit gibt! Mit so an
-vierhundert braunen Lappen subventioniert der Herzog seine Bühne und
-tut dabei noch Dienst als Oberregisseur und Hofkapellmeister! Allen
-Respekt! -- In Gesprächen über Kunst habe ich mich aus triftigen
-Gründen auf das andächtige Zuhören beschränkt und vorsichtshalber
-keinen Ton von mir gegeben! Somit steht zu hoffen, daß der fürstliche
-Oberspiritual nicht gemerkt hat, was für ein -- Flußpferd in _puncto_
-theatralische Kunst Prinz Emil von Schwarzenstein ist! Diese Ignoranz,
-auf deutsch: Dummheit, kann ich der lieben Mama schon eingestehen, weil
-Du meine Geistesbeschränktheit ja nicht auf den Stephansturm hängen
-wirst!“
-
-Die Kammerfrau trat ein und meldete, daß der Wagen zur Kirchfahrt
-bereitstehe.
-
-„Gleich, Hildegard! Nur noch fünf Minuten!“
-
-Hastig las Fürstin Sophie den Bericht des Sohnes zu Ende: „Tags darauf
-fuhren wir, der Herzog und ich, in die Dessauer Gehege, begleitet vom
-Leibjäger, der nicht bloß Kammerdiener, sondern gelernter Jäger ist
-und die Pirschfahrt zu dirigieren hatte. Ein interessanter Mummelgreis
-als sachkundiger Jagdkutscher auf dem Bock neben dem Leibjäger. Um
-die Wahrheit zu sagen: die genaue Kenntnis der Fahrwege und ihrer
-Beschaffenheit, der Bodenverhältnisse (zuweilen sumpfig), der Standorte
-des Rot- und Damwildes, der Sauen, das fast wortlose Zusammenarbeiten
-des Leibjägers und des Jagdkutschers, das brillante Umfahren und
-Einkreisen des Wildes hat mir imponiert! Für Jagd und Wild habe ich
-bekanntlich und bis jetzt kein besonderes Interesse!“
-
-Seufzend unterbrach die Fürstin für einen Moment die Lektüre. Um Emils
-Interesse für Jagd und Wild zu wecken, hat die Fürstin das Jagdgut Hall
-gekauft. Und nun bestätigt der Sohn schwarz auf weiß den Mangel an
-Jagdinteresse... Zwecklos ausgegeben das viele Geld! -- Dann las die
-Fürstin den Schluß: „Was hat denn Dein neues Hoffräulein dem Wolffsegg
-im Höchsten Auftrage geschrieben? Wolffsegg macht einen Kopf wie ein
-Schaf beim Donnerwetter! Ist die neue Brettelhupferin wenigstens jung?
-Hübsch kann sie nicht sein, weil Hofdamen nie schön sind! Mir ist’s
-natürlich egal, ich frage nur, weil die Brettelhupferin ja doch Deine
-Hofdame, also ständig bei Dir ist! Für die allernächste Umgebung wählt
-man doch lieber nette, sozusagen patschierliche, wenn möglich jüngere
-Leute aus!
-
-Kuß und Gruß der lieben Mama!
-
- Ew. Durchlaucht ehrerbietigst
- Emil von Schwarzenstein.
-
-_P.S._ Auch hier sind die adeligen Töchter des Landes nicht nach meinem
-Geschmack.“
-
-
-Sophie verschloß den Brief. Und fuhr mit Fräulein von Gussitsch zur
-Kirche im Dörflein Hall.
-
-Unterwegs fragte die Fürstin: „Was haben Sie denn, liebe Martina, dem
-Baron Wolffsegg geschrieben? Mein Sohn meldet, daß Wolffsegg gekränkt
-sei!“
-
-Die Hofdame versicherte, taktvoll und zart im Sinne der erteilten
-Weisung geschrieben zu haben. Anlaß zu einem Gekränktsein sei ganz
-gewiß nicht gegeben.
-
-Die Fürstin schwieg und hing ihren Gedanken nach, die sich mit
-dem Sohne beschäftigten. Unverkennbar ein gewisses Aufwachen als
-wohltätige Folge dieser Reise.
-
-Die Nebel wichen, die Sonne lachte. Köstlich war die Fahrt zur Kirche.
-In guter Stimmung kam Sophie in Hall an, ehrerbietig von den Männern,
-mit auffallender Wärme, fast mit Begeisterung von den Weibern begrüßt.
-
-Pater Wilfrid hatte schon mit der Predigt begonnen, als die Fürstin
-mit dem Hoffräulein sich im kleinen Oratorium niederließ. Die Ankunft
-der Fürstin gewahrend, zauderte der Pfarrer einen Moment. Fatal war
-seine Lage, da er sich blitzschnell erinnerte, daß die Fürstin in der
-Haller „Frauenfrage“ auf Seite der Frau Forstwart Gnugesser stehe. Der
-Pfarrer aber soll und muß heute von der Kanzel aus den Kampf gegen die
-Weiberrevolution aufnehmen. Sein Thema kann er nicht fallen lassen,
-es ist unmöglich, auf die Fürstin Rücksicht zu nehmen. Das Interesse
-und Wohl der Pfarrgemeinde geht vor und steht höher. Entschlossen und
-mutig sprach Pater Wilfrid auf der kleinen Kanzel von der Einheit der
-Kirche und des Glaubens. „Christus wollte auch jene Gemeinschaft,
-welche die Wurzel des gesellschaftlichen Lebens bildet, die Ehe, auf
-den Boden der unzertrennlichen Einheit stellen. Und hier wollte er
-nicht nur eine äußere Einheit, er wollte die vollkommene Einheit der
-Familie, besonders der Ehegatten wiederherstellen. Diese von Christus
-gewollte Einheit verlangt aber die Gemeinsamkeit der beiderseitigen
-Interessen der Ehegatten. Nach der Lehre Christi soll der Mann das
-Haupt der Familie sein, die Frau aber soll in allen rechtlichen und
-billigen Dingen dem Manne untergeordnet bleiben, wie es die Kirche den
-Brautleuten ausdrücklich und entschieden an das Herz legt. Trennung
-und Spaltung der Interessen beider Eheleute kann darum unmöglich der
-Wille des göttlichen Stifters des Ehesakramentes sein.“
-
-Pater Wilfrid hielt einen Moment inne, dann sprach er mit scharfer
-Betonung: „Wenn in der gegenwärtigen Zeit Strömungen kommen, die das
-Ideal der gottgewollten Einheit der Ehe zerstören wollen, so ist das
-nichts anderes als ein Angriff auf die Grundfesten der Ehe selbst!
-Es ist traurig und betrübend, daß in unsere Pfarrgemeinde solche
-Ideen durch Zeitungsnachrichten den Weg gefunden haben. Diese irrigen
-Nachrichten sind unverständigerweise mündlich weitergetragen worden
-von Personen, die keine Ahnung davon haben, daß durch derlei Ideen
-die Einheit der Ehe schwer geschädigt, erschüttert, ja vernichtet
-wird. Darum ist es notwendig, daß bei der menschlichen Schwäche
-beide Eheleute diesen Gedanken der von Christus grundgelegten und
-in seiner irdischen Familie vorbildlich durchgeführten Einheit der
-Ehe nie aus den Augen lassen und sich weder durch schriftliche, dem
-unchristlichen Weltsinne entsprungene Neuerungsideen, noch durch
-mündlich fortgepflanzte einseitige Interessenpropaganda in ihrer
-gegenseitigen heiligen Aufgabe irremachen lassen! Es ist notwendig,
-daß in erster Linie der Mann, der Ernährer und Brotverdiener, die
-Früchte seiner Arbeit zum Wohle seiner Familie verwendet und nicht in
-einseitigem Interesse nur für sein Wohlbehagen sorgt! Ihm muß als treue
-Lebensgefährtin die Frau zur Seite stehen, die Gattin, die nicht durch
-einen rein weltlichen Arbeitsvertrag, sondern durch ein Sakrament mit
-ihm verbunden ist.
-
-Eine schwere Gefahr für den Familienfrieden und für die Erziehung der
-Kinder ist es, wenn Mann und Frau ihre eigenen Wege gehen wollen und
-sogar eine Trennung der zeitlichen Güter und irdischen Interessen
-vornehmen wollen. Wenn Ehegatten dem Zuge der Zeit folgen, der darauf
-hinausgeht, daß jeder nur sich selbst der Nächste sein soll und sich
-nur um sein eigenes Wohl zu kümmern habe, so zerreißen solche Ehegatten
-dadurch das Band des ehelichen Glückes, sie vernichten die göttliche
-Gnade im verantwortungsvollen Ehestande. Gütertrennung vernichtet das
-Ideal der Ehe, die innigste Verbindung von Mann und Weib. Die Ehe hat
-zum Grunde die Opferliebe; jeder Gatte muß für den Ehepartner Opfer
-bringen können, muß sie auch bringen im gemeinsamen Interesse. Ohne
-gegenseitiges Vertrauen gibt es keine Liebe.
-
-In unserer Gemeinde streben einige Ehefrauen die Entlohnung ihrer
-Arbeit im Haushalte an. Diese Frauen sollen bedenken, daß das Eheweib,
-das für die Hausarbeit Bezahlung fordert, sich selbst erniedrigt!
-Ein solches Weib ist nicht mehr die dem Manne ebenbürtige Ehegattin,
-sondern eine Dienstmagd gegen Lohn!“
-
-Wieder machte der Pfarrer eine kleine Pause. Und dabei gewahrte er,
-wie die Fürstin Sophie sich weit vorgebeugt hatte und den Prediger
-mißbilligend anblickte. Aber weder Zustimmung noch Tadel durfte
-ihn abhalten, seine Pflicht zu erfüllen. So sprach er scharf im
-Tone weiter: „Die Frauen, die in unserer Gemeinde den Frieden in
-den Familien stören, von den Ehemännern gleich gar ein Drittel des
-Jahresverdienstes als Arbeitsvergütung fordern, diese Frauen berufen
-sich auf ein neues Gesetz, das eine solche Bestimmung enthalte. Laßt
-euch, Ehemänner, nicht irremachen, nicht einschüchtern! Bei uns gibt
-es ein solches Gesetz nicht, weder ein altes noch ein neues! In der
-Schweiz ist geplant, eine ähnliche Bestimmung in den Entwurf zum neuen
-Zivilgesetzbuche aufzunehmen! Was die Schweizer tun, geht uns nichts
-an! Die Agitation der Frauen entbehrt also jeglicher Berechtigung! Und
-strafbar ist die Aufreizung! Wahret den Frieden im Hause! Amen!“
-
-Bevor Pater Wilfrid die Kanzel verließ, warf er einen Blick auf die
-Menge der Andächtigen. Unverkennbar war die Überraschung der Frauen,
-ein gewisses Frohlocken in den Mienen der Männer, ein Aufatmen der
-drangsalierten, nun durch den Pfarrer befreiten Ehemänner.
-
-Überrascht, unangenehm berührt schien auch Fürstin Sophie zu sein,
-die den Prediger starr vor Staunen angeguckt hatte und sich nun in
-das Dunkel des Oratoriums zurückzog. Und während des anschließenden
-Gottesdienstes beschäftigten sich die Gedanken der Frau mit der
-Frage, wie es die Gattin des Forstwarts wagen konnte, das Protektorat
-zu erbitten, wenn die ganze soziale Angelegenheit keine gesetzliche
-Basis hat. Eine Unverfrorenheit war es von der Forstwartsfrau, die
-Unterstützung zu erschleichen, die Fürstin in eine unberechtigte
-Agitation hineinzuzerren. Unschön und rücksichtslos fand es Sophie
-aber vom Pfarrer, daß er ihr nicht beizeiten die nötigen Informationen
-gegeben, einen Rückzug in aller Stille ermöglicht hatte. In dieser
-üblen Stimmung flüsterte die Fürstin dem Hoffräulein gegen Ende des
-Gottesdienstes die Bitte zu, dafür zu sorgen, daß der Wagen zur
-sofortigen Rückfahrt bereitgehalten werde. Gehorsam entfernte sich
-Martina aus dem Oratorium.
-
-Im Pfarrhause hatte die Dienerin Witwe Erna alles schön für den zu
-erwartenden Besuch der Fürstin, für das Teefrühstück vorbereitet.
-
-Als Pater Wilfrid hungrig von der Kirche kam und den festlich
-geschmückten Frühstückstisch sah, lobte er die Wirtschafterin, die
-darob zwar geschmeichelt lächelte, dennoch aber dem Pfarrer die
-Bemerkung nicht schenken konnte, daß der hochwürdige Herr sich mit der
-heutigen Predigt bei den Frauen eine böse Suppe eingebrockt habe.
-
-„Ach was! Bringen Sie den Tee! Die Fürstin wird gleich kommen!“
-
-Wagengerassel auf dem Sträßlein veranlaßte Erna zum Fenster zu
-springen. Und erregt rief sie: „Da haben S’ den Salat, Herr Pfarrer!
-Den Tee können S’ alleinig trinken, die Fürstin fahrt heim! Mit
-dem Besuch ist also nichts, und ich hab mich umensunst geplagt!
-Wahrscheinlich wird sich auch die Duhrlauch wegen der Predigt geärgert
-haben! Wie man sich nur eine solche Supp’n einbrocken kann...!“
-
-„Bringen Sie mir das Frühstück! Auf Ihre Bemerkungen verzichte ich!“
-
-Alsbald servierte Erna mit allen Anzeichen der Enttäuschung und
-Verdrossenheit.
-
-Und Pater Wilfrid löffelte noch, als die Hausglocke Besuch anmeldete.
-Der übliche Sonntagsaudienzdienst für den vielgeplagten Pfarrer
-begann. Als erster Besucher kam der Forstwart Gnugesser mit seinem
-strahlendsten Lächeln höchster Befriedigung, beweglich und vergnügt,
-so daß das Bäuchlein hüpfte. Mit beiden Händen liebkoste der Forstwart
-den fuchsigen Patriarchenbart und zog die Schnauzerenden in die Länge,
-wodurch das Männlein ein geradezu kriegerisches Aussehen bekam. „Danken
-möcht ich, Herr Pfarrer, für die prachtvolle Predigt! Gut, sehr gut
-haben Sie den Weibern, die wo Geld möchten für die Arbeit im Haushalt,
-die Meinung gesagt! Uns Ehemännern haben Sie die heißersehnte Erlösung
-gebracht! Ich dank von ganzem Herzen! Und meine Amanda werd ich mir
-heut noch fürifangen und die Krämerin auch, die, wo das Haupt der
-Weiberrevolution ist!“
-
-Scharf gellte die Hausglocke. Seine Rede unterbrechend, guckte
-Gnugesser zum Fenster hinaus, zog aber sofort den krebsrot gewordenen
-Kopf zurück und stotterte: „Au weh! Herr Pfarrer bekommen gefährlichen
-Besuch: die Krämerin will herein! Kann ich derweil nicht in Ihrem
-Schlafzimmer oder Salon warten, bis die Krämerin das Haus verlaßt?“
-
-Lächelnd meinte Pater Wilfrid: „Eben sagten Sie doch, daß Sie Ihre Frau
-und die Krämerin fürifangen wollten! Die Gelegenheit dazu ist geboten,
-Sie können der Krämerin hier die Meinung sagen!“
-
-„Nein, nein! Nicht hier, das Pfarrhaus soll doch ein Haus des Friedens
-sein! Empfehl mich gehorsamst, Herr Pfarrer!“ Und der tapfere Held mit
-dem Bäuchlein und Patriarchenbart drückte sich zur Türe hinaus. Und
-prasselte die Treppe hinab so schnell, daß sich die hagere Krämerin
-erschreckt in eine Ecke flüchtete.
-
-Als dann diese Frau vor dem Pfarrer stand, mußte Wilfrid unwillkürlich
-an jene Hundespezies denken, die sich durch besondere Magerkeit
-und minimale Menge an Gehirn auszeichnet. Dürr und mager wie ein
-Windhund war die Krämerin, aus den Augen leuchtete keineswegs
-Intelligenz, dafür Streitlust und Eigensinn. Unter dem schwarzen
-Kopftüchel quirlten etliche dünne Haarsträhne heraus wie Schlänglein.
-Das scharfgeschnittene Gesicht gemahnte an einen Raubvogel und
-kündete alles, nur nicht Sanftmut und Frieden. Und Krieg die eckigen
-Ellenbogen, Kampf die knochigen, auf die schmalen Hüften gestemmten
-Hände. Ein böser Blick züngelte am Pfarrer hinauf, der aber diese
-Musterung ruhig aushielt und mit leichter Ironie im Tone fragte, womit
-er dienen könne.
-
-Fester stemmte die Krämerin die Hände auf die Hüften, scharf klang
-die Stimme: „Die Predigt, Herr Pfarrer, die unglaubliche Predigt! Es
-ist wirklich nicht zu glauben, was Sie heut von der Kanzel verkündet
-haben!“ Die rechte Hand löste sich von der Hüfte, gebieterisch streckte
-sich der Zeigefinger. „Diese Verkündigung wird der Herr Pfarrer
-zurücknehmen!“
-
-„Warum denn, liebe Frau?“
-
-„Weil das neue G’setz schwarz auf weiß zu lesen ist! Die ganze Welt
-weiß davon, nur der Pfarrer von Hall weiß nichts! Ich sag Ihnen: wir
-führen die gesetzliche Bestimmung durch, ob es Ihnen recht ist oder
-nicht! Wo ich die Fürsteherin vom Haller Frauenbund bin und zu befehlen
-hab!“
-
-„Die Absicht, ein gar nicht existierendes Gesetz zur Geltung zu
-bringen, müssen Sie nicht dem Pfarramt, sondern der Behörde und der
-Gendarmerie anzeigen, die Ihnen das Nötige und Weitere dann schon
-mitteilen wird!“
-
-„Mit den verdruckten Herren von der Bezirkshauptmannschaft will ich
-nichts zu tun haben, die Herren sind zu politisch! Von der Kanzel hat
-der Pfarrer gesprochen, durchaus Behauptungen, die dem Frauenbund nicht
-passen, also halt ich mich an den Pfarrer, der die heutige Predigt
-z’rücknehmen muß am nächsten Sonntag!“
-
-„Zurücknehmen kann ich nichts, aber ich werde in der nächsten Predigt
-schildern, was für eine grundgescheite Fürsteherin der Haller
-Frauenbund hat...“
-
-„Das ist grad nicht nötig! Ich weiß schon selbst, daß ich eine
-g’scheite Frau bin!“
-
-„Schön! Da Sie soviel Intelligenz besitzen, werden Sie gewiß auch
-wissen, wie man die Tür von -- außen zumacht!“
-
-„Was? Ausschaffen! Mich, die Fürsteherin, wo im kleinen Finger mehr
-Gesetzeskenntnis hat als der ganze Herr Pfarrer! Das Ausschaffen
-werden S’ büßen, wahrlich nicht wenig!“ Wie beschwörend streckte das
-hagere Weib die dünnen Arme in die Höhe. „Sie wollen den Kampf, gut,
-wir werden um unser heiliges Recht kämpfen! Empfehl mich, Hochwürden!“
-Schrill lachend, entrüstet verließ die Krämerin mit zappeligen
-Schritten das Zimmer.
-
-Pater Wilfrid konnte der Komik dieses Auftrittes nicht widerstehen
-und schmunzelte. In das Treppenhaus tretend, wollte er eben hinunter
-zu Erna rufen, daß der nächste Besuch vorgelassen werden solle; das
-Gekeife der Krämerin veranlaßte ihn jedoch, mit dem Rufe zu warten.
-
-Wütend zeterte die Krämerin zur Dienerin: „Außi g’schmissen hat er
-mich! Wo ich die Fürsteherin bin! Ich aber steh gut dafür: die längste
-Zeit ist er in Hall Pfarrer g’wesen! Außi muß er! Und dem Abt in Admont
-werd ich meine Meinung sagen, bis ihm die Augen tropfen und die Ohren
-stauben!“
-
-Wilfrid lachte hellauf.
-
-In höchster Wut warf die Krämerin die Haustüre so wuchtig ins Schloß,
-daß das Pfarrhaus erzitterte.
-
-Der Reihe nach kamen Bauern mit ihren Anliegen; diesmal aber auch
-etliche Weiber, die aber wider Erwarten Wilfrids nicht auf die Predigt
-reagierten, dafür erstaunliche Bitten vorbrachten. Eine Bäuerin
-wünschte eine Bevorzugung durch Anweisung eines Kirchenstuhles in
-der vordersten Bank. Die Bauersfrau Troger bat um Benediktion des
-Stalles, und zwar heute noch, weil der Pfarrer an Wochentagen selten
-oder nie in Hall sei, und eine Kuh Schlingbeschwerden habe. Eine andere
-Bäuerin klagte über den Lehrer, der ihren Kindern zuwenig beibringe und
-zuviel mit dem Stock arbeite. Mit einer kostbaren Beschwerde kam eine
-alte Jungfer namens Hupfauf: „Herr Hochwürden!“ lispelte sie anfangs,
-„ich bin es bekanntlich, die seit Jahren den Marienaltar mit Blumen
-schmückt; Sie aber sind es, der diesen Schmuck immer wegnehmen ließ!“
-
-Pater Wilfrid erwiderte trocken: „Ganz richtig! Jede Zierde muß Maß und
-Geschmack haben! Auch ziert man den Marienaltar nur an Marientagen und
-im Monat Mai!“
-
-Bedeutend schärfer im Ton rief die Jungfer Hupfauf: „Was? Sie wollen
-mir vorschreiben, wann ich die Gottesmutter verehren und schmücken
-darf? Und zuwenig G’schmack soll ich haben! So eine Beleidigung! Danken
-sollen Sie, daß man sich überhaupts um die Kirch’n kümmert! Wo die Welt
-eh schier nichts mehr von Kirch’n und Pfarrer wissen will in dieser
-schrecklichen Zeit!“
-
-Wilfrid suchte die aufgeregte alte Maid zu beruhigen.
-
-Aber die Jungfer wurde völlig rabiat und zeterte: „Sein tun die
-Mannsbilder alle gleich, lauter Spitzbuben, die z’sammenhelfen, wo
-es gegen die Jungfern geht! Schamen sollen Sie Ihnen, daß Sie zu den
-Mannsbildern halten und gegen die Weiber predigen! Mich geht die Sach
-mit dem Frauenbund nichts an, weil ich Gott sei Dank eine Jungfer bin
-und in Ewigkeit von Mann und Heirat nichts wissen will! Aber weil der
-Herr Pfarrer so -- herb auf die armen Frauen ist und mir das Schmücken
-des Altars nicht erlauben will, werd ich von nun an zum Frauenbund
-halten! Jawohl! Und Sie werden dann schon sehen, daß Sie den kürzeren
-ziehen! Denn siegen tut immer und überall das edle weibliche Geschlecht
-und die Tugend! Empfehl mich, Hochwürden!“
-
-Während die alte Maid hinausrauschte, krümmte sich Wilfrid vor Lachen.
-
- *
-
-Dem Requiem zum Gedächtnisse des hochseligen Fürsten wohnten die Witwe,
-der zurückgekehrte Hausmarschall Graf Thurn, Fräulein von Gussitsch,
-die Beamten, etliche Jäger und das gesamte Personal bei. Hernach
-stattete die Fürstin mit Martina dem Pfarrer einen Dankbesuch ab. In
-milder Stimmung, die der Trauerfeier entsprach, dankerfüllt ob der
-rührendschönen Gedächtnisrede Wilfrids.
-
-Die Dienerin konnte diesmal Triumphe feiern und Anerkennung einheimsen,
-denn Fürstin Sophie nahm den Tee ein und lobte die weißhaarige
-Wirtschafterin nach allen Seiten hin.
-
-Im Verlaufe des Frühstücks kam die Fürstin auf Wilfrids „soziale“
-Predigt insofern zu sprechen, daß die hohe Frau fragte, ob es wirklich
-kein Gesetz ähnlich dem Schweizer Entwurf gebe.
-
-Schlicht erwiderte Wilfrid: „Nein, Durchlaucht!“
-
-„Was wird denn nun die Folge Ihrer Kontrastellung sein?“
-
-Die Schultern hochziehend, meinte Pater Wilfrid: „Abwarten und Tee
-trinken! Wenn die Männer mit dem Geld nicht herausrücken, wird die
-Frauenrevolution im Sande verlaufen müssen! Je eher, desto besser! Auch
-im Interesse Euer Durchlaucht!“
-
-Überrascht fragte die Fürstin: „Wieso? Meine Privatinteressen haben
-doch mit der Haller Frauenbewegung nichts zu tun!“
-
-„Doch! Nämlich im Falle, daß ein Gesetz _à la_ Schweiz den Ehefrauen
-das Gehaltsdrittel des Brotverdieners bewilligen würde!“
-
-„Ich verstehe Sie wirklich nicht!“
-
-„Müßten die im Dienste Euer Durchlaucht stehenden verheirateten Beamten
-und Diener das Gehaltsdrittel den tugendsamen Ehefrauen zahlen, so
-würden die Beamten und Diener genötigt sein, die gnädigste Gebieterin
-um -- Gehalts- und Lohnaufbesserung zu bitten!“
-
-„Ach so! Danke für diese wichtige Aufklärung! Sehen Sie zu, Herr
-Pfarrer, daß die Frauenbewegung bald ein wohltätig Ende findet!“
-
-Nach der Abfahrt der Frau rieb sich Peter Wilfrid die Hände, denn das
-schnell erfolgte „Umsatteln“ der Fürstin bereitete ihm Spaß. Und dann
-beschloß er, das energische Abrücken der Fürstin zu verwerten im Kampfe
-gegen die Haller Weiberrevolution.
-
-
-
-
-Achtes Kapitel
-
-
-Das direkte Eingreifen der Fürstin in jagdliche Angelegenheiten,
-der Befehl, daß die Jagdgehilfen ihr direkt Berichte zu erstatten
-haben, all das mußte zur Ignorierung des Instanzenzuges führen, die
-Dienstesverhältnisse nachteilig beeinflussen, die Charaktere ungünstig
-verändern. Die Jagdgehilfen merkten sehr rasch, daß sie williges Gehör
-fanden, sie kamen wegen jedes Pfifferlings, machten sich wichtig,
-betonten die Mühen ihres Dienstes, ihre Aufopferung, und versuchten
-Geldgeschenke herauszuschinden. Um den Jagdleiter Hartlieb kümmerten
-sich die Jagdgehilfen kaum noch. Erteilte er Befehle, so wurde mit der
-Befolgung gewartet, weil nach entsprechend gefärbtem Bericht von der
-Fürstin ja doch Gegenorder gegeben wurde. Offene Auflehnung gegen den
-Oberbeamten wagten die Jäger natürlich nicht; aber sie freuten sich
-diebisch, daß so vieles über den Kopf Hartliebs hinweg angeordnet,
-dem Jagdleiter die Hände gebunden, ihm Stellung und Dienst sehr sauer
-gemacht wurden.
-
-Am frechsten gebärdete sich der schmucke, von Durchlaucht ganz
-besonders bevorzugte Jäger Eichkitz. War er doch eine Art „vortragender
-Rat“ in Jagddienstangelegenheiten geworden, täglich zum Bericht
-befohlen. Und fast immer geschah, was er befürwortete. Die täglichen
-Gänge zur Villa gaben einen willkommenen, leicht zu begründenden
-Anlaß zur Dienstschwänzung, zu Erleichterungen. Die Rennerei in die
-hochgelegenen Pyrgas-Reviere hatte ein Ende. Klug deckte sich Eichkitz
-den Rücken gegen das Eingreifen des Oberbeamten, indem der fesche
-Bursch die Gebieterin aufmerksam machte, daß er nicht gleichzeitig an
-zwei Orten sein könne; nicht in der Villa bei der gnädigsten Fürstin
-und nicht zur selben Zeit auf dem Pyrgas. Das begriff die Gebieterin,
-und sie befahl, daß den Dienst in den Pyrgas-Revieren ein anderer
-Jagdgehilfe zu machen habe; Eichkitz solle nur zeitweilig behufs
-Kontrolle nachschauen.
-
-Eichkitz trug die Nase hoch; aber so klug war er doch, um sich
-durch Brüskierungen nicht unnötigerweise Feinde zu schaffen. Groß
-war freilich die Verlockung, den Kammerdiener Norbert hochnäsig zu
-behandeln oder doch zu verulken; Eichkitz sagte sich aber, daß er
-vielleicht den wegen seines Einflusses nicht zu unterschätzenden Mann
-gelegentlich brauchen könnte, und stellte sich in dieser Erwägung
-auf guten Fuß mit dem Haushofmeister. Der Kammerfrau Hildegard, der
-noch immer stattlichen Witib, gegenüber spielte er den aufmerksamen,
-demütigen Jüngling, huldigte ihr und verdrehte die Augen, seufzte
-wohl auch, wenn just kein Beobachter vorhanden war, und bettelte um
-Protektion. Nicht vergebens, denn die geschmeichelte Kammerfrau steckte
-ihm manchen Bissen zu. Da Eichkitz zur Schonung seines Geldbeutels
-freie Verköstigung zu Lasten, doch ohne Wissen der Fürstin anstrebte,
-mußte logischerweise mit der fürstlichen Hofköchin anbandeln. Dies
-gestaltete sich aber schwerer, als der hübsche Frechdachs es sich
-vorgestellt hatte. Die üppige Köchin mit dem ungewöhnlichen Taufnamen
-Restituta war keineswegs blind, sah ganz gut, daß der Jäger ein
-bildhübscher Kerl war, aber sie hatte unerschütterliche Grundsätze.
-Restituta machte auch Eichkitz gegenüber, als er sie erstmals
-anschmachtete, kein Hehl daraus, daß sie gelobt und geschworen habe,
-genau den gleichen Lebenswandel zu führen wie ihre Namenspatronin,
-nämlich „jungfräulich“ zu bleiben und „mutig“ durch das irdische
-Leben zu gehen, auf daß die Köchin wie die heilige Restituta genau
-an einem 17. Mai sterbe und von einem Spezialengel in das himmlische
-Paradies geführt werde. Im tiefsten, heiligsten Ernste hatte Fräulein
-Restituta dies gesagt und dabei einen Blick verfrühter Verzückung zum
-Küchenplafond gerichtet. Eichkitz aber kämpfte mit übermenschlicher
-Kraft, um das Lachen zu verbeißen und den Anschein zu erwecken, als
-glaube er jedes Wort und er sei ein Verehrer der Restituta von wegen
-ihres „Mutes“. Nur sprechen konnte er in jener Stunde nicht, der
-Lachkitzel war zu stark.
-
-Bei einem zweiten Versuch der Anbandelung war der Frechdachs aber schon
-imstande, zu fragen, ob die Restituta auch -- wohltätig gewesen sei.
-
-Davon war der Köchin nichts bekannt; sie wußte sich aber zu helfen,
-indem sie dem andächtig zuhörenden Jäger mitteilte, daß laut der
-Heiligenlegende die selige Jungfrau Restituta aus einer -- adeligen
-Familie stammte. Weil sie dann Christin wurde und hinterdrein ob ihres
-Märtyrertodes heilig, muß sie auch wohltätig gewesen sein.
-
-Eichkitz beschattete mit der Hand die listig funkelnden und lachenden
-Augen, und süßlichen Tones sprach er die Überzeugung aus, daß
-sicherlich auch die Köchin Restituta willens sei, sich durch ausgiebige
-Wohltätigkeit den freien Eintritt in das Himmelreich zu verdienen.
-
-Wie erhofft, biß die dicke Köchin auf diesen Köder, indem sie
-herausplatze: „Aha jo! Gärn aa no! Wos möcht er denn, der Jaaga?“
-
-„Der Hunger tut weh, Fräuln Restituta! Besonders tut der Hunger weh,
-wenn der Mensch kein Geld nicht hat! Sind Sie vielleicht auch aus einer
-adeligen Familie, Fräuln Restituta? So etwa vom Landadel?“
-
-Hochgeschmeichelt meinte die Köchin mit wonnekündendem Lächeln:
-„Därweil no net!“
-
-Der Lohn für die kecke Schmeichelei bestand darin, daß Eichkitz ein
-großes Stück Paprikaspeck bekam. Und als der enttäuschte Schelm
-jammerte, daß der Paprika viel Durst erzeuge, gab ihm Restituta auch
-noch Geld zur Durstlöschung. Und dazu den Rat, zu jener Stunde in die
-Küche zu kommen, wenn für das Hauspersonal das Essen verabreicht werde.
-Wo für so viele Leute Speise und Trank vorhanden sei, könne ein armer,
-frommer Jäger auch mitessen.
-
-Und so erreichte der Frechdachs sein Ziel doch. Aber schon nach
-etlichen Tagen juckte ihn der Übermut, er verulkte die heilige
-Restituta so drollig und witzig, daß die Hausangestellten vor Vergnügen
-brüllten, die entrüstete Köchin aber den Spötter mit dem Besen
-fortjagte.
-
- *
-
-Oberförster Hartlieb war sich darüber völlig klargeworden, daß er
-unter den so gründlich und ungünstig veränderten Dienstesverhältnissen
-nicht auf die Dauer in seiner Stellung bleiben könne. Mannesehre,
-Stolz und Berufsliebe zwingen dazu, den Posten aufzugeben, sich um
-eine andere Stellung zu bewerben, anderswo unter einem Jagdherrn und
-Sachverständigen zu dienen. Der Weiberwirtschaft im Jagdbetriebe war
-Ambros Hartlieb bis zum Ekel überdrüssig geworden. Von einem richtigen
-normalen Jagdbetrieb konnte überhaupt nicht mehr gesprochen werden.
-Überflüssig war der Jagdleiter, er wurde nicht gerufen, erhielt auch
-keine Befehle. Kam er in die Reviere, traf er den einen oder anderen
-Jagdgehilfen im Dienst, so war ziemlich deutlich eine gewisse passive
-Resistenz zu beobachten. Nicht offene Weigerung, die Befehle Hartliebs
-zu befolgen, nur verhaltener Widerstand, Verzögerung. Lauernde Blicke,
-spöttisches Lächeln, widerliche, mit Hohn gemischte Unterwürfigkeit;
-Mienen, die zu künden schienen: Jagdleiter bist du nicht, hast nichts
-mehr zu befehlen, kannst mir auf den Buckel steigen!
-
-Keine Abschußerlaubnis. Keine Einladung mehr. Diese Ignorierung tat
-Ambros allerdings nicht wehe, im Gegenteil, der Forstmann und Jäger
-freute sich, daß ihn die Gebieterin in dieser Beziehung vergessen zu
-haben schien. Für den Hofdienst schwärmte Hartlieb nicht, hatte von
-der ersten Stunde an nichts Gutes erhofft. Aber doch nicht geglaubt,
-daß alles so schlimm für den Waldoberbeamten und Jagdleiter unter der
-Damenherrschaft kommen würde. Unerträglich und empörend war die Lage
-für den ernsten, einsamen Ambros geworden. Entwürdigend! Dirigent ist
-der Jagdgehilfe Eichkitz, Frechdachs und Schmeichler in einer Person.
-Ein falscher Tropf, aber ein fescher Bursch. Verlogen, faul, Egoist,
-eine Null als Jäger und als Mensch.
-
-In einsamen Stunden fragte sich Hartlieb oft, warum er sich nicht
-aufraffen kann, den Dienst aufzukündigen und den früheren Jagdpächter
-Grafen Lichtenberg brieflich zu fragen, ob er eine Stellung für ihn
-habe.
-
-Etliche Gründe hatte Ambros für seine Unentschlossenheit, für das
-Hinausschieben des entscheidenden Schrittes.
-
-Die Hirschbrunft wird demnächst beginnen. Will die Gebieterin
-Brunfthirsche schießen, so muß sie sich ja doch an ihren Jagdleiter
-wenden. Unmöglich kann die Hirschbrunft ganz ignoriert bleiben; sie
-ist doch die Hohe Zeit, das Herrlichste im Jagdbetriebe und für den
-Jagdherrn!
-
-Wenn Hartlieb die Weiberwirtschaft verfluchte, so galt die Verdammung
-genau genommen nur der Mißwirtschaft auf der Seite der launenhaften
-und in ihren Entschlüssen unberechenbaren Gebieterin. Keineswegs der
-Hofdame, die ja nichts zu sagen, nichts anzuordnen hat.
-
-Dachte Ambros an das ihm sympathische Fräulein von Gussitsch, so hüpfte
-das Herzelein vor Wonne. Und dem einsamen ernsten Beamten war zumute,
-als müßte er himmelhoch jauchzen. Wie zierlich, nett, hübsch das
-Hoffräulein doch ist! Wie ein Edelmarder geschmeidig und elegant! Ob
-Mustela in diesem Leben Frau Hartlieb werden könnte?
-
-Können und wollen ist zweierlei!
-
-So hoffte Ambros Hartlieb und wartete; erlitt alle Qualen trostloser
-Verliebtheit...
-
-Über seine triste Lage hätte er gerne mit dem Grafen Thurn gesprochen,
-sich dem alten liebenswürdigen Hausmarschall anvertraut. Aber der Graf
-hatte infolge der miserablen Witterung das Reißen bekommen und sich mit
-längerem Urlaub zum Gebrauch der berühmten heißen Quellen nach Römerbad
-in der südlichen Steiermark geflüchtet.
-
-Am Mittag eines naßkalten Herbsttages war es. Hartlieb hatte sich von
-Frau Amanda Gnugesser eine Fleischkonserve warm machen lassen, deren
-Inhalt er in der Kanzlei verspeiste. Der Gang zum Wirt in Hall war
-erspart. Eine Zigarre am Fenster schmauchend, hielt Ambros stehend
-kurze Siesta und blickte auf das zum Jagdschlößl führende Sträßlein im
-nebelerfüllten Halltale.
-
-Plötzlich zuckte Hartlieb zusammen. Jähe Röte schoß ihm in die Wangen,
-ein Zittern lief durch den Körper, das Blut hämmerte und klopfte.
-
-Das Sträßlein kam Mustela-Martina herangestapft. In
-neckisch-praktischem Lodenkleid, fußfrei der kurze Rock, so daß die
-Stiefelchen sichtbar waren. Schneidig auf dem hübschen Köpfchen
-thronend das grüne Ausseer Hütel. Die geschmeidige Mustelagestalt
-freilich neidisch verhüllt von einem wasserdichten Regenmäntelchen.
-Ohne Regenschirm. Der zaghaft fallenden Schnürltropfen lachend, so daß
-die Marderzähnchen blinkten. Offenbar mußte das bildhübsche Hoffräulein
-sehr vergnügt sein.
-
-„Ob Mustela zu mir in die Kanzlei kommt?“ fragte sich flüsternd Ambros.
-Und des Zigarrenqualmes wegen, zur Lüftung der Kanzlei, riß er die
-Fenster auf. Und grüßte respektvollst.
-
-Und das Hoffräulein dankte mit einem allerliebsten Kopfnicken und
-munterem Lächeln. Und steuerte trippelnd dem Forsthause zu.
-
-Martina kam nicht herauf. Sie besuchte die Forstwartsfrau. Wie Ambros
-die überspannte Amanda Gnugesser um diesen Besuch beneidete!
-
-Der Uhr nach war es Zeit, den Dienstgang anzutreten. Hartlieb schloß
-die Fenster, machte sich marschfertig, und -- blieb in der Kanzlei.
-Wartete und horchte auf das seltsame Klingen im Herzen.
-
-Frau Amanda begrüßte die hübsche Hofdame strahlenden Auges und mit
-einer gewissen stolzen Feierlichkeit. Sie hatte brieflich um Audienz
-gebeten in der Absicht, die Fürstin gewissermaßen scharfzumachen, als
-Vorspann zu benützen und wegen der heillos unangenehmen Kanzelrede
-gegen den Pfarrer auszuspielen. Der Eitelkeit schmeichelte es nicht
-wenig, daß die Fürstin eigens die Hofdame schickt, um den erhofften,
-sehnlichst gewünschten Bescheid zu bringen, der nach Amandas Auffassung
-nur die Gewährung der Audienz sein konnte. Frau Amanda stutzte, als
-Martina von Gussitsch es dankend ablehnte, Platz zu nehmen und höflich
-mitteilte, daß auf Wunsch der Fürstin künftighin Zuschriften nicht an
-sie selbst, sondern an das Marschallamt oder an die Hofdame vom Dienst
-gerichtet werden sollen.
-
-Der Glanz in Amandas Augen erlosch, der Blick ward hart, die Lippen
-bleich. Und eine tiefe Falte zeigte sich auf der Stirne. Schwer
-enttäuscht sprach Frau Gnugesser: „Um mir das zu sagen, haben sich
-gnädiges Fräulein selbst herbemüht?“
-
-„Eine willkommene Bewegung in frischer Waldluft vor dem Lunch! Mündlich
-Bescheid zu geben, ist mir lieber als das Schreiben von Briefen!
-Allerdings überbringe ich einen Bescheid, der Ihren Wünschen nicht
-entsprechen wird!“
-
-Amanda rief erbittert schrillen Tones: „Meine Bitte um Audienz ist
-abgelehnt? Der Empfang verweigert? In einer so wichtigen Angelegenheit?
-Nicht zu glauben! Erst volles Interesse, jetzt Ablehnung! Ein
-erstaunlicher Wankelmut! Da wird wohl die Predigt eine Rolle gespielt
-haben!“
-
-„Bitte, beruhigen Sie sich! Ich bin über die Gründe, die Durchlaucht
-zur Ablehnung Ihrer Bitte veranlaßt haben, nicht informiert, kann
-also keine Auskunft geben! Die Fürstin wünscht, daß die Agitation
-eingestellt werde!“
-
-Heftig und gereizt wies Amanda darauf hin, daß die Agitation reine
-Privatsache sei und man demnach die Fürstin weder um ihre Meinung zu
-fragen noch um Erlaubnis zu bitten habe.
-
-Kühl und höflich erwiderte Fräulein von Gussitsch: „Die Wünsche der
-Fürstin werden von jenen Frauen respektiert werden müssen, deren
-Ehemänner im fürstlichen Dienst stehen!“
-
-„Soll das eine Drohung sein?“
-
-„Nein, nur eine gutgemeinte Mahnung zur Vorsicht!“
-
-Spitz und giftig rief Amanda: „Ach was, Papperlapapp! Der Mann im
-fürstlichen Dienst erfüllt seine Pflicht, die Frau steht nicht im
-fürstlichen Dienst, sie ist Privatperson, und was die Frau tut, das
-geht die Fürstin keinen Pfifferling an! Will sich die Fürstin um uns
-kümmern, so soll sie die Hungerlöhne aufbessern! Auf diesem Gebiete
-kann sie sich nützlich machen!“
-
-„Meine Mission ist beendet! Guten Tag, Frau Forstwart!“
-
-Amanda begleitete das Hoffräulein bis in den Flur, und zum Abschied
-höhnte sie gründlich verbittert: „Empfehl mich! Meinen Handkuß, wenn
-ich bitten darf! Und wegen einer Einladung zum Essen soll man sich
-nicht mehr strapazieren, wir gehen grundsätzlich nicht zu Hof!“ Und
-wütend kehrte Amanda in ihre Wohnung zurück und warf die Tür krachend
-ins Schloß.
-
-Dieser Spektakel war für Hartlieb ein hochwillkommenes Signal, daß der
-Besuch beendet sein mußte. In Wehr und Waffen sprang der Oberförster
-die Treppe herab, und glücklich erwischte er Martina in nächster Nähe
-des Forsthauses. Weniger glücklich war er in der Wahl einer Anrede.
-Ansprechen wollte er Mustela, er mußte einige Worte an Martina richten,
-um die Wonne ihrer Nähe für einige Augenblicke zu genießen. Und so
-stammelte er denn: „Verzeihung! Keinen Befehl für mich?“
-
-Martina machte kehrt, und lachend zeigte sie die blitzenden
-Marderzähnchen: „Hofdamen haben bekanntlich nichts zu befehlen! Das
-könnte der Herr Oberförster und Hofjagdleiter wissen!“
-
-„Darf ich Sie begleiten?“
-
-„Aber ja, es wird mir ein Vergnügen sein! Vorausgesetzt, daß der Dienst
-Sie auf den gleichen Weg führt!“
-
-Der brave Waldmensch konnte nicht lügen, Ambros platzte mit der
-Wahrheit heraus: „Dienstlich sollte ich in entgegengesetzter Richtung
-wandern! Aber ich möchte Sie begleiten und ein ganz klein bisserl mit
--- Mustela plaudern!“
-
-Martinas zarte Wangen färbten sich. Der Verlegenheit wurde das
-Hoffräulein rasch Herr. „Also schwänzt der Oberbeamte den Dienst! Ein
-leuchtendes Beispiel für die Untergebenen! Apropos: mit wem wollen Sie
-ein ganz klein bisserl plaudern?“
-
-Jetzt war die Reihe zum Rotwerden an Hartlieb. Und in hilfloser
-Verlegenheit stammelte er das Geständnis, daß Fräulein von Gussitsch
-ihn besonders dann lebhaft an die Geschmeidigkeit und Zierlichkeit
-des graziösen Edelmarders, der lateinisch „_Mustela martes_“ heiße,
-erinnere, wenn das Fräulein ein hochgelbes Halsband trage.
-
-Die Bäcklein Martinas flammten glutrot. „Ei der Tausend! Soll ich mich
-durch diesen Vergleich geschmeichelt oder beleidigt fühlen? Der Marder
-ist doch ein Raubtier, nicht?“
-
-„Allerdings! Scheu, listig, beherzt, der denkbar kühnste Räuber, aber
-schön von Gestalt, vornehm besonders der Edelmarder in jungen Jahren
-mit dem hochgelben Hals! Ein schneidiges Kerlchen!“
-
-Martina kicherte im langsamen Weiterschreiten: „Außerordentlich
-dankbar bin ich für diesen schmeichelhaften Vergleich! Entzückend nett,
-daß der Herr Oberförster das harmlose Hoffräulein mit dem ‚denkbar
-kühnsten Räuber‘ vergleicht! Können Sie mir vielleicht sagen, was ich
-bereits -- geraubt habe?“
-
-So locker zwei Worte auf Hartliebs Zunge saßen, so leicht die Antwort
-wäre, er wagte nicht, sie zu geben. Die Blutwelle in Martinas Wangen
-kündete, daß Fräulein von Gussitsch die zwei ungesprochenen Worte
-erraten hatte. Und nun zappelte Martina mit beschleunigten Schritten
-heim.
-
-Um doch etwas noch zu sagen, stammelte Ambros: „Die Schneid Mustelas
-ist so groß, daß der schöne Edelmarder Tiere angreift, die ihm an Kraft
-und Körpergröße weit überlegen sind!“
-
-„So? Greift ‚Mustela‘ auch -- Menschen an?“
-
-„In seltenen Ausnahmefällen auch Forstbeamte!“
-
-„Huhu! Höchst gefährlich! Sehen Sie sich vor, Herr Oberförster, daß
-Ihnen ‚Mustela‘ nicht mal plötzlich ins Gesicht springt und die
-Äugelein auskratzt!“
-
-Hartlieb lachte vergnügt: „Soll nur springen!“
-
-„Lieber nicht! _Addio!_“ lispelte Martina und flatterte hastig wie ein
-aufgescheuchtes Vögelchen dem nahen Schlößl zu. Wie ein Lohgerber den
-fortschwimmenden Fellen, guckte Ambros dem Hoffräulein betrübt nach.
-Dann kehrte er um und wanderte in den Wald auf der entgegengesetzten
-Seite...
-
-Im Speisesaale des Schlößls stand Norbert vor der Suppenterrine am
-Büfett und wartete auf das Erscheinen der Fürstin. Martina hatte in
-aller Eile Dinerkleider angelegt, kam genau auf die Sekunde in den
-Speisesaal und guckte verwundert.
-
-Norbert flüsterte ihr zu: „Kann eine Weile dauern, Durchlaucht lesen
-einen soeben aus Berlin eingelaufenen Brief!“
-
-Stehend wartete Martina auf das Erscheinen der Fürstin.
-
-Fürstin Sophie las den Brief ihres Sohnes.
-
-„Liebste Mama! Über Berlin zu schreiben, werde ick mir hüten; diese
-großartige Weltstadt möge ein Schriftsteller von Gottes Gnaden und
-Beruf schildern. Nach so kurzer Zeit ein Urteil über eine total fremde
-und imponierende Millionenstadt abzugeben, wäre dumm und frech. Eines
-spüre ich schon beim Kaffee jeglichen Morgen: Wien ist Wien, und Berlin
-ist janz anders! In allem und jedem! Abstoßend und anziehend wie --
-Tiroler Rotwein besserer Sorte... An Damen habe ich hier vielerlei
-Exemplare kennengelernt. Adelige und nichtadelige. Hübsche und alte.
-Was meinst Du zu einer bürgerlichen Gattin?...“
-
-Als Fürstin Sophie den Brief zu Ende gelesen hatte, lag ein schwaches
-Lächeln auf den Lippen.
-
-Einen Blick warf sie auf die Uhr. Dann eilte die Fürstin in den
-Speisesaal, wo sie sich wegen der Verspätung bei Fräulein von Gussitsch
-entschuldigte.
-
-Wortlos verbeugte sich Martina.
-
-„Rasch servieren, Norbert! Und nur zwei Gänge! Nach Tisch bitte ich
-Sie, liebe Gussitsch, zu mir zu kommen!“
-
-„Zu Befehl, Durchlaucht!“
-
-Kein Wort wurde während des abgekürzten Lunches weiter gesprochen.
-
-Für Martina war es leicht zu erraten, daß der neue Brief des
-Prinzen den Befehl veranlaßt haben werde. Einen drolligen Bericht
-vermutend, der wahrscheinlich abermals die hyperempfindlichen Nerven
-der Gebieterin irritiert, sah das Hoffräulein der Aussprache im
-Wohngemache mit voller Ruhe entgegen.
-
-„Bitte schreiben Sie das Telegramm, das ich Ihnen diktieren werde!“
-
-Gehorsam holte Martina das Schreibzeug und ein Telegrammformular und
-harrte alsdann des Diktates.
-
-Sophie sann und überlegte. Und plötzlich diktierte sie die Adresse und
-den Text: „Brief erhalten, erbitte Heimkehr! Drahtantwort wegen Ankunft
-und Wagen zum Bahnhof Admont. Mama.“
-
-Fräulein von Gussitsch schrieb die Worte.
-
-Dann sagte die Fürstin: „Lassen Sie anspannen, fahren Sie mit dem
-Telegramm zum Bahnhof, damit Zeit gewonnen wird! Und studieren Sie die
-Fahrpläne der Schnellzüge, die mein Sohn benutzen kann!“
-
-Martina gehorchte...
-
-Als alles nach Auftrag besorgt war, der Wettergott ein Einsehen hatte
-und etliche Sonnenstrahlen in das Ennstal sandte zur Erquickung
-eingeregneter Menschen, da schickte Martina den Wagen zurück; sie
-wollte laufen, dem Dienst ein Schnippchen schlagen... Frei sein für
-ganze zwei Stunden! Auf die Gefahr hin, bei Rückkehr von Durchlaucht
-einen Wischer in zugespitzten Worten zu bekommen.
-
-In Gedanken nannte Martina sich eine „nette“ Hofdame, die auf das
-„Dienstschwänzen“ erpicht ist. Doch dicht neben der Erkenntnis dieser
-schweren Sünde saß auch schon die Entschuldigung: ein Hoffräulein hat
-ja noch weniger vom Leben als die hohen Herrschaften, nicht einmal
-die Ausgangsfreuden der Dienstmädchen an Sonntagen! Ein mittelloses
-Hoffräulein, auf die Stellung angewiesen, besseres Zimmermädel, weiter
-nichts!
-
-Merkwürdig, wie schnell die Gedanken des „besseren Zimmermädels“
-plötzlich sich mit der Frage beschäftigten, ob „man“ denn lebenslang in
-dieser Abhängigkeit ausharren könne?
-
-Jedes Dienstmädel hofft und ersehnt Befreiung, möchte, bevor die Haare
-grau werden, heiraten und Frau sein.
-
-Martinas Gedanken flatterten in das stille Forsthaus zu Hall und
-umspielten den ernsten lieben Oberförster Hartlieb und erbauten
-in rasender Eile ein Luftschloß, das zwei sich liebende Menschen
-bewohnen...
-
-Wie sich Martina aber vergegenwärtigte, daß sie als Frau Hartlieb
-ständig im einsamen Forsthause würde leben, viele Monate im Jahre
-mit der Fürstin in Berührung kommen müssen, da fiel das kühnragende
-Luftschloß jäh zusammen...
-
-Traurig promenierte Martina durch die stiftische Eichelau zur
-Ennsbrücke und pilgerte auf dem Sträßlein gen Norden zum Dorfe Hall.
-Fest entschlossen, niemals wieder Luftschlösser zu bauen. Aber
-dieser Vorsatz zerschellte an einem neuen Gedanken, an der plötzlich
-aufgetauchten Frage, ob denn Hartlieb genötigt sei, lebenslang im
-Haller Dienste zu bleiben?
-
-Eine Wegstunde hindurch beschäftigte sich Martina mit der Frage, was
-die Hofdame wohl tun würde, wenn Hartlieb einen anderen Posten annehmen
-und um Fräulein von Gussitsch anhalten würde? Soll die Antwort ein
-„Ja“ oder ein „Nein“ sein? Zur Bejahung gehört doch die große, alles
-überwindende Liebe!
-
-Martina schüttelte das hübsche Köpfchen, in dem so viele Fragen
-durcheinanderwirbelten. Und sie flüsterte dem Tann zu: „Soweit sind wir
-ja noch gar nicht! Ich weiß ja gar nicht, ob Hartlieb mich liebt!“
-
-Im grünen Tann seufzte der abendliche Bergwind.
-
-Der erwartete Wischer erfolgte nicht. Die Kammerfrau Hildegard meldete
-der heimgekehrten Hofdame in flötendem Tone, daß die Fürstin das Diner
-abgesagt, sich zurückgezogen und auf jede Dienstleistung seitens des
-Fräuleins von Gussitsch verzichtet habe.
-
-Somit war Martina ein freier Abend beschieden. Dienstfrei, aber
-selbstverständlich an das Haus gebunden.
-
-Im stillen Kämmerlein einsam und alleine lesen, schreiben. Und
-denken... „Viel denken macht Kopfweh!“ Schmerzliche Gefühle stellten
-sich ein, da Martina nach langem Sinnen erkannte, daß ihr so ziemlich
-alle Eigenschaften einer Hausfrau fehlen. Eine „schlechte Partie“
-würde Hartlieb mit dem Hoffräulein machen. Ganz abgesehen von der
-betrüblichen Tatsache, daß auch noch die Mitgift fehlte...
-
-Also an der Kette bleiben, besseres Dienstmädel...
-
-Salzige Kügelchen rannen über die Wangen...
-
-Ein klarer kühler Morgen brach an, einen Prachttag kündend.
-
-Des lachenden Sonnenscheins vermochte sich Martina nicht zu freuen,
-da sie der Folgen des gestern nach Berlin abgegangenen Telegrammes
-gedachte. Von Stunde zu Stunde bangte Martina einer unangenehmen
-Antwort und der Berufung der Fürstin entgegen.
-
-Dienstbereit harrte das Hoffräulein auf dem Zimmer.
-
-Gegen elf Uhr brachte Norbert ein Telegramm. Unwillkürlich fragte
-Martina, ob auch Durchlaucht eine Depesche erhalten habe.
-
-„Bis jetzt noch nicht, gnädiges Fräulein! Ist denn etwas Besonderes
-los?“
-
-„Danke, nein! Sie können gehen, lieber Norbert!“
-
-Der Kammerdiener entfernte sich schwer enttäuscht und geärgert.
-
-Martina bereute, Norbert gefragt zu haben; aber eine Gewißheit
-wollte sie doch darüber haben, ob auch die Gebieterin eine Depesche
-erhielt. Da dies nicht der Fall ist, kann das an die Hofdame gerichtete
-Telegramm nur von Baron Wolffsegg stammen, und der Inhalt muß
-unangenehm sein.
-
-Ein Blick -- und Martina stieß einen Schrei des Schreckens aus.
-
-Die befürchteten Folgen des Befehles waren da: der Prinz will Berlin
-nicht verlassen, Wolffsegg ersucht die Hofdame, der Fürstin die Bitte
-um sofortige Entlassung zu unterbreiten.
-
-Eine heillose Bescherung. Wie nur mit pflichtschuldiger Rücksicht und
-Zartheit der Fürstin diese Hiobspost beibringen?
-
-Martina biß die Marderzähnchen aufeinander, nahm die Depesche zur Hand
-und ging in das Vorzimmer, wo sie Hildegard dienstbereit wartend traf:
-„Bitte, melden sie mich! Dringliche Dienstangelegenheit!“
-
-Hildegard zögerte und fragte flüsternd, neugierig und zudringlich:
-„Doch nichts Unangenehmes? So früh am Tage Unangenehmes! Durchlaucht
-müssen geschont werden, haben eine schlechte Nacht gehabt!“
-
-So leise gesprochen wurde, die Fürstin mußte doch etwas gehört haben.
-Sie öffnete die Türe. Bleich, übernächtig sah sie aus, brennend die
-Augen, tiefe Sorgenfalten im Gesicht.
-
-Die Hofdame erblickend, zwang sich die Fürstin zu einem freundlichen
-Lächeln. „Schon dienstbereit? Bitte, kommen Sie zu mir herein!
-Hildegard soll warten!“
-
-Im Zimmer seufzte Sophie schmerzhaft. „Was bringen Sie, liebe Martina?“
-
-„Zu dienen, Durchlaucht! Soeben erhielt ich aus Berlin eine Depesche
-des Barons Wolffsegg...“
-
-„Geben Sie!“
-
-Die Fürstin las das Telegramm langsam. Und mit einer das Hoffräulein
-überraschenden Ruhe sprach sie: „Ähnliches habe ich befürchtet, nämlich
-die Weigerung Emils! Nicht aber die Demission Wolffseggs, von der keine
-Rede sein kann; wenigstens jetzt nicht und bis Emil an meiner Seite
-ist! -- Wir hätten anders depeschieren sollen...!“
-
-Den im Nachsatze steckenden Vorwurf schluckte Martina gehorsam
-hinunter, wiewohl er schmerzte. Ein ganz ungerechtfertigter Vorwurf,
-denn der Text war doch diktiert, stammte nicht vom Hoffräulein...
-
-Sophie sprach weiter: „Es kann auch sein, daß Wolffsegg von früher
-her verärgert ist, ob des Briefes, den Sie ihm gesendet haben! --
-Depeschieren Sie, daß die Demission nicht angenommen wird!“
-
-Der zweite Vorwurf tat Martina bitter wehe. „Befehlen Durchlaucht noch
-etwas?“
-
-„Danke, nein! Ich will abwarten, was Emil antworten wird! Die Depesche
-an Wolffsegg hat übrigens keine Eile! Sie bleiben zur Disposition!
-Danke! Auf Wiedersehen!“
-
-Nun weinte Martina wirklich. Wimmerte eine geschlagene Stunde. Wischte
-aber hastig die Tränen weg, als es klopfte. „Herein!“
-
-Ein Blick, ein Aufspringen und Entgegeneilen. „Durchlaucht geruhen
-selbst...!“
-
-Güte, Herzlichkeit und warme Freude kündete das Antlitz der hohen
-Frau. Weichen Tones sprach die Fürstin: „Ja, selbst! Muß ja Abbitte
-leisten dafür, daß ich Ihnen Vorwürfe gemacht habe! Also: Verzeihung,
-liebe Martina! Will mich bessern! Und Sie, liebe Martina, sollen die
-erste sein, die einzige, der ich die Freudenbotschaft mitteile: Emil
-fügt sich doch! Er wird morgen nach Admont kommen! Das Schmerzlichste:
-Ungehorsam und Auflehnung bleibt mir also erspart! Gott sei Dank dafür!
--- Aber nun sagen Sie mir, liebe Martina, was meinen Sie: wie könnte
-ich dem Sohne zum Dank für seine Fügsamkeit eine besondere Freude
-machen?“
-
-Martina machte aufmerksam, daß sie in keiner Weise informiert sei,
-nicht die hohe Ehre hätte, den Prinzen zu kennen; demnach außerstande,
-irgendwelche Meinung zu haben und zu äußern.
-
-„Das Haller Jagdgut kann ich Emil nicht schenken, weil er sich --
-einstweilen -- noch nicht besonders für die Jagd interessiert! Gekauft
-habe ich das Jagdgut ja nur für ihn!“
-
-So ratlos Martina war, ein Gedanke blitzte auf. „Wie wäre es, wenn
-Durchlaucht dem Prinzen die -- Oberleitung übertragen würden? Als
-Beweis der Dankbarkeit und zugleich des Vertrauens! Und der Prinz
-würde dadurch Beschäftigung haben, sich im Verkehr mit dem Oberförster
-mählich doch für Wild, Forst und Jagd interessieren!“
-
-„Hm! Zwar glaube ich nicht recht daran, aber man kann es ja versuchen!
--- Und nun eine private Bitte, sprechen Sie mit Hartlieb, auf daß der
-Oberförster für einen schönen Empfang meines Sohnes sorgt, ja?“
-
-Martina erglühte wie eine Pfingstrose.
-
-Das jähe Erröten gewahrend, meinte die Fürstin: „Nanu! Was ist Ihnen
-denn? Doch nicht Fieber?“
-
-„Verzeihung! Mir ist arg heiß geworden --, die Freudenbotschaft
-plötzlich, die wider Erwarten doch günstige Wendung nach dem
-vorausgegangenen Ärger...“
-
-„Nu, nu! Hofdamen dürfen sich nicht ärgern! Nun bitte ich Sie, den
-Oberförster vertraulich zu verständigen! Und laden Sie ihn zum Lunch
-ein! Auf Wiedersehen, liebe Martina!“
-
-Fräulein von Gussitsch küßte der Fürstin die Hand und geleitete die
-Gebieterin bis in den Korridor.
-
-Da saß nun Martina in der düsteren, ärmlich und streng dienstlich
-ausgestatteten Forstkanzlei vor dem Oberförster Hartlieb, beide stumm.
-So freundlich, ja freudig die Begrüßung war, ein gedämpftes Aufjauchzen
-sehnsüchtiger Seelen, die fröhliche Situation wurde durch zwei Worte
-verändert: „Zu spät!“
-
-Mit munterer Wichtigkeit hatte Fräulein von Gussitsch berichtet, daß
-künftig Prinz Emil sozusagen „Jagdherr“ sein werde, der Oberleiter,
-und Hartlieb seine rechte Hand und oberster Berater, der sich wohl
-bald in einen Vertrauensmann und Freund verwandeln werde. Daß Martina
-der Fürstin diesen Gedanken eingeblasen hatte im Interesse Hartliebs,
-verschwieg das Hoffräulein, um nicht zuviel zu verraten. Nur ganz
-wenig hatte Martina durchblicken lassen, daß nach Rückkehr des jungen
-Prinzen das „Weiberregiment“ ein wohltätiges Ende finden werde.
-Einen Freudenschrei aus Hartliebs frohbewegter, von Druck und Sorgen
-befreiter Brust hatte Martina erwartet. Ambros Hartlieb aber hatte
-tiefernst mit tonloser Stimme geantwortet: „Zu spät!“
-
-So bestürzt war Martina, daß sie gar nicht fragen konnte, was geschehen
-sei.
-
-Wie erloschen schien Lebensfreude und Zukunftshoffnung in Hartlieb, da
-er nach einer Pause sprach: „Zu spät kommt diese Botschaft, denn ich
-habe Schritte getan, um eine -- andere Stellung zu erhalten! Hier sind
-die dienstlichen und sonstigen Verhältnisse unerträglich geworden!“
-
-In Martina quoll nach dem ersten lähmenden Schrecken jetzt doch
-eine kleine Hoffnung auf, auch der Mut zu fragen, ob denn ein
-Stellungswechsel sich so rasend schnell vollziehe, daß es für hier „zu
-spät“ sein müsse.
-
-Ein leises Lächeln huschte über Hartliebs ernstes Antlitz: „Das
-wohl nicht! Ich habe an den früheren Jagdpächter von Hall, Grafen
-Lichtenberg, geschrieben, ihn um gnädige Vermittlung und Empfehlung
-gebeten...“
-
-„Ach so!“ rief Martina im Tone der Befreiung von schwerer Sorge.
-„Demnach ist noch nichts abgemacht, Sie können also abwarten und
-zusehen, wie sich die Dienstesverhältnisse -- bessern werden! Und sind
-sie ‚erträglich‘ oder gar -- was ich hoffe und wünsche -- gut geworden,
-so wird der Herr Oberförster doch wohl hierbleiben! Landschaftlich ist
-es ja doch wundervoll im Halltale, nicht?“
-
-„Gewiß! Nur schweren Herzens würde ich von hier scheiden! An eine
-günstige Gestaltung der Verhältnisse vermag ich aber nicht zu glauben!“
-
-„Warum nicht?“
-
-„Weil es heißt, daß der junge Prinz wenig oder gar kein Interesse für
-das Weidwerk habe!“
-
-Rasch warf Martina die Frage ein: „Woher wissen Sie denn das?“
-
-„Vor einiger Zeit, vor Ankunft der Frau Fürstin, hatte Graf Thurn die
-Frage an mich gerichtet, ob die Jagdausübung in den herrlichen Haller
-Revieren einen jungen apathischen Mann aufrütteln, die Weidmannslust
-erwecken könne. Namen wurden nicht genannt! Ich werde mich wohl kaum
-irren, wenn ich in dem ‚apathischen jungen Manne‘ den Prinzen Emil
-vermute! Wenn die Weidmannslust in einem Menschen erst -- geweckt
-werden soll, dann ist doch sicher ein Jagdinteresse nicht vorhanden!“
-
-„Das ist allerdings richtig gefolgert! Wer weiß aber, ob sich nicht
-doch ein gewisses Interesse einstellt! Der Jagdleiter selbst kann da
-einen großen Einfluß ausüben, je nachdem er den jungen Herrn behandelt,
-ihm Weidmannsfreuden verschafft! Nach meiner Auffassung ist das
-Wichtigste, daß der Herr Oberförster in engsten Konnex mit dem Prinzen
-kommt, den jungen Herrn führt und leitet! Das Weitere ergibt sich von
-selbst! Und die Günstlingswirtschaft wird wohl bald ein Ende finden!“
-
-„Das wäre freilich ein Segen!“
-
-„Hoffen wir das Beste! Und einstweilen bleiben Sie, ja?“
-
-„Versprechen kann ich nichts! Hat Graf Lichtenberg ein Jagdgut gekauft
-und wünscht er mich, so werde ich seinem Rufe Folge leisten müssen!“
-
-Martina sann und murmelte: „Lichtenberg, Lichtenberg?“
-
-„Zu dienen: Graf Udo von Lichtenberg!“
-
-Munter rief Martina: „Hab ihn schon! Vor kurzem las ich in der Zeitung,
-daß Graf Udo Lichtenberg nach Afrika abgereist sei, um im Sudan zu
-jagen! Demnach werden Sie von ihm in den nächsten Tagen kaum Nachricht
-erhalten!“
-
-„Was? Nach Afrika? Das kann nicht stimmen, nach Afrika zu Jagdzwecken
-reist man gewöhnlich um die Jahreswende! Und dem Grafen Lichtenberg
-sieht es nicht gleich, daß er die Hirschbrunft in heimatlichen Bergen
-ignoriere!“
-
-„Ist alles egal, Sie bleiben bis auf weiteres, ja?“
-
-„Bis auf weiteres, ja!“
-
-„Sagen wir: auf ein Jahr, ja? Hand darauf!“
-
-Ambros zögerte; es schien ihm bedenklich, sich zu binden.
-
-„Auf Manneswort, mir zuliebe, Herr Hartlieb!“
-
-Bewegt rief Ambros: „Ach Gott, was tät’ ich nicht alles -- Mustela
-zuliebe?“
-
-„Hand darauf!“
-
-Hartlieb legte seine sonnengebräunte Hand in das ihm von Martina
-gereichte schmale Händchen.
-
-Und nun kicherte das vergnügt gewordene Hoffräulein: „Den mir
-aufgebrachten ‚Spitznamen‘ ‚Mustela‘ muß ich mir also gefallen lassen!
-Ist übrigens nicht ohne, die neue Situation: Mustela fängt den Jäger!
-Ansonsten ist es doch umgekehrt, nicht?“
-
-Ambros gab Martinas Händchen frei. „Darf ich erfahren, warum gnädiges
-Fräulein mein Verbleiben wünschen? Sind Sie denn gern im fürstlichen
-Dienst?“
-
-„Beide Fragen kann ich nicht beantworten, ganz unmöglich! Und nun zum
-Schlusse -- die Zeit drängt und der Dienst ruft: Besorgen Sie gütigst
-alles für den festlichen Empfang, auf daß der Prinz recht angenehm
-überrascht wird und Sie liebgewinnt! _Addio!_ Herr Oberförster!“
-
-Martina hatte es merkwürdig eilig, aus dem Forsthause zu kommen.
-Hartlieb aber hatte ein Gefühl, als sei seinerseits etwas sehr Liebes
-und Großes gründlich versäumt und verpatzt worden...
-
-Spät am Abend kritzelte Martina in das Tagebuch: „So ein Zottelbär,
-dieser Ambros Hartlieb! Führt seinen Namen zu Recht, denn es geht
-‚hart‘ mit seiner ‚Liebe‘! Aber ich hab’ ihn gern, schrecklich gern und
-hoffe auf einen guten Ausgang in späterer Zeit! -- Gute Nacht, lieber
-Hartlieb!“
-
-
-
-
-Neuntes Kapitel
-
-
-Überraschend und mit Überraschungen für die Mama war Prinz Emil
-gekommen. Ein schlanker, hochgewachsener junger Mann, blond das nicht
-üppige Haupthaar, flachsartig das Schnurrbärtchen, lichtblaue Augen
-mit dem Ausdruck von Gutmütigkeit. Muttersöhnchen, mager wie ein
-Zahnstocher, verzärtelt, verhätschelt, unsicher; bis vor wenigen Wochen
-wohl auch eitel, unfähig, einen selbständigen Entschluß zu fassen.
-Ehrerbietig hatte Prinz Emil die Mama begrüßt und geküßt, nichts von
-Verstimmung merken lassen, die ihm wegen der Abberufung von Berlin im
-Herzen saß.
-
-Tadellos höflich, nur etwas neugierig, hatte er das Hoffräulein
-begrüßt. Und Martina hatte mit dem schönsten Hofknicks Reverenz
-erwiesen; in Gedanken aber das Muttersöhnchen „_Steccadente_ mit
-Schafblick“ genannt.
-
-Schon die Schnurrbärtchenfasson bildete eine Überraschung für Mama.
-Dann die Tatsache, daß Baron Wolffsegg nicht mitgekommen war, also Emil
-allein, nur von seinem Diener begleitet, hatte reisen müssen. Daß der
-Sohn bereits vierundzwanzig Lenze zählte, vergaß die Mama gänzlich. Und
-verärgert war die Fürstin über den Anlaß der Pflichtvernachlässigung
-seitens des Adjutanten. Verstimmt über die leichtfertige Art, wie
-Emil den Baron Wolffsegg kordial entschuldigte: Erbtante freundlichst
-prompt gestorben, selbstverständlich, daß Wolffsegg anstandshalber bei
-Beerdigung mithalf und nun in Prag den vielen Draht einsackt; so ein
-Schwein kann eben nur ein böhmischer Baron haben.
-
-Diese Sprachweise, diese Ausdrücke gingen der Fürstin schwer auf die
-Nerven. Aber sie rügte nicht, um nicht schon am Tage des Wiedersehens
-Verstimmung und Verdruß heraufzubeschwören.
-
-Nicht völlig nach Wunsch der Mama hatte Emil sich bei der feierlichen
-Begrüßung an der festlich geschmückten Villa benommen: zu kordial und
-burschikos den Oberförster behandelt, begrüßt mit den Worten: „Nette
-Chose, sehr hübsch, freut mir jletscherhaft, lieber Oberförster; ich
-danke Ihnen heftig! Hoffe, daß wir Freunde werden im grünen Revier!
-Servus!“
-
-Einfach gräßlich für einen Prinzen, dachte Mama.
-
-Und dann die an den Forstwart gerichteten Worte: „Ah, notleidender
-Agrarier, wie Figura zeigt, essen wohl viel Notstandsgockel, daher
-der große Hendlfriedhof? Wie heißen Sie denn? Was, Gnugesser! Alle
-Wetter! Da versteht sich der _Plenus venter_ von selbst! Muß bezüglich
-Ihrer Nase Witz von König Ludwig dem Ollen kopieren: ‚He, Landrichter,
-große Nase, doch nicht von der Regierung bekommen?‘ Na, bei Ihnen gar
-nicht möglich, denn Sie sind ja nicht von der Regierung, sondern unser
-Beamter! Auf Wiedersehen!“
-
-Für die Mama war es unverkennbar, daß Emil „aufgewacht“, von lähmender
-Apathie, von Geistesträgheit befreit ist. Die Reise hat gute Früchte
-gebracht. In dieser Hinsicht. Aber sonst: gräßliche Manieren,
-schrecklich der Ton. Eine beklagenswerte Veränderung im Wesen des
-bisher so gefügig gewesenen Muttersöhnchens.
-
-So sehr ging all dieses Neue auf die Nerven, daß die Fürstin alsbald,
-ohne Begleitung, nach Admont fuhr, um mit Pater Wilfrid darüber zu
-sprechen.
-
-Ein Privatissimum in der Klosterzelle, die der Öffentlichkeit
-zugänglich sein muß und sich außerhalb der Klausur befindet, weil
-Wilfrid Pfarrer ist, also Amtsperson.
-
-Fürstin und Mönch in bescheidener Zelle; sorgenerfüllt die Frau,
-diensteifrig der Pfarrer und Edelmann von Erfahrung und Weltkenntnis.
-
-Bitter klagte Fürstin Sophie, daß der Sohn „in Preußen“ revolutioniert,
-zu seinem Schaden in Kopf und Seele beeinflußt und verändert worden
-sei; spottlustig, sarkastisch der lammfromm gewesene Jüngling,
-standeswidrige Leutseligkeit. Seufzend, mit zitternder Stimme sprach
-die Fürstin: „Denken Sie nur, Hochwürden, mein Sohn fragte mich, wie
-ich über eine bürgerliche Braut dächte. Unerhört! Aber ich habe das
-Schreckliche verhindert durch einen gemessenen Befehl! Mit aller
-Strenge werde ich künftig vorgehen, um Entgleisungen zu verhüten, den
-Jungen vor Unglück bewahren! Helfen Sie mir, Herr Pfarrer, mit Ihrem
-Rat, mit Ihrer Erfahrung als Priester und Seelenhirte!“
-
-Pater Wilfrid verbeugte sich und sprach: „Euer Durchlaucht werden sich
-mit dem Faktum vertraut machen müssen, daß die Zeit vorüber ist, in der
-sich ein Sohn gängeln läßt; Prinz Emil ist der mütterlichen Aufsicht
-entwachsen, mit vierundzwanzig Jahren allerdings noch kein ausgereifter
-Mann, aber auch kein Jüngling mehr, der sich lenken, am Händchen führen
-läßt! Das Befehlenwollen der Eltern, nachdem der Sohn mündig geworden
-ist, seine eigenen Anschauungen hat und sich über das Lebensziel klar
-geworden ist, führt zu nichts Gutem! Mit solcher Befehlerei -- ich
-bitte zu verzeihen -- erzielt man nur Verschlossenheit, Gereiztheit,
-Eigensinn und Widerstand! Letzterer wird sich je nach Temperament und
-Erziehung aktiv oder passiv zeigen! Jeder Priester von Erfahrung muß zu
-den Eltern sagen: _Ne feceris!_ Tue es nicht!“
-
-Die Fürstin jammerte: „Ach Gott! Nun halten gar auch Sie, der
-Geistliche, dem Sohne die Stange! Die Mutter wird doch berechtigt sein,
-Gehorsam zu fordern?“
-
-„Zu dienen, Durchlaucht! Achtung muß der Sohn erweisen, auch Gehorsam
-in dem, was den Eltern zukommt! Aber nicht darüber hinaus! Die Eltern
-können mahnend und warnend einzuwirken versuchen, erzwingen können sie
-aber nichts mehr! Gute Erziehung wird den Mann gewordenen Sohn davon
-abhalten, daß er Mahnungen und Warnungen etwa brüsk zurückweist!“
-
-Gedrückt klang die Klage: „So habe ich denn nichts mehr zu sagen und
-den Sohn soviel wie verloren -- --!“
-
-Soviel Pater Wilfrid sich bemühte, die hohe Frau zu trösten, es blieb
-vergeblich; die Fürstin erwies sich Trostworten nicht zugänglich in
-ihrem Seelenschmerze und verabschiedete sich mit Dank für die freilich
-sehr bittere Aufklärung.
-
-Der Seelenkenner im Benediktinerhabit behielt recht mit seiner
-Voraussage. Emil verhielt sich seiner Erziehung entsprechend
-selbstverständlich einwandfrei im Verkehr mit der Mama bei Tisch und
-sonstigem Zusammentreffen, aber von der früheren Offenherzigkeit, vom
-bedingungslosen Gehorsam war keine Spur mehr vorhanden.
-
-Der scharf beobachtenden Mutter konnte die schmerzliche Tatsache nicht
-entgehen, daß der Sohn grollte, der Mama nach Möglichkeit auswich.
-Um so mehr mühte sich die Fürstin ab, eine Annäherung und Versöhnung
-herbeizuführen, zumal sie befürchtete, daß die Verschlossenheit und das
-untätige Leben den Sohn auf schlimme Gedanken und gefährliche Streiche
-bringen könnte. Um eine Flucht zu verhindern, hielt die Fürstin Emil
-sehr knapp mit Geldmitteln. Dachte gar nicht daran, daß dieses Vorgehen
-den mündigen Sohn völlig erbittern mußte. Und ganz verfehlt war der
-Tadel der Untätigkeit, die mit liebeflehenden Worten verzuckerte
-Mahnung zu irgendeiner Beschäftigung, z. B. Übernahme der Oberleitung
-im Forst- und Jagdamt, Kontrolle der Beamten und Jäger.
-
-Emil lehnte ab mit dem Hinweise auf Mangel an Sachverständnis.
-
-Eines tat er aber doch, ohne Wissen der Mama, er staubte den Freikost
-und sonstige Benefizien schindenden Jäger Eichkitz aus dem Schlößl
-raus, so gründlich und scharf, daß dem hübschen Frechdachs Hören und
-Sehen verging. Jäh hatte das Schlemmerleben und auch die Beeinflussung
-der Gebieterin ein Ende. Daniel Eichkitz mußte im Hochreviere Dienst
-tun wie die anderen Jagdgehilfen.
-
-Zeuge dieser Ausstaubung des Parasiten war vom Fenster ihrer Stube aus
-Fräulein Gussitsch, ohne daß Emil davon eine Ahnung hatte.
-
-Bald darauf wurde Martina zur Fürstin befohlen. Zu einer Aussprache.
-Das tiefbekümmerte Mutterherz verlangte nach Hilfe und Befreiung von
-quälenden Sorgen. Einen Weg sollte die Hofdame finden, der zum Herzen
-des Sohnes führt. Und Martina soll intervenieren, auf daß sich der
-Prinz beschäftige, um die Bewirtschaftung des Jagdgutes kümmere.
-
-Ob dieser Bitten war Martina anfangs erschreckt. Aber in Erinnerung an
-die von ihr beobachtete Ausschaffung des Jägers Eichkitz konnte Martina
-mit gutem Gewissen der hohen Gebieterin sagen, daß Prinz Emil bereits
-sich der Interessen der fürstlichen Familie annehme, für Ordnung
-wenigstens teilweise gesorgt habe.
-
-Über die Details dieses Vorganges informiert, gab die Fürstin
-den seither bevorzugten Lieblingsjäger und Berater in
-Jagddienstangelegenheiten sofort preis, billigte die Ausschaffung
-nicht nur, sondern lobte der Hofdame gegenüber den Sohn himmelhoch,
-als hätte Emil die Welt aus den Angeln gehoben. Und im selben Atemzuge
-schier bat die Fürstin, es solle Martina den Prinzen dahin zu bestimmen
-suchen, daß er seine Tätigkeit zur Schaffung von Ordnung und Disziplin
-ausdehne und den Bediensteten scharf auf die Finger sehe. Wehen Tones
-klagte sie: „Auf mich hört Emil ja leider Gottes nicht mehr, vielleicht
-zeigt er sich Ihren Worten zugänglich! Seien Sie aber vorsichtig, liebe
-Martina, auf daß nicht Erbitterung und Trotz geweckt wird! Diplomatisch
-klug und vorsichtig vorgehen, um Emil willfährig zu machen! Mein Sohn
-soll glauben, daß sein Wille respektiert wird, daß er ganz nach seinem
-Gutdünken lebt und handelt; dabei aber wird er doch gelenkt durch Sie
-nach meinem Willen! Leicht wird das freilich nicht durchzuführen sein!
-Aber wir wollen den Versuch wagen!“
-
-Martina erklärte pflichtschuldigst ihre Bereitwilligkeit, machte aber
-auf die Gefahren der gewünschten Intervention aufmerksam.
-
-„Gefahren? Ich wüßte nicht, welche Gefahr aus Ihrer Intervention
-erstehen könnte!“
-
-„Ich werde mich zunächst der Gefahr aussetzen, in den Augen des Prinzen
-zudringlich zu erscheinen und zurückgewiesen zu werden!“
-
-„Undenkbar, wenn Sie klug und diplomatisch, mit Frauentakt
-intervenieren!“
-
-„Sodann befürchte ich üble Nachrede, wenn man mich häufig in
-Gesellschaft des jungen Herrn sieht...!“
-
-„Wo es sich um meine Wünsche handelt, hat Domestikengeschwätz nichts,
-aber rein gar nichts zu bedeuten! Sie handeln ja in meinem Auftrage
-und helfen einer bekümmerten Mutter! Sie dürfen jedoch mit keinem Ton
-verraten, daß die Intervention mit meinem Wissen erfolgt! Und nun gehen
-Sie ans Werk! Die Mutter dankt Ihnen von ganzem Herzen für diesen
-Lieblingsdienst, den ich nie vergessen werde!“ Liebreich und huldvoll
-reichte die Fürstin dem Hoffräulein die Hand zum Kusse.
-
-Auf ihrem Zimmer konnte Martina den Kriegsplan entwerfen. Ein geradezu
-lästiger Auftrag, unangenehm und gefährlich; dennoch nicht ganz
-unerwünscht nach der Richtung hin, daß Martina im Interesse Hartliebs
-wirken kann, wenn ihr Einfluß den Prinzen bestimmt, sich um die Jagd
-zu kümmern, mit Hartlieb zu verkehren und der Mißwirtschaft ein Ende
-zu machen. Werden die Dienstesverhältnisse gebessert, so wird Hartlieb
-froh werden und Martina dankbar sein.
-
-Ein beseligender Gedanke und Ausblick in die Zukunft. Vertrauensperson
-der Fürstin! Wie aber schnell und ausgiebig Einfluß auf den Prinzen
-gewinnen, ohne daß das hübsche Hoffräulein sich etwas vergibt und den
-Ruf schädigt...?
-
-Ein langes Sinnen und Planen. Dann ein Lächeln der Befriedigung, wobei
-die feinen Marderzähnchen blinkten.
-
-Martina hielt fleißig Ausschau nach dem „Zahnstocher mit dem
-Schafblick“. Vorerst vergebens.
-
-Aber gegen Abend vor der Dinerstunde sah sie den Prinzen
-zigarettenrauchend am Waldesrande unter einer Fichte liegen,
-vermutlich vor Langeweile zum Sterben bereit.
-
-Mustela auf der Jagd... Martina schlich aus dem Schlößl, promenierte
-gegen den Talschluß zu, bog vom Sträßlein ab und stieg ein Weilchen
-bergan. Dann kam wie von ungefähr und rein zufällig das Hoffräulein,
-leise ein Liedchen summend, von oben genau in der Richtung auf den
-lungernden Prinzen herab.
-
-Schon das Knacken dürrer Zweige, das Kollern losgetretener Steine hatte
-Emil aufmerksam gemacht. Neugierig guckte er aufwärts. Und wie er das
-hübsche Hoffräulein im neckischen Lodenkleide erblickte, grüßte er
-vergnügt lächelnd und fragte, ob Fräulein von Gussitsch „dienstlich“
-Steine loslöse und ein Prinzenleben dadurch schwer gefährde.
-
-Im grünen Tann ein köstlich karikierter Hofknicks, wobei Martina
-kichernd mit den Fingerspitzen das fußfreie Lodenkittelchen um einen
-Zoll hochhob. „Untertänigst zu dienen! Die Steinchen haben nicht meine
-Füße losgelöst, sondern das schlechte Gewissen, die schwer bedrückte
-Hofdamenseele...!“
-
-Mit einem wahrhaftigen Schafblick guckte Emil das Fräulein an. „Was?
-Schlechtes Gewissen, bedrückte Seele? Ich bin perplex! _Non capisco
-niente!_“
-
-„Glaub es gerne, daß der gnädigste Prinz mich nicht verstehen!“
-
-„Nein, wirklich nicht! Habe keine Ahnung!“
-
-„So muß ich denn beichten, mitten im Grünen!“
-
-„Ich bin furchtbar neugierig! Schießen Sie los! Aber wollen wir uns
-nicht setzen auf schwellende Moospolster?“
-
-„Danke, nein! Es beichtet sich leichter im Stehen! Dabei wird auch
-vermieden, daß etwaige Beobachter auf den Gedanken kommen, es handle
-sich um ein -- Rendezvous zum Maikäfern!“
-
-„Ach, das wär aber wirklich nett, maikäfern mit einem etikettwidrig
-hübschen Hoffräulein, derweilen die gestrenge Fürstin von --
-Zahnschmerzen gepeinigt wird!“
-
-„Es maikäfert sich gar nichts, gnädiger Prinz!“ Und nun beichtete
-Martina planmäßig, daß sie Zeugin der Ausschaffung des profithungrigen
-Jägers Eichkitz gewesen sei. Diese rettende und befreiende Tat des
-Prinzen habe sie als Wohltat empfunden. Und den ordnungschaffenden
-jungen Herrn lobte sie über den Klee und sprach die Hoffnung aus, daß
-Prinz Emil noch mehr von den Parasiten „fürifangen“ und dreinfahren
-werde „wie ein geölter Blitz“.
-
-Höchlich geschmeichelt und interessiert rief Emil: „Aber das ist
-ja furchtbar nett! Hab’ ich mir da die Anerkennung des hübschen
-Hoffräuleins errungen und hatte davon keine Ahnung! Wenn Sie es
-wünschen, werde ich mit Vergnügen noch mehr der Kerls ‚fürifangen‘!
-Nur müssen Sie mir die Gauner näher bezeichnen! Überhaupt sagen, wo es
-Schlampereien gibt! Ordnung will ich gern und schleunigst schaffen!“
-
-Mit einem strahlenden Lächeln des Triumphes blickte Martina den so
-prächtig auf den gewünschten Pfad erwachenden Interesses gelockten
-Prinzen an. Und auf den Scherzton eingehend, sagte sie: „Bei mangelnder
-Kontrolle gibt es überall Schlampereien, besonders in Hofhaltungen ohne
--- männliche Oberaufsicht! Genaue Auskunft kann ich nicht geben, denn
-ich bin dienstlich stets in der Nähe der hohen Gebieterin! Direkt unter
-den Augen der Durchlaucht wagt auch der frechste der Frechdachse nicht
-zu stehlen! Hinterm Rücken schon! Wenn aber der gnädigste Herr den
-Oberförster und Jagdleiter ins Vertrauen ziehen, kann Ihnen Hartlieb
-Dinge erzählen, daß die prinzlichen Augen tropfen!“
-
-„So? Nicht übel! Na, Feuerle anzünden ist von jeher meine Passion
-gewesen! Gleich morgen werde ich mit dem Oberförster reden, mich
-informieren lassen!“
-
-„Das wäre furchtbar nett von Ihnen! Vorausgesetzt, daß Sie den
-wohltätigen Sport des ‚Fürifangens‘ und ‚Feuerle-Anzündens‘ für längere
-Zeit betreiben wollen, nicht nur vorübergehend auf einige Tage!“
-
-„Aber gern! Sind denn die Verhältnisse durchweg so schlimm?“
-
-„So unerträglich, daß der Oberförster die Stellung verlassen wollte!
-Ich habe schwere Mühe gehabt, ihn zu bewegen, daß er versprach,
-auszuharren, bis der gnädigste Prinz kommt und mit eiserner Hand
-eingreift! Gottlob, Durchlaucht sind da und haben bereits mit Mannesmut
-und Mannesfaust eingegriffen! Allen Respekt, untertänigst natürlich!“
-
-„Sind Sie aber ein netter Käfer! Und so tapfer in Wahrung unserer
-Interessen! Weil wir aber so nett allein sind, möchte ich Sie bitten,
-mit mir einen Tauschhandel einzugehen, gewissermaßen ein Geschäft auf
-Gegenseitigkeit! Ich werde alles tun, was Sie wünschen, zur Schaffung
-von Ordnung und Purifizierung der Verhältnisse! Das Hoffräulein muß mir
-aber versprechen, schön fein die Mama zu bearbeiten, daß sie in einiger
-Zeit doch einwilligt und mir erlaubt, daß ich wieder nach Berlin kann.
-Wollen Sie mir diesen Gefallen tun?“
-
-Aalglatt wich Martina einem bindenden Versprechen aus und verwies
-auf den Mangel an Einfluß. Was getan werden kann, soll aber gerne
-geschehen. Übrigens gäbe es ein sicheres Mittel, um das gewünschte
-Ziel zu erreichen: abschmeicheln!
-
-„Nee, Fräuleinken, dazu bin ick bereits zu alt!“ meinte gedehnt der
-Prinz Emil.
-
-„Huhu! Ein Greis von zwei Dutzend Lenzen! Einfach schauderhaft! Krücken
-gefällig zum Abstieg? Daheim Fleckerlschuhe anziehen, die gichtkranken
-Knie umwickeln mit Fellen von Rheumatismus-Katzen! Mummelgreis, der
-sich nicht zu helfen weiß! Tun Sie mir aber leid! Hab’ geglaubt,
-Prinz Emil sei ein junger fescher Mann! Derweil ist er ein ‚alter
-Mummelgreis‘!“
-
-Belustigt lachte Emil auf. „Na, wir werden ja sehen, wie der Hase
-läuft! Und inzwischen wollen wir zwei fest zusammenhalten, ja?“
-
-„Gerne, Durchlaucht!“
-
-„Ach was! Für Sie bin ich einfach der ‚Herr Emil‘! Das heißt, wenn
-wir allein und unter uns sind! Die Hofschranzen und Popanzen brauchen
-nichts zu merken von unserer Verschwörung! Also, auf Handschlag!“
-
-Zögernd sprach Martina: „Zur ‚Verschwörung‘ bin ich wohl bereit! Aber
-die Degradierung...?“
-
-„Gut! Dann befehle ich Ihnen, mich mit ‚Herr Emil‘ zu titulieren.“
-
-„Zu Befehl! Hier meine Hand, ‚Herr Emil‘! Und nun, damit die Schranzen
-und Popanzen nichts merken, geht der ‚Herr Emil‘ schön alleine voraus
-und hinunter zur Villa! Ich aber schlängle mich auf einem Umweg nach
-Hause! Empfehl mich gehorsamst!“
-
-„Servus, Käferl!“ Gehorsam und vergnügt stapfte der sehr munter
-gewordene, aus der „Tramhapigkeit“ völlig erwachte Prinz hinunter.
-
-Bis Martina auf Umwegen zum Schlößl kam, war eine heillose Verspätung
-eingetreten, die Dinerstunde überschritten. Fürstin Sophie sagte
-nichts, blickte nur das Hoffräulein fragend an. Und wie sie das
-„optische Signal“ in Martinas strahlenden Augen gewahrte, daß der erste
-Schritt zur Intervention getan, mit Erfolg getan sei, da huschte ein
-Lächeln der Befriedigung über die Lippen der Mama.
-
-Prinz Emil aber setzte eine Miene auf, als könne er nicht bis fünfe
-zählen. Heuchelte absolute Gleichgültigkeit, schielte aber gelegentlich
-nach Martina, die er jetzt zum Anbeißen nett fand.
-
-Wenn es möglich wäre, einen gesunden Forstmann des Morgens im Bette
-zu überraschen, Emil von Schwarzenstein hätte dies Kunststück
-fast fertiggebracht, denn er kam am nächsten Tage zu sehr früher
-Stunde in das Forsthaus. Zum größten Erstaunen Hartliebs, der
-seinen Ohren nicht trauen wollte, als Prinz Emil, der Träumer, von
-Reorganisation, verschärfter Kontrolle, ja von Beseitigung jeglicher
-Günstlingswirtschaft sprach und den Oberförster um Unterstützung bat.
-Die Kontrolle der Jagdgehilfen in den Revieren sollte nach wie vor
-Aufgabe des Jagdleiters sein und bleiben, die Regulierung des nötigen
-Abschusses vom Vorstand des Jagdamtes persönlich vorgenommen werden.
-
-Auf den Einwand Hartliebs, daß die Fürstin gegenteilige Befehle erteilt
-habe, äußerte sich Prinz Emil dahin, daß er nun die Oberleitung
-führen werde und demgemäß seine Anordnungen zu befolgen seien, die
-selbstverständlich erst nach Zustimmung des Jagdleiters gegeben werden
-sollen.
-
-Freudig überrascht fragte Hartlieb, ob denn Prinz Emil nicht selbst den
-Abschuß vornehmen, das Weidwerk ausüben wolle.
-
-Emil verneinte diese Frage ohne Angabe der Gründe und bat, es möge ihn
-Hartlieb sofort in die Reviere führen behufs Kontrolle.
-
-Dazu war Ambros Hartlieb natürlich mit Vergnügen bereit. Nur fragte
-er, während er nach Büchse und Bergstock griff, ob denn der Prinz mit
-Proviant versehen sei.
-
-„Ist nicht nötig! Werde nicht verhungern!“
-
-So marschierten beide denn ab. Und Hartlieb schlug einen Jägersteig
-ein, der zwar arg steil war, dafür schnell in die Höhe führte...
-Wie sich der Oberförster über den Wandel der Dinge freute! Manches
-am jungen Herrn gefiel Hartlieb in hohem Maße: der Eifer, die
-Einfachheit, der gute Wille für eine Reorganisation und Abschaffung der
-Günstlingswirtschaft. Nicht weniger erfreulich war für den Jagdleiter
-die Abschußbewilligung. Sonderbar fand Hartlieb allerdings den Verzicht
-auf jegliches Weidwerken; sonderbar bei einem jungen Manne, dem so
-herrliche, reichbestandene Reviere zur Verfügung stehen. Sollte der
-Mangel an Jagdinteresse wirklich bis zur Gleichgültigkeit für jegliches
-Wild gesteigert sein? Im langsamen Steigen erinnerte sich Hartlieb
-wieder der Worte des Grafen Thurn, der Frage, ob ein junger apathischer
-Mann beim Anblick von Wild auftauen, gewissermaßen von Jagdfieber
-ergriffen werden könne. Eine Probe darauf wollte Hartlieb vornehmen,
-den Prinzen an einen kapitalen Hirsch bringen, Emil das schußfertige
-Gewehr geben, und das Weitere beobachten. Nach Hartliebs Meinung kann
-ein schußberechtigter Mann beim Anblick eines Kapitalen unmöglich
-eiszapfig bleiben, das Hirschfieber muß wirken...
-
-Steigen konnte Emil vorzüglich, trittsicher und geräuschlos. Immer
-hielt er Abstand ein, blieb nie zurück und schwätzte nicht.
-
-Durch einen finsteren, engen Steilgraben ging es aufwärts, dann hinein
-in düsteren Hochwald, der zu den „Haller Mauern“ sich dehnte.
-
-Hartlieb strebte im lautlosen Pirschschritt einer Lichtung zu, wo seit
-einiger Zeit ein kapitaler Zwölfender stand.
-
-Emil folgte dem Führer stumm und unhörbar.
-
-Zwischen den alten hochstämmigen Mantelfichten schimmerte es grau, die
-Lichtung war nahe.
-
-Hartlieb blieb stehen, um zu horchen. Wie angemauert stand fünf
-Schritte von ihm der Prinz.
-
-Von der Lichtungswiese her kam ein rauher Ruf, ein kurzer Trenzer, dann
-ein dröhnend Rollen, der Schrei des Brunfthirsches zornig, begehrlich,
-ungeduldig, herausfordernd: „ä--o--ah!“
-
-Ein forschender Blick Hartliebs musterte den Prinzen, der ruhig stand
-und nur etwas verwundert horchte. Keine Spur von Leidenschaft oder
-Ergriffenheit.
-
-So nahe als möglich pirschte Hartlieb den röhrenden Hirsch an. Gehorsam
-wie ein guter Jagdhund folgte ihm der Prinz auf Schritt und Tritt.
-
-Fast in der Mitte der felsumrandeten Lichtung stand der Kapitale breit,
-vorgestreckt den zottigen Hals, werbend und kampfbegierig schreiend.
-Ein König, der zum Kampfe ruft...
-
-Bis auf Kugelschußdistanz brachte Hartlieb den Prinzen, der staunend
-den kapitalen Zwölfender anguckte. Flink und lautlos machte Hartlieb
-seine Büchsflinte schußfertig und gab sie wortlos dem Prinzen in der
-sicheren Erwartung, daß Emil nun zielen, die berühmte Sekunde lang
-die höchste Weidmannswonne genießen werde, indem das Büchsenkorn im
-Hirschblatt Haar faßt und der Finger den Stecher zum Schuß berührt...
-
-Prinz Emil sprach laut: „Aber was wollen S’ denn?“ Und er gab die
-Büchse zurück.
-
-In hoher Flucht ging der vergrämte Hirsch ab...
-
-Jetzt wußte Hartlieb bestimmt, daß dieser junge Mann kein Jäger war und
-niemals einer werden wird.
-
-Fast schmerzlich wirkte diese Erkenntnis auf den Jagdleiter. Und nichts
-weniger denn ermunternd für den Dienst unter einem Jagdherrn, der kein
-Weidmann ist...
-
-Viel mehr als der Zwölfender, der sich so rasch empfohlen hatte,
-interessierte Emil ein überraschender Kontrollbesuch des Jagdgehilfen
-Eichkitz. Deshalb fragte er, in welchem Distrikt Eichkitz zu finden
-sein werde. Zugleich erzählte er die Episode der „Ausstaubung“. Wobei
-Emil den Ton bis zum Flüstern dämpfte, da Hartlieb den Zeigefinger an
-den Mund gelegt hatte.
-
-Leise gab der Oberförster die kurze Antwort dahin, daß er den gnädigen
-Herrn zu Eichkitz führen werde.
-
-Eine mehrstündige scharfe Wanderung tief in Gräben hinunter, wieder
-hinauf, durch Wald, Steinwildnis, bis das grasige Plateau der Plechauer
-Alpe erreicht wurde.
-
-Wie Emil den wuchtigen Steinkoloß des imposanten Großen Pyrgas
-erblickte, rief er in heller Bewunderung: „Gott! Wie prachtvoll! Welch
-herrlich schöne Natur!“
-
-Trockenen und leisen Tones sprach Hartlieb: „Bitt schön! Nicht laut
-werden! Wenn Sie den Eichkitz überraschen wollen, müssen wir mit aller
-Vorsicht zur Almhütte pirschen! Wahrscheinlich hockt der Loder bei der
-Sennerin Burgl und raspelt Süßholz!“
-
-„Ja, gut! Machen wir! Bitte führen Sie mich so, daß wir nicht gesehen
-werden und daß ich den Kerl ‚fürifangen‘ kann!“
-
-Für diesen Überfall eines pflichtvergessenen Jagdgehilfen meinte es
-die Sonne gut, sie versteckte sich hinter dunklen Wolken, so daß der
-Almboden stark beschattet war. In diesem Schatten schlichen Hartlieb
-und Emil der Hütte zu, deren Türe halb offenstand.
-
-Die scharf klingende Stimme der schmächtigen Sennerin Burgl war
-deutlich zu hören: „Aus ist’s und gar ist’s! Wie du meinst, mag ich
-nicht! Auf dein Rezept: ‚vorm Heiraten taufen‘ laß ich mich nicht ein!
-Probier dein Rezept bei den Hofmentschern! Ich will nichts wissen!
-Und jetzt pack dich durch! Ein Jaager gehört ins Refür, nicht in die
-Almhütt’n!“
-
-„Sehr richtig!“ rief Prinz Emil und trat plötzlich in den Herdraum der
-Hütte.
-
-„Jeß Maria!“ schrie entsetzt die tugendhafte Burgl und rang die Hände.
-
-Verblüfft rutschte Daniel Eichkitz vom Herdrand herunter und stellte
-sich in Positur behufs Erweisung einer Art militärischer Reverenz vor
-dem Prinzen.
-
-Scharf sprach Emil: „Das nennen Sie Dienst machen? Für die
-Schürzenjagd, für das Karessieren bezahlen wir die Jagdgehilfen nicht!
-Ich warne Sie: Werden Sie noch einmal auf einer Dienstvernachlässigung
-ertappt, so erfolgt die sofortige Entlassung, verstanden!“
-
-Eichkitz erwiderte schnippisch: „Mit Verlaub! Der gnädig Herr hat mich
-aus dem Jagdschlößl ausg’schafft, das langt! Vom Dienst ausschaffen
-kann mich, so meine ich, doch wohl nur die Frau Fürstin, die wo
-Gebieterin ist und die Herrschaft ’kauft hat! I glaub nicht, daß...“
-
-„Herr Oberförster, darf ich bitten!“ rief Prinz Emil mit zornbebender
-Stimme.
-
-Hartlieb trat ein und fragte: „Durchlaucht befehlen?“
-
-„Der Jagdgehilfe Eichkitz ist sofort seines Dienstes zu entheben!
-Über Kündigungsfrist, Lohnauszahlung usw. wollen Sie das Weitere
-veranlassen! Ebenso ist für Ersatz zu sorgen! Einstweilen kann wohl ein
-anderer Jagdgehilfe das Revier am Pyrgas beaufsichtigen!“
-
-„Sehr wohl, Durchlaucht!“ Zu Eichkitz gewendet sprach Hartlieb: „Sie
-verlassen sofort das Revier! Den Hüttenschlüssel bringen Sie in die
-Jagdamtskanzlei, wo morgen früh acht Uhr mit Ihnen abgerechnet wird!“
-
-Emil hatte die Almhütte bereits verlassen. Ihm folgte Hartlieb.
-
-Völlig verdattert hatte die schmächtige Burgl zugehört. Jetzt, da die
-Herren sich entfernt hatten, meinte sie zu Eichkitz, dessen Zähne an
-der Unterlippe nagten: „Siehgst es, da hast es! Ich hab es allweil
-g’sagt, daß die Dienstschwänzerei nichts taugt und bald ein böses End
-nimmt! Und dein Leichtsinn auch! Kannst lang suchen, bis du wieder
-einen so schönen Jaagerposten findest, du Sausewind!“
-
-Grob schnauzte Daniel Eichkitz die herbe Sennerin ab: „Dumme Gans!
-G’heiratet hätt ich dich nie nicht! Und nun kannst mir auf den Buckel
-steigen!“ Mit weiten Schritten zog er ab. Hinauf zur Pyrgas-Jagdhütte,
-um seine wenigen Habseligkeiten zu packen.
-
-Die Herren wanderten durch den Plechauergraben zu Tale. Und in der
-Ebene des Halltales angekommen, sprach Prinz Emil seinen Dank für die
-Führung aus. „Um meine Dankbarkeit aber auch zu beweisen, bitte ich
-Sie, den bewußten Zwölferhirsch zu schießen! Und auch nach Bedarf
-überzähliges Kahlwild, ganz wie Sie es für nötig erachten! Auf
-meine Beteiligung am Abschuß und überhaupt am Weidwerk müssen Sie
-aber verzichten! Mir fehlt das Interesse, das Jägerblut! Ich bin nur
-ein begeisterter Naturfreund und Alpinist, habe nicht das geringste
-Verständnis für Wild und Jagd! Hingegen habe ich den ehrlichen Willen,
-Ihnen zu helfen, auf daß Ordnung wird! Bitte, sagen Sie dem Dickwanst
-Gnugesser -- drolliger Name --, er soll mich morgen acht Uhr abholen;
-wir wollen einen forstlichen Kontrollgang machen! Weidmannsheil, lieber
-Oberförster! Auf Wiedersehen!“
-
-„Weidmannsdank! Und gehorsamsten herzlichsten Dank für die erquickende
-Abschußerlaubnis!“
-
-Der Forstwart Gnugesser stand Punkt acht Uhr früh am Portal des
-Schlößls, diesmal in Forstuniform und statt mit dem Hirschfänger
-mit dem Plätzhammer ausgerüstet. Mit seinem strahlendsten Lächeln
-im bärtigen Gesicht, hocherfreut von den guten Neuigkeiten, die ihm
-gestern abend Oberförster Hartlieb mitgeteilt hatte. Bereitwilligst
-hatte Beni auf Ersuchen Hartliebs die Mission übernommen, den jungen
-Prinzen über forsttechnische Angelegenheiten zu informieren, ihm die
-Notwendigkeit einer Forstnutzung auseinanderzusetzen, auf daß Prinz
-Emil den Widerstand der Mama bezüglich jeder Schlägerung überwinde und
-auch auf diesem Gebiete Reformen einführe.
-
-Länger als vermutet mußte Beni warten, denn Prinz Emil kanzelte im
-Flur des Hauses den Kammerdiener Norbert ab, und zwar so kräftig und
-gut verständlich, daß sich Gnugesser bei all seiner Gutmütigkeit und
-Friedensliebe hochvergnügt die Hände rieb. Offenbar versteht der junge
-Herr das „Aufmischen“ gründlich; und wenn Prinz Emil jetzt sogar
-die „allmächtigen“ Vertrauenspersonen und einflußreichen Diener
-„fürifangt“, so müssen -- nach Benis Meinung -- die Verhältnisse bald
-anders und sehr gut werden.
-
-Endlich kam Prinz Emil in schlichter Lodenkleidung heraus, dem
-Gesichtsausdruck nach etwas verstimmt, grüßte kurz und bat, es
-wolle der Forstwart auf einem Inspektionsgange über den Stand der
-Forstangelegenheiten Vortrag erstatten.
-
-Der Marsch durch das nebelerfüllte Halltal wurde sofort angetreten.
-Für Benis dickes Bäuchlein und kurze Beine in einem zu schnellen
-Tempo. Eine Weile hielt Gnugesser zappelnd Schritt zur Linken des
-weitausgreifenden Prinzen, der sich anscheinend durch das Renntempo den
-Ärger weglaufen wollte. Dann aber wurde Benis Atem immer kürzer. So
-mußte er denn bitten, es möge der gnädige Herr etwas weniger schnell
-gehen. „Ich derpack das Gerenn nicht, die Haxeln sind z’ kurz!“
-
-Schmunzelnd mäßigte Emil das Tempo. Und mit sarkastischem Blick
-musterte er den „Hendlfriedhof“, das hüpfende Bäuchlein Gnugessers.
-
-Beni fing den Blick auf und sprach: „Glauben S’ nur ja nicht, gnädiger
-Herr, daß mein Wanst vom zu guten Essen so dick worden ist!“
-
-„Also vom Hungern und Fasten?“ meinte lächelnd Emil und ging
-gemächlichen Schrittes weiter.
-
-Eifrig beteuerte Beni, daß bei ihm Naturanlage vorhanden sei, eine mehr
-als dreimal verfluchte Veranlagung, die stetigen Verdruß verursache.
-
-„Warum denn Verdruß?“
-
-„No ja, halten zu Gnaden, weil mich jeder Hansdampf -- Jeß Maria! Ich
-nehm das dumme Wort z’ruck -- weil mich die Leut immer frozzeln wegen
-des dicken Bäucherls! Ist aber nicht zum Lachen! Magere Kost...“
-
-„Vielleicht futtert der Forstwart zu feucht?“
-
-„Ist nicht möglich, Duhrlauch! Wo das Gehalt so klein ist!“
-
-„Was? Unzufriedenheit mit dem Gehalt?“
-
-„Nicht! Keine Spur nicht von Unzufriedenheit! Wenn ich sag, daß mein
-Gehalt so klein ist, so hängt das mit meinem Hauskreuz und mit der
-vermaledeiten Haller Weiberrevolution zusammen!“
-
-Emil fragte, neugierig geworden, nach Details dieser ihm fremden
-Verhältnisse und blieb stehen, damit Beni ruhigen Atems berichten
-konnte.
-
-Der häusliche Krieg wegen der Entschädigung der Hausfrauenarbeit im
-Ehestande, der Kampf um das Gehaltsdrittel des Brotverdieners hatte
-Beni die Hauptwaffe, die Zunge, so geschärft, daß er sehr präzis und
-geläufig über die Entwicklung dieser Frage referieren konnte. Und
-besonders scharf betonte er die ethische Seite, das Herabdrücken
-der Würde der Ehefrau durch Annahme eines Lohnes auf das Niveau der
-bezahlten Dienstmagd. Für die ihn selbst betreffende finanzielle Seite
-hatte er nur den winzigen Spott, den die Gutmütigkeit gestattete.
-„Merkwürdig ist nur, daß die Weiber nicht nachgeben wollen, wiewohl
-es gar kein solches Gesetz gibt und selbst in der Schweiz nur ein
-Entwurf besteht! Der Pfarrer hat bereits scharf geschossen, die
-Bezirkshauptmannschaft hat jedwede Agitation verboten und Bestrafung
-wegen Störung der öffentlichen Ruhe angedroht! Hilft alles nichts,
-meine heißgeliebte Amanda will das Gehaltsdrittel und hetzt weiter, bis
-sie hoffentlich bald eingekastelt wird!“
-
-„Aber das ist ja köstlich!“
-
-„Mit Vergunst: was soll köstlich sein?“
-
-„Die Situation, wenn Amanda -- das ist wohl Ihre Gattin? --
-‚eingekastelt‘ wird!“
-
-„Köstlich oder nicht, jedenfalls krieg ich für einige Zeit Ruhe, so
-meine süße Amanda hinter schwedischen Gardinen sitzt als Revoluzzerin
-und Volksaufwieglerin!“
-
-„Ist denn meine Mama über diese interessante Affäre informiert worden?“
-
-„Wohl, wohl! Eine Zeitlang ist die Frau Fürstin für die Frauen gewesen,
-Duhrlauch hat es sogar dem Pfarrer von Hall verübelt, daß er die
-Revolution bekämpfte! Wie aber die Frau Fürstin vom Pfarrer genauer
-informiert worden ist, hat die Frau Fürstin nichts mehr wissen wollen!
-Natürlich schimpfen die Haller Weiber jetzt wie die Rohrspatzen über
-die Frau Fürstin!“
-
-„Na, sehr nette Chose! Was soll denn daraus werden?“
-
-„Ich hab keine Ahnung! Das begehrte Drittel kann ich nicht zahlen,
-soviel steht fest! Dazu ist die Gage wirklich zu klein; nichts für
-ungut, gnädiger Herr!“
-
-Im Weiterschreiten ließ sich Prinz Emil über die Höhe der
-Beamtengehälter und über die Löhne der Waldarbeiter und Jagdgehilfen
-informieren. Selbst von Mama mit Geld sehr knapp gehalten, hatte Emil
-eine Ahnung davon, was es heißt, mit wenig Geld leben zu müssen.
-Kein besonderes Verständnis für soziale Verhältnisse, noch weniger
-Verständnis dafür, wieviel Geld der Haushalt eines schlecht bezahlten
-Beamten oder Forstarbeiters jährlich verschlingt. Aber eine hübsche
-Idee hatte Emil, einen niedlichen Revanchegedanken: für seine eigene
-Knapphaltung ist Revanche möglich und sehr nett, indem der knickrigen
-Mama etlicher Mammon dadurch abgeknöpft wird, daß man die Löhne des
-Forstwarts und der verheirateten Waldarbeiter aufbessert. Diebisch
-freute sich Emil über diese niedliche Revancheidee.
-
-Gnugesser erhielt Auftrag, ein Verzeichnis der verheirateten
-Angestellten im fürstlichen Dienste anzufertigen und auszurechnen,
-wieviel gezahlt werden müsse bei einer Aufbesserung um zwanzig Prozent.
-
-Einen Luftsprung vollführte Beni. Das Bäuchlein hüpfte. Und vor Freude
-schrie Gnugesser: „Vergelt’s Gott diese Wohltat!“
-
-„Nur gemach! Erst die Berechnung! Dann muß ich die Angelegenheit
-prüfen, studieren, wie Gelder aus dem Ertrag des Herrschaftsgutes
-flüssig gemacht werden können! Denn aus der Privatschatulle wird Mama
-die zur Aufbesserung der Löhne nicht bewilligen!“
-
-„Oh, gnädiger Herr! Geld soviel wie Heu können Sie herauszwicken, wenn
-überständiges Holz verkauft wird! Angebote haben wir genug, hiebreifen
-Bestand auch, nur die Erlaubnis zum Schlägern haben wir nicht --
-einstweilen!“
-
-„Gut! Machen wir! Ich werde Mama schon umstimmen! Aber nun noch etwas:
-den geldhungrigen Eheweibern muß der Mund gestopft, die Lust zum
-Revolutionieren gründlich ausgetrieben werden!“
-
-„Wie wollen denn gnädiger Herr dieses Kunststück fertigbringen?“
-
-„Sehr einfach das: zehn Prozent der Aufbesserung liefert der Ehemann
-der Gattin als Nadelgeld ab! Wer damit nicht zufrieden ist, wer weiter
-hetzt und agitiert, wird entlassen!“
-
-„Oha! Aber die Ehefrauen können doch nicht entlassen werden!“
-
-„Die Weiber nicht, aber die in unserem Dienst stehenden verheirateten
-Beamten und Arbeiter!“
-
-„Ah so wohl! Jetzt versteh ich, was Sie meinen! Wir Ehekrüppel bekommen
-durch die Aufbesserung eine Waffe, mit der wir die Revolution im
-Haushalt bekämpfen und niederringen können! Feine Idee das! Hätt
-gar nicht geglaubt, daß unser junger Prinz soviel Spiritus im Kopf
-hat! Jeß Maria, nichts für ungut; es ist mir gleich nur so dumm
-herausgerutscht!“ Und wütend auf sich selbst, schlug sich Beni auf den
-vorlauten Mund.
-
-Belustigt sprach Prinz Emil: „Ist schon recht, Dickwanst! Ich bin
-wirklich nicht so dumm, wie ich aussehe! Die Idee zur Lösung der
-‚Revolutionsfrage‘ gefällt mir selber, und ich glaube, daß den Weibern
-der Mund gründlich gestopft wird!“
-
-„Wohl, wohl! Bis auf die gefährliche Krämerin in Hall! Diese
-Oberhetzerin steht nicht im fürstlichen Dienst, sie kann also auf die
-Herrschaften husten und pfeifen, wie sie mag! Und das wird sie auch
-tun! Und solang dieses Malefizweib hetzt, wird auch keine endgültige
-Ruhe eintreten!“
-
-„So? Da bin ich anderer Meinung! Die Krämerin wird einfach boykottiert!“
-
-„Wie denn das?“
-
-„Zur Strafe für die Verhetzung wird der Boykott über die Krämerin
-verhängt! Wir kaufen nichts mehr bei ihr! Und wer von unseren Beamten
-und Dienern fürder den Bedarf bei der Krämerin deckt, wird entlassen!
-Merkt das die Krämerin, so wird sie, um nicht geschäftlich ruiniert zu
-werden, ganz gewiß zu Kreuz kriechen und jede Agitation einstellen!“
-
-„Gott! Sie sind ein heller Kopf!“ Und wieder schlug sich Beni auf den
-Mund.
-
-„Na schön! Nun gehen Sie heim und besorgen Sie mir so rasch als möglich
-die Aufstellung und Berechnung! Bis Mittag will ich alles in Händen
-haben!“
-
-„Sehr wohl, gnädiger Herr! Aber was ist’s mit dem Inspektionsgang?“
-
-„Machen wir ein andermal! Mich interessiert jetzt die
-Revolutionsangelegenheit und ihre Lösung!“
-
-
-
-
-Zehntes Kapitel
-
-
-Des guten Herbstwetters halber hatte Fürstin Sophie eine Wagenfahrt
-nach dem idyllisch gelegenen Wallfahrtsorte Frauenberg bei Admont
-befohlen, und zwar nach dem Lunch. Als aber bei Aufhebung der Tafel
-Prinz Emil um Audienz in einer dienstlichen Angelegenheit bat mit dem
-Hinweise, daß die Besprechung wahrscheinlich längere Zeit beanspruchen
-werde, bestellte die erstaunte Mama den Wagen wieder ab.
-
-Daß der Sohn der Mutter sich wieder nähert, eine Aussprache wünscht,
-sich um Herrschaftsangelegenheiten kümmert, erfüllte die Fürstin mit
-größter Freude. Und im voraus war sie gewillt, allen Vorschlägen des
-geliebten Sohnes zuzustimmen.
-
-Als aber Emil mit dem von Gnugesser gelieferten Aktenmaterial im Zimmer
-der Mama erschien und von Schlägerung und Lohnaufbesserung sprach, ward
-die Miene der Fürstin etwas säuerlich. Und Mama verschanzte sich hinter
-dem Ausspruch des Jagdgehilfen Eichkitz, wonach die Jäger um jeden
-gefällten Baum heulen und „die Hirsche auch“.
-
-Trocken und kurz erzählte Emil, weshalb der Eichkitz wegen grober
-Dienstesvernachlässigung entlassen worden sei.
-
-Nun gab Mama jeden Widerstand auf, hütete sich auch, wegen der
-Entlassung des früheren Günstlings Eichkitz ein Wort zu äußern. „Tu was
-du willst, lieber Sohn! Wenn ich um eines bitten darf, tu nichts ohne
-Hartlieb gefragt zu haben, der ja Fachmann ist!“
-
-„Gewiß! Selbstverständlich! Du wirst ja zweifellos während meiner
-Abwesenheit auch stets den Oberförster gefragt haben!“
-
-Fürstin Sophie biß sich auf die Unterlippe und schwieg.
-
-„So! Es ist alles erledigt! Wenn Mama gestattet, werde ich euch
-begleiten und mit nach Frauenberg fahren!“
-
-„Da du mitfahren willst, kann Martina zu Hause bleiben!“
-
-„Aber nein! Die Gussitsch soll nur mitfahren! Das arme Wurm versauert
-ja ohnehin auf ihrem Kammerl! Das bissel Vergnügen einer Wagenfahrt
-ist ihr schon zu gönnen! Vorausgesetzt, daß es in dem Nest etwas zu
-schnabulieren gibt! Ich habe heute einen merkwürdigen Appetit auf
-Backhühner und Steiererwein! Da der -- mündige Prinz von Schwarzenstein
-naturellement die Zeche zu berappen haben wird, dermalen aber --
-_horribile dictu_ -- nur über lumpige zehn Kroneln verfügt, muß ich die
-durchlauchtigste Fürstin-Mama um Ausfolgung von Moneten allergehorsamst
-bitten!“
-
-„Ja freilich! Wieviel wird denn das Backhendl-Vergnügen kosten?“
-
-„Hundert Kroneln werden vielleicht genügen! Nichts Gewisses weiß man
-nicht!“
-
-„Was? Hundert Kronen?! Das ist ja ein ganzes Vermögen! Hundert Kronen
-für ein Backhendl? Entsetzlich! Unerhört teuer!“
-
-Schmunzelnd meinte Emil, den das Gejammer Mamas belustigte: „Ach wo!
-Ein Hunderter ist ungefähr soviel, wie wenn ein Ochs ein Veigerl
-frißt!“
-
-„Ach Gott! Diese Ausdrücke! Schrecklich! Sie gehen mir auf die Nerven!“
-
-Die Audienz endete damit, daß die Mama, die vom Geldwert und
-merkantilen Dingen nicht viel verstand, dem Sohne ganze zwanzig Kronen
-gab, die Emil gelassen in die Westentasche steckte. „Danke! Jetzt aber
-muß auch Norbert mitfahren!“
-
-„Aber warum denn?“
-
-„Das bleibt einstweilen mein Geheimnis! Untertänigsten Dank, liebe
-Mama!“ Emil küßte der Mutter die Hand und empfahl sich.
-
-Unten, und zwar in Nähe der Fenster von Martinas Zimmer, befahl Emil
-dem verdutzten Kammerdiener Norbert die Bestellung des viersitzigen
-Wagens absichtlich so lauten Tones, daß Fräulein von Gussitsch jedes
-Wort hören mußte. Richtig erschien auch Martina an einem der offenen
-Fenster.
-
-Hinauf grüßend und mit den Augen zwinkernd rief Emil: „Bitte, sich
-rasch fertigzumachen! Dienstfahrt nach Frauenberg zu Backhendl und
-Steiererwein! Ich fahre ooch mit!“
-
-„Nicht möglich! _Che grandissimo onore!_“ kicherte Martina und
-verschwand vom Fenster.
-
-In Gedanken nannte Emil das Hoffräulein einen „sehr netten Käfer“. Und
-auch die Wahrheit gestand er sich ein, daß er nur deshalb mitfährt,
-um die zum Anbeißen hübsche Martina etliche Stunden als Gegenüber
-betrachten zu können.
-
-Als der Wagen vorfuhr, erteilte Emil dem Kammerdiener den Befehl: „Sie
-fahren als Reisefourier mit, verstanden?“
-
-„Zu Befehl! Ich werde mich sofort mit dem Nötigen versehen!“ Und
-hurtig verschwand Norbert, um ebenso rasch wieder zu erscheinen.
-
-Noch vor der Abfahrt wurde eine Depesche gebracht, welche für den Abend
-die Rückkehr des Grafen Thurn ankündigte und einen Wagen zum Bahnhofe
-Admont erbat.
-
-Fürstin Sophie meinte, daß man auf dem Rückwege von Frauenberg den
-Grafen in Admont abholen könne.
-
-Davon wollte aber Prinz Emil, dessen Augen die schöne Martina
-anblitzten, nichts wissen; er heuchelte Sehnsucht nach familiärem
-Zusammensein, das gestört würde durch ein minutiöses Erscheinen am
-Bahnhofe.
-
-Hocherfreut nahm die Mama diese spitzbübische Heuchelei für Ernst und
-gab Befehl, daß ein eigener Wagen für den Grafen Thurn gesendet werde.
-
-Während der Fahrt durch das in den Farben des Herbstes prangende
-Ennstal verhielt sich Emil schweigsam. Gleichgültig gegen die Pracht
-der himmelragenden Felskolosse, die das Tal besäumen. Um so größeres
-Interesse verriet der Blick für das bildhübsche Hoffräulein. Zu
-Martinas Unbehagen, denn fängt die Fürstin nur einen einzigen dieser
-brennendes Interesse kündenden Blicke auf, so wird eine bitterböse
-Situation heraufbeschworen sein. Unangenehm war sie jetzt schon
-während dieser dem „Vergnügen“ gewidmeten Fahrt durch die angespannte
-Aufmerksamkeit für die Gebieterin für den in jedem Moment möglichen
-Fall einer Ansprache, durch die Dienstesbereitschaft, durch den Zwang
-der Zurückdrängung von Gedanken, die sich mit Hartlieb beschäftigen
-wollten. Und wegen der brennenden Blicke Emils mußte Martina doch
-darüber nachdenken, wie sie der drohenden Gefahr entgegentreten
-solle, wie beizeiten die züngelnde Flamme gelöscht werden könne. Der
-erwachte Prinz muß toll geworden sein, von einem Sinnestaumel erfaßt;
-ein verzehrendes Feuer glüht in seinen flackernden Augen. Und der
-Tollgewordene wagte es sogar zu fußeln.
-
-Martina mahnte mit einem tiefernsten Blick zur Vernunft, und scheu
-schielte sie nach der Fürstin, die gottlob von dem Gebaren des Sohnes
-nichts wahrgenommen zu haben schien und ihren Gedanken nachhing.
-
-Emil gab auf die optische Mahnung hin Ruhe, aber am nervösen Zucken der
-Finger war zu erkennen, daß der junge Mann seine drängenden Sinne kaum
-länger wird beherrschen können.
-
-Auf dem hochgelegenen Frauenberg angekommen, besuchte Fürstin Sophie,
-von Martina begleitet, sofort die doppeltürmige Wallfahrtskirche. Auch
-Emil ging mit, zur sichtlichen Freude der Mutter.
-
-Als dann die Sehenswürdigkeiten besichtigt waren und der von Norbert
-gedeckte Tisch im schattigen Garten des behäbigen Gasthofes bezogen
-wurde, waren etliche Stunden verflossen. Immer noch zu früh für das von
-Emil geplante ländliche Diner. Und bei dem bestellten dünnen Kaffee mit
-trockenem Kuchen konnte die gewünschte Stimmung nicht eintreten. Das
-eisige Verhalten Martinas, die nur für die Gebieterin zu leben schien,
-machte Emil verdrossen.
-
-Die Fürstin sprach von der überraschenden Stilverschiedenheit der
-Kirchen im Ennstale, besonders von dem Kontraste zwischen Admont
-und Frauenberg. Im Blasius-Münster edelste Gotik mit romanischen
-Portalen aus der Zeit des ersten Kirchenbaues, in Frauenberg hingegen
-ein italienischer Barockbau, prunkvolle Stuckarbeiten und prächtige
-farbenglühende Fresken. Zu Emil gewendet, sprach die Mama: „Du hattest
-doch Kunstgeschichte studiert, mußt also mehr verstehen als ich! Kannst
-du angeben, wie man dazu kam, just hier einen so reichen italienischen
-Barockbau aufzuführen?“
-
-Emil hatte keine blasse Ahnung von Kunstgeschichte, aber die Inschrift
-der Grabplatte vor dem Hochaltare hatte er gelesen, und darauf sich
-stützend, von plötzlichem Übermut erfaßt, schwatzte er davon, daß
-der Erbauer von Frauenberg, der hier zu Ende des 17. Jahrhunderts
-beigesetzte Admonter Abt Adalbert aus dem Geschlecht der Heufler zu
-Rasen und Hohenbüchel ein Italiener gewesen sei.
-
-„Mit dem Namen Heufler zu Rasen ein Italiener? Wie ist denn das
-möglich?“
-
-„Oh, der Name bedeutet nicht viel für die Nationalität! Es kann ein
-Stockböhmak und Urtscheche einen völlig deutschen Namen haben oder
-umgekehrt!“
-
-„Ja doch! Wenn aber jener Heufler zu Rasen ein Italiener war, wie kam
-er in das Stift Admont?“
-
-„Wahrscheinlich mit der Eisenbahn!“
-
-Ob dieser handgreiflichen Aufschneiderei mußte Martina auflachen, sie
-konnte sich nicht bemeistern. Der Anachronismus war zu drollig, ebenso
-das spitzbübische Gesicht des Schelms, der es darauf angelegt hatte,
-die Mama reinfallen zu lassen.
-
-Wie nun Emil sah, daß das von ihm vergötterte Hoffräulein vergnügt
-lachte, war er augenblicklich in rosigster Stimmung und bemüht, Martina
-in guter Laune zu erhalten.
-
-Leise rügend sprach die Mama: „Du beliebst zu spaßen!“
-
-„Verzeihung! Harmloser Ulk im Familienkreise! Kopie der alten
-Geschichte vom Kaiser Josef und der Bahnwärterstochter!“
-
-Wieder ging die ahnungslose Mama dem Schalk ins Netz, indem sie sagte:
-„Davon ist mir nicht das geringste bekannt! Es wird sich doch der hohe
-Herr nicht so weit vergessen haben...?“
-
-„Oh, Mesalliancen sind auch in früherer Zeit vorgekommen! Und in
-neuester Zeit gibt es deren massenhaft! Ich würde auch nicht locker
-lassen! Um keinen Preis der Welt!“ Ein heißer Blick flog auf Martina.
-
-Fürstin Sophie erwiderte ernsten Tones: „Die Vernunft muß immer über
-der Neigung stehen!“
-
-„Verzeihung, Mama! Du meinst die Staatsräson! Für sie gilt allerdings
-dein Diktum immer und völlig! Bei mir wird es aber eine andere --
-Wurscht sein, da kommt die Staatsräson gar nicht in Betracht!“
-
-„Gott! Diese Ausdrücke! Und dann dieses sonderbare Thema! Ich will
-nicht hoffen, daß du noch derlei gefährliche Absichten hegst! Du bist
-doch auch noch zu jung!“
-
-„Oho! Bin schon vierundzwanzig Jahre alt!“
-
-„Entschieden verfrüht!“
-
-„Verzeihung, daß ich widerspreche.“ Wieder flog ein heißer Blick auf
-die vor Schrecken erbleichende Hofdame.
-
-In italienischer Sprache mahnte Mama: „Laß doch dieses Thema fallen!
-Bezahle die Rechnung! Ich wünsche heimzufahren, möchte vor Ankunft
-Thurns zu Hause sein!“
-
-„Nana! Welche ‚Pressiererei‘! Und die Backhendl, auf die ich mich so
-mächtig gefreut habe?“
-
-„Bitte, rufe Norbert und erteile Auftrag, daß angespannt wird!“
-
-Der Kammerdiener stand in einiger Entfernung dienstbereit und kam auf
-Emils Wink sofort herbei.
-
-Gedehnten Tones sprach der Prinz: „Der Reisefourier soll seines Amtes
-walten! Abendessen abbestellen, aber bezahlen! Sogleich anspannen!“
-
-Erstaunt fragte die Fürstin leise: „Was soll das mit dem
-‚Reisefourier‘? Warum zahlst du nicht die Zeche?“
-
-Emil lachte nun vergnügt: „Werde mir hüten! Die zwanzig Silberlinge
-befinden sich unsäglich wohl in meiner Tasche! Der bezüglich der
-nicht bewilligten Backhendl verunglückte Ausflug soll nur aus der
-hochfürstlichen Kasse bezahlt werden! Norbert als Fourier wird schon
-verrechnen! Ich habe Rübchen: ätsch -- ätsch! Mamale ist reingefallen!
-Diesmal bin ich der Schlauere gewesen!“ Und lachend imitierte Emil das
-Rübchenschaben und verbeugte sich drollig.
-
-Das geschah so nett und witzig, daß Mama nun doch lächelte und das
-Prinzlein einen ausgewachsenen Spitzbuben nannte.
-
-Während der Rückfahrt attackierte Emil das Hoffräulein abermals mit
-heißen Blicken, rutschte quecksilbrig auf seinem Sitze hin und her und
-suchte Martinas Händchen zu erhaschen.
-
-Dies bemerkte die Fürstin. Mit eisigen Worten bat sie den Sohn um ein
-anständiges Verhalten. „Später wird mehr zu sprechen sein!“
-
-Martina erschauerte und war dem Weinen nahe.
-
-Emil schien toll geworden zu sein. Er meinte: „Ach Gott! Wenn nötig,
-können wir sofort das Thema erörtern! Einmal muß es ja doch zum Klappen
-kommen!“
-
-Scharf mahnte die Fürstin: „Still jetzt! Die Leute auf dem Bock haben
-Ohren! Bedenke, daß du Prinz Schwarzenstein bist!“
-
-Emil verzog die Lippen und schwieg.
-
-Als der Wagen an der Jagdvilla vorfuhr, bat Martina bebenden Tones um
-Gewährung einer außerordentlichen Audienz.
-
-„Ich werde Sie rufen lassen! Vorerst habe ich mit meinem Sohne zu
-sprechen!“ erwiderte sehr frostig die Fürstin.
-
-Hildegard kam gesprungen, um die Fürstin in ihr Zimmer zu geleiten und
-beim Kleiderwechsel behilflich zu sein. Das mußte auf ausdrücklichen
-Befehl sehr rasch geschehen. Dann erfolgte der Auftrag, den Prinzen zu
-rufen und dafür zu sorgen, daß keine Störung erfolge.
-
-Die Kammerfrau beteuerte, strengsten Türdienst leisten zu wollen. War
-doch ihre Neugierde übergroß.
-
-Hochaufgerichtet, wie eine strafende Göttin, flammenden Blickes, empört
-und entrüstet, stand die Mama vor dem Sohne, der sich trotzig verhielt,
-zum Losplatzen bereit schien, aber doch gehorsam die gepfefferte
-Strafpredigt ruhig anhörte.
-
-Aneinandergereihte Rügen für ein unartig gewesenes Kind, Tadelsworte,
-die mit der Frage endeten, was denn das Spiel heißen solle.
-
-„Nicht Spiel, Mama! Ich liebe Fräulein von Gussitsch!“
-
-„Ach was! Wo hast du nicht geliebt? In Dresden? In Dessau? Und in
-Berlin das bürgerliche Fräulein? Jünglingslaunen, Strohfeuer! Etliche
-kalte Umschläge, und der Fall ist erledigt! Bedauerlich, ja schmerzlich
-ist es für mich, daß ich die nette, mir sympathische Person nun
-entlassen, das arme Mädel in die grausame Welt hinausstoßen muß! Und
-das ist deine Schuld!“
-
-Festen Tones erwiderte Emil: „Nein, Mama! Nicht Jünglingslaunen,
-denn ich bin volljährig! Und nicht Strohfeuer, denn es ist heftige
-Leidenschaft, brennende Liebe!“
-
-„Kinderei, nichts anderes!“
-
-„Bitte, nicht dieses Wort, nicht diesen Ton! Ich bin kein Bub mehr
-und auch nicht gewillt, mich gängeln zu lassen! Und ich will dir
-ganz ernsthaft einen Vorschlag machen, Mama! Du weißt, daß ich sehr
-gerne in Berlin weiterleben möchte! Dir zuliebe habe ich mich deinen
-Wünschen gefügt und bin zurückgekehrt! Nun bin ich bereit, auf ‚Berlin‘
-zu verzichten, wenn du mir erlaubst, daß ich Fräulein von Gussitsch
-heiraten darf! Martina oder keine!“
-
-„Keine!“ Es klang metallisch hart und schneidend, erbittert und eisig.
-
-„Du lehnst meinen Vorschlag ab?“
-
-„Ja, rundweg!“
-
-„Gut! Für die Folgen hat die Mama aufzukommen!“
-
-„Ich verbitte mir derlei Ausdrücke! Nun geh und sage Hildegard, daß sie
-die Gussitsch rufen soll!“
-
-So zornig und erbittert verließ Emil das Boudoir, daß er die
-Verlegenheit der beim Horchen überraschten Kammerfrau nicht gewahrte.
-Grollend entledigte der Prinz sich des Auftrages, und dann schloß er
-sich in seinem Zimmer ein.
-
-Martina sah elend aus, verweint und bleich, gerötet die Augen;
-schluchzend bat sie um Entlassung.
-
-Die Fürstin fühlte nun doch Mitleid mit dem armen Mädchen, und weichen
-Tones sprach sie: „Zu meinem Schmerze werde ich Sie leider wegschicken
-müssen! Doch will ich mich bemühen, eine ähnliche und passende Stellung
-für Sie zu beschaffen! Deshalb bleiben Sie vorerst noch hier! Ich bin
-dessen sicher, daß Sie verstehen werden, sich das -- Kind vom Leibe zu
-halten! Kalte Umschläge werden den Jungen hoffentlich sehr bald zur
-Vernunft bringen!“
-
-Martina wimmerte: „Ich bitte inständigst, mir zu glauben, daß mich
-nicht die geringste Schuld trifft! Das Aufflackern des Strohfeuers ist
-mir unbegreiflich! Ich habe nichts, aber wirklich nichts getan, um eine
-Entzündung herbeizuführen!“
-
-„Das will ich gern glauben! Es kann ja dieses ‚Feuerfangen‘ mit dem
-rasch erfolgten ‚Aufwachen‘ meines Sohnes in gewisser Verbindung
-stehen! Ein psychologisch nicht genügend aufgeklärter Vorgang in der
-Jünglingsseele! Für Emil sicher bedeutungslos, weil vorübergehend! Eine
-Kinderei! Mißlich ist freilich, daß die Kinderei Ihnen die Stellung
-kostet! Vielleicht gelingt es, Sie durch eine Heirat in gute Obhut
-zu bringen! Hofdame für Lebenszeit werden Sie ja doch nicht bleiben
-wollen! Was ich zu Ihrer Versorgung tun kann, soll gerne geschehen,
-auch finanziell! Wollen Sie sich gegebenenfalls vertrauensvoll und
-offen an mich wenden!“
-
-Todtraurig wiederholte Martina die Beteuerung, daß sie frei von jeder
-Schuld sei.
-
-Und darob empfand die Fürstin ein starkes Befremden. Sie ärgerte sich,
-daß das vermögenslose Fräulein das finanzielle Anerbieten ignorierte,
-alle Schuld dem Prinzen zuschieben will. In übler Laune sprach die
-Gebieterin davon, daß die Hofdame nicht ganz frei von Schuld sein
-könne, die „Intervention“ vermutlich zu wenig diplomatisch durchgeführt
-und dem Jungen eine Annäherung erlaubt habe, die zu üblen Folgen führen
-mußte.
-
-Schluchzend wehrte sich Martina gegen diese Vorwürfe und verwies
-darauf, daß sie bei Entgegennahme des Auftrages zur Intervention auf
-die Gefahren derselben rechtzeitig aufmerksam gemacht habe.
-
-Spitz klang die Antwort: „Sie werden doch nicht etwa mir Vorwürfe
-machen wollen? Erinnern Sie sich gefälligst, daß ich die Gefährlichkeit
-negierte in der selbstverständlichen Voraussetzung, daß das Hoffräulein
-klug und diplomatisch, mit Frauentakt interveniere! Genug davon! Was
-geschehen ist, soll totgeschwiegen werden! Damit Sie mit Emil möglichst
-wenig zusammentreffen, werden Sie für einige Zeit an der Tafel nicht
-teilnehmen, auf Ihrem Zimmer speisen! Auch sollen Sie einstweilen
-dienstfrei bleiben! Beschränken Sie Ihre Ausgänge auf das zur Bewegung
-unerläßliche Minimum, meiden Sie aber dabei jedes Zusammentreffen mit
-dem -- Kinde! Und wenn nötig, weisen Sie den Jungen schroff zurück!
-Es tut mir leid, so sprechen und anordnen zu müssen, aber es muß eben
-sein! Ich hoffe, daß in einigen Wochen eine alle Teile befriedigende
-Lösung gefunden sein wird!“ Eine Handbewegung und Martina war entlassen.
-
-Unmöglich war es Fräulein von Gussitsch, diesmal die strafende Hand
-der gnädigen Fürstin zu küssen. Zu sehr schmerzte jedes Wort, ganz
-besonders wurmten jedoch die Vorwürfe. Leise schluchzend verbeugte sich
-Martina und verließ das Zimmer.
-
-Einer bösen, schlaflosen Nacht folgte ein kühler Morgen. Eingedenk
-des Befehles, Spaziergänge auf das Minimum zu beschränken und nach
-Möglichkeit ein Zusammentreffen mit dem „Kinde“ Emil von Schwarzenstein
-zu vermeiden, entschloß sich Martina zu Ausgängen jeweils am frühen
-Morgen und späten Abend. Und so verließ sie an diesem Morgen die Villa
-zu einer frühen Stunde, da das Küchenpersonal noch nicht sichtbar war.
-Hinaus ins Freie, hinein in den nebelumflorten Bergwald, wo die Tannen
-geheimnisvoll flüstern und die Hirsche orgeln...
-
-Spät des Morgens erwachte Prinz Emil. Mit einigem Haarweh als Folgen
-eines ausgiebig genommenen Schlaftrunkes am verflossenen Abend. Zwei
-Flaschen schweren Ungarweines, die sich Emil als Schlummerpunsch
-geleistet hatte, waren von guter Wirkung gewesen und hatten allen Ärger
-verscheucht und einen prächtigen Schlaf erzeugt. Jetzt am Morgen hieß
-es, Kater vertreiben, zunächst mit Kaltwasser den Schädel behandeln.
-Viel quellfrisches Wasser benötigte Emil. Und in diesem vielen Naß
-ertrank ganz jämmerlich eine gewisse Liebe zu einer gewissen Dame. Und
-nach Beseitigung des Haarwehs sagte sich Emil, daß er eigentlich doch
-sehr dämlich vorgegangen sei und sich überflüssigerweise eine böse
-Suppe eingebrockt habe. In der Gewissenserforschung kam er zu einem
-lebhaften Bedauern, die doch so nette Hofdame in eine sehr schlimme
-Situation gebracht zu haben. Unrecht hatte die Mama ja nicht, daß sie
-die Liebäugelei, den Flirt mit der Gussitsch nicht dulden wollte. Und
-völlig gerechtfertigt und einleuchtend ist der Protest gegen eine
-Heirat. Ordentlich froh war Emil, daß sich die Mama mit dem strikten
-Verbot als die Gescheitere erwies; denn jetzt am Morgen empfand er
-nicht die Spur einer heißen Liebe, nicht die geringste Lust, die
-Gussitsch zu heiraten. Dafür etwas wie Reue, sich in die Nesseln
-gesetzt zu haben. Das war erklecklich dumm. Dieser Selbsterkenntnis
-gesellte sich die Frage bei, wie auf gute und nicht schmerzhafte Weise
-die Folgen dieser Dummheit beseitigt werden könnten. Unvermeidlich wird
-ein Kanossagang zur Mama, eine ehrliche Beichte sein; muß aber gemacht
-werden, schon wegen der schlechten Finanzen. Und Fräulein von Gussitsch
-wird man um Entschuldigung bitten müssen.
-
-Mit diesem guten Vorsatze fand Emil denn auch das seelische
-Gleichgewicht wieder, den leichten Frohsinn der Jugend. Er frühstückte
-mit Behagen. Und als er sich die Zigarette anzündete, wurde der
-Oberförster Hartlieb gemeldet.
-
-„Ich lasse bitten, im Empfangssalon!“ sprach Prinz Emil und fügte bei:
-„Seit wann versieht denn die Kammerfrau den Meldedienst? Wo steckt denn
-Norbert?“
-
-Hildegard gab Auskunft, daß Norbert nach Admont gefahren sei, um die
-Post zu holen. Deshalb habe sie den Meldedienst übernommen.
-
-„Danke! Führen Sie den Oberförster in den Salon!“
-
-Die Kammerfrau verschwand.
-
-Als gutmütiger Mensch wollte Emil den Beamten nicht unnötig warten
-lassen; es tat dem Prinzen zwar leid, die Zigarette wegzuwerfen, aber
-es geschah doch.
-
-Beim Eintritt in das Zirbenzimmer fiel Emil der verstörte
-Gesichtsausdruck, die verzerrte Miene Hartliebs auf. Kalkweiß waren die
-Wangen, der Blick kündete bittersten Schmerz.
-
-„Was ist Ihnen? Sind Sie krank?“ fragte teilnahmsvoll der Prinz.
-
-„Danke ergebenst! Mir ist nicht wohl!“
-
-„Da wollen wir auf die dienstliche Besprechung verzichten! Gehen Sie
-sofort heim, schonen und pflegen Sie sich! Der Forstwart kann Ihre
-Vertretung übernehmen! Lassen Sie auch den Arzt kommen! Ich werde
-später Nachschau halten!“
-
-„Vielen Dank! Es wird nichts von Bedeutung sein! Und den Holzverkauf zu
-guten Preisen dürfen wir nicht versäumen!“
-
-„Machen Sie das alles nach Ermessen und Gewissen! Aber schonen und
-pflegen Sie sich! Nehmen Sie die Akten nur wieder mit! Apropos: Mama
-ist mit allen Vorschlägen einverstanden! Kann Ihnen im Vertrauen auch
-mitteilen, daß Mama viel auf den Fachmann Hartlieb hält!“
-
-Erstaunt blickte Ambros auf. „Darf ich erfahren, wem ich das zu
-verdanken habe?“
-
-„Das weiß ich nicht! Über die eingerissenen Übelstände hat mir Fräulein
-von Gussitsch gesagt, daß Sie der richtige Mann zur Sanierung seien und
-alles Vertrauen verdienen! Demgemäß habe ich bei Mama Vollmacht für Sie
-erwirkt! Nun aber Schluß! Sie zittern ja am ganzen Leibe! Wünschen Sie
-stärkende Tropfen oder Kognak? Donnerwetter, Mann, fallen Sie mir nicht
-um!“
-
-Hartlieb mußte sich stützen, mit den Händen an einem Stuhle festhalten.
-Zuviel stürmte in dieser kurzen Spanne Zeit auf ihn ein.
-
-Emil sprang in das anstoßende Speisezimmer, entnahm der Kredenz die
-Kognakflasche und brachte den stärkenden Schluck.
-
-Dankend leerte Hartlieb ein Gläschen davon. Und dann verabschiedete er
-sich.
-
-„Auf Wiedersehen! Gegen Mittag besuche ich Sie!“ rief Emil dem
-Oberförster nach, der sich schwankenden Ganges entfernte.
-
-Im Freien erholte sich Hartlieb rasch, und die Schwäche schwand. Er
-ging taleinwärts, um beim Rottmeister eine Schlägerung anzuordnen.
-
-Wie er sich auf dem sonnenverklärten Sträßlein dem Sensenwerk
-näherte, kam ihm zu seiner freudigen und zugleich erschreckenden
-Überraschung Fräulein von Gussitsch entgegen. Verweint und eiligen
-Schrittes. Und beim Anblick des Oberförsters zuckte Martina zusammen,
-die Wangen erbleichten, die zierliche Gestalt erbebte. Als sie sich
-gegenüberstanden, rangen beide nach Worten. Am schwersten Hartlieb, der
-die bittersten Seelenqualen litt, nachdem ihm die Kammerfrau Hildegard
-die alle Hoffnungen vernichtende Neuigkeit zugeflüstert hatte, daß
-Prinz Emil die Hofdame von Gussitsch heiraten werde. Was soll jetzt der
-im Innersten so schwer getroffene, schlichte ehrliche Waldmann sagen?
-Wie danken, daß Martina sich zu seinem Gunsten verwendet hatte? Wie die
-Braut des Prinzen behandeln? Darf er gratulieren? Kann er es, der jede
-Hoffnung und sein Lebensglück verloren hat...?
-
-Vergeblich mühte sich Martina ab, die Herrschaft über sich mit
-der nötigen Raschheit wiederzugewinnen. Wie gelähmt war die
-Gehirntätigkeit. Unmöglich war es, dem geliebten Manne zu sagen, daß
-sie tiefunglücklich sei und demnächst die Entlassung zu gewärtigen
-habe. Unmöglich, von Hartlieb jetzt Abschied zu nehmen... Und ganz
-unmöglich, in dieser Minute ein harmloses, nichtssagendes Gespräch
-zu führen. Alle Fähigkeiten der gutgeschulten, weltgewandten Hofdame
-versagten. Dagegen füllten sich die Augen mit verräterischen Zähren.
-
-Hartlieb stützte sich auf den Stock, um nicht zu taumeln, und stammelte
-in abgehackten Worten seinen tiefgefühlten Dank für die wohlwollende
-Empfehlung bei den Herrschaften. „Ich, ich hab jetzt Vollmacht für, für
-alles! Aber, aber es freut mich nimmer --!“
-
-Nun fand Martina doch so viel Kraft, um wehmütig zu lächeln und
-zu sagen: „Das wenige, was ich für Sie tun konnte, ist gern, von
-Herzen gern geschehen! Was mich wundert, ist, daß Sie von meiner
-geringfügigen Bemühung Kenntnis erlangt haben!“
-
-„Vorhin hat der Prinz davon gesprochen!“
-
-„Sie waren eben beim jungen Herrn?“ rief überrascht Martina.
-
-Hartlieb nickte. Das Übermaß schmerzlichster Empfindungen überwältigte
-ihn.
-
-In der Sorge, dem Prinzen auf der Rückkehr zur Villa in den Weg zu
-laufen, erkundigte sich Martina nach der Richtung, die Prinz Emil
-eingeschlagen habe.
-
-Ächzend stieß Hartlieb hervor: „Er ist noch daheim!“
-
-„Danke! Dann muß ich mich beeilen, heimzukommen! Leben Sie wohl, Herr
-Hartlieb!“ Ein Blick voll Liebe und Trauer. Dann huschte Martina hinweg
-und lief im Trab davon.
-
-Ambros drehte sich um und guckte dem Fräulein nach. Und dachte: Wie sie
-es doch eilig hat, zum Bräutigam zu kommen. Alles verloren...
-
-Gebrochen schleppte sich Hartlieb weiter, um den Rottmeister
-aufzusuchen.
-
-Martina huschte in das Schlößl. Von den Dienerinnen begegnete ihr
-nur die Kammerfrau Hildegard, die höflich grüßte und dem in Ungnade
-gefallenen Hoffräulein einen spöttischen Blick zuwarf und grinsend
-fragte, ob jetzt der Kaffee auf das Zimmer gebracht werden dürfe.
-
-„Ich bitte darum!“ Dann verschwand Martina in ihrer Stube, die ein
-Gefängnis für sie geworden ist.
-
-Leichter als erwartet vollzog sich Emils Kanossagang: die Bitte um
-Mamas Verzeihung wurde freudigst aufgenommen und sofort erfüllt. Aber
-wegen der Aufbesserung seiner Finanzen erlebte Emil eine grausame
-Enttäuschung. Nicht ein Wort wurde davon gesprochen. Antippen wollte
-aber Emil nicht. Und groß staunte er, als nach der Mitteilung, daß
-nun auch Fräulein von Gussitsch um Entschuldigung werde gebeten
-werden, Mama dem Sohne diesen Besuch verbot und befahl, es solle Emil
-schriftlich um Verzeihung bitten.
-
-Enttäuscht verließ Emil die gestrenge Mama. Mit dem Entschluß, nun
-behufs Aufbesserung seiner trostlos schlechten Finanzen Schulden zu
-machen, egal wo und bei wem. Hauptsächlich in Admont, weil der Ort doch
-größer als das Dörflein Hall ist. Und der Satan flüsterte ihm den Rat
-ein: „Geh pumpen ins Kloster zu den Benediktinern!“
-
-Im Forsthause besuchte Prinz Emil den vom Kuraufenthalte in Römerbad
-zurückgekehrten Hausmarschall Grafen Thurn. Diese Höflichkeitsvisite
-fiel sehr kurz aus, da Graf Thurn von der Reise ermüdet heimgekommen
-war und nicht danach aussah, als würde er geneigt sein, dem
-Prinzlein die Taschen mit Dukaten zu füllen. Liebenswürdig wie
-immer, ganz Hofmann und aalglatt, sehr dankbar für die ihm erwiesene
-Aufmerksamkeit. Wie der Weißbart sich nach den Ergebnissen der Reise
-erkundigen, gewissermaßen sondieren wollte, verabschiedete sich Emil
-mit dem Versprechen, darüber ein andermal referieren zu wollen.
-
-Nun schlenderte Prinz Emil gemächlich nach Admont. Das von
-Sonnenstrahlen goldumwobene Münster mit den schlanken Doppeltürmen
-grüßte verheißungsvoll entgegen. Und die stolzen Gebäude des Stiftes
-erinnerten den Wanderer an das Hauptziel des Ausfluges. Aber besonders
-groß war Emils Zuversicht nicht, denn für ihn konnte doch nur ein
-einziger Stiftsherr in Betracht kommen: der Pfarrer von Hall, Pater
-Wilfrid. Andere Stiftsherren kannte Emil nicht. Den Abt zu behelligen,
-durfte überhaupt nicht gewagt werden. Bei Wilfrid stand zu hoffen,
-daß er nicht nur helfen, sondern auch schweigen werde. Mama darf unter
-keinen Umständen von dieser heiklen Angelegenheit Kenntnis erlangen.
-Über den Rückzahlungstermin zerbrach sich Emil einstweilen den Kopf
-noch nicht.
-
-Die lange Hauptgasse des Marktes Admont hinaufschreitend, erblickte
-Emil am Hotel „Zur Post“ zu seiner freudigsten Überraschung seinen
-Adjutanten Baron Wolffsegg, der soeben wegfahren wollte. Sofort rief
-Emil den sehr länglichen, elegant gekleideten Zwetschgenbaron an.
-Und Wolffsegg verließ sofort den Wagen, als er den Prinzen erkannte,
-nahm eine stramme Haltung an und zwirbelte den rotblonden Bart auf.
-Im Schatten des ziemlich großen Strohhutes waren die unzähligen
-Sommersprossen auf Nase und Wangen nicht zu sehen, die vor der
-Erbschaftsübernahme den Reichtum Wolffseggs gebildet hatten.
-
-Auf den ersten Blick gewahrte Emil, daß der zu Geld gekommene Adjutant
-sich jetzt fühlte, sich auch elegante Kleider zugelegt hat.
-
-Wolffsegg erwies Reverenz mit erlesener Höflichkeit wie stets, aber
-doch mit einer Nuance, die merken ließ, daß man jetzt auch wer sei,
-nicht mehr der in Ehrfurcht ersterbende Habenichts und Bärenführer.
-Er lud den Prinzen ein, sich auf das Hotelzimmer zu bemühen. „Wollte
-soeben nach Hall fahren, mich melden bei den durchlauchtigsten
-Herrschaften!“
-
-Emil lachte: „Bei mir ist die Meldung nicht mehr nötig! Mama wird sich
-freuen, den getreuen Wolffsegg, jetzigen Dukatenhamster, wiederzusehen!
-Gondeln Sie so bald wie möglich hinaus!“
-
-„Zu dienen, Durchlaucht!“
-
-Im Hotelzimmer angelangt, klopfte Emil auf den Busch mit der Frage, ob
-sich die Trauerfeier ausgiebig gelohnt habe.
-
-„Untertänigsten Dank! Ausgiebig ist ein dehnbarer Begriff! So viel ist
-es, daß ich, falls dazu die Lust kommt, eigenen Kohl bauen und mir den
-Luxus einer Liebesheirat leisten kann!“
-
-„Ah, was Sie sagen?! Also mächtig viel Moneten! Gratuliere heftig!
-Wissen Sie denn was anfangen mit dem vielen Zeug?“
-
-„Einstweilen alles in sicheren Papierchen in einer soliden Bank
-deponiert!“
-
-„Alles?“
-
-„Wieviel wünschen Durchlaucht momentan?“
-
-„Hm! Momentan genügt ein brauner Lappen! Wenn Sie so lieb, verbunden
-mit Diskretion, sein wollen!“
-
-„Aus meiner Reisekasse kann ich momentan leider nicht mehr als hundert
-Kronen entbehren!“
-
-„Her damit! Ist zwar verflucht wenig, aber in der Not frißt der arme
-Teufel auch Fliegen! Aber, bitte, absolute Diskretion!“
-
-„Selbstverständlich!“
-
-Emil dankte und schob die Scheine in die Westentasche.
-
-„Wann soll ich den Dienst antreten?“
-
-„Gar nicht! Hier wenigstens nicht! Es wäre denn, daß Sie mir helfen
-wollen, die Zeit totzuschlagen! Verdammt langweiliges Nest hier!“
-
-„Aber, Durchlaucht haben doch prachtvolle Reviere...!“
-
-„Die Jagd interessiert mich nicht!“
-
-„Hm! Demnach bin ich eigentlich überflüssig geworden! Ich werde also
-demissionieren, mir ein Gut kaufen! Dürfte ich vielleicht vorher in
-Ihren Revieren jagen?“
-
-„Soviel Sie wollen! Wenden Sie sich nur an den Oberförster Hartlieb,
-den ich verständigen werde! Und nun nochmals Dank! Auf Wiedersehen!“
-
-Die Herren trennten sich. Wolffsegg fuhr nach Hall, Emil aber stapfte
-in das weitgedehnte Stift und suchte den Pater Wilfrid. Aber der
-Gastmeister des Klosters und Pfarrer von Hall war nicht anwesend.
-Wie es hieß, dienstlich unterwegs. Drei Tage hindurch pendelte Emil
-zwischen Hall und Admont hin und her, immer vergeblich; es glückte
-nicht, den auswärts im Pfarrdienst vielbeschäftigten Priester zu
-treffen. Bis zu später Abendstunde konnte der Prinz nicht warten, zum
-Diner mußte er im Jagdschlößl sein.
-
-Warum er so erpicht war, sich eine größere Summe zu beschaffen, wußte
-Emil sich selbst nicht zu sagen. Unabhängig für einige Zeit durch
-Geldbesitz wollte er sein. Geld aber nur vom Hofpfarrer entlehnen, weil
-der Mann schweigen kann.
-
-Wegen der Jagdwünsche Wolffseggs hatte Emil mit Hartlieb gesprochen.
-Etliche Tage später hörte er gelegentlich einer Begegnung vom
-Oberförster, daß der Baron von der Jagderlaubnis keinen Gebrauch
-gemacht habe und plötzlich abgereist sei.
-
-Darob erstaunt, fragte Emil die Mama nach der Veranlassung des
-Verschwindens Wolffseggs. Die Verstimmung der Fürstin bemerkend,
-bereute Emil sogleich, die Mama mit einer ihr unangenehmen Frage
-belästigt zu haben.
-
-Die Antwort enthielt zunächst die Klage, daß alles zusammenkäme, um der
-Gebieterin Verdruß zu bereiten. Nicht zum wenigsten der Sohn, der sich
-im Faulenzen übe...
-
-Emil schluckte diese Rüge wortlos hinunter.
-
-Sodann erzählte die Fürstin bitteren Tones von dem Riesenverdruß, den
-Fräulein von Gussitsch heraufbeschworen hatte, indem Martina sich
-rundweg weigerte, von einer prachtvollen Gelegenheit zur Rangierung
-Gebrauch zu machen.
-
-Verblüfft fragte Emil: „Rangierung! Wieso denn?“
-
-„Wolffsegg hatte geradezu edel gehandelt, der Gussitsch jenen
-anscheinend unglücklich konzipierten Brief völlig verziehen! Mich
-fragte er, ob ich zustimmen würde, wenn er um Martina werbe, wozu er
-durch die Erbschaft jetzt in der Lage sei! Im Interesse der Gussitsch
-habe ich natürlich zugestimmt! Martina aber hat den Heiratsantrag
-rundweg abgelehnt! Unbegreiflich! Und albern!“
-
-„Geschmacksache, liebe Mama! Viel Sommersprossen, eine Glatze hat er
-auch! Und er ist so etwas wie ein Geldprotz, dem der Mammon in den Kopf
-gestiegen ist! Er trägt jetzt die Nase ziemlich hoch!“
-
-„Ach was! Ein Mädel wie Martina, nach allem, was vorgefallen ist, soll
-froh sein, in eine glänzende Ehe kommen zu können!“
-
-„Vielleicht war sie sich darüber klar, daß sie volles Eheglück an
-Wolffseggs Seite nicht finden werde! Wenn ich ein Mädel wär, ich würde
-eher ein Mondkalb heiraten, als den Wolffsegg!“
-
-„Gott, diese Ausdrücke! Und dabei redest du wie ein Kind!“
-
-„Verzeihung! Ich versteh es halt nicht besser! Reine Gefühlssache! Was
-geschieht denn nun mit der Gussitsch?“
-
-„Ich weiß noch nicht! Ihre Anwesenheit ist lästig, aber es geht nicht
-an, das arme Mädel in die Welt hinauszustoßen! Es wäre dies grausam
-und unchristlich! Also soll sie in Gottes Namen bis auf weiteres
-bleiben! Ich werde mich schriftlich bemühen, für Martina einen anderen
-annehmbaren Posten als Hofdame zu beschaffen! Genug davon! -- Was aber
-dich betrifft, wünsche ich, daß du dich endlich beschäftigst, um die
-Oberleitung kümmerst, Ordnung schaffst!“
-
-„Hab ich ja bereits getan, wenigstens das Nötigste! Viel war ja nicht
-zu tun, da doch meine liebe, umsichtige Mama seither dirigierte und
-für Ordnung sorgte! Zur Zeit möchte ich ausschnaufen und ein bissel
-bummeln! Es ist ja so schön in Admont! Und sehr gerne besuche ich die
-Benediktiner, die doch gewiß ein guter Umgang für mich sind! Gentlemen,
-nobel und gastfreundlich!“
-
-Daß der Schalk ulkte und stichelte, merkte die Mama nicht; sie hörte
-mit Freude, daß sich der Sohn die Admonter Stiftsherren zum Verkehr
-erwählt habe. Und so gab sie gerne die Zustimmung zu weiteren Besuchen
-im Stifte. Nur den erbetenen Hunderter gab sie nicht und motivierte
-die Ablehnung durch Wiederholung der Worte Emils, wonach die Admonter
-Benediktiner Gentlemen nobel und gastfreundlich sind, der Sohn also
-kein Geld für Speise und Trank benötige.
-
-„Aber, Mama! _Manica, bonamano_, zu deutsch: Trinkgeld muß man den
-servierenden Dienern doch geben! Ein Prinz mindestens zehnmal mehr als
-ein bürgerlicher Gast des Stiftes! Und so die Paters rauchen, darf ich
-mich durch Zigarrenspenden doch auch nicht lumpen lassen!“
-
-„Ja doch! Es ist schrecklich, was junge Männer Geld verpulvern!“
-Seufzend gab die Fürstin etliche Scheine aus ihrer Schatulle.
-
-„Untertänigsten Dank, liebe Mama!“ rief Emil freudestrahlend und ließ
-die Scheine in der Westentasche verschwinden. Und dann hatte er es
-eilig, ins Freie zu kommen und sich satt zu lachen...
-
-
-
-
-Elftes Kapitel
-
-
-Im Frohlocken über die genehmigte Gehaltsaufbesserung, die eine
-wertvolle Waffe sein sollte, hatte sich Forstwart Gnugesser die
-Bekämpfung der Revolution im Haushalte als kinderleicht vorgestellt,
-indem der kleine herzensgute Mann erwartete, daß nach Verkündigung der
-Freudenbotschaft seine Amanda ihm jauchzend um den Hals fallen und die
-ihr zustehenden zehn Prozent, in Summe hundertachtzig Kronen, mit Dank
-einsacken und auf jede weitere Agitation bereitwillig verzichten werde.
-Um so größer war die Verblüffung Benis, als nach Verkündigung der
-Freudenbotschaft Frau Amanda kühl blieb, verächtlich und geringschätzig
-den Mund verzog und in wegwerfendem Tone erklärte, daß die genannte
-Summe ein Bettel sei, den sie nicht annehmen werde.
-
-„Wird nicht sein, liebes Weiberl! Hundertachtzig Kroneln jährlich
-sind doch kein Bettel! Schön, wunderschön und nobel ist’s von der
-Herrschaft, daß sie uns wirklich im Gehalt aufgebessert hat! Insofern
-hat die Agitation der Revoluzzerinnen von Hall gute Früchte getragen!
-Jetzt aber muß Ruhe werden, die Hetzerei ein Ende haben, ansonsten
-wird der junge Herr rabiat! Am nächsten Monatsersten bekommen wir
-das Geld, ich werde dann dir die hundertachtzig Kroneln gewissenhaft
-einhändigen!“
-
-„Ist nicht nötig! Die Annahme des Pfifferlings wird verweigert! Ich
-bestehe auf Auszahlung des Drittels vom Gehalt und selbstverständlich
-auch von der Aufbesserung!“ erwiderte spitz Frau Amanda und fuchtelte
-mit einer langen Kleiderschere kampflustig in der Luft.
-
-Auf Benis bartumwucherten Lippen erstarb das gutmütige Lächeln, die
-Miene wurde sehr ernst, da der kleine Bäuchlemann sich breit vor die
-am Fenster sitzende Gattin stellte und energischen Tones sprach:
-„Genug jetzt mit den Faxen! An der Agitation wird die Forstwartsfrau
-sich von dieser Stunde an nicht mehr beteiligen, verstanden! Als
-Haushaltsvorstand befehle ich das!“
-
-Ein spöttischer Blick züngelte am Männle empor. Und jäh lachte Amanda.
-Der Kontrast zwischen der kleinen Gestalt des Vorstandes und der
-Befehlhabersmiene wirkte auf die Gattin komisch. Beleidigend klang
-dieses Lachen der Geringschätzung.
-
-Beni richtete sich auf, hob den Kopf, teilte den Patriarchenbart
-in zwei Hälften, stampfte mit dem Fuße, um seinen Worten dröhnende
-Resonanz zu geben: „Ich befehle es!“
-
-Nun schrie Amanda vor Lachen, warf die Schere weg und trommelte mit den
-geballten Händen auf ihre Knie.
-
-Nie im Leben hatte Beni je die Hand gegen ein Weib erhoben, jetzt
-fühlte er sich stark versucht, die Beleidigung mit einem Fausthieb zu
-vergelten. Er hob wohl die Hand, aber er bezwang sich und ließ sie
-wieder sinken. In seinen Augen flammte Energie, etwas Stahlhartes,
-eine Unbeugsamkeit, die Amanda zwar nicht einschüchterte, aber doch
-veranlaßte, das beleidigende Gelächter zu unterdrücken.
-
-„Der von der Herrschaft erlassene Befehl lautet dahin, daß jede
-Agitation im Haushalte der verheirateten Beamten und Diener eingestellt
-werden müsse! Weigern sich die Ehefrauen, beteiligen sie sich noch
-weiter an der Hetze, so werden die betreffenden Männer aus dem Dienste
-entlassen! Ich hoffe, daß meine Gattin soviel Vernunft besitzt, um den
-Ernst der Situation zu erfassen!“
-
-Wieder verzog Amanda den Mund, und sie höhnte: „Lächerlich! Derlei
-Eingriffe in das Familienleben müssen mit aller Energie zurückgewiesen
-werden! Der junge Hansdampf soll es nur versuchen, ich werde ihm das
-Nötige schon sagen! Das Prinzerl soll erst etwas lernen und sich selbst
-bei der Nase nehmen! Nicht aber die Nase in Dinge stecken, von denen
-er nichts versteht! Wenn der Forstwart nicht den Mut hat, das dem
-Mutterbubi zu sagen, so besorg ich das!“
-
-„Genug nun, Amanda! Die Situation ist durchaus nicht spaßhaft! Ich
-habe nicht Lust, mir Stellung und Existenz zu verscherzen oder durch
-meine Frau gefährden zu lassen! Ein für allemal laß es dir gesagt sein
-und zur Warnung dienen: ich respektiere den Befehl, ich verbiete dir
-jedwede Beteiligung an der Agitation! Fügst du dich meiner Anordnung
-nicht, so wirst du die Folgen zu fühlen bekommen!“
-
-Amanda stand auf und fragte ironisch: „Darf ich wissen, welcherart die
-Folgen sein werden?“
-
-„Die Trennung!“ erwiderte Beni kurz, sehr ernst und inhaltsschwer. Und
-nun schickte er sich an, die Wohnstube zu verlassen.
-
-Die Drohung verfehlte eine gewisse Wirkung nicht, nur wollte Amanda
-das letzte Wort haben. Deshalb rupfte sie dem Gatten vor, daß es nicht
-eben schön sei, wenn ein Ehemann die Stellung höher bewerte als das
-angetraute Eheweib. Das Anklammern an die Berufsstellung im Dienst sei
-geradezu lächerlich, ein tüchtiger Forstwart werde überall leicht ein
-gleiches, wenn nicht besseres Unterkommen finden.
-
-Beni blieb an der Türe stehen und sprach in seiner alten Herzensgüte:
-„Möglich schon, aber nicht leicht, weil es zuviel Bewerber gibt! Du
-vergissest aber eins: das Halltal ist meine Heimat! Mit jeder Faser des
-Herzens hängt der Steierer an seiner engeren Heimat, in ihr zu dienen
-und zu wirken ist höchste Seligkeit auf Erden! Ich liebe meine Heimat
-über alles! Die Heimatsliebe läßt manches weniger Erfreuliche hinnehmen
-und ertragen! Verstehst du das, Amanda?“
-
-„Ja, Beni! Aber ich kann mich nicht dreinfinden, daß sich die
-Herrschaft in Familienangelegenheiten mischen darf!“
-
-„Mit gutem Willen geht es schon! Darfst dir nur vor Augen halten, daß
-die Absicht eine gute ist! Die Herrschaft will Ruhe und Frieden haben,
-sie hat kein anderes Mittel, um Frieden zu stiften in den Familien
-ihrer verheirateten Beamten und Diener. Sei gescheit, Amanda! Ich
-glaube ja auch nicht, daß man zum Äußersten greifen, mich entlassen
-würde; aber als vernünftiger Mensch will ich es nicht zum Äußersten
-kommen lassen, nicht unsere Existenz gefährden, weil ich ja doch
-verheiratet bin und für mein Weib zu sorgen habe! Ich füge mich aus
-Liebe zu dir und zur Heimat! Also finde auch du dich drein!“
-
-„Na ja, meinetwegen!“
-
-„Brav gesprochen, Weiberl! Und anjetzo gelobe ich, daß ich die
-bewußte Summe freiwillig aufrunden werde! Damit ist das Ziel deiner
-Bestrebungen erreicht, die Bezahlung der Hausfrauenarbeit! Und noch
-etwas, wonach auch du dich zu richten hast: die Herrschaft befiehlt,
-daß bei weiterer Verhetzung seitens der Krämerin von Hall ihr Geschäft
-boykottiert werden muß!“
-
-„Wieso?“
-
-„Wenn die Krämerin nicht Ruhe gibt und die Agitation einstellt, wird
-die Herrschaft von ihr nichts mehr beziehen! Und die Beamten und Diener
-dürfen bei der Krämerin nicht mehr einkaufen!“
-
-„Eine noblichte Herrschaft, die einem Landkrämer das bisserl Existenz
-ruiniert!“
-
-„Gutgemeinte Drohung, die hoffentlich wirken wird! Sei gescheit,
-Weiberl!“
-
-„Nein, diesem Zwang füge ich mich nicht! Wir wohnen so entlegen, daß
-ich nicht jeden Tag zum Einkaufen nach Admont laufen kann; ist Hall
-schon weit genug entfernt!“
-
-„Wart es ab, Weiberl! Merkt die Krämerin, daß ihr geschäftlicher
-Schaden droht, wird sie schleunigst umsatteln, es auf den Boykott gar
-nicht ankommen lassen! Sie wird sich fügen!“
-
-Interessiert fragte Amanda, wer denn der Krämerin die Drohung zu
-übermitteln habe.
-
-„Leider bin ich damit beauftragt! Ich hab aber noch keine Zeit gehabt,
-zur Krämerin zu gehen!“
-
-„Weißt was, Beni, diese Mission übernehme ich! Es interessiert mich zu
-beobachten, was für ein Gesicht die Krämerin bei der Boykottankündigung
-macht!“
-
-„Merkwürdig! Erst bist du hantig und oppositionslustig, und jetzt
-willst du sozusagen im Auftrag der Herrschaft handeln und gegen die
-Krämerin, deine intimste Freundin, vorgehen! Das begreif ich nicht
-recht!“
-
-„Die Mannerleut verstehen gar oft nichts von der weiblichen Psyche!
-Mein Gedankengang ist doch leicht zu begreifen: Weil ich zum Nachgeben
-genötigt bin, macht es mir ein besonderes Vergnügen, gewährt es einen
-aparten Nervenreiz, zu sehen, wie die Drohung und der Zwang auf die
-Freundin wirkt, wie sich die Krämerin winden und krümmen, seelisch
-leiden wird! Der Kampf der Stolzen gegen den Geschäftssinn und die
-Profitgier wird sehr interessant sein! Und wo was Nervenspannendes los
-ist, da bin ich für mein Leben gern dabei! Aus diesen Gründen übernehme
-ich die Mission! Und der Krämerin werd ich zusetzen, daß ihr die Augen
-tropfen!“
-
-„Ja ja, die Weiber! Na, die Hauptsach ist, daß wir zwei einig sind, und
-daß du dich nun den Anordnungen fügst! Das freut mich!“
-
-„Abgemacht! Und jetzt geh ich nach Hall zur Krämerin!“
-
-Eine Stunde später spielte Amanda Gnugesser mit der sehr
-zungengewandten Krämerin wie die Katze mit der Maus. Zunächst spannte
-Amanda die Freundin auf die Folter durch die tropfenweise Mitteilung
-der von der Herrschaft erlassenen Drohung hinsichtlich der Entlassung
-der verheirateten Beamten und Diener für den Fall, daß ihre Ehefrauen
-weiteragitieren.
-
-Die Krämerin schrie vor Überraschung und Entrüstung. Und sogleich
-wollte sie wissen, welche Stellung Amanda dieser Vergewaltigung
-gegenüber einnehme.
-
-Amanda wich aus mit dem Hinweise auf das Diktum: Gewalt geht vor Recht.
-
-„Himmelschreiend und empörend ist diese Vergewaltigung! Gefährdung,
-ja Raub der persönlichen Freiheit! Unerhörter Eingriff in das
-Familienleben!“ Dann zeterte die rabiate Krämerin davon, daß der
-Frauenbund den Kampf gegen die Herrschaft mit aller Energie, mit
-Rücksichtslosigkeit aufnehmen und durchführen müsse. Mit Anzeigen
-bei der Staatsanwaltschaft, mit Denunziationen bei Gericht und bei
-der Gendarmerie, mit Protestnoten an die Fürstin, der man das Leben
-sauer machen müsse. „Überhaupt die Fürstin! So ein wankelmütiges Weib,
-wetterwendisch wie ein Kirchenhahn! Erst nennt sie unsere Bestrebungen
-gut, sichert Unterstützung zu; dann krebst sie, weil der Pfarrer gegen
-uns gepredigt hat!“
-
-Um die Freundin noch mehr in die Hitze zu bringen, lobte Amanda die
-Herrschaft wegen der bewilligten Gehalts- und Lohnaufbesserung.
-
-„Wird nicht von Bedeutung sein! Wo es zahlen heißt, sind die
-hohen Herrschaften immer taub, sie drücken sich nach Möglichkeit!
-Pfennigfuchser, Skontoschinder sind sie alle, ohne Ausnahme! Jeder
-Geschäftsmann hustet auf solche Leut! Man profitiert eh schier nichts!“
-
-„Also liegt Ihnen nichts an der geschäftlichen Verbindung mit der
-Fürstin?“
-
-„Nicht soviel als ich Schwarz unterm Nagel hab!“ rief prahlerisch die
-Krämerin und schnipste mit den Fingern.
-
-„Na, dann ist der Verlust nicht von Bedeutung und für Sie nicht
-schmerzhaft!“ meinte Amanda gedehnten und lauernden Tones.
-
-„Wieso? Was für ein Verlust soll mir da bevorstehen?“
-
-„Ihr Geschäft soll boykottiert werden, falls Sie sich weiter an der
-Agitation beteiligen! Die Herrschaft wird nichts mehr von Ihnen
-beziehen! Und sämtlichen Beamten, Dienern und Arbeitern im fürstlichen
-Dienst wird verboten, bei Ihnen einzukaufen -- -- --!“
-
-„Allmächtiger Gott! Das tät ja mein Ruin sein! Völliger Krach!
-Zusperren kann ich das Gewölb in der Stund, wo das wahr werden tät!
-Sie machen wohl Spaßetteln, liebe Frau Forstwart! Jessas -- Mariand --
-Josef! Da tät ja alles verloren sein! Sagen S’ um Himmels willen, ist
-der Befehl schon erteilt worden wegen der Boykottierung?“
-
-„Soviel ich weiß, erwartet die Herrschaft eine bindende Erklärung
-Ihrerseits! Da Sie sagten, daß der Frauenbund den Kampf gegen die
-‚unmoralische‘ Herrschaft mit aller Energie und Rücksichtslosigkeit
-aufnehmen und durchführen werde, ist doch wohl anzunehmen, daß die
-Herrschaft Ihre Antwort als Kriegserklärung betrachtet und den Boykott
-über Ihr Geschäft verhängt! Das dürfte morgen geschehen!“
-
-„Jess -- Maria! Fallt mir ja gar nicht ein, den Krieg zu erklären!
-Wo die Fürstin eine so gute fromme Frau ist! Eine Wohltäterin
-ohnegleichen! Und wo mich die Frauen eigentlich gar nichts angehen,
-von denen ich nie profitieren kann, weil ja ich das Geschäft führ
-und den Simandl von einem Mann ernähren muß! Für mich kann es ja gar
-kein Drittel aus Gehalt oder Verdienst der Männer geben; ich bin
-ja als Geschäftsfrau die Erwerberin und Brotverdienerin! Auf den
-Frauenbund hust ich, der wo mich in solche Schlamassel bringt und zum
-Geschäftsruin!“
-
-„Ihre Ausführungen wirken überraschend! Sie sind inkonsequent! Die
-Fürstin nennen Sie wetterwendisch, dabei satteln Sie aber selbst
-um -- --!“
-
-„Aber natürlich! Wo es sich um Geschäft, Existenz und Profit handelt!
-So dumm bin ich nicht, daß ich mich für andere Leute opfere, gegen
-den Strom schwimm, wo ich gar nicht schwimmen kann! Nein, so dumm
-bin ich wirklich nicht! Ich glaub auch nicht, daß Sie so dumm sein
-werden! Aber wissen möcht ich, warum die Herrschaft grad und justament
-die Forstwartsfrau ausgesucht hat, mir die Schreckensnachricht zu
-überbringen! Sie sind doch meine Freundin, zugleich die ärgste Hetzerin
-von wegen der Entlohnung der Frauenarbeit im Hausstand!“
-
-„Vielleicht eine Ironie des Schicksals!“
-
-„Teuflische Bosheit! Ist aber jetzt alles egal! Ich tue nimmer mit!
-Sagen Sie das der Herrschaft und daß ich aus dem Frauenbund austrete!
-Ist mir schon z’ dumm der Boykott!“
-
-„Soll ich auch sagen, daß Sie die Fürstin eine charakterlose Frau
-genannt haben?“ fragte maliziös Amanda, die sich gottvoll amüsierte.
-
-„Ich weiß von gar nichts! Nicht ein Wörtel hab ich gesagt!“
-
-„Also werd ich melden, daß die Krämerin von Hall sich allen Anordnungen
-der Herrschaft fügt, aus dem Frauenbund austritt und jede Agitation
-nunmehr meidet!“
-
-„Äa! Sein Sie so gut und melden Sie das der Fürstin. Mit g’horsamsten
-Respekt und Handkuß! Ich laß mich empfehlen und um Aufträge bitten!“
-Nun wollte die aus dem seelischen Gleichgewicht geworfene, schwer
-erregte Krämerin die Freundin mit Rosogliolikör bewirten, doch Amanda
-lehnte dankend ab. Befürchtete doch Frau Gnugesser, daß sie bei
-längerem Aufenthalt das Lachen nicht würde verbeißen können.
-
-Hochbefriedigt und belustigt ging Amanda heim. Und im Bergwalde lachte
-sie sich satt und sang vergnügt ein Duliäh nach dem andern. Der Spaß
-mit der Krämerin war erquickend gewesen...
-
- *
-
-Für den Novizen Nonnosus war der schönste, aber auch schwerste Tag der
-feierliche Profeß, der Gelübdeablegung, des endgültigen Abschiedes
-vom Weltleben, des Verzichtes für immer, gekommen. Ein strahlender
-Spätherbsttag mit lachendem Sonnenglanze im schönen Admonter Becken
-des Ennstales. Der frühe Morgen war freilich frostig, herb und neblig;
-aber die Sonne siegte alsbald und vergoldete die wuchtigen Felskolosse,
-küßte die Zinnen und Zacken, die hehr und ernst in den lichtblauen
-Äther ragten. Feierliches Glockengeläute vom Blasiusmünster kündete
-den Beginn dieses bedeutungsvollen Tages für den jungen Mönch, der in
-seiner Zelle kniend betete um die Kraft zum Verzicht auf das Weltleben.
-Den besten und ehrlichsten Willen besaß der Kleriker, um nach der heute
-erfolgenden Aufnahme in das Kapitel dem Stifte Ehre zu machen durch
-treueste Pflichterfüllung, die oberste Tugend der Dankbarkeit zu üben
-immerdar bis zum letzten Atemzuge. Rein und abgeklärt war die Seele,
-wunschlos des irdischen Lebens, erfüllt von Begeisterung für den Beruf.
-Von der kleinen Verwandtschaft war Abschied genommen worden, tapfer
-und mutig der Trennungsschmerz überwunden. Rein und frei fühlte sich
-Nonnosus; ein ehrlicher Diener des Herrn wird heute die _Vota solemnia_
-ablegen... Ohne Mißton in der Seele!
-
-Entscheidend wird die nächste Stunde für das ganze Leben sein, und
-darum ist sie die schwerste des Lebens. Mit der Welt hatte Nonnosus
-abgerechnet, er fühlte nichts mehr, was ihn zurückhalten könnte;
-dennoch befand er sich in einer starken seelischen Erregung, verbunden
-mit Angst und Beklemmung, über deren Grund und Inhalt er sich keine
-Rechenschaft geben konnte. Ihm war zumute, als stände er vor einem
-großen Unglücke, dem er rasch ausweichen soll... Eine tiefe Traurigkeit
-kam über ihn, für die er keinen Anlaß fand. Und er erinnerte sich
-der Warnung des Spirituals vor einem Rücktritt ohne bestimmte, klar
-erkannte Gründe; Nonnosus klangen die Worte des Spirituals im Ohre:
-„Jeder Theologe wird in letzter Stunde von einer tiefen Traurigkeit
-befallen, die überwunden werden muß! Der gewissenhafte Theologe soll
-zum Altare gehen wie in ein brennendes Haus, entschlossen, mutig!
-Dieser Mut bringt dann tiefe Freude, selige Ruhe, im Berufe die
-Festigkeit! Theologen, die schwer überwinden, stehen später in ihrem
-Seelsorgeramte viel fester als jene, die mit verklärtem Gesichte und in
-Sehnsucht zum Altare treten...!“
-
-Die Erinnerung an diese goldenen Worte des alten erfahrenen Spirituals
-gab Kraft und Mut.
-
-Wie die Glocken zum zweitenmal ertönten, erhob sich Nonnosus vom
-Betstuhl. Ein letzter Blick auf das Kruzifix an der weißgetünchten
-Wand... Nonnosus hatte Angst und Zweifel überwunden. Fest wie Granit
-ist der Entschluß zur Pflichterfüllung!
-
-Gefaßt griff der Profitent Nonnosus nach dem Pergamentblatte, das die
-von ihm geschriebene Profeßformel enthielt. Bleich waren die Wangen,
-die Zähne aufeinandergepreßt; doch ruhig die Seele, der Kampf beendet.
-Ein Sonnenstrahl huschte in die kahle Zelle.
-
-Der Spiritualdirektor Pater Lullus erschien in der Zelle, um den
-Profitenten Nonnosus abzuholen. Ein schmächtiges altes Männlein
-mit viel Runzeln im Gesicht, unansehnlich, aber mit geistkündenden
-blitzenden Augen; ein Gelehrter im Benediktinerhabit, der Spiritual der
-Kleriker und zugleich ihr Freund, Führer und Berater. In lateinischer
-Sprache fragte Pater Lullus, ob der Profitent zum Gange in die Kirche,
-zur Ablegung der _Vota solemnia_ bereit sei. Ein forschender Blick auf
-den Novizen, dann nickte Lullus befriedigt; er hatte in den Augen des
-Profitenten den festen Entschluß, Verzicht und Überwindung gelesen.
-
-Beide Mönche verließen die Klausur, schritten durch den langen
-Korridor gen Norden, dessen Fenster eine wundervolle Aussicht auf die
-Bergkolosse der „Haller Mauern“ boten.
-
-Ein letzter Blick des Novizen flog zum Großen Pyrgas, hinauf ins
-Gamsrevier... Nonnosus zuckte für einen Moment zusammen, der glühende
-Kopf neigte vornüber. Heftig pochte das Blut in Herz und Schläfen.
-
-„Mut!“ flüsterte der alte Spiritual, „Mut und Gottvertrauen!“
-
-Nonnosus nickte zum Dank und senkte die Lider. Nicht einen einzigen
-Blick warf er mehr durch die vielen Fenster des Flankenkorridors. Sein
-Schritt verlangsamte sich, als die Mönche die breiten Steintreppen
-hinabstiegen, um die Sakristei des großen Domes zu erreichen.
-
-Wieder mahnte der Spiritual: „Mut und Gottvertrauen!“
-
-Noch ein Schritt über die Schwelle der Sakristei... Ein ehrerbietiger
-stummer Gruß für den Pater Prior, der bereits den Ornat zur
-Zelebrierung des Hochamtes angelegt hatte. Ein mittelgroßer, von der
-Last der sechsundsiebzig Jahre gebeugter Mönch im Silberhaar, der den
-Gruß mit aufmunternd wohlwollendem Blick erwiderte. Die Diakone als
-Assistenten des Priors nickten freundlich. Vom Spiritual geleitet,
-begab sich Nonnosus zu seinem Platze im Chorstuhl des Presbyteriums,
-wo der Profitent niederkniete. Pater Lullus blieb in seiner Nähe,
-gleichsam zum Schutz.
-
-Feierliche Orgelklänge empfingen den von den Diakonen begleiteten Prior
-auf dem Gange zum prächtig geschmückten, von einer überlebensgroßen
-Statue des St. Blasius aus weißem Marmor überragten Hochaltar.
-
-Das Hochamt begann und wurde wie an Sonntagen zelebriert bis zum
-Evangelium. Wie dieses aber gesungen wurde, ertönte die schrille, im
-ganzen Kloster vernehmbare Konventglocke, die alle Patres des Stiftes
-zusammenrief.
-
-Wohl fünf Minuten gellte diese Glocke, dann verstummte sie.
-
-Der Prior am Hochaltare stimmte das „Kredo“ an, das dann der Musikchor
-zu Ende sang.
-
-Nun trat Schweigen im Dome ein. Tiefes, feierliches Schweigen.
-
-Aus der Sakristei kam der Zug der Stiftsherren, paarweise, voran die
-jüngsten Patres, dann die älteren, die alten mit dem Schnee auf dem
-Haupte oder kahlköpfig; alle bekleidet mit dem weiten, faltigen,
-schwarzen Ordenskleide mit Kapuze, zuletzt schritt der Abt mit goldenem
-Brustkreuz an schwerer Kette, auf dem Haupte die Mitra, in der Hand den
-silbernen Stab.
-
-Im Presbyterium bildeten die Patres Spalier, durch das der Abt mit
-seinem Zeremoniar schritt. Dann betrat der Abt die Stufen des
-Hochaltars und nahm Platz auf dem für ihn bereitgestellten Stuhle.
-
-Der Prior mit seiner Assistenz stand auf der Epistelseite vor den
-Sitzen.
-
-Nun waltete der Spiritual seines Amtes, indem er Nonnosus, der die
-Pergamentrolle in der zitternden Rechten trug, zum Abte geleitete. Hier
-kniete Nonnosus nieder und reichte die Urkunde entfaltet dem Abte, der
-sie entgegennahm und dem Profitenten zum Ablesen vorhielt.
-
-Nonnosus bekreuzte sich und las den lateinischen Text der Profeßformel
-mit dem Schlusse: „_In huius rei testimonium praesentem schedulam manu
-propria scripsi._“ (Zum Zeugnis dessen hab ich gegenwärtige Urkunde mit
-eigener Hand geschrieben.)
-
-Langsam und würdevoll sprach der Abt: „_Haec tibi servanti vitam
-aeternam promitto!_“ (Wenn du dies beobachtest, verspreche ich dir das
-ewige Leben.)
-
-Nonnosus stand auf, trug die Urkunde zur Epistelseite des Hochaltars.
-Dann kehrte er zum Stuhle des Abtes zurück und kniete wieder nieder.
-
-Abt Beda sprach ein Gebet über den Profitenten, erhob sich von seinem
-Sitze und blieb stehen, bis der vom Spiritual geleitete Nonnosus das
-Ende des Presbyteriums erreichte. Hier knieten beide nieder und sangen
-den Psalmvers: „_Suscipe me, Domine, secundum eloquium tuum et vivam,
-et non confundas me ab expectatione mea._“
-
-Der ganze Konvent, alle Patres sangen diesen Vers im gleichen Tone nach.
-
-Nun standen Nonnosus und der Spiritual auf, gingen bis in die Mitte des
-Presbyteriums, knieten hier nieder und sangen den Vers um einen Ton
-höher.
-
-Der Konvent wiederholte den Vers gleichfalls in erhöhtem Tone. Der
-Spiritual führte den Profitenten nun bis zur untersten Stufe des
-Hochaltars, wo zum drittenmal und wieder um einen Ton höher der Vers
-gesungen, vom Konvent dann wiederholt wurde. Und ergreifend klang
-der vom ganzen Kapitel gesungene Schluß: „_Gloria Patri et Filio et
-Spiritui sancto. Sicut erat in principio et nunc et semper et in
-saecula saeculorum. Amen._“
-
-Nochmal segnete der Abt den vor dem Hochaltare knienden Profitenten
-und sprach über ihn Gebete. Dann schritt Abt Beda zur Epistelseite und
-weihte die dort niedergelegten neuen Ordenskleider für den Profitenten.
-Hierauf kniete der Abt auf der obersten Stufe des Altares nieder und
-stimmte den Hymnus an: „_Veni creator spiritus_“. Der Musikchor sang
-den Hymnus weiter.
-
-Feierlich gestaltete sich die Abnahme des bisherigen Skapuliers
-und Bekleidung des Profitenten mit einem neuen, _ad hoc_ geweihten
-Skapulier seitens des Abtes, der dann Nonnosus die Hand reichte und ihm
-auf beide Wangen den Bruderkuß gab. Während der Abt mit Mitra und Stab
-in der Mitte des Altares stehenblieb, vollzog sich die Zeremonie des
-Bruderkusses, indem Nonnosus mit dem Pater Prior und allen Kapitularen
-den Kuß tauschte.
-
-Laienbrüder trugen ein schwarzes Bahrtuch in das Presbyterium und
-breiteten es in der Mitte des Presbyteriums aus, just an der Stelle,
-unter der sich die Totengruft des Konventes befindet. Auf das Bahrtuch
-gegen den Altar zu wurde ein schwarzes Kissen gelegt.
-
-Nonnosus küßte den jüngsten Pater und schritt dann langsam zum
-Bahrtuch, zog die Kapuze über den Kopf und legte sich der Länge nach
-auf das schwarze Tuch, drückte das blasse Gesicht auf das Kissen und
-blieb regungslos liegen.
-
-Im selben Augenblick ertönte die große Sterbeglocke dumpf in schweren
-Schlägen, ernst und feierlich, mahnend, daß der auf dem Bahrtuche und
-so nahe der Totengruft liegende Profitent nun der Welt abgestorben sein
-soll und muß...
-
-Ein schwaches Zucken lief durch den Körper des Pater Nonnosus, der die
-zum Gebet gefalteten Hände fester aneinanderpreßte. Kam ihm doch in
-diesem erschütternden Moment so recht zum Bewußtsein, daß jetzt der
-Abschied von der Welt sich für immer vollzogen hat...
-
-Helle Klingeltöne verkündeten das Sanktus. Der eine Diakon verließ
-den Hochaltar und schritt zum Bahrtuche. Und er berührte mit dem Fuße
-leicht den Profitenten und sprach: „_Surge qui dormis et exurge a
-mortuis, et illuminabit te Christus!_“ (Erhebe dich, der du ruhest, und
-steh auf von den Toten, erleuchten wird dich Christus.)
-
-Nonnosus erhob sich langsam und zog die Kapuze vom Haupte. Kalkig waren
-seine Wangen. In den Augen glühte das Feuer der Begeisterung für den
-Beruf.
-
-Nonnosus begab sich in den Chorstuhl, wo er niederkniete. Der Diakon
-kehrte an den Altar zurück.
-
-Nach der Kommunion des zelebrierenden Priors schritt Nonnosus zum
-Altar, aus der Hand des Priors empfing er das hl. Abendmahl, worauf er
-zu seinem Stuhle zurückkehrte.
-
-Zum Schlusse des Hochamtes ging Nonnosus zum letztenmal an den Altar,
-auf der untersten Stufe kniend empfing er den besonderen Segen des
-Priors. Und hier blieb er dann allein, versunken in Gebete, nachdem der
-Prior samt Assistenz die Kirche verlassen hatte.
-
-Aufgenommen als gleichberechtigter Konventual, aber allein, um
-Gelegenheit zu haben, Gott zu danken...
-
-
-
-
-Zwölftes Kapitel
-
-
-Einer Herzensregung folgend, besuchte die Fürstin das vom Tisch
-verbannte Fräulein von Gussitsch. Wider Absicht und Willen klagte die
-Fürstin leisen Tones darüber, daß der Sohn so gar kein Faserchen Mut
-besitze, wohl auch nie lernen werde, sich selbst zu überwinden. Ob Emil
-je die Mannesfestigkeit erringen werde? Jenen stahlharten Willen, der
-allein es ermöglicht, aufrecht durch das Erdenleben zu gehen?
-
-Die Fürstin hielt im Sprechen inne, erwartete von Martina Antwort,
-vielleicht auch ein Trosteswort. Das arme Hoffräulein rang nach Worten
-und fand keines.
-
-„Irre werde ich an meinem Sohne! Lange Jahre ein träumerisches Wesen,
-Apathie, Schläfrigkeit, Stumpfsinn! Dann das Aufwachen mit nichts
-weniger denn erfreulichen Folgen! Unausgeglichenheit, ein Schwanken wie
-das Rohr im Winde! Ich fürchte, es fehlt am Charakter!“
-
-Leise und schüchtern erwiderte Martina: „Verzeihung, Durchlaucht! Prinz
-Emil ist ja noch jung! Der beste Most braucht Zeit zur Klärung, dann
-wird guter Wein daraus!“
-
-„Wenn Sie recht hätten, Martina, wie glücklich würde die Mutter sein!
-Es ist ja richtig, mit vierundzwanzig Jahren ist Emil noch sehr jung!
-In hohem Range kommt es fast nie vor, daß ein junger Mann mit diesen
-Jahren schon abgeklärt und willensstark, ernst und gefestet ist! Wenn
-er nur arbeiten, sich ernsthaft beschäftigen würde! Immer nur ein
-Anlauf, ein Stehenbleiben auf halbem Wege! -- Doch nun wollen wir von
-Ihnen sprechen, liebe Martina! Sie bleiben bei mir, ja --? Und es
-bleibt, wie es war! Die dumme Geschichte mit Emil ist vorüber und soll
-begraben sein! Wenn sich aber noch einmal Gelegenheit bietet, soll
-Fräulein von Gussitsch aber doch...! Nein, davon wollen wir heute nicht
-sprechen!“
-
-Hildegard meldete, daß Graf Thurn um Audienz bitte, und verschwand.
-
-Die Fürstin verabschiedete sich von Martina und empfing im Salon den
-Hausmarschall, der um Gewährung eines zweitägigen Urlaubes zum Besuche
-des Prinzen Coburg in Schladming bat.
-
-„Selbstverständlich genehmigt! Vermutlich eine Jagdeinladung?“
-
-„Zu dienen!“
-
-„Eben fällt mir ein, daß unserseits völlig vergessen wurde, Ihnen
-Abschußerlaubnis zu erteilen! Ich bitte, diese Vergeßlichkeit zu
-entschuldigen! Da mein Sohn soviel wie gar kein Jagdinteresse hegt, ist
-das Haller Jagdgut eigentlich zwecklos erworben worden! Ihnen, lieber
-Graf, stehen alle Reviere frei! Und wegen der Bejagung wollen Sie sich
-nur mit dem Jagdleiter Hartlieb ins Benehmen setzen! Hartlieb kann auch
-nach Gutdünken abschießen! Gute Reise, lieber Graf!“
-
-„Untertänigsten Dank für so viel Huld und Gnade!“ Sophie nickte
-freundlich und fragte, ob der Graf sich am Lunch beteiligen werde.
-
-„Mit gnädigster Erlaubnis möchte ich den Mittagszug benutzen!“
-
-„Viel Vergnügen! Und Weidmannsheil!“
-
-Mit Handkuß verabschiedete sich der alte Hausmarschall.
-
-Das Versehen verspätet gutgemacht zu haben, gewährte der Fürstin eine
-gewisse Befriedigung. Aber einen Stachel hatte sie doch in der Brust,
-so sie an Emil, an seine Gleichgültigkeit gegen Wild und Jagd dachte.
-Und sie flüsterte: „Bin aber nicht auch ich gleichgültig geworden? Ist
-in mir nicht auch jegliches Jagdinteresse erstorben? Eben weil Emil
-sich nicht dafür interessiert!“ Und Sophie wünschte sich, es möge der
-Sohn sich einen stahlharten Willen erwerben.
-
- *
-
-Einen Tag später lauerte Prinz Emil im kleinen Bahnhofe zu Admont wie
-die Spinne auf eine Fliege im Netz auf den Pfarrer Pater Wilfrid,
-der mit einem Zuge von Selztal zurückkommen sollte. So hatte der
-Klosterpförtner berichtet, aber nicht zu sagen gewußt, wann der Pater
-Gastmeister heimkommen werde.
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-Da nun Emil den Hofpfarrer in finanzieller Angelegenheit unter
-allen Umständen sprechen wollte, wartete der geldhungrige Prinz von
-vormittag neun Uhr ab auf jeden Zug aus der Richtung von Selztal.
-Die Zwischenzeit vertrieb er sich mit Bummeln, leistete sich im
-Stiftskeller, der für Laiengäste offenstand, auch ein Fläschchen
-Edelweines aus der Luttenberger Gegend; doch prompt fand Emil sich
-wieder im Bahnhofe ein, wenn ein Zug fällig war. Gegen Mittag kreuzten
-zwei Züge aus Süd und Nord in Admont. Der Erwartete kam nicht. Aber
-dem Zuge aus dem Süden entstieg eine junge Dame, deren wundersame
-Erscheinung Emil Herzklopfen verursachte. Tannenschlank die Gestalt,
-fein geschnitten das Gesicht, gebräunt die Wangen von südlicher Sonne.
-Dunkle, feurige und große Augen. Welscher Typus aus Norditalien wohl,
-gemildert etwas durch germanischen Einschlag. Elegante Toilette,
-sicheres Auftreten der befehlgewohnten Aristokratin, deren Stimme wie
-ein Silberglöckchen klang, als die junge Dame nach einem Gepäckträger
-rief. Und zwar vergeblich, da es in dem Miniaturbahnhofe trotz des
-starken Verkehrs keine Diener und Träger gab.
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-Das Köfferchen und die Lederhandtasche verrieten wie die Gestalt
-höchste Eleganz.
-
-Betroffen stand die junge Dame am Zuge und guckte nach einem
-dienstbaren Geist, indes die Passagiere hastig den Zug verließen,
-andere Fahrgäste aber einstiegen.
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-Emil ging auf die Dame zu und bot seine Dienste mit ritterlicher
-Galanterie und mit einem Humor an, der das Fräulein lachen machte. Emil
-sagte nämlich: „Dem Beruf nach bin ich zwar kein Packträger, aber recht
-viel mehr Intelligenz besitze ich auch nicht! Schönes Fräulein, darf
-ich’s wagen, Ihnen meine Dienste anzutragen? Auf Trinkgeld verzichte
-ich!“
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-„Ah, Herr Faust! _Con piacere, ecco!_“ Ohne weiteres deutete die junge
-Dame auf die Gepäckstücke, und lächelnd rief sie Emil zu: „Rasch zu
-einem Wagen!“
-
-Prinz Schwarzenstein mußte mitteilen, daß es keine Wagen gab im kleinen
-Admont und nur der Omnibus des Posthotels am Bahnhofe stehe.
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-Im Befehlstone, doch liebenswürdig lächelnd, sprach die junge Dame:
-„Dann besorgen Sie einen Wagen, aber rasch! Ich habe Eile!“
-
-„Zu dienen! Aber Gnädigste können doch inzwischen nicht allein und
-schutzlos hier warten, bis ich mit dem requirierten Wagen komme!
-Gnädigste wollen mich ins Städtle begleiten!“
-
-„Ob Herr Doktor Faust der richtige ‚Schutz‘ und Führer sein wird,
-steht denn doch zu bezweifeln! Besonders vertrauenerweckend sieht
-er nicht aus, der Herr Doktor Faust!“ Die junge Dame musterte mit
-drollig forschendem Blicke den Prinzen, der inzwischen das Handgepäck
-aufgenommen hatte.
-
-„Oh, oh! Gnädigste können mir ruhig volles Vertrauen schenken, denn ich
-bin nicht Doktor Faust! Und Gnädigste sehen nicht -- gretchenhaft aus,
-werden also auch nicht à la Gretchen einitappen!“
-
-Das Fräulein kicherte belustigt und folgte dem seltsamen
-„Gepäckträger“, der nun vorschlug, den Hotelomnibus zu benutzen und im
-Hotel „Post“ einen Privatwagen zu mieten.
-
-Es befremdete die junge Dame, daß Emil gleich ihr in den Hotelomnibus
-stieg. „Ich danke für Ihre Gefälligkeit, bedarf aber Ihrer Dienste
-nicht weiter!“
-
-„Doch! Ich muß ja behilflich sein, damit Gnädigste rasch den
-gewünschten Wagen im Hotel bekommen! Deshalb fahre ich mit!
-Furierdienst ist meine Spezialität! Besserer Brettlhupfer!“
-
-„So! Vermutlich im Dienst der Fürstin von Schwarzenstein, was?“
-
-Für einen Moment stutzte Emil; es überraschte ihn, daß das fremde
-Fräulein Kenntnis von der Existenz der Schwarzensteins hatte. Die
-Lust an Abenteuern war aber so groß, daß er keck und verwegen log und
-schwindelte, frischweg behauptete, der Privatsekretär der Fürstin zu
-sein.
-
-„Ah! Da sind Sie ja des Vertrauens würdig! Und falls Sie gleich mir
-nach Hall fahren wollen, lade ich Sie ein, mich zu begleiten!“
-
-„Mit größtem Vergnügen! Also Gnädigste wünschen, nach Hall zu fahren!
-Darf ich fragen: Hall Dorf, Forsthaus oder Jagdschlößl?“
-
-„Für einen Geheimsekretär sind Sie ein bissel -- neugierig!“ stichelte
-das elegante und bildhübsche Fräulein.
-
-„Stimmt! Böse Beispiele verderben gute Sitten! Man lernt das
-Neugierigsein von den Dienern und Vertrauenspersonen! Ich will nicht
-fragen, wer Gnädigste sind!“
-
-„Sehr löblich von Ihnen! Ich will aber freiwillig den Schleier des
-Geheimnisses lüften: ich bin die -- Schwester des Oberförsters!“
-
-Emil machte ein wahrhaftiges Schafsgesicht. Und verblüfft stotterte er:
-„Nicht möglich! Hartlieb hat ja gar keine Schwester!“
-
-Der Omnibus hielt vor dem Gasthofe „Post“. Hotelgäste vermutend
-stürzten der Eigentümer, der „Herr Ober“, ein Kellner und der
-langohrige Pikkolo dienstbereit herbei.
-
-Prinz Schwarzenstein half der Dame aussteigen und bestellte sofort
-einen Wagen zur Fahrt nach Hall-Forsthaus. Dann bot er dem Fräulein ein
-Frühstück an, das jedoch dankend abgelehnt wurde. Ziemlich abgekühlt,
-überlegte Emil, ob er nicht guttun würde, sich zu drücken. Ist das
-verdammt hübsche Fräulein wirklich die Schwester Hartliebs, dann heißt
-es für den Prinzen: _Hands off!_
-
-Das schelmische, spitzbübische Lachen im Auge der Dame brachte ihn
-auf den Gedanken, daß das Fräulein genau so wie er ulkt, daß die
-Dame sowenig Hartliebs Schwester ist, wie Emil der Geheimsekretär
-der Fürstin. Und dieser Gedanke veranlaßte ihn, den Scherz nach
-Möglichkeit bis zur Aufklärung der drolligen Situation fortzusetzen.
-Ulkig fragte er, ob Papa oder Mama Hartlieb welscher Abkunft gewesen
-sei.
-
-„Warum denn?“
-
-„Weil Sie unverkennbar romanisches Blut haben müssen! Halb deutsch,
-halb italienisch! Welsche Schönheit!“ sprach Emil in italienischem
-Idiom der horchenden Leute wegen.
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-In reinem Toskanisch scherzte die junge Dame, daß die Großmutter eine
-gebürtige Olona gewesen sei, verwandt mit den Familien Masnago-Laveno;
-daher habe der Oberförster den welschen Typ.
-
-„Donnerwetter! Die Namen Olona, Masnago-Laveno kommen mir aber bekannt
-vor, sehr bekannt! Es muß die Fürstin davon gesprochen haben...!“
-
-„Hat die Fürstin längere Zeit in Mailand verbracht?“
-
-„Ja, vor einigen Jahren! -- Aber da ist der Wagen! Darf ich bitten!
-Apropos: ist Herr Hartlieb von Ihrer Ankunft verständigt?“
-
-„Nein, ich komme überraschend!“ lachte glockenhell das Fräulein.
-
-„Stimmt! Denn ich bin sehr überrascht! _Che bellezza!_“
-
-„Für einen fürstlichen Geheimsekretär sind Sie ein besonderer
-Frechdachs! Fast möchte ich bezweifeln, daß Sie sich in dieser Stellung
-befinden!“
-
-Während der raschen Fahrt nach Hall schwätzte Emil der jungen Dame
-schier die zierlichen Ohren weg und guckte ihr möglichst oft und tief
-in die schönen Augen. Doch hielt er unwillkürlich eine gewisse Grenze
-ein im Empfinden, daß das Fräulein nicht die Schwester Hartliebs sei,
-von erheblich höherer Abkunft sein müsse. Aber nett und lieb, zum
-Anbeißen nett. Distinguiert und doch nicht prüde.
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-„Als Hofbeamter müssen Sie den Grafen Thurn kennen! Ist der
-Hausmarschall zu Hause?“
-
-Diese Frage brachte Emil auf die richtige Spur. Frohlockend rief er:
-„Gnädigste haben sich jetzt verraten! Mit dem Inkognito ist es aus!
-Gnädigster Komtesse lege ich verehrungsvollsten Respekt zu Füßen!“
-
-„Wie dumm von mir! Aber Sie sind auch nicht der Hofsekretär! Darauf
-getraue ich mir meinen Kopf zu wetten!“
-
-„Was soll ich zum Einsatz geben? Wer soll ich denn sein?“
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-Komtesse Isotta Thurn wandte den hübschen Kopf zu Emil und blickte
-ihn voll und prüfend an. „Nach Papas Schilderungen sind Sie der Prinz
-Schwarzenstein! Ich bitte um Verzeihung, daß ich Durchlaucht so
-respektwidrig behandelt habe! Zugleich danke ich aber auch für die
-ritterliche und liebenswürdige Hilfeleistung!“
-
-„Keine Ursache, Komtesse! Aber Sie irren sich in meiner Person...“
-
-„Unmöglich! Es stimmt die Beschreibung, die mir Papa gegeben hat,
-als er mich das letztemal in der Pension zu Lausanne besuchte!“ Und
-schalkhaft lachend, fügte Isotta bei: „Es stimmt aber auch bezüglich
-Ihres Auftretens!“
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-„Wieso denn?“
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-„Hofsekretäre sind niemals -- Frechdachse! Oh, bitte untertänigst um
-Verzeihung!“
-
-„Warum soll denn ein junger Sekretär, den keine Sorgen drücken, einer
-bildhübschen jungen -- ‚Oberförstersschwester‘ gegenüber nicht als --
-Frechdachs auftreten? Hätte ich gewußt, daß Gnädigste die Komtesse
-Thurn sind, würde ich allerdings bescheidener mich verhalten haben! Um
-Verzeihung muß also ich bitten, untertänigst und gehorsamst! Und ganz
-besonders herzlichst bitte ich um Diskretion! Denn wenn Graf Thurn
-erfährt, wie frech ich mit seiner Tochter angebandelt habe, fangt er
-mich füri!“
-
-„Diskretion wird sicher gewahrt! Aber das Versteckenspielen müssen Sie
-nun aufgeben! Mit einem simplen Sekretär kann und darf die Komtesse
-Thurn sich nicht weiter beschäftigen...! Das werden Sie doch begreifen!“
-
-„Will sich die Komtesse mit dem Prinzen Schwarzenstein ‚beschäftigen‘?“
-
-Isotta erglühte und schwieg.
-
-Emil ergriff ihre Hand und drückte einen Kuß darauf. Dann bat er, es
-wolle die Komtesse, da Papa Thurn auf zwei Tage verreist sei, Quartier
-im Jagdschlößl nehmen.
-
-„Danke vielmals! Aber wo Papa wohnt, wird das Quartier auch der Tochter
-genügen! Und jede Belästigung der Fürstin muß vermieden werden!“
-
-„Ach wo! Im Forsthause können Sie, Komtesse, nicht bleiben, in
-Abwesenheit Ihres Papas schon gar nicht; es fehlt ja auch an jeder
-Bedienung!“ Emil richtete sich auf, markierte Energie und sprach
-gebieterisch: „Ich befehle, daß Sie Quartier im Jagdschlößl nehmen!“
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-„Huhu! Durchlaucht befehlen!“ lachte Isotta spitzbübisch.
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-„Gel, das imponiert Ihnen, was?“
-
-„Und wie? Zwingt zu ersterbender Ehrfurcht! Hihi! Regieren Durchlaucht
-immer so energisch und scharf?“
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-„Spotten Sie nur zu! Die Hauptsache ist der Gehorsam! Bitte, teuerste
-Komtesse, nehmen Sie Quartier bei uns! Es wäre nett, entzückend,
-himmlisch, wenn wir ein Dach über uns hätten!“
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-Wieder erglühte Isotta. Und sie wehrte ab: „Aber, Prinz! Was wird die
-Fürstin denken?“
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-„Mama wird sicher auch finden, daß die Komtesse Thurn ein entzückendes
-Frauenzimmerl ist!“
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-„Nun ist’s aber genug der Schmeichelei! Ein Mischmasch-Komtessel bin
-ich, halb deutsch, halb welsch!“
-
-„Oh, ich bin sehr für den Mischmasch! Besonders, wenn das
-Mischmasch-Komtessel so himmlisch nett und lieb ist! -- Holla! Dort
-wimmelt Mama spazoren, und zwar ausnahmsweise allein! Der Fall ist
-günstig! He, Kutscher, halten!“
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-Isotta wehrte sich vergeblich. Sie mußte raus und mit Emil der Fürstin
-entgegengehen, die nicht wenig staunte, den Sohn mit einer eleganten
-jungen Dame anmarschieren zu sehen.
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-Auf Distanz von zwölf Schritt rief Emil lebhaft: „Mama, Mama! Denk dir,
-ich habe Komtesse Thurn unterwegs aufgegabelt! Sie wollte den Papa
-überraschen, das ist ihr aber mißglückt, denn Graf Thurn ist abwesend!“
-
-Durch diesen Zuruf schwand das Befremden sofort; jetzt angenehm
-berührt, kam Fürstin Sophie mit raschen Schritten heran, und freudig
-begrüßte sie die Tochter des alten Hausmarschalls. Mama genehmigte auch
-alle Vorschläge Emils wegen des Quartiers im Jagdschlößl, vorbehaltlich
-der Zustimmung Thurns.
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-Emil strahlte vor Freude. Und übermütig erzählte er, daß Komtesse sich
-weigerte, daß er aber befohlen habe, Quartier im Schlößl zu nehmen.
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-Mit feiner Ironie sprach die Mama: „Der Prinz Schwarzenstein kann
-gegebenenfalls dem Hausmarschall Befehle erteilen, niemals aber dessen
-Tochter. Ich bitte Komtesse, bei uns zu bleiben als lieber Gast! Und
-nun wollen wir heimkehren!“
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-Emil schickte den Wagen mit dem Gepäck voraus. Auf dem Wege zur Villa
-mußte er den stummen Begleiter spielen, denn Mama sprach ausschließlich
-mit Komtesse Isotta.
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-In böse Verlegenheit brachte ihn die Frage der Fürstin, wo er die
-Komtesse aufgegabelt habe. „Meines Wissens hast du doch die Komtesse
-bisher nie gesehen!“
-
-Rasch gefaßt, antwortete Isotta an Emils Stelle, daß sie im
-Bahnhofe Admont den ihr unbekannten Prinzen um Auskunft über eine
-Fahrgelegenheit zum Forsthause Hall gebeten und sich hernach als
-Tochter des Hausmarschalls vorgestellt habe. Worauf Prinz Emil
-mitgefahren sei.
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-„Ach so!“ Mit einigem Mißtrauen fragte die Fürstin den Sohn: „Was
-hattest denn du auf dem Bahnhof zu tun? Noch dazu zur Zeit, da wir
-speisen?“
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-„Verzeihung, Mama! Ich konnte nicht rechtzeitig um Dispens vom Lunch
-bitten! Auf dem Bahnhof wollte ich Pater Wilfrid erwarten, der aber
-nicht kam! Ein Glück, daß ich anwesend war, der Komtesse behilflich
-sein konnte!“
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-Zwei Blicke des Einverständnisses der jungen Leute kreuzten sich.
-Optische Warnungen vor Verplapperung. Besonders Isottas Blick mahnte
-zur Vorsicht.
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-Wonne und Glückseligkeit empfand Emil, daß die Komtesse sich so tapfer
-auf seine Seite stellte und so brillant lügen konnte, um das Geheimnis
-der Bekanntschaft zu wahren. Ein schneidiges Mädel, höchst sympathisch,
-nett zum Anbeißen! Dazu Gräfin, also...
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-Als Quartier bekam Komtesse Thurn ein Zimmer ähnlich dem
-Hoffräuleingemache, klein, doch zweckentsprechend eingerichtet. Die
-Räumlichkeiten waren im Jagdschlößl beschränkt, nur für Jagdgäste zu
-kurzem Aufenthalt bemessen.
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-Die Fürstin machte Isotta mit der Hausordnung bekannt, stellte Fräulein
-von Gussitsch vor und beauftragte die Dienerschaft, dem Gaste alle
-Aufmerksamkeit zu widmen. Alle Liebenswürdigkeit konnte jedoch die
-Komtesse darüber nicht täuschen, daß die Fürstin irgendein Mißtrauen
-hegte. Auch fiel es Isotta auf, wie scharf die Mama den Sohn bei Tisch
-überwachte.
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-Davon merkte Emil anscheinend nichts, er gab sich keine Mühe, die
-Freude über die Anwesenheit der ihm höchst sympathischen Komtesse zu
-verbergen, und widmete ihr seine Aufmerksamkeit. Ohne Übertreibung,
-ohne Draufgängerei. Freilich glänzten seine Augen seltsam.
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-Die Hofdame war bei Tisch nur Staffage, es hatte Martina reichlich
-Gelegenheit zu stillen Beobachtungen, und sie war sich sehr rasch
-darüber klar, daß Prinz Emil jetzt ernstlich Feuer gefangen habe, und
-daß die Fürstin die Situation erfaßte und keineswegs einverstanden
-war. Das Abschwenken Emils konnte Martina nur willkommen sein, die
-Ignorierung ihrer Person verbürgte Ruhe. Aber neugierig war Martina
-doch auf die Entwicklung der fühlbar gespannten Situation.
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-Auffällig war, daß die Fürstin sich nach dem abendlichen Diner nicht
-wie üblich zurückzog, sondern im Speisezimmer blieb und Martina um
-etwas Musik bat. Fräulein von Gussitsch mußte das im Empfangssalon
-stehende Pianino bearbeiten, vermutlich nur zum Zwecke, daß Prinz Emil
-der Komtesse nicht die Cour schneiden konnte und zur Schweigsamkeit
-gezwungen war. Eine lange Stunde hindurch mußte Martina Musik machen.
-Dann wurde kurz dafür gedankt und Schluß befohlen. Kurzer Abschied,
-rascher Rückzug.
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-Auf seiner Bude konnte Emil sich mopsen nach Belieben. Auch das schöne
-Liedchen summen: „Du bist mir nah und doch so fern.“ Wie sehr er sich
-für Isotta interessierte, bewies die Tatsache, daß für diesen Abend
-kein Schlummerpunsch in sein Kämmerlein kam, das verliebte Prinzlein
-völlig nüchtern in die Federn kroch und langmächtig und wahrhaftig
-maikäferte.
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-Mehrere Enttäuschungen brachte der nächste Tag für Emil. Nicht für
-ein Viertelstündchen war es möglich, mit Komtesse Isotta ohne Zeugen
-zu sprechen; Mama belegte sie ständig, ging mit ihr spazieren,
-beschäftigte sie fortwährend, bis es Zeit wurde, für den Grafen Thurn
-den Wagen zum Admonter Bahnhof zu senden. Isotta wurde es freigestellt,
-den Papa abzuholen, und für diesen Fall war Fräulein von Gussitsch zur
-Begleitung befohlen. Wie dies Emil hörte, verzichtete er sofort auf die
-Mitfahrt.
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-Die Komtesse hingegen wollte um die Erlaubnis bitten, Papa im
-Forsthause erwarten zu dürfen, fügte sich aber der Anordnung und fuhr
-mit Martina weg.
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-Zwei Stunden später kam Fräulein von Gussitsch allein zurück und
-meldete der Fürstin dienstlich, daß Graf Thurn vorerst mit seiner
-Tochter im Forsthause eine Aussprache pflegen wolle und sodann ins
-Jagdschlößl kommen werde, um wegen der unangenehmen Überraschung
-Durchlaucht untertänigst um Entschuldigung zu bitten.
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-Fürstin Sophie nickte nur. Und das Lächeln einer gewissen Befriedigung
-huschte über ihre Lippen. Sie schien die Handlungsweise des allzeit
-streng korrekten Hofchefs erwartet zu haben.
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-In der Wohnung Thurns entlud sich ein böses Ungewitter über das
-schöne Töchterlein. Graf Thurn rüffelte Isotta wegen der leichtsinnig
-unternommenen Soloreise, ganz besonders aber ob der schweren
-Belästigung der Fürstin durch die geradezu unverschämte Einquartierung
-in das Schlößl.
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-Isotta wehrte sich mit dem Hinweise, daß man sie ja genötigt habe,
-Quartier im Jagdschlößl zu nehmen.
-
-„Ach was! Wenn man überraschend kommt und einem ins Haus plumpst,
-bleibt den hohen Herrschaften nichts anderes übrig, als gute Miene
-zum bösen Spiel zu machen und den Eindringling willkommen zu heißen!
-Traurig genug, daß die Tochter des Hofchefs nicht soviel Lebensart hat,
-um einen skandalösen Überfall zu vermeiden!“
-
-„Aber, Papa! Ich versichere dir, daß ich gezwungen worden bin!“
-
-„Wer hat dich gezwungen?“
-
-„Prinz Emil!“
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-Die Stirne runzelnd rief Graf Thurn: „Unmöglich! Den Prinzen kennst du
-ja gar nicht! Wie kann Prinz Emil dazu kommen, dich einzuladen!“
-
-Der Ärger über den Rüffel verleitete Isotta zu einer unvorsichtigen
-Beichte, wie sie den netten und liebenswürdigen Prinzen kennengelernt
-hatte, ganz zufällig, und dann selbstverständlich mit ihm zum
-Forsthause gefahren sei. Und hierauf habe der Prinz sie der zufällig
-auf einem Spaziergange herbeigekommenen Fürstin vorgestellt.
-
-Jetzt rügte Thurn das Gebaren der Tochter erst recht scharf und als
-skandalöse Aufdringlichkeit. Nicht weniger die empörenden Mängel der
-Schulerziehung. Wenn schon nicht Verstand und Vernunft, so doch das
-weibliche Gefühl hätte derlei Taktlosigkeiten verhindern müssen.
-Unerhört, wie sich eine Komtesse Thurn dem Prinzen geradezu an den Hals
-werfen konnte. Blamiert bis auf die Knochen sei der Hofchef und Vater.
-Und was die Fürstin sich denken werde! „Dein Verhalten zwingt mich,
-die Konsequenzen zu ziehen! Die erste Folge ist, daß ich um sofortigen
-Urlaub bitten werde, um dich morgen zu Verwandten nach Mailand zu
-bringen! Zum zweiten bin ich genötigt, meine Entlassung zu erbitten!
-Das Schlößl betrittst du nicht mehr! Du nächtigst bei mir! Dein Gepäck
-werde ich holen lassen! So, und nun hast du Zimmerarrest! Ich gehe
-indessen zur Fürstin!“ Kurz entschlossen sperrte Graf Thurn die Tochter
-im Zimmer ein und steckte den Schlüssel zu sich. Und eilig ging er zum
-Jagdschlößl.
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-In außerordentlicher Audienz stimmte Fürstin Sophie zu, daß Graf Thurn
-Urlaub nach Italien nehme, die Bitte um Entlassung hingegen lehnte sie
-ab, weil kein Grund dazu vorhanden sei. Und leisen Tones fügte sie
-hinzu: „Es liegt auch nicht alle Schuld auf der anderen Seite! Mein
-Sohn dürfte ebenfalls -- hm -- inkorrekt vorgegangen sein, er wird
-seine Strafe schon noch bekommen! Jedenfalls ist Ihre und der Komtesse
-Abreise wünschenswert! Der Wagen für morgen früh steht zur Verfügung,
-wollen Sie selbst den Kutscher verständigen! Norbert soll das Gepäck
-der Komtesse nach dem Forsthause bringen! Gute Reise, lieber Graf!“
-
-„Untertänigsten Dank, Durchlaucht!“
-
-„Nehmen Sie die Sache nicht zu schwer! Trübe Stunden bleiben den
-Eltern nie erspart, weder in der Hütte noch in einem Palast! Und die
-sorgsamste Erziehung schützt nicht vor dummen Streichen der mündig,
-aber nicht reif gewordenen Kinder! Adieu, lieber Graf! Wir bleiben in
-Freundschaft die alten!“
-
-Ein Handkuß, dann verließ Thurn mit zusammengepreßten Lippen das
-Wohngemach.
-
-Ahnungslos von alledem stand Emil, mit Martina plaudernd, im
-Speisesaale, auf Mama und Komtesse Isotta wartend. Und angelegentlich
-hatte sich Prinz Emil erkundigt, wo denn eigentlich die gräfliche
-Familie Thurn ihren Hauptsitz habe.
-
-Des Umstandes froh, daß der Prinz ein verhältnismäßig harmloses
-Thema berührte, gab Martina Auskunft, soviel sie konnte, dahin, daß
-die Thurn-Valsassina de Villalta und Spessa von einem Napoleone
-della Torre, Signore di Milano abstammen und um die Mitte des 16.
-Jahrhunderts Reichsgrafen wurden.
-
-„Also wird Mailand der Wohnort der Familie sein?“ meinte Emil.
-
-„Das kann stimmen!“
-
-Der Eintritt der Fürstin beendigte das Gespräch.
-
-Die Mitteilung Mamas, daß die Thurns am Diner nicht teilnehmen, da der
-Graf sehr ermüdet sei, überraschte Emil. Aber er wagte keine Bemerkung.
-
-
-
-
-Dreizehntes Kapitel
-
-
-Schon zum Frühstück erfuhr Emil von Norbert die Neuigkeit, daß die
-Komtesse gar nicht im Jagdschlößl genächtigt habe und mit Papa in aller
-Frühe abgereist sei. „Überraschend gekommen, überraschend gegangen!
-Schade, so hübsch die Komtesse und so lustig! Was es da nur gegeben
-haben mag? Diesmal weiß ich weniger wie nichts!“
-
-Mit einem wahrhaftigen Schafblick guckte Emil den alten Kammerdiener
-an, bestürzt, fassungslos.
-
-Norbert war längst gegangen, doch konnte Emil noch immer nicht
-begreifen, was diese verblüffende Abreise veranlaßt haben konnte. Wie
-auf den Kopf geschlagen fühlte sich der Prinz, denkunfähig, betäubt,
-niedergeschmettert. Körperliche und seelische Schmerzen, das bittere
-Gefühl eines furchtbaren Verlustes, eine gähnende Leere. Gewichen ein
-großes Glück, erstorben jegliche Lebensfreude. Mählich aber reifte
-der Entschluß, alles zu wagen, um nach Möglichkeit das mit Isotta
-verknüpfte Lebensglück doch noch zu erringen. Wenn nötig, mit Kampf und
-Gewalt.
-
-Emil fühlte mit dem Erstarken der Energie, im Zittern um sein
-Lebensglück, daß es nun mit jeder Gängelei des verhätschelten
-Muttersöhnchens vorbei sein müsse, daß es zugreifen heißt und Krieg
-geführt werden muß. Krieg gegen Mama, die zweifellos mitgeholfen,
-den Grafen Thurn bestimmt hat, seine Tochter wegzubringen. Krieg
-aber auch gegen Papa Thurn, dem Emil von Schwarzenstein die Tochter
-Isotta abringen muß. Wo aber die Thurns finden? Die Antwort auf
-diese selbstgestellte Frage gab die Erinnerung an die Auskunft des
-Hoffräuleins, daß die Thurns aus Mailand stammen, also dort irgendwo
-begütert sein werden. Demnach wird man in der Gegend von Mailand nach
-Thurns Verwandtschaft und Besitzungen zu suchen haben.
-
-Einmal soweit entschlossen, richtete Emil sein Augenmerk auf die
-Hauptsache: Geld zum Kriegführen.
-
-Der Versuch des Prinzen, vom Oberförster Hartlieb aus der Jagdamtskasse
-eine Summe zu erhalten, hatte ein klägliches Resultat: gegen Quittung
-erhielt Emil den für seine Zwecke lumpigen Betrag von hundert Kronen.
-
-In dieser Not stellte sich der Gedanke an Pater Wilfrid ein. Den
-liebenswürdigen Benediktiner als Pumpquelle hatte Emil ja schon einmal
-ins Auge genommen, die Ankunft und kurze Anwesenheit Isottas aber die
-Ausführung des Pumpversuches vereitelt.
-
-Um jedes Aufsehen zu vermeiden, verzichtete der Prinz auf den Wagen,
-wie ein Dieb schlich er davon und eilte nach Admont. Und glücklich traf
-er den Pater, Gastmeister und Pfarrer in der Zelle des Stiftes an.
-
-Emil platzte heraus: „Gott sei Dank, daß ich Sie noch rechtzeitig
-erwischt habe! Ich muß nämlich in dringendster Angelegenheit verreisen,
--- Ehrensache -- habe aber zuwenig Moneten! Darf Mama nicht behelligen,
-ansonsten kommt sie mir zu früh auf gewisse Schliche! In dieser
-Verlegenheit muß mir unser lieber Hofpfarrer aushelfen! Ich rufe also
-in Not und Verlegenheit: hilf, heiliger Wilfrid!“
-
-Freundlich bot er Emil fünfhundert Kronen an. „Wenn Durchlaucht damit
-gedient ist!“
-
-„Oh, sehr angenehm! Hochwürden verpflichten mich zu besonderem
-Danke! Meine Situation ist derart mißlich, daß sie mich zwingt, Ihr
-liebenswürdiges Angebot anzunehmen wider bessere Einsicht, gegen
-Anstand und Sitte! Heillos unangenehme Situation! Verzeihen Sie meine
-Ungezogenheit, entschuldigen Sie in Gnaden meine Frechheit! Sie wissen
-ja: in der Not frißt der Teufel Fliegen! Der Prinz von Schwarzenstein
-auch! Also helfen Sie mir mit den fünfhundert Kronen aus der Not! Ich
-muß sie haben! Wegen Zinsen und Rückzahlung...“
-
-„Bitte, jedes weitere Wort ist überflüssig! _Ecco!_“ Damit gab
-Wilfrid dem Prinzen die Scheine, die Emil sofort in der Westentasche
-verschwinden ließ.
-
-„Vergelt’s Gott vieltausendmal für diese Hilfe in der Not!“ Mit einem
-kräftigen Händedruck verabschiedete sich der Prinz vom gefälligen
-Priester.
-
-Ohne das geringste Gepäck fuhr Emil mit dem Mittagszuge von Admont nach
-Selztal, wo er den Schnellzug nach dem Süden benutzte. Und in Udine
-gab er ein Telegramm an Mama auf des Inhaltes, daß er genötigt sei, in
-dringender Angelegenheit für einige Zeit zu verreisen.
-
-Die Bestürzung und Angst über Emils Verschwinden wurde durch diese
-Depesche beseitigt, nicht aber die Sorge vor bösen Komplikationen. Aus
-dem Aufgabeorte Udine konnte die Fürstin unschwer erraten, welcher
-Art die dringende Angelegenheit sein werde. Wenngleich nun nicht zu
-befürchten stand, daß Graf Thurn, falls ihn Emil findet, je die
-Hand zu Dummheiten bieten wird, die Fürstin fühlte sich beunruhigt,
-sie bangte um den Sohn, der ohne jede Begleitung, ohne Schutz, ohne
-größeres Gepäck und gänzlich mittellos in Italien weilte. Mama sah
-in Emil immer noch und nur das Mutterbubi, jetzt hilflos allen
-Fährlichkeiten der Welt preisgegeben; daher die Angst, das Entsetzen,
-daß dem verhätschelten Liebling, dem so lange gegängelten Herzensbubi
-Unheil zustoßen könnte und werde. Daß Emil längst „erwacht“ war,
-vergaß die Mutter, sie dachte auch nicht daran, wie sehr sie gewünscht
-und ersehnt hatte, es möge der Sohn eine -- stahlharte Energie sich
-erringen. Auf Tatkraft und Schneid deutete dieser Sprung in die Welt,
-doch dies vermochte die Fürstin nicht zu erkennen. Der Liebling hilflos
-im Welschland! Diese entsetzliche Tatsache peinigte die Mutter um so
-mehr, als sie außerstande war, dem Sohne Geld zu senden, da seine
-Adresse unbekannt war. In diesen Stunden der Angst und Sorge war die
-Fürstin bereit, Tausende zu opfern, um nur den Liebling schleunigst
-wieder zu erhalten. Sie dachte auch daran, dem Grafen Thurn nach
-Mailand Geld für Emil zu senden. Aber der Gedanke wurde verworfen, aus
-triftigen Gründen. Reiche Geldmittel würden dem Sohne sicher den Nacken
-steifen, „Bubi“ veranlassen, erst recht in Italien zu bleiben und dumme
-Streiche zu machen. Viel besser wird es sein, den Jungen zappeln und
-mürbe werden zu lassen. Die Not wird ihm die Liebes- und Heiratsmucken
-schon austreiben.
-
-Aber der Gedanke, daß Emil Not leiden müsse, vielleicht obdachlos
-sei, als Landstreicher aufgegriffen, als Schwindler an die Grenze
-abgeschoben und der Polizei übergeben werde, verursachte eine
-Aufregung und Angst, die die Fürstin nahezu krank machte. Dazu die
-Unmöglichkeit, mit Fräulein von Gussitsch über diesen Streich des
-Sohnes zu sprechen. Unmöglich! Trotz des Bedürfnisses, sich die Angst
-von der schwer bedrückten Seele zu sprechen. Die Sorgen hinunterwürgen,
-totschweigen den neuen Skandal.
-
-In ihrem Jammer ließ die Fürstin tags darauf den Pater Wilfrid zu sich
-bitten. Dem Priester vertraute sie ihr Leid an: das Verschwinden des
-Sohnes, die Befürchtung, daß Emil versuchen werde, dem Grafen Thurn
-die Erlaubnis zur Verlobung mit Komtesse Isotta abzutrotzen oder
-abzuschmeicheln. Dabei ließ die Fürstin durchleuchten, daß für einen
-Prinzen die Heirat einer Grafentochter als wenig standesgemäß nicht in
-Betracht kommen könne. Trotz aller Herzensnot doch Hochmut...
-
-Pater Wilfrid war nicht wenig überrascht von diesen Mitteilungen. Nun
-wußte er doch, wozu der Prinz das gepumpte Geld benötigte. Von einer
-Ehrensache hatte der Schlingel geflunkert! Von der Tatsache, daß
-der Hofpfarrer selbst mit seinem Gelde Emil den Sprung in die Welt
-ermöglichte, darf die Fürstin natürlich kein Sterbenswörtchen erfahren.
-Dieses Geheimnis muß Wilfrid peinlichst bewahren.
-
-„Helfen Sie mir doch, Hochwürden! Raten Sie mir, was soll ich tun! Die
-Situation ist ja gräßlich!“
-
-Wilfrid suchte sich aus der Verlegenheit zu ziehen, indem er vorschlug,
-es möge Durchlaucht an den Grafen Thurn nach Mailand oder wo er sonst
-Aufenthalt nehmen könnte, die telegraphische Bitte richten, mit der
-Tochter rasch eine große Reise, vielleicht über See, anzutreten.
-„Ist das Schiff mit Thurn an Bord abgegangen, bevor Prinz Emil die
-betreffende Hafenstadt erreichte, so wird er die zwecklose Suche wohl
-bald aufgeben und mangels Reisegeld reumütig heimkehren! Meine ich
-unmaßgeblichst!“
-
-Sofort ging die Fürstin darauf ein. Sie schrieb drei Depeschen und
-bat Pater Wilfrid, diese mitzunehmen und in Admont aufzugeben. „_Col
-tempo presto! Subito!_“ Die Fürstin ließ anspannen, den geistlichen
-Vertrauensmann zu Wagen nach Admont bringen, um Zeit zu gewinnen. Und
-so sehr drängte sie zur Eile, daß Pater Wilfrid selber zappelig wurde.
-Unterwegs erst fiel ihm ein, daß die Fürstin völlig vergessen hatte,
-ihm Geld zur Zahlung der Telegrammgebühren zu behändigen. Wilfrid pfiff
-leise durch die Zähne und dachte sich allerlei über die Mucken des
-Hofdienstes...
-
- *
-
-Mit einiger Verspätung war die Kunde vom Verschwinden des Prinzen Emil
-auch in das stille Forsthaus, in die Kanzlei Hartliebs, gedrungen,
-und zwar durch Frau Gnugesser, die den Oberförster mit der Frage
-überraschte, ob er schon wisse, daß der Prinz plötzlich „durchgegangen“
-sei. Das jähe Entsetzen ob dieser Schreckensnachricht hatte Ambros ein
-einziges Wort abgepreßt: „Allein?“
-
-Auf diese kurze Frage hatte Frau Amanda lachend mit einer Gegenfrage
-geantwortet: „Mit wem hätte denn der Prinz durchbrennen sollen?“
-
-Worauf Hartlieb mit flammendem Antlitz fluchtähnlich die Treppe
-hinaufgestürmt war, um von seinem Seelenzustande nicht noch mehr zu
-verraten. Allein mußte er sein mit seinen Gedanken und Gefühlen, mit
-der überquellenden Freude... Fort der Prinz, ohne Begleitung. Demnach
-mußte sich Martina hier befinden, also kann es nicht wahr sein, daß
-Prinz Emil sich mit dem Hoffräulein verlobt habe. Was die Kammerfrau
-Hildegard mitteilte, war nichts als Tratsch.
-
-Und ist Martina frei, dann kann Ambros es wagen, um ihre Hand zu
-bitten...! Darf er aber auf die Zustimmung hoffen? Und kann ein
-Ehebund geschlossen werden im jetzigen Dienstverhältnisse? Ist die
-Stellung des Oberförsters so fest gegründet, daß der Oberbeamte
-heiraten kann? Freie Hand in Dienstangelegenheiten hat man ihm wieder
-gegeben, den Oberbeamten in seine Rechte eingesetzt. Wie wird sich
-jedoch die Zukunft gestalten, wenn infolge der Flucht des Prinzen die
-Fürstin das Haller Jagdgut verkauft? Ihr wird der Besitz verleidet
-sein! Ein besonderes Interesse an Jagd und Wild ist ohnehin nicht
-vorhanden! Überdruß und schlechte Laune können sie sehr leicht und
-rasch veranlassen, die Besitzung abzustoßen, wegzugeben selbst mit
-bedeutendem Verlust!
-
-Wird ein neuer Eigentümer die Beamten im Dienst übernehmen, dem
-Oberförster die Heirat gestatten?
-
-Diese schwer auf die Seele drückenden Fragen machten Ambros kleinlaut,
-die Sorge vor der Zukunft nagte, biß die Hoffnungen tot. Nur eines
-konnte die Sorge nicht vernichten: das Bewußtsein der Tüchtigkeit des
-Beamten im Berufe. Dieses Bewußtsein hielt aufrecht, gab Mut und neue
-Hoffnung. Wie eine Erleuchtung kam es über Hartlieb, ein heller und
-kluger Gedanke: Tu, wozu das Herz dich antreibt! Übernommen wird der
-Oberbeamte sicher, und ist er bereits verheiratet, so braucht er nicht
-erst um den Ehekonsens zu bitten!
-
-Optimist, ein Hellseher, ein sonniger Mensch wurde Ambros in dieser
-Stunde, zum mindesten hatte er die Sonne froher Hoffnung jetzt in der
-Brust. Und dieses Leuchten in der Seele konnten die Nebelschwaden in
-Berg und Wald nicht verschleiern, nicht verlöschen.
-
-So entschloß sich denn Hartlieb zum Gang in das Schlößl. Mit
-Mustela-Martina wollte er sprechen, um ihre Hand bitten.
-
-Da klopfte es, und der Forstwart Gnugesser schob sein Bäuchlein
-in die Kanzlei. Dienstliche Runzeln statt des üblichen Lächelns
-der Gutmütigkeit auf der Stirne. Kläglich klangen seine Worte, der
-Bericht, daß der Holzhändler mehr als vereinbart geschlägert und die
-Plätzzeichen der Grenzbäume herausgehauen habe. Gnugesser wollte
-wissen, was er in diesem Falle tun und wie er dienstlich gegen diesen
-Betrug vorgehen solle.
-
-Der ernste, pflichttreue Oberförster zeigte sich wohl zum ersten Male
-im Dienstesleben ungeduldig, fast ungehalten über die Störung; zappelig
-und rasch rief er: „Sofort Anzeige bei der Gendarmerie erstatten!
-Beseitigung der Plätzzeichen an Grenzbäumen ist Urkundenfälschung!
-Veranlassen Sie das Weitere in eigener Kompetenz! Ich habe keine Zeit!
-Adieu!“ Und er stürmte aus der Kanzlei, ehe der überraschte Forstwart
-auch nur ein weiteres Wort über die bebuschten Lippen bringen konnte.
-Langsam stapfte Beni die Treppe hinunter. Und schwer wälzte er die
-Gedanken durch den Kopf, daß Waldbäume Urkunden sein können. Doch
-mählich begriff er, was Hartlieb mit dem fremd klingenden Ausspruch
-sagen wollte.
-
-Im Jagdschlößl wimmelte alles durcheinander wie in einem Ameisenhaufen;
-ein emsiges Packen von Koffern, Handtaschen, Hutschachteln. Weder
-Hildegard noch Norbert hatten für den Oberförster Zeit, sosehr
-beschäftigt waren sie mit den Vorbereitungen zur Abreise. Nur sehr
-flüchtig in wenigen Worten gab der alte Kammerdiener Auskunft, daß
-plötzlich der Befehl zur Reise nach Italien erteilt worden sei. Ein
-jäher Schreck fiel Hartlieb in das klopfende Herz. Wird Martina die
-Gebieterin begleiten? Werden die Damen zurückkehren?
-
-Während Ambros überdachte, wie er sich verhalten solle, wollte die
-Hofköchin an ihm vorbeihuschen. Rasch fing er die üppige Restituta ab,
-hielt die aufschreiende tugendsame Maid mit eisernem Griffe fest und
-bat sie, ihn zum Hoffräulein zu führen, das er dienstlich sprechen
-müsse. Zwar blickte Restituta ihn sehr mißtrauisch an, doch der Hinweis
-auf den Dienst veranlaßte sie doch, den Förster in das obere Stockwerk
-zu führen und ihn bei Fräulein von Gussitsch anzumelden.
-
-Auch Martina war mit dem Kofferpacken beschäftigt; sie guckte sehr
-überrascht, als Hartlieb mit fast ängstlicher Miene an der Türe stand
-und flehentliche Blicke auf sie richtete.
-
-Vom großen Reisekoffer wegtretend, ging Martina dem Oberförster
-entgegen, reichte ihm die Hand und bat Platz zu nehmen. „Womit kann
-ich dienen? Wie Sie sehen, sind wir eifrig mit den Vorbereitungen zur
-Abreise beschäftigt!“
-
-„Verzeihung, daß ich störe! Aber es muß sein! Ich kann gnädiges
-Fräulein nicht abreisen lassen...“ Hartlieb hielt inne und blickte
-Martina bittend an.
-
-Erglühend erwiderte sie: „Sie können mich nicht abreisen lassen?
-Weshalb? Ich muß aber laut Befehl die Fürstin begleiten!“
-
-„Ja! Sie müssen laut Befehl!“ Wie ein schwaches Echo klangen Hartliebs
-Worte, heiser, wehmütig, angsterfüllt. Fahl war sein Gesicht, eine
-rührende Bitte lag in seinen Augen.
-
-„Sie haben vermutlich vernommen, daß wir abreisen, und Sie wollen wohl
-Abschied nehmen?“
-
-„Ja und nein! Verzeihung, es fällt mir so schwer, zu sprechen! Aber es
-muß sein! Die jähe Abreise...! Werden Sie denn hierher zurückkehren?
-Und wann? Und was hat denn diese plötzliche Abreise zu bedeuten?“
-
-„Viel Fragen, Herr Oberförster! Und nicht eine einzige kann ich
-beantworten!“
-
-„Vielleicht doch die Frage -- nein, ich will nicht fragen, ich weiß ja,
-daß es nur ein leeres Gerücht war! Aber unglücklich hat es mich doch
-gemacht und schweres Leid gebracht! Bitte, bitte inständig, fahren Sie
-nicht nach Italien, wenn -- etwa der Prinz dort unten sein sollte...!“
-Ambros brach ab und würgte die anderen Worte hinunter.
-
-Martina erriet, was Hartlieb sagen wollte und nicht aussprechen konnte.
-Und für sie bestand nun kein Zweifel mehr, daß Ambros, der liebe,
-ernste, eckige Waldmensch, ihr in ehrlicher Liebe zugetan ist. Ihn
-darf sie nicht länger leiden lassen, ihm muß sie durch ein kleines
-Entgegenkommen die Aussprache erleichtern, sozusagen die Zunge lösen.
-Und das rasch, denn die Zeit drängt... Wie aber entgegenkommen, ohne
-sich etwas zu vergeben?
-
-Ambros stöhnte: „Der Prinz...!“
-
-„Beruhigen Sie sich, lieber Herr Hartlieb! Es ist nur Strohfeuer
-gewesen, ein kleiner Brand, der rasch verlöschte; freilich hatte er
-auch mir viel Leid gebracht! Jetzt brennt es gefährlicher, doch dieser
-Brand hat uns nichts zu kümmern!“
-
-„Uns?“ Jubelnd wiederholte Ambros dieses Wörtchen. Und nun fand er Mut
-und Worte, um zu sagen, daß er Fräulein von Gussitsch längst liebe und
-verehre. „Nur die Werbung konnte ich nicht wagen! Die Verhältnisse
-sind auch jetzt nicht günstig, aber die bevorstehende Abreise, die
-Ungewißheit, ob Sie wieder zurückkommen werden, die Möglichkeit, daß
-die Besitzung verkauft wird, die Angst, Sie zu verlieren, all das
-zusammen zwingt mich zur innigen Bitte: Erhöre mich, Martina, und
-werde in Gnaden meine Frau! Viel kann ich freilich nicht bieten, nur
-ein Leben in der Bergeinsamkeit, aber ehrliche Liebe und Treue und
-Dankbarkeit! Nimm vorlieb mit dem Wenigen und mit dem verwilderten
-Waldmenschen...!“
-
-„Still!“ lispelte hold erglühend Martina und schloß mit dem
-Patschhändchen den Mund Hartliebs.
-
-Ambros küßte das Händchen, zog Martina an sich und bettelte wie ein
-schüchterner Junge um das Jawort.
-
-Martina aber bot dem geliebten Manne die Lippen zum Verlobungskusse.
-
-Heftiges Klopfen an der Tür schreckte das Paar auseinander. Hildegard
-trat ein und meldete, daß Fräulein von Gussitsch sofort zur Fürstin
-kommen solle. Grünlich schillerten die Augen der Kammerfrau,
-Schlangenblicke trafen Martina und Ambros, ein böses Lächeln umspielte
-Hildegards Lippen. Eine böse Bemerkung wagte sie aber doch nicht
-auszusprechen.
-
-Um jedoch gehässigen Verdächtigungen schlankweg ein Ende zu machen,
-erklärte Martina tapfer, daß sie sich soeben mit Herrn Oberförster
-Hartlieb verlobt habe.
-
-„Untertänigsten Glückwunsch!“ lispelte Hildegard mit anzüglichem
-Hüsteln. Und in schlecht verhehlter Wut huschte sie aus dem Zimmer.
-
-„Nun aber fort, Geliebter! Hier darf ich dich nicht länger behalten!
-Bleib in Nähe des Schlößls, etwa gedeckt am Waldesrand, vielleicht
-können wir uns noch sprechen!“
-
-Gehorsam entfernte sich Ambros. Glück und Seligkeit verklärten sein
-Antlitz.
-
-Martina trat in das Zimmer der Fürstin. „Durchlaucht haben befohlen...!“
-
-In großer Erregung schritt Sophie auf und ab und hielt zwei Depeschen
-in der rechten Hand. Bei jeder Bewegung knisterte das Papier. Schwer
-atmend sprach die Fürstin, mühsam nach einem Entschlusse ringend: „Die
-Reise werden wir absagen müssen, wir würden ja doch zu spät kommen...!
-Sorgen Sie dafür, daß Pater Wilfrid unverzüglich hierherkommt, ich
-muß ihn sprechen in dringender Angelegenheit! Fahren Sie, bitte, nach
-Admont und bringen Sie mir den Pfarrer, unverzüglich, so rasch als
-möglich!“
-
-„Zu Befehl, Durchlaucht!“ sprach Martina und wandte sich zum Gehen.
-Und wies den Gedanken zurück, der schmerzerfüllten Gebieterin jetzt
-Mitteilungen persönlicher Art zu machen.
-
-Die Fürstin holte tief Atem. „Noch einen Augenblick, liebe Gussitsch!
-Sie müssen ja doch wissen, um was es sich handelt! Der Kummer will
-nicht enden in meinem Hause! Ein Sorgenkind ist mein Sohn! Erst die
-unglückselige Affäre Emils mit -- meiner Hofdame, dann die Flucht,
-und jetzt teilt mir mein Sohn mit, daß er sich mit Komtesse Isotta
-Thurn gegen den Willen des Vaters verlobt habe! Emil erbittet meine
-Zustimmung, Graf Thurn hingegen bittet um sofortige Entlassung! Herr
-des Himmels, was soll ich tun in dieser Situation! Es ist mir peinlich,
-den Pater Wilfrid belästigen zu müssen, aber ich benötige seinen Rat!
-Was denken Sie, liebe Martina, über den schmerzlichen Fall, über Emils
-unbegreifliches Verhalten und Vorgehen? Bitte, sagen Sie offen Ihre
-ehrliche Meinung!“
-
-Martina zögerte.
-
-Doch die Fürstin bat flehentlich in ihrer Bedrängnis. „Vielleicht,
-nein: gewiß findet der Frauensinn, das weibliche Empfinden den
-richtigen Weg besser als jeder Mann! Ich bitte Sie, liebe Martina,
-herzlich um Bekanntgabe Ihrer Auffassung!“
-
-Nun mußte das Hoffräulein wohl oder übel der Bitte, die einem Befehl
-glich, nachkommen. Martina machte aufmerksam, daß es sich nun um eine
-ernste Angelegenheit handle, daß eine Verweigerung der erbetenen
-Zustimmung den energisch gewordenen Prinzen auf einen Weg drängen
-werde, der zu einer gewalttätigen Durchsetzung seines Willens führt.
-„Nach meiner allerdings unmaßgeblichen Meinung scheint Prinz Emil fest
-entschlossen zu sein, die Komtesse Thurn zu ehelichen, auch gegen den
-Willen der Fürstinmutter und des Grafen Thurn! In diesem Entschlusse
-liegt die Gefahr einer kompromittierenden Gewalttat! Es zeugt von
-Liebe, daß Prinz Emil die Mama um Zustimmung bittet...!“
-
-Ächzend rief die Fürstin: „Die telegraphische Bitte kann aber ebensogut
-als eine Nötigung, als ein Ultimatum aufgefaßt werden!“
-
-„Allerdings! Unzweifelhaft ist Prinz Emil zum Äußersten entschlossen!
-Er wird seinen Willen unter allen Umständen durchsetzen! Wird die
-erbetene Zustimmung verweigert, so gestaltet sich die Situation erst
-recht mißlich, der Protest bleibt wirkungslos, ebenso eine etwaige
-Androhung der Enterbung!“
-
-„Emil besitzt ja keine Mittel, er kann doch gar nicht heiraten! Und
-die Komtesse muß doch so vernünftig sein, zu erkennen, daß diese
-unglückselige Heirat einem Sprung ins Dunkle, ins Elend gleichkommt!“
-
-„Verzeihung, Durchlaucht! Ein liebend Weib scheut diesen Sprung nicht,
-geht mit dem Geliebten vereint, so es sein muß, auch in den Tod!
-Prinz Emil und Komtesse Thurn lieben sich ehrlich und heiß, daher
-diese eiserne Entschlossenheit, dieser Mut, gegen alle Hindernisse
-anzukämpfen! -- Was die erwähnte momentane Mittellosigkeit anbelangt,
-so hat sie nicht viel zu bedeuten; ein Prinz Schwarzenstein wird rasch
-Geldgeber finden, Name und Rang verschaffen Kredit! Allerdings wird
-Prinz Emil auf diese Weise in Wuchererhände geraten, und die fürstliche
-Privatschatulle wird schwere Opfer bringen müssen, um den Prinzen aus
-den Wuchererhänden zu befreien! Was aber in der Brust des Prinzen
-verbleiben und wie ein Stachel wirken wird, das wird die Verbitterung,
-der Trotz, wenn nicht Haß sein! In dieser Erwägung dürfte es sich
-empfehlen, allen Komplikationen und Konsequenzen ein Ende zu machen
-durch Gewährung der Bitte...!“
-
-„Ich soll also zustimmend antworten?“ Fast tonlos und schwer seufzend
-sprach die Fürstin diese Worte.
-
-„Ja, Durchlaucht! Die Liebe der Mutter zum Sohne kann auch dieses Opfer
-bringen!“ sprach offen, in erquickender Ehrlichkeit Martina. Und hellen
-Tones fügte sie bei: „Was den Entschluß zur Opferdarbringung erschwert,
-ist lediglich der Gedanke, daß ein Ultimatum gestellt wurde! Jedes
-Ultimatum reizt zum Widerstande, weckt Entrüstung; besonders aufreizend
-wird ein Ultimatum dann sein, wenn es vom Kinde gegen die eigene
-Mutter gerichtet wird! In diesem Falle muß aber die Mutterliebe größer
-sein als die an sich berechtigte Entrüstung! Die Liebe kann alles,
-sie überwindet alles! Das Größte, das Heiligste ist die Mutterliebe,
-größer, heißer und opferwilliger als die Liebe des Weibes zum Manne,
-denn die Mutter liebte den Sohn ja schon von der Stunde an, da sie
-ihm das Leben gegeben! Können sich Durchlaucht zu dem großen Opfer
-aufraffen, der Lohn wird groß, schön und beseligend sein, denn die
-Mutter gewinnt die Liebe des Sohnes wieder, weckt die Dankbarkeit in
-der Kinderbrust, gewinnt eine dankbare Tochter dazu!“ Martina hatte
-sich warm gesprochen, Tränen liefen ihr über die Wangen.
-
-Die Fürstin schluchzte. In tiefer Bewegung reichte sie dem Hoffräulein
-die Hand, und weinend dankte sie für die Anteilnahme, für das
-Mitempfinden in schwerer Stunde. Martina küßte die Hand der seelisch
-erschütterten Frau.
-
-Und die Fürstin zog das tapfere Mädchen gleich einer Schwester an sich,
-legte den Arm um Martinas Nacken und lehnte das tränenfeuchte Antlitz
-an die Schulter der in dieser Viertelstunde zur Freundin gewordenen
-Hofdame. Und leise sprach die hohe Frau: „Ich habe den Sohn verloren,
-durch Sie kann ich ihn wiedererhalten! Drum will ich tun, was Sie
-mir raten!“ Langsam, zart und weich löste Sophie die Umarmung. Dann
-diktierte sie Martina zwei Depeschen, die Zustimmung zu Emils Verlobung
-mit Isotta und die Ablehnung der Bitte Thurns wegen der Demission.
-
-Während des Schreibens war Martina dem Heulen nahe, so mächtig wirkte
-das von der Mutterliebe gebrachte Opfer auf die eigene Seele. Dicke
-Zähren tropften auf das Papier. Und auch die Fürstin hatte viel an den
-Augen zu wischen. Doch ziemlich gefaßt bat sie dann, es möge Martina
-nach Admont fahren und die Depeschen als dringend aufgeben.
-
-Martina erhob sich, steckte die Telegramme ein und öffnete den kleinen
-Mund, so daß die Marderzähnchen blinkten. Wollte reden und wagte es
-nicht...
-
-Gütig und weich fragte Sophie: „Wollen Sie mir noch etwas sagen?“
-
-Jetzt war der wichtige Moment da, es muß gesprochen werden. Tapfer
-richtete sich das zierliche hübsche Fräulein auf, trippelte auf die
-Fürstin zu, küßte ihr demütig die Hand und bettelte innigen, zu Herzen
-gehenden Tones: „Verzeihung, Durchlaucht! Darf mich Herr Hartlieb im
-Wagen begleiten?“
-
-Verwundert blickte Sophie auf und sprach: „Wenn Sie es wünschen, warum
-denn nicht? Hat denn der Oberförster zu tun in Admont?“
-
-„Einiges zu besprechen hätten wir! Ich muß beichten, Euer Durchlaucht
-gestehen, daß wir uns -- verlobt haben! Und so bitte ich denn in
-schuldiger Demut und Ehrerbietung um die Erlaubnis...“
-
-Wohl verriet der Blick der Fürstin großes Staunen, eine schmerzliche
-Überraschung und Enttäuschung, doch gütig und mild sprach die hohe
-Frau: „Möge Ihnen alles irdische Glück beschieden sein, das wünsche ich
-Ihnen von Herzen! Wir sprechen noch darüber! Doch jetzt schon bitte ich
-Sie, schieben Sie die Trauung noch etwas hinaus, lassen Sie mich nicht
-allein! Eine Verschiebung, bis die Kinder hier und getraut sind! Ja,
-bitte? Und nun eilen Sie nach Admont der Depeschen wegen! Emil wird
-sehnsüchtig auf meine Einwilligung warten!“
-
-„Untertänigsten Dank!“ jubelte Martina, küßte der Gebieterin die Hand
-und wirbelte gegen jede Hofetikette davon.
-
-Sophie setzte sich an das Fenster und blickte hinüber zum
-nebeldurchzogenen schweigenden Bergwald. Jetzt wußte die einsame Frau,
-wer dem Hoffräulein die ergreifenden und hinreißenden Worte in den
-Mund gelegt hatte: die Liebe! Wer selbst liebt, kann beredt von Liebe
-sprechen! Und viel besser, wärmer und überzeugender als der sonst so
-redegewandte Hofpfarrer Pater Wilfrid...
-
-Auf leisen Sohlen kam die Kammerfrau Hildegard, um nach Wünschen zu
-fragen. Und Gift spritzen wollte die um eine Lebenshoffnung gebrachte
-Witib, hetzen, die Heirat, wenn irgend möglich, hintertreiben.
-
-Kaum merkte die Fürstin, worauf Hildegard zielte, da winkte die
-Gebieterin ab und sprach: „Ich weiß davon und wünsche der braven
-Gussitsch alles Glück! Du kannst gehen!“
-
-
-
-
-Vierzehntes Kapitel
-
-
-Seit Tagen schneite es mit geringen Unterbrechungen. Die Fichten rings
-um die Villa im Halltal trugen weiße Zipfelmützen und waren in helle
-Mäntel gehüllt. Trotz des grau verhängten düsteren Himmels war es licht
-ringsum geworden, der Schnee leuchtete in die Zimmer.
-
-Wieder saß Fürstin Sophie am Fenster ihres behaglich erwärmten Boudoirs
-und blickte sinnend hinüber zum Bergwald, der still und geduldig
-die ins dunkelgrüne Geäst fallende weiße Last entgegennahm und
-ergebungsvoll trug. Still und geduldig! Auch die jungen Fichten und
-Tannen, die der schwere Schnee drückte, niederbeugte, sie trugen die
-Last so gut sie konnten...
-
-Im Anblick der winterlichen Natur kam der einsamen Fürstin das schöne
-Gedicht Halms in den Sinn:
-
- „Sei stark mein Herz! -- Ertrage still
- Der Seele tiefes Leid;
- Denk, daß der Herr es also will,
- Der fesselt und befreit.
- Und traf dich seine Hand auch schwer,
- In Demut nimm es an;
- Er legt auf keine Schulter mehr,
- Als sie ertragen kann.“
-
-Vor dem geistigen Auge zogen die Ereignisse der jüngstverflossenen Zeit
-vorüber: die Rückkehr des glückstrahlenden Sohnes, an seiner Seite die
-Braut in gedrückter Stimmung, scheu und verschüchtert, sich vor der
-Mama des Bräutigams fürchtend. Gedrückt auch Graf Thurn, dem vom alten
-ehrlichen Gesicht abzulesen war, wie sehr er litt unter dem Druck der
-Schicksalsfügung.
-
-Sophie fühlte noch immer die bangen Minuten, da die Augen von Vater und
-Tochter auf sie gerichtet waren, flehend um Gnade und Verzeihung. Und
-wie damals klopfte auch jetzt noch das Herz in Erinnerung. Wie schwer
-war es doch, das rechte Wort zu finden, die Autorität zu wahren, zu
-rügen, ohne weh zu tun, fühlen zu lassen, welch großer Schmerz der
-Mutter zugefügt worden war. Ein schwerer Kampf um das rechte Wort
-war es, aber das Wort hatte die Mutter nicht gefunden, überhaupt
-nichts gesprochen. Den Sohn umarmt und geküßt, nach ihm die Komtesse
-verzeihend an die klopfende Brust gezogen. Wodurch ein Tränenwildbach
-aus Isottas Augen entfesselt wurde.
-
-Richtig gehandelt mußte die Mama doch haben, denn nie im Leben war sie
-so innig geküßt worden...
-
-Dem alten treuen Hausmarschall hatte die Fürstin die Hand gereicht,
-auf die Thurn einen Kuß drückte, viel zu lang, vielsagend, in
-unaussprechlicher Dankbarkeit.
-
-Damit war das Schwerste, der Empfang der Heimgekehrten, überwunden.
-
-Leben ins Haus brachte der quecksilbrig gewordene Sohn. Welchen Wandel
-hatte doch Emil durchgemacht! Erst ein Träumer, schläfrig, geistig
-zurückgeblieben zum Jammer der Mutter. Und dann das Erwachen zu einem
-impulsiven Menschen. Und was die Mutter ersehnte: stahlharte Energie,
-Emil erwarb sie sich; allerdings zu früh und nicht eben auf einem
-erwünschten Wege.
-
-Sophie gedachte der Trauung im Haller Kirchlein. Eine sehr schlichte
-Feier unter Ausschluß aller Öffentlichkeit. Sehr ergreifend und für
-die Fürstin schmerzlich, weil sie den Gedanken an eine Mesalliance
-nicht loswerden konnte. Eine Enttäuschung blieb diese Heirat doch. Eine
-Bedrückung der Seele. Die Last mußte getragen werden. Und sie wird
-weiter getragen in der Hoffnung, daß die Ehe eine glückliche werde.
-
-Viel Enttäuschungen, zuviel! Für Emil war das Haller Jagdgut gekauft
-worden... Auf die Schwarzensteinsche Herrschaft in Böhmen will er sich
-nach der Hochzeitsreise zurückziehen und seinen Kohl selber bauen. Ein
-reines Ökonomiegut, ohne Jagd.
-
-Sophie fragte sich, ob denn sie selbst ein nennenswertes Interesse für
-die Jagd entwickelt hatte. Und sie mußte diese Frage rundweg verneinen.
-Allerdings gab es auch viele Ablenkung und Hindernisse. Ein Jagdgut,
-auf dem das Weidwerk nicht ausgeübt wird, gehört wohl in andere Hände...
-
-Martina kam und meldete sich zum Dienst. Mit roten Backen vom
-Spaziergange in frischer Schneeluft, munter und seelenvergnügt bei
-allem höfischen Respekt.
-
-Wie welk und alt fühlte sich Sophie beim Anblick Martinas, die seit der
-Verlobung vor Glück strahlte... Die Trennung von dem Hoffräulein wird
-schwerfallen.
-
-„Was bringen Sie mir?“ fragte die Fürstin müden Tones.
-
-„Gute Nachricht, Durchlaucht! Hartlieb verbürgt für morgen herrliches,
-frostklares Wetter und läßt durch mich Durchlaucht inständig bitten,
-mit ihm zum Scheiblingstein hinaufzusteigen! Die Gamsbrunft ist im
-besten Gange, die Böcke treiben hitzig, es wird eine gute, erfolgreiche
-Pirsch geben!“
-
-Lächelnd erwiderte Sophie, indem sie auf Martina zuschritt: „Ei, ei!
-Welche Wandlung bei Ihnen! Wenn mich nicht alles täuscht, hatten Sie
-früher nicht das geringste Interesse für Hochgebirg und Jagd! Und jetzt
-bedienen sie sich sogar der Weidmannssprache!“
-
-Martina senkte das purpurn erglühende Köpfchen und sprach leise:
-„Es ist richtig, daß ich geglaubt habe, mich nie mit dem Jagdwesen
-befreunden zu können...! Aber die Zeiten ändern sich...“
-
-„Und wir mit ihnen! Bei Fräulein von Gussitsch ist der Wandel sehr
-begreiflich; die Braut eines Jagdleiters muß ja dem Berufe des
-Bräutigams und Gatten warmes Interesse entgegenbringen!“
-
-„Werden Durchlaucht morgen ins Revier Scheiblingstein hinaufsteigen?
-Ich bitte untertänigst um Bescheid, um Hartlieb verständigen zu können!“
-
-„Besondere Lust verspüre ich nicht, glaube auch nicht an den Eintritt
-frostklaren Wetters bis morgen!“
-
-In begeisterten Worten empfahl Martina den Aufstieg ins Gamsrevier,
-einen wenn auch nur kurzen Aufenthalt in der Höhenwelt mit ihrer
-Winterpracht, um die Sorgen zu bannen und frischen Lebensmut
-wiederzugewinnen.
-
-„Ei ei! Sie wünschen wohl, mich begleiten zu können? Genauer gesagt:
-Martina ersehnt diesen winterlichen Jagdausflug natürlich aus rein
-‚jagdlichen‘ Motiven! Gott, wie sie lügen kann und heucheln, die brave
-Martina!“ Die Fürstin drohte mit erhobenem Zeigefinger und lächelte.
-
-„Nein, Durchlaucht! Ich will und kann nicht lügen! Also gestehe ich
-ehrlich ein: Gams schauen möchte ich, Durchlaucht begleiten, und freuen
-würde ich mich von Herzen, wenn die Pirsch und der Aufenthalt hoch oben
-Euer Durchlaucht so froh machen könnte, wie -- mir ums Herz so fröhlich
-ist!“
-
-„Danke! So froh und lebensfreudig wie die junge Martina kann die alte
-Frau nicht werden! Aber die Freude will ich Ihnen machen, will also
-Ihren und Hartliebs Wunsch erfüllen! Veranlassen Sie alles Weitere!“
-
-„Untertänigsten Dank! So darf ich also Hartlieb gleich verständigen?“
-
-„Natürlich! Springen Sie hinüber zum Forsthause!“
-
-„Das ist gar nicht nötig, denn Hartlieb erwartet unten den Bescheid!“
-
-Sophie lachte belustigt. „Ist das eine verliebte Bande! Aber zu den
-ganz Schlauen gehört meine Martina doch nicht! Würden Sie den Bescheid
-ins Forsthaus tragen, so hätten Sie doch Zeit und reichlichen Anlaß zu
-einer ‚Aussprache‘ in der Jagdkanzlei!“
-
-„Ich komme ja vom Forsthause, und Hartlieb hat mich zum Schlößl
-begleitet! Es ist alles von uns besprochen und abgekartet! Verzeihen
-Durchlaucht diese Heimlichkeit und Verschlagenheit!“
-
-„Ei, wie schlau! Und daher die roten Bäcklein! Na, springen Sie
-hinunter! Adieu!“
-
- *
-
-Zum Abend kam Graf Thurn von einer kleinen Dienstreise zurück, und vor
-dem Diner hatte er eine längere Besprechung mit der Gebieterin.
-
-Die Audienz endete mit einer Einladung zur Gamspirsch, die den
-Hausmarschall sehr erfreute, aber auch ernst stimmte.
-
-Einer gewissen Wehmut konnte sich auch die Fürstin nicht erwehren, doch
-die hohe Frau überwand sie und sich. „Ein letztes Mal, Graf! Es muß
-sein! Und für die Reviere sowie auch für die Beamten wird es besser
-sein, wenn...! Genug davon! Sie speisen mit uns, lieber Graf! Wir
-wollen uns gegenseitig trösten in unserer Vereinsamung! Und noch eins:
-Am Tage der Hochzeit Martinas reisen wir ab und nehmen Winterquartier
-in Wien!“
-
-„Zu Befehl, Durchlaucht!“
-
- *
-
-War das eine Pracht oben zwischen Pyrgas und Scheiblingstein, als
-die Sonne aufging und ihre rotgoldigen Strahlen die verschneiten
-Bergkolosse umwoben und in feurige Lichtbündel hüllten! Die Kämme mit
-dem flimmernden Hermelin verwandelten sich in flüssiges Gold, und
-darüber wölbte sich der Himmelsdom, prangend im schönsten Azurblau!
-
-Dank des sehr frühen Aufbruches noch vor Morgendämmerung hatte die
-Jagdgesellschaft unter Führung Hartliebs die Pyrgas-Hütte, in der ein
-Jagdgehilfe die Öfen speiste, erreicht, ehe der Schnee von der Sonne
-weich gemacht worden war.
-
-In der Hütte wurde ein Frühstück eingenommen und dabei der Jagdplan
-bekanntgegeben. Die Damen führt Hartlieb, den Grafen Thurn der Jäger.
-
-Alsbald wurde aufgebrochen, und zwar in nahezu entgegengesetzter
-Richtung. Hartlieb bat um größtmögliche Ruhe und völlige
-Schweigsamkeit. Ein liebevoller Blick flatterte zu Martina, die im
-Jagddreß allerliebst aussah. Dann war Hartlieb nur noch Führer und
-Fachmann. Etwas schwerfällig stapfte die Fürstin hinterdrein in
-elegischer Stimmung.
-
-Eine Stunde später standen die Damen mit Hartlieb vor einer ziemlich
-breiten Mulde, wo es von Gams wimmelte. Und was für gute Gams! Und viel
-Leben!
-
-Trieb hier ein starker Bock einen Rivalen in sausender Fahrt aus
-dem Machtbereiche, unweit davon suchte ein anderer Bock ein Rudel
-anzupirschen, das ein Kapitaler beherrschte und bewachte. Am
-Muldenrande stand ein sehr guter Bock, prüfte den Wind, der aufwärts
-strich im Sonnenlichte, und zog die Oberlippe hinauf, wie es alle
-Brunftböcke tun, wenn sie sich von der Witterung überzeugen wollen.
-Und davon mußte er nicht genügend in den Windfang bekommen haben, denn
-er blieb stehen und äugte forschend nach den benachbarten Rudeln. Dann
-schüttelte er die dicke schwarze Winterdecke, so daß der stattliche
-gereimelte Bart auf dem Rücken hin und her wackelte.
-
-Köstlich war dieser gute Anblick. Martina saß auf einem Felsblock in
-größerer Entfernung und schwelgte im Genuß, der sich steigerte, als sie
-zwischen den Gemsen etliche Steinhühner gewahrte, die sich ihr Gefieder
-putzten und dann so geschäftig zwischen den Gemsen hin und her liefen,
-als hätten sie wunder was und enorm viel zu tun. Hoch über der Mulde
-kreisten Kolkraben und ließen ihren Ruf ertönen: Krook, krook!
-
-Noch immer stand der Kapitale wannenbreit in einer Distanz von etwa
-fünfzig Metern. Hartlieb deutete durch einen Blick an, daß die Fürstin
-schießen solle.
-
-Während sich Sophie fertigmachte, scharrte der Bock den Schnee weg.
-
-Der Schuß fiel. Der Kapitale verhoffte, äugte und schien sich über
-die Schußrichtung nicht klar zu sein. Aber mit der Ruhe in der Mulde
-war es nun vorbei, Geißen und Kitze wurden erregt und begannen zu
-pfeifen, und mit einem Male waren nur die Spiegel zu sehen, die ganze
-Gesellschaft suchte in gewaltigen Fluchten Schutz in den verschiedenen
-Latschendickungen, von denen das Schmelzwasser tropfte. Auch der
-Kapitale war mitgegangen in eleganter Flucht; doch der Schwarze
-kehrte bald um, zog der Fürstin entgegen und blieb in Nähe eines
-Krummholzgestrüppes stehen.
-
-Wieder gab die Fürstin Feuer, die Kugel warf den Kapitalen um,
-doch kam er rasch wieder auf die Läufe, blieb aber schwerkrank mit
-gekrümmtem Rücken stehen. Aus dem Latschengestrüpp fuhr ein schwarzer
-Teufel heraus, und sehr interessiert untersuchte er die Schweißfährte
-des Schwerkranken und stieg dann um den Kameraden in Haltung der
-Brunftböcke herum, bis der Kranke sich wegschleppte und dann niedertat.
-
-Was sich nun ereignete, empörte die Fürstin und versetzte sie in Wut.
-
-Der gesunde Schwarze stürzte auf den schwerkranken Kameraden und
-suchte ihn aufzutreiben. Vergebens, denn es fehlte bereits an Kraft.
-Blitzesschnell schlug nun der Gesunde die Krickeln in die Drossel
-des Kranken, zerrte und riß ihn nach vorne etwas in die Höhe. Der
-Gepeinigte klagte laut, worauf der Gesunde von seinem Opfer abließ.
-Doch nur für wenige Augenblicke war Ruhe. Erneut fuhr der Teufel auf
-den im Verenden liegenden Kameraden los.
-
-Jetzt feuerte die Fürstin mit ihrem Repetierstutzen mehrmals, Schuß auf
-Schuß, zu hoch, zu tief und daneben. Eine Kugel faßte den Teufel aber
-doch, links vom Blatt. Ein Sprung in die Höhe, ein rasend schnelles
-dreimaliges Drehen im Kreise, dann stürzte der schwarze Bursch und
-schlegelte mit den Läufen. Er hatte genug. Die Fürstin aber schrie wie
-toll...
-
-Damit endete diese Pirsch. Mit einem gewaltigen Verdrusse, denn die
-Fürstin war außer sich wegen der Roheit des Gamsbockes. Und dieser
-Verdruß erleichterte später in der Pyrgas-Hütte die Mitteilung an
-Hartlieb, daß das Jagdgut unter ziemlichem Verlust, jedoch mit der
-Bedingung: Übernahme aller Beamten und Bediensteten in jetziger
-Gehalts- und Lohnhöhe seit gestern verkauft sei. Ein Erschrecken, wenn
-nicht Entsetzen des Brautpaares hatte Fürstin Sophie erwartet. Das
-Verhalten Hartliebs wie Martinas enttäuschte in dieser Beziehung, das
-Brautpaar blieb gelassen und nahm die inhaltsschwere Mitteilung ruhig
-entgegen.
-
-Hartlieb bat nur, ihm in Gnaden zu sagen, wer der Käufer sei.
-
-„Der frühere Pächter Graf Lichtenberg, zur Zeit Pächter der stiftischen
-Jagdgründe im Triebental!“
-
-„Untertänigsten Dank!“ Kein Wort mehr darüber äußerte Hartlieb. Aber
-sein an die sehr überraschte Braut gerichteter Blick kündete eine
-unaussprechliche Freude.
-
-Martina senkte die Lider, um das Frohlocken über diese Freudenbotschaft
-zu verbergen.
-
-Graf Thurn kehrte von der Pirsch zur Hütte zurück, der Jagdgehilfe trug
-zwei gute Böcke. Innig dankte der Hausmarschall der Gebieterin für die
-Abschußerlaubnis. Und mit wehmütiger Freude nahm er aus den Händen
-Hartliebs den grünen Latschenbruch entgegen. War es doch für Thurn der
-letzte Jagdgang im Haller Revier gewesen...
-
-Am Abend im Jagdschlößl äußerte die Fürstin dem Grafen Thurn gegenüber
-ihr Befremden darüber, daß der Jagdleiter Hartlieb die Mitteilung vom
-Verkauf der Herrschaft Hall so überraschend gelassen hingenommen
-habe. Keine Spur von Trauer oder Schmerz über diesen doch sehr
-einschneidenden Wechsel. Und sie fragte den Hausmarschall, wie diese
-befremdende Gleichgültigkeit, der Mangel an jeglicher Anhänglichkeit,
-zu erklären sei.
-
-Diese Frage versetzte den alten Hofbeamten in eine nicht geringe
-Verlegenheit. Unmöglich war es, die Wahrheit zu sagen, unmöglich darauf
-hinzuweisen, daß es für den Jagdbeamten geradezu eine Wonne sei, einem
-sachkundigen weidgerechten Jagdherrn zu dienen, noch dazu dem Grafen
-Lichtenberg, dem Kenner der Reviere, dem bereits als grundtüchtigen
-Jäger wohlbekannten und hochgeschätzten früheren Pächter. Unmöglich
-konnte Thurn sagen, daß Hartlieb nach all dem seither im Dienste
-Erlebten den Verkauf geradezu als Befreiung aus unerquicklichen
-Verhältnissen empfinden und bejubeln muß. Aus der Verlegenheit zog
-sich Graf Thurn aalglatt mit der Versicherung, daß der Brautstand des
-Paares den Schmerz über den Wechsel, den Kummer über den Verlust der so
-gnädigen Gebieterin paralysieren werde. Das Brautpaar habe wohl nur das
-bevorstehende Eheglück vor Augen...
-
-Mit dieser diplomatischen Antwort gab sich die Fürstin zufrieden. Eine
-leise Verstimmung mochte aber doch zurückgeblieben sein, denn Sophie
-gab Befehl zur Übersiedlung nach Wien noch vor der Trauung des Paares.
-
-Als die Fürstin die Bestürzung Martinas gewahrte, siegte die
-Herzensgüte aber doch über die Verstimmung und ließ die hohe Frau
-sprechen: „Sie sollen nicht obdachlos werden, liebe Martina, ehe Sie
-den Schutz des Gatten erhalten! Ich nehme Sie mit nach Wien, denn ich
-benötige die Hofdame dringend zur Auswahl der Hochzeitsgeschenke! Zur
-Trauung fahren Sie dann nach Hall! Ist’s recht so?“
-
-In aufquellender Dankbarkeit küßte Martina der herzensguten Fürstin die
-Hand.
-
-Als Hartlieb diese Neuigkeit erfuhr, machte er zwar einen langen Hals
-und guckte verdutzt, aber er fügte sich sogleich der Anordnung und in
-die kurze Trennung von der Braut.
-
-In aller Stille verließ die Fürstin mit Gefolge das Jagdgut...
-
-An einem frostklaren Wintermorgen mit glitzernder Pracht vereinigte in
-der kleinen Haller Kirche Pater Wilfrid das schöne, glückstrahlende
-Paar. Und der Trauung wohnte als Brautführer der neue alte Jagdherr
-Graf Lichtenberg bei, der in seinem Äußern und in der Steierertracht
-eher einem Jagdgehilfen gleich sah. Aber verflucht jaagerisch sah er
-aus, auf den ersten Blick erkennbar als echter Weidmann. Und was der
-Jagdherr nach beendigtem Gottesdienste zur kleinen Festgesellschaft
-sprach, klang kurz, schneidig und jaagerisch und kündete den Beginn
-einer neuen Ära: „Die Hauptsache in einem geordneten Jagdbetrieb ist
-die Pünktlichkeit! Auch zur Schonzeit und für eine Jagdleitersfrau!
-Jetzt ist es zehni, Punkt zwölf Uhr erscheinen das Brautpaar und alle
-Festgäste inklusive Pfarrer und Jaagerei in der Villa zum Essen! Alle
-sind meine Gäste! Daß mir keiner wegbleibt! Inzwischen kann jeder tun,
-was er mag, nur nicht ins Wirtshaus gehen und vorher essen und trinken;
-ich hab Sach genug im Haus! Und jetzt schauts, daß aussi kummts beim
-Loch! Auf Wiedersehen!“ Graf Lichtenberg nickte freundlich, ging aus
-der Sakristei, bestieg den Schlitten und fuhr in das verschneite,
-sonnenverklärte Halltal.
-
-Die Hochrufe der freudig überraschten Jägerei klangen ihm nach. Als
-das Brautpaar am Forsthause vorfuhr, gab es ein großes Geguck, denn
-zwölf stämmige Treiberburschen und mehrere Leiterwagen harrten der
-Neuvermählten und begrüßten das Paar jauchzend und jodelnd.
-
-Hartlieb fragte erstaunt, was denn das bedeuten solle.
-
-Und die Antwort lautete: die Leute hätten Befehl, den Umzug des
-Oberförsters in die neue Wohnung durchzuführen, die Möbel in das
-Jagdschlößl zu bringen, wo das Paar von nun an wohnen werde.
-
-Ein Jubelruf Martinas ertönte.
-
-Ambros hielt alles für einen Scherz des neuen Gebieters. Aber es war
-ernst gemeint, eine Hochzeitsüberraschung, allerdings sehr drolliger
-Art, denn nun hieß es in aller Eile packen, um den Termin zum Diner
-einzuhalten. „Gottlob hab ich nicht viel im Eigentum!“ meinte lachend
-Hartlieb, als er seine Habseligkeiten in die paar Kisten stopfte. Die
-Kanzlei hatt je im Forsthause zu verbleiben. Kurz vor zwölf Uhr fuhren
-Hartliebs an dem Schlößl vor, empfangen von Exzellenz, die sich vor
-Lachen krümmte über das Gelingen der aparten Überraschung. Galant half
-Graf Lichtenberg der jungen Frau aus dem Schlitten. Und Martinas Arm
-nehmend, geleitete er die Braut in die Wohnräume Hartliebs im Parterre.
-Beim Anblick des neuen behaglichen Mobiliars, alles niegelnagelneu und
-ebenso komfortabel wie praktisch, schrie Martina vor Wonne.
-
-Und Hartlieb in seiner Überraschung stotterte: „Aber, Exzellenz! Soviel
-Gnade verdiene ich ja nicht!“
-
-„Still! Was Sie verdienen oder nicht, das zu beurteilen ist meine
-Sache! Während wir hochzeitlich speisen, bringen die Treibervölker die
-sieben Zwetschgen des verflossenen Junggesellen! Später kann sich das
-Brautpaar mit Auspacken und Einräumen die Zeit vertreiben; das zu viele
-Balzen taugt nix! Frau Hartlieb kann sich überzeugen, daß alles da ist:
-Wäsche aller Art in den Kästen, Geschirr in der Küche, auch die Betten
-sind nicht vergessen worden, zwei Betten natürlich! Gehen wir essen!“
-
-„Einen Augenblick, Exzellenz!“ rief glückstrahlend Martina, trippelte
-in die neue Wohnung und öffnete die Türe des Wäscheschrankes und
-jubelte, als sie die reiche Ausstattung sah.
-
-Vergnügt zwirbelte Graf Lichtenberg den grauen Bart. Und nun
-flatterte Martina auf ihn zu und rief lachend und vor Freude weinend
-zugleich: „Dank, tausend Dank von ganzem Herzen! Ich muß Exzellenz
-ein Dankesbusserl geben, ich kann nicht anders! Der Ambros erlaubt es
-schon!“ Und schwupp hing Martina am Halse des Jagdherrn und küßte ihn.
-
-„Danke! Ist nicht ohne, so ’ne Balz! Fühle mich reich belohnt für die
-kleine Überraschung! Nun aber -- Pünktlichkeit! Marsch fort, hinauf zu
-Tisch!“
-
-Hartlieb wollte danken.
-
-„Still! Hinauf! Immer Pünktlichkeit, auch beim Essen!“
-
-Als die Sonne schied, fuhr Graf Lichtenberg nach Admont. Sehr vergnügt
-darüber, sein Teil beigetragen zu haben, zwei Menschen sehr überrascht
-und glückselig gemacht zu haben.
-
-Das Hoffräulein verwandelte sich in eine richtige Jägersfrau und liebte
-den tüchtigen Gatten und hing mit ganzer Seele an der herrlichen
-Bergwelt von Admont.
-
-
-Ende
-
-
-
-
-Paetels Roman-Reihe
-
-
-Zum gleichen Preise und in gleicher Ausstattung sind erschienen:
-
- 1. Arthur Achleitner Das Schloß im Moor. Roman
- 2. Arthur Achleitner Der Stier von Salzburg. Roman
- 3. Arthur Achleitner Unter den Hohen Tauern. Roman
- 24. Arthur Achleitner Die Rose vom Chiemsee. Roman
- 25. Arthur Achleitner In den Bergen da lauert der
- Wildschütz. Roman
- 26. Arthur Achleitner Spiel mit der Liebe. Roman
- 42. A. E. Brachvogel Friedemann Bach. Roman
- 23. E. Brontë Der Sturmheidehof. Roman
- 4. Paul Burg Freudvoll und leidvoll. Roman
- 5. Paul Burg Meine Christel. Roman
- 6. Paul Burg Christels Ehe. Roman
- 7. Paul Burg Der schöne alte Herr. Roman
- 9. Paul Burg Der Mollwitzer Schimmel. Roman
- 31. A. Dumas-Sohn Die Dame mit den Kamelien. Roman
- 32. A. Dumas-Sohn Die Dame mit den Perlen. Roman
- 10. Otto E. Ehlers Indische Reisebilder
- 11. Paul Oskar Höcker Die Sonne von St. Moritz. Roman
- 12. Paul Oskar Höcker Dodi. Roman
- 13. Paul Oskar Höcker Verbotene Frucht. Roman
- 14. Paul Oskar Höcker Das flammende Kätchen. Roman
- 15. Paul Oskar Höcker Fasching. Roman
- 35. Victor Hugo „1793“. Roman
- 17. Hermann Löns Was da kreucht und fleugt. 20 Tier-
- und Jagdgeschichten
- 22. Henriette von Meerheimb Die verlorene Krone. Roman
- 19. Rudolph Stratz Die Hand der Fatme. Roman
- 20. Rudolph Stratz Zum weißen Lamm. Roman
- 21. Rudolph Stratz Liebe um Barbara. Roman
- 18. Adolf Streckfuß Der Oberförster von Margrabowo. Roman
- 45. Luise Westkirch Der Todfeind. Kriminalroman
- 39. Fedor von Zobeltitz Das Glück der Eva Sporrschild. Roman
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-Das Gymnasium zu Stolpenburg
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-Verlag von Gebrüder Paetel / Berlin
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- Unter den Hohen Tauern, by Arthur Achleitner&mdash;A Project Gutenberg eBook
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-<body>
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-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Unter den Hohen Tauern, by Arthur Achleitner
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Unter den Hohen Tauern
- Ein Roman aus der Steiermark
-
-Author: Arthur Achleitner
-
-Release Date: November 18, 2020 [EBook #63802]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK UNTER DEN HOHEN TAUERN ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-https://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="transnote">
-
-<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
-
-<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der 1911 erschienenen
-Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben.
-Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche
-und heute nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen sowie Schreibvarianten
-bleiben gegenüber dem Original unverändert, sofern der Sinn des Texts
-dadurch nicht beeinträchtigt wird. Fremdsprachige Ausdrücke sowie
-Passagen in Dialekt wurden ohne Korrektur übernommen.</p>
-
-<p class="p0">Das Inhaltsverzeichnis wurde der Übersichtlichkeit halber
-vom Bearbeiter eingefügt.</p>
-
-<p class="p0">Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Passagen in
-Antiquaschrift werden im vorliegenden Text <i>kursiv</i> dargestellt.
-<span class="nohtml">Abhängig von der im jeweiligen Lesegerät installierten
-Schriftart können die im Original <em class="gesperrt">gesperrt</em>
-gedruckten Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl
-serifenlos als auch gesperrt erscheinen.</span></p>
-</div>
-
-<div class="figcenter illowe35 mtop3" id="cover">
- <img class="w100" src="images/cover.jpg" alt="" />
- <div class="caption">Original-Bucheinband</div>
-</div>
-
-<div class="titelei">
-
-<p class="s3 center padtop3"><em class="gesperrt">Achleitner / Unter den Hohen Tauern</em></p>
-
-<p class="s3 center mtop3 padtop1 break-before"><em class="gesperrt">Arthur Achleitner</em></p>
-
-<h1>Unter den Hohen Tauern</h1>
-
-<p class="s3 center mtop2"><em class="gesperrt">Ein Roman</em></p>
-
-<p class="s3 center mtop1"><em class="gesperrt">aus der Steiermark</em></p>
-
-<div class="figcenter illowe6 padtop5" id="signet">
- <img class="w100" src="images/signet.jpg" alt="Verlagssignet" />
-</div>
-
-<p class="s3 center padtop1"><em class="gesperrt">Frau und Mutter-Verlag</em></p>
-
-<p class="center"><em class="gesperrt">Wien und Leipzig</em></p>
-
-<p class="s5 center padtop5 break-before"><span class="antiqua">Printed in Germany</span><br />
-Neue Ausgabe des Romanes „Admont“<br />
-Copyright 1911 by Gebrüder Paetel Verlag, Berlin<br />
-Druck von Hallberg &amp; Büchting in Leipzig</p>
-
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Inhaltsverzeichnis">Inhaltsverzeichnis</h2>
-
-</div>
-
-<table class="toc" summary="Inhaltsverzeichnis">
- <tr>
- <td class="s5 vat">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="s5 vab">
- <div class="right">Seite</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="left padright5">Erstes Kapitel</div>
- </td>
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- </td>
- </tr>
- <tr>
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- <div class="left padright5">Zweites Kapitel</div>
- </td>
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- </td>
- </tr>
- <tr>
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- </td>
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- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="left padright5">Viertes Kapitel</div>
- </td>
- <td class="vab">
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- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="left padright5">Fünftes Kapitel</div>
- </td>
- <td class="vab">
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- </td>
- </tr>
- <tr>
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- </td>
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- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
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- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Siebentes_Kapitel">135</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
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- </td>
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- </tr>
- <tr>
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- </td>
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- </tr>
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- </tr>
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- </tr>
- <tr>
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- </tr>
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- </td>
- </tr>
- <tr>
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- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Vierzehntes_Kapitel">274</a></div>
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_5"></a>[S. 5]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Erstes_Kapitel">Erstes Kapitel</h2>
-
-</div>
-
-<p>An einem Augustnachmittage schoß die Sonne noch rasch etliche stechende
-Strahlenpfeile in das von der munteren Enns durchzogene Talbecken
-von Admont, dann verschwand das Weltlicht hinter einer dunklen
-Wolkenbank, die dräuend Sturm und Grobwetter ankündigte. Dumpfe
-Schwüle brütete in der Niederung; um die grauen hochragenden Kämme
-der wuchtigen Bergkolosse, der sogenannten „Haller Mauern“ im Norden
-von Admont, wehte ein starker Nordwestwind, der alsbald dem breiten
-Felsenhaupte des Großen Pyrgas eine Nebelhaube aufsetzte und auch dem
-Scheiblingstein, der gigantischen zweitgrößten Erhebung dieses starren
-Steinmeeres, Wolken und Schwaden zujagte, so daß die Zinnen und Grate,
-die Schneemulden und wildzerrissenen Rippen und Runsen von einem
-weißgrauen Chaos verhüllt wurden.</p>
-
-<p>Bleischwer und glühendheiß war die Luft selbst im Fichtenwalde des
-Mittelgebirges, sie trieb den auf einem Jagdsteige bergan schreitenden
-Förstern den Schweiß aus allen Poren. Voran stieg elastisch, stetig und
-stumm der Oberförster Ambros Hartlieb, ein schlanker, geschmeidiger
-Mann von etwa fünfunddreißig Jahren in verwitterter Steierertracht;
-dunkel das Auge, energisch und streng der Blick, schwarz das Haar
-und der kurzgehaltene Vollbart. Eine sympathische Erscheinung, doch<span class="pagenum"><a id="Seite_6"></a>[S. 6]</span>
-umweht von einer Strenge, die eine vertrauliche Annäherung verhindern
-zu wollen schien. Das Gegenteil solcher Härte im Gesichtsausdruck
-offenbarte die Gestalt des Begleiters, des Forstwartes mit dem
-drolligen Namen Benjamin Gnugesser; mittelgroß der gleichalterige Mann
-mit einem berufswidrigen Bäuchlein, blauäugig, gutmütig, rötlichblond
-das lockige Haupthaar und ganz fuchsfarbig der überlange, wallende
-Patriarchenbart. Wie ein Gnom, ein Bergmanndl aus der Sagenwelt,
-sah der Forstwart Gnugesser aus, die Mensch gewordene Herzensgüte,
-Friedensliebe und Einfalt.</p>
-
-<p>In dieser Gewitterschwüle beim Aufstieg schwitzte Gnugesser infolge
-seiner Korpulenz für drei, und mancher Seufzer entfloh dem Gehege
-seiner etwas schadhaften Zähne. Hartlieb achtete dieser Seufzer
-nicht, zu sehr war er in Gedanken vertieft, die sich mit den durch
-Besitzwechsel geschaffenen neuen Verhältnissen beschäftigten.</p>
-
-<p>An die Zukunft im Dienst, im Jagdbetrieb und in den Revieren dachte
-auch Gnugesser, und viel Gutes glaubte er nicht erhoffen zu dürfen.
-Gerne hätte er darüber mit dem Vorgesetzten gesprochen, Hartliebs
-Meinung erholt. Da der Oberförster sich bisher ausgeschwiegen hatte,
-wagte der Forstwart es nicht, das ihn überstark beschäftigende Thema
-anzuschneiden.</p>
-
-<p>Auf einer kleinen Hochfläche in Nähe eines steilwandigen Grabens
-blieb Hartlieb stehen, betrachtete hochgegangenes Kleinvieh, die
-alte verfallene Heuhütte, modernde Baumriesen und die Hirschfährten,
-die zu einer nahen Suhle führten. Dann aber richtete der Oberförster
-einen forschenden Blick zum grau überzogenen Firmament und mahnte den
-Begleiter zur Eile.</p>
-
-<p>„Wohl, wohl! Wird bald losgehen! Macht aber nix,<span class="pagenum"><a id="Seite_7"></a>[S. 7]</span> naß bin ich bereits!“
-erwiderte Gnugesser, lächelnd wie immer und nach Atem ringend.</p>
-
-<p>Als die beiden weiterschritten, rollte der Donner aus der Wolkenbank,
-die sich auf dem wuchtigen Pyrgas-Kolosse festgesetzt hatte. In
-beschleunigtem Tempo strebte Hartlieb zwischen den Randklippen der
-Gstattmaier-Hochalpe zu, auf deren Plateau die Pyrgas-Jagdhütte
-inmitten der besten Gamsreviere lag. Gnugesser keuchte schweißtriefend
-hinterdrein.</p>
-
-<p>Im Felsgewirre staubte es auf, der Bergwind trieb sein Spiel und
-bemühte sich, den Förstern die Hüte vom Kopf zu reißen. Die Jagdhütte
-kam in Sicht, ein verwittertes Holzhaus, mit einem gelbweiß blinkenden
-neuen Anbau, windumtost. Ein Jagdgehilfe in Hemdsärmeln stand vor der
-Türe und hielt Ausschau. Und wie er die beiden Förster erblickte,
-verschwand er, um rasch darauf in Joppe und mit Hut wieder zu
-erscheinen und den Vorgesetzten entgegenzugehen. Ein bildhübscher
-blonder Bursch, schlank, ein Kerl zum Verlieben, zart und fein die
-Gesichtszüge, etwas melancholische Augen, ein nettes Schnurrbärtchen,
-kirschrot die feinen Lippen. Ein schmucker Bursch, den die
-Steierertracht sehr gut kleidete. Die Sommersonne hatte Wangen, Hände
-und Knie nur wenig zu bräunen vermocht. Höflich, fast demütig begrüßte
-er die Vorgesetzten und wollte ihnen Rucksack und Gewehr abnehmen.</p>
-
-<p>Hartlieb nickte zum Gruße und wehrte mit einer Handbewegung die
-Bemühungen des hübschen Jagdgehilfen Eichkitz ab. Der Forstwart
-schnappte nach Luft und lief Galopp, als der erste Regenschauer über
-den Hochalpboden rauschend prasselte. In großen Sprüngen erreichten
-die drei die schützende Hütte. Und nun ging es los: knatternd schlugen
-Graupeln auf das Schindel<span class="pagenum"><a id="Seite_8"></a>[S. 8]</span>dach, dann vollführten erbsgroße Schloßen
-einen betäubenden Lärm, den ein Wolkenbruch mit eigroßen Hagelstücken
-ins Maßlose steigerte.</p>
-
-<p>Viel Schaden konnte der Sturm der Jagdhütte nicht zufügen, denn
-Eichkitz hatte die hölzernen Fensterläden auf der Wetterseite
-fürsorglich bereits vor dem Losbruch des Gewitters fest geschlossen. An
-den Holzläden prallten die Hagelkörner machtlos ab.</p>
-
-<p>Im Spektakel des Orkans war ein Sprechen unmöglich; man hätte brüllen
-müssen, um sich einigermaßen verständlich machen zu können.</p>
-
-<p>Angenehm empfand Oberförster Hartlieb, während er Rucksack und Gewehr
-ablegte, die warme Temperatur im Kochraume der Diensthütte; der Jäger
-Eichkitz als Praktikus hatte im eisernen Herd ein tüchtiges Feuer
-entfacht und zum Empfang der schwitzenden Herren stetig unterhalten.
-Die Wärme tat wohl nach mühevollem Aufstieg. Befriedigt nickte
-Hartlieb, als Eichkitz geschäftig noch weiter Holz in den Herd schob.</p>
-
-<p>Benjamin Gnugesser machte es sich bequem, nahm Platz auf der Bank an
-der einen Hüttenseite, aber er lächelte jetzt nicht und hatte auch kein
-Verlangen nach der Tabakspfeife. Das schwere Unwetter schien ihn, wenn
-auch nicht zu ängstigen, so doch mit einigem Unbehagen zu erfüllen.
-Oft genug hatte er den Admonter Fachmann gemahnt, endlich auf der
-Pyrgas-Jagdhütte den Blitzableiter anzubringen, doch dem Manne war
-bisher der Weg hinauf zur einsamen Höhe zu weit gewesen. So wetterhart
-Gnugesser war, vor Blitzschlägen hatte er einen gewaltigen Respekt.</p>
-
-<p>Unbekümmert um den schweren Sturm, der sich vergeblich bemühte, die
-Hütte umzureißen, zündete sich Hartlieb eine Zigarre an, und zum
-Dank für das woh<span class="pagenum"><a id="Seite_9"></a>[S. 9]</span>lige Herdfeuer spendete er dem Jagdgehilfen einen
-Glimmstengel, den Eichkitz katzbuckelnd, dankend entgegennahm und
-sofort in Brand steckte.</p>
-
-<p>Eine Weile herrschte nächtliche Finsternis um die sturmumtoste Hütte.
-Im Herdraume waren nur die roten Punkte der glimmenden Zigarren und
-zuweilen aufzuckende Flämmchen im Ofen zu sehen.</p>
-
-<p>Dann ließen Hagel und Regen nach, es wurde lichter. Dafür umwallten
-schwere Nebelschwaden die Hütte.</p>
-
-<p>Eichkitz öffnete nun die Fensterläden auf der Wetterseite. Eisigkalte
-Luft drang herein, so daß der Jäger die Fenster schleunigst wieder
-schloß.</p>
-
-<p>Auf dem Alpboden wogte ein Nebelmeer, weiß wie um Weihnachten war der
-Grund, vom Hagel bedeckt. Kalt pfiff der Höhenwind. Doch der Sturm
-hatte ausgetobt; ihm folgte ein feiner Regen.</p>
-
-<p>Hartlieb nahm jetzt die Besichtigung des neuen Anbaues vor, gefolgt vom
-Forstwart und Jäger. Und auf den ersten Blick gewahrte der Oberförster
-den Mangel eines Ofens im Wohnraume des Zuhäusels. Hartlieb wandte sich
-an Gnugesser mit der Frage, ob der Ofen rechtzeitig bestellt worden
-sei. Mit einem Lächeln des ruhigen Gewissens antwortete der Forstwart:
-„Wohl, wohl, Herr Oberförster! Rechtzeitig bestellt, selbstverständlich
-sofort, wie ich den Auftrag erhalten habe! Aber die Handwerksleut sind
-halt so langsam! Und von selber kommt der Ofen halt nicht herauf zur
-Pyrgas-Hütt’n!“</p>
-
-<p>„Der Teufel soll die Kerle holen! Demnach sind vermutlich auch
-in den anderen Anbauten die Öfen noch nicht aufgestellt? So eine
-verdammte Schlamperei! Und jeden Tag kann die Fürstin ankommen! Wird
-ein Aufenthalt auf einer der Jagdhütten befohlen, so haben wir<span class="pagenum"><a id="Seite_10"></a>[S. 10]</span>
-das höllische G’frett gleich zum Beginn der neuen Herrschaft! Der
-Hausmarschall wird zetern, daß uns die Ohren sausen!“</p>
-
-<p>Auf Gnugessers bartumwucherten Lippen erstarb das Lächeln, da er
-stotterte: „Wohl, wohl! Sein tuets ein Öllend mit die Handwerksleut!
-Und die neue Ära fangt schief an!“</p>
-
-<p>„Veranlassen Sie morgen früh in Admont alles Nötige wegen der
-Ofenlieferung! Treten Sie die Kerle, bis sie quietschen! Es muß alles
-zusammen helfen, auf daß der Befehl vollzogen ist, bevor die neue
-Gebieterin erstmals heraufkommt! Sie sind mir verantwortlich, Herr
-Forstwart! Verstanden?“</p>
-
-<p>„Wohl, wohl!“ stammelte Gnugesser in sichtlichem Unbehagen.</p>
-
-<p>Hartlieb wandte sich zum Jagdgehilfen und rügte mit scharfen Worten
-die ungenügende Revierkontrolle wegen des hochgegangenen Kleinviehes.
-„Dieser Unfug darf nicht geduldet werden! Sie müssen doch als Jäger
-wissen, daß die Gams die Witterung von Ziegen und Schafen absolut nicht
-vertragen! Ausgebrochenes und hochgegangenes Kleinvieh muß entweder
-gepfändet oder erschossen werden, auf daß die Eigentümer für bessere
-Beaufsichtigung sorgen! Erstmals pfänden gegen Auslösung im Jagdamt
-zu Hall! Nützt das nichts, so machen Sie von der Waffe Gebrauch und
-schießen das hochgegangene Kleinvieh kurzerhand ab! Die Jagdgehilfen
-sind für die Reinhaltung der Reviere verantwortlich!“</p>
-
-<p>„Zu Befehl!“ erwiderte Eichkitz.</p>
-
-<p>„Sie sind jetzt ein für allemal gewarnt! Ich dulde keine Schlamperei im
-Dienst und Revier!“</p>
-
-<p>„Zu Befehl! An mir wird’s nicht fehlen! Je schärfer<span class="pagenum"><a id="Seite_11"></a>[S. 11]</span> wir aber vorgehen,
-desto rabiater und aufsässiger werden die Almbauern werden! Wo uns
-Jaagern von den Leuten eh bereits nichts mehr an Milch und Butter
-abgegeben wird! Ich bitt g’horsamst: Dürfen wir es zunächst nicht im
-Guten, mit Verwarnungen versuchen?“</p>
-
-<p>Scharf klang Hartliebs Antwort: „Wie Sie es machen, das ist mir egal!
-Ordnung muß herrschen! Denken Sie gefälligst mehr an Ihren Dienst!
-Sehe ich noch mal hochgegangenes Kleinzeug im Revier, so haben Sie die
-Kündigung zu gewärtigen!“</p>
-
-<p>Von dieser Androhung erschreckt, bat der schmucke Jäger um Verzeihung,
-und eifrig gelobte er schneidiges Vorgehen.</p>
-
-<p>„Wird gut sein in Ihrem eigenen Interesse! &ndash; Wie haben sich die
-Zimmerleute beim Bau des Zuhäusels verhalten?“</p>
-
-<p>„Zu dienen, Herr Oberförster! Ich bin fleißig um die Weg g’wesen, ist
-niemand weiter als höchstens zur Schneemulde am Großen Pyrgas gekommen!
-Ich glaub nicht, daß die Gams besonders beunruhigt worden sind!
-Touristen hab ich nach Möglichkeit abgewiesen!“</p>
-
-<p>„Bis auf weiteres bleibt jeder Durchgang in den Hochrevieren gesperrt!
-Will die Fürstin den Jochbummlern das &ndash; Gamsversprengen erlauben, so
-ist das Sache der Gebieterin! Die Jägerei wird hierüber verständigt
-werden! Einstweilen ist jeder Tourist ausnahmslos aus den Revieren
-auszuweisen! Bei Aufstellung des Ofens in der Pyrgas-Hütte haben Sie
-die Aufsicht zu führen, jede Revierbeunruhigung nach Möglichkeit zu
-verhindern! &ndash; So, nun begleiten Sie uns in die Steinschütt!“</p>
-
-<p>Die Herren kehrten in die alte Hütte zurück, indes Eichkitz das
-Zuhäusel sorgfältig versperrte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_12"></a>[S. 12]</span></p>
-
-<p>Säuerlich lächelnd meinte Gnugesser: „Mit Verlaub, Herr Oberförster!
-Ich hab g’meint, wir bleiben über Nacht in der Pyrgas-Hütte...! Wo es
-doch regnet!“</p>
-
-<p>„Das wäre sinnlose Zeitvergeudung! Wir gehen noch am Abend über
-Schottenboden und Assangeralp zur Million-Hütte, wo wir den
-Hausmarschall treffen werden. Der Regen kann uns nicht abhalten!
-Und Ihnen kann fleißige Bewegung nur nützlich sein; je eher Sie
-tannenschlank werden, desto besser für Sie! Ich fürchte sehr, daß die
-neue Gebieterin wegen Ihres Bäuchleins Schlüsse auf &ndash; Bequemlichkeit
-und üppiges Leben ziehen wird!“</p>
-
-<p>„Ach, du lieber Himmel! Bei dem mageren Gehalt und strengen Dienst ein
-&ndash; üppiges Leben! Und wo meine Frau zudem keine &ndash; Kochkünstlerin ist!“</p>
-
-<p>Ein sarkastisches Lächeln huschte über Hartliebs Gesicht, und ein
-ironischer Blick streifte Gnugessers Wanst.</p>
-
-<p>Rucksäcke und Gewehre wurden umgehangen. Auch Eichkitz hatte sich
-marschfertig gemacht; er löschte das Herdfeuer und schloß die Hütte ab,
-nachdem die Herren ins Freie getreten waren.</p>
-
-<p>Kalt pfiff der Wind, trostlos in Fäden träufelte der Regen hernieder.
-Unter den schweren Bergschuhen knirschten die Hagelkörner auf dem
-Alpboden.</p>
-
-<p>Der vorausstapfende Jäger Eichkitz nahm die Richtung zur nebelerfüllten
-Felswildnis der Steinschütt, elastisch schreitend, doch arg verdrossen.</p>
-
-<p>Hartlieb erkannte sofort, daß bei dem schlechten Wetter auf einen
-„guten Anblick“ nicht zu rechnen, der Marsch in die Schütt ganz
-zwecklos war. Deshalb schickte er den Jäger zurück und wanderte mit dem
-Forstwart auf steinigen, teils mit Schloßen bedeckten, teils vermurten
-oder ausgewaschenen Pfaden durch Regen, Wind und<span class="pagenum"><a id="Seite_13"></a>[S. 13]</span> Nebel den Weg zurück
-zur Plechauer-Alp und dann hinüber zum Schottenboden. Das Ziel war die
-sogenannte Million-Hütte im Bereiche des Stadlgrabens, wo die besten
-Hirsche stehen.</p>
-
-<p>Spätabends erreichten die durchnäßten Förster die einsame Hütte, die
-gleichfalls einen neuen Anbau für Damen aufwies. Wider Erwarten war die
-Million-Hütte verschlossen, der Hausmarschall der Fürstin Sophie von
-Schwarzenstein, Graf Thurn-Valsassina von Villalta und Spessa, mit dem
-Jäger Xandl noch nicht angekommen.</p>
-
-<p>Dienstwillig suchte Gnugesser den Hüttenschlüssel in der Holzschicht
-an der Seitenwand der alten Hütte und schloß auf. Kalte Luft wehte
-entgegen. „Wird gleich warm werden!“ rief der Forstwart, der schnell
-Gewehr und Rucksack ablegte und im Sparherd Feuer anzündete. Dann holte
-er vom nahen Brünnlein Wasser herbei und stellte es in einem Topf
-darauf. Hartlieb entnahm seinem Rucksack zwei kleine Konservenbüchsen
-mit Gulasch, eine Flasche Bier und Brot.</p>
-
-<p>Als das Wasser zischte und brodelte, wurden die Konservenbüchsen in
-den Topf gelegt. Wenige Minuten später war die Kocharbeit beendet. Mit
-einer Blechschere öffnete Hartlieb die Büchsen, denen ein würziger Duft
-entstieg.</p>
-
-<p>Gnugesser schnupperte wohl wie ein windender Jagdhund, lehnte aber
-die Einladung zum Mitessen dankend ab und begnügte sich mit dem
-mitgeführten Stück Speck und Schwarzbrot.</p>
-
-<p>„Wie Sie wollen! Mögen Sie Gulasch nicht?“ fragte Hartlieb.</p>
-
-<p>„Schon, aber nur in der Nähe von einem Wirtshaus!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_14"></a>[S. 14]</span></p>
-
-<p>„Ach so! Von wegen dem Durst, den der Paprika erzeugt? Na, in Konserven
-ist nur sehr schwacher Paprika enthalten, und zum Durstlöschen gibt
-es ja Wasser genug! Ich werde die zweite Portion für den Grafen
-aufbewahren, falls er keinen Proviant bei sich haben sollte!“</p>
-
-<p>An seinem Speck kauend, richtete Gnugesser im Heuboden oberhalb des
-Herdraumes ein Lager zur Nachtruhe her. Dann kehrte er in das Wohn- und
-Kochstübchen zurück und fragte, ob er, da der Graf wahrscheinlich nicht
-kommen werde, heimgehen dürfe.</p>
-
-<p>Ironisch fragte Hartlieb: „Treibt Sie denn sehnsüchtige Liebe nach
-Hause?“</p>
-
-<p>„Ich bitt, Herr Oberförster! Wo ich doch schon zwei Jahr verheiratet
-bin! Ich hab nur gemeint, Sie benötigen mich nicht für Abend und Nacht!“</p>
-
-<p>„Ich allerdings nicht! Kommt der Graf doch noch, so könnte es sein, daß
-er Sie morgen um die Führung bitten will! Kommt er heute nimmer, so
-hätte Ihre Anwesenheit allerdings keinen Zweck!“</p>
-
-<p>„Will denn der Graf pirschen auf Hirsche? Bei diesem Wetter wird er
-keinen Wedel äugen können! Was will er sonst heroben?“</p>
-
-<p>„Weiß ich nicht! Vielleicht nur ein Inspektionsgang, Kontrolle, ob alle
-Jagdhütten den Damen-Anbau vorschriftsmäßig erhalten haben!“</p>
-
-<p>„Ist g’spaßig, daß unser Jagdbetrieb nun &ndash; verweiblicht werden soll!
-Ein Frauenzimmer als &ndash; Jagdherr! Ich kann mir nicht denken, wie das
-geht! Die Jaager stecken auch die Köpf zusammen und tuscheln darüber!“</p>
-
-<p>Hartlieb trat vor die Hütte, lauschte, kehrte zurück und stellte es
-Gnugesser frei, nach Hause zu gehen.</p>
-
-<p>Die Gelegenheit, über die neuen Verhältnisse mit dem<span class="pagenum"><a id="Seite_15"></a>[S. 15]</span> Vorgesetzten zu
-sprechen, wollte der Forstwart nun doch nützen. Er steckte die kleine
-Petroleumlampe an, schloß die Fensterläden und bat, Gesellschaft
-leisten zu dürfen.</p>
-
-<p>„Aber die teure Gattin?“</p>
-
-<p>„Wird nicht sterben, wenn ich über Nacht ausbleibe! Dergleichen
-kommt ja öfter vor in unserem Beruf! Mit Verlaub, glauben Sie, Herr
-Oberförster, daß wir mit gleichem Gehalt übernommen werden? Hat der
-Hausmarschall darüber nichts gesagt?“</p>
-
-<p>„Bis jetzt keine Silbe! Ich denke, die Käuferin des Jagdgutes wird froh
-sein, tüchtiges und geschultes Personal übernehmen zu können!“</p>
-
-<p>„Wohl, wohl! Was aber, wenn das Gehalt etwas reduziert würde? Das wär
-für uns doch recht bitter! Für die verheirateten Beamten nämlich!
-Sie, Herr Oberförster, brauchen als lediger Mann sich da weniger zu
-sorgen...“</p>
-
-<p>„Verbürgen kann ich nichts! Beruhigen Sie sich nur! Wegen der Löhne und
-Gehälter muß ich ja gefragt werden, und ich werde selbstverständlich
-dafür eintreten, daß in dieser Beziehung alles beim alten bleibt!“</p>
-
-<p>Gnugesser lächelte und glättete seinen fuchsigen Patriarchenbart, nun
-ihm der größte Stein der Sorge von der Brust fiel. Und zutraulich
-meinte er: „Noch schöner tät es sein, wenn Sie, Herr Oberförster,
-eine Gehaltsaufbesserung durchsetzen könnten! Für mich gleich nur
-zweihundert Kroneln, eine Wohltat wäre das für meine Verhältnisse!“</p>
-
-<p>„Mit einer Aufbesserung darf man der Fürstin bei der Übernahme des
-Besitzes nicht kommen! Um so weniger, als sie teuer, zu teuer gekauft
-hat!“</p>
-
-<p>„So? Hätt sie doch die Finger davon gelassen! Wenn man denkt: Auf
-den Jagdherrn Grafen Lichtenberg, der<span class="pagenum"><a id="Seite_16"></a>[S. 16]</span> freilich nur Pächter war,
-ein Frauenzimmer als Gebieterin in Jagdangelegenheiten &ndash; &ndash; der
-Magen könnt sich umdrehen! Jagdlicher Damenbetrieb! Unmöglich, nicht
-auszudenken!“</p>
-
-<p>Hartlieb streifte die Asche von seiner Zigarre und wollte dem Forstwart
-eben raten, das Zünglein zu hüten, da wurden Schritte laut, die sich
-der Hütte näherten.</p>
-
-<p>Gnugesser stand auf und eilte hinaus.</p>
-
-<p>Auch der Oberförster erhob sich und öffnete die Türe, damit die
-Angekommenen etwas Licht zur Orientierung haben sollten.</p>
-
-<p>„Guten Abend!“ grüßte eine hohe schlanke Gestalt in dunklem
-Lodengewande. Graf Thurn-Valsassina, der weißhaarige Hausmarschall
-und Hofchef, reichte den Beamten die Hand und entschuldigte das arg
-verspätete Erscheinen mit dem Hinweise auf das Unwetter, das zu
-unfreiwilligem Aufenthalt in der Griesweber-Hochalm gezwungen hatte.</p>
-
-<p>Hartlieb bat den Grafen, in die warme Stube einzutreten und
-vorliebzunehmen mit dem Wenigen, was geboten werden könne.</p>
-
-<p>Der Hausmarschall trat in die schwacherleuchtete Stube und rief:
-„Oh, wie wohlig warm! Das ist wirklich sehr behaglich! Ich bitte
-Sie, meinetwegen keine Umstände zu machen! Proviant habe ich mit im
-Rucksack, den mein wackerer Begleiter, der brave Xandl, trägt! Wir
-wollen in der Bergeinsamkeit brüderlich teilen! He, Xandl, antreten und
-auspacken!“</p>
-
-<p>Mit seinem schönsten Lächeln auf den bebuschten Lippen griff Gnugesser,
-der fuchsige Gnom, ein, indem er dem großen Jagdgehilfen Xandl den
-Rucksack abnahm und zuflüsterte: „Gschwind den Herrn bedienen! Stiefel
-ausziehen!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_17"></a>[S. 17]</span></p>
-
-<p>Hartlieb legte inzwischen Holz im Herde nach, so daß es alsbald
-knisterte.</p>
-
-<p>Flink kniete Xandl, ein Koloß von einem sonnverbrannten Menschen, vor
-dem Hausmarschall nieder und bat: „Haben S’ die Gnad, Herr Graf, und
-lassen S’ Ihnen die schweren Schuach ausziehen! Einen Haxen nach dem
-andern, wenn’s g’fällig ist!“ Und flink löste er die Schuhriemen auf.</p>
-
-<p>„Ei ei, wie geschult doch der Xandl im Kammerdienst ist!“ meinte
-schmunzelnd Graf Thurn.</p>
-
-<p>Gnugesser fischte aus dem Inhalt des Rucksackes die Hausschuhe heraus
-und überreichte sie dem Hofchef.</p>
-
-<p>Zu dritt nahmen die Herren am kleinen Tische Platz, indes Xandl
-sich bescheiden auf die Bank an der Wand setzte und an einem Stück
-Schwarzbrot kaute.</p>
-
-<p>„So ist’s nicht gemeint, Xandl! Auch der brave Führer und Jägersmann
-gehört an den Tisch! Vorerst aber bringen Sie uns den Wein und den
-kalten Aufschnitt!“</p>
-
-<p>Brüderlich wurde alles geteilt. Der Höflichkeit halber nahmen die
-Beamten die Happen Schinken zur Brotschnitte dankend an, ebenso den
-Schluck Ungarweines. Hartlieb schenkte die Gulaschportion dem Xandl,
-dem das Gesicht vor Freude leuchtete. „Werd ich gleich Kuchelmadel
-machen und aufkochen! Vergelt’s Gott, Herr Oberförster!“</p>
-
-<p>Graf Thurn erzählte, daß er nach der Inspektion einiger Hütten zur
-Gamsquöhn aufgestiegen sei, vom Gewitter überrascht wurde, in der
-Hochalm lange wartete, dann in den Falkennotgraben gestiegen sei, um
-dann nach zeitraubender Kraxelei den Stadlgraben zu erreichen. „Es ist
-ein wundervolles Gebiet, aber scharf und strapaziös! Der Dienst und
-wohl auch die Jagd<span class="pagenum"><a id="Seite_18"></a>[S. 18]</span>ausübung wird in den Revieren der ‚Haller Mauern‘
-nicht leicht sein! &ndash; He, Xandl, die Zigarren!“</p>
-
-<p>Gnugesser blinzelte dem Oberförster zu, als Graf Thurn die Bemerkung
-über Dienst und Jagdausübung in den Revieren gemacht hatte. Doch
-Hartliebs Antlitz blieb unverändert. Auch enthielt er sich jeder
-Äußerung. Die Zigarrenspende Thurns nahm er mit einer leichten
-Verbeugung an, während Gnugesser und Xandl laut dankten.</p>
-
-<p>Graf Thurn fragte, ob in allen für die Fürstin bestimmten Anbauten, so
-wie in den Kochzimmern gleichfalls eiserne Öfen aufgestellt seien.</p>
-
-<p>„Sie sind längst bestellt, werden nächster Tage zur Aufstellung
-gelangen!“ erwiderte Hartlieb.</p>
-
-<p>„Schön! Machen Sie die Sache eilig, denn Durchlaucht werden in
-allernächster Zeit ankommen! Und einmal in Hall, ist man keine Stunde
-sicher, daß ein Hüttenbesuch befohlen wird! Bei Eintritt groben Wetters
-wäre es sehr fatal, wenn Durchlaucht in einer Hütte frieren müßte!“</p>
-
-<p>Gnugesser hatte den Mund angelweit offen, sosehr interessierte ihn
-jedes Wort. Und plötzlich rutschte ihm die Frage heraus, ob die Fürstin
-von der Jagd etwas verstehe.</p>
-
-<p>„Herr Forstwart, ich bitte Sie, jede indirekte Frage zu unterlassen!“
-bemerkte rügend Hartlieb, und ein scharfer Blick flog zu Gnugesser
-hinüber.</p>
-
-<p>Begütigend meinte Graf Thurn: „Nicht doch! Das Interesse der
-Forstbeamten für die neue Herrin ist ja begreiflich! Und hier unter
-uns Männern hat es nichts auf sich, wenn Fragen gestellt werden! Die
-Fürstin hat zu Lebzeiten ihres Gemahls den gnädigsten Herrn oft auf
-Pirschgängen begleitet und, soviel ich weiß, manchen Hirsch mit gutem
-Blattschuß umgelegt!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_19"></a>[S. 19]</span></p>
-
-<p>Nun wagte auch der hünenhaft gebaute Jagdgehilfe Xandl eine Bemerkung
-dahin, daß ein gelegentlicher Pirschgang und ein weidgerechter
-Jagdbetrieb zweierlei sei. „Mit Vergunst, Herr Graf, wenn es erlaubt
-ist: wird die Duhrlauch selber die Jagdleitung führen, selbständig
-dirigieren, oder bleibt unser Herr Oberförster der Chef?“</p>
-
-<p>„Das weiß ich nicht! Ich für meine Person, als Hofchef und
-Hausmarschall, werde mich in die Jagdangelegenheiten ganz gewiß
-nicht einmischen! Und falls ich gefragt werden sollte, werde ich
-befürworten, daß Herr Oberförster Hartlieb der Jagdleiter bleibe! Den
-Entschließungen der Fürstin kann natürlich nicht vorgegriffen werden!
-Durchlaucht ist die Gebieterin, wir haben ihre Befehle zu vollziehen!“</p>
-
-<p>„Oh, Jessas!“ rief Gnugesser, und sein Bäuchlein zitterte.</p>
-
-<p>„Nur keine Angst! Durchlaucht ist die Güte selbst! &ndash; Nun aber Schluß,
-meine Herren! Ich bin müde!“</p>
-
-<p>Zu dritt kletterten die Herren auf der Leiter in den Dachboden, wo
-das Nachtlager im Heu bezogen wurde. Wollene Decken schützten vor der
-Zugluft, die durch die Balkenritzen trotz der Moosverstopfung kalt und
-scharf eindrang.</p>
-
-<p>Xandl räumte unten auf, löschte das Lämplein und legte sich angekleidet
-auf die Holzbank zur Nachtruhe nieder.</p>
-
-<p>Nach Mitternacht entlud sich ein Gewitter über den Stadlgraben, heftig
-wütete der Sturm unter schweren Regengüssen, rüttelte an der Hütte, riß
-grob die Türe wiederholt auf, die der aus dem Schlafe aufgeschreckte
-Jäger Xandl wieder schloß. Doch gegen Tagesanbruch verstummte das
-Sturmgeheul, das Wehen erstarb, der Regen hörte auf.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_20"></a>[S. 20]</span></p>
-
-<p>Xandl erwachte, rieb sich den Schlaf aus den Augen, und sachte öffnete
-er die Fensterbalken. Helles Morgenlicht und würzige Alpenluft strömten
-herein. Reingefegt war das Firmament, das lichtblau sich über den
-angeschneiten Haller Mauern wölbte. Ein prachtvoller Pirschmorgen nach
-düsterer Sturmesnacht. Des Jägers erster Gedanke war der seiner Führung
-anvertraute Graf und die günstige Chance für eine Pirsch. Aber in
-Erinnerung der Tatsache, daß Graf Thurn keine Büchse mitführte, wurde
-Xandl unschlüssig. Den herrlichen Pirschmorgen ungenützt verstreichen
-zu lassen, deuchte ihn eine schwere Unterlassungssünde zu sein. Als
-Hofchef und Hausmarschall müßte der Graf ja doch Abschußerlaubnis
-haben... Und die Kugelbüchse kann ihm ja der Oberförster oder der
-Forstwart leihen. So weckte denn Xandl die Herren mit der Meldung,
-daß ein prachtvoller Pirschmorgen angebrochen sei. Und hurtig machte
-der Jäger Feuer im Herd, um ein karges Frühstück, eine Brennsuppe zu
-bereiten.</p>
-
-<p>Verfroren und steif in den alten Knochen kam Graf Thurn die Leiter
-herab, hinter ihm die Förster. Vor der Hütte wurde die Pracht des
-alpinen Sommermorgens, das Funkeln und Glitzern der Millionen
-Wasserperlen an Blattwerk und Koniferennadeln im Glanz der ersten, in
-den Graben blinzelnden Sonnenstrahlen bewundert.</p>
-
-<p>Hartlieb bot sein Dienstgewehr für einen Pirschgang an und stellte sich
-als Führer zur Verfügung. Gnugesser sprach von einem guten Zwölfender,
-der auf dem Waschenberge stehe.</p>
-
-<p>Da rief Graf Thurn: „Aber, meine Herren! Wo denken Sie hin! Ohne
-spezielle Erlaubnis werde ich mich hüten, eine Büchse auch nur in
-die Hand zu nehmen,<span class="pagenum"><a id="Seite_21"></a>[S. 21]</span> geschweige denn auf irgendwelches Wild Dampf
-zu machen! Erst muß die Gebieterin ihren Besitz angetreten, das
-Jagdgut übernommen haben! Dann werden wir schon hören, ob uns die
-Bejagung eines Revierteiles gestattet wird oder versagt bleibt! Zur
-Hütteninspektion bin ich heroben, nicht zum weidwerken! Drum: <span class="antiqua">hands
-off</span>!“</p>
-
-<p>Diesmal wechselte Hartlieb mit Gnugesser einen vielsagenden Blick.</p>
-
-<p>Xandl aber platzte heraus: „Also wird die Duhrlauch &ndash; schußneidisch
-sein! Sell geht grad noch ab!“</p>
-
-<p>Graf Thurn ignorierte diese Bemerkung und fragte, ob ein warmer
-Schluck, egal was, zum Frühstück zu haben sei.</p>
-
-<p>Ganz Kuchelmadel, Kammerdiener, Küchenchef in einer Person, offerierte
-Xandl: „Haben S’ die Ehr, gnädig Herr Graf, die Brennsupp’n ist
-serviert! Aber noch heiß, verbrennen Sie Ihnen nicht die Lefzen! Wär
-schad drum! Wo Sie einen so schönen weißen Schnauzer haben!“</p>
-
-<p>Mit Behagen wurde die Brennsuppe, der nur das Salz fehlte, geschlürft.</p>
-
-<p>Da Graf Thurn auf die Fortsetzung der Hüttenbesichtigung verzichtete,
-traf Hartlieb seine Dispositionen: Gnugesser erhielt Auftrag, wegen
-schleunigster Ofenlieferung nach Admont zu gehen, Xandl solle in der
-Hütte aufräumen und hiernach Dienst machen in den oberen Revieren und
-im Gebiete des Natterriegel vorwitzige Gamsversprenger wegstampern, für
-absolute Ruhe im Gamsrevier sorgen. Wenn nötig, unter Anwendung von
-Gewalt.</p>
-
-<p>„Na, schön! Wie disponieren Sie, Herr Oberförster, über sich und mich?“
-fragte Graf Thurn.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_22"></a>[S. 22]</span></p>
-
-<p>Lächelnd meinte Hartlieb: „Über den Herrn Hofchef hat wohl der
-Jagdleiter am allerwenigsten zu verfügen! Wenn Sie aber, Herr Graf,
-erlauben, möchte ich Sie durch unsere schönsten und besten Reviere
-geleiten, Ihnen zeigen, daß wir einen gutgehegten Wildstand haben!
-Weidmännisch gesprochen: Einen ausgiebigen ‚guten Anblick‘ mit viel
-‚roten Fleckerln‘ möchte ich Ihnen verschaffen!“</p>
-
-<p>„Topp, einverstanden! Freilich wird es schmerzlich sein, bei ‚gutem
-Anblick‘ den Finger nicht krumm machen zu dürfen! Also gehen wir!“</p>
-
-<p>Vor Gnugessers Abgang fragte Hartlieb noch, wie weit die
-Schlägerungsarbeit auf dem Raschanger gediehen sei.</p>
-
-<p>„Wird heute beendet werden! Ich werd nachmittag kontrollieren! Mit
-Vergunst, Herr Oberförster, darf ich dem drängelnden Simerlbauern den
-erbetenen Schindelstamm anweisen! Ist ein zudringlicher Mensch!“</p>
-
-<p>„Wenn wirtschaftlich kein Hindernis besteht, daß der betreffende
-gewünschte Stamm wegkommt und der Stamm zur Taxe bezahlt wird, kann
-angewiesen werden! Entspricht der Baum nicht, so geben Sie ihn als
-Prügelstamm weg, aber nicht unter der üblichen Taxe!“</p>
-
-<p>„Ist recht! Darf ich mir bei dieser Gelegenheit auch den Zangerlbauern
-durch Befriedigung seines Wunsches &ndash; er möchte drei Schnitthölzer zu
-einem Schlafzimmerboden erhalten &ndash; vom Halse schaffen? Tanne oder
-Fichte?“</p>
-
-<p>„Ist egal, je nachdem Stämme passend stehen! Halten Sie sich aber knapp
-und die Bauern kurz! Gott befohlen!“</p>
-
-<p>„Empfehl mich, Herr Oberförster!“ Und zum Hofchef gewendet,
-verabschiedete sich der Bäuchleinträger<span class="pagenum"><a id="Seite_23"></a>[S. 23]</span> mit österreichisch-höflichem
-„Küß d’ Hand, Herr Graf!“</p>
-
-<p>Eine erquickende, zuweilen freilich nasse Wanderung durch triefende
-Gräser, durch kühle Wälder war es. Diana zeigte sich gnädig und gönnte
-den Herren manchen „guten Anblick“ von eleganten Rehböcken, von einem
-guten Zehnender mit hohem, weit ausgelegtem Geweih. Mehr als ein
-Dutzend Stück Hochwild ließ die Göttin vorüberwechseln.</p>
-
-<p>Für Berghirsche waren die Geweihträger wirklich gut zu nennen.</p>
-
-<p>Graf Thurn hielt mit anerkennenden Worten für den Heger nicht zurück,
-doch bat er den „Anblicks“-Gang abzubrechen. „Es berührt auf die Dauer
-doch schmerzlich, wenn &ndash; die Jagderlaubnis fehlt!“</p>
-
-<p>Hartlieb nickte zustimmend. Aber gute Gams wollte er dem Hofchef noch
-zeigen. Und dabei erproben, ob Graf Thurn &ndash; steigen könne. Weit
-war im Gebiet der Haller Mauern nicht zu wandern, aber steil ist
-dieses hochragende Kalkgebirg. Leicht und geräuschlos, für sein Alter
-erstaunlich gut und sicher, stieg Graf Thurn, und die Freude an der
-großartigen Alpennatur, das Interesse für das Krickelwild leuchtete aus
-seinen Augen.</p>
-
-<p>Nach kaum zweistündigem Aufstieg wurde ein prächtiges Plätzchen
-erreicht; ein verhältnismäßig breites Latschenfeld, durchzogen von
-einzelnen grünen Grasflecken, breitete sich aus und zog zu grauweiß
-leuchtenden Wandeln hinauf.</p>
-
-<p>Hartlieb trat vorsichtig hinter einen Fichtenboschen und lud durch eine
-leise Kopfbewegung den Begleiter ein, sich an seine Seite zu stellen.
-Graf Thurn folgte dem Oberförster und stand wie angemauert, als sich
-vorne ein gelbgrauer Fleck aus dem Krummholz empor<span class="pagenum"><a id="Seite_24"></a>[S. 24]</span>schob, ein starker
-Gams, der ein Weilchen äste, dann aber den Grind hob und mißtrauisch
-zu äugen begann. Um den Kapitalen wurde es lebendig, sieben, acht Gams
-kamen aus den Latschen, schüttelten sich die Regentropfen aus der
-fahlen Sommerdecke, sonnten sich behaglich im warmen Licht und guckten
-den sichernden Bock verwundert an. Die Kitze hatten Hunger und ästen
-alsbald, zupften eifrig an den Spitzen der saftigen Gräser, treulich
-behütet von den Mamas, die immer wieder aufwarfen und auf den kapitalen
-Bock äugten.</p>
-
-<p>Der herrliche „gute Anblick“ machte den Grafen zittern vor Jagdlust.
-Hartlieb, an derlei gewöhnt, stand starr wie eine Bildsäule. Thurn
-verlor die Herrschaft über sich. Eine winzige Bewegung von Kopf und
-Hand genügte: der Kapitale empfahl sich und verschwand plötzlich in den
-Latschen, deren Äste über ihm zusammenschlugen und einen Sprühstaub von
-glitzernden Tropfen in das Sonnenlicht warfen. Eiligst ahmten Geißen
-und Kitze das Beispiel nach...</p>
-
-<p>Seufzend verließ Thurn diese Stätte und folgte dem Jagdleiter auf der
-Wanderung zu Tale. Stumm, hochbefriedigt, dankbar. Und mit der Hoffnung
-in der Brust, daß die Gebieterin vielleicht doch ein Teilchen dieser
-Idealreviere zur Bejagung freigeben werde...</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_25"></a>[S. 25]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Zweites_Kapitel">Zweites Kapitel</h2>
-
-</div>
-
-<p>Dem Befehl entsprechend war der hünenhafte Jäger Xandl wohl in die
-obersten Reviere gestiegen, aber mit dem Marsche zum Felsgewirr des
-„Natterriegel“ eilte es ihm nicht. Viel wichtiger hielt er eine
-Aussprache mit dem Kollegen Eichkitz, dem er erzählen wollte, was in
-der Million-Hütte an Neuigkeiten zu hören gewesen war. Deshalb stapfte
-Xandl pfadlos durch das steinige Gebiet des „Scheibling“ und suchte mit
-dem Fernrohr das Gstattmaier-Revier ab, hoffend, den Kollegen irgendwo
-sehen zu können. Diese Erwartung erfüllte sich nicht. Einen Besuch der
-Pyrgas-Hütte mußte sich Xandl versagen, der Dienst erlaubte eine solche
-Zeitvergeudung nicht. Und mit dem unerbittlich strengen Jagdleiter
-Hartlieb war nicht zu spaßen. Aber ein Mittel zur Verständigung des
-Kollegen wußte Xandl doch: Deponierung einer schriftlichen Nachricht in
-der tiefer gelegenen Plechauer-Alm, wo Eichkitz sicher in den nächsten
-Tagen einkehren wird. Der Höhenverlust hatte für einen Jäger nicht
-viel zu bedeuten. Also stieg Xandl zur Plechauer-Alm herab. In der
-Hütte traf er den schönen Eichkitz in eifriger Unterhaltung mit der
-schmächtigen Sennerin Burgl, die einen Schreckensschrei ausstieß, als
-Xandl plötzlich auftauchte und spottlustig rief: „Tue mir nix, ich tue
-dir auch nix!“</p>
-
-<p>Eichkitz ließ sich nicht in Verlegenheit bringen, vom<span class="pagenum"><a id="Seite_26"></a>[S. 26]</span> Kollegen hatte
-er keine Unannehmlichkeiten zu befürchten; gelassen meinte er: „Je, der
-Xandl! Bist natürlich &ndash; dienstlich da, wie ich!“</p>
-
-<p>Die Sennerin benutzte die Gelegenheit, das Kämmerlein zu verlassen, und
-machte sich vor der Hütte zu schaffen.</p>
-
-<p>„Dienstlich grad nicht! Hab dir einen Zettel bei der Burgl hinterlegen
-wollen, die große Neuigkeit, wo der Graf Thurn, der wo der Hofchef von
-der Duhrlauch ist, in der Million-Hütt’n verzählt hat!“</p>
-
-<p>„Schieß los!“ meinte Eichkitz und zupfte an seinem Bärtchen.</p>
-
-<p>„Ja! G’sagt hat er, der Graf, er hätt bis jetzt keine Abschußerlaubnis!
-Ausschauen tuets akrat so, als tät die Fürstin &ndash; schußneidisch sein!
-Spannst was, Eichkitz?“</p>
-
-<p>Gelassen erwiderte der hübsche Bursch: „Ich wüßt nicht, warum ich
-darüber heiß werden sollt! Wir kriegen ja doch keine Abschußerlaubnis!
-Und ob der Graf jaagern darf oder nicht, das kann uns wurscht sein!“</p>
-
-<p>„Ich bin der Meinung, daß es schief geht, wenn die Duhrlauch
-schußneidisch ist! Das gang grad noch ab!“</p>
-
-<p>„Bist irrig, Xandl! Ist die Fürstin wirklich schußneidisch, so haltet
-sie was auf ihre Jagd! Das kann uns nur freuen!“</p>
-
-<p>Xandl schüttelte den Kopf. „Ist überhaupt zwider, daß wir keinen Herrn
-nimmer haben! Weiberwirtschaft im Jagdbetrieb, der Teufel soll s’
-holen!“</p>
-
-<p>„Bist irrig, Xandl! Justament das Weiberregiment g’fallt mir!“</p>
-
-<p>„Ah na! Wird nicht sein! Weiber haben verdammt viel Mucken und Launen!“</p>
-
-<p>„Das schon! Kann auch zuweilen höllisch zwider sein und werden! Aber
-weil die neue Besitzerin ein Weib ist,<span class="pagenum"><a id="Seite_27"></a>[S. 27]</span> kann derjenige nur profitieren,
-der es versteht, das Weib zu behandeln!“</p>
-
-<p>„Jessas, na! Wie du daherredest so leicht und ausg’schamt! Du bist nur
-ein Jaager, und sie eine wirkliche Fürstin! Die wird sich in Ewigkeit
-nicht von dir behandeln lassen! Gstampert wirst katschaus in der ersten
-Minut, wo du anfangst, frech z’ werden!“</p>
-
-<p>„Bist wieder irrig, Xandl! Von Frech-werden ist keine Red! Im
-Gegenteil! Demütig sein, katzbuckeln, einschmeicheln, vorsichtig
-anpirschen, und grad nur das reden, was sie gern hört, die Duhrlauch!
-Z’viel von der Jagd wird sie eh nicht verstehen! Versteht sie aber gar
-nix, ist es noch besser! Um so leichter laßt sie sich anbleameln...!“</p>
-
-<p>„Wo der Oberförster so streng und scharf ist!“</p>
-
-<p>„Bist wieder irrig! Ich glaub, die strenge harte Zeit für uns ist
-bereits vorbei! Und beim Weiberregiment wird der hantige Hartlieb
-mit sich und seiner Stellung Arbeit g’nug haben! Sauer wird ihm sein
-Dienst werden! Für uns aber wird es besser und leichter! Wenigstens ich
-spekulier darauf!“</p>
-
-<p>„Wenn du dich nur nicht verspekulierst!“</p>
-
-<p>„Keine Sorg, Xandl! Auf die Weiberbehandlung versteh ich mich!
-Der Fürstin wird die b’sonders schwache Seit’n wohl auch und bald
-abzugucken sein! Da ist mir nicht bang!“</p>
-
-<p>„Tue, was du willst! Ich verbrenn mir die Finger nicht! Und jetzt muß
-ich springen, muß Dienst machen auf ’m Natterriegel!“</p>
-
-<p>„Dank schön für die Botschaft! Sag nichts, daß wir uns ’troffen
-haben! Der Hartlieb wird eh immer fuchtig, wenn er merkt, daß Jaager
-bei Sennerinnen einkehren! Eh schon wissen! Aufs Wiederschauen
-gelegentlich! B’hüt dich, Xandl!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_28"></a>[S. 28]</span></p>
-
-<p>„Auch soviel!“ Xandl verließ, die Sennerin kurz grüßend, die Alm in
-unbehaglicher Stimmung. Für die Art, wie Eichkitz die Lage auffaßte,
-fehlte es dem Hünen an dem nötigen Verständnisse. Xandl fürchtete sich
-geradezu vor dem Weiberregimente im Jagddienst.</p>
-
-<p>Eichkitz griff nach Büchse und Bergstock, um den Reviergang
-fortzusetzen.</p>
-
-<p>Die Sennerin Burgl hantierte am Brunnen und rief spöttisch: „Pressiert
-es jetzt auf einmal mit dem Dienstmachen? Was haben denn die Jaager so
-Wichtiges zu verhandeln g’habt?“</p>
-
-<p>„Der Xandl fürchtet sich so vor der Fürstin!“ antwortete ironisch der
-hübsche Jäger.</p>
-
-<p>Burgl ließ das Wasserschaffl fallen und trippelte auf Eichkitz zu. „Was
-sagst?“</p>
-
-<p>„Fürchten tuet er sich vor der Duhrlauch!“</p>
-
-<p>„Warum denn? Ist die Fürstin etwa ein harbes Weib?“</p>
-
-<p>„Derweilen wissen wir noch gar nix!“</p>
-
-<p>„Schaden könnt es nix, wenn sie einen gewissen Jaager z’sammenstauchen
-tät! Von wegen Hoffart und Eitelkeit! Ist ja ganz aus der Art, wie du
-mit die Weiberleut umspringst! Kein bisserl Achtung vor dem weiblichen
-Geschlecht! So ein Sausewind! Gleich immer aufs Verführen aus! Schamst
-dich nicht?!“</p>
-
-<p>„Wüßt nicht warum! Küß d’Hand, gnä Fräuln!“ spottete Eichkitz.</p>
-
-<p>Nun erzürnt, sprang Burgl in die Hütte.</p>
-
-<p>Der hübsche Jäger wanderte über den grünen sonnigen Almboden und lachte
-in sich hinein: „Wirst schon noch zahm werden, Wildkatzl!“</p>
-
-<p class="s3 center mtop1 mbot1">*</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_29"></a>[S. 29]</span></p>
-
-<p>Als der Forstwart Gnugesser sein Falstaff-Bäuchlein zum Wiedschlag auf
-dem Raschanger hinaufschleppte, seufzend und nach Luft schnappend,
-warteten bereits zwei spindeldürre Bergbauern auf ihn, der Simerl
-und der Zangerl, rauchend, mit Tabak ordinärster Sorte die Waldluft
-verpestend. Und sogleich lamentierten sie, mit dem Warten soviel Zeit
-verloren zu haben.</p>
-
-<p>In seiner Herzensgüte entschuldigte sich Gnugesser, daß er beim besten
-Willen nicht früher habe kommen können; der Weg nach Admont und über
-Hall zurück und zum Raschanger sei weit und beanspruche Zeit. „Dafür
-soll nun jeder geschwind sein Holz angewiesen bekommen!“</p>
-
-<p>„Nur nix übereilen! Ich bitt, geben S’ mir den Schindelstamm mehr
-herunten, wo die Bringung leichter ist und nicht soviel Zeit, Müh und
-Geld kostet! Wo ich den Stamm auch noch zahlen muß!“ meinte der Simerl
-und begann nun, der Bergsohle zustapfend, einen schönen Baum zu suchen.
-An jeder Fichte hatte der Bauer etwas auszusetzen, kein Stamm war ihm
-schön und astfrei genug. Und immer maulte der Simerl: „Wo ich den Stamm
-zahlen muß!“</p>
-
-<p>Lächelnd mahnte Gnugesser zur Eile und Zeitersparnis. „Such dir die
-Fichte aus, aber bald! Der Zangerl möchte ja auch heute noch seine
-Schnitthölzer! Und ich möcht dann meine Ruh bekommen!“</p>
-
-<p>Endlich hatte Simerl einen Stamm gefunden, von dem er glaubte, daß die
-Fichte zu Schindeln gehe. Simerl nahm die Untersuchung vor, langsam und
-umständlich, bis festgestellt war, daß der Baum „gut kliebe“. Und nun
-wollte Simerl den Stamm sofort gefällt haben.</p>
-
-<p>„Mußt schon warten, bis die Holzer von oben kommen! Morgen wird der
-Stamm gefällt werden! Aber<span class="pagenum"><a id="Seite_30"></a>[S. 30]</span> vorher mußt die Tax in der Kanzlei des
-Oberförsters zahlen!“</p>
-
-<p>Davon wollte Simerl aber nichts wissen. Aus dem Gejammer merkte
-Gnugesser, daß es dem Bauern darum zu tun war, den Stamm zu erhalten,
-das Geld dafür aber schuldig zu bleiben. Infolge dieser Wahrnehmung
-unterließ es der pflichttreue Forstwart, die ausgesuchte Fichte
-anzuplätzen.</p>
-
-<p>Simerl sah sich durchschaut und ging fluchend heim.</p>
-
-<p>Der gleichfalls zaundürre Zangerl holte die forstamtliche Quittung
-hervor zum Beweise, daß er den Betrag für drei Schnitthölzer bereits
-erlegt habe.</p>
-
-<p>„Gut! Dann hat die Auszeigung einer schönen astfreien Tanne keine
-Schwierigkeit!“ versicherte Gnugesser und machte sich auf die Suche
-eines besonders kräftigen Baumes.</p>
-
-<p>Da begann aber der Zangerl zu zetern und zu protestieren mit einem
-ungeheuerlichen Wortaufwand. Mit aller Entschiedenheit wehrte er sich
-gegen die Zuweisung einer &ndash; Tanne. „Wo ich Holz brauch für den Boden
-der Schlafkammer. Einen tänneren Boden will ich nicht und nehm ich
-nicht! In Ewigkeit nicht! Wo ich die Tax bereits bezahlt hab!“</p>
-
-<p>Verwundert fragte Gnugesser, warum denn der Bauer Tannenholz nicht
-nehmen wolle.</p>
-
-<p>Ein Blick unsäglichen Bedauerns, einer Geringschätzung ob solchen
-Mangels an Wissen streifte den Forstwart. Im belehrenden Tone erklärte
-Zangerl: „Will der Herr ein Forstwart sein und weiß nicht, daß im
-tännernen Holz die Flöh wachsen!“</p>
-
-<p>Gnugesser lachte aus vollem Halse. Und schluckend versicherte er, davon
-bis jetzt nichts gewußt zu haben.</p>
-
-<p>„Solche Leut sein Förster! Tannenholz erzeugt Flöh,<span class="pagenum"><a id="Seite_31"></a>[S. 31]</span> das weiß jeder
-Bergbauer, nur der Forstwart weiß es nicht! Also die Tann nehm ich
-nicht! Ich will einen fichtenen Stubenboden!“</p>
-
-<p>Benjamin Gnugesser lachte, daß sein Bäuchlein hüpfte. „Kannst eine
-astreine Fichte haben! Wir vom Forstamt wollen es nicht verantworten,
-daß der Zangerlbauer samt Familie von den Flöhen aufgefressen wird!“</p>
-
-<p>Fast eine Stunde verfloß, bis Zangerl eine Fichte gefunden hatte, die
-seinen Ansprüchen genügte. Dieser Stamm wurde dann vom Forstwart mit
-dem Plätzhammer gemerkt und zur Fällung angewiesen.</p>
-
-<p>Damit hatte das Tagwerk Gnugessers ein Ende. Müde trollte er hinunter
-zum Forsthause beim Dörflein Hall.</p>
-
-<p>Ein alter Quadernbau mit neuem Ziegeldache am Sträßlein, beschattet
-von Fichten; „Steinkasten“ pflegte der Forstwart dieses Dienst-
-und Wohngebäude zu nennen, in dem er mit seiner ihm vor zwei
-Jahren angetrauten Gattin Amanda hauste. Forstwarts im Parterre,
-der Oberförster Hartlieb im oberen Stockwerke, wo sich auch die
-Forstkanzlei und das Jagdamt befinden. Hier wohnte auch zur Zeit
-Graf Thurn, dem Hartlieb zwei Zimmerchen hatte abtreten müssen.
-Straßenseitig befand sich ein Nutzgärtchen, das den Bewohnern des
-Forsthauses in beschränktem Maße Salat und Gemüse lieferte. Besonders
-gepflegt sah das Gärtchen aber nicht aus; es entbehrte wohl der
-sorgsamen Hand.</p>
-
-<p>„Grüß Gott, Weiberl! Da bin ich endlich und nicht wenig müd und
-hungrig!“ rief Benjamin beim Eintritt in die Stube und hing Hut und
-Gewehr auf den Kleiderständer neben der Türe.</p>
-
-<p>Frau Amanda zuckte überrascht zusammen und schob hastig eine Zeitung in
-das Nähkörbchen. „Du bist schon<span class="pagenum"><a id="Seite_32"></a>[S. 32]</span> da?“ stieß die junge, blasse Frau aus
-und erhob sich, um dem Gatten einige Schritte entgegenzutrippeln. Über
-mittelgroß, sehr schlank, scharf geschnitten das Gesicht und die Nase,
-eckig die Gestalt &ndash; machte Amanda Gnugesser auf den ersten Moment
-einen ungünstigen Eindruck; bei näherer Betrachtung offenbarte sich
-jedoch die überraschende Schönheit des Auges. Große braune Rätselaugen,
-unergründlich, seltsam leuchtend. Wundervoll auch das rehfarbige Haar
-in reichster Fülle, nur mangelhaft frisiert, leichthin aufgesteckt,
-in Unordnung geraten. Im einfachen Kattunkleide sah Frau Amanda
-einem Dienstmädchen gleich, das durch Vernachlässigung der Toilette
-gleichgültig jeden Zauber der Weiblichkeit zerstört, weil niemand da
-ist, für den man sich putzen und schmücken konnte. Aus Kleidung und
-Körperhaltung offenbarte sich eine Gleichgültigkeit, die geradezu
-aufreizte, nach der Ursache zu forschen. Nur Benjamin Gnugesser fragte
-nie danach, er sah die Vernachlässigung, die, wenn nicht zerstörte,
-so doch geminderte Anmut des Weibes nicht. Er war von Anbeginn durch
-die Braut nicht verwöhnt worden. Entgegen dem allgemeinen Brauche, daß
-Mädchen sich vor Männern nur im Zustande einer gewissen Vollkommenheit
-in der Toilette, Frisur und sehr guter Laune sehen lassen, hatte
-Fräulein Amanda, damals Lehrerin, sich nie bemüht, ihr Wesen und ihre
-Erscheinung zu idealisieren oder Illusionen zu erwecken. Sie wollte
-nicht täuschen. Und als Ehefrau negierte sie rundweg die Behauptung,
-wonach das Eheglück um so besser gefördert werde, je vollkommener es
-die Gattin verstehe, den Mann in der Illusion, ein Ideal zu besitzen,
-ständig zu erhalten. Die Gleichgültigkeit der zum Zölibat verurteilten
-Lehrerin gegen Kleider, Schmuck, Tand und unzählige Kleinig<span class="pagenum"><a id="Seite_33"></a>[S. 33]</span>keiten
-hatte Amanda in den Ehestand mitgebracht. Und die Fortdauer dieser
-Gleichgültigkeit hatte eine bestimmte Ursache.</p>
-
-<p>Scherzend erwiderte Benjamin: „Es ist nur mein Geist, der bei dir
-erschienen ist. Er hat aber Hunger und Durst!“</p>
-
-<p>„Mußt dich schon gedulden! Die Stunde deiner Heimkehr war mir nicht
-bekannt, ich muß also erst kochen! Den Durst wirst wohl selber löschen
-können! Flaschenbier ist im Keller!“</p>
-
-<p>„Dank schön für die Auskunft! Werde gleich in den Keller
-hinabspazieren! Vorher möcht ich aber wissen, was es zu schnabulieren
-gibt!“</p>
-
-<p>Mit leichtem Spott sprach Amanda: „Etwas ganz Feines, Kalbsfüße!“</p>
-
-<p>Benjamin schnalzte mit der Zunge, rief: „Nobel, grad nobel!“ und
-stapfte in den Keller.</p>
-
-<p>Frau Amanda kehrte schnell an den Nähtisch zurück und verschloß die
-vorhin weggelegte Zeitung gleich einer Kostbarkeit in der Schublade
-einer Kommode, deren Schlüssel sie einsteckte. Dann begab sie sich in
-die kleine Küche, wo die Dunkelheit sie zwang, Licht zu machen.</p>
-
-<p>Im dämmerigen Wohnstübchen leerte der Forstwart das Fläschchen Bier,
-entledigte sich der schweren Bergstiefel, schlüpfte in bequeme
-Hausschuhe und stellte sich an das offene Fenster, um zu beobachten,
-wie die Dämmerung mählich in die Nacht überging. Für den Forstmann
-und Jäger war dieses oft gesehene Schauspiel aber doch etwas
-langweilig. Auch knurrte der Magen, der Hunger zerstörte die Poesie des
-Sommerabends. Benjamin wollte sich die Wartezeit verkürzen und irgend
-etwas lesen. Er steckte die kleine Hängelampe an und nahm von der
-Kommode den dort liegenden Pack Zei<span class="pagenum"><a id="Seite_34"></a>[S. 34]</span>tungen. Und groß wunderte er sich,
-wie wohl diese Zeitungen, dem Titel nach in Köln erscheinend, in die
-steierische Bergeinsamkeit und just in das Forsthaus Hall bei Admont
-gekommen sein mochten.</p>
-
-<p>Eine Weile blätterte er diese Zeitungen durch, sah dann das Datum an
-und legte die „ollen Kamellen“ geringschätzig weg. Lektüre war sein
-Fall überhaupt nicht, für alte Zeitungen hatte er aber ganz und gar
-kein Interesse.</p>
-
-<p>„Dauert das lang, bis die Kalbsfüße kommen!“ brummte der hungrige
-Förster. In Gedanken entschuldigte er gutmütig die Gattin, die als
-frühere Lehrerin ungern kochte. Daß Amanda sich so spät am Abend
-abmühte, Kalbsfüße zu backen, fand Gnugesser sehr nett und dankenswert.</p>
-
-<p>Endlich erschien die Gattin mit der Speise. Krebsrot waren Amandas
-Wangen, dunkelbraun, fast schwarz gebrannt die Kalbsfüße.</p>
-
-<p>Auf den ersten Blick erkannte Benjamin, daß die Kalbsfüße überhitzt
-gebacken und wahrscheinlich ungenießbar sein würden. Dennoch lobte er
-den Eifer und dankte für die Aufopferung. Und zur Belohnung wollte er
-das zweite Fläschchen Bier der Gattin abtreten.</p>
-
-<p>Amanda lehnte ab mit dem Hinweise, daß sie grundsätzlich den Alkohol
-meide.</p>
-
-<p>Mit Todesverachtung würgte der Gatte die außen verbrannten, innen fast
-noch rohen Kalbsfüße hinab und goß mit allerdings verdächtigem Eifer
-Bier darauf.</p>
-
-<p>Gottlob merkte Amanda nichts, sie saß am Tische, seltsam in Gedanken
-vertieft.</p>
-
-<p>Den fuchsigen Patriarchenbart glättend, fragte Benjamin, wie denn die
-Zeitungen aus Köln sich in das Haller Forsthaus verirren konnten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_35"></a>[S. 35]</span></p>
-
-<p>Amanda griff nach einem widerspenstigen Strähnchen ihres herrlichen
-Haares und erwiderte in gekünstelt ruhigem Tone: „Die hat mir unser
-Pfarrer, der Pater Wilfrid, gebracht!“</p>
-
-<p>„So? Na, was soll denn Interessantes drinstehen?“</p>
-
-<p>„Der Roman ist sehr schön!“</p>
-
-<p>„Nix für ungut, Weiberl! Aber ich meine doch, dem Pfarrer hätt was
-Gscheiteres einfallen können, als einer Hausfrau einen Roman zum Lesen
-zu geben!“</p>
-
-<p>Beleidigt warf Amanda den Kopf auf und scharf erwiderte sie: „Schinden
-und rackern darf sich die Frau, eine geistige Erholung wird ihr aber
-nicht gegönnt! Von Fortbildung gar nicht zu sprechen! Als frühere
-Lehrerin habe ich andere geistige Bedürfnisse als Bauernweiber!“</p>
-
-<p>Gutmütig beteuerte Benjamin, daß seine Bemerkung nicht schlimm gemeint
-sei. „Kannst ja tun und lesen, was du willst! Ich red dir gewiß nix
-drein! Bin ja ein genügsamer, bescheidener Mensch!“</p>
-
-<p>„Den Mangel an Verkehr mit Leuten von Bildung empfinde ich bitter! Wir
-leben in einer geradezu trostlosen Abgeschiedenheit! Meine einzige
-Hoffnung ist, daß durch die Fürstin vielleicht ein Verkehr mit den
-Kammerfrauen sich wird ermöglichen lassen...!“</p>
-
-<p>„Nix für ungut, Weiberl! Ich bin nur ein Forstwart, ein Waldmensch,
-aber um den Verkehr mit Domestiken reiß ich mich nicht! Diese Sorte
-aufgeblasener hochnäsiger Menschen ist mir zu minder und nicht nach
-meinem Geschmack!“</p>
-
-<p>Amanda hob die eckigen Schultern und spottete: „Mußt halt schauen, daß
-die Fürstin sich mit dem Herrn Forstwart huldvollst abgibt!“</p>
-
-<p>„Fehlgeschossen, Weiberl! Die Duhrlauch ist mir zu hoch! Art zu Art!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_36"></a>[S. 36]</span></p>
-
-<p>„Stimmt! Ich hätte das bedenken sollen, als es noch Zeit war!“</p>
-
-<p>„Ich glaub gar, du willst sticheln? Bist heute schon sehr merkwürdig
-spitz und stachlig! Hast denn Verdruß gehabt? Bist etwa krank? Blaß
-schaust aus, Weiberl!“</p>
-
-<p>Amanda ging unvermittelt auf ein anderes Thema über und fragte, ob
-unter der neuen Herrschaft eine Gehaltsaufbesserung möglich sein könnte.</p>
-
-<p>„Nicht daran zu denken! Wir dürfen froh sein, wenn das gesamte Personal
-unvermindert und mit unveränderten Löhnen übernommen wird!“</p>
-
-<p>„Wieviel festes Gehalt hast du denn zur Zeit?“</p>
-
-<p>„Seltsame Frage! Du weißt doch, daß ich tausendachthundert Kronen Fixum
-habe!“</p>
-
-<p>„Ja doch! Aber ich weiß nicht, ob das Schußgeld eingerechnet ist!“</p>
-
-<p>„Warum willst du denn das wissen?“</p>
-
-<p>„Ich möchte nicht vom Finanzamt unangenehm überrascht werden, wenn
-beispielsweise das Einkommen höher ist und demgemäß ein größerer
-Steuerbetrag zu zahlen sein würde! Muß das Schußgeld auch versteuert
-werden?“</p>
-
-<p>„Keine Idee! Wir haben nur wenig Raubzeug, also ist das Schußgeld
-minimal! Jedes Sechserl braucht man denn doch nicht dem Finanzamt auf
-die Nase zu binden!“</p>
-
-<p>„Glaubst du, daß es unter der neuen Herrschaft größere Trinkgelder
-geben wird?“</p>
-
-<p>„Nix für ungut, Weiberl! Aber was du eben gesagt hast, das ist höheres
-Blech! Ich bin als Forstwart Beamter, der selbstverständlich kein
-Trinkgeld annimmt! Jagdgehilfen halten die Hand hin, so Jagdgäste
-Weidmannsheil gehabt haben! Niemals aber die Beamten!“</p>
-
-<p>„Na, na! Mit dem ‚fürstlichen‘ Einkommen von tau<span class="pagenum"><a id="Seite_37"></a>[S. 37]</span>sendachthundert
-Silberlingen brauchst die Nase nicht gar so hoch zu tragen! Eine
-Aufbesserung, egal von welcher Seite sie kommt, wäre hocherwünscht als
-Zuschuß zu dem viel zu knappen Wirtschaftsgeld!“</p>
-
-<p>„Ah, so lauft der Has! Tut mir leid, aber das Haushaltsgeld kann ich
-beim besten Willen nicht erhöhen! Mußt schon schauen und trachten, daß
-du damit auskommst! So, müd, krachmüd bin ich, freu mich auf das Bett!
-Gehst auch schlafen?“</p>
-
-<p>„Ich werd noch ein bisserl lesen! Gute Nacht, Beni!“</p>
-
-<p>„Gute Nacht, Weiberl!“ Benjamin trat zur Gattin und gab ihr den
-Gutenachtkuß, den Amanda kaum erwiderte. „Nix für ungut, wenn ich schon
-schlafe, wenn du kommst!“</p>
-
-<p>„Orgle nur zu! Gute Nacht!“</p>
-
-<p>Horchend blieb Amanda am Tische sitzen. Sie holte geräuschlos das sie
-so mächtig interessierende Zeitungsblatt aus der Kommode hervor, als
-kräftige Gutturaltöne die Gewißheit gaben, daß der Gatte schlief.
-Wieder las die Frau den kurzen Artikel, dessen Inhalt ihre ganze
-Denkkraft, ihr Sinnen und Streben in Anspruch nahm, ihre Zukunft
-gründlich umgestalten wird und muß.</p>
-
-<p>Wie Amandas schöne Augen aufleuchteten bei dem Gedanken, die in dem
-Artikel angedeutete Reform durchzuführen! Zunächst in ihrer Ehe! Dann
-aber soll dafür gesorgt werden, daß die Wohltat der Reform auch anderen
-Hausfrauen zuteil werde! Nötigenfalls wird die Neuerung im ehelichen
-Haushalt erkämpft werden... Amanda wird einen Frauenbund gründen.
-Der früheren Lehrerin, ihrer Intelligenz und Geistesschulung gebührt
-selbstverständlich der Vorsitz. Eine große Mission harrt ihrer, und ihr
-Leben wird einen neuen Inhalt erhalten und lebenswert werden.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_38"></a>[S. 38]</span></p>
-
-<p>Die Gedanken der einsamen Frau sprangen um zwei Jahre zurück und
-beschäftigten sich mit der Frage, warum Amanda ihren Beruf aufgegeben
-hatte und die Ehe mit Benjamin Gnugesser eingegangen war. Eine Ehe, die
-nicht befriedigte. Freilich hatte sie der Beruf auch nicht befriedigt.
-Nur einen einzigen Vorteil hatte die Stellung in den Augen Amandas:
-die feste Besoldung. Die Arbeit in der Schule wurde gelohnt. Um der
-Selbständigkeit und des Gehaltes willen war Amanda Lehrerin geworden.
-Nicht aus Freude und Liebe zu diesem Berufe. Ihr Brot mußte sie sich
-verdienen, die mittellose Tochter eines inzwischen verstorbenen
-Subalternbeamten wollte nach Möglichkeit unabhängig sein, finanziell
-gesichert in der Welt stehen, an jedem Monatsersten Bargeld in die Hand
-bekommen. Dieses Ziel war erreicht worden. Aber eine gute Lehrerin war
-Amanda nicht; diese Tatsache erkannte sie selbst wie auch die Ursache:
-den Mangel an Berufsliebe. Aus diesem Mangel mußte eine Abneigung gegen
-diesen Beruf erwachsen, die sich in dem Maße steigerte, als sich die
-Widerwärtigkeiten in Schule und dörflichem Leben vermehrten. Die Schule
-und der Lehrberuf verlangen Begeisterung und liebevolle Hingebung,
-so Ersprießliches geleistet werden soll. Fräulein Amanda hatte die
-Schule aber lediglich als Versorgungsanstalt betrachtet. Konflikte,
-Reibereien, Rügen konnten nicht ausbleiben, verleideten die Stellung.
-Prüfungen der Kinder ergaben Mißerfolge, die der Lehrerin angekreidet
-wurden und zu Strafversetzungen führten. Sogar von Entlassung aus dem
-Schuldienst war gesprochen worden. Und diese Drohung hatte Amanda
-auf den Gedanken gebracht, die Versorgung im Ehestande zu suchen und
-anzustreben. Benjamin war im gleichen Orte angestellt und gleich
-der<span class="pagenum"><a id="Seite_39"></a>[S. 39]</span> Lehrerin aß er im Gasthause; sie trafen sich täglich und wurden
-Freunde. Und als Beni zum Forstwart ernannt worden war, warb er um
-Amandas Hand, denn Beni war in Amanda ehrlich verliebt und blind gegen
-den Mangel jeglicher Körperreize. Der Lehrerin hingegen war es nur um
-eine anderweitige Versorgung zu tun. Liebe empfand sie nicht, weder zum
-Gatten noch zum Hauswesen. Von der Führung eines Haushaltes konnte die
-Ex-Lehrerin keine Ahnung haben. Er war auch danach. Es ging zur Not,
-denn einiges lernte Frau Amanda ja doch, freilich unter Geldopfern für
-verpfuschte Speisen. Und es wird mit „Ach und Krach“ weitergehen dank
-der Herzensgüte Benis. Der Verstand sagte Amanda, daß sie nie eine
-richtige und tüchtige Hausfrau werden könne.</p>
-
-<p>Amanda begann zu später Stunde zu rechnen, nachdem sie den ihr Inneres
-aufwühlenden Zeitungsartikel abermals gelesen hatte. Achtzehnhundert
-Kronen festes Einkommen bezieht der Gatte. Würde ein Drittel abgezogen
-als Entlohnung für die Arbeit der Hausfrau, so würde Beni kaum imstande
-sein, mit der verbleibenden Summe alle Bedürfnisse des Lebens und
-Haushalts zu bestreiten. Demnach muß eine Gehaltserhöhung angestrebt
-werden.</p>
-
-<p>Frau Amanda horchte plötzlich auf, beruhigte sich aber sofort, als sie
-die Stimme des heimgekehrten Oberförsters erkannte. Hartlieb schloß die
-Haustür auf und ließ dem Grafen Thurn den Vortritt.</p>
-
-<p>Schnell nahm Amanda die Lampe vom Tisch, trat in den Flur, um den
-Herren die Treppe zu erleuchten.</p>
-
-<p>Graf Thurn dankte freundlichst für diese liebenswürdige Aufmerksamkeit
-und fügte bei, daß die Fürstin übermorgen nachmittag ankommen
-werde. „Frau Forst<span class="pagenum"><a id="Seite_40"></a>[S. 40]</span>wart haben wohl die Güte, für die Schmückung des
-Forsthauses zu sorgen, ja? Und dankbar werde ich sein, wenn Sie mir
-behilflich sein wollten, die Front des Jagdschlössels zu zieren! Das
-Personal kommt nämlich erst übermorgen früh hierher, also zu spät für
-die Ausschmückung!“</p>
-
-<p>„Mit größtem Vergnügen, Herr Graf!“</p>
-
-<p>„Schön! Verbindlichsten Dank! Nun aber gute Nacht, Frau Forstwart!“</p>
-
-<p>Amanda begleitete mit der Lampe die Herren bis in das obere Stockwerk.
-Dann kehrte sie in ihre Wohnung zurück und begab sich zur Ruhe. Fand
-aber lange nicht den Schlaf, da sich schwere Gedanken an Reform,
-Gehaltsaufbesserung, auch an die Zukunft unter der neuen Herrschaft
-durch ihren Kopf wälzten. Eine große Rolle spielte auch die Fürstin
-Sophie von Schwarzenstein, die neue Gebieterin des Haller Jagdgutes...</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_41"></a>[S. 41]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Drittes_Kapitel">Drittes Kapitel</h2>
-
-</div>
-
-<p>Vom Sonnengolde verklärt, sah das winzige Dörfchen Hall mit seinem
-netten Pfarrhause und dem hübschen, auf einem grünen Hügel thronenden
-Kirchlein wie ein Kinderspielzeug aus. Verstreut im Tal standen
-die Häuschen, meist unter Obstbäumen versteckt, die Siedlungen von
-Bauern und Arbeitern; ehemals vor acht Jahrhunderten bildete das
-Dorf die Stätten von Sudleuten, da das Benediktinerstift hier eine
-vielumstrittene Salzpfanne besaß. Im Norden dieses Alpendörfleins
-türmen sich die grauen Kalkkolosse der „Haller Mauern“ auf, deren
-Mittelgebirge bewaldet ist.</p>
-
-<p>Im Wohngemach, zugleich Speisezimmer des schlichten, sauberen
-Pfarrhauses, saß Oberförster Hartlieb als Gast bei seinem Freunde
-Pater Wilfrid Ritter von Springenfels, der die Funktion des Pfarrers
-ausübte, zugleich aber Konventual des Admonter Benediktinerklosters
-und Gastmeister dieses Stiftes war. Wohnhaft im Stifte, kommt Pater
-Wilfrid zweimal in der Woche nach Hall, nimmt im Pfarrhause, das
-Eigentum des Stiftes ist, kurzen Aufenthalt, um sich als Seelsorger
-der Gemeinde zu widmen. Wird der Pfarrer weiterhin benötigt, so muß
-er im Stifte verständigt werden. Mit der Pünktlichkeit der Könige
-pflegte Pater Wilfrid an den bestimmten Tagen zur üblichen Stunde nach
-Hall zu kommen. Und wie ein Vater stand er jedem der Dorfbewohner
-mit Rat und Tat zur Verfügung. Ein großer<span class="pagenum"><a id="Seite_42"></a>[S. 42]</span> hagerer Aristokrat im
-schwarzen Benediktinerhabit, dem obersteierischen sogenannten
-Eisenadel entsprossen, adeligen Hochofen- und Hammerwerksbesitzern,
-reichen Leuten zur Blütezeit der Eisenindustrie. Aus vermögender
-Familie stammend, hätte es der junge Ritter von Springenfels nicht
-nötig gehabt, eine Versorgung anzustreben; er erwählte freiwillig
-den Priesterberuf aus Begeisterung und trat in den Admonter
-Benediktinerorden ein, um in der heißgeliebten obersteierischen Heimat
-lebenslang bleiben zu können. Diese Heimatsliebe schloß indes große
-Reisen zur Urlaubszeit behufs Ausbildung und Weitung des Blickes
-nicht aus; wie denn auch Pater Wilfrid stetig bemüht war, die Studien
-aus mannigfachen Gebieten unter Ausnützung der kostbare Schätze
-bergenden Stiftsbibliothek fortzusetzen. Die adelige Abstammung führte
-dazu, daß in jenen Fällen, da von fürstlichen Gutsbesitzern in der
-Umgebung von Admont ein priesterlicher Stiftsherr zum Messelesen
-in Schloßkapellen erbeten wurde, stets Pater Wilfrid Ritter von
-Springenfels delegiert ward. Diese Tätigkeit trug dem Benediktiner von
-den Mitbrüdern den Scherznamen „Hofkaplan“ ein, wobei Pater Wilfrid um
-die Tafeleinladungen beneidet wurde. Intelligenz, Bildung und Noblesse
-kündeten Kopf und Augen dieses Benediktiners. Ein Priester wie eigens
-geschaffen für den Verkehr mit dem Hochadel, mit Fürsten und Königen;
-aber sein Umgang mit den Haller Dörflern bewies immer wieder, daß Pater
-Wilfrid auch ein vortrefflicher Bauernpfarrer, der opferwillige Freund
-der Armen und Ärmsten war. Durch den Verkehr mit dem feinen Pfarrer
-von Hall nahmen selbst rauhbeinige Burschen einen gewissen Schliff
-an. Und immer gedrückt voll war die Kirche an Sonn- und Feiertagen,
-da die Dörfler eine<span class="pagenum"><a id="Seite_43"></a>[S. 43]</span> gehaltvolle Predigt ihres Pfarrers zu erwarten
-hatten. Kein Donnerwetter im Dialekt von der Kanzel; formvollendete,
-dem Auffassungsvermögen der Zuhörer angepaßte Vorträge, liebevolle
-Ermahnungen zu Eintracht und gottgefälligem, christlichem Leben gab
-Pater Wilfrid. Mußte der Haller Pfarrer, durch dörfliche Ereignisse
-oder Verfehlungen der Pfarrangehörigen gezwungen, scharf vorgehen, so
-blieben Rüge und Tadel stets vornehm in Form und Ton, die Kanzelrede
-vermied jede Nennung von Namen. Diese vornehme Objektivität und
-Schonung weckte das Ehrgefühl und erzeugte Dankempfindungen derer, die
-recht gut wußten, daß sie die Rüge anging.</p>
-
-<p>Stolz waren die Haller auf ihren Pfarrer im Benediktinerhabit.
-Und neben diesem Stolz saß die Sorge, daß Hall den verehrten und
-allbeliebten Pater Wilfrid verlieren könnte.</p>
-
-<p>„Also, womit kann ich Ihnen, Herr Oberförster, dienen?“ fragte Pater
-Wilfrid zum zweiten Male, da Hartlieb mit seinem Anliegen nicht
-herausrücken wollte. „Über die bevorstehende Ankunft der Fürstin bin
-ich vom Hausmarschall bereits verständigt!“</p>
-
-<p>„Eben diese Ankunft macht mir Sorge! Ich bin bekanntlich alles, nur
-kein Hofmann! Vor dem Hofdienst graut mir, ich sehe sehr schwarz in die
-Zukunft! Eine Bitte hätte ich, sie hängt mit der Ankunft der Fürstin
-zusammen; eine Ansprache soll gehalten werden, aber ich bin kein
-Redner, würde jämmerlich verunglücken! Also bitte ich herzlich, daß Sie
-mir diese drückende Last abnehmen!“</p>
-
-<p>„Gerne werde ich Ihnen, dem Freunde, dienen! Aber der Benediktiner kann
-doch nicht im Namen der Jägerei und des Forstpersonals die Fürstin
-begrüßen!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_44"></a>[S. 44]</span></p>
-
-<p>„Der Pfarrer ist Amtsperson, hält eine offizielle Ansprache im Namen
-der Pfarrgemeinde! Ich hänge dann ein kräftig ‚Weidmannsheil‘ daran,
-die Jägerei wird schon donnernd einstimmen!“</p>
-
-<p>„Das ist ein Ausweg! Gut, machen wir es nach Ihrem Vorschlag! Was nun
-Ihre Befürchtungen wegen des sogenannten Hofdienstes betrifft, möchte
-ich aufmerksam machen, daß Fürstlichkeiten von Forst- und Jagdbeamten
-den Hofton und das Katzbuckeln weder erwarten noch wünschen! Unangenehm
-sind zuweilen die Hofschranzen, liebedienerische und eingebildete
-Gschaftelhuber, hochnäsige Leute, die den Beamten Dienst und Leben bei
-Hofe sauer machen! Da indes Graf Thurn ein sehr liebenswürdiger und
-einsichtsvoller Herr und frei von jeglicher Kompetenzeifersucht ist,
-haben Sie, lieber Freund, so gut wie gar keinen Grund zu Befürchtungen!“</p>
-
-<p>„Hm! Aber das Gefolge!“ meinte Hartlieb unsicheren Tones.</p>
-
-<p>„Na, eine Hofdame kann doch den Jagdleiter nicht genieren und wird
-wohl nie Ihren Weg kreuzen! Und was sonst noch um die Fürstin wimmelt,
-Zofen, Kammerdiener usw., das sind Angestellte, die der Chef des
-Wald- und Jagdamtes gar nicht zu sehen braucht und am besten völlig
-ignoriert! Also Kopf hoch, lieber Freund Oberförster, schneidig in
-die Welt gucken, wie es der grünen Gilde ziemt! Sie erfüllen nach wie
-vor Ihre Dienstpflicht mit aller Berufstreue und gehen Ihren Weg ohne
-Seitenblicke! Um die Hofleute kümmern Sie sich keinen Pfifferling!
-<span class="antiqua">Probatum est!</span>“</p>
-
-<p>Hartlieb dankte für den freundlichen Zuspruch. Doch der sorgenvolle
-Ausdruck in seinem Antlitz wollte sich nicht aufhellen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_45"></a>[S. 45]</span></p>
-
-<p>Pater Wilfrid verstand sich darauf, in den Mienen zu lesen; der tiefe
-Ernst Hartliebs veranlaßte den Pfarrer, zu fragen, was denn noch das
-Weidmannsherz bedrücke.</p>
-
-<p>Der Oberförster stieß die Worte hervor: „Der frühere Jagdherr war ein
-weidgerechter Mann...!“</p>
-
-<p>„Ahem! Und die neue Besitzerin ist eine Frau! Da liegt wohl der Hase im
-Pfeffer? Und da kann nur eines empfohlen werden: Pflicht erfüllen und
-abwarten, wie sich die Dinge gestalten werden!“</p>
-
-<p>„Gewiß! Fatal bleibt es immer, wenn eine Frau die Zügel führt! Ich als
-Jagdbeamter muß der Wahrheit entsprechend sagen, daß eine Gebieterin,
-die sich wie ein richtiger Jagdherr um alles die Jagd Betreffende
-eingehend kümmert, geradezu zu fürchten ist!“</p>
-
-<p>„Wieso?“</p>
-
-<p>„Weil sicher die Grundsätze und Anordnungen im Jagdbetriebe von einem
-Tag zum andern wechseln werden, je nach den mannigfachen Einflüssen,
-die auf das weibliche Gemüt physisch oder seelisch zu jeglicher Stunde
-wirken durch schlimme Berater, Günstlinge, Schmeichler und womöglich
-auch durch Freundinnen! Dem ehrlichen, geraden Jagdleiter wird es
-unendlich schwer werden müssen, auf seinem Posten auszuharren, ohne
-seiner Überzeugung übergroße Opfer zu bringen! Ich habe viel über
-die Situation nachgedacht, konnte aber selbstverständlich darüber
-mit meinem Personal aus triftigen Gründen nicht sprechen! Ihnen, dem
-Freunde, muß ich gestehen: wir bekommen eine wetterwendische Wirtschaft
-in das Jagdgebiet, heillose Zustände, denen selbst Sankt Hubertus
-machtlos gegenüberstehen wird! So gerne ich in diesen Revieren diene,
-die schönen Haller Berge liebe, es wird doch besser sein, wenn Ausschau
-nach einem<span class="pagenum"><a id="Seite_46"></a>[S. 46]</span> anderen Posten gehalten wird! Mir schwant hier Unheil!“</p>
-
-<p>„Freund Hartlieb, Sie sehen hier vielleicht doch zu schwarz! Ich als
-Priester kann nicht mitreden, der Benediktiner versteht vom Jagdwesen
-nichts! Daß Frauenherrschaft je nach Laune dem Wechsel unterworfen
-ist, kann freilich nicht bestritten werden! Aber es ist doch nicht
-anzunehmen, daß Launenhaftigkeit sich in einem Jagdbetrieb breitmachen
-werde! Ich kann mir dergleichen nicht vorstellen!“</p>
-
-<p>„Frauensinn ist unberechenbar! Auch einer Fürstin kann ein schmucker
-Jagdgehilfe gefallen, Frauengunst kann einen Liebling zum tatsächlichen
-Jagddirigenten machen... Der verantwortliche Jagdleiter aber wird
-entweder fliegen oder zum willenlosen Werkzeug und Spielball
-herabsinken! Einem solchen Schicksal möchte ich rechtzeitig ausweichen!“</p>
-
-<p>„Das sind düstere Gedanken zu Beginn einer neuen Ära! Ihre
-Befürchtungen erschweren die Ausarbeitung einer Begrüßungsansprache!
-Als Optimist hoffe ich aber dennoch, daß sich die Verhältnisse besser
-gestalten werden, als wir zur Stunde glauben! Und darauf wollen wir ein
-Gläschen Stiftswein leeren, ja?“</p>
-
-<p>Die Pfortenglocke gellte durch das stille Pfarrhaus. Und kurz darauf
-meldete die weißhaarige, verhutzelte Dienerin Frau Erna, daß die
-Loidlbäuerin im Sterben liege...</p>
-
-<p>„Schnell den Mesner verständigen! In zehn Minuten werde ich zum
-Provisurgang bereit sein!“</p>
-
-<p>Die Dienerin verschwand.</p>
-
-<p>Zum Oberförster gewandt, sprach Pater Wilfrid: „Verzeihen Sie! Mich
-ruft der heilige Dienst! Sterbende darf man nicht warten lassen!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_47"></a>[S. 47]</span></p>
-
-<p>Hartlieb dankte herzlich für die Gewährung einer vertraulichen
-Aussprache und verabschiedete sich. Auf dem Wege zum Gasthause, wo
-der Oberförster zu speisen pflegte, traf er den Grafen Thurn, der
-das gleiche Ziel hatte und zu Mittag essen wollte. Sehr befriedigt
-sprach sich der Hofchef über die Frau Forstwart aus, die für eine
-hübsche Außendekoration des Jagdschlössels gesorgt und dabei viel
-künstlerischen Geschmack entwickelt habe. Durchlaucht werde gewiß
-entzückt sein.</p>
-
-<p>Bei Tisch in dem bescheidenen Gasthause des Dörfleins richtete Graf
-Thurn an den wortkargen Oberförster die Frage, ob der Jagdfachmann es
-für möglich halte, daß die Jagdausübung in den wirklich herrlichen
-Haller Revieren einen apathischen, blasierten jungen Mann psychisch zum
-Vorteil verändern, aufrütteln, die Weidmannslust erwecken könnte.</p>
-
-<p>In seiner ernsten Weise äußerte sich Hartlieb dahin, daß vielleicht
-Treibjagden auf Gams, wenn diese Jagdart noch unbekannt sei, ein
-gewisses Interesse bei dem Betreffenden wachrufen könne. Fehle das
-Jägerblut, so wird ein blasierter junger Mann nie ein weidgerechter
-Jäger werden. Bei Treibjagden stehe indes zu befürchten, daß im jungen
-Manne nicht die echte Jagdfreude, sondern die Schießwut erweckt werde.
-Ein „Schießer“ sei nun und nimmer ein wünschenswerter Gast in gehegten
-Revieren, eher zu fürchten, nach Möglichkeit hinauszuexpedieren.</p>
-
-<p>„Sie werden wohl recht haben, Herr Oberförster! Aber unbegreiflich
-ist mir, daß sich das Jägerblut nicht immer vererbt! Der Vater des
-schläfrigen, apathischen jungen Mannes war passionierter Weidmann!“</p>
-
-<p>„Von Beruf?“</p>
-
-<p>„Nein! Nur zum Vergnügen!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_48"></a>[S. 48]</span></p>
-
-<p>„Sportinteressen vererben sich nicht! Wer die Jagd nur als Sport
-betreibt, der ist noch kein echter Jäger! &ndash; Ein interessantes
-Gegenstück zu dem erwähnten jungen blasierten Manne können Sie, Herr
-Graf, im Stifte der Benediktiner zu Admont sehen und gewissermaßen
-bemitleiden wegen der schweren Seelenkämpfe, die der Novize Nonnosus
-durchkämpfen muß, um das echte, in seinen Adern tobende Jägerblut zu
-bezwingen!“</p>
-
-<p>„Wie? Ein Novize und leidenschaftlicher Weidmann?“</p>
-
-<p>„Der Leidenschaft muß der Novize Herr werden! Von Herzen gern hätte
-ich dem jungen Manne Jagdgelegenheit verschafft, konnte es aber nicht,
-da unser früherer Jagdherr unauffindbar verreist war, meine Kompetenz
-nicht ausreichte, um eine Abschußbewilligung zu erteilen! Ich bin
-sehr gespannt, zu vernehmen, ob Nonnosus die Leidenschaft überwinden
-wird! Er ist der Sohn eines Jägers und besitzt echtes Jägerblut! Dem
-Nonnosus dürfte das Ziel des höheren Jagddienstes vorgeschwebt haben,
-die Armut vereitelte es; der Noblesse des Abtes war es zu danken, daß
-der Jaagersbub auf Klosterkosten studieren durfte. Diese Wohltat will
-der Student durch Eintritt in den Benediktinerorden vergelten; die
-Dankbarkeit verhinderte ein ‚Ausspringen‘! Bis zur feierlichen Profeß
-muß der Novize sich bemühen, die Jagdleidenschaft zu überwinden! Leicht
-wird das nicht sein, zumal der arme Kerl kränkelt!“</p>
-
-<p>„Ich werde mir den interessanten Mann ansehen! Glaube auch, daß sich
-die Fürstin dafür speziell interessieren wird!“</p>
-
-<p class="s3 center mtop1 mbot1">*</p>
-
-<p>Die Begrüßungsfeierlichkeit am festlich geschmückten Forsthause war
-beendet, die Fürstin und das Gefolge<span class="pagenum"><a id="Seite_49"></a>[S. 49]</span> zum Jagdschlößl gefahren, das
-drei Kilometer tiefer im einsamen waldreichen Halltale stand. Die
-Jagdgehilfen hatten sich entfernt, um noch Dienst in den Revieren zu
-tun; Forstwart Gnugesser hockte verstimmt in seiner Wohnung.</p>
-
-<p>Froh dessen, daß die Feierlichkeit gut verlaufen war und die neue
-Gebieterin in Erwiderung auf die Ansprache des Pfarrers und auf
-das „Weidmannsheil“ der Jägerei erklärt hatte, daß die Jagdherrin
-einen richtigen Jagdbetrieb wünsche und mit allen im Frieden leben
-möchte, lud der Oberförster den „Festredner“ Pater Wilfrid ein, in
-der Jagdamtskanzlei einer Flasche den Hals zu brechen, ein Rauchopfer
-darzubringen und die Zeit mit Geplauder bis zum Dinerbeginn auszufüllen.</p>
-
-<p>Pater Wilfrid willigte unter der Bedingung ein, daß er eine Stunde
-auf den Besuch des Priesters bei der kranken Siebenbrunner Bäuerin
-verwenden dürfe.</p>
-
-<p>Während Pater Wilfrid die Treppe hinanstieg, bat Hartlieb Frau Amanda
-um Besorgung von Gläsern, Brot und etwas Schinken. Der Oberförster
-holte den Wein aus dem Keller.</p>
-
-<p>Sichtlich verdrossen servierte Frau Amanda den Herren in der Kanzlei.
-Das ihr von Hartlieb angebotene Glas Wein lehnte sie ab mit dem
-Hinweise, daß sie erstens Abstinenzlerin und zweitens nicht in der
-Stimmung sei, ein Fest zu feiern, nachdem die Fürstin den Forstwart
-ignoriert und ihn nicht zum Diner eingeladen habe.</p>
-
-<p>Begütigend griff Pater Wilfrid ein: „Liebe Frau Forstwart! Nur nicht
-brummen, wird schon kummen! Das Speisezimmer in dem Schlößl ist ein
-beschränkter Raum, es können nicht viele Gäste zu Tische sein! Der
-Herr Forstwart wird sicher ein andermal zur Tafel be<span class="pagenum"><a id="Seite_50"></a>[S. 50]</span>fohlen werden!
-Wenn ich Ihnen einen Rat erteilen darf, lautet er wohlmeinend und
-freundlich dahin: den Ärger unterdrücken, ein freundliches Gesicht
-auch dann zeigen, wenn der Mensch Essig und Galle auf der Zunge hat!
-Fürstlichkeiten muß man jeden Verdruß ersparen! Jedenfalls wird die
-Fürstin die Frau Forstwart gelegentlich besuchen; es wäre unklug, wenn
-Frau Gnugesser solchen auszeichnenden und vielleicht auch wichtigen und
-bedeutungsvollen Besuch unmöglich machen würde! Übrigens irren Sie,
-liebe Frau Forstwart, wenn Sie glauben, daß ein sogenanntes Festdiner
-ein Vergnügen ist! Genau genommen ist es eine Dienstessache, steife
-Etikette, es heißt schrecklich aufpassen und schweigen; antworten darf
-man nur, wenn man gefragt wurde; das Essen ist Nebensache, es wird mit
-wahnsinniger Eile serviert, weil die Hoheiten wie die Dienerschaft die
-Gäste möglichst schnell verschwinden zu sehen wünschen!“ Pater Wilfrid
-beschattete mit der rechten Hand seine lachenden Augen.</p>
-
-<p>„Also nix für uns!“ rief Frau Amanda, die jedes Wort des hofkundigen
-Geistlichen glaubte, und zog sich zurück.</p>
-
-<p>Aber auch Hartlieb in seiner Furcht vor dem Hofdienst hielt die
-Äußerung des Pfarrers für ernst gemeint und sprach davon, daß er die
-Einladung fürchte.</p>
-
-<p>Nun schmunzelte Pater Wilfrid und witzelte: „Auch du, Brutus? Man
-sollte es nicht für möglich halten, daß handgreiflicher Scherz
-für blutigen Ernst genommen werde!“ Und nun gestand der joviale
-Benediktiner, daß er die Schilderung des Hofdiners absichtlich
-übertrieben habe, um der verärgerten Forstwartsfrau den Stachel aus der
-Seele zu nehmen. Das Frauenzimmer solle nur glauben, daß die Teilnahme
-an einer Festtafel für die<span class="pagenum"><a id="Seite_51"></a>[S. 51]</span> Eingeladenen eine Qual sei; die Frau
-Gnugesser werde sich dann nach einer solchen Einladung nicht sehnen.
-„Das war der Zweck meiner Äußerung! Nun und nimmer hätte ich geglaubt,
-daß mein Freund Hartlieb darauf reinfallen könnte! Also nur keine Angst
-vor dem Festdiner! Eines wird aber gut sein: vorher essen, egal was,
-damit der Eingeladene nicht hungrig zur Festtafel komme! Also: Prost!
-Und ein Happen Schinken ist nicht ohne! Rauchen ist erlaubt, nur muß
-man vor Dinerbeginn den Mund ausspülen oder Pfefferminz nehmen, damit
-namentlich empfindliche Damen und ihre Geruchsorgane nicht beleidigt
-werden!“</p>
-
-<p>Hartlieb taute etwas auf, lächelte und drohte mit dem Zeigefinger:
-„Pater Wilfrid von Springenfels, gerissener Diplomat, ein mit allen
-Salben geschmierter Höfling! Im Nebenamte Pfarrer! Wo bleibt die
-Wahrheitsliebe?“</p>
-
-<p>Pater Wilfrid streckte die Finger, daß sie knackten, und meinte
-lachend: „Na ja, es ist ein alter Schnee, daß ein Hofmann nicht
-immer mit der absoluten Wahrheit durch das Leben gehen kann! Es gibt
-zahlreiche Situationen, die Notlügen geradezu erzwingen! Für den Fall,
-daß eine harmlose Notlüge Gutes beabsichtigt und erreicht, wird die
-Sünde nicht besonders groß oder schwer und gewissermaßen berechtigt
-sein! In solcher Erwägung habe ich als Hofmann die Frau Gnugesser
-‚angeblümelt‘! Hoffentlich wird der Zweck erreicht! So, nun aber möchte
-ich als Pfarrer die kranke Bäuerin besuchen! Wir treffen uns zehn
-Minuten vor sieben Uhr vor dem Jagdschlößl! Auf Wiedersehen!“</p>
-
-<p>Hartlieb begleitete den geistlichen Freund zur Treppe, und zur
-Verabschiedung fragte der Förster noch schnell, in welchem Anzug man
-zur Festtafel zu erscheinen habe.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_52"></a>[S. 52]</span></p>
-
-<p>„Dienstuniform besserer Art oder Steierertracht! Wird in der
-Bergeinsamkeit nicht so genau genommen von den hohen Herrschaften! Ich
-erscheine ja auch, wie Figura zeigt, mit schwarzem Strohhut, nicht
-mit der Angströhre! Couleur freilich schwarz, wegen unverbesserlich
-klerikaler Gesinnung!“ Lachend ging der liebenswürdige Schalk...</p>
-
-<p>In die Kanzlei zurückkehrend, beneidete Hartlieb den Benediktiner um
-seinen Humor und um die Weltgewandtheit...</p>
-
-<p>Graf Thurn, der die Fürstin zum Jagdschlößl geleitet hatte, verließ es
-eben, um sich eiligst zum Forsthause zu begeben und Toilette für das
-Diner zu machen.</p>
-
-<p>Als es Zeit wurde, zum Diner zu gehen, lud Graf Thurn den Oberförster
-zur Begleitung ein. Und unterwegs brachte der Hofchef das Gespräch auf
-Wildschaden und deren Behandlung seitens des Jagdamtes.</p>
-
-<p>Aus den präzisen Äußerungen Hartliebs klang die Versicherung, daß
-ohne Strenge und Ernst nicht durchzukommen sei. Die Ansprüche der
-Bauern gingen nicht nur ins Maßlose, der Wildschaden werde zuweilen
-sogar künstlich auf sogenannten Wildschadenackerln erzeugt, um den
-Jagdbesitzer schamlos schröpfen zu können. Der dümmste Bauer entwickle
-auf diesem Gebiete der Täuschung und Schädigung der Jagdkasse eine
-erstaunliche Raffiniertheit, die zu strengstem Vorgehen zwinge. Wo es
-sich um wirklichen, vom Hochwild hervorgerufenen Schaden handle, sei
-bisher stets nach Recht vergütet worden. Schwindel und Betrug hingegen
-wurde mit rücksichtsloser und unerbittlicher Strenge bekämpft und
-geahndet.</p>
-
-<p>„Nun ja! Der Fachmann muß die Verhältnisse kennen! Ich will mich nicht
-einmischen, diese Angelegen<span class="pagenum"><a id="Seite_53"></a>[S. 53]</span>heiten liegen außerhalb meiner Kompetenz!
-Sollte je die Sprache darauf kommen, möchte ich den Jagdleiter im
-voraus dahin informiert haben, daß unsere hohe Gebieterin den Frieden
-wünscht! Durchlaucht wird Ihnen Milde nahelegen!“</p>
-
-<p>„Milde ist in unseren Revieren deplaziert und kostet schwer Geld!
-Und Milde erreicht niemals Zufriedenheit, macht die Querulanten und
-Schwindler nur übermütig und in ihren Forderungen unersättlich!“</p>
-
-<p>„Sagen Sie das nicht der Fürstin! Es klingt zu scharf und hart für
-Damenohren! Würde den Jagdleiter im Lichte der Grausamkeit erscheinen
-lassen! Bedenken Sie, daß unser Jagdherr eine Dame ist!“</p>
-
-<p>Schatten huschten über Hartliebs Gesicht. „Zu Befehl, Herr Graf! Ich
-danke Ihnen für die gütige Information!“</p>
-
-<p>„Nehmen Sie meine gutgemeinten Worte nicht übel! Ich wollte Ihnen
-nützen!“</p>
-
-<p>„Besten Dank, Herr Graf, für Ihr Wohlwollen! Darf ich fragen, ob für
-morgen oder die nächsten Tage Befehle zu Jagden zu gewärtigen sind?
-Wenn ja, müßten noch heute Dispositionen getroffen werden, je nachdem
-die Fürstin pirschen, drücken, riegeln oder treiben lassen will!“</p>
-
-<p>„Bis zur Stunde ist irgendeine Andeutung nicht erfolgt! Vielleicht
-hören wir beim Diner Näheres darüber! Ich möchte übrigens darauf
-aufmerksam machen, daß Änderungen von Absichten, plötzliche Zurücknahme
-von erteilten Befehlen nichts Seltenes sind! Derlei darf und soll den
-Jagdleiter niemals verdrießen; er muß sich stets vor Augen halten, daß
-eine Dame gebietet! Und immer Rücksicht nehmen auf die Fürstin, die ja
-auch Kummer und Sorgen hat!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_54"></a>[S. 54]</span></p>
-
-<p>In Nähe des Jagdschlößls wartete Pater Wilfrid, der sich den
-angekommenen Herren sogleich anschloß. Graf Thurn führte die Gäste
-hinauf in den Empfangssalon und blieb bei ihnen.</p>
-
-<p>Ein kleiner lichter Raum, mit Zirbenholz getäfelt, an den Wänden
-etliche, nicht üble Jagdgemälde älterer Meister, Rohrstühle mit
-hohen Lehnen um einen ovalen Tisch, dessen Zirbenplatte eine hübsch
-entwickelte Blaufichte trug.</p>
-
-<p>Hartlieb stand auf dem gelben Parkett wie auf glühenden Kohlen,
-unsicher, unbehaglich, in der Stimmung, die sich im steierischen
-Dialekt mit knappen drei Worten ausdrücken läßt: „Außi möcht i!“
-Vieltausendmal lieber im Bergwalde bei schlechtestem Wetter, denn hier
-im Salon, des Erscheinens der Fürstin gewärtig. Derlei Situationen
-gewohnt, plauderten Pater Wilfrid und Graf Thurn gedämpften Tones, und
-der elegante Benediktiner erzählte köstliche Audienzwitze, lustige
-Mißverständnisse, die er geheimnisvoll flüsterte und dazu eine wahre
-Leichenbittermiene machte.</p>
-
-<p>Die Türe wurde geöffnet, Fürstin Sophie von Schwarzenstein trat
-lächelnd und elastisch ein. „‚Grüß Gott‘ dem Priester, ‚Weidmannsheil‘
-unserem Jagdleiter!“ sprach sie frisch und munter und reichte den
-Herren die schmale weiße Hand. Eine Fünfzigerin von schlanker Gestalt,
-noch immer eine schöne Frau, volle Büste, die Anmut der Wienerin.
-Leicht ergraut das Haar, Sorgenfalten um die Augen und Lippen.
-Einfache, dennoch elegante Dinertoilette, grauer Rock, schwarze
-Seidenbluse, am Halse eine Brosche von Gold mit gefaßten Hirschgrandeln.</p>
-
-<p>Pater Wilfrid hauchte einen Kuß auf die Hand der Fürstin. Hartlieb
-begnügte sich mit einem scheuen Hände<span class="pagenum"><a id="Seite_55"></a>[S. 55]</span>druck und stand dann
-bolzengerade, stumm, den Blick auf die Türe zum Speisezimmer gerichtet,
-durch die im leisen Katzenschritt die Hofdame kam. Ein einziger Blick
-und Hartliebs Wangen flammten, ein Prickeln in den Händen, ein Hämmern
-in den Schläfen, ein Flimmern und Gleißen vor den Weidmannsaugen. Im Nu
-des ersten Blickes auf diese in duftiges Weiß gekleidete Frauengestalt
-entstand der Gedanke an <span class="antiqua">Mustela martes</span>, an den Edelmarder.
-Geschmeidig und biegsam der Körper, scharf der Blick aus den braunen,
-sprühenden Augen, deren dunkle Brauen glänzten genau wie die dunklen
-Langhaare um die braunen Marderseher. Tiefbraun und schimmernd das
-Haupthaar, blaß wie Elfenbein das Gesicht. Und wie beim jungen Mustela
-die Kehle hochgelb leuchtet, trug die Dame ein goldfarbenes Seidenband
-um den Hals; daran hing ein Medaillon. Zwischen den leicht geöffneten
-Lippen schimmerten wahrhaftige Marderzähnchen.</p>
-
-<p>Die eigenartige Schönheit wirkte betäubend auf den stillen, ernsten
-Weidmann.</p>
-
-<p>Fürstin Sophie sprach: „Meine Hofdame, Fräulein von Gussitsch! Die
-vorzustellenden Herren sind Pater Wilfrid, der Pfarrer von Hall und
-Admonter Stiftsherr, und unser Oberförster, Jagdleiter Hartlieb!“</p>
-
-<p>Die Herren verneigten sich.</p>
-
-<p>Der Kammerdiener, ein hoch und breit gebauter, ältlicher Mann in
-verfeinerter Steierertracht, meldete diskreten Tones, daß serviert sei.</p>
-
-<p>Freundlich nickend, befahl die Fürstin: „Gut, Norbert! Weisen Sie
-die Plätze an! Graf Thurn, Ihren Arm, bitte! Und Herr Hartlieb führt
-Fräulein von Gussitsch zu Tische!“</p>
-
-<p>Wieder flammten Hartliebs Wangen, und schier hör<span class="pagenum"><a id="Seite_56"></a>[S. 56]</span>bar klopfte das
-Jägerherz da „Mustela“ die Hand in den Arm des Oberförsters legte. Zu
-Tische geleiten konnte er die interessante schöne Dame, aber nicht
-einen einzigen Ton brachte er über die zuckenden Lippen. Und vergebens
-fragte er sich in Gedanken, wo er die Augen bei der Begrüßungsfeier
-gehabt haben mußte, da er die Hofdame gar nicht gesehen hatte.
-Allerdings war beim Empfang sein Interesse ausschließlich auf die neue
-Gebieterin konzentriert gewesen.</p>
-
-<p>„Mustela“ war Hartliebs Tischnachbarin. Sehr angenehm und dennoch
-fatal, prickelnder Nervenkitzel und lähmende, hilflose Verlegenheit des
-an derlei Situationen nicht gewöhnten Waldbeamten: offen die Augen und
-doch blind.</p>
-
-<p>Gut das Diner, diskret und rasch serviert, wenig Wein.</p>
-
-<p>Fürstin Sophie plauderte mit Pater Wilfrid, fragte bunt durcheinander
-wegen der Plätze im Oratorium der Haller Kirche, nach Ortsnamen,
-Kirchenbedürfnissen. Und im Handumdrehen, mit graziösen Scherzesworten
-war Pater Wilfrid zum „Hofkaplan“ ernannt.</p>
-
-<p>Kühl bis ans Herz hinan, legte Pater Wilfrid ein Stück Poularde auf
-seinen Teller.</p>
-
-<p>„Sie sind doch jedenfalls hochbeglückt von dieser Ernennung, wie?“</p>
-
-<p>„Untertänigst aufzuwarten: nicht ganz hochbeglückt, Durchlaucht! Hatte
-die Ernennung mindestens zum Hofburgpfarrer erhofft! Ohne Gehalt eines
-solchen natürlich! Weil ich nämlich ‚Hofkaplan‘ längst bin!“ Dazu
-schmunzelte der Schalk und verdrehte die Augen wie der balzende Urhahn.</p>
-
-<p>„So ein Schwerenöter! Ich habe keine Burg, kann Sie also höchstens zum
-‚Hofpfarrer‘ ernennen, für die Dauer des Haller Aufenthaltes!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_57"></a>[S. 57]</span></p>
-
-<p>„Untertänigsten Dank!“ Pater Wilfrid ließ den Blick über die
-Tischgeräte in seiner Nähe suchend gleiten.</p>
-
-<p>„Was suchen denn Hochwürden?“ fragte neugierig und belustigt die
-Fürstin.</p>
-
-<p>„Senf, Durchlaucht!“</p>
-
-<p>„Was? Senf zum Geflügel?“</p>
-
-<p>„Zu dienen! Mit Rücksicht auf den Einfluß der Nahrungsmittel auf den
-Charakter...“</p>
-
-<p>„Was Sie sagen! Welchen Einfluß soll denn der Senf haben, speziell auf
-Ihren Charakter?“</p>
-
-<p>„Senf stärkt das Gedächtnis! Ich muß morgen eine Rede schwingen, habe
-nicht viel Zeit zum Memorieren, also nehme ich gedächtnisstärkenden
-Senf zur Poularde!“</p>
-
-<p>Höchlich amüsiert lachte die Fürstin hellauf. Auch Graf Thurn
-schmunzelte vergnügt. Und Fräulein von Gussitsch zeigte die blendend
-weißen Marderzähnchen.</p>
-
-<p>Nur Hartlieb blieb ernst und steif.</p>
-
-<p>„Hat der Herr Hofpfarrer noch mehr von charakterbeeinflussenden
-Nahrungsmitteln auf Lager?“</p>
-
-<p>„Nicht viel, Durchlaucht! Ochsenfleisch gibt Mut und Energie,
-Schweinefleisch führt zu pessimistischen Anschauungen...“</p>
-
-<p>„Nicht übel! Was ist’s mit Kalbfleisch?“</p>
-
-<p>„Böse Eigenschaft, Durchlaucht! Bewirkt Verlust der geistigen
-Widerstandskraft!“</p>
-
-<p>„Huhu! Schrecklich! Und Hammelfleisch?“</p>
-
-<p>„Die Wirkung tritt in Montenegro deutlich zutage!“</p>
-
-<p>„Wieso denn?“</p>
-
-<p>„Alle Bewohner der schwarzen Berge sind der Melancholie verfallen!“</p>
-
-<p>Sophie kicherte: „Gräßlich! Was bevorzugen denn die Admonter
-Stiftsherren?“</p>
-
-<p>„Wir legen Wert auf Grazie und Geist, daher trinken<span class="pagenum"><a id="Seite_58"></a>[S. 58]</span> wir Milch und
-essen hauptsächlich Eier!“ Wilfrid blinzelte und senkte mit köstlich
-markierter Demut das Haupt.</p>
-
-<p>Die hohe Frau kämpfte mit einem Lachkrampf. Und Fräulein von Gussitsch
-stopfte den Serviettenzipfel in ihr Mündchen. Hartlieb blickte Wilfrid
-vorwurfsvoll an, dann aber betroffen den Kammerdiener, der ihm den
-Teller wegnahm, obwohl der Oberförster vom Geflügel noch keinen Bissen
-gegessen hatte.</p>
-
-<p>Endlich hatte die Fürstin den Lachkitzel überwunden. Sie wandte sich zu
-Hartlieb und fragte nach dem letzten Abschuß unter Graf Lichtenberg.</p>
-
-<p>Sachlich und trocken gab der Oberförster Aufschluß: zwanzig gute
-Hirsche, dreißig Gamsböcke, vier Geltgeißen.</p>
-
-<p>„Wie ist der Stand an Rehwild?“</p>
-
-<p>„Zur Zeit haben wir etwa hundert Böcke und Geißen! Vom Auerwild sicher
-vierzig Hahnen! Hasen nur wenig!“</p>
-
-<p>„Hegen, Herr Oberförster! Ich will viel Hasen haben! Überhaupt viel
-Wild! Es soll wimmeln in meinen Revieren!“</p>
-
-<p>„Zu Befehl! Das Wimmeln wird aber die Ziffern der Wildschadenvergütung
-bedeutend erhöhen!“</p>
-
-<p>Inzwischen war der Pudding serviert worden, von dem Hartlieb auch
-nichts erwischt hatte.</p>
-
-<p>„Gesegnete Mahlzeit!“ Die Tafel war aufgehoben.</p>
-
-<p>„Kaffee und Zigarren in der Veranda, Norbert!“</p>
-
-<p>Eine Importe hielt Hartlieb in Händen, doch zum Rauchen kam er
-nicht; er mußte eine Menge Fragen der Gebieterin beantworten. Und
-was für Fragen! Eine Gänsehaut lief dem Förster über den Rücken, als
-beispielsweise die Fürstin wissen wollte, ob unter den Jagdgehilfen
-sich auch hübsche Burschen befänden, fesche Steierer, schneidige Kerle.
-Und ob die Jäger verlobt seien?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_59"></a>[S. 59]</span></p>
-
-<p>Nach solchen Fragen fand es Hartlieb begreiflich, daß die insgeheim
-erhoffte Abschußbewilligung, die Zuweisung einer kleinen Jagdparzelle,
-jämmerlich ins Wasser fiel.</p>
-
-<p>Als die Fürstin ihre Zigarette ausdrückte, fragte Hartlieb, ob für
-morgen und die nächsten Tage Pirschen befohlen werden.</p>
-
-<p>Der Bescheid lautete ausweichend. Erst mal eingewöhnen, sicheres Wetter
-abwarten, die Herren können anfragen, Norbert werde Bescheid geben...</p>
-
-<p>Zum Abschied richtete die Fürstin an Pater Wilfrid die Bitte, für
-übermorgen nachmittag den Besuch im Stifte Admont anzusagen und den
-Cicerone zu machen.</p>
-
-<p>Schluß. Die Gäste hatten sich zu empfehlen. In Gnaden huldvoll
-entlassen. Graf Thurn wurde zu einem kleinen Vortrage zurückbehalten.</p>
-
-<p>Stumm wanderten die Freunde Hartlieb und Pater Wilfrid durch die
-Dämmerung auf dem Sträßlein zum Forsthause zurück. Des Försters
-Stimmung verriet das Köpfen von Disteln. Wo Hartlieb am Wegrande
-ragende Disteln sah, schlug er ihnen mit dem Stock die Köpfe ab...</p>
-
-<p>Beim Hause angelangt, mahnte Pater Wilfrid zu Geduld und Ruhe.</p>
-
-<p>„Danke! Der Beginn läßt sich übel an, schlimmer noch, als ich
-befürchtet hatte!“</p>
-
-<p>„Kopf hoch, lieber Freund! Denken Sie stets an das Sprüchlein: Nicht
-alles Ungemach, das droht, wird dir begegnen; es muß ja nicht aus jeder
-Wolke regnen! &ndash; Gute Nacht!“</p>
-
-<p>„Gute Nacht, Hochwürden!“</p>
-
-<p>Pater Wilfrid setzte seinen Weg hinaus zum Dörflein Hall fort. Und er
-wunderte sich, als ihm zu ver<span class="pagenum"><a id="Seite_60"></a>[S. 60]</span>hältnismäßig später Abendstunde Frau
-Gnugesser mit rotem Kopf in sichtlicher Erregung begegnete, spitz
-grüßte und maliziös lächelte.</p>
-
-<p>Grüßend schritt der Pfarrer weiter. Und in Hall bestieg er den seiner
-harrenden Stiftswagen, um nach Admont zu fahren.</p>
-
-<p>Erst neun Uhr abends war es, doch alles Leben im Jagdschlößl
-schien bereits erloschen, klösterliche Stille, da die Fürstin sich
-zurückgezogen hatte.</p>
-
-<p>In einem nordseitig gelegenen Stübchen mit Blick auf den zum Greifen
-nahen Tannenwald saß Martina von Gussitsch, jetzt im bequemen
-Hauskleide, am kleinen Tische bei Lampenschein und kritzelte etliche
-Notizen, die nicht vergessen werden durften und sich zu einer Art
-Tagebuch gestalteten. So schrieb Martina: „Zweimal täglich im Admonter
-Postamt nach eingelaufenen Briefen für die Fürstin fragen lassen; das
-Postfräulein bitten, daß eventuell mit Abendzügen eingetroffene Briefe
-mit Eilbote herausgeschickt werden! &ndash; Seltsam ist die Zappeligkeit
-der Fürstin, diese Ungeduld wegen anscheinend mit außerordentlicher
-Sehnsucht erwarteten Briefe vom Filius. &ndash; Einstweilen geheimnisvolle
-Verhältnisse! Möchte wissen, was dem Filius, Muttersöhnchen vermutlich,
-eigentlich fehlt; kann aber die Kammerfrau Hildegard unmöglich
-fragen. Nette Leute diese zwei Diener mit so drolligen Steierernamen:
-Norbert Saurugger, Hildegard Schoiswohl! Prachtvoll! Aber Leute,
-die vollstes Vertrauen genießen, sich auffallend viel aus dem &ndash;
-Wurschtkessel nehmen dürfen, ohne daß Durchlaucht es verübelt. &ndash;
-Mitwisser? &ndash; Schade, daß Prinz Emil mit seinem Adjutanten Baron
-Wolffsegg schon nach Dresden abgereist war, als die neue ‚Hofdame‘ den
-Dienst antrat. Seit neun Tagen<span class="pagenum"><a id="Seite_61"></a>[S. 61]</span> ‚Hofdienst‘! Wenn ein kleinadeliges
-Mädel kein Geld hat, nur ein bisserl Protektion, macht man sie zur
-<span class="antiqua">Lady at court</span>, auch <span class="antiqua">Maid of honour</span> oder gar <span class="antiqua">Lady of
-the bedchamber</span> genannt! ‚Bettzimmerfräulein‘ auf Deutsch. &ndash; Was
-ich wohl in dieser ‚Hofstellung‘ erleben werde? Rosige Hoffnungen
-habe ich nicht! Und vor dem ‚Dienst‘ als Begleiterin der Fürstin
-auf Bergtouren und gar auf Jagden graut mir jetzt schon! Unsereins
-darf sich doch nicht echauffieren, nie derangiert aussehen, soll
-immer propre sein... Wie das erreichen, wenn gekraxelt werden muß?!
-Überhaupt will es mir unsinnig erscheinen, daß Damen jaagern! Ob
-wirkliche Jagdpassion die Fürstin erfüllt? Oder handelt es sich nur um
-eine Laune? Oder wurde dieses Jagdgut für den Filius gekauft? Warum
-ist Prinz Emil aber dann nicht hier, warum kutschiert er im Lande
-herum? Sonderbar, höchst sonderbar! Es muß irgend etwas dahinter
-stecken. &ndash; Vielleicht kann man vom Grafen Thurn etwas erfahren? &ndash;
-Was wohl der Oberförster für ’ne Seele ist? Schmucker Mann, echter
-Jägertyp, Waldmensch, aus Eiche geschnitzt oder aus Granit gemeißelt.
-Einstweilen unbeholfen, rührend naiv, ein großes Kind. Doch nicht, der
-tiefe Ernst, die Strenge widersprechen solcher Auffassung. Vielleicht
-fürchtet er die neue Herrschaft? Jagdherr eine &ndash; Frau! Komisch muß
-das für den Jagdoberbeamten sein, wenn nicht unangenehm von wegen
-der Rücksichtnahme. &ndash; Großer Gott, das Jagdkleid! Was nur soll ich
-anziehen? Besitze ja nur ein Lodenkostüm! Werde nun doch gezwungen
-sein, in dieser Kleiderfrage die Frau Schoiswohl zu fragen; denn
-die <span class="antiqua">Maid of honour</span> muß doch genau so gekleidet sein wie die
-Gebieterin auf der Jagd!... Werde mich nie, nie mit der Jagd befreunden
-können! Niemals!“</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_62"></a>[S. 62]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Viertes_Kapitel">Viertes Kapitel</h2>
-
-</div>
-
-<p>Mit unsicherem trüben Wetter, doch ohne Regen, begann der erste Tag des
-„Hofdienstes“ in der Bergeinsamkeit für Fräulein von Gussitsch. Wohlige
-Stille, göttliche Ruhe. Erquickend die würzige Waldluft. Des unsicheren
-Wetters glaubte Martina sich freuen zu sollen, denn ein Jagdgang
-dürfte unter diesen Umständen nicht befohlen werden. Wahrscheinlich
-nach dem mittäglichen Lunch ein mehrstündiges Vorlesen oder sonstiges
-Unterhaltungsmachen. Darauf war Martina gefaßt.</p>
-
-<p>Gegen zehn Uhr überbrachte die rundliche hübsche Frau Hildegard
-Schoiswohl die Mitteilung, daß Durchlaucht soeben den Forstwart holen
-ließ und die Begleitung der Hofdame wünschen.</p>
-
-<p>„Wird denn gejagt?“ fragte überrascht Martina.</p>
-
-<p>Die Kammerfrau erklärte: „Anscheinend nicht, denn Durchlaucht tragen
-Straßentoilette! Baronesse wollen in einer halben Stunde bereit sein!“</p>
-
-<p>Notgedrungen mußte Fräulein von Gussitsch nun doch die Frage wegen
-der Jagdkleidung mit der Kammerfrau besprechen und Hildegards Hilfe
-erbitten.</p>
-
-<p>Der Triumph leuchtete aus den Augen der hochbefriedigten Kammerfrau,
-nun doch von der Hofdame um Rat und Hilfe gebeten zu werden. Frau
-Schoiswohl fühlte sich, und ziemlich selbstbewußt erklärte sie,<span class="pagenum"><a id="Seite_63"></a>[S. 63]</span> daß
-die Angelegenheit rasch erledigt sein werde, wenn die Baronesse einen
-Lodenrock fußfrei kürzen und den dazugehörenden <span class="antiqua">Pantalon fort
-large</span> anfertigen lasse. „Das in kürzester Zeit zu machen, bin ich
-gern bereit! Ich bitte nur um den nötigen Stoff!“</p>
-
-<p>„Sie sind sehr freundlich! Aber Stoff zu einem Jagdkostüm führe ich
-nicht mit! An die Beschaffung hätte ich in Wien denken sollen! Was
-machen wir nun? So eine Verlegenheit!“</p>
-
-<p>Im Tone der Bemutterung sprach die Kammerfrau: „So wie ich
-Durchlaucht kenne, wird es mit der Jagdausübung keine Eile haben, das
-Hauptinteresse ist auf den Posteinlauf konzentriert! Sollte wider
-Erwarten eine Jagd befohlen werden, so gibt es schon Mittel und Wege
-zur Verhinderung! Baronesse lassen inzwischen von Wien oder Graz
-Lodenstoff kommen, und ich werde dann schneidern! Wenn Sie wünschen,
-schreibe ich und beauftrage eine Verwandte mit der raschen Besorgung!“</p>
-
-<p>„Ja, bitte, besorgen Sie alles Nötige, selbstverständlich komme ich für
-alle Kosten auf!“</p>
-
-<p>„Wird gemacht!“ Es klang etwas arrogant, als die Kammerfrau noch darauf
-aufmerksam machte, daß die Baronesse zur Begleitung keine helle Bluse
-tragen dürfe.</p>
-
-<p>„Frau Schoiswohl! Ich muß bitten...“</p>
-
-<p>„Verzeihung, Baronesse! Es ist nicht Anmaßung, nur gut gemeint, wenn
-ich rate, dunkle Kleider zu tragen; Durchlaucht werden einen Reviergang
-machen! Helle Kleider würden das Wild beunruhigen! Durchlaucht kleiden
-sich stets dunkel auf derlei Waldwanderungen, demnach...“</p>
-
-<p>„Ich verstehe! Danke!“</p>
-
-<p>Devot und doch arrogant grüßend, entfernte sich die Kammerfrau, die
-sich freute, die junge Hofdame in<span class="pagenum"><a id="Seite_64"></a>[S. 64]</span> Verlegenheit und Abhängigkeit
-gebracht zu haben. Und etliche Silberlinge werden bei der
-Stoffbesorgung zu verdienen sein.</p>
-
-<p>Ärgerlich grub Martina ihre Marderzähnchen in die Unterlippe, während
-sie die Bluse wechselte und sich zum Ausgang rüstete.</p>
-
-<p>Es kam aber gar nicht zu dem Waldbummel. Da die Forstbeamten nicht
-zu Hause waren, änderte Fürstin Sophie ihre Absicht und befahl eine
-Spazierfahrt nach Hall und Weng zur Besichtigung dieser Dörfer
-und ihrer Kirchen. Fräulein von Gussitsch und der unvermeidliche
-Kammerdiener Norbert sollten mitfahren. Norbert, der immer
-Steierertracht trug und trotz seiner fünfzig Jahre und des grauen
-Schnauzbartes in diesem Kostüm wie ein Junger aussah, schien die
-Ausfahrt nicht zu passen. Prüfend hielt er die Hände flach in die
-Luft, guckte zum grauen Firmament empor und schüttelte den Kopf so
-bedenklich, daß der grüne Ausseer Hut wackelte.</p>
-
-<p>Dieses Manöver wiederholte der fesche Kammerdiener so lange, bis
-richtig wie erhofft die Fürstin vom Fenster aus sein Gebaren wahrnahm
-und herunterrief: „Was ist’s, Norbert? Glaubst du, daß wir schlechtes
-Wetter bekommen?“</p>
-
-<p>„Zu dienen, Durchlaucht! Grobwetter, fürchte ich! Mir tun nur die armen
-Pferde leid, wenn sie in einen Wolkenbruch geraten!“</p>
-
-<p>„Nein, nein! Die Pferde müssen geschont werden! Abbestellen, Norbert!
-Wir bleiben zu Hause!“</p>
-
-<p>„Zu Befehl, Durchlaucht!“ Vergnügt ob des Gelingens seines listigen
-Manövers, bestellte Norbert die Ausfahrt ab. Und bis zum Lunch oblag
-er dem behaglichen <span class="antiqua">dolce far niente</span> in seiner Kammer. Dann
-frei<span class="pagenum"><a id="Seite_65"></a>[S. 65]</span>lich mußte er die Tafel decken für drei Personen, denn Graf Thurn
-war zum Lunch geladen. Nachmittags gedachte der bequeme Kammerdiener
-einen länglichen „Schlaf zu tun“ und bis zum abendlichen Diner
-gründlich zu faulenzen, sich von der Reise zu „erholen“. Doch zwischen
-Kaviar und Sardinen ereilte Norbert der gemessene Befehl, nach dem
-Lunch nach Admont zu gehen und die Post zu holen.</p>
-
-<p>Diskret flüsterte der geschulte Diener sein „Zu Befehl!“ Und als er der
-Fürstin die Silberplatte mit den gebräunten Kalbskoteletten reichte,
-fragte er mit hingehauchten Worten, ob er den Brief aus Dresden der
-Eile wegen zu Wagen bringen dürfe.</p>
-
-<p>Was höhere Faulheit war, hielt die Fürstin für rührenden Diensteifer,
-für den guten Willen, den heiß ersehnten Brief mit großmöglichster
-Geschwindigkeit in die Bergeinsamkeit zu bringen. Hochbefriedigt
-von diesem Diensteifer, erteilte die Fürstin durch Kopfnicken ihre
-Zustimmung.</p>
-
-<p>Noch weilten die Herrschaften bei Tische, da kam Forstwart Gnugesser in
-Wehr und Waffen schwitzend und mit hüpfendem Bäuchlein angesprungen.
-Amanda hatte dem von einem Reviergange heimgekehrten Gatten mitgeteilt,
-daß die Fürstin ihn zum Führer gewünscht habe. Nun war er da und wollte
-sich melden. Auf sein karges Mittagessen hatte Benjamin verzichtet, um
-die Fürstin nur ja nicht warten zu lassen. Nun hieß es aber für ihn
-geduldig warten und hungern.</p>
-
-<p>Nach dem Lunch sprach Fürstin Sophie im Flur des Schlößls mit ihm,
-hörte seinen Bericht an, wonach in der „Gschwend“ ein schußbarer Hirsch
-mit einem Ovalgeweih stehe, der noch vor der Brunft abgeschossen werden
-müsse. Sie gab wegen dieses Hirsches keinen Be<span class="pagenum"><a id="Seite_66"></a>[S. 66]</span>scheid und erklärte, daß
-auf die Führung Gnugessers wegen der unbeständigen Witterung verzichtet
-werde.</p>
-
-<p>Die grenzenlose Gutmütigkeit veranlaßte Benjamin zu sagen: „Wohl wohl!
-Ganz wie Duhrlauch wünschen! Halt ein andermal! Wünsche wohl gespeist
-z’ haben! Empfehl mich g’horsamst!“ Zog sein Hütel und trug Bäuchlein,
-Rucksack, Hirschfänger, Büchsflinte, Bergstock und sein goldenes
-Herzelein zurück zum „Steinkasten“. Den fuchsigen Patriarchenbart
-teilten die leicht zitternden Finger in zwei große Wülste. Dies war das
-einzige Anzeichen dafür, daß Beni sich über die „Fopperei“ ein bisserl
-geärgert hatte. Als Gnugesser hungrig wie ein Wolf am „Steinkasten“
-ankam, war der Patriarchenbart wieder geglättet und in Ordnung, der
-kleine Ärger verraucht.</p>
-
-<p>Der von Norbert angekündigte Wolkenbruch kam nicht, nur etliche
-Regentropfen wagten die Fahrt zur Erde. Und dann guckte Frau Sonne für
-kurze Zeit in die Haller Bergeinsamkeit. Stolz wie ein Spanier fuhr
-Norbert nach Admont, selbstverständlich im Fond des Wagens sitzend.</p>
-
-<p>Die Fürstin aber unternahm einen Talbummel, zum reizend gelegenen
-Sensenwerk am Fuße der „Haller Mauern“. Dann zurück. Um fünf Uhr Tee
-auf der Terrasse, Versuch einer Handarbeit seitens der Fürstin mit
-oftmaligem Blick auf das Sträßlein. Fräulein von Gussitsch häkelte
-gehorsamst und schwieg untertänigst. Graf Thurn war beurlaubt und
-weilte im „Steinkasten“, beschäftigt mit den Vorbereitungen zur
-befohlenen Fahrt nach Wien, um vergessene Sachen für die Fürstin zu
-holen.</p>
-
-<p>Nach sechs Uhr kam Norbert zurück und überbrachte Zeitungen. Der
-erwartete Brief aus Dresden war nicht eingelaufen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_67"></a>[S. 67]</span></p>
-
-<p>Seufzend, mit einer Kummerfalte auf der Stirne, machte sich Fürstin
-Sophie an die Lektüre. Verzichtete aber bald.</p>
-
-<p>„Darf ich vielleicht vorlesen?“ fragte dienstbereit Martina.</p>
-
-<p>„Danke! Ich werde bis zum Diner etwas ruhen! Sorgen Sie bitte dafür,
-daß nur zwei Gänge serviert werden, alles übrige streichen! Danke,
-werde allein hinaufgehen!“ Freundlich nickend zog sich die Fürstin
-zurück.</p>
-
-<p>Mitleidsvoll blickte Martina der Frau nach. Und dann begab sich auch
-das Hoffräulein auf das Zimmer.</p>
-
-<p>Kaum zwanzig Minuten währte das Diner, zu dem Graf Thurn nicht geladen
-war. Dann hatte der Dienst für Martina ein Ende für diesen Tag in der
-Haller Bergeinsamkeit. Huldvolle Entlassung mit Handkuß, tiefer Knicks.
-„Geruhsame Nacht, Durchlaucht!“</p>
-
-<p>Ein wehmütiges Lächeln, ein gütiges Kopfnicken. Sophie von
-Schwarzenstein zog sich mit ihrem Kummer zurück. Im Schlafzimmer harrte
-ihrer die unentbehrliche Hildegard.</p>
-
-<p class="s3 center mtop1 mbot1">*</p>
-
-<p>Der Wind blies durch das Admonter Ennstal und zwang in den etwas
-sumpfenden Niederungen Schilf und Riedgräser zu respektvollsten
-Verbeugungen. Reingefegt war das Firmament, kahl und klar starrten
-die vielen Felsriesen in den lichten Himmelsdom: weißbestreut die
-Spitzen der „Haller Mauern“, rechts der Enns die wuchtigen Türme
-des „Sparafeld“, der „Reichenstein“, das „Hochtor“ und die vielen
-Bergkolosse, die sich zusammendrängen, um das berühmte „Gesäuse“,
-eine gigantische, von der tosenden Enns<span class="pagenum"><a id="Seite_68"></a>[S. 68]</span> durchflossene Felsenwildnis,
-zu bilden. Inmitten des lieblich grünen, bergumrahmten Admonter
-Talbeckens erhebt sich zur Höhe von siebenzig Metern das schlanke,
-doppeltürmige St.-Blasius-Münster, die elegante Domkirche im gotischen
-Stile, umgeben von den quaderngefügten Gebäuden des uralten, von vielen
-Schicksalsschlägen heimgesuchten Benediktinerstiftes Admont.</p>
-
-<p>Wie liebkosend umspielten die Sonnenstrahlen diese Stätte emsigen
-Fleißes, der Gelehrsamkeit, der Wohltätigkeit und klösterlichen Arbeit.</p>
-
-<p>Der im Jahre 1074 gegründeten, im Laufe der Jahrhunderte durch
-wissenschaftliche Tätigkeit hochberühmt gewordenen Benediktinerabtei,
-an die sich die Häuser des Marktfleckens Admont schmiegen wie
-Küchlein um die Mutterhenne, galt der Besuch der Fürstin Sophie von
-Schwarzenstein.</p>
-
-<p>Im munteren Trabe eilte der fürstliche Wagen dem einzig schön
-gelegenen, imposanten, vornehme Ruhe kündenden Stifte zu. Im Fond saßen
-die Fürstin Sophie und das Hoffräulein von Gussitsch, beide in schwarze
-Seide gehüllt, auf dem Rücksitze Graf Thurn. Auf dem Bock neben dem
-Kutscher der unvermeidliche Norbert in der schmucken Steierertracht.
-Die Diener ganz Würde, schier spanische Grandezza.</p>
-
-<p>Im Anblick der im Süden aufgetürmten Bergkolosse und des herrlichen
-Münsters vergaß die Fürstin der nagenden Sorgen, auftauend pries sie
-die Schönheit des Gotteshauses inmitten des entzückenden Geländes.
-Und Graf Thurn mußte rasch über die Geschichte des Stiftes einige
-Informationen geben. Marschallsaufgaben, auf die der gewandte Beamte
-sich ahnungsvoll vorbereitet hatte und deren er sich aalglatt
-entledigte. Und mit Eleganz verstand Graf Thurn das Interesse der Frau<span class="pagenum"><a id="Seite_69"></a>[S. 69]</span>
-für einen Novizen des Stiftes zu erwecken, indem er erzählte, daß ein
-junger Kleriker mit Jägerblut in den Adern schwer ringe und kämpfe, um
-die Jagdleidenschaft zu bezwingen bis zum Tage der für das ganze Leben
-entscheidenden Profeßablegung.</p>
-
-<p>Für einen Moment wich die Farbe aus dem Antlitz der Fürstin, die Wangen
-wurden kalkig, das Haupt sank um etliche Zoll tiefer wie in jäher
-Betroffenheit und weher Erinnerung. Doch sogleich richtete sie sich
-auf, eine leichte Röte schoß in die Wangen, und voll Interesse rief
-sie: „Was Sie sagen! Ein Novize, also ein eingekleideter Kleriker, von
-Jagdpassion erfüllt, Sohn eines Berufsjägers! Und für immer entsagen
-müssen! Den jungen Mann möchte ich kennenlernen, mit ihm sprechen!
-Bitte, veranlassen Sie, lieber Graf, das Weitere!“</p>
-
-<p>Der Wagen rollte schnell die Hauptgasse des saubergehaltenen
-Marktfleckens entlang, die Bewohner grüßten respektvoll den &ndash;
-Kammerdiener.</p>
-
-<p>Am Portal der Prälatur harrte Pater Wilfrid in seiner offiziellen
-Eigenschaft als Gastmeister des Stifts, neben ihm ein Klosterfrater,
-des hohen Gastes.</p>
-
-<p>Bei der Anfahrt winkte Fürstin Sophie dem Pater huldvoll grüßend zu,
-ersichtlich in bester Stimmung. Und Wilfrid erwies Reverenz durch eine
-tadellose Verbeugung.</p>
-
-<p>Ein Ruck, die Pferde standen mit schlagenden Flanken. Norbert flog vom
-Bock wie ein Blitz und riß den Schlag auf.</p>
-
-<p>Die breite Steintreppe auf weichem Teppich hinansteigend, sprach die
-Fürstin von dem vorzüglichen Eindruck, den zunächst äußerlich das
-Münster wie die Stiftsgebäude hervorrufen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_70"></a>[S. 70]</span></p>
-
-<p>Pater Wilfrid bat, es wolle Durchlaucht sich noch eine Treppe höher
-bemühen, an der Prälatur erwarten Seine Gnaden der Herr Abt den hohen
-Besuch.</p>
-
-<p>„So feierlich? Wohl vorschriftsmäßige Empfangsetikette? Aber unnötig!
-Privater Besuch, diktiert von regstem Interesse, wobei eine gewisse
-Sympathie mitspielt, denn mein ‚Hofpfarrer‘ ist ja Admonter Stiftsherr!“</p>
-
-<p>„Untertänigsten Dank, Durchlaucht, für so viel Huld und Gnade!
-Ganz nach Vorschrift kann sich der Empfang des hohen Gastes leider
-nicht vollziehen, da unser Prior verreist ist, also nicht zur
-Reverenzerweisung erscheinen kann! Alles übrige im Programm wird
-hoffentlich klappen!“</p>
-
-<p>„Was? Ein ganzes Programm? <span class="antiqua">Mea culpa</span>, ich hätte besser getan,
-den Besuch nicht anzukündigen, die Stiftsherren zu überrumpeln, um das
-Vergnügen einer ‚<span class="antiqua">sweet disorder</span>‘ genießen zu können!“</p>
-
-<p>„Es ist keineswegs ausgeschlossen, daß Durchlaucht trotz der
-Besuchsansage dieses ‚Vergnügen‘ dennoch teilhaft werden können, denn
-unsere <span class="antiqua">Camerieri</span> sind nicht höfisch geschult, <span class="antiqua">ils travaillent
-pour le bon Dieu</span> und &ndash; entbehren der Grazie!“ Wilfrid spitzte den
-Mund, als wollte er Honig schlürfen, und blinzelte dazu.</p>
-
-<p>Kichernd ging Sophie auf den Scherz ein und rief: „Milch geben, viel
-Milch den Leuten!“</p>
-
-<p>Der Fürstin folgten Graf Thurn und Fräulein von Gussitsch. Der
-Hausmarschall flüsterte: „Gottlob, die Stimmung ist vortrefflich!“</p>
-
-<p>An der zur Prälatur führenden Flügeltüre stand die hohe Gestalt des
-Abtes Beda. Ein Vierziger im Galahabit, auf der Brust die goldene
-Kette des <span class="antiqua">Summus Abbas</span>. Schlanke Eleganz der Erscheinung,
-Würde<span class="pagenum"><a id="Seite_71"></a>[S. 71]</span> und Noblesse, durchgeistigt die Gesichtszüge, Ruhe und Milde im
-Blick. Die feine, hohe Gestalt gleichsam umweht von Höflichkeit und
-Toleranz. Ein Idealpriester, von Liebe, Vertrauen und Hochachtung der
-Mitbrüder im Konvent erkoren und erwählt zur höchsten Würde, die das
-Kapitel zu vergeben hat. <span class="antiqua">Primus inter pares.</span> Mit weltmännischer
-Ehrerbietung begrüßte Abt Beda die Fürstin und hieß sie unter
-Dankesversicherungen für den auszeichnenden Besuch willkommen.</p>
-
-<p>Den Begleitern wurde eine höfische Verbeugung gewidmet, indessen Sophie
-den Grafen Thurn und ihre Hofdame vorstellte.</p>
-
-<p>Die erste Besichtigung galt der berühmten Bibliothek, einer Sammlung
-von 80000 Bänden, von über 1100 Handschriftenbänden und fast 1000
-Inkunabeln.</p>
-
-<p>Die Führung übernahm hier der Archivar und Bibliothekar Pater Leo, ein
-großer, breitschulteriger Mönch in strammer Haltung, dem der Offizier
-aus den Augen leuchtete. Und ein Schmiß im freundlichen Gesicht verriet
-den früheren Studenten.</p>
-
-<p>Mit ersichtlichem Wohlgefallen und vielem Interesse wandte sich Sophie
-diesem Benediktiner zu, der es ausgezeichnet verstand, alles für Damen
-Überflüssige und Uninteressante auszuscheiden und knapp nur auf das
-Wichtigste aufmerksam zu machen.</p>
-
-<p>Die üppigen Formen der italienischen Spätrenaissance des prachtvollen,
-durch zwei Stockwerke reichenden Saales, die herrlichen Fresken und
-Deckenbilder, welsche Kunst und deutsche Skulpturen nahmen die Fürstin
-sofort gefangen und lösten Rufe der Bewunderung aus. Zur Erklärung
-der Bildhauerarbeiten des Meisters Stammel, für die Hinweise auf die
-drolligsten Burlesken, auf weihevolle Stimmung und beißenden Witz,<span class="pagenum"><a id="Seite_72"></a>[S. 72]</span> auf
-olympische Schönheit und bäuerliche Derbheit in den Schnitzereien war
-Pater Leo der richtige Mann, dessen trocken witzige Bemerkungen die
-hohe Frau höchlichst belustigten und auch Fräulein von Gussitsch zum
-Kichern brachten.</p>
-
-<p>Für die Manuskriptfragmente aus dem achten und neunten Jahrhundert
-setzte der Bibliothekar kein Interesse voraus, aber auf das kostbare
-prachtvolle Missale aus dem zwölften Jahrhundert machte er aufmerksam,
-ebenso auf die handschriftliche Reisebeschreibung des Marco Polo.</p>
-
-<p>Vor diesem interessanten Manuskript im Glaskasten blieb die Fürstin
-stehen und sprach: „Wie ist es nur? Von dem uralten Zeug versteh’ ich
-nichts, dennoch klingt der Name so bekannt, ja modern! Haben Hochwürden
-dafür eine Erklärung?“</p>
-
-<p>Pater Leo, ein Schalk wie sein Kollegissimus Wilfrid, verzog keine
-Miene, verbeugte sich leicht und erwiderte: „Durchlaucht wollen in
-Gnaden an die höchstmoderne &ndash; Teesorte Marco Polo denken!“</p>
-
-<p>„Ach ja! Das ist es! Danke bestens!“ Zufällig blickte Sophie dem in
-ihrer Nähe stehenden Pater Wilfrid ins Gesicht, der abermals die
-Lippen gespitzt hatte. Auflachend drohte sie dem Gastmeister mit
-dem Zeigefinger: „<span class="antiqua">Sano compatrioti</span>, ein Schalk ärger wie der
-andere! Aber liebenswürdige Herren, die Gott sei Dank gar nichts &ndash;
-Spanisch-Inquisitorisches an sich haben! Was meint mein ‚Hofpfarrer‘?“</p>
-
-<p>Wilfrid erwiderte respektvollst und strohtrocken: „Durchlaucht haben
-immer recht! Im Stift spricht nur einer Spanisch, nämlich ich, und
-zwar kann ich nur die wenigen Worte: <span class="antiqua">beso la mano</span>! Mehr ist vom
-Übel!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_73"></a>[S. 73]</span></p>
-
-<p>Der Reihe nach wurden die herrliche Kirche, der Stiftsgarten und
-Keller besichtigt, und zwar unter Führung des Abtes. Als Sophie dann
-den Wunsch aussprach, die Klosterküche anschauen zu dürfen, tauchte
-als Cicerone wieder Pater Leo auf und sprach verbindlichst: „Darf ich
-bitten, sich abermals meiner Führung anzuvertrauen?“</p>
-
-<p>Die Fürstin rief verdutzt: „Nanu?! Was hat denn den Archivar und
-Bibliothekar die Klosterküche zu kümmern?“</p>
-
-<p>„Zu dienen, Durchlaucht! Ich bin nämlich auch noch der Pater
-Kuchlmeister, der im Schweiße seines Angesichts für die Mägen der
-Stiftsherren zu sorgen hat! Und hoffentlich verschmähen die hohen
-Herrschaften die von mir bereitgestellte Jause in der Prälatur nicht!“</p>
-
-<p>„Archivar, Bibliothekar und Kuchlmeister, köstliche Zusammenstellung!“</p>
-
-<p>„Köstlich finde ich diese <span class="antiqua">cumulatio</span> gerade nicht!“</p>
-
-<p>„Was sind Sie denn noch alles?“</p>
-
-<p>„Die Bauern von Weng muß ich zum Himmel führen, so wie der Pater
-Wilfrid in Hall!“</p>
-
-<p>„Ein vielbeschäftigter Mann!“</p>
-
-<p>Pater Leo versicherte, man habe die Förderung des geistigen und
-leiblichen Wohles der Stiftsangehörigen absichtlich in eine Hand
-gelegt, auf daß &ndash; nicht zuviel des Guten auf beiden Seiten geschehe...</p>
-
-<p>Die Damen lachten vor Vergnügen über diesen Scherz.</p>
-
-<p>Graf Thurn verabschiedete sich; für ihn war die Stunde der Abreise nach
-Wien gekommen.</p>
-
-<p>In der Prälatur, den Wohnräumen des Abtes, angekommen, sprach die
-Fürstin die Bitte aus, es möge ihr der „Novize mit dem Jägerblut“
-vorgestellt werden.<span class="pagenum"><a id="Seite_74"></a>[S. 74]</span> Zugleich bat sie den Abt um Mitteilung der
-Verhältnisse. „Kann ich etwas zugunsten und zum Nutzen des jungen
-Mannes tun, so bitte ich, es mir zu sagen!“</p>
-
-<p>Abt Beda geleitete die Fürstin in das Empfangszimmer, während Fräulein
-von Gussitsch und die Stiftsherren Wilfrid und Leo in das für hohe
-Gäste bestimmte Speisezimmer der Prälatur traten.</p>
-
-<p>Abt Beda teilte der Fürstin mit, daß der Novize Nonnosus ein
-übereifriger Student und beflissen sei, durch strenge Aszese der
-Jagdleidenschaft Herr zu werden. Dadurch schädigte der Novize seine
-Gesundheit in nicht unbedenklichem Maße. Väterliche Ermahnungen
-zur Einschränkung der selbstgewählten Aszese und des übereifrigen
-Studiums hatten keinen Erfolg. „Ich bin nun gerne geneigt, dem braven
-Novizen Erholung und Zerstreuung zu gönnen und sogar eine Ausnahme zu
-gestatten! Nur will es mir fraglich erscheinen, ob beispielsweise eine
-Beteiligung am Jagdvergnügen bei dem Novizen den seelischen Zustand
-bessern wird oder kann! Die Möglichkeit soll ja nicht bestritten
-werden! Anderseits kann die Ausübung der Jagd die Leidenschaft erst
-recht steigern!“</p>
-
-<p>Fürstin Sophie fragte sehr interessiert: „Ist denn einem Kleriker die
-Jagdausübung überhaupt gestattet?“</p>
-
-<p>„Um das <span class="antiqua">Decorum clericale</span> und namentlich die spezifisch
-klerikalen Tugenden zu wahren, sollen sich, gemäß den kirchlichen
-Bestimmungen, Geistliche gewissen Vergnügungen entschlagen! Direkt und
-streng verboten ist die Jagd mit Hunden und Falken, die <span class="antiqua">Venatio
-clamorosa</span>, das ist die lärmende Jagd! Die Kanonisten folgerten
-aus diesem strikten Verbot, daß die Jagd mit Netzen oder die Pirsche,
-die <span class="antiqua">Venatio quieta</span>, den Geistlichen erlaubt sei! Für diese
-Unterscheidung der<span class="pagenum"><a id="Seite_75"></a>[S. 75]</span> Jagdarten scheint sogar das Konzil von Trient zu
-sprechen! Selbstverständlich können die Bischöfe jegliche Jagdart
-verbieten!“</p>
-
-<p>„Was ist daraus zu folgern?“</p>
-
-<p>„Wenn ich wüßte, daß ein kurzes, auf einige Tage beschränktes
-Jagdvergnügen dem Novizen gesundheitlich nützen und psychisch nicht
-schaden würde, wäre ich geneigt, ausnahmsweise die Erlaubnis zu
-erteilen! Der Aufenthalt in der Höhenluft dürfte dem armen jungen Manne
-sicher gut tun!“</p>
-
-<p>„Unter diesen Umständen bitte ich, mir den Novizen in Zivilkleidung
-nach Hall zu senden! Ich werde ihn mit hinaufnehmen, etwa zur
-Pyrgashütte, und dort pirschen lassen! Dort oben hat er Höhenluft!
-Und vielleicht gewährt die nun doch ermöglichte Jagdgelegenheit eine
-Beruhigung der aufgewühlten Nerven! Der Mensch wünscht am heißesten
-das, was er nicht bekommen kann! Die Jägerei wird für den Novizen
-sofort an Wert und Lust verlieren, wenn er sie ausgiebig betreiben
-kann! Er soll nach Herzenslust Gemsen schießen, ich gönne ihm diese
-Freude! Ja, ich bin nun überzeugt, daß die Jagdleidenschaft durch
-reichliche Abschußerlaubnis sich vermindert und ganz verschwindet!
-Also, mit Ihrer Zustimmung, machen wir das interessante Experiment!
-Senden Sie mir demnächst den jungen Kleriker nach Hall, ich werde das
-Weitere veranlassen! Auf die Vorstellung jetzt verzichte ich!“</p>
-
-<p>Mit aller Ehrerbietung und doch herzlich dankte der Abt für diesen
-Huldbeweis. Und dann geleitete er die Fürstin in das Speisezimmer, wo
-die Hofdame und die beiden Stiftsherren warteten.</p>
-
-<p>„Nun rasch eine kleine Jause zur Stärkung! Ich möchte nicht länger
-stören!“ Kaum hatte die Fürstin<span class="pagenum"><a id="Seite_76"></a>[S. 76]</span> Platz genommen, beeilte sich der
-Gastmeister Pater Wilfrid Flaschenwein zu kredenzen.</p>
-
-<p>„Wie? Wein?“ rief die Fürstin überrascht, „Pater Wilfrid behauptet
-doch, daß die Stiftsherren auf Grazie und Geist halten, also &ndash; Milch
-trinken und sich von Eiern nähren!“</p>
-
-<p>„Ganz richtig! Tun wir auch &ndash; zuweilen! Den hohen Gästen reichen wir
-aber Wein trinkbarer Sorte aus unseren Weingärten!“</p>
-
-<p>Ein Frater servierte kalten Aufschnitt und Schinken in einer
-auffallenden Befangenheit, und zwar nur den Damen.</p>
-
-<p>Die Stiftsherren saßen zwar am Tische, nahmen aber nichts zu sich,
-da just an diesem Tage das Gebot: <span class="antiqua">jejunium</span>, Enthaltsamkeit,
-nur einmalige Sättigung, zu befolgen war, ein Gebot, das sich
-selbstverständlich nicht auf die Klostergäste erstreckt. Pater
-Wilfrid, als Mann von Takt, bemühte sich, durch ein Gespräch zu
-verhüten, daß die Fürstin auf diese pflichtgemäße Enthaltsamkeit der
-Klosterangehörigen aufmerksam werde. Er sprach von jener ‚<span class="antiqua">sweet
-disorder</span>‘, jener „süßen Unordnung“, die stets dann eintrete, wenn
-hoher Besuch im Hause weile, da die Domestiken sich mit Vorliebe zu &ndash;
-drücken pflegen. „Auch heute ist es der Fall! Ich muß daher inständig
-um Entschuldigung bitten, daß ein im Servierdienst ungeschulter Frater
-die hohen Gäste in wenig genügender Weise bedient!“</p>
-
-<p>„Aber nein! Der Frater macht seine Sache ganz vortrefflich!“ Und nun
-gewahrte die Fürstin die Enthaltsamkeit der Herren. „Warum greifen denn
-die hochwürdigen Herren nicht zu? Frater, servieren Sie, bitte, den
-Stiftsherren!“</p>
-
-<p>Nun war doch eingetreten, was Pater Wilfrid hatte<span class="pagenum"><a id="Seite_77"></a>[S. 77]</span> verhüten wollen.
-Und die Verlegenheit machte der Frater vollständig, als er der Fürstin
-wichtigtuend zuflüsterte: „Wir haben <span class="antiqua">jejunium</span>!“</p>
-
-<p>„Was haben Sie?“</p>
-
-<p>„Fasttag haben wir!“ platzte der Klosterbruder heraus. Ein Wink des
-Abtes veranlaßte den Pechvogel, schleunigst zu verschwinden.</p>
-
-<p>Die Fürstin erhob sich, dankte für die liebenswürdige Bewirtung und bat
-um den Wagen.</p>
-
-<p>Unter Beachtung des üblichen Zeremoniells vollzog sich die
-Verabschiedung.</p>
-
-<p>Schon zogen die Pferde an, da ließ die Fürstin anhalten und bat den
-Gastmeister, dafür zu sorgen, daß jener Frater nicht &ndash; bestraft werde.
-„Milde üben, ja!“</p>
-
-<p>„Zu Befehl, Durchlaucht! Ich werde es dem Herrn Abte melden!“</p>
-
-<p>„Vielen Dank! Auf baldiges Wiedersehen!“</p>
-
-<p>Nun rollte der Wagen über den Hof und bog in die Hauptstraße ein.
-Norbert auf dem Bock drehte sich um und meldete der Gebieterin, daß
-er die Post bereits geholt habe. Wissend, wie sehnsüchtig Durchlaucht
-einen Brief aus Dresden erwartete, griff Norbert in die Tasche, um den
-Brief zu überreichen.</p>
-
-<p>Mit einer leichten Handbewegung wehrte die Fürstin ab. Wunderbar wußte
-diese Frau sich zu beherrschen. Aber auch Norbert wußte, was er zu tun
-hatte. Zum Kutscher sagte er: „Schnell fahren!“</p>
-
-<p>Hinter der Ennsbrücke wurde ein rasendes Tempo genommen, eine wilde
-Jagd begann, die ein Sprechen der Wageninsassen unmöglich machte.</p>
-
-<p>Sophie hatte aber gar nicht die Absicht, zu sprechen. Mit geschlossenen
-Augen, bleich vor Erwartung, saß sie im Wagen und ließ sich rütteln und
-stoßen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_78"></a>[S. 78]</span></p>
-
-<p>Fräulein von Gussitsch klammerte sich mit beiden Händen an den Rand
-des Wagenschlages, um nicht an die Fürstin geschleudert zu werden. Den
-Zweck dieser tollen, rasenden Fahrt: die Zeitverkürzung, begriff sie.
-Aber lebensgefährlich war diese Ersparnis weniger Minuten doch.</p>
-
-<p>Martina atmete auf, als der Wagen vor der Villa hielt.</p>
-
-<p>„Ich sehe Sie bei Tische, bis zum Diner sind Sie frei, liebe
-Gussitsch!“ sprach die Fürstin und schritt, von Norbert gefolgt, ins
-Haus. Nun doch fast zappelig, nervös, aufgeregt. Zwei Stunden hatte
-Martina Zeit, um sich Gedanken zu machen und Fragen zu stellen, was
-denn eigentlich dieser Sorgen bereite und weshalb die Fürstin einsam in
-dieser Weltabgeschiedenheit weile, der Sohn aber auf Reisen sei. Warum
-die Trennung?</p>
-
-<p>Aus dem Verhalten der Fürstin bei Tische konnte Martina nicht klug
-werden. Sie war einsilbig, wachsbleich, gedrückt. Manchmal öffnete sie
-die Lippen, als wollte sie sprechen, sich durch eine Mitteilung von
-seelischem Druck befreien. Aber es kam kein Wort. Ein Ringen nach einem
-Entschlusse. Beängstigende Stille. Dann ein Wink; Norbert verschwand
-aus dem Speisezimmer.</p>
-
-<p>Und nun richtete Fürstin Sophie an Fräulein von Gussitsch die Bitte,
-dem Baron Wolffsegg, dem Begleiter des Prinzen Emil, zu schreiben, es
-möge der Adjutant sorgsamst kontrollieren, mit wem der Prinz
-verkehre...</p>
-
-<p>Martina traute ihren Ohren nicht und wagte es auch nicht, einen
-forschenden Blick auf die Gebieterin zu richten.</p>
-
-<p>Leise sprach die Fürstin im Tone der besorgten Mut<span class="pagenum"><a id="Seite_79"></a>[S. 79]</span>ter: „Es ist
-mein Wunsch, daß Wolffsegg Leute fernhalte, die meinen Sohn übel
-beeinflussen könnten!“</p>
-
-<p>„Zu Befehl, Durchlaucht!“</p>
-
-<p>„Verstehen Sie mich, bitte, recht! Schonend schreiben! Es soll dem
-Baron kein Vorwurf gemacht werden, um Himmels willen nicht! Wolffsegg
-ist ja ein tadelloser Kavalier, eine treue Seele, seit Jahren bewährt!
-Also nicht die Spur einer Rüge! Höchste Vorsicht, die ja auch wegen der
-Eigenart meines Sohnes geübt werden muß!“</p>
-
-<p>Martina richtete nun einen verschüchterten Blick auf die bleich
-gewordene Fürstin. Und bebenden Tones sprach die ängstlich und unsicher
-gewordene Hofdame davon, daß sie den Brief mit denkbar größter Vorsicht
-entwerfen, das Konzept zur höchsten Genehmigung unterbreiten werde.</p>
-
-<p>„Die Unterbreitung ist nicht nötig! Sie besitzen ja Taktgefühl,
-liebe Martina! Ich bin überzeugt, daß Sie den Brief ganz nach Wunsch
-konzipieren werden. Leicht wird es freilich nicht sein! Größte
-Vorsicht, denn es besteht die Gefahr, daß Wolffsegg die Bitte verübelt,
-in mißverständlicher Auffassung mit dem Prinzen darüber spricht und daß
-dadurch mein Sohn sich verletzt fühlt!“ Ein tiefer Seufzer der Sorge
-folgte diesen Worten.</p>
-
-<p>Wieder trat eine Pause ein. Die Fürstin schien zu überlegen oder sich
-in wehmütige Erinnerungen zu vertiefen.</p>
-
-<p>Angesichts dieser Situation wünschte Martina sich auf eine einsame
-Insel im Indischen Ozean, möglichst weit weg von dem fürstlichen
-Jagdschlößl...</p>
-
-<p>Sophie richtete sich etwas auf und sprach leise, unsicheren Tones:
-„Sie kennen meinen Sohn noch nicht!<span class="pagenum"><a id="Seite_80"></a>[S. 80]</span> Sie sind ja erst nach seiner
-Abreise in meine Dienste getreten! Ich muß Sie deshalb einigermaßen
-informieren, daß mein Sohn &ndash; leider Gottes &ndash; apathischer Natur ist!
-Blasiertheit kann man seinen Seelenzustand nicht nennen, vielleicht
-liegt ein ungewöhnlicher Mangel an jeglichem Lebensinteresse vor! Zum
-Zwecke einer sozusagen geistigen Aufrüttelung ist die Reise zunächst
-nach Dresden angetreten worden! Mein armer Sohn sollte aus dem Bereich
-der Wiener Luft gebracht werden...! Neue Menschen und vielleicht
-auch &ndash; Frauen soll er kennenlernen! &ndash; Können Sie die Sorgen einer
-angsterfüllten Mutter verstehen, liebe Martina? Sie sind allerdings
-noch sehr jung, immerhin ein weibliches Wesen! Frauen können sich
-verstehen oder doch in derlei Situationen hineindenken!“</p>
-
-<p>„Zu dienen, Durchlaucht!“ Mehr konnte Martina beim besten Willen nicht
-sagen. Und unmöglich fragen, welche Bewandtnis es mit dem Dresdner
-Briefe habe, der anscheinend so große Sorgen wachrief.</p>
-
-<p>Sophie strich sich mit der schmalen Rechten über die Stirne. „Wenn
-ich vorhin davon sprach, daß wir ein geistiges Erwachen erstreben,
-so muß diese vertrauliche Bemerkung ergänzt werden, und zwar dahin,
-daß mein Sohn in Dresden etwas aufgewacht ist! Mehr als mir lieb ist,
-zu meinem Schrecken! Was Emils Brief an mich beweist! An sich ist
-dieses Aufwachen gewiß erfreulich als Zeichen dafür, daß Emil sich für
-Menschen zu interessieren beginnt, die Apathie abgestreift hat!“</p>
-
-<p>Wieder trat eine Pause ein. Sophie sann und überlegte.</p>
-
-<p>Im Speisezimmer war es dunkel geworden. Den Wald umwoben die Schatten
-der aufziehenden Sommernacht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_81"></a>[S. 81]</span></p>
-
-<p>Nach einer Weile zog die Fürstin den ihr so kostbaren Brief aus der
-Tasche und sprach: „Für eine Nacht werde ich mich von diesem Dokument
-doch trennen müssen, denn es erscheint mir zwingend nötig, daß Sie,
-liebe Martina, den Brief lesen, sich ein eigenes Urteil bilden! Genau
-informiert und orientiert, werden Sie dann auch imstande sein, den
-Brief an Baron Wolffsegg meinen Intentionen entsprechend zu verfassen!
-Ein Beweis besonderen Vertrauens, hören Sie, Martina, ganz besondere
-Vertrauenssache! Lesen Sie in heutiger Nacht Emils Brief, bilden Sie
-sich ein objektives Urteil! Morgen früh zehn Uhr bringen Sie mir den
-Brief unauffällig und unsichtbar! Hildegard wird verständigt sein und
-Sie, nur Sie, vorlassen! Hier, liebe Martina! Sie bürgen mir für die
-prompte Rückgabe des Dokumentes, ja?“</p>
-
-<p>„Zu Befehl, Durchlaucht!“ Martina nahm die Oktavbogen entgegen und
-versenkte das knisternde Papier in ihre Tasche.</p>
-
-<p>„So, nun gute Nacht, liebe Gussitsch! Strengste Diskretion! Gute Nacht!“</p>
-
-<p>„Geruhsame Nacht, Durchlaucht!“ Martina waltete ihres Amtes und
-klingelte.</p>
-
-<p>Hildegard erschien mit Licht und begleitete die Gebieterin in ihre
-Zimmer.</p>
-
-<p>Martina durfte allein ihr Kämmerlein aufsuchen.</p>
-
-<p>Nie in ihrem jungen Leben hatte Fräulein von Gussitsch so flink Licht
-gemacht als jetzt, um schnell zur Lektüre des Briefes zu kommen.</p>
-
-<p>Etwas enttäuscht, aber doch von dieser Lektüre belustigt, kicherte
-Martina. Unbegreiflich fand sie die Auffassung der Mutter über diesen
-Brief. Soviel wie gar keinen Anlaß zu Sorgen. Ungewöhnlich war
-allenfalls<span class="pagenum"><a id="Seite_82"></a>[S. 82]</span> die Ausdrucksweise. Martina fand die Epistel weit mehr
-witzig, denn derb. Sicher ein vollgültiger Beweis dafür, daß das bisher
-apathische, blasierte Prinzlein in der Dresdener Luft wach geworden ist
-und recht gut zu beobachten versteht. Und eine gewisse Federgewandtheit
-ist ihm nicht abzusprechen. An sittengefährdenden Umgang mit bösen
-Menschen war gar nicht zu denken! Außerdem sollte er sich doch eine
-Frau suchen!</p>
-
-<p>Der Auftrag, dem „Zwetschgenbaron“ Wolffsegg im Sinne der Fürstin zu
-schreiben, hatte nach der Lektüre des Emilschen Briefes viel von seinen
-Schrecken verloren. Martina erwog nur noch, ob es möglich sein werde,
-die Fürstin zu überreden, gar nicht schreiben zu lassen.</p>
-
-<p>Vergnügt kichernd, begab sich das zierliche Hoffräulein zu Bett.</p>
-
-<p class="s3 center mtop1 mbot1">*</p>
-
-<p>Es half am anderen Morgen alles nichts, Martina erhielt den Befehl,
-dem Baron Wolffsegg zu schreiben. Was alles die Fürstin noch beifügte,
-ließ Fräulein von Gussitsch erkennen, daß der Hofdame die Verantwortung
-aufgehalst werden sollte für den Fall, daß Wolffsegg die Warnungs- und
-Rügeepistel krumm nimmt. Martina soll das &ndash; Prügelmädchen sein in
-Ermangelung eines Prügelknaben.</p>
-
-<p>Ein mehrstündiger Eiertanz mit der Feder, bis das Brieflein glatt
-und säuberlich geschrieben war. Höchst vorsichtig und fein, klug und
-gewandt; und mit einem salvierenden Hinweis auf &ndash; „höchsten“ Wunsch...
-Diesen Hinweis konnte sich die Hofdame leisten, da ja<span class="pagenum"><a id="Seite_83"></a>[S. 83]</span> die Fürstin
-jegliche Kenntnisnahme des Konzeptes und Briefinhaltes abgelehnt hatte.</p>
-
-<p>Also lief die Epistel nach Dresden...</p>
-
-<p>Obwohl nicht befohlen, meldete sich gegen Mittag der Forstwartpatriarch
-zum Rapport und erbat Gehör bei der Gebieterin. Gnugesser wollte
-endgültigen Bescheid wegen des „Oval“hirsches haben.</p>
-
-<p>Weder Norbert noch Hildegard, die Vertrauenspersonen, zeigten Lust,
-den Beamten anzumelden, obwohl der gutmütige Forstwart sehr nett und
-höflich um „Wohlwollen und Gnade“ bat und die Kammerfrau Hildegard
-Witwe Schoiswohl sogar mit „gnä Frau“ titulierte. Half alles nichts,
-denn Hildegard wollte die heute übelgelaunte Gebieterin durch Anmeldung
-des Forstbeamten nicht belästigen, sich keinem Verweise aussetzen.</p>
-
-<p>Der Zufall war wohlwollender. Fürstin Sophie unternahm vor dem Lunch
-einen Spaziergang, sah am Hause den wartenden Beamten und fragte nach
-seinen Wünschen.</p>
-
-<p>Gnugesser erklärte in aller pflichtschuldigen Ehrerbietung, doch
-mit Bestimmtheit: „Halten zu Gnaden, Duhrlauch, der Hirsch mit dem
-häßlichen Ovalgeweih muß weg, und zwar noch vor Brunftbeginn, auf daß
-eine Vererbung verhindert wird! Wenn gnädig Duhrlauch den Kerl nicht
-selber &ndash; wegputzen wollen, erlauben S’s vielleicht, daß ich ihn
-abschieße?!“</p>
-
-<p>„Aber keine Idee! Ich finde diese Ovalform sehr interessant! Dieser
-Hirsch muß unbedingt erhalten bleiben!“</p>
-
-<p>In Gnugessers Äugelein lag mehr als Staunen, völlige Verblüffung
-und Ratlosigkeit! Und nicht wenig Verdruß über die Weiberwirtschaft
-im Jagdbetriebe.<span class="pagenum"><a id="Seite_84"></a>[S. 84]</span> Die Abschußverweigerung konnte Benjamin leicht
-verwinden; den Wald- und Jagdbeamten berührte es aber schmerzlich, daß
-auf ausdrücklichen Befehl ein Revierverschandler, ein die Geweihbildung
-verhunzender Hirsch gar geschont werden sollte.</p>
-
-<p>Benis Mund weitete sich bis zu den beiden Ohrläppchen, als die Fürstin
-mitteilte, daß ein Admonter Theologe im Revier Gstattmaier-Hochalp und
-in der „Sauwiel“ pirschen und Gams in unbeschränkter Anzahl schießen
-dürfe. „Melden Sie das dem Oberförster! Adieu!“</p>
-
-<p>Soviel das Bäuchlein es gestattete, verbeugte sich Gnugesser. Dann aber
-stülpte er mit einer besonderen Energie das zerzauste Hütel auf sein
-Haupt und trottete heim. Mit heiliger Entrüstung in der Weidmannsbrust,
-mit Zorn in der Kinderseele.</p>
-
-<p>Knirschend stieß Beni hervor, &ndash; hübsch weit entfernt vom Jagdschlößl
-&ndash;: „Toll wird’s, ganz narrisch! Weiber im Revier, o Graus! Und jetzt
-gar auch &ndash; Theologen! Höher geht’s nimmer! Kutten und Gams! Mir
-gangst!“ Und der herzensgute, kindlichfromme Forstwart fluchte...</p>
-
-<p>Die Abwesenheit der Gattin zur Mittagszeit war auch nicht geeignet, die
-üble Laune Benis zu bessern. Blieb ihm nichts anderes übrig, als selbst
-zu kochen: Spiegeleier und Salat dazu. Mehr von der Kochkunst war nicht
-sein eigen.</p>
-
-<p>Vergeblich fragte er sich, was denn zur Mittagszeit um Himmels
-willen Amanda auswärts zu tun haben könne. Mehrmals war die Gattin
-schon abwesend. Eine auffallende Pflichtvernachlässigung und
-Rücksichtslosigkeit!</p>
-
-<p>Lange konnte sich Gnugesser derlei Fragen nicht hingeben; er mußte nach
-Tisch wieder in den nimmerruhenden Dienst.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_85"></a>[S. 85]</span></p>
-
-<p>Zum Abend war Amanda allerdings zu Hause, das schlecht gekochte Essen
-bereit; die Gattin war aber nicht geneigt, Aufschlüsse über ihre
-Abwesenheit zu geben. Da sie indes versicherte, sich unlieb verspätet
-zu haben und just heimgekommen zu sein, wie Beni nach Tisch in das
-Revier ging, ließ sich der herzensgute Mann leicht beschwichtigen.</p>
-
-<p>Leicht gelang der Gattin der Themawechsel durch die Frage, was es Neues
-in den Revieren gäbe.</p>
-
-<p>Bei Gnugesser war indes der Ärger schon verraucht; vor Amanda
-wollte er nicht über die Fürstin reden, schimpfen erst recht nicht.
-Ein einzig und winzig Würmchen nagte allerdings noch gar emsig in
-der Brust: der Neid! Den Beamten bleibt ein Abschuß versagt, der
-Theologe hingegen darf Gams nach Herzenslust niederknallen. Beni war
-gar nicht leidenschaftlicher Jäger, ganz frei von Schießwut; wegen
-der Abschußerlaubnis beneidete er den Theologen aber doch, den er,
-der fromme, kirchenfreundliche Beamte, in allergeheimsten Gedanken
-einen „Schleicher“ und „Kittelpfaffen“ genannt hatte. Denn es war
-doch gar nicht zu bezweifeln, daß der Theologe die Abschußerlaubnis
-„erschlichen“ haben mußte. Kittelprotektion! Weiberwirtschaft im Revier!</p>
-
-<p>„Friert dich in der Zung, weil ich keine Antwort auf meine Frage
-bekomm?“ klang es spitz von den Lippen Amandas.</p>
-
-<p>Gutmütig lachte Beni: „Nein, nein! Ist ja Sommer! Nur Gedanken hab’ ich
-mir gemacht, weil &ndash; na, ist Dienstsache, also Amtsgeheimnis! Neues
-gibt es nichts! Nicht einmal Bescheid haben wir wegen der definitiven
-Übernahme beim alten Gehalt!“</p>
-
-<p>Schnippisch warf Amanda das Wort „Amtsgeheimnis“ hin. „Lächerlich das
-Verschanzen hinter das Dienst<span class="pagenum"><a id="Seite_86"></a>[S. 86]</span>geheimnis, wo doch eine Frau regiert und
-dirigiert! Da werden die Amtsgeheimnisse strengstens gewahrt bleiben!
-Übrigens: was das Gehalt anbelangt, muß unbedingt eine Aufbesserung
-eintreten!“</p>
-
-<p>„Die Aussichten sind dazu nicht gut! Kein Darandenken!“</p>
-
-<p>„Im Gegenteil: davon reden, und das bei nächster Gelegenheit!“</p>
-
-<p>„Um Gottes willen nicht, Weiberl! Es könnt die Fürstin verschnupfen! Wo
-sie eh nicht in rosiger Laune ist und auch noch gspaßige Ansichten vom
-Jagdbetrieb hat!“</p>
-
-<p>„Ich bin keine Klosterfrau, also laß ich mir das Reden nicht verbieten!
-Ich werde mir die Fürstin schon fürifangen! Frau zu Frau redet sich
-viel leichter, als wenn ein Mannsbild dabei ist!“</p>
-
-<p>„Warum bist du denn so erpicht auf eine Gehaltsaufbesserung? Du
-profitierst ja davon doch nichts, direkt wenigstens nicht!“</p>
-
-<p>„Der Herr Forstwart irrt sich da aber ganz gewaltig! Ist übrigens egal,
-ob Aufbesserung oder nicht: die Frauenarbeit im Ehestande muß von nun
-an bezahlt und gelohnt werden! Mit Bargeld!“</p>
-
-<p>Beni lachte, daß sein Bäuchlein hüpfte und Lachtränen aus den Augen
-sprangen. Und übermütig zitierte er den Wiener Gassenhauer: „Maderln,
-hebt’s d’ Füß in die Höh, heut geigt der Strauß!“</p>
-
-<p>„Laß doch das hölzerne dumme Gelächter! Dir wird das Spotten schon
-vergehen, wenn es blechen heißt!“</p>
-
-<p>„Vom Zahlen bin ich allerdings kein Freund, weil ich allweil z’ wenig
-Geld hab trotz aller Sparsamkeit! Aber der Witz von Bezahlung der
-Ehefrau für ihre<span class="pagenum"><a id="Seite_87"></a>[S. 87]</span> Arbeit im Hausstand ist so gut, daß ich mir ein
-Flaschel Bier jetzt kaufe! Der Witz muß begossen werden!“</p>
-
-<p>„Laß die Faxen, Beni! Es ist Ernst, nicht Scherz!“</p>
-
-<p>„Die Leichenbittermiene steht dir ausgezeichnet, nur mußt ein schwarzes
-Seidenkleid dazu anziehen!“ spottete der belustigte Ehemann.</p>
-
-<p>„Hör zu und paß auf, Beni! Es ist heiliger Ernst! Das neue Gesetz
-bestimmt, daß den Ehefrauen für ihre Arbeit im Hausstand ein Drittel
-des Gehalts oder Jahreseinkommens des Ehemannes ausgezahlt werden muß!
-Von Rechts wegen! Gesetz ist Gesetz, es muß befolgt werden von jedem
-Staatsangehörigen!“</p>
-
-<p>„Ganz ausgezeichnet! Den Witz schick an die ‚Fliegenden Blätter‘, er
-wird sicher angenommen und honoriert! Weißt was, Weiberl, für das
-Honorar kaufen wir uns dann im Admonter Stiftskeller ein Flascherl
-‚Eisentürer‘!“</p>
-
-<p>„Wer nicht hören will, muß fühlen! Der Ernst des neuen Gesetzes wird
-dich schon zwicken! Ohne Gehaltsaufbesserung, also nach deinem jetzigen
-Einkommen, gebührt mir ein Jahreslohn von sechshundert Kronen für
-meine Hausfrauenarbeit! Diese Summe verlange ich! Und kraft des neuen
-Gesetzes bestehe ich auf Bezahlung dieser Summe! Und im Weigerungsfalle
-werde ich dich, wozu ich gesetzlich berechtigt bin, vor Gericht
-belangen!“</p>
-
-<p>Beni schrie vor Vergnügen, trommelte mit den Fäusten auf der
-Tischplatte, und im Übermaß der Freude an dem köstlichen Witz begann er
-in Schlappschuhen zu schuhplatteln, ahmte die Bewegungen des balzenden
-Urhahnes nach und wollte die Gattin animieren, sich am „Platteln“ zu
-beteiligen.</p>
-
-<p>Amanda in höchster Entrüstung versetzte dem seelenvergnügten, lachenden
-Gatten einen Stoß, der Beni ins<span class="pagenum"><a id="Seite_88"></a>[S. 88]</span> Torkeln brachte, dann aber rauschte
-Amanda aus der Stube. Krachend flog die Tür ins Schloß.</p>
-
-<p>In herrlichster Laune pfiff Benjamin die lustige Melodie des
-„Schuhplattlers“ zu Ende. Und dann holte er sich wirklich ein Fläschle
-Bier aus dem Keller, um den Witz und das famose neue Gesetz zu
-begießen. Allein allerdings, denn Amanda ließ sich für diesen Abend
-nicht mehr sehen.</p>
-
-<p>Merkwürdig &ndash; mit einem Male wollte dem einsamen Zecher das Bier nicht
-mehr schmecken. Wenn Amanda keinen Witz gemacht haben sollte, wenn
-wirklich ein neues Gesetz bestünde?</p>
-
-<p>„Unmöglich!“ knurrte Beni, dem das Lachen vergangen war. „Es sind die
-unglaublichsten Gesetze schon gemacht und sanktioniert worden, aber
-noch nie ein Gesetz, wonach die Ehefrau wie eine Dienstmagd einen
-Lohn für ihre Arbeit im Hausstande bekommen solle. Ein solches Gesetz
-kann doch gar nicht gemacht werden! Undenkbar! Durch eine derartige
-Lohnzahlung würde die Hausfrau ja zur Dienstmagd herabgedrückt, jeder
-Würde beraubt werden! Ein verrücktes Gesetz wäre das! Und gleich ein
-Drittel des Jahresgehaltes oder Einkommens! Wer kann denn das leisten
-und erschwingen? Die Subalternbeamten mit ihrem winzigen Gehalt! Die
-Gewerbetreibenden! Die Bauern!“</p>
-
-<p>Je länger Benjamin über das neue Gesetz nachdachte, desto schwüler
-wurde ihm trotz der Abendkühle, die durch die offenstehenden Fenster
-in die Stube drang. Ganze zwölfhundert Kronen vom Gehalt würden nach
-Abzug des „gesetzlichen“ Lohndrittels verbleiben für den Haushalt, für
-alle Bedürfnisse des Lebens, für Kleider, Schuhe usw. Unmöglich ein
-Auskommen mit einer so winzigen Summe! So unsinnig und grausam kann
-doch<span class="pagenum"><a id="Seite_89"></a>[S. 89]</span> eine Regierung nicht sein, die schlechtbesoldeten Ehemänner zu
-zwingen, der Gattin ein Drittel des Jahresgehaltes auszuzahlen.</p>
-
-<p>Im bitteren Sinnieren fand Gnugesser ein Körnchen Trost: ein klein
-bißchen „überspannt“ ist Amanda als frühere Lehrerin, sie wird
-vielleicht irgend etwas dem angeblichen Gesetze Ähnliches aufgeschnappt
-und nicht recht verstanden haben. Das vermeintliche, unmögliche Drittel
-würde just der Gattin in den Kram passen, denn auf Geld ist sie erpicht
-wie Meister Petz auf Zeidelhonig!</p>
-
-<p>Beni beschloß, sich wegen des „neuen“ Gesetzes zu erkundigen, am besten
-beim Pfarrer Pater Wilfrid, der doch davon auch etwas wissen muß. Ist,
-wie zu erwarten steht, nichts Wahres an dieser ohnehin unglaublichen
-Sache, so werden der überspannten Gattin die Lohndrittelmucken bald
-ausgetrieben sein. In aller Güte und Gemütlichkeit selbstverständlich.
-Denn wehe tun möchte Beni der Gattin nicht...</p>
-
-<p>Im Schlafzimmer fand er Amanda schlummernd. Ihre geschlossenen Augen
-täuschten und beruhigten ihn. Kaum hatte Beni das Licht ausgelöscht,
-flammten Amandas Rätselaugen auf...</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_90"></a>[S. 90]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Fuenftes_Kapitel">Fünftes Kapitel</h2>
-
-</div>
-
-<p>Mit hochalpinen Kleidern durch Hildegards Schneiderkunst ausgerüstet,
-konnte das Hoffräulein von Gussitsch einem Befehle zur Begleitung
-mit einiger Ruhe entgegensehen. Stoff für ein richtiges Lodenkleid
-war unterwegs. Die Fürstin Sophie schien jedoch nicht die geringste
-Jagdpassion zu verspüren; der vom Jagdpersonal sehnlichst erwartete
-Befehl zur Wildausmachung für Pirsch oder Drücken erfloß nicht. Dagegen
-äußerte die Fürstin den Wunsch, das Forsthaus zu inspizieren, der
-Forstwartfrau Gnugesser einen Besuch abzustatten. Für Fräulein von
-Gussitsch war dieser Wunsch natürlich Befehl, weshalb die Hofdame
-fragte, wann sie zur Disposition sein müsse.</p>
-
-<p>Der Bescheid lautete: eine halbe Stunde vor dem Lunch, keine Ansage im
-Forsthause.</p>
-
-<p>Ein einleuchtender Befehl hinsichtlich der Nichtansage, damit Frau
-Amanda keine Veranstaltungen zu feierlich-steifem Empfang oder gar zu
-einer unerwünschten Bewirtung treffen kann.</p>
-
-<p>Weniger einleuchtend fanden die allmächtigen Angestellten Norbert
-und Hildegard den Besuch, sie befürchteten eine Verspätung des
-Lunchbeginnes durch Verschwatzen. Wie überall in Hofhaltungen, sahen
-die „Vertrauenspersonen“ sehr darauf, daß pünktlich gegessen werde am
-Tische der &ndash; Angestellten. Die höchsten Herrschaften können leichter
-warten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_91"></a>[S. 91]</span></p>
-
-<p>Im Forsthause herrschte eine Totenstille; die Forstbeamten weilten
-dienstlich auswärts, Graf Thurn in Wien; Frau Amanda beschäftigte sich
-mit dem Entwurf einer Ansprache, die demnächst in einer Versammlung
-von Ehefrauen in der Angelegenheit der Entlohnung weiblicher Arbeit im
-Ehestande gehalten werden solle.</p>
-
-<p>In diese ziemlich schwierige Geistesarbeit vertieft, achtete Amanda gar
-nicht des Geräusches leichter Schritte im Flur. Sehr überrascht fuhr
-sie in die Höhe, als eine Frauenstimme rief: „Ist jemand da?“</p>
-
-<p>Amanda trippelte in den Flur und stieß einen Schrei des Schreckens und
-zugleich freudigster Überraschung aus, als sie die Fürstin erblickte,
-die ob dieser Wirkung ihres unvermuteten Erscheinens vergnügt
-schmunzelte und die Frau Gnugesser bat, ja keine „Geschichten“ zu
-machen. Fürstin Sophie vereitelte auch sofort jede Möglichkeit hierzu,
-indem sie bat, ihr die Wohnung des Forstwarts zu zeigen und zu sagen,
-was allenfalls einer Änderung oder Verbesserung bedürfe.</p>
-
-<p>Diese gutgemeinte, aber auch unvorsichtige Äußerung gab Amanda nicht
-nur die Ruhe wieder, sondern auch hocherwünschten Anlaß, Bitten um
-bauliche Verbesserungen vorzubringen.</p>
-
-<p>Die Fürstin bereute denn auch ihre Äußerung und ging auf ein anderes
-Thema über, indem sie fragte, ob sich die Frau Forstwart wohl fühle in
-dieser Einsamkeit.</p>
-
-<p>Sofort hing sich Amanda, indem sie den Damen Stühle anbot, in dieses
-Thema ein und sprach gewandt und flüssig über den bitter empfundenen
-Mangel an Verkehr mit gebildeten Leuten und an Mitteln geistiger
-Weiterbildung. Nützliche Bücher seien ebenso schwer zu beschaffen wie
-die enorm teuren Lebensmittel.</p>
-
-<p>Auf die letztere Anspielung ging die Fürstin nicht ein,<span class="pagenum"><a id="Seite_92"></a>[S. 92]</span> doch versprach
-sie, die „einsame“ Försterin mit nützlichen Büchern versehen zu wollen.</p>
-
-<p>„Untertänigsten Dank, Durchlaucht! Besonders beglückt werde ich sein,
-wenn Durchlaucht die Gnade haben wollten, mir ein Exemplar des neuen,
-für Hausfrauen so sehr wichtigen Gesetzes und wenn möglich eines
-Kommentars dazu schenken würden!“</p>
-
-<p>„Welches Gesetz meinen Sie denn, liebe Frau?“</p>
-
-<p>„Es gibt ein völlig neues Gesetz, das der Frau einen Anteil am Gewinn
-der Ehe in Höhe eines Drittels gewährt! Ist der Ehemann ein Beamter, so
-muß er gesetzlich ein Drittel seines Jahresgehalts der Ehefrau zahlen
-als Entlohnung der von der Frau im Haushalt geleisteten Arbeit! Von
-Rechts wegen!“</p>
-
-<p>Erstaunt und interessiert rief die Fürstin: „Was Sie sagen! Von einem
-solchen Gesetz habe ich bisher keine Ahnung gehabt!“ Und zu Fräulein
-von Gussitsch gewendet, fragte Fürstin Sophie: „Wissen Sie, liebe
-Gussitsch, etwas von diesem sehr interessanten und wichtigen Gesetze?“</p>
-
-<p>Martina mußte gestehen, daß sie bisher nicht das geringste davon
-gelesen und auch nichts gehört habe.</p>
-
-<p>Amanda sprach hastig: „Doch! Die Zeitungen beschäftigen sich
-angelegentlich mit dieser Frage der Entlohnung der Frau im Hausstand!
-Ich habe derlei Artikel ja selbst und so oft gelesen, daß ich hierüber
-sehr gut informiert bin und auch darüber sprechen kann! Durch das
-neue Gesetz, durch positive Rechtsnorm, ist ein Ziel erreicht, das
-angesehene Frauen längst erstrebt hatten und das doch wohl als durchaus
-berechtigt und den modernen Verhältnissen entsprechend anerkannt werden
-muß!“</p>
-
-<p>„Gewiß! Sagen Sie, liebe Frau, welche Stellung<span class="pagenum"><a id="Seite_93"></a>[S. 93]</span> haben Sie vor Ihrer
-Verheiratung innegehabt? Sie verfügen augenscheinlich über eine
-Vorbildung, die sonst in Kreisen kleiner Beamter nicht zu finden ist!“</p>
-
-<p>„Ich war früher Lehrerin!“</p>
-
-<p>„Ach so! Das macht Ihre Stellungnahme zu dieser interessanten Frage
-begreiflich! Was ich aber nicht verstehe, ist die Entstehung eines
-in seinen Wirkungen so einschneidenden Gesetzes. Es wird doch über
-Kleinigkeiten oft ganz schrecklich debattiert und Lärm geschlagen!“</p>
-
-<p>„Höchste Herrschaften werden von diesem Gesetze nicht betroffen,
-also ist es leicht möglich, daß Durchlaucht sich um dasselbe nicht
-gekümmert, das Gesetz sozusagen übersehen haben! Die Interessen- und
-Gedankensphäre einer Fürstin ist doch eine ganz andere, als die einer
-Forstwartfrau oder Bäuerin oder Ehefrau eines Gewerbetreibenden!“</p>
-
-<p>„Allerdings!“ Zur Hofdame sprach die Fürstin: „Bitte, liebe Gussitsch,
-behalten Sie diese Angelegenheit im Auge und beschaffen Sie
-baldmöglichst das betreffende Gesetz!“</p>
-
-<p>Martina verbeugte sich.</p>
-
-<p>Dann wandte sich die Fürstin wieder zu Amanda mit der Frage: „Wie
-gedenken Sie auf Grund dieses interessanten Gesetzes in Ihrem Hauswesen
-vorzugehen?“</p>
-
-<p>Leuchtenden Auges und lebhaften Tones erwiderte Frau Gnugesser: „Die
-Stellungnahme ist leicht und doch auch sehr schwer! Leicht insofern,
-als das Gesetz klar und deutlich der Ehefrau das Gehaltsdrittel
-zuspricht! Schwer hingegen wird es dem Ehemanne sein, dieses Drittel
-in bar der Gattin auszuzahlen, wenn das Gehalt keine entsprechende
-Aufbesserung findet! Mein Mann bezieht achtzehnhundert Kronen
-Gehalt...“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_94"></a>[S. 94]</span></p>
-
-<p>„Verstehe! Also bekommen Sie als Ehefrau sechshundert Kronen, das
-ist eine respektable Entlohnung Ihrer Arbeit, nicht? Ich hätte
-wahrlich nicht geglaubt, daß ein so vernünftiges und wichtiges Gesetz
-gemacht werden kann! Ein bedeutender Fortschritt auf dem Wege der
-Gesetzgebung, eine soziale Großtat! Jeder Arbeiter ist seines Lohnes
-wert! Zweifellos ist durch das Gesetz die große Bedeutung der Frau als
-guter Haushälterin und Verwalterin für die Sicherung der Früchte des
-Eheerwerbes nun allgemein anerkannt! Und auf der Frauentätigkeit beruht
-der Segen der Familie! Sehr schön also diese Sache! Nur merkwürdig, daß
-ich davon bisher keinen Ton gehört habe! Apropos: wie stellen sich denn
-die anderen Hausfrauen dieser Gegend zu dieser grandiosen Neuerung?“</p>
-
-<p>Umständlich berichtete Amanda, die sich nun in ihrem Fahrwasser befand,
-über die durchgeführte Agitation, über die Belehrung der Frauen in
-Hall, über den bereits errungenen Erfolg, der darin bestehe, daß sogar
-auch Bauernweiber die Drittelszahlung fordern. Demnächst werde eine
-öffentliche Frauenversammlung stattfinden.</p>
-
-<p>„Sehr schön! Großartige Sache! Muß unterstützt werden! Aber nun sind
-wir lange genug hier gewesen! Wir sprechen gelegentlich darüber! Adieu,
-liebe Frau! Auf Wiedersehen!“</p>
-
-<p>Mit einem Wortschwall des Dankes für die hohe Ehre des auszeichnenden
-Besuches geleitete Amanda die Damen vor das Haus. Ein letzter Versuch
-der Anspielung auf die Notwendigkeit einer Gehaltsaufbesserung als
-Folge der Drittelszahlung mißlang kläglich, da die Fürstin die Uhr zog
-und sich jäh verabschiedete. War es doch bereits ein Uhr geworden, die
-Stunde des Lunch erheblich überschritten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_95"></a>[S. 95]</span></p>
-
-<p>Eilig zum Schlößl stapfend, meinte die Fürstin: „Wie man sich nur
-so verschwatzen kann! War aber ganz interessant, nur kann ich trotz
-alledem nicht recht glauben, daß bei uns ein so einschneidendes Gesetz
-in Geltung ist! Vergessen Sie nicht, ein Exemplar zu besorgen! Was ist
-denn Ihre Meinung über dieses rätselhafte Gesetz, liebe Martina?“</p>
-
-<p>„Verzeihen, Durchlaucht, in Gnaden! Erst möchte ich die einzelnen
-Gesetzesbestimmungen lesen...!“</p>
-
-<p>„Ja doch! Die Sache muß ihre Richtigkeit haben, denn die Försterin ist
-vorzüglich informiert und orientiert! Ich bin neugierig zu erfahren,
-wie sich unser ‚Hofpfarre‘ zu dieser Angelegenheit stellt!“</p>
-
-<p>„Dem Pfarrer dürfte weniger das Gesetz, viel mehr die Revolutionierung
-der Ehefrauen eine böse Bescherung verursachen!“ meinte Martina, um
-doch auch etwas zu sagen und ein gewisses Interesse zu markieren.</p>
-
-<p>„Apropos: Pfarrer! Teilen Sie dem Pater Wilfrid mit, daß er am 30.
-August, dem Todestage meines hochseligen Gemahls, ein feierliches
-Requiem zelebrieren soll! &ndash; So, da sind wir! Die armen Leute! Haben so
-lange auf das Essen warten müssen!“</p>
-
-<p>Norbert kam gesprungen und nahm den Damen die Schirme ab.</p>
-
-<p>„Nicht böse sein, Alter! Wir haben uns verplaudert!“ sprach
-liebenswürdig die Fürstin. „Gleich servieren! Hast du argen Hunger,
-Norbert?“</p>
-
-<p>„Untertänigst zu dienen, Durchlaucht, dem alten Diener fällt das Fasten
-schwer! Ich bitte um Verzeihung...“</p>
-
-<p>„Was hast du denn angestellt?“</p>
-
-<p>„Ich habe mir eine Kleinigkeit in der Küche geben lassen!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_96"></a>[S. 96]</span></p>
-
-<p>„Ganz recht! Sehr vernünftig! Hoffentlich war auch Hildegard so klug!“</p>
-
-<p>„Gewiß, Durchlaucht! Mit gnädigster nachträglicher Genehmigung!“</p>
-
-<p>„Aber gern! Natürlich!“</p>
-
-<p>Die Damen begaben sich ins Speisezimmer und durften einige Zeit warten,
-bis serviert wurde.</p>
-
-<p>Die Angestellten hatten nicht eine Kleinigkeit, sondern das komplette
-Menü verspeist, und zwar reichlich. Daher die Köchin nun rasch
-Schnitzel als Ersatz zubereiten mußte.</p>
-
-<p class="s3 center mtop1 mbot1">*</p>
-
-<p>Jeder Sonntag bringt dem Pfarrer, der keinen Kaplan hat, in den
-Dörfern Arbeit in reichlichem Maße. Besonders mit Arbeit gesegnet
-war Pater Wilfrid, der Pfarrer von Hall. Früh des Morgens begann die
-Arbeit im Beichtstuhl, der sich um acht Uhr das Hochamt mit Predigt
-anschloß. Unverdrossen, ja freudig tat der liebenswürdige Pfarrer und
-Vater seiner Gemeinde seinen Dienst, angenehm davon berührt, wenn das
-Gotteshaus dicht von Andächtigen gefüllt war. Insbesondere freute ihn
-die Anwesenheit der Fürstin mit Hofdame im kleinen Oratorium. Während
-der Predigt gewahrte er zu seiner Befriedigung auch die Forstbeamten
-und etliche Jäger in den Reihen der Dörfler.</p>
-
-<p>Nach dem Gottesdienste drängten zahlreiche Bauern zum Pfarrhause, wo
-sie sich aufstellten wie die Orgelpfeifen.</p>
-
-<p>Grüßend kam Pater Wilfrid vom Kirchlein herab, freundlich bat er die
-Leute, ihm ein Viertelstündchen zum Frühstück zu gönnen, dann stehe er
-zur Verfügung. Und lächelnd meinte er: „Aber einer nach dem andern!<span class="pagenum"><a id="Seite_97"></a>[S. 97]</span>
-Nicht alle zugleich einidrucken! Das vertragen die Mauern vom Häuserl
-nicht!“</p>
-
-<p>„Wohl, wohl!“ riefen die Bauern und lachten.</p>
-
-<p>Die weißhaarige Dienerin im Pfarrhause trug den Kaffee mit Semmel auf,
-und bemutternd mahnte sie den Pfarrer, er solle sich nur Zeit lassen
-zum Frühstücken; die Bauern könnten schon warten, die kommen allweil
-noch früh genug ins Wirtshaus.</p>
-
-<p>Im Flur gellte die Hausglocke scharf und ungestüm.</p>
-
-<p>„Jesses na, so eine Pressiererei! Der Hansdampf läutet mir gut! Lassen
-S’ Ihnen nur Zeit, Hochwürden Herr Pfarrer! Ich mach nicht früher auf,
-als bis Sie gefrühstückt haben!“</p>
-
-<p>Pater Wilfrid trat ans Fenster und guckte, wer denn Einlaß forderte.
-Erschrocken fuhr er zurück und hastig rief er: „Erna, g’schwind
-aufmachen! Die Fürstin will mich besuchen!“</p>
-
-<p>„Wär nicht zwider! Jesses na, so was! Wo ich gar nicht darnach an’zogen
-bin und keinen Hut nicht aufhab!“</p>
-
-<p>Der Kammerdiener Norbert riß abermals am Glockenstrange.</p>
-
-<p>Die Dienerin sprang zur Haustüre und öffnete unter unzähligen
-Verbeugungen. „Na, so eine Ehr! Frau Duhrlauch kommen selber, um mich
-zu besuchen!“</p>
-
-<p>Fräulein von Gussitsch sprach: „Durchlaucht geruhen den Herrn Pfarrer
-zu besuchen! Bitte, melden Sie sofort!“</p>
-
-<p>Gedehnten Tones, ob der leisen Zurechtweisung gekränkt, erwiderte die
-Dienerin: „Selles Melden ist neammer nötig, wo der Pfarrer Ihnen eh
-schon vom Fenster aus gesehen hat! Da springt er ja schon, der Herr
-Hochwürden! Haben S’ die Ehr, und gehen S’ halt auffi!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_98"></a>[S. 98]</span></p>
-
-<p>Pater Wilfrid bat die Damen, sich gütigst in das obere Stockwerk
-bemühen zu wollen. Höflichst geleitete er die Fürstin hinauf.</p>
-
-<p>Die Dienerin wollte die Haustüre abschließen und sah den Kammerdiener
-Norbert wartend stehen. Ihn sprach sie schnippisch an: „San Sö
-vielleicht der Brettelhupfer von der Fürstin? Dann können S’ herinnen
-bleiben!“</p>
-
-<p>Würdevoll erklärte Norbert, daß er der „Herr Kammerdiener“ sei.</p>
-
-<p>Pater Wilfrid erschien oben an der Treppe und rief: „Geschwind, Erna,
-Tee machen! Durchlaucht wünschen Tee zu nehmen!“</p>
-
-<p>Schrill antwortete Frau Erna: „Was Ihnen nicht einfallt! Wo wir im
-ganzen Haus kein Stäuberl Tee nicht haben! Und sicher im ganzen Dorf
-auch nicht! Ein Schalerl Kaffee kann sie haben, die Frau Duhrlauch,
-sonst nichts!“</p>
-
-<p>So mußte denn Pater Wilfrid diesen Bescheid überbringen. Über seine
-komisch klägliche Miene lachte die Fürstin hellauf. „Tut nichts, ist
-kein Unglück! Herr Pfarrer wollen erlauben, daß ich Ihr Haus mit Tee
-und was dazu gehört, versorge! Aus Selbstsucht, denn wir werden künftig
-nach dem Gottesdienst bei Ihnen den Tee nehmen! Das heißt, wenn Sie
-erlauben! So, nun wollen wir um so weniger stören, als zahlreiche
-Bauern auf Audienzerteilung warten! Auf Wiedersehen, Herr Pfarrer!“</p>
-
-<p>Norbert mußte den beim Wirte eingestellten Wagen holen. Am Pfarrhause
-wartend, sah die Fürstin den Oberförster Hartlieb, den sie einlud, im
-Wagen mit nach Hause zu fahren.</p>
-
-<p>Mit höflichen, ernsten Dankesworten nahm Hart<span class="pagenum"><a id="Seite_99"></a>[S. 99]</span>lieb diese Einladung an,
-wiewohl sie seine Absicht, im Grabnerhofe dienstlich vorzusprechen,
-durchkreuzte. Unwillkommen war sie ihm aber dennoch nicht, da er doch
-wieder einmal Fräulein von Gussitsch in die schönen Mustela-Lichter
-gucken konnte. Fand er doch Fräulein Edelmarderchen zum Anbeißen nett
-und hübsch. Insgeheim natürlich, mit Ausschluß aller Öffentlichkeit.</p>
-
-<p>Da es eine ziemliche Zeit währte, bis die Pferde angeschirrt waren,
-bat die Fürstin, es wolle sich der Pfarrer nicht aufhalten lassen und
-die Leute vornehmen. „Ich habe ohnedies mit dem Herrn Oberförster zu
-sprechen!“</p>
-
-<p>Pater Wilfrid verabschiedete sich und nahm den ersten wartenden Bauern
-mit in die Pfarrkanzlei.</p>
-
-<p>Ehrerbietig harrte Hartlieb der Mitteilungen, und er war im voraus
-überzeugt, daß sie höchst wahrscheinlich eine Überraschung wenig
-angenehmer Art für den Jagddienst sein werden. Aber auf die Frage, wie
-sich das Jagdgut verzinse, war er doch nicht gefaßt. Die Käuferin mußte
-doch über die Verzinsung informiert sein...</p>
-
-<p>Kaum konnte Hartlieb seine Verblüffung verbergen.</p>
-
-<p>Fräulein von Gussitsch hatte sich diskret einige Schritte entfernt und
-hielt auf dem Sträßlein Ausguck nach dem Wagen.</p>
-
-<p>Trocken und ernst wie immer gab Hartlieb die Auskunft: „Da für den
-Haller Besitz nur das Jagdinteresse ausschlaggebend war und ist,
-beträgt die Verzinsung nur zwei vom Hundert! Soll die Rente gehoben
-werden, so muß eine geregelte Forstnutzung eintreten; wir haben
-hiebreife Bestände, und für Nutzholz sind dieser Tage günstige Offerten
-von größeren Firmen eingelaufen! Ich wollte nur noch kurze Zeit warten,
-ob nicht noch einige Angebote erfolgen, und hatte vor, demnächst
-hierüber<span class="pagenum"><a id="Seite_100"></a>[S. 100]</span> Vortrag zu erstatten und die Genehmigung zur Durchforstung
-und Schlägerung einzuholen!“</p>
-
-<p>Das Antlitz der Fürstin bekam einen Zug von Geringschätzung, die Lippen
-umspielte ein ironisches Lächeln, etwas wie Hochmütigkeit, da Sophie
-sarkastisch sprach: „Holzhandel ist nicht mein Geschmack! Das Gut habe
-ich in ganz anderer Absicht gekauft; freilich steht dahin, ob sich
-diese Absicht verwirklichen läßt! Jedenfalls bleibt einzig und allein
-das Jagdinteresse ausschlaggebend, ich werde mich mit der kleinen
-Verzinsung begnügen! Also beachten Sie, lieber Hartlieb: nur das
-Jagdinteresse im Auge behalten!“</p>
-
-<p>„Zu dienen, Durchlaucht! Eben das Jagdinteresse veranlaßt mich auf
-Grund eigener Wahrnehmungen in letzter Zeit und in Berücksichtigung der
-Jägerrapporte den Abschuß überzähliger Gelttiere, und zwar bald, noch
-vor Beginn der Hirschbrunft zu beantragen...“</p>
-
-<p>„Aber warum denn?“</p>
-
-<p>„Es hat sich das Geschlechtsmischungsverhältnis verschoben, wir
-haben zu viel Kahlwild, der Abschuß von Gelttieren ist nötig! Ich
-möchte bitten, daß das Personal, das ja sehr fachkundig ist, diesen
-Abschuß vornehmen darf, und zwar auf der Pirsch, weil dadurch die
-Revierbeunruhigung möglichst vermieden wird!“</p>
-
-<p>Die Lippen hochziehend, meinte die Fürstin: „Ich weiß nicht! Der
-Abschuß will mir nicht gefallen, noch weniger das &ndash; Kanonieren durch
-das Personal! Und ganz und gar nicht will mir gefallen, daß just das
-weibliche Wild zum Opfer fallen soll! Das ist grausam! Nach Möglichkeit
-hegen, Herr Oberförster, hegen!“</p>
-
-<p>„Im Jagdinteresse bin ich genötigt, dringendst den Abschuß der
-überzähligen Gelttiere zu verlangen!“ erwiderte Hartlieb höflichen,
-doch dienstlich festen<span class="pagenum"><a id="Seite_101"></a>[S. 101]</span> Tones. Und ehrlich ernst blickte er der
-Gebieterin ins Auge.</p>
-
-<p>„Ja doch! Sie als Fachmann müssen es ja besser wissen und verstehen,
-Sie sind ja auch verantwortlich! Aber Wünsche wird die Besitzerin,
-sozusagen der ‚Jagdherr‘, denn doch noch aussprechen dürfen! Machen
-Sie mal einen Überschlag, so eine Art Aufstellung, damit ich erfahre,
-wieviel weibliches Wild der Kugel verfallen soll! Eines steht fest:
-ich für meine Person werde mich an dem erzwungenen Abschuß nicht
-beteiligen! Und ohne Kontrolle darf auch das Personal nicht abschießen!
-&ndash; Der Wagen kommt! Wir fahren heim! Herr Oberförster, Sie können bis
-zum Forsthause mitfahren!“</p>
-
-<p>Unterwegs litt Hartlieb alle Qualen der Unterordnung des eigenen
-Intellekts, des seelischen Kampfes in der Frage, ob der Fachmann
-sich ducken, dem Willen eines Laien, noch dazu dem einer Frau, sich
-unterwerfen oder auf die Dienstesstellung verzichten, sich um einen
-anderen Posten bewerben solle. Unmännlich und feig erschien ihm das
-Ducken, die Unterwerfung ein Verrat an den Idealen des grünen Berufes!
-Lieber aus diesem Dienst scheiden mit reiner, ehrlicher Weidmannsseele!
-Gehen, bevor der Waldmann &ndash; fliegt...</p>
-
-<p>Ein Weilchen hatte Fürstin Sophie mit Martina geplaudert, Fragen
-gestellt und sie selbst beantwortet, bevor das Hoffräulein die Lippen
-öffnete. Dann wandte sich die Fürstin mit einem liebenswürdigen
-Lächeln an den Oberförster und fragte ihn im Tone köstlicher Naivität:
-„Sagen Sie mal, lieber Hartlieb, was wird denn bei der jetzigen Art
-des Jagdbetriebes eigentlich aus den &ndash; Rehwitwen und aus den alten
-Rehjungfern? Es werden ja doch immer nur Rehböcke geschossen! Wer sorgt
-für die &ndash; Reh-Relikten?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_102"></a>[S. 102]</span></p>
-
-<p>Hartliebs Blick kündete Verblüffung; der Oberförster war paff. Und auf
-der Zunge lag sehr locker ein Ausruf gelinden Entsetzens, ein Hilferuf
-des konsternierten Weidmannes zum St. Hubertus.</p>
-
-<p>Zum rettenden Engel aus dieser Verlegenheit Hartliebs wurde Martina,
-die in diesem Moment lachte und ihre schimmernden Marderzähnchen zeigte.</p>
-
-<p>Dieses erquickend frische Lachen ermöglichte es dem Jagdbeamten, den
-Ausruf ungesprochen hinabzuschlucken, die verblüffende naive Frage
-der Fürstin im Scherztone dahin zu beantworten, daß der Schöpfer dem
-Leben der „Rehwitwen“ und alten „Rehjungfern“ mit dem fünfzehnten
-Jahre ein natürliches Ziel und Ende gesetzt habe, so nicht durch
-Krankheiten diese „Relikten“ früher verenden. Eine Verschiebung des
-Geschlechtsmischungsverhältnisses zwinge übrigens auch beim Rehwild zum
-Abschuß überzähliger Geißen und Gelttiere.</p>
-
-<p>„Ach Gott! Nun kommt der schreckliche Mensch schon wieder mit den
-‚Geschlechtsmischungsverhältnissen‘! An sich schon eine gräßliche
-Worthäufung, gleich drei Hauptwörter aneinander gehängt und grausam
-verquickt! Hat die Weidmannsprache, die ich wohl nie werde erlernen
-können, noch mehr solcher Wortungetüme und Ungeheuer?“</p>
-
-<p>Ehe Hartlieb antworten konnte, wandte sich die Fürstin aber schon
-wieder an das Hoffräulein mit der Bemerkung, daß vergessen worden sei,
-den Pfarrer wegen des Requiems zu interpellieren, zu fragen, ob diese
-Angelegenheit in Ordnung sei.</p>
-
-<p>Martina versicherte, daß sie befehlsgemäß dem Pater Wilfrid geschrieben
-habe und somit wohl auf prompte Erledigung gerechnet werden dürfe.</p>
-
-<p>„Schicken Sie den Norbert zum Pfarrer! Ich will<span class="pagenum"><a id="Seite_103"></a>[S. 103]</span> bestimmten Bescheid
-erhalten! &ndash; Na, da sind wir ja schon am Forsthause! Apropos: Schicken
-Sie mir morgen den Jäger Eichkitz zum Rapport! Auf Wiedersehen, Herr
-Oberförster!“</p>
-
-<p>Hartlieb verabschiedete sich. Ein warmer Blick inniger Sympathie flog
-zum Mustela-Fräulein...</p>
-
-<p>„Bei St. Huberto! Immer muß ich das Fräulein mit dem geschmeidigen,
-zierlichen Edelmarder vergleichen!“ murmelte Hartlieb, als er nach
-Abfahrt der Damen in das stille Forsthaus trat.</p>
-
-<p class="s3 center mtop1 mbot1">*</p>
-
-<p>Der Reihe nach nahm Pater Wilfrid in der Haller Pfarrkanzlei die Bauern
-und sonstigen Besucher vor.</p>
-
-<p>Ein stämmiger Mann, der Schmied von Hall, ältlicher Junggeselle, erbat
-Auskunft, welche Papiere zu beschaffen seien, da er aus Barmherzigkeit
-eine arme Witwe mit zwei Kindern heiraten wolle, um die bittere Not zu
-beseitigen.</p>
-
-<p>Mit der beruhigenden Auskunft, daß die gewöhnlichen
-Legitimationspapiere genügen und daß nach Empfang derselben das
-Pfarramt das Weitere besorgen werde, konnte der Schmied sich entfernen.
-Ziemlich enttäuscht darüber, daß die Sache so glatt gehen werde, und
-daß der Pfarrer auf die „Barmherzigkeit“ soviel wie gar nicht geachtet
-hatte.</p>
-
-<p>Der zweite Besucher, seines Zeichens Spengler und Glasermeister in
-einer Person, wünschte Aufschluß bezüglich des neuen Gesetzes, wonach
-die Gattin für ihre Arbeit im Hauswesen künftig bezahlt werden müsse.</p>
-
-<p>Pater Wilfrid ließ die Frage wiederholen, so sehr mißtraute er seinen
-Ohren. Und dann erklärte er, sich wegen des ihm ganz unbekannten
-„Gesetzes“ erkundigen<span class="pagenum"><a id="Seite_104"></a>[S. 104]</span> zu wollen. „Kommen Sie am nächsten Sonntag, dann
-werden Sie Bescheid erhalten!“</p>
-
-<p>Mit einem ähnlichen, schärfer präzisierten Anliegen kam der dritte
-Besucher, ein Taglöhner und Besitzer eines Kleinanwesens bei Hall. Der
-abgerackerte Mann wollte wissen, ob er wirklich verpflichtet sei, von
-seinem ohnehin geringen Einkommen aus seinem Tagwerk dem Eheweibe die
-Hälfte als Lohn für die Hausarbeit zahlen zu müssen. „Springgiftig“
-fordere die Gattin jetzt schon eine Anzahlung, könne aber nicht sagen,
-welches Gesetz diese Zahlungspflicht des Mannes vorschreibt.</p>
-
-<p>Pater Wilfrid gab dem Manne den gleichen Bescheid wie bei Nummer zwei.</p>
-
-<p>Der vierte Besucher war ein mittlerer Bauer, der erbost klagte, daß
-seine Bäuerin die Hühner verkauft, den Erlös für sich behalten habe als
-Entschädigung für ihre Arbeit in Haus, Stall, Garten und Feld.</p>
-
-<p>Nun wurde Pater Wilfrid ob dieser Übereinstimmung der Anliegen doch
-stutzig. Er fragte, ob Anzeichen vorliegen, daß die Bäuerin vielleicht
-aufgehetzt worden sei. Ingrimmig berichtete der Bauer, daß vor einiger
-Zeit die Frau des Forstwarts öfter im Gehöft erschienen sei, eifrig mit
-der Bäuerin getuschelt und verhandelt habe, worauf das Eheweib sehr
-scharf geworden sei. „Sagen S’ nur gleich, Herr Pfarrer, was ich machen
-soll! Därf ich das hantige Weib verhauen? Und was ist das für ein
-‚Gesetz‘, von dem die Bäuerin behauptet, daß ich fürder blechen muß,
-was Zeug haltet?“</p>
-
-<p>„Gedulde dich bis zum nächsten Sonntag! Ich werde mich inzwischen
-erkundigen! Von einem Gesetz, das die Hausarbeit der Ehefrau entlohnt,
-weiß ich einstweilen nichts! Glaub auch nicht, daß es bei uns ein
-solches Gesetz gibt!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_105"></a>[S. 105]</span></p>
-
-<p>„So? Nicht? Na, freu dich, Alte! Ihr werd ich das Hühnerverkaufen
-hinter meinem Rücken schon austreiben mit’m Haslinger!“</p>
-
-<p>„Warte mit dem &ndash; Haslinger bis zum nächsten Sonntag! Aufs
-Wiederschauen!“</p>
-
-<p>Insofern die übrigen Besucher verheiratet waren, hatten sie alle
-das gleiche Anliegen und den Wunsch, bezüglich des neuen Gesetzes
-informiert zu werden. Auch der Dorfkrämer, der davon sprach, daß er die
-Hölle auf Erden habe, seit die Frau Gnugesser in seinem Hause verkehre
-und sein Weib zur Freundin und Vertrauten erkürt habe. Auch andere
-Weiber kommen häufig und halten Sitzungen ab, als wenn der Kramerladen
-ein Weiberparlament wäre.</p>
-
-<p>„Ausstampern!“ meinte anzüglich Pater Wilfrid und schmunzelte dazu.</p>
-
-<p>„Hat sich was mit dem Ausstampern! Hasen und Katzelen kann man
-stampern, nicht aber Weiberleut, wenn die Weibets &ndash; bleiben wollen!
-Einmal hab ich das Stampern probiert, ein zweites Mal tue ich es nicht
-wieder! Eine Watschen hab ich erwischt, die ist nicht von schwacher
-Hand gewesen! Und was mich wurmt: ich weiß nicht von wem! Kann sein,
-daß es die Kramerin gewesen ist, es kann aber auch sein, daß ein
-Bauernweib mir die Watschen runtergewischt hat! Jedenfalls ist keine
-christliche Demut im Spiel gewesen! Drum bin ich der Meinung, daß
-Hochwürden Herr Pfarrer auf der Kanzel loswettern sollten gegen die
-Malefizweiber, die rebellisch worden sind! Aber, bitt schön, ausgiebig
-loswettern, gesalzen und gepfeffert, ganz sakrisch, auf daß den
-Revoluzzerinnen Hören und Sehen vergeht und die Augen tropfen!“</p>
-
-<p>„Wird schon zur rechten Zeit geschehen!“ Einer<span class="pagenum"><a id="Seite_106"></a>[S. 106]</span> Regung folgend, riß
-Pater Wilfrid rasch die Türe auf. Richtig kniete die Dienerin vor dem
-Schlüsselloch. Heillose Bestürzung. Wie ein begossener Pudel sprang die
-Witwe Erna auf, und krebsrot im verhutzelten Gesicht hastete sie davon.</p>
-
-<p>Der Krämer rieb sich schadenfroh die Hände und freute sich mächtig. Und
-lachend verließ er das Pfarrhaus.</p>
-
-<p>Pater Wilfrid eilte nun in das Schulgebäude, um den Sonntagsschülern
-Unterricht in der Christenlehre zu erteilen.</p>
-
-<p>Dann ein Halbstündchen Pause für einen kleinen Imbiß und für eine
-Rüge der Dienerin wegen Belauschungsversuchen von Dienstgesprächen.
-Die weißhaarige Frau Erna verhalf dem jovialen Pfarrer zu einer
-nicht geringen Überraschung, indem die alte Dienerin statt mit einer
-Entschuldigung mit dem Vorwurf anrückte, daß Pater Wilfrid zu den &ndash;
-nichtsnutzigen, hartherzigen und grausamen Mannsbildern halte! Deshalb
-sei es eine heilige Pflicht der Weiber, sich zusammenzuschließen
-und alles aufzubieten, daß die segensreichen Bestimmungen des neuen
-Gesetzes voll und ganz zur Durchführung gelangen...</p>
-
-<p>Pater Wilfrid griff sich an den Kopf und rief: „Ja, wie wird mir denn?“
-Die alte Witwe richtete sich gravitätisch auf, stemmte die Hände auf
-die schmalen Hüften und erwiderte triumphierend: „Jawohl! Gucken Sie
-nur verwundert, Hochwürden! Ihr Staunen ändert nicht das geringste an
-der Tatsache, daß das neue Gesetz die Stellung der Frauen im Haushalt
-und Ehestand bedeutend heben und bessern wird! Ich für meine Person
-werde allerdings von dem neuen Gesetz nichts profitieren! Dennoch
-erachte ich es als meine Pflicht, mich<span class="pagenum"><a id="Seite_107"></a>[S. 107]</span> den Frauen anzuschließen und
-tapfer mitzukämpfen, bis der Sieg errungen ist!“</p>
-
-<p>Kühl gab Pater Wilfrid zur Antwort: „Gewiß, Frau Erna! Sie können
-mitkämpfen, meinetwegen heldenhaft mit Schwert und Spieß, nur nicht
-als Pfarrhäuserin! Bevor Sie die Waffen zum Heldenkampf ergreifen,
-müssen Sie das Pfarrhaus und Ihre bisherige Stellung verlassen! Und
-das heute noch! Im Hause eines friedfertigen Priesters wird eine
-Revolution, die Unterstützung verrückter Frauen nicht geduldet! Eine
-Stunde Zeit zum Überlegen sei Ihnen gegönnt! Ich muß jetzt wieder in
-die Schule zur Christenlehre für die Mädchen gehen! Hernach ist Segen
-und Rosenkranzgebet in der Kirche! Sodann geben Sie Ihre Erklärung ab!
-Guten Tag, Frau Erna!“</p>
-
-<p>Verblüfft guckte die Matrone; ihr Kopf wackelte, die knöcherigen
-Finger bebten. Und weinerlich klangen die Worte: „Mit Vergunst, Herr
-Pfarrer! Wenn Sie die Sach so scharf anfassen, wird es für mich wohl
-gescheiter sein, wenn ich meine Finger nicht hineinstecke! Wo soll ich
-altes Weibel denn ein anderes Heimatl finden, so ich aus dem stillen
-Pfarrhaus außig’schmissen werd! Ich bitt um Verzeihung! Die Frauen
-sollen ohne die alte Erna kämpfen und sich die Finger verbrennen! Ich
-tue nimmer mit!“</p>
-
-<p>„Gut! Dann bleibt alles beim alten! Adieu!“</p>
-
-<p>Im Dienste vollzog sich für Pater Wilfrid die an Sonntagen übliche
-Hetzjagd: Schulunterricht, nachmittägiger Gottesdienst, Beteiligung an
-einer Versammlung christlicher Arbeiter. Während dieser Verhandlung
-wurde der Pfarrer abberufen, er mußte dem todkranken Zirnitzbauern
-die Sterbesakramente bringen. Hernach noch die Vorkehrungen für den
-Todesfall treffen, Kranke<span class="pagenum"><a id="Seite_108"></a>[S. 108]</span> besuchen und trösten. Darüber wurde es
-Abend. Im Einspännerwägelchen fuhr dann der Haller Himmelsführer zurück
-ins Admonter Kloster. Das Tagewerk war aber immer noch nicht beendet;
-als Gastmeister des Stiftes hatte Pater Wilfrid die Pflicht, sich um
-die Gäste des Klosters zu kümmern, für ihr leibliches Wohl, für gute
-Unterkunft und nach Möglichkeit auch für gesellschaftliche Unterhaltung
-zu sorgen. Verpflichtungen von nicht gerade angenehmer Natur, wenn der
-Gastmeister so viele Sorgen im Kopfe hat. Die größte Rolle spielte das
-neue „Gesetz“ und die Haller „Weiberrevolution“. Beiläufig und sehr
-dunkel glaubte Pater Wilfrid sich erinnern zu können, in einer Zeitung
-vor Wochen einen Artikel gelesen zu haben, der sich mit der Frage:
-Entlohnung der Hausfrauenarbeit im Ehestande, irgendwie beschäftigte.
-Flüchtig gelesen und schnell vergessen. Emsig suchte Pater Wilfrid
-in einer hofseitig gelegenen Zelle nach jener Zeitung. Einer der
-weltlichen Klosterdiener kam und meldete pflichtgemäß, daß einige
-Gäste gekommen seien, die sich jetzt in der Hofmeisterei befänden.
-Provisorisch hätte der Diener des Gästetraktes die Zimmer angewiesen
-und das Nötige für Beherbergung besorgt.</p>
-
-<p>Rasch kontrollierte der Pater Gastmeister, ob der Rang der Gäste
-mit den angewiesenen Zimmern und ihrer Ausstattung einigermaßen
-übereinstimmte. Eine Umlogierung mit Verbringung des Reisegepäckes
-mußte vorgenommen, Rücksicht auf Rang und Etikette, auf die
-altberühmte Gastfreundschaft des Stiftes geübt werden. Nun eilte der
-vielbeschäftigte Gastmeister hinauf in die im obersten Stockwerke
-gelegene sogenannte Hofmeisterei. Ein großer, vielfenstriger Saal,
-klösterlich einfach ausgestattet; ein Billard, von dem der Klosterwitz
-erzählt,<span class="pagenum"><a id="Seite_109"></a>[S. 109]</span> daß schon Kolumbus vor Antritt seiner Reise nach Amerika
-auf diesem Vergnügungsmöbel gespielt hätte, etliche runde Tische
-für Kartenspieler, an der einen Wand ein langer Tisch für Gäste und
-Stiftsherren mit etlichen seltsam geformten Flaschen, die zwei Sorten
-Klosterwein enthielten. Eine Kredenz mit Gläsern, ein Kleiderrechen
-und ein Ständer für Zeitungen bildeten die Ausstattung des von einer
-großen Hängelampe dürftig erleuchteten Saales. Klösterlich einfach und
-bescheiden. Dennoch hatte dieser Raum eine Kostbarkeit aufzuweisen: die
-herrliche, überwältigende Aussicht auf die „Haller Mauern“, auf das
-wuchtig ragende Felsengebirge im Norden von Admont. Freilich waren von
-diesen Zyklopenmauern am späten Abend nur noch die düsteren Schatten zu
-sehen.</p>
-
-<p>Etliche Stiftsherren mit dem Abte, den die goldene Prälatenkette
-kenntlich machte, und drei Laiengäste saßen an dem langen Tische,
-rauchten und plauderten. Nippten zeitweilig vom Weine, der an Sonntagen
-auf Klosterrechnung den Stiftsherren gereicht wird. Gästen natürlich
-auch an Wochentagen für die Dauer ihrer Anwesenheit.</p>
-
-<p>Pater Wilfrid stellte sich den fremden Gästen als Gastmeister vor,
-bat wegen verspäteten Erscheinens um Entschuldigung und verständigte
-den einen Herrn wegen der Umlogierung. Und nun waltete er mit allem
-Eifer seines Amtes, auf daß die Gäste rechtzeitig die Gläser gefüllt
-erhielten und Unterhaltung fanden. Seine Weltgeläufigkeit wie die
-höfisch geschulten Umgangsformen kamen dem Gastmeister gut zu statten
-und machten den denkbar besten Eindruck. Benediktinerhöflichkeit und
--gastlichkeit.</p>
-
-<p>Der vornehme Abt richtete später diskret an den Gast<span class="pagenum"><a id="Seite_110"></a>[S. 110]</span>meister und Haller
-Pfarrer im halblauten Tone die Frage, ob dafür gesorgt sei, daß die
-Fürstin von Schwarzenstein einen standesgemäßen Platz in der Haller
-Kirche habe.</p>
-
-<p>Flüsternd antwortete Pater Wilfrid: „Zu dienen, Euer Gnaden! Alles in
-Ordnung und prompt besorgt!“</p>
-
-<p>Ein freundlicher Blick des Abtes glitt zum Gastmeister, ein Nicken
-kündete Befriedigung und Wohlwollen. Um zehn Uhr erhoben sich die Gäste.</p>
-
-<p>Geräuschlos und flink besorgte Pater Wilfrid Licht. Und nachdem sich
-die Gäste vom Abt und von den Stiftsherren verabschiedet hatten,
-geleitete der Gastmeister, witzig sich als „Zimmermadel im Habit“
-vorstellend, die Gäste in ihre Zimmer, sah noch geschwind nach, ob auch
-Wasser vorhanden war, und zog sich dann mit besten Wünschen für eine
-„geruhsame Nacht“ zurück.</p>
-
-<p>In seiner Zelle bei traulichem Lampenschein beschäftigte sich Pater
-Wilfrid noch einmal mit dem heillos unangenehmen „neuen Gesetze“. Die
-Erinnerung an jenen Zeitungsartikel kehrte zurück und wurde lichter.
-Und mit einem Male wußte der einsame Denker, daß der Entwurf zum
-neuen Zivilgesetzbuche die Bestimmung enthält, wonach die Ehefrau ein
-Drittel des Einkommens des Mannes als Entschädigung für ihre Arbeit im
-Hauswesen erhalten solle.</p>
-
-<p>Noch lichter wurde die Erinnerung: Es handelt sich um den Entwurf zum
-neuen Zivilgesetzbuche der Schweiz.</p>
-
-<p>„Gott sei Dank!“ murmelte Pater Wilfrid. Und wie von einer schweren
-Last befreit, atmete er tief auf.</p>
-
-<p>Und dann schlug er sich mit der Hand an die Stirne in Erinnerung, daß
-jener Zeitungsartikel in einem Kölner Blatte enthalten war. Und einen
-Pack dieser<span class="pagenum"><a id="Seite_111"></a>[S. 111]</span> Zeitungen hat er selbst der Frau Forstwart Gnugesser, die
-um Lektüre gebeten hatte, zum Lesen gegeben.</p>
-
-<p>„Oh! Was hab ich getan?!“ stöhnte Pater Wilfrid. „Wie kann man so
-unvorsichtig sein? Den Hecht in den Karpfenteich setzen!“</p>
-
-<p>Freilich gab es eine Entschuldigung: niemand konnte ahnen, daß die
-Forstwartsfrau just diesen Zeitungsartikel aufschnappen, den Entwurf
-als gültiges Gesetz betrachten, die Länder verwechseln, den Entwurf
-als Agitationsmittel benützen, die Weiber von Hall „revolutionieren“
-werde...</p>
-
-<p>Die mißverständliche Auffassung, die Verwechslung der Schweiz,
-ermöglicht aber eine Gegenagitation, die wirksame Bekämpfung der
-„Revolution“! Die Aufklärung des Irrtums durch eine Predigt von der
-Kanzel aus wird und muß die Flammen der Weiberrevolution ersticken, in
-der Haller Gemeinde die Ordnung und den Frieden wiederherstellen.</p>
-
-<p>Um den Frieden bei seinen Pfarrangehörigen war es Wilfrid zu tun; dem
-Frieden zuliebe hat er unzählige Opfer gebracht und wird sie bringen,
-solange er Himmelsführer in der Gemeinde Hall sein wird.</p>
-
-<p>So schrieb denn Wilfrid etliche Gedanken für die Predigt nieder.</p>
-
-<p>Gegen Mitternacht machte sich die Ermüdung geltend. War der Pfarrer und
-Gastmeister doch seit vier Uhr früh im Dienste, ununterbrochen tätig.</p>
-
-<p>Die Feder entsank der fleißigen Hand.</p>
-
-<p>Wilfrid löschte die Lampe aus und begab sich zur wohlverdienten Ruhe.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_112"></a>[S. 112]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Sechstes_Kapitel">Sechstes Kapitel</h2>
-
-</div>
-
-<p>Vor dem Jagdschlößl im einsamen Halltale stand eines klaren Morgens
-ein schmächtiger, junger Mann in alter, verwetzter Steierertracht.
-Kalkigweiß die Wangen, seltsam tief, scharfblickend und flackernd die
-Augen. Bartlos, frisch rasiert die Wangen. Ein Mensch, weltfremd und
-dennoch welthungrig. Mit dem aszetischen Gesichtsausdruck schien der
-magere junge Mann gar nicht in die Tracht zu passen, die auf einen
-Bergstock gestützte Gestalt mit einem Kugelstutzen älteren Systems auf
-der linken Schulter sah wie Maskerade aus.</p>
-
-<p>An scherzhafte Verkleidung, an Salontirolerei glaubte denn auch der
-Kammerdiener Norbert, als er diesen „Steierer“ erblickte und wegweisen
-wollte. Unmöglich konnte der junge, bleiche Mann ein Jagdgehilfe
-sein: die auffallend weißen Hände, die kalkige Gesichtsfarbe sprachen
-dagegen. „Sie, junger Mann, entfernen S’ Ihnen! Hier haben Sie nichts
-zu suchen!“ rief er patzig.</p>
-
-<p>Gelassen erwiderte der junge Mann: „<span class="antiqua">Ave!</span> Guten Morgen!“ Und
-unverändert blieb er in der Stellung.</p>
-
-<p>Norbert riß es fast um. „Was haben Sie gesagt? <span class="antiqua">Ave?</span> Wer sind wir
-denn?“</p>
-
-<p>„Zu dienen! Ich heiße Nonnosus, bin Admonter Novize und von Durchlaucht
-hierher befohlen!“</p>
-
-<p>„Nicht übel das! Ich weiß kein Wort! Unmöglich können Sie in dieser
-Maskerade vorgelassen werden!<span class="pagenum"><a id="Seite_113"></a>[S. 113]</span> Und was ein angehender ‚Mönch‘ im
-Jagdschlößl zu tun hat, kann ich mir auch nicht denken!“</p>
-
-<p>In hellstem Entzücken, in fanatischer Freude flammten die Augen des
-Novizen auf, leise röteten sich seine bleichen Wangen, da Nonnosus
-davon sprach, daß er von der Fürstin zur Jagd eingeladen sei, mit
-besonderer Erlaubnis des Abtes pirschen, etliche Tage auf einer
-Jagdhütte oben verbringen dürfe. „Seien Sie so gütig, Herr, und melden
-Sie der Fürstin, daß der ‚Novize mit dem Jägerblut‘ gekommen ist! Die
-Fürstin wird sich dann schon erinnern, daß sie mich eingeladen hat und
-daß sie mich mit hinaufnehmen will! Haben Sie die Güte!“</p>
-
-<p>Norbert schüttelte den Kopf.</p>
-
-<p>Elastisch und flink kam der fesche Jäger Eichkitz heran. Den
-sonderbaren „Steierer“ erblickend, spöttelte der schmucke Jägersmann:
-„Je! Was ist denn dös für ein Spatzenschrecker! Wo haben s’ denn diesen
-Popanz aus’lassen? Wohl eine Vogelscheuch’n für ein Erbsenfeld?“</p>
-
-<p>Norbert schüttelte sich vor Lachen. Und Eichkitz lachte mit.</p>
-
-<p>Ruhig sprach Nonnosus: „<span class="antiqua">Ave!</span> Der Spott sei verziehen!“</p>
-
-<p>Eichkitz grinste, hob verächtlich die Schultern und bat den
-Kammerdiener um Anmeldung. „Zum Bericht auf neun Uhr von der Duhrlauch
-befohlen, Herr Kammerdiener!“</p>
-
-<p>„Das ist eine andere Wurscht! Befohlen, na gut! Wundert mich aber, weil
-so früh die Fürstin sonst niemand empfängt!“</p>
-
-<p>Pfauenstolz meinte der schmucke Jäger: „Mich schon! Ausdrücklich auf
-Neuni befohlen, aufzuwarten!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_114"></a>[S. 114]</span></p>
-
-<p>Norbert verschwand. Und alsbald kam er wieder, um zu melden, daß
-der Herr aus dem Stift warten möge, bis der Jäger Eichkitz Bericht
-erstattet habe.</p>
-
-<p>„Danke, Herr! Ich werde geduldig warten!“ erwiderte Nonnosus in
-unveränderter Haltung, auf seinen Bergstock gestützt.</p>
-
-<p>Eichkitz legte im Flur Büchsflinte und Bergstock ab; mit dem
-Hirschfänger an der Linken und mit dem Hütl in der Rechten stapfte er
-hinauf. Und im Zirbensalon wartete er. Ziemlich lange währte es, bis
-die Fürstin erschien.</p>
-
-<p>Der unvermutete Anblick überraschte ihn; denn noch nie im Leben hatte
-er eine Dame im &ndash; Jagdkleid gesehen.</p>
-
-<p>Sophie trug eine dunkelgraue Bluse aus Rohseide, darüber eine kokette
-Lodenjacke, fußfrei kurz der grüne Lodenrock, Hosen von gleichem
-Stoff, zierliche, bis zu den Knöcheln reichende Lederschuhe, die
-notdürftig genagelt waren. Auf dem Kopfe saß ein dunkelgrüner Ausseer
-Hut, geschmückt mit hellgrünem Seidenband und einem Gamsbart. Für
-einige Sekunden verblüffte den Jäger Eichkitz diese Erscheinung,
-besonders die Plastik der üppigen Büste und die ungewohnte Kleidung.
-Doch rasch fand der junge Jäger und Weiberkenner heraus, daß dieses
-schneidige Kostüm und die grüne Farbe wohl für ein hübsches junges
-Mädel passe, keineswegs aber für eine Fünfzigerin. Mit vortrefflicher
-Selbstbeherrschung unterdrückte er den Lachkitzel, den diese Kleidung
-in ihm geweckt hatte. Eichkitz verbeugte sich und stammelte: „Gnädig
-Duhrlauch haben befohlen! Ich melde mich gehorsamst zur Stelle!“</p>
-
-<p>Lächelnd musterte die Fürstin den bildhübschen Burschen und lobte sein
-pünktliches Erscheinen. „Ich möchte<span class="pagenum"><a id="Seite_115"></a>[S. 115]</span> von Ihnen hören, ob wir wirklich
-zuviel Gelttiere in den Hirschrevieren haben! Viel zuviel Kahlwild
-angeblich!“</p>
-
-<p>Die besondere Betonung des Wörtchens „angeblich“ fing der schlaue
-Bursche sofort auf, er war willens, sich ganz nach der Gebieterin zu
-richten und ihr zu Gefallen zu reden. Deshalb meinte er: „Ist nicht so
-gefährlich!“</p>
-
-<p>„Wieso?“</p>
-
-<p>„Wenn gnädig Duhrlauch Kahlwild und Geltstück nicht abschießen wollen,
-muß es auch nicht sein!“</p>
-
-<p>„Also besteht kein gebieterischer Zwang?“</p>
-
-<p>„Zu befehlen hat doch nur gnädig Duhrlauch! Das Verhältnis jagdbarer
-Hirsche zum Kahlwild soll sein wie 1 zu 5! Das langt, weil ja unsere
-Geweihten an Geweih und Leib eh stetig zurückgehen!“</p>
-
-<p>„Weshalb denn?“</p>
-
-<p>„In den Hochrevieren haben die Hirsche nicht die beste Äsung und für
-Blutauffrischung ist nichts geschehen! Im letzten Winter ist die
-Fütterung nicht überreichlich gewesen, weil ja die Pachtzeit ablief und
-ein Käufer nicht vorhanden gewesen ist! Wenn gnädig Duhrlauch jedem
-Hirsch mehr als fünf Stück gönnen wollen, hat es nicht viel auf sich!
-Ganz wie Sie wollen!“</p>
-
-<p>„Der Gedanke, Kahlwild abschießen zu lassen, ist mir unangenehm!“</p>
-
-<p>„Muß ja nicht sein! Schießen dafür gnädig Duhrlauch die jungen Spritzer
-und Schneiderhirscheln weg!“</p>
-
-<p>„Sie meinen wohl auch, Eichkitz, daß man den Wald möglichst unberührt
-lassen soll, was?“</p>
-
-<p>„Mit Vergunst! Ich bin nur Jaager, vom Forstwesen versteh ich nichts!
-Unsereiner heult um jeden Baum, der g’schlägert wird! Wie und wo soll
-denn unser Hirschwild gedeihen, wenn der Wald immer weniger wird?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_116"></a>[S. 116]</span></p>
-
-<p>„Danke! Ihre Liebe zu Wild und Wald gefällt mir sehr gut! Ich hatte die
-Absicht, daß wir heute nachmittag zur Pyrgas-Hütte hinaufsteigen und im
-dortigen Revier auf Gemsen pirschen werden! Nun aber bestimme ich, da
-ja auch der Admonter Theologe bereits da ist, daß wir in einer Stunde
-aufbrechen! Die Förster sollen nachkommen! Apropos: Behandeln Sie den
-Admonter Theologen gut, er ist Sohn eines Jägers, hat Jägerblut in den
-Adern! Er darf pirschen, er soll mal die Wonnen des Weidmannslebens
-durchkosten, ich habe ihn eingeladen, er ist für einige Tage mein
-Jagdgast!“</p>
-
-<p>„Zu Befehl! Hab ihn schon gesehen! So ein &ndash; lieber, netter, armer
-Herr! Schad, daß er als Jaagerssohn Geistlicher werden muß! Wird
-ihn hart genug ankommen, die Bezwingung des Jaagerblutes! Befehlen
-Duhrlauch noch was?“</p>
-
-<p>„Danke! Sie können gehen! Verständigen Sie rasch den Herrn Oberförster
-und kommen Sie alsbald zurück! Wir marschieren um zehn Uhr ab!“</p>
-
-<p>„Zu Befehl! Küß d’Hand, gnädig Duhrlauch!“ Ein huldvoller Wink und ein
-Blick des Wohlgefallens. Eichkitz machte einen Kratzfuß und stelzte
-vorsichtig über das glatte Parkett.</p>
-
-<p>Den erheblich gestiegenen Wert seiner Person ließ Eichkitz dem
-Kammerdiener in der patzig gesprochenen Mitteilung fühlen, daß in einer
-Stunde zur Pyrgas-Hütte aufgebrochen werde. „Unter meiner Führung!
-Veranlassen Sie wegen Proviant und Bagasch das Weitere! Wir marschieren
-Punkt zehn Uhr ab! Servus, Herr Norbert!“</p>
-
-<p>Seinen Ohren nicht trauend, rief Norbert: „Wie? Was? Er ist wohl nicht
-bei Trost?! Und den arroganten<span class="pagenum"><a id="Seite_117"></a>[S. 117]</span> Ton verbitt ich mir! Für Ihn, den
-Jagdgehilfen, bin ich der Herr Haushofmeister! Verstanden!“</p>
-
-<p>„‚Giften‘ S’ Ihnen, wie Sie mögen, vorher aber vollziehen Sie den
-Befehl der Duhrlauch! Alles herrichten und auffitragen!“ Eichkitz ließ
-den Kammerdiener in heller Entrüstung stehen und begab sich hurtig zum
-Theologen vor dem Jagdschlößl, dem er mitteilte, daß die Fürstin ihn
-erwarte.</p>
-
-<p>„Ich danke Ihnen herzlichst, Herr Oberjäger, für Ihre Güte!“</p>
-
-<p>Die Titelerhöhung schmeichelte Eichkitz nicht wenig, gönnerhaft und
-herablassend meinte er: „Ist gern g’schehen! Springen S’ hinauf! Hohe
-Herrschaften darf man nicht warten lassen!“ Dann eilte der Jäger zum
-Forsthause, um den Befehl zu überbringen. Und im voraus freute er sich,
-wie die Förster Hartlieb und Gnugesser bei ihrer Rückkehr aus dem
-Dienst zum Mittag überrascht und verblüfft sein werden, daß die Fürstin
-unter Führung des Jägers Eichkitz bereits am Vormittag ins Revier
-gegangen ist. Den Befehl mußte Eichkitz schriftlich hinterlegen und
-in das Schlüsselloch der Haustüre stecken, denn das Forsthaus war wie
-ausgestorben, die Männer und auch Frau Forstwart Amanda waren abwesend.</p>
-
-<p>Dann wanderte Eichkitz gemächlich zum Jagdschlößl, wo unter der
-Dienerschaft eine ameisenhafte Regsamkeit herrschte infolge des
-überraschenden Befehles zu verfrühtem Aufbruche.</p>
-
-<p>Im Zirbensalon unterhielt sich Fürstin Sophie mit dem bleichen
-Theologen im schlotternden Steierergewand. Der junge Mann mit seinen
-tiefen, leidenschaftlich flammenden Augen, sein demütiges Wesen,
-sein Seelenkampf wie seine Zukunft, all das interessierte die Frau<span class="pagenum"><a id="Seite_118"></a>[S. 118]</span>
-in besonderem Maße. Etwas ganz Neues im Einerlei der Bergeinsamkeit!
-Dazu der prickelnde Nervenreiz für das bevorstehende Experiment auf
-psychischem Gebiete: Wird des Novizen glühende Jagdleidenschaft durch
-die Jagdleidenschaft erst recht auflohen zu versengender Flamme oder
-infolge gesättigter Gier erlöschen?</p>
-
-<p>Zunächst fesselte die Fürstin die Art, wie Nonnosus in Dankbarkeit des
-Abtes gedachte, der ihm das Studium ermöglichte und in vollendeter
-Vornehmheit seines hohen Amtes so ganz anders walte, denn sonst
-anderswo die Seminarvorsteher.</p>
-
-<p>„Wieso denn?“ fragte die Fürstin.</p>
-
-<p>„Durch Grundsätze und Anleitungen für die jungen Theologen! So dringt
-unser <span class="antiqua">Summus Abbas</span> auf Selbstbildung und Selbstzucht! Wir müssen
-erst selber Pädagogen werden, meint der Abt, dann können wir auch
-andere bilden! Duckmäuser, Frömmler wünscht man im Stifte nicht!“</p>
-
-<p>„Wie denkt man im Stifte wohl über die Beziehungen der Theologen zur
-Frauenwelt?“ Ein forschender Blick flog zum Novizen.</p>
-
-<p>Ruhig erwiderte Nonnosus: „Wir haben Anstandskurse im Kloster behufs
-Beseitigung von Schüchternheit und Unbeholfenheit, Erzielung eines
-gesetzten und sicheren Auftretens! Noblesse im Verkehr mit Frauen wird
-gefordert! Entgegen dem anderswo üblichen Gebote, daß Kleriker Frauen
-kaum die Hand reichen dürfen, lehrt man uns im Stifte, daß Frauen auch
-Menschen seien, und daß Leute mit übertriebener Prüderie leicht und
-häufig in das Gegenteil umschlagen! Unser Abt verurteilt die totale
-Abschließung der Theologen von der Welt...!“</p>
-
-<p>„Stimmt! Was denken Sie über den Hochmut?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_119"></a>[S. 119]</span></p>
-
-<p>„Im Stifte lehrt man uns, daß der Priesterberuf ein hehres Amt, die
-Priesterwürde hochzuhalten sei; aber die jungen Priester sollen und
-dürfen sich nicht einbilden, infolge der Würde Menschen höherer Art
-oder gar unfehlbar zu sein! Aus solchen üblen Auffassungen erwachsen
-Hochmut und Unverträglichkeit!“</p>
-
-<p>„Freuen Sie sich schon auf die Tage frohen Weidwerkes?“ Die Frage warf
-den Theologen im Nu aus dem seelischen Gleichgewichte; Nonnosus verlor
-die Herrschaft über sich, die Augen flackerten, das Blut schoß in die
-Wangen, tobte in den Schläfen und machte fast schwindelig. Begeisterung
-und Leidenschaft leuchtete aus den tiefen Augen, verklärte das bleiche,
-scharfgeschnittene Gesicht. Wie weggeweht war in diesem Moment der
-asketische Ausdruck.</p>
-
-<p>„Sie dürfen, so Sie guten Anlauf haben, Gamsböcke schießen und von
-Hirschen, was Sie mit sicherem Schuß bekommen können! Weibliches Wild
-muß geschont bleiben!“</p>
-
-<p>Wie verhaltenes Jauchzen klangen die Worte: „Vergelt’s Gott
-vieltausendmal für die große, große Freud!“</p>
-
-<p>„Schon gut, junger Freund! Schnappen Sie nur nicht über!“ Und in jäher
-Erinnerung an ihren Sohn, der so gar kein Jagdinteresse besitzt,
-verstummte die Fürstin, und ihre Gesichtszüge verfinsterten sich.
-Schatten des Schmerzes lagen auf den leise zuckenden Lippen. Doch rasch
-überwand sie sich und rief nach der Kammerfrau, die beauftragt wurde,
-für ein Gabelfrühstück für den Theologen zu sorgen.</p>
-
-<p>Hildegard nahm den schier taumelnden Nonnosus mit.</p>
-
-<p>Eine Stunde später wurde der Marsch zur hochgelegenen Pyrgas-Hütte
-angetreten. Als Führer an der Spitze pfauenstolz, wie ein Triumphator
-der Jäger<span class="pagenum"><a id="Seite_120"></a>[S. 120]</span> Eichkitz. In einem Abstand von etwa acht Schritten folgten
-die Fürstin und Martina von Gussitsch, die gleich der Gebieterin auch
-ein Jagdkleid trug. Mit dem Unterschiede, daß dem jungen zierlichen
-Fräulein diese einfache Kleidung entzückend stand. Hinterdrein
-stapfte Nonnosus etwas unsicher, des Steigens nicht mehr gewöhnt, vom
-Jagdfieber durchrüttelt, mit heißen, lodernden Augen.</p>
-
-<p>Mürrisch folgte Herr Norbert mit dem leichten Kugelstutzen der
-Gebieterin und dem Wettermäntelchen.</p>
-
-<p>Frau Hildegard trug ein kleines Köfferchen und war auffallend guter
-Laune. Die dralle Kammerfrau freute sich mächtig, auf der Pyrgas-Hütte
-den Oberförster Hartlieb zu treffen, den sie &ndash; ohne sein Wissen &ndash;
-in ihr Witibherz eingeschlossen hatte. Nicht mehr und nicht weniger
-als Frau Oberförster wollte Hildegard werden, den Namen Schoiswohl mit
-Hartlieb vertauschen, an der Seite des Jagdoberbeamten so glücklich als
-möglich werden. Einstweilen hieß es freilich vorsichtig und zu Hartlieb
-liebenswürdig sein... Drei Diener schleppten Decken, dickgefüllte
-Rucksäcke mit Konserven usw.</p>
-
-<p>Den Beschluß der Karawane bildete ein von einem Pferde gezogenes
-Schlapfenwägelchen, geleitet vom höchst verdrossenen Leibkutscher, der
-ob dieser Dienstesdegradierung empört war. Wenn etwas sein umdüstertes
-Gemüt trösten und aufhellen konnte, war es der Umstand, daß die Kiste
-auf dem Wägelchen viele gute eßbare Sachen, Bier und Wein in vielen
-Flaschen enthielt. Auf Anordnung Norberts, der nie das leibliche Wohl
-bei derlei Expeditionen vergaß und mit längerem Aufenthalte zu rechnen
-pflegte nach dem bewährten Grundsatz: lieber zuviel mitnehmen als
-zuwenig. Demgemäß konnte die fürstliche Freßkiste gar nicht groß genug
-sein.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_121"></a>[S. 121]</span></p>
-
-<p>Ehrgeiz und allerlei Hoffnungen hatten den Führer Eichkitz
-veranlaßt, ein Eiltempo anzuschlagen, das auf Dauer wohl der geübte
-Hochgebirgsjäger einhalten konnte, selbst im steilen Aufstiege, nun
-und nimmer aber Damen. Absicht des Triumphators war es, die Fürstin
-möglichst schnell zur Pyrgas-Hütte zu bringen, früher, als die Förster
-erscheinen konnten, auf daß der Jäger als der einzige anwesende
-Fachmann vielleicht den Auftrag erhalten würde, die Gebieterin auf
-einer Gamspirsch zu begleiten. Jagdleiter sein für den ersten Gang,
-danach lechzte der ehrgeizige Bursche.</p>
-
-<p>Wie Eichkitz aber den sehr groß gewordenen Abstand, die weit
-zurückgebliebenen Damen gewahrte, gab er das Eiltempo sofort auf und
-blieb wartend auf dem Steige stehen. Nicht eben entzückt von der nach
-seiner Meinung miserablen Steigerei der bereits puterrot im Gesichte
-gewordenen Fürstin, die sich der Jacke entledigt hatte und nur mühsam
-kraxelte. Flink und sicher stieg Fräulein von Gussitsch. Wie ein
-Gamserl! dachte Eichkitz, dem die hübsche Hofdame arg in die Augen
-stach. Ein Hoffräulein! Eine feine Abwechslung wäre das! Aber so hoch
-darf man die Augen nicht heben! Soviel Vernunft besaß der Jäger denn
-doch...</p>
-
-<p>Von nun an hielt Eichkitz den kurzen Abstand ein und stieg langsam,
-drehte sich oft um, gleichsam in Erwartung, von der Gebieterin befragt
-und sonstwie angesprochen zu werden.</p>
-
-<p>Doch Fürstin Sophie hatte mit Atemnot zu kämpfen und nicht die
-geringste Lust, sich in ein Gespräch einzulassen.</p>
-
-<p>Ein Blick auf die Taschenuhr überzeugte Eichkitz, daß bei diesem
-Schneckentempo alle Pirsch- und Jagdleitungshoffnungen aufgegeben
-werden müßten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_122"></a>[S. 122]</span></p>
-
-<p>Und als auf der Plechauer Alp eine längere Rast befohlen wurde,
-konnte Eichkitz leicht ausrechnen, daß in spätestens einer Stunde die
-Förster im Eilmarsch ankommen werden. Groß staunte die Sennerin ob der
-Tatsache, daß der Jäger Eichkitz die hohe Ehre genoß, Führer sein zu
-dürfen. Das war wenigstens ein Wonnetropfen: der Jäger imponierte jetzt
-der Sennerin, dem Wildkatzl!</p>
-
-<p>Geraume Zeit benötigte die ermüdete Fürstin zur Erholung. Und vom
-Aufstieg zur hoch und steil gelegenen Pyrgas-Hütte wollte sie im
-Sonnenbrande vorerst gar nichts wissen. Norbert erhielt Auftrag, einen
-Imbiß und kalten Tee zu reichen.</p>
-
-<p>Nicht einen Bissen konnte indes Fürstin Sophie genießen. Nur vom kalten
-Tee schluckte sie fleißig.</p>
-
-<p>Nonnosus befand sich in einer Beziehung in ähnlicher Lage wie die
-Fürstin: er konnte den dankend angenommenen Happen Schinken nicht
-essen. Hatte überhaupt kein Bedürfnis, nur das übermächtige, brennende
-Verlangen, an Wild zu kommen. So nahe dem Gamsreviere, den wuchtigen
-„Haller Mauern“, von Höhenluft umweht, deuchte ihm jede vertrödelte
-Viertelstunde ein schrecklicher Zeitverlust.</p>
-
-<p>Und nun ließ sich die wieder zu Atem gekommene Fürstin gar in ein
-leutseliges Gespräch mit der Sennerin ein, fragte um nahezu alles im
-Alpbetriebe und im Leben einer „Alpenjungfrau“, und zeigte für die
-nichtigsten Dinge reges Interesse.</p>
-
-<p>Wie von Eichkitz berechnet und befürchtet, kam es: plötzlich tauchte
-die hagere Gestalt Hartliebs am Rande des Almbodens auf. Und wie er
-sich der Plechauer Hütte näherte, in deren Schatten die Karawane
-lagerte, schleppte schier zerfließend der Forstwart Gnugesser
-sein<span class="pagenum"><a id="Seite_123"></a>[S. 123]</span> Bäuchlein über den grünen Rasen. In Strähnen flatternd der
-fuchsige Patriarchenbart. Bergmännlein schwitzend, wie Neuschnee
-in der Julisonne... Das große rote Taschentuch konnte das viele
-„Schmelzwasser“, so von Stirne, Wangen und Nacken rieselte, nicht mehr
-aufsaugen.</p>
-
-<p>Trotz alledem: pünktlich war Benjamin doch heroben!</p>
-
-<p>Die Förster meldeten sich bei der Fürstin und wurden belobt, so
-herzlich belobt, daß der in der Nähe stehende Jäger Eichkitz Essig im
-Munde zu haben glaubte. Und dieser Essig verwandelte sich in bitterste
-Galle, als der Befehl erteilt wurde: Alles voraus zur Pyrgas-Hütte!
-Hartlieb sollte den Theologen an die Gams bringen! Fräulein von
-Gussitsch und Norbert haben zu bleiben als Schutz für die Gebieterin!
-„Ich werde erst in der Abendkühle hinaufkommen!“ sprach die Fürstin.</p>
-
-<p>Wieder einmal anders disponiert! Aber schließlich begreiflich. In der
-Nachmittagssonne steil im Gewänd aufsteigen, ist nicht jedermanns
-Sache. Und Damen sind keine berggewohnten Jagdgehilfen...</p>
-
-<p>Auf dem abendlichen Pirschgange hatte Oberförster Hartlieb an dem ihm
-anvertrauten Theologen nur zwei Ermahnungen gerichtet: Auf den Wind
-achten und nicht übereilt und nicht zu weit schießen.</p>
-
-<p>Nonnosus, vom Jagdfieber erfaßt, hatte nur nicken können, das Sprechen
-war ihm unmöglich geworden; wie zugeschnürt war ihm der Hals.</p>
-
-<p>Beim Betreten einer Mulde gab Hartlieb das Zeichen zur Wahrung größter
-Vorsicht, indem er den Zeigefinger auf den Mund legte.</p>
-
-<p>An der Buchtung der von Latschen bestandenen und von Grasbändern
-durchzogenen Mulde, etwa drei Büch<span class="pagenum"><a id="Seite_124"></a>[S. 124]</span>senschuß entfernt, ästen am Fuße
-einer Felswand vier Gams ohne Kitze. Ein kapitaler Bock war darunter,
-ein „alter Herr“ vermutlich, mißtrauisch, denn oft warf er auf und
-sicherte.</p>
-
-<p>Ein Näherkommen war unmöglich, die Entfernung für einen sicheren Schuß
-viel zu weit. Unmöglich auch eine Erörterung des Jagdplanes und der
-durch Sonne und Wind kompliziert gewordenen Situation. Hartlieb hatte
-nicht geglaubt, daß an der Buchtung um diese Stunde gute Gams stehen
-werden, die Böcke weiter oben vermutet. Noch beschien die Sonne einen
-Teil der Hänge, die obere Felsmauer stand hell im scheidenden Licht,
-demgemäß mußte mit Sicherheit angenommen werden, daß der Wind aufwärts
-streichen wird. Aber der Zeit nach müssen bald die Abendschatten
-zu ziehen beginnen, der Wind muß umschlagen und von oben wieder
-herabstreichen. In diesem sehr bald zu gewärtigenden Umschlag lag die
-Komplikation, das Übersteigen der Gams war sehr erschwert, zwecklos im
-Moment, da der Wind wechselt und von oben herabzieht, dem Wilde die
-Menschenwitterung zuträgt.</p>
-
-<p>Einen Moment stand Hartlieb wie angemauert; plötzlich ließ er sich
-geräuschlos nieder. Und wie vom Blitz getroffen sank hinter ihm der
-Novize lautlos zu Boden. Nonnosus hatte den sichernden Bock rechtzeitig
-eräugt, die schwere Gefahr einer Vergrämung augenblicklich erfaßt.</p>
-
-<p>Ein Überlegen nun ohne jedes Verständigungsmittel. Und zuwenig Deckung.
-Die Schußdistanz zu weit. Und die Zeit drängte, für ein Übersteigen des
-kleinen Rudels war es nun schon zu spät.</p>
-
-<p>Langsam und lautlos schob Hartlieb sich über das Geröll etwas
-vorwärts. Nonnosus kroch vorsichtig nach,<span class="pagenum"><a id="Seite_125"></a>[S. 125]</span> die scharfen Augen auf den
-mißtrauischen Bock gerichtet, der sich mählich beruhigte und wieder zu
-äsen begann.</p>
-
-<p>Auf etliche Manneslängen konnten die beiden sich vorwärtsschieben, bis
-zu einem Latschenschopf, der die letzte kleine Deckung bot. Darüber
-hinaus war das Gelände völlig offen.</p>
-
-<p>Hartlieb lag still wie ein Holzklotz. Unbeweglich auch Nonnosus, obwohl
-die spitzen Steine sich in die Hände und Knie bohrten. Doch in heißer
-Erwartung, in glühender Jagdleidenschaft achtete der Theologe dieses
-körperlichen Schmerzes nicht, fühlte ihn kaum. Viel wichtiger war
-die Abschätzung der Distanz, die Selbstbezwingung, das Niederkämpfen
-des lockenden Gedankens, auf so große Entfernung zu schießen. Eine
-Seelenmarter wurde es, der psychische Kampf viel schwerer denn die
-Entsagung des Klerikers auf die Freuden der Welt. Unmöglich ein Wink,
-ein Wort des Rates vom erfahrenen Jagdleiter, der wie tot am Boden lag.</p>
-
-<p>Sachte begannen die Abendschatten ihr wundersames Spiel im leisen
-Ziehen. Das Schußlicht minderte sich.</p>
-
-<p>Der Bock verließ das Rudel, zog weg, verschwand zuweilen zwischen
-Felsen und Latschen. Aber er kam immer wieder an den Standort, um den
-Schützen zu peinigen. Und mehrmals stellte der Bock sich wannenbreit,
-lockend zum Schusse.</p>
-
-<p>Nonnosus war am Ende seiner Willenskraft. Mit äußerster Mühe
-unterdrückte er ein Stöhnen, das der Seelenkampf, die aufs höchste
-gesteigerte Leidenschaft und die nun drängende Schießwut dem
-Gemarterten erpressen wollten.</p>
-
-<p>Der regungslos liegende Jagdleiter staunte in Gedanken über das
-korrekte Verhalten seines Begleiters, über die Seelenstärke, die den
-mehr als gewagten, un<span class="pagenum"><a id="Seite_126"></a>[S. 126]</span>weidmännischen Schuß nicht zuließ. Manchmal, für
-Augenblicke, erwartete Hartlieb aber doch, daß es knapp hinter ihm
-krachen werde, denn Nonnosus war ja nicht Fachmann, nicht gewöhnt an
-solchen „Anblick“.</p>
-
-<p>Noch ein Moment größter Spannung: Nonnosus nahm den Stutzen an den Kopf
-und versuchte zu zielen.</p>
-
-<p>Also doch! Sicher ein Fehlschuß bei schwindendem Licht! dachte Hartlieb
-und wünschte von Herzen, daß die Kugel am Kapitalen vorbeifliegen möge.</p>
-
-<p>Aber der tapfere Theologe bezwang sich und schob den Stutzen von sich.</p>
-
-<p>Der Kapitalbock verschwand hinter einem Felsen. Und das Rudel empfahl
-sich und zog gelassen weiter.</p>
-
-<p>Die Dämmerung wob dunkle Schleier um die Stätte eines harten
-Seelenkampfes.</p>
-
-<p>Der letzte Schimmer auf der Pyrgas-Spitze erlosch, als sich die Herren
-erhoben.</p>
-
-<p>Hartlieb reichte dem heldenhaften Theologen die Hand und sprach im
-Tone aufrichtiger Bewunderung: „Brav gemacht! Meinen vollsten Respekt!
-So kann nur der echte Weidmann handeln! Meine Hochachtung für Ihre
-erstaunliche Willenskraft!“</p>
-
-<p>„Fast wäre ich doch im letzten Augenblick der überstarken Versuchung
-erlegen! Ich darf also Ihr Lob nicht annehmen! Doch lieber geschneidert
-heimgehen, als belastet sein mit einer Jagdsünde!“</p>
-
-<p>„Morgen ist auch Jagdtag! St. Hubertus wird Sie schon belohnen und
-Diana gnädig sein!“</p>
-
-<p>Geschäftig frohes Leben herrschte auf der Pyrgas-Hütte, als Hartlieb
-und Nonnosus ankamen. Das Diner wurde eben serviert. Norbert hatte
-es wichtig mit dem Bedienen der Damen, die vor dem Anbau auf einer
-Bank saßen und vergnügt über die primitive Art dieser<span class="pagenum"><a id="Seite_127"></a>[S. 127]</span> Hofjagdtafel
-kicherten. Der ins Freie gebrachte Tisch wackelte bedrohlich, wenn die
-Damen Fleisch schneiden wollten, die Gläser wollten nicht stehenbleiben.</p>
-
-<p>Flink kniete Eichkitz nieder, um Abhilfe zu schaffen, indem er
-den Tischfüßen an der abschüssigen Stelle zusammengebogene Briefe
-unterlegte.</p>
-
-<p>Dies bemerkend, meinte Fürstin Sophie gutgelaunt: „Wohl Liebesbriefe,
-Eichkitz, was?“</p>
-
-<p>„Nicht ganz erraten, Duhrlauch! Nur unbezahlte Rechnungen! Hat also
-nichts zu bedeuten, wenn die Briefeln etwa gelesen werden!“</p>
-
-<p>„Sie schreiben wohl keine Liebesbriefe, was?“</p>
-
-<p>„Nein, Duhrlauch! Ich mach so was immer mündlich ab! Ist sicherer!“</p>
-
-<p>Ein großes Stück Roastbeef belohnte Eichkitz für seine Bemühung.</p>
-
-<p>Hartlieb, Nonnosus und Gnugesser wurden eingeladen, am Tische der
-Damen zu speisen. Da es an Stühlen mangelte, wurde die Bank aus der
-Jägerstube herausgebracht.</p>
-
-<p>Nonnosus sollte Bericht erstatten. Demütig bat er um Dispens. Für ihn
-ergriff Hartlieb das Wort und lobte die Selbstbezwingung des Theologen
-mit Wärme.</p>
-
-<p>Die Fürstin dankte für diese Enthaltsamkeit und versprach dafür zu
-sorgen, daß Nonnosus morgen sicher zu Schuß kommen werde.</p>
-
-<p>In einen Wettermantel gehüllt, von Hartlieb begleitet, unternahm
-Fürstin Sophie noch eine kleine Promenade. Es wurde ein Gamstrieb für
-den Vormittag angeordnet. Hartlieb machte zwar aufmerksam, daß in den
-Pyrgas-Revieren nie „getrieben“ worden sei, selten „gedrückt“; aber die
-Gebieterin bestand auf ihrem Willen. Sie schränkte den Befehl aber dann
-doch ein, indem<span class="pagenum"><a id="Seite_128"></a>[S. 128]</span> sie dem Wunsche Ausdruck gab, es möge für Nonnosus
-„geriegelt“ werden. Eichkitz und der Forstwart sollen in die „Sauwiel“
-steigen und von oben die Gams herabdrücken zu den von der Fürstin und
-von Nonnosus bezogenen Ständen. Je ein Gams genüge für die Schützen.</p>
-
-<p>„Zu Befehl, Durchlaucht! Ich werde am frühesten Morgen die Stände
-herrichten! Gute Nacht, Durchlaucht, angenehme Ruhe!“</p>
-
-<p>Nur flüchtig konnte Hartlieb noch einen Blick von Mustela, vom
-zierlich-hübschen Hoffräulein erhaschen. Ein funkelnder Blick wie von
-Marderlichtern im Dunkel der Nacht.</p>
-
-<p>Die Damen zogen sich in den Anbau zurück. Die Kammerfrau flüsterte
-dem Oberförster die Frage zu, ob er wohl mit allem Nötigen versorgt
-sei oder besondere Wünsche hege. Kühlhöflich lehnte Hartlieb alles
-dankend ab. Und merkte gar nicht, wieviel Zärtlichkeit Hildegard in den
-Flüsterton gelegt hatte und wie heiß ihre Augen flammten.</p>
-
-<p>Schwer enttäuscht huschte die Kammerfrau dann in den Damenanbau.</p>
-
-<p>Alles „Männervolk“ nächtigte in der alten Hütte. Der Theologe durfte
-auf einer Holzbank liegen, eine Rücksichtnahme auf seinen Stand.</p>
-
-<p>Der Morgen ließ sich trüb und nebelig an. Und sehr spät wurde es, bis
-die Fürstin erschien. Für das „Riegeln“ war alles vorbereitet. Eichkitz
-und Gnugesser saßen wohl schon oben in der „Sauwiel“ und froren im
-Nebel und warteten auf den Hebschuß, der als Zeichen des Jagdbeginnes
-vereinbart worden war. Aber dieser Schuß fiel nicht, da die Fürstin
-immer wieder Befehle zu erteilen hatte und von der Hütte nicht
-wegzubringen war. Hartlieb wartete geduldig zwar, doch auch ziemlich<span class="pagenum"><a id="Seite_129"></a>[S. 129]</span>
-verdrossen. Und Nonnosus bebte vor Freude und Jagdlust.</p>
-
-<p>Endlich war es so weit, daß zu den Ständen gegangen wurde. Nonnosus
-erhielt seinen Stand angewiesen und erkannte nun sofort, daß es sich
-um eine kleine Treibjagd handeln wird. Ängstlich flüsterte er dem
-Jagdleiter zu: „Verzeihung! Ich darf nur pirschen!“</p>
-
-<p>Hartlieb konnte keine Antwort geben, es rief ihn die Fürstin zu sich.</p>
-
-<p>Sehr einfach, doch recht praktisch war für den Theologen ein Sitz
-errichtet in der Weise, daß der Schütze den Anlauf in der Flanke
-bekommen muß. Unbehindert der Anschuß. Der Theologe mit dem Jägerblut
-kämpfte hart und schwer um einen Entschluß, denn mit aller Klarheit
-erinnerte er sich der Vorschriften, die dem Kleriker die <span class="antiqua">venatio
-clamorosa</span>, die lärmende Jagd, verbieten. Zur Pirsche war er
-eingeladen, heute aber eine Treibjagd befohlen. Was soll der Theologe
-nun tun? Sitzenbleiben und zuschauen, wie die Gams vorüberspringen
-werden? Oder schlankweg den Stand verlassen, gehorsam den Vorschriften?
-Und was wird die Fürstin sagen, die doch mit besonderer Rücksicht auf
-ihn diese Treibjagd angeordnet hat, auf daß er sicher zu Schuß komme?</p>
-
-<p>In dieser Gewissensklemme stellte sich ein Beschwichtigungsgedanke ein:
-bezüglich der <span class="antiqua">venatio clamorosa</span> ist ausdrücklich die Jagd mit
-Hunden verboten; auf Gams wird aber nie mit Hunden „geriegelt“; also
-kann der Kleriker sich an dieser Jagdart beteiligen.</p>
-
-<p>Recht wohl befand sich Nonnosus bei dieser Beschwichtigung des
-Gewissens nicht. Er blieb auf dem Stand und rang sich zu dem
-Entschlusse durch, das Wild unbeschossen zu lassen und später auf
-eventuellen<span class="pagenum"><a id="Seite_130"></a>[S. 130]</span> Vorhalt zu erklären, daß er wegen ungenügender Sicherheit
-im Ansprechen des Geschlechtes auf das Dampfmachen verzichtet habe.
-Eine Notlüge wird das sein, um den Vorschriften zu gehorchen und
-Rücksicht auf die Fürstin zu üben.</p>
-
-<p>Der Hebschuß fiel, vom Oberförster abgefeuert, als die Fürstin endlich
-schußbereit war.</p>
-
-<p>Eine Viertelstunde später machten Eichkitz und Gnugesser durch
-Einsteigen in die Wände das Krickelwild hoch. Das etwas schmale Terrain
-gestattete den flüchtenden und herunterstürmenden Gemsen nicht die
-hübsche Entfaltung der breiten Front in schnellster Vorwärtsbewegung.</p>
-
-<p>Ein Schuß vom Stande der Fürstin löste sie in hastende Rudel auf.</p>
-
-<p>Schon der Hebschuß hatte im Nu den so mühsam errungenen Entschluß des
-Theologen zum Verzicht umgestoßen. Die bebenden Finger schoben die
-Patronen in die Kugelläufe und zogen die Hähne auf. Und wie dann Diana
-sich gnädig zeigte und dem Schützen einen guten Anlauf gewährte, da
-siegte die Jagdleidenschaft über sämtliche kanonischen Vorschriften.
-Die Büchse flog an die Wange, das scharfe Jägerauge suchte unter dem
-anlaufenden Krickelwilde einen guten Bock aus, die „Fliege“ faßte
-Haar, zog mit, fuhr entsprechend vor, und alsbald schlug die Kugel.
-Stürzend quittierte der Gams den Schuß, der Bock rutschte, versuchte
-hochzukommen, doch rasch entwich die Lebenskraft.</p>
-
-<p>Eine zweite Kugel warf eine auffallend starke Geltgeiß um. Schnell lud
-Nonnosus wieder. Das Gros im Trieb war vorüber. Doch ein Nachzügler
-kam gehumpelt, ein Bock mit seltsam verkrüppeltem linken Hinterlauf.
-Sichtlich sehr pressiert wegen der Annäherung der Trei<span class="pagenum"><a id="Seite_131"></a>[S. 131]</span>ber, aber
-infolge von Schmerzen im kranken Hinterlauf gehindert, das rettende
-Fluchttempo anzuschlagen. Aus Mitleid und Barmherzigkeit feuerte
-Nonnosus und fehlte. Die zweite Kugel warf den Bock um, doch stand er
-wieder auf und blieb dann mit gekrümmtem Rücken stehen.</p>
-
-<p>Wieder schob Nonnosus Patronen ins Lager. Der Fangschuß ging zu hoch,
-erst die vierte Kugel beendete die Leiden des Kranken.</p>
-
-<p>Der Trieb war zu Ende. Für Nonnosus begann jedoch die seelische
-Bedrängnis, da der Blick auf seine Strecke fiel. Zwei Böcke und eine
-starke Geltgeiß! Erlegt in einer Treibjagd. <span class="antiqua">Venatio clamorosa!</span>
-Trotz aller Vorschriften! Schier schwarz ward es dem Theologen vor
-den Augen, da er an die Folgen dieses Vergehens dachte. Unselige
-Jagdleidenschaft...</p>
-
-<p>Entblößten Hauptes, mit gesenktem Blick, erwartete Nonnosus die
-Fürstin, fest entschlossen, um sofortige Entlassung behufs Rückkehr in
-das Stift zu bitten.</p>
-
-<p>Aber es kam anders. Schon auf eine Distanz von einem Dutzend Schritten
-rief die übelgelaunte Fürstin: „Was war denn das für eine Kanonade bei
-Ihnen? Wer wird denn so gamshungrig sein! Sie wissen doch, daß ich
-hegen will! Sie dezimieren mir ja mein Wild! Übermitteln Sie dem Herrn
-Abte beste Grüße!“</p>
-
-<p>So viel verstand Nonnosus nun, daß er entlassen war, in vollster
-Ungnade entlassen, und daß er sich schleunigst zu verflüchtigen habe.
-Er stammelte etliche Dankesworte und trollte dann eiligst ab...</p>
-
-<p>Verärgert klagte die Fürstin zu Hartlieb über Schießwut und
-Undankbarkeit.</p>
-
-<p>„Halten zu Gnaden, Durchlaucht! Es ist mit echter Jagdpassion ein eigen
-Ding, die Selbstbezwingung ist<span class="pagenum"><a id="Seite_132"></a>[S. 132]</span> sehr schwer, zuweilen ganz unmöglich!
-Es ist meine Schuld, daß der Theologe den guten Anlauf ausgenützt hat,
-denn ich hatte vergessen, dem Theologen mitzuteilen, daß Durchlaucht
-nur ein Gams bewilligt hatten! Der Abschuß des kranken Bockes mit dem
-verkrüppelten Hinterlauf ist unter allen Umständen weidmännisch korrekt
-zu nennen, dieser Abschuß war geboten und hätte auch gegen den Befehl
-erfolgen müssen!“</p>
-
-<p>„Was? Nicht übel! Meine Befehle müssen stets beachtet werden!“</p>
-
-<p>„Gewiß, Durchlaucht, beachtet! In jagdlichen Angelegenheiten ist der
-Vollzug hingegen auf die Möglichkeit beschränkt! Oberstes Gesetz ist
-stets die weidmännische Handlungsweise!“</p>
-
-<p>„Ich bin sehr erstaunt, solche Äußerungen zu hören!“</p>
-
-<p>„Halten zu Gnaden, Durchlaucht! Krankes Wild muß vom Personal oder von
-geladenen Gästen unbedingt abgeschossen werden; es ist heilige Pflicht,
-die Leiden zu beenden!“</p>
-
-<p>Spitz erwiderte die Gebieterin: „Ja doch, selbstverständlich! &ndash; Sie
-haben kürzlich wegen Schlägerung angefragt! Ich wünsche, daß die
-Schlägerung unterbleibt!“ Und nun fügte Fürstin Sophie genau die vom
-Jäger Eichkitz geäußerten Worte hinzu: „Wo sollen denn unsere Hirsche
-leben und gedeihen, wenn der Wald immer weniger wird!“</p>
-
-<p>Trocken murmelte Hartlieb: „Zu Befehl, Durchlaucht!“</p>
-
-<p>Am Abend dieses getrübten Jagdtages saß Martina von Gussitsch wieder
-in ihrer Stube der Villa im einsamen Halltale und kritzelte etliche
-Bemerkungen in das „Tagebuch“.</p>
-
-<p>„Was die Diener bei Hof mit dem Ausdruck ‚Her<span class="pagenum"><a id="Seite_133"></a>[S. 133]</span>hängen‘ meinen, weiß
-ich jetzt aus eigener Erfahrung. Wenig zu tun haben und doch wie ein
-Kettenhund angehängt sein! Für mich lautet es natürlich feiner: ‚zur
-Disposition stehen‘! War das ein ‚Vergnügen‘ auf der Pyrgas-Jagdhütte!!
-Nichts zu tun, nichts zu lesen, keine Gelegenheit zu irgendeiner
-Selbstbeschäftigung! Beschränkt die Räumlichkeiten aufs äußerste!
-Absonderung unmöglich! Dazu noch die untertänige und doch freche
-Zudringlichkeit der Kammerfrau Hildegard, die, wie mir scheint, es
-wagt, die Augen zu Hartlieb zu erheben! So eine Frechheit! Aber
-Hartlieb ignoriert sie! Auf der Hütte war es ein höheres Mopsen. Gegend
-ja allerdings imponierend, bei Nebel freilich weniger großartig! Und
-wie der Wind in der Felsenwelt gern und häufig umspringt, so auch die
-Meinungen, Ansichten usw. Launen der gnädigsten Gebieterin. &ndash; &ndash;
-Hui, wie schnell verflog doch das Jagdinteresse! &ndash; Und wie schnell
-vollzog sich die Übersiedlung von der Pyrgas-Hütte herunter in die
-Villa! Mit nahezu nüchternem Magen, denn das Gabelfrühstück wurde
-abgesagt! Der ‚Strecke‘, den erlegten Gemsen, nicht ein Blick gegönnt!
-Ich verstehe &ndash; leider &ndash; vom Jagdbetrieb, vom Jagdwesen usw. nichts,
-aber so etwas wie eine Ahnung habe ich doch, daß ‚unser‘ Jagdbetrieb in
-seiner Unbeständigkeit nicht der richtige sein kann. Wetterwendisch,
-ohne Rücksicht auf weidmännische Sitte und Brauch! Mit dem Oberförster
-Jagdleiter Hartlieb und der Gebieterin muß es ‚etwas‘ gegeben haben,
-irgendeinen Verdruß; kein Wunder übrigens, wenn der Jagdleiter ob
-dieses Kuddelmuddels verdrossen ist. Auch über die Bevorzugung eines
-Jagdgehilfen über den Kopf des Oberbeamten hinweg. Der Eichkitz muß bei
-solcher Verhätschelung bald frech werden, wenn er es nicht schon ist.
-Ob sich Hartlieb diese<span class="pagenum"><a id="Seite_134"></a>[S. 134]</span> Eingriffe in seine Kompetenz, die Ignorierung
-des Instanzenzuges auf Dauer gefallen lassen wird? Hartlieb in seinem
-Ernst sieht nicht darnach aus! Zu ernst, sehr verschlossen; aber
-männlich, korrekt, zweifellos ehrlich: ein richtiger Mann in des Wortes
-bester Bedeutung. Vielleicht durch den rauhen harten Dienst ein bisserl
-‚eckig‘ geworden; sicher alles, nur kein Hofmann! Aber wie er ist,
-mir gefällt er sehr gut; die ‚Ecken‘ könnten abgeschliffen werden von
-sanfter Frauenhand... Ach du lieber Himmel! Wohin verirren sich die
-Gedanken?!! So ‚heiß‘ kann Liebe ja gar nicht sein, um lebenslang und
-besonders im Winter hier auszuhalten; ein solches Opfer kann es nicht
-geben! Das Diktum von der ‚alles besiegenden Liebe‘ gilt nicht für das
-Halltal, weil unmöglich! Übrigens bin ich nicht in Hartlieb verliebt!
-Nein! Er gefällt mir sehr gut; das ist alles und sicher nicht viel!
-<span class="antiqua">Ecco la verità!</span>“</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_135"></a>[S. 135]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Siebentes_Kapitel">Siebentes Kapitel</h2>
-
-</div>
-
-<p>Pater Wilfrid, der „Hofpfarrer“ von Hall, hatte einen schlimmen Tag
-hinter sich, als er nach Admont zurückkehrte in nichts weniger denn
-rosiger Laune. Was für einen Krach hatte es beim Spielbüchlerbauern
-wegen der Verlegung des Requiem gegeben! Für den 30. August hatte
-dieser Bauer einen Trauergottesdienst zum Gedächtnisse eines Verwandten
-bestellt, und der Pfarrer hatte diesen Jahrtag notiert. Somit wäre
-diese Angelegenheit in Ordnung gewesen, wenn nicht auch die Fürstin
-von Schwarzenstein auf den gleichen Tag ein Requiem zum Gedächtnisse
-des seligen Gemahls bestellt hätte. Dieser Frau mußte doch, obwohl
-die Anmeldung verspätet einlief, der Vortritt eingeräumt werden.
-Von dem Grundsatze: „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“ wollte der
-Spielbüchler aber nicht abgehen, mit erschrecklicher Deutlichkeit hatte
-er sich dahin geäußert, daß er auf die Fürstin von Schwarzenstein &ndash;
-huste, soweit die deutsche Zunge klinge. Eine niedliche Bescherung
-für den Haller Pfarrer! Aber als Diplomat wußte sich Pater Wilfrid
-doch zu helfen, indem er die heikle Angelegenheit auf ein Gebiet
-hinüberschob, wo der Spielbüchler empfindlich und zu treffen war:
-Wildschadenvergütung! Auf die Anspielung, daß der Mangel an Rücksicht
-die Fürstin veranlassen werde, künftig dem Spielbüchlerbauern gegenüber
-die Wildschadenvergütung nicht mehr mit Noblesse in gewünschter Höhe
-zu bewilligen,<span class="pagenum"><a id="Seite_136"></a>[S. 136]</span> reagierte der Bauer doch und er erklärte, einen Tag
-warten zu wollen, wenn der Pfarrer garantiere, daß die Verschiebung des
-Requiems dem Verstorbenen nicht wehe tun werde. Diese Garantie konnte
-der Pfarrer geben mit gutem Gewissen. Nach dem Krach war also der Zweck
-doch erreicht worden.</p>
-
-<p>Hingegen blitzte der gewandte, erfahrene und weltkundige Pater
-Wilfrid bei Amanda Gnugesser jämmerlich ab. Die Försterin gab ihm
-zwar die Zeitung zurück, aber sie weigerte sich mit erstaunlicher
-Entschiedenheit, die Agitation für die Vergütung der Arbeit der Ehefrau
-im Haushalte aufzugeben. Auf Grund des neuen Gesetzes müsse das hohe
-Ziel in jeder Familie erreicht werden. Und die Agitation sei auch
-bereits im besten Zuge, werde alsbald zu vollem Erfolge führen.</p>
-
-<p>Vergebens hatte Pater Wilfrid aufmerksam gemacht, daß der Gesetzentwurf
-in der &ndash; Schweiz, nicht hier im Lande geplant sei, also von einer
-gültigen Gesetzesbestimmung gar nicht gesprochen werden könne.
-Hartnäckig hielt Frau Amanda am segensreichen Prinzip dieser
-Frauenfrage fest, die Verbesserung der Rechtslage müsse errungen
-werden, und es sei ganz gleichgültig, von wem die Anregung zur
-Entlohnung der Frau im Ehestande ausgegangen sei. Tue der Staat nicht
-mit, wolle man diese hochwichtige Frauenfrage nicht im Wege eines
-Staatsgesetzes erledigen, so werde eben der Privatweg beschritten, der
-Kampf mit den Ehemännern in Hall von den Weibern ausgefochten werden.
-Die Männer müssen zahlen, egal, ob ihnen die Augen tropfen.</p>
-
-<p>Pater Wilfrid verbot dann jedwede Agitation in seinem Pfarrsprengel.</p>
-
-<p>Frau Amanda aber lachte ihn aus, verwies auf die Tatsache, daß
-die Haller Weiber bereits revolutioniert<span class="pagenum"><a id="Seite_137"></a>[S. 137]</span> seien, und daß die
-Fürstin von Schwarzenstein auf Seite der Frauen stehe, mit der
-Entlohnungsbestrebung wärmstens sympathisiere.</p>
-
-<p>Unter solchen Umständen konnte ein weiterer Disput mit dieser hitzigen
-Frau keinen Zweck mehr haben. Einstweilen mußte der Pfarrer den Rückzug
-antreten. Demnächst aber wird der Kampf aufgenommen werden, und zwar
-von der Kanzel aus.</p>
-
-<p>Im Stifte suchte Wilfrid den Archivar Pater Leo auf, der gleich ihm
-Pfarrer des Nachbardorfes Weng ist, also ein spezielles Interesse
-für die Haller Frauenrevolution haben mußte. Pater Leo sprach denn
-auch offen die Befürchtung aus, daß die Funken und Flammen dieser
-Weiberrevolution nach Weng überspringen und überschlagen werden, und
-daß es kaum möglich sein werde, mit einer Predigt die rabiat gewordenen
-Frauen zu besänftigen.</p>
-
-<p>„Ein anderes Mittel zur Bekämpfung der Revolution steht uns aber nicht
-zu Gebote!“ meinte Pater Wilfrid.</p>
-
-<p>„Zunächst freilich nicht, uns wenigstens nicht! Du wirst gut tun,
-deine Fürstin zum Abrücken von der Haller Frauenrevolution zu
-veranlassen! Tut die Fürstin nimmer mit, so schwindet der Nimbus, die
-damischen Weiber werden stutzig, wahrscheinlich durch den Rückzug der
-Fürstin doch etwas eingeschüchtert werden! Wenn die Flammen nach Weng
-überschlagen, werde ich als Wenger Pfarrer alles aufbieten, um den
-Männern das Rückgrat zu steifen! Und das wird gelingen, denn wo die
-Bauern zahlen sollen, werden sie sehr rasch bockbeinig und schwerhörig.
-Gehe hin und tue desgleichen, viellieber Bruder im Herrn!“</p>
-
-<p>„Ganz gut! Und wie soll ich meine Fürstin zum Abrücken veranlassen?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_138"></a>[S. 138]</span></p>
-
-<p>„Ja, das weiß ich nicht, ich bin ja kein Hofmann! Bring ihr bei, daß
-die Beteiligung an der Frauenrevolution Kosten verursacht, daß die
-Fürstin blechen, die Löhne ihrer verheirateten Diener und Beamten
-aufbessern muß, wenn die von ihren Frauen geschröpften Diener und
-Beamten die Weiberarbeit im Haushalt entlohnen sollen! Vom Gehalt
-können die Ehemänner das ja nicht leisten! Hört die Fürstin, daß die
-Liebäugelei mit der Frauenbewegung sie schwer Geld kostet, dann, meine
-ich unmaßgeblich, wird die Frau mit aller Beschleunigung krebsen!“</p>
-
-<p>„Der Rat ist gut und beachtenswert! Ein gerissenes Herrchen, der
-vielliebe Amtsbruder!“</p>
-
-<p>„Ach wo! Minimale Lebensweisheit, daß Geld überall eine gewichtige
-Rolle spielt! Von Gerissenheit keine Spur! Und tausend Meilen entfernt
-vom klugen und gewandten &ndash; Eisenbaron!“</p>
-
-<p>Wilfrid lachte zu dieser harmlos gemeinten Stichelei auf seine adelige
-Abstammung. Und dann fragte er, ob Gäste im Stift angekommen seien, und
-was es sonst Neues <span class="antiqua">intra muros monasterii</span> gebe.</p>
-
-<p>„Nicht viel, das Wenige aber schön und erquickend!“ Und nun berichtete
-Pater Leo über den Stand der Jagdangelegenheit des Novizen Nonnosus,
-der dem Abte Vergehen, Beteiligung an einer Treibjagd, der dem Kleriker
-verbotenen <span class="antiqua">venatio clamorosa</span>, rückhaltlos eingestanden und
-demütig um Bestrafung gebeten habe.</p>
-
-<p>„Na, was hat der <span class="antiqua">Summus Abbas</span> verfügt?“ fragte in
-offensichtlicher Spannung Pater Wilfrid.</p>
-
-<p>„Wie mir der Abt mitteilte, will er den Nonnosus der Heilsamkeit
-wegen einige Tage zappeln lassen, dann aber verzeihen und von jeder
-Bestrafung absehen. Wie der <span class="antiqua">Abbas</span> den ‚Fall Nonnosus‘ auffaßt,
-liege ein direkt<span class="pagenum"><a id="Seite_139"></a>[S. 139]</span> straffälliges Vergehen gegen die kanonische
-Vorschrift nicht vor; verboten sei die <span class="antiqua">venatio clamorosa</span>,
-den Ausdruck ‚Riegeljagd‘ wende der betreffende Paragraph nicht
-an, also habe der Grundsatz zu gelten: ‚Strafgesetze sind streng
-zu interpretieren, Analogien sind nicht zulässig, <span class="antiqua">in dubio pro
-reo</span>!‘ Der <span class="antiqua">Abbas</span> erklärt, daß demnach die Erledigung der
-Sache in eigener Kompetenz zulässig, die Meldung an den Bischof nicht
-nötig sei! Die milde tolerante Behandlung werde eine viel bessere
-Wirkung bei Nonnosus erzielen denn eine harte Bestrafung! Und so
-glaubt der <span class="antiqua">Abbas</span>, daß der Novize im Laufe der Zeit seine
-Jagdleidenschaft überwinden werde! Wohlwollen und Liebe seien gute
-Heilmittel, sagte der <span class="antiqua">Abbas</span>, und mit feinem Lächeln fügte er
-bei: ‚<span class="antiqua">studeat plus amari quam timeri</span>‘!“</p>
-
-<p>Freudig berührt, begeistert sprach Pater Wilfrid: „Ja, unser
-<span class="antiqua">Abbas</span>! Eine Perle! Gott erhalte ihn uns ungezählte Jahre!“</p>
-
-<p>„Ganz meine Meinung! Und noch eine Neuigkeit haben wir im Hause! Die
-erquickende Milde des <span class="antiqua">Abbas</span> hat dem anderen Novizen, Modestus,
-den Mut gegeben, sich dem Abte anzuvertrauen. Geständnis: Kein Beruf
-zum Priester und erst recht nicht für das Klosterleben! Will Medizin
-studieren!“</p>
-
-<p>„Alle Wetter, so’ne Bescherung! Auf Stiftskosten studiert und jetzt
-ausspringen! Was hat denn der Abt gesagt?“</p>
-
-<p>„Wunderschönes Diktum! <span class="antiqua">Summus Abbas</span> sprach: ‚Wir können auch
-tüchtige, christlich denkende Ärzte brauchen, die das Ordenswesen aus
-eigener Erfahrung kennen!‘ Und der <span class="antiqua">Abbas</span> will auch uns, <span class="antiqua">id
-est conventus</span>, angehen, nach Maßgabe der Stiftsverhältnisse eine
-Unterstützung zu bewilligen! Erquickende Toleranz, was?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_140"></a>[S. 140]</span></p>
-
-<p>„Wahrhaftig erquickend! &ndash; Nun aber Schluß! Ich bin rechtschaffen müde!
-Muß aber noch die Kampfpredigt endgültig zu Papier bringen!“</p>
-
-<p>„Wünsche viel Vergnügen und gute Verrichtung <span class="antiqua">ad hoc</span>!
-<span class="antiqua">Salve!</span>“</p>
-
-<p>Die Patres-Pfarrer trennten sich, und Wilfrid suchte seine Zelle auf
-und schrieb fleißig in die Nacht hinein mit gutem Erfolge...</p>
-
-<p class="s3 center mtop1 mbot1">*</p>
-
-<p>Mit dichtem, langsam ziehendem Allerheiligen Nebel begann der Morgen
-des Augustsonntages. Kühl war es im einsamen Halltale, frostig in
-den Gemächern der Villa. Die Bewohner fröstelten wohl alle, bis auf
-die Köchin in der Küche, wo es wohlig warm war. Und auch Fürstin
-Sophie empfand die Morgenkühle in dem Moment nicht, da die Kammerfrau
-Hildegard auf silberner Platte einen soeben eingelaufenen Brief
-überreichte. Vor der Vertrauten gab sich die Fürstin nicht die Mühe,
-ihre Erregung zu verbergen; sie griff hastig nach dem Briefe und
-sprach: „Ich werde klingeln!“</p>
-
-<p>Hildegard verschwand.</p>
-
-<p>Gierig begann Sophie die zweite Epistel des Sohnes, aufgegeben in
-Dessau, zu lesen. Mit Überfliegen der Schilderung, die Emil von der
-hübschen, prächtig entwickelten Muldestadt gab.</p>
-
-<p>„Denk Dir nur, liebste Mama: der Herzog führt Allerhöchst persönlich
-in seinem Theater die Regie, er ist der erste und letzte auf den
-Theaterproben, kümmert sich um Kostüme, Szenerie, Dekorationen,
-macht Dienst als Beleuchtungskontrolleur, prüft die Leistungen des
-Orchesters und Kapellmeisters, kontrolliert die Tempi,<span class="pagenum"><a id="Seite_141"></a>[S. 141]</span> kurz er leitet
-alles selbst. Glaube aber ja nicht, liebste Mama, daß der Herzog bei
-dieser verblüffenden Tätigkeit etwa ein G’schaftlhuber ist. Er ist
-Fachmann durch und durch, seit vielen Jahren. Übrigens weiß ja die
-heutzutage sich für Kunst interessierende Welt, daß dieser Sproß des
-Hauses Askanien ein genialer Regisseur für Richard Wagner und die
-musikdramatische Kunst ist, ein Bahnbrecher, der die Edeltraditionen
-eines gesunden Originalstiles der deutschen Bühne mit produktivem
-Geiste lebendig in seiner Person verkörpert! Alle Welt weiß das seit
-vielen Jahren, nur ich habe es nicht gewußt! Zu Dessau an der Mulde,
-wo die Leute halb sächsisch und halb berlinisch sprechen, habe ich
-erkannt, daß ich von Wagnerscher Musik und Kunst jetzt halb soviel
-verstehe wie der Leibjäger Seiner Hoheit. Nu nadierlich, es muß doch
-der dienende Mensch in allernächster Umgebung des hohen Fachmannes von
-Kunst mehr verstehen als unsereiner, der doch nur wegen des Balletts
-ins Theater zu gehen pflegt!</p>
-
-<p>Von wo der Herzog den vielen Spiritus bezogen hat, weiß ich nun
-auch, nämlich von München, wo er fleißig mit Verstand und ohne Bier
-Kunstgeschichte studiert und dem dortigen Theater das Beste der
-Wagner-Inszenierungen abgeguckt hat. Muß der Mann gute und geschulte
-Augen haben! Und ein enormes Gedächtnis, das ihm ermöglichte, alles
-auf sein Dessauer Theater zu übertragen! Münchens Errungenschaften im
-verkleinerten Maße in Dessau! Und hier ein sehr dankbares, vom Herzog
-gut für Kunst erzogenes Publikum!“</p>
-
-<p>Fürstin Sophie hielt in der Lektüre inne und stöhnte: „Gott! Was er für
-Nichtigkeiten schreibt!“</p>
-
-<p>Dann las sie weiter: „Bevorzugt wird hier die Oper, das Schauspiel, gut
-gepflegt, läuft nebenher! Für<span class="pagenum"><a id="Seite_142"></a>[S. 142]</span> modernes Liebesleben in neuen Stücken
-interessiert sich der Herzog anscheinend nicht, ick ooch nich! Wenn es
-wahr ist, was ich hier gehört habe, übertrumpft Dessau das Münchner
-Theater insofern, als es an der Mulde kein Defizit gibt! Mit so an
-vierhundert braunen Lappen subventioniert der Herzog seine Bühne und
-tut dabei noch Dienst als Oberregisseur und Hofkapellmeister! Allen
-Respekt! &ndash; In Gesprächen über Kunst habe ich mich aus triftigen
-Gründen auf das andächtige Zuhören beschränkt und vorsichtshalber
-keinen Ton von mir gegeben! Somit steht zu hoffen, daß der fürstliche
-Oberspiritual nicht gemerkt hat, was für ein &ndash; Flußpferd in
-<span class="antiqua">puncto</span> theatralische Kunst Prinz Emil von Schwarzenstein ist!
-Diese Ignoranz, auf deutsch: Dummheit, kann ich der lieben Mama schon
-eingestehen, weil Du meine Geistesbeschränktheit ja nicht auf den
-Stephansturm hängen wirst!“</p>
-
-<p>Die Kammerfrau trat ein und meldete, daß der Wagen zur Kirchfahrt
-bereitstehe.</p>
-
-<p>„Gleich, Hildegard! Nur noch fünf Minuten!“</p>
-
-<p>Hastig las Fürstin Sophie den Bericht des Sohnes zu Ende: „Tags darauf
-fuhren wir, der Herzog und ich, in die Dessauer Gehege, begleitet vom
-Leibjäger, der nicht bloß Kammerdiener, sondern gelernter Jäger ist
-und die Pirschfahrt zu dirigieren hatte. Ein interessanter Mummelgreis
-als sachkundiger Jagdkutscher auf dem Bock neben dem Leibjäger. Um
-die Wahrheit zu sagen: die genaue Kenntnis der Fahrwege und ihrer
-Beschaffenheit, der Bodenverhältnisse (zuweilen sumpfig), der Standorte
-des Rot- und Damwildes, der Sauen, das fast wortlose Zusammenarbeiten
-des Leibjägers und des Jagdkutschers, das brillante Umfahren und
-Einkreisen des Wildes hat mir imponiert! Für Jagd und<span class="pagenum"><a id="Seite_143"></a>[S. 143]</span> Wild habe ich
-bekanntlich und bis jetzt kein besonderes Interesse!“</p>
-
-<p>Seufzend unterbrach die Fürstin für einen Moment die Lektüre. Um Emils
-Interesse für Jagd und Wild zu wecken, hat die Fürstin das Jagdgut Hall
-gekauft. Und nun bestätigt der Sohn schwarz auf weiß den Mangel an
-Jagdinteresse... Zwecklos ausgegeben das viele Geld! &ndash; Dann las die
-Fürstin den Schluß: „Was hat denn Dein neues Hoffräulein dem Wolffsegg
-im Höchsten Auftrage geschrieben? Wolffsegg macht einen Kopf wie ein
-Schaf beim Donnerwetter! Ist die neue Brettelhupferin wenigstens jung?
-Hübsch kann sie nicht sein, weil Hofdamen nie schön sind! Mir ist’s
-natürlich egal, ich frage nur, weil die Brettelhupferin ja doch Deine
-Hofdame, also ständig bei Dir ist! Für die allernächste Umgebung wählt
-man doch lieber nette, sozusagen patschierliche, wenn möglich jüngere
-Leute aus!</p>
-
-<p>Kuß und Gruß der lieben Mama!</p>
-
-<p class="right mright2">Ew. Durchlaucht ehrerbietigst<br />
-Emil von Schwarzenstein.</p>
-
-<p><span class="antiqua">P.S.</span> Auch hier sind die adeligen Töchter des Landes nicht nach
-meinem Geschmack.“</p>
-
-<p class="mtop2">Sophie verschloß den Brief. Und fuhr mit Fräulein von Gussitsch zur
-Kirche im Dörflein Hall.</p>
-
-<p>Unterwegs fragte die Fürstin: „Was haben Sie denn, liebe Martina, dem
-Baron Wolffsegg geschrieben? Mein Sohn meldet, daß Wolffsegg gekränkt
-sei!“</p>
-
-<p>Die Hofdame versicherte, taktvoll und zart im Sinne der erteilten
-Weisung geschrieben zu haben. Anlaß zu einem Gekränktsein sei ganz
-gewiß nicht gegeben.</p>
-
-<p>Die Fürstin schwieg und hing ihren Gedanken nach, die sich mit
-dem Sohne beschäftigten. Unverkennbar<span class="pagenum"><a id="Seite_144"></a>[S. 144]</span> ein gewisses Aufwachen als
-wohltätige Folge dieser Reise.</p>
-
-<p>Die Nebel wichen, die Sonne lachte. Köstlich war die Fahrt zur Kirche.
-In guter Stimmung kam Sophie in Hall an, ehrerbietig von den Männern,
-mit auffallender Wärme, fast mit Begeisterung von den Weibern begrüßt.</p>
-
-<p>Pater Wilfrid hatte schon mit der Predigt begonnen, als die Fürstin
-mit dem Hoffräulein sich im kleinen Oratorium niederließ. Die Ankunft
-der Fürstin gewahrend, zauderte der Pfarrer einen Moment. Fatal war
-seine Lage, da er sich blitzschnell erinnerte, daß die Fürstin in der
-Haller „Frauenfrage“ auf Seite der Frau Forstwart Gnugesser stehe. Der
-Pfarrer aber soll und muß heute von der Kanzel aus den Kampf gegen die
-Weiberrevolution aufnehmen. Sein Thema kann er nicht fallen lassen,
-es ist unmöglich, auf die Fürstin Rücksicht zu nehmen. Das Interesse
-und Wohl der Pfarrgemeinde geht vor und steht höher. Entschlossen und
-mutig sprach Pater Wilfrid auf der kleinen Kanzel von der Einheit der
-Kirche und des Glaubens. „Christus wollte auch jene Gemeinschaft,
-welche die Wurzel des gesellschaftlichen Lebens bildet, die Ehe, auf
-den Boden der unzertrennlichen Einheit stellen. Und hier wollte er
-nicht nur eine äußere Einheit, er wollte die vollkommene Einheit der
-Familie, besonders der Ehegatten wiederherstellen. Diese von Christus
-gewollte Einheit verlangt aber die Gemeinsamkeit der beiderseitigen
-Interessen der Ehegatten. Nach der Lehre Christi soll der Mann das
-Haupt der Familie sein, die Frau aber soll in allen rechtlichen und
-billigen Dingen dem Manne untergeordnet bleiben, wie es die Kirche den
-Brautleuten ausdrücklich und entschieden an das Herz legt. Trennung<span class="pagenum"><a id="Seite_145"></a>[S. 145]</span>
-und Spaltung der Interessen beider Eheleute kann darum unmöglich der
-Wille des göttlichen Stifters des Ehesakramentes sein.“</p>
-
-<p>Pater Wilfrid hielt einen Moment inne, dann sprach er mit scharfer
-Betonung: „Wenn in der gegenwärtigen Zeit Strömungen kommen, die das
-Ideal der gottgewollten Einheit der Ehe zerstören wollen, so ist das
-nichts anderes als ein Angriff auf die Grundfesten der Ehe selbst!
-Es ist traurig und betrübend, daß in unsere Pfarrgemeinde solche
-Ideen durch Zeitungsnachrichten den Weg gefunden haben. Diese irrigen
-Nachrichten sind unverständigerweise mündlich weitergetragen worden
-von Personen, die keine Ahnung davon haben, daß durch derlei Ideen
-die Einheit der Ehe schwer geschädigt, erschüttert, ja vernichtet
-wird. Darum ist es notwendig, daß bei der menschlichen Schwäche
-beide Eheleute diesen Gedanken der von Christus grundgelegten und
-in seiner irdischen Familie vorbildlich durchgeführten Einheit der
-Ehe nie aus den Augen lassen und sich weder durch schriftliche, dem
-unchristlichen Weltsinne entsprungene Neuerungsideen, noch durch
-mündlich fortgepflanzte einseitige Interessenpropaganda in ihrer
-gegenseitigen heiligen Aufgabe irremachen lassen! Es ist notwendig,
-daß in erster Linie der Mann, der Ernährer und Brotverdiener, die
-Früchte seiner Arbeit zum Wohle seiner Familie verwendet und nicht in
-einseitigem Interesse nur für sein Wohlbehagen sorgt! Ihm muß als treue
-Lebensgefährtin die Frau zur Seite stehen, die Gattin, die nicht durch
-einen rein weltlichen Arbeitsvertrag, sondern durch ein Sakrament mit
-ihm verbunden ist.</p>
-
-<p>Eine schwere Gefahr für den Familienfrieden und für die Erziehung der
-Kinder ist es, wenn Mann und Frau ihre eigenen Wege gehen wollen und
-sogar eine Tren<span class="pagenum"><a id="Seite_146"></a>[S. 146]</span>nung der zeitlichen Güter und irdischen Interessen
-vornehmen wollen. Wenn Ehegatten dem Zuge der Zeit folgen, der darauf
-hinausgeht, daß jeder nur sich selbst der Nächste sein soll und sich
-nur um sein eigenes Wohl zu kümmern habe, so zerreißen solche Ehegatten
-dadurch das Band des ehelichen Glückes, sie vernichten die göttliche
-Gnade im verantwortungsvollen Ehestande. Gütertrennung vernichtet das
-Ideal der Ehe, die innigste Verbindung von Mann und Weib. Die Ehe hat
-zum Grunde die Opferliebe; jeder Gatte muß für den Ehepartner Opfer
-bringen können, muß sie auch bringen im gemeinsamen Interesse. Ohne
-gegenseitiges Vertrauen gibt es keine Liebe.</p>
-
-<p>In unserer Gemeinde streben einige Ehefrauen die Entlohnung ihrer
-Arbeit im Haushalte an. Diese Frauen sollen bedenken, daß das Eheweib,
-das für die Hausarbeit Bezahlung fordert, sich selbst erniedrigt!
-Ein solches Weib ist nicht mehr die dem Manne ebenbürtige Ehegattin,
-sondern eine Dienstmagd gegen Lohn!“</p>
-
-<p>Wieder machte der Pfarrer eine kleine Pause. Und dabei gewahrte er,
-wie die Fürstin Sophie sich weit vorgebeugt hatte und den Prediger
-mißbilligend anblickte. Aber weder Zustimmung noch Tadel durfte
-ihn abhalten, seine Pflicht zu erfüllen. So sprach er scharf im
-Tone weiter: „Die Frauen, die in unserer Gemeinde den Frieden in
-den Familien stören, von den Ehemännern gleich gar ein Drittel des
-Jahresverdienstes als Arbeitsvergütung fordern, diese Frauen berufen
-sich auf ein neues Gesetz, das eine solche Bestimmung enthalte. Laßt
-euch, Ehemänner, nicht irremachen, nicht einschüchtern! Bei uns gibt
-es ein solches Gesetz nicht, weder ein altes noch ein neues! In der
-Schweiz ist geplant, eine ähnliche Bestimmung in den Entwurf zum neuen
-Zivil<span class="pagenum"><a id="Seite_147"></a>[S. 147]</span>gesetzbuche aufzunehmen! Was die Schweizer tun, geht uns nichts
-an! Die Agitation der Frauen entbehrt also jeglicher Berechtigung! Und
-strafbar ist die Aufreizung! Wahret den Frieden im Hause! Amen!“</p>
-
-<p>Bevor Pater Wilfrid die Kanzel verließ, warf er einen Blick auf die
-Menge der Andächtigen. Unverkennbar war die Überraschung der Frauen,
-ein gewisses Frohlocken in den Mienen der Männer, ein Aufatmen der
-drangsalierten, nun durch den Pfarrer befreiten Ehemänner.</p>
-
-<p>Überrascht, unangenehm berührt schien auch Fürstin Sophie zu sein,
-die den Prediger starr vor Staunen angeguckt hatte und sich nun in
-das Dunkel des Oratoriums zurückzog. Und während des anschließenden
-Gottesdienstes beschäftigten sich die Gedanken der Frau mit der
-Frage, wie es die Gattin des Forstwarts wagen konnte, das Protektorat
-zu erbitten, wenn die ganze soziale Angelegenheit keine gesetzliche
-Basis hat. Eine Unverfrorenheit war es von der Forstwartsfrau, die
-Unterstützung zu erschleichen, die Fürstin in eine unberechtigte
-Agitation hineinzuzerren. Unschön und rücksichtslos fand es Sophie
-aber vom Pfarrer, daß er ihr nicht beizeiten die nötigen Informationen
-gegeben, einen Rückzug in aller Stille ermöglicht hatte. In dieser
-üblen Stimmung flüsterte die Fürstin dem Hoffräulein gegen Ende des
-Gottesdienstes die Bitte zu, dafür zu sorgen, daß der Wagen zur
-sofortigen Rückfahrt bereitgehalten werde. Gehorsam entfernte sich
-Martina aus dem Oratorium.</p>
-
-<p>Im Pfarrhause hatte die Dienerin Witwe Erna alles schön für den zu
-erwartenden Besuch der Fürstin, für das Teefrühstück vorbereitet.</p>
-
-<p>Als Pater Wilfrid hungrig von der Kirche kam und<span class="pagenum"><a id="Seite_148"></a>[S. 148]</span> den festlich
-geschmückten Frühstückstisch sah, lobte er die Wirtschafterin, die
-darob zwar geschmeichelt lächelte, dennoch aber dem Pfarrer die
-Bemerkung nicht schenken konnte, daß der hochwürdige Herr sich mit der
-heutigen Predigt bei den Frauen eine böse Suppe eingebrockt habe.</p>
-
-<p>„Ach was! Bringen Sie den Tee! Die Fürstin wird gleich kommen!“</p>
-
-<p>Wagengerassel auf dem Sträßlein veranlaßte Erna zum Fenster zu
-springen. Und erregt rief sie: „Da haben S’ den Salat, Herr Pfarrer!
-Den Tee können S’ alleinig trinken, die Fürstin fahrt heim! Mit
-dem Besuch ist also nichts, und ich hab mich umensunst geplagt!
-Wahrscheinlich wird sich auch die Duhrlauch wegen der Predigt geärgert
-haben! Wie man sich nur eine solche Supp’n einbrocken kann...!“</p>
-
-<p>„Bringen Sie mir das Frühstück! Auf Ihre Bemerkungen verzichte ich!“</p>
-
-<p>Alsbald servierte Erna mit allen Anzeichen der Enttäuschung und
-Verdrossenheit.</p>
-
-<p>Und Pater Wilfrid löffelte noch, als die Hausglocke Besuch anmeldete.
-Der übliche Sonntagsaudienzdienst für den vielgeplagten Pfarrer
-begann. Als erster Besucher kam der Forstwart Gnugesser mit seinem
-strahlendsten Lächeln höchster Befriedigung, beweglich und vergnügt,
-so daß das Bäuchlein hüpfte. Mit beiden Händen liebkoste der Forstwart
-den fuchsigen Patriarchenbart und zog die Schnauzerenden in die Länge,
-wodurch das Männlein ein geradezu kriegerisches Aussehen bekam. „Danken
-möcht ich, Herr Pfarrer, für die prachtvolle Predigt! Gut, sehr gut
-haben Sie den Weibern, die wo Geld möchten für die Arbeit im Haushalt,
-die Meinung gesagt! Uns Ehemännern haben Sie die<span class="pagenum"><a id="Seite_149"></a>[S. 149]</span> heißersehnte Erlösung
-gebracht! Ich dank von ganzem Herzen! Und meine Amanda werd ich mir
-heut noch fürifangen und die Krämerin auch, die, wo das Haupt der
-Weiberrevolution ist!“</p>
-
-<p>Scharf gellte die Hausglocke. Seine Rede unterbrechend, guckte
-Gnugesser zum Fenster hinaus, zog aber sofort den krebsrot gewordenen
-Kopf zurück und stotterte: „Au weh! Herr Pfarrer bekommen gefährlichen
-Besuch: die Krämerin will herein! Kann ich derweil nicht in Ihrem
-Schlafzimmer oder Salon warten, bis die Krämerin das Haus verlaßt?“</p>
-
-<p>Lächelnd meinte Pater Wilfrid: „Eben sagten Sie doch, daß Sie Ihre Frau
-und die Krämerin fürifangen wollten! Die Gelegenheit dazu ist geboten,
-Sie können der Krämerin hier die Meinung sagen!“</p>
-
-<p>„Nein, nein! Nicht hier, das Pfarrhaus soll doch ein Haus des Friedens
-sein! Empfehl mich gehorsamst, Herr Pfarrer!“ Und der tapfere Held mit
-dem Bäuchlein und Patriarchenbart drückte sich zur Türe hinaus. Und
-prasselte die Treppe hinab so schnell, daß sich die hagere Krämerin
-erschreckt in eine Ecke flüchtete.</p>
-
-<p>Als dann diese Frau vor dem Pfarrer stand, mußte Wilfrid unwillkürlich
-an jene Hundespezies denken, die sich durch besondere Magerkeit
-und minimale Menge an Gehirn auszeichnet. Dürr und mager wie ein
-Windhund war die Krämerin, aus den Augen leuchtete keineswegs
-Intelligenz, dafür Streitlust und Eigensinn. Unter dem schwarzen
-Kopftüchel quirlten etliche dünne Haarsträhne heraus wie Schlänglein.
-Das scharfgeschnittene Gesicht gemahnte an einen Raubvogel und
-kündete alles, nur nicht Sanftmut und Frieden. Und Krieg die eckigen
-Ellenbogen, Kampf die knochigen, auf die schmalen Hüften gestemmten
-Hände. Ein böser Blick züngelte am<span class="pagenum"><a id="Seite_150"></a>[S. 150]</span> Pfarrer hinauf, der aber diese
-Musterung ruhig aushielt und mit leichter Ironie im Tone fragte, womit
-er dienen könne.</p>
-
-<p>Fester stemmte die Krämerin die Hände auf die Hüften, scharf klang
-die Stimme: „Die Predigt, Herr Pfarrer, die unglaubliche Predigt! Es
-ist wirklich nicht zu glauben, was Sie heut von der Kanzel verkündet
-haben!“ Die rechte Hand löste sich von der Hüfte, gebieterisch streckte
-sich der Zeigefinger. „Diese Verkündigung wird der Herr Pfarrer
-zurücknehmen!“</p>
-
-<p>„Warum denn, liebe Frau?“</p>
-
-<p>„Weil das neue G’setz schwarz auf weiß zu lesen ist! Die ganze Welt
-weiß davon, nur der Pfarrer von Hall weiß nichts! Ich sag Ihnen: wir
-führen die gesetzliche Bestimmung durch, ob es Ihnen recht ist oder
-nicht! Wo ich die Fürsteherin vom Haller Frauenbund bin und zu befehlen
-hab!“</p>
-
-<p>„Die Absicht, ein gar nicht existierendes Gesetz zur Geltung zu
-bringen, müssen Sie nicht dem Pfarramt, sondern der Behörde und der
-Gendarmerie anzeigen, die Ihnen das Nötige und Weitere dann schon
-mitteilen wird!“</p>
-
-<p>„Mit den verdruckten Herren von der Bezirkshauptmannschaft will ich
-nichts zu tun haben, die Herren sind zu politisch! Von der Kanzel hat
-der Pfarrer gesprochen, durchaus Behauptungen, die dem Frauenbund nicht
-passen, also halt ich mich an den Pfarrer, der die heutige Predigt
-z’rücknehmen muß am nächsten Sonntag!“</p>
-
-<p>„Zurücknehmen kann ich nichts, aber ich werde in der nächsten Predigt
-schildern, was für eine grundgescheite Fürsteherin der Haller
-Frauenbund hat...“</p>
-
-<p>„Das ist grad nicht nötig! Ich weiß schon selbst, daß ich eine
-g’scheite Frau bin!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_151"></a>[S. 151]</span></p>
-
-<p>„Schön! Da Sie soviel Intelligenz besitzen, werden Sie gewiß auch
-wissen, wie man die Tür von &ndash; außen zumacht!“</p>
-
-<p>„Was? Ausschaffen! Mich, die Fürsteherin, wo im kleinen Finger mehr
-Gesetzeskenntnis hat als der ganze Herr Pfarrer! Das Ausschaffen
-werden S’ büßen, wahrlich nicht wenig!“ Wie beschwörend streckte das
-hagere Weib die dünnen Arme in die Höhe. „Sie wollen den Kampf, gut,
-wir werden um unser heiliges Recht kämpfen! Empfehl mich, Hochwürden!“
-Schrill lachend, entrüstet verließ die Krämerin mit zappeligen
-Schritten das Zimmer.</p>
-
-<p>Pater Wilfrid konnte der Komik dieses Auftrittes nicht widerstehen
-und schmunzelte. In das Treppenhaus tretend, wollte er eben hinunter
-zu Erna rufen, daß der nächste Besuch vorgelassen werden solle; das
-Gekeife der Krämerin veranlaßte ihn jedoch, mit dem Rufe zu warten.</p>
-
-<p>Wütend zeterte die Krämerin zur Dienerin: „Außi g’schmissen hat er
-mich! Wo ich die Fürsteherin bin! Ich aber steh gut dafür: die längste
-Zeit ist er in Hall Pfarrer g’wesen! Außi muß er! Und dem Abt in Admont
-werd ich meine Meinung sagen, bis ihm die Augen tropfen und die Ohren
-stauben!“</p>
-
-<p>Wilfrid lachte hellauf.</p>
-
-<p>In höchster Wut warf die Krämerin die Haustüre so wuchtig ins Schloß,
-daß das Pfarrhaus erzitterte.</p>
-
-<p>Der Reihe nach kamen Bauern mit ihren Anliegen; diesmal aber auch
-etliche Weiber, die aber wider Erwarten Wilfrids nicht auf die Predigt
-reagierten, dafür erstaunliche Bitten vorbrachten. Eine Bäuerin
-wünschte eine Bevorzugung durch Anweisung eines Kirchenstuhles in
-der vordersten Bank. Die Bauersfrau Troger bat<span class="pagenum"><a id="Seite_152"></a>[S. 152]</span> um Benediktion des
-Stalles, und zwar heute noch, weil der Pfarrer an Wochentagen selten
-oder nie in Hall sei, und eine Kuh Schlingbeschwerden habe. Eine andere
-Bäuerin klagte über den Lehrer, der ihren Kindern zuwenig beibringe und
-zuviel mit dem Stock arbeite. Mit einer kostbaren Beschwerde kam eine
-alte Jungfer namens Hupfauf: „Herr Hochwürden!“ lispelte sie anfangs,
-„ich bin es bekanntlich, die seit Jahren den Marienaltar mit Blumen
-schmückt; Sie aber sind es, der diesen Schmuck immer wegnehmen ließ!“</p>
-
-<p>Pater Wilfrid erwiderte trocken: „Ganz richtig! Jede Zierde muß Maß und
-Geschmack haben! Auch ziert man den Marienaltar nur an Marientagen und
-im Monat Mai!“</p>
-
-<p>Bedeutend schärfer im Ton rief die Jungfer Hupfauf: „Was? Sie wollen
-mir vorschreiben, wann ich die Gottesmutter verehren und schmücken
-darf? Und zuwenig G’schmack soll ich haben! So eine Beleidigung! Danken
-sollen Sie, daß man sich überhaupts um die Kirch’n kümmert! Wo die Welt
-eh schier nichts mehr von Kirch’n und Pfarrer wissen will in dieser
-schrecklichen Zeit!“</p>
-
-<p>Wilfrid suchte die aufgeregte alte Maid zu beruhigen.</p>
-
-<p>Aber die Jungfer wurde völlig rabiat und zeterte: „Sein tun die
-Mannsbilder alle gleich, lauter Spitzbuben, die z’sammenhelfen, wo
-es gegen die Jungfern geht! Schamen sollen Sie Ihnen, daß Sie zu den
-Mannsbildern halten und gegen die Weiber predigen! Mich geht die Sach
-mit dem Frauenbund nichts an, weil ich Gott sei Dank eine Jungfer bin
-und in Ewigkeit von Mann und Heirat nichts wissen will! Aber weil der
-Herr Pfarrer so &ndash; herb auf die armen Frauen ist und mir das Schmücken
-des Altars nicht erlauben<span class="pagenum"><a id="Seite_153"></a>[S. 153]</span> will, werd ich von nun an zum Frauenbund
-halten! Jawohl! Und Sie werden dann schon sehen, daß Sie den kürzeren
-ziehen! Denn siegen tut immer und überall das edle weibliche Geschlecht
-und die Tugend! Empfehl mich, Hochwürden!“</p>
-
-<p>Während die alte Maid hinausrauschte, krümmte sich Wilfrid vor Lachen.</p>
-
-<p class="s3 center mtop1 mbot1">*</p>
-
-<p>Dem Requiem zum Gedächtnisse des hochseligen Fürsten wohnten die Witwe,
-der zurückgekehrte Hausmarschall Graf Thurn, Fräulein von Gussitsch,
-die Beamten, etliche Jäger und das gesamte Personal bei. Hernach
-stattete die Fürstin mit Martina dem Pfarrer einen Dankbesuch ab. In
-milder Stimmung, die der Trauerfeier entsprach, dankerfüllt ob der
-rührendschönen Gedächtnisrede Wilfrids.</p>
-
-<p>Die Dienerin konnte diesmal Triumphe feiern und Anerkennung einheimsen,
-denn Fürstin Sophie nahm den Tee ein und lobte die weißhaarige
-Wirtschafterin nach allen Seiten hin.</p>
-
-<p>Im Verlaufe des Frühstücks kam die Fürstin auf Wilfrids „soziale“
-Predigt insofern zu sprechen, daß die hohe Frau fragte, ob es wirklich
-kein Gesetz ähnlich dem Schweizer Entwurf gebe.</p>
-
-<p>Schlicht erwiderte Wilfrid: „Nein, Durchlaucht!“</p>
-
-<p>„Was wird denn nun die Folge Ihrer Kontrastellung sein?“</p>
-
-<p>Die Schultern hochziehend, meinte Pater Wilfrid: „Abwarten und Tee
-trinken! Wenn die Männer mit dem Geld nicht herausrücken, wird die
-Frauenrevolution im Sande verlaufen müssen! Je eher, desto besser! Auch
-im Interesse Euer Durchlaucht!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_154"></a>[S. 154]</span></p>
-
-<p>Überrascht fragte die Fürstin: „Wieso? Meine Privatinteressen haben
-doch mit der Haller Frauenbewegung nichts zu tun!“</p>
-
-<p>„Doch! Nämlich im Falle, daß ein Gesetz <span class="antiqua">à la</span> Schweiz den
-Ehefrauen das Gehaltsdrittel des Brotverdieners bewilligen würde!“</p>
-
-<p>„Ich verstehe Sie wirklich nicht!“</p>
-
-<p>„Müßten die im Dienste Euer Durchlaucht stehenden verheirateten Beamten
-und Diener das Gehaltsdrittel den tugendsamen Ehefrauen zahlen, so
-würden die Beamten und Diener genötigt sein, die gnädigste Gebieterin
-um &ndash; Gehalts- und Lohnaufbesserung zu bitten!“</p>
-
-<p>„Ach so! Danke für diese wichtige Aufklärung! Sehen Sie zu, Herr
-Pfarrer, daß die Frauenbewegung bald ein wohltätig Ende findet!“</p>
-
-<p>Nach der Abfahrt der Frau rieb sich Peter Wilfrid die Hände, denn das
-schnell erfolgte „Umsatteln“ der Fürstin bereitete ihm Spaß. Und dann
-beschloß er, das energische Abrücken der Fürstin zu verwerten im Kampfe
-gegen die Haller Weiberrevolution.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_155"></a>[S. 155]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Achtes_Kapitel">Achtes Kapitel</h2>
-
-</div>
-
-<p>Das direkte Eingreifen der Fürstin in jagdliche Angelegenheiten,
-der Befehl, daß die Jagdgehilfen ihr direkt Berichte zu erstatten
-haben, all das mußte zur Ignorierung des Instanzenzuges führen, die
-Dienstesverhältnisse nachteilig beeinflussen, die Charaktere ungünstig
-verändern. Die Jagdgehilfen merkten sehr rasch, daß sie williges Gehör
-fanden, sie kamen wegen jedes Pfifferlings, machten sich wichtig,
-betonten die Mühen ihres Dienstes, ihre Aufopferung, und versuchten
-Geldgeschenke herauszuschinden. Um den Jagdleiter Hartlieb kümmerten
-sich die Jagdgehilfen kaum noch. Erteilte er Befehle, so wurde mit der
-Befolgung gewartet, weil nach entsprechend gefärbtem Bericht von der
-Fürstin ja doch Gegenorder gegeben wurde. Offene Auflehnung gegen den
-Oberbeamten wagten die Jäger natürlich nicht; aber sie freuten sich
-diebisch, daß so vieles über den Kopf Hartliebs hinweg angeordnet,
-dem Jagdleiter die Hände gebunden, ihm Stellung und Dienst sehr sauer
-gemacht wurden.</p>
-
-<p>Am frechsten gebärdete sich der schmucke, von Durchlaucht ganz
-besonders bevorzugte Jäger Eichkitz. War er doch eine Art „vortragender
-Rat“ in Jagddienstangelegenheiten geworden, täglich zum Bericht
-befohlen. Und fast immer geschah, was er befürwortete. Die täglichen
-Gänge zur Villa gaben einen willkommenen,<span class="pagenum"><a id="Seite_156"></a>[S. 156]</span> leicht zu begründenden
-Anlaß zur Dienstschwänzung, zu Erleichterungen. Die Rennerei in die
-hochgelegenen Pyrgas-Reviere hatte ein Ende. Klug deckte sich Eichkitz
-den Rücken gegen das Eingreifen des Oberbeamten, indem der fesche
-Bursch die Gebieterin aufmerksam machte, daß er nicht gleichzeitig an
-zwei Orten sein könne; nicht in der Villa bei der gnädigsten Fürstin
-und nicht zur selben Zeit auf dem Pyrgas. Das begriff die Gebieterin,
-und sie befahl, daß den Dienst in den Pyrgas-Revieren ein anderer
-Jagdgehilfe zu machen habe; Eichkitz solle nur zeitweilig behufs
-Kontrolle nachschauen.</p>
-
-<p>Eichkitz trug die Nase hoch; aber so klug war er doch, um sich
-durch Brüskierungen nicht unnötigerweise Feinde zu schaffen. Groß
-war freilich die Verlockung, den Kammerdiener Norbert hochnäsig zu
-behandeln oder doch zu verulken; Eichkitz sagte sich aber, daß er
-vielleicht den wegen seines Einflusses nicht zu unterschätzenden Mann
-gelegentlich brauchen könnte, und stellte sich in dieser Erwägung
-auf guten Fuß mit dem Haushofmeister. Der Kammerfrau Hildegard, der
-noch immer stattlichen Witib, gegenüber spielte er den aufmerksamen,
-demütigen Jüngling, huldigte ihr und verdrehte die Augen, seufzte
-wohl auch, wenn just kein Beobachter vorhanden war, und bettelte um
-Protektion. Nicht vergebens, denn die geschmeichelte Kammerfrau steckte
-ihm manchen Bissen zu. Da Eichkitz zur Schonung seines Geldbeutels
-freie Verköstigung zu Lasten, doch ohne Wissen der Fürstin anstrebte,
-mußte logischerweise mit der fürstlichen Hofköchin anbandeln. Dies
-gestaltete sich aber schwerer, als der hübsche Frechdachs es sich
-vorgestellt hatte. Die üppige Köchin mit dem ungewöhnlichen Taufnamen
-Restituta war keineswegs blind, sah ganz gut, daß der Jäger ein
-bildhübscher Kerl war, aber sie hatte<span class="pagenum"><a id="Seite_157"></a>[S. 157]</span> unerschütterliche Grundsätze.
-Restituta machte auch Eichkitz gegenüber, als er sie erstmals
-anschmachtete, kein Hehl daraus, daß sie gelobt und geschworen habe,
-genau den gleichen Lebenswandel zu führen wie ihre Namenspatronin,
-nämlich „jungfräulich“ zu bleiben und „mutig“ durch das irdische
-Leben zu gehen, auf daß die Köchin wie die heilige Restituta genau
-an einem 17. Mai sterbe und von einem Spezialengel in das himmlische
-Paradies geführt werde. Im tiefsten, heiligsten Ernste hatte Fräulein
-Restituta dies gesagt und dabei einen Blick verfrühter Verzückung zum
-Küchenplafond gerichtet. Eichkitz aber kämpfte mit übermenschlicher
-Kraft, um das Lachen zu verbeißen und den Anschein zu erwecken, als
-glaube er jedes Wort und er sei ein Verehrer der Restituta von wegen
-ihres „Mutes“. Nur sprechen konnte er in jener Stunde nicht, der
-Lachkitzel war zu stark.</p>
-
-<p>Bei einem zweiten Versuch der Anbandelung war der Frechdachs aber schon
-imstande, zu fragen, ob die Restituta auch &ndash; wohltätig gewesen sei.</p>
-
-<p>Davon war der Köchin nichts bekannt; sie wußte sich aber zu helfen,
-indem sie dem andächtig zuhörenden Jäger mitteilte, daß laut der
-Heiligenlegende die selige Jungfrau Restituta aus einer &ndash; adeligen
-Familie stammte. Weil sie dann Christin wurde und hinterdrein ob ihres
-Märtyrertodes heilig, muß sie auch wohltätig gewesen sein.</p>
-
-<p>Eichkitz beschattete mit der Hand die listig funkelnden und lachenden
-Augen, und süßlichen Tones sprach er die Überzeugung aus, daß
-sicherlich auch die Köchin Restituta willens sei, sich durch ausgiebige
-Wohltätigkeit den freien Eintritt in das Himmelreich zu verdienen.</p>
-
-<p>Wie erhofft, biß die dicke Köchin auf diesen Köder,<span class="pagenum"><a id="Seite_158"></a>[S. 158]</span> indem sie
-herausplatze: „Aha jo! Gärn aa no! Wos möcht er denn, der Jaaga?“</p>
-
-<p>„Der Hunger tut weh, Fräuln Restituta! Besonders tut der Hunger weh,
-wenn der Mensch kein Geld nicht hat! Sind Sie vielleicht auch aus einer
-adeligen Familie, Fräuln Restituta? So etwa vom Landadel?“</p>
-
-<p>Hochgeschmeichelt meinte die Köchin mit wonnekündendem Lächeln:
-„Därweil no net!“</p>
-
-<p>Der Lohn für die kecke Schmeichelei bestand darin, daß Eichkitz ein
-großes Stück Paprikaspeck bekam. Und als der enttäuschte Schelm
-jammerte, daß der Paprika viel Durst erzeuge, gab ihm Restituta auch
-noch Geld zur Durstlöschung. Und dazu den Rat, zu jener Stunde in die
-Küche zu kommen, wenn für das Hauspersonal das Essen verabreicht werde.
-Wo für so viele Leute Speise und Trank vorhanden sei, könne ein armer,
-frommer Jäger auch mitessen.</p>
-
-<p>Und so erreichte der Frechdachs sein Ziel doch. Aber schon nach
-etlichen Tagen juckte ihn der Übermut, er verulkte die heilige
-Restituta so drollig und witzig, daß die Hausangestellten vor Vergnügen
-brüllten, die entrüstete Köchin aber den Spötter mit dem Besen
-fortjagte.</p>
-
-<p class="s3 center mtop1 mbot1">*</p>
-
-<p>Oberförster Hartlieb war sich darüber völlig klargeworden, daß er
-unter den so gründlich und ungünstig veränderten Dienstesverhältnissen
-nicht auf die Dauer in seiner Stellung bleiben könne. Mannesehre,
-Stolz und Berufsliebe zwingen dazu, den Posten aufzugeben, sich um
-eine andere Stellung zu bewerben, anderswo unter einem Jagdherrn und
-Sachverständigen zu dienen. Der Weiberwirtschaft im Jagdbetriebe war
-Ambros<span class="pagenum"><a id="Seite_159"></a>[S. 159]</span> Hartlieb bis zum Ekel überdrüssig geworden. Von einem richtigen
-normalen Jagdbetrieb konnte überhaupt nicht mehr gesprochen werden.
-Überflüssig war der Jagdleiter, er wurde nicht gerufen, erhielt auch
-keine Befehle. Kam er in die Reviere, traf er den einen oder anderen
-Jagdgehilfen im Dienst, so war ziemlich deutlich eine gewisse passive
-Resistenz zu beobachten. Nicht offene Weigerung, die Befehle Hartliebs
-zu befolgen, nur verhaltener Widerstand, Verzögerung. Lauernde Blicke,
-spöttisches Lächeln, widerliche, mit Hohn gemischte Unterwürfigkeit;
-Mienen, die zu künden schienen: Jagdleiter bist du nicht, hast nichts
-mehr zu befehlen, kannst mir auf den Buckel steigen!</p>
-
-<p>Keine Abschußerlaubnis. Keine Einladung mehr. Diese Ignorierung tat
-Ambros allerdings nicht wehe, im Gegenteil, der Forstmann und Jäger
-freute sich, daß ihn die Gebieterin in dieser Beziehung vergessen zu
-haben schien. Für den Hofdienst schwärmte Hartlieb nicht, hatte von
-der ersten Stunde an nichts Gutes erhofft. Aber doch nicht geglaubt,
-daß alles so schlimm für den Waldoberbeamten und Jagdleiter unter der
-Damenherrschaft kommen würde. Unerträglich und empörend war die Lage
-für den ernsten, einsamen Ambros geworden. Entwürdigend! Dirigent ist
-der Jagdgehilfe Eichkitz, Frechdachs und Schmeichler in einer Person.
-Ein falscher Tropf, aber ein fescher Bursch. Verlogen, faul, Egoist,
-eine Null als Jäger und als Mensch.</p>
-
-<p>In einsamen Stunden fragte sich Hartlieb oft, warum er sich nicht
-aufraffen kann, den Dienst aufzukündigen und den früheren Jagdpächter
-Grafen Lichtenberg brieflich zu fragen, ob er eine Stellung für ihn
-habe.</p>
-
-<p>Etliche Gründe hatte Ambros für seine Unentschlossenheit, für das
-Hinausschieben des entscheidenden Schrittes.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_160"></a>[S. 160]</span></p>
-
-<p>Die Hirschbrunft wird demnächst beginnen. Will die Gebieterin
-Brunfthirsche schießen, so muß sie sich ja doch an ihren Jagdleiter
-wenden. Unmöglich kann die Hirschbrunft ganz ignoriert bleiben; sie
-ist doch die Hohe Zeit, das Herrlichste im Jagdbetriebe und für den
-Jagdherrn!</p>
-
-<p>Wenn Hartlieb die Weiberwirtschaft verfluchte, so galt die Verdammung
-genau genommen nur der Mißwirtschaft auf der Seite der launenhaften
-und in ihren Entschlüssen unberechenbaren Gebieterin. Keineswegs der
-Hofdame, die ja nichts zu sagen, nichts anzuordnen hat.</p>
-
-<p>Dachte Ambros an das ihm sympathische Fräulein von Gussitsch, so hüpfte
-das Herzelein vor Wonne. Und dem einsamen ernsten Beamten war zumute,
-als müßte er himmelhoch jauchzen. Wie zierlich, nett, hübsch das
-Hoffräulein doch ist! Wie ein Edelmarder geschmeidig und elegant! Ob
-Mustela in diesem Leben Frau Hartlieb werden könnte?</p>
-
-<p>Können und wollen ist zweierlei!</p>
-
-<p>So hoffte Ambros Hartlieb und wartete; erlitt alle Qualen trostloser
-Verliebtheit...</p>
-
-<p>Über seine triste Lage hätte er gerne mit dem Grafen Thurn gesprochen,
-sich dem alten liebenswürdigen Hausmarschall anvertraut. Aber der Graf
-hatte infolge der miserablen Witterung das Reißen bekommen und sich mit
-längerem Urlaub zum Gebrauch der berühmten heißen Quellen nach Römerbad
-in der südlichen Steiermark geflüchtet.</p>
-
-<p>Am Mittag eines naßkalten Herbsttages war es. Hartlieb hatte sich von
-Frau Amanda Gnugesser eine Fleischkonserve warm machen lassen, deren
-Inhalt er in der Kanzlei verspeiste. Der Gang zum Wirt in Hall war
-erspart. Eine Zigarre am Fenster schmauchend,<span class="pagenum"><a id="Seite_161"></a>[S. 161]</span> hielt Ambros stehend
-kurze Siesta und blickte auf das zum Jagdschlößl führende Sträßlein im
-nebelerfüllten Halltale.</p>
-
-<p>Plötzlich zuckte Hartlieb zusammen. Jähe Röte schoß ihm in die Wangen,
-ein Zittern lief durch den Körper, das Blut hämmerte und klopfte.</p>
-
-<p>Das Sträßlein kam Mustela-Martina herangestapft. In
-neckisch-praktischem Lodenkleid, fußfrei der kurze Rock, so daß die
-Stiefelchen sichtbar waren. Schneidig auf dem hübschen Köpfchen
-thronend das grüne Ausseer Hütel. Die geschmeidige Mustelagestalt
-freilich neidisch verhüllt von einem wasserdichten Regenmäntelchen.
-Ohne Regenschirm. Der zaghaft fallenden Schnürltropfen lachend, so daß
-die Marderzähnchen blinkten. Offenbar mußte das bildhübsche Hoffräulein
-sehr vergnügt sein.</p>
-
-<p>„Ob Mustela zu mir in die Kanzlei kommt?“ fragte sich flüsternd Ambros.
-Und des Zigarrenqualmes wegen, zur Lüftung der Kanzlei, riß er die
-Fenster auf. Und grüßte respektvollst.</p>
-
-<p>Und das Hoffräulein dankte mit einem allerliebsten Kopfnicken und
-munterem Lächeln. Und steuerte trippelnd dem Forsthause zu.</p>
-
-<p>Martina kam nicht herauf. Sie besuchte die Forstwartsfrau. Wie Ambros
-die überspannte Amanda Gnugesser um diesen Besuch beneidete!</p>
-
-<p>Der Uhr nach war es Zeit, den Dienstgang anzutreten. Hartlieb schloß
-die Fenster, machte sich marschfertig, und &ndash; blieb in der Kanzlei.
-Wartete und horchte auf das seltsame Klingen im Herzen.</p>
-
-<p>Frau Amanda begrüßte die hübsche Hofdame strahlenden Auges und mit
-einer gewissen stolzen Feierlichkeit. Sie hatte brieflich um Audienz
-gebeten in der Absicht, die Fürstin gewissermaßen scharfzumachen, als<span class="pagenum"><a id="Seite_162"></a>[S. 162]</span>
-Vorspann zu benützen und wegen der heillos unangenehmen Kanzelrede
-gegen den Pfarrer auszuspielen. Der Eitelkeit schmeichelte es nicht
-wenig, daß die Fürstin eigens die Hofdame schickt, um den erhofften,
-sehnlichst gewünschten Bescheid zu bringen, der nach Amandas Auffassung
-nur die Gewährung der Audienz sein konnte. Frau Amanda stutzte, als
-Martina von Gussitsch es dankend ablehnte, Platz zu nehmen und höflich
-mitteilte, daß auf Wunsch der Fürstin künftighin Zuschriften nicht an
-sie selbst, sondern an das Marschallamt oder an die Hofdame vom Dienst
-gerichtet werden sollen.</p>
-
-<p>Der Glanz in Amandas Augen erlosch, der Blick ward hart, die Lippen
-bleich. Und eine tiefe Falte zeigte sich auf der Stirne. Schwer
-enttäuscht sprach Frau Gnugesser: „Um mir das zu sagen, haben sich
-gnädiges Fräulein selbst herbemüht?“</p>
-
-<p>„Eine willkommene Bewegung in frischer Waldluft vor dem Lunch! Mündlich
-Bescheid zu geben, ist mir lieber als das Schreiben von Briefen!
-Allerdings überbringe ich einen Bescheid, der Ihren Wünschen nicht
-entsprechen wird!“</p>
-
-<p>Amanda rief erbittert schrillen Tones: „Meine Bitte um Audienz ist
-abgelehnt? Der Empfang verweigert? In einer so wichtigen Angelegenheit?
-Nicht zu glauben! Erst volles Interesse, jetzt Ablehnung! Ein
-erstaunlicher Wankelmut! Da wird wohl die Predigt eine Rolle gespielt
-haben!“</p>
-
-<p>„Bitte, beruhigen Sie sich! Ich bin über die Gründe, die Durchlaucht
-zur Ablehnung Ihrer Bitte veranlaßt haben, nicht informiert, kann
-also keine Auskunft geben! Die Fürstin wünscht, daß die Agitation
-eingestellt werde!“</p>
-
-<p>Heftig und gereizt wies Amanda darauf hin, daß die Agitation reine
-Privatsache sei und man demnach die<span class="pagenum"><a id="Seite_163"></a>[S. 163]</span> Fürstin weder um ihre Meinung zu
-fragen noch um Erlaubnis zu bitten habe.</p>
-
-<p>Kühl und höflich erwiderte Fräulein von Gussitsch: „Die Wünsche der
-Fürstin werden von jenen Frauen respektiert werden müssen, deren
-Ehemänner im fürstlichen Dienst stehen!“</p>
-
-<p>„Soll das eine Drohung sein?“</p>
-
-<p>„Nein, nur eine gutgemeinte Mahnung zur Vorsicht!“</p>
-
-<p>Spitz und giftig rief Amanda: „Ach was, Papperlapapp! Der Mann im
-fürstlichen Dienst erfüllt seine Pflicht, die Frau steht nicht im
-fürstlichen Dienst, sie ist Privatperson, und was die Frau tut, das
-geht die Fürstin keinen Pfifferling an! Will sich die Fürstin um uns
-kümmern, so soll sie die Hungerlöhne aufbessern! Auf diesem Gebiete
-kann sie sich nützlich machen!“</p>
-
-<p>„Meine Mission ist beendet! Guten Tag, Frau Forstwart!“</p>
-
-<p>Amanda begleitete das Hoffräulein bis in den Flur, und zum Abschied
-höhnte sie gründlich verbittert: „Empfehl mich! Meinen Handkuß, wenn
-ich bitten darf! Und wegen einer Einladung zum Essen soll man sich
-nicht mehr strapazieren, wir gehen grundsätzlich nicht zu Hof!“ Und
-wütend kehrte Amanda in ihre Wohnung zurück und warf die Tür krachend
-ins Schloß.</p>
-
-<p>Dieser Spektakel war für Hartlieb ein hochwillkommenes Signal, daß der
-Besuch beendet sein mußte. In Wehr und Waffen sprang der Oberförster
-die Treppe herab, und glücklich erwischte er Martina in nächster Nähe
-des Forsthauses. Weniger glücklich war er in der Wahl einer Anrede.
-Ansprechen wollte er Mustela, er mußte einige Worte an Martina richten,
-um die Wonne ihrer Nähe für einige Augenblicke zu genießen. Und so
-stammelte er denn: „Verzeihung! Keinen Befehl für mich?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_164"></a>[S. 164]</span></p>
-
-<p>Martina machte kehrt, und lachend zeigte sie die blitzenden
-Marderzähnchen: „Hofdamen haben bekanntlich nichts zu befehlen! Das
-könnte der Herr Oberförster und Hofjagdleiter wissen!“</p>
-
-<p>„Darf ich Sie begleiten?“</p>
-
-<p>„Aber ja, es wird mir ein Vergnügen sein! Vorausgesetzt, daß der Dienst
-Sie auf den gleichen Weg führt!“</p>
-
-<p>Der brave Waldmensch konnte nicht lügen, Ambros platzte mit der
-Wahrheit heraus: „Dienstlich sollte ich in entgegengesetzter Richtung
-wandern! Aber ich möchte Sie begleiten und ein ganz klein bisserl mit
-&ndash; Mustela plaudern!“</p>
-
-<p>Martinas zarte Wangen färbten sich. Der Verlegenheit wurde das
-Hoffräulein rasch Herr. „Also schwänzt der Oberbeamte den Dienst! Ein
-leuchtendes Beispiel für die Untergebenen! Apropos: mit wem wollen Sie
-ein ganz klein bisserl plaudern?“</p>
-
-<p>Jetzt war die Reihe zum Rotwerden an Hartlieb. Und in hilfloser
-Verlegenheit stammelte er das Geständnis, daß Fräulein von Gussitsch
-ihn besonders dann lebhaft an die Geschmeidigkeit und Zierlichkeit des
-graziösen Edelmarders, der lateinisch „<span class="antiqua">Mustela martes</span>“ heiße,
-erinnere, wenn das Fräulein ein hochgelbes Halsband trage.</p>
-
-<p>Die Bäcklein Martinas flammten glutrot. „Ei der Tausend! Soll ich mich
-durch diesen Vergleich geschmeichelt oder beleidigt fühlen? Der Marder
-ist doch ein Raubtier, nicht?“</p>
-
-<p>„Allerdings! Scheu, listig, beherzt, der denkbar kühnste Räuber, aber
-schön von Gestalt, vornehm besonders der Edelmarder in jungen Jahren
-mit dem hochgelben Hals! Ein schneidiges Kerlchen!“</p>
-
-<p>Martina kicherte im langsamen Weiterschreiten:<span class="pagenum"><a id="Seite_165"></a>[S. 165]</span> „Außerordentlich
-dankbar bin ich für diesen schmeichelhaften Vergleich! Entzückend nett,
-daß der Herr Oberförster das harmlose Hoffräulein mit dem ‚denkbar
-kühnsten Räuber‘ vergleicht! Können Sie mir vielleicht sagen, was ich
-bereits &ndash; geraubt habe?“</p>
-
-<p>So locker zwei Worte auf Hartliebs Zunge saßen, so leicht die Antwort
-wäre, er wagte nicht, sie zu geben. Die Blutwelle in Martinas Wangen
-kündete, daß Fräulein von Gussitsch die zwei ungesprochenen Worte
-erraten hatte. Und nun zappelte Martina mit beschleunigten Schritten
-heim.</p>
-
-<p>Um doch etwas noch zu sagen, stammelte Ambros: „Die Schneid Mustelas
-ist so groß, daß der schöne Edelmarder Tiere angreift, die ihm an Kraft
-und Körpergröße weit überlegen sind!“</p>
-
-<p>„So? Greift ‚Mustela‘ auch &ndash; Menschen an?“</p>
-
-<p>„In seltenen Ausnahmefällen auch Forstbeamte!“</p>
-
-<p>„Huhu! Höchst gefährlich! Sehen Sie sich vor, Herr Oberförster, daß
-Ihnen ‚Mustela‘ nicht mal plötzlich ins Gesicht springt und die
-Äugelein auskratzt!“</p>
-
-<p>Hartlieb lachte vergnügt: „Soll nur springen!“</p>
-
-<p>„Lieber nicht! <span class="antiqua">Addio!</span>“ lispelte Martina und flatterte hastig
-wie ein aufgescheuchtes Vögelchen dem nahen Schlößl zu. Wie ein
-Lohgerber den fortschwimmenden Fellen, guckte Ambros dem Hoffräulein
-betrübt nach. Dann kehrte er um und wanderte in den Wald auf der
-entgegengesetzten Seite...</p>
-
-<p>Im Speisesaale des Schlößls stand Norbert vor der Suppenterrine am
-Büfett und wartete auf das Erscheinen der Fürstin. Martina hatte in
-aller Eile Dinerkleider angelegt, kam genau auf die Sekunde in den
-Speisesaal und guckte verwundert.</p>
-
-<p>Norbert flüsterte ihr zu: „Kann eine Weile dauern,<span class="pagenum"><a id="Seite_166"></a>[S. 166]</span> Durchlaucht lesen
-einen soeben aus Berlin eingelaufenen Brief!“</p>
-
-<p>Stehend wartete Martina auf das Erscheinen der Fürstin.</p>
-
-<p>Fürstin Sophie las den Brief ihres Sohnes.</p>
-
-<p>„Liebste Mama! Über Berlin zu schreiben, werde ick mir hüten; diese
-großartige Weltstadt möge ein Schriftsteller von Gottes Gnaden und
-Beruf schildern. Nach so kurzer Zeit ein Urteil über eine total fremde
-und imponierende Millionenstadt abzugeben, wäre dumm und frech. Eines
-spüre ich schon beim Kaffee jeglichen Morgen: Wien ist Wien, und Berlin
-ist janz anders! In allem und jedem! Abstoßend und anziehend wie &ndash;
-Tiroler Rotwein besserer Sorte... An Damen habe ich hier vielerlei
-Exemplare kennengelernt. Adelige und nichtadelige. Hübsche und alte.
-Was meinst Du zu einer bürgerlichen Gattin?...“</p>
-
-<p>Als Fürstin Sophie den Brief zu Ende gelesen hatte, lag ein schwaches
-Lächeln auf den Lippen.</p>
-
-<p>Einen Blick warf sie auf die Uhr. Dann eilte die Fürstin in den
-Speisesaal, wo sie sich wegen der Verspätung bei Fräulein von Gussitsch
-entschuldigte.</p>
-
-<p>Wortlos verbeugte sich Martina.</p>
-
-<p>„Rasch servieren, Norbert! Und nur zwei Gänge! Nach Tisch bitte ich
-Sie, liebe Gussitsch, zu mir zu kommen!“</p>
-
-<p>„Zu Befehl, Durchlaucht!“</p>
-
-<p>Kein Wort wurde während des abgekürzten Lunches weiter gesprochen.</p>
-
-<p>Für Martina war es leicht zu erraten, daß der neue Brief des
-Prinzen den Befehl veranlaßt haben werde. Einen drolligen Bericht
-vermutend, der wahrscheinlich abermals die hyperempfindlichen Nerven
-der Gebieterin<span class="pagenum"><a id="Seite_167"></a>[S. 167]</span> irritiert, sah das Hoffräulein der Aussprache im
-Wohngemache mit voller Ruhe entgegen.</p>
-
-<p>„Bitte schreiben Sie das Telegramm, das ich Ihnen diktieren werde!“</p>
-
-<p>Gehorsam holte Martina das Schreibzeug und ein Telegrammformular und
-harrte alsdann des Diktates.</p>
-
-<p>Sophie sann und überlegte. Und plötzlich diktierte sie die Adresse und
-den Text: „Brief erhalten, erbitte Heimkehr! Drahtantwort wegen Ankunft
-und Wagen zum Bahnhof Admont. Mama.“</p>
-
-<p>Fräulein von Gussitsch schrieb die Worte.</p>
-
-<p>Dann sagte die Fürstin: „Lassen Sie anspannen, fahren Sie mit dem
-Telegramm zum Bahnhof, damit Zeit gewonnen wird! Und studieren Sie die
-Fahrpläne der Schnellzüge, die mein Sohn benutzen kann!“</p>
-
-<p>Martina gehorchte...</p>
-
-<p>Als alles nach Auftrag besorgt war, der Wettergott ein Einsehen hatte
-und etliche Sonnenstrahlen in das Ennstal sandte zur Erquickung
-eingeregneter Menschen, da schickte Martina den Wagen zurück; sie
-wollte laufen, dem Dienst ein Schnippchen schlagen... Frei sein für
-ganze zwei Stunden! Auf die Gefahr hin, bei Rückkehr von Durchlaucht
-einen Wischer in zugespitzten Worten zu bekommen.</p>
-
-<p>In Gedanken nannte Martina sich eine „nette“ Hofdame, die auf das
-„Dienstschwänzen“ erpicht ist. Doch dicht neben der Erkenntnis dieser
-schweren Sünde saß auch schon die Entschuldigung: ein Hoffräulein hat
-ja noch weniger vom Leben als die hohen Herrschaften, nicht einmal
-die Ausgangsfreuden der Dienstmädchen an Sonntagen! Ein mittelloses
-Hoffräulein, auf die Stellung angewiesen, besseres Zimmermädel, weiter
-nichts!</p>
-
-<p>Merkwürdig, wie schnell die Gedanken des „besseren<span class="pagenum"><a id="Seite_168"></a>[S. 168]</span> Zimmermädels“
-plötzlich sich mit der Frage beschäftigten, ob „man“ denn lebenslang in
-dieser Abhängigkeit ausharren könne?</p>
-
-<p>Jedes Dienstmädel hofft und ersehnt Befreiung, möchte, bevor die Haare
-grau werden, heiraten und Frau sein.</p>
-
-<p>Martinas Gedanken flatterten in das stille Forsthaus zu Hall und
-umspielten den ernsten lieben Oberförster Hartlieb und erbauten
-in rasender Eile ein Luftschloß, das zwei sich liebende Menschen
-bewohnen...</p>
-
-<p>Wie sich Martina aber vergegenwärtigte, daß sie als Frau Hartlieb
-ständig im einsamen Forsthause würde leben, viele Monate im Jahre
-mit der Fürstin in Berührung kommen müssen, da fiel das kühnragende
-Luftschloß jäh zusammen...</p>
-
-<p>Traurig promenierte Martina durch die stiftische Eichelau zur
-Ennsbrücke und pilgerte auf dem Sträßlein gen Norden zum Dorfe Hall.
-Fest entschlossen, niemals wieder Luftschlösser zu bauen. Aber
-dieser Vorsatz zerschellte an einem neuen Gedanken, an der plötzlich
-aufgetauchten Frage, ob denn Hartlieb genötigt sei, lebenslang im
-Haller Dienste zu bleiben?</p>
-
-<p>Eine Wegstunde hindurch beschäftigte sich Martina mit der Frage, was
-die Hofdame wohl tun würde, wenn Hartlieb einen anderen Posten annehmen
-und um Fräulein von Gussitsch anhalten würde? Soll die Antwort ein
-„Ja“ oder ein „Nein“ sein? Zur Bejahung gehört doch die große, alles
-überwindende Liebe!</p>
-
-<p>Martina schüttelte das hübsche Köpfchen, in dem so viele Fragen
-durcheinanderwirbelten. Und sie flüsterte dem Tann zu: „Soweit sind wir
-ja noch gar nicht! Ich weiß ja gar nicht, ob Hartlieb mich liebt!“</p>
-
-<p>Im grünen Tann seufzte der abendliche Bergwind.</p>
-
-<p>Der erwartete Wischer erfolgte nicht. Die Kammer<span class="pagenum"><a id="Seite_169"></a>[S. 169]</span>frau Hildegard meldete
-der heimgekehrten Hofdame in flötendem Tone, daß die Fürstin das Diner
-abgesagt, sich zurückgezogen und auf jede Dienstleistung seitens des
-Fräuleins von Gussitsch verzichtet habe.</p>
-
-<p>Somit war Martina ein freier Abend beschieden. Dienstfrei, aber
-selbstverständlich an das Haus gebunden.</p>
-
-<p>Im stillen Kämmerlein einsam und alleine lesen, schreiben. Und
-denken... „Viel denken macht Kopfweh!“ Schmerzliche Gefühle stellten
-sich ein, da Martina nach langem Sinnen erkannte, daß ihr so ziemlich
-alle Eigenschaften einer Hausfrau fehlen. Eine „schlechte Partie“
-würde Hartlieb mit dem Hoffräulein machen. Ganz abgesehen von der
-betrüblichen Tatsache, daß auch noch die Mitgift fehlte...</p>
-
-<p>Also an der Kette bleiben, besseres Dienstmädel...</p>
-
-<p>Salzige Kügelchen rannen über die Wangen...</p>
-
-<p>Ein klarer kühler Morgen brach an, einen Prachttag kündend.</p>
-
-<p>Des lachenden Sonnenscheins vermochte sich Martina nicht zu freuen,
-da sie der Folgen des gestern nach Berlin abgegangenen Telegrammes
-gedachte. Von Stunde zu Stunde bangte Martina einer unangenehmen
-Antwort und der Berufung der Fürstin entgegen.</p>
-
-<p>Dienstbereit harrte das Hoffräulein auf dem Zimmer.</p>
-
-<p>Gegen elf Uhr brachte Norbert ein Telegramm. Unwillkürlich fragte
-Martina, ob auch Durchlaucht eine Depesche erhalten habe.</p>
-
-<p>„Bis jetzt noch nicht, gnädiges Fräulein! Ist denn etwas Besonderes
-los?“</p>
-
-<p>„Danke, nein! Sie können gehen, lieber Norbert!“</p>
-
-<p>Der Kammerdiener entfernte sich schwer enttäuscht und geärgert.</p>
-
-<p>Martina bereute, Norbert gefragt zu haben; aber eine<span class="pagenum"><a id="Seite_170"></a>[S. 170]</span> Gewißheit
-wollte sie doch darüber haben, ob auch die Gebieterin eine Depesche
-erhielt. Da dies nicht der Fall ist, kann das an die Hofdame gerichtete
-Telegramm nur von Baron Wolffsegg stammen, und der Inhalt muß
-unangenehm sein.</p>
-
-<p>Ein Blick &ndash; und Martina stieß einen Schrei des Schreckens aus.</p>
-
-<p>Die befürchteten Folgen des Befehles waren da: der Prinz will Berlin
-nicht verlassen, Wolffsegg ersucht die Hofdame, der Fürstin die Bitte
-um sofortige Entlassung zu unterbreiten.</p>
-
-<p>Eine heillose Bescherung. Wie nur mit pflichtschuldiger Rücksicht und
-Zartheit der Fürstin diese Hiobspost beibringen?</p>
-
-<p>Martina biß die Marderzähnchen aufeinander, nahm die Depesche zur Hand
-und ging in das Vorzimmer, wo sie Hildegard dienstbereit wartend traf:
-„Bitte, melden sie mich! Dringliche Dienstangelegenheit!“</p>
-
-<p>Hildegard zögerte und fragte flüsternd, neugierig und zudringlich:
-„Doch nichts Unangenehmes? So früh am Tage Unangenehmes! Durchlaucht
-müssen geschont werden, haben eine schlechte Nacht gehabt!“</p>
-
-<p>So leise gesprochen wurde, die Fürstin mußte doch etwas gehört haben.
-Sie öffnete die Türe. Bleich, übernächtig sah sie aus, brennend die
-Augen, tiefe Sorgenfalten im Gesicht.</p>
-
-<p>Die Hofdame erblickend, zwang sich die Fürstin zu einem freundlichen
-Lächeln. „Schon dienstbereit? Bitte, kommen Sie zu mir herein!
-Hildegard soll warten!“</p>
-
-<p>Im Zimmer seufzte Sophie schmerzhaft. „Was bringen Sie, liebe Martina?“</p>
-
-<p>„Zu dienen, Durchlaucht! Soeben erhielt ich aus Berlin eine Depesche
-des Barons Wolffsegg...“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_171"></a>[S. 171]</span></p>
-
-<p>„Geben Sie!“</p>
-
-<p>Die Fürstin las das Telegramm langsam. Und mit einer das Hoffräulein
-überraschenden Ruhe sprach sie: „Ähnliches habe ich befürchtet, nämlich
-die Weigerung Emils! Nicht aber die Demission Wolffseggs, von der keine
-Rede sein kann; wenigstens jetzt nicht und bis Emil an meiner Seite
-ist! &ndash; Wir hätten anders depeschieren sollen...!“</p>
-
-<p>Den im Nachsatze steckenden Vorwurf schluckte Martina gehorsam
-hinunter, wiewohl er schmerzte. Ein ganz ungerechtfertigter Vorwurf,
-denn der Text war doch diktiert, stammte nicht vom Hoffräulein...</p>
-
-<p>Sophie sprach weiter: „Es kann auch sein, daß Wolffsegg von früher
-her verärgert ist, ob des Briefes, den Sie ihm gesendet haben! &ndash;
-Depeschieren Sie, daß die Demission nicht angenommen wird!“</p>
-
-<p>Der zweite Vorwurf tat Martina bitter wehe. „Befehlen Durchlaucht noch
-etwas?“</p>
-
-<p>„Danke, nein! Ich will abwarten, was Emil antworten wird! Die Depesche
-an Wolffsegg hat übrigens keine Eile! Sie bleiben zur Disposition!
-Danke! Auf Wiedersehen!“</p>
-
-<p>Nun weinte Martina wirklich. Wimmerte eine geschlagene Stunde. Wischte
-aber hastig die Tränen weg, als es klopfte. „Herein!“</p>
-
-<p>Ein Blick, ein Aufspringen und Entgegeneilen. „Durchlaucht geruhen
-selbst...!“</p>
-
-<p>Güte, Herzlichkeit und warme Freude kündete das Antlitz der hohen
-Frau. Weichen Tones sprach die Fürstin: „Ja, selbst! Muß ja Abbitte
-leisten dafür, daß ich Ihnen Vorwürfe gemacht habe! Also: Verzeihung,
-liebe Martina! Will mich bessern! Und Sie, liebe Martina, sollen die
-erste sein, die einzige, der ich die<span class="pagenum"><a id="Seite_172"></a>[S. 172]</span> Freudenbotschaft mitteile: Emil
-fügt sich doch! Er wird morgen nach Admont kommen! Das Schmerzlichste:
-Ungehorsam und Auflehnung bleibt mir also erspart! Gott sei Dank dafür!
-&ndash; Aber nun sagen Sie mir, liebe Martina, was meinen Sie: wie könnte
-ich dem Sohne zum Dank für seine Fügsamkeit eine besondere Freude
-machen?“</p>
-
-<p>Martina machte aufmerksam, daß sie in keiner Weise informiert sei,
-nicht die hohe Ehre hätte, den Prinzen zu kennen; demnach außerstande,
-irgendwelche Meinung zu haben und zu äußern.</p>
-
-<p>„Das Haller Jagdgut kann ich Emil nicht schenken, weil er sich &ndash;
-einstweilen &ndash; noch nicht besonders für die Jagd interessiert! Gekauft
-habe ich das Jagdgut ja nur für ihn!“</p>
-
-<p>So ratlos Martina war, ein Gedanke blitzte auf. „Wie wäre es, wenn
-Durchlaucht dem Prinzen die &ndash; Oberleitung übertragen würden? Als
-Beweis der Dankbarkeit und zugleich des Vertrauens! Und der Prinz
-würde dadurch Beschäftigung haben, sich im Verkehr mit dem Oberförster
-mählich doch für Wild, Forst und Jagd interessieren!“</p>
-
-<p>„Hm! Zwar glaube ich nicht recht daran, aber man kann es ja versuchen!
-&ndash; Und nun eine private Bitte, sprechen Sie mit Hartlieb, auf daß der
-Oberförster für einen schönen Empfang meines Sohnes sorgt, ja?“</p>
-
-<p>Martina erglühte wie eine Pfingstrose.</p>
-
-<p>Das jähe Erröten gewahrend, meinte die Fürstin: „Nanu! Was ist Ihnen
-denn? Doch nicht Fieber?“</p>
-
-<p>„Verzeihung! Mir ist arg heiß geworden &ndash;, die Freudenbotschaft
-plötzlich, die wider Erwarten doch günstige Wendung nach dem
-vorausgegangenen Ärger...“</p>
-
-<p>„Nu, nu! Hofdamen dürfen sich nicht ärgern! Nun<span class="pagenum"><a id="Seite_173"></a>[S. 173]</span> bitte ich Sie, den
-Oberförster vertraulich zu verständigen! Und laden Sie ihn zum Lunch
-ein! Auf Wiedersehen, liebe Martina!“</p>
-
-<p>Fräulein von Gussitsch küßte der Fürstin die Hand und geleitete die
-Gebieterin bis in den Korridor.</p>
-
-<p>Da saß nun Martina in der düsteren, ärmlich und streng dienstlich
-ausgestatteten Forstkanzlei vor dem Oberförster Hartlieb, beide stumm.
-So freundlich, ja freudig die Begrüßung war, ein gedämpftes Aufjauchzen
-sehnsüchtiger Seelen, die fröhliche Situation wurde durch zwei Worte
-verändert: „Zu spät!“</p>
-
-<p>Mit munterer Wichtigkeit hatte Fräulein von Gussitsch berichtet, daß
-künftig Prinz Emil sozusagen „Jagdherr“ sein werde, der Oberleiter,
-und Hartlieb seine rechte Hand und oberster Berater, der sich wohl
-bald in einen Vertrauensmann und Freund verwandeln werde. Daß Martina
-der Fürstin diesen Gedanken eingeblasen hatte im Interesse Hartliebs,
-verschwieg das Hoffräulein, um nicht zuviel zu verraten. Nur ganz
-wenig hatte Martina durchblicken lassen, daß nach Rückkehr des jungen
-Prinzen das „Weiberregiment“ ein wohltätiges Ende finden werde.
-Einen Freudenschrei aus Hartliebs frohbewegter, von Druck und Sorgen
-befreiter Brust hatte Martina erwartet. Ambros Hartlieb aber hatte
-tiefernst mit tonloser Stimme geantwortet: „Zu spät!“</p>
-
-<p>So bestürzt war Martina, daß sie gar nicht fragen konnte, was geschehen
-sei.</p>
-
-<p>Wie erloschen schien Lebensfreude und Zukunftshoffnung in Hartlieb, da
-er nach einer Pause sprach: „Zu spät kommt diese Botschaft, denn ich
-habe Schritte getan, um eine &ndash; andere Stellung zu erhalten! Hier sind
-die dienstlichen und sonstigen Verhältnisse unerträglich geworden!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_174"></a>[S. 174]</span></p>
-
-<p>In Martina quoll nach dem ersten lähmenden Schrecken jetzt doch
-eine kleine Hoffnung auf, auch der Mut zu fragen, ob denn ein
-Stellungswechsel sich so rasend schnell vollziehe, daß es für hier „zu
-spät“ sein müsse.</p>
-
-<p>Ein leises Lächeln huschte über Hartliebs ernstes Antlitz: „Das
-wohl nicht! Ich habe an den früheren Jagdpächter von Hall, Grafen
-Lichtenberg, geschrieben, ihn um gnädige Vermittlung und Empfehlung
-gebeten...“</p>
-
-<p>„Ach so!“ rief Martina im Tone der Befreiung von schwerer Sorge.
-„Demnach ist noch nichts abgemacht, Sie können also abwarten und
-zusehen, wie sich die Dienstesverhältnisse &ndash; bessern werden! Und sind
-sie ‚erträglich‘ oder gar &ndash; was ich hoffe und wünsche &ndash; gut geworden,
-so wird der Herr Oberförster doch wohl hierbleiben! Landschaftlich ist
-es ja doch wundervoll im Halltale, nicht?“</p>
-
-<p>„Gewiß! Nur schweren Herzens würde ich von hier scheiden! An eine
-günstige Gestaltung der Verhältnisse vermag ich aber nicht zu glauben!“</p>
-
-<p>„Warum nicht?“</p>
-
-<p>„Weil es heißt, daß der junge Prinz wenig oder gar kein Interesse für
-das Weidwerk habe!“</p>
-
-<p>Rasch warf Martina die Frage ein: „Woher wissen Sie denn das?“</p>
-
-<p>„Vor einiger Zeit, vor Ankunft der Frau Fürstin, hatte Graf Thurn die
-Frage an mich gerichtet, ob die Jagdausübung in den herrlichen Haller
-Revieren einen jungen apathischen Mann aufrütteln, die Weidmannslust
-erwecken könne. Namen wurden nicht genannt! Ich werde mich wohl kaum
-irren, wenn ich in dem ‚apathischen jungen Manne‘ den Prinzen Emil
-vermute! Wenn die Weidmannslust in einem Menschen erst &ndash; geweckt<span class="pagenum"><a id="Seite_175"></a>[S. 175]</span>
-werden soll, dann ist doch sicher ein Jagdinteresse nicht vorhanden!“</p>
-
-<p>„Das ist allerdings richtig gefolgert! Wer weiß aber, ob sich nicht
-doch ein gewisses Interesse einstellt! Der Jagdleiter selbst kann da
-einen großen Einfluß ausüben, je nachdem er den jungen Herrn behandelt,
-ihm Weidmannsfreuden verschafft! Nach meiner Auffassung ist das
-Wichtigste, daß der Herr Oberförster in engsten Konnex mit dem Prinzen
-kommt, den jungen Herrn führt und leitet! Das Weitere ergibt sich von
-selbst! Und die Günstlingswirtschaft wird wohl bald ein Ende finden!“</p>
-
-<p>„Das wäre freilich ein Segen!“</p>
-
-<p>„Hoffen wir das Beste! Und einstweilen bleiben Sie, ja?“</p>
-
-<p>„Versprechen kann ich nichts! Hat Graf Lichtenberg ein Jagdgut gekauft
-und wünscht er mich, so werde ich seinem Rufe Folge leisten müssen!“</p>
-
-<p>Martina sann und murmelte: „Lichtenberg, Lichtenberg?“</p>
-
-<p>„Zu dienen: Graf Udo von Lichtenberg!“</p>
-
-<p>Munter rief Martina: „Hab ihn schon! Vor kurzem las ich in der Zeitung,
-daß Graf Udo Lichtenberg nach Afrika abgereist sei, um im Sudan zu
-jagen! Demnach werden Sie von ihm in den nächsten Tagen kaum Nachricht
-erhalten!“</p>
-
-<p>„Was? Nach Afrika? Das kann nicht stimmen, nach Afrika zu Jagdzwecken
-reist man gewöhnlich um die Jahreswende! Und dem Grafen Lichtenberg
-sieht es nicht gleich, daß er die Hirschbrunft in heimatlichen Bergen
-ignoriere!“</p>
-
-<p>„Ist alles egal, Sie bleiben bis auf weiteres, ja?“</p>
-
-<p>„Bis auf weiteres, ja!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_176"></a>[S. 176]</span></p>
-
-<p>„Sagen wir: auf ein Jahr, ja? Hand darauf!“</p>
-
-<p>Ambros zögerte; es schien ihm bedenklich, sich zu binden.</p>
-
-<p>„Auf Manneswort, mir zuliebe, Herr Hartlieb!“</p>
-
-<p>Bewegt rief Ambros: „Ach Gott, was tät’ ich nicht alles &ndash; Mustela
-zuliebe?“</p>
-
-<p>„Hand darauf!“</p>
-
-<p>Hartlieb legte seine sonnengebräunte Hand in das ihm von Martina
-gereichte schmale Händchen.</p>
-
-<p>Und nun kicherte das vergnügt gewordene Hoffräulein: „Den mir
-aufgebrachten ‚Spitznamen‘ ‚Mustela‘ muß ich mir also gefallen lassen!
-Ist übrigens nicht ohne, die neue Situation: Mustela fängt den Jäger!
-Ansonsten ist es doch umgekehrt, nicht?“</p>
-
-<p>Ambros gab Martinas Händchen frei. „Darf ich erfahren, warum gnädiges
-Fräulein mein Verbleiben wünschen? Sind Sie denn gern im fürstlichen
-Dienst?“</p>
-
-<p>„Beide Fragen kann ich nicht beantworten, ganz unmöglich! Und nun zum
-Schlusse &ndash; die Zeit drängt und der Dienst ruft: Besorgen Sie gütigst
-alles für den festlichen Empfang, auf daß der Prinz recht angenehm
-überrascht wird und Sie liebgewinnt! <span class="antiqua">Addio!</span> Herr Oberförster!“</p>
-
-<p>Martina hatte es merkwürdig eilig, aus dem Forsthause zu kommen.
-Hartlieb aber hatte ein Gefühl, als sei seinerseits etwas sehr Liebes
-und Großes gründlich versäumt und verpatzt worden...</p>
-
-<p>Spät am Abend kritzelte Martina in das Tagebuch: „So ein Zottelbär,
-dieser Ambros Hartlieb! Führt seinen Namen zu Recht, denn es geht
-‚hart‘ mit seiner ‚Liebe‘! Aber ich hab’ ihn gern, schrecklich gern und
-hoffe auf einen guten Ausgang in späterer Zeit! &ndash; Gute Nacht, lieber
-Hartlieb!“</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_177"></a>[S. 177]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Neuntes_Kapitel">Neuntes Kapitel</h2>
-
-</div>
-
-<p>Überraschend und mit Überraschungen für die Mama war Prinz Emil
-gekommen. Ein schlanker, hochgewachsener junger Mann, blond das nicht
-üppige Haupthaar, flachsartig das Schnurrbärtchen, lichtblaue Augen
-mit dem Ausdruck von Gutmütigkeit. Muttersöhnchen, mager wie ein
-Zahnstocher, verzärtelt, verhätschelt, unsicher; bis vor wenigen Wochen
-wohl auch eitel, unfähig, einen selbständigen Entschluß zu fassen.
-Ehrerbietig hatte Prinz Emil die Mama begrüßt und geküßt, nichts von
-Verstimmung merken lassen, die ihm wegen der Abberufung von Berlin im
-Herzen saß.</p>
-
-<p>Tadellos höflich, nur etwas neugierig, hatte er das Hoffräulein
-begrüßt. Und Martina hatte mit dem schönsten Hofknicks Reverenz
-erwiesen; in Gedanken aber das Muttersöhnchen „<span class="antiqua">Steccadente</span> mit
-Schafblick“ genannt.</p>
-
-<p>Schon die Schnurrbärtchenfasson bildete eine Überraschung für Mama.
-Dann die Tatsache, daß Baron Wolffsegg nicht mitgekommen war, also Emil
-allein, nur von seinem Diener begleitet, hatte reisen müssen. Daß der
-Sohn bereits vierundzwanzig Lenze zählte, vergaß die Mama gänzlich. Und
-verärgert war die Fürstin über den Anlaß der Pflichtvernachlässigung
-seitens des Adjutanten. Verstimmt über die leichtfertige Art, wie
-Emil den Baron Wolffsegg kordial entschuldigte: Erbtante freundlichst
-prompt gestorben, selbstverständlich, daß Wolffsegg anstandshalber bei
-Beerdigung mithalf<span class="pagenum"><a id="Seite_178"></a>[S. 178]</span> und nun in Prag den vielen Draht einsackt; so ein
-Schwein kann eben nur ein böhmischer Baron haben.</p>
-
-<p>Diese Sprachweise, diese Ausdrücke gingen der Fürstin schwer auf die
-Nerven. Aber sie rügte nicht, um nicht schon am Tage des Wiedersehens
-Verstimmung und Verdruß heraufzubeschwören.</p>
-
-<p>Nicht völlig nach Wunsch der Mama hatte Emil sich bei der feierlichen
-Begrüßung an der festlich geschmückten Villa benommen: zu kordial und
-burschikos den Oberförster behandelt, begrüßt mit den Worten: „Nette
-Chose, sehr hübsch, freut mir jletscherhaft, lieber Oberförster; ich
-danke Ihnen heftig! Hoffe, daß wir Freunde werden im grünen Revier!
-Servus!“</p>
-
-<p>Einfach gräßlich für einen Prinzen, dachte Mama.</p>
-
-<p>Und dann die an den Forstwart gerichteten Worte: „Ah, notleidender
-Agrarier, wie Figura zeigt, essen wohl viel Notstandsgockel, daher der
-große Hendlfriedhof? Wie heißen Sie denn? Was, Gnugesser! Alle Wetter!
-Da versteht sich der <span class="antiqua">Plenus venter</span> von selbst! Muß bezüglich
-Ihrer Nase Witz von König Ludwig dem Ollen kopieren: ‚He, Landrichter,
-große Nase, doch nicht von der Regierung bekommen?‘ Na, bei Ihnen gar
-nicht möglich, denn Sie sind ja nicht von der Regierung, sondern unser
-Beamter! Auf Wiedersehen!“</p>
-
-<p>Für die Mama war es unverkennbar, daß Emil „aufgewacht“, von lähmender
-Apathie, von Geistesträgheit befreit ist. Die Reise hat gute Früchte
-gebracht. In dieser Hinsicht. Aber sonst: gräßliche Manieren,
-schrecklich der Ton. Eine beklagenswerte Veränderung im Wesen des
-bisher so gefügig gewesenen Muttersöhnchens.</p>
-
-<p>So sehr ging all dieses Neue auf die Nerven, daß die Fürstin alsbald,
-ohne Begleitung, nach Admont fuhr, um mit Pater Wilfrid darüber zu
-sprechen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_179"></a>[S. 179]</span></p>
-
-<p>Ein Privatissimum in der Klosterzelle, die der Öffentlichkeit
-zugänglich sein muß und sich außerhalb der Klausur befindet, weil
-Wilfrid Pfarrer ist, also Amtsperson.</p>
-
-<p>Fürstin und Mönch in bescheidener Zelle; sorgenerfüllt die Frau,
-diensteifrig der Pfarrer und Edelmann von Erfahrung und Weltkenntnis.</p>
-
-<p>Bitter klagte Fürstin Sophie, daß der Sohn „in Preußen“ revolutioniert,
-zu seinem Schaden in Kopf und Seele beeinflußt und verändert worden
-sei; spottlustig, sarkastisch der lammfromm gewesene Jüngling,
-standeswidrige Leutseligkeit. Seufzend, mit zitternder Stimme sprach
-die Fürstin: „Denken Sie nur, Hochwürden, mein Sohn fragte mich, wie
-ich über eine bürgerliche Braut dächte. Unerhört! Aber ich habe das
-Schreckliche verhindert durch einen gemessenen Befehl! Mit aller
-Strenge werde ich künftig vorgehen, um Entgleisungen zu verhüten, den
-Jungen vor Unglück bewahren! Helfen Sie mir, Herr Pfarrer, mit Ihrem
-Rat, mit Ihrer Erfahrung als Priester und Seelenhirte!“</p>
-
-<p>Pater Wilfrid verbeugte sich und sprach: „Euer Durchlaucht werden sich
-mit dem Faktum vertraut machen müssen, daß die Zeit vorüber ist, in der
-sich ein Sohn gängeln läßt; Prinz Emil ist der mütterlichen Aufsicht
-entwachsen, mit vierundzwanzig Jahren allerdings noch kein ausgereifter
-Mann, aber auch kein Jüngling mehr, der sich lenken, am Händchen führen
-läßt! Das Befehlenwollen der Eltern, nachdem der Sohn mündig geworden
-ist, seine eigenen Anschauungen hat und sich über das Lebensziel klar
-geworden ist, führt zu nichts Gutem! Mit solcher Befehlerei &ndash; ich
-bitte zu verzeihen &ndash; erzielt man nur Verschlossenheit, Gereiztheit,
-Eigensinn und Widerstand! Letzterer wird sich je nach Tem<span class="pagenum"><a id="Seite_180"></a>[S. 180]</span>perament und
-Erziehung aktiv oder passiv zeigen! Jeder Priester von Erfahrung muß zu
-den Eltern sagen: <span class="antiqua">Ne feceris!</span> Tue es nicht!“</p>
-
-<p>Die Fürstin jammerte: „Ach Gott! Nun halten gar auch Sie, der
-Geistliche, dem Sohne die Stange! Die Mutter wird doch berechtigt sein,
-Gehorsam zu fordern?“</p>
-
-<p>„Zu dienen, Durchlaucht! Achtung muß der Sohn erweisen, auch Gehorsam
-in dem, was den Eltern zukommt! Aber nicht darüber hinaus! Die Eltern
-können mahnend und warnend einzuwirken versuchen, erzwingen können sie
-aber nichts mehr! Gute Erziehung wird den Mann gewordenen Sohn davon
-abhalten, daß er Mahnungen und Warnungen etwa brüsk zurückweist!“</p>
-
-<p>Gedrückt klang die Klage: „So habe ich denn nichts mehr zu sagen und
-den Sohn soviel wie verloren&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;!“</p>
-
-<p>Soviel Pater Wilfrid sich bemühte, die hohe Frau zu trösten, es blieb
-vergeblich; die Fürstin erwies sich Trostworten nicht zugänglich in
-ihrem Seelenschmerze und verabschiedete sich mit Dank für die freilich
-sehr bittere Aufklärung.</p>
-
-<p>Der Seelenkenner im Benediktinerhabit behielt recht mit seiner
-Voraussage. Emil verhielt sich seiner Erziehung entsprechend
-selbstverständlich einwandfrei im Verkehr mit der Mama bei Tisch und
-sonstigem Zusammentreffen, aber von der früheren Offenherzigkeit, vom
-bedingungslosen Gehorsam war keine Spur mehr vorhanden.</p>
-
-<p>Der scharf beobachtenden Mutter konnte die schmerzliche Tatsache nicht
-entgehen, daß der Sohn grollte, der Mama nach Möglichkeit auswich.
-Um so mehr mühte sich die Fürstin ab, eine Annäherung und Versöhnung
-herbeizuführen, zumal sie befürchtete, daß die Verschlossenheit und das
-untätige Leben den Sohn auf<span class="pagenum"><a id="Seite_181"></a>[S. 181]</span> schlimme Gedanken und gefährliche Streiche
-bringen könnte. Um eine Flucht zu verhindern, hielt die Fürstin Emil
-sehr knapp mit Geldmitteln. Dachte gar nicht daran, daß dieses Vorgehen
-den mündigen Sohn völlig erbittern mußte. Und ganz verfehlt war der
-Tadel der Untätigkeit, die mit liebeflehenden Worten verzuckerte
-Mahnung zu irgendeiner Beschäftigung, z. B. Übernahme der Oberleitung
-im Forst- und Jagdamt, Kontrolle der Beamten und Jäger.</p>
-
-<p>Emil lehnte ab mit dem Hinweise auf Mangel an Sachverständnis.</p>
-
-<p>Eines tat er aber doch, ohne Wissen der Mama, er staubte den Freikost
-und sonstige Benefizien schindenden Jäger Eichkitz aus dem Schlößl
-raus, so gründlich und scharf, daß dem hübschen Frechdachs Hören und
-Sehen verging. Jäh hatte das Schlemmerleben und auch die Beeinflussung
-der Gebieterin ein Ende. Daniel Eichkitz mußte im Hochreviere Dienst
-tun wie die anderen Jagdgehilfen.</p>
-
-<p>Zeuge dieser Ausstaubung des Parasiten war vom Fenster ihrer Stube aus
-Fräulein Gussitsch, ohne daß Emil davon eine Ahnung hatte.</p>
-
-<p>Bald darauf wurde Martina zur Fürstin befohlen. Zu einer Aussprache.
-Das tiefbekümmerte Mutterherz verlangte nach Hilfe und Befreiung von
-quälenden Sorgen. Einen Weg sollte die Hofdame finden, der zum Herzen
-des Sohnes führt. Und Martina soll intervenieren, auf daß sich der
-Prinz beschäftige, um die Bewirtschaftung des Jagdgutes kümmere.</p>
-
-<p>Ob dieser Bitten war Martina anfangs erschreckt. Aber in Erinnerung an
-die von ihr beobachtete Ausschaffung des Jägers Eichkitz konnte Martina
-mit gutem Gewissen der hohen Gebieterin sagen, daß Prinz Emil<span class="pagenum"><a id="Seite_182"></a>[S. 182]</span> bereits
-sich der Interessen der fürstlichen Familie annehme, für Ordnung
-wenigstens teilweise gesorgt habe.</p>
-
-<p>Über die Details dieses Vorganges informiert, gab die Fürstin
-den seither bevorzugten Lieblingsjäger und Berater in
-Jagddienstangelegenheiten sofort preis, billigte die Ausschaffung
-nicht nur, sondern lobte der Hofdame gegenüber den Sohn himmelhoch,
-als hätte Emil die Welt aus den Angeln gehoben. Und im selben Atemzuge
-schier bat die Fürstin, es solle Martina den Prinzen dahin zu bestimmen
-suchen, daß er seine Tätigkeit zur Schaffung von Ordnung und Disziplin
-ausdehne und den Bediensteten scharf auf die Finger sehe. Wehen Tones
-klagte sie: „Auf mich hört Emil ja leider Gottes nicht mehr, vielleicht
-zeigt er sich Ihren Worten zugänglich! Seien Sie aber vorsichtig, liebe
-Martina, auf daß nicht Erbitterung und Trotz geweckt wird! Diplomatisch
-klug und vorsichtig vorgehen, um Emil willfährig zu machen! Mein Sohn
-soll glauben, daß sein Wille respektiert wird, daß er ganz nach seinem
-Gutdünken lebt und handelt; dabei aber wird er doch gelenkt durch Sie
-nach meinem Willen! Leicht wird das freilich nicht durchzuführen sein!
-Aber wir wollen den Versuch wagen!“</p>
-
-<p>Martina erklärte pflichtschuldigst ihre Bereitwilligkeit, machte aber
-auf die Gefahren der gewünschten Intervention aufmerksam.</p>
-
-<p>„Gefahren? Ich wüßte nicht, welche Gefahr aus Ihrer Intervention
-erstehen könnte!“</p>
-
-<p>„Ich werde mich zunächst der Gefahr aussetzen, in den Augen des Prinzen
-zudringlich zu erscheinen und zurückgewiesen zu werden!“</p>
-
-<p>„Undenkbar, wenn Sie klug und diplomatisch, mit Frauentakt
-intervenieren!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_183"></a>[S. 183]</span></p>
-
-<p>„Sodann befürchte ich üble Nachrede, wenn man mich häufig in
-Gesellschaft des jungen Herrn sieht...!“</p>
-
-<p>„Wo es sich um meine Wünsche handelt, hat Domestikengeschwätz nichts,
-aber rein gar nichts zu bedeuten! Sie handeln ja in meinem Auftrage
-und helfen einer bekümmerten Mutter! Sie dürfen jedoch mit keinem Ton
-verraten, daß die Intervention mit meinem Wissen erfolgt! Und nun gehen
-Sie ans Werk! Die Mutter dankt Ihnen von ganzem Herzen für diesen
-Lieblingsdienst, den ich nie vergessen werde!“ Liebreich und huldvoll
-reichte die Fürstin dem Hoffräulein die Hand zum Kusse.</p>
-
-<p>Auf ihrem Zimmer konnte Martina den Kriegsplan entwerfen. Ein geradezu
-lästiger Auftrag, unangenehm und gefährlich; dennoch nicht ganz
-unerwünscht nach der Richtung hin, daß Martina im Interesse Hartliebs
-wirken kann, wenn ihr Einfluß den Prinzen bestimmt, sich um die Jagd
-zu kümmern, mit Hartlieb zu verkehren und der Mißwirtschaft ein Ende
-zu machen. Werden die Dienstesverhältnisse gebessert, so wird Hartlieb
-froh werden und Martina dankbar sein.</p>
-
-<p>Ein beseligender Gedanke und Ausblick in die Zukunft. Vertrauensperson
-der Fürstin! Wie aber schnell und ausgiebig Einfluß auf den Prinzen
-gewinnen, ohne daß das hübsche Hoffräulein sich etwas vergibt und den
-Ruf schädigt...?</p>
-
-<p>Ein langes Sinnen und Planen. Dann ein Lächeln der Befriedigung, wobei
-die feinen Marderzähnchen blinkten.</p>
-
-<p>Martina hielt fleißig Ausschau nach dem „Zahnstocher mit dem
-Schafblick“. Vorerst vergebens.</p>
-
-<p>Aber gegen Abend vor der Dinerstunde sah sie den Prinzen
-zigarettenrauchend am Waldesrande unter<span class="pagenum"><a id="Seite_184"></a>[S. 184]</span> einer Fichte liegen,
-vermutlich vor Langeweile zum Sterben bereit.</p>
-
-<p>Mustela auf der Jagd... Martina schlich aus dem Schlößl, promenierte
-gegen den Talschluß zu, bog vom Sträßlein ab und stieg ein Weilchen
-bergan. Dann kam wie von ungefähr und rein zufällig das Hoffräulein,
-leise ein Liedchen summend, von oben genau in der Richtung auf den
-lungernden Prinzen herab.</p>
-
-<p>Schon das Knacken dürrer Zweige, das Kollern losgetretener Steine hatte
-Emil aufmerksam gemacht. Neugierig guckte er aufwärts. Und wie er das
-hübsche Hoffräulein im neckischen Lodenkleide erblickte, grüßte er
-vergnügt lächelnd und fragte, ob Fräulein von Gussitsch „dienstlich“
-Steine loslöse und ein Prinzenleben dadurch schwer gefährde.</p>
-
-<p>Im grünen Tann ein köstlich karikierter Hofknicks, wobei Martina
-kichernd mit den Fingerspitzen das fußfreie Lodenkittelchen um einen
-Zoll hochhob. „Untertänigst zu dienen! Die Steinchen haben nicht meine
-Füße losgelöst, sondern das schlechte Gewissen, die schwer bedrückte
-Hofdamenseele...!“</p>
-
-<p>Mit einem wahrhaftigen Schafblick guckte Emil das Fräulein an. „Was?
-Schlechtes Gewissen, bedrückte Seele? Ich bin perplex! <span class="antiqua">Non capisco
-niente!</span>“</p>
-
-<p>„Glaub es gerne, daß der gnädigste Prinz mich nicht verstehen!“</p>
-
-<p>„Nein, wirklich nicht! Habe keine Ahnung!“</p>
-
-<p>„So muß ich denn beichten, mitten im Grünen!“</p>
-
-<p>„Ich bin furchtbar neugierig! Schießen Sie los! Aber wollen wir uns
-nicht setzen auf schwellende Moospolster?“</p>
-
-<p>„Danke, nein! Es beichtet sich leichter im Stehen! Dabei wird auch
-vermieden, daß etwaige Beobachter auf<span class="pagenum"><a id="Seite_185"></a>[S. 185]</span> den Gedanken kommen, es handle
-sich um ein &ndash; Rendezvous zum Maikäfern!“</p>
-
-<p>„Ach, das wär aber wirklich nett, maikäfern mit einem etikettwidrig
-hübschen Hoffräulein, derweilen die gestrenge Fürstin von &ndash;
-Zahnschmerzen gepeinigt wird!“</p>
-
-<p>„Es maikäfert sich gar nichts, gnädiger Prinz!“ Und nun beichtete
-Martina planmäßig, daß sie Zeugin der Ausschaffung des profithungrigen
-Jägers Eichkitz gewesen sei. Diese rettende und befreiende Tat des
-Prinzen habe sie als Wohltat empfunden. Und den ordnungschaffenden
-jungen Herrn lobte sie über den Klee und sprach die Hoffnung aus, daß
-Prinz Emil noch mehr von den Parasiten „fürifangen“ und dreinfahren
-werde „wie ein geölter Blitz“.</p>
-
-<p>Höchlich geschmeichelt und interessiert rief Emil: „Aber das ist
-ja furchtbar nett! Hab’ ich mir da die Anerkennung des hübschen
-Hoffräuleins errungen und hatte davon keine Ahnung! Wenn Sie es
-wünschen, werde ich mit Vergnügen noch mehr der Kerls ‚fürifangen‘!
-Nur müssen Sie mir die Gauner näher bezeichnen! Überhaupt sagen, wo es
-Schlampereien gibt! Ordnung will ich gern und schleunigst schaffen!“</p>
-
-<p>Mit einem strahlenden Lächeln des Triumphes blickte Martina den so
-prächtig auf den gewünschten Pfad erwachenden Interesses gelockten
-Prinzen an. Und auf den Scherzton eingehend, sagte sie: „Bei mangelnder
-Kontrolle gibt es überall Schlampereien, besonders in Hofhaltungen ohne
-&ndash; männliche Oberaufsicht! Genaue Auskunft kann ich nicht geben, denn
-ich bin dienstlich stets in der Nähe der hohen Gebieterin! Direkt unter
-den Augen der Durchlaucht wagt auch der frechste der Frechdachse nicht
-zu stehlen! Hinterm Rücken schon!<span class="pagenum"><a id="Seite_186"></a>[S. 186]</span> Wenn aber der gnädigste Herr den
-Oberförster und Jagdleiter ins Vertrauen ziehen, kann Ihnen Hartlieb
-Dinge erzählen, daß die prinzlichen Augen tropfen!“</p>
-
-<p>„So? Nicht übel! Na, Feuerle anzünden ist von jeher meine Passion
-gewesen! Gleich morgen werde ich mit dem Oberförster reden, mich
-informieren lassen!“</p>
-
-<p>„Das wäre furchtbar nett von Ihnen! Vorausgesetzt, daß Sie den
-wohltätigen Sport des ‚Fürifangens‘ und ‚Feuerle-Anzündens‘ für längere
-Zeit betreiben wollen, nicht nur vorübergehend auf einige Tage!“</p>
-
-<p>„Aber gern! Sind denn die Verhältnisse durchweg so schlimm?“</p>
-
-<p>„So unerträglich, daß der Oberförster die Stellung verlassen wollte!
-Ich habe schwere Mühe gehabt, ihn zu bewegen, daß er versprach,
-auszuharren, bis der gnädigste Prinz kommt und mit eiserner Hand
-eingreift! Gottlob, Durchlaucht sind da und haben bereits mit Mannesmut
-und Mannesfaust eingegriffen! Allen Respekt, untertänigst natürlich!“</p>
-
-<p>„Sind Sie aber ein netter Käfer! Und so tapfer in Wahrung unserer
-Interessen! Weil wir aber so nett allein sind, möchte ich Sie bitten,
-mit mir einen Tauschhandel einzugehen, gewissermaßen ein Geschäft auf
-Gegenseitigkeit! Ich werde alles tun, was Sie wünschen, zur Schaffung
-von Ordnung und Purifizierung der Verhältnisse! Das Hoffräulein muß mir
-aber versprechen, schön fein die Mama zu bearbeiten, daß sie in einiger
-Zeit doch einwilligt und mir erlaubt, daß ich wieder nach Berlin kann.
-Wollen Sie mir diesen Gefallen tun?“</p>
-
-<p>Aalglatt wich Martina einem bindenden Versprechen aus und verwies
-auf den Mangel an Einfluß. Was getan werden kann, soll aber gerne
-geschehen. Übrigens<span class="pagenum"><a id="Seite_187"></a>[S. 187]</span> gäbe es ein sicheres Mittel, um das gewünschte
-Ziel zu erreichen: abschmeicheln!</p>
-
-<p>„Nee, Fräuleinken, dazu bin ick bereits zu alt!“ meinte gedehnt der
-Prinz Emil.</p>
-
-<p>„Huhu! Ein Greis von zwei Dutzend Lenzen! Einfach schauderhaft! Krücken
-gefällig zum Abstieg? Daheim Fleckerlschuhe anziehen, die gichtkranken
-Knie umwickeln mit Fellen von Rheumatismus-Katzen! Mummelgreis, der
-sich nicht zu helfen weiß! Tun Sie mir aber leid! Hab’ geglaubt,
-Prinz Emil sei ein junger fescher Mann! Derweil ist er ein ‚alter
-Mummelgreis‘!“</p>
-
-<p>Belustigt lachte Emil auf. „Na, wir werden ja sehen, wie der Hase
-läuft! Und inzwischen wollen wir zwei fest zusammenhalten, ja?“</p>
-
-<p>„Gerne, Durchlaucht!“</p>
-
-<p>„Ach was! Für Sie bin ich einfach der ‚Herr Emil‘! Das heißt, wenn
-wir allein und unter uns sind! Die Hofschranzen und Popanzen brauchen
-nichts zu merken von unserer Verschwörung! Also, auf Handschlag!“</p>
-
-<p>Zögernd sprach Martina: „Zur ‚Verschwörung‘ bin ich wohl bereit! Aber
-die Degradierung...?“</p>
-
-<p>„Gut! Dann befehle ich Ihnen, mich mit ‚Herr Emil‘ zu titulieren.“</p>
-
-<p>„Zu Befehl! Hier meine Hand, ‚Herr Emil‘! Und nun, damit die Schranzen
-und Popanzen nichts merken, geht der ‚Herr Emil‘ schön alleine voraus
-und hinunter zur Villa! Ich aber schlängle mich auf einem Umweg nach
-Hause! Empfehl mich gehorsamst!“</p>
-
-<p>„Servus, Käferl!“ Gehorsam und vergnügt stapfte der sehr munter
-gewordene, aus der „Tramhapigkeit“ völlig erwachte Prinz hinunter.</p>
-
-<p>Bis Martina auf Umwegen zum Schlößl kam, war eine heillose Verspätung
-eingetreten, die Dinerstunde<span class="pagenum"><a id="Seite_188"></a>[S. 188]</span> überschritten. Fürstin Sophie sagte
-nichts, blickte nur das Hoffräulein fragend an. Und wie sie das
-„optische Signal“ in Martinas strahlenden Augen gewahrte, daß der erste
-Schritt zur Intervention getan, mit Erfolg getan sei, da huschte ein
-Lächeln der Befriedigung über die Lippen der Mama.</p>
-
-<p>Prinz Emil aber setzte eine Miene auf, als könne er nicht bis fünfe
-zählen. Heuchelte absolute Gleichgültigkeit, schielte aber gelegentlich
-nach Martina, die er jetzt zum Anbeißen nett fand.</p>
-
-<p>Wenn es möglich wäre, einen gesunden Forstmann des Morgens im Bette
-zu überraschen, Emil von Schwarzenstein hätte dies Kunststück
-fast fertiggebracht, denn er kam am nächsten Tage zu sehr früher
-Stunde in das Forsthaus. Zum größten Erstaunen Hartliebs, der
-seinen Ohren nicht trauen wollte, als Prinz Emil, der Träumer, von
-Reorganisation, verschärfter Kontrolle, ja von Beseitigung jeglicher
-Günstlingswirtschaft sprach und den Oberförster um Unterstützung bat.
-Die Kontrolle der Jagdgehilfen in den Revieren sollte nach wie vor
-Aufgabe des Jagdleiters sein und bleiben, die Regulierung des nötigen
-Abschusses vom Vorstand des Jagdamtes persönlich vorgenommen werden.</p>
-
-<p>Auf den Einwand Hartliebs, daß die Fürstin gegenteilige Befehle erteilt
-habe, äußerte sich Prinz Emil dahin, daß er nun die Oberleitung
-führen werde und demgemäß seine Anordnungen zu befolgen seien, die
-selbstverständlich erst nach Zustimmung des Jagdleiters gegeben werden
-sollen.</p>
-
-<p>Freudig überrascht fragte Hartlieb, ob denn Prinz Emil nicht selbst den
-Abschuß vornehmen, das Weidwerk ausüben wolle.</p>
-
-<p>Emil verneinte diese Frage ohne Angabe der Gründe<span class="pagenum"><a id="Seite_189"></a>[S. 189]</span> und bat, es möge ihn
-Hartlieb sofort in die Reviere führen behufs Kontrolle.</p>
-
-<p>Dazu war Ambros Hartlieb natürlich mit Vergnügen bereit. Nur fragte
-er, während er nach Büchse und Bergstock griff, ob denn der Prinz mit
-Proviant versehen sei.</p>
-
-<p>„Ist nicht nötig! Werde nicht verhungern!“</p>
-
-<p>So marschierten beide denn ab. Und Hartlieb schlug einen Jägersteig
-ein, der zwar arg steil war, dafür schnell in die Höhe führte...
-Wie sich der Oberförster über den Wandel der Dinge freute! Manches
-am jungen Herrn gefiel Hartlieb in hohem Maße: der Eifer, die
-Einfachheit, der gute Wille für eine Reorganisation und Abschaffung der
-Günstlingswirtschaft. Nicht weniger erfreulich war für den Jagdleiter
-die Abschußbewilligung. Sonderbar fand Hartlieb allerdings den Verzicht
-auf jegliches Weidwerken; sonderbar bei einem jungen Manne, dem so
-herrliche, reichbestandene Reviere zur Verfügung stehen. Sollte der
-Mangel an Jagdinteresse wirklich bis zur Gleichgültigkeit für jegliches
-Wild gesteigert sein? Im langsamen Steigen erinnerte sich Hartlieb
-wieder der Worte des Grafen Thurn, der Frage, ob ein junger apathischer
-Mann beim Anblick von Wild auftauen, gewissermaßen von Jagdfieber
-ergriffen werden könne. Eine Probe darauf wollte Hartlieb vornehmen,
-den Prinzen an einen kapitalen Hirsch bringen, Emil das schußfertige
-Gewehr geben, und das Weitere beobachten. Nach Hartliebs Meinung kann
-ein schußberechtigter Mann beim Anblick eines Kapitalen unmöglich
-eiszapfig bleiben, das Hirschfieber muß wirken...</p>
-
-<p>Steigen konnte Emil vorzüglich, trittsicher und geräuschlos. Immer
-hielt er Abstand ein, blieb nie zurück und schwätzte nicht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_190"></a>[S. 190]</span></p>
-
-<p>Durch einen finsteren, engen Steilgraben ging es aufwärts, dann hinein
-in düsteren Hochwald, der zu den „Haller Mauern“ sich dehnte.</p>
-
-<p>Hartlieb strebte im lautlosen Pirschschritt einer Lichtung zu, wo seit
-einiger Zeit ein kapitaler Zwölfender stand.</p>
-
-<p>Emil folgte dem Führer stumm und unhörbar.</p>
-
-<p>Zwischen den alten hochstämmigen Mantelfichten schimmerte es grau, die
-Lichtung war nahe.</p>
-
-<p>Hartlieb blieb stehen, um zu horchen. Wie angemauert stand fünf
-Schritte von ihm der Prinz.</p>
-
-<p>Von der Lichtungswiese her kam ein rauher Ruf, ein kurzer Trenzer, dann
-ein dröhnend Rollen, der Schrei des Brunfthirsches zornig, begehrlich,
-ungeduldig, herausfordernd: „ä&ndash;o&ndash;ah!“</p>
-
-<p>Ein forschender Blick Hartliebs musterte den Prinzen, der ruhig stand
-und nur etwas verwundert horchte. Keine Spur von Leidenschaft oder
-Ergriffenheit.</p>
-
-<p>So nahe als möglich pirschte Hartlieb den röhrenden Hirsch an. Gehorsam
-wie ein guter Jagdhund folgte ihm der Prinz auf Schritt und Tritt.</p>
-
-<p>Fast in der Mitte der felsumrandeten Lichtung stand der Kapitale breit,
-vorgestreckt den zottigen Hals, werbend und kampfbegierig schreiend.
-Ein König, der zum Kampfe ruft...</p>
-
-<p>Bis auf Kugelschußdistanz brachte Hartlieb den Prinzen, der staunend
-den kapitalen Zwölfender anguckte. Flink und lautlos machte Hartlieb
-seine Büchsflinte schußfertig und gab sie wortlos dem Prinzen in der
-sicheren Erwartung, daß Emil nun zielen, die berühmte Sekunde lang
-die höchste Weidmannswonne genießen werde, indem das Büchsenkorn im
-Hirschblatt Haar faßt und der Finger den Stecher zum Schuß berührt...</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_191"></a>[S. 191]</span></p>
-
-<p>Prinz Emil sprach laut: „Aber was wollen S’ denn?“ Und er gab die
-Büchse zurück.</p>
-
-<p>In hoher Flucht ging der vergrämte Hirsch ab...</p>
-
-<p>Jetzt wußte Hartlieb bestimmt, daß dieser junge Mann kein Jäger war und
-niemals einer werden wird.</p>
-
-<p>Fast schmerzlich wirkte diese Erkenntnis auf den Jagdleiter. Und nichts
-weniger denn ermunternd für den Dienst unter einem Jagdherrn, der kein
-Weidmann ist...</p>
-
-<p>Viel mehr als der Zwölfender, der sich so rasch empfohlen hatte,
-interessierte Emil ein überraschender Kontrollbesuch des Jagdgehilfen
-Eichkitz. Deshalb fragte er, in welchem Distrikt Eichkitz zu finden
-sein werde. Zugleich erzählte er die Episode der „Ausstaubung“. Wobei
-Emil den Ton bis zum Flüstern dämpfte, da Hartlieb den Zeigefinger an
-den Mund gelegt hatte.</p>
-
-<p>Leise gab der Oberförster die kurze Antwort dahin, daß er den gnädigen
-Herrn zu Eichkitz führen werde.</p>
-
-<p>Eine mehrstündige scharfe Wanderung tief in Gräben hinunter, wieder
-hinauf, durch Wald, Steinwildnis, bis das grasige Plateau der Plechauer
-Alpe erreicht wurde.</p>
-
-<p>Wie Emil den wuchtigen Steinkoloß des imposanten Großen Pyrgas
-erblickte, rief er in heller Bewunderung: „Gott! Wie prachtvoll! Welch
-herrlich schöne Natur!“</p>
-
-<p>Trockenen und leisen Tones sprach Hartlieb: „Bitt schön! Nicht laut
-werden! Wenn Sie den Eichkitz überraschen wollen, müssen wir mit aller
-Vorsicht zur Almhütte pirschen! Wahrscheinlich hockt der Loder bei der
-Sennerin Burgl und raspelt Süßholz!“</p>
-
-<p>„Ja, gut! Machen wir! Bitte führen Sie mich so, daß wir nicht gesehen
-werden und daß ich den Kerl ‚fürifangen‘ kann!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_192"></a>[S. 192]</span></p>
-
-<p>Für diesen Überfall eines pflichtvergessenen Jagdgehilfen meinte es
-die Sonne gut, sie versteckte sich hinter dunklen Wolken, so daß der
-Almboden stark beschattet war. In diesem Schatten schlichen Hartlieb
-und Emil der Hütte zu, deren Türe halb offenstand.</p>
-
-<p>Die scharf klingende Stimme der schmächtigen Sennerin Burgl war
-deutlich zu hören: „Aus ist’s und gar ist’s! Wie du meinst, mag ich
-nicht! Auf dein Rezept: ‚vorm Heiraten taufen‘ laß ich mich nicht ein!
-Probier dein Rezept bei den Hofmentschern! Ich will nichts wissen!
-Und jetzt pack dich durch! Ein Jaager gehört ins Refür, nicht in die
-Almhütt’n!“</p>
-
-<p>„Sehr richtig!“ rief Prinz Emil und trat plötzlich in den Herdraum der
-Hütte.</p>
-
-<p>„Jeß Maria!“ schrie entsetzt die tugendhafte Burgl und rang die Hände.</p>
-
-<p>Verblüfft rutschte Daniel Eichkitz vom Herdrand herunter und stellte
-sich in Positur behufs Erweisung einer Art militärischer Reverenz vor
-dem Prinzen.</p>
-
-<p>Scharf sprach Emil: „Das nennen Sie Dienst machen? Für die
-Schürzenjagd, für das Karessieren bezahlen wir die Jagdgehilfen nicht!
-Ich warne Sie: Werden Sie noch einmal auf einer Dienstvernachlässigung
-ertappt, so erfolgt die sofortige Entlassung, verstanden!“</p>
-
-<p>Eichkitz erwiderte schnippisch: „Mit Verlaub! Der gnädig Herr hat mich
-aus dem Jagdschlößl ausg’schafft, das langt! Vom Dienst ausschaffen
-kann mich, so meine ich, doch wohl nur die Frau Fürstin, die wo
-Gebieterin ist und die Herrschaft ’kauft hat! I glaub nicht, daß...“</p>
-
-<p>„Herr Oberförster, darf ich bitten!“ rief Prinz Emil mit zornbebender
-Stimme.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_193"></a>[S. 193]</span></p>
-
-<p>Hartlieb trat ein und fragte: „Durchlaucht befehlen?“</p>
-
-<p>„Der Jagdgehilfe Eichkitz ist sofort seines Dienstes zu entheben!
-Über Kündigungsfrist, Lohnauszahlung usw. wollen Sie das Weitere
-veranlassen! Ebenso ist für Ersatz zu sorgen! Einstweilen kann wohl ein
-anderer Jagdgehilfe das Revier am Pyrgas beaufsichtigen!“</p>
-
-<p>„Sehr wohl, Durchlaucht!“ Zu Eichkitz gewendet sprach Hartlieb: „Sie
-verlassen sofort das Revier! Den Hüttenschlüssel bringen Sie in die
-Jagdamtskanzlei, wo morgen früh acht Uhr mit Ihnen abgerechnet wird!“</p>
-
-<p>Emil hatte die Almhütte bereits verlassen. Ihm folgte Hartlieb.</p>
-
-<p>Völlig verdattert hatte die schmächtige Burgl zugehört. Jetzt, da die
-Herren sich entfernt hatten, meinte sie zu Eichkitz, dessen Zähne an
-der Unterlippe nagten: „Siehgst es, da hast es! Ich hab es allweil
-g’sagt, daß die Dienstschwänzerei nichts taugt und bald ein böses End
-nimmt! Und dein Leichtsinn auch! Kannst lang suchen, bis du wieder
-einen so schönen Jaagerposten findest, du Sausewind!“</p>
-
-<p>Grob schnauzte Daniel Eichkitz die herbe Sennerin ab: „Dumme Gans!
-G’heiratet hätt ich dich nie nicht! Und nun kannst mir auf den Buckel
-steigen!“ Mit weiten Schritten zog er ab. Hinauf zur Pyrgas-Jagdhütte,
-um seine wenigen Habseligkeiten zu packen.</p>
-
-<p>Die Herren wanderten durch den Plechauergraben zu Tale. Und in der
-Ebene des Halltales angekommen, sprach Prinz Emil seinen Dank für die
-Führung aus. „Um meine Dankbarkeit aber auch zu beweisen, bitte ich
-Sie, den bewußten Zwölferhirsch zu schießen! Und auch nach Bedarf
-überzähliges Kahlwild, ganz wie Sie<span class="pagenum"><a id="Seite_194"></a>[S. 194]</span> es für nötig erachten! Auf
-meine Beteiligung am Abschuß und überhaupt am Weidwerk müssen Sie
-aber verzichten! Mir fehlt das Interesse, das Jägerblut! Ich bin nur
-ein begeisterter Naturfreund und Alpinist, habe nicht das geringste
-Verständnis für Wild und Jagd! Hingegen habe ich den ehrlichen Willen,
-Ihnen zu helfen, auf daß Ordnung wird! Bitte, sagen Sie dem Dickwanst
-Gnugesser &ndash; drolliger Name &ndash;, er soll mich morgen acht Uhr abholen;
-wir wollen einen forstlichen Kontrollgang machen! Weidmannsheil, lieber
-Oberförster! Auf Wiedersehen!“</p>
-
-<p>„Weidmannsdank! Und gehorsamsten herzlichsten Dank für die erquickende
-Abschußerlaubnis!“</p>
-
-<p>Der Forstwart Gnugesser stand Punkt acht Uhr früh am Portal des
-Schlößls, diesmal in Forstuniform und statt mit dem Hirschfänger
-mit dem Plätzhammer ausgerüstet. Mit seinem strahlendsten Lächeln
-im bärtigen Gesicht, hocherfreut von den guten Neuigkeiten, die ihm
-gestern abend Oberförster Hartlieb mitgeteilt hatte. Bereitwilligst
-hatte Beni auf Ersuchen Hartliebs die Mission übernommen, den jungen
-Prinzen über forsttechnische Angelegenheiten zu informieren, ihm die
-Notwendigkeit einer Forstnutzung auseinanderzusetzen, auf daß Prinz
-Emil den Widerstand der Mama bezüglich jeder Schlägerung überwinde und
-auch auf diesem Gebiete Reformen einführe.</p>
-
-<p>Länger als vermutet mußte Beni warten, denn Prinz Emil kanzelte im
-Flur des Hauses den Kammerdiener Norbert ab, und zwar so kräftig und
-gut verständlich, daß sich Gnugesser bei all seiner Gutmütigkeit und
-Friedensliebe hochvergnügt die Hände rieb. Offenbar versteht der junge
-Herr das „Aufmischen“ gründlich; und wenn Prinz Emil jetzt sogar
-die „allmächtigen<span class="pagenum"><a id="Seite_195"></a>[S. 195]</span>“ Vertrauenspersonen und einflußreichen Diener
-„fürifangt“, so müssen &ndash; nach Benis Meinung &ndash; die Verhältnisse bald
-anders und sehr gut werden.</p>
-
-<p>Endlich kam Prinz Emil in schlichter Lodenkleidung heraus, dem
-Gesichtsausdruck nach etwas verstimmt, grüßte kurz und bat, es
-wolle der Forstwart auf einem Inspektionsgange über den Stand der
-Forstangelegenheiten Vortrag erstatten.</p>
-
-<p>Der Marsch durch das nebelerfüllte Halltal wurde sofort angetreten.
-Für Benis dickes Bäuchlein und kurze Beine in einem zu schnellen
-Tempo. Eine Weile hielt Gnugesser zappelnd Schritt zur Linken des
-weitausgreifenden Prinzen, der sich anscheinend durch das Renntempo den
-Ärger weglaufen wollte. Dann aber wurde Benis Atem immer kürzer. So
-mußte er denn bitten, es möge der gnädige Herr etwas weniger schnell
-gehen. „Ich derpack das Gerenn nicht, die Haxeln sind z’ kurz!“</p>
-
-<p>Schmunzelnd mäßigte Emil das Tempo. Und mit sarkastischem Blick
-musterte er den „Hendlfriedhof“, das hüpfende Bäuchlein Gnugessers.</p>
-
-<p>Beni fing den Blick auf und sprach: „Glauben S’ nur ja nicht, gnädiger
-Herr, daß mein Wanst vom zu guten Essen so dick worden ist!“</p>
-
-<p>„Also vom Hungern und Fasten?“ meinte lächelnd Emil und ging
-gemächlichen Schrittes weiter.</p>
-
-<p>Eifrig beteuerte Beni, daß bei ihm Naturanlage vorhanden sei, eine mehr
-als dreimal verfluchte Veranlagung, die stetigen Verdruß verursache.</p>
-
-<p>„Warum denn Verdruß?“</p>
-
-<p>„No ja, halten zu Gnaden, weil mich jeder Hansdampf &ndash; Jeß Maria! Ich
-nehm das dumme Wort z’ruck &ndash; weil mich die Leut immer frozzeln wegen
-des<span class="pagenum"><a id="Seite_196"></a>[S. 196]</span> dicken Bäucherls! Ist aber nicht zum Lachen! Magere Kost...“</p>
-
-<p>„Vielleicht futtert der Forstwart zu feucht?“</p>
-
-<p>„Ist nicht möglich, Duhrlauch! Wo das Gehalt so klein ist!“</p>
-
-<p>„Was? Unzufriedenheit mit dem Gehalt?“</p>
-
-<p>„Nicht! Keine Spur nicht von Unzufriedenheit! Wenn ich sag, daß mein
-Gehalt so klein ist, so hängt das mit meinem Hauskreuz und mit der
-vermaledeiten Haller Weiberrevolution zusammen!“</p>
-
-<p>Emil fragte, neugierig geworden, nach Details dieser ihm fremden
-Verhältnisse und blieb stehen, damit Beni ruhigen Atems berichten
-konnte.</p>
-
-<p>Der häusliche Krieg wegen der Entschädigung der Hausfrauenarbeit im
-Ehestande, der Kampf um das Gehaltsdrittel des Brotverdieners hatte
-Beni die Hauptwaffe, die Zunge, so geschärft, daß er sehr präzis und
-geläufig über die Entwicklung dieser Frage referieren konnte. Und
-besonders scharf betonte er die ethische Seite, das Herabdrücken
-der Würde der Ehefrau durch Annahme eines Lohnes auf das Niveau der
-bezahlten Dienstmagd. Für die ihn selbst betreffende finanzielle Seite
-hatte er nur den winzigen Spott, den die Gutmütigkeit gestattete.
-„Merkwürdig ist nur, daß die Weiber nicht nachgeben wollen, wiewohl
-es gar kein solches Gesetz gibt und selbst in der Schweiz nur ein
-Entwurf besteht! Der Pfarrer hat bereits scharf geschossen, die
-Bezirkshauptmannschaft hat jedwede Agitation verboten und Bestrafung
-wegen Störung der öffentlichen Ruhe angedroht! Hilft alles nichts,
-meine heißgeliebte Amanda will das Gehaltsdrittel und hetzt weiter, bis
-sie hoffentlich bald eingekastelt wird!“</p>
-
-<p>„Aber das ist ja köstlich!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_197"></a>[S. 197]</span></p>
-
-<p>„Mit Vergunst: was soll köstlich sein?“</p>
-
-<p>„Die Situation, wenn Amanda &ndash; das ist wohl Ihre Gattin? &ndash;
-‚eingekastelt‘ wird!“</p>
-
-<p>„Köstlich oder nicht, jedenfalls krieg ich für einige Zeit Ruhe, so
-meine süße Amanda hinter schwedischen Gardinen sitzt als Revoluzzerin
-und Volksaufwieglerin!“</p>
-
-<p>„Ist denn meine Mama über diese interessante Affäre informiert worden?“</p>
-
-<p>„Wohl, wohl! Eine Zeitlang ist die Frau Fürstin für die Frauen gewesen,
-Duhrlauch hat es sogar dem Pfarrer von Hall verübelt, daß er die
-Revolution bekämpfte! Wie aber die Frau Fürstin vom Pfarrer genauer
-informiert worden ist, hat die Frau Fürstin nichts mehr wissen wollen!
-Natürlich schimpfen die Haller Weiber jetzt wie die Rohrspatzen über
-die Frau Fürstin!“</p>
-
-<p>„Na, sehr nette Chose! Was soll denn daraus werden?“</p>
-
-<p>„Ich hab keine Ahnung! Das begehrte Drittel kann ich nicht zahlen,
-soviel steht fest! Dazu ist die Gage wirklich zu klein; nichts für
-ungut, gnädiger Herr!“</p>
-
-<p>Im Weiterschreiten ließ sich Prinz Emil über die Höhe der
-Beamtengehälter und über die Löhne der Waldarbeiter und Jagdgehilfen
-informieren. Selbst von Mama mit Geld sehr knapp gehalten, hatte Emil
-eine Ahnung davon, was es heißt, mit wenig Geld leben zu müssen.
-Kein besonderes Verständnis für soziale Verhältnisse, noch weniger
-Verständnis dafür, wieviel Geld der Haushalt eines schlecht bezahlten
-Beamten oder Forstarbeiters jährlich verschlingt. Aber eine hübsche
-Idee hatte Emil, einen niedlichen Revanchegedanken: für seine eigene
-Knapphaltung ist Revanche möglich und sehr nett, indem der knickrigen
-Mama etlicher Mammon<span class="pagenum"><a id="Seite_198"></a>[S. 198]</span> dadurch abgeknöpft wird, daß man die Löhne des
-Forstwarts und der verheirateten Waldarbeiter aufbessert. Diebisch
-freute sich Emil über diese niedliche Revancheidee.</p>
-
-<p>Gnugesser erhielt Auftrag, ein Verzeichnis der verheirateten
-Angestellten im fürstlichen Dienste anzufertigen und auszurechnen,
-wieviel gezahlt werden müsse bei einer Aufbesserung um zwanzig Prozent.</p>
-
-<p>Einen Luftsprung vollführte Beni. Das Bäuchlein hüpfte. Und vor Freude
-schrie Gnugesser: „Vergelt’s Gott diese Wohltat!“</p>
-
-<p>„Nur gemach! Erst die Berechnung! Dann muß ich die Angelegenheit
-prüfen, studieren, wie Gelder aus dem Ertrag des Herrschaftsgutes
-flüssig gemacht werden können! Denn aus der Privatschatulle wird Mama
-die zur Aufbesserung der Löhne nicht bewilligen!“</p>
-
-<p>„Oh, gnädiger Herr! Geld soviel wie Heu können Sie herauszwicken, wenn
-überständiges Holz verkauft wird! Angebote haben wir genug, hiebreifen
-Bestand auch, nur die Erlaubnis zum Schlägern haben wir nicht &ndash;
-einstweilen!“</p>
-
-<p>„Gut! Machen wir! Ich werde Mama schon umstimmen! Aber nun noch etwas:
-den geldhungrigen Eheweibern muß der Mund gestopft, die Lust zum
-Revolutionieren gründlich ausgetrieben werden!“</p>
-
-<p>„Wie wollen denn gnädiger Herr dieses Kunststück fertigbringen?“</p>
-
-<p>„Sehr einfach das: zehn Prozent der Aufbesserung liefert der Ehemann
-der Gattin als Nadelgeld ab! Wer damit nicht zufrieden ist, wer weiter
-hetzt und agitiert, wird entlassen!“</p>
-
-<p>„Oha! Aber die Ehefrauen können doch nicht entlassen werden!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_199"></a>[S. 199]</span></p>
-
-<p>„Die Weiber nicht, aber die in unserem Dienst stehenden verheirateten
-Beamten und Arbeiter!“</p>
-
-<p>„Ah so wohl! Jetzt versteh ich, was Sie meinen! Wir Ehekrüppel bekommen
-durch die Aufbesserung eine Waffe, mit der wir die Revolution im
-Haushalt bekämpfen und niederringen können! Feine Idee das! Hätt
-gar nicht geglaubt, daß unser junger Prinz soviel Spiritus im Kopf
-hat! Jeß Maria, nichts für ungut; es ist mir gleich nur so dumm
-herausgerutscht!“ Und wütend auf sich selbst, schlug sich Beni auf den
-vorlauten Mund.</p>
-
-<p>Belustigt sprach Prinz Emil: „Ist schon recht, Dickwanst! Ich bin
-wirklich nicht so dumm, wie ich aussehe! Die Idee zur Lösung der
-‚Revolutionsfrage‘ gefällt mir selber, und ich glaube, daß den Weibern
-der Mund gründlich gestopft wird!“</p>
-
-<p>„Wohl, wohl! Bis auf die gefährliche Krämerin in Hall! Diese
-Oberhetzerin steht nicht im fürstlichen Dienst, sie kann also auf die
-Herrschaften husten und pfeifen, wie sie mag! Und das wird sie auch
-tun! Und solang dieses Malefizweib hetzt, wird auch keine endgültige
-Ruhe eintreten!“</p>
-
-<p>„So? Da bin ich anderer Meinung! Die Krämerin wird einfach boykottiert!“</p>
-
-<p>„Wie denn das?“</p>
-
-<p>„Zur Strafe für die Verhetzung wird der Boykott über die Krämerin
-verhängt! Wir kaufen nichts mehr bei ihr! Und wer von unseren Beamten
-und Dienern fürder den Bedarf bei der Krämerin deckt, wird entlassen!
-Merkt das die Krämerin, so wird sie, um nicht geschäftlich ruiniert zu
-werden, ganz gewiß zu Kreuz kriechen und jede Agitation einstellen!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_200"></a>[S. 200]</span></p>
-
-<p>„Gott! Sie sind ein heller Kopf!“ Und wieder schlug sich Beni auf den
-Mund.</p>
-
-<p>„Na schön! Nun gehen Sie heim und besorgen Sie mir so rasch als möglich
-die Aufstellung und Berechnung! Bis Mittag will ich alles in Händen
-haben!“</p>
-
-<p>„Sehr wohl, gnädiger Herr! Aber was ist’s mit dem Inspektionsgang?“</p>
-
-<p>„Machen wir ein andermal! Mich interessiert jetzt die
-Revolutionsangelegenheit und ihre Lösung!“</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_201"></a>[S. 201]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Zehntes_Kapitel">Zehntes Kapitel</h2>
-
-</div>
-
-<p>Des guten Herbstwetters halber hatte Fürstin Sophie eine Wagenfahrt
-nach dem idyllisch gelegenen Wallfahrtsorte Frauenberg bei Admont
-befohlen, und zwar nach dem Lunch. Als aber bei Aufhebung der Tafel
-Prinz Emil um Audienz in einer dienstlichen Angelegenheit bat mit dem
-Hinweise, daß die Besprechung wahrscheinlich längere Zeit beanspruchen
-werde, bestellte die erstaunte Mama den Wagen wieder ab.</p>
-
-<p>Daß der Sohn der Mutter sich wieder nähert, eine Aussprache wünscht,
-sich um Herrschaftsangelegenheiten kümmert, erfüllte die Fürstin mit
-größter Freude. Und im voraus war sie gewillt, allen Vorschlägen des
-geliebten Sohnes zuzustimmen.</p>
-
-<p>Als aber Emil mit dem von Gnugesser gelieferten Aktenmaterial im Zimmer
-der Mama erschien und von Schlägerung und Lohnaufbesserung sprach, ward
-die Miene der Fürstin etwas säuerlich. Und Mama verschanzte sich hinter
-dem Ausspruch des Jagdgehilfen Eichkitz, wonach die Jäger um jeden
-gefällten Baum heulen und „die Hirsche auch“.</p>
-
-<p>Trocken und kurz erzählte Emil, weshalb der Eichkitz wegen grober
-Dienstesvernachlässigung entlassen worden sei.</p>
-
-<p>Nun gab Mama jeden Widerstand auf, hütete sich auch, wegen der
-Entlassung des früheren Günstlings Eichkitz ein Wort zu äußern. „Tu was
-du willst, lieber<span class="pagenum"><a id="Seite_202"></a>[S. 202]</span> Sohn! Wenn ich um eines bitten darf, tu nichts ohne
-Hartlieb gefragt zu haben, der ja Fachmann ist!“</p>
-
-<p>„Gewiß! Selbstverständlich! Du wirst ja zweifellos während meiner
-Abwesenheit auch stets den Oberförster gefragt haben!“</p>
-
-<p>Fürstin Sophie biß sich auf die Unterlippe und schwieg.</p>
-
-<p>„So! Es ist alles erledigt! Wenn Mama gestattet, werde ich euch
-begleiten und mit nach Frauenberg fahren!“</p>
-
-<p>„Da du mitfahren willst, kann Martina zu Hause bleiben!“</p>
-
-<p>„Aber nein! Die Gussitsch soll nur mitfahren! Das arme Wurm versauert
-ja ohnehin auf ihrem Kammerl! Das bissel Vergnügen einer Wagenfahrt
-ist ihr schon zu gönnen! Vorausgesetzt, daß es in dem Nest etwas zu
-schnabulieren gibt! Ich habe heute einen merkwürdigen Appetit auf
-Backhühner und Steiererwein! Da der &ndash; mündige Prinz von Schwarzenstein
-naturellement die Zeche zu berappen haben wird, dermalen aber &ndash;
-<span class="antiqua">horribile dictu</span> &ndash; nur über lumpige zehn Kroneln verfügt,
-muß ich die durchlauchtigste Fürstin-Mama um Ausfolgung von Moneten
-allergehorsamst bitten!“</p>
-
-<p>„Ja freilich! Wieviel wird denn das Backhendl-Vergnügen kosten?“</p>
-
-<p>„Hundert Kroneln werden vielleicht genügen! Nichts Gewisses weiß man
-nicht!“</p>
-
-<p>„Was? Hundert Kronen?! Das ist ja ein ganzes Vermögen! Hundert Kronen
-für ein Backhendl? Entsetzlich! Unerhört teuer!“</p>
-
-<p>Schmunzelnd meinte Emil, den das Gejammer Mamas belustigte: „Ach wo!
-Ein Hunderter ist ungefähr soviel, wie wenn ein Ochs ein Veigerl
-frißt!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_203"></a>[S. 203]</span></p>
-
-<p>„Ach Gott! Diese Ausdrücke! Schrecklich! Sie gehen mir auf die Nerven!“</p>
-
-<p>Die Audienz endete damit, daß die Mama, die vom Geldwert und
-merkantilen Dingen nicht viel verstand, dem Sohne ganze zwanzig Kronen
-gab, die Emil gelassen in die Westentasche steckte. „Danke! Jetzt aber
-muß auch Norbert mitfahren!“</p>
-
-<p>„Aber warum denn?“</p>
-
-<p>„Das bleibt einstweilen mein Geheimnis! Untertänigsten Dank, liebe
-Mama!“ Emil küßte der Mutter die Hand und empfahl sich.</p>
-
-<p>Unten, und zwar in Nähe der Fenster von Martinas Zimmer, befahl Emil
-dem verdutzten Kammerdiener Norbert die Bestellung des viersitzigen
-Wagens absichtlich so lauten Tones, daß Fräulein von Gussitsch jedes
-Wort hören mußte. Richtig erschien auch Martina an einem der offenen
-Fenster.</p>
-
-<p>Hinauf grüßend und mit den Augen zwinkernd rief Emil: „Bitte, sich
-rasch fertigzumachen! Dienstfahrt nach Frauenberg zu Backhendl und
-Steiererwein! Ich fahre ooch mit!“</p>
-
-<p>„Nicht möglich! <span class="antiqua">Che grandissimo onore!</span>“ kicherte Martina und
-verschwand vom Fenster.</p>
-
-<p>In Gedanken nannte Emil das Hoffräulein einen „sehr netten Käfer“. Und
-auch die Wahrheit gestand er sich ein, daß er nur deshalb mitfährt,
-um die zum Anbeißen hübsche Martina etliche Stunden als Gegenüber
-betrachten zu können.</p>
-
-<p>Als der Wagen vorfuhr, erteilte Emil dem Kammerdiener den Befehl: „Sie
-fahren als Reisefourier mit, verstanden?“</p>
-
-<p>„Zu Befehl! Ich werde mich sofort mit dem Nötigen<span class="pagenum"><a id="Seite_204"></a>[S. 204]</span> versehen!“ Und
-hurtig verschwand Norbert, um ebenso rasch wieder zu erscheinen.</p>
-
-<p>Noch vor der Abfahrt wurde eine Depesche gebracht, welche für den Abend
-die Rückkehr des Grafen Thurn ankündigte und einen Wagen zum Bahnhofe
-Admont erbat.</p>
-
-<p>Fürstin Sophie meinte, daß man auf dem Rückwege von Frauenberg den
-Grafen in Admont abholen könne.</p>
-
-<p>Davon wollte aber Prinz Emil, dessen Augen die schöne Martina
-anblitzten, nichts wissen; er heuchelte Sehnsucht nach familiärem
-Zusammensein, das gestört würde durch ein minutiöses Erscheinen am
-Bahnhofe.</p>
-
-<p>Hocherfreut nahm die Mama diese spitzbübische Heuchelei für Ernst und
-gab Befehl, daß ein eigener Wagen für den Grafen Thurn gesendet werde.</p>
-
-<p>Während der Fahrt durch das in den Farben des Herbstes prangende
-Ennstal verhielt sich Emil schweigsam. Gleichgültig gegen die Pracht
-der himmelragenden Felskolosse, die das Tal besäumen. Um so größeres
-Interesse verriet der Blick für das bildhübsche Hoffräulein. Zu
-Martinas Unbehagen, denn fängt die Fürstin nur einen einzigen dieser
-brennendes Interesse kündenden Blicke auf, so wird eine bitterböse
-Situation heraufbeschworen sein. Unangenehm war sie jetzt schon
-während dieser dem „Vergnügen“ gewidmeten Fahrt durch die angespannte
-Aufmerksamkeit für die Gebieterin für den in jedem Moment möglichen
-Fall einer Ansprache, durch die Dienstesbereitschaft, durch den Zwang
-der Zurückdrängung von Gedanken, die sich mit Hartlieb beschäftigen
-wollten. Und wegen der brennenden Blicke Emils mußte Martina doch
-darüber nachdenken, wie sie der drohenden Gefahr entgegentreten
-solle, wie beizeiten<span class="pagenum"><a id="Seite_205"></a>[S. 205]</span> die züngelnde Flamme gelöscht werden könne. Der
-erwachte Prinz muß toll geworden sein, von einem Sinnestaumel erfaßt;
-ein verzehrendes Feuer glüht in seinen flackernden Augen. Und der
-Tollgewordene wagte es sogar zu fußeln.</p>
-
-<p>Martina mahnte mit einem tiefernsten Blick zur Vernunft, und scheu
-schielte sie nach der Fürstin, die gottlob von dem Gebaren des Sohnes
-nichts wahrgenommen zu haben schien und ihren Gedanken nachhing.</p>
-
-<p>Emil gab auf die optische Mahnung hin Ruhe, aber am nervösen Zucken der
-Finger war zu erkennen, daß der junge Mann seine drängenden Sinne kaum
-länger wird beherrschen können.</p>
-
-<p>Auf dem hochgelegenen Frauenberg angekommen, besuchte Fürstin Sophie,
-von Martina begleitet, sofort die doppeltürmige Wallfahrtskirche. Auch
-Emil ging mit, zur sichtlichen Freude der Mutter.</p>
-
-<p>Als dann die Sehenswürdigkeiten besichtigt waren und der von Norbert
-gedeckte Tisch im schattigen Garten des behäbigen Gasthofes bezogen
-wurde, waren etliche Stunden verflossen. Immer noch zu früh für das von
-Emil geplante ländliche Diner. Und bei dem bestellten dünnen Kaffee mit
-trockenem Kuchen konnte die gewünschte Stimmung nicht eintreten. Das
-eisige Verhalten Martinas, die nur für die Gebieterin zu leben schien,
-machte Emil verdrossen.</p>
-
-<p>Die Fürstin sprach von der überraschenden Stilverschiedenheit der
-Kirchen im Ennstale, besonders von dem Kontraste zwischen Admont
-und Frauenberg. Im Blasius-Münster edelste Gotik mit romanischen
-Portalen aus der Zeit des ersten Kirchenbaues, in Frauenberg hingegen
-ein italienischer Barockbau, prunkvolle Stuckarbeiten und prächtige
-farbenglühende Fresken. Zu Emil<span class="pagenum"><a id="Seite_206"></a>[S. 206]</span> gewendet, sprach die Mama: „Du hattest
-doch Kunstgeschichte studiert, mußt also mehr verstehen als ich! Kannst
-du angeben, wie man dazu kam, just hier einen so reichen italienischen
-Barockbau aufzuführen?“</p>
-
-<p>Emil hatte keine blasse Ahnung von Kunstgeschichte, aber die Inschrift
-der Grabplatte vor dem Hochaltare hatte er gelesen, und darauf sich
-stützend, von plötzlichem Übermut erfaßt, schwatzte er davon, daß
-der Erbauer von Frauenberg, der hier zu Ende des 17. Jahrhunderts
-beigesetzte Admonter Abt Adalbert aus dem Geschlecht der Heufler zu
-Rasen und Hohenbüchel ein Italiener gewesen sei.</p>
-
-<p>„Mit dem Namen Heufler zu Rasen ein Italiener? Wie ist denn das
-möglich?“</p>
-
-<p>„Oh, der Name bedeutet nicht viel für die Nationalität! Es kann ein
-Stockböhmak und Urtscheche einen völlig deutschen Namen haben oder
-umgekehrt!“</p>
-
-<p>„Ja doch! Wenn aber jener Heufler zu Rasen ein Italiener war, wie kam
-er in das Stift Admont?“</p>
-
-<p>„Wahrscheinlich mit der Eisenbahn!“</p>
-
-<p>Ob dieser handgreiflichen Aufschneiderei mußte Martina auflachen, sie
-konnte sich nicht bemeistern. Der Anachronismus war zu drollig, ebenso
-das spitzbübische Gesicht des Schelms, der es darauf angelegt hatte,
-die Mama reinfallen zu lassen.</p>
-
-<p>Wie nun Emil sah, daß das von ihm vergötterte Hoffräulein vergnügt
-lachte, war er augenblicklich in rosigster Stimmung und bemüht, Martina
-in guter Laune zu erhalten.</p>
-
-<p>Leise rügend sprach die Mama: „Du beliebst zu spaßen!“</p>
-
-<p>„Verzeihung! Harmloser Ulk im Familienkreise! Ko<span class="pagenum"><a id="Seite_207"></a>[S. 207]</span>pie der alten
-Geschichte vom Kaiser Josef und der Bahnwärterstochter!“</p>
-
-<p>Wieder ging die ahnungslose Mama dem Schalk ins Netz, indem sie sagte:
-„Davon ist mir nicht das geringste bekannt! Es wird sich doch der hohe
-Herr nicht so weit vergessen haben...?“</p>
-
-<p>„Oh, Mesalliancen sind auch in früherer Zeit vorgekommen! Und in
-neuester Zeit gibt es deren massenhaft! Ich würde auch nicht locker
-lassen! Um keinen Preis der Welt!“ Ein heißer Blick flog auf Martina.</p>
-
-<p>Fürstin Sophie erwiderte ernsten Tones: „Die Vernunft muß immer über
-der Neigung stehen!“</p>
-
-<p>„Verzeihung, Mama! Du meinst die Staatsräson! Für sie gilt allerdings
-dein Diktum immer und völlig! Bei mir wird es aber eine andere &ndash;
-Wurscht sein, da kommt die Staatsräson gar nicht in Betracht!“</p>
-
-<p>„Gott! Diese Ausdrücke! Und dann dieses sonderbare Thema! Ich will
-nicht hoffen, daß du noch derlei gefährliche Absichten hegst! Du bist
-doch auch noch zu jung!“</p>
-
-<p>„Oho! Bin schon vierundzwanzig Jahre alt!“</p>
-
-<p>„Entschieden verfrüht!“</p>
-
-<p>„Verzeihung, daß ich widerspreche.“ Wieder flog ein heißer Blick auf
-die vor Schrecken erbleichende Hofdame.</p>
-
-<p>In italienischer Sprache mahnte Mama: „Laß doch dieses Thema fallen!
-Bezahle die Rechnung! Ich wünsche heimzufahren, möchte vor Ankunft
-Thurns zu Hause sein!“</p>
-
-<p>„Nana! Welche ‚Pressiererei‘! Und die Backhendl, auf die ich mich so
-mächtig gefreut habe?“</p>
-
-<p>„Bitte, rufe Norbert und erteile Auftrag, daß angespannt wird!“</p>
-
-<p>Der Kammerdiener stand in einiger Entfernung dienstbereit und kam auf
-Emils Wink sofort herbei.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_208"></a>[S. 208]</span></p>
-
-<p>Gedehnten Tones sprach der Prinz: „Der Reisefourier soll seines Amtes
-walten! Abendessen abbestellen, aber bezahlen! Sogleich anspannen!“</p>
-
-<p>Erstaunt fragte die Fürstin leise: „Was soll das mit dem
-‚Reisefourier‘? Warum zahlst du nicht die Zeche?“</p>
-
-<p>Emil lachte nun vergnügt: „Werde mir hüten! Die zwanzig Silberlinge
-befinden sich unsäglich wohl in meiner Tasche! Der bezüglich der
-nicht bewilligten Backhendl verunglückte Ausflug soll nur aus der
-hochfürstlichen Kasse bezahlt werden! Norbert als Fourier wird schon
-verrechnen! Ich habe Rübchen: ätsch &ndash; ätsch! Mamale ist reingefallen!
-Diesmal bin ich der Schlauere gewesen!“ Und lachend imitierte Emil das
-Rübchenschaben und verbeugte sich drollig.</p>
-
-<p>Das geschah so nett und witzig, daß Mama nun doch lächelte und das
-Prinzlein einen ausgewachsenen Spitzbuben nannte.</p>
-
-<p>Während der Rückfahrt attackierte Emil das Hoffräulein abermals mit
-heißen Blicken, rutschte quecksilbrig auf seinem Sitze hin und her und
-suchte Martinas Händchen zu erhaschen.</p>
-
-<p>Dies bemerkte die Fürstin. Mit eisigen Worten bat sie den Sohn um ein
-anständiges Verhalten. „Später wird mehr zu sprechen sein!“</p>
-
-<p>Martina erschauerte und war dem Weinen nahe.</p>
-
-<p>Emil schien toll geworden zu sein. Er meinte: „Ach Gott! Wenn nötig,
-können wir sofort das Thema erörtern! Einmal muß es ja doch zum Klappen
-kommen!“</p>
-
-<p>Scharf mahnte die Fürstin: „Still jetzt! Die Leute auf dem Bock haben
-Ohren! Bedenke, daß du Prinz Schwarzenstein bist!“</p>
-
-<p>Emil verzog die Lippen und schwieg.</p>
-
-<p>Als der Wagen an der Jagdvilla vorfuhr, bat Mar<span class="pagenum"><a id="Seite_209"></a>[S. 209]</span>tina bebenden Tones um
-Gewährung einer außerordentlichen Audienz.</p>
-
-<p>„Ich werde Sie rufen lassen! Vorerst habe ich mit meinem Sohne zu
-sprechen!“ erwiderte sehr frostig die Fürstin.</p>
-
-<p>Hildegard kam gesprungen, um die Fürstin in ihr Zimmer zu geleiten und
-beim Kleiderwechsel behilflich zu sein. Das mußte auf ausdrücklichen
-Befehl sehr rasch geschehen. Dann erfolgte der Auftrag, den Prinzen zu
-rufen und dafür zu sorgen, daß keine Störung erfolge.</p>
-
-<p>Die Kammerfrau beteuerte, strengsten Türdienst leisten zu wollen. War
-doch ihre Neugierde übergroß.</p>
-
-<p>Hochaufgerichtet, wie eine strafende Göttin, flammenden Blickes, empört
-und entrüstet, stand die Mama vor dem Sohne, der sich trotzig verhielt,
-zum Losplatzen bereit schien, aber doch gehorsam die gepfefferte
-Strafpredigt ruhig anhörte.</p>
-
-<p>Aneinandergereihte Rügen für ein unartig gewesenes Kind, Tadelsworte,
-die mit der Frage endeten, was denn das Spiel heißen solle.</p>
-
-<p>„Nicht Spiel, Mama! Ich liebe Fräulein von Gussitsch!“</p>
-
-<p>„Ach was! Wo hast du nicht geliebt? In Dresden? In Dessau? Und in
-Berlin das bürgerliche Fräulein? Jünglingslaunen, Strohfeuer! Etliche
-kalte Umschläge, und der Fall ist erledigt! Bedauerlich, ja schmerzlich
-ist es für mich, daß ich die nette, mir sympathische Person nun
-entlassen, das arme Mädel in die grausame Welt hinausstoßen muß! Und
-das ist deine Schuld!“</p>
-
-<p>Festen Tones erwiderte Emil: „Nein, Mama! Nicht Jünglingslaunen,
-denn ich bin volljährig! Und nicht Strohfeuer, denn es ist heftige
-Leidenschaft, brennende Liebe!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_210"></a>[S. 210]</span></p>
-
-<p>„Kinderei, nichts anderes!“</p>
-
-<p>„Bitte, nicht dieses Wort, nicht diesen Ton! Ich bin kein Bub mehr
-und auch nicht gewillt, mich gängeln zu lassen! Und ich will dir
-ganz ernsthaft einen Vorschlag machen, Mama! Du weißt, daß ich sehr
-gerne in Berlin weiterleben möchte! Dir zuliebe habe ich mich deinen
-Wünschen gefügt und bin zurückgekehrt! Nun bin ich bereit, auf ‚Berlin‘
-zu verzichten, wenn du mir erlaubst, daß ich Fräulein von Gussitsch
-heiraten darf! Martina oder keine!“</p>
-
-<p>„Keine!“ Es klang metallisch hart und schneidend, erbittert und eisig.</p>
-
-<p>„Du lehnst meinen Vorschlag ab?“</p>
-
-<p>„Ja, rundweg!“</p>
-
-<p>„Gut! Für die Folgen hat die Mama aufzukommen!“</p>
-
-<p>„Ich verbitte mir derlei Ausdrücke! Nun geh und sage Hildegard, daß sie
-die Gussitsch rufen soll!“</p>
-
-<p>So zornig und erbittert verließ Emil das Boudoir, daß er die
-Verlegenheit der beim Horchen überraschten Kammerfrau nicht gewahrte.
-Grollend entledigte der Prinz sich des Auftrages, und dann schloß er
-sich in seinem Zimmer ein.</p>
-
-<p>Martina sah elend aus, verweint und bleich, gerötet die Augen;
-schluchzend bat sie um Entlassung.</p>
-
-<p>Die Fürstin fühlte nun doch Mitleid mit dem armen Mädchen, und weichen
-Tones sprach sie: „Zu meinem Schmerze werde ich Sie leider wegschicken
-müssen! Doch will ich mich bemühen, eine ähnliche und passende Stellung
-für Sie zu beschaffen! Deshalb bleiben Sie vorerst noch hier! Ich bin
-dessen sicher, daß Sie verstehen werden, sich das &ndash; Kind vom Leibe zu
-halten! Kalte Umschläge werden den Jungen hoffentlich sehr bald zur
-Vernunft bringen!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_211"></a>[S. 211]</span></p>
-
-<p>Martina wimmerte: „Ich bitte inständigst, mir zu glauben, daß mich
-nicht die geringste Schuld trifft! Das Aufflackern des Strohfeuers ist
-mir unbegreiflich! Ich habe nichts, aber wirklich nichts getan, um eine
-Entzündung herbeizuführen!“</p>
-
-<p>„Das will ich gern glauben! Es kann ja dieses ‚Feuerfangen‘ mit dem
-rasch erfolgten ‚Aufwachen‘ meines Sohnes in gewisser Verbindung
-stehen! Ein psychologisch nicht genügend aufgeklärter Vorgang in der
-Jünglingsseele! Für Emil sicher bedeutungslos, weil vorübergehend! Eine
-Kinderei! Mißlich ist freilich, daß die Kinderei Ihnen die Stellung
-kostet! Vielleicht gelingt es, Sie durch eine Heirat in gute Obhut
-zu bringen! Hofdame für Lebenszeit werden Sie ja doch nicht bleiben
-wollen! Was ich zu Ihrer Versorgung tun kann, soll gerne geschehen,
-auch finanziell! Wollen Sie sich gegebenenfalls vertrauensvoll und
-offen an mich wenden!“</p>
-
-<p>Todtraurig wiederholte Martina die Beteuerung, daß sie frei von jeder
-Schuld sei.</p>
-
-<p>Und darob empfand die Fürstin ein starkes Befremden. Sie ärgerte sich,
-daß das vermögenslose Fräulein das finanzielle Anerbieten ignorierte,
-alle Schuld dem Prinzen zuschieben will. In übler Laune sprach die
-Gebieterin davon, daß die Hofdame nicht ganz frei von Schuld sein
-könne, die „Intervention“ vermutlich zu wenig diplomatisch durchgeführt
-und dem Jungen eine Annäherung erlaubt habe, die zu üblen Folgen führen
-mußte.</p>
-
-<p>Schluchzend wehrte sich Martina gegen diese Vorwürfe und verwies
-darauf, daß sie bei Entgegennahme des Auftrages zur Intervention auf
-die Gefahren derselben rechtzeitig aufmerksam gemacht habe.</p>
-
-<p>Spitz klang die Antwort: „Sie werden doch nicht etwa<span class="pagenum"><a id="Seite_212"></a>[S. 212]</span> mir Vorwürfe
-machen wollen? Erinnern Sie sich gefälligst, daß ich die Gefährlichkeit
-negierte in der selbstverständlichen Voraussetzung, daß das Hoffräulein
-klug und diplomatisch, mit Frauentakt interveniere! Genug davon! Was
-geschehen ist, soll totgeschwiegen werden! Damit Sie mit Emil möglichst
-wenig zusammentreffen, werden Sie für einige Zeit an der Tafel nicht
-teilnehmen, auf Ihrem Zimmer speisen! Auch sollen Sie einstweilen
-dienstfrei bleiben! Beschränken Sie Ihre Ausgänge auf das zur Bewegung
-unerläßliche Minimum, meiden Sie aber dabei jedes Zusammentreffen mit
-dem &ndash; Kinde! Und wenn nötig, weisen Sie den Jungen schroff zurück!
-Es tut mir leid, so sprechen und anordnen zu müssen, aber es muß eben
-sein! Ich hoffe, daß in einigen Wochen eine alle Teile befriedigende
-Lösung gefunden sein wird!“ Eine Handbewegung und Martina war entlassen.</p>
-
-<p>Unmöglich war es Fräulein von Gussitsch, diesmal die strafende Hand
-der gnädigen Fürstin zu küssen. Zu sehr schmerzte jedes Wort, ganz
-besonders wurmten jedoch die Vorwürfe. Leise schluchzend verbeugte sich
-Martina und verließ das Zimmer.</p>
-
-<p>Einer bösen, schlaflosen Nacht folgte ein kühler Morgen. Eingedenk
-des Befehles, Spaziergänge auf das Minimum zu beschränken und nach
-Möglichkeit ein Zusammentreffen mit dem „Kinde“ Emil von Schwarzenstein
-zu vermeiden, entschloß sich Martina zu Ausgängen jeweils am frühen
-Morgen und späten Abend. Und so verließ sie an diesem Morgen die Villa
-zu einer frühen Stunde, da das Küchenpersonal noch nicht sichtbar war.
-Hinaus ins Freie, hinein in den nebelumflorten Bergwald, wo die Tannen
-geheimnisvoll flüstern und die Hirsche orgeln...</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_213"></a>[S. 213]</span></p>
-
-<p>Spät des Morgens erwachte Prinz Emil. Mit einigem Haarweh als Folgen
-eines ausgiebig genommenen Schlaftrunkes am verflossenen Abend. Zwei
-Flaschen schweren Ungarweines, die sich Emil als Schlummerpunsch
-geleistet hatte, waren von guter Wirkung gewesen und hatten allen Ärger
-verscheucht und einen prächtigen Schlaf erzeugt. Jetzt am Morgen hieß
-es, Kater vertreiben, zunächst mit Kaltwasser den Schädel behandeln.
-Viel quellfrisches Wasser benötigte Emil. Und in diesem vielen Naß
-ertrank ganz jämmerlich eine gewisse Liebe zu einer gewissen Dame. Und
-nach Beseitigung des Haarwehs sagte sich Emil, daß er eigentlich doch
-sehr dämlich vorgegangen sei und sich überflüssigerweise eine böse
-Suppe eingebrockt habe. In der Gewissenserforschung kam er zu einem
-lebhaften Bedauern, die doch so nette Hofdame in eine sehr schlimme
-Situation gebracht zu haben. Unrecht hatte die Mama ja nicht, daß sie
-die Liebäugelei, den Flirt mit der Gussitsch nicht dulden wollte. Und
-völlig gerechtfertigt und einleuchtend ist der Protest gegen eine
-Heirat. Ordentlich froh war Emil, daß sich die Mama mit dem strikten
-Verbot als die Gescheitere erwies; denn jetzt am Morgen empfand er
-nicht die Spur einer heißen Liebe, nicht die geringste Lust, die
-Gussitsch zu heiraten. Dafür etwas wie Reue, sich in die Nesseln
-gesetzt zu haben. Das war erklecklich dumm. Dieser Selbsterkenntnis
-gesellte sich die Frage bei, wie auf gute und nicht schmerzhafte Weise
-die Folgen dieser Dummheit beseitigt werden könnten. Unvermeidlich wird
-ein Kanossagang zur Mama, eine ehrliche Beichte sein; muß aber gemacht
-werden, schon wegen der schlechten Finanzen. Und Fräulein von Gussitsch
-wird man um Entschuldigung bitten müssen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_214"></a>[S. 214]</span></p>
-
-<p>Mit diesem guten Vorsatze fand Emil denn auch das seelische
-Gleichgewicht wieder, den leichten Frohsinn der Jugend. Er frühstückte
-mit Behagen. Und als er sich die Zigarette anzündete, wurde der
-Oberförster Hartlieb gemeldet.</p>
-
-<p>„Ich lasse bitten, im Empfangssalon!“ sprach Prinz Emil und fügte bei:
-„Seit wann versieht denn die Kammerfrau den Meldedienst? Wo steckt denn
-Norbert?“</p>
-
-<p>Hildegard gab Auskunft, daß Norbert nach Admont gefahren sei, um die
-Post zu holen. Deshalb habe sie den Meldedienst übernommen.</p>
-
-<p>„Danke! Führen Sie den Oberförster in den Salon!“</p>
-
-<p>Die Kammerfrau verschwand.</p>
-
-<p>Als gutmütiger Mensch wollte Emil den Beamten nicht unnötig warten
-lassen; es tat dem Prinzen zwar leid, die Zigarette wegzuwerfen, aber
-es geschah doch.</p>
-
-<p>Beim Eintritt in das Zirbenzimmer fiel Emil der verstörte
-Gesichtsausdruck, die verzerrte Miene Hartliebs auf. Kalkweiß waren die
-Wangen, der Blick kündete bittersten Schmerz.</p>
-
-<p>„Was ist Ihnen? Sind Sie krank?“ fragte teilnahmsvoll der Prinz.</p>
-
-<p>„Danke ergebenst! Mir ist nicht wohl!“</p>
-
-<p>„Da wollen wir auf die dienstliche Besprechung verzichten! Gehen Sie
-sofort heim, schonen und pflegen Sie sich! Der Forstwart kann Ihre
-Vertretung übernehmen! Lassen Sie auch den Arzt kommen! Ich werde
-später Nachschau halten!“</p>
-
-<p>„Vielen Dank! Es wird nichts von Bedeutung sein! Und den Holzverkauf zu
-guten Preisen dürfen wir nicht versäumen!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_215"></a>[S. 215]</span></p>
-
-<p>„Machen Sie das alles nach Ermessen und Gewissen! Aber schonen und
-pflegen Sie sich! Nehmen Sie die Akten nur wieder mit! Apropos: Mama
-ist mit allen Vorschlägen einverstanden! Kann Ihnen im Vertrauen auch
-mitteilen, daß Mama viel auf den Fachmann Hartlieb hält!“</p>
-
-<p>Erstaunt blickte Ambros auf. „Darf ich erfahren, wem ich das zu
-verdanken habe?“</p>
-
-<p>„Das weiß ich nicht! Über die eingerissenen Übelstände hat mir Fräulein
-von Gussitsch gesagt, daß Sie der richtige Mann zur Sanierung seien und
-alles Vertrauen verdienen! Demgemäß habe ich bei Mama Vollmacht für Sie
-erwirkt! Nun aber Schluß! Sie zittern ja am ganzen Leibe! Wünschen Sie
-stärkende Tropfen oder Kognak? Donnerwetter, Mann, fallen Sie mir nicht
-um!“</p>
-
-<p>Hartlieb mußte sich stützen, mit den Händen an einem Stuhle festhalten.
-Zuviel stürmte in dieser kurzen Spanne Zeit auf ihn ein.</p>
-
-<p>Emil sprang in das anstoßende Speisezimmer, entnahm der Kredenz die
-Kognakflasche und brachte den stärkenden Schluck.</p>
-
-<p>Dankend leerte Hartlieb ein Gläschen davon. Und dann verabschiedete er
-sich.</p>
-
-<p>„Auf Wiedersehen! Gegen Mittag besuche ich Sie!“ rief Emil dem
-Oberförster nach, der sich schwankenden Ganges entfernte.</p>
-
-<p>Im Freien erholte sich Hartlieb rasch, und die Schwäche schwand. Er
-ging taleinwärts, um beim Rottmeister eine Schlägerung anzuordnen.</p>
-
-<p>Wie er sich auf dem sonnenverklärten Sträßlein dem Sensenwerk
-näherte, kam ihm zu seiner freudigen und zugleich erschreckenden
-Überraschung Fräulein von Gus<span class="pagenum"><a id="Seite_216"></a>[S. 216]</span>sitsch entgegen. Verweint und eiligen
-Schrittes. Und beim Anblick des Oberförsters zuckte Martina zusammen,
-die Wangen erbleichten, die zierliche Gestalt erbebte. Als sie sich
-gegenüberstanden, rangen beide nach Worten. Am schwersten Hartlieb, der
-die bittersten Seelenqualen litt, nachdem ihm die Kammerfrau Hildegard
-die alle Hoffnungen vernichtende Neuigkeit zugeflüstert hatte, daß
-Prinz Emil die Hofdame von Gussitsch heiraten werde. Was soll jetzt der
-im Innersten so schwer getroffene, schlichte ehrliche Waldmann sagen?
-Wie danken, daß Martina sich zu seinem Gunsten verwendet hatte? Wie die
-Braut des Prinzen behandeln? Darf er gratulieren? Kann er es, der jede
-Hoffnung und sein Lebensglück verloren hat...?</p>
-
-<p>Vergeblich mühte sich Martina ab, die Herrschaft über sich mit
-der nötigen Raschheit wiederzugewinnen. Wie gelähmt war die
-Gehirntätigkeit. Unmöglich war es, dem geliebten Manne zu sagen, daß
-sie tiefunglücklich sei und demnächst die Entlassung zu gewärtigen
-habe. Unmöglich, von Hartlieb jetzt Abschied zu nehmen... Und ganz
-unmöglich, in dieser Minute ein harmloses, nichtssagendes Gespräch
-zu führen. Alle Fähigkeiten der gutgeschulten, weltgewandten Hofdame
-versagten. Dagegen füllten sich die Augen mit verräterischen Zähren.</p>
-
-<p>Hartlieb stützte sich auf den Stock, um nicht zu taumeln, und stammelte
-in abgehackten Worten seinen tiefgefühlten Dank für die wohlwollende
-Empfehlung bei den Herrschaften. „Ich, ich hab jetzt Vollmacht für, für
-alles! Aber, aber es freut mich nimmer&nbsp;&ndash;!“</p>
-
-<p>Nun fand Martina doch so viel Kraft, um wehmütig zu lächeln und
-zu sagen: „Das wenige, was ich für Sie tun konnte, ist gern, von
-Herzen gern geschehen!<span class="pagenum"><a id="Seite_217"></a>[S. 217]</span> Was mich wundert, ist, daß Sie von meiner
-geringfügigen Bemühung Kenntnis erlangt haben!“</p>
-
-<p>„Vorhin hat der Prinz davon gesprochen!“</p>
-
-<p>„Sie waren eben beim jungen Herrn?“ rief überrascht Martina.</p>
-
-<p>Hartlieb nickte. Das Übermaß schmerzlichster Empfindungen überwältigte
-ihn.</p>
-
-<p>In der Sorge, dem Prinzen auf der Rückkehr zur Villa in den Weg zu
-laufen, erkundigte sich Martina nach der Richtung, die Prinz Emil
-eingeschlagen habe.</p>
-
-<p>Ächzend stieß Hartlieb hervor: „Er ist noch daheim!“</p>
-
-<p>„Danke! Dann muß ich mich beeilen, heimzukommen! Leben Sie wohl, Herr
-Hartlieb!“ Ein Blick voll Liebe und Trauer. Dann huschte Martina hinweg
-und lief im Trab davon.</p>
-
-<p>Ambros drehte sich um und guckte dem Fräulein nach. Und dachte: Wie sie
-es doch eilig hat, zum Bräutigam zu kommen. Alles verloren...</p>
-
-<p>Gebrochen schleppte sich Hartlieb weiter, um den Rottmeister
-aufzusuchen.</p>
-
-<p>Martina huschte in das Schlößl. Von den Dienerinnen begegnete ihr
-nur die Kammerfrau Hildegard, die höflich grüßte und dem in Ungnade
-gefallenen Hoffräulein einen spöttischen Blick zuwarf und grinsend
-fragte, ob jetzt der Kaffee auf das Zimmer gebracht werden dürfe.</p>
-
-<p>„Ich bitte darum!“ Dann verschwand Martina in ihrer Stube, die ein
-Gefängnis für sie geworden ist.</p>
-
-<p>Leichter als erwartet vollzog sich Emils Kanossagang: die Bitte um
-Mamas Verzeihung wurde freudigst aufgenommen und sofort erfüllt. Aber
-wegen der Aufbesserung seiner Finanzen erlebte Emil eine grausame
-Enttäuschung. Nicht ein Wort wurde davon gesprochen. Antippen wollte
-aber Emil nicht. Und groß staunte er,<span class="pagenum"><a id="Seite_218"></a>[S. 218]</span> als nach der Mitteilung, daß
-nun auch Fräulein von Gussitsch um Entschuldigung werde gebeten
-werden, Mama dem Sohne diesen Besuch verbot und befahl, es solle Emil
-schriftlich um Verzeihung bitten.</p>
-
-<p>Enttäuscht verließ Emil die gestrenge Mama. Mit dem Entschluß, nun
-behufs Aufbesserung seiner trostlos schlechten Finanzen Schulden zu
-machen, egal wo und bei wem. Hauptsächlich in Admont, weil der Ort doch
-größer als das Dörflein Hall ist. Und der Satan flüsterte ihm den Rat
-ein: „Geh pumpen ins Kloster zu den Benediktinern!“</p>
-
-<p>Im Forsthause besuchte Prinz Emil den vom Kuraufenthalte in Römerbad
-zurückgekehrten Hausmarschall Grafen Thurn. Diese Höflichkeitsvisite
-fiel sehr kurz aus, da Graf Thurn von der Reise ermüdet heimgekommen
-war und nicht danach aussah, als würde er geneigt sein, dem
-Prinzlein die Taschen mit Dukaten zu füllen. Liebenswürdig wie
-immer, ganz Hofmann und aalglatt, sehr dankbar für die ihm erwiesene
-Aufmerksamkeit. Wie der Weißbart sich nach den Ergebnissen der Reise
-erkundigen, gewissermaßen sondieren wollte, verabschiedete sich Emil
-mit dem Versprechen, darüber ein andermal referieren zu wollen.</p>
-
-<p>Nun schlenderte Prinz Emil gemächlich nach Admont. Das von
-Sonnenstrahlen goldumwobene Münster mit den schlanken Doppeltürmen
-grüßte verheißungsvoll entgegen. Und die stolzen Gebäude des Stiftes
-erinnerten den Wanderer an das Hauptziel des Ausfluges. Aber besonders
-groß war Emils Zuversicht nicht, denn für ihn konnte doch nur ein
-einziger Stiftsherr in Betracht kommen: der Pfarrer von Hall, Pater
-Wilfrid. Andere Stiftsherren kannte Emil nicht. Den Abt zu behelligen,
-durfte überhaupt nicht gewagt werden. Bei Wilfrid<span class="pagenum"><a id="Seite_219"></a>[S. 219]</span> stand zu hoffen,
-daß er nicht nur helfen, sondern auch schweigen werde. Mama darf unter
-keinen Umständen von dieser heiklen Angelegenheit Kenntnis erlangen.
-Über den Rückzahlungstermin zerbrach sich Emil einstweilen den Kopf
-noch nicht.</p>
-
-<p>Die lange Hauptgasse des Marktes Admont hinaufschreitend, erblickte
-Emil am Hotel „Zur Post“ zu seiner freudigsten Überraschung seinen
-Adjutanten Baron Wolffsegg, der soeben wegfahren wollte. Sofort rief
-Emil den sehr länglichen, elegant gekleideten Zwetschgenbaron an.
-Und Wolffsegg verließ sofort den Wagen, als er den Prinzen erkannte,
-nahm eine stramme Haltung an und zwirbelte den rotblonden Bart auf.
-Im Schatten des ziemlich großen Strohhutes waren die unzähligen
-Sommersprossen auf Nase und Wangen nicht zu sehen, die vor der
-Erbschaftsübernahme den Reichtum Wolffseggs gebildet hatten.</p>
-
-<p>Auf den ersten Blick gewahrte Emil, daß der zu Geld gekommene Adjutant
-sich jetzt fühlte, sich auch elegante Kleider zugelegt hat.</p>
-
-<p>Wolffsegg erwies Reverenz mit erlesener Höflichkeit wie stets, aber
-doch mit einer Nuance, die merken ließ, daß man jetzt auch wer sei,
-nicht mehr der in Ehrfurcht ersterbende Habenichts und Bärenführer.
-Er lud den Prinzen ein, sich auf das Hotelzimmer zu bemühen. „Wollte
-soeben nach Hall fahren, mich melden bei den durchlauchtigsten
-Herrschaften!“</p>
-
-<p>Emil lachte: „Bei mir ist die Meldung nicht mehr nötig! Mama wird sich
-freuen, den getreuen Wolffsegg, jetzigen Dukatenhamster, wiederzusehen!
-Gondeln Sie so bald wie möglich hinaus!“</p>
-
-<p>„Zu dienen, Durchlaucht!“</p>
-
-<p>Im Hotelzimmer angelangt, klopfte Emil auf den<span class="pagenum"><a id="Seite_220"></a>[S. 220]</span> Busch mit der Frage, ob
-sich die Trauerfeier ausgiebig gelohnt habe.</p>
-
-<p>„Untertänigsten Dank! Ausgiebig ist ein dehnbarer Begriff! So viel ist
-es, daß ich, falls dazu die Lust kommt, eigenen Kohl bauen und mir den
-Luxus einer Liebesheirat leisten kann!“</p>
-
-<p>„Ah, was Sie sagen?! Also mächtig viel Moneten! Gratuliere heftig!
-Wissen Sie denn was anfangen mit dem vielen Zeug?“</p>
-
-<p>„Einstweilen alles in sicheren Papierchen in einer soliden Bank
-deponiert!“</p>
-
-<p>„Alles?“</p>
-
-<p>„Wieviel wünschen Durchlaucht momentan?“</p>
-
-<p>„Hm! Momentan genügt ein brauner Lappen! Wenn Sie so lieb, verbunden
-mit Diskretion, sein wollen!“</p>
-
-<p>„Aus meiner Reisekasse kann ich momentan leider nicht mehr als hundert
-Kronen entbehren!“</p>
-
-<p>„Her damit! Ist zwar verflucht wenig, aber in der Not frißt der arme
-Teufel auch Fliegen! Aber, bitte, absolute Diskretion!“</p>
-
-<p>„Selbstverständlich!“</p>
-
-<p>Emil dankte und schob die Scheine in die Westentasche.</p>
-
-<p>„Wann soll ich den Dienst antreten?“</p>
-
-<p>„Gar nicht! Hier wenigstens nicht! Es wäre denn, daß Sie mir helfen
-wollen, die Zeit totzuschlagen! Verdammt langweiliges Nest hier!“</p>
-
-<p>„Aber, Durchlaucht haben doch prachtvolle Reviere...!“</p>
-
-<p>„Die Jagd interessiert mich nicht!“</p>
-
-<p>„Hm! Demnach bin ich eigentlich überflüssig geworden! Ich werde also
-demissionieren, mir ein Gut kaufen! Dürfte ich vielleicht vorher in
-Ihren Revieren jagen?“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_221"></a>[S. 221]</span></p>
-
-<p>„Soviel Sie wollen! Wenden Sie sich nur an den Oberförster Hartlieb,
-den ich verständigen werde! Und nun nochmals Dank! Auf Wiedersehen!“</p>
-
-<p>Die Herren trennten sich. Wolffsegg fuhr nach Hall, Emil aber stapfte
-in das weitgedehnte Stift und suchte den Pater Wilfrid. Aber der
-Gastmeister des Klosters und Pfarrer von Hall war nicht anwesend.
-Wie es hieß, dienstlich unterwegs. Drei Tage hindurch pendelte Emil
-zwischen Hall und Admont hin und her, immer vergeblich; es glückte
-nicht, den auswärts im Pfarrdienst vielbeschäftigten Priester zu
-treffen. Bis zu später Abendstunde konnte der Prinz nicht warten, zum
-Diner mußte er im Jagdschlößl sein.</p>
-
-<p>Warum er so erpicht war, sich eine größere Summe zu beschaffen, wußte
-Emil sich selbst nicht zu sagen. Unabhängig für einige Zeit durch
-Geldbesitz wollte er sein. Geld aber nur vom Hofpfarrer entlehnen, weil
-der Mann schweigen kann.</p>
-
-<p>Wegen der Jagdwünsche Wolffseggs hatte Emil mit Hartlieb gesprochen.
-Etliche Tage später hörte er gelegentlich einer Begegnung vom
-Oberförster, daß der Baron von der Jagderlaubnis keinen Gebrauch
-gemacht habe und plötzlich abgereist sei.</p>
-
-<p>Darob erstaunt, fragte Emil die Mama nach der Veranlassung des
-Verschwindens Wolffseggs. Die Verstimmung der Fürstin bemerkend,
-bereute Emil sogleich, die Mama mit einer ihr unangenehmen Frage
-belästigt zu haben.</p>
-
-<p>Die Antwort enthielt zunächst die Klage, daß alles zusammenkäme, um der
-Gebieterin Verdruß zu bereiten. Nicht zum wenigsten der Sohn, der sich
-im Faulenzen übe...</p>
-
-<p>Emil schluckte diese Rüge wortlos hinunter.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_222"></a>[S. 222]</span></p>
-
-<p>Sodann erzählte die Fürstin bitteren Tones von dem Riesenverdruß, den
-Fräulein von Gussitsch heraufbeschworen hatte, indem Martina sich
-rundweg weigerte, von einer prachtvollen Gelegenheit zur Rangierung
-Gebrauch zu machen.</p>
-
-<p>Verblüfft fragte Emil: „Rangierung! Wieso denn?“</p>
-
-<p>„Wolffsegg hatte geradezu edel gehandelt, der Gussitsch jenen
-anscheinend unglücklich konzipierten Brief völlig verziehen! Mich
-fragte er, ob ich zustimmen würde, wenn er um Martina werbe, wozu er
-durch die Erbschaft jetzt in der Lage sei! Im Interesse der Gussitsch
-habe ich natürlich zugestimmt! Martina aber hat den Heiratsantrag
-rundweg abgelehnt! Unbegreiflich! Und albern!“</p>
-
-<p>„Geschmacksache, liebe Mama! Viel Sommersprossen, eine Glatze hat er
-auch! Und er ist so etwas wie ein Geldprotz, dem der Mammon in den Kopf
-gestiegen ist! Er trägt jetzt die Nase ziemlich hoch!“</p>
-
-<p>„Ach was! Ein Mädel wie Martina, nach allem, was vorgefallen ist, soll
-froh sein, in eine glänzende Ehe kommen zu können!“</p>
-
-<p>„Vielleicht war sie sich darüber klar, daß sie volles Eheglück an
-Wolffseggs Seite nicht finden werde! Wenn ich ein Mädel wär, ich würde
-eher ein Mondkalb heiraten, als den Wolffsegg!“</p>
-
-<p>„Gott, diese Ausdrücke! Und dabei redest du wie ein Kind!“</p>
-
-<p>„Verzeihung! Ich versteh es halt nicht besser! Reine Gefühlssache! Was
-geschieht denn nun mit der Gussitsch?“</p>
-
-<p>„Ich weiß noch nicht! Ihre Anwesenheit ist lästig, aber es geht nicht
-an, das arme Mädel in die Welt hinauszustoßen! Es wäre dies grausam
-und unchristlich! Also soll sie in Gottes Namen bis auf weiteres
-blei<span class="pagenum"><a id="Seite_223"></a>[S. 223]</span>ben! Ich werde mich schriftlich bemühen, für Martina einen anderen
-annehmbaren Posten als Hofdame zu beschaffen! Genug davon! &ndash; Was aber
-dich betrifft, wünsche ich, daß du dich endlich beschäftigst, um die
-Oberleitung kümmerst, Ordnung schaffst!“</p>
-
-<p>„Hab ich ja bereits getan, wenigstens das Nötigste! Viel war ja nicht
-zu tun, da doch meine liebe, umsichtige Mama seither dirigierte und
-für Ordnung sorgte! Zur Zeit möchte ich ausschnaufen und ein bissel
-bummeln! Es ist ja so schön in Admont! Und sehr gerne besuche ich die
-Benediktiner, die doch gewiß ein guter Umgang für mich sind! Gentlemen,
-nobel und gastfreundlich!“</p>
-
-<p>Daß der Schalk ulkte und stichelte, merkte die Mama nicht; sie hörte
-mit Freude, daß sich der Sohn die Admonter Stiftsherren zum Verkehr
-erwählt habe. Und so gab sie gerne die Zustimmung zu weiteren Besuchen
-im Stifte. Nur den erbetenen Hunderter gab sie nicht und motivierte
-die Ablehnung durch Wiederholung der Worte Emils, wonach die Admonter
-Benediktiner Gentlemen nobel und gastfreundlich sind, der Sohn also
-kein Geld für Speise und Trank benötige.</p>
-
-<p>„Aber, Mama! <span class="antiqua">Manica, bonamano</span>, zu deutsch: Trinkgeld muß man den
-servierenden Dienern doch geben! Ein Prinz mindestens zehnmal mehr als
-ein bürgerlicher Gast des Stiftes! Und so die Paters rauchen, darf ich
-mich durch Zigarrenspenden doch auch nicht lumpen lassen!“</p>
-
-<p>„Ja doch! Es ist schrecklich, was junge Männer Geld verpulvern!“
-Seufzend gab die Fürstin etliche Scheine aus ihrer Schatulle.</p>
-
-<p>„Untertänigsten Dank, liebe Mama!“ rief Emil freudestrahlend und ließ
-die Scheine in der Westentasche verschwinden. Und dann hatte er es
-eilig, ins Freie zu kommen und sich satt zu lachen...</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_224"></a>[S. 224]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Elftes_Kapitel">Elftes Kapitel</h2>
-
-</div>
-
-<p>Im Frohlocken über die genehmigte Gehaltsaufbesserung, die eine
-wertvolle Waffe sein sollte, hatte sich Forstwart Gnugesser die
-Bekämpfung der Revolution im Haushalte als kinderleicht vorgestellt,
-indem der kleine herzensgute Mann erwartete, daß nach Verkündigung der
-Freudenbotschaft seine Amanda ihm jauchzend um den Hals fallen und die
-ihr zustehenden zehn Prozent, in Summe hundertachtzig Kronen, mit Dank
-einsacken und auf jede weitere Agitation bereitwillig verzichten werde.
-Um so größer war die Verblüffung Benis, als nach Verkündigung der
-Freudenbotschaft Frau Amanda kühl blieb, verächtlich und geringschätzig
-den Mund verzog und in wegwerfendem Tone erklärte, daß die genannte
-Summe ein Bettel sei, den sie nicht annehmen werde.</p>
-
-<p>„Wird nicht sein, liebes Weiberl! Hundertachtzig Kroneln jährlich
-sind doch kein Bettel! Schön, wunderschön und nobel ist’s von der
-Herrschaft, daß sie uns wirklich im Gehalt aufgebessert hat! Insofern
-hat die Agitation der Revoluzzerinnen von Hall gute Früchte getragen!
-Jetzt aber muß Ruhe werden, die Hetzerei ein Ende haben, ansonsten
-wird der junge Herr rabiat! Am nächsten Monatsersten bekommen wir
-das Geld, ich werde dann dir die hundertachtzig Kroneln gewissenhaft
-einhändigen!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_225"></a>[S. 225]</span></p>
-
-<p>„Ist nicht nötig! Die Annahme des Pfifferlings wird verweigert! Ich
-bestehe auf Auszahlung des Drittels vom Gehalt und selbstverständlich
-auch von der Aufbesserung!“ erwiderte spitz Frau Amanda und fuchtelte
-mit einer langen Kleiderschere kampflustig in der Luft.</p>
-
-<p>Auf Benis bartumwucherten Lippen erstarb das gutmütige Lächeln, die
-Miene wurde sehr ernst, da der kleine Bäuchlemann sich breit vor die
-am Fenster sitzende Gattin stellte und energischen Tones sprach:
-„Genug jetzt mit den Faxen! An der Agitation wird die Forstwartsfrau
-sich von dieser Stunde an nicht mehr beteiligen, verstanden! Als
-Haushaltsvorstand befehle ich das!“</p>
-
-<p>Ein spöttischer Blick züngelte am Männle empor. Und jäh lachte Amanda.
-Der Kontrast zwischen der kleinen Gestalt des Vorstandes und der
-Befehlhabersmiene wirkte auf die Gattin komisch. Beleidigend klang
-dieses Lachen der Geringschätzung.</p>
-
-<p>Beni richtete sich auf, hob den Kopf, teilte den Patriarchenbart
-in zwei Hälften, stampfte mit dem Fuße, um seinen Worten dröhnende
-Resonanz zu geben: „Ich befehle es!“</p>
-
-<p>Nun schrie Amanda vor Lachen, warf die Schere weg und trommelte mit den
-geballten Händen auf ihre Knie.</p>
-
-<p>Nie im Leben hatte Beni je die Hand gegen ein Weib erhoben, jetzt
-fühlte er sich stark versucht, die Beleidigung mit einem Fausthieb zu
-vergelten. Er hob wohl die Hand, aber er bezwang sich und ließ sie
-wieder sinken. In seinen Augen flammte Energie, etwas Stahlhartes,
-eine Unbeugsamkeit, die Amanda zwar nicht einschüchterte, aber doch
-veranlaßte, das beleidigende Gelächter zu unterdrücken.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_226"></a>[S. 226]</span></p>
-
-<p>„Der von der Herrschaft erlassene Befehl lautet dahin, daß jede
-Agitation im Haushalte der verheirateten Beamten und Diener eingestellt
-werden müsse! Weigern sich die Ehefrauen, beteiligen sie sich noch
-weiter an der Hetze, so werden die betreffenden Männer aus dem Dienste
-entlassen! Ich hoffe, daß meine Gattin soviel Vernunft besitzt, um den
-Ernst der Situation zu erfassen!“</p>
-
-<p>Wieder verzog Amanda den Mund, und sie höhnte: „Lächerlich! Derlei
-Eingriffe in das Familienleben müssen mit aller Energie zurückgewiesen
-werden! Der junge Hansdampf soll es nur versuchen, ich werde ihm das
-Nötige schon sagen! Das Prinzerl soll erst etwas lernen und sich selbst
-bei der Nase nehmen! Nicht aber die Nase in Dinge stecken, von denen
-er nichts versteht! Wenn der Forstwart nicht den Mut hat, das dem
-Mutterbubi zu sagen, so besorg ich das!“</p>
-
-<p>„Genug nun, Amanda! Die Situation ist durchaus nicht spaßhaft! Ich
-habe nicht Lust, mir Stellung und Existenz zu verscherzen oder durch
-meine Frau gefährden zu lassen! Ein für allemal laß es dir gesagt sein
-und zur Warnung dienen: ich respektiere den Befehl, ich verbiete dir
-jedwede Beteiligung an der Agitation! Fügst du dich meiner Anordnung
-nicht, so wirst du die Folgen zu fühlen bekommen!“</p>
-
-<p>Amanda stand auf und fragte ironisch: „Darf ich wissen, welcherart die
-Folgen sein werden?“</p>
-
-<p>„Die Trennung!“ erwiderte Beni kurz, sehr ernst und inhaltsschwer. Und
-nun schickte er sich an, die Wohnstube zu verlassen.</p>
-
-<p>Die Drohung verfehlte eine gewisse Wirkung nicht, nur wollte Amanda
-das letzte Wort haben. Deshalb rupfte sie dem Gatten vor, daß es nicht
-eben schön sei,<span class="pagenum"><a id="Seite_227"></a>[S. 227]</span> wenn ein Ehemann die Stellung höher bewerte als das
-angetraute Eheweib. Das Anklammern an die Berufsstellung im Dienst sei
-geradezu lächerlich, ein tüchtiger Forstwart werde überall leicht ein
-gleiches, wenn nicht besseres Unterkommen finden.</p>
-
-<p>Beni blieb an der Türe stehen und sprach in seiner alten Herzensgüte:
-„Möglich schon, aber nicht leicht, weil es zuviel Bewerber gibt! Du
-vergissest aber eins: das Halltal ist meine Heimat! Mit jeder Faser des
-Herzens hängt der Steierer an seiner engeren Heimat, in ihr zu dienen
-und zu wirken ist höchste Seligkeit auf Erden! Ich liebe meine Heimat
-über alles! Die Heimatsliebe läßt manches weniger Erfreuliche hinnehmen
-und ertragen! Verstehst du das, Amanda?“</p>
-
-<p>„Ja, Beni! Aber ich kann mich nicht dreinfinden, daß sich die
-Herrschaft in Familienangelegenheiten mischen darf!“</p>
-
-<p>„Mit gutem Willen geht es schon! Darfst dir nur vor Augen halten, daß
-die Absicht eine gute ist! Die Herrschaft will Ruhe und Frieden haben,
-sie hat kein anderes Mittel, um Frieden zu stiften in den Familien
-ihrer verheirateten Beamten und Diener. Sei gescheit, Amanda! Ich
-glaube ja auch nicht, daß man zum Äußersten greifen, mich entlassen
-würde; aber als vernünftiger Mensch will ich es nicht zum Äußersten
-kommen lassen, nicht unsere Existenz gefährden, weil ich ja doch
-verheiratet bin und für mein Weib zu sorgen habe! Ich füge mich aus
-Liebe zu dir und zur Heimat! Also finde auch du dich drein!“</p>
-
-<p>„Na ja, meinetwegen!“</p>
-
-<p>„Brav gesprochen, Weiberl! Und anjetzo gelobe ich, daß ich die
-bewußte Summe freiwillig aufrunden werde! Damit ist das Ziel deiner
-Bestrebungen erreicht, die<span class="pagenum"><a id="Seite_228"></a>[S. 228]</span> Bezahlung der Hausfrauenarbeit! Und noch
-etwas, wonach auch du dich zu richten hast: die Herrschaft befiehlt,
-daß bei weiterer Verhetzung seitens der Krämerin von Hall ihr Geschäft
-boykottiert werden muß!“</p>
-
-<p>„Wieso?“</p>
-
-<p>„Wenn die Krämerin nicht Ruhe gibt und die Agitation einstellt, wird
-die Herrschaft von ihr nichts mehr beziehen! Und die Beamten und Diener
-dürfen bei der Krämerin nicht mehr einkaufen!“</p>
-
-<p>„Eine noblichte Herrschaft, die einem Landkrämer das bisserl Existenz
-ruiniert!“</p>
-
-<p>„Gutgemeinte Drohung, die hoffentlich wirken wird! Sei gescheit,
-Weiberl!“</p>
-
-<p>„Nein, diesem Zwang füge ich mich nicht! Wir wohnen so entlegen, daß
-ich nicht jeden Tag zum Einkaufen nach Admont laufen kann; ist Hall
-schon weit genug entfernt!“</p>
-
-<p>„Wart es ab, Weiberl! Merkt die Krämerin, daß ihr geschäftlicher
-Schaden droht, wird sie schleunigst umsatteln, es auf den Boykott gar
-nicht ankommen lassen! Sie wird sich fügen!“</p>
-
-<p>Interessiert fragte Amanda, wer denn der Krämerin die Drohung zu
-übermitteln habe.</p>
-
-<p>„Leider bin ich damit beauftragt! Ich hab aber noch keine Zeit gehabt,
-zur Krämerin zu gehen!“</p>
-
-<p>„Weißt was, Beni, diese Mission übernehme ich! Es interessiert mich zu
-beobachten, was für ein Gesicht die Krämerin bei der Boykottankündigung
-macht!“</p>
-
-<p>„Merkwürdig! Erst bist du hantig und oppositionslustig, und jetzt
-willst du sozusagen im Auftrag der Herrschaft handeln und gegen die
-Krämerin, deine intimste Freundin, vorgehen! Das begreif ich nicht
-recht!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_229"></a>[S. 229]</span></p>
-
-<p>„Die Mannerleut verstehen gar oft nichts von der weiblichen Psyche!
-Mein Gedankengang ist doch leicht zu begreifen: Weil ich zum Nachgeben
-genötigt bin, macht es mir ein besonderes Vergnügen, gewährt es einen
-aparten Nervenreiz, zu sehen, wie die Drohung und der Zwang auf die
-Freundin wirkt, wie sich die Krämerin winden und krümmen, seelisch
-leiden wird! Der Kampf der Stolzen gegen den Geschäftssinn und die
-Profitgier wird sehr interessant sein! Und wo was Nervenspannendes los
-ist, da bin ich für mein Leben gern dabei! Aus diesen Gründen übernehme
-ich die Mission! Und der Krämerin werd ich zusetzen, daß ihr die Augen
-tropfen!“</p>
-
-<p>„Ja ja, die Weiber! Na, die Hauptsach ist, daß wir zwei einig sind, und
-daß du dich nun den Anordnungen fügst! Das freut mich!“</p>
-
-<p>„Abgemacht! Und jetzt geh ich nach Hall zur Krämerin!“</p>
-
-<p>Eine Stunde später spielte Amanda Gnugesser mit der sehr
-zungengewandten Krämerin wie die Katze mit der Maus. Zunächst spannte
-Amanda die Freundin auf die Folter durch die tropfenweise Mitteilung
-der von der Herrschaft erlassenen Drohung hinsichtlich der Entlassung
-der verheirateten Beamten und Diener für den Fall, daß ihre Ehefrauen
-weiteragitieren.</p>
-
-<p>Die Krämerin schrie vor Überraschung und Entrüstung. Und sogleich
-wollte sie wissen, welche Stellung Amanda dieser Vergewaltigung
-gegenüber einnehme.</p>
-
-<p>Amanda wich aus mit dem Hinweise auf das Diktum: Gewalt geht vor Recht.</p>
-
-<p>„Himmelschreiend und empörend ist diese Vergewaltigung! Gefährdung,
-ja Raub der persönlichen Freiheit! Unerhörter Eingriff in das
-Familienleben!“ Dann zeterte<span class="pagenum"><a id="Seite_230"></a>[S. 230]</span> die rabiate Krämerin davon, daß der
-Frauenbund den Kampf gegen die Herrschaft mit aller Energie, mit
-Rücksichtslosigkeit aufnehmen und durchführen müsse. Mit Anzeigen
-bei der Staatsanwaltschaft, mit Denunziationen bei Gericht und bei
-der Gendarmerie, mit Protestnoten an die Fürstin, der man das Leben
-sauer machen müsse. „Überhaupt die Fürstin! So ein wankelmütiges Weib,
-wetterwendisch wie ein Kirchenhahn! Erst nennt sie unsere Bestrebungen
-gut, sichert Unterstützung zu; dann krebst sie, weil der Pfarrer gegen
-uns gepredigt hat!“</p>
-
-<p>Um die Freundin noch mehr in die Hitze zu bringen, lobte Amanda die
-Herrschaft wegen der bewilligten Gehalts- und Lohnaufbesserung.</p>
-
-<p>„Wird nicht von Bedeutung sein! Wo es zahlen heißt, sind die
-hohen Herrschaften immer taub, sie drücken sich nach Möglichkeit!
-Pfennigfuchser, Skontoschinder sind sie alle, ohne Ausnahme! Jeder
-Geschäftsmann hustet auf solche Leut! Man profitiert eh schier nichts!“</p>
-
-<p>„Also liegt Ihnen nichts an der geschäftlichen Verbindung mit der
-Fürstin?“</p>
-
-<p>„Nicht soviel als ich Schwarz unterm Nagel hab!“ rief prahlerisch die
-Krämerin und schnipste mit den Fingern.</p>
-
-<p>„Na, dann ist der Verlust nicht von Bedeutung und für Sie nicht
-schmerzhaft!“ meinte Amanda gedehnten und lauernden Tones.</p>
-
-<p>„Wieso? Was für ein Verlust soll mir da bevorstehen?“</p>
-
-<p>„Ihr Geschäft soll boykottiert werden, falls Sie sich weiter an der
-Agitation beteiligen! Die Herrschaft wird nichts mehr von Ihnen
-beziehen! Und sämtlichen Beam<span class="pagenum"><a id="Seite_231"></a>[S. 231]</span>ten, Dienern und Arbeitern im fürstlichen
-Dienst wird verboten, bei Ihnen einzukaufen&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;!“</p>
-
-<p>„Allmächtiger Gott! Das tät ja mein Ruin sein! Völliger Krach!
-Zusperren kann ich das Gewölb in der Stund, wo das wahr werden tät!
-Sie machen wohl Spaßetteln, liebe Frau Forstwart! Jessas &ndash; Mariand &ndash;
-Josef! Da tät ja alles verloren sein! Sagen S’ um Himmels willen, ist
-der Befehl schon erteilt worden wegen der Boykottierung?“</p>
-
-<p>„Soviel ich weiß, erwartet die Herrschaft eine bindende Erklärung
-Ihrerseits! Da Sie sagten, daß der Frauenbund den Kampf gegen die
-‚unmoralische‘ Herrschaft mit aller Energie und Rücksichtslosigkeit
-aufnehmen und durchführen werde, ist doch wohl anzunehmen, daß die
-Herrschaft Ihre Antwort als Kriegserklärung betrachtet und den Boykott
-über Ihr Geschäft verhängt! Das dürfte morgen geschehen!“</p>
-
-<p>„Jess &ndash; Maria! Fallt mir ja gar nicht ein, den Krieg zu erklären!
-Wo die Fürstin eine so gute fromme Frau ist! Eine Wohltäterin
-ohnegleichen! Und wo mich die Frauen eigentlich gar nichts angehen,
-von denen ich nie profitieren kann, weil ja ich das Geschäft führ
-und den Simandl von einem Mann ernähren muß! Für mich kann es ja gar
-kein Drittel aus Gehalt oder Verdienst der Männer geben; ich bin
-ja als Geschäftsfrau die Erwerberin und Brotverdienerin! Auf den
-Frauenbund hust ich, der wo mich in solche Schlamassel bringt und zum
-Geschäftsruin!“</p>
-
-<p>„Ihre Ausführungen wirken überraschend! Sie sind inkonsequent! Die
-Fürstin nennen Sie wetterwendisch, dabei satteln Sie aber selbst
-um&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;!“</p>
-
-<p>„Aber natürlich! Wo es sich um Geschäft, Existenz und Profit handelt!
-So dumm bin ich nicht, daß ich<span class="pagenum"><a id="Seite_232"></a>[S. 232]</span> mich für andere Leute opfere, gegen
-den Strom schwimm, wo ich gar nicht schwimmen kann! Nein, so dumm
-bin ich wirklich nicht! Ich glaub auch nicht, daß Sie so dumm sein
-werden! Aber wissen möcht ich, warum die Herrschaft grad und justament
-die Forstwartsfrau ausgesucht hat, mir die Schreckensnachricht zu
-überbringen! Sie sind doch meine Freundin, zugleich die ärgste Hetzerin
-von wegen der Entlohnung der Frauenarbeit im Hausstand!“</p>
-
-<p>„Vielleicht eine Ironie des Schicksals!“</p>
-
-<p>„Teuflische Bosheit! Ist aber jetzt alles egal! Ich tue nimmer mit!
-Sagen Sie das der Herrschaft und daß ich aus dem Frauenbund austrete!
-Ist mir schon z’ dumm der Boykott!“</p>
-
-<p>„Soll ich auch sagen, daß Sie die Fürstin eine charakterlose Frau
-genannt haben?“ fragte maliziös Amanda, die sich gottvoll amüsierte.</p>
-
-<p>„Ich weiß von gar nichts! Nicht ein Wörtel hab ich gesagt!“</p>
-
-<p>„Also werd ich melden, daß die Krämerin von Hall sich allen Anordnungen
-der Herrschaft fügt, aus dem Frauenbund austritt und jede Agitation
-nunmehr meidet!“</p>
-
-<p>„Äa! Sein Sie so gut und melden Sie das der Fürstin. Mit g’horsamsten
-Respekt und Handkuß! Ich laß mich empfehlen und um Aufträge bitten!“
-Nun wollte die aus dem seelischen Gleichgewicht geworfene, schwer
-erregte Krämerin die Freundin mit Rosogliolikör bewirten, doch Amanda
-lehnte dankend ab. Befürchtete doch Frau Gnugesser, daß sie bei
-längerem Aufenthalt das Lachen nicht würde verbeißen können.</p>
-
-<p>Hochbefriedigt und belustigt ging Amanda heim. Und<span class="pagenum"><a id="Seite_233"></a>[S. 233]</span> im Bergwalde lachte
-sie sich satt und sang vergnügt ein Duliäh nach dem andern. Der Spaß
-mit der Krämerin war erquickend gewesen...</p>
-
-<p class="s3 center mtop1 mbot1">*</p>
-
-<p>Für den Novizen Nonnosus war der schönste, aber auch schwerste Tag der
-feierliche Profeß, der Gelübdeablegung, des endgültigen Abschiedes
-vom Weltleben, des Verzichtes für immer, gekommen. Ein strahlender
-Spätherbsttag mit lachendem Sonnenglanze im schönen Admonter Becken
-des Ennstales. Der frühe Morgen war freilich frostig, herb und neblig;
-aber die Sonne siegte alsbald und vergoldete die wuchtigen Felskolosse,
-küßte die Zinnen und Zacken, die hehr und ernst in den lichtblauen
-Äther ragten. Feierliches Glockengeläute vom Blasiusmünster kündete
-den Beginn dieses bedeutungsvollen Tages für den jungen Mönch, der in
-seiner Zelle kniend betete um die Kraft zum Verzicht auf das Weltleben.
-Den besten und ehrlichsten Willen besaß der Kleriker, um nach der
-heute erfolgenden Aufnahme in das Kapitel dem Stifte Ehre zu machen
-durch treueste Pflichterfüllung, die oberste Tugend der Dankbarkeit
-zu üben immerdar bis zum letzten Atemzuge. Rein und abgeklärt war die
-Seele, wunschlos des irdischen Lebens, erfüllt von Begeisterung für den
-Beruf. Von der kleinen Verwandtschaft war Abschied genommen worden,
-tapfer und mutig der Trennungsschmerz überwunden. Rein und frei fühlte
-sich Nonnosus; ein ehrlicher Diener des Herrn wird heute die <span class="antiqua">Vota
-solemnia</span> ablegen... Ohne Mißton in der Seele!</p>
-
-<p>Entscheidend wird die nächste Stunde für das ganze Leben sein, und
-darum ist sie die schwerste des Lebens.<span class="pagenum"><a id="Seite_234"></a>[S. 234]</span> Mit der Welt hatte Nonnosus
-abgerechnet, er fühlte nichts mehr, was ihn zurückhalten könnte;
-dennoch befand er sich in einer starken seelischen Erregung, verbunden
-mit Angst und Beklemmung, über deren Grund und Inhalt er sich keine
-Rechenschaft geben konnte. Ihm war zumute, als stände er vor einem
-großen Unglücke, dem er rasch ausweichen soll... Eine tiefe Traurigkeit
-kam über ihn, für die er keinen Anlaß fand. Und er erinnerte sich
-der Warnung des Spirituals vor einem Rücktritt ohne bestimmte, klar
-erkannte Gründe; Nonnosus klangen die Worte des Spirituals im Ohre:
-„Jeder Theologe wird in letzter Stunde von einer tiefen Traurigkeit
-befallen, die überwunden werden muß! Der gewissenhafte Theologe soll
-zum Altare gehen wie in ein brennendes Haus, entschlossen, mutig!
-Dieser Mut bringt dann tiefe Freude, selige Ruhe, im Berufe die
-Festigkeit! Theologen, die schwer überwinden, stehen später in ihrem
-Seelsorgeramte viel fester als jene, die mit verklärtem Gesichte und in
-Sehnsucht zum Altare treten...!“</p>
-
-<p>Die Erinnerung an diese goldenen Worte des alten erfahrenen Spirituals
-gab Kraft und Mut.</p>
-
-<p>Wie die Glocken zum zweitenmal ertönten, erhob sich Nonnosus vom
-Betstuhl. Ein letzter Blick auf das Kruzifix an der weißgetünchten
-Wand... Nonnosus hatte Angst und Zweifel überwunden. Fest wie Granit
-ist der Entschluß zur Pflichterfüllung!</p>
-
-<p>Gefaßt griff der Profitent Nonnosus nach dem Pergamentblatte, das die
-von ihm geschriebene Profeßformel enthielt. Bleich waren die Wangen,
-die Zähne aufeinandergepreßt; doch ruhig die Seele, der Kampf beendet.
-Ein Sonnenstrahl huschte in die kahle Zelle.</p>
-
-<p>Der Spiritualdirektor Pater Lullus erschien in der<span class="pagenum"><a id="Seite_235"></a>[S. 235]</span> Zelle, um den
-Profitenten Nonnosus abzuholen. Ein schmächtiges altes Männlein
-mit viel Runzeln im Gesicht, unansehnlich, aber mit geistkündenden
-blitzenden Augen; ein Gelehrter im Benediktinerhabit, der Spiritual der
-Kleriker und zugleich ihr Freund, Führer und Berater. In lateinischer
-Sprache fragte Pater Lullus, ob der Profitent zum Gange in die Kirche,
-zur Ablegung der <span class="antiqua">Vota solemnia</span> bereit sei. Ein forschender Blick
-auf den Novizen, dann nickte Lullus befriedigt; er hatte in den Augen
-des Profitenten den festen Entschluß, Verzicht und Überwindung gelesen.</p>
-
-<p>Beide Mönche verließen die Klausur, schritten durch den langen
-Korridor gen Norden, dessen Fenster eine wundervolle Aussicht auf die
-Bergkolosse der „Haller Mauern“ boten.</p>
-
-<p>Ein letzter Blick des Novizen flog zum Großen Pyrgas, hinauf ins
-Gamsrevier... Nonnosus zuckte für einen Moment zusammen, der glühende
-Kopf neigte vornüber. Heftig pochte das Blut in Herz und Schläfen.</p>
-
-<p>„Mut!“ flüsterte der alte Spiritual, „Mut und Gottvertrauen!“</p>
-
-<p>Nonnosus nickte zum Dank und senkte die Lider. Nicht einen einzigen
-Blick warf er mehr durch die vielen Fenster des Flankenkorridors. Sein
-Schritt verlangsamte sich, als die Mönche die breiten Steintreppen
-hinabstiegen, um die Sakristei des großen Domes zu erreichen.</p>
-
-<p>Wieder mahnte der Spiritual: „Mut und Gottvertrauen!“</p>
-
-<p>Noch ein Schritt über die Schwelle der Sakristei... Ein ehrerbietiger
-stummer Gruß für den Pater Prior, der bereits den Ornat zur
-Zelebrierung des Hochamtes<span class="pagenum"><a id="Seite_236"></a>[S. 236]</span> angelegt hatte. Ein mittelgroßer, von der
-Last der sechsundsiebzig Jahre gebeugter Mönch im Silberhaar, der den
-Gruß mit aufmunternd wohlwollendem Blick erwiderte. Die Diakone als
-Assistenten des Priors nickten freundlich. Vom Spiritual geleitet,
-begab sich Nonnosus zu seinem Platze im Chorstuhl des Presbyteriums,
-wo der Profitent niederkniete. Pater Lullus blieb in seiner Nähe,
-gleichsam zum Schutz.</p>
-
-<p>Feierliche Orgelklänge empfingen den von den Diakonen begleiteten Prior
-auf dem Gange zum prächtig geschmückten, von einer überlebensgroßen
-Statue des St. Blasius aus weißem Marmor überragten Hochaltar.</p>
-
-<p>Das Hochamt begann und wurde wie an Sonntagen zelebriert bis zum
-Evangelium. Wie dieses aber gesungen wurde, ertönte die schrille, im
-ganzen Kloster vernehmbare Konventglocke, die alle Patres des Stiftes
-zusammenrief.</p>
-
-<p>Wohl fünf Minuten gellte diese Glocke, dann verstummte sie.</p>
-
-<p>Der Prior am Hochaltare stimmte das „Kredo“ an, das dann der Musikchor
-zu Ende sang.</p>
-
-<p>Nun trat Schweigen im Dome ein. Tiefes, feierliches Schweigen.</p>
-
-<p>Aus der Sakristei kam der Zug der Stiftsherren, paarweise, voran die
-jüngsten Patres, dann die älteren, die alten mit dem Schnee auf dem
-Haupte oder kahlköpfig; alle bekleidet mit dem weiten, faltigen,
-schwarzen Ordenskleide mit Kapuze, zuletzt schritt der Abt mit goldenem
-Brustkreuz an schwerer Kette, auf dem Haupte die Mitra, in der Hand den
-silbernen Stab.</p>
-
-<p>Im Presbyterium bildeten die Patres Spalier, durch das der Abt mit
-seinem Zeremoniar schritt. Dann betrat<span class="pagenum"><a id="Seite_237"></a>[S. 237]</span> der Abt die Stufen des
-Hochaltars und nahm Platz auf dem für ihn bereitgestellten Stuhle.</p>
-
-<p>Der Prior mit seiner Assistenz stand auf der Epistelseite vor den
-Sitzen.</p>
-
-<p>Nun waltete der Spiritual seines Amtes, indem er Nonnosus, der die
-Pergamentrolle in der zitternden Rechten trug, zum Abte geleitete. Hier
-kniete Nonnosus nieder und reichte die Urkunde entfaltet dem Abte, der
-sie entgegennahm und dem Profitenten zum Ablesen vorhielt.</p>
-
-<p>Nonnosus bekreuzte sich und las den lateinischen Text der Profeßformel
-mit dem Schlusse: „<span class="antiqua">In huius rei testimonium praesentem schedulam
-manu propria scripsi.</span>“ (Zum Zeugnis dessen hab ich gegenwärtige
-Urkunde mit eigener Hand geschrieben.)</p>
-
-<p>Langsam und würdevoll sprach der Abt: „<span class="antiqua">Haec tibi servanti vitam
-aeternam promitto!</span>“ (Wenn du dies beobachtest, verspreche ich dir
-das ewige Leben.)</p>
-
-<p>Nonnosus stand auf, trug die Urkunde zur Epistelseite des Hochaltars.
-Dann kehrte er zum Stuhle des Abtes zurück und kniete wieder nieder.</p>
-
-<p>Abt Beda sprach ein Gebet über den Profitenten, erhob sich von seinem
-Sitze und blieb stehen, bis der vom Spiritual geleitete Nonnosus das
-Ende des Presbyteriums erreichte. Hier knieten beide nieder und sangen
-den Psalmvers: „<span class="antiqua">Suscipe me, Domine, secundum eloquium tuum et vivam,
-et non confundas me ab expectatione mea.</span>“</p>
-
-<p>Der ganze Konvent, alle Patres sangen diesen Vers im gleichen Tone nach.</p>
-
-<p>Nun standen Nonnosus und der Spiritual auf, gingen bis in die Mitte des
-Presbyteriums, knieten hier nieder und sangen den Vers um einen Ton
-höher.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_238"></a>[S. 238]</span></p>
-
-<p>Der Konvent wiederholte den Vers gleichfalls in erhöhtem Tone. Der
-Spiritual führte den Profitenten nun bis zur untersten Stufe des
-Hochaltars, wo zum drittenmal und wieder um einen Ton höher der Vers
-gesungen, vom Konvent dann wiederholt wurde. Und ergreifend klang
-der vom ganzen Kapitel gesungene Schluß: „<span class="antiqua">Gloria Patri et Filio
-et Spiritui sancto. Sicut erat in principio et nunc et semper et in
-saecula saeculorum. Amen.</span>“</p>
-
-<p>Nochmal segnete der Abt den vor dem Hochaltare knienden Profitenten
-und sprach über ihn Gebete. Dann schritt Abt Beda zur Epistelseite und
-weihte die dort niedergelegten neuen Ordenskleider für den Profitenten.
-Hierauf kniete der Abt auf der obersten Stufe des Altares nieder und
-stimmte den Hymnus an: „<span class="antiqua">Veni creator spiritus</span>“. Der Musikchor
-sang den Hymnus weiter.</p>
-
-<p>Feierlich gestaltete sich die Abnahme des bisherigen Skapuliers und
-Bekleidung des Profitenten mit einem neuen, <span class="antiqua">ad hoc</span> geweihten
-Skapulier seitens des Abtes, der dann Nonnosus die Hand reichte und ihm
-auf beide Wangen den Bruderkuß gab. Während der Abt mit Mitra und Stab
-in der Mitte des Altares stehenblieb, vollzog sich die Zeremonie des
-Bruderkusses, indem Nonnosus mit dem Pater Prior und allen Kapitularen
-den Kuß tauschte.</p>
-
-<p>Laienbrüder trugen ein schwarzes Bahrtuch in das Presbyterium und
-breiteten es in der Mitte des Presbyteriums aus, just an der Stelle,
-unter der sich die Totengruft des Konventes befindet. Auf das Bahrtuch
-gegen den Altar zu wurde ein schwarzes Kissen gelegt.</p>
-
-<p>Nonnosus küßte den jüngsten Pater und schritt dann<span class="pagenum"><a id="Seite_239"></a>[S. 239]</span> langsam zum
-Bahrtuch, zog die Kapuze über den Kopf und legte sich der Länge nach
-auf das schwarze Tuch, drückte das blasse Gesicht auf das Kissen und
-blieb regungslos liegen.</p>
-
-<p>Im selben Augenblick ertönte die große Sterbeglocke dumpf in schweren
-Schlägen, ernst und feierlich, mahnend, daß der auf dem Bahrtuche und
-so nahe der Totengruft liegende Profitent nun der Welt abgestorben sein
-soll und muß...</p>
-
-<p>Ein schwaches Zucken lief durch den Körper des Pater Nonnosus, der die
-zum Gebet gefalteten Hände fester aneinanderpreßte. Kam ihm doch in
-diesem erschütternden Moment so recht zum Bewußtsein, daß jetzt der
-Abschied von der Welt sich für immer vollzogen hat...</p>
-
-<p>Helle Klingeltöne verkündeten das Sanktus. Der eine Diakon verließ
-den Hochaltar und schritt zum Bahrtuche. Und er berührte mit dem Fuße
-leicht den Profitenten und sprach: „<span class="antiqua">Surge qui dormis et exurge a
-mortuis, et illuminabit te Christus!</span>“ (Erhebe dich, der du ruhest,
-und steh auf von den Toten, erleuchten wird dich Christus.)</p>
-
-<p>Nonnosus erhob sich langsam und zog die Kapuze vom Haupte. Kalkig waren
-seine Wangen. In den Augen glühte das Feuer der Begeisterung für den
-Beruf.</p>
-
-<p>Nonnosus begab sich in den Chorstuhl, wo er niederkniete. Der Diakon
-kehrte an den Altar zurück.</p>
-
-<p>Nach der Kommunion des zelebrierenden Priors schritt Nonnosus zum
-Altar, aus der Hand des Priors empfing er das hl. Abendmahl, worauf er
-zu seinem Stuhle zurückkehrte.</p>
-
-<p>Zum Schlusse des Hochamtes ging Nonnosus zum<span class="pagenum"><a id="Seite_240"></a>[S. 240]</span> letztenmal an den Altar,
-auf der untersten Stufe kniend empfing er den besonderen Segen des
-Priors. Und hier blieb er dann allein, versunken in Gebete, nachdem der
-Prior samt Assistenz die Kirche verlassen hatte.</p>
-
-<p>Aufgenommen als gleichberechtigter Konventual, aber allein, um
-Gelegenheit zu haben, Gott zu danken...</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_241"></a>[S. 241]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Zwoelftes_Kapitel">Zwölftes Kapitel</h2>
-
-</div>
-
-<p>Einer Herzensregung folgend, besuchte die Fürstin das vom Tisch
-verbannte Fräulein von Gussitsch. Wider Absicht und Willen klagte die
-Fürstin leisen Tones darüber, daß der Sohn so gar kein Faserchen Mut
-besitze, wohl auch nie lernen werde, sich selbst zu überwinden. Ob Emil
-je die Mannesfestigkeit erringen werde? Jenen stahlharten Willen, der
-allein es ermöglicht, aufrecht durch das Erdenleben zu gehen?</p>
-
-<p>Die Fürstin hielt im Sprechen inne, erwartete von Martina Antwort,
-vielleicht auch ein Trosteswort. Das arme Hoffräulein rang nach Worten
-und fand keines.</p>
-
-<p>„Irre werde ich an meinem Sohne! Lange Jahre ein träumerisches Wesen,
-Apathie, Schläfrigkeit, Stumpfsinn! Dann das Aufwachen mit nichts
-weniger denn erfreulichen Folgen! Unausgeglichenheit, ein Schwanken wie
-das Rohr im Winde! Ich fürchte, es fehlt am Charakter!“</p>
-
-<p>Leise und schüchtern erwiderte Martina: „Verzeihung, Durchlaucht! Prinz
-Emil ist ja noch jung! Der beste Most braucht Zeit zur Klärung, dann
-wird guter Wein daraus!“</p>
-
-<p>„Wenn Sie recht hätten, Martina, wie glücklich würde die Mutter sein!
-Es ist ja richtig, mit vierundzwanzig Jahren ist Emil noch sehr jung!
-In hohem Range kommt es fast nie vor, daß ein junger Mann mit<span class="pagenum"><a id="Seite_242"></a>[S. 242]</span> diesen
-Jahren schon abgeklärt und willensstark, ernst und gefestet ist! Wenn
-er nur arbeiten, sich ernsthaft beschäftigen würde! Immer nur ein
-Anlauf, ein Stehenbleiben auf halbem Wege! &ndash; Doch nun wollen wir von
-Ihnen sprechen, liebe Martina! Sie bleiben bei mir, ja &ndash;? Und es
-bleibt, wie es war! Die dumme Geschichte mit Emil ist vorüber und soll
-begraben sein! Wenn sich aber noch einmal Gelegenheit bietet, soll
-Fräulein von Gussitsch aber doch...! Nein, davon wollen wir heute nicht
-sprechen!“</p>
-
-<p>Hildegard meldete, daß Graf Thurn um Audienz bitte, und verschwand.</p>
-
-<p>Die Fürstin verabschiedete sich von Martina und empfing im Salon den
-Hausmarschall, der um Gewährung eines zweitägigen Urlaubes zum Besuche
-des Prinzen Coburg in Schladming bat.</p>
-
-<p>„Selbstverständlich genehmigt! Vermutlich eine Jagdeinladung?“</p>
-
-<p>„Zu dienen!“</p>
-
-<p>„Eben fällt mir ein, daß unserseits völlig vergessen wurde, Ihnen
-Abschußerlaubnis zu erteilen! Ich bitte, diese Vergeßlichkeit zu
-entschuldigen! Da mein Sohn soviel wie gar kein Jagdinteresse hegt, ist
-das Haller Jagdgut eigentlich zwecklos erworben worden! Ihnen, lieber
-Graf, stehen alle Reviere frei! Und wegen der Bejagung wollen Sie sich
-nur mit dem Jagdleiter Hartlieb ins Benehmen setzen! Hartlieb kann auch
-nach Gutdünken abschießen! Gute Reise, lieber Graf!“</p>
-
-<p>„Untertänigsten Dank für so viel Huld und Gnade!“ Sophie nickte
-freundlich und fragte, ob der Graf sich am Lunch beteiligen werde.</p>
-
-<p>„Mit gnädigster Erlaubnis möchte ich den Mittagszug benutzen!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_243"></a>[S. 243]</span></p>
-
-<p>„Viel Vergnügen! Und Weidmannsheil!“</p>
-
-<p>Mit Handkuß verabschiedete sich der alte Hausmarschall.</p>
-
-<p>Das Versehen verspätet gutgemacht zu haben, gewährte der Fürstin eine
-gewisse Befriedigung. Aber einen Stachel hatte sie doch in der Brust,
-so sie an Emil, an seine Gleichgültigkeit gegen Wild und Jagd dachte.
-Und sie flüsterte: „Bin aber nicht auch ich gleichgültig geworden? Ist
-in mir nicht auch jegliches Jagdinteresse erstorben? Eben weil Emil
-sich nicht dafür interessiert!“ Und Sophie wünschte sich, es möge der
-Sohn sich einen stahlharten Willen erwerben.</p>
-
-<p class="s3 center mtop1 mbot1">*</p>
-
-<p>Einen Tag später lauerte Prinz Emil im kleinen Bahnhofe zu Admont wie
-die Spinne auf eine Fliege im Netz auf den Pfarrer Pater Wilfrid,
-der mit einem Zuge von Selztal zurückkommen sollte. So hatte der
-Klosterpförtner berichtet, aber nicht zu sagen gewußt, wann der Pater
-Gastmeister heimkommen werde.</p>
-
-<p>Da nun Emil den Hofpfarrer in finanzieller Angelegenheit unter
-allen Umständen sprechen wollte, wartete der geldhungrige Prinz von
-vormittag neun Uhr ab auf jeden Zug aus der Richtung von Selztal.
-Die Zwischenzeit vertrieb er sich mit Bummeln, leistete sich im
-Stiftskeller, der für Laiengäste offenstand, auch ein Fläschchen
-Edelweines aus der Luttenberger Gegend; doch prompt fand Emil sich
-wieder im Bahnhofe ein, wenn ein Zug fällig war. Gegen Mittag kreuzten
-zwei Züge aus Süd und Nord in Admont. Der Erwartete kam nicht. Aber
-dem Zuge aus dem Süden entstieg eine junge Dame, deren wundersame
-Erscheinung Emil Herz<span class="pagenum"><a id="Seite_244"></a>[S. 244]</span>klopfen verursachte. Tannenschlank die Gestalt,
-fein geschnitten das Gesicht, gebräunt die Wangen von südlicher Sonne.
-Dunkle, feurige und große Augen. Welscher Typus aus Norditalien wohl,
-gemildert etwas durch germanischen Einschlag. Elegante Toilette,
-sicheres Auftreten der befehlgewohnten Aristokratin, deren Stimme wie
-ein Silberglöckchen klang, als die junge Dame nach einem Gepäckträger
-rief. Und zwar vergeblich, da es in dem Miniaturbahnhofe trotz des
-starken Verkehrs keine Diener und Träger gab.</p>
-
-<p>Das Köfferchen und die Lederhandtasche verrieten wie die Gestalt
-höchste Eleganz.</p>
-
-<p>Betroffen stand die junge Dame am Zuge und guckte nach einem
-dienstbaren Geist, indes die Passagiere hastig den Zug verließen,
-andere Fahrgäste aber einstiegen.</p>
-
-<p>Emil ging auf die Dame zu und bot seine Dienste mit ritterlicher
-Galanterie und mit einem Humor an, der das Fräulein lachen machte. Emil
-sagte nämlich: „Dem Beruf nach bin ich zwar kein Packträger, aber recht
-viel mehr Intelligenz besitze ich auch nicht! Schönes Fräulein, darf
-ich’s wagen, Ihnen meine Dienste anzutragen? Auf Trinkgeld verzichte
-ich!“</p>
-
-<p>„Ah, Herr Faust! <span class="antiqua">Con piacere, ecco!</span>“ Ohne weiteres deutete die
-junge Dame auf die Gepäckstücke, und lächelnd rief sie Emil zu: „Rasch
-zu einem Wagen!“</p>
-
-<p>Prinz Schwarzenstein mußte mitteilen, daß es keine Wagen gab im kleinen
-Admont und nur der Omnibus des Posthotels am Bahnhofe stehe.</p>
-
-<p>Im Befehlstone, doch liebenswürdig lächelnd, sprach die junge Dame:
-„Dann besorgen Sie einen Wagen, aber rasch! Ich habe Eile!“</p>
-
-<p>„Zu dienen! Aber Gnädigste können doch inzwischen nicht allein und
-schutzlos hier warten, bis ich mit dem<span class="pagenum"><a id="Seite_245"></a>[S. 245]</span> requirierten Wagen komme!
-Gnädigste wollen mich ins Städtle begleiten!“</p>
-
-<p>„Ob Herr Doktor Faust der richtige ‚Schutz‘ und Führer sein wird,
-steht denn doch zu bezweifeln! Besonders vertrauenerweckend sieht
-er nicht aus, der Herr Doktor Faust!“ Die junge Dame musterte mit
-drollig forschendem Blicke den Prinzen, der inzwischen das Handgepäck
-aufgenommen hatte.</p>
-
-<p>„Oh, oh! Gnädigste können mir ruhig volles Vertrauen schenken, denn ich
-bin nicht Doktor Faust! Und Gnädigste sehen nicht &ndash; gretchenhaft aus,
-werden also auch nicht à la Gretchen einitappen!“</p>
-
-<p>Das Fräulein kicherte belustigt und folgte dem seltsamen
-„Gepäckträger“, der nun vorschlug, den Hotelomnibus zu benutzen und im
-Hotel „Post“ einen Privatwagen zu mieten.</p>
-
-<p>Es befremdete die junge Dame, daß Emil gleich ihr in den Hotelomnibus
-stieg. „Ich danke für Ihre Gefälligkeit, bedarf aber Ihrer Dienste
-nicht weiter!“</p>
-
-<p>„Doch! Ich muß ja behilflich sein, damit Gnädigste rasch den
-gewünschten Wagen im Hotel bekommen! Deshalb fahre ich mit!
-Furierdienst ist meine Spezialität! Besserer Brettlhupfer!“</p>
-
-<p>„So! Vermutlich im Dienst der Fürstin von Schwarzenstein, was?“</p>
-
-<p>Für einen Moment stutzte Emil; es überraschte ihn, daß das fremde
-Fräulein Kenntnis von der Existenz der Schwarzensteins hatte. Die
-Lust an Abenteuern war aber so groß, daß er keck und verwegen log und
-schwindelte, frischweg behauptete, der Privatsekretär der Fürstin zu
-sein.</p>
-
-<p>„Ah! Da sind Sie ja des Vertrauens würdig! Und falls Sie gleich mir
-nach Hall fahren wollen, lade ich Sie ein, mich zu begleiten!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_246"></a>[S. 246]</span></p>
-
-<p>„Mit größtem Vergnügen! Also Gnädigste wünschen, nach Hall zu fahren!
-Darf ich fragen: Hall Dorf, Forsthaus oder Jagdschlößl?“</p>
-
-<p>„Für einen Geheimsekretär sind Sie ein bissel &ndash; neugierig!“ stichelte
-das elegante und bildhübsche Fräulein.</p>
-
-<p>„Stimmt! Böse Beispiele verderben gute Sitten! Man lernt das
-Neugierigsein von den Dienern und Vertrauenspersonen! Ich will nicht
-fragen, wer Gnädigste sind!“</p>
-
-<p>„Sehr löblich von Ihnen! Ich will aber freiwillig den Schleier des
-Geheimnisses lüften: ich bin die &ndash; Schwester des Oberförsters!“</p>
-
-<p>Emil machte ein wahrhaftiges Schafsgesicht. Und verblüfft stotterte er:
-„Nicht möglich! Hartlieb hat ja gar keine Schwester!“</p>
-
-<p>Der Omnibus hielt vor dem Gasthofe „Post“. Hotelgäste vermutend
-stürzten der Eigentümer, der „Herr Ober“, ein Kellner und der
-langohrige Pikkolo dienstbereit herbei.</p>
-
-<p>Prinz Schwarzenstein half der Dame aussteigen und bestellte sofort
-einen Wagen zur Fahrt nach Hall-Forsthaus. Dann bot er dem Fräulein ein
-Frühstück an, das jedoch dankend abgelehnt wurde. Ziemlich abgekühlt,
-überlegte Emil, ob er nicht guttun würde, sich zu drücken. Ist das
-verdammt hübsche Fräulein wirklich die Schwester Hartliebs, dann heißt
-es für den Prinzen: <span class="antiqua">Hands off!</span></p>
-
-<p>Das schelmische, spitzbübische Lachen im Auge der Dame brachte ihn
-auf den Gedanken, daß das Fräulein genau so wie er ulkt, daß die
-Dame sowenig Hartliebs Schwester ist, wie Emil der Geheimsekretär
-der Fürstin. Und dieser Gedanke veranlaßte ihn, den Scherz nach<span class="pagenum"><a id="Seite_247"></a>[S. 247]</span>
-Möglichkeit bis zur Aufklärung der drolligen Situation fortzusetzen.
-Ulkig fragte er, ob Papa oder Mama Hartlieb welscher Abkunft gewesen
-sei.</p>
-
-<p>„Warum denn?“</p>
-
-<p>„Weil Sie unverkennbar romanisches Blut haben müssen! Halb deutsch,
-halb italienisch! Welsche Schönheit!“ sprach Emil in italienischem
-Idiom der horchenden Leute wegen.</p>
-
-<p>In reinem Toskanisch scherzte die junge Dame, daß die Großmutter eine
-gebürtige Olona gewesen sei, verwandt mit den Familien Masnago-Laveno;
-daher habe der Oberförster den welschen Typ.</p>
-
-<p>„Donnerwetter! Die Namen Olona, Masnago-Laveno kommen mir aber bekannt
-vor, sehr bekannt! Es muß die Fürstin davon gesprochen haben...!“</p>
-
-<p>„Hat die Fürstin längere Zeit in Mailand verbracht?“</p>
-
-<p>„Ja, vor einigen Jahren! &ndash; Aber da ist der Wagen! Darf ich bitten!
-Apropos: ist Herr Hartlieb von Ihrer Ankunft verständigt?“</p>
-
-<p>„Nein, ich komme überraschend!“ lachte glockenhell das Fräulein.</p>
-
-<p>„Stimmt! Denn ich bin sehr überrascht! <span class="antiqua">Che bellezza!</span>“</p>
-
-<p>„Für einen fürstlichen Geheimsekretär sind Sie ein besonderer
-Frechdachs! Fast möchte ich bezweifeln, daß Sie sich in dieser Stellung
-befinden!“</p>
-
-<p>Während der raschen Fahrt nach Hall schwätzte Emil der jungen Dame
-schier die zierlichen Ohren weg und guckte ihr möglichst oft und tief
-in die schönen Augen. Doch hielt er unwillkürlich eine gewisse Grenze
-ein im Empfinden, daß das Fräulein nicht die Schwester Hartliebs sei,
-von erheblich höherer Abkunft sein müsse. Aber<span class="pagenum"><a id="Seite_248"></a>[S. 248]</span> nett und lieb, zum
-Anbeißen nett. Distinguiert und doch nicht prüde.</p>
-
-<p>„Als Hofbeamter müssen Sie den Grafen Thurn kennen! Ist der
-Hausmarschall zu Hause?“</p>
-
-<p>Diese Frage brachte Emil auf die richtige Spur. Frohlockend rief er:
-„Gnädigste haben sich jetzt verraten! Mit dem Inkognito ist es aus!
-Gnädigster Komtesse lege ich verehrungsvollsten Respekt zu Füßen!“</p>
-
-<p>„Wie dumm von mir! Aber Sie sind auch nicht der Hofsekretär! Darauf
-getraue ich mir meinen Kopf zu wetten!“</p>
-
-<p>„Was soll ich zum Einsatz geben? Wer soll ich denn sein?“</p>
-
-<p>Komtesse Isotta Thurn wandte den hübschen Kopf zu Emil und blickte
-ihn voll und prüfend an. „Nach Papas Schilderungen sind Sie der Prinz
-Schwarzenstein! Ich bitte um Verzeihung, daß ich Durchlaucht so
-respektwidrig behandelt habe! Zugleich danke ich aber auch für die
-ritterliche und liebenswürdige Hilfeleistung!“</p>
-
-<p>„Keine Ursache, Komtesse! Aber Sie irren sich in meiner Person...“</p>
-
-<p>„Unmöglich! Es stimmt die Beschreibung, die mir Papa gegeben hat,
-als er mich das letztemal in der Pension zu Lausanne besuchte!“ Und
-schalkhaft lachend, fügte Isotta bei: „Es stimmt aber auch bezüglich
-Ihres Auftretens!“</p>
-
-<p>„Wieso denn?“</p>
-
-<p>„Hofsekretäre sind niemals &ndash; Frechdachse! Oh, bitte untertänigst um
-Verzeihung!“</p>
-
-<p>„Warum soll denn ein junger Sekretär, den keine Sorgen drücken, einer
-bildhübschen jungen &ndash; ‚Oberförstersschwester‘ gegenüber nicht als &ndash;
-Frechdachs auf<span class="pagenum"><a id="Seite_249"></a>[S. 249]</span>treten? Hätte ich gewußt, daß Gnädigste die Komtesse
-Thurn sind, würde ich allerdings bescheidener mich verhalten haben! Um
-Verzeihung muß also ich bitten, untertänigst und gehorsamst! Und ganz
-besonders herzlichst bitte ich um Diskretion! Denn wenn Graf Thurn
-erfährt, wie frech ich mit seiner Tochter angebandelt habe, fangt er
-mich füri!“</p>
-
-<p>„Diskretion wird sicher gewahrt! Aber das Versteckenspielen müssen Sie
-nun aufgeben! Mit einem simplen Sekretär kann und darf die Komtesse
-Thurn sich nicht weiter beschäftigen...! Das werden Sie doch begreifen!“</p>
-
-<p>„Will sich die Komtesse mit dem Prinzen Schwarzenstein ‚beschäftigen‘?“</p>
-
-<p>Isotta erglühte und schwieg.</p>
-
-<p>Emil ergriff ihre Hand und drückte einen Kuß darauf. Dann bat er, es
-wolle die Komtesse, da Papa Thurn auf zwei Tage verreist sei, Quartier
-im Jagdschlößl nehmen.</p>
-
-<p>„Danke vielmals! Aber wo Papa wohnt, wird das Quartier auch der Tochter
-genügen! Und jede Belästigung der Fürstin muß vermieden werden!“</p>
-
-<p>„Ach wo! Im Forsthause können Sie, Komtesse, nicht bleiben, in
-Abwesenheit Ihres Papas schon gar nicht; es fehlt ja auch an jeder
-Bedienung!“ Emil richtete sich auf, markierte Energie und sprach
-gebieterisch: „Ich befehle, daß Sie Quartier im Jagdschlößl nehmen!“</p>
-
-<p>„Huhu! Durchlaucht befehlen!“ lachte Isotta spitzbübisch.</p>
-
-<p>„Gel, das imponiert Ihnen, was?“</p>
-
-<p>„Und wie? Zwingt zu ersterbender Ehrfurcht! Hihi! Regieren Durchlaucht
-immer so energisch und scharf?“</p>
-
-<p>„Spotten Sie nur zu! Die Hauptsache ist der Gehor<span class="pagenum"><a id="Seite_250"></a>[S. 250]</span>sam! Bitte, teuerste
-Komtesse, nehmen Sie Quartier bei uns! Es wäre nett, entzückend,
-himmlisch, wenn wir ein Dach über uns hätten!“</p>
-
-<p>Wieder erglühte Isotta. Und sie wehrte ab: „Aber, Prinz! Was wird die
-Fürstin denken?“</p>
-
-<p>„Mama wird sicher auch finden, daß die Komtesse Thurn ein entzückendes
-Frauenzimmerl ist!“</p>
-
-<p>„Nun ist’s aber genug der Schmeichelei! Ein Mischmasch-Komtessel bin
-ich, halb deutsch, halb welsch!“</p>
-
-<p>„Oh, ich bin sehr für den Mischmasch! Besonders, wenn das
-Mischmasch-Komtessel so himmlisch nett und lieb ist! &ndash; Holla! Dort
-wimmelt Mama spazoren, und zwar ausnahmsweise allein! Der Fall ist
-günstig! He, Kutscher, halten!“</p>
-
-<p>Isotta wehrte sich vergeblich. Sie mußte raus und mit Emil der Fürstin
-entgegengehen, die nicht wenig staunte, den Sohn mit einer eleganten
-jungen Dame anmarschieren zu sehen.</p>
-
-<p>Auf Distanz von zwölf Schritt rief Emil lebhaft: „Mama, Mama! Denk dir,
-ich habe Komtesse Thurn unterwegs aufgegabelt! Sie wollte den Papa
-überraschen, das ist ihr aber mißglückt, denn Graf Thurn ist abwesend!“</p>
-
-<p>Durch diesen Zuruf schwand das Befremden sofort; jetzt angenehm
-berührt, kam Fürstin Sophie mit raschen Schritten heran, und freudig
-begrüßte sie die Tochter des alten Hausmarschalls. Mama genehmigte auch
-alle Vorschläge Emils wegen des Quartiers im Jagdschlößl, vorbehaltlich
-der Zustimmung Thurns.</p>
-
-<p>Emil strahlte vor Freude. Und übermütig erzählte er, daß Komtesse sich
-weigerte, daß er aber befohlen habe, Quartier im Schlößl zu nehmen.</p>
-
-<p>Mit feiner Ironie sprach die Mama: „Der Prinz<span class="pagenum"><a id="Seite_251"></a>[S. 251]</span> Schwarzenstein kann
-gegebenenfalls dem Hausmarschall Befehle erteilen, niemals aber dessen
-Tochter. Ich bitte Komtesse, bei uns zu bleiben als lieber Gast! Und
-nun wollen wir heimkehren!“</p>
-
-<p>Emil schickte den Wagen mit dem Gepäck voraus. Auf dem Wege zur Villa
-mußte er den stummen Begleiter spielen, denn Mama sprach ausschließlich
-mit Komtesse Isotta.</p>
-
-<p>In böse Verlegenheit brachte ihn die Frage der Fürstin, wo er die
-Komtesse aufgegabelt habe. „Meines Wissens hast du doch die Komtesse
-bisher nie gesehen!“</p>
-
-<p>Rasch gefaßt, antwortete Isotta an Emils Stelle, daß sie im
-Bahnhofe Admont den ihr unbekannten Prinzen um Auskunft über eine
-Fahrgelegenheit zum Forsthause Hall gebeten und sich hernach als
-Tochter des Hausmarschalls vorgestellt habe. Worauf Prinz Emil
-mitgefahren sei.</p>
-
-<p>„Ach so!“ Mit einigem Mißtrauen fragte die Fürstin den Sohn: „Was
-hattest denn du auf dem Bahnhof zu tun? Noch dazu zur Zeit, da wir
-speisen?“</p>
-
-<p>„Verzeihung, Mama! Ich konnte nicht rechtzeitig um Dispens vom Lunch
-bitten! Auf dem Bahnhof wollte ich Pater Wilfrid erwarten, der aber
-nicht kam! Ein Glück, daß ich anwesend war, der Komtesse behilflich
-sein konnte!“</p>
-
-<p>Zwei Blicke des Einverständnisses der jungen Leute kreuzten sich.
-Optische Warnungen vor Verplapperung. Besonders Isottas Blick mahnte
-zur Vorsicht.</p>
-
-<p>Wonne und Glückseligkeit empfand Emil, daß die Komtesse sich so tapfer
-auf seine Seite stellte und so brillant lügen konnte, um das Geheimnis
-der Bekanntschaft zu wahren. Ein schneidiges Mädel, höchst sympathisch,
-nett zum Anbeißen! Dazu Gräfin, also...</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_252"></a>[S. 252]</span></p>
-
-<p>Als Quartier bekam Komtesse Thurn ein Zimmer ähnlich dem
-Hoffräuleingemache, klein, doch zweckentsprechend eingerichtet. Die
-Räumlichkeiten waren im Jagdschlößl beschränkt, nur für Jagdgäste zu
-kurzem Aufenthalt bemessen.</p>
-
-<p>Die Fürstin machte Isotta mit der Hausordnung bekannt, stellte Fräulein
-von Gussitsch vor und beauftragte die Dienerschaft, dem Gaste alle
-Aufmerksamkeit zu widmen. Alle Liebenswürdigkeit konnte jedoch die
-Komtesse darüber nicht täuschen, daß die Fürstin irgendein Mißtrauen
-hegte. Auch fiel es Isotta auf, wie scharf die Mama den Sohn bei Tisch
-überwachte.</p>
-
-<p>Davon merkte Emil anscheinend nichts, er gab sich keine Mühe, die
-Freude über die Anwesenheit der ihm höchst sympathischen Komtesse zu
-verbergen, und widmete ihr seine Aufmerksamkeit. Ohne Übertreibung,
-ohne Draufgängerei. Freilich glänzten seine Augen seltsam.</p>
-
-<p>Die Hofdame war bei Tisch nur Staffage, es hatte Martina reichlich
-Gelegenheit zu stillen Beobachtungen, und sie war sich sehr rasch
-darüber klar, daß Prinz Emil jetzt ernstlich Feuer gefangen habe, und
-daß die Fürstin die Situation erfaßte und keineswegs einverstanden
-war. Das Abschwenken Emils konnte Martina nur willkommen sein, die
-Ignorierung ihrer Person verbürgte Ruhe. Aber neugierig war Martina
-doch auf die Entwicklung der fühlbar gespannten Situation.</p>
-
-<p>Auffällig war, daß die Fürstin sich nach dem abendlichen Diner nicht
-wie üblich zurückzog, sondern im Speisezimmer blieb und Martina um
-etwas Musik bat. Fräulein von Gussitsch mußte das im Empfangssalon
-stehende Pianino bearbeiten, vermutlich nur zum Zwecke, daß Prinz Emil
-der Komtesse nicht die Cour schneiden konnte und zur Schweigsamkeit
-gezwungen war. Eine<span class="pagenum"><a id="Seite_253"></a>[S. 253]</span> lange Stunde hindurch mußte Martina Musik machen.
-Dann wurde kurz dafür gedankt und Schluß befohlen. Kurzer Abschied,
-rascher Rückzug.</p>
-
-<p>Auf seiner Bude konnte Emil sich mopsen nach Belieben. Auch das schöne
-Liedchen summen: „Du bist mir nah und doch so fern.“ Wie sehr er sich
-für Isotta interessierte, bewies die Tatsache, daß für diesen Abend
-kein Schlummerpunsch in sein Kämmerlein kam, das verliebte Prinzlein
-völlig nüchtern in die Federn kroch und langmächtig und wahrhaftig
-maikäferte.</p>
-
-<p>Mehrere Enttäuschungen brachte der nächste Tag für Emil. Nicht für
-ein Viertelstündchen war es möglich, mit Komtesse Isotta ohne Zeugen
-zu sprechen; Mama belegte sie ständig, ging mit ihr spazieren,
-beschäftigte sie fortwährend, bis es Zeit wurde, für den Grafen Thurn
-den Wagen zum Admonter Bahnhof zu senden. Isotta wurde es freigestellt,
-den Papa abzuholen, und für diesen Fall war Fräulein von Gussitsch zur
-Begleitung befohlen. Wie dies Emil hörte, verzichtete er sofort auf die
-Mitfahrt.</p>
-
-<p>Die Komtesse hingegen wollte um die Erlaubnis bitten, Papa im
-Forsthause erwarten zu dürfen, fügte sich aber der Anordnung und fuhr
-mit Martina weg.</p>
-
-<p>Zwei Stunden später kam Fräulein von Gussitsch allein zurück und
-meldete der Fürstin dienstlich, daß Graf Thurn vorerst mit seiner
-Tochter im Forsthause eine Aussprache pflegen wolle und sodann ins
-Jagdschlößl kommen werde, um wegen der unangenehmen Überraschung
-Durchlaucht untertänigst um Entschuldigung zu bitten.</p>
-
-<p>Fürstin Sophie nickte nur. Und das Lächeln einer gewissen Befriedigung
-huschte über ihre Lippen. Sie schien die Handlungsweise des allzeit
-streng korrekten Hofchefs erwartet zu haben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_254"></a>[S. 254]</span></p>
-
-<p>In der Wohnung Thurns entlud sich ein böses Ungewitter über das
-schöne Töchterlein. Graf Thurn rüffelte Isotta wegen der leichtsinnig
-unternommenen Soloreise, ganz besonders aber ob der schweren
-Belästigung der Fürstin durch die geradezu unverschämte Einquartierung
-in das Schlößl.</p>
-
-<p>Isotta wehrte sich mit dem Hinweise, daß man sie ja genötigt habe,
-Quartier im Jagdschlößl zu nehmen.</p>
-
-<p>„Ach was! Wenn man überraschend kommt und einem ins Haus plumpst,
-bleibt den hohen Herrschaften nichts anderes übrig, als gute Miene
-zum bösen Spiel zu machen und den Eindringling willkommen zu heißen!
-Traurig genug, daß die Tochter des Hofchefs nicht soviel Lebensart hat,
-um einen skandalösen Überfall zu vermeiden!“</p>
-
-<p>„Aber, Papa! Ich versichere dir, daß ich gezwungen worden bin!“</p>
-
-<p>„Wer hat dich gezwungen?“</p>
-
-<p>„Prinz Emil!“</p>
-
-<p>Die Stirne runzelnd rief Graf Thurn: „Unmöglich! Den Prinzen kennst du
-ja gar nicht! Wie kann Prinz Emil dazu kommen, dich einzuladen!“</p>
-
-<p>Der Ärger über den Rüffel verleitete Isotta zu einer unvorsichtigen
-Beichte, wie sie den netten und liebenswürdigen Prinzen kennengelernt
-hatte, ganz zufällig, und dann selbstverständlich mit ihm zum
-Forsthause gefahren sei. Und hierauf habe der Prinz sie der zufällig
-auf einem Spaziergange herbeigekommenen Fürstin vorgestellt.</p>
-
-<p>Jetzt rügte Thurn das Gebaren der Tochter erst recht scharf und als
-skandalöse Aufdringlichkeit. Nicht weniger die empörenden Mängel der
-Schulerziehung. Wenn schon nicht Verstand und Vernunft, so doch das
-weibliche Gefühl hätte derlei Taktlosigkeiten verhindern<span class="pagenum"><a id="Seite_255"></a>[S. 255]</span> müssen.
-Unerhört, wie sich eine Komtesse Thurn dem Prinzen geradezu an den Hals
-werfen konnte. Blamiert bis auf die Knochen sei der Hofchef und Vater.
-Und was die Fürstin sich denken werde! „Dein Verhalten zwingt mich,
-die Konsequenzen zu ziehen! Die erste Folge ist, daß ich um sofortigen
-Urlaub bitten werde, um dich morgen zu Verwandten nach Mailand zu
-bringen! Zum zweiten bin ich genötigt, meine Entlassung zu erbitten!
-Das Schlößl betrittst du nicht mehr! Du nächtigst bei mir! Dein Gepäck
-werde ich holen lassen! So, und nun hast du Zimmerarrest! Ich gehe
-indessen zur Fürstin!“ Kurz entschlossen sperrte Graf Thurn die Tochter
-im Zimmer ein und steckte den Schlüssel zu sich. Und eilig ging er zum
-Jagdschlößl.</p>
-
-<p>In außerordentlicher Audienz stimmte Fürstin Sophie zu, daß Graf Thurn
-Urlaub nach Italien nehme, die Bitte um Entlassung hingegen lehnte sie
-ab, weil kein Grund dazu vorhanden sei. Und leisen Tones fügte sie
-hinzu: „Es liegt auch nicht alle Schuld auf der anderen Seite! Mein
-Sohn dürfte ebenfalls &ndash; hm &ndash; inkorrekt vorgegangen sein, er wird
-seine Strafe schon noch bekommen! Jedenfalls ist Ihre und der Komtesse
-Abreise wünschenswert! Der Wagen für morgen früh steht zur Verfügung,
-wollen Sie selbst den Kutscher verständigen! Norbert soll das Gepäck
-der Komtesse nach dem Forsthause bringen! Gute Reise, lieber Graf!“</p>
-
-<p>„Untertänigsten Dank, Durchlaucht!“</p>
-
-<p>„Nehmen Sie die Sache nicht zu schwer! Trübe Stunden bleiben den
-Eltern nie erspart, weder in der Hütte noch in einem Palast! Und die
-sorgsamste Erziehung schützt nicht vor dummen Streichen der mündig,
-aber nicht reif gewordenen Kinder! Adieu, lieber Graf! Wir bleiben in
-Freundschaft die alten!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_256"></a>[S. 256]</span></p>
-
-<p>Ein Handkuß, dann verließ Thurn mit zusammengepreßten Lippen das
-Wohngemach.</p>
-
-<p>Ahnungslos von alledem stand Emil, mit Martina plaudernd, im
-Speisesaale, auf Mama und Komtesse Isotta wartend. Und angelegentlich
-hatte sich Prinz Emil erkundigt, wo denn eigentlich die gräfliche
-Familie Thurn ihren Hauptsitz habe.</p>
-
-<p>Des Umstandes froh, daß der Prinz ein verhältnismäßig harmloses
-Thema berührte, gab Martina Auskunft, soviel sie konnte, dahin, daß
-die Thurn-Valsassina de Villalta und Spessa von einem Napoleone
-della Torre, Signore di Milano abstammen und um die Mitte des 16.
-Jahrhunderts Reichsgrafen wurden.</p>
-
-<p>„Also wird Mailand der Wohnort der Familie sein?“ meinte Emil.</p>
-
-<p>„Das kann stimmen!“</p>
-
-<p>Der Eintritt der Fürstin beendigte das Gespräch.</p>
-
-<p>Die Mitteilung Mamas, daß die Thurns am Diner nicht teilnehmen, da der
-Graf sehr ermüdet sei, überraschte Emil. Aber er wagte keine Bemerkung.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_257"></a>[S. 257]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Dreizehntes_Kapitel">Dreizehntes Kapitel</h2>
-
-</div>
-
-<p>Schon zum Frühstück erfuhr Emil von Norbert die Neuigkeit, daß die
-Komtesse gar nicht im Jagdschlößl genächtigt habe und mit Papa in aller
-Frühe abgereist sei. „Überraschend gekommen, überraschend gegangen!
-Schade, so hübsch die Komtesse und so lustig! Was es da nur gegeben
-haben mag? Diesmal weiß ich weniger wie nichts!“</p>
-
-<p>Mit einem wahrhaftigen Schafblick guckte Emil den alten Kammerdiener
-an, bestürzt, fassungslos.</p>
-
-<p>Norbert war längst gegangen, doch konnte Emil noch immer nicht
-begreifen, was diese verblüffende Abreise veranlaßt haben konnte. Wie
-auf den Kopf geschlagen fühlte sich der Prinz, denkunfähig, betäubt,
-niedergeschmettert. Körperliche und seelische Schmerzen, das bittere
-Gefühl eines furchtbaren Verlustes, eine gähnende Leere. Gewichen ein
-großes Glück, erstorben jegliche Lebensfreude. Mählich aber reifte
-der Entschluß, alles zu wagen, um nach Möglichkeit das mit Isotta
-verknüpfte Lebensglück doch noch zu erringen. Wenn nötig, mit Kampf und
-Gewalt.</p>
-
-<p>Emil fühlte mit dem Erstarken der Energie, im Zittern um sein
-Lebensglück, daß es nun mit jeder Gängelei des verhätschelten
-Muttersöhnchens vorbei sein müsse, daß es zugreifen heißt und Krieg
-geführt werden muß.<span class="pagenum"><a id="Seite_258"></a>[S. 258]</span> Krieg gegen Mama, die zweifellos mitgeholfen,
-den Grafen Thurn bestimmt hat, seine Tochter wegzubringen. Krieg
-aber auch gegen Papa Thurn, dem Emil von Schwarzenstein die Tochter
-Isotta abringen muß. Wo aber die Thurns finden? Die Antwort auf
-diese selbstgestellte Frage gab die Erinnerung an die Auskunft des
-Hoffräuleins, daß die Thurns aus Mailand stammen, also dort irgendwo
-begütert sein werden. Demnach wird man in der Gegend von Mailand nach
-Thurns Verwandtschaft und Besitzungen zu suchen haben.</p>
-
-<p>Einmal soweit entschlossen, richtete Emil sein Augenmerk auf die
-Hauptsache: Geld zum Kriegführen.</p>
-
-<p>Der Versuch des Prinzen, vom Oberförster Hartlieb aus der Jagdamtskasse
-eine Summe zu erhalten, hatte ein klägliches Resultat: gegen Quittung
-erhielt Emil den für seine Zwecke lumpigen Betrag von hundert Kronen.</p>
-
-<p>In dieser Not stellte sich der Gedanke an Pater Wilfrid ein. Den
-liebenswürdigen Benediktiner als Pumpquelle hatte Emil ja schon einmal
-ins Auge genommen, die Ankunft und kurze Anwesenheit Isottas aber die
-Ausführung des Pumpversuches vereitelt.</p>
-
-<p>Um jedes Aufsehen zu vermeiden, verzichtete der Prinz auf den Wagen,
-wie ein Dieb schlich er davon und eilte nach Admont. Und glücklich traf
-er den Pater, Gastmeister und Pfarrer in der Zelle des Stiftes an.</p>
-
-<p>Emil platzte heraus: „Gott sei Dank, daß ich Sie noch rechtzeitig
-erwischt habe! Ich muß nämlich in dringendster Angelegenheit verreisen,
-&ndash; Ehrensache &ndash; habe aber zuwenig Moneten! Darf Mama nicht behelligen,
-ansonsten kommt sie mir zu früh auf gewisse Schliche! In dieser
-Verlegenheit muß mir unser lieber Hofpfarrer<span class="pagenum"><a id="Seite_259"></a>[S. 259]</span> aushelfen! Ich rufe also
-in Not und Verlegenheit: hilf, heiliger Wilfrid!“</p>
-
-<p>Freundlich bot er Emil fünfhundert Kronen an. „Wenn Durchlaucht damit
-gedient ist!“</p>
-
-<p>„Oh, sehr angenehm! Hochwürden verpflichten mich zu besonderem
-Danke! Meine Situation ist derart mißlich, daß sie mich zwingt, Ihr
-liebenswürdiges Angebot anzunehmen wider bessere Einsicht, gegen
-Anstand und Sitte! Heillos unangenehme Situation! Verzeihen Sie meine
-Ungezogenheit, entschuldigen Sie in Gnaden meine Frechheit! Sie wissen
-ja: in der Not frißt der Teufel Fliegen! Der Prinz von Schwarzenstein
-auch! Also helfen Sie mir mit den fünfhundert Kronen aus der Not! Ich
-muß sie haben! Wegen Zinsen und Rückzahlung...“</p>
-
-<p>„Bitte, jedes weitere Wort ist überflüssig! <span class="antiqua">Ecco!</span>“ Damit gab
-Wilfrid dem Prinzen die Scheine, die Emil sofort in der Westentasche
-verschwinden ließ.</p>
-
-<p>„Vergelt’s Gott vieltausendmal für diese Hilfe in der Not!“ Mit einem
-kräftigen Händedruck verabschiedete sich der Prinz vom gefälligen
-Priester.</p>
-
-<p>Ohne das geringste Gepäck fuhr Emil mit dem Mittagszuge von Admont nach
-Selztal, wo er den Schnellzug nach dem Süden benutzte. Und in Udine
-gab er ein Telegramm an Mama auf des Inhaltes, daß er genötigt sei, in
-dringender Angelegenheit für einige Zeit zu verreisen.</p>
-
-<p>Die Bestürzung und Angst über Emils Verschwinden wurde durch diese
-Depesche beseitigt, nicht aber die Sorge vor bösen Komplikationen. Aus
-dem Aufgabeorte Udine konnte die Fürstin unschwer erraten, welcher
-Art die dringende Angelegenheit sein werde. Wenngleich nun nicht zu
-befürchten stand, daß Graf Thurn, falls ihn<span class="pagenum"><a id="Seite_260"></a>[S. 260]</span> Emil findet, je die
-Hand zu Dummheiten bieten wird, die Fürstin fühlte sich beunruhigt,
-sie bangte um den Sohn, der ohne jede Begleitung, ohne Schutz, ohne
-größeres Gepäck und gänzlich mittellos in Italien weilte. Mama sah
-in Emil immer noch und nur das Mutterbubi, jetzt hilflos allen
-Fährlichkeiten der Welt preisgegeben; daher die Angst, das Entsetzen,
-daß dem verhätschelten Liebling, dem so lange gegängelten Herzensbubi
-Unheil zustoßen könnte und werde. Daß Emil längst „erwacht“ war,
-vergaß die Mutter, sie dachte auch nicht daran, wie sehr sie gewünscht
-und ersehnt hatte, es möge der Sohn eine &ndash; stahlharte Energie sich
-erringen. Auf Tatkraft und Schneid deutete dieser Sprung in die Welt,
-doch dies vermochte die Fürstin nicht zu erkennen. Der Liebling hilflos
-im Welschland! Diese entsetzliche Tatsache peinigte die Mutter um so
-mehr, als sie außerstande war, dem Sohne Geld zu senden, da seine
-Adresse unbekannt war. In diesen Stunden der Angst und Sorge war die
-Fürstin bereit, Tausende zu opfern, um nur den Liebling schleunigst
-wieder zu erhalten. Sie dachte auch daran, dem Grafen Thurn nach
-Mailand Geld für Emil zu senden. Aber der Gedanke wurde verworfen, aus
-triftigen Gründen. Reiche Geldmittel würden dem Sohne sicher den Nacken
-steifen, „Bubi“ veranlassen, erst recht in Italien zu bleiben und dumme
-Streiche zu machen. Viel besser wird es sein, den Jungen zappeln und
-mürbe werden zu lassen. Die Not wird ihm die Liebes- und Heiratsmucken
-schon austreiben.</p>
-
-<p>Aber der Gedanke, daß Emil Not leiden müsse, vielleicht obdachlos
-sei, als Landstreicher aufgegriffen, als Schwindler an die Grenze
-abgeschoben und der Polizei übergeben werde, verursachte eine
-Aufregung und Angst,<span class="pagenum"><a id="Seite_261"></a>[S. 261]</span> die die Fürstin nahezu krank machte. Dazu die
-Unmöglichkeit, mit Fräulein von Gussitsch über diesen Streich des
-Sohnes zu sprechen. Unmöglich! Trotz des Bedürfnisses, sich die Angst
-von der schwer bedrückten Seele zu sprechen. Die Sorgen hinunterwürgen,
-totschweigen den neuen Skandal.</p>
-
-<p>In ihrem Jammer ließ die Fürstin tags darauf den Pater Wilfrid zu sich
-bitten. Dem Priester vertraute sie ihr Leid an: das Verschwinden des
-Sohnes, die Befürchtung, daß Emil versuchen werde, dem Grafen Thurn
-die Erlaubnis zur Verlobung mit Komtesse Isotta abzutrotzen oder
-abzuschmeicheln. Dabei ließ die Fürstin durchleuchten, daß für einen
-Prinzen die Heirat einer Grafentochter als wenig standesgemäß nicht in
-Betracht kommen könne. Trotz aller Herzensnot doch Hochmut...</p>
-
-<p>Pater Wilfrid war nicht wenig überrascht von diesen Mitteilungen. Nun
-wußte er doch, wozu der Prinz das gepumpte Geld benötigte. Von einer
-Ehrensache hatte der Schlingel geflunkert! Von der Tatsache, daß
-der Hofpfarrer selbst mit seinem Gelde Emil den Sprung in die Welt
-ermöglichte, darf die Fürstin natürlich kein Sterbenswörtchen erfahren.
-Dieses Geheimnis muß Wilfrid peinlichst bewahren.</p>
-
-<p>„Helfen Sie mir doch, Hochwürden! Raten Sie mir, was soll ich tun! Die
-Situation ist ja gräßlich!“</p>
-
-<p>Wilfrid suchte sich aus der Verlegenheit zu ziehen, indem er vorschlug,
-es möge Durchlaucht an den Grafen Thurn nach Mailand oder wo er sonst
-Aufenthalt nehmen könnte, die telegraphische Bitte richten, mit der
-Tochter rasch eine große Reise, vielleicht über See, anzutreten.
-„Ist das Schiff mit Thurn an Bord abgegangen, bevor Prinz Emil die
-betreffende Hafenstadt er<span class="pagenum"><a id="Seite_262"></a>[S. 262]</span>reichte, so wird er die zwecklose Suche wohl
-bald aufgeben und mangels Reisegeld reumütig heimkehren! Meine ich
-unmaßgeblichst!“</p>
-
-<p>Sofort ging die Fürstin darauf ein. Sie schrieb drei Depeschen und bat
-Pater Wilfrid, diese mitzunehmen und in Admont aufzugeben. „<span class="antiqua">Col
-tempo presto! Subito!</span>“ Die Fürstin ließ anspannen, den geistlichen
-Vertrauensmann zu Wagen nach Admont bringen, um Zeit zu gewinnen. Und
-so sehr drängte sie zur Eile, daß Pater Wilfrid selber zappelig wurde.
-Unterwegs erst fiel ihm ein, daß die Fürstin völlig vergessen hatte,
-ihm Geld zur Zahlung der Telegrammgebühren zu behändigen. Wilfrid pfiff
-leise durch die Zähne und dachte sich allerlei über die Mucken des
-Hofdienstes...</p>
-
-<p class="s3 center mtop1 mbot1">*</p>
-
-<p>Mit einiger Verspätung war die Kunde vom Verschwinden des Prinzen Emil
-auch in das stille Forsthaus, in die Kanzlei Hartliebs, gedrungen,
-und zwar durch Frau Gnugesser, die den Oberförster mit der Frage
-überraschte, ob er schon wisse, daß der Prinz plötzlich „durchgegangen“
-sei. Das jähe Entsetzen ob dieser Schreckensnachricht hatte Ambros ein
-einziges Wort abgepreßt: „Allein?“</p>
-
-<p>Auf diese kurze Frage hatte Frau Amanda lachend mit einer Gegenfrage
-geantwortet: „Mit wem hätte denn der Prinz durchbrennen sollen?“</p>
-
-<p>Worauf Hartlieb mit flammendem Antlitz fluchtähnlich die Treppe
-hinaufgestürmt war, um von seinem Seelenzustande nicht noch mehr zu
-verraten. Allein mußte er sein mit seinen Gedanken und Gefühlen, mit
-der überquellenden Freude... Fort der Prinz, ohne<span class="pagenum"><a id="Seite_263"></a>[S. 263]</span> Begleitung. Demnach
-mußte sich Martina hier befinden, also kann es nicht wahr sein, daß
-Prinz Emil sich mit dem Hoffräulein verlobt habe. Was die Kammerfrau
-Hildegard mitteilte, war nichts als Tratsch.</p>
-
-<p>Und ist Martina frei, dann kann Ambros es wagen, um ihre Hand zu
-bitten...! Darf er aber auf die Zustimmung hoffen? Und kann ein
-Ehebund geschlossen werden im jetzigen Dienstverhältnisse? Ist die
-Stellung des Oberförsters so fest gegründet, daß der Oberbeamte
-heiraten kann? Freie Hand in Dienstangelegenheiten hat man ihm wieder
-gegeben, den Oberbeamten in seine Rechte eingesetzt. Wie wird sich
-jedoch die Zukunft gestalten, wenn infolge der Flucht des Prinzen die
-Fürstin das Haller Jagdgut verkauft? Ihr wird der Besitz verleidet
-sein! Ein besonderes Interesse an Jagd und Wild ist ohnehin nicht
-vorhanden! Überdruß und schlechte Laune können sie sehr leicht und
-rasch veranlassen, die Besitzung abzustoßen, wegzugeben selbst mit
-bedeutendem Verlust!</p>
-
-<p>Wird ein neuer Eigentümer die Beamten im Dienst übernehmen, dem
-Oberförster die Heirat gestatten?</p>
-
-<p>Diese schwer auf die Seele drückenden Fragen machten Ambros kleinlaut,
-die Sorge vor der Zukunft nagte, biß die Hoffnungen tot. Nur eines
-konnte die Sorge nicht vernichten: das Bewußtsein der Tüchtigkeit des
-Beamten im Berufe. Dieses Bewußtsein hielt aufrecht, gab Mut und neue
-Hoffnung. Wie eine Erleuchtung kam es über Hartlieb, ein heller und
-kluger Gedanke: Tu, wozu das Herz dich antreibt! Übernommen wird der
-Oberbeamte sicher, und ist er bereits verheiratet, so braucht er nicht
-erst um den Ehekonsens zu bitten!</p>
-
-<p>Optimist, ein Hellseher, ein sonniger Mensch wurde Ambros in dieser
-Stunde, zum mindesten hatte er die<span class="pagenum"><a id="Seite_264"></a>[S. 264]</span> Sonne froher Hoffnung jetzt in der
-Brust. Und dieses Leuchten in der Seele konnten die Nebelschwaden in
-Berg und Wald nicht verschleiern, nicht verlöschen.</p>
-
-<p>So entschloß sich denn Hartlieb zum Gang in das Schlößl. Mit
-Mustela-Martina wollte er sprechen, um ihre Hand bitten.</p>
-
-<p>Da klopfte es, und der Forstwart Gnugesser schob sein Bäuchlein
-in die Kanzlei. Dienstliche Runzeln statt des üblichen Lächelns
-der Gutmütigkeit auf der Stirne. Kläglich klangen seine Worte, der
-Bericht, daß der Holzhändler mehr als vereinbart geschlägert und die
-Plätzzeichen der Grenzbäume herausgehauen habe. Gnugesser wollte
-wissen, was er in diesem Falle tun und wie er dienstlich gegen diesen
-Betrug vorgehen solle.</p>
-
-<p>Der ernste, pflichttreue Oberförster zeigte sich wohl zum ersten Male
-im Dienstesleben ungeduldig, fast ungehalten über die Störung; zappelig
-und rasch rief er: „Sofort Anzeige bei der Gendarmerie erstatten!
-Beseitigung der Plätzzeichen an Grenzbäumen ist Urkundenfälschung!
-Veranlassen Sie das Weitere in eigener Kompetenz! Ich habe keine Zeit!
-Adieu!“ Und er stürmte aus der Kanzlei, ehe der überraschte Forstwart
-auch nur ein weiteres Wort über die bebuschten Lippen bringen konnte.
-Langsam stapfte Beni die Treppe hinunter. Und schwer wälzte er die
-Gedanken durch den Kopf, daß Waldbäume Urkunden sein können. Doch
-mählich begriff er, was Hartlieb mit dem fremd klingenden Ausspruch
-sagen wollte.</p>
-
-<p>Im Jagdschlößl wimmelte alles durcheinander wie in einem Ameisenhaufen;
-ein emsiges Packen von Koffern, Handtaschen, Hutschachteln. Weder
-Hildegard noch Norbert hatten für den Oberförster Zeit, sosehr
-beschäftigt waren sie mit den Vorbereitungen zur Abreise. Nur<span class="pagenum"><a id="Seite_265"></a>[S. 265]</span> sehr
-flüchtig in wenigen Worten gab der alte Kammerdiener Auskunft, daß
-plötzlich der Befehl zur Reise nach Italien erteilt worden sei. Ein
-jäher Schreck fiel Hartlieb in das klopfende Herz. Wird Martina die
-Gebieterin begleiten? Werden die Damen zurückkehren?</p>
-
-<p>Während Ambros überdachte, wie er sich verhalten solle, wollte die
-Hofköchin an ihm vorbeihuschen. Rasch fing er die üppige Restituta ab,
-hielt die aufschreiende tugendsame Maid mit eisernem Griffe fest und
-bat sie, ihn zum Hoffräulein zu führen, das er dienstlich sprechen
-müsse. Zwar blickte Restituta ihn sehr mißtrauisch an, doch der Hinweis
-auf den Dienst veranlaßte sie doch, den Förster in das obere Stockwerk
-zu führen und ihn bei Fräulein von Gussitsch anzumelden.</p>
-
-<p>Auch Martina war mit dem Kofferpacken beschäftigt; sie guckte sehr
-überrascht, als Hartlieb mit fast ängstlicher Miene an der Türe stand
-und flehentliche Blicke auf sie richtete.</p>
-
-<p>Vom großen Reisekoffer wegtretend, ging Martina dem Oberförster
-entgegen, reichte ihm die Hand und bat Platz zu nehmen. „Womit kann
-ich dienen? Wie Sie sehen, sind wir eifrig mit den Vorbereitungen zur
-Abreise beschäftigt!“</p>
-
-<p>„Verzeihung, daß ich störe! Aber es muß sein! Ich kann gnädiges
-Fräulein nicht abreisen lassen...“ Hartlieb hielt inne und blickte
-Martina bittend an.</p>
-
-<p>Erglühend erwiderte sie: „Sie können mich nicht abreisen lassen?
-Weshalb? Ich muß aber laut Befehl die Fürstin begleiten!“</p>
-
-<p>„Ja! Sie müssen laut Befehl!“ Wie ein schwaches Echo klangen Hartliebs
-Worte, heiser, wehmütig, angsterfüllt. Fahl war sein Gesicht, eine
-rührende Bitte lag in seinen Augen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_266"></a>[S. 266]</span></p>
-
-<p>„Sie haben vermutlich vernommen, daß wir abreisen, und Sie wollen wohl
-Abschied nehmen?“</p>
-
-<p>„Ja und nein! Verzeihung, es fällt mir so schwer, zu sprechen! Aber es
-muß sein! Die jähe Abreise...! Werden Sie denn hierher zurückkehren?
-Und wann? Und was hat denn diese plötzliche Abreise zu bedeuten?“</p>
-
-<p>„Viel Fragen, Herr Oberförster! Und nicht eine einzige kann ich
-beantworten!“</p>
-
-<p>„Vielleicht doch die Frage &ndash; nein, ich will nicht fragen, ich weiß ja,
-daß es nur ein leeres Gerücht war! Aber unglücklich hat es mich doch
-gemacht und schweres Leid gebracht! Bitte, bitte inständig, fahren Sie
-nicht nach Italien, wenn &ndash; etwa der Prinz dort unten sein sollte...!“
-Ambros brach ab und würgte die anderen Worte hinunter.</p>
-
-<p>Martina erriet, was Hartlieb sagen wollte und nicht aussprechen konnte.
-Und für sie bestand nun kein Zweifel mehr, daß Ambros, der liebe,
-ernste, eckige Waldmensch, ihr in ehrlicher Liebe zugetan ist. Ihn
-darf sie nicht länger leiden lassen, ihm muß sie durch ein kleines
-Entgegenkommen die Aussprache erleichtern, sozusagen die Zunge lösen.
-Und das rasch, denn die Zeit drängt... Wie aber entgegenkommen, ohne
-sich etwas zu vergeben?</p>
-
-<p>Ambros stöhnte: „Der Prinz...!“</p>
-
-<p>„Beruhigen Sie sich, lieber Herr Hartlieb! Es ist nur Strohfeuer
-gewesen, ein kleiner Brand, der rasch verlöschte; freilich hatte er
-auch mir viel Leid gebracht! Jetzt brennt es gefährlicher, doch dieser
-Brand hat uns nichts zu kümmern!“</p>
-
-<p>„Uns?“ Jubelnd wiederholte Ambros dieses Wörtchen. Und nun fand er Mut
-und Worte, um zu sagen, daß er Fräulein von Gussitsch längst liebe und
-verehre. „Nur die Werbung konnte ich nicht wagen! Die Ver<span class="pagenum"><a id="Seite_267"></a>[S. 267]</span>hältnisse
-sind auch jetzt nicht günstig, aber die bevorstehende Abreise, die
-Ungewißheit, ob Sie wieder zurückkommen werden, die Möglichkeit, daß
-die Besitzung verkauft wird, die Angst, Sie zu verlieren, all das
-zusammen zwingt mich zur innigen Bitte: Erhöre mich, Martina, und
-werde in Gnaden meine Frau! Viel kann ich freilich nicht bieten, nur
-ein Leben in der Bergeinsamkeit, aber ehrliche Liebe und Treue und
-Dankbarkeit! Nimm vorlieb mit dem Wenigen und mit dem verwilderten
-Waldmenschen...!“</p>
-
-<p>„Still!“ lispelte hold erglühend Martina und schloß mit dem
-Patschhändchen den Mund Hartliebs.</p>
-
-<p>Ambros küßte das Händchen, zog Martina an sich und bettelte wie ein
-schüchterner Junge um das Jawort.</p>
-
-<p>Martina aber bot dem geliebten Manne die Lippen zum Verlobungskusse.</p>
-
-<p>Heftiges Klopfen an der Tür schreckte das Paar auseinander. Hildegard
-trat ein und meldete, daß Fräulein von Gussitsch sofort zur Fürstin
-kommen solle. Grünlich schillerten die Augen der Kammerfrau,
-Schlangenblicke trafen Martina und Ambros, ein böses Lächeln umspielte
-Hildegards Lippen. Eine böse Bemerkung wagte sie aber doch nicht
-auszusprechen.</p>
-
-<p>Um jedoch gehässigen Verdächtigungen schlankweg ein Ende zu machen,
-erklärte Martina tapfer, daß sie sich soeben mit Herrn Oberförster
-Hartlieb verlobt habe.</p>
-
-<p>„Untertänigsten Glückwunsch!“ lispelte Hildegard mit anzüglichem
-Hüsteln. Und in schlecht verhehlter Wut huschte sie aus dem Zimmer.</p>
-
-<p>„Nun aber fort, Geliebter! Hier darf ich dich nicht länger behalten!
-Bleib in Nähe des Schlößls, etwa gedeckt am Waldesrand, vielleicht
-können wir uns noch sprechen!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_268"></a>[S. 268]</span></p>
-
-<p>Gehorsam entfernte sich Ambros. Glück und Seligkeit verklärten sein
-Antlitz.</p>
-
-<p>Martina trat in das Zimmer der Fürstin. „Durchlaucht haben befohlen...!“</p>
-
-<p>In großer Erregung schritt Sophie auf und ab und hielt zwei Depeschen
-in der rechten Hand. Bei jeder Bewegung knisterte das Papier. Schwer
-atmend sprach die Fürstin, mühsam nach einem Entschlusse ringend: „Die
-Reise werden wir absagen müssen, wir würden ja doch zu spät kommen...!
-Sorgen Sie dafür, daß Pater Wilfrid unverzüglich hierherkommt, ich
-muß ihn sprechen in dringender Angelegenheit! Fahren Sie, bitte, nach
-Admont und bringen Sie mir den Pfarrer, unverzüglich, so rasch als
-möglich!“</p>
-
-<p>„Zu Befehl, Durchlaucht!“ sprach Martina und wandte sich zum Gehen.
-Und wies den Gedanken zurück, der schmerzerfüllten Gebieterin jetzt
-Mitteilungen persönlicher Art zu machen.</p>
-
-<p>Die Fürstin holte tief Atem. „Noch einen Augenblick, liebe Gussitsch!
-Sie müssen ja doch wissen, um was es sich handelt! Der Kummer will
-nicht enden in meinem Hause! Ein Sorgenkind ist mein Sohn! Erst die
-unglückselige Affäre Emils mit &ndash; meiner Hofdame, dann die Flucht,
-und jetzt teilt mir mein Sohn mit, daß er sich mit Komtesse Isotta
-Thurn gegen den Willen des Vaters verlobt habe! Emil erbittet meine
-Zustimmung, Graf Thurn hingegen bittet um sofortige Entlassung! Herr
-des Himmels, was soll ich tun in dieser Situation! Es ist mir peinlich,
-den Pater Wilfrid belästigen zu müssen, aber ich benötige seinen Rat!
-Was denken Sie, liebe Martina, über den schmerzlichen Fall, über Emils
-unbegreifliches Verhalten und Vorgehen? Bitte, sagen Sie offen Ihre
-ehrliche Meinung!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_269"></a>[S. 269]</span></p>
-
-<p>Martina zögerte.</p>
-
-<p>Doch die Fürstin bat flehentlich in ihrer Bedrängnis. „Vielleicht,
-nein: gewiß findet der Frauensinn, das weibliche Empfinden den
-richtigen Weg besser als jeder Mann! Ich bitte Sie, liebe Martina,
-herzlich um Bekanntgabe Ihrer Auffassung!“</p>
-
-<p>Nun mußte das Hoffräulein wohl oder übel der Bitte, die einem Befehl
-glich, nachkommen. Martina machte aufmerksam, daß es sich nun um eine
-ernste Angelegenheit handle, daß eine Verweigerung der erbetenen
-Zustimmung den energisch gewordenen Prinzen auf einen Weg drängen
-werde, der zu einer gewalttätigen Durchsetzung seines Willens führt.
-„Nach meiner allerdings unmaßgeblichen Meinung scheint Prinz Emil fest
-entschlossen zu sein, die Komtesse Thurn zu ehelichen, auch gegen den
-Willen der Fürstinmutter und des Grafen Thurn! In diesem Entschlusse
-liegt die Gefahr einer kompromittierenden Gewalttat! Es zeugt von
-Liebe, daß Prinz Emil die Mama um Zustimmung bittet...!“</p>
-
-<p>Ächzend rief die Fürstin: „Die telegraphische Bitte kann aber ebensogut
-als eine Nötigung, als ein Ultimatum aufgefaßt werden!“</p>
-
-<p>„Allerdings! Unzweifelhaft ist Prinz Emil zum Äußersten entschlossen!
-Er wird seinen Willen unter allen Umständen durchsetzen! Wird die
-erbetene Zustimmung verweigert, so gestaltet sich die Situation erst
-recht mißlich, der Protest bleibt wirkungslos, ebenso eine etwaige
-Androhung der Enterbung!“</p>
-
-<p>„Emil besitzt ja keine Mittel, er kann doch gar nicht heiraten! Und
-die Komtesse muß doch so vernünftig sein, zu erkennen, daß diese
-unglückselige Heirat einem Sprung ins Dunkle, ins Elend gleichkommt!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_270"></a>[S. 270]</span></p>
-
-<p>„Verzeihung, Durchlaucht! Ein liebend Weib scheut diesen Sprung nicht,
-geht mit dem Geliebten vereint, so es sein muß, auch in den Tod!
-Prinz Emil und Komtesse Thurn lieben sich ehrlich und heiß, daher
-diese eiserne Entschlossenheit, dieser Mut, gegen alle Hindernisse
-anzukämpfen! &ndash; Was die erwähnte momentane Mittellosigkeit anbelangt,
-so hat sie nicht viel zu bedeuten; ein Prinz Schwarzenstein wird rasch
-Geldgeber finden, Name und Rang verschaffen Kredit! Allerdings wird
-Prinz Emil auf diese Weise in Wuchererhände geraten, und die fürstliche
-Privatschatulle wird schwere Opfer bringen müssen, um den Prinzen aus
-den Wuchererhänden zu befreien! Was aber in der Brust des Prinzen
-verbleiben und wie ein Stachel wirken wird, das wird die Verbitterung,
-der Trotz, wenn nicht Haß sein! In dieser Erwägung dürfte es sich
-empfehlen, allen Komplikationen und Konsequenzen ein Ende zu machen
-durch Gewährung der Bitte...!“</p>
-
-<p>„Ich soll also zustimmend antworten?“ Fast tonlos und schwer seufzend
-sprach die Fürstin diese Worte.</p>
-
-<p>„Ja, Durchlaucht! Die Liebe der Mutter zum Sohne kann auch dieses Opfer
-bringen!“ sprach offen, in erquickender Ehrlichkeit Martina. Und hellen
-Tones fügte sie bei: „Was den Entschluß zur Opferdarbringung erschwert,
-ist lediglich der Gedanke, daß ein Ultimatum gestellt wurde! Jedes
-Ultimatum reizt zum Widerstande, weckt Entrüstung; besonders aufreizend
-wird ein Ultimatum dann sein, wenn es vom Kinde gegen die eigene
-Mutter gerichtet wird! In diesem Falle muß aber die Mutterliebe größer
-sein als die an sich berechtigte Entrüstung! Die Liebe kann alles,
-sie überwindet alles! Das Größte, das Heiligste ist die Mutterliebe,
-größer, heißer und opferwilliger als die Liebe des Wei<span class="pagenum"><a id="Seite_271"></a>[S. 271]</span>bes zum Manne,
-denn die Mutter liebte den Sohn ja schon von der Stunde an, da sie
-ihm das Leben gegeben! Können sich Durchlaucht zu dem großen Opfer
-aufraffen, der Lohn wird groß, schön und beseligend sein, denn die
-Mutter gewinnt die Liebe des Sohnes wieder, weckt die Dankbarkeit in
-der Kinderbrust, gewinnt eine dankbare Tochter dazu!“ Martina hatte
-sich warm gesprochen, Tränen liefen ihr über die Wangen.</p>
-
-<p>Die Fürstin schluchzte. In tiefer Bewegung reichte sie dem Hoffräulein
-die Hand, und weinend dankte sie für die Anteilnahme, für das
-Mitempfinden in schwerer Stunde. Martina küßte die Hand der seelisch
-erschütterten Frau.</p>
-
-<p>Und die Fürstin zog das tapfere Mädchen gleich einer Schwester an sich,
-legte den Arm um Martinas Nacken und lehnte das tränenfeuchte Antlitz
-an die Schulter der in dieser Viertelstunde zur Freundin gewordenen
-Hofdame. Und leise sprach die hohe Frau: „Ich habe den Sohn verloren,
-durch Sie kann ich ihn wiedererhalten! Drum will ich tun, was Sie
-mir raten!“ Langsam, zart und weich löste Sophie die Umarmung. Dann
-diktierte sie Martina zwei Depeschen, die Zustimmung zu Emils Verlobung
-mit Isotta und die Ablehnung der Bitte Thurns wegen der Demission.</p>
-
-<p>Während des Schreibens war Martina dem Heulen nahe, so mächtig wirkte
-das von der Mutterliebe gebrachte Opfer auf die eigene Seele. Dicke
-Zähren tropften auf das Papier. Und auch die Fürstin hatte viel an den
-Augen zu wischen. Doch ziemlich gefaßt bat sie dann, es möge Martina
-nach Admont fahren und die Depeschen als dringend aufgeben.</p>
-
-<p>Martina erhob sich, steckte die Telegramme ein und öffnete den kleinen
-Mund, so daß die Marderzähnchen blinkten. Wollte reden und wagte es
-nicht...</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_272"></a>[S. 272]</span></p>
-
-<p>Gütig und weich fragte Sophie: „Wollen Sie mir noch etwas sagen?“</p>
-
-<p>Jetzt war der wichtige Moment da, es muß gesprochen werden. Tapfer
-richtete sich das zierliche hübsche Fräulein auf, trippelte auf die
-Fürstin zu, küßte ihr demütig die Hand und bettelte innigen, zu Herzen
-gehenden Tones: „Verzeihung, Durchlaucht! Darf mich Herr Hartlieb im
-Wagen begleiten?“</p>
-
-<p>Verwundert blickte Sophie auf und sprach: „Wenn Sie es wünschen, warum
-denn nicht? Hat denn der Oberförster zu tun in Admont?“</p>
-
-<p>„Einiges zu besprechen hätten wir! Ich muß beichten, Euer Durchlaucht
-gestehen, daß wir uns &ndash; verlobt haben! Und so bitte ich denn in
-schuldiger Demut und Ehrerbietung um die Erlaubnis...“</p>
-
-<p>Wohl verriet der Blick der Fürstin großes Staunen, eine schmerzliche
-Überraschung und Enttäuschung, doch gütig und mild sprach die hohe
-Frau: „Möge Ihnen alles irdische Glück beschieden sein, das wünsche ich
-Ihnen von Herzen! Wir sprechen noch darüber! Doch jetzt schon bitte ich
-Sie, schieben Sie die Trauung noch etwas hinaus, lassen Sie mich nicht
-allein! Eine Verschiebung, bis die Kinder hier und getraut sind! Ja,
-bitte? Und nun eilen Sie nach Admont der Depeschen wegen! Emil wird
-sehnsüchtig auf meine Einwilligung warten!“</p>
-
-<p>„Untertänigsten Dank!“ jubelte Martina, küßte der Gebieterin die Hand
-und wirbelte gegen jede Hofetikette davon.</p>
-
-<p>Sophie setzte sich an das Fenster und blickte hinüber zum
-nebeldurchzogenen schweigenden Bergwald. Jetzt wußte die einsame Frau,
-wer dem Hoffräulein die ergreifenden und hinreißenden Worte in den
-Mund gelegt<span class="pagenum"><a id="Seite_273"></a>[S. 273]</span> hatte: die Liebe! Wer selbst liebt, kann beredt von Liebe
-sprechen! Und viel besser, wärmer und überzeugender als der sonst so
-redegewandte Hofpfarrer Pater Wilfrid...</p>
-
-<p>Auf leisen Sohlen kam die Kammerfrau Hildegard, um nach Wünschen zu
-fragen. Und Gift spritzen wollte die um eine Lebenshoffnung gebrachte
-Witib, hetzen, die Heirat, wenn irgend möglich, hintertreiben.</p>
-
-<p>Kaum merkte die Fürstin, worauf Hildegard zielte, da winkte die
-Gebieterin ab und sprach: „Ich weiß davon und wünsche der braven
-Gussitsch alles Glück! Du kannst gehen!“</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_274"></a>[S. 274]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Vierzehntes_Kapitel">Vierzehntes Kapitel</h2>
-
-</div>
-
-<p>Seit Tagen schneite es mit geringen Unterbrechungen. Die Fichten rings
-um die Villa im Halltal trugen weiße Zipfelmützen und waren in helle
-Mäntel gehüllt. Trotz des grau verhängten düsteren Himmels war es licht
-ringsum geworden, der Schnee leuchtete in die Zimmer.</p>
-
-<p>Wieder saß Fürstin Sophie am Fenster ihres behaglich erwärmten Boudoirs
-und blickte sinnend hinüber zum Bergwald, der still und geduldig
-die ins dunkelgrüne Geäst fallende weiße Last entgegennahm und
-ergebungsvoll trug. Still und geduldig! Auch die jungen Fichten und
-Tannen, die der schwere Schnee drückte, niederbeugte, sie trugen die
-Last so gut sie konnten...</p>
-
-<p>Im Anblick der winterlichen Natur kam der einsamen Fürstin das schöne
-Gedicht Halms in den Sinn:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent2">„Sei stark mein Herz! &ndash; Ertrage still</div>
- <div class="verse indent2">Der Seele tiefes Leid;</div>
- <div class="verse indent2">Denk, daß der Herr es also will,</div>
- <div class="verse indent2">Der fesselt und befreit.</div>
- <div class="verse indent2">Und traf dich seine Hand auch schwer,</div>
- <div class="verse indent2">In Demut nimm es an;</div>
- <div class="verse indent2">Er legt auf keine Schulter mehr,</div>
- <div class="verse indent2">Als sie ertragen kann.“</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Vor dem geistigen Auge zogen die Ereignisse der jüngstverflossenen Zeit
-vorüber: die Rückkehr des glückstrahlenden Sohnes, an seiner Seite die
-Braut in ge<span class="pagenum"><a id="Seite_275"></a>[S. 275]</span>drückter Stimmung, scheu und verschüchtert, sich vor der
-Mama des Bräutigams fürchtend. Gedrückt auch Graf Thurn, dem vom alten
-ehrlichen Gesicht abzulesen war, wie sehr er litt unter dem Druck der
-Schicksalsfügung.</p>
-
-<p>Sophie fühlte noch immer die bangen Minuten, da die Augen von Vater und
-Tochter auf sie gerichtet waren, flehend um Gnade und Verzeihung. Und
-wie damals klopfte auch jetzt noch das Herz in Erinnerung. Wie schwer
-war es doch, das rechte Wort zu finden, die Autorität zu wahren, zu
-rügen, ohne weh zu tun, fühlen zu lassen, welch großer Schmerz der
-Mutter zugefügt worden war. Ein schwerer Kampf um das rechte Wort
-war es, aber das Wort hatte die Mutter nicht gefunden, überhaupt
-nichts gesprochen. Den Sohn umarmt und geküßt, nach ihm die Komtesse
-verzeihend an die klopfende Brust gezogen. Wodurch ein Tränenwildbach
-aus Isottas Augen entfesselt wurde.</p>
-
-<p>Richtig gehandelt mußte die Mama doch haben, denn nie im Leben war sie
-so innig geküßt worden...</p>
-
-<p>Dem alten treuen Hausmarschall hatte die Fürstin die Hand gereicht,
-auf die Thurn einen Kuß drückte, viel zu lang, vielsagend, in
-unaussprechlicher Dankbarkeit.</p>
-
-<p>Damit war das Schwerste, der Empfang der Heimgekehrten, überwunden.</p>
-
-<p>Leben ins Haus brachte der quecksilbrig gewordene Sohn. Welchen Wandel
-hatte doch Emil durchgemacht! Erst ein Träumer, schläfrig, geistig
-zurückgeblieben zum Jammer der Mutter. Und dann das Erwachen zu einem
-impulsiven Menschen. Und was die Mutter ersehnte: stahlharte Energie,
-Emil erwarb sie sich; allerdings zu früh und nicht eben auf einem
-erwünschten Wege.</p>
-
-<p>Sophie gedachte der Trauung im Haller Kirchlein. Eine sehr schlichte
-Feier unter Ausschluß aller Öffent<span class="pagenum"><a id="Seite_276"></a>[S. 276]</span>lichkeit. Sehr ergreifend und für
-die Fürstin schmerzlich, weil sie den Gedanken an eine Mesalliance
-nicht loswerden konnte. Eine Enttäuschung blieb diese Heirat doch. Eine
-Bedrückung der Seele. Die Last mußte getragen werden. Und sie wird
-weiter getragen in der Hoffnung, daß die Ehe eine glückliche werde.</p>
-
-<p>Viel Enttäuschungen, zuviel! Für Emil war das Haller Jagdgut gekauft
-worden... Auf die Schwarzensteinsche Herrschaft in Böhmen will er sich
-nach der Hochzeitsreise zurückziehen und seinen Kohl selber bauen. Ein
-reines Ökonomiegut, ohne Jagd.</p>
-
-<p>Sophie fragte sich, ob denn sie selbst ein nennenswertes Interesse für
-die Jagd entwickelt hatte. Und sie mußte diese Frage rundweg verneinen.
-Allerdings gab es auch viele Ablenkung und Hindernisse. Ein Jagdgut,
-auf dem das Weidwerk nicht ausgeübt wird, gehört wohl in andere Hände...</p>
-
-<p>Martina kam und meldete sich zum Dienst. Mit roten Backen vom
-Spaziergange in frischer Schneeluft, munter und seelenvergnügt bei
-allem höfischen Respekt.</p>
-
-<p>Wie welk und alt fühlte sich Sophie beim Anblick Martinas, die seit der
-Verlobung vor Glück strahlte... Die Trennung von dem Hoffräulein wird
-schwerfallen.</p>
-
-<p>„Was bringen Sie mir?“ fragte die Fürstin müden Tones.</p>
-
-<p>„Gute Nachricht, Durchlaucht! Hartlieb verbürgt für morgen herrliches,
-frostklares Wetter und läßt durch mich Durchlaucht inständig bitten,
-mit ihm zum Scheiblingstein hinaufzusteigen! Die Gamsbrunft ist im
-besten Gange, die Böcke treiben hitzig, es wird eine gute, erfolgreiche
-Pirsch geben!“</p>
-
-<p>Lächelnd erwiderte Sophie, indem sie auf Martina zuschritt: „Ei, ei!
-Welche Wandlung bei Ihnen! Wenn<span class="pagenum"><a id="Seite_277"></a>[S. 277]</span> mich nicht alles täuscht, hatten Sie
-früher nicht das geringste Interesse für Hochgebirg und Jagd! Und jetzt
-bedienen sie sich sogar der Weidmannssprache!“</p>
-
-<p>Martina senkte das purpurn erglühende Köpfchen und sprach leise:
-„Es ist richtig, daß ich geglaubt habe, mich nie mit dem Jagdwesen
-befreunden zu können...! Aber die Zeiten ändern sich...“</p>
-
-<p>„Und wir mit ihnen! Bei Fräulein von Gussitsch ist der Wandel sehr
-begreiflich; die Braut eines Jagdleiters muß ja dem Berufe des
-Bräutigams und Gatten warmes Interesse entgegenbringen!“</p>
-
-<p>„Werden Durchlaucht morgen ins Revier Scheiblingstein hinaufsteigen?
-Ich bitte untertänigst um Bescheid, um Hartlieb verständigen zu können!“</p>
-
-<p>„Besondere Lust verspüre ich nicht, glaube auch nicht an den Eintritt
-frostklaren Wetters bis morgen!“</p>
-
-<p>In begeisterten Worten empfahl Martina den Aufstieg ins Gamsrevier,
-einen wenn auch nur kurzen Aufenthalt in der Höhenwelt mit ihrer
-Winterpracht, um die Sorgen zu bannen und frischen Lebensmut
-wiederzugewinnen.</p>
-
-<p>„Ei ei! Sie wünschen wohl, mich begleiten zu können? Genauer gesagt:
-Martina ersehnt diesen winterlichen Jagdausflug natürlich aus rein
-‚jagdlichen‘ Motiven! Gott, wie sie lügen kann und heucheln, die brave
-Martina!“ Die Fürstin drohte mit erhobenem Zeigefinger und lächelte.</p>
-
-<p>„Nein, Durchlaucht! Ich will und kann nicht lügen! Also gestehe ich
-ehrlich ein: Gams schauen möchte ich, Durchlaucht begleiten, und freuen
-würde ich mich von Herzen, wenn die Pirsch und der Aufenthalt hoch oben
-Euer Durchlaucht so froh machen könnte, wie &ndash; mir ums Herz so fröhlich
-ist!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_278"></a>[S. 278]</span></p>
-
-<p>„Danke! So froh und lebensfreudig wie die junge Martina kann die alte
-Frau nicht werden! Aber die Freude will ich Ihnen machen, will also
-Ihren und Hartliebs Wunsch erfüllen! Veranlassen Sie alles Weitere!“</p>
-
-<p>„Untertänigsten Dank! So darf ich also Hartlieb gleich verständigen?“</p>
-
-<p>„Natürlich! Springen Sie hinüber zum Forsthause!“</p>
-
-<p>„Das ist gar nicht nötig, denn Hartlieb erwartet unten den Bescheid!“</p>
-
-<p>Sophie lachte belustigt. „Ist das eine verliebte Bande! Aber zu den
-ganz Schlauen gehört meine Martina doch nicht! Würden Sie den Bescheid
-ins Forsthaus tragen, so hätten Sie doch Zeit und reichlichen Anlaß zu
-einer ‚Aussprache‘ in der Jagdkanzlei!“</p>
-
-<p>„Ich komme ja vom Forsthause, und Hartlieb hat mich zum Schlößl
-begleitet! Es ist alles von uns besprochen und abgekartet! Verzeihen
-Durchlaucht diese Heimlichkeit und Verschlagenheit!“</p>
-
-<p>„Ei, wie schlau! Und daher die roten Bäcklein! Na, springen Sie
-hinunter! Adieu!“</p>
-
-<p class="s3 center mtop1 mbot1">*</p>
-
-<p>Zum Abend kam Graf Thurn von einer kleinen Dienstreise zurück, und vor
-dem Diner hatte er eine längere Besprechung mit der Gebieterin.</p>
-
-<p>Die Audienz endete mit einer Einladung zur Gamspirsch, die den
-Hausmarschall sehr erfreute, aber auch ernst stimmte.</p>
-
-<p>Einer gewissen Wehmut konnte sich auch die Fürstin nicht erwehren, doch
-die hohe Frau überwand sie und sich. „Ein letztes Mal, Graf! Es muß
-sein! Und für<span class="pagenum"><a id="Seite_279"></a>[S. 279]</span> die Reviere sowie auch für die Beamten wird es besser
-sein, wenn...! Genug davon! Sie speisen mit uns, lieber Graf! Wir
-wollen uns gegenseitig trösten in unserer Vereinsamung! Und noch eins:
-Am Tage der Hochzeit Martinas reisen wir ab und nehmen Winterquartier
-in Wien!“</p>
-
-<p>„Zu Befehl, Durchlaucht!“</p>
-
-<p class="s3 center mtop1 mbot1">*</p>
-
-<p>War das eine Pracht oben zwischen Pyrgas und Scheiblingstein, als
-die Sonne aufging und ihre rotgoldigen Strahlen die verschneiten
-Bergkolosse umwoben und in feurige Lichtbündel hüllten! Die Kämme mit
-dem flimmernden Hermelin verwandelten sich in flüssiges Gold, und
-darüber wölbte sich der Himmelsdom, prangend im schönsten Azurblau!</p>
-
-<p>Dank des sehr frühen Aufbruches noch vor Morgendämmerung hatte die
-Jagdgesellschaft unter Führung Hartliebs die Pyrgas-Hütte, in der ein
-Jagdgehilfe die Öfen speiste, erreicht, ehe der Schnee von der Sonne
-weich gemacht worden war.</p>
-
-<p>In der Hütte wurde ein Frühstück eingenommen und dabei der Jagdplan
-bekanntgegeben. Die Damen führt Hartlieb, den Grafen Thurn der Jäger.</p>
-
-<p>Alsbald wurde aufgebrochen, und zwar in nahezu entgegengesetzter
-Richtung. Hartlieb bat um größtmögliche Ruhe und völlige
-Schweigsamkeit. Ein liebevoller Blick flatterte zu Martina, die im
-Jagddreß allerliebst aussah. Dann war Hartlieb nur noch Führer und
-Fachmann. Etwas schwerfällig stapfte die Fürstin hinterdrein in
-elegischer Stimmung.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_280"></a>[S. 280]</span></p>
-
-<p>Eine Stunde später standen die Damen mit Hartlieb vor einer ziemlich
-breiten Mulde, wo es von Gams wimmelte. Und was für gute Gams! Und viel
-Leben!</p>
-
-<p>Trieb hier ein starker Bock einen Rivalen in sausender Fahrt aus
-dem Machtbereiche, unweit davon suchte ein anderer Bock ein Rudel
-anzupirschen, das ein Kapitaler beherrschte und bewachte. Am
-Muldenrande stand ein sehr guter Bock, prüfte den Wind, der aufwärts
-strich im Sonnenlichte, und zog die Oberlippe hinauf, wie es alle
-Brunftböcke tun, wenn sie sich von der Witterung überzeugen wollen.
-Und davon mußte er nicht genügend in den Windfang bekommen haben, denn
-er blieb stehen und äugte forschend nach den benachbarten Rudeln. Dann
-schüttelte er die dicke schwarze Winterdecke, so daß der stattliche
-gereimelte Bart auf dem Rücken hin und her wackelte.</p>
-
-<p>Köstlich war dieser gute Anblick. Martina saß auf einem Felsblock in
-größerer Entfernung und schwelgte im Genuß, der sich steigerte, als sie
-zwischen den Gemsen etliche Steinhühner gewahrte, die sich ihr Gefieder
-putzten und dann so geschäftig zwischen den Gemsen hin und her liefen,
-als hätten sie wunder was und enorm viel zu tun. Hoch über der Mulde
-kreisten Kolkraben und ließen ihren Ruf ertönen: Krook, krook!</p>
-
-<p>Noch immer stand der Kapitale wannenbreit in einer Distanz von etwa
-fünfzig Metern. Hartlieb deutete durch einen Blick an, daß die Fürstin
-schießen solle.</p>
-
-<p>Während sich Sophie fertigmachte, scharrte der Bock den Schnee weg.</p>
-
-<p>Der Schuß fiel. Der Kapitale verhoffte, äugte und schien sich über
-die Schußrichtung nicht klar zu sein. Aber mit der Ruhe in der Mulde
-war es nun vorbei, Geißen und Kitze wurden erregt und begannen zu
-pfei<span class="pagenum"><a id="Seite_281"></a>[S. 281]</span>fen, und mit einem Male waren nur die Spiegel zu sehen, die ganze
-Gesellschaft suchte in gewaltigen Fluchten Schutz in den verschiedenen
-Latschendickungen, von denen das Schmelzwasser tropfte. Auch der
-Kapitale war mitgegangen in eleganter Flucht; doch der Schwarze
-kehrte bald um, zog der Fürstin entgegen und blieb in Nähe eines
-Krummholzgestrüppes stehen.</p>
-
-<p>Wieder gab die Fürstin Feuer, die Kugel warf den Kapitalen um,
-doch kam er rasch wieder auf die Läufe, blieb aber schwerkrank mit
-gekrümmtem Rücken stehen. Aus dem Latschengestrüpp fuhr ein schwarzer
-Teufel heraus, und sehr interessiert untersuchte er die Schweißfährte
-des Schwerkranken und stieg dann um den Kameraden in Haltung der
-Brunftböcke herum, bis der Kranke sich wegschleppte und dann niedertat.</p>
-
-<p>Was sich nun ereignete, empörte die Fürstin und versetzte sie in Wut.</p>
-
-<p>Der gesunde Schwarze stürzte auf den schwerkranken Kameraden und
-suchte ihn aufzutreiben. Vergebens, denn es fehlte bereits an Kraft.
-Blitzesschnell schlug nun der Gesunde die Krickeln in die Drossel
-des Kranken, zerrte und riß ihn nach vorne etwas in die Höhe. Der
-Gepeinigte klagte laut, worauf der Gesunde von seinem Opfer abließ.
-Doch nur für wenige Augenblicke war Ruhe. Erneut fuhr der Teufel auf
-den im Verenden liegenden Kameraden los.</p>
-
-<p>Jetzt feuerte die Fürstin mit ihrem Repetierstutzen mehrmals, Schuß auf
-Schuß, zu hoch, zu tief und daneben. Eine Kugel faßte den Teufel aber
-doch, links vom Blatt. Ein Sprung in die Höhe, ein rasend schnelles
-dreimaliges Drehen im Kreise, dann stürzte der schwarze Bursch und
-schlegelte mit den Läufen. Er hatte genug. Die Fürstin aber schrie wie
-toll...</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_282"></a>[S. 282]</span></p>
-
-<p>Damit endete diese Pirsch. Mit einem gewaltigen Verdrusse, denn die
-Fürstin war außer sich wegen der Roheit des Gamsbockes. Und dieser
-Verdruß erleichterte später in der Pyrgas-Hütte die Mitteilung an
-Hartlieb, daß das Jagdgut unter ziemlichem Verlust, jedoch mit der
-Bedingung: Übernahme aller Beamten und Bediensteten in jetziger
-Gehalts- und Lohnhöhe seit gestern verkauft sei. Ein Erschrecken, wenn
-nicht Entsetzen des Brautpaares hatte Fürstin Sophie erwartet. Das
-Verhalten Hartliebs wie Martinas enttäuschte in dieser Beziehung, das
-Brautpaar blieb gelassen und nahm die inhaltsschwere Mitteilung ruhig
-entgegen.</p>
-
-<p>Hartlieb bat nur, ihm in Gnaden zu sagen, wer der Käufer sei.</p>
-
-<p>„Der frühere Pächter Graf Lichtenberg, zur Zeit Pächter der stiftischen
-Jagdgründe im Triebental!“</p>
-
-<p>„Untertänigsten Dank!“ Kein Wort mehr darüber äußerte Hartlieb. Aber
-sein an die sehr überraschte Braut gerichteter Blick kündete eine
-unaussprechliche Freude.</p>
-
-<p>Martina senkte die Lider, um das Frohlocken über diese Freudenbotschaft
-zu verbergen.</p>
-
-<p>Graf Thurn kehrte von der Pirsch zur Hütte zurück, der Jagdgehilfe trug
-zwei gute Böcke. Innig dankte der Hausmarschall der Gebieterin für die
-Abschußerlaubnis. Und mit wehmütiger Freude nahm er aus den Händen
-Hartliebs den grünen Latschenbruch entgegen. War es doch für Thurn der
-letzte Jagdgang im Haller Revier gewesen...</p>
-
-<p>Am Abend im Jagdschlößl äußerte die Fürstin dem Grafen Thurn gegenüber
-ihr Befremden darüber, daß der Jagdleiter Hartlieb die Mitteilung vom
-Verkauf der Herrschaft Hall so überraschend gelassen hingenom<span class="pagenum"><a id="Seite_283"></a>[S. 283]</span>men
-habe. Keine Spur von Trauer oder Schmerz über diesen doch sehr
-einschneidenden Wechsel. Und sie fragte den Hausmarschall, wie diese
-befremdende Gleichgültigkeit, der Mangel an jeglicher Anhänglichkeit,
-zu erklären sei.</p>
-
-<p>Diese Frage versetzte den alten Hofbeamten in eine nicht geringe
-Verlegenheit. Unmöglich war es, die Wahrheit zu sagen, unmöglich darauf
-hinzuweisen, daß es für den Jagdbeamten geradezu eine Wonne sei, einem
-sachkundigen weidgerechten Jagdherrn zu dienen, noch dazu dem Grafen
-Lichtenberg, dem Kenner der Reviere, dem bereits als grundtüchtigen
-Jäger wohlbekannten und hochgeschätzten früheren Pächter. Unmöglich
-konnte Thurn sagen, daß Hartlieb nach all dem seither im Dienste
-Erlebten den Verkauf geradezu als Befreiung aus unerquicklichen
-Verhältnissen empfinden und bejubeln muß. Aus der Verlegenheit zog
-sich Graf Thurn aalglatt mit der Versicherung, daß der Brautstand des
-Paares den Schmerz über den Wechsel, den Kummer über den Verlust der so
-gnädigen Gebieterin paralysieren werde. Das Brautpaar habe wohl nur das
-bevorstehende Eheglück vor Augen...</p>
-
-<p>Mit dieser diplomatischen Antwort gab sich die Fürstin zufrieden. Eine
-leise Verstimmung mochte aber doch zurückgeblieben sein, denn Sophie
-gab Befehl zur Übersiedlung nach Wien noch vor der Trauung des Paares.</p>
-
-<p>Als die Fürstin die Bestürzung Martinas gewahrte, siegte die
-Herzensgüte aber doch über die Verstimmung und ließ die hohe Frau
-sprechen: „Sie sollen nicht obdachlos werden, liebe Martina, ehe Sie
-den Schutz des Gatten erhalten! Ich nehme Sie mit nach Wien, denn ich
-benötige die Hofdame dringend zur Auswahl der<span class="pagenum"><a id="Seite_284"></a>[S. 284]</span> Hochzeitsgeschenke! Zur
-Trauung fahren Sie dann nach Hall! Ist’s recht so?“</p>
-
-<p>In aufquellender Dankbarkeit küßte Martina der herzensguten Fürstin die
-Hand.</p>
-
-<p>Als Hartlieb diese Neuigkeit erfuhr, machte er zwar einen langen Hals
-und guckte verdutzt, aber er fügte sich sogleich der Anordnung und in
-die kurze Trennung von der Braut.</p>
-
-<p>In aller Stille verließ die Fürstin mit Gefolge das Jagdgut...</p>
-
-<p>An einem frostklaren Wintermorgen mit glitzernder Pracht vereinigte in
-der kleinen Haller Kirche Pater Wilfrid das schöne, glückstrahlende
-Paar. Und der Trauung wohnte als Brautführer der neue alte Jagdherr
-Graf Lichtenberg bei, der in seinem Äußern und in der Steierertracht
-eher einem Jagdgehilfen gleich sah. Aber verflucht jaagerisch sah er
-aus, auf den ersten Blick erkennbar als echter Weidmann. Und was der
-Jagdherr nach beendigtem Gottesdienste zur kleinen Festgesellschaft
-sprach, klang kurz, schneidig und jaagerisch und kündete den Beginn
-einer neuen Ära: „Die Hauptsache in einem geordneten Jagdbetrieb ist
-die Pünktlichkeit! Auch zur Schonzeit und für eine Jagdleitersfrau!
-Jetzt ist es zehni, Punkt zwölf Uhr erscheinen das Brautpaar und alle
-Festgäste inklusive Pfarrer und Jaagerei in der Villa zum Essen! Alle
-sind meine Gäste! Daß mir keiner wegbleibt! Inzwischen kann jeder tun,
-was er mag, nur nicht ins Wirtshaus gehen und vorher essen und trinken;
-ich hab Sach genug im Haus! Und jetzt schauts, daß aussi kummts beim
-Loch! Auf Wiedersehen!“ Graf Lichtenberg nickte freundlich, ging aus
-der Sakristei, bestieg den Schlitten und fuhr in das verschneite,
-sonnenverklärte Halltal.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_285"></a>[S. 285]</span></p>
-
-<p>Die Hochrufe der freudig überraschten Jägerei klangen ihm nach. Als
-das Brautpaar am Forsthause vorfuhr, gab es ein großes Geguck, denn
-zwölf stämmige Treiberburschen und mehrere Leiterwagen harrten der
-Neuvermählten und begrüßten das Paar jauchzend und jodelnd.</p>
-
-<p>Hartlieb fragte erstaunt, was denn das bedeuten solle.</p>
-
-<p>Und die Antwort lautete: die Leute hätten Befehl, den Umzug des
-Oberförsters in die neue Wohnung durchzuführen, die Möbel in das
-Jagdschlößl zu bringen, wo das Paar von nun an wohnen werde.</p>
-
-<p>Ein Jubelruf Martinas ertönte.</p>
-
-<p>Ambros hielt alles für einen Scherz des neuen Gebieters. Aber es war
-ernst gemeint, eine Hochzeitsüberraschung, allerdings sehr drolliger
-Art, denn nun hieß es in aller Eile packen, um den Termin zum Diner
-einzuhalten. „Gottlob hab ich nicht viel im Eigentum!“ meinte lachend
-Hartlieb, als er seine Habseligkeiten in die paar Kisten stopfte. Die
-Kanzlei hatt je im Forsthause zu verbleiben. Kurz vor zwölf Uhr fuhren
-Hartliebs an dem Schlößl vor, empfangen von Exzellenz, die sich vor
-Lachen krümmte über das Gelingen der aparten Überraschung. Galant half
-Graf Lichtenberg der jungen Frau aus dem Schlitten. Und Martinas Arm
-nehmend, geleitete er die Braut in die Wohnräume Hartliebs im Parterre.
-Beim Anblick des neuen behaglichen Mobiliars, alles niegelnagelneu und
-ebenso komfortabel wie praktisch, schrie Martina vor Wonne.</p>
-
-<p>Und Hartlieb in seiner Überraschung stotterte: „Aber, Exzellenz! Soviel
-Gnade verdiene ich ja nicht!“</p>
-
-<p>„Still! Was Sie verdienen oder nicht, das zu beurteilen ist meine
-Sache! Während wir hochzeitlich speisen, bringen die Treibervölker die
-sieben Zwetschgen<span class="pagenum"><a id="Seite_286"></a>[S. 286]</span> des verflossenen Junggesellen! Später kann sich das
-Brautpaar mit Auspacken und Einräumen die Zeit vertreiben; das zu viele
-Balzen taugt nix! Frau Hartlieb kann sich überzeugen, daß alles da ist:
-Wäsche aller Art in den Kästen, Geschirr in der Küche, auch die Betten
-sind nicht vergessen worden, zwei Betten natürlich! Gehen wir essen!“</p>
-
-<p>„Einen Augenblick, Exzellenz!“ rief glückstrahlend Martina, trippelte
-in die neue Wohnung und öffnete die Türe des Wäscheschrankes und
-jubelte, als sie die reiche Ausstattung sah.</p>
-
-<p>Vergnügt zwirbelte Graf Lichtenberg den grauen Bart. Und nun
-flatterte Martina auf ihn zu und rief lachend und vor Freude weinend
-zugleich: „Dank, tausend Dank von ganzem Herzen! Ich muß Exzellenz
-ein Dankesbusserl geben, ich kann nicht anders! Der Ambros erlaubt es
-schon!“ Und schwupp hing Martina am Halse des Jagdherrn und küßte ihn.</p>
-
-<p>„Danke! Ist nicht ohne, so ’ne Balz! Fühle mich reich belohnt für die
-kleine Überraschung! Nun aber &ndash; Pünktlichkeit! Marsch fort, hinauf zu
-Tisch!“</p>
-
-<p>Hartlieb wollte danken.</p>
-
-<p>„Still! Hinauf! Immer Pünktlichkeit, auch beim Essen!“</p>
-
-<p>Als die Sonne schied, fuhr Graf Lichtenberg nach Admont. Sehr vergnügt
-darüber, sein Teil beigetragen zu haben, zwei Menschen sehr überrascht
-und glückselig gemacht zu haben.</p>
-
-<p>Das Hoffräulein verwandelte sich in eine richtige Jägersfrau und liebte
-den tüchtigen Gatten und hing mit ganzer Seele an der herrlichen
-Bergwelt von Admont.</p>
-
-<p class="center mtop2"><b>Ende</b></p>
-
-<hr class="full" />
-
-<div class="rek">
-
-<div class="section">
-
-<p class="s2 center"><em class="gesperrt"><b class="u">Paetels Roman-Reihe</b></em></p>
-</div>
-
-<p class="center"><em class="gesperrt">Zum gleichen Preise und in gleicher
-Ausstattung sind erschienen:</em></p>
-
-<table summary="Paetels Roman-Reihe">
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">1.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Arthur Achleitner</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Das Schloß im Moor. Roman</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">2.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Arthur Achleitner</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Der Stier von Salzburg. Roman</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">3.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Arthur Achleitner</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Unter den Hohen Tauern. Roman</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">24.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Arthur Achleitner</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Die Rose vom Chiemsee. Roman</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">25.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Arthur Achleitner</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">In den Bergen da lauert der Wildschütz. Roman</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">26.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Arthur Achleitner</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Spiel mit der Liebe. Roman</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">42.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">A. E. Brachvogel</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Friedemann Bach. Roman</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">23.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">E. Brontë</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Der Sturmheidehof. Roman</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">4.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Paul Burg</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Freudvoll und leidvoll. Roman</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">5.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Paul Burg</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Meine Christel. Roman</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">6.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Paul Burg</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Christels Ehe. Roman</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">7.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Paul Burg</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Der schöne alte Herr. Roman</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">9.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Paul Burg</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Der Mollwitzer Schimmel. Roman</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">31.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">A. Dumas-Sohn</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Die Dame mit den Kamelien. Roman</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">32.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">A. Dumas-Sohn</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Die Dame mit den Perlen. Roman</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">10.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Otto E. Ehlers</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Indische Reisebilder</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">11.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Paul Oskar Höcker</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Die Sonne von St. Moritz. Roman</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">12.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Paul Oskar Höcker</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Dodi. Roman</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">13.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Paul Oskar Höcker</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Verbotene Frucht. Roman</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">14.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Paul Oskar Höcker</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Das flammende Kätchen. Roman</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">15.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Paul Oskar Höcker</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Fasching. Roman</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">35.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Victor Hugo</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">„1793“. Roman</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">17.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Hermann Löns</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Was da kreucht und fleugt. 20 Tier- und Jagdgeschichten</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">22.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Henriette von Meerheimb</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Die verlorene Krone. Roman</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">19.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Rudolph Stratz</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Die Hand der Fatme. Roman</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">20.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Rudolph Stratz</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Zum weißen Lamm. Roman</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">21.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Rudolph Stratz</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Liebe um Barbara. Roman</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">18.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Adolf Streckfuß</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Der Oberförster von Margrabowo. Roman</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">45.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Luise Westkirch</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Der Todfeind. Kriminalroman</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- <div class="right">39.</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Fedor von Zobeltitz</div>
- </td>
- <td class="vat">
- <div class="left">Das Glück der Eva Sporrschild. Roman</div>
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<p class="center mtop1"><em class="gesperrt bt bb">In jeder guten Buchhandlung vorrätig!</em></p>
-
-<p class="s3 center mtop1"><em class="gesperrt">Gebrüder Paetel Verlag / Berlin</em></p>
-
-<hr class="full" />
-
-<div class="section">
-
-<p class="center mtop3">Von</p>
-
-</div>
-
-<p class="s2 center"><em class="gesperrt">Hans Hoffmann</em></p>
-
-<p class="center">erschienen in unserem Verlage:</p>
-
-<p class="s4 center mtop2"><em class="gesperrt">Landsturm</em></p>
-
-<p class="s5 center">Roman</p>
-
-<p class="s4 center mtop2"><em class="gesperrt">Der eiserne Rittmeister</em></p>
-
-<p class="s5 center">Roman</p>
-
-<p class="s4 center mtop2"><em class="gesperrt">Wider den Kurfürsten</em></p>
-
-<p class="s5 center">Roman</p>
-
-<p class="s4 center mtop2"><em class="gesperrt">Geschichten aus Hinterpommern</em></p>
-
-<p class="s5 center">Vier Novellen</p>
-
-<p class="s4 center mtop2"><em class="gesperrt">Der Hexenprediger und andere Novellen</em></p>
-
-<p class="s4 center mtop2"><em class="gesperrt">Tante Fritzchen</em></p>
-
-<p class="s5 center">Skizzen</p>
-
-<p class="s4 center mtop2"><em class="gesperrt">Von Frühling zu Frühling</em></p>
-
-<p class="s5 center">Bilder und Skizzen</p>
-
-<p class="s4 center mtop2"><em class="gesperrt">Das Gymnasium zu Stolpenburg</em></p>
-
-<p class="s5 center">Novelle</p>
-
-<p class="s4 center padtop1"><em class="gesperrt bt">Verlag von Gebrüder Paetel / Berlin</em></p>
-
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Unter den Hohen Tauern, by Arthur Achleitner
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK UNTER DEN HOHEN TAUERN ***
-
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-
-
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-
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-
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