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-The Project Gutenberg EBook of Sämtliche Werke 7-8: Der Jüngling, by Fjodor
-Michailowitsch Dostojewski
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
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-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
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-using this ebook.
-
-Title: Sämtliche Werke 7-8: Der Jüngling
-
-Author: Fjodor Michailowitsch Dostojewski
-
-Editor: Arthur Moeller van den Bruck
-
-Translator: E. K. Rahsin
-
-Contributor: Dmitri Mereschkowski
-
-Release Date: November 12, 2020 [EBook #63723]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-Produced by: the Online Distributed Proofreading Team at
- http://www.pgdp.net. This file was produced from images
- generously made available by The Internet Archive.
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄMTLICHE WERKE 7-8: DER
-JÜNGLING ***
-
- F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke
-
- Unter Mitarbeiterschaft von Dmitri Mereschkowski
- herausgegeben von Moeller van den Bruck
-
- Übertragen von E. K. Rahsin
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- Erste Abteilung: Siebenter und achter Band
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- F. M. Dostojewski
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- Der Jüngling
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- Roman
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- R. Piper & Co. Verlag, München
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- Dünndruck-Ausgabe in einem Bande
- R. Piper & Co. Verlag, München, 1922
- 12. bis 16. Tausend
- Druck: Otto Regel G. m. b. H., Leipzig
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- Copyright 1922 by R. Piper & Co.,
- Verlag in München.
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- Zur Einführung.
- Der Jüngling
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-Die »Idee« des Jünglings (des jungen Dolgoruki), dieses bis zur
-äußersten Grenze geführte persönliche Prinzip, erinnert an die Idee
-Raskolnikoffs, nur kommt der Jüngling der religiösen Erkenntnis und
-Rechtfertigung näher als jener.
-
-Raskolnikoff ist bereits vor dem »Verbrechen« krank von seinen
-furchtbaren Gedanken, krank auch von der Einsamkeit und schließlich auch
-von der körperlichen Erschöpfung, dem Hunger. »Das kommt daher, daß ich
-sehr krank bin,« erklärt er es sich selbst. Und auch die Ermordung der
-Alten ist, wenn auch nicht ausschließlich, so doch in bedeutendem Maße
--- Krankheit, »Fiebereinflüsterung«. »Der Teufel hat mich dorthin
-geschleppt.« »Die Alte ist Unsinn, die Alte ist vielleicht auch ein
-Irrtum,« sagt er sich. Nun, selbstverständlich ist sie das oder
-wenigstens ein im höchsten Grade mißglückter Versuch, der so gut wie
-überhaupt nichts beweist und auch nichts widerlegt. In der Alten hat er
-gerade _nicht_ das »Prinzip«, sondern eben nur ein altes Weib
-erschlagen. Als er aus dem ihm eigensten Gebiete der Anschauung, der
-Theorie, in das ihm fremde Gebiet der Handlung trat, unterwarf er seine
-innere Logik der Logik äußerer roher Zufälle. Jetzt leidet er zu sehr
-darunter, um frei denken zu können. Er hat es nicht getan, weil er so
-denkt, sondern umgekehrt, er denkt so, weil er so getan hat. Wenn seine
-abstrakten Gedanken von der lebendigen Leidenschaft auch vertieft und
-geschärft worden sind, so hat sie dieselben zu gleicher Zeit doch des
-Gleichgewichts, des Maßes und der Klarheit beraubt.
-
-In der »Idee« des Jünglings ist vielleicht noch mehr Bücherweisheit,
-Unerfahrenheit, Jünglingshaftigkeit, sogar ausgesprochen Kindisches, als
-in der Idee Raskolnikoffs. Er ist ja auch in der Tat noch ein Jüngling,
-fast noch ein Knabe. Jung und grün ist er. Aber die unreife Schale
-verbirgt doch nicht die späterhin mögliche, tiefe innere Bedeutung
-seiner »Idee« an sich. Auch diese gar zu frühreife Frucht wird einmal
-reif werden. Übrigens kann man schon jetzt erkennen, von welch einem
-Baume sie stammt. Der Jüngling ist gesunder, ist mehr im Gleichgewicht,
-seine Gedanken sind freier, klarer und vor allem _bewußter_ als die
-Gedanken Raskolnikoffs.
-
-Im tätigen Leben, in der Entwicklung des Herzens und Willens ist sein
-Ausgangspunkt derselbe, den auch Raskolnikoff, den Puschkins Hermann und
-Onegin, Lermontoffs Petschorin -- kurz, alle napoleonischen und
-petrischen Helden unserer Literatur haben: _zügellos rebellischer
-Aristokratismus, Auflehnung der Persönlichkeit gegen die Gesellschaft_.
-»Ja, ich bin ein düsterer Mensch, ich verschließe mich fortwährend. Oft
-habe ich Lust, mich von den Menschen ganz und gar abzusondern.
-Vielleicht werde ich den Menschen auch Gutes tun, aber zumeist kann ich
-nicht den geringsten, einigermaßen einleuchtenden Beweggrund dazu
-entdecken ... Ich glaube, schon in meinem zwölften Lebensjahr, also fast
-mit dem eigentlichen Erwachen meines Bewußtseins, begann ich, die
-Menschen nicht zu lieben.« So beginnt der Jüngling in seinem denkenden
-Leben damit, womit Raskolnikoff endigt: bei ihm ist bereits nicht die
-geringste Verbindung mit der »Anschauung der Sozialisten« zu finden, mit
-dem mathematisch errechenbaren »allgemeinen Nutzen«, und das, was
-Raskolnikoff kaum sich selbst zu gestehen wagt -- »ich will auch selbst
-leben«, »ich habe nur für mich erschlagen, für mich allein«, -- das
-schreckt den Jüngling schon nicht mehr. Er braucht sich nicht zu
-beweisen, daß darin nichts »Verbrecherisches« liegt: für ihn hat sich
-tatsächlich die Quelle eines neuen »kategorischen Imperativs« in der
-Liebe zu sich selbst aufgedeckt, in der uneigennützigen Liebe zu sich
-selbst, in der Liebe nicht zu seinem kleinen, nahen, sondern zu seinem
-großen, fernen Ich. Und der höchste Gipfel dieser Liebe, der »Wille zur
-Macht« -- ist die erste, nicht nur sittliche, sondern fast schon
-metaphysische, fast sogar religiöse Grundlage seiner ganzen »Idee«.
-
-»Ja, mich hat mein ganzes Leben lang nach Macht gedürstet, _nach Macht
-und Einsamkeit_.«
-
-Das Mittel, das er zur Verwirklichung seiner Idee erwählt, ist nicht
-mehr rohe äußere Vergewaltigung, nicht anarchistischer Mord, der
-schließlich doch nichts beweist, der fruchtlos und, als bewußte Tat zu
-einem bestimmten Zweck, unter den Verhältnissen der heutigen
-kultivierten Gesellschaft sogar einfach unmöglich ist, -- sondern innere
-Vergewaltigung, ein unvergleichlich verfeinerteres und vergeistigteres
-Vergewaltigen: Vergewaltigung durch die Macht des Geldes. »Ich brauche
-das Geld nicht, oder sagen wir richtiger, ich brauche nicht das Geld und
-nicht einmal Macht; ich brauche nur das, was man durch Macht erwirbt,
-und was man auf keine Weise ohne Macht erlangen kann; und das ist das
-_einsame und ruhige Bewußtsein der Kraft_! Das ist die erschöpfendste
-Bezeichnung dessen, was man >Freiheit< nennt, und um die sich die ganze
-Welt so abquält! >Freiheit!< Endlich habe ich es hingeschrieben, dieses
-große Wort ... Ja, das einsame Bewußtsein der Kraft -- ist berauschend
-und wundervoll. Ich habe Kraft, und ich bin ruhig ... Habe ich aber erst
-einmal die Macht, so werde ich ihrer überhaupt nicht mehr bedürfen. Ich
-versichere, daß ich dann freiwillig und aus eigenem Antriebe überall den
-letzten Platz einnehmen werde ... Das Bewußtsein meiner Macht wird mir
-genügen --
-
- >... denn mir genügt
- vollauf das Bewußtsein ...<
-
-Schon als Kind habe ich den Monolog des >Geizigen Ritters< von Puschkin
-auswendig gelernt; als Idee hat Puschkin nichts Höheres geschaffen! Der
-Meinung bin ich auch heute noch.«
-
-Die Idee des persönlichen Prinzips in Raskolnikoff und dem Jüngling ist
-durch die Gestalten des Hermann (des Helden in Puschkins »Pique-Dame«)
-und des »Geizigen Ritters« mit Puschkin verbunden, und durch Puschkin --
-hier wie überall bei Dostojewski, wie überall in der russischen
-Literatur -- mit den tiefsten Wurzeln nicht etwa nur des
-westeuropäischen, sondern auch des russischen Volksgeistes.
-
-»>Ihr Ideal ist niedrig<, wird man mir mit Verachtung vorhalten, >Geld,
-Reichtum! Etwas ganz anderes sind doch gemeinnützige Unternehmungen,
-menschenfreundliche Taten!<
-
-Aber wer weiß es denn, wie ich meinen Reichtum verwenden würde? Was ist
-dabei Unsittliches und Niedriges, daß diese Millionen aus vielen
-jüdischen, schädlichen und schmutzigen Händen in die Hand eines
-_nüchternen_ und _standhaften Asketen_, der mit scharfem Blick in die
-Welt schaut, zusammenfließen? ... In meinen Träumen habe ich schon mehr
-als einmal an jenen zukünftigen Augenblick gedacht, wo mein
-_Machtbewußtsein_ übersättigt sein, die >Macht< mir aber immer noch
-nicht groß genug erscheinen wird. Dann werde ich -- nicht aus Langeweile
-und nicht aus Rührseligkeit oder Überdruß, sondern weil mich nach
-_uferlos Größerem verlangen wird_ -- alle meine Millionen den Menschen
-hingeben, mag die Gesellschaft meinen ganzen Reichtum verteilen und
-verwalten, ich aber -- ich aber tauche wieder hinab und verschwinde
-unter den Namenlosen.« Das Bewußtsein, daß Millionen in seinen Händen
-waren, und er sie in den Schmutz geworfen hat -- würde ihn wie ein Rabe
-in seiner Wüste speisen. »Ja, meine >Idee<,« fährt er fort, »ist die
-Festung, in die ich mich jederzeit und unter allen Umständen
-zurückziehen und vor allen Menschen verbergen kann, selbst als Bettler.
-Das ist nun meine Dichtung! Und wißt, _ich brauche meinen lasterhaften
-Willen ganz, -- nur um mir selbst beweisen zu können, daß ich imstande
-bin, auf ihn zu verzichten_.«
-
-Bedurfte nicht ebenso auch Raskolnikoff seines »lasterhaften Willens
-_ganz_«? Vergoß er doch nur deshalb das Blut, »um sich selbst zu
-beweisen« (»ich mußte so bald als möglich erfahren, ob ich ein
-Ungeziefer bin oder ein Mensch«), daß er diesen Willen, dieses »Recht
-auf Macht« habe.
-
-Aber mag auch, ich wiederhole es, die praktische Seite der »Idee« des
-Jünglings oder richtiger, seines »Traumes«, kindisch, naiv, sogar
-lächerlich sein; mag man in ihr auch noch die ungefestigte Stimme des
-fünfzehnjährigen Knaben hören: für uns ist doch nicht die
-Verwirklichung, sondern nur die Richtung seiner Gedanken wichtig;
-wichtig ist hier nicht die äußere grüne Schale der Frucht, sondern vor
-allem gerade die Entstehung jenes Samenkornes, aus dem einst ein neuer
-Baum der »Erkenntnis des Guten und Bösen«, und vielleicht auch ein neuer
-»Lebensbaum« hervorwachsen wird.
-
-Und was dabei am bemerkenswertesten ist: die Erwerbung der Macht ist für
-ihn nicht Zweck, sondern nur Mittel, ist Weg, vorbereitende »Wüste«,
-Heldentat, Prüfung; ist nicht anarchische Zügellosigkeit, sondern die
-größte asketische Zügelung des »Fleisches und der Lust«, der größte Sieg
-über Fleisch und Lust. Ein »nüchterner und standhafter Asket« soll aus
-dieser Prüfung hervorgehen. Er bedarf seines »lasterhaften Willens
-_ganz_«, er will nur für sich allein freien Willen, -- für sich, für
-sich ganz allein. Aber ist das nun alles, ist das der höchste seiner
-Wünsche? Nein, ihn wird »nach uferlos Größerem verlangen«, -- »die Macht
-wird ihm immer noch nicht groß genug erscheinen«.
-
-Und so schenkt er sie den Menschen, verschwendet sie, wirft sie in den
-Schmutz, sagt sich los von seinem Willen und geht in eine noch größere
-Wüste. Selbstverneinung -- um der Selbstbejahung seiner Persönlichkeit
-willen; neue höhere Selbstverneinung -- um neuer, höherer Selbstbejahung
-willen; Schritt für Schritt, Stufe nach Stufe auf der unendlichen Leiter
-seiner Wünsche, die hinauf zum »unbegrenzten«, letzten Wunsch führt. Es
-ist, wenn auch nicht dem Jüngling selbst, so doch uns nur zu klar, daß
-jenes Bewußtsein, das ihn in der Wüste wie ein Rabe speisen wird, kein
-anderes als ein religiöses Bewußtsein ist, daß hier der Anfang einer
-Religion liegt.
-
-Nun fragt es sich: ist diese Religion derjenigen entgegengesetzt,
-welcher der unvermutete Freund und Lehrer des Jünglings angehört, der
-rechtmäßige Gatte seiner unrechtmäßigen Mutter, der gewesene Leibeigene
-Werssiloffs, der russische Bauer, Gottesgreis und Pilger Makar
-Iwanowitsch (das fraglose Vorbild des Staretz Sossima in den »Brüdern
-Karamasoff«)? Makar Iwanowitsch errät alles, was in der Seele des
-Jünglings vorgeht -- seine Auflehnung, seine Einsamkeit, seinen Haß auf
-die Menschen -- und mit wundernehmendem Freisinn verzeiht er ihm alles.
-Mit seinem stillen, fast ein wenig verschmitzten Lächeln freut er sich
-über den »Jungling«, wie er ihn nennt, und zweifelt keinen Augenblick
-daran, daß er, wenn auch auf einem anderen Wege, doch schließlich zu
-Gott kommen werde, daß »Gottes Geheimnis« sich früher oder später doch
-in diesem sich quälenden Gewissen offenbaren wird: »Und daß die Welt ein
-Geheimnis ist, das macht sie ja noch schöner; furchtbar ist es dem
-Herzen und wundervoll; und diese Furcht gereicht dem Menschenherzen zur
-Freude: >Alles ist in dir, Herr, und auch ich bin in dir, so nimm mich
-auf!< Murre nicht, Jungling: um so wundervoller ist es noch, als es ein
-Geheimnis ist.« -- »Ich freue mich, daß Sie gekommen sind,« sagt der
-Jüngling zum Greis. »Ich habe Sie vielleicht schon lange erwartet. Ich
-liebe keinen einzigen von ihnen allen: _sie haben keine Vornehmheit_
-...« Der Greis aber hat sie, das fühlt der Jüngling sofort heraus: hat
-eine altertümliche, nicht nur russische, gleichsam byzantinische, an
-alte Heiligenbilder gemahnende Schönheit, aber auch eine neue,
-zukünftige, vielleicht dieselbe, die der Jüngling sich in dem
-»nüchternen und standhaften Asketen« der letzten Macht und Einsamkeit,
-der letzten Freiheit, »jenseits von Gut und Böse« vorstellt.
-
-Das ist der Grund, warum sie sich immer näher treten, sich immer tiefer
-gegenseitig verstehen, ganz als glaubten sie schon jetzt an ein und
-dasselbe, als hätten sie das gleiche Ziel vor Augen. Und noch kurz vor
-dem Tode ruft der Alte seinen »Jungling« zu sich und segnet ihn, als
-läge das Zukünftige sichtbar vor ihm:
-
-»Ich hab' mir vorgenommen, Kinderchen, euch ein paar Wörtchen zu sagen,
-es ist nicht viel,« -- fuhr er mit seinem stillen, wundervollen Lächeln,
-das ich nie vergessen werde, fort, und plötzlich wandte er sich an mich:
-
-»Du, Lieber, _eifere für die heilige Kirche, und wenn die Zeit ruft, so
-geh auch in den Tod für sie_ -- aber wart doch, erschrick nicht, es ist
-ja nicht gleich nötig,« unterbrach er sich lächelnd. »Jetzt denkst du
-vielleicht noch nicht daran, später wirst du vielleicht daran denken.
-Und dann noch eines: was du auch Gutes zu tun gedenkst, _das tue für
-Gott, nicht aber um des Neides willen_. Nun, und das ist auch alles, was
-du zu hören brauchst.« Wie es scheint, entscheiden diese »paar Wörtchen«
-tatsächlich alles in der Zukunft des Jünglings und vielleicht auch in
-der Zukunft Raskolnikoffs: »tue es für Gott, nicht aber um des Neides
-willen«. Raskolnikoff tat das, was er tat -- »für sich, für sich
-allein«; könnte er hinzufügen »_und für Gott_«, so wäre er gerettet. Das
-aber kann er nicht, das wagt er nicht, hinzuzufügen. Gerade Gott hat er
-ja vergessen! Er schämt sich und fürchtet sich, an Ihn zu denken. Er hat
-nicht nur für sein höheres, fernes, sondern auch für sein niedriges,
-nahes Ich »das Blut vergossen«; also doch nicht nur für seinen Gott, wie
-dieser Gott auch sein mag, an den er vorläufig noch nicht denkt, dessen
-er sich aber einmal wohl erinnern wird, sondern auch »um des Neides
-willen«. Nicht große Liebe zu sich selbst, sondern kleiner Neid auf die
-Menschen hat ihn ins Verderben gestürzt. Er liebte sich nicht »bis zu
-Ende«, nicht bis zu Gott; er liebte sich mit einer ungenügenden, nicht
-mit der letzten und äußersten Liebe. Der Jüngling dagegen ist in seiner
-Einöde, wo ihn das Bewußtsein der neuen Freiheit »wie ein Rabe speisen«
-wird, näher bei Gott. Aber auch in seinem Gedanken an die unsauberen
-Rothschildschen Millionen (im Grunde sind sie ja dasselbe wie der rote
-Kasten unter dem Bett der alten Wucherin, an den Raskolnikoff denkt,
-oder das Kartengeheimnis, das Puschkins Hermann der Pique-Dame entlocken
-will), ist noch »Neid«, jedoch bereits weniger versteckter und nicht so
-dunkler, nicht so vergifteter und vergiftender Neid wie bei
-Raskolnikoff, da der Jüngling offenherziger, kindlicher ist. Dieser
-junge Wein wird vielleicht noch gären, lagern und klar werden, und dann
-wird der »Jungling« begreifen, was der sonderbare Segen und die
-Prophezeiung Makar Iwanowitschs zu bedeuten haben.
-
-Vorläufig aber erscheint es in der Tat sehr sonderbar: wie? der dem
-Geiste, der Idee nach leibhaftige Bruder des Anarchisten und Mörders
-Raskolnikoff und aller aufständischen, raubtierhaften, dämonischen
-Helden, die nur »für sich allein Willen verlangen«, die ihres
-»lasterhaften Willens _ganz_ bedürfen«, -- der wird gesegnet zum Tode
-für die »heilige Kirche Christi«, für die soll er eifern? Hat sich der
-Greis nicht getäuscht, hat er sich nicht verrechnet? Hat er denn auch
-richtig erkannt, »wes Geistes« der Jüngling ist? Übrigens scheint Makar
-Iwanowitsch auch diese Zweifel vorauszufühlen. »Wart, erschrick nicht,«
-unterbricht er sich mit seinem prophetischen Lächeln, »_jetzt denkst du
-vielleicht noch nicht daran, später wirst du vielleicht daran denken_«.
-Selbstverständlich denkt der Jüngling vorläufig noch ebensowenig an die
-Kirche wie Raskolnikoff. Aber dafür denken späterhin für Raskolnikoff --
-Iwan Karamasoff, und für den Jüngling Aljoscha Karamasoff an die Kirche,
-und dieses Nachdenken hat selbst bis zum heutigen Tage noch nicht
-aufgehört und wird mit jedem Tage immer tiefer, immer unablässiger und
-drängender. Nicht umsonst ist im Jüngling auch schon das neue Gesicht
-des »nüchternen und standhaften Asketen«, des Kämpfers oder vielleicht
-des Novizen Aljoscha entstanden. Nicht umsonst sucht auch schon dieser
-Jüngling nicht nur prometheische, napoleonische, westeuropäische »Macht
-und Einsamkeit«, sondern auch russische, autochthone, allerälteste und
-allerneueste, zukünftige Schönheit. Und diese Schönheit findet er dann
-im Staretz Sossima. Trotz der Träume von den unsauberen Millionen ist
-der Jüngling im Herzen rein: er ist fast ein ebenso »Uneigennütziger«
-wie Aljoscha Karamasoff; und trotz des Werssiloffschen »bösartigen und
-wollüstigen Insekts«, das auch in ihm lebt, ist er ein fast ebenso
-unberührter, keuscher Knabe wie Aljoscha; denn auch in diesem ist ein
-Werssiloffsches oder Karamasoffsches: »Wir Karamasoffs sind alle so, und
-auch in dir, du keuscher Knabe, lebt dieses Insekt und gebiert schon
-Stürme in deinem Blut.« Ja, der Jüngling befindet sich auf dem halben
-Wege von Raskolnikoff, von Iwan Karamasoff zum »reinen Cherub Aljoscha«.
-Auf diesem Wege nun segnet ihn der Greis. Und dieses erste Paar, der
-junge Dolgoruki, der gleichfalls Novize sein könnte, und der Greis Makar
-Iwanowitsch, ist das Vorbild des zweiten Paares Aljoscha Karamasoff und
-Staretz Sossima.
-
-Nein, Makar Iwanowitsch hat sich nicht geirrt, hat nicht falsch
-vorausgesehen: nur vom Gesichtspunkte der ersten Erscheinung des Herrn,
-ohne die zweite, die verhießene Wiederkunft, -- d. h. der einen, ersten,
-sichtbaren Menschwerdung, ohne die zweite, geheimnisvolle -- also vom
-Gesichtspunkte unseres gegenwärtigen, ertötenden, tolstoischen,
-buddhistischen Christentums gesehen, scheint es, daß der Greis, der in
-seinem Jünger den Fels des persönlichen Prinzips, die uneinnehmbare
-Festung der »Einsamkeit und Macht« segnet, damit etwas Christus
-Entgegengesetztes, etwas »Antichristliches« gesegnet habe. »Jetzt denkst
-du vielleicht noch nicht daran, später wirst du vielleicht daran
-denken.« O ja, selbstverständlich wird er später auch noch an vieles
-andere denken. »_Vieles noch habe ich euch zu sagen, aber ihr könnet es
-jetzt nicht fassen_, wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, kommen
-wird, dann wird er euch auch in der Wahrheit unterweisen.« Wie es
-scheint, haben Makar Iwanowitsch und der Staretz Sossima es teilweise
-bereits »erfaßt«, sind sie teilweise schon »unterwiesen« nicht nur vom
-Vater und Sohne, sondern auch vom Geiste der Wahrheit. Man soll die
-anderen lieben -- _wie sich selbst_? Aber man soll die anderen nicht für
-die anderen lieben, sondern für Gott, _in Gott_: das ist das Gebot
-Christi. Doch bevor man die anderen _so_ lieben kann, muß man zuerst
-sich selbst nicht für sich selbst, wohl aber für Gott, _in Gott_ lieben,
--- sollte das wirklich das Gebot des Antichrist sein? Nein, die anderen
-und sich selbst _in Gott_ lieben, ist nicht zweierlei, sondern ist eins.
-Mit unendlicher Liebe kann man weder sich selbst noch andere lieben, --
-unendlich kann man nur Unendliches, kann man nur Gott lieben. Unendliche
-Liebe zu sich selbst, unendliche Liebe zu anderen ist ein und dieselbe
-Liebe zu Gott. Man soll sich anderen hingeben! Aber um sich hinzugeben,
-muß man zuerst sich selbst besitzen, sich selbst finden, sich seiner
-selbst bemächtigen. Doch wie viele von uns haben sich denn wirklich
-gefunden oder sich gar ihrer selbst bemächtigt? Ist die Gabe jener nicht
-leichter, als es scheint, die, wenn sie ihren Nächsten alles hingeben,
-was sie haben, so gut wie nichts hingeben, da sie so gut wie nichts
-haben? Ich soll meine Seele für meinen Bruder hingeben? Aber das heißt
-doch, daß ich für meinen Bruder nichts Geringes und nichts Wertloses
-hingeben soll, sondern das Größte, das meine Seele nur sein kann. Ich
-muß meine Seele nicht nur bis zum Bruder, nein, bis zu Gott muß ich sie
-erheben, auf daß meine Gabe Gottes würdig sei, nicht aber ihm etwas
-hingeben, was ich selbst nicht brauche, womit ich selbst nichts
-anzufangen weiß, -- nicht meine erniedrigte, vernichtete, mir zum
-Überdruß gewordene Seele soll ich meinem Gott geben!
-
-Die »nüchternen, standhaften Asketen« der vergangenen Jahrhunderte, die
-besaßen sich in der Tat, die konnten über sich selbst herrschen, die
-hatten sich ihrer selbst bemächtigt: wie die Geizigen sammelten sie
-sich, entführten sie sich selbst aus der Welt, häuften sie Schätze
-geistiger Einsamkeit, Macht, letzter Freiheit auf -- und allein schon
-das Bewußtsein dieser Freiheit speiste sie »wie ein Rabe« in der Wüste
---
-
- »... denn mir genügt
- vollauf das Bewußtsein!«
-
-Auf wolkennahen Gipfeln, in unterirdischen Höhlen lebten sie wie die
-Adler, wie die Löwen, wie Raubtiere. Heilige Raubgier, heiliger Geiz war
-in ihnen. Nein, die Lehre Christi ist nicht nur die größte
-Selbstverneinung, sondern auch die größte Selbstbejahung der
-Persönlichkeit, ist nicht nur ewiges Golgatha, ewige Kreuzigung, sondern
-auch ewiges Bethlehem, ewige Geburt, Wiedergeburt der Persönlichkeit.
-Bis heute haben die Menschen nur die eine Hälfte der Lehre Christi klar
-erschaut: die Selbstverneinung; bald wird die Zeit kommen, wo sie
-endlich ebenso klar auch die andere Hälfte dieser Lehre erblicken
-werden, hinter dem ersten, bereits erschienenen Antlitz des Herrn -- das
-zweite, verborgene, hinter dem Antlitz der »Taubeneinfalt« -- das
-Antlitz der »Schlangenweisheit«, hinter dem Gesicht der Sklaverei und
-Demut -- das Antlitz der Kraft und Größe. Bis jetzt hat dieses zweite
-Angesicht entweder erschreckt oder -- in Versuchung gebracht. So
-erschrak vor unseren Augen Leo Tolstoi, so ließ Nietzsche sich
-verführen: beide hielten sie, von den entgegengesetztesten
-Gesichtspunkten aus, das zweite Angesicht Christi für das Angesicht des
-Antichrist. »Aber wart doch, erschrick nicht,« unterbricht sich der
-Greis mit seinem furchtlosen Lächeln.
-
-»_Über ein kleines, so werdet ihr mich nicht sehen, und wieder über ein
-kleines werdet ihr mich sehen._« Da sprachen etliche von seinen Jüngern
-untereinander: Was ist das, was er zu uns sagt: >Über ein kleines, so
-werdet ihr mich nicht sehen, und wieder über ein kleines werdet ihr mich
-sehen< ... Da sprachen sie: Was ist das, das er sagt, über ein kleines?
-Wir wissen nicht, was er redet. Auch seine Jünger ließen sich anfechten,
-auch sie erschraken. Und es ist ja wahr: wieviel Rätsel gibt es, wieviel
-Anfechtungen! Sind ihrer nicht gar zu viele? Gibt es überhaupt eine
-Religion mit größeren Rätseln und Versuchungen? »Anfechtung muß in der
-Welt sein, doch wehe dem, durch den sie in die Welt kommt.« -- »Selig,
-wer nicht an mir zweifelt.« -- Schwer ist es, nicht an ihm zu zweifeln,
-fast ist es sogar unmöglich, besonders in unserer Zeit, da diese
-allerrätselhafteste und verführerischeste seiner Prophezeiungen anfängt,
-in Erfüllung zu gehen: »Über ein kleines, so werdet ihr mich nicht
-sehen«, und »wieder über ein kleines werdet ihr mich sehen«. So ist es
-ja in der Tat: _schon_ sehen wir ihn nicht mehr, und »_wieder_« haben
-wir ihn _noch_ nicht gesehen. Was ist das, das er zu uns sagt: »wieder?«
-Wir wissen nicht, was er redet. Makar Iwanowitsch aber und der Staretz
-Sossima und teilweise vielleicht auch Dostojewski selbst -- wissen es
-schon: sie haben ihn _schon_ »wieder« gesehen.
-
- Dmitri Mereschkowski.
-
-
-
-
- Vorbemerkung
-
-
-Der Roman »Der Jüngling« ist im Jahre 1875 erschienen, steht also in der
-Reihenfolge der fünf großen Romane Dostojewskis zwischen den »Dämonen«
-und den »Brüdern Karamasoff«. Schon während der Arbeit an diesem Roman
-hatte Dostojewski in seinen Aufsätzen, die er in den Jahren 1873--74
-unter dem Titel »Tagebuch eines Schriftstellers« zunächst im »Bürger«,
-und vom Jahre 1876 an als selbständige Monatsschrift erscheinen ließ, zu
-Tagesfragen Stellung genommen und eine Tätigkeit eröffnet, mit der er
-unmittelbar erzieherisch wirkte. Dieselben Ideen, die er seinen Romanen
-zugrunde legte, kehrten in diesen Aufsätzen wieder, und umgekehrt finden
-wir, daß er sich in seinen Aufsätzen mit einzelnen Ideen seiner Romane
-beschäftigte. So kam er auf das Thema des »Jünglings«, insofern es das
-Thema der russischen Familie ist, in seinem »Tagebuch eines
-Schriftstellers« immer wieder zu sprechen. Es sind Ausführungen, die
-sich mit einer Äußerung Dostojewskis am Schluß dieses Romans begegnen,
-wo er den Begriff einer »zufälligen Familie« aufstellt. Im Roman selbst
-hat er diesen Ausdruck nicht weiter erläutert. Die Tagebuchstellen
-handeln von der russischen Familie, als einer zufälligen Familie,
-weshalb sie hier mitgeteilt sein mögen:
-
-»Noch nie hat es in unserem russischen Leben eine Zeit gegeben, in der
-die russische Familie so zerrüttet, zersetzt und ungeordnet gewesen ist
-wie jetzt. Wo findet man heutzutage noch eine Kindheit und Jugend, die
-in einer so einheitlichen, ruhigen und klaren Darstellung wiedergegeben
-werden könnte, wie z. B. Graf Leo Tolstoi uns _seine_ Jugendzeit und
-sein Elternhaus in der Erzählung >Kindheit und Jugend< und in >Krieg und
-Frieden< geschildert hat? Alle diese Werke sind heute nur noch
-historische Bilder aus einer längst vergangenen Zeit. Oh, ich will damit
-durchaus nicht sagen, daß es schöne Bilder wären, ich wünsche auch
-keineswegs ihre Wiederholung in unserer Zeit, nicht davon rede ich. Ich
-spreche nur von ihrem Charakter, von der Vollendung, Ausgesprochenheit
-und Bestimmtheit ihres Charakters ... Heutzutage gibt es das nicht: Es
-gibt keine Bestimmtheit, es gibt keine Klarheit. Die russische Familie
-von heute wird immer mehr zu einer _zufälligen Familie_. Ihre alte Form
-hat sie verloren, und zwar ganz plötzlich, ohne daß es vorherzusehen
-gewesen wäre; die neue Form aber -- ja, da fragt es sich nun: wird
-unsere Familie imstande sein, sich eine neue, wünschenswerte, das
-russische Herz befriedigende Form zu schaffen? Sagen doch schon manche
-und sogar sehr ernste Leute, daß es eine russische >Familie< jetzt
-überhaupt nicht mehr gäbe. Natürlich ist damit nur die Familie der
-russischen Intelligenz gemeint, d. h. der höheren Kreise, nicht des
-Volkes. Aber wie, ist denn im Volk die Familie heute nicht auch eine
->Frage<?« ... »Worin besteht nun diese >Zufälligkeit<, was verstehe ich
-darunter? Die >Zufälligkeit< der russischen Familie besteht, meiner
-Meinung nach, darin, daß die russischen Väter von heute jede
-gemeinschaftliche Idee in ihrem Verhältnis zu ihrer Familie eingebüßt
-haben. Es fehlt eine allen Vätern eigene, sie untereinander verbindende
-Idee, an die sie selbst glauben, und die sie ihren Kindern als
-Glaubensbekenntnis fürs ganze Leben hinterlassen könnten. Wohlgemerkt:
-diese Idee, dieser Glaube wäre -- selbst wenn er fehlerhaft ist, so daß
-die fähigeren Kinder sich in der Folge von ihm lossagen oder ihn
-wenigstens für ihre Kinder umändern müßten -- so wäre doch schon das
-bloße Vorhandensein dieses Glaubens oder dieser gemeinsamen, die
-Gesellschaft und die Familie verbindenden Idee immerhin der Anfang einer
-Ordnung, d. h. einer sittlichen Ordnung, die natürlich der Veränderung,
-sagen wir meinetwegen, dem Fortschritt, der Verbesserung unterworfen
-wäre -- jedenfalls der Ordnung. Statt dessen kann man heute nur
-Folgendes beobachten: erstens, eine ausnahmslose Verneinung des Früheren
-(also doch nur etwas Negatives und nichts Positives); zweitens,
-Versuche, etwas Positives zu sagen, aber nichts Gemeinsames und
-Verbindendes, -- Versuche ohne Erfahrung, ohne Praxis, ja sogar ohne
-vollen Glauben an sie auf seiten der Versuchenden selbst. Diese Versuche
-können manchmal sogar von einem prachtvollen Grundsatz ausgehen, aber
-sie werden nicht durchgehalten, sie bleiben unausgetragen; manchmal sind
-sie auch ganz unsinnig, so die Erlaubnis alles dessen, was früher
-verboten war, nach dem Grundsatz, daß alles Alte dumm sei. Und
-schließlich drittens: schlaffe und faule, egoistische Väter, die nur an
-sich und den Augenblick, nicht an die Kinder und deren Zukunft denken.
-So ist denn das Endergebnis -- Unordnung, Zerstückelung und eben diese
->_Zufälligkeit_< der russischen Familie, von der ich sprach.«
-
- E. K. R.
-
-
-
-
- Verzeichnis der Hauptpersonen
-
-
- _Andreí Petrówitsch Werssíloff_ -- russischer Edelmann.
- Andreí Andréjewitsch Werssíloff, Leutnant } seine ehelichen
- Anna Andréjewna Werssíloff } Kinder.
- _Arkádi Makárowitsch Dolgorúki_, der } seine
- Jüngling } unehelichen
- Lísa Makárowna Dolgorúki } Kinder.
- Frau Ssófja Andréjewna Dolgorúki -- die Mutter der unehelichen
- Kinder Werssíloffs.
- Makár Iwánowitsch Dolgorúki -- ihr rechtmäßiger Mann, ein
- ehemaliger Leibeigener Werssíloffs.
- Fürst Nikolaí Iwánowitsch Ssokólski -- ein früherer Freund
- Werssíloffs.
- Katerína Nikolájewna Achmákoff -- die junge Witwe des Generals
- Achmákoff und die einzige Tochter des Fürsten N. I. Ssokólski.
- Lydia Achmákoff -- ihre verstorbene Stieftochter.
- Tatjána Páwlowna Prútkoff -- eine entfernte Verwandte Werssíloffs.
- Fürst Ssergeí Petrówitsch Ssokólski -- genannt »Fürst Sserjósha«,
- Leutnant in einem Garderegiment, ein entfernter Verwandter
- des alten Fürsten N. I. Ssokólski.
- Dárja Oníssimowna -- eine Witwe aus der Provinz.
- Ólä -- ihre Tochter.
- Andrónikoff -- ehemals ein guter Bekannter Werssíloffs und des
- alten Fürsten N. I. Ssokólski.
- Márja Iwánowna -- Andronikoffs Nichte, bei der der Jüngling
- als Gymnasiast in Moskau in Pension gelebt hat.
- Nikolaí Ssemjónowitsch -- ihr Mann.
- Jefím Swerjóff }
- Dergatschóff } _Bekannte_
- Wássín } _des_
- Stebelkóff } »_Jünglings_«
- Tríschátoff u. a. }
-
-
-
-
- Erster Teil
-
-
- Erstes Kapitel.
-
-
- I.
-
-Nun habe ich mich doch nicht bezwingen können und mich hingesetzt, um
-die Geschichte meiner ersten selbständigen Schritte niederzuschreiben --
-obwohl ich das eigentlich auch unterlassen könnte ... Eines aber weiß
-ich genau: meine ganze Lebensgeschichte würde ich niemals schreiben, und
-sollte ich auch hundert Jahre alt werden. Da muß man denn doch gar zu
-erbärmlich in die eigene Person verliebt sein, um ohne sich vor sich
-selbst zu schämen, über sich selbst schreiben zu können. Was mich
-diesmal noch entschuldigt, ist ja nur, daß ich nicht aus dem Grunde
-schreibe, der alle anderen zum Schreiben veranlaßt, das heißt, ich
-schreibe nicht, um vom Leser bewundert zu werden. Wenn es mir trotzdem
-in den Sinn gekommen ist, alles wortgetreu aufzuzeichnen, was ich in
-diesem letzten Jahr erlebt habe, so ist das aus einem inneren Bedürfnis
-heraus geschehen: einen so großen Eindruck haben diese Erlebnisse auf
-mich gemacht. Ich will nur die Ereignisse wiedergeben, Beiläufiges aber
-nach Möglichkeit übergehen, und vor allem die üblichen literarischen
-Verzierungen und Einleitungen vermeiden. Ein Literat schreibt mitunter
-ganze dreißig Jahre lang in einem Strich, zu guter Letzt aber weiß er
-oft selbst nicht, was er nun eigentlich so lange geschrieben hat. Ich
-dagegen bin kein Literat und möchte auch gar keiner sein; ja, ich würde
-es geradezu für eine Geschmacklosigkeit halten, das Innerste meiner
-Seele und eine schöne Schilderung meiner Gefühle auf ihren
-Literaturmarkt zu schleppen. Nur habe ich zu meinem Ärger so eine
-Vorahnung, als ob man ganz ohne Gefühlsschilderungen und Betrachtungen
-(vielleicht sogar recht abgeschmackte Betrachtungen) doch nicht gut
-auskommen könne: dermaßen verderblich wirkt jede literarische Betätigung
-auf den Menschen, auch wenn er ausschließlich für sich selbst schreibt.
-Nun werden meine Betrachtungen vielleicht sogar sehr trivial erscheinen;
-denn es ist leicht möglich, daß andere gerade das völlig wertlos finden,
-was man selbst am höchsten schätzt. Aber genug davon. Da habe ich also
-doch eine regelrechte Vorrede geschrieben. Weiteres von dieser Art soll
-es nun wirklich nicht mehr geben. Jetzt fange ich endgültig meine
-Geschichte an, obschon nichts so schwierig ist, wie eine Sache
-anzufangen, vielleicht sogar überhaupt etwas in der Welt anzufangen.
-
-
- II.
-
-Ich beginne, das heißt, ich wollte mit dem neunzehnten September des
-vorigen Jahres beginnen, also genau mit dem Tage meiner ersten Begegnung
-mit ...
-
-Aber so ohne weiteres zu sagen, wem ich damals begegnet bin, noch bevor
-man das geringste weiß, wäre dumm. Ja, dieser ganze Ton scheint dumm zu
-sein. Ich habe mir doch geschworen, alle literarischen Albernheiten zu
-vermeiden, und nun habe ich von der ersten Zeile an überhaupt nichts
-anderes geschrieben. Außerdem scheint mir jetzt, daß der Wunsch allein,
-vernünftig zu schreiben, noch nicht genügt, um es zu können. Ich möchte
-auch bemerken, daß in keiner europäischen Sprache das Schreiben so
-schwierig ist wie in der russischen. Wenigstens muß ich mir jetzt
-gestehen, nachdem ich das soeben Geschriebene überlesen habe, daß ich
-viel klüger bin, als das hier Geschriebene vermuten läßt. Woher kommt es
-nur, daß bei einem klugen Menschen das von ihm Ausgesprochene so viel
-dümmer erscheint als das, was unausgesprochen in ihm zurückbleibt? Diese
-Beobachtung habe ich an mir auch in meinem mündlichen Verkehr mit
-Menschen des öfteren gemacht und mich deshalb in diesem ganzen
-verhängnisvollen letzten Jahr nicht wenig gequält und geärgert.
-
-Aber wenn ich nun einmal mit dem neunzehnten September beginnen will,
-muß ich vorher doch wenigstens kurz erklären, wer ich bin, wo ich gelebt
-habe, und wie es am Morgen jenes neunzehnten September in meinem Kopf
-ungefähr aussah, damit das Folgende dem möglichen Leser und vielleicht
-auch mir selbst verständlicher werde.
-
-
- III.
-
-Ich bin -- ein Gymnasiast, der sein Abiturium bestanden hat und jetzt
-einundzwanzig Jahre zählt. Ich trage den Namen Dolgoruki; denn mein
-gesetzmäßiger Vater ist Makar Iwanoff Dolgoruki, ein ehemaliger Hofbauer
-des Adelsgeschlechts der Werssiloff. So bin ich denn nach dem Gesetz ein
-legitimer Sohn, während ich in Wirklichkeit ein höchst illegitimer bin
-und meine uneheliche Herkunft nicht dem geringsten Zweifel unterliegt.
-Die Sache verhält sich so:
-
-Vor zweiundzwanzig Jahren besuchte der Gutsbesitzer Werssiloff (mein
-natürlicher Vater) wieder einmal sein Stammgut im Gouvernement Tula. Ich
-vermute, daß er damals als fünfundzwanzigjähriger junger Mann noch etwas
-recht Unpersönliches war. Es ist gewiß nicht bedeutungslos, daß dieser
-Mensch, der auf mich schon in der Kindheit einen so mächtigen Eindruck
-gemacht und auf meine ganze innere Entwicklung einen so ungeheuren
-Einfluß gehabt hat -- einen Einfluß, der vielleicht in meinem ganzen
-Leben weiterwirken wird -- daß dieser Mensch mir auch heute noch in
-vielen Dingen ein vollständiges Rätsel ist. Doch davon später. Das läßt
-sich nicht gleich so erzählen. Von diesem Menschen wird ja ohnehin in
-meinen Aufzeichnungen schon genug die Rede sein.
-
-Damals, also in seinem fünfundzwanzigsten Lebensjahr, hatte er gerade
-seine Frau verloren. Sie war aus vornehmer Familie, aber nicht sehr
-reich gewesen, eine geborene Fanariotoff, und hatte ihm einen Sohn und
-eine Tochter geschenkt. Leider habe ich nur sehr wenig Näheres über
-diese seine erste Frau erfahren können, und selbst dies wenige ist nicht
-ganz verbürgt. Auch aus dem Privatleben Werssiloffs ist mir vieles
-unbekannt oder wenigstens unerklärlich geblieben, so stolz, unnahbar,
-verschlossen und doch wiederum nachlässig war er im Verkehr mit mir,
-obschon er sich mitunter geradezu wie mit einer inneren Demut zu mir
-verhielt, die mich jedesmal stutzig machte. Einstweilen aber will ich
-doch vorausschicken -- gewissermaßen als Charakteristikum --, daß er in
-seinem Leben drei Vermögen durchgebracht hat, und sogar recht
-bedeutende, so einige viermalhunderttausend Rubel, vielleicht aber noch
-viel mehr. Augenblicklich hat er selbstverständlich nichts.
-
-Auf sein Gut war er damals »Gott weiß warum« gekommen, wenigstens
-drückte er sich auf meine Frage hin so aus. Seine kleinen Kinder brachte
-er nicht mit, er ließ sie bei Verwandten: so pflegte er sein Leben lang
-mit seinen Kindern umzugehen, sowohl mit den ehelichen wie mit den
-unehelichen. Das Hofgesinde auf dem Gut war überaus zahlreich, und zu
-diesem gehörte auch der Gärtner Makar Iwanoff Dolgoruki. Ich will hier
-gleich bemerken, um es ein für allemal abzutun, daß wohl selten jemand
-sich zeitlebens dermaßen über seinen Familiennamen geärgert hat, wie ich
-mich über den meinigen, von Kindesbeinen an. Das war selbstverständlich
-dumm von mir, doch ist es nichtsdestoweniger Tatsache. Jedesmal, wenn
-ich z. B. irgendwo eintrat, in eine Schule etwa, oder wenn ich mit
-Leuten zusammenkam, denen ich als kleiner Junge oder Halbwüchsling
-antworten mußte, ob ich wollte oder nicht, kurz, jeder letzte Schul-
-oder Privatlehrer, Gymnasialinspektor oder Pope -- ein jeder, wirklich
-ein jeder, der auf die Frage nach meinem Namen gehört hatte, daß ich
-Dolgoruki hieß, hielt es für unbedingt notwendig, zu fragen:
-
-»_Fürst_ Dolgoruki?«[1]
-
-Und jedesmal mußte ich jedem dieser müßigen Leute erklären:
-
-»Nein, _einfach_ Dolgoruki.«
-
-Dieses »einfach« drohte schließlich, mich einfach um meinen Verstand zu
-bringen. Übrigens verdient es gewissermaßen als Phänomen erwähnt zu
-werden, daß ich mich tatsächlich keines einzigen Menschen entsinne, der
-nicht so gefragt hätte, kein einziger machte eine Ausnahme! Viele
-interessierte diese Feststellung offenbar überhaupt nicht, es lag ihnen
-nichts an der Antwort, und ich begreife wirklich nicht, zu welch einer
-Teufelei sie auch nur einen von ihnen hätte interessieren sollen! Aber
-sie fragten alle, alle ohne Ausnahme. Und wenn ich dann gesagt hatte,
-daß ich _einfach_ Dolgoruki hieße, maß mich der Betreffende gewöhnlich
-mit einem stumpfen, dumm-gleichgültigen Blick (der mir nur bestätigte,
-daß er selbst nicht wußte, wozu er gefragt hatte) und wandte sich von
-mir ab. Am kränkendsten fragten die Schulkameraden. Wie wird überhaupt
-ein Neuling von einem Mitschüler gefragt? Bekanntlich ist der verwirrte,
-eingeschüchterte Junge an seinem ersten Schultage -- gleichviel in
-welcher Schule -- das allgemeine Opfer: ihm wird verschiedenes befohlen,
-er wird geneckt und von allen Seiten unter die Lupe genommen. Und da
-pflanzt sich denn ein gesunder, dicker Junge breitspurig vor ihm auf und
-betrachtet ihn geraume Zeit mit strengem, hochmütigem Blick: der Neuling
-steht vor ihm, schweigt, sieht zu Boden oder zur Seite oder sieht ihn
-an, wenn er kein Feigling ist, und wartet, was jetzt wohl geschehen
-werde.
-
-»Wie heißt du?«
-
-»Dolgoruki.«
-
-»_Fürst_ Dolgoruki?«
-
-»Nein, einfach Dolgoruki.«
-
-»Ah so, einfach! -- Esel!«
-
-Und er hat recht: es gibt nichts Dümmeres, als Dolgoruki zu heißen, wenn
-man nicht auch Fürst ist. Und den Fluch dieser Dummheit muß ich ohne
-mein Verschulden ewig mit mir herumschleppen. Später, als es mich doch
-zu sehr zu ärgern begann, antwortete ich auf die Frage:
-
-»Bist du 'n Fürst?«
-
-jedesmal:
-
-»Nein, ich bin der Sohn eines Hofbauern, eines ehemaligen Leibeigenen.«
-
-Und als meine Wut ihren Höhepunkt erreicht hatte, antwortete ich auf die
-Frage, ob ich Fürst sei, laut und mit fester Stimme:
-
-»Nein, ich heiße einfach Dolgoruki und bin der uneheliche Sohn meines
-früheren Gutsherrn Werssiloff.«
-
-Das hatte ich mir in der sechsten Klasse des Gymnasiums ausgedacht, und
-wenn ich mich auch bald überzeugte, daß es dumm von mir war, so hörte
-ich doch nicht so bald auf, diese Dummheit zu begehen. Ich entsinne mich
-noch, wie einer meiner Lehrer -- übrigens war er der einzige -- einmal
-von mir sagte, daß ich von der »rachsüchtigen sozialen Idee« erfüllt
-sei. Im allgemeinen nahm man aber solche Ausfälle meinerseits mit einer
-Nachdenklichkeit auf, in der für mich entschieden etwas Verletzendes
-lag. Einmal aber sagte mir ein Mitschüler, einer, der nicht auf den Kopf
-gefallen war, doch geschah es nur selten, daß wir ein paar Worte
-wechselten, mit seltsam ernstem Gesicht, indem er zur Seite blickte:
-
-»Solche Gefühle machen Ihnen natürlich nur Ehre, und zweifellos werden
-Sie auch alle Ursache haben, darauf stolz zu sein; aber an Ihrer Stelle
-würde ich mit einer unehelichen Geburt doch nicht gar so sehr prahlen
-... Sie dagegen scheinen sich darüber zu freuen, als wären Sie heute
-Geburtstagskind.«
-
-Seitdem »prahlte« ich nicht mehr mit meiner unehelichen Geburt.
-
-Wie gesagt, es ist tatsächlich sehr schwer, glaubhaft zu schreiben: da
-habe ich nun ganze drei Seiten beschrieben, um zu erzählen, wie ich mich
-über meinen Familiennamen geärgert habe, während der Leser sicherlich
-schon nach der ersten Seite vermutet haben wird, mein Ärger über meinen
-Namen sei nichts anderes gewesen, als der Ärger darüber, daß ich nicht
-»Fürst«, sondern »einfach« Dolgoruki heiße. Dies nun zu widerlegen und
-womöglich eine Art Rechtfertigung zu versuchen, wäre aber doch zu
-erniedrigend für mich!
-
-
- IV.
-
-Unter dem Hofgesinde, das, wie erwähnt, sehr zahlreich war, befand sich
-auch ein junges Mädchen, das kaum sein achtzehntes Lebensjahr erreicht
-hatte, als der fünfzigjährige Makar Dolgoruki plötzlich die Absicht
-äußerte, dieses Mädchen zu heiraten. Die Ehen des Hofgesindes wurden
-früher, zur Zeit der Leibeigenschaft, bekanntlich nur mit Erlaubnis der
-Gutsherrschaft geschlossen oder sogar einfach auf deren Befehl. Auf dem
-Gute Werssiloffs aber lebte damals als einzige Vertreterin der
-Herrschaft nur Tantchen -- d. h. sie ist eigentlich niemandes Tante, nur
-wird sie, ich weiß selbst nicht weshalb, schon ihr Leben lang von allen
-»Tantchen« genannt, nicht etwa als meine Tante, sondern als Tante
-überhaupt, was auch von seiten der Familie Werssiloff geschieht, mit der
-sie allerdings so etwas wie entfernt verwandt sein soll. Dieses
-»Tantchen« heißt sonst Tatjana Pawlowna Prutkoff, und damals besaß sie
-noch in demselben Gouvernement und sogar in demselben Bezirk, in dem
-Werssiloffs Stammgut lag, fünfunddreißig Leibeigene. Auf dem Gute
-Werssiloffs aber, wo sie als Nachbarin und halbwegs Verwandte zu der
-Zeit ständig lebte, war sie -- nun, wohl nicht gerade die Verwalterin
-(zum Gut gehörten über fünfhundert Leibeigene), aber doch so etwas wie
-eine Aufseherin, und diese Aufsicht soll, wie ich gehört habe,
-derjenigen eines studierten Oberverwalters in nichts nachgestanden
-haben. Übrigens gehen mich ihre landwirtschaftlichen Kenntnisse nichts
-an; ich wollte hier nur sagen, daß diese Tatjana Pawlowna -- ohne jede
-Schmeichelei -- ein wirklich edeldenkendes und im übrigen originelles
-Wesen ist. Nun, und eben diese Tatjana Pawlowna suchte damals den
-finsteren Makar Dolgoruki (er soll damals sehr finster gewesen sein) von
-den Heiratsgedanken nicht etwa abzubringen, sondern soll ihm aus einem
-unbekannten Grunde sogar noch zugeredet haben. Die achtzehnjährige
-Ssofja Andrejewna -- meine Mutter -- war schon seit einigen Jahren
-Ganzwaise. Ihr verstorbener Vater, der gleichfalls Hofbauer und dem
-Makar Dolgoruki in irgendeiner Sache zu Dank verpflichtet gewesen war,
-hatte diesen Makar sein Lebtag sehr geachtet und soll deshalb auf dem
-Sterbebett, nur eine Viertelstunde vor seinem Tode (so daß man es zur
-Not auch als bewußtloses Irrereden hätte auffassen können, ganz
-abgesehen davon, daß er als Leibeigener überhaupt nichts zu bestimmen
-hatte) den alten Makar Dolgoruki zu sich gerufen und ihm in Gegenwart
-des Geistlichen und aller versammelten Gutsbauern laut und bestimmt, auf
-seine zwölfjährige Tochter weisend, gesagt haben:
-
-»Erzieh sie und nimm sie zum Weibe.«
-
-Das haben alle gehört. Was nun aber den alten Makar Iwanoff betrifft, so
-weiß ich nicht, aus welcher Überlegung er sie dann später geheiratet
-hat, ich meine, ob mit Vergnügen oder nur aus Pflichtgefühl. Anzunehmen
-ist, daß er sich vollkommen gleichmütig dazu verhielt. Er war ein
-Mensch, der sich auch damals schon »hervorzutun« verstand. Ich will
-damit nicht sagen, daß er etwa sehr belesen oder sehr bibelkundig
-gewesen sei, obschon er die ganze Liturgie auswendig kannte und
-namentlich die Heiligenlegenden, diese allerdings, ohne sie selbst
-gelesen zu haben. Nein, er war auch nicht einmal ein sogenannter
-Bauernräsonnör, sondern einfach ein eigensinniger Charakter, ja,
-mitunter sogar gewagt eigensinnig: er redete selbstbewußt, urteilte
-unwiderruflich, und führte zum Überfluß ein »ehrsames Leben«, wie er
-sich selbst ausdrückte. Ja, so war er zu jener Zeit. Natürlich wurde er
-von allen geachtet, doch war er nichtsdestoweniger allen unausstehlich.
-Das sollte erst später anders werden, als er sein Pilgerleben begann:
-dann sah man in ihm nahezu einen Heiligen oder jedenfalls einen großen
-Dulder.
-
-Über den Charakter meiner Mutter läßt sich nicht viel sagen: bis zu
-ihrem achtzehnten Jahr hatte Tatjana Pawlowna sie bei sich behalten,
-trotz aller Ratschläge des Verwalters, sie doch nach Moskau zu schicken,
-um sie dort etwas lernen zu lassen. Tatjana Pawlowna hatte sie statt
-dessen selbst in manchem unterrichtet, im Nähen, im Zuschneiden, wie sie
-sich als Mädchen zu benehmen habe, und sogar ein wenig im Lesen.
-Schreiben konnte meine Mutter nie so recht. Die Heirat mit Makar Iwanoff
-war in ihren Augen eine schon längst beschlossene Sache, und überhaupt
-fand sie alles, was mit ihr damals geschah, vortrefflich und sogar
-besser, als sie es sich zu wünschen gewußt hätte. Zum Altar ging sie mit
-der ruhigsten Miene, die man in einem solchen Fall nur haben kann, so
-daß selbst Tatjana Pawlowna sie einen Fisch genannt hat. Dies alles hat
-mir Tatjana Pawlowna selbst erzählt.
-
-Als Werssiloff auf sein Gut kam, war sie gerade erst ein halbes Jahr
-verheiratet.
-
-
- V.
-
-Ich muß vorausschicken, daß ich niemals habe erfahren oder auch nur
-erraten können, womit es eigentlich zwischen ihm und meiner Mutter
-begonnen hat. Ich bin durchaus zu glauben bereit, daß es, wie er mir in
-diesem letzten Jahr einmal gestand -- bis über die Stirn errötend,
-obgleich er mit der ungezwungensten und »geistvollsten« Miene davon
-sprach --, daß es einen Roman zwischen ihnen überhaupt nicht gegeben
-habe, sondern alles einfach »_so_« gekommen sei. Das glaube ich ihm
-gern, und gerade dieses Wort und dazu noch in diesem Ton gesagt, wie nur
-der Russe es zu sagen pflegt, ist ganz vorzüglich und drückt tatsächlich
-alles aus. Nur wollte ich trotzdem wissen, was die eigentliche Ursache
-oder Veranlassung gewesen ist. Ich für meine Person hasse alle diese
-Abscheulichkeiten, habe sie immer gehaßt, und werde sie mein Leben lang
-hassen. Es ist also meinerseits keineswegs etwa schamlose Neugier, wenn
-ich das ergründen will. Meine Mutter habe ich erst vor einem Jahr kennen
-gelernt, bis dahin hatte ich sie so gut wie überhaupt nicht gesehen:
-Schon als kleines Kind war ich bei fremden Menschen untergebracht
-worden, da Werssiloff es so bequemer hatte -- worauf ich übrigens noch
-später zu sprechen kommen werde. Deshalb kann ich auch nicht wissen, wie
-sie zu jener Zeit ausgesehen hat. Wenn sie aber gar nicht so schön
-gewesen ist, wodurch hat sie dann einen Menschen wie Werssiloff, und
-noch dazu den erst fünfundzwanzigjährigen Werssiloff, zu fesseln
-vermocht? Das ist die Frage. Und wichtig ist sie für mich nur deshalb,
-weil sie an diesem Menschen noch eine ganz andere Seite ahnen läßt. Nur
-deshalb frage ich also, und nicht, wie man glauben könnte, aus
-jugendlicher Verderbtheit. Er selbst, dieser finstere und verschlossene
-Mensch, sagte mir einmal mit seiner ganzen entzückenden Treuherzigkeit,
-die er jedesmal weiß der Teufel woher nahm (gleichsam aus der Tasche),
-wenn er sah, daß es anders nicht ging -- ja, er selbst sagte mir, er sei
-damals noch ein »ganz dummer junger Hund« gewesen, nicht gerade
-sentimental, aber »_so_«, nachdem er »Anton Goremyka«[2] und »Polinka
-Ssachs«[3] gelesen, zwei literarische Werke, die einen großen, einen
-bildenden und bestimmenden Einfluß auf die bei uns damals heranwachsende
-Generation gehabt haben. Er fügte noch hinzu, daß er vielleicht sogar
-einzig infolge der Lektüre des »Anton Goremyka« auf sein Gut gekommen
-sei -- und zwar fügte er es mit vollkommenem Ernst hinzu! Wie also, auf
-welche Weise hatte dann dieser »dumme junge Hund« mit meiner Mutter
-anzubändeln vermocht? Ich sage mir soeben, daß, wenn ich auch nur einen
-einzigen Leser haben sollte, dieser jetzt sicherlich laut über mich
-lachen würde, wie über den lächerlichsten, unerfahrenen Jüngling, der
-sich noch seine dumme Unschuld bewahrt hat und sich dabei doch
-unterfängt, über Dinge zu reden und zu philosophieren, von denen er
-überhaupt nichts versteht. Ja, es ist wahr, ich habe noch keinen Begriff
-davon, doch sage ich das jetzt nicht aus Stolz; denn ich weiß ganz gut,
-wie maßlos dumm eine solche Unkenntnis an einem einundzwanzigjährigen
-Tölpel ist. Nur kann ich diesem verehrten Leser sagen, daß er, wenn er
-lacht, dann selbst von manchen Dingen keine Ahnung hat, und ich werde
-ihm das beweisen! Es ist wahr: von Frauen weiß ich nichts und will ich
-auch nichts wissen; denn ich habe mir das Wort gegeben, mein Leben lang
-nichts von ihnen wissen zu wollen. Aber so viel weiß ich doch, daß das
-eine Weib durch Schönheit berückt, oder wodurch es da sonst zu berücken
-versteht, und zwar sofort, in einem Augenblick; eine andere dagegen muß
-man erst ein ganzes Jahr lang kennen lernen, um zu begreifen, was in ihr
-ist; und um eine solche ausfindig zu machen und sich in sie zu
-verlieben, genügt nicht, daß man bloß zu allem bereit ist, sondern man
-muß außerdem noch mit etwas ganz Besonderem begabt sein. Davon bin ich
-überzeugt, obschon ich nichts weiß, und wenn dies nicht wahr wäre, müßte
-man sofort alle Frauen auf die Stufe der Haustiere herabziehen und sie
-nur als solche bei sich halten, was manche vielleicht sogar sehr gern
-täten.
-
-Wie ich aus verschiedenen und glaubwürdigen Quellen weiß, ist meine
-Mutter keine Schönheit gewesen, -- ihr Bild aus jenen Jahren, das
-irgendwo noch existieren soll, habe ich freilich nicht gesehen.
-Jedenfalls konnte man sich nicht auf den ersten Blick in sie verlieben.
-Zur gewöhnlichen »Zerstreuung« hätte Werssiloff eine andere wählen
-können, eine hübschere, und eine solche soll es damals auf seinem Gute
-auch gegeben haben, sogar eine unverheiratete: eine gewisse Anfissa
-Ssaposhkoff, die im Herrenhause Stubenmädchen war. Und nicht zu
-vergessen: er war obendrein noch unter dem Eindruck der Lektüre des
-»Anton Goremyka« in die Heimat gekommen, dann aber auf Grund der
-Gutsherrenrechte die Heiligkeit der Ehe zu schänden -- und wenn es sich
-auch nur um die Ehe seines Leibeigenen handelte --, gleichviel, das
-hätte doch vor dem eigenen Gewissen noch um so beschämender sein müssen!
-Wie gesagt, von diesem »Anton Goremyka« hat er vor nicht mehr als ein
-paar Monaten, also noch nach mehr als zwanzig Jahren, mit vollkommenem
-Ernst gesprochen! Aber diesem Anton wurde ja nur das Pferd fortgenommen,
-hier dagegen handelte es sich doch um die Frau! Es muß also etwas
-Ungewöhnliches geschehen sein, weshalb denn auch Mademoiselle
-Ssaposhkoff verspielte (meiner Meinung nach gewann sie). Ich habe im
-Laufe des letzten Jahres mehr als einmal etwas aus ihm herauszubringen
-versucht, sobald man nur mit ihm reden konnte (denn nicht allemal konnte
-man mit ihm reden), doch ist mir dabei zunächst nur aufgefallen, daß er
-sich trotz seiner ganzen gesellschaftlichen Sicherheit und der
-inzwischen vergangenen zwanzig Jahre stets ungemein geniert fühlte,
-sobald ich darauf zu sprechen kam. Aber ich ließ nicht nach. Und so
-erreichte ich wenigstens, daß er einmal in jenem gewissen Ton gereizten
-Widerwillens, den er sich oft genug mir gegenüber erlaubte, etwas
-seltsam vor sich hinbrummte, meine Mutter sei eine von jenen
-_Hilflosen_, jenen gleichsam Verteidigungsunfähigen gewesen, in die man
-sich nicht, wie man so sagt, verliebe -- im Gegenteil, durchaus nicht
---, sondern die man plötzlich aus irgendeinem Grunde _bemitleide_,
-vielleicht wegen ihrer keuschen Bescheidenheit, oder übrigens, wie soll
-man's wissen, weshalb? Den Grund könne man niemals genau angeben,
-jedenfalls bemitleide man sie nicht nur für einen kurzen Augenblick; man
-bemitleide sie und empfinde sofort Zuneigung zu ihnen ... »Mit einem
-Wort, lieber Junge, zuweilen ist es so, daß man sich dann nicht mehr
-losreißen kann.« -- Das sind seine eigenen Worte. Und wenn es wirklich
-das gewesen ist, so bin ich gezwungen, ihn als Fünfundzwanzigjährigen
-durchaus nicht für einen so »dummen jungen Hund« zu halten, wie er
-selbst zu jener Zeit gewesen zu sein glaubt. Das ist es, was ich zuvor
-feststellen wollte.
-
-Übrigens begann er gleich darauf, d. h. gleich nach diesem Geständnis,
-zu versichern, meine Mutter habe ihn »aus _Unterwürfigkeit_« geliebt. Es
-fehlte noch, daß er gesagt hätte »aus Leibeigenschaftsgehorsam«! Das hat
-er einfach gelogen, nur weil es sich »schick« anhört, -- gegen sein
-Gewissen, gegen Ehre und Anstand gelogen!
-
-Alles das habe ich natürlich gewissermaßen wie zum Lobe meiner Mutter
-hier wiedergegeben, und doch habe ich schon gesagt, daß ich sie in ihren
-jüngeren Jahren weder gekannt, noch bis jetzt Genaueres über ihr Wesen
-als junges Mädchen in Erfahrung gebracht habe. Im Gegenteil, ich kenne
-gerade die ganze Unbesiegbarkeit, die ganze Starrheit der kläglichen
-Begriffe jener Umgebung, in der sie aufgewachsen war und mit deren
-Anschauungen sie alt geworden ist. Und dennoch geschah das Unglück.
-Übrigens habe ich ganz vergessen, von der Tatsache zu reden, wie
-gewöhnlich, wenn ich mich in Wolken verliere, während doch das
-Geschehnis stets ganz zuerst hervorgehoben werden müßte. Also: es begann
-bei ihnen unmittelbar mit dem _Unglück_. (Ich hoffe, der Leser wird sich
-nicht so weit verstellen, daß er nicht sofort begreift, was ich meine.)
-Kurz, es begann gerade so nach Gutsbesitzerart, ungeachtet dessen, daß
-es doch so ganz anders begann und Mademoiselle Ssaposhkoff verschmäht
-worden war. Hier muß ich aber auch für mich eintreten und bemerken, daß
-ich mir nicht im geringsten widerspreche. Denn, mein Gott, wovon hätte
-ein Mensch, wie Werssiloff, mit einer Person wie meine Mutter, selbst im
-Fall der unbezwingbarsten Liebe reden können? Ich habe von verderbten
-Lebemännern gehört, daß manche Männer bisweilen, wenn sie mit einer Frau
-zusammenkommen, vollkommen stumm beginnen, was natürlich der Gipfel
-aller Abscheulichkeit und allen Ekels ist. Nichtsdestoweniger hätte
-Werssiloff -- selbst wenn er gewollt hätte -- wahrscheinlich überhaupt
-nicht anders mit meiner Mutter beginnen können. Er konnte ihr doch nicht
-»Polinka Ssachs« erklären! Und übrigens wird es ihnen damals wohl nicht
-um russische Literatur zu tun gewesen sein. Im Gegenteil, nach seinen
-Worten (er ging einmal ganz zufällig etwas mehr aus sich heraus) haben
-sie sich in allen Winkeln versteckt, auf Treppen einander erwartet, ja,
-wie Bälle sind sie mit roten Gesichtern zurückgeschnellt, wenn jemand
-kam, und der »Tyrann und Gutsherr« hat vor jeder letzten Scheuermagd
-gezittert, trotz all seiner Rechte, die er als Herr seiner Leibeigenen
-besaß. Aber wenn es auch nach Gutsherrenart begonnen hatte, so endete es
-doch ganz anders, das heißt ... aber ich sehe schon, im Grunde läßt sich
-doch nichts erklären. Es wird sogar nur noch unverständlicher. Allein
-schon die Tragweite, die ihre Liebe gewann, ist und bleibt ein Rätsel;
-denn die erste Bedingung solcher Menschen wie Werssiloff ist doch:
-sofort zu verlassen, sobald das Ziel erreicht ist. Hier aber geschah
-etwas ganz anderes. Mit einem netten, flatterhaften Hofmädel zu sündigen
-(meine Mutter gehörte nicht zu diesen), war für einen verderbten »jungen
-Hund« (und sie waren alle verderbt, alle ohne Ausnahme, sowohl die
-Liberalen als die Konservativen) nicht nur möglich und sozusagen
-»erlaubt«, sondern sogar unvermeidlich und selbstverständlich, besonders
-wenn man noch seine romantische Stellung als junger Witwer und
-Müßiggänger in Betracht zieht; sie aber fürs ganze Leben liebzugewinnen
--- das war denn doch zuviel! Ich will nicht dafür einstehen, daß er sie
-so lange wirklich geliebt hat, jedenfalls aber hat er sie sein Leben
-lang überallhin mit sich herumgeschleppt.
-
-Ich habe zwar oft genug ganz ohne Umschweife und Rücksicht gefragt, was
-ich wissen wollte, die wichtigste Frage aber habe ich doch nicht offen
-an meine Mutter zu richten gewagt, obwohl wir uns in diesem letzten Jahr
-so nahe getreten sind und ich überdies als roher und undankbarer
-Grünschnabel lange Zeit der Meinung war, _sie_, meine Eltern, hätten
-_mir_ noch ein Unrecht abzubitten. Deshalb war ich auch im Verkehr mit
-meiner Mutter zumeist sehr wenig rücksichtsvoll. Diese Hauptfrage, wie
-ich sie nennen möchte, bestand in folgendem: wie hatte sie, sie selbst,
-nachdem sie schon ein halbes Jahr in der Ehe gelebt, wie hatte sie, die
-an die Heiligkeit der Ehe bis zur Ohnmacht glaubte und ihren Makar
-Iwanowitsch nicht weniger als irgendeine Gottheit verehrte, wie hatte
-sie trotzdem in kaum zwei Wochen eine solche Sünde begehen können? Sie
-war doch kein verderbtes Weib! Im Gegenteil, ich kann ruhig behaupten,
-daß es eine reinere Seele, als die meiner Mutter, überhaupt nicht gibt.
-Wenigstens ist es schwer, sich etwas noch Reineres, als es meine Mutter
-bis zum heutigen Tage ist, auch nur vorzustellen. Erklären könnte man
-sich ihren Fehltritt höchstens damit, daß sie ihn nicht bei voller
-Besinnung getan, -- jedoch nicht in dem Sinne, wie jetzt die Verteidiger
-von ihren Klienten, von Mördern und Dieben, vorgeben, sondern wie im
-Bann eines mächtigen, überwältigenden Eindrucks, der bei einer gewissen
-Harmlosigkeit des Herzens sich verhängnisvoll und tragisch seines Opfers
-bemächtigen kann. Vielleicht hatte sie sich sterblich in ... seinen
-Rockschnitt verliebt, oder in seinen Scheitel _à la parisien_{[1]} oder
-in seine Aussprache des Französischen -- gerade des Französischen, von
-dem sie keinen Ton verstand -- oder in ein Lied, das er einmal gesungen?
--- jedenfalls in etwas noch nie Gesehenes, noch nie Gehörtes (er war
-übrigens eine sehr schöne Erscheinung) -- und verliebte sich dann mit
-eins in den dazugehörenden Menschen, so wie er war, zusammen mit allen
-Kleiderschnitten und Liedern? Das soll, wie ich gehört habe, mit den
-Hofmädchen zur Zeit der Leibeigenschaft bisweilen geschehen sein, und
-zwar gerade mit den keuschesten. Ich kann das sehr gut verstehen, und
-ein Schuft ist, wer das im Ernst nur mit der Gewohnheit an
-Leibeigenschaftsgehorsam erklären wollte! Folglich aber mußte doch
-dieser junge Mann so viel unverfälschte, so echte berückende Macht
-besessen haben, daß er ein bis dahin so reines und, was noch mehr sagen
-will, ein so anders geartetes Geschöpf, das in einer ganz anderen Welt
-aufgewachsen war, zu fesseln und in so offenkundiges Verderben zu ziehen
-vermochte. Daß es aber »Verderben« war, das hat, hoffe ich, auch meine
-Mutter ihr Leben lang gewußt; höchstens damals, als sie ging, wird sie
-nicht an das Verderben gedacht haben. Aber so ist es ja gewöhnlich mit
-diesen Schutzlosen: sie wissen ganz genau, daß es ihr Verderben ist, und
-dennoch gehen sie!
-
-Nachdem meine Eltern sich aber vergessen, hatten sie sogleich alles
-gebeichtet. Er erzählte mir sogar mit sehr viel Scharfsinn, daß er an
-der Schulter Makar Iwanowitschs, den er zu sich ins Kabinett hatte rufen
-lassen, geschluchzt habe. Sie aber -- sie lag währenddessen einsam
-irgendwo dort in ihrer armseligen Bauernhütte ...
-
-
- VI.
-
-Doch genug der Fragen und peinlichen Einzelheiten! Werssiloff reiste,
-nachdem er meine Mutter von Makar Dolgoruki freigekauft hatte, bald
-wieder irgendwohin fort, und seitdem hat er sie fast überallhin
-mitgenommen, außer in den wenigen Fällen, wenn er ganz plötzlich
-aufbrach und dann gewöhnlich längere Zeit wie verschollen blieb. In
-solchen Fällen war jedoch sogleich Tantchen zur Stelle, oder vielmehr
-Tatjana Pawlowna Prutkoff, die dann meine Mutter ohne weiteres unter
-ihre Obhut nahm. So hatten Werssiloff und meine Mutter in Moskau gelebt,
-auf verschiedenen anderen Gütern, in verschiedenen anderen Städten,
-sogar im Auslande, und schließlich in Petersburg. Doch von diesem Leben
-soll noch später die Rede sein, oder auch nicht, -- wozu schließlich?
-Ich will nur sagen, daß ein Jahr nach dem Loskauf meiner Mutter von
-ihrem rechtmäßigen Manne ich zur Welt kam, darauf, wieder nach einem
-Jahr, meine Schwester, und dann nach zehn oder elf Jahren ein
-kränklicher Knabe, mein jüngster Bruder, der aber nur wenige Wochen
-lebte. Nach der qualvollen Geburt dieses Kindes war auch die Schönheit
-meiner Mutter dahin, wenigstens erzählte man mir so; sie begann zu
-altern und zu kränkeln.
-
-Doch ungeachtet des Loskaufs unterließ Makar Iwanowitsch es nie, »seine
-Familie« von Zeit zu Zeit über sein Befinden zu unterrichten, gleichviel
-ob »Werssiloffs« von Ort zu Ort reisten oder sich irgendwo auf längere
-Zeit niedergelassen hatten. So kam es, daß sich allmählich recht
-sonderbare Beziehungen zwischen ihnen herausbildeten, ein Verhältnis,
-das zum Teil feierlich und nicht ohne gegenseitige Ehrfurcht war. Wenn
-man nun das früher übliche Verhalten der Gutsherren zu ihren Leibeigenen
-in Betracht zieht, so hätten solche Beziehungen unfehlbar etwas
-Lächerliches annehmen müssen, doch hier war das nicht der Fall. Er
-schrieb zweimal jährlich, nicht mehr und nicht weniger, und die Briefe
-unterschieden sich kaum voneinander. Ich habe sie gelesen: nicht die
-geringste persönliche Note ist in ihnen zu entdecken; sie enthalten nach
-Möglichkeit nur feierliche Berichte über die gewöhnlichsten Ereignisse
-und dann Bezeugungen der unpersönlichsten Gefühle, wenn man sich so
-ausdrücken darf. Zu Anfang immer eine Schilderung des eigenen
-Gesundheitszustandes, dann Erkundigungen nach der Gesundheit der
-Betreffenden, dann Wünsche, daß es ihnen wohlergehen möge, feierliche
-Grüße und feierlichst erteilter Segen -- und das war alles. Gerade in
-dieser Unpersönlichkeit scheinen Leute von der Bildungsstufe eines Makar
-Iwanowitsch die ganze Wohlanständigkeit und höhere Umgangskunst zu
-vermuten. »Unserer liebwerten und ehrsamen Ehefrau Ssofja Andrejewna
-unsere untertänigste Verbeugung ...« »Unseren liebwerten Kindern meinen
-väterlichen, ewig unerschütterlichen Segen.« Die Kinder wurden alle der
-Reihe nach aufgezählt, ich als Ältester an der Spitze. Übrigens war
-Makar Iwanowitsch doch klug genug, »Se. Hochgeboren, den ehrenwerten
-Herrn Andrei Petrowitsch« (so hieß Werssiloff), nie seinen »Wohltäter«
-zu nennen, wie es sonst üblich ist, obschon er ihm unentwegt in jedem
-Brief seinen untertänigsten Gruß sandte, ihn für sich um seine
-Wohlgeneigtheit bat und für ihn wiederum Gottes Segen herflehte. Die
-Antwort auf seine Briefe erhielt Makar Iwanowitsch von meiner Mutter
-immer postwendend -- Werssiloff beteiligte sich natürlich nie an dieser
-Korrespondenz -- und auch ihre Briefe unterschieden sich fast in nichts
-voneinander. Makar Iwanowitsch schrieb aus allen Gegenden Rußlands, bald
-aus Städten, bald aus Klöstern, in denen er sich mitunter auf lange Zeit
-niederließ. Er führte damals bereits ein Pilgerleben. Niemals bat er um
-etwas, dafür aber kam er alle drei Jahre einmal unfehlbar »nach Haus«
-und erschien dann regelmäßig bei meiner Mutter, die, wie es sich immer
-so traf, ihre eigene Wohnung hatte, getrennt von derjenigen Werssiloffs.
-Darauf werde ich übrigens noch später zu sprechen kommen, hier aber will
-ich nur bemerken, daß Makar Iwanowitsch es sich dann nicht etwa im
-Gastzimmer auf den Sofas bequem machte, sondern bescheidentlich mit
-einer Schlafstelle irgendwo hinter einem Bettschirm fürliebnahm. Er
-blieb auch nicht lange, gewöhnlich nur fünf Tage, höchstens eine Woche.
-Ich habe bisher ganz vergessen zu sagen, daß sein Familienname Dolgoruki
-ihm unendlich gefiel und er ihn ungeheuer achtete. Natürlich war das nur
-eine lächerliche Dummheit von ihm. Am dümmsten aber war, daß er ihm
-gerade deshalb so gefiel, weil es Fürsten dieses Namens gibt. Gott weiß,
-wie er zu dieser verdrehten Auffassung gekommen sein mag!
-
-Wenn ich gesagt habe, daß die ganze »Familie« stets beisammen war, so
-war sie das, versteht sich, nur mit Ausnahme meiner Person. Ich war wie
-ein Überflüssiger aus dem Nest geworfen: fast schon seit meiner Geburt
-hatte man mich bei fremden Menschen untergebracht. Doch lag dieser
-Handlungsweise keinerlei besondere Absicht zugrunde, es hatte sich eben
-ganz von selbst so gemacht. Als meine Mutter mich geboren hatte, war sie
-noch jung und hübsch, und daher brauchte er sie; ein kleiner Schreihals
-aber wäre sehr hinderlich gewesen, besonders noch auf Reisen. So ist es
-denn gekommen, daß ich meine Mutter vor meiner Übersiedlung nach
-Petersburg, also bis zu meinem zwanzigsten Lebensjahr, nur zwei- oder
-dreimal ganz flüchtig gesehen habe. Das war freilich nicht auf die
-Gefühle meiner Mutter zurückzuführen, sondern auf den Hochmut
-Werssiloffs den Menschen gegenüber.
-
-
- VII.
-
-Jetzt von etwas ganz anderem.
-
-Einen Monat vorher, d. h. einen Monat vor jenem neunzehnten September,
-beschloß ich damals in Moskau, mich endgültig von ihnen allen loszusagen
-und hinfort nur noch meiner Idee zu leben, d. h. restlos in ihr
-aufzugehen. Ich sage und schreibe es auch so hin: »restlos in ihr
-aufzugehen«; denn dieser Ausdruck deckt sich am besten mit meinem
-Hauptgedanken -- eben mit der Idee, für die allein ich auf Erden leben
-will. Was das für eine »Idee« ist, das werde ich später noch ausführlich
-erklären. In der jahrelangen verträumten und verschwärmten Einsamkeit
-meines Moskauer Lebens hatte sie sich langsam entwickelt, dann aber, in
-der sechsten Klasse des Gymnasiums, hatte sie fast plötzlich von mir
-vollständig Besitz ergriffen und mich dann vielleicht keinen einzigen
-Augenblick mehr verlassen. Es war seitdem, als habe diese Idee mein
-ganzes Leben verschlungen. Auch vorher schon hatte ich mehr in Träumen
-als in der Wirklichkeit gelebt, ja eigentlich hatte ich schon von
-Kindheit an mein Leben in einer Traumwelt zugebracht, in einer Traumwelt
-von jener bewußten Art. Doch mit der Entstehung dieser größten und alles
-übrige in mir verschlingenden Idee wurden auch meine Träume bestimmter,
-gewannen sie feste Umrisse und feste Gestalt: aus kindisch dummen
-Phantastereien wurden fast über Nacht vernünftige Zukunftspläne. Die
-Schule hatte das Träumen nicht verhindert, so konnte sie auch meiner
-»Idee« nichts anhaben. Übrigens will ich hier doch bemerken, daß ich das
-Gymnasium im letzten Jahr als schlechter Schüler beendete, während ich
-bis dahin immer einer der ersten gewesen war, und schuld daran war
-natürlich nichts anderes als diese Idee, infolge eines (vielleicht
-falschen) Schlusses, den ich aus ihr gezogen hatte. So war denn nicht
-das Gymnasium ein Hindernis für die Idee, sondern umgekehrt, die Idee
-ein Hindernis für das Gymnasium. Und ebenso verhinderte sie das weitere
-Studium, ich meine den Besuch einer Universität. Nach dem Abiturium
-beabsichtigte ich, nicht nur unverzüglich mit allen Verwandten zu
-brechen, sondern falls nötig auch mit der ganzen Welt -- und das,
-obschon ich damals erst zwanzig Jahre alt war. So schrieb ich nach
-Petersburg, daß man mich hinfort in Ruhe lassen, kein Geld mehr zu
-meinem Unterhalt senden, und mich, wenn möglich, vollständig vergessen
-solle (letzteres, versteht sich, falls man sich meiner überhaupt noch
-erinnerte). Und zum Schluß erklärte ich unumwunden, die Universität »um
-keinen Preis« besuchen zu wollen. Sah ich mich doch damals vor ein
-unvermeidliches Dilemma gestellt: entweder verzichtete ich auf die
-Universität und die Weiterbildung, oder ich schob die Umsetzung der Idee
-in die Tat noch auf ganze vier Jahre hinaus. Furchtlos und ohne zu
-zögern entschied ich mich für die Idee und gab das Studium auf, zumal
-ich alles schon mathematisch berechnet hatte und vom Erfolg überzeugt
-war.
-
-Auf meinen Brief erhielt ich eine Antwort von Werssiloff, meinem
-natürlichen Vater, den ich bis dahin bloß einmal, und auch da nur einen
-Augenblick lang gesehen hatte (und doch hatte er, so kurz der Augenblick
-auch war, einen mächtigen, ja bestrickenden Eindruck auf mich gemacht).
-Er antwortete auf meinen Brief, der übrigens gar nicht an ihn gerichtet
-gewesen war, mit einem eigenhändigen Schreiben, in dem er mich nach
-Petersburg zu kommen aufforderte und mir daselbst eine private
-Anstellung versprach.
-
-Eine solche Aufforderung von diesem verschlossenen, stolzen Menschen,
-der sich so hochmütig und nachlässig zu mir verhalten und sich bis
-dahin, nachdem er mich gezeugt und dann unbekümmert unter fremden Leuten
-meinem Schicksal überlassen hatte, der mich nicht nur nicht kannte,
-sondern sein Verhalten zu mir nicht einmal bereute (vielleicht aber, wer
-kann's wissen, hatte er von meinem ganzen Dasein kaum mehr als eine
-dunkle und jedenfalls ungenaue Vorstellung; denn, wie es sich später
-herausstellte, hatte nicht er für meinen Unterhalt in Moskau gezahlt,
-sondern auch das war von anderer Seite geschehen), -- ja, die
-Aufforderung dieses Menschen, sage ich, der sich so plötzlich meiner
-erinnerte und mich eines eigenhändigen Schreibens würdigte, -- diese
-Aufforderung verführte mich und entschied mein Schicksal. Unter anderem
-gefiel mir sein Brief (eine einzige Seite kleinen Formats) auch deshalb,
-weil er in ihm mit keinem Wort vom Studium sprach: weder bat er mich,
-meinen Entschluß zu ändern, noch machte er mir deshalb einen Vorwurf, --
-kurz, er kam mir mit keiner einzigen der in solchen Fällen üblichen
-elterlichen Redensarten. Und eben das gefiel mir, obschon es, genau
-genommen, gerade kein hübscher Zug von ihm war, da dieses Verhalten noch
-deutlicher seine Gleichgültigkeit mir gegenüber bewies. Ich entschloß
-mich aber auch noch aus dem Grunde zur Fahrt, weil dieser »Abstecher«
-meiner Idee und ihrer Ausführung schließlich nichts anhaben konnte. »Ich
-kann mir ja die Geschichte dort mal ansehen,« philosophierte ich,
-»jedenfalls aber bleibe ich nur für einige Zeit bei ihnen, vielleicht
-nur für die allerkürzeste. Sollte ich jedoch sehen, daß dieser Schritt,
-so bedingt und klein er auch ist, mich dennoch von meinem Hauptziel
-ablenken könnte, so breche ich unverzüglich mit allen, soviel ihrer dort
-sind, lasse alles liegen und ziehe mich sofort zurück in mein Gehäuse.
-Ja, gerade in mein >Gehäuse<! Ich verkrieche mich in ihm wie eine
-Schnecke, verstecke mich wie eine Schildkröte in ihrer Schale.« Dieser
-Vergleich gefiel mir sehr. »Ich werde nicht allein sein,« fuhr ich in
-Gedanken fort, während ich die letzten Tage in Moskau wie in einem
-Rausch umherging, »jetzt werde ich niemals mehr allein sein, wie bisher
-alle die langen entsetzlichen Jahre. Jetzt habe ich meine Idee, von der
-ich nie mehr lassen werde, selbst dann nicht, wenn sie mir dort auch
-alle, Gott weiß wie sehr, gefallen, mich vielleicht relativ sogar
-glücklich machen sollten, und ich womöglich ganze zehn Jahre bei ihnen
-verbliebe!« Eben diese Überzeugung aber war es, die in meine Pläne und
-Ziele einen Zwiespalt brachte und mich die ganze Zeit über in Petersburg
-unfrei machte (denn ich weiß wirklich nicht, ob ich in Petersburg auch
-nur einen einzigen Tag erlebt habe, an dem ich nicht an meine Idee
-gedacht und nicht den nächsten Tag als meinen letzten Termin festgesetzt
-hätte, um mit allen zu brechen und fortzugehen). Und dieser Zwiespalt
-war, glaube ich, die Hauptursache oder zum mindesten eine von den
-Hauptursachen, warum ich im Laufe dieses Jahres so viele
-Unvorsichtigkeiten, so viele Häßlichkeiten, ja sogar Niedrigkeiten und,
-versteht sich, auch unzählige Dummheiten begangen habe.
-
-Natürlich, wie hätte es anders sein sollen: ich bekam plötzlich einen
-Vater, etwas, was ich bis dahin noch nie besessen! Dieses Geschenk
-berauschte mich, der Gedanke daran verdrängte während der
-Reisevorbereitungen und der Fahrt fast alle anderen Gedanken. Das heißt,
-daß er mein »Vater« war, bedeutete für mich eigentlich noch nicht einmal
-so viel; denn ich bin kein Freund von Zärtlichkeiten; aber dieser Mensch
-hatte mich nicht kennen wollen und sich so ohne jede Achtung zu mir
-verhalten, während ich mich von Kindheit an mit allen Fibern, allen
-Gedanken und Träumen gleichsam an ihn festgesogen hatte (wenn man sich
-im übertragenen Sinne so ausdrücken darf). Jeder meiner Träume hatte, so
-weit ich zurückdenken kann, mit ihm in Zusammenhang gestanden, sich
-gewöhnlich nur mit ihm beschäftigt, oder war wenigstens im Endergebnis
-auf ihn hinausgelaufen. Ich weiß nicht, liebte ich ihn, oder haßte ich
-ihn? -- ich weiß nur, daß alle meine Zukunftspläne und Träume nur um ihn
-kreisten, er war der Mittelpunkt des ganzen Lebens, das noch vor mir
-lag, -- und das hatte sich ganz von selbst so gemacht, das war mit
-meiner Entwicklung Schritt für Schritt mitgegangen.
-
-Zu meinem Entschluß, der Aufforderung nach Petersburg Folge zu leisten,
-trug auch noch ein mächtiger Umstand bei, der durch einen gewissen
-verlockenden Reiz vielleicht sogar zum ausschlaggebenden für mich wurde.
-Das war etwas, was mein Herz schon ganze drei Monate vor meiner Abreise
-aus Moskau (als von Petersburg noch gar keine Rede war) schneller hatte
-schlagen lassen: es zog mich in jenen unbekannten Ozean namentlich
-deshalb so mächtig hinein, weil ich sogleich als Herrscher und Herr
-sogar über fremde Schicksale -- und noch wessen Schicksale! -- dort
-auftreten konnte. Aber es waren nur großmütige und nicht despotische
-Gefühle, die in mir kochten, -- das sei hier vorausgeschickt, damit man
-aus meinen Worten keine falschen Schlüsse ziehe. Dachte doch Werssiloff
-gewiß nichts anderes von mir (d. h. wenn er mich überhaupt dessen
-würdigte, sich über mich ein paar Gedanken zu machen), daß da nun ein
-kleiner Knabe angereist kommen werde, ein Gymnasiast, ein grüner
-Jüngling, der beim Anblick dieser ihm neuen Welt die Augen vor
-Verwunderung weiß Gott wie weit aufreißen werde. Ich aber kannte
-indessen schon sein größtes Geheimnis und hatte ein Dokument in Händen,
-für das er (jetzt weiß ich es und kann es mit der größten Sicherheit
-behaupten) damals, gerade damals, mehrere Jahre seines Lebens hingegeben
-haben würde, wenn ich ihm nur für diesen Preis das Dokument ausgeliefert
-hätte. Übrigens sehe ich soeben, daß ich hier in Rätseln rede, während
-doch in erster Linie Tatsachen vonnöten sind. Ohne Tatsachen lassen sich
-Gefühle nicht beschreiben, wenigstens nicht so, daß ein anderer sie
-nachfühlen könnte. Zudem wird von diesen meinen Empfindungen noch genug
-die Rede sein -- habe ich doch nur deshalb zu schreiben angefangen, um
-auch mir selbst Klarheit zu verschaffen. So aber, so ohne Anhaltspunkte
-zu schreiben -- da gleicht das Geschriebene Fiebertraumgesichten oder
-Wolken.
-
-
- VIII.
-
-Doch um endlich zu jenem neunzehnten September zu kommen, will ich
-vorher nur noch kurz erwähnen, daß ich sie alle, d. h. Werssiloff, meine
-Mutter und meine Schwester (letztere sah ich, nebenbei bemerkt, zum
-erstenmal im Leben) in den bedrängtesten Verhältnissen, fast gänzlich
-mittellos oder sogar buchstäblich vor der Bettelarmut antraf. Ich hatte
-davon schon in Moskau gehört, aber das, was ich dann vorfand, hatte ich
-doch nicht erwartet. Schon von Kindheit an war ich gewöhnt, diesen
-Menschen, diesen meinen »zukünftigen Vater« mir geradezu in einem
-Glorienschein vorzustellen; ich konnte ihn mir überhaupt nicht anders
-denken, als überall auf dem ersten Platz. Werssiloff hatte mit meiner
-Mutter bis dahin noch niemals zusammen in einer Wohnung gelebt, sondern
-für sie immer eine andere gemietet, und das hatte er natürlich nur
-getan, um jenen erbärmlichen »Anstand«, was diese Kreise so nennen, in
-den Augen der Welt zu wahren. Jetzt aber lebten sie alle zusammen in
-einem hölzernen Gartenhaus, oder richtiger, in einem Flügel eines
-Mietwohnhauses in einer kleinen Querstraße im Stadtteil »Ssemjonowski
-Polk«. Von ihren Sachen war fast alles schon versetzt, so daß ich meiner
-Mutter, natürlich ohne Werssiloffs Wissen, meine heimlichen sechzig
-Rubel gab. Ja, mein »heimliches« Geld; denn niemand wußte es, daß ich es
-mir von meinem Taschengelde -- ich bekam in jedem Monat fünf Rubel -- im
-Laufe von zwei Jahren zusammengespart hatte. Angefangen zu sparen hatte
-ich gleich am ersten Tage meiner »Idee«, und deshalb durfte Werssiloff
-kein Wort von diesem Gelde erfahren. Davor zitterte ich.
-
-Doch diese Hilfe war nur wie ein Tropfen auf einen heißen Stein. Meine
-Mutter arbeitete und meine Schwester gleichfalls -- sie stickten für
-Geld. Werssiloff dagegen tat nichts, war launisch wie ein verzogenes
-Kind, und ließ sich durch nichts abhalten, sein früheres Leben mit all
-den vielen kostspieligen Gewohnheiten weiterzuführen. Nichts war ihm
-recht, namentlich bei Tisch, wo er an jeder Speise herummäkelte, und
-überhaupt war sein ganzes Verhalten zu den anderen geradezu despotisch.
-Aber meine Mutter, meine Schwester, Tatjana Pawlowna und die ganze
-Familie des seligen Andronikoff (eines etwa drei Monate vor meiner
-Ankunft verstorbenen Bürochefs, der nebenbei auch Werssiloffs Vermögen
-verwaltet hatte), auch diese ganze Familie, die aus lauter Frauenzimmern
-älterer Jahrgänge bestand, kurz: alle diese Frauen verhielten sich zu
-ihm in nahezu andachtsvoller Ehrfurcht und dienten ihm wie einem Götzen.
-Ich hätte so etwas gar nicht für möglich gehalten. Vor neun Jahren war
-er eine unvergleichlich elegantere, auffallendere Erscheinung gewesen.
-In meiner Erinnerung hatte ich ihn, wie ich bereits erwähnt habe,
-förmlich in einem Glorienschein gesehen, weshalb ich denn auch nicht
-begriff, wie er in so kurzer Zeit -- in ungefähr neun Jahren -- so
-merklich hatte altern und sich äußerlich verändern können. Es machte
-mich geradezu traurig, und er tat mir leid, und ich schämte mich fast
-für ihn. Sein Anblick war mir einer der schwersten ersten Eindrücke nach
-meiner Ankunft. Übrigens machte er deshalb noch längst nicht den
-Eindruck eines alten Mannes: er war ja auch erst fünfundvierzig; und als
-ich mich aufmerksamer in ihn hineinsah, fand ich in seinen Gesichtszügen
-sogar etwas noch weit Auffallenderes, Fesselnderes, als es seine frühere
-Schönheit, deren ich mich noch so gut entsann, gehabt hatte. Es war
-weniger Glanz, weniger äußere Schönheit, ja sogar weniger Vornehmheit in
-ihm, aber das Leben hatte doch etwas weitaus Interessanteres in dieses
-Gesicht hineingezeichnet, als es jene ganze frühere Schönheit jemals
-gewesen war.
-
-Indessen bildete die Armut nur einen zehnten oder zwanzigsten Teil von
-allem Widerwärtigen, das ihm in letzter Zeit zugestoßen war, das wußte
-ich. Außer der Armut gab es da etwas noch weit Ernsteres, -- ganz
-abgesehen davon, daß er immer noch Aussicht hatte, den Erbschaftsprozeß,
-den er schon seit einem Jahr gegen den Fürsten Ssokolski führte, zu
-gewinnen und somit schon in nächster Zeit in den Besitz eines Gutes im
-Werte von über siebzigtausend Rubel zu gelangen. Ich habe bereits
-erwähnt, daß dieser Werssiloff schon ganze drei Erbschaften in seinem
-Leben durchgebracht hatte, und da sollte ihn nun wieder eine
-herausreißen! Die Sache mußte in den nächsten Tagen zur Verhandlung
-kommen. Daraufhin war ich auch nach Petersburg gerufen worden -- in der
-Hoffnung, daß auch dieses Vermögen ihnen zufallen werde.
-Nichtsdestoweniger hielt es schwer, irgendwo Geld aufzutreiben, da die
-bloße Hoffnung auf den günstigen Ausgang des Rechtsstreites für
-Geldleiher eine zu unsichere Bürgschaft war, und so mußte man eben
-geduldig ausharren.
-
-Aber Werssiloff suchte auch niemanden auf, obschon er zuweilen auf den
-ganzen Tag fortging. Er war schon seit länger als einem Jahr aus der
-Gesellschaft »ausgestoßen«. Die Vorgeschichte dieser Ausstoßung war mir
-trotz meiner größten Bemühungen in der Hauptsache leider völlig
-unaufgeklärt geblieben, obgleich ich damals schon einen ganzen Monat
-nach der Ursache geforscht hatte. War Werssiloff schuldig oder
-unschuldig -- das allein wollte ich wissen, und deshalb war ich nach
-Petersburg gekommen! Alle hatten sich von ihm abgewandt, unter anderen
-auch alle einflußreichen Aristokraten, mit denen zu verkehren und in
-Beziehung zu bleiben er eigentlich immer vorzüglich verstanden hatte.
-Und die Ursache dieser allgemeinen Abwendung war das Gerücht von seinem
-»feigen« und, was in den Augen der »Gesellschaft« noch weit schlimmer
-ist, »skandalösen« Verhalten in einer Sache, die vor einem Jahre in
-Deutschland sich zugetragen haben sollte. Ja, man sprach sogar von einer
-Ohrfeige, die er eben damals nahezu öffentlich bekommen habe, und zwar
-von einem der Fürsten Ssokolski, und auf die er nicht mit einer
-Forderung geantwortet hatte. Sogar seine Kinder (die ehelichen), sein
-Sohn und seine Tochter, hatten sich daraufhin von ihm zurückgezogen und
-vermieden es, mit ihm in Berührung zu kommen, was ihnen ja nicht schwer
-fiel, da sie nicht bei ihm lebten. Beide waren sie durch die
-Fanariotoffs, ihre Verwandten mütterlicherseits, und den alten Fürsten
-Ssokolski, Werssiloffs ehemaligen Freund, in den höchsten Kreisen zu
-Hause. Übrigens konnte ich in Werssiloff, nachdem ich ihn doch schon
-einen ganzen Monat beobachtet hatte, nichts anderes sehen als einen
-unglaublich hochmütigen Menschen, der nicht etwa von der Gesellschaft
-ausgestoßen worden war, sondern der vielmehr selbst die Gesellschaft
-hinausgeworfen hatte -- so unbeirrt und überlegen war sein ganzes
-Verhalten. Aber, fragt es sich, hatte er auch das Recht zu diesem
-Verhalten? -- das war es, was mich quälte. Ich mußte unbedingt die ganze
-Wahrheit in kürzester Zeit erfahren; denn ich war gekommen, -- um diesen
-Menschen zu richten. Noch verbarg ich meine Macht vor ihm, aber lange
-durfte das nicht mehr währen; denn ich wollte wissen, wofür ich mich zu
-entscheiden hatte: ihn anzuerkennen oder mich für immer von ihm
-loszusagen. Letzteres wäre mir zu schwer gewesen, und ich litt darunter
-... Ich will endlich ein volles Geständnis ablegen: dieser Mensch war
-mir teuer!
-
-Inzwischen lebte ich bei ihnen in ihrer Wohnung, arbeitete und tat mir
-Zwang an, um ihnen keine Grobheiten zu sagen. Oder richtiger: sehr oft
-bezwang ich mich nicht. Ich lebte schon einen Monat bei ihnen und kam
-mit jedem Tage mehr zu der peinlichen Überzeugung, daß ich es
-entschieden um keinen Preis fertig brächte, mich mit einer direkten
-Frage nach dem tatsächlichen Sachverhalt an ihn selbst zu wenden. Dieser
-stolze Mensch stand förmlich wie ein leibhaftiges Rätsel vor mir, und
-noch dazu wie eines, das mich aufs tiefste gekränkt hatte und täglich
-von neuem kränkte. Er war ja sogar sehr nett zu mir, scherzte und
-unterhielt sich ganz unbefangen, mir aber wäre Streit und Widerspruch
-lieber gewesen als diese scherzhafte Behandlung seinerseits. Alle meine
-Gespräche mit ihm hatten stets etwas Zweideutiges, d. h. es lag in
-seinem Ton immer ein leiser, seltsamer Unterton wie von ganz feinem
-Spott. Er hatte mich von Anfang an, kaum daß ich aus Moskau eingetroffen
-war, gewissermaßen nicht ernst genommen. Warum aber und wozu er mich das
-überhaupt merken ließ, konnte ich mir nicht erklären. Allerdings
-erreichte er damit, daß er für mich ein Rätsel blieb und ich ihn nicht
-zu durchschauen vermochte; nur wollte ich mich deshalb noch längst nicht
-so weit erniedrigen, ihn zu bitten, in ernstem Tone mit mir zu reden.
-Überdies lag auch etwas geradezu wunderbar Unwiderstehliches in seiner
-ganzen Art und Weise, ein Etwas, womit ich nichts anzufangen wußte, d.
-h. wie ich mich dem gegenüber verhalten sollte. Kurz, er ging mit mir um
-wie mit dem grünsten Jüngling, was ich bald kaum noch zu ertragen
-vermochte, obschon ich im voraus gewußt hatte, daß es so und nicht
-anders sein würde. Infolgedessen hörte auch ich auf, ernst mit ihm zu
-sprechen; ich wollte abwarten, wie lange das noch so weitergehen und was
-dann kommen werde. Ja, eigentlich hörte ich sogar ganz auf zu sprechen.
-Ich erwartete jemand, und erst nach dessen Eintreffen in Petersburg
-konnte ich die Wahrheit zu erfahren hoffen. Jedenfalls bereitete ich
-mich schon auf den endgültigen Bruch mit ihnen vor und richtete mich
-bereits danach ein. Meine Mutter tat mir leid; aber ... »entweder er
-oder ich« -- das war es, was ich ihr und meiner Schwester als Letztes
-vorschlagen wollte. Sogar den Tag, an dem dies geschehen sollte, hatte
-ich schon im voraus bestimmt. Vorläufig aber versah ich meine
-Obliegenheiten in jener privaten Anstellung, die man mir verschafft
-hatte.
-
-
- Zweites Kapitel.
-
-
- I.
-
-An diesem neunzehnten September sollte ich mein erstes Gehalt für den
-ersten Monat Dienst in meiner Petersburger »privaten« Anstellung
-erhalten. Wegen dieser Anstellung hatte man mich überhaupt nicht
-gefragt, sondern mich einfach hingeschickt, wenn ich nicht irre, sogar
-schon am Tage meiner Ankunft. Das war beinahe eine Roheit von ihnen, und
-es wäre eigentlich meine Pflicht gewesen, dagegen zu protestieren. Es
-handelte sich um eine Anstellung im Hause des alten Fürsten Ssokolski.
-Doch so schon am ersten Tage zu protestieren, -- wäre gleichbedeutend
-gewesen mit einem sofortigen Bruch, der mich zwar durchaus nicht
-abschreckte, doch hätte er mich von der Verfolgung meines Zieles
-abgelenkt, und somit wäre der Zweck meiner Reise vorläufig oder auch auf
-längere Zeit, wenn nicht gar für immer ein problematischer geblieben.
-Deshalb nahm ich denn die Stelle an, ohne dazu ein Wort zu sagen, um auf
-diese Weise meine Würde durch Schweigen zu wahren. Zur Erklärung will
-ich hier gleich bemerken, daß dieser alte Fürst Ssokolski, ein reicher
-Mann und Geheimrat, mit jenen Moskauer Fürsten Ssokolski, die schon seit
-mehreren Generationen verarmt sind und gegen die Werssiloff damals
-gerade seinen Prozeß führte, nicht einmal entfernt verwandt ist. Sie
-haben nur zufällig denselben Namen. Nichtsdestoweniger interessierte
-sich der alte Fürst sehr für sie, und namentlich der ältere von den zwei
-Brüdern und der älteste ihres Geschlechts -- ein junger Offizier -- galt
-geradezu für seinen Liebling. Werssiloff hatte auf diesen alten Fürsten
-vor noch gar nicht so langer Zeit mächtigen Einfluß gehabt und war sein
-Freund gewesen -- ein etwas sonderbarer Freund; denn wie ich bemerkte,
-fürchtete ihn der arme Fürst nicht nur zu jener Zeit, als ich in seinen
-Dienst trat, sondern offenbar schon von jeher, seitdem er überhaupt mit
-ihm befreundet war. Übrigens hatten sie sich lange nicht mehr gesehen:
-das ehrlose Verhalten, das man Werssiloff zum Vorwurf machte, ging
-nämlich unmittelbar die Familie des alten Fürsten an. Doch da griff
-Tatjana Pawlowna in die Angelegenheit ein, und durch ihre Vermittlung
-wurde ich dann bei dem alten Fürsten untergebracht, der einen »jungen
-Mann« in seinem Kabinett, also so etwas wie einen Privatsekretär zu
-haben wünschte. Bei der Gelegenheit zeigte sich, daß es sein größter
-Wunsch war, Werssiloff irgendwie einen Dienst zu erweisen, also
-gewissermaßen den ersten Schritt zur Versöhnung zu tun, und Werssiloff
-_erlaubte_ es ihm, d. h. er ließ es ruhig geschehen. Dieses Arrangement
-traf der Fürst in Abwesenheit seiner Tochter, der Witwe eines Generals,
-die diesen Schritt ganz entschieden nicht zugelassen hätte. Doch davon
-später; hier will ich nur bemerken, daß mich gerade dieses seltsame
-Verhalten des Fürsten zu Werssiloff stutzig machte, und zwar in dem
-Sinne, daß es mir zugunsten Werssiloffs zu sprechen schien: ich sagte
-mir, wenn das Haupt der beleidigten Familie Werssiloff immer noch
-achtet, so können doch die Gerüchte von jener angeblichen Gemeinheit
-nicht auf Wahrheit beruhen oder zum mindesten doch nicht ganz dem
-Vorgefallenen entsprechen. Dieses rätselhafte Verhalten des Fürsten war
-denn zum Teil auch der Grund, weshalb ich mich nicht gegen das Ansinnen
-auflehnte: ich hoffte, vielleicht auf diesem Wege hinter das Geheimnis
-kommen zu können.
-
-Diese Tatjana Pawlowna, das »Tantchen«, von dem ich bereits gesprochen
-habe, spielte zu jener Zeit in ihrem Petersburger Bekanntenkreise eine
-sehr bedeutsame Rolle. Ich hatte ihre Existenz fast schon ganz vergessen
-und hätte natürlich nie im Leben vermutet oder für möglich gehalten, daß
-sie eine so einflußreiche Persönlichkeit sein könnte. Ich hatte sie bis
-dahin drei- oder viermal gesehen, und jedesmal war sie dann Gott weiß
-woher wie auf jemandes Befehl erschienen, jedesmal, wenn ich wieder
-irgendwo untergebracht werden sollte -- sowohl als ich in jene elende
-Pension des Monsieur Touchard kam, wie auch zweieinhalb Jahre später bei
-meinem Eintritt ins Gymnasium: da erschien sie wieder in Moskau, um mich
-bei dem unvergeßlichen Nikolai Ssemjonowitsch unterzubringen. Wenn sie
-kam, blieb sie den ganzen Tag bei mir, revidierte meine Wäsche, meine
-Kleider, fuhr mit mir nach dem Kusnetzki,[4] kaufte mir alle Sachen, die
-ich nötig hatte, kurz, sie versah mich mit allem, bis zum letzten
-Löschblatt und Federmesser. Bei der Gelegenheit schalt sie mich die
-ganze Zeit ununterbrochen, machte mir Vorwürfe, examinierte mich und
-nannte mir fortwährend andere Knaben als Muster aller Tugenden, obwohl
-ich doch diese ihre jungen Anverwandten, die alle viel besser sein
-sollten als ich, gar nicht kannte, und dabei puffte und kniff sie mich
-bei jeder Gelegenheit -- wirklich, ich lüge nicht -- und mitunter sogar
-so stark, daß es ordentlich weh tat. Und war ich dann eingekleidet,
-untergebracht und versorgt, dann verschwand sie wieder spurlos für
-mehrere Jahre. Ähnlich geschah es auch diesmal: kaum war ich angekommen,
-da tauchte sie schon auf, um mich sogleich wieder irgendwo
-»unterzubringen«. Sie ist ein hageres Persönchen mit einer spitzen,
-kleinen Vogelnase und scharfen, kleinen Vogelaugen. Werssiloff diente
-sie wie eine Sklavin, und erwies ihm eine Ehrerbietung, als wäre er der
-Papst, doch tat sie es aus Überzeugung. Aber zu meiner größten
-Verwunderung bemerkte ich bald, daß sie entschieden von allen und
-überall sehr geachtet wurde, und alle Welt mit ihr bekannt war. Der alte
-Fürst Ssokolski begegnete ihr mit geradezu auffallender Hochachtung, und
-dasselbe ließ sich von seinem ganzen Hause sagen, wie auch von
-Werssiloffs stolzen legitimen Kindern und deren Verwandten, den
-Fanariotoffs, -- und dabei lebte sie von Näharbeit und der Reinigung
-kostbarer Spitzen und von Stickereien, die sie im Auftrage von
-verschiedenen Geschäften anfertigte. Ich aber geriet mit ihr schon bei
-den ersten Worten in Streit, da sie es sich einfallen ließ, mich wie
-früher als kleinen Schulbengel zu behandeln. Und seitdem gab es jeden
-Tag Streit zwischen uns, was jedoch nicht hinderte, daß wir uns
-bisweilen auch verständig unterhielten, und ich muß gestehen, gegen Ende
-des Monats fand ich schon Gefallen an ihr: weil sie ein so selbständiger
-Charakter war. Doch das habe ich ihr, versteht sich, nicht verraten.
-
-Ich begriff natürlich sofort, daß man mich zu diesem kranken alten
-Fürsten nur zu dem Zweck schickte, damit er Unterhaltung und Zerstreuung
-habe, und daß darin mein ganzer Dienst bestehen sollte. Das war aber
-doch eine Erniedrigung, und ich bereitete mich denn auch dementsprechend
-auf das Weitere vor: um nötigenfalls sogleich Maßregeln ergreifen zu
-können. Doch dieser alte Sonderling machte auf mich einen ganz anderen
-Eindruck, als ich erwartet hatte, ich empfand förmlich so etwas wie
-Mitleid mit ihm, und gegen Ende des Monats hatte ich mich bereits ganz
-eigentümlich an ihn angeschlossen. Wenigstens gab ich meine anfängliche
-Absicht auf, ihm, sobald er den geringsten Anlaß dazu böte, gründlich
-die Wahrheit zu sagen und dann kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Er war
-übrigens noch nicht über sechzig. Doch ich muß jetzt etwas
-zurückgreifen.
-
-Etwa anderthalb Jahre, bevor ich ihn kennen lernte, hatte er einen
-Anfall gehabt, d. h. er war irgendwohin gereist und unterwegs, wie es
-hieß, »unzurechnungsfähig« geworden; und dieser Umstand hatte einen
-kleinen Skandal zur Folge gehabt, über den in der Petersburger
-Gesellschaft viel geredet worden war. Wie es in solchen Fällen üblich
-ist, hatten seine Nächsten ihn schleunigst ins Ausland geschickt, aber
-schon nach fünf Monaten war er wieder in Petersburg erschienen, und zwar
-vollkommen gesund. Trotzdem hatte er den Abschied genommen. Werssiloff
-beteuerte allerdings (und geradezu mit Leidenschaft), daß von einer
-Geistesstörung bei ihm überhaupt nicht habe die Rede sein können, es sei
-nichts als eine Nervenattacke gewesen. Den Eifer aber, mit dem er seine
-Behauptung verteidigte, merkte ich mir einstweilen. Übrigens muß ich
-sagen, daß ich eigentlich seine Ansicht teilte. Der alte Herr erschien
-mir zuweilen nur etwas jugendlich leichtsinnig, was in seinen Jahren
-vielleicht nicht mehr ganz statthaft war, und eben dies hatte man ihm
-vor jenem Anfall nicht nachsagen können. Wie ich hörte, soll er früher
-irgendwo in einer Behörde als Rat oder Geheimrat keine geringe Rolle
-gespielt und einmal bei einem ihm zuteil gewordenen Auftrag sich ganz
-besonders hervorgetan haben. Doch inwiefern er sich so besonders zum Rat
-hatte eignen können, vermochte ich trotz redlicher Mühe mir nicht zu
-erklären, obschon ich ihn damals bereits seit einem ganzen Monat kannte.
-Man wollte an ihm die Beobachtung gemacht haben (ich selbst habe sie
-freilich nicht gemacht), daß nach jenem »Anfall« eine besondere Neigung
-zum Heiraten sich in ihm entwickelt habe, und angeblich sei er im Laufe
-dieser anderthalb Jahre bereits mehrmals im Begriff gewesen, das
-Vorhaben auch auszuführen. Und darüber, hieß es, sei man in der
-Gesellschaft gut unterrichtet, und besonders einzelne Damen
-interessierten sich deshalb sehr für ihn. Da nun aber die tatsächliche
-Ausführung dieses Vorhabens keineswegs den Interessen gewisser Personen
-aus der Umgebung des Fürsten entsprach, so wurde er von dieser Seite mit
-Argusaugen bewacht. Seine eigene Familie war klein: seine Frau hatte er
-schon vor zwanzig Jahren verloren, und so war ihm nur seine einzige
-Tochter geblieben, eben jene Generalswitwe, die jetzt täglich aus Moskau
-zurückerwartet wurde, eine noch ganz junge Frau, vor deren
-Charakterfestigkeit der alte Fürst zweifellos Angst hatte. Um so
-zahlreicher war aber die Verwandtschaft seiner verstorbenen Frau, deren
-ganze Sippe sich vornehmlich durch Armut auszeichnete. Und außer diesen
-Verwandten hatte er noch unzählige Pflegesöhne und Pflegetöchter, die
-alle schon viel Gutes von ihm erfahren hatten und nun fest darauf
-rechneten, in seinem Testament noch mit einem Sümmchen bedacht zu
-werden, weshalb sie denn auch der Generalin getreulich halfen, den alten
-Herrn zu überwachen. Übrigens hatte er schon von Jugend auf eine
-seltsame Eigenheit, von der ich nicht weiß, ob ich sie lächerlich nennen
-soll oder nicht: er liebte es, arme Mädchen zu verheiraten. Er
-verheiratete sie schon seit mehr als fünfundzwanzig Jahren -- gleichviel
-ob es entfernte Verwandte von ihm oder Stieftöchter irgendwelcher
-Vettern seiner Frau oder auch nur deren Tauftöchter waren. Ja, sogar die
-Tochter seines Portiers hat er verheiratet. Zuerst nahm er sie als
-kleine Mädchen in sein Haus, erzog sie mit Hilfe von Gouvernanten und
-Französinnen, dann steckte er sie in die besten Institute, und zuletzt
-verheiratete er sie und gab ihnen noch eine Mitgift. Und alle diese
-drängten sich nun fortwährend an ihn heran. Die Pflegetöchter bekamen in
-der Ehe natürlich wieder Töchter, und diese erhoben wiederum Ansprüche,
-gleichfalls als Pflegetöchter von ihm erzogen und verheiratet zu werden;
-überall mußte er Taufpate sein, alle diese Menschen kamen dann an seinem
-Namenstage, um ihm zu gratulieren, und alles das war ihm äußerst
-angenehm.
-
-Als ich bei ihm meine Stellung antrat, merkte ich sofort, daß sich in
-dem alten Herrn eine quälende Überzeugung eingenistet hatte -- und es
-war unmöglich, das nicht zu bemerken -- die Überzeugung, daß alle sich
-jetzt anders zu ihm verhielten als früher, d. h. als er noch gesund
-gewesen war, oder richtiger: als ihn noch niemand für krank oder
-geistesgestört gehalten hatte. Diese Empfindung den Menschen gegenüber
-verließ ihn selbst in der lustigsten Gesellschaft nicht. So war er
-argwöhnisch geworden und glaubte in aller Augen ein gewisses Etwas zu
-lesen. Der Gedanke, daß alle ihn für nicht mehr ganz »normal« hielten,
-quälte ihn sichtlich; selbst mich beobachtete er oft genug mit
-merklichem Mißtrauen. Und hätte er von einem Menschen erfahren, daß
-dieser jenes Gerücht von seinem Geisteszustand verbreite oder bestätige,
--- ich glaube, er wäre trotz all seiner Gutmütigkeit fähig gewesen, ihn
-bis in den Tod für seinen größten Feind zu halten (ein Umstand, der von
-großem Einfluß sein sollte). Diese Beobachtung war schon am ersten Tage
-der Grund, weshalb ich ihn nicht meinem Vorsatz gemäß kränkte; ja, es
-freute mich sogar, wenn es mir gelang, ihn zu erheitern oder auch nur zu
-zerstreuen. Ich glaube nicht, daß dieses Geständnis einen Schatten auf
-meine Ehre werfen kann.
-
-Sein Vermögen hatte er zum größten Teil in Aktien angelegt. Er war, und
-zwar erst nach seiner Krankheit, Teilhaber einer großen
-Aktiengesellschaft geworden, übrigens einer sehr soliden. Das
-Unternehmen wurde allerdings von anderen geleitet, doch wollte auch er
-überall dabei sein; er interessierte sich sehr für alle Beschlüsse,
-besuchte die Versammlungen der Aktionäre, wurde in den Ausschuß gewählt,
-wohnte den Beratungen bei, hielt lange Reden, widerlegte, befürwortete,
-regte die Geister auf, und tat das alles offenbar mit Vergnügen. Reden
-zu halten, das liebte er sehr: da konnte er doch allen seinen gesunden
-Verstand und noch einiges mehr beweisen. Und überhaupt wurde es für ihn
-geradezu zum Bedürfnis, selbst in ganz belanglose Privatgespräche die
-tiefsinnigsten Dinge einzuflechten, mitunter auch ein Bonmot, und dieses
-Bedürfnis finde ich schließlich nur zu erklärlich.
-
-In seinem Hause war unten im ersten Stock eine Art Büro eingerichtet, in
-dem ein Beamter die Bücher führte, als Sekretär alles Schriftliche
-erledigte und außerdem noch das Haus verwaltete. Dieser Beamte, der
-nebenbei auch noch im Staatsdienst einen Posten bekleidete, hätte für
-die zu leistende Arbeit vollkommen genügt; auf besonderen Wunsch des
-Fürsten aber wurde ich noch hinzugenommen, angeblich als Gehilfe für den
-»mit Arbeit überhäuften« Beamten; doch schon am ersten Tage mußte ich in
-das Kabinett des Fürsten übersiedeln, und oft hatte ich nicht einmal,
-wie sonst meistens, eine Scheinarbeit vor mir, weder Bücher noch
-Papiere.
-
-Ich schreibe jetzt wie einer, der schon längst aus dem Rausch erwacht
-ist, und in vieler Hinsicht fast sogar wie ein ganz objektiver
-Beobachter; wie aber soll ich jetzt meine Qual beschreiben, diese
-unruhige Qual jener Tage, die sich in meinem Herzen eingenistet hatte
-(gerade jetzt steht sie wieder wie lebendig vor mir, und ich empfinde
-sie wie damals!), -- und wie meine Aufregung, die zu einem so unklaren,
-leidenschaftlich gespannten Zustande geworden war, daß ich nachts nicht
-mehr schlafen konnte vor lauter Ungeduld und Erwartung und bangen
-Rätseln, die ich selbst vor mir aufgetürmt hatte?
-
-
- II.
-
-Geld zu fordern -- ist immer eine höchst widerwärtige Sache, und wenn es
-auch ein Gehalt ist, es bleibt doch unangenehm; und um so mehr ist es
-das, wenn man dabei noch irgendwo in den verborgensten Falten seines
-Gewissens verspürt, daß man es eigentlich nicht ganz verdient hat.
-Indessen hatte ich am Abend vorher gehört, wie meine Mutter und meine
-Schwester heimlich flüsterten (damit Werssiloff nichts davon erführe;
-denn man wollte ihn »nicht betrüben«) und wie beschlossen wurde, ein
-Heiligenbild, das der Mutter aus irgendeinem Grunde ganz besonders teuer
-war, zu versetzen. Ich sollte für meine »Arbeitsleistung« monatlich
-fünfzig Rubel erhalten, hatte aber keine Ahnung, wer sie mir denn nun
-auszahlen würde; davon hatte mir noch niemand etwas gesagt. Vor etwa
-drei Tagen hatte ich unten den Beamten bei der Arbeit angetroffen und
-mich bei ihm erkundigt, wer hier die Gagen auszahlte. Er hatte mich aber
-darauf nur mit dem Lächeln eines verwunderten Menschen angesehen (er war
-mir nicht gerade gewogen) und gefragt:
-
-»Bekommen Sie denn ein Gehalt?«
-
-Ich dachte mir, er würde nach meiner Bejahung hinzufügen: »Aber wofür
-denn das?« Doch er versetzte nur trocken, er wisse nichts, und beugte
-sich wieder über sein sauber liniiertes Hauptbuch, in das er aus
-verschiedenen Papieren Zahlen eintrug.
-
-Es war ihm übrigens nicht unbekannt, daß ich immerhin etwas leistete.
-Vor zwei Wochen hatte ich vier Tage über einer Arbeit gesessen, die er
-mir noch selbst zugewiesen: es galt einen Entwurf abzuschreiben, wie er
-sagte, doch stellte sich heraus, daß ich fast alles von neuem verfassen
-mußte. Dabei handelte es sich um einen ganzen Stoß »Gedanken« des
-Fürsten, die er in nächster Zeit dem Komitee der Aktionäre unterbreiten
-wollte. Dieses Material mußte zu einem zusammenhängenden Ganzen
-verarbeitet und der Stil hier und da etwas gefeilt werden. Nachher saßen
-wir, der Fürst und ich, noch einen ganzen Tag über diesem Manuskript,
-und er stritt mit mir äußerst lebhaft, wenn unsere Meinungen
-auseinandergingen, doch schien meine Arbeit trotzdem zu seiner vollen
-Zufriedenheit ausgefallen zu sein. Nur weiß ich nicht, ob er die Schrift
-dann auch wirklich eingereicht hat oder nicht. Von den zwei oder drei
-Geschäftsbriefen, die ich auf seine Bitte geschrieben habe, will ich
-weiter gar nicht reden.
-
-Es war mir aber noch aus einem weniger allgemeinen Grunde peinlich, um
-mein Monatsgehalt zu bitten: ich hatte nämlich schon beschlossen, diese
-Anstellung aufzugeben, infolge der Vorahnung, daß ich mich ohnehin und
-wohl schon in kürzester Zeit zwingender Umstände halber würde entfernen
-müssen. Als ich an jenem Morgen aufstand und mich in meinem Dachstübchen
-ankleidete, fühlte ich, wie mein Herz zu klopfen begann, und dieselbe
-Aufregung empfand ich, obschon ich im Grunde auf alles pfiff, als ich
-das Haus des Fürsten betrat. An jenem Morgen sollte endlich jene Frau
-hier eintreffen, von deren Erscheinen ich die Aufklärung aller Rätsel
-erwartete, alles dessen, was mich quälte! Und diese Frau -- das war die
-Tochter des Fürsten, die jung verwitwete Generalin Achmakoff (ich habe
-von ihr bereits gesprochen), die mit Werssiloff unversöhnlich verfeindet
-war. Da habe ich nun diesen Namen endlich hingeschrieben! Sie selbst
-hatte ich damals natürlich noch nie gesehen und konnte es mir auch gar
-nicht vorstellen, wie ich mit ihr sprechen und ob es überhaupt dazu
-kommen würde. Aber ich hatte doch die Empfindung (und vielleicht auch
-allen Grund dazu), daß mit ihrer Ankunft jenes Dunkel sich aufklären
-werde, welches Werssiloff vor meinen Augen immer noch verhüllte. Ich
-konnte mich nicht beherrschen und ruhig bleiben: es ärgerte mich
-furchtbar, daß ich mich schon vom ersten Schritt an so kleinmütig und
-täppisch fühlte; ich war gespannt neugierig und doch angewidert -- alles
-zusammen. So hatte ich zu gleicher Zeit drei verschiedene Empfindungen.
-Oh, ich habe diesen ganzen Tag gut im Gedächtnis behalten!
-
-Mein Fürst ahnte inzwischen noch nichts von der voraussichtlichen
-Rückkehr seiner Tochter und erwartete sie nicht früher als erst in einer
-Woche. Ich aber war am Abend vorher ganz zufällig in das Geheimnis
-eingeweiht worden: Tatjana Pawlowna hatte von der Generalin einen Brief
-erhalten und meiner Mutter in flüsternd geführtem Gespräch die Nachricht
-mitgeteilt. Sie flüsterten allerdings nur ganz leise, und Tatjana
-Pawlowna drückte sich auch noch ziemlich indirekt aus, doch ich erriet
-bald, um was es sich handelte. Natürlich habe ich ihr Gespräch nicht
-absichtlich belauscht: ich _mußte_ einfach aufmerksamer hinhören, als
-ich sah, wie meine Mutter bei der Nachricht von der Rückkehr dieser Frau
-erschrak, und wie groß ihre Erregung war. Werssiloff war gerade nicht zu
-Hause.
-
-Dem alten Fürsten wollte ich nichts davon sagen; denn -- wie hätte ich
-es in diesem ganzen Monat nicht merken sollen, daß er sich vor ihrer
-Heimkehr förmlich fürchtete. Ja, er hatte sogar nur wenige Tage vorher
-gesprächsweise verlauten lassen -- natürlich nur ganz entfernt und
-selbst etwas zaghaft --, daß er für mich fürchte, wenn sie zurückkehre,
-d. h. in dem Sinne, daß es dann um meinetwillen Szenen geben werde. Doch
-übrigens muß ich hier einschalten, daß er als Familienoberhaupt trotz
-allem seine Selbständigkeit zu wahren und seinen Willen durchzusetzen
-wußte, so vor allen Dingen, was die Verfügung über seine Gelder betraf.
-Anfangs hielt ich ihn für nichts anderes, als ein richtiges altes Weib;
-dann aber mußte ich meine Auffassung dahin ändern, daß er, wenn er auch
-ein Weib sein mochte, zum mindesten noch einen gewissen Eigensinn besaß,
-wenn man es nicht wirkliche Männlichkeit nennen wollte. Es gab
-Augenblicke, wo mit seinem scheinbar so ängstlichen und nachgiebigen
-Charakter nicht das geringste anzufangen war. Später hat mir Werssiloff
-seinen Charakter eingehender erklärt. Soeben fällt mir eine Tatsache
-ein, die hier erwähnt sei: Der Fürst und ich hatten bis dahin noch
-niemals von der Generalin gesprochen, und es war, als hätten wir das
-beide vermieden: ich vermied es absichtlich, er aber vermied wiederum,
-von Werssiloff zu sprechen. Schon damals erriet ich, daß ich entschieden
-keine Antwort von ihm erhalten würde, wenn ich die eine oder andere von
-den kitzlichen Fragen, die mich so sehr interessierten, direkt an ihn
-richten wollte.
-
-Wenn nun jemand wissen will, wovon wir den ganzen Monat miteinander
-geredet hatten, so muß ich sagen: von allem möglichen, meistens aber
-waren es doch etwas eigentümliche Themata, die wir erörterten. Ganz
-besonders gefiel mir an ihm die Offenherzigkeit, mit der er zu mir
-sprach. Oft betrachtete ich ihn ganz verwundert und fragte mich: »Ja,
-aber -- wie ist er denn Geheimrat geworden? Der paßte doch noch
-vorzüglich in unser Gymnasium, aber höchstens in die vierte Klasse, und
-gäbe dort einen famosen Schulkameraden ab!« Auch über sein Gesicht habe
-ich mich oft genug gewundert: es war dem Anscheine nach das Gesicht
-eines vollkommen ernsten Menschen (und sogar hübsch zu nennen), schmal
-und hager; dichtes graues, etwas welliges Haar, ein offener Blick; auch
-seine Gestalt war hager und von gutem Wuchs. Aber dieses Gesicht hatte
-eine gewisse unangenehme, fast sogar unschickliche Eigenschaft: es
-konnte sich ganz plötzlich, wie mit einem Schlage aus einem ungewöhnlich
-ernsten in ein etwas schon gar zu vergnügtes verwandeln, so daß man ihn,
-wenn man diese Verwandlung zum erstenmal sah, vor Überraschung ganz
-verdutzt anstarrte. Ich sprach auch einmal zu Werssiloff von dieser
-meiner Beobachtung, und wie ich bemerkte, horchte er interessiert auf.
-Ich glaube, er hatte von mir nicht erwartet, daß ich solche
-Beobachtungen machen könnte. Als Antwort darauf bemerkte er nur
-leichthin, diese Erscheinung sei erst nach der Krankheit des Fürsten bei
-ihm aufgetreten, eigentlich erst in der allerletzten Zeit.
-
-Vornehmlich drehten sich unsere Gespräche um zwei abstrakte Gegenstände:
-um Gott und sein Dasein, d. h. um seine Existenz oder Nichtexistenz, und
-dann -- um die Frauen. Der Fürst war sehr religiös und gefühlvoll. In
-seinem Kabinett hing ein riesiges Heiligenbild, vor dem das ewige
-Lämpchen brannte. Aber bisweilen kam es vor -- daß er plötzlich der
-Anfechtung unterlag: dann zweifelte er am Dasein Gottes und sprach
-wunderliche Dinge, womit er mich zum Widerspruch herausforderte. Dieses
-Thema war mir, im allgemeinen gesprochen, zwar ziemlich gleichgültig,
-aber wir gerieten doch jedesmal sehr in Hitze, und das sogar wirklich
-aufrichtig. Überhaupt kann ich sagen, daß ich auch heute noch mit
-Vergnügen an jene Gespräche zurückdenke.
-
-Aber am liebsten plauderte er doch von Frauen. Zu seinem Leidwesen
-konnte ich nur, erstens schon aus Abneigung gegen solche Gespräche, auf
-diesem Gebiet kein unterhaltender Partner sein. Das schien ihn oft fast
-zu betrüben.
-
-An jenem denkwürdigen Morgen des neunzehnten September begann er
-zufällig, kaum daß ich eingetreten war, wieder von den Frauen zu reden.
-Er war bei selten guter Laune, was mich ein wenig wunderte, da ich ihn
-am Abend vorher in der traurigsten Stimmung verlassen hatte. Indessen
-mußte unbedingt noch am Vormittag die bewußte Geldangelegenheit erledigt
-werden -- unbedingt noch vor der Ankunft einer gewissen Person. Ich
-ahnte, daß man uns bestimmt unterbrechen werde (klopfte doch mein Herz
-nicht umsonst schon seit dem Morgen!), -- und dann würde ich mich
-vielleicht nicht mehr entschließen können, auf das Geld zu sprechen zu
-kommen. Als nun der Fürst von etwas so ganz anderem begann und ich nicht
-mit meiner Frage herauszurücken verstand, da ärgerte ich mich natürlich
-über meine Dummheit, und die Folge davon war, daß ich über eine etwas zu
-weitgehende scherzhafte Frage seinerseits fast in Wut geriet und mit
-meinen Anschauungen über die Frauen ganz plötzlich und nahezu jähzornig
-herausplatzte. Ich ärgerte mich in der Tat. Doch mit meiner zornigen
-Auslassung erreichte ich nur, daß ich ihn amüsierte und er noch
-interessierter bei diesem Thema verharrte.
-
-
- III.
-
-»... mit einem Wort, ich liebe die Frauen nicht, weil sie roh sind, weil
-sie ungeschickt sind, weil sie unselbständig sind, und weil sie
-unanständige Kleider tragen!« schloß ich nicht gerade logisch meine
-lange Tirade.
-
-»Hab' Erbarmen! Hab' Erbarmen!« fiel er mir unsäglich erheitert ins
-Wort, was mich noch mehr erboste.
-
-Ich pflege nur in Kleinigkeiten nachgiebig zu sein, in wichtigen Fragen
-dagegen gebe ich nie nach. In Kleinigkeiten, oder wenn es sich z. B. um
-irgendwelche gesellschaftlichen Anforderungen handelt, kann man Gott
-weiß was alles mit mir machen -- und diesen Zug werde ich ewig an mir
-verwünschen. Zuweilen bin ich einfach aus geradezu stinkender
-Gutmütigkeit bereit, selbst dem erstbesten Geck beizustimmen, einzig,
-weil mich seine Höflichkeit gefangen nimmt, oder ich lasse mich mit
-einem Dummkopf in einen Streit ein, was noch unverzeihlicher ist. Doch
-das kommt nur daher, daß ich keine Ausdauer habe und im Winkel
-aufgewachsen bin, und ich ärgere mich dann jedesmal weidlich über mich
-selbst, aber am nächsten Tage geschieht dasselbe. Und das ist auch der
-Grund, warum man mich bisweilen fast für einen Sechzehnjährigen gehalten
-hat. Doch anstatt mir nun Ausdauer und bessere Umgangsformen
-anzugewöhnen, ziehe ich es auch jetzt noch vor, mich noch mehr in meinen
-Winkel zu verkriechen, und das meinetwegen sogar auf die
-menschenfeindlichste Weise. »Nun gut, dann bin ich ungeschickt! Ich
-gehe, und -- lebt wohl!« -- d. h. ihr geht mich nichts an. Das sage ich
-jetzt vollkommen im Ernst und ein für allemal. Übrigens schreibe ich es
-diesmal nicht etwa nur anläßlich dieses Zwischenfalles mit dem Fürsten,
-und auch nicht einmal anläßlich jenes Gesprächs. »Ich rede nicht, um Sie
-zu erheitern!« schrie ich ihn beinahe an. »Ich habe nur meine
-Überzeugung ausgesprochen!«
-
-»Aber inwiefern sind denn die Frauen roh und weshalb unanständig
-gekleidet? Das ist mir neu!«
-
-»Doch! Sie sind roh! -- gehen Sie ins Theater, gehen Sie auf die
-Promenade und sehen Sie einmal zu: jeder Herr weiß, wo rechts und wo
-links ist, sie begegnen sich und gehen aneinander vorüber, er biegt nach
-rechts aus, und ich biege nach rechts aus. Die Frau dagegen, das heißt,
-die Dame -- ich rede von den Damen -- die rennt schnurstracks auf einen
-los, ohne einen auch nur zu bemerken, ganz, als wäre man unbedingt
-verpflichtet, zur Seite zu treten und ihr den Weg freizugeben. Ich bin
-ja gern bereit, ihr, als einem schwächeren Geschöpf, den Weg
-freizugeben, warum aber tut sie, als wäre es ihr Vorrecht, warum ist sie
-so fest überzeugt, daß ich es tun _muß_ -- das ist es, was mich kränkt!
-Ich habe immer ausgespien, wenn ich so einer begegnet bin. Und
-dann schreien sie noch, sie seien erniedrigt und verlangen
-Gleichberechtigung! Wo ist hier Gleichberechtigung, wenn sie mich unter
-die Füße tritt oder mir Sand in den Mund wirbelt!«
-
-»Sand?!«
-
-»Ja! Denn sie sind unanständig gekleidet -- das kann nur einem Lebemann
-nicht auffallen. Werden doch bei Gerichtsverhandlungen die Türen
-geschlossen, wenn es sich um Unanständigkeiten handelt, warum erlaubt
-man sie dann auf der Straße, wo doch noch mehr Menschen zugegen sind?
-Sie binden sich öffentlich Seidenrüsche unter den Rock, um _belle
-femme_{[2]} zu sein, -- öffentlich! Ich kann es doch unmöglich nicht
-bemerken, ein Jüngling wird es doch ebenso bemerken, und ein Kind, ein
-kaum erwachender Knabe gleichfalls! Das ist einfach schändlich! Alte
-Lüstlinge mögen sich daran ergötzen und ihnen mit heraushängender Zunge
-nachlaufen, aber es gibt doch eine reine Jugend, die man schonen muß ...
-Bleibt also nichts übrig, als auszuspeien. Da geht sie auf dem Boulevard
-und wirbelt mit ihrer zwei Meter langen Schleppe den Staub auf! -- danke
-fürs Vergnügen, dann hinter ihr zu gehen! Also lauf entweder voraus oder
-spring zur Seite; denn sonst fegt sie einem mit ihrer Schleppe fünf
-Pfund Sand in Ohren, Mund und Nase. Und zudem ist es noch Seide, was sie
-so drei Werst weit auf den Straßensteinen nachschleift, nur weil es mal
-Mode ist, während ihr Mann sich als Beamter in seiner Kanzlei auf nicht
-mehr als fünfhundert Rubel jährlich steht. Sehen Sie, da sitzen die
-Sporteln! Ich habe immer ausgespien, wenn ich solch einer begegnet bin,
-ganz öffentlich ausgespien und geschimpft.«
-
-Ich gebe dieses Gespräch jetzt allerdings mit Humor und zugleich mit
-meiner derzeitigen Charakteristik wieder, doch selbstverständlich bin
-ich auch heute noch ganz derselben Meinung.
-
-»Und es ist immer noch gut abgegangen?« fragte der Fürst neugierig.
-
-»Ich speie einfach aus und gehe fort. Natürlich hört sie es, zuckt aber
-mit keiner Miene und segelt majestätisch weiter, ohne auch nur den Kopf
-nach mir umzuwenden. Geantwortet haben sie mir nur ein einziges Mal,
-zwei auf dem Boulevard, beide mit meterlangen Schwänzen. Ich beschimpfte
-sie, doch versteht sich: nicht mit groben Worten, aber so ... ich
-bemerkte nur eben hörbar, daß solche Schwänze eine Unverschämtheit
-seien.«
-
-»Du drücktest dich wirklich so aus?«
-
-»Ja. Erstens treten sie alle gesellschaftlichen Formen mit Füßen und
-zweitens -- sie wirbeln Staub auf, der Boulevard aber ist für alle da:
-ich gehe, ein anderer geht, ein Dritter, Vierter, Fedor, Iwan,
-gleichviel wer. Und das äußerte ich eben. Überhaupt ... ich liebe die
-weibliche Gangart nicht, besonders von hinten gesehen. Das äußerte ich
-gleichfalls, aber nur andeutungsweise.«
-
-»_Mon ami_,{[3]} du kannst dich noch in eine ernste Geschichte
-verwickeln, wenn du es so toll treibst! Denk nur, sie hätten dich doch
-vor den Friedensrichter schleppen können!«
-
-»_Gar_ nichts hätten sie können! Was hatte ich ihnen denn getan? Es geht
-ein Mensch neben ihnen einher und redet mit sich selbst. Jeder Mensch
-hat das Recht, seine Überzeugung in die Luft zu äußern. Ich sprach ja
-ganz abstrakt, wandte mich überhaupt nicht an sie. Sie fingen selbst an;
-und sie schimpften sogar viel gröber als ich: ein Grünschnabel sei ich,
-und ohne Essen müsse man mich lassen, ein Nihilist sei ich, und sie
-würden mich einem Polizeioffizier übergeben, und ich verfolgte sie nur
-deshalb, weil sie allein und schutzlose, schwache Frauen seien, wären
-sie dagegen in Begleitung eines Mannes, so würde ich mich sofort
-kleinlaut aus dem Staube machen. Hierauf riet ich ihnen kaltblütig, mich
-gefälligst nicht zu attackieren; um ihnen jedoch zu beweisen, daß ich
-ihre Männer nicht fürchte und selbst eine Herausforderung anzunehmen
-bereit sei, würde ich ihnen auf zwanzig Schritt bis zu ihrem Hause
-folgen und mich dort aufstellen, um ihre Männer zu erwarten. Und so tat
-ich's auch.«
-
-»Tatsächlich?«
-
-»Es war natürlich eine Dummheit, aber ich war gereizt. Und so schleppten
-sie mich denn gute drei Werst in der Hitze bis in die äußerste Vorstadt,
-traten in ein einstöckiges hölzernes Wohnhaus -- das übrigens, ich muß
-gestehen, ganz anständig aussah: durch die Fenster sah man drinnen viele
-Blumen, zwei Kanarienvögel, drei Schoßhündchen -- Spitze, glaube ich --
-und eingerahmte Stahlstiche an den Wänden. Ich stand eine gute halbe
-Stunde mitten auf der Straße vor dem Hause. Dreimal lugten sie heimlich
-durch die Gardinen, um nach mir zu sehen, dann ließen sie alle
-Fenstervorhänge herab. Endlich trat aus der Hofpforte ein schon
-bejahrter Beamter heraus. Seinem Aussehen nach zu urteilen, hatte er
-geschlafen und war von ihnen erst geweckt worden. Er erschien nicht
-gerade im Schlafrock, aber doch in etwas sehr Häuslichem. Vor dem
-Pförtchen blieb er stehen, kreuzte die Hände auf dem Rücken und fing an,
-mich zu betrachten; ich ihn gleichfalls. Mitunter wandte er den Blick
-von mir ab, sah mich dann aber wieder von neuem an. Und plötzlich begann
-er mir zuzulächeln. Da drehte ich mich um und ging fort.«
-
-»Mein Freund, das ist ja fast etwas _à la_ Schiller! Ich habe mich immer
-gewundert, -- du bist ein so rotwangiger Junge, du strotzt ja geradezu
-vor Gesundheit -- und dabei eine solche, man muß sagen, Abneigung gegen
-Frauen! Wie ist es möglich, daß die Frau in deinem Alter nicht einen
-gewissen Eindruck auf dich macht? Mir, _mon cher_,{[4]} hat mein
-Erzieher, als ich erst elf Jahre alt war, schon gesagt, daß ich denn
-doch gar zu interessiert die nackten Statuen im Sommergarten
-betrachtete.«
-
-»Sie würden es furchtbar gern sehen, daß ich zu irgendeiner hiesigen
-Josephine ginge und Ihnen dann Bericht erstattete! Sie täuschen sich
-aber in mir. Ich habe schon mit dreizehn Jahren ein nacktes Weib
-gesehen; seitdem sind sie mir ekelhaft.«
-
-»Im Ernst? Aber, _cher enfant_,{[5]} ein schönes, frisches Weib duftet
-wie ein Apfel, was kann denn da ekelhaft sein?«
-
-»Ich hatte in meiner ersten elenden Pension, bei Touchard, noch bevor
-ich ins Gymnasium kam, einen Kameraden, Lambert mit Namen. Er prügelte
-mich täglich; denn er war drei Jahre älter als ich, und ich bediente ihn
-und zog ihm die Stiefel aus. Als er konfirmiert wurde, kam der Abbé
-Rigaud zu ihm gefahren, um ihm zur ersten Kommunion zu gratulieren, und
-beide fielen unter Tränen einander um den Hals, Abbé Rigaud jedoch
-begann ihn krampfhaft an seine Brust zu drücken, und zwar mit
-verschiedenen Gesten. Ich weinte gleichfalls und beneidete ihn sehr. Als
-sein Vater starb, trat er aus, und zwei Jahre lang sah ich ihn hierauf
-nicht wieder; nach zwei Jahren aber begegnete ich ihm einmal auf der
-Straße. Er sagte mir, er werde zu mir kommen. Damals war ich schon
-Gymnasiast und lebte bei Nikolai Ssemjonowitsch. Er kam auch richtig
-schon am nächsten Morgen, zeigte mir fünfhundert Rubel und sagte, ich
-solle mitkommen. Wenn er mich vor zwei Jahren auch geprügelt hatte, so
-hatte er mich doch nötig, und das nicht nur zum Stiefelausziehen,
-sondern in erster Linie, um mir sein Herz ausschütten zu können. Von dem
-Gelde sagte er, er habe es an demselben Morgen aus der Schatulle seiner
-Mutter entwendet -- er hätte sich einen passenden Schlüssel verschafft
---; denn das ganze Geld seines Vaters gehöre gesetzlich ihm, und sie
-habe kein Recht, es ihm vorzuenthalten; gestern sei der Abbé Rigaud zu
-ihm gekommen, um ihn zu ermahnen; er sei eingetreten, habe sich vor ihm
-aufgestellt, habe angefangen zu weinen, vor Entsetzen die Hände zu
-ringen und zum Himmel zu erheben, -- >ich aber zog das Messer und sagte,
-daß ich ihn erstechen oder erdrosseln werde,< erzählte er. (Übrigens
-schnarrte er abscheulich, erdrosseln sprach er zum Beispiel
->erdchosseln< aus.) Wir fuhren nach dem Kusnetzki. Unterwegs teilte er
-mir mit, daß seine Mutter mit diesem Abbé Rigaud ein Verhältnis habe, er
-habe es bemerkt, pfeife aber darauf, und ferner, daß alles, was sie da
-von der Kommunion redeten, Unsinn sei. Er sagte noch vieles andere, ich
-aber fühlte mich sehr unbehaglich. Auf dem Kusnetzki machte er auch
-seine Einkäufe: er kaufte ein doppelläufiges Gewehr, eine Jagdtasche,
-fertige Patronen, eine Reitpeitsche und nachher noch ein Pfund Konfekt.
-Dann fuhren wir weiter, um außerhalb der Stadt zu schießen. Unterwegs
-begegneten wir einem Vogelhändler mit vielen Vogelbauern und Vögeln. Von
-dem kaufte Lambert einen Kanarienvogel. Im nächsten Wäldchen gab er den
-Vogel frei, da ja Vögel nach langer Haft im Bauer bekanntlich nicht weit
-fliegen können, und dann schoß er nach ihm, traf ihn aber nicht. Er
-schoß zum erstenmal in seinem Leben, ein Gewehr aber hatte er sich schon
-längst kaufen wollen, auch als er noch bei Touchard war, und wir hatten
-uns oft ausgemalt, wie wir es kaufen würden. Er schien vor Erregung ganz
-außer sich zu sein. Sein Haar war pechschwarz, sein Gesicht weiß und
-rosig, wie eine Maske, die Nase lang und gebogen, wie sie die Franzosen
-gewöhnlich haben; dazu weiße Zähne, schwarze Augen. Schließlich band er
-den Kanarienvogel mit einem Faden an einen Ast und schoß dann auf drei
-Zentimeter Entfernung aus beiden Läufen zugleich, und der Vogel zerstob
-in hundert Federchen. Darauf kehrten wir in die Stadt zurück, fuhren in
-ein Hotel, mieteten ein Zimmer und begannen zu essen und Champagner zu
-trinken. Eine Dame trat ein ... Ich entsinne mich noch, daß ich sehr
-erstaunt war über ihr elegantes, kostbares Kleid, -- sie trug eine
-grünseidene Toilette. Da sah ich denn alles das ... wovon ich Ihnen
-erzählte ... Darauf, als wir uns wieder an den Champagner machten, fing
-er an sich über sie lustig zu machen und sie zu beschimpfen. Sie saß
-ganz nackt da; er hatte ihr alle Kleidungsstücke fortgenommen, und als
-sie gleichfalls zu schimpfen begann und ihre Sachen zurückverlangte, da
-fing er an sie mit seiner Reitpeitsche aus allen Kräften zu peitschen,
-und ich weiß noch, er traf gerade ihre nackten Schultern. Ich sprang auf
-und packte ihn an den Haaren, und mit einem einzigen Ruck warf ich ihn
-zu Boden. Er aber hatte schon eine Gabel erfaßt, und die stieß er mir in
-den Schenkel. Da stürzten auf das Geschrei hin Leute ins Zimmer, und es
-gelang mir, fortzulaufen. Seitdem ist es mir ekelhaft, an Nacktheit zu
-denken. Und doch war sie eine Schönheit, ich versichere Ihnen ...«
-
-Das Gesicht des Fürsten hatte sich während meiner Erzählung aus einem
-lächelnden nach und nach in ein sehr trauriges verwandelt.
-
-»_Mon pauvre enfant!_{[6]} Ich bin immer überzeugt gewesen, daß es in
-deiner Kindheit sehr viele unglückliche Tage gegeben hat.«
-
-»Oh, bitte, beunruhigen Sie sich deshalb nicht.«
-
-»Aber du bist allein gewesen, du hast es mir selbst gesagt ... und
-dieser Lambert -- du hast es so lebendig zu schildern gewußt: dieser
-Kanarienvogel, diese Konfirmation mit Tränen, an der Brust liegen ...
-und dann, es vergeht kaum ein Jahr, und er spricht von seiner Mutter mit
-dem Abbé ... Oh, _mon cher_, diese Kinderfrage ist in unserer Zeit
-geradezu grauenvoll geworden! Solange sie noch in den ersten Jahren mit
-ihren blonden Lockenköpfchen vor einem einhertrippeln und uns mit ihrem
-hellen Lachen und ihren hellen Augen so unschuldig ansehen -- sind sie
-wie Gottes Engelchen, wie reizende Vöglein, dann aber ... dann wäre es
-oft besser, sie würden überhaupt nicht heranwachsen.«
-
-»Wie sentimental Sie geworden sind, Fürst! Man könnte fast glauben, daß
-Sie selbst noch kleine Kinder haben. Sie haben aber doch keine Kinder
-und werden sie auch nie mehr haben.«
-
-»_Tiens!_«{[7]} Im Nu veränderte sich sein ganzes Gesicht. »Da sagte mir
-gerade Alexandra Petrowna -- vor drei Tagen, hehehe! -- Alexandra
-Petrowna Ssinitzkaja -- du mußt sie vor einiger Zeit noch hier gesehen
-haben --, denk dir, ja, vor drei Tagen plötzlich sagt sie mir, auf meine
-scherzhafte Bemerkung, daß ich, falls ich jetzt heiraten sollte,
-wenigstens insofern ruhig sein könnte, als ich keinen Kindersegen mehr
-zu fürchten hätte, -- und darauf plötzlich sagt sie mir, und noch dazu
-mit einer solchen Schadenfreude: >Im Gegenteil, gerade Sie werden Kinder
-haben: gerade solche, wie Sie, haben sie _unfehlbar_! Sogar schon vom
-ersten Jahre an, das werden Sie sehen!< Hehehe ... Und alle glaubten sie
-plötzlich, ich würde mich unfehlbar noch verheiraten. Aber wenn es auch
-boshaft gesagt war, so war es doch, das mußt du zugeben, immerhin ganz
-witzig.«
-
-»Witzig, ja, und -- beleidigend.«
-
-»Nun, _cher enfant_, nicht ein jeder kann uns beleidigen. Was ich am
-meisten an den Leuten schätze, ist der Esprit. Leider scheint mir aber,
-daß er heutzutage allen immer mehr abhanden kommt. Was aber da so eine
-Alexandra Petrowna sagt -- zählt denn das überhaupt?«
-
-»Wie, wie sagten Sie?« -- griff ich schnell den Gedanken auf, »>nicht
-ein jeder kann uns< ... das ist richtig! Nicht ein jeder ist es wert,
-von uns soweit beachtet zu werden -- ein vorzüglicher Grundsatz! Und
-gerade ich kann ihn brauchen! Den werde ich mir merken. Sie, Fürst, Sie
-sagen mitunter ganz vorzügliche Sachen!«
-
-Sein ganzes Gesicht erhellte sich sofort, und er schmunzelte sogar.
-
-»_N'est-ce pas? Cher enfant_,{[8]} der echte Esprit verschwindet je
-weiter desto mehr. _Eh, mais ... C'est moi qui connaît les femmes!_{[9]}
-Glaub' mir, das Leben eines jeden Weibes, was sie da auch reden mag, ist
--- ein ewiges Suchen, wem sie sich unterordnen könnte, ist gewissermaßen
-eine Sehnsucht nach Unterwerfung. Und das -- merk' es dir -- gilt von
-allen, ohne jede Ausnahme.«
-
-»Da haben Sie recht, das ist vorzüglich gesagt, ausgezeichnet!« ganz
-entzückt rief ich es aus. Zu jeder anderen Zeit hätten wir uns sogleich
-philosophischen Betrachtungen über dieses Thema hingegeben und hätten
-wohl eine Stunde darüber geredet; plötzlich aber war es mir, als steche
-mich etwas, und ich errötete bis über die Ohren: mir kam der Gedanke,
-daß ich, indem ich sein Bonmot lobte, mich vielleicht des Geldes wegen
-gut mit ihm stellen wollte, oder wenigstens, daß er das unbedingt denken
-werde, wenn ich ihn nun um das Geld bäte. Ich erwähne dies hier nicht
-ohne Absicht.
-
-»Fürst, ich bitte Sie sehr, mir sogleich die fünfzig Rubel, die Sie mir
-für diesen Monat schulden, auszahlen zu wollen,« platzte ich plötzlich
-wie eine Bombe los, und in einem so gereizten Tone, daß es fast an
-Grobheit grenzte.
-
-Ich weiß noch (da ich mich dieses Vormittags noch bis in die kleinsten
-Einzelheiten entsinne), daß sich damals eine in ihrer krassen Realität
-geradezu widerwärtige Szene abspielte. Zuerst verstand er mich überhaupt
-nicht, er sah mich an und begriff nicht, von was für einem Gelde ich
-sprach. Natürlich hatte er es sich nicht träumen lassen, daß ich auf ein
-monatliches Gehalt Ansprüche erheben könnte -- wofür auch? Freilich
-begann er mir dann, als er endlich erraten hatte, um was es sich
-handelte, sogleich zu versichern, daß er es unverzeihlicherweise ganz
-vergessen habe und zog sogleich sein Portefeuille hervor. Er beeilte
-sich so, daß er in der Verwirrung gar nicht die richtige Tasche finden
-konnte, und er wurde sogar rot im Gesicht. Da erhob ich mich und sagte
-schroff, ich könne das Geld nicht annehmen, man habe mir offenbar
-irrtümlicherweise von dem Gehalt gesprochen, oder vielleicht auch, damit
-ich mich nicht weigere, auf den Vorschlag einzugehen; doch begriffe ich
-jetzt sehr wohl, daß durchaus kein Grund vorliege, mich zu honorieren,
-da jedes Honorar Dienst voraussetzte, hier aber von einem solchen nicht
-die Rede sein könne. Der Fürst erschrak und begann zu versichern, daß
-ich ihm unendlich viel Dienste erwiesen hätte und ihm fernerhin noch
-viel größere erweisen könne, fünfzig Rubel dagegen eine so nichtssagende
-Summe seien, daß er mir noch einen Zuschuß geben werde, ja, das sei
-sogar seine Pflicht und Schuldigkeit, zumal er es mit Tatjana Pawlowna
-so abgemacht habe, doch habe er unverzeihlicherweise nicht daran
-gedacht, daß jetzt ein Monat um sei. Mir stieg das Blut ins Gesicht, und
-ich erklärte ihm unumwunden, meine Ehre verbiete mir, für unanständige
-Unterhaltung ein Gehalt zu beziehen; ich sei nicht engagiert, um ihn zu
-zerstreuen, sondern um zu arbeiten, wenn es aber hier keine Arbeit gäbe,
-so müsse ich gehen, usw. usw.
-
-Ich hätte es nicht für möglich gehalten, daß ein Mensch so erschrecken
-kann, wie er nach diesen meinen Worten erschrak. Es endete aber damit,
-daß ich aufhörte, ihm zu widersprechen, und mir doch die fünfzig Rubel
-aufdrängen ließ. Noch jetzt erröte ich vor Scham, wenn ich daran denke,
-daß ich das Geld tatsächlich annahm! Es pflegt ja so ziemlich alles in
-der Welt mit einer Gemeinheit zu enden, doch das Gemeinste an dieser
-Sache war, daß es ihm beinahe wirklich gelang, mir zu beweisen, daß ich
-das Honorar unanfechtbar verdient hätte. Und ich war dumm genug, es ihm
-zu glauben! -- jedenfalls aber war es mir ganz unmöglich, bei der
-Weigerung zu bleiben und das Geld nicht anzunehmen.
-
-»_Cher, cher enfant!_« rief er darauf nahezu gerührt aus und umarmte und
-küßte mich (ich muß gestehen, daß ich selbst, weiß der Teufel weshalb,
-fast dem Weinen nahe war, obschon ich mich im Augenblick wieder
-zusammennahm. Soeben fühle ich, daß mir auch jetzt, während ich dies
-schreibe, das Blut wieder ins Gesicht gestiegen ist) -- »mein lieber
-Freund, du stehst mir jetzt so nah, so nah wie ein Verwandter, du bist
-mir in diesem Monat zu einem Stück von meinem eigenen Herzen geworden!
-In der >Gesellschaft< ist nur >Gesellschaft< und nichts weiter. Meine
-Tochter Katerina Nikolajewna ist eine entzückende Frau, und ich bin
-stolz auf sie, aber sie hat mich oft, mein Lieber, sehr, sehr oft
-gekränkt ... Nun, diese Mädelchen aber -- _elles sont charmantes_{[10]}
--- und deren Mütter, die mich an meinem Namenstage besuchen --, die
-bringen mir doch immer nur ihre Kanevasquadrate her, selbst aber
-verstehen sie nichts zu sagen. Ich habe schon für mindestens sechzig
-Sofakissen solche Kanevasstickereien von ihnen erhalten, lauter Hunde
-und Hirsche. Ich liebe sie ja auch sehr, aber zu dir fühle ich mich wie
-zu einem Verwandten hingezogen, -- nicht wie zu einem Sohne, sondern
-eher wie zu einem Bruder, und am meisten liebe ich an dir deine
-Entgegnungen: du bist literarisch gebildet, du hast viel gelesen, du
-bist begeisterungsfähig ...«
-
-»Ich habe nichts gelesen und bin keineswegs literarisch gebildet. Früher
-habe ich gelesen, was mir in die Hände kam, in den letzten zwei Jahren
-aber habe ich nichts gelesen und werde es auch überhaupt nicht mehr
-tun.«
-
-»Warum nicht?«
-
-»Ich habe andere Ziele.«
-
-»_Cher_ ... es wäre schade, wenn du dir am Ende des Lebens sagen müßtest
-wie ich: _je sais tout, mais je ne sais rien de bon_.{[11]} Ich weiß
-entschieden nicht, wozu ich in der Welt gelebt habe! Aber ... ich bin
-dir so dankbar ... und ich wollte sogar ...«
-
-Er brach seltsam ab, wurde ganz schlaff und matt und versank in
-Nachdenken. Nach jeder Erschütterung (und solche Erschütterungen konnten
-jeden Augenblick durch den geringfügigsten Anlaß hervorgerufen werden)
-machte er gewöhnlich den Eindruck, als sei er eine Zeitlang nicht recht
-bei voller Vernunft und unfähig, sich zusammenzunehmen, körperlich
-ebensowenig wie geistig. Übrigens dauerte dieser Zustand nie lange an,
-so daß er schließlich nichts schadete.
-
-Wir saßen so reichlich über eine Minute stillschweigend einander
-gegenüber. Seine Unterlippe, die sehr voll war, hing schlaff herab ...
-Am meisten wunderte es mich, daß er so plötzlich auf seine Tochter zu
-sprechen gekommen war, und noch dazu mit einer solchen Offenheit. Ich
-schrieb das natürlich seiner augenblicklichen Verwirrung zu.
-
-»_Cher enfant_, du nimmst es mir doch nicht übel, daß ich du zu dir
-sage, nicht wahr?« fuhr er plötzlich aus seiner Versunkenheit auf.
-
-»Nicht im geringsten. Ja anfangs, das erstemal, da fühlte ich mich,
-offengestanden, allerdings etwas verletzt und wollte Sie gleichfalls
-duzen, sah aber noch rechtzeitig die Dummheit ein; denn Sie duzen mich
-doch nicht, um mich zu erniedrigen?«
-
-Er hörte nicht mehr darauf, was ich sagte, und schien auch seine Frage
-schon vergessen zu haben.
-
-»Nun, und was macht dein Vater?« fragte er plötzlich, indem er
-gedankenverloren zu mir aufsah.
-
-Ich fuhr am ganzen Körper zusammen. Er hatte Werssiloff als meinen
-_Vater_ bezeichnet, was er sich bis dahin noch nie mir gegenüber erlaubt
-hatte, und dann: daß er überhaupt im Gespräch mit mir auf Werssiloff zu
-sprechen kam!
-
-»Sitzt ohne Geld und ist schlecht gelaunt,« antwortete ich kurz, doch
-innerlich verging ich vor Neugier.
-
-»Hm, ja, was das Geld betrifft! Heute entscheidet sich doch ihr
-Rechtsstreit vor dem Bezirksgericht -- ich erwarte den Fürsten
-Sserjosha.[5] Wer weiß, welch eine Nachricht er bringen wird. Er wollte
-sogleich zu mir kommen. Davon hängt für sie alles ab. Hier handelt es
-sich um sechzig- oder achtzigtausend Rubel. Natürlich habe ich Andrei
-Petrowitsch (d. h. Werssiloff) von jeher das Beste gewünscht, und ich
-glaube, das Vermögen wird auch ihm zugesprochen werden, und die Fürsten
-gehen dann leer aus. Gesetz ist Gesetz!«
-
-»Heute vor dem Bezirksgericht?« rief ich, aufs höchste überrascht.
-
-Der Gedanke, daß Werssiloff mir auch _das_ nicht mitgeteilt, nicht für
-mitteilenswert gehalten hatte, frappierte mich außerordentlich. »Dann
-hat er es wohl auch der Mutter nicht gesagt, vielleicht überhaupt keinem
-Menschen,« dachte ich mir sogleich, -- »da sieht man den Charakter!«
-
-»Aber ist denn Fürst Ssergei Ssokolski in Petersburg?« fragte ich,
-plötzlich selbst ganz betroffen bei dieser Vorstellung.
-
-»Seit gestern. Direkt aus Berlin eingetroffen, einzig wegen dieser
-Gerichtsverhandlung.«
-
-Das war gleichfalls eine für mich sehr bedeutsame Mitteilung. Und dieser
-Mensch, der _ihn_ geohrfeigt hatte, sollte heute herkommen!
-
-»Na, und was macht er sonst,« fuhr der alte Fürst, dessen Gesicht sich
-plötzlich wieder veränderte, lächelnd fort, »verkündet Gott wie früher
-und ... na ja, stellt wieder den Mädelchen nach, den noch nicht flügge
-gewordenen? Hehe ... Da fällt mir soeben ein amüsantes Histörchen ein,
-hehe ...«
-
-»Wer verkündet ... was? wann?«
-
-»Andrei Petrowitsch natürlich. Was glaubst du wohl, er rückte uns doch
-damals so auf den Leib, daß wir gar keine Seelenruhe mehr vor ihm
-hatten. Was eßt ihr, an was denkt ihr, -- das heißt, es fehlte faktisch
-nicht mehr viel, so wäre es schließlich noch so weit gekommen. Er wollte
-uns bange machen, bekehren. >Wenn du religiös bist, warum wirst du dann
-nicht Mönch?< Nein wirklich, fast war es das, was er von uns verlangte.
-_Mais quelle idée!_{[12]} Wenn es im Grunde vielleicht auch richtig sein
-mag, so, fragt es sich -- ist es nicht doch zu viel verlangt? Namentlich
-mich liebte er mit dem Jüngsten Gericht zu schrecken, mich ganz
-besonders.«
-
-»Davon habe ich nichts bemerkt, und ich lebe doch schon über einen Monat
-mit ihm zusammen,« versetzte ich, mit größtem Interesse aufhorchend. Es
-ärgerte mich weidlich, daß er sich noch nicht erholt hatte und so
-zusammenhanglos vor sich hinredete.
-
-»Er spricht jetzt bloß nicht davon, aber glaube mir, es ist so, wie ich
-dir sage. Er ist ein geistreicher Mensch, zweifellos auch von
-umfassender Bildung und tiefem Wissen, nur fragt es sich, ob sein Wissen
-auch wirklich gerade das richtige Wissen ist. Das war damals alles nach
-seinem dreijährigen Aufenthalt im Auslande. Ich gestehe, er hat mich
-tief erschüttert ... und überhaupt uns alle ... _Cher enfant, j'aime le
-bon Dieu_{[13]} ... Ich glaube an ihn, ich glaube soviel ich kann, aber
--- damals geriet ich doch entschieden außer mir. Nun ja, schön, nehmen
-wir an, daß es von mir leichtfertig war, mich hinter diesem
-Verteidigungsmittel zu verschanzen, aber ich wählte mit Absicht gerade
-dieses; denn ich war gereizt, ich ärgerte mich, -- und übrigens war der
-Kern meiner Entgegnung, das Wesentliche, genau so ernst, wie seit dem
-Anfang der Welt: >Wenn das höchste Wesen< -- das war meine Entgegnung
---, >wenn das höchste Wesen _persönlich_ existiert, und nicht da in
-Gestalt irgendeines Geistes in der Schöpfung ausgegossen ist, etwa wie
-eine Flüssigkeit oder so ungefähr (denn das ist ja noch schwerer zu
-begreifen), so frage ich: wo lebt es dann eigentlich? Mein Freund,
-_c'était bête_,{[14]} natürlich, aber im Grunde laufen doch alle
-Entgegnungen nur auf diese eine Frage hinaus. _Un domicile_{[15]} -- das
-ist ein wichtiger Punkt.< Er ärgerte sich furchtbar. Er trat dort zum
-Katholizismus über.«
-
-»Davon habe ich gleichfalls gehört. Selbstverständlich ist das nur
-dummes Geschwätz.«
-
-»Ich versichere dir bei allem, was heilig ist, es war so. Betrachte ihn
-nur aufmerksamer ... Übrigens -- du sagst, er habe sich verändert. Nun,
-aber damals -- wie hat er uns da alle gehetzt und gequält! Wirst du's
-mir glauben, er hielt sich doch, als ob er ein Heiliger wäre und sein
-Leib nach dem Tode nicht verwesen würde. Seine Gebeine also Reliquien!
-Er verlangte von uns Rechenschaft über unser Leben, ich schwöre es dir!
-Reliquien! _En voilà une autre!_{[16]} Nun gut, ich will ja nichts
-sagen, wenn es irgend so ein Mönch oder Einsiedler ist, -- ein Mensch
-aber, der hier unter uns im Frack einhergeht ..., und auch alles übrige
-wie es sich gehört ... und plötzlich -- heilige Gebeine! ... Ein
-seltsamer Wunsch für einen Gentleman, und, offengestanden, auch ein
-recht sonderbarer Geschmack. Das heißt, ich will ja nichts dagegen
-sagen; das gehört natürlich alles zur Geschichte der Heiligkeiten, und
-was kann denn schließlich nicht vorkommen ... Und überdies ist das alles
-_de l'inconnu_,{[17]} aber für einen Menschen, der in der Gesellschaft
-lebt, ist so etwas doch einfach unschicklich, sogar direkt unstatthaft,
-meiner Meinung nach. Wenn das zum Beispiel mit mir geschehen sollte,
-oder sagen wir, wenn man es mir anböte, so würde ich es, mein Wort
-darauf, doch lieber ablehnen. Wie, heute speise ich im Klub, und dann
-plötzlich -- erscheine ich verklärt! ... Aber ich würde mich doch
-einfach lächerlich machen! Das habe ich ihm damals auch alles
-auseinandergesetzt ... Er trug damals nach Art der Büßer Ketten auf dem
-Leibe.«
-
-Mir stieg vor Zorn das Blut ins Gesicht.
-
-»Haben Sie die selbst gesehen?«
-
-»Selbst habe ich sie nicht gesehen, aber man hat mir ...«
-
-»Dann erkläre ich Ihnen, daß das nichts als Lüge ist, die gemeine
-Verleumdung seiner Feinde, oder richtiger, seines größten und
-unmenschlichsten Feindes; denn im Grunde hat er ja überhaupt nur einen
-einzigen Feind, und dieser ist -- Ihre Tochter!«
-
-Jetzt war er es, dem Zornesröte ins Gesicht stieg.
-
-»_Mon cher_, ich bitte dich und wünsche, daß der Name meiner Tochter
-hinfort nie mehr vor meinen Ohren mit dieser schändlichen Geschichte in
-Verbindung gebracht werde.«
-
-Ich erhob mich. Er war empört; sein Kinn zitterte.
-
-»_Cette histoire infâme!_{[18]} ... Ich habe nicht an sie geglaubt,
-niemals würde ich an sie glauben, aber ... wenn man mir von allen Seiten
-sagt: glaube daran, glaube, so ...«
-
-Da trat der Diener ins Zimmer und meldete unerwarteten Besuch. Ich
-setzte mich wieder auf meinen Platz.
-
-
- IV.
-
-Ins Zimmer traten zwei junge Damen: die eine war die Stieftochter eines
-Vetters der verstorbenen Frau des Fürsten, oder etwas ähnliches, die von
-ihm erzogen worden war, und der er bereits eine Mitgift ausgesetzt
-hatte, obschon sie (dies sei wegen des Folgenden bemerkt) auch selbst
-nicht arm war.
-
-Die andere war -- Anna Andrejewna, Werssiloffs legitime Tochter, die
-drei Jahre älter war als ich. Sie lebte mit ihrem Bruder bei den
-Fanariotoffs, und ich hatte sie bis dahin nur ein einzigesmal ganz
-flüchtig auf der Straße gesehen. Mit ihrem Bruder dagegen war ich in
-Moskau bereits einmal zusammengekommen, allerdings auch nur flüchtig.
-(Vielleicht werde ich noch bei Gelegenheit auf diese Begegnung in Moskau
-zu sprechen kommen, obwohl sie es eigentlich nicht wert ist.) Diese Anna
-Andrejewna war schon von Kindheit an der ganz besondere Liebling des
-alten Fürsten gewesen (seine Freundschaft mit Werssiloff datierte ja
-schon seit undenklichen Zeiten). Ich war durch die zuletzt zwischen uns
-gefallenen Worte so verwirrt, daß ich, als sie eintraten, nicht einmal
-aufstand, während der Fürst sich sogleich erhob und ihnen entgegenging.
-Dann aber war es zu spät, -- ich schämte mich, noch »nachträglich«
-aufzustehen, und so blieb ich sitzen. Ich war hauptsächlich deshalb so
-verwirrt, weil der Fürst mich vor ein paar Augenblicken so angefahren
-hatte, daß ich nicht wußte, ob ich fortgehen oder bleiben sollte. Doch
-der Alte hatte seiner Gewohnheit gemäß schon wieder alles vergessen und
-schien durch den Anblick der jungen Damen förmlich neu belebt zu sein:
-sein ganzes Mienenspiel veränderte sich im Nu, und er raunte mir noch,
-während jene bereits eintraten, mit einem vielsagenden Augenzwinkern
-unbemerkt zu:
-
-»Betrachte die Olympia, aber aufmerksam, aufmerksam, werde dir später
-erzählen ...«
-
-Ich betrachtete sie denn auch wirklich ziemlich aufmerksam, konnte aber
-nichts Besonderes an ihr entdecken: ein nicht sehr großes Mädchen,
-rundlich und mit auffallend roten Wangen. Das Gesicht war eigentlich
-ganz sympathisch, eines von jenen, die den Materialisten gefallen.
-Vielleicht lag in ihm auch ein Ausdruck von Güte, jedoch -- mit
-Vorbehalt. Durch besondere Intelligenz konnte sie sich entschieden nicht
-auszeichnen -- ich meine Intelligenz im höheren Sinne --; denn
-Schlauheit verrieten ihre Augen sogar in hohem Maße. Alter -- höchstens
-neunzehn. Mit einem Wort, nichts Besonderes. Bei uns im Gymnasium hätte
-man gesagt: ein Kissen. (Wenn ich jetzt alles so ausführlich beschreibe,
-so geschieht das einzig im Hinblick auf das Folgende.)
-
-Übrigens dient auch alles andere, was ich bisher scheinbar mit ganz
-überflüssiger Ausführlichkeit wiedergegeben habe, nur zur Erläuterung
-des Weiteren. Somit ist denn nichts überflüssig; ich habe es nicht
-verstanden, Einzelheiten zu übergehen, doch wen sie langweilen, der
-braucht sie ja nicht zu lesen.
-
-Eine ganz andere Erscheinung war dagegen Werssiloffs Tochter. Groß,
-schlank, mit einem länglichen, auffallend bleichen Gesicht; dazu
-dunkles, fast schwarzes wundervolles Haar; und ebenso dunkle Augen,
-dunkel und groß, mit einem tiefen Blick; schmale, blaßrosa Lippen, ein
-frischer Mund. Das erste Weib, das mich durch seinen Gang nicht
-angeekelt hat, -- freilich war sie, wie gesagt, sehr schlank, fast sogar
-mager. Ihr Gesichtsausdruck sprach nicht gerade von Güte, aber es lag in
-ihm Vornehmheit und Würde. Zweiundzwanzig Jahre alt. Doch sonderbar:
-fast kein einziger Zug im Gesicht, der eine Ähnlichkeit mit Werssiloff
-gehabt hätte, indessen aber, wie durch ein Wunder, lag eine ungeheure
-Ähnlichkeit mit ihm im ganzen Gesichtsausdruck. Ich weiß nicht, ob ich
-sie schön nennen soll. Es kommt auf den Geschmack an. Gekleidet waren
-sie beide so schlicht, daß es sich nicht lohnt, die Kleider näher zu
-beschreiben. Ich war darauf gefaßt, daß die Werssilowa mich sogleich
-beleidigen werde, sei es mit einem Blick, einem Achselzucken oder
-gleichviel wie, und ich bereitete mich schon darauf vor. Hatte doch ihr
-Bruder in Moskau auch schon bei unserer ersten Begegnung die Gelegenheit
-wahrgenommen, mich zu beleidigen! Sie konnte zwar nicht wissen, daß ich
-es war, sie hatte mich noch niemals gesehen, aber natürlich hatte sie
-schon gehört, daß ich zum Fürsten kam. Es erregte eben alles, was der
-Fürst tat oder unterließ, in der ganzen Schar seiner Verwandten, die ja
-alle auf ihn »hofften«, von vornherein das größte Interesse, weshalb
-denn auch die geringfügigsten Dinge zu wahren Ereignissen aufgebauscht
-wurden, -- um wievielmehr mußte das nun noch mit seiner plötzlichen
-Neigung zu mir der Fall sein. Ich wußte bereits, daß der Fürst sich für
-das Schicksal Anna Andrejewnas ausnehmend interessierte und ihr einen
-Gatten verschaffen wollte. Nur war es unvergleichlich schwerer, für die
-Werssilowa einen Liebhaber zu finden als für jene, die auf Kanevas
-stickten.
-
-Doch siehe da, es kam ganz anders und wider alle Erwartung: Nachdem die
-Werssilowa dem Fürsten die Hand gereicht und ein paar scherzhafte, wenn
-auch konventionelle Worte mit ihm gewechselt hatte, sah sie plötzlich
-gespannt nach mir hin. Ich sah sie gleichfalls an, und plötzlich nickte
-sie mir mit einem Lächeln zu. Das hätte freilich nicht viel zu bedeuten
-gehabt, sie grüßte eben, wie man es immer tut, wenn man in ein Zimmer
-tritt, in dem ein fremder Gast des Hausherrn anwesend ist. Aber ihr
-Lächeln -- nein, dieses Lächeln war so gütig, daß es augenscheinlich nur
-vorbedacht sein konnte. Und ich erinnere mich noch, ich hatte dabei eine
-ungewöhnlich angenehme Empfindung.
-
-»Und das ... dies ist -- mein junger und lieber Freund Arkadi
-Andrejewitsch Dol...« begann der Fürst, der ihren Gruß bemerkt hatte,
-während ich immer noch saß, -- und plötzlich stockte er mitten im Satz:
-vielleicht besann er sich darauf, wen er da vorstellte -- im Grunde doch
-den Bruder der Schwester. Das »Kissen« grüßte daraufhin gleichfalls, ich
-aber ärgerte mich plötzlich höchst dummerweise und sprang auf, -- es war
-eine Anwandlung falschen, sinnlosen Stolzes, natürlich nur aus
-Eigenliebe.
-
-»Entschuldigen Sie, Fürst, ich heiße nicht Arkadi Andrejewitsch, sondern
-Arkadi Makarowitsch,« versetzte ich schroff, ohne daran zu denken, daß
-ich den jungen Damen zuvor eine Verbeugung schuldig war. Hol' der Teufel
-diesen peinlichen Zwischenfall!
-
-»_Mais ... Tiens!_«{[19]} Der Fürst besann sich sogleich und tippte sich
-mit dem Finger vor die Stirn.
-
-»Wo haben Sie die Schule besucht?« ertönte da in meiner Nähe eine
-kindlich dumme Frage in kindlich langsamer Sprechweise: das »Kissen« war
-näher zu mir getreten.
-
-»In Moskau, im Gymnasium.«
-
-»Ah! Ich habe davon gehört. Wie, wird dort gut unterrichtet?«
-
-»Sehr gut.«
-
-Ich stand immer noch und antwortete wie ein Soldat, der rapportieren
-muß.
-
-Die Fragen dieses Fräuleins waren wohl nichts weniger als geistreich,
-aber immerhin hatte sie die Geistesgegenwart, meinen dummen Ausfall
-durch irgendeine Frage vergessen zu machen und dem Fürsten aus seiner
-Verlegenheit zu helfen. Übrigens hörte dieser schon mit einem heiteren
-Lächeln dem geheimnisvollen und munteren Geflüster der Werssilowa zu,
-das augenscheinlich nicht mich zum Gegenstande hatte. Ich frage mich:
-Weshalb nahm es dieses Mädchen, das mir doch völlig fremd war, ungebeten
-auf sich, meinen dummen Ausfall gutzumachen? Und überdies war es ganz
-unmöglich, sich vorzustellen, daß sie sich nur so, nur zufällig an mich
-wandte: die Absicht war zu deutlich. Sie sah mich gar zu interessiert
-an, ganz als hätte sie gewünscht, von mir ebenso betrachtet zu werden,
-so interessiert wie nur möglich. Das habe ich mir natürlich erst nachher
-gesagt und mich auch nicht getäuscht.
-
-»Wie, schon heute?« rief plötzlich der Fürst ganz erschrocken aus.
-
-»Haben Sie es denn nicht gewußt?« fragte die Werssilowa verwundert.
-»Olympia! Der Fürst hat es gar nicht gewußt, daß Katerina Nikolajewna
-heute ankommt! Aber wir sind doch deshalb hergekommen, weil wir dachten,
-sie sei schon mit dem Frühzuge eingetroffen und schon längst zu Haus.
-Statt dessen trafen wir sie gerade erst bei der Vorfahrt, als wir
-ausstiegen: sie kam direkt von der Bahn und sagte uns, wir sollten nur
-zu Ihnen gehen, sie werde sogleich nachkommen ... Aber da ist sie ja
-schon!«
-
-Eine Tür tat sich auf und -- _jene Frau erschien_!
-
-Ich kannte bereits ihr Gesicht. Im Kabinett des Fürsten hing ein
-wundervolles Porträt von ihr, und den ganzen Monat hatte ich es Zug für
-Zug studiert. Während ihrer Anwesenheit verbrachte ich höchstens drei
-Minuten im Kabinett und wandte die ganze Zeit keinen Blick von ihrem
-Gesicht. Doch wenn ich das Porträt nicht gekannt und jemand mich nach
-jenen drei Minuten gefragt hätte: wie sieht sie aus? -- ich hätte ihm
-nichts antworten können; denn ich wußte es nicht, es war da alles in mir
-zu einem Chaos geworden.
-
-Ich entsinne mich, wenn ich an diese drei Minuten zurückdenke, nur noch
-einer tatsächlich wunderschönen Frau, die der Fürst mehrmals küßte und
-bekreuzte, und die sich dann plötzlich -- ganz offen und unverhohlen,
-kaum daß sie eingetreten war -- mir zuwandte und mich anstarrte. Ich
-hörte noch ganz deutlich, wie der Fürst, der offenbar auf mich gewiesen
-hatte, etwas von seinem neuen Sekretär mit einem unsicheren, halben
-Lachen äußerte, und zum Schluß meinen Familiennamen nannte. Sie warf
-eigentümlich den Kopf in den Nacken, blickte mich häßlich an und
-lächelte dann so beleidigend, daß ich plötzlich vortrat, zum Fürsten
-schritt und zitternd, wohl nur halb verständlich, die Worte durch die
-Zähne hervorstieß:
-
-»Jetzt ... ich habe anderes zu tun ... für mich. Ich gehe.«
-
-Und ich kehrte ihnen den Rücken und ging. Niemand sagte mir ein Wort,
-nicht einmal der Fürst. Aller Augen sahen mich nur unverwandt an. Später
-sagte mir der Fürst, ich wäre so erbleicht, daß ihm »einfach angst und
-bange« geworden sei.
-
-Das war nun freilich ganz überflüssig!
-
-
- Drittes Kapitel.
-
-
- I.
-
-Er hatte wirklich nichts zu befürchten: meiner höheren Erwägung erschien
-das Augenblickliche klein und nebensächlich, und ein mächtiges Gefühl
-entschädigte mich für alles andere. Ich empfand nichts als Genugtuung,
-ich war entzückt, war förmlich begeistert, als ich sie verließ; und als
-ich auf die Straße hinaustrat, hätte ich am liebsten gesungen. Es war
-aber auch gerade ein herrlicher Morgen, so richtig zu meiner Stimmung
-passend: Sonne, viele Menschen, Lärm, Bewegung, Frohsinn, Gedränge. --
-Wie, hatte mich denn diese Frau wirklich nicht beleidigt? Von wem hätte
-ich mir sonst einen solchen Blick und ein so gemeines Lächeln gefallen
-lassen, ohne sofort zu protestieren? -- und wenn mein Protest auch noch
-so albern ausgefallen wäre -- gleichviel! Und nicht zu vergessen: sie
-war ja doch gerade mit der Absicht heimgekehrt, mich sobald als möglich
-zu beleidigen, obgleich sie mich noch nie gesehen hatte! In ihren Augen
-war ich der »heimliche Abgesandte Werssiloffs«, und damals, wie auch
-noch lange nachher, war sie fest überzeugt, daß Werssiloff ihr ganzes
-Schicksal in Händen hielt, d. h. daß er die Möglichkeit hätte, sie,
-sobald er nur wollte, ins Elend zu stürzen. Kurz, sie glaubte ihn im
-Besitze eines gewissen Dokuments oder vermutete wenigstens stark, daß er
-es besaß. So war denn ihr Kampf gegen Werssiloff ein Kampf auf Leben und
-Tod. Und siehe da -- ich war nicht beleidigt! Ihr Benehmen war eine
-Beleidigung gewesen, ich aber hatte die Beleidigung nicht empfunden. Ja,
-und nicht nur das! Ich war sogar unbändig froh, als wäre mir eine große
-Freude widerfahren! Ich war gekommen, um sie zu hassen, und nun fühlte
-ich, wie ich sie schon zu lieben begann.
-
-»Ich weiß nicht, ob eine Spinne die Fliege hassen kann, auf die sie es
-abgesehen und die sie schon so gut wie umsponnen hat? Süße, kleine
-Fliege! Ich glaube, man liebt sein Opfer; wenigstens kann man es lieben.
-Da liebe ich doch jetzt meinen Feind: Zum Beispiel gefällt es mir
-furchtbar, daß sie so schön ist. Es gefällt mir ungeheuer, meine
-Gnädigste, daß Sie so hochmütig und stolz sind: wären Sie bescheidener,
-würde ich nicht dieses Vergnügen auskosten, oder wenigstens kein so
-großes. Sie haben mich gewissermaßen angespien mit Ihrem Blick, ich aber
-triumphiere. Und wenn Sie mir tatsächlich ins Gesicht gespien hätten, so
-würde ich mich vielleicht wirklich nicht einmal darüber geärgert haben;
-denn Sie sind -- mein Opfer, _mein_ Opfer und nicht _seins_. Wie
-bezaubernd dieser Gedanke ist! Rein, das Bewußtsein der eigenen
-_geheimen_ Macht ist unvergleichlich angenehmer als offenkundige
-Überlegenheit und Herrschaft. Wenn ich ein hundertfacher Millionär wäre,
-ich glaube, da würde es mir die größte Wonne bereiten, in ganz schäbigen
-Kleidern zu gehen, damit man mich für einen ganz armen Kauz halte,
-womöglich für einen, der nahe daran ist, um Almosen zu bitten: denn --
->mir genügte das Bewußtsein< ...«
-
-So ungefähr könnte ich meine damaligen Gedanken ausdrücken, wie
-überhaupt meine Freude und vieles von dem, was ich empfand. Ich will nur
-noch bemerken, daß hier in dem soeben Geschriebenen alles viel
-oberflächlicher klingt: in Wirklichkeit war ich tiefer und schamhafter.
-Vielleicht bin ich auch jetzt im Grunde meines Wesens schamhafter als in
-meinen Worten und Taten. Das gebe Gott!
-
-Vielleicht war es sehr falsch von mir, daß ich überhaupt angefangen
-habe, alles dies niederzuschreiben: es bleibt doch so unendlich viel
-mehr in einem zurück als das, was man in Worten auszudrücken vermag.
-Jeder Gedanke, selbst der unbedeutendste, ist, solange er in uns bleibt,
-immer tiefer, als in Worten ausgedrückt: ausgesprochen erscheint er auch
-uns selbst lächerlicher und gleichsam -- ehrloser. Werssiloff sagte mir
-einmal, nur bei schlechten Menschen sei es umgekehrt. Die lügen eben
-nur, da haben sie es leicht. Ich dagegen mühe mich, die ganze Wahrheit
-zu schreiben -- das aber ist furchtbar schwer!
-
-
- II.
-
-An diesem neunzehnten September entschloß ich mich außerdem noch zu
-einem »Schritt«.
-
-Seit meiner Ankunft in Petersburg hatte ich zum erstenmal Geld in der
-Tasche; denn meine in zwei Jahren zusammengesparten sechzig Rubel hatte
-ich, wie bereits erwähnt, sogleich meiner Mutter gegeben; ein paar Tage
-zuvor aber hatte ich mir fest vorgenommen, an dem Tage, an dem ich mein
-Monatsgehalt erhielt, einen »Versuch« zu machen, wie ich ihn schon seit
-langem beabsichtigte. Und gerade am Abend vorher hatte ich im
-Inseratenteil einer Zeitung etwas gefunden, auf alle Fälle
-ausgeschnitten und zu mir gesteckt: es war das eine »Bekanntmachung vom
-St. Petersburger Bezirksgericht« usw., daß am 19. September cr. um 12
-Uhr vormittags im Kasaner Viertel, in der und der Gegend, im Hause
-Nummer soundso die gerichtliche Versteigerung des Mobiliars einer
-gewissen Frau Lebrecht stattfinden werde, und daß die Taxationsliste der
-betreffenden Gegenstände, und natürlich auch diese selbst, am Tage der
-Versteigerung dem Publikum zur Orientierung und Besichtigung in besagtem
-Hause bereitgestellt sein würden usw.
-
-Es war kurz nach ein Uhr. Ich eilte zu Fuß nach dem Kasaner Viertel.
-Schon seit drei Jahren benutzte ich keine Droschke mehr, -- ich hatte
-mir das so geschworen (anderenfalls hätte ich mir auch nicht diese
-sechzig Rubel ersparen können). Ich war noch nie zu einer Auktion
-gegangen, ich hatte mir das noch nicht _erlaubt_; und obschon mein
-erster Schritt auf diesem Gebiet nur ein _Versuch_ sein sollte, so hatte
-ich mir doch von vornherein eines fest vorgenommen: nicht eher wollte
-ich mir diesen Versuch gestatten, als bis ich das Gymnasium beendet, mit
-allen gebrochen und mich in mein Gehäuse verkrochen hätte, also erst
-dann, wenn ich vollkommen frei sein würde. Freilich war ich nun noch
-längst nicht in meinem Gehäuse und auch noch weit davon entfernt, frei
-zu sein. Aber der Schritt sollte ja auch nur als Versuch in Frage
-kommen, als Probe, nur so, um zu sehen, wie es ist, fast nur, um meine
-Zukunftsträume danach gestalten zu können; dann aber wollte ich,
-vielleicht lange Zeit hindurch, nichts Derartiges mehr unternehmen,
-vielleicht sogar bis zu dem Zeitpunkt, wo ich damit ernstlich begänne.
-Für alle anderen war dies nur eine kleine, nichtssagende Auktion, für
-mich aber -- der erste Balken des Schiffes, auf dem ich wie Kolumbus
-ausfahren wollte, um Amerika zu entdecken. Das waren ungefähr die
-Gefühle, die ich damals hatte.
-
-Ich fand das Haus, ging, wie in der Notiz angegeben war, über den Hof
-und betrat die Wohnung der Frau Lebrecht. Diese Wohnung bestand aus
-einem Vorraum und vier nicht großen, niedrigen Zimmern. Im ersten Zimmer
-befanden sich viele Menschen, vielleicht ganze dreißig an der Zahl; aber
-nur die Hälfte von ihnen mochte sich aus Käufern zusammensetzen -- die
-anderen waren augenscheinlich nur aus Neugier gekommen oder als
-Liebhaber jeglicher Versammlungen oder auch als heimlich Beauftragte der
-Frau Lebrecht. Es waren da außer Krämern und Juden, die es auf die
-Goldsachen abgesehen hatten, auch einige »sauber« gekleidete Leute.
-Sogar die Physiognomien einzelner von ihnen haben sich meinem Gedächtnis
-eingeprägt. Im nächsten Zimmer rechts, dessen Tür offen stand, hatte man
-gerade zwischen die Türpfosten einen Tisch gestellt, so daß er den
-Eingang zu jenem Zimmer versperrte; dort aber befanden sich alle die
-unter den Hammer gekommenen Sachen, die verauktioniert werden sollten.
-Links lag ein anderes Zimmer, dessen Tür geschlossen war, doch von Zeit
-zu Zeit ein klein wenig geöffnet wurde, und dann sah man, daß jemand
-verstohlen durch den Spalt lauerte -- wahrscheinlich jemand von den
-zahlreichen Sprößlingen der Frau Lebrecht, die sich an dem Tage
-natürlich in einer recht beschämenden Lage befanden. Hinter dem Tisch in
-der Tür saß, das Gesicht dem Publikum zugewandt, der Gerichtsvollzieher,
-der die Sachen zu versteigern hatte. Als ich eintrat, war ungefähr die
-Hälfte schon verkauft. Ich drängte mich sogleich bis dicht an den Tisch
-heran. Es wurden gerade zwei Bronzeleuchter ausgeboten. Ich sah mich
-nach den anderen Sachen um.
-
-Dabei drängten sich mir sogleich Zweifel auf: was konnte ich hier
-überhaupt kaufen? Was finge ich zum Beispiel mit diesem Paar
-Bronzeleuchter an, wo brächte ich sie jetzt unter, und könnte ich denn
-so überhaupt jemals zum Ziel gelangen? Wird denn die Sache auch wirklich
-so gemacht, und wird meine Berechnung auch wirklich richtig sein? War es
-nicht schließlich eine ganz kindische Berechnung? Und während mir diese
-Gedanken durch den Kopf fuhren, stand ich und wartete, -- etwa wie man
-am Spieltisch wartet, wenn man noch nicht gesetzt hat, obschon man mit
-der Absicht, unbedingt zu spielen, an den Tisch getreten ist und gerade
-noch denkt: »Wenn ich will, setze ich, wenn ich will, gehe ich fort --
-ganz wie ich will.« Das Herz pocht dann noch nicht, aber es ist, als
-verlangsame sich sein Schlagen, und hin und wieder erbebt es nur so
-eigenartig, -- eine Empfindung, die nicht ohne Reiz ist. Aber die
-Unentschlossenheit fängt bald an, einem lästig zu werden, und dann wird
-man plötzlich gleichsam blind und taub und streckt die Hand aus und
-nimmt eine Karte, aber alles ganz wie mechanisch, fast sogar wie gegen
-den eigenen Willen, als führte ein Fremder unsere Hand; und plötzlich
-ist es geschehen! -- Da hat man gleich eine ganz andere Empfindung, die
-geradezu ungeheuer ist. Ich rede hier nicht von Auktionen, sondern nur
-von mir, -- wer könnte denn sonst auf einer Auktion Herzklopfen
-bekommen?
-
-Es waren da Leute, die sich sehr ereiferten, andere wiederum, die
-schwiegen und warteten, und wieder andere, die dies oder jenes kauften
-und es nachher bereuten. Doch kann ich nicht sagen, daß sie mir leid
-taten: ein Herr zum Beispiel, der sich verhört hatte und eine Milchkanne
-aus Neusilber für eine silberne kaufte und statt etwa zwei Rubel ganze
-fünf Rubel zahlen mußte, erweckte nicht das geringste Mitleid in mir, im
-Gegenteil, dieser Zwischenfall erheiterte mich sogar. Der
-Gerichtsvollzieher brachte übrigens auch nach Möglichkeit Abwechslung in
-die Versteigerung: nach den Leuchtern kamen Ohrringe zum Ausbot, nach
-den Ohrringen ein Sofakissen, dann eine Schatulle, -- wahrscheinlich, um
-das Interesse wachzuerhalten, oder vielleicht auch, um den verschiedenen
-Wünschen der Kauflustigen nachzukommen. Ich hielt es nicht zehn Minuten
-aus, wandte mich zuerst dem Kissen zu, darauf der Schatulle, aber im
-entscheidenden Moment bot ich dann doch nicht mit: diese Gegenstände
-erschienen mir ganz unmöglich. Da hielt der Gerichtsvollzieher ein Album
-in der Hand.
-
-»Ein Album, in einem roten Saffianeinband, gebraucht, mit Aquarell- und
-Tuschzeichnungen, in einem Futteral mit geschnitzter Elfenbeineinlage
-und mit silbernem Schloß -- zwei Rubel!«
-
-Ich trat näher: ein elegantes Ding, aber die Elfenbeinschnitzerei war an
-einer Stelle schon etwas schadhaft. Nur ich allein war nähergetreten,
-die anderen schwiegen. Konkurrenten gab es also nicht. Ich hätte ja das
-Schloß öffnen und das Album herausnehmen können, um es zu betrachten,
-ließ es aber bleiben -- »gleichviel,« dachte ich, »das ist ja egal«.
-
-»Zwei Rubel fünf Kopeken,« sagte ich mit vor Aufregung unsicherer
-Stimme.
-
-Niemand bot mehr. So fiel es mir zu. Ich holte sogleich mein Geld
-hervor, bezahlte, nahm das Album und zog mich in einen Winkel des
-Zimmers zurück. Dort erst nahm ich es aus dem Futteral, um es schnell,
-fast fieberhaft zu durchblättern: das war nun, abgesehen von dem
-Futteral, das wertloseste Ding der Welt, -- ein Stammbuch von der Größe
-eines Bogen Postpapiers kleinen Formats, ein dünnes Büchlein mit
-abgenutztem Goldschnitt, -- genau von der Art, wie sie in früheren
-Jahren bei jungen Mädchen, die ein Institut besuchten, so überaus
-beliebt waren. Mit Tusche und Wasserfarben waren da Tempel auf Bergen
-gemalt, Amoretten, ein Teich, auf dem Schwäne schwammen, und dazu
-natürlich Gedichte.
-
- »... Vor mir liegt eine weite Reise,
- Weshalb ich Abschied nehmen muß,
- Drum send' ich Dir auf diese Weise
- Hiermit noch einen letzten Gruß.«
-
-(Da hab' ich richtig noch eines von ihnen behalten!) Ich gestand mir,
-daß ich »hereingefallen« war: wenn es etwas gab, was kein Mensch
-brauchen konnte, so war das dieses alte Album.
-
-»Tut nichts,« schloß ich schnell meinen Gedankengang, »die erste Karte
-verspielt man immer; das hat sogar eine gute Vorbedeutung.«
-
-Ich war entschieden vergnügt.
-
-»Ach, da bin ich zu spät gekommen! Sie haben es? Sie haben es
-erstanden?« hörte ich plötzlich neben mir die Stimme eines Herrn, der
-sehr stattlich aussah und gut gekleidet war. Er war gerade erst
-eingetreten.
-
-»Zu spät gekommen! Schade, sehr schade! -- Für wieviel, wenn ich fragen
-darf?«
-
-»Für zwei Rubel fünf Kopeken.«
-
-»Ach, wie schade! -- Würden Sie es mir nicht abtreten?«
-
-»Gehen wir hinaus,« flüsterte ich ihm zu, während mein Herzschlag
-stockte.
-
-Wir gingen hinaus auf die Treppe.
-
-»Ich trete es Ihnen für zehn Rubel ab,« sagte ich, mit einem Gefühl von
-Kälte im Rücken.
-
-»Zehn Rubel! Ich bitte Sie, was fällt Ihnen ein!«
-
-»Wie Sie wollen.«
-
-Er sah mich mit aufgerissenen Augen an und maß mich von oben bis unten:
-ich war gut gekleidet und glich wohl nicht im entferntesten einem Juden
-oder Trödler.
-
-»Aber ich bitt' Sie! -- Das ist doch ein altes, lumpiges Album, das zu
-nichts mehr zu gebrauchen ist, auch das Futteral ist ja nichts mehr wert
--- wer wird denn so etwas noch kaufen?«
-
-»Sie wollen es doch.«
-
-»Aber doch nur aus einem besonderen Grunde! -- Ich erfuhr es erst
-gestern, -- und solcher, die das kaufen wollen, gibt es doch außer mir
-keinen einzigen! Was fällt Ihnen ein!«
-
-»Ich hätte fünfundzwanzig Rubel fordern sollen; aber da Sie dann
-vielleicht doch zurückgetreten wären, so habe ich, um das Wagnis nicht
-zu übertreiben, nur zehn gefordert. Davon lasse ich keine Kopeke ab.«
-
-Ich kehrte ihm den Rücken und ging.
-
-»So nehmen Sie vier Rubel!« rief er mir nach und holte mich mit
-schnellen Schritten ein, -- ich war schon auf dem Hof. »Nun,
-meinetwegen: fünf!«
-
-Ich schwieg und ging weiter.
-
-»Nun denn -- da haben Sie!« Er nahm zehn Rubel aus seinem Portemonnaie,
-ich gab ihm das Album.
-
-»Aber Sie müssen doch zugeben, daß das nicht ehrlich ist! Zwei Rubel und
-zehn -- was?«
-
-»Weshalb nicht ehrlich? Einfach Markt!«
-
-»Was ist denn hier für ein Markt!« (Er wurde wütend.)
-
-»Wo Nachfrage ist, ist auch Markt. Hätten Sie sich nicht eingefunden, --
-keine vierzig Kopeken hätt' ich dafür bekommen.«
-
-Ich sagte es zwar ganz ernst, aber innerlich lachte ich, -- lachte nicht
-gerade vor Entzücken, sondern -- ja, ich weiß es eigentlich selbst
-nicht, weshalb ich lachte, jedenfalls aber geriet ich dabei etwas außer
-Atem.
-
-»Hören Sie,« wandte ich mich leise an ihn -- ich konnte es nicht
-zurückhalten, was sich mir auf die Lippen drängte, und ich sagte es ganz
-freundschaftlich zu ihm und hatte ihn dabei sogar furchtbar lieb --
-»hören Sie, als James Rothschild, der Verstorbene -- der Pariser, Sie
-wissen doch, der eintausendsiebenhundert Millionen Francs hinterlassen
-hat« (er nickte mit dem Kopf), »als also dieser James Rothschild --
-damals war er noch jung -- zufällig ein paar Stunden früher als alle
-anderen von der Ermordung des Herzogs von Berry erfuhr und davon
-ungesäumt gewissen Leuten Mitteilung machte, verdiente er allein dadurch
-in wenigen Minuten ein paar Millionen -- sehen Sie, so machen es solche
-Leute!«
-
-»Ja, sind _Sie_ denn Rothschild?« schrie er mich wütend an, als hätte er
-es mit einem Narren zu tun.
-
-Ich ließ ihn stehen und ging fort. Ein einziger Schachzug -- und ich
-hatte sieben Rubel fünfundneunzig Kopeken verdient! Gut, sagen wir: es
-war ein Zufall, ein kindisches Spiel, ich gebe es zu, aber immerhin
-stimmte dieser »Zufall« mit meiner Berechnung überein, und da war es nur
-natürlich, daß er einen ungeheuer tiefen Eindruck auf mich machte ...
-Übrigens, wozu Gefühle beschreiben? Den Zehnrubelschein hatte ich in
-meiner Westentasche, ich steckte zwei Finger hinein, um ihn zu befühlen
--- und so ging ich weiter, ohne die Hand herauszuziehen. Als ich etwa
-hundert Schritte gegangen war, zog ich den Schein hervor, um ihn zu
-betrachten: ich besah ihn von allen Seiten und hätte ihn am liebsten
-geküßt. Da rollte eine Equipage vor das Haus, an dem ich gerade
-vorübergehen wollte. Der Portier öffnete die Tür, und aus dem Hause trat
-eine Dame, elegant, jung, schön, in Seide und Samt gekleidet, mit einer
-fast meterlangen Schleppe -- und sie ging an mir vorüber zur Equipage.
-Plötzlich entglitt ihrer Hand ein entzückendes kleines Ledertäschchen
-und fiel hin, ohne daß sie es bemerkte: sie stieg ein. Der Diener bückte
-sich, um das Ding aufzuheben, doch schon war ich hinzugesprungen, hob es
-auf und reichte es der Dame, indem ich den Hut lüftete. (Ich trug einen
-Zylinder und war als selbständiger junger Mann gut gekleidet.) Die Dame
-sagte zurückhaltend, doch mit dem liebenswürdigsten Lächeln: »_Merci
-m'sieu._«{[20]} Die Equipage rollte davon. Ich küßte meinen
-Zehnrubelschein.
-
-
- III.
-
-Ich mußte an jenem Tage noch unbedingt einen früheren Schulkameraden von
-mir aufsuchen, einen gewissen Jefim Swerjoff, der schon früher aus dem
-Gymnasium in Moskau ausgetreten war, um in Petersburg eine höhere
-Fachschule zu besuchen. Er selbst ist weiter keiner Erwähnung wert, und
-eigentlich war ich mit ihm auch nichts weniger als befreundet, doch
-hatte ich ihn trotzdem schon im ersten Monat in Petersburg aufgesucht:
-er konnte mir (infolge von Umständen, die gleichfalls nicht der Rede
-wert sind) die Adresse eines gewissen Menschen mitteilen, der mich sehr
-interessierte, und der bald aus Wilna zurückkehren sollte. Dieser Mensch
-hieß Krafft. Swerjoff hatte mir vor einiger Zeit mitgeteilt, daß er ihn
-gerade an jenem Tage oder spätestens am folgenden zurückerwartete. Ich
-mußte mich nach einem ganz anderen Stadtteil begeben, nach der
-»Petersburger Seite«, doch legte ich auch diese Strecke wieder zu Fuß
-zurück und wurde nicht einmal müde. Ich traf ihn (Swerjoff war mit mir
-in einem Alter, erst neunzehn geworden) auf dem Hof des Hauses seiner
-Tante, bei der er damals wohnte. Er hatte gerade zu Mittag gegessen und
-leistete sich das Vergnügen, im Hof auf Stelzen herumzugehen. Er sagte
-mir sogleich, daß Krafft schon tags zuvor angekommen und in seiner
-früheren Wohnung auf der Petersburger Seite abgestiegen sei und mich
-gleichfalls sobald als möglich zu sehen wünsche, da er mir etwas
-Wichtiges mitzuteilen habe.
-
-»Er muß bald wieder irgendwohin verreisen,« fügte Jefim noch hinzu.
-
-Da es für mich unter diesen Umständen und noch aus besonderen Gründen
-von größter Wichtigkeit war, Krafft zu sprechen, so bat ich Jefim, mich
-sogleich zu ihm zu führen, zumal dessen Wohnung nur ein paar Schritte
-von dort entfernt war. Doch Jefim erklärte mir darauf, daß er Krafft
-schon vor einer Stunde getroffen habe: er sei zu Dergatschoff gegangen
-und werde dort wohl sitzengeblieben sein.
-
-»Gehen wir doch einfach zu Dergatschoff, warum willst du immer nicht? --
-Hast du Angst?«
-
-In der Tat, Krafft konnte bei Dergatschoff lange sitzenbleiben, und wo
-sollte ich auf ihn warten? Zu Dergatschoff zu gehen, davor fürchtete ich
-mich zwar nicht, aber es widerstrebte mir, obwohl es schon das drittemal
-war, daß Jefim mich hinschleppen wollte. Und dabei hatte er schon
-jedesmal dieses »hast du Angst?« mit einem Lächeln angehängt, das mich
-für feig hielt. Nein, es geschah meinerseits nicht aus Feigheit, das sei
-vorausgeschickt, doch wenn ich ungern hinging, so hatte das einen ganz
-anderen Grund. Diesmal aber entschloß ich mich doch, mich hinführen zu
-lassen. Es war übrigens gleichfalls nicht weit zu gehen. Unterwegs
-fragte ich Jefim, ob er immer noch die Absicht habe, nach Amerika
-loszuziehen.
-
-»Vielleicht schiebe ich es auch noch ein bißchen auf,« erwiderte er mit
-leichtem Lachen.
-
-Ich hatte ihn nicht sonderlich gern oder, wenn ich ganz aufrichtig sein
-soll, ich mochte ihn eigentlich gar nicht. Er war für meinen Geschmack
-gar zu blond, sein Gesicht schon gar zu weiß und rosig, geradezu
-unpassend zart, als wäre er noch ein Säugling, und dabei war er sogar
-länger als ich, doch konnte man ihn höchstens für einen Siebzehnjährigen
-halten. Eine ernste Unterhaltung mit ihm war ganz unmöglich.
-
-»Wer ist denn da alles? Trifft man dort wirklich immer eine ganze
-Versammlung?« erkundigte ich mich wissenschaftshalber.
-
-»Warum hast du denn immer Angst?« fragte er wieder höhnisch.
-
-»Scher' dich zum Teufel!« sagte ich ärgerlich.
-
-»Durchaus keine Versammlung. Es kommen nur Bekannte hin, lauter
-Gesinnungsgenossen, sei beruhigt.«
-
-»Was, zum Teufel, geht das mich an, ob sie Gesinnungsgenossen sind oder
-nicht! Aber werde auch ich dort Gesinnungsgenosse sein? Woher wissen
-diese Leute, ob sie mir vertrauen können?«
-
-»_Ich_ bringe dich hin, das genügt. Sie haben aber auch schon von dir
-gehört. Und Krafft kann ihnen ja auch Auskunft über dich geben.«
-
-»Hör' mal, wird Wassin dort sein?«
-
-»Das weiß ich nicht.«
-
-»Wenn er da ist, so stoß mich an, sobald wir eintreten, so mit dem
-Ellenbogen, und zeig ihn mir heimlich, damit ich weiß, welcher es ist.
-Gleich beim Eintreten, hörst du?«
-
-Von diesem Wassin hatte ich schon viel gehört und interessierte mich
-schon lange für ihn.
-
-Dergatschoff wohnte in einem kleinen Nebengebäude auf dem Hof eines
-großen Hauses, das einer Kaufmannsfrau gehörte, doch dafür bewohnte er
-das Häuschen ganz allein. Es waren dort nur drei Wohnzimmer, und an
-allen vier Fenstern waren die Stores herabgelassen. Er war Techniker und
-hatte in Petersburg eine Anstellung, doch wie ich gehört hatte, war ihm
-eine sehr vorteilhafte Anstellung in der Provinz angeboten worden, und
-zwar sollte er schon in nächster Zeit Petersburg verlassen.
-
-Kaum waren wir in das kleine Vorzimmer getreten, da hörten wir schon
-laute Stimmen: man schien heftig zu streiten, und jemand rief: »_Quae
-medicamenta non sanant -- ferrum sanat, quae ferrum non sanat -- ignis
-sanat!_«
-
-Ich fühlte mich allerdings etwas beunruhigt. Natürlich war ich nicht an
-Gesellschaft gewöhnt, gleichviel an welch eine. Im Gymnasium hatte ich
-mit meinen Mitschülern zwar auf du und du gestanden, doch kann ich nicht
-sagen, daß ich auch nur mit einem von ihnen wirklich Freundschaft
-geschlossen hätte. Ich hatte mir einen Winkel geschaffen und in diesem
-Winkel gelebt. Doch nicht das war es, was mich verwirrte: Für alle Fälle
-nahm ich mir aber fest vor, mich nicht auf einen Meinungsstreit
-einzulassen und überhaupt nur das Notwendigste zu sprechen, so daß man
-aus meinen Worten nicht die geringsten Schlüsse auf mich ziehen konnte;
-vor allen Dingen aber wollte ich mich nicht in ihren Streit hineinziehen
-lassen.
-
-Im ersten Zimmer, das wirklich schon etwas gar zu klein war, waren
-sieben Herren anwesend und drei Damen. Dergatschoff war ein Mann von
-fünfundzwanzig Jahren und verheiratet. Die Schwester der Frau und noch
-eine Verwandte von ihr lebten gleichfalls bei ihnen. Das Zimmer war nur
-einfach möbliert, doch ausreichend, und es war sogar sehr sauber. An der
-einen Wand hing ein Porträt, eine ganz billige Lithographie, und in
-einer Ecke ein Heiligenbild ohne metallene Bekleidung, doch mit einem
-brennenden Lämpchen davor. Dergatschoff kam mir entgegen, drückte mir
-die Hand und bat mich, Platz zu nehmen.
-
-»Setzen Sie sich, wir sind hier ganz unter uns.«
-
-»Seien Sie so freundlich,« forderte mich sogleich auch eine recht nett
-aussehende, doch sehr bescheiden gekleidete junge Frau auf, worauf sie
-nach einem freundlichen Gruß das Zimmer verließ.
-
-Das war Dergatschoffs Frau, die offenbar auch ihre Meinung geäußert
-hatte und nun fortging, um ihr Kind zu stillen. So blieben nur noch zwei
-Damen im Zimmer: eine sehr kleine, von etwa zwanzig Jahren, in einem
-schwarzen einfachen Kleide und gleichfalls nicht häßlich, und die andere
-von etwa dreißig Jahren, eine hagere Person mit stechenden Augen. Sie
-saßen ganz still und hörten aufmerksam zu, beteiligten sich aber nicht
-am Gespräch.
-
-Die Herren standen fast alle, nur Krafft und Wassin saßen, und dann als
-Dritter auch ich. Auf diese beiden hatte mich Jefim sogleich aufmerksam
-gemacht; denn auch Krafft sah ich zum erstenmal. Ich stand gleich wieder
-auf und trat auf ihn zu. Sein Gesicht werde ich nie vergessen: keine
-Spur von besonderer Schönheit, aber es lag in ihm ein Ausdruck von
-unendlicher Milde und von fast schon gar zu großem Zartgefühl, obgleich
-sich dabei doch in allem persönliche Würde bemerkbar machte. Er mochte
-ungefähr sechsundzwanzig Jahre alt sein, war ziemlich mager, über
-mittelgroß, blond, mit einem ernsten, doch weichen Gesicht. In allem an
-ihm war gleichsam eine große Stille. Indessen -- so sonderbar das sein
-mag -- ich hätte mein vielleicht sehr nichtssagendes Gesicht doch nicht
-gegen sein Gesicht, das mir so anziehend erschien, eingetauscht. Es lag
-etwas in seinem Gesicht, was ich in meinem Gesicht nicht hätte haben
-wollen, etwas denn doch schon gar zu Ruhiges im ethischen Sinne, etwas
-von der Art eines heimlichen, sich selbst unbewußten Stolzes. Übrigens
-habe ich damals gewiß noch nicht so eingehend urteilen können: es
-scheint mir wohl nur jetzt so, als hätte ich das alles schon bei der
-ersten Begegnung herausgefühlt, jetzt, nach dem Geschehnis.
-
-»Es freut mich sehr, daß Sie gekommen sind,« sagte Krafft zu mir. »Ich
-habe einen Brief, der Sie angeht. Wir können noch eine Weile
-hierbleiben, dann kommen Sie mit zu mir.«
-
-Dergatschoff war mittelgroß von Wuchs, breitschulterig, kräftig, brünett
-und trug einen großen Bart. Aus seinen Augen sprach einsichtsvoller
-Verstand und Scharfblick, doch vor allem Zurückhaltung, die förmlich wie
-eine gewisse unablässige Vorsicht anmutete. Obschon er größtenteils
-schwieg, war er derjenige, der die ganze Unterhaltung leitete. Wassins
-äußere Erscheinung machte auf mich keinen gerade überraschenden
-Eindruck, was mich eigentlich ein wenig wunderte, da ich von ihm schon
-als von einem ungeheuer klugen Menschen hatte reden hören: er war blond,
-hatte große hellgraue Augen, ein sehr offenes Gesicht, in dem
-gleichzeitig ein Ausdruck von etwas vielleicht gar zu großer
-Charakterfestigkeit lag. Man merkte es ihm an, daß er wenig mitteilsam
-war, aber seine Augen verrieten Klugheit; sie waren sogar klüger als die
-Dergatschoffs und auch tiefer, -- er hatte die klügsten Augen von allen
-Anwesenden. Doch übrigens -- vielleicht übertreibe ich hier etwas. Von
-den übrigen sind mir nur noch zwei im Gedächtnis geblieben: ein langer
-brünetter Mensch mit einem dunklen Backenbart, etwa siebenundzwanzig
-Jahre alt, der Lehrer oder etwas Ähnliches war; und dann noch ein junger
-Bursche, ungefähr in meinem Alter, in einer russischen Bluse, mit
-faltigem Gesicht, einer von den Schweigsamen, die mit großem Interesse
-zuzuhören verstehen. Später stellte sich auch heraus, daß er ein
-Bauernsohn war.
-
-»Nein, das ist nicht so aufzufassen,« begann der Lehrer mit dem
-schwarzen Backenbart, der sich von allen am meisten ereiferte, indem er
-offenbar die Diskussion, die durch uns unterbrochen worden war, wieder
-aufnahm. »Von den mathematischen Beweisen will ich weiter nicht reden,
-aber diese Idee, an die zu glauben ich auch ohne mathematische Beweise
-gern bereit bin ...«
-
-»Warte mal, Tichomiroff,« unterbrach ihn Dergatschoff mit ruhig-lauter
-Stimme, »die Eingetretenen wissen noch gar nicht, wovon die Rede ist.
-Wir streiten hier über eine Ansicht,« wandte er sich plötzlich an mich
-ganz allein (und ich muß gestehen, wenn er mich als Neuling examinieren
-und zum Sprechen bringen wollte, so war das sehr geschickt von ihm
-angefangen; ich fühlte dies denn auch sogleich heraus und wappnete mich)
--- ȟber eine Ansicht dieses Herrn Krafft, dessen Charakter und
-Anschauungen wir alle schon kennen, ebenso wie seine Gewissenhaftigkeit,
-mit der er prüft, bevor er urteilt. Er ist nun infolge eines ganz
-gewöhnlichen Faktums zu einem so ungewöhnlichen Schluß gekommen, daß er
-uns alle damit in Erstaunen gesetzt hat. Er hat, wie gesagt, aus dem von
-ihm gesammelten Material den Schluß gezogen, daß das russische Volk ein
-Volk zweiten Ranges sei ...«
-
-»Dritten Ranges!« rief jemand dazwischen.
-
-»... ein Volk zweiten Ranges, das bestimmt ist, nur als Material für
-eine edlere Rasse zu dienen, nicht aber eine selbständige Rolle in den
-Geschicken der Menschheit zu spielen. Und in Erwägung dieses vielleicht
-auch ganz richtigen Schlusses ist Herr Krafft zu der weiteren Folgerung
-gelangt, daß durch eben diese Idee oder Erkenntnis jeder fernere
-Tatendrang in uns Russen paralysiert werden müsse, also mit anderen
-Worten, uns allen müßten die Hände einfach herabsinken ...«
-
-»Erlaub', Dergatschoff, das ist nicht so aufzufassen,« unterbrach ihn
-ungeduldig wieder jener mit dem Backenbart -- Tichomiroff hieß er (und
-Dergatschoff überließ ihm auch sogleich das Wort). »In Anbetracht
-dessen, daß Krafft ernsthafte Studien gemacht, seine Schlüsse auf Grund
-physiologischen Wissens gezogen hat, weshalb er sie auch für
-mathematisch richtig anerkennt, und so vielleicht ganze zwei Jahre
-Studium seiner Idee geopfert hat (die ich mit der größten Ruhe auch _a
-priori_ als bewiesen angenommen hätte) -- in Anbetracht dessen, sage
-ich, das heißt also, wenn man in Betracht zieht, wie sehr ihn diese
-Sache aufgeregt und wie ernst er sie genommen hat, müssen wir sie als
-ein Phänomen auffassen, das von uns als solches untersucht werden will.
-Es ergibt sich nämlich aus dem Ganzen eine Frage, die Krafft nicht
-verstehen kann, und eben das ist es, womit man sich beschäftigen muß,
-also mit Kraffts Unfähigkeit, sie zu verstehen; denn eben diese seine
-Unfähigkeit ist das Phänomen. Jetzt heißt es: entscheiden, ob dieses
-Phänomen in die Klinik gehört, als ein Fall, der in seiner Art einzig
-dasteht, oder ob es nur der Ausdruck einer Eigenschaft ist, die sich
-normalerweise auch bei anderen vorfinden kann. Das festzustellen dürfte
-schon im Hinblick auf die allgemeine Sache von Interesse sein. Was dabei
-Rußland betrifft, so glaube ich ihm gern, was er sagt, ja, ich kann
-sogar gestehen, daß es mich beinahe freut; denn wenn alle sich diese
-Auffassung zu eigen machten, würde sie uns die Hände entfesseln und
-viele von ihrem patriotischen Vorurteil befreien ...«
-
-»Ich habe nicht aus Patriotismus gesprochen,« bemerkte Krafft müde,
-gleichsam schwerfällig und mit Widerwillen.
-
-Alle diese Debatten waren ihm, glaube ich, sehr unangenehm.
-
-»Aus Patriotismus oder nicht, das kommt hier nicht in Frage,« brummte
-Wassin vor sich hin, womit er zum erstenmal sein Schweigen brach.
-
-»Aber inwiefern, bitte mir das zu sagen, inwiefern kann denn Kraffts
-Vernunftschluß einen abhalten, für die Sache der Allmenschheit zu
-wirken?« schrie der Lehrer (nur er allein ereiferte sich so, alle
-anderen sprachen ruhig). »Mag Rußland zur Zweitrangigkeit verurteilt
-sein, man kann doch auch nicht nur für Rußland allein arbeiten! Und
-überdies, wie kann Krafft ein Patriot sein, wenn er schon aufgehört hat,
-an Rußland zu glauben?«
-
-»Zudem ist er ja auch noch ein Deutscher,« ertönte wieder die Stimme,
-die schon einmal dazwischengerufen hatte.
-
-»Ich bin -- Russe,« sagte Krafft.
-
-»Nein, das gehört nicht zur Sache, wenigstens nicht direkt,« bemerkte
-Dergatschoff zu dem gewandt, der die Zwischenbemerkung gemacht hatte.
-
-»Treten Sie aus der Enge Ihrer Idee heraus,« fuhr Tichomiroff fort, ohne
-auf irgendwelche Zwischenrufe zu achten, »wenn Rußland nur das Material
-für edlere Völker ist, ja warum soll es dann nicht als Material dazu
-dienen? Das ist doch, meiner Meinung nach, eine immer noch ganz
-ansehnliche Rolle. Weshalb also soll man sich nicht, im Hinblick auf die
-Erweiterung der Aufgabe, mit dieser Idee zufrieden geben? Die Menschheit
-steht am Vorabend ihrer Wiedergeburt, die schon begonnen hat. Die
-Aufgabe, die vor uns liegt und unserer harrt, können nur Blinde nicht
-erkennen. So laßt doch Rußland Rußland sein, wenn ihr den Glauben daran
-verloren habt, und arbeitet für das Zukünftige, -- für das zukünftige,
-uns noch unbekannte Volk, das aus der ganzen Menschheit hervorgehen
-wird, ohne Unterschied der Rassen. Sowieso wäre Rußland einmal doch
-gestorben; selbst die begabtesten Völker leben im ganzen nur anderthalb,
-höchstens zwei Jahrtausende; ist es da nicht ganz gleich, ob es nun
-zweitausend oder zweihundert Jahre sind? Die Römer haben nicht einmal
-anderthalb Jahrtausende als geschlossenes Volk gelebt und haben sich
-dann gleichfalls in Material verwandelt. Römer gibt es schon lange nicht
-mehr, aber sie haben eine Idee hinterlassen, und diese ist als Element
-späterhin in die Geschicke der Menschheit übergegangen. Wie kann man
-also einem Menschen sagen, daß es nichts zu tun gebe? Ich, für meine
-Person, kann mir ein Leben, in dem es nichts zu tun gibt, in dem
-Schaffen keinen Sinn hätte, überhaupt nicht vorstellen! So arbeitet für
-die Menschheit, und wegen des übrigen macht euch keine Sorgen. Arbeit
-aber gibt es so viel, daß das Leben nicht ausreicht, wenn man sich nur
-mal aufmerksam umschaut!«
-
-»Man muß nach dem Gesetz der Natur und der Wahrheit leben,« sagte hinter
-der Tür Frau Dergatschoff. Die Tür war nicht ganz geschlossen, und durch
-den Spalt sah man sie stehen, das Kind an der Brust, die sie bedeckt
-hatte, und mit brennendem Anteil lauschend.
-
-Krafft hörte mit einem halben Lächeln zu, schließlich sagte er mit einem
-etwas müden, gequälten Ausdruck, doch übrigens mit tiefer
-Aufrichtigkeit:
-
-»Ich verstehe nicht, wie man, wenn man unter dem Einfluß eines
-herrschenden Gedankens steht, dem sich unser Verstand und Herz
-vollkommen unterworfen haben, dann noch für etwas anderes, das außerhalb
-dieses Gedankens liegt, leben kann.«
-
-»Aber wenn man Ihnen doch logisch und mathematisch beweist, daß Ihr
-Vernunftschluß falsch ist, daß der ganze Gedanke falsch ist, daß Sie
-nicht das geringste Recht haben, sich von der allgemeinen nutzbringenden
-Tätigkeit auszuschließen, nur weil Rußland vorherbestimmtermaßen
-zweitrangig ist! Wenn man Sie darauf hinweist, daß an Stelle des alten
-engen Horizonts die Unendlichkeit sich vor Ihnen auftut, daß an Stelle
-der engen Idee des Patriotismus ...«
-
-»Ach!« fiel ihm Krafft mit einer müden Handbewegung ins Wort, »ich sagte
-Ihnen doch schon, daß Patriotismus hiermit nichts zu tun hat.«
-
-»Hier liegt augenscheinlich ein Mißverständnis vor,« mischte sich
-plötzlich Wassin ein. »Der Irrtum besteht darin, daß Krafft nicht nur
-einen logischen Schluß verficht, sondern einen Schluß, der für ihn
-sozusagen zu einem Gefühl geworden ist. Nicht alle Naturen sind von
-gleicher Art; bei vielen verwandelt sich ein logischer Schluß
-tatsächlich in das stärkste Gefühl, das ihr ganzes Wesen ergreift und
-beherrscht, und dies Gefühl zu bannen oder zu verändern, ist nicht
-leicht. Um einen solchen Menschen zu heilen, müßte man eben dieses
-Gefühl ändern, was nur möglich ist, wenn man es durch ein gleichstarkes
-anderes Gefühl ersetzen kann. Das ist unter allen Umständen schwer, in
-vielen Fällen aber einfach unmöglich.«
-
-»Falsch!« rief wieder der Lehrer, »der logische Schluß hebt schon an und
-für sich alle Vorurteile auf. Eine vernünftige Überzeugung gebiert
-dasselbe Gefühl, das heißt, nicht gerade dasselbe, sondern ein
-gleichwertiges, gleichstarkes. Der Gedanke geht aus dem Gefühl hervor,
-und sobald er vom Menschen Besitz ergriffen hat, erzeugt er seinerseits
-ein neues Gefühl!«
-
-»Die Menschen sind sehr verschieden: einige ändern ihre Gefühle leicht,
-andere schwer,« entgegnete Wassin ablenkend, als wolle er den Streit
-nicht fortsetzen; mich aber hatte seine Auffassung schon förmlich
-begeistert.
-
-»So ist's, geradeso wie Sie es sagen!« wandte ich mich plötzlich an ihn,
-indem ich mit einemmal das Schweigen brach und zu sprechen begann, als
-hätte ich nie einen Vorsatz gefaßt. »Sie haben recht, man muß das eine
-Gefühl durch ein anderes ersetzen, um das erste überwinden zu können. In
-Moskau lebte, es sind jetzt vier Jahre her, ein General ... Sehen Sie,
-meine Herren, ich habe ihn zwar nicht gekannt, aber ... Vielleicht hat
-er auch so als Mensch gar keine besondere Beachtung verdient ... Und
-außerdem kann einem der ganze Vorfall, genau genommen, als ein Beispiel
-von Unverstand erscheinen, aber ... Übrigens, sehen Sie, er verlor ein
-Kind oder vielmehr zwei, zwei kleine Mädchen, beide starben kurz
-nacheinander, beide am Scharlach ... Und was glauben Sie, das hat ihn so
-erschüttert, daß er sich nicht mehr aufzuraffen vermochte, er grämte
-sich und grämte sich, und sah bald so aus, daß man ihn nicht ansehen
-konnte, -- und es endete damit, daß er starb, nach Verlauf kaum eines
-halben Jahres. Daß er wirklich nur deshalb gestorben ist, das ist
-Tatsache! Wodurch, fragt es sich nun, hätte man ihn wieder aufrichten
-können? Antwort: durch ein gleichstarkes Gefühl! Man hätte also diese
-beiden kleinen Mädchen herausgraben und ihm lebendig wiedergeben müssen
--- das war's, das heißt, nur bildlich gesprochen. Und da das nicht
-anging, starb er eben. Indessen aber -- was hätte man ihm da nicht alles
-für wunderschöne Schlüsse vorhalten können: daß das Leben vergänglich
-ist, und daß wir alle einmal sterben müssen, ja man hätte ihm sogar aus
-dem Kalender die Statistik vorlesen können, wieviel Kinder jährlich am
-Scharlach sterben, und so weiter ... Er war General außer Dienst ...«
-
-Ich stockte, fast außer Atem, und sah mich im Kreise um.
-
-»Aber das ist doch etwas ganz anderes,« sagte irgend jemand.
-
-»Die von Ihnen angeführte Tatsache entspricht zwar nicht ganz dem in
-Frage stehenden Fall, aber sie hat doch Ähnlichkeit mit ihm und erklärt
-die Sache anschaulicher,« sagte Wassin, sich zu mir wendend.
-
-
- IV.
-
-Hier muß ich nun bekennen, weshalb mich Wassins Argument von der Idee,
-die zum Gefühl wird, so begeisterte, und gleichzeitig will ich etwas
-gestehen, dessen ich mich höllisch schämen muß.
-
-Ja, ich hatte wirklich Angst gehabt, zu Dergatschoff zu gehen, wenn auch
-nicht aus dem Grunde, den Jefim annahm. Ich hatte Angst und hatte mich
-schon in Moskau vor ihnen gefürchtet. Ich wußte, daß sie (das heißt, ob
-es nun gerade diese oder andere waren, bleibt sich gleich, ich meine nur
-Leute von ihrer Art) -- daß sie Dialektiker waren und mir womöglich
-meine »Idee« in Trümmer schlagen konnten. Zwar glaubte ich fest an mich
-selbst, und daß ich ihnen meine Idee mit keiner Silbe verraten würde;
-aber schließlich könnten sie mir (das heißt wieder, sie oder
-ihresgleichen) irgend etwas sagen, was vielleicht ohne ihr Wissen einen
-solchen Eindruck auf mich machte, daß ich dann selbst und ohne fremden
-Beistand meine Illusionen über meine Idee zerstörte; und eine solche
-Ernüchterung war jederzeit möglich, auch wenn ich, getreu meinem
-Vorsatz, kein Wort über meine Idee verlauten ließ. In meiner »Idee« gab
-es Fragen, auf die ich noch keine Antwort gefunden hatte, aber ich
-wollte nicht, daß ein anderer für mich das Beantworten übernahm. In den
-letzten zwei Jahren hatte ich sogar das Bücherlesen aufgegeben, weil ich
-fürchtete, auf eine Stelle zu stoßen, die nicht zugunsten meiner Idee
-sprach und mich vielleicht wankend machen konnte. Und da hatte nun
-Wassin mit einem Satz das ganze Problem gelöst und mich beruhigt, -- ich
-meine, im _höheren_ Sinne beruhigt. In der Tat, was hatte ich denn
-gefürchtet, und was konnten sie mir mit ihrer ganzen Dialektik
-schließlich anhaben? Ich war dort vielleicht der einzige unter ihnen
-allen, der überhaupt begriff, was Wassin mit dieser »Idee, die zum
-Gefühl wird«, oder sagen wir, mit dem »Ideegefühl«, gemeint hatte. Es
-genügt noch nicht, daß man die uns beherrschende Idee widerlegt, man muß
-einen Ersatz für sie bieten, muß sie gegen etwas ebenso Großes
-eintauschen können; anderenfalls widerlege ich in meinem Herzen, da ich
-um keinen Preis meine Gefühle hergeben will, alles, was sie dort an
-Widerlegungen vorbringen, selbst wenn ich dabei meine Logik
-vergewaltigen muß. Was aber konnten sie mir als Ersatz anbieten? Deshalb
-hätte ich mutiger sein können, ja, es wäre sogar meine erste Pflicht
-gewesen, männlicher zu sein. So fühlte ich mich, während mich Wassins
-Idee begeisterte, tief innerlich doch beschämt und kam mir vor wie ein
-unmündiges Kind.
-
-Und dann hatte ich mich noch aus einem anderen Grunde zu schämen. Nicht
-der erbärmliche Wunsch, mich mit meinem Verstande hervorzutun, hatte
-mich zum Sprechen veranlaßt, sondern vielmehr das Verlangen, mich ihnen
-an den Hals zu werfen. Dieses Verlangen, mich anderen »an den Hals zu
-werfen«, damit sie mich für gut und klug und Gott weiß was noch alles
-hielten (kurz, irgend so eine Schweinerei), halte ich für das
-Schmählichste und Ekelhafteste, dessen ich mich zu schämen habe. Ich
-hatte es schon lange geahnt, oder richtiger, mich selbst dieses
-Verlangens verdächtigt, und ich wußte auch damals schon, daß der Keim
-desselben in jenem »Winkelleben«, das ich solange geführt habe -- was
-ich übrigens gar nicht bereue -- zu suchen war. Ich wußte, daß ich unter
-Menschen verschlossener sein mußte. Aber nach jedem mich beschämenden
-Ausfall meinerseits konnte ich mich immer noch damit trösten, daß meine
-»Idee« mir doch als mein unangetastetes geheimstes Eigentum verblieb,
-daß ich sie nicht preisgegeben, nicht verraten hatte. Mit Bangen
-versuchte ich zuweilen, mir vorzustellen, wie das wäre, wenn ich einmal
-einem anderen Menschen meine Idee schon verraten hätte: dann würde ich
-plötzlich nichts Eigenes mehr haben, dann würde ich plötzlich ganz so
-sein wie alle anderen, würde mich durch nichts mehr von ihnen
-unterscheiden und würde vielleicht auch die ganze Idee alsdann aufgeben.
-Deshalb hütete ich sie wie mein Kleinod und wußte mich mit ihr nur in
-der Einsamkeit sicher, und deshalb -- deshalb zitterte ich davor, daß
-ich zum Reden und Schwatzen gebracht werden könnte. Und da hatte ich nun
-bei Dergatschoff, also schon bei der ersten Versuchung, nicht
-standzuhalten vermocht! Verraten hatte ich meine Idee freilich nicht,
-aber geschwatzt hatte ich doch in geradezu schmählicher Weise. Und das
-Ergebnis davon war natürlich eine beschämende Schlappe. Scheußliche
-Erinnerung! Nein, ich darf nicht mit Menschen zusammen leben. Das ist
-auch heute noch meine Meinung, und die werde ich nicht ändern; ich sage
-das für vierzig Jahre im voraus. Meine Idee ist gleichbedeutend mit
-einem Leben im Winkel. Meine Idee ist eins mit -- Einsamkeit.
-
-
- V.
-
-Kaum hatte Wassin mir beigepflichtet, da erfaßte mich auch schon das
-unbezwingliche Verlangen, zu sprechen.
-
-»Meiner Meinung nach hat jeder Mensch das Recht, seine Gefühle zu haben
-... wenn sie auf seiner Überzeugung beruhen ... und -- ohne daß jemand
-ihm ihretwegen Vorwürfe machen dürfte,« wandte ich mich an Wassin. Ich
-sprach es zwar ganz verwegen aus, aber es war mir doch, als sei nicht
-ich es, der da sprach, und als bewege sich eine fremde Zunge in meinem
-Munde.
-
-»Meinen Sie?« fragte sogleich mit gedehnter Ironie dieselbe Stimme, die
-Dergatschoff unterbrochen und Krafft gesagt hatte, er sei ein Deutscher.
-Da ich ihn für ein ganz nichtswürdiges Subjekt hielt, wandte ich mich an
-den Lehrer, als hätte er gefragt.
-
-»Es ist meine Überzeugung, daß ich niemanden richten darf,« sagte ich,
-zitternd vor innerer Erregung; denn ich fühlte schon, daß meine
-Zurückhaltung nur noch von kürzester Dauer sein konnte.
-
-»Weshalb denn so bescheiden?« ertönte wieder die Stimme des
-Nichtswürdigen.
-
-»Jeder hat seine Idee,« sagte ich, immer noch zum Lehrer gewandt, den
-ich scharf ins Auge faßte, während dieser ruhig schwieg und mich mit
-einem Lächeln betrachtete.
-
-»Und Ihre wäre?« fragte wieder der Nichtswürdige.
-
-»Das zu erzählen würde zu viel Zeit kosten ... Aber zum Teil besteht
-meine Idee gerade darin, daß man mich in Ruh' lassen soll. Solange ich
-noch zwei Rubel in der Tasche habe, will ich von keinem anderen abhängig
-sein (beunruhigen Sie sich nicht, ich kenne die Erwiderungen), und
-solange will ich auch nichts tun, -- nicht einmal für jene gepriesene
-zukünftige Menschheit, für die zu arbeiten Sie Herrn Krafft
-aufforderten. Persönliche Freiheit, das heißt, ich rede nur von meiner
-eigenen, ist für mich die erste Bedingung, alles andere geht mich nichts
-an.«
-
-Mein Fehler war nur der, daß ich mich ärgerte.
-
-»Sie predigen also die Ruhe einer satten Kuh?«
-
-»Meinetwegen. Eine Kuh beleidigt nicht. Ich bin keinem Menschen etwas
-schuldig, ich zahle dem Staat oder der Gesellschaft in Form von Steuern
-die Entschädigung dafür, daß man mich nicht bestiehlt, nicht verprügelt,
-nicht totschlägt, mehr aber darf niemand von mir verlangen. Vielleicht
-bin ich für mich persönlich auch anderer Meinung und will der Menschheit
-dienen, und werde es auch wirklich, und das vielleicht noch zehnmal
-mehr, als diese Prediger allesamt. Ich will aber in erster Linie, daß
-niemand von mir das zu _fordern_ sich unterstehen darf, wie vor ein paar
-Augenblicken von Herrn Krafft. Es soll mein freier Wille sein, ob ich
-was tue oder nicht, und daß ich, wenn ich nicht will, nicht einen Finger
-zu rühren brauche. Aber herumzulaufen und vor lauter Liebe zur
-Menschheit allen um den Hals zu fallen und vor Rührung in Tränen zu
-zerfließen -- das ist jetzt nur so Mode. Ja, warum soll ich denn
-unbedingt meinen Nächsten lieben oder da Ihre zukünftige Menschheit, die
-ich nie sehen werde, die von mir nichts wissen wird und die, wenn an sie
-die Reihe kommt, ebenfalls spurlos vergehen wird, ohne irgendwelche
-sichtbare Erinnerung zu hinterlassen (die Zeit spielt hierbei gar keine
-Rolle), wenn die Erde sich zuletzt in einen Eisblock verwandelt und im
-luftleeren Raum mit einer unendlichen Anzahl ganz genau solcher
-Eisblöcke herumfliegen wird, das heißt also, wenn etwas dermaßen
-Sinnloses geschieht, wie man sich Sinnloseres gar nicht mehr vorstellen
-kann. Da haben Sie Ihre ganze Lehre! So sagen Sie mir doch, warum soll
-ich denn unbedingt edel sein, und noch dazu, wenn doch alles nur eine
-Minute dauert?«
-
-»Bah!« ließ sich wieder die Stimme vernehmen.
-
-Ich hatte das alles nervös und geärgert hervorgestoßen, als hätte ich
-alle Stricke mit einem Ruck zerrissen. Ich fühlte und wußte, daß ich,
-bildlich gesprochen, in eine Grube fiel, aber ich hielt mich nicht
-zurück, im Gegenteil, ich drängte mich vorwärts, ich überstürzte mich,
-denn ich fürchtete, unterbrochen zu werden. Ich fühlte es ja selbst nur
-zu gut, daß ich alles das wie durch ein Sieb aus mir herausschüttete,
-ohne Zusammenhang, ohne darauf zu achten, daß ich vom Hundertsten ins
-Tausendste geriet, aber es drängte mich, und ich beeilte mich, sie zu
-überzeugen, sie alle zu besiegen. Das war so wichtig für mich! Ich hatte
-mich drei Jahre lang vorbereitet! Eines war aber dabei doch
-bemerkenswert: sie verstummten plötzlich alle, ja, sie erwiderten so gut
-wie nichts, sondern hörten nur zu. Ich fuhr fort, und wieder wandte ich
-mich an den Lehrer.
-
-»Ja. Ein äußerst kluger Mensch hat einmal unter anderem gesagt, daß
-nichts schwerer sei, als auf die Frage zu antworten: >Warum soll ich
-unbedingt edel sein?< Sehen Sie, es gibt drei Arten Schufte in der Welt:
-erstens die naiven Schufte -- das sind die, die überzeugt sind, daß ihre
-Schuftigkeit der höchste Edelmut sei; zweitens die verschämten Schufte
--- das sind die, die sich der eigenen Schuftigkeit zwar schämen, dabei
-aber doch bei ihrer Schuftigkeit unbedingt verharren. Und schließlich
-einfach Schufte, sagen wir: _echte_ Schufte oder Vollblutschufte.
-Erlauben Sie: ich hatte einen Schulkameraden, einen gewissen Lambert,
-der sagte mir mal, als er erst sechzehnjährig war, daß er, sobald er mit
-seiner Mündigkeit sein Erbe erhalte, als größtes Vergnügen sich die
-Wonne leisten werde, Hunde mit Brot und Fleisch zu füttern, wenn die
-Kinder der Armen Hungers sterben; und wenn sie nichts hätten, womit sie
-ihre Öfen heizen könnten, werde er einen ganzen Holzhof kaufen, das Holz
-auf freiem Felde aufstapeln und das Feld heizen, den Armen aber werde er
-kein Scheit geben. Das waren seine Gefühle! Nun sagen Sie mir, bitte,
-was ich einem solchen _echten_ Schuft auf die Frage, warum er denn
-unbedingt edel sein müsse, antworten könnte? Und das noch dazu jetzt, in
-unserer Zeit, in der Sie doch alles so entstellt haben, daß man
-überhaupt nicht mehr weiß, woran man sich halten soll, denn etwas
-Schlimmeres als das, was jetzt ist, hat es noch nie gegeben. Ja, meine
-Herren, ich kann wohl sagen, daß in unserer Gesellschaft heute nichts
-weniger als Klarheit herrscht. Sie leugnen doch Gott, Sie leugnen den
-Tatendrang, -- ja, was für eine taube, blinde, stumpfe Macht kann mich
-dann dazu bewegen, _so_ zu handeln, wenn es für mich _anders_
-vorteilhafter ist? Sie sagen: ein vernünftiges Verhältnis zur Menschheit
-sei auch für mich am vorteilhaftesten. Aber wenn mir nun diese
-Vernünftigkeit als Unvernunft erscheint, alle diese Kasernen und
-Phalansterien? So hol' sie doch der Teufel, was gehen sie mich an, sie,
-wie die ganze Zukunft überhaupt, wenn ich im ganzen nur ein einziges Mal
-auf der Welt lebe! Erlauben Sie mir, selbst besser zu wissen, was für
-mich am vorteilhaftesten ist, -- so hat man auch mehr davon. Was geht es
-mich an, was nach tausend Jahren mit dieser Ihrer Menschheit sein wird,
-wenn mir für das, was Sie >vernünftiges Verhältnis zur Menschheit<
-nennen, nach Ihrem Kodex weder Liebe, noch ein Jenseits, noch die
-Anerkennung, daß ich eine große Tat vollbracht, zuteil wird? Nein, ich
-danke, wenn das so ist. Da werde ich doch lieber in der
-rücksichtslosesten Weise nur für mich leben, und die übrigen mag
-meinetwegen der Teufel holen!«
-
-»Ein prachtvoller Wunsch!«
-
-»Übrigens bin ich jederzeit bereit, mit von der Partie zu sein.«
-
-»Noch besser!« (Immer dieselbe Stimme.)
-
-Die anderen schwiegen nach wie vor und musterten mich mehr oder weniger
-unverhohlen; doch schon glaubte ich, irgendwoher ein Kichern zu
-vernehmen, allerdings leise noch, aber sie grinsten mir alle ganz offen
-ins Gesicht. Nur Wassin und Krafft taten es nicht. Jener mit dem
-schwarzen Backenbart lächelte gleichfalls; dabei sah er mich die ganze
-Zeit unausgesetzt an und hörte aufmerksam zu.
-
-»Meine Herren,« fuhr ich fort, und ich zitterte schon am ganzen Körper,
-»glauben Sie nicht, daß ich Ihnen meine Idee preisgeben werde, das tue
-ich um nichts in der Welt. Aber ich werde Sie dafür von Ihrem
-Standpunkte aus fragen -- glauben Sie nicht, ich fragte von meinem
-eigenen aus, denn ich liebe die Menschheit vielleicht tausendmal mehr,
-als Sie alle zusammengenommen! So sagen Sie mir doch -- und Sie müssen
-mir jetzt Rede stehen, Sie sind verpflichtet, mir zu antworten, weil Sie
-lachen, -- sagen Sie: Wodurch wollen Sie mich gewinnen, wodurch mich
-verlocken, daß ich mich Ihnen anschließe? Sagen Sie doch, womit Sie mir
-beweisen wollen, daß es bei Ihnen besser sein werde? Was werden Sie denn
-in Ihrer Kaserne mit dem Protest meiner Persönlichkeit anfangen? Ich
-habe, meine Herren, schon lange den Wunsch gehabt, mit Ihnen einmal
-zusammenzukommen. Sie werden dort in Ihrer Zukunft Kasernenbauten,
-gemeinsame Wohnungen, _stricte nécessaire_,{[21]} Atheismus und
-gemeinsame Frauen ohne Kinder haben, -- das ist doch Ihr Finale, ich
-weiß es ja schon. Und für ein solches Leben, für dies bißchen
-Durchschnittsvorteil, den mir Ihre Vernünftigkeit sicherstellt, für
-einen satten Magen und ein warmes Zimmer -- dafür fordern Sie von mir
-als Preis meine ganze Persönlichkeit! Erlauben Sie: nehmen wir an, ein
-anderer nimmt mir dort meine Frau fort: wollen Sie mir dann auch meine
-Persönlichkeit so weit nehmen, daß ich dem Gegner nicht den Schädel
-einschlagen darf? Sie werden mir jetzt darauf erwidern, ich würde dort
-schon ganz von selbst um so viel vernünftiger werden, daß ich unter
-diesen Umständen gar nicht mehr ein solches Verlangen verspüren könnte.
-Aber was wird denn die Frau zu einem so vernünftigen Manne sagen, wenn
-sie auch nur ein Atom von Selbstachtung hat? Das ist doch
-widernatürlich! Schämen sollten Sie sich!«
-
-»Sie sind wohl, was Frauen betrifft -- Spezialist?« ertönte geradezu
-schadenfroh wieder die Stimme des Nichtswürdigen.
-
-Einen Moment war ich im Begriff, mich auf ihn zu stürzen und meine
-Fäuste zu gebrauchen. Er war klein von Wuchs, rothaarig, mit
-Sommersprossen ... Übrigens zum Teufel mit seinem ganzen Äußeren!
-
-»Beruhigen Sie sich, ich habe noch nie ein Weib gekannt,« versetzte ich
-schneidend, indem ich mich zum erstenmal an ihn wandte.
-
-»Ein kostbares Bekenntnis, nur hätte es im Hinblick auf die anwesenden
-Damen etwas rücksichtsvoller ausfallen können!«
-
-Doch da gerieten plötzlich alle in Bewegung: man griff nach den Hüten
-und brach auf -- natürlich nicht meinetwegen, sondern einfach, weil es
-für sie alle an der Zeit war. Aber das Beschämende, das in ihrem
-schweigenden Verhalten zu mir lag, empfand ich bis zur Pein. Ich sprang
-natürlich sofort auf, um mich gleichfalls zu verabschieden.
-
-»Erlauben Sie einstweilen, daß ich mich nach Ihrem Namen erkundige; Sie
-haben mich die ganze Zeit angesehen,« sagte da der Lehrer, indem er mit
-dem gemeinsten Lächeln auf mich zutrat.
-
-»Dolgoruki.«
-
-»Fürst Dolgoruki?«
-
-»Nein, einfach Dolgoruki, gesetzlich der Sohn des ehemaligen Leibeigenen
-Makar Dolgoruki, und in Wirklichkeit der uneheliche Sohn meines früheren
-Gutsherrn Werssiloff. -- Beunruhigen Sie sich nicht, meine Herren: ich
-sagte das durchaus nicht, damit Sie mir gleich um den Hals fallen und
-wir alle vor lauter Rührung wie die Kälber zu heulen anfangen!«
-
-Schallendes, ungeniertestes Gelächter war die Antwort, so daß der im
-Nebenzimmer eingeschlafene Säugling aufwachte und mit schwachem
-Stimmchen zu schreien begann. Ich bebte vor Wut. Alle drückten sie
-Dergatschoff die Hand und entfernten sich, ohne mich überhaupt noch zu
-beachten.
-
-»Gehen wir,« sagte Krafft, und er berührte mich am Arm. Ich trat auf
-Dergatschoff zu und drückte ihm aus aller Kraft die Hand und schüttelte
-sie außerdem noch ein paarmal gleichfalls aus aller Kraft.
-
-»Entschuldigen Sie, daß Kudrjumoff (so hieß der Rothaarige) Sie die
-ganze Zeit gekränkt hat,« sagte Dergatschoff zu mir.
-
-Ich folgte Krafft, der schon hinaustrat. Ich schämte mich nicht im
-geringsten.
-
-
- VI.
-
-Selbstverständlich ist zwischen dem Menschen, der ich damals war, und
-dem, der ich jetzt bin, ein unermeßlicher Unterschied.
-
-Als ich hinaustrat, fuhr ich noch fort, >mich nicht im geringsten zu
-schämen<, und holte auf der Treppe Wassin ein, während ich Krafft, der
-mich im Augenblick weniger interessierte, vorausgehen ließ. Und als wäre
-nichts vorgefallen, fragte ich Wassin mit der unbefangensten Miene der
-Welt:
-
-»Ich glaube, Sie kennen meinen Vater, ich meine Werssiloff?«
-
-»Ich bin eigentlich nicht gerade bekannt mit ihm,« antwortete mir Wassin
-sogleich mit größter Bereitwilligkeit (und ohne die geringste Spur von
-jener kränkenden, ganz besonderen Höflichkeit, die sonst zartfühlende
-Leute an den Tag zu legen pflegen, wenn sie mit einem, der sich gerade
-blamiert hat, sprechen müssen) »-- aber ich kenne ihn immerhin ein
-wenig: ich bin mit ihm zusammengekommen und habe ihn reden hören.«
-
-»Nun, dann kennen Sie ihn natürlich, denn _Sie_ -- sind eben _Sie_! Was
-halten Sie von ihm? Verzeihen Sie meine vorschnelle Frage, aber ich muß
-es wissen. Gerade wie _Sie_ über ihn denken, gerade _Ihre_ Meinung ist
-für mich von größter Wichtigkeit.«
-
-»Sie fragen etwas viel auf einmal. Ich glaube, dieser Mensch ist fähig,
-ungeheure Anforderungen an sich selbst zu stellen und sie vielleicht
-auch zu erfüllen, -- nur ist er ein Mensch, der keinem Rechenschaft
-gibt.«
-
-»Das ist richtig, das ist sehr richtig, er ist wirklich ein sehr stolzer
-Mensch! Aber ist er auch ein reiner Mensch? Hören Sie, was halten Sie
-von seinem Katholizismus? Übrigens, ich vergaß, Sie wissen vielleicht
-noch nichts davon ...«
-
-Wenn ich nicht so erregt gewesen wäre, hätte ich ihn wohl nicht so
-überrumpelt mit meinen Fragen, wenigstens ihn nicht so blindlings mit
-ihnen angerannt, zumal ich doch nur durch andere von ihm gehört, aber
-noch nie persönlich mit ihm gesprochen hatte. Es wunderte mich nur, daß
-Wassin meine Verrücktheit gar nicht zu bemerken schien.
-
-»Ich habe allerdings davon gehört, nur weiß ich nicht, wieviel daran
-Wahres ist,« antwortete er ebenso ruhig und in ganz demselben Ton, wie
-er vorher gesprochen hatte.
-
-»Nichts! Kein Wort! -- glauben Sie mir. Das ist einfach eine
-Verleumdung! Hielten Sie es denn wirklich für möglich, daß er an Gott
-glauben könnte?«
-
-»Er ist ... ein sehr stolzer Mensch, wie Sie soeben selbst sagten, viele
-aber von diesen sehr Stolzen lieben es, an einen Gott zu glauben,
-besonders diejenigen, die für die übrigen Menschen eine gewisse
-Verachtung empfinden. Viele starke Menschen haben, wie mir scheint,
-geradezu ein natürliches Bedürfnis, jemand oder etwas zu finden, vor dem
-sie sich beugen können. Für einen starken Menschen ist es oft sehr
-schwer, seine eigene Stärke zu ertragen.«
-
-»Hören Sie, das ist, glaube ich, eine grandiose Wahrheit!« rief ich
-wieder ganz begeistert aus, »nur begreife ich nicht ...«
-
-»Der Grund ist hier doch ziemlich klar: sie wählen Gott, um sich nicht
-vor Menschen zu beugen; -- natürlich ohne selbst zu ahnen, was sie
-innerlich dazu bewegt. Vor Gott sich zu beugen, ist für ihren Stolz
-nicht so erniedrigend. Man kann wohl sagen, daß aus ihrer Mitte die
-inbrünstigsten Gläubigen hervorgehen -- oder richtiger: solche, die den
-inbrünstigsten Wunsch haben, zu glauben, und diesen Wunsch schon für den
-Glauben selbst halten. Gerade von diesen sind viele zum Schluß
-enttäuscht. Was Herrn Werssiloff betrifft, so denke ich, daß zu seinen
-Charakterzügen auch eine ungewöhnliche Aufrichtigkeit gehört. Und
-überhaupt hat er mein Interesse erweckt.«
-
-»Wassin, Sie ahnen gar nicht, was für eine Freude Sie mir damit machen,
-daß Sie sich in dieser Weise über ihn äußern!« rief ich. »Ich wundere
-mich nicht über Ihren Verstand und Ihre Urteilskraft, ich wundere mich
-vielmehr darüber, wie Sie, der Sie doch als Mensch so rein sind und so
-unermeßlich hoch über mir stehen, -- wie Sie jetzt hier so mit mir gehen
-und so einfach und freundlich mit mir sprechen können, ganz als wäre
-nichts passiert!«
-
-Wassin lächelte.
-
-»Sie äußern sich doch wohl etwas zu überschwenglich über mich. Passiert
-ist dort nur das, daß Sie gar zu sehr abstrakte Gespräche lieben. Sie
-haben wahrscheinlich bis heute sehr lange geschwiegen.«
-
-»Ich habe drei Jahre geschwiegen, ich habe mich drei Jahre lang
-vorbereitet zu sprechen ... Als Dummkopf konnte ich Ihnen natürlich
-nicht erscheinen, dazu sind Sie selbst viel zu klug -- obschon man sich
-schwerlich noch dümmer benehmen kann, als ich es vorhin tat. Dafür aber
-haben Sie mich für einen Schuft halten müssen!«
-
-»Für einen Schuft?«
-
-»Ja, zweifellos! Sagen Sie, verachten Sie mich denn nicht im stillen
-wegen meiner Mitteilung, daß ich Werssiloffs unehelicher Sohn bin ...
-und wegen meiner Prahlerei, daß ich nach dem Gesetz der Sohn eines
-Leibeigenen bin?«
-
-»Sie quälen sich selbst zu viel. Wenn Sie finden, daß es nicht gut war,
-so brauchen Sie es einfach ein nächstes Mal nicht wieder zu tun. Sie
-haben noch fünfzig Jahre vor sich.«
-
-»Oh, ich weiß! -- ich weiß, daß ich unter Menschen sehr schweigsam sein
-muß. Das schmählichste von allen Lastern ist -- sich anderen an den Hals
-zu werfen. Das habe ich denen dort soeben erst gesagt, und da werfe ich
-mich hier schon wieder Ihnen an den Hals! Aber es ist doch ein
-Unterschied, es ist doch einer, nicht? Wenn Sie aber diesen Unterschied
-begreifen, wenn Sie fähig sind, ihn zu begreifen, so werde ich diese
-Stunde segnen!«
-
-Wassin lächelte wieder.
-
-»Besuchen Sie mich, wenn Sie Lust haben,« sagte er. »Ich habe jetzt zwar
-eine Arbeit vor und bin sehr beschäftigt, aber Sie werden mir trotzdem
-eine Freude machen, wenn Sie kommen.«
-
-»Als ich Sie vorhin sah, glaubte ich aus Ihrem Gesicht zu ersehen, daß
-Sie ein übermäßig charakterfester und unmitteilsamer Mensch sind.«
-
-»Das ist vielleicht sehr richtig. Ich habe Ihre Schwester Lisaweta
-Makarowna im vorigen Jahr in Luga kennen gelernt ... Krafft ist
-stehengeblieben und wartet auf Sie, wie's scheint. Er muß hier von
-meinem Wege abbiegen.«
-
-Ich drückte Wassin kräftig die Hand und holte mit schnellen Schritten
-Krafft ein, der die ganze Zeit, während ich mit Wassin sprach, außer
-Hörweite uns vorangegangen war. Schweigend gingen wir bis zu seiner
-Wohnung. Ich wollte und konnte noch nicht mit ihm sprechen. Im Charakter
-Kraffts war aber einer der hervortretendsten Züge ungeheures Zartgefühl.
-
-
- Viertes Kapitel.
-
-
- I.
-
-Krafft hatte früher irgendwo eine Stellung gehabt, war aber gleichzeitig
-dem verstorbenen Andronikoff bei der Führung verschiedener
-Privatgeschäfte, mit denen sich dieser beständig noch neben seiner
-Amtstätigkeit befaßt hatte, behilflich gewesen (natürlich gegen eine
-materielle Entschädigung). Für mich war es nun von besonderer
-Wichtigkeit, daß Krafft, eben als ehemaliger Mitarbeiter Andronikoffs,
-in vieles von dem, was mich so sehr interessierte, eingeweiht sein
-konnte. Außerdem hatte mir Marja Iwanowna gesagt -- die Frau Nikolai
-Ssemjonowitschs, bei dem ich als Gymnasiast lange Jahre gelebt habe, und
-die als leibliche Nichte und Pflegetochter Andronikoffs dessen Liebling
-gewesen war --, daß Krafft sogar »beauftragt« sei, mir etwas zu
-übergeben. Deshalb hatte ich denn auch den ganzen Monat mit Spannung auf
-ihn gewartet.
-
-Er lebte in einer kleinen Wohnung von zwei Zimmern, wohnte dort ganz
-allein, und jetzt, nach der Rückkehr von der Reise, sogar ohne
-Bedienung. Sein Koffer war zwar schon aufgeschlossen, doch noch nicht
-ausgepackt; ein Teil der Sachen lag auf den Stühlen umher, und auf dem
-Tisch vor dem Sofa lagen ein Reisesack, ein Necessaire, ein Revolver und
-noch verschiedenes andere. Als wir eintraten, war Krafft tief in
-Gedanken versunken und schien mich ganz vergessen zu haben; ja,
-vielleicht war es ihm überhaupt nicht zum Bewußtsein gekommen, daß ich
-unterwegs nicht mit ihm gesprochen hatte. Er begann sogleich irgend
-etwas zu suchen, doch als er dabei zufällig in den Spiegel sah, blieb er
-stehen und betrachtete sich eine ganze Weile aufmerksam. Das fiel mir
-zwar als sonderbar auf (und später habe ich mich alles dessen nur zu gut
-erinnert), aber in jenem Augenblick war ich sehr niedergeschlagen und
-verwirrt. Ich hatte nicht die Kraft, meine Gedanken zu konzentrieren.
-Plötzlich wollte ich kurz entschlossen fortgehen und »die ganze Sache
-für immer aufgeben«. Ja, und was war denn das alles, genau genommen? War
-es nicht eine ganz unnützerweise mir von mir selbst eingeredete Sorge?
-Der Gedanke war zum Verzweifeln, daß ich hier einzig aus Sentimentalität
-eine Menge Energie auf wertlose Kleinigkeiten verschwendete, während
-eine so große Aufgabe, wie ich sie vor mir sah, meiner ganzen Energie
-restlos bedurfte. Indessen aber hatte sich meine Unfähigkeit zu einer
-ernsten Sache, wie mir schien, durch das, was bei Dergatschoff geschehen
-war, schon selbst ein glänzendes Zeugnis ausgestellt.
-
-»Sagen Sie, Krafft, werden Sie jemals wieder zu diesen da ... hingehen?«
-fragte ich ihn plötzlich. Er wandte sich langsam zu mir und sah mich an,
-als verstünde er mich nicht recht. Ich setzte mich auf einen Stuhl.
-
-»Verzeihen Sie ihnen!« sagte er da auf einmal.
-
-Ich hielt das im ersten Augenblick natürlich für Spott; doch wie ich ihn
-prüfend ansah, gewahrte ich in seinem Gesicht einen Ausdruck so
-seltsamer und erstaunlicher Treuherzigkeit, daß es mich selber
-wundernahm, wie er mich denn so im Ernst hatte bitten können, ihnen zu
-»verzeihen«. Er nahm einen Stuhl und setzte sich neben mich.
-
-»Ich weiß es selbst, daß ich vielleicht nur ein Konglomerat aller
-Ehrgeize bin und nichts weiter,« begann ich, »aber um Verzeihung bitte
-ich nicht.«
-
-»Und es ist ja auch niemand da, den Sie bitten könnten,« sagte er ernst
-und leise. Er sprach die ganze Zeit leise und sehr langsam.
-
-»Mag ich auch tausendmal vor mir selber schuldig sein ... Ich liebe es,
-mich vor mir schuldig zu fühlen ... Krafft, verzeihen Sie, daß ich Ihnen
-nicht die Wahrheit sage! -- Sagen Sie, gehören Sie denn wirklich auch zu
-diesem Kreise? Das war es, was ich Sie fragen wollte.«
-
-»Die dort sind nicht dümmer als andere und nicht klüger; sie sind --
-geisteskranke Menschen wie alle.«
-
-»Sind denn alle geisteskrank?« Ich wandte mich zu ihm und sah ihn mit
-unwillkürlicher Neugier an.
-
-»Von den besseren sind jetzt alle geisteskrank. _In jubilo_ gelebt wird
-nur von der geistigen Mittelmäßigkeit und Unbegabtheit ... Übrigens,
-wozu davon reden, es lohnt ja nicht.«
-
-Während er sprach, schaute er vor sich in die Luft, jedoch ohne etwas zu
-sehen, begann seine Sätze und brach sie wieder ab. Was mir ganz
-besonders auffiel, war eine gewisse wehmütige Mutlosigkeit in seiner
-Stimme.
-
-»Sollte auch Wassin zu ihnen gehören? In Wassin steckt Verstand, Wassin
-hat eine sittliche Idee!« rief ich.
-
-»Sittliche Ideen gibt es jetzt überhaupt nicht; plötzlich erwies es
-sich, daß keine einzige vorhanden war, und die Hauptsache, es ist, als
-hätte es auch früher nie welche gegeben.«
-
-»Wie, auch früher nicht?«
-
-»Lassen wir dies lieber,« sagte er sichtlich ermüdet.
-
-Sein trauriger Ernst ging mir nahe. Ich schämte mich meiner Selbstsucht
-und versuchte, auf seinen Ton einzugehen.
-
-»Unsere Zeit,« begann er selbst wieder nach einer Weile, dabei immer
-noch vor sich in die Luft starrend, »unsere Zeit ist das Zeitalter der
-goldenen Mittelmäßigkeit und der Gefühlsstumpfheit, der größten Vorliebe
-für Unwissenheit und Faulheit, ist das Zeitalter der Unfähigkeit zur Tat
-und des Verlangens, alles fertig vorzufinden. Kein Mensch denkt nach;
-selten bringt es jemand bis zu einer eigenen Idee.«
-
-Er schwieg eine Weile, dann fuhr er fort:
-
-»Jetzt fällen sie in Rußland die Wälder, erschöpfen den Boden,
-verwandeln das Land in eine Steppe und bereiten es für die Kalmücken
-vor. Sollte aber ein Mensch noch Hoffnung haben und einen jungen Baum
-pflanzen -- da würden sie ihn einfach auslachen: >Wirst du denn noch bis
-zur Nutznießung leben?< Die aber, die das Gute wollen, die verbringen
-ihr Leben in Debatten über das, was nach tausend Jahren sein wird. Jede
-festigende Idee fehlt den Menschen. Alle sind wie auf einer Bahnstation,
-und es ist, als müßten sie morgen schon hinaus aus Rußland, alle leben,
-als dächten sie: wenn's nur für uns noch langt!«
-
-»Erlauben Sie, Krafft, Sie sagten: die das Gute wollen, die dächten nur
-daran, was nach tausend Jahren sein wird. Nun, aber Ihr Verzweifeln ...
-an Rußlands Schicksal ... ist das -- ist das nicht eine Sorge von
-derselben Art?«
-
-»Das -- das ist die erste und wichtigste Frage, die es für uns heute
-überhaupt gibt!« stieß er gereizt hervor und erhob sich schnell.
-
-»Ach so! Da hätte ich es fast vergessen!« sagte er plötzlich, wie sich
-besinnend und mit ganz anderer Stimme, und dabei sah er mich wie selbst
-überrascht und gleichsam zweifelnd an. »Ich habe Sie wegen einer
-bestimmten Angelegenheit zu mir gebeten, und statt dessen ... Ich bitte
-Sie tausendmal um Entschuldigung.«
-
-Es war, als wäre er aus einem Traum erwacht und deshalb etwas verwirrt.
-Er entnahm seinem Portefeuille, das auf dem Tisch lag, einen Brief und
-übergab ihn mir.
-
-»Dies hier sollte ich Ihnen einhändigen. Dieser Brief hat die Bedeutung
-eines Dokuments, das von einer gewissen Wichtigkeit ist,« begann er,
-sichtlich mit konzentrierter Aufmerksamkeit und sehr sachlich. Lange
-nachher habe ich ihn noch in der Erinnerung bewundern müssen wegen
-dieser seiner Fähigkeit, sich mit so aufrichtiger Teilnahme (und das
-noch in diesen Stunden!) einer fremden Angelegenheit widmen, so ruhig
-und gewissenhaft und unbeirrt den Sachverhalt klarlegen zu können.
-
-»Es ist das ein Brief von eben jenem Stolbejeff, nach dessen Tode es
-wegen seiner Nachlassenschaft zwischen Werssiloff und den Fürsten
-Ssokolski zum Prozeß gekommen ist. Die Sache ist noch nicht entschieden,
-aber aller Voraussicht nach wird das Gericht die Erbschaft Werssiloff
-zusprechen; für ihn spricht jedenfalls das Gesetz. In diesem Brief aber,
-einem Privatbrief, der vor zwei Jahren geschrieben ist, spricht der
-verstorbene Stolbejeff seinen Willen in betreff des Vermächtnisses aus,
-oder richtiger gesagt, seinen Wunsch, und das eher zugunsten der Fürsten
-als zugunsten Werssiloffs. Wenigstens erhalten die Punkte, auf die sich
-die Fürsten bei der Anfechtung des Testaments berufen, durch diesen
-Brief eine starke Stütze. Werssiloffs Gegner würden deshalb viel für
-dieses Dokument geben, obschon dasselbe, wie gesagt, noch längst nicht
-von entscheidender Bedeutung ist. Alexei Nikanorowitsch Andronikoff, der
-sich mit Werssiloffs Angelegenheiten befaßte, bewahrte diesen Brief bei
-sich auf, und erst kurz vor seinem Tode gab er ihn mir mit der Bitte,
-ihn bei mir >aufzubewahren<, -- vielleicht fürchtete er für seine
-Papiere, da er seinen Tod wohl voraussah. Übrigens will ich mich nicht
-in Mutmaßungen über seine Beweggründe zu dieser Handlungsweise ergehen,
-aber -- ich muß gestehen, daß ich mich nach seinem Tode in einer
-peinigenden Ungewißheit befand: ich wußte nicht, was ich mit diesem
-Dokument anfangen sollte, besonders da die gerichtliche Entscheidung in
-diesem Prozeß schon so nahe bevorstand. Aus dieser schwierigen Situation
-befreite mich zum Glück Marja Iwanowna, der Andronikoff bei seinen
-Lebzeiten, wie mir scheint, vieles anvertraut hat. Sie schrieb mir --
-ungefähr vor drei Wochen -- mit aller Bestimmtheit, ich solle den Brief
-gerade _Ihnen_ übergeben, das würde >_wahrscheinlich_< (dies ist ihr
-Ausdruck) auch mit dem Wunsch des verstorbenen Andronikoff
-übereinstimmen. So, und nun habe ich das Dokument Ihnen eingehändigt,
-und es freut mich sehr, daß ich das endlich habe tun können.«
-
-»Hören Sie mal,« sagte ich, noch ganz bestürzt durch diese unerwartete
-Neuigkeit, »aber was soll ich denn jetzt mit diesem Brief anfangen? Wie
-soll ich handeln?«
-
-»Das hängt nun schon von Ihrem Ermessen ab; ganz wie Sie wollen.«
-
-»Unmöglich, ich bin doch entsetzlich gebunden, das müssen Sie doch
-selbst zugeben! Werssiloff hat so auf diese Erbschaft gewartet ... und
-wissen Sie, ohne diese Hilfe ist er einfach verloren -- und da existiert
-nun plötzlich dieses Dokument!«
-
-»Es existiert nur hier, in diesem Zimmer.«
-
-»Ist das wirklich so?« Ich sah ihn scharf an.
-
-»Wenn Sie in diesem Fall nicht selber wissen, wie Sie handeln sollen,
-was kann ich Ihnen dann noch raten?«
-
-»Aber dem Fürsten Ssokolski kann ich den Brief doch auch nicht geben:
-damit würde ich alle Hoffnungen Werssiloffs zerstören, und überdies
-würde ich dann geradezu als Verräter vor ihm dastehen ... Andererseits,
-wenn ich den Brief Werssiloff gebe, so stürze ich Unschuldige in die
-größte Armut, und ihn selbst brächte ich in eine Zwangslage, aus der es
-keinen anderen Ausweg gibt, als -- entweder auf die Erbschaft verzichten
-oder Diebstahl begehen.«
-
-»Sie überschätzen die Bedeutung des Briefes gar zu sehr.«
-
-»Sagen Sie mir eines: hat dieser Brief als Dokument einen endgültig
-entscheidenden Charakter?«
-
-»Nein, den hat er nicht. Ich bin kein großer Jurist, aber der Anwalt der
-Gegenpartei würde natürlich wissen, wie er sich dieses Dokuments zu
-bedienen hätte, und selbstverständlich würde er den größtmöglichen
-Nutzen aus ihm herausschlagen; aber Andronikoff behauptete positiv, daß
-dieser Brief, wenn er vorgezeigt werden sollte, doch von keiner großen
-juridischen Bedeutung wäre, so daß Werssiloff dennoch den Prozeß
-gewinnen könnte. Die Bedeutung dieses Dokuments ist also, wenn man will,
-eher unter dem Gesichtswinkel einer Gewissenssache aufzufassen ...«
-
-»Ja, aber gerade das ist doch das wichtigste,« unterbrach ich ihn, »eben
-deshalb käme Werssiloff in eine rettungslose Lage!«
-
-»Er kann ja das Dokument auch vernichten, und dann wäre er, im
-Gegenteil, von aller Gefahr befreit.«
-
-»Haben Sie besondere Gründe, eine solche Handlungsweise von ihm zu
-erwarten, Krafft? Das ist es, was ich wissen will: deshalb bin ich auch
-hier bei Ihnen!«
-
-»Ich glaube, an seiner Stelle würde ein jeder so handeln.«
-
-»Und Sie -- Sie auch?«
-
-»Mir fallen keine Erbschaften zu, daher kann ich es von mir nicht
-sagen.«
-
-»Nun gut,« sagte ich und steckte den Brief in die Tasche. »Diese Sache
-mag vorläufig abgetan sein. Aber jetzt hören Sie mich an, Krafft. Marja
-Iwanowna, die mir übrigens -- ich versichere Sie -- vieles anvertraut
-hat, sagte mir, nur Sie, Sie allein könnten mir die Wahrheit darüber
-sagen, was sich vor anderthalb Jahren in Ems zwischen Werssiloff und den
-Achmakoffs zugetragen hat. Ich habe auf Sie gewartet wie auf die Sonne,
-die mir alles erhellen werde. Sie kennen meine Lage nicht. Ich bitte,
-ich beschwöre Sie, Krafft, sagen Sie mir die ganze Wahrheit! Ich will,
-ich muß wissen, was für ein Mensch er ist, und jetzt -- gerade jetzt ist
-das für mich mehr als je von allergrößter Wichtigkeit.«
-
-»Es wundert mich, daß Marja Iwanowna Ihnen nicht selbst alles gesagt
-hat; sie konnte doch alles vom verstorbenen Andronikoff erfahren, und
-natürlich hat sie das auch, weshalb sie vielleicht mehr weiß als ich.«
-
-»Ja, aber Andronikoff habe in dieser Sache selbst nicht ganz klar
-gesehen, sagte sie mir. Wie mir scheint, kann überhaupt kein Mensch
-diese verworrene Geschichte entwirren! Da würde selbst der Teufel mit
-den Beinen im Garn stecken bleiben! Von Ihnen aber weiß ich, daß Sie
-damals gleichfalls in Ems waren ...«
-
-»Nicht die ganze Zeit. Erst zum Schluß. Doch was ich weiß, kann ich
-Ihnen ja erzählen, nur fragt es sich, ob ich Sie damit zufriedenstellen
-werde?«
-
-
- II.
-
-Ich will das, was er mir damals erzählte, nicht wortgetreu wiedergeben,
-sondern beschränke mich auf eine gekürzte Darstellung des Sachverhalts,
-soweit ihm dieser bekannt war.
-
-Vor anderthalb Jahren war Werssiloff mit der Familie Achmakoff, die er
-durch den alten Fürsten Ssokolski kennen gelernt hatte (alle hielten
-sich zu der Zeit in Bad Ems auf), sehr befreundet gewesen und hatte
-namentlich auf den General Achmakoff einen großen Eindruck gemacht. Der
-General war noch kein alter Mann, hatte aber in den drei Jahren seiner
-Ehe bereits die ganze große Mitgift seiner zweiten Frau, der Tochter des
-alten Fürsten Ssokolski, Katerina Nikolajewna, am Kartentisch verspielt,
-und infolge seines zügellosen Lebens schon einen Schlaganfall gehabt.
-Von diesem Schlaganfall erholte er sich im Auslande, in Ems aber lebte
-er wegen seiner Tochter, des einzigen Kindes aus seiner ersten Ehe. Es
-war das ein kränkliches Mädchen von siebzehn Jahren, brustleidend, und
-wie man erzählt, soll sie sehr schön gewesen sein, zugleich aber auch
-ungeheuer phantastisch. Eine Mitgift besaß sie nicht, doch man hoffte
-auch in der Beziehung, wie überhaupt, auf den alten Fürsten. Von
-Katerina Nikolajewna heißt es allgemein, daß sie eine gute Stiefmutter
-gewesen sei. Aber das junge Mädchen hing aus irgendeinem Grunde mit
-rührender Liebe an Werssiloff. Er predigte damals »etwas
-Leidenschaftliches«, wie Krafft sich ausdrückte, irgendein neues Leben,
-und war »im höheren Sinne religiös gestimmt«, nach einem seltsamen und
-vielleicht sogar spöttischen Ausdruck Andronikoffs, der mir auch von
-anderer Seite wiedergegeben worden ist. Merkwürdig bleibt aber trotzdem,
-daß ihn bald alle nicht mehr mochten. Ja, der General begann ihn sogar
-zu fürchten. Krafft stellte auch das Gerücht durchaus nicht in Abrede,
-wonach es Werssiloff gelungen sei, den kranken General mittelbar auf den
-Gedanken zu bringen, daß Katerina Nikolajewna gegen den jungen Fürsten
-Ssokolski, der damals schon Ems verlassen und sich nach Paris begeben
-hatte, nicht gleichgültig sei. Gesagt habe er ihm das nicht offen und
-unmißverständlich, sondern »nach seiner Art«, mit mehr allgemein
-gehaltenen Betrachtungen, Andeutungen und in ihrer Wirkung fein
-berechneten indirekten Bemerkungen, »in welcher Kunst er ja ein großer
-Meister ist«, wie Krafft sich ausdrückte. Überhaupt muß ich sagen, daß
-Krafft ihn eher für einen Betrüger und geborenen Intriganten hielt und
-halten wollte, als für einen wirklich von etwas Höherem erfüllten oder
-auch nur originellen Menschen. Ich hatte allerdings schon in Moskau
-gehört, daß Werssiloff anfangs einen ungeheueren Einfluß auf Katerina
-Nikolajewna gehabt, später sich aber mit ihr verfeindet habe. Wie es
-dazu gekommen und was hierbei mit im Spiel gewesen war, konnte ich nun
-leider auch von Krafft nicht erfahren. Er bestätigte nur, was ich schon
-wußte: daß beide nach ihrer großen Freundschaft die größten Feinde
-geworden waren. Dann aber war etwas sehr Sonderbares geschehen: die
-kranke Stieftochter der Katerina Iwanowna hatte sich augenscheinlich in
-Werssiloff verliebt; vielleicht war sie durch irgend etwas an ihm
-bestrickt worden, oder seine Worte hatten sie begeistert, oder -- ja,
-ich weiß nicht, wie das zu erklären wäre. Jedenfalls aber hat Werssiloff
-eine Zeitlang jeden Tag bei dem jungen Mädchen verbracht. Es endete
-damit, daß das Mädchen eines Tages dem Vater erklärte, Werssiloff
-heiraten zu wollen. Diese Tatsache haben mir alle bestätigt, sowohl
-Krafft wie Andronikoff und Marja Iwanowna; und sogar der verschwiegenen
-Tatjana Pawlowna ist einmal in meiner Gegenwart unbedachterweise eine
-diesbezügliche Bemerkung entschlüpft. Desgleichen sagten alle
-übereinstimmend aus, daß Werssiloff die Ehe mit dem jungen Mädchen nicht
-nur gewünscht, sondern auf diesem Wunsch sogar unbedingt bestanden habe,
-und das Einverständnis dieser beiden so ungleichartigen Geschöpfe, des
-älteren Mannes und des kindlichen Mädchens, somit ein beiderseitiges
-gewesen sei. Aber den Vater erschreckte dieser Gedanke; er hatte,
-seitdem seine einst heiße Liebe zu Katerina Nikolajewna zu erkalten
-begann, seine Tochter fast zu vergöttern angefangen, besonders nach
-seinem Schlaganfall. Doch als erbittertste Gegnerin einer solchen Ehe
-war Katerina Nikolajewna selbst aufgetreten. Es kam zu unzähligen, meist
-heimlichen und höchst unerquicklichen Familienszenen, zu Streit und
-Kränkungen und -- nun, mit einem Wort, zu verschiedenen Gemeinheiten.
-Der Vater begann schließlich nachzugeben, als er die Hartnäckigkeit
-seiner verliebten und, wie Krafft sich ausdrückte, »von Werssiloff
-fanatisierten« Tochter sah. Aber Katerina Nikolajewna blieb bei ihrem
-Widerstand, und das sogar mit unerbittlichem Haß. Was nun weiter
-geschehen ist oder geschehen sein soll, ist eine Verwicklung, die
-niemand ganz verstehen kann. Ich kann nur wiedergeben, wie Krafft das
-Ganze auf Grund der ihm bekannten Tatsachen zu deuten versuchte, nur ist
-seine Auslegung bloß eine von vielen.
-
-Er meinte, Werssiloff habe dem jungen Mädchen _auf seine Art_ fein und
-glaubwürdig einzuflüstern verstanden, daß Katerina Nikolajewna nur
-deshalb so sehr gegen diese Heirat sei, weil sie sich selbst in ihn
-verliebt habe und ihn schon seit langer Zeit mit ihrer Eifersucht quäle,
-ihn verfolge, intrigiere, ihm sogar schon ihre Liebe gestanden habe und
-ihn jetzt aus Haß, weil er eine andere liebgewonnen, womöglich
-umzubringen fähig sei, -- kurz, eine häßliche Einflüsterung von ungefähr
-dieser Art. Noch viel häßlicher war aber die Vermutung, er habe das auch
-dem General, dem Gatten der »ungetreuen« Frau, »zu verstehen gegeben«,
-und gleichzeitig auf den Verkehr der Generalin mit dem jungen Fürsten
-Ssokolski zur Ablenkung der Aufmerksamkeit hingewiesen. Natürlich wurde
-nun das Familienleben der Achmakoffs zur Hölle. Von anderer Seite hatte
-ich aber gehört, daß Katerina Nikolajewna ihre Stieftochter innig
-geliebt habe und über diese Verleumdung geradezu verzweifelt gewesen
-sei, ganz abgesehen von der Pein des Zusammenseins mit ihrem kranken
-Mann. Aber es gibt noch eine Variante, der zu meinem Leidwesen auch
-Krafft am meisten Glauben schenkte, und die -- auch ich am
-glaubwürdigsten fand (von allen diesen Sachen hatte ich schon früher
-gehört). Es wurde nämlich behauptet (Katerina Nikolajewna soll es
-Andronikoff selbst gesagt haben), daß, im Gegenteil, Werssiloff schon
-früher, das heißt noch bevor das junge Mädchen sich in ihn verliebt
-hatte, Katerina Nikolajewna seine Liebe angetragen habe; sie aber, die
-früher sein guter Freund und zeitweilig sogar seine glühende Freundin
-gewesen war, obschon sie ihm beständig nicht ganz getraut und immer
-widersprochen hatte, soll diese Liebeserklärung Werssiloffs mit
-Widerwillen vernommen und ihn mit Hohn zurückgewiesen haben. Und nach
-seinem unverblümten Vorschlag, nach dem bald zu erwartenden zweiten
-Schlaganfall und Tode ihres Gatten ihn, Werssiloff, zu heiraten, habe
-sie ihm dann in aller Form die Tür gewiesen. So war es denn nur zu
-erklärlich, daß Katerina Nikolajewna einen ganz besonderen Abscheu gegen
-Werssiloff empfand, als sie dann sah, wie er sich kurz darauf ganz
-unverhohlen um die Hand ihrer Stieftochter bewarb. Marja Iwanowna, die
-mir das alles in Moskau erzählte, glaubte selbst sowohl an diese wie an
-jene Variante, d. h. an beide zugleich: sie behauptete sogar
-ausdrücklich, daß beides sehr wohl gleichzeitig habe geschehen können,
-das wäre wie _la haine dans l'amour_,{[22]} wie gekränkter Liebesstolz
-beiderseits usw. usw., mit einem Wort, es lief schließlich auf eine an
-Romane erinnernde allerfeinste Gefühlsverwirrung hinaus, wie sie jedes
-ernsten und gesund denkenden Menschen unwürdig ist, und der zum Überfluß
-noch persönliche Gemeinheit beigemischt war. Doch übrigens braucht das,
-was Marja Iwanowna sagt, noch nicht maßgebend zu sein; ist sie doch von
-Kindesbeinen an mit Romanen vollgespickt, und noch jetzt liest sie Tag
-und Nacht Romane, trotz ihres an sich prächtigen Charakters. Kurz, das
-Endergebnis des Ganzen war, daß man Werssiloffs unzweifelhafte
-Niederträchtigkeit sah, -- dazu ein Gewebe von Lüge und Intrige, etwas
-Dunkles und Häßliches, um so mehr, als es tatsächlich tragisch endete:
-das arme verliebte junge Mädchen vergiftete sich, und zwar, wie man
-erzählt, mit Phosphorstreichhölzern. Nur habe ich bis heute noch nicht
-festzustellen vermocht, ob dieses Gerücht auf Wahrheit beruht;
-jedenfalls hat man dasselbe nach Kräften zu vertuschen gesucht. Tatsache
-ist aber, daß das Mädchen im ganzen zwei Wochen lang krank war und dann
-starb. So ist die Auslegung mit den Streichhölzern immerhin zweifelhaft
-geblieben, aber Krafft glaubte dennoch bedingungslos an diese
-Todesursache. Bald darauf starb auch der General, wie man sagt, infolge
-der durch den Tod der geliebten Tochter verursachten schmerzlichen
-Erschütterung, die einen zweiten Schlaganfall hervorrief. Übrigens starb
-er doch erst drei Monate nach ihrem Tode. Inzwischen aber war der junge
-Fürst Ssokolski aus Paris nach Ems zurückgekehrt und hatte Werssiloff
-öffentlich im Kurpark eine Ohrfeige gegeben, war aber von diesem
-daraufhin nicht gefordert worden; im Gegenteil, Werssiloff war schon am
-nächsten Tage wieder auf der Promenade erschienen, als wäre nicht das
-Geringste vorgefallen. Da hatten sich denn alle von ihm abgewandt, was
-man später in Petersburg gleichfalls tat. Die wenigen, mit denen
-Werssiloff einen Verkehr noch fortsetzte, gehörten einem ganz anderen
-Kreise an. In der Gesellschaft wurde er einstimmig verurteilt, obschon
-kaum jemand näheres über den wahren Sachverhalt wußte: man hatte im
-Grunde nur von dem romantischen Tode des jungen Mädchens und von der
-Ohrfeige gehört. Vollständige Kenntnis von der Sachlage, d. h. soweit
-das möglich war, hatten nur zwei oder drei Personen; am meisten wußte
-der verstorbene Andronikoff, da er schon jahrelang zu den Achmakoffs in
-geschäftlichen Beziehungen gestanden hatte, und besonders in einer
-gewissen Angelegenheit Katerina Nikolajewnas Ratgeber gewesen war. Doch
-von allen diesen ihm anvertrauten Geheimnissen erfuhr selbst seine
-Familie nicht das geringste, nur Krafft und Marja Iwanowna teilte er
-einiges mit, und auch das nur, weil er sich dazu gezwungen sah.
-
-»Die Hauptsache ist hier nun ein gewisses Dokument,« schloß Krafft seine
-Mitteilungen, »vor dem Frau Achmakoff große Angst hat.«
-
-Und er teilte mir folgendes mit:
-
-Die Generalin Achmakoff hatte die Unvorsichtigkeit begangen, als ihr
-Vater, der alte Fürst Ssokolski, sich im Auslande von seinem Anfall
-schon zu erholen begann, einen sie selbst höchst kompromittierenden
-Brief an Andronikoff zu schreiben. Wie verlautet, soll der alte Fürst
-damals während seiner Genesung tatsächlich wie von einer
-Verschwendungssucht befallen gewesen sein und das Geld fast zum Fenster
-hinausgeworfen haben; so hatte er dort im Auslande verschiedene
-unnötige, doch teure Sachen zu kaufen angefangen, Gemälde, Vasen, hatte
-größere Summen zu Gott weiß welchen Unternehmungen und sogar zum Besten
-verschiedener dortiger Anstalten gestiftet, und von einem russischen
-Lebemann und Verschwender hätte er beinahe unbesehen für eine
-Riesensumme ein gänzlich heruntergewirtschaftetes und mit Schulden
-belastetes Gut gekauft; und schließlich soll er sich wirklich mit dem
-Gedanken an eine neue Heirat getragen haben. Angesichts dieser
-beängstigenden Aussichten hatte dann seine Tochter, die verwitwete
-Generalin Achmakoff, die während seiner Krankheit treu bei ihm aushielt,
-besagten Brief an Andronikoff geschrieben und ihm als Juristen und
-»alten Freunde« einfach die Frage vorgelegt, »ob und wie es gesetzlich
-möglich wäre, den Fürsten unter Vormundschaft zu stellen oder ihn
-gerichtlich für rechtsunfähig zu erklären, und falls das anginge, welche
-Schritte man dann zu tun hätte, damit kein Skandal entstünde und niemand
-ihr irgendwelche Vorwürfe machen könne; doch müßten bei alledem die
-Gefühle des Vaters geschont werden usw.« Andronikoff soll ihr davon
-abgeraten und die Gründe auseinandergesetzt haben, und als dann der
-Fürst wieder ganz gesund und vernünftig geworden war, da konnte von
-dieser Idee natürlich nicht mehr die Rede sein. Jener Brief aber
-verblieb im Besitz Andronikoffs. Da starb aber Andronikoff plötzlich;
-Katerina Nikolajewna fiel sofort wieder der Brief ein, und sie sagte
-sich: wenn er sich noch unter den Papieren des Verstorbenen befände und
-vielleicht auf Umwegen in die Hände ihres alten Vaters gelangte, so
-würde dieser sie zweifellos auf ewig verstoßen, ihr die ganze Erbschaft
-entziehen und ihr auch bei Lebzeiten keine Kopeke mehr geben. Der
-Gedanke, seine einzige Tochter zweifle an seinem Verstande und habe ihn
-für wahnsinnig erklären lassen wollen, hätte dieses Lamm zweifellos zu
-einem reißenden Tier gemacht. Sie aber war als Witwe dank der
-Spielleidenschaft ihres Mannes vollständig mittellos zurückgeblieben und
-war einzig auf ihren Vater angewiesen; von ihm hoffte sie, und mit
-Recht, nochmals eine nicht geringere Mitgift zu erhalten als das
-erstemal.
-
-Von dem weiteren Schicksal jenes Briefes wußte Krafft nichts Näheres,
-bemerkte aber, Andronikoff habe »Papiere von irgendeiner Bedeutung
-niemals zerrissen« und sei außerdem nicht nur ein Mann mit einem »weiten
-Blick«, sondern auch einer mit einem »weiten Gewissen« gewesen. (Ich
-wunderte mich über ein so rücksichtsloses Urteil von seiten Kraffts, der
-doch den verstorbenen Andronikoff sehr geliebt und geachtet hatte.) Aber
-obschon Krafft nichts genau wußte, war er persönlich überzeugt, daß das
-verfängliche Schriftstück in den Besitz Werssiloffs geraten sei, infolge
-der nahen Bekanntschaft Werssiloffs mit der Witwe und den Töchtern
-Andronikoffs; es war bereits bekannt, daß diese auf Anordnung des
-Verstorbenen alle von ihm hinterlassenen Papiere Werssiloff eingehändigt
-hatten. Auch wußte Krafft, daß Katerina Nikolajewna die Vermutung, der
-Brief befinde sich in Werssiloffs Händen, bereits bekannt war, und daß
-gerade diese Möglichkeit sie am meisten ängstigte, da sie befürchtete,
-Werssiloff werde mit dem Brief alsbald zum alten Fürsten gehen. Er wußte
-ferner, daß sie nach ihrer Rückkehr aus dem Auslande schon in Petersburg
-nach dem Brief geforscht hatte, auch schon bei Andronikoffs gewesen war
-und ihn auch jetzt noch suchte, immer in der Hoffnung, der Brief befinde
-sich vielleicht doch nicht im Besitze Werssiloffs, und daß sie
-ausschließlich dieses Briefes wegen nach Moskau gereist war, um dort
-Marja Iwanowna anzuflehen, die Papiere zu durchsuchen, die von ihr
-aufbewahrt wurden. Vom Dasein Marja Iwanownas und deren Beziehungen zum
-verstorbenen Andronikoff hatte sie erst kurz zuvor in Petersburg zum
-erstenmal gehört.
-
-»Und Sie glauben, daß sie den Brief bei Marja Iwanowna nicht gefunden
-hat?« fragte ich ausdrücklich und mit einem Hintergedanken.
-
-»Wenn Marja Iwanowna nicht einmal Ihnen gegenüber etwas vom Brief hat
-verlauten lassen, dann hat sie ihn vielleicht auch nicht.«
-
-»Und folglich nehmen Sie an, der Brief befinde sich bei Werssiloff?«
-
-»Wahrscheinlich -- ja. Übrigens ... ich weiß nicht, alles ist möglich,«
-sagte er langsam und sichtlich abgespannt.
-
-Ich gab es auf, ihn weiter auszufragen. Wozu schließlich? Das
-Hauptsächliche war mir jetzt klar: trotz dieser ganzen unwürdigen
-Verwirrung hatte sich alles von mir erst nur Befürchtete -- bestätigt.
-
-»Das Ganze ist wie ein Fiebertraum,« sagte ich in tiefer Traurigkeit und
-griff nach meinem Hut.
-
-»Ihnen ist dieser Mensch wohl sehr teuer?« fragte mich Krafft mit
-sichtlicher und großer Teilnahme -- sie sprach aus seinen Augen, aus
-seinem ganzen Gesicht in diesem Augenblick.
-
-»Mir hat schon eine Vorahnung gesagt, daß ich von Ihnen doch nicht alles
-erfahren würde,« bemerkte ich. »So bleibt mir nur noch die Hoffnung auf
-die Achmakoff selbst. Eigentlich habe ich ja auch nur auf sie gehofft.
-Vielleicht gehe ich zu ihr, vielleicht auch nicht.«
-
-Krafft sah mich etwas befremdet an.
-
-»Leben Sie wohl, Krafft! Wozu sich Leuten aufdrängen, die einen nicht
-haben wollen? Da ist es doch besser, mit allen zu brechen, meinen Sie
-nicht?«
-
-»Und dann wohin?« fragte er eigentümlich hart, und indem er zu Boden
-sah.
-
-»Zu sich selbst, zu sich selbst! Alle Bande zerreißen und fortgehen zu
-sich selbst!«
-
-»Nach Amerika?«
-
-»Ach, Amerika! -- nein, zu mir selbst, zu mir allein! Sehen Sie, darin
-besteht >meine Idee<!« sagte ich begeistert.
-
-Er sah mich seltsam forschend an.
-
-»Und Sie haben einen solchen Ort, wohin Sie >zu sich selbst< gehen
-können?«
-
-»Den habe ich. Auf Wiedersehen, Krafft. Ich danke Ihnen, und verzeihen
-Sie mir die Belästigung! Ich würde an Ihrer Stelle, wenn ich selbst ein
-solches Rußland im Kopfe hätte, alle zum Teufel jagen: packt euch,
-intrigiert, zankt euch dort so viel ihr wollt -- was geht das mich an.«
-
-»Bleiben Sie noch etwas bei mir,« sagte er plötzlich, als er mich schon
-bis zur Tür begleitet hatte.
-
-Ich wunderte mich ein wenig, kehrte aber zurück und ließ mich nieder.
-Krafft setzte sich mir gegenüber. Wir tauschten gegenseitig ein gewisses
-wortloses Lächeln -- alles das sehe ich noch so deutlich, als geschehe
-es wieder vor meinen Augen. Ich erinnere mich noch gut, daß ich mich ein
-wenig über ihn wunderte.
-
-»Mir gefällt an Ihnen besonders, daß Sie ein so höflicher Mensch sind,«
-sagte ich unvermittelt.
-
-»Ja?«
-
-»Ich sage das deshalb, weil ich selbst nur selten höflich zu sein
-verstehe, obgleich ich es gern verstehen wollte ... Übrigens, vielleicht
-ist es sogar besser, daß die Menschen einen kränken; wenigstens befreien
-sie einen auf die Weise von dem Unglück, sie lieben zu müssen.«
-
-»Welche Stunde des Tages lieben Sie am meisten?« fragte er plötzlich,
-offenbar ohne mich gehört zu haben.
-
-»Welche Stunde? Ich weiß nicht. Den Sonnenuntergang liebe ich nicht.«
-
-»So?« Er sagte das mit einem ganz eigentümlichen Interesse, versank aber
-sogleich wieder in Gedanken.
-
-»Sie wollen wieder verreisen?«
-
-»Ja ... ich verreise.«
-
-»Bald?«
-
-»Ja, bald.«
-
-»Ist denn wirklich zu einer Reise nach Wilna ein Revolver nötig?« fragte
-ich ohne den geringsten Hintergedanken, eigentlich sogar ohne überhaupt
-etwas zu denken. Ich fragte einfach so, weil mein Blick auf den Revolver
-fiel, und ich nicht recht wußte, wovon ich sprechen sollte.
-
-Er blickte sich um und sah den Revolver unverwandt an.
-
-»Nein, den pflege ich nur so, aus Gewohnheit ...«
-
-»Wenn ich einen Revolver besäße, so würde ich ihn irgendwo hinter Schloß
-und Riegel verbergen. Wissen Sie, es steckt doch, bei Gott, eine
-Versuchung in dem Ding! Ich selbst glaube vielleicht nicht einmal an die
-Selbstmordepidemie, aber wenn einem so ein Ding immer in die Augen
-funkelt -- wahrhaftig, es gibt Minuten, wo es tatsächlich verführen
-könnte.«
-
-»Sprechen Sie nicht davon,« sagte er und stand plötzlich auf.
-
-»Ich rede ja nicht von mir,« fügte ich hinzu, mich gleichfalls erhebend,
-»ich würde das Ding nie gebrauchen. Mir könnten Sie meinetwegen ganze
-drei Menschenleben geben -- auch die wären für mich noch zu wenig.«
-
-»Leben Sie!« kam es plötzlich gleichsam impulsiv über seine Lippen.
-
-Er lächelte zerstreut und -- sonderbar -- er ging geradeswegs ins
-Vorzimmer zur Eingangstür, mich auf diese Weise einfach hinausführend,
-doch tat er das, versteht sich, ohne sich dessen bewußt zu sein.
-
-»Ich wünsche Ihnen vollen Erfolg, Krafft,« sagte ich zum Abschied, auf
-die Treppe hinaustretend.
-
-»Soll mir recht sein,« antwortete er mit fester Stimme.
-
-»Auf Wiedersehen!«
-
-»Auch das soll mir recht sein!«
-
-Ich erinnere mich noch seines letzten Blickes auf mich.
-
-
- III.
-
-Das war also der Mensch, um den mein Herz so viele Jahre lang geklopft
-hatte! Und was hatte ich denn von Krafft erwartet, was hätten denn das
-für neue Aufklärungen sein sollen?
-
-Als ich aus seiner Wohnung auf die Straße trat, verspürte ich großen
-Hunger; es wurde schon Abend, und ich hatte noch nicht zu Mittag
-gegessen. Ich trat deshalb auf dem großen Prospekt der »Petersburger
-Seite« in ein kleines Wirtshaus, mit dem Vorsatz, nur zwanzig oder
-höchstens fünfundzwanzig Kopeken auszugeben -- mehr hätte ich mir damals
-um keinen Preis erlaubt. Ich bestellte eine Portion Suppe, und als ich
-sie gegessen hatte, setzte ich mich ans Fenster, um hinauszusehen; es
-waren viel Menschen im Lokal und es roch nach verbranntem Fett, alten
-Servietten und Tabak. Widerlich war es. Über meinem Kopf hing ein
-Vogelbauer, und eine stimmlose Nachtigall pickte trübsinnig und
-nachdenklich mit dem Schnabel auf den Boden ihres Käfigs. Im anstoßenden
-Billardzimmer wurde gelärmt, ich aber saß und grübelte. Der
-Sonnenuntergang (warum hatte Krafft sich darüber gewundert, daß ich die
-Stunde des Sonnenuntergangs nicht liebe?) rief in mir ganz neue und
-unerwartete Empfindungen hervor, die gar nicht am Platz waren. So
-glaubte ich die ganze Zeit den stillen Blick meiner Mutter vor mir zu
-sehen, ihre lieben Augen, die mich nun schon einen ganzen Monat so
-schüchtern ansahen, als wolle die Liebe selbst mich auskundschaften. In
-der letzten Zeit war ich zu Hause sehr grob gewesen, namentlich in
-meinem Verhalten zu ihr; ich wollte gegen Werssiloff grob sein, doch da
-ich es gegen ihn nicht zu sein wagte, quälte ich infolge meines
-schändlichen Charakters statt seiner die Mutter. Ich hatte sie sogar
-gänzlich eingeschüchtert; oft sah sie mich mit einem so flehenden Blick
-an, wenn Werssiloff eintrat, in der Angst vor einem Ausfall meinerseits
-... Sehr sonderbar war es, daß mir dort in diesem widerwärtigen
-Speisehaus zum erstenmal zum Bewußtsein kam, daß sie wie eine Fremde
-immer »Sie« zu mir sagte, während Werssiloff mich duzte. Freilich hatte
-ich mich auch früher schon darüber gewundert und mir dabei manches
-gedacht, was für sie nicht gerade schmeichelhaft war, hier aber fiel mir
-das irgendwie noch besonders auf, und ich bedachte es tiefer -- und
-lauter ähnliche Gedanken kamen mir einer nach dem anderen unaufhaltsam
-in den Sinn. Ich saß dort lange auf meinem Platz, bis zur dunkelsten
-Dämmerung. Ich dachte auch an meine Schwester ...
-
-Eine verhängnisvolle Stunde. Ich stand vor der Entscheidung. Es galt,
-einen Entschluß zu fassen, um jeden Preis! Oder war ich denn wirklich
-unfähig, einen Entschluß zu fassen? Was war denn Schweres dabei, mit
-allen zu brechen, zumal hier niemand sich etwas aus mir machte? Meine
-Mutter, meine Schwester? Aber die wollte ich doch sowieso in keinem Fall
-verlassen -- wie die Sache sich auch wenden mochte.
-
-Es ist wahr: das Eintreten dieses Menschen in mein Leben, d. h. sein
-Erscheinen auf einen Augenblick, noch in meiner ersten Kindheit, war der
-schicksalsvolle Anstoß gewesen, der mein Bewußtsein geweckt hatte und
-bis zu dem meine Erinnerung jetzt zurückreicht. Hätte er damals nicht
-meinen Weg gekreuzt, mein Verstand, meine ganze Denkart, ja, mein ganzes
-Schicksal wären heute anders, sogar ungeachtet meines mir vom Schicksal
-bestimmten Charakters, dem ich doch unter keinen Umständen entronnen
-wäre.
-
-Und nun erweist sich, daß dieser Mensch -- nur eine von mir geschaffene
-Phantasiegestalt war, ein Traum meiner Kinderjahre. Ich selbst hatte ihn
-mir so ausgedacht, in Wirklichkeit aber sah ich jetzt einen ganz anderen
-Menschen, der tief unter meinem Phantasiegebilde stand. Ich war zu einem
-reinen Menschen gekommen, nicht aber zu diesem. Und warum hatte ich mich
-in ihn verliebt, so auf ewig in ihn verliebt, in jenem kurzen
-Augenblick, als ich ihn da einmal in meiner Kindheit sah? Dieses »auf
-ewig« mußte verschwinden. Ich werde vielleicht einmal, wenn ich Platz
-dafür finde, diese unsere erste Begegnung erzählen: es ist die
-nichtigste Geschichte, aus der sich nichts ergibt. Bei mir aber ergab
-sich daraus eine ganze Pyramide. Ich begann diese Pyramide noch unter
-der Kinderdecke zu bauen, als ich vor dem Einschlafen weinen konnte und
-träumen -- wovon? -- das weiß ich selbst nicht. Weinen, weil ich
-verlassen war? Weil man mich quälte? Doch gequält hat man mich nur
-wenig, im ganzen nur zwei Jahre lang, in der Pension Touchard, in der
-ich damals untergebracht wurde, als er wieder verreiste. Späterhin hat
-mich niemand mehr gequält; im Gegenteil, ich war es, der stolz auf seine
-Kameraden herabsah. Und ich kann sie auch nicht ausstehen, diese sich
-selbst bedauernden Waisenkinder! Es gibt nichts Widerlicheres, als wenn
-Waisen oder unehelich Geborene, alle diese Ausgestoßenen und überhaupt
-dieses ganze Pack, mit dem ich auch nicht das geringste Mitleid habe,
-sich plötzlich feierlich vor dem Publikum erhebt und kläglich und
-moralisch loszuheulen beginnt: »Seht, wie man sich an uns vergangen
-hat!« Ich würde diese Waisen am liebsten durchprügeln, denn keiner von
-diesem ganzen widerlichen Auswurf begreift, daß es von zehnmal mehr
-Anstand zeugt, wenn er schweigt und nicht heult und zum Klagen sich
-nicht _herabläßt_. Läßt du dich aber dazu herab, so hast du, »Sohn der
-Liebe«, dein Schicksal mit Recht verdient. Das ist meine Auffassung der
-Sache!
-
-Aber nicht das ist lächerlich, daß ich als Kind unter meinem Deckchen so
-träumte, wohl aber, daß ich auch nach Petersburg wiederum wegen dieses
-von mir erdachten Menschen gekommen war, und über dem Gedanken an ihn
-meine Hauptziele fast vergessen hatte. Ich war gekommen, um ihm zu
-helfen, die Verleumdung zu vernichten, seine Feinde zu zerschmettern.
-Jenes Dokument, von dem Krafft gesprochen hatte, der Brief dieser Frau
-an Andronikoff, den sie jetzt so angstvoll suchte, da er ihr Schicksal
-zerstören, sie zur Bettlerin machen konnte, und den sie in Werssiloffs
-Händen wähnte -- jener Brief war nicht bei Werssiloff, sondern bei mir,
-stak eingenäht in meiner Seitentasche! Ich selbst hatte ihn dort
-eingenäht, und kein Mensch in der ganzen Welt ahnte etwas davon. Daß die
-romantische Marja Iwanowna dieses ihr »zum Aufbewahren« eingehändigte
-Dokument gerade mir und keinem anderen zu übergeben für nötig befunden
-hatte, war ihr freier Wille gewesen, auf Grund ihrer besonderen
-Auffassung der Sache, die zu erklären ich nicht verpflichtet bin,
-vielleicht jedoch gelegentlich erzählen werde. Aber so unverhofft
-bewaffnet, hatte ich dem geheimen Wunsch, nach Petersburg zu reisen,
-nicht mehr widerstehen können. Meine Voraussetzung war damals, versteht
-sich, daß ich diesem Menschen nicht anders als heimlich, ohne selbst
-hervorzutreten oder mich zu ereifern, helfen würde, ohne auf seinen
-Beifall, noch auf seine Umarmungen zu rechnen. Und niemals, niemals
-hätte ich mich dazu _herabgelassen_, ihm wegen irgend etwas einen
-Vorwurf zu machen! War es denn seine Schuld, daß ich mich in ihn
-verliebt und aus ihm ein phantastisches Ideal geschaffen hatte? Ja,
-vielleicht liebte ich ihn überhaupt nicht. Sein origineller Verstand,
-sein interessanter Charakter, seine geheimnisvollen Intrigen und
-Abenteuer, und der Umstand, daß meine Mutter bei ihm wohnte -- alles
-das, scheint es, hätte mich nicht mehr aufhalten können; es genügte ja
-schon, daß meine phantastische Puppe zerschlagen war und ich ihn so, wie
-er wirklich war, gar nicht lieben konnte. Also, was hielt mich denn
-fest, an welcher Stelle war ich denn eingesunken? -- das war die Frage.
-Und als Endergebnis stellte sich heraus, daß nur ich hier der Dumme war
-und sonst niemand.
-
-Doch da ich von anderen Ehrlichkeit verlange, werde auch ich ehrlich
-sein: ich muß gestehen, daß jener in meiner Tasche eingenähte Brief
-nicht nur den leidenschaftlichen Wunsch, Werssiloff zu Hilfe zu eilen,
-in mir erweckt hatte. Das ist mir heute nur zu klar, aber auch damals
-errötete ich schon bei dem Gedanken an den anderen Grund. Ich träumte
-von einer Frau, einer stolzen Aristokratin, der ich Aug in Aug
-gegenüberstehen werde; sie wird mich verachten, über mich lachen, wie
-vielleicht über eine Maus, -- und nicht einmal ahnen, daß ich Herr über
-ihr Schicksal bin. Dieser Gedanke hatte mich schon in Moskau berauscht,
-und besonders noch während der Reise im Waggon, als ich nach Petersburg
-fuhr. Das habe ich übrigens schon einmal gestanden. Ja, ich haßte diese
-Frau, und doch liebte ich sie schon, liebte sie als mein Opfer, und das
-ist wahr, es verhielt sich wirklich so. Nur war's gleichzeitig so
-kindisch, daß ich es nicht einmal von einem solchen, wie ich damals war,
-erwartet hätte. Ich gebe meine damaligen Gefühle wieder, d. h. was mir
-dort im Speisehaus durch den Kopf ging, als ich auf dem Platz unter der
-Nachtigall saß und den Entschluß faßte, noch an demselben Abend mit
-ihnen allen unwiderruflich zu brechen. Der Gedanke an meine Begegnung
-mit dieser Frau trieb mir plötzlich heiße Schamröte ins Gesicht. Diese
-schmachvolle Begegnung! Ein erbärmlicher und dummer Eindruck, der -- was
-das schlimmste war -- vielleicht am deutlichsten meine Unfähigkeit zur
-Ausführung einer Tat bewies? Oder nein, er bewies nur -- so dachte ich
-damals --, daß ich nicht einmal den unschlauesten Verlockungen zu
-widerstehen die Kraft habe, obschon ich noch vor einer kleinen Weile zu
-Krafft gesagt hatte, ich besäße ein Eigenstes, eine eigene Idee, und
-würde, selbst wenn ich drei Menschenleben erhielte, doch immer noch
-nicht genug haben. Mit Stolz hatte ich das gesagt. Daß ich mich nun von
-meiner »Idee« hatte ablenken und in Werssiloffs Angelegenheiten
-hineinziehen lassen -- das hätte man noch mit irgend etwas entschuldigen
-können; daß ich aber wie ein überraschter Hase auf diese und jene Seite
-hin- und hersprang und mich schon von jeder Nebensächlichkeit fangen
-ließ, daran war nichts anderes als meine Dummheit schuld. Wer plagte
-mich, zu Dergatschoff zu gehen, und dort mit meinen Dummheiten
-herauszuplatzen, obschon ich doch schon längst wußte, daß ich nichts
-klar und vernünftig zu erzählen verstehe und das Vorteilhafteste für
-mich Schweigen ist? Und irgend so ein Wassin muß dann die Sache
-richtigstellen durch die Erklärung, mir ständen noch »fünfzig Jahre
-Leben bevor«, und folglich sei für mich »kein Grund vorhanden, betrübt
-zu sein«. Seine Einwendung ist stichhaltig, ist vorzüglich, das gebe ich
-zu, und macht seinem unbestreitbaren Verstande Ehre; sie ist schon
-deshalb vorzüglich, weil sie die einfachste ist, das Einfachste aber
-wird immer erst zuletzt begriffen, wenn man es schon mit allem anderen
-versucht hat, was umständlicher oder dümmer ist. Doch diese Erklärung
-sagte mir nichts Neues, die kannte ich bereits, noch bevor Wassin sie
-aussprach; diesen Gedanken hatte ich schon gute drei Jahre vorher
-empfunden; ja, und nicht nur das, in ihm liegt sogar ein ganzer Teil
-meiner »Idee«. -- Das waren damals so meine Gedanken dort im Wirtshause.
-
-Ich hatte ein widerwärtiges Gefühl, als ich, müde vom Gehen und vom
-Denken, gegen acht Uhr abends im Stadtteil Ssemjonowski Polk anlangte.
-Es war schon ganz dunkel geworden, und das Wetter hatte sich verändert:
-es war trocken, aber ein widerwärtiger Petersburger Wind hatte sich
-erhoben, blies mir schneidend scharf in den Rücken und wirbelte Staub
-und Sand auf. Wie viele verdrießliche Gesichter unter den kleinen
-Leuten, die von der Arbeit und aus den Geschäften hastend heimeilen in
-ihre Winkel! Ein jeder hat seine eigene trübe Sorge im Gesicht, und in
-der ganzen Menge war vielleicht kein einziger gemeinsamer, alle
-vereinender Gedanke! Krafft hatte recht: ein jeder lebte für sich. Ein
-kleiner Knabe begegnete mir, der war so klein, daß es mich befremdete,
-ihn um diese Stunde allein auf der Straße zu sehen; er hatte sich
-offenbar verirrt; ein Weib blieb einen Augenblick stehen, um ihn
-anzuhören, aber sie verstand ihn nicht, schüttelte den Kopf und ließ ihn
-allein in der Dunkelheit stehen. Ich ging auf ihn zu, er aber erschrak
-plötzlich vor mir und lief weiter. Kurz vor unserem Hause beschloß ich,
-niemals zu Wassin zu gehen. Als ich die Treppe hinaufstieg, hatte ich
-den heißen Wunsch, Mutter und Schwester allein zu Hause anzutreffen,
-ohne Werssiloff, um vor seinem Kommen noch etwas Liebes meiner Mutter
-sagen zu können, oder wenigstens meiner lieben Schwester, zu der ich in
-diesem ganzen Monat fast noch kein einziges besonderes Wort gesagt
-hatte. Und so traf es sich auch, er war nicht zu Hause ...
-
-
- IV.
-
-Übrigens: da ich in meinen »Aufzeichnungen« nunmehr diese »neue Person«
-(nämlich Werssiloff) persönlich auftreten lassen muß, will ich zunächst
-wenigstens in aller Kürze seinen Lebenslauf angeben, der freilich an
-sich ziemlich belanglos ist. Ich tue das nur, damit dem Leser alles noch
-verständlicher werde, und will es an dieser Stelle tun, weil ich nicht
-voraussehe, wo ich diese Angaben weiterhin einflechten könnte.
-
-Er hat studiert, ist aber dann in ein Garde-Kavallerieregiment
-eingetreten; hat die Fanariotoff geheiratet und seinen Abschied
-genommen. Er reiste ins Ausland und, zurückgekehrt, lebte er in Moskau
-im Verkehr mit der ganzen lebenslustigen Gesellschaft. Nach dem Tode
-seiner Frau kam er auf sein Gut; die Folge davon war die Episode mit
-meiner Mutter. Dann lebte er lange irgendwo im Süden. Während des
-Krimkrieges trat er wieder in den Militärdienst, kam aber mit seinem
-Regiment nicht in die Krim und ist überhaupt nicht im Feuer gewesen.
-Nach dem Friedensschluß nahm er wieder den Abschied, reiste ins Ausland
-und nahm sogar meine Mutter mit, doch in Königsberg ließ er sie zurück.
-Die Arme erzählte manchmal kopfschüttelnd und mit wahrem Grauen, wie sie
-dort ein volles halbes Jahr ganz allein und verlassen mit ihrem
-Töchterchen gelebt hatte, der Sprache unkundig, wie im Walde verloren,
-und zuletzt noch ohne Geld. Dann war Tatjana Pawlowna gekommen und hatte
-sie nach Rußland zurückgebracht, irgendwohin aufs Land, im Nischni
-Nowgorodschen Gouvernement. Werssiloff trat nach seiner Rückkehr den
-Posten eines Friedensvermittlers beim Zivilgericht an[6] und wie man
-erzählt, soll er sich in seinem Amt glänzend bewährt haben und jeder
-Aufgabe gewachsen gewesen sein. Bald aber gab er diesen Posten auf und
-begann in Petersburg als Jurist sich mit der Führung verschiedener
-Zivilklagen zu beschäftigen. Andronikoff hat seine Fähigkeiten immer
-hoch eingeschätzt und ihn sehr geachtet, nur was seinen Charakter
-anbetrifft, soll er geäußert haben, daß er den nicht verstehen könne.
-Doch auch diese Beschäftigung gab Werssiloff bald auf und reiste wieder
-ins Ausland, diesmal auf lange Zeit -- er blieb dort mehrere Jahre. Und
-in eben dieser Zeit begannen seine bald sehr nahen Beziehungen zum alten
-Fürsten Ssokolski. Im Laufe dieses ganzen angegebenen Lebensabschnitts
-haben sich seine pekuniären Verhältnisse zwei- oder dreimal vollständig
-verändert: bald war er gänzlich mittellos und stand dem Nichts
-gegenüber, bald fiel ihm wieder ein Vermögen zu, und er war von neuem
-auf der Höhe.
-
-Übrigens will ich mich jetzt, wo ich mit meinen Aufzeichnungen bis zu
-dieser Stelle gekommen bin, endlich einmal entschließen, »meine Idee«
-auseinanderzusetzen. Ich werde sie zum erstenmal seit ihrer Entstehung
-in mir so gut ich kann in Worten auszudrücken versuchen. Ich entschließe
-mich, sie sozusagen »dem Leser« mitzuteilen, und tue das gleichfalls nur
-deshalb, damit im folgenden manches klarer sei. Das muß ich um so mehr,
-als es nicht nur für den sogenannten Leser nötig wäre, sondern weil auch
-ich, der Verfasser, der das Wiederzugebende doch selbst erlebt hat, mich
-in den schwierigen Erklärungen mancher Schritte schon zu verwickeln
-beginne. Deshalb möchte ich vorher alles klarlegen, was mich zu diesem
-oder jenem veranlaßt, bewogen oder gezwungen hat. Infolge meiner
-Ungeschicktheit im Schreiben und meines anfänglichen Vorsatzes, alles
-außerhalb der Ereignisse Liegende zu übergehen, bin ich wieder in den
-Stil der Romanschreiber verfallen, den ich anfangs selbst verspottet
-habe. Jetzt, wo ich wie durch eine Tür in meinen Petersburger Roman mit
-allen meinen schmählichen Erlebnissen einzutreten im Begriff bin,
-erscheint mir diese Erklärung meiner Idee als Einleitung unbedingt
-notwendig. Doch eigentlich hat mich bisher nicht nur der Widerwille
-gegen den Stil der Literaten diese Einleitung zu unterlassen bestimmt,
-sondern auch das Wesen der Sache, d. h. die Schwierigkeit ihrer
-Wiedergabe. Selbst jetzt, wo schon alles Vergangene überwunden ist,
-erscheint mir die Aufgabe, diese »Idee« zu erklären, schier
-unausführbar. Hinzu kommt nun noch, daß ich sie doch fraglos in ihrer
-damaligen Form wiedergeben muß, d. h. wie sie in mir entstanden ist, und
-wie sie damals von mir gedacht wurde, und nicht, wie ich sie heute
-denke; das aber macht die Sache noch schwieriger. Manches läßt sich ja
-fast überhaupt nicht wiedergeben. Gerade die einfachsten, die klarsten
-Ideen -- gerade die sind meist schwerer zu verstehen. Hätte Kolumbus vor
-der Entdeckung Amerikas seine Idee anderen zu erzählen angefangen, so
-würde man ihn, davon bin ich überzeugt, furchtbar lange nicht verstanden
-haben. Und man hat ihn ja auch nicht verstanden. Ich erwähne das nur als
-Beispiel, denke aber durchaus nicht daran, mich mit Kolumbus zu
-vergleichen; wenn jemand zu dieser Folgerung kommen sollte, so schäme er
-sich, und das ist alles, was ich sage.
-
-
- Fünftes Kapitel.
-
-
- I.
-
-Meine Idee ist -- ein Rothschild zu werden. Ich fordere den Leser auf,
-ernst und ruhig zu bleiben.
-
-Ich wiederhole: Meine Idee ist -- ein Rothschild zu werden, ebenso reich
-zu werden wie Rothschild; also nicht nur einfach reich, sondern geradeso
-reich wie Rothschild. Wozu, weshalb, welches Ziel ich dabei verfolge --
-davon später. Zunächst werde ich nur beweisen, daß ich mein Ziel mit
-mathematischer Sicherheit erreichen muß. Die Sache ist sehr einfach, das
-ganze Geheimnis liegt in zwei Worten, und die lauten: _Fleiß_ und
-_Ausdauer_.
-
-»Kennen wir,« wird man mir sagen, »das ist nichts Neues: jeder Vater in
-Deutschland predigt das seinen Kindern, indessen ist Ihr Rothschild« (d.
-h. der verstorbene James Rothschild, der Pariser -- von dem allein
-spreche ich) »immer nur ein einziger geblieben. Väter aber gibt es zu
-Millionen.«
-
-Auf diesen Einwand würde ich antworten:
-
-»Sie behaupten, das hätten Sie schon gehört, dabei haben Sie aber noch
-nichts gehört. Allerdings, in einem haben Sie recht: wenn ich gesagt
-habe, die Sache sei >sehr einfach<, so habe ich vergessen hinzuzufügen,
-daß sie gleichzeitig die schwerste von allen ist. Alle Religionen und
-Sittenlehren in der Welt lassen sich schließlich in den einen Satz
-zusammenfassen: >Liebe die Tugend und fliehe das Laster<. Was könnte
-anscheinend einfacher sein? Nun, dann führen Sie doch etwas Tugendhaftes
-aus und überwinden Sie wenigstens ein einziges Ihrer Laster, versuchen
-Sie es doch einmal -- nun? -- Und so ist es auch hiermit.«
-
-Sehen Sie, deshalb ist, obgleich Ihre unzähligen Väter diese zwei
-wunderbaren Worte, die das ganze Geheimnis enthalten, schon seit
-unzähligen Jahrhunderten ihren Kindern wiederholen, James Rothschild
-dennoch ein einzelner geblieben. Daraus folgt, daß anscheinend dasselbe
-doch nicht ganz dasselbe ist, und die Väter einen ganz anderen Gedanken
-predigen.
-
-Freilich reden die Väter von Fleiß und Ausdauer, nur ist zur Erreichung
-meines Zieles mit einem Fleiß und einer Ausdauer, wie die Väter sie
-lehren, nicht gedient.
-
-Allein das Wort »Vater« (ich rede nicht nur von den deutschen Vätern),
-die Tatsache, daß er Kinder, daß er eine Familie hat und wie alle
-anderen lebt, daß er Ausgaben hat wie alle und Pflichten wie alle --
-sagt uns schon, daß man ein Rothschild auf diese Weise nicht werden
-kann, sondern nur ein Durchschnittsmensch wird. Ich aber verstehe doch
-nur zu gut, daß ich, wenn ich ein Rothschild werde oder auch nur ein
-Rothschild werden will, jedoch nicht im Sinne der Väter, sondern im
-Ernst und in der Wirklichkeit --, daß ich schon dadurch sofort aus der
-Gesellschaft ausscheide.
-
-Vor ein paar Jahren las ich in der Zeitung von einem Bettler, der auf
-einem Wolgadampfer gestorben war. Alle hatten ihn dort gekannt, so lange
-bettelte er schon. Nach seinem Tode fand man in seinen zerlumpten
-Kleidern an dreitausend Rubel eingenäht. Und vor kurzem las ich wieder
-von einem Bettler, der einer adligen Familie entstammte, doch in
-Wirtshäusern und Kneipen gebettelt hatte. Er wurde verhaftet, und man
-fand bei ihm an fünftausend Rubel. Hieraus ergeben sich ohne weiteres
-zwei Schlüsse; der erste ist: durch Fleiß im Sammeln und Sparen -- wenn
-auch nur von Kopeken -- bringt man schließlich große Summen zusammen
-(die Zeit spielt hierbei natürlich eine Rolle). Und der zweite ist:
-selbst die unschlaueste Erwerbsart, wenn man sie nur mit Ausdauer
-betreibt, d. h. ununterbrochen, hat einen mathematisch sicheren Erfolg.
-
-Indessen gibt es sogar sehr viele achtbare, kluge und enthaltsame
-Menschen, die (soviel sie sich auch mühen) weder drei- noch fünftausend
-Rubel ersparen können und doch mächtig gern Geld ersparen wollen. Woher
-kommt das? Die Antwort ist klar: weil kein einziger von ihnen, trotz
-seines ganzen Wollens, so stark _will_, daß er zum Beispiel, wenn es
-nicht anders ginge, selbst Bettler zu werden bereit wäre; und weil kein
-einziger charakterfest genug ist, um nicht die ersten Kopeken für ein
-überflüssiges Stück Brot für sich oder seine Familie wieder zu
-verausgaben. Bei dieser Erwerbsart aber, ich meine, beim Betteln, darf
-man sich nur von Wasser und Brot nähren und muß sich alles versagen,
-wenn man von den Almosen ein Vermögen ersparen will; wenigstens denke
-ich mir das so. Und bestimmt werden auch die erwähnten zwei Bettler nur
-so zu ihrem Kapital gekommen sein, also indem sie sich ausschließlich
-von Brot nährten und unter freiem Himmel lebten. Zweifellos haben sie
-nicht die Absicht gehabt, Rothschilds zu werden; sie waren nur typische
-Sparer wie Harpagon oder Gogols Pljuschkin. Aber auch bei bewußtem
-Sparen, und selbst bei einem Erwerb in anderer Art, ist, wenn man ein
-Rothschild werden will, zur Durchführung nicht weniger heißes Wollen
-erforderlich und nicht geringere Willenskraft, als diese beiden Bettler
-sie gehabt haben. Ein predigender Vater wird solche Kraft nicht
-aufbringen. Die Kräfte dieser Welt sind sehr verschieden, besonders die
-Kräfte des Willens. Es gibt eine Temperatur, bei der Wasser zu kochen
-anfängt, und einen Hitzegrad, bei dem Eisen in Rotglut gerät.
-
-Hier ist es dasselbe, wie ins Kloster gehen, dasselbe, wie Erfüllung
-strengster Asketengelübde. Hier handelt es sich um ein Gefühl, nicht um
-eine Idee. Warum? Wozu? Ist das denn sittlich, und ist es nicht
-ungeheuerlich, sein Leben lang im Bettlerkittel zu gehen und Schwarzbrot
-zu essen, wenn man soviel Geld bei sich trägt? Von diesen Fragen reden
-wir später, jetzt zuerst von der Möglichkeit der Erreichung des Zieles.
-
-Als ich mir »meine Idee« ausgedacht hatte (und sie ist ja nichts anderes
-als eben Rotglut), begann ich mich sofort daraufhin zu prüfen, ob ich
-einer solchen Askese fähig wäre. Ich nahm mir also vor, einen ganzen
-Monat nur Wasser und Brot zu genießen, und zwar täglich nur zwei und ein
-halbes Pfund Schwarzbrot. Um die Prüfung durchführen zu können, mußte
-ich den klugen und so feinfühligen Nikolai Ssemjonowitsch und die mir so
-wohlwollende Marja Iwanowna betrügen. Doch trotz ihrer Betrübnis und
-seiner Verwunderung bestand ich auf meinem Wunsch, ganz allein in meinem
-Zimmer zu essen. Das geschah denn auch, bloß aß ich nichts von dem, was
-mir ins Zimmer gebracht wurde, sondern goß die Suppe aus dem Fenster in
-die Nesseln oder anderswohin, und das Fleisch warf ich dem Hofhund zu
-oder wickelte es in Papier und trug es in der Tasche hinaus, und ähnlich
-beseitigte ich alles übrige. Da mir aber mit den Speisen viel weniger
-Brot als zweieinhalb Pfund auf mein Zimmer geschickt wurde, so kaufte
-ich heimlich noch Brot hinzu. Ich hielt diese Kost einen ganzen Monat
-aus, verdarb mir dabei nur ein wenig den Magen; im zweiten Monat
-erlaubte ich mir noch eine Portion Suppe und morgens und abends noch je
-ein Glas Tee -- und ich kann versichern, ich habe das ganze Jahr
-körperlich in bester Gesundheit und geistig -- wie in einem Rausch und
-in fortwährender heimlicher Begeisterung gelebt. Um die Speisen tat es
-mir nicht nur nicht leid, sondern ich fühlte mich als Sieger einfach
-erhaben über alles und lebte in Seligkeit. Als das Jahr zu Ende war und
-ich mich überzeugt hatte, daß ich jedes Fasten aushalten konnte, begann
-ich wieder wie alle zu essen und speiste wieder mit ihnen zusammen. Aber
-diese einseitige Prüfung genügte mir nicht, und ich ersann eine neue.
-Außer dem Pensionsgeld, das man Nikolai Ssemjonowitsch für mich zahlte,
-erhielt ich noch in jedem Monat fünf Rubel als Taschengeld. Und so
-beschloß ich denn, von diesen fünf Rubeln nur die Hälfte auszugeben. Das
-war eine sehr schwere Prüfung, aber nach guten zwei Jahren hatte ich,
-als ich nach Petersburg reiste, außer dem Reisegeld noch siebzig Rubel
-in der Tasche -- und die hatte ich mir ausschließlich von jenem
-Monatsgeld erspart. Das Ergebnis dieser beiden Versuche war für mich von
-ungeheurer Bedeutung: ich hatte mir die Gewißheit verschafft, daß ich
-stark genug zu wollen vermag, um mein Ziel zu erreichen, und das war,
-ich wiederhole es, die Hauptsache bei meiner ganzen Idee, alles übrige
--- sind Kleinigkeiten.
-
-
- II.
-
-Aber betrachten wir auch die Kleinigkeiten.
-
-Ich habe nun meine ersten zwei Versuche beschrieben; in Petersburg
-machte ich, wie ich schon erzählt habe, den dritten Versuch -- ich ging
-auf eine Auktion und gewann mit einem Schlage sieben Rubel
-fünfundneunzig Kopeken. Versteht sich, das war kein ernster Versuch,
-sondern nur ein Spiel, ein Vergnügen: ich hatte Lust, einen Augenblick
-aus der Zukunft zu stehlen und im voraus auszukosten, wie ich so in
-künftigen Jahren gehen und mein Vorhaben ausführen würde. Den wirklichen
-Anfang der Umsetzung meiner Idee in die Tat hatte ich von vornherein, d.
-h. schon in Moskau, bis zu dem Zeitpunkt hinausgeschoben, wo ich als
-Mensch einmal vollkommen frei dastehen werde; ich sah ein, daß ich zum
-Beispiel wenigstens das Gymnasium vorher beenden mußte. (Die Universität
-hatte ich, wie schon erwähnt, bereits geopfert.) Natürlich reiste ich
-mit einem geheimen Grimm nach Petersburg: kaum hatte ich das Gymnasium
-beendet und war nun ein freier Mensch geworden, da sah ich plötzlich,
-daß Werssiloffs Angelegenheiten mich vom Beginn der Ausführung meines
-Vorhabens auf unbestimmte Zeit ablenkten! Aber trotzdem habe ich mich
-nicht im entferntesten wegen der Erreichung meines Zieles beunruhigt
-gefühlt.
-
-Es ist wahr, noch fehlte mir die praktische Erfahrung; aber in den drei
-Jahren hatte ich schon alles bedacht, und so konnte mich kein Zweifel
-mehr beunruhigen. Wohl tausendmal hatte ich es mir ausgemalt, wie ich
-anfangen würde: plötzlich befinde ich mich, wie vom Himmel gefallen, in
-einer von unseren zwei Hauptstädten (ich hatte mir gerade für den Anfang
-unsere Hauptstädte erwählt, und zwar gab ich aus einer gewissen Erwägung
-Petersburg den Vorzug). Ich bin also wie vom Himmel herabgefallen und
-vollständig frei, hänge von keinem ab, bin gesund und habe in der Tasche
-ein heimliches Vermögen von hundert Rubeln -- mein Anlagekapital. Ohne
-hundert Rubel kann man nicht gut anfangen; denn so würde die erste
-Periode des geringen Erwerbes gar zu lange dauern. Außer den hundert
-Rubeln besaß ich noch, wie sich erwiesen hatte, Mut, Ausdauer, Fähigkeit
-zu vollständiger Einsamkeit und zur folgerechten Geheimhaltung eines
-Geheimnisses. Ja, gerade die bedingungslose Einsamkeit war die
-Hauptsache; ich habe tatsächlich bis zuletzt keinerlei Beziehungen oder
-Verbindungen mit anderen Menschen gemocht, und im allgemeinen stand es
-für mich unumstößlich fest, daß ich die Ausführung meiner Idee ganz
-allein anfangen würde: das war mein _sine qua non_. Es fällt mir schwer,
-Menschen zu ertragen; ich werde innerlich unruhig, und die Unruhe würde
-die Verfolgung meines Zieles beeinträchtigen. Und überhaupt ist es
-bisher in meinem Leben immer so gewesen: wenn ich mir vorstellte oder
-träumte, wie ich mich im Verkehr mit den Menschen halten würde, verlief
-alles immer sehr gut und klug, kaum aber trat an die Stelle des Traumes
-oder der Vorstellung die Wirklichkeit -- so benahm ich mich immer
-furchtbar dumm. Ich gestehe das mit aufrichtigem Unwillen; immer habe
-ich mich selbst durch meine Worte zu erkennen gegeben und übereilt
-gesprochen, und deshalb hatte ich beschlossen, mich von den Menschen
-abzusondern. Nur so konnte ich mir Unabhängigkeit, Seelenruhe und
-ungestörte Verfolgung meines Zieles sichern.
-
-In Petersburg sind die Preise für Lebensmittel bekanntlich sehr hoch,
-aber dessenungeachtet hatte ich ein für allemal beschlossen, nicht mehr
-als fünfzehn Kopeken täglich fürs Essen auszugeben, und ich wußte im
-voraus, daß ich meinen Vorsatz durchführen würde. Diese Frage der
-Ernährung habe ich lange und eingehend erwogen. So zum Beispiel nahm ich
-mir vor, zwei Tage lang nichts als Brot mit Salz zu essen, um dann am
-dritten Tage für die in zwei Tagen ersparten Kopeken um so viel mehr zu
-essen; denn mir schien diese Verteilung zuträglicher für die Gesundheit,
-als ein ewig gleichmäßiges Fasten bei einer Tagesration für die
-geringste Summe. Ferner bedurfte ich eines Winkels, buchstäblich nur
-eines Winkels, d. h. ich brauchte einen Ort, wo ich in der Nacht
-schlafen konnte und bei gar zu unfreundlichem Wetter auch am Tage Schutz
-fand. Zu leben beabsichtigte ich eigentlich nur auf der Straße und war
-bereit, im Notfall auch in den Nachtasylen für Obdachlose zu schlafen,
-wo man, abgesehen vom Nachtlager, noch ein Stück Brot und ein Glas Tee
-erhält. Oh, ich würde es schon verstehen, mein Geld so zu verstecken,
-daß es mir weder von Winkelnachbarn noch im Nachtasyl gestohlen werden
-könnte, nicht einmal ahnen würden sie, daß ich welches besitze. »Was,
-_mir_ könnte man es stehlen? Ach, Freund, ich muß mich ja selbst nur in
-acht nehmen, daß nicht ich einem anderen was stehle!« -- hörte ich
-einmal auf der Straße im Vorübergehen einen Galgenstrick mit Humor zum
-anderen sagen. Was mich betrifft, so würde ich es ihm nur in Vorsicht
-und Schlauheit gleichtun, aber zu stehlen, nein, zu stehlen beabsichtige
-ich nicht. Ja, ich habe sogar schon in Moskau, und vielleicht schon am
-ersten Tage meiner »Idee«, beschlossen, weder Pfandleiher noch Wucherer
-zu werden: dazu sind die Juden da und auch diejenigen Russen, die weder
-Verstand noch Charakter haben. Pfänder und Prozente -- das ist so was
-für die ordinären!
-
-In betreff der Kleidung hatte ich mir vorgenommen, immer zwei Anzüge zu
-besitzen, einen Alltagsanzug und einen guten. Wenn ich sie mir einmal
-angeschafft hätte, würde ich sie lange tragen, das wußte ich.
-Zweieinhalb Jahre lang habe ich mich vorsätzlich darin geübt, wie man
-seine Kleider tragen muß, damit sie nicht schnell abnutzen, und habe bei
-der Gelegenheit ein Geheimnis entdeckt: soll ein Kleidungsstück immer
-wie neu aussehen, so muß man es möglichst oft bürsten, womöglich fünf-
-bis sechsmal am Tage. Tuch fürchtet die Bürste nicht, wohl aber Staub
-und Schmutz. Staub besteht, unter dem Mikroskop betrachtet, aus Steinen,
-die Bürstenhaare aber sind, selbst die härtesten, immerhin etwas der
-Wolle Ähnliches. Ebenso habe ich meine Stiefel zu tragen gelernt: das
-Geheimnis besteht darin, daß man ganz gerade und mit der ganzen Sohle
-auftritt; denn vor allem gilt es ein Schieftreten der Stiefel zu
-vermeiden. In vierzehn Tagen hat man das heraus, und dann geht's von
-selbst, ohne daß man daran zu denken braucht. So trägt man Stiefel im
-Durchschnitt um ein Drittel der Zeit länger. -- Ergebnis zweijährigen
-Versuchs.
-
-Hierauf befaßte ich mich schon mit der eigentlichen Aufgabe.
-
-Ich ging von der Erwägung aus: ich habe hundert Rubel. In Petersburg
-finden so viel Auktionen und Ausverkäufe statt, gibt es so viel kleine
-Buden auf dem Trödelmarkt und so viel kauflustige Menschen, daß es
-unmöglich ist, eine Sache, die man für soundsoviel gekauft hat, nicht
-etwas teurer verkaufen zu können. An einem Album habe ich mit einem
-Anlagekapital von zwei Rubel und fünf Kopeken jene sieben Rubel und
-fünfundneunzig Kopeken verdient. Diesen ungeheuren Gewinn erhielt ich
-ohne jedes Wagnis meinerseits: ich sah dem Käufer an den Augen an, daß
-er dieses alte Album unbedingt erstehen wollte. Natürlich gebe ich zu,
-daß dieser Fall nur ein Zufall war, aber gerade solche Fälle suche ich
-ja, nur deshalb habe ich doch beschlossen, auf der Straße zu leben! Nun
-gut, mögen sie noch so selten sein, gleichviel, mein Grundsatz bleibt:
-nichts aufs Ungewisse hin zu wagen, und zweitens: unbedingt an jedem
-Tage wenigstens etwas mehr als das Minimum zu verdienen, d. h. was ich
-für meinen Unterhalt täglich ausgeben muß, damit an keinem Tage die
-Vermehrung des Kapitals stillstehe.
-
-Man wird mir sagen: »Das sind alles nur Träume! Sie kennen die Straße
-noch nicht, man wird Sie schon beim ersten Schritt übers Ohr hauen, und
-ohne daß Sie es merken.« Aber ich habe Willen und Charakter, und die
-Wissenschaft der Straße ist wie jede andere Wissenschaft und läßt sich
-mit Fleiß, Ausdauer, Aufmerksamkeit und Fähigkeiten ohne weiteres
-erwerben. Auf dem Gymnasium war ich bis zur letzten Klasse einer der
-ersten Schüler und ein sehr guter Mathematiker. Und wie kann man nur die
-bloße »Erfahrung« und Straßenwissenschaft so götzenbildhaft überschätzen
-und, wo sie fehlen, ein sicheres Mißlingen prophezeien! Das pflegen aber
-immer nur diejenigen zu tun, die selbst niemals einen Versuch,
-gleichviel in welcher Sache, gemacht haben, die nie etwas Neues
-angefangen, sondern immer auf dem Fertigen frierend gesessen haben.
-»_Einer_ hat sich die Nase verbrannt, _folglich_ wird jeder andere sie
-sich auch verbrennen.« Nein, ich nicht. Ich habe Charakter, und wenn ich
-will, kann ich alles erlernen. Wäre es denn überhaupt möglich, daß man
-es bei ununterbrochener Aufmerksamkeit, Berechnung und Überlegung, bei
-unermüdlicher und ununterbrochener Tätigkeit und Lauferei -- schließlich
-nicht zu dem Wissen brächte, wie man täglich zwanzig Kopeken verdienen
-kann? Sehr wichtig ist, daß man sich nicht auf den größtmöglichen Gewinn
-versteift, sondern immer ruhig bleibt. Späterhin, wenn ich das eine und
-andere Tausend schon verdient habe, würde ich selbstverständlich und
-ganz unwillkürlich den kleinen Handel und Wiederverkauf auf der Straße
-aufgeben und mich mit Besserem befassen. Allerdings sind mir jetzt die
-Börse, die Aktien- und Bankgeschäfte und ähnliches noch wenig bekannt.
-Aber dafür weiß ich so genau, wie ich fünf Finger an jeder Hand habe,
-daß ich alle diese Börsen- und Bankiergeschäfte mit der Zeit erlernen
-und mich wie kein anderer in ihnen auskennen werde, und daß dieses
-Wissen sich bei mir fast von selbst einstellen wird, einfach weil die
-Dinge dazu führen. Als ob Gott weiß was für eine salomonische Weisheit
-dazu erforderlich wäre! Wenn man nur Charakter hat -- Verständnis,
-Geschicklichkeit, Wissen kommen dann von selbst. Und wenn nur das
-»Wollen« nicht aufhört!
-
-Die Hauptsache bleibt: nichts aufs Spiel setzen, und das kann man nur,
-wenn man Charakter hat. Noch kürzlich hatte ich hier in Petersburg eine
-Zeichnungsliste auf Eisenbahnaktien; wer damals subskribieren konnte,
-hat viel verdient. Eine Zeitlang stiegen die Aktien. Da gibt es dann
-immer Leute, die zu spät kommen, und wenn ich, nehmen wir an,
-subskribiert hätte, würde mir doch der eine oder andere den Vorschlag
-gemacht haben, ihm die Aktien für eine Prämie von soundsoviel Prozent
-abzutreten. Nun, und ich hätte dann unbedingt verkauft, ohne lange auf
-weiteres Steigen der Papiere zu warten. Natürlich hätte man mich
-ausgelacht, weil man mir nach einiger Zeit vielleicht zehnmal mehr
-bieten würde. Das wäre ja möglich, aber mein kleinerer Gewinn ist schon
-deshalb vorteilhafter, weil ich ihn bereits in der Tasche habe, der
-erhoffte große Gewinn aber noch irgendwo in der Luft hängt. Man wird mir
-hierauf zu bedenken geben, daß man auf diese Weise doch nicht viel
-verdienen könne. Entschuldigen Sie, darin irren Sie sich, und darin
-besteht auch der große Irrtum aller unserer großen verkrachten
-Spekulanten. So hören Sie denn die Wahrheit: Fleiß und Ausdauer im
-Verdienen und vor allem im Sparen machen mehr aus als zufällige große
-Gewinne, selbst wenn diese hundert Prozent und darüber einbringen!
-
-Als John Law zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts in Paris erschien,
-um ein im Prinzip geniales Projekt durchzuführen (das freilich nachher
-fürchterlich enttäuschte), geriet ganz Paris in Aufregung. Man riß sich
-förmlich um Laws Aktien, das Gedränge war unbeschreiblich. Und in das
-Haus, in dem die Aktien ausgegeben wurden, strömte aus ganz Paris das
-Geld zusammen. Aber das Haus konnte so viel Menschen nicht fassen, das
-Publikum mußte schon auf der Straße bleiben, und dort drängte sich alles
-durcheinander, Arme, Reiche, Vornehme, Geringe, Kinder und Greise,
-Bourgeoisie und Noblesse, Gräfinnen, Marquisen und Dirnen -- alles wurde
-zu einer einzigen, nur von einem Gedanken besessenen Masse, als wären
-alle von einem tollen Hunde gebissen. Alle Standesvorurteile, Rang,
-Stolz, Ehre und guter Name -- alles wurde unter die Füße getreten; alles
-wurde geopfert (sogar von Frauen), nur um ein paar Aktien zu erhalten.
-Die Subskription mußte schließlich auf der Straße stattfinden, doch man
-hatte keinen Tisch, auf dem man hätte schreiben können. Da machte man
-einem Buckligen den Vorschlag, seinen Buckel als Schreibtisch benutzen
-zu lassen. Der willigte ein -- man kann sich denken, wieviel er sich
-dafür von jedem Subskribenten zahlen ließ! Nun, es dauerte nicht lange,
-und alle waren bankerott, das ganze Unternehmen, die ganze Idee ging zum
-Teufel und die Aktien waren wieder wertlose Papierstücke. Wer hatte nun
-gewonnen? Nur der Bucklige, eben weil er statt der Aktien die baren
-Louisdors genommen hatte. Nun, und dieser Bucklige bin unter ähnlichen
-Umständen -- ich. Habe ich doch genug Willenskraft gehabt, nicht zu
-essen und kopekenweise mir zweiundsiebzig Rubel zusammenzusparen; sie
-wird wohl auch ausreichen, um dem Wirbel einer alle erfassenden Gier zu
-widerstehen und das geringe, aber sichere Geld dem großen, aber
-ungewissen vorzuziehen. Nur in Kleinigkeiten bin ich kleinlich, im
-großen -- nie. Wenn zu einer Sache nur ein wenig Geduld erforderlich
-war, hat meine Willenskraft oft nicht ausgereicht, sogar nachdem ich mir
-meine Idee schon ausgedacht hatte; zu einer großen Geduld aber -- wird
-sie immer ausreichen. Wenn meine Mutter mir morgens, bevor ich zum
-Fürsten ging, einen Kaffee vorsetzte, der nur noch lauwarm war, ärgerte
-ich mich und wurde grob, und dabei war ich derselbe Mensch, der einen
-ganzen Monat nur von Wasser und Brot gelebt hatte.
-
-Mit einem Wort: auf diese Weise nicht Geld zu erwerben oder nicht
-erlernen zu können, wie man Geld erwirbt, wäre unnatürlich. Und ebenso
-unnatürlich wäre es, bei ununterbrochenem und gleichmäßigem Erwerb, bei
-unermüdlicher Aufmerksamkeit und klarem Verstande, Mäßigkeit,
-Sparsamkeit und ständig wachsender Energie -- nicht Millionär zu werden.
-Wodurch hat denn der Bettler sein Geld erworben, wenn nicht durch den
-Fanatismus seines Charakters und seine Ausdauer? Stehe ich diesem
-Bettler nach? »Und schließlich, mag ich auch nichts erreichen, mag meine
-Berechnung falsch sein, mag ich Schiffbruch leiden und untergehen,
-gleichviel! -- ich gehe. Ich gehe, weil ich es so will!« Das sagte ich
-mir noch in Moskau.
-
-Man wird mir sagen, in alledem sei nichts von einer »Idee« und das Ganze
-überhaupt nichts Neues. Ich aber sage, und jetzt zum letztenmal, daß
-hierin unendlich viel Idee und unendlich viel Neues ist.
-
-Oh, ich habe es ja schon geahnt, wie trivial alle Einwände sein würden,
-und wie trivial ich selbst erscheinen muß, wenn ich meine »Idee«
-auseinandersetze: was habe ich denn ausgesprochen? Nicht einmal den
-hundertsten Teil. Ich fühle doch, daß es so nur kleinlich, plump,
-oberflächlich und gleichsam viel zu kindisch für meine Jahre ausgedrückt
-ist.
-
-
- III.
-
-Ich habe jetzt noch die Fragen »Warum« und »Wozu« und »Ist das sittlich
-oder nicht« zu beantworten -- da ich eine Antwort versprochen habe.
-
-Es tut mir leid, daß ich den Leser enttäuschen muß; es tut mir leid und
-es freut mich zugleich. Möge man doch erfahren, daß nicht der geringste
-»Rachedurst« in meine »Idee« hineinspielte, nichts Byronisches, -- weder
-Racheschwüre, noch Waisenklagen oder Tränen wegen der illegitimen
-Geburt, nichts, gar nichts von dieser Art. Kurzum, eine romantisch
-veranlagte Dame würde, falls sie meine Aufzeichnungen lesen sollte, sehr
-enttäuscht sein und geknickt die Nase hängen lassen. Der ganze Zweck
-meiner »Idee« ist -- Einsamkeit.
-
-»Aber Einsamkeit kann man doch auch so haben, ohne alle Großtuerei und
-Rednerei, daß man zuvor ein Rothschild werden müsse. Wozu ist da
-Rothschild nötig?«
-
-»Weil ich außer der Einsamkeit noch Macht brauche.«
-
-Zunächst eine Vorbemerkung: die Aufrichtigkeit meines Bekenntnisses wird
-den Leser vielleicht entsetzen, und es ist möglich, daß er sich in
-seiner Einfalt fragt: wie kann er das nur gestehen, ohne zu erröten?
-Meine Antwort ist: ich schreibe nicht, um das Geschriebene drucken zu
-lassen; einen Leser aber werde ich, wenn überhaupt, dann wohl erst nach
-zehn Jahren haben, wenn das eine schon so weit vergangen sein wird, das
-andere sich schon so weit zu erkennen gegeben hat, daß zum Erröten keine
-Veranlassung mehr vorhanden ist. Wenn ich aber in meinen Aufzeichnungen
-manchmal gleichsam zu einem »Leser« spreche wie zu einem Kritiker, so
-ergibt sich das ganz von selbst. Mein Leser ist eine Phantasiegestalt.
-
-Nein, nicht meine außereheliche Geburt, mit der man mich bei Touchard so
-oft geneckt hat, nicht die traurigen Jahre meiner Kindheit, nicht
-Rachelust und nicht das Protestgefühl mit seinem »Recht« haben meine
-»Idee« erzeugt; getan hat das einzig -- mein Charakter. Ich glaube,
-schon in meinem zwölften Lebensjahr, also fast mit dem eigentlichen
-Erwachen meines Bewußtseins, begann ich, die Menschen nicht zu lieben.
-Das heißt nicht gerade, nicht zu lieben, aber so, sie wurden mir, ich
-möchte sagen, schwer. Es hat mich oft traurig gemacht, und zwar gerade
-in meinen reinsten Stunden, daß ich nicht einmal den mir am nächsten
-stehenden Menschen alles zu sagen vermochte, auch ihnen gegenüber nicht
-alles aussprechen konnte, oder richtiger, eigentlich nicht aussprechen
-wollte, d. h. daß ich mich aus irgendeinem Grunde zurückhielt, und daß
-ich mißtrauisch war, finster und verschlossen. Und wiederum ist mir fast
-schon in der Kindheit ein Charakterzug an mir aufgefallen: daß ich gar
-zu oft andere beschuldigte oder wenigstens geneigt war, andere zu
-beschuldigen; aber meinem Gedanken in dieser Richtung folgte auf dem Fuß
-ein anderer Gedanke, der für mich zu schwer zu ertragen war, der
-Gedanke: »Bin ich nicht selbst der Schuldige?« Und wie oft habe ich mich
-dann selbst grundlos beschuldigt! Und um solchen Fragen aus dem Wege
-gehen zu können, sehnte ich mich nach Einsamkeit und suchte sie.
-Außerdem habe ich in der Gesellschaft der Menschen nichts finden können,
-trotz allem Suchen, und ich habe gesucht; wenigstens alle meine
-Altersgenossen, alle Schulkameraden erwiesen sich stets als geistig
-unter mir stehend; ich erinnere mich keiner einzigen Ausnahme.
-
-Ja, ich bin ein düsterer Mensch, ich verschließe mich fortwährend. Oft
-habe ich Lust, mich von den Menschen ganz und gar abzusondern.
-Vielleicht werde ich den Menschen auch Gutes tun, aber zumeist kann ich
-nicht den geringsten, einigermaßen einleuchtenden Beweggrund dazu
-entdecken. Auch sind sie keineswegs so herrlich, daß es sich lohnte,
-sich sonderlich um sie zu kümmern. Warum treten sie nicht gerade und
-offen an mich heran, und warum bin ich verpflichtet, als erster zu ihnen
-zu gehen? Diese Fragen sind mir immer wieder durch den Kopf gegangen.
-Ich bin ein dankbares Geschöpf, das haben mir wohl schon hundert von mir
-begangene Dummheiten bewiesen. Einem offenen Menschen würde ich sofort
-mit Offenheit antworten und ihn liebgewinnen. So habe ich es ja auch
-getan; aber alle haben sie mich dann sogleich betrogen und sich selbst
-wieder vor mir verschlossen, sogar mit Hohn über mich. Der offenste von
-allen war Lambert, der mich als Junge so gehauen hat; aber auch dieser
-war bloß ein offener Schuft und Lump; und die Offenheit war bei diesem
-schließlich nur ein Ausdruck seiner Dummheit. Mit solchen Anschauungen
-kam ich damals nach Petersburg.
-
-Als ich an jenem denkwürdigen Tage die Wohnung Dergatschoffs verließ
-(übrigens, Gott weiß weshalb es mich dahin gezogen hatte!), schloß ich
-mich Wassin an, und in einer Anwandlung von Begeisterung überschüttete
-ich ihn mit meinem Interesse. Und was geschah darauf? Noch an demselben
-Abend fühlte ich, daß ich ihn bereits viel weniger liebte. Warum? Ja,
-eben darum, weil ich durch meinen ihm überschwenglich gezollten Beifall
-mich selbst vor ihm erniedrigt hatte. Indessen sollte man meinen, es
-hätte gerade das Entgegengesetzte geschehen müssen: ein Mensch, der so
-weit gerecht und großmütig ist, daß er einem anderen in einer Weise
-Anerkennung zollt, die ihn selbst erniedrigt, -- ein solcher Mensch
-steht doch an Menschenwürde eigentlich beinahe höher als jeder andere.
-Nun, und -- ich sah das ein; aber trotzdem liebte ich Wassin weniger,
-sogar sehr viel weniger. Ich habe absichtlich ein dem Leser schon
-bekanntes Beispiel genommen. Selbst an Krafft dachte ich mit einem
-herben oder sogar bitteren Gefühl zurück, weil er mir ins Vorzimmer
-vorausgegangen war und mich auf diese Weise verabschiedet hatte: dieses
-Gefühl hatte ich die ganze Zeit bis zum nächsten Tage, bis ich plötzlich
-etwas erfuhr, das mir alles an ihm erklärte und jeden Grund zum Ärger
-aufhob. Aber schon in den untersten Klassen des Gymnasiums fühlte ich
-mich gekränkt, wenn einer meiner Mitschüler mich übertraf, sei es in
-einer Wissenschaft oder an Schlagfertigkeit und Witz, oder sei es, daß
-er mir an körperlicher Kraft überlegen war, -- dann stellte ich sofort
-jeden Umgang mit ihm ein und sprach nicht einmal mehr mit ihm. Ich kann
-nicht sagen, daß ich ihn gehaßt oder ihm Mißerfolg gewünscht hätte;
-nein, das nicht; ich wandte mich nur von ihm ab, denn so ist nun einmal
-mein Charakter.
-
-Ja, mich hat mein ganzes Leben lang nach Macht gedürstet, nach Macht und
-Einsamkeit. Ich träumte davon schon in so jungen Jahren, daß entschieden
-ein jeder mich ausgelacht haben würde, wenn er meine geheimen Gedanken
-erfahren hätte. Deshalb habe ich die Heimlichkeit so liebgewonnen. Ja,
-ich träumte mit aller Kraft und allen Sinnen, träumte, daß mir keine
-Zeit bliebe, mich mit anderen Menschen zu unterhalten; daraus folgerte
-man, daß ich menschenscheu sei, und aus meiner Zerstreutheit zog man
-noch dümmere Schlüsse auf meine Lebenskraft -- aber meine roten Wangen
-bewiesen das Gegenteil.
-
-Besonders glücklich war ich, wenn ich schon im Bett lag und die Decke
-über die Schulter gezogen hatte, und nun ganz allein, in der größten
-Einsamkeit, ohne Menschengetriebe um mich herum, ohne einen Laut von
-ihnen zu hören, mein Leben nach eigenem Wunsch in der Phantasie
-umzugestalten begann. So verbrachte ich die Zeit, bis meine Idee in mir
-auftauchte, in der glühendsten Träumerei; durch die Idee aber wurden
-alle Träume, die bis dahin dumm gewesen waren, mit einemmal vernünftig
-und gingen aus der träumerischen Form des Romans in die denkende Form
-der Wirklichkeit über.
-
-Alles floß zusammen und strebte nur zu dem einen Ziel. Meine Träume
-waren übrigens auch früher schon gar nicht so dumm gewesen, obgleich es
-der Themata zu Tausenden gab. Aber unter ihnen gab es Lieblingsträume
-... Übrigens, es geht doch nicht an, sie hier alle zu erzählen. Macht!
-Ich bin überzeugt, daß sehr viele es sehr lächerlich finden würden, wenn
-sie erführen, daß so ein »Nichts« wie ich es gerade auf Macht abgesehen
-hatte. Aber ich werde sie durch ein weiteres Geständnis noch mehr in
-Erstaunen setzen: ich habe mich vielleicht schon von meinen ersten
-Träumen an, das heißt, so gut wie seit meiner frühesten Kindheit, mir
-selbst nie anders vorzustellen vermocht, als immer und unter allen
-Umständen auf dem ersten Platz. Und ich füge ein zweites seltsames
-Geständnis hinzu: vielleicht setzt sich das noch heute fort. Hierzu
-bemerke ich, daß ich nicht um Verzeihung zu bitten beabsichtige.
-
-Und darauf beruht ja meine Idee, gerade darin liegt auch ihre Macht, daß
-das Geld -- der einzige Weg ist, der selbst den Letzten auf den _ersten
-Platz_ bringt. Vielleicht bin ich nicht einmal der Letzte; aber ich weiß
-zum Beispiel -- der Spiegel sagt es mir --, daß mein Äußeres mir
-schadet, weil mein Gesicht gewöhnlich ist. Wenn ich aber so reich wie
-Rothschild bin -- wer wird dann noch nach meinem Gesicht fragen, und
-werden dann nicht Tausende von Frauen, sobald ich nur pfeife, mit all
-ihren Schönheiten zu mir angeflogen kommen? Ich bin sogar überzeugt, daß
-sie selbst, und zwar vollkommen aufrichtig, mich schließlich für einen
-schönen Mann halten werden. Ferner: ich bin vielleicht klug. Aber mag
-ich auch noch so klug sein und eine noch so hohe Stirn haben, es kann
-sich doch in jeder Gesellschaft einer finden, der noch klüger ist und
-eine noch höhere Stirn hat -- und ich bin verloren. Aber wenn ich nun
-ein Rothschild bin -- wird dann dieser Klügere noch etwas neben mir
-bedeuten? Man wird ihn doch nicht einmal zu Wort kommen lassen neben
-mir! Ich bin vielleicht geistreich; aber da befindet sich plötzlich ein
-Talleyrand neben mir, ein Piron -- und ich bin in den Schatten gestellt;
-bin ich aber ein Rothschild -- wo bleibt dann Piron, ja selbst
-Talleyrand? Geld ist natürlich eine despotische Macht, zu gleicher Zeit
-aber bedeutet es die größte Gleichstellung, und darin liegt seine
-hauptsächliche Macht. Geld macht alle Ungleichheiten gleich. Das habe
-ich alles schon in Moskau eingesehen.
-
-Man wird in diesem meinem Gedanken selbstverständlich nichts als einen
-Ausdruck von Gemeinheit und Herrschsucht sehen, hinter dem das Gelüst
-des Niedrigen steht, über die Hohen und Geistigen zu triumphieren. Ich
-gebe zu, daß dieser Gedanke verwegen ist (und deshalb süß). Aber mag er,
-mag er es sein: Sie denken gewiß, ich wolle Macht, nur um triumphieren,
-bedrücken und mich rächen zu können? Das ist es ja, daß unbedingt so und
-nicht anders die Dutzendgemeinheit handeln würde. Und nicht nur diese;
-ich bin überzeugt, daß Tausende von Talenten und klugen Leuten, die sich
-so hochstehend und geistig dünken, wenn man ihnen plötzlich die
-Rothschildschen Millionen aufladen würde, dem Reichtum nicht gewachsen
-wären, und wie die Ordinärsten verfahren und am allermeisten die anderen
-bedrücken würden. Meine Idee ist eine ganz andere. Ich fürchte das Geld
-nicht; mich wird es nicht bedrücken und auch nicht veranlassen, andere
-zu bedrücken.
-
-Ich brauche das Geld nicht, oder sagen wir richtiger, ich brauche nicht
-das Geld, und nicht einmal die Macht; ich brauche nur das, was man durch
-Macht erwirbt und was man auf keine Weise ohne Macht erlangen kann; und
-das ist das einsame und ruhige Bewußtsein der Kraft! Das ist die
-erschöpfendste Bezeichnung dessen, was man »Freiheit« nennt, und um die
-sich die ganze Welt so abquält! »Freiheit!« Endlich habe ich es
-hingeschrieben, dieses große Wort ... Ja, das einsame Bewußtsein der
-Kraft -- ist berauschend und wundervoll. Ich habe die Kraft, und ich bin
-ruhig. Jupiter hat Blitz und Donner in der Hand: und er ist ruhig. Hört
-man's denn häufig, daß er den Donner grollen läßt? Ein Dummer könnte
-glauben, er schlafe. Aber setzt an die Stelle Jupiters irgendeinen
-Literaten oder ein dummes Bauernweib -- und das Donnern wird kein Ende
-nehmen!
-
-Habe ich aber erst einmal die Macht, philosophierte ich, so werde ich
-ihrer überhaupt nicht mehr bedürfen. Ich versichere, daß ich dann
-freiwillig und aus eigenem Antriebe überall den letzten Platz einnehmen
-werde. Wäre ich Rothschild, so würde ich in einem alten Mantel und mit
-einem Regenschirm gehen. Was mache ich mir daraus, daß man mich auf der
-Straße stößt, daß ich schnell über das schmutzige Pflaster springen muß,
-um nicht überfahren zu werden! Das Bewußtsein, daß ich es bin,
-Rothschild selbst, würde mich in solchen Augenblicken erheitern und
-belustigen. Ich weiß, daß ich den ersten Koch der Welt und ein Essen wie
-keiner haben kann, doch es genügt mir, das zu wissen. Ich würde ein
-Stück Brot und Schinken essen und würde satt sein durch mein Bewußtsein.
-Dieser Ansicht bin ich auch heute noch.
-
-Ich werde mich nicht zu den Aristokraten drängen, wohl aber werden sie
-sich zu mir drängen; nicht ich werde den Weibern nachlaufen, sondern sie
-mir, und werden mir alles anbieten, was ein Weib nur anzubieten hat. Die
-»billigen« werden des Geldes wegen kommen, und die klugen wird das
-neugierige Interesse für den eigenartigen, stolzen, verschlossenen und
-zu allem sich gleichmütig verhaltenden Menschen anlocken. Ich werde
-sowohl zu diesen wie zu jenen freundlich sein und ihnen vielleicht Geld
-geben; von ihnen nehmen aber werde ich nichts. Interesse gebiert
-Leidenschaft, vielleicht werde ich auch Leidenschaft erwecken. Aber ich
-versichere, sie werden vergeblich gekommen sein und nichts mitnehmen,
-als höchstens Geschenke. Und das wird mich für sie doppelt interessant
-machen.
-
- »... denn mir genügt
- Vollauf das Bewußtsein ...«
-
-Sonderbar ist, daß ich mich in dieses Bild (das übrigens richtig ist)
-schon als Siebzehnjähriger verliebt habe.
-
-Bedrücken und quälen will ich und werde ich keinen; aber ich würde
-wissen, daß, wenn ich einen bestimmten Menschen, etwa meinen Feind,
-verderben wollte, niemand mich daran hindern könnte, alle vielmehr
-diensteifrig mir helfen würden, und wiederum würde mir dieses Bewußtsein
-genügen. Nicht einmal rächen würde ich mich. Es hat mich immer
-gewundert, daß James Rothschild den Titel »Baron« angenommen hat! Warum
-das und wozu, wenn er doch schon über allen stand? »Oh, mag mich doch
-dieser aufgeblasene General beleidigen,« würde ich denken, wenn wir,
-sagen wir, beide auf einer Poststation auf Pferde warten; »wenn er
-wüßte, wer ich bin, würde er selbst meine Postpferde anschirren helfen
-und mir beim Einsteigen in meinen bescheidenen Wagen behilflich sein.
-War doch einmal in den Zeitungen davon die Rede, daß ein ausländischer
-Graf oder Baron in einem Wiener Eisenbahnzug einem dortigen Bankier vor
-dem ganzen Publikum die Pantoffeln angezogen hatte, und dieser war
-gemein genug gewesen, das geschehen zu lassen. Oh, mag doch, mag diese
-unheimliche Schönheit (gerade >unheimliche< Schönheit, es gibt solche!)
--- diese Tochter der stolzen und bewundernswerten Aristokratin, mit der
-ich zufällig auf einem Schiffsdeck oder sonstwo zusammentreffe, mich mit
-ungehaltenem Blick messen und, hochmütig die Nase hebend, mit Verachtung
-sich darüber wundern, wie dieser geringe, abscheuliche Mensch mit dem
-Buch oder der Zeitung in der Hand es wagen durfte, sich auf den ersten
-Platz zu setzen, und noch dazu neben sie! Doch wenn sie nur wüßte, wer
-neben ihr sitzt! Und sie wird es erfahren, -- erfahren und sich selbst
-neben mich setzen, ergeben, schüchtern, freundlich, und wird meinen
-Blick suchen und sich über mein Lächeln freuen ...« Ich habe hier mit
-Absicht diese frühesten Träume wiedergegeben, damit der Gedanke greller
-hervortrete und dann verständlicher werde; aber diese Bilder sind blaß
-und vielleicht trivial. Nur die Wirklichkeit rechtfertigt alles.
-
-Man wird sagen, so zu leben, wäre dumm: warum nicht in einem Palais
-wohnen, nicht ein großes Haus machen, nicht Gesellschaft bei sich
-versammeln, warum nicht Einfluß haben, und warum nicht heiraten? Aber
-was würde dann aus dem Rothschild werden, aus dem reichsten Menschen der
-Welt? Er würde zu dem werden, was alle sind. Der ganze Reiz der »Idee«,
-ihre ganze sittliche Kraft würde dahin sein. Schon als Kind habe ich den
-Monolog des »Geizigen Ritters« von Puschkin auswendig gelernt; als Idee
-hat Puschkin nichts Höheres geschaffen! Der Meinung bin ich auch heute
-noch.
-
-»Aber Ihr Ideal ist niedrig,« wird man mir mit Verachtung vorhalten,
-»Geld, Reichtum! Etwas ganz anderes sind doch gemeinnützige
-Unternehmungen, menschenfreundliche Taten!«
-
-Aber wer weiß es denn, wie ich meinen Reichtum anwenden würde? Was ist
-dabei Unsittliches und Niedriges, daß aus vielen jüdischen, schädlichen
-und schmutzigen Händen diese Millionen in die Hand eines nüchternen und
-standhaften Asketen, der mit scharfem Blick in die Welt schaut,
-zusammenfließen? Überhaupt, alle diese Zukunftsträume, alle diese
-Prophezeiungen -- das wirkt jetzt noch wie ein Roman, und ich habe sie
-vielleicht ganz umsonst niedergeschrieben; wäre lieber alles in meinem
-Schädel geblieben! Ich weiß auch, daß niemand diese Zeilen lesen wird;
-doch wenn jemand sie lesen sollte, wird er dann glauben, daß ich den
-Rothschildschen Millionen vielleicht doch nicht gewachsen bin? Nicht
-deshalb, weil sie mich etwa bedrücken würden, sondern im
-entgegengesetzten Sinne!? In meinen Träumen habe ich schon mehr als
-einmal an jenen Augenblick gedacht, wo mein Macht_bewußtsein_
-übersättigt sein, die »Macht« mir aber immer noch nicht groß genug
-erscheinen wird. Dann werde ich -- nicht aus Langeweile und nicht aus
-Rührseligkeit oder Überdruß, sondern weil mich nach uferlos Größerem
-verlangen wird -- dann werde ich alle meine Millionen den Menschen
-hingeben, mag die Gesellschaft meinen ganzen Reichtum verteilen und
-verwalten, ich aber -- ich aber tauche wieder hinab und verschwinde
-unter den Namenlosen! Vielleicht ende ich dann auch so auf einem
-Zwischendeck, wie jener Bettler auf dem Wolgadampfer, bloß mit dem
-Unterschied, daß man in meinem Lumpenkittel nichts eingenäht finden
-wird. Allein das Bewußtsein, daß Millionen in meiner Hand waren und ich
-sie in den Schmutz geworfen habe wie Spreu, würde mich wie ein Rabe
-speisen in meiner Wüste. Ich denke auch jetzt noch genau so. Ja, meine
-»Idee« ist die Festung, in die ich mich jederzeit und unter allen
-Umständen zurückziehen und vor allen Menschen verbergen kann, selbst als
-Bettler. Das ist nun meine Dichtung! Und wißt, ich brauche meinen
-lasterhaften Willen _ganz_, nur um _mir selbst_ beweisen zu können, daß
-ich imstande bin, auf ihn zu verzichten.
-
-Man wird mir hierauf zweifellos vorhalten, das sei doch Phantasterei, in
-Wirklichkeit würde ich die Millionen nie aus den Fingern lassen und mich
-nie und nimmer in einen solchen Bettler verwandeln. Möglich, daß ich sie
-nicht aus den Fingern lasse; ich habe doch nur das Ideal meiner Idee
-aufgezeichnet. Aber ich füge noch hinzu, und im Ernst: wenn mein
-Reichtum bis zu der Ziffer eines Rothschildschen angewachsen ist, so
-könnte es in der Tat damit enden, daß ich ihn den Menschen hinwerfe.
-(Übrigens vor Erreichung der Rothschildschen Ziffer, d. h. der Ziffer
-des größten persönlichen Reichtums, wäre es schwer, das auszuführen.)
-Und nicht die Hälfte würde ich hingeben; denn dabei käme doch nur eine
-Banalität heraus: ich würde nur um die Hälfte ärmer werden und nichts
-weiter; sondern gerade alles, alles bis aufs letzte, weil ich, wenn ich
-dann freiwillig zum Bettler geworden bin, mit einem Schlage doppelt so
-reich sein würde wie Rothschild! Wenn man das nicht begreift, ist es
-nicht meine Schuld; erklären werde ich es nicht.
-
-»Das ist Fakirtum, poetische Träumerei der Niedrigkeit und
-Kraftlosigkeit!« urteilen die Menschen, »das ist der Triumph der
-Talentlosigkeit und Mittelmäßigkeit.« Gut, ich gebe zu, es mag zum Teil
-auch der Triumph der Talentlosigkeit und Mittelmäßigkeit sein, aber wohl
-kaum der Kraftlosigkeit. Es gefiel mir ungeheuer, mir gerade ein
-talentloses und mittelmäßiges Geschöpf vorzustellen, das vor der ganzen
-Welt steht und lächelnd zu ihr sagt: »Ihr seid die Galilei und
-Kopernikus, die Karl der Große und Napoleon, ihr seid die Puschkin und
-Shakespeare, seid Feldmarschälle und Hofmarschälle, und hier bin ich --
-die Unbegabtheit und Rechtlosigkeit selbst, und bin doch höher als ihr;
-denn ihr selbst habt euch mir unterworfen!« Diese Phantasie habe ich,
-das muß ich gestehen, so weit und schrankenlos fortgesetzt, daß ich
-sogar die Bildung ablehnte. Es schien mir, es müsse noch schöner sein,
-wenn dieser Mensch sogar maßlos ungebildet wäre. Diese Übertreibung des
-Gedankens blieb auch nicht ohne Einfluß auf meine Schulzeugnisse in der
-letzten Klasse des Gymnasiums; ich hörte einfach auf zu lernen, und zwar
-aus Fanatismus: die Verwirklichung des Ideals von einem Menschen ohne
-Bildung erschien mir großartiger. Inzwischen habe ich aber meine Ansicht
-in dieser Frage geändert und halte Bildung nicht mehr für störend.
-
-Meine Herren, sollte denn die Selbständigkeit im Denken, und wäre es
-auch nur die geringste, wirklich so schwer für Sie sein? Selig ist, wer
-ein Schönheitsideal hat, und mag es auch nur ein fehlerhaftes sein! Aber
-an meines glaube ich. Ich habe es nur nicht richtig dargestellt, habe es
-ungeschickt und schülerhaft wiedergegeben. Nach zehn Jahren würde ich es
-selbstverständlich besser können. Aber diese Darstellung hier werde ich
-mir doch zur Erinnerung aufbewahren.
-
-
- IV.
-
-Ich habe nun die Auseinandersetzung meiner »Idee« beendet. Wenn ich sie
-oberflächlich, unverständlich ausgedrückt habe, so bin ich daran schuld
-und nicht die Idee. Ich habe schon gesagt, daß die einfachsten Ideen am
-schwersten zu verstehen sind; jetzt kann ich noch hinzufügen, daß sie
-auch am schwersten zu erklären sind, und bei der vorliegenden war dies
-um so mehr der Fall, als ich meine »Idee« in ihrer früheren Gestalt zu
-erklären hatte. Aber auch für Ideen ist die Regel von den umgekehrten
-Gesetzen zutreffend: niedrige, billige Ideen werden ungewöhnlich schnell
-begriffen, und unbedingt von der ganzen Masse, von der Straße sozusagen;
-und nicht nur das: man hält sie sofort für die größten und genialsten,
-jedoch -- nur am Tage ihres Bekanntwerdens. Das Billige ist nicht
-dauerhaft. Schnelles Begriffenwerden ist nur das Anzeichen der
-Trivialität des zu Begreifenden. Die Idee Bismarcks ist in einem
-Augenblick genial geworden, und Bismarck selbst zum Genie; aber gerade
-diese Schnelligkeit ist verdächtig: warten wir ab, was in zehn Jahren
-von seiner Idee übrig sein wird und vielleicht auch vom Herrn Kanzler
-selbst. Diese im höchsten Grade nicht zur Sache gehörende Bemerkung habe
-ich natürlich nicht zum Vergleich eingeflochten, sondern gleichfalls nur
-zur Erinnerung für mich. (Dies zur Erklärung für einen schon gar zu
-naiven Leser.)
-
-Jetzt aber will ich noch zwei kleine Erlebnisse erzählen, um damit
-endgültig mit meiner »Idee« abzuschließen, und zwar so, daß ich später
-nichts mehr hinzuzufügen noch zu erklären habe, was mich in der
-Erzählung nur aufhalten würde.
-
-Einmal im Sommer, es war im Juli, zwei Monate vor meiner Abreise nach
-Petersburg, als ich schon ganz frei geworden war, bat mich Marja
-Iwanowna, nach dem »Troïtzki Possad« zu einem alten dort wohnenden
-Fräulein hinauszufahren und einen Auftrag auszurichten -- etwas ganz
-Nebensächliches, was der Erwähnung nicht wert ist. Auf der Rückfahrt,
-noch an demselben Tage, bemerkte ich im Waggon einen widerlich häßlichen
-jungen Mann, der nicht schlecht, aber unsauber gekleidet war, ein
-finniges Gesicht hatte und die schmutzig braune Hautfarbe, die manchen
-Brünetten eigen ist. Er zeichnete sich dadurch aus, daß er auf jeder
-Station und Haltestelle ausstieg und Schnaps trank. Als die Reise sich
-ihrem Ende näherte, hatte sich um ihn ein vergnügter Kreis gebildet,
-übrigens eine recht lumpige Gesellschaft. Besonders entzückt war ein
-schon etwas betrunkener Kaufmann von dieser Fähigkeit des jungen
-Menschen, ununterbrochen zu trinken und dennoch nüchtern zu bleiben. Und
-sehr zufrieden schien damit auch ein junger Bursche zu sein, der
-furchtbar dumm und furchtbar viel sprach, nach deutscher Art gekleidet
-war und einen sehr schlechten Geruch verbreitete, -- ein Kellner, wie
-ich später erfuhr. Dieser Kellner hatte sich mit dem brünetten jungen
-Mann alsbald angefreundet, und jedesmal, wenn der Zug hielt, bewog er
-ihn zum Aufstehen, indem er sagte: »Es ist Zeit für'n Schnäpschen!« --
-und dann stiegen sie beide, eng umschlungen, aus. Der junge Mann, der
-soviel Alkohol schadlos zu sich nehmen konnte, sprach im allgemeinen
-kaum ein Wort, aber die Gesellschaft um ihn herum wurde immer lauter und
-zahlreicher; er hörte nur allen zu und verzog fortwährend seinen
-speichligen Mund zu einem Grinsen; von Zeit zu Zeit aber ließ er, und
-zwar immer ganz unerwartet, einen sonderbaren Laut hören, der ungefähr
-wie »Türlürlü!« klang, und dazu legte er regelmäßig mit einer höchst
-karikaturhaft wirkenden Armbewegung den Zeigefinger an die Nase. Das
-machte dem Kaufmann und dem Kellner, wie auch der übrigen Gesellschaft,
-großen Spaß, und sie lachten äußerst laut und ungezwungen. Es ist
-unbegreiflich, über was alles die Menschen mitunter lachen können. Auch
-ich gesellte mich schließlich zu ihnen, und ich weiß nicht, warum dieser
-junge Mann auch mir gewissermaßen gefiel; vielleicht, weil er die
-allgemeingültigen, fast zu Gesetzen gewordenen Anstandsformen so
-unbekümmert außer acht ließ. Kurz, ich erkannte in ihm nicht den Esel,
-der er war; und wir begannen uns noch im Waggon zu duzen. Beim
-Aussteigen sagte er mir, er werde am Abend, gegen neun Uhr, auf den
-Twerskoi Boulevard kommen. Er war, wie sich herausstellte, ein
-ehemaliger Student. Ich kam auf den Boulevard, und er veranlaßte mich
-zur Teilnahme an folgendem Stückchen: Wir gingen beide über alle
-Boulevards, und sobald wir zu späterer Stunde ein alleingehendes Mädchen
-oder eine junge Frau entdeckten, eine von den anständigen, und in deren
-Nähe sich nicht viele andere Fußgänger befanden, so gesellten wir uns
-schnell zu ihr. Ohne sie anzureden, gingen wir neben ihr in gleichem
-Schritt weiter, er auf der einen, ich auf der anderen Seite, und
-begannen mit der ruhigsten Miene, als bemerkten wir sie überhaupt nicht,
-das allerunanständigste Gespräch. Wir nannten die Dinge mit ihren
-richtigen Namen, taten es mit dem gleichmütigsten Gesicht, als gehöre es
-sich so, und ergingen uns dann bei der Schilderung verschiedener
-Scheußlichkeiten und Schweinereien in solchen Finessen, wie sie die
-schmutzigste Phantasie selbst des schmutzigsten Wollüstlings sich nicht
-hätte ausdenken können. (Ich hatte natürlich alle diese Kenntnisse schon
-in den Schulen erworben, sogar schon vor dem Eintritt ins Gymnasium,
-aber doch nur die Worte, nicht die Sache selbst begriffen.) Das Mädchen
-erschrak entsetzlich und ging so schnell sie nur konnte, aber auch wir
-beschleunigten unseren Gang und -- sprachen weiter. Unser Opfer konnte
-natürlich nichts tun, schreien hätte ihr wenig geholfen: sie hatte keine
-Zeugen, und überhaupt -- es wäre doch peinlich gewesen. Dieses Vergnügen
-setzten wir acht Tage lang fort. Ich verstehe nicht, wie mir das hat
-gefallen können! Es gefiel mir ja auch gar nicht, aber ... anfangs
-erschien es mir originell, gleichsam aus den alltäglichen, zu Schablonen
-gewordenen Äußerungsformen heraustretend; und außerdem konnte ich die
-Weiber nicht ausstehen. Einmal erzählte ich dem Studenten, daß Jean
-Jacques Rousseau in seinen »Beichten« gesteht, er habe als Jüngling mit
-Vorliebe gewisse, stets bedeckte Körperteile zu entblößen und heimlich
-hinter Ecken hervorzustecken geliebt, um dann auf vorübergehende Frauen
-zu warten. Als Antwort pfiff mir der Student wieder nur sein »Türlürlü!«
-Ich merkte schon, daß er schrecklich unwissend war und sich für
-erstaunlich wenige Dinge interessierte. Es war in ihm auch keine Spur
-von einer verborgenen Idee, wie ich sie in ihm zu finden vermutet hatte.
-Anstatt der anfangs vermuteten Originalität, fand ich in ihm nur
-erdrückende Eintönigkeit. Ich mochte ihn nicht, und dieses Gefühl nahm
-immer noch zu. Schließlich endete alles ganz plötzlich und auf eine
-völlig unvorhergesehene Weise: wir hatten uns wieder einmal, als es
-schon ganz dunkel war, einem noch sehr jungen, vielleicht erst
-sechzehnjährigen Mädchen angeschlossen, das schnell und furchtsam über
-den Boulevard ging; sie war sehr sauber und bescheiden gekleidet, lebte
-wohl von ihrer Hände Arbeit und eilte nach Hause, vielleicht zu einer
-alten Mutter, einer armen, kinderreichen Witwe, -- übrigens wozu die
-Möglichkeiten ausmalen! Das Mädchen ging mit gesenktem Kopf eilig
-zwischen uns weiter, so schnell sie nur konnte, und hielt krampfhaft den
-Schleier fest, als wolle sie sich mit ihm die Ohren zuhalten, und so
-eilte sie furchtsam und zitternd vor uns her, aber plötzlich blieb sie
-stehen, schlug den Schleier von ihrem, soweit ich mich erinnere, gar
-nicht häßlichen, aber mageren Gesichtchen zurück und fuhr uns empört mit
-blitzenden Augen an:
-
-»Ach, wie gemein Sie sind!«
-
-Vielleicht war sie nahe daran, in Tränen auszubrechen; aber es kam
-anders: sie holte aus und gab dem Studenten mit ihrer kleinen mageren
-Hand eine Ohrfeige, wie geschickter und gewandter vielleicht noch nie
-eine gegeben worden ist. Es klatschte nur so! Er wollte losschimpfen und
-sich auf sie stürzen, aber ich hielt ihn zurück, und das Mädchen konnte
-sich retten. Zwischen uns aber kam es sofort zum Streit: ich sagte ihm
-alles ins Gesicht, was sich an Wut in mir angesammelt hatte, sagte ihm,
-daß er nur ein erbärmlicher Wicht, die Unbegabtheit und Gewöhnlichkeit
-in Person sei und niemals auch nur den Schatten einer eigenen Idee
-gehabt habe. Und er beschimpfte wiederum mich ... (ich hatte ihm einmal
-etwas von meiner außerehelichen Geburt gesagt), dann spien wir aus, und
-seitdem habe ich ihn nie wieder gesehen. An jenem Abend war ich sehr
-ungehalten, am anderen Tage war ich es weniger, am dritten -- hatte ich
-den ganzen Vorfall schon vergessen. Und sonderbar, wenn später auch
-dieses junge Mädchen zuweilen in meiner Erinnerung auftauchte, so
-geschah das doch immer nur zufällig und flüchtig. Erst nach meiner
-Ankunft in Petersburg, ungefähr in der dritten Woche, fiel mir auf
-einmal dieses ganze Erlebnis ein -- es fiel mir ein, und ich schämte
-mich so entsetzlich, daß mir buchstäblich Tränen der Scham in die Augen
-traten und über die Wangen rollten. Ich quälte mich den ganzen Abend,
-die ganze Nacht, und auch jetzt noch quält es mich. Ich konnte lange
-nicht begreifen, wie es mir möglich gewesen war, damals so tief und
-schmachvoll zu sinken, und vor allem: diesen Fall zu vergessen, mich
-nicht seiner zu schämen, nicht Reue zu empfinden! Erst jetzt habe ich
-erraten, woran das lag: meine »Idee« war schuld daran! Ich will mich
-kurz fassen und unmittelbar den Schluß ziehen: Hat man etwas
-Feststehendes, Starkes, was einen unausgesetzt und tief beschäftigt, so
-ist man dadurch gleichsam der ganzen äußeren Welt entrückt, man lebt bei
-sich wie in einer Einsiedelei, und alle äußeren Geschehnisse gleiten an
-einem vorüber, fast ohne dieses innere Wesentliche auch nur zu streifen.
-So können sich oft Eindrücke fast ganz verflüchtigen, oder man empfindet
-sie falsch, jedenfalls nicht so, wie man es in normalem Zustande müßte.
-Und dabei hat man, was das schlimmste ist, immer gleich eine Ausrede zur
-Hand. Wie oft habe ich in dieser Zeit meine Mutter gequält, wie
-schändlich meine Schwester sich selbst überlassen. »Ach, ich habe ja
-meine >Idee<, alles andere ist Nebensache« -- so ungefähr könnte ich das
-in Worten ausdrücken, womit ich mich gefühlsmäßig über alles
-hinwegsetzte. Man beleidigte mich, und sogar empfindlich, und ich ging
-beleidigt davon und sagte mir dann nur: »Nun ja, ich bin niedrig, aber
-ich habe immerhin meine >Idee<, und davon wissen meine Beleidiger
-nichts.« Die »Idee« tröstete mich in der Erniedrigung und Schande; aber
-auch alle meine Gemeinheiten versteckten sich gleichsam hinter der Idee;
-sie machte mir alles gewissermaßen leichter; aber sie hüllte auch alles
-um mich herum wie in einen Nebel. Doch eine so unklare Auffassung der
-Ereignisse und Dinge kann natürlich auch der Idee selbst schaden, ganz
-abgesehen von allem anderen.
-
-Und jetzt will ich noch das zweite Erlebnis erzählen.
-
-Es war im letzten Frühling in Moskau. Marja Iwanowna feierte am ersten
-April wie gewöhnlich ihren Namenstag. Zum Abend waren Gäste eingeladen,
-jedoch nur wenige. Da kommt plötzlich Agrafena atemlos ins Zimmer
-gestürzt und sagt, im Flur vor der Küche schreie ein kleines
-ausgesetztes Kind, sie wisse nicht, was sie tun solle. Diese Nachricht
-regte alle auf, alle erhoben sich, gingen hinaus und sahen tatsächlich
-in einem Korb aus Birkenrinde ein drei oder vier Wochen altes kleines
-quiekendes Mädchen liegen. Ich nahm den Korb und trug ihn in die Küche,
-wo ich sogleich einen am Korb befestigten zusammengefalteten Zettel
-bemerkte. Auf diesem Papier stand geschrieben: »Liebe Wohltäter, erweist
-wohlwollende Hilfe dem armen Arina getauften Mädchen, und wir werden mit
-ihr zusammen zeitlebens unsere Tränen zum Throne des Höchsten
-emporsenden, wünschen Euch auch Glück zum Namensfeste. Euch unbekannte
-Menschen.« Da geschah es denn, daß der von mir so sehr geachtete Nikolai
-Ssemjonowitsch mich zum erstenmal enttäuschte und betrübte: er machte
-ein sehr ernstes Gesicht und erklärte, das kleine Mädchen müsse sofort
-ins Findelhaus geschickt werden. Das machte mich ganz traurig. Sie
-lebten sehr sparsam, hatten aber keine Kinder, worüber Nikolai
-Ssemjonowitsch immer sehr froh war. Vorsichtig schob ich meine Hände
-unter die Ärmchen der kleinen Arina und hob sie aus dem Korb; aus den
-Decken kam ein säuerlicher und scharfer Geruch, wie er lange nicht
-gebadeten Säuglingen eigen ist. Ich stritt mich zunächst mit Nikolai
-Ssemjonowitsch wegen des Findelhauses und erklärte dann plötzlich, daß
-ich das Mädchen auf meine Kosten erziehen lassen würde. Er widersprach
-mir mit einer gewissen Strenge, trotz seiner sonstigen Weichherzigkeit,
-und obschon er mit einem Scherz den Streit beilegte, gab er seine
-Absicht in betreff des Findelhauses doch nicht auf. Es kam aber anders,
-und ich setzte meinen Willen durch; auf unserem Hof lebte in einem
-Nebengebäude ein armer Tischler, ein schon älterer Mann und großer
-Trunkenbold, dessen Frau, ein noch junges und sehr gesundes Weib, gerade
-ihren Säugling verloren hatte, ihr einziges Kindchen nach achtjähriger
-kinderloser Ehe. Dieses Kind war gleichfalls ein Mädchen gewesen und zum
-Glück zufällig auch Arina getauft worden. Ich sage »zum Glück«; denn als
-wir noch wegen des Findelhauses stritten, war diese Tischlersfrau, die
-von der Überraschung gehört hatte, nur aus Neugier herbeigelaufen, als
-sie aber hörte, die Kleine hieße Arina, da hatte sie Mitleid mit dem
-Kindchen. Die Milch war bei ihr noch nicht vergangen, und so entblößte
-sie die Brust und stillte das Kind. Ich machte mich nun gleich an sie
-heran und bat und beredete sie eindringlich, das Kind zu sich zu nehmen,
-und ich versprach, ihr monatlich dafür zu zahlen. Sie befürchtete, der
-Mann würde es ihr nicht erlauben, nahm aber das Kind doch für die Nacht
-zu sich. Am nächsten Morgen gab der Mann seine Einwilligung,
-vorausgesetzt, daß man acht Rubel monatlich zahlte, was ich denn auch
-unverzüglich tat, indem ich ihm acht Rubel für den ersten Monat
-einhändigte. Er vertrank das Geld ohne zu säumen. Nikolai
-Ssemjonowitsch, der zu meinem Vorhaben immer noch sonderbar lächelte,
-willigte ein, die Bürgschaft dafür zu übernehmen, daß die acht Rubel in
-jedem Monat von mir gezahlt werden würden. Ich wollte nun Nikolai
-Ssemjonowitsch meine sechzig Rubel einhändigen, damit er eine Sicherheit
-habe, aber er nahm sie nicht. Übrigens wußte er, daß ich Geld besaß, und
-vertraute mir. Durch dieses taktvolle Verhalten seinerseits war denn
-auch unser kurzer Streit beigelegt. Marja Iwanowna sagte nichts, aber
-sie wunderte sich, daß ich eine solche Sorge auf mich nahm. Ich habe das
-Zartgefühl dieser Menschen immer ganz besonders geschätzt; in diesem
-Fall erlaubten sie sich nicht den geringsten Scherz über mich, sondern
-faßten die ganze Sache genau so ernst auf, wie sie war. Ich lief jeden
-Tag zu Darja Rodiwonowna, sogar dreimal täglich, und nach einer Woche
-schenkte ich ihr persönlich und heimlich, damit ihr Mann es nicht
-erführe, noch drei Rubel. Für weitere drei Rubel kaufte ich ein Deckchen
-und Windeln. Aber am zehnten Tage erkrankte die kleine Rina. Ich holte
-sofort den Arzt, er verschrieb etwas, und wir blieben die ganze Nacht
-bei dem Kinde und quälten das arme Dingelchen mit seiner abscheulichen
-Medizin, aber schon am Morgen sagte er, es sei hoffnungslos, und auf
-meine Bitten -- übrigens waren es, glaube ich, Vorwürfe -- erwiderte er
-nur mit edler Friedfertigkeit: »Ich bin kein Gott.« Die Zunge, die
-Lippen, der ganze Mund des kleinen Mädchens waren wie mit einem leichten
-weißen Ausschlag bedeckt, und am Abend starb die Kleine, die großen
-schwarzen Augen auf mich gerichtet, als könne sie schon alles verstehen.
-Ich begreife nicht, wie es mir nicht in den Sinn gekommen ist, die
-kleine Tote photographieren zu lassen! Und wird man es glauben, ich habe
-an diesem Abend nicht nur geweint, sondern einfach geheult, was ich mir
-früher niemals erlaubt hatte. Marja Iwanowna war noch genötigt, mich zu
-trösten, und das geschah alles wieder ohne den geringsten Spott. Der
-Tischler fertigte eigenhändig den kleinen Sarg an, Marja Iwanowna
-schmückte ihn mit Rüschen und legte ein hübsches kleines Kissen hinein,
-und ich kaufte Blumen, die ich über das Kindchen streute, und so trug
-man meine arme kleine Blume fort, die ich, wird man es glauben, bis zum
-heutigen Tage nicht vergessen kann. Bald darauf aber veranlaßte mich
-dieser ganze unvorhergesehene Zwischenfall zu recht ernsthaftem
-Nachdenken. Freilich, Rinotschka war mir nicht sehr teuer zu stehen
-gekommen: alles zusammen -- auch der Sarg und die Beerdigung, der Arzt
-und die Blumen und die Zahlung an Darja Rodiwonowna -- machte dreißig
-Rubel aus. Dieses Geld holte ich bei der Abreise durch Ersparungen von
-den vierzig Rubeln, die Werssiloff mir zur Reise geschickt hatte, und
-durch den Verkauf einiger alter Sachen vor der Abreise wieder ein, so
-daß mein »Kapital« auf derselben Höhe blieb. »Aber,« sagte ich mir,
-»wenn ich mich oft so ablenken lasse, dann werde ich nicht weit kommen.«
-Aus der Geschichte mit dem Studenten ging hervor, daß eine »Idee« von
-einem so weit Besitz ergreifen kann, daß man sich über äußere Eindrücke
-gar nicht mehr klar wird oder sogar die ganze tägliche Wirklichkeit
-unbemerkt an einem vorüberzieht; und aus der Geschichte mit Rinotschka
-ging das Gegenteil hervor: daß keine »Idee« von einem (oder wenigstens
-von mir) so weit Besitz zu ergreifen vermag, daß sie mich davon abhalten
-könnte, plötzlich vor irgendeiner erschütternden Tatsache
-stehenzubleiben und auf einmal alles das zu opfern, was ich schon in
-jahrelanger Arbeit für die »Idee« getan hatte. Zwei entgegengesetzte
-Folgerungen, und nichtsdestoweniger waren sie beide richtig.
-
-
- Sechstes Kapitel.
-
-
- I.
-
-Meine Hoffnung ging doch nicht ganz in Erfüllung: ich traf sie nicht
-allein an; Werssiloff war allerdings nicht da, aber dafür saß bei meiner
-Mutter Tatjana Pawlowna -- immerhin ein fremder Mensch. Meine großmütige
-Stimmung ward deshalb im Nu um die Hälfte weniger großmütig. Es ist
-merkwürdig, wie schnell sich in solchen Fällen meine Stimmung verändert:
-ein Sandkörnchen oder Härchen genügt schon, um das Gute zu verscheuchen
-und das Böse an seine Stelle treten zu lassen. Meine schlechten
-Eindrücke aber sind zu meinem Bedauern nicht so schnell zu verscheuchen,
-obschon ich keineswegs nachtragend bin. Als ich eintrat, schien mir im
-Augenblick, daß meine Mutter ihre anscheinend recht lebhafte
-Unterhaltung mit Tatjana Pawlowna schnell und hastig abbrach. Meine
-Schwester war erst kurz vor mir von ihrer Arbeit zurückgekehrt und war
-noch in ihrem Stübchen.
-
-Die Wohnung bestand aus drei Zimmern. Das eine davon, das mittlere, in
-dem sich gewöhnlich alle aufhielten, unser Wohn- und Empfangszimmer
-zugleich, war ein ziemlich großer Raum und sah beinahe anständig aus. In
-ihm waren wenigstens Polstermöbel, rote Sofas, übrigens mit recht
-abgenutztem Bezug (Werssiloff duldete keine Überzüge), dazu einige
-Teppiche, ein paar Tische und überflüssige Tischchen. Rechts von diesem
-Raum lag Werssiloffs Zimmer; das war eng und schmal und hatte nur ein
-Fenster. Dort stand ein kläglicher Schreibtisch, auf dem etliche
-ungelesene Bücher und vergessene Papiere lagen, und vor dem Tisch stand
-ein nicht minder kläglicher Polstersessel mit einer zerbrochenen und
-infolgedessen schief hervorstehenden Feder, über die Werssiloff oft
-genug seufzte und schimpfte. In demselben Kabinett wurde für ihn abends
-auf einem weichen, aber gleichfalls verschlissenen Diwan ein Lager
-zurechtgemacht. Er haßte dieses sogenannte Kabinett und tat, glaube ich,
-nie etwas in ihm, sondern zog es vor, stundenlang müßig im Wohnzimmer zu
-sitzen. Links vom Wohnzimmer lag ein genau so großes Zimmer wie das
-Kabinett, dort schliefen meine Mutter und meine Schwester. Ins
-Wohnzimmer trat man aus einem Korridor, an dessen Ende eine Tür in die
-Küche führte, wo die Köchin Lukerja ihr Wesen trieb. Wenn diese Lukerja
-kochte oder briet, so ließ sie erbarmungslos den Geruch von verbranntem
-Fett durch die ganze Wohnung ziehen. Es gab Augenblicke, wo Werssiloff
-einzig wegen dieses Küchengeruchs sein ganzes Leben verwünschte und sein
-Schicksal verfluchte, und in diesem einen Punkte konnte ich ihm
-vollkommen nachfühlen. Auch ich haßte diese Gerüche, obschon sie nicht
-bis in mein Zimmer drangen. Ich wohnte oben unter dem Dach im
-Giebelstübchen, wohin ich auf einer kleinen, überaus steilen und
-knarrenden Treppe hinaufstieg. An Sehenswürdigkeiten gab es bei mir dort
-nur ein halbrundes Fenster und eine entsetzlich niedrige Decke. Auf dem
-mit Wachstuch überzogenen Diwan machte mir Lukerja abends mit Bettlaken
-und einem Kopfkissen ein Nachtlager zurecht, und sonst waren an Möbeln
-nur noch zwei Sachen da: ein einfacher Tisch aus ungestrichenen Brettern
-und ein Stuhl mit geflochtenem und schon durchlöchertem Sitz.
-
-Übrigens waren bei uns immerhin noch etliche Überbleibsel eines
-ehemaligen Komforts: im Wohnzimmer z. B. stand eine sogar sehr schöne
-Porzellanlampe; an einer Wand hing eine vorzügliche große Gravüre der
-Dresdener Madonna, und an der anderen Wand, ihr gegenüber, eine teure
-Photographie der berühmten Bronzetür des Florentiner Baptisteriums. In
-demselben Zimmer hing ferner in einer Ecke ein großer Heiligenschrein
-mit altertümlichen Heiligenbildern, ein Familienerbstück, und eines von
-ihnen (das Bild aller Heiligen) hatte eine reiche silbervergoldete
-Bekleidung (die einmal versetzt werden sollte) und ein Muttergottesbild
-eine Bekleidung aus perlenbesticktem Samt. Vor den Heiligenbildern hing
-ein Lämpchen, das am Vorabend jedes Feiertages angezündet wurde.
-Werssiloff verhielt sich zu den Heiligenbildern, im Sinne ihrer
-Bedeutung, scheinbar ganz gleichgültig, zog nur zuweilen die Stirne
-kraus, wenn das Lämpchen brannte und beklagte sich, indem er sich
-merklich bezwang, nur wie beiläufig, über den von der vergoldeten
-Bekleidung zurückgeworfenen Lichtschein, der ihn angeblich blende, was
-für seine Augen schädlich sei, aber immerhin verhinderte er meine Mutter
-nicht, das Lämpchen anzuzünden.
-
-Ich trat gewöhnlich schweigend und mit finsterem Gesicht ins Zimmer, sah
-keinen an, sondern irgendwohin in eine Ecke, und zuweilen grüßte ich
-nicht einmal, wenn ich nach Hause kam. Ich war sonst immer früher
-heimgekehrt als diesmal, und das Mittagessen hatte man mir immer nach
-oben gebracht. Als ich aber nun eintrat, sagte ich plötzlich: »Guten
-Abend, Mama,« was ich früher nie getan hatte, aber auch diesmal brachte
-ich es aus einem gewissen Schamgefühl heraus nicht fertig, sie dabei
-anzusehen, und ich setzte mich am anderen Ende des Zimmers hin. Ich war
-sehr müde, aber daran dachte ich nicht.
-
-»Dieser Flegel fährt ja immer noch fort, wie ein Tölpel hier
-einzutreten,« fiel Tatjana Pawlowna sogleich gehässig über mich her.
-
-Schimpfworte hatte sie sich auch früher erlaubt, und das war zwischen
-ihr und mir eigentlich schon zur Gewohnheit geworden.
-
-»Guten Abend ...« antwortete meine Mutter unsicher, als habe mein Gruß
-sie ganz verlegen gemacht.
-
-»Das Essen ist längst fertig,« fügte sie fast verwirrt hinzu, »wenn nur
-die Suppe nicht kalt geworden ist, aber die Koteletts werde ich gleich
-...«
-
-Und sie wollte schon eilig aufstehen, um in die Küche zu gehen, und
-vielleicht zum erstenmal in diesem ganzen Monat schämte ich mich
-plötzlich, daß sie so eilfertig aufsprang, um mich zu bedienen, wie ich
-das bis dahin selbst von ihr verlangt hatte.
-
-»Nein, danke sehr, Mama, ich habe schon gegessen. Wenn ich nicht störe,
-werde ich mich hier etwas ausruhen.«
-
-»Ach ... ja, gewiß! ... Warum denn nicht ... bleiben Sie nur ...«
-
-»Seien Sie unbesorgt, Mama, ich werde gegen Andrei Petrowitsch nicht
-mehr ausfallend sein,« sagte ich plötzlich.
-
-»Ach Gott, welch eine Großmut von ihm!« rief Tatjana Pawlowna wieder
-gehässig aus. »Aber Täubchen, Ssonjä, sagst du denn wirklich immer noch
->Sie< zu ihm? Wer ist er denn, daß er so geehrt werden muß, und dazu
-noch von seiner leiblichen Mutter! Und sieh doch einer, da bist du noch
-ganz verlegen geworden vor ihm, pfui!«
-
-»Es wäre mir selbst viel angenehmer, Mama, wenn Sie mich duzen
-würden.«[7]
-
-»Ach ... nun, gut, gut, dann werde ich ...« beeilte sich meine Mutter,
-allen Wünschen nachzukommen. »Ich ... ich habe ja auch nicht immer >Sie<
-gesagt ... aber von jetzt ab werde ich es nicht mehr tun, ich werde
-wissen, wie ...«
-
-Sie errötete vor Verlegenheit. Ihr Gesicht hatte entschieden etwas
-überaus Anziehendes ... Es war ein treuherziges, durchaus nicht
-gewöhnliches Gesicht, ein wenig bleich, vielleicht blutarm. Ihre Wangen
-waren sehr mager, sogar eingefallen, und auf der Stirn bildeten sich
-schon viele Runzeln, aber um die Augen herum hatte sie noch gar keine
-Runzeln, und diese Augen, die recht groß und offen waren, leuchteten
-immer in einem stillen, beruhigenden Licht, das mich schon vom ersten
-Tage an zu ihr hingezogen hatte. Es war mir auch lieb, daß in ihrem
-Gesicht gar nichts Trauriges oder Bedrücktes lag, im Gegenteil, ihr
-Gesichtsausdruck wäre sogar ein froher gewesen, wenn sie sich nicht so
-oft aufgeregt hätte, mitunter sogar ganz ohne Ursache. Sie erschrak
-nicht selten und erhob sich plötzlich von ihrem Platz in ganz grundloser
-Furcht, oder sie lauschte ängstlich auf jedes Wort, wenn man über etwas
-Neues sprach, bis sie sich überzeugte, daß sich deshalb nichts
-veränderte und alles beim alten blieb -- dieses »beim alten bleiben« war
-für sie gleichbedeutend mit der Überzeugung, daß alles gut war. Wenn
-sich nur nichts veränderte, wenn nur nichts Neues geschah, und mochte es
-auch etwas noch so Gutes sein! ... Man hätte glauben können, sie sei als
-Kind einmal mit der Androhung von etwas »Neuem« entsetzlich
-eingeschüchtert worden. Außer ihren Augen gefiel mir auch noch das Oval
-ihres länglichen Gesichtes, und ich vermute, wenn ihre Backenknochen nur
-um ein Härchen weniger breit gewesen wären, hätte man sie nicht nur in
-der Jugend, sondern auch jetzt noch hübsch nennen können. Sie war noch
-nicht über neununddreißig, aber in ihrem dunkelblonden Haar glänzten
-schon viele silberne Fäden.
-
-Tatjana Pawlowna blickte sie mit entschiedenem Unwillen an.
-
-»Diesen Bengel siezen! Und so vor ihm zu zittern! Sei doch nicht
-lächerlich, Ssofja! Kannst mich nur ärgern, wenn du so bist, damit du's
-weißt!«
-
-»Ach, Tatjana Pawlowna, warum sind Sie denn jetzt so zu ihm! Aber Sie
-scherzen wohl nur, -- nicht?« fragte meine Mutter, da sie im Gesicht
-Tatjana Pawlownas so etwas wie ein Lächeln bemerkte.
-
-Tatjana Pawlownas Schelten konnte man in der Tat manchmal nicht ernst
-nehmen, diesmal jedoch lächelte sie (d. h. wenn sie es wirklich tat)
-natürlich nur über meine Mutter; denn sie liebte deren Güte über alles
-und hatte zweifellos schon bemerkt, wie glücklich die Gute in diesem
-Augenblick über meine Friedfertigkeit war.
-
-»Es kann mir natürlich nicht gleichgültig sein, daß Sie so über mich
-herfallen, Tatjana Pawlowna, und noch dazu gerade jetzt, nachdem ich
-beim Eintreten >Guten Abend, Mama< gesagt habe, was ich früher nicht
-getan habe,« bemerkte ich schließlich, da mir das notwendig erschien.
-
-»Das ist mir mal schön!« brauste sie sofort auf, »denkt euch nur, er
-hält das für 'ne Heldentat! Soll man dir nicht noch kniend dafür danken,
-daß du einmal im Leben höflich gewesen bist? Und was ist denn das für
-eine Höflichkeit! Warum siehst du denn in den Winkel, wenn du
-eintrittst? Als ob ich nicht wüßte, wie du zu ihr bist und sie
-behandelst! Hättest auch mir >Guten Tag< sagen können, hab' deine
-Windeln gewickelt, bin deine Patin!«
-
-Selbstverständlich verschmähte ich jeden Rechtfertigungsversuch. In
-diesem Augenblick trat meine Schwester ins Zimmer, und ich wandte mich
-schnell an sie:
-
-»Lisa, ich habe heute Wassin gesehen, und er erkundigte sich nach dir.
-Du bist mit ihm bekannt?«
-
-»Ja, von Luga her, im vorigen Jahr,« antwortete sie mir ganz schlicht,
-setzte sich neben mich und sah mich freundlich an.
-
-Ich weiß nicht, weshalb ich eigentlich erwartet hatte, daß sie sofort
-erröten würde, wenn ich ihr das von Wassin erzählte. Meine Schwester war
-blond, hellblond, ihre Haarfarbe hatte sie weder von der Mutter, noch
-vom Vater; aber ihre Augen, das Oval des Gesichts hatte sie fast ganz
-von der Mutter. Ihre Nase war sehr gerade, nicht groß und regelmäßig;
-und dann noch eine kleine Besonderheit: leichte kleine Sommersprossen im
-Gesicht, von denen bei der Mutter keine Spur vorhanden war.
-Werssiloffsches hatte sie nur wenig, es sei denn die Schlankheit der
-Gestalt, den hohen Wuchs und im Gang eine gewisse anmutige Schönheit.
-Mit mir verband sie nicht die geringste Ähnlichkeit -- wir waren wie
-zwei entgegengesetzte Pole.
-
-»Ich habe drei Monate in Luga mit ihnen verkehrt,« fügte Lisa nach einer
-Weile hinzu.
-
-»Du meinst doch Wassin allein? -- warum sagst du dann >mit ihnen<, Lisa?
-Mit ihm, sagt man, -- >mit ihnen< sagen Bediente von ihrer Herrschaft.
-Verzeih, Schwester, daß ich dich verbessere, aber es tut mir weh, daß
-man deine Bildung, wie es scheint, vernachlässigt hat.«
-
-»Und von dir ist es schändlich, in Gegenwart deiner Mutter solche
-Bemerkungen zu machen!« donnerte mich Tatjana Pawlowna sofort an.
-»Außerdem faselst du -- nichts ist vernachlässigt worden!«
-
-»Es ist mir gar nicht eingefallen, meiner Mutter einen Vorwurf zu
-machen!« verteidigte ich mich schroff. »Damit Sie es wissen, Mama, ich
-betrachte Lisa als Ihr zweites Ich: Sie haben aus ihr, was Güte und
-Charakter betrifft, etwas ebenso Entzückendes gemacht, wie Sie es
-sicherlich selbst waren und auch jetzt sind und ewig sein werden ... Ich
-rede nur von der äußeren Politur, von allen diesen gesellschaftlichen
-Dummheiten, die nun einmal notwendig sind. Ich bin nur darüber
-ungehalten, daß Werssiloff dich auf diesen Fehler bestimmt nicht
-aufmerksam gemacht hätte, Lisa, -- dermaßen hochmütig und gleichgültig
-verhält er sich zu uns. Das ist es, was mich ärgert!«
-
-»Selbst ist er wie ein Bärenjunges, und dabei will er anderen Politur
-beibringen! Und unterstehen Sie sich nicht, mein Gnädigster, hinfort
-noch in Gegenwart Ihrer Mutter statt Andrei Petrowitsch nur >Werssiloff<
-zu sagen,[8] desgleichen nicht in meiner Gegenwart, -- das dulde ich
-nicht!« Tatjana Pawlownas Augen blitzten.
-
-»Mama, ich habe heute mein Monatsgehalt erhalten, fünfzig Rubel; hier,
-bitte, nehmen Sie sie.«
-
-Ich trat zu ihr und gab ihr das Geld; sie war sofort wieder erschrocken
-und aufgeregt.
-
-»Ach, ich weiß nicht, ob ich es annehmen soll!« sagte sie ängstlich, als
-fürchte sie sich, das Geld zu berühren.
-
-Ich verstand sie nicht.
-
-»Aber ich bitte Sie, Mama, wenn Sie beide mich als Sohn und Bruder
-betrachten, so ...«
-
-»Ach, ich fühle mich schuldig vor dir ... ich würde dir etwas gestehen,
-aber ich wage nicht ...«
-
-Sie sagte es mit einem schüchternen und bittenden Lächeln. Ich verstand
-sie wieder nicht und unterbrach sie:
-
-»Übrigens, ist es Ihnen bekannt, Mama, daß heute der Prozeß Andrei
-Petrowitschs mit den Ssokolskis seinen Abschluß gefunden hat?«
-
-»Ach, ich weiß!« rief sie erschrocken aus und legte vor Schreck die
-Handflächen zusammen (ihre gewöhnliche Gebärde).
-
-»Heute?« Tatjana Pawlowna zuckte am ganzen Körper zusammen. »Aber das
-kann doch nicht sein, er hätte es sonst gesagt! Hat er es dir gesagt?«
-wandte sie sich an meine Mutter.
-
-»Ach nein, daß es heute sei, das hat er nicht gesagt. Aber ich habe
-schon die ganze Woche solche Angst gehabt. Meinetwegen kann er ihn
-verlieren, ich würde ein Gebet sprechen, wenn es nur überstanden wär'
-und alles wieder beim alten bliebe, ach wirklich!«
-
-»So hat er es nicht einmal Ihnen gesagt, Mama!« rief ich aus. »Da sieht
-man, was für ein Mensch das ist! Da haben wir gleich ein Beispiel seines
-Hochmuts und seiner Gleichgültigkeit, -- was habe ich soeben noch
-gesagt?«
-
-»Aber wie, womit hat es denn geendet, wie hat man entschieden? Wer hat
-dir das überhaupt gesagt?« stieß Tatjana Pawlowna erregt hervor und
-stürzte sich auf mich. »So sprich doch endlich!«
-
-»Da kommt er ja selbst! Vielleicht wird er was erzählen,« sagte ich, da
-ich seine Schritte im Korridor hörte, und setzte mich schnell neben
-Lisa.
-
-»Bruder, um Gottes willen, schone Mama und sei gegen Andrei Petrowitsch
-nachsichtig,« flüsterte mir die Schwester zu.
-
-»Das werde ich, das werde ich, mit diesem Vorsatz bin ich ja heute
-zurückgekehrt,« sagte ich und drückte ihr die Hand.
-
-Sie sah mich sehr mißtrauisch an, -- und hatte recht.
-
-
- II.
-
-Er trat ein, sehr zufrieden mit sich, so zufrieden, daß er nicht einmal
-für nötig befand, seine gehobene Stimmung zu verbergen. Überhaupt hatte
-er sich gerade in der letzten Zeit vor uns nicht den geringsten Zwang
-angetan, und das nicht nur in bezug auf seine schlechten, sondern auch
-in bezug auf seine lächerlichen Seiten, die doch wohl ein jeder etwas
-ängstlich verbirgt; und dabei wußte er ganz genau, daß wir alles, auch
-den geringsten Zug, verstanden. Auch sein Äußeres hatte er in diesem
-letzten Jahr, nach der Behauptung Tatjana Pawlownas, sehr viel weniger
-gepflegt, das heißt, er war immer gut angezogen, aber seine Kleider
-waren nicht mehr ganz neu und nicht gesucht elegant. Allerdings muß ich
-zugeben, daß er, um den Verhältnissen Rechnung zu tragen, schließlich
-seine Wäsche ganze zwei Tage trug, und nicht mehr nur einen Tag, was
-meine Mutter sogar sehr betrübte; denn das wurde für ein großes Opfer
-gehalten, und die ganze Schar der ihm ergebenen Frauen sah darin
-schlechterdings eine Heldentat. Er trug schwarze, breitkrämpige weiche
-Hüte. Wenn er in der Tür seinen Hut abnahm, erhob sich auf seinem Kopf
-ein ganzer Busch von dichtem, aber schon stark ergrautem Haar. Ich
-liebte es, dieses Aufwogen der Haare zu beobachten, wenn er seinen Hut
-abnahm.
-
-»Guten Tag; alle beisammen, wie ich sehe, und sogar er ist dabei. Ich
-hörte seine Stimme schon auf dem Flur; hat sich wohl über mich beklagt,
-vermutlich.«
-
-Es war unter anderem eines der sichersten Anzeichen guter Laune bei ihm,
-wenn er über mich scherzte. Ich erwiderte natürlich nichts. Lukerja kam
-und brachte ein großes Paket, das sie auf den Tisch legte.
-
-»Gewonnen, Tatjana Pawlowna! Der Prozeß ist gewonnen, und zu appellieren
-werden die Fürsten sich natürlich nicht entschließen. Die Sache ist mir
-zugefallen! Ich habe auch gleich einen gefunden, der mir tausend Rubel
-geliehen hat. Ssofja, lege die Arbeit fort, verdirb dir nicht die Augen.
-Lisa, du kommst von der Arbeit?«
-
-»Ja, Papa,« antwortete Lisa freundlich. Sie nannte ihn Vater; ich hätte
-das unter keiner Bedingung getan.
-
-»Müde?«
-
-»Allerdings.«
-
-»Laß die Arbeit, morgen gehst du nicht hin und überhaupt nicht wieder.«
-
-»Papa, das geht auf keinen Fall.«
-
-»Ich bitte dich darum ... Ich kann es nicht ausstehen, wenn Frauen
-arbeiten, Tatjana Pawlowna.«
-
-»Aber wie ginge es denn ohne Arbeit? Und dazu noch Frauen -- und nicht
-arbeiten ...!«
-
-»Ich weiß, ich weiß, das ist ja alles sehr schön und richtig, und ich
-bin im voraus mit allem einverstanden; aber -- ich spreche hauptsächlich
-von den Handarbeiten. Können Sie sich denken, das ist bei mir, ich
-glaube, ein krankhaftes Vorurteil, das, sagen wir, auf einem
-unnatürlichen Kindheitseindruck beruht. In meinen dunklen Erinnerungen
-aus meinem fünften, sechsten Lebensjahr sehe ich am häufigsten, und
-natürlich mit Widerwillen, rings um einen runden Tisch ein Konklave von
-klugen Frauen mit strengen, harten Gesichtern, dazu Scheren, Stoff,
-Schnittmuster und Modeblätter. Alle überlegen und geben ihre Meinung ab,
-schütteln wichtig und langsam die Köpfe und messen und berechnen und
-schicken sich an, den Stoff zuzuschneiden. Alle diese freundlichen
-Wesen, die immer so liebreich zu mir waren -- sind auf einmal unnahbar
-geworden; will ich unartig werden, so schickt man mich sofort hinaus.
-Selbst meine alte Kinderfrau, die mich an der Hand hält, hat dann weder
-Sinn noch Verständnis für mein Schreien und Zerren, sie ist nur noch
-Auge und Ohr, als sänge da ein Paradiesvogel. Sehen Sie, diese Strenge
-der klugen Frauen, und diese ihre ernste Wichtigtuerei mit dem
-Zuschneiden -- alles das ist mir, ich weiß nicht, weshalb, sogar jetzt
-noch eine qualvolle Vorstellung. Sie, Tatjana Pawlowna, Sie haben eine
-große Vorliebe für das Zuschneiden, aber -- so aristokratisch das auch
-sein mag -- ich liebe doch mehr eine Frau, die überhaupt nicht arbeitet.
-Beziehe das nur nicht auf dich, Ssofja ...! Aber wie solltest du! Die
-Frau ist auch ohne dem eine große Macht. Das weißt du übrigens auch
-selbst, Ssofja. Wie denken Sie darüber, Arkadi Makarowitsch, Sie lehnen
-sich gewiß dagegen auf?«
-
-»Nein, durchaus nicht,« erwiderte ich. »Besonders gut ist der Ausspruch
->die Frau ist eine große Macht<. Doch ich verstehe nicht, warum Sie das
-mit der Arbeit in Verbindung bringen? Daß man nicht anders kann und
-arbeiten muß, wenn man kein Geld hat, wissen Sie selbst.«
-
-»Aber jetzt ist genug gearbeitet worden,« wandte er sich an meine
-Mutter, die nur so strahlte (als er mich anredete, war sie
-zusammengezuckt); »wenigstens in der nächsten Zeit will ich keine
-Handarbeiten sehen, ich bitte um meinetwillen. Du, Arkadi, du bist doch
-als Jüngling unserer Zeit sicherlich ein wenig Sozialist; nun, dann
-wirst du's mir glauben, mein Freund, daß der Müßiggang von keinem so
-geliebt wird, wie von dem ewig arbeitenden Volk!«
-
-»Das Ausruhen vielleicht, aber nicht der Müßiggang.«
-
-»Nein, gerade der Müßiggang, das vollkommene Nichtstun; das ist das
-Ideal. Ich habe einen ewigen Arbeiter gekannt, allerdings war er kein
-Mann aus dem Volk ... Er war sogar ein ziemlich entwickelter Mensch und
-konnte manches begreifen. Nun, und dieser Mensch träumte in seinem
-ganzen Leben, vielleicht sogar jeden Tag, mit Wonne und Rührung von
-nichts anderem, als von vollständigem Müßiggang; er erhob sozusagen sein
-Ideal zum Absolutum -- und das war: in schrankenlosester Unabhängigkeit,
-in ewiger Freiheit und in müßiger Beschaulichkeit zu leben. Und davon
-träumte er, bis er unter der Arbeit zusammenbrach; zu helfen war ihm
-nicht mehr -- er starb im Krankenhaus. Ich bin wirklich mitunter zu der
-Annahme geneigt, daß die Vorstellung vom Genuß der Arbeit von
-Müßiggängern erfunden worden ist, versteht sich, von den tugendhaften
-unter ihnen. Das ist so eine von den >Genfer Ideen< aus dem letzten
-Viertel des vorigen Jahrhunderts. Tatjana Pawlowna, vor drei Tagen
-schnitt ich aus der Zeitung eine Anzeige aus, hier ist sie« (er zog ein
-Stückchen Papier aus der Westentasche), »eine von den unzähligen
-Anzeigen der studierenden Jugend, die die alten Sprachen beherrscht und
-in der Mathematik unterrichtet und zu allem bereit ist, zu jedem
-Unterricht >auswärts<, zum Leben in Dachkammern und -- kurz, zu allem.
-Also hören Sie: >Lehrerin übernimmt Vorbereitung für alle Lehranstalten<
--- wohlgemerkt: für alle -- >und gibt Arithmetikstunden< -- nur eine
-Zeile, aber sie ist klassisch! Man sollte meinen, wenn sie >für alle
-Lehranstalten vorbereitet<, so muß sie doch auch in der Arithmetik
-unterrichten. Nein, sie erwähnt die Arithmetik noch ausdrücklich. Das --
-das ist schon der richtiger Hunger, das ist schon die höchste Not.
-Rührend ist hier gerade diese Unkenntnis: offenbar hat sie sich niemals
-zur Lehrerin ausgebildet, und es ist kaum anzunehmen, daß sie wirklich
-in einem Fach gut zu unterrichten versteht. Aber das ist doch der letzte
-Strohhalm, und so opfert sie ihren letzten Rubel für die Anzeige in der
-Zeitung und macht bekannt, daß sie in allen Fächern vorbereitet und
-außerdem noch Unterricht in der Arithmetik erteilt. _Per tutto mondo e
-in altri siti._«
-
-»Ach, Andrei Petrowitsch, der müßte man helfen!« rief Tatjana Pawlowna
-aus. »Wo wohnt sie denn?«
-
-»Ach, solcher gibt es viele!« Er steckte die Anzeige wieder in die
-Tasche. »Dieses Paket dort auf dem Tisch, -- da habe ich euch
-verschiedenes mitgebracht, -- für dich, Lisa, und für Sie, Tatjana
-Pawlowna; Ssofja und ich, wir lieben keine Süßigkeiten. Und vielleicht
-auch für dich, junger Mann. Ich habe selbst alles bei Jelissejeff und
-Ballet[9] eingekauft. Wir haben schon gar zu lange >am Hungertuch
-genagt<, wie Lukerja sagt.« (_NB._ Niemand von uns hat jemals
-gehungert.) »Dort sind Weintrauben, Konfekt, Duchessebirnen und eine
-Erdbeertorte, und sogar einen vorzüglichen Likör habe ich genommen; auch
-Nüsse. Sonderbar, daß ich auch jetzt noch, ganz wie als Kind, Nüsse
-liebe, und wissen Sie, Tatjana Pawlowna, gerade die einfachste Sorte
-liebe ich am meisten. Lisa hat dieselbe Vorliebe; sie kann wie ein
-Eichhörnchen Nüsse knacken. Es gibt aber auch nichts Schöneres, Tatjana
-Pawlowna, als sich manchmal, ganz unversehens, so unter anderen
-Kindheitserinnerungen, auf Augenblicke im Walde zu denken, unter Knick
-und Busch, und an einem Zweig sieht man Nüsse sitzen, und die holt man
-sich ... Die Tage sind fast schon herbstlich, aber klar, manchmal ist es
-schon ziemlich frisch, und man versteckt sich im Dickicht, streift durch
-den Wald, es riecht nach Blättern ... Ich sehe etwas Sympathisches in
-Ihrem Blick, Arkadi Makarowitsch?«
-
-»Die ersten Jahre meiner Kindheit habe auch ich auf dem Lande verlebt.«
-
-»Wie, du hast doch, glaube ich, in Moskau gelebt ... wenn ich mich nicht
-irre?«
-
-»Er war nur damals bei Andronikoffs in Moskau, als Sie hinkamen, bis
-dahin aber hatte er bei Ihrer verstorbenen Tante Warwara Stepanowna auf
-dem Lande gelebt,« sagte Tatjana Pawlowna schnell.
-
-»Ssofja, hier ist Geld, lege es weg. In den nächsten Tagen versprach man
-mir, fünftausend auszuzahlen.«
-
-»So haben die Fürsten gar keine Hoffnung mehr?« fragte Tatjana Pawlowna.
-
-»Ganz und gar keine, Tatjana Pawlowna.«
-
-»Ich habe immer mit Ihnen gefühlt, Andrei Petrowitsch, und mit allen
-Ihren Angehörigen, und bin eine Freundin Ihres Hauses, aber wenn mir die
-Fürsten auch fremd sind, sie tun mir, weiß Gott, doch leid. Nehmen Sie
-mir das nicht übel, Andrei Petrowitsch.«
-
-»Ich habe nicht die Absicht, mit ihnen zu teilen, Tatjana Pawlowna.«
-
-»Sie kennen natürlich meine Meinung, Andrei Petrowitsch. Die Fürsten
-hätten den Prozeß nicht angestrengt, wenn Sie gleich am Anfang eine
-Teilung vorgeschlagen hätten; jetzt ist es natürlich zu spät. Aber ich
-kann ja darüber nicht urteilen ... Ich meinte nur, weil der Verstorbene
-sie in seinem Testament doch bestimmt nicht übergangen hätte.«
-
-»Nicht nur nicht übergangen, sondern er hätte ihnen bestimmt alles
-vermacht, übergangen aber hätte er nur mich allein, wenn er die Sache
-richtig anzufangen und das Testament, wie es sich gehört, aufzusetzen
-verstanden hätte. So aber, wie es ist, spricht das Gesetz für mich, und
-damit Punktum. Teilen will und werde ich nicht, Tatjana Pawlowna, und
-somit ist die Sache erledigt.«
-
-Er sagte das sogar mit einer gewissen Erbitterung, die er sich sonst
-selten anmerken ließ. Tatjana Pawlowna verstummte. Meine Mutter schlug
-ersichtlich bedrückt die Augen nieder. Werssiloff wußte, daß sie Tatjana
-Pawlowna innerlich beistimmte.
-
-»Hier spricht die Emser Ohrfeige mit,« sagte ich mir, »der Brief in
-meiner Tasche, den Krafft mir übergeben hat, würde eine traurige Rolle
-spielen, wenn er jetzt noch in seine Hände gelangte.« Und plötzlich
-fühlte ich, daß alles dies mir noch im Halse saß, und dieser Gedanke, in
-Verbindung mit allem übrigen, wirkte auf mich unwillkürlich aufreizend.
-
-»Arkadi, ich würde es gern sehen, daß du dich etwas besser kleidetest,
-mein Freund. Du bist gewiß nicht schlecht angezogen, aber für die
-Zukunft könnte ich dir einen guten französischen Schneider empfehlen,
-der sehr gewissenhaft arbeitet und auch Geschmack hat.«
-
-»Ich bitte Sie, mir nie wieder derartige Vorschläge zu machen,« fuhr ich
-wütend auf.
-
-»Warum das?«
-
-»Ich sehe darin zwar nichts Erniedrigendes, aber wir stehen keineswegs
-in solchem Einvernehmen, im Gegenteil, sogar ganz im Gegenteil, und ich
-werde in den nächsten Tagen, werde schon morgen nicht mehr zum Fürsten
-gehen, weil ich da nichts zu tun habe, und von einer Tätigkeit bei ihm
-überhaupt nicht die Rede sein kann.«
-
-»Aber daß du hingehst, daß du bei ihm sitzt -- das soll ja eben deine
-ganze Tätigkeit bei ihm sein.«
-
-»Diese Auslegung ist erniedrigend.«
-
-»Das sehe ich nicht ein; doch übrigens, wenn du so empfindlich dafür
-bist, dann brauchst du ja bloß kein Gehalt von ihm anzunehmen; gehe nur
-so hin. Du würdest ihn sonst furchtbar kränken, er hängt bereits an dir,
-sei überzeugt ... Übrigens, wie du willst ...«
-
-Es war ihm offenbar unangenehm.
-
-»Sie sagen, ich brauchte kein Gehalt von ihm anzunehmen, und dabei habe
-ich, dank Ihrer Güte, heute schon eine Gemeinheit begangen: Sie haben
-mir nichts gesagt, und da habe ich heute mein Monatsgehalt verlangt.«
-
-»So hast du schon deine Vorkehrungen getroffen. Und ich dachte, offen
-gestanden, du würdest es nicht fertig bringen, um Geld zu bitten. Wie
-geschickt jetzt alle sind! Heutzutage gibt es keine Jugend mehr, Tatjana
-Pawlowna.«
-
-Er ärgerte sich fürchterlich; aber auch ich war wütend.
-
-»Ich mußte doch endlich hier mit Ihnen abrechnen ... Sie selbst haben
-mich dazu gezwungen, -- jetzt weiß ich nicht, wie ich mich verhalten
-soll ...«
-
-»Apropos, Ssofja, gib Arkadi sofort seine sechzig Rubel zurück; du aber,
-mein Freund, nimm mir die Eile der Abrechnung nicht übel. Ich errate
-schon aus deinem Gesicht, daß du etwas zu unternehmen beabsichtigst, und
-so benötigst du wohl ... eines Betriebskapitals ... oder -- etwas von
-der Art.«
-
-»Ich weiß nicht, was aus meinem Gesicht zu erraten ist, aber ich hätte
-es von Mama wirklich nicht erwartet, daß sie Ihnen von diesem Gelde
-erzählen würde, da ich sie doch so gebeten habe, es nicht zu tun,« sagte
-ich, und sah meine Mutter mit funkelnden Augen an. Ich kann gar nicht
-sagen, wie gekränkt ich war.
-
-»Arkascha, Täubchen, verzeih' mir um Gotteswillen, ich konnte wirklich
-nicht anders, ich konnte es nicht verheimlichen ...«
-
-»Mein Freund, beschwere dich nicht darüber, daß sie mir deine
-Geheimnisse mitgeteilt hat,« wandte er sich an mich, »und zudem hat sie
-es nur mit guter Absicht getan, -- einfach, die Mutter war stolz auf das
-Verhalten des Sohnes zu ihr. Aber sei versichert, ich hatte es auch
-ohnedem erraten, daß du ein Kapitalist bist. Alle deine Geheimnisse sind
-auf deinem ehrlichen Gesicht geschrieben. Er hat seine >eigene Idee<,
-Tatjana Pawlowna, wie ich Ihnen schon sagte.«
-
-»Lassen wir mein ehrliches Gesicht in Ruh,« fuhr ich fort zu zetern,
-»ich weiß, Sie können die Menschen durchschauen, was jedoch nicht
-hindert, daß Sie in manchen Fällen nicht weiter sehen, als die eigene
-Nase reicht. Übrigens habe ich mich oft gewundert über Ihren Scharfsinn.
-Nun ja, ich habe eine >eigene Idee<. Daß Sie sich gerade so ausdrückten,
-war natürlich nur ein Zufall, aber ich fürchte mich nicht, das
-einzugestehen: ja, ich habe eine >Idee<. Ich fürchte mich nicht und
-schäme mich nicht.«
-
-»Vor allem, schäme dich nicht.«
-
-»Aber trotzdem werde ich sie Ihnen niemals mitteilen.«
-
-»Das heißt, wirst dich nicht dazu herablassen. Nicht nötig, mein Freund,
-mir ist auch so schon das Wesentliche deiner Idee bekannt. Jedenfalls
-ist es das:
-
- >Einsam zieh' ich mich zurück
- In die Wüste ...<
-
-Tatjana Pawlowna! Meine Vermutung ist -- er will ... ein Rothschild
-werden, oder etwas ähnliches, und sich in seine einsame Größe
-zurückziehen. Selbstredend wird er dann uns und Ihnen großmütig eine
-Pension aussetzen oder mir vielleicht auch nicht, -- aber jedenfalls
-haben wir ihn dann am längsten gesehen. Er ist bei uns wie der junge
-Neumond: kaum ist er aufgegangen, da geht er schon wieder unter.«
-
-Ich war innerlich zusammengezuckt. Natürlich war das alles Zufall: er
-wußte nichts und meinte etwas ganz anderes, wenn er auch ausgerechnet
-Rothschild genannt hatte; aber wie konnte er meine Gefühle so zutreffend
-feststellen: die Lust, mit ihnen allen zu brechen und mich zu entfernen?
-Er hatte schon alles erraten und wollte die Tragik der Sache mit seinem
-Zynismus im voraus beschmutzen. Daß er sich aber dabei fürchterlich
-ärgerte, darüber konnte kein Zweifel bestehen.
-
-»Mama! Verzeihen Sie meinen Ausfall, der war um so überflüssiger, als
-man vor Andrei Petrowitsch doch nichts verbergen kann,« rief ich, mich
-zum Lachen zwingend, und bemüht, das Ganze wenigstens für einen
-Augenblick als Scherz hinzustellen.
-
-»Das war das beste, mein Lieber, daß du zu lachen begannst. Es ist
-schwer, sich vorzustellen, wie unendlich viel jeder Mensch dadurch
-gewinnt, sogar äußerlich. Ich sage das im Ernst. Wissen Sie, Tatjana
-Pawlowna, er sieht immer so aus, als habe er etwas dermaßen Wichtiges im
-Sinn, daß er sogar selbst förmlich beschämt ist von dieser Wichtigkeit.«
-
-»Ich möchte Sie im Ernst gebeten haben, etwas zartfühlender zu sein,
-Andrei Petrowitsch.«
-
-»Du hast recht, mein Freund; aber einmal muß man es doch aussprechen,
-damit später nie wieder daran gerührt werde. Du bist aus Moskau
-hergekommen, um hier sogleich zu rebellieren -- das ist vorläufig alles,
-was uns von den Gründen deiner Herreise bekannt ist. Davon aber, daß du
-gekommen bist, um uns mit irgend etwas in Erstaunen zu setzen -- davon
-werde ich selbstredend nichts weiter erwähnen. Ferner gefällt es dir,
-hier uns einen ganzen Monat lang anzuschreien; indessen bist du doch
-allem Anscheine nach ein kluger Mensch, und als solcher könntest du das
-Anschreien eigentlich denen überlassen, die sich schon auf keine andere
-Weise an den Menschen für die eigene Nichtigkeit rächen können. Du
-verschließt dich immer, während dein ehrliches Aussehen und deine
-frischen Wangen offenkundig beweisen, daß du jedem mit vollkommener
-Unschuld in die Augen sehen könntest. Er ist ein Hypochonder, Tatjana
-Pawlowna, nur verstehe ich nicht, warum sie heutzutage alle Hypochonder
-sind?«
-
-»Wenn Sie nicht einmal wußten, wo ich aufgewachsen bin, wie sollten Sie
-dann wissen, warum ein Mensch zum Hypochonder wird?«
-
-»Da haben wir des Rätsels Lösung: Du bist gekränkt, weil ich vergessen
-konnte, wo du aufgewachsen bist!«
-
-»Durchaus nicht, schreiben Sie mir keine Dummheiten zu. Mama, Andrei
-Petrowitsch hat soeben mein Lachen gelobt; nun denn -- lassen Sie uns
-einmal alle lachen! Wozu so still sitzen! Wenn Sie wollen, so werde ich
-Ihnen aus meinem Leben Geschichten erzählen? -- zumal Andrei Petrowitsch
-doch nichts von meinen Erlebnissen weiß.«
-
-Viel hatte sich in mir angesammelt. Und ich glaubte, daß wir nie wieder
-so wie jetzt beisammensitzen würden, und daß ich, wenn ich aus diesem
-Hause hinausgegangen wäre, nie wieder dasselbe betreten würde, --
-deshalb, am Vorabend alles dessen, konnte ich mich nicht bezwingen. Er
-selbst hatte mich zu diesem Schlußakt herausgefordert.
-
-»Das wäre natürlich allerliebst, wenn es nur auch wirklich lustig wird,«
-bemerkte er und sah mich forschend mit durchdringendem Blick an. »Du
-bist ein wenig grob geworden, mein Freund, dort, wo du aufgewachsen
-bist, doch bist du immerhin noch ziemlich anständig. Er ist heute sehr
-nett, Tatjana Pawlowna, und von Ihnen ist es sehr vernünftig, daß Sie
-endlich mein Paket aufmachen.«
-
-Aber Tatjana Pawlowna machte ein finsteres Gesicht; nach seinen Worten
-wandte sie sich nicht einmal nach ihm um und fuhr wortlos in ihrer
-Beschäftigung fort, die von ihm mitgebrachten Früchte und Süßigkeiten
-auf die ihr gereichten Teller zu legen. Meine Mutter saß gleichfalls mit
-unsicheren Gefühlen da, ohne etwas verstehen zu können, aber sie fühlte
-und ahnte, daß es zwischen uns nicht gut enden werde. Meine Schwester
-berührte mich noch einmal am Arm.
-
-
- III.
-
-»Ich will euch allen nur erzählen,« begann ich, anscheinend mit der
-größten Harmlosigkeit, »wie einmal ein Vater zum erstenmal mit seinem
-lieben Sohn zusammentraf; geschehen ist das eben dort, >wo du
-aufgewachsen bist< ...«
-
-»Mein Freund, wird das nicht ... langweilig? Du weißt: _tous les genres
-..._«{[23]}
-
-»Seien Sie unbesorgt, Andrei Petrowitsch, machen Sie ein heiteres
-Gesicht, ich beabsichtige durchaus nicht das, was Sie vermuten. Ich will
-ja nur, daß alle lachen.«
-
-»So möge Gott dich hören, mein Lieber. Ich weiß, daß du uns alle liebst
-und ... uns nicht den Abend wirst verderben wollen,« sagte er, aber der
-Ton war nicht echt, und er sprach es undeutlich und nachlässig aus.
-
-»Das haben Sie wohl auch wieder aus meinem Gesicht erraten, daß ich Sie
-liebe?«
-
-»Ja, zum Teil auch aus dem Gesicht.«
-
-»Nun, ich aber habe aus Tatjana Pawlownas Gesicht schon längst erraten,
-daß sie in mich verliebt ist. Ach, sehen Sie mich nicht so wild an,
-Tatjana Pawlowna, lachen Sie lieber! Lachen wir!«
-
-Da wandte sie sich plötzlich schnell nach mir um und sah mich
-durchbohrend an, mehrere Sekunden lang.
-
-»Nimm dich in acht!« drohte sie mir plötzlich mit dem Finger, aber so
-ernst, daß sich das gar nicht auf meinen dummen Scherz beziehen konnte,
-sondern wie eine Warnung in einer anderen Hinsicht klang, und ihr Blick
-schien zu fragen: »Läßt du dir einfallen, schon anzufangen?«
-
-»Andrei Petrowitsch, so erinnern Sie sich wirklich nicht, wie wir uns
-zum erstenmal im Leben begegnet sind?«
-
-»Bei Gott, ich hab's vergessen, mein Freund, und fühle mich von Herzen
-schuldig. Ich entsinne mich bloß, daß es vor sehr langer Zeit gewesen
-sein muß und irgendwo ...«
-
-»Und, Mama, erinnern Sie sich auch nicht, wie Sie einmal dort auf dem
-Lande waren, wo ich aufwuchs, ich glaube, als ich ungefähr sechs oder
-sieben Jahre alt war? Ich will nur wissen, sind Sie wirklich einmal dort
-auf dem Gut gewesen, oder scheint es mir nur nach einem Traum, daß ich
-Sie dort zum erstenmal gesehen habe? Das wollte ich Sie schon lange
-fragen, aber ich schob es immer hinaus, doch jetzt ist es Zeit dazu.«
-
-»Selbstverständlich, Arkaschenka, selbstverständlich! Ich bin doch ganze
-dreimal bei Warwara Stepanowna zu Besuch gewesen. Das erstemal kam ich,
-als du erst ein Jahr alt warst, das zweitemal, als du vier wurdest, und
-als ich das drittemal kam, da warst du schon sechs.«
-
-»Nun also, das wollte ich Sie schon den ganzen Monat fragen.«
-
-Meine Mutter errötete lebhaft unter der Flut von Erinnerungen, die auf
-sie einstürmten, und sie fragte mich innig:
-
-»So kannst du dich wirklich meiner noch aus der Zeit erinnern,
-Arkaschenka?«
-
-»Ich erinnere mich an nichts und weiß nichts, nur ein Etwas ist von
-Ihrem Antlitz für mein ganzes Leben in meinem Herzen geblieben, und
-außerdem noch das Wissen, daß Sie meine Mutter sind. Das ganze Gut der
-Warwara Stepanowna sehe ich jetzt nur noch wie im Traum vor mir, sogar
-meine Wärterin habe ich vergessen. Und dieser Warwara Stepanowna
-entsinne ich mich auch nur verschwindend wenig, und dieses wenigen nur
-deshalb, weil sie beständig wegen Zahnweh eine verbundene Backe hatte.
-Ich erinnere mich noch der großen Bäume vor dem Hause, ich glaube, es
-waren Linden, und wie heller Sonnenschein in den offenen Fenstern stand,
-dazu ein Blumenbeet, ein Gartenweg ... Und Sie, Mama, habe ich nur in
-dem einen Augenblick im Gedächtnis, als ich dort in der Kirche einmal
-zum Abendmahl gebracht wurde, und Sie hoben mich auf, damit ich die
-Hostie empfinge und den Kelch küßte; es war im Sommer, und eine Taube
-flog oben unter der Kuppel durch die Kirche, zu einem Fenster herein,
-zum anderen hinaus ...«
-
-»Herrgott! So war es wirklich!« rief meine Mutter aus und schlug die
-Hände zusammen --, »und dieses Täubchen sehe ich doch noch wie heute!
-Gerade vor dem Kelch fuhrst du auf und riefst: >eine Taube, eine
-Taube<!«
-
-»Ihr Gesicht, oder nur etwas von ihm, vielleicht nur der Ausdruck, hatte
-sich meinem Gedächtnis so tief eingeprägt, daß ich Sie fünf Jahre später
-in Moskau sofort wiedererkannte, obgleich mir niemand gesagt hatte, Sie
-seien meine Mutter. Andrei Petrowitsch aber habe ich zum erstenmal
-gesehen, als ich von Andronikoffs fortgenommen wurde, nachdem ich bei
-ihnen fast fünf Jahre lang still und munter gelebt hatte. Ihrer
-Dienstwohnung erinnere ich mich noch bis in alle Einzelheiten, und
-ebenso aller dieser Damen und jungen Mädchen, die hier alle so alt
-geworden sind, und das ganze Haus und Andronikoff selbst sehe ich noch
-vor mir, wie er den ganzen Proviant, Wild, Fische und Spanferkel in
-Paketen immer selbst aus der Stadt mitbrachte und bei Tisch selbst die
-Suppe uns vorschöpfte, an Stelle der Frau, die immer so vornehm tat, und
-wie die ganze Tischgesellschaft darüber lachte, er selbst am meisten.
-Die Damen brachten mir dort Französisch bei, aber am meisten liebte ich
-die Fabeln von Kryloff, von denen ich bald eine ganze Menge auswendig
-konnte, und jeden Tag deklamierte ich eine Fabel Andronikoff vor, wozu
-ich jedesmal einfach in sein kleines Arbeitszimmer ging, unbekümmert
-darum, ob er zu tun hatte oder nicht. Nun, und so eine Fabel hat denn
-auch meine Bekanntschaft mit Ihnen, Andrei Petrowitsch, eines Tages
-vermittelt. Ich sehe, Sie fangen an, sich zu erinnern.«
-
-»Ein wenig, mein Lieber, eben daß du mir damals etwas erzähltest oder
-aufsagtest ... war es eine Fabel oder etwas aus >Verstand schafft
-Leiden<, wenn ich mich nicht irre? Was du übrigens für ein Gedächtnis
-hast!«
-
-»Gedächtnis! Das fehlte noch! Hat doch mein Gedächtnis nur an dieses
-eine mein Leben lang gedacht!«
-
-»Gut, gut, mein Lieber, du belebst mich förmlich mit deiner Erzählung.«
-
-Er lächelte sogar, und nach ihm lächelten sogleich auch meine Mutter und
-meine Schwester. Das Vertrauen kehrte zurück; bloß Tatjana Pawlowna, die
-die Früchte und Süßigkeiten auf den Tisch gestellt und sich wieder
-hingesetzt hatte, sah mich immer noch mit bösen Blicken an.
-
-»Es begann damit,« fuhr ich fort, »daß eines schönen Morgens die
-Freundin meiner Kindheit, Tatjana Pawlowna, bei uns erschien, wie
-gewöhnlich unvorhergesehen plötzlich, so etwa wie es im Theater zu
-geschehen pflegt. Sie kam, um mich abzuholen, und dann fuhr ich mit ihr
-im Wagen zu einem schönen Herrenhause und kam in eine prunkvolle
-Wohnung. Sie, Andrei Petrowitsch, waren damals bei der Fanariotowa
-abgestiegen, in dem Hause, das sie von Ihnen einmal gekauft hatte; sie
-selbst war damals im Auslande. Ich hatte bis dahin immer nur Blusen
-getragen, jetzt aber wurde ich auf einmal in einen hübschen dunkelblauen
-Anzug und in die feinste Wäsche gesteckt. Tatjana Pawlowna nestelte den
-ganzen Tag an mir herum und kaufte viele Sachen für mich; ich aber
-strich den ganzen Tag durch alle Zimmer und betrachtete mich in allen
-Spiegeln. So kam es, daß ich am nächsten Morgen, als ich meine
-Streifzüge natürlich wieder aufnahm, so gegen zehn Uhr, ahnungslos in
-Ihr Kabinett geriet. Ich hatte Sie schon am Tage vorher bei meiner
-Ankunft gesehen, aber nur ganz flüchtig auf der Treppe. Sie kamen die
-Treppe herunter, um sich in den Wagen zu setzen und irgendwohin zu
-fahren. Sie waren damals allein nach Moskau gekommen, nach sehr langer
-Abwesenheit, und nur auf kurze Zeit, weshalb sich denn alle um Sie
-rissen und Sie zu Hause kaum zu sehen waren. Als Sie Tatjana Pawlowna
-und mich auf der Treppe erblickten, sagten Sie nur gedehnt: >Ah!< und
-blieben nicht einmal stehen.«
-
-»Er schildert alles mit besonderer Liebe,« bemerkte Werssiloff zu
-Tatjana Pawlowna, doch diese wandte sich ab und sagte nichts.
-
-»Ich sehe Sie so, wie Sie damals waren, jung und schön, noch wie
-leibhaftig vor mir. Sie haben in diesen neun Jahren wirklich erstaunlich
-zu altern und sich ins Unvorteilhafte zu verändern verstanden, verzeihen
-Sie mir schon diese Aufrichtigkeit. Übrigens waren Sie auch damals
-bereits siebenunddreißig, aber ich konnte mich gar nicht sattsehen an
-Ihnen; was hatten Sie für wundervolles dunkles Haar, und in dem glänzte
-noch kein einziger Silberfaden. Ihr Schnurrbart und der kurze
-Backenbart, wie er damals mit den hohen Halsbinden Mode war -- die waren
-einfach wie von einem Juwelier gemacht --, anders kann ich es nicht
-ausdrücken. Ihr Gesicht war von einer matten Blässe, nicht kränklich
-blaß, wie jetzt, sondern so wie das Gesicht Ihrer Tochter Anna
-Andrejewna, die ich heute kennen zu lernen die Ehre hatte; dazu feurige
-dunkle Augen und prachtvolle Zähne -- die fielen mir besonders auf, als
-Sie lachten. Und als ich eintrat und Sie mich betrachteten, begannen Sie
-zu lächeln; ich konnte damals noch nicht viel unterscheiden, und von
-Ihrem Lächeln wurde mir nur froh zumut. Sie trugen an diesem Morgen
-einen dunkelblauen Sammetrock, eine solferino-farbene Halsbinde und ein
-kostbares Hemd mit Alençonspitzen, und Sie standen vor dem Spiegel und
-deklamierten den letzten Monolog Tschatzkis,[10] und besonders seinen
-letzten Schrei: >Den Wagen mir, den Wagen<!«
-
-»Ach, bei Gott,« griff Werssiloff lebhaft die Erinnerung auf,
-»tatsächlich, er hat recht! Ich hatte damals trotz der kurzen Zeit die
-Rolle Tschatzkis in der Liebhaberaufführung bei Alexandra Petrowna
-Witowtoff zu spielen übernommen, da Schilenko plötzlich erkrankt war!«
-
-»Hatten Sie das wirklich vergessen?« fragte Tatjana Pawlowna lachend.
-
-»Er hat mich daran erinnert! Ja, offen gestanden, diese paar Tage damals
-in Moskau waren vielleicht die schönste Zeit meines ganzen Lebens! Wir
-waren noch alle so jung ... und alle so glühend erwartungsvoll. Ich traf
-damals in Moskau ganz unvermutet so viel ... Aber erzähle weiter, mein
-Lieber; das hast du diesmal sehr gut gemacht, daß du mir so ausführlich
-alles ins Gedächtnis zurückriefst ...«
-
-»Ich stand, sah Sie an und hörte zu, und plötzlich rief ich entzückt:
->Ach, wie fein! Der richtige Tschatzki!< Da drehten Sie sich überrascht
-nach mir um und fragten: >Ja, kennst du denn schon Tschatzki?< -- und
-dann setzten Sie sich aufs Sofa und machten sich in der besten Stimmung
-an Ihren Kaffee, -- ich hätte Sie einfach abküssen mögen! Und da
-erzählte ich Ihnen denn, daß bei Andronikoffs von allen sehr viel
-gelesen wurde und die jungen Damen viele Gedichte auswendig konnten und
-aus dem Lustspiel >Verstand schafft Leiden< so unter sich ganze Szenen
-spielten, und daß in der vorigen Woche an den Abenden Turgenjeffs
->Aufzeichnungen eines Jägers< vorgelesen worden waren, und daß ich am
-meisten Kryloffs Fabeln liebte und auswendig hersagen konnte. Und da
-sagten Sie, ich solle doch eine aufsagen, und ich begann mit dem
->Wählerischen Mädchen<:
-
->Ein Mädchen, jung an Jahren, wünschte sich einst einen Freier ...<«
-
-»Ja, richtig, richtig, jetzt entsinne ich mich!« rief Werssiloff
-lebhaft. »Aber, mein Freund, jetzt sehe ich auch dich wieder deutlich
-vor mir: du warst damals ein so netter Junge, sogar ein gewandter Junge,
-und ich schwöre dir, du hast gleichfalls viel verloren in diesen neun
-Jahren.«
-
-Nun begannen schon alle, selbst Tatjana Pawlowna, zu lachen. Man sah,
-daß Andrei Petrowitsch zu scherzen beliebte und mir für meine boshafte
-Bemerkung über sein gealtertes Aussehen mit derselben Münze heimzahlte.
-Alle waren erheitert; aber er hatte es auch in einem unnachahmlichen
-Tone gesagt.
-
-»Je weiter ich die Fabel vortrug, desto mehr lächelten Sie, aber ich kam
-noch nicht einmal bis zur Hälfte, da unterbrachen Sie mich, klingelten
-und sagten dem Diener, sie ließen Tatjana Pawlowna zu sich bitten. Die
-kam denn auch unverzüglich und mit so frohem Gesicht herbeigeeilt, daß
-ich, der ich sie tags zuvor gesehen hatte, sie kaum wiedererkannte. In
-ihrer Gegenwart begann ich noch einmal das >Wählerische Mädchen< und
-beendete den Vortrag glänzend. Sogar Tatjana Pawlowna lächelte, und Sie,
-Andrei Petrowitsch, Sie riefen sogar >bravo!< vor Entzücken, und darauf
-äußerten Sie lebhaft, es hätte Sie nicht gewundert, wenn ein gescheiter
-Junge in meinen Jahren eine Fabel, wie vielleicht die von der Grille und
-der Ameise, gut vorgetragen hätte, aber diese Fabel sei doch mit einer
-solchen nicht zu vergleichen!
-
- >Ein Mädchen, jung an Jahren, wünschte sich einst einen Freier --
- Dran war nichts ungeheuer!<
-
--- hören Sie doch nur, wie er das sagt: >Dran war nichts ungeheuer!< --
-Mit einem Wort, Sie waren ganz begeistert. Und dann sprachen Sie
-plötzlich Französisch mit Tatjana Pawlowna, deren Gesicht sich gleich
-wieder verfinsterte, und sie widersprach Ihnen und sogar immer eifriger.
-Aber da es nun doch einmal unmöglich ist, Andrei Petrowitsch etwas zu
-versagen, wenn er plötzlich was will, so nahm denn Tatjana Pawlowna mich
-schließlich an der Hand und führte mich schnell in ihr Zimmer; dort
-wusch man mir von neuem Gesicht und Hände, mir wurde nochmals neue
-Wäsche angezogen, ich wurde mit Pomade und Wohlgerüchen bearbeitet, und
-zu guter Letzt wurden mir sogar Locken gedreht. Und gegen Abend zog sich
-Tatjana Pawlowna selbst recht festlich an und putzte sich so heraus, wie
-ich es von ihr gar nicht erwartet hätte, und dann fuhren wir im Wagen.
-Ich kam zum erstenmal im Leben in ein Theater, es war eine
-Liebhaberaufführung bei Witowtoffs: Lichtgeflimmer, Kronleuchter, Damen,
-Militärpersonen, Generäle, junge Mädchen, der Vorhang, die Stuhlreihen,
--- nichts Ähnliches hatte ich je zuvor gesehen! Tatjana Pawlowna setzte
-sich auf das bescheidenste Plätzchen in einer der hintersten Reihen, und
-mich setzte sie neben sich. Es waren da natürlich auch noch andere
-Kinder in meinem Alter, aber ich beachtete sie nicht, ich wartete nur
-mit klopfendem Herzen auf die Vorstellung. Als Sie, Andrei Petrowitsch,
-auf der Bühne erschienen, war ich bis zu Tränen begeistert, -- warum,
-weshalb -- das begreife ich selbst nicht. Warum vor lauter Begeisterung
-gerade Tränen? -- das ist es, was mich stets befremdet hat, wann immer
-ich in den folgenden neun Jahren daran zurückgedacht habe! Damals aber
-verfolgte ich mit atemloser Spannung die Komödie. Ich begriff natürlich
-nur, daß _sie ihn_ betrog und verschmähte, daß dumme Menschen über _ihn_
-lachten, Menschen, die nicht einmal seine Schuhsohle wert waren. Und als
-Tschatzki auf dem Ball seine Gedanken aussprach, begriff ich, daß er
-erniedrigt und gekränkt wurde, daß er allen diesen erbärmlichen Leuten
-die Wahrheit sagte, er selbst aber war groß, groß! Natürlich trug meine
-Vorbereitung bei Andronikoffs viel zu meinem Verständnis der Sache bei,
-aber nicht minder auch Ihr Spiel, Andrei Petrowitsch! Ich war zum
-erstenmal im Theater! Und in der Schlußszene, wo Tschatzki nach seinem
-Wagen ruft: >Den Wagen mir, den Wagen!< (und Sie riefen das großartig!)
--- da sprang ich vom Stuhle auf, und zusammen mit dem ganzen Saal, der
-wie rasend applaudierte, klatschte ich aus aller Kraft in die Hände und
-schrie bravo! bravo! so laut ich nur konnte. Und ich weiß noch genau,
-wie mich in demselben Augenblick gleichsam eine Stecknadel stach --
->unterhalb des Kreuzes<, wo mich Tatjana Pawlowna wütend kniff; aber ich
-beachtete das nicht einmal! Natürlich brachte sie mich gleich nach
-Schluß der Vorstellung wieder nach Haus. >Du kannst doch nicht noch zum
-Tanz bleiben, nur deinetwegen muß auch ich auf alles verzichten!< --
-diesen Vorwurf bekam ich von Ihnen, Tatjana Pawlowna, während der ganzen
-Heimfahrt immer wieder zu hören. Die Nacht verbrachte ich in
-Fieberträumen, und am folgenden Morgen stand ich schon um zehn Uhr vor
-der Tür Ihres Kabinetts, aber die war verschlossen, und bei Ihnen saßen
-Leute, und Sie sprachen mit ihnen über Geschäftliches, und dann fuhren
-Sie fort und kehrten erst spät in der Nacht zurück, -- so sah ich Sie
-denn nicht mehr! Was ich Ihnen damals sagen wollte, habe ich jetzt
-vergessen, aber ich werde es wohl auch damals nicht genau gewußt haben;
-ich hatte nur den glühenden Wunsch, Sie so bald als möglich
-wiederzusehen. Und am zweiten Morgen hatten Sie schon vor acht Uhr das
-Haus verlassen und sich nach Sserpuchoff begeben. Sie hatten kurz vorher
-Ihr Gut im Tulaschen Gouvernement verkauft, um mit Ihren Gläubigern
-abrechnen zu können, aber es war Ihnen doch noch ein ganz erkleckliches
-Sümmchen verblieben, und das war auch der Grund, weshalb Sie sich damals
-wieder einmal in Moskau sehen ließen, was Sie bis dahin wegen der
-Gläubiger wohlweislich vermieden hatten. Aber da war nun dieser eine
-Grobian in Sserpuchoff, der einzige von allen Gläubigern, der sich nicht
-mit der Hälfte der Summe, die Sie ihm schuldeten, zufrieden geben
-wollte! Tatjana Pawlowna antwortete mir nicht einmal auf meine Fragen.
->Danach hast du nicht zu fragen,< sagte sie barsch, >übermorgen bringe
-ich dich in die Pension. Mach dich bereit, bring deine Hefte und Bücher
-in Ordnung und gewöhne dich beizeiten daran, deinen Koffer selbst zu
-packen. Dir steht es nicht zu, mit Adelsgewohnheiten aufzuwachsen. Merke
-Er sich das, mein Herr!< -- und dies nicht und das nicht und jenes
-nicht, -- gepredigt haben Sie mir in diesen drei Tagen wahrlich nicht
-wenig, Tatjana Pawlowna! Es endete damit, daß Sie mich in die Pension
-Touchard brachten, mich, den Schuld- und Ahnungslosen, der nur in Sie
-verliebt war, Andrei Petrowitsch. Nun ja, diese ganze Begegnung mit
-Ihnen mag als dummer Zufall erscheinen, aber werden Sie es mir glauben,
-ich wollte doch später, so nach einem halben Jahr, von Touchard zu Ihnen
-fliehen!«
-
-»Du hast vorzüglich erzählt und mir alles so lebendig vergegenwärtigt,«
-bemerkte Werssiloff langsam und markant, »aber am auffallendsten war in
-deiner Erzählung der Reichtum an gewissen Einzelheiten, zum Beispiel was
-meine Schulden betrifft. Ganz abgesehen von der Taktlosigkeit der
-Erwähnung dieser Einzelheiten, verstehe ich nicht, wie du sie hast
-erfahren können?«
-
-»Die Einzelheiten? Wie erfahren? Aber ich sagte Ihnen doch, ich habe in
-diesen ganzen neun Jahren meines Lebens nichts anderes getan, als
-Einzelheiten über Sie zu erfahren gesucht.«
-
-»Ein sonderbares Geständnis und ein sonderbarer Zeitvertreib, fürwahr!«
-
-Er bewegte sich, halb liegend im Sessel, und gähnte kaum merklich -- ob
-mit Absicht oder unwillkürlich, das weiß ich nicht.
-
-»Soll ich fortfahren und erzählen, wie ich von Touchard zu Ihnen fliehen
-wollte?«
-
-»Verbieten Sie es ihm, Andrei Petrowitsch, werfen Sie ihn hinaus!« fuhr
-Tatjana Pawlowna auf.
-
-»Das geht nicht an, Tatjana Pawlowna,« erwiderte Werssiloff
-eindringlich. »Arkadi hat offenbar etwas im Sinn, und deshalb muß man
-ihn unbedingt alles aussprechen lassen. Nun, und so mag er es denn tun.
-Er wird es erzählen, und dann ist er es los, für ihn aber ist das ja die
-Hauptsache, daß er es los wird. Also fang nur an, mein Lieber, mit
-deiner neuen Geschichte, das heißt, ich sage nur so, neu; sei unbesorgt,
-für mich ist sie das nicht, ich kenne ihr Ende.«
-
-
- IV.
-
-»Meine Flucht, oder vielmehr, wie ich zu Ihnen fliehen wollte, war sehr
-einfach. Tatjana Pawlowna, erinnern Sie sich noch, daß Sie etwa zwei
-Wochen nach meinem Eintritt in diese Pension von Touchard einen Brief
-erhielten? Mir hat später Marja Iwanowna diesen Brief gezeigt, die ihn
-gleichfalls in den Papieren des verstorbenen Andronikoff gefunden hatte.
-Touchard war plötzlich auf den Gedanken gekommen, daß er für mich zu
-wenig Pensionsgeld verlangt hätte, und so erklärte er Ihnen in seinem
-Brief mit Stolz und Würde, in seiner Pension würden nur Fürsten- und
-Senatorensöhne erzogen, und da es dem Ansehen seiner Pension zweifellos
-schade, einen Zögling von solcher Herkunft unter den anderen zu zählen,
-müsse er für mich eine Zulage verlangen.«
-
-»_Mon cher_, du könntest ...«
-
-»Oh, es ist nichts weiter, nichts weiter,« fiel ich ihm schnell ins
-Wort, »ich will nur noch ein wenig von Touchard erzählen. Sie, Tatjana
-Pawlowna, antworteten ihm schon aus der Provinz, erst nach vierzehn
-Tagen, und wiesen ihn mit seinem Anliegen kategorisch ab. Ich weiß noch,
-wie er mit puterrotem Kopf in unser Klassenzimmer kam. Er war ein sehr
-kleiner und dicker Franzose, ungefähr fünfundvierzig Jahre alt und
-tatsächlich geborener Pariser -- natürlich ehemaliger Schuster oder so
-was gutes, aber er lebte schon seit undenklichen Zeiten in Moskau als
-Lehrer der französischen Sprache an einem Kroninstitut, und deshalb
-hatte er auch Rang und Titel, auf die er ungemein stolz war. Im Grunde
-war er ein vollständig ungebildeter Mensch. Pensionäre hatte er im
-ganzen nur sechs, und einer von diesen war allerdings der Neffe eines
-Moskauer Senators. Wir lebten bei ihm, als gehörten wir alle zu einer
-Familie, und standen mehr unter der Aufsicht seiner Frau, einer sehr
-feinen Dame, der Tochter eines russischen Beamten. In den ersten zwei
-Wochen hatte ich mich ungeheuer wichtig gemacht vor den Kameraden,
-sowohl mit meinem blauen Anzug, wie mit meinem Papa Andrei Petrowitsch,
-und ihre Fragen, warum ich denn nicht auch so wie Sie, Werssiloff, hieß,
-sondern Dolgoruki, vermochten mich nicht im geringsten zu verwirren,
-einfach weil ich selbst nicht wußte, warum das so war.«
-
-»Andrei Petrowitsch!« rief Tatjana Pawlowna beinahe drohend, wie um
-Einhalt zu gebieten. Meine Mutter dagegen hörte mir mit Spannung zu,
-ohne einen Blick von mir zu wenden, und ersichtlich wollte sie, daß ich
-weiter erzählte.
-
-»_Ce Touchard_{[24]} ... in der Tat, ich entsinne mich jetzt, er war so
-ein kleiner, unruhiger Mensch,« sagte Werssiloff langsam und mit
-zusammengebissenen Zähnen, »aber er wurde mir damals von bester Seite
-empfohlen ...«
-
-»_Ce Touchard_ kam wütend mit dem Brief in der Hand herein und trat an
-unseren großen Eichentisch, an dem wir alle gerade lernten, packte mich
-an der Schulter, riß mich vom Stuhl in die Höhe und befahl mir, meine
-Hefte zu nehmen.
-
->Dein Platz ist nicht hier, sondern dort!< schrie er mich an und wies
-auf ein unglaublich kleines Zimmerchen links vom Vorraum, wo nur ein
-einfacher Tisch, ein Strohstuhl und ein mit Wachstuch bezogener Diwan
-standen -- genau wie bei mir jetzt hier im Mansardenzimmer. Ich war
-erstaunt und erschrocken und tat ganz befangen, was er mir befohlen
-hatte, -- so grob war noch kein Mensch zu mir gewesen. Nach einer halben
-Stunde, als Touchard das Klassenzimmer wieder verlassen hatte, begann
-ich zu den Kameraden hinüber zu schauen, und auch sie sahen mich an, und
-wir lachten; natürlich lachten sie über mich, aber ich erriet das nicht
-und glaubte harmlos, wir lachten, weil wir lustig wären. Da kam Touchard
-hereingestürzt, packte mich am Schopf, und nun wurde ich gezaust.
-
->Wie darfst du es wagen, mit vornehmen Kindern umzugehen, du bist
-niedriger Herkunft und kaum mehr als ein Lakai!<
-
-Und er schlug mich schmerzhaft auf meine frische Backe, und da er am
-Schlagen Gefallen fand, schlug er mich noch einmal und dann noch zum
-drittenmal. Ich weinte laut auf und war schrecklich verblüfft. Eine
-ganze Stunde saß ich, das Gesicht in den Händen vergraben, und
-schluchzte, schluchzte. Es war etwas geschehen, was ich auf keine Weise
-verstehen, was ich überhaupt nicht fassen konnte. Und ich begreife auch
-heute noch nicht, wie dieser als Mensch keineswegs bösartige Touchard,
-der sich sogar über die Aufhebung der Leibeigenschaft in Rußland freute
--- er, der Ausländer -- wie dieser Mensch einen dummen kleinen Jungen so
-schlagen konnte. Übrigens war ich nur erstaunt, nicht beleidigt; ich
-verstand damals noch nicht, Beleidigungen als solche zu empfinden. Ich
-glaubte, ich sei unartig gewesen: wenn ich mich jedoch besserte und
-artig wäre, so würde man mir verzeihen, und wir würden dann wieder alle
-fröhlich sein und auf dem Hof zusammen spielen und ein Leben führen, wie
-es nicht schöner denkbar ist!«
-
-»Mein Freund, wenn ich nur geahnt hätte ...« sagte Werssiloff langsam
-und mit dem nachlässigen Lächeln eines etwas ermüdeten Menschen, »aber
-wer hätte das denken können, daß dieser Touchard ein solcher Spitzbube
-wäre! Übrigens gebe ich die Hoffnung noch immer nicht auf, daß du dich
-doch noch mit ganzer Kraft aufraffst und uns alles das schließlich
-verzeihst, und wir dann wieder ein Leben führen können, wie es nicht
-schöner denkbar ist.«
-
-Er gähnte tatsächlich.
-
-»Aber ich beschuldige doch keinen Menschen, das fällt mir ja gar nicht
-ein, und ich klage auch gar nicht über Touchard, ich versichere Ihnen!«
-rief ich laut, aber innerlich doch etwas verwirrt durch seine Bemerkung.
-»Und er schlug mich ja im ganzen auch nur zwei Monate lang. Ich weiß
-noch, ich wollte ihn immer durch irgend etwas entwaffnen, ich stürzte zu
-ihm, um seine Hände zu küssen, und ich küßte sie, und ich weinte,
-weinte. Die Kameraden lachten über mich und verachteten mich, da
-Touchard mich nun wie seinen Diener zu behandeln begann, sich die
-Kleider von mir reichen ließ, wenn er sich anzog, und ähnliches. Hierbei
-kam mir mein Bedientenblut instinktiv zustatten; ich gab mir die größte
-Mühe, ihm alles recht zu machen, und ich war nicht im geringsten
-beleidigt, da ich noch nichts von alledem begriff. Wirklich, ich wundere
-mich bis zum heutigen Tage, daß ich damals noch so dumm war und nicht
-einmal erriet, warum ich geringer war als die anderen alle. Freilich
-hatten mir meine Mitschüler schon damals vieles erklärt; das war eine
-gute Schule. Touchard aber zog es bald vor, mich mit dem Knie von hinten
-zu stoßen, statt mich zu ohrfeigen, und so nach einem halben Jahr war er
-manchmal sogar freundlich zu mir, aber wenigstens einmal im Monat mußte
-er mich doch noch schlagen, zur Erinnerung, damit ich mich nicht
-vergäße. Bald durfte ich auch wieder mit den anderen zusammensitzen oder
-spielen, aber in den ganzen zweieinhalb Jahren hat Touchard keinen
-Augenblick den Unterschied in unserer sozialen Stellung außer acht
-gelassen oder vergessen, und wenn er auch nicht mehr beständig
-Dienstleistungen von mir verlangte, so konnte er es doch nicht ganz
-unterlassen, wie ich vermute, eben um mich an den Unterschied zu
-erinnern ...
-
-Meine Flucht, -- das heißt, nein, es blieb ja beim Versuch, und den
-machte ich erst im fünften, sechsten Monat nach diesen zwei ersten
-Monaten. Ich bin eigentlich immer sehr schwerfällig im Entschließen
-gewesen. Sobald ich im Bett lag und mich zugedeckt hatte, begann ich an
-Sie zu denken, Andrei Petrowitsch, nur an Sie. Ich weiß es selbst nicht,
-wie sich das so machte. Und sogar im Traum sind Sie mir erschienen. Aber
-ich träumte auch wachend, und dann mit Leidenschaft und nur davon, wie
-Sie plötzlich eintreten und ich Ihnen entgegenstürze, und wie Sie mich
-von hier fortbringen zu sich, in jenes Kabinett, und dann fahren wir
-wieder ins Theater, nun, und so weiter. Die Hauptsache war, daß wir uns
-dann nie wieder trennen -- das war das wichtigste und schönste! Wenn ich
-dann am Morgen aufstehen mußte, begannen gleich wieder der Spott und die
-Verachtung der Mitschüler. Einer von ihnen begann mich einfach zu
-prügeln und zwang mich, ihm die Stiefel zu reichen; er verspottete mich
-mit den schändlichsten Schimpfnamen und bemühte sich nach Möglichkeit,
-meine Herkunft zu erläutern, zur Belustigung aller Zuhörer. Und wenn zum
-Schluß noch Touchard selbst erschien, dann begann in meiner Seele etwas
-Unerträgliches. Ich fühlte, daß man mir hier niemals verzeihen werde --
-oh, ich begann damals schon allmählich zu begreifen, _was_ man mir nicht
-verzieh und worin mein Vergehen bestand! Und so kam ich auf den
-Gedanken, zu entfliehen. Ganze zwei Monate träumte ich davon mit Bangen,
-endlich entschloß ich mich. Es war schon September. Ich wartete auf den
-Sonnabend, wenn alle Mitschüler zum Sonntag nach Hause fuhren, und
-inzwischen machte ich mir heimlich aus den notwendigsten Sachen ein
-Bündelchen; an Geld besaß ich nur zwei Rubel. Ich wollte bis zum
-Einbruch der Dunkelheit warten -- >dann schleiche ich die Treppe
-hinunter,< dachte ich, >und schlüpfe hinaus, und dann gehe ich!< --
-Wohin? Ich wußte, daß Andronikoff schon nach Petersburg versetzt war,
-und so beschloß ich, das Haus der Fanariotowa auf dem Arbat aufzusuchen.
->Die Nacht über gehe ich herum oder sitze irgendwo, und am Morgen gehe
-ich dann auf den Hof des Hauses und frage dort: wo ist jetzt Andrei
-Petrowitsch? Und wenn er nicht in Moskau ist, wohin ist er dann
-gefahren, in welcher Stadt und in welchem Reich lebt er jetzt? Und das
-wird man mir dann doch bestimmt sagen. Und dann gehe ich fort und frage
-an einem anderen Ort wieder irgend jemand: an welchem Schlagbaum muß ich
-vorübergehen, wenn ich in die und die Stadt will? Nun, und dann werde
-ich aus der Stadt hinausgehen und immer weiter und weiter gehen. Und ich
-werde immer gehen und gehen, nächtigen werde ich am Wege unter Büschen,
-und essen werde ich nur Brot, und wenn ich für zwei Rubel Brot kaufe, so
-wird das für sehr lange ausreichen.< So dachte ich mir das alles. Aber
-am Sonnabend konnte ich meine Absicht nicht ausführen, ich mußte bis zum
-Sonntag warten, und da traf es sich, daß gerade an diesem Sonntag Herr
-und Frau Touchard irgendwohin zu Besuch fuhren; im ganzen Hause blieben
-nur die Magd Agafja und ich zurück. Ich wartete mit einer furchtbaren
-Sehnsucht auf die Nacht; ich weiß noch: ich saß im Gastzimmer am Fenster
-und sah hinaus auf die staubige Straße mit den kleinen hölzernen Häusern
-und den seltenen Fußgängern. Touchard wohnte in einer abgelegenen Gegend
-am Rande der Stadt, und aus den Fenstern sah man einen Schlagbaum;
->sollte es nicht dieser sein?< dachte ich flüchtig. Die Sonne ging so
-rot unter, der Himmel war so kalt, und ein scharfer Wind wirbelte den
-Staub auf, ganz wie heute. Endlich wurde es dunkel, ganz dunkel. Ich
-stellte mich vor das Heiligenbild und begann zu beten, aber nur schnell,
-schnell, ich hatte keine Zeit zu verlieren; ich nahm mein Bündelchen und
-schlich auf den Fußspitzen über die knarrenden Treppenstufen hinab, in
-großer Furcht, Agafja könnte mich in der Küche hören. Der Schlüssel der
-Haustür stak im Schloß, ich machte auf und plötzlich -- dunkle, dunkle
-Nacht stand schwarz vor mir, wie eine unendliche Fremde voller Gefahren,
-und der Wind riß mir nur so die Mütze vom Kopf. Ich trat hinaus; von der
-anderen Straßenseite erscholl das heisere Geschimpf und Gegröhl eines
-vorübertorkelnden Betrunkenen. Ich stand und sah, und dann kehrte ich
-still wieder um, trat wieder ein, schlich still nach oben, kleidete mich
-aus, stellte mein Bündelchen fort und legte mich hin, grub das Gesicht
-ins Kissen, ohne Tränen, ohne Gedanken, und von dieser Minute an hab'
-ich zu denken begonnen, Andrei Petrowitsch! Gerade von dieser selben
-Minute an, wo ich erkannte, daß ich nicht nur ein Lakai, sondern zum
-Überfluß auch noch ein Feigling war, -- da erst begann meine wirkliche,
-meine richtige Entwicklung!«
-
-»Und jetzt, von dieser Minute an, habe auch ich dich für alle Zeiten und
-ganz und gar erkannt!« rief plötzlich Tatjana Pawlowna aufspringend und
-so unerwartet, daß ich ganz überrascht war. »Ja, du warst nicht nur
-damals ein Lakai, du bist es auch heute noch, weil du eine Lakaienseele
-hast! Was hätte es damals Andrei Petrowitsch ausgemacht, dich bei einem
-Schuster in die Lehre zu geben? Er hätte dir damit sogar eine Wohltat
-erwiesen, hätte er dich ein Handwerk lernen lassen! Wer hätte von ihm
-mehr für dich erwarten oder gar verlangen dürfen? Dein Vater, Makar
-Iwanowitsch, hat nicht nur darum gebeten, sondern geradezu gefordert,
-daß man euch, seine Kinder, nicht aus der unteren Klasse heraushebe.
-Aber nein, du schätzt das nicht, daß er dich bis zur Universität
-gebracht hat und du durch ihn Vorrechte bekommen hast. Schulbuben haben
-ihn geneckt, ei, seht doch mal an, und da hat er sich denn geschworen,
-sich an der Menschheit zu rächen! Solch ein Plebejer!«
-
-Ich muß gestehen, ich war verblüfft. Ich erhob mich und stand und sah
-sie an, ohne zu wissen, was ich darauf erwidern sollte.
-
-»Nein, wirklich, Tatjana Pawlowna hat mir etwas Neues gesagt,« wandte
-ich mich entschlossen und mit fester Stimme an Werssiloff, »ich bin
-wirklich so weit >Lakai<, daß ich mich auf keine Weise nur damit
-zufrieden geben kann, daß Werssiloff mich nicht zu einem Schuster in die
-Lehre gegeben hat; sogar die >Vorrechte< des höheren Standes, die ich
-ihm verdanke, da er mich hat unterrichten lassen, haben mich nicht
-gerührt. Nein -- gebt mir den ganzen Werssiloff, gebt mir den Vater ...
-das habe ich verlangt -- wie sollt' ich denn da nicht ein Lakai sein?
-Mama, es liegt mir schon acht Jahre auf dem Gewissen, wie ich Sie
-damals, als Sie allein zu Touchard kamen, um mich zu besuchen, -- wie
-ich Sie damals empfing. Aber jetzt habe ich keine Zeit, auch das noch zu
-erzählen, und Tatjana Pawlowna würde es ja auch nicht zulassen. Also
-morgen, Mama, _wir_ sehen uns vielleicht noch einmal. Tatjana Pawlowna!
-Was würden Sie dazu sagen, wenn ich sogar in einem so hohen Maße ein
->Lakai< wäre, daß ich nicht einmal das billigen könnte, daß ein Mann,
-der eine Ehefrau hat, noch eine zweite heiratet? Das aber ist doch in
-Ems von Andrei Petrowitsch nahezu versucht worden! Mama, wenn Sie nicht
-bei einem Mann bleiben wollen, der morgen vielleicht eine andere
-heiratet, so erinnern Sie sich daran, daß Sie einen Sohn haben, der
-Ihnen jetzt verspricht, ewig ein ehrerbietiger Sohn zu sein, -- denken
-Sie daran und kommen Sie zu mir, aber nur unter der Bedingung: entweder
-er oder ich, -- wollen Sie? Ich verlange ja nicht sofort eine Antwort;
-ich weiß, daß man auf solche Fragen nicht im Augenblick antworten kann
-...«
-
-Ich konnte nicht zu Ende sprechen, da ich viel zu erregt war und den
-Faden verlor. Meine Mutter erbleichte, und die Stimme schien ihr zu
-versagen: sie konnte kein Wort hervorbringen. Tatjana Pawlowna sprach
-sehr laut und sehr viel, so daß ich gar nicht verstand, was sie sagte,
-und zwei-, dreimal stieß sie mich mit der Faust an die Schulter. Ich
-weiß nur noch, daß sie schrie, meine Worte seien »erfunden, in einer
-kleinlichen Seele erklügelt, mit den Fingern herausgebohrt«. Werssiloff
-saß unbeweglich da und war sehr ernst, er lächelte nicht. Ich ging zu
-mir nach oben. Das letzte, was mich aus dem Zimmer begleitete, war der
-vorwurfsvolle Blick meiner Schwester; sie sah mir nach und schüttelte
-ernst den Kopf.
-
-
- Siebentes Kapitel.
-
-
- I.
-
-Ich gebe alle diese Szenen wieder, ohne mich selbst dabei zu schonen, um
-mir alles deutlich zu vergegenwärtigen und die Eindrücke richtig
-wiederherzustellen. Als ich oben in meinem Zimmer angelangt war, wußte
-ich überhaupt nicht, ob ich mich schämen oder ob ich stolz sein sollte,
-wie einer, der seine Pflicht getan hat. Wäre ich nur ein wenig
-erfahrener gewesen, so hätte ich gewußt, daß selbst der geringste
-Zweifel in solchem Fall den Ausschlag zuungunsten des Zweiflers gibt.
-Aber ein Umstand verwirrte mich endgültig: daß ich dabei so froh war,
-ich weiß nicht worüber, aber ich war furchtbar froh, obwohl ich
-zweifelte und einsah, daß ich unten schlecht abgeschnitten hatte. Ja
-selbst daß Tatjana Pawlowna mich so boshaft beschimpft hatte, erschien
-mir nur komisch und unterhaltend und ärgerte mich nicht im geringsten.
-Wahrscheinlich wirkte das alles nur deshalb so, weil ich immerhin die
-Kette zerrissen hatte und mich nun zum erstenmal vollkommen frei fühlte.
-Ich fühlte auch, daß ich meine Stellung zu ihnen verdorben hatte: jetzt
-war ich mir noch viel mehr im unklaren darüber, was ich mit dem von
-Krafft erhaltenen Brief, der die Erbschaft betraf, anfangen sollte. Wenn
-ich ihn jetzt noch übergab, würde man entschieden glauben, ich wollte
-mich an Werssiloff rächen. Aber schon unten, während dieser ganzen
-Auseinandersetzungen, hatte ich bereits bei mir beschlossen, diese
-Erbschaftsfrage mit dem Brief von einem Dritten entscheiden zu lassen,
-und zwar von Wassin, an den ich mich wie an einen Schiedsrichter wenden
-wollte, oder wenn er es ablehnte, dann von jemand anders -- ich wußte
-schon, von wem. Ich sagte mir: nur einmal, nur zu diesem Zweck, werde
-ich zu Wassin gehen, dann aber -- dann verschwinde ich für alle auf
-lange Zeit, auf mehrere Monate, und für Wassin noch ganz besonders. Nur
-meine Mutter und meine Schwester werde ich vielleicht manchmal sehen.
-Das war alles ziemlich wirr in mir; ich fühlte, daß ich etwas getan
-hatte, aber nicht so, wie es hätte sein sollen, und -- und ich war
-trotzdem zufrieden. Ich wiederhole: ich war dennoch froh über irgend
-etwas.
-
-Für diesen Abend nahm ich mir vor, früher schlafen zu gehen, da ich am
-nächsten Tage weite Wege zu machen hatte. Zunächst mußte ich mir ein
-Zimmer mieten und umziehen, und dann faßte ich noch verschiedene
-Entschlüsse, die ich, so oder so, gleich ausführen wollte. Aber dieser
-denkwürdige Abend sollte nicht ohne eine seltsame Überraschung enden:
-Werssiloff verstand es, mich noch in höchstes Erstaunen zu setzen. Er
-war noch nie in mein Stübchen gekommen, und nun plötzlich, ich hatte
-noch keine Stunde bei mir oben gesessen, hörte ich seine Schritte auf
-der Treppe: er rief mir zu, ich sollte ihm leuchten. Ich ging mit der
-Kerze zur Tür und half ihm, auf der kleinen Treppe heraufzusteigen,
-indem ich ihm die Hand nach unten entgegenstreckte, die er auch ergriff.
-
-»Merci, mein Freund, bisher bin ich noch nie hier heraufgeklettert,
-nicht einmal, als ich die Wohnung mietete. Ich ahnte, was hier ungefähr
-sein konnte, aber ... einen solchen Hundestall habe ich doch nicht
-vermutet.« Er war in der Mitte meines Stübchens stehengeblieben und
-schaute sich neugierig um. »Aber das ist ja ein Sarg, ein richtiger
-Sarg!«
-
-Das Stübchen hatte allerdings eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Inneren
-eines Sarges, und ich wunderte mich, wie richtig er das sofort
-herausgefunden und ausgedrückt hatte. Es war ein schmaler, länglicher
-Raum; in Schulterhöhe neigte sich die Wand in stumpfem Winkel nach vorn,
-in der Schrägheit des Giebeldaches, und stieß oben wieder in stumpfem
-Winkel mit der Decke zusammen, die ich mit der Handfläche berühren
-konnte. Werssiloff hielt sich anfangs unwillkürlich gebückt, als fürchte
-er, unversehens mit dem Kopf anzustoßen; aber schließlich sah er, daß
-nichts zu befürchten war, und setzte sich ziemlich ruhig auf meinen
-Diwan, auf dem schon mein Nachtlager hergerichtet war. Ich setzte mich
-nicht und betrachtete ihn mit der größten Verwunderung.
-
-»Deine Mutter sagte soeben, sie hätte nicht gewußt, ob sie das Geld von
-dir annehmen sollte, das du ihr vorhin für Beköstigung und Wohnung
-angeboten hast. Nun, im Hinblick auf diesen Sarg darf man das Geld nicht
-nur nicht annehmen, sondern ganz im Gegenteil, dir müßte von uns noch
-zugezahlt werden! Ich bin hier noch nie gewesen und ... kann mir nicht
-denken, daß es überhaupt möglich ist, hier zu leben.«
-
-»Ich habe mich daran gewöhnt. Daß ich aber Sie jetzt bei mir sehe, daran
-kann ich mich auf keine Weise gewöhnen -- nach alledem, was sich unten
-zugetragen hat.«
-
-»Nun ja, du warst unten beträchtlich grob, aber ... ich habe gleichfalls
-meine besonderen Zwecke, die ich dir auch erklären werde, obschon in
-meinem Kommen, nebenbei bemerkt, nichts Außergewöhnliches liegt. Selbst
-das, was sich unten zugetragen hat, auch das ist alles nur in der
-Ordnung der Dinge; aber erkläre mir, ich bitte dich, nur das eine: war
-das, was du uns dort unten erzähltest, und wozu du uns so feierlich und
-großartig vorbereitet hast -- war das nun wirklich alles, was du uns
-eröffnen oder mitteilen wolltest, hattest du weiter nichts zu sagen?«
-
-»Das war alles. Das heißt, nehmen wir an, daß es alles war.«
-
-»Dann war es etwas wenig, mein Freund, ich muß gestehen, nach deinem
-Anfang, und wie du uns alle zum Lachen gereizt hast, und als ich dann
-noch sah, wie sehr es dich drängte, zu erzählen -- da erwartete ich
-Größeres.«
-
-»Sollte Ihnen das nicht ganz gleich sein?«
-
-»Ich spreche im Grunde ja nur aus dem Maßgefühl heraus; das war dieses
-große Vorspiel nicht wert, da war das Maßverhältnis gestört. Einen
-ganzen Monat hast du geschwiegen, dich gesammelt, und plötzlich -- ist
-nichts dahinter.«
-
-»Ich wollte vieles erzählen, aber ich schäme mich schon, daß ich dies
-wenige erzählt habe. Es läßt sich nicht alles erzählen, so in Worten
-ausdrücken, manches wird am besten nie erzählt. Ich aber habe doch genug
-gesagt, und dennoch haben Sie nichts verstanden.«
-
-»Ah, auch du leidest also manchmal darunter, daß ein Gedanke sich nicht
-in Worte hineinzwängen läßt! Das ist ein edler Schmerz, mein Freund, und
-wird nur Auserwählten gegeben; ein Dummkopf ist immer zufrieden mit dem,
-was er gesagt hat, und außerdem sagt er immer mehr als nötig ist; viel
-Lärm um nichts.«
-
-»Wie zum Beispiel ich vorhin; auch ich sagte mehr als nötig war; ich
-verlangte den >ganzen Werssiloff< -- das ist viel mehr als nötig ist;
-ich brauche Werssiloff überhaupt nicht.«
-
-»Mein Freund, du willst, wie ich sehe, das wieder einholen, was du unten
-verloren hast. Du scheinst zu bereuen, und da bereuen bei uns nichts
-anderes heißt, als sofort wieder einen anderen angreifen, so möchtest du
-mich diesmal gut treffen und nicht wieder vorbeischlagen. Ich bin zu
-früh gekommen, du bist noch nicht abgekühlt, und zudem fällt es dir sehr
-schwer, Kritik zu ertragen. Aber so setze dich doch, um Gotteswillen, --
-ich bin gekommen, um dir etwas mitzuteilen. So, danke. Aus dem, was du
-unten von dem Fortgehen deiner Mutter sagtest, geht nur zu klar hervor,
-daß es unter allen Umständen am besten ist, wenn wir uns trennen. Ich
-bin nun zu dir gekommen, um dich zu bitten, das nach Möglichkeit weniger
-schroff und ohne einen Skandal zu tun, damit es deine Mutter nicht noch
-mehr betrübt und erschreckt. Schon daß ich selbst zu dir ging, hat ihr
-Hoffnung gemacht: sie glaubt, wir würden uns noch versöhnen, und dann
-werde wieder alles beim alten bleiben. Und ich glaube, wenn wir jetzt
-hier oben ein- oder zweimal etwas lauter lachen würden, so würden wir
-ihrem schüchternen Herzen die größte Freude bereiten. Mögen es auch nur
-schlichte Herzen sein, aber sie lieben doch so innig und ungekünstelt,
-weshalb sollte man da nicht etwas gut zu ihnen sein, wenn sich
-Gelegenheit dazu bietet? Das wäre das eine. Und dann zweitens: Warum
-sollen wir denn mit Rachedurst, mit Zähneknirschen und grimmigen
-Schwüren auseinandergehen? Zweifellos haben wir nicht die geringste
-Veranlassung, uns gegenseitig um den Hals zu fallen, aber man kann sich
-doch auch trennen und sich dabei gegenseitig achten, nicht wahr?«
-
-»Das ist alles -- Unsinn! Ich verspreche, ohne Skandal das Haus zu
-verlassen -- und das genügt. Sie sagen, Sie bemühten sich um meiner
-Mutter willen? Und mir will es scheinen, daß die Ruhe der Mutter hiermit
-nichts zu tun hat und Sie nur so reden.«
-
-»Du glaubst mir nicht?«
-
-»Sie sprechen mit mir entschieden wie mit einem kleinen Kinde!«
-
-»Mein Freund, ich bin ja bereit, dich tausendmal um Verzeihung zu
-bitten, für all das, was du mir da vorwirfst, für alle diese Jahre
-deiner Kindheit und so weiter, aber, _cher enfant_, was käme denn dabei
-heraus? Du bist so klug, daß du es wohl selbst nicht wünschen wirst,
-dich in einer so dummen Lage zu befinden. Ich will noch nicht einmal
-davon reden, daß ich den Charakter deiner Vorwürfe sogar bis jetzt noch
-nicht verstehe. In der Tat, was machst du mir nun eigentlich zum
-Vorwurf? Daß du nicht als ein Werssiloff geboren bist? Oder nicht? Bah!
-Du lachst verächtlich und wehrst mit der Hand ab, also ist es nicht
-das?«
-
-»Versichere Sie, nein. Und ich kann auch keine besondere Ehre darin
-finden, Werssiloff zu heißen.«
-
-»Lassen wir die Ehre beiseite; zudem mußte ja deine Antwort unbedingt
-demokratisch sein; aber wenn es nicht das ist, was ist es dann?«
-
-»Tatjana Pawlowna hat vorhin alles gesagt, was mir klargemacht werden
-mußte, da ich von selbst niemals darauf verfallen wäre: Sie haben mich
-nicht zu einem Schuster in die Lehre gegeben, folglich muß ich noch
-dankbar sein. Ich verstehe nur nicht, warum ich undankbar bin, sogar
-jetzt noch, sogar nachdem man mich aufgeklärt hat. Spricht da nicht am
-Ende Ihr stolzes Blut, Andrei Petrowitsch?«
-
-»Wahrscheinlich nicht. Und außerdem wirst du zugeben müssen, daß alle
-deine Ausfälle unten, statt mich zu treffen, wie du es wolltest, nur
-deine Mutter getroffen und gepeinigt haben. Indessen sollte man meinen,
-nicht dir stünde es zu, sie zu richten. Und worin besteht denn ihre
-Schuld vor dir? Und vielleicht erklärst du mir auch, mein Freund, aus
-welchem Grunde und zu welchem Zweck du in der Schule und auf dem
-Gymnasium und überall, und sogar dem ersten besten, dem du vorgestellt
-wurdest, wie ich gehört habe, von deiner illegitimen Geburt erzählt
-hast? Man sagte mir, du hättest das mit einer besonderen Vorliebe getan.
-Und dabei ist das ein Nonsens und eine häßliche Verleumdung; denn du
-bist legitim geboren als Sohn Makar Iwanowitsch Dolgorukis, eines
-ehrenwerten und sowohl durch Verstand als Charakter ausgezeichneten
-Menschen. Wenn du aber eine höhere Bildung erhalten hast, so verdankst
-du das allerdings deinem ehemaligen Gutsherrn Werssiloff, doch was hat
-das mit deiner Herkunft zu tun? Indem du aber selbst von deiner
-illegitimen Herkunft erzählst, was selbstverständlich an sich schon eine
-Verleumdung ist, hast du das Geheimnis deiner Mutter preisgegeben und,
-aus einer Art von falschem Stolz, deine Mutter vor den Richterstuhl
-jedes ersten besten Lumpen gezogen. Mein Freund, das ist sehr unfein, um
-so mehr, als deine Mutter persönlich an nichts schuld ist: sie ist das
-reinste Wesen, das ich kenne, und wenn sie nicht den Namen Werssiloff
-trägt, so liegt das nur daran, daß sie bis auf den heutigen Tag mit
-einem anderen verheiratet ist.«
-
-»Genug, ich bin mit Ihnen vollkommen einverstanden und halte Sie für so
-klug, daß ich hoffe, Sie werden mir nicht gar zu lange den Kopf waschen.
-Sie lieben ja so sehr das Maßhalten; und schließlich muß es doch für
-alles ein Maß geben, selbst für Ihre plötzliche Liebe zu meiner Mutter.
-Aber ich würde Ihnen folgenden Vorschlag machen: da Sie sich nun einmal
-entschlossen haben, bei mir vorzusprechen und eine viertel oder eine
-halbe Stunde hier zu sitzen (ich weiß noch immer nicht, wozu eigentlich,
-aber nehmen wir an, es sei zur Beruhigung meiner Mutter) -- und da Sie
-außerdem so bereitwillig mit mir sprechen, ungeachtet dessen, was unten
-vorgefallen ist, so erzählen Sie mir lieber von meinem Vater -- eben von
-diesem Makar Iwanoff, dem Pilger. Gerade von Ihnen würde ich gern
-Näheres über ihn hören, ich habe Sie sogar früher schon immer nach ihm
-fragen wollen. Und dann möchte ich, daß Sie mir noch etwas beantworten,
-gerade jetzt, bevor wir uns trennen, vielleicht auf lange. Das ist:
-Haben Sie denn wirklich in diesen ganzen zwanzig Jahren nicht so weit
-auf die Vorurteile meiner Mutter einzuwirken vermocht, und ebenso auf
-meine Schwester -- gerade Sie, mit Ihrem ganzen bildenden Einfluß --,
-daß meine Mutter wenigstens aus der Finsternis ihrer früheren
-bäuerlichen Umgebung herausgekommen wäre? Oh, ich spreche nicht von
-ihrer Reinheit! Sittlich hat sie auch so immer weit über Ihnen
-gestanden, verzeihen Sie, aber sie ist doch nur eine unendlich viel
-höherstehende -- Tote. Nur Werssiloff lebt, alle übrigen um ihn herum
-und alles mit ihm Verbundene vegetiert nur unter der einen Bedingung,
-die Ehre zu haben, ihn mit den eigenen Kräften, den eigenen Lebenssäften
-ernähren zu dürfen. Aber auch meine Mutter muß doch einmal lebendig
-gewesen sein? In irgend etwas an ihr haben Sie sich doch verliebt? Auch
-sie ist doch einmal ein Weib gewesen!«
-
-»Mein Freund, vielleicht ist sie das nie gewesen,« antwortete er mir,
-indem er sogleich wieder in seine anfängliche Manier verfiel, -- in
-diese Manier mit mir zu sprechen, die mich so ärgerte, und die ich noch
-so gut im Gedächtnis habe! Das heißt, anscheinend ist er die
-Aufrichtigkeit selbst, sieht man aber näher zu -- so ist an ihm alles
-nur tiefster Spott, so daß ich aus seinem Gesicht manchmal gar nicht
-klug werden konnte. »Ist das nie gewesen! Die russische Frau -- ist
-niemals Weib.«
-
-»Ach, und die Polin, die Französin, die ist es etwa? Oder die
-Italienerin, die leidenschaftliche Italienerin, die so einen
-zivilisierten Russen der höheren Stände, von der Art eines Werssiloff,
-zu bezaubern versteht?«
-
-»Nun sag' einer,« rief er lachend aus, »hätte ich ahnen können, daß ich
-hier auf einen Slawophilen stoßen würde!«
-
-Ich erinnere mich Wort für Wort unseres Gesprächs: Er begann sogar mit
-großer Bereitwilligkeit und sichtlichem Vergnügen zu erzählen. Es war
-mir nur zu klar, daß er durchaus nicht deshalb zu mir gekommen war, um
-sich mit mir zu unterhalten, und ebensowenig deshalb, um meine Mutter zu
-beruhigen, sondern unbedingt aus ganz anderen Gründen.
-
-
- II.
-
-»Wir haben, deine Mutter und ich, diese ganzen zwanzig Jahre vollkommen
-schweigend verlebt,« begann er sein Geplauder (im höchsten Grade gemacht
-und unnatürlich), »und alles, was zwischen uns geschehen ist, ist
-schweigend geschehen. Der Charakter unseres ganzen zwanzigjährigen
-Zusammenlebens war -- Schweigen. Ich glaube, wir sind auch nicht ein
-einziges Mal in Streit geraten. Allerdings war ich oft verreist ... und
-habe sie allein gelassen, aber es hat doch immer damit geendet, daß ich
-wieder zu ihr zurückgekehrt bin. _Nous revenons toujours_,{[25]} und das
-ist, das ist nun einmal die wesentliche Eigenschaft der Männer; es ist
-das bei ihnen eine Folge ihrer Großmut. Wenn die Ehe von den Frauen
-allein abhinge -- keine einzige Ehe hätte Bestand. Deine Mutter ...
-Demut, Nachgiebigkeit, Geduld, Unterwürfigkeit, und zu gleicher Zeit
-Festigkeit, Kraft, wirkliche Kraft -- das ist der Charakter deiner
-Mutter. Merke dir, sie ist die beste von allen Frauen, die mir in meinem
-Leben begegnet sind. Und daß in ihr Kraft ist, kann ich bezeugen: ich
-habe gesehen, wie diese Kraft sie genährt hat. Wenn es sich um ... ich
-will nicht sagen >Überzeugungen< handelt -- denn zu regelrechten
-Überzeugungen fehlen die Voraussetzungen -- aber um das, was von ihnen
-für Überzeugung gehalten wird, und was folglich ihrer Ansicht nach
-heilig ist, da lassen sie sich womöglich foltern. Nun, und ich -- sag'
-dir doch selbst: sehe ich aus wie ein Folterknecht? Sieh, deshalb habe
-ich es denn auch vorgezogen, fast zu allem zu schweigen, und das nicht
-nur deshalb, weil das leichter ist; und offengestanden, ich bereue es
-nicht. Auf diese Weise hat sich alles ganz von selbst auf einer breiten
-und humanen Basis abgespielt, so daß ich mir selbst gar kein Verdienst
-zuschreibe. Ich möchte hier nur nebenbei bemerken, daß ich aus einem
-unbestimmten Grunde den Verdacht habe, daß sie niemals an meine
-Humanität geglaubt und darum immer gezittert hat; aber trotz des
-Zitterns hat sie sich doch nicht der Kultur gebeugt. Diese Leute
-verstehen das irgendwie auf ihre Art, wir aber begreifen da irgend etwas
-nicht, und überhaupt verstehen sie besser als wir, sich im Leben
-einzurichten. Sie können sogar in Lagen, die für sie die unnatürlichsten
-sind, die ihrer ganzen Art vollständig widersprechen -- doch weiterleben
-und sogar vollkommen sie selbst bleiben. Wir verstehen das nicht so.«
-
-»Wer sind diese >sie<? Ich verstehe Sie nicht ganz.«
-
-»Ich meine das Volk, mein Freund, ich rede vom Volk. Es hat diese große
-lebendige Kraft und seine historische Basis sowohl sittlich als
-politisch bewiesen. Doch um wieder auf unser Gespräch zurückzukommen,
-will ich von deiner Mutter noch sagen, daß sie ja nicht immer schweigt,
-manchmal sagt sie auch etwas, aber aus dem, was sie sagt und wie sie es
-sagt, ersiehst du ohne weiteres, daß dein ganzes Reden nur
-Zeitverschwendung gewesen ist, selbst wenn du sie fünf Jahre lang
-allmählich vorbereitet hast. Zudem sind es die überraschendsten
-Entgegnungen. Und merke dir wiederum, ich sage von ihr durchaus nicht,
-daß sie dumm sei; im Gegenteil, sie hat in ihrer Art Verstand, und sogar
-einen sehr bemerkenswerten. Übrigens, an den Verstand wirst du
-vielleicht nicht glauben ...«
-
-»Warum nicht? Ich glaube nur daran nicht, daß Sie selbst an ihren
-Verstand glauben, das heißt, wirklich und ohne sich zu verstellen.«
-
-»Ja? Du hältst mich für ein solches Chamäleon? Mein Freund, ich erlaube
-dir etwas zu viel ... wie einem verwöhnten Sohne ... aber mag es denn
-diesmal dabei bleiben.«
-
-»Erzählen Sie mir von meinem Vater, wenn Sie können, die Wahrheit.«
-
-»Von Makar Iwanowitsch? Makar Iwanowitsch war, wie du weißt, ein
-Gutsbauer, den sozusagen nach einem gewissen Ruhm verlangte ...«
-
-»Ich wette, daß Sie ihn in diesem Augenblick um irgend etwas beneiden!«
-
-»Im Gegenteil, mein Freund, im Gegenteil, vielleicht freut es mich sehr,
-dich in einer so scharfsinnigen Geistesverfassung zu sehen. Ich schwöre
-dir, ich bin gerade jetzt in einer sogar im höchsten Grade bußfertigen
-Stimmung, und gerade jetzt, in diesem Augenblick, empfinde ich
-vielleicht zum tausendsten Mal machtlose Reue ob alledem, was vor
-zwanzig Jahren geschehen ist. Gott könnte es bezeugen, wie sehr das
-damals vom Zufall abhing und fast aus Versehen geschehen ist ... nun,
-und dann, so weit es in meinen Kräften lag, >human< verlaufen ist;
-wenigstens wie ich mir damals eine Heldentat der >Humanität< vorstellte.
-Oh, wir brannten damals alle vor Verlangen, Gutes zu tun, der Hebung der
-Gesamtheit alle unsere Kräfte zu widmen, der höheren Idee zu dienen; wir
-verurteilten die Rangeinteilung,[11] unsere ererbten Vorrechte, die
-Güterwirtschaft und sogar das Leihamt, wenigstens einige von uns ... Auf
-mein Ehrenwort! Wir waren nicht viele, aber wir sprachen gut, und ich
-versichere dich, zuweilen wurde von uns sogar gut gehandelt.«
-
-»Sie meinen, als Sie an seiner Schulter weinten?«
-
-»Mein Freund, ich bin mit dir in allem im voraus einverstanden; übrigens
-hast du das mit der Schulter von mir selbst gehört, somit gebrauchst du
-mein Vertrauen und meine Aufrichtigkeit, um sie gegen mich zu wenden.
-Aber du wirst zugeben müssen, daß dieses mit der Schulter tatsächlich
-gar nicht so übel war, wie es auf den ersten Blick scheint, besonders
-noch für die damalige Zeit. Wir fingen doch damals erst an. Ich spielte
-dabei natürlich Theater, aber ich wußte damals doch noch nicht, daß ich
-dabei Theater spielte. Sollte es zum Beispiel dir noch nie passiert
-sein, daß du in praktischen Fällen ein wenig Theater gespielt hast?«
-
-»Ich habe mich vorhin unten wohl zuviel vom Gefühl bestimmen lassen, und
-als ich nach oben kam, schämte ich mich nicht wenig bei dem Gedanken,
-daß Sie von mir denken könnten, ich hätte Theater gespielt. Es ist wahr,
-daß man in manchen Fällen, obschon man alles aufrichtig empfindet, sich
-äußerlich doch verstellt; vorhin aber, unten, das schwöre ich, war alles
-natürlich.«
-
-»Eben das ist es; du hast es sehr treffend ausgedrückt: obschon man
-alles aufrichtig empfindet, gibt man sich äußerlich doch nicht
-natürlich. Nun, und genau so war es auch mit mir: obschon ich mich
-verstellte, schluchzte ich doch vollkommen aufrichtig. Ich will nicht
-bestreiten, daß Makar Iwanowitsch diese Schultergeschichte als eine
-Vergrößerung des Hohnes hätte betrachten können, wenn er scharfsinniger
-gewesen wäre, aber seine Ehrlichkeit ließ damals keinen Scharfblick zu.
-Ich weiß nur nicht, ob ich ihm damals auch leid tat oder nicht; wie ich
-mich erinnere, wollte ich ihm damals sehr gern leid tun.«
-
-»Wissen Sie,« unterbrach ich ihn, »auch jetzt, während Sie das sagen,
-spotten Sie nur. Und überhaupt die ganze Zeit, diesen ganzen Monat, so
-oft Sie mit mir gesprochen haben, haben Sie nur gespottet. Warum haben
-Sie das immer getan, wenn Sie mit mir sprachen?«
-
-»Glaubst du?« erwiderte er sanft. »Du bist sehr mißtrauisch; übrigens,
-wenn ich auch spotte, so doch nicht über dich oder wenigstens nicht über
-dich allein, also beruhige dich. Aber jetzt spotte ich nicht, und damals
--- kurz, ich tat damals alles, was ich konnte, und glaube mir, nicht zu
-meinem Vorteil. Wir, das heißt, wir alle von damals, verstanden nicht im
-geringsten, im Gegensatz zum Volk, zu unserem Vorteil zu handeln: im
-Gegenteil, wir schadeten uns immer selbst soviel wie möglich, und ich
-vermute, eben das wurde von uns damals für eine Art von >größerem
-eigenem Vorteil< gehalten, versteht sich, im höheren Sinne des Wortes.
-Die jetzige Generation der Pioniere ist unvergleichlich mehr, als wir es
-waren, auf ihren Vorteil bedacht. Ich hatte damals, noch vor der Sünde,
-Makar Iwanowitsch alles mit großer Offenheit erklärt. Jetzt gebe ich zu,
-daß vieles von dem gar nicht zu erklären nötig gewesen wäre, und noch
-weniger mit solcher Offenheit: das wäre, ganz abgesehen von der
-Humanität, sogar rücksichtsvoller gewesen; aber versuch einmal, wenn du
-gerade so recht ins Tanzen gekommen bist, dich plötzlich zu bezwingen
-und nicht noch einen Tanzschritt zu machen! Doch, wer weiß, vielleicht
-sind die Forderungen des Schönen und Erhabenen in der Wirklichkeit
-gerade von dieser Art, darüber bin ich mir in meinem ganzen Leben nicht
-klar geworden. Übrigens ist das ein zu tiefes Thema für unsere
-oberflächliche Unterhaltung, aber du kannst mir glauben, daß ich noch
-jetzt manchmal vor Scham vergehe, wenn ich daran zurückdenke. Ich bot
-ihm damals dreitausend Rubel an, und ich weiß noch, er schwieg die ganze
-Zeit, und nur ich allein sprach. Kannst du dir denken, es schien mir
-damals, daß er mich fürchtete, das heißt, als Leibeigener mein
-Herrenrecht, und ich weiß noch, daß ich mich aus allen Kräften bemühte,
-sein Mißtrauen zu verscheuchen; ich redete ihm zu, er solle doch frank
-und frei alle seine Wünsche aussprechen, und sogar Kritik üben soviel er
-wolle, er hätte nichts zu befürchten. Ich gab ihm mein Wort darauf, daß
-ich, wenn er auf meinen Vorschlag eingehen wollte -- d. h. dreitausend
-Rubel als Entschädigung, dazu den Freibrief (für ihn und seine Frau,
-versteht sich), und die Reise wohin er wollte (ohne Frau, versteht sich)
---, wenn er also darauf eingehen wollte, daß ich ihm dann sofort den
-Freibrief geben, ja womöglich seine Frau zu ihm zurückschicken und sie
-beide noch beschenken würde. Und sie brauchten nicht von mir
-fortzuziehen, sondern ich selbst würde von ihnen ganz allein fortziehen,
-gleich auf drei Jahre und nach Italien. _Mon ami_,{[26]} sei versichert,
-ich hätte damals nicht die Mademoiselle Ssaposhkoff mitgenommen: ich war
-sehr aufrichtig, als ich ihm das sagte. Aber was geschah? -- Dieser
-Makar begriff natürlich nur zu gut, daß ich das Versprochene auch
-ausführen würde, aber er fuhr fort, zu schweigen, und nur, als ich schon
-zum drittenmal wieder damit anfangen wollte, wich er zurück, drehte sich
-um und verließ das Zimmer -- sogar in einer so unzeremoniellen Weise,
-daß ich selbst damals, ich versichere dich, geradezu verwundert war. Ich
-sah mich darauf zufällig im Spiegel, nur mit einem Blick, und kann nicht
-vergessen, wie ich aussah. Überhaupt, wenn solche Leute nichts sagen --
-das ist das schlimmste, er aber war ein finsterer Charakter, und ich muß
-gestehen, als ich ihn zu mir ins Kabinett rufen ließ, da hatte ich nicht
-nur kein Zutrauen zu ihm, sondern fürchtete ihn sogar heftig: in diesem
-Milieu gibt es Charaktere, und sogar sehr viele, die sozusagen die
-Personifizierung der unglaublichsten Unberechenbarkeit sind, und vor so
-was fürchtet man sich mehr als vor Schlägen. _Sic!_ Und wieviel ich
-riskierte, wieviel ich riskierte! Nun wie, wenn er auf dem Gut, im
-ganzen Bezirk, zu schreien und zu heulen angefangen hätte, dieser
-ländliche Uria, -- was wäre dann wohl aus mir geworden, aus dem jungen
-König David, was hätte ich da tun können? Deshalb schob ich denn auch
-zuerst die Dreitausend vor, das geschah instinktiv, aber ich hatte mich
-zum Glück getäuscht: dieser Makar Iwanowitsch war etwas ganz anderes
-...«
-
-»Sagen Sie, war die Sünde schon geschehen? Sie sagten soeben, Sie hätten
-ihn noch vor der Sünde rufen lassen.«
-
-»Das heißt, sieh mal, das ist so zu verstehen ...«
-
-»Also, sie war geschehen. Sie sagten, Sie hätten sich in ihm getäuscht,
-er wäre etwas ganz anderes gewesen; was war er denn anderes?«
-
-»Ja, was er eigentlich war, das weiß ich bis zum heutigen Tage noch
-nicht. Jedenfalls etwas anderes, und weißt du, sogar etwas sehr
-Anständiges; das schließe ich daraus, daß ich mich zu guter Letzt noch
-dreimal mehr vor ihm schämte. Schon am nächsten Tage willigte er ein,
-das Gut zu verlassen, natürlich ohne viel Worte, und ohne auch nur eine
-einzige der von mir versprochenen Belohnungen zu vergessen.«
-
-»Nahm er das Geld?«
-
-»Und wie! Und kannst du dir denken, mein Freund, in diesem Punkt hat er
-mich sogar sehr in Erstaunen gesetzt. Die dreitausend Rubel hatte ich
-damals selbstverständlich nicht in der Tasche, aber ich verschaffte mir
-siebenhundert und gab ihm diese so fürs erste; und er? -- Er verlangte
-von mir, um der übrigen zweitausenddreihundert Rubel sicher zu sein,
-eine Schuldverschreibung in dieser Höhe mit der Bürgschaft eines
-Kaufmanns. Und nach Verlauf von zwei Jahren ließ er dieses Geld auf
-Grund der Schuldverschreibung bereits gerichtlich eintreiben, und sogar
-mit den Prozenten, was mich wieder sehr wunderte, um so mehr, als er
-damals buchstäblich für ein Gotteshaus als Pilger Gaben sammelte. Und
-seit der Zeit, nun sind es schon zwanzig Jahre, pilgert er immer noch.
-Ich begreife nicht, wozu ein Pilger soviel eigenes Geld braucht ... Geld
-ist eine so weltliche Sache ... Ich hatte es ihm in dem Augenblick
-natürlich aufrichtig angeboten und, sagen wir, in der ersten Hitze, dann
-aber, nachdem schon soviel Augenblicke darüber vergangen waren, konnte
-ich mich doch besinnen ... und ich rechnete eigentlich darauf, daß er
-wenigstens Nachsicht mit mir haben würde ... oder sozusagen mit _uns_,
-mit mir und ihr, daß er wenigstens warten würde. Indessen, nicht einmal
-gewartet hat er.«
-
-(Ich muß hier ein notwendiges Notabene einfügen: wenn Herr Werssiloff
-inzwischen gestorben wäre und meine Mutter ihn überlebt hätte, so wäre
-sie im Alter buchstäblich ohne eine Kopeke zurückgeblieben, falls Makar
-Iwanowitsch damals nicht diese dreitausend Rubel gesichert hätte, die
-sich durch die Zinsen nun schon längst verdoppelt haben, und die er ihr
-nach seinem Tode im vorigen Jahr unangetastet hinterlassen hat. Also
-hatte er sogar schon damals Werssiloff durchschaut.)
-
-»Sie sagten einmal, Makar Iwanowitsch hätte Sie mehrmals besucht und
-wäre dann immer in der Wohnung bei Mama abgestiegen?«
-
-»Ja, mein Freund; und ich muß sagen, ich habe anfangs große Angst gehabt
-vor diesen Besuchen. In diesen zwanzig Jahren ist er im ganzen sechs-
-oder siebenmal bei uns gewesen, und die ersten Male habe ich mich, wenn
-ich zu Hause war, ihm nicht gezeigt. Ich konnte zunächst nicht
-verstehen, was diese Besuche zu bedeuten hatten, und warum er überhaupt
-kam. Dann aber, nach einigen Erwägungen, erschien mir das durchaus nicht
-so dumm von ihm. Und später einmal, da wurde ich zufällig neugierig und
-ging zu ihm, um ihn mir anzusehen, und ich muß sagen, ich gewann einen
-überaus eigenartigen Eindruck. Das war bei seinem dritten oder vierten
-Besuch, eben damals, als ich Friedensvermittler war und mich, versteht
-sich, mit Eifer daranmachte, Rußland kennen zu lernen. Und ich habe von
-ihm sogar außerordentlich viel Neues gehört. Außerdem fand ich in ihm
-gerade das, was ich unter keinen Umständen in ihm zu finden erwartet
-hätte: eine gewisse Seelengröße, eine Ausgeglichenheit des Charakters,
-und was am erstaunlichsten war, eine fast heitere Stimmung. Nicht die
-geringste Anspielung auf _jenes_ (_tu comprends?_{[27]}). Dazu besaß er
-im höchsten Grade die Fähigkeit, sachlich und gut und sogar schön zu
-sprechen, ich meine, ohne diese ihre dumme bäuerische Tiefsinnigkeit, --
-die ich, unter uns gesagt, trotz meiner ganzen demokratischen Denkart,
-nicht ausstehen kann, -- und ohne alle diese gezwungenen Russizismen,
-mit denen bei uns in Romanen und auf der Bühne alle >echten Russen< ihre
-Rede durchsetzen zu müssen glauben. Dabei sprach er sehr wenig von
-Religion, wenn man nicht selbst darauf zu sprechen kam, aber er erzählte
-in ihrer Art entzückende Geschichten von den Klöstern und aus dem
-Klosterleben, wenn man sich dafür interessierte. Aber das
-Hervortretendste war -- seine Ehrerbietung, diese bescheidene
-Ehrerbietung, eben diese Ehrerbietung, die zur höheren Gleichheit
-notwendig ist, ja, ohne die man, meiner Meinung nach, auch gar keine
-Überlegenheit im Verkehr mit anderen Menschen erlangen kann. Gerade
-durch das Fehlen selbst der geringsten Überhebung wird der höchste
-Anstand erreicht, und man sieht einen Menschen vor sich, der sich selbst
-ohne jeden Zweifel achtet, und zwar gerade so, wie er ist, in seiner
-Stellung, gleichviel, welch eine Stellung das ist, und welch ein
-Schicksal er hat. Diese Fähigkeit, sich selbst gerade in seiner Stellung
-zu achten, findet man äußerst selten auf Erden, mindestens ebenso selten
-wie wirkliche persönliche Würde ... Das wirst du selbst sehen, wenn du
-älter bist. Aber am meisten hat mich an ihm doch das überrascht, und
-nicht zu Anfang, sondern erst später,« fügte Werssiloff hinzu, »daß
-dieser Makar so auffallend wohlgestaltet und, glaube mir,
-außergewöhnlich hübsch ist. Wenn er auch alt ist, so ist er doch
-
- >gebräunt von der Sonne,
- hoch und stark ...<
-
-dazu schlicht und voll Würde; ich habe mich sogar über meine arme Ssofja
-gewundert, wie sie mich _damals_ ihm hat vorziehen können. Damals war er
-fünfzig, aber doch noch ein ganzer Mann, und ich im Vergleich zu ihm so
-ein unbeständiger Mensch. Übrigens, ich entsinne mich, er war bereits
-sehr stark ergraut, und so wird er wohl schon gewesen sein, als er sie
-heiratete ... Vielleicht hat das sie beeinflußt.«
-
-Dieser Werssiloff hatte eine dumme Gewohnheit, die zum höheren Ton
-gehört: hatte er einmal (wenn es nicht anders ging) einige sehr
-gescheite und gute Sachen gesagt, so schloß er plötzlich absichtlich mit
-irgendeiner Dummheit, wie in diesem Fall mit der Vermutung, die grauen
-Haare Makar Iwanowitschs wären vielleicht von entscheidendem Einfluß auf
-meine Mutter gewesen. Das tat er mit Absicht und wahrscheinlich, ohne
-selbst zu wissen, warum, aus dummer, gesellschaftlicher Gewohnheit.
-Hörte man ihn, konnte man glauben, er rede sehr ernst, innerlich aber
-war es bei ihm nur Spott, und er verstellte sich.
-
-
- III.
-
-Ich begreife nicht, warum mich damals plötzlich eine so ungeheure
-Erbitterung erfaßte. Überhaupt denke ich mit einem großen Mißbehagen an
-einzelne meiner Ausfälle in jenen Augenblicken zurück; ich erhob mich
-plötzlich vom Stuhl.
-
-»Wissen Sie was,« sagte ich, »auf meine Frage erklärten Sie mir, Sie
-wären hauptsächlich deshalb gekommen, um meine Mutter glauben zu machen,
-wir hätten uns versöhnt. Zeit ist nun zu dem Zweck genug vergangen;
-vielleicht haben Sie die Güte, mich jetzt wieder allein zu lassen.«
-
-Er wurde etwas rot und erhob sich.
-
-»Mein Lieber, du bist recht unhöflich gegen mich. Übrigens, wie du
-willst, auf Wiedersehen. Zwingen kann man dich nicht, liebenswürdig zu
-sein. Ich erlaube mir nur noch eine Frage: Hast du wirklich die Absicht,
-nicht mehr zum Fürsten zu gehen?«
-
-»Aha! Wußte ich doch, daß Sie zu einem besonderen Zweck gekommen sind
-...«
-
-»Das heißt, du hast mich im Verdacht, daß ich gekommen bin, um dich zu
-veranlassen, beim Fürsten zu bleiben, weil ich davon irgendeinen Vorteil
-für mich erwarte? Aber, mein Freund, dann bist du ja vielleicht auch der
-Ansicht, ich hätte schon damals irgendeinen Vorteil für mich im Auge
-gehabt, als ich dich aus Moskau herrief? Wie mißtrauisch du bist! Im
-Gegenteil, ich wünsche dir in allem das Beste. Und gerade jetzt, wo
-meine Verhältnisse sich so sehr gebessert haben, wäre es mir lieb, wenn
-du wenigstens manchmal deiner Mutter und mir erlauben würdest, dir zu
-helfen.«
-
-»Ich liebe Sie nicht, Werssiloff.«
-
-»Sogar >Werssiloff<. Übrigens, ich bedauere es sehr, daß es mir nicht
-möglich war, dir diesen Namen zu geben; denn im Grunde besteht doch nur
-darin meine ganze Schuld, wenn schon einmal eine Schuld besteht, nicht
-wahr? Aber wie gesagt, ich konnte doch keine verheiratete Frau heiraten,
-das siehst du doch ein.«
-
-»Deshalb wollten Sie dann wohl auch eine Unverheiratete heiraten.«
-
-Es zuckte in seinem Gesicht.
-
-»Du sprichst von Ems. Höre mal, Arkadi, du hast dir schon unten
-denselben Ausfall erlaubt und dabei mit dem Finger auf mich gewiesen, in
-Gegenwart deiner Mutter. Ich sage dir, gerade hierin bist du im größten
-Irrtum befangen. Von der Geschichte mit der verstorbenen Lydia Achmakoff
-weißt du so gut wie nichts. Du weißt auch nicht, wie weit deine Mutter
-selbst an dieser Geschichte beteiligt gewesen ist, ja, ungeachtet
-dessen, daß sie damals nicht bei mir war. Und wenn ich jemals in einer
-Frau die Güte selbst gesehen habe, so war es damals, und diese Frau war
-deine Mutter. Doch genug davon; das ist vorläufig noch ein Geheimnis, du
-aber sprichst nur anderen nach, ohne selbst zu wissen, was du sprichst.«
-
-»Der Fürst hat mir gerade heute gesagt, Sie wären ein Liebhaber noch
-nicht flügge gewordener Mädchen.«
-
-»Das hat der Fürst gesagt?«
-
-»Ja, und wenn Sie wollen, sage ich Ihnen ganz genau, weshalb Sie jetzt
-zu mir gekommen sind? Ich habe die ganze Zeit gesessen und mich gefragt:
-welchen geheimen Zweck könnte dieser Besuch wohl haben? -- und jetzt
-endlich habe ich es, glaube ich, erraten.«
-
-Er war schon im Begriff, das Zimmer zu verlassen, blieb aber stehen,
-wandte mir sein Gesicht zu und wartete.
-
-»Vorhin ist mir die Bemerkung entschlüpft, der Brief Touchards an
-Tatjana Pawlowna sei in Moskau von Marja Iwanowna unter den Papieren des
-verstorbenen Andronikoff gefunden worden. Ich sah, wie in dem Augenblick
-plötzlich etwas in Ihrem Gesicht zuckte, und erst jetzt, als es wieder
-so in Ihrem Gesicht zuckte, habe ich erraten, warum: Ihnen kam damals
-der Gedanke, wenn schon ein Brief aus den Händen Andronikoffs in die
-Hände Marja Iwanownas übergegangen ist, weshalb könnte dann nicht noch
-ein zweiter Brief denselben Weg gegangen sein, was? Ist das nicht so?«
-
-»Und ich, ich hätte nun, indem ich zu dir kam, dich dazu bringen wollen,
-daß dir wieder eine Bemerkung entschlüpfe?«
-
-»Darüber werden Sie selbst Bescheid wissen.«
-
-Er wurde sehr bleich.
-
-»Darauf bist du nicht von selbst verfallen; hier merke ich den Einfluß
-einer Frau, und wieviel Haß schon in deinen Worten ist -- in deiner
-rohen Vermutung!«
-
-»Einer Frau? Und gerade heute habe ich diese Frau gesehen! Vielleicht
-wollen Sie nur deshalb, daß ich beim Fürsten bleibe, um ihr
-nachspionieren zu können?«
-
-»Jedenfalls sehe ich, daß du es auf deinem neuen Wege noch weit bringen
-wirst. Ist _das_ nicht am Ende auch >deine Idee<? Fahre nur so fort,
-mein Freund, du hast zweifellos Anlagen zum Detektiv. Ist einem ein
-Talent gegeben, so muß man es ausbilden.«
-
-Er hielt inne, um Atem zu schöpfen.
-
-»Nehmen Sie sich in acht, Werssiloff, machen Sie mich nicht zu Ihrem
-Feinde!«
-
-»Mein Freund, seine letzten Gedanken spricht in solchen Fällen niemand
-aus, sondern behält sie für sich. Und nun, ich bitte dich, leuchte mir.
-Du bist zwar mein Feind, aber doch wohl nicht in solchem Maße, daß du
-mir einen Genickbruch wünschtest. _Tiens, mon ami_,{[28]} stelle dir
-vor,« fuhr er fort, indem er die Treppe hinabstieg, »ich habe dich
-diesen ganzen Monat für einen gutmütigen Jungen gehalten. Du möchtest so
-gern leben, du lechzt so nach Leben, daß dir, wie es scheint, selbst
-wenn man dir drei Menschenleben gäbe, sogar diese drei nicht genügen
-würden, auch die wären für dich noch zu wenig: das steht auf deinem
-Gesicht geschrieben; nun, und solche Leute sind meistens gutmütig. Und
-da sieh nun, wie ich mich getäuscht habe!«
-
-
- IV.
-
-Ich kann gar nicht sagen, wie mein Herz sich zusammenkrampfte, als ich
-allein zurückblieb: es war mir, als hätte ich mir von meinem eigenen
-lebendigen Leibe plötzlich und unvermutet ein Stück Fleisch
-abgeschnitten! Was mich auf einmal so erbittert, und weshalb ich ihn so
-beleidigt hatte -- so gewaltsam und absichtlich -- das könnte ich auch
-jetzt nicht sagen, und damals hätte ich es natürlich auch nicht gekonnt.
-Und wie er erbleicht war! Wie aber, wenn dieses Erbleichen vielleicht
-nur der Ausdruck des aufrichtigsten und reinsten Gefühls und des
-tiefsten Schmerzes war und nicht des Zornes und des Beleidigtseins? Es
-hatte mir immer geschienen, daß da Minuten gewesen waren, in denen er
-mich sehr liebhatte. Warum, warum soll ich jetzt nicht daran glauben, um
-so mehr, als jetzt doch schon so vieles seine Erklärung gefunden hat?
-
-Aber wütend geworden war ich und hinausgewiesen hatte ich ihn vielleicht
-wirklich nur infolge des plötzlichen Verdachtes, er könnte zu mir
-gekommen sein, um von mir zu erfahren, ob sich nicht noch andere Briefe
-unter den Papieren Andronikoffs bei Marja Iwanowna gefunden hatten. Daß
-er diese Briefe oder wenigstens einen dieser Briefe suchen mußte und
-tatsächlich suchte, das wußte ich. Aber wer kann es wissen, vielleicht
-täuschte ich mich gerade damals ungeheuer? Und wer weiß, ob ich ihn
-nicht selbst durch eben diesen Irrtum auf den Gedanken brachte, daß
-Marja Iwanowna möglicherweise das Gesuchte besäße?
-
-Und schließlich noch eine Sonderbarkeit: wieder hatte er einen meiner
-Gedanken ausgesprochen (von den drei Leben), denselben, den ich bei
-Krafft geäußert hatte, und wiederum buchstäblich mit meinen Worten. Die
-Übereinstimmung der Worte war natürlich ein Zufall, aber immerhin, wie
-gut mußte er doch das Wesen meiner Natur kennen: welch ein Scharfblick,
-welch ein Ahnungsvermögen! Aber, wenn er das eine so gut verstand, warum
-verstand er dann das andere so gar nicht? Und sollte er sich denn
-wirklich nicht verstellt haben, und wirklich nicht fähig gewesen sein,
-zu erraten, daß ich nicht den Werssiloffschen Adel brauchte, daß es
-nicht meine Geburt war, die ich ihm nicht verzeihen konnte, sondern daß
-ich nur ihn brauchte, mich nur nach ihm mein ganzes Leben lang gesehnt
-habe, daß ich den ganzen Werssiloff, den ganzen Menschen, den Vater
-brauchte, und daß dieser Gedanke schon in mein Blut übergegangen war?
-Sollte ein so feiner Mensch wirklich so stumpf und roh sein können? Und
-wenn nicht, -- ja, warum ärgerte er mich dann so, warum verstellte er
-sich?
-
-
- Achtes Kapitel.
-
-
- I.
-
-Am nächsten Morgen bemühte ich mich, möglichst früh aufzustehen.
-Gewöhnlich stand man bei uns um acht Uhr auf, das heißt ich, meine
-Mutter und meine Schwester; Werssiloff pflegte sich und blieb bis halb
-zehn im Bett. Pünktlich um halb neun brachte mir meine Mutter immer den
-Kaffee, diesmal aber beschloß ich, das Haus schon vorher, schon um acht
-Uhr zu verlassen. Ich hatte mir bereits am Abend einen ganzen Plan für
-diesen Tag zurechtgelegt. Dabei hatte ich aber schon gefühlt, daß, trotz
-meiner ganzen leidenschaftlichen Entschlossenheit, unverzüglich mit der
-Verwirklichung meiner Idee zu beginnen, gerade in den wichtigsten
-Punkten dieses Planes noch unendlich viel Unsicheres und Unbestimmtes
-war. Deshalb hatte ich denn auch fast die ganze Nacht wie im Halbschlaf
-verbracht, hatte unzählige Träume gehabt, und war überhaupt nicht so,
-wie es sich gehört, eingeschlafen. Dennoch stand ich am nächsten Morgen
-munterer und frischer auf als je. Gerade jetzt wollte ich eine Begegnung
-mit meiner Mutter unbedingt vermeiden. Ich konnte mit ihr nach allem
-Vorgefallenen doch über nichts anderes sprechen als über das bewußte
-Thema, und ich fürchtete, irgendein neuer, unerwarteter Eindruck würde
-mich vielleicht von meinem Vorsatz ablenken können.
-
-Der Morgen war kalt, und über allem lag ein feuchter, milchiger Nebel.
-Ich weiß nicht weshalb, aber der frühe, geschäftige Petersburger Morgen
-gefällt mir immer, trotz seines garstigen Aussehens, und dieses ganze,
-an sein Tagewerk eilende, auf sein Ich bedachte und stets
-gedankenversunkene Menschenvolk hat für mich morgens um acht Uhr etwas
-besonders Anziehendes. Namentlich liebe ich es, unterwegs, eilend,
-entweder selbst jemand nach irgend etwas zu fragen oder von anderen
-gefragt zu werden: die Frage wie die Antwort sind immer kurz, klar,
-vernünftig, und werden gewechselt, fast ohne daß man stehenbleibt, und
-immer nahezu freundschaftlich. Die Bereitwilligkeit, zu antworten, ist
-in den Morgenstunden größer als zu jeder anderen Tageszeit. Mitten am
-Tage ist der Petersburger weniger mitteilsam; und gegen Abend wird er es
-noch weniger; sobald ihm dann etwas nicht recht ist, kann er einen sogar
-anfahren oder verhöhnen; früh am Morgen aber, noch vor der Arbeit, in
-den nüchternsten und ernstesten Tagesstunden ist er ganz anders. Das
-habe ich beobachtet.
-
-Ich ging wieder über die Newa nach der »Petersburger Seite«. Da ich
-jedoch gegen zwölf Uhr unbedingt bei Wassin sein mußte, der in der Stadt
-an der Fontanka wohnte (um diese Zeit war er am ehesten zu Hause
-anzutreffen), so beeilte ich mich sehr und hielt mich nirgends auf,
-obgleich ich ein großes Verlangen hatte, irgendwo einen Morgenkaffee zu
-trinken. Zudem mußte ich auch Jefim Swerjoff unbedingt noch zu Hause
-antreffen; ich begab mich wieder zu ihm und wäre in der Tat beinahe zu
-spät gekommen; er war mit seinem Kaffee fast schon fertig und hatte
-einen Gang vor.
-
-»Was bringt dich schon wieder zu mir?« begrüßte er mich, ohne sich zu
-erheben.
-
-»Das werde ich dir gleich erklären.«
-
-Jeder frühe Morgen, der Petersburger einbegriffen, übt auf die Natur des
-Menschen eine ernüchternde Wirkung aus. Mancher feurige nächtliche
-Gedankentraum ist im Licht und in der Kälte des Morgens plötzlich
-erloschen und wie Rauch verschwunden. Ich selbst habe schon an manchem
-Morgen meiner noch in der letzten Dunkelheit geträumten Phantasien, und
-mitunter sogar auch begangenen Taten, mit Selbstvorwürfen und Scham
-gedacht. Übrigens will ich hier noch erwähnen, da ich nun einmal darauf
-zu sprechen gekommen bin, daß ich den Petersburger Morgen, den
-anscheinend prosaischsten auf dem ganzen Erdball, nahezu für den
-phantastischsten der Welt halte. Das ist meine persönliche Auffassung
-oder richtiger, mein persönlicher Eindruck, aber ich stehe für ihn ein.
-An einem solchen modrigen, feuchten und nebligen Petersburger Morgen muß
-sich, wie mir scheint, der wilde Gedanke eines Puschkinschen Hermann aus
-der »Pique-Dame« (eine kolossale Figur, ein ungewöhnlicher, vollkommen
-Petersburger Typus -- ein Typus aus der Petersburger Periode unserer
-Geschichte!) -- noch mehr festigen und erstarken.[12] In diesem Nebel
-ist mir hundertmal die sonderbare, zudringliche, durch nichts zu
-verscheuchende Vorstellung gekommen: »Wie, wenn dieser Nebel verfliegt
-und in die Höhe steigt, -- wird dann nicht mit ihm zusammen auch diese
-ganze modrige, sumpfige Stadt emporsteigen und wie Rauch verfliegen? --
-und was zurückbleibt ist dann nur der frühere finnische Sumpf, und
-mitten in ihm, meinetwegen als Schmuck, der Eherne Reiter[13] auf dem
-heißschnaubenden überjagten Pferde.« Aber ich sehe, ich kann meine
-Eindrücke nicht so wiedergeben, wie ich möchte. Schließlich ist das
-alles doch nur Phantasie oder gar Poesie und folglich Unsinn;
-nichtsdestoweniger habe ich oft vor der vollständig sinnlosen Frage
-gestanden, und immer wieder steht sie noch vor mir auf: »Da hasten und
-eilen sie nun alle und mühen sich ab, aber wer weiß, vielleicht ist das
-alles nur ein Traum von irgend jemand, und es gibt hier nicht einen
-einzigen leibhaftigen, wirklichen Menschen, nicht eine einzige wirkliche
-Handlung? Irgend jemand, dessen Traum dies alles ist, wird plötzlich
-aufwachen -- und alles wird dann jäh verschwunden sein.« Doch ich habe
-mich fortreißen lassen.
-
-Eines schicke ich voraus: Es gibt in jedem Menschenleben Einfälle, die
-scheinbar so exzentrisch sind, daß man sie auf den ersten Blick
-unbedingt für Wahnsinn halten kann. Mit einem solchen Einfall kam ich an
-diesem Morgen zu Jefim -- zu Jefim, weil ich in Petersburg keinen
-Menschen kannte, an den ich mich mit diesem besonderen Anliegen hätte
-wenden können. Dabei war gerade Jefim ein Mensch, zu dem ich, wenn ich
-die Wahl gehabt hätte, wohl zuletzt mit einem solchen Anliegen gegangen
-wäre. Als ich mich ihm gegenüber hingesetzt hatte, schien es mir selbst,
-daß ich, ein verkörperter Fiebertraum, der verkörperten goldenen
-Mittelmäßigkeit und Prosa gegenübersäße. Aber auf meiner Seite war die
-Idee und das richtige Gefühl, auf seiner -- nur der praktische Schluß,
-daß man es so nicht machen könne. Mit einem Wort, ich erklärte ihm kurz
-und bündig, daß ich in Petersburg außer ihm keinen einzigen Bekannten
-hätte, den ich in einer außergewöhnlichen Ehrenangelegenheit als meinen
-Sekundanten eine Forderung überbringen lassen könnte; er aber wäre mein
-ehemaliger Schulkamerad und hätte deshalb nicht das Recht, meinen
-Auftrag abzulehnen: fordern wollte ich den Gardeleutnant Fürsten Ssergei
-Ssokolski, weil er vor mehr als einem Jahr in Ems meinem Vater,
-Werssiloff, einen Schlag ins Gesicht versetzt hatte. Ich muß bemerken,
-daß Jefim meine Familienverhältnisse ganz genau kannte, ebenso mein
-Verhältnis zu Werssiloff und beinahe alles, was ich selbst von
-Werssiloff wußte, und was ich ihm zu verschiedenen Zeiten selbst erzählt
-hatte, natürlich mit Ausnahme der Geheimnisse. Er saß und hörte zu, wie
-gewöhnlich verdrossen, wie ein Spatz im Vogelbauer, ernst, schweigend,
-aufgeblasen, mit seinem borstigen weißblonden Haar. Doch schon nach
-meinen ersten Worten erschien ein unbewegliches spöttisches Lächeln auf
-seinen Lippen. Dieses Lächeln war um so unangenehmer, als es ein ganz
-unbeabsichtigtes und unwillkürliches war; man sah es ihm an, daß er sich
-wirklich und wahrhaftig in diesem Augenblick sowohl an Verstand als an
-Charakter mir weit überlegen fühlte. Auch hatte ich noch den Verdacht,
-daß er mich wegen der Szene bei Dergatschoff verachtete; das konnte
-nicht anders sein: Jefim ist die Menge, Jefim ist die Gasse, und die
-beugt sich immer nur vor dem Erfolge.
-
-»Und Werssiloff weiß nichts davon?« fragte er.
-
-»Selbstverständlich nicht.«
-
-»Aber was hast du denn für ein Recht, dich in seine Angelegenheiten
-einzumischen? Das erstens. Und zweitens, was gedenkst du damit zu
-bezwecken?«
-
-Ich kannte die Einwände und erklärte ihm sogleich, daß mein Vorhaben gar
-nicht so dumm wäre, wie er annehme. »Erstens würde diesem unverschämten
-Fürsten bewiesen werden, daß es auch in unserem Stande noch Menschen
-gibt, die einen Begriff von Ehre haben, und zweitens wird Werssiloff
-beschämt und erhält eine Lehre. Und drittens, und dies ist die
-Hauptsache: selbst wenn Werssiloff damit recht gehabt haben sollte --
-vielleicht aus irgendwelchen Überzeugungen --, daß er ihn nicht forderte
-und die Beleidigung ertrug, so wird er wenigstens sehen, daß es einen
-Menschen gibt, der die ihm, Werssiloff, zugefügte Beleidigung so stark
-zu empfinden vermag, wie eine ihm selbst zugefügte, und der bereit ist,
-für ihn, Werssiloff, sogar das Leben einzusetzen ... obgleich er sich
-von ihm auf ewig getrennt hat.«
-
-»Wart', schrei nicht so, Tante liebt das nicht. Aber sag', mit diesem
-selben Fürsten Ssokolski führt doch Werssiloff augenblicklich einen
-Prozeß wegen einer Erbschaft? In dem Fall wäre das nun ein ganz neues
-und originelles Verfahren, einen Prozeß zu gewinnen -- indem man den
-Gegner einfach fordert und im Duell über den Haufen schießt.«
-
-Hierauf erklärte ich ihm _en toutes lettres_,{[29]} daß er einfach ein
-Dummkopf und ein eingebildeter Patron sei, und sein spöttisches Lächeln
-nur seine Selbstzufriedenheit und Gewöhnlichkeit beweise. Er glaube
-wohl, die Verwickelung der Sache durch den Erbschaftsstreit wäre mir
-nicht von Anfang an klar gewesen, und dieser Gedanke hätte nur seinen
-gedankenreichen Schädel eines Besuchs für würdig gehalten. Darauf setzte
-ich ihm auseinander, daß der Prozeß schon von Werssiloff gewonnen sei;
-ferner, gar nicht von diesem _einen_ Fürsten Ssokolski, sondern von
-_den_ Fürsten Ssokolski angestrengt worden war, so daß, falls der eine
-im Duell fiele, deshalb noch nicht alle Gegner Werssiloffs beseitigt
-wären. Ungeachtet dessen würde man mit der Forderung so lange warten
-müssen, bis die Berufungsfrist verstrichen wäre (obschon die Fürsten
-gewiß nicht Berufung einlegen würden), eben um des Anstands willen. Nach
-Ablauf der Frist aber sollte dann das Duell stattfinden, und jetzt wäre
-ich nur deshalb zu ihm gekommen, um mich zu versichern, ob ich auf ihn
-als Sekundanten rechnen könne, und falls nicht, dann hätte ich bis dahin
-wenigstens noch Zeit, mich nach einem anderen umzusehen. So, und deshalb
-wäre ich jetzt zu ihm gekommen.
-
-»Nun, so komm dann, wenn du mich brauchst, was läufst du denn umsonst
-die zehn Werst ab.«
-
-Er erhob sich und nahm seine Mütze.
-
-»Und dann wirst du es tun?«
-
-»Nein, selbstverständlich nicht.«
-
-»Warum nicht?«
-
-»Ja, schon allein deshalb nicht, weil du dann bis zum Ablauf der
-Berufungsfrist jeden Tag zu mir laufen wirst, wenn ich jetzt einwillige.
-Außerdem ist das Ganze doch barer Unsinn und nichts weiter. Wozu soll
-ich mir deinetwegen meine Karriere verpfuschen? Und wenn mich der Fürst
-auf einmal fragt: >Wer schickt Sie zu mir?< -- >Dolgoruki.< -- >Aber was
-hat Dolgoruki mit Werssiloff zu schaffen?< -- Soll ich ihm dann deinen
-ganzen Stammbaum erklären, was? Er wird mir doch ins Gesicht lachen!«
-
-»Dann schlag' ihm in die Fratze!«
-
-»Leicht gesagt!«
-
-»Du wagst es nicht? Du bist doch so groß und warst der Stärkste auf dem
-Gymnasium.«
-
-»Natürlich wage ich es nicht. Und der Fürst wird allein schon aus dem
-Grunde die Forderung nicht annehmen, weil man sich nur mit
-seinesgleichen schlägt.«
-
-»Bitte, ich bin gleichfalls ein Gentleman, meiner Bildung nach, und ich
-habe Rechte, folglich bin ich seinesgleichen ... Im Gegenteil, eher
-könnte ich von ihm sagen, daß er unter mir steht.«
-
-»Nein, du bist ein Kleiner.«
-
-»Wieso ein Kleiner?«
-
-»So, eben weil du klein bist; wir sind beide noch Kleine, er aber ist
-ein Großer.«
-
-»Dummkopf! Nach dem Gesetz kann ich schon seit einem Jahr heiraten.«
-
-»Na, dann heirate! Trotzdem bist du jetzt noch ein Bengel: du wächst ja
-noch!«
-
-Ich begriff natürlich, daß er sich über mich lustig machen wollte. Diese
-ganze dumme Geschichte hätte ich ohne Zweifel gar nicht erst zu erzählen
-brauchen, und es wäre sogar besser, wenn sie unerzählt geblieben wäre;
-hinzu kommt, daß sie in ihrer Kleinlichkeit und Überflüssigkeit
-widerlich ist, was jedoch nicht hinderte, daß sie ziemlich ernste Folgen
-hatte.
-
-Um mich aber noch mehr zu bestrafen, werde ich sie ganz erzählen. Als
-ich begriffen hatte, daß Jefim sich über mich lustig machte, stieß ich
-ihn mit der rechten Hand an die Schulter oder richtiger, mit der rechten
-Faust. Da erfaßte er mich an beiden Schultern, drehte mich um, mit dem
-Gesicht zur Tür, und -- bewies mir durch die Tat, daß er auf dem
-Gymnasium wirklich der Stärkste von uns allen gewesen war.
-
-
- II.
-
-Der Leser wird natürlich denken, daß ich Jefim in der schrecklichsten
-Stimmung verlassen habe, aber er irrt sich. Ich begriff nur zu gut, daß
-sich hier bloß ein Schuljungenstreich abgespielt hatte, der Ernst der
-Sache aber deshalb doch unangetastet blieb. Meinen Kaffee trank ich erst
-auf dem Wassili Ostrow, nachdem ich auf der Petersburger Seite
-absichtlich an dem Wirtshaus mit der Nachtigall vorübergegangen war:
-dieses Wirtshaus und die Nachtigall waren mir jetzt doppelt verhaßt.
-Sonderbar: ich kann sogar Orte und Sachen hassen, als ob es Menschen
-wären. Aber ich habe in Petersburg auch einige glückliche Orte, ich
-meine solche, wo ich einmal aus irgendeinem Grunde glücklich gewesen
-bin; diese Orte meide ich vorläufig: ich will sie erst später, wenn ich
-schon ganz einsam sein werde, wieder aufsuchen, um dann dort trauern und
-mich den Erinnerungen hingeben zu können. Während ich meinen Kaffee
-trank, ließ ich Jefim und seinem gesunden Menschenverstand volle
-Gerechtigkeit widerfahren. Ja, er war praktischer als ich, aber doch
-wohl nicht realer. Ein Realismus, der mit der Spitze der eigenen Nase
-endet, ist gefährlicher als die unvernünftigste Phantasterei, weil er
-blind ist. Aber wenn ich Jefim auch Gerechtigkeit widerfahren ließ (er
-wird wahrscheinlich in derselben Zeit gedacht haben, ich ginge auf der
-Straße und schimpfte über ihn), so gab ich doch deshalb noch keinen Deut
-von meinen Überzeugungen auf, wie ich auch bis auf den heutigen Tag noch
-nichts aufgebe. Ich habe genug solcher Leute gesehen, die nach dem
-ersten Guß kalten Wassers nicht nur ihr Vorhaben aufgeben, sondern sogar
-ihre Idee, und womöglich noch selbst über das lachen, was sie vor einer
-Stunde für heilig gehalten haben; oh, mit welch einer Leichtigkeit sie
-das machen! Mochte Jefim sogar auch im wesentlichen der Sache recht
-gehabt haben, und mochte ich auch dümmer als dumm gewesen sein und
-erklügelt gehandelt haben, so lag doch der ganzen Sache in ihrer
-tiefsten Tiefe ein Punkt zugrunde, auf dem fußend auch ich im Recht war:
-inwiefern ich aber im Recht war, werden solche Leute nie verstehen
-können.
-
-Um zwölf Uhr langte ich bei Wassin an, der in der Nähe der
-Ssemjonoffbrücke an der Fontanka wohnte, traf ihn aber nicht zu Haus.
-Seine Beschäftigung hatte Wassin auf dem Wassili Ostrow, nach Hause aber
-kam er immer zu genau festgesetzten Stunden, mittags fast regelmäßig um
-zwölf. Und da es außerdem noch irgendein Feiertag war, hatte ich mit
-Bestimmtheit darauf gerechnet, ihn zu Hause zu treffen; so aber blieb
-mir nun nichts anderes übrig, als auf ihn zu warten, wozu ich mich denn
-auch entschloß, obgleich ich zum erstenmal in seiner Wohnung war.
-
-Während ich wartete, dachte ich mir ungefähr folgendes: Die Sache mit
-dem Brief, der die Erbschaft betrifft, ist eine Gewissenssache, und wenn
-ich nun Wassin zum Richter wähle, beweise ich ihm damit, wie sehr ich
-ihn verehre und schätze, was ihm natürlich nur angenehm sein kann.
-Selbstverständlich machte mir dieser Brief ernstlich Sorge, und ich war
-wirklich überzeugt, daß die Entscheidung eines unbeteiligten Dritten
-erforderlich wäre; aber trotzdem glaube ich, daß ich mich auch ohne
-fremde Hilfe aus der Schwierigkeit hätte herausziehen können. Und was
-die Hauptsache ist, ich wußte das schon damals, als ich dort saß und
-wartete; ich brauchte ja nur den Brief an Werssiloff abzugeben, und dann
-konnte er tun, was er selbst für richtig hielt. Sich selbst aber die
-Rolle eines höheren Richters in einer solchen Angelegenheit anzumaßen,
-war sogar nichts weniger als richtig. Wenn ich mich dagegen auf die
-Weise ausschaltete, daß ich den Brief Werssiloff in die Hand gab, und
-zwar schweigend, so stellte ich mich eben dadurch auf einen Standpunkt,
-auf dem ich Werssiloff unbedingt überlegen war; denn indem ich dadurch
-gleichzeitig auf alle Vorteile dieser Erbschaft verzichtete (mittelbar
-wäre natürlich auch mir, als dem Sohne Werssiloffs, von diesem Gelde
-manches zugute gekommen, wenn auch nicht gleich, so doch später) --
-erhielt ich das Recht, über Werssiloffs künftige Handlungsweise von
-einem höheren sittlichen Standpunkt aus zu urteilen. Und wenn Werssiloff
-den Brief vernichtete, konnte man mir doch noch nicht den Vorwurf
-machen, daß ich die Fürsten ruiniert hätte, da das Dokument rechtlich
-nicht von entscheidender Bedeutung war. Das alles bedachte ich und
-machte ich mir klar, während ich in Wassins Zimmer wartete; und da kam
-mir plötzlich der Verdacht, ich könnte zu Wassin gekommen sein, nicht
-weil mich so sehr nach seinem Rat verlangt hatte, sondern einzig zu dem
-Zweck, damit er bei der Gelegenheit sähe, was für ein edler und
-uneigennütziger Mensch ich sei, und somit, um mich für meine gestrige
-Selbsterniedrigung gerade dadurch an ihm zu rächen.
-
-Über diese Erkenntnis ärgerte ich mich sehr; nichtsdestoweniger blieb
-ich sitzen und ging nicht fort, obgleich ich genau wußte, daß mein Ärger
-mit jeden fünf Minuten nur größer werden würde.
-
-Zunächst begann mir Wassins Zimmer schrecklich zu mißfallen. »Zeige mir
-dein Zimmer, und ich sage dir, was für einen Charakter du hast,« --
-wirklich, man könnte das Sprichwort auch so auslegen. Wassin bewohnte
-ein möbliertes Zimmer bei augenscheinlich armen Leuten, die außer ihm
-noch andere Mieter hatten, und wohl nur vom Zimmervermieten lebten. Ich
-kenne diese schmalen, kaum möblierten Zimmerchen, die den anmaßenden
-Wunsch haben, komfortabel auszusehen; da steht unfehlbar ein
-gepolsterter Diwan vom Trödelmarkt, den von der Stelle zu rücken, stets
-etwas gefährlich ist, ein Waschtisch und ein eisernes Bett hinter einem
-Schirm. Wassin war offenbar der beste und zuverlässigste Mieter; so
-einen »besten« hat unbedingt jede Vermieterin, und für diesen tut sie
-auch ihrerseits ihr Bestes: sein Zimmer wird bedeutend sorgfältiger
-aufgeräumt und gesäubert, über dem Diwan wird irgendeine Lithographie an
-die Wand gehängt, und unter den Tisch ein schwindsüchtiger kleiner
-Teppich gebreitet. Menschen, die diesen muffigen Komfort und vor allem
-diese dienstbeflissene Ergebenheit der Wirtin mögen, sind selbst
-verdächtig. Ich war überzeugt, daß der Ruf, der beste Mieter zu sein,
-Wassin schmeichelte. Ich weiß nicht, aus welchem Grunde mich der Anblick
-dieser beiden mit Büchern beladenen Tische schließlich immer mehr zu
-ärgern begann. Die Bücher, die Papiere, das Tintenfaß -- alles befand
-sich in der widerwärtigsten Ordnung, deren Ideal mit der Weltanschauung
-der deutschen Wirtin und ihres Stubenmädchens wohl übereinstimmen mußte.
-Bücher waren genug da und nicht nur Broschüren und Zeitschriften,
-sondern richtige Bücher, -- und offenbar las er sie sogar und setzte
-sich dazu sicherlich mit einer sehr wichtigen und gewissenhaften Miene
-an den Tisch. Ich weiß nicht, mir ist es lieber, wenn die Bücher
-unordentlich umherliegen, wenigstens wird dann die geistige Arbeit nicht
-zu einer Art Ritus. Dieser Wassin war sicherlich äußerst höflich gegen
-seinen Besuch, aber wahrscheinlich sagte dabei jede seiner Bewegungen:
-»Nun gut, ich sitze mit dir jetzt ein bis anderthalb Stündchen, dann
-aber, wenn du gegangen bist, dann werde ich mich wieder an die Arbeit
-machen.« Sicherlich konnte man mit ihm eine sehr interessante
-Unterhaltung führen und viel Neues von ihm hören, aber -- »nun ja, ich
-unterhalte mich jetzt mit dir und interessiere dich sehr, aber wenn du
-gegangen bist, dann mache ich mich an das für mich Interessantere ...«
-Und dennoch ging ich nicht fort, sondern blieb sitzen. Davon jedoch, daß
-ich seines Rates überhaupt nicht mehr bedurfte, hatte ich mich schon
-endgültig überzeugt.
-
-Ich saß vielleicht schon eine Stunde oder sogar noch länger, und saß auf
-einem der beiden Rohrstühle, die am Fenster standen. Es ärgerte mich
-auch, daß ich durch das Warten soviel Zeit verlor, und dabei mußte ich
-noch vor dem Abend ein Zimmer mieten. Ich wollte schon ein Buch nehmen,
-um mich nicht zu langweilen, unterließ es aber: der bloße Gedanke, mich
-zu zerstreuen oder abzulenken, machte alles doppelt widerlich. Über eine
-Stunde hatte die auffallende Stille im Hause gedauert, da vernahm ich
-auf einmal ein leises Flüstern irgendwo in der Nähe, dort hinter der
-Tür, die durch den Diwan verstellt war. Unwillkürlich horchte ich auf
-und hörte, wie das Geflüster immer eifriger und vernehmbarer wurde. Es
-sprachen zwei Stimmen, Frauenstimmen, aber die Worte waren nicht zu
-unterscheiden; und doch begann ich aus Langeweile zuzuhören. Jedenfalls
-sprachen sie mit Eifer und Leidenschaft, und es handelte sich offenbar
-nicht um Schnittmuster: sie schienen sich zu beraten oder zu streiten,
-oder die eine Stimme bat und beschwor, und die andere hörte nicht darauf
-und widersprach. Die Sprechenden waren wohl zwei von den anderen
-Zimmermietern. Bald wurde es mir langweilig, und mein Ohr gewöhnte sich
-daran, so daß ich das Geflüster zwar noch vernahm, aber fast gar nicht
-mehr daran dachte; -- bis mich plötzlich etwas aufschreckte: es war, als
-wäre jemand vom Stuhl herabgesprungen, auf beide Füße zugleich -- oder
-vielleicht vom Stuhl aufgesprungen -- mit den Füßen gestampft hätte, --
-dann ein Stöhnen und plötzlich ein Schrei, sogar nicht nur ein Schrei,
-sondern ein tierisches, wutbebendes Aufschreien oder Aufkreischen, dem
-es ganz gleichgültig war, ob Fremde es hörten oder nicht. Ich stürzte
-zur Tür und machte sie auf. Im selben Augenblick ging noch eine andere
-Tür auf, am Ende des Korridors -- die Tür der Wirtin, wie ich später
-erfuhr -- und zwei neugierige Köpfe schauten heraus. Der Schrei war
-übrigens sofort verstummt, doch plötzlich wurde die Tür neben mir
-aufgestoßen, die Tür der Nachbarinnen, und ein, wie mir schien, junges
-Frauenzimmer riß sich los und lief schnell die Treppe hinunter. Eine
-andere, eine ältere Frau, wollte sie zurückhalten, vermochte es aber
-nicht und rief nur angstvoll hinter ihr her:
-
-»Olä, Olä, wohin? Ach Gott!«
-
-Da gewahrte sie aber unsere offenen Türen und zog schnell ihre Tür
-wieder zu, und nur durch einen kleinen Spalt horchte sie noch hinaus,
-bis Oläs schnelle Schritte auf der Treppe nicht mehr zu hören waren. Ich
-kehrte zu meinem Fenster zurück. Alles wurde still. Für mich war es ein
-bedeutungsloser, vielleicht sogar komischer Zwischenfall, und ich dachte
-bald nicht mehr an ihn.
-
-Ungefähr eine Viertelstunde später erscholl auf dem Korridor,
-unmittelbar vor Wassins Tür, eine laute und muntere Männerstimme. Jemand
-drückte auf die Klinke und öffnete die Tür so weit, daß ich auf dem
-Korridor einen hochgewachsenen Herrn erkennen konnte, der
-augenscheinlich auch mich bereits erblickt hatte und mich sogar schon
-betrachtete, jedoch noch nicht eintrat und fortfuhr, die Klinke in der
-Hand, sich über den ganzen Korridor hin mit der Wirtin zu unterhalten.
-Die Wirtin antwortete ihm mit dünnem, lustigem Stimmchen, und schon aus
-diesem freundlichen Ton konnte man erraten, daß der Herr ihr längst
-bekannt war und von ihr geachtet und geschätzt wurde, sowohl als solider
-Gast wie als lustiger Herr. Der lustige Herr sprach fast schreiend und
-machte seine Witzchen ganz laut, die sich übrigens nur darauf bezogen,
-daß er Wassin wieder nicht zu Hause traf, ihn auch sonst niemals finden
-konnte, das sei ihm wohl schon als besonderes Pech in die Wiege gelegt,
-und nun wolle er wieder einmal warten -- und das alles schien die Wirtin
-für ungeheuer witzig und geistreich zu halten. Endlich trat der Herr ins
-Zimmer, wobei er die Tür schwungvoll so weit aufriß, wie sein Arm es
-zuließ. Es war ein gut gekleideter Herr, der augenscheinlich bei einem
-besseren Schneider arbeiten ließ und wie man sagt, »herrschaftlich«
-angezogen war, indessen hatte er aber nichts weniger als etwas
-»Herrschaftliches« an sich, und das sogar trotz des anscheinend großen
-Wunsches, es zu haben. Er war nicht gerade das, was man harmlos
-»ungezwungen« nennt, sondern war gewissermaßen von einer natürlichen
-Frechheit, also immerhin weniger verletzend frech, als es einer ist, der
-sich vor dem Spiegel darin geübt hat. Seine dunkelblonden, nur ein wenig
-ergrauten Haare, seine dunklen Augenbrauen, sein großer Bart und seine
-großen Augen verliehen ihm nicht nur nichts Charakteristisches, sondern
-gaben ihm gleichsam ein noch mehr allgemeines Aussehen, etwas allen
-anderen Ähnelndes. Solch ein Mensch kann lachen und ist gern bereit zu
-lachen, aber aus irgendeinem Grunde wird man nie lustig in seiner
-Gesellschaft. Sein Gesichtsausdruck wechselt beständig, geht
-blitzschnell vom lachenden in einen wichtigen über und vom wichtigen in
-einen lustig scherzhaften oder verschlagen zuzwinkernden, aber alle
-diese Veränderungen sind immer irgendwie grundlos und sprunghaft ...
-Übrigens, es hat keinen Sinn, ihn im voraus zu charakterisieren. Ich
-habe ihn später viel besser und näher kennen gelernt, und deshalb
-zeichne ich seinen Charakter jetzt unwillkürlich viel genauer, als ich
-ihn damals nach seinem Eintritt ins Zimmer beurteilen konnte. Aber
-selbst jetzt würde es mir schwer fallen, etwas Bestimmtes über ihn
-auszusagen; denn bei diesen Menschen ist das Hauptmerkmal eben diese
-ihre Unabgeschlossenheit, Sprunghaftigkeit und Unbestimmtheit.
-
-Er hatte sich noch nicht hingesetzt, als mir plötzlich der Gedanke kam,
-das könnte Wassins Stiefvater sein, ein gewisser Herr Stebelkoff, von
-dem ich irgend etwas gehört hatte, aber nur so flüchtig, daß ich mich
-nicht mehr erinnern konnte, was es eigentlich gewesen war: nur dessen
-entsann ich mich noch, daß man jedenfalls nichts Gutes gesagt hatte,
-sogar im Gegenteil. Wassin war, das wußte ich, früh verwaist und hatte
-lange unter seiner Vormundschaft gestanden, sich jedoch schon längst von
-seinem Einfluß befreit, und sowohl ihre Ziele wie ihre Interessen waren
-jetzt ganz verschieden, und überhaupt lebten sie in jeder Beziehung
-getrennt. Ferner hatte ich von dem damals Gehörten noch behalten, daß
-dieser Stebelkoff ein gewisses Kapital besaß und so eine Art von
-Spekulant war und überhaupt ein unruhiger, leichtsinniger Mensch, -- mit
-einem Wort, ich hatte schon manches Nähere über ihn gehört, doch das
-Gehörte wieder vergessen. Er maß mich mit einem Blick, übrigens ohne
-mich zu grüßen, stellte seinen Zylinderhut auf den Tisch vor dem Diwan,
-schob den Tisch mit dem Fuß herrisch zur Seite und setzte sich nicht
-etwa, sondern warf sich geradezu auf den Diwan, auf den ich mich nicht
-zu setzen gewagt hatte, so daß das Möbel förmlich ächzte und knackte,
-spreizte die Beine und begann wohlgefällig die Spitze seines rechten
-Lackstiefels zu betrachten, indem er sie hob und senkte.
-Selbstverständlich wandte er sich sogleich wieder mir zu und musterte
-mich mit seinen großen, etwas unbeweglichen Augen.
-
-»Treffe ihn nicht!« nickte er mir flüchtig zu.
-
-Ich schwieg.
-
-»Keine Pünktlichkeit! Hat seine eigene Auffassung. Von der
-Petersburger?«
-
-»Sie ... wollen sagen, daß Sie von der Petersburger Seite gekommen
-sind?« fragte ich ihn.
-
-»Nein, das frage ich Sie.«
-
-»Ich ... ja, ich bin von der Petersburger Seite gekommen, aber woher
-wissen Sie das?«
-
-»Woher? Hm! ...«
-
-Er zwinkerte mir zu, würdigte mich aber keiner Erklärung.
-
-»Das heißt, ich wohne nicht auf der Petersburger Seite, aber ich war
-heute dort und bin dann hergekommen.«
-
-Er fuhr fort, schweigend zu lächeln, mit einem gewissermaßen bedeutsamen
-Lächeln, das mir furchtbar mißfiel. In diesem Zuzwinkern lag etwas
-ungeheuer Dummes.
-
-»Bei Herrn Dergatschoff?« fragte er schließlich. Ich riß die Augen auf.
-
-»Was ist bei Dergatschoff?« fragte ich.
-
-Er sah mich triumphierend an.
-
-»Ich kenne ihn ja gar nicht.«
-
-»Hm! ...«
-
-»Wie Sie wollen,« versetzte ich.
-
-Er wurde mir widerlich.
-
-»Hm! ... tja. Nein, erlauben Sie: Sie kaufen in einem Laden eine Sache,
-in einem zweiten Laden nebenan kauft ein anderer Käufer eine andere
-Sache, was für eine glauben Sie wohl? Einfach Geld vom Kaufmann, der
-Wucherer genannt wird ... denn Geld ist ebenfalls eine Sache, und der
-Wucherer ist ebenfalls ein Kaufmann ... Sie folgen?«
-
-»Ich ... nun ja, ich folge.«
-
-»Ein dritter Käufer geht vorüber und sagt, auf einen der beiden Läden
-deutend: >Der ist gediegen,< und auf den anderen Laden deutend, sagt er:
->Der ist nicht gediegen.< Was kann ich daraus in bezug auf diesen Käufer
-schließen?«
-
-»Wie soll ich das wissen?«
-
-»Nein, erlauben Sie. Noch ein Beispiel, -- von guten Beispielen lebt der
-Mensch. Ich gehe auf dem Newski und bemerke, daß auf dem anderen
-Trottoir ein Herr einhergeht, dessen Charakter ich gern ergründen würde.
-Wir gehen, ein jeder auf seiner Straßenseite, bis zur Ecke der Morskaja,
-und gerade dort, wo das Englische Magazin ist, bemerken wir einen
-dritten Fußgänger, der soeben von einer Droschke überfahren worden ist.
-Jetzt merken Sie auf: es geht ein vierter Herr vorüber, der den
-Charakter von uns allen dreien ergründen will, einschließlich den des
-Überfahrenen, im Sinne seiner praktischen Bedeutung und Gediegenheit ...
-Sie folgen?«
-
-»Verzeihung, nur mit Mühe.«
-
-»Vortrefflich; so habe ich es mir auch gedacht. Ich ändere jetzt das
-Thema. Gesetzt, ich bin in einem deutschen Bad, Mineralquellen, Sie
-verstehen, wie ich sie mehrfach schon besucht habe. Namen -- Nebensache.
-Ich promeniere, trinke, sehe Engländer. Mit einem Engländer ist, Sie
-wissen, schwer Bekanntschaft zu machen; aber da, 's vergehen zwei
-Monate, hab' meine Kur beendet, da sind wir alle in den Bergen, steigen
-in Gesellschaft mit eisenbeschlagenen Stöcken auf einen Berg hinauf, auf
-diesen oder jenen, -- Name Nebensache. An der Biegung, das heißt, an
-einer Etappe, und zwar gerade dort, wo die Mönche den Chartreux brauen
--- merken Sie sich das -- treffe ich einen Einheimischen, der einsam
-steht und schweigend schaut. Ich will über seine Gediegenheit zu einem
-Schluß kommen: was meinen Sie, könnte ich mich zu dem Zweck an die
-Engländerschar wenden, mit der ich gehe, einzig aus dem Grunde, weil ich
-im Kurort sie nicht anzureden verstanden habe?«
-
-»Wie soll ich das wissen. Entschuldigen Sie, es fällt mir sehr schwer,
-Ihnen zu folgen.«
-
-»Schwer?«
-
-»Ja, Sie ermüden mich.«
-
-»Hm.« Er zwinkerte mir zu und machte mit der Hand eine Bewegung, die
-wahrscheinlich Triumph und Sieg bedeuten sollte; darauf zog er äußerst
-ehrbar und ruhig eine Zeitung, die er offenbar soeben erst gekauft
-hatte, aus der Tasche, entfaltete sie und begann auf der letzten Seite
-zu lesen, allem Anscheine nach mit der Absicht, mich vollkommen in Ruh
-zu lassen. Vielleicht fünf Minuten lang sah er mich nicht an.
-
-»Die Brestograjewschen sind doch nicht gefallen! Sie sind doch
-gestiegen, sie steigen noch! Kenne viele, die gleichzeitig gefallen
-sind.«
-
-Er sah mich mit ganzer Seele an.
-
-»Ich verstehe vorläufig noch sehr wenig von der Börse,« versetzte ich.
-
-»Verdammen es?«
-
-»Was?«
-
-»Das Geld.«
-
-»Nein, das nicht, aber ... aber mir scheint, zuerst muß man eine Idee
-haben, dann erst kann man sich um Geld kümmern.«
-
-»Das heißt, erlauben Sie! Nehmen wir einen Menschen, der, sagen wir, ein
-gewisses eigenes Kapital hat ...«
-
-»Zuerst eine höhere Idee, dann das Geld; ohne höhere Idee wird die
-Gesellschaft mit ihrem Geld zugrunde gehen.«
-
-Ich begreife nicht, weshalb ich mich zu ereifern begann. Er sah mich ein
-wenig stumpf an, als könne er sich nicht zurechtfinden, aber auf einmal
-verbreiterte sich sein ganzes Gesicht zu einem überaus heiteren und
-schlauen Lächeln.
-
-»Aber Werssiloff, was? Der hat's doch gekriegt, hat's gekriegt! Gestern,
-das Urteil, was?«
-
-Da sah ich plötzlich zu meiner größten Überraschung, daß er schon längst
-wußte, wer ich war, und vielleicht sogar noch sehr viel mehr wußte. Ich
-begreife nur nicht, warum ich plötzlich errötete und ihn dumm ansah,
-ohne den Blick von ihm abzuwenden. Er triumphierte ersichtlich und sah
-mich heiter an, ganz, als hätte er mich auf eine überschlaue Weise
-gefangen und überführt.
-
-»Nein,« sagte er und zog beide Augenbrauen in die Höhe, »mich müssen Sie
-nach Herrn Werssiloff fragen, mich! Was habe ich Ihnen soeben in betreff
-der Gediegenheit gesagt? Vor anderthalb Jahren hätte er dank diesem
-Kinde ein brillantes Geschäft machen können -- tja, aber er verspielte
-die Sache, das war's!«
-
-»Dank welch einem Kinde?«
-
-»Dem Säugling, den er jetzt anderweitig aufziehen läßt, nun ist das für
-ihn aussichtslos ... denn ...«
-
-»Was für ein Säugling? Was heißt das?«
-
-»Sein Kind natürlich, sein eigenes, von Mademoiselle Lydia Achmakoff ...
->Ein schönes Mädchen, hat mich geliebt ...< Die Phosphorstreichhölzer --
-hm?«
-
-»Welch ein Unsinn! Blödsinn! Er hat niemals ein Kind von der Achmakoff
-gehabt!«
-
-»Oho! Wo war ich denn? Ich bin doch auch Arzt und Geburtshelfer, bitte
-sehr. Mein Name ist Stebelkoff -- nicht gehört? Tja, hab' freilich auch
-damals schon nicht mehr praktiziert, aber einen praktischen Rat in einer
-praktischen Sache geben, das konnte ich sehr wohl.«
-
-»Sie ... sind Geburtshelfer ... haben bei der Achmakoff ein Kind
-empfangen?«
-
-»Nein, empfangen hab' ich bei ihr nichts. Dort, in der Vorstadt von Ems,
-lebte ein Doktor Grantz, mit einer großen Familie belastet, anderthalb
-Taler wurden ihm gezahlt. So, -- Taxe dort bei den Ärzten. Und niemand
-kannte ihn. Der tat es denn statt meiner ... Ich aber hatte ihn
-empfohlen, damit es im Dunkel der Unbekanntheit bliebe. Sie folgen? Ich
-habe nur einen praktischen Rat gegeben auf eine Frage Werssiloffs,
-wollte sagen Andrei Petrowitschs, tja, auf eine se--ehr diskrete Frage,
--- unter vier Augen. Geheimnis! Aber Andrei Petrowitsch wollte zwei
-Hasen.«
-
-Ich hörte ihm mit der größten Verwunderung zu.
-
-»>Wer zwei Hasen jagt, fängt keinen,< sagt ein volkliches oder richtiger
-bäuerliches Sprichwort. Ich aber sage so: Ausnahmen, die sich
-unausgesetzt wiederholen, werden zur allgemeinen Regel. Er jagte noch
-einem zweiten Hasen nach oder sachlich: einer zweiten Dame -- und das
-Ergebnis war gleich Null. Hat man schon mal was in der Hand, so soll man
-das festhalten. Wo schnell gehandelt werden muß, dort zögert er.
-Werssiloff, -- tja, das ist ein >Weiberprophet<, -- so hat ihn damals
-der junge Fürst Ssokolski mal in meiner Gegenwart nett bezeichnet. Nein,
-kommen Sie zu mir! Wenn Sie über Werssiloff viel erfahren wollen, dann
-müssen Sie zu mir kommen, zu mir!«
-
-Er weidete sich mit sichtlichem Wohlgefallen an meinem Anblick, wie ich
-so dasaß, vor lauter Verwunderung mit offenem Munde. Noch niemals hatte
-ich auch nur das geringste von diesem Säugling gehört. Da, in demselben
-Augenblick, wurde plötzlich bei den Nachbarinnen die Tür krachend
-zugeschlagen, und wir hörten ein paar schnelle Schritte.
-
-»Werssiloff wohnt im Ssemjonowschen Stadtteil, Moshaiskaja, Nummer
-dreizehn, Haus Litwinoff, ich war selbst auf dem Adreßbureau!« rief laut
-eine erregte Frauenstimme; jedes Wort konnten wir hören. Stebelkoff zog
-aufhorchend die Brauen in die Höhe und hob den Finger hoch.
-
-»Wir reden von ihm hier, und da ist er auch schon dort! ... Da haben wir
-die Ausnahmen, die sich unausgesetzt wiederholen! _Quand on parle d'une
-corde_{[30]} ...« Er hopste förmlich auf seinem Platz und rückte näher
-zur Tür, worauf er fast begierig zu lauschen begann. Auch ich war maßlos
-überrascht. Ich überlegte, daß diese Worte wohl dasselbe junge
-Frauenzimmer gerufen hatte, das vorhin so erregt aus dem Nebenzimmer
-hinausgelaufen war. Aber was hatte Werssiloff hiermit zu tun? Plötzlich
-erscholl wieder dasselbe Gekreisch wie vorhin, der Schrei eines vor Wut
-wie ein Tier aufheulenden Menschen, dem man irgend etwas nicht gibt oder
-den man von etwas zurückhalten will. Dieser Ausbruch unterschied sich
-nur dadurch vom vorigen, daß er länger andauerte. Man hörte einen Kampf,
-abgerissene Worte, ein schnelles: »Ich will nicht, ich will nicht, geben
-Sie es ihm wieder, Mamachen, geben Sie es ihm sofort zurück, sofort!« --
-oder so ungefähr -- ich erinnere mich nicht mehr genau. Darauf lief
-wieder jemand, ganz wie vorher, eilig zur Tür und riß sie auf. Beide
-Nachbarinnen stürzten auf den Korridor hinaus, und wieder schien die
-eine von ihnen die andere zurückhalten zu wollen. Stebelkoff, der schon
-längst vom Diwan aufgesprungen war und mit Wonne gelauscht hatte, schoß
-nur so zur Tür und sprang ganz ungeniert auch auf den Korridor hinaus,
-gerade auf die Nachbarinnen zu. Natürlich lief ich gleichfalls zur Tür.
-Doch sein Erscheinen hatte auf die Frauen wie ein Guß kalten Wassers
-gewirkt: sie waren sogleich wieder in ihrem Zimmer verschwunden und
-hatten im Nu ihre Tür mit lautem Krach zugeschlagen. Stebelkoff wollte
-ihnen nacheilen, blieb aber vor der Tür stehen, erhob den Zeigefinger,
-lächelte und erwog; diesmal bemerkte ich in seinem Lächeln etwas
-unendlich Gemeines, Dunkles und boshaft Unheilverkündendes. Da erblickte
-er die Wirtin, die wieder ihren Kopf heraussteckte, und schlüpfte auf
-den Fußspitzen geschwind zu ihr hin; nachdem er dann wohl ganze zwei
-Minuten mit ihr getuschelt und von ihr sicherlich Näheres erfahren
-hatte, kehrte er würdevoll und entschlossen ins Zimmer zurück, nahm
-seinen Zylinderhut vom Tisch, warf einen Blick in den Spiegel, fuhr sich
-mit der Hand durchs Haar, damit es höher stehe, und begab sich voll
-selbstbewußter Würde, ohne mich auch nur mit einem Blick zu streifen, zu
-den Nachbarinnen. Einen Moment horchte er, das Ohr an der Tür, und dabei
-zwinkerte er siegesgewiß der Wirtin zu, die ihm mit dem Finger drohte
-und den Kopf dazu wiegte, als wollte sie sagen: »Ach, Sie Schlingel, Sie
-Schlingel!« Endlich richtete er sich entschlossen auf, machte ein
-möglichst teilnehmendes, ernstes Gesicht, ja, er ließ sogar wie vor
-lauter Teilnahme den Kopf hängen und klopfte mit dem Fingerknöchel an
-die Tür.
-
-»Wer ist da?« fragte eine Stimme.
-
-»Gestatten Sie mir, in einer höchst wichtigen Angelegenheit mit Ihnen
-Rücksprache zu nehmen?« fragte Stebelkoff laut und würdevoll.
-
-Man zögerte, aber schließlich öffnete man doch, zunächst nur ein wenig,
-nur zu einem Viertel; doch Stebelkoff ergriff schnell die Klinke und
-ließ die Tür nicht wieder schließen. Es begann ein Gespräch. Stebelkoff
-sprach laut und versuchte sogleich, einzutreten; ich erinnere mich nicht
-mehr wörtlich des Gesprächs, aber jedenfalls sprach er von Werssiloff,
-sagte, er könne alles erklären, mitteilen -- »nein, mich müssen Sie
-fragen«, und »nein, ich bin es, an den Sie sich wenden müssen«, und so
-weiter in dieser Art. So kam es denn, daß man ihn sehr bald eintreten
-ließ. Ich kehrte zum Diwan zurück und wollte ihr Gespräch verfolgen,
-konnte aber wenig verstehen; ich hörte nur, daß Werssiloffs Name oft
-genannt wurde. Aus dem Tonfall der Stimme Stebelkoffs erriet ich, daß er
-das Gespräch schon beherrschte und nicht mehr einschmeichelnd sprach,
-sondern überlegen und großmäulig, in der Art, wie er kurz zuvor mit mir
-gesprochen hatte: »Sie folgen?«, »jetzt merken Sie auf« und so weiter.
-Dennoch schien er mit den Damen ausnehmend liebenswürdig zu sein. Schon
-zweimal hatte er laut aufgelacht, wahrscheinlich ganz zur unrechten
-Zeit; denn außer seiner Stimme waren auch die Stimmen der beiden Frauen
-zu hören, von denen die seine manchmal sogar übertönt wurde, und die
-klangen keineswegs froh, besonders die Stimme der jüngeren, die vorher
-geschrien hatte: sie sprach viel, nervös, schnell, -- offenbar beklagte
-sie sich oder klagte jemand an; es war, als heische sie Gerechtigkeit
-und einen unparteiischen Richter. Aber Stebelkoff ließ nicht nach, er
-erhob seine Stimme mehr und mehr und lachte immer häufiger. Menschen von
-seiner Art verstehen nicht, anderen zuzuhören. Ich verließ bald wieder
-den Platz auf dem Diwan; denn ich schämte mich, so zu lauschen, und ich
-setzte mich wieder auf meinen Rohrstuhl am Fenster. Ich war überzeugt,
-daß Wassin diesen Herrn überhaupt nicht achtete, mir jedoch, falls ich
-dieselbe Ansicht äußern sollte, mit ernster Würde und belehrend
-auseinandersetzen würde, daß dieser Mensch einer von den gegenwärtigen
-Geschäftsmännern sei, »ein Mann der praktischen Erfahrung«, den man
-nicht von unseren »allgemeinen und abstrakten Gesichtspunkten« aus
-beurteilen dürfe. In jenem Augenblick fühlte ich mich übrigens, wie ich
-mich erinnere, moralisch wie zerschlagen, mein Herz klopfte heftig, und
-zweifellos erwartete ich irgend etwas. Es vergingen vielleicht zehn
-Minuten, da, plötzlich -- mitten in einer lauten Lachsalve Stebelkoffs
--- sprang wieder jemand plötzlich vom Stuhl auf, beide Frauen schrien
-und sprachen erregt, auch Stebelkoff schien aufgesprungen zu sein, --
-aber er sprach schon in einem anderen Ton, der so klang, als wolle er
-sich rechtfertigen oder sie beschwören, ihn zu Ende sprechen zu lassen
-... Doch dazu kam es nicht. Ich hörte den zornigen Schrei: »Hinaus! Sie
-sind ein Elender, ein schamloser Lump!« Es war klar, daß ihm die Tür
-gewiesen wurde. Ich öffnete unsere Tür gerade in dem Augenblick, als er
-von den Nachbarinnen heraussprang, und zwar wie mir schien, buchstäblich
-von ihnen hinausgestoßen wurde. Wie er mich erblickte, schrie er
-plötzlich los, auf mich weisend:
-
-»Hier, sehen Sie, hier ist Werssiloffs Sohn! Wenn Sie mir nicht glauben,
-so bitte, hier, dies ist sein Sohn, sein leiblicher Sohn! Bitte sehr!«
-Und er packte mich an der Schulter. »Dieser hier ist sein Sohn, sein
-leiblicher Sohn! Tja!« wiederholte er immer wieder und zerrte mich zu
-den Damen, übrigens ohne etwas zur näheren Erklärung hinzuzufügen.
-
-Die Junge stand im Korridor, die Ältere einen Schritt hinter ihr in der
-Tür. Ich weiß nur noch, daß dieses arme Mädchen nicht häßlich war,
-vielleicht zwanzig Jahre alt, aber mager und kränklich sah sie aus. Sie
-hatte rötliches Haar und im Gesicht eine gewisse Ähnlichkeit mit meiner
-Schwester: gerade dieser Umstand fiel mir auf. Nur habe ich Lisa niemals
-so außer sich vor Empörung gesehen, und sie hätte natürlich auch nie so
-außer sich geraten können wie dieses junge Mädchen, das ich vor mir sah:
-ihre Lippen waren weiß, ihre hellgrauen Augen sprühten, und ihr ganzer
-Körper bebte vor Zorn. Ich weiß noch, ich fühlte mich in einer äußerst
-dummen und erniedrigenden Lage, zumal ich nichts zu sagen wußte, und das
-alles dank diesem gemeinen Stebelkoff!
-
-»Was geht das mich an, wessen Sohn er ist! Wenn er mit Ihnen zusammen
-ist, so ist er ein Lump. Wenn Sie Werssiloffs Sohn sind,« wandte sie
-sich plötzlich an mich, »so sagen Sie Ihrem Vater, daß er ein
-Nichtswürdiger ist, ein ehrloser, schamloser Mensch, daß ich sein Geld
-nicht brauche ... Da haben Sie es, da, und da! -- Nehmen Sie es und
-bringen Sie es ihm sofort zurück!« Sie hatte blitzschnell ein paar
-Banknoten aus der Tasche gezogen und wollte sie mir zuwerfen, aber die
-Ältere (das war ihre Mutter, wie sich später herausstellte) ergriff ihre
-Hand und hielt sie fest:
-
-»Olä, aber vielleicht ist das gar nicht wahr, vielleicht ist das gar
-nicht sein Sohn!«
-
-Olä sah sie flüchtig an, besann sich, maß mich dann mit einem
-verachtungsvollen Blick und wandte sich zurück ins Zimmer, doch bevor
-sie die Tür zuschlug, schrie sie Stebelkoff noch einmal wütend an:
-
-»Hinaus!«
-
-Und sie stampfte sogar mit dem Fuß auf. Dann schlug sie die Tür zu und
-schloß sie ab. Stebelkoff, der mich immer noch an der Schulter
-festhielt, erhob wieder den Zeigefinger, und während ein nachdenkliches
-Lächeln seinen Mund langsam in die Breite zog, richtete er seinen
-fragenden Blick auf mich und sah mich starr an.
-
-»Ich finde Ihre Handlungsweise lächerlich und schändlich!« sagte ich
-wütend mit gedämpfter Stimme.
-
-Er hörte nicht darauf, obgleich er keinen Blick von mir wandte.
-
-»Das müßte man un--ter--suchen!« sagte er nachdenklich.
-
-»Aber wie durften Sie mich so vorschieben? Wer sind diese? Was ist das
-für ein Frauenzimmer? Sie packen mich an der Schulter und schieben mich
-vor -- was soll das bedeuten!«
-
-»I, Teufel! Irgend so eine ihrer Unschuld Beraubte ... >die oft sich
-wiederholende Ausnahme< -- Sie folgen?« Und er stemmte seinen Finger
-gegen meine Brust.
-
-»Zum Teufel!« Mit einem Klapps stieß ich seinen Finger fort.
-
-Doch plötzlich und ganz unerwartet begann er zu lachen, lautlos, lange,
-belustigt. Schließlich setzte er seinen Hut auf, und mit schnell
-verändertem und schon wieder finsterem Gesicht bemerkte er, die Stirn
-runzelnd:
-
-»Und die Wirtin müßte man instruieren ... man muß sie aus der Wohnung
-jagen, -- unbedingt, und so schnell als möglich, sonst werden sie hier
-noch ... Sie werden sehen! Behalten Sie meine Worte, Sie werden schon
-sehen! I, Teufel!« fluchte er plötzlich wieder erheitert. »Sie werden
-doch noch auf Grischa warten?«
-
-»Nein, ich warte nicht mehr,« sagte ich entschlossen.
-
-»Na, egal ...«
-
-Und ohne noch einen Ton hinzuzufügen, wandte er sich um, ging hinaus und
-stieg die Treppe hinunter. Der Wirtin, die augenscheinlich auf eine
-Erklärung oder Neuigkeit wartete, schenkte er nicht einmal einen Blick.
-Ich nahm gleichfalls meinen Hut, bat die Wirtin, Wassin zu melden, daß
-ich, Dolgoruki, auf ihn gewartet hätte und lief die Treppe hinunter.
-
-
- III.
-
-Ich hatte nur Zeit verloren. Als ich auf der Straße war, machte ich mich
-sofort auf die Wohnungssuche; aber ich war zerstreut, ging mehrere
-Stunden lang durch die Straßen, sah mir wohl fünf oder sechs möblierte
-Zimmer an, doch bin ich überzeugt, daß ich an zwanzig anderen
-vorübergegangen bin, ohne sie zu bemerken. Ich hätte mir nie gedacht,
-daß es so schwer sein könnte, eine Wohnung zu finden, und das
-vergrößerte meinen Ärger beträchtlich. Alle Zimmer waren wie das von
-Wassin bewohnte, sogar bedeutend schlechter, und die Miete riesig hoch,
-das heißt, im Vergleich zu meiner Berechnung. Ich hatte mir eigentlich
-nur einen Winkel gedacht, so groß, daß man sich gerade nur einmal
-umdrehen konnte in ihm, und als ich das äußerte, gab man mir mit
-Verachtung zu verstehen, dann müßte ich »Winkelvermieter« aufsuchen und
-nicht zu ihnen kommen. Außerdem waren überall noch viele andere
-sonderbare Zimmermieter, neben denen ich mich, allein schon wegen ihres
-Äußeren, niemals hätte einleben können -- sogar zugezahlt hätte ich, um
-nicht neben ihnen wohnen zu müssen. Da waren so sonderbare Herren ohne
-Röcke, nur in Westen und Hemdsärmeln, mit zerzausten Bärten und freien
-Manieren, und die sehr neugierig zu sein schienen. In einem unglaublich
-kleinen Zimmerchen saßen ihrer ganze zehn beim Kartenspiel mit Bier, und
-nebenan sollte ich mieten. An anderen Stellen gab ich selbst auf die
-Fragen der Zimmervermieter so unüberlegte Antworten, daß man mich
-verwundert ansah, und in einer Wohnung kam es geradezu zu einem Skandal.
-Übrigens, wozu alle diese Nichtigkeiten beschreiben; ich wollte ja nur
-sagen, daß ich schrecklich müde wurde und schließlich, als es schon zu
-dämmern begann, in einer Garküche irgend etwas aß. Ich hatte mich jetzt
-endgültig entschlossen, sogleich hinzugehen und den Brief, der sich auf
-die Erbschaft bezog, Werssiloff selbst zu übergeben (ohne alle
-Erklärungen), ferner aus meinem Giebelzimmer meinen Koffer und meine
-Reisetasche zu nehmen und für die Nacht meinetwegen in ein Gasthaus zu
-gehen. Ich erinnerte mich, daß es am Ende des Obuchoffprospektes, am
-Triumphtor, Herbergen gab, wo man sogar ein ganzes Zimmer für dreißig
-Kopeken bekommen konnte; für diese eine Nacht wollte ich noch soviel
-opfern, nur um nicht mehr bei Werssiloff zu übernachten. Doch wie ich
-nun schon am Technologischen Institut vorüberging, kam es mir auf einmal
-in den Sinn, bei Tatjana Pawlowna, die dort gegenüber dem Institut
-wohnte, vorzusprechen. Der eigentliche Vorwand, sie aufzusuchen, war für
-mich dieser Brief wegen der Erbschaft, aber mein unbezwingbares
-Verlangen, mit ihr zusammenzukommen, hatte natürlich andere Gründe, die
-ich übrigens auch jetzt noch nicht ganz zu erklären vermag: es saß da so
-ein Wirrwarr in meinem Kopf, von einem »Säugling, den er heimlich
-aufziehen läßt«, von »Ausnahmen, die zur allgemeinen Regel werden« ...
-War es nun, daß ich mit einem Menschen darüber sprechen oder vor ihr
-wichtigtun oder mit jemandem handgemein werden oder womöglich weinen
-wollte -- ich weiß es nicht, und jedenfalls stieg ich zu Tatjana
-Pawlowna hinauf. Ich war schon früher bei ihr gewesen, aber nur ein
-einziges Mal, kurz nach meiner Ankunft aus Moskau, und zwar mit einem
-Auftrag von meiner Mutter; ich weiß noch, nachdem ich ihn ausgerichtet
-hatte, war ich sogleich wieder fortgegangen, sogar ohne mich gesetzt zu
-haben, wozu sie mich, nebenbei bemerkt, auch nicht einmal aufgefordert
-hatte.
-
-Ich klingelte; ihre Köchin öffnete mir sogleich und ließ mich schweigend
-eintreten. Diese Nebensächlichkeiten muß ich hier erwähnen; denn sonst
-würde man vielleicht nicht verstehen, wie es zu diesem verrückten
-Zusammentreffen kommen konnte, das einen so ungeheuren Einfluß auf alles
-Folgende haben sollte. Zunächst ein paar Worte über diese Köchin. Das
-war eine Finnländerin mit einer aufgestülpten Nase, eine böse Person,
-die, wie ich vermute, ihre Herrin Tatjana Pawlowna regelrecht haßte,
-während diese sich nicht von ihr trennen konnte und mit einer
-Leidenschaft an ihr hing, wie sonst alte Jungfern an alten feuchtnasigen
-Möpsen oder ewig schlafenden Katzen zu hängen pflegen. Die Finnländerin
-war entweder wütend und infolgedessen frech, oder sie schmollte nach
-einem Streit und sprach dann wochenlang keine Silbe, um auf diese Weise
-ihre Herrin zu bestrafen. Vermutlich hatte sie damals wieder so einen
-Schweigetag; denn auf meine Frage, ob das gnädige Fräulein zu Hause sei,
-antwortete sie mir keinen Ton und kehrte schweigend in ihre Küche
-zurück. Selbstverständlich nahm ich nun ohne weiteres an, Tatjana
-Pawlowna wäre zu Hause, und ich begab mich ins Zimmer; es war aber
-niemand da, und ich blieb stehen in der Erwartung, sie werde gleich aus
-dem Schlafzimmer heraustreten; wie hätte denn sonst die Köchin mich
-eintreten lassen können? Ich setzte mich nicht und wartete wohl zwei
-oder drei Minuten; es war schon stark dämmerig, und Tatjana Pawlownas
-dunkle kleine Wohnung machte durch den überall hängenden Kattun einen
-noch beengenderen Eindruck auf mich. Zur Erklärung meiner späteren
-Zwangslage muß ich auch über diese schändliche Wohnung noch ein paar
-Worte sagen. Tatjana Pawlowna hätte sich mit ihrem eigensinnigen und
-herrschsüchtigen Charakter und ihren alten gutsherrschaftlichen
-Angewohnheiten niemals als Aftermieterin in einem möblierten Zimmer
-einleben können, und deshalb hatte sie diese Parodie auf eine Wohnung
-gemietet, nur um allein und von keinem abhängig als ihr eigener Herr zu
-leben. Diese zwei Zimmerchen waren buchstäblich wie zwei kleine
-Kanarienvogelbauer, eins ans andere gedrückt, eins kleiner als das
-andere, dazu im dritten Stock, und die Fenster gingen auf den Hof
-hinaus. Wenn man eintrat, kam man zunächst in einen schmalen kleinen
-Korridor von ungefähr einem Meter Breite; links davon waren die
-erwähnten Kanarienvogelbauer, und geradeaus, am Ende des Korridors, war
-die Tür zur winzigen Küche. Die anderthalb Kubikfaden Luft, die ein
-Mensch für zwölf Stunden braucht, waren in diesen zwei Zimmerchen
-vielleicht noch enthalten, mehr aber wohl kaum. Sie waren schändlich
-niedrig, und was das dümmste war, -- alles, Fenster, Türen, Möbel, alles
-war mit Kattun behangen und bezogen, allerdings mit sehr schönem
-französischem Kattun; und durch die Festons über Fenstern und Türen, die
-das Zimmer zum Teil noch dunkler machten, gemahnte es fast an das Innere
-eines Reisewagens. In dem ersten Zimmer, wo ich wartete, konnte man sich
-noch umdrehen, obgleich es mit Möbeln vollgepackt war, und übrigens mit
-gar nicht so schlechten Möbeln: da gab es verschiedene Tischchen mit
-eingelegter Arbeit und Bronzebeschlägen, eigentümliche Schatullen und
-einen eleganten und sogar kostbaren Toilettentisch. Aber das folgende
-Zimmerchen, aus dem sie, nach meiner Annahme, jeden Augenblick
-heraustreten mußte, ihr Schlafzimmer, das vom ersten Zimmer durch einen
-Vorhang ganz abgeschlossen war, bestand, wie ich später sah, tatsächlich
-nur aus einem Bett. Alle diese Einzelheiten sind notwendig, damit man
-die Dummheit, die ich beging, begreifen könne. Also ich wartete und
-zweifelte an nichts, als plötzlich im Korridor die Türschelle ertönte.
-Ich hörte, wie die Köchin mit langsamen Schritten, ohne sich zu beeilen,
-über den Korridor ging und jemand genau so wie mich vorhin, schweigend
-eintreten ließ. Die Eintretenden waren zwei Damen, die beide laut
-sprachen, und wie groß war meine Verwunderung, als ich die Stimme
-Tatjana Pawlownas erkannte, und die andere -- die andere war die Stimme
-gerade jener Frau, der zu begegnen ich am allerwenigsten vorbereitet
-war, und das noch dazu unter diesen Umständen! Ein Irrtum war
-ausgeschlossen: ich erkannte sie sofort, diese klangvolle, metallische
-Stimme, die ich erst vor einem Tage gehört hatte, freilich nur drei
-Minuten lang, aber ihr Klang war in meiner Seele geblieben. Ja, es war
-die »Frau von gestern«! Was sollte ich tun? Ich stelle diese Frage nicht
-an den Leser, sondern vergegenwärtige mir nur den damaligen Augenblick,
-aber ich bin auch jetzt nicht imstande, zu erklären, wie es kam, daß ich
-plötzlich hinter den Vorhang stürzte und mich in Tatjana Pawlownas
-Schlafzimmer befand. Kurz, ich versteckte mich und war kaum in
-Sicherheit, als sie schon eintraten. Warum ich ihnen nicht entgegenging
-und mich versteckte -- das weiß ich nicht; es geschah alles ganz wie von
-selbst und ohne jede Überlegung.
-
-Fast im selben Augenblick, als ich hinter den Vorhang sprang und auf das
-Bett stieß, bemerkte ich auch die Tür, die aus diesem Schlafzimmer in
-die Küche führte und begriff, daß es somit noch einen Ausweg und eine
-Rettung gab und ich die Wohnung ganz verlassen konnte. Aber -- o
-Entsetzen! -- die Tür war verschlossen, und der Schlüssel stak nicht im
-Schloß. Verzweifelt sank ich aufs Bett; es kam mir auf einmal zu
-Bewußtsein, daß ich nun die Frauen belauschen würde, und schon aus den
-ersten Sätzen, ja sogar schon aus dem Ton der ersten Worte erriet ich,
-daß sie ein geheimnisvolles und bedenkliches Gespräch führten. Oh,
-natürlich, ein ehrlicher und vornehmer Mensch muß in solchem Fall
-aufstehen, hervortreten und laut sagen: »Ich bin hier, bitte einen
-Augenblick zu warten!« -- und, ungeachtet seiner lächerlichen Lage,
-vorüber- und hinausgehen. Ich aber stand nicht auf und ging nicht
-hinaus: ich hatte nicht den Mut dazu, erbärmlicherweise wagte ich es
-nicht zu tun.
-
-»Aber liebste Katerina Nikolajewna, Sie betrüben mich wirklich!«
-beschwor Tatjana Pawlowna. »So beruhigen Sie sich doch endlich ein für
-allemal, das paßt ja auch gar nicht zu Ihrem Charakter. Überall, wo Sie
-sind, ist Freude, und jetzt auf einmal ... Aber wenigstens mir, denke
-ich, werden Sie doch noch trauen, Sie wissen doch, wie sehr ich Ihnen
-ergeben bin. Ihnen doch wirklich nicht weniger als Andrei Petrowitsch,
-dem ich ewig ergeben sein werde, woraus ich vor keinem Menschen ein
-Geheimnis mache ... Nun, so glauben Sie mir doch, ich schwöre Ihnen bei
-meiner Ehre, dieses Dokument ist nicht bei ihm, und vielleicht hat es
-überhaupt niemand. Und solche Ränke zu schmieden, dazu ist er doch
-wahrhaftig nicht fähig! Es ist eine Sünde von Ihnen, ihn solcher Sachen
-auch nur zu verdächtigen. Sie haben sich beide diese Feindschaft nur
-selbst eingebrockt ...«
-
-»Der Brief, dieses unselige Dokument, existiert unbedingt, und er ist zu
-allem fähig. Und gestern, wie ich eintrete, ist das erste, was ich sehe
--- _ce petit espion_,{[31]} den er dem Fürsten aufgedrängt hat!«
-
-»Ach Unsinn, _ce petit espion_! Erstens ist er durchaus kein Spion; denn
-ich, ich selbst habe darauf bestanden, ihn zum Fürsten zu schicken,
-sonst wäre er in Moskau übergeschnappt oder verhungert, -- so wurde es
-uns von dort aus gemeldet; aber vor allem ist dieser rohe Bengel einfach
-nur ein kleiner Narr, wie sollte der zu spionieren verstehen!«
-
-»Ja, das wäre möglich, aber das hindert ihn vielleicht nicht, ein
-kleiner Schuft zu werden. Ich war gestern nur zu empört, sonst wäre ich
-gestorben vor Lachen: er erbleichte, stürzte vor, verbeugte sich, sprach
-Französisch -- und in Moskau hatte mir Marja Iwanowna Wunderdinge von
-ihm erzählt, sie versicherte geradezu, er sei ein Genie. Daß aber dieser
-unselige Brief noch wohlbehalten existiert und sich irgendwo in den
-gefährlichsten Händen befindet -- das habe ich aus dem Gesicht dieser
-Marja Iwanowna erraten.«
-
-»Aber Liebste, mein Täubchen, Sie! Haben Sie mir denn nicht selbst
-gesagt, daß sie nichts hat!«
-
-»Das ist es ja, daß sie ihn hat! Sie lügt ja nur, und Sie ahnen nicht,
-was das für eine geschickte Lügnerin ist! Vor meiner Reise nach Moskau
-konnte ich immer noch hoffen, daß vielleicht gar keine Papiere
-übriggeblieben seien, jetzt aber, jetzt ...«
-
-»Ach, aber Liebste, im Gegenteil, diese Marja Iwanowna soll doch ein so
-gutes und vernünftiges Geschöpf sein, der Verstorbene hat sie von allen
-seinen Nichten am meisten geschätzt. Es ist ja wahr, ich selbst kenne
-sie nicht so genau, aber -- ach, hätten Sie sie doch bestrickt, meine
-Schönheit! Was macht Ihnen denn das aus, das können Sie doch so leicht,
-ich bin doch schon eine alte Jungfer -- und Sie wissen doch, wie ich in
-Sie verliebt bin, ich werde Sie gleich küssen! ... Ach, das wäre für Sie
-doch eine Kleinigkeit gewesen, diese Marja Iwanowna zu bestricken!«
-
-»Ich habe es ja versucht, liebe Tatjana Pawlowna, sie war auch ganz
-entzückt, aber sie ist doch gar zu schlau ... Nein, das ist schon ein
-ganzer Charakter, und ein besonderer noch dazu, ein Moskauer ... Und
-können Sie sich denken, sie hat mir doch geraten, mich hier an einen
-gewissen Krafft zu wenden, den ehemaligen Gehilfen und Mitarbeiter
-Andronikoffs: sie meinte, vielleicht wisse dieser etwas Näheres. Von
-diesem Herrn Krafft hatte ich schon eine gewisse Vorstellung, ich habe
-ihn früher einmal flüchtig gesehen, aber wie sie mir dieses von Krafft
-sagte, da erst kam ich endgültig zu der Überzeugung, daß sie nicht etwa
-bloß etwas weiß, sondern daß sie lügt und über alles ganz genau
-unterrichtet ist.«
-
-»Aber weshalb denn, weshalb? Ja, es ist wahr, man könnte sich bei Krafft
-erkundigen. Dieser Deutsche ist kein Schwätzer und, ich erinnere mich,
-er ist sogar ein peinlich ehrlicher Mensch -- nein, wirklich, man müßte
-ihn ausfragen! Bloß ist er jetzt, glaube ich, nicht in Petersburg ...«
-
-»Ach, er ist doch schon gestern zurückgekehrt, und ich war ja soeben bei
-ihm! Deshalb bin ich doch in solcher Aufregung zu Ihnen gekommen --
-meine Hände und Füße zittern mir noch -- weil ich Sie bitten wollte,
-mein Engel, da Sie doch alle Menschen kennen: könnte man nicht irgendwie
-Näheres über den Verbleib seiner Papiere erfahren; denn er wird doch
-bestimmt welche hinterlassen haben, aber in wessen Hände kommen die nun
-wieder? Womöglich in die gefährlichsten! Deshalb bin ich zu Ihnen
-geeilt, um Sie um Ihren Rat zu fragen.«
-
-»Ja, aber von welchen Papieren reden Sie?« fragte Tatjana Pawlowna etwas
-verwundert. »Sie sagen doch, daß Sie soeben selbst bei Krafft waren.«
-
-»Ach gewiß, ich war bei ihm, gerade eben, aber er hat sich doch
-erschossen! Schon gestern abend!«
-
-Ich sprang vom Bett auf. Ich hatte ruhig zuhören können, wie man mich
-einen Spion und Idiot nannte, und je weiter sie sprachen, um so
-unmöglicher war es mir erschienen, nun noch hervorzutreten. Das erschien
-mir ganz undenkbar! Mir war nichts anderes übriggeblieben als das eine
--- und das hatte ich denn auch im Herzen beschlossen: regungslos so
-lange zu sitzen, bis Tatjana Pawlowna ihren Gast hinausgeleitet hätte --
-(wenn sie nicht vorher zu meinem Unglück ins Schlafzimmer kam), und
-dann, sobald die Achmakoff fortgegangen war -- dann mochte es zwischen
-Tatjana Pawlowna und mir meinetwegen zu einer Schlacht kommen! ... Aber
-wie ich nun plötzlich von Kraffts Selbstmord hörte, war ich
-unwillkürlich aufgesprungen -- es hatte mich wie ein Krampf gepackt.
-Ohne zu denken, ohne zu überlegen, ohne mich zu fragen, was ich tat,
-schritt ich, hob ich den Vorhang und stand vor ihnen. Es war gerade noch
-hell genug, um mich zu erkennen, wie ich bleich und zitternd hervortrat
-... Sie schrien beide auf. Wie hätten sie auch nicht aufschreien sollen!
-
-»Krafft?« stammelte ich und starrte die Achmakoff an. »Erschossen?
-Gestern? Bei Sonnenuntergang?«
-
-»Wo warst du? Woher kommst du?« kreischte Tatjana Pawlowna auf und
-krallte sich buchstäblich in meine Schulter. »Du hast spioniert? Du hast
-uns belauscht!«
-
-»Was habe ich Ihnen gesagt! ...« Katerina Nikolajewna erhob sich vom
-Sofa und wies auf mich.
-
-Ich geriet außer mir.
-
-»Blödsinn, Lüge!« fiel ich ihr wütend ins Wort, »Sie haben mich soeben
-einen Spion genannt, o Gott! Lohnt es sich denn zu spionieren, ja lohnt
-es sich überhaupt, zu leben neben solchen wie Sie! Ein hochherziger
-Mensch endet durch Selbstmord, Krafft hat sich erschossen -- wegen der
-Idee, wegen Hekuba ... Übrigens, was wissen Sie von Hekuba! ... Und hier
--- lebe nun einer mitten unter Ihren Intrigen und Lügen und bewege sich
-zwischen Ihren Minen und Fallgruben ... Ich habe genug davon!«
-
-»Ohrfeigen Sie ihn! Ohrfeigen Sie ihn!« schrie Tatjana Pawlowna, und da
-Katerina Nikolajewna mich zwar ansah, ohne einen Blick von mir zu wenden
-(ich erinnere mich noch jedes kleinsten Nebenumstandes), sich jedoch
-nicht von der Stelle rührte, so hätte Tatjana Pawlowna im nächsten
-Augenblick bestimmt selbst mir die Ohrfeige gegeben, weshalb ich
-unwillkürlich den Arm hob, um mein Gesicht zu schützen; aus dieser einen
-Bewegung aber schloß sie, daß ich selbst schlagen wollte.
-
-»So, schlag nur, schlag nur!« rief sie empört, »zeig' nur, daß du von
-Geburt ein Knecht bist! Du bist ja stärker als Frauen, also genier' dich
-nicht!«
-
-»Jetzt hab' ich aber genug von Ihren Verleumdungen, schweigen Sie!« fuhr
-ich wütend auf. »Niemals habe ich meine Hand gegen eine Frau erhoben!
-Sie sind einfach schamlos, Tatjana Pawlowna! Ich weiß, Sie haben mich
-immer verachtet. Oh, mit den Menschen muß man umgehen, ohne sie zu
-achten! Sie lachen, Katerina Nikolajewna -- wahrscheinlich über meine
-Gestalt. Ja, Gott hat mir keine solche Gestalt gegeben, wie Ihre
-Adjutanten sie haben. Und doch fühle ich mich vor Ihnen nicht
-erniedrigt, sondern im Gegenteil, erhoben ... oder gleichviel, wie man
-das ausdrücken muß. Ich weiß nur, daß es nicht meine Schuld war! Ich bin
-ganz ahnungslos hier eingetreten, Tatjana Pawlowna. An der ganzen Sache
-ist nur Ihre Köchin schuld, oder richtiger, Ihre Vorliebe für diese
-Person: warum hat sie mir auf meine Frage nichts geantwortet und mich
-hier eintreten lassen? Und nachher, das müssen Sie sich doch selbst
-sagen, so aus dem Schlafzimmer einer Frau herauszutreten, das -- das
-erschien mir so monströs, daß ich mich entschloß, lieber Ihre
-Schmähungen hinzunehmen, als mich nun noch zu zeigen ... Sie lachen
-wieder, Katerina Nikolajewna?«
-
-»Hinaus! Hinaus mit dir! pack' dich von hier!« schrie Tatjana Pawlowna,
-und sie wollte mich beinahe schon hinausstoßen. »Achten Sie nicht auf
-sein Geschwätz, Katerina Nikolajewna: ich sagte Ihnen ja, man hat uns
-doch schon von dort geschrieben, daß er verrückt ist!«
-
-»Verrückt? Von dort geschrieben? Wer hätte das wohl tun können und
-woher? Gleichviel, es ist genug, Katerina Nikolajewna! Ich schwöre Ihnen
-bei allem, was mir heilig ist, daß dieses Gespräch und was ich hier
-gehört habe, unter uns bleiben wird ... Es war nicht meine Schuld, daß
-ich Ihre Geheimnisse erfahren habe; um so weniger, als ich morgen meine
-Stellung bei Ihrem Vater aufgebe, so daß Sie wegen des Dokuments, das
-Sie suchen, beruhigt sein können!«
-
-»Was heißt das? ... Von was für einem Dokument sprechen Sie?« fragte
-Katerina Nikolajewna bestürzt, und sie erbleichte sogar, oder vielleicht
-schien es mir nur so. Ich begriff, daß ich schon zu viel gesagt hatte.
-
-Ich ging schnell hinaus; ihre Blicke verfolgten mich stumm, und es lag
-in ihnen eine maßlose Verwunderung. Ja, ich hatte ihnen ein Rätsel
-aufgegeben ...
-
-
- Neuntes Kapitel.
-
-
- I.
-
-Ich eilte nach Hause und -- sonderbar -- ich war sehr zufrieden mit mir.
-Natürlich spricht man nicht so mit Frauen, und noch dazu mit solchen
-Frauen, oder nein: mit einer solchen Frau; denn Tatjana Pawlowna zählte
-für mich nicht mit. Vielleicht darf man einer Frau von dieser Art
-niemals ins Gesicht sagen, daß man auf ihre Intrigen einfach pfeift, ich
-aber hatte es gesagt und war gerade damit sehr zufrieden. Abgesehen von
-allem anderen, war ich wenigstens überzeugt, daß ich mit diesem Ton
-alles Lächerliche, das in meiner Situation lag, ausgelöscht hatte. Aber
-ich hatte keine Zeit, mich lange bei diesen Gedanken aufzuhalten: Krafft
-beschäftigte mich mehr als alles andere. Nicht, daß der Gedanke an ihn
-mich so furchtbar gequält hätte, aber immerhin war ich aufs tiefste
-erschüttert, war es sogar in solchem Maße, daß selbst die allgemein
-menschliche Empfindung einer gewissen Genugtuung bei fremdem Unglück --
-ich meine, wenn jemand sich ein Bein bricht oder seine Ehre einbüßt oder
-ein geliebtes Wesen verliert oder etwas Ähnliches ihm widerfährt --, daß
-sogar diese Empfindung einer niedrigen Genugtuung einer ganz anderen und
-vollständig ungeteilten Empfindung Platz gemacht hatte, und zwar dem
-Leid: einem Bedauern des Toten. Das heißt, ob es gerade ein Bedauern
-war, das weiß ich nicht, aber jedenfalls war es ein überaus starkes und
-gutes Gefühl. Und damit war ich gleichfalls zufrieden. Es ist
-erstaunlich, wie viele nebensächliche Gedanken in einem auftauchen
-können, gerade wenn man durch irgendeine furchtbare Nachricht ganz
-erschüttert ist, die, wie man eigentlich meinen sollte, alle anderen
-Gefühle ersticken und alle nebensächlichen Gedanken verscheuchen müßte,
-besonders die kleinlichen -- aber gerade diese sind dann die
-zudringlichsten. Ich erinnere mich noch, wie allmählich ein ziemlich
-fühlbares nervöses Zittern meinen Körper ergriff und mehrere Minuten
-andauerte und sich sogar in der ganzen Zeit fortsetzte, während der ich
-zu Hause war und die Sache mit Werssiloff erledigte.
-
-Diese Erledigung fand unter seltsamen und außergewöhnlichen Umständen
-statt. Ich habe bereits erwähnt, daß wir in einem besonderen Hause auf
-dem Hof wohnten, und unsere Wohnung trug die Nummer dreizehn. Noch bevor
-ich auf den Hof trat, hörte ich in der Nähe eine weibliche Stimme laut,
-ungeduldig und gereizt fragen: »Wo ist hier die Wohnung Nummer
-dreizehn?« Ich bemerkte eine Frauengestalt, die die Tür eines kleinen
-Ladens gleich neben der Pforte geöffnet hatte; aber man schien ihr
-nichts zu antworten, oder vielleicht sagte man ihr sogar eine
-Ungezogenheit, und sie stieg empört und böse die kleine Ladentreppe
-wieder herunter. »Wo ist denn hier der Hausknecht?« rief sie erregt und
-stampfte vor Ungeduld mit dem Fuß auf. Ich hatte diese Stimme sofort
-wiedererkannt.
-
-»Ich gehe in die Wohnung Nummer dreizehn,« sagte ich, auf sie zutretend,
-»wen suchen Sie?«
-
-»Ich suche hier schon eine ganze Stunde den Hausknecht, ich habe alle
-gefragt, bin alle Treppen hinaufgestiegen.«
-
-»Die Wohnung ist auf dem Hof. Erkennen Sie mich nicht wieder?«
-
-Sie hatte mich schon erkannt.
-
-»Sie suchen Werssiloff, Sie haben mit ihm abzurechnen, und ich auch,«
-fuhr ich fort. »Ich bin gekommen, um für immer Abschied zu nehmen. Gehen
-wir.«
-
-»Sie sind sein Sohn?«
-
-»Das hat damit nichts zu tun. Übrigens, allerdings, ich bin sein Sohn,
-obgleich ich Dolgoruki heiße, ich bin ein Unehelicher. Dieser Herr hat
-eine Menge unehelicher Kinder. Wenn Gewissen und Ehre es verlangen,
-verläßt selbst der leibliche Sohn das Elternhaus. Das steht schon in der
-Bibel. Außerdem ist ihm jetzt eine Erbschaft zugefallen, ich will sie
-aber nicht mit ihm teilen, und so gehe ich, um von meiner Hände Arbeit
-zu leben. Wenn es nötig ist, opfert ein hochherziger Mensch sogar sein
-Leben. Krafft hat sich erschossen, Krafft! -- und einzig um einer Idee
-willen! Können Sie sich das vorstellen, er war noch ein junger Mann und
-berechtigte zu großen Hoffnungen ... Hier, bitte hier! Wir wohnen in
-einem besonderen Haus. Schon die Bibel spricht davon, daß die Kinder
-ihre Väter verlassen und ihr eigenes Nest begründen ... Wenn die Idee
-einen treibt ... wenn man eine Idee hat! Die Idee ist die Hauptsache,
-die Idee ist alles ...«
-
-So und ähnlich sprach ich die ganze Zeit zu ihr, während wir zu unserer
-Wohnung schritten. Der Leser wird wohl bemerken, daß ich mich nicht
-gerade schone, und wo es nötig ist, mich selbst an den Pranger stelle:
-ich will lernen, die Wahrheit zu sagen. Werssiloff war zu Hause. Ich
-trat ein, ohne den Mantel abzulegen; sie gleichfalls. Sie war furchtbar
-ärmlich gekleidet: über einem dunklen Kleidchen hing irgendein
-Zeugstück, das einen Kragen oder eine Mantille vorstellen sollte, und
-auf dem Kopf hatte sie ein altes, abgenutztes Matrosenhütchen, das ihr
-sehr schlecht zu Gesicht stand. Als wir eintraten, saß meine Mutter mit
-einer Handarbeit auf ihrem gewohnten Platz, und meine Schwester trat aus
-ihrem Zimmer, um zu sehen, wer da käme, und blieb in der Tür stehen.
-Werssiloff tat wie gewöhnlich nichts; als wir eintraten, erhob er sich
-und sah mich mit einem strengen, fragenden Blick an.
-
-»Ich habe hiermit nichts zu schaffen,« beeilte ich mich zu versichern
-und stellte mich abseits am Fenster auf. »Ich traf diese Dame soeben
-unten an der Hofpforte; sie suchte Sie, und niemand konnte ihr den Weg
-hierher zeigen. Ich aber bin jetzt in einer eigenen Angelegenheit
-gekommen, die zu erklären ich nach der Dame das Vergnügen haben werde
-...«
-
-Werssiloff fuhr aber trotzdem fort, mich neugierig anzusehen.
-
-»Erlauben Sie,« begann das junge Mädchen ungeduldig.
-
-Werssiloff wandte sich ihr zu.
-
-»Ich habe lange darüber nachgedacht, aus welchem Grunde es Ihnen
-eingefallen sein könnte, dieses Geld gestern bei mir zu lassen ... Ich
-... mit einem Wort ... Da, nehmen Sie Ihr Geld!« rief sie wieder empört,
-außer sich, wie ich sie schon schreien gehört hatte, und sie schleuderte
-das Päckchen Banknoten auf den Tisch. »Ich habe Ihre Wohnung im
-Adreßbureau aufsuchen müssen, sonst hätte ich es Ihnen früher
-zurückgebracht. Hören Sie, Sie!« wandte sie sich plötzlich an meine
-Mutter, die auf einmal erbleichte; »ich will Sie nicht kränken, Sie
-sehen ehrlich aus, und vielleicht ist das sogar Ihre Tochter. Ich weiß
-nicht, ob Sie seine Frau sind oder wer sonst, aber Sie sollen es
-erfahren, daß dieser Herr Zeitungsanzeigen ausschneidet, solche, in
-denen Gouvernanten und Lehrerinnen für ihr letztes Geld Stunden suchen,
-und dann geht er zu diesen Unglücklichen und sucht sie ehrlos zu machen,
-indem er sie mit Geld ins Unglück zieht. Ich verstehe nicht, wie ich
-gestern das Geld von ihm annehmen konnte, -- er sah so ehrlich aus! ...
-Schweigen Sie, kein Wort! Sie sind ein Lump, mein Herr! Und selbst wenn
-Sie mit ehrlicher Absicht gekommen sein sollten, so will ich doch Ihr
-Almosen nicht. Kein Wort! Schweigen Sie! Oh, wie mich das freut, daß ich
-Sie jetzt vor Ihren Frauen habe entlarven können! Seien Sie verflucht!«
-
-Sie lief schnell hinaus, nur auf der Schwelle blieb sie noch eine
-Sekunde lang stehen und rief noch höhnisch zurück: »Sie sollen ja, sagt
-man, eine Erbschaft gemacht haben!« Und sie verschwand wie ein Schatten.
-Ich erinnere nochmals daran: sie war außer sich, sie glich einer
-Rasenden. Werssiloff war tief bestürzt: er stand wie in Gedanken
-versunken und als überlege er: auf einmal wandte er sich hastig zu mir.
-
-»Du kennst sie überhaupt nicht?«
-
-»Ich habe vorhin zufällig gesehen und gehört, wie sie auf dem Korridor
-bei Wassin außer sich geriet, schrie und Sie verfluchte; gesprochen aber
-habe ich dort nicht mit ihr und weiß auch sonst nichts, und jetzt traf
-ich sie hier unten vor der Hofpforte. Das wird wohl dieselbe Lehrerin
-sein, von der Sie gestern sprachen, die Unterricht >auch in der
-Arithmetik< erteilt?«
-
-»Ja, dieselbe. Einmal im Leben wollte ich etwas Gutes tun, und ... Doch
-übrigens, was hast du?«
-
-»Hier, diesen Brief,« erwiderte ich kurz. »Eine Erklärung halte ich für
-überflüssig: er kommt von Krafft, der ihn vom verstorbenen Andronikoff
-erhalten hat. Aus dem Inhalt werden Sie alles ersehen. Ich füge nur
-hinzu, daß jetzt kein Mensch auf der ganzen Welt von diesem Brief etwas
-weiß, außer mir; denn Krafft, der mir diesen Brief gestern übergab, hat
-sich gleich nach meinem Fortgehen erschossen.«
-
-Während ich das atemlos und eilig sagte, nahm er den Brief, hielt ihn
-unschlüssig in der linken Hand und beobachtete mich aufmerksam. Als ich
-den Selbstmord Kraffts erwähnte, sah ich ihn scharf an, um zu sehen,
-welchen Eindruck diese Nachricht auf ihn machte. Und was sah ich? -- sie
-machte überhaupt keinen Eindruck auf ihn: nicht einmal seine Augenbrauen
-zuckten! Als er bemerkte, daß ich innehielt, zog er seine Lorgnette
-hervor, die ihn nie verließ und an einem schwarzen Bande hing, hielt den
-Brief näher zum Licht, sah nach der Unterschrift und begann ihn
-aufmerksam zu lesen. Ich kann gar nicht sagen, wie sehr diese hochmütige
-Gefühllosigkeit mich verletzte. Er mußte Krafft sehr gut gekannt haben,
-und es war doch wirklich keine so gewöhnliche Nachricht! Und schließlich
-war es nur natürlich, daß ich mit ihr gern einen großen Eindruck gemacht
-hätte. Ich wartete vielleicht noch eine halbe Minute, aber da der Brief,
-wie ich wußte, lang war, wandte ich mich um und ging hinaus. Mein Koffer
-war schon längst gepackt, es blieben mir nur noch ein paar Sachen zu
-einem Bündel zusammenzuschnüren. Ich dachte an meine Mutter, und daß ich
-nun so fortgegangen war, ohne an sie auch nur heranzutreten. Nach zehn
-Minuten, als ich schon ganz fertig war und gerade fortgehen wollte, um
-mir eine Droschke zu holen, trat meine Schwester in mein Zimmer.
-
-»Hier, Mama schickt dir deine sechzig Rubel und läßt dich nochmals
-bitten, ihr zu verzeihen, daß sie Andrei Petrowitsch davon gesagt hat.
-Und dann noch zwanzig Rubel. Du hast gestern fünfzig Rubel für deinen
-Unterhalt gegeben; aber Mama sagt, mehr als dreißig könne man von dir
-auf keinen Fall nehmen; denn mehr ist für dich nicht ausgegeben worden,
-und den Rest von zwanzig Rubeln schickt sie dir zurück.«
-
-»Nun gut, und besten Dank, wenn es sich wirklich so verhält. Leb wohl,
-Lisa, ich fahre jetzt!«
-
-»Wohin fährst du jetzt?«
-
-»Vorläufig in eine Herberge, nur um nicht in diesem Hause zu
-übernachten. Sage Mama, daß ich sie liebe.«
-
-»Sie weiß es. Und sie weiß, daß du auch Andrei Petrowitsch liebst.
-Schämst du dich nicht, daß du diese Unglückliche hergeführt hast!«
-
-»Ich schwöre dir, ich habe sie nicht hergeführt, -- ich traf sie hier
-vor der Hofpforte!«
-
-»Nein, du hast sie hergeführt.«
-
-»Ich versichere dir ...«
-
-»Denke nach, frage dich ehrlich, und du wirst einsehen, daß du sie dazu
-veranlaßt hast.«
-
-»Ich war nur sehr froh, daß Werssiloff beschämt wurde. Stell dir vor, er
-hat von Lydia Achmakoff ein Kind, einen Säugling ... übrigens, wozu sage
-ich dir das.«
-
-»Er? Ein kleines Kind? Aber das ist doch nicht _sein_ Kind! Wo hast du
-diese Unwahrheit gehört?«
-
-»Ach, was weißt du davon.«
-
-»Ich soll nichts davon wissen? Aber ich habe doch in Luga dieses Kind
-selbst gepflegt! Höre, Bruder: ich sehe schon längst, daß du überhaupt
-noch nichts weißt, und dabei beleidigst du Andrei Petrowitsch, und ...
-Mama gleichfalls.«
-
-»Wenn er recht hat, so bin ich im Unrecht, und das wäre alles, euch aber
-liebe ich deshalb nicht weniger. Warum bist du so rot geworden,
-Schwester? So, und jetzt wirst du noch röter! Nun gut, aber trotzdem
-werde ich diesen Fürstenbengel für die Ohrfeige, die er Werssiloff in
-Ems gegeben hat, zum Duell fordern. Und wenn Werssiloff in der
-Geschichte mit der Achmakoff untadelig war, dann erst recht.«
-
-»Bruder, besinne dich, was fällt dir ein!«
-
-»Gut, daß der Prozeß jetzt beendet ist ... Da sieh, jetzt bist du auf
-einmal ganz bleich geworden.«
-
-»Ach, aber der Fürst wird sich ja mit dir gar nicht duellieren,« sagte
-Lisa, noch im Schreck mit einem bleichen Lächeln.
-
-»Dann werde ich ihn öffentlich beleidigen! ... Was hast du nur, Lisa?«
-
-Sie war so erbleicht, daß sie nicht mehr stehen konnte und auf den Diwan
-sank.
-
-»Lisa!« hörten wir unten die Mutter rufen.
-
-Sie nahm sich zusammen und erhob sich; sie lächelte mir freundlich zu.
-
-»Bruder, laß diese Dummheiten, oder warte so lange, bis du manches
-erfahren hast; du weißt noch so schrecklich wenig.«
-
-»Ich werde es nicht vergessen, Lisa, daß du erbleicht bist, als du
-hörtest, daß ich mich duellieren werde.«
-
-»Ja, ja, vergiß auch das nicht!« rief sie lächelnd mir noch einmal zum
-Abschied zu und verließ mich.
-
-Ich holte mir eine Droschke und schaffte mit Hilfe des Kutschers meine
-Sachen aus der Wohnung. Niemand zeigte sich oder hielt mich zurück. Ich
-ging nicht zum Abschied zu meiner Mutter, um nicht Werssiloff zu
-begegnen. Als ich schon in der Droschke saß, kam mir auf einmal ein
-Gedanke:
-
-»Zur Ssemjonoffbrücke, an die Fontanka,« befahl ich dem Kutscher und
-fuhr wieder zu Wassin.
-
-
- II.
-
-Es war mir plötzlich eingefallen, daß Wassin von Kraffts Selbstmord doch
-bestimmt schon unterrichtet sein mußte und vielleicht sogar hundertmal
-mehr erfahren hatte als ich; und so war es auch. Wassin erklärte sich
-sogleich bereit, mir alles Nähere mitzuteilen, was er denn auch tat,
-übrigens ohne große Erregung. Ich schloß daraus, daß er wohl sehr
-abgespannt wäre, und so verhielt es sich, wie sich herausstellte,
-tatsächlich. Schon früh am Morgen hatte man ihn benachrichtigt, und er
-war dann selbst hingegangen. Krafft hatte sich mit dem Revolver
-erschossen (mit demselben, den ich früher schon erwähnt habe), gegen
-Abend, als es schon dunkelte, was aus seinen Aufzeichnungen hervorging.
-Den letzten Satz hat er kurz vor dem Schuß geschrieben: er bemerkt, daß
-er fast in vollkommener Dunkelheit schreibe und das Geschriebene selbst
-kaum sehen könne; die Kerze aber wolle er nicht anzünden, weil sonst
-nachher leicht ein Brand entstehen könne. »Und sie jetzt noch anzünden,
-um sie vor dem Schuß wieder auszulöschen, ganz wie mein Leben, das will
-ich nicht« -- hatte er fast auf der letzten Zeile noch seltsam
-hinzugefügt. Diese Aufzeichnungen vor dem Tode waren von ihm einen Tag
-vorher angefangen worden, gleich nach seiner Rückkehr nach Petersburg
-und noch vor seinem Besuch bei Dergatschoff; nachdem ich von ihm
-fortgegangen war, hatte er in jeder Viertelstunde etwas geschrieben und
-die letzten drei oder vier Bemerkungen nach jeden fünf Minuten. Ich
-sprach meine Verwunderung darüber aus, daß Wassin von diesen
-Aufzeichnungen (man hatte sie ihm zu lesen gegeben) keine Abschrift
-gemacht hatte, was er doch um so mehr hätte tun können, als das Ganze,
-wie er mir sagte, nicht mehr als ein Bogen mit zumeist nur kurzen
-Bemerkungen gewesen war. »Wenn Sie doch wenigstens die letzte Seite
-abgeschrieben hätten!« äußerte ich mit Bedauern. Wassin erwiderte darauf
-mit einem Lächeln, er habe es auch so behalten, und überdies wären die
-Bemerkungen ohne jedes System, wären einfach Bemerkungen über alles
-mögliche gewesen, was einem so in den Sinn kommt. Ich wollte ihm schon
-auseinandersetzen, daß gerade solche Gedanken in diesem Fall, also kurz
-vor dem Selbstmorde, wertvoll zu erfahren wären, unterließ es aber und
-bat ihn nur, mir wenigstens das zu sagen, was er vom Gelesenen behalten
-hatte, und er besann sich denn auch auf ein paar Aussprüche, wie zum
-Beispiel auf einen, den Krafft eine Stunde vor dem Schuß geschrieben
-hatte: daß »ihn fröstele«, daß er, »um sich zu erwärmen, einen Schluck
-Wein habe trinken wollen, aber der Gedanke, daß das einen größeren
-Bluterguß verursachen könnte, habe ihn davon abgehalten«. -- »Und alles
-ungefähr von dieser Art,« schloß Wassin seinen Bericht.
-
-»Und das nennen Sie belanglos!« rief ich aus.
-
-»Wann hätte ich das so genannt? Ich habe nur keine Abschrift gemacht.
-Aber wenn es auch nicht belanglos ist, so ist dieses Tagebuch doch etwas
-ziemlich Alltägliches oder besser gesagt, etwas ganz Natürliches,
-nämlich so, wie es in diesem Fall anders nicht hätte sein können ...«
-
-»Aber es sind doch die letzten Gedanken, die letzten Gedanken!«
-
-»Die letzten Gedanken sind bisweilen ungeheuer nichtssagend. In genau so
-einem Tagebuch beklagt sich ein ähnlicher Selbstmörder darüber, daß in
-einer so bedeutungsvollen Stunde ihm auch nicht ein einziger >höherer
-Gedanke< komme, sondern lauter kleinliche und leere Gedanken ihn
-heimsuchten.«
-
-»Und das, daß ihn fröstele, auch das soll ein leerer Gedanke sein?«
-
-»Das heißt, meinen Sie buchstäblich das Frösteln und den Bluterguß? Es
-ist doch eine bekannte Tatsache, daß sehr viele von denen, die fähig
-sind, an ihren bevorstehenden Tod zu denken, gleichviel, ob es ein
-freiwilliger ist oder nicht, sehr häufig um das schöne Aussehen ihrer
-Leiche besorgt sind. So wird wohl auch Krafft bei dem Gedanken an einen
-reichlichen Bluterguß ein gewisses Unbehagen empfunden haben.«
-
-»Ich weiß nicht, ob das eine bekannte Tatsache ist, ... und wie das
-überhaupt ist,« stotterte ich, »aber ich wundere mich, daß Sie das so
-natürlich finden, und doch -- wie lange ist es denn her, daß Krafft
-unter uns saß, mit uns sprach, sich ereiferte? Sollte er Ihnen denn
-wirklich nicht einmal leid tun?«
-
-»Oh, selbstverständlich tut er mir leid, aber das ist doch etwas ganz
-anderes. Jedenfalls hat Krafft seinen Tod selbst als logische Folgerung
-hingestellt. Es erweist sich, daß alles, was gestern bei Dergatschoff
-über ihn gesagt wurde, sehr richtig war: er hat ein dickes Heft
-hinterlassen, und das ist voll von gelehrten Schlüssen darüber, daß die
-Russen -- eine zweitrangige Menschenrasse seien, Schlüsse auf Grund der
-Phrenologie, der Kraniologie und sogar der Mathematik, und daß es sich
-folglich für einen Russen überhaupt nicht zu leben lohne. Vielleicht ist
-hierbei das am meisten Charakteristische, daß man daraus jeden
-beliebigen logischen Schluß ziehen kann; daß man sich aber infolge des
-Schlusses erschießt, das kommt natürlich nicht immer vor.«
-
-»Wenigstens muß man seinem Charakter Anerkennung zollen.«
-
-»Vielleicht, und dann nicht nur diesem,« bemerkte Wassin ausweichend, so
-daß es mir nicht klar war, ob er damit eine Dummheit oder eine Schwäche
-der Vernunft meinte. Mich reizte das alles sehr.
-
-»Sie haben gestern selbst von Gefühlen gesprochen, Wassin.«
-
-»Ich verneine sie auch jetzt nicht; aber angesichts der vollbrachten Tat
-erscheint in ihr etwas so grob fehlerhaft, daß ein strenger Blick auf
-die Sache unwillkürlich selbst das Mitleid irgendwie verdrängt.«
-
-»Wissen Sie was: ich habe es schon vorhin aus Ihren Augen erraten, daß
-Sie Krafft tadeln würden, und um diesen Tadel nicht zu hören, nahm ich
-mir vor, Sie nicht nach Ihrer Meinung zu fragen. Aber Sie haben sie von
-selbst ausgesprochen, und jetzt bin ich gegen meinen Willen gezwungen,
-Ihnen recht zu geben; aber dabei bin ich doch unzufrieden mit Ihnen! Es
-tut mir leid um Krafft.«
-
-»Wir sind etwas weit abgekommen ...«
-
-»Ja, allerdings,« unterbrach ich ihn, »aber es bleibt uns doch
-wenigstens der eine Trost, den in solchen Fällen die am Leben
-gebliebenen Richter immer ruhig so für sich sagen können: >Da hat sich
-nun ein Mensch erschossen, der gewiß Mitleid und Nachsicht verdient,
-aber schließlich sind wir doch am Leben geblieben, und folglich ist zu
-großer Trauer eigentlich kein Grund vorhanden.<«
-
-»Ja, versteht sich, wenn man von diesem Standpunkt aus ... Ach so, Sie
-haben das, glaube ich, nur aus Ironie gesagt! Aber es ist sehr richtig.
-Ich trinke um diese Zeit immer meinen Tee und werde ihn gleich
-bestellen, -- Sie werden mir doch wohl Gesellschaft leisten.«
-
-Er ging hinaus, und im Vorübergehen maß er mit den Augen meinen Koffer
-und mein Bündel.
-
-Ich hatte allerdings etwas recht Boshaftes sagen wollen, um Krafft zu
-rächen, und ich hatte es gesagt so gut ich es verstand; merkwürdig war
-aber, daß er meinen Ausspruch, daß solche Menschen wie _wir_ doch am
-Leben geblieben sind, im ersten Augenblick für Ernst genommen hatte.
-Aber wie dem auch sein mochte, immerhin hatte er in allem mehr recht als
-ich, sogar was die Gefühle betraf. Ich gestand mir das ohne jedes
-Mißvergnügen ein, fühlte aber sehr deutlich, daß ich ihn nicht liebte.
-
-Als man den Tee gebracht hatte, sagte ich ihm, daß ich ihn für diese
-eine Nacht um seine Gastfreundschaft bäte, aber wenn es nicht ginge, daß
-ich hier übernachtete, so sollte er es mir unumwunden sagen, dann würde
-ich eben in eine Herberge gehen. Darauf setzte ich ihm in aller Kürze
-meine Gründe auseinander und sagte ihm geradezu und einfach, daß ich
-mich mit Werssiloff endgültig überworfen hätte; die Einzelheiten
-überging ich. Wassin hörte mich aufmerksam an, jedoch ohne sich im
-geringsten zu wundern oder aufzuregen. Überhaupt antwortete er nur auf
-meine Fragen, aber er tat es bereitwillig und ließ es auch an
-Ausführlichkeit nicht fehlen. Von dem Brief aber, mit dem ich am
-Vormittag zu ihm gekommen war, um ihn um Rat zu fragen, schwieg ich ganz
-und sagte nur, ich hätte ihm einen Besuch machen wollen. Da ich
-Werssiloff mein Wort gegeben hatte, daß jetzt außer mir niemand von
-diesem Brief etwas wüßte, glaubte ich nicht mehr das Recht zu haben, von
-diesem Brief jemandem, wem es auch sei, etwas zu sagen. Und aus
-irgendeinem Grunde widerstand es mir auf einmal sehr, Wassin von manchem
-Mitteilung zu machen. Von manchen Dingen, aber nicht von allen; so
-erzählte ich ihm von den Szenen auf dem Korridor und im Nebenzimmer bei
-seinen Nachbarinnen, und wie sich dann noch die letzte Szene in der
-Wohnung Werssiloffs abgespielt hatte, und es gelang mir, ihn zu
-interessieren: er hörte sehr aufmerksam zu, besonders als ich von
-Stebelkoff erzählte. Wie Stebelkoff mich über Dergatschoff hatte
-ausfragen wollen, mußte ich ihm zweimal erzählen, und er wurde sogar
-ganz nachdenklich; zum Schluß lachte er übrigens einmal kurz auf. In
-diesem Augenblick schien es mir plötzlich, daß Wassin durch nichts und
-niemand jemals in eine für ihn schwierige Situation gebracht werden
-könnte; und ich weiß noch, der erste Gedanke daran kam mir in einer für
-Wassin äußerst schmeichelhaften Form.
-
-Ȇberhaupt konnte ich vieles von dem, was Herr Stebelkoff mir sagte,
-nicht ganz verstehen,« schloß ich meinen Bericht, »er hat eine etwas
-irreführende Ausdrucksweise ... und es ist irgend so was Leichtsinniges
-in ihm ...«
-
-Wassin machte sogleich ein ernstes Gesicht.
-
-»Ihm fehlt allerdings die Gabe des Wortes, aber er hat schon über
-manches auf den ersten Blick sehr richtige Bemerkungen gemacht, und
-überhaupt sind Leute, wie er, mehr Männer der Tat, mehr Geschäftsleute,
-als Männer des abstrakten Denkens; unter diesem Gesichtswinkel muß man
-sie denn auch betrachten und beurteilen ...«
-
-Das sagte er genau so, wie ich es mir von ihm gedacht hatte.
-
-»Er hat übrigens bei Ihren Nachbarinnen arg geschürt, Gott weiß, womit
-es noch hätte enden können.«
-
-Von diesen Nachbarinnen wußte Wassin mir nur zu berichten, daß sie erst
-seit etwa drei Wochen in diesem Zimmer wohnten und irgendwoher aus der
-Provinz gekommen waren; ihr Zimmer sei das kleinste und wie aus allem zu
-ersehen wäre, müßten sie sehr arm sein; jetzt säßen sie hier und
-warteten auf irgend etwas. Er wußte nicht, daß die Junge in den
-Zeitungen Beschäftigung als Lehrerin gesucht hatte, hatte aber von
-Werssiloffs Besuch bei ihnen schon gehört; Werssiloff war während seiner
-Abwesenheit dagewesen, aber die Wirtin hatte ihm davon erzählt. Die
-Nachbarinnen lebten, wie er sagte, geradezu ängstlich zurückgezogen und
-schienen sogar vor der Wirtin Angst zu haben. In den letzten Tagen war
-auch ihm schließlich aufgefallen, daß bei ihnen vielleicht nicht alles
-stimmte, aber zu solchen Szenen, wie ich sie an diesem Tage miterlebt
-hatte, war es in seiner Anwesenheit noch nie gekommen. Dieses Gespräch
-über die Nachbarinnen erwähne ich wegen des Folgenden. Im Nebenzimmer
-herrschte währenddessen Totenstille. Mit besonderem Interesse vernahm
-Wassin, daß Stebelkoff es für unbedingt notwendig gehalten hatte, mit
-der Wirtin wegen der Nachbarinnen zu sprechen, und daß er zweimal gesagt
-hatte: »Sie werden es schon sehen, denken Sie an meine Worte!«
-
-»Und Sie werden auch wirklich sehen, daß ihm das nicht grundlos in den
-Kopf gekommen ist,« sagte Wassin. »In solchen Sachen hat er einen
-erstaunlich scharfen Blick.«
-
-»Ja, wie, muß man denn Ihrer Meinung nach der Wirtin raten, die Frauen
-aus dem Hause zu jagen?«
-
-»Nein, ich meinte das nicht in dem Sinne, sondern man müsse achtgeben,
-daß bei ihnen nicht irgendeine Geschichte passiert ... Übrigens, alle
-solche Geschichten pflegen, ob nun so oder so, doch immer auf eine Weise
-zu enden ... Sprechen wir nicht davon.«
-
-Was Werssiloffs Besuch bei den Nachbarinnen betraf, weigerte er sich mit
-aller Entschiedenheit, irgendein Urteil darüber auszusprechen.
-
-»Alles ist möglich; der Mensch hat plötzlich Geld in der Tasche gefühlt
-... Übrigens, es ist aber auch wahrscheinlich, daß er einfach Arme
-beschenkt hat; das -- würde seiner Tradition entsprechen und dem, was
-man sich von ihm erzählt, und vielleicht auch seinen Neigungen.«
-
-Ich erzählte, was Stebelkoff von einem »Säugling« geschwätzt hatte.
-
-»In diesem Fall irrt sich Stebelkoff ganz und gar,« sagte Wassin, als
-ich zu Ende erzählt hatte, mit besonderem Ernst und Nachdruck (und das
-merkte ich mir). »Stebelkoff,« fuhr er fort, »verläßt sich zuweilen gar
-zu sehr auf seine praktische gesunde Vernunft und macht deshalb seine
-Folgerung entsprechend seiner Logik, die oft allerdings recht
-scharfsinnig ist; indessen kann die Wirklichkeit ein viel
-phantastischeres und ungewöhnlicheres Kolorit haben, je nachdem von
-welcher Art die handelnden Personen sind. So ist es auch in diesem Fall:
-er kennt die Sache nur zum Teil und hat nun logisch den Schluß gezogen,
-daß es Werssiloffs Kind sei; und doch ist es nicht Werssiloffs Kind.«
-
-Ich drang mit Bitten in ihn und erfuhr zu meiner großen Verwunderung:
-das Kind stammte vom Fürsten Ssergei Ssokolski. Lydia Achmakoff hatte
-manchmal, ob nun infolge ihrer Krankheit oder einfach aus phantastischer
-Charakteranlage, wie eine Wahnsinnige gehandelt. So hatte sie sich noch
-vor ihrer Schwärmerei für Werssiloff in den Fürsten verliebt, und der
-Fürst hatte »kein Bedenken getragen, ihre Liebe anzunehmen«, wie Wassin
-sich ausdrückte. Das Verhältnis dauerte nur allerkürzeste Zeit: es war
-zwischen ihnen sehr bald zum Zerwürfnis gekommen, und Lydia hatte den
-Fürsten von sich gestoßen, »worüber dieser, glaube ich, sehr froh war,«
-sagte Wassin.
-
-»Sie war ein sehr eigenartiges Mädchen,« fuhr er fort, »und mitunter
-vielleicht nicht ganz zurechnungsfähig. Jedenfalls hatte der Fürst, als
-er nach Paris abreiste, keine Ahnung davon, in welchem Zustande er sein
-Opfer zurückließ, ja, er hat das sogar bis zum Schluß, bis zu seiner
-Rückkehr, nicht gewußt.« -- Werssiloff, der inzwischen der Freund der
-jungen Dame geworden war, hatte ihr nun die Heirat mit ihm angeboten,
-eben wegen des erwähnten Umstandes (von dem, wie es scheint, auch ihre
-Eltern fast bis zuletzt nichts geahnt haben). Das in ihn verliebte junge
-Mädchen war bezaubert durch ihn und sah in dem Antrag Werssiloffs, nach
-Wassins Äußerung, »nicht nur die Selbstaufopferung seinerseits«, die sie
-übrigens auch zu schätzen wußte. »Übrigens, natürlich, er wird schon
-verstanden haben, die Sache richtig zu machen,« meinte Wassin. Das Kind
-(ein Mädchen) war einen Monat oder sechs Wochen zu früh zur Welt
-gekommen und irgendwo in Deutschland zum Aufziehen untergebracht worden;
-später aber hatte Werssiloff das Kind nach Rußland bringen lassen, und
-jetzt war es vielleicht sogar in Petersburg.
-
-»Und die Phosphorstreichhölzer?« fragte ich.
-
-»Davon weiß ich nichts,« schloß Wassin. »Lydia Achmakoff starb zwei
-Wochen nach der Geburt des Kindes: was da geschehen ist, weiß ich nicht.
-Der Fürst, der damals gerade aus Paris zurückgekehrt war, erfuhr nur,
-daß sie ein Kind zur Welt gebracht hatte, und da hat er, wie es scheint,
-zuerst nicht glauben wollen, daß es von ihm wäre ... Überhaupt wird
-diese Geschichte von allen Seiten so geheim gehalten, sogar jetzt noch.«
-
-»Aber was ist das für ein Mensch, dieser Fürst!« rief ich empört. »Was
-ist das für ein Verhalten zu einem kranken Mädchen!«
-
-»Sie war damals noch nicht so krank ... Außerdem hat sie ihn ja selbst
-von sich gestoßen ... Allerdings hat er seinen Abschied vielleicht etwas
-zu bereitwillig angenommen.«
-
-»Sie verteidigen noch einen solchen Schurken?«
-
-»Nein, ich nenne ihn nur nicht einen Schurken. Hierbei ist noch vieles
-andere mit im Spiel, außer wirklicher Schurkerei. Überhaupt war das ein
-ziemlich alltäglicher Fall.«
-
-»Sagen Sie, Wassin, Sie waren mit ihm doch gut bekannt? Ich würde mich
-gern auf Ihr Urteil verlassen, gerade jetzt und wegen eines Umstandes,
-der mich nicht wenig angeht.«
-
-Aber hierauf antwortete mir Wassin merklich zurückhaltend. Den Fürsten
-kannte er, aber unter welchen Umständen er seine Bekanntschaft gemacht
-hatte -- verschwieg er, und offenbar mit Absicht. Er meinte nur, der
-Fürst verdiene wegen seines Charakters eine gewisse Nachsicht. »Er hat
-viele gute Eigenschaften, und es ist in ihm ehrliches Wollen ... und er
-ist auch sehr eindrucksfähig, aber er hat weder genügend gesunde
-Vernunft, noch wirkliche Willenskraft, um seine Wünsche zu beherrschen.
-Eigentlich ist er ganz ungebildet; eine Menge von Ideen und
-Erscheinungen sind für ihn nicht faßbar, indessen sind es gerade diese,
-die ihn faszinieren. Und dann behauptet er, was er für seine Überzeugung
-hält, und wird Ihnen aufdringlich beweisen wollen, daß er recht habe,
-zum Beispiel so: >Ich bin ein Fürst und stamme von Rjurik ab; aber warum
-soll ich nicht Schustergeselle werden, wenn ich mir mein Brot verdienen
-muß und zu keinem anderen Erwerb fähig bin? Auf meinem Schild wird
-stehen: »Schuster Fürst Soundso« -- und es wird sogar vornehm sein.< Und
-er wird es nicht nur sagen, er geht hin und tut es auch wirklich, -- das
-ist die Hauptsache,« fügte Wassin hinzu. »Indessen handelt es sich
-hierbei nicht um Überzeugungskraft, sondern einzig um leichtsinnigste
-Eindrucksfähigkeit. Dafür stellt sich dann später unfehlbar die Reue
-ein, und dann verfällt er immer in irgendein entgegengesetztes Extrem;
-und darin besteht sein ganzes Leben. In unserer Zeit sind viele auf
-diese Art in Ungelegenheiten geraten,« bemerkte Wassin, »eben dadurch,
-daß sie in unserer Zeit geboren sind.«
-
-Ich wurde unwillkürlich nachdenklich.
-
-»Ist es wahr, daß er von seinem Regiment gezwungen worden ist, den
-Dienst zu quittieren?« erkundigte ich mich.
-
-»Ich weiß nicht, inwieweit er dazu gezwungen worden ist, aber er hat das
-Regiment allerdings wegen Unannehmlichkeiten verlassen. Ist es Ihnen
-bekannt, daß er im vorigen Herbst, als er schon den Abschied erhalten
-hatte, zwei oder drei Monate in Luga verbracht hat?«
-
-»Ich ... ich weiß, daß Sie damals in Luga waren.«
-
-»Ja, eine Zeitlang auch ich. Der Fürst war auch mit Lisaweta Makarowna
-bekannt.«
-
-»Ja? Das wußte ich nicht. Ich muß gestehen, ich habe mit meiner
-Schwester noch so wenig gesprochen ... Aber wie, -- ist er denn im Hause
-meiner Mutter empfangen worden?« fragte ich bestürzt.
-
-»O nein; er war ja nur entfernt bekannt, durch ein drittes Haus.«
-
-»Ja, richtig, was war es doch, was meine Schwester mir von diesem Kinde
-sagte? War denn auch dieses Kind in Luga?«
-
-»Eine Zeitlang.«
-
-»Und wo ist es jetzt?«
-
-»Unbedingt in Petersburg.«
-
-»Nein, nie im Leben werde ich glauben,« rief ich maßlos aufgebracht,
-»daß meine Mutter an dieser Geschichte mit der Lydia auch nur im
-geringsten beteiligt gewesen ist!«
-
-»Die Rolle Werssiloffs in dieser ganzen Geschichte hat, wenn man von
-allen diesen Intrigen absieht, die zu erklären ich nicht versuchen will,
-eigentlich nichts besonders Tadelnswertes,« bemerkte Wassin mit einem
-nachsichtigen Lächeln. Ich glaube, es wurde ihm schwer, mit mir zu
-sprechen, aber er ließ es sich nicht merken.
-
-»Nie, nie werde ich es glauben, daß eine Frau ihren Mann einer anderen
-Frau abtreten könnte!« rief ich wieder erregt, »niemals werde ich das
-glauben! ... Ich schwöre Ihnen, meine Mutter kann in dieser Geschichte
-nie und nimmer eine Rolle gespielt haben!«
-
-»Allein, es scheint doch, daß sie nicht widersprochen hat?«
-
-»Ich hätte an ihrer Stelle schon aus Stolz nicht widersprochen!«
-
-»Ich, meinerseits, muß es vollständig ablehnen, über eine solche Sache
-zu urteilen,« äußerte sich Wassin dazu.
-
-Es war wirklich möglich, daß Wassin, trotz all seinem unstreitigen
-Verstande, von den Frauen vielleicht überhaupt nichts verstand, so daß
-ein ganzer Kreis von Ideen und Erscheinungen für ihn fremd blieb. Ich
-verstummte. Wassin war zeitweilig in einer Aktiengesellschaft
-angestellt, und ich wußte, daß er gewöhnlich noch Arbeit nach Hause
-mitnahm. Auf meine beharrlichen Fragen gestand er endlich, daß er auch
-jetzt eine Arbeit hatte -- irgendwelche Rechnungen zu prüfen --, und ich
-bat ihn dringend, sich durch mich nicht davon abhalten zu lassen. Das
-war ihm, glaube ich, sehr angenehm; aber noch bevor er sich an die
-Arbeit setzte, machte er für mich auf dem Diwan ein Nachtlager zurecht.
-Zuerst wollte er mir sein Bett abtreten, doch als ich darauf nicht
-einging, war er, glaube ich, auch damit sehr zufrieden. Von der Wirtin
-verschaffte er sich ein Kissen und eine Decke. Wassin war ungemein artig
-und freundlich, aber es war mir doch gewissermaßen peinlich, zu sehen,
-wie er sich so um meinetwillen bemühte. Es war mir viel angenehmer
-zumute gewesen, als ich einmal, etwa drei Wochen vorher, bei Jefim auf
-der Petersburger Seite zufällig übernachtet hatte. Auch er hatte ein
-Lager für mich bereitet, gleichfalls auf einem Diwan in seinem Zimmer,
--- und zwar heimlich, damit die Tante nichts davon hörte, denn er
-fürchtete, sie könnte böse werden, wenn sie erführe, daß seine Freunde
-bei ihm übernachteten. Wir hatten während des Herrichtens nicht wenig
-gelacht: das Bettlaken wurde durch ein Hemd ersetzt, und das fehlende
-Kissen durch einen zusammengelegten Mantel. Ich weiß noch, als das Werk
-beendet war, schlug Jefim mit liebevollem Stolz auf die Sprungfedern der
-Polsterung, schnippte vor Vergnügen mit den Fingern und sagte:
-
-»_Vous dormirez comme un petit roi!_«{[32]}
-
-Und seine dumme Lustigkeit und dazu diese französische Phrase, die zu
-ihm paßte wie ein Sattel auf eine Kuh, waren so komisch gewesen, daß ich
-mich damals bei diesem närrischen Kauz mit Vergnügen und ganz vorzüglich
-ausgeschlafen hatte. Bei Wassin dagegen war ich erst froh, als er
-endlich, mit dem Rücken zu mir, an seiner Arbeit saß. Ich streckte mich
-auf dem Diwan aus und dachte, während ich auf seinen Rücken sah, lange
-und über vieles nach.
-
-
- III.
-
-Und ich hatte wahrlich auch Stoff zum Nachdenken. In mir war Unklarheit
-und Unruhe und doch keine greifbare, zwingende Veranlassung dazu;
-einzelne Empfindungen traten sehr deutlich hervor, aber keine einzige
-von ihnen riß mich ganz mit sich fort, da ihrer so viele waren. Alles
-tauchte nur flüchtig auf, ohne Zusammenhang und Reihenfolge, und ich
-hatte auch selbst gar keine Lust, bei irgend etwas zu verweilen oder
-Ordnung in die Reihenfolge zu bringen. Sogar der Gedanke an Krafft trat
-unmerklich zurück und -- immer mehr in den Hintergrund. Am meisten
-beschäftigte und erregte mich meine eigene Lage: daß ich nun schon mit
-ihnen »gebrochen« hatte, daß mein Koffer bei mir war, und ich nicht mehr
-zu Hause schlief, und jetzt bereits das Neue begonnen hatte, ganz als
-hätte ich mit allen meinen Absichten und Vorbereitungen bisher nur im
-Scherz gespielt, und als hätte erst jetzt, und vor allem ganz plötzlich
-und unerwartet, die »Umsetzung in die Tat, in die ernste Wirklichkeit«
-begonnen. Aber diese Vorstellung gab mir Mut, und so unklar und unruhig
-ich mich innerlich aus vielen Gründen auch fühlte, sie machte mich sogar
-heiter. Aber ... aber es waren da auch noch andere Empfindungen; und
-eine von diesen wollte sich aus allen anderen ganz besonders
-hervordrängen und sich meiner Seele bemächtigen. Und sonderbar, auch
-diese Empfindung ermunterte mich: sie rief mich gleichsam zu etwas
-ungemein Lustigem. Und doch hatte sie mit einer Angst angefangen: ich
-fürchtete, und schon lange, schon seit dem Augenblick des Geschehens,
-daß ich in der Hitze und Überrumpelung der Achmakoff zuviel von dem
-Dokument gesagt hatte. »Ja, ich habe zuviel gesagt,« dachte ich, »und
-nun werden sie womöglich etwas erraten ... fatal! Natürlich werden sie
-mir keine Ruhe mehr lassen, wenn sie Verdacht geschöpft haben, aber ...
-meinetwegen! Übrigens, sie werden mich nicht einmal finden -- ich
-verstecke mich, ganz einfach! Was aber dann, wenn sie wirklich anfangen
-mich zu verfolgen ...« Und ich begann mich bis in alle Einzelheiten und
-mit wachsendem Vergnügen zu erinnern, wie ich vor Katerina Nikolajewna
-gestanden hatte, und wie ihre furchtlosen, nur maßlos verwunderten Augen
-mich unverwandt angesehen hatten. Und auch als ich hinausgegangen war,
-hatte ich sie in derselben Verwunderung zurückgelassen, erinnerte ich
-mich. »Ihre Augen sind aber doch nicht ganz dunkel ... nur die Wimpern
-sind ganz schwarz, deshalb erscheinen auch die Augen so dunkel ...«
-
-Und auf einmal, ich weiß noch, wurde mir die Erinnerung unendlich
-widerlich ... und ärgerlich und ekelhaft wurden mir sowohl die beiden
-Frauen wie ich mir selbst. Ich warf mir da irgend etwas vor und bemühte
-mich, an anderes zu denken. »Warum ist in mir nicht die geringste
-Empörung über Werssiloff wegen der Geschichte mit der Nachbarin?« ging
-es mir plötzlich durch den Sinn. Ich war natürlich fest überzeugt, daß
-er ein Liebeserlebnis gesucht und sie nur deshalb aufgesucht hatte, aber
-das empörte mich eigentlich gar nicht. Es schien mir sogar, daß man ihn
-sich überhaupt nicht anders denken könne, und wenn es mich auch freute,
-daß er bloßgestellt worden war, so verurteilte ich ihn doch nicht. Das
-war nicht wichtig für mich; wichtig war aber für mich, daß er mich so
-böse angesehen hatte, als ich mit dieser Nachbarin eingetreten war, daß
-er mich so angesehen hatte wie noch nie zuvor. »Also endlich hat auch er
-mich _ernst_ genommen!« dachte ich mit stockendem Herzschlag. Oh, wenn
-ich ihn nicht so geliebt hätte, sein Haß hätte mich nicht so gefreut!
-
-Endlich kam der Schlaf über mich, und ich schlief fest ein. Ich sah nur
-noch wie im Traum, halb schon schlafend, wie Wassin nach Beendigung
-seiner Arbeit alles ordentlich forträumte und, nach einem prüfenden
-Blick auf meinen Diwan, sich auszukleiden begann und das Licht löschte.
-Es war nach Mitternacht.
-
-
- IV.
-
-Fast genau zwei Stunden später fuhr ich wirr aus dem Schlaf auf und kam,
-auf meinem Sofa sitzend, erschrocken zu mir. Hinter der Tür, im Zimmer
-der Nachbarinnen, ertönten schreckliche Schreie, dazwischen
-verzweifeltes Weinen und Heulen. Unsere Zimmertür stand offen, und auf
-dem Korridor, der schon erhellt war, schrien und liefen Leute. Ich
-wollte schon Wassin anrufen, erriet aber, daß er nicht mehr im Bett war.
-Ich wußte nicht, wo die Streichholzschachtel lag, so tastete ich nach
-meinen Sachen und begann mich in der Dunkelheit schnell anzukleiden. Im
-Nebenzimmer waren die Wirtin und wohl auch die anderen Zimmermieter
-schon zusammengelaufen. Übrigens war es nur eine Stimme, die so schrie
-und weinte, eben die der älteren Nachbarin, während die junge Stimme,
-die ich am Tage gehört und nur zu gut behalten hatte, -- gänzlich
-schwieg; ich erinnere mich noch, daß mir dies gleich als merkwürdig
-auffiel. Ich hatte noch nicht Zeit gehabt, mich ganz anzuziehen, als
-Wassin eilig eintrat; im Nu fand er mit gewohnter Hand die Streichhölzer
-und machte Licht im Zimmer. Er hatte über seiner Wäsche nur seinen
-Schlafrock an, die Füße staken in Pantoffeln, und er machte sich
-sogleich ans Ankleiden.
-
-»Was ist geschehen?« fragte ich ihn bestürzt.
-
-»Eine höchst unangenehme und widerwärtige Sache!« versetzte er fast
-wütend. »Diese junge Nachbarin, von der Sie mir erzählten, hat sich in
-ihrem Zimmer erhängt.«
-
-Ich schrie auf. Ich vermag gar nicht wiederzugeben, was ich empfand! Wir
-eilten auf den Korridor hinaus. Ich muß gestehen, ich wagte nicht, in
-ihr Zimmer einzutreten, und so sah ich die Unglückliche erst später, als
-man sie schon aus der Schlinge genommen hatte, und auch dann, aufrichtig
-gesagt, nur aus einiger Entfernung, wie sie da lag, mit einem Laken
-zugedeckt, unter dem nur die zwei schmalen Sohlen ihrer Schuhe
-hervorsahen. So habe ich ihr denn aus irgendeinem Grunde überhaupt nicht
-ins Gesicht gesehen. Ihre Mutter war in einer furchtbaren Verfassung;
-die Wirtin, die übrigens gar nicht so sehr erschrocken zu sein schien,
-war bei ihr. Desgleichen waren alle übrigen Mieter zugegen und drängten
-sich da herum. Es waren nicht viele: ein älterer Seemann, der immer sehr
-brummig war und zu befehlen liebte, sich jetzt aber ganz still verhielt,
-und ein altes Ehepaar aus dem Tulaschen, ganz ehrenwerte Leute aus dem
-Beamtenstande. Ich will den Verlauf dieser Nacht, alle diese Laufereien
-und später auch die offiziellen Besuche, nicht weiter beschreiben; bis
-zum Morgengrauen zitterte ich buchstäblich die ganze Zeit und hielt es
-für meine Pflicht, mich nicht hinzulegen, obgleich ich nichts zu tun
-hatte und auch nichts tat. Eigentlich sahen alle sehr munter aus, ja
-sogar irgendwie besonders aufgeweckt. Wassin fuhr irgendwohin. Die
-Wirtin zeigte sich als ganz achtbare Frau, jedenfalls war sie besser,
-als ich erwartet hatte. Ich erklärte ihr (und das rechne ich mir zur
-Ehre an), daß man die Mutter jetzt nicht bei der Leiche der Tochter so
-allein lassen könne, und daß sie die Arme wenigstens bis zum nächsten
-Tage in ihrem Zimmer bei sich aufnehmen müsse. Sie war dazu gleich
-bereit, und wie sehr sich die Mutter auch wehrte und sich schluchzend
-weigerte, die Leiche zu verlassen, zu guter Letzt gelang es doch, sie
-zur Wirtin hinüberzuführen, die sogleich ihr Teemaschinchen aufstellen
-ließ. Hierauf zogen sich auch die übrigen in ihre Zimmer zurück und
-schlossen die Türen, ich aber wollte mich um keinen Preis hinlegen und
-saß noch lange bei der Wirtin, die sogar froh war über die Gegenwart
-eines dritten Menschen, der außerdem noch manches auf den Vorfall
-Bezügliche mitteilen konnte. Der Tee kam uns sehr zustatten, und
-überhaupt ist die Teemaschine eine der allernotwendigsten Sachen im
-russischen Leben, besonders bei Katastrophen und Unglücksfällen,
-namentlich, wenn es plötzliche, schreckliche und ganz außergewöhnliche
-sind. Selbst diese verzweifelte Mutter trank schließlich zwei Täßchen,
-natürlich erst nach langem Zureden unsererseits und Versuchen, sie
-womöglich dazu zu zwingen. Und doch muß ich aufrichtig sagen, daß ich
-noch nie einen so grausamen und unmittelbaren Schmerz gesehen habe wie
-damals bei dieser Unglücklichen. Nach den ersten Ausbrüchen der
-Verzweiflung und Hysterie, begann sie zu sprechen; sie hatte offenbar
-das Bedürfnis, zu sprechen, und ich hörte ihr gierig zu. Es gibt
-Unglückliche, besonders unter den Frauen, die man in solchen Fällen
-unbedingt so viel als möglich sprechen lassen muß. Gibt es doch
-tatsächlich Menschen, die vom Kummer schon so zermürbt sind, die ihr
-ganzes Leben lang gelitten, die schon so viel und Ungeheuerliches
-erduldet haben, und beständig um kleinlicher Dinge willen, daß sie durch
-nichts mehr erschüttert werden können, auch nicht durch plötzliche
-Katastrophen, und die sogar am Sarge des geliebtesten Wesens keine
-einzige der so hart erworbenen Regeln ihres dienstfertigen Umgangs mit
-Menschen vergessen. Und ich verurteile sie nicht: hier ist es nicht
-niedrige Selbstsucht, nicht Gefühlsroheit; in diesen Herzen findet sich
-vielleicht mehr Gold als in denen der anscheinend edelsten Heldinnen,
-aber die Gewohnheit der langen Erniedrigung, der Selbsterhaltungstrieb,
-die langjährige Einschüchterung und Niedergedrücktheit erweisen sich
-schließlich als stärker. Darin hatte die arme Selbstmörderin ihrer
-Mutter nicht geglichen. Übrigens war in ihren Gesichtszügen, wenn ich
-mich nicht irre, doch eine Ähnlichkeit vorhanden, obgleich die
-Verstorbene entschieden gut aussah. Die Mutter war noch keine sehr alte
-Frau, erst gegen fünfzig, und ebenso blond wie die Tochter, aber ihre
-Augen und Wangen waren eingefallen und ihre Zähne ungleichmäßig, groß
-und gelb. Ja, eigentlich war alles an ihr gelblich; die Haut ihres
-Gesichts und ihrer Hände erinnerte an Pergament; ihr dunkles billiges
-Kleid hatte vor Alter auch schon einen braungelben Farbton, und den
-Nagel ihres Zeigefingers der rechten Hand hatte sie, ich weiß nicht
-weshalb, sorgfältig und sauber mit gelbem Wachs beklebt.
-
-Die Erzählung der armen Frau war zum Teil zusammenhanglos. Ich werde sie
-wiedergeben, wie ich sie selbst verstanden und soweit ich ihre Worte
-behalten habe.
-
-
- V.
-
-Aus Moskau waren sie gekommen. Sie war schon lange Witwe, »aber doch
-Hofrätin«, wie sie sagte; ihr Mann hatte sein Beamtengehalt gehabt und
-fast nichts hinterlassen, »außer einer Pension von zweihundert Rubeln.
-Aber was sind zweihundert Rubel?« Immerhin hatte sie ihre Tochter
-erziehen und das Gymnasium beenden lassen können ... »Und wie sie
-gelernt hat, wie gut sie gelernt hat! -- sogar die Silberne Medaille hat
-sie nach dem Schlußexamen bekommen ...« (Hier begann sie natürlich
-wieder zu weinen.) Ihr verstorbener Mann hatte früher einmal an einen
-hiesigen, Petersburger, Kaufmann ein Kapital von viertausend Rubeln
-verloren. Da erfuhren sie, daß dieser Kaufmann inzwischen reich geworden
-war, -- »und ich habe Dokumente, ich begann mich zu erkundigen, und da
-sagte man mir, ich solle einen Prozeß anstrengen, ich würde bestimmt
-alles wieder bekommen ... Und so fragte ich denn bei ihm an, und der
-Kaufmann schien darauf einzugehen; aber man riet uns doch, selbst
-herzureisen. Und so machten wir uns denn auf die Reise. Vor einem Monat
-trafen wir hier ein. Aber was haben wir denn für Mittel? So nahmen wir
-dieses Zimmerchen, weil es das kleinste von allen ist und in einem
-anständigen Hause, das sahen wir doch gleich, und darum war es uns am
-meisten zu tun. Wir sind doch unerfahrene Frauen, ein jeder kann uns
-beleidigen. Nun, Ihnen bezahlten wir für einen Monat voraus, hier etwas
-Geld und dort etwas Geld, für dies und für das, Petersburg ist doch so
-teuer, unser Kaufmann aber denkt nicht daran, uns etwas auszuzahlen:
->Kenne Sie nicht und weiß von nichts,< sagt er. Mein Dokument ist aber
-nicht ganz so, wie es sein müßte, das sehe ich ja auch selbst ein. Und
-da riet man mir denn: Gehen Sie doch zu unserem berühmten Rechtsanwalt;
-der ist sogar Professor gewesen, ist nicht so ein gewöhnlicher Advokat,
-sondern sozusagen ein bedeutender Jurist, damit er mir dann schon
-wirklich sagt, was ich nun tun soll. So nahm ich denn meine letzten
-fünfzehn Rubel und trug sie zu ihm hin; er ließ mich denn auch zu sich
-hereinbitten, hörte mich aber nicht einmal drei Minuten lang an: >Ich
-sehe schon,< sagt er, >ich weiß schon,< sagt er, >wenn der Kaufmann
-will,< sagt er, >dann wird er es zurückgeben, wenn er aber nicht will,
-dann nicht,< sagt er, >und wenn Sie einen Prozeß anstrengen, können Sie
-noch die Kosten tragen. Am besten ist, Sie legen es gütlich bei.< Und er
-scherzte noch mit einem Bibelspruch: >Seien Sie willfärtig mit Ihrem
-Widersacher, dieweil Sie noch auf dem Wege sind,< sagt er, >denn sonst
-kommt man nicht von dannen heraus, bis daß man den letzten Heller
-bezahlt hat,< -- und damit geleitet er mich hinaus und lacht noch. Da
-waren sie nun, meine fünfzehn Rubel! Ich komme zurück zu meiner Olä, wir
-sitzen uns gegenüber, da begann ich denn zu weinen. Sie weint nicht;
-sitzt so stolz, ist unwillig. Und immer ist sie so gewesen, von Kindheit
-an, schon als ganz kleines Mädchen, niemals hat sie geklagt, niemals
-geweint, sie sitzt nur und sieht so streng aus, daß mir ganz bange wird,
-sie anzusehen. Und werden Sie es mir glauben: ich habe doch Angst vor
-ihr gehabt, wirklich, hab' schon lange Angst vor ihr gehabt, und schon
-oft habe ich weinen wollen, hab' es aber nicht gewagt, wenn sie dabei
-war. So ging ich denn zum letztenmal zum Kaufmann, weinte mich bei ihm
-aus: >Schon gut,< sagt er, hört mich nicht einmal an. Und dabei waren
-wir, das muß ich Ihnen nun schon gestehen, wir waren, da wir doch nicht
-darauf gerechnet hatten, solange hierbleiben zu müssen, so waren wir
-denn schon lange ohne Geld. Da mußte ich denn nach und nach von unseren
-Kleidern dies und jenes forttragen: was wir versetzten, davon lebten wir
-denn. Alle unsere Sachen hatten wir schon versetzt, bis sie schließlich
-ihre letzte Wäsche zusammensuchte und mir abgab; nun hielt ich es nicht
-mehr aus und fing bitterlich zu weinen an. Da stampfte sie mit dem Fuß
-auf, sprang auf und lief selbst zum Kaufmann. Er ist Witwer; er sprach
-mit ihr: >Kommen Sie übermorgen,< sagt er, >um fünf; vielleicht sage ich
-Ihnen dann etwas.< Sie kam ganz froh zurück: >Übermorgen wird er mir
-Bescheid geben,< sagt sie. Nun, auch ich war froh, aber ins Herz kroch
-mir dabei doch so was Kaltes: was wird das nun sein? denk' ich so bei
-mir, aber sie zu fragen wag' ich doch nicht. Übermorgen, hatte er
-gesagt, sollte sie zu ihm kommen, aber wie sie dann von ihm
-zurückkehrte, war sie ganz bleich und zitterte am ganzen Körper und warf
-sich aufs Bett -- da erriet ich alles und wagte nichts mehr zu fragen.
-Was glauben Sie wohl, er hatte ihr fünfzehn Rubel angeboten, dieser
-Räuber, und gesagt: >Und wenn ich volle Unschuld finde, geb' ich vierzig
-Rubel und noch was drüber.< Und hatte ihr das so ins Gesicht gesagt,
-hatte sich nicht geschämt, das so zu sagen! Da war sie auf ihn
-losgestürzt, erzählte sie mir, aber er hatte sie zurückgestoßen und sich
-im Nebenzimmer sogar vor ihr eingeschlossen. Und dabei hatten wir, ich
-schwöre es Ihnen, nichts mehr zu essen. So brachten wir unsere letzte
-warme Jacke hin, sie war mit Hasenfell gefüttert, und verkauften sie,
-und dann ging sie und machte in der Zeitung bekannt, daß sie in allen
-Fächern unterrichtet, auch in der Arithmetik. >Wenigstens dreißig
-Kopeken wird man mir doch zahlen,< sagte sie zu mir. Aber zu guter
-Letzt, Mütterchen, hat sie mich wirklich in Schrecken versetzt: kein
-Wort hat sie mit mir gesprochen, stundenlang sitzt sie am Fenster und
-starrt auf das Dach des Hauses gegenüber, bis sie plötzlich auffährt:
->Meinetwegen Wäsche waschen, meinetwegen Erde graben!< oder so was ruft
-sie aus und stampft mit dem Fuß. Und mit keiner Menschenseele sind wir
-hier bekannt, kennen keinen, an den wir uns wenden, den wir um Rat
-fragen könnten. Was wird nun aus uns werden? denk' ich. Aber mit ihr
-darüber zu reden, wag' ich schon gar nicht. Einmal schlief sie ein
-bißchen am Tage, und wie sie erwachte, die Augen aufschlug, sah sie mich
-an: ich saß auf dem Koffer und sah sie gleichfalls an: da stand sie
-schweigend auf, kam zu mir, schlang fest, so fest, ihre Arme um mich,
-und da erst konnten wir uns beide nicht mehr beherrschen und brachen in
-Tränen aus, und so saßen wir denn und weinten und ließen uns nicht aus
-den Armen. Zum erstenmal in ihrem Leben war sie so. Und während wir noch
-so beieinander sitzen, kommt Ihre Nastassja herein und sagt: >Da ist
-eine Dame, die sich nach Ihnen erkundigt und Sie sprechen will.< Das war
-erst vor vier Tagen. Die Dame kommt herein: wir sehen, sie ist so schön
-angezogen, spricht zwar Russisch, hat aber so eine deutsche Aussprache:
->Sie haben in der Zeitung bekanntgemacht, daß Sie Stunden geben,< sagt
-sie. Da waren wir so froh, baten sie, doch Platz zu nehmen, und sie
-lachte so freundlich: >Nicht zu mir,< sagt sie, >aber meine Nichte hat
-kleine Kinder; wenn es Ihnen recht ist, bemühen Sie sich vielleicht zu
-uns, dann können wir alles besprechen.< Sie gab uns ihre Adresse, bei
-der Wosnessenskibrücke wohnte sie, im Hause Nummer soundso, und auch die
-Wohnungsnummer nannte sie. Dann ging sie. Oletschka wollte keine Zeit
-verlieren, ging noch am selben Tage hin -- nach zwei Stunden kam sie
-zurück, außer sich, weint und schlägt um sich wie in Krämpfen. Später
-erzählte sie mir: >Ich fragte den Hausknecht nach der Wohnung,< sagte
-sie, >die und die Nummer. Der sah mich,< sagte sie, >so merkwürdig an:
-»Was wollen Sie denn dort in dieser Wohnung?«< hat er sie so
-eigentümlich gefragt, daß sie schon gleich hätte Verdacht schöpfen
-können. Sie aber war ja schon immer so stolz und ungeduldig, solche
-Fragen und Unhöflichkeiten hat sie nie ertragen. >Dort hinauf,< sagt
-schließlich der Hofknecht und weist mit dem Finger nach der Treppe, und
-dann hat er sich umgedreht und ist in seine Kammer gegangen. Und können
-Sie sich denken: sie geht hinein, erkundigt sich -- da kommen schon von
-allen Seiten Frauenzimmer herbeigelaufen! >Bitte, treten Sie näher,
-bitte hier, bitte sehr!< -- lauter Frauenzimmer, und sie lachen,
-umringen sie, und alle sind geschminkt und aufgeputzt und schamlos,
-spielen auf dem Klavier, ziehen sie mit -- >ich wollte fort,< sagte sie,
->wollte hinauslaufen, aber sie hielten mich fest.< Da hatte schreckliche
-Angst sie erfaßt, und die Knie hatten ihr gezittert, aber man ließ sie
-einfach nicht fort, man beredete sie, man war so freundlich,
-Portweinflaschen werden entkorkt, es wird eingeschenkt, angeboten,
-genötigt. Da war sie denn aufgesprungen und hatte geschrien, so laut sie
-konnte: >Lassen Sie mich, lassen Sie mich!< und da war sie zur Tür
-gestürzt, die Tür wird aber von ihnen zugehalten, sie aber schreit und
-ruft um Hilfe; da springt plötzlich die herzu, die bei uns gewesen war,
-und schlägt meiner Olä zweimal ins Gesicht und stößt sie zur Tür hinaus.
->Du bist es nicht wert, du altes Fell, in einem feinen Hause zu sein!<
-schreit sie ihr zu, und eine andere schreit ihr noch auf die Treppe
-nach: >Du bist selbst zu uns gekommen, um dich uns aufzudrängen, weil du
-nichts zu fressen hast, wir aber hätten eine solche Fratze überhaupt
-nicht beachtet!< Diese ganze Nacht war sie wie im Fieber, sie
-phantasierte sogar im Schlaf, und am nächsten Morgen brannten ihre
-Augen, sie stand auf, ging umher, -- >der Polizei anzeigen,< sagt sie,
->ich bringe sie vor den Richter, vors Gericht!< Ich schweige, denke so
-bei mir: und was gewinnst du dadurch, womit beweist du? Sie aber geht
-immer noch ruhelos umher, ringt die Hände, die Tränen rollen ihr über
-die Wangen, aber die Lippen hat sie zusammengepreßt, unbeweglich. Und
-ihr ganzes Gesicht war von Stund' an verfinstert, und so blieb es auch
-bis zum Ende. Am dritten Tage wurde ihr leichter, sie schwieg, als hätte
-sie sich beruhigt. Und gerade an dem Tage, gegen vier Uhr nachmittags,
-suchte uns Herr Werssiloff auf.
-
-Ich muß wohl offen sagen: ich kann noch immer nicht verstehen, wie das
-kam, daß meine Olä, die doch schon so mißtrauisch geworden war, damals
-gleich nach seinem ersten Wort ihn anzuhören begann! Was uns beide am
-meisten und von vornherein für ihn einnahm, das war, daß er so ernst, ja
-sogar streng aussah; und er sprach so ruhig, so sachlich, und dabei ist
-er so höflich, -- was sage ich, höflich, -- geradezu ehrerbietig ist er,
-und dabei nicht eine Spur von einem Sicheinschmeichelnwollen. Man sieht
-sofort, dieser Mensch ist mit reinen Gedanken gekommen. Er sagte: >Ich
-habe Ihre Anzeige in der Zeitung gelesen, Sie haben sie aber,< sagt er,
->nicht ganz richtig abgefaßt, und der Fehler könnte leicht zu einem
-falschen Urteil über Sie verleiten.< Und er fing an, ihr das zu
-erklären, aber ich muß sagen, ich habe nicht alles ganz verstanden --
-von der Arithmetik sagte er da etwas. Nur sehe ich, meine Olä wird
-plötzlich ganz rot und ist wieder wie neubelebt, hört ihn aufmerksam an,
-spricht mit ihm so bereitwillig (und er muß doch auch ein sehr kluger
-Mensch sein!), und was höre ich: sie bedankt sich bei ihm sogar. Er
-fragte sie nach allem so sachlich und gewissenhaft, und man merkte
-gleich, daß er lange in Moskau gelebt hatte, und es erwies sich, daß er
-die Direktrice des ersten Mädchengymnasiums persönlich kannte.
->Stunden,< sagt er, >werde ich Ihnen bestimmt verschaffen, denn ich bin
-hier mit vielen bekannt und kann auch viele einflußreiche
-Persönlichkeiten darum bitten, und falls Sie eine dauernde Stellung
-wünschen, so könnte man auch das im Auge behalten ... vorläufig aber --
-verzeihen Sie,< sagt er, >wenn ich eine offene Frage an Sie richte:
-Könnte ich Ihnen nicht jetzt gleich irgendeinen Dienst erweisen?
-Betrachten Sie es so,< sagt er, >daß nicht ich Ihnen einen Gefallen
-erweise, sondern Sie mir damit ein Vergnügen bereiten, wenn Sie es
-zulassen, daß ich Ihnen in irgendeiner Form meine Hilfe anbieten darf.
-Fassen Sie es meinetwegen als Darlehen auf,< sagt er, >und sobald Sie
-eine Stellung erhalten haben, können Sie das ja in kürzester Zeit mit
-mir verrechnen. Sollte ich jemals in eine ähnliche Lage geraten, während
-Sie wohlhabend sind, so würde ich mich, glauben Sie mir bei meiner Ehre,
-wegen einer solchen Hilfe ohne weiteres an Sie wenden, würde auch meine
-Frau und Tochter in solchem Fall zu Ihnen schicken ...< oder so ungefähr
-drückte er sich aus, ich habe nicht alle seine Worte behalten, ich weiß
-nur, daß mir Tränen in die Augen traten, denn ich sah, daß auch bei
-meiner Olä die Lippen bebten vor Dankbarkeit: >Wenn ich es annehme,<
-antwortete sie, >so tue ich das nur, weil ich Vertrauen habe zu einem
-ehrlichen und humanen Menschen, der mein Vater sein könnte ...< Und so
-hübsch sagte sie ihm das, so zurückhaltend und vornehm, so -- >einem
-humanen Menschen,< sagte sie. Er erhob sich sofort. >Unbedingt,< sagte
-er, >unbedingt werde ich Ihnen Privatstunden und auch eine Anstellung
-verschaffen: ich werde unverzüglich das Nötige tun, denn Ihre Zeugnisse
-genügen ja vollkommen ...< Ich vergaß vorhin zu sagen, daß er sich
-gleich als erstes alle ihre Zeugnisse vom Gymnasium hatte zeigen lassen
-und sie durchgesehen hatte, und dann hatte er sie noch selbst in
-verschiedenen Fächern examiniert ... Olä sagte noch später zu mir:
->Mamachen, er hat mich doch in allen Fächern examiniert, und wie klug er
-ist, Mamachen,< sagt sie, >ich habe noch niemals mit einem so klugen und
-gebildeten Menschen gesprochen ...< Und sie strahlt nur so. Das Geld --
-es waren sechzig Rubel -- lag noch auf dem Tisch. >Legen Sie es fort,
-Mamachen,< sagt sie, >wenn ich meine Anstellung habe, wird es unsere
-erste Pflicht sein, ihm das so bald als möglich zurückzugeben, wir
-werden ihm beweisen, daß wir anständig sind; und daß wir Takt haben, das
-hat er schon gesehen.< Dann schwieg sie wieder ein Weilchen, ich sehe,
-sie sinnt und atmet so tief. >Wissen Sie,< sagt sie plötzlich zu mir,
->wissen Sie, Mamachen, wenn wir taktlos wären, so würden wir seine Hilfe
-vielleicht aus Stolz nicht angenommen haben; daß wir sie aber von ihm
-angenommen haben, gerade dadurch haben wir ihm unser Zartgefühl
-bewiesen, und daß wir ihm unser Vertrauen schenken, als einem
-ehrenwerten Manne mit schon ergrauendem Haar, nicht wahr?< Ich verstand
-sie nicht gleich und fragte: >Aber warum denn, Olä, warum soll man von
-einem edlen und reichen Menschen nicht eine Wohltat annehmen, wenn er
-außerdem noch ein Mensch mit einem guten Herzen ist?< Sie runzelte die
-Stirn. >Nein, Mamachen,< sagt sie, >das ist es nicht, nicht die Wohltat
-war nötig, sondern seine Menschlichkeit< sagt sie, >die ist hier das
-Wertvolle. Und das Geld, das hätten wir lieber gar nicht annehmen
-sollen, Mamachen: da er doch versprochen hat, mir eine Anstellung zu
-verschaffen, so ist auch das schon genug ... wenn wir es auch noch so
-nötig hätten.< -- >Ach, Olä,< sag ich, >wir haben es doch wohl mehr als
-nur nötig, wie sollen wir denn ohne dem auskommen? -- da mußten wir es
-doch schon annehmen,< sag ich, der Gedanke kam mir sogar spaßig vor, und
-ich lächelte noch über sie. Ich war so froh innerlich, aber nach einer
-Stunde sagt sie mir auf einmal: >Mamachen,< sagt sie, >warten Sie noch
-etwas, geben Sie das Geld noch nicht aus,< -- und so bestimmt sagte sie
-es. >Warum nicht?< frage ich. -- >Ich will es nicht!< sagt sie kurz,
-bricht ab und verstummt. Für den ganzen Abend blieb sie stumm; erst in
-der Nacht, so gegen zwei Uhr, wache ich auf und höre, Olä bewegt sich in
-ihrem Bett: >Sie schlafen nicht, Mamachen?< -- >Nein,< sag ich, >ich
-schlafe nicht.< -- >Wissen Sie,< sagt sie, >er hat mich doch beleidigen
-wollen!< -- >Was fällt dir ein,< sag ich, >wie kommst du darauf?< --
->Bestimmt hat er das gewollt,< sagt sie, >das ist ein gemeiner Mensch,
-nicht eine Kopeke dürfen Sie von seinem Gelde ausgeben!< sagt sie. Ich
-wollte ihr zureden, fing sogar in meinem Bett zu weinen an -- sie drehte
-sich zur Wand: >Seien Sie still,< sagt sie, >lassen Sie mich schlafen!<
-Am Morgen sehe ich sie an, sie geht umher, aber sie ist gar nicht
-wiederzuerkennen, -- und ich sage Ihnen, glauben Sie mir oder glauben
-Sie mir nicht, vor Gottes Gericht kann ich's beschwören: sie war da
-nicht mehr ganz bei Sinnen! In derselben Stunde, wo man sie in diesem
-unanständigen Hause beleidigt hatte, war ihr Herz irre geworden ... und
-auch ihr Verstand. Ich sah sie an diesem Morgen an und wunderte mich
-über sie; mir wurde schon ganz angst und bange; und ich denke noch so
-bei mir: ich werde ihr heute lieber nicht widersprechen, mit keinem
-Wort. >Seine Adresse hat er uns also richtig nicht angegeben,< sagt sie.
->Schäm dich, Olä,< sag ich, >das ist sündhaft von dir: du hast doch
-selbst gestern gehört, was er gesagt hat, hast ihn nachher noch selbst
-gelobt, warst selbst vor Dankbarkeit dem Weinen nahe ...< Kaum hatte ich
-das gesagt -- da schrie sie auf, stampfte mit dem Fuß: >Sie sind eine
-Frau mit niedrigen Gefühlen,< sagt sie, >altmodisch sind Sie erzogen,<
-sagt sie, >Ihre Auffassungen stammen noch aus der Zeit der
-Leibeigenschaft ...!< und was sie da noch alles sagte, plötzlich nimmt
-sie ihren Hut, läuft hinaus, ich rufe sie noch zurück, will sie halten,
--- was ist mit ihr, denke ich, wohin will sie nun laufen? Sie aber lief
-aufs Adreßbureau, dort erfuhr sie, wo Herr Werssiloff wohnt, und kam
-zurück: >Heute noch,< sagt sie, >sofort bring ich ihm das Geld zurück
-und werfe es ihm ins Gesicht; er hat mich beleidigen wollen, ganz wie
-Ssafronoff (so heißt unser Kaufmann); nur hat Ssafronoff mich wie ein
-roher Bauer beleidigt, dieser aber wie ein hinterlistiger Jesuit!< Und
-da kommt und klopft noch zu unserem Unglück dieser Herr an die Tür. >Ich
-höre, es ist hier von Herrn Werssiloff die Rede,< sagt er, >da müssen
-Sie _mich_ fragen, ich allein kann Ihnen alles sagen.< Wie sie das hört
-und den Namen Werssiloff, da klammert sie sich schon an ihn, wie außer
-sich ist sie, und spricht und spricht, daß ich sie nur ansehen und mich
-wundern kann: mit keinem hatte sie so gesprochen, so schweigsam war sie
-immer gewesen, und nun plötzlich ist sie so, mit diesem ganz fremden
-Menschen? Ihre Wangen glühen, ihre Augen blitzen ... Und da sagt er
-noch: >Sie haben vollkommen recht, gnädiges Fräulein. Werssiloff,< sagt
-er, >ist genau so einer wie die hiesigen Generäle, von denen die
-Zeitungen zu berichten wissen. So ein General wirft sich in Gala, steckt
-alle seine Orden an und besucht dann alle Gouvernanten, die durch die
-Zeitungen Stunden suchen, und so geht er und findet, was er sucht; und
-wenn er das nicht findet, dann sitzt er ein Weilchen, redet, verspricht
-Gott weiß was alles, und geht wieder, -- nun, und hat sich doch
-wenigstens eine kleine Zerstreuung verschafft. Tja!< sagte er. Meine Olä
-lachte sogar, aber so böse klang es, dieser Herr aber, was sehe ich,
-erfaßt ihre Hand und scheint ihre Hand an sein Herz ziehen zu wollen:
->Mein Fräulein,< sagt er, >auch ich habe mein eigenes Kapital und könnte
-es in jedem Augenblick einem schönen Mädchen anbieten, aber es ist
-besser,< sagt er, >ich küsse ihr zunächst nur das kleine Händchen ...<
-und er zieht, sehe ich, ihre Hand an die Lippen und will sie schon
-küssen. Wie aber Olä da aufsprang, und ich nun auch -- und da haben wir
-beide ihn einfach hinausgejagt! Kurz vor Abend aber entriß Olä mir das
-Geld, lief fort und kam atemlos wieder. >Mamachen,< sagt sie, >ich habe
-mich an einem ehrlosen Menschen gerächt!< -- >Ach, Olä, Olä,< sag ich,
->jetzt ist vielleicht auch unser Glück dahin, einen edlen, wohltätigen
-Menschen hast du beleidigt!< Und ich mußte weinen vor Unwillen über sie,
-ich konnte nicht anders. Da fährt sie auf und schreit: >Ich will nicht,<
-schreit sie, >ich will nicht! Und wenn er auch der anständigste Mensch
-ist, ich will sein Almosen nicht! Und daß mich jemand bedauert oder
-bemitleidet, das ertrag ich nicht, das will ich nicht!< Als ich an
-diesem Abend zu Bett ging, dachte ich an nichts. Wie oft habe ich diesen
-großen Nagel in unserer Wand betrachtet, der dort von Ihrem Spiegel
-stecken geblieben ist, -- aber niemals ist mir so was in den Sinn
-gekommen, ich bin überhaupt nicht darauf verfallen, weder gestern noch
-früher, niemals hab ich an so etwas auch nur gedacht, nicht mal
-befürchtet, und von Olä hätt ich so was schon ganz und gar nicht
-erwartet. Ich schlafe gewöhnlich sehr fest, ja ich schnarche sogar, das
-Blut dringt mir im Schlaf so zu Kopf, manchmal auch zu Herzen, und dann
-schreie ich auf im Schlaf, so daß Olä mich schon oft in der Nacht
-geweckt hat: >Wie fest Sie schlafen, Mamachen,< sagt sie, >man kann Sie
-ja gar nicht aufwecken, wenn es nötig ist.< -- >Ach, Olä,< sag ich, >ich
-weiß ja, daß ich fest schlafe.< Und so fest muß ich denn auch an diesem
-Abend eingeschlafen sein, und darauf hat sie wohl nur gewartet, um dann
-leise aufzustehen, ohne befürchten zu müssen, daß ich aufwachte. Und
-dieser Riemen von unserem Koffer, so ein langer Riemen, der trieb sich
-schon den ganzen Monat im Zimmer herum, und noch am Morgen dachte ich:
->Ach, den muß man doch endlich einmal weglegen, damit er nicht ewig so
-im Wege liegt.< Und den Stuhl hat sie dann wohl mit dem Fuß umgestoßen,
-und damit er keinen Lärm machte, hatte sie ihren Rock an der Seite
-untergebreitet. Und ich bin dann wohl erst lange, lange nachher, erst
-nach einer Stunde oder noch später, aufgewacht. >Olä!< ruf ich, >Olä!<
--- Und gleich ahnte ich etwas, wie ich sie rufe. War es nun, daß ich ihr
-Atmen von ihrem Bett her nicht mehr hörte, oder daß ich in der
-Dunkelheit doch vielleicht sah, daß ihr Bett leer war, -- ich stand
-plötzlich auf und tappte mit der Hand: im Bett ist niemand, und das
-Kissen ist kalt. Da sank mir der Mut, ich stehe und rühre mich nicht vom
-Fleck, wie leblos, und im Kopf ist mir ganz schwindelig. >Sie ist wohl
-aus dem Zimmer gegangen,< denk ich, und ich mach einen Schritt, aber da
-seh ich, beim Bett, in der Ecke, neben der Tür -- da ist so etwas, als
-stünde sie selbst dort. Ich stehe, schweige, sehe sie an, und es ist
-mir, als ob sie aus der Dunkelheit mich gleichfalls ansähe, ohne sich zu
-rühren ... >Aber warum ist sie denn,< denk ich, >auf den Stuhl
-gestiegen?< -- >Olä,< flüstere ich ganz verzagt, >Olä, hörst du?< -- Und
-da war's mir auf einmal, als werde alles in mir erleuchtet, ich schritt,
-streckte beide Arme aus, gerade auf sie zu, umfaßte sie, sie aber, sie
-schaukelt in meinen Armen, ich greife zu, sie aber schaukelt -- da
-begriff ich alles und will doch nichts begreifen ... Schreien will ich,
-aber es ist keine Stimme in mir ... Ach, dachte ich! Da fiel ich wie
-getroffen zu Boden und schrie ...«
-
--- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-»Wassin,« sagte ich am Morgen gegen sechs Uhr, »wenn Ihr Stebelkoff
-nicht dazwischen gekommen wäre, dann wäre das Unglück vielleicht gar
-nicht geschehen.«
-
-»Wer kann das wissen. Wahrscheinlich wäre es dennoch geschehen. In
-diesem Fall kann man nicht so urteilen, hier war auch ohnedies schon
-alles reif ... Freilich, dieser Stebelkoff ist bisweilen ...«
-
-Er sprach den Satz nicht zu Ende und runzelte die Stirn, wie über einen
-sehr unangenehmen Gedanken. Gegen sieben Uhr fuhr er wieder fort. Er
-hatte es übernommen, alle erforderlichen Schritte zu tun. Schließlich
-blieb ich ganz allein. Es war schon hell geworden. Im Kopf hatte ich ein
-leichtes Schwindelgefühl. Werssiloff stand mir vor Augen: die Erzählung
-dieser Mutter hatte ihn mir in einem ganz anderen Licht gezeigt. Um
-besser darüber nachdenken zu können, legte ich mich auf Wassins Bett, so
-wie ich war, angekleidet und in Stiefeln -- nur auf einen Augenblick und
-ganz ohne die Absicht, zu schlafen --, und auf einmal war ich
-eingeschlafen, ich weiß selbst nicht, wie. Ich schlief gute vier
-Stunden; niemand weckte mich.
-
-
- Zehntes Kapitel.
-
-
- I.
-
-Ich erwachte erst gegen halb elf und traute lange meinen Augen nicht:
-auf dem Diwan, auf dem ich am Abend eingeschlafen war, saß meine Mutter
-und neben ihr -- die unglückliche Mutter der Selbstmörderin. Sie saßen
-und hatten sich die Hände gegeben und sprachen flüsternd,
-wahrscheinlich, um mich nicht zu wecken, und beide weinten sie. Ich
-stand auf vom Bett und eilte auf meine Mutter zu, um sie zu küssen. Ihr
-ganzes Gesicht erstrahlte nur so, und sie küßte mich und bekreuzte mich
-dreimal mit der rechten Hand. Noch bevor wir ein Wort sagen konnten,
-ging die Tür auf, und ins Zimmer traten Werssiloff und Wassin. Meine
-Mutter erhob sich sogleich und führte die arme Frau mit sich fort.
-Wassin reichte mir die Hand, Werssiloff aber sagte kein Wort zu mir und
-setzte sich in einen Lehnstuhl. Er und Mama waren wohl schon seit
-einiger Zeit hier. Sein Gesicht sah finster und besorgt aus.
-
-»Am meisten bedauere ich,« begann er langsam, zu Wassin gewandt,
-offenbar ihr Gespräch fortsetzend, »daß ich keine Zeit gehabt habe, das
-alles noch gestern abend zu ordnen, so hätte ich dieses ganze
-schreckliche Unglück verhütet. Und eigentlich hatte ich sogar Zeit: es
-war noch nicht acht. Als sie von uns fortlief, wollte ich ihr auf dem
-Fuß hierher folgen, um sie umzustimmen, aber diese unvorhergesehene und
-unaufschiebbare Sache, die ich übrigens sehr gut bis heute hätte
-aufschieben können ... ja sogar auf eine ganze Woche, -- diese
-ärgerliche Sache hat alles verhindert und verdorben. Daß auch alles so
-zusammentreffen mußte!«
-
-»Vielleicht wäre es Ihnen auch nicht mehr gelungen, sie umzustimmen,«
-bemerkte Wassin wie nebenbei, »hier hatte sich, glaube ich, ohnehin
-schon zu viel Brennstoff angesammelt.«
-
-»Nein, es wäre mir doch gelungen, es wäre mir bestimmt gelungen! Und mir
-kam auch schon der Gedanke, Ssofja Andrejewna zu schicken. Einen
-Augenblick dachte ich daran, aber nur einen Augenblick. Gerade Ssofja
-Andrejewna hätte sie am besten beruhigen und überzeugen können, und die
-Arme wäre am Leben geblieben. Nein, nie wieder werde ich mich mit ...
->guten Taten< vordrängen ... Habe es im ganzen nur einmal im Leben
-versucht! Und ich glaubte sogar, ich gehörte noch zur jungen Generation
-und verstände noch die Jugend von heute. Aber unsere Generation ist ja
-schon alt geworden, fast noch bevor sie reif wurde. Apropos, es gibt
-jetzt tatsächlich unendlich viele Zeitgenossen, die sich aus alter
-Gewohnheit immer noch zur jungen Generation rechnen, weil sie noch
-gestern zu ihr gehörten, und dabei merken sie gar nicht, daß sie ihre
-Rolle schon ausgespielt haben.«
-
-»Hier in diesem Fall war es nur ein Mißverständnis, das ist doch ganz
-klar,« bemerkte Wassin vernünftig. »Die Mutter der Toten sagt doch
-selbst, daß ihre Tochter nach der rohen Beleidigung im öffentlichen
-Hause nicht mehr bei voller Vernunft gewesen sei. Und dann die ganze
-Sachlage hier und die erste Beleidigung durch den Kaufmann ... das hätte
-alles genau so auch in früherer Zeit vorkommen können und
-charakterisiert meiner Meinung nach durchaus nicht nur die heutige
-Jugend.«
-
-»Etwas ungeduldig ist sie schon, die Jugend von heute, abgesehen
-natürlich von ihrem geringen Verständnis für die Wirklichkeit, das
-allerdings jeder Jugend abgeht, aber der heutigen fehlt es
-gewissermaßen besonders ... Sagen Sie, was hat Herr Stebelkoff hier
-zusammengeschwatzt?«
-
-»Herr Stebelkoff ist an allem schuld,« mischte ich mich plötzlich ins
-Gespräch. »Wenn er nicht dazwischengekommen wäre, wäre nichts geschehen.
-Er hat einfach Öl ins Feuer gegossen.«
-
-Werssiloff ließ mich zu Ende sprechen, sah mich aber nicht an. Wassin
-runzelte die Stirn.
-
-»Ich mache mir auch noch etwas anderes zum Vorwurf,« fuhr Werssiloff
-fort, wieder in seiner langsamen Sprechweise. »Ich glaube, ich habe mir
-damals im Gespräch mit ihr eine gewisse Heiterkeit erlaubt, einen
-gewissen oberflächlichen, halb scherzhaften Ton -- kurz, ich bin nicht
-genügend schroff, trocken und finster gewesen, -- drei Eigenschaften,
-die, wie mir scheint, von der heutigen Jugend gleichfalls sehr hoch
-geschätzt werden. Mit einem Wort, ich gab ihr Veranlassung, mich für
-einen fahrenden Seladon zu halten.«
-
-»Ganz im Gegenteil,« mischte ich mich wieder lebhaft ein, »ihre Mutter
-sagte ausdrücklich, Sie hätten einen vorzüglichen Eindruck gemacht, und
-gerade durch Ihren Ernst, ja sogar durch Ihre Strenge und Ihre
-Aufrichtigkeit, -- das sind ihre eigenen Worte. Die Verstorbene hat noch
-selbst nach Ihrem Fortgehen in diesem Sinne von Ihnen gesprochen und Ihr
-Verhalten gerühmt.«
-
-»J--ja?« fragte Werssiloff lässig und warf endlich einen flüchtigen
-Blick auf mich. »Nehmen Sie diesen Zettel an sich, er dürfte als
-Beweisstück notwendig sein,« sagte er und reichte Wassin ein kleines
-Stückchen Papier. Der nahm es, doch da er bemerkte, daß ich neugierig
-hinsah, reichte er es mir zum Durchlesen. Es war ein Zettel, auf dem
-zwei ungleichmäßige Zeilen mit einem Bleistift gekritzelt waren,
-vielleicht in der Dunkelheit:
-
- »Mamachen, Sie Liebe, verzeihen Sie mir, daß ich mein Lebensdebüt
- abgebrochen habe. Ihre Sie betrübende Olä.«
-
-»Das wurde erst heute morgen gefunden,« bemerkte Wassin zur Erklärung.
-
-»Was für ein sonderbarer Abschiedsgruß!« rief ich verwundert aus.
-
-»Inwiefern sonderbar?« fragte Wassin.
-
-»Wie kann man nur in einem solchen Augenblick in humoristischen
-Ausdrücken schreiben?«
-
-Wassin sah mich fragend an.
-
-»Und dazu noch was für ein sonderbarer Humor,« fuhr ich fort, »das ist
-ja ein Gymnasiastenausdruck, wie er unter Schulkameraden üblich ist ...
-Wie kann man sich nur in einem solchen Augenblick in solch einem
-Schreiben an seine unglückliche Mutter so ausdrücken, -- und sie hat
-ihre Mutter doch augenscheinlich geliebt -- >daß ich mein Lebensdebüt
-abgebrochen habe<!«
-
-»Ja, warum kann man denn nicht so schreiben?« fragte Wassin, der noch
-immer nicht verstand.
-
-»Humor ist hierin so gut wie überhaupt nicht enthalten,« bemerkte
-schließlich Werssiloff. »Dieser Ausdruck ist hier natürlich nicht
-angebracht, paßt gar nicht zu dem Ton, und könnte allerdings einem
-Gymnasiastenjargon entnommen sein oder einem burschikosen
-Kameradschaftston, wie du sagst, oder vielleicht einem Feuilleton;
-jedenfalls aber hat die Verstorbene ihn hier auf diesem schrecklichen
-Zettel ganz naiv und ernsthaft gebraucht.«
-
-»Das ist nicht möglich, sie hat das Gymnasium beendet und das
-Schlußexamen mit der Silbernen Medaille bestanden.«
-
-»Die Silberne Medaille spielt in diesem Fall gar keine Rolle.
-Heutigentags beenden viele so das Gymnasium.«
-
-»Das geht wieder auf die heutige Jugend,« sagte Wassin lächelnd.
-
-»Keineswegs,« widersprach ihm Werssiloff, der sich erhob und seinen Hut
-nahm, »wenn die jetzige junge Generation nicht so literarisch ist, so
-hat sie dafür zweifellos ... andere Vorzüge,« fügte er mit
-ungewöhnlichem Ernst hinzu. »Außerdem sind >viele< nicht >alle<, und
-Ihnen zum Beispiel habe ich geringe literarische Bildung doch wahrlich
-nicht vorgeworfen, Sie aber sind ja gleichfalls ein junger Mensch.«
-
-»Aber Wassin hat ja auch nichts Schlechtes im >Lebensdebüt< gefunden!«
-konnte ich mich nicht enthalten, zu bemerken.
-
-Werssiloff reichte Wassin schweigend die Hand; der griff nach seiner
-Mütze, um mit ihm zusammen fortzugehen, und rief mir noch zu: »Auf
-Wiedersehen!« Werssiloff ging aus dem Zimmer, ohne mich zu beachten. Ich
-hatte auch keine Zeit zu verlieren: ich mußte mir unbedingt ein Zimmer
-suchen, -- jetzt war das sogar nötiger als je! Mama war nicht mehr bei
-der Wirtin, die war fortgegangen und hatte die unglückliche Nachbarin
-mitgenommen. Ich fühlte mich seltsam munter, als ich auf die Straße trat
-... Eine gewisse ganz neue und große Empfindung erwachte in meiner
-Seele. Und dazu kam nun noch, daß mir alles, wie vorherbestimmt, sofort
-gelang: ich fand ungemein schnell das Richtige, ein Zimmer, wie es mir
-gerade zusagte; doch davon später, zunächst will ich das Wichtige zu
-Ende erzählen.
-
-Es war erst etwas nach eins, als ich zurückkehrte, um meinen Koffer
-abzuholen, und ich traf Wassin zu Hause. Als er mich erblickte, rief er
-mir froh und herzlich entgegen:
-
-»Ach, das freut mich, daß Sie kommen und mich noch antreffen, ich wollte
-soeben wieder fortgehen! Ich kann Ihnen etwas mitteilen, was Sie wohl
-sehr interessieren wird.«
-
-»Glaub' ich ohne weiteres!« rief ich.
-
-»Bah! Wie mutig Sie aussehen. Sagen Sie, wußten Sie nichts von einem
-gewissen Brief, der von Krafft aufbewahrt worden ist, und den Werssiloff
-gestern erhalten hat, und der sich gerade auf die ihm zugefallene
-Erbschaft bezieht? In diesem Brief äußert der Erblasser seinen Willen in
-einem Sinne, der dem Ergebnis der gestrigen Gerichtsentscheidung gerade
-entgegengesetzt ist. Dieser Brief ist aber schon vor langer Zeit
-geschrieben. Kurzum, ich weiß nicht genau, was dieser Brief enthält,
-aber wissen Sie nichts Näheres?«
-
-»Allerdings! Krafft hat mich doch vorgestern nur deshalb zu sich
-geführt, von ... jenen Herrschaften da, Sie wissen schon, um mir diesen
-Brief zu übergeben, und ich übergab ihn gestern Werssiloff.«
-
-»Ja? So dachte ich es mir. Stellen Sie sich vor, die Sache, von der
-Werssiloff hier vorhin sprach, -- daß sie ihn gestern abend verhindert
-habe, herzukommen und dieses junge Mädchen umzustimmen, -- diese Sache
-war gerade durch diesen Brief dazwischengekommen. Werssiloff hat sich
-nämlich sofort nach Empfang dieses Briefes, also noch gestern abend, zum
-Rechtsanwalt der Fürsten Ssokolski begeben, ihm diesen Brief
-eingehändigt und auf die ganze von ihm gewonnene Erbschaft verzichtet.
-Jetzt ist dieser Verzicht schon in der vorschriftsmäßigen rechtsgültigen
-Form abgefaßt. Werssiloff schenkt nicht die Erbschaft, sondern erkennt
-in diesem Akt das alleinige Anrecht der Fürsten auf die Erbschaft an.«
-
-Ich stand wie erstarrt, aber ich war entzückt. In Wahrheit war ich ja
-vollkommen überzeugt gewesen, daß Werssiloff den Brief vernichten würde,
-ja nicht nur das! -- Ich war sogar -- obschon ich zu Krafft gesagt
-hatte, daß eine solche Handlungsweise niedrig wäre, und obgleich ich mir
-im Wirtshause dasselbe wiederholt hatte, und daß ich »zu einem reinen
-Menschen gekommen wäre, nicht aber zu diesem« -- so war ich doch trotz
-allem im tiefsten Seelengrunde der Meinung gewesen, daß man anders
-überhaupt nicht handeln könnte, als den lästigen Brief einfach aus der
-Welt schaffen. Das heißt, ich hatte das für die normalste Tat gehalten.
-Und wenn ich dann nachher Werssiloff auch beschuldigt hätte, so hätte
-ich das doch nur in einer bestimmten Absicht getan, eben um den Schein,
-das heißt, um meine moralische Überlegenheit ihm gegenüber zu bewahren.
-Doch als ich jetzt von Werssiloffs Handlungsweise hörte, geriet ich in
-vollständiges, aufrichtiges Entzücken, und mit Reue und Scham
-verurteilte ich meinen Zynismus und meine Gleichgültigkeit der Tugend
-gegenüber und stellte Werssiloff im Augenblick unendlich hoch über mich;
-fast wäre ich Wassin um den Hals gefallen.
-
-»Was für ein Mensch! Was für ein Mensch! Wer hätte an seiner Stelle das
-getan?« rief ich wie berauscht.
-
-»Ich stimme Ihnen bei, sehr viele würden das nicht getan haben ... und
-seine Handlungsweise ist zweifellos eine höchst uneigennützige ...«
-
-»Aber? ... Sprechen Sie es aus, Wassin, Sie haben noch ein Aber?«
-
-»Ja, natürlich, es ist auch ein Aber dabei. Werssiloffs Handlungsweise
-ist meines Erachtens ein wenig übereilt und nicht so ganz geradsinnig,«
-meinte Wassin lächelnd.
-
-»Nicht geradsinnig?«
-
-»Ja. Es liegt darin gleichsam so ein gewisses >Piedestal<. Wenigstens
-hätte man dasselbe tun können, ohne sich selbst so ungeheuer zu
-benachteiligen. Immerhin hätte Werssiloff, wenn nicht die Hälfte, so
-doch einen Teil der Erbschaft behalten können, sogar bei einer noch so
-feinfühligen Auffassung der Sache; um so mehr, als der Brief als
-Dokument keine entscheidende Bedeutung hat, und der Prozeß von ihm schon
-gewonnen ist. Dieser Ansicht ist auch der Advokat der Gegenpartei; ich
-habe soeben mit ihm gesprochen. Die Handlungsweise wäre deshalb nicht
-weniger schön gewesen, aber einzig, weil ihn gelüstete seinen Stolz zu
-befriedigen, ist es anders geschehen. Vor allem hat Herr Werssiloff sich
-hinreißen lassen und -- hat sich unnötigerweise übereilt, denn er sagte
-doch vorhin selbst, daß er es womöglich auf eine ganze Woche hätte
-hinausschieben können ...«
-
-»Wissen Sie was, Wassin? Ich kann nicht anders, als Ihnen beistimmen,
-aber ... mir ist es _so_ doch lieber, _so_ gefällt es mir besser!«
-
-Ȇbrigens, das ist eine Geschmackssache. Sie selbst haben mich
-herausgefordert, meine Ansicht zu äußern, sonst hätte ich geschwiegen.«
-
-»Ja, selbst wenn da auch ein >Piedestal< ist, selbst dann ist es so
-besser,« fuhr ich fort, »ein Piedestal ist ja ein Piedestal, aber an
-sich ist es doch eine sehr wertvolle Sache. Dieses >Piedestal< ist doch
-immer das >_Ideal_<, und schwerlich dürfte es besser sein, daß dieses in
-mancher heutigen Menschenseele nicht mehr vorhanden ist: mag ihm sogar
-eine kleine Verschrobenheit anhaften, wenn es nur da ist! Und bestimmt
-denken Sie auch so, Wassin, mein Teurer, mein lieber Wassin, mein guter,
-bester Wassin! Na ja, ich weiß, ich bin natürlich aus dem Konzept
-gefallen, aber Sie, Sie verstehen mich doch! Dafür sind Sie Wassin, und
--- na, jedenfalls umarme und küsse ich Sie, Wassin!«
-
-»Vor Freude?«
-
-»Vor übergroßer Freude; denn dieser Mensch >war tot und ist wieder
-lebendig geworden, er war verloren und hat sich wieder gefunden!<
-Wassin, ich bin ein nichtsnutziger Bengel und bin Ihrer nicht wert. Und
-gerade deshalb gestehe ich, daß ich in manchen Augenblicken ein ganz
-anderer bin, viel höher und tiefer. Ich habe Sie dafür, daß ich Sie
-vorgestern so ins Gesicht gelobt habe (und das tat ich, weil man mich
-erniedrigt und beschämt hatte) -- dafür habe ich Sie diese ganzen zwei
-Tage lang gehaßt! Ich gab mir noch am selben Tage das Wort, niemals zu
-Ihnen zu gehen, und gestern vormittag kam ich nur aus Bosheit zu Ihnen,
-verstehen Sie, nur _aus Bosheit_! Ich saß hier allein auf dem Stuhl und
-kritisierte Ihr Zimmer und Sie und jedes Ihrer Bücher und Ihre Wirtin,
-und wollte Sie erniedrigen und spottete über Sie.«
-
-»Aber so was braucht man doch nicht zu sagen ...«
-
-»Gestern abend schloß ich aus einer Ihrer Bemerkungen, daß Sie die
-Frauen nicht verständen, und ich war froh, daß ich diesen Fehler an
-Ihnen entdecken konnte. Und vorhin, als Sie das Wort >Lebensdebüt< ganz
-richtig fanden, hat mich das wieder furchtbar gefreut, und alles das nur
-deshalb, weil ich damals solch ein Lobhudler gewesen war.«
-
-»Aber das ist doch nur zu verständlich!« rief endlich Wassin (er fuhr
-immer noch fort, zu lächeln und schien sich nicht im geringsten über
-mich zu wundern). »Das ist doch immer so, und fast bei allen Menschen,
-und ist sogar das erste, was geschieht; nur gesteht das kein Mensch ein,
-und das braucht man ja auch gar nicht einzugestehen; denn das vergeht,
-und jedenfalls entsteht nichts daraus.«
-
-»Sollte das wirklich bei allen Menschen so sein? Sind alle so? Und Sie
-sind, während Sie das sagen, sogar ganz ruhig? Aber mit einer solchen
-Anschauung kann man doch nicht leben!«
-
-»Und Ihre Anschauung ist wohl:
-
- >Teurer, als uns erhöhender Trug,
- Ist mir die Finsternis niederer Wahrheit!<?«
-
-»Aber das ist doch richtig!« rief ich, »in diesen zwei Versen liegt ja
-ein heiliges Axiom!«
-
-»Ich weiß nicht; ich will mir darüber kein Urteil erlauben, ob diese
-zwei Verse das Richtige sagen oder nicht. Wahrscheinlich liegt die
-Wahrheit, wie das ja immer der Fall ist, irgendwo in der Mitte: das
-heißt, in einem Fall ist es heilige Wahrheit, im anderen aber -- Lüge.
-Eines nur weiß ich genau: daß diese Frage noch lange einer der
-wichtigsten strittigen Punkte unter den Menschen sein wird. Doch
-abgesehen davon, scheint mir, daß Sie jetzt Lust zum Tanzen haben. Na,
-nur los: Bewegung ist gesund! -- Mir aber hat man gerade heute so viel
-Arbeit aufgepackt ... und da ist es nun über der Unterhaltung mit Ihnen
-schon so spät geworden ...«
-
-»Ich gehe schon, gehe schon, packe mich sofort! Nur noch ein Wort,« rief
-ich und hatte schon meinen Koffer erfaßt, »wenn ich mich Ihnen jetzt
-wieder >an den Hals geworfen< habe, so habe ich das einzig deshalb
-getan, weil Sie, als ich eintrat, mit so aufrichtiger Freude diese
-Neuigkeit mir mitteilten und sich darüber >freuten<, daß ich Sie noch zu
-Hause antraf, und das alles nach meiner Bemerkung am Morgen bezüglich
-des >Debüts<; mit dieser aufrichtigen Freude haben Sie mein >junges
-Herz< im Nu wieder Ihnen zugewandt. Na, aber jetzt adieu, leben Sie
-wohl, ich werde mich bemühen, möglichst lange Sie nicht wieder zu
-besuchen, und ich weiß, daß Ihnen das höchst angenehm sein wird, was ich
-schon Ihren Augen ansehe, und uns beiden wird das noch zum Vorteil
-gereichen ...«
-
-Während das so aus mir hervorsprudelte und mir fast der Atem ausging vor
-fröhlich sich überstürzendem Geplauder, schleppte ich meinen Koffer aus
-dem Zimmer und begab mich dann mit ihm nach meiner neuen Wohnung. Vor
-allem gefiel mir furchtbar, daß Werssiloff am Morgen so ersichtlich böse
-auf mich gewesen war, daß er mich nicht einmal hatte ansehen, noch mit
-mir sprechen wollen. Als ich meinen Koffer in meinem neuen Zimmer
-abgestellt hatte, eilte ich sogleich zu meinem alten Fürsten. Ich muß
-gestehen, in diesen zwei Tagen war es mir ohne ihn sogar ein wenig
-schwer geworden. Und zudem mußte er von Werssiloffs Tat doch sicherlich
-schon gehört haben.
-
-
- II.
-
-Ich hatte es ja gewußt, daß er sich über mein Kommen furchtbar freuen
-würde, und, mein Ehrenwort, ich wäre an diesem Tage auch ohne den Fall
-Werssiloff zu ihm gegangen. Mich hatte in diesen zwei Tagen nur der
-Gedanke geschreckt, daß ich vielleicht irgendwie Katerina Nikolajewna
-begegnen könnte; jetzt aber fürchtete ich mich vor nichts mehr.
-
-Er umarmte mich vor Freude.
-
-»Was sagen Sie zu Werssiloff! Haben Sie es schon gehört?« war das erste,
-womit ich herausplatzte.
-
-»_Cher enfant_, du mein lieber Freund, das ist so erhaben, das ist so
-edel, -- _en un mot_,{[33]} sogar auf Kilian« (so hieß der Beamte unten)
-»hat es einen erschütternden Eindruck gemacht! Es ist unvernünftig von
-ihm, aber es ist glänzend, ist ein Meisterstück, ist eine Heldentat! Das
-Ideal muß man schätzen!«
-
-»Nicht wahr? Nicht wahr? Darin stimmen wir zwei immer überein.«
-
-»Du mein Lieber, wir zwei stimmen nicht nur darin, sondern in allem
-überein. Wo warst du so lange? Ich wollte unbedingt selbst zu dir
-fahren, aber ich wußte nicht, wo ich dich suchen sollte ... denn bei
-Werssiloff vorsprechen konnte ich doch nicht ... Obgleich jetzt, nach
-alledem ... Weißt du, mein Freund: gerade mit diesen Zügen hat er, wie
-mir scheint, die Frauen besiegt, gerade mit diesen Zügen, das steht
-außer Frage ...«
-
-»Apropos, um es nicht zu vergessen, ich habe es mir speziell für Sie
-gemerkt. Gestern hat ein nichtswürdiger Narr, der in meiner Gegenwart
-auf Werssiloff schimpfte, unter anderem von ihm gesagt, er sei ein
->Weiberprophet<. Wie finden Sie den Ausdruck, gerade den Ausdruck? Ich
-merkte ihn mir für Sie ...«
-
-»Ein >Weiberprophet<! _Mais ... c'est charmant!_{[34]} Haha! Aber das
-paßt doch so zu ihm, das heißt, ich wollte sagen, es paßt gar nicht --
-pfui ...! Aber es ist so treffend ... das heißt, es ist durchaus nicht
-treffend, aber ...«
-
-»Tut nichts, tut nichts, Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen,
-betrachten Sie es nur als Bonmot.«
-
-»Als Bonmot ist es prachtvoll, und, weißt du, es hat einen ungeheuer
-tiefen Sinn ... Die Idee ist ganz richtig! Das heißt, wirst du es mir
-glauben ... Ich werde dir ein ganz kleines Geheimnis mitteilen. Hast du
-dir damals hier diese kleine Olympia gemerkt? Wirst du's glauben, ihr
-tut das Herz ein wenig weh vor Liebe zu Andrei Petrowitsch, und das
-sogar in solchem Maße, daß sie, wie mir scheint, gewisse Absichten ...«
-
-»Absichten! Hat sie nicht Lust, das hier kennen zu lernen?« rief ich
-unwillig und zeigte meine Faust.
-
-»_Mon cher_, sprich nicht so laut, das ist alles so, wie es ist, und du
-hast meinetwegen recht von deinem Standpunkt aus. Apropos, mein Freund,
-was geschah mit dir eigentlich das vorige Mal nach Katerina Nikolajewnas
-Erscheinen? Du schwanktest ... ich dachte, du fielest um, und wollte
-schon zu dir eilen, um dich zu stützen?«
-
-»Sprechen wir jetzt nicht davon. Ich ... ich war einfach verwirrt, aus
-einem bestimmten Grunde ...«
-
-»Du bist auch jetzt wieder rot geworden.«
-
-»Und Sie müssen das natürlich gleich breittreten. Sie wissen doch, daß
-sie mit Werssiloff verfeindet ist ... na, und so alles das; und so war
-ich denn einfach erregt, -- ach, lassen wir das jetzt, reden wir darüber
-nächstens einmal!«
-
-»Gut, gut, lassen wir das, lassen wir das, ich bin ja selbst froh, von
-alledem nicht sprechen zu müssen ... Wie dem auch sei, ich habe ihr
-großes Unrecht getan, ich habe dir sogar, erinnerst du dich, noch über
-sie vorgeklagt ... Vergiß das, mein Freund; sie wird gleichfalls ihre
-Meinung über dich ändern, das fühle ich schon voraus, verlaß dich drauf
-... Ah, da ist ja der Fürst Sserjosha!«
-
-Ins Kabinett trat ein junger und hübscher Offizier. Ich sah ihn begierig
-an, ich hatte ihn noch nie gesehen. Das heißt, ich sage >hübsch<, wie
-das alle von ihm sagten, aber in diesem jungen und hübschen Gesicht lag
-etwas, was nicht ganz anziehend war. Ich erwähne das hier als ersten
-Eindruck, den ich im ersten Augenblick von ihm empfing, und den ich dann
-die ganze Zeit nicht mehr habe vergessen können. Er war mager,
-prachtvoll gewachsen, dunkelblond, hatte ein frisches, aber doch etwas
-gelbliches Gesicht und einen entschlossenen Blick. Seine schönen dunklen
-Augen blickten etwas streng und hart, auch wenn er ganz gelassen war.
-Aber gerade sein entschlossener Blick stieß ab, und zwar, weil man aus
-irgendeinem Grunde das Gefühl hatte, daß diese Entschlossenheit ihm gar
-zu billig zu stehen komme. Übrigens, ich verstehe das nicht auszudrücken
-... Freilich, der strenge Ausdruck seines Gesichts konnte sehr schnell
-wechseln und sich plötzlich in einen erstaunlich freundlichen,
-bescheidenen und zärtlichen verwandeln, und dabei geschah die
-Verwandlung ersichtlich mit aller Aufrichtigkeit und Echtheit. Diese
-seine Aufrichtigkeit wirkte ungemein anziehend. Und ich erwähne noch
-einen Zug: trotz aller Freundlichkeit und Aufrichtigkeit wurde dieses
-Gesicht niemals fröhlich, nicht einmal wenn der Fürst aus vollem Herzen
-lachte, -- selbst dann fühlte man gleichsam, daß eine wirkliche, helle,
-leichte Fröhlichkeit niemals in seinem Herzen war ... Übrigens ist es
-außerordentlich schwer, einen Menschen so zu beschreiben. Das verstehe
-ich gar nicht. Der alte Fürst beeilte sich sofort, nach seiner dummen
-Angewohnheit, uns bekanntzumachen.
-
-»Dies ist mein junger Freund Arkadi Andrejewitsch (wieder sagte er
-Andrejewitsch!) Dolgoruki.«
-
-Der junge Fürst wandte sich mir sofort mit doppelt höflichem
-Gesichtsausdruck zu; man sah aber, daß mein Name ihm völlig unbekannt
-war.
-
-»Es ist ... ein Verwandter Andrei Petrowitschs,« raunte ihm mein
-abscheulicher Fürst zu. (Wie sie einen mitunter ärgern können, diese
-alten Herren mit ihren Angewohnheiten!) Der junge Fürst erriet nun
-sofort, wer ich war.
-
-»Ach! Ich habe schon früher von Ihnen gehört ...« sagte er schnell. »Ich
-hatte das außerordentliche Vergnügen, im vorigen Jahr in Luga Ihr
-Fräulein Schwester Lisaweta Makarowna kennen zu lernen ... Auch sie hat
-mir von Ihnen erzählt ...«
-
-Ich wunderte mich: aus seinem Gesicht strahlte entschieden aufrichtige
-Freude.
-
-»Erlauben Sie, Fürst,« sagte ich stockend, während ich meine beiden
-Hände auf den Rücken legte, »ich muß Ihnen offen sagen, -- und es freut
-mich, daß ich das im Beisein unseres lieben Fürsten sagen kann, -- daß
-ich zwar eine Begegnung mit Ihnen sogar gewünscht habe, und noch
-kürzlich, gestern noch, aber zu einem ganz anderen Zweck. Ich sage Ihnen
-das ganz offen, wie sehr Sie sich darüber auch wundern mögen. Kurz, ich
-wollte Sie fordern wegen der Beleidigung, die Sie Werssiloff vor
-anderthalb Jahren in Ems zugefügt haben. Und obschon Sie meine Forderung
-vielleicht gar nicht angenommen hätten, da ich ja noch ein halber
-Gymnasiast und ein noch nicht volljähriger Jüngling bin, so hätte ich
-Sie dennoch gefordert, gleichviel wie Sie das aufgefaßt oder sich dazu
-verhalten hätten ... und ich gestehe, ich habe auch jetzt noch dieselbe
-Absicht.«
-
-Der alte Fürst äußerte später, es sei mir gelungen, das alles ganz
-vorzüglich zu sagen.
-
-Im Gesicht des jungen Fürsten drückte sich aufrichtige Betrübnis aus.
-
-»Sie haben mich nur nicht aussprechen lassen,« sagte er eindringlich.
-»Wenn ich mich mit herzlicher Freude an Sie gewandt habe, so geschah das
-von mir aus infolge meiner gegenwärtigen, meiner jetzigen Gefühle für
-Andrei Petrowitsch. Es tut mir leid, daß ich Ihnen nicht gleich alle
-inzwischen hinzugekommenen Momente erklären kann, aber ich versichere
-Sie bei meiner Ehre, daß ich meine unselige Tat in Ems schon längst aufs
-tiefste bereue. Als ich mich jetzt nach Petersburg aufmachte, hatte ich
-schon beschlossen, Andrei Petrowitsch jede überhaupt mögliche Genugtuung
-zu geben, ich meine, ihn direkt und buchstäblich um Entschuldigung zu
-bitten, und das in eben der Form, die er selbst bestimmt. Diese
-Veränderung meiner Auffassung haben höhere und mächtigere Einflüsse
-verursacht. Daß wir gerade einen Prozeß führten, konnte auf meinen
-Entschluß nicht den geringsten Einfluß haben. Doch seine gestrige
-Handlung mir gegenüber hat mich, ich muß sagen, bis in die Seele
-erschüttert, und sogar jetzt noch, werden Sie es mir glauben, bin ich --
-wie noch nicht zu mir gekommen. Und da muß ich Ihnen nun mitteilen, und
-deshalb bin ich auch zum Fürsten gekommen, um ihm von diesem
-außergewöhnlichen Umstand Mitteilung zu machen: vor drei Stunden, also
-gerade während der Zeit, als er mit unserem Anwalt die Sache gesetzmäßig
-erledigte, erschien bei mir ein Bevollmächtigter Andrei Petrowitschs und
-überbrachte mir seine Forderung ... eine formelle Forderung wegen des
-Vorfalls in Ems ...«
-
-»Er hat Sie gefordert?« rief ich und fühlte, wie meine Augen aufblitzten
-und das Blut mir heiß ins Gesicht schoß.
-
-»Ja, er hat mich gefordert. Ich nahm die Forderung selbstverständlich
-an, beschloß aber, noch bevor das Duell ausgetragen wird, einen Brief an
-ihn zu schreiben, in dem ich meine jetzige Ansicht über mein damaliges
-Vorgehen erklären und meine ganze Reue wegen dieses entsetzlichen
-Irrtums aussprechen wollte ... denn es war nur ein Irrtum, ein
-unseliger, verhängnisvoller Irrtum! Ich muß bemerken, daß meine Stellung
-im Regiment ein solches Vorgehen meinerseits zu einem Wagnis machte:
-durch einen solchen Brief vor dem Austrag fordert man die öffentliche
-Meinung heraus ... Sie verstehen? Aber nichtsdestoweniger entschloß ich
-mich, bloß kam ich nicht dazu, den Brief abzusenden; denn etwa eine
-Stunde nach der Forderung erhielt ich von ihm ein Schreiben, in dem er
-mich wegen der Beunruhigung um Entschuldigung bittet: ich möchte die
-Forderung vergessen! Und er fügt hinzu, er bereue seine >vorübergehende
-Anwandlung von Kleinmut und Selbstsucht< -- das sind seine eigenen
-Worte. So hat er mir nun den Schritt mit dem Brief unendlich
-erleichtert. Ich habe den Brief noch nicht abgesandt, bin aber gerade
-deswegen hergekommen, um mit dem Fürsten über etwas Diesbezügliches zu
-sprechen ... Und glauben Sie mir, ich habe unter meinen Gewissensbissen
-mehr gelitten, als vielleicht sonst jemand ... Genügen Ihnen diese
-Erklärungen wenigstens vorläufig, Arkadi Makarowitsch? Werden Sie mir
-die Ehre erweisen, meiner Aufrichtigkeit vollen Glauben zu schenken?«
-
-Ich war vollständig besiegt; ich sah in ihm eine Offenherzigkeit, an
-deren Echtheit nicht zu zweifeln war, und die ich von ihm am
-allerwenigsten erwartet hätte. Überhaupt hatte ich nichts Ähnliches
-erwartet. Ich murmelte irgend etwas zur Antwort und streckte ihm
-plötzlich meine Hände entgegen: er schüttelte sie freudig mit beiden
-Händen. Darauf führte er den alten Fürsten ins Nebenzimmer und sprach
-dort einige Minuten mit ihm. »Wenn Sie mir ein besonderes Vergnügen
-bereiten wollen,« wandte er sich laut und kurz an mich, als er aus dem
-Schlafgemach des alten Fürsten wieder heraustrat, »so fahren Sie mit mir
-jetzt gleich zu mir, und ich zeige Ihnen den Brief, den ich Andrei
-Petrowitsch sende, und gleichzeitig seinen Brief an mich.«
-
-Ich willigte mit Vergnügen ein. Mein alter Fürst wurde bei unserem
-Aufbruch sehr geschäftig und rief mich auch noch auf einen Augenblick in
-sein Schlafgemach.
-
-»_Mon ami_, wie froh ich bin, wie froh ich bin ... Wir reden noch
-darüber, über alles, aber später. Jetzt jedoch, sieh, ich habe hier zwei
-Briefe in meinem Portefeuille: der eine ist hinzubringen, und da ist
-noch persönliche Rücksprache zu nehmen, und der andere ist an die Bank
--- und dort ist dasselbe zu tun ...«
-
-Und damit händigte er mir zwei angeblich wichtige Schreiben ein und tat,
-als erfordere der Auftrag große Mühe und Aufmerksamkeit. Ich hatte nur
-hinzufahren und persönlich zu übergeben, zu quittieren usw.
-
-»Ach, Sie Schlauberger!« rief ich lachend und nahm die Briefe, »ich bin
-überzeugt, das ist alles nichts von Bedeutung, und was da Mühe machen
-soll, möchte ich auch gern wissen, -- aber Sie haben sich diesen Auftrag
-einzig für mich ausgedacht, um mich glauben zu machen, ich hätte hier
-was zu tun und bekäme das Geld nicht umsonst!«
-
-»_Mon enfant_,{[35]} ich schwöre dir, du irrst dich: das sind zwei
-überaus wichtige und unaufschiebbare Sachen ... _Cher enfant!_« rief er
-auf einmal, unendlich gerührt, »du mein lieber Junge!« (Er legte mir
-beide Hände aufs Haupt.) »Ich segne dich und dein Los ... seien wir
-immer so reinen Herzens, wie du es heute warst ... seien wir gut und
-schön, soviel wir nur irgend können ... laß uns alles Schöne lieben ...
-in allen seinen verschiedenartigen Formen ... Und -- _enfin ... enfin
-rendons grâce ... et je te bénis_!«{[36]}
-
-Er sprach nicht zu Ende und begann zu schluchzen über meinem Haupte. Ich
-muß gestehen, auch mir waren die Tränen nahe; wenigstens umarmte ich
-meinen Sonderling herzlich und mit Freuden. Wir küßten uns aufrichtig.
-
-
- III.
-
-Der Fürst Sserjosha (das heißt, der junge Fürst Ssergei Petrowitsch
-Ssokolski, -- ich werde ihn nur Ssergei Petrowitsch nennen) brachte mich
-in einem eleganten Gefährt nach seiner Wohnung, und das erste war, daß
-ich mich über die Pracht seiner Wohnung wunderte. Nicht Pracht im
-üblichen Sinne, aber die Wohnung war wie bei den »allerersten Leuten«,
-mit hohen, großen, hellen Räumen (ich sah zwei von ihnen, die Türen zu
-den anderen waren geschlossen), und die Möbel -- allerdings nicht in
-Gott weiß was für einem Versailles- oder Renaissancestil, aber es waren
-doch schöne, komfortable, reiche Möbel in Menge, und im ganzen eine
-Einrichtung auf großem Fuß, mit schönen Teppichen, geschnitzter
-Holztäfelung und Statuen. Und doch wurde allgemein davon gesprochen, daß
-sie so gut wie Bettler seien, fast nichts mehr besäßen. Ich hatte
-freilich einmal flüchtig die Bemerkung gehört, daß dieser Fürst überall
-den Leuten Sand in die Augen gestreut habe, -- sowohl hier wie in
-Moskau, im Regiment und in Paris -- daß er sogar ein Spieler sei und
-Schulden habe. Ich hatte einen verknüllten Rock an, an dem zum Überfluß
-noch Federstäubchen waren, da ich angekleidet auf Wassins Bett gelegen
-hatte, und mein Hemd trug ich schon den vierten Tag. Der Rock war
-übrigens noch nicht so schlecht, aber hier beim Fürsten fiel mir wieder
-das Angebot Werssiloffs ein, bei seinem Schneider mir Kleider machen zu
-lassen.
-
-»Denken Sie sich, ich habe, dank einer Selbstmörderin, diese ganze Nacht
-angekleidet geschlafen,« bemerkte ich aus einer gewissen inneren
-Zerstreutheit heraus, und da er sogleich Interesse zeigte, so erzählte
-ich ihm kurz den ganzen Fall. Aber sein Brief schien ihn doch mehr zu
-beschäftigen. Und mich beunruhigte hauptsächlich, daß er nicht nur nicht
-gelächelt, sondern nicht einmal den Schimmer eines Gedankens an ein
-Lächeln gezeigt hatte, als ich vorhin so ohne weiteres mit meiner
-Absicht, ihn zu fordern, herausgerückt war. Wenn ich auch verstanden
-hatte, ihn zum Ernstsein zu zwingen, so war das doch merkwürdig von
-einem Menschen dieser Art. Wir setzten uns mitten im Raum einander
-gegenüber, an seinen riesigen Schreibtisch, und er gab mir den fertigen,
-schon ins reine geschriebenen Brief an Werssiloff zur Durchsicht. Dieses
-Dokument enthielt fast dasselbe, was er mir schon bei meinem Fürsten
-gesagt hatte; es war ersichtlich mit Leidenschaft geschrieben. Ich wußte
-freilich noch nicht, wie ich diese seine augenscheinliche
-Offenherzigkeit und seine Bereitwilligkeit zu allem Guten eigentlich
-beurteilen sollte, aber ich ließ mich schon besiegen; denn, im Grunde
-genommen -- warum sollte ich ihm nicht glauben? Was er als Mensch auch
-sein und was man von ihm auch sagen mochte, er konnte doch trotz allem
-gute Neigungen haben. Ich las auch Werssiloffs Brief an ihn -- nur
-sieben Zeilen -- die Zurücknahme der Forderung. Obschon er in diesem
-Brief tatsächlich von »Kleinmut« und »Selbstsucht« geschrieben hatte, so
-sprach doch aus dem Ganzen ein gewisser Hochmut ... oder richtiger, in
-seiner ganzen Handlungsweise lag eine gewisse Geringschätzung. Ich
-sprach das aber nicht aus.
-
-»Wie fassen Sie diesen Verzicht auf das Duell eigentlich auf?« fragte
-ich. »Sie glauben doch wohl nicht, daß er den Mut verloren hat?«
-
-»Selbstverständlich nicht,« sagte der Fürst lächelnd, aber es war ein
-sehr ernstes Lächeln, und überhaupt wurde der Ausdruck seines Gesichts
-immer sorgenvoller. »Ich weiß zu genau, daß dieser Mensch mutig ist.
-Hier, in diesem Fall ist es natürlich ein Ausdruck seiner besonderen
-Auffassung ... seiner persönlichen Ideenrichtung.«
-
-»Zweifellos ist es das!« fiel ich ihm lebhaft ins Wort. »Ein gewisser
-Herr Wassin sagt, in seiner Handlungsweise mit dem Brief des Erblassers
-und in dem Verzicht auf die Erbschaft sei ein gewisses Verlangen, sich
-auf ein >Piedestal< zu stellen ... Meiner Ansicht nach tut man so etwas
-nicht fürs Publikum, sondern die Tat entspricht etwas dem Wesen des
-Menschen zugrunde Liegendem, dem Innersten dieses Menschen.«
-
-»Ich kenne Herrn Wassin sehr gut,« bemerkte der Fürst.
-
-»Ach, ja, Sie müssen ihn ja in Luga gesehen haben.«
-
-Wir sahen uns plötzlich an, und ich weiß noch, ich wurde, glaube ich,
-etwas rot. Wenigstens brach er das Gespräch sofort ab. Ich dagegen hätte
-sehr gern weitergesprochen. Der Gedanke an eine Begegnung, die ich tags
-zuvor gehabt hatte, lockte mich, etliche Fragen an ihn zu richten, nur
-wußte ich nicht, wie ich anfangen sollte. Und überhaupt war ich
-gewissermaßen schlecht aufgelegt. Mich frappierte auch seine
-erstaunliche Wohlerzogenheit und Höflichkeit, die Ungezwungenheit seiner
-Manieren, -- mit einem Wort, diese ganze glänzende Politur ihres Tones,
-die diese Menschen fast schon in der Wiege annehmen. In seinem Russisch
-geschriebenen Brief aber fand ich zwei äußerst grobe grammatikalische
-Fehler. Übrigens: bei solchen Begegnungen erniedrige ich mich nicht
-etwa, sondern werde übertrieben schroff, was bisweilen vielleicht auch
-unangebracht ist. Aber in diesem Fall trug dazu auch noch der Gedanke
-bei, daß mein Rock nicht gebürstet war, und so überschritt ich erst
-recht die Grenze und rückte mit fast familiären Fragen heraus. Es war
-mir nicht entgangen, daß der Fürst mich hin und wieder sehr aufmerksam
-musterte.
-
-»Sagen Sie, Fürst,« platzte ich plötzlich mit der Frage heraus, »finden
-Sie es in Ihrem Inneren nicht lächerlich, daß ich, der ich noch so ein
->Milchbart< bin, Sie zum Zweikampf fordern wollte, und das noch wegen
-einer einem Fremden zugefügten Beleidigung?«
-
-»Durch die Beleidigung des Vaters kann man sehr wohl sich selbst
-beleidigt fühlen. Nein, ich finde es nicht lächerlich.«
-
-»Mir aber scheint es, daß so etwas furchtbar lächerlich sein muß ... von
-manchem Gesichtspunkt aus ... das heißt, versteht sich, nicht von meinem
-aus. Um so mehr, als ich Dolgoruki heiße und nicht Werssiloff. Wenn Sie
-mir aber nicht die Wahrheit sagen, vielleicht um die Sache zu
-beschönigen aus glatter gesellschaftlicher Höflichkeit, so sagen Sie mir
-wohl auch in allem übrigen nicht die Wahrheit und betrügen mich?«
-
-»Nein, ich finde es nicht lächerlich,« wiederholte er ungeheuer ernst.
-»Sie können doch das Blut Ihres Vaters nicht -- nicht in sich fühlen
-...? Sie sind aber noch zu jung; denn ... ich weiß nicht ... ich glaube,
-wer noch nicht volljährig ist, darf sich noch nicht duellieren, oder man
-darf seine Forderung nicht annehmen ... so ist die Regel ... Aber
-vielleicht gibt es hier schließlich nur einen einzigen ernsten Einwand:
-wenn Sie ohne Wissen des Beleidigten, wegen dessen Beleidigung Sie sich
-schlagen wollen, den Beleidiger fordern, so äußern Sie damit gleichsam
-eine gewisse persönliche Nichtachtung des Betreffenden Ihrerseits, ist
-es nicht so?«
-
-Unser Gespräch wurde von einem Diener unterbrochen, der eintrat und
-etwas melden zu wollen schien. Wie der Fürst ihn erblickte, stand er
-sofort auf -- er hatte ihn wohl die ganze Zeit schon erwartet -- und
-ging schnell auf ihn zu, so daß der Diener die Meldung nur halblaut
-machte, und ich natürlich nichts davon hören konnte.
-
-»Entschuldigen Sie mich, bitte,« wandte sich der Fürst nach mir um, »in
-einer Minute bin ich wieder da.«
-
-Und damit ging er hinaus. Ich blieb allein zurück, ging auf und ab und
-dachte nach. Sonderbar, er gefiel mir, und gleichzeitig gefiel er mir
-gar nicht. Es war in ihm irgend so etwas, was ich selbst nicht zu
-benennen gewußt hätte, aber jedenfalls war es etwas Abstoßendes. »Wenn
-er wirklich nicht über mich lacht, so muß er allerdings sehr offenherzig
-sein; aber wenn er über mich lachte, so ... würde ich ihn vielleicht für
-klüger halten ...« ging es mir etwas seltsam durch den Kopf.
-
-Ich trat an den Tisch und las noch einmal seinen Brief an Werssiloff.
-Die Gedanken beschäftigten mich so, daß ich die Zeit ganz vergaß, und
-als ich wieder zu mir kam, da bemerkte ich plötzlich, daß die >eine
-Minute< des Fürsten sich schon zweifellos zu einer Viertelstunde
-ausgedehnt hatte. Das regte mich ein wenig auf; ich ging noch einmal hin
-und her, schließlich nahm ich meinen Hut und beschloß, hinauszugehen,
-und falls mir jemand begegnete, den Fürsten rufen zu lassen, und wenn er
-käme, mich einfach zu verabschieden unter dem Vorwande, daß ich zu tun
-hätte und nicht länger warten könne. Ich dachte, das wäre das
-richtigste; denn mich quälte ein wenig der Gedanke, daß er mich, indem
-er mich solange allein ließ, etwas nachlässig behandelte. Der Raum hatte
-nur zwei Türen, beide waren geschlossen und befanden sich in derselben
-Wand. Da ich vergessen hatte, durch welche Tür wir eingetreten waren,
-vielleicht aber auch aus Zerstreutheit, öffnete ich die falsche Tür und
-sah auf einmal in einem schmalen, langen Zimmer, auf einem Diwan
-sitzend, -- meine Schwester Lisa. Außer ihr war niemand im Raum, und sie
-wartete wohl auf jemand. Aber noch hatte ich keine Zeit, mich zu
-wundern, als ich auf einmal die Stimme des Fürsten hörte, der laut
-hinter der anderen Tür mit jemand sprach und ins Kabinett zurückkehrte.
-Ich schloß schnell meine Tür, und der eintretende Fürst merkte nichts.
-Ich erinnere mich, er begann sich zu entschuldigen und sprach von einer
-Anna Fjodorowna ... Ich war aber so verwirrt und betroffen durch das
-Gesehene, daß ich fast nichts verstand und nur irgendwie
-hervorstotterte, daß ich unbedingt nach Hause müsse, und ich verließ
-entschlossen und schnell das Zimmer. Der wohlerzogene Fürst wird mein
-Benehmen wohl sehr merkwürdig gefunden haben. Er begleitete mich sogar
-bis ins Vorzimmer und sprach die ganze Zeit, ich aber antwortete nichts
-und sah ihn nicht einmal an.
-
-
- IV.
-
-Als ich auf die Straße trat, bog ich nach links und ging weiter, ohne zu
-denken, wohin. Meine Gedanken waren alle wie zerrissen und verstreut.
-Ich ging langsam, und ich glaube, ich war schon ein gutes Stück
-gegangen, wohl über fünfhundert Schritt, als ich plötzlich einen
-leichten Schlag auf meiner Schulter fühlte. Ich sah mich um und
-erblickte Lisa: sie hatte mich eingeholt und mit dem Sonnenschirm leicht
-auf die Schulter geschlagen. Etwas ungeheuer Lustiges und zugleich auch
-etwas Schelmisches lag in ihrem strahlenden Blick.
-
-»Nein, bin ich froh, daß du nach dieser Seite gegangen bist, sonst hätte
-ich dich heute nicht mehr erreicht!« Sie war vom schnellen Gehen etwas
-außer Atem.
-
-»Wie du außer Atem bist.«
-
-»Ich bin so schnell gegangen, fast gelaufen, um dich einzuholen.«
-
-»Lisa, das warst doch du, die ich vorhin gesehen habe?«
-
-»Wo?«
-
-»Beim Fürsten ... beim Fürsten Ssokolski ...«
-
-»Nein, das war nicht ich, nein, mich hast du nicht gesehen ...«
-
-Ich schwieg; so gingen wir etwa zehn Schritt. Plötzlich fing Lisa
-furchtbar zu lachen an.
-
-»Ich, ach, natürlich war ich es, ich, ich! Hör mal, du hast mich doch
-selbst gesehen, hast mir in die Augen gesehen und ich dir, wie kannst du
-nun noch fragen, ob ich es war? Nein, das ist mir mal ein Charakter! Und
-weißt du, ich wollte furchtbar lachen, als du mir dort in die Augen
-sahst; denn du sahst furchtbar komisch aus!« Und sie lachte unbändig.
-Ich fühlte, wie sofort mein ganzer Kummer aus meinem Herzen schwand.
-
-»Aber wie, sag doch, wie bist du denn hingekommen?«
-
-»Ich war bei Anna Fjodorowna.«
-
-»Bei was für einer Anna Fjodorowna?«
-
-»Bei der Stolbejeff. Als wir in Luga waren, saß ich ganze Tage bei ihr,
-sie hat auch Mama bei sich empfangen und ist sogar selbst zu uns
-gekommen. Sonst aber hat sie dort fast mit keinem Menschen verkehrt. Mit
-Andrei Petrowitsch ist sie entfernt verwandt, und auch mit den Fürsten
-Ssokolski ist sie verwandt; sie ist, wenn ich mich nicht irre, eine
-Großtante des Fürsten.«
-
-»So wohnt sie beim Fürsten?«
-
-»Nein, der Fürst wohnt bei ihr.«
-
-»Aber wessen Wohnung ist denn das?«
-
-»Natürlich ihre Wohnung. Sie hat diese Wohnung schon seit einem ganzen
-Jahr. Der Fürst ist ja erst vor kurzem angekommen und bei ihr
-abgestiegen. Und auch sie ist erst seit vier Tagen in Petersburg.«
-
-»Nun denn ... weißt du was, Lisa, hol' sie der Henker, ihre Wohnung und
-sie selbst ...«
-
-»Nein, sie ist ein prächtiger Mensch ...«
-
-»Na, meinetwegen, das kann sie ja sein, aber wir sind selbst prächtige
-Menschen! Sieh, was das für ein Tag ist, sieh, wie schön es ist! Und was
-du heute für eine Schönheit bist, Lisa! Aber weißt du, du bist doch noch
-ein richtiges Kind.«
-
-»Arkadi, sag, jenes junge Mädchen von gestern ...«
-
-»Ach, sie tut mir so leid, Lisa, ach Gott, so schrecklich leid!«
-
-»Ja, wie ist das traurig! Was war das für ein Los! Weißt du, es ist
-sogar sündhaft, daß wir hier so fröhlich gehen, während ihre Seele jetzt
-irgendwo in der Finsternis schwebt, irgendwo in einer bodenlosen
-Finsternis, mit ihrer Sünde und mit dem Unrecht, das man ihr angetan.
-Arkadi, wer ist an ihrer Sünde schuld? Wie ist das grauenvoll! Denkst du
-auch jemals an diese Finsternis? Ach, wie ich den Tod fürchte, und wie
-sündhaft das ist! Ich liebe die Dunkelheit nicht, da ist doch solch eine
-Sonne ein ganz anderes Ding! Mama sagt, es sei Sünde, sich zu fürchten
-... Arkadi, sag, kennst du Mama gut?«
-
-»Noch wenig, Lisa, nur wenig.«
-
-»Wenn du wüßtest, was für ein Wesen sie ist! Du mußt Sie kennen lernen!
-Man muß sie erst ganz besonders und in ihrer Art verstehen lernen ...«
-
-»Aber auch dich habe ich ja bisher nicht gekannt und kenne dich jetzt
-doch ganz und gar. In einer Minute habe ich dich verstehen gelernt und
-begriffen. Du, Lisa, fürchtest zwar den Tod, aber du bist doch stolz,
-unerschrocken, mutig. Bist besser als ich, viel besser als ich! Ich
-liebe dich furchtbar, Lisa. Ach, Lisa! Mag, wenn es sein muß, der Tod
-kommen, aber bis dahin -- leben, leben! Laß uns um jene Unglückliche
-trauern, aber das Leben laß uns dennoch segnen, nicht? Nicht? Ich habe
-eine >Idee<, Lisa. Lisa, du weißt doch, daß Werssiloff die Erbschaft
-abgelehnt hat? Du kennst meine Seele nicht, Lisa, du weißt nicht, was
-dieser Mensch für mich bedeutet hat!«
-
-»Wie sollte ich das nicht wissen, -- alles weiß ich.«
-
-»Alles weißt du? Nun ja, dafür bist du eben du! Du bist klug; du bist
-klüger als Wassin. Du und Mama -- ihr habt durchdringende Augen,
-menschenfreundliche Augen, das heißt, ich meine den Blick, nicht die
-Augen, ich rede dummes Zeug ... Ich bin in vieler Hinsicht schlecht,
-Lisa.«
-
-»Dich muß man nur an der Hand nehmen, und das ist alles!«
-
-»Nimm mich, Lisa. Wie schön es heute ist, dich anzusehen. Ja, weißt du
-auch, daß du ganz entzückend aussiehst? Ich habe noch niemals deine
-Augen gesehen ... Erst jetzt zum erstenmal ... Wo hast du sie heute
-hergenommen, Lisa? Wo gekauft? Wieviel bezahlt? Lisa, ich habe noch nie
-einen Freund gehabt, ja, und ich betrachte diese Freundschaftsidee
-überhaupt als Unsinn; aber Freundschaft mit dir wäre kein Unsinn ...
-Willst du, so laß uns Freunde werden? Du verstehst, was ich sagen will
-...?«
-
-»Sehr gut sogar.«
-
-»Und weißt du, ohne Abmachungen, ohne Kontrakt, -- laß uns einfach
-Freunde sein!«
-
-»Ja, einfach, ganz einfach, aber nur eine Abmachung: wenn wir uns
-irgendeinmal gegenseitig beschuldigen sollten, wenn wir einmal
-unzufrieden werden oder sogar böse und schlecht, ja, selbst wenn wir
-alles dieses vergessen sollten, -- so wollen wir doch niemals den
-heutigen Tag und diese Stunde vergessen! Geben wir uns das Wort darauf!
--- Das Wort, daß wir immer dieses Tages gedenken werden, wo wir zwei so
-Hand in Hand gingen und lachten und uns so froh zumute war ... Ja? Ja?«
-
-»Ja, Lisa, ja, und ich schwöre dir das. Aber weißt du, Lisa, mir ist,
-als hörte ich dich zum erstenmal ... Lisa, hast du viel gelesen?«
-
-»Bis jetzt hast du noch nie danach gefragt! Erst gestern zum erstenmal,
-als ich mich versprach und mich wie Mama ausdrückte, geruhten Sie, das
-zu bemerken, mein hochgeehrter Herr und Philosoph.«
-
-»Warum hast du denn nicht selbst mit mir zu sprechen angefangen, wenn
-ich so ein Dummkopf war?«
-
-»Ich habe immer darauf gewartet, daß du klüger werden würdest. Ich habe
-Sie, mein Herr, von Anfang an durchschaut, und wie ich Sie, Arkadi
-Makarowitsch, durchschaut hatte, da dachte ich bei mir: >Er wird schon
-zu mir kommen, es wird ja bestimmt damit enden, daß er kommt,< -- nun,
-und so nahm ich mir vor, diese Ehre Ihnen zu überlassen, als erster den
-Schritt zu tun. >Nein,< dachte ich, >mach du mir erst mal den Hof!<«
-
-»Ach, du Kokette! Na, Lisa, gestehe mal ehrlich: Hast du in diesem Monat
-über mich gelacht oder nicht?«
-
-»Oh! -- du bist so komisch, du bist furchtbar komisch, Arkadi! Und weißt
-du, vielleicht habe ich dich gerade deswegen am meisten geliebt in
-diesem Monat, -- weil du solch ein Sonderling bist. Aber du bist in
-vielen Dingen auch ein häßlicher Sonderling -- das sage ich dir, damit
-du mir nicht zu stolz wirst. Aber weißt du auch, wer noch über dich
-gelacht hat? Mama hat über dich gelacht, mit mir zusammen: >So ein
-drolliger Kauz,< flüsterte sie mir dann zu, >sieh nur, was für ein
-drolliger Kauz!< Du aber sitzt und denkst dabei, wir säßen und zitterten
-vor dir.«
-
-»Lisa, wie denkst du über Werssiloff?«
-
-»Ich halte sehr viel von ihm; aber weißt du, wir wollen jetzt lieber
-nicht über ihn sprechen. Heute brauchen wir nicht über ihn zu sprechen,
-nicht wahr?«
-
-»Ja, du hast recht! Nein, du bist wirklich furchtbar klug, Lisa! Du bist
-unbedingt klüger als ich. Warte nur, Lisa, ich mache mit alledem ein
-Ende, und vielleicht sage ich dir dann etwas ...«
-
-»Warum machst du nun ein so finsteres Gesicht?«
-
-»Nein, ich mache kein finsteres Gesicht, Lisa, das war nur so ... Sieh,
-Lisa, ich spreche es lieber offen aus: das ist so eine meiner
-Eigenheiten, daß ich es nicht liebe, wenn man manches Empfindliche, was
-man so in der Seele hat, mit den Fingern anrührt ... oder sagen wir:
-wenn man gewisse Gefühle oft anderen aufdeckt oder sie hervorzieht,
-damit alle sie sehen, so ist das doch eine Schande, nicht wahr? Deshalb
-ziehe ich es vor, düster zu sein und zu schweigen. Du bist klug, du mußt
-das verstehen.«
-
-»Nicht nur das, ich bin auch selbst so; ich habe dich in allem
-verstanden. Weißt du auch, daß auch Mama so ist?«
-
-»Ach, Lisa! Wenn man nur länger auf Erden leben könnte! Wie? Was sagtest
-du?«
-
-»Nein, ich habe nichts gesagt.«
-
-»Du siehst mich an?«
-
-»Ja, und auch du siehst mich an. Ich sehe dich an und liebe dich.«
-
-Ich begleitete sie fast bis nach Hause und gab ihr meine Adresse. Beim
-Abschied küßte ich sie zum erstenmal im Leben.
-
-
- V.
-
-Und alles wäre gut gewesen, aber nur eines war schlecht: ein schwerer
-Gedanke wälzte sich in mir schon seit der Nacht und ging mir nicht aus
-dem Sinn. Es war das die Erinnerung, daß ich am Abend vorher, als ich
-vor unserer Hofpforte mit jener Unglücklichen zusammengetroffen war, ihr
-gesagt hatte, ich ginge aus dem Hause, verließe das Nest; denn von bösen
-Menschen müsse man fortgehen und sein eigenes Nest bauen, und Werssiloff
-hätte viele außereheliche Kinder. Solche Worte über den Vater vom
-leiblichen Sohn gesagt, hatten natürlich ihren ganzen Verdacht gegen
-Werssiloff bestätigt, auch den, daß sie von ihm beleidigt worden sei.
-Ich hatte Stebelkoff angeklagt, aber vielleicht war vor allen anderen
-ich derjenige gewesen, der Öl ins Feuer gegossen hatte. Dieser Gedanke
-war schrecklich und ist es noch heute ... Damals aber, an jenem Morgen,
-hatte er zwar schon angefangen, mich zu quälen, aber es schien mir doch
-noch alles Einbildung zu sein. »Ach, da hatte sich auch ohne mein
-Dazutun schon genug angesammelt und aufgehäuft,« wiederholte ich mir
-immer wieder. »Ach, tut nichts, es wird schon vorübergehen! Ich werde
-mich bessern! Ich werde das irgendwie gutmachen ... durch irgendeine
-gute Tat ... Ich habe noch fünfzig Jahre vor mir!«
-
-Aber der Gedanke quälte doch weiter.
-
-
-
-
- Zweiter Teil
-
-
- Erstes Kapitel.
-
-
- I.
-
-Ich überspringe einen Zeitraum von fast zwei Monaten; der Leser braucht
-sich aber nicht zu beunruhigen: aus dem Folgenden wird ihm alles klar
-werden. Besonders einen Tag, den fünfzehnten November, möchte ich scharf
-hervorheben, -- diesen Tag, der mir aus vielen Gründen nur zu gut im
-Gedächtnis geblieben ist. Vor allen Dingen hätte mich damals niemand
-wiedererkannt, der mich zwei Monate vorher gesehen hatte, wenigstens
-nicht mein Äußeres, oder wenn er mich auch wiedererkannt hätte, so hätte
-er sich diese Veränderung doch nicht erklären können. Ich war
-hyperelegant gekleidet -- das war das erste. Jener »gewissenhafte
-Franzose mit eigenem Geschmack«, der mir von Werssiloff einmal empfohlen
-worden war, hatte mir nicht nur einen ganzen Anzug gemacht, sondern war
-mir schon nicht mehr fein genug: für mich arbeiteten damals ganz andere
-Schneider, höhere, erstklassige, und ich habe bei ihnen sogar laufende
-Rechnung. Auch in einem hiesigen vornehmen Restaurant habe ich laufende
-Rechnung, aber hier wage ich es noch nicht recht, und sobald ich wieder
-Geld habe, bezahle ich sofort, obschon ich weiß, daß ein solches
-Bezahlen _mauvais ton_{[37]} ist und mich kompromittiert. Auf dem Newski
-habe ich einen französischen Friseur, mit dem ich mich sehr gut stehe,
-und wenn ich mich von ihm frisieren lasse, erzählt er mir alle möglichen
-Geschichten. Um die Wahrheit zu sagen, ich spreche mit ihm, um mich im
-Französischen zu üben. Ich beherrsche ja die Sprache, und sogar ganz
-gut, aber in großer Gesellschaft habe ich doch noch eine gewisse Scheu
-selbst anzufangen; und meine Aussprache ist wohl auch längst nicht
-pariserisch. Ich habe Matwei, meinen Fiaker, der mit seinem Traber zu
-meinen Diensten steht, wo und wann ich bestimme. Er hat einen
-hellbraunen Hengst (Schimmel liebe ich nicht). Manches stimmte auch
-nicht ganz: es war der fünfzehnte November, seit drei Tagen hatten wir
-schon Winter, mein Pelz aber war alt, ein von Werssiloff längst
-abgelegter; hätte ich ihn verkauft, so würde ich etwa fünfundzwanzig
-Rubel bekommen haben. »Ich muß mir einen neuen anschaffen,« sagte ich
-mir, »aber meine Taschen sind leer, und außerdem muß ich mir noch zu
-heute abend um jeden Preis Geld verschaffen, sonst bin ich verloren.« --
-»Unglücklich und verloren« -- das waren damals meine eigenen Worte. O
-Niedrigkeit! Wie, woher kamen auf einmal diese Tausende, dieser Traber
-und diese vornehmen Restaurants? Wie hatte ich so schnell alles
-vergessen und mich so verändern können? O Schmach! Ja, jetzt beginne ich
-die Geschichte meiner Schmach und Schande, und nichts im Leben kann für
-mich beschämender sein, als es diese Erinnerungen sind!
-
-Ich sage das als mein eigener Richter, und ich weiß, daß ich schuldig
-bin. In diesem Strudel, in den ich damals hineingeraten war, und in dem
-ich mich drehte, war ich zwar allein, ohne Führer und Ratgeber, aber ich
-schwöre, auch damals schon wußte ich, daß ich gefallen war, und deshalb
-bin ich nicht zu entschuldigen. Und dennoch war ich in diesen zwei
-Monaten beinah glücklich, -- warum sage ich »beinah«? Ich war gar zu
-glücklich! War es sogar in solchem Maße, daß selbst das Bewußtsein
-meiner Schmach, das von Zeit zu Zeit in mir aufblitzte (und wie oft!),
-und unter dem mein Herz sich zusammenkrampfte, -- daß dieses Bewußtsein
-(wird man es glauben?) mich noch mehr berauschte: »Ach nun, fällt man,
-dann fällt man; für immer falle ich ja doch nicht, ich komme schon
-wieder heraus! Ich habe meinen Stern!« -- Ich ging gleichsam auf einem
-schmalen Stege aus Holzstäben und ohne Geländer über einem Abgrund, und
-es machte mir Spaß, daß ich so ging; ich sah sogar in den Abgrund hinab.
-Es war ein Wagnis, und es war lustig. Aber meine »Idee«? -- Die »Idee«,
-die war für später, die Idee wartete; alles, was jetzt war und geschah,
-war »nur ein kleiner Seitensprung«: »Warum sich denn nicht ein bißchen
-amüsieren?« Das ist ja eben das Schlechte an »meiner Idee«, ich sage es
-hier nochmals, daß sie entschieden alle Seitensprünge zuläßt; wäre sie
-weniger fest und radikal, so hätte ich vielleicht nicht gewagt, mich
-ablenken zu lassen.
-
-Indessen war ich immer noch der Inhaber meines kleinen möblierten
-Mietzimmers, war der Mieter, aber nicht der Bewohner desselben. Dort
-lagen mein Koffer, meine Reisetasche und noch andere Sachen, doch meine
-Hauptresidenz war beim Fürsten Ssergei Ssokolski. Ich saß bei ihm, ich
-schlief bei ihm, und das sogar wochenlang ... Wie es dazu kam, will ich
-gleich erklären, zunächst aber will ich noch ein paar Worte über dieses
-Zimmerchen sagen. Es war mir schon liebgeworden: hierher war Werssiloff
-gekommen, er selbst als erster nach unserem damaligen Zerwürfnis, hier
-hatte er damals gesessen, und dann noch viele Male. Ich wiederhole:
-diese Zeit war für mich eine furchtbare Schmach, zugleich aber auch ein
-riesiges Glück ... Und alles traf sich damals so gut und gelang mir und
-lächelte mir! »Und wozu diese ganze frühere Griesgrämigkeit,« fragte ich
-mich in manchen seligen Minuten, »wozu diese alten schweren Wunden,
-meine einsame und traurige Kindheit, meine dummen Träume unter dem
-Kinderdeckchen, meine Schwüre, Pläne und selbst meine >Idee<? Ich habe
-das alles in die Luft gebaut und mir ausgedacht, und nun erweist es
-sich, daß in der Welt etwas ganz anderes ist. Mir ist jetzt doch so froh
-und leicht zumute: ich habe einen Vater -- Werssiloff, ich habe einen
-Freund -- Fürst Sserjosha, und ich habe noch ...« doch von diesem noch
--- reden wir lieber nicht. Ach, alles geschah im Namen der Liebe, der
-Großmut, der Ehre. Dann aber stellte sich heraus, daß alles schändlich,
-gemein und ehrlos war.
-
-Genug.
-
-
- II.
-
-Das erstemal war er am dritten Tage nach unserem damaligen Zerwürfnis zu
-mir gekommen. Ich war nicht zu Hause, und so blieb er und wartete auf
-mich. Ich hatte schon diese ganzen drei Tage auf ihn gewartet, aber als
-ich in mein Zimmer trat und ihn erblickte, flimmerte es mir vor den
-Augen, und mein Herz klopfte so stark, daß ich in der Tür stehen blieb.
-Zum Glück saß mein Wirt bei ihm, der sich für verpflichtet gehalten
-hatte, sich dem Gast, damit diesem das Warten nicht langweilig werde,
-vorzustellen und ihn mit Eifer zu unterhalten. Er war ein kleiner
-Beamter, Titularrat, schon in den Vierzigern, sehr pockennarbig, sehr
-arm, und hatte eine kranke, schwindsüchtige Frau und ein krankes Kind.
-Seinem Charakter nach war er äußerst mitteilsam und friedfertig,
-übrigens auch ziemlich taktvoll. Ich freute mich über seine Anwesenheit,
-er half wenigstens über den Anfang hinweg; denn was hätte ich sonst zu
-Werssiloff sagen sollen? Ich hatte ja gewußt, genau gewußt, diese ganzen
-drei Tage gewußt, daß Werssiloff selbst kommen, als erster kommen werde,
--- genau so, wie ich das wünschte; denn ich wäre um keinen Preis als
-erster zu ihm gegangen, nicht etwa aus Trotz und Verstocktheit, sondern
-einzig aus Liebe zu ihm, aus einer gewissen Liebeseifersucht, oder --
-ich weiß nicht, wie ich das ausdrücken soll. Ja, und überhaupt wird der
-Leser keinen schönen Redefluß bei mir finden. -- Aber obschon ich ihn
-diese ganzen drei Tage erwartet und mir fast ununterbrochen vorgestellt
-hatte, wie er, wenn er käme, in mein Zimmer eintreten werde, so hatte
-ich mir doch nie im voraus ausdenken können, obschon ich mich krampfhaft
-anstrengte, wovon wir beide zu sprechen anfangen würden ... nach allem,
-was geschehen war.
-
-»Ah, da bist du ja,« sagte er und streckte mir freundschaftlich die Hand
-entgegen, ohne sich dabei zu erheben. »Setze dich mal zu uns; Pjotr
-Ippolitowitsch erzählt eine überaus interessante Geschichte von dem
-Großen Stein, der in der Nähe der Pawlowsker Kasernen liegt ... oder
-hier irgendwo in der Umgegend ...«
-
-»Ja, ich kenne den Stein,« sagte ich schnell und setzte mich zu ihnen
-auf einen Stuhl. Sie saßen am Tisch. Das ganze Zimmer war genau vier
-Quadratmeter groß. Ich holte einmal tief Atem.
-
-Ein Funken von Zufriedenheit blitzte in Werssiloffs Augen auf; ich
-glaube, er hatte mir keine besondere Haltung zugetraut und befürchtet,
-ich würde mich Gott weiß wie benehmen. Nun war er beruhigt.
-
-»Erzählen Sie es lieber nochmals von Anfang an, Pjotr Ippolitowitsch.«
--- Sie redeten sich schon mit dem Vor- und Vatersnamen an.
-
-»Ja, also, was ich sagen wollte, -- das hat sich nämlich noch zu
-Nikolais des Ersten Zeiten zugetragen,« wandte sich Pjotr Ippolitowitsch
-nervös und mit einer gewissen Pein zu mir, als litte er schon im voraus
-unter der Möglichkeit, daß seine Geschichte keinen Eindruck machen
-könnte. »Sie kennen doch diesen Stein, -- plötzlich so ein großer Stein
-auf der Straße: warum? wozu? -- er stört doch nur, nicht wahr? Majestät
-fuhren mehrere Mal den Weg, und jedesmal war dieser Stein da.
-Schließlich mißfiel das Majestät, und es ist doch auch wahr: so ein
-ganzer Berg, auch noch mitten auf der Straße, er ist doch nur im Wege,
-nicht wahr? >Der Stein ist zu beseitigen!< sagt Majestät. Nun, einmal
-gesagt, ist zu beseitigen -- Sie verstehen, was das heißt, dieses >ist<
-und >zu beseitigen<? Man weiß doch, wie der Selige war. Also: was tun
-mit diesem Stein? Alle verloren den Kopf. Da war nämlich die Stadtduma,
-und dann hauptsächlich war da, ich weiß nicht mehr wer, nämlich einer
-von unseren Aristokraten, damals die erste Persönlichkeit, und dieser
-hatte für alles aufzukommen. Und dieser selbe Würdenträger hört sie nun
-alle an, die Ratgeber nämlich: fünfzehntausend Rubel werde es kosten,
-sagen sie, nicht weniger, und in Silber (denn in der Regierungszeit des
-Seligen stand das Metallgeld höher im Wert als das Papiergeld). >Was,
-fünfzehntausend, Blödsinn!< sagt der Würdenträger. Die Engländer wollten
-nämlich zuerst Schienen legen bis zum Stein und ihn mit Dampfkraft
-fortschaffen; aber was hätte das gekostet? Eisenbahnen gab es doch
-damals bei uns noch nicht, nur die eine nach Zarskoje Sselo, die ging
-schon ...«
-
-»Ach was, man hätte ihn doch einfach zersägen können,« sagte ich mit
-wachsendem Verdruß; ich ärgerte mich und schämte mich vor Werssiloff; er
-aber hörte mit sichtlichem Vergnügen zu. Ich begriff, daß auch er über
-die Anwesenheit des Wirtes froh war; denn mit mir allein zu sein, wäre
-auch ihm peinlich gewesen, und er schämte sich sogar vor mir, das sah
-ich; ich weiß noch, ich empfand das fast als rührend von ihm.
-
-»Jawohl, jawohl, gerade das war's ja auch, worauf man dann verfiel, und
-es verfiel darauf von allen nur Monferrand, der nämlich damals gerade
-die Isaakskirche baute. >Zersägen und fortführen,< riet er. Jawohl, aber
-was wird das kosten?«
-
-»Nichts kostet das, man zersägt einfach und führt die Stücke fort.«
-
-»Nein, erlauben Sie, da muß man doch eine Maschine aufstellen, eine
-Dampfmaschine, und dann: wohin fortführen? Und dazu solch einen
-Riesenstein, fast wie ein Berg? Zehntausend, sagt man, weniger wird es
-nicht kosten, zehn- oder zwölftausend.«
-
-»Hören Sie mal, Pjotr Ippolitowitsch, das ist doch barer Unsinn, das
-kann doch nicht so gewesen sein ...« Aber da blinzelte mir Werssiloff
-heimlich zu, und in diesem geheimen Zeichen, das er mir gab, lag so viel
-feinfühlendes Mitgefühl mit meinem Wirt, ja sogar ein so aufrichtiges
-Leiden für ihn, daß mir das ungeheuer gefiel, und ich begann zu lachen.
-
-»Ja ... ja ...« freute sich mein Wirt, der natürlich nichts bemerkt
-hatte und nur fürchtete, wie alle diese Erzähler, daß man ihn durch
-Fragen aus dem Text bringen könnte. »Ja, und da kommt nun gerade ein
-Kleinbürger des Weges gegangen, ein noch junger Mann, so, wissen Sie,
-ein echter Russe, Vollbart und Hemdbluse, und womöglich mit so einem
-kleinen Rausch ... oder nein, berauscht war er nicht. Und da steht nun
-dieser Kleinbürger und hört zu, wie sie da beraten, nämlich die
-Engländer und der Monferrand; und dieser Würdenträger, die Hauptperson,
-ist gerade im Wagen angefahren gekommen, hört sie an und ärgert sich:
-wie sie sich da so lange beraten und doch nicht Rat zu schaffen wissen!
-Und da fällt sein Blick auf diesen Kleinbürger, auf denselben nämlich,
-der etwas weiter fort steht, zuhört und so etwas falsch lächelt, das
-heißt, nicht falsch, ich habe mich nicht richtig ausgedrückt, aber so,
-nämlich sozusagen etwas ... etwas ...«
-
-»Spöttisch,« half ihm Werssiloff vorsichtig.
-
-»Spöttisch, ja, das ist das Wort, das heißt, ein wenig spöttisch,
-nämlich so mit einem gutmütigen russischen Lächeln, genau so, wissen
-Sie. Nun, dem Würdenträger war das natürlich wieder ein Grund zum Ärger,
-man weiß ja, wie das ist: >Heda, du, was hältst du hier Maulaffen feil?
-Wer bist du?<
-
->Ja so,< sagt er, >ich sehe mir das Steinchen an, Euer Gnaden.< Gerade
-so sagte er, nämlich zu dem Würdenträger. -- Ja, war das nicht am Ende
-Fürst Ssuworoff Italijski selber, das heißt ein Nachkomme des alten
-Feldmarschalls ...? Oder nein, das war kein Ssuworoff, -- schade, ich
-hab's nämlich vergessen, wer es war, nur war er, wissen Sie, wenn auch
-Durchlaucht und was nicht alles, so doch ein echter Russe, so ein
-russischer Typus, Patriot, mit einem verstehenden russischen Herzen; na,
-er erriet sofort:
-
->So, siehst das Steinchen an und lachst dabei -- würdest du etwa den
-Stein fortschaffen können? -- Worüber lachst du denn?<
-
->Mehr so eigentlich über die Engländer, Euer Gnaden,< sagt er, >die
-machen doch einen schon gar zu hohen Preis, weil der russische Beutel
-dick ist und sie zu Hause nichts zu essen haben. Wenn Euer Gnaden mir
-hundert Rubel aussetzen wollten -- bis morgen abend schaffen wir das
-Steinchen aus dem Wege.<
-
-Nun, können Sie sich einen solchen Vorschlag denken? Die Engländer
-hätten ihn vor Wut natürlich gefressen; Monferrand lacht; nur dieser
-Würdenträger mit dem russischen Herzen sagt: >Man gebe ihm die hundert
-Rubel! Wirst du ihn wirklich fortschaffen können?<
-
->Morgen gegen Abend wird er weg sein, Euer Gnaden.<
-
->Ja, aber, wie willst du das machen?<
-
->Das mag schon, mit Verlaub, wenn Euer Gnaden das nicht übelnehmen,
-unser Geheimnis bleiben,< sagt er, und wissen Sie, sagt es so richtig
-russisch! Das gefiel dem Würdenträger. >Man gebe ihm alles, was er
-verlangt!< Und dabei blieb's. Was glauben Sie wohl, was er nun tat?«
-
-Mein Wirt machte eine Kunstpause und sah mit gerührtem Blick bald mich,
-bald Werssiloff an.
-
-»Ich weiß es nicht,« sagte Werssiloff lächelnd; ich ärgerte mich.
-
-»Ja, sehen Sie, er tat das nämlich so,« hub der Wirt nun mit einem
-solchen Triumphgefühl an, als hätte er das alles selbst gemacht. »In
-kürzester Zeit hatte er sich soundso viele Bauern mit Spaten gedungen,
-ganz gewöhnliche, aber so richtige russische Bauern, und mit denen
-begann er dicht beim Stein eine Grube zu graben; die ganze Nacht gruben
-sie, gruben eine riesige Grube, so groß wie der Stein, sogar noch etwas
-größer, und als die fertig war, ließ er allmählich und vorsichtig und
-immer mehr die Erde auch unter dem Stein weggraben. Nun, das ist doch
-erklärlich, je mehr sie unten weggruben, um so weniger hatte der Stein
-Boden unter sich, auf dem er stehen konnte, und um so mehr kam sein
-Gleichgewicht ins Wanken; und wie er dann ganz ins Wanken kam, da
-stemmten sie sich noch alle Mann von der anderen Seite gegen den Stein,
-so, wissen Sie, mit Hurra und auf russische Art: der Stein schaukelte
-mal, und -- plumps! fiel er in die Grube! Dann wurde fix zugeschaufelt,
-mit einem Rammklotz festgestampft, mit Steinchen festgepflastert --
-alles glatt, und der Stein war weg!«
-
-»Denken Sie sich!« sagte Werssiloff.
-
-»Und was da an Menschen zusammenlief! Menschen, mehr als man zählen
-kann! Die Engländer, die nämlich schon längst alles erraten hatten,
-stehen da, sind wütend. Monferrand kommt angefahren: >Das,< sagt er,
->ist bäurisch gemacht, ist gar zu einfach.< -- Aber das ist doch gerade
-der ganze Witz der Sache, daß es so einfach zu machen war, ihr aber, ihr
-Schafsköpfe, seid nicht darauf verfallen! Und ich kann Ihnen sagen,
-dieser Vorgesetzte, nämlich dieser hohe Würdenträger und Staatsmann, --
-der umarmte ihn einfach und küßte ihn: >Ja, woher kommst du, wer bist
-du?< fragt er ihn. -- >Wir sind aus dem Jaroslawschen, Euer Gnaden, sind
-unserem Handwerk nach, mit Verlaub zu sagen, eigentlich Schneider, im
-Sommer aber kommen wir nach der Hauptstadt, um mit Früchten bißchen
-Handel zu treiben, Euer Gnaden.< Nun, die Obrigkeit erfuhr davon, und
-ihm wurde eine Medaille umgehängt; und so ging er denn seit der Zeit
-immer mit der Medaille am Halse; aber dann hat er sich dem Trunk
-ergeben, sagt man. Wissen Sie, ein russischer Mensch, der bändigt sich
-ja nicht! Deshalb nämlich werden wir auch bis heute von den Ausländern
-ausgesogen, ja ... Ja ... sehen Sie wohl!«
-
-»Ja, allerdings, die russische Art ...« begann Werssiloff, aber da wurde
-mein Wirt von der kranken Frau gerufen, und er mußte zu ihr eilen, -- zu
-seinem Glück; denn ich hätte mich nicht mehr lange bezwingen können.
-Werssiloff lachte.
-
-»Mein Lieber, er hat mich ja schon eine ganze Stunde amüsiert, noch
-bevor du kamst. Diese Anekdote vom Stein ... die ist doch für ihn die
-einzige Möglichkeit, sein patriotisches Empfinden auszudrücken, -- wie
-darf man ihn da unterbrechen? Du hast es doch selbst gesehen: er verging
-ja förmlich vor Wonne. Und außerdem liegt dieser Stein, wenn ich mich
-nicht sehr irre, noch heute dort und ist noch niemals versenkt worden
-...«
-
-»Ach, bei Gott!« rief ich, »das ist allerdings wahr! Aber wie durfte er
-dann ...«
-
-»Was hast du? Du bist ja, wie's scheint, ganz ernstlich aufgebracht? Laß
-gut sein. Er hat da etwas verwechselt. Ich habe eine ähnliche Geschichte
-von einem Stein schon in meiner Kindheit gehört, nur lag jener Stein
-selbstverständlich irgendwo anders. Ich bitte dich: >die Obrigkeit
-erfuhr davon<! -- seine ganze Seele sang ja förmlich, als er das sagte.
-In diesem traurigen Milieu geht es ja nicht ohne Anekdoten. Sie kennen
-eine Unmenge solcher Geschichten, und sie gefallen ihnen ...
-Hauptsächlich wegen ihrer eigenen Ungeistigkeit. Sie haben nichts
-gelernt, sie wissen nichts Wissenswertes, nun, ein Mensch aber will doch
-manchmal auch von etwas anderem reden, als nur vom Kartenspiel oder ewig
-fachsimpeln, man will doch auch einmal von etwas allgemein Menschlichem,
-Poetischem reden ... Was ist er, dieser Pjotr Ippolitowitsch?«
-
-»Ein armer Kerl, und sogar ein unglücklicher Mensch.«
-
-»Nun, siehst du, vielleicht spielt er nicht einmal Karten? Ich sage dir
-nochmals, mit der Erzählung solcher Anekdötchen kommt er dem Bedürfnis
-seiner Nächstenliebe nach: er wollte doch auch uns glücklich machen. Und
-auch seiner Vaterlandsliebe hat er ein Genüge getan. Dann haben sie da
-noch eine Anekdote, -- wie die Engländer Sawjaloff eine Million gezahlt
-hätten, damit er seine Fabrikate nicht mehr mit seiner Fabrikmarke
-versehe.«
-
-»Ach Gott, ja, diese Anekdote habe ich auch gehört.«
-
-»Wer hat sie nicht gehört? Und wenn er sie erzählt, weiß er ja ganz
-genau, daß du sie schon gehört hast, aber er erzählt sie trotzdem und
-macht sich selbst glauben, daß du sie noch nicht gehört hast. Die
-Anekdote vom Traum des Schwedenkönigs scheint bei ihnen jetzt schon
-veraltet zu sein; in meiner Jugend wurde sie noch mit Wonne erzählt, und
-in geheimnisvollem Flüsterton, ganz wie die andere Geschichte, daß zu
-Anfang des Jahrhunderts jemand im Senat vor den Senatoren auf den Knien
-gelegen habe. Über den Kommandanten Baschutzki gab es gleichfalls viele
-Anekdoten, zum Beispiel, wie das Denkmal gestohlen wurde. Besonders
-beliebt sind Anekdoten, die sich angeblich bei Hofe zugetragen haben.
-Zum Beispiel von Tschernüschoff, dem ehemaligen Premierminister; etwa
-wie er, der siebzigjährige Greis, sich äußerlich so herzurichten
-verstanden hätte, daß er wie ein Dreißigjähriger aussah, und der selige
-Kaiser sich bei den Empfängen jedesmal über ihn wunderte.«
-
-»Auch diese Geschichte kenne ich.«
-
-»Wer kennt sie nicht? Alle diese Anekdoten sind der Gipfel geistiger
-Unsachlichkeit; aber du mußt wissen, daß dieser Typ des unsachlichen
-Menschen viel tiefer sitzt und sogar viel verbreiteter ist, als wir
-gemeinhin annehmen. Die Lust zu lügen, um seinen Nächsten glücklich zu
-machen, wirst du sogar in unserer besten Gesellschaft antreffen; denn
-wir leiden alle an dieser Unenthaltsamkeit unserer Herzen. Nur sind
-unsere Geschichten von etwas anderer Art; was aber bei uns zum Beispiel
-allein von Amerika alles erzählt wird, und noch dazu von Staatsmännern,
-das ist fürchterlich. Ja, ich muß bekennen, daß ich selbst zu diesem
-unenthaltsamen Typ gehöre und mein ganzes Leben lang darunter gelitten
-habe ...«
-
-»Die Anekdote von Tschernüschoff habe auch ich schon ein paarmal
-erzählt.«
-
-»Sogar schon selbst erzählt?«
-
-»Hier ist außer mir noch ein Zimmermieter, ein Beamter, der gleichfalls
-Pockennarben hat, ein schon alter Mann, aber er ist ein furchtbarer
-Prosaiker, und sobald Pjotr Ippolitowitsch zu erzählen beginnt, fängt er
-sofort an ihn zu unterbrechen und aus dem Text zu bringen. Das hat er so
-weit gebracht, daß mein Wirt ihn wie ein Sklave bedient und ihm alles zu
-Gefallen tut, damit er ihn nur erzählen läßt.«
-
-»Das ist bereits ein anderer Typ des Unsachlichen und vielleicht sogar
-ein widerlicherer als der erste. Der erste -- ist ganz Begeisterung!
->Laß mich nur etwas faseln, und du wirst sehen, wie schön alles sich
-abspielt!< Der zweite Typ -- ist ganz Mißgunst und Prosa: >Ich laß dich
-nicht faseln, wo geschah das, wann, in welchem Jahre?< -- mit einem
-Wort, der zweite Typ ist ein Mensch ohne Herz. Mein Freund, laß den
-Menschen immer ein wenig dichten -- es ist eine unschuldige Lust. Laß
-ihn sogar viel dichten. Erstens beweist du damit Zartgefühl, und
-zweitens wird man dich dafür gleichfalls dichten lassen -- also zwei
-Vorteile zugleich. _Que diable!_{[38]} Man muß seinen Nächsten lieben.
-Aber für mich ist es Zeit. Du hast dich sehr nett eingerichtet,«
-bemerkte er, sich vom Stuhl erhebend. »Ich werde Ssofja Andrejewna und
-deiner Schwester erzählen, daß ich bei dir gewesen bin und dich bei
-guter Gesundheit angetroffen habe. Auf Wiedersehen, mein Lieber.«
-
-Wie, war das alles? Aber das war ja gar nicht das, was ich brauchte! Ich
-hatte etwas ganz anderes erwartet, natürlich die _Hauptsache_, aber ich
-begriff nun und sah ein, daß es anders ja gar nicht möglich war. Ich
-nahm das Licht und begleitete ihn auf die Treppe hinaus; auch mein Wirt
-eilte diensteifrig herbei und wollte ihn gleichfalls begleiten, aber ich
-packte ihn hinter Werssiloffs Rücken am Arm und stieß ihn wütend zurück.
-Er sah mich zwar verwundert an, drückte sich aber sogleich.
-
-»Diese Treppen ...« sagte Werssiloff undeutlich und langsam,
-augenscheinlich nur, um etwas zu sagen und somit zu verhüten, daß ich
-etwas sagte, wovor er Angst zu haben schien, »... diese Treppen -- ich
-bin an so was nicht gewöhnt, und du wohnst im dritten Stock, --
-übrigens, jetzt finde ich schon den Weg ... Bemühe dich nicht, mein
-Lieber, du wirst dich noch erkälten.«
-
-Aber ich ging nicht zurück. Wir waren schon auf der zweiten Treppe.
-
-»Ich habe diese ganzen drei Tage nur auf Sie gewartet,« entrang es sich
-mir plötzlich; wie von selbst; mein Atem stockte.
-
-»Ich danke dir, mein Lieber.«
-
-»Ich wußte, daß Sie bestimmt kommen würden.«
-
-»Und ich wußte, daß du wußtest, daß ich bestimmt kommen würde. Hab Dank,
-mein Lieber.«
-
-Er verstummte. Wir waren fast schon an der Haustür angelangt, und ich
-folgte ihm immer noch. Er wollte die Tür öffnen -- ein kurzer Windstoß
-löschte mein Licht. Da ergriff ich plötzlich seine Hand; es war
-stockdunkel. Er zuckte zusammen, sagte aber nichts und schwieg. Ich
-beugte mich plötzlich über seine Hand und küßte sie gierig, küßte sie
-mehrmals, küßte sie immer wieder.
-
-»Mein lieber Junge, ja wofür liebst du mich denn so?« sagte er, aber
-schon mit einer ganz anderen Stimme.
-
-Seine Stimme bebte, etwas ganz Neues klang in ihr, ganz als hätte nicht
-er gesprochen.
-
-Ich wollte irgend etwas erwidern, brachte aber nichts über die Lippen
-und lief zurück nach oben. Er aber wartete immer noch und stand auf
-demselben Platz; erst als ich schon im dritten Stock angelangt war,
-hörte ich, wie unten die Haustür aufging und dann laut zuschlug. An
-meinem Wirt, der mir, weiß Gott weshalb, wieder in den Weg lief,
-schlüpfte ich schnell vorüber in mein Zimmer, verriegelte die Tür von
-innen und warf mich, ohne Licht zu machen, auf mein Bett, grub das
-Gesicht ins Kissen und -- weinte, weinte. Zum erstenmal weinte ich
-wieder seit der Zeit bei Touchard! Das Schluchzen erschütterte mich mit
-solcher Gewalt, und ich war so glücklich ... doch wozu das beschreiben.
-
-Ich habe das jetzt niedergeschrieben, ohne mich zu schämen; denn
-vielleicht war das alles nur gut, trotz der ganzen Ungereimtheit.
-
-
- III.
-
-Aber er mußte mir dafür schon büßen! Ich wurde ein schrecklicher Despot.
-Selbstverständlich ist diese Szene von uns nachher nie erwähnt worden.
-Im Gegenteil, wir begegneten uns am dritten Tage, als hätte sich nicht
-das geringste zwischen uns zugetragen, -- mehr noch: ich war an dem
-Abend nahezu grob, und er war auch von einer gewissen wortkargen
-Trockenheit. Das trug sich wieder in meiner Wohnung zu; ich war, ich
-weiß nicht weshalb, noch immer nicht zu ihnen gegangen, trotz meines
-Verlangens, meine Mutter zu sehen.
-
-Gesprochen haben wir in dieser ganzen Zeit, das heißt, in diesen ganzen
-zwei Monaten, nur von den abstraktesten Dingen. Und darüber muß ich mich
-nun eigentlich wundern: wir taten wirklich nichts anderes, als Gespräche
-über die abstraktesten Themata führen, natürlich waren es allgemein
-menschliche und die für unsere Zeit wichtigsten Themata, aber sie
-berührten nicht im entferntesten die dringendsten Fragen unseres
-persönlichen Lebens in der konkreten Wirklichkeit. Und dabei gab es in
-dieser Wirklichkeit so vieles, was festgesetzt und aufgeklärt werden
-mußte, und das tat sogar dringend not, aber gerade darüber schwiegen
-wir. Ich sprach sogar mit keinem Wort von meiner Mutter oder Lisa und
-... nun, und schließlich auch nicht von mir und meiner ganzen
-Geschichte. Geschah das nun aus Schamgefühl oder aus einer gewissen
-jugendlichen Dummheit -- das weiß ich nicht. Ich nehme an, daß es
-Dummheit war; denn über das Schamgefühl hätte man sich immerhin noch
-hinwegsetzen können. Ich spielte ihm gegenüber, wie gesagt, den
-Despoten, und manchmal wurde ich sogar unverschämt, wurde es aber
-eigentlich gegen meine Absicht: ich weiß nicht, das geschah alles
-irgendwie ganz von selbst und unbezwingbar, ich konnte mich nicht
-zurückhalten. In seinem Ton dagegen lag nach wie vor ein feiner Spott,
-wenn er auch immer überaus freundlich war, trotz aller meiner Ausfälle.
-Es wunderte mich auch nicht wenig, daß er selbst lieber zu mir kam, so
-daß ich schließlich nur noch sehr selten zu Mama ging, höchstens einmal
-in der Woche, nicht öfter, besonders in der allerletzten Zeit, als ich
-schon ganz und gar vom Wirbel erfaßt worden war und mich in ihm drehte.
-Er kam immer abends, saß bei mir und unterhielt sich mit mir; auch mit
-meinem Wirt unterhielt er sich gern, -- das ärgerte mich bei einem
-Menschen wie ihm. Mir kam auch der Gedanke: Hat er denn außer mir
-wirklich keinen Menschen, zu dem er gehen könnte? Doch ich wußte ganz
-genau, daß er noch andere Bekannte hatte und in der letzten Zeit sogar
-frühere Beziehungen zu der höheren Gesellschaft, die von ihm vor einem
-Jahr abgebrochen worden waren, wieder erneuert hatte; aber ich glaube,
-der Verkehr mit ihnen lockte ihn nicht sonderlich; viele Beziehungen
-hatte er nur offiziell erneuert, und wie mir schien, kam er lieber zu
-mir. Es rührte mich manchmal sehr, daß er, wenn er abends zu mir kam,
-fast jedesmal beim Öffnen der Tür gleichsam zagte und in der ersten
-Minute mir immer mit einer sonderbaren Unruhe in die Augen sah, als
-wollte er fragen: >Störe ich nicht? Sage es nur, und ich gehe.< Ja, er
-sprach das manchmal sogar aus. Einmal, zum Beispiel, es war in der
-letzten Zeit, kam er, als ich gerade vom Schneider meinen Anzug erhalten
-und mich angekleidet hatte, um zum »Fürsten Sserjosha« zu fahren, mit
-dem ich mich irgendwohin begeben wollte (wohin -- werde ich später
-erklären). Er aber hatte sich schon gesetzt und wahrscheinlich gar nicht
-bemerkt, daß ich aufbrechen wollte; bisweilen kam eine sehr sonderbare
-Zerstreutheit über ihn. Und zum Unglück begann er gerade von meinem Wirt
-zu sprechen; ich brauste auf:
-
-»Ach, zum Teufel mit ihm, mit diesem Wirt!«
-
-»Ach so, mein Lieber,« er stand sogleich auf. »Du scheinst ausgehen zu
-wollen, und da habe ich dich aufgehalten ... Entschuldige, bitte.«
-
-Und er beeilte sich, mich zu verlassen. Eben diese Bescheidenheit eines
-solchen Menschen, und noch mir gegenüber, eines so unabhängigen
-Weltmannes, der soviel Persönliches hatte, erweckte in meinem Herzen mit
-einem Schlage wieder meine ganze Zärtlichkeit zu ihm und meinen ganzen
-Glauben an ihn. Aber wenn er mich so liebte, warum hielt er mich dann in
-dieser Zeit meiner Schmach nicht zurück? Er hätte doch damals nur ein
-Wort zu sagen brauchen -- und ich hätte mich vielleicht beherrscht.
-Übrigens ... vielleicht auch nicht. Aber er sah doch meine
-Modetorheiten, meine Großmannssucht, meinen Schlitten (ich wollte ihn
-sogar einmal in meinem Schlitten mitnehmen, aber er lehnte es ab; und
-sogar mehr als einmal habe ich ihn aufgefordert, einzusteigen, er hat
-aber immer abgelehnt), er sah doch, daß ich mit dem Gelde nur so um mich
-warf, -- und kein Wort, kein Wort von ihm, nicht einmal eine neugierige
-Frage! Das hat mich die ganze Zeit gewundert, auch heute noch wundert es
-mich. Ich aber schämte mich damals natürlich nicht im geringsten vor ihm
-und ließ ihn alles sehen, wenn ich auch kein Wort zur Erklärung sagte.
-Er fragte nicht, und ich sagte nichts. Das heißt, ein paarmal waren wir
-doch nahe daran, auf das Thema der dringenden Angelegenheiten
-überzugehen. Einmal fragte ich ihn (das war noch am Anfang, bald nach
-seinem Verzicht auf die Erbschaft), wovon und wie er denn jetzt zu leben
-gedenke.
-
-»Irgendwie, mein Freund,« sagte er mit auffallender Ruhe.
-
-Heute weiß ich, daß selbst Tatjana Pawlownas kleines Kapital von
-ungefähr fünftausend Rubel in diesen zwei letzten Jahren zur Hälfte für
-Werssiloff verausgabt worden ist.
-
-Ein anderes Mal kamen wir, ich weiß nicht mehr, wie, auf meine Mutter zu
-sprechen; auf einmal sagte er traurig: »Mein Freund, ich habe es Ssofja
-Andrejewna oft gesagt, in der ersten Zeit unserer Verbindung, übrigens
-nicht nur in der ersten Zeit, auch in der Mitte und am Ende: >Liebste,
-ich quäle dich und quäle dich zu Tode, und es tut mir nicht leid,
-solange du bei mir bist; aber ich weiß, wenn du nicht mehr bist, werde
-ich mich mit Selbstanklagen zu Tode quälen.<«
-
-An diesem Abend war er, ich weiß noch, ganz besonders offenherzig.
-
-»Wenn ich noch ein charakterschwacher wertloser Mensch wäre und unter
-diesem Bewußtsein litte! Aber das ist es ja nicht, ich weiß doch, daß
-ich unendlich stark bin, und wodurch, was glaubst du? -- eben durch
-diese unmittelbare Kraft der Verträglichkeit mit allem, was es auch sei,
-die allen klugen Russen unserer Generation in so hohem Maße eigen ist.
-Mich kannst du durch nichts zerstören, durch nichts vertilgen, durch
-nichts in Erstaunen setzen. Ich habe ein so zähes Leben wie ein Hofhund.
-Ich kann auf die allerbequemste Weise zwei entgegengesetzte Gefühle zu
-gleicher Zeit empfinden -- und das, versteht sich, doch nicht aus
-eigenem Willen. Aber nichtsdestoweniger weiß ich, daß das ehrlos ist,
-vor allem deshalb, weil es gar zu einsichtsvoll ist. Ich habe fast bis
-zum fünfzigsten Jahr gelebt, und noch immer weiß ich weder, noch ahne
-ich, ob es nun gut oder ob es schlecht ist, daß ich solange gelebt habe.
-Natürlich, ich liebe das Leben, und das ergibt sich ja ganz von selbst
-aus der Sache; aber für einen Menschen, wie ich, ist das Leben lieben --
-unwürdig. In der letzten Zeit hat etwas Neues begonnen, und Menschen wie
-Krafft leben sich nicht ein, sondern schießen sich tot. Aber es ist doch
-klar, daß die vom Typus Krafft dumm sind; nun, wir aber sind klug, --
-folglich läßt sich auch hier auf keine Weise eine Parallele ziehen, und
-die Frage bleibt trotz alledem offen. Und sollte denn die Erde wirklich
-nur für solche da sein wie wir? Wahrscheinlich: ja; aber dieser Gedanke
-ist doch schon gar zu trostlos. Und übrigens ... und übrigens bleibt die
-Frage doch offen.«
-
-Er sagte das traurig, und dennoch wußte ich nicht, ob es aufrichtig war
-oder nicht. Es blieb in ihm immer noch ein gewisses Geheimnis, das er um
-keinen Preis aufdecken wollte.
-
-
- IV.
-
-Ich überschüttete ihn damals mit Fragen, ich stürzte mich auf ihn wie
-ein Hungriger auf Brot. Er antwortete mir immer bereitwillig und
-offenherzig, aber im Grunde waren es nur ganz allgemein gehaltene
-Aphorismen, so daß schließlich doch nichts aus ihm herauszubekommen war.
-Dabei hatten mich alle diese Fragen schon mein Leben lang beunruhigt,
-und ich sage offen, ich hatte die Entscheidung dieser Fragen schon in
-Moskau bis auf weiteres aufgeschoben, eben bis zu unserem Wiedersehen in
-Petersburg. Ich habe ihm das einmal sogar gesagt, und er begann nicht
-über mich zu lachen, im Gegenteil, ich weiß noch, er drückte mir die
-Hand. Über die allgemeine Politik und die sozialen Fragen konnte ich
-auch so gut wie nichts aus ihm herausbringen, und gerade diese Fragen
-beunruhigten mich am meisten, natürlich im Hinblick auf meine »Idee«.
-Über Menschen wie Dergatschoff entriß ich ihm einmal die Bemerkung, sie
-ständen »unter jeder Kritik«, aber gleich darauf fügte er sonderbar
-hinzu, daß er sich »das Recht vorbehielte, seiner eigenen Meinung nicht
-die geringste Bedeutung beizulegen«. Darüber, wie die heutigen Staaten
-und die heutige Welt enden und wie die soziale Welt sich von neuem
-aufbauen werde, schwieg er sich zunächst aus, aber einmal quälte ich
-doch so lange, bis er einige Worte darüber äußerte.
-
-»Ich kann mir denken, daß sich das alles höchst prosaisch abspielen
-wird,« sagte er. »Es werden ganz einfach alle Staaten einmal, obgleich
-ihre Budgets balancieren und >keine Defizite< vorhanden sind, _un beau
-matin_{[39]} endgültig in der wirresten Verwicklung sitzen, und da
-werden denn wohl alle ohne Ausnahme nicht mehr bezahlen wollen, damit
-alle ohne Ausnahme sich im allgemeinen Bankerott erneuen können. Dem
-wird sich das ganze konservative Element der Welt widersetzen, denn eben
-dieses wird der Aktionär und Gläubiger sein und den Bankerott nicht
-zulassen wollen. Dann wird natürlich sozusagen die allgemeine Oxydation
-beginnen; es werden viele Juden kommen, und dann beginnt die jüdische
-Herrschaft; und darauf werden alle diejenigen, die niemals Aktien
-besessen haben und überhaupt noch nichts besessen haben, also alle
-Armen, natürlicherweise den Oxydationsprozeß nicht mitmachen wollen ...
-So wird denn der Kampf beginnen, und nach siebenundsiebzig Niederlagen
-werden die Armen die Aktionäre vernichten, ihnen die Aktien wegnehmen
-und sich auf ihre Plätze setzen, wiederum als Aktionäre, versteht sich.
-Vielleicht werden sie auch was Neues sagen, vielleicht aber auch nicht.
-Wahrscheinlicher ist, daß sie gleichfalls bankerottieren werden. Weiter,
-mein Freund, vermag ich mir nichts mehr vorzustellen von den zukünftigen
-Ereignissen, die das Antlitz dieser Welt verändern werden. Übrigens,
-schlage in der Apokalypse nach ...«
-
-»Ja, ist denn das wirklich alles so materialistisch? Wird denn die
-jetzige Welt wirklich einzig an den Finanzen zugrunde gehen?«
-
-»Oh, ich habe doch, versteht sich, nur ein Eckchen des Gesamtbildes
-genommen, aber auch dieses Eckchen ist mit dem Ganzen sozusagen durch
-unzerreißbare Bande verbunden.«
-
-»Ja, aber, was soll man denn tun?«
-
-»Ach, Gott, beeile dich doch nicht so: das wird ja alles nicht so bald
-geschehen. Im allgemeinen aber ist nichts zu tun das allerbeste, --
-wenigstens hat man dann sein ruhiges Gewissen und kann sich sagen, daß
-man sich an nichts beteiligt hat.«
-
-»Nein, genug, sprechen Sie zur Sache. Ich will wissen, was ich
-tatsächlich tun soll, und wie ich leben soll?«
-
-»Was du tun sollst, mein Lieber? Sei ehrlich, lüge nie, trachte nicht
-nach deines Nächsten Haus, mit einem Wort: Lies die Zehn Gebote -- da
-ist alles das auf ewig niedergeschrieben.«
-
-»Hören Sie auf, hören Sie auf, das ist ja alles so alt, und zudem sind
-es bloß Worte, hier aber bedarf es einer Tat!«
-
-»Nun, wenn dich die Langeweile schon gar zu sehr drückt, dann bemühe
-dich, irgend jemand oder irgend etwas liebzugewinnen oder einfach nur
-dein Herz an irgend etwas zu hängen.«
-
-»Sie spotten ja nur! Und dann, was soll ich ganz allein mit Ihren Zehn
-Geboten anfangen?«
-
-»Erfülle sie nur, trotz all deiner Fragen und Zweifel, und du wirst ein
-großer Mensch sein.«
-
-»Von dem niemand was weiß.«
-
-»Es gibt nichts Geheimes, was nicht offenbar würde.«
-
-»Sie spotten ja tatsächlich!«
-
-»Nun, wenn du es dir schon so sehr zu Herzen nimmst, so ist es das
-beste, du bemühst dich, möglichst schnell dich zu spezialisieren,
-beschäftigst dich mit Häuserbau oder mit der Jurisprudenz, und dann,
-wenn du deine wirkliche und ernste Arbeit hast, wirst du dich beruhigen
-und das Unwichtige vergessen.«
-
-Ich schwieg; was konnte man aus solchen Reden entnehmen? Und doch regten
-mich diese Fragen nach jedem solchen Gespräch noch mehr auf als früher.
-Außerdem sah ich doch deutlich, daß in ihm immer gleichsam ein gewisses
-Geheimnis blieb, und gerade das war es, was mich immer mehr und immer
-stärker zu ihm hin zog.
-
-»Hören Sie,« unterbrach ich ihn einmal, »ich habe immer den Verdacht,
-daß Sie alles das nur so sagen, aus Erbitterung und Leid, im geheimen
-aber, so für sich, sind gerade Sie ein Fanatiker irgendeiner höheren
-Idee, nur verheimlichen Sie das, oder Sie schämen sich, es
-einzugestehen.«
-
-»Ich danke dir, mein Lieber.«
-
-»Hören Sie, es gibt nichts Höheres, als nützlich zu sein. Sagen Sie mir,
-wodurch kann ich im gegebenen Augenblick am allernützlichsten sein? Ich
-weiß, daß es Ihnen nicht möglich ist, das zu entscheiden; aber ich will
-nur Ihre Meinung wissen: Sagen Sie sie, und was Sie sagen, das werde ich
-tun, das schwöre ich Ihnen! Also: Was wäre zum Beispiel ein großer
-Gedanke?«
-
-»Nun, Steine in Brot zu verwandeln, -- da hast du einen großen
-Gedanken.«
-
-»Ist das der größte? Nein, wahrhaftig, Sie haben mir einen ganzen Weg
-gezeigt! Sagen Sie: ist das wirklich der größte?«
-
-»Ein sehr großer, mein Freund, ein sehr großer, aber nicht der größte;
-ein großer, aber ein zweitrangiger, nur im gegebenen Moment ist er groß:
-hat der Mensch sich sattgegessen, so denkt er nicht mehr daran; im
-Gegenteil, er wird sofort sagen: >So, nun habe ich mich sattgegessen,
-und was soll ich jetzt tun?< Die Frage bleibt ewig offen.«
-
-»Sie sprachen einmal von >Genfer Ideen<; ich habe Sie damals nicht
-verstanden; was sind das für >Genfer Ideen<?«
-
-»Die Genfer Ideen -- das ist die Tugend ohne Christus, mein Freund, also
-die heutigen Ideen, oder richtiger, die Idee der ganzen heutigen
-Zivilisation. Mit einem Wort, das ist eine dieser langen Geschichten,
-über die zu sprechen sehr langweilig ist, und es wird viel besser sein,
-wenn wir beide von etwas anderem sprechen, oder noch besser, wenn wir
-von anderem schweigen.«
-
-»Natürlich, wenn Sie nur schweigen können, das ist für Sie immer die
-Hauptsache!«
-
-»Mein Freund, vergiß nicht, schweigen ist gut, ungefährlich und schön.«
-
-»Schön?«
-
-»Versteht sich. Das Schweigen ist immer schön, und der Schweigende ist
-immer schöner als der Redende.«
-
-»Freilich ist so reden, wie Sie mit mir reden, ebensogut wie schweigen.
-Zum Teufel mit solch einer Schönheit, und vor allem, zum Teufel mit
-solch einem Vorteil!«
-
-»Mein Lieber,« sagte er da auf einmal zu mir, und er änderte ein wenig
-seinen Ton, ja, er sprach sogar mit einem gewissen Gefühl und mit
-besonderem Nachdruck: »Mein Lieber, ich will dich durchaus nicht zu
-irgendeiner bourgeoisen Tugendhaftigkeit verführen und von deinen
-Idealen fortlocken; ich predige dir nicht: >Glück ist besser als
-Heldentum<; im Gegenteil, Heldentum steht höher als jedes Glück, und
-allein die Fähigkeit dazu ist an sich schon ein Glück. So brauchen wir
-nun darüber keine Worte mehr zu verlieren. Eben deshalb achte ich dich
-ja auch, weil du in unserer Oxydationszeit fähig gewesen bist, in deiner
-Seele dir irgendeine >eigene Idee< zu schaffen (rege dich nicht auf, ich
-habe mir das sogar sehr gemerkt). Aber man muß doch auch ans rechte Maß
-denken; denn dich verlangt jetzt nach einem auffallenden Leben:
-womöglich etwas anzuzünden oder zu zerschmettern, über ganz Rußland dich
-zu erheben, wie eine Gewitterwolke vorüberzuziehen und alle in Angst und
-Entzücken zurückzulassen, selbst aber irgendwo in den Vereinigten
-Staaten von Nordamerika zu verschwinden. Sicherlich ist jetzt etwas
-Ähnliches in deiner Seele, und deshalb halte ich es auch für notwendig,
-dich zu warnen, denn ich habe dich aufrichtig liebgewonnen, mein Junge.«
-
-Und was konnte ich selbst hieraus entnehmen? Hieraus sprach nur Unruhe
-um mich, um mein materielles Schicksal; der Vater verriet sich mit
-prosaischen, wenn auch guten Gefühlen; aber war es denn das, was ich
-angesichts der Ideen brauchte, für die jeder ehrliche Vater seinen Sohn
-selbst in den Tod schicken muß, wie der alte Horatius seine Söhne für
-die Idee Roms?
-
-Ich kam ihm auch oft mit Fragen wegen der Religion, aber hier stieß ich
-auf den dichtesten Nebel. Auf meine Frage: »Was soll ich in diesem Sinne
-tun?« antwortete er mir auf die dümmste Weise, als wäre ich ein kleines
-Kind: »Man muß an Gott glauben, mein Lieber.«
-
-»Aber wenn ich an alles das nun einmal nicht glaube?« rief ich gereizt.
-
-»Nun, das ist vortrefflich, mein Lieber.«
-
-»Wieso vortrefflich?«
-
-»Es ist das beste Zeichen, mein Freund; sogar das zuverlässigste, denn
-unser russischer Atheist -- wenn er nur auch wirklich Atheist ist und
-ein wenig Verstand besitzt -- ist der beste Mensch in der ganzen Welt,
-und ist immer geneigt, Gott freundlich zu behandeln, eben weil er
-unbedingt gut ist, und gut ist er, weil er maßlos zufrieden damit ist,
-daß er -- Atheist ist. Unsere Atheisten sind ehrenwerte Leute und sind
-in höchstem Maße zuverlässig, sind, vielleicht, die Stützen des
-Vaterlandes ...«
-
-Das war natürlich etwas, aber ich wollte was anderes; nur einmal sprach
-er sich deutlicher mir gegenüber aus, aber doch so sonderbar, daß er
-mich durch diese Worte am meisten in Erstaunen setzte, besonders, da ich
-von seinem angeblichen Katholizismus und seinen Büßerketten gehört
-hatte.
-
-»Mein Lieber,« sagte er damals zu mir, es war nicht in meinem Zimmer,
-sondern auf der Straße, und nach einem langen Gespräch; ich begleitete
-ihn. »Mein Freund, die Menschen so zu lieben, wie sie sind, ist
-unmöglich. Und doch soll man es nun einmal. Deshalb verbeiße deine
-Gefühle, wenn du ihnen Gutes tun willst, halte dir die Nase zu und
-schließe die Augen (letzteres ist unbedingt erforderlich). Ertrage von
-ihnen Böses, nach Möglichkeit ohne dich über sie zu ärgern, >eingedenk
-dessen, daß auch du ein Mensch bist<. Versteht sich, du bist
-verpflichtet, streng mit ihnen zu sein, wenn du auch nur ein wenig
-klüger sein mußt als der Durchschnitt. Die Menschen sind ihrer Natur
-nach niedrig und am ehesten bereit, aus Furcht zu lieben; gehe du auf
-eine solche Liebe nicht ein und höre nicht auf, zu verachten. Irgendwo
-im Koran gebietet Allah dem Propheten, auf die >Verstockten< wie auf
-Mäuse herabzusehen, ihnen Gutes zu tun und an ihnen vorüberzugehen. --
-Ein wenig stolz, aber richtig. Verstehe es, sie sogar dann zu verachten,
-wenn sie gut sind; denn gerade dann sind sie am häufigsten schlecht. Oh,
-mein Lieber, wenn ich das sage, urteile ich nach mir selbst! Wer auch
-nur ein wenig -- nicht dumm ist, kann nicht leben, ohne sich selbst zu
-verachten, ob er nun ehrenhaft ist oder nicht, das ist ganz einerlei.
-Seinen Nächsten lieben und ihn nicht verachten, -- ist unmöglich. Meiner
-Ansicht nach ist der Mensch mit der physischen Unmöglichkeit geschaffen,
-seinen Nächsten zu lieben. Es muß da ein Irrtum in den Ausdrücken sein,
-und zwar schon von Anfang an, und unter der >Liebe zur Menschheit< kann
-man nur Liebe zu derjenigen Menschheit verstehen, die du dir selbst in
-deiner Seele erschaffst (mit anderen Worten: dich selbst hast du
-erschaffen, und folglich ist es Liebe zu dir selbst), -- und die es
-deshalb niemals in der Wirklichkeit geben wird.«
-
-»Niemals geben wird?«
-
-»Mein Freund, ich gebe zu, daß das ein wenig dumm wäre, aber das ist
-nicht meine Schuld; und da man bei der Erschaffung der Welt mich nicht
-gefragt hat, so behalte ich mir das Recht vor, in der Beziehung meine
-eigene Meinung zu haben.«
-
-»Ja, aber -- wie kann man Sie dann noch einen Christen nennen,« rief ich
-aus, »einen Mönch mit Büßerketten, einen Propheten? Das verstehe ich
-nicht!«
-
-»Wer nennt mich denn so?«
-
-Ich erzählte es ihm; er hörte mich sehr aufmerksam an, aber das Gespräch
-brach er ab.
-
-Leider kann ich mich nicht mehr erinnern, aus welchem Anlaß es damals zu
-diesem mir noch so gut erinnerlichen Gespräch zwischen uns kam; aber ich
-weiß noch, daß er beinahe in Zorn geriet, was bei ihm sonst fast nie
-geschah. Er sprach leidenschaftlich und ohne Spott, ganz, als spräche er
-nicht zu mir. Aber wiederum glaubte ich ihm nicht: er konnte doch nicht
-mit einem Menschen, wie ich, von diesen Dingen ernsthaft reden!
-
-
- Zweites Kapitel.
-
-
- I.
-
-An diesem Morgen des fünfzehnten November traf ich ihn beim »Fürsten
-Sserjosha«. Ich war es auch gewesen, der ihn und den Fürsten wieder
-zusammengeführt hatte; aber ganz abgesehen von mir, hatten sie ja genug
-Berührungspunkte (alle diese früheren Geschichten im Auslande usw.).
-Außerdem hatte der Fürst ihm sein Wort gegeben, von der Erbschaft
-wenigstens ein Drittel an ihn abzutreten, was mindestens zwanzigtausend
-Rubel ausgemacht hätte. Ich weiß noch, mich wunderte es damals sehr, daß
-er nur ein Drittel und nicht die ganze Hälfte abtreten wollte; aber ich
-schwieg. Dieses Versprechen hatte der Fürst ganz aus eigenem Antriebe
-gegeben; Werssiloff hatte ihn mit keiner Silbe dazu veranlaßt, hatte nie
-auch nur ein Wort darüber fallen lassen; der Fürst war selbst damit
-hervorgetreten, Werssiloff aber hatte nur schweigend zugehört und auch
-nachher kein einziges Mal etwas darüber geäußert oder erwähnt, hatte
-auch mit keiner Miene gezeigt, daß er sich dieses Versprechens überhaupt
-erinnerte. Ich will hier gleich bemerken, daß der Fürst von Werssiloff
-in der ersten Zeit ganz bezaubert war, besonders von seinen Reden, die
-ihn geradezu begeisterten, und in dem Sinne hatte er sich auch mir
-gegenüber oftmals geäußert. Wenn wir beide allein waren, hatte er
-manchmal ganz verzweifelt über sich ausgerufen, er sei »so ungebildet,
-so unwissend, und auf einem so falschen Wege ...!« Oh, damals waren wir
-noch so befreundet ...! Auch Werssiloff gegenüber bemühte ich mich
-immer, nur die guten Seiten des Fürsten hervorzuheben, und ich
-verteidigte oder leugnete sogar seine Fehler, obgleich ich sie selbst
-sah; aber Werssiloff schwieg dazu oder lächelte.
-
-»Nun ja, mag er auch seine Fehler haben, aber jedenfalls hat er ebenso
-viele Vorzüge, wie er Fehler hat!« rief ich einmal, als ich mit
-Werssiloff allein war.
-
-»Gott, wie du ihm schmeichelst,« lachte er.
-
-»Wieso? Inwiefern schmeichle ich ihm?« Ich verstand ihn zuerst nicht.
-
-»Ebenso viele Vorzüge! Herrgott, da müssen doch seine Gebeine Reliquien
-werden, wenn er ebenso viele Vorzüge wie Fehler hat!«
-
-Aber natürlich, das war kein Urteil. Und überhaupt schien er es damals
-gewissermaßen vermeiden zu wollen, von dem Fürsten zu sprechen, wie
-überhaupt von allem Gegenwärtigen und Dringenden; aber vom Fürsten
-besonders. Ich hatte schon damals den Verdacht, daß er beim Fürsten auch
-ohne mich vorsprach, und daß sie besondere Beziehungen hatten, aber ich
-ließ das zu. Ich wurde auch darüber nicht eifersüchtig, daß er mit ihm
-gleichsam ernster sprach als mit mir, sagen wir, positiver, und weniger
-Spott beimischte: ich war damals so glücklich, daß mir das sogar gefiel.
-Und ich entschuldigte es noch damit, daß der Fürst ja ein wenig
-beschränkt war und deshalb es nicht liebte, wenn man sich ungenau
-ausdrückte, und manche Feinheiten verstand er sogar überhaupt nicht.
-Aber siehe da, in der letzten Zeit hatte er angefangen, sich
-gewissermaßen zu emanzipieren. Seine Gefühle Werssiloff gegenüber
-begannen sich sogar zu verändern, was der feinfühlige Werssiloff
-natürlich sofort merkte. Ich muß noch erwähnen, daß der Fürst in
-derselben Zeit auch sein Verhalten zu mir änderte und sogar recht
-merklich; es waren nur gewisse tote Formen von unserer anfänglich fast
-glühenden Freundschaft übriggeblieben. Aber ich fuhr doch fort, nach wie
-vor zu ihm zu gehen. Übrigens, wie hätte ich nicht mehr zu ihm gehen
-sollen, nachdem ich nun einmal in alles das mit hineingezogen worden
-war! Oh, wie unschlau ich damals war! Und kann denn wirklich nur eine
-einzige Herzensdummheit einen Menschen zu einer solchen Einfalt und
-Erniedrigung führen? Ich nahm Geld von ihm und dachte, das hätte nichts
-auf sich, das müßte so sein. Übrigens, nein: ich wußte auch damals
-schon, daß es so nicht sein mußte, aber -- ich dachte einfach nicht
-darüber nach. Nicht des Geldes wegen ging ich zu ihm, obschon ich das
-Geld furchtbar nötig hatte. Ich wußte, daß ich nicht des Geldes wegen
-ging, aber ich begriff, daß ich jeden Tag bei ihm erschien und mir Geld
-holte. Aber ich war im Strudel, und abgesehen von alledem, war etwas, --
-sang etwas ganz anderes in meiner Seele!
-
-Als ich an jenem Morgen eintrat, ungefähr um elf Uhr, fand ich
-Werssiloff bei ihm und hörte noch, wie er gerade einen längeren Satz zu
-Ende sprach; der Fürst hörte zu und schritt im Zimmer auf und ab;
-Werssiloff saß. Der Fürst schien etwas erregt zu sein. Werssiloff regte
-ihn fast immer auf. Der Fürst war ein überaus empfänglicher Mensch, war
-es sogar bis zu einer Naivität, die mich in manchen Fällen veranlaßte,
-auf ihn herabzusehen. Aber ich wiederhole, in den letzten Tagen war in
-ihm ein gewisser boshafter Hohn zum Ausdruck gekommen. Er blieb stehen,
-als er mich erblickte, und in seinem Gesicht verzog sich etwas. Ich
-wußte im geheimen, wie ich mir diesen Schatten an diesem Morgen zu
-erklären hatte, aber ich hatte doch nicht erwartet, daß sein Gesicht
-sich in solchem Maße verändern werde. Es war mir bekannt, daß er eine
-Menge Unannehmlichkeiten hatte, aber das Abscheuliche war, daß ich nur
-den zehnten Teil dieser Unannehmlichkeiten kannte, -- alles übrige war
-für mich damals ein Geheimnis, von dem ich nicht das mindeste ahnte. Das
-war um so abscheulicher und um so dümmer, als ich ihn oft großartig zu
-trösten versuchte, ihm Ratschläge gab und sogar hochmütig lächelte über
-seine Schwäche, »wegen solcher Lappalien« außer sich zu geraten. Er aber
-schwieg dazu, und es ist unmöglich, daß er mich in den Augenblicken
-nicht furchtbar gehaßt hat; ich befand mich in einer gar zu falschen
-Stellung ihm gegenüber, hatte aber selbst nicht einmal eine Ahnung
-davon. Oh, ich rufe Gott zum Zeugen an, daß ich von der Hauptsache
-wirklich keine Ahnung hatte!
-
-Er streckte mir jedoch höflich die Hand entgegen. Werssiloff nickte mir
-zu, ohne sich unterbrechen zu lassen. Ich warf mich auf den Diwan. --
-Was war das überhaupt für ein Ton, den ich mir erlaubte, was waren das
-für Manieren! Seine Bekannten behandelte ich, als wären sie meine
-Bekannten ... Oh, wenn es doch eine Möglichkeit gäbe, alles das jetzt
-von neuem zu machen, wie anders würde ich mich jetzt zu benehmen
-verstehen!
-
-Noch zwei Worte, damit ich es später nicht zu erwähnen vergesse: der
-Fürst wohnte damals immer noch in derselben Wohnung, die jetzt fast ganz
-von ihm eingenommen wurde; die Stolbejeff, der die Wohnung gehörte,
-hatte nur einen Monat in Petersburg verbracht und war dann wieder
-irgendwohin gereist.
-
-
- II.
-
-Sie sprachen über den Adel. Ich muß vorausschicken, daß diese Idee den
-Fürsten manchmal sehr aufregte, trotz seiner ganzen anscheinend
-fortschrittlichen Gesinnung. Ja, ich vermute sogar, daß vieles Schlechte
-in seinem Leben durch diese Idee veranlaßt oder ausschließlich um
-ihretwillen von ihm begangen worden war: da er so viel auf seine
-Fürstlichkeit gab, hatte er in seinem ganzen Leben aus falschem Stolz
-mit dem Gelde um sich geworfen und sich auf diese Weise, da er ja ganz
-arm war, in Schulden gestürzt. Werssiloff hatte ihm schon mehrmals zu
-verstehen gegeben, daß der Adel nicht darin liege, und hatte
-gleichzeitig versucht, ihm eine höhere Auffassung vom Adel nahezulegen;
-doch der Fürst schien es schließlich übelzunehmen, daß man ihn belehren
-wollte. Offenbar hatte ihr Gespräch auch an diesem Morgen davon
-gehandelt, aber den Anfang hatte ich nun versäumt. Werssiloffs Worte
-schienen mir zunächst sehr reaktionär, später aber söhnte er mich wieder
-aus.
-
-»Das Wort Ehre -- bedeutet Pflicht,« sagte er (ich gebe nur den Sinn
-seiner Rede wieder, -- seine Worte aber nur soweit ich mich ihrer
-erinnere).
-
-»Wenn in einem Staat ein bevorzugter Stand herrscht, so ist das Land
-stark. Der bevorzugte Stand hat immer seinen bestimmten Ehrbegriff und
-seine bestimmte Beobachtung der Ehrgesetze, die meinetwegen auch
-unrichtig sein kann, aber sie dient doch fast immer als Bindemittel und
-macht das Land stark; sittlich ist sie von großem Nutzen, doch noch mehr
-ist sie es politisch ... Aber die Sklaven leiden darunter, das heißt
-alle, die nicht zum bevorzugten Stande gehören. Damit sie nicht leiden,
-versucht man die Rechte auszugleichen. Das hat man bei uns auch getan,
-und das ist sehr schön. Nur hat bisher, wie die Erfahrung lehrt, überall
-(das heißt, natürlich nur in Europa) die Ausgleichung der Rechte ein
-gewisses Sinken des Ehrgefühls zur Folge gehabt und folglich auch des
-Pflichtgefühls. Der Egoismus ist an die Stelle der früheren
-zusammenhaltenden Idee getreten, und alles ist zu persönlicher Freiheit
-auseinandergefallen. Die Freigewordenen, die ohne vereinenden,
-festigenden Gedanken blieben, haben nun jede höhere, ideelle Verbindung
-mit der Zeit in solchem Maße eingebüßt, daß sie zu guter Letzt sogar die
-von ihnen erlangte persönliche Freiheit gemeinsam zu verteidigen
-aufgehört haben. Aber der russische Adelstyp hat dem europäischen
-niemals geglichen. Unser Adel könnte selbst jetzt, nach Verlust seiner
-Vorrechte, der höchste Stand bleiben, als Hüter der Ehre, des Lichts,
-der Wissenschaft und der höheren Idee, und, was die Hauptsache ist, ohne
-sich als besondere Kaste abzuschließen, was der Tod der Idee wäre. Im
-Gegenteil, die Tür zu diesem Stande steht bei uns schon lange offen,
-jetzt aber dürfte es an der Zeit sein, sie endgültig und vollends
-aufzumachen. Möge jede große Tat der Ehre, der Wissenschaft, des Mutes
-bei uns einem jeden das Recht geben, sich den Menschen des höheren
-Standes anzuschließen. Auf diese Weise würde sich der höhere Stand ganz
-von selbst in eine Versammlung der Besten verwandeln, und zwar im
-buchstäblichen und wahren Sinne, und nicht im früheren Sinne einer
-privilegierten Kaste. In dieser neuen, oder sagen wir richtiger
-erneuerten Gestalt könnte sich der Stand erhalten.«
-
-Der Fürst verzog den Mund zu einem halb höhnischen Lächeln, das seine
-Zähne sehen ließ.
-
-»Was wird denn das noch für ein Adel sein? Sie projektieren ja da
-irgendeine Freimaurerloge, nicht aber einen Adel.«
-
-Ich erwähne nochmals: der Fürst war furchtbar ungebildet. Ich nahm vor
-Ärger über ihn auf meinem Diwan eine andere Stellung ein, obschon ich
-Werssiloff nicht ganz beistimmte. Werssiloff begriff nur zu gut, daß der
-Fürst sich getroffen fühlte und -- ihm die Zähne zeigte.
-
-»Ich weiß nicht, in welchem Sinne Sie das von der Freimaurerei gesagt
-haben,« erwiderte er; »doch übrigens, wenn selbst ein russischer Fürst
-sich von einer solchen Idee lossagt, so ist selbstredend ihre Zeit noch
-nicht gekommen. Die Idee der Ehre und der Aufklärung als Bekenntnis
-eines jeden, der in diesen Stand eintreten will, der niemals
-abgeschlossen und beständig erneuert wird -- ist natürlich eine Utopie,
-aber weshalb denn eine Unmöglichkeit? Wenn dieser Gedanke auch nur in
-wenigen Köpfen lebt, so ist er doch noch nicht ausgelöscht, so brennt
-und leuchtet er noch, und sei es auch nur wie ein feuriger Punkt in der
-Finsternis.«
-
-»Sie gebrauchen immer Worte wie: >der große Gedanke<, >die
-zusammenhaltende Idee<, und ähnliche. Ich würde gern wissen, was Sie
-darunter verstehen, zum Beispiel unter dem >großen Gedanken<?«
-
-»Ich weiß wirklich nicht, was ich Ihnen darauf antworten soll, mein
-lieber Fürst,« erwiderte Werssiloff mit feinem Lächeln. »Das beste ist
-wohl, ich gestehe Ihnen, daß ich selbst nichts darauf zu antworten weiß.
-Der große Gedanke -- das ist meistens ein Gefühl, das manchmal gar zu
-lange unausgesprochen bleibt und noch immer nicht seinen Ausdruck
-findet. Ich weiß nur, daß es immer dasjenige gewesen ist, woraus das
-lebendige Leben zu strömen pflegt, ich meine nicht das intellektuelle
-und nicht das erdichtete, sondern im Gegenteil, das wirkliche, niemals
-langweilige und heitere Leben; so ist denn die höhere Idee, der es
-entströmt, entschieden unentbehrlich, -- zum allgemeinen Ärger, versteht
-sich.«
-
-»Warum zum Ärger?«
-
-»Weil mit Ideen zu leben, langweilig ist, ohne Ideen dagegen immer
-heiter.«
-
-Der Fürst schluckte die Pille.
-
-»Und was ist denn dieses lebendige Leben Ihrer Meinung nach?« (Er
-ärgerte sich sichtlich.)
-
-»Auch das weiß ich nicht, Fürst; ich weiß nur, daß es etwas unglaublich
-Einfaches sein muß, das Alltäglichste und Unverborgenste, etwas
-Tagtägliches und Allstündliches, etwas dermaßen Gewöhnliches, daß wir
-einfach nicht glauben können, dieses Einfache könnte es sein, und
-deshalb gehen wir schon so viele Jahrtausende an ihm vorüber, ohne es zu
-bemerken und zu erkennen.«
-
-»Ich wollte nur sagen, daß Ihre Idee vom Adel gleichzeitig eine
-Verneinung des Adels ist,« sagte der Fürst.
-
-»Nun, wenn Sie es denn durchaus wollen, so -- hat es einen Adel bei uns
-vielleicht niemals gegeben.«
-
-»Was Sie da sagen ist alles sehr dunkel und unklar. Ich denke, wenn man
-schon spricht, muß man seinen Gedanken auch erklären ...«
-
-Der Fürst runzelte die Stirn und blickte flüchtig nach der Kaminuhr.
-Werssiloff erhob sich und nahm seinen Hut.
-
-»Erklären!« sagte er, »nein, lieber nicht; und überdies ist es meine
-Leidenschaft -- zu sprechen, ohne zu erklären. In der Tat, so ist es.
-Und dann noch eine Eigenheit: Geschieht es einmal, daß ich einen
-Gedanken, an den ich selbst glaube, zu erklären anfange, so ist es
-bisher immer geschehen, daß ich zum Schluß der Erklärung an das Erklärte
-selbst zu glauben aufhöre; dem fürchte ich mich auch heute auszusetzen.
-Auf Wiedersehen, teurer Fürst; bei Ihnen rede ich immer unverzeihlich
-viel.«
-
-Er ging hinaus; der Fürst gab ihm höflich das Geleit, ich aber fühlte
-mich gekränkt.
-
-»Warum schauen Sie denn so finster drein?« fuhr er mich plötzlich
-geradezu an und ging, ohne mich anzusehen, zu seinem Schreibtisch.
-
-»Wenn ich finster dreinschaue,« begann ich mit einem Zittern in der
-Stimme, »so tue ich es deshalb, weil ich finde, daß Ihr Ton mir und
-sogar Werssiloff gegenüber sich so sonderbar verändert hat, weshalb ich
-... Allerdings, Werssiloff begann vielleicht etwas zu reaktionär, aber
-dann hat er das doch wieder gutgemacht und ... in seinen Worten lag ein
-tiefer Sinn, aber Sie haben das vielleicht gar nicht verstanden und ...«
-
-»Ich will einfach nicht, daß man sich unterfängt, mich zu belehren, und
-mich für einen Schuljungen hält!« schnitt er mir fast wütend das Wort
-ab.
-
-»Fürst, solche Ausdrücke ...«
-
-»Keine Theaterposen -- wenn ich bitten darf. Ich weiß, daß das, was ich
-tue, eine Gemeinheit ist, daß ich ein Verschwender bin, ein Spieler,
-vielleicht ein Dieb ... ja, ein Dieb; denn ich verspiele das Geld meiner
-Familie, aber ich wünsche nicht, daß andere sich als meine Richter vor
-mich hinsetzen. Das will ich nicht, und das lasse ich nicht zu. Ich bin
-mein eigener Richter. Und wozu diese Zweideutigkeiten? Wenn er mir etwas
-sagen wollte, so hätte er es einfach und geradezu aussprechen sollen,
-nicht aber so einen nebligen Unsinn prophezeien. Aber, um mir das zu
-sagen, muß man das Recht dazu haben, muß man selbst anständig sein ...«
-
-»Erstens habe ich den Anfang Ihrer Unterhaltung nicht gehört und weiß
-daher nicht, wovon Sie gesprochen haben; zweitens aber, inwiefern ist
-denn Werssiloff nicht anständig? -- Gestatten Sie, daß ich Sie das
-frage.«
-
-»Genug davon, ich bitte Sie, genug davon. Sie baten mich gestern um
-dreihundert Rubel, -- hier sind sie ...« Er legte das Geld vor mir auf
-den Tisch, setzte sich selbst in seinen Lehnstuhl, lehnte sich nervös
-zurück und schlug ein Bein über das andere. Ich blieb verwirrt stehen.
-
-»Ich weiß nicht ...« murmelte ich, »ich habe Sie wohl gebeten ... und
-ich habe das Geld augenblicklich zwar sehr nötig, aber im Hinblick auf
-diesen Ton ...«
-
-»Lassen Sie den Ton. Wenn ich mich etwa scharf ausgedrückt habe, so
-entschuldigen Sie mich. Ich versichere Ihnen, ich habe an anderes zu
-denken. Hören Sie mich an: Ich habe einen Brief aus Moskau erhalten;
-mein Bruder Ssascha, der kleine Junge, Sie wissen, ist vor vier Tagen
-gestorben. Mein Vater ist, wie Sie gleichfalls wissen, nun schon seit
-zwei Jahren gelähmt, und jetzt geht es ihm, wie man mir schreibt, viel
-schlechter, er kann überhaupt nicht mehr sprechen und erkennt keinen
-mehr. Sie haben sich dort alle so über die Erbschaft gefreut und wollen
-ihn nun gern ins Ausland bringen; der Arzt aber schreibt mir, daß er
-kaum noch zwei Wochen leben könne. So bleiben von uns nur noch meine
-Mutter, meine Schwester und ich, also eigentlich so gut wie nur ich ...
-Nun, sagen wir, ich, ich allein ... Diese Erbschaft ... diese Erbschaft
--- oh, vielleicht wäre es besser gewesen, ich hätte nichts bekommen!
-Aber was ich Ihnen eigentlich sagen wollte: ich habe von dieser
-Erbschaft mindestens zwanzigtausend Rubel Andrei Petrowitsch versprochen
-... Und dabei ... können Sie sich denken, diese Formalitäten halten alle
-so auf, ich habe da noch nichts machen können. Ich bin sogar ... das
-heißt, wir ... das heißt, mein Vater ist sogar noch nicht einmal
-offiziell bestätigt, er hat den Besitz noch nicht angetreten. Und dabei
-habe ich in diesen letzten drei Wochen soviel Geld verloren, und dieser
-Schuft Stebelkoff nimmt solche Prozente ... Ich habe Ihnen jetzt fast
-mein letztes Geld gegeben ...«
-
-»Oh, Fürst, wenn es so ist ...«
-
-»Ich sage es nicht deshalb, nicht deshalb. Stebelkoff wird mir heute
-sicher welches bringen, und das wird für den Augenblick reichen, aber
-der Teufel werde aus ihm klug, aus diesem Stebelkoff! Ich habe ihn
-beschworen, mir zehntausend zu verschaffen, damit ich wenigstens
-Werssiloff zehntausend abgeben kann. Mein Versprechen, ihm ein Drittel
-abzutreten, quält mich, foltert mich! Ich habe mein Wort gegeben und muß
-es halten. Und ich schwöre Ihnen, ich brenne darauf, mich wenigstens
-nach dieser Seite hin von meinen Verpflichtungen befreien zu können. Sie
-sind schwer, niederdrückend, unerträglich! Diese mich bedrückende
-Verbindung ... Ich kann Andrei Petrowitsch nicht ansehen, weil ich ihm
-nicht offen in die Augen sehen kann ... weshalb mißbraucht er das?«
-
-»Was mißbraucht er, Fürst?« Ich blieb erstaunt vor ihm stehen. »Hat er
-denn jemals Ihnen gegenüber auch nur eine Andeutung gemacht?«
-
-»O nein, und ich weiß das zu würdigen, aber ich selbst mache mir
-Andeutungen. Und schließlich, ich werde immer tiefer und tiefer
-hineingezogen ... Dieser Stebelkoff ...«
-
-»Hören Sie, Fürst, beruhigen Sie sich doch, ich bitte Sie; ich sehe
-schon, je mehr Sie reden, um so mehr regen Sie sich auf, und dabei ist
-vielleicht das alles doch nur Einbildung. Ich habe mich ja auch
-hineinziehen lassen und unverzeihlich, niederträchtig! -- aber ich weiß
-doch, daß es nur vorübergehendes Unglück ist ... und wenn ich nur eine
-gewisse Summe zurückgewinne, dann ... Sagen Sie, mit diesen dreihundert
-schulde ich Ihnen jetzt zweitausendfünfhundert Rubel, nicht wahr?«
-
-»Ich habe sie von Ihnen, denke ich, noch nie zurückverlangt,« sagte der
-Fürst plötzlich mit einem höhnischen Lächeln, das wieder seine Zähne
-sehen ließ.
-
-»Sie sagen, zehntausend brauchten Sie für Werssiloff. Wenn ich von Ihnen
-jetzt borge, so tue ich das selbstverständlich auf Rechnung der
-Werssiloffschen Zwanzigtausend; anders lasse ich es nicht zu. Aber ...
-aber ich werde es Ihnen ja bestimmt schon vorher selbst wiedergeben ...
-Oder denken Sie womöglich, Werssiloff käme zu Ihnen des Geldes wegen?«
-
-»Mir wäre es leichter, wenn er des Geldes wegen käme,« sagte der Fürst
-rätselhaft.
-
-»Sie sprachen von einer Sie >bedrückenden Verbindung< ... Wenn Sie damit
-Ihren Verkehr mit Werssiloff und mir meinten, so ist das, bei Gott, eine
-Beleidigung. Und dann, Sie sagen: Warum ist er nicht selbst so, wie er
-andere zu sein lehrt -- das ist doch Ihre Logik! Aber erstens ist das
-nicht Logik, erlauben Sie schon, daß ich Ihnen das sage; denn selbst
-wenn er auch nicht so wäre, könnte er doch nicht anders, als die
-Wahrheit verkünden ... Und schließlich, was ist das für ein Wort,
->verkünden<? Sie sagen, er sei ein >Prophet<. Sagen Sie, haben Sie ihn
-in Deutschland einen >Weiberprophet< genannt?«
-
-»Nein, nicht ich.«
-
-»Stebelkoff sagte mir, Sie hätten es getan.«
-
-»Dann hat er gelogen. Ich bin kein Meister im Erfinden von Spitznamen.
-Aber wenn jemand Ehre predigt, so muß er selbst ehrenhaft sein -- das
-ist meine Logik, und wenn sie falsch ist, so ist mir das gleichgültig.
-Ich will, daß es so sei, und es muß so sein. Und keiner, keiner darf es
-wagen, in mein Haus zu kommen, um mich zu verurteilen und mich für einen
-dummen Jungen zu halten! Genug, hören Sie auf!« rief er heftig und
-winkte mir ungeduldig mit der Hand ab, damit ich nicht mehr spräche ...
-
-»Ah, endlich!«
-
-Die Tür hatte sich geöffnet und Stebelkoff erschien.
-
-
- III.
-
-Der war nun unverändert der alte: ebenso stutzerhaft gekleidet, ebenso
-selbstzufrieden, sah einem ebenso albern in die Augen, bildete sich
-ebenso ein, daß er jeden überliste, und war überhaupt sehr eingenommen
-von sich. Nur sein Blick war diesmal beim Eintreten etwas anders: es lag
-in ihm gleichsam eine Vorsicht und ein eigentümliches Spähen, als hätte
-er aus unseren Gesichtern etwas erraten wollen. Aber er beruhigte sich
-sofort, und das selbstbewußte Lächeln erschien wieder auf seinen Lippen,
-jenes unverschämt nachsichtige Lächeln, das mir so unsäglich widerlich
-war.
-
-Ich wußte schon längst, daß er den Fürsten furchtbar quälte. Er war
-schon ein- oder zweimal während meiner Anwesenheit zum Fürsten gekommen.
-Ich ... ich hatte in diesem letzten Monat auch schon einmal mit ihm zu
-tun gehabt, aber diesmal wunderte ich mich ein wenig -- aus einem
-besonderen Grunde -- über sein Erscheinen beim Fürsten.
-
-»Warten Sie!« sagte der Fürst zu ihm und begann, ohne ihn überhaupt zu
-begrüßen, und indem er uns den Rücken zuwandte, aus seinem Schreibtisch
-Papiere und Rechnungen herauszunehmen. Was mich betrifft, so fühlte ich
-mich durch die letzten Worte des Fürsten entschieden beleidigt; seine
-Anspielung auf Werssiloffs Unehrenhaftigkeit war so deutlich gewesen
-(und so unbegreiflich), daß ich die Sache nicht ohne radikale Erklärung
-auf sich beruhen lassen konnte. Aber in Stebelkoffs Gegenwart war ein
-Zur-Rede-Stellen nicht möglich. Ich warf mich wieder in meine Diwanecke
-und schlug ein Buch auf, das auf dem Tisch lag.
-
-»Was! Bjelinski, zweiter Teil! Das ist doch! -- Sie wollen sich wohl
-bilden?« rief ich dem Fürsten zu, aber es klang, glaube ich, recht
-gezwungen.
-
-Er war sehr beschäftigt und beeilte sich sichtlich, aber auf meine Worte
-hin drehte er sich plötzlich nach mir um:
-
-»Ich bitte Sie, lassen Sie das Buch liegen,« sagte er scharf.
-
-Das ging nun doch schon über die Grenze! -- und das noch dazu in
-Stebelkoffs Gegenwart! Und Stebelkoff mußte natürlich gleich schlau und
-boshaft schmunzeln, und dazu deutete er mir heimlich mit dem Kopf und
-einem zwinkernden Auge auf den Fürsten. Ich kehrte diesem Dummkopf den
-Rücken.
-
-»Ärgern Sie sich nicht, Fürst; ich trete Sie der Hauptperson ab und
-ziehe mich vorläufig zurück ...«
-
-Ich hatte beschlossen, mich harmlos ungezwungen zu geben.
-
-»Wie, was? -- ich soll die Hauptperson sein?« griff Stebelkoff sofort
-lebhaft auf und wies vergnügt mit dem Finger auf sich selbst.
-
-»Ja, gerade Sie; Sie allein sind die Hauptperson, wie überhaupt der
-erste Mann in allem, und das wissen Sie ja selbst ganz genau!«
-
-»Tja, nein, erlauben Sie mal! In der Welt gibt es immer noch einen
-zweiten Mann. Und dieser zweite Mann -- der bin ich! Also der zweite. Es
-gibt einen ersten Mann, und es gibt einen zweiten Mann. Der erste Mann
-tut, und der zweite Mann nimmt. Folglich ist der zweite Mann der erste
-Mann, und der erste Mann ist der zweite Mann. Ist es so oder nicht?«
-
-»Möglich, daß es so ist, nur verstehe ich Sie wie gewöhnlich nicht
-ganz.«
-
-»Erlauben Sie! In Frankreich war die Revolution, und alle wurden
-geköpft. Da kam Napoleon und steckte alles ein. Die Revolution, das war
-sozusagen der erste Mann, und Napoleon war der zweite Mann. Tja, aber
-zum Schluß, da war die Sache umgekehrt, wie es sich erwies: da war
-Napoleon der erste Mann und die Revolution der zweite Mann. Ist es so
-oder nicht?«
-
-Nebenbei bemerkt: daß er mir gerade mit der Französischen Revolution als
-Beispiel kam, darin erblickte ich wieder eine von seinen kleinen
-schlauen Anspielungen, die mich diesmal sehr amüsierte. Da er nun einmal
-irgendwie erfahren hatte, daß ich bei Dergatschoff gewesen war, so nahm
-er ohne weiteres an, ich sei Revolutionär, und verblieb in diesem
-Glauben, und jedesmal, wenn er mit mir zusammentraf, hielt er es für
-notwendig, von etwas Derartigem zu sprechen.
-
-»Kommen Sie,« sagte der Fürst.
-
-Sie gingen zusammen ins Nebenzimmer. Ich blieb allein zurück und
-beschloß nun endgültig, die dreihundert Rubel dem Fürsten zurückzugeben,
-sobald Stebelkoff ihn verlassen hätte. Ich hatte dieses Geld furchtbar
-nötig, aber ich war trotzdem entschlossen, es nicht anzunehmen.
-
-Im Nebenzimmer war es etwa zehn Minuten lang ganz still, auf einmal aber
-fingen sie laut zu sprechen an. Sie sprachen erregt und beide zugleich,
-und plötzlich schrie der Fürst Stebelkoff an, wie in maßloser
-Gereiztheit oder womöglich in wahrer Wut. Er konnte manchmal sehr heftig
-sein, und sogar ich hatte ihm schon manches verzeihen müssen. In dem
-Augenblick kam der Diener, um einen Besuch anzumelden; ich wies ihn ins
-Nebenzimmer, und kaum war er dort eingetreten, da wurde es still. Der
-Fürst trat schnell und mit besorgtem Gesichtsausdruck, aber doch
-lächelnd, aus dem Zimmer, der Diener verschwand, und nach einer halben
-Minute erschien der Besuch.
-
-Es war das ein sehr wichtiger Gast, ein Herr mit Achselschnüren und
-anderen bedeutsamen militärischen Abzeichen, dabei erst etwa dreißig
-Jahre alt. Er war von vornehmem und gewissermaßen strengem Äußeren. Ich
-muß bemerken, daß Fürst Sserjosha, d. h. Fürst Ssergei Petrowitsch, von
-der höchsten Petersburger Gesellschaft doch immer noch nicht ganz
-aufgenommen worden war, trotz seines lebhaften Wunsches, von ihr
-aufgenommen zu werden (von diesem Wunsch wußte ich), und deshalb mußte
-dieser Besuch für ihn von besonderer Wichtigkeit sein. Ich wußte auch,
-daß es ihm erst kurz zuvor und nach großen Bemühungen seinerseits
-gelungen war, die Bekanntschaft mit diesem Aristokraten anzuknüpfen; er
-machte ihm nun seinen Gegenbesuch, doch zum Unglück des Fürsten kam er
-zu einer sehr ungelegenen Zeit. Ich sah, mit was für einer Qual und mit
-welch einem gleichsam verlorenen Blick der Fürst sich einen Moment nach
-Stebelkoff umsah; aber Stebelkoff hielt den Blick aus, als wäre er der
-anständigste Mensch, und er dachte nicht daran, sich unbemerkt
-zurückzuziehen, sondern setzte sich frech und wohlgemut auf den Diwan
-und begann mit der Hand seine Haare aufzuwühlen, wahrscheinlich zum
-Zeichen seiner Unabhängigkeit. Ja, er setzte sogar eine gewisse wichtige
-Miene auf, -- mit einem Wort, er war entschieden unmöglich. Was mich
-betrifft, so verstand ich natürlich auch damals schon, mich zu benehmen,
-und hätte selbstverständlich keinen durch die Bekanntschaft mit mir
-kompromittiert; aber wie groß war meine Verwunderung, als ich denselben
-verlorenen, hilflosen und bösen Blick des Fürsten auch mich streifen
-sah: er schämte sich also nicht nur Stebelkoffs, sondern auch meiner,
-und stellte mich somit auf ein und dieselbe Stufe mit Stebelkoff. Dieser
-Gedanke empörte mich; ich setzte mich deshalb noch ungenierter auf
-meinen Diwan und blätterte in meinem Buch mit einer Miene, als gingen
-sie mich überhaupt nichts an. Stebelkoff dagegen machte große Augen,
-beugte sich vor und hörte ihrem Gespräch aufmerksam zu, wahrscheinlich
-im Glauben, das wäre höflich und liebenswürdig zugleich. Der Besuch warf
-ab und zu einen Blick auf Stebelkoff; und auf mich übrigens auch.
-
-Sie sprachen von Familienneuigkeiten; dieser Herr hatte einmal die
-Mutter des Fürsten gekannt, die aus einer alten vornehmen Familie
-stammte. Soviel ich beurteilen konnte, war dieser Herr, trotz der
-Freundlichkeit und scheinbaren Offenherzigkeit seines Tones, sehr
-pedantisch und von sich in solchem Maße eingenommen, daß er mit seiner
-Visite wohl jedem Sterblichen eine große Ehre zu erweisen wähnte. Wäre
-der Fürst allein gewesen, das heißt, ohne uns, so hätte er sich, davon
-bin ich überzeugt, viel sicherer und gewandter gezeigt; so aber sprach
-eine gewisse Unsicherheit und Nervosität aus seinem Lächeln, das
-vielleicht etwas zu liebenswürdig war, und außerdem war er von einer
-sonderbaren Zerstreutheit.
-
-Sie saßen noch keine fünf Minuten, als der Diener wieder einen Besuch
-meldete, und wie zum Verhängnis war es wieder ein kompromittierender
-Bekannter des Fürsten. Diesen kannte ich gut, d. h. ich hatte schon viel
-von ihm gehört, ich selbst aber war ihm völlig unbekannt. Es war das ein
-noch sehr junger Mann, übrigens doch schon dreiundzwanzigjährig,
-vorzüglich angezogen, aus guter Familie und ein sehr hübscher Junge,
-aber leider -- gehörte er zur schlechten Gesellschaft. Vor einem Jahr
-war er noch Offizier in einem der vornehmsten Gardekavallerie-Regimenter
-gewesen, hatte aber dann aus zwingenden Gründen seinen Abschied nehmen
-müssen, und diese Gründe waren allen bekannt. Seine Verwandten mußten
-sogar in den Zeitungen bekanntmachen, daß sie für seine Schulden nicht
-hafteten, er aber führte sein Verschwenderleben unbehindert fort,
-verschaffte sich Geld zu zehn Prozent monatlich, spielte fürchterlich,
-wo er nur spielen konnte, und ruinierte sich für eine bekannte kleine
-Französin.
-
-Vor einer Woche hatte er wieder Glück gehabt und an einem einzigen Abend
-an die zwölftausend Rubel gewonnen, so war er jetzt wieder obenauf. Mit
-dem Fürsten stand er auf freundschaftlichem Fuß: sie spielten oft
-gemeinschaftlich; aber der Fürst zuckte zusammen, als er ihn erblickte,
-ich sah das von meinem Platze aus. Dieser junge Mann benahm sich überall
-so, als wäre er bei sich zu Hause, sprach laut und lustig, sprach alles
-aus, was ihm in den Kopf kam, genierte sich nie und wäre natürlich auch
-im Traum nicht darauf verfallen, daß unser Fürst sich vor dem hohen Gast
-seiner übrigen Bekannten schämte.
-
-Er trat ein, unterbrach ihre Unterhaltung und begann sogleich, noch
-bevor er sich gesetzt hatte, von dem gestrigen Spielabend zu erzählen.
-
-»Sie waren, glaub ich, gleichfalls da,« wandte er sich schon nach dem
-dritten Satz an den würdevollen Besuch, den er augenscheinlich für einen
-Herrn aus ihrem Spielerkreise hielt, aber er bemerkte sofort seinen
-Irrtum und rief: »Ach, entschuldigen Sie, ich hielt Sie im Augenblick
-für einen der Herren von gestern!«
-
-»Alexei Wladimirowitsch Darsan, -- Ippolit Alexandrowitsch
-Naschtschokin,« beeilte sich der Fürst vorzustellen. Diesen jungen Mann
-konnte man immerhin vorstellen: er entstammte einer bekannten, vornehmen
-Familie; uns aber hatte er nicht vorgestellt, und wir saßen immer noch
-auf unseren Plätzen und rührten uns nicht. Ich wollte nicht einmal den
-Kopf zu ihnen wenden; Stebelkoff aber hatte seit dem Erscheinen des
-jungen Mannes fröhlich zu lächeln und zu schmunzeln angefangen und sah
-ganz danach aus, als wollte er sich nun gleichfalls am Gespräch
-beteiligen. Mich begann das alles schließlich zu amüsieren.
-
-»Ich habe Sie im vorigen Jahr oft bei der Gräfin Werigin gesehen,« sagte
-Darsan.
-
-»Ja, ich entsinne mich Ihrer, aber Sie waren damals, wenn ich mich nicht
-sehr irre, Offizier,« erwiderte Naschtschokin freundlich.
-
-»Ja, ich war Offizier, aber dank ... Ah, da ist ja Stebelkoff? Wie kommt
-denn der hierher? Ja, schauen Sie mal, eben dank diesen gerissenen
-Leutchen bin ich nicht mehr Offizier,« -- und er wies ungeniert und
-lachend auf Stebelkoff.
-
-Stebelkoff lachte sogleich mit und sogar sehr vergnügt -- er schien den
-Hinweis auf sich für eine Liebenswürdigkeit zu halten. Der Fürst wurde
-rot und wandte sich schnell mit irgendeiner Frage an Naschtschokin;
-Darsan trat zu Stebelkoff und begann mit ihm sehr lebhaft, aber doch
-flüsternd zu sprechen.
-
-»Wenn ich mich nicht irre, sind Sie im Auslande mit Katerina Nikolajewna
-Achmakoff sehr gut bekannt gewesen?« fragte Naschtschokin den Fürsten.
-
-»Oh, ja, ich habe sie gekannt ...«
-
-»Es scheint, daß es bald eine Neuigkeit geben wird. Man spricht davon,
-daß sie den Baron Bjoring heiraten werde.«
-
-»Ja, das ist wahr!« rief Darsan herüber.
-
-»Sie ... wissen das genau?« fragte der Fürst Naschtschokin mit
-sichtlicher Erregung, und in seiner Frage lag gespannte Erwartung.
-
-»Ich habe so gehört; aber ich glaube, es wird schon allgemein davon
-gesprochen; genau weiß ich es allerdings nicht.«
-
-»Oh, doch, das steht fest!« sagte Darsan und trat wieder zu ihnen.
-»Dubassoff sagte es mir gestern; er ist immer der erste, der solche
-Neuigkeiten weiß. Aber auch Sie, Fürst, müßten das eigentlich schon
-wissen.«
-
-Naschtschokin ließ Darsan zu Ende sprechen und wandte sich dann wieder
-an den Fürsten:
-
-»Sie hat sich in der letzten Zeit selten in der Gesellschaft sehen
-lassen.«
-
-»Im letzten Monat war ihr Vater krank,« bemerkte der Fürst eigentümlich
-trocken.
-
-»Aber sie ist doch, glaub ich, eine Dame mit Erlebnissen?« platzte
-Darsan unbedacht heraus.
-
-Ich hob den Kopf und richtete mich auf.
-
-»Ich habe die Ehre, Katerina Nikolajewna persönlich zu kennen und halte
-es für meine Pflicht, zu versichern, daß alle skandalösen Gerüchte
-nichts als Lüge und schändlicher Klatsch sind ... und von denen
-erfunden, die ... ihr den Hof gemacht, jedoch nichts erreicht haben.«
-
-Nachdem ich so dumm abgebrochen hatte, sah ich sie alle mit glühendem
-Gesicht und gerade aufgerichtet immer noch an. Alle hatten sich nach mir
-umgewandt -- da begann Stebelkoff zu kichern, und auch der anfangs
-verdutzte Darsan lächelte auf einmal.
-
-»Arkadi Makarowitsch Dolgoruki,« stellte der Fürst mich vor.
-
-»Ach, glauben Sie mir, _Fürst_,« wandte sich Darsan unbefangen und
-gutmütig an mich, »das war ja gar nicht meine Meinung; wenn es solche
-Gerüchte gibt, so habe nicht ich sie verbreitet.«
-
-»Oh, ich sagte es ja auch gar nicht zu Ihnen!« versetzte ich schnell,
-aber schon lachte Stebelkoff unverzeihlich, und zwar, wie sich später
-herausstellte, nur darüber, daß Darsan mich für einen _Fürsten_
-Dolgoruki gehalten hatte. Mein verwünschter Name mußte mir auch hier
-wieder alles verpfuschen! Selbst jetzt erröte ich noch bei dem Gedanken,
-daß ich damals, natürlich aus Schamgefühl, den dummen Irrtum nicht
-aufzuklären wagte und ihm nicht sagte, daß ich _einfach_ Dolgoruki
-hieße. Ich habe das damals zum erstenmal in meinem Leben unterlassen.
-Darsan sah verwundert bald mich, bald den lachenden Stebelkoff an.
-
-»Ach, richtig! Wer war denn dieses hübsche Mädel, dem ich vorhin auf
-Ihrer Treppe begegnet bin, schlank, blond?« fragte er auf einmal den
-Fürsten.
-
-»Wirklich, ich weiß nicht ... wie soll ich es wissen ...« Der Fürst war
-plötzlich rot geworden.
-
-»Wer denn sonst?« lachte Darsan.
-
-»Übrigens, das ... das könnte ...« begann der Fürst eigentümlich
-unsicher und stockend.
-
-»Das ... Tja, das war doch sein Schwesterchen, eben Lisaweta Makarowna!«
-sagte plötzlich Stebelkoff, mit dem Finger auf mich weisend. »Ich bin
-ihr ja vorhin auch begegnet ...«
-
-»Ach, ja, in der Tat!« fiel ihm der Fürst ins Wort, und sein Gesicht sah
-plötzlich ernst und streng aus. »Das wird allerdings Lisaweta Makarowna
-gewesen sein. Sie ist sehr befreundet mit Anna Fjodorowna Stolbejeff,
-bei der ich hier wohne. Wahrscheinlich hat sie heute Darja Onissimowna
-besucht, der Anna Fjodorowna für die Zeit ihrer Abwesenheit die ganze
-Führung des Haushalts anvertraut hat ...«
-
-Und so war es auch. Diese Darja Onissimowna war die Mutter der armen Olä
-und war von Tatjana Pawlowna schließlich bei der Stolbejeff
-untergebracht worden. Ich wußte, daß Lisa die Stolbejeff früher besucht
-hatte und nun auch manchmal bei der armen Darja Onissimowna gewesen war,
-die wir alle sehr liebgewonnen hatten; aber in diesem unseligen
-Augenblick, nach dieser übrigens sehr sachlichen Erklärung des Fürsten
-und diesem dummen Ausfall Stebelkoffs, oder vielleicht auch nur deshalb,
-weil man mich mit dem Titel »Fürst« angeredet hatte -- oder war es
-vielleicht alles zusammen --, kurz, ich wurde auf einmal feuerrot. Zum
-Glück erhob sich gerade Naschtschokin, um aufzubrechen; er reichte auch
-Darsan die Hand. In dem Augenblick, wo Stebelkoff und ich allein blieben
--- Darsan stand mit dem Rücken zu uns in der Tür -- begann Stebelkoff
-mir sofort lebhaft zuzuzwinkern und mit dem Kopf auf Darsan zu weisen;
-ich zeigte Stebelkoff die Faust.
-
-Eine Minute später brach auch Darsan auf, nachdem er mit dem Fürsten
-noch die Verabredung getroffen hatte, am nächsten Tage an einem
-bestimmten Ort zusammenzutreffen -- natürlich in einem Lokal, wo
-gespielt wurde. Beim Hinausgehen rief er noch Stebelkoff irgend etwas zu
-und machte vor mir eine leichte Verbeugung. Kaum war er hinausgegangen,
-da sprang Stebelkoff auf, blieb mitten im Zimmer stehen und hob den
-Finger vor sich in die Höhe:
-
-»Dieses Knäblein hat in der vorigen Woche folgenden Streich gespielt:
-hat einen Wechsel gegeben, einen Wechsel mit gefälschter Unterschrift,
-hat den Namen Awerianoff selbst geschrieben! Und der Wechsel existiert
-nun noch in dieser Form und ist noch nicht eingelöst! Kriminalsache!
-Achttausend Rubel!«
-
-»Und dieser Wechsel ist bestimmt in Ihren Händen!« Ich sah ihn mit
-wilder Wut an.
-
-»Ich habe eine Bank, ich habe einen _Mont de piété_,{[40]} keinen
-Wechsel. Haben Sie schon gehört, was das ist, der _Mont de piété_ in
-Paris? Das Brot und die Vorsehung der Armen! Tja! Wie gesagt, einen
-_Mont de piété_ ...«
-
-Der Fürst unterbrach ihn grob und zornig:
-
-»Was wollen Sie hier noch? Was hatten Sie hier zu sitzen?«
-
-»Tja ...« Stebelkoffs Augen blinzelten, »aber das? Geht das denn nicht?«
-
-»Nein, nein, nein!« schrie ihn der Fürst an und stampfte mit dem Fuß.
-»Ich habe Ihnen doch gesagt ...!«
-
-»Tja, nun, wenn es so ist ... dann ist es so. Dann ist es eben anders
-...«
-
-Er drehte sich hastig um und ging mit plötzlich gesenktem Kopf und
-krummem Rücken schnell hinaus. Als er schon in der Tür war, rief ihm der
-Fürst noch zornig nach:
-
-»Und damit Sie es wissen, mein Herr, ich habe nicht die geringste Furcht
-vor Ihnen!«
-
-Er war sehr gereizt, wollte sich setzen, warf aber einen Blick auf mich
-und setzte sich nicht. Sein Blick hatte gleichsam auch mir gesagt: »Und
-auch du, was hast du hier noch zu suchen?«
-
-»Ich, Fürst ...« wollte ich anfangen, aber er fiel mir ins Wort:
-
-»Ich habe wirklich keine Zeit, Arkadi Makarowitsch, ich muß sogleich
-ausfahren.«
-
-»Nur einen Augenblick, Fürst, es ist etwas für mich sehr Wichtiges; und
-vor allem, bitte, nehmen Sie Ihre dreihundert Rubel zurück.«
-
-»Was soll das nun wieder bedeuten?«
-
-Er war auf und ab gegangen, jetzt blieb er stehen.
-
-»Das soll bedeuten, daß ich nach allem, was vorgefallen ist ... und was
-Sie von Werssiloff gesagt haben -- daß er unehrenhaft wäre --, und
-schließlich Ihr Ton die ganze Zeit heute ... Mit einem Wort, ich kann es
-wirklich nicht annehmen.«
-
-»Sie haben es aber doch schon einen ganzen Monat _annehmen können_.«
-
-Er setzte sich plötzlich hin. Ich stand am Tisch und blätterte mit der
-einen Hand in dem Buch von Bjelinski, in der anderen hielt ich meinen
-Hut.
-
-»Es waren andere Gefühle, Fürst ... Und schließlich, ich hätte es nie
-bis zu dieser Summe kommen lassen ... Aber dieses Spiel ... Mit einem
-Wort, ich kann nicht!«
-
-»Sie haben sich heute einfach durch nichts Besonderes ausgezeichnet, und
-deshalb sind Sie wütend; ich möchte Sie bitten, das Buch liegen zu
-lassen.«
-
-»Was heißt das: >sich durch nichts Großartiges ausgezeichnet<? Und dann,
-Sie haben mich vor Ihren Gästen fast auf eine Stufe mit Stebelkoff
-gestellt.«
-
-»Ah, das ist also des Rätsels Lösung!« lächelte er gehässig. »Und
-außerdem wurden Sie verlegen, weil Darsan Sie für einen Fürsten hielt.«
-
-Er lachte böse. Ich fuhr auf.
-
-»Ich verstehe Sie nicht ... Ihren Fürstentitel würde ich auch umsonst
-nicht annehmen!«
-
-»Ich kenne Ihren Charakter. Wie lächerlich Sie sich als Verteidiger der
-Achmakoff aufspielten ... Lassen Sie das Buch liegen!«
-
-»Was soll denn das heißen?« Auch ich wurde wütend.
-
-»Lassen Sie das Buch liegen!« brüllte er mich auf einmal an und richtete
-sich wild in seinem Sessel auf, fast wie im Begriff, sich auf mich zu
-stürzen.
-
-»Das geht denn doch über alle Grenzen,« sagte ich und ging schnell aus
-dem Zimmer. Aber noch hatte ich den Saal nicht ganz durchschritten, als
-er mich schon von der Tür seines Kabinetts zurückrief:
-
-»Arkadi Makarowitsch, kommen Sie zurück! Kommen Sie zurück! Zu--rück,
-sage ich! Zum ...!«
-
-Ich achtete nicht darauf und ging weiter. Da holte er mich mit schnellen
-Schritten ein, ergriff mich am Arm und zog mich zurück ins Kabinett. Ich
-widersetzte mich nicht.
-
-»Nehmen Sie!« sagte er, bleich vor Erregung, und hielt mir die
-dreihundert Rubel hin, die ich auf den Tisch gelegt hatte. »Sie müssen
-sie nehmen, unbedingt ... sonst sind wir ... Sie müssen! Unbedingt!«
-
-»Fürst, wie kann ich denn?«
-
-»Nun, ich werde Sie um Verzeihung bitten, wollen Sie? Also, verzeihen
-Sie mir ...!«
-
-»Fürst, ich habe Sie immer geliebt, und wenn Sie mich auch ...«
-
-»Ja, ich auch: nehmen Sie ...«
-
-Ich nahm das Geld. Seine Lippen bebten.
-
-»Ich verstehe ja, Fürst, daß dieser Schuft Sie in Wut versetzt hat ...
-aber ich nehme es nur dann, Fürst, wenn wir uns küssen, wie nach unseren
-früheren kleinen Zerwürfnissen ...«
-
-Ich zitterte, als ich das sagte.
-
-»Was für Zärtlichkeiten!« murmelte der Fürst mit einem verwirrten
-Lächeln, beugte sich aber herab und küßte mich.
-
-Ich fuhr zusammen: in seinem Gesicht sah ich, während er mich küßte,
-entschieden einen Ausdruck des Ekels.
-
-»Hat er Ihnen wenigstens Geld gebracht?« fragte ich.
-
-»Ach, das ist egal.«
-
-»Ich frage nur Ihretwegen, ich ...«
-
-»Ja, ja, er hat mir welches gebracht ...«
-
-»Fürst, wir waren Freunde ... und schließlich, Werssiloff ...«
-
-»Ja, ja, schon gut!«
-
-»Nein, hören Sie, ich weiß wirklich nicht, diese dreihundert ...«
-
-Ich hielt sie in der Hand.
-
-»Nehmen Sie sie, so nehmen Sie sie doch!« drängte er und lächelte
-wieder, aber in seinem Lächeln war etwas Böses.
-
-Ich nahm sie.
-
-
- Drittes Kapitel.
-
-
- I.
-
-Ich nahm das Geld, weil ich ihn liebte. Wer mir das nicht glauben will,
-dem kann ich sagen, daß ich wenigstens in dem Augenblick, als ich dieses
-Geld von ihm nahm, fest überzeugt war, daß ich mir, wenn ich nur wollte,
-auch aus einer anderen Quelle und mit Leichtigkeit Geld verschaffen
-könnte. Und folglich hatte ich das Geld nicht genommen, weil mich die
-Not dazu zwang, sondern um ihn nicht zu kränken. Ja, leider, so dachte
-ich damals! Aber ich fühlte mich doch sehr bedrückt, als ich ihn
-verließ: die außerordentliche Veränderung in seinem Verhalten zu mir an
-diesem Vormittag hatte mich zu sehr überrascht. Einen solchen Ton hatte
-er sich mir gegenüber noch nie erlaubt, und sein Verhalten zu Werssiloff
-war ja schon eine richtige Auflehnung gewesen. Stebelkoff hatte ihn
-natürlich mit irgend etwas geärgert, aber das hatte ja schon vor
-Stebelkoffs Erscheinen angefangen. Und wie gesagt, eine Veränderung in
-seinem Verhalten zu mir war schon die ganzen letzten Tage zu bemerken
-gewesen, aber doch nicht so, doch nicht in dem Maße -- und das war das
-Auffallende.
-
-Vielleicht hatte ihn auch die dumme Nachricht von diesem
-Flügeladjutanten Baron Bjoring aufgebracht ... Mich hatte sie ja
-gleichfalls aufgeregt, aber ... Das war es eben, daß ich damals etwas
-ganz anderes im Sinn und strahlend vor Augen hatte, weshalb ich so
-vieles leichtsinnig außeracht ließ: ich beeilte mich förmlich, es
-außeracht zu lassen, zu übersehen, ich verscheuchte alles Dunkle und
-wandte mich immer nur diesem einen vor mir Strahlenden zu ...
-
-Es war noch nicht ein Uhr. Vom Fürsten fuhr ich mit meinem Schlitten --
-wird man es mir glauben, zu wem? -- geradeswegs zu Stebelkoff! Dieser
-Stebelkoff hatte mich vorhin nicht so sehr durch sein Erscheinen beim
-Fürsten in Erstaunen versetzt (da der Fürst auf das von ihm versprochene
-Geld gewartet hatte), als dadurch, daß er zwar nach seiner dummen
-Angewohnheit mir zugeblinzelt, jedoch mit keiner Miene darauf angespielt
-hatte, was zwischen uns einzig einer Erklärung bedurfte. Ich hatte
-nämlich am Abend vorher durch die Stadtpost einen Brief von ihm
-erhalten, der für mich ziemlich rätselhaft war: er bat mich, gerade
-heute gegen zwei Uhr bei ihm vorzusprechen, er hätte mir »Dinge
-mitzuteilen, die ich wohl nicht erwartete«. Und nun hatte er beim
-Fürsten mit keiner Miene angedeutet, daß er von seinem Brief an mich
-etwas wußte. Was mochten das für Geheimnisse sein, die es zwischen
-Stebelkoff und mir überhaupt geben konnte? Schon dieser Gedanke an sich
-war lächerlich; aber nach allem, was sich da zugetragen hatte, war ich
-nun auf der Fahrt zu ihm sogar ein wenig aufgeregt. Ich hatte mich
-allerdings schon einmal an ihn gewandt, als ich dringend Geld brauchte
--- das war vor etwa zwei Wochen gewesen --, und er wollte es mir auch
-geben, aber es war doch nicht dazu gekommen, und ich selbst hatte auf
-das Geld verzichtet: er hatte gleich wieder etwas Unverständliches zu
-schwatzen angefangen, und da war in mir der Verdacht aufgestiegen, daß
-er mir etwas vorschlagen, mir besondere Bedingungen stellen wollte; da
-ich ihn aber jedesmal, wenn ich mit ihm beim Fürsten zusammengekommen
-war, sehr von oben herab behandelt hatte, so hatte ich stolz jeden
-Gedanken an besondere Bedingungen zurückgewiesen und war fortgegangen,
-obschon er mir noch bis zur Haustür nachgelaufen war. Das Geld hatte ich
-mir dann vom Fürsten geborgt.
-
-Stebelkoffs Wohnung lag ganz abgesondert, er lebte völlig für sich und
-wohnte wie ein wohlhabender Mann: es waren vier schöne Zimmer mit guten
-Möbeln, dazu hatte er männliche und weibliche Bedienung und noch eine
-Wirtschafterin, die übrigens eine ziemlich bejahrte Person war. Zornig
-trat ich bei ihm ein.
-
-»Hören Sie mal, mein Bester,« begann ich schon in der Tür, »was hat,
-erstens mal, dieser Brief an mich zu bedeuten? Ich verbitte mir Briefe
-von Ihnen an meine Adresse. Und warum haben Sie mir nicht vorhin beim
-Fürsten erklärt, was Sie von mir wollen? Sie konnten doch dort mit mir
-sprechen!«
-
-»Aber warum haben Sie denn dort gleichfalls geschwiegen und nicht selbst
-gefragt?« Ein höchst selbstzufriedenes Lächeln zog seinen Mund in die
-Breite.
-
-»Weil nicht ich Sie brauche, sondern Sie mich!« rief ich und war auf
-einmal wütend.
-
-»Aber warum sind Sie dann zu mir gekommen, wenn es so ist?« Er hopste
-fast auf seinem Stuhl vor lauter Vergnügen. Ich drehte mich sofort um
-und wollte gehen, aber er hielt mich an der Schulter fest.
-
-»Nein, nein, ich hab' ja nur gescherzt. Die Sache ist wichtig. Sie
-werden sehen!«
-
-Ich setzte mich. Ich muß gestehen, ich war doch neugierig geworden. Wir
-saßen an seinem großen Schreibtisch einander gegenüber. Er lächelte
-verschmitzt und wollte schon wieder seinen Finger in die Höhe heben.
-
-»Bitte, diesmal ohne Ihre Schlauheiten und Fingerturnerei, und vor allen
-Dingen lassen Sie Ihre Allegorien beiseite und sprechen Sie sachlich,
-sonst gehe ich sofort!« rief ich wieder wütend.
-
-»Sie ... sind stolz!« sagte er mit einem gewissen dummen Vorwurf, indem
-er sich in seinem Lehnstuhl zu mir vorbeugte und alle seine Falten auf
-der Stirn in die Höhe zog.
-
-»Anders geht es mit Ihnen nicht.«
-
-»Sie ... haben heute vom Fürsten Geld genommen, dreihundert Rubel; ich
-habe auch Geld. Mein Geld ist besser.«
-
-»Woher wissen Sie, daß der Fürst mir Geld geliehen hat?« fragte ich
-maßlos verwundert, »sollte er es Ihnen wirklich selbst gesagt haben?«
-
-»Er selbst hat es mir gesagt; regen Sie sich nicht auf, es war nur so,
-nur beiläufig, es entschlüpfte ihm unbedachterweise, da von Geld die
-Rede war, nicht mit Absicht. Er hat es mir gesagt. Aber Sie hätten es
-von ihm nicht zu nehmen brauchen. Ist es so oder nicht?«
-
-»Aber Sie erpressen ja, wie ich gehört habe, unmenschliche Prozente.«
-
-»Ich habe einen _Mont de piété_, ich erpresse nichts. Ich helfe nur
-Freunden, anderen gebe ich nichts. Für die anderen ist der _Mont de
-piété_ da ...«
-
-Dieser sein _Mont de piété_ war eine ganz gewöhnliche Pfandleihe, aber
-nicht auf seinen Namen; sie befand sich auch in einer anderen Wohnung,
-und das Geschäft blühte.
-
-»Aber Freunden gebe ich große Summen.«
-
-»Wie, ist denn der Fürst auch so ein Freund von Ihnen?«
-
-»Das ... ist er; aber ... er redet Unsinn. Und er darf nicht Unsinn
-reden.«
-
-»Ist er denn so in Ihren Händen? Schuldet er Ihnen viel?«
-
-»Er ... schuldet mir viel.«
-
-»Er wird Ihnen alles bezahlen; er hat die Erbschaft ...«
-
-»Das -- ist nicht seine Erbschaft. Er ist mir Geld schuldig und ist mir
-noch anderes schuldig. Die Erbschaft langt nicht. Ich gebe Ihnen ohne
-Prozente.«
-
-»Gleichfalls als Ihrem >Freunde<? Womit habe ich denn das verdient?«
-fragte ich auflachend.
-
-»Sie werden es noch verdienen.«
-
-Wieder beugte er sich mit dem ganzen Oberkörper zu mir vor und hob den
-Finger.
-
-»Stebelkoff! Ohne Finger, sonst gehe ich!«
-
-»Hören Sie ... er könnte doch Anna Andrejewna Werssiloff heiraten!« Und
-er kniff sein linkes Auge teuflisch listig zusammen.
-
-»Wissen Sie, Stebelkoff, Ihre Geschichten nehmen einen dermaßen
-skandalösen Charakter an ... Wie dürfen Sie es wagen, den Namen Anna
-Andrejewnas überhaupt auszusprechen?«
-
-»Ärgern Sie sich nicht.«
-
-»Es kostet mich wirklich Überwindung, Sie anzuhören, und ich tue es nur,
-weil ich hier eine Machenschaft wittere und wissen will ... Aber mir
-kann auch die Geduld reißen, Stebelkoff!«
-
-Ȁrgern Sie sich nicht, und seien Sie nicht so stolz. Haben Sie nur ein
-wenig Geduld, und hören Sie mich an. Dann können Sie wieder stolz sein.
-Das mit Anna Andrejewna wissen Sie doch? Daß der Fürst sie heiraten
-könnte ... das wissen Sie doch?«
-
-»Ich habe natürlich davon gehört und weiß alles; aber ich habe mit dem
-Fürsten niemals darüber gesprochen. Ich weiß nur, daß diese Idee vom
-alten Fürsten Ssokolski stammt, der jetzt krank ist; aber ich habe
-niemals darüber gesprochen und habe damit auch nichts zu schaffen. Ich
-sage Ihnen das alles einzig zur Erklärung der Sachlage ... Und nun
-gestatten Sie die Frage, erstens: wozu _Sie_ denn eigentlich davon mit
-mir zu sprechen angefangen haben? Und zweitens: hat denn der Fürst
-wirklich _mit Ihnen_ über diese Dinge gesprochen?«
-
-»Nicht er mit mir; er will mit mir nicht darüber sprechen, aber ich
-spreche mit ihm, und er will mich bloß nicht anhören. Vorhin bei ihm, da
-schrie er mich ja deshalb an.«
-
-»Das fehlte noch, daß er es nicht getan hätte! Ich kann ihm nur
-zustimmen.«
-
-»Der Alte, der alte Fürst Ssokolski, wird Anna Andrejewna eine große
-Mitgift geben; sie hat's verstanden, ihm zu gefallen. Dann wird mir der
-Bräutigam, der junge Fürst Ssokolski, mein ganzes Geld wiedergeben. Wird
-mir auch die andere Schuld, außer der Geldschuld, wiedergeben. Das wird
-er sicher! Jetzt aber hat er nichts, wovon er es mir zurückzahlen
-könnte.«
-
-»Aber was soll ich denn, wozu brauchen Sie denn mich dabei?«
-
-»Zu der Hauptsache! Sie sind bekannt, Sie sind dort überall bekannt. Sie
-können alles erfahren.«
-
-»Zum Teufel ... was erfahren?«
-
-»Ob der Fürst will, ob Anna Andrejewna will, ob der alte Fürst will! Das
-müßten Sie alles genau erfahren.«
-
-»Und Sie unterstehen sich, mir vorzuschlagen, Ihr Spion zu sein, und das
--- für Geld!« Empört sprang ich auf.
-
-»Seien Sie nicht so stolz, seien Sie nicht so stolz! Warten Sie nur noch
-ein wenig mit dem Stolzsein, nur noch fünf Minuten!«
-
-Er zwang mich wieder zum Sitzen. Meiner Empörung und meinen Ausrufen maß
-er offenbar nicht die geringste Bedeutung bei; aber ich beschloß, ihn zu
-Ende anzuhören.
-
-»Ich muß es bald erfahren, so bald als möglich, und muß es genau wissen;
-denn ... denn vielleicht wird es bald zu spät sein. Haben Sie nicht
-bemerkt, wie unangenehm ihm die Neuigkeit war, die der Offizier von dem
-Baron und der verwitweten Achmakoff, der Katerina Nikolajewna,
-erzählte?«
-
-Entschieden erniedrigte ich mich dadurch, daß ich ihn anhörte, aber
-meine Neugier war so groß, daß ich mich nicht loszureißen vermochte.
-
-»Hören Sie ... Sie nichtsnutziger Mensch!« sagte ich entschlossen. »Wenn
-ich noch hier sitze und Sie anhöre und Sie sogar von diesen mir
-nahestehenden Menschen sprechen lasse ... und Ihnen sogar noch antworte,
-so geschieht das keineswegs deshalb, weil ich Ihnen etwa das Recht dazu
-zugestehe. Ich sehe einfach, daß es sich hier um eine Gemeinheit handelt
-... Und dann, was für Hoffnungen kann der Fürst auf Katerina Nikolajewna
-haben?«
-
-»Gar keine, aber er ärgert sich.«
-
-»Das ist nicht wahr!«
-
-»Er ärgert sich. Er hat da schon verspielt, hat ein Paroli verloren.
-Jetzt ist ihm nur noch Anna Andrejewna geblieben. Ich gebe Ihnen
-zweitausend Rubel ... ohne Wechsel und ohne Zinsen.«
-
-Nachdem er das gesagt hatte, lehnte er sich entschlossen und wichtig
-zurück und sah mich mit aufgerissenen Augen an. Ich riß auch meine Augen
-auf und sah ihn an.
-
-»Sie tragen Anzüge von einem Schneider aus der Großen Millionnajastraße;
-Geld braucht man, Geld, und mein Geld ist besser als seines. Ich gebe
-Ihnen mehr als zweitausend ...«
-
-»Aber wofür? Wofür denn, zum Teufel?«
-
-Ich stampfte mit dem Fuß auf. Er beugte sich wieder vor zu mir und sagte
-mit besonderer Betonung:
-
-»Damit Sie nicht stören.«
-
-»Ich kümmere mich sowieso nicht darum,« rief ich.
-
-»Ich weiß, daß Sie schweigen; das ist gut.«
-
-»Ihr Gutheißen können Sie für sich behalten, ich brauche es nicht. Ich
-würde diese Verbindung selbst sehr wünschen, aber ich halte das nicht
-für meine Sache, und mich da hineinzumischen, wäre nicht anständig.«
-
-»Sehen Sie, sehen Sie, tja, das ist es ja: nicht anständig!« Er erhob
-den Finger zum Zeichen der Bedeutsamkeit des Wortes.
-
-»Was -- sehen Sie? Was soll ich da sehen?«
-
-»Tja, das wäre unanständig ... Hehe!« Er begann zu lachen. »Ich
-verstehe, verstehe, das wäre von Ihnen unanständig, aber ... werden Sie
-auch nicht stören?« Er zwinkerte mir wieder zu.
-
-Aber in diesem Zuzwinkern lag etwas so maßlos Freches, sogar
-Spöttisches, Niedriges! Es war, als hätte er in mir irgendeine
-Niedrigkeit vorausgesetzt und auf eben diese Niedrigkeit gerechnet ...
-Das war klar; aber ich konnte auf keine Weise erraten, um was es sich
-dabei handelte.
-
-»Anna Andrejewna ist -- doch auch Ihre Schwester,« sagte er schließlich
-eindringlich.
-
-»Ich verbiete Ihnen, davon zu sprechen! Und überhaupt dürfen Sie es
-nicht wagen, Anna Andrejewna zu nennen!«
-
-»Tun Sie nicht so stolz, gedulden Sie sich noch eine Minute! Also hören
-Sie: er wird das Geld bekommen und alle sicherstellen,« sagte er mit
-besonderer Betonung. »Sie folgen? Ich sage: alle -- verstehen Sie? --
-_alle_!«
-
-»So glauben Sie, ich würde dann Geld von ihm nehmen?«
-
-»Jetzt nehmen Sie es doch?«
-
-»Ich nehme mein eigenes.«
-
-»Wieso Ihr eigenes?«
-
-»Dieses Geld ... gehört Werssiloff; er schuldet Werssiloff
-zwanzigtausend.«
-
-»So doch nur Werssiloff und nicht Ihnen.«
-
-»Werssiloff ist mein Vater.«
-
-»Nein, Sie heißen Dolgoruki und nicht Werssiloff.«
-
-»Das bleibt sich gleich!« -- So glaubte ich damals die Sache wirklich
-noch erklären und rechtfertigen zu können! Ich wußte, daß es sich nicht
-gleichblieb; denn so dumm war ich schließlich doch nicht, aber ich
-dachte wiederum aus »Taktgefühl« so.
-
-»Genug!« rief ich. »Ich werde aus Ihrem Gefasel überhaupt nicht klug.
-Und wie haben Sie mich wegen solchen leeren Geschwätzes noch extra
-herzubitten gewagt?«
-
-»Ja, wie ... verstehen Sie denn _wirklich_ nicht? Sie ..., verstellen
-Sie sich bloß, oder?« fragte Stebelkoff langsam und sah mich
-durchdringend mit einem seltsam ungläubigen Lächeln an.
-
-»Bei Gott, ich verstehe kein Wort!«
-
-»Ich sage Ihnen: er wird _alle_ sicherstellen, _alle_, wenn Sie nur
-nicht dazwischenfahren und ihm abraten ...«
-
-»Sie müssen wahrhaftig übergeschnappt sein! Was reiten Sie denn ewig auf
-diesen >allen< herum? Meinen Sie etwa Werssiloff, daß er den
-sicherstellen soll?«
-
-»Sie sind nicht der einzige, und Werssiloff ist nicht der einzige ... da
-sind auch noch andere. Und Anna Andrejewna ist ebenso Ihre Schwester wie
-... _Lisaweta Makarowna_!«
-
-Ich sah ihn mit aufgerissenen Augen an. Auf einmal sah ich in seinem
-widerlichen Blick einen Ausdruck wie von Mitleid mit mir:
-
-»Sie verstehen also nicht, so ist es auch besser! Das ist gut, sehr gut,
-daß Sie nicht verstehen. Das ist lobenswert ... wenn Sie wirklich nicht
-verstehen.«
-
-Jetzt wurde ich aber wütend.
-
-»Hol' Sie der Teufel mit Ihrem Gefasel, Sie übergeschnappter Mensch!«
-fuhr ich auf und griff nach meinem Hut.
-
-»Das ist kein Gefasel! Wie ist's? Wissen Sie, Sie werden wiederkommen.«
-
-»Nein,« schnitt ich ab, schon in der Tür.
-
-»Sie werden kommen, und dann -- dann gibt es eine andere Unterredung.
-Dann kommt die Hauptunterredung. Zweitausend, vergessen Sie das nicht!«
-
-
- II.
-
-Er hatte einen so schmutzigen und verworrenen Eindruck auf mich gemacht,
-daß ich, als ich aus seiner Wohnung trat, mir sogar Mühe gab, nicht mehr
-an ihn zu denken und einfach ausspie. Der Gedanke, daß der Fürst mit ihm
-von mir und von diesem Gelde hatte sprechen können, stach mich plötzlich
-wie eine Nadel. »Ich werde gewinnen und es ihm heute noch zurückgeben,«
-sagte ich mir entschlossen.
-
-Aber so dumm Stebelkoff und so verworren seine Rede auch war, ich hatte
-in ihm doch den ausgesprochen gemeinen Menschen in seinem ganzen Glanze
-erkannt und sofort erraten, daß er, was die Hauptsache war, an einer
-Intrige spann. Nur hatte ich damals keine Zeit, gleichviel welchen
-Intrigen nachzuspüren, und das war auch der Hauptgrund meiner damaligen
-unglaublichen Blindheit! Unruhig sah ich auf meine Uhr, aber es war noch
-nicht zwei; also konnte ich noch einen Besuch machen; denn sonst wäre
-ich bis drei Uhr vor Aufregung umgekommen. So fuhr ich denn zu Anna
-Andrejewna Werssiloff, meiner Halbschwester. Mit ihr war ich schon
-längst gut bekannt geworden, und zwar bei meinem alten Fürsten während
-seines Krankseins. Ich hatte ihn nun schon drei oder vier Tage nicht
-gesehen, und das quälte ein wenig mein Gewissen; aber eben Anna
-Andrejewna hatte mich bei ihm vertreten: der alte Fürst hing schon sehr
-an ihr, ja, seine Zuneigung zu ihr war so groß, daß er sie mir gegenüber
-sogar seinen Schutzengel genannt hatte. Übrigens ging der Plan, sie mit
-dem jungen Fürsten Ssergei Petrowitsch Ssokolski zu verheiraten,
-tatsächlich von meinem lieben alten Herrn aus, und er hatte ihn mir
-schon mehr als einmal mitgeteilt, natürlich immer als Geheimnis.
-Gelegentlich hatte ich das auch Werssiloff erzählt, da es mir nicht
-entgangen war, daß ihn von allen die nächste Gegenwart betreffenden
-Dingen, gegen die er so gleichgültig war, nur das eigentümlich zu
-interessieren schien, was ich ihm von meinen Begegnungen mit Anna
-Andrejewna mitteilte. Als Antwort hatte Werssiloff damals nur kurz und
-wie beiläufig so was gemurmelt, daß Anna Andrejewna doch zu klug sei, um
-in einer so delikaten Sache des Rates anderer zu bedürfen.
-Selbstverständlich hatte Stebelkoff recht, wenn er annahm, daß der alte
-Fürst ihr, wenn sie heiratete, eine Mitgift geben würde, aber wie durfte
-er es wagen, auf ihre Mitgift zu rechnen? Fürst Sserjosha hatte ihm
-vorhin nachgerufen, er fürchte sich nicht vor ihm: sollte ihm Stebelkoff
-im Nebenzimmer da nicht wirklich von Anna Andrejewna gesprochen haben?
-Da konnte ich mir denken, daß auch ich an seiner Stelle empört gewesen
-wäre.
-
-Anna Andrejewna hatte ich in der letzten Zeit sogar ziemlich oft
-besucht. Aber jedesmal war mir dabei etwas Merkwürdiges aufgefallen: sie
-hatte immer selbst bestimmt, wann ich zu ihr kommen sollte, und
-selbstverständlich erwartete sie mich, aber wenn ich dann erschien, tat
-sie immer ganz überrascht, als wäre ich ganz unerwartet gekommen; dieser
-Zug an ihr war mir zwar als sonderbar aufgefallen, aber ich war ihr
-dennoch zugetan. Sie lebte bei der alten Frau Fanariotoff, ihrer
-Großmutter, natürlich als deren Pflegetochter (Werssiloff kümmerte sich
-ja nicht um seine Kinder und sorgte auch nicht für ihren Unterhalt),
-aber sie spielte im Hause ihrer Pflegemutter keineswegs die Rolle, in
-der sonst mittellose Pflegetöchter im Hause vornehmer Damen geschildert
-werden, wie zum Beispiel in Puschkins »Piquedame« die arme Pflegetochter
-der tyrannischen alten Gräfin. Anna Andrejewna erinnerte eher selbst an
-diese alte Gräfin. Sie lebte in diesem Hause ganz für sich, freilich im
-selben Stockwerk und in derselben Wohnung wie die Fanariotoffs, aber
-doch in zwei ganz abgesonderten Zimmern, so daß ich zum Beispiel beim
-Kommen und Gehen noch nie einem von den Fanariotoffs begegnet war. Sie
-konnte bei sich empfangen, wen sie wollte und ihre Zeit ganz nach
-eigenem Belieben verbringen. Allerdings war sie ja auch schon
-dreiundzwanzig. Im letzten Jahr hatte sie in der Gesellschaft so gut wie
-nichts mehr mitgemacht, obschon ihre Großmutter mit Ausgaben für sie gar
-nicht geizte, da sie, wie ich schon damals gehört hatte, ihre Enkelin
-sehr liebte. Mir aber hatte gerade das an Anna Andrejewna von Anfang an
-gefallen, daß ich sie immer in so schlichten Kleidern sah und immer bei
-einer Beschäftigung antraf, sei es mit einem Buch oder mit einer
-Handarbeit. Ihr Äußeres hatte etwas Klösterliches, fast Nonnenhaftes,
-und auch das gefiel mir. Sie war nicht sehr gesprächig, aber was sie
-sprach, hatte immer eine gewisse Bedeutung, und sie verstand vorzüglich,
-anderen zuzuhören, was ich niemals verstanden habe. Wenn ich ihr sagte,
-daß sie mich sehr an Werssiloff erinnerte, obgleich sie keinen einzigen
-gemeinsamen Zug hatten, wurde sie immer ein wenig rot. Sie errötete
-überhaupt oft und immer sehr schnell, aber es war meist nur ein ganz
-leises Erröten, und diese Eigentümlichkeit ihres Gesichts war mir bald
-sehr lieb geworden. Wenn ich mit ihr sprach, nannte ich Werssiloff nie
-mit dem Familiennamen, sondern stets »Andrei Petrowitsch«, und das war
-ganz von selbst so gekommen. Ich hatte es sogar sehr gut gemerkt, daß
-man sich bei den Fanariotoffs Werssiloffs etwas zu schämen schien;
-übrigens hatte ich das einzig aus Anna Andrejewnas Verhalten
-geschlossen, und eigentlich weiß ich auch nicht, ob man das mit dem Wort
-»sich schämen« ausdrücken kann; aber etwas Ähnliches mochte es immerhin
-sein. Ich hatte bei ihr manchmal auch vom Fürsten Ssergei Petrowitsch zu
-sprechen angefangen, und sie hatte mir immer sehr aufmerksam zugehört,
-ja, wie mir schien, hatten diese Mitteilungen sie sogar sehr
-interessiert; aber es war immer irgendwie ganz von selbst so gekommen,
-daß ich sie aus eigenem Antriebe erzählte, ohne von ihr aufgefordert zu
-werden. Sie fragte einen nie aus. Von der Möglichkeit einer Heirat
-zwischen ihnen hatte ich niemals zu sprechen gewagt, obschon ich es
-oftmals gewollt hatte, denn zum Teil gefiel mir dieses Projekt sogar
-ganz gut. Aber in ihrem Zimmer wagte ich von sehr vielem nicht mehr zu
-sprechen, und doch fühlte ich mich sehr wohl in ihrem Zimmer. Unter
-anderem gefiel mir an ihr auch sehr, daß sie so gebildet war und viel
-gelesen hatte, sogar wissenschaftliche Bücher; sie hatte viel mehr
-gelesen als ich.
-
-Das erstemal hatte sie selbst mich aufgefordert, sie zu besuchen. Auch
-damals schon begriff ich, daß sie vielleicht darauf rechnete, manches
-durch mich zu erfahren. Oh, damals konnten viele vieles durch mich
-erfahren, und sie verstanden es großartig, mich auszuhorchen! »Aber was
-tut das,« dachte ich, »schließlich empfängt sie mich bei sich doch nicht
-nur deshalb.« Mit einem Wort, es freute mich noch, daß ich ihr nützlich
-sein konnte, und ... und wenn ich bei ihr war, hatte ich immer die
-Empfindung, daß es meine Schwester war, die hier neben mir saß, obgleich
-ich mit ihr noch kein einziges Mal über unsere Verwandtschaft gesprochen
-hatte -- mit keinem Wort, nicht einmal mit einer Andeutung war zwischen
-uns davon die Rede gewesen, ganz als hätte eine solche Verwandtschaft
-überhaupt nicht bestanden. Wenn ich bei ihr saß, erschien es mir einfach
-undenkbar, davon zu sprechen, und wirklich, wenn ich sie so ansah, kam
-mir manchmal sogar der unsinnige Gedanke in den Kopf: daß sie von
-unserer Verwandtschaft vielleicht überhaupt nichts wußte; -- denn so war
-ihre Haltung mir gegenüber.
-
-
- III.
-
-Ich trat in ihr Zimmer und traf Lisa bei ihr an. Das überraschte mich
-so, daß ich ganz betroffen war. Ich wußte, daß sie sich früher schon
-gesehen hatten, und das war bei jenem bewußten »Säugling« geschehen. Von
-diesem phantastischen Einfall der stolzen und schamhaften Anna
-Andrejewna, dieses Kind des jungen Fürsten Ssokolski und der Lydia
-Achmakoff sehen zu wollen, und ihrer Begegnung dort mit Lisa werde ich
-vielleicht später bei Gelegenheit erzählen; aber ich hatte doch nicht
-erwartet, daß Anna Andrejewna jemals Lisa zu sich einladen würde. Das
-überraschte mich angenehm. Natürlich ließ ich mir nichts anmerken,
-begrüßte Anna Andrejewna, drückte Lisa heiß die Hand und setzte mich
-neben sie hin. Sie waren mit einer _ernsten_ Sache beschäftigt: auf dem
-Tisch und auf ihren Knien lag ein teures Gesellschaftskleid Anna
-Andrejewnas, das leider schon alt war, das heißt, ein Kleid, das sie
-schon dreimal angehabt hatte, und das sie nun irgendwie ändern wollte.
-Lisa aber war eine große »Meisterin« in solchen Sachen und hatte viel
-Geschmack, und so fand denn jetzt eine feierliche Beratung der »klugen
-Frauen« statt. Mir fiel Werssiloff ein, und ich mußte lachen; aber ich
-war ja auch so schon in strahlender Stimmung.
-
-»Sie sind heute recht lustig, das ist sehr angenehm,« sagte Anna
-Andrejewna, und wie gewöhnlich sprach sie jedes Wort gedehnt und vornehm
-aus. Sie hatte eine tiefe, wohltönende Altstimme, sprach immer ruhig und
-nicht laut und hielt dann gewöhnlich ihre langen Wimpern gesenkt,
-während ein kaum merkliches Lächeln über ihr bleiches Antlitz huschte.
-
-»Lisa weiß, wie unangenehm ich sein kann, wenn ich nicht lustig bin,«
-erwiderte ich heiter.
-
-»Vielleicht weiß auch Anna Andrejewna etwas davon,« neckte Lisa
-schelmisch. Die Liebe! Wenn ich auch nur geahnt hätte, was damals in
-ihrer Seele vorging!
-
-»Was tun Sie jetzt?« fragte mich Anna Andrejewna. (Ich muß bemerken, daß
-sie selbst mich gebeten hatte, sie an diesem Tage zu besuchen.)
-
-»Ich sitze jetzt hier und frage mich: Warum ist es mir immer angenehmer,
-Sie bei einem Buch anzutreffen als bei einer Handarbeit? Nein, wirklich,
-so eine Handarbeit paßt nicht zu Ihnen. In der Beziehung stimme ich ganz
-mit Andrei Petrowitsch überein.«
-
-»Haben Sie sich noch immer nicht entschlossen, die Universität zu
-besuchen?«
-
-»Ich bin Ihnen zu dankbar, daß Sie unsere Gespräche nicht vergessen: das
-beweist mir, daß Sie mitunter auch an mich denken, aber ... wegen der
-Universität habe ich noch keinen Vorsatz gefaßt, und außerdem habe ich
-meine besonderen Absichten.«
-
-»Das heißt: er hat ein besonderes Geheimnis,« bemerkte Lisa.
-
-»Laß die Scherze, Lisa. Ein kluger Mensch hat mir vor ein paar Tagen
-gesagt, daß wir in unserer ganzen progressiven Bewegung der letzten
-zwanzig Jahre vor allem bewiesen hätten, daß wir schauerlich ungebildet
-sind. Das war natürlich auch von unseren Studierten gesagt.«
-
-»Ach, das ist bestimmt ein Ausspruch von Papa. Du zitierst furchtbar oft
-seine Aussprüche,« bemerkte Lisa.
-
-»Lisa, du sagst das wirklich so, als trautest du mir überhaupt keinen
-eigenen Verstand zu!«
-
-»In unserer heutigen Zeit kann es nur von Nutzen sein, wenn man auf die
-Worte kluger Menschen achtet und sie behält,« trat Anna Andrejewna ein
-wenig für mich ein.
-
-»Sehr richtig, Anna Andrejewna,« stimmte ich ihr eifrig bei. »Wer über
-die gegenwärtige Phase Rußlands nicht nachdenkt, ist kein Staatsbürger!
-Ich betrachte Rußland vielleicht von einem sonderbaren Standpunkte aus:
-Wir haben das Tatarenjoch ertragen und dann die zweihundertjährige
-Sklaverei der Leibeigenschaft, und das, versteht sich, nur deshalb, weil
-das eine wie das andere nach unserem Geschmack war. Jetzt ist uns die
-Freiheit gegeben, und wir müssen die Freiheit ertragen: werden wir auch
-das verstehen? Wird es sich erweisen, daß auch die Freiheit zu ertragen,
-nach unserem Geschmack ist? Das ist die Frage!«
-
-Lisa warf einen schnellen Blick auf Anna Andrejewna, und die schlug
-sogleich die Augen nieder und begann neben sich irgend etwas zu suchen;
-ich sah, daß Lisa sich krampfhaft zusammennahm, aber auf einmal trafen
-sich doch unsere Blicke, und da brach sie plötzlich in Lachen aus; ich
-fuhr auf:
-
-»Lisa, du bist wirklich unbegreiflich!«
-
-»Verzeih mir!« sagte sie hastig und war schon wieder ernst, ja, fast
-sogar traurig. »Weiß Gott, was ich heute im Kopf habe ...«
-
-Und es war, als zitterten Tränen in ihrer Stimme. Da schämte ich mich
-auf einmal: ich nahm ihre Hand und küßte sie von Herzen.
-
-»Sie sind sehr gut,« bemerkte Anna Andrejewna weich, als sie sah, daß
-ich Lisa die Hand küßte.
-
-»Am meisten freut es mich, Lisa, daß ich dich heute fröhlich angetroffen
-habe,« sagte ich. »Werden Sie es mir glauben, Anna Andrejewna: in den
-letzten Tagen ist sie mir immer mit einem so sonderbaren Blick begegnet,
-und in dem Blick schien immer so eine Frage zu liegen, wie ungefähr:
->Hast du nicht irgend etwas erfahren? Ist alles noch gut abgegangen?<
-Wirklich, es war so etwas mit ihr.«
-
-Anna Andrejewna hob langsam den Blick und sah sie scharf an, Lisa senkte
-den Kopf. Ich sah übrigens sehr gut, daß sie viel besser und näher
-miteinander bekannt waren, als ich bei meinem Eintritt vorhin vermutet
-hatte; dieser Gedanke war mir angenehm.
-
-»Sie sagten soeben, ich sei gut; Sie glauben nicht, wie sehr ich mich
-bei Ihnen zum Besseren verändere, und wie angenehm es mir ist, bei Ihnen
-zu sein, Anna Andrejewna,« sagte ich mit aufrichtigem Gefühl.
-
-»Es freut mich sehr, daß Sie gerade jetzt so sprechen,« entgegnete sie
-mir bedeutungsvoll. Ich muß bemerken, daß sie mit mir niemals von meinem
-Verschwenderleben und von dem Pfuhl, in den ich geraten war, gesprochen
-hatte, obgleich sie, wie ich wußte, nicht nur über alles schon
-unterrichtet war, sondern sogar noch selbst bei anderen sich unter der
-Hand nach allem erkundigt hatte. So war denn diese Entgegnung jetzt eine
-erste Andeutung ihrerseits, und -- mein Herz wandte sich ihr noch mehr
-zu.
-
-»Was macht unser Kranker?« fragte ich.
-
-»Oh, er fühlt sich viel besser: er geht schon herum, und gestern und
-heute ist er spazieren gefahren. Sind Sie denn heute noch nicht bei ihm
-gewesen? Er erwartet Sie sehr.«
-
-»Ja, ich fühle mich schuldig, aber Sie ersetzen mich ja vollständig bei
-ihm; er ist mir untreu geworden und hat mich gegen Sie eingetauscht.«
-
-Sie machte ein sehr ernstes Gesicht, -- mein Scherz war auch wirklich
-recht trivial.
-
-»Ich war heute beim Fürsten Ssergei Petrowitsch,« stotterte ich, »und
-ich ... apropos, Lisa, du warst doch vorhin bei Darja Onissimowna?«
-
-»Ja, ich war dort,« sagte sie auffallend kurz und ohne den Kopf zu
-erheben. »Aber du gehst doch, denke ich, jeden Tag zum kranken Fürsten?«
-fragte sie ganz unvermittelt und hastig, vielleicht nur, um etwas zu
-sagen.
-
-»Ja, ich gehe allerdings zu ihm, nur komme ich nicht bei ihm an,«
-versetzte ich lachend. »Ich trete ins Haus und biege nach links ab.«
-
-»Der Fürst hat auch schon bemerkt, daß Sie sehr oft bei Katerina
-Nikolajewna vorsprechen. Er sprach noch gestern darüber und lachte,«
-sagte Anna Andrejewna.
-
-»Worüber? Worüber hat er gelacht?«
-
-»Er scherzte nur wie gewöhnlich, Sie kennen ihn doch. Er sagte, im
-Gegenteil, daß eine junge und schöne Frau in einem jungen Mann von Ihrem
-Alter immer nur die Empfindung des Unwillens und Zornes hervorrufe ...«
-Anna Andrejewna begann selbst zu lachen.
-
-»Wirklich ... Nein, wissen Sie, diese Bemerkung ist sogar erstaunlich
-richtig!« rief ich aus. »Bestimmt hat das nicht er gesagt, sondern Sie
-haben es ihm gesagt!«
-
-»Wieso? Nein, das hat er gesagt.«
-
-»Nun, aber wie, wenn diese schöne Frau dem jungen Mann ihre
-Aufmerksamkeit zuwendet, obwohl er noch gar nichts bedeutet, in der Ecke
-steht und sich ärgert, weil er noch kein >Erwachsener< ist, und sie ihn
-auf einmal der ganzen Schar der sie umgebenden Bewunderer vorzieht --
-was dann?« fragte ich plötzlich herausfordernd und mit der kühnsten
-Miene.
-
-Mein Herz begann zu klopfen.
-
-»Dann wird es um dich auch auf der Stelle geschehen sein,« sagte Lisa
-lachend.
-
-»Um mich geschehen sein?« rief ich. »Nein, um mich nicht. Ich glaube,
-das ist nicht richtig. Wenn eine Frau sich mir in den Weg stellt, so muß
-sie mir folgen. Mir stellt man sich nicht ungestraft in den Weg ...«
-
-Lisa hat mir später gesagt, als wir einmal, lange nachher, auf diese
-Unterhaltung zu sprechen kamen, daß ich diesen Satz damals sehr
-sonderbar hervorgebracht hätte, sehr ernst und wie plötzlich in Gedanken
-versunken, dabei aber »so komisch, daß es ganz unmöglich war, ernst zu
-bleiben«. In der Tat fing auch Anna Andrejewna wieder zu lachen an.
-
-»Lachen Sie nur, lachen Sie nur über mich!« rief ich wie berauscht; denn
-dieses ganze Gespräch und die Richtung, in der es sich bewegte, gefielen
-mir ungemein. »Wenn Sie es tun, ist es für mich nur ein Vergnügen. Ich
-liebe Ihr Lachen, Anna Andrejewna! Sie haben einen eigenen Zug: Sie sind
-ernst, und plötzlich lachen Sie, so plötzlich, daß man es noch einen
-Augenblick vorher aus Ihrem Gesicht nicht erraten kann. Ich habe in
-Moskau eine Dame gekannt, nur dem Ansehen nach -- ich beobachtete sie
-unbemerkt: sie war fast ebenso schön wie Sie, aber sie hatte nicht
-dieses Lachen, und dieses Gesicht, das sonst ebenso reizvoll war, hatte
-deshalb gar nichts Anziehendes; Ihr Gesicht dagegen ist ungeheuer
-anziehend ... eben durch diese Eigenschaft ... Das habe ich Ihnen schon
-lange einmal sagen wollen.«
-
-Was ich da von der Dame, die »fast ebenso schön war wie sie«, gesagt
-hatte, war nur ein schlauer Schachzug von mir gewesen: ich tat bewußt
-ganz unbefangen, als wäre es eine unbeabsichtigte Bemerkung aus
-naheliegenden Gründen; denn ich wußte, daß ein unbedacht entschlüpftes
-Kompliment von einer Frau höher geschätzt wird als jede noch so fein
-gedrechselte Schmeichelei. Und wie sehr Anna Andrejewna auch errötete,
-ich wußte doch, daß meine Bemerkung ihr angenehm war. Die Moskauer Dame
-aber hatte ich mir einfach ausgedacht, nur um Anna Andrejewna
-unauffällig etwas Angenehmes sagen zu können und ihr eine Freude zu
-machen.
-
-»Man könnte wirklich glauben,« sagte sie mit einem gewinnenden Lächeln,
-»daß Sie sich in den letzten Tagen unter dem Einfluß irgendeiner schönen
-Frau befunden haben.«
-
-Mir war, als flöge ich irgendwohin ... Ich hatte sogar Lust, ihnen etwas
-zu verraten ... aber ich bezwang mich.
-
-»Und doch ist es noch gar nicht lange her, daß Sie sich über Katerina
-Nikolajewna sogar sehr feindlich äußerten.«
-
-»Wenn ich mich tatsächlich irgendwie schlecht über sie geäußert habe,«
-sagte ich mit blitzenden Augen, »so war daran die ungeheuerliche
-Verleumdung schuld, daß sie Andrei Petrowitschs Feindin sei; und außer
-dieser noch die andere Verleumdung gegen ihn, daß er sie geliebt und ihr
-einen Heiratsantrag gemacht habe, und ähnlicher Unsinn. Diese Behauptung
-ist ebenso ungeheuerlich, wie die andere Verleumdung gegen sie, daß sie
-noch zu Lebzeiten ihres Mannes dem jungen Fürsten Ssergei Petrowitsch
-das Versprechen gegeben habe, ihn zu heiraten, wenn sie Witwe werde, und
-nun sagt man, sie habe ihr Wort nicht gehalten. Ich weiß aber aus erster
-Hand, daß alles dies nicht wahr ist, und das Ganze nur ein Scherz
-gewesen ist. Ich weiß das aus erster Hand. Sie hat dort einmal im
-Auslande, in einem übermütigen Augenblick, zum Fürsten allerdings gesagt
--- natürlich nur im Scherz: >Vielleicht in der Zukunft<; aber das konnte
-doch nichts anderes sein als nur ein leichtfertiges Wort! Ich weiß
-genau, daß der Fürst einem solchen Versprechen nicht die geringste
-Bedeutung beilegen konnte, und er hat auch gar nicht die Absicht
-gehabt,« fügte ich schnell hinzu, da mir plötzlich etwas eingefallen
-war. »Er hat, glaube ich, ganz andere Absichten,« flocht ich noch schlau
-ein. »Vorhin erzählte Naschtschokin bei ihm, daß Katerina Nikolajewna
-den Baron Bjoring heiraten werde: glauben Sie mir, er hat bei dieser
-Neuigkeit die beste Haltung bewahrt, dessen kann ich Sie versichern.«
-
-»Naschtschokin war bei ihm?« fragte plötzlich Anna Andrejewna gespannt
-und augenscheinlich etwas verwundert.
-
-»Ja, versteht sich; ich glaube, das ist einer von den anständigen ...«
-
-»Und Naschtschokin hat mit ihm von dieser Heirat mit Bjoring
-gesprochen?« fragte Anna Andrejewna auf einmal sehr interessiert.
-
-»Nicht von der Heirat, aber so, nur von der Möglichkeit, von dem
-Gerücht; er sagte, in der Gesellschaft spräche man davon. Was mich
-betrifft, so bin ich überzeugt, daß es eine unsinnige Erfindung ist.«
-
-Anna Andrejewna dachte nach und beugte sich über ihre Näharbeit.
-
-»Ich habe den Fürsten Ssergei Petrowitsch sehr gern,« fuhr ich voll
-Eifer fort. »Er hat ja natürlich seine Fehler, das läßt sich nicht
-bestreiten, und ich habe mit Ihnen darüber schon gesprochen; eben eine
-gewisse Einseitigkeit ... aber auch seine Fehler bezeugen nur seine
-anständige Gesinnung, das ist sicher. Heute zum Beispiel hätten wir uns
-wegen einer Meinungsverschiedenheit beinahe entzweit: er ist der
-Ansicht, daß einer, der von Anstand spricht, selbst anständig sein
-müsse, sonst wäre alles, was er sagt, Lüge. Nun, sagen Sie doch selbst,
-ist denn das logisch? Und dabei beweist das doch nur, was für hohe
-Anforderungen er im Herzen an das Ehr- und Pflichtgefühl jedes Menschen
-stellt, und an das Gerechtigkeitsgefühl, ist es nicht so ...? Ach,
-Herrgott, wieviel Uhr ist es denn?« fuhr ich plötzlich auf, da mein
-Blick zufällig auf die Kaminuhr gefallen war.
-
-»Zehn Minuten vor drei,« sagte Anna Andrejewna ruhig nach einem Blick
-auf die Uhr. Während ich vom Fürsten gesprochen hatte, war sie ganz
-still gewesen und hatte mir mit gesenktem Blick und einem verschmitzten,
-doch lieben Lächeln zugehört: sie wußte, warum ich ihn so lobte. Lisa
-hatte den Kopf über ihre Arbeit gebeugt und sich nicht mehr in die
-Unterhaltung gemischt.
-
-Ich sprang auf, als hätte ich mich verbrannt.
-
-»Sie haben sich verspätet?«
-
-»Ja ... nein ... übrigens ja, aber ich gehe gleich. Nur noch ein Wort,
-Anna Andrejewna,« begann ich erregt, »ich kann nicht anders, ich muß es
-Ihnen heute sagen! Ich muß Ihnen gestehen, daß ich schon mehrmals Ihre
-Güte gesegnet habe und das Zartgefühl, mit dem Sie mich zu sich
-eingeladen haben ... Auf mich ist der Verkehr mit Ihnen von größtem
-Einfluß gewesen ... In Ihrem Zimmer werde ich gewissermaßen seelisch
-reiner, und ich verlasse Sie als ein besserer Mensch, als ich sonst bin
-... Glauben Sie mir. Wenn ich bei Ihnen sitze, kann ich von Schlechtem
-nicht nur nicht sprechen, sondern kann nicht einmal schlechte Gedanken
-haben; sie verschwinden in Ihrer Gegenwart, und wenn mir hier zufällig
-etwas Häßliches einfällt, so schäme ich mich gleich, fühle mich befangen
-und erröte im Herzen. Und wissen Sie, es war mir ganz besonders
-angenehm, heute meine Schwester bei Ihnen anzutreffen ... das spricht
-von soviel herzlichem Entgegenkommen Ihrerseits ... und von einem so
-schönen Verhältnis ... Mit einem Wort, sie beweisen dadurch, wenn Sie
-mir schon das Eis zu brechen erlauben, so viel _Geschwisterliebe_, daß
-ich ...«
-
-Während ich sprach, hatte sie sich von ihrem Platz erhoben und war immer
-mehr errötet; plötzlich aber schien sie zu erschrecken -- gleichsam vor
-einer Grenze, die sie nicht überschreiten wollte, zurückzuschrecken --
-und sie unterbrach mich hastig:
-
-»Glauben Sie mir, ich weiß Ihre Gefühle von ganzem Herzen zu schätzen
-... Ich habe Sie auch ohne Worte verstanden ... Und ich habe schon lange
-...«
-
-Sie stockte verwirrt und drückte mir die Hand. Plötzlich zupfte mich
-Lisa heimlich am Ärmel. Ich verabschiedete mich und ging hinaus, aber
-schon im anderen Zimmer holte Lisa mich ein.
-
-
- IV.
-
-»Lisa, warum hast du mich am Ärmel gezupft?« fragte ich.
-
-»Sie ist schlecht, sie ist schlau, sie ist es nicht wert ... Sie stellt
-sich mit dir nur so, um dich auszuhorchen,« flüsterte sie mir schnell
-und haßerfüllt zu. Ich hatte ihr Gesicht noch nie so gesehen.
-
-»Lisa, ich bitte dich, wie kommst du darauf? Sie ist ein so prächtiges
-Mädchen!«
-
-»Nun, dann bin _ich_ die Schlechte.«
-
-»Lisa, was hast du nur?«
-
-»Ich bin sehr schlecht. Sie ist vielleicht der beste Mensch, und ich bin
-der schlechteste. Genug, laß das. Höre: Mama läßt dich um etwas bitten,
->was sie selbst nicht zu sagen wagt<, so drückte sie sich aus. Arkadi,
-Liebster! Höre auf mit dem Spielen, Lieber, ich flehe dich an ... Mama
-auch ...«
-
-»Lisa, ich weiß es ja selbst, aber ... ich weiß, es ist eine erbärmliche
-Schlappheit, aber ... das sind ja nur Kleinigkeiten und nichts weiter!
-Sieh mal, ich bin in Schulden geraten wie ein Esel, und jetzt will ich
-nur gewinnen, um aus den Schulden herauszukommen, und ich _kann_
-gewinnen; denn bisher habe ich ganz ohne Berechnung gespielt, einfach
-drauflos wie ein Esel, jetzt aber werde ich um jeden Rubel zittern ...
-Ich müßte nicht ich sein, wenn ich verlieren sollte! Ich spiele nicht
-aus Leidenschaft, das Spiel ist für mich nicht die Hauptsache, sondern
-nur eine vorübergehende Nebensache, ich versichere dir! Ich bin viel zu
-stark, um nicht aufhören zu können, sobald ich will. Habe ich das Geld
-zurückgegeben, so gehöre ich ganz und gar wieder euch, und sage Mama,
-daß ich euch dann nie mehr verlassen werde ...«
-
-»Diese dreihundert Rubel vorhin, was haben die dich gekostet!«
-
-»Woher weißt du ...?« fragte ich zusammenzuckend.
-
-»Darja Onissimowna hat vorhin alles gehört ...«
-
-Da versetzte mir Lisa plötzlich erschrocken einen Stoß und zog mich
-hinter eine Portiere, und wir befanden uns in der sogenannten »Laterne«,
-einem kleinen runden Erkerzimmer, dessen Wände fast nur aus Fenstern
-bestanden. Noch bevor ich richtig zur Besinnung kam, hörte ich eine
-bekannte Stimme, Sporenklirren und einen bekannten Schritt.
-
-»Fürst Sserjosha,« flüsterte ich.
-
-»Er ...« flüsterte sie.
-
-»Warum bist du denn so erschrocken?«
-
-»Nur so; ich will ihm um keinen Preis hier begegnen ...«
-
-»_Tiens_,{[41]} läuft er dir nicht am Ende nach?« fragte ich lachend.
-»Dann würde ich ihm aber den Standpunkt klarlegen! Wohin willst du?«
-
-»Gehen wir; ich komme mit.«
-
-»Aber hast du dich denn schon verabschiedet?«
-
-»Ja; meine Pelzjacke ist im Vorzimmer ...«
-
-Wir traten hinaus. Auf der Treppe kam mir plötzlich ein Gedanke:
-
-»Weißt du, Lisa, er ist vielleicht gekommen, um ihr einen Heiratsantrag
-zu machen!«
-
-»N--nein ... er wird ihr keinen Antrag machen ...« sagte sie langsam und
-bestimmt, doch mit leiser Stimme.
-
-»Du weißt nicht, Lisa, wir sind vorhin wohl aneinandergeraten -- da man
-es dir doch schon gesagt hat, sollst du es meinetwegen wissen -- aber,
-bei Gott, ich liebe ihn aufrichtig und wünsche ihm hier Erfolg ... Wir
-haben uns vorhin wieder ausgesöhnt. Wenn man glücklich ist, ist man so
-gut ... Sieh mal, er hat eine Menge guter Eigenschaften ... auch
-Menschlichkeit ... oder wenigstens gute Ansätze ... und in den Händen
-einer so charakterfesten und klugen Frau wie Anna Andrejewna würde sein
-Charakter sich ausgleichen, und er könnte glücklich werden. Schade, daß
-wir keine Zeit haben ... oder fahren wir ein Stück zusammen, ich könnte
-dir dann einiges mitteilen ...«
-
-»Nein, fahre allein, ich habe einen anderen Weg. Kommst du zum Essen?«
-
-»Ich komme, ich komme, wie ich versprochen habe. Höre, Lisa: ein
-gewisses Scheusal -- kurz, ein ganz gemeines Subjekt, na, einfach ein
-gewisser Stebelkoff, wenn du ihn kennst, hat einen schrecklichen Einfluß
-auf seine Verhältnisse ... Wechsel und so was ... Na, mit einem Wort, er
-hat ihn ganz in der Hand und hat ihn so in die Enge getrieben, und der
-Fürst hat sich schon so vor ihm erniedrigen müssen, daß es einfach
-keinen anderen Ausweg mehr gibt -- wenigstens können sie beide keinen
-anderen finden -- als den einen: daß der Fürst Anna Andrejewna heiratet.
-So müßte man sie eigentlich warnen ... übrigens, nein, Unsinn, sie wird
-schon alles in Ordnung bringen. Aber was meinst du, wird sie ihm einen
-Korb geben?«
-
-»Adieu, ich habe keine Zeit,« brach Lisa das Gespräch kurz ab, und in
-ihrem mich flüchtig streifenden Blick sah ich plötzlich so viel Haß, daß
-ich erschrocken ausrief:
-
-»Aber Lisa, Liebe, was hast du gegen mich?«
-
-»Nicht gegen dich; gib nur das Spiel auf ...«
-
-»Ach, wegen des Spiels, -- ja, ich gebe es auf.«
-
-»Du sagtest soeben: >wenn man glücklich ist<, -- so bist du wohl sehr
-glücklich heute?«
-
-»Maßlos, Lisa, maßlos! Ach Gott, da ist es schon drei und sogar später
-...! Leb wohl, Lisa! Lisotschka, Liebste, sag: kann man denn eine Frau
-auf sich warten lassen? Ist so was überhaupt möglich?«
-
-»Meinst du bei einem Stelldichein?« fragte sie, kaum lächelnd, es war
-ein seltsam totes, zitterndes Lächeln.
-
-»Gib mir deine Hand, auf daß sie mir Glück bringe.«
-
-»Glück? Meine Hand? Um keinen Preis geb' ich sie dir!«
-
-Und sie entfernte sich schnell. Und so ernst hatte sie das ausgerufen.
-Ich sprang in meinen Schlitten.
-
-Ja, ja, eben dieses »Glück« war ja damals die Hauptursache, weshalb ich
-wie ein blinder Maulwurf nichts außer mir selbst begriff und sah!
-
-
- Viertes Kapitel.
-
-
- I.
-
-Jetzt wird mir das Erzählen zur Pein. Das ist ja alles schon vor langer
-Zeit geschehen; aber auch jetzt noch ist für mich alles das wie eine
-Fata Morgana.
-
-Wie konnte eine Frau, wie sie, einem so garstigen Jungen, wie ich damals
-war, ein Stelldichein geben? -- Das war die erste Frage! Als ich nach
-dem Gespräch mit Lisa in meinem Schlitten zu ihr flog, und mein Herz zu
-klopfen begann, dachte ich geradezu, ich wäre verrückt geworden: die
-Vorstellung, daß sie mich zu einem _Stelldichein_ aufgefordert hatte,
-erschien mir auf einmal so ungereimt, so hirnverbrannt, daß jede
-Möglichkeit, daran zu glauben, einfach ausgeschlossen war. Und doch --
-zweifelte ich nicht im geringsten! Es war sogar so: je klarer ich die
-Unmöglichkeit erkannte, um so blinder glaubte ich. Daß es schon drei
-geschlagen hatte, beunruhigte mich: »Wenn es ein Stelldichein ist, wie
-kann ich dann zu spät kommen?« dachte ich. Es gingen mir auch noch
-andere dumme Fragen durch den Kopf, wie zum Beispiel: »Was ist für mich
-jetzt ratsamer, Kühnheit oder Schüchternheit?« Aber das zog alles nur
-flüchtig vorüber; denn das Vorherrschende und die Hauptsache lag doch im
-Herzen, und das war etwas, was ich nicht zu benennen vermochte. Am Tage
-vorher hatte sie zu mir gesagt: »Morgen werde ich um drei Uhr bei
-Tatjana Pawlowna sein,« -- und das war alles gewesen. Aber erstens hatte
-sie mich auch bei sich immer allein empfangen, sie hätte mir also in
-ihrer Wohnung alles sagen können, was sie nur wollte, und brauchte sich
-deshalb nicht zu Tatjana Pawlowna zu begeben; folglich fragte es sich,
-wozu sie mich denn nun eigentlich an einen anderen Ort, eben zu Tatjana
-Pawlowna, bestellt hatte? Und die zweite Frage: Wird Tatjana Pawlowna zu
-Hause sein oder nicht? Wenn es ein Stelldichein sein sollte, so durfte
-Tatjana Pawlowna natürlich nicht zu Hause sein. Aber wie hätte sie das
-so einrichten können, ohne Tatjana Pawlowna vorher in alles einzuweihen?
-Also mußte Tatjana Pawlowna um das Geheimnis wissen? Dieser Gedanke
-erschien mir geradezu roh und so ... so unkeusch, ja, fast sogar
-schmutzig.
-
-Und schließlich konnte sie gestern einfach auf den Gedanken gekommen
-sein, Tatjana Pawlowna zu besuchen, was sie mir dann ohne jede besondere
-Absicht mitgeteilt hatte, ich aber war gerade auf diese einfachste
-Deutung gar nicht verfallen. Und sie hatte es auch nur so nebenbei
-gesagt, nachlässig, ruhig, und nach einer sehr langweiligen
-Unterhaltung; denn ich war an diesem Nachmittag die ganze Zeit völlig
-verwirrt gewesen: ich hatte gesessen, unklar gesprochen und nicht
-gewußt, was ich sagen sollte, hatte mich furchtbar geärgert und geniert,
-sie aber hatte, wie sich herausstellte, irgendwohin fahren wollen und
-war daher sichtlich froh, als ich endlich aufbrach. Alle diese
-Erwägungen zogen durch meinen Kopf. Zuletzt beschloß ich folgendes: »Ich
-werde klingeln, und wenn die Köchin aufmacht, sie einfach fragen, ob
-Tatjana Pawlowna zu Haus ist! Ist sie nicht zu Hause, so ist es ein --
->Stelldichein<.« Aber ich zweifelte nicht daran, ich zweifelte nicht
-daran!
-
-Ich lief die Treppe hinauf, und noch auf der Treppe, vor der Tür ihrer
-Wohnung, verschwand plötzlich meine ganze Furcht. »Ach, gleichviel wie
-und was,« dachte ich, »wenn's sich nur schnell entscheidet!« Die Köchin
-machte mir die Tür auf und brummte mit ihrem widerlichen Phlegma,
-Tatjana Pawlowna sei ausgegangen. Ich wollte schon fragen: »Aber ist
-nicht sonst jemand hier, wartet nicht jemand auf Tatjana Pawlowna?« --
-aber ich unterließ die Frage, dachte mir: »ich sehe lieber selbst nach,«
-sagte der Köchin, ich würde warten, warf meinen Pelz ab und machte die
-Tür auf ...
-
-Katerina Nikolajewna saß am Fenster und »wartete auf Tatjana Pawlowna«.
-
-»Sie ist nicht da?« fragte sie mich sogleich, anscheinend besorgt und
-etwas geärgert, kaum daß sie mich erblickt hatte.
-
-Und ihre Stimme und ihr Gesichtsausdruck entsprachen so wenig meinen
-Erwartungen, daß ich einfach auf der Schwelle stehen blieb und zu
-versinken glaubte.
-
-»Wer ist nicht da?« stammelte ich.
-
-»Tatjana Pawlowna! Ich bat Sie doch gestern, ihr zu sagen, daß ich um
-drei Uhr zu ihr kommen würde.«
-
-»Ich ... ich habe sie überhaupt nicht gesehen.«
-
-»Sie haben es vergessen?«
-
-Ich sank wie erschlagen auf einen Stuhl. Also das war es gewesen! Und
-alles war ja so klar, wie sich nun herausstellte, wie zweimal zwei vier
-ist, ich aber -- ich glaubte immer noch.
-
-»Ich kann mich aber gar nicht erinnern, daß Sie mich gebeten hätten, es
-ihr zu sagen. Und Sie haben mich ja auch gar nicht darum gebeten: Sie
-sagten nur, daß Sie um drei Uhr hier sein werden,« brachte ich
-ungeduldig hervor.
-
-Ich sah sie nicht an.
-
-»Ach!« rief sie da auf einmal, »wenn Sie es ihr zu sagen vergessen
-haben, selbst aber wußten, daß ich hier sein würde, warum sind Sie dann
-hergekommen?«
-
-Ich hob den Kopf: weder Spott noch Zorn sah ich in ihrem Gesicht,
-sondern nur ein helles, lustiges Lächeln und eine gewisse auffallende
-Schelmerei in ihrem Gesichtsausdruck, -- übrigens hatte sie immer diesen
-Ausdruck -- so eine fast kindliche Ausgelassenheit, die förmlich zu
-necken schien: »Siehst du, jetzt habe ich dich ganz überführt, was wirst
-du nun sagen?«
-
-Ich wollte nicht antworten und sah wieder zu Boden. Das Schweigen
-dauerte wohl eine halbe Minute.
-
-»Sie kommen von Papa?« fragte sie plötzlich.
-
-»Ich komme von Anna Andrejewna, beim Fürsten Nikolai Iwanowitsch bin ich
-überhaupt nicht gewesen ... Und das wußten Sie,« fügte ich auf einmal
-hinzu.
-
-»Und bei Anna Andrejewna ist mit Ihnen nichts geschehen?«
-
-»Sie meinen, weil ich wie ein Verrückter aussehe? Nein, ich war schon
-vor meinem Besuch bei Anna Andrejewna verrückt.«
-
-»Und sind bei ihr nicht vernünftig geworden?«
-
-»Nein, ich bin nicht vernünftig geworden. Ich habe außerdem gehört, daß
-Sie Baron Bjoring heiraten werden.«
-
-»Hat sie Ihnen das gesagt?« forschte sie plötzlich interessiert.
-
-»Nein, das habe ich ihr erzählt, und gehört habe ich es vorhin, als
-Naschtschokin es dem Fürsten Ssergei Petrowitsch erzählte.«
-
-Ich sah sie noch immer nicht an; ich wagte nicht, den Blick zu ihr zu
-erheben; sie ansehen, hieß für mich, in strahlendes Licht, in Freude, in
-Glück tauchen, ich aber wollte nicht glücklich sein. Der Stachel des
-Unwillens hatte sich in mein Herz gebohrt, und in einem Augenblick faßte
-ich einen ungeheuren Entschluß. Und dann begann ich auf einmal zu
-sprechen, ich weiß kaum, wovon. Ich sprach atemlos, sprach wirr und
-unverständlich, aber ich sah sie schon dreist an. Mein Herz klopfte. Ich
-sprach von irgend etwas, was mit der Situation in gar keinem
-Zusammenhang stand, vielleicht aber doch nicht ganz ohne Sinn war. Sie
-wollte mir anfangs zuhören, wie gewöhnlich mit ihrem nachsichtigen, sich
-gleichbleibenden Lächeln, das selten ganz aus ihrem Gesicht verschwand,
-doch allmählich trat Erstaunen und schließlich sogar Schreck in ihren
-gespannt auf mir ruhenden Blick. Das Lächeln schwand immer noch nicht
-ganz, aber auch das Lächeln veränderte sich hin und wieder gleichsam vor
-Schreck; da fiel es mir auf, daß sie plötzlich am ganzen Körper
-zusammengezuckt war.
-
-»Was haben Sie?« fragte ich.
-
-»Ich fürchte mich vor Ihnen,« antwortete sie mir fast aufgeregt.
-
-»Warum gehen Sie nicht fort? Da Sie doch Tatjana Pawlowna nicht
-angetroffen haben und wissen, daß sie nicht so bald kommen wird, so
-hätten Sie doch aufstehen und fortgehen müssen.«
-
-»Ich hatte die Absicht, sie zu erwarten, aber jetzt ... in der Tat ...«
-Sie wollte sich erheben.
-
-»Nein, nein, bleiben Sie,« hielt ich sie zurück, »da sind Sie schon
-wieder zusammengezuckt, aber Sie lächeln auch in der Angst ... Sie haben
-immer ein Lächeln. Sehen Sie, jetzt lächeln Sie so, daß es ganz deutlich
-zu erkennen ist ...«
-
-»Sie reden wohl im Fieber?«
-
-»Ja, im Fieber.«
-
-»Ich fürchte ...« murmelte sie.
-
-»Was?«
-
-»Daß Sie -- die Wand einreißen ...« sagte sie wieder lächelnd, aber nun
-fürchtete sie sich wirklich.
-
-»Ich kann Ihr Lächeln nicht ertragen!«
-
-Und ich begann wieder zu sprechen. Es war mir, als flöge ich, und irgend
-etwas stieß mich vorwärts. Noch nie, noch nie hatte ich so zu ihr
-gesprochen, immer war ich schüchtern gewesen. Auch jetzt war ich
-furchtbar bange, aber ich sprach trotzdem. Ich weiß noch, ich fing von
-ihrem Gesicht an:
-
-»Ich kann Ihr Lächeln nicht mehr ertragen!« rief ich plötzlich aus.
-»Warum habe ich Sie mir so anders vorgestellt, noch in Moskau, immer
-streng, unnahbar, pompös und mit den falschen Gesellschaftsphrasen der
-großen Dame? Ja, schon in Moskau! Wir haben damals viel von Ihnen
-gesprochen, Marja Iwanowna und ich, haben immer versucht, uns
-vorzustellen, wie Sie aussehen ... Sie kennen doch Marja Iwanowna? Sie
-waren ja bei ihr. Und auf der Reise hierher hat mir die ganze Nacht im
-Waggon nur von Ihnen geträumt. Und hier habe ich vor Ihrer Ankunft einen
-ganzen Monat Ihr Porträt im Kabinett Ihres Vaters betrachtet und doch
-nichts erraten. Der Ausdruck Ihres Gesichts ist kindliche Schelmerei und
-unendliche Offenherzigkeit -- ja! Ich habe mich die ganze Zeit, seitdem
-ich Sie besuche, darüber gewundert. Oh, ich weiß, Sie können auch stolz
-sein und einen mit Ihrem Blick einfach vernichten: ich werde es nicht
-vergessen, wie Sie mich damals bei Ihrem Vater ansahen, als Sie aus
-Moskau zurückkehrten ... Ich sah Sie damals, aber hätte mich draußen
-jemand gefragt: Wie sieht sie aus? -- ich hätte nichts zu sagen gewußt.
-Nicht einmal Ihre Größe hätte ich anzugeben gewußt. Wie ich Sie damals
-erblickte, erblindete ich. Ihr Porträt dort ist Ihnen gar nicht ähnlich:
-Sie haben keine dunklen, sondern helle Augen, nur Ihre langen Wimpern
-lassen sie dunkel erscheinen. Sie haben eine volle Gestalt, Sie sind von
-mittlerer Größe, aber Ihre volle Gestalt ist straff und leicht wie die
-eines gesunden Dorfmädchens. Und auch Ihr Gesicht ist ländlich, ist das
-Gesicht einer jungen Dorfschönheit, -- nehmen Sie es mir nicht übel;
-denn das ist doch gut, ist ja viel besser so, -- ein rundes, frisches,
-helles, kühnes, lachendes und ... schüchternes Gesicht! Wirklich
-schüchtern. Und das soll das Gesicht Katerina Nikolajewna Achmakoffs
-sein? -- Ja, schüchtern und keusch ist es, ich schwöre Ihnen! Ja, mehr
-noch als keusch, -- kindlich ist es! Das ist Ihr Gesicht! Ich habe mich
-die ganze Zeit darüber gewundert und mich immer gefragt: ist das
-wirklich dieselbe Frau? Jetzt weiß ich, daß Sie sehr klug sind, aber
-anfangs dachte ich doch, Sie wären geistlos. Sie haben einen heiteren
-Verstand, aber ohne alle Raffiniertheiten ... Und was ich an Ihnen noch
-besonders liebe, ist, daß dieses Lächeln Sie nie verläßt; dieses Lächeln
-ist mein Paradies! Und dann liebe ich noch Ihre Ruhe, Ihre Stille, und
-daß Sie die Worte so gleitend aussprechen, so ruhig und fast lässig, --
-gerade diese Lässigkeit liebe ich. Ich glaube, selbst wenn eine Brücke
-unter Ihnen einstürzte, Sie würden auch dann noch ruhig und lässig
-irgend etwas sagen ... Ich stellte Sie mir als den Gipfel allen Stolzes
-und aller Leidenschaften vor, und nun haben Sie zwei Monate mit mir wie
-ein Student zu einem Studenten gesprochen. Ich hätte mir nie gedacht,
-daß Sie eine solche Stirn haben; sie ist etwas niedrig, wie bei Statuen,
-aber weiß und zart wie Marmor unter dem reichen Haar. Sie haben eine
-hohe Brust, einen leichten Gang, Sie sind von außergewöhnlicher
-Schönheit, und dabei sind Sie eigentlich gar nicht stolz. Das habe ich
-ja erst jetzt begriffen, bis heute habe ich es ja immer noch nicht
-geglaubt!«
-
-Sie hatte diese ganze wilde Tirade mit großen offenen Augen angehört,
-sie sah, daß ich zitterte. Ein paarmal hatte sie mit einer reizenden
-furchtsamen Gebärde ihre kleine behandschuhte Hand erhoben, um mich
-aufzuhalten, aber jedesmal hatte sie ihre Hand verwundert und ängstlich
-wieder sinken lassen. Ein paarmal war sie sogar zurückgezuckt und
-weitergerückt. Zwei- oder dreimal war auch ihr Lächeln wieder
-erschienen; einmal wurde sie feuerrot, zum Schluß aber sah sie
-entschieden erschrocken aus und wurde immer bleicher. Kaum war ich
-verstummt, da streckte sie die Hand aus und sagte halblaut mit
-bittender, weicher Stimme:
-
-»So dürfen Sie nicht sprechen ... so spricht man nicht ...«
-
-Und plötzlich erhob sie sich von ihrem Platz und griff ohne Hast nach
-ihrem Schal und ihrem Zobelmuff.
-
-»Sie gehen?« rief ich.
-
-»Ich fürchte mich wirklich vor Ihnen ... Sie mißbrauchen ...« sagte sie
-zögernd, und ich glaubte, ein Bedauern und einen Vorwurf herauszuhören.
-
-»Hören Sie mich an, -- bei Gott, ich werde die Wand nicht einreißen!«
-
-»Sie haben ja schon angefangen,« konnte sie sich nicht enthalten zu
-sagen, und sie lächelte. »Ich weiß nicht einmal, ob Sie mich
-hinauslassen werden?«
-
-Ich glaube, sie befürchtete wirklich, daß ich sie nicht hinauslassen
-würde.
-
-»Ich werde Ihnen selbst die Tür aufmachen, es steht Ihnen frei, zu
-gehen. Aber Sie ... Ich habe einen großen Entschluß gefaßt; und wenn Sie
-mir Freude schenken wollen, so bleiben Sie noch, setzen Sie sich und
-lassen Sie mich Ihnen nur noch zwei Worte sagen. Aber wenn Sie's nicht
-wollen, so gehen Sie, ich werde Ihnen selbst die Tür aufmachen!«
-
-Sie sah mich an und setzte sich.
-
-»Mit welcher Empörung wäre eine andere fortgegangen, Sie aber sind
-geblieben!« rief ich berauscht.
-
-»Sie haben sich früher nie erlaubt, so mit mir zu sprechen.«
-
-»Ich habe früher nie meine Schüchternheit überwinden können. Auch als
-ich jetzt hier eintrat, wußte ich nicht, was ich sagen sollte. Sie
-glauben, ich wäre jetzt nicht schüchtern? Ich bin es. Aber ich habe
-einen großen Entschluß gefaßt, und ich fühle, daß ich ihn ausführen
-werde. Und als ich diesen Entschluß gefaßt hatte, da verlor ich gleich
-meinen Verstand und begann das alles zu sagen ... Hören Sie mich an, nur
-zwei Worte: bin ich ein Spion oder nicht? Antworten Sie mir -- das ist
-meine Frage!«
-
-Das Blut schoß ihr ins Gesicht.
-
-»Nein, antworten Sie noch nicht, Katerina Nikolajewna, hören Sie erst
-alles an, und dann sagen Sie mir die ganze Wahrheit.«
-
-Ich hatte auf einmal alle Schranken zerbrochen und schwebte in der Luft.
-
-
- II.
-
-»Vor zwei Monaten stand ich hier hinter der Portiere ... Sie wissen ...
-und Sie erzählten Tatjana Pawlowna von jenem Brief. Ich stürzte
-schließlich hervor, besinnungslos, außer mir, und verriet mein
-Geheimnis. Sie begriffen sofort, daß ich etwas wußte ... Sie mußten es
-ja begreifen. Sie suchten ein wichtiges Dokument und befürchteten vieles
-... Warten Sie, Katerina Nikolajewna, sagen Sie noch nichts. Ich erkläre
-Ihnen hiermit, daß Ihr Verdacht nicht unbegründet war: dieses Dokument
-existiert ... das heißt, es hat existiert ... ich habe es gesehen; es
-war das ein Brief von Ihnen an Andronikoff, nicht wahr?«
-
-»Sie haben diesen Brief gesehen?« fragte sie hastig in sichtlicher
-Verwirrung und Aufregung. »Wo haben Sie ihn gesehen?«
-
-»Ich ... ich habe ihn ... bei Krafft gesehen; bei dem, der sich
-erschossen hat ...«
-
-»Wirklich? Sie haben den Brief selbst gesehen? Wo ist er jetzt, was ist
-mit ihm geschehen?«
-
-»Krafft hat ihn zerrissen.«
-
-»In Ihrer Gegenwart? Haben Sie das selbst gesehen?«
-
-»Ja, in meiner Gegenwart. Er hat ihn zerrissen, wahrscheinlich, um ihn
-vor seinem Tode zu vernichten. Ich wußte ja damals noch nicht, daß er
-sich erschießen wollte ...«
-
-»So ist der Brief vernichtet! Gott sei Dank!« sagte sie langsam und
-atmete auf und bekreuzte sich.
-
-Ich hatte sie nicht belogen. Das heißt, ich hatte ihr natürlich eine
-Unwahrheit gesagt; denn das Dokument besaß ich, und Krafft hatte es nie
-besessen, doch das war nur eine Nebensache; in der Hauptsache aber hatte
-ich nicht gelogen; denn in dem Augenblick, als ich sagte, der Brief wäre
-zerrissen worden, gab ich mir das Wort, diesen Brief noch an demselben
-Abend zu verbrennen. Wäre der Brief in dem Augenblick in meiner Tasche
-gewesen, so hätte ich ihn, mein Ehrenwort, hervorgezogen und ihn ihr
-übergeben; aber ich hatte ihn nicht bei mir, er war in meiner Wohnung.
-Übrigens, vielleicht hätte ich ihn ihr doch nicht gegeben; denn ich
-hätte mich sehr geschämt, ihr zu gestehen, daß ich ihn besessen, und so
-lange aufbewahrt und gewartet und ihn ihr nicht gegeben hatte. Deshalb
-dachte ich denn: ich verbrenne ihn zu Haus, also ist er schon ebensogut
-wie vernichtet, und folglich sage ich ja gar keine Unwahrheit!
-Jedenfalls war mein Gewissen rein, und das mit Recht.
-
-»Und da es so ist,« fuhr ich, beinahe in Ekstase, fort, »so sagen Sie
-mir jetzt: Haben Sie mich nur deshalb angelockt, weil Sie vermuteten,
-ich wüßte etwas von diesem Dokument? Warten Sie noch einen Augenblick,
-Katerina Nikolajewna, sagen Sie noch nichts, lassen Sie mich zu Ende
-sprechen: ich habe die ganze Zeit, so lange ich mit Ihnen überhaupt
-verkehre, geargwöhnt, daß Sie mich nur aus dem Grunde verwöhnten, weil
-Sie von mir Näheres über diesen verschwundenen Brief erfahren wollten,
-weil Sie mich zu Geständnissen verleiten wollten ... Warten Sie noch
-einen Augenblick: ich argwöhnte das, aber ich litt darunter. Ihr
-Doppelspiel war für mich unerträglich; denn ich ... denn ich hatte in
-Ihnen das edelste Wesen erkannt! Ich sage Ihnen offen, ganz offen: ich
-war Ihr Feind, aber ich habe in Ihnen das edelste Wesen erkannt! Alles
-in mir war mit einem Schlage besiegt. Aber Ihr Doppelspiel, das heißt,
-der Verdacht, Sie könnten nicht aufrichtig sein, hat mich gequält ...
-Jetzt muß sich alles entscheiden, alles erklären, jetzt ist die Stunde
-gekommen, aber ... nein, warten Sie noch ein wenig, sagen Sie noch
-nichts, hören Sie erst, wie ich selbst die Sache ansehe, gerade jetzt,
-in diesem Augenblick! Ich sage Ihnen unverhohlen: wenn es auch so war,
-ich werde Ihnen deshalb nicht böse sein ... das heißt, ich wollte sagen,
-ich werde es Ihnen nicht übelnehmen; denn es wäre ja so natürlich: ich
-verstehe es doch! Was ist denn dabei Unnatürliches und Schlechtes? Das
-Dokument quält Sie, Sie haben einen im Verdacht, daß er etwas davon weiß
-oder alles weiß; da mußten Sie doch, das ist ja selbstverständlich, den
-Wunsch haben, von diesem Wissenden etwas zu erfahren, ihn zum Sprechen
-zu veranlassen ... Dabei ist doch nichts Schlechtes, wirklich nicht! Ich
-sage das ganz aufrichtig! ... Aber es ist doch notwendig, daß Sie mir
-jetzt irgend etwas sagen ... daß Sie ein Geständnis ablegen (verzeihen
-Sie das Wort)! Ich muß die Wahrheit wissen! Aus einem besonderen Grunde!
-So sagen Sie mir jetzt: sind Sie _deshalb_ freundlich zu mir gewesen, um
-über das Dokument etwas von mir zu erfahren ... Katerina Nikolajewna?«
-
-Ich sprach wie ein aus Höhen Herabfallender, und meine Stirn brannte.
-Sie hörte mich bereits ohne Aufregung an, im Gegenteil, es lag
-Mitempfinden in ihrem Gesicht; aber ihr Blick war schüchtern, als schäme
-sie sich.
-
-»Ja, deshalb,« sagte sie langsam und halblaut. »Verzeihen Sie mir, es
-war unrecht von mir,« fügte sie plötzlich hinzu und hob ihre Hände ein
-wenig mir entgegen. Das hätte ich nimmer erwartet. Auf alles war ich
-gefaßt, alles hätte ich erwartet, nur diese Worte nicht; nicht von ihr,
-obgleich ich sie doch schon kannte.
-
-»Und Sie sagen mir das so: >es war unrecht von mir<! Sagen es so ohne
-weiteres und offen, daß es unrecht von Ihnen war?« rief ich aus.
-
-»Oh, ich habe es schon lange gefühlt, daß ich Ihnen unrecht tat, ich
-habe meine Schuld empfunden ... und ich bin sogar froh, daß es jetzt zur
-Sprache gekommen ist ...«
-
-»Schon lange gefühlt? Aber warum haben Sie denn nichts gesagt?«
-
-»Ja, ich wußte nicht, wie ich es sagen sollte,« sagte sie lächelnd. »Das
-heißt, ich hätte es vielleicht auch gewußt,« lächelte sie wieder, »aber
-ich schämte mich immer mehr ... denn ich hatte Sie anfangs tatsächlich
-nur deshalb >angelockt<, wie Sie sich ausdrückten, dann aber wurde mir
-alles das sehr bald zuwider ... und diese ganze Verstellung hatte ich
-bald so satt, das können Sie mir glauben!« fügte sie mit bitterem Gefühl
-hinzu, »und überhaupt alle diese Suchereien!«
-
-»Aber warum, warum haben Sie mich dann nicht einfach gefragt, ganz offen
-und ehrlich? Sie hätten nur zu sagen gebraucht: >Du weißt doch von
-diesem Brief, warum verstellst du dich?< -- und ich hätte Ihnen sofort
-alles gesagt, hätte sofort alles gestanden!«
-
-»Ja, ich ... fürchtete Sie ein wenig. Ich muß gestehen, ich traute Ihnen
-nicht ganz. Und es ist doch wahr: wenn ich nicht ganz aufrichtig gewesen
-bin, so sind Sie es ja auch nicht gewesen,« schloß sie und lachte leise.
-
-»Ja, wahrhaftig, ich hatte Ihr Vertrauen nicht verdient!« rief ich
-betroffen. »Oh, Sie kennen noch nicht die ganze unermeßliche Tiefe
-meines Falles!«
-
-»Ach, sogar schon unermeßliche Tiefe! Ich erkenne Ihren Stil wieder,«
-lächelte sie still. »Dieser Brief,« fuhr sie traurig fort, »war die
-häßlichste und leichtsinnigste Tat meines Lebens. Das Bewußtsein dieser
-Tat ist mir eine ewige Selbstanklage gewesen. Ich habe unter dem Einfluß
-der Umstände und verschiedener Befürchtungen an meinem lieben,
-großmütigen Vater gezweifelt. Und da ich wußte, daß dieser Brief ...
-bösen Menschen in die Hände fallen konnte ... und da ich allen Grund
-hatte, das zu fürchten,« sagte sie erregt, »so zitterte ich bei dem
-Gedanken, daß man ihn benutzen, meinem Papa zeigen könnte ... Dieser
-Brief hätte auf ihn einen so schrecklichen Eindruck machen können ...
-bei seinem Zustande ... bei seiner angegriffenen Gesundheit ... er hätte
-aufgehört, mich zu lieben ... Ja,« fuhr sie fort und sah mir hell in die
-Augen, da sie in meinem Blick wohl einen flüchtigen Gedanken gelesen
-hatte, »ja, ich fürchtete auch für meine Zukunft: ich fürchtete, er
-könnte ... unter dem Einfluß seiner Krankheit ... mir seine
-Unterstützung entziehen ... Diese Sorge beunruhigte mich gleichfalls,
-aber ich habe ihm gewiß auch in dieser Beziehung unrecht getan: er ist
-so gut und großmütig, daß er mir bestimmt verziehen hätte. Und das war
-alles. Daß ich mich aber Ihnen gegenüber so verhalten habe, das war
-nicht richtig von mir,« schloß sie plötzlich wieder verlegen. »Jetzt muß
-ich mich vor Ihnen schämen.«
-
-»Nein, Sie haben keinen Grund, sich vor mir zu schämen!« rief ich.
-
-»Ich habe, in der Tat, auf ... Ihr heißes Temperament gerechnet ... und
-gestehe Ihnen das,« sagte sie leise mit gesenktem Blick.
-
-»Katerina Nikolajewna! Wer, sagen Sie, wer zwingt Sie, mir dieses
-Geständnis zu machen?« rief ich wie trunken. »Sie hätten doch nur
-aufzustehen und mir in den gewähltesten Ausdrücken auf die feinste Weise
-zu erklären brauchen, wie zweimal zwei vier ist, daß, wenn auch etwas
-gewesen ist, eigentlich doch nichts gewesen sei, -- Sie wissen schon:
-wie man so in Ihren hohen Kreisen mit der Wahrheit umzugehen pflegt. Ich
-bin doch unerfahren und unschlau, ich hätte Ihnen sofort geglaubt, Ihnen
-hätte ich alles geglaubt, gleichviel was Sie gesagt hätten! Es hätte
-Ihnen doch nichts gekostet, so zu handeln? Sie können sich doch in der
-Tat nicht vor mir fürchten? Wie konnten Sie sich freiwillig so vor mir
-erniedrigen, vor mir, dem vorwitzigen Jungen, vor so einem traurigen
-Jüngling?«
-
-»Darin wenigstens habe ich mich nicht vor Ihnen erniedrigt,« sagte sie
-mit freiem Stolz: sie hatte meine Worte offenbar nicht verstanden.
-
-»Oh, im Gegenteil, im Gegenteil! Nur das sage ich ja die ganze Zeit
-...!«
-
-»Ach, das war so häßlich und so leichtsinnig von mir!« rief sie und
-legte ihre Hand auf die Augen. »Ich habe mich noch gestern so geschämt,
-und deshalb war ich auch so mißgestimmt, als Sie bei mir waren ... Es
-war ja nur,« fuhr sie auf einmal fort, »weil meine Verhältnisse sich so
-gestalteten, daß ich endlich die ganze Wahrheit über den Verbleib dieses
-unseligen Briefes erfahren mußte ... ich war ja schon daran, ihn ganz zu
-vergessen ... Denn ich habe Sie durchaus nicht nur deshalb bei mir
-empfangen,« fügte sie auf einmal hinzu.
-
-Mein Herz erzitterte.
-
-»Natürlich nicht,« sagte sie mit einem feinen Lächeln, »natürlich nicht
-nur deshalb! Ich ... Sie bemerkten vorhin sehr richtig, Arkadi
-Makarowitsch, wir hätten miteinander oft so gesprochen wie ein Student
-mit einem Studenten. Sie können mir glauben, daß ich mich in der
-Gesellschaft oft sehr langweile; besonders jetzt nach meiner Rückkehr
-aus dem Auslande und allen diesen Unglücksfällen in unserer Familie ...
-Ich gehe jetzt auch nur selten aus und das nicht nur aus Trägheit. Oft
-habe ich Lust, aufs Land zu ziehen. Dort würde ich noch einmal alle
-meine Lieblingsbücher lesen, die ich schon so lange nicht mehr in der
-Hand gehabt habe, und hier komme ich immer nicht dazu, sie wieder zu
-lesen. Ich habe mit Ihnen schon darüber gesprochen. Erinnern Sie sich
-noch, Sie lachten darüber, daß ich russische Zeitungen lese und sogar
-zwei Zeitungen täglich?«
-
-»Ich habe nicht gelacht ...«
-
-»Aber das hat Sie doch auch erregt, und ich habe Ihnen ja schon lange
-gestanden: ich bin Russin und liebe Rußland. Wissen Sie noch, wie wir
-immer zusammen die >Fakta< lasen, wie Sie sie nannten,« sagte sie
-lächelnd. »Sie waren zwar recht oft etwas ... wunderlich, aber Sie
-konnten sich manchmal so erregen und begeistern, und dann haben Sie
-immer eine treffende Bemerkung gemacht, und immer haben Sie sich gerade
-für das interessiert, was mich interessierte. Wenn Sie >Student< sind,
-sind Sie wirklich reizend und originell. Aber die anderen Rollen, die,
-scheint es, eignen sich weniger für Sie,« meinte sie mit einem
-entzückenden schelmischen Lächeln. »Wissen Sie noch, wie wir zuweilen
-stundenlang nur Zahlen zusammenrechneten und verglichen, wie wir
-zählten, wieviel Schulen es in Rußland gibt, in welcher Richtung sich
-bei uns die Aufklärung bewegt. Wir zählten die Morde und Kriminalfälle
-und zählten die guten Nachrichten und hielten sie dann gegeneinander ...
-wir wollten feststellen, wohin das alles strebte, und was schließlich
-aus uns selbst werden würde. Ich habe in Ihnen so viel echte
-Aufrichtigkeit gefunden. In der Gesellschaft spricht man mit uns Frauen
-niemals so. In der vorigen Woche versuchte ich mit dem Fürsten ...off
-über Bismarck zu sprechen, weil dieses Problem mich so interessiert und
-ich mir eine Lösung nicht denken konnte. Und stellen Sie sich vor, er
-setzte sich neben mich und begann mir alles zu erklären, sogar sehr
-eingehend und ausführlich, aber bei alledem doch mit diesem gewissen
-Sarkasmus, eben mit dieser für mich unerträglichen Nachsicht, mit der
-die >großen Männer< gewöhnlich mit uns Frauen sprechen, wenn wir uns >in
-Dinge einmischen, die uns nichts angehen< ... Und wissen Sie noch, wie
-wir uns wegen Bismarck einmal fast verzankt hätten? Sie erklärten mir,
-auch Sie hätten eine Idee, und die wäre sogar >viel reiner< als die
-Bismarcksche,« sagte sie lachend. »Ich bin in meinem Leben nur zwei
-Männern begegnet, die mit mir wirklich ganz ernsthaft gesprochen haben:
-meinem verstorbenen Mann, der ein sehr, sehr kluger und vornehmer Mensch
-war,« sagte sie überzeugt, »und dann noch -- Sie wissen, wem ...«
-
-»Werssiloff!« rief ich. Ich lauschte fast atemlos auf jedes ihrer Worte.
-
-»Ja, ich habe es sehr geliebt, ihm zuzuhören, ich sprach mit ihm
-schließlich ganz ... vielleicht gar zu aufrichtig, aber gerade dann
-glaubte er mir nicht!«
-
-»Er glaubte Ihnen nicht?«
-
-»Nein, und auch sonst hat mir ja noch nie jemand geglaubt.«
-
-»Aber Werssiloff, Werssiloff!«
-
-»Nicht nur, daß er mir nicht glaubte,« sagte sie mit gesenktem Blick und
-einem eigentümlichen Lächeln, »er meinte sogar, in mir wären >alle
-Laster< ...«
-
-»Von denen kein einziges in Ihnen ist!«
-
-»Doch, auch ich habe welche.«
-
-»Werssiloff hat Sie nicht geliebt, deshalb hat er Sie auch nicht
-verstanden,« rief ich mit blitzenden Augen. In ihrem Gesicht zuckte es
-eigen.
-
-»Lassen Sie das, und reden Sie mir nie wieder von ... diesem Menschen,«
-sagte sie erregt und abweisend. »Doch genug; es ist Zeit für mich.« Sie
-erhob sich, um aufzubrechen. »Nun, und wie wird es zwischen uns:
-verzeihen Sie mir, oder verzeihen Sie mir nicht?« fragte sie und sah mir
-hell in die Augen.
-
-»Ich ... Ihnen ... verzeihen ...! Hören Sie mich, Katerina Nikolajewna,
-und seien Sie mir nicht böse: ist es wahr, daß Sie heiraten werden?«
-
-»Das ist noch gar nicht entschieden,« sagte sie, als hätte irgend etwas
-sie erschreckt, und mit einer gewissen Verwirrung.
-
-»Ist er ein guter Mensch? Verzeihen Sie, verzeihen Sie mir diese Frage!«
-
-»Ja, ein sehr guter Mensch ...«
-
-»Antworten Sie mir nicht mehr, würdigen Sie mich keiner Antwort mehr!
-Ich weiß doch, daß solche Fragen von mir etwas Unmögliches sind! Ich
-wollte ja nur wissen, ob er Ihrer wert ist, aber ich werde das schon
-selbst erfahren.«
-
-»Ach, nein, das geht doch nicht!« sagte sie erschrocken.
-
-»Nein, nein, ich werde es nicht, ich werde es nicht tun. Ich verzichte
-... Aber nur das will ich Ihnen noch sagen: Gott gebe Ihnen jedes Glück,
-jedes, das Sie sich selbst wünschen ... dafür, daß auch Sie mir jetzt
-soviel Glück gegeben haben, in dieser einen Stunde! Sie haben sich jetzt
-auf ewig in mein Herz geprägt. Ich habe einen Schatz erworben: den
-Gedanken an Ihre Vollkommenheit. Ich argwöhnte Hinterlist, rohe
-Koketterie und war unglücklich ... denn ich konnte diesen Gedanken nicht
-mit Ihrem Bilde vereinigen ... In der letzten Zeit habe ich mich Tag und
-Nacht damit gequält, doch jetzt ist auf einmal alles klar und licht wie
-der Tag! Als ich herkam, dachte ich, ich würde Jesuitismus, Schlauheit
-und eine aushorchende Schlange finden, statt dessen fand ich Ehre und
-Stolz, fand einen >Studenten<! Sie lachen? Meinetwegen, lachen Sie nur,
-das tut nichts, das tut nichts! Sie sind doch eine Heilige, Sie können
-nicht über das lachen, was heilig ist ...«
-
-»O nein, ich lache nur über Ihre schrecklichen Ausdrücke. Was ist das
-nun wieder für eine >aushorchende Schlange<?« lachte sie.
-
-»Ihnen ist heute ein kostbares Wort entschlüpft,« fuhr ich begeistert
-fort. »Wie konnten Sie mir so von Angesicht zu Angesicht sagen, Sie
-hätten auf mein >heißes Temperament gerechnet<? Nun gut, mögen Sie als
-Heilige auch das gestanden haben -- da Sie sich schuldig glaubten und
-sich selbst strafen wollten ... obschon von einer Schuld gar nicht die
-Rede sein kann; denn wenn da auch etwas gewesen sein sollte, so ist doch
-nichts gewesen, da alles, was von Ihnen kommt, heilig ist! -- Aber Sie
-hätten doch gerade dieses Wort nicht zu sagen brauchen, nicht diesen
-Ausdruck ...! Eine solche geradezu unnatürliche Offenherzigkeit beweist
-nur Ihre hohe Keuschheit, Ihre Achtung vor mir, Ihren Glauben an mich,«
-rief ich wirr. »Oh, erröten Sie nicht, erröten Sie nicht ...! Und wer,
-wer hat Sie so verleumden und sagen können, Sie wären ... eine
-leidenschaftliche Frau? Oh, verzeihen Sie mir! -- Ich sehe einen
-gequälten Ausdruck in Ihrem Gesicht; verzeihen Sie einem außer sich
-geratenen Jüngling seine plumpen Worte! Aber kommt es denn jetzt auf
-Worte, auf Ausdrücke an? Stehen Sie denn nicht über allen Ausdrücken
-...? Werssiloff hat mir einmal gesagt, Othello hätte nicht deshalb
-Desdemona getötet und dann sich selbst, weil er eifersüchtig war,
-sondern weil man ihm sein Ideal genommen hatte ... Ich kann das
-verstehen, denn mir hat man heute mein Ideal wiedergegeben!«
-
-»Sie rühmen mich gar zu sehr, ich bin dessen nicht wert,« sagte sie mit
-innigem Gefühl. »Wissen Sie noch, was ich Ihnen einmal über Ihre Augen
-gesagt habe?« fügte sie, wie um abzulenken, als scherzhafte Frage hinzu.
-
-»Daß ich nicht Augen hätte, sondern statt der Augen zwei Mikroskope, und
-daß ich aus jeder Fliege ein Kamel machte! Nein, diesmal übertreibe ich
-nicht ...! Wie, Sie gehen schon?«
-
-Sie stand mitten im Zimmer, den Muff und ihren Schal in der Hand.
-
-»Nein, ich warte, bis Sie gegangen sind, ich gehe später. Ich werde noch
-zwei Worte an Tatjana Pawlowna schreiben.«
-
-»Ich gehe gleich, sofort, aber noch einmal: werden Sie glücklich, allein
-oder mit dem, den Sie erwählen, das gebe Gott! Ich aber -- ich brauche
-nichts weiter als ein Ideal!«
-
-»Lieber, guter Arkadi Makarowitsch, glauben Sie mir, daß ich Sie ...
-Mein Vater sagt von Ihnen immer: >Dieser liebe, dieser gute Junge!<
-Glauben Sie mir, ich werde nie vergessen, was Sie mir von dem armen
-Jungen, der bei fremden Menschen untergebracht worden war, und von
-seinen einsamen Träumen erzählt haben ... Ich verstehe so gut, wie Ihre
-Seele sich unter diesen Verhältnissen entwickelt hat ... Aber jetzt,«
-fuhr sie mit einem bittenden und verlegenen Lächeln fort, indem sie
-meine Hand drückte, »jetzt dürfen wir uns, obschon wir Studenten sind,
-doch nicht mehr sehen, wir dürfen nicht mehr wie früher verkehren und,
-und ... Sie werden das doch wohl selbst einsehen?«
-
-»_Nicht_ mehr?«
-
-»Nein, nicht mehr, lange nicht mehr ... daran bin ich nun schuld ... Ich
-sehe, daß das jetzt ganz unmöglich ist ... Wir werden uns wohl treffen,
-manchmal, bei Papa ...«
-
-»Sie fürchten mein >heißes Temperament<, Sie trauen mir nicht?« wollte
-ich schon ausrufen; aber da sah ich, wie sehr sie sich auf einmal vor
-mir schämte, und die Worte kamen mir nicht über die Lippen.
-
-»Sagen Sie,« hielt sie mich plötzlich noch einmal auf, als ich schon zur
-Tür ging, »haben Sie es selbst gesehen, daß ... dieser Brief zerrissen
-worden ist? Kann es nicht ein Irrtum sein? Wissen Sie es genau? Woher
-wußten Sie, daß es gerade dieser Brief an Andronikoff war?«
-
-»Krafft hat mir seinen Inhalt erzählt und ihn mir sogar gezeigt ...
-Leben Sie wohl! Wenn ich bei Ihnen war, war ich schüchtern in Ihrer
-Gegenwart, aber wenn Sie hinausgingen, wäre ich hingestürzt, um die
-Stelle zu küssen, wo Ihr Fuß gestanden hatte ...« kam es plötzlich über
-meine Lippen, ich wußte selbst nicht, wie und wozu ich es sagte, und ich
-ging, ohne sie anzusehen, schnell aus dem Zimmer.
-
-Ich fuhr schnurstracks nach Haus; ich war von Entzücken erfüllt. In
-meinem Kopf drehte sich alles wie im Wirbelsturm, und mein Herz war
-übervoll. Als ich vor dem Hause, in dem meine Mutter wohnte, vorfuhr,
-fiel mir plötzlich Lisas Undankbarkeit gegen Anna Andrejewna ein und ihr
-hartes ungeheuerliches Wort, das sie vorhin gesagt hatte, und auf einmal
-tat mir das Herz um sie alle weh!
-
-»Wie hart doch ihrer aller Herzen sind! Und Lisa, was mag sie nur
-haben?« dachte ich, als ich aus dem Schlitten stieg.
-
-Ich entließ meinen Schlitten und befahl ihm, um neun Uhr vor meiner
-Wohnung auf mich zu warten.
-
-
- Fünftes Kapitel.
-
-
- I.
-
-Ich kam etwas zu spät, aber sie hatten sich noch nicht zu Tisch gesetzt
-und warteten auf mich. Wie ich sah, hatte man noch einige besondere
-Gerichte hinzugefügt, vermutlich deshalb, weil ich selten bei ihnen aß:
-Sardinen als Vorspeise usw. Aber zu meiner Verwunderung und zu meinem
-Bedauern sahen die Meinigen alle gleichsam sorgenvoll und verstimmt aus:
-Lisa lächelte kaum, als sie mich erblickte, und Mama war sichtlich
-beunruhigt; Werssiloff lächelte zwar, aber ich sah ihm an, daß er sich
-dazu zwingen mußte. »Sollten sie sich etwa verzankt haben?« dachte ich
-flüchtig. Übrigens ging zu Anfang alles gut: Werssiloff runzelte nur
-wegen der Suppe mit Klößchen die Stirn und schnitt ein Gesicht, als
-Srasy gereicht wurden.
-
-»Ich brauche nur zu sagen, daß ich irgendeine Speise nicht vertrage,
-dann steht sie unfehlbar am nächsten Tage auf dem Tisch,« sagte er
-unwillkürlich geärgert.
-
-»Aber was soll man sich denn ausdenken, Andrei Petrowitsch? Es fällt
-einem doch wirklich nichts Neues ein,« sagte meine Mutter zaghaft.
-
-»Deine Mutter ist das gerade Gegenteil von einigen unserer Zeitungen,
-bei denen alles gut ist, was neu ist,« versuchte Werssiloff etwas
-humoristisch und freundschaftlich zu scherzen, aber es mißlang ihm, und
-er erschreckte meine Mutter nur noch mehr, die von diesem Vergleich mit
-den Zeitungen natürlich nichts begriff und verständnislos von einem zum
-anderen sah.
-
-Da kam Tatjana Pawlowna; sie sagte, sie hätte schon gegessen, und setzte
-sich neben Mama auf den Diwan.
-
-Mir war es nicht gelungen, die Geneigtheit dieser Dame zu erwerben; ja,
-sie verhielt sich jetzt noch feindlicher gegen mich und fiel schließlich
-wegen jeder Kleinigkeit über mich her. Besonders in der letzten Zeit
-hatte sich ihre Unzufriedenheit mit mir sehr gesteigert: meine
-stutzerhafte Kleidung konnte sie einfach nicht sehen, und wie Lisa mir
-erzählte, war sie beinahe in Ohnmacht gefallen, als es einmal zur
-Sprache kam, daß ich mir den Schlitten hielt. Kurz, ich hatte in der
-letzten Zeit Begegnungen mit ihr nach Möglichkeit zu vermeiden gesucht.
-Damals, nach Werssiloffs Verzicht auf die Erbschaft, vor zwei Monaten,
-war ich schleunigst zu ihr gegangen, um mit ihr über Werssiloffs
-Handlungsweise zu sprechen, hatte aber bei ihr nicht das geringste
-Verständnis gefunden: sie war sogar sehr erbittert gewesen; denn es
-gefiel ihr gar nicht, daß alles und nicht nur die Hälfte zurückgegeben
-worden war; mich aber hatte sie auf einmal sogar scharf angefahren:
-
-»Und du bildest dir jetzt wohl ein, er hätte das Geld zurückgegeben und
-zum Duell gefordert, einzig um deine Meinung über sich zu verbessern!«
-
-Und sie hatte es auch wirklich fast erraten: im geheimen hatte ich
-tatsächlich etwas Ähnliches gedacht.
-
-Als sie jetzt eintrat, fühlte ich sofort, daß sie mich unbedingt wieder
-angreifen würde; ja, ich war bis zu einem gewissen Grade sogar
-überzeugt, daß sie eigentlich nur zu dem Zweck gekommen war, und deshalb
-benahm ich mich auf einmal recht ungezwungen und flott; und das kostete
-mich auch nicht die geringste Anstrengung, da ich mich nach dem letzten
-Erlebnis immer noch in strahlend freudiger Stimmung befand. Ich möchte
-hier ein für allemal bemerken, daß Flottheit in meinem ganzen Leben
-nicht zu mir gepaßt hat, das heißt, sie paßt nun einmal nicht zu meinem
-Gesicht und hat mir bisher auch immer nur Schande gebracht. So geschah
-es auch jetzt: im Augenblick legte ich mich selbst hinein. Da es mir
-zufällig auffiel, daß Lisa so wortkarg war, bemerkte ich plötzlich, rein
-aus Leichtsinn, ohne jede böse Absicht und überhaupt ganz unbedacht:
-
-»Alle Jubeljahre einmal esse ich hier bei euch, und da mußt du, Lisa,
-ausgerechnet heute so trübselig sein!«
-
-»Ich habe Kopfschmerzen,« erwiderte Lisa.
-
-»Ach, mein Gott, so hört doch nur!« fuhr Tatjana Pawlowna sogleich auf,
-»darf sie denn nicht auch einmal Kopfschmerzen haben? Bloß weil der
-hochverehrte Arkadi Makarowitsch zum Essen herüberzukommen geruht hat,
-muß sie gleich tanzen und ihn amüsieren!«
-
-»Sie sind wahrhaftig das Unglück meines Lebens, Tatjana Pawlowna! Nie
-wieder werde ich herkommen, wenn Sie hier sind!« Ich schlug in ehrlichem
-Ärger mit der Hand auf den Tisch; Mama fuhr zusammen, und Werssiloff sah
-mich sonderbar an. Da lachte ich auf und entschuldigte mich.
-
-»Tatjana Pawlowna, ich nehme mein Wort zurück,« wandte ich mich an sie
-und fuhr immer noch fort, den Flotten zu spielen.
-
-»Nein, nein,« wehrte sie kurz ab, »es ist mir viel schmeichelhafter,
-dein Unglück zu sein, als umgekehrt, sei versichert!«
-
-»Mein Lieber, die kleinen Unglücksfälle des Lebens muß man übersehen
-können,« meinte Werssiloff lächelnd, »ohne Unglück lohnt es sich nicht
-zu leben.«
-
-»Wissen Sie, Sie sind mitunter schrecklich konservativ,« rief ich und
-lachte nervös.
-
-»Mein Freund, das ist nebensächlich.«
-
-»Nein, nicht nebensächlich! Warum sagen Sie einem Esel nicht die
-Wahrheit, wenn er ein Esel ist?«
-
-»Sprichst du nicht gar von dir selbst? Erstens will ich keines Menschen
-Richter sein und kann's auch nicht.«
-
-»Warum wollen Sie nicht, und warum können Sie nicht?«
-
-»Teils aus Faulheit, teils aus Widerwillen. Eine kluge Frau hat mir
-einmal gesagt, ich hätte kein Recht, über andere zu richten, weil ich
->nicht zu leiden verstünde<; um Richter über andere werden zu können,
-müsse man sich das Recht zum Richten durch Leid erst verdienen. Ein
-wenig hochtrabend, aber in der Anwendung auf mich vielleicht doch
-richtig, so daß ich mich sogar bereitwilligst diesem Urteil unterwarf.«
-
-»Hat Ihnen das wirklich Tatjana Pawlowna gesagt?« fragte ich überrascht.
-
-»Woher weißt du das?« Werssiloff sah mich mit einiger Verwunderung an.
-
-»Ich habe es aus Tatjana Pawlownas Gesicht erraten: es zuckte in ihm
-etwas, als Sie das sagten.«
-
-Ich hatte es wirklich ganz zufällig erraten. Später stellte sich heraus,
-daß Tatjana Pawlowna diese Worte am Abend vorher in einem hitzigen
-Gespräch zu Werssiloff gesagt hatte. Und überhaupt, das sei nochmals
-gesagt, warf ich mich ihnen mit meiner Freude und meiner Mitteilsamkeit
-sehr zur unrechten Zeit an den Hals: jeder von ihnen hatte sein Leid,
-und keines davon war leicht.
-
-»Nein, das verstehe ich nicht,« sagte ich, »das ist alles so abstrakt;
-und überhaupt ist das ein Zug von Ihnen: Sie lieben es furchtbar,
-abstrakt zu sprechen, Andrei Petrowitsch; das ist ein egoistischer Zug:
-abstrakt zu sprechen lieben nur Egoisten.«
-
-»Nicht dumm gesagt, aber dränge dich nicht auf.«
-
-»Nein, erlauben Sie mal,« fuhr ich fort, ihnen auf den Leib zu rücken,
-»was heißt das: >das Recht zum Richten sich durch Leid verdienen<? Wer
-ehrlich ist, der kann auch Richter sein -- das ist meine Meinung.«
-
-»In dem Fall wirst du wohl nicht viele Richter zusammenbringen.«
-
-»Einen kenne ich schon.«
-
-»Wer ist denn das?«
-
-»Er sitzt hier und spricht mit mir.«
-
-Werssiloff lächelte sonderbar, beugte sich zu meinem Ohr, und, indem er
-mich an der Schulter faßte, flüsterte er mir zu: »Der belügt dich in
-allem.«
-
-Bis heute verstehe ich noch nicht, was er damals im Sinn hatte, doch
-offenbar war er in dem Augenblick innerlich sehr erregt (infolge einer
-besonderen Nachricht, wie ich mir später überlegte). Aber dieses Wort:
-»Der belügt dich in allem« war so unerwartet und so ernst gesagt und mit
-einem so sonderbaren, gar nicht scherzhaften Ausdruck, daß ich
-unwillkürlich nervös zusammenzuckte, beinahe erschrak und ihn entsetzt
-ansah; aber schon besann sich Werssiloff und lachte auf.
-
-»Ach nun, Gott sei Dank!« sagte Mama, die es erschreckt hatte, daß er
-mir etwas ins Ohr gesagt, »ich, ich dachte schon, weiß Gott ... Du,
-Arkascha, sei uns nicht böse; kluge Leute wirst du überall finden, aber
-wer würde dich wohl liebhaben, wenn wir nicht da wären?«
-
-»Das ist eben das Unsittliche an der verwandtschaftlichen Liebe, Mama,
-daß sie unverdiente Liebe ist. Liebe muß man verdienen.«
-
-»Ach, bis du sie dir erst verdienst, das wird lange dauern, hier aber
-wirst du schon so und umsonst geliebt.«
-
-Da mußten alle lachen.
-
-»Nun, Mama, Sie hatten vielleicht gar nicht die Absicht, zu schießen,
-aber den Vogel haben Sie doch getroffen!« rief ich, gleichfalls lachend.
-
-»Und du hast dir wohl eingebildet, daß du Liebe schon wirklich irgendwie
-verdient hättest?« fiel Tatjana Pawlowna wieder über mich her. »Sie
-lieben dich hier nicht nur ohne dein Verdienst, sie lieben dich sogar
-trotz ihres Ekels vor dir!«
-
-»Ach nein, so ist es doch nicht!« rief ich lustig. »Wissen Sie
-vielleicht, wer mir heute gesagt hat, daß er mich liebt?«
-
-»Gesagt, indem man sich über dich lustig machte!« fiel mir Tatjana
-Pawlowna sofort erbost und geradezu verblüffend schlagfertig ins Wort,
-ganz, als hätte sie gerade auf diese Bemerkung von mir nur gewartet.
-»Jeder anständige Mensch, und besonders jede Frau, muß ja allein schon
-vor deinem seelischen Schmutz Ekel empfinden. Du hast einen Scheitel auf
-dem Kopf und die feinste Wäsche an, und deinen Anzug hat ein
-französischer Schneider gearbeitet, aber dabei ist das alles doch nur
-Schmutz! Wer ist es, der deine Kleider bezahlt, dich ernährt, dir Geld
-gibt, um Roulette zu spielen? Besinne dich, von wem du das Geld
-anzunehmen dich nicht schämst!«
-
-Mama wurde vor Scham so rot, wie ich sie noch nie erröten gesehen hatte.
-In mir krampfte sich alles zusammen.
-
-»Wenn ich verschwende, so verschwende ich mein eigenes Geld und bin
-keinem Rechenschaft schuldig,« versuchte ich das Gespräch kurz
-abzubrechen, wurde aber doch feuerrot.
-
-»Dein eigenes? Seit wann dein eigenes?«
-
-»Wenn nicht meines, so ist es doch Andrei Petrowitschs Geld. Er wird es
-mir nicht abschlagen ... Ich habe es vom Fürsten genommen, _à
-conto_{[42]} des Geldes, das er Andrei Petrowitsch schuldet ...«
-
-»Mein Freund,« sagte plötzlich Werssiloff in sehr bestimmtem Ton, »von
-seinem Gelde gehört mir keine Kopeke.«
-
-Dieser Satz war nur zu bedeutungsvoll. Ich blieb stumm vor Überraschung.
-Oh, wenn ich jetzt an meine damalige paradoxe und sorglose Stimmung
-denke, so sage ich mir, daß ich mich in dem Augenblick sicherlich durch
-einen »edlen« Impuls oder mit einem schlagfertigen Wort oder sonstwie
-herausgerissen hätte, aber da sah ich auf einmal in Lisas finsterem
-Gesicht einen bösen, anklagenden Ausdruck, einen ungerechten Vorwurf,
-fast Spott, und da war's, als ritte mich der Teufel:
-
-»Und Sie, mein Fräulein,« wandte ich mich plötzlich an sie, »Sie
-scheinen ja neuerdings sehr oft Darja Onissimowna in der Wohnung des
-Fürsten zu besuchen? Vielleicht ist es Ihnen gefällig, ihm diese
-dreihundert Rubel zu übergeben, da Sie mich dieses Geldes wegen heute
-schon so geschunden haben!«
-
-Ich zog die Dreihundert hervor und hielt sie ihr hin. Wird man es mir
-glauben, daß ich diese dummen Worte ganz unbedacht sagte, das heißt,
-ohne die geringste Anspielung auf irgend etwas. Und das war ja auch ganz
-natürlich; denn ich hatte doch damals noch keine Ahnung davon, worauf
-diese Worte eine Anspielung hätten sein können. Ich hatte eigentlich nur
-den Wunsch gehabt, sie ein wenig zu sticheln, und zwar mit einer
-verhältnismäßig ganz harmlosen Bemerkung, die ungefähr soviel sagen
-sollte, wie: »Wenn Sie, mein Fräulein, sich um Dinge kümmern, die Sie
-nichts angehen, würde es Ihnen dann nicht auch gefällig sein, mit diesem
-Fürsten zusammenzukommen, mit dem jungen Kavalier und Petersburger
-Leutnant, und ihm dieses Geld selbst einzuhändigen, da Sie sich ja so
-gern in die Angelegenheiten junger Männer einmischen!« Aber wie groß war
-meine Bestürzung, als plötzlich meine Mutter aufstand und mir mit dem
-Finger drohend erregt zurief:
-
-»Untersteh dich nicht, untersteh dich nicht!«
-
-So etwas hätte ich von ihr nie im Leben erwartet! Ich sprang auf, nicht
-vor Schreck, sondern wie vor Schmerz, gleichsam mit einer qualvollen
-Wunde im Herzen, weil ich plötzlich erriet, daß etwas Schweres geschehen
-war. Aber meine Mutter hielt es nicht lange aus: sie bedeckte das
-Gesicht mit den Händen und verließ schnell das Zimmer. Lisa ging ihr
-nach, ohne auch nur einen Blick auf mich zu werfen. Tatjana Pawlowna sah
-mich wohl eine halbe Minute lang schweigend an:
-
-»Solltest du wirklich dich jetzt herauslügen können?« rief sie
-schließlich rätselhaft und sah mich mit größter Verwunderung an, doch
-wartete sie meine Antwort nicht ab und eilte ihnen nach. Werssiloff
-erhob sich mit feindseligem, fast bösem Gesicht und nahm vom Ecktisch
-seinen Hut.
-
-»Mir scheint, du bist gar nicht so dumm, sondern nur ahnungslos,« sagte
-er undeutlich, mit halbem Spott. »Wenn sie kommen, so sage ihnen, daß
-sie mit der Torte nicht auf mich warten sollen: ich gehe ein wenig an
-die Luft.«
-
-Ich blieb allein; zunächst fand ich alles nur sonderbar, dann kränkend,
-und schließlich wurde es mir ganz klar, daß ich der Schuldige war.
-Allerdings wußte ich nicht genau, was ich denn nun verbrochen haben
-konnte, aber ich hatte doch ein gewisses Schuldgefühl. Ich saß am
-Fenster und wartete. Nach ungefähr zehn Minuten nahm ich gleichfalls
-meinen Hut und ging nach oben, in mein ehemaliges Giebelstübchen. Ich
-wußte, daß sie dort waren, das heißt Mama und Lisa, und daß Tatjana
-Pawlowna sie schon verlassen hatte. Und so fand ich sie auch beide oben
-im Stübchen auf meinem Diwan sitzend und flüsternd. Als ich erschien,
-verstummten sie sogleich. Zu meinem Erstaunen waren sie mir gar nicht
-böse; meine Mutter wenigstens lächelte mir zu.
-
-»Mama, ich möchte um Verzeihung bitten ...« begann ich.
-
-»Schon gut, schon gut, tut ja nichts,« unterbrach mich meine Mutter,
-»wenn ihr euch nur immer liebhabt und nicht zankt, so wird euch Gott
-auch schon Glück geben.«
-
-»Er wird mich niemals wissentlich kränken, Mama, glauben Sie mir!« sagte
-Lisa überzeugt und mit aufrichtigem Gefühl.
-
-»Wenn nicht diese Tatjana Pawlowna dagewesen wäre, so wäre auch nichts
-geschehen,« rief ich geärgert. »So ein schändliches Weibsbild!«
-
-»Sehen Sie, Mama? Hören Sie?« fragte Lisa, indem sie auf mich wies.
-
-»Ich werde euch folgendes sagen,« erklärte ich auf einmal, »wenn in der
-Welt etwas schlecht ist, so bin ich allein dieses Schlechte, alles
-übrige ist einfach wundervoll!«
-
-»Arkascha, sei nicht böse, Lieber, aber wirklich, wenn du aufhören
-wolltest ...«
-
-»Zu spielen? Ja, ich werde aufhören, Mama: heute gehe ich zum letztenmal
-hin, das ist doch selbstverständlich, nachdem Andrei Petrowitsch erklärt
-hat, daß er beim Fürsten keine Kopeke zugute habe. Sie glauben mir
-nicht, wie sehr ich mich schäme ... Übrigens muß ich mit ihm noch
-Rücksprache nehmen ... Mama, Liebe, das vorige Mal habe ich hier ... ein
-häßliches Wort gesagt ... Mamachen, das war nicht ernst gemeint: es ist
-mein aufrichtiger Wunsch, zu glauben, damals aber lästerte ich nur so;
-ich liebe Christus sehr ...«
-
-Es war das letztemal zwischen uns zu einem Gespräch über dieses Thema
-gekommen, und meine Äußerungen hatten meine Mutter sehr betrübt und
-erregt. Als sie jetzt meine Entschuldigung hörte, lächelte sie mir zu
-wie einem kleinen Kinde:
-
-»Christus verzeiht alles, Arkascha, verzeiht auch deine Lästerung.
-Christus ist aller Vater, Christus bedarf nichts und wird noch in der
-tiefsten Finsternis leuchten ...«
-
-Ich verabschiedete mich von ihnen und ging. Ich dachte über die
-Möglichkeit nach, heute noch Werssiloff zu sehen; ich mußte mit ihm
-unbedingt sprechen, vorhin aber war das nicht möglich gewesen. Ich
-vermutete stark, daß er in meiner Wohnung wartete! Ich ging zu Fuß: es
-war warm gewesen, jetzt begann es leicht zu frieren und es war sehr
-angenehm zu gehen.
-
-
- II.
-
-Ich wohnte in der Nähe der Wosnessenskibrücke in einem großen Miethaus,
-aber im Hofgebäude. Als ich durch das Hoftor trat, stieß ich auf
-Werssiloff, der aus meiner Wohnung kam.
-
-»Ich bin auf meinem Spaziergang nach alter Gewohnheit bis zu deiner
-Wohnung gegangen, habe sogar eine Weile bei Pjotr Ippolitowitsch auf
-dich gewartet, aber es wurde mir zu langweilig. Sie zanken sich dort
-ewig bei dir, und heute hat sich die kranke Frau sogar ins Bett gelegt
-und weint. So bin ich denn wieder gegangen.«
-
-Ich weiß nicht, weshalb ich mich auf einmal über ihn ärgerte.
-
-»Sie scheinen ja überhaupt nur zu mir zu gehen und außer mir und Pjotr
-Ippolitowitsch in ganz Petersburg keinen Menschen zu kennen?«
-
-»Mein Freund ... das ist ja so gleichgültig.«
-
-»Wohin denn jetzt? Gehen wir doch zu mir.«
-
-»Nein, noch einmal gehe ich nicht zu dir. Wenn du willst, können wir
-einen Spaziergang machen, der Abend ist herrlich.«
-
-»Wenn Sie mit mir nicht von Ihren abstrakten Betrachtungen gesprochen
-hätten, sondern menschlich, wenn Sie mir zum Beispiel nur ein Wort
-gesagt hätten über dieses verwünschte Spiel, so wäre ich vielleicht
-nicht wie ein Esel in alles das hineingeraten,« sagte ich auf einmal.
-
-»Du bereust also? Das ist gut,« erwiderte er seltsam durch die Zähne.
-»Ich habe vorausgesehen, daß das Spiel bei dir nicht zur Hauptsache
-werden kann, sondern nur eine zeit--wei--lige Verirrung ist ... Du hast
-recht, mein Freund, das Spiel ist eine Schweinerei, und hinzu kommt
-noch, daß man verlieren kann.«
-
-»Und sogar fremdes Geld.«
-
-»Hast du denn auch fremdes Geld verloren?«
-
-»Das Geld gehörte Ihnen. Ich nahm es vom Fürsten auf Ihr Guthaben hin.
-Das war natürlich eine furchtbare Unverschämtheit und Dummheit von mir
-... mit Ihrem Gelde wie mit eigenem umzugehen, aber ich wollte immer das
-Verlorene zurückgewinnen.«
-
-»Ich möchte dich nochmals darauf aufmerksam machen, mein Lieber, daß mir
-von seinem Gelde nichts gehört. Ich weiß, daß der junge Mann selbst in
-Geldverlegenheit ist, und ich rechne überhaupt nicht auf irgendwelches
-Geld von ihm, trotz seines ganzen Versprechens.«
-
-»Ja, aber, wenn es so ist, dann ist ja meine Lage doppelt so schlimm ...
-sie ist einfach lächerlich! Und aus welchem Grunde hat er mir dann das
-Geld geliehen, und mit welchem Recht habe ich es überhaupt angenommen?«
-
-»Das zu beurteilen ist nun wohl deine Sache ... Aber wüßtest du nicht
-doch irgendeinen Grund, der vielleicht ein Anlaß für dich gewesen wäre,
-von ihm das Geld anzunehmen, was meinst du?«
-
-»Außer unserer Freundschaft ...«
-
-»Ja, noch außer der Freundschaft? Gibt es nicht doch irgend etwas, auf
-Grund dessen es dir möglich erschienen wäre, das Geld von ihm
-anzunehmen? Nun, sagen wir, aus irgendwelchen besonderen Erwägungen?«
-
-»Aus welchen Erwägungen? Ich verstehe nicht.«
-
-»Nun, um so besser, daß du es nicht verstehst, und ich kann dir offen
-sagen, mein Freund, daß ich immer davon überzeugt gewesen bin. _Brisons
-là, mon cher_,{[43]} und versuch einmal, das Spielen aufzugeben.«
-
-»Hätten Sie mir das doch früher gesagt! Und auch jetzt sagen Sie es nur
-so wie beiläufig!«
-
-»Wenn ich dir das früher gesagt hätte, so hätten wir uns nur verzankt,
-und du hättest mich an den Abenden nicht mehr so gern bei dir empfangen.
-Und merke dir, mein Lieber, daß alle diese belehrenden guten Ratschläge
-im voraus -- nur ein sich Eindrängen in ein fremdes Gewissen sind, und
-das noch auf fremde Kosten. Ich habe mich genug in fremde Gewissen
-eingedrängt und zu guter Letzt nur Nasenstüber und Spott geerntet.
-Übrigens sind die Nasenstüber und der Spott natürlich gleichgültig, aber
-die Hauptsache ist, daß man auf diese Weise nichts erreicht: niemand
-wird auf dich hören ... und alle werden dich bald nicht mehr mögen.«
-
-»Es freut mich, daß Sie mit mir endlich einmal nicht von Abstraktem zu
-sprechen anfangen. Ich will Sie auch etwas fragen, schon lange wollte
-ich das, aber es war mir immer nicht möglich, mit der Frage
-herauszurücken. Gut, daß wir jetzt auf der Straße sind. Erinnern Sie
-sich noch jenes Abends zu Hause, des letzten Abends, vor zwei Monaten,
-wie wir da in meinem Giebelstübchen saßen und ich Sie über Makar
-Iwanowitsch ausfragte und über Mama, -- erinnern Sie sich noch, wie
-ungeniert ich damals mit Ihnen sprach? Wie konnten Sie es zulassen, daß
-so ein Grünschnabel in solchen Ausdrücken von seiner Mutter sprach? Sie
-aber, Sie ließen keine Silbe darüber fallen, sogar im Gegenteil, Sie
-gaben sich gleichfalls möglichst frei, und damit erlaubten Sie mir noch
-mehr Freiheiten.«
-
-»Mein Freund, du weißt nicht, wie es mich freut, das von dir zu hören
-... gerade diese Gefühle ... Ja, ich erinnere mich dieses Abends noch
-sehr genau: ich wartete damals in der Tat darauf, Schamröte in dein
-Gesicht steigen zu sehen; und wenn ich selbst auf deinen Ton einging,
-ja, dich noch herausforderte, so geschah das meinerseits vielleicht nur
-zu dem Zweck, um dich bis an die Grenze zu führen ...«
-
-»Und haben mich dabei nur irregeführt und den reinen Quell in meiner
-Seele nur noch mehr getrübt! Ja, ich bin ein trauriger Halbwüchsling und
-weiß oft selbst nicht, was gut und was böse ist. Hätten Sie mir damals
-nur ein wenig, wenn auch nur andeutungsweise, den Weg gewiesen, so hätte
-ich mich schon zurechtgefunden und hätte den richtigen Weg betreten. Sie
-aber haben mich damals nur erbost.«
-
-»_Cher enfant_, ich habe immer geahnt, daß wir zwei, ob nun so oder so,
-jedenfalls einmal zusammenkommen würden: diese >Schamröte< ist dir doch
-jetzt von selbst ins Gesicht gestiegen, ohne meine Anleitung, und das
-ist, glaube mir, für dich selbst besser ... Du hast, mein Lieber, in der
-letzten Zeit viel gewonnen ... sollte das wirklich auf deinen Verkehr
-mit diesem Fürstlein zurückzuführen sein?«
-
-»Loben Sie mich nicht, das mag ich nicht. Erwecken Sie in meinem Herzen
-nicht den quälenden Verdacht, daß Sie mich aus Jesuitismus loben, zum
-Schaden der Wahrheit, nur um mir mehr zu gefallen. In der letzten Zeit
-aber ... sehen Sie ... ich habe viel mit Damen verkehrt. Ich bin zum
-Beispiel von Anna Andrejewna sehr freundlich aufgenommen worden, wissen
-Sie das schon?«
-
-»Ich weiß es von ihr selbst, mein Freund. Ja, sie ist sehr nett und
-klug. _Mais brisons là, mon cher._{[44]} Ich bin heute in einer ganz
-sonderbar widerwärtigen Stimmung -- ist es nun Melancholie oder was? Es
-muß wohl von der Verdauung herrühren. Nun, was geschah denn noch zu
-Hause? Nichts weiter? Du hast dich dort natürlich versöhnt, und zum
-Schluß gab es Umarmungen. _Cela va sans dire._{[45]} Manchmal macht es
-mich geradezu traurig, zu ihnen zurückzukehren, auch wenn das
-Spazierengehen einem noch so widerlich wird. In der Tat, ich mache im
-Regen oft noch einen überflüssigen Umweg, nur um die Rückkehr in dieses
-Heim nach Möglichkeit hinauszuschieben ... Die Langeweile, die
-Langeweile, o Gott!«
-
-»Mama ...«
-
-»Deine Mutter -- ist das vollkommenste und herrlichste Wesen,
-_mais_{[46]} ... Mit einem Wort, ich bin ihrer wohl nicht wert.
-Übrigens, was ist ihnen heute eigentlich widerfahren? In den letzten
-Tagen sind sie alle ohne Ausnahme so ... Ich bemühe mich zwar, so etwas
-zu ignorieren, aber heute muß ihnen doch etwas begegnet sein ... Ist dir
-denn nichts aufgefallen?«
-
-»Ich weiß von nichts, und ich hätte auch nichts bemerkt, wenn nicht
-diese verwünschte Tatjana Pawlowna dazwischengekommen wäre, die
-selbstverständlich immer wie ein Hackenbeißer einen anfallen muß! Sie
-haben recht: da muß irgend etwas geschehen sein. Vorhin traf ich Lisa
-bei Anna Andrejewna, und auch dort war sie schon so eigentümlich ... ich
-wunderte mich noch über sie. Sie wissen doch, daß Anna Andrejewna mit
-ihr verkehrt?«
-
-»Ich weiß es, mein Freund. Aber ... wann warst du denn heute bei Anna
-Andrejewna, ich meine, um wieviel Uhr? Ich möchte das aus einem
-bestimmten Grunde wissen.«
-
-»Von zwei bis drei. Und können Sie sich denken, als ich sie verließ, kam
-der Fürst zu ihr ...«
-
-Und ich erzählte ihm meinen ganzen Besuch bis in alle Einzelheiten. Er
-hörte alles schweigend an; zu der Möglichkeit, daß der Fürst ihr
-vielleicht einen Heiratsantrag hatte machen wollen, äußerte er kein
-Wort, und zu meinem begeisterten Lob Anna Andrejewnas bemerkte er nur
-beiläufig, »ja, sie kann sehr liebenswürdig sein«.
-
-»Ich habe sie heute auch sehr überrascht, indem ich ihr die letzte
-frischgebackene Neuigkeit aus der Gesellschaft mitteilte: daß Katerina
-Nikolajewna Achmakoff den Baron Bjoring heiraten wird,« sagte ich auf
-einmal, als hätte sich irgend etwas plötzlich in mir losgerissen.
-
-»Ja? Nun, dieselbe >Neuigkeit< hat sie mir heute schon am Morgen
-erzählt, vor zwölf, also schon viel früher, als du sie damit überraschen
-konntest.«
-
-»Was sagen Sie?« Verdutzt blieb ich stehen. »Aber woher hat sie denn das
-erfahren können? Übrigens, was fällt mir ein! Selbstverständlich hat sie
-das schon früher als ich erfahren können, aber denken Sie sich: sie hat
-doch meine Mitteilung wie eine überraschende Neuigkeit angehört ...!
-Übrigens ... übrigens, was verlange ich denn? Es lebe die
-Weitherzigkeit! Muß man nicht weitherzig alle Charaktere zulassen, ist's
-nicht so? Ich, zum Beispiel, hätte sofort alles ausgeplaudert, sie aber
-hat es wie in eine Schnupftabaksdose eingeschlossen ... Aber wenn auch,
-wenn auch, nichtsdestoweniger ist sie ein herrliches Geschöpf und ein
-prachtvoller Charakter!«
-
-»Oh, zweifellos, ein jeder nach seiner Art! Und was das Originellste
-ist: diese prachtvollen Charaktere verstehen einen mitunter auf eine
-ganz eigenartige Weise zu überraschen; stelle dir vor: Anna Andrejewna
-verblüffte mich heute auf einmal mit der Frage, ob ich Katerina
-Nikolajewna Achmakoff liebe oder nicht?«
-
-»Was für eine verrückte, undenkbare Frage!« rief ich, wieder ganz
-verdutzt. Im Moment flimmerte es sogar vor meinen Augen. Noch niemals
-hatte ich mit ihm von diesem Thema zu sprechen gewagt, und da begann er
-nun selbst ...
-
-»Womit begründete sie denn ihre Frage?«
-
-»Mit nichts, mein Freund; die Schnupftabaksdose schloß sich gleich
-darauf nur noch fester, und was das Auffallendste ist: sie hat mich das
-gefragt, obgleich ich niemals auch nur die Möglichkeit ähnlicher
-Gespräche zwischen ihr und mir zugelassen habe, und sie gleichfalls ...
-Übrigens, du sagst ja, daß du sie kennst, folglich kannst du dir denken,
-wie eine solche Frage zu ihr paßt ... oder weißt du vielleicht etwas zur
-Erklärung hierfür?«
-
-»Ich bin ebenso überrascht wie Sie. Vielleicht war es Neugier von ihr
-oder nur ein Scherz?«
-
-»Oh, im Gegenteil, es war die ernsteste Frage, und eigentlich nicht nur
-eine Frage, sondern einfach eine sehr kategorische Anfrage, und zwar
-eine aus einem ganz bestimmten Grunde und offenbar zu einem
-außergewöhnlichen Zweck. Wirst du nicht bald wieder bei ihr vorsprechen?
-Könntest du nicht Näheres erfahren? Ich würde dich sogar darum bitten;
-denn, sieh mal ...«
-
-»Aber auch nur die Möglichkeit, erstens mal, nur die Möglichkeit,
-anzunehmen, daß Sie Katerina Nikolajewna lieben könnten! Verzeihen Sie,
-aber ich kann es noch immer nicht fassen. Niemals, niemals habe ich mir
-erlaubt, über dieses oder ein ähnliches Thema mit Ihnen zu sprechen ...«
-
-»Und das war sehr vernünftig von dir, mein Lieber.«
-
-»Ihre früheren Intrigen und Ihre Beziehungen -- dieses Thema ist
-zwischen uns, versteht sich, kein passendes Gespräch, und es wäre
-taktlos von mir, davon überhaupt anzufangen; aber gerade in der letzten
-Zeit, in den letzten Tagen, habe ich mehrmals innerlich ausgerufen: Ach,
-wenn Sie diese Frau doch wenigstens irgend einmal geliebt hätten,
-wenigstens einen Augenblick! -- Oh, dann hätten Sie sie niemals so
-falsch beurteilt, hätten nie einen solchen Fehler begehen können in
-Ihrem Urteil über sie! Wie es geendet hat, das weiß ich: ich weiß von
-Ihrer gegenseitigen Feindschaft und Ihrem gegenseitigen Abscheu, ich
-weiß, ich habe davon gehört, habe alles gehört, schon in Moskau habe ich
-davon gehört. Aber daraus geht doch als erstes nur zu klar und deutlich
-die Tatsache der gegenseitigen Abneigung, der erbitterten Feindschaft,
-also des _Gegenteils_ der Liebe hervor, und da fragt nun Anna
-Andrejewna: >Lieben Sie sie?< Sollte sie denn wirklich so schlecht
-unterrichtet sein? Das ist doch nicht zu glauben! Sie hat nur gescherzt,
-ich versichere Sie, sie hat wirklich nur gescherzt!«
-
-»Aber, mein Lieber, mich deucht,« -- in seiner Stimme klang plötzlich
-etwas Nervöses und Inniges, zum Herzen Dringendes, was bei ihm nur
-furchtbar selten vorkam -- »mich deucht, du sprichst ja selbst etwas gar
-zu leidenschaftlich von dieser Sache. Du sagtest vorhin, daß du mit
-Damen verkehrst ... natürlich, so dich auszufragen, ist mir
-gewissermaßen ... gerade über dieses Thema, wie du sagtest ... Aber
-steht nicht auch >diese Frau< auf der Liste deiner neuen Bekannten?«
-
-»Diese Frau ...« meine Stimme zitterte plötzlich, »hören Sie, Andrei
-Petrowitsch, hören Sie: diese Frau ist das, was Sie heute beim Fürsten
-vom >lebendigen Leben< sagten, -- erinnern Sie sich? Sie sagten, dieses
-lebendige Leben ist etwas so Ungekünsteltes und Einfaches, etwas, was so
-klar und offen einen ansieht, daß man gerade wegen dieser Klarheit und
-Offenheit nicht glauben kann, daß dieses wirklich dasselbe sei, was wir
-unser ganzes Leben lang mit solcher Sehnsucht suchen ... Nun, sehen Sie,
-und mit einem solchen Blick ist Ihnen eine Frau begegnet, das Ideal
-einer Frau, Sie aber haben in diesem Ideal, in dieser Vollkommenheit nur
->alle Laster< zu sehen geglaubt! Da haben Sie's!«
-
-Der Leser kann daraus wohl ersehen, in welch einem Rausch ich mich
-befand.
-
-»>Alle Laster<! Oho! Diesen Ausspruch kenne ich!« rief Werssiloff. »Aber
-wenn es schon so weit gekommen ist, daß man dir diesen Ausspruch
-mitgeteilt hat, kann man dir dann nicht schon zu etwas gratulieren? Das
-verrät ja eine solche Intimität zwischen euch, daß man dich noch loben
-muß wegen deiner Anständigkeit und Verschwiegenheit, zu der nur selten
-ein junger Mann in solchem Falle fähig ist ...«
-
-In seiner Stimme vibrierte ein liebes, freundschaftliches, zärtliches
-Lachen ... etwas Ermunterndes, Liebes lag in seinen Worten und auch in
-seinem hellen Gesicht, soviel ich in der Dunkelheit erkennen konnte. Er
-war erstaunlich belebt. Ich erstrahlte unwillkürlich.
-
-»Anständigkeit, Verschwiegenheit! O nein, nein!« rief ich errötend und
-drückte gleichzeitig krampfhaft seine Hand, die ich auf einmal, ich weiß
-nicht wie, erfaßt hatte und nicht mehr losließ. »Nein, unter keinen
-Umständen ...! Mit einem Wort, mir ist zu nichts zu gratulieren, und es
-kann da auch niemals, niemals etwas geschehen,« sprach ich atemlos
-weiter und schwebte schon gleichsam in der Luft, und ich hatte solche
-Lust, zu fliegen, und es war mir so angenehm, daß ich flog. »Wissen Sie
-... mag es denn einmal sein, nur ein einziges kleines Mal! Sehen Sie,
-mein liebster, herrlicher Papa, -- Sie erlauben mir doch, Sie Papa zu
-nennen -- sehen Sie, von seinen Beziehungen zu einer Frau darf man nicht
-nur nicht als Sohn mit dem Vater, sondern überhaupt mit keinem Dritten
-sprechen, selbst wenn diese Beziehungen noch so rein sind! Ja, je reiner
-sie sind, um so mehr muß man das Schweigen hüten! Anders wäre es
-ekelhaft, wäre roh, kurz, ein Dritter ist unmöglich! Aber wenn nichts,
-nichts geschehen ist, nicht das geringste, dann darf man doch sprechen,
-dann darf man doch?«
-
-»Je nachdem, wie das eigene Herz entscheidet.«
-
-»Warten Sie, zunächst eine unbescheidene, eine sehr unbescheidene Frage:
-Sie haben in Ihrem Leben doch auch Frauen gekannt, Sie haben doch
-Verhältnisse gehabt ...? Ich spreche nur im allgemeinen, im allgemeinen,
-ich meine keine Einzelfälle!« rief ich errötend und rang nach Atem vor
-Begeisterung.
-
-»Nun ja, man hat seine Sünden gehabt.«
-
-»Also hören Sie, dann erklären Sie mir einen Fall, da Sie doch der
-Erfahrenere sind: plötzlich sagt Ihnen eine Dame, von der Sie sich
-gerade verabschieden, gleichsam beiläufig, und indem sie selbst zur
-Seite sieht: >Morgen werde ich um drei Uhr da und da sein ...< nun,
-sagen wir, bei Tatjana Pawlowna,« platzte ich heraus, und nun riß es
-mich unwiderstehlich fort. Mein Herz klopfte gewaltig und drohte, nach
-jedem Schlage stehenzubleiben; ich mußte sogar im Sprechen innehalten
-vor Herzklopfen. Er aber war, das sah ich, ganz Ohr. »Und nun, am
-nächsten Tage, bin ich um drei Uhr bei Tatjana Pawlowna, gehe hinauf und
-denke so bei mir: wenn die Köchin mir aufmacht -- Sie kennen doch ihre
-Köchin? --, so frage ich sie ganz einfach: >Ist Tatjana Pawlowna zu
-Hause?< Und wenn die Köchin mir dann sagt, daß Tatjana Pawlowna nicht zu
-Hause ist, aber eine Dame sitze da und warte auf sie, -- was muß ich
-dann daraus schließen, sagen Sie mir das, wenn Sie ... Mit einem Wort,
-wenn Sie ...«
-
-»Ganz einfach, daß man dich zu einem Rendezvous bestellt hat. Also dann
-war es doch das? Und das war heute? Ja?«
-
-»O nein, nein, nein, gar nichts, gar nichts war heute! Es war, aber es
-war nicht das; wenn auch ein Rendezvous, so doch nicht zu dem Zweck, das
-schicke ich gleich voraus, um nicht ein Schuft zu sein, es war was, aber
-...«
-
-»Mein Freund, das fängt ja an so interessant zu werden, daß ich den
-Vorschlag machen möchte ...«
-
-»Hab' früher selber Unbemittelten gegeben, mal 'nen Fünfundzwanziger,
-mal 'nen Zehner für 'n Schnäpschen. Wie wär's, wenn Sie nun auch mal mit
-'n paar Kopeken 'nem armen Leutnant unter die Arme greifen wollten? --
-Bitt' schön, bin mal Leutnant gewesen.«
-
-Eine hohe Gestalt vertrat uns den Weg, und vielleicht war der
-Bittsteller wirklich ein verkommener ehemaliger Leutnant.
-Merkwürdigerweise war er aber für sein Gewerbe eigentlich sehr gut
-gekleidet, und doch hielt er die Hand hin, um ein Almosen zu empfangen.
-
-
- III.
-
-Diesen dummen Zwischenfall mit dem erbärmlichen >Leutnant< will ich
-nicht unerwähnt lassen, da ich mir Werssiloff heute nicht anders
-vorstellen kann, als mit allen geringfügigsten Einzelheiten jener für
-mich so verhängnisvollen Stunde. Ja, der >verhängnisvollen<, ich aber
-ahnte das nicht einmal!
-
-»Wenn Sie, mein Herr, uns nicht sofort aus dem Wege gehen, so werde ich
-die Polizei rufen,« sagte Werssiloff plötzlich empört und mit lauter
-Stimme, indem er vor dem »Leutnant« stehen blieb. Ich hätte niemals
-gedacht, daß dieser Philosoph so in Zorn geraten könnte, und das noch
-aus einem so geringen Anlaß. Doch darf man nicht vergessen, daß unser
-Gespräch an einer Stelle unterbrochen wurde, die sein ganzes Interesse
-erregte, was er noch selbst verraten hatte.
-
-»So haben Sie wirklich nicht einmal 'nen Fünfer bei sich?« gröhlte grob
-der »Leutnant«. »Heutzutage hat ja wahrhaftig keine Kanaille mehr 'nen
-Fünfer in der Tasche! Knoten! Gauner! Selber im Biberpelz, aber aus
-einem lump'gen Fünfer wird eine Staatsfrage gemacht!«
-
-»Schutzmann!« rief Werssiloff.
-
-Er brauchte nicht einmal laut zu rufen: in nächster Nähe an der
-Straßenecke stand ein Schutzmann, der das Geschimpf des »Leutnants«
-gehört hatte.
-
-»Ich ersuche Sie, Zeuge dieses Vorfalles zu sein, und Sie ersuche ich,
-sich auf die Polizeiwache begeben zu wollen,« sagte Werssiloff.
-
-»Äh, zum ... Na, mir soll's egal sein, beweisen können Sie ja doch
-nichts! Vor allem keinen eigenen Verstand!«
-
-»Lassen Sie ihn nicht laufen, Schutzmann, und begleiten Sie uns,« sagte
-Werssiloff herrisch.
-
-»Was, wollen Sie denn wirklich auf die Wache? Ach, zum Teufel mit ihm,
-mit diesem ganzen Kerl!« flüsterte ich ihm zu.
-
-»Unbedingt, mein Lieber. Diese Zuchtlosigkeit auf unseren Straßen fängt
-nachgerade an, einem bis zum Ekel widerlich zu werden, und wenn ein
-jeder seine Pflicht täte, so hätten alle den Vorteil davon. _C'est
-comique, mais c'est ce que nous ferons._«{[47]}
-
-Wir gingen; die ersten hundert Schritte war der »Leutnant« sehr empört,
-renommierte großartig und zeigte sich sehr mutig; er versicherte, »das
-gehe nicht«, wegen eines »einz'gen Fünfers«, usw., usw. Aber schließlich
-begann er halblaut mit dem Schutzmann zu unterhandeln. Der Schutzmann,
-der ein vernünftiger Mensch und ein Feind von Straßenunruhen zu sein
-schien, war offenbar auf seiner Seite, aber doch nur in einem gewissen
-Sinne. Auf die Anfrage des »Leutnants« brummte er halblaut zur Antwort,
-jetzt wäre schon nichts mehr zu machen, »jetzt ist es schon mal
-herausgekommen«, »aber wenn Sie, beispielsweise, sich entschuldigen
-wollten, und wenn der Herr die Entschuldigung annehmen würde, ja dann
-vielleicht ...«
-
-»Na, hö--hören Sie, sehr geehrter Herr, na, wohin gehen wir denn jetzt?
-Ich frage Sie: wohin streben wir, und was soll hierbei wohl geistreich
-sein?« polterte der »Leutnant« los. »Wenn ein durch seine Mißerfolge
-unglücklicher Mann seine Entschuldigung zu machen bereit ist ... wenn
-Sie schließlich unbedingt seine Selbsterniedrigung wünschen ... Zum
-Teufel, wir sind doch nicht im Salon, sondern auf der Straße! Für die
-Straße genügt doch wohl diese Entschuldigung ...«
-
-Werssiloff blieb stehen, und plötzlich lachte er laut auf, so daß ich
-schon dachte, er hätte diese ganze Geschichte nur um der Ablenkung
-willen und als Ulk angefangen, aber das war es nicht.
-
-»Ich entschuldige Sie vollkommen, mein Herr >Leutnant<, und ich bin
-überzeugt, daß Sie kolossal befähigt sind. Halten Sie sich so auch im
-Salon, -- bald wird dieser Ton ja auch in den Salon passen, vorläufig
-aber nehmen Sie hier die zwei Zwanziger, für Schnaps und Imbiß.
-Entschuldigen Sie, Schutzmann, die Belästigung, ich würde mich auch für
-Ihre Mühe erkenntlich zeigen, aber Sie sehen jetzt so stolz aus ... Mein
-Lieber,« wandte er sich an mich, »hier in der Nähe ist ein Lokal,
-eigentlich eine entsetzliche Kloake, aber man kann dort Tee trinken, und
-ich wollte dir den Vorschlag machen, hinzugehen ... hier gleich, gehen
-wir.«
-
-Ich wiederhole, ich hatte ihn noch nie in einer solchen inneren Erregung
-gesehen, obschon sein Gesicht heiter war und strahlte; es war mir aber
-aufgefallen, daß seine Hände, als er aus dem Portemonnaie das Geld für
-den »Leutnant« herausnehmen wollte, so bebten, daß er schließlich mich
-bat, das Geld zu nehmen und dem »Leutnant« zu geben; ich kann das nicht
-vergessen.
-
-Er führte mich in eine kleine Kellerwirtschaft am Kanal. Nur wenige
-Gäste waren da. Ein kleiner, verstimmter, heiserer Musikautomat erklang,
-es roch nach fettigen Servietten; wir setzten uns in eine Ecke.
-
-»Du weißt es vielleicht nicht? Ich liebe es zuweilen, aus Langerweile,
-aus schrecklicher seelischer Langweile ... in solche Kloaken
-hineinzugehen. Diese ganze Einrichtung hier, diese mäckernde Arie aus
-der >Lucia<, diese Kellner in ihrer fast schon unanständigen russischen
-Tracht, dieser Tabakqualm, diese Schreie aus dem Billardzimmer -- das
-ist alles dermaßen gemein und prosaisch, daß es fast an das
-Phantastische grenzt. Nun, wie war es denn, Lieber? Dieser Marsjünger
-hat uns, glaub' ich, an der interessantesten Stelle unterbrochen ... Ah,
-da ist schon unser Tee; ich liebe es, hier Tee zu trinken ... Kannst du
-dir denken, Pjotr Ippolitowitsch, dein Wirt, begann dort seinem anderen
-Zimmermieter, dem Pockennarbigen, zu versichern, daß vom englischen
-Parlament im vorigen Jahrhundert eine Kommission von Juristen eingesetzt
-worden sei, um den ganzen Prozeß Christi vor dem Hohen Priester und
-Pilatus zu revidieren, einzig zu dem Zweck, um zu sehen, wie der Prozeß
-nach unseren Gesetzen verlaufen wäre, und deshalb hätte man alles mit
-aller Gewissenhaftigkeit und Feierlichkeit, mit Staatsanwälten und
-Rechtsanwälten und allem, was dazu gehört, in Szene gesetzt ... nun, und
-die Geschworenen hätten sich doch gezwungen gesehen, ihn schuldig zu
-sprechen ... Jedenfalls eine Geschichte zum Verwundern! Dieser bornierte
-Zimmermieter begann aber zu streiten, ärgerte sich fürchterlich und
-erklärte mit großem Krach, daß er am nächsten Tage ausziehen werde ...
-Die Wirtin begann zu weinen, weil sie die Miete verlöre ... _Mais
-passons._{[48]} In diesen Wirtschaften gibt es zuweilen Nachtigallen.
-Kennst du die alte Moskauer Anekdote _à la_ Pjotr Ippolitowitsch? In
-einer Moskauer Wirtschaft singt wundervoll eine Nachtigall; ein Kaufmann
-kommt herein, einer vom Typ >Steh mir nicht im Wege<. Er hört die
-Nachtigall, fragt: >Was kostet der Vogel?< -- >Hundert Rubel.< --
->Braten und auftragen!< Man briet die Nachtigall und setzte sie ihm vor.
->Schneid mir davon für zehn Kopeken ab.< -- Ich erzählte das einmal
-deinem Pjotr Ippolitowitsch, aber er glaubte es mir nicht und war sogar
-sehr ungehalten.«
-
-Er erzählte noch vieles. Ich gebe diese kleinen Geschichten als
-Beispiele wieder. Sobald ich nur den Mund auftat, unterbrach er mich
-sofort und begann wieder irgend etwas zu erzählen, irgend so einen
-eigentümlichen Unsinn, der gar nicht zur Sache gehörte, und dabei sprach
-er lebhaft und lustig; er lachte über Gott weiß was alles und lachte
-seltsam in sich hinein, was ich an ihm noch nie gesehen hatte. In einem
-Zuge trank er sein Glas Tee aus und bestellte ein neues. Jetzt weiß ich,
-wie das zu erklären war: er glich damals einem Menschen, der einen für
-ihn teuren, interessanten, lange und heiß ersehnten Brief erhalten hat
-und nun vor sich hinlegt und absichtlich nicht öffnet, sondern erst
-lange befühlt, das Kuvert betrachtet, den Poststempel, dann noch ins
-andere Zimmer geht, verschiedene Anordnungen trifft, kurz, der den
-spannenden Augenblick hinausschiebt -- da er weiß, daß er ihm doch nicht
-entgeht --, um den Genuß noch mehr auszukosten.
-
-Natürlich erzählte ich ihm alles, alles von Anfang an, und erzählte
-vielleicht eine ganze Stunde. Und wie hätte es auch anders sein können:
-schon vorher, die ganze Zeit schon hatte ich den Drang gehabt, zu
-erzählen. Ich begann mit unserer ersten Begegnung, damals beim alten
-Fürsten, gleich nach ihrer Ankunft aus Moskau; dann erzählte ich, wie
-das alles nach und nach so gekommen war. Ich überging nichts, und ich
-hätte auch nichts übergehen können: er selbst erinnerte mich an alles
-und erriet alles, er soufflierte mir förmlich. Bisweilen schien es mir,
-daß etwas Phantastisches vor sich gehe, daß er dort irgendwo unsichtbar
-gesessen oder hinter einer Tür gestanden haben müsse, jedesmal, so oft
-ich in diesen zwei Monaten bei ihr gewesen war: er wußte im voraus jede
-meiner Bewegungen und jedes meiner Gefühle. Ich empfand eine unfaßbare
-Lust bei dieser Beichte vor ihm; denn ich sah in ihm eine so zarte
-Weichheit, eine so tiefe psychologische Feinheit, eine so erstaunliche
-Fähigkeit, schon aus einer halben Silbe alles zu erraten. Er hörte zart
-zu wie eine Frau. Vor allem verstand er es so zu machen, daß ich mich
-überhaupt nicht schämte; manchmal fiel er mir ins Wort, und ich mußte
-bei einem Nebenumstande verweilen; oft unterbrach er mich, um nervös zu
-wiederholen: »Vergiß nicht die Details, die Hauptsache ist, vergiß nicht
-die Details: je kleiner ein Zug ist, um so wichtiger kann er mitunter
-sein.« Und so unterbrach er mich mehrere Male. Oh, versteht sich, ich
-erzählte anfangs sehr selbstbewußt und sprach sehr von oben herab über
-sie, aber bald siegte doch die Wahrheit. Ich erzählte ihm aufrichtig,
-daß ich am liebsten die Stelle des Fußbodens geküßt hätte -- wo ihr Fuß
-gestanden hatte. Am schönsten, am wunderbarsten war, daß er ohne
-weiteres verstand, wie man unter der Angst wegen des Dokuments leiden
-und dabei doch das reine und untadelige Wesen sein konnte, als das ich
-sie heute vor mir gesehen hatte. Er verstand auch vollkommen die
-Bezeichnung »Student«. Aber als ich mich schon dem Ende näherte,
-bemerkte ich, daß durch sein gütiges Lächeln von Zeit zu Zeit eine
-auffallende Ungeduld, etwas Zerstreutes und Kaltes in seinem Blick
-aufblitzte. Als ich auf das bewußte »Dokument« zu sprechen kam, dachte
-ich bei mir: »Soll ich ihm die Wahrheit sagen oder soll ich nicht?« --
-und ich sagte sie ihm nicht, trotz meiner ganzen Begeisterung. Das
-verzeichne ich hier zur Erinnerung für mein ganzes Leben. Ich erklärte
-ihm die Sache ebenso, wie ich sie ihr erklärt hatte: daß der Brief von
-Krafft zerrissen und verbrannt worden wäre. In seine Augen trat ein
-Brennen, eine sonderbare Falte erschien flüchtig auf seiner Stirn und
-gab seinem Gesicht etwas Finsteres.
-
-»Erinnerst du dich genau, mein Lieber, daß Krafft diesen Brief verbrannt
-hat? Täuschest du dich wirklich nicht?«
-
-»Nein, ich täusche mich nicht,« beteuerte ich.
-
-»Die Sache ist nur die, daß dieser Brief für sie von gar zu großer
-Wichtigkeit ist, und wenn du ihn heute in der Hand hättest, so könntest
-du heute noch ...« (Er sprach es aber nicht aus, was ich »könnte«). »Ja,
-wie, hast du ihn denn jetzt nicht bei dir?«
-
-Ich zuckte innerlich zusammen, äußerlich aber ließ ich mir nichts
-merken, zuckte nicht einmal mit der Wimper; aber ich konnte es noch
-nicht fassen, daß ich wirklich diese Frage gehört hatte.
-
-»Wie das, bei mir? Ob ich ihn _jetzt_ bei mir habe? Aber wenn Krafft ihn
-doch damals verbrannt hat?«
-
-»Wirklich?« Er sah mich plötzlich an, mit brennendem, starrem Blick, mit
-einem Blick, den ich nie vergessen werde.
-
-Übrigens lächelte er gleich darauf, aber seine ganze Güte, die ganze
-Weiblichkeit dieses Gesichtsausdrucks, mit dem er mir bis dahin zugehört
-hatte, waren auf einmal verschwunden. In seinem Ausdruck lag etwas
-Unbestimmtes und Verwirrtes; er wurde immer zerstreuter. Hätte er sich
-damals mehr in der Gewalt gehabt, so, wie er sich bis zu diesem
-Augenblick die ganze Zeit in der Gewalt gehabt hatte, so hätte er diese
-Frage wegen des Briefes bestimmt nicht gestellt; wenn er es aber tat, so
-geschah das wohl nur deshalb, weil er selbst so außer sich war. So
-erkläre ich mir das heute, damals aber begriff ich die Veränderung, die
-in ihm vorging, kaum oder wenigstens nicht so schnell; ich schwebte ja
-immer noch in Wonne, und in meiner Seele klang immer noch Musik. Mein
-Erlebnis war zu Ende erzählt; ich sah ihn an.
-
-»Aber eines ist doch merkwürdig,« sagte er auf einmal, als ich ihm schon
-alles bis zum letzten Komma erzählt hatte, »sogar sehr merkwürdig, mein
-Freund: du sagst, du hättest dort zwischen drei und vier mit ihr
-gesprochen, und Tatjana Pawlowna wäre nicht zu Haus gewesen?«
-
-»Ich war dort von ungefähr acht Minuten nach drei bis halb fünf.«
-
-»Nun, denk dir mal, ich war genau um halb vier bei Tatjana Pawlowna, es
-war auf die Minute halb vier, und ich sprach mit ihr in der Küche: ich
-gehe ja zu ihr oft über die näherliegende Hintertreppe hinauf.«
-
-»Wie, Sie haben sie in der Küche getroffen?« rief ich, unwillkürlich
-zurückfahrend vor Schreck.
-
-»Ja, und sie erklärte mir, daß sie mich nicht empfangen könne; ich blieb
-vielleicht zwei Minuten; denn ich hatte bei ihr nur vorgesprochen, um
-sie zum Essen einzuladen.«
-
-»Vielleicht war sie in dem Augenblick erst zurückgekehrt?«
-
-»Das weiß ich nicht; übrigens nein, das ist ausgeschlossen: sie war in
-ihrem Morgenrock. Und die Uhr war genau halb vier.«
-
-»Aber ... Hat Tatjana Pawlowna Ihnen nicht gesagt, daß ich da war?«
-
-»Nein, sie hat mir nicht gesagt, daß du da warst ... Sonst hätte ich es
-schon gewußt und dich nicht hier danach gefragt.«
-
-»Hören Sie, das ist furchtbar wichtig ...«
-
-»Ja ... je nachdem, von welchem Standpunkt aus man es ansieht. Du bist
-sogar erbleicht, mein Lieber. Doch übrigens, was ist denn hierbei
-schließlich so wichtig?«
-
-»Man hat sich über mich wie über einen dummen Jungen lustig gemacht!«
-
-»Man hat einfach Angst gehabt vor deinem >heißen Temperament<, wie sie
-sich selbst ausgedrückt hat -- nun, und da ist Tatjana Pawlowna gebeten
-worden, zur Sicherheit zu Hause zu bleiben.«
-
-»Aber, mein Gott, was ist denn das für ein abgekartetes Spiel gewesen!
-Hören Sie, dann hat sie mich doch das alles in Gegenwart einer dritten
-Person sagen lassen, in Gegenwart von Tatjana Pawlowna? -- die hat ja
-dann alles gehört, was ich ihr vorhin gesagt habe! Aber das ... das ist
-ja schrecklich, sich auch nur vorzustellen!«
-
-»_C'est selon, mon cher._ Und überdies hast du ja selbst vorhin von
-Weitherzigkeit den Frauen gegenüber gesprochen und noch ausgerufen: >Es
-lebe die Weitherzigkeit, die alles zuläßt!<«
-
-»Wenn ich Othello wäre und Sie Jago, so hätten Sie nicht besser ...
-übrigens, ich lache! Von einem Othello kann ja hier gar nicht die Rede
-sein; denn die Verhältnisse sind ja ganz andere. Und wie sollte ich denn
-nicht lachen! Mag es doch so gewesen sein! Ich glaube dennoch an das,
-was unendlich hoch über mir steht, und gebe mein Ideal nicht auf ...!
-Wenn das ein Scherz von ihr war, so verzeihe ich ihr. Ein Scherz mit
-einem traurigen Jüngling -- nun gut! Ich habe mich ja auch als nichts
-anderes gegeben. Aber der Student -- der Student war doch und ist doch,
-trotz allem, trotz allem, in ihrem Herzen; -- denn wenn er schon einmal
-in ihrem Herzen, in ihrer Seele war, so ist er es noch und wird es
-bleiben! Doch genug davon! Hören Sie, was meinen Sie: soll ich nicht
-lieber gleich zu ihr hinfahren, um die ganze Wahrheit zu erfahren?«
-
-Ich sagte zwar: »Ich lache!« aber mir standen doch Tränen in den Augen.
-
-»Ja? Fahre nur, mein Freund, wenn du Lust hast.«
-
-»Mir ist, als hätte ich damit meine Seele beschmutzt, daß ich Ihnen das
-alles erzählt habe. Seien Sie mir nicht böse, Liebster, aber über eine
-Frau, das sage ich nochmals, über eine Frau kann man einem Dritten
-nichts anvertrauen; der andere wird das doch nicht verstehen, was man
-ihm anvertraut. Selbst ein Engel würde das nicht verstehen! Wenn du die
-Frau achtest -- suche dir keinen Vertrauten! Wenn du dich selbst achtest
--- suche dir keinen Vertrauten! Ich achte mich jetzt selbst nicht. Auf
-Wiedersehen; ich werde mir das nie verzeihen ...«
-
-»Höre doch auf, Lieber, du übertreibst ja. Du sagst doch selbst, daß
->nichts geschehen< sei.«
-
-Wir traten hinaus auf die Straße am Kanal und nahmen Abschied.
-
-»Wirst du mich denn wirklich nie mit kindlicher Liebe küssen, wie ein
-Sohn seinen Vater?« fragte er auf einmal mit einem sonderbaren Beben in
-der Stimme.
-
-Ich küßte ihn glühend.
-
-»Mein lieber Junge ... Sei immer so reinen Herzens wie heute.«
-
-Ich hatte ihn noch niemals geküßt, und nie hätte ich mir träumen lassen,
-daß er selbst diesen Wunsch haben könnte.
-
-
- Sechstes Kapitel.
-
-
- I.
-
-»Selbstverständlich hinfahren!« entschied ich, während ich nach Hause
-eilte, »und zwar sofort hinfahren! Wahrscheinlich werde ich sie ganz
-allein antreffen, aber auch wenn sie nicht allein sein sollte,
-gleichviel, man kann sie herausbitten lassen ... Sie wird mich
-empfangen; sie wird sich wundern, aber empfangen wird sie mich trotzdem!
-Doch wenn sie nicht will? So werde ich darauf bestehen, werde ihr sagen
-lassen, daß es dringend nötig ist. Sie wird denken, es handle sich um
-das Dokument, und schon deshalb wird sie mich empfangen. Und dann werde
-ich von ihr selbst erfahren, wie das mit dieser Tatjana Pawlowna gewesen
-ist! Und dann ... Ja, und was dann? Wenn ich ihr unrecht getan habe, so
-werde ich es tausendfach gutzumachen suchen; wenn ich aber im Recht bin,
-und sie schuldig ist, dann -- dann ist ja sowieso alles aus! Was habe
-ich zu verspielen? Nichts! Also hinfahren! hinfahren!«
-
-Und doch fuhr ich nicht hin; das werde ich niemals vergessen und werde
-immer mit Stolz daran zurückdenken. Kein Mensch wird davon erfahren, das
-wird mit mir begraben werden; aber es genügt, wenn ich selbst weiß, daß
-ich in diesem Augenblick zu einer solchen Haltung fähig war!
-
-»Es ist eine Versuchung, aber ich lasse sie nicht an mich heran,« sagte
-ich mir endlich, nachdem ich mich auf mich selbst besonnen hatte. »Man
-hat mich mit einer Tatsache erschrecken, durch eine Tatsache überzeugen
-wollen, ich aber lasse mich auch von einer Tatsache nicht überzeugen und
-gebe meinen Glauben an ihre Schuldlosigkeit nicht auf! Wozu jetzt
-hinfahren? Wessen mich noch vergewissern? Wie kann ich von ihr
-verlangen, daß sie an mich auch so hätte glauben sollen, wie ich an sie
-glaube? -- daß sie mein >heißes Temperament< nicht hätte fürchten
-sollen? Nur deshalb hat sie doch Tatjana Pawlowna zu ihrer Sicherheit in
-der Nähe behalten! Ich habe ja ein solches Vertrauen von ihr noch gar
-nicht verdient. Mag sie, mag sie auch nicht wissen, daß ich ihr volles
-Vertrauen verdiene, daß ich allen >Versuchungen< gewachsen bin und
-nichts von alledem glaube, was man ihr Schlechtes nachsagt, -- dafür
-weiß ich es, ich, und achte mich deswegen. Ich achte meine eigenen
-Gefühle. O ja, sie hat es zugelassen, daß ich das alles in Tatjana
-Pawlownas Gegenwart aussprach, sie wußte, daß Tatjana Pawlowna dort saß
-und uns belauschte (denn man hört ja doch jedes Wort, wenn man dort
-sitzt), sie wußte, daß sie dort über mich lachte, -- das ist gewiß
-fürchterlich, oh, fürchterlich ist das! Aber ... aber wenn es für sie
-anders gar nicht möglich war? Was hätte sie denn in ihrer Lage tun
-sollen? Und wie darf ich sie deswegen anklagen? Auch ich habe sie doch
-heute betrogen -- in der Sache mit Krafft und dem Brief --, weil es eben
-nicht anders ging ... so habe ich sie ganz gegen meinen Willen und
-unvorhergesehenerweise belügen müssen. Mein Gott!« rief ich plötzlich,
-mich auf einmal besinnend, und ich errötete heiß vor peinigender Scham,
-»und ich selbst, was habe ich soeben selbst getan! -- Habe ich sie nicht
-genau so an eine dritte Person verraten, indem ich Werssiloff alles
-erzählte? Übrigens, nein, was rede ich! Da ist doch ein Unterschied. Es
-war ja jetzt nur von dem Dokument die Rede, ich habe Werssiloff doch
-eigentlich nur von dem Dokument erzählt; denn ich hatte ja nichts
-anderes zu erzählen und konnte auch nichts zu erzählen haben. Habe ich
-nicht gleich vorausgeschickt und ihm als erstes gesagt, daß zwischen uns
->nichts, nichts, gar nichts geschehen ist<? Er ist doch ein Mensch, der
-alles versteht ...! Hm! Aber was für einen Haß er gegen diese Frau in
-seinem Herzen trägt, selbst heute noch! Was für ein Drama mag sich
-damals zwischen ihnen abgespielt haben ...? und aus welchem Grunde?
-Natürlich aus Eigenliebe! _Werssiloff ist und kann ja auch zu gar keinem
-anderen Gefühl fähig sein, außer zu grenzenloser Eigenliebe!_«
-
-Dieser letzte Gedanke kam mir damals ganz plötzlich, doch ich beachtete
-ihn nicht einmal. Das waren die Gedanken, die mir so durch den Kopf
-gingen, und die sich ganz von selbst einer aus dem anderen ergaben.
-Dabei war ich vor mir ganz aufrichtig: ich machte mir nichts vor, ich
-betrog mich nicht. Und wenn ich damals auf etwas nicht verfiel, so
-geschah das nicht aus Jesuitismus, sondern weil mir die Einsicht fehlte.
-
-Ich langte in ungeheuer belebter Gemütsverfassung in meiner Wohnung an,
-wußte jedoch selbst nicht, warum ich mich in einer so frohen Stimmung
-befand, obschon alles unklar in mir war. Aber ich getraute mich nicht,
-meine Gefühle näher zu untersuchen und gab mir die größte Mühe, an
-anderes zu denken. Ich ging sogleich zu meiner Wirtin; zwischen ihr und
-ihrem Mann hatte es tatsächlich einen großen Streit gegeben. Sie war
-eine hochgradig schwindsüchtige kleine Beamtenfrau, im Grunde vielleicht
-ein gutmütiger Mensch, aber wie alle Schwindsüchtigen sehr launenhaft.
-Ich begann sofort Frieden zu stiften, ging zu Tscherwjäkoff, -- so hieß
-der andere Zimmermieter, der grobe pockennarbige Schafskopf und
-selbstgefällige Bankbeamte, den ich nicht ausstehen konnte, mit dem ich
-mich aber sonst ganz gut stand, weil ich die Schwäche hatte, mich oft
-mit ihm zusammen über Pjotr Ippolitowitsch lustig zu machen. Ich redete
-ihm zu, doch nicht auszuziehen, aber ich glaube, er hätte sich sowieso
-gar nicht dazu entschlossen. Es endete damit, daß es mir gelang, die
-Wirtin vollkommen zu beruhigen und ihr außerdem noch das Kopfkissen
-wunderbar zurechtzulegen. »Pjotr Ippolitowitsch hat das niemals so gut
-verstanden,« sagte sie schadenfroh. Darauf begab ich mich mit ihren
-Senfpflastern in die Küche und bereitete ihr eigenhändig zwei Pflaster.
-Der arme Pjotr Ippolitowitsch konnte mir bei alledem nur neidisch
-zusehen: ich erlaubte ihm nicht einmal, auch nur mit dem Finger ein
-Pflaster anzurühren, und ward für meine Mühe denn auch buchstäblich mit
-Tränen der Dankbarkeit von ihr belohnt. Aber auf einmal, ich erinnere
-mich dessen noch genau, wurde mir alles so zuwider, und ich wurde mir
-bewußt, daß ich gar nicht aus Güte der Kranken geholfen hatte, sondern
-aus einem ganz anderen Grunde.
-
-Ich wartete mit nervöser Ungeduld auf meinen Schlitten: an diesem Abend
-wollte ich noch zum letztenmal mein Glück versuchen ... doch ganz
-abgesehen davon, empfand ich ein schreckliches Bedürfnis zu spielen: es
-war eine unerträgliche Stimmung. Wenn ich diesen Wunsch nicht gehabt
-hätte, so hätte ich es nicht ausgehalten und wäre zu ihr gefahren. Der
-Schlitten mußte bald kommen, aber plötzlich öffnete sich die Tür, und
-ein ganz unerwarteter Besuch trat ein: Darja Onissimowna. Ich runzelte
-die Stirn und wunderte mich. Sie kannte meine Wohnung; denn sie war im
-Auftrage meiner Mutter schon einmal bei mir gewesen. Ich bat sie, Platz
-zu nehmen und sah sie fragend an. Sie sagte kein Wort, sah mir nur in
-die Augen und lächelte bedrückt.
-
-»Sie kommen wohl von Lisa?« fiel es mir plötzlich ein, sie zu fragen.
-
-»Nein, ich komme nur so.«
-
-Ich teilte ihr mit, daß ich gleich fortzufahren beabsichtigte, doch sie
-antwortete mir, daß sie ja »nur so« zu mir gekommen sei und sofort
-wieder gehen werde. Ich weiß nicht, warum sie mir auf einmal leidtat.
-Ich muß hier bemerken, daß sie von uns allen, von Mama, und besonders
-von Tatjana Pawlowna, viel Anteilnahme erfahren hatte; aber seit sie bei
-der Stolbejeff untergebracht war, hatten wir sie fast vergessen, mit
-Ausnahme vielleicht von Lisa, die sie von Zeit zu Zeit besuchte. Zum
-Teil lag das wohl an ihr selbst; denn sie besaß die Eigenschaft, sich
-abzusondern und zurückzuziehen, trotz all ihrer Unterwürfigkeit und
-ihres schüchtern schmeichelnden Lächelns. Mir persönlich gefiel dieses
-Lächeln nicht; ich glaubte, daß sie ihr Gesicht immer gleichsam
-zurechtlegte; ja, ich hatte ihr schon im Herzen den Vorwurf gemacht, daß
-sie ihrer Olä eigentlich gar nicht sonderlich nachtrauerte. Diesmal aber
-tat sie mir, ich weiß nicht warum, wirklich leid.
-
-Und siehe da, plötzlich, ohne ein Wort zu sagen, beugte sie sich vor,
-senkte den Kopf tief herab, umfaßte mich mit ihren Armen und stützte ihr
-Gesicht auf meine Knie. Sie ergriff meine Hand, doch nicht, wie ich
-glaubte, um sie zu küssen, sondern sie drückte sie nur an ihre Augen;
-und auf einmal brach sie in heiße Tränen aus. Sie erzitterte vor
-Schluchzen, doch weinte sie lautlos. Mein Herz krampfte sich zusammen,
-obschon ich mich gleichzeitig ärgerte. Doch sie umschlang mich voll
-Zutrauen, ohne meinen Ärger zu fürchten, und trotzdem sie mich vorher so
-ängstlich und unterwürfig angelächelt hatte. Ich bat sie, sich doch zu
-beruhigen.
-
-»Liebling, ich weiß nicht, was ich mit mir anfangen soll. Sobald die
-Dämmerung kommt, kann ich es nicht mehr aushalten. Die Dämmerung zieht
-mich jedesmal auf die Straße, in die Dunkelheit. Und immer wegen der
-einen Vorstellung. Ich denke dann so bei mir, wenn ich ... wenn ich ...
-hinausgehe, werde ich sie plötzlich auf der Straße treffen. Und so gehe
-ich, und mir scheint, ich sehe sie schon. Ich weiß ja, es gehen da ganz
-andere Leute, aber ich gehe ihnen nach, absichtlich immer nur hinter
-ihnen, und denke so bei mir: Da, diese da ... ist die nicht ganz wie
-meine Olä? Und so denk ich und denk ich. Und zuletzt werde ich ganz dumm
-und taumele nur noch irgendwie weiter ... mir wird ganz übel. Wie eine
-Betrunkene taumele ich und stoße die Leute an, manche schimpfen. Ich
-behalte schon alles für mich und gehe zu keinem hin. Denn wohin ich auch
-gehe, es wird mir nur schlechter. Und jetzt bin ich hier an Ihrem Haus
-vorbeigekommen, und da dachte ich so bei mir: >Ich will doch zu ihm
-gehen, er ist der beste von allen, und er ist auch damals dabeigewesen.<
-Mein Lieber, verzeihen Sie mir unnützem Menschen, -- ich werde ja gleich
-wieder gehen, ich gehe schon ...«
-
-Sie erhob sich plötzlich und beeilte sich sehr, fortzukommen. Ich ging
-mit ihr. Als wir hinaustraten, kam mein Schlitten gerade vorgefahren;
-ich setzte sie hinein und brachte sie nach Haus, in die Wohnung der
-Stolbejeff.
-
-
- II.
-
-In der letzten Zeit gab ich dem Spielzirkel des Herrn Serschtschikoff
-den Vorzug vor allen. Bis dahin hatte ich drei andere Zirkel besucht,
-immer zusammen mit dem Fürsten, der mich dort eingeführt hatte. In einem
-dieser Zirkel wurde nur ein kniffliches Hasardspiel gespielt, und zwar
-mit sehr hohen Einsätzen. Aber dort gefiel es mir nicht: ich sah, daß
-man da viel Geld haben mußte, und außerdem versammelten sich dort gar zu
-arrogante Leute und die bekannte goldene Jugend der hohen Aristokratie.
-Gerade das aber gefiel dem Fürsten; denn er liebte nicht nur das Spiel,
-sondern liebte es auch, mit solchen hochgeborenen Tollköpfen zu
-verkehren. Ich hatte übrigens bemerkt, daß er sich, wenn er auch mit mir
-zusammen hinging, im Laufe des Abends doch möglichst von mir zu
-entfernen pflegte, und mich mit keinem aus »seinen Kreisen« bekannt
-machte. Allerdings benahm ich mich auch wie ein Wilder, und oft geschah
-es, daß ich die Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf mich lenkte. Am
-Spieltisch kam ich wohl manchmal mit dem einen oder anderen ins
-Gespräch, doch als ich mal in denselben Räumen eines dieser »Herrchen«,
-mit dem ich am Abend vorher gesprochen und gelacht, und dem ich sogar
-mit Glück zu zwei bestimmten Karten geraten hatte, am anderen Tage
-begrüßen wollte, schien er mich einfach überhaupt nicht
-wiederzuerkennen. Ja, schlimmer noch: er sah mich mit gemachter
-Verwunderung an und schritt lächelnd an mir vorüber. Deshalb ging ich
-denn auch nicht mehr hin und besuchte seitdem mit Leidenschaft eine
-Kloake -- anders kann ich diese Spielhölle nicht benennen. Es war das
-eigentlich ein ziemlich unbedeutender Roulettezirkel in der Wohnung
-einer Kokotte, die jedoch selbst niemals im Saal erschien. Dort
-herrschte ein sehr freier Ton, obgleich der Zirkel von Offizieren und
-reichen Kaufleuten besucht wurde, und es ging alles sehr schmierig zu,
-was übrigens manche gerade anzog. Außerdem hatte ich dort häufig Glück
-im Spiel. Aber auch diesen Zirkel verließ ich nach einer sehr
-widerwärtigen Geschichte, die dort einmal mitten im Spiel angefangen und
-mit einer richtigen Prügelei zwischen zwei Spielern geendet hatte. Und
-seitdem besuchte ich den Zirkel Serschtschikoffs, in den mich übrigens
-gleichfalls der Fürst eingeführt hatte. Serschtschikoff war Rittmeister
-außer Diensten. Der Ton in seinem Zirkel war sehr erträglich:
-militärisch, peinlich in der Beobachtung alles dessen, was mit
-Ehrbegriffen zu tun hatte, kurz und sachlich. Witzbolde und Trinker
-wurden nicht geduldet. Außerdem spielte man da nicht zum Spaß! Es wurde
-dort nur Roulette gespielt. Vor diesem Abend des fünfzehnten November
-war ich erst zweimal dagewesen, doch Serschtschikoff kannte mich, glaube
-ich, schon dem Ansehen nach; aber Bekannte hatte ich dort gar keine.
-Auch der Fürst und Darsan erschienen an diesem Abend erst um Mitternacht
--- sie kamen aus dem Zirkel jener aristokratischen Galgenstricke, den
-ich nicht mehr besuchte, und so war ich denn an diesem Abend ein
-Unbekannter unter Unbekannten.
-
-Wenn ich einen Leser hätte, und der Betreffende hätte alles das, was ich
-von meinen Erlebnissen bisher erzählt habe, schon gelesen, so brauchte
-ich ihm jetzt wohl nicht mehr zu erklären, daß ich für keine einzige Art
-von gesellschaftlichem Verkehr geschaffen bin. Ich verstehe überhaupt
-nicht mich in Gesellschaft zu benehmen. Wenn ich irgendwo hinkomme, wo
-viele Menschen sind, so fühle ich sofort, wie alle Blicke mich
-beunruhigen. Ich winde mich förmlich unter diesen Blicken, auch im
-Theater und in ähnlichen Versammlungen, und vor allem natürlich in
-Privatgesellschaften. In all diesen Spielsälen und Zirkeln habe ich mir
-entschieden keine gesellschaftliche Haltung anzueignen verstanden: bald
-sitze ich da und mache mir Vorwürfe wegen meiner übertriebenen
-Höflichkeit und Weichheit, bald raffe ich mich plötzlich auf und begehe
-irgendeine Dummheit. Und doch verstehen selbst die größten Nichtsnutze,
-die im Vergleich zu mir einfach Dummköpfe sind, sich überall mit
-vorzüglicher Haltung zu bewegen. Das war es, was mich am meisten
-kränkte, und war der Grund, weshalb ich meine Kaltblütigkeit immer mehr
-verlor. Ich sage es offen: nicht nur jetzt, sondern schon damals wurde
-mir diese ganze Gesellschaft und das ganze Spiel, ja selbst das
-Gewinnen, wenn ich aufrichtig sein soll, -- zum Ekel, zur Qual. Einfach
--- zur Qual. Ich empfand allerdings einen ungeheuren Genuß dabei, aber
-für diesen Genuß mußte ich diese ganze Qual in den Kauf nehmen. Alle
-diese Leute, das Spiel und ich selbst erschienen mir gemein und
-schmutzig. »Sobald ich gewonnen habe, spucke ich auf das alles!« sagte
-ich mir jedesmal, wenn ich nach durchspielter Nacht in meiner Wohnung
-bei Morgengrauen zu Bett ging. Und was nun das Gewinnen an sich
-betrifft, so ist vor allem das eine zu bedenken: daß ich Geld überhaupt
-nicht mag. Das heißt, ich will nicht die alten Gemeinplätze wiederholen,
-die bei solchen Erklärungen üblich sind: daß ich nur aus Liebe zum
-Spiel, aus Leidenschaft, also nur wegen der Aufregung und um des
-Wagnisses willen, und nicht aus pekuniären Gründen gespielt hätte. Ich
-hatte das Geld schrecklich nötig, und obschon dieser Spielerweg nicht zu
-meiner Idee paßte, so hatte ich doch beschlossen, es auf ihm wenigstens
-zur Probe zu versuchen. Dabei verwirrte mich aber ein schwerwiegender
-Gedanke: »Du hast dich doch schon überzeugt, daß du ein Millionär werden
-kannst, daß du den dazu erforderlichen Charakter besitzt, du hast doch
-diese Charakterprobe bestanden; so bestehe sie doch auch hier; sollte
-man denn zum Roulette wirklich mehr Charakter brauchen als zur
-Ausführung deiner Idee?« Das war es, was ich mir immer wieder sagte. Ich
-halte bis heute an der Überzeugung fest, daß man beim Hasardspiel, wenn
-man nur seine vollkommene Ruhe zu bewahren vermag -- und damit die ganze
-Schärfe seines Verstandes und seiner Berechnung --, daß man dann die
-Unschlauheit des blinden Zufalls besiegen und im Spiel gewinnen muß. Und
-da ich an dieser Überzeugung festhielt, so regte es mich um so mehr auf,
-als ich sah, wie mein Charakter immer wieder versagte und ich mich wie
-ein ganz kleiner Junge fortreißen ließ: »Ich, der ich dem Hunger
-gewachsen gewesen bin, ich sollte nun plötzlich dieser Dummheit nicht
-gewachsen sein!« Das reizte mich fürchterlich. Dazu kam nun noch das
-Bewußtsein, daß ich, wie gering und lächerlich ich auch erscheinen
-mochte, doch diesen Schatz an Kraft in mir trug, der sie einmal alle
-zwingen würde, ihre Meinung über mich zu ändern, daß dieses Bewußtsein
-schon seit meinen Kinderjahren die einzige Quelle meines Lebens, mein
-Licht, mein Stolz, meine Waffe und mein Trost gewesen war; sonst hätte
-ich mir vielleicht schon als Knabe das Leben genommen! Und wie sollte
-ich darum nicht gegen mich selbst erbittert sein, als ich nun sah, in
-was für ein klägliches Geschöpf ich mich am Spieltisch verwandelte? Das
-war auch der Grund, warum ich vom Spiel nicht lassen konnte, -- das ist
-mir jetzt ganz klar. Doch außer diesen Sorgen quälte mich noch
-kleinliche Eigenliebe: daß ich im Spiel verlor, erniedrigte mich auch
-vor anderen, vor dem Fürsten, vor Werssiloff, obgleich dieser es nicht
-der Mühe für wert hielt, ein Wort darüber zu verlieren, nicht einmal
-Tatjana Pawlowna gegenüber -- so schien es mir, so empfand ich es
-wenigstens. Und nun zum Schluß noch ein Geständnis: dieses Leben hatte
-mich schon verdorben; es fiel mir bereits schwer, auf ein Mittagessen
-von sieben Gängen im Restaurant zu verzichten, auf meinen Schlitten, auf
-das englische Herrengeschäft, auf die Meinung meines französischen
-Coiffeurs, kurz, auf diesen ganzen Luxus. Ich war mir dessen schon
-damals bewußt, doch ich wollte mir darüber keine Gedanken machen; jetzt
-freilich, wo ich das niederschreibe, erröte ich vor mir selbst.
-
-
- III.
-
-Ich trat ein und kam in einen Haufen unbekannter Menschen, ließ mich an
-der Ecke des Tisches nieder und setzte nur kleine Beträge. So saß ich
-zwei Stunden, ohne mich zu rühren. In diesen zwei Stunden war das Spiel
-flau und unbelebt. Ich ließ außergewöhnliche Chancen vorbeigehen, und
-gab mir Mühe, mich nicht zu erhitzen, sondern durch Kaltblütigkeit und
-Sicherheit zu gewinnen. Das Ergebnis war, daß ich in diesen zwei Stunden
-schließlich weder verloren noch gewonnen hatte: von dreihundert Rubeln
-hatte ich im ganzen vielleicht zehn bis fünfzehn Rubel verspielt. Dieser
-klägliche Erfolg ärgerte mich, und außerdem war noch eine widerwärtige
-Geschichte dazwischengekommen. Ich wußte, daß man in diesen Spielzirkeln
-häufig Diebe trifft, das heißt, nicht Diebe von der Straße, sondern
-Diebe unter den Spielern selbst. Ich bin zum Beispiel überzeugt, daß der
-bekannte Spieler Aferdoff ein Dieb ist; er spielt sogar eine Rolle in
-Petersburg, und ich habe ihn noch vor kurzem in seinem Ponygespann
-fahren sehen, aber er ist doch ein Dieb und hat mich bestohlen! Auf
-diese Geschichte werde ich später zurückkommen; an dem Abend gab es erst
-nur ein Vorspiel dazu. Ich saß, wie gesagt, zwei Stunden an der Ecke des
-Tisches, und links neben mir saß die ganze Zeit ein schäbiger kleiner
-Stutzer, wenn ich nicht irre, ein Jüdchen; übrigens ist er irgendwo
-angestellt, außerdem schriftstellert er und wird sogar gedruckt. Im
-letzten Augenblick gewann ich ganz unerwartet noch zwanzig Rubel. Zwei
-rote Scheine lagen vor mir auf dem Tisch, und plötzlich sehe ich, wie
-dieses Jüdchen die Hand ausstreckt und ruhig den einen der beiden
-Scheine nimmt. Ich protestierte natürlich, er aber erklärte mir mit der
-unverschämtesten Sicherheit und ohne die Stimme zu erheben, daß es sein
-Gewinn sei, er hätte soeben gleichfalls gesetzt und gewonnen; und damit
-kehrte er mir den Rücken, als hätte er nicht die Absicht, das Gespräch
-mit mir fortzusetzen. Zum Unglück war ich in dem Augenblick in einer
-sonderbaren Stimmung: ich hatte gerade einen vorzüglichen Einfall
-gehabt, war im Begriff gewesen, aufzustehen, und da ich keine Lust
-hatte, mit dem Judenjüngling zu streiten, so schenkte ich ihm einfach
-den Roten. Übrigens wäre es auch schwierig gewesen, diesem frechen Diebe
-gegenüber noch mein Recht zu behaupten; denn ich hatte den Augenblick
-schon verpaßt: das Spiel begann bereits von neuem. Damit hatte ich nun
-einen sehr großen Fehler begangen, dessen Folgen sich später zeigen
-sollten: drei bis vier Spieler neben uns hatten unseren Wortwechsel
-gehört, und als sie sahen, daß ich so leicht nachgab, hielten sie
-wahrscheinlich mich für einen solchen Dieb. Es war gerade zwölf Uhr. Ich
-ging in das Nebenzimmer, dachte nach, legte mir meinen neuen Plan
-zurecht und kehrte wieder zurück. Beim Bankhalter wechselte ich mein
-Papiergeld in Halbimperiale um. Ich hatte nun ungefähr vierzig
-Halbimperiale in Gold. Ich teilte sie in zehn Häufchen ein und beschloß,
-zehnmal hintereinander auf Zero zu setzen, jedesmal vier Halbimperiale.
-»Gewinne ich, so ist das mein Glück, verliere ich, -- um so besser; dann
-werde ich nie mehr spielen.« Ich muß hier bemerken, daß in den ganzen
-zwei Stunden Zero noch kein einziges Mal herausgekommen war, weshalb
-niemand mehr auf Zero zu setzen wagte.
-
-Ich setzte stehend, schweigend, mit gerunzelter Stirn und
-zusammengebissenen Zähnen. Nach meinem dritten Satz rief Serschtschikoff
-laut: »Zero!« -- an diesem Abend zum erstenmal. Mir wurden vierzig
-Halbimperiale in Gold auf den Tisch gezählt. Ich hatte nun von meinen
-zehn zurechtgelegten Einsätzen noch sieben, und ich setzte weiter, aber
-schon begann sich alles im Kreise um mich zu drehen und zu tanzen.
-
-»Kommen Sie hierher!« rief ich über den ganzen Tisch hin einem Spieler
-zu, der vorhin neben mir gesessen hatte, einem Herrn im Frack, mit
-grauem Schnurrbart und kupferrotem Gesicht, der mit unbeschreiblicher
-Geduld schon seit einigen Stunden kleine Summen setzte und Einsatz um
-Einsatz verlor. »Kommen Sie hierher! Hier ist Glück!«
-
-»Meinen Sie mich?« fragte vom anderen Ende des Tisches der alte
-Schnauzbart mit drohender Verwunderung.
-
-»Ja, Sie! Dort verspielen Sie ja alles bis aufs Hemd!«
-
-»Das ist nicht Ihre Sache, und ich bitte Sie, mich gefälligst in Ruhe zu
-lassen!«
-
-Doch ich konnte mich nicht mehr zurückhalten. Mir gegenüber an der
-anderen Seite des Tisches saß ein älterer Offizier. Er sah meinen
-Goldhaufen an und bemerkte halblaut zu seinem Nachbar:
-
-»Sonderbar, Zero. Nein, auf Zero zu setzen könnte ich mich nicht
-entschließen.«
-
-»Entschließen Sie sich nur, Herr Oberst!« rief ich ihm zu und setzte von
-neuem auf Zero.
-
-»Ich bitte Sie, auch mich in Ruhe zu lassen und Ihre Ratschläge für sich
-zu behalten,« schnitt er mir scharf das Wort ab. »Sie sind hier
-auffallend laut,« fügte er noch hinzu.
-
-»Ich gebe Ihnen ja nur einen guten Rat. Wetten wir, daß jetzt wieder
-Zero kommt? Hier -- zehn Goldstücke! Wollen Sie wetten?«
-
-Und ich schob ihm zehn Halbimperiale hin.
-
-»Auf zehn Goldstücke wetten? Meinetwegen,« sagte er trocken und streng.
-»Ich wette mit Ihnen, daß diesmal nicht Zero kommt.«
-
-»Zehn Louisdor, Oberst.«
-
-»Was soll das heißen, Louisdor?«
-
-»Ich meine zehn Halbimperiale, Oberst, oder, wenn das besser klingt,
-zehn Louisdor.«
-
-»Dann sagen Sie Halbimperiale und lassen Sie Ihre Scherze.«
-
-Ich hoffte selbstverständlich nicht, die Wette zu gewinnen:
-sechsunddreißig Chancen gab es gegen eine, daß Zero nicht herauskam; ich
-wettete aber, um mich wichtig zu machen, um die Aufmerksamkeit aller auf
-mich zu lenken. Ich fühlte nur zu sehr, daß alle mich hier aus
-irgendeinem Grunde nicht mochten, und daß man mich dies mit besonderem
-Vergnügen fühlen ließ. Die Roulette drehte sich, und -- wie groß war das
-allgemeine Erstaunen, als wieder Zero herauskam! Man schrie fast auf!
-Von dem Augenblick an war ich dem Rausch des Gewinners verfallen. Wieder
-wurden mir hundertundvierzig Halbimperiale vorgezählt. Serschtschikoff
-fragte mich, ob ich nicht einen Teil in Banknoten ausgezahlt haben
-wollte, und ich murmelte darauf etwas vollkommen Unverständliches, da
-ich buchstäblich nicht mehr ruhig und sachlich sprechen konnte. Mir
-schwindelte, und ich empfand ein Schwächegefühl in den Knien. Ich fühlte
-plötzlich, daß ich jetzt alles wagen würde; am liebsten hätte ich noch
-jemandem eine Wette angeboten oder einige tausend Rubel auf einmal
-gesetzt. Mechanisch scharrte ich mit der Hand die Banknoten und das Gold
-zusammen, konnte mich aber nicht dazu aufraffen, das Geld zu zählen. In
-diesem Augenblick bemerkte ich hinter mir den Fürsten und Darsan: sie
-waren soeben aus ihrem Hasardzirkel gekommen und hatten, wie ich später
-erfuhr, ihr ganzes Geld verspielt.
-
-»Ah, Darsan,« rief ich ihm zu, »hier ist Glück! Setzen Sie auf Zero!«
-
-»Kann nicht, hab' alles verspielt,« antwortete er trocken. Der Fürst tat
-einfach, als bemerke und kenne er mich nicht.
-
-»Hier ist doch Geld!« rief ich und zeigte auf meinen Goldhaufen.
-»Wieviel brauchen Sie?«
-
-»Zum Teufel!« rief Darsan wütend und wurde feuerrot. »Ich habe Sie,
-glaub ich, nicht um Ihr Geld gebeten!«
-
-»Sie werden gerufen,« sagte neben mir Serschtschikoff und zog mich am
-Ärmel.
-
-Ich war von dem Oberst, der in der Wette mit mir zehn Halbimperiale
-verloren hatte, schon einigemal und fast grob angerufen worden.
-
-»Nehmen Sie es gefälligst!« rief er ganz rot vor Zorn. »Ich bin nicht
-verpflichtet, auf Sie zu warten, bis Sie das Geld eingesteckt haben ...
-Sonst sagen Sie nachher, Sie hätten es nicht bekommen. Hier ist die
-Summe. Zählen Sie nach.«
-
-»Ich glaube Ihnen, ich glaube Ihnen, Oberst, ich glaube Ihnen auch so,
-ohne nachzuzählen; ich bitte Sie nur, mich nicht so anzuschreien und
-sich nicht so zu ärgern,« sagte ich und strich das Häufchen Gold mit der
-Hand zusammen.
-
-»Mein Herr, bleiben Sie mir gefälligst mit Ihrer Familiarität vom
-Halse!« schnauzte mich der Oberst scharf an. »Ich habe mit Ihnen noch
-nicht Schweine gehütet!«
-
-»Sonderbar, daß man solche Menschen überhaupt zuläßt! -- Wer ist das
-eigentlich ...? Irgendein Jüngling,« hörte ich halblaut sprechen.
-
-Aber ich achtete nicht darauf, ich setzte blindlings weiter, jedoch
-nicht mehr auf Zero. Ich setzte einen ganzen Packen regenbogenfarbener
-Scheine auf die ersten achtzehn Nummern.
-
-»Fahren wir, Darsan,« hörte ich hinter mir die Stimme des Fürsten.
-
-»Sie fahren nach Haus?« fragte ich, indem ich mich schnell nach ihnen
-umwandte. »Warten Sie auf mich, wir fahren zusammen, ich mache hier
-Schluß!«
-
-Mein Einsatz gewann; das brachte mir wieder eine große Summe.
-
-»Basta!« rief ich und begann mit zitternden Händen das Gold in meinen
-Taschen unterzubringen, ohne es zu zählen. Die Haufen von Banknoten
-knitterte ich mit den Fingern irgendwie zusammen, um sie in meine
-Seitentasche zu stecken. Plötzlich legte sich die dicke beringte Hand
-Aferdoffs, der unmittelbar neben mir saß und auch hohe Einsätze gemacht
-hatte, auf drei meiner regenbogenfarbenen Hundertrubelscheine und deckte
-sie zu.
-
-»Erlauben Sie, die gehören nicht Ihnen,« sagte er ernst, langsam und
-deutlich, doch mit weicher Stimme.
-
-Und damit begann jenes Vorspiel, das ein paar Tage später solche Folgen
-nach sich ziehen sollte. Heute kann ich bei meiner Ehre schwören, daß
-diese drei Banknoten mir gehörten, damals aber wollte es mein Unglück,
-daß ich zwar glaubte, sie gehörten mir, aber leider nicht ganz fest
-davon überzeugt war: ein leiser Zweifel war doch noch in mir, und für
-einen anständigen Menschen bedeutet das alles. Und ich bin ein
-anständiger Mensch. Auch wußte ich damals noch nicht, daß Aferdoff ein
-Dieb war; ich kannte nicht einmal seinen Namen, und in dem Augenblick
-konnte ich wirklich glauben, daß ich mich getäuscht hätte, und diese
-drei Banknoten nicht zu denen gehörten, die mir soeben ausgezahlt worden
-waren. Ich hatte mein in Haufen liegendes Geld nicht gezählt und nur so
-mit den Händen zusammengescharrt. Vor Aferdoff aber hatte die ganze Zeit
-gleichfalls Geld gelegen, gerade neben dem meinen, nur mit dem
-Unterschied, daß sein Geld geordnet und gezählt war. Doch Aferdoff war
-hier bekannt, man hielt ihn für reich und benahm sich ihm gegenüber mit
-Ehrerbietung: das beeinflußte nun auch mein Verhalten, und ich
-protestierte wieder nicht. Es war ein großer Fehler von mir! Die größte
-Schweinerei aber bestand darin, daß ich von Spiel und Gewinn so
-berauscht war.
-
-»Es tut mir sehr leid, daß ich das nicht genau weiß, aber es scheint mir
-durchaus mein Geld zu sein,« sagte ich, und meine Lippen zitterten vor
-Unwillen. Diese Worte riefen sofort allgemeines Murren hervor.
-
-»Um so etwas zu behaupten, muß man es _ganz_ genau wissen, Sie aber
-sagen ja selbst, daß Sie es _nicht_ genau wissen,« bemerkte Aferdoff in
-unerträglich herablassendem Ton.
-
-»Wer ist das eigentlich? Wie darf er sich so etwas erlauben?« hörte man
-rufen.
-
-»Das passiert ihm nicht zum erstenmal; vorhin hatte er mit Rechberg auch
-so eine Geschichte wegen eines Zehnrubelscheins,« ließ sich eine gemeine
-Stimme neben mir vernehmen.
-
-»Schon gut, schon gut!« rief ich, »ich sage ja nichts, nehmen Sie sie
-nur! Fürst ... wo sind denn der Fürst und Darsan geblieben? Sind sie
-fortgegangen? Meine Herren, haben Sie nicht gesehen, wohin der Fürst und
-Darsan gegangen sind?« Und nachdem es mir endlich gelungen war, mein
-ganzes Geld in meinen Taschen unterzubringen -- ein paar Goldstücke
-behielt ich noch in der Hand --, eilte ich Darsan und dem Fürsten nach.
-Der Leser dürfte daraus wohl ersehen, daß ich mich nicht schone und in
-diesem Augenblick mit jeder häßlichen Einzelheit selbst zeichne, damit
-man verstehe, was daraus folgte.
-
-Der Fürst und Darsan gingen bereits die Treppe hinunter, ohne mein Rufen
-auch nur im geringsten zu beachten. Ich hätte sie beinahe eingeholt,
-doch hielt ich mich einen Augenblick beim Portier auf, um ihm, weiß der
-Teufel warum, die drei Goldstücke in die Hand zu drücken; er sah mich
-nur verwundert an und dankte mir nicht einmal. Aber das war mir
-gleichgültig -- und wenn mein Kutscher dagewesen wäre, so hätte ich ihm
-sicher eine ganze Hand voll Gold gegeben; ja, ich glaube, ich wollte es
-auch schon tun, aber als ich auf die Vorfahrt hinaustrat, fiel mir ein,
-daß ich ihn vorhin fortgeschickt hatte. In dem Augenblick fuhr der
-Traber des Fürsten vor, und er stieg in den Schlitten.
-
-»Ich fahre mit, Fürst, ich komme zu Ihnen!« rief ich und schlug die
-Schlittendecke zurück, um gleichfalls einzusteigen; doch statt meiner
-sprang plötzlich Darsan in den Schlitten, und der Kutscher riß mir die
-Decke aus der Hand und deckte die Herren zu.
-
-»Zum Teufel!« schrie ich außer mir. Es war ja, als hätte ich wie ein
-Diener für Darsan die Decke gehalten!
-
-»Nach Haus!« rief der Fürst dem Kutscher zu.
-
-»Halt!« brüllte ich und klammerte mich an den Schlitten, doch das Pferd
-zog an, und ich fiel in den Schnee. Mir schien, daß sie beide lachten.
-Ich sprang auf und nahm den nächsten vorbeifahrenden Schlitten. Ich
-trieb den Kutscher zur größten Schnelligkeit an und jagte nach dem Hause
-des Fürsten.
-
-
- IV.
-
-Aber wie zum Trotz kam der Gaul kaum vom Fleck, obgleich ich dem
-Kutscher einen ganzen Rubel Trinkgeld versprach, und der Gaul von ihm
-für mindestens einen Rubel Peitschenhiebe bekam. Mein Herz drohte
-stillezustehen. Ich wollte dem Kutscher etwas sagen, aber ich konnte
-noch kein vernünftiges Wort hervorbringen. In diesem Zustande stürzte
-ich in das Zimmer des Fürsten, der kurz vor mir angekommen war. Er hatte
-Darsan nach Hause gebracht und war allein. Bleich und erregt schritt er
-im Kabinett auf und ab. Wie gesagt: er hatte furchtbar viel verloren. Er
-sah mich mit einer sonderbar zerstreuten Verwunderung an.
-
-»Sind Sie schon wieder da?« stieß er unmutig hervor, und sein Gesicht
-verfinsterte sich.
-
-»Ja, -- um mit Ihnen zu einem Ende zu kommen, mein Herr!« sagte ich
-atemlos. »Wie konnten Sie sich unterstehen, sich so gegen mich zu
-benehmen?«
-
-Er sah mich fragend an.
-
-»Wenn Sie die Absicht hatten, mit Darsan zu fahren, so hätten Sie mir
-sagen sollen, daß Sie mit ihm fahren wollten. Sie aber gaben nur dem
-Kutscher den Befehl, und ich ...«
-
-»Ach ja, Sie fielen, glaub ich, in den Schnee!« Und er lachte mir ins
-Gesicht.
-
-»Darauf antwortet man mit einer Forderung! Deshalb will ich mit Ihnen
-zuerst -- abrechnen.«
-
-Und ich holte mit zitternden Händen mein Geld hervor und legte es auf
-den Diwan, auf ein Marmortischchen, auf ein offenes Buch, legte es in
-Haufen hin, handvollweise, in Gold und Banknoten; einige Goldstücke
-rollten auf den Teppich.
-
-»Ach richtig, Sie haben ja gewonnen. Deshalb! Das merkt man an Ihrem
-Ton!«
-
-Noch nie hatte er so unverschämt zu mir gesprochen. Ich fühlte, wie ich
-erbleichte.
-
-»Da ... ich weiß nicht, wieviel das ist ... man müßte es zählen. Ich
-schulde Ihnen an dreitausend ... oder wieviel ...? War es mehr oder
-weniger?«
-
-»Ich habe Sie meines Wissens nicht ersucht, mir dieses Geld
-zurückzugeben.«
-
-»Nein, es ist mein eigener Wunsch, und Sie wissen, warum. Hier, dieses
-Paket Banknoten enthält tausend Rubel,« fuhr ich fort, und begann mit
-zitternden Fingern die Scheine zu zählen, gab es aber auf. »Einerlei,
-ich weiß ja doch, daß es tausend Rubel sind. Nun, diese Tausend behalte
-ich für mich, das übrige, diesen Haufen da, nehmen Sie, zur Begleichung
-meiner Schuld, das heißt, als Teil meiner Schuld: es müssen, denke ich,
-an zweitausend sein oder vielleicht auch mehr.«
-
-»Aber ein Tausend behalten Sie doch für sich?« bemerkte der Fürst mit
-höhnischem Lächeln.
-
-»Brauchen Sie es denn? In dem Falle ... ich wollte ... ich dachte, Sie
-wünschten es nicht ... doch, wenn Sie es brauchen, so ...«
-
-»Nein, ich brauche es nicht, behalten Sie's nur!« Er wandte mir mit
-Verachtung den Rücken und begann im Zimmer auf und ab zu schreiten. »Und
-der Teufel weiß, wie Sie überhaupt darauf kommen, mir das Geld
-zurückzugeben?« Er drehte sich plötzlich wieder zu mir um und sah mich
-mit brutaler Herausforderung an.
-
-»Ich gebe es Ihnen zurück, weil ich Sie zur Rechenschaft ziehen will!«
-fuhr ich nun meinerseits wütend auf.
-
-»Scheren Sie sich zum Teufel mit Ihren großartigen Worten und Gesten!«
-schrie er mich plötzlich an und stampfte mit dem Fuß wie außer sich.
-»Ich wollte Sie beide schon lange hinauswerfen: Sie und Ihren
-Werssiloff!«
-
-»Sie sind wohl wahnsinnig!« rief ich; denn er sah wirklich danach aus.
-
-»Sie haben mich fast zu Tode gequält mit Ihren großartigen Phrasen:
-jawohl, Phrasen, nichts als Phrasen! Über die Ehre zum Beispiel! Pfui
-Teufel! Schon lange wollte ich damit ein Ende machen! Ich freue mich,
-ich freue mich, daß endlich der Augenblick gekommen ist. Ich hielt mich
-für gebunden und schämte mich, daß ich Sie beide empfangen mußte ... Sie
-beide! Aber jetzt halte ich mich durch nichts mehr für gebunden, durch
-nichts, durch nichts, haben Sie verstanden?! Ihr Werssiloff hat mich
-aufgehetzt, die Achmakoff bloßzustellen. Und nach alledem wagen Sie
-noch, Sie und Werssiloff, mir von Ehre zu sprechen! Sie, die selbst
-ehrlos sind ... alle beide, alle beide! Haben _Sie_ sich denn etwa
-geschämt, von mir Geld anzunehmen?«
-
-Es wurde mir dunkel vor den Augen.
-
-»Ich nahm es von Ihnen als Freund,« begann ich furchtbar leise. »Sie
-haben es mir doch selbst angeboten, und ich glaubte an Ihre Zuneigung
-...«
-
-»Ich bin nicht >Freund< so eines Menschen wie Sie! Ich habe Ihnen Geld
-gegeben, aber doch nicht aus dem Grunde! Sie wissen ja selbst, warum ich
-es Ihnen gegeben habe ...«
-
-»Ich habe es auf Werssiloffs Konto genommen; freilich, das war dumm von
-mir, aber ich ...«
-
-»Sie konnten es nicht auf Werssiloffs Konto nehmen, ohne seine
-Erlaubnis, und ich hätte Ihnen sein Geld auch gar nicht ohne seine
-Erlaubnis geben dürfen ... Ich habe Ihnen _mein_ Geld gegeben, und das
-wußten Sie; Sie wußten das und nahmen das Geld doch, und ich habe diese
-ganze verhaßte Komödie in meinem Hause ertragen müssen ...«
-
-»Was soll ich gewußt haben? Welche Komödie? Wofür haben Sie mir denn das
-Geld gegeben?«
-
-»_Pour vos beaux yeux, mon cousin!_«{[49]} lachte er mir gerade ins
-Gesicht.
-
-»Teufel!« brüllte ich. »Nehmen Sie doch alles, hier! -- Da ist auch
-dieses Tausend noch! So, jetzt sind wir quitt, und morgen ...«
-
-Und ich schleuderte ihm das Paket mit den Hundertrubelscheinen zu, die
-ich für mich hatte zurückbehalten wollen. Das Paket traf seine Weste und
-fiel zu Boden. Er trat schnell mit drei großen Schritten schnurstracks
-und drohend an mich heran.
-
-»Wagen Sie zu behaupten,« sagte er in tierischer Wut, jede Silbe scharf
-hervorstoßend, »daß Sie den ganzen Monat das Geld von mir genommen
-hätten, ohne zu wissen, daß Ihre Schwester von mir schwanger ist?«
-
-»Wie? Was!« schrie ich auf, und plötzlich wurden mir die Füße so
-schwach, daß ich kraftlos auf den Diwan sank. Er selbst hat mir später
-gesagt, ich sei so weiß geworden wie ein Handtuch. Mein Verstand wurde
-irr. Ich weiß noch, wir sahen einander lange schweigend in die Augen,
-und ich sah, wie ein Schrecken auf einmal über sein Gesicht lief; er
-beugte sich plötzlich vor und faßte mich an den Schultern, um mich zu
-halten. Ich sehe noch heute sein erstarrtes Lächeln: es lag Mißtrauen in
-ihm und Verwunderung. Ja, er hatte nicht erwartet, daß seine Worte einen
-solchen Eindruck auf mich machen würden, da er von meiner Schuld fest
-überzeugt war.
-
-Ich wurde ohnmächtig, aber nur für einen Augenblick; ich kam gleich
-wieder zu mir, richtete mich auf, sah ihn an und versuchte, meine
-Gedanken zu sammeln -- und plötzlich offenbarte sich mir die ganze
-Furchtbarkeit der Wahrheit, und ich erwachte gleichsam aus einem langen
-Schlaf! Hätte man mir das früher gesagt und mich gefragt, was ich in dem
-Falle täte, ich hätte wahrscheinlich geantwortet, daß ich diesen
-Menschen in Stücke zerreißen würde. Doch es geschah etwas ganz anderes,
-ganz gegen meinen Willen: ich schlug auf einmal meine Hände vors Gesicht
-und brach in Tränen aus. Ich weinte bitterlich. Das geschah so ganz von
-selbst. In dem jungen Menschen kam plötzlich das Kind zum Vorschein.
-Dieses kleine Kind beherrschte damals noch reichlich die Hälfte meiner
-Seele. Ich warf mich auf den Diwan und schluchzte. »Lisa! Lisa! Arme,
-unglückliche Lisa!« Da glaubte mir der Fürst auf einmal alles.
-
-»Mein Gott, wie habe ich Ihnen unrecht getan!« rief er mit tiefem
-Schmerz. »Oh, wie niedrig habe ich von Ihnen gedacht in meinem Mißtrauen
-... Können Sie mir verzeihen, Arkadi Makarowitsch!«
-
-Ich sprang plötzlich auf, wollte ihm etwas sagen, trat auch auf ihn zu,
-brachte aber kein Wort hervor -- und stürzte aus dem Zimmer, aus dem
-Hause. Ich weiß, daß ich zu Fuß heimging, aber ich erinnere mich nicht
-mehr, wie ich nach Hause kam. Ich warf mich auf mein Bett, grub mein
-Gesicht in das Kissen, und so verharrte ich in der Dunkelheit und
-grübelte, grübelte. In solchen Augenblicken denkt man nie vernünftig und
-folgerichtig. Mein Verstand und meine Phantasie waren wie abgerissene
-Fäden, und ich erinnere mich noch, daß mir Gott weiß was für ganz
-nebensächliche Dinge durch den Kopf gingen. Aber Kummer und Leid traten
-wieder mit Schmerz und dumpfem Weh in mein Bewußtsein, und ich rang die
-Hände und rief: »Lisa, Lisa!« und brach wieder in Tränen aus. Ich weiß
-nicht mehr, wie ich einschlief, aber ich schlief fest und süß.
-
-
- Siebentes Kapitel.
-
-
- I.
-
-Ich erwachte am nächsten Morgen gegen acht Uhr, schloß schnell meine Tür
-zu, setzte mich ans Fenster und grübelte vor mich hin. So saß ich fast
-ganze zwei Stunden. Die Magd hatte inzwischen schon zweimal an meine Tür
-geklopft, doch ich hatte sie fortgeschickt. Schließlich, die Uhr ging
-schon auf elf, wurde zum drittenmal an meine Tür geklopft. Ich wollte
-schon wütend hinausrufen, man solle mich nicht stören, aber diesmal war
-es Lisa. Mit ihr trat auch die Magd herein, die mir meinen Kaffee
-brachte und dann den Ofen anzuheizen begann. Sie fortzuschicken war
-nicht möglich: die ganze Zeit, während diese saumselige Fjokla das Holz
-in den Ofen legte und schließlich das Feuer anblies, ging ich mit großen
-Schritten in meinem kleinen Zimmer auf und ab. Ich begann absichtlich
-kein Gespräch und gab mir Mühe, Lisa nicht anzusehen. Die Magd
-verrichtete ihre Arbeit mit einer unbeschreiblichen Langsamkeit, und
-zwar absichtlich, wie das alle Mägde tun, wenn sie bemerken, daß die
-Herrschaft etwas besprechen will, was die Dienstboten nicht hören
-sollen. Lisa hatte sich auf den Stuhl am Fenster hingesetzt und schien
-mich zu beobachten.
-
-»Dein Kaffee wird kalt,« sagte sie auf einmal.
-
-Ich sah sie an: nicht die geringste Verlegenheit war in ihrem vollkommen
-ruhigen Gesicht, auf den Lippen sogar ein Lächeln.
-
-»Nein, diese Weiber!« entfuhr es mir unwillkürlich, und ich zuckte die
-Achseln.
-
-Endlich war die Magd mit dem Anheizen des Ofens fertig und wollte nun
-auch noch das Zimmer aufräumen, aber jetzt schickte ich sie doch wütend
-hinaus und konnte endlich die Tür hinter ihr zuschließen.
-
-»Warum hast du die Tür wieder verschlossen?« fragte Lisa.
-
-Ich trat auf sie zu und blieb vor ihr stehen.
-
-»Lisa, hätte ich das jemals denken können, daß du mich so betrügen
-würdest!« rief ich plötzlich aus, ohne überhaupt daran gedacht zu haben,
-daß ich so anfangen würde; und diesmal kamen mir nicht Tränen in die
-Augen, sondern ein so böses Gefühl stach mir auf einmal ins Herz, daß
-ich selbst ganz verwundert darüber war.
-
-Lisa wurde rot, erwiderte aber nichts; sie fuhr nur fort, mir gerade in
-die Augen zu sehen.
-
-»Warte, Lisa, warte, -- oh, wie war ich dumm! Aber lag es denn an mir?
-Alle diese Andeutungen sind doch erst gestern so zusammengetroffen, bis
-dahin aber -- wie hätte ich denn etwas erraten können? Etwa daraus, daß
-du die Stolbejeff besuchtest und diese ... Darja Onissimowna? Aber ich
-habe dich für eine Sonne gehalten, Lisa, und wie hätte mir so was
-überhaupt in den Sinn kommen sollen? Weißt du noch, wie ich dich damals,
-vor zwei Monaten, dort bei _ihm_ im Nebenzimmer sah, und wie wir dann in
-der Sonne gingen und froh waren ... War es -- damals schon? War es
-schon?«
-
-Sie antwortete mit einem bejahenden Nicken.
-
-»So hast du mich schon damals betrogen! Da war nicht meine Dummheit der
-Grund meines Nichtverstehens, Lisa, sondern eher mein Egoismus. Oder
-nein: die Ursache war bestimmt nicht meine Dummheit, wohl aber bestimmt
-der Egoismus meines Herzens und ... und vielleicht auch mein Glaube an
-eine Heiligkeit. Oh, ich habe immer geglaubt, ihr ständet alle hoch über
-mir, -- und nun ...! Gestern aber, an diesem einzigen kurzen Tage, hatte
-ich ja gar keine Zeit, mir das alles zu erklären, trotz der
-verschiedenen Anspielungen ... Es waren ganz andere Dinge, die mich
-gestern beschäftigten!«
-
-Da mußte ich auf einmal an Katerina Nikolajewna denken, und wieder stach
-mich etwas wie mit einer Nadel schmerzhaft ins Herz, und ich wurde bis
-über die Ohren rot. Natürlich konnte ich in einem solchen Augenblick
-nicht gut zu ihr sein.
-
-»Aber weshalb rechtfertigst du dich? Mir scheint, Arkadi, daß du dich
-rechtfertigen willst. So sag mir doch, weswegen denn eigentlich?« fragte
-Lisa leise und sanft, aber dennoch mit sehr fester und sicherer Stimme.
-
-»Weswegen?! Ja, aber was soll ich jetzt tun? -- nehmen wir nur diese
-eine Frage! Und du fragst noch >weswegen eigentlich?< Ich weiß nicht,
-was ich jetzt tun soll! Ich weiß nicht, wie Brüder in solchen Fällen
-vorgehen ... Ich weiß, daß man sie mit der Pistole in der Hand zur
-Heirat zwingt ... Ich werde vorgehen, wie ein anständiger Mensch in
-solchem Fall vorgehen muß! Aber da weiß ich nun wieder nicht einmal, wie
-ein anständiger Mensch unter diesen Umständen vorgehen soll ...! Und
-warum ich das nicht weiß? Weil wir -- keine Aristokraten sind, er aber
-ist ein Fürst und will seine Karriere in seinem Kreise machen; er wird
-uns ja überhaupt nicht anhören! Wir sind ja nicht einmal Geschwister,
-sind irgend so welche >Außereheliche<, ohne Familie, Kinder eines
-leibeigenen Hofknechtes; seit wann vermählen sich denn Fürsten mit dem
-Hofgesinde? Oh, der Ekel! Und zum Überfluß sitzt du da und wunderst dich
-noch über mich!«
-
-»Ich glaube dir, daß du dich quälst,« sagte Lisa und errötete wieder,
-»aber du übereilst dich und quälst dich selbst.«
-
-»Ich übereile mich? Ja, meinst du denn, daß ich mich noch nicht genug --
-verspätet habe? Für dich bin ich wohl noch zu früh dahinter gekommen!
-Wie kannst _du_, Lisa, gerade _du_ mir das sagen?« rief ich schließlich
-in hellem Zorn. »Und wieviel Schmach ich deshalb erduldet habe! Oh, ich
-kann mir denken, wie dieser Fürst mich hat verachten müssen! Mir ist ja
-jetzt alles klar! Dieses ganze Bild steht jetzt deutlich vor mir: er hat
-wirklich geglaubt, daß ich um sein Verhältnis mit dir wußte, jedoch
-absichtlich dazu schwieg oder gar die Nase hochtrug und auf die
-Beziehung meiner Schwester zu einem _Fürsten_ noch >stolz< war -- selbst
-das hätte er von mir denken können! Und daß ich mir für meine Schwester,
-für die Schande meiner Schwester von ihm Geld geben ließ! Das hat ihm
-selbstverständlich Ekel eingeflößt, und ich finde es auch durchaus
-gerechtfertigt. Jeden Tag den Schuft sehen und empfangen müssen, bloß,
-weil er _ihr_ Bruder ist, und der redet ihm dann noch von Ehre vor ...!
-das hält kein Herz aus, selbst ein Herz wie seines nicht! Und du hast
-das alles zugelassen, du hast mir nicht die Augen geöffnet! Er hat mich
-dermaßen verachtet, daß er sogar einem Stebelkoff alles von mir erzählt
-hat, und gestern sagte er mir selbst, er hätte mich schon zusammen mit
-Werssiloff hinauswerfen wollen. Und dieser Stebelkoff! >Anna Andrejewna
-ist doch genau so Ihre Schwester wie Lisaweta Makarowna,< und dann
-schreit er mir noch nach: >Mein Geld ist besser!< Und ich, ich lümmele
-mich frech auf seinem Diwan, ich behandle seine Bekannten wie ein
-Gleichstehender und dränge mich ihnen auf, -- der Teufel hole sie
-allesamt! Und du hast das zugelassen! Auch Darsan weiß es wohl schon,
-wenigstens nach seinem Ton gestern abend zu urteilen ... Alle, alle
-haben es schon gewußt, nur ich nicht ...!«
-
-»Niemand weiß etwas, er hat es keinem von seinen Bekannten erzählt und
-gar nicht erzählen _können_,« unterbrach mich Lisa. »Von diesem
-Stebelkoff weiß ich nur, daß er ihn quält, und daß Stebelkoff höchstens
-etwas erraten haben kann ... Was aber dich betrifft, so habe ich ihm
-mehrmals gesagt, und er hat es mir auch aufs Wort geglaubt, daß du
-nichts weißt, nur verstehe ich nicht, warum und wie es gestern zwischen
-euch zur Sprache gekommen ist ...«
-
-»Oh, zum Glück habe ich ihm gestern meine Schuld zurückgezahlt, so habe
-ich doch wenigstens diese Qual vom Halse! Lisa, weiß Mama es schon?
-Übrigens, was frage ich noch, selbstverständlich weiß sie es! --
-gestern, gestern, wie sie sich da gegen mich erhob ...! Ach, Lisa! Ja,
-hältst du dich denn wirklich für vollkommen im Recht, glaubst du denn
-wirklich, daß dich nicht die geringste Schuld trifft? Klagst du dich
-denn gar nicht an? Ich weiß nicht, wie man heutzutage darüber urteilt,
-und welcher Ansicht du bist, ich meine, soweit das mich angeht, deine
-Mutter, deinen Bruder, deinen Vater ... Weiß Werssiloff es schon?«
-
-»Mama hat ihm nichts gesagt, und er fragt nicht; wahrscheinlich will er
-nicht fragen.«
-
-»Er weiß es natürlich, aber er will es nicht wissen, das ist schon so,
-das sieht ihm ähnlich! Nun gut, du lachst vielleicht über die Rolle des
-Bruders, über den dummen Bruder, wenn er von Pistolen spricht, aber
-deine Mutter, deine Mutter! Hast du denn wirklich nicht daran gedacht,
-Lisa, daß das für Mama ein Vorwurf ist? Ich habe mich die ganze Nacht
-damit gequält. Mamas erster Gedanke muß doch jetzt sein: >Das ist
-deshalb geschehen, weil auch ich mich vergessen habe, und wie die
-Mutter, so die Tochter!<«
-
-»Oh, wie gehässig und grausam du das sagst!« rief Lisa, und Tränen
-traten ihr in die Augen; sie stand auf und ging schnell zur Tür.
-
-»Bleib, bleib, Lisa!« rief ich und hielt sie zurück, legte den Arm um
-sie, führte sie wieder zu ihrem Platz und setzte mich neben sie, ohne
-meinen Arm fortzunehmen.
-
-»Ich dachte mir schon, als ich herkam, daß alles so kommen würde, und
-daß du bestimmt verlangen würdest, ich solle mich selbst anklagen ...
-Nun gut, ich klage mich an. Nur aus Stolz habe ich soeben geschwiegen
-und nichts gesagt, aber ihr und Mama tut mir viel mehr leid, als ich mir
-selber leid tue ...«
-
-Sie stockte, und plötzlich brach sie in heiße Tränen aus.
-
-»Laß gut sein, Lisa, weine nicht, das ist nicht nötig, durchaus nicht
-nötig. Ich bin nicht dein Richter, Lisa. Aber, Mama, -- sag, weiß sie es
-schon lange?«
-
-»Ich glaube, ja; ich habe es ihr selbst erst vor kurzem gesagt, als --
-_das_ geschah,« sagte sie leise, mit niedergeschlagenen Augen.
-
-»Und was sagte sie?«
-
-»Sie sagte: >Trag es!<« sprach Lisa noch leiser vor sich hin.
-
-»Ach, Lisa, ja, >trag es!< Tu dir nicht irgend etwas an, Gott behüte
-dich davor!«
-
-»Nein, ich werde mir nichts antun,« antwortete sie fest und sah mich
-wieder an. »Du kannst ganz ruhig sein,« fügte sie hinzu, »darum handelt
-es sich gar nicht.« »Lisa, Liebste, ich sehe nur, daß ich hiervon gar
-nichts verstehe, aber dafür ist mir erst jetzt zu Bewußtsein gekommen,
-wie ich dich liebe. Nur eins verstehe ich ganz und gar nicht, Lisa: es
-ist mir ja sonst alles klar, aber nur das begreife ich nicht, warum du
-dich denn in ihn verliebt hast? Wie konntest du dich in so einen
-verlieben? Das ist die Frage!«
-
-»Und wahrscheinlich hast du dich auch mit dieser Frage die ganze Nacht
-gequält?« sagte Lisa mit einem stillen Lächeln.
-
-»Warte, Lisa, nein, das war eine dumme Frage, und du lachst über mich.
-Lach nur, aber es ist doch ganz unmöglich, sich nicht darüber zu
-wundern: du und _er_ -- ihr seid doch solche Gegensätze! Ich kenne ihn
-jetzt, ich habe ihn studiert: er ist finster, mißtrauisch, vielleicht im
-Grunde ein guter Mensch, aber dafür ist er im höchsten Grade geneigt, in
-allem Schlechtes zu sehen (darin ist er übrigens ganz wie ich!). Er
-liebt das Edle und Adlige leidenschaftlich, das gebe ich zu, das sehe
-ich, aber ich glaube, er liebt es doch nur von ferne, so als Ideal. Oh,
-er ist auch zur Reue bereit, er schwört sein ganzes Leben lang
-unaufhörlich, sich zu bessern, und er bereut wirklich aufrichtig, aber
-er bessert sich nie; übrigens ist das vielleicht auch ein Zug, den er
-mit mir teilt. Er hat tausend Vorurteile und falsche Meinungen -- und
-dabei überhaupt keine Meinung. Er sucht eine große Heldentat und gibt
-sich dabei mit schmutzigen Kleinigkeiten ab. Verzeih, Lisa, ich bin
-übrigens ein Esel: indem ich das sage, kränke ich dich, und ich weiß
-das, ich verstehe das ja ...«
-
-»Das Bild könnte richtig sein,« sagte Lisa lächelnd, »aber du bist jetzt
-nur meinetwegen gar zu böse auf ihn, und deshalb ist eigentlich doch
-nichts richtig. Er ist dir gegenüber von Anfang an mißtrauisch gewesen,
-deshalb hast du ihn überhaupt nicht richtig kennen lernen können; zu mir
-aber war er schon in Luga ... Er sieht ja überhaupt nur mich, seitdem er
-mich in Luga kennen gelernt hat! Ja, er ist mißtrauisch und krankhaft --
-ohne mich wäre er wahnsinnig geworden ... Und wenn er mich verlassen
-sollte, wird er bestimmt wahnsinnig werden oder sich erschießen. Ich
-glaube, das hat er jetzt eingesehen und weiß es,« sagte Lisa wie zu sich
-selbst und in Gedanken verloren vor sich hin. »Ja, er ist fortwährend
-schwach, aber gerade diese Schwachen sind manchmal auch zu einer
-außergewöhnlich starken Tat fähig ... Was du da von der Pistole sagtest,
-Arkadi, das paßt gar nicht hierher, das ist gar nicht nötig -- ich weiß
-selbst ganz genau, was geschehen wird. Nicht ich laufe ihm nach, sondern
-er läuft mir nach. Mama weint und sagt: >Wenn du ihn heiratest, wirst du
-unglücklich werden, er wird dann aufhören, dich zu lieben.< Das glaube
-ich aber nicht; unglücklich werde ich vielleicht werden, aber mich zu
-lieben wird er doch nicht aufhören. Das war nicht der Grund, weshalb ich
-ihm so lange nicht mein Jawort gegeben habe. Er bittet mich schon zwei
-Monate darum, nur habe ich immer nicht eingewilligt; erst heute habe ich
-ihm gesagt: _Ja_, ich heirate dich. Arkascha, weißt du, gestern ist er«
--- ihre Augen strahlten, und sie schlang auf einmal beide Arme um meinen
-Hals --, »gestern ist er zu Anna Andrejewna gefahren und hat ihr ganz
-ehrlich und mit aller Offenheit gesagt, daß er sie nicht lieben kann ...
-Ja, er hat ihr alles erklärt, und diese Sache ist jetzt für immer
-abgetan! Er hat sich ja an diesem Plan auch nie beteiligt, das hat alles
-der alte Fürst Nikolai Iwanowitsch ausgeheckt, und diese seine
-Quälgeister haben ihn noch obendrein dazu bewegen wollen, dieser
-Stebelkoff und noch ein anderer ... Sieh, und dafür habe ich ihm heute
-mein Jawort gegeben. Lieber, lieber Arkadi, er bittet dich sehr, zu ihm
-zu kommen, und du sollst das nicht übelnehmen, was gestern vorgefallen
-ist: er ist heute nicht ganz wohl und wird den ganzen Tag zu Hause
-bleiben. Er ist wirklich krank, Arkadi, glaube nicht, daß das eine
-Ausrede ist. Er hat mich auch nur deshalb hergeschickt und mich gebeten,
-dir zu sagen, daß er >deiner bedarf<, und daß er dir viel zu sagen hat,
-hier aber in dieser Wohnung würde das nicht gut gehen. Nun, lebe wohl!
-Ach, Arkadi, ich schäme mich, es dir zu sagen, aber auf dem Wege hierher
-habe ich solche Angst gehabt, du könntest mich jetzt nicht mehr lieben,
-ich bekreuzte mich unterwegs immer wieder, du aber -- du bist so gut, so
-lieb! Das werde ich dir nie vergessen! Ich muß jetzt zu Mama. Und du --
-versuch, ihn wenigstens ein bißchen liebzugewinnen, willst du?«
-
-Ich umfing sie innig und sagte:
-
-»Lisa, ich glaube, du bist ein starker Charakter. Ja, und ich glaube dir
-auch, daß nicht du ihm nachläufst, sondern er dir, aber trotzdem
-begreife ich nicht ...«
-
-»>Warum du dich in ihn verliebt hast -- das ist die Frage!<« fiel mir
-Lisa plötzlich ins Wort, mit einem kleinen schelmischen Lachen wie
-früher, und dies letzte: »Das ist die Frage!« sagte sie genau so wie
-ich, und dabei hob sie auch den Zeigefinger vor die Stirn, ganz so wie
-ich es bei diesem Satz zu tun pflege.
-
-Wir küßten uns zum Abschied, aber als sie hinausgegangen war, krampfte
-sich mir doch wieder das Herz zusammen.
-
-
- II.
-
-Zunächst eine Anmerkung nur für mich: es gab Augenblicke, nachdem Lisa
-mich verlassen hatte, in denen mir die überraschendsten Gedanken, und
-zwar gleich in ganzen Scharen, in den Kopf kamen, und ich sogar sehr
-zufrieden mit ihnen war. »Ja, aber weshalb rege ich mich denn auf,«
-dachte ich unter anderem, »was geht das schließlich mich an? So ist es
-doch bei allen oder wenigstens ähnlich! Und was hat denn das auf sich,
-daß Lisa dies passiert ist? Bin ich etwa verpflichtet, die
->Familienehre< zu retten?« Ich erwähne hier alle diese Einzelheiten, um
-zu zeigen, wie wenig ich damals noch in meinen Begriffen von Gut und
-Böse gefestigt war. Nur das Gefühl rettete mich: ich wußte, daß Lisa
-unglücklich war, daß Mama unglücklich war, ich wußte das, weil ich es
-fühlte, wenn ich an sie dachte, -- und deshalb fühlte ich auch, daß
-alles das, was da geschehen war, unmöglich gut sein konnte.
-
-Jetzt muß ich vorausschicken, daß die Ereignisse von diesem Tage an bis
-zu der Katastrophe meiner Erkrankung mit solcher Schnelligkeit einander
-folgten, daß ich mich nun selbst wundere, wenn ich daran zurückdenke,
-wie ich ihnen habe standhalten können und nicht vom Schicksal erdrückt
-worden bin. Sie entkräfteten meinen Verstand und selbst meine Gefühle,
-und wenn ich zu guter Letzt doch nicht standgehalten und ein Verbrechen
-begangen hätte -- (und ich war wirklich schon nahe daran), so ist es
-sehr wohl möglich, daß ich von den Geschworenen später freigesprochen
-worden wäre. Aber ich will mich bemühen, alles in möglichster Ordnung
-wiederzugeben, obschon meine Gedanken damals sehr wenig geordnet waren.
-Die Ereignisse stürmten mit solcher Wucht gegen mich an, daß sie meine
-Gedanken wie dürres Laub im Herbst durcheinanderwirbelten. Und da ich
-ganz aus fremden Gedanken bestand, wo sollte ich da plötzlich eigene
-hernehmen, als ich sie auf einmal zu einem selbständigen Entschluß
-brauchte? Einen Führer oder Berater hatte ich ja nicht.
-
-Zum Fürsten beschloß ich erst am Abend zu gehen, um mich mit ihm über
-alles auszusprechen; bis dahin aber wollte ich zu Hause bleiben. Es
-begann bereits zu dämmern, als die Stadtpost mir wieder einen Brief von
-Stebelkoff brachte: es waren nur drei Zeilen mit der dringenden und
-»beschwörenden« Bitte, am nächsten Tage um elf Uhr bei ihm
-vorzusprechen, »wegen einer Sache von höchster Wichtigkeit, was Sie
-selbst einsehen werden«. Ich überlegte und beschloß, je nach den
-Umständen zu handeln; denn bis dahin war ja noch viel Zeit.
-
-Es war inzwischen acht Uhr geworden; ich wäre schon längst zum Fürsten
-gegangen, wenn ich nicht die ganze Zeit auf Werssiloff gewartet hätte:
-ich hatte das Bedürfnis, ihm vieles zu sagen. Mein Herz brannte. Aber
-Werssiloff war nicht gekommen und kam nicht. Bei Mama und bei Lisa
-wollte ich mich vorläufig noch nicht zeigen, und eine Ahnung sagte mir,
-daß auch Werssiloff diesen ganzen Tag über nicht zu Hause war.
-Schließlich machte ich mich auf und ging zu Fuß zum Fürsten, aber
-unterwegs kam mir der Gedanke, doch in das Kellerrestaurant am Kanal,
-wohin Werssiloff mich gestern geführt hatte, hineinzusehen. Und richtig,
-er saß da auf demselben Platz, auf dem er am Abend vorher gesessen
-hatte.
-
-»Ich habe mir schon gedacht, daß du hierherkommen würdest,« sagte er mit
-einem eigentümlichen Lächeln und einem sonderbaren Blick auf mich.
-
-Es war kein gutes Lächeln; es war ein Lächeln, wie ich es in seinem
-Gesicht schon lange nicht mehr gesehen hatte.
-
-Ich setzte mich an den Tisch und erzählte ihm zunächst die Tatsache vom
-Fürsten und Lisa, und dann den ganzen Auftritt, zu dem es in der Nacht
-zwischen mir und dem Fürsten nach der Roulette gekommen war; ich vergaß
-auch nicht, meinen großen Gewinn zu erwähnen. Er hörte sehr aufmerksam
-zu und fragte noch einmal nach dem Entschluß des Fürsten, Lisa zu
-heiraten.
-
-»_Pauvre enfant_,{[50]} vielleicht wird sie dadurch nichts gewinnen.
-Aber vermutlich wird es nicht dazu kommen ... obschon er fähig wäre ...«
-
-»Sagen Sie mir wie einem Freunde: Sie haben das doch gewußt, haben es
-doch geahnt?«
-
-»Mein Freund, was konnte ich denn dabei tun? Das alles ist -- eine Sache
-des Gefühls und eines fremden Gewissens ..., wenn auch dieses armen
-Mädchens. Ich sage dir nochmals: ich habe mich seinerzeit zur Genüge in
-fremde Gewissen eingedrängt, -- es ist das die undankbarste
-Beschäftigung! Im Unglück werde ich meine Hilfe nicht versagen, soweit
-ich helfen kann, und wenn man mir nur sagt, wie. Und du, mein Lieber, du
-hast also wirklich die ganze Zeit nichts geahnt?«
-
-»Wie konnten Sie,« rief ich in plötzlich aufloderndem Zorn, »wie konnten
-Sie, wenn Sie auch nur ein Atom von einem Verdacht hatten, ich wüßte um
-Lisas Verhältnis mit dem Fürsten, und da Sie doch sahen, daß ich von ihm
-Geld annahm, -- wie konnten Sie da noch mit mir sprechen, mit mir
-verkehren, mir die Hand reichen, -- mir, den Sie doch für einen Schuft
-halten mußten! Denn ich könnte wetten, daß Sie bestimmt vermutet haben,
-ich wüßte alles und nähme das Geld vom Fürsten wissentlich für meine
-Schwester!«
-
-»Das war -- wiederum eine Gewissenssache,« sagte er lächelnd. »Und woher
-weißt du denn,« fügte er deutlich und mit einem geradezu rätselhaften
-Empfinden hinzu, »woher weißt du, ob nicht auch ich, ganz wie du,
-gestern, in einem anderen Fall, -- ob nicht auch ich gefürchtet habe,
-mein >Ideal< zu verlieren und statt meines heißblütigen und ehrlichen
-Jungen einen nichtswürdigen Bengel vor mir zu sehen? In dieser
-Befürchtung schob ich den Augenblick hinaus. Warum sollte man in mir
-nicht statt Faulheit und Hinterlist etwas Unschuldigeres, nun,
-meinetwegen auch Dümmeres, aber doch etwas Edleres voraussetzen dürfen?
-_Que diable!_{[38]} Ich bin gar zu oft dumm, auch ohne edleren Grund.
-Was wärst du dann noch für mich gewesen, wenn du schon solche Anlagen
-gehabt hättest? Durch Zureden bessern wollen ist in solchen Fällen ein
-klägliches Verfahren; in meinen Augen würdest du doch jeden Wert
-verloren haben, auch wenn du dich gebessert hättest ...«
-
-»Aber Lisa tut Ihnen doch leid, sie tut Ihnen doch leid?«
-
-»Sehr leid, mein Lieber. Wie kommst du darauf, mich für so gefühllos zu
-halten ...? Im Gegenteil, ich werde mich nach Kräften bemühen ... Nun,
-und wie steht es mit _dir_, wie stehen _deine_ Angelegenheiten?«
-
-»Sprechen Sie nicht davon; ich denke jetzt nicht an _meine_
-Angelegenheiten. Aber sagen Sie, warum zweifeln Sie daran, daß er sie
-heiraten wird? Er ist gestern bei Anna Andrejewna gewesen und hat sich
-endgültig losgesagt ... von, Sie wissen schon, von diesem dummen Einfall
-des alten Fürsten Nikolai Iwanowitsch -- sie zu verkuppeln. Er hat sich
-endgültig davon losgesagt.«
-
-»So? Wann war er denn bei ihr? Und von wem hast du das gehört?«
-erkundigte er sich interessiert.
-
-Ich erzählte ihm alles, was ich wußte.
-
-»Hm ... Dann ist das ...« sagte er nachdenklich und schien zu überlegen.
-»Dann ist das ungefähr eine Stunde früher geschehen ... vor einer
-anderen Erklärung. Hm ... nun ja, eine solche Auseinandersetzung
-zwischen ihnen kann ja immerhin stattgefunden haben ... obgleich ich
-genau weiß, daß in dieser Sache dort niemals, weder von der einen noch
-von der anderen Seite, etwas gesagt oder getan worden ist ... Freilich
-genügen ja zwei Worte, um das zu erklären. Aber nun höre mal zu,« sagte
-er plötzlich mit einem eigentümlichen Lächeln, »ich werde dich mit einer
-recht außergewöhnlichen Neuigkeit überraschen: selbst wenn dein junger
-Fürst gestern Anna Andrejewna einen Heiratsantrag gemacht hätte
-(übrigens hätte ich, da ich die Geschichte mit Lisa ahnte, diese
-Verbindung aus allen Kräften zu verhindern gesucht, _entre nous soit
-dit_{[51]}), so hätte ihm Anna Andrejewna unter allen Umständen sofort
-einen Korb gegeben. Du scheinst Anna Andrejewna sehr gern zu haben, sie
-auch sehr zu achten und zu schätzen, wenn ich mich nicht irre? Das ist
-sehr nett von dir, und deshalb wirst du dich vermutlich für sie freuen,
-wenn ich dir diese Neuigkeit mitteile: sie hat sich verlobt, mein
-Lieber. Und soweit ich ihren Charakter kenne, wird es auch zur Heirat
-kommen, und ich -- nun, ich gebe ihr natürlich meinen Segen.«
-
-»Sie wird heiraten? Aber wen denn?« rief ich maßlos erstaunt.
-
-»Rat mal. Doch ich will dich nicht quälen: sie heiratet den Fürsten
-Nikolai Iwanowitsch, deinen lieben alten Herrn.«
-
-Ich starrte ihn mit großen Augen an.
-
-»Es ist anzunehmen, daß sie schon lange diese Absicht gehegt hat; und
-selbstverständlich wird sie die Sache genial vorbereitet haben,« fuhr er
-lässig und langsam, doch nicht ohne Schärfe fort. »Ich denke mir, das
-wird so etwa eine Stunde nach dem Besuch des >Fürsten Sserjosha<
-geschehen sein. (Der hätte mit seinem Besuch bei ihr auch etwas warten
-können!) Sie ist einfach zum alten Fürsten Nikolai Iwanowitsch gegangen
-und hat ihm den Antrag gemacht.«
-
-»Wie das -- >ihm den Antrag gemacht<? Sie wollen wohl sagen: er hat ihr
-einen Antrag gemacht?«
-
-»Wie sollte er! Nein, mein Lieber, sie, sie selbst hat es getan, deshalb
-ist er ja auch so selig und entzückt. Wie ich hörte, soll er jetzt
-nichts tun als dasitzen und sich immer nur wundern, wie und weshalb er
-nicht selbst darauf gekommen ist. Man sagte mir, er sei sogar krank
-geworden ... vermutlich auch das vor Seligkeit.«
-
-»Hören Sie, Sie sagen das so spöttisch ... Ich kann es fast nicht
-glauben. Ja, und wie hat sie ihm denn den Antrag machen können? Was hat
-sie denn gesagt?«
-
-»Sei überzeugt, mein Freund, daß ich mich darüber aufrichtig freue,«
-sagte er da mit einem plötzlich ganz ernsten Gesicht. »Er ist allerdings
-schon alt, aber nach Gesetz und Sitte kann er doch noch heiraten; und
-was sie betrifft, -- ja, das ist nun wieder Sache eines fremden
-Gewissens, ist das, wovon ich dir schon mehrmals gesprochen habe, mein
-Freund. Übrigens ist sie viel zu klug, um nicht ihre eigenen Ansichten
-zu haben und um nicht genau zu wissen, was sie tut. Was nun die
-Einzelheiten betrifft, nach denen du fragst, und wie sie sich
-ausgedrückt hat, -- ja, darüber weiß ich dir nichts zu sagen, mein
-Freund. Aber sie wird es fraglos schon verstanden haben, und
-wahrscheinlich besser, als wir zwei es jemals uns ausdenken könnten. Das
-Beste an der ganzen Sache ist, daß sie nichts von einem Skandal an sich
-hat; die Welt wird alles _très comme il faut_{[52]} finden. Natürlich
-ist es ja klar, daß sie sich damit eine Stellung in der Gesellschaft
-schaffen will, aber sie ist dieser Stellung doch wahrlich auch wert! So
-etwas ist in der Gesellschaft ganz gang und gäbe. Und ihren Antrag hat
-sie offenbar tadellos und mit der größten Vornehmheit gemacht. Sie ist
-der Typ einer strengen Frau, mein Freund, eine >geborene Nonne<, wie du
-sie einmal bezeichnet hast; oder auch eine >kühle Jungfrau<, wie ich sie
-schon lange nenne. Sie ist doch fast seine Pflegetochter, das weißt du
-ja, und sie hat auch seine Güte schon mehr als einmal an sich selbst
-erfahren. Sie hat mir bereits vor langer Zeit versichert, daß sie ihn
->so schätze und verehre, so bedauere und so mit ihm sympathisiere<, und
-noch alles mögliche von der Art, daß ich zum Teil eigentlich vorbereitet
-war. Alles dieses hat mir heute morgen in ihrem Namen und auf ihre Bitte
-hin mein Sohn Andrei Andrejewitsch mitgeteilt, ihr Bruder, mit dem du,
-glaube ich, nicht bekannt bist. Ich sehe ihn in jedem halben Jahr auch
-nur einmal. Er billigt ihren Schritt mit allem schuldigen Respekt.«
-
-»So ist die Sache schon öffentlich? Weiß Gott, ich bin ganz baff!«
-
-»Nein, sie ist noch gar nicht öffentlich; wenigstens vorläufig soll sie
-noch nicht bekanntgemacht werden ... Ich bin darüber nicht näher
-unterrichtet und stehe überhaupt ganz abseits. Aber es ist so, wie ich
-dir sagte.«
-
-»Ja, aber was wird jetzt Katerina Nikolajewna, seine Tochter ... Was
-meinen Sie, was wird Bjoring dazu sagen?«
-
-»Das kann ich nicht wissen ... was eigentlich ihm daran nicht gefallen
-könnte. Sei versichert, Anna Andrejewna ist auch in der Beziehung ein im
-höchsten Grade korrekter Mensch. Aber ist sie nicht großartig, diese
-Anna Andrejewna? Da fragt sie mich gerade noch kurz vorher am Morgen, ob
-ich die verwitwete Frau Achmakoff liebe! Erinnerst du dich, ich erzählte
-dir das gestern und wunderte mich noch. Das russische Gesetz würde ihr
-doch nicht gestatten, den Vater zu heiraten, wenn ich die Tochter
-geheiratet hätte! Verstehst du das jetzt?«
-
-»Ach, in der Tat!« rief ich. »Aber hat denn Anna Andrejewna wirklich im
-Ernst glauben können, daß Sie ... den Wunsch haben könnten, Katerina
-Nikolajewna zu heiraten?«
-
-»Offenbar, mein Freund. Übrigens ... übrigens wird es für dich jetzt an
-der Zeit sein, deinen Weg dorthin fortzusetzen, wohin du gehen willst.
-Ich habe, offen gestanden, die ganze Zeit Kopfschmerzen. Werde die
->Lucia< spielen lassen. Ich liebe die Feierlichkeit der Langweile. Aber
-das habe ich dir schon einmal gesagt ... Ich wiederhole mich
-unverzeihlich ... Vielleicht werde ich auch irgendwo anders hingehen.
-Ich habe dich sehr lieb, mein Lieber, aber jetzt lebe wohl. Wenn ich
-Kopfschmerzen habe oder Zahnweh, dann verlangt mich nach Einsamkeit.«
-
-In seinem Gesicht bemerkte ich einen Ausdruck von innerer Qual; ich
-glaube es ihm jetzt, daß ihm damals der Kopf schmerzte, besonders der
-Kopf!
-
-»Also morgen,« sagte ich.
-
-»Morgen? Wer weiß, was morgen sein wird!« sagte er mit einem verzerrten
-Lächeln.
-
-»Ich komme morgen zu Ihnen, oder Sie kommen zu mir.«
-
-»Nein, nicht ich werde zu dir kommen, wohl aber wirst du zu mir stürzen
-...«
-
-Aus seinem Gesicht sprach etwas Böses, doch ich dachte nicht weiter an
-ihn, -- nach einer solchen Neuigkeit!
-
-
- III.
-
-Der Fürst war in der Tat nicht wohl und saß allein zu Haus, den Kopf mit
-einem nassen Tuch umwunden. Er schien mich mit Ungeduld erwartet zu
-haben; ihn quälten nicht nur heftige Kopfschmerzen, sondern vor allem
-seelische Schmerzen. Überhaupt muß ich darauf hinweisen, daß ich in der
-letzten Zeit vor der Katastrophe fortgesetzt mit Menschen zusammenkam,
-die so erregt und unzurechnungsfähig waren, daß man sie alle für mehr
-oder weniger wahnsinnig hätte halten können, und ich glaube fast, daß
-ich von ihnen gewissermaßen angesteckt wurde. Ich kam mit feindlichen
-Gefühlen zu ihm, und ich schämte mich, weil er mich gestern hatte weinen
-sehen. Und immerhin hatten Lisa und er mich so geschickt zu betrügen
-verstanden, daß ich nun als Dummkopf dastand, was ich doch unmöglich
-selbst übersehen konnte. Kurz, als ich bei ihm eintrat, tönten in mir
-viele falsche Saiten. Aber alles dieses Falsche und Vorgefaßte fiel sehr
-bald von mir ab. Besonders in einer Beziehung muß ich ihm Gerechtigkeit
-widerfahren lassen: nachdem er sein Mißtrauen einmal aufgegeben hatte,
-gab er sich wirklich mit ganzem Herzen; dann erst sah man seine fast
-kindliche Zärtlichkeit und Liebesfähigkeit und ein wahrhaft rührendes
-Vertrauen. Er küßte mich unter Tränen und kam sofort auf die Sache
-selbst zu sprechen ... Er hatte mich tatsächlich sehr nötig. Seine Worte
-und Gedanken waren auffallend wirr.
-
-Zunächst teilte er mir seinen festen Entschluß mit, Lisa zu heiraten,
-und zwar so bald als möglich.
-
-»Daß sie nicht adlig ist, hat nicht einen Augenblick Bedenken in mir
-erweckt,« sagte er zu mir. »Mein Großvater hat im Alter ein Hofmädchen
-geheiratet, das bei einem benachbarten Gutsbesitzer, der aus seinen
-Leibeigenen ein ganzes Privattheater gebildet hatte, Sängerin gewesen
-war. Freilich hat meine Familie gewisse Hoffnungen auf mich gesetzt,
-aber die werden sie eben aufgeben müssen, und der Kampf wird schließlich
-nicht allzu lange dauern. Ich will mit allem brechen, mit allem
-Gegenwärtigen und Gewesenen, ein für allemal! Es muß alles anders
-werden, alles muß von neuem beginnen! Ich begreife nicht, warum Ihre
-Schwester mich liebgewonnen hat. Aber eines steht fest: ohne sie lebte
-ich jetzt gewiß nicht mehr auf dieser Welt. Ich schwöre Ihnen aus
-tiefstem Herzen: ich sehe darin einfach eine höhere Fügung in meinem
-Leben, daß ich ihr damals in Luga begegnet bin. Ich glaube, sie liebt
-mich wegen der >unermeßlichen Tiefe meines Falles< ... können Sie das
-verstehen, Arkadi Makarowitsch?«
-
-»Vollkommen!« sagte ich mit aufrichtiger Überzeugung. Ich saß im
-Lehnstuhl vor dem Tisch, er ging im Zimmer auf und ab.
-
-»Ich muß Ihnen die Geschichte unserer Begegnung ganz erzählen, ohne
-etwas zu verschweigen,« fuhr er fort. »Der Anlaß war ein Geheimnis, das
-ich mit mir herumtrage, und das ich nur ihr allein mitgeteilt habe, weil
-ich nur zu ihr habe Vertrauen fassen können. Außer ihr weiß es bis zum
-heutigen Tage kein Mensch. Nach Luga war ich damals mit Verzweiflung im
-Herzen gekommen; ich wohnte bei der Stolbejeff, warum, weiß ich selbst
-nicht. Ich suchte wohl Einsamkeit. Damals hatte ich gerade mein
-Abschiedsgesuch eingereicht und hatte das --sche Regiment verlassen. In
-dieses Regiment war ich nach meiner Rückkehr aus dem Auslande
-eingetreten, -- nach der Geschichte in Ems mit Andrei Petrowitsch. Ich
-hatte damals Geld, verschwendete viel und lebte auf großem Fuß; aber
-meine Regimentskameraden mochten mich nicht, obgleich ich mir Mühe gab,
-keinem zu nahe zu treten. Ja, ich muß gestehen, mich hat in meinem
-ganzen Leben noch niemand gemocht. Im Regiment war auch ein Kornett, ein
-gewisser Stepanoff, ein wirklich ganz leerer, nichtssagender und
-eigentlich sogar bescheidener Mensch; kurz, ein Mensch, der sich durch
-nichts Besonderes auszeichnete. Aber er war zweifellos ein anständiger
-Junge. Es wurde ihm bald zur Gewohnheit, mich zu besuchen -- ich machte
-keine Umstände mit ihm --, und er saß bei mir schweigsam in der Ecke,
-manchmal einen Tag lang, bewahrte aber durchaus Haltung und störte mich
-fast nie. Eines Tages erzählte ich ihm eine Geschichte, die gerade
-kursierte. Im Erzählen fügte ich aber noch manches Unwahre hinzu, wie
-zum Beispiel, daß ich der Tochter unseres Obersten nicht ganz
-gleichgültig sei, und daß der Oberst auf mich als Schwiegersohn rechne,
-und daher selbstverständlich alles tue, was ich wünschte ... Die
-Einzelheiten übergehe ich, -- kurz, es entstand daraus eine sehr
-unangenehme Klatschgeschichte. Daran war aber nicht Stepanoff schuld,
-sondern mein Bursche, der uns belauscht und später alles weitererzählt
-hatte, besonders einen lächerlichen Umstand, der die junge Dame
-bloßstellte. Dieser Bursche berief sich später bei seinem Verhör auf
-Stepanoff als Zeugen. Stepanoff befand sich da in einer peinlichen Lage;
-denn er konnte doch dem Burschen nicht ins Gesicht leugnen, daß er diese
-Geschichte tatsächlich von mir gehört hatte. Da aber zwei Drittel der
-Geschichte von mir frei erfunden waren, so waren die Offiziere sehr
-empört und der Regimentskommandeur sah sich gezwungen, das Offizierkorps
-bei sich zu versammeln und eine Untersuchung anzustellen. Und eben da
-wurde an Stepanoff jene Frage gestellt: ob er das gehört habe oder
-nicht? Und er war gezwungen, die ganze Wahrheit auszusagen. Was aber tat
-ich, ich, der Fürst aus tausendjährigem Geschlecht? Ich leugnete es und
-sagte Stepanoff ins Gesicht, daß er gelogen habe. Natürlich sagte ich
-das nur in dem Sinne, daß er mich >falsch verstanden habe< usw. usw. ...
-Ich übergehe wieder die Einzelheiten, aber der Vorteil meiner Lage war
-der, daß ich, da Stepanoff mich oft besucht hatte, die Sache so
-hinstellen konnte -- und das war schließlich nicht ganz unwahrscheinlich
---, als ob Stepanoff das in einem geheimen Einverständnis mit meinem
-Burschen ausgesagt hätte und das Ganze ein abgekartetes Spiel von ihnen
-in einer gewissen eigennützigen Absicht gewesen wäre. Stepanoff sah mich
-nur schweigend an und zuckte die Achseln. Ich sehe noch seinen Blick und
-werde ihn nie vergessen. Darauf wollte er sofort sein Abschiedsgesuch
-einreichen, aber was glauben Sie wohl, was geschah? Die Offiziere
-machten ihm alle, ohne Ausnahme, einen gemeinsamen Besuch und baten ihn,
-nicht den Abschied zu nehmen. Vierzehn Tage später trat ich aus dem
-Regiment aus: mich hatte niemand aufgefordert, zu gehen, niemand
-hinausgeworfen; ich gab Familienverhältnisse als Grund meines
-Abschiedsgesuches an. Damit war die Sache erledigt. Am Anfang machte ich
-mir nichts daraus, ärgerte mich sogar noch über die anderen. Ich lebte
-in Luga, machte die Bekanntschaft mit Lisaweta Makarowna. Aber es
-verging ein Monat, und ich betrachtete meinen Revolver und dachte an den
-Tod. Ich sehe immer alles schwarz, Arkadi Makarowitsch. Schließlich
-entwarf ich einen Brief an den Regimentskommandeur und an die Kameraden,
-in dem ich meine Schuld eingestand und Stepanoff vollkommen
-rehabilitierte. Als ich den Brief geschrieben hatte, stellte ich mir die
-Frage: soll ich ihn absenden und mich nicht erschießen oder ihn absenden
-und mich erschießen? Die Antwort auf die Frage hätte ich allein nie
-gefunden. Ein Zufall, ein blinder Zufall, ließ mich nach einem
-flüchtigen und sonderbaren Gespräch Lisaweta Makarowna nähertreten. Sie
-hatte auch früher schon oft Frau Stolbejeff besucht, wir waren uns
-begegnet, hatten uns auch begrüßt, aber selten ein Wort miteinander
-gesprochen. Und auf einmal gestand ich ihr alles. Und eben damals war
-es, wo sie mir ihre Hand reichte.«
-
-»Wie beantwortete sie Ihre Frage?«
-
-»Ich schickte den Brief nicht ab. Sie sagte: wenn ich den Brief
-abschickte, so würde ich damit natürlich eine edle Handlung begehen, die
-meine Schuld aufhöbe und noch mehr als das; aber ob das nicht über meine
-Kraft ginge? Sie war der Meinung, daß so etwas über die Kraft eines
-jeden Menschen gehe: die eigene Zukunft zu vernichten und die
-Auferstehung zu einem neuen Leben sich selbst unmöglich zu machen. Etwas
-anderes wäre es gewesen, wenn Stepanoff unschuldig darunter zu leiden
-gehabt hätte, aber die Offiziere hatten ihn doch sowieso schon
-vollkommen rehabilitiert. Mit einem Wort, ihre Begründung war paradox;
-aber sie hielt mich zurück, und ich unterwarf mich ihr vollständig.«
-
-»Sie hat jesuitisch, doch wie ein Weib entschieden!« rief ich. »Sie muß
-Sie schon damals geliebt haben!«
-
-»Gerade das hat mich ja zu neuem Leben erweckt. Ich gab mir das Wort,
-mich zu ändern, mit dem früheren Leben zu brechen und das Gewesene vor
-ihr und vor mir selbst gutzumachen, und -- womit hat das nun geendet!
-Damit, daß ich mit Ihnen in die Roulettezirkel fahre und ein Spieler
-geworden bin! Ich habe vor der Erbschaft nicht standgehalten, habe
-wieder an eine Karriere gedacht, mich von diesen großen Leuten und
-eigenen Equipagen und Pferden blenden lassen ... Ich quäle Lisa ... Oh,
-die Schmach!«
-
-Er rieb sich mit der Hand die Stirn und schritt wieder durch das Zimmer.
-
-»Das russische Schicksal hat uns beide ereilt, Arkadi Makarowitsch: Sie
-wissen nicht, was Sie tun sollen, und ich weiß nicht, was ich tun soll.
-Gerät der russische Mensch nur ein wenig aus dem durch die Gewohnheit
-für ihn zum Gesetz gewordenen Geleise, so hört er gleich auf zu wissen,
-was er tun soll. Im Geleise ist alles klar: das Einkommen, der Rang, die
-Stellung in der Gesellschaft, die Equipage, die Visiten, der Beruf, die
-Frau, -- aber es braucht nur eine Kleinigkeit in die Quere zu kommen,
-und -- was bin ich? Ein losgelöstes Blatt, mit dem der Wind spielt. Ich
-weiß nicht, was ich zu tun habe! In diesen zwei Monaten habe ich mir die
-größte Mühe gegeben, mich im Geleise zu halten; ich liebe das Geleise,
-ich fühlte, wie es mich ins Geleise zog. Aber Sie kennen noch nicht die
-ganze Größe meines neuen Verrats: ich liebe Lisa, ich liebe sie
-aufrichtig, und doch habe ich dabei an die Achmakoff gedacht!«
-
-»Nicht möglich?« rief ich schmerzlich betroffen. »Übrigens, Fürst, was
-sagten Sie mir gestern über Werssiloff: er habe Sie aufgehetzt, Katerina
-Nikolajewna bloßzustellen?«
-
-»Ich habe vielleicht übertrieben. Vielleicht tue ich ihm gerade so
-unrecht mit meinem Verdacht, wie ich Ihnen unrecht getan habe. Lassen
-wir das. Oder glauben Sie, ich hätte nicht die ganze Zeit, seit meinem
-Aufenthalt in Luga, ein hohes Lebensideal im Herzen gehabt? Ich schwöre
-Ihnen, ich habe es niemals vergessen, es hat mir immer vorgeschwebt und
-hat in meiner Seele noch nichts von seiner Schönheit eingebüßt. Ich habe
-den Schwur, den ich Lisaweta Makarowna gegeben habe, den Schwur, ein
-neues Leben zu beginnen, niemals vergessen. Andrei Petrowitsch hat mir
-gestern, als er hier vom Adel redete, nichts Neues gesagt, das können
-Sie mir glauben. Mein Ideal steht mir klar und fest vor Augen: weniger
-als hundert Desjätinen Land (denn von der Erbschaft ist mir fast nichts
-mehr verblieben); ein vollkommener Bruch mit der Gesellschaft und der
-Karriere; ein Landhaus, eine Familie, und ich selbst -- ein Ackerbauer
-oder nicht viel mehr als das. Oh, in unserer Familie ist das nichts
-Neues: der Bruder meines Vaters hat eigenhändig gepflügt, mein Großvater
-gleichfalls. Wir, ein tausendjähriges Fürstengeschlecht, und von so
-altem Adel wie die Rohans, -- wir sind Bettler. Aber jedem meiner Kinder
-würde ich vor allem ein Gebot hinterlassen: >Vergiß es nie, daß du --
-ein Edelmann bist, daß in deinen Adern das heilige Blut russischer
-Fürsten fließt, und schäme dich dessen nicht, daß dein Vater selbst sein
-Land gepflügt hat: er hat es _fürstlich_ getan.< Ich würde meinen
-Kindern kein Vermögen hinterlassen, außer diesem einen Stück Land, aber
-dafür würde ich es für meine Pflicht halten, ihnen eine höhere Bildung
-zu geben. Oh, Lisa würde mir schon helfen, und die Kinder, die Arbeit;
-oh, wie oft habe ich mit ihr davon geträumt, hier, in diesen Räumen, und
-... Und zur selben Zeit habe ich an Katerina Nikolajewna Achmakoff
-gedacht, ohne sie zu lieben, und an die Möglichkeit einer reichen,
-vornehmen Heirat! Erst als uns Naschtschokin gestern die Nachricht von
-ihrer Verlobung mit Bjoring brachte, entschloß ich mich, zu Anna
-Andrejewna zu gehen.«
-
-»Aber Sie sind doch zu ihr gegangen, um ihr gewissermaßen abzusagen. Und
-das war doch, denke ich, sehr anständig von Ihnen.«
-
-»Glauben Sie?« Er blieb vor mir stehen. »Nein, dann kennen Sie meine
-Natur noch nicht! Oder ... oder ich verstehe da selbst irgend etwas
-nicht; denn es ist, wie es scheint, nicht nur eine Natur in mir. Ich
-liebe Sie aufrichtig, Arkadi Makarowitsch, und außerdem habe ich Ihnen
-in diesen zwei Monaten so sehr unrecht getan, -- darum möchte ich, daß
-Sie, als Lisas Bruder, das alles erfahren. Ich fuhr zu Anna Andrejewna,
-um ihr einen Antrag zu machen, nicht aber, um ihr abzusagen.«
-
-»Ist es möglich? Aber Lisa sagte mir doch ...«
-
-»Ich habe Lisa belogen.«
-
-»Sie haben ihr also einen förmlichen Antrag gemacht, und Anna Andrejewna
-hat Ihnen einen Korb gegeben? War es so? Sagen Sie, war es so? Die
-Einzelheiten sind für mich ungeheuer wichtig, Fürst.«
-
-»Nein, einen Antrag habe ich ihr nicht gemacht, aber nur darum nicht,
-weil ich gar nicht dazu kam. Sie gab mir schon im voraus einen Korb --
-das heißt, nicht buchstäblich, aber sie gab mir mit sehr durchsichtigen
-Andeutungen >zartfühlend< zu verstehen, daß diese Idee unmöglich sei.«
-
-»Dann haben Sie ihr also doch keinen Antrag gemacht, und Ihr Stolz
-braucht sich nicht verletzt zu fühlen.«
-
-»Können Sie das wirklich so auffassen! Und mein eigenes Gewissen? Und
-Lisa, die ich betrogen habe und ... die ich somit habe verlassen wollen?
-Und das Gelübde, das ich vor mir selbst und meinen Vorfahren abgelegt,
-ein neuer Mensch zu werden und die alten Sünden gutzumachen? Ich bitte
-Sie, sagen Sie Lisa nichts davon! Dieses eine würde sie mir vielleicht
-doch nicht vergeben können! Ich bin seit gestern krank. Im Grunde ist ja
-schon jetzt alles zu Ende, und der letzte der Fürsten Ssokolski wird zur
-Zwangsarbeit verurteilt werden. Arme Lisa! Ich habe den ganzen Tag auf
-Sie gewartet, Arkadi Makarowitsch, um Ihnen, als Lisas Bruder, alles das
-zu sagen, was sie nicht weiß. Also hören Sie: Ich bin ein --
-Staatsverbrecher und an der Fälschung der --skschen Eisenbahnaktien
-beteiligt.«
-
-»Was heißt das! Wie, ein ...« Ich war aufgesprungen und sah ihn mit
-Entsetzen an.
-
-Aus seinem Gesicht sprach tiefer, düsterer, hoffnungsloser Schmerz und
-das Bewußtsein, dem Verhängnis nicht mehr entrinnen zu können.
-
-»Setzen Sie sich,« sagte er, und er setzte sich selbst in einen
-Lehnstuhl mir gegenüber. »Zunächst die Tatsachen: Vor einem Jahr, also
-in demselben Sommer, als ich in Ems war, wo sich damals auch Lydia und
-Katerina Nikolajewna aufhielten, und von wo ich mich dann auf zwei
-Monate nach Paris begab, ging mir, eben in Paris, natürlich das Geld
-aus. Dort hielt sich aber zu der Zeit gerade Stebelkoff auf, den ich
-übrigens schon von früher kannte. Er gab mir sofort Geld und versprach,
-mir noch mehr zu geben, wenn auch ich ihm einen kleinen Dienst erweisen
-wollte: er brauchte einen Künstler, der Zeichner, Graveur, Lithograph
-und zugleich Chemiker und Techniker war, und zwar brauchte er ihn zu
-einem ganz bestimmten Zweck. Diesen Zweck ließ er sogar ziemlich
-deutlich durchblicken. Warum sollte er auch nicht? Er kannte meinen
-Charakter: mich belustigte das alles nur. Ich war nämlich, wie er wußte,
-noch von der Schulbank her mit einem Herrn bekannt, der jetzt als
-russischer Emigrant -- er ist aber nicht Russe -- irgendwo da in Hamburg
-lebt. In Rußland soll er schon früher einmal in eine unangenehme
-Geschichte wegen gefälschter Wertpapiere verwickelt gewesen sein. Und
-gerade auf diesen Menschen rechnete nun Stebelkoff, aber er brauchte
-eine Empfehlung an ihn, und wegen dieser Empfehlung wandte er sich an
-mich. Ich gab ihm denn auch ein paar Zeilen mit, doch das war für mich
-so nebensächlich, daß ich die ganze Geschichte fast sofort vergaß.
-Darauf traf ich Stebelkoff noch ein paarmal, und ich erhielt von ihm
-damals im ganzen etwa dreitausend Rubel. Aber wie gesagt, die Hauptsache
-hatte ich in kürzester Zeit buchstäblich vergessen. Hier habe ich dann
-die ganze Zeit Geld von ihm genommen, gegen Wechsel und Pfänder; er gab
-sich fast sklavisch als mein ergebenster Diener. Und, gestern höre ich
-plötzlich von ihm, daß ich ein -- Staatsverbrecher sein soll!«
-
-»Wann denn gestern?«
-
-»Als wir gestern dort im Nebenzimmer aneinandergerieten, kurz bevor
-Naschtschokin kam. Er unterstand sich da zum erstenmal, mir ganz
-unverfroren von Anna Andrejewna zu sprechen. Ich erhob die Hand, um ihn
-zu ohrfeigen, er aber sprang plötzlich auf und erklärte mir, ich dürfe
-nicht vergessen, daß ich mit ihm solidarisch sei, sein Helfershelfer und
-folglich ein Spitzbube wie er! Wenn er sich auch nicht so ausdrückte, so
-war das doch der Sinn seiner Worte.«
-
-»Welch ein Unsinn! Aber das sind doch Hirngespinste?«
-
-»Nein, das sind keine Hirngespinste. Er war heute wieder bei mir und
-erklärte sich deutlicher. Die Aktien sind schon längst in Umlauf, und es
-werden noch neue in Umlauf gesetzt, aber an manchen Stellen scheint man
-die Fälschung schon erkannt zu haben. Allerdings habe ich nichts damit
-zu schaffen, aber Stebelkoff erklärte mir: >Sie haben mir damals doch
-diese Empfehlung gegeben.<«
-
-»Aber Sie wußten doch nicht, um was es sich handelte, -- oder wußten Sie
-es?«
-
-»Ich wußte es,« sagte der Fürst leise und schlug die Augen nieder. »Das
-heißt, sehen Sie, ich wußte es, und wußte es auch wieder nicht. Die
-Sache belustigte mich, und ich war bei guter Laune. Gedacht habe ich mir
-damals eigentlich überhaupt nichts, um so weniger, als ich die falschen
-Aktien doch gar nicht brauchte, und ich auch mit der Fälschung gar
-nichts zu tun hatte. Aber die Dreitausend, die er mir damals gab, hat er
-mir nicht angerechnet, und ich, ich habe das zugelassen. Übrigens, was
-können Sie wissen, vielleicht bin ich auch ein Falschmünzer? Ich mußte
-mir das doch selbst sagen, ich bin doch kein Kind, das von nichts weiß.
-Und ich wußte es ja auch, aber, wie gesagt, es belustigte mich, und ich
-half den Spitzbuben und Zuchthäuslern ... und half ihnen für Geld!
-Folglich bin ich doch ein -- Falschmünzer!«
-
-»Oh, Sie übertreiben! Sie sind ja nicht ganz frei von jeder Schuld, aber
-so schuldig sind Sie doch nicht!«
-
-»Da ist nun noch ein gewisser Shibelski,« erzählte der Fürst weiter,
-»ein junger Mensch, so eine Art Jurist oder Schreiber bei einer
-Gerichtsbehörde. Der soll an dieser Aktienfälschung auch irgendwie
-beteiligt sein. Ich weiß nur, daß er von jenem Herrn in Hamburg einmal
-zu mir gekommen ist, aber aus einem ganz anderen, ganz nebensächlichen
-Grunde; ja, eigentlich weiß ich selbst nicht, warum; denn von den Aktien
-war damals nicht einmal die Rede. Aber jedenfalls hat er zwei Briefe von
-mir in Händen, Briefe von nur zwei bis drei Zeilen, und die sind nun
-Beweise gegen mich, -- das habe ich heute sehr gut begriffen. Stebelkoff
-erklärte mir, daß dieser Shibelski der Sache gefährlich werde: er hätte
-da etwas unterschlagen, irgendwelche Gelder, ich glaube Staatsgelder,
-und er hätte die Absicht, noch mehr zu unterschlagen und dann ins
-Ausland durchzubrennen; aber um seinen Plan ausführen zu können, brauche
-er achttausend Rubel, nicht weniger. Mein Teil der Erbschaft würde für
-Stebelkoff genügen, aber Stebelkoff sagt, auch Shibelski müsse
-befriedigt werden ...! Kurz, ich müßte ihnen meinen Teil der Erbschaft
-abtreten und noch zehntausend Rubel dazugeben -- das ist ihre letzte
-Forderung. Dann würde ich meine zwei Briefe von ihnen zurückerhalten.
-Sie sind natürlich unter einer Decke, das ist klar.«
-
-»Aber das ist doch ein offenbarer Unsinn! Wenn sie Sie anzeigen, so
-liefern sie sich doch selbst aus! Deshalb werden sie das unter keinen
-Umständen tun!«
-
-»Das weiß ich. Aber sie drohen ja auch gar nicht damit, sie sagen nur:
->Wir werden selbstverständlich nichts anzeigen, aber wenn die Sache
-aufgedeckt wird, so ...< -- das ist alles, was sie sagen, und ich denke,
-das genügt! Doch nicht das ist das Schreckliche! Gleichviel was daraus
-wird, und ob ich die Briefe in meiner Tasche habe oder nicht, -- aber
-solidarisch zu sein mit diesen Spitzbuben, mein Leben lang ihr
-Mitschuldiger zu sein, mein Leben lang! Und mein Vaterland belügen,
-meine Kinder belügen, Lisa belügen und mein eigenes Gewissen belügen
-...!«
-
-»Weiß Lisa davon?«
-
-»Nein, alles weiß sie nicht. Sie würde es in ihrer jetzigen Lage nicht
-überleben. Ich trage noch die Uniform meines Regimentes, aber bei jeder
-Begegnung mit einem Soldaten meines Regiments, in jedem Augenblick auf
-der Straße muß ich mir sagen, daß ich nicht wert bin, sie zu tragen.«
-
-»Hören Sie,« fuhr ich plötzlich auf, »da sind weiter keine Worte zu
-verlieren: die einzige Rettung, die Ihnen verbleibt, ist Ihr alter
-Freund, Fürst Nikolai Iwanowitsch. Gehen Sie zu ihm und bitten Sie ihn
-um zehntausend Rubel, ohne ihm etwas aufzudecken. Bestellen Sie dann die
-beiden Schufte zu sich, rechnen Sie mit ihnen ab, kaufen Sie Ihre Briefe
-zurück, und die Sache ist erledigt! Und dann, wenn das aus der Welt
-geschafft ist, dann sehen Sie zu, daß Sie zu pflügen anfangen! Zum
-Teufel mit der Phantasie, und vertrauen Sie sich dem Leben an!«
-
-»Daran habe ich schon gedacht,« sagte er entschlossen. »Ich habe es mir
-den ganzen Tag überlegt und geschwankt, doch jetzt ist mein Entschluß
-gefaßt. Ich habe nur noch auf Sie gewartet; ich werde hinfahren. Wissen
-Sie, daß ich noch nie eine Kopeke vom Fürsten Nikolai Iwanowitsch
-genommen habe? Er ist sehr gut zu uns, er ... hat sogar bewiesen, daß er
-Anteil nimmt an meiner Familie, aber ich, ich persönlich habe nie Geld
-von ihm genommen. Doch jetzt habe ich mich entschlossen. Sie müssen
-wissen, daß unsere Linie der Fürsten Ssokolski älter ist als die Linie
-des Fürsten Nikolai Iwanowitsch; er entstammt der jüngeren Linie, nur
-einer Seitenlinie, einem fast anfechtbaren Zweig ... Unsere Vorfahren
-lebten in Feindschaft miteinander. Als Peter der Große seine Reformen
-einführte, wollte mein Urgroßvater, der auch Peter hieß und zu den
-Altgläubigen gehörte, von seinem Glauben nicht lassen und mußte sich in
-den Kostromaschen Wäldern verbergen. Dieser Fürst Peter war in zweiter
-Ehe mit einer Nichtadeligen verheiratet ... Und eben dadurch kamen jene
-anderen Ssokolskis, die Nebenlinie, in die Höhe ... Aber ich ... ja,
-wovon sprach ich denn eigentlich?«
-
-Er war sehr erschöpft und schien selbst nicht mehr zu wissen, was er
-sagte.
-
-»Beruhigen Sie sich, und legen Sie sich jetzt schlafen, das ist das
-erste, was Sie tun müssen,« sagte ich, stand auf und nahm meinen Hut.
-»Der Fürst Nikolai Iwanowitsch wird es Ihnen nicht abschlagen, besonders
-jetzt nicht, im Glück. Sie wissen doch schon das Neueste? Oder noch
-nicht? Ich habe etwas Unglaubliches gehört: er werde heiraten! Das soll
-freilich noch ein Geheimnis bleiben, aber natürlich nicht vor Ihnen.«
-
-Und ich erzählte ihm noch schnell, den Hut schon in der Hand, was ich
-gehört hatte. Er wußte noch nichts davon. Er erkundigte sich hastig nach
-den Einzelheiten, besonders wollte er wissen, wann und wo diese
-Verlobung stattgefunden haben sollte, und ob die Nachricht überhaupt
-zuverlässig sei. Natürlich verheimlichte ich ihm nicht, daß es gleich
-nach seinem Besuch bei Anna Andrejewna geschehen sein mußte. Ich vermag
-nicht wiederzugeben, was für einen schmerzlichen Eindruck diese
-Nachricht auf ihn machte; sein Gesicht verzerrte sich, ein schiefes
-Lächeln verzog seine Lippen; als ich alles erzählt hatte, war er
-unheimlich blaß, starrte zu Boden und schien in tiefe Gedanken versunken
-zu sein. Da begriff ich, daß seine Eigenliebe durch die gestrige Absage
-Anna Andrejewnas furchtbar verletzt war. Vielleicht sah er in seinem
-krankhaften Zustande die lächerliche und erniedrigende Rolle, die er
-gestern gespielt hatte, in gar zu greller Beleuchtung, diese
-Erniedrigung vor der jungen Dame, von deren Einwilligung er die ganze
-Zeit über so fest überzeugt gewesen war. Und vielleicht kam ihm auch der
-Gedanke, was für eine Ehrlosigkeit er Lisa gegenüber begangen hatte, und
-alles das um nichts! Es ist wirklich merkwürdig, wofür diese
-Gesellschaftsmenschen einander halten, und auf welcher Basis sie sich
-gegenseitig achten! Dieser Fürst mußte sich doch sagen, daß Anna
-Andrejewna von seiner Beziehung zu Lisa, die dazu noch ihre Schwester
-war, einmal erfahren konnte, wenn sie nicht schon alles wußte, doch
-siehe da -- er hatte an ihrem Jawort nicht einmal gezweifelt!
-
-»Und Sie konnten wirklich glauben,« sagte er auf einmal und sah mich
-stolz und hochfahrend an, »daß ich fähig wäre, nach einer solchen
-Mitteilung noch zum Fürsten Nikolai Iwanowitsch zu gehen und ihn um Geld
-zu bitten! Zu ihm, dem Verlobten dieses Mädchens, das mir soeben einen
-Korb gegeben hat -- nein, diese Niedrigkeit, diese Lakaienhaftigkeit!
-Nein, jetzt ist alles verloren, und wenn die Hilfe dieses alten Fürsten
-noch meine letzte Hoffnung war, so mag auch diese Hoffnung sinken!«
-
-In meinem Herzen stimmte ich ihm natürlich bei, aber der Wirklichkeit
-gegenüber mußte man die Sache doch etwas weitherziger auffassen: war
-denn dieser alte Herr noch ein Mann, ein richtiger Verlobter? Mir kamen
-noch andere Ideen in den Kopf. Ich hatte ja ohnehin beschlossen, am
-nächsten Morgen sofort zum alten Fürsten zu gehen. Ich bemühte mich, den
-schlimmen Eindruck meiner Erzählung abzuschwächen und den Armen zu
-bereden, sich schlafen zu legen. »Schlafen Sie sich aus, und Sie werden
-sehen, Ihre Gedanken werden klarer werden!« Er drückte mir fest die
-Hand, aber er küßte mich nicht mehr. Ich gab ihm mein Wort, morgen abend
-zu ihm zu kommen, »und dann wollen wir uns aussprechen; es gibt jetzt so
-vieles, worüber wir noch sprechen müssen,« sagte ich. Doch als Antwort
-auf meine Worte hatte er nur ein fatalistisches Lächeln.
-
-
- Achtes Kapitel.
-
-
- I.
-
-Diese ganze Nacht träumte mir vom Roulette, vom Spiel, von Gold und von
-Berechnungen: ich mühte mich vergeblich, einen Einsatz oder eine
-besondere Chance zu berechnen, und dieser Traum quälte mich die ganze
-Nacht wie ein Alb. Um die Wahrheit zu sagen: ich hatte auch schon diesen
-ganzen Tag, trotz aller mich erschütternden Eindrücke, immer wieder an
-meinen großen Gewinn bei Serschtschikoff gedacht. Natürlich hatte ich
-diese Gedanken zu verscheuchen gesucht, aber der Eindruck ließ sich nun
-einmal nicht ausschalten, und schon bei der bloßen Erinnerung erzitterte
-etwas in mir. Ja, dieser Gewinn hatte sich wahrlich in mein Herz
-festgebissen. Sollte ich wirklich ein geborener Spieler sein? Eines
-wenigstens ist mir ganz klar: daß ich Eigenschaften eines Spielers habe.
-Selbst heute noch, wo ich das niederschreibe, liebe ich es, manchmal an
-das Spiel zu denken! Es ist schon vorgekommen, daß ich ganze Stunden
-damit verbringe, still dazusitzen und mich in Gedanken mit
-Spielberechnungen zu beschäftigen, mir vorzustellen, wie das alles vor
-sich geht, wie ich setze, und wie mein Einsatz gewinnt. Ja, ich habe gar
-viele »Eigenschaften« in mir; ich habe eine unruhvolle Seele.
-
-Es war gegen zehn Uhr, als ich beschloß, doch zu Stebelkoff zu gehen,
-und zwar zu Fuß. Mein Schlitten kam allerdings vorgefahren, aber ich
-schickte ihn nach Haus. Während ich meinen Morgenkaffee trank, versuchte
-ich, mir alles zu überlegen. Ich fühlte mich eigentlich sehr zufrieden;
-und wie mir das zu Bewußtsein kam und ich einen Augenblick nachdachte,
-erkannte ich sofort, daß ich hauptsächlich deshalb so zufrieden war,
-»weil ich heute im Hause meines alten Fürsten Nikolai Iwanowitsch sein
-werde«. Aber dieser Tag war verhängnisvoll in meinem Leben; und
-unvorhergesehen, wie er war, begann er auch gleich mit einer
-Überraschung.
-
-Es hatte gerade zehn geschlagen, als plötzlich meine Tür sperrangelweit
-aufflog, und ins Zimmer stürzte -- Tatjana Pawlowna. Alles hätte ich
-noch erwartet, aber nicht ihr Erscheinen bei mir. Erschrocken sprang ich
-auf. Ihr Gesicht war grimmig anzusehen, ihre Bewegungen wild und
-aufgeregt, und ich glaube, wenn man sie gefragt hätte, weshalb sie zu
-mir geeilt war, hätte sie es vielleicht selbst nicht zu sagen gewußt.
-Ich muß hier im voraus bemerken, damit es nicht gar zu unverständlich
-ist, daß sie gerade eine ungeheuerliche, sie fast niederschmetternde
-Nachricht erhalten hatte und sich noch unter dem ersten erschütternden
-Eindruck befand. Und dieses Ereignis war zum Teil durch mich verursacht
-worden. Übrigens blieb sie nur eine halbe Minute, oder vielleicht eine
-ganze Minute, aber gewiß nicht länger bei mir.
-
-»Da ist er! Also _so_ bist du!« schrie sie mich an -- ganz krumm stand
-sie vor mir, in ihrer Wut. »Du junger Hund! Was hast du angerichtet?
-Oder weißt du's etwa nicht? Da sitzt er und trinkt noch Kaffee! Ach du
-Klatschbase, du Lästerer, du Windbeutel! Du Liebhaber aus Papier ...!
-Solche Lümmel muß man einfach peitschen, mit Ruten peitschen, jawohl,
-peitschen! peitschen!«
-
-»Tatjana Pawlowna, was ist geschehen? Was ist denn los? Mama ...?«
-
-»Wirst's erfahren!« schrie sie drohend -- und fort war sie, kaum daß ich
-sie gesehen hatte. Ich wäre ihr natürlich nachgelaufen, aber ein Gedanke
-hielt mich zurück oder nicht einmal ein Gedanke, sondern nur eine dunkle
-Unruhe: ich ahnte, daß der »Liebhaber aus Papier« das wichtigste und
-bedeutsamste Wort von allen ihren gegen mich geschleuderten Schmähungen
-gewesen war; freilich, auf den ganzen Zusammenhang wäre ich nie und
-nimmer von selbst gekommen. Aber ich machte mich doch sogleich auf den
-Weg, um so schnell als möglich die Sache mit Stebelkoff zu erledigen und
-dann zum alten Fürsten zu eilen. »Dort ist der Schlüssel zu allem!«
-dachte ich instinktiv.
-
-Es war mir unbegreiflich, woher Stebelkoff von der heimlichen Verlobung
-Anna Andrejewnas bereits gehört haben konnte, aber er wußte schon die
-ganze Geschichte und sogar bis in die kleinsten Einzelheiten hinein. Ich
-will nicht alle seine Reden und Gebärden wiedergeben, aber er war
-entzückt, war ganz zappelig vor Entzücken über diesen »diplomatisch
-genialen Coup!«, wie er sich ausdrückte.
-
-»Nein, das ist mir mal ein Frauenzimmer! Teufel noch eins! Nein, sehen
-Sie, das ist mal ein Frauenzimmer!« rief er ein über das andere Mal.
-»Die ist uns über! Da sitzen wir nun und sitzen, und 's kommt nichts
-dabei raus; sie aber, sie hatte mal Lust, das Wasser aus der Quelle
-selbst zu trinken, und da geht sie einfach hin und trinkt, trinkt's auch
-wirklich! Das ... das ist eine antike Statue! Das ist ja die antike
-Minerva selbst, bloß daß sie herumgeht und moderne Kleider trägt!«
-
-Ich ersuchte ihn, zur Sache zu kommen. Es handelte sich, wie ich schon
-vermutet hatte, nur darum, daß ich dem jungen Fürsten zureden sollte,
-zum alten Fürsten Nikolai Iwanowitsch zu fahren und ihn um seine Hilfe
-zu bitten. »Sonst wird es ihm, dem Fürsten Ssergei Petrowitsch, doch
-furchtbar schlecht ergehen! Das liegt doch jetzt nicht mehr in meiner
-Macht! Ist das so oder nicht?«
-
-Er sah mir wieder in die Augen, aber ich glaube, er vermutete nicht
-einmal, daß ich inzwischen etwas erfahren haben konnte, was ich während
-unseres Gesprächs vor zwei Tagen noch nicht gewußt hatte. Aber wie hätte
-er das auch vermuten sollen, da ich mit keinem Wort, mit keiner
-Anspielung verriet, daß ich von den Aktien etwas wußte. Wir sprachen
-nicht lange; er begann mir sogleich Geld zu versprechen, und zwar »viel
-Geld, sehr viel Geld, wenn Sie nur dazu beitragen, daß der Fürst
-hinfährt und ihn bittet! Die Sache drängt, drängt fürchterlich, und das
-ist ja eben das Zwingende, daß sie so drängt!«
-
-Ich hatte keine Lust, ihm zu widersprechen und mich lange mit ihm
-abzugeben. Ich sagte daher nur, ich würde es »versuchen«. Doch plötzlich
-setzte er mich maßlos in Erstaunen: ich ging bereits zur Tür, als er auf
-einmal schmeichelnd seinen Arm um meine Schulter legte und ... die
-unverständlichsten Dinge zu reden anfing.
-
-Ich übergehe die Einzelheiten und gebe nur den Sinn des Gespräches
-wieder, um nicht zu ermüden. Der Sinn war kurz gesagt der, daß er das
-Ansinnen an mich stellte, ihn mit -- Dergatschoff bekannt zu machen, da
-ich, wie er meinte, »dort doch verkehre!«
-
-Ich verstummte sofort und horchte auf, -- gab mir aber die größte Mühe,
-ihn nichts merken zu lassen. Übrigens sagte ich ihm gleich darauf, daß
-ich dort keineswegs verkehrte und nur einmal, und auch damals nur
-zufällig, bei ihnen gewesen war.
-
-»Aber wenn Sie schon einmal _zugelassen_ worden sind, dann können Sie
-doch wieder hingehen, das ist doch so -- oder nicht?«
-
-Nun fragte ich ihn ganz offen, aber sehr kaltblütig, weshalb er das denn
-wünschte? Und wirklich, ich kann es noch immer nicht verstehen, wie die
-Naivität eines offenbar doch gar nicht dummen Menschen, dazu noch eines
-»Geschäftsmannes«, wie Wassin ihn bezeichnet hatte, in dieser Sache so
-weit gehen konnte! Er erklärte mir nämlich auf meine Frage ohne
-weiteres, daß er bei Dergatschoff »etwas Verbotenes, sogar streng
-Verbotenes« vermute, und folglich könnte ich, wenn ich dahinterkäme,
-einen gewissen Vorteil für mich herausschlagen ... Und er zwinkerte mir
-lächelnd mit dem linken Auge zu.
-
-Ich antwortete ihm darauf so gut wie nichts Bestimmtes, tat aber, als
-erwöge ich den Vorschlag, und sagte schließlich, ich würde darüber noch
-»nachdenken«. Dann beeilte ich mich, fortzukommen. Die Sache wurde
-verwickelter. Ich fuhr schnell zu Wassin, den ich zum Glück zu Hause
-traf.
-
-»Ah, auch Sie!« sagte er rätselhaft, als er mich erblickte.
-
-Ich schenkte diesem Ausruf weiter keine Beachtung, sondern erzählte ihm
-gleich diese letzte Geschichte mit Stebelkoff. Er war sichtlich
-verdutzt, doch verlor er deshalb keinen Augenblick seine Kaltblütigkeit.
-Er fragte mich eingehend nach den Einzelheiten, und ich mußte ihm alles
-ganz ausführlich wiedergeben.
-
-»Ist es nicht doch möglich, daß Sie ihn falsch verstanden haben?«
-
-»Nein, ich habe ihn ganz richtig verstanden; denn der Sinn seiner Worte
-war überhaupt nicht mißzuverstehen.«
-
-»Jedenfalls bin ich Ihnen außerordentlich dankbar,« sagte er aufrichtig.
-»Ja, in der Tat, wenn alles so war, dann hat er wohl gedacht, Sie würden
-einer gewissen Summe nicht widerstehen können.«
-
-»Zumal er meine Lage sehr gut kennt: ich habe viel gespielt und habe
-mich schlecht aufgeführt, Wassin.«
-
-»Ich habe davon gehört.«
-
-»Am unverständlichsten ist mir aber,« wagte ich, scheinbar unbefangen
-und wie beiläufig, zu bemerken, »daß er von Ihnen doch weiß, daß Sie zu
-diesen Leuten gehen.«
-
-»Er weiß ganz genau,« erwiderte Wassin einfach und selbstverständlich,
-»daß ich mit alledem nichts zu tun habe. Und eigentlich sind ja alle
-diese jungen Leute doch nur Schwätzer und nichts weiter; übrigens müssen
-Sie sich ja selbst noch am besten daran erinnern.«
-
-Wie mir schien, traute er mir in irgendeiner Beziehung doch nicht ganz.
-
-»Jedenfalls bin ich Ihnen außerordentlich dankbar,« sagte er noch
-einmal.
-
-»Man spricht davon, daß es Herrn Stebelkoff geschäftlich nicht gerade
-gut gehe,« bemerkte ich wieder wie beiläufig, scheinbar ohne jeden
-Hintergedanken, »wenigstens habe ich von gewissen Aktien gehört ...«
-
-»Von was für Aktien?« fragte er, und ich sah, wie er sofort aufhorchte.
-
-Ich hatte mit Absicht die »gewissen Aktien« erwähnt, aber
-selbstverständlich nicht deshalb, um ihm das Geheimnis des Fürsten
-mitzuteilen. Ich wollte nur eine Anspielung machen und aus seinem
-Gesicht, aus seinen Augen ersehen, ob er von diesen Aktien etwas wußte.
-Und ich erreichte meinen Zweck: aus einem unwillkürlichen, wenn auch
-kaum merklichen Zucken seines Gesichts erriet ich, daß er auch davon
-etwas wußte. Ich antwortete nicht auf seine Frage, was für Aktien das
-wären, sondern sprach von anderem weiter; aber auch er ging
-merkwürdigerweise auf anderes über.
-
-»Wie geht es Lisaweta Makarowna?« erkundigte er sich teilnehmend.
-
-»Gut. Meine Schwester verehrt Sie sehr ...«
-
-Seine Augen erglänzten vor Freude; ich hatte schon längst bemerkt, daß
-Lisa ihm nicht gleichgültig war.
-
-»Fürst Ssergei Petrowitsch Ssokolski war vor einiger Zeit bei mir,«
-teilte er mir auf einmal mit.
-
-»Wann?« fragte ich erstaunt.
-
-»Vor vier Tagen.«
-
-»Nicht gestern?«
-
-»Nein, gestern nicht.«
-
-Er sah mich fragend an.
-
-»Ich werde Ihnen vielleicht später einmal Näheres über diesen Besuch
-erzählen, jetzt aber möchte ich Sie nur darauf aufmerksam machen,« sagte
-Wassin rätselhaft, »daß er sich, wie mir schien, in einem gewissermaßen
-unnormalen Gemüts- und sogar Geisteszustand befand. Übrigens ist noch
-jemand bei mir gewesen,« sagte er plötzlich lächelnd, »soeben, kurz
-bevor Sie kamen, und auch bei diesem Besuch mußte ich auf einen nicht
-ganz normalen Zustand schließen.«
-
-»War der Fürst soeben hier?«
-
-»Nein, nicht der Fürst, ich rede jetzt nicht vom Fürsten. Bei mir war
-vorhin ... Andrei Petrowitsch Werssiloff und ... Wissen Sie nichts? Ist
-mit ihm nicht etwas Besonderes geschehen?«
-
-»Vielleicht, es wäre möglich, -- aber was ist mit ihm denn hier bei
-Ihnen geschehen?« fragte ich gespannt.
-
-»Eigentlich dürfte ich das nicht sagen ... Wir führen heute eine etwas
-sonderbare Unterhaltung, über lauter Geheimnisse,« setzte er mit einem
-Lächeln hinzu. »Andrei Petrowitsch hat übrigens Verschwiegenheit von mir
-nicht ausdrücklich verlangt. Aber da Sie sein Sohn sind, und ich Ihre
-Gefühle für ihn kenne, so dürfte es diesmal sogar geboten sein, Sie
-davon in Kenntnis zu setzen. Stellen Sie sich vor, er kam zu mir, um
-mich zu fragen, ob ich, wenn er sich in den nächsten Tagen duellieren
-müßte, -- ob ich dann sein Sekundant sein würde. Ich habe natürlich
-abgelehnt.«
-
-Ich war maßlos verwundert. Diese Neuigkeit war die beunruhigendste von
-allen: es mußte etwas geschehen, ihm etwas widerfahren sein, wovon ich
-noch nichts wußte! Und plötzlich, im Augenblick, fiel es mir ein, daß
-Werssiloff gestern zu mir gesagt hatte: >Nicht ich werde zu dir kommen,
-wohl aber wirst du zu mir stürzen.< Ich fuhr schnell zum alten Fürsten
-Nikolai Iwanowitsch und fühlte nun noch mehr voraus, daß dort die Lösung
-des Rätsels zu finden war. Wassin dankte mir beim Abschied noch einmal.
-
-
- II.
-
-Der alte Fürst saß vor dem Kamin, die Füße mit einem Plaid warm
-zugedeckt. Er empfing mich mit einem eigentümlich fragenden Blick, ganz,
-als wundere er sich über mein Kommen, und doch hatte er fast jeden Tag
-nach mir geschickt. Übrigens begrüßte er mich freundlich, aber auf meine
-ersten Fragen antwortete er gleichsam mißmutig und merkwürdig zerstreut.
-Hin und wieder schien er über irgend etwas nachzudenken, und dann sah er
-mich fragend an, ganz als versuche er sich einer Sache zu erinnern, die
-er zum Teil vergessen hatte, und die sich zweifellos auf mich bezog. Ich
-sagte ihm ganz offen, daß ich schon alles gehört hätte und mich sehr
-freute. Ein freundliches und gutes Lächeln erschien sofort auf seinen
-Lippen, und er belebte sich förmlich; seine Zurückhaltung und sein
-Mißtrauen verschwanden im Nu, als hätte er sie plötzlich ganz vergessen.
-Und so war es wohl auch.
-
-»Du bist mein lieber junger Freund, ich wußte es ja, daß du als erster
-kommen würdest. Weißt du, noch gestern dachte ich an dich. Ich fragte
-mich: >Wer wird sich darüber freuen? -- Er wird sich freuen!< Nun und
-sonst auch niemand mehr; aber das tut ja nichts. Die Menschen haben böse
-Zungen, doch das ist belanglos. _Cher enfant_,{[53]} das ist ja alles so
-erhaben und so wundervoll ... Aber du kennst sie ja selbst. Von dir hält
-Anna Andrejewna sehr viel. Sie -- sie hat das strenge und schöne Gesicht
-einer englischen Gravüre. Sie ist wie der schönste englische Stahlstich,
-den man sich nur denken kann ... Vor drei Jahren hatte ich eine ganze
-Sammlung solcher Stahlstiche ... Ich habe schon von jeher, von jeher
-diese Absicht gehabt! Ich wundere mich nur, weshalb ich nicht von selbst
-darauf gekommen bin!«
-
-»Sie haben ja Anna Andrejewna, soviel ich weiß, immer sehr geliebt und
-ausgezeichnet.«
-
-»Mein Freund, wir wollen niemandem schaden. Das Leben mit Freunden, mit
-Verwandten, mit denen, die unserem Herzen lieb und teuer sind -- das ist
-das Paradies. Alle Menschen sind Dichter ... Das weiß man schon seit den
-ältesten Zeiten. Weißt du, wir werden im Sommer zuerst nach Bad Soden
-reisen und dann nach Bad Gastein. Aber du bist so lange nicht bei mir
-gewesen, wo warst du denn? Ich habe auf dich gewartet. Und nicht wahr,
-es ist doch inzwischen so viel geschehen! Schade nur, daß ich nicht
-ruhig bin: sobald ich allein bin, werde ich gleich unruhig. Und deshalb
-darf ich auch nicht allein bleiben, nicht wahr? Das ist doch klar wie's
-Einmaleins. Das habe ich auch sofort eingesehen, schon nach ihren ersten
-Worten. Oh, mein Freund, sie hat ja im ganzen nur zwei Worte gesagt,
-aber die ... die waren in ihrer Art so was wie die wunderbarste Poesie.
-Aber du bist ja ihr Bruder, ja, eigentlich ihr Bruder, nicht wahr? Mein
-Lieber, deshalb habe ich dich auch die ganze Zeit so geliebt. Ich
-schwöre dir, ich habe das alles vorausgefühlt. Ich habe ihr nur die Hand
-geküßt und dann geweint.«
-
-Er zog sein Taschentuch hervor, als wolle er wieder zu weinen anfangen.
-Er war sehr erschüttert, und sein Zustand schien so schlecht zu sein,
-wie ich es bis dahin noch nie gesehen hatte. Gewöhnlich oder sogar fast
-immer war er frischer und aufgeräumter gewesen. »Ich würde allen
-verzeihen, mein Freund,« stammelte er weiter. »Ich habe den Wunsch,
-allen zu verzeihen, und ich ärgere mich schon lange über niemand mehr.
-Mir bleibt die Liebe zur Kunst, _la poésie dans la vie_,{[54]} Wohltun
-den Armen, und _sie_ -- das ist biblische Schönheit. _Quelle charmante
-personne_, nicht wahr? _Les chants de Salomon ... non, ce n'est pas
-Salomon, c'est David qui mettait une jeune belle dans son lit pour se
-chauffer dans sa vieillesse. Enfin David, Salomon_{[55]} -- das dreht
-sich alles in meinem Kopf, das reine Chaos. Jedes Ding, _cher enfant_,
-kann erhaben und gleichzeitig lächerlich sein. _Cette jeune belle de la
-vieillesse de David -- c'est tout un poème_,{[56]} aber bei einem Paul
-de Kock wäre daraus irgendeine _scène de bassinoire_{[57]} geworden, und
-wir würden alle darüber lachen. Paul de Kock hat weder Maß noch
-Geschmack, wenn er auch Talent hat ... Katerina Nikolajewna lächelt ...
-Ich sagte ihr, daß wir niemanden stören werden. Wir haben unseren Roman
-angefangen, und nun soll man uns ihn beenden lassen. Mag das ein Traum
-sein, aber man soll uns diesen Traum nicht nehmen!«
-
-»Wieso denn ein Traum, Fürst?«
-
-»Ein Traum? Wieso ein Traum? Nun, meinetwegen kann es auch nur ein Traum
-sein, aber man soll mich wenigstens mit diesem Traum sterben lassen.«
-
-»Oh, Fürst, warum denn sterben? Leben müssen Sie, gerade jetzt leben!«
-
-»Ja, was habe ich denn anderes gesagt? Ich sage doch die ganze Zeit nur
-das. Ich weiß wirklich nicht, weshalb das Leben so kurz ist. Damit es
-nicht langweilig werde, natürlich, denn das Leben ist ein Kunstwerk des
-Schöpfers selbst, ein Kunstwerk von der vollendeten und untadeligen Form
-eines Puschkinschen Gedichts. Kürze ist die erste Bedingung des
-Künstlerischen. Aber wenn jemand keine Langeweile fühlt, so könnte man
-den doch auch etwas länger leben lassen.«
-
-»Sagen Sie, Fürst, ist die Verlobung schon offiziell?«
-
-»Nein, mein Lieber, das ist sie keineswegs! Wir haben das nur so
-beschlossen. Es bleibt in der Familie, nur in der Familie, nur in der
-Familie. Vorläufig habe ich bloß Katerina Nikolajewna alles mitgeteilt,
-da ich mich ihr gegenüber schuldig fühle. Oh, Katerina Nikolajewna ist
-ein Engel, ein Engel!«
-
-»Ja, ja, das ist sie!«
-
-»Ja? Auch du sagst >ja<? Und ich dachte, daß gerade du ihr Feind seist.
-Apropos, da fällt mir ein: sie bat mich doch, dich nicht mehr zu
-empfangen. Und stell dir vor: als du hereinkamst, hatte ich das ganz
-vergessen.«
-
-»_Was_ sagen Sie?« Ich sprang auf. »Aber weswegen denn? Wann hat sie das
-gesagt?«
-
-(Meine Ahnung hatte mich also nicht betrogen! Ja, gerade etwas von der
-Art hatte ich schon die ganze Zeit geahnt, seit dem überraschenden
-Erscheinen Tatjana Pawlownas bei mir!)
-
-»Gestern, mein Lieber, gestern hat sie es mir gesagt, und ich verstehe
-gar nicht, wie du jetzt überhaupt hast hereinkommen können; denn es sind
-doch schon Anweisungen gegeben worden. Wie bist du hereingekommen?«
-
-»Ich bin ganz einfach hereingegangen.«
-
-»Das ist auch am wahrscheinlichsten. Wenn du dich mit vorsichtiger
-Schlauheit hereingestohlen hättest, würde man dich bestimmt aufgehalten
-haben, aber da du ganz einfach hereinkamst, haben sie dich
-durchgelassen. Die Einfachheit, _mon cher_, ist in Wirklichkeit die
-höchste Schlauheit.«
-
-»Ich verstehe noch immer nicht: also auch Sie hatten beschlossen, mich
-nicht mehr zu empfangen?«
-
-»Nein, mein Freund, ich habe gesagt, daß mich das nichts anginge ... Das
-heißt, ich habe zu allem ja gesagt. Glaube mir, mein lieber Junge, ich
-habe dich viel zu lieb ... Aber Katerina Nikolajewna hat das gar zu
-bestimmt verlangt ... Ah, siehe da!«
-
-In diesem Augenblick erschien Katerina Nikolajewna in der Tür. Sie war
-zum Ausgehen angezogen und kam, um ihrem Vater vor dem Fortgehen einen
-Kuß zu geben, wie sie das immer tat. Als sie mich erblickte, stutzte
-sie, wurde verlegen, drehte sich schnell um und ging hinaus.
-
-»_Voilà!_« rief der Fürst erschrocken und furchtbar aufgeregt.
-
-»Das ist ein Mißverständnis!« rief ich, »das muß ich im Augenblick ...
-Ich ... ich komme sofort zurück, Fürst!«
-
-Und schon eilte ich Katerina Nikolajewna nach.
-
-Was nun folgte, geschah alles so schnell, daß ich nicht nur keine Zeit
-hatte, zu überlegen, wie ich mich verhalten und vorgehen sollte, sondern
-daß ich überhaupt nicht zur Besinnung kam. Hätte ich auch nur ein wenig
-überlegen und mich vorbereiten können, so würde ich mich
-selbstverständlich ganz anders aufgeführt haben. So jedoch verlor ich
-wie ein kleiner Junge einfach den Kopf. Ich eilte zunächst zu ihren
-Zimmern, aber unterwegs stieß ich auf einen Diener, der mir sagte, daß
-Katerina Nikolajewna bereits hinausgegangen sei und sich in den Wagen
-setze. Da lief ich Hals über Kopf ins Treppenhaus. Katerina Nikolajewna
-hatte ihren Pelz schon umgenommen und stieg die Treppe hinunter, und
-neben ihr ging, oder vielmehr, es führte sie ein hochgewachsener
-wohlgestalteter Offizier in Uniform, ohne Mantel, den Säbel an der
-Seite; ein Diener trug ihm den Mantel nach. Das war Baron Bjoring. Er
-war Oberst, etwa fünfunddreißig Jahre alt, der Typ eines eleganten
-Offiziers: sehnig, mit einem etwas fast zu länglichen Gesicht, einem
-rötlich blonden Schnurrbart und beinahe ebensolchen Wimpern. Sein
-Gesicht war zwar gar nicht hübsch, aber es war von scharfem Schnitt und
-herausforderndem Ausdruck. Ich beschreibe ihn nur flüchtig, wie ich ihn
-in dem Augenblick sah. Bis dahin hatte ich ihn noch niemals gesehen. Ich
-eilte ihnen ohne Hut und Pelz nach. Katerina Nikolajewna bemerkte mich
-zuerst und flüsterte ihm schnell etwas zu. Er wollte schon den Kopf nach
-mir umwenden, gab aber dann nur dem Diener und dem Portier einen Wink.
-Der Diener machte schnell einen Schritt auf mich zu -- das war schon an
-der Haustür --, doch ich schob ihn zur Seite und lief ihnen nach auf die
-Vorfahrt. Bjoring half Katerina Nikolajewna in die Equipage.
-
-»Katerina Nikolajewna! Katerina Nikolajewna!« rief ich sinnlos (wie ein
-Esel! Wie ein Esel! Oh, ich erinnere mich noch so genau, -- ich war ohne
-Hut!).
-
-Bjoring wandte sich wütend halb nach dem Diener um und rief ihm laut
-etwas zu, ein oder zwei Worte, ich weiß nicht, was. Ich fühlte nur, wie
-mich jemand am Ellenbogen packte. Da zogen die Pferde an, und die
-Equipage rollte davon -- ich rief noch einmal und wollte ihr nachlaufen,
-doch ich sah nur noch, daß Katerina Nikolajewna zum Fenster
-hinausschaute und in großer Unruhe zu sein schien. Aber in meiner Hast,
-ihr nachzueilen, stieß ich plötzlich heftig an den Baron, ohne es zu
-gewahren, und ich glaube, ich trat ihm auf den Fuß. Er schrie leicht
-auf, knirschte mit den Zähnen, faßte mich mit starker Hand an der
-Schulter und stieß mich wütend fort, so daß ich gute drei Schritt
-zurückflog. In dem Augenblick reichte ihm der Diener den Mantel; er warf
-ihn sich um die Schultern, setzte sich in seinen Schlitten und rief im
-Fortfahren den Bedienten und dem Portier noch einmal drohend etwas zu,
-wobei er auf mich wies. Ich wurde von ihnen ergriffen und festgehalten:
-der eine warf mir meinen Pelz um, der andere reichte mir den Hut und --
-ich weiß nicht, was sie noch sagten; ich stand und hörte sie wohl
-sprechen, aber ich begriff nichts. Und auf einmal drehte ich ihnen den
-Rücken und eilte davon.
-
-
- III.
-
-Ich lief, ohne zu überlegen, ohne zu denken, ich stieß achtlos die
-Menschen an und sah kaum etwas, bis ich schließlich die Wohnung Tatjana
-Pawlownas erreichte. Ich verfiel auch nicht einmal darauf, mir unterwegs
-eine Droschke zu nehmen. Bjoring hatte mich vor _ihren_ Augen
-zurückgestoßen! Nun ja, ich war ihm auf den Fuß getreten, und da mag er
-es ganz unwillkürlich getan haben, wie einer, dem jemand auf ein
-Hühnerauge tritt (und ich war ihm vielleicht wirklich auf ein Hühnerauge
-getreten!) Aber _sie_ hatte es gesehen und hatte auch gesehen, wie die
-Diener mich ergriffen, und alles das war vor ihren Augen geschehen, vor
-ihren Augen! Als ich zu Tatjana Pawlowna hineinstürzte, konnte ich
-zunächst kein Wort hervorbringen. Mein Unterkiefer zitterte wie im
-Fieber. Aber ich war ja auch im Fieber, und außerdem weinte ich ... Oh,
-man hatte mich so grausam gekränkt.
-
-»Ah! Na was? Bist hinausgeworfen worden? Das ist recht, das ist recht!«
-sagte Tatjana Pawlowna.
-
-Ich sank stumm auf den Diwan und sah sie an.
-
-»Aber was ist denn mit ihm?« Sie betrachtete mich prüfend. »Er zittert
-ja! -- Da, trink mal etwas Wasser, hier ist Wasser, trink! Und jetzt
-sag, was hast du dort noch angerichtet?«
-
-Ich murmelte etwas davon, daß man mich hinausgeworfen und Bjoring mich
-auf der Straße gestoßen hatte.
-
-»So? Kannst du jetzt schon etwas verstehen oder noch nicht? Dann nimm
-mal dies hier, -- ließ und freue dich!«
-
-Sie nahm einen Brief vom Tisch, gab ihn mir und blieb erwartungsvoll vor
-mir stehen. Ich erkannte sofort die Handschrift Werssiloffs: es war ein
-Brief von ihm an Katerina Nikolajewna. Ich fuhr zusammen, und im
-Augenblick war auch mein Verstand wieder klar, und ich begriff mit aller
-Schärfe. Der Inhalt dieses entsetzlichen, schändlichen, verrückten,
-räuberischen Briefes war buchstäblich folgender:
-
- Sehr geehrte Katerina Nikolajewna!
-
- Obschon ich weiß, wie verderbt Sie Ihrer Natur und Ihrer Anschauung
- nach sind, habe ich doch gedacht, daß Sie Ihre Leidenschaften
- manchmal etwas zügeln und es wenigstens nicht auf Kinder absehen
- würden. Aber Ihre Schamlosigkeit schreckt selbst davor nicht zurück.
- Ich teile Ihnen mit, daß das Ihnen bekannte Dokument bestimmt nicht
- verbrannt worden ist und sich auch niemals in den Händen des Herrn
- Krafft befunden hat, weshalb Sie auf diese Weise nichts erreichen
- werden. Verderben Sie deshalb nicht zwecklos einen Jüngling.
- Verschonen Sie ihn, er ist noch nicht volljährig, ist fast noch ein
- Knabe, ist sowohl geistig wie körperlich noch unentwickelt. Was
- hätten Sie an diesem Jungen? Ich aber nehme Anteil an ihm, und
- deshalb wage ich, Ihnen das zu schreiben, wenn ich auch nicht auf
- einen Erfolg hoffe. Ich habe die Ehre, Ihnen noch mitzuteilen, daß
- ich eine Abschrift dieses Briefes gleichzeitig an Baron Bjoring
- sende.
-
- A. Werssiloff.
-
-Ich erbleichte, als ich das las, dann aber schoß mir das Blut plötzlich
-heiß ins Gesicht, und meine Lippen bebten vor Empörung.
-
-»Das sagt er ja von mir! Das ist das, was ich ihm vorgestern anvertraut
-habe!« rief ich, zitternd vor Wut.
-
-»Das ist's ja, daß du's ihm >anvertraut< hast!« Tatjana Pawlowna riß mir
-den Brief aus der Hand.
-
-»Aber ... ich habe ja gar nicht das ... so was hab ich ihm doch gar
-nicht gesagt! O Gott, was muß sie jetzt von mir denken! Aber er ist ja
-wahnsinnig! Er ist wirklich wahnsinnig ... Ich habe ihn gestern gesehen.
-Wann ist der Brief abgesandt?«
-
-»Gestern am Tage; am Abend hat sie ihn erhalten, und heute früh brachte
-sie ihn mir persönlich.«
-
-»Ich habe ihn gestern gesehen, er ist wahnsinnig! Das hat Werssiloff
-nicht schreiben können, das hat ein Wahnsinniger geschrieben! Wer
-schreibt denn so etwas an eine Frau?«
-
-»Eben solche Verrückte schreiben's in ihrer Wut, wenn sie vor Eifersucht
-und Zorn blind und taub werden, und ihr Blut sich in Gift verwandelt ...
-Du weißt noch gar nicht, was für einer er ist! Dafür wird man ihn jetzt
-so niederschlagen, daß überhaupt nichts mehr von ihm übrigbleibt. Er
-steckt ja selber seinen Kopf unter das Richtschwert! Er sollte doch
-lieber nachts auf die Nikolaibahnstrecke gehen und seinen Kopf auf die
-Schienen legen! Da würde er ihm so hübsch abgeschnitten werden, -- wenn
-er ihm nun mal zum Tragen zu schwer geworden ist! Und was hat dich denn
-geplagt, ihm das zu erzählen? Wozu mußtest du ihn denn noch aufreizen?
-Wolltest dich wohl rühmen vor ihm?«
-
-»Aber was ist das für ein Haß! Was für ein Haß!« rief ich und schlug mir
-mit der Hand vor die Stirn. »Und weshalb, weshalb? Haß gegen eine Frau!
-Was hat sie ihm denn getan? Was hat es zwischen ihnen gegeben, daß er
-einen solchen Brief überhaupt hat schreiben können?«
-
-»>Was für ein _Haß_<! Da höre doch einer!« verhöhnte mich Tatjana
-Pawlowna mit beißendem Spott.
-
-Wieder schoß mir das Blut ins Gesicht: es war mir, als hätte ich noch
-etwas ganz Neues zu begreifen; ich sah sie fragend an, jede Fiber in mir
-war gespannt.
-
-»Scher dich weg! Geh mir aus den Augen!« kreischte sie auf einmal und
-wandte sich schnell von mir ab. »Hab mich genug mit euch allen
-abgegeben! Bin es satt! Und wenn ihr auch alle umkommt ...! Nur um deine
-Mutter täte es mir noch leid ...«
-
-Ich eilte von ihr natürlich zu Werssiloff. Nein, war das aber eine
-Niedertracht! So eine Niedertracht!
-
-
- IV.
-
-Werssiloff war nicht allein. Eines muß ich vorausschicken: da er nun
-einmal diesen verhängnisvollen Brief an Katerina Nikolajewna und eine
-Abschrift desselben tatsächlich an Baron Bjoring abgesandt hatte (und
-nur Gott mochte wissen, weshalb), war er selbstverständlich auch auf die
-Folgen seiner Handlungsweise gefaßt gewesen und hatte deshalb schon am
-Morgen gewisse Vorkehrungen getroffen. So waren auf seinen Wunsch hin
-Mama und Lisa (die, wie ich später erfuhr, an diesem Morgen nicht ganz
-wohl zurückgekehrt war und sich zu Bett gelegt hatte) nach oben in das
-Giebelstübchen, in den sogenannten »Sarg«, übergesiedelt; und die Zimmer
-unten, besonders unser »Wohnzimmer«, waren sorgfältig aufgeräumt und
-gesäubert worden. Und richtig: um zwei Uhr mittags erschien bei ihm ein
-Baron R., ein Oberst, etwa vierzig Jahre alt, gleichfalls deutscher
-Abstammung, von hohem Wuchs, hager, doch offenbar von großer
-körperlicher Kraft, und auch so rötlich blond wie Bjoring, nur zeigte
-sich bei ihm schon der Anfang einer Glatze. Er war einer von diesen
-Baronen R., deren es sehr viele in der russischen Armee gibt, die alle
-als »Barone« ein übertriebenes Ehrgefühl haben, gar kein Vermögen
-besitzen und nur von ihrem Gehalt leben, dabei im Dienst unermüdlich und
-vortreffliche Frontoffiziere sind. Sie waren bereits mitten in ihrer
-Auseinandersetzung, als ich eintrat, und schienen beide sehr gereizt zu
-sein. Wie hätten sie es auch nicht sein sollen! Werssiloff saß auf dem
-Sofa hinter dem Tisch, der Baron seitlich in einem Sessel. Werssiloff
-war bleich, sprach jedoch sehr beherrscht und jedes Wort scharf durch
-die Zähne; der Baron dagegen sprach mit erhobener Stimme und war
-sichtlich zu heftigen Bewegungen geneigt, bezwang sich aber noch, wenn
-auch nur mit Mühe, blickte streng, hochmütig und sogar mit Verachtung
-drein, doch sah man ihm trotzdem eine gewisse Verwunderung an. Als er
-mich erblickte, verfinsterte sich sein Gesicht; Werssiloff aber schien
-sich über mein Erscheinen fast zu freuen.
-
-»Guten Tag, mein Lieber. Baron, dieser noch sehr junge Mann ist
-derselbe, von dem in meinem Brief die Rede ist, aber ich versichere Sie,
-seine Anwesenheit wird uns nicht stören und uns vielleicht sogar
-zustatten kommen.«
-
-Der Baron musterte mich mit Verachtung.
-
-»Mein Lieber,« fügte Werssiloff hinzu, indem er sich zu mir wandte, »es
-freut mich, daß du gekommen bist; du setzt dich vielleicht so lange
-dorthin in die Ecke, bis der Baron und ich unsere Auseinandersetzung
-beendet haben. Ich bitte dich darum. Beruhigen Sie sich, Baron, er wird
-uns nicht stören und nur dort in der Ecke sitzen.«
-
-Mir war das schließlich einerlei; denn ich hatte meinen Vorsatz schon
-gefaßt, und außerdem war ich nicht wenig verwirrt. Ich setzte mich stumm
-in die Ecke, so weit wie möglich entfernt, und verharrte dort regungslos
-...
-
-»Ich versichere Ihnen nochmals, Baron,« sagte Werssiloff mit fester
-Stimme, »daß ich Katerina Nikolajewna Achmakoff, an die ich diesen
-unwürdigen und krankhaften Brief geschrieben habe, nicht nur für das
-edelste Wesen, sondern für den Gipfel aller Vollkommenheiten halte!«
-
-»Eine solche Widerrufung Ihrer eigenen Worte ist aber, wie ich Ihnen
-bereits erklärt habe, fast eine Wiederholung derselben,« erwiderte der
-Baron ungehalten. »Ihre Worte bezeugen entschieden nicht das, was man
-Ehrerbietung nennt.«
-
-»Und doch kann ich Sie nur ersuchen, meine Worte in ihrem buchstäblichen
-Sinne aufzufassen. Ich leide an gewissen Anfällen und ... muß deshalb
-auch eine Kur durchmachen. Und in einem solchen Augenblick habe ich
-leider ...«
-
-»Solche Erklärungen kann ich unter keinen Umständen gelten lassen. Ich
-mache Sie schon zum ... ja, ich weiß nicht, zum wievielten Male darauf
-aufmerksam, daß Sie unentwegt fortfahren, auf Ihrer falschen Auffassung
-zu beharren, und das vielleicht sogar absichtlich! Ich habe Sie schon
-gleich zu Anfang darauf hingewiesen, daß diese Dame bei Behandlung der
-ganzen Frage, das heißt Ihres Schreibens an die Generalin Achmakoff, in
-unserer gegenwärtigen Auseinandersetzung ein für allemal ausgeschaltet
-werden muß; Sie aber kommen immer wieder darauf zurück. Baron Bjoring
-hat mich gebeten und mich beauftragt, ihm in dieser Angelegenheit nur
-darüber Klarheit zu verschaffen, was ihn allein und persönlich trifft,
-also über Ihre herausfordernde Zusendung einer Kopie jenes Briefes an
-ihn und ferner über Ihre Bemerkung, daß Sie zu jeder von ihm gewünschten
-Satisfaktion bereit seien.«
-
-»Aber dieses letztere dürfte doch wohl, denke ich, ohne weiteres klar
-sein.«
-
-»Ich verstehe, das haben Sie schon gesagt. Sie sprechen also nicht
-einmal Ihre Entschuldigung aus, sondern bestehen unverändert nur darauf,
-daß Sie zu jeder von ihm gewünschten Satisfaktion bereit sind. Aber das
-ist doch gar zu wohlfeil! Und deshalb halte ich mich schon jetzt für
-berechtigt, in Anbetracht der Wendung, die Sie dieser Auseinandersetzung
-hartnäckig zu geben suchen, Ihnen nun auch meinerseits alles, und zwar
-rückhaltlos, zu sagen: das heißt, ich bin zu der Überzeugung gekommen,
-daß Baron Bjoring unter _kei--nen_ Umständen mit Ihnen etwas zu tun
-haben kann ... auf der Grundlage gesellschaftlicher Gleichstellung.«
-
-»Eine solche Auffassung ist natürlich die vorteilhafteste für Ihren
-Freund, den Baron Bjoring, und ich kann Ihnen gestehen, Sie überraschen
-mich damit nicht im geringsten: ich war auf so etwas gefaßt.«
-
-Nebenbei bemerkt: ich hatte schon aus den ersten Worten, ja, schon auf
-den ersten Blick erkannt, daß Werssiloff absichtlich auf einen
-Zusammenstoß lossteuerte, diesen reizbaren Baron geflissentlich reizte
-und herausforderte und seine Geduld vielleicht einer gar zu harten Probe
-aussetzte. Der Baron zuckte zusammen, konnte sich aber noch beherrschen.
-
-»Ich habe gehört, daß Sie witzig sein können, aber Witz ist noch nicht
-Verstand.«
-
-»Eine außerordentlich tiefe Bemerkung, Oberst.«
-
-»Ich habe Sie nicht um Ihren Beifall gebeten,« fuhr der Baron gereizt
-auf, »und bin nicht gekommen, um hier leeres Geschwätz zu führen! Ich
-ersuche Sie, mich anzuhören und zu Ende sprechen zu lassen: Baron
-Bjoring war sich keineswegs klar darüber, was er von Ihnen nach Ihrem
-Brief halten sollte, da ein solches Schreiben zweifellos Ihre Reife für
-eine Irrenanstalt bewies. Und selbstverständlich hätte man sofort Mittel
-finden können, um Sie ... zu beruhigen. Aber aus gewissen besonderen
-Gründen entschloß man sich zur Nachsicht mit Ihnen, und es wurden
-Erkundigungen über Sie eingezogen. So stellte es sich heraus, daß Sie
-früher allerdings zur guten Gesellschaft gehört haben und Gardeoffizier
-gewesen sind, jetzt jedoch in der Gesellschaft nicht mehr empfangen
-werden und daß Ihr Ruf heute ein mehr als zweifelhafter ist. Trotzdem
-bin ich hergekommen, um mich persönlich zu unterrichten, und da erlauben
-Sie sich noch zum Überfluß, leere Worte zu machen und sich damit zu
-entschuldigen, daß Sie an Anfällen leiden. Das genügt! Baron Bjoring
-kann in diesem Fall sich und seinen Namen nicht so tief erniedrigen, daß
-er sich auf diese Geschichte überhaupt einläßt ... Und deshalb, mein
-Herr, bin ich ermächtigt, Ihnen zu erklären: Sollten Sie sich noch
-einmal so etwas oder auch nur etwas Ähnliches erlauben, so werden
-unverzüglich Mittel gefunden werden, Sie zur Ruhe zu bringen, und zwar
-schnell und sicher wirkende, davon können Sie überzeugt sein. Wir leben
-nicht in einem Urwalde, sondern in einem wohlgeordneten Staat!«
-
-»Sind Sie wirklich so fest davon überzeugt, mein guter Baron R.?«
-
-»Zum Teufel!« Der Baron sprang plötzlich auf. »Sie führen mich gar zu
-sehr in Versuchung, Ihnen unverzüglich zu beweisen, daß ich keineswegs
->Ihr guter Baron R.< bin!«
-
-»Ich möchte Sie noch einmal darauf aufmerksam machen,« sagte Werssiloff
-und erhob sich gleichfalls, »daß meine Frau und meine Tochter sich hier
-in der Nähe befinden ... und deshalb würde ich Sie bitten, nicht so laut
-zu sprechen, da Ihr Geschrei von ihnen gehört werden könnte.«
-
-»Ihre Frau ... Zum Teufel! Wenn ich hier gesessen und mit Ihnen
-gesprochen habe, so habe ich das nur getan, um Ihnen einen anderen
-Standpunkt in dieser widerlichen Geschichte beizubringen!« fuhr der
-Baron laut und zornig fort und dachte nicht daran, seine Stimme zu
-dämpfen. »Ich habe aber genug davon!« schrie er wütend. »Sie sind nicht
-nur aus dem Kreise anständiger Menschen ausgeschlossen, Sie sind
-überdies noch -- ein Maniak, jawohl, sind mit fixen Ideen behaftet, und
-als solchen hat man Sie uns auch bezeichnet! Sie sind es nicht wert, daß
-man mit Ihnen Nachsicht hat, und ich erkläre Ihnen, heute noch werden
-die erforderlichen Schritte getan werden, und man wird Sie an einen Ort
-beordern, wo man es schon verstehen wird, Sie wieder zur Vernunft zu
-bringen ... und Sie aus der Stadt zu schaffen!« Er verließ das Zimmer
-mit großen, schnellen Schritten. Werssiloff geleitete ihn nicht hinaus:
-er stand da, sah mich zerstreut an, doch wie es schien, ohne mich zu
-sehen; auf einmal lächelte er, schüttelte seine Haare zurück, nahm dann
-seinen Hut und ging zur Tür. Ich faßte ihn am Arm.
-
-»Ach, ja, auch du bist hier? Du ... hast es gehört?« Er war vor mir
-stehengeblieben.
-
-»Wie haben Sie das tun können! Wie haben Sie es so entstellen und mir
-diese Schande antun können ...! Und noch dazu mit solcher Arglist!«
-
-Er sah mich die ganze Zeit unablässig an, aber sein Lächeln trat immer
-deutlicher hervor und schien geradezu in ein Lachen übergehen zu wollen.
-
-»Man hat mir die Schmach angetan ... vor ihren Augen! Vor ihren Augen!
-Man hat mich verspottet, und er ... hat mich auf der Straße gestoßen!«
-schrie ich außer mir.
-
-»Wirklich? Ach, du armer Junge, wie ich dich bedauere ... So hat man
-dich dort verspottet?«
-
-»Sie lachen noch, Sie lachen noch über mich! Sie finden es lächerlich!«
-
-Er riß seinen Arm aus meiner Hand, setzte den Hut auf und verließ
-lachend, bereits wirklich lachend, die Wohnung. Wozu sollte ich ihm
-nachlaufen, wozu jetzt noch? Ich hatte alles begriffen und -- in einem
-Augenblick alles verloren! Auf einmal sah ich meine Mutter in der Tür;
-sie war von oben heruntergekommen und blickte sich ängstlich um.
-
-»Ist er fortgegangen?«
-
-Ich umfing sie schweigend, und sie drückte sich fest, fest an mich,
-schmiegte sich geradezu an mich.
-
-»Mama, Liebste, können Sie denn wirklich noch bei ihm bleiben? Kommen
-Sie gleich mit mir, ich werde Sie verbergen und beschützen, ich werde
-für Sie wie ein Sträfling arbeiten, für Sie und für Lisa ... Kommen Sie,
-verlassen wir sie alle, alle, und gehen wir fort! Leben wir ganz allein!
-Mama, wissen Sie noch, wie Sie mich bei Touchard besuchten und ich Sie
-nicht anerkennen wollte?«
-
-»Ich weiß es noch, Liebling; ich bin mein Leben lang schuldig vor dir;
-ich habe dich geboren und dich nicht gekannt.«
-
-»Daran ist nur er schuld, Mama, er allein ist an allem schuld; er hat
-Sie niemals geliebt!«
-
-»Doch, er hat mich geliebt.«
-
-»Gehen wir, kommen Sie, Mama!«
-
-»Wohin soll ich denn von ihm fortgehen, ist er denn glücklich?«
-
-»Wo ist Lisa?«
-
-»Sie liegt zu Bett; als sie nach Haus kam, fühlte sie sich nicht wohl
-und legte sich hin. Ich habe solche Angst. Ist man denn dort sehr böse
-auf ihn? Was werden sie jetzt mit ihm tun? Wohin ist er gegangen? Womit
-hat dieser Offizier ihm hier gedroht?«
-
-»Ach, widerfahren wird ihm ja deshalb doch nichts, beruhigen Sie sich,
-Mama; ihm widerfährt nie etwas, und ihm kann auch nichts widerfahren. Er
-ist schon einmal so ein Mensch! Da kommt Tatjana Pawlowna, fragen Sie
-die, wenn Sie mir nicht glauben, da ist sie!« (Tatjana Pawlowna trat aus
-dem Korridor ins Zimmer.) »Auf Wiedersehen, Mama. Ich werde gleich
-zurückkommen, und dann werde ich Sie nochmals dasselbe fragen ...«
-
-Ich eilte hinaus; ich konnte keinen Menschen sehen, wer es auch sein
-mochte, nicht nur Tatjana Pawlowna; auch Mama quälte mich. Ich wollte
-allein sein, allein!
-
-
- V.
-
-Aber ich hatte kaum eine Straße durchschritten, als ich schon fühlte,
-daß ich nicht mehr gehen konnte, daß ich mich sinn- und zwecklos unter
-diesen fremden teilnahmslosen Menschen herumstieß. Doch wo sollte ich
-bleiben? Wer brauchte mich, und -- was brauchte ich? Ich schleppte mich
-weiter und verfolgte ganz mechanisch den gewohnten Weg zum Fürsten
-Ssergei Petrowitsch. Dabei dachte ich aber gar nicht an ihn. Er war
-nicht zu Haus. Dem Pjotr (seinem Diener) sagte ich, ich würde im
-Kabinett auf ihn warten (was ich schon oft getan hatte). Das Kabinett
-war ein großer hoher Raum, in dem sehr viele Möbel standen. Ich suchte
-mir den dunkelsten Winkel aus, setzte mich dort auf einen Diwan, stützte
-die Ellbogen auf den Tisch und den Kopf in die Hände. Ja, das war die
-Frage: »Was brauchte ich jetzt?« Wenn ich damals diese Frage bewußt
-hätte formulieren können, so wäre ich doch zu nichts weniger fähig
-gewesen, als sie zu beantworten.
-
-Aber ich konnte weder vernünftig denken noch logische Fragen
-formulieren. Ich habe schon einmal gesagt, daß ich zu guter Letzt von
-den Ereignissen förmlich erdrückt war. Ich saß dort, und in meinem Kopf
-drehte sich alles. In mir war ein Chaos. »Ja, ich habe alles in ihm
-übersehen und nichts bemerkt, nichts begriffen,« ging es mir flüchtig
-durch den Sinn. »Er hat mir soeben ins Gesicht gelacht; aber er lachte
-nicht über mich: er hat ja die ganze Zeit nur an Bjoring gedacht, nicht
-an mich. Vorgestern bei Tisch, als ich bei ihnen aß, da wußte er schon
-alles und war finster. Er hat meine dumme Beichte in jenem
-Kellerrestaurant aufgegriffen und sie auf Kosten der Wahrheit entstellt.
-Aber wozu? Er glaubt ja selbst nicht ein halbes Wort von dem, was er in
-seinem Brief an sie geschrieben hat. Ihm war es nur darum zu tun, sie zu
-beleidigen, sinnlos und grundlos zu beleidigen, ohne selbst zu wissen,
-wozu; er hat einfach den ersten besten Vorwand benutzt, und diesen
-Vorwand gab ich ihm mit meiner Beichte ... Die Tat eines tollen Hundes!
-Will er jetzt etwa Bjoring totschießen? Warum? Sein Herz wird es schon
-wissen, warum! Ich aber habe keine Ahnung davon, was in seinem Herzen
-vorgeht ... Nein, nein, auch jetzt weiß ich es nicht ...! Sollte er sie
-denn wirklich bis zu solcher Leidenschaft lieben? Oder sie so
-leidenschaftlich hassen? Ich weiß es nicht; aber weiß er es denn selbst?
-Was sagte ich vorhin meiner Mutter, >daß ihm nichts widerfahren kann<,
--- was wollte ich damit sagen? Habe ich ihn verloren, oder habe ich ihn
-noch nicht verloren?«
-
-»... Sie hat gesehen, wie ich gestoßen wurde ... Sie hat wohl gelacht!
--- oder sollte sie nicht gelacht haben? Ich hätte an ihrer Stelle
-gelacht! Der Spion wurde geschlagen, der Spion ...!«
-
-»Was hat er damit sagen wollen« (das fiel mir ganz plötzlich ein), »was
-hat er damit sagen wollen, was er in diesen schändlichen Brief noch
-hineingeflochten hat, daß das Dokument, ihr Brief, gar nicht verbrannt
-worden ist und noch existiert ...?«
-
-»Er wird Bjoring nicht totschießen, er sitzt jetzt bestimmt in dem
-Kellerrestaurant und hört die >Lucia<. Aber nach der >Lucia< wird er
-vielleicht hingehen und Bjoring erschießen. Bjoring hat mich gestoßen,
-das ist so gut wie geschlagen; hat er mich wirklich geschlagen? Bjoring
-ist sogar zu stolz, Werssiloff zu fordern, wie sollte er da eine
-Forderung von mir annehmen? Vielleicht bleibt mir nichts anderes übrig,
-als ihn morgen auf der Straße niederzuschießen ...« Diesen letzten
-Gedanken ließ ich mir ganz mechanisch durch den Kopf gehen, ohne im
-geringsten dabei zu verweilen.
-
-Hin und wieder war es mir aber, als müsse sogleich die Tür aufgehen und
-Katerina Nikolajewna tritt herein und reicht mir die Hand, und da lachen
-wir beide ... Oh, mein Student, mein _lieber_ Student!
-
-So zogen die Bilder und Gedanken an mir vorüber, wie meine Wünsche sie
-heraufbeschworen, als es im Zimmer schon dunkel geworden war.
-
-»Wie lange ist es denn her, daß ich noch vor ihr stand, mich
-verabschiedete, und sie reichte mir die Hand und lachte? Wie hat es
-geschehen können, daß wir in so kurzer Zeit so entsetzlich weit
-auseinandergekommen sind? Sollte ich nicht einfach zu ihr gehen und mich
-sofort mit ihr aussprechen, im Augenblick, und ganz einfach alles
-erklären, ganz einfach?! Mein Gott, wie ist denn das gekommen, daß so
-plötzlich eine ganz neue Welt angefangen hat! Ja, eine neue Welt, eine
-ganz, ganz neue Welt ... Lisa und der Fürst, die sind noch aus der alten
-... Ich bin doch jetzt hier beim Fürsten. Und Mama, wie hat sie mit ihm
-leben können, wenn es so ist! Ich würde es gekonnt haben, ich könnte
-alles, aber sie? Was soll jetzt werden?« Und in meinem kranken Hirn sah
-ich wie in einem Wirbelwinde die Gestalten Lisas, Anna Andrejewnas,
-Stebelkoffs, des Fürsten, Aferdoffs, aller meiner Bekannten, auftauchen
-und verschwinden. Meine Gedanken wurden immer formloser und
-ungreifbarer: ich war froh, wenn ich einen von ihnen ganz erfassen und
-mich an ihn klammern konnte.
-
-»Ich habe meine >Idee<!« dachte ich auf einmal bewußt.
-
-»Aber ist es auch so? Habe ich das nicht nur auswendig gelernt? Meine
-Idee ist -- Finsternis und Einsamkeit, aber kann ich denn jetzt noch in
-die frühere Einsamkeit und Finsternis zurück, ist das für mich jetzt
-überhaupt noch möglich? Ach, Gott! -- Da hab ich das >Dokument< doch
-noch nicht verbrannt! Ich habe es vorgestern richtig vergessen. Sobald
-ich nach Hause komme, verbrenne ich es am Licht, ja, ich zünde einfach
-ein Licht an und verbrenne den Brief ... Ich weiß nur nicht, ob es das
-ist, woran ich jetzt denke ...«
-
-Es war schon längst dunkel geworden. Pjotr war einmal gekommen, hatte
-mir Licht gebracht und mich gefragt, ob ich zu essen wünschte. Ich hatte
-ihn fortgeschickt und nichts bestellt. Inzwischen war vielleicht eine
-Stunde vergangen, da kam er wieder und brachte mir Tee. Durstig trank
-ich ein ganzes Glas. Ich fragte ihn, wieviel Uhr es sei. Es war halb
-neun, und ich wunderte mich nicht einmal, daß ich schon fünf Stunden
-gesessen hatte.
-
-»Ich bin dreimal eingetreten,« berichtete Pjotr, »aber der Herr schienen
-zu schlafen.«
-
-Ich erinnerte mich nicht, ihn gesehen zu haben; und plötzlich erschrak
-ich sehr darüber, daß ich »geschlafen« hatte. Ich stand auf und begann
-im Zimmer auf und ab zu gehen, um nicht wieder zu »schlafen«.
-Schließlich bekam ich heftige Kopfschmerzen. Es hatte gerade zehn
-geschlagen, als auf einmal der Fürst eintrat. Ich wunderte mich, daß ich
-im Glauben gewesen war, auf ihn zu warten: ich hatte ihn ganz vergessen
-und überhaupt nicht mehr an ihn gedacht.
-
-»Sie sind hier, und ich bin zu Ihnen gefahren, um Sie abzuholen,« sagte
-er zu mir.
-
-Sein Gesicht war finster und streng; keine Spur von einem Lächeln war zu
-sehen. Sein Blick war wie ein einziger starrer Gedanke.
-
-»Ich habe mich den ganzen Tag herumgeplagt, habe alles versucht,« fuhr
-er mit reglosem Gesicht fort, »aber alles ist zusammengestürzt, und vor
-mir steht das Entsetzen ...«
-
-(_NB._ Zum alten Fürsten Nikolai Iwanowitsch war er doch nicht
-gegangen.) »Ich habe Shibelski gesehen und gesprochen, das ist ein
-unmöglicher Mensch. Also: zuerst muß man das Geld haben, dann kann man
-weiter sehen. Wenn es aber auch mit dem Gelde nicht gelingt, dann ...
-Aber ich habe schon beschlossen, vorläufig _daran_ nicht mehr zu denken.
-Verschaffen wir uns heute nur das Geld, das weitere werden wir dann
-morgen sehen. Ihr Gewinn von vorgestern ist noch unangerührt. Es fehlten
-nur drei Rubel an dreitausend. Nach Abzug Ihrer Schuld bekommen Sie noch
-dreihundertundvierzig Rubel zurück. Nehmen Sie die, und dann noch
-siebenhundert, damit Sie tausend haben, und ich nehme die übrigen
-zweitausend. Und jetzt fahren wir zu Serschtschikoff, setzen uns jeder
-an ein anderes Ende des Tisches und versuchen, zehntausend Rubel zu
-gewinnen, -- vielleicht gelingt uns etwas; wenn nicht -- dann ...
-Übrigens ist das das einzige, was uns noch bleibt.«
-
-Er sah mich fatalistisch an.
-
-»Ja! ja!« rief ich plötzlich begeistert, und ich fühlte mich förmlich
-erlöst. »Fahren wir zu Serschtschikoff! Ich habe ja nur deshalb auf Sie
-gewartet ...«
-
-In Wirklichkeit hatte ich die ganze Zeit nicht einen Augenblick an das
-Roulette gedacht.
-
-»Aber die Feigheit? Die Erbärmlichkeit dieses Versuchs?« fragte auf
-einmal der Fürst.
-
-»Sie meinen, daß wir's mit dem Spiel versuchen? Aber das ist doch das
-einzige!« rief ich. »Geld ist ja alles! Nur wir zwei sind solche
-Heilige, Bjoring hat sich doch verkauft, Anna Andrejewna hat sich
-verkauft, Werssiloff aber -- haben Sie schon gehört, daß Werssiloff ein
-Maniak ist? Ein Maniak! Ein Maniak!«
-
-»Sind Sie nicht krank, Arkadi Makarowitsch? Sie haben so sonderbare
-Augen.«
-
-»Sagen Sie das etwa, weil Sie ohne mich hinfahren wollen? Nein, ich
-bleibe jetzt nicht zurück. Mir hat doch nicht umsonst die ganze Nacht
-vom Spiel geträumt! Fahren wir, fahren wir!« rief ich, als hätte ich
-damit die Lösung aller Rätsel gefunden.
-
-»Nun, so fahren wir, wenn Sie auch Fieber haben, dort aber ...«
-
-Er sprach den Satz nicht zu Ende. Ein schwerer unheimlicher Ausdruck lag
-in seinem Gesicht. Wir brachen auf.
-
-»Wissen Sie auch,« sagte er plötzlich, und blieb in der Tür stehen, »daß
-es für mich noch einen anderen Ausweg gibt, außer dem Spiel?«
-
-»Was für einen denn?«
-
-»Einen fürstlichen!«
-
-»Was ...? Was meinen Sie?«
-
-»Das werden Sie später erfahren. Nur dieses eine lassen Sie sich gesagt
-sein: daß ich dieses Auswegs nicht mehr würdig bin, weil es zu spät ist.
-Fahren wir, aber behalten Sie meine Worte. Versuchen wir es mit dem
-lakaienhaften Ausweg ... Als ob ich nicht wüßte, daß ich bewußt, aus
-freiem Willen hinfahre und handle wie ein -- Lakai!«
-
-
- VI.
-
-Ich fuhr zum Roulette, als läge in ihr allein mein Heil, meine Rettung;
-dabei hatte ich doch, wie ich schon sagte, bis zur Ankunft des Fürsten
-überhaupt nicht an das Spiel gedacht. Und ich fuhr ja auch gar nicht
-hin, um für mich zu spielen, sondern um mit dem Gelde des Fürsten für
-den Fürsten zu spielen; deshalb begreife ich nicht, was mich so mächtig
-hinzog, aber es zog mich unwiderstehlich hin. Oh, noch niemals waren mir
-diese Menschen, diese Gesichter, diese Croupiers, diese ewig gleichen
-Ausrufe, dieser ganze widerliche Saal bei Serschtschikoff so ekelhaft
-erschienen, so düster, so roh und traurig, wie an diesem Abend! Ich
-erinnere mich nur zu gut des Wehs und der Traurigkeit, die in diesen
-Stunden am Spieltisch von Zeit zu Zeit mein Herz ergriffen. Aber weshalb
-ging ich nicht fort? Weshalb ertrug ich das wie mein Los, wie mein
-Verhängnis, wie ein Opfer, das ich auf mich nahm? Ich kann von mir nur
-eines sagen: daß ich damals wohl kaum zurechnungsfähig war. Und doch
-hatte ich noch nie zuvor so vernünftig gespielt wie an diesem Abend. Ich
-war schweigsam und hatte alle meine Gedanken beisammen, war aufmerksam
-und furchtbar berechnend; ich konnte geduldig ausharren und geizig sein
-und gleichzeitig schnell entschlossen in dem Augenblick, wo es zu
-handeln galt. Ich hatte mich wieder in der Nähe des Zero hingesetzt,
-also wieder zwischen Serschtschikoff und Aferdoff, der immer an
-Serschtschikoffs rechter Seite saß; der Platz zwischen ihnen war mir
-verleidet, aber ich wollte es unbedingt wieder mit Zero versuchen, und
-die übrigen Plätze in der Nähe von Zero waren alle besetzt. Wir spielten
-schon reichlich eine Stunde, als ich auf einmal von meinem Platze aus
-sah, wie der Fürst sich mit bleichem Gesicht erhob, zu uns herüberkam
-und meinem Platz gegenüber an der anderen Seite des Tisches stehenblieb:
-er hatte alles verspielt und sah schweigend meinem Spiel zu, doch
-wahrscheinlich ohne etwas davon zu verstehen oder überhaupt noch an das
-Spiel zu denken. Ich hatte gerade erst angefangen zu gewinnen, und
-Serschtschikoff zahlte mir das gewonnene Geld aus. Plötzlich sah ich,
-wie Aferdoff ruhig die Hand ausstreckte und vor meinen Augen mit der
-größten Gelassenheit einen meiner Hundertrubelscheine nahm und zu dem
-Geldhaufen legte, der vor ihm lag. Ich schrie auf und packte seine Hand.
-Das geschah alles so plötzlich, so unerwartet: ich zerriß mit einem Ruck
-gleichsam alle meine Ketten; es war, als ob alle Schrecken und
-Kränkungen dieses Tages sich plötzlich in diesem einen Augenblick
-zusammengeballt hätten mit dieser erneuten Kränkung des Bestohlenwerdens
-um hundert Rubel. Es war, als hätte alles, was sich in mir angesammelt
-hatte und von mir unterdrückt worden war, nur auf diesen Anstoß
-gewartet, um zu explodieren.
-
-»Der hier ist ein Dieb! Er hat mir soeben einen Hundertrubelschein
-gestohlen!« schrie ich und sah mich wild im Kreise um.
-
-Ich vermag die Aufregung nicht zu beschreiben, die meine Worte
-hervorriefen: ein solcher Skandal war hier etwas ganz Neues. Bei
-Serschtschikoff führte man sich tadellos auf, sein Spielzirkel war dafür
-bekannt. Aber ich war außer mir. Und da hörte man auf einmal, mitten in
-dem Lärm und Geschrei, Serschtschikoffs Stimme:
-
-»Tatsächlich, das Geld ist fort, während es noch vor einem Augenblick
-hier lag! Vierhundert Rubel!«
-
-Da kam nun plötzlich noch diese andere Geschichte hinzu: auch aus der
-Bank war Geld verschwunden, ein Päckchen Banknoten von vierhundert
-Rubeln. Serschtschikoff wies auf die Stelle, wo das Geld gelegen hatte,
-»noch vor einem Augenblick«, und diese Stelle war gerade neben mir, ja,
-sie stieß fast an den Platz, wo mein Geld lag, und befand sich somit
-viel näher bei mir als bei Aferdoff.
-
-»Hier ist der Dieb! Das hat er gleichfalls gestohlen, durchsuchen Sie
-ihn!« rief ich und wies auf Aferdoff.
-
-»Das kommt alles nur daher,« übertönte eine mächtige Stimme das ganze
-erregte Stimmengewirr, »daß man hier Menschen zuläßt, die keiner kennt.
-Leute ohne Empfehlungen! Wer hat ihn eingeführt? Wer ist er überhaupt?«
-
-»Ein gewisser Dolgoruki.«
-
-»_Fürst_ Dolgoruki?«
-
-»Fürst Ssokolski hat ihn eingeführt!« schrie jemand.
-
-»Hören Sie, Fürst,« schrie ich über den ganzen Tisch ihm zu, »jetzt hält
-man hier mich für den Dieb, während ich es bin, der hier bestohlen
-worden ist! Sagen Sie ihnen, sagen Sie ihnen doch, wer ich bin!«
-
-Doch was nun geschah, war das Schrecklichste von allem, was mir an
-diesem Tage widerfahren war ... ja, was mir in meinem ganzen Leben
-widerfahren ist: der Fürst verleugnete mich. Ich sah, wie er mit den
-Achseln zuckte und auf die Fragen, mit denen man ihn von allen Seiten
-bestürmte, scharf und deutlich zur Antwort gab:
-
-»Ich stehe für keinen ein. Ich bitte, mich in Ruhe zu lassen.«
-
-Währenddessen stand Aferdoff, umgeben von einem ganzen Kreise von
-Herren, und verlangte mit lauter Stimme, man solle ihn durchsuchen. Er
-drehte schon selbst alle seine Taschen um. Aber auf seine Forderung
-wurde ihm beschwichtigend zugerufen: »Nein, nein, nicht nötig, wir
-wissen schon, wer der Dieb ist!« Zwei Diener, die man gerufen hatte,
-ergriffen mich und hielten meine Arme auf dem Rücken fest.
-
-»Ich lasse mich nicht durchsuchen, ich erlaube es nicht!« schrie ich
-empört und suchte mich loszureißen.
-
-Aber ich wurde ins Nebenzimmer geschleppt und dort mitten in der mich
-umstehenden Menschenschar bis in die letzte Falte durchsucht. Ich schrie
-und widersetzte mich aus allen Kräften.
-
-»Er hat das Geld wohl fortgeworfen, man muß auf dem Teppich suchen,«
-meinte schließlich jemand.
-
-»Wo denn jetzt noch auf dem Teppich suchen?«
-
-»Vielleicht hat er es noch irgend wohin unter den Tisch werfen können!«
-
-»Jetzt ist natürlich jede Spur verloren ...«
-
-Man führte mich hinaus, aber es gelang mir noch, in der Tür mich einmal
-zurückzuwenden und in wahnsinnigem Jähzorn über den ganzen Saal hin zu
-schreien:
-
-»Das Roulette ist von der Polizei verboten! Heute noch werde ich Sie
-alle anzeigen!«
-
-Ich wurde nach unten geführt, in meinen Pelz gesteckt, und ... dann
-öffnete man vor mir die Haustür.
-
-
- Neuntes Kapitel.
-
-
- I.
-
-Der Tag hatte mit einer Katastrophe geendet, aber es blieb noch die
-Nacht. Was ich von dieser Nacht im Gedächtnis behalten habe, ist
-folgendes.
-
-Ich glaube, es wird kurz nach zwölf gewesen sein, als ich mich so
-plötzlich wieder auf der Straße befand. Es war eine klare, stille,
-frostige Nacht. Ich lief fast und beeilte mich sehr, aber -- nicht auf
-dem Wege nach Hause.
-
-»Wozu nach Hause? Kann es denn für mich jetzt noch ein Zuhause geben?
-Zuhause ... da würde ich morgen aufwachen, um weiterzuleben! Aber ist
-denn das für mich jetzt noch möglich? Mein Leben ist zu Ende, jetzt kann
-ich doch unter keinen Umständen mehr leben!« Und so irrte ich durch die
-Straßen, ohne darauf zu achten, wohin ich ging, ja, ich weiß nicht
-einmal, ob ich überhaupt ein Ziel hatte, wohin ich laufen wollte. Mir
-war sehr heiß und ich schlug fortwährend meinen schweren Pelz auf.
-»Jetzt hat für mich schon nichts mehr einen Zweck,« dachte ich, und so
-schien es mir damals wirklich, »gleichviel, was ich noch unternehmen
-wollte.« Und sonderbar: alles ringsum, selbst die Luft, die ich atmete,
-schien mir auf einmal von einem anderen Planeten zu sein, ganz, als
-befände ich mich jetzt auf dem Monde. Alles das -- die Stadt, die
-Menschen, die noch vereinzelt gingen, das Trottoir, auf dem ich
-dahineilte -- alles das _gehörte schon nicht mehr zu mir_. »Da ist der
-Schloßplatz, dort ist die Isaakskirche,« sagte irgend etwas in mir,
-»aber jetzt gehen sie mich nichts mehr an.« Alles hatte sich mir
-gleichsam entfremdet, alles war auf einmal nicht mehr _mein_. »Ich habe
-Mama, ich habe Lisa -- aber was sind mir jetzt noch Lisa und Mama? Alles
-ist zu Ende, alles hat mit einem Schlage aufgehört, nur das eine ist und
-bleibt, was jetzt für ewig feststeht: daß ich ein -- Dieb bin.«
-
-»Wie soll ich beweisen, daß ich kein Dieb bin? Ist das jetzt überhaupt
-noch möglich? Nach Amerika gehen? Was beweist man damit? Werssiloff wird
-der erste sein, der glauben wird, ich hätte gestohlen! Meine >Idee<? Was
-für eine >Idee<? Was ist die >Idee< jetzt noch? Auch nach fünfzig, nach
-hundert Jahren wird sich immer noch einer finden, der auf mich weist und
-sagt: >Der da -- ist ein Dieb. Er hat die Verwirklichung seiner »Idee«
-damit begonnen, daß er am Spieltisch Geld stahl< ...«
-
-War damals Wut in mir? Ich weiß es nicht; vielleicht. Sonderbar, ich
-habe immer diesen eigentümlichen Charakterzug gehabt, vielleicht schon
-von meiner frühesten Kindheit an: wenn man mir Böses getan, mich
-beleidigt, bis zur letzten Demütigung erniedrigt hatte, so war in mir
-jedesmal sofort das unwiderstehliche Verlangen erwacht, mich passiv der
-Beleidigung zu unterwerfen oder womöglich den Wünschen der Beleidiger
-noch entgegenzukommen. »Da seht, ihr habt mich erniedrigt, ich aber
-erniedrige mich selbst noch mehr, seht und freut euch!« Touchard schlug
-mich und wollte mich fühlen lassen, daß ich ein Bedienter wäre und nicht
-wie die anderen ein Senatorensohn, und da nahm ich sofort selbst die
-Rolle des Bedienten auf mich. Ich reichte ihm nicht nur die Kleider,
-sondern griff noch selber zur Bürste, um auch das letzte Stäubchen von
-ihm abzubürsten; und es geschah nicht auf seinen Wunsch oder Befehl hin,
-wenn ich im Eifer der Erfüllung meiner Bedientenpflicht ihm sogar
-nachlief, um noch ein Federchen von seinem Frack abzubürsten, so daß er
-mir schließlich selbst Einhalt gebot: »Schon gut, schon gut, Arkadi, es
-genügt.« Oder er kam nach Hause und zog seinen Überrock aus: da nahm ich
-den Überrock und bürstete ihn gewissenhaft, legte ihn sorgfältig
-zusammen und bedeckte ihn noch mit einem bunten, seidenen Tuch. Ich
-wußte, daß die Kameraden mich deshalb verachteten und auslachten, -- oh,
-das wußte ich ganz genau, aber auch das war mir recht: »Wenn man einmal
-will, daß ich Diener sei, nun gut, dann bin ich Diener. Ihr glaubt, ich
-sei ein geborener Knecht -- nun gut, dann bin ich eben ein Knecht!«
-Passiven Haß und untergründige Wut habe ich jahrelang mit mir
-herumtragen können. Und als ich bei Serschtschikoff wie ein Rasender
-schrie, ich würde sie alle anzeigen, das Roulette sei von der Polizei
-verboten, -- da kam, ich schwöre es, in diesem Schrei eben nur jener
-erwähnte Charakterzug zum Ausdruck: man hatte mich erniedrigt,
-durchsucht, für einen Dieb erklärt, moralisch vernichtet, -- »nun, so
-hört denn alle, daß ich nicht nur ein Dieb bin, sondern auch ein
-Denunziant!« Wenn ich jetzt daran zurück denke, kann ich mir das nur so
-erklären; damals aber dachte ich natürlich durchaus nicht an eine
-Analyse meiner Gefühle. Ich schrie es einfach in den Saal hinein, ganz
-ohne vorgefaßte Absicht, noch eine Sekunde vorher wußte ich nicht, daß
-ich das schreien würde: _es_ schrie aus mir, von selbst -- denn es ist
-nun einmal ein solcher Zug in meiner Seele.
-
-Zweifellos begann ich damals, als ich so durch die Straßen irrte, schon
-im Fieber zu phantasieren, aber trotzdem erinnere ich mich genau, daß
-ich noch bewußt handelte. Allerdings kann ich mit aller Bestimmtheit
-versichern, daß ein ganzer Kreis von Gedanken und Folgerungen für mich
-damals schon nicht mehr faßbar war; ich fühlte und wußte in den
-Augenblicken sogar selbst, daß ich »gewisse Gedanken noch denken kann,
-an andere aber schon gar nicht mehr herankomme«. Ebenso konnten manche
-meiner Entschlüsse, obschon ich sie mit klarem Bewußtsein faßte, an sich
-jeder Logik bar sein. Und nicht nur das: ich weiß noch ganz genau, daß
-ich in manchen Augenblicken die Unsinnigkeit eines Entschlusses
-vollkommen klar erkennen und doch in demselben Augenblick mit vollem
-Bewußtsein die Ausführung dieses Entschlusses beginnen konnte. Ja, ein
-Verbrechen drängte sich mir förmlich auf in jener Nacht, und nur ein
-Zufall war es, daß es nicht geschah.
-
-Mir fiel auf einmal eine Bemerkung ein, die Tatjana Pawlowna höhnisch zu
-Werssiloffs Verhalten gemacht hatte: er hätte doch an die Nikolaibahn
-gehen und seinen Kopf auf die Schienen legen können, da wäre er ihm ohne
-weiteres abgeschnitten worden. Dieser Gedanke bemächtigte sich für einen
-Augenblick aller meiner Gefühle, aber ich wies ihn sofort und mit einem
-jähen Schmerz von mir. »Den Kopf auf die Schienen legen und sterben, und
-morgen sagt man von mir: das hat er deshalb getan, weil er gestohlen
-hat, aus Scham und Reue hat er das getan, -- nein, um keinen Preis!« Und
-in eben diesem Augenblick, das weiß ich noch, kam plötzlich eine
-furchtbare Wut über mich. »Nun was?« dachte ich erbost, »rechtfertigen
-kann ich mich ja doch auf keine Weise, ein neues Leben anzufangen ist
-gleichfalls unmöglich, und deshalb -- sollte ich mich da nicht
-dreinfügen, Bedienter, Hund, ein Käfer, den man zertritt, ein
-Denunziant, ein richtiger Denunziant werden, und dabei heimlich mich
-vorbereiten und dann auf einmal -- alles plötzlich in die Luft sprengen,
-alles vernichten, alles und alle, Schuldige und Unschuldige, damit dann
-alle auf einmal erfahren, daß das derselbe getan hat, den sie einen Dieb
-genannt haben ... und dann natürlich auch mich selbst umbringen!«
-
-Ich weiß nicht mehr, auf welchem Wege ich in eine Querstraße in der Nähe
-des Gardekavallerieboulevards gelangt war. Zu beiden Seiten dieser
-Querstraße zogen sich hohe Steinmauern hin, wohl hundert Schritte weit,
--- die Mauern von Hinterhöfen. Hinter einer dieser Steinmauern an der
-linken Straßenseite gewahrte ich einen riesigen Holzstapel; der Stapel
-war lang und hoch, ganz wie auf einem Holzhof, und überragte die Mauer
-noch um gute zwei Meter. Ich blieb plötzlich stehen und überlegte. In
-meiner Tasche hatte ich Wachszündhölzer in einem kleinen silbernen
-Behälter. Ich sage noch einmal: ich war mir vollkommen dessen bewußt,
-was ich da überlegte, und erinnere mich noch ganz genau daran, was ich
-tun wollte; aber warum ich das tun wollte -- das weiß ich nicht, das
-weiß ich wirklich nicht. Ich weiß nur, daß ich dazu plötzlich sehr große
-Lust hatte. »Auf die Mauer hinaufzuklettern ist nicht schwer,« überlegte
-ich; zwei Schritte von mir war in der Mauer ein Tor, das wohl monatelang
-verschlossen blieb. »Wenn man unten auf den Vorsprung tritt,« überlegte
-ich weiter, »so kann man mit der einen Hand den oberen Rand des
-Torflügels fassen und sich mit Leichtigkeit auf die Mauer
-hinaufschwingen, -- und niemand wird es bemerken, ringsum keine
-Menschenseele, nichts, nur lautlose Stille! Und dann setze ich mich
-rittlings auf die Mauer und stecke das Holz in Brand, und dazu brauche
-ich nicht einmal in den Hof hinabzuspringen, ich kann das Holz auch von
-der Mauer aus anstecken; denn es stößt ja fast an die Mauer. Bei dieser
-Kälte wird es noch besser brennen. Ich brauche nur ein Scheit Birkenholz
-zu nehmen ... und selbst das ist nicht einmal nötig: wenn man auf der
-Mauer sitzt, braucht man nur mit einer Hand etwas Birkenrinde von einem
-Scheit abzureißen, anzuzünden und dann zwischen die Scheite des Stapels
-zu stecken, und der Brand wäre da. Ich aber springe dann von der Mauer
-herab und gehe fort; ich brauche nicht einmal zu laufen; denn es wird ja
-noch lange nichts bemerkt werden.« So überlegte ich mir das alles, und
-auf einmal war ich fest entschlossen. Ich empfand ein außerordentliches
-Vergnügen und eine große Lust und schickte mich sofort an,
-hinaufzuklettern. Ich war ein guter Turner: Turnen war schon auf dem
-Gymnasium mein Spezialfach gewesen, aber ich hatte jetzt hohe Galoschen
-an, und da war die Sache doch schwieriger, als ich gedacht hatte. Ich
-konnte mich freilich an einem kleinen, kaum fühlbaren Vorsprung oben mit
-einer Hand festhalten, und ich hob schon die andere Hand, um den
-Mauerrand zu fassen, aber da glitt ich auf einmal aus und fiel rücklings
-hinunter. Ich nehme an, daß ich mit dem Hinterkopf aufs Trottoir
-gefallen bin und wohl eine oder zwei Minuten bewußtlos dagelegen habe.
-Als ich wieder zu mir kam, zog ich mechanisch den Pelz fester um mich;
-denn ich empfand auf einmal eine unerträgliche Kälte; und nur halb
-dessen bewußt, was ich tat, schleppte ich mich zum Tor und setzte mich
-dort in der Vertiefung, im Winkel zwischen der Mauer und dem Torflügel,
-ganz zusammengekauert hin. Meine Gedanken verwirrten sich, und ich
-schlief wohl sehr schnell ein. Wie eines Traumes erinnere ich mich noch,
-daß in meinen Ohren auf einmal tiefer, schwerer Glockenklang ertönte und
-ich mit Lust auf ihn zu lauschen begann.
-
-
- II.
-
-Die Glocke schlug alle zwei oder drei Sekunden einmal fest und sicher
-an, aber das war keine Alarmglocke, sondern ein seltsam schöner,
-schwingender Klang, und schließlich kam er mir so bekannt vor, und da
-sagte ich mir auch schon, daß das ja der Glockenklang von der
-Nikolaikirche ist, der roten Kirche, fast gegenüber dem Hause von
-Touchard, -- der altertümlichen Moskauer Kirche, deren ich mich noch so
-gut erinnere, die noch aus der Zeit des Zaren Alexei Michailowitsch
-stammt und mit reichem Zierat, vielen Türmen und Säulen geschmückt ist.
-Und ich wußte auf einmal, daß die Osterwoche eben vorüber war, und an
-den schmächtigen Birken im Gärtchen hinter dem Hause von Touchard schon
-junge grüne Blättchen zitterten. Die grelle Vorabendsonne schickte ihre
-schrägen Strahlen in unser Klassenzimmer, bei mir aber, in meinem
-kleinen Zimmer links vom Vorraum, wohin Touchard mich schon vor einem
-Jahr aus dem gemeinsamen Raum der »Grafen- und Senatorenkinder« verbannt
-hat, sitzt ein Gast. Ja, ich, der Elternlose, hatte ganz unerwartet
-Besuch bekommen, zum erstenmal, seitdem ich bei Touchard war. Ich hatte
-diesen Besuch sofort erkannt, schon in der Tür: es war Mama. Und doch
-hatte ich sie nur als Dreijähriger gesehen, als sie mich damals in die
-Dorfkirche gebracht hatte, wo ich die Taube durch die Kuppel fliegen
-sah. Wir saßen zusammen in meinem Zimmerchen, und ich musterte sie
-verstohlen. Erst später, viele Jahre nachher, erfuhr ich, daß sie damals
--- Werssiloff war ins Ausland gereist und hatte sie allein
-zurückgelassen -- daß sie damals mit ihrem eigenen spärlichen Gelde und
-aus eigenem Wunsch und Willen nach Moskau gereist war, fast heimlich und
-gegen den Willen derer, in deren Obhut er sie zurückgelassen hatte, und
-das alles nur, um mich wiederzusehen. Sonderbar war auch, daß sie,
-nachdem sie mit Touchard gesprochen hatte und von ihm zu mir geführt
-worden war, mir selbst kein Wort davon sagte, daß sie meine Mutter sei.
-Sie saß neben mir, und ich weiß noch, es wunderte mich, daß sie so wenig
-sprach. Sie hatte ein Bündelchen bei sich und knüpfte es auf: darin
-waren sechs Orangen, einige Lebkuchen und zwei gewöhnliche Franzbrote.
-Diese Franzbrote beleidigten mich geradezu, und ich bemerkte mit
-gekränkter Miene, wir hätten hier eine sehr gute »Kost«, und zum Tee
-bekäme ein jeder von uns ein ganzes Franzbrot.
-
-»Nimm schon vorlieb, Kindchen, ich hab' ja nur so in meiner Einfalt
-gedacht: vielleicht gibt man ihnen da in ihrer Schule nicht gut zu
-essen. Nimm nun schon vorlieb, Kindchen.«
-
-»Antonina Wassiljewna (Touchards Frau) wird es auch übelnehmen. Und die
-Mitschüler werden über mich lachen ...«
-
-»Dann willst du sie nicht annehmen? oder vielleicht ißt du sie doch?«
-
-»Meinetwegen, lassen Sie sie hier ...«
-
-Aber ich rührte nichts an; die Orangen und Lebkuchen lagen vor mir auf
-dem Tischchen, ich aber saß da mit niedergeschlagenen Augen und einer
-Miene, die sehr viel persönliche Würde ausdrücken sollte. Wer weiß,
-vielleicht wollte ich es vor ihr auch gar nicht verbergen, daß ihr
-Besuch mich vor meinen Mitschülern bloßstellte; ich wollte sie das
-vielleicht doch ein wenig fühlen lassen, damit sie begriffe, was das
-heißt: »Siehst du, du blamierst mich und begreifst das nicht einmal
-selbst!« Oh, ich lief schon damals mit der Bürste hinter Touchard her,
-um das letzte Stäubchen von seinem Rock zu entfernen! Ich stellte mir
-auch vor, wieviel Spott ich, wenn sie erst fortgegangen wäre, von den
-anderen Jungen zu ertragen haben würde und vielleicht auch von Touchard
-selbst, -- deshalb war nicht das geringste gute Gefühl für sie in meinem
-Herzen. Nur heimlich betrachtete ich ihr dunkles, bescheidenes, wohl
-auch schon altes Kleid, ihre ziemlich derben, fast verarbeiteten Hände,
-ihre ganz einfachen Stiefel und ihr stark abgemagertes Gesicht; auf
-ihrer Stirn bildeten sich schon feine Falten; und doch sagte Antonina
-Wassiljewna am Abend zu mir, als meine Mutter schon wieder fortgegangen
-war: »Ihre _maman_ muß einmal sehr gut ausgesehen haben.«
-
-So saßen wir in meinem Zimmerchen, als auf einmal Agafja hereinkam und
-auf einem Präsentierteller eine Tasse Kaffee brachte. Es war nach dem
-Mittag, und Touchards pflegten um diese Zeit in ihrem Wohnzimmer Kaffee
-zu trinken. Aber Mama dankte und nahm die Tasse nicht: wie ich später
-erfuhr, trank sie damals überhaupt keinen Kaffee, weil sie davon
-Herzklopfen bekam. Nun hielten aber Touchards in ihren Herzen schon die
-Erlaubnis, daß meine Mutter mich sehen durfte, für eine ungeheure Gnade,
-so daß die Tasse Kaffee, die sie noch meiner Mutter schickten, in ihren
-Augen schon eine Art Großtat der Menschenliebe war, die ihre
-Herzensbildung und europäische Fortgeschrittenheit aufs schlagendste
-bewies. Und nun hatte Mama gerade diese Tasse Kaffee abgelehnt!
-
-Ich wurde zu Touchard gerufen, und er sagte mir, ich solle alle meine
-Hefte und Bücher nehmen und sie meiner Mutter zeigen: »Damit sie sieht,
-wieviel Kenntnisse Sie in meiner Anstalt erworben haben«. Antonina
-Wassiljewna schob schmollend die Lippen vor und sagte gekränkt und
-spöttisch:
-
-»Ihrer _maman_ scheint unser Kaffee nicht zugesagt zu haben.«
-
-Ich suchte meine Hefte zusammen und ging mit ihnen an allen »Grafen- und
-Senatorensöhnen«, die sich im Klassenzimmer zusammendrängten und meine
-Mutter und mich betrachteten, vorüber ins kleine Zimmer zu Mama, die
-mich erwartete. Und siehe da, ich fand sogar Gefallen daran, Touchards
-Befehl mit buchstäblicher Genauigkeit auszuführen. »Dies hier sind
-Lektionen aus der französischen Grammatik, dies hier sind Diktate, dies
-hier sind Konjugationen der Hilfszeitwörter _avoir_ und _être_,{[58]}
-dies hier ist Geographie, Beschreibungen der Hauptstädte Europas und
-aller Weltteile« usw. Ich erklärte ihr das alles wohl eine halbe Stunde
-lang oder noch länger, erklärte mit eintönigem Kinderstimmchen, den
-Blick sittsam gesenkt. Ich wußte, daß Mama von den Wissenschaften keine
-Ahnung hatte, vielleicht nicht einmal schreiben konnte, aber gerade
-deshalb gefiel ich mir in meiner Rolle. Doch ermüden konnte ich sie
-nicht: sie hörte mir die ganze Zeit unverändert zu, ohne mich zu
-unterbrechen, und sogar mit ungeheurer Aufmerksamkeit, ja fast
-Ehrfurcht, so daß es schließlich mir selbst langweilig wurde und ich
-aufhörte; übrigens war ihr Blick traurig, und in ihrem Gesicht lag etwas
-Schmerzliches.
-
-Endlich erhob sie sich, um fortzugehen; da kam aber gerade Touchard
-herein und erkundigte sich bei ihr mit lächerlich wichtiger Miene, ob
-sie mit den Fortschritten ihres Sohnes zufrieden wäre. Mama wußte nicht,
-was sie sagen sollte, stammelte irgend etwas und dankte ihm dann, und
-als auch Antonina Wassiljewna herzukam, bat sie sie beide, mich, »den
-Waisenknaben« doch nicht zu verlassen, »er ist doch so gut wie verwaist,
-seien Sie seine Wohltäter ...« Und mit Tränen in den Augen verneigte sie
-sich vor ihnen, vor jedem besonders und mit einer tiefen Verbeugung,
-ganz so, wie »einfache« Leute sich verneigen, wenn sie stolze
-Herrschaften um irgend etwas bitten. Touchards hatten das offenbar nicht
-erwartet; Antonina Wassiljewna war sogar etwas gerührt und änderte wohl
-ihre Ansicht über die Ablehnung der Tasse Kaffee. Touchard dagegen
-erwiderte mit noch größerer Wichtigkeit und nahezu selbst ergriffen von
-so viel »Humanität« seinerseits, daß er »zwischen den Kindern keinen
-Unterschied mache, hier seien alle seine Kinder und er ihr Vater, und
-ich stände bei ihm fast auf der gleichen Stufe mit Senatoren- und
-Grafensöhnen, und das dürfe man nicht unterschätzen« usw. Mama verneigte
-sich nur, schien aber verwirrt zu sein; schließlich wandte sie sich an
-mich und sagte mit Tränen in den Augen: »Leb wohl, Jungchen!«
-
-Und sie küßte mich, das heißt, ich erlaubte ihr, mich zu küssen. Sie
-hatte sichtlich das Vergnügen, mich immer wieder zu küssen, mich zu
-umfassen, an sich zu drücken, aber war es nun, daß sie sich vor den
-Menschen schämte, oder daß ein bitteres Gefühl sich ihrer bemächtigte,
-oder daß sie erriet, daß ich mich ihrer schämte, -- jedenfalls ging sie,
-nachdem sie sich nochmals vor Touchards verneigt hatte, eilig zur Tür.
-Ich stand und rührte mich nicht.
-
-»_Mais suivez donc votre mère_,« sagte Antonina Wassiljewna zu mir, »_il
-n'a pas de coeur cet enfant!_«{[59]}
-
-Touchard zuckte dazu nur mit den Achseln, was natürlich so viel sagte
-wie: »Du siehst, ich behandle ihn doch nicht ohne Grund wie einen
-Bedienten.«
-
-Ich folgte gehorsam meiner Mutter; wir traten auf die Treppe hinaus. Ich
-wußte, daß sie jetzt alle durch das Fenster uns nachsahen. Mama wandte
-sich zur Kirche und bekreuzte und verneigte sich dreimal; ihre Lippen
-bebten. Vom Turm kam tiefer, volltönender Glockenklang, schlug sicher an
-und summte. Mama wandte sich zu mir zurück, und -- da konnte sie sich
-nicht mehr bezwingen: sie legte beide Hände auf meinen Kopf und brach in
-Tränen aus und weinte über meinem Haupt.
-
-»Mamachen, nicht ... schämen Sie sich doch ... Die anderen sehen durch
-das Fenster ...«
-
-Sie fuhr auf und sagte eilig, sich fast überstürzend:
-
-»Ja, ich geh schon ... Gott ... Gott beschütze dich ... mögen die Engel
-dich behüten, die heilige Mutter Gottes und der heilige Nikolai, der
-Gottesknecht ... Gott, lieber Gott!« murmelte sie schnell und bekreuzte
-mich immer wieder, immer wieder, als könne sie in der Eile mich nicht
-genug segnen. »Mein Jungchen, du mein Lieber! Wart, Jungchen ...«
-
-Sie griff schnell mit der Hand in ihre Kleidertasche und holte ein
-blaukariertes Tüchlein hervor, von dem ein Zipfel zu einem Knoten
-gebunden war, und sie versuchte eilig, diesen Knoten zu lösen ... es
-gelang ihr aber nicht ...
-
-»Nun, tut nichts, nimm's mit dem Tüchelchen: es ist ganz sauber, sieh,
-vielleicht kannst du's brauchen, es sind vier Zwanziger drin, vielleicht
-hast du mal ein bißchen Geld nötig, verzeih, Jungchen, mehr hab' ich
-gerade selber nicht ... verzeih, Jungchen.«
-
-Ich nahm das Tüchlein, wollte aber schon bemerken, daß wir von Herrn
-Touchard und Antonina Wassiljewna alles bekämen, was wir brauchten und
-ich folglich nichts nötig hätte, doch ich unterdrückte diese Bemerkung
-und nahm das Tüchlein mit dem Gelde von ihr an.
-
-Sie bekreuzte mich noch einmal, flüsterte noch einmal ein Gebet, und auf
-einmal -- auf einmal verneigte sie sich auch vor mir, ganz wie oben vor
-Touchards, -- es war eine tiefe, langsame, lange Verneigung -- nie werde
-ich das vergessen! Ich zuckte zusammen und wußte selbst nicht, warum.
-Was wollte sie mit dieser Verneigung sagen? Wollte sie vielleicht »ihre
-Schuld vor mir bekennen?« wie ich mich später einmal fragte, lange
-nachher, -- ich weiß es nicht. Damals aber schämte ich mich deshalb noch
-viel mehr; denn »die sehen doch alles durch das Fenster, und Lambert
-wird mich noch mehr hauen,« dachte ich.
-
-Endlich verließ sie mich. Die Orangen und Lebkuchen hatten die Grafen-
-und Senatorensöhne schon vor meiner Rückkehr verspeist, und die vier
-Zwanziger nahm mir sogleich Lambert weg: für diese achtzig Kopeken
-kauften sie in der Konditorei Kuchen und Schokolade und aßen alles
-allein auf; mir boten sie nicht einmal etwas an.
-
-Es verging ein halbes Jahr, und der windige, regnerische Oktober war
-gekommen. An meine Mutter dachte ich gar nicht mehr. Oh, damals war
-bereits Haß, dumpfer Haß gegen alles in mein Herz gedrungen und hatte es
-ganz durchtränkt; zwar bürstete ich noch immer Touchards Kleider, aber
-ich haßte ihn schon aus aller Kraft, und mit jedem Tage wurde mein Haß
-noch größer. In dieser Zeit machte ich mich einmal an einem trübseligen
-Abend daran, ich weiß selbst nicht warum, in meiner Schublade zu kramen,
-und da erblickte ich plötzlich in einer Ecke ihr blaukariertes
-Batisttüchlein; es lag dort, wie ich es damals hineingeworfen hatte. Ich
-zog es hervor und betrachtete es mit einer gewissen Neugier: der eine
-Zipfel verriet noch deutlich den Knoten und hatte sogar noch einen
-glatten runden Abdruck von der Größe eines Zwanzigers; übrigens legte
-ich das Tüchlein wieder an dieselbe Stelle zurück und schob die
-Schublade zu. Es war am Abend vor einem Feiertage und die Glocke von der
-nahen St. Nikolaikirche läutete zur Messe. Die anderen Zöglinge waren
-schon nach dem Mittag nach Haus gefahren, nur Lambert war diesmal
-geblieben und blieb auch den ganzen Feiertag über da -- aus irgendeinem
-bestimmten Grunde hatte man ihn nicht abgeholt. Zwar schlug er mich noch
-wie früher, aber er machte mich damals auch schon in vielen Dingen zu
-seinem Vertrauten, und als solchen hatte er mich nötig. Wir sprachen den
-ganzen Abend von Pistolen des Systems Lepage, von denen weder er noch
-ich jemals eine gesehen hatten, von tscherkessischen Säbeln und wie man
-mit ihnen dreinhaut, und dann, wie schön es doch wäre, eine Räuberbande
-zu gründen, und zu guter Letzt ging Lambert wieder auf sein
-Lieblingsthema über, auf die bewußten schändlichen Geschichten, die ich,
-obschon ich mich im geheimen darüber wunderte, doch sehr gern anhörte.
-An diesem Abend aber konnte ich sie nicht mehr ertragen, und ich sagte,
-ich hätte Kopfschmerzen. Um zehn Uhr gingen wir zu Bett. Ich zog meine
-Decke über den Kopf und holte dann unter dem Kissen ihr blaues Tüchlein
-hervor: eine Stunde vorher hatte ich es, ich weiß nicht weshalb, wieder
-aus der Schublade geholt und, da unsere Betten schon aufgedeckt waren,
-unter mein Kopfkissen gesteckt. Ich drückte es gleich an mein Gesicht,
-und plötzlich begann ich es zu küssen: »Mama, Mama,« flüsterte ich, und
-die Erinnerung preßte mir wie ein Schraubstock die Brust zusammen. Ich
-schloß die Augen und sah ihr Gesicht mit den bebenden Lippen, als sie
-sich vor der Kirche bekreuzt und nachher über mir das Kreuz geschlagen
-hatte, und ich, ich hatte in diesem Augenblick zu ihr sagen können:
-»Schämen Sie sich doch ... Die anderen sehen durch das Fenster!«
-»Mamachen, liebe Mama, einmal im Leben bist du bei mir gewesen ...
-Mamachen, wo bist du jetzt, du liebe, du mein lieber Gast aus der Ferne?
-Denkst du jetzt noch an deinen armen Jungen, zu dem du einmal gekommen
-bist? ... Zeig dich mir doch noch einmal, erscheine mir wenigstens im
-Traum, nur damit ich dir sagen kann, wie ich dich liebe! Ich will dich
-nur umfassen und deine blauen Augen küssen, will dir nur sagen, daß ich
-mich deiner jetzt gar nicht mehr schäme, daß ich dich auch damals schon
-liebte und mein Herz mir weh tat, als ich so dasaß wie ein Bedienter!
-Niemals wirst du erfahren, Mama, wie ich dich damals geliebt habe!
-Mamachen, wo bist du jetzt? Hörst du mich? Mama, liebe Mama, weißt du
-noch, wie das Täubchen dort in der Dorfkirche durch die Kuppel flog?«
-
-»Zum Teufel ... Was fehlt ihm, daß er einen nicht schlafen läßt!«
-brummte Lambert wütend in seinem Bett. »Wart nur, ich werde dich ...!«
-Er springt aus dem Bett, kommt zu mir gelaufen und will mir die
-Bettdecke wegreißen, ich aber habe mich ganz in sie hineingewickelt und
-halte sie krampfhaft fest.
-
-»Er heult! Was weinst du, Dummkopf? So'n Schaf! Da hast du eins!« -- und
-er haut mich, haut mich immer stärker, auf den Rücken, in die Seite, die
-Schläge werden immer schmerzhafter und ... und auf einmal schlage ich
-die Augen auf ...
-
-Der Morgen graut schon, auf dem Schnee und an der Mauer blitzen weiße
-Eisnadeln ... Ich sitze zusammengekauert, halb noch bewußtlos, halb
-erfroren in meinem Pelz, und über mich beugt sich jemand, weckt mich,
-schimpft dabei laut und stößt mich mit der Fußspitze schmerzhaft in die
-Seite. Ich sehe auf: es ist ein Herr in einem kostbaren Bärenpelz, auf
-dem Kopf eine Zobelmütze; er hat schwarze Augen, einen pechschwarzen
-gepflegten Backenbart, eine gebogene Nase, blendend weiße Zähne, ein
-weißes Gesicht und rote Wangen: fast ein Maskengesicht ... Er beugt sich
-ganz nah zu mir herab, und bei jedem Wort fliegt sein Atem in der Kälte
-wie Dampf.
-
-»Erfroren! Teufel! Besoffene Fratze! Steh auf, erfrierst sonst wie ein
-Hund, steh auf! Steh auf!«
-
-»Lambert!« schreie ich.
-
-»Wer bist du?«
-
-»Dolgoruki!«
-
-»Zum Teufel, was für ein Dolgoruki?«
-
-»_Einfach_ Dolgoruki! ... Bei Touchard ... Der, dem du im Restaurant die
-Gabel in den Schenkel gestoßen hast!«
-
-»Ha--a--a!« ruft er aus und lächelt, sich erinnernd, ein langes,
-verwundertes Lächeln (sollte er mich wirklich vergessen haben?) »Ha!
-also du bist es, du!«
-
-Er hilft mir aufstehen, stellt mich auf die Füße; ich kann kaum stehen,
-kaum mich bewegen, er führt mich, stützt mich mit dem Arm. Er sieht mir
-in die Augen, scheint nachzudenken, um sich zu erinnern und horcht
-aufmerksam auf mein Gestammel, und ich stammle ununterbrochen und so
-schnell ich kann, und ich bin so froh, so froh, daß ich sprechen kann,
-und bin froh, daß es gerade Lambert ist. Erschien er mir nun als mein
-»Retter«, oder klammerte ich mich deshalb so an ihn, weil ich ihn in dem
-Augenblick für einen Menschen aus einer anderen Welt hielt, -- ich weiß
-es nicht, ich dachte nicht darüber nach, -- ich hielt mich an ihm fest,
-ohne mir Rechenschaft zu geben, warum und weshalb ich es tat. Ich weiß
-auch nicht, was ich sprach, ich erinnere mich keines Wortes, doch es
-wird wohl nichts Vernünftiges gewesen sein; denn ich konnte ja kaum ein
-Wort verständlich hervorbringen; aber er war ganz Ohr. Irgendwo
-erblickte er einen Schlitten, rief den Kutscher an, und wenige Minuten
-später saß ich in einem warmen Zimmer.
-
-
- III.
-
-Jeder Mensch, wer er auch sei, hat unter seinen Erinnerungen sicherlich
-eine an ein besonderes Erlebnis, das er für etwas mehr oder weniger
-Phantastisches, Außergewöhnliches, wenn nicht gar Wunderbares hält oder
-zu halten geneigt ist, gleichviel, ob das nun ein Traum, eine Begegnung,
-eine Weissagung oder eine Vorahnung oder sonst etwas von der Art ist.
-Ich für mein Teil bin auch heute noch geneigt, mein Zusammentreffen
-damals mit Lambert für ein Ereignis von nahezu mystischer Bedeutung zu
-halten ... wenigstens was die Umstände und die Folgen des
-Zusammentreffens anbelangt. Übrigens war dabei von seiner Seite alles
-auf die natürlichste Weise zugegangen: er war ganz einfach von seiner
-nächtlichen Beschäftigung (welcher Art dieselbe war, soll später erklärt
-werden) halbbetrunken nach Hause gegangen, und als er in dieser
-Querstraße beim Tor einen Augenblick stehengeblieben war, hatte er mich
-erblickt. In Petersburg hielt er sich erst seit kurzer Zeit auf.
-
-Das Zimmer, in das er mich gebracht hatte, war ein nicht großes,
-spärlich möbliertes Petersburger _Chambre garnie_{[60]} mittlerer Güte.
-Das stach insofern von ihm ab, als seine Kleider wirklich gut und teuer
-waren. Auf dem Fußboden standen zwei kleine Koffer, die erst zur Hälfte
-ausgepackt waren. Eine Ecke des Zimmers war durch einen Schirm
-abgeteilt, hinter dem ein Bett stand.
-
-»Alphonsine!« rief Lambert.
-
-»_Présente!_«{[61]} antwortete hinter dem Schirm eine plärrende
-Frauenstimme mit deutlichem Pariser Akzent, und es dauerte nicht länger
-als höchstens zwei Minuten, da hüpfte hinter dem Schirm Mademoiselle
-Alphonsine hervor, die gerade aus dem Bett kam und schnell in ein paar
-Kleidungsstücke und in eine Morgenjacke geschlüpft war, -- ein
-sonderbares Geschöpf, lang und mager wie ein Holzspan, brünett, mit
-einer langen Taille, einem langen Gesicht, unruhigen Augen und
-eingefallenen Wangen, -- ein furchtbar verlebtes Frauenzimmer!
-
-»Schnell!« rief Lambert (ich übersetze, er sprach Französisch mit ihr),
-»die Leute hier müssen ihre Teemaschine schon aufgestellt haben, --
-schnell heißes Wasser, Rotwein und Zucker, auch ein Glas, aber schnell,
-er ist beinah erfroren ... Er ist mein Schulkamerad ... er hat die Nacht
-draußen im Schnee zugebracht ...«
-
-»_Malheureux!_«{[62]} rief sie aus und schlug mit einer theatralischen
-Gebärde die Hände zusammen.
-
-»Still! Wirst du wohl ...!« schrie Lambert sie drohend an, wie einen
-Hund; sie unterließ sofort alle weiteren Gebärden und lief hinaus, um
-seinem Befehl nachzukommen.
-
-Er besah und betastete mich, fühlte mir auch den Puls, legte die Hand
-auf meine Stirn, an meine Schläfen.
-
-»Unbegreiflich ist mir,« brummte er, »daß du nicht erfroren bist ...
-Allerdings warst du ganz im Pelz, auch dein Kopf war zugedeckt, hocktest
-da wie in einer Pelzhöhle ...«
-
-Das heiße Getränk tat mir gut, ich schluckte gierig und fühlte mich
-sogleich wie neubelebt; ich begann auch gleich wieder zu sprechen,
-zusammenhanglos stammelnd. Ich saß halb liegend in der Diwanecke und
-sprach unaufhörlich, sprach atemlos, aber was ich sprach, dessen
-entsinne ich mich wiederum fast gar nicht, und manches habe ich sogar
-vollständig vergessen, weshalb in meiner Erinnerung an diese Stunden
-große Lücken sind. Wie gesagt: wieviel er von meinem Gerede verstanden
-hat, das weiß ich nicht, aber eines ist mir nachher doch ganz klar
-geworden: soviel wird er immerhin verstanden haben, daß er in der
-Begegnung mit mir sogleich die Möglichkeit eines Vorteils für sich
-erspäht hat ... Ich werde später noch darauf zurückkommen, was für eine
-Berechnung er damals hat machen können.
-
-Nach dem heißen Getränk wurde ich nicht nur sehr gesprächig, sondern
-zeitweise sogar fröhlich. Ich erinnere mich noch, wie die Sonne auf
-einmal ins Zimmer schien, als die Vorhänge weggezogen wurden, wie das
-Feuer im Ofen prasselte, nachdem jemand ihn angeheizt hatte -- aber wer
-das getan hatte und wann und wie, das weiß ich alles nicht mehr.
-Auch erinnere ich mich eines auffallend kleinen schwarzen
-Bologneserhündchens, das Mademoiselle Alphonsine im Arm hielt und kokett
-an ihr Herz drückte. Dieses Hündchen gefiel mir so ausnehmend, daß ich
-sogar zu erzählen aufhörte und mich zweimal vorbeugte, ich glaube, um
-das Tierchen zu streicheln, aber das mißfiel Lambert, und auf einen Wink
-von ihm zog Alphonsina sich mitsamt dem Hündchen sofort hinter den
-Schirm zurück.
-
-Er selbst war auffallend schweigsam, saß mir gegenüber, hatte sich sogar
-stark zu mir vorgebeugt und hörte mir gespannt zu; hin und wieder
-erschien langsam ein Lächeln auf seinem Gesicht, und er lächelte lange
-und kniff dabei die Augen zusammen, als suche er hinter den Zusammenhang
-des Gehörten zu kommen; jedenfalls schien er angestrengt nachzudenken.
-Das einzige, wessen ich mich von meiner Erzählung noch ganz klar
-erinnere, ist, daß ich mich, als ich ihm von dem »Dokument« erzählte,
-auf keine Weise verständlich auszudrücken und die Geschichte
-zusammenhängend wiederzugeben vermochte, und daß ich dabei an seinem
-Gesicht sah, wie gern er diese wirre Geschichte verstanden hätte, bis er
-mich schließlich sogar mit einer Frage unterbrach; das war insofern ein
-Wagnis, als ich, sobald ich unterbrochen wurde, von etwas ganz anderem
-weitersprach und das früher Erzählte vergaß. Wie lange wir so gesessen
-und gesprochen haben, weiß ich nicht und kann ich mir nicht einmal
-denken. Plötzlich stand er auf und rief Alphonsine.
-
-»Er braucht Ruhe; vielleicht wird man auch nach dem Arzt schicken
-müssen. Was er verlangt -- das muß alles sofort getan werden, das heißt
-... _vous comprenez, ma fille? Vous avez de l'argent_,{[63]} nicht? Da!«
-
-Er gab ihr einen Zehnrubelschein und flüsterte noch ziemlich lange mit
-ihr. Ich hörte nur, wie er zwischendurch immer wieder »_vous comprenez?
-vous comprenez?_«{[64]} fragte. Er schien ihr etwas einzuschärfen,
-drohte ihr dabei mit dem Finger und runzelte mit strengem Gesicht die
-Brauen.
-
-Ich sah, daß sie furchtbare Angst vor ihm hatte.
-
-»Ich komme bald wieder, du aber mußt dich jetzt erst ausschlafen,« sagte
-er darauf mit einem Lächeln zu mir und nahm seine Mütze.
-
-»_Mais vous n'avez pas dormi du tout, Maurice!_«{[65]} rief Alphonsine
-pathetisch.
-
-»_Taisez-vous, je dormirai après._«{[66]}
-
-Damit ging er hinaus.
-
-»_Sauvée!_«{[67]} flüsterte sie mir zu und deutete mit pathetisch
-ausgestrecktem Arm ihm nach.
-
-»Monsieur, Monsieur!« fuhr sie gleich darauf fort, zu deklamieren und
-stellte sich großartig mitten im Zimmer vor mir auf, »_jamais homme ne
-fut si cruel, si Bismarck que cet être, qui regarde une femme comme une
-saleté de hasard. Une femme, qu'est-ce que c'est que ça dans notre
-époque? >Tue la!< voilà le dernier mot de l'Académie française!_«{[68]}
-
-Ich sah sie erstaunt an; vor meinen Augen verdoppelte sich alles, ich
-glaubte schon zwei Alphonsinen vor mir zu sehen ... Plötzlich bemerkte
-ich, daß sie weinte: ich fuhr zusammen und wurde mir bewußt, daß sie ja
-schon sehr lange zu mir sprach, und ich folglich geschlafen haben mußte,
-wenn ich nicht bewußtlos gewesen war.
-
-»... _Hélas! de quoi m'aurait-il servi de le découvrir plus tôt_,« rief
-sie, »_et n'aurais-je pas autant gagné à tenir ma honte cachée toute ma
-vie? Peut-être, n'est-il pas honnête à une demoiselle de s'expliquer si
-librement devant monsieur, mais enfin je vous avoue que s'il m'était
-permis de vouloir quelque chose, oh, ce serait de lui plonger au coeur
-mon couteau, mais en détournant les yeux, de peur que son regard
-exécrable ne fît trembler mon bras et ne glaçât mon courage! Il a
-assassiné ce pope russe, monsieur, il lui arracha sa barbe rousse pour
-la vendre à un artiste en cheveux au pont des Maréchaux, tout près de la
-Maison de monsieur Andrieux -- hautes nouveautés, articles de Paris,
-linge, chemises, vous savez, n'est-ce pas? ... Oh, monsieur, quand
-l'amitié rassemble à table épouse, enfants, soeurs, amis, quand une vive
-allégresse enflamme mon coeur, je vous demande, monsieur: est-il bonheur
-préférable à celui dont tout jouit? Mais il rit, monsieur, ce monstre
-exécrable et inconcevable et si ce n'était pas par l'entremise de
-monsieur Andrieux, jamais, oh, jamais je ne serais ... Mais quoi,
-monsieur, qu'avez vous, monsieur?_«{[69]}
-
-Sie eilte auf mich zu: ich werde wohl vor Fieber oder Frost gezittert
-haben, oder vielleicht war es ein Ohnmachtsanfall. Ich kann gar nicht
-sagen, was für einen bedrückenden, krankhaften Eindruck dieses
-halbverrückte Geschöpf auf mich machte. Vielleicht glaubte sie, sie
-müsse mich zerstreuen -- wenn Lambert ihr das nicht ausdrücklich
-befohlen hatte; wenigstens verließ sie mich keinen Augenblick.
-Vielleicht war sie einmal beim Theater gewesen; sie deklamierte
-entsetzlich, drehte und bewegte sich ohne Unterlaß, und das Sprechen
-nahm bei ihr überhaupt kein Ende, während ich schon lange verstummt war.
-Soweit ich ihr Geschwätz verstanden habe, war sie auf irgendeine Weise
-mit der _Maison de monsieur Andrieux -- hautes nouveautés, articles de
-Paris, etc._ eng verknüpft, ja vielleicht war sie sogar aus dieser
-_Maison de monsieur Andrieux_ hervorgegangen; nun aber war sie auf ewig
-von diesem _monsieur Andrieux_ getrennt worden, und zwar durch dieses
-_monstre furieux et inconcevable_,{[70]} und darin bestand nun die
-Tragödie ... Sie weinte fürchterlich, aber mir schien, daß sie sich nur
-verstellte und eigentlich gar nicht daran dachte, wirklich zu weinen;
-manchmal schien es mir, daß sie gleich auseinanderfallen werde wie
-ein Skelett. Sie sprach mit einer seltsam gequetschten,
-tremolierenden Stimme; das Wort _préférable_ sprach sie zum Beispiel
-»_préfér--a--able_« aus, und das _a_ blökte sie wie ein Schaf. Einmal
-sah ich, als ich gerade zu mir kam und wieder die Augen aufschlug, daß
-sie mitten im Zimmer eine Pirouette machte, aber sie tanzte dabei nicht
-etwa, sondern diese Pirouette gehörte auch auf irgendeine Weise zu der
-Erzählung und sollte die Sache wohl nur anschaulicher machen. Plötzlich
-eilte sie zu dem alten, kleinen, ganz verstimmten Pianino, das an einer
-Wand stand, klimperte und begann zu singen. Wahrscheinlich bin ich dann
-wieder eingeschlafen oder eine Zeitlang bewußtlos gewesen, aber da
-bellte das Bologneserhündchen, und ich erwachte: das Bewußtsein kehrte
-mir für kurze Zeit mit voller Klarheit zurück und ließ mich alles
-deutlich in hellem, klarem Licht erkennen; ich erschrak und sprang auf.
-
-»Lambert, ich bin bei Lambert!« dachte ich, griff schnell nach meiner
-Mütze und stürzte zu meinem Pelz.
-
-»_Où allez-vous, monsieur?_«{[71]} rief Alphonsina erschrocken und eilte
-zu mir, um mich festzuhalten.
-
-»Ich will fort, ich will hinaus! Lassen Sie mich, halten Sie mich nicht
-fest ...«
-
-»_Oui, monsieur! Oh oui, je comprends!_« nickte Alphonsina und lief
-selbst voraus, um mir die Tür zum Korridor zu öffnen. »_Mais ce n'est
-pas loin, monsieur, ce n'est pas loin du tout, ça ne vaut pas la peine
-de mettre votre manteau, c'est ici près, monsieur!_«{[72]} rief sie mir
-zu.
-
-Ich bog aber, als ich auf den Korridor trat, schnell nach rechts.
-
-»_Par ici, monsieur, c'est par ici!_«{[73]} schrie sie aus Leibeskräften
-und klammerte sich mit ihren langen knochigen Fingern an meinen Pelz,
-und mit der anderen Hand wies sie nach links in den Korridor,
-irgendwohin, wohin ich gar nicht wollte.
-
-Ich riß mich los und lief durch die Tür am Ende des Korridors auf die
-Treppe hinaus.
-
-»_Il s'en va, il s'en va!_« kreischte Alphonsina hinter mir drein und
-rannte mir nach. »_Mais il me tuera, monsieur, il me tuera!_«{[74]}
-
-Aber ich war schon auf der Treppe, und es gelang mir, obgleich sie mir
-noch auf die Treppe nachstürzte, die Haustür zu öffnen, mich auf die
-Straße zu retten und in den ersten besten Schlitten zu springen. Dem
-Kutscher nannte ich Mamas Adresse ...
-
-
- IV.
-
-Aber das Bewußtsein, das für einen Augenblick hell geworden war, erlosch
-sehr schnell wieder. Kaum, kaum erinnere ich mich noch dessen, wie ich
-heimfuhr und dann zu Mama hineingeführt wurde, dann aber trat bei mir
-schon vollständige Bewußtlosigkeit ein. Am folgenden Tage soll ich, wie
-man mir später erzählt hat, auf kurze Zeit wieder zu mir gekommen sein
-(übrigens habe auch ich noch einiges von diesem Tage behalten). Ich
-erinnere mich, wenn auch nur unklar, daß ich mich in Werssiloffs Zimmer
-auf seinem Diwan befand; erinnere mich der Gesichter Werssiloffs, Mamas,
-Lisas, erinnere mich sogar noch genau daran, daß Werssiloff mir irgend
-etwas von Serschtschikoff und dem Fürsten erzählte, mir immer wieder
-einen Brief zeigte, mir zuredete und mich zu beruhigen suchte. Später
-haben sie mir erzählt, ich hätte angstvoll nach einem Lambert gefragt
-und immer gesagt, ein Hündchen belle. Aber das schwache Licht des
-Bewußtseins erlosch bald: am Abend dieses zweiten Tages hatte ich schon
-hohes Fieber und phantasierte. Doch ich will nicht den Ereignissen
-vorgreifen und zunächst das erzählen, was inzwischen geschehen war, und
-wovon ich noch nichts wußte:
-
-Als ich an jenem Abend Serschtschikoffs Spielzirkel verlassen hatte, und
-man dort wieder ruhiger geworden war, hatte Serschtschikoff nach dem
-Wiederbeginn des Spiels auf einmal mit lauter Stimme erklärt, es wäre
-ein bedauernswerter Irrtum geschehen: die vermißten vierhundert Rubel
-hätten sich unter dem anderen Gelde gefunden, und die Rechnung der Bank
-stimme mit dem vorhandenen Gelde vollkommen überein. Da war denn der
-Fürst, der den Saal noch nicht verlassen hatte, auf Serschtschikoff
-zugetreten und hatte von ihm in sehr bestimmtem Tone verlangt, daß er
-meine Unschuld sofort vor allen Anwesenden bezeuge und sich außerdem
-schriftlich bei mir entschuldige. Serschtschikoff fand diese Forderung
-durchaus gerechtfertigt und gab dem Fürsten in Gegenwart aller sein Wort
-darauf, daß er am nächsten Tage an mich schreiben, den Sachverhalt
-klarlegen und in aller Form seine Entschuldigung aussprechen werde. In
-der Tat erhielt Werssiloff, dessen Adresse der Fürst angegeben hatte, am
-nächsten Tage von Serschtschikoff einen Brief an mich und außerdem noch
-über tausenddreihundert Rubel, die mir gehörten und von mir auf dem
-Spieltisch vergessen worden waren. So war denn der peinigende
-Zwischenfall im Spielzirkel abgetan: diese freudige Nachricht trug
-später, als ich mein Bewußtsein wiedererlangt hatte, unendlich viel zu
-meiner Genesung bei.
-
-Der Fürst aber hatte, nachdem er aus dem Spielzirkel heimgekehrt war,
-noch in derselben Nacht zwei Briefe geschrieben: den einen an mich, den
-anderen an sein ehemaliges Regiment, bei dem er die Geschichte mit dem
-Kornett Stepanoff gehabt hatte. Beide Briefe hatte er am nächsten Morgen
-abgeschickt. Darauf hatte er einen Rapport abgefaßt und mit diesem
-Rapport in der Hand sich schon am frühen Morgen zu seinem
-Regimentskommandeur begeben, um ihm zu melden, daß er ein
-Staatsverbrecher sei und sich als Mitbeteiligter an der Fälschung der
-und der Aktien dem Gericht stelle und bitte, das Verfahren gegen ihn
-einzuleiten. Damit hatte er ihm den Rapport eingehändigt, in dem das
-alles schriftlich dargelegt war. Er wurde verhaftet.
-
-Hier ist der Brief, den er in jener Nacht an mich geschrieben hat:
-
- Teuerster Arkadi Makarowitsch!
-
- Da ich es mit einem lakaienhaften »Ausweg« versucht habe, habe ich
- somit das Recht verloren, mich auch nur ein wenig mit dem Gedanken
- zu trösten, daß auch ich mich schließlich zu einer mutigen Tat habe
- entschließen können. Ich bin schuldig vor meinem Vaterlande und dem
- ganzen Geschlecht der Fürsten Ssokolski, und als der Letzte des
- Geschlechts richte ich mich selbst. Ich verstehe nicht, wie ich mich
- an den niedrigen Gedanken der Selbsterhaltung habe klammern und eine
- Zeitlang daran denken können, mich mit Geld von ihnen loszukaufen!
- Vor meinem Gewissen wäre ich doch ewig ein Verbrecher geblieben. Und
- selbst wenn diese Leute mir die kompromittierenden Briefe
- zurückgegeben hätten, sie hätten mich doch mein ganzes Leben lang
- nicht in Ruh gelassen! Was blieb mir übrig: mit ihnen zu leben, mein
- Lebtag an sie gefesselt, mit ihnen unter einer Decke zu sein -- das
- war's, was mich erwartete! Dieses Leben konnte ich nicht annehmen
- und habe schließlich doch so viel Kraft in mir gefunden oder
- vielleicht auch nur Verzweiflung, um so zu handeln, wie ich jetzt
- handle.
-
- Ich habe an meine ehemaligen Regimentskameraden geschrieben und
- Stepanoff rehabilitiert. In dieser Handlungsweise liegt keineswegs
- eine Sühne und kann auch gar keine liegen: das ist ja nur das
- Testament eines Menschen, der morgen ein Toter ist. Nur so ist das
- aufzufassen.
-
- Verzeihen Sie mir, daß ich gestern im Spielsaal nicht für Sie
- einstand; es geschah das, weil ich in dem Augenblick Ihrer nicht
- sicher war. Jetzt, da ich schon ein toter Mensch bin, kann ich sogar
- das eingestehen ... aus jener Welt.
-
- Arme Lisa! Sie weiß noch nichts von diesem Entschluß; möge sie
- selbst entscheiden, ob sie mich verurteilen soll. Ich kann mich
- nicht rechtfertigen und finde nicht einmal Worte, um ihr auch nur
- das geringste zu erklären. Sie, Arkadi Makarowitsch, sollen auch
- noch erfahren, daß ich ihr gestern früh, als sie zum letztenmal bei
- mir war, auch meinen Betrug aufgedeckt und ihr gesagt habe, daß ich
- zu Anna Andrejewna gefahren war, um dieser einen Antrag zu machen.
- Ich konnte das nicht auf meinem Gewissen behalten, nachdem ich
- meinen letzten Entschluß schon gefaßt hatte, als ich ihre Liebe zu
- mir sah; und so gestand ich es ihr. Sie vergab mir, vergab mir
- alles, aber ich glaubte ihr nicht; eine solche Vergebung gibt es
- nicht; ich an ihrer Stelle könnte das nicht vergeben.
-
- Vergessen Sie mich nicht ganz.
-
- Ihr unglücklicher letzter
-
- Fürst Ssokolski.
-
- * * * * *
-
-Ich lag neun Tage lang bewußtlos.
-
-
-
-
- Dritter Teil
-
-
- Erstes Kapitel.
-
-
- I.
-
-Jetzt -- von etwas ganz anderem.
-
-Ich kündige zwar immer an: »von etwas anderem, etwas anderem«, und doch
-rede ich nach wie vor immer nur von mir. Dabei habe ich schon tausendmal
-erklärt, daß ich keineswegs mich selbst schildern will: das wollte ich
-sogar unbedingt vermeiden, als ich diese Aufzeichnungen begann. Ich
-verstehe doch, daß ich dem Leser völlig gleichgültig bin. Ich schildere
-andere und wollte ja von Anfang an nur andere schildern, nicht mich, und
-wenn nun meine Person doch immer wieder dazwischen kommt -- so ist das
-nur ein bedauerliches Mißlingen meiner Absicht, da ich es eben auf keine
-Weise vermeiden kann, wie sehr ich es auch möchte. Vor allem ärgert
-mich, daß ich, wenn ich meine eigenen Erlebnisse mit solchem Eifer
-beschreibe, damit selbst den Anlaß gebe, von mir zu denken, ich wäre
-jetzt noch ganz derselbe, der ich damals war. Aber der Leser dürfte sich
-erinnern, daß ich schon mehr als einmal ausgerufen habe: »Oh, wenn ich
-das Geschehene doch umändern und ganz von neuem anfangen könnte!« So
-etwas hätte ich doch nicht ausgerufen, wenn ich inzwischen nicht ein
-vollständig anderer Mensch geworden wäre. Das leuchtet wohl ein; und
-wenn sich einer nur vorstellen könnte, wie zuwider mir schon alle diese
-Entschuldigungen und Vorreden sind, die ich gezwungen bin, alle
-Augenblicke einzuflechten, sogar jetzt noch, mitten in meine
-Aufzeichnungen hinein!
-
-Zur Sache!
-
-Nachdem ich neun Tage lang bewußtlos dagelegen hatte, erwachte ich als
-ein Wiedergeborener, doch nicht als ein Gebesserter; übrigens war meine
-Wiedergeburt ziemlich dumm und natürlich nicht das, was man im weiteren
-Sinne darunter versteht; wenn sie jetzt geschähe, würde sie vielleicht
-ganz etwas anderes sein. Meine Idee, das heißt, mein Gefühl, bestand
-wiederum (wie ja schon tausendmal vorher) nur darin, daß ich von allen
-diesen Menschen fort wollte, diesmal aber unbedingt, und nicht mehr so,
-wie früher, da ich mich tausendmal vor die Entscheidung gestellt und
-mich doch immer nicht endgültig hatte entscheiden können! Rächen wollte
-ich mich an keinem, darauf gebe ich mein Ehrenwort, -- obschon ich von
-ihnen allen beleidigt worden war. Ich wollte einfach weggehen von ihnen,
-ohne Haß, ohne Verwünschungen; ich wollte eigene Kraft zeigen, wirklich
-eigene Kraft, die von keinem von ihnen und niemand in der ganzen Welt
-abhing; hatte ich mich doch mit allem in der Welt beinahe schon
-ausgesöhnt! Dieser Zukunftstraum war damals nicht ein Gedanke, den ich
-erwog, sondern nur eine Empfindung, der ich einfach ausgeliefert war.
-Solange ich im Bette lag, wollte ich diese Empfindung nicht einmal zu
-formulieren versuchen. Ich lag in Werssiloffs Zimmer, das man zu meiner
-Krankenstube gemacht hatte, und erkannte mit Schmerz, wie kraftlos ich
-war: da lag ja nur noch ein Strohhälmchen, aber nicht ein Mensch, ein
-Strohhälmchen auch dann, wenn ich nicht krank gewesen wäre, -- und oh,
-wie mich das kränkte! Doch siehe da, aus der tiefsten Tiefe meines
-Wesens erhob sich ein Protest dagegen, und mir verging der Atem vor
-einem eigenen Gefühl unendlich gesteigerten Hochmuts und maßloser
-Überhebung. Ich kann mich in meinem ganzen Leben keiner Zeit erinnern,
-wo ich von so anmaßenden Gefühlen erfüllt gewesen wäre, wie in jenen
-ersten Tagen meiner Genesung, d. h. wie gerade damals, als ich wie ein
-Strohhälmchen im Bett lag.
-
-Aber fürs erste schwieg ich und nahm mir sogar vor, vorläufig noch über
-nichts nachzudenken. Ich sah ihnen immer nur in die Gesichter und
-bemühte mich, aus ihren Gesichtern alles zu erraten, was ich wissen
-wollte. Ich sah es ihnen an, daß auch sie mich nicht ausfragen und nicht
-neugierig sein wollten, und nach Möglichkeit nur von Nebensächlichem
-sprachen. Das gefiel mir, und zu gleicher Zeit erbitterte es mich
-wieder; diesen Widerspruch will ich nicht weiter erklären. Lisa sah ich
-seltener als Mama, wenn sie auch täglich zu mir hereinkam, gewöhnlich
-sogar zweimal am Tage. Aus einzelnen Bruchstücken ihrer Unterhaltung,
-die ich dann und wann auffing, und auch aus ihrem ganzen Gebaren schloß
-ich, daß Lisa wohl sehr viel zu tun hatte und wegen ihrer eigenen
-Angelegenheiten sogar sehr oft und stundenlang nicht zu Hause war: aber
-schon in dieser Möglichkeit, daß _sie_ »eigene Angelegenheiten« hatte,
-lag für mich gleichsam etwas Kränkendes. Übrigens waren das alles nur
-krankhafte, rein physiologische Empfindungen, die zu beschreiben sich
-nicht lohnt. Auch Tatjana Pawlowna kam fast täglich zu mir, und obgleich
-sie durchaus nicht zärtlich zu mir war und noch nicht einmal besonders
-rücksichtsvoll, so schimpfte sie doch nicht wie früher. Gerade das aber
-ärgerte mich fürchterlich, weshalb ich ihr schließlich ins Gesicht
-sagte: »Sie, Tatjana Pawlowna, Sie sind wahrhaftig, wenn Sie nicht
-schimpfen, geradezu sträflich langweilig!« -- »So, dann komme ich
-überhaupt nicht mehr zu dir,« versetzte sie kurz und ging. Ich aber war
-froh, daß ich wenigstens eine hinausgejagt hatte.
-
-Besonders quälte ich Mama, und über sie ärgerte ich mich am meisten. Es
-stellte sich bei mir ein mächtiger Hunger ein, und ich murrte
-fortwährend darüber, daß ich mein Essen zu spät bekäme (dabei bekam ich
-es niemals zu spät). Mama wußte nicht, wie sie es mir recht machen
-sollte. Einmal brachte sie mir die Suppe und begann, wie sie das
-gewöhnlich tat, selbst mich mit dem Löffel zu füttern, ich aber murrte
-die ganze Zeit und hatte an allem etwas auszusetzen. Plötzlich ärgerte
-ich mich über mich selbst, weil ich so unausstehlich war: »Sie ist
-vielleicht der einzige Mensch, den ich wirklich liebe,« sagte ich mir,
-»und dabei quäle ich gerade sie!« Aber meine Bosheit ließ deshalb nicht
-nach, und auf einmal brach ich vor lauter Wut in Tränen aus, sie aber,
-die Arme, dachte wohl, ich weinte vor Rührung und beugte sich über mich
-und begann mich zu küssen. Ich biß die Zähne zusammen und hielt es aus,
-so gut es ging, aber ich haßte sie in diesem Augenblick wirklich. Und
-doch habe ich Mama immer liebgehabt, und auch damals liebte ich sie und
-haßte sie gar nicht, es geschah nur das, was immer geschieht: wen man am
-meisten liebt, den kränkt man am ehesten.
-
-Wirklich gehaßt habe ich in jenen ersten Tagen nur den Arzt. Es war das
-ein noch junger Mann, der mit aufgeblasener Miene in sehr scharfem Tone
-und sogar recht unhöflich zu reden pflegte. Diese Leute tun wahrhaftig
-immer so, als hätten sie erst gestern und ganz unerwartet etwas
-Besonderes erfahren, was außer ihnen, den Wissenschaftlern, noch niemand
-weiß; dabei haben sie aber in Wirklichkeit überhaupt nichts erfahren.
-Doch so ist ja der Durchschnitt und die »Gasse« immer. Ich ertrug das
-lange genug, aber schließlich riß mir die Geduld, und ich erklärte ihm
-in Gegenwart aller, daß er sich ganz umsonst herbemühe, da ich auch ohne
-seinen Beistand gesund werden würde; daß er, obgleich er sich den
-Anschein eines aufgeklärten Menschen zu geben suche, doch voll von
-Vorurteilen sei und nicht einmal das begreife, daß die Medizin allein
-noch nie einen Menschen geheilt habe; und ich fügte hinzu, daß er aller
-Wahrscheinlichkeit nach vollständig ungebildet wäre, »wie das ja bei uns
-jetzt alle diese Techniker und Spezialisten sind, die neuerdings die
-Nase so schrecklich hoch tragen«. Der Doktor fühlte sich sehr beleidigt
-(damit allein bewies er schon, was für ein Mensch er war), stellte aber
-trotzdem seine Besuche nicht ein. Da erklärte ich Werssiloff, daß ich,
-wenn der Doktor seine Besuche nicht einstellte, ihm irgend etwas noch
-zehnmal Unangenehmeres sagen würde. Werssiloff meinte daraufhin nur, man
-könnte sich wohl kaum etwas ausdenken, was auch nur zweimal unangenehmer
-wäre als das, was ich schon gesagt hatte, geschweige denn etwas zehnmal
-Unangenehmeres. Es freute mich, daß er das bemerkt hatte.
-
-Nein, was das doch für ein Mensch ist! Ich meine Werssiloff. Er, nur er
-allein, war an allem schuld -- und dennoch: nur über ihn allein ärgerte
-ich mich damals nicht. Es war nicht nur sein Verhalten zu mir, das mich
-bestach. Ich glaube, wir fühlten damals beide, daß wir uns gegenseitig
-viele Erklärungen schuldeten ... und daß es gerade deshalb das beste
-war, nichts zu erklären. Es ist wirklich ungemein angenehm, in solchen
-Lebenslagen auf einen klugen Menschen zu stoßen! Ich habe schon im
-zweiten Teil meiner Aufzeichnungen vorgreifend erwähnt, daß er mir sehr
-kurz und klar alles von dem Brief des Fürsten an mich, von
-Serschtschikoff und meiner Rehabilitierung durch ihn usw., mitgeteilt
-hatte. Da ich mir aber vorgenommen hatte, zu schweigen, so stellte ich
-an ihn nur ganz trocken zwei, drei kurze Fragen, auf die er mir wiederum
-klar und genau antwortete, ohne alle überflüssigen Worte und, was das
-beste war, ohne überflüssige Gefühle. Gerade damals fürchtete ich nichts
-so sehr, wie überflüssige Gefühle.
-
-Von Lambert schweige ich, aber der Leser wird natürlich schon erraten
-haben, daß ich nur zu oft an ihn dachte. In meinen Fieberdelirien hatte
-ich mehrmals von ihm gesprochen; aber als man mir dann sagte, ich hätte
-laut phantasiert, erschrak ich und versuchte dahinterzukommen, was sie
-denn gehört haben konnten; doch ich gewann sehr bald die Überzeugung,
-daß sie von Lambert nichts wußten, auch Werssiloff nicht. Das freute
-mich und meine Angst verging. Später jedoch erfuhr ich zu meinem
-Erstaunen, daß ich mich darin getäuscht hatte: Lambert war bereits
-während meiner Bewußtlosigkeit dagewesen, nur hatte Werssiloff mir dies
-verschwiegen, und so konnte ich damals in dem Glauben leben, Lambert
-hätte mich schon vollständig vergessen. Nichtsdestoweniger dachte ich
-oft an ihn, ja, noch mehr als das: ich dachte nicht nur ganz ohne
-Widerwillen an ihn, nicht nur mit einer gewissen Neugier, sondern sogar
-mit wirklichem Interesse, als hätte ein Vorgefühl mir gesagt, daß meine
-Bekanntschaft mit ihm meinen neuen, im Entstehen begriffenen Plänen
-zustatten kommen könnte. Jedenfalls beschloß ich, den Fall Lambert als
-erstes zu überdenken, sobald ich mit dem Nachdenken erst einmal anfangen
-würde. Übrigens verdient ein Umstand, als sonderbar erwähnt zu werden:
-ich hatte vollständig vergessen, wo er wohnte, in welcher Straße sich
-das damals zugetragen hatte. Das Zimmer, die Alphonsina, das Hündchen,
-den Korridor -- alles das sah ich noch so deutlich vor mir, daß ich es
-gleich hätte zeichnen können; aber wo das gewesen war, in welcher
-Straße, in welchem Hause -- dessen konnte und konnte ich mich nicht mehr
-entsinnen. Und das Sonderbarste dabei war noch, daß mir dies erst am
-dritten oder vierten Tage, nachdem ich wieder zu vollem Bewußtsein
-gekommen war, auffiel, während ich mich in Gedanken gerade mit Lambert
-schon lange und eifrig beschäftigt hatte.
-
-Also das waren meine ersten Empfindungen nach meinem Erwachen. Ich habe
-nur das Nebensächlichste aufgezeichnet und das Wichtigste wahrscheinlich
-nicht aufzuzeichnen verstanden. In der Tat, es ist sehr wohl möglich,
-daß alles Hauptsächliche sich gerade damals in meinem Herzen geklärt und
-formuliert hat; ich habe mich in der Zeit doch nicht nur geärgert und
-gebost, etwa weil ich auf meine Suppe warten mußte! Oh, ich weiß noch,
-wie traurig ich zeitweise sein konnte und wie oft ich mich damals
-quälte, besonders wenn ich lange allein blieb. Die anderen hatten zum
-Unglück auch noch herausgefühlt, daß es mir manchmal schwer wurde, mit
-ihnen zusammen zu sein, und daß ihre Teilnahme mich nur reizte, und so
-ließen sie mich denn immer öfter allein: das war nun eine ganz unnötige
-Rücksicht von ihnen, zu der ein vollkommen überflüssiges Feingefühl sie
-veranlaßte.
-
-
- II.
-
-Am vierten Tage nach meinem Erwachen aus der Bewußtlosigkeit lag ich, so
-um drei Uhr nachmittags, in meinem Bett, und es war niemand bei mir. Der
-Tag war hell und sonnig, und ich wußte: nach vier Uhr, wenn die Sonne
-untergeht, wird ein schräger rotgoldener Strahl gerade in die Ecke der
-Wand fallen, an der ich lag, und dort einen grellen Lichtfleck bilden.
-Ich wußte das von den früheren Tagen her, und der Gedanke, daß das in
-einer Stunde unfehlbar eintreten werde, und vor allem, daß ich dies so
-genau voraus wußte, wie das Ergebnis von zwei mal zwei -- gerade das
-erboste mich bis zur Wut. Ich drehte mich wütend auf die andere Seite
-und plötzlich, mitten in der tiefen Stille, hörte ich deutlich die
-Worte: »Herr Jesus Christ, unser Herr und Gott, erbarme dich unser!« Die
-Worte wurden halblaut gemurmelt, darauf folgte ein schwerer Seufzer aus
-tiefster Brust, und dann war wieder alles still. Ich hob schnell den
-Kopf.
-
-Ich hatte auch schon früher, das heißt, schon am Abend vorher, ja sogar
-schon vor zwei Tagen eine gewisse andere Stimmung in unseren drei
-Zimmern hier unten wahrgenommen. In jenem anderen Zimmer, wo früher Mama
-und Lisa geschlafen hatten, schien sich ein fremder Mensch zu befinden.
-Schon ein paarmal hatte ich von dort verschiedene Geräusche gehört,
-sowohl am Tage wie in der Nacht, aber immer nur für ein paar
-Augenblicke, und dann war wieder vollständige Stille eingetreten, wieder
-für mehrere Stunden, so daß ich weiter nicht darauf geachtet hatte.
-Einmal war mir schon der Gedanke gekommen, Werssiloff wäre dort, da er
-bald nach so einem Geräusch bei mir eingetreten war, obgleich ich aus
-ihren Gesprächen entnommen hatte, daß Werssiloff für die Zeit meiner
-Krankheit irgendwohin in eine andere Wohnung gezogen sein mußte, wo er
-wohl auch nächtigte. Von Mama und Lisa wußte ich, daß sie jetzt oben in
-meinem ehemaligen »Sarg« schliefen (damit ich mehr Ruhe hätte, wie ich
-glaubte), und ich fragte mich noch: »Wie haben sie sich denn da zu
-zweien einzurichten vermocht?« Und nun war dort in ihrem früheren Zimmer
-plötzlich doch ein Mensch, und dieser Mensch war -- nicht Werssiloff!
-Mit einer Leichtigkeit, die ich mir gar nicht zugetraut hätte (da ich
-bis dahin gedacht hatte, ich wäre vollkommen kraftlos), setzte ich mich
-auf den Bettrand, schob die Füße in die Pantoffeln, zog den grauen, mit
-Lammfellchen gefütterten Schlafrock an (den Werssiloff für mich geopfert
-hatte), und begab mich durch unser Wohnzimmer nach Mamas früherem
-Schlafzimmer. Was ich dort erblickte, war für mich überraschend genug:
-gerade das hatte ich am wenigsten erwartet! -- ich blieb wie angewurzelt
-auf der Schwelle stehen.
-
-Dort saß ein alter Mann mit ganz grauem, silbergrauem Haar und einem
-großen, furchtbar weißen Bart. Es war klar, daß er schon lange dort saß.
-Er saß nicht auf dem Bett, sondern auf Mamas Fußbank und stützte nur den
-Rücken an das Bett. Übrigens hielt er sich dermaßen gerade, daß es den
-Anschein hatte, als brauchte er überhaupt keine Stütze, wenn man ihm
-auch ansah, daß er krank war. Über dem Hemde hatte er einen kurzen, von
-außen mit Zeug überzogenen Pelz an, über seine Knie war Mamas großes
-Tuch gebreitet und seine Füße staken in Pantoffeln. Man sah sofort, daß
-er von hohem Wuchs sein mußte, dazu war er breitschultrig und machte,
-trotz seines Krankseins, einen sehr rüstigen Eindruck, obgleich er etwas
-bleich und mager war. Er hatte ein längliches Gesicht und dichtes, aber
-nicht sehr langes Haar; sein Alter konnte man auf über siebzig Jahre
-schätzen. Auf einem Tischchen neben ihm lagen, so daß er sie mit der
-Hand erreichen konnte, drei oder vier Bücher und eine silberne Brille.
-Ich hatte zwar mit keinem Gedanken daran gedacht, daß ich diesen
-Menschen hier treffen könnte, aber ich erriet sofort, wer er war, nur
-konnte ich noch immer nicht begreifen, wie er sich in diesen zwei Tagen
-so still hatte verhalten können, daß nebenan in meinem Zimmer fast
-nichts von ihm zu hören gewesen war.
-
-Er rührte sich nicht, als er mich erblickte, sondern sah mich nur
-unverwandt und schweigend an, genau wie ich ihn ansah, bloß mit dem
-Unterschiede, daß in meinen Augen ein maßloses Erstaunen lag, in seinen
-dagegen nicht das geringste. Und nicht nur das, denn als er mich in
-diesen fünf oder zehn Sekunden des Schweigens bis zum letzten Zuge
-betrachtet hatte, lächelte er plötzlich, und dieses Lächeln ging sogar
-in ein stilles, unhörbares Lachen über; und wenn dieses Lachen auch
-schnell verschwand, so blieb von ihm doch ein heller, froher Schein in
-seinem Gesicht zurück, vor allem in seinen Augen, die sehr blau,
-strahlend und groß waren, nur daß die Lider vom Alter schwer geworden
-oder geschwollen zu sein schienen, und viele kleine Fältchen sie
-umgaben. Dieses Lachen wirkte am stärksten auf mich.
-
-Ich finde, wenn ein Mensch lacht, wird es in der Mehrzahl der Fälle
-widerlich, ihn anzusehen. Am häufigsten äußert sich im Lachen der
-Menschen etwas Gemeines, etwas, was den Lachenden erniedrigt, wenn auch
-der Betreffende von dem Eindruck, den er auf andere macht, selbst fast
-nie etwas weiß. Ebensowenig wissen die Menschen, was für ein Gesicht sie
-haben, wenn sie schlafen. Mancher Mensch hat auch im Schlaf ein kluges
-Gesicht, bei manchen aber, und sogar bei klugen Leuten, wird das Gesicht
-im Schlaf furchtbar dumm und deshalb lächerlich. Ich weiß nicht, woher
-das kommt; ich will nur sagen, daß der Lachende, ganz wie der
-Schlafende, von dem Ausdruck des eigenen Gesichts nichts weiß. Die
-übergroße Mehrzahl der Menschen versteht überhaupt nicht, zu lachen.
-Übrigens ist da nichts zu »verstehen«: das ist eine Gabe der Natur, die
-man sich nicht künstlich aneignen kann. Es sei denn, daß man sich selbst
-zu einem ganz anderen Menschen erzieht, sich zum Besseren entwickelt und
-die schlechten Neigungen seines Charakters bekämpft: dann könnte sich
-wohl auch das Lachen zum Besseren verändern. Manch einer verrät sich
-durch sein Lachen vollständig, und man erkennt sofort den ganzen
-Menschen. Aber selbst ein kluges Lachen kann mitunter widerlich sein.
-Das Lachen verlangt vor allen Dingen Aufrichtigkeit, aber wo findet man
-unter den Menschen Aufrichtigkeit? Das Lachen verlangt Arglosigkeit, die
-Menschen lachen aber am häufigsten aus Bosheit. Ein aufrichtiges und
-argloses Lachen ist Fröhlichkeit, wo aber findet man in den Menschen von
-heute Fröhlichkeit, und verstehen sie überhaupt, fröhlich zu sein?
-(Diese Bemerkung über die Fröhlichkeit habe ich einmal von Werssiloff
-gehört und mir gemerkt). Die Fröhlichkeit des Menschen ist der Zug, der
-mehr als alles andere den Menschen verrät. Mancher Charakter ist lange
-nicht zu verstehen, aber da braucht der Mensch nur einmal aus ganzem
-Herzen zu lachen, und sein Charakter liegt offen vor einem, wie auf der
-Handfläche. Nur ein Mensch von höchster und glücklichster geistiger
-Ausgeglichenheit versteht es, auf eine Weise fröhlich zu sein, die
-ansteckend wirkt, d. h. unwiderstehlich und gutmütig. Ich spreche nicht
-von seinem Intellekt, sondern von seinem Charakter, von der ganzen
-ausgeglichenen Persönlichkeit. Also, wenn man einen Menschen
-durchschauen und seine Seele erkennen will, so beobachte man nicht, wie
-er schweigt oder wie er spricht, oder wie er weint, oder gar, wie die
-edelsten Ideen sein Gemüt bewegen, sondern man beobachte ihn lieber,
-wenn er lacht: hat er ein gutes Lachen, so ist er ein guter Mensch. Und
-man achte dabei auch auf alle Nuancen: so darf zum Beispiel das Lachen
-eines Menschen einem niemals dumm erscheinen, auch wenn er noch so
-fröhlich und gutmütig lacht. Bemerkt man nur eine Spur von Dummheit im
-Lachen eines Menschen, so hat dieser Mensch einen beschränkten Verstand,
-und mag er auch mit Ideen nur so um sich werfen. Oder wenn das Lachen
-eines Menschen nicht dumm ist, der Mensch aber, wenn er lacht, einem aus
-irgendeinem Grunde lächerlich erscheint, und wär's auch nur ein wenig,
-so hat dieser Mensch keine wirkliche persönliche Würde, oder wenigstens
-nicht viel davon. Und schließlich, wenn das Lachen eines Menschen zwar
-ansteckend ist, einem aber aus irgendeinem Grunde vulgär erscheint, so
-ist auch die ganze Natur dieses Menschen vulgär, und alles Edle und
-Erhabene, das man früher an ihm zu bemerken geglaubt hat, ist von ihm
-entweder bewußt herausgekehrt, oder unbewußt von anderen angenommen; so
-ein Mensch wird sich in der Folge unfehlbar zum Schlechteren verändern,
-wird sich dem »Vorteilhaften« zuwenden und sich nur noch mit diesem
-beschäftigen, die früheren edlen Regungen aber als Jugendirrungen und
-Schwärmereien ohne Bedauern abschütteln.
-
-Diese lange Abhandlung über das Lachen habe ich mit Absicht hier
-eingefügt, und um ihretwillen sogar die Einheitlichkeit meiner Erzählung
-zerstört, denn diese Erkenntnis des Lachens halte ich für eine der
-wichtigsten, zu denen ich in meinem Leben bisher überhaupt gekommen bin.
-Besonders möchte ich sie jenen angehenden Bräuten empfehlen, die fast
-schon bereit sind, einem Manne ihr Jawort zu geben, ihn aber doch noch
-nachdenklich und mißtrauisch beobachten und den endgültigen Entschluß
-immer noch nicht fassen können. Möge man über den Jüngling nicht lachen,
-der sich mit Belehrungen in Dinge mischt, von denen er keinen Deut
-versteht; dafür weiß er aber, daß das Lachen die sicherste Probe auf
-einen Menschen ist. Man beobachte einmal ein Kind: nur Kinder verstehen
-es, vollkommen arglos zu lachen -- deshalb sind sie auch so bezaubernd.
-Ein weinendes Kind ist mir widerlich, ein lachendes oder fröhliches aber
-ist ein Sonnenstrahl aus dem Paradies, ist -- eine Offenbarung aus der
-Zukunft, wo die Menschen endlich wieder so rein und arglos sein werden,
-wie jetzt nur Kinder sind. Und gerade so etwas Kindliches und ganz
-unglaublich Anziehendes sah ich plötzlich in dem flüchtigen Lachen
-dieses alten Mannes. Ich ging sogleich auf ihn zu.
-
-
- III.
-
-»Setz dich, setz dich nieder, deine Füße, denk ich, die werden wohl noch
-schwach sein,« forderte er mich freundlich auf, während er auf einen
-Platz neben sich zeigte und mir immer noch mit demselben strahlenden
-Blick ins Gesicht sah. Ich setzte mich neben ihn und sagte:
-
-»Ich weiß, wer Sie sind. Sie sind Makar Iwanowitsch.«
-
-»So, Jungchen. Nu sieh, das ist schön, daß du aufgestanden bist. Du bist
-jung, du hast's gut. Der Alte geht zum Grabe, der Junge ins Leben.«
-
-»Sind Sie denn krank?«
-
-»Jawohl, Freundchen, die Füße sind es arg; bis zur Tür haben sie mich
-noch gebracht, die Füße, aber wie ich mich dann hier niedergesetzt hab',
-da sind sie mir alsobald aufgeschwollen. Das ist nun von selbigem
-letzten Donnerstag, als die Grade einsetzten« (er wollte damit sagen,
-als es zu frieren begann). »Ich hab' sie bislang mit einer Salbe
-eingeschmiert, sieh mal: vor drei Jahren hat mir ein Doktor, Lichten
-hieß er, Edmund Karlytsch mit Namen, in Moskau diese Salbe verschrieben,
-und die hat mir schon etliche Male geholfen, och, wie die mir geholfen
-hat! Nun aber, sieh, hilft sie nicht mehr. Und auch in der Brust ist es
-mir nicht ganz richtig. Und vom gestrigen Tage an wird mir der Rücken
-gleichwie von Hunden gebissen ... Und schlafen kann ich auch nicht mehr
-in der Nacht.«
-
-»Wie kommt es, daß Sie hier gar nicht zu hören sind?« fragte ich. Er sah
-mich an und schien nachzudenken.
-
-»Weck nur die Mutter nicht auf,« sagte er auf einmal besorgt, als wäre
-ihm etwas eingefallen. »Sie hat hier die ganze Nacht geschafft, aber so
-unhörbar, wie eine Fliege fast, und nun hat sie sich hingelegt, das weiß
-ich. Ach, ein kranker Alter hat es schlecht,« seufzte er, »und an was,
-fragt man sich, klammert sich das Herz nur so? Aber es hält und hält
-sich fest und freut sich immer noch am Licht; und, meiner Treu, wenn es
-möglich wär, denkt man so bei sich selber, das ganze Leben noch einmal
-von vorn anzufangen, die Seele würde, glaub' ich, auch davor sich nicht
-fürchten; obzwar so ein Gedanke vielleicht sündhaft ist.«
-
-»Warum denn sündhaft?«
-
-»Ein Traum ist er, dieser Gedanke, ein Greis aber muß mit Würde
-hinscheiden von dieser Welt. Denn wiederum, so du dem Tod mit Murren
-oder mit Unzufriedenheit entgegengehst, so ist selbiges eine große
-Sünde. Nun, aber so du aus geistiger Freude das Leben liebgewonnen hast,
-wird Gott es schon verzeihen, auch einem alten Mann, denk ich. Es ist
-schwer für den Menschen, bei jeder Sünde zu wissen, was sündhaft ist und
-was nicht: darüber liegt ein Geheimnis, das über Menschenverstand geht.
-Ein Greis aber muß jederzeit zufrieden sein, und sterben muß er in der
-vollen Klarheit seines Verstandes, selig und würdevoll, gesättigt von
-seinen Tagen, seiner letzten Stunde entgegenseufzend, und sich freuend
--- gleichwie eine Ähre zur Garbe hingeht -- und sein Geheimnis
-erfüllend.«
-
-»Sie sagen schon wieder >Geheimnis<, -- was heißt das: >sein Geheimnis
-erfüllend<?« fragte ich und sah mich nach der Tür um. Ich war froh, daß
-wir allein waren und daß rings um uns lautlose Stille herrschte. Die
-untergehende Sonne schien grell in das Zimmer. Er sprach in etwas
-schwülstigen Ausdrücken und unklar, aber mit starker Überzeugung und
-sehr angeregt; mein Kommen hatte ihn sichtlich erfreut. Aber es entging
-mir nicht, daß er sich zweifellos in einem fieberhaften Zustande befand
-und vielleicht sogar sehr hohes Fieber hatte. Auch ich war krank und
-fieberte seit dem Augenblick, da ich bei ihm eingetreten war.
-
-»Was ein Geheimnis ist? Alles ist ein Geheimnis, Freund, in allem ist
-ein Geheimnis Gottes. In jedem Baum, in jedem Stäubchen ist dieses selbe
-Geheimnis eingeschlossen. Ob ein kleines Vöglein singt, oder ob die
-ganze Sternenschar in der Nacht am Himmel funkelt -- alles ist ein und
-dasselbe Geheimnis, des sei du gewiß. Doch der Geheimnisse allergrößtes
-liegt darinnen, was die Seele des Menschen in jener Welt erwartet. So
-ist es fürwahr, Freund!«
-
-»Ich weiß nicht, in welchem Sinne Sie ... Ich will Sie natürlich nicht
-reizen, und Sie können versichert sein, daß ich an Gott glaube ... Aber
-alle diese Geheimnisse hat der Menschenverstand schon längst aufgedeckt,
-und was noch nicht aufgedeckt ist, das wird noch aufgedeckt werden, das
-ist sicher, und vielleicht sogar in kürzester Zeit. Die Botanik weiß
-ganz genau, wie der Baum wächst, der Physiologe und der Anatom wissen
-sogar, warum der Vogel singt, oder werden es bald wissen, und was die
-Sterne betrifft, so sind sie nicht nur alle schon gezählt, sondern auch
-jede ihrer Bewegungen ist auf die Sekunde genau ausgerechnet, so daß man
-sogar auf tausend Jahre voraussagen kann, in welcher Stunde und Minute
-ein Komet erscheinen wird ... Und jetzt weiß man auch schon, woraus
-selbst die entferntesten Sterne zusammengesetzt sind. Nehmen Sie ein
-Mikroskop -- das ist so ein Vergrößerungsglas, das die Gegenstände
-millionenmal größer zeigt -- und betrachten Sie durch dieses Glas einen
-Wassertropfen: da werden Sie eine ganz neue Welt entdecken, ein ganzes
-Chaos von Lebewesen. Auch das war ein Geheimnis, aber man hat es doch
-aufgedeckt.«
-
-»Wohl, wohl, ich habe davon gehört, Freundchen, habe schon mehrfach
-davon reden hören. Da ist nichts drüber zu sagen, das ist eine große und
-ruhmvolle Tat. Alles ist dem Menschen durch Gottes Willen gegeben; nicht
-umsonst hat Gott ihm den lebendigen Odem eingeblasen, und nicht umsonst
-ist sein Gebot: >Lebe und erkenne<.«
-
-»Nun, das sind -- Gemeinplätze. Aber Sie -- sind Sie denn kein Feind der
-Wissenschaft, kein Klerikaler? Das heißt, ich weiß nicht, ob Sie das
-verstehen ...«
-
-»Nein, Freundchen, ich habe von Jugend auf die Wissenschaft geachtet,
-und wenn ich auch selber keinen Verstand davon habe, so murre ich doch
-nicht dawider; denn ist er nicht mir gegeben, so ist er dafür einem
-anderen gegeben. Es ist das vielleicht um so besser; denn man sagt:
-einem jeden das seine. Zumal, Freundchen, nicht einem jeden die
-Wissenschaft von Nutzen ist. Wir sind doch alle unenthaltsam, ein jeder
-will die ganze Welt in Erstaunen setzen, ich aber, wer weiß, würde das
-vielleicht noch mehr als alle anderen wollen, wenn ich die Begabung
-hätte. Doch wo ich nun ganz ohne Begabung bin und selber nichts weiß,
-wie kann ich mich da überheben? Du aber bist jung und gewitzt und dir
-ist dies Los zugefallen, du lerne nun auch. Trachte alles zu erkennen,
-damit du, so du einem Gottlosen oder einem Streitsüchtigen begegnest,
-ihm dann Antwort stehen kannst, und er dich mit rasendem Gerede nicht
-taub mache und deine unreifen Gedanken nicht irre führe. So ein Glas
-aber habe ich noch ganz kürzlich gesehen.«
-
-Er holte tief Atem und seufzte. Entschieden hatte ich ihm durch mein
-Kommen eine außerordentliche Freude bereitet. Sein Mitteilungsdrang war
-jedenfalls krankhaft. Ich kann wohl auch mit Bestimmtheit behaupten, daß
-er mich manchmal minutenlang mit ganz unsäglicher Liebe ansah: zärtlich
-legte er seine Hand auf meine Hand, streichelte meine Schulter ...
-manchmal aber, das muß ich gestehen, schien er mich wiederum ganz zu
-vergessen, als wäre ich gar nicht da, und wenn er dabei auch
-weiterredete, so sprach er doch gleichsam irgendwohin in die Luft.
-
-»In dem kleinen einsamen Genadijewschen Kloster,« fuhr er fort, »lebt
-ein Mann von großem Verstande. Er ist von vornehmer Herkunft; dem Range
-nach ist er Oberstleutnant, und er besitzt großen Reichtum. Als er noch
-in der Welt lebte, wollte er sich nicht durch eine Heirat binden; und
-nun lebt er schon das zehnte Jahr ganz abgeschlossen von der Welt; denn
-er hat sein Herz an den stillen, schweigenden Zufluchtsort gehängt und
-seine Gefühle von den eitlen Sorgen der Welt gelöst. Er hält die ganze
-Klosterordnung ein, aber zum Mönch will er sich doch nicht scheren
-lassen. Und Bücher hat er so viel, wie meine Augen noch nie bei einem
-Menschen beisammen gesehen haben, -- er selber sagte mir, es wären
-Bücher für gute achttausend Rubel. Pjotr Walerjanytsch heißt er mit
-Namen. In vielem hat er mich zu verschiedenen Zeiten unterwiesen, und
-ich hab' ihm mit überköstlichem Vergnügen zugehört. Und einmal sage ich
-so zu ihm: >Wie geht das zu, Herr, und was ist die Ursache, daß Ihr bei
-Eurem so großen Verstande, und wo Ihr schon zehn Jahre im Kloster lebt,
-gehorsam alle Vorschriften befolgt und Euer Begehren allgemach abgetötet
-habt -- was ist denn die Ursache, daß Ihr nicht das Gelübde ablegt, auf
-daß Ihr alsdann noch vollkommener werdet?< Er aber entgegnet mir darauf
-und spricht: >Was redest du, Alter, von meinem Verstande; vielleicht ist
-es gerade mein Verstand, der mich gefangen hält, denn ich habe ihn nicht
-zu zähmen vermocht. Und was redest du von meinem Gehorsam: vielleicht
-habe ich schon längst mein Maß verloren. Und was redest du von der
-Abtötung meines Begehrens! Auf mein ganzes Geld könnte ich sofort
-verzichten, desgleichen auf alle Titel, und die ganze Kavallerie legte
-ich dir hier auf den Tisch, aber auf meine Pfeife Tabak kann ich nicht
-verzichten, das zehnte Jahr schon kämpfe ich deshalb mit mir, und doch
-kann ich nicht davon lassen. Was wäre ich nun nach alledem für ein
-Mönch, und was für eine Abtötung meines Begehrens rühmst du an mir?<
-Fürwahr, seine Demut nahm mich damals wunder. Und so kam ich denn jüngst
-im Sommer, zur Zeit der Petrifasten, wieder nach jenem Kloster -- Gott
-führte mich hin -- und da seh ich, in seiner Zelle steht so ein Ding --
-ein Mikroskop, -- das hatte er sich für vieles Geld aus dem Auslande
-verschrieben. >Warte, Alter,< sagt er zu mir, >ich werde dir etwas
-Erstaunliches zeigen, was du noch nie gesehen hast. Sieh diesen
-Wassertropfen, er ist rein wie eine Träne: nun, und jetzt überzeuge
-dich, was in ihm alles ist, und du wirst sehen, daß die Mechaniker bald
-alle Geheimnisse Gottes aufgedeckt haben werden, kein einziges werden
-sie für uns beide noch übriglassen< -- gerade so sagte er, mit selbigen
-Worten. Ich aber hatte schon vor fünfunddreißig Jahren durch so ein Ding
-gesehen, bei Alexander Wladimirowitsch Malgaßoff, meinem früheren Herrn,
-dem Onkel selig von Andrei Petrowitsch, mütterlicherseits, von dem denn
-auch später, nach seinem Ableben, das Stammgut an Andrei Petrowitsch
-fiel. Das war ein mächtiger Herr, ein hoher General, und eine große
-Meute hielt er sich, und ich war unter ihm lange Jahr Pikör damals. Nun,
-und da stellte er einmal auch so ein Mikroskop auf, das er mitgebracht
-hatte, und er befahl dem ganzen Hofgesinde, Männern und Weibern, alle
-sollten sie einer nach dem andern herantreten und durch das Rohr sehen;
-und da wurde denn auch alles gezeigt, ein Floh und ein Läuschen und eine
-Nadelspitze und ein Härchen und ein Wassertropfen. Ja, das war schon
-eine Kurzweil und ein Spaß: da fürchten sie sich vor dem Wunderding,
-aber den Herrn, den fürchteten sie auch -- der konnte gewaltig
-aufbrausen! Manche wissen gar nicht, wie sie sehen sollen, kneifen die
-Augen zusammen, blinzeln bloß und sehen überhaupt nichts; andere zittern
-vor Angst und schreien, und der Dorfälteste Ssavin Makaroff hält sich
-mit beiden Fäusten die Augen zu und schreit: >Macht mit mir, was ihr
-wollt -- ich guck nicht hinein!< Danach gab es viel unnützes Gelächter.
-Dem Pjotr Walerjanytsch aber sagte ich nicht, daß ich dazumal so ein
-Ding schon gesehen hatte, also dies selbe Wunder schon fünfunddreißig
-Jahre zuvor geschaut hatte, denn ich seh' doch, es macht ihm Spaß, mir
-das zu zeigen; da tat ich denn mit Fleiß, als wär ich mächtig verwundert
-und entsetzt. Er ließ mir Zeit und dann fragte er: >Nun, Alter, was
-sagst du jetzt?< Ich aber verneige mich und sage: >Und Gott sprach: Es
-werde Licht und es ward Licht,< er aber fragt mich plötzlich: >Ward
-nicht am Ende Finsternis?< Und so eigenartig fragte er das, lächelte
-nicht mal dabei. Ich wunderte mich noch über ihn, fürwahr, er aber war
-danach, ich muß sagen, wie erzürnt und blieb stumm.«
-
-»Ganz einfach: Ihr Pjotr Walerjanytsch ißt im Kloster zwar Fastenspeisen
-und macht die vorschriftsmäßigen Verneigungen wie ein Mönch, aber an
-Gott glaubt er nicht, und gerade in einem solchen Augenblick sind Sie
-damals zu ihm gekommen -- das ist alles,« sagte ich. »Außerdem ist er
-eigentlich recht lächerlich: er wird doch in seinem Leben sicherlich
-schon zehnmal so ein Mikroskop gesehen haben, warum verliert er denn
-beim elften Male darüber den Verstand? Das wird wohl nur so eine nervöse
-Reizbarkeit gewesen sein ... die sich durch das Klosterleben bei ihm
-entwickelt hat.«
-
-»Er ist ein reiner Mensch und von hohem Verstande,« sagte der Alte in
-belehrendem Ton, »und ist auch kein Gottloser. Er hat reichen Verstand,
-aber sein Herz ist unruhig. Solcher gibt es jetzt viele unter den
-Gebildeten und den Gelehrten. Und was ich dir noch sage: solch ein
-Mensch straft sich selber. Du aber geh' ihnen aus dem Wege und belästige
-sie nicht, doch abends vor dem Schlaf gedenke ihrer in deinem Gebet,
-denn solche suchen Gott. Betest du auch vor dem Schlafengehen?«
-
-»Nein, ich halte das für eine leere Förmlichkeit. Übrigens muß ich Ihnen
-gestehen, daß Ihr Pjotr Walerjanytsch mir gefällt: wenigstens ist er
-kein leeres Stroh, sondern immerhin ein Mensch, und noch dazu einer, der
-sogar eine gewisse Ähnlichkeit mit einem uns beiden nahestehenden
-Menschen hat.«
-
-Der Alte beachtete nur den ersten Satz meiner Antwort.
-
-»Das ist nicht recht von dir, Freund, daß du nicht betest; beten ist
-gut, es macht das Herz froh, zumal vor dem Schlafengehen und nach dem
-Erwachen frühmorgens, und auch so du in der Nacht erwachst. Das sage ich
-dir. Einmal im Sommer war's, im Julimonat, da pilgerten wir nach dem
-Muttergotteskloster zum Kirchenfest. Je näher wir dem Orte kamen, um so
-zahlreicher schlossen sich Pilger an, und schließlich waren wir unser
-fast an die zweihundert, die alle hinzogen, um die heilkräftigen
-Reliquien der beiden großen Wundertäter Aniki und Grigori zu küssen. Wir
-übernachteten alle beisammen unter freiem Himmel, und ich erwachte
-frühmorgens, als alle noch schliefen und sogar die Sonne noch nicht
-hinter dem Walde hervorsah. Ich hob den Kopf, mein Freund, ließ den
-Blick ringsum über die Erde schweifen und atmete auf! Eine Schönheit
-allüberall, die unaussprechlich ist. Still ist alles, die Luft ist
-leicht. Die Gräschen wachsen -- wachset nur, Gottes Gräschen; ein
-Vögelchen singt -- sing nur, Gottes Vögelchen; ein Kindchen schreit
-einmal leise in den Armen eines Weibes -- Gott sei mit dir, kleines
-Menschlein, wachse auf zum Glück, der du geboren bist! Und da war mir,
-als hätte ich zum erstenmal in meinem ganzen Leben alles dies in mich
-aufgenommen ... Ich legte den Kopf wieder hin, und es schlief sich so
-leicht. Schön ist es auf der Welt, Lieber! Ich möchte, wenn's mir besser
-geht, im Frühling wieder wandern gehen. Und daß die Welt ein Geheimnis
-ist, das macht sie ja noch schöner; furchtbar ist es dem Herzen und
-wundervoll; und diese Furcht gereicht dem Menschenherzen zur Freude:
->Alles ist in dir, Gott, und auch ich bin in dir, so nimm mich auf!<
-Murre nicht, Jungling: um so schöner ist es noch, als es ein Geheimnis
-ist,« fügte er ergriffen hinzu.
-
-»>Um so schöner ist es noch, als es ein Geheimnis ist< ... Das werde ich
-behalten, gerade diese Worte. Sie drücken sich furchtbar ungenau aus,
-aber ich verstehe schon ... Es überrascht mich, daß Sie viel mehr wissen
-und verstehen, als Sie ausdrücken können; nur reden Sie, wie's scheint,
-im Fieber ...,« entfuhr es mir unwillkürlich, als ich in seine
-fieberhaft glänzenden Augen und sein bleich gewordenes Gesicht sah.
-
-Er aber hatte, glaube ich, meine Worte gar nicht gehört.
-
-»Weißt du auch, Jungling,« begann er wieder, als setze er seine frühere
-Rede fort, »weißt du auch, daß auf Erden der Erinnerung an einen
-Menschen eine Grenze gesetzt ist? Die Erinnerung an einen Menschen währt
-nur hundert Jahre. Hundert Jahre nach seinem Tode können noch seine
-Kinder seiner gedenken, oder seine Enkel, die noch sein Antlitz gesehen
-haben; wenn sich aber Erinnerung an ihn auch dann noch fortsetzt, so nur
-von Mund zu Mund, nur durch Worte und Gedanken, dieweil alle, so sein
-Antlitz mit Augen geschaut haben, alsdann schon dahingegangen sind. Und
-auf seinem Grabhügel auf dem Friedhof wird Gras wachsen, und der weiße
-Grabstein wird morsch werden und zerfallen, und alle Menschen werden ihn
-vergessen, desgleichen seine Nachfahren, und über ein kleines wird auch
-sein Name vergessen sein, zumal nur wenige Namen im Gedächtnis der
-Menschen verbleiben -- nun, und mag es so sein! Möget ihr mich
-vergessen, ihr Lieben, ich aber kann euch noch aus dem Grabe heraus
-lieben. Ich höre eure fröhlichen Stimmen, Kinderchen, höre eure Schritte
-auf den Gräbern eurer Väter am Allerseelentage; lebt jetzt noch in der
-Sonne, freuet euch, ich aber werde für euch zu Gott beten, werde im
-Traume zu euch kommen ... gleichviel, auch nach dem Tode lebt die Liebe!
-...«
-
-Ich war in genau dem gleichen Fieberzustande wie er; statt nun
-hinauszugehen oder ihn zu beruhigen oder ihn womöglich zu überreden,
-sich hinzulegen, da er ja wie in Phantasien sprach, ergriff ich
-plötzlich seine Hand, und indem ich mich zu ihm hinabbeugte und seine
-Hand drückte, flüsterte ich erregt und mit Tränen in der Seele:
-
-»Ich freue mich, daß Sie gekommen sind. Ich habe vielleicht schon lange
-auf Sie gewartet. Ich liebe keinen einzigen von ihnen allen: sie haben
-keine Weisheit ... Ich werde ihnen nicht folgen, ich weiß nicht, wohin
-ich gehen werde, ich werde mit Ihnen gehen ...«
-
-Da kam plötzlich Mama herein, -- zum Glück; denn ich weiß nicht, womit
-es noch geendet hätte. Sie kam, soeben aus dem Schlaf geschreckt, mit
-aufgeregtem Gesicht; in der Hand hatte sie ein Fläschchen und einen
-Eßlöffel; als sie uns erblickte, rief sie besorgt aus:
-
-»Wußt' ich's doch! Da hab' ich ihm die Chinintropfen nicht zur rechten
-Zeit gegeben, und nun fiebert er! Ich hab' mich verschlafen, Makar
-Iwanowitsch, Liebster!«
-
-Ich erhob mich und ging hinaus. Sie gab ihm die Tropfen und brachte ihn
-ins Bett. Auch ich legte mich wieder in mein Bett, aber ich war sehr
-erregt. Eine große Neugier war in mir erwacht, und ich dachte mit allen
-Gedanken an diese Begegnung. Was ich damals von ihr erwartete -- ich
-weiß es nicht. Natürlich waren meine Gedanken ohne Zusammenhang, und
-eigentlich waren es gar keine Gedanken, sondern nur Bruchstücke von
-Gedanken. Ich lag mit dem Gesicht zur Wand und plötzlich erblickte ich
-in der Ecke den grellen Lichtfleck von der Sonne, an den ich vorher mit
-einer solchen Verwünschung gedacht hatte, und ich weiß noch, wie meine
-ganze Seele erklang und wie gleichsam ein ganz neues Licht mein Herz
-erfüllte. Ich erinnere mich noch gut dieses süßen Augenblicks und will
-ihn nie vergessen. Es war ein Augenblick neuer Hoffnung und neuer Kraft
-... Ich war ja damals ein Genesender; da kann wohl diese plötzliche
-Stimmung eine unvermeidliche Folge meines Nervenzustandes gewesen sein.
-Aber an diese selbe lichte Hoffnung glaube ich auch jetzt, -- das ist
-es, was ich jetzt hier niederschreiben und mir zu Bewußtsein bringen
-wollte. Selbstverständlich wußte ich auch damals schon ganz genau, daß
-ich nicht mit Makar Iwanowitsch gehen würde, und daß mir selbst nicht
-klar war, worin dieser neue Drang, der mich erfaßt hatte, bestand, aber
-ein Wort hatte ich, wenn auch im Fieberdelirium, doch schon
-ausgesprochen: »Sie haben keine Vornehmheit!«[14] »Das ist es,« dachte
-ich von diesem Augenblick an in meiner Verzückung, »ich suche
-Vornehmheit, die aber haben sie nicht, und deshalb verlasse ich sie.«
-
-Hinter mir hörte ich ein leises Geräusch, ich drehte mich um: an meinem
-Bett stand Mama, und sie beugte sich über mich und sah mir mit scheuer
-Neugier in die Augen. Auf einmal ergriff ich ihre Hand.
-
-»Mama, warum haben Sie mir nichts von unserem teuren Gast gesagt?«
-fragte ich plötzlich, und fast überraschte es mich selbst, daß ich so
-sagte.
-
-Die ganze Unruhe verschwand im Nu aus ihrem Gesicht und Freude leuchtete
-gleichsam in ihm auf, aber sie antwortete mir nichts und sagte nur:
-
-»Vergiß auch Lisa nicht; du hast Lisa vergessen.«
-
-Sie sagte das hastig, errötete und wollte schnell weggehen; denn auch
-sie hatte eine furchtbare Scheu davor, Gefühle zur Schau zu stellen, --
-in der Beziehung war sie ganz wie ich: scheu und keusch. Und außerdem
-wollte sie mit mir natürlich nicht von dem Thema Makar Iwanowitsch
-anfangen; es genügte auch das, was wir uns mit den Augen sagen konnten.
-Aber gerade ich, der jedes Zurschaustellen von Gefühlen so haßt, gerade
-ich hielt sie mit Gewalt an der Hand zurück: ich sah ihr innig in die
-Augen, lachte still und zärtlich und streichelte mit der anderen Hand
-ihr liebes Gesicht, ihre eingefallenen Wangen. Sie beugte sich zu mir
-herab und preßte ihre Stirn auf die meine.
-
-»Nun, Christus sei mit dir,« sagte sie, plötzlich den Kopf erhebend, und
-ihr Gesicht strahlte, »werde gesund! Das vergesse ich dir nicht. Er ist
-krank, sehr krank. Sein Leben ist in Gottes Hand ... Ach, was sage ich
-da, das kann ja doch nicht sein!«
-
-Sie ging hinaus. Ihr Leben lang hat sie in Angst und Bangen und in
-unermeßlicher Ehrfurcht ihren angetrauten Mann, den Pilger Makar
-Iwanowitsch, verehrt, ihn, der ihr großmütig und ein für allemal
-verziehen hatte.
-
-
- Zweites Kapitel.
-
-
- I.
-
-Lisa hatte ich durchaus nicht »vergessen«, darin täuschte sich Mama. Dem
-feinen Gefühl der Mutter war es nur nicht entgangen, daß zwischen Bruder
-und Schwester gleichsam eine leise Abkühlung einzutreten begann, aber
-das hatte nichts mit unserer gegenseitigen Liebe zu tun, sondern
-entsprang eher einer gewissen Eifersucht. Ich will dies im Hinblick auf
-das Weitere etwas näher erklären.
-
-In der armen Lisa zeigte sich seit dem Tage der Verhaftung des Fürsten
-ein gewisser unzugänglicher Stolz, ja förmlich ein unnahbarer Hochmut,
-der auf die Dauer unerträglich wurde; ein jeder im Hause begriff
-natürlich den Grund dieser Veränderung und erriet die Wahrheit, d. h.
-wie sehr sie litt; und wenn ich mich in der ersten Zeit über ihre Art,
-mit uns umzugehen, ärgerte und meinen Ärger auch zeigte, so geschah das
-nur infolge meiner kleinlichen Reizbarkeit, die durch die Krankheit noch
-zehnmal schlimmer geworden war, -- so denke ich jetzt darüber. Zu lieben
-aber hatte ich Lisa deshalb doch nicht aufgehört; im Gegenteil, ich
-liebte sie sogar noch mehr, nur wollte ich nicht den ersten Schritt zur
-Annäherung machen, obwohl ich wußte, daß auch sie um nichts in der Welt
-diesen ersten Schritt tun würde.
-
-Die Sache war die, daß Lisa seit der Verhaftung des Fürsten, nachdem
-alles über ihn bekannt geworden war, sofort sowohl uns wie auch allen
-anderen gegenüber eine Haltung annahm, die nicht einmal die Möglichkeit
-des Gedankens zulassen wollte, daß man sie bedauern oder den Versuch
-machen könnte, sie zu trösten oder den Fürsten zu »entschuldigen«. Im
-Gegenteil, sie ging -- da sie es offenbar unter ihrer Würde hielt,
-irgend etwas zu erklären oder mit jemandem zu streiten -- wie in einem
-beständigen Stolz umher, in einem Stolz auf die Tat ihres unglücklichen
-Bräutigams, als ob er die größte Heldentat vollbracht hätte. Sie schien
-förmlich in jedem Augenblick uns allen zu sagen (doch wie gesagt, ohne
-ein Wort auszusprechen): »Von euch hätte das doch niemand getan, hätte
-sich niemand aus Ehr- und Pflichtgefühl selbst angezeigt, von euch hat
-doch keiner ein so feines und stolzes Gewissen! Und was seine schlechten
-Handlungen betrifft -- wer hat denn keine schlechten Handlungen auf dem
-Gewissen? Nur werden sie von allen ängstlich geheimgehalten, dieser
-Mensch aber hat es vorgezogen, sich selbst ins Verderben zu stürzen, um
-nicht in seinen eigenen Augen ein Unwürdiger zu sein.« Das war ungefähr
-der Sinn, den jede ihrer Bewegungen auszudrücken schien. Ich weiß nicht,
-aber ich hätte mich an ihrer Stelle wohl genau so verhalten. Auch weiß
-ich nicht, ob gerade diese Gedanken in ihrer Seele waren, ich meine, ob
-sie bei sich wirklich so dachte; ich vermute stark, daß sie das nicht
-tat. Jedenfalls mußte sie doch mit der anderen, klaren Hälfte ihres
-Verstandes die ganze Wertlosigkeit ihres »Helden« erkennen; denn wer
-würde heute nicht zugeben, daß dieser unglückliche und in seiner Art
-sogar großherzige Mensch gleichzeitig ein im höchsten Grade wertloser
-Mensch war? Ja, schließlich ließ gerade diese ihre Streitsucht und ihre
-Anmaßung uns allen gegenüber, und ihr unausgesetztes Mißtrauen, wir
-könnten vielleicht anders über ihn denken, -- gerade das ließ zum Teil
-erraten, daß in der Tiefe ihres Herzens sich ein anderes Urteil über
-ihren unglücklichen Freund gebildet hatte. Aber ich möchte doch gleich
-von mir aus hinzufügen, daß sie, meiner Ansicht nach, zur Hälfte
-immerhin im Recht war; gerade ihr war das Schwanken vor einer
-endgültigen Schlußfolgerung viel eher zu verzeihen als uns anderen. Ich
-selbst gestehe aus ganzer Seele, daß ich auch heute, wo doch alles schon
-der Vergangenheit angehört, noch immer nicht weiß, wie und als was ich
-diesen Unglücklichen, der uns allen ein solches Rätsel aufgegeben hat,
-schließlich beurteilen soll.
-
-Nichtsdestoweniger machte Lisa das Haus zu einer kleinen Hölle. Sie, die
-so stark liebte, litt gewiß sehr, und ihrem Charakter gemäß zog sie es
-vor, schweigend zu leiden. Ihr Charakter glich dem meinen, das heißt, er
-war selbstherrlich und stolz, und eigentlich habe ich mir immer gedacht,
-sowohl damals wie auch jetzt, daß sie den Fürsten aus Herrschsucht
-liebte, eben weil er keinen Charakter besaß und sich vom ersten Wort und
-von der ersten Stunde an ihr unterworfen hatte. Das geschieht im Herzen
-irgendwie ganz von selbst, ohne jede vorhergehende Berechnung; aber eine
-solche Liebe eines Starken zu einem Schwachen ist manchmal
-unvergleichlich stärker und qualvoller als die Liebe zwischen zwei
-Menschen mit gleichen Charakteren, weil der Stärkere ganz unwillkürlich
-die Verantwortung für seinen schwachen Freund auf sich nimmt. Wenigstens
-denke ich mir das so. Die Unsrigen umgaben Lisa von Anfang an mit der
-liebevollsten Sorge, besonders Mama; doch Lisa ließ sich durch nichts
-erweichen, verhielt sich völlig stumm zu aller Teilnahme und wies jede
-Hilfe zurück. Anfangs sprach sie noch mit Mama, aber mit jedem Tage
-wurde sie wortkarger, antwortete immer knapper und sogar immer
-schroffer. In der ersten Zeit fragte sie Werssiloff um Rat, bald aber
-erkor sie sich zum Ratgeber und Helfer -- Wassin, wie ich zu meiner
-Verwunderung später erfuhr ... Sie ging fast jeden Tag zu Wassin, ging
-auch aufs Gericht und zu den Vorgesetzten des Fürsten, ging zu den
-Advokaten und zum Staatsanwalt; schließlich war sie oft den ganzen Tag
-nicht zu Haus. Selbstverständlich besuchte sie täglich, und sogar
-zweimal am Tage, den Fürsten, der im Gefängnis saß, in der Abteilung für
-Adlige; aber diese Zusammenkünfte waren, wovon ich mich später überzeugt
-habe, für Lisa sehr qualvoll. Natürlich, welcher Dritte kann das
-Verhältnis zweier Liebenden zueinander ganz genau beurteilen? Aber ich
-weiß, daß der Fürst sie dann immer aufs tiefste kränkte; und wodurch?
-Ja, sonderbarerweise durch fortwährende Eifersucht. Übrigens, darauf
-werde ich später noch zurückkommen; aber eines möchte ich hier doch noch
-bemerken: es ist schwer zu sagen, wer von ihnen den anderen mehr quälte.
-Es ist nicht ausgeschlossen, daß Lisa, die uns gegenüber auf ihren
-Helden so stolz war, sich ihm gegenüber, unter vier Augen, ganz anders
-verhielt. Ich vermute das sogar sehr stark -- nach einigen
-Anhaltspunkten, auf die ich noch zurückkommen werde.
-
-So war denn, was meine Gefühle und mein Verhalten zu Lisa betrifft,
-alles Äußere, Sichtbare nur eine Vortäuschung, und zwar sowohl von mir
-wie von ihr aus; denn im Grunde haben wir uns niemals stärker geliebt
-als eben in jener Zeit. Ich muß hier noch bemerken, daß Lisa sich zu
-Makar Iwanowitsch, nachdem die erste Verwunderung und das erste
-Interesse vergangen waren, aus irgendeinem Grunde fast geringschätzig,
-ja sogar hochmütig verhielt. Sie schien ihm absichtlich nicht die
-geringste Beachtung zu schenken.
-
-Als ich mir vorgenommen hatte zu schweigen -- ich habe das bereits
-erwähnt --, da war ich natürlich überzeugt gewesen, wie man das in der
-Theorie ja immer ist, daß ich meinen Vorsatz auch durchführen würde. Oh,
-mit Werssiloff zum Beispiel hätte ich eher von der Zoologie oder von den
-römischen Imperatoren gesprochen als von, sagen wir, von -- »_ihr_« oder
-etwa von jener wichtigsten Zeile in seinem Brief an sie, wo er ihr
-mitteilt, daß das Dokument durchaus nicht vernichtet sei und noch eine
-Rolle spielen könne, -- von jener Zeile, an die ich sogleich wieder zu
-denken begann, kaum daß ich nach den Fieberdelirien zu Bewußtsein und
-zur Besinnung gekommen war. Aber, ach! Schon bei den ersten Schritten in
-der Praxis, ja fast sogar schon vor dem ersten Schritt, erkannte ich,
-wie schwer und unmöglich es ist, solche Vorsätze zu erfüllen: schon am
-folgenden Tage nach meiner ersten Begegnung mit Makar Iwanowitsch wurde
-ich durch eine überraschende Neuigkeit furchtbar aufgeregt.
-
-
- II.
-
-Diese mich furchtbar aufregende Neuigkeit erfuhr ich durch Darja
-Onissimowna, die Mutter der verstorbenen Olä, die mich ganz unerwartet
-besuchte. Von Mama hatte ich schon gehört, daß Darja Onissimowna bereits
-während meiner Krankheit zweimal bei uns gewesen war und große Teilnahme
-für mein Befinden gezeigt hatte. Ob nun diese »gute Frau«, wie Mama sie
-immer nannte, nur wie früher Mama besucht hatte, oder ob sie
-hauptsächlich meinetwegen gekommen war, danach hatte ich nicht gefragt.
-Gewöhnlich erzählte mir Mama, wenn sie mir die Suppe brachte und mich
-fütterte (als ich noch nicht selbst den Löffel führen konnte), alles,
-was im Hause geschehen war, um mich zu zerstreuen: ich aber gab mir
-jedesmal hartnäckig den Anschein, als ob mich alle diese Mitteilungen
-wenig interessierten; so hatte ich denn auch wegen der Darja Onissimowna
-nichts weiter gefragt und einfach geschwiegen.
-
-Es war gegen elf Uhr; ich wollte gerade aufstehen, um mich in den
-Lehnstuhl am Tisch zu setzen, als Darja Onissimowna in mein Zimmer trat.
-Da blieb ich absichtlich im Bett. Mama war oben mit irgend etwas
-beschäftigt und konnte nicht herunterkommen, und so waren wir denn auf
-einmal allein. Sie setzte sich mir gegenüber auf einen Stuhl, lächelte
-und sagte kein Wort. Ich sah voraus, was bevorstand: wir würden, wie im
-Gesellschaftsspiel, uns gegenseitig im Schweigen zu überbieten suchen;
-und überhaupt ärgerte mich ihr Besuch. Ich nickte ihr nicht einmal zu
-und sah ihr schweigend gerade in die Augen: aber sie sah mich
-gleichfalls unbeweglich an.
-
-»Sie langweilen sich jetzt wohl in der Wohnung des Fürsten, seitdem Sie
-dort allein sind?« fragte ich auf einmal, da ich die Geduld verlor.
-
-»Nein, ich bin nicht mehr in jener Wohnung. Ich bin jetzt, dank Anna
-Andrejewna, bei dem Kindchen.«
-
-»Bei wessen Kindchen?«
-
-Sie sah sich nach der Tür um und flüsterte vertraulich geheimnisvoll:
-
-»Bei Herrn Werssiloffs Kindchen!«
-
-»Aber dafür sorgt doch Tatjana Pawlowna ...«
-
-»Ganz recht, ganz recht, auch Tatjana Pawlowna und auch Anna Andrejewna,
-beide zusammen, und Lisaweta Makarowna auch, und auch Ihre Mama ...
-alle. Alle sorgen sie dafür. Tatjana Pawlowna und Anna Andrejewna sind
-jetzt sehr befreundet miteinander.«
-
-Das war eine Neuigkeit. Sie belebte sich förmlich beim Sprechen. Ich sah
-sie an und haßte sie.
-
-»Sie sind ja seit dem letztenmal, als Sie bei mir waren, recht munter
-geworden.«
-
-»Ach, ja.«
-
-»Sie scheinen auch zugenommen zu haben?«
-
-Sie sah mich sonderbar an.
-
-»Ich habe sie sehr liebgewonnen, sehr.«
-
-»Wen denn?«
-
-»Anna Andrejewna doch. Sehr lieb. Sie sind ein so edles Fräulein und so
-klug ...«
-
-»So so. Und wie fühlt sie sich denn jetzt?«
-
-»Sie sind sehr ruhig, sehr.«
-
-»Das ist sie ja immer gewesen.«
-
-»Ganz recht, sie sind immer so.«
-
-»Wenn Sie mit Klatschgeschichten hergekommen sind,« schrie ich
-plötzlich, da ich nicht mehr an mich halten konnte, »so lassen Sie sich
-gesagt sein, daß ich mit alledem nichts mehr zu tun haben will, ich habe
-beschlossen, alles im Stich zu lassen ... alles und alle, mir ist's
-egal, -- ich gehe weg! ...«
-
-Ich besann mich plötzlich und hielt inne. Es schien mir erniedrigend,
-daß ich ihr gewissermaßen meine neuen Pläne mitteilte. Sie aber zeigte
-weder Erstaunen noch Erregung, und es folgte wieder Schweigen. Plötzlich
-stand sie auf, ging zur Tür und sah ins Nebenzimmer. Als sie sich
-überzeugt hatte, daß dort niemand war, kehrte sie ganz ruhig zurück und
-setzte sich auf ihren früheren Platz.
-
-»Das haben Sie gut gemacht!« sagte ich plötzlich lachend.
-
-»Werden Sie Ihre Wohnung bei dem Beamten behalten?« fragte sie auf
-einmal, wobei sie sich ein wenig zu mir vorbeugte und die Stimme senkte,
-ganz als wäre das die wichtigste Frage, und als wäre sie nur zu dem
-Zweck zu mir gekommen, um darüber etwas zu erfahren.
-
-»Meine Wohnung? Ich weiß nicht. Vielleicht gebe ich sie auch auf ... Wie
-soll ich das wissen?«
-
-»Ihre Wirtsleute erwarten Sie sehr; jener Beamte ist schon ganz
-ungeduldig, auch seine Frau. Herr Werssiloff hat ihnen versichert, Sie
-würden bestimmt zu ihnen zurückkehren.«
-
-»Ja, aber weshalb interessieren Sie sich denn dafür?«
-
-»Anna Andrejewna wollte das gern wissen; sie waren sehr zufrieden, als
-sie erfuhren, daß Sie dort bleiben.«
-
-»Aber woher weiß sie denn, daß ich in der Wohnung bleibe?«
-
-Ich wollte noch hinzufügen: »Und was geht das Anna Andrejewna an?« --
-bezwang mich aber und unterließ die Frage aus Stolz, da ich sie nicht
-ausfragen wollte!
-
-»Auch Herr Lambert haben dasselbe bestätigt.«
-
-»Wa--a--as?«
-
-»Ja, Herr Lambert haben auch Andrei Petrowitsch bestätigt, Sie würden
-bestimmt dort bleiben, und auch Anna Andrejewna haben sie dessen
-versichert.«
-
-Ich war starr vor Schreck. Was hatte das nun wieder zu bedeuten! Lambert
-kennt bereits Werssiloff, Lambert war schon bis zu Werssiloff
-vorgedrungen, -- Lambert und Anna Andrejewna, er war bis zu Anna
-Andrejewna vorgedrungen! Mir wurde ganz heiß, aber ich schwieg. Eine
-Flut von Stolz erfüllte mich plötzlich ganz, von Stolz, oder ich weiß
-nicht von was. Aber ich sagte mir in dem Augenblick: »Wenn ich jetzt
-auch nur ein Wort der Erklärung verlange, so verwickle ich mich wieder
-in diese Welt und werde mich nie mehr aus ihr herausreißen können.« Haß
-entbrannte in meinem Herzen. Ich nahm mich mit aller Gewalt zusammen und
-beschloß zu schweigen; ich lag unbeweglich. Sie schwieg gleichfalls, das
-Schweigen dauerte schon minutenlang.
-
-»Was macht der alte Fürst Nikolai Iwanowitsch?« fragte ich auf einmal,
-als hätte ich jede Überlegung verloren. Das heißt, ich fragte ja nur, um
-auf ein anderes Thema zu kommen, dabei stellte ich aber aus Versehen die
-allerwichtigste Frage, und so kehrte ich wie ein Wahnsinniger wieder in
-jene Welt zurück, aus der zu fliehen ich noch vor einem Augenblick so
-krampfhaft beschlossen hatte.
-
-»Der alte Fürst sind in Zarskoje Sselo. Der Fürst waren nicht ganz
-gesund, und in der Stadt herrschen jetzt so viele Krankheiten, Influenza
-und Fieber; da haben denn alle dem Fürsten geraten, doch nach Zarskoje
-in ihr eigenes Haus überzusiedeln, wegen der guten Luft.«
-
-Ich antwortete nichts.
-
-»Anna Andrejewna und die Generalin besuchen den Fürsten alle drei Tage
-einmal, sie fahren dann auch zusammen hin.«
-
-Anna Andrejewna und die »Generalin« (das heißt »_sie_«) -- waren
-Freundinnen! Sie fuhren zusammen zum alten Fürsten! -- Ich schwieg.
-
-»Sie sind jetzt beide so befreundet, und Anna Andrejewna äußern sich
-dermaßen freundlich über Katerina Nikolajewna ...«
-
-Ich schwieg immer noch.
-
-»Und Katerina Nikolajewna haben sich wieder in die Welt begeben, machen
-ein Fest nach dem anderen mit und glänzen überall. Man spricht davon,
-daß bei Hofe alle Herren in sie verliebt seien ... aber mit Herrn
-Bjoring ist es ganz aus, und die Hochzeit wird nicht stattfinden, das
-sagen alle ... nachdem jene Geschichte dazwischengekommen ist.«
-
-Das heißt, nach der Geschichte mit Werssiloffs Brief.
-
-Ich zitterte nur, sagte aber kein Wort.
-
-»Anna Andrejewna bedauern so sehr den Fürsten Ssergei Petrowitsch, und
-Katerina Nikolajewna tun das gleichfalls, und alle sagen, er werde
-freigesprochen werden, jener andere aber, der Stebelkoff, werde
-verurteilt werden ...«
-
-Ich sah sie haßerfüllt an. Sie erhob sich und beugte sich plötzlich über
-mich:
-
-»Anna Andrejewna haben mich ausdrücklich gebeten, mich nach Ihrer
-Gesundheit zu erkundigen,« sagte sie ganz leise flüsternd, »und haben
-mich beauftragt, Sie recht sehr zu bitten, bei ihr vorzusprechen, sobald
-Sie nur auszugehen anfangen. Leben Sie wohl. Werden Sie bald gesund. Ich
-werde es ihr so sagen ...«
-
-Sie ging. Ich setzte mich im Bett auf, kalter Schweiß trat auf meiner
-Stirn hervor, aber ich fühlte eigentlich gar keinen Schreck: die für
-mich unbegreifliche, ungeheuerliche Nachricht von Lambert und seinen
-Machenschaften zum Beispiel hatte mich tatsächlich fast gar nicht
-erschreckt, d. h. wenn ich den Eindruck dieser Nachricht mit der
-vielleicht ungerechtfertigten Angst verglich, mit der ich während der
-Krankheit und der ersten Tage meiner Genesung, ohne mir darüber
-Rechenschaft abzulegen, an meine Begegnung mit ihm in jener Nacht
-gedacht hatte. Im Gegenteil, in jenen ersten wirren Augenblicken auf dem
-Bett, gleich nachdem Darja Onissimowna gegangen war, hielt ich mich bei
-dem Gedanken an Lambert überhaupt nicht auf ... mich beschäftigte vor
-allem die Nachricht, die _sie_ betraf -- ihr Bruch mit Bjoring, ihr
-Glück in der Gesellschaft, ihre Feste und ihr Erfolg. »Sie glänzen
-überall,« glaubte ich Darja Onissimownas Stimme noch sagen zu hören. Und
-plötzlich fühlte ich, daß ich mich aus diesem Strudel mit meinen Kräften
-nicht mehr herausarbeiten konnte, wenn ich es auch noch fertiggebracht
-hatte, zu schweigen und Darja Onissimowna nach ihren Wundergeschichten
-nicht weiter auszufragen! Ein maßloses Verlangen nach jenem Leben, nach
-jenem _anderen_ Leben, erfüllte auf einmal meine ganze Seele und ... und
-dann noch eine andere süße Lust, die ich bis zum seligsten Glück und bis
-zu quälender Pein empfand. Meine Gedanken aber drehten sich gleichsam im
-Kreise, doch ich ließ sie sich drehen. »Da ist nichts zu überlegen!«
-sagte mir mein Gefühl. »Mama hat mir auch verschwiegen, daß Lambert hier
-gewesen ist,« dachte ich sprunghaft, »das hat Werssiloff ihr gesagt, daß
-sie darüber schweigen soll ... Ich sterbe eher, als daß ich Werssiloff
-nach Lambert frage!« -- »Werssiloff,« fiel es mir wieder blitzartig ein,
-»Werssiloff und Lambert, oh, wieviel Neues sich da bei ihnen zugetragen
-hat! Bravo, Werssiloff! Da hat er den Bjoring mit seinem Brief doch
-abgeschreckt; er hat sie verleumdet, _la calomnie ... il en reste
-toujours quelque chose_,{[75]} und der deutsche Hofmann hat Angst
-bekommen vor einem Skandal -- haha, da hat sie ihre Lehre!« -- »Lambert
-... sollte Lambert am Ende schon bis zu ihr vorgedrungen sein? Das
-fehlte noch! Aber warum sollte sie sich nicht auch mit ihm >abgeben<?«
-
-Doch dann schleuderte ich auf einmal alle diese unsinnigen Gedanken von
-mir und warf mich verzweifelt zurück auf mein Kissen. »Nein, das darf
-nicht sein!« rief ich plötzlich entschlossen, sprang aus dem Bett und
-zog die Pantoffeln und den Schlafrock an, um mich geradeswegs nach dem
-Zimmer Makar Iwanowitschs zu begeben, ganz als wäre dort die Ablenkung
-von allen Anfechtungen, die Rettung und Erlösung, der Anker, an dem ich
-mich würde halten können.
-
-Es ist in der Tat möglich, daß ich damals diesen Gedanken mit allen
-Kräften meiner Seele fühlte; weshalb wäre ich denn sonst so plötzlich
-und gewaltsam aufgesprungen, um mich in dieser Gemütsverfassung zu Makar
-Iwanowitsch zu retten?
-
-
- III.
-
-Doch bei Makar Iwanowitsch traf ich ganz gegen meine Erwartung noch
-andere -- Mama und den Doktor. Da ich jedoch aus einem unbekannten
-Grunde überzeugt gewesen war, daß ich den Alten wieder so allein
-antreffen würde wie tags zuvor, blieb ich vor Überraschung geradezu
-verständnislos in der Tür stehen. Aber noch bevor ich dazu kam, ein
-geärgertes Gesicht zu machen, erschien auch schon Werssiloff, und ihm
-folgte Lisa ... So fanden sich plötzlich alle, Gott weiß weshalb, bei
-Makar Iwanowitsch ein, und gerade in einem Augenblick, wo mir das gar
-nicht paßte!
-
-»Ich bin gekommen, um mich nach Ihrem Befinden zu erkundigen,« sagte ich
-und ging geradeaus auf Makar Iwanowitsch zu.
-
-»Danke dir, Lieber, hab' dich erwartet: ich wußte, daß du kommen
-würdest! Hab' in der Nacht an dich gedacht.«
-
-Er blickte mir freundlich in die Augen, und ich sah es ihm an, daß er
-mich wohl von allen am meisten liebte. Aber gleichzeitig fiel mir auf,
-ganz unwillkürlich, daß sein Gesicht zwar heiter war, seine Krankheit
-jedoch im Lauf der Nacht Fortschritte gemacht hatte. Er war soeben vom
-Doktor gründlich untersucht worden. Später erfuhr ich, daß dieser Doktor
-(derselbe junge Arzt, über den ich mich so geärgert hatte, und der schon
-am Tage der Ankunft Makar Iwanowitschs zu Rate gezogen worden war) --
-daß dieser Doktor seinen neuen Patienten sehr gewissenhaft behandelte
-und eine -- die medizinischen Ausdrücke habe ich vergessen -- jedenfalls
-eine Verschlimmerung verschiedener Krankheiten in ihm festgestellt
-hatte. Wie ich auf den ersten Blick bemerkte, stand Makar Iwanowitsch
-bereits in dem engsten Freundschaftsverhältnis zu ihm, und in demselben
-Augenblick mißfiel mir das auch schon. Übrigens war ich gerade besonders
-schlecht aufgelegt.
-
-»Nun, Alexander Ssemjonowitsch, wie steht es denn heute mit unserem
-lieben Kranken?« erkundigte sich Werssiloff beim Doktor.
-
-Wenn ich nicht so erschüttert und verstimmt gewesen wäre, hätte ich
-sogleich mit ungeheurem Interesse Werssiloffs Verhalten zu diesem Greise
-beobachtet; ich hatte schon am Abend vorher darüber nachgedacht. Jetzt
-überraschte mich vor allem ein ungewöhnlich weicher und sympathischer
-Ausdruck in Werssiloffs Gesicht. Es lag etwas unendlich Aufrichtiges
-darin. Ich habe, glaube ich, schon einmal irgendwo gesagt, daß
-Werssiloffs Gesicht ganz überraschend schön werden konnte, sobald er nur
-ein wenig offener und treuherziger wurde.
-
-»Ja, sehen Sie mal, wir zanken uns beständig,« erwiderte der Doktor.
-
-»Sie und Makar Iwanowitsch? Nicht möglich! Mit ihm kann man sich nicht
-zanken.«
-
-»Er gehorcht doch nicht: in der Nacht will er nicht schlafen ...«
-
-»Nun hör' schon auf, Alexander Ssemjonowitsch, hast mich doch schon
-genug gescholten,« sagte Makar Iwanowitsch lachend. »Nun, und wie ist es
-denn, Väterchen Andrei Petrowitsch, wie hat man denn unser Fräulein
-abgeurteilt? -- Sie ist mir hier schon den ganzen Morgen so in Angst und
-Bangen und in Unruhe,« fügte er hinzu, indem er auf Mama wies.
-
-»Ach, Andrei Petrowitsch,« rief Mama tatsächlich sehr beunruhigt,
-»erzähl uns nur schneller, quäl uns nicht: wie ist es denn für die Arme
-ausgegangen?«
-
-»Ja, da hat man nun unser Fräulein verurteilt!«
-
-»Ach Gott!« rief Mama.
-
-»Beruhige dich, nicht zu sibirischer Zwangsarbeit: bloß zu fünfzehn
-Rubel Strafe, alles in allem. Es war ein richtiges Lustspiel!«
-
-Er setzte sich, und auch der Doktor nahm Platz. Das Gespräch bezog sich
-auf Tatjana Pawlowna und auf eine Geschichte, von der ich noch nichts
-wußte. Mein Platz war links von Makar Iwanowitsch, und Lisa saß mir
-gegenüber, rechts von ihm; sie hatte an diesem Morgen sichtlich einen
-besonderen Kummer, mit dem sie zu Mama gekommen war; in ihrem
-Gesichtsausdruck lag Unruhe und Gereiztheit. Plötzlich trafen sich
-unsere Blicke, und ich dachte bei mir: »Wir haben beide die Schmach
-kennen gelernt, ich muß den ersten Schritt zur Annäherung tun.« Mein
-Herz wurde plötzlich weich. Doch Werssiloff begann nun, von dem großen
-Ereignis dieses Morgens zu erzählen.
-
-Zwischen Tatjana Pawlowna und ihrer Köchin war es schließlich zu einem
-Prozeß gekommen, der an diesem Morgen vor dem Friedensrichter seine
-Erledigung gefunden hatte. Der Anlaß war eine ganz lächerliche
-Geschichte. Ich habe bereits erwähnt, daß ihre Köchin, die übellaunige
-Finnländerin, manchmal, wenn die Bosheit über sie kam, wochenlang
-schweigen konnte und ihrer Herrin Tatjana Pawlowna nicht einmal auf
-deren Fragen antwortete; desgleichen habe ich schon erwähnt, daß Tatjana
-Pawlowna ihr gegenüber von einer unbegreiflichen Schwäche war, sich
-vieles von ihr gefallen ließ und sie um keinen Preis endlich und ein für
-allemal zum Teufel jagen wollte. Meiner Ansicht nach verdienen alle
-diese psychopathischen Launen alter Jungfern und Damen nur die größte
-Verachtung und sind es wirklich nicht wert, beachtet zu werden; wenn ich
-mich trotzdem entschließe, diese Geschichte hier zu erwähnen, so
-geschieht das nur, weil diese Köchin später, im weiteren Verlauf meiner
-Geschichte, eine nicht geringe und verhängnisvolle Rolle zu spielen
-haben wird. Kurz, eines Tages war Tatjana Pawlowna schließlich die
-Geduld gerissen, und sie hatte der eigensinnigen Person, die wieder
-schon ein paar Tage lang schwieg, eine Ohrfeige gegeben, was früher noch
-nie vorgekommen war. Die Köchin hatte auch auf die Ohrfeige nicht den
-leisesten Ton geantwortet, war aber noch an demselben Tage zu einem
-Midshipman außer Diensten, namens Ossjotroff, gegangen, der dort
-irgendwo an der Hintertreppe in einer elenden Kammer hauste und sich mit
-kleinen Verdiensten für Ratschläge, Abfassungen von Eingaben oder
-Vertretungen vor Gericht, kümmerlich durchschlug. Und die Folge der
-Ohrfeige war, daß Tatjana Pawlowna vor dem Friedensrichter erscheinen
-mußte, und Werssiloff als Zeuge vorgeladen wurde.
-
-Werssiloff erzählte nun den ganzen Hergang der Verhandlung so lustig und
-witzig, daß selbst Mama lachen mußte; er ahmte sie alle nach, Tatjana
-Pawlowna, den Midshipman und die Köchin. Letztere hatte dem Gericht
-gleich zu Anfang erklärt, sie bäte um eine Geldstrafe; »denn wenn das
-gnädige Fräulein eingesteckt wird, für wen soll ich dann kochen?« Auf
-die Fragen des Richters hatte Tatjana Pawlowna mit gewaltigem Hochmut
-geantwortet, ohne sich zu einem Rechtfertigungsversuch überhaupt
-herabzulassen, und zum Schluß hatte sie noch gesagt: »Ich habe sie
-geschlagen und werde mich nicht abhalten lassen, sie nach Gutdünken
-wieder zu schlagen!« wofür sie unverzüglich wegen ungebührlichen
-Verhaltens vor Gericht zu einer Strafzahlung von drei Rubeln verurteilt
-worden war. Der Midshipman, ein lang aufgeschossener, hagerer junger
-Mann, hatte noch eine lange Rede zur Verteidigung seiner Klientin halten
-wollen, war aber schmählich aus dem Konzept gekommen und hatte nur den
-ganzen Gerichtssaal erheitert. Die Verhandlung war bald erledigt
-gewesen, und Tatjana Pawlowna ward verurteilt, ihrer geohrfeigten Marja
-fünfzehn Rubel zu zahlen. Sie hatte auch sofort das Portemonnaie
-hervorgezogen und das Geld auszahlen wollen, aber da war sogleich der
-Midshipman aufgetaucht und hatte die Hand hingehalten, um auch sein Geld
-zu empfangen, doch Tatjana Pawlowna hatte seine Hand empört zur Seite
-gestoßen und sich zu Marja gewandt, die aber hatte das Geld nicht
-annehmen wollen: »Ach, lassen Sie's schon gut sein, gnädiges Fräulein,
-das ist doch nicht nötig, es kann ja auf die Rechnung kommen, und mit
-diesem hier werd' ich schon selber abrechnen!« -- »Wozu hast du dir
-überhaupt so einen langen Galgen genommen!« hatte Tatjana Pawlowna
-versetzt, auf den Midshipman weisend, ersichtlich hocherfreut, daß ihre
-Marja endlich wieder sprach. »Ach, wahrhaftig, das ist wohl schon ein
-Galgen, gnädiges Fräulein,« hatte Marja mit listigem Gesicht
-geantwortet, »haben gnädiges Fräulein die Kotelettes heute mit Erbsen
-bestellt, ich hörte vorhin nicht recht, in der Eile, aufs Gericht zu
-kommen?« -- »Ach nein, mit Kohl, Marja, aber bitte laß sie nicht wieder
-anbrennen, wie gestern.« -- »Ach, heute werd ich mir schon besondre Mühe
-geben, gnädiges Fräulein; darf ich's Händchen küssen« -- und sie hatte
-ihr tatsächlich zum Zeichen der Versöhnung die Hand geküßt. Mit einem
-Wort, der ganze Gerichtssaal war aus dem Lachen nicht herausgekommen.
-
-»Nein, wie sonderbar diese Tatjana Pawlowna doch ist!« sagte Mama
-kopfschüttelnd, sehr befriedigt durch den guten Ausgang und durch Andrei
-Petrowitschs Wiedergabe, doch sah sie heimlich mit Unruhe zu Lisa
-hinüber.
-
-»Sie ist schon von Kindesbeinen an ein charaktervolles Fräulein
-gewesen,« meinte Makar Iwanowitsch lächelnd.
-
-»Galle und Müßiggang,« versetzte der Doktor.
-
-»Das soll wohl ich sein, die Charaktervolle von Kindesbeinen an, die
-Galle und der Müßiggang?« platzte plötzlich Tatjana Pawlowna ins Zimmer
--- aber sie schien sehr zufrieden mit sich. »Na, weißt du, Alexander
-Ssemjonowitsch, du als Doktorchen solltest mir lieber nicht solchen
-Unsinn reden! Kennst mich von deinem zehnten Lebensjahre an, da möcht'
-ich wissen, wann du mich müßig gesehen hast, und was die Galle betrifft,
-so bist du es ja selber, der mich schon ein ganzes Jahr lang deshalb
-behandelt, und wenn du mich nicht kurieren kannst, so ist das doch nur
-für dich eine Blamage. Na, jetzt habt ihr euch aber genug über mich
-lustig gemacht; schönen Dank, Andrei Petrowitsch, daß du dir die Mühe
-gemacht hast, aufs Gericht zu kommen. Na, und wie geht es denn dir,
-Makaruschka, ich bin ja nur gekommen, um zu sehen, wie es hier mit der
-Gesundheit steht, mit deiner natürlich nur, nicht mit der Gesundheit
-dieses da,« sagte sie und wies dabei auf mich, schlug mir aber
-gleichzeitig mit der Hand freundschaftlich auf die Schulter; ich hatte
-sie noch nie bei so guter Laune gesehen. »Na, wie steht es denn mit
-ihm?« wandte sie sich mit besorgt gerunzelter Stirn an den Doktor.
-
-»Er will sich nicht ins Bett legen, und dieses Sitzen ermüdet ihn nur.«
-
-»Ich sitze ja nur so ein bißchen, wenn Menschen da sind,« sagte Makar
-Iwanowitsch unsicher, mit fast kindlich bittendem Gesicht.
-
-»Ja, das haben wir gern, das haben wir gern! -- ich weiß schon: so im
-Kreise sitzen, wenn man sich um ihn versammelt hat, und dann zu reden --
-ei freilich, ich kenne doch meinen Makaruschka!« sagte Tatjana Pawlowna.
-
-»Wart', sei nicht so hurtig,« sagte der Alte wieder lächelnd, indem er
-sich zum Doktor wandte, »höre mich erst an und laß mich aussprechen: ich
-werd' mich schon hinlegen, Freundchen, aber sieh, unsereins denkt so:
->Legst du dich erst mal hin, dann stehst du vielleicht überhaupt nicht
-mehr auf,< -- siehst du jetzt, Freundchen, was bei mir dahintersteckt.«
-
-»Na ja, wußte ich doch, daß hier irgend so ein Aberglaube mit im Spiel
-ist: >leg ich mich hin, so steh ich vielleicht überhaupt nicht mehr
-auf,< -- das ist es ja, was Leute aus dem Volk so oft fürchten, weshalb
-sie eine Krankheit lieber stehenden Fußes durchmachen, als daß sie ins
-Krankenhaus gehen. Sie aber, Makar Iwanowitsch, Sie haben einfach
-Sehnsucht bekommen, Sehnsucht nach der Freiheit und der Landstraße --
-darin besteht Ihre ganze Krankheit, Sie sind es nicht mehr gewohnt,
-lange an einem Ort zu leben. Sie sind doch ein sogenannter Pilger! Nun,
-und das Vagabundieren wird ja in unserem Volk fast schon zur
-Leidenschaft. Das habe ich bereits mehr als einmal unter dem Volk
-beobachtet. Unser ganzes Volk ist ein Vagabund.«
-
-»So ist Makar Iwanowitsch deiner Meinung nach ein Vagabund?« griff
-Tatjana Pawlowna das Wort auf.
-
-»Oh, ich sagte das ja nicht in dem Sinne; ich gebrauchte den Ausdruck
-nur im weitesten Sinne. Nun, sagen wir, er ist ein religiöser, ein
-gottesfürchtiger Vagabund, aber schließlich doch ein Vagabund. Ein
-Vagabund im guten, achtbaren Sinne, aber immerhin ein Vagabund ... Ich
-sage das vom Standpunkte des Mediziners ...«
-
-»Ich versichere Sie,« wandte ich mich plötzlich an den Doktor, »eher
-sind wir Vagabunden, Sie und ich und wir alle, so viele hier sind, nicht
-aber dieser alte Mann, von dem wir alle, Sie einbegriffen, noch lernen
-könnten; denn er hat immerhin etwas Feststehendes im Leben, wir aber,
-wie wir hier sind, wir haben überhaupt nichts Festes im Leben ...
-Übrigens, wie sollten Sie das begreifen können!«
-
-Ich hatte das wohl in ziemlich scharfem Tone gesagt, aber so war es mir
-ganz recht. Eigentlich wußte ich nicht, weshalb ich noch dort saß; ich
-war wie nicht bei Sinnen.
-
-»Was fällt dir nun wieder ein?« fragte Tatjana Pawlowna und sah mich
-mißtrauisch an. »Na, wie findest du ihn, Makar Iwanowitsch?« fragte sie
-diesen und wies dabei mit dem Finger auf mich.
-
-»Gott segne ihn, er ist gewitzt,« sagte der Alte mit ernstem Gesicht,
-aber bei dem Wort »gewitzt« fingen fast alle zu lachen an.
-
-Ich konnte mich gerade noch so weit zusammennehmen, daß ich ernst blieb;
-am lautesten lachte der Doktor. Dumm war nur, daß ich damals nichts von
-ihrer Übereinkunft wußte! Werssiloff, der Doktor und Tatjana Pawlowna
-hatten sich nämlich schon vor drei Tagen verabredet, alles aufzubieten,
-um Mama von schlimmen Vorahnungen und Befürchtungen für Makar
-Iwanowitsch abzulenken; denn sein Zustand war schon viel hoffnungsloser,
-als ich damals ahnte. Deshalb also gaben sie sich Mühe, möglichst lustig
-zu sein, zu scherzen und zu lachen. Nur der Doktor war dumm und verstand
-darum auch keinen Scherz: daraus entstand dann später die ganze
-Geschichte. Wenn ich aber um diese Verabredung gewußt hätte, so würde
-ich es natürlich nicht dazu gebracht haben, wozu es nun kam. Lisa wußte
-auch nichts von der Verabredung.
-
-Ich saß und hörte nur mit halbem Ohre zu; sie sprachen und lachten, mir
-aber gingen die ganze Zeit Darja Onissimowna und ihre Neuigkeiten durch
-den Kopf, und es war mir nicht möglich, diese Gedanken zu verscheuchen;
-ich glaubte, sie immer noch vor mir zu sehen, wie sie so sitzt und mich
-ansieht, sich dann leise erhebt, vorsichtig zur Tür geht und ins andere
-Zimmer späht. Auf einmal fingen sie alle laut zu lachen an. Tatjana
-Pawlowna hatte, ich weiß nicht, wie das Gespräch darauf gekommen war,
-den Doktor einen Gottlosen genannt: »Na, ihr Mediziner, ihr seid doch
-alle Gottlose! ...«
-
-»Makar Iwanowitsch!« rief sofort der Doktor, der auf eine höchst dumme
-Weise den Beleidigten spielte, der Gerechtigkeit heischt, »bin ich ein
-Gottloser?«
-
-»Du ein Gottloser? Nein, du bist kein Gottloser,« antwortete der Alte
-ehrlich, nachdem er ihn prüfend angesehen hatte. »Nein, Gott sei Dank!«
-Er schüttelte den Kopf. »Du bist ein heiterer Mensch.«
-
-»Und wer heiter ist, der ist schon kein Gottloser?« fragte der Doktor
-ironisch.
-
-»Das ist in seiner Art ein Gedanke,« bemerkte Werssiloff, lachte aber
-dabei gar nicht.
-
-»Das ist sogar ein starker Gedanke!« rief ich unwillkürlich aus, ganz
-betroffen durch diesen Gedanken.
-
-Der Doktor sah fragend von einem zum anderen.
-
-»Diese Gelehrten, diese Studierten und großen Professoren«
-(wahrscheinlich hatten sie vorher von Professoren gesprochen), begann
-Makar Iwanowitsch, den Blick ein wenig gesenkt, »vor denen hab' ich
-anfänglich gewaltige Angst gehabt: ich hab' mich an sie überhaupt nicht
-herangewagt; denn ich hab' nichts also gefürchtet wie den Gottlosen. Ich
-dachte bei mir: ich hab' doch nur eine einzige Seele; wenn ich die nun
-verderbe, kann ich doch keine andere mehr finden. Nun, mit der Zeit aber
-faßte ich Mut: >Was können sie denn in aller Welt sein,< dacht' ich,
->Götter sind sie doch nimmer, sondern Menschen ganz wie unsereiner,
-Menschen mit denselben Leidenschaften.< Und groß war auch meine Neugier:
->Ich werde doch erfahren,< dacht' ich bei mir, >was das nun eigentlich
-ist, selbige Gottlosigkeit.< Nur ist mir, Freund, nachher selbst diese
-Neugier ganz vergangen.«
-
-Er verstummte, doch man sah ihm an, daß er weitersprechen wollte, immer
-mit demselben stillen und ehrwürdigen Lächeln. Es gibt eine Einfalt, die
-allen und jedem vertraut und niemals Spott befürchtet. Solche Menschen
-sind immer beschränkt; denn sie sind bereit, auch das Wertvollste aus
-ihrem Herzen vor jedem ersten besten auszubreiten. Aber bei Makar
-Iwanowitsch war es, wie mir schien, etwas ganz anderes, was ihn zu
-sprechen veranlaßte, war es nicht die Gedankenlosigkeit der Einfalt: es
-kam in ihm gleichsam ein Propagandist zum Vorschein. Mit Genugtuung
-hörte ich aus seinem Ton sogar einen leisen Spott heraus, der dem Doktor
-und vielleicht auch Werssiloff galt. Was er nun sagte, war offenbar eine
-Fortsetzung ihrer früheren Dispute im Laufe der Woche, doch zum Unglück
-fiel wieder jenes verhängnisvolle Wort, daß mich schon gestern so
-elektrisiert hatte, und das mich nun zu einem Ausfall veranlaßte, den
-ich noch heute bedauere.
-
-»Einen gottlosen Menschen,« fuhr der Alte gesammelt fort, »den würde ich
-vielleicht noch heutigentags fürchten; nur ist das so eine Sache, Freund
-Alexander Ssemjonowitsch: einem wirklich Gottlosen bin ich in meinem
-ganzen Leben noch nicht begegnet. Statt seiner bin ich nur dem Ruhelosen
-begegnet -- siehst du, so muß man ihn richtiger nennen. Es sind das die
-verschiedensten Leute; kannst dir fürwahr gar nicht ausdenken, was für
-Leute das alles sind: große und kleine, dumme und gelehrte, und manche
-darunter sind sogar von allereinfachstem Stande, und alle sind sie
-ruhelos; denn sie lesen und reden darüber ihr ganzes Leben lang, so sie
-sich an der Süße der Bücher gesättigt haben, selber aber verbleiben sie
-ewig im Zweifel und können zu keinem Schluß kommen. Manch einer breitet
-sich so weit aus, daß er sich selber nicht mehr sieht. Manch einer ist
-in seiner Erbitterung härter denn ein Stein, sein Herz aber ist voll von
-Träumen. Manch einer wiederum ist gefühllos und leichtsinnig und hat
-Genüge, wenn er seinen Spott belachen kann. Manch einer hat aus den
-Büchern nur die Blumen herausgepflückt, und auch die nur nach seinem
-Gefallen; er selber aber ist unruhig, und es ist in ihm gar kein Gefühl
-für das Rechte. Und ich sage wiederum: es ist viel Langeweile. Manch ein
-Geringer leidet wohl Not, er weiß nicht einmal, womit er seine
-Kinderchen durchbringen soll, da es ihm an Brot gebricht, und er schläft
-auf stechendem Stroh, aber sein Herz ist doch heiter und leicht, und
-wenn er auch sündigt und unflätig ist, so ist sein Herz ihm dennoch
-alleweil leicht. So ein großer Herr dagegen hat zu essen und zu trinken
-in Hülle und Fülle und hat Gold in Haufen, in seinem Herzen aber ist
-immer dieselbe Schwermut. Manch einer hat alle Wissenschaften studiert
--- und doch weicht die Schwermut nicht von ihm. Ich denke so, daß je
-mehr Verstand hinzukommt, um so mehr kommt auch Langeweile hinzu. Und
-wenn man noch das bedenkt: sie lehren solange die Welt steht, aber was
-haben sie denn Gutes gelehrt, daß die Welt davon die schönste und
-heiterste und eine von jeglicher Freude erfüllte Wohnung werde? Und ich
-sage noch mehr: innere Schönheit haben sie nicht und wollen sie nicht
-einmal haben. Alle sind ins Verderben geraten, nur lobt ein jeder sein
-Verderben, sich aber der einzigen Wahrheit zuzuwenden, daran denkt er
-nicht; ohne Gott aber zu leben ist nur eine Qual. So kommt es, daß wir
-das verfluchen, wodurch wir erleuchtet werden, und das selber nicht
-einmal ahnen. Ja, und was hat es auch für einen Sinn: so einen Menschen
-kann es ja gar nicht geben, der sich nicht vor irgend etwas beugt; ein
-solcher Mensch würde sich selber nicht ertragen können; kein Mensch
-könnte das. Wenn er Gott verstoßen hat, so beugt er sich vor einem
-Götzen -- einem hölzernen oder goldenen oder einem gedanklichen.
-Götzendiener sind das alles, aber nicht Gottlose, sieh, so muß man sie
-nennen. -- Aber wie sollte es keine Gottlosen geben? Es gibt welche, die
-wirklich gottlos sind, nur sind diese viel schrecklicher als jene,
-dieweil sie den Namen Gottes im Munde führen. Von solchen hab' ich
-mehrfach gehört, aber begegnet bin ich so einem noch nie. Es gibt aber
-solche, und ich denke, es muß sie auch geben.«
-
-»Es gibt solche,« bestätigte plötzlich Werssiloff, »es gibt solche und
->es muß sie auch geben<.«
-
-»Unbedingt gibt es sie und >muß es sie auch geben<!« brach es
-unaufhaltsam und mit Leidenschaft aus mir hervor, ich weiß selbst nicht,
-weshalb, aber Werssiloffs Ton riß mich hin, und in dem Ausspruch, >es
-muß sie auch geben<, lag ein Gedanke, der mich gefangen nahm. Dieses
-Gespräch war für mich wirklich eine Überraschung. Doch da geschah
-plötzlich etwas ganz Unvorhergesehenes.
-
-
- IV.
-
-Es war ein selten klarer Tag. Die Vorhänge im Zimmer Makar Iwanowitschs
-waren anfänglich auf Anordnung des Doktors den Tag über nicht aufgezogen
-worden; jetzt aber hatte man vor das Fenster einen Vorhang gehängt, der
-den oberen Teil des Fensters freiließ, denn der Alte hatte sich bei den
-früheren Vorhängen bedrückt gefühlt, da er die Sonne nicht sehen konnte.
-Und wie wir nun so saßen, traf es sich, daß ein Sonnenstrahl auf einmal
-Makar Iwanowitsch gerade ins Gesicht schien. Im Eifer des Gesprächs
-hatte er das zunächst gar nicht bemerkt, jedoch unwillkürlich schon ein
-paarmal den Kopf zur Seite gebogen, da der grelle Schein seine schwachen
-Augen blendete und reizte. Mama, die neben ihm stand, hatte schon
-unruhig nach dem Fenster geblickt; man hätte das Fenster einfach
-verhängen müssen, doch um das Gespräch nicht zu unterbrechen, versuchte
-sie schließlich, die Bank, auf der Makar Iwanowitsch saß, etwas aus der
-Sonne zu rücken, wenn auch nur um eine Handbreit mehr nach rechts. Sie
-beugte sich hinab und erfaßte die Bank, konnte sie aber nicht von der
-Stelle rücken: die Bank mit Makar Iwanowitsch darauf rührte sich nicht.
-Makar Iwanowitsch hatte im Gespräch nur unbewußt ihre Anstrengung
-empfunden und unwillkürlich schon ein paarmal versucht, sich zu erheben,
-doch seine Füße hatten ihm den Dienst versagt. Mama aber fuhr immer noch
-fort, sich zu bücken und zu ziehen, und das war es, was Lisa schließlich
-furchtbar ärgerte und aufbrachte. Ich erinnere mich, daß mir schon ein
-paar funkelnde, empörte Blicke von ihr aufgefallen waren, nur hatte ich
-im Augenblick nicht verstanden, worauf sie sich bezogen, und außerdem
-war ich durch das Gespräch ganz und gar in Anspruch genommen. Plötzlich
-hören wir, wie sie Makar Iwanowitsch beinahe anschreit:
-
-»So erheben Sie sich doch ein wenig! Sehen Sie denn nicht, daß es so
-über Mamas Kraft geht!«
-
-Der Alte sah sie mit einem schnellen Blick an, begriff sofort, was sie
-meinte, und versuchte eilig, sich zu erheben, doch es gelang ihm nicht:
-er kam nur eine Handbreit hoch und fiel wieder zurück.
-
-»Ich kann nicht, Liebling,« sagte er traurig und sah Lisa gewissermaßen
-gehorsam an.
-
-»Erzählen können Sie ein ganzes Buch, aber sich erheben, das können Sie
-nicht?«
-
-»Lisa!« rief Tatjana Pawlowna.
-
-Makar Iwanowitsch versuchte noch einmal mit aller Gewalt, sich zu
-erheben.
-
-»Nehmen Sie doch den Krückstock, er liegt ja neben Ihnen, versuchen Sie
-es mit dem Stock!« sagte Lisa noch einmal barsch.
-
-»Ja, wirklich,« sagte der Alte und griff hastig nach seinem Stock.
-
-»Man muß ihm einfach helfen!« sagte Werssiloff schnell und erhob sich
-sofort; auch der Doktor und Tatjana Pawlowna sprangen auf, aber noch
-bevor sie ihm helfen konnten, hatte sich Makar Iwanowitsch, der sich aus
-aller Kraft auf den Stock stützte, schon von selbst erhoben, und nun
-stand er da in freudigem Triumph und blickte uns alle an.
-
-»Da bin ich doch aufgestanden!« sagte er fast stolz und lachte froh.
-»Hab' Dank, Liebe, sieh mal, hast mich klug gemacht; und ich dachte
-schon, fürwahr, die Füße gehorchten mir gar nicht mehr ...«
-
-Aber er stand nicht lange; er hatte noch nicht zu Ende gesprochen, als
-plötzlich der Stock, auf den er sich mit der ganzen Schwere seines
-Körpers stützte, auf dem Teppich ausglitt, und da die Füße ihn nicht
-mehr trugen, stürzte er, dieser große alte Mann, plötzlich mit Wucht zu
-Boden. Das war geradezu furchtbar anzusehen. Alle schrien auf und eilten
-zu ihm, um ihn aufzuheben, aber zum Glück hatte er sich keinen Schaden
-getan: er war nur schwer und mit einem Krach auf beide Knie gestürzt,
-hatte aber doch noch die rechte Hand vorstemmen können, und so war er
-wenigstens nicht aufs Gesicht gefallen. Er wurde aufgehoben und aufs
-Bett gesetzt. Er war sehr bleich geworden, aber nicht vom Schreck,
-sondern von der Erschütterung. (Der Doktor hatte bei ihm außer allem
-anderen noch ein Herzleiden festgestellt). Mama aber war vor Schreck
-außer sich. Doch plötzlich wandte Makar Iwanowitsch, noch ganz bleich
-und zitternd und wohl noch nicht recht bei Besinnung, das Gesicht Lisa
-zu und sagte mit fast zärtlicher leiser Stimme:
-
-»Nein, Liebe, sieh, die Füße gehorchen mir doch nicht mehr!«
-
-Ich kann gar nicht sagen, was für einen Eindruck das damals auf mich
-machte! Das Erschütterndste war, daß in den Worten des armen Alten nicht
-die geringste Klage, nicht der leiseste Vorwurf lag; im Gegenteil, man
-sah sofort, daß er aus Lisas Worten von Anfang an nichts Böses
-herausgehört und alles ganz in Ordnung gefunden hatte, d. h. daß er für
-sein Verschulden gerade eine solche Zurechtweisung verdient zu haben
-glaubte. Alles das wirkte natürlich furchtbar auf Lisa. Als er gefallen
-war, war sie wie alle aufgesprungen und stand nun leichenblaß da.
-Natürlich litt sie, da sie die Schuld an dem ganzen Unfall trug, doch
-als sie diese Worte hörte, wurde sie plötzlich, im Augenblick, feuerrot
-vor Scham und Reue.
-
-»So, jetzt ist es aber genug!« kommandierte auf einmal Tatjana Pawlowna,
-»das kommt alles nur von diesem Geschwätz! Es ist Zeit,
-auseinanderzugehen; was kann dabei Gutes herauskommen, wenn der Doktor
-selbst zu schwätzen anfängt!«
-
-»Sie haben recht,« stimmte ihr Alexander Ssemjonowitsch freimütig bei,
-während er sich noch bei dem Kranken zu schaffen machte. »Es war meine
-Schuld, Tatjana Pawlowna, ich hätte es früher sagen sollen, daß er Ruhe
-braucht.«
-
-Aber Tatjana Pawlowna hatte sich schon von ihm abgewandt: sie stand und
-sah wohl eine halbe Minute lang schweigend und gespannt Lisa an.
-
-»Komm her, Lisa, und gib mir einen Kuß, mir alten dummen Person, wenn
-du's nur willst,« sagte sie auf einmal ganz unerwartet.
-
-Und sie küßte Lisa, ich weiß nicht, wofür, aber gerade das war es, was
-man tun mußte; ich wäre am liebsten selbst auf Tatjana Pawlowna
-zugestürzt und hätte sie dafür geküßt. Sie hatte das einzig Richtige
-getan: statt Lisa Vorwürfe zu machen, mußte man das neue, gute Gefühl,
-das sich jetzt zweifellos in ihr erhob, mit Freude begrüßen und sie dazu
-beglückwünschen. Aber statt das nun auch zu tun, sprang ich plötzlich
-auf und sagte laut, mit harter Stimme:
-
-»Makar Iwanowitsch, Sie haben wieder das Wort >Schönheit< gebraucht,
->innere Schönheit<, und gerade dieses Wort hat mich noch gestern und
-alle diese Tage gequält ... und überhaupt hat es mich mein Leben lang
-gequält, nur habe ich früher nicht gewußt, was mich quälte. Dieses
-Zusammentreffen der Worte halte ich für eine Schicksalsfügung, fast für
-ein Wunder. Ich erkläre das in Ihrer Gegenwart ...«
-
-Aber man fiel mir sogleich ins Wort und ließ mich nicht zu Ende
-sprechen. Ich sage nochmals: ich wußte nichts von ihrer Verabredung
-wegen Mama und Makar Iwanowitsch; sie aber glaubten von mir natürlich,
-nach früheren Erfahrungen, ich wäre zu jedem Skandal von dieser Art
-fähig.
-
-»Schweig! Bringt ihn zum Schweigen!« rief Tatjana Pawlowna gleich ganz
-wild vor Wut. Mama erzitterte. Makar Iwanowitsch, der den Schreck der
-anderen sah, erschrak gleichfalls.
-
-»Arkadi, höre auf!« rief Werssiloff streng.
-
-»Für mich, meine Herrschaften,« rief ich noch lauter, »für mein
-Empfinden ist es, Sie alle hier neben diesem reinen Kinde zu sehen (ich
-deutete auf Makar Iwanowitsch) -- einfach eine Gemeinheit. Hier ist nur
-eine Heilige -- das ist Mama, aber auch sie ...«
-
-»Sie erschrecken ihn!« sagte der Doktor eindringlich.
-
-»Ich weiß, daß ich -- ein Feind der ganzen Welt bin,« stotterte ich
-(oder so etwas Ähnliches), sah mich im Kreise um und blickte schließlich
-herausfordernd Werssiloff an.
-
-»Arkadi!« rief er wieder, »einmal ist es hier schon zu so einem Auftritt
-zwischen uns gekommen. Ich beschwöre dich, beherrsche dich jetzt!«
-
-Ich kann es nicht wiedergeben, mit was für einem starken Gefühl er das
-sagte. Eine außergewöhnliche, aufrichtige, tiefe Trauer sprach aus
-seinem Gesicht. Das Erstaunlichste aber war, daß er so aussah wie ein
-Mensch, der sich seiner Schuld bewußt ist: ich war der Richter, er --
-der Verbrecher. Das alles gab mir den Rest.
-
-»Ja!« schrie ich zur Antwort, »genau so einen Auftritt hat es schon
-einmal gegeben, als ich Werssiloff begrub und ihn aus meinem Herzen riß
-... Doch dann kam seine Auferstehung von den Toten, jetzt aber ... jetzt
-folgt kein Morgen mehr! ... Aber Sie alle hier, Sie alle werden noch
-sehen, wozu ich fähig bin: Sie lassen sich das ja nicht einmal träumen,
-was ich beweisen kann!«
-
-Und nachdem ich das gesagt hatte, stürzte ich in mein Zimmer. Werssiloff
-kam mir eilig nach ...
-
-
- V.
-
-Ich bekam einen Rückfall; das Fieber stieg beängstigend schnell, und in
-der Nacht fing ich wieder zu phantasieren an. Aber es war doch nicht
-alles nur Fieberdelirium: es waren auch Träume, unzählige, einer nach
-dem anderen, in sinnloser Folge, Träume, von denen ich nur einen Traum
-oder nur den Teil eines Traumes für mein ganzes Leben behalten habe. Ich
-will ihn ohne alle Erklärungen wiedergeben; dieser Traum war
-prophetisch, und ich kann ihn nicht übergehen.
-
-Ich befand mich plötzlich, mit irgendeiner großen und stolzen Absicht im
-Herzen, in einem hohen, großen Zimmer, es war aber nicht bei Tatjana
-Pawlowna; ich erinnere mich dieses Zimmers noch sehr genau; das erwähne
-ich hier schon vorgreifend. Und obgleich ich allein bin, fühle ich doch
-die ganze Zeit mit Unruhe und Pein, daß ich nicht allein bin, und daß
-man irgendwo auf mich wartet und irgend etwas von mir erwartet. Irgendwo
-hinter einer Tür sitzen Menschen und warten auf das, was ich tun werde.
-Ein unerträgliches Gefühl! »Wenn ich doch allein wäre!« denke ich. Und
-auf einmal kommt _sie_ herein. Sie sieht mich schüchtern an, sie
-fürchtet sich entsetzlich, sie sucht meinen Blick. _Und ich halte das
-Dokument in der Hand._ Sie lächelt, um mich zu bestricken, sie will sich
-bei mir einschmeicheln; sie tut mir leid, aber schon fange ich an, Ekel
-zu empfinden. Auf einmal bedeckt sie ihr Gesicht mit den Händen. Da
-werfe ich ihr mit unsäglicher Verachtung das Dokument hin: »Bitten Sie
-mich nicht, da haben Sie es, ich brauche nichts von Ihnen! Ich räche
-mich für alle mir angetane Schmach durch Verachtung!« Und ich gehe aus
-dem Zimmer, ganz erfüllt von maßlosem Stolz. Aber in der Tür, im
-Dunkeln, ergreift mich Lambert! »Dummkopf! Dummkopf!« flüstert er mir
-aufgebracht zu und hält mich an der Hand zurück, »sie muß in einem
-billigen Stadtteil ein Pensionat für adlige junge Mädchen eröffnen« (d.
-h. wenn ihr Vater von mir dieses Dokument erhielte -- den unvorsichtigen
-Brief seiner Tochter an Andronikoff -- sie enterbte und aus dem Hause
-jagte. Ich habe diese Worte Lamberts buchstäblich so niedergeschrieben,
-wie er sie in meinem Traum zu mir sagte).
-
-»Arkadi Makarowitsch sucht >Schönheit<,« höre ich Anna Andrejewnas
-Stimme irgendwo in der Nähe sagen, dort auf der Treppe; aber kein Lob,
-sondern ein unerträglicher Spott klingt aus ihren Worten. Ich kehre mit
-Lambert ins Zimmer zurück. Doch wie _sie_ Lambert erblickt, beginnt sie
-zu lachen. Mein erster Eindruck ist ein furchtbarer Schreck, ein
-Schreck, daß ich stehen bleibe und mich ihr nicht zu nähern wage. Ich
-sehe sie an und kann es nicht glauben; es ist, als hätte sie plötzlich
-eine Maske von ihrem Gesicht fallen lassen: es sind dieselben Züge, aber
-es ist, als wäre jeder Zug ihres Gesichtes durch unsägliche
-Schamlosigkeit entstellt. »Den Preis, Gnädigste, den Preis!« ruft
-Lambert und beide lachen sie noch mehr, mein Herz aber will stille
-stehen: »Oh, ist denn dieses schamlose Weib -- dieselbe, deren Blick
-allein schon alle Tugenden in meinem Herzen weckte?«
-
-»Sieh, wozu diese Stolzen der hohen Kreise fähig sind -- für Geld!« ruft
-Lambert. Aber die Schamlose läßt sich auch durch diese Worte nicht
-verwirren; sie lacht gerade darüber, daß ich so erschrocken bin. Oh, sie
-ist bereit, den Preis für das Dokument zu zahlen, das sehe ich, und ...
-und was ist mit mir? Schon fühle ich weder Mitleid noch Ekel; ich
-zittere, wie ich noch niemals gezittert habe ... Ein neues Gefühl
-bemächtigt sich meiner, ein unnennbares, das ich noch nie gekannt, und
-das so stark ist wie die ganze Welt ... Oh, jetzt bin ich schon nicht
-mehr imstande, fortzugehen, oh, um keinen Preis! Und wie es mir gefällt,
-daß das so schamlos ist! Ich ergreife ihre Hände, die Berührung ihrer
-Hände erschüttert mich qualvoll, und ich nähere meine Lippen den ihren,
-diesen schamlosen, roten, vor Lachen zitternden und mich rufenden
-Lippen.
-
-Oh, hinweg mit dieser niedrigen Erinnerung! Dieser verwünschte Traum!
-Ich schwöre, daß vor diesem schamlosen Traum in meinem Geiste noch
-nichts gelebt hatte, was einem so schändlichen Gedanken auch nur ähnlich
-gewesen wäre. Nicht einmal eine unfreiwillige Träumerei von der Art war
-bis dahin in mir gewesen (wenn ich auch das »Dokument« in meiner Tasche
-eingenäht trug und manchmal mit einem eigenen Lächeln nach dieser Tasche
-gefühlt hatte). Wie aber war es denn möglich gewesen, daß alles das
-plötzlich in dieser fertigen Form in mir hatte auftauchen können? Das
-kam daher, weil die Seele einer Spinne in mir war! Dieser Traum beweist,
-daß alles dies in meinem wollüstigen Herzen schon längst gekeimt hatte
-und in ihm lag, in meinem _Wunsch_ lag, aber im wachen Zustande hatte
-mein Herz sich dessen noch geschämt, und mein Geist hatte noch nicht
-gewagt, sich etwas Ähnliches bewußt vorzustellen. Doch im Schlaf und
-Traum verriet und zeigte meine Seele, was in meinem Herzen war, zeigte
-es in deutlichen Bildern, der Wahrheit getreu und -- in prophetischer
-Form. War es denn wirklich _das_ gewesen, was ich ihnen hatte _beweisen_
-wollen, als ich am Morgen aus Makar Iwanowitschs Zimmer gestürzt war?
-Doch jetzt genug davon, vorläufig werde ich darauf nicht mehr zu
-sprechen kommen! Dieser Traum, den ich damals hatte, ist eines der
-sonderbarsten Erlebnisse meines Lebens.
-
-
- Drittes Kapitel.
-
-
- I.
-
-Nach drei Tagen stand ich am Morgen vom Bett auf, und als ich mich auf
-meine Füße stellte, fühlte ich, daß ich mich nun nicht wieder hinlegen
-würde. Mein ganzer Mensch empfand bereits die Nähe der völligen
-Genesung. Vielleicht ist es nicht der Mühe wert, alle diese kleinen
-Einzelheiten aufzuzeichnen, aber mit jenem Morgen begannen damals ein
-paar Tage, die, obschon in ihnen nichts Besonderes geschah, doch
-unauslöschlich in meinem Gedächtnis geblieben sind, wie etwas
-Tröstliches und Ruhiges, und das ist etwas, was in meinen Erinnerungen
-nur selten vorkommt. Meinen damaligen Seelenzustand will ich vorläufig
-noch nicht ausführlicher schildern; wenn ich dem Leser erzählte, welcher
-Art dieser Zustand war, würde er mir gewiß nicht glauben. So mag denn
-alles später aus den Tatsachen sich selbst erklären. Fürs erste sage ich
-nur dieses Eine: möge der Leser nicht vergessen, daß ich von der »_Seele
-einer Spinne_« gesprochen habe. Und diese Seele -- war in einem
-Menschen, der im Namen der »Schönheit« allen seinen Anverwandten und der
-ganzen Welt den Rücken kehren wollte! Das Verlangen nach Schönheit war
-in mir sogar in hohem Maße vorhanden, und es war ein echtes und
-wirkliches Verlangen, wie aber und auf welche Weise es sich mit anderen,
-Gott weiß was für Wünschen in mir vertrug -- das ist für mich selbst ein
-Geheimnis. Und das ist mir auch immer ein Geheimnis gewesen: ich habe
-mich wohl schon tausendmal über diese Fähigkeit des Menschen (und wie
-mir scheint, besonders des Russen) gewundert, das höchste Ideal neben
-der niedrigsten Gemeinheit in seiner Seele hegen zu können, und beides
-mit vollkommener Aufrichtigkeit. Die Frage ist jetzt nur, ob das eine
-besondere Weitherzigkeit der Natur des russischen Menschen ist, die ihn
-noch weit führen wird, oder aber -- einfach menschliche Gemeinheit?
-
-Doch lassen wir das. Wie dem auch sein möge, jedenfalls trat damals so
-etwas wie eine Windstille ein. Ich sagte mir eben, daß ich unbedingt
-sobald wie möglich gesund werden mußte, um sobald wie möglich handeln zu
-können, und deshalb nahm ich mir vor, hygienisch zu leben und die
-Vorschriften des Doktors (gleichviel was für ein Mensch dieser Doktor
-war) gewissenhaft zu beobachten; meine stürmischen Pläne aber verschob
-ich mit außerordentlicher _Vernünftigkeit_ (eine Frucht der
-»Weitherzigkeit«) auf den Tag, da ich zum erstenmal ausgehen würde, d.
-h. bis zu meiner völligen Genesung. Auf welche Weise alle meine
-friedlichen Eindrücke und das Genießen besagter Windstille sich mit und
-neben den qualvoll süßen und erregten Schlägen meines Herzens vertragen
-konnten, noch dazu bei dem starken Vorgefühl nah bevorstehender
-stürmischer Entscheidungen -- das weiß ich nicht; ich kann alles das
-wieder nur der »Weitherzigkeit« zuschreiben. Aber die Unruhe, die ich
-noch unlängst verspürt hatte, war nicht mehr in mir; ich hatte alles auf
-jenen erwähnten Tag verschoben und zitterte nicht mehr vor dem
-Kommenden, wie noch kurz zuvor, sondern fühlte mich wie ein reicher
-Mann, der seiner Mittel und seiner Kraft sicher ist. Mein Hochmut und
-das Gefühl der Herausforderung dem Schicksal gegenüber, das mich
-erwartete, wurden immer größer. Zum Teil kam das wohl von der
-fortschreitenden Gesundung und dem schnellen Zustrom neuer Lebenskräfte.
-Und gerade an diese Tage der endgültigen und vollständigen Genesung
-denke ich jetzt mit wirklichem Vergnügen zurück.
-
-Oh, man hatte mir schon alles verziehen, d. h. meinen ganzen Ausfall,
-und das taten dieselben Menschen, denen ich ins Gesicht gesagt hatte,
-sie wären gemein! Das liebe ich an Menschen, das nenne ich den Verstand
-des Herzens; wenigstens zog mich das sofort zu ihnen hin, aber natürlich
-nur bis zu einem gewissen Grade. Mit Werssiloff zum Beispiel fuhr ich
-fort, mich wie früher zu unterhalten, wir sprachen wie zwei gute
-Bekannte, aber wiederum nur bis zu einer gewissen Grenze: sobald wir
-merkten, daß man etwas mehr aus sich herauszugehen begann (und das
-wollte bisweilen geschehen), nahmen wir uns sogleich wieder zusammen,
-und es war dann, als schämten wir uns aus irgendeinem Grunde beide ein
-wenig. Es gibt Fälle, wo der Sieger nicht umhin kann, sich vor dem
-Besiegten zu schämen, gerade deshalb, weil er ihn besiegt hat. Der
-Sieger war offenbar -- ich; und so schämte ich mich denn auch.
-
-An jenem Morgen, als ich nach meinem Rückfall zum erstenmal aufgestanden
-war, kam er zu mir ins Zimmer, und da erst teilte er mir ihre
-Verabredung mit, die sie alle wegen Mama und Makar Iwanowitsch getroffen
-hatten: zum Schluß sagte er mir noch, daß Makar Iwanowitsch sich
-allerdings besser fühle, der Doktor aber für nichts einstehe. Natürlich
-versprach ich ihm sogleich und von ganzem Herzen, künftighin
-vorsichtiger zu sein. Die Art und Weise, wie Werssiloff mir alles dies
-mitteilte und darüber sprach, zeigte mir zu meiner Überraschung, daß er
-selbst um den alten Mann aufrichtig besorgt war, sogar viel mehr, als
-ich von einem Menschen wie er jemals erwartet hätte; ich sah, daß dieser
-alte Mann auch ihm selbst aus irgendeinem Grunde besonders teuer war,
-und daß er sich nicht nur Mamas wegen um ihn sorgte. Das beschäftigte
-mich von nun an auf das lebhafteste, und ich will gleich gestehen, daß
-ich an diesem alten Mann vieles nicht bemerkt oder nicht weiter beachtet
-oder gar nicht zu schätzen verstanden hätte, wenn Werssiloff nicht
-gewesen wäre. So aber hat dieser Alte eine der nachhaltigsten und
-eigenartigsten Erinnerungen in meinem Herzen hinterlassen.
-
-Werssiloff schien anfangs wegen meines Verkehrs mit Makar Iwanowitsch
-gewisse Befürchtungen zu hegen, das heißt, er war nicht ganz sicher, ob
-er sich auf meine Klugheit und mein Taktgefühl wirklich verlassen könne;
-deshalb war er später mehr als zufrieden, als er sah, daß auch ich
-manchmal begreife, wie man sich zu einem Menschen von ganz anderen
-Anschauungen zu verhalten hat, und daß ich, falls nötig, auch nachgiebig
-und duldsam sein kann. Ich gestehe auch ohne zu zögern (und ich glaube,
-mir dadurch nichts zu vergeben), daß ich in diesem Mann aus dem Volk in
-bezug auf gewisse Gefühle und Ansichten manches für mich ganz Neue
-gefunden habe, etwas, was viel klarer und tröstender war als meine
-frühere Auffassung dieser Dinge. Nichtsdestoweniger war es ganz
-unmöglich, manchmal nicht aus der Haut zu fahren, wenn man auf seine
-Vorurteile stieß, an die er mit der allerempörendsten Ruhe und
-Unerschütterlichkeit glaubte. Doch daran war natürlich nur seine
-Unbildung schuld; seine Seele aber war so beschaffen, daß sie alles
-verstehen konnte, und sogar in einer Weise, daß ich noch bei keinem
-Menschen ein größeres Verstehen angetroffen habe.
-
-
- II.
-
-Vor allem war es seine ungeheure Offenherzigkeit und das vollkommene
-Fehlen jeglicher Eigenliebe, was einen, wie ich schon früher bemerkt
-habe, am meisten zu ihm hinzog; man ahnte sogleich ein Herz, das wohl
-kaum jemals sündigte. Er hatte diese »Heiterkeit« des Herzens und
-deshalb jene »innere Schönheit«. Das Wort »Heiterkeit« liebte er sehr
-und gebrauchte es auch oft. Freilich kam manchmal eine gewisse
-krankhafte Verzücktheit über ihn, eine Ergriffenheit bis zur
-Krankhaftigkeit, -- zum Teil, wie ich annehme, infolge des Fiebers, das
-ihn, streng genommen, die ganze Zeit nicht völlig verließ; aber die
-innere Schönheit wurde dadurch nicht gestört. Es gab in ihm auch
-Widersprüche: neben einer erstaunlichen Einfalt, die Ironie gewöhnlich
-überhaupt nicht wahrnahm (oft zu meinem Ärger), war in ihm gleichzeitig
-eine gewisse feine Schlauheit, die am häufigsten bei polemischen
-Scharmützeln hervortrat. Polemik liebte er sehr, wenn auch nur Polemik
-auf seine Art. Man merkte, daß er viel in Rußland gewandert war, viel
-gehört hatte, aber, ich wiederhole, am meisten liebte er das Ergreifende
-und alles, was rührend war, und gern erzählte er Geschichten, die ans
-Herz griffen. Überhaupt liebte er es sehr, zu erzählen. Ich habe ihn
-viel erzählen hören, sowohl von seinen eigenen Wanderungen wie auch
-Legenden aus dem Leben der frühesten »Glaubenskämpfer«. Die Legenden
-waren mir nicht bekannt, aber ich glaube, er wird beim Erzählen vieles
-hinzu- oder umgedichtet haben, zumal er sie größtenteils aus der
-mündlichen Überlieferung des einfachen Volkes kannte. Manches klang auch
-so unglaubhaft, daß es einfach nicht anzuhören war. Aber trotz allen
-augenscheinlich freien Erfindungen oder unzweifelhaften Lügengeschichten
-kam immer wieder etwas erstaunlich Ganzes, Abgeschlossenes zum
-Vorschein: ein Ausdruck des Volkes und seines Gefühls, und das hatte
-fast immer etwas Rührendes ... So ist mir von seinen Erzählungen unter
-anderen auch noch eine lange Geschichte im Gedächtnis geblieben: »Die
-Legende von der ägyptischen Maria.« Von allen diesen Legenden hatte ich
-bis dahin gar keine Vorstellung gehabt. Ich kann ohne weiteres sagen: es
-war kaum möglich, sie ohne Tränen anzuhören, und zwar nicht so sehr vor
-Rührung, als aus einer ganz eigenartigen Begeisterung: man empfand etwas
-Ungewöhnliches und Glühendes, etwas von der Gewalt und Großartigkeit
-jener glühenden Wüste, durch die die Löwen streifen, und in der die
-Heilige umherirrt. Übrigens will ich diese Geschichte nicht wiedergeben:
-ich könnte es auch gar nicht.
-
-Was mir sonst noch an Makar Iwanowitsch gefiel, waren seine eigenartigen
-Ansichten über gewisse noch sehr strittige Fragen aus dem Leben der
-Gegenwart. Einmal, zum Beispiel, erzählte er die Geschichte von einem
-Soldaten, die sich vor nicht langer Zeit zugetragen, und die er selbst
-miterlebt hatte. Es war da ein Soldat nach der Dienstzeit in die Heimat
-zurückgekehrt, aber es gefiel ihm nicht mehr, mit den Bauern zu leben,
-und er gefiel den Bauern nicht. Der junge Mensch kam auf Abwege, begann
-zu trinken und schließlich führte er irgendwo einen Raub aus. Man hatte
-zwar keine sicheren Beweise gegen ihn, aber er wurde doch verhaftet und
-vors Gericht gebracht. Im Laufe der Verhandlungen war es dann dem
-Advokaten fast schon gelungen, die Geschworenen von der Unschuld des
-Angeklagten zu überzeugen, es gab eben keine Beweise gegen ihn, und da
-ließ sich nichts machen -- als der Angeklagte, der ihm die ganze Zeit
-stumm zugehört hatte, plötzlich aufstand und seinen Verteidiger mit den
-Worten unterbrach: »Nein, du, halt ein mit dem Reden.« Darauf erzählte
-er selbst den ganzen Vorgang und »vergaß auch das letzte Staubkörnchen
-nicht«: unter Tränen der Reue legte er ein volles Geständnis ab. Die
-Geschworenen zogen sich zur Beratung zurück, kamen dann wieder in den
-Gerichtssaal, und ihr Urteil wurde verkündet: »Nein, er ist unschuldig.«
-Alle klatschten in die Hände, freuten sich und schrien, der Soldat aber
-blieb stehen, wie er stand, rührte sich nicht vom Fleck, als wäre er zur
-Säule geworden, und begriff noch immer nichts; auch davon, was der
-Vorsitzende ihm zur Ermahnung sagte, bevor er ihn in die Freiheit
-entließ, verstand er nichts. So kehrte denn der Soldat in die Freiheit
-zurück, aber er konnte es selbst nicht fassen. Er fing an, sich zu
-grämen und nachzudenken, aß nicht, trank nicht, sprach mit keinem
-Menschen, und am fünften Tage ging er hin und erhängte sich. »Sieh, so
-ist es, mit einer Sünde in der Seele zu leben!« schloß Makar
-Iwanowitsch. Diese Geschichte war ja an sich nichts Besonderes, solcher
-Geschichten findet man heutzutage eine Unmenge in allen Zeitungen; aber
-was mir dabei ausnehmend gefiel, war sein Ton, und vor allen Dingen
-manche Aussprüche, in denen entschieden ein neuer Gedanke lag. Als er
-zum Beispiel von diesem Soldaten erzählte, daß er nach seiner Rückkehr
-den Bauern nicht gefallen habe, äußerte er dazu: »Man weiß doch, was ein
-Soldat ist: ein Soldat ist ein _verdorbener Bauer_.« Und als er auf den
-Verteidiger zu sprechen kam, der den Prozeß beinahe schon gewonnen
-hatte, sagte er: »Man weiß doch, was so'n Advokat ist: ein Advokat ist
-ein _gemietetes Gewissen_.« Diese beiden Ausdrücke brachte er völlig
-ohne Mühe oder tiefsinniges Nachdenken hervor, sie kamen für ihn selbst
-ganz unversehens. Dabei lag diesen beiden Ausdrücken eine vollkommen
-eigene Auffassung zugrunde, -- wenn auch nicht die des ganzen Volkes, so
-doch Makar Iwanowitschs eigene, von keinem anderen entlehnte Anschauung!
-Ja, derartige Volksurteile über manche Erscheinungen sind mitunter
-wirklich wunderbar in ihrer Ursprünglichkeit und Wahrheit.
-
-»Aber wie denken Sie, Makar Iwanowitsch, über die Sünde des
-Selbstmordes?« fragte ich ihn bei der Gelegenheit.
-
-»Der Selbstmord ist fürwahr die größte menschliche Sünde,« erwiderte er
-und seufzte; »aber Richter darüber ist nur Gott allein, dieweil nur ihm
-alles bekannt ist, jegliches Ziel und Maß. Wir aber müssen gewißlich
-beten für einen solchen Sünder. Wenn du von solcher Sünde hörst, bete
-vor dem Schlafengehen inbrünstig für solchen Sünder; und so du um ihn
-auch nur einmal zu Gott aufseufzest, auch wenn du den Sünder gar nicht
-gekannt hast, um so eher wird dein Gebet für ihn erhört werden.«
-
-»Aber was kann mein Gebet ihm noch helfen, wenn er schon verdammt ist?«
-
-»Was kannst du wissen! Viele, ach viele sind ungläubig und verleiten die
-Unwissenden; du aber höre nicht auf sie, denn sie wissen selber nicht,
-wohin sie irren. Das Gebet aber für einen Verdammten von einem
-lebendigen Menschen wird wahrlich erhört. Oder was glaubst du, wie dem
-zumute ist, der niemand hat, der für ihn betet? Deshalb füge, wenn du
-vor dem Schlafen dein Gebet sprichst, zum Schluß noch die Worte hinzu:
->Erbarme dich, Herr, auch aller derer, die niemand haben, der für sie
-betet.< Dies Gebet ist gewißlich Gott wohlgefällig und wird auch erhört
-werden. Und bete auch für alle noch lebenden Sünder: >Herr, sei du
-selbst ihr Richter und sei gnädig allen unbußfertigen Sündern,< -- auch
-dies ist ein gutes Gebet.«
-
-Ich versprach ihm, so zu beten, denn ich fühlte, daß ich ihm mit diesem
-Versprechen eine große Freude bereiten würde. Und in der Tat sah ich,
-wie sein Gesicht vor Freude aufleuchtete. Doch ich will hier gleich
-hinzufügen, daß er sich in solchen Fällen niemals hochmütig mir
-gegenüber verhielt, nicht wie ein überlegener Greis zu irgendeinem
-grünen Jüngling; im Gegenteil, er hörte auch mir, gleichviel worüber ich
-sprach, sogar sehr gern zu, und immer mit großem Interesse; wohl in der
-Annahme, daß es nicht nutzlos wäre, obschon ich noch ein »Jungling« war,
-wie er sich in seiner eigenartigen Redeweise auszudrücken pflegte (er
-wußte sehr gut, daß man »Jüngling« sagen mußte und nicht »Jungling«);
-aber er sah doch, daß dieser »Jungling« ihm an Bildung weit überlegen
-war. Unter anderem liebte er es sehr, von dem Einsiedlerleben zu
-sprechen, und er stellte den Einsiedler viel höher als den »Pilgrim«.
-Ich widersprach ihm lebhaft und wies immer wieder auf die Ichsucht
-dieser Menschen hin, die der Welt einfach den Rücken kehren und an den
-Nutzen nicht denken, den sie der Menschheit bringen könnten, einzig um
-der ichsüchtigen Idee der eigenen Rettung willen. Zunächst verstand er
-mich gar nicht, und ich vermute sogar, daß er mich auch später nicht
-verstand; jedenfalls verteidigte er das Einsiedlerleben sehr. »Zu Anfang
-tut man sich gewißlich selber leid« (d. h. wenn man Einsiedler wird),
-»dann aber wird die Freude mit jedem Tage größer, bis du zu guter Letzt
-Gott schaust.« -- Daraufhin malte ich ihm denn ein ganzes Bild aus von
-der nützlichen Tätigkeit eines Gelehrten, eines Arztes oder überhaupt
-eines Menschenfreundes in der Welt, und versetzte ihn in wahres
-Entzücken, denn ich sprach mit Begeisterung; und er stimmte mir auch in
-einem fort bei: »So, Lieber, so, Gott segne dich, wahr ist, was du
-denkst.« Doch als ich geendet hatte, war er nichtsdestoweniger gar nicht
-überzeugt: »Das ist so, wie es ist,« meinte er mit einem tiefen Seufzer,
-»aber wie viele gibt es denn solcher, die standhalten und sich nicht
-ablenken lassen? Geld ist -- wenn auch kein Gott, so doch eines
-Halbgottes gewaltige Versuchung; und dann ist da noch alleweil das
-weibliche Geschlecht, dazu die Zweifel und Anfechtungen jedweder Art,
-und dazu kommt noch allgemach der Neid. Somit vergessen die Menschen das
-Große und geben sich mit dem Kleinen ab. In der Einsamkeit ist das ganz
-anders: der Mensch festigt sich in sich selbst und wird stark zu
-jeglicher großen Tat. Freund! Und was ist denn in der Welt?« fragte er
-plötzlich mit tiefem Gefühl. »Ist das nicht alleweil nur ein Traum? Nimm
-mal trocknen Sand und säe ihn auf einen Stein; wenn der gelbe Sand auf
-dem Stein dir aufgeht, alsdann wird dein Traum in der Welt in Erfüllung
-gehen, -- sieh, so sagt man bei uns. Christus sagt: >Gehe hin und
-verteile deine Habe und werde zum Diener aller.< Und so du selbiges
-tust, wirst du um unzähligemal reicher sein, als du warst; denn nicht
-durch Brot, nicht durch kostbare Kleider, nicht durch Stolz und Neid
-wirst du glücklich, sondern durch unermeßlich gesteigerte Liebe. Nicht
-geringwertigen Reichtum erwirbst du so, nicht etliche Hunderttausend,
-nicht eine Million, sondern erwirbst dir die ganze Welt! Heutzutage
-sammeln wir unersättlich und verschwenden mit Unvernunft, dann aber wird
-es weder Waisen noch Bettler geben; denn alle werden mein sein, meine
-Verwandten, alle werde ich verdient und erworben haben! Heutzutage ist
-es nicht selten, daß auch dem Reichsten und Vornehmsten die Zahl seiner
-Tage gleichgültig ist und er selber nicht weiß, was für ein Vergnügen er
-sich noch ausdenken soll; dann aber werden deine Tage und Stunden sich
-vertausendfältigen, dieweil du nicht eine Minute wirst verlieren wollen,
-da du jedwede in der Fröhlichkeit deines Herzens empfinden wirst. Dann
-wirst du auch nicht nur aus Büchern Weisheit erwerben, sondern wirst
-Gott von Angesicht zu Angesicht schauen und die Erde wird heller denn
-die Sonne erstrahlen, und es wird keine Trauer und kein Seufzen sein,
-sondern ein einziges unschätzbares Paradies ...«
-
-Diese begeisterten Ausbrüche liebte gerade Werssiloff, wie mir schien,
-ganz besonders. An jenem Abend war er auch zugegen.
-
-»Makar Iwanowitsch!« unterbrach ich ihn auf einmal, und ich war selbst
-über alle Maßen begeistert (ich erinnere mich jenes Abends noch gut),
-»aber das ist doch Kommunismus, was Sie da predigen, ausgesprochener
-Kommunismus!«
-
-Und da er von der kommunistischen Lehre noch nichts ahnte, ja selbst das
-Wort Kommunismus von mir jetzt zum erstenmal hörte, so begann ich
-unverzüglich, ihm das Wesentliche dieser Lehre, soweit ich selbst
-Bescheid darüber wußte, zu erklären. Nun war aber mein diesbezügliches
-Wissen, ehrlich gesagt, ziemlich mangelhaft und eigentlich recht unklar;
-ja, ich muß gestehen, daß ich in diesen Dingen auch jetzt noch nicht
-viel besser unterrichtet bin; doch was ich wußte, das erklärte ich ihm
-mit dem größten Eifer, ohne mich durch irgend etwas einschüchtern zu
-lassen. Noch heute denke ich mit Vergnügen an den mächtigen Eindruck,
-den ich damit auf den Alten machte. Das war fast schon kein Eindruck
-mehr, sondern geradezu eine Erschütterung! Dabei interessierte er sich
-ungeheuer für die historischen Einzelheiten: »Wo ist das? Wie? Wer hat's
-eingeführt? Wer hat's gesagt?« -- Übrigens habe ich bemerkt, daß das
-einfache Volk überhaupt diese Eigenschaft hat: wenn irgend etwas sein
-Interesse erweckt, so gibt es sich mit der allgemeinen Idee niemals
-zufrieden, sondern verlangt unbedingt die sichersten und genauesten
-Angaben aller Einzelheiten. Ich aber war gerade in den Einzelheiten
-nicht ganz sicher, und da Werssiloff zugegen war, so schämte ich mich
-ein wenig und geriet deshalb noch mehr in Eifer. Es endete damit, daß
-Makar Iwanowitsch, der ganz gerührt war, fast zu jedem meiner Worte:
-»Ja, ja!« sagte, dabei aber, wie es schien, nicht mehr viel begriff und
-wohl auch den Faden verloren hatte. Ich wollte mich darüber fast schon
-ärgern, doch da erhob sich Werssiloff und erklärte, es wäre Zeit,
-schlafen zu gehen. Wir hatten uns damals wieder alle bei Makar
-Iwanowitsch versammelt, und es war in der Tat schon spät geworden. Als
-Werssiloff wenige Minuten später noch für einen Augenblick in mein
-Zimmer trat, fragte ich ihn sogleich, wie er über Makar Iwanowitsch
-denke, und wofür er ihn halte. Werssiloff lächelte heiter. (Aber
-durchaus nicht wegen meiner fehlerhaften Angaben über den Kommunismus,
--- im Gegenteil, von ihnen sprach er überhaupt nicht.) Ich sage
-nochmals: er hatte Makar Iwanowitsch ganz entschieden liebgewonnen. Mir
-war schon des öfteren ein ungemein anziehendes Lächeln in seinem Gesicht
-aufgefallen, wenn er dem Alten zuhörte -- doch übrigens stand dieses
-Lächeln einer Kritik durchaus nicht im Wege.
-
-»Makar Iwanowitsch ist vor allen Dingen kein Bauer, sondern ein
-Hofknecht,« antwortete er mir sehr bereitwillig auf meine Frage, »ein
-ehemaliger Hofknecht und Diener, der als Diener und Sohn eines Dieners
-geboren ist. In früheren Zeiten nahmen die Hofleute und die Dienerschaft
-oft sehr großen Anteil an dem privaten, religiösen und geistigen Leben
-ihrer Gutsherrschaft. Merke dir, daß Makar Iwanowitsch sich auch heute
-noch aufs lebhafteste für Ereignisse aus dem herrschaftlichen Leben, dem
-Leben der höheren Kreise interessiert. Du weißt noch nicht, wie sehr ihn
-manche Vorgänge in Rußland, die sich in der letzten Zeit zugetragen
-haben, beschäftigen. Und weißt du auch, daß er ein großer Politiker ist?
-Du brauchst ihn nicht mit Honig zu bewirten, sondern erzähle ihm nur,
-wie und wo Krieg geführt wird, und ob Aussicht vorhanden ist, daß auch
-wir bald Krieg führen werden -- das wird ihm lieber sein als der süßeste
-Honig. Früher konnte ich ihn mit solchen Gesprächen geradezu selig
-machen. Die Wissenschaften verehrt er sehr, und am meisten liebt er die
-Astronomie. Bei alledem hat er etwas so Selbständiges in sich
-entwickelt, und dieses Selbständige steht so fest, daß du es in keinem
-einzigen Fall auch nur um Haaresbreite verrücken kannst. Er hat
-Überzeugungen, und die sind sogar ziemlich klar ... und auch aufrichtig.
-Trotz seiner vollkommenen Unbildung kann er einen plötzlich mit einer
-ganz genauen Kenntnis mancher Begriffe überraschen, mit einer Kenntnis,
-die man bei ihm niemals vermutet hätte. Er preist mit Begeisterung das
-Einsiedlerleben, er selbst aber würde um keinen Preis Einsiedler oder
-Mönch werden, eben weil er ganz und gar >Vagabund< ist, wie Alexander
-Ssemjonowitsch ihn so nett benannt hat. Nebenbei: über diesen Alexander
-Ssemjonowitsch ärgerst du dich ganz grundlos. Nun, und was wäre denn
-sonst noch von Makar Iwanowitsch zu sagen? Es steckt in ihm auch ein
-Künstler, er prägt oft eigene Worte, aber er gebraucht freilich
-auch Ausdrücke, die nicht seine eigenen sind. Bei logischen
-Auseinandersetzungen versagt er wohl ein wenig; bisweilen spricht er
-sehr abstrakt. Er hat Anwandlungen von Sentimentalität, aber von einer
-durchaus volklichen Sentimentalität, oder richtiger, von jener
-volklichen Rührung, die unser Volk so verschwenderisch in sein
-religiöses Gefühl hineinlegt. Von seiner Treuherzigkeit und Güte
-schweige ich: davon zu sprechen, steht uns beiden nicht an ...«
-
-
- III.
-
-Um die Charakteristik Makar Iwanowitschs zu beenden, will ich hier
-wenigstens eine seiner Erzählungen wiedergeben, gerade eine aus dem
-russischen Volksleben. Der Charakter aller dieser Erzählungen war
-eigenartig; oder vielleicht ist es richtiger, wenn ich sage, daß sie gar
-keinen allgemeinen Charakter hatten: eine allgemeine Moral oder Tendenz
-ließ sich aus ihnen nicht heraushören; das einzige, was man von ihnen
-sagen könnte, wäre nur, daß sie alle mehr oder weniger ergreifend waren.
-Aber es gab auch andere, nicht ergreifende Geschichten; ja einige waren
-geradezu lustig und enthielten sogar Spott über manche lockeren Mönche,
-so daß er mit dem Erzählen dieser Geschichten seiner Idee unmittelbar
-schadete, -- worauf ich ihn auch aufmerksam machte, aber er verstand gar
-nicht, was ich damit sagen wollte. Manchmal war es schier unbegreiflich,
-was ihn denn eigentlich veranlaßte, _so viel_ zu erzählen; wenigstens
-habe ich mich über diese seine Redseligkeit gewundert und sie mir zum
-Teil nur durch seine Altersschwäche und seinen krankhaften Zustand
-erklären können.
-
-»Er ist nicht mehr das, was er früher war,« raunte Werssiloff mir einmal
-zu, »er war gar nicht so, wie er jetzt ist. Der wird bald sterben, viel
-früher, als wir denken, darauf müssen wir gefaßt sein.«
-
-Ich habe vergessen, zu sagen, daß bei uns in dieser Zeit so etwas wie
-»Abende« stattfanden: man versammelte sich bei Makar Iwanowitsch. Außer
-Mama, die natürlich nicht von ihm wich, kam gegen Abend immer Werssiloff
-zu ihm; desgleichen fand ich mich regelmäßig in seinem Zimmer ein, denn
-wo sollte ich mich schließlich sonst aufhalten. In den letzten Tagen kam
-auch Lisa; zwar kam sie immer später als alle anderen und sprach fast
-nie etwas, aber wenigstens saß sie da. Auch Tatjana Pawlowna fand sich
-gewöhnlich ein, und manchmal, allerdings selten, erschien noch der
-Doktor. Mit diesem hatte ich mich ganz unversehens ausgesöhnt; es hatte
-sich fast von selbst so gemacht: wir vertrugen uns fortan, wenn auch
-nicht gerade gut, so doch leidlich, wenigstens kam es meinerseits nicht
-mehr zu Ausfällen gegen ihn. Ich erkannte schließlich seine ganze
-Harmlosigkeit, und die gefiel mir, ebenso wie seine Anhänglichkeit an
-unser Haus, weshalb ich mich denn entschloß, ihm seinen Medizinerhochmut
-zu verzeihen. Außerdem brachte ich ihm bei, die Hände zu waschen und die
-Nägel zu putzen, wenn ich ihn auch nicht dazu bewegen konnte, saubere
-Wäsche zu tragen. Ich setzte ihm sogar klar auseinander und bewies ihm,
-daß meine Forderungen nichts mit Geckenhaftigkeit oder mit irgendwelchen
-»schönen Künsten« zu tun hatten, sondern daß Sauberkeit einfach zum
-Handwerk des Arztes gehöre. Schließlich war auch Lukerja aus ihrer Küche
-gekommen und hatte, hinter der Tür stehend, zugehört, wie Makar
-Iwanowitsch erzählte; aber einmal hatte Werssiloff sie hereingerufen und
-ihr gesagt, sie solle doch einen Stuhl nehmen und sich hier hinsetzen:
-mir hatte das gefallen -- doch seitdem kam sie nicht wieder an die Tür.
-Eigene Sitten!
-
-Ich will hier eine seiner Erzählungen einfügen, ohne besondere Wahl;
-wenn ich gerade diese bringe, so geschieht das, weil ich sie am besten
-behalten habe. Es ist die Geschichte von einem Kaufmann, und ich denke,
-solche Fälle gibt es in unseren Städten und Städtchen zu Tausenden, wenn
-man nur aufmerksam hinsieht und zu sehen versteht. Wen diese Geschichte
-nicht interessiert, der kann sie ja überschlagen, um so mehr, als ich
-sie nicht mit meinen, sondern mit seinen Worten wiederzugeben versuchen
-will.
-
-
- IV.
-
-»Jetzt will ich euch erzählen, was für ein Wunder sich einmal bei uns in
-der Stadt Afimjewsk zugetragen hat. Es lebte da ein Kaufmann,
-Skotoboinikoff hieß er, Maxim Iwanowitsch mit sonstigen Namen, und in
-der ganzen Gegend war kein Reicherer denn er. Eine große Kattunfabrik
-hatte er sich erbaut, und Arbeiter hielt er etliche hundert; und
-eingebildet war er über die Maßen. Man muß schon sagen, daß alles nach
-seinem Wink ging, und auch die hohe Obrigkeit war ihm in nichts
-entgegen, und der Archimandrit[15] selbst dankte ihm noch für seinen
-Glaubenseifer: viel hatte er schon für das Kloster gestiftet, und wenn
-es über ihn kam, seufzte er sehr um sein Seelenheil und war um das
-zukünftige Leben nicht wenig besorgt. Witwer war er und hatte keine
-Kinder; von seiner Frau aber erzählte man, daß er sie schon im ersten
-Jahr geprügelt habe; denn schon von Jugend auf habe er seine Fäuste
-nicht gern im Zaum gehalten: nur war das alles schon lange vor dieser
-Zeit gewesen; von neuem aber wollte er sich durch eine Heirat nicht
-binden. Auch das Trinken war eine Schwäche von ihm, und wenn seine Zeit
-kam, so lief er in der Betrunkenheit nackend durch die Straßen und
-brüllte: es war ja keine vornehme Stadt, aber eine Schande war's doch.
-Wenn aber die Zeit vorüber war, wurde er böse, und alles, was er dann
-sagte, mußte somit gut sein, und alles, was er befahl, mußte somit
-richtig sein. Mit seinen Arbeitern aber rechnete er so ab, wie es ihm
-gefiel: nimmt das Rechenbrett, setzt die Brille auf: >Du, Foma, wieviel
-hast du zu bekommen?< -- >Hab' seit Weihnachten nichts bekommen, Maxim
-Iwanowitsch; neununddreißig Rubel hab' ich zugut.< -- >Hu, wieviel Geld!
-Das ist zuviel für dich; so viel bist du alles in allem nicht wert; so
-viel Geld paßt gar nicht zu dir: zehn Rubel zieh' ich dir ab,
-neunundzwanzig kannst du kriegen.< Und der Mensch steht und schweigt; es
-wagte eben keiner, wider ihn zu murren; alle schwiegen sie.
-
->Ich weiß schon, wieviel man einem jeden geben kann,< sagte er. >Mit
-diesen Leuten kann man ja anders gar nicht umgehen. Das hiesige Volk ist
-doch mehr als verderbt; ohne mich würden sie alle Hungers sterben, wie
-viele ihrer hier nur sind. Und Diebe sind's auch: was einer sieht, das
-stiehlt er schon, 's ist gar keine Männlichkeit in ihnen. Und
-schließlich sind's auch Trunkenbolde: zahlst du ihm alles aus, so trägt
-er's sofort zum Wirt und bleibt dort, bis er alles versoffen hat, auch
-das letzte Fädchen, und nackend verläßt er die Schenke. Und auch
-Jämmerlinge sind sie, diese Kerle: da setzt sich denn so einer auf einen
-Stein gegenüber der Schenke hin, und dann hebt das Geweine an: »Meine
-Mutter hat mich geboren, ach, warum hast du mich Saufbold in die Welt
-gesetzt? Hättest du mich Elenden doch bei der Geburt erwürgt!« -- Ist
-denn so einer überhaupt ein Mensch? Das ist doch ein Tier, aber kein
-Mensch; so einen muß man zuvor aufklären, und dann erst kann man ihm
-Geld geben. Oh, ich weiß schon, wann ich ihm welches gebe!<
-
-Also sprach Maxim Iwanowitsch von den Leuten in Afimjewsk; und wenn er
-auch viel Schlechtes sprach, so war doch manches Wahre dabei: die Leute
-waren wahrlich schwach, konnten der Versuchung nicht standhalten.
-
-Es lebte aber in derselben Stadt noch ein anderer Kaufmann, und der
-starb. Das war ein noch junger und leichtsinniger Mensch; und der machte
-Bankrott und büßte sein ganzes Vermögen ein. Das letzte Jahr zappelte er
-noch wie ein Fisch auf dem Sande und versuchte noch immer, sich zu
-retten, aber seine Tage waren schon gezählt. Mit Maxim Iwanowitsch hatte
-er sich die ganze Zeit nicht gut gestanden und war ihm viel Geld
-schuldig. Also kam es, daß er in seiner Sterbestunde Maxim Iwanowitsch
-verfluchte. Und er hinterließ eine Witwe in jungen Jahren und fünf
-kleine Kinderchen. Schon eine einsame Witfrau ist nach des Mannes Tode
-wie eine Schwalbe ohne Nest, -- das ist keine kleine Prüfung! Und nun
-noch eine, die mit fünf kleinen Kindern zurückbleibt, für die sie kein
-Stückchen Brot hat, um sie zu ernähren: das Letzte, was sie noch besaß,
-war ein Holzhaus, und das nahm ihr nun Maxim Iwanowitsch für die Schuld
-weg. Da ging sie denn mit ihren Kinderchen zur Kirche, stellte sie alle
-eins neben das andere an der Kirchentür auf: das älteste, ein Knabe, war
-achtjährig, die anderen waren Mädelchen, eins immer ein Jahr jünger als
-das andere, eins kleiner als das andere; das älteste war erst vier
-Jährchen alt, das jüngste noch auf dem Arm an der Mutterbrust. Der
-Gottesdienst war zu Ende, Maxim Iwanowitsch kam heraus, und wie sie ihn
-erblickten, da fielen alle Kinderchen vor ihm auf die Knie, die ganze
-Reihe -- so hatte die Mutter ihnen gesagt -- und die Händchen legten sie
-bittend zusammen, und als letzte stand sie selbst mit dem fünften
-Kindchen auf dem Arm. Und während alle die Leute zusahen, verneigte sie
-sich tief vor ihm und bat ihn mit ihren Kinderchen: >Väterchen, Maxim
-Iwanowitsch, erbarm' dich der Waisen, nimm ihnen nicht ihr Letztes, wirf
-sie nicht aus ihrem Nest!< Und allen, wer dort nur war, wurden die Augen
-feucht -- so gut hatte sie den Kinderchen das beigebracht. Sie dachte
-wohl: >So vor allen Leuten wird er zu stolz sein, mir meine Bitte
-abzuschlagen, und wird das Haus den Waisen zurückgeben.< Doch es kam
-anders. Maxim Iwanowitsch blieb stehen: >Du,< sagt er, >du bist eine
-junge Witwe und willst nur einen Mann. Nicht wegen der Waisen weinst du,
-und von deinem Mann weiß ich wohl, daß er mich noch auf dem Sterbebett
-verflucht hat!< Und mit diesen Worten ging er vorbei und gab ihnen das
-Haus nicht zurück. >Wozu sich von ihren Dummheiten rühren lassen?
-Erweist man ihnen Wohltaten, so schmähen sie einen noch mehr; alles das
-ist doch nur eitel, und das Gerede wird davon bloß noch größer.< Und es
-gab auch wirklich ein Gerede, wonach er dieser Witwe, als sie noch ein
-junges Mädchen war, so an die zehn Jahre zurück, heimlich ein großes
-Geld durch Kuppler hatte anbieten lassen (denn schön war sie sehr), und
-hatte dabei nicht gedacht, daß selbige Sünde gerade so groß ist, wie
-wenn einer ein Gotteshaus zerstört. Aber er hatte damals nichts
-erreicht. Und solcher Schändlichkeiten beging er in der Stadt und sogar
-im ganzen Umkreise nicht wenig und hatte in dieser Sache wahrlich
-jedwedes Maß verloren.
-
-Die Mutter und ihre Kinder aber weinten laut; er trieb sie aus dem Hause
-und tat es nicht nur aus bösem Herzen, sondern -- wie der Mensch so
-manchmal selber nicht weiß, was ihn veranlaßt, hartherzig auf seinem
-Willen zu bestehen und nicht nachzugeben. Eine Zeitlang halfen ihr gute
-Leute, dann suchte sie sich Arbeit. Aber was gibt es denn in so einer
-Kleinstadt für Arbeit, außer auf der Fabrik? Hier wusch sie die Dielen
-auf, dort jätete sie im Gemüsegarten oder heizte eine Badestube; dabei
-das jüngste Kindchen immer auf dem Arm; und die vier anderen spielen
-derweil im Hemdchen auf der Straße. Als sie die Kinderchen vor der
-Kirchentür niederknien ließ, da hatten sie doch noch alle Schuhchen
-angehabt und Kleidchen, gleichviel was für welche, aber es waren doch
-immer noch Kaufmannskinder gewesen! Nun aber liefen sie schon barfuß: an
-Kinderchen sind doch Kleider wie Zunder, das weiß man ja. Aber was
-machen sich denn Kindchen daraus? Wenn nur die Sonne scheint, freuen sie
-sich schon; sie ahnen ja das Unheil nicht, ganz wie Vögelchen sind sie,
-und ihre Stimmchen klingen wie Glöckchen. Die Witwe aber denkt bei sich:
->Wenn es nun Winter wird, wo lasse ich sie dann? Wenn Gott euch doch
-vorher zu sich nähme!< Aber sie brauchte nicht einmal so lange zu
-warten. Es gibt dort in der Gegend einen argen Husten, Keuchhusten
-nennen sie ihn, und der geht von einem Kinde auf alle anderen über, mit
-denen es zusammenkommt. Als erstes starb das jüngste Kindchen, danach
-erkrankten auch die anderen, und noch im selben Herbst begrub sie alle
-ihre vier Mädchen. Eins davon war auf der Straße überfahren worden. Und
-was glaubt ihr wohl? Selbst hatte sie gewünscht, Gott möge die Armen zu
-sich nehmen, doch als sie sie begrub, weinte sie laut, denn es tat ihr
-doch weh. So ist das Mutterherz!
-
-Von allen ihren Kinderchen blieb ihr nur noch der älteste Knabe am
-Leben, und den hütete sie nun wie ihren Augapfel, so zitterte sie für
-ihn. Ein schwächlicher und zarter Knabe war's, von Angesicht lieblich
-wie ein Mädchen. Schließlich brachte sie ihn auf die Fabrik zu seinem
-Taufpaten, der dort Verwalter war, selbst aber wurde sie bei einem
-Beamten Kinderfrau. Da geschah es, daß der Knabe einmal auf den Hof
-lief, und plötzlich kommt Maxim Iwanowitsch in seinem Wagen mit zwei
-Pferden vorgefahren, und er hatte wieder einmal getrunken; der Knabe
-aber springt die Treppe herunter, stolpert und rennt dem Maxim
-Iwanowitsch, der gerade aus dem Wagen steigt, mit beiden Fäusten in den
-Bauch. Der packt den Knaben wütend an den Haaren und brüllt ihn an: >Wer
-bist du? Ruten her! Prügelt ihn! Sofort! Hier vor meinen Augen!< Der
-Knabe war zu Tode erschrocken. Man holte Ruten herbei und begann ihn zu
-schlagen, Maxim Iwanowitsch aber brüllte: >So schreist du noch? Prügelt
-ihn, bis er aufhört zu schreien,< befahl er. Ob man ihn nun viel oder
-wenig schlug, wer kann das wissen? Aber er schrie die ganze Zeit, bis er
-wie tot liegen blieb. Da hielt man erschrocken inne: der Knabe atmet gar
-nicht mehr, liegt ganz bewußtlos da. Später sagte man, sie hätten ihn
-nicht einmal stark geschlagen, der Knabe wäre nur gar zu schreckhaft und
-zart gewesen. Auch Maxim Iwanowitsch erschrak! >Wem gehört er?< fragte
-er; man sagte es ihm. >Hm! Bringt ihn zu seiner Mutter; was hat er hier
-auf der Fabrik zu suchen?< Zwei Tage lang schwieg er, dann fragte er
-wieder: >Wie steht's denn mit dem Knaben?< Mit diesem aber stand es
-schlecht: er lag krank bei der Mutter im Stubenwinkel, und die Mutter
-hatte ihre Stelle bei dem Beamten aufgeben müssen, denn der Knabe war
-noch dazu an Lungenentzündung erkrankt. >Hm!< sagte Maxim Iwanowitsch,
->und wovon denn eigentlich? Ich wollte nichts sagen, wenn man ihn Gott
-weiß wie sehr gedroschen hätte: er sollte doch nur etwas eingeschüchtert
-werden. Ich habe noch ganz anders prügeln lassen, und es hat doch noch
-niemand deshalb solche Dummheiten gemacht!< Er wartete nun darauf, daß
-die Mutter des Knaben ihn verklage, und so schwieg er aus Stolz. Aber
-wie durfte sie ihn denn verklagen, das wagte sie ja gar nicht. Da
-schickte er ihr von sich aus fünfzehn Rubel und den Arzt; nicht deshalb,
-weil er Angst gehabt hätte, sondern nur so, er war nachdenklich
-geworden. Dann kam aber wieder seine schlimme Zeit, und er trank drei
-Wochen lang.
-
-Der Winter ging vorüber, und gerade am Ostersonntag, am heiligen
-Feiertag, fragt Maxim Iwanowitsch wieder einmal: >Wie geht es denn jenem
-Knaben?< Den ganzen Winter über hatte er geschwiegen, nichts gefragt.
-Und man sagt ihm: >Der ist gesund geworden, ist bei der Mutter, die
-tagsüber wieder für Lohn arbeitet.< Da fuhr Maxim Iwanowitsch noch an
-selbigem Tage zu der Witwe, ging aber nicht ins Haus hinein, sondern
-ließ sie zum Hofpförtchen rufen; selbst sitzt er im Wagen: >Hör' mich
-an, ehrbare Witwe,< sagt er, >ich will deinem Sohn ein wirklicher
-Wohltäter werden und ihm alles Gute erweisen: ich nehme ihn zu mir in
-mein Haus. Und wenn er mir nur ein wenig gefällt, so verschreibe ich ihm
-ein gewisses Kapital; und wenn er mir sehr gut gefällt, so kann ich ihm
-auch mein ganzes Vermögen verschreiben und ihn zu meinem Erben und
-Nachfolger einsetzen, gleichwie einen leiblichen Sohn; jedoch mit der
-Bedingung, daß Ihr selber nicht in mein Haus kommt, außer an hohen
-Feiertagen. Wenn Ihr darauf eingeht, so bringt den Knaben morgen früh zu
-mir. Es ist Zeit für ihn, mit dem Spielchenspielen aufzuhören.< Und
-nachdem er so gesagt hatte, fuhr er davon, die Mutter aber war wie von
-Sinnen. Die Leute, die davon hörten, sagten zu ihr: >Dein Sohn wird
-heranwachsen und dir selber Vorwürfe machen, daß du ihm solch ein Glück
-vorenthalten hast.< Da weinte die Mutter die ganze Nacht über ihren
-Sohn, am Morgen aber brachte sie ihn hin. Der Knabe war vor Angst mehr
-tot als lebendig.
-
-Maxim Iwanowitsch ließ ihn wie ein vornehmes Kind ankleiden, nahm für
-ihn einen Lehrer ins Haus und setzte ihn unverzüglich hinter die Bücher;
-und es kam so weit, daß er ihn nicht mehr aus den Augen ließ, immer war
-er bei ihm. Kaum sah der Knabe vom Buch auf, da schrie er ihn schon an:
->Sieh ins Buch! Lern! Ich will aus dir einen Menschen machen.< Der Knabe
-aber war kränklich: nach jenem selben Tage, als er damals geprügelt
-worden war, hatte er zu husten angefangen. Maxim Iwanowitsch wunderte
-sich: >Hat er bei mir nicht ein gutes Leben? Bei der Mutter ist er
-barfuß umhergelaufen und hat nur Brotkrusten gekaut, warum ist er denn
-jetzt kränklicher als zuvor?< Der Lehrer aber sagt zu ihm: >Jeder
-Knabe,< sagt er, >muß auch etwas ausgelassen sein und nicht immer nur
-über den Büchern sitzen; ihm tut Bewegung not,< und er erklärte ihm
-alles ganz vernünftig. Maxim Iwanowitsch dachte nach. >Du hast recht,<
-sagte er. Dieser Lehrer aber, Pjotr Stepanowitsch hieß er, Gott hab' ihn
-selig, war eigentlich sozusagen ein behafteter Mensch, und trinken tat
-er so viel, daß man sagen kann, es war schon mehr als zuviel, und
-deshalb hatte er auch schon lange keine Stelle mehr und lebte in der
-Stadt, so gut es ging von milden Gaben und zufälliger Unterstützung,
-dabei war er aber von großem Verstande und wußte in allen Wissenschaften
-Bescheid. >Mein Platz ist nicht hier,< sagte er selber von sich, >mein
-Platz wäre an der Universität, Professor müßt' ich in der Hauptstadt
-sein, hier aber bin ich im Schmutz versunken und meine Kleider selbst
-haben Abscheu vor mir.< Maxim Iwanowitsch aber setzte sich somit hin und
-schreit den Knaben an: >Bewege dich!< -- Der Knabe aber wagt kaum vor
-ihm zu atmen. Und es kam so weit, daß der Knabe, sobald er nur seine
-Stimme hörte, schon zu zittern anfing. Maxim Iwanowitsch aber wundert
-sich immer mehr: >Er ist dies nicht und ist das nicht; ich hab' ihn aus
-dem Schmutz gezogen, in teures Tuch gekleidet, er hat die feinsten
-Halbstiefelchen an, ein Hemd mit Stickereien, wie einen Generalssohn
-halte ich ihn, -- weshalb ist er mir nun nicht zugetan? Weshalb schweigt
-er wie so'n kleiner Wolf?< Und wenn man auch schon längst aufgegeben
-hatte, sich über Maxim Iwanowitsch noch zu wundern, hiernach fing man
-doch wieder an sich über ihn zu wundern: der Mensch war gar nicht mehr
-derselbe; er hing an diesem Knaben, daß er ihn nicht mehr aus den Augen
-ließ. >Ich will nicht leben, wenn's mir nicht gelingt, diesen Starrsinn
-in ihm auszurotten! Sein Vater hat mich noch auf dem Sterbebett
-verflucht, nachdem er schon die heiligen Sakramente empfangen hatte, und
-diesen Charakter hat er von seinem Vater.< Dabei schlug er ihn nicht ein
-einziges Mal mit der Rute (seit jenem selben Tage wagte er es nicht
-mehr). Aber der Knabe war nun einmal eingeschüchtert, das war's! Da
-bedurfte es gar keiner Rute mehr, er zitterte schon so vor ihm.
-
-Und dann geschah das Unglück. Er war einmal gerade aus dem Zimmer
-gegangen, da sprang der Knabe von den Büchern fort und stieg auf einen
-Stuhl: sein Ball war vorher auf ein Eckschränkchen gefallen, und den
-wollte er herunterholen, aber sein Ärmel blieb an der Lampe hängen; und
-auf einmal fiel die Lampe um, fiel krachend zu Boden und zerschlug in
-tausend Stücke, daß es im ganzen Hause zu hören war. Es war eine
-kostbare Lampe: sächsisches Porzellan. Und das hörte nun Maxim
-Iwanowitsch aus dem dritten Zimmer, und wie er's hörte, brüllte er los.
-Der Knabe lief vor Entsetzen davon, ohne zu sehen, wohin, lief auf die
-Terrasse hinaus und in den Garten und durch ein kleines Pförtchen
-geradeswegs zum Fluß. Dort am Flußufer aber führt eine Straße entlang
-mit alten Weidenbäumen -- eine hübsche Stelle. Er lief bis dicht ans
-Ufer, die Menschen sahen es, und wie er das Wasser erblickte, fuhr er
-zusammen, blieb stehen vor Schreck und stand wie angewurzelt. Das war
-gerade an der Stelle, wo die Fähre anlegt. Der Fluß ist dort breit und
-reißend. Frachtkähne ziehen vorüber. Auf dem anderen Flußufer sind
-Läden, ein großer Platz und eine Kirche mit goldenen glänzenden Kuppeln.
-Und da kam gerade die Frau des Obersten Fersing mit ihrem Töchterchen
-zur Fähre, -- ein Regiment Infanterie stand in der Stadt. Das kleine
-Fräulein war auch erst so ein Kindchen von acht Jahren, in einem weißen
-Kleidchen; und es sieht den Knaben an und lacht, und in der Hand hat es
-so ein kleines Weidenkörbchen, wie die Bauern sie anfertigen, und in dem
-Körbchen ist ein Igel. >Sehen Sie, Mamachen,< sagt sie, >sehen Sie, wie
-dieser Knabe meinen Igel ansieht.< -- >Nein,< sagt die Frau Oberst, >er
-scheint nur erschrocken zu sein, -- was hat dich denn so erschreckt,
-mein Junge?< fragt sie ihn (so wurde das später alles erzählt von denen,
-die es gehört hatten). >Wie nett er aussieht, und wie gut er gekleidet
-ist, -- wer bist du denn, mein Junge?< fragte sie ihn. Er aber hatte
-noch nie einen Igel gesehen; da trat er näher, um das Tierchen zu sehen,
-und schon vergaß er alles andere -- man weiß ja, wie Kinder sind! >Was
-ist das da,< fragt er, >was ist das, was Sie da haben?< -- >Das ist
-unser Igelchen,< sagt das kleine Mädchen, >wir haben ihn vorhin von
-einem Bauern gekauft, der hat ihn im Walde gefunden.< -- >Was ist das
-für ein Igel?< fragt der Knabe, und schon lacht er und rührt ihn mit dem
-Fingerchen an, und der Igel faucht und sträubt seine Stacheln, das
-Mädchen aber freut sich über den Knaben. >Wir werden ihn nach Haus
-bringen,< sagt sie, >und ihn ganz zahm machen.< -- >Ach,< sagt der
-Knabe, >schenken Sie ihn mir, den Igel!< Und er bat so rührend, aber
-kaum hatte er das gesagt, da erscholl auf einmal Maxim Iwanowitschs
-Stimme vom Gartenpförtchen oben: >Ha! Da bist du! Haltet ihn!< (Er war
-so aufgebracht, daß er ihm ohne Mütze vom Hause aus nachgelaufen war.)
-Da fiel dem Knaben plötzlich alles wieder ein, er schrie auf und stürzte
-zum Wasser, preßte seine beiden kleinen Fäuste an die Brust, sah hinauf
-zum Himmel (das hat man gesehen, viele haben es gesehen!) -- und
-plötzlich warf er sich in den Fluß! Alles schrie auf, von der Fähre
-sprang man ihm nach und versuchte, ihn herauszuziehen, aber die Strömung
-trug ihn fort: der Fluß ist reißend. Und als man ihn dann endlich
-herausgezogen hatte, war er schon ertrunken -- war tot. Er hatte ja
-immer schon eine schwache Brust gehabt, da hatte er das Wasser nicht
-vertragen, und wieviel ist denn auch nötig für so einen? Aber soweit die
-Menschen dort zurückdenken konnten, entsannen sie sich nicht, daß jemals
-ein so kleines Kind sich selbst umgebracht hätte! So eine Sünde! Was
-kann denn wohl so eine kleine Seele Gott dem Herrn in jener Welt
-antworten? Über diese selbe Sache begann Maxim Iwanowitsch nun
-nachzudenken. Und der ganze Mensch veränderte sich so, daß man ihn nicht
-wiedererkennen konnte. Er war schon sehr traurig. Er fing wohl zu
-trinken an, trank viel, aber dann ließ er es, -- es half nicht. Er fuhr
-auch nicht mehr nach der Fabrik und hörte überhaupt nicht mehr darauf,
-was man zu ihm sprach. Sagt man ihm etwas -- er schweigt oder winkt nur
-mit der Hand ab. So verbrachte er fast zwei Monate und dann begann er
-mit sich selber zu sprechen: er ging ganz allein umher und sprach mit
-sich. In der Nähe der Stadt brannte das Dörfchen Wasskowo ab, neun
-Häuser brannten nieder. Maxim Iwanowitsch fuhr hin, um sich das
-anzusehen. Die Abgebrannten umringten ihn, weinten und klagten, -- da
-versprach er, ihnen zu helfen und traf auch die Anordnungen. Aber dann
-ließ er den Verwalter rufen und widerrief alle Anordnungen: >Es ist
-nichts nötig,< sagt er, >es wird ihnen nichts gegeben,< und sagt nicht
-einmal, weshalb. >Gott hat mich zum Niedertreten der Menschen bestimmt,<
-sagt er, >und wenn ich schon mal ein Ungeheuer sein soll, dann mag es
-also sein. Wie der Wind,< sagt er, >hat sich mein Ruf in der Welt
-verbreitet.< Schließlich kam der Archimandrit in eigener Person zu ihm
-gefahren; der war ein strenger Greis, hatte im Kloster das
-gemeinschaftliche Leben eingeführt. >Was ist das mit dir?< fragt er ihn
-so ganz streng. >Das ist mit mir,< sagt Maxim Iwanowitsch und schlägt
-vor ihm die Bibel auf und zeigt die Stelle:
-
->Wer aber ärgert dieser Geringsten einen, die an mich glauben, dem wäre
-besser, daß ein Mühlstein an seinen Hals gehängt, und er ersäuft würde
-im Meer, da es am tiefsten ist.< (Matth. 18, 6.)
-
->Ja,< sagte der Archimandrit, >wenn das auch nicht ganz auf diesen Fall
-paßt, so kommt es doch nahe heran. Wehe, wenn ein Mensch sein Maß
-verliert -- dann ist er verloren. Und deine Überhebung hat auch keine
-Grenzen mehr gekannt.<
-
-Maxim Iwanowitsch saß da wie erstarrt. Der Archimandrit sah ihn lange
-an.
-
->Höre mich,< sagt er schließlich, >und merke dir, was ich dir sagen
-werde. Es steht geschrieben: »Die Worte des Verzweifelten verweht der
-Wind.« Und vergiß nicht, daß auch die Engel Gottes unvollkommen sind,
-vollkommen aber und sündlos ist nur unser Herr Jesus Christus, dem die
-Engel deshalb auch dienen. Du aber wolltest doch nicht den Tod dieses
-Knaben, du warst nur unbesonnen. Und noch eines,< sagt er, >ist mir
-wunderlich: du hast doch noch viel größere Schandtaten begangen, hast
-doch nicht wenig Menschen ins Verderben gebracht, hast doch nicht wenige
-verführt und zugrunde gerichtet -- so gut wie durch Mord? Und sind nicht
-alle vier Schwesterchen dieses Knaben fast unter deinen Augen gestorben,
-und das hast du doch ruhig geschehen lassen? Weshalb hat dich nun der
-Tod dieses einzelnen Knaben auf einmal so erschüttert? Alle anderen hast
-du doch nicht nur nicht bedauert, sondern hast, denke ich, nicht einmal
-an sie gedacht oder schon längst an sie zu denken vergessen. Weshalb
-ängstigt dich nun dieser Knabe so, an dessen Tod du noch nicht einmal so
-große Schuld trägst?<
-
->Er erscheint mir im Traum,< sagte Maxim Iwanowitsch.
-
->Und?<
-
-Aber Maxim Iwanowitsch sagte nichts weiter, er sitzt und schweigt. Da
-wunderte sich der Archimandrit, aber er erfuhr nichts und mußte ihn auch
-so verlassen: Da war nichts weiter zu machen.
-
-Maxim Iwanowitsch aber schickte nach dem Lehrer des Knaben, dem Pjotr
-Stepanowitsch; seit jenem Geschehnis damals hatten sie sich nicht mehr
-gesehen.
-
->Weißt du noch?< fragt er.
-
->Ich weiß noch,< sagt jener.
-
->Du,< sagte er, >du hast hier für das Wirtshaus mit Ölfarbe Bilder
-gepinselt und hast auch von dem Porträt des Bischofs eine Kopie gemacht.
-Kannst du mir nun auch mit Ölfarbe ein Bild fertigmalen?<
-
->Ich,< sagt er, >ich kann alles; ich,< sagt er, >ich hab' alle Talente
-und kann alles!<
-
->Also dann mal' du mir ein Bild, so groß wie die ganze Wand, und mal'
-mir drauf ganz zuerst den Fluß und das Ufer und die Fähre; und mal' mir
-auch alle Menschen, die damals dort waren, auf das Bild. Und daß auch
-die Frau Oberst und ihre Tochter auf dem Bilde zu sehen sind, und auch
-der Igel. Und das ganze andere Ufer malst du mir auch drauf, damit man
-es ganz so sieht, wie es ist: die Kirche und den großen Platz und die
-Läden und die Droschken an der Haltestelle, -- alles, wie es ist, malst
-du mir auf das Bild, verstanden? Und nun in der Mitte vor dem Fluß, an
-der Anlegestelle der Fähre, malst du mir den Knaben, gerade dort, wo er
-stand, und unbedingt so, wie er die beiden kleinen Fäuste an sich
-drückt, gerade so an beide Brustwarzen. Das vergiß du mir nicht. Und vor
-ihm, gerade ihm gegenüber, also über der Kirche auf dem anderen Ufer,
-machst du den Himmel auf, und von dort läßt du alle Engel in himmlischem
-Licht herabschweben, die ihm entgegenkommen, um ihn aufzunehmen. Kannst
-du mir das malen oder ist das zuviel verlangt?<
-
->Ich kann alles,< sagt Pjotr Stepanowitsch.
-
->Du brauchst nicht zu glauben, daß ich nur so einen Peter wie du dazu
-brauche, ich könnte mir auch den allerersten Maler aus Moskau
-verschreiben oder aus der Stadt London sogar, wenn ich will, aber du --
-du hast ihn gesehen, du weißt, wie er aussah. Wenn du ihn mir aber nicht
-ähnlich malst oder nur wenig ähnlich, so kriegst du nur fünfzig Rubel,
-wenn er aber ganz ähnlich ist, so geb' ich dir zweihundert Rubel. Weißt
-du noch -- blaue Augen hatte er ... Und das Bild muß so groß sein wie
-nur irgend möglich!<
-
-Die Vorbereitungen wurden getroffen; Pjotr Stepanowitsch machte sich an
-die Arbeit, aber auf einmal kommt er wieder zu Maxim Iwanowitsch.
-
->Nein,< sagt er, >so geht das nicht.<
-
->Warum nicht?<
-
->Weil diese Sünde, der Selbstmord, die größte aller Sünden ist. Wie
-können ihn nach einer solchen Sünde noch die Engel im Himmel empfangen?
-Das geht nicht.<
-
->Aber er war doch noch ein Kind, ihm kann's doch noch nicht angerechnet
-werden!< sagt Maxim Iwanowitsch.
-
->Nein, er war kein Kind mehr! er war schon ein Knabe von acht Jahren,
-als dies geschah. Immerhin wird er sich verantworten müssen.<
-
-Da erschrak Maxim Iwanowitsch noch mehr.
-
->Ich aber hab' mir das so ausgedacht,< sagt Pjotr Stepanowitsch, >den
-Himmel da so großartig zu öffnen und Engel ihm entgegenfliegen zu lassen
--- das ist überflüssig; statt dessen werd' ich vom Himmel nur so einen
-hellen Strahl fallen lassen, der ihm sozusagen entgegenkommt: das wäre
-dann immerhin etwas.<
-
-Und so ließen sie denn so einen Strahl fallen. Ich hab' später selber
-dies Bild gesehen, und da war auch wirklich der Strahl und der Fluß --
-über die ganze Wand hatte er ihn ausgereckt, ganz blau, und auch der
-kleine Knabe war da zu sehen, und er drückte auch richtig beide
-Fäustchen so an die Brust, und auch das kleine Fräulein war da und der
-Igel -- alles hatte er fertiggebracht. Nur zeigte Maxim Iwanowitsch
-damals keinem Menschen das Bild, sondern schloß die Tür seines
-Arbeitszimmers zu, und so blieb es vor allen Augen verborgen. In der
-Stadt aber war man mächtig neugierig, und alles strömte hin, um das Bild
-zu sehen, er aber ließ alle fortjagen. Darüber war dann ein großes
-Gerede in der Stadt. Der Pjotr Stepanowitsch aber, der war danach ganz
-furchtbar stolz. >Ich,< sagt er, >ich kann alles! Ich,< sagt er, >ich
-gehöre nach St. Petersburg an den Kaiserlichen Hof!< Ein guter Mensch
-war er, aber überheben tat er sich damals schon gar zu sehr. Und so
-ereilte ihn das Schicksal: nachdem er die ganzen zweihundert Rubel
-erhalten hatte, betrank er sich gleich und zeigte allen sein Geld und
-prahlte unmäßig; und in derselben Nacht, als er ganz betrunken war,
-erschlug ihn ein Kleinbürger aus der Stadt, mit dem er zusammen
-getrunken hatte, und raubte ihm das Geld; doch kam das alles schon am
-nächsten Morgen an den Tag.
-
-Die Sache aber mit Maxim Iwanowitsch endete so, daß man dort noch
-heutigestags davon spricht. Auf einmal kommt Maxim Iwanowitsch wieder
-bei jener Witwe angefahren: sie hatte sich ganz am Rande der Stadt in
-der Hütte einer Kleinbürgerin eingemietet. Diesmal aber stieg er aus und
-ging hinein, trat vor sie hin und verneigte sich tief vor ihr. Sie aber
-war seit jenem selben Unglück ganz krank und konnte sich kaum bewegen.
->Mütterchen,< rief er, >ehrsame Witwe, heirate mich Ungeheuer, mach' es
-mir wieder möglich, auf Erden zu leben!< Die aber sieht ihn an und ist
-ganz starr vor Entsetzen. >Ich will,< sagt er, >daß uns beiden ein Knabe
-geboren werde, und wenn uns einer geboren wird, dann hat der Tote uns
-verziehen: dir und mir verziehen. So hat er mir im Traum gesagt.< Sie
-sieht, der Mensch ist nicht bei voller Vernunft, sieht, daß er außer
-sich ist, aber sie konnte doch nicht an sich halten und sagte:
-
->Das ist doch alles nur leeres Geschwätz und nichts als Kleinmut,< sagt
-sie. >Durch denselben Kleinmut habe ich alle meine Kinderchen verloren.
-Ich will Euch nicht einmal vor meinen Augen sehen, -- wie sollte ich da
-noch diese ewige Qual auf mich nehmen!<
-
-Maxim Iwanowitsch fuhr nach Haus, aber von seiner Werbung ließ er nicht
-ab. Die ganze Stadt geriet in Aufregung ob solchen Wunders. Maxim
-Iwanowitsch schickte nun Brautwerber zu ihr. Aus einem abgelegenen
-Bezirk des Gouvernements rief er brieflich zwei Tanten herbei, beide
-waren sie Kleinbürgerinnen. Ob es nun gerade Tanten waren oder nicht,
-immerhin waren sie mit ihm verwandt, und somit war's immerhin eine Ehre:
-die fingen nun an, auf sie einzureden, sie zu umschmeicheln, und wichen
-gar nicht mehr von ihrer Seite. Er schickte aber auch andere aus der
-Stadt und aus der Kaufmannschaft hin, sogar die Frau des Oberpopen ging
-zu ihr, und auch Beamtenfrauen suchten sie auf. Die ganze Stadt redete
-auf sie ein, sie aber antwortet sogar mit Verachtung: >Wenn meine armen
-Kinder dadurch wieder lebendig würden, aber wozu soll ich das so? Und
-was für eine Schuld würde ich mir damit vor meinen Kindern aufladen!<
-Maxim Iwanowitsch aber wußte selbst den Archimandriten für sich zu
-gewinnen, auch der sprach dann ein Wort für ihn: >Du könntest,< sagt er,
->einen neuen Menschen in ihm erwecken.< Da erschrak sie. Die Menschen
-aber wunderten sich und konnten sie nicht verstehen. >Wie ist das nur
-möglich, daß sie ein solches Glück zurückweist!< Endlich aber fand er
-etwas, womit er sie doch besiegte: >Er ist doch ein Selbstmörder,< sagte
-er, >er war nicht mehr ein Kind, und seinem Alter nach könnte man ihn
-nach dieser Sünde nicht mehr ohne weiteres zum Heiligen Abendmahl
-zulassen, denn ihn trifft doch schon die Verantwortung für seine Tat.
-Wenn du mich nun heiratest, so gelobe ich, einzig zum Gedächtnis seiner
-Seele eine neue Kirche zu erbauen.< Dem konnte sie nicht widerstehen,
-und da willigte sie denn ein. So wurden sie schließlich getraut.
-
-Und es kam so, daß alle sich mächtig wunderten. Sie lebten vom ersten
-Tage an in großer und ungeheuchelter Eintracht und nahmen es mit ihren
-Ehepflichten sehr genau und waren wie eine Seele in zwei Leibern. Noch
-in demselben Winter wurde sie schwanger, und sie besuchten beide sehr
-viele Gotteshäuser, da sie den Zorn Gottes fürchteten. Drei Klöster
-suchten sie auf und beteten inbrünstig und hörten die Prophezeiungen. Er
-aber ließ getreu seinem Gelöbnis die Kirche erbauen und außerdem noch in
-der Stadt ein Kranken- und ein Armenhaus, und für Witwen und Waisen
-stiftete er eine große Summe Geldes. Und er entsann sich aller, die er
-einmal übervorteilt hatte, und machte es wieder gut. Geld gab er eine
-Unmenge aus, so daß schließlich seine Frau und selbst der Archimandrit
-ihn davon zurückhielten und sagten: >Nun hast du schon übergenug
-gegeben.< Da besann sich Maxim Iwanowitsch ein wenig. >Ich hab' aber dem
-Foma,< sagt er, >zu wenig ausgezahlt.< Nun, Foma wurde gerufen, und es
-wurde ihm sofort alles ausgezahlt. Dem Foma aber kommen darüber die
-Tränen. >Ich,< sagt er, >ich war's ja auch so zufrieden ... Ich bin
-schon ohnedem Dank schuldig und werde ewig für Euch zu Gott beten.< So
-waren denn alle, wie man sieht, ganz ergriffen dadurch, und es zeigte
-sich, daß man die Wahrheit spricht, wenn man sagt: Durch gutes Beispiel
-lebt der Mensch. Und die Menschen sind dort ein gutherziges Volk.
-
-Die Fabrik begann nun die Frau selber zu leiten, und auf eine Weise, daß
-man noch heute davon spricht. Zu trinken hörte er wohl nicht auf, aber
-die Frau ließ ihn dann nicht aus den Augen, und allmählich versuchte
-sie, ihn davon abzubringen. Seine Rede wurde ehrbar und sogar seine
-Stimme veränderte sich. Mit allen hatte er jetzt Mitleid, sogar mit
-Tieren: einmal sah er aus dem Fenster, wie ein Bauer sein Pferd ganz
-unmenschlich schlug, und sofort schickte er hinaus und kaufte von ihm
-das Pferd für den doppelten Preis. Und ihm ward auch die Gabe der Tränen
-zuteil: sein Herz war leicht zu erweichen und er war schnell gerührt.
-Und als ihre Zeit kam, da erhörte der Herr ihre Gebete und schenkte
-ihnen einen Sohn; da wurde Maxim Iwanowitsch zum erstenmal seit jener
-Zeit wieder heiter; er verteilte viel Geld unter die Armen, erließ viele
-Schulden und lud fast die ganze Stadt zur Taufe ein. Und die ganze Stadt
-feierte denn auch die Taufe mit, aber am folgenden Morgen kam er aus
-seinem Zimmer, finster wie die Nacht. Die Frau sah ihm an, daß etwas mit
-ihm geschehen war, und somit brachte sie den Neugeborenen zu ihm.
->Sieh,< sagt sie, >der Knabe hat uns verziehen, er hat unsere Tränen und
-Gebete um ihn gehört.< Sie hatten das ganze Jahr kein Wort davon
-gesprochen, sondern beide nur im stillen daran gedacht. Maxim
-Iwanowitsch aber sah sie düster an. >Warte,< sagt er, >das ganze Jahr
-ist er nicht gekommen, heut nacht aber ist er mir wieder im Traum
-erschienen.< -- >Da drang das Entsetzen zum erstenmal auch in mein Herz,
-nach diesen schrecklichen Worten,< hat sie dann später erzählt. Und
-nicht grundlos war ihr Entsetzen gewesen. Kaum hatte Maxim Iwanowitsch
-dies ausgesprochen, da geschah etwas mit dem Neugeborenen: er erkrankte
-plötzlich. Acht Tage lang war das Kindchen krank; man betete unermüdlich
-und rief alle Ärzte herbei, auch aus Moskau kam ein sehr berühmter Arzt,
-den sie gerufen hatten, mit der Eisenbahn angefahren. Er besah sich das
-Kindchen und wurde böse: >Ich,< sagt er, >bin der allererste Arzt, ganz
-Moskau wartet auf mich.< Er verschrieb dann irgendwelche Tropfen und
-fuhr eilig wieder zurück. Achthundert Rubel nahm er mit. Das Kindchen
-aber starb noch am selben Abend.
-
-Und was geschah danach? Maxim Iwanowitsch verschrieb seinen ganzen
-Besitz seiner lieben Frau, übergab ihr sein ganzes Vermögen und alle
-Papiere, ließ auch alles gesetzlich bestätigen; und dann trat er vor sie
-hin, verneigte sich vor ihr bis zur Erde und sagte: >Gib mich frei,
-meine unschätzbare Gattin, laß mich meine Seele erretten, solange es
-noch möglich ist. Und wenn ich auch vergeblich um den Frieden meiner
-Seele ringen sollte, zurückkehren werde ich doch nicht mehr. Wohl bin
-ich hart und grausam gewesen und habe manchen Menschen schwer
-heimgesucht, aber ich glaube dennoch, daß um des Leides und der
-Pilgerschaft willen Gott der Herr mir manches erlassen wird, denn es ist
-kein kleines Kreuz und kein geringes Leid, alles zu verlassen, woran das
-Herz hängt.< Seine Frau aber bat ihn und flehte mit vielen Tränen: >Du
-bist der einzige, den ich jetzt auf Erden noch habe, wo bleibe ich, wenn
-du mich verläßt? Ich habe,< sagt sie, >in diesem Jahr viel Liebe für
-dich in meinem Herzen gefunden!< Und die ganze Stadt redete ihm einen
-Monat lang zu und bat ihn im guten und wollte ihn schließlich mit Gewalt
-zurückhalten. Er aber hörte nicht darauf, und in einer Nacht ging er
-heimlich davon und kehrte nicht mehr zurück. Wie man hört, kämpft er
-noch heute auf Pilgerfahrten und in Geduld. Seiner lieben Frau aber
-schickt er in jedem Jahr einmal Kunde von sich ...«
-
-
- Viertes Kapitel.
-
-
- I.
-
-Ich komme jetzt zu der Schlußkatastrophe, deren Erzählung meine
-Aufzeichnungen abschließen soll. Doch um weitererzählen zu können, muß
-ich zunächst vorgreifen und etwas erklären, wovon ich damals noch nichts
-ahnte; erst viel später habe ich davon erfahren und mir das Ganze dann
-auch klargemacht, das heißt, als alles schon geschehen war. Diese
-vorgreifende Erklärung ist unbedingt erforderlich, denn sonst würde das
-Folgende für den Leser gar zu lange unverständlich sein. Deshalb will
-ich denn eine ganz einfache und sachliche Darstellung der Zusammenhänge
-und Beweggründe gewisser Personen hier einflechten, obgleich ich damit
-die sogenannte künstlerische Einheitlichkeit aufhebe, und will so
-schreiben, als ob gar nicht ich dies schriebe, also ganz ohne innere
-Anteilnahme, ungefähr wie ein kurzer Bericht in der Zeitung geschrieben
-wird.
-
-Die Sache war die, daß mein Schulfreund Lambert durchaus und ohne
-weiteres zu jenen ekelhaften kleinen Spitzbuben gehörte, die sich zu
-ganzen Banden zusammentun und dann eine Tätigkeit beginnen, die man
-neuerdings anstatt Erpressung »Chantage« nennt, und für die man in den
-Gesetzbüchern vorläufig noch nach einer Bezeichnung und Strafe sucht.
-
-Die Bande, in der Lambert mitwirkte, hatte sich in Moskau gebildet und
-dort auch schon eine ganze Reihe von Gemeinheiten ausgeführt (in der
-Folge ist ihre Tätigkeit zum Teil aufgedeckt worden). Später hörte ich,
-daß sie in Moskau längere Zeit einen sehr erfahrenen und keineswegs
-dummen Anführer gehabt hatte, einen schon älteren Mann. Ihre
-Unternehmungen führte sie je nach den Umständen aus: bald wirkten sie
-alle zusammen mit, bald ging nur ein Teil der Bande vor. Außer den
-schmutzigsten und ganz unbeschreibbaren Bubenstreichen (von denen,
-nebenbei bemerkt, schon manches in die Zeitungen gekommen war) führten
-sie auch ziemlich verzwickte und schlaue Unternehmungen aus, natürlich
-immer nach den Anordnungen ihres Anführers. Einige dieser Streiche hat
-man mir nachher erzählt, doch ich mag mich darüber nicht weiter
-verbreiten. Erwähnt sei hier nur, daß ihr Vorgehen im allgemeinen darin
-bestand, daß sie irgendwelche Geheimnisse aus dem Privatleben von oft
-durchaus ehrenwerten und hochstehenden Leuten auszukundschaften suchten;
-war ihnen das gelungen, so erschienen sie bei dem Betreffenden und
-drohten mit der Veröffentlichung der Sache (oft ohne überhaupt
-irgendwelche Beweise in Händen zu haben), und für ihr Schweigen
-forderten sie Geld. Nun gibt es gewiß Dinge, die nicht einmal eine Sünde
-und auch kein Verbrechen sind, deren Veröffentlichung aber selbst einen
-anständigen und standhaften Menschen erschrecken kann. Diese Bande aber
-hatte es hauptsächlich auf Familiengeheimnisse abgesehen. Um zu zeigen,
-wie schlau ihr Anführer vorzugehen pflegte, will ich in ein paar Worten
-und ohne alle Einzelheiten nur eins von ihren Stückchen als Beispiel
-erzählen. In einer durchaus ehrenwerten und angesehenen Familie war es
-zu einem nicht nur sündhaften, sondern sogar verbrecherischen Vergehen
-gekommen: die Frau eines bekannten und sehr geachteten Mannes hatte mit
-einem reichen jungen Offizier ein Liebesverhältnis angefangen. Das hatte
-die Bande irgendwie erfahren, und nun ging sie folgendermaßen vor: sie
-teilte dem jungen Offizier einfach mit, daß sie den betrogenen Ehemann
-benachrichtigen werde. Beweise hatte man zwar nicht, und das wußte der
-junge Offizier, aber das verhehlte man ihm auch gar nicht; doch die
-ganze Schlauheit ihrer Berechnung lag in diesem Fall eben in der
-richtigen Voraussicht, daß der benachrichtigte Gatte auch ohne Beweise
-genau so vorgehen würde, wie wenn er die sichersten Beweise in Händen
-hielte. Sie verließen sich hierbei auf ihre Kenntnis des Charakters
-dieses Menschen und auf ihre Kenntnis seiner Familienverhältnisse. Zu
-dieser Bande gehörte nämlich auch ein junger Mensch aus den besten
-Kreisen, und das war sehr wichtig für sie; denn ebendieser war es, der
-ihnen die Geheimnisse zutrug. Von jenem reichen Offizier erpreßten sie
-auf diese Weise eine recht stattliche Summe -- ohne sich dabei der
-geringsten Gefahr auszusetzen, da ja ihrem Opfer selbst alles daran
-gelegen war, daß die Sache geheim blieb.
-
-Lambert war an den Streichen dieser Moskauer Bande, wie gesagt, auch
-beteiligt gewesen, hatte aber nicht eigentlich zu ihr gehört; doch da er
-alsbald Geschmack daran gewonnen hatte, hatte er allmählich auf eigene
-Faust dasselbe Treiben begonnen. Eines möchte ich hier gleich bemerken:
-sehr befähigt war er zu solchen Unternehmungen nicht. Freilich war er
-durchaus nicht dumm und sogar sehr berechnend; aber er war doch zu
-unvorsichtig und außerdem zu gutgläubig, oder richtiger gesagt, zu naiv,
-das heißt, er kannte weder die Menschen noch die Gesellschaft. Zum
-Beispiel schien er die Bedeutung jenes Anführers der Moskauer Bande gar
-nicht zu verstehen, schien vielmehr anzunehmen, daß das Gründen und
-Leiten einer solcher Bande sehr leicht sei. Und schließlich hielt er
-fast alle Menschen für genau solche Schufte, wie er selbst einer war.
-Oder wenn er, zum Beispiel, einmal angenommen hatte, der und der Mensch
-fürchte sich oder müsse sich aus dem und dem Grunde vor irgend etwas
-fürchten, dann zweifelte er überhaupt nicht mehr daran, sondern war
-davon gleich und ein für allemal wie von einem Axiom überzeugt. Ich
-verstehe vielleicht nicht, mich richtig auszudrücken, aber im weiteren
-Verlauf meiner Erzählung wird schon die Wiedergabe meiner Erlebnisse
-alles erklären. Jedenfalls war er, meiner Ansicht nach, ein ziemlich
-niedrigstehender Mensch, der an gute, edlere Gefühle nicht nur nicht
-glaubte, sondern von manchen dieser Gefühle vielleicht überhaupt keine
-Vorstellung hatte.
-
-Nach Petersburg war er gekommen, weil er an Petersburg schon lange als
-an ein viel größeres und dankbareres Feld für seine Unternehmungslust
-gedacht hatte, und überdies war in Moskau bei irgendeiner Gelegenheit
-eine seiner Machenschaften an den Tag gekommen, weshalb dort ein
-gewisser Herr nun ihm selbst mit den schlimmsten Absichten
-nachzuspionieren angefangen hatte. In Petersburg eingetroffen, war er
-sogleich zu einem früheren Spießgesellen in Beziehung getreten, doch
-statt der erträumten goldenen Ernte hatte er nur ein sehr mageres, nicht
-viel versprechendes Betätigungsfeld und nur »unbedeutende Fälle«
-gefunden. Sein Bekanntenkreis vergrößerte sich dann nach und nach, aber
-es kam für ihn doch nichts zustande. »Die Leute sind ja hier überhaupt
-nichts wert, das sind ja lauter Grünschnäbel,« sagte er später selbst zu
-mir. Und da, eines Morgens, stößt er in der fahlen Dämmerung auf einen
-Halberfrorenen an einer Hofmauer und kommt durch ihn ohne weiteres auf
-die Spur einer, seiner Meinung nach, »glänzenden Sache«!
-
-Diese »glänzende Sache« erfuhr er eben damals aus meinem
-zusammenhangslosen Gestammel, als ich bei ihm sozusagen auftaute. Oh,
-ich weiß, ich sprach damals im Fieberdelirium! Aber aus meinen Worten
-ging immerhin klar hervor, daß von allen Beleidigungen jenes
-verhängnisvollen Tages die Kränkung, die mir durch Bjoring und _sie_
-zuteil geworden war, sich mir am tiefsten ins Herz geprägt hatte:
-anderenfalls hätte ich doch nicht nur davon bei Lambert phantasiert,
-sondern wohl auch von Serschtschikoff; das aber war nicht geschehen, wie
-ich nachher von Lambert selbst erfuhr. Und dabei hatte ich doch an jenem
-schrecklichen Morgen in Lambert und Alphonsina geradezu meine Befreier
-und Erretter gesehen! Wenn ich später während meiner Genesung, noch im
-Bett liegend, zu überlegen gesucht hatte, wieviel Lambert von meinem
-Gerede verstanden oder wieviel ich ihm wohl verraten haben konnte, war
-mir nicht ein einziges Mal auch nur der Verdacht gekommen, daß es
-immerhin so viel sein könnte! Freilich, nach meinen Gewissensbissen zu
-urteilen, werde ich selbst damals schon gefühlt haben, daß ich wohl viel
-Überflüssiges geschwätzt hatte, aber wie hätte ich ahnen können, daß es
-so viel war! Auch hoffte ich, und ich tröstete mich damit, daß ich in
-meinem damaligen Zustande wohl kaum ein Wort verständlich ausgesprochen
-haben konnte, wessen ich mich noch genau zu erinnern glaubte; doch wie
-es sich nachher erwies, war mein Gestammel viel verständlicher gewesen,
-als ich angenommen und gehofft hatte. Aber das schlimmste war doch, daß
-ich alles dies erst nachträglich und viel später erfuhr, und eben das
-wurde mein Verhängnis.
-
-Aus meinem Gestammel, Gefasel und Überschwang hatte Lambert Folgendes
-entnommen, vielmehr erfahren: erstens, fast alle Namen und sogar einige
-Adressen; zweitens hatte er sich sofort eine ungefähre Vorstellung von
-der Bedeutung und gesellschaftlichen Stellung der betreffenden Personen
-machen können (so zum Beispiel von der des alten Fürsten, von _ihr_,
-Bjoring, Anna Andrejewna und sogar von Werssiloff); drittens hatte er
-erfahren, daß ich beleidigt worden war und mich rächen wollte; und
-viertens, das Allerwichtigste: daß es ein geheimes, verborgenes Dokument
-gab, einen Brief, der, wenn man ihn dem alten Fürsten zeigte und dieser
-aus dem Brief erführe, daß seine Tochter, sein einziges Kind, ihn für
-verrückt hielt und schon an einen Juristen wegen seiner Entmündigung
-geschrieben hatte, -- daß der alte Fürst über diesen Brief entweder den
-Verstand verlieren oder vor lauter Empörung seine Tochter aus dem Hause
-jagen und enterben würde, um dann ein Fräulein Werssiloff zu heiraten,
-was er schon jetzt unbedingt wollte, doch was man ihm vorläufig noch
-nicht erlaubte. Mit einem Wort, Lambert hatte sehr, sehr viel erfahren;
-natürlich war manches dunkel für ihn geblieben, aber immerhin hatte er
-als gerissener Erpresser die Möglichkeiten sofort überschaut. Nachdem
-ich von Alphonsina unvorhergesehenerweise fortgelaufen war, hatte er
-sich sofort meine Adresse verschafft (ganz einfach durch das
-Adreßbureau) und Nachforschungen angestellt, die ihm die Bestätigung
-gebracht hatten, daß es alle die Personen, deren Namen von mir im Fieber
-genannt worden waren, tatsächlich gab. Und daraufhin hatte er dann
-ungesäumt den ersten Schritt getan.
-
-Die wichtigsten Tatsachen waren für ihn, daß es da ein gewisses Dokument
-gab, daß dieses Dokument sich in meinem Besitz befand, und daß es einen
-hohen Wert hatte; an letzterem zweifelte Lambert keinen Augenblick. Nun
-möchte ich aber einen Umstand vorläufig verschweigen, da seine spätere
-Mitteilung angebrachter sein dürfte; es genügt, wenn ich hier nur
-erwähne, daß gerade dieser Umstand Lambert von dem Vorhandensein des
-Dokuments und dem großen Wert desselben überzeugt hatte. Ich schicke
-voraus, daß es ein verhängnisvoller Umstand war, von dem ich mir nicht
-nur damals nichts träumen ließ, sondern auch die ganze Zeit über nicht
--- bis zum letzten Augenblick, als plötzlich alles einstürzte und sich
-von selbst aufdeckte. Und so war denn, da er sich in der Hauptsache
-sicher glaubte, der erste Schritt, den er tat, daß er zu Anna Andrejewna
-fuhr.
-
-Für mich ist es auch heute noch ein Rätsel, wie Lambert es
-fertiggebracht hat, sich an eine so unnahbare und vornehme Dame wie Anna
-Andrejewna heranzumachen und sich in seiner Rolle sogar zu behaupten!
-Freilich hatte er Erkundigungen eingezogen, aber was will das besagen?
-Und wenn er auch tadellos angezogen war, wie ein Pariser sprach und
-einen französischen Namen trug, so ist es doch nicht gut möglich, daß
-Anna Andrejewna nicht sofort den Spitzbuben in ihm erkannt hat! Oder
-soll man annehmen, daß sie gerade damals einen Spitzbuben brauchte?
-Sollte es sich wirklich so verhalten?
-
-Die Einzelheiten ihrer ersten Begegnung habe ich niemals erfahren
-können, aber ich habe mir später oft genug diese Szene vorzustellen
-versucht. Wahrscheinlich hat Lambert sich vom ersten Wort und von der
-ersten Gebärde an als meinen Jugendfreund aufgespielt, der für seinen
-lieben und einzigen Freund zitterte. Nun, und dann wird er wohl schon
-bei diesem ersten Zusammentreffen zu verstehen gegeben haben, daß ich
-ein »Dokument« besäße, daß dies ein Geheimnis sei, daß er allein um
-dieses Geheimnis wisse, daß ich mich mittels dieses Dokuments an der
-Generalin Achmakoff zu rächen beabsichtige usw. Vor allen Dingen wird er
-ihr wohl die Bedeutung und den Wert dieses Dokuments klargemacht haben.
-Anna Andrejewna aber befand sich gerade damals in einer so verzwickten
-Lage, daß sie einfach nicht anders konnte, als sich an eine
-Rettungsmöglichkeit klammern. So mußte sie eben diese Neuigkeit
-aufmerksam anhören und ... auf diesen Köder anbeißen, wenn sie in ihrem
-»Kampf ums Dasein« nicht unterliegen wollte. Man hatte ihr ja gerade
-damals den Bräutigam nach Zarskoje Sselo entführt, hatte ihn fast unter
-Vormundschaft gestellt, und auch sie selbst stand seitdem gewissermaßen
-unter Vormundschaft. Und nun plötzlich so ein Fund! Das war etwas
-anderes als heimliches Weibergeschwätz, war nicht bloß Gejammer und
-Geklatsch, war nicht Tränen und Klagen, sondern war ein Brief, ein
-Schriftstück, war ein tatsächlicher Beweis für die Hinterlist seiner
-lieben Tochter und aller derer, die ihr, Anna Andrejewna, den Bräutigam
-entreißen wollten: dieser schlagende Beweis würde ihn doch zu der
-Einsicht bringen, daß er sich retten mußte, und wäre es durch Flucht!
-sich retten zu ihr, zu ihr allein, zu Anna Andrejewna, und sich mit ihr
-trauen lassen, womöglich binnen vierundzwanzig Stunden, -- wenn er von
-den anderen nicht geholt und in eine Irrenanstalt gesteckt werden
-wollte!
-
-Aber vielleicht ist Lambert auch ganz offen vorgegangen und hat sich
-dieser jungen Dame gegenüber überhaupt nicht verstellt, sondern einfach
-von vornherein gesagt: »Mademoiselle, Sie müssen sich entscheiden, was
-Sie werden wollen: eine alte Jungfer oder eine Fürstin und Millionärin.
-Es gibt da ein Dokument, ich werde es dem Jüngling entwenden und Ihnen
-ausliefern ... gegen einen Wechsel von Ihnen über dreißigtausend Rubel.«
-Ich glaube sogar, daß er wirklich gerade so vorgegangen ist. Oh, er
-hielt ja alle für genau solche Schurken, wie er selbst einer war! Ich
-sage noch einmal: es war in ihm eine gewisse Schurkennaivität, eine
-gewisse Schurkenunschuld ... Aber welcher Art sein Vorgehen auch gewesen
-sein mag, es ist immerhin sehr möglich, daß Anna Andrejewna selbst durch
-diese Taktik sich nicht einen Augenblick hat verwirren lassen;
-wahrscheinlich wird sie es sogar vorzüglich verstanden haben, sich zu
-beherrschen und den Erpresser, dessen Redeweise natürlich seinem Gewerbe
-entsprach, ruhig bis zu Ende anzuhören -- und alles das aus der
-»Vorurteilslosigkeit« ihrer »Weitherzigkeit«. Oh, selbstverständlich
-wird sie zu Anfang ein wenig errötet sein, aber sie wird sich dann
-schnell zusammengenommen und ihn eben angehört haben. Doch wenn ich mir
-diese unnahbare, stolze, wirklich achtunggebietende junge Dame, die noch
-dazu so viel Verstand besitzt, Hand in Hand mit Lambert vorstelle, so
-... ja, das ist es ja eben, daß sie so viel Verstand besitzt! Der
-russische Verstand, besonders einer von solcher Stärke, ist mit Vorliebe
-gänzlich vorurteilslos, und nun gar ein weiblicher! und noch unter
-solchen Umständen!
-
-Jetzt fasse ich kurz zusammen:
-
-An dem Tage und zu der Stunde, als ich nach meiner Krankheit zum
-erstenmal das Haus verließ, hatte Lambert bereits zwei Möglichkeiten ins
-Auge gefaßt (das weiß ich jetzt ganz genau): die erste Möglichkeit war,
-von Anna Andrejewna für das Dokument einen Wechsel über mindestens
-dreißigtausend Rubel zu fordern und ihr dann zu helfen, dem alten
-Fürsten vor seiner eigenen Tochter und seinem ganzen Anhang angst und
-bange zu machen, ihn darauf im richtigen Augenblick zu entführen und sie
-schleunigst mit ihm trauen zu lassen -- kurz, etwas von dieser Art. Es
-war da schon ein ganzer Plan zusammengestellt; man wartete nur noch auf
-meine Hilfe, das heißt, auf das Dokument.
-
-Lamberts zweiter Plan war: Anna Andrejewna zu verraten und den Brief
-nicht an sie, sondern an die Generalin Achmakoff zu verkaufen, wenn das
-vorteilhafter wäre. Für diesen Fall rechnete er auch auf Bjoring. Aber
-an die Generalin hatte sich Lambert doch noch nicht herangewagt. Er
-hatte erst nur spioniert. Auch wartete er noch auf mich.
-
-Oh, er hatte mich sehr nötig, oder vielmehr nicht mich, sondern das
-Dokument. Was aber mich persönlich betrifft, so hatte er in bezug auf
-mich auch schon zwei Pläne entworfen. Der erste Plan bestand darin, wenn
-es nun einmal anders gar nicht ginge, Halbpart mit mir zu machen, doch
-das natürlich nur dann, wenn er meiner in jeder Beziehung sicher sein
-konnte. Der zweite Plan aber sagte ihm weit mehr zu und bestand darin,
-daß er mich wie einen dummen Jungen betrügen wollte, indem er mir das
-Dokument einfach stahl oder mit Gewalt entwendete. Dieser zweite Plan
-gefiel ihm ausnehmend, und in seinen Träumen malte er sich gern das
-Gelingen desselben aus. Ich bemerke hier nochmals: es gab da so einen
-Umstand, der ihn an dem Gelingen dieses zweiten Planes überhaupt nicht
-zweifeln ließ, doch, wie gesagt, mitteilen werde ich diesen Umstand erst
-später. Jedenfalls erwartete er mich mit krampfhafter Ungeduld: alles
-hing für ihn nur von mir und meinem Verhalten ab, jeder Schritt und
-jeder Entschluß.
-
-Aber in einer Beziehung muß ich ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen:
-bis zu meiner Genesung hatte er sich doch im Zaum gehalten, trotz seiner
-ganzen Ungeduld und einer Veranlagung, die ihn sonst nur schwer eine
-Sache abwarten ließ. Er war während meiner Krankheit überhaupt nicht zu
-mir gekommen, ausgenommen das eine Mal, als er mit Werssiloff gesprochen
-hatte; mich persönlich aber hatte er wohlweislich ganz in Ruhe gelassen,
-und bis zu meinem Erscheinen bei ihm war von ihm aus nichts geschehen,
-was sein Interesse irgendwie verraten hätte. Über die Möglichkeit aber,
-daß ich das Dokument jemandem übergeben oder davon Mitteilung machen
-oder es vernichten könnte, war er ganz unbesorgt. Aus meinem Gerede
-damals bei ihm hatte er schon ersehen, wieviel mir selbst an der
-Geheimhaltung lag, und wie sehr ich fürchtete, daß jemand von diesem
-Dokument auf irgendeine Weise etwas erfahren könnte. Daß ich aber von
-allen anderen ihn ganz zuerst aufsuchen würde, daran zweifelte er keinen
-Augenblick: Darja Onissimowna war ja zum Teil auch auf seine
-Veranlassung zu mir gekommen, und er wußte, daß nunmehr schon Neugier
-und Angst in mir geweckt waren, und ich die Ungewißheit nicht lange
-ertragen würde ... Und außerdem hatte er bereits alle Vorkehrungen
-getroffen, ja, es war ihm sogar möglich, genau zu erfahren, an welchem
-Tage ich zum erstenmal das Haus verlassen würde, so daß ich ihm doch
-nicht entgangen wäre, selbst wenn ich's gewollt hätte.
-
-Aber wenn schon Lambert ungeduldig auf mich wartete, so wartete Anna
-Andrejewna vielleicht noch viel ungeduldiger auf mich. Ich sage ganz
-offen: Lambert war teilweise vielleicht im Recht, wenn er sich mehr an
-seinen zweiten Plan hielt und sie im Stich zu lassen beabsichtigte, da
-sie schließlich selbst die Veranlassung dazu gab. Denn trotz ihres
-fraglosen Einverständnisses (ich weiß zwar nicht, in welcher Form sie
-übereingekommen waren, aber daß sie es waren, daran zweifle ich keinen
-Augenblick) war Anna Andrejewna doch bis zuletzt nicht ganz aufrichtig
-gegen ihn. So hatte sie ihm von sich nichts mitgeteilt. Sie hatte ihm
-nur andeutungsweise zu verstehen gegeben, daß sie mit seinem Plan und
-allen seinen Bedingungen einverstanden war, -- aber eben auch nur
-andeutungsweise; sie hatte seinen ganzen Vorschlag sicherlich bis in
-alle Einzelheiten angehört und ihr Einverständnis wohl nur durch ihr
-Schweigen ausgedrückt. Ich habe die sichersten Beweise für die
-Richtigkeit dieser Annahme; und der Grund, weshalb sie sich so verhielt,
-war wohl, daß sie _auf mich wartete_. Sie wollte es lieber mit mir zu
-tun haben, als mit dem Spitzbuben Lambert -- das steht für mich fest!
-Und das kann ich auch verstehen; ihre Rechnung stimmte nur deshalb
-nicht, weil Lambert sie schließlich durchschaute. Für ihn aber wäre es
-doch gar zu unvorteilhaft gewesen, wenn sie mir hinter seinem Rücken das
-Dokument abgenommen und sich mit mir verbündet hätte. Hinzu kam, daß er
-damals von dem Gelingen seines zweiten Planes schon mit aller Sicherheit
-überzeugt war. Ein anderer hätte an seiner Stelle immer noch ein wenig
-gezweifelt und sich gefürchtet, Lambert aber war jung, frech, beseelt
-von der ungeduldigsten Erwerbsgier, kannte die Menschen wenig und hielt
-sie alle für seinesgleichen; deshalb kam ihm denn auch nicht der
-geringste Zweifel, um so weniger als er durch Anna Andrejewnas Verhalten
-seine wichtigsten Mutmaßungen bestätigt sah.
-
-Nun noch eine letzte und wichtigste Frage: Wußte auch Werssiloff schon
-irgend etwas, und war er schon damals an irgendwelchen, wenn auch noch
-so fernen Plänen Lamberts beteiligt? Nein, nein, nein, _damals_ gewiß
-noch nicht, wenn auch das verhängnisvolle Wort vielleicht schon gefallen
-war ... Doch genug, genug davon, ich greife zu weit vor.
-
-Nun, und wie verhielt es sich denn mit mir? Wußte ich damals schon
-etwas, und was war es denn, das ich wußte, als ich zum erstenmal das
-Haus verließ? Ich ging von der Behauptung aus, daß ich damals noch
-nichts gewußt hätte, ich hätte alles dies erst viel später erfahren,
-sogar erst dann, als alles schon zu Ende war. Das ist richtig, aber
-verhielt es sich denn auch wirklich so? Nein, im Grunde doch wohl nicht;
-ich wußte zweifellos schon recht viel; aber woher wußte ich es? Ich
-erinnere den Leser an meinen _Traum_! Wenn ich schon so einen Traum
-haben konnte, wenn so etwas schon meinem Herzen entspringen und sich
-gestalten konnte, so ist das ein Beweis dafür, daß ich schon ungeheuer
-viel -- nicht gerade gewußt, aber doch _geahnt_ habe von dem, was ich
-weiter oben vorausgreifend bereits erzählt habe, und was ich dann
-allerdings erst später, »nachdem alles zu Ende war,« erfuhr. Also von
-einem »Wissen« konnte damals noch nicht die Rede sein, aber mein Herz
-klopfte vor lauter Ahnungen und böse Geister hatten sich schon meiner
-Träume bemächtigt. Und zu einem Menschen wie Lambert zog es mich hin,
-obgleich ich genau wußte, was für ein Mensch er war, und obgleich ich
-sogar alle seine Absichten vorausahnte! Und weshalb zog es mich denn so
-zu ihm hin? Sonderbar: gerade jetzt, in diesem Augenblick, da ich dies
-niederschreibe, scheint es mir, als hätte ich schon damals ganz genau
-und sogar alle einzelnen Gründe gewußt, weshalb es mich zu ihm zog,
-während ich doch gleichzeitig gar nichts wußte. Vielleicht wird der
-Leser das verstehen. Jetzt aber -- zur Sache und zu den Ereignissen in
-ihrer Reihenfolge.
-
-
- II.
-
-Es begann damit, daß zwei Tage vor meinem ersten Ausgang Lisa gegen
-Abend in großer Erregung nach Hause kam. Sie war aufs tiefste gekränkt
-worden; und in der Tat war ihr etwas Unglaubliches widerfahren.
-
-Ich habe von ihrer Beziehung zu Wassin schon gesprochen. Sie holte sich
-von ihm Rat: nicht nur, um uns zu zeigen, daß sie unseres Rates nicht
-bedurfte, sondern auch, weil sie Wassin wirklich sehr schätzte. Sie
-hatten sich in Luga kennen gelernt, und ich hatte immer die Empfindung
-gehabt, daß sie Wassin nicht gleichgültig war. Nun war es ja ganz
-natürlich, daß es sie in ihrem Unglück nach einem Menschen mit festem,
-ruhigem, immer über den Dingen stehendem Verstande verlangte, wie ihn
-Wassin ihrer Meinung nach besaß. Übrigens sind Frauen bekanntlich keine
-großen Meister in der richtigen Beurteilung eines männlichen Verstandes,
-wenn der betreffende Mensch ihnen gefällt, und mit Vergnügen nehmen sie
-Paradoxa als Folgeschlüsse von strengster Logik hin, wenn diese ihren
-eigenen Wünschen entgegenkommen. Was Lisa an Wassin besonders gefiel,
-war sein Mitgefühl mit ihrem Leid und, wie sie anfangs glaubte, auch
-seine Symphathie für den jungen Fürsten. Da sie zudem seine Gefühle für
-sie ahnte, war es selbstverständlich, daß sie seine Sympathie für den
-Gegner doppelt so hoch schätzte. Der Fürst aber hatte ihre Mitteilung,
-daß sie sich von Wassin zuweilen Rat hole, mit großer Unruhe aufgenommen
-und war sogleich eifersüchtig geworden. Das kränkte Lisa, weshalb sie
-ihre Besuche bei Wassin schon aus Trotz nicht einstellte. Der Fürst
-sagte schließlich nichts mehr dazu, wurde jedoch immer finsterer und
-mißtrauischer. Lisa aber hat mir später (lange nachher) selbst
-gestanden, daß Wassin ihr damals schon sehr bald gar nicht mehr gefallen
-habe; er war ruhig, und gerade diese ewig sich gleichbleibende Ruhe, die
-ihr anfangs so gefallen hatte, war ihr alsbald recht unangenehm
-geworden. Hinzu kam, daß die Ratschläge, die er ihr als ein in
-Rechtssachen doch zweifellos erfahrener Mann gab, und die stets sehr
-vernünftig schienen, sich leider alle als unausführbar erwiesen, was
-doch recht sonderbar war. Sein Urteil über andere Menschen fällte er
-manchmal gar zu sehr von oben herab, und ohne sich dessen auch nur im
-geringsten vor ihr zu schämen; -- und je länger, um so weniger schämte
-er sich vor ihr, was sie seiner wachsenden Gleichgültigkeit gegenüber
-ihrem Unglück zuschrieb. Einmal hatte sie ihm dafür gedankt, daß er
-gegen mich immer so freundlich war und trotz seines mir weit überlegenen
-Verstandes mit mir wie mit seinesgleichen sprach (das heißt, sie hatte
-ihm fast meine eigenen Worte gesagt). Seine Antwort war darauf gewesen:
-
-»Das ist es nicht. Ich tue es einfach aus dem Grunde, weil ich zwischen
-ihm und anderen gar keinen Unterschied sehe. Ich halte ihn weder für
-dümmer als die Klugen, noch für böser als die Guten. Ich bin gegen alle
-Menschen gleich, denn in meinen Augen sind alle Menschen gleich.«
-
-»Wie, sehen Sie denn wirklich keine Unterschiede?«
-
-»Oh, natürlich unterscheidet sich ein jeder durch irgend etwas, aber für
-mich gibt es keine Unterschiede, weil die Unterschiede der Menschen mich
-nichts angehen: für mich sind alle gleich und ist alles gleich, und
-deshalb bin ich auch gegen alle Menschen in gleicher Weise freundlich.«
-
-»Und das langweilt Sie nicht?«
-
-»Nein; ich bin immer zufrieden mit mir.«
-
-»Und Sie wünschen sich auch nichts?«
-
-»Wie sollte ich nicht. Aber ich tue es nicht allzusehr. Ich brauche fast
-nichts, nicht einen Rubel mehr, als ich habe. Ob ich in einem goldenen
-Kleide gehe oder so wie jetzt -- das ist doch vollkommen gleichgültig:
-die goldenen Kleider würden Wassin nicht im geringsten erhöhen. Alles so
-was lockt mich nicht: können denn äußere Ehrungen oder ein hoher Rang
-meinen Wert ausmachen?«
-
-Lisa hat mir ehrenwörtlich versichert, daß er ihr buchstäblich so
-geantwortet hätte. Übrigens läßt sich so etwas in seiner Wirkung nie
-genau beurteilen, dazu muß man immer alle Umstände kennen, unter denen
-es gesagt ward.
-
-Nach und nach war Lisa zu der Überzeugung gekommen, daß er vielleicht
-auch über den Fürsten nur deshalb so nachsichtig urteilte, weil »für ihn
-alle gleich waren, und es für ihn keine Unterschiede gab,« aber durchaus
-nicht aus Sympathie für sie. Doch mit der Zeit begann er merklich,
-seinen Gleichmut zu verlieren und sich über den Fürsten nicht nur
-tadelnd, sondern sogar mit Verachtung und Spott zu äußern. Das reizte
-Lisa sehr, aber Wassin ließ sich durch nichts davon abhalten. Und dabei
-drückte er sich immer noch möglichst milde aus, und selbst wenn er ihn
-tadelte, geschah es ohne Unwillen: er erklärte ihr dann eben mit
-logischer Folgerichtigkeit den ganzen Unwert ihres Helden; aber gerade
-in dieser Logik lag ja die Ironie. Schließlich setzte er ihr sogar die
-ganze »Torheit« ihrer Liebe auseinander, die eigensinnige Erzwungenheit
-dieser Liebe. »Sie haben sich über Ihre eigenen Gefühle getäuscht;
-Irrtümer aber, die man einmal als solche erkannt hat, müssen unbedingt
-aufgegeben werden.«
-
-Das hatte er gerade an jenem Tage zu ihr gesagt. Lisa war empört
-aufgestanden, um ihn sofort zu verlassen; doch was tat er nun, und womit
-schloß dieser vernünftige Mensch? Er schloß damit, daß er mit der
-edelsten Miene und sogar mit Gefühl -- ihr seine Hand antrug. Lisa hatte
-ihm darauf ins Gesicht gesagt, daß er einfach dumm sei, und war
-hinausgegangen.
-
-Einer Frau vorzuschlagen, einen Unglücklichen aufzugeben, bloß weil
-dieser Unglückliche ihrer »nicht wert« sei, und das noch dazu einer
-Frau, die von diesem Unglücklichen schwanger ist, -- das ist nun der
-Verstand solcher Leute! Ich nenne das ein schreckliches Aufgehen in
-Theorie bei vollständiger Unkenntnis des Lebens. Zugrunde liegt eine
-grenzenlose Eigenliebe. Lisa erkannte denn auch ganz genau, daß er auf
-seine Handlungsweise noch stolz war, und wäre es auch nur deshalb, weil
-er um ihren Zustand bereits wußte. Mit Tränen der Empörung war sie zum
-Fürsten geeilt -- dieser aber hatte Wassin noch übertrumpft. Man sollte
-meinen, ihre Erzählung hätte ihn wirklich überzeugen müssen, daß er zur
-Eifersucht jetzt wahrlich keinen Grund mehr hatte; aber gerade diese
-Erzählung machte ihn toll. Übrigens sind ja die Eifersüchtigen alle so!
-Er machte ihr eine furchtbare Szene und beleidigte sie so unerhört, daß
-sie schon entschlossen war, sofort und unwiderruflich mit ihm zu
-brechen.
-
-Dennoch kam sie so weit ruhig nach Haus, daß man ihr nicht viel
-anmerkte, aber vor Mama konnte sie es doch nicht verheimlichen. Oh, an
-jenem Abend traten sie sich wieder so nah wie früher: das Eis war
-gebrochen; beide weinten sich aus, während sie sich fest umschlungen
-hielten, und Lisa beruhigte sich anscheinend, doch man sah es ihr an,
-daß sie sich sehr bedrückt fühlte. Den Abend verbrachte sie bei Makar
-Iwanowitsch ganz still und stumm; immerhin blieb sie im Zimmer und hörte
-sehr aufmerksam an, was er sprach. Seit jenem Unfall Makar Iwanowitschs,
-damals, beim gewaltsamen Aufstehen, war sie zu ihm ausnehmend freundlich
-und dabei doch gewissermaßen schüchtern ehrerbietig, wenn sie auch nach
-wie vor einsilbig blieb.
-
-An diesem Abend nun gab Makar Iwanowitsch dem Gespräch auf einmal eine
-andere Wendung, was für uns ganz unerwartet und überraschend kam. Ich
-muß bemerken, daß Werssiloff und Alexander Ssemjonowitsch, der Doktor,
-schon am Morgen dieses Tages mit sehr sorgenvollen Mienen über seinen
-Zustand gesprochen hatten. Desgleichen muß ich bemerken, daß im Hause
-seit ein paar Tagen verschiedene Vorbereitungen zu Mamas Geburtstag
-getroffen wurden und wir schon viel von dem bevorstehenden Familienfest
-sprachen, obwohl bis dahin noch ganze fünf Tage waren. Eben ein solches
-Gespräch war es, das in Makar Iwanowitsch alte Erinnerungen wachrief,
-und er begann, von Mamas Kindheit zu erzählen und von jener ersten Zeit,
-als sie »noch nicht auf den Beinchen stehen konnte«. »Wenn sie mal auf
-meinem Arm saß, dann wollte sie um keinen Preis herunter,« erzählte der
-Alte, »und ich weiß noch, wie ich sie gehen lehrte. Ich stellte sie drei
-Schritt von mir in den Winkel und rief sie, und sie kam dann ganz
-unsicher auf mich los und fürchtete sich gar nicht vor mir, sondern
-lachte noch, und wenn sie dann bei mir angelangt war, umfaßte sie meine
-Knie und hob die Ärmchen zu meinem Hals. Und Märchen hab' ich dir
-erzählt, Ssofja Andrejewna; Märchen liebtest du über alles. Ganze zwei
-Stunden konnte sie auf meinem Knie sitzen und horchen, und mir die Worte
-von den Lippen lesen. In der Stube wunderten sich alle: >Seht doch, wie
-sie an dem Makar hängt!< Oder in der Sommerzeit brachte ich dich in den
-Wald, suchte dir wohl einen Himbeerstrauch, setzte dich unter ihm hin
-und schnitzte dir derweil eine Flöte aus Holz. Und wenn wir dann genug
-gegangen waren, trug ich dich auf den Armen nach Hause -- mein Kindchen
-schlief schon. Und einmal hast du dich so vor einem Wolf erschreckt,
-kamst zu mir gelaufen, zittertest vor Angst, und dabei war da gar kein
-Wolf.«
-
-»Dessen erinnere ich mich noch,« sagte Mama.
-
-»Erinnerst du dich wirklich noch?«
-
-»An vieles erinnere ich mich noch. Soweit ich nur zurückdenken kann,
-habe ich von Ihnen nur Güte und Liebe erfahren,« sagte sie mit
-ergriffener Stimme, und plötzlich wurde sie bis über die Stirn rot.
-
-Makar Iwanowitsch wartete ein wenig, bevor er weitersprach.
-
-»Ja, Kinderchen, jetzt werde ich bald von euch gehen. Meine Stunde ist
-schon gekommen. Im Alter hab' ich Trost gefunden für allen Kummer; habt
-Dank, ihr Lieben.«
-
-»Aber was reden Sie da, Makar Iwanowitsch, lieber, teurer Mensch,« rief
-Werssiloff sichtlich beunruhigt. »Mir hat der Arzt noch vorhin gesagt,
-daß Ihr Zustand bedeutend besser sei ...«
-
-Mama horchte erschrocken auf.
-
-»Ja, was weiß denn der, dein Alexander Ssemjonowitsch,« sagte Makar
-Iwanowitsch lächelnd, »ein lieber Mensch ist er, aber auch nicht mehr.
-Laßt gut sein, Freunde, oder glaubt ihr, daß ich mich vor dem Sterben
-fürchte? Ich hatte heute nach dem Morgengebet so ein Gefühl im Herzen:
-daß ich von hier nicht mehr hinausgehen werde -- so ist es mir gesagt
-worden. Nun und so geschehe es denn, der Name des Herrn sei gelobt. Nur
-an euch allen will ich mich noch sattsehen. Auch Hiob, der vielfach
-Geprüfte, fand Trost, wenn er seine neuen Kindlein sah, doch ob er
-darüber auch seine früheren Kinder vergaß und vergessen konnte? --
-Unmöglich ist dies! Nur daß sich im Lauf der Jahre die Trauer mit der
-Freude vermischt und sich in ein schmerzloses Seufzen verwandelt! So ist
-es auf Erden: jede Seele wird geprüft und wird getröstet. Ich hab' mir
-vorgenommen, Kinderchen, euch ein paar Wörtchen zu sagen, es ist nicht
-viel,« fuhr er mit seinem stillen, wundervollen Lächeln, das ich nie
-vergessen werde, fort, und plötzlich wandte er sich zu mir: »Du, Lieber,
-eifere für die heilige Kirche, und wenn die Zeit ruft, so geh auch in
-den Tod für sie, -- aber wart' doch, erschrick nicht, es ist das ja
-nicht gleich nötig,« unterbrach er sich lächelnd. »Jetzt denkst du
-vielleicht noch nicht daran, später wirst du vielleicht daran denken.
-Und dann noch eines: was du auch Gutes zu tun gedenkst, das tue für
-Gott, nicht aber um des Neides willen. An deinem Werk aber halt fest und
-laß es dir nicht durch Kleinmut gleichviel welcher Art entwinden;
-schaffe es nicht übereilt, nicht kopflos und unstet. Nun, und das ist
-auch alles, was du zu hören brauchst. Es sei denn noch dies, daß du
-lernst, täglich und unentwegt zu beten. Ich sage dir das nur so,
-vielleicht erinnerst du dich mal daran. Ich wollte wohl auch Euch,
-Andrei Petrowitsch, etwas sagen, Herr, aber Gott wird auch ohne mich
-Euer Herz finden. Schon lange haben wir nicht mehr davon gesprochen,
-seit damals, da dieser Pfeil mein Herz durchbohrte. Jetzt aber, wo ich
-von Euch gehe, wollte ich nur daran erinnern ... was Ihr mir damals
-verspracht ...«
-
-Die letzten Worte sagte er so leise, daß sie kaum zu verstehen waren ...
-
-»Makar Iwanowitsch!« stieß Werssiloff verwirrt und beunruhigt hervor und
-erhob sich von seinem Stuhl.
-
-»Nein, nein, Herr, laßt Euch nicht verwirren, ich hab' ja nur so daran
-erinnern wollen ... Die Schuld aber vor Gott trifft in dieser Sache vor
-allen anderen mich; denn wenn Ihr auch mein Herr wart, so hätt' ich doch
-diese Schwäche nicht zulassen sollen. Deshalb quäle auch du, Ssofja,
-dein Herz nicht zu sehr, denn deine ganze Sünde ist -- meine Sünde, in
-dir aber war, so denke ich mir, damals wohl nicht viel Verständnis dafür
-vorhanden, und vielleicht auch in Euch, Herr, nicht viel mehr als in
-ihr,« sagte er lächelnd, und seine Lippen bebten wie vor Schmerz, »und
-wenn ich dich damals auch hätte belehren können, als mein Weib, und
-sogar mit dem Stocke, und selbiges sogar hätte tun müssen, so tatest du
-mir doch leid, als du in Tränen vor mir niederfielst und mir nichts
-verheimlichtest ... und mir die Füße küßtest. Nicht um dir Vorwürfe zu
-machen, spreche ich davon, sondern nur um Andrei Petrowitsch zu erinnern
-... denn Ihr erinnert Euch wohl selber, Herr, Eures Versprechens und
-Edelmannswortes ... und die Trauung macht alles gut ... Vor den
-Kinderchen sag' ich das, Herr ...«
-
-Er war außerordentlich erregt und sah Werssiloff an, als erwarte er von
-ihm ein zusagendes Wort. Ich wiederhole, das kam alles so unerwartet,
-daß ich vor Überraschung ganz regungslos dasaß. Werssiloff war nicht
-weniger erregt als Makar Iwanowitsch: er trat schweigend zu Mama und
-umschlang sie fest; da ging Mama, gleichfalls schweigend, zu Makar
-Iwanowitsch und verneigte sich tief vor ihm.
-
-Es war eine erschütternde Szene. Im Zimmer befanden sich diesmal nur
-wir, nur die Familie. Selbst Tatjana Pawlowna war nicht zugegen. Lisa
-hatte sich auf ihrem Stuhl eigentümlich gerade aufgerichtet und hörte
-stumm zu; plötzlich stand sie auf und sagte mit fester Stimme zu Makar
-Iwanowitsch:
-
-»Segnen Sie auch mich, Makar Iwanowitsch, in einer großen Qual! Morgen
-wird sich mein Schicksal entscheiden ... beten Sie heute für mich!«
-
-Damit verließ sie das Zimmer. Ich weiß, daß Makar Iwanowitsch ihr ganzes
-Unglück schon von Mama erfahren hatte. An diesem Abend sah ich
-Werssiloff und Mama zum erstenmal zusammen: bis dahin hatte ich neben
-ihm immer nur seine Sklavin gesehen. Ja, ich hatte noch ungeheuer vieles
-nicht gewußt und nicht bemerkt an diesem Menschen, den ich bereits
-verurteilte; so kehrte ich ganz verwirrt in mein Zimmer zurück. Und ich
-muß sagen: gerade zu dieser Zeit hatten sich alle meine Bedenken und
-Zweifel gegen ihn verdichtet. Noch nie war er mir so geheimnisvoll und
-unverständlich erschienen wie in eben jener Zeit. Aber davon handelt ja
-diese ganze Geschichte, die ich hier schreibe.
-
-»Nun stellt es sich heraus,« dachte ich bei mir, als ich zu Bett ging,
-»daß er damals Makar Iwanowitsch sein >Edelmannswort< gegeben hat: daß
-er Mama heiraten werde, sobald sie Witwe würde. Das hat er mir
-verschwiegen, als er mir damals seine Unterredung mit Makar Iwanowitsch
-erzählte.«
-
-Den ganzen folgenden Tag war Lisa nicht zu Haus, und als sie dann
-ziemlich spät heimkehrte, ging sie geradeswegs zu Makar Iwanowitsch. Ich
-wollte zunächst nicht hingehen, um sie nicht zu stören, doch als ich
-bald darauf bemerkte, daß auch Mama und Werssiloff bei ihnen waren, ging
-ich gleichfalls hinein. Lisa saß neben dem Alten und weinte an seiner
-Schulter, während er mit traurigem Gesicht stumm ihren Kopf streichelte.
-
-Werssiloff sagte mir (nachher in meinem Zimmer), daß der Fürst auf
-seinem Willen bestand und sich mit Lisa bei der ersten Möglichkeit
-trauen lassen wollte, noch vor dem Urteilsspruch des Gerichts. Es fiel
-Lisa schwer, einzuwilligen, obschon sie kein Recht mehr hatte, nicht
-einzuwilligen. Überdies hatte Makar Iwanowitsch ihr geradezu »befohlen«,
-sich trauen zu lassen. Natürlich wäre das später alles ganz von selbst
-geschehen, und sie hätte sich ja zweifellos trauen lassen, auch ohne
-fremden Befehl und ohne zu schwanken, aber in diesem Augenblick war sie
-von dem, den sie liebte, so maßlos gekränkt und durch diese ihre Liebe
-sogar in ihren eigenen Augen so erniedrigt, daß es ihr unendlich schwer
-fiel, sich zu fügen. Doch außer der Kränkung war da noch ein neuer
-Umstand hinzugekommen, von dem ich noch nichts ahnte und auch gar nicht
-ahnen konnte.
-
-»Hast du es schon gehört, daß diese ganze junge Gesellschaft von der
-Petersburger Seite verhaftet worden ist?« fragte Werssiloff mich
-plötzlich wie beiläufig.
-
-»Was? Dergatschoff?« rief ich erschrocken.
-
-»Ja; und Wassin auch.«
-
-Ich war unendlich betroffen, besonders durch die Nachricht von der
-Verhaftung Wassins.
-
-»Ja aber ist denn Wassin auch in irgend etwas verwickelt? Mein Gott, was
-wird jetzt mit ihnen geschehen? Und das ausgerechnet in derselben Zeit,
-da Lisa Wassin so anklagt! ... Was glauben Sie, was kann man ihnen
-anhaben? Dahinter steckt Stebelkoff! Ich schwöre Ihnen, das ist
-Stebelkoffs Werk!«
-
-»Reden wir nicht davon,« sagte Werssiloff und sah mich sonderbar an
-(eben wie man einen Menschen ansieht, der nichts begreift und nichts
-errät), »wer weiß es denn, was sie da haben, und wer kann es wissen, was
-mit ihnen geschehen wird? Doch das war es nicht, worüber ich mit dir
-sprechen wollte: ich hörte, du willst morgen ausgehen. Wirst du da nicht
-auch den Fürsten Ssergei Petrowitsch besuchen?«
-
-»Das ist das erste, was ich vorhabe; wenn es mir auch, offen gestanden,
-sehr schwer wird ... Ja wie, wollen Sie ihm durch mich etwas sagen
-lassen?«
-
-»Nein, das nicht. Ich werde ihn selbst sehen. Lisa tut mir leid. Und was
-kann ihr Makar Iwanowitsch für Ratschläge geben? Er kennt ja selbst
-weder das Leben noch die Menschen. Und dann noch etwas, mein Lieber« (er
-hatte lange nicht mehr »mein Lieber« zu mir gesagt), »da sind so ... ein
-paar junge Leute ... von denen einer dein früherer Schulfreund Lambert
-ist ... Mir scheint, das sind lauter -- große Spitzbuben ... Ich sage
-das nur, um dich zu warnen ... Übrigens ist das natürlich deine Sache,
-ich habe ja kein Recht ...«
-
-»Andrei Petrowitsch!« Ich ergriff seine Hand, ohne zu überlegen und
-nahezu begeistert, wie das oft mit mir geschieht (es war fast ganz
-dunkel im Zimmer). »Andrei Petrowitsch, ich habe geschwiegen, -- Sie
-haben es doch gesehen, ich habe die ganze Zeit geschwiegen, und wissen
-Sie, weshalb? Um Ihren Geheimnissen auszuweichen. Ich habe bei mir
-beschlossen, sie niemals erfahren zu wollen. Ich bin feige und fürchte
-mich davor, daß Ihre Geheimnisse Sie ganz aus meinem Herzen reißen
-könnten, das aber will ich nicht. Und wenn es so ist, wozu sollten Sie
-dann meine Geheimnisse kennen? Kann es denn nicht auch Ihnen ganz gleich
-sein, wohin ich gehe? Ist es nicht so?«
-
-»Du hast recht; aber kein Wort mehr darüber, ich bitte dich!« sagte er
-und verließ mein Zimmer.
-
-So hatten wir uns ganz unerwarteterweise doch ein wenig ausgesprochen.
-Aber er hatte meine Erregung vor dem neuen Schritt ins Leben, der mir am
-folgenden Tage bevorstand, nur noch verstärkt, so daß ich nachts nicht
-schlafen konnte und immer wieder aufwachte. Trotzdem war mir froh
-zumute.
-
-
- III.
-
-Am nächsten Tage verließ ich das Haus, und obgleich es schon zehn Uhr
-morgens war, bemühte ich mich, leise aufzutreten, um ungesehen
-hinauszukommen, weshalb ich auch niemandem etwas von meinem Fortgehen
-sagte und mich nicht verabschiedete; kurz, ich versuchte, heimlich zu
-entschlüpfen. Warum ich das tat, weiß ich nicht; aber selbst wenn Mama
-mich erblickt und aufgehalten hätte, würde ich ihr mit irgendeiner
-Bosheit geantwortet haben. Als ich auf die Straße trat und die kalte
-Luft mich berührte, erzitterte ich wie von einer ungeheuer starken
-Empfindung, die geradezu tierisch war, und die ich fleischlüstern nennen
-möchte. Wozu ging ich aus, wohin ging ich? Das war für mich vollkommen
-unbestimmbar und zugleich war ich doch -- fleischlüstern. Und Furcht war
-in mir und Seligkeit zugleich.
-
-»Werde ich mich heute beschmutzen oder werde ich mich nicht
-beschmutzen?« fragte ich mich mutig, wenn ich auch nur zu gut wußte, daß
-der für heute vorgenommene Schritt von entscheidender Bedeutung und in
-meinem ganzen Leben nicht mehr ungeschehen zu machen sein würde. Doch
-wozu hier in Rätseln sprechen!
-
-Ich ging ins Gefängnis zum Fürsten. Schon vor drei Tagen hatte ich von
-Tatjana Pawlowna ein Briefchen an den Inspektor erhalten, und dieser war
-infolgedessen sehr liebenswürdig zu mir. Ich weiß nicht, ob er auch
-sonst ein guter Mensch war, aber das kommt ja hier nicht weiter in
-Betracht; jedenfalls gestattete er mir, den Fürsten zu sprechen, und
-führte mich sogar in ein Zimmer seiner Amtswohnung, wo er uns
-liebenswürdig allein ließ. Das Zimmer war nicht anders, als die Zimmer
-der Amtswohnung eines Beamten von diesem Rang gewöhnlich sind -- aber
-auch das ist, denke ich, überflüssig hier zu beschreiben. So konnten wir
-denn, der Fürst und ich, ungestört unter vier Augen sprechen. Er
-erschien in einem halbmilitärischen Hausrock, in reinster Wäsche und
-eleganter Halsbinde, gepflegt und frisiert, war aber furchtbar
-abgemagert und ganz gelb im Gesicht. Sogar das Weiße seiner Augen war,
-wie ich bemerkte, gelblich. Kurz, er sah so verändert aus, daß ich
-stehen blieb und ihn ganz betroffen ansah.
-
-»Wie haben Sie sich verändert!« rief ich unwillkürlich aus.
-
-»Das macht nichts! Setzen Sie sich, lieber Freund,« sagte er, wies mit
-einer fast gezierten Handbewegung auf einen Stuhl und setzte sich mir
-gegenüber. »Kommen wir zur Hauptsache: Sehen Sie, mein lieber Alexei
-Makarowitsch ...«
-
-»Arkadi,« verbesserte ich ihn.
-
-»Was? Ach, schon gut, einerlei ...« sagte er. »Ach so!« -- jetzt erst
-wurde er sich seines Irrtums bewußt -- »Entschuldigen Sie, mein Lieber,
-kommen wir zur Hauptsache ...«
-
-Er hatte es furchtbar eilig, auf irgendeine Hauptsache zu sprechen zu
-kommen. Der ganze Mensch war nur von einem Gedanken erfüllt, den er
-auszudrücken und mir zu erklären suchte. Er sprach viel und schnell,
-eindringlich, mit Gefühl und lebhaften Bewegungen, aber ich konnte ihn
-beim besten Willen nicht verstehen.
-
-»Mit einem Wort« (er hatte schon zehnmal vorher den Ausdruck, »mit einem
-Wort« gebraucht) -- »mit einem Wort,« schloß er seine Rede, »wenn ich
-Sie, Arkadi Makarowitsch, gestern durch Lisa dringend zu mir zu kommen
-gebeten habe, so war das vielleicht gar zu beunruhigend, aber da es sich
-wirklich um einen außerordentlichen und endgültigen Entschluß handelt,
-so müssen wir ...«
-
-»Erlauben Sie, Fürst,« unterbrach ich ihn, »Sie haben mich gestern rufen
-lassen? Lisa hat mir nichts davon gesagt.«
-
-»Was?« schrie er auf und sah mich ganz starr an vor Verwunderung und
-Schreck.
-
-»Sie hat mir nichts davon gesagt. Gestern abend kam sie so
-niedergeschlagen nach Haus, daß sie fast überhaupt kein Wort gesprochen
-hat, auch mit mir nicht.«
-
-Der Fürst sprang vom Stuhl auf.
-
-»Ist das wirklich wahr, Arkadi Makarowitsch? In dem Falle ...«
-
-»Was ist denn dabei so Außergewöhnliches, daß Sie sich darüber so
-aufregen? Sie wird es einfach vergessen haben oder ...«
-
-Er setzte sich wieder hin, aber er verblieb wie in einer Erstarrung. Es
-war, als wäre er von der Nachricht, daß Lisa mir nichts gesagt hatte,
-einfach niedergeschmettert. Plötzlich begann er wieder zu sprechen und
-mit den Händen zu fuchteln, aber es war mir wieder sehr schwer, auch nur
-etwas davon zu verstehen, was er eigentlich sagen wollte.
-
-»Passen Sie auf!« sagte er plötzlich, verstummte und hob den Finger in
-die Höhe. »Passen Sie auf, das ... das ... das sind, wenn ich mich nicht
-irre ... Kniffe! ...« flüsterte er mit dem Lächeln eines Blödsinnigen.
-»Und das bedeutet, daß ...«
-
-»Gar nichts bedeutet das!« unterbrach ich ihn. »Ich begreife nicht, wie
-ein so nichtssagender Umstand Sie überhaupt aufregen kann ... Ach,
-Fürst, seit der Zeit, seit jener Nacht, erinnern Sie sich noch ...«
-
-»Seit welcher Nacht?« rief er gereizt und sichtlich geärgert darüber,
-daß ich ihn unterbrochen hatte.
-
-»Bei Serschtschikoff, wo wir uns zum letztenmal sahen, damals, wissen
-Sie noch, vor Ihrem Brief an mich. Auch damals waren Sie in einer
-furchtbaren Aufregung, aber damals und jetzt -- der Unterschied ist so
-groß, daß ich Angst um Sie bekomme ... oder sollten Sie vergessen
-haben?«
-
-»Ach, ja,« sagte er in gesellschaftlich nachlässigem Tone, als erinnere
-er sich zufällig, »ach, ja! An dem Abend ... Ich hörte davon ... Aber
-wie steht es denn mit Ihrer Gesundheit, und wie fühlen Sie sich jetzt,
-nach alledem, Arkadi Makarowitsch? ... Doch kommen wir zur Hauptsache!
-Sehen Sie, ich verfolge eigentlich drei Ziele, drei Aufgaben sehe ich
-vor mir, und ich ...«
-
-Er kam wieder auf seine »Hauptsache« zu sprechen. Ich begriff endlich,
-daß ich einen Menschen vor mir hatte, dem man zum mindesten ein in Essig
-getauchtes Handtuch um den Kopf legen mußte, falls man ihn nicht zur
-Ader lassen konnte. Sein ganzes zusammenhangsloses Gerede drehte sich
-natürlich um den Prozeß und den voraussichtlichen Ausgang desselben; er
-sprach auch davon, daß sein Regimentskommandeur ihn besucht und ihm
-dringend von irgend etwas abgeraten hätte, er aber hätte nicht auf ihn
-gehört -- dies bezog sich auf ein Schreiben, das von ihm soeben
-eingereicht worden war, und das irgend etwas mit dem Staatsanwalt zu tun
-hatte; ferner sprach er davon, daß man ihm alle Rechte nehmen und wohl
-irgendwohin, nach den nördlichsten Provinzen Rußlands verbannen werde;
-er sprach von der Möglichkeit, Kolonist zu werden oder in Taschkent sich
-wieder heraufzudienen, und davon, was für Lehren er seinem Sohne (dem
-erwarteten Sohne von Lisa) auf den Lebensweg mitgeben wolle -- »dort in
-der Einöde bei Archangelsk oder Cholmogory«. »Ich wollte Ihre Meinung
-hören, Arkadi Makarowitsch, glauben Sie mir, ich lege so viel Wert auf
-das Gefühl ... Wenn Sie wüßten, wenn Sie wüßten, Arkadi Makarowitsch,
-mein Lieber, mein Bruder, was Lisa für mich bedeutet, was sie für mich
-hier bedeutet hat, jetzt in dieser Zeit!« rief er auf einmal und faßte
-sich mit beiden Händen an den Kopf.
-
-»Ssergei Petrowitsch, wollen Sie sie denn wirklich zugrunde richten und
-sie mitnehmen? ... Nach Cholmogory!« entfuhr es mir plötzlich
-unvorsichtigerweise.
-
-Das Schicksal Lisas, die nun ewig an diesen Maniaken gebunden war, kam
-mir da plötzlich klar zu Bewußtsein -- zum erstenmal. Er sah mich an,
-erhob sich von neuem, tat ein paar Schritte, kehrte aber um und setzte
-sich wieder, ohne die Hände, die er an seinen Kopf preßte, sinken zu
-lassen.
-
-»Mir träumt immer von Spinnen!« sagte er plötzlich.
-
-»Sie sind schrecklich aufgeregt, Fürst; ich rate Ihnen, sich ins Bett zu
-legen und den Doktor holen zu lassen.«
-
-»Nein, erlauben Sie, das kommt später. Ich habe Sie hauptsächlich
-deshalb zu mir gebeten, um Ihnen alles über die Trauung mitzuteilen. Die
-Trauung, wissen Sie, wird hier in der Kirche stattfinden, ich habe alles
-schon besprochen. Die Erlaubnis ist auch schon erteilt, und man redet
-mir sogar zu ... Was Lisa betrifft, so ...«
-
-»Fürst, haben Sie doch Erbarmen mit Lisa,« rief ich -- »quälen Sie sie
-doch nicht so mit Ihrer unsinnigen Eifersucht, wenigstens nicht jetzt!«
-
-»Was!« schrie er auf und sah mich mit hervorquellenden Augen unbeweglich
-an, und sein ganzes Gesicht verzerrte sich zu einem breiten, sinnlos
-fragenden Lächeln. Ersichtlich hatte das Wort »Eifersucht« einen
-schrecklichen Eindruck auf ihn gemacht.
-
-»Verzeihen Sie, Fürst, das ist mir nur so entschlüpft. Oh, Fürst, ich
-habe in der letzten Zeit einen alten Mann kennen gelernt, meinen
-namentlichen Vater ... Oh, wenn Sie mit ihm sprechen könnten, Sie würden
-bestimmt ruhiger werden ... Auch Lisa schätzt ihn sehr ...«
-
-»Ach ja, Lisa ... ach so, das ist ihr Vater? Oder ... _pardon, mon
-cher_,{[76]} so etwas Ähnliches ... Ich weiß ... sie sagte mir ... ein
-alter Mann ... Ich bin überzeugt davon, überzeugt. Ich habe auch einmal
-solch einen Alten gekannt ... _Mais, passons._{[77]} Die Hauptsache ist,
-daß man, um das ganze innere Wesen der gegenwärtigen Lage sich
-klarzumachen, daß man, wie gesagt ...«
-
-Ich erhob mich, um fortzugehen, denn es schmerzte mich zu sehr, ihn so
-zu sehen.
-
-»Ich verstehe nicht!« sagte er streng und mit anmaßender Miene, als er
-sah, daß ich schon aufbrechen wollte.
-
-»Mir tut es weh, Sie so zu sehen,« sagte ich.
-
-»Arkadi Makarowitsch, ein Wort, nur noch ein Wort!« Er ergriff mich
-plötzlich an den Schultern, aber mit einem ganz anderen Ausdruck im
-Gesicht und in den Gebärden, und drückte mich wieder auf den Stuhl.
-»Haben Sie schon gehört von diesen, Sie verstehen schon?« ... Er beugte
-sich über mich.
-
-»Ach, ja, Dergatschoff! Das ist sicherlich eine Machenschaft von
-Stebelkoff!« rief ich unüberlegt.
-
-»Ja, Stebelkoff, und ... wissen Sie noch nichts?«
-
-Er brach plötzlich ab, und wieder sah er mich mit diesen hervortretenden
-Augen an und mit diesem krampfhaften, sinnlos fragenden Lächeln, das
-langsam immer breiter wurde. Sein Gesicht erblaßte mehr und mehr. Und
-plötzlich durchzuckte mich etwas: mir fiel Werssiloffs Blick ein, mit
-dem er mir gestern die Verhaftung Wassins mitgeteilt hatte.
-
-»Oh, ist es denn möglich?« rief ich erschrocken aus.
-
-»Sehen Sie, Arkadi Makarowitsch, weshalb ich Sie gerufen habe: um Ihnen
-zu erklären ... ich wollte ...« flüsterte er hastig.
-
-»Sie haben Wassin angezeigt?« schrie ich.
-
-»Nein, sehen Sie, es war da ein Manuskript. Wassin hatte es Lisa am
-letzten Tage gegeben ... damit sie es aufbewahre. Sie ließ es mir hier,
-da ich es durchlesen wollte, und am nächsten Tage verzankten sie sich
-...«
-
-»_Sie_ sind es, der das Manuskript der Polizei ausgeliefert hat!«
-
-»Arkadi Makarowitsch, Arkadi Makarowitsch ...«
-
-»Und da haben Sie,« schrie ich stockend, indem ich aufsprang, »und da
-haben Sie, ohne einen Grund, ohne einen Zweck, den unglücklichen Wassin
-angezeigt, nur weil er Ihr -- _Nebenbuhler_ ist! Nur aus Eifersucht
-haben Sie das Manuskript, _das Lisa anvertraut war_, ausgeliefert! ...
-An wen? An den Staatsanwalt?«
-
-Er kam nicht dazu, mir zu antworten, und er hätte mir auch schwerlich
-etwas erwidern können -- er stand vor mir wie ein Götzenbild, immer noch
-mit demselben krankhaften Lächeln und demselben starren Blick --
-plötzlich öffnete sich die Tür und Lisa trat herein. Sie fiel fast in
-Ohnmacht, als sie uns beide zusammen sah.
-
-»Du hier. Du bist hier?« rief sie mit verzerrtem Gesicht und ergriff
-mich am Arm. »So ... weißt du's schon?«
-
-Sie ersah aus meinem Gesicht, daß ich es bereits »wußte«. Ich umfing sie
-schnell und hielt sie krampfhaft umschlungen! Und erst in diesem
-Augenblick überwältigte mich die ganze Erkenntnis, was für ein
-unentrinnbarer, hoffnungsloser Kummer für immer über dem Schicksal
-dieser ... freiwilligen Märtyrerin lag.
-
-»Kann man denn jetzt überhaupt mit ihm reden?« rief sie und entwand sich
-mir plötzlich. »Wie kann man ihn denn jetzt beunruhigen? Warum bist du
-hier? Sieh ihn doch nur an, sieh ihn doch an! Und wie darf man, wie darf
-man ihn denn verurteilen?«
-
-Unendlicher Schmerz und unendliches Mitleid sprachen aus ihrem Gesicht,
-als sie das ausrief und auf ihn wies. Er saß im Lehnstuhl, das Gesicht
-in den Händen vergraben. Und sie hatte recht: es war ein Mensch im
-Fieberdelirium, den man für nichts verantwortlich machen konnte. Noch an
-demselben Tage wurde er ins Lazarett gebracht, und am Abend ließ sich
-bereits eine schwere Gehirnentzündung feststellen.
-
-
- IV.
-
-Vom Fürsten, den ich mit Lisa zurückließ, fuhr ich gegen ein Uhr mittags
-in meine frühere Wohnung. Ich habe vergessen, zu erwähnen, daß der Tag
-feucht und trübe war, mit beginnendem Tauwetter und warmem Wind, der
-selbst einem Elefanten auf die Nerven gegangen wäre. Mein Wirt empfing
-mich mit unendlicher Freude, sehr viel Worten und lebhaften Gebärden,
-was ich gerade in solchen Augenblicken nicht ausstehen kann. Ich
-begrüßte ihn trocken und begab mich geradeswegs in mein Zimmer, aber er
-folgte mir dorthin, und wenn er mich auch nicht mit Fragen zu belästigen
-wagte, so sah ich doch, wie seine Augen vor Neugier glänzten, und dabei
-machte er ein Gesicht, als hätte er das größte Recht, neugierig zu sein.
-Ich mußte mich schon im eigenen Interesse höflich zu ihm verhalten:
-obgleich ich unbedingt von ihm etwas erfahren wollte (und ich wußte, daß
-ich es erfahren würde), war es mir doch ekelhaft, sogleich mit dem
-Ausfragen zu beginnen. Ich erkundigte mich nach der Gesundheit seiner
-Frau, und wir gingen zu ihr hinüber. Sie empfing mich, wenn auch
-höflich, so doch sehr wortkarg und anscheinend gelangweilt; das
-versöhnte mich einigermaßen; dennoch erfuhr ich an diesem Tage die
-wunderlichsten Neuigkeiten.
-
-Natürlich war Lambert dagewesen; und nachher war er noch zweimal
-gekommen, um sich »alle Zimmer anzusehen« -- unter dem Vorwande, eines
-mieten zu wollen. Auch Darja Onissimowna war ein paarmal erschienen,
-Gott weiß warum; »sie hat sich für alles sehr interessiert,« fügte mein
-Wirt hinzu. Aber ich tat ihm nicht den Gefallen, zu fragen, wofür sie
-sich denn interessiert hatte. Überhaupt fragte ich ihn nichts: er
-erzählte von selbst, und ich tat, als krame ich in meinem Koffer (in dem
-sich fast nichts mehr befand). Aber ärgerlich war, daß auch er bald den
-Geheimnisvollen zu spielen begann: als er bemerkte, daß ich ihn nicht
-ausfragen wollte, fühlte er sich wohl verpflichtet, auch seinerseits
-wortkarg zu sein.
-
-»Das Fräulein war auch da,« bemerkte er so nebenbei und sah mich
-sonderbar an.
-
-»Was für ein Fräulein?«
-
-»Anna Andrejewna; zweimal war sie hier; mit meiner Frau hat sie
-Bekanntschaft geschlossen. Eine sehr angenehme, eine reizende Dame. Eine
-solche Bekanntschaft kann man nicht hoch genug einschätzen, Arkadi
-Makarowitsch ...«
-
-Er kam mir noch um zwei Schritte näher, als er das sagte: er wollte gar
-zu gern, daß ich ihn verstünde.
-
-»Wirklich zweimal?« fragte ich erstaunt.
-
-»Das zweitemal ist sie mit ihrem Bruder gekommen.«
-
-Wohl mit Lambert! dachte ich unwillkürlich.
-
-»Nein, nicht mit Herrn Lambert,« sagte er, der sofort meinen Gedanken
-erraten hatte, als wäre er mit seinen Augen in meine Seele eingedrungen.
-»Sie kam mit ihrem richtigen Bruder, mit dem jungen Herrn Werssiloff.
-Kammerjunker ist er, glaub' ich.«
-
-Ich war bestürzt; er beobachtete mich mit einem sehr schlauen Lächeln.
-
-»Ach, und dann war da noch jemand und fragte nach Ihnen -- das Fräulein,
-die Französin, Fräulein Alphonsine de Verdaigne. Wie schön sie singen
-kann, und auch Verse deklamiert sie wunderbar! Sie ist heimlich zum
-Fürsten Nikolai Iwanowitsch nach Zarskoje hinausgefahren, um ihm einen
-seltenen kleinen Hund zu verkaufen, einen schwarzen, das ganze Tierchen
-nicht größer als meine Faust ...«
-
-Ich bat ihn, mich allein zu lassen, und entschuldigte mich damit, daß
-ich Kopfschmerzen hätte. Er kam meinem Wunsch sofort nach, beendete
-nicht einmal seinen Satz und war nicht im geringsten beleidigt, ja, fast
-mit Befriedigung winkte er geheimnisvoll mit der Hand, als wollte er
-sagen: »Verstehe, verstehe schon,« und wenn er das auch nicht aussprach,
-so machte er sich doch das Vergnügen, mein Zimmer auf den Fußspitzen zu
-verlassen. Es gibt schon Leute auf der Welt, über die man sich ärgern
-kann.
-
-So saß ich allein wohl anderthalb Stunden lang und dachte nach, und doch
-dachte ich eigentlich gar nichts, sondern war nur in Gedanken. Ich war
-erregt, dabei aber nicht im geringsten verwundert. Ich hatte sogar viel
-mehr und noch viel größere Wunder erwartet. »Vielleicht haben sie
-inzwischen auch schon welche zustande gebracht,« dachte ich bei mir. Ich
-war ja längst, schon zu Hause, fest davon überzeugt gewesen, daß ihre
-Maschine bereits aufgezogen und in vollem Gange war. »Nur ich fehle
-ihnen noch,« dachte ich wieder bei mir und empfand eine aufregende und
-angenehme Selbstzufriedenheit. Daß sie mich mit größter Spannung
-erwarteten und in meiner Wohnung etwas ausrichten wollten -- war so klar
-wie der Tag. »Ob nicht gar die Trauung des alten Fürsten? Um ihn herum
-ist ja ein ganzes Kesseltreiben. Nur fragt es sich, ob ich das zulassen
-werde, meine Herren?« schloß ich wieder mit überlegenem
-Selbstbewußtsein.
-
-»Aber wenn ich mich überhaupt darauf einlasse, so werde ich doch sofort
-wieder wie ein Strohhalm in den Strudel hineingerissen werden. Bin ich
-wenigstens jetzt noch frei, oder bin ich schon nicht mehr frei? Kann ich
-heute, wenn ich nach Hause zurückkehre, meiner Mutter noch sagen, wie
-ich alle diese Tage gesagt habe: >Ich gehöre nur mir selbst an?<«
-
-Das war das Grundmotiv meiner Fragen, oder besser gesagt, meines
-Herzklopfens, während ich die anderthalb Stunden auf dem Bette saß, die
-Ellbogen auf die Knie gestützt, den Kopf in den Händen. Und ich wußte
-doch, ich wußte schon damals, daß alle diese Fragen vollkommen belanglos
-waren, und daß nur sie es war, die mich zu ihnen hinzog -- nur sie, nur
-sie allein. Da habe ich es nun endlich ausgesprochen und schwarz auf
-weiß zu Papier gebracht; denn auch jetzt, da ich es hinschreibe, ein
-Jahr nachher, weiß ich nicht, welchen Namen ich meinem Gefühl von damals
-geben soll!
-
-Oh, selbstverständlich tat Lisa mir leid, und in meinem Herzen brannte
-ein ungeheuchelter Schmerz um sie! Und ich glaube, nur dieses
-Schmerzgefühl vermochte wenigstens zeitweise die Fleischlüsternheit (ich
-bleibe bei dieser Bezeichnung) in mir zu beruhigen oder zurückzudrängen.
-Aber eine grenzenlose Neugier, ein Grauen riß mich fort und dann noch
-ein gewisses Gefühl -- ich weiß nicht, was für eins; aber ich weiß
-jetzt, und das wußte ich schon damals, daß es kein gutes Gefühl war.
-Vielleicht hatte ich das Verlangen, mich _ihr_ zu Füßen zu werfen,
-vielleicht aber wollte ich sie allen Qualen ausliefern, um ihr irgend
-etwas »schneller, schneller« zu beweisen. Davon konnte mich kein Schmerz
-um Lisa und kein Mitleid um meine Schwester zurückhalten. Nun, und wie
-hätte ich da noch aufstehen und heimgehen können zu ... Makar
-Iwanowitsch?
-
-»Aber wäre es denn nicht möglich, zu ihnen zu gehen, nur um alles von
-ihnen zu erfahren, und sie dann -- auf immer zu verlassen, ohne mich von
-irgendwelchen Wundern oder Ungeheuern anfechten zu lassen?«
-
-Es war drei Uhr, als ich mich endlich aufraffte und mir sagte, daß ich
-mich beinahe schon verspätet hatte; ich eilte hinaus, nahm eine Droschke
-und fuhr zu Anna Andrejewna.
-
-
- Fünftes Kapitel.
-
-
- I.
-
-Als man mich Anna Andrejewna meldete, warf sie sofort ihre Näharbeit hin
-und kam mir eilig ins erste Zimmer entgegen, -- was früher nie geschehen
-war. Sie reichte mir beide Hände und errötete. Schweigend führte sie
-mich in ihr Zimmer, setzte sich wieder an ihre Handarbeit und wies auf
-einen Stuhl ihr gegenüber. Aber die Arbeit nahm sie nicht wieder auf,
-sondern sah mich mit glühender, lebhafter Teilnahme an, ohne ein Wort zu
-sagen.
-
-»Sie haben Darja Onissimowna zur mir geschickt,« begann ich ohne
-Umschweife, ein wenig bedrückt durch ihre so auffallend gezeigte
-Teilnahme, obgleich diese mir doch auch schmeichelte.
-
-Da begann sie plötzlich zu sprechen, ohne auf meine Frage einzugehen.
-
-»Ich habe alles gehört, ich weiß alles. Diese schreckliche Nacht ... Oh,
-wie müssen Sie gelitten haben! Ist es denn wahr, wirklich wahr, daß man
-Sie besinnungslos, halb erfroren, gefunden hat?«
-
-»Das hat Ihnen ... Lambert ...« murmelte ich und errötete.
-
-»Ich habe gleich damals alles durch ihn erfahren; und ich habe auf Sie
-gewartet. Oh, ganz erschrocken kam er zu mir, um mir alles zu erzählen.
-In Ihrer Wohnung ... dort, wo Sie krank lagen, hat man ihn nicht zu
-Ihnen gelassen ... und hat ihn überhaupt sehr sonderbar empfangen ...
-Ich weiß zwar nicht genau, wie sich alles zugetragen hat, aber er hat
-mir viel von dieser Nacht erzählt: er erzählte mir auch, daß Sie, als
-Sie kaum zu sich gekommen waren, sogleich von mir gesprochen haben und
-... und von Ihrer Ergebenheit für mich. Ich war zu Tränen gerührt,
-Arkadi Makarowitsch, ich weiß nicht einmal, wodurch ich diese Ihre
-glühende Anteilnahme verdient habe, und noch in der Lage, in der Sie
-sich selbst damals befanden! Sagen Sie, dieser Herr Lambert ist Ihr
-Jugendfreund?«
-
-»Ja, aber bei diesem Wiedersehen ... ich muß gestehen, war ich etwas
-unvorsichtig und habe ihm vielleicht etwas zuviel vertraut.«
-
-»Oh, von dieser schrecklichen Intrige hätte ich auch ohne ihn erfahren!
-Ich habe schon längst vorausgesehen, daß diese Menschen Sie so weit
-bringen würden. Sagen Sie, ist es wahr, daß Bjoring gewagt hat, seine
-Hand gegen Sie zu erheben?«
-
-Sie tat so, als wäre ich damals nur durch Bjoring und »_sie_« in jene
-Verfassung an der Mauer gekommen. Und sie hat recht, dachte ich, aber
-ich brauste doch auf:
-
-»Wenn er gegen mich die Hand erhoben hätte, so wäre er ungezüchtigt
-nicht davongekommen, und ich würde jetzt nicht ungerächt so vor Ihnen
-sitzen,« erwiderte ich heftig. Ich fühlte, daß sie mich zu irgend etwas
-reizen, gegen irgend jemand hetzen wollte (es war mir übrigens klar,
-gegen wen); und doch fiel ich darauf herein.
-
-»Wenn Sie sagen, Sie hätten es vorausgesehen, daß man mich _so weit_
-bringen werde, so war das von seiten Katerina Nikolajewnas
-selbstverständlich nur ein Zweifeln an mir ... allerdings ist es wahr,
-daß ihr Vertrauen sich etwas zu schnell in dieses Mißtrauen verwandelt
-hat ...«
-
-»Ja, _gar_ zu schnell, das ist es ja eben!« griff Anna Andrejewna mit
-überschwänglichem Mitgefühl meine Behauptung auf. »Oh, wenn Sie wüßten,
-was sie jetzt dort für Intrigen spinnen! Freilich, Arkadi Makarowitsch,
-Ihnen dürfte es schwer fallen, die ganze Peinlichkeit meiner Lage zu
-begreifen,« sagte sie errötend und schlug die Augen nieder. »Inzwischen
-habe ich -- nach jenem Vormittag, als wir uns zum letztenmal sahen --
-habe ich einen Schritt getan, den nicht ein Jeder so verstehen kann, wie
-ihn ein Mensch von Ihrem reinen Verstande und mit Ihrem liebevollen,
-unverdorbenen und frischen Herzen zu verstehen vermag. Seien Sie
-überzeugt, mein Freund, daß ich Ihre Ergebenheit mir gegenüber zu
-schätzen weiß und sie Ihnen mit ewiger Dankbarkeit lohnen werde. Die
-Gesellschaft wird natürlich den Stein gegen mich erheben, sie hat es ja
-schon getan. Und selbst wenn sie recht hätte, von ihrem niedrigen
-Standpunkte aus, wer kann, wer darf selbst in diesem Fall mich
-verurteilen? Ich bin seit meiner Kindheit von meinem Vater verlassen;
-wir Werssiloffs sind ein altes vornehmes Geschlecht, und doch sind wir
-Kinder Heimatlose, und ich esse fremdes Gnadenbrot. Ist es da nicht
-natürlich, daß ich mich an den gewandt habe, der mir seit meiner
-Kindheit den Vater ersetzt hat, und dessen Güte ich soviel verdanke?
-Meine Gefühle für ihn kennt nur Gott, er mag sie richten, doch den
-Urteilsspruch der Welt über mich erkenne ich nicht an! Und wenn nun noch
-die hinterlistigsten Intrigen gesponnen werden, und die eigene Tochter
-ihren vertrauensvollen und großmütigen Vater ins Unglück stürzen will,
-ja, darf man dann noch zögern? Nein, und wenn es mich auch meinen Ruf
-kostet, ich rette ihn! Ich bin bereit, einfach als Pflegerin bei ihm zu
-leben, seine Wärterin, seine Krankenschwester zu sein, doch niemals
-werde ich zulassen, daß die kalte und niedrige Berechnung der Welt
-triumphiert!«
-
-Sie sprach in großer Erregung, und obschon diese Erregung zur Hälfte
-vielleicht gemacht war, so war sie insofern doch ehrlich, als man aus
-allem ersah, wie weit sie schon in diese ganze Sache hineingezogen war.
-Oh, ich fühlte es, daß sie log, wenn sie auch ehrlich log (denn man kann
-auch ehrlich lügen), und daß sie in diesem Augenblick schlecht handelte;
-aber es ist sonderbar, wie das einem so mit den Frauen ergeht: diese
-scheinbare Anständigkeit, diese feinen Formen, diese unerreichbare
-gesellschaftliche Vornehmheit und stolze Keuschheit -- alles das brachte
-mich aus der Fassung, und ich begann, ihr in allem recht zu geben, das
-heißt, solange ich bei ihr war; wenigstens konnte ich mich nicht
-entschließen, ihr zu widersprechen. Oh, ein Mann befindet sich
-entschieden in moralischer Abhängigkeit von der Frau, besonders wenn er
-großmütig ist! So eine Frau kann einen großmütigen Mann alles glauben
-machen. »Sie und Lambert -- du lieber Gott!« dachte ich und sah sie
-ungläubig an. Übrigens, um alles zu sagen: ich bin auch heutigentags
-nicht imstande, mir über sie ein Urteil zu bilden: ihre wahren Gefühle
-konnte wirklich nur Gott allein kennen, und außerdem ist der Mensch eine
-so komplizierte Maschine, daß man in manchen Fällen wirklich nichts von
-ihm verstehen kann: und nun gar, wenn dieser Mensch -- eine Frau ist!
-
-»Anna Andrejewna, was erwarten Sie nun eigentlich von mir?« fragte ich
-sie aber doch ziemlich entschlossen.
-
-»Wieso? Was wollen Sie damit gesagt haben, Arkadi Makarowitsch?«
-
-»Mir scheint nach allem ... und noch einigen anderen Erwägungen ...«
-erklärte ich befangen, »daß Sie nach mir geschickt haben, weil Sie etwas
-von mir erwarteten; um was handelt es sich?«
-
-Sie fing sofort wieder zu sprechen an, ohne jedoch auf meine Frage zu
-antworten, und sprach wieder so schnell und lebhaft wie zuvor.
-
-»Ich kann nicht, ich bin zu stolz, um auf Auseinandersetzungen und
-Abmachungen mit unbekannten Personen, wie dieser Herr Lambert,
-einzugehen. Ich habe auf Sie gewartet, nicht auf Herrn Lambert. Meine
-Lage ist einfach furchtbar, Arkadi Makarowitsch! Ich muß Winkelzüge
-machen, weil ich von Spionen dieser Frau umgeben bin, -- und das ist
-unerträglich. Ich habe mich fast bis zu Intrigen erniedrigen müssen und
-habe auf Sie gewartet wie auf meinen Retter. Man kann es mir nicht
-verdenken, daß ich mich unter diesen Umständen nach einem Freunde
-umschaue, und wie sollte ich mich nicht glücklich schätzen, daß ich so
-einen Freund habe: wer in einer Nacht, da er selbst halb erfroren
-aufgefunden wird, noch meinen Namen nennt, der muß mir doch ergeben
-sein! Das habe ich mir die ganze Zeit immer wieder gesagt, und deshalb
-habe ich auch meine ganze Hoffnung auf Sie gesetzt.«
-
-Sie sah mir mit ungeduldig fragendem Ausdruck in die Augen. Und siehe
-da, mir fehlte wieder der Mut, ihr den Glauben zu nehmen und ihr
-geradeaus zu erklären, daß Lambert sie betrogen, und daß ich ihm
-durchaus nicht gesagt hatte, ich sei ihr so sehr ergeben, geschweige
-denn, daß ich »nur ihren Namen« auf den Lippen gehabt hätte. Mit meinem
-Schweigen aber unterstützte ich gewissermaßen Lamberts Lüge. Oh, ich bin
-fest davon überzeugt, daß sie dabei nur zu gut wußte, daß Lambert alles
-übertrieben und sie einfach belogen hatte, einzig und allein, um einen
-Vorwand zu haben, bei ihr zu erscheinen und die Beziehung zu ihr
-aufrechtzuerhalten; und wenn sie mir nun so in die Augen sah, als wäre
-sie wirklich von dem Gesagten und von meiner Ergebenheit überzeugt, so
-wußte sie eben, daß ich es nicht wagen würde, ihrer Annahme zu
-widersprechen, einerseits aus Zartgefühl und andererseits infolge meiner
-jugendlichen Schüchternheit. Übrigens, ob ich mit dieser Vermutung recht
-habe oder nicht -- das weiß ich nicht. Vielleicht bin ich nur
-schrecklich verdorben.
-
-»Mein Bruder wird für mich eintreten,« sagte sie plötzlich erregt, als
-sie sah, daß ich keine Antwort geben wollte.
-
-»Man sagte mir, Sie seien mit ihm in meiner Wohnung gewesen,« stammelte
-ich verwirrt.
-
-»Aber der unglückliche Fürst Nikolai Iwanowitsch kann sich ja
-nirgendwohin mehr retten, vor dieser ganzen Intrige, oder richtiger, vor
-seiner eigenen Tochter, als in Ihre Wohnung, das heißt, in die Wohnung
-seines Freundes; denn er hat doch wohl das Recht, Sie wenigstens für
-seinen Freund zu halten! ... Und dann, wenn Sie etwas für ihn tun
-wollen, so tun Sie es, wofern in Ihnen soviel Großmut und -- Kühnheit
-ist ... und wenn Sie für ihn _wirklich etwas tun können_. Oh, nicht um
-meinetwillen, nicht für mich, sondern für ihn, für den unglücklichen
-alten Mann, der Sie wirklich aufrichtig liebt, der Sie von ganzem Herzen
-wie seinen eigenen Sohn liebt, und der sich auch heute noch nach Ihnen
-sehnt! Für mich erwarte ich gar nichts, auch nicht von Ihnen -- hat doch
-selbst mein eigener Vater mir einen so hinterlistigen, so boshaften
-Streich gespielt!«
-
-»Ich glaube, Andrei Petrowitsch ...« begann ich.
-
-»Andrei Petrowitsch,« unterbrach sie mich mit bitterem Hohnlächeln,
-»Andrei Petrowitsch hat mir damals auf meine offene Frage ehrenwörtlich
-versichert, daß er niemals die geringste Absicht auf Katerina
-Nikolajewna gehabt habe, was ich ihm auch glaubte, als ich meinen
-Schritt tat; indessen dauerte dieser Verzicht nur so lange, bis er die
-erste Nachricht von einem gewissen Herrn Bjoring erfuhr.«
-
-»Das ist nicht so zu verstehen,« rief ich, »es hat einen Augenblick
-gegeben, wo auch ich an seine Liebe zu dieser Frau glaubte -- aber das
-ist es nicht ... Ja, und selbst wenn es der Fall gewesen wäre, so kann
-er doch jetzt ganz beruhigt sein ... da dieser Herr ja schon
-verabschiedet worden ist.«
-
-»Welcher Herr?«
-
-»Bjoring.«
-
-»Wer hat Ihnen denn das gesagt? Vielleicht hat dieser Herr noch niemals
-so viel Einfluß gehabt, wie eben jetzt,« lachte sie boshaft; mir schien
-sogar, daß sie mich dabei spöttisch und scharf beobachtete.
-
-»Mir sagte es Darja Onissimowna,« stammelte ich in einer Verwirrung, die
-zu verbergen ich nicht imstande war, und die sie nur zu gut bemerkte.
-
-»Darja Onissimowna ist ja eine sehr nette Person, und natürlich kann ich
-ihr nicht verbieten, mich zu lieben, aber sie hat gar keine Mittel,
-etwas zu erfahren, was sie nicht zu wissen braucht.«
-
-Mein Herz krampfte sich zusammen; und wenn sie beabsichtigt hatte,
-meinen Unwillen zu entflammen, so war ihr das allerdings gelungen, da es
-in mir heiß zu sieden begann, nur war es nicht Unwille über _jene_ Frau,
-sondern Unwille über sie, Anna Andrejewna, selbst. Ich erhob mich.
-
-»Als anständiger Mensch muß ich Sie im voraus darauf aufmerksam machen,
-daß Ihre Erwartungen ... in bezug auf mich ... sich als _sehr_ hinfällig
-erweisen können ...«
-
-»Ich erwarte von Ihnen, daß Sie für mich eintreten,« sagte sie und sah
-mich fest an, »für mich, die ich von allen verlassen bin ... für Ihre
-Schwester, wenn Sie es wollen, Arkadi Makarowitsch.«
-
-Einen Augenblick noch, und sie hätte zu weinen angefangen.
-
-»Nun, dann erwarten Sie lieber nichts von mir, weil ich Sie _vielleicht_
-enttäuschen könnte,« stammelte ich in unsäglicher Pein.
-
-»Wie soll ich Ihre Worte verstehen?« fragte sie mich ganz zaghaft.
-
-»Einfach, daß ich von ihnen allen fortgehe und -- damit basta!« rief ich
-plötzlich voller Wut -- »und das _Dokument_ -- zerreiße ich. Leben Sie
-wohl.«
-
-Ich verbeugte mich vor ihr und ging schweigend hinaus, dabei wagte ich
-kaum, sie anzusehen; aber ich war noch nicht die Treppe
-hinuntergegangen, als Darja Onissimowna mich einholte und mir ein
-zweimal zusammengefaltetes Blatt Briefpapier überreichte. Woher diese
-Darja Onissimowna plötzlich kam, und wo sie sich während meiner
-Unterredung mit Anna Andrejewna befunden hatte, -- weiß ich nicht. Sie
-sagte mir kein Wort, übergab mir nur das Papier und lief wieder zurück.
-Ich entfaltete das Blatt: auf ihm stand nichts weiter als Lamberts
-Adresse, die offenbar schon vor einiger Zeit geschrieben war. Ich
-erinnerte mich plötzlich, daß ich damals, als Darja Onissimowna bei mir
-gewesen war, ihr gesagt hatte, ich wüßte nicht, wo Lambert wohne, aber
-natürlich in dem Sinne, daß ich die Wohnung auch gar nicht wissen
-wollte. Inzwischen aber hatte ich die Adresse Lamberts schon durch Lisa
-erhalten, die ich gebeten hatte, sich im Adreßbüro zu erkundigen. Dieser
-Schachzug Anna Andrejewnas erschien mir denn doch schon zu
-rücksichtslos, ja, sogar zynisch: ungeachtet meiner Weigerung, ihr zu
-helfen, schickte sie mich nun einfach zu Lambert. Mir wurde nur zu klar,
-daß sie den Inhalt des Dokumentes kannte -- und durch wen hätte sie den
-erfahren können, wenn nicht durch Lambert, zu dem sie mich jetzt sandte,
-damit es zwischen uns zu einer Vereinbarung käme!
-
-»Sie halten mich ja alle, ohne Ausnahme, für einen dummen Jungen, der
-weder eigenen Willen noch Charakter hat, und mit dem man machen kann,
-was man nur will!« dachte ich empört.
-
-
- II.
-
-Doch ungeachtet meiner ganzen Empörung über Anna Andrejewna begab ich
-mich sogleich zu Lambert. Wohin hätte ich auch mit meiner Neugier gehen
-sollen? Lambert wohnte, wie sich zeigte, sehr weit: in der »Schiefen
-Querstraße«, in der Nähe des Sommergartens, immer noch in jenem
-möblierten Zimmer; aber damals, als ich ihm davongelaufen und nach Haus
-gefahren war, hatte ich so wenig auf den Weg geachtet, daß ich, als ich
-vor vier Tagen seine Adresse durch Lisa erhalten hatte, sehr erstaunt
-gewesen war und es kaum hatte glauben wollen, daß er dort wohne. Als ich
-die Treppe zum dritten Stock hinaufstieg, bemerkte ich vor der Tür zwei
-junge Leute; ich dachte, sie hätten bereits geklingelt und warteten nun
-darauf, daß ihnen geöffnet werde. Während ich hinaufstieg, standen sie
-beide mit dem Rücken gegen die Tür und musterten mich aufmerksam. »Hier
-sind ja mehrere möblierte Zimmer, sie werden wohl einen anderen Mieter
-besuchen wollen,« dachte ich stirnrunzelnd; denn es wäre mir sehr
-unangenehm gewesen, bei Lambert noch irgend jemand anzutreffen. Ich
-bemühte mich, sie nicht anzusehen und streckte die Hand nach der Klingel
-aus.
-
-»_Attendez!_«{[78]} rief mir der eine zu.
-
-»Ach bitte, warten Sie noch etwas mit dem Klingeln,« sagte mit heller
-und freundlich bittender Stimme der andere junge Mann -- er hatte die in
-unserer höheren Gesellschaft übliche schleppende Sprechweise. »Wir
-werden gleich fertig sein, und dann klingeln wir zusammen, ist es Ihnen
-recht?«
-
-Ich zog meine Hand zurück. Beide waren sie junge Leute von zwanzig bis
-zweiundzwanzig Jahren; sie beschäftigten sich dort an der Tür mit etwas
-sehr Sonderbarem und ich schaute ihnen mit Verwunderung zu. Derjenige,
-der »_attendez_« gerufen hatte, war ein auffallend langer Bursche, mager
-und offenbar blutarm, aber sehr muskulös, mit einem für seine Größe viel
-zu kleinen Kopf, dessen leicht pockennarbiges, gar nicht so dummes, ja
-sogar sympathisches Gesicht einen eigentümlichen, komisch-finsteren
-Ausdruck hatte. In seinem Blick lag, ich möchte sagen, etwas übertrieben
-Scharfsinniges und eine unnötige Entschlossenheit. Er war sehr schlecht
-angezogen: sein alter wattierter Mantel mit dem schäbigen kleinen
-Waschbärkragen war viel zu kurz für einen so langen Menschen und
-offenbar nicht für ihn gemacht; dazu hatte er schlechte, fast bäurische
-Stiefel und auf dem Kopf einen schrecklich struppigen, schon bräunlich
-gewordenen Zylinder. Man sah ihm sofort den liederlichen Menschen an:
-seine unbehandschuhten Hände waren unsauber, die langen Nägel hatten
-Trauerränder. Sein Kamerad dagegen war tadellos gekleidet, soweit man
-nach seinem leichten Marderpelz, dem eleganten Hut und den neuen hellen
-Handschuhen urteilen konnte, in denen seine schlanken Hände staken; dem
-Wuchs nach war er ungefähr von meiner Größe und sein frisches
-jugendliches Gesicht hatte einen äußerst sympathischen Ausdruck.
-
-Der lange Bursche riß sich seine Krawatte vom Halse -- ein vollkommen
-verschlissenes und schmieriges Band, das fast schon zur Schnur
-zusammengerollt war; und der hübsche Junge zog aus seiner Tasche eine
-neue, wohl soeben gekaufte schwarze Krawatte, die er dem Langen
-umzubinden versuchte, der gehorsam und mit furchtbar ernstem Gesicht
-seinen langen Hals ihm entgegenreckte, während er seinen Mantel von den
-Schultern zurückgeschlagen hielt.
-
-»Nein, das geht doch nicht, wenn das Hemd so schmutzig ist,« sagte der
-andere, »so wird der Eindruck um garnichts besser, es sieht sogar noch
-schmutziger aus. Ich hab' dir doch gesagt, du sollst dir einen reinen
-Kragen umlegen. Wie soll ich das jetzt binden ... Können Sie es
-vielleicht?« wandte er sich plötzlich an mich.
-
-»Was?« fragte ich.
-
-»Ihm diese Krawatte umbinden? Sehen Sie, man muß sie irgendwie so
-umbinden, daß das Hemd nicht zu sehen ist, denn sonst geht der ganze
-Effekt zum Teufel, aber wie soll man das machen? Deshalb habe ich ihm
-doch die Krawatte soeben gekauft, für einen Rubel.«
-
-»Das hast du -- für denselben?« fragte der Lange.
-
-»Ja, für denselben; ich habe jetzt keine Kopeke mehr. Sie können es also
-auch nicht? Dann werden wir Alphonsinka bitten müssen.«
-
-»Zu Lambert?« fragte mich plötzlich scharf der Lange.
-
-»Allerdings,« antwortete ich ebenso scharf und sah ihm in die Augen.
-
-»Dolgorowky?« fragte er in demselben Ton und mit derselben Stimme.
-
-»Nein, nicht Koroffkin,« antwortete ich ebenso energisch; ich hatte ihn
-nicht richtig verstanden.
-
-»Dolgorowky?!« wiederholte der Lange fast schreiend und trat drohend auf
-mich zu. Sein Kamerad begann zu lachen.
-
-»Er sagt Dolgorowky und nicht Koroffkin,« erklärte er mir. »Wissen Sie,
-die Franzosen verdrehen im >_Journal des Débats_< so oft die russischen
-Namen ...«
-
-»In der >_Indépendance_<,« knurrte der Lange.
-
-»Na, egal, dann war's in der >_Indépendance_<. Den Namen des Fürsten
-Dolgoruki schreiben sie zum Beispiel >Dolgorowky< -- ich habe es selbst
-gelesen, und W--ff schreiben sie immer >_le comte Vallonieff_<.«{[79]}
-
-»Doboyny!« rief der Lange.
-
-»Ja, richtig, auch den Namen >Doboyny< haben sie mal angeführt; ich habe
-ihn selbst gelesen, und wir haben noch beide darüber gelacht: irgendeine
-russische _madame_ Doboyny, die im Auslande wohnt ... aber wozu sie
-jetzt alle nennen,« wandte er sich plötzlich an den Langen.
-
-»Entschuldigen Sie, heißen Sie Dolgoruki?«
-
-»Ja, -- ich heiße Dolgoruki, aber woher wissen Sie denn das?«
-
-Der Lange flüsterte dem hübschen Jungen schnell etwas ins Ohr. Der
-runzelte die Stirn und machte eine verneinende Handbewegung, doch der
-Lange ließ sich nicht abhalten und wandte sich wieder an mich.
-
-»_Monsieur le prince, vous n'avez pas de rouble d'argent pour nous, pas
-deux, mais un seul, voulez-vous?_«{[80]}
-
-»Pfui, wie frech du bist,« rief der Junge.
-
-»_Nous vous rendons_,«{[81]} bemerkte der Lange, der die französischen
-Worte plump und ungeschickt aussprach.
-
-»Wissen Sie, er ist ein Zyniker,« erklärte mir der Junge lachend. »Sie
-denken vielleicht, er kann kein Französisch? Er spricht wie ein Pariser,
-aber jetzt parodiert er nur die Russen, die in der Gesellschaft so
-furchtbar gern laut untereinander Französisch sprechen und es dabei gar
-nicht können ...«
-
-»_Dans les wagons_,«{[82]} erläuterte der Lange.
-
-»Ja, auch in den Waggons; ach, wie langweilig du bist! Das ist doch ganz
-gleich. Auch ein Vergnügen, den Dummkopf zu spielen!«
-
-Ich nahm währenddessen den Rubel heraus und reichte ihn dem Langen.
-
-»_Nous vous rendons_,« sagte er und steckte den Rubel ein; dann wandte
-er sich ruhig zur Tür, und begann, während sein Gesicht dabei vollkommen
-unbeweglich und ernst blieb, mit der Spitze seines großen, plumpen
-Stiefels gegen die Tür zu hämmern, -- das alles, wie gesagt, ohne die
-geringste Erregung ...
-
-»Ach, du wirst es wieder zu einem Skandal bringen, mit Lambert!« rief
-der Junge beunruhigt. »Klingeln Sie dann schon lieber.«
-
-Ich klingelte, aber der Lange hämmerte unbekümmert weiter mit seinem Fuß
-an die Tür.
-
-»Ah, _sacré_{[83]} ...« hörte man auf einmal die wütende Stimme Lamberts
-hinter der Tür, und er öffnete schnell.
-
-»_Dites donc, voulez-vous que je vous casse la tête, mon ami!_«{[84]}
-schrie er den Langen an.
-
-»_Mon ami, voilà Dolgorowky, l'autre mon ami_,«{[85]} sprach ernst und
-feierlich der Lange und sah dem vor Zorn puterroten Lambert starr in die
-Augen. Als dieser mich erblickte, veränderte sich sein Gesicht im
-Handumdrehen.
-
-»Ach du bist es, Arkadi! Endlich doch! So bist du jetzt gesund, endlich
-wieder gesund?«
-
-Er ergriff meine beiden Hände und schüttelte sie kräftig; kurz, er war
-so aufrichtig erfreut, daß ich mich für den Augenblick sehr angenehm
-berührt fühlte und ihn beinahe lieb gewann.
-
-»Mein erster Weg führt mich zu dir!«
-
-»Alphonsine!« rief Lambert. Sie sprang im Augenblick hinter dem Schirm
-hervor.
-
-»_Le voilà!_«
-
-»_C'est lui!_«{[86]} rief Alphonsinka und schlug die Hände zusammen und
-breitete sie wieder aus und wollte sich schon auf mich stürzen, um mich
-zu umarmen, aber Lambert schützte mich davor.
-
-»_Nonono! tout beau!_«{[87]} rief er ihr drohend zu, wie einem Hündchen.
-»Du, Arkadi, sieh mal, ich habe mich heute verabredet, mit ein paar
-Bekannten im tatarischen Restaurant zu Mittag zu speisen. Ich lasse dich
-jetzt nicht los, du mußt mit mir hinfahren. Wir speisen zusammen; die
-anderen werde ich mir schon vom Halse schaffen -- und dann sprechen wir
-uns aus. Komm nur herein, komm! Wir werden gleich aufbrechen, nur einen
-Augenblick mußt du warten.«
-
-Ich trat ein, sah mich im Zimmer um, und versuchte, mir das Erlebte von
-damals zu vergegenwärtigen. Lambert kleidete sich schnell hinter dem
-Wandschirm um. Der Lange und sein Kamerad waren uns gefolgt, trotz der
-Worte, mit denen Lambert sie empfangen hatte. Wir blieben alle stehen.
-
-»_Mademoiselle Alphonsine, voulez-vous me baiser?_«{[88]} äffte der
-Lange.
-
-»Mademoiselle Alphonsine,« begann auch der Jüngere und näherte sich ihr,
-indem er ihr die Krawatte hinhielt, aber sie fuhr wütend auf die beiden
-los.
-
-»_Ah, le petit vilain!_« schrie sie den Jüngeren an, »_ne m'approchez
-pas, ne me salissez pas, et vous, le grand dadais, je vous flanque à la
-porte tous les deux, savez-vous cela_!«{[89]}
-
-Doch der Jüngere ließ sich nicht abschrecken, obgleich sie sich mit
-solcher Verachtung und solchem Ekel von ihm abwandte, als hätte sie
-wirklich gefürchtet, sich an ihm zu beschmutzen (was ich gar nicht
-verstehen konnte, denn er sah so nett aus und war -- was ich sah, als er
-den Pelz ablegte -- so gut angezogen!) und bat sie trotzdem unentwegt,
-seinem langen Kameraden die Krawatte zu binden und ihm vorher einen
-reinen Kragen von Lambert umzulegen. Sie aber geriet über dieses
-Ansinnen dermaßen in Wut, daß sie ihn womöglich geschlagen haben würde,
-wenn Lambert, der hinter dem Wandschirm die Bitte gehört hatte, ihr
-nicht zugerufen hätte, sie möge sie nicht aufhalten und tun, was sie
-verlangten. »Sonst gehen sie überhaupt nicht mehr weg,« fügte er hinzu.
-Da nahm Alphonsinka sofort einen Kragen und band dem Langen die Krawatte
-um, und tat es sogar ohne jede Spur von Widerstreben. Der Lange aber
-reckte genau wie vorhin auf der Treppe seinen Hals aus, während sie ihm
-die Krawatte band.
-
-»_Mademoiselle Alphonsine, avez-vous vendu votre bologne?_«{[90]} fragte
-er.
-
-»_Qu'est-ce que ça, ma bologne?_«{[91]}
-
-Der Jüngere erklärte, daß sein Freund mit »_bologne_« ihr
-Bologneserhündchen meine.
-
-»_Tiens, quel est ce baragouin?_«{[92]}
-
-»_Je parle comme une dame russe sur les eaux minérales_,«{[93]} spottete
-_le grand dadais_{[94]} wieder in steifem Französisch, während er immer
-noch mit vorgestrecktem Halse stand.
-
-»_Qu'est-ce que ça, qu'une dame russe >sur les eaux minérales<? Et ...
-mais où est donc votre jolie montre que Lambert vous a donnée?_«{[95]}
-wandte sie sich plötzlich an den Jüngeren.
-
-»Was, ist er schon wieder ohne Uhr?« rief Lambert geärgert hinter dem
-Schirm.
-
-»Aufgefressen!« knurrte _le grand dadais_.
-
-»Ich hab' sie für acht Rubel verkauft: sie war ja nur silbervergoldet --
-und Sie gaben sie aus als rein goldene Uhr. Solche kosten jetzt neu auch
-nicht mehr als sechzehn Rubel,« rechtfertigte sich der Jüngere, tat es
-jedoch ersichtlich mit großer Unlust.
-
-»Damit muß endlich einmal ein Ende gemacht werden!« fuhr Lambert
-geärgert fort. »Ich kaufe Ihnen, mein junger Freund, nicht zu dem Zweck
-Kleider und schöne Sachen, damit Sie sie Ihrem langen Freunde in den
-Rachen werfen. Was für eine Krawatte haben Sie ihm da schon wieder
-gekauft?«
-
-»Die kostet nur einen Rubel, und der war nicht von Ihrem Geld. Er hatte
-überhaupt keine Krawatte mehr! Einen Hut muß man ihm auch noch kaufen!«
-
-»Unsinn!« schrie Lambert, jetzt schon wirklich wütend.
-
-»Ich habe ihm genug gegeben, auch für einen Hut, er aber hat sofort
-Austern und Champagner bestellt. Dabei stinkt er und ist ein
-Schmutzfink; man kann sich ja nirgendwo mit ihm sehen lassen. Wie soll
-ich ihn jetzt ins Restaurant mitnehmen?«
-
-»Mit 'ner Droschke,« knurrte der _dadais_. »_Nous avons un rouble
-d'argent que nous avons prêté chez notre nouvel ami._«{[96]}
-
-»Gib ihnen nichts, Arkadi!« schrie Lambert wieder.
-
-»Erlauben Sie, Lambert; ich verlange von Ihnen sofort zehn Rubel,«
-forderte plötzlich der Jüngere so wütend, daß er ganz rot im Gesicht
-wurde, was ihn noch hübscher machte. »Und wagen Sie es nicht noch
-einmal, solche Dummheiten zu sagen, wie jetzt zu Dolgoruki. Ich verlange
-von Ihnen zehn Rubel, um Dolgoruki den einen Rubel sogleich zurückgeben
-zu können, von dem übrigen Gelde aber kaufe ich sofort einen Hut für
-Andrejeff -- das werden Sie sehen.«
-
-Lambert kam hinter dem Schirm hervor.
-
-»Hier sind drei gelbe Lappen, drei Rubel, mehr gibt es nicht bis
-Dienstag, und wagt es nicht, mir früher zu kommen ... sonst ...«
-
-_Le grand dadais_ riß ihm das Geld nur so aus der Hand.
-
-»Dolgorowky, hier ist der Rubel, _nous vous rendons avec beaucoup de
-grâce_.{[97]} Petjä, fahren wir!« rief er seinem Kameraden zu, und dann
-auf einmal, schwang er die beiden Scheine durch die Luft, sah Lambert
-frech ins Gesicht, und schrie aus allen Kräften: »_Ohé, Lambert! Où est
-Lambert, as-tu vu Lambert?_«{[98]}
-
-»Nehmt euch in acht, nehmt euch in acht!« brüllte Lambert in furchtbarer
-Wut.
-
-Ich sah, daß hier etwas vorging, was auf Früheres Bezug hatte, wovon ich
-nichts wußte, und ich hörte nicht ohne Verwunderung zu. Aber der Lange
-ließ sich durch den Zorn Lamberts nicht im geringsten einschüchtern, im
-Gegenteil, er schrie sogar noch lauter: _Ohé, Lambert!_ usw. Mit diesem
-Geschrei zogen sie ab. Lambert wollte ihnen nachstürzen, besann sich
-aber und kehrte wieder um.
-
-»Denen werde ich auch bald einen Genickstoß geben! Die kosten mehr als
-sie einbringen ... Gehen wir, Arkadi! Ich hab' mich schon verspätet.
-Dort erwartet mich noch so einer ... den ich brauche ... Auch so ein
-Vieh ... und das sind sie alle! Halunken sind sie, Halunken!« schrie er
-wieder und knirschte vor Wut; doch plötzlich besann er sich und nahm
-sich zusammen. »Ich freue mich, daß du endlich gekommen bist.
-Alphonsine, wohlgemerkt: keinen Schritt aus dem Hause! Gehen wir.«
-
-Vor der Haustür erwartete ihn eine elegante Mietsdroschke. Wir stiegen
-ein; doch selbst unterwegs konnte er seine Wut auf die jungen Leute
-nicht meistern und sich beruhigen. Ich wunderte mich, daß er sie so
-ernst nahm, und daß sie Lambert so respektlos behandelten, während er
-beinahe Angst vor ihnen hatte. Nach den alten, in mir fest
-eingewurzelten Eindrücken aus meiner Kindheit glaubte ich noch immer,
-daß alle Lambert fürchten müßten; und ich glaube, selbst in dem
-Augenblick muß ich, trotz meiner ganzen Unabhängigkeit, Lambert doch
-noch gefürchtet haben.
-
-»Ich sage dir, das ist ein furchtbares Lumpenpack,« fuhr Lambert fort.
-»Wirst du's mir glauben, dieser Lange, dieser ekelhafte Kerl, hat mich
-noch vor drei Tagen in einer Gesellschaft bloßgestellt. Er stellt sich
-vor mir auf und schreit: >_Ohé, Lambert!_< usw. Und das in guter
-Gesellschaft! Alle lachen und merken natürlich, daß er es tut, damit ich
-ihm Geld gebe -- kannst du dir meine Lage vorstellen! Und ich habe es
-ihm geben müssen. Oh, dieses Lumpenpack! Wirst du's mir glauben, er war
-Junker in einem Regiment, wurde dann ausgeschlossen, und kannst du dir
-vorstellen, er ist ein gebildeter Mensch: er hat seine Erziehung in
-einem guten Hause erhalten! Er hat Ideen, er könnte ... Eh, zum Teufel!
-Und er ist stark wie Herkules. Er ist mir ja nützlich, doch nicht sehr
-... Und hast du gesehen, er wäscht sich nicht einmal die Hände! Ich
-empfahl ihn einer Dame, einer alten vornehmen Dame; ich sagte ihr, er
-bereue seinen Lebenswandel und wolle sich vor Gewissensbissen umbringen,
-er aber kommt zu ihr, setzt sich hin und pfeift. Und der andere, der
-Nette -- ist der Sohn eines Generals; die Familie schämt sich seiner,
-ich hab' ihn gerettet, hab' ihn dem Gericht entrissen, und so lohnt er
-es mir! Hier gibt es keine Menschen! Aber ich werde sie mir schon vom
-Halse schaffen und zum Teufel jagen!«
-
-»Sie wissen meinen Namen; hast du mit ihnen von mir gesprochen?«
-
-»Ich war mal so dumm. Weißt du, wenn man so bei Tisch zusammensitzt, da
-geht einem manches über die Lippen ... Es kommt noch eine furchtbare
-Kanaille hin. Der ist schon wirklich eine Kanaille und dabei schlau.
-Hier gibt es nur Spitzbuben, hier gibt es keine anständigen Menschen!
-Na, wenn ich mit ihnen fertig bin -- dann ... Was ißt du gern? Aber das
-ist ja egal, man speist dort immer ausgezeichnet. Beunruhige dich nicht,
-ich werde alles bezahlen. Schön, daß du so gut angezogen bist. Ich kann
-dir Geld geben. Komm nur immer zu mir. Stell dir vor, ich habe ihnen
-hier zu essen und zu trinken gegeben, jeden Tag Fischpasteten und
-Delikatessen; die Uhr, die er verkauft hat, ist schon die zweite. Dieser
-Knabe, Trischatoff heißt er, -- du hast ja selbst gesehen: sogar
-Alphonsinka ekelt sich, ihn anzurühren, und läßt ihn nicht an sich
-herankommen -- und plötzlich bestellt er im Restaurant, in Gegenwart von
-Offizieren, -- Schnepfen! >Ich will Schnepfen,< sagt er. Ich habe ihm
-die Schnepfen damals auch bestellt, aber ich werde mich schon dafür
-rächen!«
-
-»Erinnerst du dich noch, wie wir in Moskau zusammen ins Restaurant
-fuhren und du mich dort mit der Gabel stachst, und wie du damals
-fünfhundert Rubel hattest?«
-
-»Ja, ich weiß noch! Eh, Teufel, ich weiß! Aber ich habe dich gern ...
-Das kannst du mir glauben. Dich liebt ja sonst kein Mensch, ich aber
-hab' dich gern; nur ich allein, vergiß das nicht ... Der da, der dorthin
-kommt, der Pockennarbige -- das ist die allerschlauste Kanaille, die mir
-je begegnet ist; antworte ihm nichts, wenn er mit dir spricht, und wenn
-er dich zu fragen anfängt, so antworte ihm irgendeinen Unsinn, oder
-schweige ganz ...«
-
-Jedenfalls kam er unterwegs infolge seiner Aufregung gar nicht dazu,
-mich auszufragen. Ich aber empfand es fast als Beleidigung, daß er
-meiner so sicher war und nicht einmal auf die Vermutung kam, ich könnte
-ihm mißtrauen; wie mir schien, befand er sich noch in dem dummen
-Glauben, er könne mich genau so kommandieren wie in früheren Jahren.
-»Und dabei ist er noch so furchtbar ungebildet,« dachte ich bei mir, als
-wir ins Restaurant traten.
-
-
- III.
-
-In diesem Restaurant an der Großen Morskajastraße hatte ich schon früher
-verkehrt, in der Zeit meiner Gesunkenheit; darum durchbohrte es mich
-förmlich, als ich diese Räume, diese Kellner, die mich musterten und in
-mir einen früheren Gast erkannten, wiedersah. Und nicht viel anders
-wirkte auf mich der Anblick dieser rätselhaften Freunde Lamberts, in
-deren Gesellschaft ich mich plötzlich befand, und zu denen ich schon
-untrennbar zu gehören schien; und dazu kam nun noch das dunkle
-Vorgefühl, daß ich freiwillig in eine Gemeinheit rannte, die zweifellos
-mit einer schlechten Tat enden würde -- wie gesagt, dieses Gefühl,
-dieser Eindruck saß in mir und bohrte in mir. Es gab einen Augenblick,
-da ich fort, nur fortlaufen wollte; doch der Augenblick verging und ich
-blieb.
-
-Der Pockennarbige, den Lambert aus unbekannten Gründen so fürchtete,
-wartete schon auf uns. Das war ein Mann mit dummgeschäftigem
-Gesichtsausdruck, ein Typus, den ich schon seit meiner Kindheit geradezu
-verabscheute; er mochte fünfundvierzig Jahre alt sein, war von mittlerem
-Wuchs, hatte leicht ergrautes Haar und ein widerlich glattrasiertes
-Gesicht mit kleinen abgeschnittenen Bartkoteletten, die wie zwei
-Würstchen das auffallend flache und böse Gesicht einfaßten. Natürlich
-war er langweilig, ernst, wortkarg und, wie es diese Leutchen gewöhnlich
-sind, aus irgendeinem Grunde auch noch hochmütig. Er musterte mich sehr
-aufmerksam, sagte aber kein Wort. Lambert war so töricht, uns nicht
-miteinander bekannt zu machen, obgleich wir uns an denselben Tisch
-setzten: folglich konnte mich jener für einen der Erpresser aus Lamberts
-Gefolge halten. Mit den beiden jungen Leuten (die fast gleichzeitig mit
-uns eingetroffen waren) sprach der Pockennarbige während der ganzen
-Mahlzeit auch kein Wort, aber es war offensichtlich, daß er sie sehr gut
-kannte. Er sprach ausschließlich mit Lambert, aber das Gespräch wurde
-nur im Flüsterton geführt, und eigentlich sprach nur Lambert; der
-Pockennarbige begnügte sich mit abgerissenen, wütenden Worten, die wie
-Ultimata klangen. Er verhielt sich äußerst hochmütig, böse und
-spöttisch, während Lambert sich in großer Erregung befand und sichtlich
-in der Absicht auf ihn einsprach, ihn zu irgendeinem Unternehmen zu
-überreden. Einmal streckte ich die Hand nach einer Rotweinflasche aus,
-doch da griff der Pockennarbige, der bis dahin kein Wort zu mir
-gesprochen hatte, schnell nach der Sherryflasche und reichte sie mir.
-»Versuchen Sie den,« sagte er dabei.
-
-Ich erriet sofort, daß er über mich schon unterrichtet war und wohl
-nicht nur meinen Namen, sondern auch meine ganze Lebensgeschichte
-kannte, und ganz genau wußte, worauf Lambert bei mir rechnete. Der
-Gedanke, daß er mich für einen von Lamberts Helfershelfern halten
-könnte, empörte mich mächtig. Lamberts Gesicht aber drückte höchste und
-dümmste Beunruhigung aus, sobald der andere nur ein Wort zu mir sagte.
-Dem Pockennarbigen konnte das natürlich nicht entgehen, und er begann zu
-lachen.
-
-»Lambert hängt entschieden von ihnen allen ab,« dachte ich und haßte ihn
-in diesem Augenblick aus ganzer Seele. So waren wir denn während der
-ganzen Mahlzeit, wenn wir auch an einem Tisch zusammensaßen, doch in
-zwei Gruppen geteilt: am Fenster der Pockennarbige und Lambert einander
-gegenüber, und am anderen Ende ich neben dem schmierigen Andrejeff, und
-wiederum uns gegenüber der hübsche Trischatoff. Lambert hatte es sehr
-eilig mit dem Essen und trieb den Kellner alle Augenblicke zu
-schnellerem Servieren an. Als man den Champagner brachte, hob er mir
-plötzlich sein Glas entgegen:
-
-»Auf dein Wohl, stoßen wir an!« unterbrach er sein Gespräch mit dem
-Pockennarbigen.
-
-»Erlauben Sie auch mir, mit Ihnen anzustoßen?« fragte mich der hübsche
-Trischatoff und hielt mir sein Glas entgegen.
-
-Bis zum Champagner war er sehr nachdenklich und schweigsam gewesen. Der
-_dadais_ hatte überhaupt nichts gesprochen, nur geschwiegen und viel
-gegessen.
-
-»Mit Vergnügen,« erwiderte ich Trischatoff.
-
-Wir stießen an und leerten unsere Gläser.
-
-»Ich werde nicht auf Ihr Wohl trinken,« wandte sich plötzlich auch der
-_dadais_ an mich, »nicht weil ich Ihnen etwa den Tod wünsche, sondern
-weil ich nicht will, daß Sie hier zu viel trinken«. Er sagte das düster
-und nachdrücklich. »Sie haben von drei Gläsern genug. Ich sehe, Sie
-betrachten meine ungewaschene Faust?« fuhr er fort und legte die Hand
-vor sich auf den Tisch. »Ich wasche sie nicht, und so ungewaschen
-vermiete ich sie an Lambert, zum Einschlagen fremder Schädel, in Fällen,
-die für Lambert bedenklich sind.«
-
-Und plötzlich schlug er mit der Faust aus aller Kraft auf den Tisch, daß
-sämtliche Teller und Gläser klirrten. Außer unserem Tisch waren in
-diesem Zimmer noch vier Tische besetzt, -- von Offizieren und Herren von
-tadelloser Haltung. Das Restaurant war gerade in Mode; alle unterbrachen
-für den Augenblick ihr Gespräch und sahen in unsere Ecke; ja, ich
-glaube, wir hatten schon längst ein gewisses Aufsehen erregt. Lambert
-errötete über und über.
-
-»Ha, fängt er schon wieder an! Ich habe Sie doch gebeten, Nikolai
-Ssemjonowitsch, sich anständig aufzuführen,« raunte er in wütendem
-Geflüster Andrejeff zu. Der wandte ihm langsam den Blick zu und sah ihn
-lässig an.
-
-»Ich wünsche nicht, daß mein neuer Freund Dolgorowky heute hier zuviel
-Wein trinkt,« sagte er.
-
-Lambert wurde vor Wut noch röter. Der Pockennarbige hörte schweigend,
-aber mit sichtlichem Vergnügen zu. Andrejeffs Ausfall schien ihm aus
-irgendeinem Grunde zu gefallen. Nur ich allein begriff nicht, warum ich
-nicht mehr trinken sollte.
-
-»Das tut er nur, damit ich ihm noch Geld gebe. Sie bekommen noch sieben
-Rubel, verstanden, nach dem Essen -- nur lassen Sie uns erst die
-Mahlzeit beenden; blamieren Sie uns nicht,« sagte Lambert halblaut, wenn
-auch knirschend vor Wut, zu ihm.
-
-»Aha!« brummte der _dadais_ siegesbewußt.
-
-Das entzückte den Pockennarbigen nun ganz und gar, und er fing boshaft
-zu kichern an.
-
-»Höre, du bist schon zu ...« wandte sich Trischatoff beunruhigt und fast
-schmerzlich berührt an seinen Freund, offenbar um ihn zurückzuhalten.
-
-Andrejeff verstummte, aber nicht für lange, denn das entsprach nicht
-seiner Absicht. Nicht weit von uns, vielleicht fünf Schritt von unserem
-Tisch, speisten zwei Herren, die sich lebhaft unterhielten. Beide waren
-in mittleren Jahren, und man sah ihnen sofort eine gewisse übertriebene
-Empfindlichkeit an. Der eine war groß und sehr dick, der andere
-gleichfalls sehr dick, aber klein. Sie unterhielten sich auf polnisch
-über die neuesten Pariser Ereignisse. Der _dadais_ hatte sie schon lange
-aufmerksam betrachtet und zu ihnen hinübergehorcht. Der kleinere Pole
-erschien ihm offenbar als komische Figur, und er haßte ihn sofort, wie
-das bei Leuten, die an der Galle oder Leber leiden, sehr häufig ohne
-jeglichen Grund geschieht. Plötzlich sprach der kleine Pole den Namen
-des Deputierten Madiér de Montjeáu aus, aber nach der Gewohnheit sehr
-vieler Polen sprach er ihn polnisch aus, das heißt, er betonte statt der
-letzten, die vorletzte Silbe: also nicht Madiér de Montjeáu, sondern
-Mádier de Móntjeau. Das genügte dem _dadais_. Er wandte sich auf seinem
-Platz zu den Polen um, reckte sich stolz und sagte plötzlich laut und
-deutlich, als richte er eine Frage an sie:
-
-»Madiér de Montjeáu?«
-
-Die Polen drehten sich wütend nach ihm um.
-
-»Was wünschen Sie?« schrie der große Pole ihn laut auf russisch an.
-
-Der _dadais_ wartete einen Augenblick.
-
-»Madiér de Montjeáu,« wiederholte er plötzlich noch einmal laut, daß es
-über den ganzen Saal hin zu hören war, doch ohne weiter irgendeine
-Erklärung abzugeben, genau so dumm, wie er vor der Tür bei Lambert
-drohend auf mich zugetreten war und mehrmals den Namen »Dolgorowky«
-ausgesprochen hatte.
-
-Die Polen sprangen auf, Lambert schnellte hinter dem Tisch in die Höhe
-und wollte, wie es schien, sich auf Andrejeff stürzen, besann sich aber
-und eilte zu den Polen, um sie untertänigst um Entschuldigung zu bitten.
-
-»Das sind ja Narren, Pane, das sind ja Narren!« rief der kleine Pole mit
-Verachtung, vor Zorn dabei rot wie eine Mohrrübe. »Man kann ja bald
-nicht mehr herkommen!« Auch sonst entstand Unruhe im Saal, man hörte
-murren, hauptsächlich freilich lachen.
-
-»Kommen Sie ... bitte ... gehen wir!« murmelte Lambert ganz verwirrt,
-und hatte ersichtlich nur den einen Wunsch, Andrejeff aus dem Lokal zu
-entfernen. Dieser blickte Lambert prüfend an, und erst als er erriet,
-daß der ihm nun Geld geben würde, willigte er ein, ihm zu folgen.
-Wahrscheinlich war es nicht das erstemal, daß er auf diese schamlose
-Manier von Lambert Geld erpreßte. Trischatoff wollte ihnen eilig folgen,
-sah dann aber mich an und blieb.
-
-»Ach, wie ekelhaft!« sagte er und bedeckte die Augen mit seinen feinen
-Fingerchen.
-
-»Tja, ekelhaft ist schon das Wort dafür,« brummte diesmal ganz erbost
-der Pockennarbige.
-
-Lambert kehrte ganz bleich zurück und begann sogleich mit lebhaften
-Gesten auf den Pockennarbigen flüsternd einzureden. Dieser befahl dem
-Kellner, schnell den Kaffee zu servieren, und hörte Lambert nur
-widerwillig zu; er hatte es offenbar eilig, fortzukommen. Und dabei war
-der ganze Zwischenfall doch nur ein dummer Jungenstreich gewesen.
-Trischatoff kam mit seiner Tasse Kaffee zu mir herüber und setzte sich
-neben mich.
-
-»Ich habe ihn sehr gern,« begann er mit einer solchen Offenherzigkeit,
-als hätte er mit mir schon oft darüber gesprochen. »Sie glauben nicht,
-wie unglücklich Andrejeff ist. Er hat die ganze Mitgift seiner Schwester
-durchgebracht und vertrunken, ja, alles was sie besaßen, hat er in dem
-einen Jahr, als er diente, durchgebracht, und ich sehe, wie ihn das
-jetzt quält. Daß er sich nicht wäscht -- das geschieht nur aus
-Verzweiflung. Und wissen Sie, er hat furchtbar sonderbare Gedanken:
-plötzlich behauptet er, daß zwischen einem Schurken und einem ehrlichen
-Menschen gar kein Unterschied sei, das sei alles eins und man solle
-deshalb nichts tun, überhaupt nichts, weder Gutes noch Böses, oder wenn
-man wolle, könne man ja auch Gutes oder Böses tun, am besten aber sei
-doch, gar nichts zu tun und einfach herumzuliegen, ohne auch nur einmal
-im Monat die Kleider zu wechseln, nur zu essen und zu trinken und
-hauptsächlich zu schlafen -- und sonst nichts. Aber glauben Sie mir, das
-sagte er doch alles nur so. Und wissen Sie, ich glaube sogar, diesen
-ganzen Skandal vorhin, den hat er nur gemacht, um mit Lambert endgültig
-zu brechen. Er hat schon gestern davon gesprochen. Werden Sie's glauben:
-manchmal nachts, oder wenn er lange allein sitzt, da fängt er zu weinen
-an, und wissen Sie, er weint so sonderbar, wie sonst kein Mensch weint;
-er schluchzt, schluchzt so schrecklich, und das, wissen Sie, tut noch
-weher ... Und dabei ist er doch so groß und so stark, und plötzlich --
-schluchzt er wie ein Kind. Was für ein armer Kerl, nicht wahr? Ich
-möchte ihn so gern retten, aber ich bin ja selbst -- ein so schlechter,
-verlorener Bengel, wie Sie's gar nicht glauben! Würden Sie mich
-empfangen, Dolgoruki, wenn ich einmal zu Ihnen käme?«
-
-»Oh, kommen Sie nur, ich habe Sie sogar sehr gern.«
-
-»Weshalb denn? Nun, ich danke Ihnen. Hören Sie mal, trinken wir noch ein
-Glas. Übrigens, was fällt mir ein! Nein, trinken Sie lieber nicht. Er
-hatte ganz recht, als er Ihnen sagte, daß Sie nicht mehr trinken
-dürfen,« unterbrach er sich plötzlich und zwinkerte mir bedeutsam zu.
-»Ich aber werde noch ein Glas trinken. Bei mir kommt's nicht darauf an,
-ich kann mich ja doch nicht beherrschen, glauben Sie mir. Sie brauchen
-mir bloß zu sagen, ich soll nicht mehr in Restaurants dinieren, und ich
-bin sofort zu allem bereit, nur um wieder dinieren zu können. Oh, ich
-versichere Sie, es ist unser innigster Wunsch, anständige Menschen zu
-werden, aber wir schieben's nur immer auf, und darüber >... vergehen die
-Jahre, die besten Jahre!< Er aber, ich fürchte sehr -- er erhängt sich
-noch mal. Er geht und tut's, ohne einem Menschen ein Wort zu sagen. So
-ist er. Heutzutage hängen sich ja alle auf. Wer weiß, vielleicht gibt's
-viele solcher, wie wir sind. Ich, zum Beispiel, kann ohne überflüssiges
-Geld einfach nicht leben. Mir ist das überflüssige Geld viel wichtiger
-als das notwendige. -- Sagen Sie, lieben Sie Musik? Ich liebe sie
-furchtbar. Wenn ich zu Ihnen komme, werde ich Ihnen was vorspielen. Ich
-spiele sehr gut Klavier. Habe sehr lange Musik studiert. Ernsthaft
-studiert. Wenn ich mal eine Oper komponierte, so, wissen Sie, würde ich
-den Stoff aus dem >Faust< nehmen. Dieses Thema liebe ich sehr. Ich
-komponiere mir immer die Szene im Dom, das heißt, ich komponiere sie nur
-so im Kopf. Das Innere eines gotischen Domes, Chöre, Hymnen; Gretchen
-tritt ein, und dazu, wissen Sie, -- mittelalterliche Chöre, aus denen
-man das ganze fünfzehnte Jahrhundert heraushört. Gretchen in
-Verzweiflung, zuerst ein Rezitativ, leise, aber qualvoll, die Chöre
-dröhnen düster, streng, teilnahmlos:
-
- _Dies irae, dies illa!_
-
-Und auf einmal -- die Stimme des Teufels, die Arie des Teufels. Er ist
-unsichtbar, nur eine Stimme klingt nebenher, klingt mit den Hymnen,
-fällt mit ihnen zusammen, löst sich in ihnen auf, und ist dabei doch
-etwas ganz anderes -- so irgendwie müßte das gemacht werden. Eine lange,
-unendliche Arie für Tenor, unbedingt für Tenor. Sie beginnt leise,
-zärtlich: >Wie anders, Gretchen, war dir's, als du noch voll Unschuld
-hier zum Altar tratst, ... halb Kinderspiele, halb Gott im Herzen?< Und
-die Arie wird immer stärker, immer leidenschaftlicher; die Töne werden
-immer höher: Tränen sind in ihnen, Schmerz, unaufhörlicher,
-unentrinnbarer Schmerz, und zuletzt die Verzweiflung: >Keine Vergebung
-für dich, keine Vergebung!< Gretchen will beten, doch ihrer Brust
-entringen sich nur Schreie -- wissen Sie, wenn die Brust sich
-zusammenkrampft, vom Schluchzen -- aber die Stimme des Satans verstummt
-nicht, immer tiefer bohrt sie sich wie ein Dolch in ihre Seele, immer
-höher schwingt sich ihr Ton -- und plötzlich bricht sie ab mit dem
-Schrei: >Es ist aus, du bist verdammt!< Gretchen fällt auf die Knie,
-ringt die Hände -- und dann beginnt ihr Gebet, ein kurzes Halbrezitativ,
-ganz naiv, ganz ohne Künstelei, etwas im höchsten Grade
-Mittelalterliches, vier Verse, im ganzen nur vier Verse -- bei Stradella
-gibt es so ein Motiv -- und nach dem letzten Ton fällt sie in Ohnmacht!
-Allgemeine Verwirrung. Sie wird aufgehoben, hinausgetragen -- und da
-setzt auf einmal ein gewaltiger Chor ein. Der müßte wie ein Orkan von
-Stimmen sein, ein begeisterter, rauschender Chor, wie eine gewaltige
-Hymne von der Art unseres Dorinossima Tschinmi, daß alles bis in die
-Grundfesten erbebt, bis schließlich alles in den begeisterten,
-jauchzenden Aufschrei >Hosianna!< ausklingt. Wie ein Schrei des ganzen
-Weltalls müßte es sein, sie aber wird weiter und weiter getragen, und
-dann fällt der Vorhang. Nein, wissen Sie, wenn ich das nur machen
-könnte! Nur kann ich jetzt schon gar nichts mehr -- außer träumen. Ich
-träume und träume in einem fort; mein ganzes Leben verwandelt sich in
-einen Traum, auch nachts. Ach, Dolgoruki, haben Sie den
->Antiquitätenhändler< von Dickens gelesen?«
-
-»Ja, ich habe ihn gelesen; was ist denn damit?«
-
-»Erinnern Sie sich ... Warten Sie, ich trinke noch ein Glas -- erinnern
-Sie sich noch der einen Stelle ganz zum Schluß, wie die beiden -- der
-wahnsinnige Greis und dieses reizende dreizehnjährige Mädchen, seine
-Enkelin -- nach ihren Irrfahrten endlich irgendwo ganz hinten in England
-ein Unterkommen finden, dort bei einer mittelalterlichen gotischen
-Kirche, wo das Mädchen noch ein Amt erhält: den Besuchern die Kirche zu
-zeigen ... Und einmal, bei Sonnenuntergang, steht dieses Kind vor dem
-Kirchenportal, ganz umflutet von den letzten Sonnenstrahlen, steht und
-sieht in den Sonnenuntergang, mit stiller, nachdenklicher Betrachtung in
-der erstaunten Kinderseele, als stünde es vor einem Rätsel, denn das
-eine wie das andere scheint wie ein Rätsel -- dort die Sonne als ein
-Gedanke Gottes, hier der Dom als ein Menschengedanke ... nicht wahr? Oh,
-ich kann das nicht so ausdrücken, aber Gott liebt die ersten Gedanken
-solcher Kinder ... Und neben ihr, auf den Stufen des Domes, sitzt der
-wahnsinnige Alte, ihr Großvater, und sieht sie starr an ... Wissen Sie,
-da ist ja gar nichts Besonderes in diesem Dickensschen Bilde, ja,
-eigentlich nichts Besonderes, und doch werden Sie es in Ewigkeit nicht
-vergessen, und so ist es auch in der Erinnerung von ganz Europa
-geblieben -- warum? Weil das Schönheit ist! Das ist Unschuld! Oder ich
-weiß selbst nicht, was das ist: aber es ist schön! Ich habe die ganze
-Zeit auf dem Gymnasium nur Romane gelesen. Wissen Sie, ich habe eine
-Schwester auf dem Gut, die ist nur ein Jahr älter als ich ... Oh, jetzt
-ist dort alles schon verkauft, und auch das Gut haben wir nicht mehr!
-Ich hab' mit ihr auf der Terrasse gesessen, unter unseren alten Linden,
-und hab' mit ihr zusammen diesen Roman gelesen, und die Sonne ging da
-auch gerade unter, und plötzlich hörten wir auf, zu lesen, und gaben uns
-gegenseitig das Versprechen, von nun an auch so gut zu sein und immer
-edel zu handeln -- ich bereitete mich damals gerade für die Universität
-vor, und ... Ach, wissen Sie, Dolgoruki, ein jeder hat seine
-Erinnerungen! ...«
-
-Und plötzlich lehnte er seinen hübschen Kopf an meine Schulter und --
-weinte. Er tat mir sehr, sehr leid. Freilich hatte er viel Wein
-getrunken, aber er sprach so aufrichtig und brüderlich zu mir und mit so
-echtem Gefühl ...
-
-In diesem Augenblick hörten wir plötzlich von der Straße her Geschrei,
-und starke Finger trommelten an unser Fenster (es waren große
-Glasscheiben zur Straße hin, im Erdgeschoß, so daß man sie vom Fußsteig
-aus erreichen konnte). Das war der vor die Tür gesetzte Andrejeff.
-
-»_Ohé, Lambert! Où est Lambert! As-tu vu Lambert?_«{[98]} scholl seine
-wilde Stimme von draußen.
-
-»Ah, so ist er noch da! Er ist also noch nicht fortgegangen?« rief mein
-Junge und sprang auf.
-
-»Zahlen!« wandte sich Lambert an den Kellner. Seine Hände zitterten vor
-Wut, als er das Geld herausholte, doch siehe da, der Pockennarbige ließ
-es nicht zu, daß er auch für ihn bezahlte.
-
-»Warum denn nicht? Ich habe Sie doch aufgefordert, und Sie haben die
-Aufforderung angenommen?«
-
-»Nein, Sie müssen schon gestatten ...« Der Pockennarbige nahm seine
-Börse, berechnete seinen Anteil und bezahlte für sich.
-
-»Sie beleidigen mich, Ssemjon Ssidorowitsch!«
-
-»Ich wünsche es aber so,« schnitt ihm Ssemjon Ssidorowitsch das Wort ab,
-nahm seinen Hut und verließ, ohne sich von jemandem zu verabschieden,
-allein das Lokal. Lambert warf dem Kellner das Geld hin und stürzte ihm
-eilig nach, wobei er in seiner Erregung mich ganz vergaß. Trischatoff
-und ich folgten als die Letzten. Andrejeff stand wie eine Schildwache
-vor der Tür und wartete auf Trischatoff.
-
-»Du Lump!« konnte sich Lambert nicht enthalten, ihn anzufahren.
-
-»_No, no!_« brüllte Andrejeff auf ihn los und schlug ihm mit einer
-Handbewegung den runden Hut vom Kopf, der über den Fußsteig rollte.
-Lambert lief mit erniedrigendem Eifer hinter ihm her, um ihn aufzuheben.
-
-»_Vingt-cinq roubles!_«{[99]} sagte Andrejeff und zeigte Trischatoff den
-Geldschein, den er Lambert vorhin abgeknöpft hatte.
-
-»So laß doch,« rief Trischatoff geärgert. »Warum benimmst du dich immer
-so ... Und wofür hast du ihm ganze fünfundzwanzig abgenommen? Du hattest
-doch nur sieben zu bekommen.«
-
-»Wofür ich sie ihm abgenommen? Er hatte uns doch ein Diner im _chambre
-séparée_{[100]} versprochen; mit olympischen Weibern; aber statt der
-Weiber hat er uns nur einen Pockennarbigen serviert; und außerdem habe
-ich mich nicht satt essen können und habe hier in der Kälte wenigstens
-für achtzehn Rubel gefroren. Sieben Rubel hatte ich noch von ihm zu
-bekommen -- macht zusammen genau fünfundzwanzig Rubel aus.«
-
-»Schert euch alle beide zum Teufel!« brüllte Lambert. »Ich werfe euch
-beide hinaus und werd' euch schon Mores lehren ...«
-
-»Lambert, nicht Sie, sondern ich werfe Sie hinaus und werde Sie schon
-Mores lehren!« schrie seinerseits Andrejeff. »_Adieu, mon
-prince_,{[101]} trinken Sie nicht zuviel Wein! Petjä, komm, marsch!
-_Ohé, Lambert! Où est Lambert? As-tu vu Lambert?_«{[98]} gröhlte er noch
-zum letztenmal und entfernte sich schon mit seinen langen Schritten.
-
-»Ich werde also zu Ihnen kommen, darf ich?« flüsterte mir Trischatoff
-noch schnell zu und eilte seinem Freunde nach.
-
-Ich blieb allein mit Lambert.
-
-»Na ... gehen wir!« sagte Lambert, der mühsam Atem holte und noch ganz
-betäubt zu sein schien.
-
-»Wohin gehen? Mit dir gehe ich nirgendwohin,« beeilte ich mich, ihn
-herausfordernd anzuschreien.
-
-»Wie, du willst nicht mitgehen!« fuhr er erschrocken aus seiner
-Betäubung auf. »Ich habe ja nur darauf gewartet, daß wir endlich allein
-blieben!«
-
-»Ja, wohin denn gehen?« Ich muß gestehen, daß mir von den drei Gläsern
-Champagner und von zwei Gläsern Sherry der Kopf schon ein wenig benommen
-war.
-
-»Hierherein, siehst du, hierherein!«
-
-»Da steht doch >Frische Austern< auf dem Plakat. Dort riecht es so
-scheußlich ...«
-
-»Das scheint dir nur, weil du vom Essen kommst, das ist die Miljutinsche
-Delikateßhandlung; Austern brauchen wir ja nicht zu essen, aber ich
-werde dir Champagner bestellen ...«
-
-»Ich will nicht! Ich weiß, du willst mich betrunken machen.«
-
-»Das haben dir diese Schufte eingeredet; aber sie haben sich doch nur
-über dich lustig machen wollen. Und du glaubst diesen Schurken!«
-
-»Nein, Trischatoff ist kein Schurke. Und ich verstehe mich auch selbst
-in acht zu nehmen -- verstanden?«
-
-»Was, du glaubst, einen eigenen Willen zu haben?«
-
-»Ja, ich habe mehr Charakter als du, denn du bist Sklave jedes ersten
-besten. Du hast uns blamiert, wie ein Lakai hast du die Polen um
-Entschuldigung gebeten. Du mußt wohl in Restaurants schon oft Prügel
-gekriegt haben?«
-
-»Wir müssen uns doch aussprechen, Dummkopf!« rief er mit jener
-verachtenden Ungeduld, die beinahe sagte: »Tu doch nicht, als ob du was
-Besseres wärest!« Aber er sagte nur: »Du hast wohl Angst, was? Bist du
-mein Freund oder bist du nicht mein Freund?«
-
-»Ich bin nicht dein Freund und kann es auch gar nicht sein, denn ich
-weiß, daß du ein Schuft bist. Doch gehen wir, nur um dir zu zeigen, daß
-ich dich nicht fürchte! Puh, wie es hier stinkt! Nach Käse! Was für eine
-Schweinerei!«
-
-
- Sechstes Kapitel.
-
-
- I.
-
-Ich bitte nochmals, nicht zu vergessen, daß mir der Kopf schon ein wenig
-benommen war: wäre das nicht der Fall gewesen, so hätte ich wohl anders
-gesprochen und gehandelt. In einem Hinterzimmer dieser Miljutinschen
-Handlung konnte man Austern essen, und wir setzten uns also dort an ein
-Tischchen, das mit einem billigen, unsauberen Tischtuch bedeckt war.
-Lambert bestellte Champagner; das Glas mit dem kalten goldfarbenen Weine
-stand plötzlich vor mir und blinkte mich verführerisch an; ich aber
-ärgerte mich.
-
-»Sieh, Lambert, hauptsächlich ärgere ich mich, weil du dir einbildest,
-mir auch jetzt noch so befehlen zu können, wie bei Touchard, während du
-doch hier der Diener aller bist.«
-
-»Dummkopf! Na, stoßen wir an!«
-
-»Du hältst es nicht einmal für der Mühe wert, dich vor mir zu
-verstellen; wenn du es doch wenigstens verbergen würdest, daß du mich
-betrunken machen willst!«
-
-»Red' keinen Unsinn, du bist ja schon betrunken. Wenn du jetzt noch
-etwas trinkst, wirst du nur lustiger werden. Nimm dein Glas, so nimm's
-doch!«
-
-»Was heißt das: >so nimm's doch<? Ich gehe einfach fort und damit
-Schluß!«
-
-Und damit stand ich auf. Er wurde schrecklich wütend.
-
-»Dir hat Trischatoff von mir was ins Ohr gesetzt! Ich hab' doch gesehen,
-wie ihr dort zusammen getuschelt habt. Du bist ein Dummkopf. Alphonsina
-ekelt sich, wenn er ihr nur in die Nähe kommt ... Er ist gemein. Ich
-werde dir noch erzählen, was er für einer ist ...«
-
-»Das hast du mir schon gesagt. Bei dir ist jedes dritte Wort Alphonsina;
-du bist entsetzlich beschränkt.«
-
-»Beschränkt?« Er verstand mich nicht. »Sie sind jetzt zum Pockennarbigen
-übergegangen. Das ist es! Darum habe ich sie davongejagt. Sie sind
-ehrlose Buben. Dieser Pockennarbige ist ein Erzschuft und wird sie noch
-ganz anders verderben! Ich aber habe von ihnen immer verlangt, daß sie
-sich anständig aufführen.«
-
-Ich setzte mich wieder, griff ganz mechanisch nach dem Glas und trank
-einen Schluck.
-
-»Ich stehe an Bildung hoch über dir,« sagte ich.
-
-Er aber war selig, daß ich mich wieder gesetzt hatte, und füllte
-sogleich mein Glas bis zum Rande nach.
-
-»Du scheinst sie ja sehr zu fürchten?« fuhr ich fort, ihn zu kränken
-(und sicherlich war ich in diesem Augenblick viel widerlicher als er).
-»Andrejeff schlug dir den Hut vom Kopf, und dafür hast du ihm
-fünfundzwanzig Rubel gegeben.«
-
-»Das hab' ich, aber er wird mir schon dafür büßen. Sie verschwören sich
-jetzt gegen mich, aber ich werde schon mit ihnen fertig werden ...«
-
-»Der Pockennarbige scheint dich ja sehr zu beunruhigen. Und weißt du,
-ich glaube, ich bin jetzt der einzige, der dir noch verblieben ist. Alle
-deine Hoffnungen hast du jetzt auf mich gesetzt, -- ist's nicht so?«
-
-»Ja, Arkadi, das ist so: Du bist jetzt der einzige Freund, der mir noch
-geblieben ist; das hast du gut gesagt!« Er klopfte mir auf die Schulter.
-
-Was sollte man mit einem so beschränkten Menschen anfangen? Er war ja
-geistig vollkommen unentwickelt und faßte meinen Spott als Schmeichelei
-auf.
-
-»Du könntest mir aus einer schlimmen Lage helfen, wenn du ein guter
-Freund sein willst, Arkadi,« fuhr er fort und sah mich liebevoll an.
-
-»Wobei könnte ich dir denn helfen?«
-
-»Du weißt doch selbst, wobei. Ohne mich würdest du die Sache wie ein
-Narr anfassen und alles nur verpfuschen, ich aber würde dir
-dreißigtausend Rubel geben; wir würden den Gewinn einfach teilen, und du
-weißt doch schon selbst wie und was! Na, und überhaupt: was bist du
-jetzt? Du hast doch nichts -- keinen Namen, keine Familie; hier aber
-bietet sich dir mit einem Schlage ein ganzes Vermögen; und hast du erst
-einmal Geld, so kannst du noch wer weiß was für eine Karriere machen!«
-
-Ich staunte nur so über die Art seines Vorgehens. Ich hatte zum
-mindesten erwartet, daß er mich zu überlisten suchen werde, und nun
-begann er mit mir so ohne alle Vorsichtsmaßregeln, als ob ich ein dummer
-Junge gewesen wäre! Ich beschloß, ihn anzuhören; ich tat es einerseits
-aus Vorurteilslosigkeit und andererseits ... aus schrecklicher Neugier.
-
-»Sieh, Lambert: du wirst das zwar nicht verstehen, aber ich bin bereit,
-dich anzuhören, weil ich vorurteilslos bin,« erklärte ich mit
-plötzlicher Entschlossenheit und trank wieder einen Schluck.
-
-Lambert goß sofort wieder nach.
-
-»Hör' mich an, Arkadi: wenn so ein Bjoring gewagt hätte, mich in
-Gegenwart einer Dame, die ich vergöttere, zu schlagen und zu
-beschimpfen, -- ich weiß nicht, was ich mit ihm getan hätte! Du aber
-hast den Schimpf eingesteckt, und ich kann dich einfach nur verachten:
-Du bist ja doch nur ein Waschlappen!«
-
-»Wie wagst du, zu behaupten, Bjoring hätte mich geschlagen!« schrie ich
-und wurde rot. »Eher habe ich ihn geschlagen, als er mich!«
-
-»Nein, er hat dich geschlagen, nicht du ihn.«
-
-»Du lügst; ich bin ihm dabei noch auf den Fuß getreten!«
-
-»Er aber hat dich mit dem Arm zurückgestoßen und den Dienern befohlen,
-dich rauszuschmeißen ... und sie hat im Wagen gesessen und dich
-ausgelacht; sie wußte, daß du keinen Vater hast, und daß man dich
-ungestraft beleidigen kann.«
-
-»Ich weiß nicht, Lambert ... wir führen eine Unterhaltung wie zwei dumme
-Jungen, daß ich mich rein schäme. Du willst mich aufhetzen und tust es
-so plump und offensichtlich, als hättest du einen Sechzehnjährigen vor
-dir. Du hast dich mit Anna Andrejewna verabredet!« schrie ich wutbebend
-und trank dabei ganz mechanisch wieder einen Schluck.
-
-»Anna Andrejewna ist eine schlaue Intrigantin! Sie wird noch dich und
-mich und die ganze Welt betrügen! Ich habe nur auf dich gewartet, denn
-du wirst bei der anderen mehr erreichen als bei dieser.«
-
-»Bei welcher anderen?«
-
-»Na, bei Madame Achmakoff. Ich weiß alles. Du hast mir selbst gesagt,
-daß sie den Brief, der in deinen Händen ist, fürchtet ...«
-
-»Was für einen Brief ... du lügst ... hast du sie gesehen?« stammelte
-ich verwirrt.
-
-»Ich habe sie gesehen. Sie ist sehr schön. _Très belle_;{[102]} du hast
-einen guten Geschmack.«
-
-»Ich weiß, daß du sie gesehen hast; aber mit ihr zu sprechen hast du
-doch nicht gewagt, und ich will auch nicht, daß du _von_ ihr zu sprechen
-wagst!«
-
-»Du bist noch ein Jüngling, und sie macht sich über dich lustig -- das
-ist das Ganze! Wir haben in Moskau einen ähnlichen Fall mit einer
-solchen tugendhaften Dame gehabt: ach, wie stolz die war, und wie hoch
-sie die Nase trug! Und wie erzitterte sie, als man ihr sagte, wir würden
-alles erzählen, und wie gehorsam war sie dann -- und wir nahmen
-natürlich das eine wie das andere: Geld und noch -- du kannst dir schon
-denken was. Jetzt ist sie in der Gesellschaft wieder die unnahbare große
-Dame -- Teufel noch eins, wie hoch oben sie wieder ist, und in was für
-einer Equipage sie wieder fährt, und dabei -- wenn du nur gesehen
-hättest, in was für einer Spelunke das geschah! Du kennst das Leben noch
-nicht, wenn du wüßtest, vor was für Spelunken diese Damen nicht
-zurückscheuen ...«
-
-»Das hab' ich mir gedacht,« murmelte ich unwillkürlich.
-
-»Verdorben sind sie bis in die Fingerspitzen! Du ahnst es nicht, wozu
-sie fähig sind! Alphonsina ist einmal in solch einem reichen Hause
-gewesen, -- geekelt hat sie sich einfach davor!«
-
-»Das habe ich mir gedacht,« entfuhr es mir wieder.
-
-»Du aber läßt dich schlagen und hast dann noch Mitleid mit ihr ...«
-
-»Lambert, du bist ein Schurke, du verfluchter Lump!« schrie ich, da mir
-plötzlich alles klar wurde, und ich zitterte vor Wut. »Ich hab' das
-alles schon im Traum gesehen, du standest mit Anna Andrejewna ... Oh, du
-verfluchter Lump! Hast du wirklich geglaubt, daß ich so ein Schurke sein
-könnte? Mir hat davon bereits geträumt, weil ich wußte, daß du mir
-Ähnliches sagen würdest! Und schließlich, das kann doch nicht alles so
-einfach sein, daß du mir so geradeaus und ohne Bedenken davon reden
-kannst!«
-
-»Sieh mal, wie du aufbraust! Te-te-te!« spottete Lambert und lachte
-triumphierend. »Nun, Freund Arkaschka, jetzt weiß ich glücklich alles,
-was ich wissen wollte. Darum hab' ich auf dich gewartet. Höre mal: du
-hast dich also in sie verliebt und möchtest dich an Bjoring rächen --
-sieh, das war es, was ich wissen mußte. Ich hab' mir das auch schon
-gedacht, die ganze Zeit, während ich auf dich wartete. _Ceci posé, cela
-change la question._{[103]} Um so besser, da sie doch selbst in dich
-verliebt ist. Darum heirate sie, ohne zu zögern, das wird das Beste
-sein, was du tun kannst. Und was anderes kannst du auch gar nicht tun,
-du hast das Richtigste getroffen. Und dann vergiß eines nicht, Arkadi:
-daß du einen Freund hast, auf dem du meinetwegen reiten kannst -- und
-dieser Freund bin ich. Dieser Freund wird dir helfen und dich mit ihr
-verheiraten: und sollte er auch alles aus der Hölle für dich herausholen
-müssen, Arkascha! Du aber gibst deinem alten Freunde dann dreißig
-Tausender für die Mühe, was? Ich werde dir mächtig helfen, da sei du
-unbesorgt. In solchen Geschäften kenne ich mich aus: du bekommst ihre
-ganze Mitgift ausgezahlt, bist dann ein reicher Mann und hast eine
-glänzende Zukunft vor dir!«
-
-In meinem Kopf ging zwar schon alles durcheinander, aber ich sah Lambert
-doch noch mit Verwunderung an. Er sprach im Ernst, das heißt, nicht, daß
-man ihn ernst nehmen konnte, aber jedenfalls schien er doch im Ernst an
-die Möglichkeit zu glauben, mich mit ihr verheiraten zu können, und
-offenbar nahm er die Idee mit Begeisterung auf. Selbstverständlich
-merkte ich sofort, daß er mich fangen wollte, und das noch dazu in einer
-so plumpen Art, als hätte er es mit einem dummen Jungen zu tun gehabt;
-sicher habe ich das schon damals bemerkt; aber der Gedanke an eine Ehe
-mit ihr überwältigte mich dermaßen und nahm mich so schnell gefangen,
-daß ich -- obgleich ich mich über Lambert wunderte, weil er von einem so
-phantastischen Einfall ernsthaft reden konnte -- daß ich doch
-gleichzeitig selber ganz hingerissen an die Möglichkeit glaubte, ohne
-aber dabei auch nur für einen Augenblick das Bewußtsein zu verlieren,
-daß diese sich nie und nimmer verwirklichen konnte. Ich begreife selbst
-nicht, wie sich das alles in mir miteinander vertrug.
-
-»Ja, aber ist denn das möglich?« stammelte ich.
-
-»Warum denn nicht? Du zeigst ihr das Dokument -- da wird sie Angst
-bekommen und dich heiraten, um nicht ihr ganzes Erbe zu verlieren.«
-
-Ich beschloß, Lambert in seinen gemeinen Vorschlägen nicht zu
-unterbrechen, zumal er sie mir mit einer Harmlosigkeit vorlegte, die
-nicht einmal zu ahnen schien, daß ich mich plötzlich dagegen empören
-könnte; indessen murmelte ich doch so etwas davon, daß ich sie nicht
-zwingen wolle:
-
-»Aber ich will sie doch um nichts in der Welt mit Gewalt dazu bewegen,
-mich zu heiraten, wie kannst du so gemein sein, mir überhaupt solche
-Vorschläge zu machen?«
-
-»Ei, was! sie heiratet dich ja ganz von selbst: du brauchst sie zu
-nichts zu zwingen, denn sie wird so erschrocken sein, daß sie von selbst
-alles tun wird. Und sie wird allein schon darum wollen, weil doch auch
-sie in dich verliebt ist,« schloß Lambert, und sprach plötzlich die
-Hauptsache aus.
-
-»Du lügst! Du willst dich über mich lustig machen! Woher kannst du
-wissen, ob sie in mich verliebt ist?«
-
-»Unbedingt ist sie das! Ich weiß es. Auch Anna Andrejewna ist der
-Meinung. Ich sage dir das im Ernst und es ist wahr, daß Anna Andrejewna
-daran glaubt. Und dann werde ich dir noch etwas erzählen, wenn du zu mir
-kommst, eine Sache, aus der du ersehen kannst, daß sie in dich verliebt
-ist. Alphonsina ist in Zarskoje gewesen; sie hat da auch erfahren ...«
-
-»Was kann sie denn da erfahren haben?«
-
-»Komm, gehen wir zu mir! Sie wird dir alles selbst erzählen, und du
-wirst es gern hören. Bist du denn schlechter als irgendein anderer? Du
-bist hübsch, wohlerzogen ...«
-
-»Ja, ich bin wohlerzogen,« flüsterte ich atemlos. Mein Herz klopfte
-mächtig, und natürlich nicht nur vom Wein.
-
-»Du bist ein hübscher Kerl, du bist immer gut gekleidet.«
-
-»Ja, ich bin gut gekleidet.«
-
-»Und du bist ein guter Kerl ...«
-
-»Ja, ich bin ein guter Kerl.«
-
-»Warum sollte sie da nicht ja sagen? Bjoring wird sie ohne Geld
-selbstverständlich nicht nehmen, du aber kannst sie durch ihren Vater an
-den Bettelstab bringen. Das wird sie nicht wenig erschrecken. Und wenn
-du sie heiratest, rächst du dich dadurch an Bjoring. Du hast mir doch
-selbst in jener Nacht gesagt, als ich dich halb erfroren zu mir brachte,
-daß sie in dich verliebt ist.«
-
-»Hab' ich dir das wirklich gesagt? Nein, so kann ich mich nicht
-ausgedrückt haben.«
-
-»Doch, gerade so!«
-
-»Vielleicht im Fieber. Dann habe ich dir wohl auch von einem Dokument
-etwas gesagt?«
-
-»Ja, du sagtest, daß du einen Brief besitzest, und ich dachte noch: wie
-kann er, wenn er einen solchen Brief in der Hand hat, seinen Vorteil so
-aus dem Auge lassen?«
-
-»Aber das ist ja alles nur Phantasie, und ich bin doch nicht so dumm, so
-etwas ernst zu nehmen,« murmelte ich. »Erstens ist da der
-Altersunterschied, und zweitens bin ich doch ohne Herkunft.«
-
-»Na, sie wird dich schon nehmen; sie kann ja gar nicht anders, wo es
-sich doch um so viel Geld handelt -- das werde ich ihr schon klarmachen.
-Und außerdem liebt sie dich doch. Du weißt ja selbst am besten, wie sehr
-der alte Fürst dir zugetan ist; durch seine Protektion kannst du noch
-wer weiß was für Verbindungen anknüpfen; und was das betrifft, daß du
-keine Vorfahren hast, so ist doch heutigestags so was überhaupt nicht
-mehr nötig; wenn du nur erst Geld hast -- dann geht's schon von selbst
-höher und höher hinauf, und in zehn Jahren bist du ein Millionär, von
-dem ganz Rußland redet, was brauchst du dann noch einen Namen? In
-Österreich kannst du dir den Baron kaufen. Und wenn du sie heiratest, so
-nimm sie gleich fest in die Hand. Du mußt sie stramm halten. Wenn die
-Frau einen Mann liebt, so hat sie es gern, wenn er sie fest in der Faust
-hält. Die Frau liebt im Mann den Charakter. Mit dem Brief wirst du sie
-so erschrecken, daß sie sofort deinen Charakter zu fühlen bekommt. Und
-unwillkürlich wird sie sich dann sagen: >Er ist zwar noch jung, aber er
-hat doch Charakter!<«
-
-Ich saß da wie betäubt. Mit keinem anderen Menschen hätte ich mich zu
-einem so dummen Gespräch erniedrigt. Hier aber trieb mich ein geradezu
-wollüstiger Drang ... Zudem war Lambert so dumm und gemein, daß man sich
-vor ihm eigentlich gar nicht schämen konnte.
-
-»Nein, weißt du, Lambert,« bemerkte ich plötzlich, »du kannst sagen, was
-du willst, aber das meiste davon ist doch Unsinn; ich habe mit dir
-überhaupt nur deshalb davon gesprochen, weil wir alte Kameraden sind und
-uns voreinander nicht zu schämen brauchen; einem anderen gegenüber hätte
-ich mich niemals so weit vergessen. Und, vor allem, woher kannst du
-wissen, ob sie mich liebt? Das mit dem Kapital hast du dir sehr schlau
-ausgedacht, aber, sieh, Lambert, du kennst diese vornehmen Kreise nicht:
-bei ihnen geschieht das alles auf Grund der Überlieferung, sozusagen auf
-ererbten Fundamenten, und da würde sie eben, solange sie meine
-Fähigkeiten noch nicht kennt und nicht weiß, was ich in meinem Leben zu
-erreichen hoffe, doch nicht wollen. Aber ich will dir durchaus nicht
-verhehlen, Lambert, daß es da wirklich einen Punkt gibt, der einem
-Hoffnung machen könnte. Siehst du, vielleicht würde sie mich auch aus
-Dankbarkeit heiraten, weil ich sie dann von dem Haß eines gewissen
-Menschen befreien würde; denn sie fürchtet diesen Menschen sehr.«
-
-»Ach, du meinst deinen Vater? Wie, liebt er sie denn wirklich so
-leidenschaftlich?« fuhr Lambert plötzlich lebhaft und mit
-außergewöhnlicher Neugier auf.
-
-»O nein!« rief ich. »Wie schrecklich du doch bist, Lambert, und zu
-gleicher Zeit wie dumm! Wie könnte ich sie denn heiraten wollen, wenn
-ich wüßte, daß er sie liebt! Wir sind doch immerhin Vater und Sohn -- da
-wär's ja eine Schande! Er liebt Mama, nur Mama liebt er, ich habe
-gesehen, wie er sie umarmt hat. Ich hab' ja selbst schon einmal
-geglaubt, daß er Katerina Nikolajewna liebte, aber jetzt weiß ich's ganz
-genau, daß er sie vielleicht früher mal geliebt hat, sie jetzt aber
-schon seit langem haßt ... und sich an ihr nur noch rächen will; sie
-aber fürchtet sich vor ihm. Ich kann dir nur sagen, Lambert: wenn er
-sich rächen will, kann er unheimlich werden! Er ist dann wie wahnsinnig.
-Wenn er über sie in Zorn gerät, so ist ihm jedes Mittel recht. Das ist
-noch eine Feindschaft von der alten Art: um erhabener Prinzipien willen.
-Heutzutage pfeift man auf allgemeine Prinzipien; heutzutage gibt es
-keine allgemeinen Prinzipien mehr, sondern nur Einzelfälle. Aber davon
-verstehst du ja wieder nichts: du bist, weiß Gott, dumm wie ein Stiebel;
-ich erzähle dir hier von Prinzipien, und du hast wahrscheinlich
-überhaupt keine Vorstellung davon, was ein Prinzip ist. Du bist wirklich
-furchtbar ungebildet. Weißt du noch, wie du mich gehauen hast. Heute bin
-ich stärker als du -- weißt du das auch?«
-
-»Arkaschka, gehen wir zu mir nach Haus! Wir verbringen zusammen den
-Abend, trinken noch eine Flasche, und Alphonsina singt uns zur Gitarre
-vor.«
-
-»Nein, ich will nicht. Höre, Lambert, ich habe außerdem meine >Idee<.
-Wenn aus all dem anderen nichts wird und ich nicht heirate, so werde ich
-nur noch für meine Idee leben; du aber hast keine Idee.«
-
-»Schon gut, schon gut, das erzählst du mir zu Haus, komm, laß uns
-gehen.«
-
-»Nein, ich gehe nicht mit. Ich will nicht, ich tu's nicht. Ich werde
-schon zu dir kommen, aber du bist und bleibst doch ein Schuft. Ich gebe
-dir die Dreißigtausend -- meinetwegen; aber ich bin reiner und stehe
-höher als du ... Ich sehe doch, daß du mich nur betrügen willst. Und von
-ihr zu sprechen oder an sie auch nur zu denken verbiete ich dir jetzt:
-sie steht höher als alles in der Welt, und deine Pläne sind von einer
-solchen Niedrigkeit, daß man über dich nur staunen kann, Lambert. Ich
-möchte heiraten, gewiß -- aber das ist eine Sache für sich; dazu brauche
-ich kein Geld, ich verachte dieses Geld. Ich würde ihr Geld auch dann
-nicht annehmen, wenn sie es mir selbst auf den Knien anböte ... Aber
-heiraten, heiraten -- das ist etwas ganz anderes. Und weißt du, das hast
-du ganz gut gesagt, das von dem in der Faust halten. Lieben muß man,
-leidenschaftlich lieben, mit der ganzen Großmut, die im Manne liegt, und
-deren eine Frau überhaupt nicht fähig ist, und gleichzeitig muß man ein
-Despot sein -- das ist richtig. Denn, weißt du, Lambert, die Frauen
-lieben den Despotismus. Du, Lambert, kennst die Frauen. Aber in allen
-übrigen Dingen bist du doch unglaublich dumm! Und weißt du, Lambert, du
-bist ja gar nicht so ein Schuft, wie es den Anschein hat, du bist nur
-fürchterlich einfältig. Deshalb habe ich dich auch trotz allem noch
-gern. Ach, Lambert, warum bist du so ein Lump? Was könnten wir sonst für
-ein Leben zusammen führen! Weißt du, Trischatoff ist ein lieber Kerl
-...«
-
-Diese letzten zusammenhangslosen Sätze stammelte ich, als wir schon auf
-der Straße waren. Oh, ich übergehe absichtlich nicht die geringste
-Kleinigkeit, damit der Leser sehe, wie leicht ich damals trotz aller
-Begeisterung, trotz aller Schwüre und Gelöbnisse -- nach meiner Genesung
-und »Wiedergeburt« die Vornehmheit und innere Schönheit zu suchen --
-fallen konnte, und noch dazu in solchen Schmutz! Und ich schwöre: wenn
-ich nicht vollkommen und ganz überzeugt wäre, daß ich jetzt schon ein
-ganz und gar anderer Mensch bin, ein Mensch, der sich im praktischen
-Leben wirklich einen Charakter erworben hat, so würde ich dem Leser um
-nichts in der Welt alles dies gestehen.
-
-Wir traten aus dem Laden; Lambert hatte leicht den Arm um mich gelegt
-und stützte mich. Auf einmal sah ich ihn an und bemerkte denselben
-entschlossenen furchtbar aufmerksamen und im höchsten Grade nüchternen
-Ausdruck in seinem Blick -- wie damals am Morgen, als er mich halb
-erstarrt gefunden und mich ebenso umschlungen haltend zur Droschke
-geführt und dabei mit genau derselben Aufmerksamkeit auf mein
-zusammenhangloses Gestammel gelauscht hatte. Bekanntlich kann bei
-Berauschten, die noch nicht vollkommen betrunken und abgefallen sind,
-plötzlich und auf Augenblicke gänzliche Ernüchterung eintreten.
-
-»Um keinen Preis gehe ich jetzt zu dir!« sagte ich entschlossen und
-wieder ganz bei Sinnen. Ich sah ihn höhnisch an und suchte ihn mit der
-Hand von mir wegzuschieben.
-
-»Na, komm schon, Alphonsina wird uns Tee machen, komm!«
-
-Er war natürlich überzeugt, daß ich mich von ihm nicht mehr losreißen
-könne, und hielt mich immer noch als sein sicheres Opfer mit Wonne
-umarmt: er hatte mich doch auch so nötig, gerade an diesem Abend, und
-dazu noch in einem solchen Zustande! Später wird es schon klar werden,
-weswegen!
-
-»Ich will nicht!« wiederholte ich. »He, hierher!« rief ich einen
-vorüberfahrenden Droschkenkutscher an, der sofort anhielt, und ich
-sprang in den Schlitten.
-
-»Was! wo willst du hin? Was fällt dir ein!« brüllte Lambert erschrocken
-und klammerte sich an meinen Pelz.
-
-»Wage es nicht, mir nachzufahren!« schrie ich. »Daß du dich nicht
-unterstehst!«
-
-In diesem Augenblick zog das Pferd an, und mein Pelz wurde Lambert aus
-der Hand gerissen.
-
-»Na wart', du wirst schon zu mir kommen!« schrie er mir wütend nach.
-
-»Wenn's mir paßt -- das hängt von meinem Willen ab!« rief ich zurück,
-indem ich mich im Schlitten nach ihm umwandte.
-
-
- II.
-
-Er folgte mir nicht, freilich nur darum nicht, weil gerade kein zweiter
-Schlitten zur Stelle war, und so gelang es mir, ihm zu entkommen. Ich
-fuhr aber nur bis zum Heumarkt; dort stieg ich aus und entließ den
-Kutscher, denn ich hatte das starke Bedürfnis, zu Fuß zu gehen. Ich
-empfand weder Müdigkeit noch Trunkenheit, ich war nur ausnehmend munter.
-Es war ein großer Überschuß von Kräften in mir, ich fühlte mich zu jedem
-Unternehmen fähig und unzählige angenehme Gedanken gingen mir durch den
-Kopf.
-
-Mein Herz klopfte jäh und hart -- ich hörte jeden Schlag. Und alles
-schien mir so schön und alles so leicht. Als ich an der Hauptwache am
-Heumarkt vorüberging, hatte ich die größte Lust, zum Posten hinzugehen
-und ihn zu umarmen. Es war Tauwetter; der Schnee auf dem Platz sah schon
-ganz schwarz aus und stank; aber auch das gefiel mir.
-
-»Jetzt gehe ich den Obuchoffprospekt hinunter,« dachte ich bei mir,
-»dann biege ich links ein und mache einen Umweg über die
-Ssemjonoffkaserne, das ist schön; alles ist schön. Den Pelz trage ich
-offen ... Warum nimmt ihn mir niemand ab, wo sind denn die Diebe? Auf
-dem Heumarkt soll es doch Diebe geben; mögen sie nur kommen, ich
-überlasse ihnen vielleicht meinen Pelz. Wozu brauche ich einen Pelz? Ein
-Pelz ist Eigentum. _La propriété, c'est le vol._{[104]} Übrigens, was
-ist das für'n Unsinn, aber wie schön ist doch alles! Wie gut, daß es
-taut. Wozu Kälte? Kälte ist ganz überflüssig. Wieviel Unsinn man mit
-sich herumschleppt, aber es ist doch schön. Was habe ich soeben Lambert
-von Prinzipien gesagt? Ich sagte, es gäbe keine allgemeinen Prinzipien,
-es gäbe nur noch >Einzelfälle<. Das war von mir geschwindelt, war eine
-Erzschwindelei! Und mit Absicht, um mich wichtig zu machen. Ein bißchen
-peinlich, aber das tut nichts, ich werde es schon wieder gutmachen.
-Schämen Sie sich nicht, Arkadi Makarowitsch, quälen Sie sich doch nicht
-deswegen! Sie gefallen mir, Arkadi Makarowitsch, Sie gefallen mir sogar
-außerordentlich, mein junger Freund. Schade nur, daß Sie ein kleiner
-Schuft sind ... und ... und ... Ach!«
-
-Ich blieb plötzlich stehen, und mein Herz schlug mächtig vor Entzücken.
-
-»Mein Gott! Was hatte er gesagt? Er sagte, daß sie -- mich liebt! ...
-Oh, er ist ein Spitzbube, er hat viel gelogen; er hat das nur gesagt,
-damit ich bei ihm übernachte. Oder vielleicht auch nicht. Er sagte doch,
-Anna Andrejewna sei derselben Meinung ... Bah! Und Darja Onissimowna --
-ob die nicht manches für ihn ausgekundschaftet hat? Die schnüffelte doch
-überall herum. Warum bin ich eigentlich nicht mit ihm gegangen? Ich
-hätte dann alles erfahren. Hm! Er hat einen Plan. Ich habe ja alles bis
-zur letzten Einzelheit vorausgeahnt. Mein Traum! Ihr Plan ist nicht
-schlecht, Herr Lambert, nur ist das barer Unsinn, denn so wird das nicht
-sein! Oder vielleicht doch? Vielleicht -- doch! Kann er mich denn
-verheiraten? Vielleicht kann er es wirklich. Er ist naiv und gläubig.
-Und dazu ist er dumm und frech, wie alle praktischen Leute. Dummheit mit
-Frechheit gepaart ist eine große Macht. Geben Sie es mir zu, Arkadi
-Makarowitsch, daß Sie sich vor diesem Lambert doch gefürchtet haben!
-Wozu braucht er anständige Menschen? Ganz ernsthaft hat er mir gesagt:
->Hier gibt es keinen einzigen anständigen Menschen!< Aber wer bin ich
-denn selbst? Doch was rede ich! Als ob Spitzbuben nicht auch anständige
-Menschen nötig hätten? Zu Spitzbübereien sind anständige Menschen noch
-viel unentbehrlicher als zu sonstwas. Ha, ha! Das haben Sie in Ihrer
-großen Unschuld bis heute noch nicht gewußt, Arkadi Makarowitsch.
-Herrgott! Und wenn er mich wirklich mit ihr verheiratet!«
-
-Ich stand plötzlich wieder still. Ich muß hier eine Dummheit eingestehen
-(sie liegt ja schon so weit hinter mir!) -- die Dummheit, daß ich schon
-lange vorher hatte heiraten wollen -- das heißt, eigentlich habe ich es
-ja nie gewollt, und es wäre ja auch niemals geschehen (und auch in
-Zukunft wird es nie geschehen, mein Wort darauf!), aber ich habe schon
-oft und schon lange vorher davon geträumt -- und wohl abertausendmal und
-besonders nachts vor dem Einschlafen im Bett -- wie schön es doch sein
-müßte, zu heiraten. Das hatte schon in meinem sechzehnten Jahre
-angefangen. Ich hatte auf dem Gymnasium einen Kameraden, einen
-Altersgenossen, Lawrowski hieß er; er war ein stiller, hübscher Junge,
-der sich übrigens durch nichts weiter auszeichnete. Gesprochen hatte ich
-mit ihm fast noch nie. Eines Abends saßen wir zufällig nebeneinander,
-und er schien ganz in Gedanken versunken zu sein; plötzlich sagte er zu
-mir: »Ach, Dolgoruki, was meinen Sie, wenn man doch jetzt heiraten
-könnte? Nein wirklich, wann soll man denn heiraten, wenn nicht jetzt?
-Gerade jetzt wäre die beste Zeit dazu, und doch ist es für unsereinen
-jetzt ganz unmöglich!« Und so aufrichtig sagte er das. Ich stimmte ihm
-sofort von ganzem Herzen bei, denn ich hatte schon selbst von Ähnlichem
-zu träumen angefangen. Nachher kamen wir eine Zeitlang täglich zusammen
-und sprachen dann heimlich nur von diesem einen, immer nur davon. Dann
-aber -- ich weiß nicht, wie es kam -- suchten wir einander nicht mehr
-auf und sprachen nicht mehr davon. Seitdem träumte ich allein weiter.
-Das ist freilich alles gar nicht der Erwähnung wert, doch -- ich wollte
-eben bloß feststellen, wie früh manchmal so etwas anfangen kann ...
-
-»Es gibt nur einen ernsthaften Einwand,« spann ich meine Gedanken
-weiter, während ich meinen Weg fortsetzte, »denn der geringe
-Altersunterschied kann selbstverständlich kein Hindernis sein; aber wenn
-man bedenkt: sie ist eine solche Aristokratin, und ich heiße -- >einfach
-Dolgoruki<! Das ist schrecklich! Hm! Aber könnte Werssiloff nicht, wenn
-er Mama heiratet, ein Gesuch einreichen und von der Regierung die
-Erlaubnis erwirken, mich zu adoptieren ... sozusagen in Anbetracht
-seiner Verdienste ... Er war doch im Staatsdienst, er hat sich doch um
-den Staat verdient gemacht ...« Und plötzlich durchzuckte es mich: »O
-Teufel, diese Gemeinheit!«
-
-Fast laut stieß ich es hervor, und ich stand zum drittenmal still --
-diesmal wie von einem Keulenschlage getroffen. Die ganze Qual der
-erniedrigenden Erkenntnis, daß ich mir solche Schmach hatte wünschen
-können, wie die Änderung meines Namens durch Adoption, dieser Verrat an
-meiner ganzen Kindheit -- zerstörte in einem Augenblick meine gehobene
-Stimmung, und meine ganze Freude war wie Rauch verflogen. »Nein, das
-werde ich keinem Menschen sagen,« dachte ich und errötete heiß, »so tief
-habe ich nur sinken können, weil ich ... verliebt und dumm bin ... Nein,
-wenn Lambert in einem recht hatte, so war es darin, daß heutzutage, in
-unserer Zeit, die Hauptsache der Mensch selbst ist, und dann erst kommt
-sein Geld. Das heißt, nicht sein Geld, sondern sein Vermögen. Wenn ich
-mich mit solchem Kapital an die Verwirklichung meiner >Idee< mache, so
-wird in zehn Jahren ganz Rußland von mir widerhallen, und ich werde mich
-an allen rächen können. Und mit ihr viel Umstände machen, hat auch gar
-keinen Zweck, darin hat Lambert wieder recht. Sie wird Angst haben und
-mich einfach nehmen. Sie wird auf die einfachste und erbärmlichste Weise
-einwilligen und mich nehmen. >Du kannst dir nicht vorstellen, nicht
-vorstellen kannst du dir, in was für einer Spelunke das geschah.< Diese
-Worte Lamberts fielen mir wieder ein. »Und so ist es,« bekräftigte ich,
-»Lambert hat recht, hat tausendmal mehr recht als ich und Werssiloff und
-alle Idealisten! Er ist ein Realist. Sie wird sehen, daß ich Charakter
-habe und wird sich sagen: >Ah, er hat Charakter!< Lambert ist ein
-Schuft, und ihm kommt es nur darauf an, mir die dreißigtausend Rubel zu
-entreißen, und doch ist er in Wirklichkeit der einzige, der als Freund
-zu mir hält. Eine andere Freundschaft gibt es nicht und kann es gar
-nicht geben, die haben sich bloß unpraktische Leute ausgedacht. Und
-_sie_ erniedrige ich damit durchaus nicht; wodurch erniedrige ich sie
-denn? Keineswegs: die Weiber sind alle so! Gibt es denn überhaupt ein
-Weib, das ganz ohne Gemeinheit wäre? Deshalb muß es auch den Mann über
-sich haben, deshalb ist es als untergeordnetes Wesen geschaffen. Das
-Weib ist Laster und Versuchung, der Mann ist Anstand und Großmut. Und so
-wird es bleiben für die ganze Ewigkeit. Daß ich aber im Begriff stehe,
-das >Dokument< auszunutzen, das besagt noch gar nichts. Das hindert mich
-nicht, anständig und großmütig zu sein. Schillersche Idealmenschen gibt
-es im wirklichen Leben nicht, die hat man sich nur ausgedacht. Dies
-bißchen Niedrigkeit aber -- kann doch schließlich nebensächlich sein,
-wenn das Ziel erhaben ist! Das läßt sich später alles wieder abwaschen
-und gutmachen. Jetzt ist das nur Großzügigkeit, ist >das Leben<, ist die
-Lebensweisheit, -- ja, so nennt man das heutzutage!«
-
-Oh, ich sage noch einmal: möge man mir verzeihen, daß ich diese
-Träumereien der Trunkenheit so eingehend wiedergebe. Was ich hier
-schreibe ist natürlich nur ein Auszug und eine Verdeutlichung meiner
-Träume von damals, aber es ist mir, als hätte ich diese Gedanken sogar
-mit eben diesen Worten gedacht. Ich mußte es wiedergeben, denn ich habe
-mich doch zum Schreiben hingesetzt, weil ich über mich selbst ein Urteil
-fällen wollte. Und was wäre wohl mehr zu verurteilen als diese Haltung?
-Kann denn im Leben etwas ernster sein? Der Wein entschuldigt mich nicht.
-_In vino veritas._
-
-So vor mich hingrübelnd und ganz versunken in meine Träume, hatte ich
-den Weg nach Hause zurückgelegt und war vor Mamas Wohnung angelangt,
-ohne es zu gewahren. Ja, ich gewahrte es auch dann noch nicht, als ich
-schon eintrat; erst in unserem kleinen Vorzimmer kam ich gleichsam zu
-mir, und da fühlte ich plötzlich, daß bei uns etwas Außergewöhnliches
-vor sich ging. Ich hörte in den Zimmern laut sprechen und aufschreien,
-und Mama weinte. In der Tür hätte mich Lukerja, die aus dem Zimmer Makar
-Iwanowitschs kam und in die Küche stürzte, beinahe umgerannt. Ich warf
-meinen Pelz ab und begab mich schnell zu Makar Iwanowitsch, da alle dort
-beisammen waren.
-
-Im Zimmer standen Werssiloff und Mama. Mama lag in seinen Armen, und er
-hielt sie fest an sein Herz gedrückt. Makar Iwanowitsch saß wie
-gewöhnlich auf seiner Bank, aber so sonderbar haltlos, daß Lisa ihn mit
-ihrer ganzen Kraft an beiden Schultern festhalten mußte, damit er nicht
-umfiele, und doch neigte er sich immer mehr nach vorn und drohte ganz zu
-fallen. Ich stürzte näher, erschrak und begriff: der Alte war tot. Er
-war soeben gestorben, vielleicht eine Minute vor meinem Eintreten. Vor
-zehn Minuten hatte er sich noch so wie immer gefühlt. Nur Lisa war bei
-ihm gewesen: sie hatte dagesessen und ihm ihren Kummer erzählt, und er
-hatte ihr, genau wie gestern, den Kopf gestreichelt. Auf einmal hatte er
-zu zittern begonnen (so erzählte Lisa später), hatte aufstehen, hatte
-schreien wollen, und war dann lautlos nach links gesunken. »Herzschlag!«
-meinte Werssiloff. Lisa hatte aufgeschrien, daß es durchs ganze Haus
-hallte, und da erst waren die anderen herbeigelaufen -- und das alles
-eine Minute vor meinem Erscheinen.
-
-»Arkadi!« rief mir Werssiloff zu, »laufe sofort zu Tatjana Pawlowna. Sie
-muß unbedingt zu Hause sein. Bitte sie, sofort herzukommen! Nimm eine
-Droschke. Schnell, ich beschwöre dich!«
-
-Seine Augen blitzten -- ich erinnere mich dessen noch deutlich. Auf
-seinem Gesicht bemerkte ich nichts von Mitgefühl oder Tränen, nur Mama,
-Lisa und Lukerja weinten. Im Gegenteil -- und ich erinnere mich dessen
-nur zu gut --, sein Gesicht hatte den Ausdruck einer außerordentlichen
-Angeregtheit, ja, fast möchte ich sagen, Begeisterung. Ich lief zu
-Tatjana Pawlowna.
-
-Der Weg war nicht sehr weit. Ich nahm auch keine Droschke, sondern lief
-den ganzen Weg zu Fuß, ohne anzuhalten. In meinem Kopfe war ein wirres
-Durcheinander, und auch ich fühlte eine Art Begeisterung. Ich begriff,
-daß etwas Entscheidendes geschehen war. Als ich bei Tatjana Pawlowna
-klingelte, war meine Betrunkenheit spurlos verschwunden und mit ihr alle
-unedlen Gedanken.
-
-Die Finnländerin öffnete: »Nicht zu Haus!« sagte sie kurz und wollte die
-Tür sofort wieder schließen.
-
-»Was heißt das, nicht zu Haus!« Ich drängte mich mit aller Gewalt ins
-Vorzimmer. »Das ist nicht möglich! Makar Iwanowitsch ist gestorben!«
-
-»Wa--as!« hörte ich sofort Tatjana Pawlownas Stimme hinter der
-geschlossenen Zimmertür rufen.
-
-»Ja, gestorben! Makar Iwanowitsch ist gestorben! Andrei Petrowitsch
-bittet Sie, sofort hinzukommen!«
-
-»Hör, du lügst ...«
-
-Der Riegel wurde zurückgeschoben, aber die Tür nur ein wenig geöffnet.
-
-»Was ist geschehen? So erzähl doch!«
-
-»Ich weiß selbst nicht, ich bin soeben nach Hause gekommen, da war er
-schon tot. Andrei Petrowitsch sagt: Herzschlag!«
-
-»Ich komme sofort, im Augenblick. Lauf', sag', ich komme gleich; mach,
-daß du fortkommst, marsch, marsch! Was stehst du denn noch da?«
-
-Ich hatte aber durch die halbgeöffnete Tür deutlich gesehen, daß jemand
-hinter der Portiere, die Tatjana Pawlownas Schlafraum abteilte,
-hervorgetreten war und jetzt im Zimmer hinter Tatjana Pawlowna stand.
-Unwillkürlich erfaßte ich den Türgriff und ließ Tatjana Pawlowna die Tür
-nicht mehr schließen.
-
-»Arkadi Makarowitsch! Ist es wirklich wahr, daß er gestorben ist?«
-ertönte eine mir so gut bekannte, wohlklingende Stimme, die mein ganzes
-Innere auf einmal erzittern machte: aus ihrer Frage hörte man, daß etwas
-die Sprecherin durchdrungen hatte und ihre Seele erregte.
-
-»Na, wenn's so ist ...« bemerkte Tatjana Pawlowna und ließ die Tür
-offen, »wenn's so ist ... dann seht zu, wie ihr miteinander fertig
-werdet. Habt es selbst gewollt!«
-
-Sie stürzte hinaus, warf sich im Laufen einen Schal und den Pelz um und
-lief die Treppe hinunter. Wir blieben allein. Ich warf meinen Pelz ab,
-trat ins Zimmer und schloß die Tür hinter mir. Sie stand vor mir wie
-damals, bei jenem Stelldichein, mit leuchtenden Augen, und wie damals
-streckte sie mir beide Hände entgegen. Da knickten mir die Knie ein, und
-ich sank ihr buchstäblich zu Füßen.
-
-
- III.
-
-Ein Schluchzen saß mir in der Kehle, und Tränen traten mir in die Augen,
-ich weiß selbst nicht, weshalb; ich weiß auch nicht, wie es kam, daß ich
-dann neben ihr saß; ich weiß nur noch -- und diese Erinnerung ist mir
-unsagbar teuer -- daß wir nebeneinander saßen, meine Hand in ihrer Hand
-ruhte, und daß wir fieberhaft sprachen: sie fragte mich nach dem Alten
-und nach seinen letzten Augenblicken, und ich erzählte ihr von ihm. Man
-hätte denken können, ich weinte um Makar Iwanowitsch, während das
-durchaus nicht der Fall war; aber ich weiß ja, daß sie mich einer
-solchen kindischen Rührseligkeit ganz entschieden nicht für fähig halten
-konnte. Damals aber kam mir diese Möglichkeit plötzlich zu Bewußtsein,
-und ich schämte mich. Heute bin ich der Meinung, daß ich einzig aus
-Begeisterung geweint habe, und ich denke, sie wird das auch sehr gut
-verstanden haben, so daß ich wegen dieser Erinnerung ganz ruhig bin.
-
-Auf einmal kam es mir aber sehr sonderbar vor, daß sie mich so eingehend
-über Makar Iwanowitsch ausfragte.
-
-»Ja, haben Sie ihn denn gekannt?« fragte ich sie verwundert.
-
-»Oh, ich kenne ihn schon lange. Ich habe ihn nie gesehen, aber er hat
-auch in meinem Leben eine Rolle gespielt. Vieles von ihm hat mir
-seinerzeit jener Mann erzählt, vor dem ich mich fürchte. Sie wissen, wen
-ich meine.«
-
-»Ich weiß jetzt nur, daß jener Mann Ihnen innerlich viel näher gestanden
-hat, als Sie mich haben ahnen lassen,« erwiderte ich, ohne selbst zu
-wissen, was ich damit eigentlich sagen wollte, aber ich sagte es
-gleichsam vorwurfsvoll und mit gerunzelter Stirn.
-
-»Sie sagten, er habe Ihre Mutter soeben geküßt und umarmt? Haben Sie das
-selbst gesehen?« fragte sie mich hastig weiter -- meine Bemerkung
-überhörte sie.
-
-»Ja, ich habe es mit eigenen Augen gesehen; und glauben Sie mir, es
-geschah alles mit der größten Aufrichtigkeit und Innigkeit!« beeilte ich
-mich, zu versichern, als ich ihre Freude sah.
-
-»Gott gebe es!« sagte sie und bekreuzte sich. »Jetzt ist er frei. Dieser
-herrliche Alte hatte sein Leben doch in Ketten geschlagen. Jetzt, wo der
-Alte tot ist, wird wieder das Pflichtbewußtsein und ... die Würde in ihm
-auferstehen, wie es schon einmal geschehen ist. Oh, ich weiß, er ist vor
-allen Dingen großmütig und wird dem Herzen Ihrer Mutter den Frieden
-geben, denn er liebt sie ja doch mehr als alles auf der Welt, und wird
-schließlich auch selbst Ruhe finden, Gott sei Dank -- und es wäre auch
-Zeit.«
-
-»Er ist Ihnen wohl teuer?«
-
-»Ja, sehr teuer, wenn auch nicht in dem Sinne, in dem er es wünschte und
-in dem Sie jetzt fragen,« antwortete sie ernst.
-
-»Fürchten Sie denn nun für ihn oder für sich?« fragte ich plötzlich.
-
-»Ach, das sind schwierige Fragen, lassen wir das!«
-
-»Gut, lassen wir das; selbstverständlich; nur habe ich von alledem
-nichts gewußt, vielleicht gar zu viel nicht gewußt. Aber mögen Sie recht
-damit haben, daß jetzt alles von neuem anfängt, und wenn einer schon
-auferstanden ist, so bin ich es, ich als erster. Ich stehe mit niedrigen
-Gedanken vor Ihnen, Katerina Nikolajewna, und vielleicht ist es noch
-nicht eine ganze Stunde her, daß ich auch durch die Tat niedrig an Ihnen
-gehandelt habe. Aber Sie sollen auch das wissen, daß ich jetzt hier
-neben Ihnen sitze und nicht die geringsten Gewissensbisse verspüre. Denn
-jetzt ist alles Alte verschwunden und alles, was ist, ist neu. Und jenen
-Schuft, der vor einer Stunde eine Gemeinheit gegen Sie plante, kenne ich
-einfach nicht und will ich überhaupt nicht mehr kennen!«
-
-»Kommen Sie zu sich,« sagte sie lächelnd, »Sie scheinen mir ein bißchen
-im Fieber zu sprechen.«
-
-»Und kann man sich denn überhaupt verurteilen, solange man neben Ihnen
-sitzt?« fuhr ich fort. »Da mag einer noch so anständig sein, oder mag
-auch noch so niedrig sein -- Sie sind doch immer, wie die Sonne,
-unerreichbar ... Sagen Sie, wie haben Sie mir jetzt so entgegenkommen
-können, nach allem, was geschehen ist? Wenn Sie nur wüßten, was noch vor
-einer Stunde geschehen ist, gerade vor einer Stunde! Und was für ein
-Traum mir in Erfüllung geht!«
-
-»Ich glaube, das kann ich mir schon denken,« sagte sie mit einem stillen
-Lächeln. »Sie werden sich für irgend etwas an mir haben rächen wollen.
-Sie haben sich wohl gar geschworen, mich ins Verderben zu stürzen; und
-dabei hätten Sie ganz gewiß einen jeden auf der Stelle totgeschlagen
-oder verprügelt, der es gewagt hätte, in Ihrer Gegenwart auch nur ein
-schlechtes Wort über mich zu sagen.«
-
-Oh, sie lächelte und scherzte: aber sie tat es nur aus unermeßlicher
-Güte, denn ihre ganze Seele war in dem Augenblick, wie ich später
-erriet, so voll von eigener niederdrückender Sorge und von einer so
-starken und gewaltigen Empfindung, daß sie wohl nur so mit mir sprechen
-und auf meine nichtigen, lästigen Fragen antworten konnte, wie man
-vielleicht einem kleinen Kinde auf seine naseweisen unablässigen Fragen
-antwortet, damit es Ruhe gibt. Das begriff ich plötzlich, und ich
-schämte mich, aber ich konnte mich schon nicht mehr zurückhalten.
-
-»Nein,« rief ich, ohne mich zu beherrschen, »nein, ich habe den nicht
-erschlagen, der schlecht von Ihnen sprach, im Gegenteil, ich hab' ihm
-noch beigestimmt!«
-
-»Oh, um Gottes willen, nicht beichten, nein, erzählen Sie nichts!« Sie
-streckte plötzlich die Hand aus, um mich aufzuhalten, und aus ihrem
-Gesicht sprach geradezu schmerzliches Mitleid, aber schon war ich
-aufgesprungen und stand vor ihr, um ihr alles zu sagen; und wenn ich ihr
-damals alles gesagt hätte, so wäre es nicht dazu gekommen, wozu es
-später gekommen ist; denn es wäre bestimmt darauf hinausgelaufen, daß
-ich ihr alles gebeichtet und das Dokument ihr ausgeliefert hätte. Aber
-da begann sie auf einmal zu lachen:
-
-»Nein, es ist nicht nötig, nichts ist nötig, ich will keine Einzelheiten
-hören. Ich kenne schon alle Ihre fürchterlichen Verbrechen: ich wette,
-Sie hatten die Absicht, mich zu heiraten oder so etwas Ähnliches, und
-haben gerade einen diesbezüglichen Plan geschmiedet, mit einem Ihrer
-Freunde oder einem Ihrer früheren Schulkameraden ... Ach, es scheint ja,
-daß ich es wirklich erraten habe!« rief sie plötzlich und sah mir ernst
-forschend ins Gesicht.
-
-»Wie ... wie haben Sie das erraten können?« stotterte ich wie ein Narr
-vor lauter Betroffenheit.
-
-»Das war, weiß Gott, nicht schwer. Doch genug, genug davon! Ich verzeihe
-Ihnen alles, nur hören Sie auf,« sagte sie abwehrend und jetzt schon mit
-sichtlicher Ungeduld. »Ich bin selbst eine Träumerin, und wenn Sie
-wüßten, was ich alles in manchen Augenblicken ausdenke, wenn ich's nicht
-mehr ertragen kann! Aber genug davon, Sie bringen mich immer von dem ab,
-was ich eigentlich sagen wollte. Ich bin sehr froh, daß Tatjana Pawlowna
-weggegangen ist: ich hatte schon die ganze Zeit den Wunsch, Sie
-wiederzusehen, aber in ihrer Gegenwart hätten wir uns doch nicht so
-aussprechen können. Ich glaube, ich trage die Schuld an dem, was Ihnen
-damals zugestoßen ist. Ja? Ich bin doch die Schuldige?«
-
-»Sie die Schuldige? Aber damals habe ich Sie doch an _ihn_ verraten, und
--- was haben Sie überhaupt von mir denken müssen! Daran habe ich seitdem
-die ganze Zeit gedacht, alle diese Tage, jede Minute hab' ich daran
-gedacht und nur dies gefühlt!« (Ich log nicht.)
-
-»Sie haben sich ganz umsonst gequält, denn ich habe doch schon damals
-nur zu gut verstanden, wie das geschehen konnte: es ist Ihnen da in der
-Freude ihm gegenüber das Geständnis entschlüpft, daß Sie in mich
-verliebt waren, und daß ich ... nun, daß ich Sie angehört hatte. Dafür
-sind Sie eben zwanzig Jahre alt. Und Sie lieben ihn doch mehr als die
-ganze Welt, Sie suchen in ihm doch einen Freund, ein Ideal? Das habe ich
-sehr gut begriffen, aber nur etwas zu spät. O ja, ich war damals selbst
-schuld daran: ich hätte Sie unverzüglich zu mir rufen müssen, um Sie zu
-beruhigen; aber ich ärgerte mich zu sehr, und so bestimmte ich, daß Sie
-im Hause nicht mehr empfangen werden sollten. Und so kam es dann zu
-jenem Auftritt an der Vorfahrt und später zu Ihren Erlebnissen in der
-Nacht. Und wissen Sie, ich habe genau so wie Sie diese ganze Zeit daran
-gedacht, wie ich Sie heimlich treffen könnte, nur wußte ich nicht, wie
-ich das einrichten sollte. Und was glauben Sie, was ich dabei am meisten
-fürchtete? Daß Sie seiner üblen Nachrede über mich glauben könnten.«
-
-»Niemals!« rief ich.
-
-»Ich schätze die Stunden unseres früheren Zusammenseins. Der Jüngling in
-Ihnen ist mir immer teuer gewesen, und vielleicht sogar auch diese Ihre
-Aufrichtigkeit ... Ich bin ja doch ein ernst veranlagter Charakter. Ich
-bin der ernsteste und düsterste Charakter von allen heutigen Frauen,
-merken Sie sich das ... hahaha! Aber wir werden uns schon noch
-aussprechen können, augenblicklich fühle ich mich nicht recht wohl, ich
-bin zu aufgeregt und ... ich glaube fast, ich bekomme eine Nervenkrise
-... Gott, jetzt wird er mich doch endlich, endlich in Ruhe leben
-lassen!«
-
-Dieser Ausruf entschlüpfte ihr ganz unbedacht; das begriff ich sofort
-und tat deshalb, als hätte ich ihn überhört, aber mein Herz war
-erzittert.
-
-»Er weiß, daß ich ihm verziehen habe!« sagte sie plötzlich vor sich hin,
-als wäre sie ganz allein mit sich.
-
-»Haben Sie ihm denn wirklich jenen Brief verzeihen können? Und woher
-kann er denn wissen, daß Sie ihm verziehen haben?« rief ich jetzt doch,
-denn ich konnte mich nicht mehr halten.
-
-»Woher er das wissen kann? Oh, er weiß es,« sagte sie versonnen, wieder
-wie zu sich selbst, und als hätte sie mich ganz vergessen. »Er ist jetzt
-erwacht. Und wie sollte er denn nicht wissen, daß ich ihm verziehen
-habe, da er doch meine ganze Seele auswendig kennt? Er weiß doch, daß
-auch ich ein wenig von seiner Art bin.«
-
-»Sie?«
-
-»Ja, ich; und das weiß er. Oh, ich bin nicht leidenschaftlich, ich bin
-ruhig: aber auch ich möchte, ganz wie er, daß alle Menschen gut wären
-... Wegen irgend etwas hat er mich doch geliebt.«
-
-»Wie hat er dann sagen können, in Ihnen wären alle Laster?«
-
-»Das hat er nur so gesagt; für sich, im geheimen, weiß er etwas ganz
-anderes. Aber nicht wahr, sein Brief war doch unsagbar lächerlich?«
-
-»Lächerlich?«
-
-Ich hörte mit gespanntester Aufmerksamkeit zu; sie schien tatsächlich
-sehr erregt zu sein und ... sprach vielleicht Dinge aus, die keineswegs
-für meine Ohren bestimmt waren; aber ich konnte mich trotz der
-peinlichen Situation nicht enthalten, sie auszufragen.
-
-»O ja, gewiß lächerlich, und wie hätte ich gelacht, wenn ... wenn ich
-mich nicht so gefürchtet hätte. Übrigens bin ich durchaus nicht so
-furchtsam, glauben Sie das nicht. Aber nach jenem Brief habe ich doch
-die ganze Nacht nicht geschlafen; er ist wie mit krankem Blut
-geschrieben ... und worauf kann ich mich nach einem solchen Brief noch
-verlassen? Ich liebe das Leben, ich fürchte entsetzlich für mein Leben,
-darin bin ich wirklich schrecklich kleinmütig ... Ach, hören Sie!« rief
-sie auf einmal und wandte sich erregt mir zu, »gehen Sie schnell zu ihm!
-Er ist jetzt allein, er kann nicht die ganze Zeit dort bleiben, bestimmt
-ist er allein aus dem Hause gegangen: suchen Sie ihn schnell auf,
-unbedingt so schnell wie möglich, laufen Sie zu ihm, zeigen Sie ihm,
-beweisen Sie ihm, daß Sie sein liebender Sohn, daß Sie der liebe, gute
-Junge sind, mein Student, den ich ... Oh, gebe Gott Ihnen Glück! Ich
-liebe niemanden, und so ist es auch am besten; aber ich wünsche allen
-Glück, allen, und vor allen wünsche ich es ihm, und das soll er wissen
-... womöglich jetzt gleich, das wäre mir sogar sehr lieb ...«
-
-Sie stand auf, in ihren Augen blitzten Tränen, und plötzlich verschwand
-sie hinter der Portiere (es waren wohl hysterische Tränen nach dem
-Lachen). Ich stand allein da und war erregt und verwirrt. Ich wußte
-wirklich nicht, was sie denn in eine solche Erregung versetzt haben
-konnte, in eine Erregung, die ich bei ihr gar nicht für möglich gehalten
-hätte. Irgend etwas in meinem Herzen krampfte sich gleichsam zusammen.
-
-Ich wartete fünf Minuten, schließlich zehn Minuten; die tiefe Stille
-schreckte mich plötzlich auf, und ich entschloß mich, zur Tür
-hinauszuschauen und zu rufen. Auf meinen Ruf erschien die Köchin Marja
-und sagte mir im gleichgültigsten Ton, die gnädige Frau hätte sich
-längst angezogen und die Wohnung durch die Hintertür verlassen.
-
-
- Siebentes Kapitel.
-
-
- I.
-
-Das hatte gerade noch gefehlt. Ich griff nach meinem Pelz, warf ihn mir
-im Gehen um und eilte mit dem Gedanken hinaus: »Sie hat mich gebeten, zu
-ihm zu gehen, aber wo finde ich ihn jetzt?«
-
-Doch neben allem anderen beschäftigte mich eine Frage, vor der meine
-Gedanken betroffen stillhielten: »Weshalb glaubt sie, daß jetzt etwas
-anderes eingetreten sei und _er_ sie jetzt in Ruhe lassen werde?
-Natürlich deshalb, weil er Mama heiraten wird. Aber was war das: freute
-sie sich nun darüber, daß er Mama jetzt heiraten kann, oder war sie, im
-Gegenteil, gerade deshalb unglücklich? Und deshalb vielleicht der
-hysterische Anfall? Warum kann ich nun diese Frage nicht entscheiden?«
-
-Ich führe diesen zweiten Gedanken, der mich damals plötzlich
-durchzuckte, hier absichtlich wortgetreu an, damit ich ihn nicht
-vergesse: er ist zu wichtig. Dieser Abend war wirklich schicksalsschwer,
-und unwillkürlich fängt man an eine Vorherbestimmung zu glauben an: noch
-war ich keine hundert Schritte auf dem Wege zu Mamas Wohnung gegangen,
-als ich plötzlich mit demjenigen zusammenstieß, den ich suchte. Er faßte
-mich an der Schulter und hielt mich fest.
-
-»Du bist's!« rief er erfreut und gleichzeitig wie in größter
-Überraschung. »Denke dir, ich war soeben in deiner Wohnung,« sagte er
-schnell, »ich suchte dich, ich fragte nach dir -- nur dich allein
-brauche ich jetzt von der ganzen Welt! Dein Beamter hat mir da Gott weiß
-was alles vorgeredet, aber du warst nicht da, und so ging ich wieder;
-und ich vergaß sogar, dir sagen zu lassen, daß du nach deiner Rückkehr
-unverzüglich zu mir kommen solltest. Aber wirst du's glauben: ich ging
-doch in der felsenfesten Überzeugung fort, das Schicksal könne doch
-nicht so blind sein, dich mir _nicht_ entgegenzuführen, gerade jetzt, wo
-ich deiner mehr denn je bedarf! Und da bist du auch richtig der erste,
-der mir begegnet! Komm, gehen wir zu mir: du bist noch niemals bei mir
-gewesen.«
-
-Mit einem Wort, wir hatten uns gegenseitig gesucht, und jedem von uns
-war etwas Ähnliches begegnet. Wir gingen sehr eilig weiter.
-
-Unterwegs sagte er nur in ein paar Worten, daß Tatjana Pawlowna bei Mama
-geblieben sei usw. usw. Er hatte mich untergefaßt und führte mich. Seine
-Wohnung lag nicht weit von dort, und wir langten bald an. Ja, ich war
-noch niemals bei ihm gewesen. Es war eine Wohnung von nur drei Zimmern,
-die er (oder vielmehr Tatjana Pawlowna) wegen jenes »Säuglings« gemietet
-hatte. Diese Wohnung stand von Anfang an ganz unter Tatjana Pawlownas
-Aufsicht, und dort lebte nun die Wärterin mit dem kleinen Kinde (und
-jetzt auch noch Darja Onissimowna); aber eines der Zimmer -- das erste,
-in das man unmittelbar aus dem Vorraum trat, ein ziemlich großer und mit
-Polstermöbeln recht gut ausgestatteter Raum -- war für Werssiloff als
-eine Art Lese- und Arbeitszimmer eingerichtet. In der Tat sah man da auf
-dem Schreibtisch, im Schrank und auf den Bücherständern eine ganze Menge
-Bücher (die es in Mamas Wohnung fast gar nicht gab), ferner beschriebene
-Blätter, Briefe, zu ganzen Päckchen zusammengelegt und verschnürt, --
-kurzum, das Ganze machte den Eindruck eines schon lange bewohnten
-Raumes; und ich weiß, daß Werssiloff auch früher schon, wenn auch
-ziemlich selten, zeitweilig ganz in diese seine Wohnung übergesiedelt
-war und sogar wochenlang dort gewohnt hatte. Das erste, was meine
-Aufmerksamkeit auf sich lenkte, war Mamas Bildnis, das in einem schönen
-geschnitzten Rahmen aus kostbarem Holz über dem Schreibtisch hing --
-eine Photographie, offenbar eine ausländische Aufnahme, die, nach ihrem
-ungewöhnlichen Format zu urteilen, nicht wenig gekostet haben mußte. Ich
-hatte von diesem Bildnis nichts gewußt und nie etwas davon gehört; und
-was mich noch besonders überraschte, war die für eine Photographie ganz
-erstaunliche Ähnlichkeit, gerade die, ich möchte sagen, geistige
-Ähnlichkeit. Es war wie ein wirkliches Porträt von Künstlerhand und gar
-nicht wie eine mechanische Aufnahme. Als ich ins Zimmer trat, blieb ich
-sogleich und ganz überrascht vor diesem Bilde stehen.
-
-»Nicht wahr? Nicht wahr?« fragte plötzlich Werssiloff dicht hinter mir.
-
-Er meinte damit: »Nicht wahr, wie ähnlich?« Ich sah mich nach ihm um,
-und der Ausdruck seines Gesichts machte mich ganz betroffen. Er war
-etwas bleich, aber sein gespannter Blick brannte und strahlte gleichsam
-vor Glück und Kraft: einen solchen Ausdruck hatte ich noch niemals an
-ihm gesehen.
-
-»Ich habe gar nicht gewußt, daß Sie Mama so lieben!« sagte ich plötzlich
-selbst ganz beglückt.
-
-Er lächelte glücklich, wenn auch in seinem Lächeln gleichsam ein Leid
-lag, oder richtiger, etwas schmerzlich Nachsichtiges, menschlich Höheres
-... ich weiß nicht, wie ich das ausdrücken soll; aber mir scheint, daß
-hochentwickelte Menschen überhaupt nicht ein triumphierend glückliches
-Gesicht haben können. Ohne mir zu antworten, nahm er das Bild mit beiden
-Händen von der Wand, hielt es ganz nah vor sein Gesicht, küßte es
-plötzlich und hängte es dann vorsichtig wieder auf.
-
-»Merke dir,« sagte er, »photographische Aufnahmen sind sehr selten
-ähnlich, und das ist leicht zu erklären: das Original, das heißt, ein
-jeder von uns, ist ja auch im Leben nur äußerst selten sich selber
-ähnlich. Das Gesicht eines Menschen zeigt seinen charakteristischsten
-Zug eben nur in seltenen Augenblicken. Ein Künstler studiert das
-Gesicht, das er malen soll, und erhascht diesen eigentlichen Ausdruck
-des Gesichts, er errät sozusagen den Hauptgedanken des Menschen und gibt
-ihn im Bilde wieder, auch wenn das Gesicht des Betreffenden diesen
-Ausdruck während des Modellsitzens zumeist gar nicht hat. Die
-Photographie aber gibt den Menschen genau so wieder, wie er in dem einen
-Augenblick aussieht, und da ist es nicht ausgeschlossen, daß zum
-Beispiel Napoleon, in einem zufälligen Augenblick photographiert, auf
-der Photographie dumm aussehen könnte, und Bismarck -- weichlich. Hier
-aber, auf dieser Photographie, hat die Aufnahme Ssonjä zufällig gerade
-im Augenblick ihres eigensten Ausdrucks angetroffen: in ihrer
-schamhaften, demütigen Liebe und scheuen, schreckhaften Keuschheit. Und
-sie war ja damals auch so glücklich, als sie sich endlich überzeugt
-hatte, daß es mich wirklich so sehr nach einem Bilde von ihr verlangte.
-Diese Aufnahme ist eigentlich vor gar nicht so langer Zeit gemacht, aber
-sie sah damals doch noch viel jünger und besser aus; dabei hatte sie
-auch damals schon diese eingefallenen Wangen, diese feinen Runzeln auf
-der Stirn und diese scheue Schüchternheit im Blick, die bei ihr jetzt
-mit den Jahren zu wachsen scheint -- je länger, desto mehr. Wirst du's
-mir glauben, Lieber: jetzt kann ich sie mir mit einem anderen Gesicht
-gar nicht mehr vorstellen, und doch ist sie einmal jung und reizend
-gewesen! Die russischen Frauen altern schnell, ihre Schönheit ist
-flüchtig, und das hat seinen Grund wahrlich nicht nur in einer
-ethnographischen Besonderheit des Typs, sondern auch darin, daß sie mit
-rückhaltloser Hingabe zu lieben verstehen. Die russischen Frauen geben
-alles auf einmal hin, wenn sie lieben, -- den Augenblick und ihr ganzes
-Leben, die Gegenwart und die Zukunft; sie verstehen nicht, ökonomisch zu
-sein, sie sparen und geizen nicht, um des Vorrats willen, und so geht
-ihre Schönheit bald für den dahin, den sie lieben. Diese eingefallenen
-Wangen -- das ist gleichfalls Schönheit, die für mich hingegeben ist,
-für meine kurze Lust. Es freut dich, daß ich deine Mutter geliebt habe,
-und du hast vielleicht sogar nicht einmal geglaubt, daß ich sie habe
-lieben können? Ja, mein Freund, ich habe sie sehr geliebt, und doch habe
-ich ihr nichts als Böses zugefügt ... Hier ist noch ein anderes Bildnis
--- sieh dir auch dies einmal an.«
-
-Er nahm es vom Tisch und reichte es mir. Das war auch eine Photographie,
-nur in bedeutend kleinerem Format und in einem schmalen, ovalen
-Holzrähmchen -- das Bild eines jungen Mädchens: ein schmales,
-schwindsüchtiges, doch trotz alledem schönes Gesicht, versonnen, und
-dabei doch bis zur Sonderbarkeit gedankenleer. Es waren die regelmäßigen
-Züge eines durch Generationen ausgebildeten Typs; aber sie machten einen
-krankhaften Eindruck: man hatte die Empfindung, daß sich plötzlich ein
-starrer Gedanke dieses Wesens bemächtigt hatte, der eben dadurch
-qualvoll war, daß er über seine Kraft ging.
-
-»Das ... das ist jenes junge Mädchen, mit dem Sie sich trauen lassen
-wollten, und das an der Schwindsucht starb ... _ihre_ Stieftochter?«
-sagte ich ein wenig befangen.
-
-»Ja, mit dem ich mich trauen lassen wollte, das an der Schwindsucht
-starb, _ihre_ Stieftochter. Ich wußte, daß du ... alle diese
-Klatschgeschichten kennst. Übrigens, außer diesen hättest du auch nichts
-erfahren können. Leg' das Bild hin, mein Freund, das war nur eine arme
-Irrsinnige und nichts weiter.«
-
-»Wirklich irrsinnig?«
-
-»Oder eine Idiotin; übrigens glaube ich, auch eine Irrsinnige. Sie bekam
-ein Kind vom Fürsten Ssergei Petrowitsch (infolge ihres Irrsinns, nicht
-aus Liebe; das ist eine der schändlichsten Taten des Fürsten). Das Kind
-ist jetzt hier, in jenem Zimmer, ich habe es dir schon lange zeigen
-wollen. Fürst Ssergei Petrowitsch darf weder herkommen noch das Kind
-sehen -- laut unserer Verabredung im Auslande. Ich habe das Kind mit
-Einwilligung deiner Mutter zu mir genommen. Und gleichfalls mit
-Einwilligung deiner Mutter wollte ich mich damals trauen lassen mit
-dieser ... Unglücklichen ...«
-
-»Ist denn eine solche Einwilligung überhaupt möglich?« fragte ich
-erregt.
-
-»O ja! Sie erlaubte es mir: eine Frau ist nur auf eine Frau
-eifersüchtig, diese aber war doch keine Frau.«
-
-»Wenn sie es auch für alle anderen nicht war, für Mama war sie es! Das
-werde ich mein Lebtag nicht glauben, daß Mama nicht eifersüchtig gewesen
-sei!« rief ich.
-
-»Du hast recht. Das erriet ich erst, als alles schon beschlossen war,
-das heißt, als sie mir ihre Einwilligung gab. Aber lassen wir das.
-Jedenfalls kam es nicht dazu, da Lydia starb, aber vielleicht wäre es
-auch so nicht dazu gekommen, wenn sie am Leben geblieben wäre; deine
-Mutter aber lasse ich auch jetzt noch nicht zu dem Kinde. Das -- war nur
-eine Episode. Mein Lieber, ich habe dich hier schon lange erwartet.
-Schon lange habe ich davon geträumt, wie wir hier zusammenkommen würden;
-weißt du, wie lange schon? -- Schon seit zwei Jahren.«
-
-Er sah mich aufrichtig und innig an, mit einer heißen Herzenshingabe.
-Ich ergriff seine Hand.
-
-»Warum haben Sie dann gezögert, warum haben Sie mich nicht schon früher
-gerufen? Wenn Sie wüßten, was inzwischen ... und was nicht geschehen
-wäre, wenn Sie mich schon früher gerufen hätten! ...«
-
-In diesem Augenblick wurde die Teemaschine gebracht, und Darja
-Onissimowna kam mit dem Kindchen, das ganz fest schlief.
-
-»Sieh es dir an,« sagte Werssiloff, »ich liebe es und habe es jetzt
-bringen lassen, damit du es siehst. So, bringen Sie es nun wieder
-hinaus, Darja Onissimowna. Und du setze dich hierher an den Tisch. Ich
-werde mir jetzt einbilden, wir zwei hätten ewig so gelebt und jeden
-Abend so zusammen verbracht, ohne uns jemals zu trennen. Laß mich dich
-ansehen: setze dich so, daß ich dein Gesicht sehen kann. Wie ich es
-liebe, dein Gesicht! Wie habe ich mir dein Gesicht vorzustellen
-versucht, als ich dich noch aus Moskau erwartete! Du fragst: warum habe
-ich dich nicht schon früher gerufen? Warte, das wirst du vielleicht erst
-jetzt verstehen.«
-
-»Hat denn wirklich nur der Tod Makar Iwanowitschs Ihnen jetzt die Zunge
-gelöst? Das ist sonderbar.«
-
-Aber wenn ich das auch sagte, so sah ich ihn doch mit viel Liebe an. Wir
-sprachen wie zwei Freunde, wie Freunde im höchsten und vollsten Sinn des
-Wortes. Er hatte mich hierher geführt, um mir irgend etwas zu erklären,
-zu erzählen, um etwas zu rechtfertigen; und dabei war schon alles, noch
-bevor er ein Wort gesagt hatte, erklärt und gerechtfertigt. Gleichviel,
-was ich von ihm jetzt noch gehört hätte -- das Ergebnis war schon
-erreicht, und das wußten wir beide mit einem Glücksgefühl, und so sahen
-wir einander auch an.
-
-»Nicht gerade der Tod dieses alten Mannes,« antwortete er, »nicht dieser
-Tod allein; es ist noch etwas anderes, was damit zusammengetroffen ist
-... Gott segne diesen Augenblick und unser Leben hinfort und auf lange!
-Mein Lieber, laß uns miteinander reden. Ich komme immer wieder vom Thema
-ab, ich will von dem einen reden und lasse mich von tausend
-nebensächlichen Einzelheiten ablenken. So geht es einem immer, wenn das
-Herz voll ist ... Doch reden wir jetzt miteinander; die Zeit ist
-gekommen, und ich bin schon lange in dich verliebt, Junge.«
-
-Er lehnte sich in seinen großen Stuhl zurück und betrachtete mich noch
-einmal.
-
-»Wie sonderbar, wie sonderbar sich das anhört!« wiederholten meine
-Lippen, während die Seligkeit über mir zusammenschlug.
-
-Und da, ich weiß noch, da erschien flüchtig wieder dieser eine seltsame
-Zug in seinem Gesicht -- dieser Ausdruck von Trauer und Spott, beides
-zugleich, den ich schon so gut kannte. Aber er nahm sich zusammen und
-begann dann, gleichsam nach einer gewissen Anstrengung, langsam zu
-sprechen.
-
-
- II.
-
-»Sieh, Arkadi, wenn ich dich früher gerufen hätte, was hätte ich dir da
-sagen können? In dieser Frage ist meine ganze Antwort enthalten.«
-
-»Das heißt, Sie wollen sagen, daß Sie jetzt Mamas Mann und mein Vater
-sind, bisher aber ... Sie hätten wohl in betreff meiner sozialen
-Stellung nicht gewußt, was Sie mir sagen sollten? War es das?«
-
-»Nicht nur darüber, mein Lieber, hätte ich nicht gewußt, was ich dir
-sagen sollte: da hätte ich noch über manches schweigen müssen. Und
-vieles davon ist beinah lächerlich und sogar erniedrigend, weil es fast
-wie ein Gauklerstückchen anmutet: in der Tat, wie eine richtige
-Jahrmarktszauberei. Nun, sag' doch selbst, wie hätten wir denn einander
-früher verstehen können, wenn ich mich selbst erst heute um fünf Uhr
-nachmittags zum erstenmal verstanden habe, genau zwei Stunden vor dem
-Tode Makar Iwanowitschs. Du siehst mich mit peinlicher Verwunderung an.
-Beruhige dich: ich werde dir die Tatsache schon erklären; das aber, was
-ich dir sagte, ist vollkommen richtig; mein ganzes Leben ist Wandern und
-Zweifeln gewesen, und plötzlich steht, am soundsovielten des Monats um
-fünf Uhr nachmittags, des Rätsels Lösung fertig vor dir! Das ist doch
-einfach kränkend, nicht wahr? Noch gestern, ja: in der jetzt schon
-uralten Vergangenheit, hätte mich das noch tatsächlich gekränkt.«
-
-Ich hörte ihn wirklich mit fieberhafter Verwunderung an: es trat wieder
-deutlich der frühere Werssiloffsche Zug hervor, den ich an diesem Abend
-um keinen Preis hätte sehen wollen, nachdem schon solche Worte gefallen
-waren. Plötzlich durchzuckte es mich.
-
-»Mein Gott!« rief ich, »Sie haben etwas von ihr erhalten ... heute um
-fünf Uhr?«
-
-Er sah mich scharf an, sichtlich überrascht durch meinen Ausruf und
-vielleicht auch durch den Ausdruck: »von _ihr_«.
-
-»Du wirst alles erfahren,« sagte er mit einem sinnenden Lächeln, »und
-natürlich werde ich dir das, was du wissen mußt, nicht verhehlen, denn
-zu dem Zweck habe ich dich doch hergeführt; aber jetzt wollen wir das
-vorläufig noch etwas hinausschieben. Sieh mal, mein Freund, ich habe
-schon lange gewußt, daß es bei uns Kinder gibt, die bereits in der
-frühesten Kindheit über ihre Familie nachdenken, weil die Unschönheit
-ihrer Väter und ihrer Umgebung sie kränkt. Solche früh nachdenkenden
-Kinder habe ich schon unter meinen Mitschülern bemerkt, und damals
-glaubte ich, das käme alles daher, weil sie gar zu früh den Neid kennen
-lernen. Später freilich sagte ich mir, daß ich selbst eines von diesen
-nachdenkenden Kindern war, doch ... verzeihe, mein Lieber, ich bin heute
-erstaunlich zerstreut. Ich wollte damit nur sagen, wie sehr ich fast
-diese ganze Zeit über für dich hier gefürchtet habe. Ich habe dich mir
-immer als eines jener jungen Wesen vorgestellt, die sich ihrer
-Begabtheit schon bewußt sind und sich von den anderen absondern und
-lieber einsam sein wollen. Auch ich habe, ganz wie du, Kameraden nie
-gemocht. Schwer haben es diese jungen Geschöpfe, die ganz ihren eigenen
-Kräften und Träumen überlassen sind, und dabei von einem
-leidenschaftlichen, gar zu frühen und fast rachsüchtigen Schönheitsdurst
-besessen sind, -- ja: gerade von einem >rachsüchtigen< Schönheitsdurst.
-Doch genug davon, Lieber: ich bin wieder abgeschweift ... Noch bevor ich
-dich zu lieben anfing, versuchte ich schon, dich mit deinen einsamen,
-menschenscheuen Träumen mir vorzustellen ... Aber genug davon, wie
-gesagt. Ja, wovon wollte ich eigentlich sprechen? Übrigens mußte auch
-dies einmal gesagt werden. Früher aber -- was hätte ich dir früher sagen
-können? Jetzt sehe ich deinen Blick, der auf mir ruht, und ich weiß: es
-ist mein _Sohn_, der mich ansieht; ich aber hätte doch selbst gestern
-noch nicht geglaubt, daß ich jemals so wie heute mit meinem Jungen
-zusammensitzen und mit ihm reden würde.«
-
-Er war in der Tat sehr zerstreut und dabei durch irgend etwas gleichsam
-erschüttert.
-
-»Jetzt brauche ich nicht mehr zu träumen und mir Illusionen zu bauen,
-_Sie_ genügen mir vollkommen! Ich werde von nun an Ihnen folgen!« sagte
-ich und gab ihm meine ganze Seele hin.
-
-»Mir folgen? Aber mein Wandern hat ja gerade aufgehört, gerade heute: du
-kommst zu spät, mein Lieber. Der heutige Tag ist das Finale des letzten
-Aktes; der Vorhang fällt. Dieser letzte Akt hat lange gedauert. Er
-begann schon vor sehr langer Zeit -- damals, als ich zum letztenmal ins
-Ausland flüchtete. Ich warf damals alles hinter mich; und du sollst
-wissen, mein Lieber, daß ich damals auch meine Verbindung mit deiner
-Mutter löste und ihr das auch mitteilte. Das mußt du doch einmal
-erfahren. Ich erklärte ihr damals, daß ich für immer fortginge, sie
-würde mich niemals wiedersehen. Das schlimmste war aber, daß ich sogar
-vergaß, sie mit Geld zu versorgen. An dich dachte ich damals überhaupt
-nicht. Ich fuhr mit der Absicht fort, ganz in Europa zu bleiben, mein
-Lieber, und nie wieder nach Rußland zurückzukehren. Ich wanderte aus.«
-
-»Zu Alexander Herzen? Um sich an seiner Propaganda im Auslande zu
-beteiligen? Sie haben doch gewiß Ihr ganzes Leben lang an irgendeiner
-Verschwörung teilgenommen?« rief ich, ohne mich zurückzuhalten.
-
-»Nein, mein Freund, ich habe mich nie an einer Verschwörung beteiligt.
-Bei dir aber leuchteten sogar die Augen auf, -- ich liebe deine
-impulsiven Ausrufe, mein Lieber. Nein, ich reiste damals einfach aus
-plötzlicher Schwermut ins Ausland. Es war das die Schwermut des
-russischen Edelmanns, -- ich weiß es wirklich nicht besser auszudrücken.
-Die aristokratische Schwermut -- und nichts weiter.«
-
-»Wegen der Aufhebung der Leibeigenschaft ... der Bauernbefreiung?« stieß
-ich in atemloser Spannung hervor.
-
-»Wegen der Leibeigenschaft? Du meinst, ich hätte die alte
-Leibeigenschaft herbeigewünscht? Hätte die Befreiung des Volkes nicht
-ertragen? O nein, mein Freund, gerade wir waren doch die Befreier. Ich
-wanderte aus ohne jeden Groll. Ich hatte doch bis dahin als
-Friedensrichter aus allen Kräften für das Gute zu wirken gesucht, hatte
-es ganz uneigennützig getan, und wenn ich auswanderte, geschah es nicht
-deshalb, weil ich für meinen Liberalismus wenig Dank sah. Wir haben ja
-damals alle nichts bekommen, das heißt, alle diejenigen, die von meiner
-Art waren. Ausgewandert bin ich eher mit selbstbewußtem Stolz als mit
-irgend so einem Bedauern, und nichts, das kannst du mir glauben, lag mir
-ferner, als der Gedanke, für mich könnte jetzt die Zeit gekommen sein,
-mein Leben als bescheidener Schuster zu beschließen. _Je suis
-gentilhomme avant tout et je mourrai gentilhomme!_{[105]} Aber trotzdem
-war ich traurig gestimmt. Wir sind unser vielleicht tausend in Rußland,
--- ja, in der Tat, vielleicht nicht mehr als nur tausend Menschen; aber
-das genügt ja vollkommen, damit die Idee nicht stirbt. Wir sind die
-Träger einer Idee, mein Lieber! ... Mein Freund, ich sage dir das in der
-sonderbaren Hoffnung, daß du diese ganze Phantasterei verstehen wirst.
-Ich habe dich aus einer Laune meines Herzens zu mir gebracht: ich habe
-schon lange davon geträumt, wie ich dir manches sagen werde ... dir,
-gerade dir. Doch übrigens ... übrigens ...«
-
-»Nein, sagen Sie es!« rief ich. »Ich sehe wieder Aufrichtigkeit in Ihrem
-Gesicht ... Und sind Sie dann dank Europa wieder auferstanden? Und was
-war denn eigentlich Ihre >aristokratische Schwermut<? Verzeihen Sie,
-Liebster, ich verstehe noch nicht ganz.«
-
-»Ob ich dank Europa auferstanden bin? Aber ich fuhr doch damals hin, um
-Europa zu beerdigen!«
-
-»Beerdigen?« wiederholte ich verwundert.
-
-Er lächelte.
-
-»Freund Arkadi, meine Seele ist jetzt müde geworden, und mein Geist hat
-sich aufgelehnt. Niemals werde ich meine ersten Augenblicke damals in
-Europa vergessen. Ich hatte auch früher schon in Europa gelebt, damals
-aber war es eine besondere Zeit, und noch nie war ich in einer so
-trostlosen Trauer und ... mit solcher Liebe nach Europa gereist, wie in
-jener Zeit. Ich will dir einen von meinen ersten Eindrücken damals
-erzählen, einen Traum, den ich damals hatte, einen richtigen Traum ...
-Das war noch in Deutschland. Ich war aus Dresden abgereist und in der
-Zerstreutheit an der Station vorübergefahren, wo ich hätte umsteigen
-müssen, und so kam ich auf eine andere Bahnlinie. Natürlich wurde ich
-gleich auf der nächsten Station abgesetzt; es war drei Uhr nachmittags,
-ein heller, schöner Tag. Ich befand mich plötzlich in einem kleinen
-deutschen Städtchen. Man nannte mir ein Gasthaus. Ich mußte warten: der
-nächste Zug ging erst um elf Uhr nachts. Ich war sogar sehr zufrieden
-mit diesem Zwischenfall, denn ich hatte ja keine Eile, irgendwohin zu
-kommen. Ich wanderte, mein Freund, ich wanderte. Das Gasthaus war alt
-und klein, lag aber ganz im Grünen und war von Blumenbeeten umgeben, wie
-das in Deutschland üblich ist. Man gab mir ein enges Zimmerchen, und da
-ich die ganze letzte Nacht auf der Reise nicht geschlafen hatte, legte
-ich mich nach dem Mittagessen hin und schlief ein. Es war vielleicht
-vier Uhr.
-
-»Und da hatte ich denn einen wunderlichen Traum, der um so
-überraschender war, als mir noch nie etwas Ähnliches geträumt hatte. In
-der Dresdener Galerie hängt ein Bild von Claude Lorrain, das im Katalog
-als >Acis und Galathea< angegeben ist -- ich habe es immer >Das goldene
-Zeitalter< genannt, weshalb, weiß ich selbst nicht. Ich hatte es auch
-früher schon gesehen, und jetzt, auf der Durchreise vor drei Tagen, war
-es mir wieder aufgefallen. Dieses Bild sah ich nun im Traum, aber nicht
-als Bild, sondern als Wirklichkeit. Übrigens weiß ich selbst nicht
-recht, was mir da eigentlich träumte ... Ich sah jedenfalls -- ganz wie
-es auf jenem Bilde zu sehen ist -- ein Eckchen des Griechischen
-Archipels, und auch die Zeit war gleichsam um dreitausend Jahre
-zurückversetzt; ich sah blaue, schmeichelnde Wellen, Inseln und Klippen,
-ein blühendes Gestade, eine wunderbare Ferne, und dazu die untergehende
-rufende Sonne -- es ist mit Worten gar nicht wiederzugeben! In diesem
-Bilde hat die europäische Menschheit die Erinnerung an ihre Wiege
-festgehalten, und der Gedanke daran erfüllte auch meine Seele wie mit
-Heimatliebe. Hier war einmal das irdische Paradies der Menschheit: die
-Götter stiegen vom Himmel herab und gingen mit den Menschen
-Verwandtschaft ein ... Oh, dort lebten schöne Menschen! Glücklich und
-schuldlos erwachten sie und schlummerten sie ein, die Wiesen und Haine
-waren erfüllt von ihren Liedern und ihrem Jauchzen; der große Überschuß
-an frischen Kräften strömte in Liebe und reiner Freude aus. Die Sonne
-umgab sie mit Wärme und Licht und freute sich an ihren schönen Kindern
-... Welch ein wunderbarer Traum, welch eine erhabene Irrung der
-Menschheit! Das goldene Zeitalter ist von allen Illusionen, die die
-Menschheit jemals gehabt hat, die allerunwahrscheinlichste, und doch
-haben die Menschen für sie ihr Leben und alle ihre Kräfte hingegeben,
-für sie sind Propheten getötet worden und gestorben, und ohne sie können
-die Menschen nicht leben, ja, nicht einmal sterben! Und diese ganze
-Empfindung durchlebte ich gleichsam in meinem Traum; die Klippen und das
-Meer und die schrägen Strahlen der Abendsonne -- alles das glaubte ich
-noch zu sehen, als ich erwachte und die Augen aufschlug, die mir
-buchstäblich von Tränen feucht waren. Ich weiß noch, wie froh mir zumut
-war. Die Empfindung eines mir bis dahin noch ganz unbekannten Glücks
-erfüllte mein Herz bis zum Schmerz: das war die Liebe zur ganzen
-Menschheit ... Es war schon Abend geworden; durch das Fenster meines
-kleinen Zimmers, durch die Blumen, die auf dem Fensterbrett standen,
-fielen die letzten grellen Abendsonnenstrahlen und überfluteten mich mit
-gelbem Licht. Und da, mein Freund, da wurde -- die untergehende Sonne
-des ersten Tages der europäischen Menschheit, die ich in meinem Traum
-gesehen hatte, für mich, als ich erwachte, sogleich zur untergehenden
-Sonne des letzten Tages der europäischen Menschheit! Damals war es
-einem, als zöge durch die Luft Europas Sterbeglockenklang. Ich rede
-nicht nur vom Kriege und dem Brand der Tuilerien; ich wußte auch
-ohnedem, daß alles vergehen wird, das ganze Antlitz der europäischen
-Alten Welt -- früher oder später: aber als russischer Europäer konnte
-ich das nicht zulassen. Ja, die Kommunarden hatten damals gerade die
-Tuilerien in Brand gesteckt ... Oh, du brauchst dich nicht aufzuregen,
-ich weiß, daß es >logisch< war, und begreife nur zu gut die
-Unabwendbarkeit einer Idee, die im Fluß ist; doch als Träger des höheren
-russischen Kulturgedankens konnte ich das nicht anerkennen, denn der
-höhere russische Gedanke ist -- die Versöhnung aller Ideen. Und wer
-hätte damals einen solchen Gedanken verstehen können, wer in der ganzen
-Welt? Ich war allein. Ich spreche nicht von mir persönlich -- ich
-spreche vom russischen Gedanken. Dort war Kampf und Logik; dort war der
-Franzose nur Franzose und nichts weiter, und der Deutsche nur
-Deutscher und nichts weiter, und das waren sie mit noch größerer
-Ausschließlichkeit und Anspannung, als sie es je zuvor im Lauf ihrer
-geschichtlichen Entwicklung gewesen sind; folglich hat der Franzose
-seinem Frankreich und der Deutsche Deutschland niemals so großen Abbruch
-getan, wie eben in jener Zeit! Damals gab es in ganz Deutschland nicht
-einen einzigen Europäer! Nur ich allein konnte allen diesen Pariser
-Petroleumgießern ins Gesicht sagen, daß ihre Zerstörung der Tuilerien --
-ein Fehler war; und nur ich allein konnte, umgeben von allen diesen nach
-Rache schreienden Konservativen, diesen Konservativen ins Gesicht sagen,
-daß die Einäscherung der Tuilerien zwar ein Verbrechen, aber dennoch
-vollkommen logisch war. Und das alles, mein Junge, weil ich allein, als
-Russe, damals in ganz Europa der _einzige Europäer_ war. Ich spreche
-wiederum nicht von mir, sondern von dem russischen Gedanken im
-allgemeinen. Ich wanderte umher, mein Freund, ich wanderte und wußte
-genau, daß ich schweigen und weiter wandern mußte. Aber es war mir doch
-traurig zumute. Ich, mein Junge, ich kann nicht -- meinen Adel nicht
-achten. Du lachst darüber, scheint es?«
-
-»Nein, ich lache nicht,« sagte ich ergriffen, »ich lache durchaus nicht.
-Ihre Vision des goldenen Zeitalters hat mein Herz erschüttert, und seien
-Sie überzeugt, ich fange schon an, Sie zu verstehen. Doch am meisten
-freue ich mich darüber, daß Sie sich selbst so achten. Ich beeile mich,
-Ihnen das zu sagen. Das hatte ich von Ihnen gar nicht erwartet!«
-
-»Ich habe dir schon gesagt, mein Freund, daß ich deine Ausrufe sehr
-liebe,« sagte er mit einem Lächeln über meinen naiven Ausruf, erhob sich
-von seinem Platz und begann, wohl ohne sich dessen bewußt zu sein, im
-Zimmer auf und ab zu schreiten. Ich erhob mich gleichfalls. Er fuhr in
-seinen seltsamen Bekenntnissen fort, und er sprach tief durchdrungen von
-seinem Gedanken:
-
-
- III.
-
-»Ja, mein Junge, ich sage es dir nochmals, ich kann nicht anders als
-meinen Adel achten. Bei uns in Rußland hat sich im Laufe von
-Jahrhunderten ein gewisser höherer Kulturtyp herausgebildet, den man
-bisher überhaupt nicht gekannt hat, und den es sonst in der ganzen Welt
-nicht gibt: der Typ des universalen Leidens um alle. Es ist das ein
-ausschließlich russischer Typ, und da er sich in der höheren
-Kulturschicht des russischen Volkes entwickelt hat, so habe ich ganz von
-selbst die Ehre, ihm anzugehören. In seiner Hut ist die Zukunft
-Rußlands. Unser sind vielleicht im ganzen nur tausend Menschen --
-vielleicht mehr, vielleicht weniger -- aber ganz Rußland hat vorläufig
-nur zu dem Zweck gelebt, um dieses Tausend hervorzubringen. Man wird
-sagen, das sei wenig; man wird mit Entrüstung einwenden, daß also alle
-unsere Jahrhunderte und soviel Millionen Menschen für dies geringe
-Ergebnis, für ein einziges Tausend Menschen hingegeben und verschwendet
-sein sollen! Doch -- meiner Überzeugung nach ist das gar nicht so
-wenig.«
-
-Ich hörte ihm mit größter Spannung zu. Aus ihm sprach seine Überzeugung,
-und ich sah auf einmal die Richtung seines ganzen Lebens. Was er von den
-»tausend Menschen« sagte, zeichnete ihn selbst so plastisch! Ich fühlte
-auch, daß eine von außen gekommene Erschütterung den Anstoß zu seiner
-Mitteilsamkeit mir gegenüber gegeben hatte. Während er mir alle diese
-glühenden Reden hielt -- liebte er mich; doch der Grund, weshalb er
-plötzlich zu mir zu sprechen anfing, und warum es ihn so verlangte,
-gerade mit mir zu sprechen, blieb mir noch immer unerklärlich.
-
-»Ich wanderte aus,« fuhr er fort, »und was ich auch hinter mir ließ, es
-tat mir um nichts leid. Was nur in meinen Kräften gelegen hat, habe ich
-in den Dienst Rußlands gestellt, damals, als ich hier wirken konnte; und
-als ich Rußland verließ, fuhr ich fort, ihm zu dienen, nur mit dem
-Unterschied, daß ich meine Idee erweiterte. Aber indem ich Rußland auf
-_diese_ Weise diente, leistete ich ihm einen viel größeren Dienst, als
-wenn ich nur Russe und nichts weiter gewesen wäre, so wie damals der
-Franzose nur Franzose und der Deutsche nur Deutscher war. In Europa kann
-man das vorläufig noch nicht verstehen. Europa hat die vornehmen Typen
-des Franzosen, des Engländers, des Deutschen geschaffen, aber von seinem
-zukünftigen Menschen weiß es fast noch nichts. Und ich glaube, es will
-auch noch nichts von ihm wissen. Das ist auch ganz verständlich: sie
-sind nicht frei, wir aber sind frei. Nur ich allein in Europa, nur ich
-mit meiner russischen Schwermut, war damals frei ...«
-
-»Merke dir etwas Eigentümliches, mein Freund: jeder Franzose kann nicht
-nur seinem Frankreich, sondern auch der ganzen Menschheit einzig unter
-der Bedingung dienen, daß er so viel wie nur irgend möglich Franzose
-bleibt; und ebenso ist es mit dem Engländer und dem Deutschen. Nur der
-Russe allein hat sogar schon in unserer Zeit, also schon viel früher als
-die endgültige Summe gezogen wird, bereits diese Gabe erhalten, eben
-dann am meisten Russe zu sein, wenn er am meisten Europäer ist. Und das
-ist der wesentlichste nationale Unterschied zwischen uns und allen
-anderen: in der Beziehung sind wir etwas ganz Einzigartiges! Mit einem
-Franzosen bin ich Franzose, mit einem Deutschen ein Deutscher, mit einem
-alten Griechen ein Grieche, und eben dadurch diene ich gleichzeitig
-Rußland am allermeisten, denn ich vertrete somit Rußlands Hauptgedanken.
-Ich bin ein Pionier dieses Gedankens! Damals wanderte ich aus, aber
-verließ ich denn deshalb Rußland? Nein, ich diente ihm weiter. Und mag
-ich in Europa auch nichts getan haben, mag ich auch nur ausgewandert
-sein, um dort umherzuwandern (und ich wußte ja schon im voraus, daß ich
-nichts anderes tun würde), aber auch das war schon genug, daß ich mit
-dem russischen Gedanken und mit meinem Bewußtsein hinfuhr. Ich brachte
-meine russische Schwermut dorthin. Oh, es war nicht das Blut, das damals
-vergossen wurde, was mich erschreckte, und nicht einmal die Zerstörung
-der Tuilerien, sondern alles, was darauf folgen muß. Jenen Völkern ist
-bestimmt, noch lange gegen einander zu kämpfen, denn sie sind noch gar
-zu ausschließlich Deutsche und gar zu ausschließlich Franzosen, und sie
-haben ihre Aufgaben in diesen Rollen noch nicht erfüllt. Und so lange
-tut es mir eben leid um die Zerstörung. Für den Russen ist Europa genau
-so teuer wie Rußland: jeder Stein Europas ist mir lieb und wert. Europa
-ist genau so unser Vaterland gewesen wie Rußland. Oh, noch mehr! Niemand
-kann Rußland glühender lieben, als ich es liebe, und doch habe ich mir
-nie einen Vorwurf deshalb gemacht, daß Venedig, Rom, Paris, die Schätze
-ihrer Kunst und Wissenschaft, daß ihre ganze Geschichte mir lieber ist
-als die Rußlands. Oh, diese alten fremden Steine, diese Wunder der alten
-Gotteswelt, diese Bruchstücke heiliger Wunder sind uns teuer, uns
-Russen; und sie sind uns sogar teurer als den Völkern selbst, denen sie
-jetzt gehören! Sie haben dort jetzt andere Gedanken und andere Gefühle,
-die alten Steine haben für sie den Wert verloren ... Der Konservative
-kämpft dort nur noch um seine Existenz, und auch der Petroleur zerstört
-die Tuilerien nur, weil es ihm um das Recht auf seinen Anteil zu tun
-ist. Nur Rußland lebt nicht für sich, sondern für eine Idee, und du
-wirst mir zugeben, mein Freund, daß es doch eine bedeutsame Tatsache
-ist, daß Rußland fast schon ein ganzes Jahrhundert entschieden nicht für
-sich, sondern nur für Europa lebt! Und die anderen? Oh, ihnen sind noch
-schreckliche Qualen bestimmt, bevor sie das Reich Gottes erlangen
-werden.«
-
-Ich muß gestehen, ich hörte ihm in nicht geringer Verwirrung zu; selbst
-der Ton seiner Rede erschreckte mich, doch seine Gedanken machten
-nichtsdestoweniger den größten Eindruck auf mich. Ich fürchtete fast
-krankhaft, Unwahres von ihm zu hören. Plötzlich bemerkte ich mit
-strenger Stimme:
-
-»Sie sagten soeben >das Reich Gottes<. Ich habe gehört, Sie hätten dort
-im Auslande Gott verkündet und nach Büßerart Ketten getragen?«
-
-»Meine Ketten lassen wir beiseite,« sagte er lächelnd, »das ist etwas
-ganz anderes. >Verkündet< habe ich damals noch nichts, aber um ihren
-Gott hat es mich geschmerzt -- das ist wahr. Sie verkündeten damals den
-Atheismus ... wenn es auch nur ein Häuflein von ihnen tat, aber die Zahl
-ist ja unwichtig; es waren nur die ersten Vorläufer, aber die Tat war
-doch der erste _ausgeführte_ Schritt -- das ist das Wichtige! Hier war
-es wieder ihre Logik; aber in der Logik liegt doch immer Schwermut. Ich
-war von anderer Kultur, und mein Herz ließ das nicht zu. Diese
-Undankbarkeit, mit der sie sich von der Idee trennten, dieses Auspfeifen
-und mit Schmutz bewerfen waren mir unerträglich. Die Schusterhaftigkeit
-des Vorgangs widerte mich an. Übrigens haftet der Wirklichkeit immer
-etwas von Schusterhaftigkeit an, selbst wenn sie aus einem noch so
-reinen Streben zum Ideal hervorgeht. Ich hätte das natürlich wissen
-müssen, aber ich war nun einmal ein anderer Typus Mensch: ich war frei
-in der Wahl, sie waren es nicht, und ich weinte, weinte an ihrer Statt,
-weinte um die alte Idee, und -- vielleicht weinte ich sogar wirkliche
-Tränen, ohne Beschönigung sei's gesagt.«
-
-»Haben Sie so stark an Gott geglaubt?« fragte ich mißtrauisch.
-
-»Mein Freund, diese Frage war -- vielleicht überflüssig. Nehmen wir an,
-ich hätte nicht so ganz geglaubt, aber auch dann hätte ich doch nicht
-umhin gekonnt, um die Idee zu trauern. So konnte ich auch nicht umhin,
-mir bisweilen vorzustellen, wie der Mensch ohne Gott leben würde, und
-unter welchen Umständen das wohl jemals möglich wäre. Mein Herz hat mir
-immer gesagt, daß es unmöglich ist; aber eine gewisse Zeitlang wird es
-vielleicht doch möglich sein ... Für mich gibt es sogar überhaupt keinen
-Zweifel daran, daß diese Zeit einmal kommen wird; aber da habe ich mir
-immer ein anderes Bild vorgestellt ...«
-
-»Was für eines?«
-
-Er hatte freilich zu Anfang schon selbst gesagt, daß er glücklich sei,
-und gewiß lag in seinen Worten viel Begeisterung: danach beurteile ich
-denn auch das meiste von dem, was ihm damals über die Lippen kam.
-Selbstverständlich kann ich mich nicht entschließen, alles hier schwarz
-auf weiß wiederzugeben, was wir damals sprachen, da ich diesen Menschen
-achte; aber ein paar Striche dieses wunderlichen Bildes, dessen
-Skizzierung ich ihm schließlich noch entlockte, möchte ich hier doch
-wiederzugeben versuchen. Vor allem hatten mich diese angeblich von ihm
-getragenen Ketten immer schon und die ganze Zeit vorher gequält, und da
-ich darüber endlich Klarheit haben wollte, ließ ich nicht davon ab:
-einige phantastische und sehr seltsame Ideen, die er damals aussprach,
-haben sich für ewig in mein Herz geprägt.
-
-»Ich versuche mir vorzustellen, mein Lieber,« begann er nachdenklich und
-mit einem eigenen Lächeln, »wie es sein wird, wenn der Kampf schon
-beendet und der Streit beigelegt ist. Nach den Flüchen und
-Verwünschungen, nach dem Auspfeifen und mit Schmutz bewerfen ist endlich
-eine Stille eingetreten, und die Menschen sind _allein_ geblieben, wie
-sie es gewünscht hatten: die große frühere Idee hat sie verlassen; die
-große Quelle der Kraft, die sie bislang genährt und gewärmt hatte, ist
-versiegt, ist untergegangen, ganz wie die mächtige rufende Sonne auf dem
-Bilde von Claude Lorrain, nur daß hier damit gleichsam der letzte Tag
-der Menschheit anbrach. Und die Menschen begriffen auf einmal, daß sie
-ganz allein geblieben waren, und da empfanden sie plötzlich eine große
-Verwaistheit. Mein lieber Junge, ich habe mir die Menschen niemals
-undankbar und verdummt vorzustellen vermocht. Ich bin überzeugt, diese
-verwaisten Menschen würden sich sogleich enger und liebevoller
-zueinander drängen; sie würden sich an den Händen fassen und begreifen,
-daß sie jetzt ganz allein alles füreinander sind! Die große Idee der
-Unsterblichkeit wäre verschwunden, und man müßte sie durch eine andere
-ersetzen; und der ganze riesige Überschuß der früheren Liebe zu dem, der
-ja die Unsterblichkeit war, würde sich in allen Menschen der Natur, der
-Welt, jedem Atom des Seienden zuwenden. Und sie würden die Erde und das
-Leben unsagbar liebgewinnen -- um so mehr, je mehr sie ihre eigene
-Vergänglichkeit und Endlichkeit erkennen würden, und lieben würden sie
-bereits mit einer ganz besonderen, einer ganz neuen Liebe, nicht mehr
-mit der früheren alten Liebe. In der Natur würden sie Erscheinungen und
-Geheimnisse entdecken, von denen sie sich früher nicht einmal haben
-träumen lassen, denn sie würden die Natur mit neuen Augen sehen, wie ein
-Liebender die Geliebte sieht. Sie würden nach diesem Erwachen sich
-beeilen, einander zu küssen, sie würden sich beeilen, zu lieben, in dem
-Bewußtsein, daß ihre Tage kurz sind, daß ihr Leben auf Erden alles ist,
-was ihnen verbleibt. Sie würden füreinander arbeiten, und ein jeder
-würde alles, was er hat, mit allen teilen, und schon das allein würde
-ihn glücklich machen. Jedes Kind würde wissen und fühlen, daß jeder
-Mensch auf Erden ihm Vater und Mutter ist. >Und sollte auch morgen mein
-letzter Tag sein,< würde ein jeder denken, wenn er die sinkende Sonne
-sieht, >was hat das zu sagen; ich sterbe, aber alle die anderen bleiben,
-und nach ihnen ihre Kinder<. Und dieser Gedanke, daß die anderen bleiben
-und sich gegenseitig immer so lieben werden, und ein jeder sich um jeden
-sorgen wird, dieser Gedanke würde die frühere Hoffnung auf ein
-Wiedersehen nach dem Tode ersetzen. Oh, sie würden sich beeilen und
-nicht ablassen, zu lieben, um die große Trauer in ihren Herzen zu
-löschen. Für sich selbst wären sie stolz und kühn, doch wenn es sich um
-andere handelt, zaghaft und ängstlich; ein jeder würde um das Leben und
-das Glück jedes anderen bangen. Sie würden zärtlich zueinander sein und
-würden sich dessen nicht schämen, wie jetzt, und würden einander
-liebkosen wie Kinder. Sie würden einander mit tiefem und denkendem Blick
-ansehen, und in ihrem Blick würde Liebe und Trauer liegen ...
-
-»Mein Lieber,« unterbrach er sich plötzlich mit einem Lächeln, »das sind
-ja alles nur Vorstellungen der Einbildung, und noch dazu die
-unwahrscheinlichsten; aber ich habe sie mir schon gar zu oft
-vorgestellt, weil ich ohne sie nicht sein konnte, und so habe ich mein
-Leben lang daran gedacht. Ich spreche nicht von meinem Glauben: mein
-Glaube ist groß, ich bin Deist, philosophischer Deist, wie es alle von
-unserem Tausend, glaube ich, sind; aber ... aber merkwürdigerweise habe
-ich diese Vorstellung immer mit einer Vision abgeschlossen, ähnlich der
-Heineschen von Christus auf dem Meere. Ich konnte nicht umhin, ihn mir
-schließlich unter den verwaisten Menschen vorzustellen, wie er zu ihnen
-kommt, ihnen die Hände entgegenstreckt und sagt: >Wie konntet ihr mich
-vergessen?< Und da fällt es gleichsam wie Schuppen von den Augen aller,
-und es ertönt die große begeisterte Hymne der neuen und letzten
-Auferstehung ...
-
-»Lassen wir das, mein Freund; und auch meine >Ketten< -- es war nichts
-damit; du brauchst dich ihretwegen nicht zu beunruhigen. Und noch eins:
-du weißt, daß ich im Sprechen schamhaft und nüchtern bin, und wenn ich
-jetzt etwas mehr aus mir herausgegangen bin, so geschah das ... aus
-verschiedenen Gefühlen und weil du es warst; zu einem anderen würde ich
-niemals davon gesprochen haben. Das sage ich dir zu deiner Beruhigung.«
-
-Ich war nahezu erschüttert: von der Unaufrichtigkeit, die zu hören ich
-gefürchtet hatte, war keine Spur zu entdecken gewesen, und mit
-besonderer Freude erfüllte mich die endlich einmal sichere Erkenntnis,
-daß er wirklich gelitten und sich gequält und zweifellos viel geliebt
-hatte, -- das aber war für mich das Teuerste. Ganz entzückt teilte ich
-ihm denn auch sofort meinen Eindruck mit.
-
-»Aber wissen Sie,« fügte ich plötzlich hinzu, »mir scheint doch, Sie
-müssen damals trotz Ihres ganzen Schmerzes unendlich glücklich gewesen
-sein?«
-
-Er lachte heiter auf.
-
-»Du bist heute besonders scharfsinnig in deinen Bemerkungen,« sagte er.
-»Nun ja, ich war glücklich, und wie hätte ich auch mit einem solchen
-Schmerz unglücklich sein können? Es gibt nichts Freieres und
-Glücklicheres als einen russisch-europäischen Herumstreicher, einen von
-unserem Tausend. Das sage ich aber keineswegs im Scherz, darin liegt
-vielmehr sehr viel Ernstes. Ja, meinen Schmerz hätte ich doch gegen kein
-anderes Glück eingetauscht. In diesem Sinne bin ich immer glücklich
-gewesen, mein Lieber, in meinem ganzen Leben. Und vor Glück begann ich
-damals, deine Mutter zu lieben, zum erstenmal in meinem Leben.«
-
-»Wie das: zum erstenmal in Ihrem Leben?«
-
-»Ja, wie ich sagte. Wie ich so mit meinem Schmerz und meiner
-unbestimmten Sehnsucht umherstreifte, begann ich sie auf einmal zu
-lieben, wie ich sie noch nie geliebt hatte, und da ließ ich sie sofort
-kommen.«
-
-»Oh, erzählen Sie mir auch davon, erzählen Sie mir von Mama!«
-
-»Zu dem Zweck habe ich dich ja zu mir gebracht, und weißt du,« sagte er
-lächelnd, »ich fürchtete schon, daß du mir alles, was ich deiner Mutter
-zugefügt habe, um einer Beziehung zu Alexander Herzen oder um
-irgendeiner erbärmlichen Verschwörung willen verziehen hättest ...«
-
-
- Achtes Kapitel.
-
-
- I.
-
-Da wir damals den ganzen Abend sprachen und bis tief in die Nacht hinein
-zusammensaßen, so will ich nicht unsere ganze Unterhaltung wiedergeben,
-sondern nur noch das, was mich damals endlich über einen rätselhaften
-Punkt in seinem Leben aufklärte.
-
-Ich möchte mit der Versicherung beginnen, daß ich an seiner Liebe zu
-Mama nicht zweifle; wenn er sie damals verlassen und vor der Abreise
-seine Verbindung mit ihr gelöst hatte, so hatte er das wohl nur getan,
-weil er sich zu langweilen begann, oder aus irgendeinem ähnlichen
-Grunde, was einem jeden von uns in der Welt widerfahren kann, und was im
-einzelnen immer schwer zu erklären ist. Im Auslande hatte er dann
-plötzlich, allerdings erst nach längerer Zeit, Mama in ihrer Abwesenheit
-wieder zu lieben angefangen, das heißt, in der Erinnerung, und da hatte
-er sie sogleich zu sich gerufen. Man wird vielleicht sagen: »Eine
-Laune!« Ich aber sage etwas anderes: meiner Überzeugung nach lag hierin
-alles, was es im Menschenleben nur Ernstes gibt, ungeachtet der ganzen
-Müßiggängerei und daraus folgenden Langweile, deren teilweise Mitwirkung
-ich meinetwegen zugeben will. Aber ich schwöre, daß ich seinen
-europäischen Schmerz ohne zu zögern nicht nur so hoch wie eine beliebige
-neuzeitlich praktische Betätigung etwa im Eisenbahnbau anschlage,
-sondern noch unvergleichlich höher. Seine Liebe zur Menschheit erkenne
-ich als das aufrichtigste und tiefste Gefühl ohne jede Vorgaukelei an,
-und seine Liebe zu Mama als etwas vollkommen Unanfechtbares, wenn auch
-vielleicht ein wenig Phantastisches. Im Auslande, in seinem »Schmerz und
-Glück«, und ich füge hinzu: in seiner strengsten mönchischen Einsamkeit
-(diesen besonderen Aufschluß erhielt ich erst später durch Tatjana
-Pawlowna) erinnerte er sich auf einmal an Mama -- erinnerte sich gerade
-ihrer »eingefallenen Wangen«, und da ließ er sie gleich kommen.
-
-»Mein Freund,« entfuhr es ihm unvorsichtigerweise, »ich erkannte
-plötzlich, daß meine Idee, wenn ich ihr in dieser Weise diente, mich als
-sittlich bewußtes Wesen durchaus nicht von der Pflicht befreite, in
-meinem Leben wenigstens einen Menschen praktisch glücklich zu machen.«
-
-»War wirklich ein solcher Buchgedanke der ganze Anlaß?« fragte ich
-verwundert.
-
-»Das ist kein Buchgedanke. Oder übrigens -- meinetwegen. Trotzdem traf
-da alles zusammen: ich liebte deine Mutter doch wirklich und aufrichtig,
-nicht mit abstrakter Liebe. Hätte ich sie nicht so geliebt, dann hätte
-ich sie doch nicht kommen lassen, sondern hätte den ersten besten,
-irgendeinen Deutschen oder eine Deutsche >glücklich gemacht<, da ich
-mich nun einmal von dieser Pflicht überzeugt hatte. Aber die Pflicht,
-unbedingt wenigstens einen Menschen in seinem Leben glücklich zu machen,
-und zwar praktisch, das heißt, in Wirklichkeit, würde ich für jeden
-entwickelten Menschen einfach zum Gebot erheben; ganz wie ich im
-Hinblick auf die Entwaldung Rußlands jeden Bauern gesetzlich zwingen
-würde, in seinem Leben wenigstens einen Baum zu pflanzen. Übrigens, ein
-Baum wäre zu wenig, man könnte eigentlich verlangen, daß er in jedem
-Jahr einen Baum pflanze. Ein höher entwickelter Mensch, der eine höhere
-Idee verfolgt, läßt sich bisweilen von der Wirklichkeit vollkommen
-ablenken, wird lächerlich, eigensinnig und kalt, ja, ich kann sogar
-sagen -- dumm, und das nicht nur im praktischen Leben, sondern zu guter
-Letzt sogar auch in seinen Theorien. So würde die Pflicht, sich
-praktisch im Leben zu betätigen und wenigstens einen Menschen praktisch
-zu beglücken, alles gutmachen und den Wohltäter selbst erfrischen und
-beleben. Als Theorie hört sich das sehr lächerlich an; doch wenn sich
-das praktisch durchsetzen und zum allgemeinen Brauch werden würde, so
-wäre das ganz und gar nicht lächerlich. Ich habe das an mir selbst
-erfahren: kaum hatte ich diese Idee von dem neuen Gebot zu entwickeln
-begonnen -- und anfangs tat ich das natürlich nur halb im Scherz -- als
-ich plötzlich auch die ganze Größe der in mir verborgenen Liebe zu
-deiner Mutter zu erkennen anfing. Bis dahin hatte ich überhaupt nicht
-begriffen, daß ich sie liebte. Solange ich mit ihr gelebt hatte, war sie
-für mich nur zu meinem Vergnügen dagewesen, solange sie noch hübsch war,
-und nachher hatte ich sie mit meinen Launen gequält. Erst in Deutschland
-begriff ich, daß ich sie liebte. Es begann mit der Erinnerung an ihre
-eingefallenen Wangen, an die ich niemals ohne Schmerz habe denken, und
-die ich manchmal nicht einmal ohne Schmerz habe sehen können -- einen
-buchstäblichen, wirklichen Schmerz. Es gibt schmerzhafte Erinnerungen,
-mein Lieber, die uns wirklichen, körperlichen Schmerz verursachen; fast
-jeder Mensch hat solche Erinnerungen, nur vergessen die Menschen sie
-gewöhnlich. Aber dann geschieht es bisweilen, daß sie ihnen plötzlich
-wieder einfallen, wenn es auch nur irgendein kleiner Zug ist, der ihnen
-einfällt, und dann können sie die Erinnerung nicht mehr abschütteln. So
-begann ich damals, tausend verschiedene Einzelheiten aus meinem Leben
-mit Ssonjä mir ins Gedächtnis zurückzurufen; bald kamen sie von selbst,
-und schließlich stürmten sie in Massen auf mich ein und hätten mich fast
-totgequält, während ich auf Ssonjä wartete. Ganz besonders quälte mich
-die Erinnerung an ihre ewige Unterwürfigkeit mir gegenüber, und daran,
-wie sie sich beständig für tief unter mir stehend gehalten hatte, in
-jeder Beziehung, stell dir vor, sogar körperlich. Sie schämte sich und
-wurde glühend rot, wenn ich auf ihre Hände oder Finger sah, die ja gar
-nicht aristokratisch sind. Und nicht nur ihrer Finger schämte sie sich,
--- sie schämte sich ihres ganzen Äußeren, ungeachtet dessen, daß ich
-doch ihre Schönheit liebte. Sie war mir gegenüber schon immer von einer
-Schamhaftigkeit gewesen, die ich geradezu unverständlich fand, doch das
-Schlimme war, daß aus dieser Schamhaftigkeit immer eine Art Angst
-hervorsah. Sie hielt sich, wenigstens vor mir, für etwas ganz Wertloses
-oder fast Unanständiges. Glaube mir, ich habe in der ersten Zeit
-manchmal gedacht, sie halte mich immer noch für ihren Gutsherrn und
-fürchte mich, aber das war es nicht, der Grund war ein ganz anderer. Und
-dabei war sie, ich schwöre dir, mehr als jeder andere fähig, meine
-Mängel zu erkennen; überhaupt bin ich in meinem Leben keiner Frau
-begegnet, die ein so feinfühliges und verstehendes Herz gehabt hätte wie
-sie. Oh, wie war sie unglücklich, wenn ich in der ersten Zeit, als sie
-noch so hübsch aussah, von ihr verlangte, sie solle sich schmücken. Da
-war es nicht nur ihre Eigenliebe, sondern noch irgendein anderes Gefühl,
-das sich dadurch gekränkt fühlte: sie begriff, daß sie niemals eine Dame
-sein konnte und in einem ihr fremden Kleide immer nur lächerlich
-aussehen werde. Sie aber, als Frau, wollte nicht lächerlich sein in
-ihren Kleidern, denn sie fühlte wohl, daß jede Frau _ihre_ Kleidung hat,
-was Tausende und Hunderttausende von Frauen nie begreifen, die sich
-immer nur nach der Mode kleiden wollen. Sie fürchtete sich vor meinem
-spöttischen Blick -- das war's! Aber besonders schmerzlich war mir die
-Erinnerung an ihren tief verwunderten Blick, den ich in der Zeit unseres
-Zusammenlebens so oft auf mir hatte ruhen fühlen: in diesem Blick hatte
-immer ein vollkommenes Sichbewußtsein ihres Geschicks und der sie
-erwartenden Zukunft gelegen, so daß es mir selber unter diesem Blick
-schwer ums Herz geworden war, obgleich ich mich damals in Gespräche mit
-ihr nicht eingelassen und alles dies, ich muß gestehen, gewissermaßen
-von oben herab behandelt hatte. Sie war doch nicht immer so scheu und
-ängstlich wie jetzt; und auch jetzt kommt es ja noch bisweilen vor, daß
-sie plötzlich fröhlich wird, und die Fröhlichkeit sie so verjüngt, daß
-sie wie eine Zwanzigjährige aussieht; in ihrer Jugend aber liebte sie es
-sehr, zu scherzen und zu lachen, natürlich nur unter ihresgleichen -- so
-mit den Mädchen und dem ganzen Frauenvolk, das sich in unseren
-Gutshäusern einzunisten pflegt ... und wie sie zusammenfuhr, wenn ich
-sie beim Lachen überraschte, wie sie dann rot wurde, wie scheu sie mich
-ansah! Einmal, das war vor meiner Abreise ins Ausland, das heißt, kurz
-bevor ich die Ehe mit ihr löste, kam ich in ihr Zimmer und traf sie ganz
-allein an: sie saß ohne Arbeit an ihrem Tischchen, die Arme aufgestützt
-und tief in Gedanken. Es kam fast nie vor, daß sie so ohne Arbeit saß.
-Damals war ich schon lange nicht mehr zärtlich zu ihr gewesen. Es gelang
-mir, mich ganz leise ihr zu nähern, und auf einmal umfaßte und küßte ich
-sie ... Sie sprang auf -- oh, nie werde ich diese Seligkeit vergessen,
-dieses Glück in ihrem Gesicht, doch plötzlich wich das alles einem
-heißen Erröten, und ihre Augen sprühten. Weißt du, was ich in diesem
-sprühenden Blick las? >Du hast mir ein Almosen gegeben -- als ob ich's
-nicht wüßte!< Sie brach in hysterisches Weinen aus, ich hätte sie
-erschreckt, sagte sie; aber ich wurde sogar damals nachdenklich. Und
-überhaupt -- alle diese Erinnerungen sind etwas sehr Schweres, mein
-Freund. Das ist ähnlich wie mit gewissen _schmerzhaften_ Szenen in den
-Dichtungen der großen Künstler, an die man sein Leben lang mit einem
-Schmerzempfinden denkt, -- zum Beispiel der letzte Monolog Othellos bei
-Shakespeare, oder wie Puschkins Eugen Onégin vor Tatjana kniet, oder in
-den Misérables von Victor Hugo die Begegnung des entsprungenen
-Sträflings mit dem kleinen Mädchen in der kalten Nacht am Brunnen; das
-durchbohrt einem einmal das Herz, und die Wunde vernarbt nie wieder. Oh,
-wie sehnsüchtig wartete ich damals auf Ssonjä, ich konnte es nicht
-erwarten, sie in meine Arme zu schließen! In fiebernder Ungeduld träumte
-ich von einem ganz neuen Leben; ich träumte davon, wie ich mit
-liebevoller Geduld diese beständige Angst vor mir in ihrer Seele
-zerstören, ihr ihren eigenen Wert klarmachen und ihr auseinandersetzen
-würde, worin sie sogar über mir stand! Oh, ich wußte auch damals schon
-und nur zu gut, daß ich deine Mutter immer dann zu lieben anfing, wenn
-wir getrennt waren, und daß ich immer kühl zu ihr wurde, wenn ich mit
-ihr wieder zusammenkam; aber damals war es nicht das, damals war es
-etwas ganz anderes.«
-
-Ich wunderte mich. »Und _sie_?« fuhr es mir durch den Kopf.
-
-Ich fragte vorsichtig: »Und wie trafen Sie denn damals mit Mama
-zusammen?«
-
-»Damals? Ja, zu diesem Zusammentreffen kam es damals gar nicht. Sie kam
-nur bis Königsberg und blieb dort, ich aber war am Rhein. Ich fuhr ihr
-nicht entgegen, sondern schrieb ihr, sie solle dort bleiben und warten.
-Wir sahen uns erst viel später, oh, erst nach langer Zeit, als ich zu
-ihr reiste, um von ihr die Einwilligung zu jener Heirat zu erbitten ...«
-
-
- II.
-
-Von unserem weiteren Gespräch will ich nur das wiedergeben, was ich von
-ihm damals an Tatsachen erfuhr, und wie ich mir den Sachverhalt später
-selbst klargemacht habe. Er erzählte mir das alles ziemlich sprunghaft.
-Überhaupt wurde seine Art, zu erzählen, unvergleichlich wirrer,
-unklarer, als er auf diesen Punkt zu sprechen kam.
-
-Er war damals plötzlich Katerina Nikolajewna begegnet, ganz unerwartet,
-gerade in der Zeit, als er Mama erwartete und im Augenblick seiner
-größten Sehnsucht nach ihr. Sie hielten sich damals alle in einem Kurort
-am Rhein auf und tranken da irgendeinen Brunnen. Katerina Nikolajewnas
-Mann war schon von den Ärzten aufgegeben worden, oder wenigstens hatten
-sie erkannt, daß sie ihm nicht mehr helfen konnten. Schon bei der ersten
-Begegnung hatte sie einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht, hatte ihn
-durch irgend etwas förmlich bezaubert. Das war ein Fatum! Sonderbar:
-jetzt, wo ich unser Gespräch niederschreibe und mir alles wieder
-vergegenwärtige, kann ich mich nicht erinnern, daß er damals auch nur
-einmal das Wort »Liebe« gebraucht hätte oder den Ausdruck, er sei
-»verliebt« gewesen. Doch des Wortes »Fatum« erinnere ich mich noch sehr
-gut.
-
-Ja, das war allerdings Fatum. Er hatte es _nicht gewollt_, er »hatte
-nicht lieben wollen«. Ich weiß nicht, ob ich das verständlich werde
-wiedergeben können; jedenfalls empörte sich alles in ihm allein schon
-gegen die Tatsache, daß so etwas mit ihm hatte geschehen können. Alles,
-was an Freiheit in ihm gewesen war, war durch diese Begegnung wie mit
-einem Schlage vernichtet, und der Mensch fühlte sich an eine Frau
-gefesselt, die ihn nichts anging. In diese Sklaverei der Leidenschaft
-war er gegen seinen Willen geraten. Ich sage jetzt ohne weiteres:
-Katerina Nikolajewna ist ein sehr seltener Typus einer Weltdame -- ein
-Typus, den es in diesen Kreisen vielleicht so gut wie überhaupt nicht
-gibt. Es ist das der Typus einer im höchsten Grade einfachen und
-aufrichtigen Frau. Ich habe gehört, das heißt, ich weiß genau, daß sie
-eben dadurch in der Gesellschaft unwiderstehlich wirkte, wenn sie in ihr
-erschien (es war aber schon oft vorgekommen, daß sie sich auf längere
-Zeit von allem Verkehr zurückzog). Werssiloff hatte damals bei der
-ersten Begegnung selbstverständlich nicht geglaubt, daß sie so wäre,
-sondern hatte gerade das Gegenteil vermutet, daß sie eine Heuchlerin und
-Jesuitin sei. Ich möchte hier gleich ihr Urteil über ihn wiedergeben:
-sie beteuerte, er habe von ihr auch gar nicht anders denken können,
-»denn ein Idealist, der auf die Wirklichkeit stößt, ist immer eher als
-alle anderen geneigt, jede Schändlichkeit vorauszusetzen«. Ich weiß
-nicht, ob das auf die Idealisten im allgemeinen zutrifft, aber auf ihn
-traf es durchaus zu. Hier werde ich meinetwegen auch noch meine Ansicht
-anführen, zu der ich schon damals kam, als ich noch dort saß und ihm
-zuhörte. Ich dachte bei mir, er werde meine Mutter wohl mehr mit einer
-allgemein menschlichen Liebe geliebt haben als mit der Liebe, mit der
-man sonst Frauen liebt; und als er dann einer Frau begegnete, die in ihm
-eine solche Liebe erweckte, da lehnte er sich gleich gegen diese Liebe
-auf -- wahrscheinlich, weil er daran nicht gewöhnt war. Übrigens ist es
-möglich, daß diese Auffassung falsch ist, -- ihm gegenüber habe ich sie
-natürlich nicht geäußert; es wäre taktlos gewesen. Und außerdem war er
-in einer solchen Verfassung, daß er wirklich der Schonung bedurfte: er
-war sehr erregt, und an manchen Stellen seiner Erzählung verstummte er
-plötzlich und schwieg mehrere Minuten lang, während er mit bösem Gesicht
-im Zimmer auf und ab ging.
-
-Sie hatte damals sein Geheimnis bald erraten. Oh, vielleicht hatte sie
-mit ihm sogar absichtlich kokettiert: in solchen Fällen sind ja selbst
-die reinsten Frauen gewissenlos, das ist nun mal ihr unbezwingbarer
-Instinkt. Es endete zwischen ihnen mit einem erbitterten Zerwürfnis: er
-wollte sie, glaube ich, erschießen; jedenfalls hatte er sie in Angst und
-Schrecken versetzt, und vielleicht hätte er sie auch umgebracht, »aber
-alles verwandelte sich in Haß«. Und dann kam für ihn eine sonderbare
-Zeit: er stellte sich auf einmal die Aufgabe, sich durch strengste Zucht
-zu quälen, »durch dieselbe Zucht, die die Mönche anwenden. Man bezwingt
-allmählich und durch methodische Übung seinen Willen, man fängt mit den
-lächerlichsten und nichtigsten Dingen an und endet damit, daß man seinen
-Willen vollkommen beherrscht, und eben dadurch vollkommen frei wird,«
-sagte er. Er fügte hinzu, bei den Mönchen sei das eine ernste Sache, da
-tausendjährige Übung die Zucht zur Wissenschaft erhoben habe. Aber das
-merkwürdigste war, daß er sich diese Idee von der Zucht nicht etwa
-deshalb in den Kopf gesetzt hatte, um sich von Katerina Nikolajewna
-losreißen zu können, sondern in der vollkommenen Überzeugung, daß er
-nicht nur sie zu lieben aufgehört habe, sondern sie bereits aufrichtig
-hasse. An diesen seinen Haß glaubte er so fest, daß er plötzlich sogar
-auf den Gedanken kam, sich in ihre Stieftochter zu verlieben und die
-arme, vom Fürsten Ssergei Petrowitsch Betrogene zu heiraten. An seiner
-neuen Liebe zweifelte er überhaupt nicht mehr, und die arme Idiotin
-verliebte sich so grenzenlos in ihn, daß er ihr durch diese Liebe in den
-letzten Monaten ihres Lebens das größte Glück bescherte. Warum er aber
-damals statt auf den Gedanken an sie, nicht auf den Gedanken an Mama
-gekommen war, die ihn immer noch in Königsberg erwartete -- ist für mich
-unverständlich geblieben. Ja, gerade Mama hatte er auf einmal
-vollständig vergessen, hatte ihr nicht einmal Geld zum Leben geschickt,
-und erst Tatjana Pawlowna hatte die Arme aus Königsberg abgeholt und
-dadurch gerettet; aber plötzlich war er dann doch zu Mama gefahren, um
-von ihr die Erlaubnis zu erbitten, jenes junge Mädchen zu heiraten,
-unter dem Vorwande, »daß eine solche Braut doch keine Frau sei«. Oh,
-vielleicht ist dies alles nur das Bild eines »abstrakten Menschen«, wie
-Katerina Nikolajewna ihn später einmal genannt hat; aber wie kommt es
-denn, daß diese abstrakten Menschen (wenn es wahr ist, daß sie abstrakt
-sind) zugleich fähig sind, auf eine so konkrete Weise, so wirklich und
-unabstrakt sich zu quälen und tragisch zu werden? Übrigens, damals, an
-jenem Abend, dachte ich ein wenig anders, und mich erschütterte ein
-Gedanke:
-
-»Sie haben Ihre Entwicklung, Ihre ganze wissende Seele durch
-lebenslängliches Leid und ewigen Kampf erworben -- sie aber hat ihre
-ganze Vollkommenheit umsonst bekommen. Das ist eine Ungleichheit ... In
-der Beziehung sind die Frauen wirklich empörend!« Ich sagte das durchaus
-nicht, um mich ihm angenehm zu machen, sondern heftig und sogar mit
-Unwillen.
-
-»Vollkommenheit? Ihre Vollkommenheit? Aber von einer solchen kann doch
-bei ihr überhaupt nicht die Rede sein!« sagte er plötzlich, fast
-verwundert über meine Worte. »Das ist doch eine ganz gewöhnliche Frau,
-sogar eine ganz wertlose Frau ... Aber sie ist eben verpflichtet, alle
-Vollkommenheiten zu haben!«
-
-»Warum verpflichtet?«
-
-»Weil sie, wenn sie eine solche Macht besitzt, einfach verpflichtet ist,
-auch alle Vollkommenheiten zu besitzen!« rief er zornig.
-
-»Das Bedauerlichste ist, daß Sie auch jetzt noch so gequält sind!«
-entschlüpfte es mir plötzlich ganz ungewollt.
-
-»Jetzt? Gequält?« wiederholte er zum zweitenmal meine Worte, während er
-wie verständnislos vor mir stehen blieb.
-
-Und da erschien auf einmal ein stilles, langsames Lächeln in seinem tief
-nachdenklichen Gesicht, und er legte die Hand auf die Stirn, als
-versuche er etwas zusammenzureimen. Und dann, nachdem er wieder wie zu
-sich gekommen war, nahm er vom Schreibtisch einen geöffneten Brief und
-warf ihn mir hin:
-
-»Da, lies! Du mußt unbedingt alles erfahren ... warum hast du mich so
-lange in diesem alten Gewäsch herumwühlen lassen? ... Ich habe damit nur
-mein Herz besudelt und mich erbittert! ...«
-
-Ich vermag mein Erstaunen gar nicht zu beschreiben: es war ein Brief von
-_ihr_. Sie hatte ihn an demselben Tage geschrieben, und er hatte ihn
-gegen fünf Uhr nachmittags erhalten. Während ich las, zitterte ich vor
-Aufregung. Der Brief war nicht lang, aber mit einer solchen
-Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit geschrieben, daß ich sie leibhaftig vor
-mir zu sehen und ihre Stimme zu hören glaubte. Sie gestand ihm mit aller
-Offenheit (und das war fast rührend) ihre ganze Angst vor ihm, und
-beschwor ihn, sie doch endlich »in Ruhe zu lassen«. Zum Schluß teilte
-sie ihm mit, es stehe jetzt fest, daß sie Bjoring heiraten werde. Vor
-diesem Brief hatte sie noch nie an ihn geschrieben.
-
-Und nun will ich wiedergeben, was ich von seinen Erklärungen verstanden
-habe:
-
-Nachdem er diesen Brief gelesen, nachmittags um fünf Uhr, hatte er
-plötzlich eine ganz unerwartete Empfindung in sich verspürt: zum
-erstenmal in diesen verhängnisvollen zwei Jahren hatte er nicht den
-geringsten Haß gegen sie und nicht die geringste Erschütterung
-empfunden, etwa von der Art, wie er noch kurz vorher bei der bloßen
-Nachricht von ihrer Verlobung mit Bjoring »wahnsinnig geworden war«. »Im
-Gegenteil, ich habe ihr von ganzem Herzen meinen Segen geschickt,« sagte
-er mit tiefem Gefühl zu mir. Mit Entzücken vernahm ich diese Worte. Also
-war alle Leidenschaft und Qual in ihm mit einem Schlage ganz von selbst
-verschwunden, wie ein Traum, wie ein Sinnenrausch, der ihn zwei Jahre
-lang im Bann gehalten. Noch hatte er es sich selbst nicht geglaubt, als
-er zu Mama geeilt war -- und siehe da: er trat in dem Augenblick bei ihr
-ein, als sie endlich _frei_ wurde und der Alte, der sie ihm gestern
-gewissermaßen übergeben hatte, starb. Eben dieses Zusammentreffen hatte
-ihn so erschüttert. Und nur wenig später hatte er schon mich aufgesucht
--- daß er unter diesen Umständen doch sogleich an mich gedacht hat,
-werde ich ihm nie vergessen.
-
-Auch die letzten Stunden jenes Abends werde ich nie vergessen. Dieser
-Mensch hatte sich ganz und gar verwandelt. Wir saßen bis tief in die
-Nacht zusammen. Welchen Eindruck diese ganze »Mitteilung« auf mich
-machte, werde ich später erzählen, hier will ich nur noch ein paar
-abschließende Worte über ihn sagen. Wenn ich jetzt nachdenke, begreife
-ich, womit er mich damals am meisten bezaubert hat: das war seine
-gewisse Demut vor mir und seine so echte Aufrichtigkeit, mir, dem halben
-Knaben, gegenüber! »Es war wie eine Benommenheit,« rief er aus, »aber
-auch die segne ich jetzt! Ohne diese Blindheit hätte ich vielleicht
-niemals in meinem Herzen die restlose und für ewig einzige Besitzerin
-meines Herzens gefunden, meine Märtyrerin -- deine Mutter.« Diese
-begeisterten Worte, die unaufhaltsam aus ihm hervorbrachen, verzeichne
-ich hier besonders im Hinblick auf das Weitere. Damals aber ergriff und
-besiegte er damit mein Herz.
-
-Ich weiß noch, wir wurden zu guter Letzt sehr heiter. Er ließ Champagner
-bringen, und wir stießen auf Mamas Wohl und auf die »Zukunft« an. Oh, er
-war so voll Leben und so begierig, zu leben! Aber nicht vom Wein wurden
-wir auf einmal so lustig: wir tranken ja im ganzen nur zwei Glas. Ich
-weiß nicht, weshalb es geschah, aber wir lachten zum Schluß fast
-unaufhörlich. Wir sprachen schon von ganz anderen, ganz nebensächlichen
-Dingen; er erzählte mir alle möglichen Geschichtchen und ich ihm
-gleichfalls. Und unser Lachen wie unsere Geschichten waren weder boshaft
-noch weiß Gott wie lustig, aber sie steigerten doch noch unsere
-Heiterkeit. Er wollte mich noch immer nicht fortlassen: »Bleib noch,
-bleib noch ein wenig!« sagte er immer wieder, und ich blieb. Später aber
-kam er mit und begleitete mich ein Stück Weges; die Nacht war
-wundervoll, es fror ein wenig.
-
-»Sagen Sie: haben Sie _ihr_ schon geantwortet?« fragte ich plötzlich
-ganz unbedacht, als ich ihm an der Straßenecke zum letztenmal die Hand
-drückte.
-
-»Nein, noch nicht, aber das ist ja gleichgültig. Komme morgen zu mir,
-komm' früher ... Ja und noch eines: gib dich nicht mit Lambert ab und
-das >Dokument< zerreiße, je früher, desto besser. Leb wohl!«
-
-Und damit ging er plötzlich davon; ich blieb auf demselben Fleck stehen
-und war so betroffen, daß ich mich nicht entschließen konnte, ihn
-zurückzuhalten oder ihm nachzugehen. Der Ausdruck >das _Dokument_<
-machte mich besonders stutzig: von wem konnte er gerade diese
-Bezeichnung gehört haben, wenn nicht von Lambert? Ich kehrte in großer
-Verwirrung heim. »Und ist denn das überhaupt möglich,« fuhr es mir
-plötzlich durch den Kopf, »daß so ein zweijähriger Zauber auf einmal
-wirklich ganz verschwinden kann, wie ein Traum, wie ein Spuk, wie
-irgendeine Vision?«
-
-
- Neuntes Kapitel.
-
-
- I.
-
-Am nächsten Morgen erwachte ich viel frischer und gutherziger. Ich
-machte mir sogar Vorwürfe -- und zwar ganz unwillkürlich und aufrichtig
--- weil ich, wie ich mich erinnerte, manche Stellen seiner »Beichte«
-nicht sehr ernst genommen und gleichsam mit einer gewissen Überlegenheit
-angehört hatte. Wenn auch ein Teil seiner Beichte etwas unklar und wirr
-gewesen war, so mußte ich mir doch sagen, daß er sich nach dem
-erschütternden Erlebnis wohl nicht gerade mit einer gutausgearbeiteten
-Rede auf den Weg gemacht hatte, um mich zu suchen und zu sich zu führen.
-Er hatte mir nur eine große Ehre erwiesen, als er sich in einem solchen
-Augenblick an mich als an seinen einzigen Freund wandte, und das werde
-ich ihm nie vergessen! Im Gegenteil, seine Beichte war eigentlich
-rührend gewesen, mag man auch wegen dieses Ausdrucks über mich lachen,
-und wenn manchmal etwas Zynisches oder sogar etwas gleichsam
-Lächerliches durchschimmerte, so war ich doch vorurteilslos genug, um
-auch den Realismus zu verstehen und seine Berechtigung anzuerkennen --
-übrigens ohne mir durch ihn das Ideal trüben zu lassen. Die Hauptsache
-war, daß ich diesen Menschen jetzt endlich verstand: und teilweise
-bedauerte ich sogar, und es ärgerte mich fast ein wenig, daß alles, wie
-sich nun herausstellte, so einfach gewesen war: in meinem Herzen hatte
-ich diesen Menschen immer so unendlich hochgestellt, hatte ihn bis in
-die Wolken erhoben, und sein Schicksal war von mir stets mit etwas
-unbedingt Geheimnisvollem umwoben worden, weshalb ich denn auch
-unwillkürlich und bis zuletzt gewünscht hatte, daß dieses Geheimfach nur
-auf eine möglichst verzwickte Weise zu öffnen sein möge. Übrigens lag
-auch in seiner Begegnung mit _ihr_ und in seiner ganzen zweijährigen
-Qual viel Verzwicktes: »er wollte kein Fatum, er wollte Freiheit; er
-wollte nicht die Sklaverei des Fatums, denn als Sklave des Fatums war er
-gezwungen, Mama, die in Königsberg auf ihn wartete, so zu kränken ...«
-Hinzu kam, daß ich diesen Menschen unter allen Umständen für einen
-Propheten hielt: in seinem Herzen trug er das goldene Zeitalter, und er
-kannte die Zukunft des Atheismus; doch da kam die Begegnung mit ihr und
-zerbrach und entstellte alles! Oh, ich wurde ihr nicht untreu, aber ich
-nahm doch für ihn Partei. »Mama, zum Beispiel,« sagte ich mir damals,
-»hätte sein Schicksal in nichts behindert, nicht einmal, wenn er sie
-geheiratet hätte!« Das begriff ich; das war etwas ganz anderes, als die
-Begegnung mit _jener_. Freilich hätte ihm auch Mama nicht die Ruhe
-gegeben, aber das wäre schließlich um so besser gewesen: solche Menschen
-wie er muß man anders beurteilen, und mag ihr Leben auch ewig so bleiben
--- dabei ist weiter nichts Schlimmes; im Gegenteil, es wäre schlimm,
-wenn sie sich beruhigten oder den Durchschnittsmenschen anglichen.
-Seine Hochschätzung des Adels und seine Worte: »_Je mourrai
-gentilhomme_«{[106]} beirrten mich nicht im geringsten: ich begriff, was
-das für ein _gentilhomme_ war: das war ein Typus, der alles hingibt und
-zum Propheten wird, zum Verkünder des Weltbürgertums und des höchsten
-russischen Gedankens -- der »Vereinigung aller Ideen«. Und selbst wenn
-das alles ein Unsinn war, ich meine diese »Vereinigung aller Ideen«
-(denn sie ist natürlich undenkbar), so lag doch schon darin ein Gutes,
-daß er sein Leben lang eine Idee verehrt hat und nicht das dumme goldene
-Kalb. O Gott! -- und ich, ich selbst, habe ich denn, als ich meine
-»Idee« mir ausdachte, etwa an das goldene Kalb gedacht, brauchte ich
-denn damals Geld? Nein; ich schwöre, ich brauchte nur eine Idee! Ich
-schwöre, daß ich nicht einen Stuhl, nicht ein Sofa mit Samt überziehen
-ließe und auch als Besitzer von hundert Millionen nur meinen Teller
-Suppe mit Rindfleisch essen würde, wie ich es heute tue!
-
-Ich kleidete mich an und beeilte mich dabei; denn es zog mich mächtig zu
-ihm hin. Ich muß hier bemerken, daß ich auch wegen seiner gestrigen
-Erwähnung des »Dokuments« mindestens fünfmal ruhiger war als am Abend
-vorher. Erstens hoffte ich, mich mit ihm aussprechen zu können; und
-zweitens, was war denn schließlich dabei, daß Lambert sich auch an ihn
-herangemacht und über irgend etwas mit ihm gesprochen hatte? -- Aber der
-Hauptgrund meiner Freude lag doch in einem außergewöhnlichen Gefühl: es
-war der Gedanke, daß er »_sie_ nicht mehr liebte«. Daran glaubte ich mit
-aller Gewalt, und ich hatte eine Empfindung, als hätte jemand gleichsam
-einen unheimlich schweren Stein von meinem Herzen gewälzt. Ich erinnere
-mich auch noch einer ganz flüchtig in mir auftauchenden Erkenntnis: eben
-der Unglaublichkeit und Sinnlosigkeit seines letzten rasenden
-Wutausbruchs bei der Nachricht von ihrer Verlobung mit Bjoring und der
-Absendung jenes beleidigenden Briefes an sie -- eben diese äußerste
-Heftigkeit des Ausbruchs konnte ein Anzeichen und ein Vorläufer der
-vollkommenen Veränderung seiner Gefühle und seiner baldigen Rückkehr zur
-Vernunft gewesen sein: vielleicht wie bei einer Krankheit, dachte ich
-bei mir, einer Krankheit, in deren Verlauf er einmal unbedingt zu diesem
-entgegengesetzten Punkt hatte gelangen müssen -- also eine ärztlich
-vorauszusehende Übergangserscheinung und nichts weiter! Dieser Gedanke
-machte mich glücklich.
-
-»Und mag _sie_ doch selbst ihr Schicksal bestimmen, mag sie doch ihren
-Bjoring heiraten, soviel sie will, wenn nur er, mein Vater, mein Freund,
-wenn nur er sie nicht mehr liebt!« rief es in mir. Übrigens lag hier ein
-gewisses Geheimnis meinen Gefühlen zugrunde, doch besagte Gefühle will
-ich in diesen meinen Aufzeichnungen nicht weiter auseinandersetzen.
-
-Das dürfte genügen. Und nun will ich den ganzen folgenden Schrecken,
-dies ganze Zusammenwirken der Tatsachen ohne alle weiteren Betrachtungen
-wiedergeben.
-
-
- II.
-
-Um zehn Uhr, als ich mich gerade anschickte, fortzugehen -- zu ihm
-natürlich -- erschien Darja Onissimowna. Ich fragte sie erfreut, ob sie
-von ihm komme, und ärgerte mich, als ich hörte, daß sie nicht von ihm,
-sondern von Anna Andrejewna kam, und daß sie, Darja Onissimowna, »die
-Wohnung schon in aller Frühe verlassen« hatte.
-
-»Welche Wohnung?«
-
-»Dieselbe, in der Sie gestern waren. Diese Wohnung ist jetzt auf meinen
-Namen gemietet, für das Kind, und bezahlt wird sie von Tatjana Pawlowna
-...«
-
-»Ach, was geht das mich an!« unterbrach ich sie geärgert. »Aber ist er
-wenigstens jetzt zu Hause? Werde ich ihn antreffen?«
-
-Doch zu meiner Verwunderung hörte ich von ihr, daß er noch vor ihr die
-Wohnung verlassen habe; sie hatte sie schon »in aller Frühe« verlassen,
-er aber noch etwas früher.
-
-»Nun, dann wird er doch jetzt wieder zurückgekehrt sein?«
-
-»Nein, er ist sicherlich nicht zurückgekehrt und wird vielleicht
-überhaupt nicht mehr zurückkehren,« sagte sie und sah mich mit demselben
-scharfen und lauernden Blick an, ohne ihn von mir abzuwenden, ganz wie
-damals, als ich krank zu Bett lag, bei ihrem bereits geschilderten
-Besuch. Es reizte mich, daß dahinter wieder allerhand Geheimnisse und
-Dummheiten zu stecken schienen, und daß diese Leute offenbar ohne
-Verschwörungen und Winkelzüge gar nicht auskommen konnten.
-
-»Weshalb sagen Sie: er wird sicherlich nicht zurückkehren? Was meinen
-Sie damit? Er wird einfach zu Mama gegangen sein -- das ist das Ganze!«
-
-»Ich ... weiß n--nicht.«
-
-»Ja, wozu haben Sie sich denn hierherbemüht?«
-
-Sie sagte mir schnell, daß sie soeben von Anna Andrejewna käme, die mich
-zu sich bitten lasse und mich erwarte: ich möchte unbedingt _sofort_
-kommen, »denn sonst könnte es zu spät werden«. Dieses neue rätselhafte
-Wörtchen »zu spät« steigerte meine Gereiztheit ganz beträchtlich.
-
-»Warum zu spät? Ich will aber nicht kommen und komme auch nicht! Ich
-erlaube es nicht, daß man so einfach über mich verfügt. Den Lambert soll
-sie zum Teufel jagen, sagen Sie ihr das. Und wenn sie ihn zu mir
-schickt, so fliegt er die Treppe hinunter -- das sagen sie ihr
-gleichfalls, und zwar wörtlich!«
-
-Darja Onissimowna erschrak nicht wenig.
-
-»Ach, nein doch!« bat sie und trat einen Schritt auf mich zu, die
-Handflächen flehend gegeneinander gelegt, »tun Sie das nicht so
-übereilt! Es handelt sich hier um eine so wichtige Angelegenheit, auch
-für Sie selbst ist sie außerordentlich wichtig und für Anna Andrejewna,
-und auch für Andrei Petrowitsch, wie für Ihre Mutter -- für alle, alle
-... Ach, bitte, gehen Sie doch gleich zu ihr, denn sie kann unmöglich
-länger warten ... ich schwöre es Ihnen bei meiner Ehre ... und dann
-entschließen Sie sich schon selbst ...«
-
-Ich sah sie erstaunt und mit einem gewissen Unbehagen an.
-
-»Unsinn, daraus wird nichts, ich komme nicht!« rief ich eigensinnig und
-nicht ohne Schadenfreude. »Jetzt fängt eine neue Methode an! Aber wie
-sollten Sie das begreifen! Leben Sie wohl, Darja Onissimowna, ich werde
-absichtlich nicht hingehen, und ich frage Sie jetzt absichtlich nicht
-aus. Sie wollen mich nur verwirren und von meinem Wege abbringen. Ich
-aber habe gar keine Lust, mich mit Ihren Rätseln abzugeben. Behalten Sie
-Ihre Geheimnisse für sich!«
-
-Da sie nicht fortging und noch immer dastand, nahm ich meinen Pelz und
-meine Mütze, ließ sie einfach mitten im Zimmer stehen und ging hinaus.
-In meinem Zimmer befanden sich weder Briefe noch Papiere, und ich hatte
-auch früher mein Zimmer fast nie zugeschlossen, wenn ich aus dem Hause
-ging. Aber ich war noch nicht bis zur Haustür gekommen, als mein Wirt
-Pjotr Ippolitowitsch ohne Mütze und in der Hausjoppe mir die Treppe
-hinunter nachgelaufen kam.
-
-»Arkadi Makarowitsch! Arkadi Makarowitsch!«
-
-»Was wollen Sie von mir?«
-
-»Werden Sie denn gar keine Anordnungen treffen, bevor Sie gehen?«
-
-»Nein.«
-
-Er sah mich wißbegierig, aber mit ersichtlicher Unruhe an.
-
-»In betreff Ihres Zimmers, meine ich?«
-
-»Was ist denn mit dem Zimmer? Ich habe Ihnen das Geld doch richtig zum
-Termin geschickt?«
-
-»Ach nein, ich rede nicht vom Gelde,« sagte er mit breitem Lächeln, und
-sein Blick kroch mir wieder in die Augen.
-
-»Ja, was haben Sie denn alle?« schrie ich schließlich in wahrer Wut.
-»Was wollen Sie denn eigentlich?«
-
-Er zögerte einige Sekunden, als erwarte er noch immer etwas von mir.
-
-»Na, dann werden Sie Ihre Anordnungen wohl später treffen ... wenn Sie
-jetzt nicht bei Laune sind,« murmelte er schließlich, und sein Lächeln
-wurde noch breiter. »Also, gehen Sie nur, auch ich muß jetzt fort und in
-meine Kanzlei.«
-
-Er lief die Treppe wieder hinauf. Freilich konnte die Szene einem schon
-zu denken geben.
-
-Ich übergehe absichtlich nicht den kleinsten Zug von dem ganzen
-kleinlichen Wirrwarr meiner Geschichte an dieser Stelle und zu dieser
-Zeit, weil jede Einzelheit sich später als zum Ganzen gehörend erweisen
-soll. Doch davon wird sich der Leser noch überzeugen! Daß die Menschen
-mich damals wirklich verwirrten -- das ist Tatsache. Wenn ich so erregt
-und gereizt war, so war ich das nur, weil ich aus ihren Worten wieder
-jenen Ton der Geheimniskrämerei und Ränkespinnerei vernahm, der mir so
-verhaßt war, zumal er mich an die früheren Geschichten erinnerte. Doch
-ich fahre fort.
-
-Werssiloff traf ich nicht zu Hause, er war tatsächlich bei Tagesanbruch
-fortgegangen. »Natürlich zu Mama,« sagte ich mir in eigensinniger
-Überzeugung. Ich wollte die Kinderwärterin, die ein dummes Weib zu sein
-schien, nicht weiter ausfragen, doch außer ihr und dem Kinde war niemand
-in der Wohnung. So eilte ich denn zu Mama, und ich muß gestehen: ich
-fühlte mich so beunruhigt, daß ich auf halbem Wege eine Droschke nahm.
-Ich kam hin und erfuhr, daß er bei _Mama seit gestern abend nicht mehr
-gewesen war_. Nur Tatjana Pawlowna und Lisa saßen bei ihr. Kaum war ich
-eingetreten, da begann Lisa sich auch schon zum Ausgehen anzukleiden.
-
-Sie saßen alle oben in meinem »Sarge«. In unserem Wohnzimmer unten war
-Makar Iwanowitsch aufgebahrt; neben ihm las ein alter Mann langsam die
-Psalmen. Ich habe schon gesagt, daß ich mich von jetzt ab ausschließlich
-auf die Wiedergabe der Hauptsachen beschränken und Nebensachen tunlichst
-übergehen will, hier aber möchte ich doch nicht unerwähnt lassen, daß
-der Sarg, den man für ihn hatte anfertigen lassen, und der bereits im
-Zimmer stand, durchaus nicht anspruchslos war: er war zwar schwarz, doch
-mit Samt bezogen, und auch die Sargdecke war aus teurem Stoff -- ein
-Luxus, der durchaus nicht zu der Persönlichkeit und den Anschauungen des
-Alten paßte; aber Mama und Tatjana Pawlowna hatten sich zusammengetan
-und hartnäckig darauf bestanden.
-
-Selbstverständlich hatte ich nicht erwartet, sie in fröhlicher Stimmung
-anzutreffen; aber dieser so sonderbar drückende Kummer, diese Sorge und
-Unruhe, die ich in ihren Augen las, machten mich betroffen, und ich
-begriff sofort, daß »wahrscheinlich nicht der Tote allein« die Ursache
-war. Ich wiederhole: ich erinnere mich alles dessen noch ganz genau.
-
-Trotz alledem umarmte ich Mama zärtlich und fragte sogleich nach _ihm_.
-In Mamas Augen trat blitzschnell eine erregte Neugier. Ich erzählte
-kurz, daß wir gestern den Abend bis tief in die Nacht zusammen verbracht
-hätten, daß er aber heute schon ganz früh von Hause gegangen sei,
-obgleich er mich gestern beim Abschied aufgefordert hatte, heute so früh
-als möglich zu ihm zu kommen. Mama antwortete mir nichts darauf, und
-Tatjana Pawlowna benutzte einen unbewachten Augenblick, um mir mit dem
-Finger zu drohen.
-
-»Auf Wiedersehen, Arkadi,« sagte Lisa plötzlich und verließ schnell das
-Zimmer. Ich lief ihr natürlich nach und erreichte sie noch an der Tür.
-
-»Ich wußte, daß du mir nachkommen würdest,« flüsterte sie hastig.
-
-»Lisa, was ist hier geschehen?«
-
-»Das weiß ich selbst nicht, aber wahrscheinlich vieles. Vermutlich ist
-es die Entscheidung der >ewigen Geschichte<. Er ist nicht gekommen, sie
-aber müssen irgendeine Nachricht bekommen haben, die ihn betrifft. Dir
-werden sie davon wahrscheinlich nichts sagen, aber auch du sei still und
-frage sie nicht, wenn du klug sein willst. Mama ist jedenfalls ganz
-niedergeschmettert. Ich habe sie auch nichts gefragt. Leb wohl!«
-
-Sie öffnete die Tür.
-
-»Warte, Lisa, sag' doch, wie steht es denn mit dir selbst?« rief ich ihr
-nach und folgte ihr auf den Flur hinaus. Ihre schrecklich
-niedergeschlagene und geradezu verzweifelte Miene tat mir weh. Sie
-machte nicht nur ein böses, sondern fast erbittertes Gesicht, lächelte
-grausam und zuckte mit der Achsel.
-
-»Wenn er nur stürbe -- ich würde Gott danken!« sagte sie wegwerfend von
-der Treppe aus und ging.
-
-Sie meinte den Fürsten Ssergei Petrowitsch, der damals bewußtlos in
-hohem Fieber lag. Ich kehrte ebenso bekümmert wie aufgeregt zurück.
-
-»Die ewige Geschichte! Was ist das für eine >ewige Geschichte<?« fragte
-ich mich mit einem Gefühl der Herausforderung: und da hatte ich auf
-einmal die größte Lust, ihnen wenigstens einen Teil meiner Eindrücke von
-seiner nächtlichen Beichte oder womöglich die Beichte selbst
-mitzuteilen. »Sie denken jetzt sicher irgend etwas Schlechtes von ihm --
-so mögen sie denn alles erfahren!« ging es mir durch den Sinn.
-
-Ich weiß noch, daß es mir gelang, meine Erzählung sehr geschickt
-anzufangen. Auf ihren Gesichtern erschien sofort unendliche Neugier.
-Tatjana Pawlowna verwandte keinen Blick von mir. Mama dagegen war
-zurückhaltender; sie war sehr ernst, aber ein stilles, verschönerndes,
-wenn auch seltsam hoffnungsloses Lächeln schimmerte auf ihrem Gesicht
-und verließ es während meiner ganzen Erzählung nicht einen Augenblick.
-Ich hielt mich bei der Wiedergabe natürlich nur an das Geistige,
-obgleich ich wußte, daß sie mich kaum verstehen würden. Zu meinem
-Erstaunen fiel mir Tatjana Pawlowna gar nicht ins Wort, bestand nicht
-einmal auf genauer Wiedergabe aller Einzelheiten und hakte auch nicht
-überall ein, wie sie es sonst immer tat, wenn ich etwas erzählte. Sie
-preßte nur hin und wieder die Lippen aufeinander und kniff die Augen
-zusammen, wie um lebhafter denken zu können und das Gesagte schneller zu
-erfassen. Zeitweise kam es mir sogar vor, als verstünden sie doch alles
--- aber das war ja fast unmöglich! Ich erzählte auch von seinen
-Anschauungen, hauptsächlich aber von seiner gestrigen Begeisterung, von
-seiner Begeisterung für Mama, von seiner Liebe zu ihr, wie er ihr Bild
-geküßt hatte ... Als ich das erzählte, tauschten sie schweigend einen
-schnellen Blick aus, Mama wurde feuerrot, aber sie blieben beide stumm.
-Und dann ... ja, den wichtigsten Punkt konnte ich in _Mamas Gegenwart_
-leider nicht berühren: ich meine seine Begegnung mit _ihr_ und alles
-weitere, und vor allem nicht ihren gestrigen Brief an ihn und seine
-sittliche »Auferstehung« auf diesen Brief hin -- das war ja eben die
-Hauptsache, so daß alle seine Gefühle, wie er sie gestern geäußert, und
-durch die ich gerade Mama eine Freude hatte machen wollen, für sie
-unverständlich bleiben mußten, was freilich nicht meine Schuld war, denn
-alles, was sich erzählen ließ, erzählte ich sehr schön. Ich schloß
-eigentlich in großer Verwirrung. Sie unterbrachen ihr Schweigen auch
-jetzt nicht, und mir wurde in ihrer Gesellschaft recht peinlich zumute.
-
-»Wahrscheinlich wird er jetzt wieder zu Hause sein, oder er sitzt
-vielleicht bei mir und wartet auf mich,« sagte ich und erhob mich, um zu
-gehen.
-
-»Geh nur, geh!« bestärkte mich Tatjana Pawlowna mit der ihr eigenen
-Nachdrücklichkeit.
-
-»Bist du unten gewesen?« fragte mich halb flüsternd Mama beim Abschied.
-
-»Natürlich war ich unten, ich habe an seinem Lager gekniet und für ihn
-gebetet. Was für ein ruhiges verklärtes Gesicht er hat, Mama! Ich danke
-Ihnen auch, Mama, daß Sie an seinem Sarge nicht gespart haben. Zuerst
-befremdete es mich wohl, aber dann dachte ich mir gleich, daß ich es
-selbst ganz ebenso gemacht hätte.«
-
-»Kommst du morgen in die Kirche?« fragte sie, und ihre Lippen bebten.
-
-»Was für eine Frage, Mama!« rief ich ganz verwundert.
-»Selbstverständlich komme ich, auch heute zur Seelenmesse komme ich; und
-... außerdem ist ja morgen Ihr Geburtstag, Mama, meine liebe Mama! ...
-Hätte er doch nur noch drei Tage länger gelebt! Dann hätte er ihn noch
-mit uns gefeiert!«
-
-Ich ging hinaus, in einem schmerzlichen Staunen: wie konnte sie nur so
-eine Frage stellen -- ob ich in die Kirche käme oder nicht? Ja, wenn sie
-das schon von mir glaubten, was würden sie dann wohl erst von ihm
-denken?
-
-Ich wußte im voraus, daß Tatjana Pawlowna mir nachlaufen würde und
-erwartete sie daher absichtlich an der Haustür; sie aber stieß mich, als
-sie mich erreichte, mit der Hand zur Treppe hinaus und schloß dann die
-Tür hinter sich zu.
-
-»Tatjana Pawlowna, was soll das bedeuten, daß Sie Andrei Petrowitsch
-offenbar weder heute noch morgen erwarten? Ich bin ganz erschrocken ...«
-
-»Halt' deinen Mund. Große Wichtigkeit, daß du erschrocken bist! Sag'
-jetzt: was hast du da alles für dich behalten, als du von seinem
-gestrigen Gefasel erzähltest?«
-
-Ich hielt es nicht für nötig, ihr das vorhin Verschwiegene zu
-verheimlichen, und ich erzählte fast gereizt, über Werssiloff gereizt,
-von Katerina Nikolajewnas gestrigem Brief, von der Wirkung desselben auf
-ihn und von seiner Auferstehung zu einem neuen Leben.
-
-Mit Verwunderung sah ich, daß meine Mitteilung von dem Brief sie nicht
-im geringsten in Erstaunen setzte. Da begriff ich, daß sie von diesem
-Brief schon wußte.
-
-»Das ist doch alles Schwindel!«
-
-»Nein, das ist kein Schwindel.«
-
-»Sieh mal an!« sagte sie mit gehässigem Lächeln vor sich hin und wurde
-nachdenklich. »>Auferstehung!< Das sieht ihm ähnlich! Ist es wahr, daß
-er ihr Bild geküßt hat?«
-
-»Es ist wahr, Tatjana Pawlowna.«
-
-»Hat er es wirklich aufrichtig geküßt, hat er sich nicht bloß so
-angestellt?«
-
-»Angestellt? Hat er denn das jemals getan? Schämen Sie sich, Tatjana
-Pawlowna! Wie roh Sie sind! -- wie es nur ein Weib sein kann!«
-
-Ich hatte mich hinreißen lassen, aber sie schien mich überhaupt nicht zu
-hören. Sie stand da und überlegte, ungeachtet der grimmigen Kälte im
-Treppenflur. Mich fror schon im Pelz, und sie war nur im Kleide.
-
-»Ich würde dir einen Auftrag geben, schade nur, daß du zu dumm dazu
-bist,« sagte sie ärgerlich und verächtlich zugleich. »Höre, geh mal zu
-Anna Andrejewna und sieh mal nach, was da bei ihr eigentlich gemacht
-wird ... Oder nein, geh nicht; ein Tölpel bleibt doch überall ein
-Tölpel! Marsch, was stehst du hier noch wie ein Holzklotz?«
-
-»Nein, jetzt werde ich erst recht nicht zu Anna Andrejewna gehen! Anna
-Andrejewna hat auch schon selbst nach mir geschickt.«
-
-»Selbst geschickt? Die Darja Onissimowna natürlich?« wandte sie sich
-hastig wieder nach mir um; sie war schon im Begriff gewesen, fortzugehen
-und hatte die Tür bereits geöffnet, -- jetzt schloß sie sie wieder.
-
-»Um nichts in der Welt gehe ich zu Anna Andrejewna!« wiederholte ich
-boshaft und mit wahrer Genugtuung; »ich gehe schon deshalb nicht hin,
-weil Sie mich soeben einen Tölpel nannten, und dabei war ich noch nie so
-scharfsinnig wie heute. Alle Ihre Verschwörungen durchschaue ich jetzt,
-aber zu Anna Andrejewna gehe ich nun erst recht nicht!«
-
-»Das habe ich ja gewußt!« rief sie plötzlich aus, doch nicht als
-Erwiderung auf meine Worte, sondern wie in einer Fortsetzung ihrer
-eigenen Gedanken. »Jetzt wird man sie also völlig umstellen und sie in
-der Schlinge erdrosseln!«
-
-»Wen? Anna Andrejewna?«
-
-»Dummkopf!«
-
-»Von wem sprechen Sie denn sonst? Doch nicht etwa von Katerina
-Nikolajewna? Was für eine Schlinge?« Ich erschrak furchtbar. Eine
-dunkle, unheimliche Ahnung stieg in mir auf. Tatjana Pawlowna sah mich
-durchdringend an.
-
-»Und du, was stehst du denn da?« fragte sie plötzlich. »Oder bist auch
-du etwa mit im Spiel? Ich hab' ja auch von dir so etwas munkeln hören --
-nimm dich in acht!«
-
-»Hören Sie mich an, Tatjana Pawlowna: ich werde Ihnen ein großes
-Geheimnis anvertrauen, nicht jetzt, jetzt habe ich keine Zeit dazu, aber
-morgen und unter vier Augen, aber dafür müssen Sie mir jetzt sofort die
-ganze Wahrheit sagen: was meinten Sie mit dieser Mörderschlinge? ...
-Schnell, Tatjana Pawlowna, ich zittere am ganzen Körper! ...«
-
-»Was geht mich dein Zittern an. Aber was für ein Geheimnis willst du mir
-denn da mitteilen? Solltest du wirklich noch irgend etwas wissen?« sie
-durchbohrte mich förmlich mit ihrem Blick. »Du hast ihr doch damals
-selbst geschworen, daß der Brief von Krafft verbrannt worden sei.«
-
-»Tatjana Pawlowna, ich sage Ihnen noch einmal, quälen Sie mich nicht!«
-fuhr ich meinerseits fort, ohne auf ihre Frage zu antworten. Ich war
-außer mir. »Begreifen Sie doch, Tatjana Pawlowna: dadurch, daß Sie mir
-jetzt etwas verheimlichen, kann noch ein viel schlimmeres Unglück
-geschehen ... er hat mir doch gestern selbst gesagt, daß er sich jetzt
-für auferstanden betrachte!«
-
-»Ach, scher dich zum Teufel, Narr! Bist ja selber wie ein Spatz verliebt
--- Vater und Sohn in ein und dasselbe Objekt! Pfui, ekelhaftes Pack!«
-
-Sie verschwand und schlug wütend die Tür hinter sich zu. Empört über den
-nackten, schamlosen Zynismus ihrer letzten Worte -- einen Zynismus, zu
-dem nur eine Frau fähig ist -- ging ich beleidigt davon. Doch ich will
-nicht meine Gefühle beschreiben. Das habe ich ja schon einmal erklärt.
-Ich will jetzt nur die Tatsachen wiedergeben, die alles Weitere
-entscheiden. Natürlich fragte ich beim Vorübergehen an Werssiloffs
-Wohnung wieder, ob er zu Hause sei und erfuhr abermals von der Wärterin,
-daß er sich inzwischen nicht habe sehen lassen.
-
-»Wird er denn überhaupt nicht mehr herkommen?« fragte ich.
-
-»Weiß Gott!« sagte sie.
-
-
- III.
-
-Tatsachen, Tatsachen! ... Aber wird der Leser sie unerklärt überhaupt
-verstehen können? Ich weiß noch, wie diese Tatsachen mich damals
-bedrückten und mich nicht einmal nachdenken ließen, so daß mein Verstand
-am Ende des Tages vollständig verwirrt war. Darum will ich hier mit ein
-paar Worten vorgreifen.
-
-Meine ganze Qual bestand in der Frage: Wenn es wahr ist, daß er _sie_
-seit gestern nicht mehr liebt, wo kann er sich dann heute aufhalten?
-Antwort: am ehesten bei mir, dem er gestern alles gesagt hat; dann --
-bei Mama, deren Bild er gestern geküßt hat. Statt dessen war er schon
-»in aller Frühe« aus dem Hause gegangen und irgendwohin verschwunden,
-und Darja Onissimowna hatte sogar davon phantasiert, daß er vielleicht
-überhaupt nicht zurückkehren werde. Und nicht genug damit: Lisa spricht
-auf einmal von einer »Entscheidung der ewigen Geschichte« und sagt, Mama
-hätte irgendwelche Nachrichten von ihm, und zwar die letzten; außerdem
-sind sie über Katerina Nikolajewnas Brief vollkommen unterrichtet (das
-hatte ich sehr wohl bemerkt) und wollen trotzdem an seine »Auferstehung«
-zu neuem Leben nicht glauben, wenn sie mir auch mit Spannung zuhörten.
-Mama fühlt sich wie vernichtet, und Tatjana Pawlowna verhöhnt den
-Ausdruck »Auferstehung«. Wenn das aber so ist, dann muß in ihm über
-Nacht wieder eine Wandlung vorgegangen sein, eine neue Krisis -- und das
-nach der ganzen Begeisterung, dem ganzen Glück, dem ganzen Pathos von
-gestern! Also ist seine »Auferstehung« wie eine Seifenblase zerplatzt,
-und er treibt sich vielleicht wieder genau so herum, in derselben Wut
-wie damals, als er die Nachricht von ihrer Verlobung mit Bjoring
-erhalten hatte! Es fragt sich nur, was aus Mama, aus mir, aus uns allen
-werden wird ... und schließlich auch: was aus _ihr_ werden wird? Was
-kann Tatjana Pawlowna mit der »Schlinge« gemeint haben, als sie mich zu
-Anna Andrejewna schicken wollte? Und wer soll »erdrosselt« werden?
-Jedenfalls steht die »Schlinge« mit Anna Andrejewna in Zusammenhang, das
-ist klar. Warum aber mit Anna Andrejewna? Ich gehe sofort zu Anna
-Andrejewna! Ich habe ja nur aus Trotz gesagt, daß ich nicht hingehen
-werde, -- ich gehe. Aber was sagte Tatjana Pawlowna doch noch von dem
-Brief, den Krafft verbrannt hätte? Und hat nicht auch er gestern zu mir
-gesagt: »das Dokument zerreiße«?
-
-Das waren so meine Gedanken, war das, was mich gleichfalls wie eine
-»Schlinge« würgte. Doch im Grunde brauchte ich ja nur _ihn_, nur _ihn_
-suchte ich. Ich hätte sofort alles gutgemacht, das fühlte ich; wir
-hätten einander in zwei Worten verstanden! Ich hätte seine Hände in
-meine genommen und sie gedrückt, ich hätte in meinem Herzen heiße Worte
-für ihn gefunden -- davon war ich überzeugt. »Oh, ich würde den Wahnsinn
-schon überwinden!« dachte ich. Aber wo war er nur, wo war er? ... Und
-da, gerade in einem solchen Augenblick, in solcher Erregung, mußte mir
-Lambert in den Weg laufen! Ein paar Schritte von meiner Wohnung entfernt
-begegnete er mir plötzlich. Er rief mich hoch erfreut mit lauter Stimme
-an und faßte mich sogleich unter den Arm.
-
-»Dreimal war ich schon bei dir ... _Enfin!_{[107]} Komm, wir wollen
-frühstücken!«
-
-»Halt! Du warst bei mir, sagst du? Ist Andrei Petrowitsch da gewesen?«
-
-»Nein, bei dir ist niemand. Ach, pfeif auf sie alle! Du Dummkopf hast
-dich gestern geärgert. Du warst betrunken. Aber jetzt kann ich dir etwas
-Wichtiges mitteilen: ich habe heute ausgezeichnete Nachrichten über die
-Sache bekommen, von der wir gestern sprachen ...«
-
-»Lambert,« unterbrach ich ihn hastig und außer Atem und kam
-unwillkürlich ein wenig ins Deklamieren -- »wenn ich hier mit dir stehen
-geblieben bin, so tue ich es nur, weil ich dir sagen will, daß ich
-meinen Verkehr mit dir jetzt für immer abbreche. Ich habe dir das schon
-gestern gesagt, aber du scheinst es nicht verstehen zu wollen. Du bist
-kindisch und dumm, bist albern, wie nur ein Franzose albern sein kann.
-Du scheinst zu glauben, daß wir immer noch bei Touchard sind, und daß
-ich noch ebenso unerfahren sei wie damals ... Aber ich bin nicht mehr so
-dumm ... Ich war gestern betrunken, aber nicht etwa vom Wein, sondern
-weil ich sowieso schon aufgeregt war; und wenn ich deinem Geschwätz
-zustimmte, so habe ich das nur aus Schlauheit getan, um deine geheimen
-Gedanken aus dir herauszulocken. Ich habe dir eine Grube gegraben, und
-du hast dich gefreut und mich für den Dummen gehalten und alles
-ausgeplaudert. Weißt du, ich und -- sie heiraten, das ist schon als Idee
-ein Blödsinn, den dir kein Sextaner glaubt! Und du bildest dir ein, ich
-hätte so etwas ernst nehmen können? Und du hast das im Ernst für möglich
-gehalten! Das hast du ja nur tun können, weil du die höhere Gesellschaft
-nicht kennst und nicht weißt, welche Anschauungen in diesen Kreisen
-herrschen. In der vornehmen Gesellschaft ist das ganz unmöglich, daß
-eine Dame einfach hingeht und heiratet ... Und jetzt werde ich dir klar
-und deutlich sagen, was du eigentlich willst: du willst mich einfach zu
-dir locken, um mich betrunken zu machen, damit ich dir das Dokument
-herausgebe und mit dir zusammen eine Gemeinheit gegen Katerina
-Nikolajewna begehe. Du irrst dich aber gewaltig! Ich werde niemals zu
-dir kommen, und wisse, das Dokument wird sich, wenn nicht morgen, so
-doch übermorgen in _ihren_ Händen befinden, denn das Dokument gehört
-_ihr_ und ist von _ihr_ geschrieben worden, und ich selbst werde es ihr,
-ihr persönlich übergeben, und wenn du noch mehr wissen willst, so kann
-ich dir sagen, daß es bei Tatjana Pawlowna, die mit ihr gut bekannt ist,
-geschehen wird, in Tatjana Pawlownas Wohnung; und in Gegenwart von
-Tatjana Pawlowna werde ich ihr das Dokument übergeben und nichts von ihr
-verlangen. Und jetzt pack dich, verschwinde für mich auf ewig, denn
-sonst ... sonst, Lambert, könnte ich weniger höflich mit dir umgehen
-...«
-
-Ich zitterte am ganzen Körper. Es ist eine der schändlichsten
-Angewohnheiten, die ein Mensch im Leben haben kann, und zwar eine, die
-immer nur schädlich wirkt, wenn man sich in Szene setzen will. Welcher
-Teufel hatte mich geritten, mich so vor ihm zu ereifern, daß ich, der
-ich immer heftiger auf ihn einredete und die Stimme immer mehr erhob,
-plötzlich so in Eifer geriet, daß ich ihm die durchaus unnötige
-Einzelheit unter die Nase hielt, ich würde ihr das Dokument in Tatjana
-Pawlownas Gegenwart und in deren Wohnung ausliefern! Aber mich überkam
-damals die Lust, ihn zu verblüffen! Als ich so offen von dem Dokument
-gesprochen und plötzlich seinen dummen Schreck gesehen hatte, überkam
-mich der Wunsch, ihn mit der genauen Angabe von Einzelheiten vollends zu
-zerschmettern. Und eben dieses weibische prahlerische Geschwätz wurde
-später zur Ursache schrecklichen Unglücks, denn mein Hinweis auf Tatjana
-Pawlowna und ihre Wohnung setzte sich sofort in seinem Kopf fest, wie es
-bei Spitzbuben und bei in kleinen Dingen gerissenen Menschen zu
-geschehen pflegt; zu höheren und wichtigeren Dingen ist er unfähig und
-begreift von ihnen nichts, aber für Kleinigkeiten hat er einen feinen
-Instinkt. Ja, hätte ich von Tatjana Pawlowna geschwiegen, so wäre großes
-Unglück vermieden worden. Im ersten Augenblick verlor er gänzlich die
-Fassung.
-
-»Hör nur,« murmelte er, »Alphonsina ... Alphonsina wird dir vorsingen
-... Alphonsina war bei _ihr_: ich besitze einen Brief ... ein Papier ...
-so gut wie ein Brief, worin die Achmakowa über dich spricht ... der
-Pockennarbige hat ihn mir verschafft, du weißt doch: der Pockennarbige
--- und du wirst schon sehen, du wirst schon sehen, komm nur mit!«
-
-»Du lügst, zeig mir den Brief!«
-
-»Er ist zu Haus, Alphonsina hat ihn, komm!«
-
-Selbstverständlich log er und fabelte mir etwas vor, aus Angst, daß ich
-ihm davon laufen könnte. Ich ließ ihn denn auch mitten auf der Straße
-stehen, und als er mir nachfolgen wollte, machte ich halt und drohte ihm
-mit der Faust. Er hatte sich's aber schon anders überlegt und -- ließ
-mich gehen: in seinem Kopf war vielleicht schon ein neuer Plan
-aufgetaucht.
-
-Für mich war der Überraschungen und Begegnungen noch kein Ende ... Und
-wenn ich mich heute dieses ganzen unglücklichen Tages erinnere, so
-scheint es mir, daß alle diese Zufälle sich gegenseitig verschworen
-hatten und sich nun aus irgendeinem verfluchten Füllhorn über meinem
-Haupte ausschütteten. Kaum hatte ich die Tür zu meiner Wohnung geöffnet,
-als ich schon im Vorzimmer mit einem jungen Manne zusammenstieß: er
-hatte ein längliches, blasses Gesicht, war von hohem Wuchs, von
-hochmütigem und »elegantem« Äußeren und in einen kostbaren Pelz
-gekleidet. Auf seiner Nase saß ein Kneifer, den er aber sofort fallen
-ließ, als er mich erblickte, wie es schien, aus Höflichkeit; während er
-mit der Hand den Zylinder lüftete, sagte er, ohne übrigens stehen zu
-bleiben, mit einem weltmännischen und liebenswürdigen Lächeln: »_Ah,
-bonsoir_,« zu mir und ging an mir vorüber, die Treppe hinunter. Wir
-beide erkannten einander sofort, obgleich ich ihn nur flüchtig ein
-einziges Mal gesehen hatte: in Moskau. Es war Anna Andrejewnas Bruder,
-der Kammerjunker, Werssiloffs Sohn, der junge Werssiloff, also ein
-Bruder von mir. Ihn geleitete meine Wirtin (der Wirt war noch nicht aus
-dem Büro zurückgekehrt). Als er draußen war, stürzte ich mich auf sie:
-
-»Was hat er hier zu suchen? Ist er in meinem Zimmer gewesen?«
-
-»Er ist durchaus nicht in Ihrem Zimmer gewesen. Er war bei mir ...«
-sagte sie kurz und trocken und kehrte mir den Rücken.
-
-»Nein, so geht das nicht!« schrie ich. »Antworten Sie gefälligst: was
-hat er hier gewollt?«
-
-»Ach, du lieber Gott! Ich müßte Ihnen dann immer erzählen, warum die
-Leute zu mir kommen! Wir können, glaube ich, doch auch unsere Geschäfte
-haben! Der junge Mann wollte vielleicht Geld bei mir aufnehmen, oder
-eine Adresse erfahren ... Ich kann es ihm ja schon das vorige Mal
-versprochen haben ...«
-
-»Wieso, das vorige Mal?«
-
-»Ach, du lieber Gott! Er ist doch nicht zum erstenmal hier!«
-
-Sie zog die Tür hinter sich zu. Ich begriff vor allem, daß sich hier der
-Ton verändert hatte: man fing an, unhöflich gegen mich zu werden. Klar
-war mir, daß hier wieder ein Geheimnis steckte: die Geheimnisse häuften
-sich mit jedem Schritt, mit jeder Stunde. Das erstemal war der junge
-Werssiloff mit seiner Schwester Anna Andrejewna dagewesen, damals, als
-ich krank daniederlag: dessen erinnerte ich mich sehr wohl, ebenso der
-sonderbaren Andeutung, die Anna Andrejewna gestern mir gegenüber machte:
-daß der alte Fürst in meiner Wohnung absteigen werde ... Aber das alles
-war so sinnlos und unwahrscheinlich, daß ich mir dabei überhaupt nichts
-vorstellen konnte. Ich faßte mich an die Stirn, ich setzte mich nicht
-einmal hin, um auszuruhen, lief vielmehr gleich zu Anna Andrejewna. Doch
-fand ich sie nicht zu Haus und erhielt vom Portier nur die Auskunft, sie
-wäre nach Zarskoje gefahren und werde vielleicht morgen ungefähr um
-dieselbe Zeit wieder da sein.
-
-Sie war also nach Zarskoje gefahren, selbstverständlich zum alten
-Fürsten ... und ihr Bruder besieht sich mittlerweile meine Wohnung!
-»Nein, das soll nicht geschehen!« sagte ich knirschend vor mich hin,
-»und wenn dort tatsächlich eine Mörderschlinge gelegt wird, so werde ich
-es sein, der die >arme Frau< verteidigt!«
-
-Von Anna Andrejewna kehrte ich nicht nach Haus zurück. In meinem wirren
-und heißen Kopf tauchte auf einmal die Erinnerung an das
-Kellerrestaurant am Kanal auf, das Andrei Petrowitsch in seinen düsteren
-Stunden wohl aufsuchte. Ich freute mich ordentlich, daß ich darauf
-verfallen war und eilte sofort hin. Es war bereits vier Uhr, und es
-dunkelte. In dem Keller teilte man mir mit, er sei allerdings dagewesen,
-hätte sich aber nur kurz aufgehalten und sei dann gegangen -- vielleicht
-käme er wieder, fügte man hinzu. Ich beschloß, ihn, wenn möglich, zu
-erwarten und bestellte mir ein Mittagessen: so verblieb mir wenigstens
-die Hoffnung.
-
-Ich aß das Mittagessen, aß sogar noch mehr, nur um das Recht zu haben,
-mich länger in dem Keller aufzuhalten, und habe, glaube ich, vier ganze
-Stunden so dagesessen. Ich will meine Schwermut und meine Ungeduld nicht
-beschreiben: in meinem Innern bebte alles. Diese Drehorgel, diese Gäste,
--- diese ganze traurige Umgebung prägte sich für immer in mein Herz! Ich
-kann und will meine Gedanken nicht schildern, die durch meinen Kopf
-wirbelten gleich einer Wolke von trockenen Blättern im Herbst, in die
-ein Windstoß gefahren ist. Es war wirklich so ähnlich mit mir, und ich
-muß gestehen, daß ich zeitweise fühlte, wie mich die gesunde Vernunft zu
-verlassen drohte. Was mich geradezu bis zum körperlichen Schmerz
-peinigte (selbstverständlich nur nebenbei, als Begleiterscheinung meiner
-sonstigen Pein), -- das war eine Erinnerung -- böse und aufdringlich wie
-eine giftige Herbstfliege, die man zunächst gar nicht bemerkt, und die
-doch die ganze Zeit um einen kreist, einen stört und plötzlich
-schmerzhaft sticht. Es war das die Erinnerung an ein Erlebnis, von dem
-ich noch keinem Menschen auf Erden ein Wort erzählt habe, das ich aber
-jetzt erzählen will, weil es doch einmal erzählt werden muß.
-
-
- IV.
-
-Als in Moskau schon beschlossen worden war, daß ich nach Petersburg
-gehen sollte, ließ man mich durch Nikolai Ssemjonowitsch wissen, daß ich
-noch auf das Eintreffen meines Reisegeldes warten müsse. Von wem dieses
-Geld mir gesandt werden würde, danach erkundigte ich mich nicht weiter;
-ich nahm als selbstverständlich an, daß Werssiloff es schicken werde,
-und da ich damals Tag und Nacht mit klopfendem Herzen und stolzen Plänen
-nur von meinem Wiedersehen mit Werssiloff träumte, so hörte ich ganz
-auf, vor anderen von ihm zu sprechen; selbst mit Marja Iwanowna sprach
-ich nicht mehr von ihm. Im übrigen sei daran erinnert, daß ich auch mit
-meinem ersparten Gelde sehr wohl hätte reisen können; trotzdem beschloß
-ich, zu warten; unter anderem nahm ich an, das Geld werde mit der Post
-kommen.
-
-Da kam eines Tages Nikolai Ssemjonowitsch nach Hause und teilte mir mit
-(ganz kurz und ohne alle Weitschweifigkeiten, wie das so seine Art war),
-daß ich mich am nächsten Morgen um elf Uhr in die Fleischerstraße, in
-das Haus und die Wohnung des Fürsten W--ski begeben solle: dort werde
-mir der aus Petersburg eingetroffene Kammerjunker Werssiloff, Andrei
-Petrowitschs Sohn, der bei dem Fürsten W--ski, seinem Freunde vom Lyzeum
-her, abgestiegen war, das Reisegeld übergeben. Man sollte meinen, nichts
-hätte einfacher und selbstverständlicher sein können: Andrei Petrowitsch
-hatte das Geld eben seinem Sohn übergeben, statt es durch die Post zu
-schicken; trotzdem erschreckte und bedrückte mich diese Mitteilung in
-ganz unnatürlicher Weise. Werssiloff wollte mich mit seinem Sohn, meinem
-Bruder, zusammenführen -- nur so vermochte ich mir die Absichten und
-Gefühle desjenigen zu deuten, an den ich unablässig dachte. Und da erhob
-sich gleich eine unendlich schwere Frage in mir: wie würde und wie
-sollte ich mich bei dieser ganz unvorhergesehenen Begegnung benehmen,
-und mußte nicht meiner persönlichen Würde dadurch irgendwie Abbruch
-getan werden?
-
-Am nächsten Morgen erschien ich pünktlich um elf Uhr in der Wohnung des
-Fürsten W--ski; es war eine Junggesellenwohnung, aber, wie ich auf den
-ersten Blick erkannte, eine auf großem Fuß eingerichtete, mit Dienern in
-Livree. Ich blieb im Vorzimmer stehen. Aus den inneren Räumen vernahm
-ich lautes Sprechen und Lachen: es waren offenbar noch andere Gäste beim
-Fürsten, außer dem besagten Kammerjunker. Ich beauftragte den Diener,
-mich zu melden, und tat es, glaub ich, in ziemlich hochmütiger Weise:
-wenigstens sah er mich, bevor er hinging, etwas sonderbar an, und wie
-mir schien, nicht ganz so ehrerbietig, wie es ein Diener tun mußte. Zu
-meiner Verwunderung brauchte er ziemlich viel Zeit, um mich zu melden,
-mindestens fünf Minuten. Währenddessen setzte sich das Lachen und
-Sprechen ununterbrochen fort.
-
-Ich wartete natürlich stehend, denn ich wußte sehr gut, daß es sich für
-mich »als Herrn« nicht anders schickte, und daß es unmöglich war, mich
-dort im Vorzimmer, wo die Diener waren, nieder zu setzen. So
-unaufgefordert aber wollte ich um keinen Preis in den Saal treten, aus
-Stolz wollte ich es nicht, vielleicht aus übertrieben empfindlichem
-Stolz: aber gerade so mußte es sein. Zu meinem Erstaunen wagten dagegen
-die beiden im Vorzimmer zurückgebliebenen Diener, sich in meiner
-Gegenwart hinzusetzen. Ich wendete mich ab und tat als bemerkte ich es
-nicht, aber ich fühlte doch, wie ich am ganzen Leibe zu zittern begann;
-plötzlich kehrte ich mich um, trat entschlossen auf einen der Diener zu
-und _befahl_ ihm, »sofort« hineinzugehen und mich nochmals zu melden.
-Der Diener sah mich trotz meines strengen Blicks und meiner sichtlichen
-Erregtheit nur träge an, stand nicht einmal auf, und statt seiner
-antwortete mir der andere:
-
-»Sie sind schon gemeldet, beruhigen Sie sich.«
-
-Da war ich denn im Augenblick entschlossen, höchstens eine Minute noch
-zu warten, oder womöglich noch weniger, und dann -- _unbedingt wieder
-fortzugehen_. Ich möchte hier noch hervorheben, daß ich sehr anständig
-gekleidet war: mein Anzug und mein Paletot waren jedenfalls neu und
-meine Wäsche ganz frisch, wofür Marja Iwanowna gerade vor diesem Besuch
-noch besonders gesorgt hatte. Was aber die Bedienten betrifft, so habe
-ich erst viel später, erst in Petersburg, mit aller _Gewißheit_
-erfahren, daß ihnen von dem Diener des jungen Werssiloff, den dieser aus
-Petersburg mitgebracht hatte, schon am Abend vorher gesagt worden war,
-um elf Uhr werde »irgend so ein unehelicher Bruder, ein armer Student«
-zum Herrn kommen. Das weiß ich jetzt, wie gesagt, ganz genau.
-
-Die Minute verging. Es ist ein sonderbares Gefühl, wenn man einen
-Entschluß fassen will und sich doch nicht entschließen kann. »Soll ich
-gehen oder noch warten, soll ich, oder soll ich nicht?« fragte ich mich
-in jeder Sekunde, während ich in fieberhafter Spannung verharrte. Da
-erschien plötzlich der Diener, der hineingegangen war, mich zu melden.
-In seiner Hand, zwischen den Fingern, flatterten vier rote Geldscheine,
-vierzig Rubel.
-
-»Hier, empfangen Sie gefälligst vierzig Rubel!«
-
-Ich fuhr auf. Das war eine Beleidigung! Ich hatte die ganze Nacht nur
-von dieser Begegnung der zwei Brüder geträumt, die doch sicherlich von
-Werssiloff herbeigeführt war; die ganze Nacht hatte ich fieberhaft
-überlegt, wie ich mich verhalten müßte, um mir nichts zu vergeben, und
-vor allem um den ganzen Ideenkreis, den ich in meiner Einsamkeit schon
-ausgebrütet hatte, und auf den ich in jedem Kreise, auch in dem
-höchsten, stolz sein konnte, nicht zu erniedrigen!? Ich stellte mir vor,
-wie vornehm und stolz ich sein würde, ohne doch eine stille Trauer zu
-verbergen; vielleicht würde auch Fürst W--ski zugegen sein, und so wäre
-ich ohne weiteres in jene Kreise eingeführt -- oh, ich schone mich
-nicht, aber mag es, mag es so sein: gerade mit solcher Ausführlichkeit
-muß man das aufzeichnen! Und plötzlich werden mir vierzig Rubel vom
-Diener gebracht, ins Vorzimmer, nachdem man mich zehn Minuten hatte
-warten lassen, dazu noch so offen in der Hand des Dieners, aus dessen
-Bedientenfingern ich es entgegennehmen soll, nicht einmal auf einem
-Tablett, nicht einmal in einem Kuvert!
-
-Ich schrie den Bedienten so an, daß er zusammenfuhr und zurückwich; ich
-befahl ihm, das Geld sofort zurückzutragen: der Herr müsse es mir
-»persönlich bringen«! Allerdings, meine Forderung war nicht ganz klar
-und für diesen Bedienten natürlich unverständlich! Aber ich hatte ihn
-doch so angeschrien, daß er unwillkürlich gehorchte und nochmals
-hineinging. Außerdem schien man auch drinnen mein Geschrei gehört zu
-haben -- das Sprechen und Lachen verstummte jedenfalls plötzlich.
-
-Im nächsten Augenblick hörte ich Schritte, gelassene, würdevolle,
-langsame und weiche Schritte in Hausschuhen, und in der Tür des
-Vorzimmers erschien die hohe Gestalt eines hübschen, hochmütigen jungen
-Mannes (damals war er mir noch blasser und hagerer erschienen als bei
-dieser Begegnung). Er kam nicht einmal bis zur Schwelle, sondern blieb
-etwa zwei Schritte vor der offenen Tür stehen. Er war in einem
-prächtigen rotseidenen Schlafrock und in Morgenschuhen, und auf der Nase
-hatte er einen Kneifer. Er sagte kein Wort, hob nur ein wenig den Kopf
-und begann mich durch diesen Kneifer zu mustern. Ich trat wie ein
-wütendes Tier einen Schritt auf ihn zu, blieb herausfordernd stehen und
-sah ihn an, ohne mit der Wimper zu zucken. Aber er betrachtete mich
-nicht lange, vielleicht nur zehn Sekunden; plötzlich erschien auf seinen
-Lippen ein kaum merkliches und dabei doch beißend spöttisches Lächeln,
-das um so verletzender wirkte, als es fast nicht zu bemerken war: er
-drehte sich schweigend um und kehrte wieder in die anderen Räume zurück,
-genau so ruhig und gelassen -- und ohne Eile, wie er gekommen war. Oh,
-diese Beleidiger lernen schon als Kinder, wie man beleidigt; das wird
-ihnen schon zu Hause von ihren Müttern beigebracht! Natürlich verwirrte
-mich das Ganze ... Ach, warum habe ich mich damals auch verwirren
-lassen!
-
-Einen Augenblick später erschien wieder jener Bediente mit denselben
-vier roten Geldscheinen in der Hand:
-
-»Nehmen Sie gefälligst; das wird Ihnen aus Petersburg geschickt; aber
-empfangen kann Sie der Herr jetzt nicht -- vielleicht ein anderes Mal,
-wenn der Herr mehr Zeit haben.«
-
-Ich fühlte, daß er diese letzten Worte aus seinem eigenen Kopf
-hinzugefügt hatte. Aber meine Verwirrung dauerte noch an. Ich nahm das
-Geld und ging zur Tür; nur, weil ich so verwirrt und kopflos war, nahm
-ich das Geld, nahm es ganz mechanisch, denn sonst hätte ich es
-selbstverständlich nicht genommen. Da erlaubte sich aber der Bediente,
-natürlich um sich an mir zu rächen, eine echt bedientenhafte Frechheit:
-er riß vor mir die Tür auf, und indem er sie weit offen hielt, sagte er
-wichtig und bedeutsam, als ich an ihm vorüberging:
-
-»Bitte sehr!«
-
-»Hund!« brüllte ich ihn an und holte schon aus, ließ aber die Hand
-sinken, »und auch dein Herr ist ein Lump! Melde ihm das sofort!« fügte
-ich hinzu und trat hinaus auf die Treppe.
-
-»Wie dürfen Sie das! Wenn ich das dem Herrn melde, so könnten Sie sofort
-mit einem Zettel auf die Polizei gebracht werden. Und mit Ohrfeigen
-drohen, das dürfen Sie erst recht nicht ...«
-
-Ich stieg die Treppe hinunter. Es war eine breite Paradetreppe: von oben
-konnte man mich die ganze Zeit sehen, solange ich auf dem roten Läufer
-hinunterstieg. Alle drei Bedienten standen denn auch richtig oben am
-Geländer und sahen mir nach. Ich hatte schweigend meinen Weg
-fortgesetzt: ein Streit mit Bedienten war doch unmöglich! Ich ging die
-ganze Treppe ohne Hast hinunter, ja, ich glaube, ich verlangsamte noch
-meinen Schritt.
-
-Oh, mag es auch Philosophen geben (und Schande über sie!), die nun sagen
-werden, das wäre alles nicht der Rede wert, wäre eine Belanglosigkeit
-und nichts als eitler Ärger eines Milchbartes gewesen -- mögen sie nur!
-Aber für mich ist dieses Erlebnis eine Wunde -- eine Wunde, die bis
-heute noch nicht vernarbt ist, sogar bis zum gegenwärtigen Augenblick
-noch nicht, obgleich jetzt schon alles hinter mir liegt und sogar schon
-gerächt ist. Oh, ich schwöre, ich bin nicht nachtragend und nicht
-rachsüchtig. Allerdings habe ich noch immer, und sogar bis zur
-Krankhaftigkeit, den Wunsch, mich zu rächen, aber ich schwöre: nur durch
-Großmut mich zu rächen. Ich will ja nur mit Großmut heimzahlen, aber mit
-der Bedingung, daß der andere das fühlt, daß er es begreift -- dann bin
-ich ja schon gerächt! Nun, und da ich einmal darauf zu sprechen gekommen
-bin, möchte ich gleich hinzufügen: ich bin tatsächlich nicht
-rachsüchtig, aber ich bin nachtragend, wenn ich auch großmütig bin --
-ich weiß nicht, ob das bei anderen auch so ist? Damals aber, oh, damals
-war ich mit den großmütigsten Gefühlen hingegangen, und wenn sie
-vielleicht lächerlich waren -- nun gut, dann waren sie es eben: lieber
-lächerliche, aber großmütige Gefühle, als nicht lächerliche, doch
-gemeine, alltägliche, mittelmäßige!
-
-Von dieser Begegnung mit meinem »Bruder« habe ich keinem Menschen etwas
-erzählt, nicht einmal Marja Iwanowna, und in Petersburg nicht einmal
-meiner Schwester Lisa. Diese Begegnung war eine schmachvoll erhaltene
-Ohrfeige. Und nun begegnet mir plötzlich dieser selbe Herr in einem
-Augenblick, wo ich am allerwenigsten ihm zu begegnen erwartet hätte; er
-lächelt, hebt den Hut und sagt vollkommen freundschaftlich: »_Bonsoir!_«
-zu mir. Das war natürlich Grund genug für mich, nachzudenken ... Aber --
-die Wunde hatte sich wieder geöffnet!
-
-
- V.
-
-Als ich so reichlich vier Stunden im Restaurant gesessen hatte, stürzte
-ich wie in einem plötzlichen Anfall hinaus, natürlich zu Werssiloff und
-fand ihn, versteht sich, nicht zu Haus -- er war überhaupt nicht
-dagewesen; die Wärterin langweilte sich und bat mich auf einmal, ich
-solle ihr Darja Onissimowna schicken; oh, das fehlte noch! Ich lief zu
-Mamas Wohnung, ging aber nicht hinein, sondern rief Lukerja auf den Flur
-hinaus; von ihr erfuhr ich, daß er nicht bei ihr gewesen, und daß auch
-Lisa nicht zu Hause war. Ich bemerkte, daß Lukerja mich irgend etwas
-fragen wollte, mir vielleicht sogar einen Auftrag geben wollte -- auch
-das noch! Es blieb noch die letzte Hoffnung, daß er vielleicht bei mir
-war; aber ich glaubte schon nicht mehr daran.
-
-Ich habe schon gesagt, daß ich nachgerade meine gesunde Vernunft zu
-verlieren glaubte! Und da treffe ich plötzlich in meinem Zimmer
-Alphonsina mit meinem Wirt. Sie verließen es in eben dem Augenblick --
-Pjotr Ippolitowitsch mit dem Licht in der Hand.
-
-»Was bedeutet denn das!« brüllte ich ganz sinnlos den Wirt an. »Wie
-dürfen Sie diese Gaunerin in mein Zimmer führen?«
-
-»_Tiens!_« rief Alphonsina -- »_et les amis_?«{[108]}
-
-»Hinaus!« brüllte ich.
-
-»_Mais c'est un ours!_«{[109]} rief sie und spielte die Erschrockene,
-entschlüpfte auf den Korridor und war bald im Zimmer der Wirtin
-verschwunden. Pjotr Ippolitowitsch, immer noch mit dem Licht in der
-Hand, trat mit strenger Miene auf mich zu:
-
-»Erlauben Sie mir die Bemerkung, Arkadi Makarowitsch, daß Sie sich
-unnötigerweise so aufregen; wie sehr wir Sie auch hochschätzen ... so
-ist doch Mamsell Alphonsina keine Gaunerin, sondern das Gegenteil, sie
-ist hier zu Gast, und zwar nicht bei Ihnen, sondern bei meiner Frau, mit
-der sie schon seit einiger Zeit Freundschaft geschlossen hat.«
-
-»Aber wie wagten Sie es denn, sie in mein Zimmer zu lassen?« rief ich
-noch einmal und faßte mich an den Kopf, der plötzlich zu schmerzen
-anfing.
-
-»Oh ganz zufällig. Ich ging hinein, um das Fenster zu schließen, das ich
-der frischen Luft wegen geöffnet hatte; und da ich gerade mit Alphonsina
-Karlowna in einem Gespräch begriffen war, so folgte sie mir und trat
-mitten im Gespräch mit mir zusammen ins Zimmer ein.«
-
-»Das ist nicht wahr, Alphonsinka ist eine Spionin und Lambert ein Spion!
-Vielleicht sind Sie selbst -- auch ein Spion! Alphonsinka hat bei mir
-etwas stehlen wollen.«
-
-»Darüber mögen Sie denken, wie Sie wollen. Heute sagen Sie dies, morgen
-sagen Sie das. Meine Wohnung habe ich für eine Zeitlang vermietet und
-ziehe selbst mit meiner Frau für die Zeit in die Kammer, und so ist
-Alphonsina Karlowna hier ganz eben so eine Mieterin wie Sie auch.«
-
-»Sie haben die Wohnung an Lambert vermietet?« rief ich erschrocken.
-
-»Nein, nicht an Lambert,« lächelte er mit dem langgezogenen Lächeln von
-heute morgen, in dem mir der Zweifel von vorhin nicht zu liegen schien;
-vielmehr sprach sich jetzt eine Sicherheit in ihm aus. »Ich denke, Sie
-werden das selbst zu wissen geruhen, an wen ich sie vermietet habe, und
-Sie geben sich ganz vergeblich den Anschein, als ob Sie es nicht wüßten,
-und tun so, als ob Sie wütend wären. Gute Nacht!«
-
-»Ja, ja, lassen Sie mich, lassen Sie mich in Ruh!« winkte ich mit beiden
-Händen ab, und fast in Tränen, so daß er mich plötzlich verwundert
-ansah; er ging aber doch hinaus. Ich schob den Riegel vor die Tür, warf
-mich auf mein Bett und preßte das Gesicht in die Kissen. So verging der
-erste schreckliche Tag, von diesen drei letzten verhängnisvollen Tagen,
-mit deren Ereignissen meine Aufzeichnungen schließen.
-
-
- Zehntes Kapitel.
-
-
- I.
-
-Ich sehe mich wieder gezwungen, dem Verlauf der Ereignisse vorzugreifen
-und dem Leser wenigstens einiges im voraus zu erklären, da sich hier in
-die logische Entwicklung meiner Geschichte so viele Zufälligkeiten
-hineinmischten, daß man sich ohne vorhergegangene Erläuterung derselben
-kaum zurechtfinden kann. Es handelte sich hier um eben jene »Schlinge«,
-von der Tatjana Pawlowna ein Wort hatte fallen lassen. Diese Schlinge
-bestand darin, daß Anna Andrejewna sich schließlich zu dem gewagtesten
-Schritt entschlossen hatte, den man sich in ihrer Lage überhaupt
-ausdenken kann. Sie war in der Tat ein Charakter -- das muß man ihr
-lassen! Der alte Fürst war allerdings unter dem Vorwande, daß sein
-Gesundheitszustand es erfordere, noch rechtzeitig nach Zarskoje Sselo in
-Sicherheit gebracht worden, so daß die Kunde von seiner bevorstehenden
-Heirat mit Anna Andrejewna nicht leicht in die Öffentlichkeit dringen,
-vielmehr vorläufig vertuscht oder sozusagen im Keime erstickt werden
-konnte. Nur war damit schließlich noch nicht viel erreicht, denn dieser
-schwache alte Mann, mit dem man sonst alles machen konnte, hätte um
-nichts in der Welt eingewilligt, von seiner Absicht zurückzutreten, und
-Anna Andrejewna, die ihm den Heiratsantrag gemacht hatte, treulos sitzen
-zu lassen. In solchen Dingen war er viel zu sehr Ritter, um unritterlich
-zu handeln, weshalb denn auch zu gewärtigen war, daß er früher oder
-später plötzlich und mit unbeugsamem Willen zur Ausführung seiner
-Absicht schritt, was gerade bei solchen schwachen Charakteren sehr, sehr
-leicht geschieht, denn es gibt bei ihnen eine gewisse Grenze, an die man
-sie nicht heranführen darf. Hinzu kam, daß er die ganze Peinlichkeit der
-Lage, in der Anna Andrejewna sich befand, vollkommen erkannte, und sich
-auch darüber durchaus klar war, daß die Gesellschaft häßlich über sie
-reden, spotten und sie, die er so grenzenlos verehrte, schließlich sogar
-in einen üblen Ruf bringen konnte. Was ihn vorläufig noch beruhigte und
-zurückhielt, war nur, daß seine Tochter Katerina Nikolajewna ihm
-gegenüber sich nie erlaubt hatte, weder mit einem Wort noch mit einer
-Anspielung über Anna Andrejewna etwas Schlechtes zu sagen oder sich auch
-nur im geringsten gegen seine Heiratsabsichten zu äußern. Im Gegenteil,
-sie war zu der Braut ihres Vaters sogar von einer großen Herzlichkeit
-und Aufmerksamkeit. So befand sich denn Anna Andrejewna in einer äußerst
-peinlichen Lage, denn mit ihrem feinen weiblichen Spürsinn hatte sie
-natürlich sofort erraten, daß sie mit der geringsten absprechenden
-Bemerkung über Katerina Nikolajewna -- die der Fürst gleichfalls
-anbetete, und jetzt sogar noch mehr als je zuvor, eben weil sie so
-gutherzig und achtungsvoll ihre Zustimmung zu seiner Heirat gegeben
-hatte -- daß sie damit nur seine väterlich zärtlichen Gefühle verletzen
-und gegen sich selbst nur Mißtrauen, vielleicht sogar seinen Unwillen
-erwecken werde. Das also war nun der Kampf: die beiden Gegnerinnen
-schienen miteinander in Taktgefühl und Nachsicht zu wetteifern, und der
-alte Fürst wußte schließlich schon gar nicht, über welche von beiden er
-sich mehr wundern sollte, bis er am Ende nach der Art aller schwachen,
-doch gutherzigen Leute darunter zu leiden begann und die Schuld an allem
-sich allein zuschrieb. Seine Selbstquälerei soll ihn fast krank gemacht
-haben, seine Nerven gerieten dadurch noch mehr aus dem Gleichgewicht,
-und das Ergebnis war, wie man versichert, daß er in Zarskoje, statt sich
-zu erholen, bald nahe daran gewesen war, das Bett hüten zu müssen.
-
-Hier möchte ich, gewissermaßen in Klammern, etwas erwähnen, was ich erst
-viel später erfahren habe: wie verlautete, hatte Bjoring Katerina
-Nikolajewna ganz offen den Vorschlag gemacht, ihren Vater ins Ausland zu
-bringen, ihn durch irgendeine Vorspiegelung dazu zu überreden, und dabei
-in der Gesellschaft vertraulich die Erklärung zu verbreiten, daß er vor
-Altersschwäche nicht mehr zurechnungsfähig sei, und sich dies im
-Auslande durch ein ärztliches Zeugnis bestätigen zu lassen. Doch
-Katerina Nikolajewna habe das nicht gewollt -- wenigstens wurde das
-nachher behauptet. Sie habe vielmehr diesen Vorschlag mit Unwillen
-zurückgewiesen. Freilich ist es nur ein Gerücht, aber ich schenke ihm
-doch vollen Glauben.
-
-Und da, ausgerechnet in dem Augenblick, als Anna Andrejewnas Spiel
-rettungslos verloren schien, erfährt sie nun plötzlich durch Lambert,
-daß es einen Brief gibt, in dem die Tochter einen Juristen um Rat fragt,
-wie sie ihren Vater offiziell für irrsinnig erklären lassen könnte! --
-Ihr nachtragender und stolzer Charakter mußte dadurch selbstverständlich
-im höchsten Grade gereizt werden. Und wenn sie sich ihrer früheren
-Gespräche mit mir erinnerte und sich eine Menge geringfügiger Umstände
-vergegenwärtigte, so konnte sie an der Richtigkeit der Mitteilung wohl
-nicht mehr zweifeln. Da reifte denn in diesem willensstarken,
-unbeugsamen Frauenherzen unwiderstehlich der Plan zu einem
-entscheidenden Schlage. Dieser Plan lief darauf hinaus, dem Fürsten ohne
-jede Vorbereitung und Ohrenbläserei plötzlich alles zu sagen: ihn mit
-der Mitteilung zu erschrecken und zu erschüttern, daß ihm unfehlbar das
-Irrenhaus bevorstehe, und falls er sich sträuben oder unwillig werden
-oder gar das Mitgeteilte nicht glauben sollte -- dann einfach den Brief
-seiner Tochter vor seinen Augen auszubreiten und damit den _Beweis_ zu
-erbringen; denn »wenn schon einmal die Absicht bestanden hat, ihn für
-irrsinnig zu erklären, so ist dazu jetzt doch noch viel mehr Grund
-vorhanden, wo es gilt, die Heirat zu verhindern«. Und dann wollte sie
-den erschrockenen, gebrochenen alten Herrn unverzüglich aus Zarskoje
-nach Petersburg bringen, und hier -- _geradeswegs in meine Wohnung_!
-
-Das war ein ungeheures Wagnis, aber sie glaubte, sich ohne weiteres auf
-ihre Macht verlassen zu können. Jetzt will ich auf einen Augenblick von
-meiner Erzählung abweichen und, wenn ich damit auch wieder vorgreife,
-schon im voraus darauf aufmerksam machen, daß sie sich in der Wirkung
-der Enthüllung auf den alten Fürsten nicht verrechnet hatte; ja, die
-Wirkung überstieg sogar noch alle ihre Erwartungen. Die Mitteilung von
-diesem Brief seiner Tochter an den Juristen Andronikoff erschütterte den
-Fürsten tatsächlich noch viel, viel mehr, als sie und wir alle für
-möglich gehalten hätten. Ich hatte bis dahin noch keine Ahnung davon
-gehabt, daß dem alten Fürsten schon früher einmal von diesem Brief etwas
-zu Ohren gekommen war, doch hatte er nach Art aller schwachen und
-zaghaften Leute dem Gerücht keinen Glauben geschenkt und es sich aus
-allen Kräften vom Leibe gehalten, um sich seine Ruhe zu sichern, ja
-schließlich hatte er sich selbst wegen seiner unvornehmen
-Leichtgläubigkeit Vorwürfe gemacht. Ich will noch gleich erwähnen, daß
-die Tatsache des Vorhandenseins jenes Briefes auch auf Katerina
-Nikolajewna unvergleichlich stärker wirkte, als ich erwartet hatte ...
-Mit einem Wort, dieses Schriftstück war von weit größerer Wichtigkeit,
-als ich, der ich es in der Tasche trug, damals ahnte. Doch ich greife
-gar zu weit vor.
-
-Aber warum, wird man fragen, warum hatte sie dazu gerade meine Wohnung
-ausersehen? Warum wollte sie den Fürsten in unsere billigen Wohnräume
-bringen und ihn womöglich durch die Ärmlichkeit unserer Umgebung
-erschrecken? Wenn es nun einmal nicht anging, ihn in sein eigenes Haus
-zu führen (da man dort alles vereiteln konnte), weshalb brachte sie ihn
-dann nicht in eine andere »hochelegante« Wohnung, wie Lambert ihr
-anriet? Ja, eben hierin lag das ganze Wagnis ihres gewiß
-außergewöhnlichen Planes.
-
-Die Hauptsache war für sie: dem Fürsten sofort nach seiner Ankunft das
-Dokument vorzuweisen. Nun hatte ich das Dokument bisher um keinen Preis
-ausliefern wollen. Da aber keine Zeit zu verlieren war, so entschloß
-sich Anna Andrejewna, im Vertrauen auf ihre Macht, die Sache ohne
-Dokument anzufangen, und den Fürsten geradeswegs zu mir zu bringen --
-warum? Ja, eben darum, weil sie mit diesem Schritt auch mich zu fangen,
-oder, wie das Sprichwort sagt, mit einem Stein zwei Sperlinge zu treffen
-hoffte. Sie rechnete und hoffte, mit einer solchen Überraschung und
-Erschütterung mich am ehesten überrumpeln zu können: ich würde, wie sie
-meinte, wenn ich den alten Fürsten plötzlich bei mir sähe, wenn ich
-seine Angst und Hilflosigkeit vor Augen hätte und ihren gemeinsamen
-Bitten ausgesetzt wäre, schließlich doch nicht widerstehen können und
-das Dokument vorweisen! Ich muß zugeben: ihre Berechnung war schlau und
-klug, war in den Schlüssen durchaus psychologisch, und noch mehr als
-das, denn beinahe hätte sie auch ihr Ziel erreicht ... Was aber den
-Alten betraf, so hatte sie ihn einzig damit zur Fahrt nach Petersburg
-bewegen können, daß sie ihm einfach erklärte, sie werde ihn _zu mir_
-bringen, ganz wie er ihr auch nur auf diese Erklärung hin Glauben
-geschenkt hatte, und dann sogar auf ihr bloßes Wort hin. Das habe ich
-alles erst später erfahren. Allein schon die Mitteilung, daß jenes
-Dokument sich in meinem Besitz befände, hatte in seinem schwachen Herzen
-den letzten Zweifel an der Richtigkeit der Mitteilung zerstört -- so
-groß war seine Liebe und sein Vertrauen zu mir!
-
-Ich muß noch bemerken, daß Anna Andrejewna selbst keinen Augenblick
-daran zweifelte, daß ich das Dokument noch besäße und nicht aus der Hand
-gegeben hätte. Ihr Irrtum bestand nur darin, daß sie meinen Charakter
-falsch beurteilte und zynisch auf meine Unschuld, meine Gutherzigkeit
-und sogar auf meine Sentimentalität rechnete; andererseits war sie der
-Meinung, daß ich, falls ich den Brief zum Beispiel Katerina Nikolajewna
-auszuliefern entschlossen wäre, das nur unter gewissen besonderen
-Umständen tun würde: eben diesen Umständen wollte sie durch eine
-Überrumpelung, einen ganz unerwarteten Schachzug und entscheidenden
-Schlag zuvorkommen.
-
-Und schließlich hatte Lambert sie in alledem noch bestärkt. Ich habe
-schon einmal erwähnt, daß Lambert sich zu jener Zeit in einer äußerst
-kritischen Lage befand: er, der Anna Andrejewna zu hintergehen
-beabsichtigte, wollte mich mit allen Mitteln von ihr weglocken, damit
-ich, halbpart mit ihm, das Dokument an Katerina Nikolajewna verkaufte,
-was er aus gewissen Gründen für vorteilhafter hielt. Doch da ich das
-Dokument bis zum letzten Augenblick und um keinen Preis herausgab, so
-war er schließlich bereit, im äußersten Fall Anna Andrejewna behilflich
-zu sein, da er sonst Gefahr lief, ganz umgangen zu werden, und deshalb
-drängte er sich ihr mit seiner Dienstbeflissenheit bis zur letzten
-Stunde geradezu gewaltsam auf, und erbot sich sogar, wie ich genau weiß,
-einen Priester zur Stelle zu schaffen, der sie ohne weiteres trauen
-würde ... Doch Anna Andrejewna ersuchte ihn daraufhin nur mit einem
-verächtlichen Lächeln, ihr nicht mit solchen Vorschlägen zu kommen.
-Lambert erschien ihr viel zu ungeschickt und erweckte in ihr nur
-Abscheu; aber aus Vorsicht lehnte sie seine Dienste nicht ab, die unter
-anderem darin bestanden, daß er für sie spionierte. Übrigens -- da ich
-auf Spionage zu sprechen gekommen bin -- ich weiß auch heute noch nicht,
-ob mein Wirt Pjotr Ippolitowitsch für seine Dienste irgend etwas von
-ihnen erhielt, oder ob er einfach aus Vergnügen an der Verschwörung in
-ihr Lager übergegangen war; jedenfalls spionierte auch er mir nach, und
-seine Frau gleichfalls -- das weiß ich genau.
-
-Der Leser wird jetzt verstehen, daß ich, obschon ich zum Teil darauf
-vorbereitet worden war, mir doch nicht hatte träumen lassen, am nächsten
-oder übernächsten Tage den alten Fürsten in meiner Wohnung und unter
-solchen Umständen wiederzusehen. Wie hätte ich auch ein solches Wagnis
-von Anna Andrejewna erwarten sollen! Reden kann man ja vieles und
-andeuten noch mehr, aber einen solchen Entschluß fassen und diesen
-Entschluß auch wirklich ausführen -- nein, das muß ich sagen, dazu
-gehört Charakter!
-
-
- II.
-
-Ich fahre fort.
-
-Am nächsten Morgen erwachte ich spät, nachdem ich ungewöhnlich fest und
-traumlos geschlafen hatte, was mich eigentlich wunderte; und so fühlte
-ich mich denn beim Aufstehen geistig wieder ausnehmend frisch und mutig,
-ganz als wäre der gestrige Tag gar nicht gewesen. Bei Mama wollte ich
-zunächst nicht vorsprechen, sondern mich geradeswegs in die
-Friedhofskirche begeben, um von dort nach der Trauerfeier mit Mama nach
-Hause zu fahren und dann den ganzen Tag bei ihr zu bleiben. Ich war fest
-überzeugt, daß ich ihn heute bei Mama treffen würde, früher oder später,
-aber jedenfalls ganz bestimmt!
-
-Alphonsinka und mein Wirt hatten das Haus schon längst verlassen. Meine
-Wirtin wollte ich nach nichts fragen, und überhaupt nahm ich mir vor,
-alle Beziehungen zu ihnen abzubrechen und sogar sobald wie möglich
-auszuziehen; deshalb verriegelte ich auch wieder meine Tür, als man mir
-meinen Kaffee gebracht hatte. Doch plötzlich klopfte es: zu meinem
-Erstaunen war es nicht jemand von meinen Hausgenossen, sondern
-Trischatoff. Ich öffnete ihm sogleich und bat ihn erfreut, doch
-hereinzutreten, aber das wollte er nicht.
-
-»Nein, besten Dank, ich will Ihnen nur zwei Worte von hier aus sagen ...
-das heißt, ich muß doch wohl über die Schwelle treten, denn es ist
-vielleicht besser, leise zu sprechen. Aber hinsetzen werde ich mich
-nicht. Sie wundern sich über meinen scheußlichen Mantel: ja, Lambert hat
-mir den Pelz weggenommen ...«
-
-Er hatte in der Tat einen ganz alten, abgetragenen Mantel an, der für
-ihn viel zu lang war. Er stand mit einem eigentümlich düsteren und
-traurigen Gesicht vor mir, die Hände in den Taschen und den Hut auf dem
-Kopf.
-
-»Ich setze mich nicht, ich setze mich nicht. Hören Sie, Dolgoruki, ich
-weiß nichts Näheres, aber ich weiß, daß Lambert irgend etwas gegen Sie
-plant, etwas, was bald und ganz bestimmt ausgeführt werden wird -- das
-ist sicher. Also nehmen Sie sich in acht! Der Pockennarbige hat
-unvorsichtigerweise mir gegenüber so was ausgeplaudert -- Sie erinnern
-sich doch noch des Pockennarbigen? Er hat mir freilich nicht gesagt, um
-was es sich handelt, daher kann ich Ihnen auch nichts Bestimmteres
-sagen. Ich bin nur gekommen, um Sie zu warnen. Leben Sie wohl!«
-
-»Aber so setzen Sie sich doch, lieber Trischatoff! Ich habe zwar nicht
-viel Zeit, aber ich freue mich so, daß Sie gekommen sind ...« rief ich.
-
-»Nein, nein, ich setze mich nicht; aber daß Sie sich über mein Kommen
-freuen, das werde ich nicht vergessen. Ach, Dolgoruki, wozu sich vor
-anderen maskieren: ich habe mich doch bewußt und freiwillig zu jeder
-Schändlichkeit bereit erklärt, und sogar zu einer solchen Gemeinheit,
-daß ich mich schäme, sie vor Ihnen auch nur auszusprechen. Wir sind
-jetzt zu dem Pockennarbigen übergegangen ... Leben Sie wohl! Ich bin es
-nicht wert, bei Ihnen zu sitzen.«
-
-»Aber was reden Sie da, Trischatoff, lieber ...«
-
-»Nein, sehen Sie, Dolgoruki: ich bin vor allen Menschen dreist und frech
-und werde jetzt ein Schlemmerleben anfangen. Bald werde ich einen noch
-besseren Pelz tragen als früher und nur mit Trabern fahren. Aber bei
-alledem werde ich im geheimen wissen, daß ich mich bei Ihnen doch nicht
-hingesetzt habe, weil ich mich noch selbst zu verdammen vermag und weiß,
-daß ich für Sie zu gemein bin! Diese Erinnerung wird mir noch angenehm
-sein, wenn ich ehrlos schlemme. Nun leben Sie wohl, leben Sie wohl! Auch
-die Hand gebe ich Ihnen nicht: nimmt doch selbst eine Alphonsinka nicht
-mehr meine Hand! Und bitte, kommen Sie mir nicht nach und suchen Sie
-mich nicht auf -- vergessen Sie nicht unsere Abmachung.«
-
-Damit drehte sich der sonderbare Junge um und ging. Ich hatte im
-Augenblick wirklich keine Zeit, aber ich nahm mir vor, ihn unbedingt
-aufzusuchen, sobald ich nur alle die Konflikte beigelegt hätte, in denen
-ich mich befand ...
-
-Von diesem Vormittag will ich sonst nichts weiter erzählen, obschon sich
-noch vieles erzählen ließe. Werssiloff war nicht zur Beerdigung
-erschienen, und ich glaube, man konnte schon aus den Mienen der anderen
-schließen, daß er auch gar nicht erwartet wurde. Mama betete andächtig
-und gab sich ganz dem Gebet hin. Am Grabe waren von ihnen nur Tatjana
-Pawlowna und Lisa. Aber ich wollte ja davon nichts weiter berichten.
-Nach der Beerdigung fuhren wir alle nach Haus und setzten uns zu Tisch,
-und wieder schloß ich aus ihren Mienen, daß man ihn auch zu Tisch nicht
-erwartete. Als wir nach dem Essen aufstanden, ging ich auf Mama zu,
-umarmte sie herzlich und gratulierte ihr zum Geburtstage; Lisa tat dann
-dasselbe.
-
-»Höre, Arkadi,« flüsterte mir Lisa heimlich zu, »sie erwarten ihn.«
-
-»Das merke ich, Lisa, das sieht man ihnen an.«
-
-»Er wird auch bestimmt kommen.«
-
-Sie müssen zuverlässige Nachricht haben, dachte ich bei mir und fragte
-nicht weiter. Wenn ich auch meine Gefühle nicht beschreiben will, so muß
-ich doch sagen, daß dieses neue Rätsel, trotz meines ganzen frischen
-Mutes, sich wie ein Stein auf mein Herz wälzte. Wir setzten uns im
-Wohnzimmer alle zu Mama um den runden Tisch. Oh, wie wohl es mir damals
-tat, bei ihr zu sein und sie anzusehen! Sie bat mich plötzlich, etwas
-aus der Bibel vorzulesen. Ich las ein Kapitel aus dem Evangelium Lucä.
-Sie weinte nicht und war auch nicht einmal sehr traurig, aber ihr
-Gesicht war mir noch nie so -- hellsichtig und bewußt erschienen. In
-ihrem stillen Blick leuchtete eine Idee, aber ich konnte es ihr nicht im
-geringsten ansehen, daß sie mit Bangen etwas erwartete. Das Gespräch
-spann sich fast von selbst weiter: wir sprachen von dem Verstorbenen,
-und Tatjana Pawlowna erzählte aus ihrer Erinnerung vieles von ihm, was
-ich früher nicht gewußt hatte. Und überhaupt, wenn man das aufzeichnen
-wollte, so fände sich viel Bemerkenswertes! Auch Tatjana Pawlowna schien
-ihr gewohntes Wesen ganz verändert zu haben: sie war sehr freundlich und
-vor allen Dingen gleichfalls sehr ruhig, wenn sie auch viel sprach, um
-Mama zu zerstreuen. Aber eines kleinen Zwischenfalles erinnere ich mich
-noch gut: Mama saß auf dem Sofa, und auf einem runden Tischchen links
-vom Sofa lag ein Heiligenbild -- es schien mit Absicht dorthin gelegt zu
-sein. Es war ein altertümliches Bild auf einer Holztafel und ohne
-metallene Verkleidung, außer den silbernen Heiligenscheinen über den
-Häuptern der beiden Heiligen, die dargestellt waren. Dieses Heiligenbild
-hatte Makar Iwanowitsch gehört, das wußte ich; und ich wußte auch, daß
-der Verstorbene sich nie von diesem Bilde getrennt und es für
-wundertätig gehalten hatte. Tatjana Pawlowna sah schon wieder zu dem
-Bilde hinüber.
-
-»Hör mal, Ssofja,« sagte sie plötzlich, das Gespräch unterbrechend,
-»sollte man nicht das Heiligenbild, statt es so liegen zu lassen, lieber
-auf dem Tisch aufstellen -- man kann es ja stützen -- und ein Lämpchen
-davor anzünden?«
-
-»Nein, es ist besser so, wie es jetzt ist,« sagte Mama.
-
-»Übrigens, du hast recht. So würde es sich gar zu feierlich ausnehmen
-...«
-
-Ich begriff damals nicht, um was es sich handelte. Erst später erfuhr
-ich, daß dieses Heiligenbild von Makar Iwanowitsch schon vor langer Zeit
-Werssiloff mündlich vermacht worden war; und Mama wollte es ihm jetzt
-übergeben. Es war inzwischen schon fünf Uhr geworden; wir unterhielten
-uns ruhig weiter, als ich plötzlich in Mamas Gesicht ein schreckhaftes
-Zucken bemerkte; sie nahm schnell eine geradere Haltung an und begann zu
-lauschen, während Tatjana Pawlowna, ohne etwas zu bemerken,
-weitersprach. Ich sah mich unwillkürlich nach der Tür um, und kurz
-darauf erblickte ich in ihr -- Andrei Petrowitsch. Er mußte durch die
-Hintertür und den Korridor gekommen sein. Von uns allen hatte nur Mama
-seinen leisen Schritt gehört. Die jetzt folgende wahnsinnige Szene werde
-ich mit aller Ausführlichkeit wiedergeben, jedes Wort und jede Bewegung
-will ich festzuhalten versuchen. Es war übrigens nur ein kurzer
-Auftritt.
-
-Zunächst fiel mir in seinem Gesicht nicht die geringste Veränderung auf.
-Gekleidet war er wie immer, das heißt, beinahe überelegant. In der Hand
-hatte er einen nicht großen, aber offenbar recht teuren Strauß frischer
-Blumen. Er trat näher und überreichte ihn mit einem Lächeln Mama; die
-sah ihn erschrocken und verständnislos an, nahm aber den Strauß, und
-plötzlich stieg eine leichte Röte in ihre blassen Wangen, und ihre Augen
-erstrahlten vor Freude.
-
-»Ich wußte es, daß du es so auffassen würdest, Ssonjä,« sagte er.
-
-Da wir bei seinem Eintritt alle aufgestanden waren, nahm er sich, als er
-an den Tisch trat, Lisas Stuhl, die links neben Mama gesessen hatte, und
-ohne zu bemerken, daß er einen fremden Platz einnahm, setzte er sich
-dort hin. So kam er neben dem Tischchen zu sitzen, auf dem das
-Heiligenbild lag.
-
-»Guten Tag allerseits. Ssonjä, ich wollte dir heute unbedingt diesen
-Blumenstrauß bringen, an deinem Geburtstag, deshalb bin ich auch nicht
-zur Beerdigung gekommen, weil ich mit diesem Strauß nicht zu einem Toten
-kommen konnte. Aber du hast mich ja zur Beerdigung auch gar nicht
-erwartet, ich weiß es. Und der Alte wird sich über diese Blumen nicht
-ärgern, er hat uns doch selbst noch Freude vermacht, ist es nicht so?
-Ich denke, er ist hier irgendwo im Zimmer.«
-
-Mama sah ihn befremdet an. Tatjana Pawlownas Gesicht verzerrte sich für
-einen Augenblick.
-
-»Wer soll hier im Zimmer sein?« fragte sie.
-
-»Der Verstorbene. Lassen wir das. Sie wissen doch, daß ein Mensch, der
-an alle diese Wunder nicht vollkommen glaubt, immer am ehesten zu
-Vorurteilen geneigt ist ... Doch ich werde lieber von den Blumen
-sprechen -- ich verstehe nicht, wie ich den Strauß heil und ganz
-hergebracht habe. Unterwegs hat mich mindestens dreimal die Lust
-angewandelt, ihn in den Schnee zu schleudern und mit dem Fuß zu
-zertreten.«
-
-Mama zuckte zusammen.
-
-»Ich hatte die größte Lust dazu. Hab' Mitleid mit mir, Ssonjä, und mit
-meinem armen Kopf. Die Lust dazu hatte ich, weil er so schön war. Gibt
-es ein schöneres Ding auf der Welt als solche Blumen? Ich trage sie, und
-ringsum ist Schnee und Kälte. Unsere Kälte und Blumen -- was für ein
-Gegensatz! Übrigens, das war es nicht, was ich sagen wollte: ich hatte
-einfach Lust, den Strauß zu zerdrücken, zu vernichten, weil er so schön
-war. Ssonjä, ich werde jetzt wieder verschwinden, aber ich werde sehr
-bald zurückkehren, denn ich glaube, ich werde -- mich zu -- fürchten
-anfangen. Und wenn ich Furcht bekomme -- wer wird mich dann von meiner
-Angst erlösen, wo finde ich dann einen Engel wie Ssonjä? ... Was ist das
-da für ein Heiligenbild? Ach so, das vom Verstorbenen, ich erinnere
-mich. Es war sein Erbstück, vom Großvater; er hat sich ja sein Lebtag
-nicht von ihm getrennt, ich weiß, ich erinnere mich; er hat es mir
-vermacht, ich erinnere mich noch sehr gut ... ich glaube, es ist ein
-Bild von den Altgläubigen ... laßt doch mal sehen.«
-
-Er nahm das Heiligenbild in die Hand, hielt es näher zum Licht und
-prüfte es aufmerksam, doch schon nach wenigen Sekunden legte er es auf
-den Tisch vor sich hin. Ich wunderte mich, denn alle diese sonderbaren
-Worte sagte er so unvermittelt, daß ich eigentlich noch nichts begreifen
-konnte. Ich weiß nur noch, daß ein krankhafter Schreck mein Herz
-ergriff. Mamas anfänglicher Schrecken dagegen wurde zu einem
-Nichtverstehenkönnen und dann zu Mitleid; sie sah in ihm vor allem den
-unglücklichen Menschen -- war es doch auch früher schon vorgekommen, daß
-er fast ebenso sonderbar gesprochen hatte wie jetzt. Lisa wurde auf
-einmal sehr bleich und nickte mir mit einem seltsamen Blick auf ihn zu.
-Doch mehr noch als wir alle schien Tatjana Pawlowna erschrocken zu sein.
-
-»Aber was haben Sie denn, bester Andrei Petrowitsch?« fragte sie
-vorsichtig.
-
-»Wirklich, ich weiß es selbst nicht, liebe Tatjana Pawlowna, was mit mir
-ist. Erschrecken Sie nur nicht, ich weiß noch, daß Sie Tatjana Pawlowna
-sind, und daß Sie lieb und gut sind. Ich bin ja ... einstweilen ... nur
-für einen Augenblick hergekommen; ich wollte Ssonjä etwas Gutes sagen
-und suche vergeblich nach so einem Wort, wenn auch mein Herz voll ist
-von Worten, die ich nicht auszusprechen verstehe; wirklich, es sind
-lauter so sonderbare Worte. Wissen Sie, mir ist so, als ob ich mich
-gleichsam spaltete,« sagte er und sah uns alle mit einem furchtbar
-ernsten Gesicht und mit aufrichtigem Mitteilsamkeitsbedürfnis an.
-»Wirklich, ich spalte mich geistig und habe eine schreckliche Angst
-davor. Es ist, als stünde neben mir mein Doppelgänger; man ist selbst
-noch klug und vernünftig, jener andere aber neben einem will unbedingt
-irgendeine Sinnlosigkeit begehen; manchmal sogar etwas sehr Lustiges;
-und plötzlich wird man gewahr, daß man selbst derjenige ist, der dieses
-Lustige begehen will. Man will es Gott weiß weshalb, man will es, ohne
-es zu wollen, man sträubt sich aus allen Kräften dagegen und will es
-doch mit aller Gewalt. Ich habe einen Arzt gekannt, der bei der
-Beerdigung seines Vaters in der Kirche plötzlich zu pfeifen anfing.
-Glaubt mir, ich hatte Angst, heute zur Beerdigung zu kommen, weil sich
-meiner die Überzeugung bemächtigt hatte, ich weiß nicht, aus welchem
-Grunde, daß auch ich in der Kirche zu pfeifen oder zu lachen anfangen
-würde, ganz wie jener unglückliche Arzt, der traurig genug endete ...
-Ich weiß wirklich nicht, weshalb mir heute immer wieder dieser Arzt
-einfällt; so oft, daß ich von ihm gar nicht mehr loskommen kann. Weißt
-du, Ssonjä, da habe ich wieder dieses Heiligenbild genommen« (er hielt
-es schon und wendete es in den Händen hin und her), »und weißt du, ich
-habe jetzt, gerade in diesem Augenblick, in dieser Sekunde die größte
-Lust, es an den Ofen zu schleudern, an jene Ecke da. Ich bin überzeugt,
-daß es sich auf einen Hieb in zwei Teile spalten wird, gerade in zwei --
-nicht mehr und nicht weniger!«
-
-Das sonderbarste war dabei, daß er das ohne eine Spur von Verstellung
-und ganz ohne Herausforderung sagte; er sprach ganz wie gewöhnlich; aber
-um so schrecklicher wirkte es; und ich glaube, er hatte in der Tat
-furchtbare Angst vor irgend etwas; ich bemerkte plötzlich, daß seine
-Hände ein wenig zitterten.
-
-»Andrei Petrowitsch!« schrie Mama auf und schlug die Hände zusammen.
-
-»Laß, laß das Bild, Andrei Petrowitsch, laß es, leg es hin!« rief
-Tatjana Pawlowna, die schon aufgesprungen war. »Kleide dich aus und leg
-dich ins Bett. Arkadi, zum Arzt!«
-
-»Aber ... warum regt ihr euch denn auf?« fragte er leise und sah uns
-alle der Reihe nach forschend an. Dann stützte er plötzlich beide
-Ellbogen auf den Tisch und preßte die Stirn in die Hände.
-
-»Ich ängstige euch, aber ich habe eine Bitte, meine Freunde: unterhaltet
-mich ein wenig, setzt euch wieder hin und beruhigt euch alle --
-wenigstens auf einen Augenblick! Ssonjä, ich bin ja nicht deshalb
-gekommen, um das zu sagen; ich kam allerdings, um etwas mitzuteilen,
-aber etwas ganz anderes. Leb wohl, Ssonjä, ich gehe wieder auf die
-Wanderschaft, wie ich schon mehrmals von dir gegangen bin ... Nun und
-natürlich werde ich einmal wieder zu dir zurückkehren -- in diesem Sinne
-bist du ja mein Schicksal. Zu wem sollte ich denn auch sonst gehen, wenn
-alles zu Ende ist? Glaube mir, Ssonjä, ich bin jetzt zu dir gekommen,
-wie zu einem Engel und durchaus nicht wie zu einem Feinde: was wärest du
-mir denn für ein Feind, ja, was für ein Feind? Glaube auch nicht, daß
-ich gekommen bin, um dieses Heiligenbild zu zerschlagen, aber weißt du,
-Ssonjä, ich habe doch Lust, es zu zerschlagen ...«
-
-Als Tatjana Pawlowna vorhin ausgerufen hatte: »Laß das Bild, leg es
-hin!« -- da hatte sie es ihm entwunden und in ihrer Hand behalten.
-Plötzlich aber, bei seinem letzten Wort, sprang er auf, entriß es ihr im
-Augenblick, holte jähzornig aus und schleuderte es aus aller Kraft an
-die Ecke des Kachelofens. Das Heiligenbild zersprang in genau zwei
-Stücke ... Da wandte er sich hastig zu uns, sein bleiches Gesicht wurde
-rot, fast purpurrot, und jeder Nerv seines Gesichts bebte und zuckte.
-
-»Faß es nicht als Sinnbild auf, Ssonjä, ich habe nicht Makars
-Vermächtnis zerschlagen, sondern nur so ... um zu zerschlagen ... Zu dir
-werde ich ja doch zurückkehren, -- als zu meinem letzten Engel! oder
-übrigens -- faß es meinetwegen auch als Sinnbild auf; denn das war es
-doch nun einmal, unbedingt! ...«
-
-Und plötzlich ging er schnell aus dem Zimmer und verließ das Haus --
-wieder durch die andere Tür (sein Pelz und seine Mütze waren an jenem
-Ende des Korridors geblieben). Ich will nicht ausführlich schildern, was
-mit Mama geschah: zu Tode erschrocken und mit erhobenen Händen stand sie
-wie erstarrt da, bis sie -- jäh zu sich kam und ihm nachrief:
-
-»Andrei Petrowitsch, so laß uns doch wenigstens Abschied nehmen,
-Liebster!«
-
-»Er wird schon kommen, Ssofja, er wird schon kommen! Sei unbesorgt!«
-schrie Tatjana Pawlowna in einem furchtbaren Haßanfall, zitternd vor
-Empörung, vor geradezu tierischer Wut. »Du hast doch gehört, er
-versprach ja wiederzukommen! Laß nur den Narren noch zum letzten Male
-spazieren gehen! Wenn er dann alt wird -- wer wird ihn als Gichtlahmen
-dann noch pflegen außer dir, seiner alten Pflegerin? So hat er's ja
-selber erklärt, hat sich ja nicht mal geschämt ...«
-
-Lisa war ohnmächtig geworden.
-
-Ich selbst wollte ihm nachlaufen.
-
-Aber dann eilte ich zu Mama, umfaßte sie und hielt sie in meinen Armen.
-
-Lukerja kam herbeigelaufen und brachte ein Glas Wasser für Lisa.
-
-Mama kam bald wieder zu sich, sank auf das Sofa, bedeckte das Gesicht
-mit den Händen und weinte.
-
-»Aber ... ja aber ... so lauf ihm doch nach!« rief plötzlich Tatjana
-Pawlowna laut, wie wenn sie jetzt erst zur Besinnung käme. »So lauf
-doch, hol ihn ein, lauf, geh ihm nicht von der Seite, so geh doch, lauf,
-lauf ihm nach!« und sie suchte mich mit Gewalt von Mama loszureißen.
-»Ach, dann laufe ich doch selber!«
-
-»Arkascha, ja, ach, lauf ihm schnell nach!« rief plötzlich auch Mama.
-
-Da lief ich denn Hals über Kopf hinaus, gleichfalls durch die Küchentür
-und über den Hof; aber er war schon nicht mehr zu sehen. In der Ferne
-sah ich auf den Fußsteigen schwarze Gestalten gehen; ich lief ihnen nach
-und sah im Vorüberlaufen jedem ins Gesicht. So lief ich bis zur
-Straßenkreuzung.
-
-»Über Irrsinnige ärgert man sich doch nicht,« dachte ich flüchtig,
-»Tatjana Pawlowna aber wurde doch vor Ärger so wild auf ihn, -- folglich
-ist er gar nicht irrsinnig ...«
-
-Ich hatte das Gefühl, daß seine Tat dennoch ein _Sinnbild_ gewesen war,
-und daß er unbedingt mit irgend etwas ein Ende habe machen wollen, ein
-Ende, wie mit diesem Heiligenbilde, und zwar so, daß wir es sähen, wir,
-Mama und Alle. Aber auch der »Doppelgänger« war sicherlich neben ihm
-gewesen; daran war gewiß nicht zu zweifeln ...
-
-
- III.
-
-Er war aber nirgendwo zu sehen, und ich wußte nicht, wo ich ihn suchen
-sollte: daß er geradeswegs in seine Wohnung gegangen wäre, war kaum
-anzunehmen. Plötzlich kam mir ein Gedanke, und ich lief schnurstracks zu
-Anna Andrejewna.
-
-Anna Andrejewna war schon zurückgekehrt, und ich wurde sogleich zu ihr
-gebeten. Ich nahm mich nach Möglichkeit zusammen, während ich
-hineinging. Ohne mich zu setzen, erzählte ich ihr, was vorgefallen war,
-also das von dem »Doppelgänger«. Niemals werde ich ihr jene gespannte,
-aber mitleidslos ruhige und selbstsichere Neugier, mit der sie mich
-gleichfalls stehend anhörte, vergessen oder gar verzeihen.
-
-»Wo kann er jetzt sein? Vielleicht wissen Sie es?« schloß ich schroff.
-»Tatjana Pawlowna hat mich gestern zu Ihnen geschickt ...«
-
-»Ich ließ Sie schon gestern zu mir bitten. Gestern war er in Zarskoje
-Sselo und war auch bei mir. Jetzt aber« (sie sah nach der Uhr), »da es
-schon sieben ist ... wird er bestimmt bei sich zu Hause sein.«
-
-»Ich sehe, daß Sie alles wissen -- also sagen Sie, sagen Sie mir auch
-alles!« rief ich.
-
-»Ich weiß vieles, aber nicht alles. Ihnen brauche ich wohl nichts zu
-verheimlichen ...« Sie maß mich mit einem sonderbaren Blick, dabei
-lächelnd und gleichsam erwägend. »Gestern früh hat er Katerina
-Nikolajewna, als Antwort auf ihren Brief, in aller Form einen
-Heiratsantrag gemacht.«
-
-»Das -- ist nicht möglich!« Ich starrte sie an.
-
-»Der Brief ging durch meine Hände; ich selbst habe ihr den Brief
-uneröffnet übergeben. Diesmal hat er >ritterlich< gehandelt und mir
-nichts verheimlicht.«
-
-»Anna Andrejewna, ich verstehe kein Wort!«
-
-»Es ist allerdings schwer zu verstehen ... diese Handlungsweise erinnert
-an einen Spieler, der sein letztes Goldstück auf den Tisch wirft und
-dabei schon den Revolver schußbereit in der Tasche hält -- so ungefähr
-ist auch sein Heiratsantrag aufzufassen. Von zehn Möglichkeiten sprechen
-neun dafür, daß sie seinen Antrag nicht annimmt; aber auf diese eine
-zehnte Möglichkeit rechnet er doch noch, und ich muß sagen, das ist
-sogar sehr -- interessant! Meiner Ansicht nach ... übrigens ... übrigens
-kann hier auch wieder so eine Anwandlung mitgespielt haben, eben jener
->Doppelgänger<, wie Sie das soeben so treffend ausgedrückt haben ...«
-
-»Und Sie lachen noch? Und wie soll ich glauben, daß Sie den Brief
-übergeben haben? Sie sind doch -- die Braut ihres Vaters? Foltern Sie
-mich nicht, Anna Andrejewna!«
-
-»Er bat mich, mein Schicksal seinem Glück zu opfern, oder vielmehr
-gebeten hat er darum gerade nicht: es wurde ziemlich schweigsam abgetan,
-ich las das alles nur in seinen Augen. Mein Gott, wozu sich darüber
-wundern: ist er denn nicht nach Königsberg gereist, um sich von Ihrer
-Mutter die Zustimmung zu seiner Heirat mit Madame Achmakoffs
-Stieftochter zu holen? Das sieht dem doch wieder sehr ähnlich, daß er
-mich gestern zu seiner Vertrauten und Abgesandten erkor.«
-
-Sie war ein wenig bleich. Aber ihr Sarkasmus war nur ein Mittel, um ihre
-Ruhe zu bewahren. Oh, ich verzieh ihr damals viel, als ich so nach und
-nach das Ganze erfaßte. Eine Minute lang überlegte ich; sie schwieg und
-wartete.
-
-»Wissen Sie,« sagte ich plötzlich lachend, »Sie haben den Brief ja nur
-deshalb überbracht, weil er für Sie nicht die geringste Gefahr
-bedeutete, denn zu dieser Heirat wird es doch nie und nimmer kommen!
-Aber er? Und schließlich auch sie? Selbstverständlich wird sie ihn mit
-seinem Antrag abweisen, und dann ... was wird dann geschehen? Wo ist er
-jetzt, Anna Andrejewna?« rief ich, »jetzt ist jede Minute wertvoll, jede
-Minute kann ein Unglück geschehen!«
-
-»Er ist jetzt bei sich in seiner Wohnung, wie ich Ihnen schon sagte. In
-seinem gestrigen Brief an Katerina Nikolajewna, den ich überbrachte, bat
-er sie _auf jeden Fall_, also unabhängig von ihrer Antwort, um eine
-Zusammenkunft in seiner Wohnung heute um sieben Uhr abends. Sie hat
-zugesagt.«
-
-»Sie in seiner Wohnung? Wie ist das möglich?«
-
-»Warum denn nicht? Die Wohnung gehört ja Darja Onissimowna; da können
-sie sich doch sehr gut als ihre Gäste bei ihr treffen ...«
-
-»Aber sie fürchtet sich vor ihm ... er kann sie umbringen!«
-
-Anna Andrejewna lächelte nur.
-
-»Katerina Nikolajewna hat trotz ihrer ganzen Furcht vor ihm, die auch
-ich an ihr bemerkt habe, doch immer eine gewisse Ehrfurcht und
-Bewunderung für die Vornehmheit seiner Grundsätze und für seinen idealen
-Verstand gehegt. Sie hat jetzt zugesagt, um ihm ihr Vertrauen zu
-beweisen, und um der Sache ein für allemal ein Ende zu machen. In seinem
-Brief aber hat er ihr feierlich sein Ehrenwort gegeben, daß sie nichts
-zu fürchten hätte ... Ich entsinne mich nicht mehr genau der Ausdrücke,
-aber jedenfalls hat sie ihm darauf mit ihrem Vertrauen geantwortet ...
-und da es doch das letztemal sein soll ... jedenfalls beruhte ihre
-Antwort auf den edelsten Gefühlen. Es war da beiderseits ein gewisser
-ritterlich heroischer Wettstreit, wenn Sie wollen.«
-
-»Aber der Doppelgänger, sein Doppelgänger!« rief ich, »er ist doch
-wahnsinnig geworden!«
-
-»Als Katerina Nikolajewna gestern in diese Zusammenkunft einwilligte,
-hat sie mit der Möglichkeit eines solchen Zwischenfalles wahrscheinlich
-nicht gerechnet,« meinte Anna Andrejewna.
-
-Ich drehte mich plötzlich um und lief aus dem Zimmer -- zu ihm, zu ihm,
-selbstverständlich! Aber aus dem Vorsaal kehrte ich noch einmal auf eine
-Sekunde zu ihr zurück.
-
-»Das ist es wohl gerade, was Sie brauchen, daß er sie totschlägt!« rief
-ich ihr ins Gesicht und rannte aus dem Hause.
-
-Obgleich ich am ganzen Körper wie im Fieber zitterte, betrat ich die
-Wohnung leise und behutsam, durch die Küchentür, und bat flüsternd,
-Darja Onissimowna zu mir herauszurufen -- aber da kam sie schon in die
-Küche und sah mich wortlos mit gespannt forschendem Blick an.
-
-»Er ... er ist nicht zu Hause.«
-
-Aber ich flüsterte ihr schnell und ohne Umschweife zu, daß ich alles
-wisse, Anna Andrejewna hätte mir alles gesagt, und ich käme geraden
-Weges von ihr.
-
-»Darja Onissimowna, wo sind sie?«
-
-»Sie sind im Saal, dort, wo Sie vorgestern saßen, am Tisch ...«
-
-»Darja Onissimowna, lassen Sie mich hinein!«
-
-»Aber wie kann ich denn das!«
-
-»Nicht dorthin, aber in das Nebenzimmer. Darja Onissimowna, das ist
-vielleicht Anna Andrejewnas Wunsch ... Sonst hätte sie mir doch nicht
-gesagt, daß sie hier sind. Sie werden mich ja nicht sehen ... und Anna
-Andrejewna will es ja selbst ...«
-
-»Aber wenn sie es nicht will?« Darja Onissimownas Blick wich nicht von
-mir und sog sich förmlich hinein in meine Augen.
-
-»Darja Onissimowna, ich werde Ihre Olä nie vergessen ... lassen Sie mich
-hinein!«
-
-Da fingen ihre Lippen und ihr Kinn plötzlich zu zittern an.
-
-»Liebling, dann um Oläs willen ... für dein gutes Herz ... Aber verlaß
-nicht Anna Andrejewna, Liebling! Wirst du sie nicht verlassen, was?
-Wirst du sie nicht verlassen?«
-
-»Nein, nein, ich werde sie nicht verlassen!«
-
-»Dann gib mir noch dein heiliges Ehrenwort, daß du nicht zu ihnen
-hineinrennen und auch nicht losschreien wirst, wenn ich dich hinführe?«
-
-»Mein Ehrenwort, Darja Onissimowna!«
-
-Sie faßte mich am Rock, führte mich leise in ein dunkles Zimmer, das an
-jenes stieß, in dem sie saßen, führte mich unhörbar auf dem weichen
-Teppich zur Tür, schob mich dicht an den zugezogenen Vorhang, den sie
-vorsichtig ein wenig zur Seite bog, und zeigte mir die beiden.
-
-Ich blieb da, sie schlich zurück. Selbstverständlich blieb ich. Ich war
-mir vollkommen bewußt, daß ich horchte, daß ich ein fremdes Geheimnis
-belauschte, aber ich blieb. Wie sollte ich denn nicht bleiben! Und der
-Doppelgänger? Hatte er doch schon vor meinen Augen das Heiligenbild
-zertrümmert!
-
-
- IV.
-
-Sie saßen sich gegenüber, an demselben Tisch, an dem wir am Abend vorher
-auf seine »Auferstehung« getrunken hatten. Ich konnte ihre Gesichter
-deutlich sehen. Sie war in einem schlichten schwarzen Kleide, schön und
-anscheinend so ruhig wie immer. Er sprach, und sie hörte ihm mit größter
-und zuvorkommender Aufmerksamkeit zu. Vielleicht konnte man ihr doch
-eine gewisse Ängstlichkeit ansehen. Er aber war ungemein angeregt. Was
-ich vernahm, war mir zunächst vollkommen unklar, da ich den Anfang des
-Gesprächs nicht gehört hatte. Auf einmal fragte sie:
-
-»Und ich war die Ursache?«
-
-»Nein, die Ursache war ich,« erwiderte er, »Sie sind nur -- unschuldig
-schuldig. Sie wissen doch, daß man unschuldig schuldig sein kann? Es ist
-das die allerunverzeihlichste Schuld und zieht fast immer Strafe nach
-sich,« flocht er in sonderbar lachendem Tone ein. »Ich habe mir doch
-eine Weile lang tatsächlich eingebildet, ich hätte Sie ganz vergessen
-und lachte nur noch über meine törichte Leidenschaft ... aber das wissen
-Sie ja. Und was geht mich dieser Mensch an, den Sie da heiraten wollen?
-Ich habe Ihnen gestern einen Antrag gemacht, verzeihen Sie mir das, es
-war eine Sinnlosigkeit, und doch wüßte ich sie durch nichts zu ersetzen
-... Was hätte ich denn tun können außer dieser Sinnlosigkeit? Ich wüßte
-nichts ...«
-
-Er lachte ein verlorenes Lachen nach diesen Worten. Auf einmal sah er
-sie an. Bis dahin hatte er beim Sprechen immer zur Seite gesehen. Wenn
-ich an ihrer Stelle gewesen wäre -- dieses Lachen hätte mich erschreckt,
-das fühlte ich. Dann stand er plötzlich auf.
-
-»Sagen Sie, wie haben Sie darauf eingehen können, hierherzukommen?«
-fragte er auf einmal, als wäre ihm die Hauptsache plötzlich wieder
-eingefallen. »Diese Aufforderung meinerseits und mein ganzer Brief --
-war eine vollkommene Sinnlosigkeit ... Warten Sie, ich kann mir
-schließlich selbst denken, wie es zu erklären ist, daß Sie einwilligten,
-zu kommen, aber ... zu welchem Zweck Sie gekommen sind -- das ist die
-Frage! Oder sollten Sie wirklich nur aus Furcht gekommen sein?«
-
-»Ich bin gekommen, um Sie zu sehen,« sagte sie, während sie ihn mit
-schüchterner Vorsicht wie wartend ansah.
-
-Beide schwiegen vielleicht eine halbe Minute lang. Werssiloff nahm
-wieder seinen Platz auf seinem Stuhl ein und begann mit verhaltener,
-aber ergriffener, fast bebender Stimme:
-
-»Ich habe Sie so unendlich lange nicht gesehen, Katerina Nikolajewna, so
-lange nicht, daß ich fast schon für unmöglich gehalten habe, jemals
-wieder bei Ihnen sitzen, Ihr Gesicht sehen, Ihre Stimme hören zu können
-... Zwei Jahre haben wir uns nicht gesehen, zwei Jahre nicht gesprochen.
-Daß ich Sie noch einmal sprechen würde, hätte ich gar nicht mehr
-gedacht. Nun, gut, was vergangen ist -- ist vergangen, und was ist --
-das wird morgen verschwunden sein, wie Rauch, -- nun gut! Ich bin damit
-einverstanden, denn ich wüßte wieder nicht, wie es sich anders machen
-ließe, aber gehen Sie jetzt nicht so fort, seien Sie nicht umsonst
-gekommen,« stieß er plötzlich fast flehend hervor. »Wenn Sie schon ein
-Almosen geben, wenn Sie schon gekommen sind -- so seien Sie wenigstens
-nicht umsonst gekommen, antworten Sie mir nur auf eine Frage!«
-
-»Auf welche Frage?«
-
-»Wir werden uns ja nie mehr sehen -- und was macht es Ihnen denn aus?
-Sagen Sie mir die Wahrheit, nur einmal für alle Ewigkeit, antworten Sie
-auf eine Frage, die kluge Leute niemals stellen: Haben Sie mich
-wenigstens einmal geliebt, oder habe ich ... mich getäuscht?«
-
-Sie wurde feuerrot.
-
-»Ich habe Sie geliebt,« sagte sie.
-
-»Das hatte ich erwartet, daß Sie so antworten würden, -- oh, du
-Aufrichtige, du Innige, du Ehrliche!«
-
-»Und jetzt?« fuhr er fort.
-
-»Jetzt liebe ich Sie nicht.«
-
-»Und lachen?«
-
-»Nein, ich lächelte jetzt nur unwillkürlich, weil ich im voraus wußte,
-daß Sie fragen würden: >Und jetzt?< Ich lächelte, weil man immer
-unwillkürlich lächelt, wenn etwas gesagt wird, worauf man schon gefaßt
-war ...«
-
-Mir wurde ganz sonderbar zumute: ich hatte sie noch nie so auf der Hut,
-so vorsichtig, ja fast sogar schüchtern und zugleich so verwirrt
-gesehen. Er umspannte sie mit seinem Blick.
-
-»Ich weiß, daß Sie mich nicht lieben ... und -- lieben Sie mich wirklich
-nicht?«
-
-»Vielleicht -- wirklich nicht. Nein, ich liebe Sie nicht,« fügte sie
-plötzlich fest hinzu, diesmal ohne zu lächeln und ohne zu erröten. »Ich
-habe Sie geliebt, ja, aber nicht lange. Ich habe damals sehr bald
-aufgehört, Sie zu lieben.«
-
-»Ich weiß, ich weiß, Sie erkannten, daß es nicht das war, was Sie
-brauchen, aber ... was ist es denn, was Sie brauchen? Erklären Sie mir
-das noch einmal ...«
-
-»Habe ich es Ihnen denn schon einmal erklärt? Was ich brauche? Ja ich --
-bin doch eine ganz gewöhnliche Frau; ich bin eine ruhige Frau, ich liebe
-... ich liebe heitere Menschen.«
-
-»Heitere?«
-
-»Da sehen Sie, wie ich mit Ihnen nicht einmal zu sprechen verstehe. Ich
-glaube, wenn Sie mich weniger liebten, dann würde ich Sie lieben,« sagte
-sie wieder mit einem schüchternen Lächeln.
-
-In ihrer Antwort lag die vollkommenste Aufrichtigkeit, -- sollte sie
-wirklich nicht gewußt haben, daß ihre Antwort die endgültigste Formel
-für ihr Verhältnis war, eine Formel, die alles erklärte und entschied?
-Oh, wie er das hätte verstehen müssen! Aber er sah sie an und lächelte
-sonderbar.
-
-»Ist Bjoring ... ein heiterer Mensch?« fuhr er fort zu fragen.
-
-»Oh, er braucht Sie nicht im geringsten zu beunruhigen,« antwortete sie
-mit einer gewissen Hast. »Ich heirate ihn nur deshalb, weil ein Leben
-mit ihm für mich am ruhigsten sein wird. Meine Seele behalte ich dann
-für mich.«
-
-»Sie sollen ja, wie man hört, wieder Geschmack an der Gesellschaft, an
-der glänzenden Welt finden?«
-
-»Nicht an der Gesellschaft. Ich weiß, daß in unserer Gesellschaft
-dieselbe Unordnung ist wie überall; aber ihre Formen sind wenigstens
-äußerlich gefällig, und deshalb ist es, wenn man schon ein Leben lebt,
-das nur ein Vorübergehen ist, doch besser, in ihr zu leben als sonstwo.«
-
-»Ich höre neuerdings oft das Wort >Unordnung< gebrauchen. Sie sind
-damals wohl auch vor meiner Unordnung zurückgeschreckt, vor meinen
-Fesseln, meinen Ideen, meinen Torheiten?«
-
-»Nein, das war doch nicht -- ganz so ...«
-
-»Sondern? Ich beschwöre Sie, sagen Sie alles ganz offen.«
-
-»Nun gut, ich werde es Ihnen ganz offen sagen, weil ich Sie für so
-unendlich klug halte: mir ... mir ist an Ihnen immer irgend etwas
-lächerlich erschienen.«
-
-Kaum hatte sie das gesagt, als sie plötzlich rot wurde, ganz als hätte
-sie selbst gemerkt, daß sie eine ungeheure Unvorsichtigkeit begangen
-hatte.
-
-»Sehen Sie, für das, was Sie mir jetzt gesagt haben, kann ich Ihnen viel
-verzeihen,« antwortete er sonderbar.
-
-»Ich habe noch nicht zu Ende gesprochen,« beeilte sie sich, hinzuzufügen
-und errötete dabei noch mehr. »Ich wollte vielmehr sagen, daß ich die
-Lächerliche bin ... schon deshalb, weil ich wie eine Törin mit Ihnen
-spreche.«
-
-»Nein, Sie sind nicht lächerlich, Sie sind nur -- eine verderbte
-Weltdame!« sagte er erbleichend und unheimlich. »Auch ich habe vorhin
-nicht zu Ende gesprochen, als ich Sie fragte, zu welchem Zweck Sie
-gekommen sind. Wollen Sie, daß ich es jetzt ausspreche? Es gibt einen
-Brief, ein Dokument, und das macht Sie erzittern, denn Sie wissen, daß
-Ihr Vater, wenn dieser Brief in seine Hände käme, Sie schon bei
-Lebzeiten verstoßen und in seinem Testament enterben könnte. Sie
-fürchten sich vor dieser Möglichkeit, und sind ... dieses Briefes wegen
-gekommen,« sagte er, am ganzen Leibe bebend und fast zähneklappernd.
-
-Sie hörte ihn mit schmerzlichem und traurig bangem Gesichtsausdruck an.
-
-»Ich weiß, daß Sie mir eine Menge Unannehmlichkeiten bereiten können,«
-sagte sie, seine Worte gleichsam zurückweisend, »aber ich bin weniger
-deshalb gekommen, um Sie zu bitten, mich in Ruhe zu lassen, als ... um
-Sie selbst wiederzusehen. Ich habe sogar schon lange gewünscht, von mir
-aus gewünscht, Sie zu sehen. Aber ich habe Sie unverändert als den
-wiedergefunden, der Sie früher waren,« fügte sie plötzlich hinzu, wie
-fortgerissen von einem bestimmten und ausschlaggebenden Gedanken und
-sogar wie von einem sonderbaren plötzlichen Gefühl.
-
-»Und Sie hatten einen anderen zu finden gehofft? Und das -- nach meinem
-Brief, in dem ich Ihnen von Ihrer Verderbtheit geschrieben hatte? Sagen
-Sie: sind Sie ganz ohne Furcht hierhergekommen?«
-
-»Ich bin gekommen, weil ich Sie früher geliebt habe; und ich bitte Sie:
-drohen Sie mir nicht, bitte nicht, und mit nichts, wenigstens so lange
-nicht, wie wir jetzt beisammen sind, -- erinnern Sie mich nicht an meine
-häßlichen Gedanken und Gefühle. Wenn Sie mit mir von etwas anderem
-sprechen könnten, wäre ich sehr froh. Mit den Drohungen kommen Sie
-meinetwegen später, hier aber lassen Sie uns von anderem sprechen ...
-Ich bin wirklich nur gekommen, um Sie einen Augenblick zu sehen und zu
-hören. Nun, und wenn Sie das nicht können, so töten Sie mich
-meinetwegen, aber -- drohen Sie mir nicht und peinigen Sie sich nicht
-selbst vor meinen Augen!« schloß sie und sah ihn in einer sonderbaren
-Erwartung an, ganz als hätte sie wirklich geglaubt, er könne sie töten.
-
-Er erhob sich wieder von seinem Stuhl, sah sie mit heißem Blick an und
-sagte fest:
-
-»Es wird Ihnen hier nicht das Geringste widerfahren.«
-
-»Ach ja, Ihr Ehrenwort!« sagte sie lächelnd.
-
-»Nein, nicht nur deshalb, weil ich Ihnen im Brief mein Ehrenwort gegeben
-habe, sondern weil ich ... die ganze Nacht an Sie denken will und werde
-...«
-
-»Um sich selbst zu quälen?«
-
-»Wenn ich allein bin, stelle ich mir immer -- Sie vor. Immer! Ich tue
-nichts anderes als mit Ihnen sprechen! Ich ziehe mich in meine Höhlen,
-in meine Schlupfwinkel zurück -- und sofort erscheinen Sie vor meinen
-Augen! Aber Sie lachen immer über mich, ganz wie jetzt ...«
-
-Er sagte das wie außer sich.
-
-»Niemals, niemals habe ich über Sie gelacht!« rief sie erschüttert und
-wie in tiefstem Mitleiden, das im Ausdruck ihres Antlitzes deutlich
-sichtbar wurde. »Wenn ich gekommen bin, so habe ich doch alles getan, um
-es so zu machen, daß es für Sie unter keinen Umständen kränkend sein
-könnte,« sagte sie plötzlich. »Ich bin hergekommen, um Ihnen zu sagen,
-daß ich Sie beinahe liebe ... Verzeihen Sie, ich habe mich vielleicht
-nicht so ausgedrückt,« fügte sie schnell hinzu.
-
-Er begann zu lachen.
-
-»Warum verstehen Sie nicht, sich zu verstellen? Warum sind Sie -- eine
-solche Einfalt, warum sind Sie nicht so wie alle ... Wie kann man denn
-einem Menschen, dem man einen Korb gibt, sagen: >Beinahe liebe ich
-Sie<?«
-
-»Ich habe mich nur nicht auszudrücken verstanden,« beeilte sie sich zu
-erklären. »Ich habe das nicht so sagen wollen; das kommt nur daher, weil
-ich mich in Ihrer Gegenwart immer befangen fühle und dann nicht zu
-sprechen verstehe; das ist schon von unserer ersten Begegnung an so
-gewesen. Aber wenn meine Worte auch nicht ganz richtig gewählt waren --
-daß ich Sie >beinahe liebe< -- so ist es dem Sinne nach doch beinahe so,
--- nur deswegen habe ich es überhaupt auszudrücken versucht. Ich liebe
-Sie mit so einer ... eben mit so einer _allgemeinen_ Liebe, mit der man
-alle liebt, und die einzugestehen man sich niemals schämt ...«
-
-Er hörte sie schweigend an, ohne seinen brennenden Blick auch nur einmal
-von ihr abzuwenden.
-
-»Ich beleidige Sie natürlich,« fuhr er außer sich fort. »Es muß in der
-Tat das sein, was man Leidenschaft nennt ... Ich weiß nur, daß es mit
-mir aus ist, wenn Sie bei mir sind, und ohne Sie gleichfalls! Aber
-gleichviel ob ich ohne Sie oder mit Ihnen bin, wo Sie auch sein mögen --
-Sie sind immer bei mir. Ich weiß, daß ich Sie auch sehr hassen kann,
-mehr noch als lieben. Übrigens, ich denke schon lange über nichts mehr
-nach -- mir ist alles gleich. Es tut mir nur leid, daß ich eine solche
-Frau zu lieben angefangen habe wie Sie ...«
-
-Seine Stimme versagte; er fuhr atemlos fort.
-
-»Was haben Sie? Sie finden es wohl ungezogen, daß ich so spreche?« Er
-lächelte, doch sein Gesicht war bleich. »Ich glaube, ich könnte, wenn
-Sie nur dadurch zu erringen wären, dreißig Jahre lang als Säulenheiliger
-auf einem Fuße stehen! ... Ich sehe, ich tue Ihnen leid, Ihr Gesicht
-sagt: >Ich würde dich ja lieben, wenn ich könnte, aber ich kann nicht<
-... Ist es nicht so? Tut nichts, ich habe keinen Stolz mehr. Ich bin
-bereit, wie ein Bettler jedes Almosen von Ihnen anzunehmen -- hören Sie:
-jedes! ... Was kann denn auch ein Bettler für einen Stolz haben?«
-
-Sie erhob sich und trat an ihn heran.
-
-»Mein Freund!« sagte sie mit unaussprechlichem Gefühl in ihrem Gesicht
-und berührte mit der Hand seine Schulter. »Ich kann solche Worte nicht
-hören! Ich werde mein lebelang an Sie denken als an einen mir teuren,
-einen wertvollen Menschen, als an das größte Menschenherz, das schlägt,
-als an etwas Heiliges, das ich achten und lieben kann. Andrei
-Petrowitsch, verstehen Sie mich recht: aus irgendeinem Grunde bin ich
-doch heute hergekommen, Sie lieber, mir sowohl damals wie auch jetzt
-lieber Mensch! Ich werde nie vergessen, wie Sie bei unseren ersten
-Begegnungen meinen Verstand erschüttert und mich aufgerüttelt haben.
-Lassen Sie uns als Freunde scheiden, und Sie werden für mich mein ganzes
-Leben lang der ernsteste und teuerste Gedanke sein.«
-
-»>Scheiden wir, und dann werde ich Sie lieben; ich werde Sie lieben --
-nur scheiden wir.< Hören Sie,« sagte er, und sein Gesicht war bleich,
-»schenken Sie mir noch ein Almosen: lieben Sie mich nicht, leben Sie
-nicht mit mir, wir wollen uns nie sehen, aber wenn Sie mich rufen, werde
-ich Ihr Sklave sein, und werde sofort verschwinden, wenn Sie mich nicht
-sehen und hören wollen, nur ... _nur heiraten Sie keinen anderen_!«
-
-Mein Herz krampfte sich bis zur Pein zusammen, als ich diese Worte
-hörte. Diese naiv erniedrigende Bitte klang so mitleiderregend, traf so
-tief ins Innerste, weil sie so nackt und unmöglich war. Ja, in der Tat,
-er bat um ein Almosen! Konnte er denn wirklich glauben, daß sie darauf
-eingehen werde? Er erniedrigte sich bis zum Versuch! Er bat
-versuchsweise! Diese tiefste Stufe der Mutlosigkeit war das
-Unerträgliche! Jeder Zug ihres Gesichts verzerrte sich plötzlich vor
-Schmerz; aber noch bevor sie ein Wort sagen konnte, kam er schon zur
-Besinnung.
-
-»Ich werde Sie _vernichten_!« sagte er plötzlich mit einer sonderbaren,
-entstellten Stimme, die gar nicht wie seine Stimme war.
-
-Aber auch sie antwortete ihm sonderbar und gleichfalls wie mit einer
-fremden, unerwarteten Stimme.
-
-»Und wenn ich Ihnen dies Almosen schenkte,« sagte sie entschlossen, »so
-würden Sie sich ja noch viel schlimmer an mir rächen, als Sie jetzt
-drohen, denn Sie würden es nie vergessen, daß Sie als so ein Bettler vor
-mir gestanden haben ... Ich kann Drohungen von Ihnen nicht anhören!«
-schloß sie fast mit Unwillen und sah ihn herausfordernd an.
-
-»>Drohungen von Ihnen<, das heißt: von so einem Bettler! Es war nur ein
-Scherz von mir,« sagte er leise und lächelte. »Ich werde Ihnen nichts
-antun, fürchten Sie sich nicht, gehen Sie ... und was jenes Dokument
-betrifft, so werde ich alles tun, um es Ihnen zu verschaffen, ich werde
-es Ihnen zusenden -- nur gehen Sie jetzt, gehen Sie! Ich habe Ihnen
-einen törichten Brief geschrieben, Sie aber haben auf den törichten
-Brief geantwortet und sind gekommen -- wir sind quitt. Nicht hier --
-dort ist der Ausgang,« sagte er und wies auf die richtige Tür (sie
-wollte durch das Zimmer gehen, in dem ich hinter der Portiere stand).
-
-»Verzeihen Sie mir, wenn Sie können,« sagte sie, in der Tür stehen
-bleibend.
-
-»Wie aber, wenn wir uns später einmal ganz als gute Freunde begegnen und
-auch an diese Szene mit hellem Lachen zurückdenken werden?« fragte er
-auf einmal, aber jeder Zug in seinem Gesicht bebte wie bei einem
-Menschen, der von einem Krampf befallen ist.
-
-»Oh, gebe Gott!« rief sie aus und drückte die Hände an die Brust, aber
-gleichzeitig sah sie ihm doch ängstlich forschend ins Gesicht, und als
-erriete sie, was er sagen wollte.
-
-»Gehen Sie. Wir haben jetzt beide nicht allzuviel Vernunft, aber Sie ...
-Oh, Sie sind ein Mensch von meinem Schlage! Ich habe Ihnen einen
-wahnsinnigen Brief geschrieben, und Sie sind auf diesen Brief hin zu mir
-gekommen, um mir zu sagen, daß Sie mich >beinahe lieben<. Nein, Sie und
-ich, wir sind beide -- Menschen ein und desselben Wahnsinns! Seien Sie
-immer so wahnsinnig, ändern Sie sich nicht, und wir werden einander noch
-als Freunde begegnen -- das prophezeie ich Ihnen, und gebe Ihnen mein
-Wort darauf!«
-
-»Und sehen Sie, dann werde ich Sie unfehlbar lieben, das fühle ich schon
-jetzt!« Die Frau in ihr konnte sich nicht bezwingen, warf ihm noch von
-der Schwelle her als letztes diese Worte zu.
-
-Sie ging hinaus. Ich schlich sofort unhörbar in die Küche und eilte,
-fast ohne auf Darja Onissimowna, die mich dort erwartete, einen Blick zu
-werfen, über die Küchentreppe und den Hof auf die Straße. Aber ich sah
-nur noch, wie sie in eine Droschke stieg, die vor der Haustür auf sie
-gewartet hatte. Ich lief die Straße hinunter.
-
-
- Elftes Kapitel.
-
-
- I.
-
-Ich lief zu Lambert. Oh, wie sehr ich auch wünschte, meinen Handlungen
-an diesem Abend und in dieser Nacht ein logisches Aussehen zu geben und
-auch nur den geringsten vernünftigen Sinn in ihnen zu entdecken, so bin
-ich doch selbst heute noch außerstande, obgleich ich jetzt alles
-überschauen kann, sie in einem klaren und richtigen Zusammenhang zu
-schildern. Es war da ein Gefühl, oder richtiger, ein ganzes Chaos von
-Gefühlen, in dem ein Sich-Verirren unvermeidlich blieb. Freilich gab es
-unter diesen Gefühlen eines, das vorherrschte, eines, das mich unsäglich
-bedrückte und alle anderen Gefühle gleichsam tyrannisierte, doch ...
-soll ich es bekennen? Zumal ich noch nicht einmal ganz sicher bin ...
-
-Als ich zu Lambert ins Zimmer stürzte, war ich selbstverständlich außer
-mir. Ich jagte sogar ihm und Alphonsinka einen Schrecken ein. Es ist mir
-übrigens immer aufgefallen, daß selbst die liederlichsten und
-verkommensten Franzosen den Hang haben, in ihrer häuslichen
-Lebensführung an einer gewissen Art von bourgeoiser Ordnung zäh und
-kleinlich festzuhalten, -- an einer Ordnung, die überaus prosaisch,
-alltäglich, zeremoniell und ein für allemal anerkannt ist. Aber Lambert
-begriff doch sehr bald, daß etwas geschehen war, und freute sich riesig,
-daß er mich endlich bei sich, das heißt, endlich in der Falle hatte. Das
-war ja sein Traum, sein sehnlichster Wunsch in allen diesen Tagen
-gewesen, denn ohne mich konnte er ja doch nichts machen! Und siehe da:
-nachdem er seine ganze Hoffnung fast schon aufgegeben hatte -- erschien
-ich plötzlich bei ihm, ich selbst, und dazu noch in einer Verfassung, in
-der er mich gerade brauchte.
-
-»Lambert, gib Wein her!« rief ich: »Trinken wir, laß uns fröhlich sein!
-Alphonsina, wo ist Ihre Gitarre?«
-
-Die Szene, die hierauf folgte, will ich nicht weiter beschreiben -- sie
-ist nebensächlich. Er hörte mir gespannt zu. Ich machte ihm offen und
-als Erster den Vorschlag zu einer Verschwörung.
-
-»Vor allen Dingen müssen wir Katerina Nikolajewna durch einen Brief
-zwingen, zu uns zu kommen ...«
-
-»Das kann man,« stimmte mir Lambert zu, der auf jedes meiner Worte
-achtete.
-
-»Zweitens müssen wir ihr zur Sicherheit mit diesem Brief eine Abschrift
-des >Dokuments< schicken, damit sie sich selbst davon überzeugen kann,
-daß man sie nicht betrügen will.«
-
-»Ja, das muß man, das muß man!« pflichtete Lambert mir sogleich eifrig
-bei, während er mit Alphonsina ununterbrochen Blicke wechselte.
-
-»Und drittens mußt du, Lambert, sie von dir aus herbitten, angeblich im
-Auftrage eines Unbekannten, der gerade aus Moskau angekommen sei; ich
-hätte dann die Aufgabe, Werssiloff mitzubringen.«
-
-»Ja, auch Werssiloff könnte noch dabei sein,« bestätigte Lambert wieder.
-
-»Nicht könnte, sondern er muß, und zwar unbedingt!« rief ich. »Um
-seinetwillen soll doch das Ganze überhaupt gemacht werden!« erklärte ich
-und trank Schluck auf Schluck aus meinem Glase. (Wir tranken alle drei,
-aber ich glaube, ich trank die ganze Flasche Champagner allein aus: sie
-aber taten nur so, als tränken sie gleichfalls.) »Werssiloff und ich
-werden im Nebenzimmer sitzen (Lambert, wir müssen uns noch ein
-Nebenzimmer verschaffen!), und wenn sie dann auf alles eingegangen ist
--- auf den Kaufpreis in Geld und auch auf den _anderen_ Kaufpreis, denn
-die Weiber sind doch alle ehrlos -- dann erscheine ich mit Werssiloff,
-und wir überführen sie ihrer Schändlichkeit. Und dann wird Werssiloff,
-wenn er selbst gesehen hat, wie gemein sie ist, mit einem Schlage von
-seinem Wahn geheilt sein und sie hinauswerfen! Und Bjoring muß auch noch
-dabei sein, damit auch er es sieht!« fügte ich außer mir hinzu.
-
-»Nein, Bjoring ist überflüssig,« bemerkte Lambert.
-
-»Nein, der muß auch unbedingt, unbedingt dabei sein!« ereiferte ich mich
-wieder.
-
-»Du begreifst ja nichts, Lambert, weil du dumm bist! Versteh doch, es
-soll ja gerade zu einem Skandal in diesen ihren höheren Kreisen kommen
--- damit rächen wir uns an diesen Kreisen und an ihr, sie soll nur ihre
-Strafe empfangen! Lambert, sie wird dir einen Wechsel geben ... Ich
-brauche das Geld nicht -- ich spucke aufs Geld, du aber kannst dich
-bücken und es aufheben, wenn du magst, und mit meinem Speichel in die
-Tasche stecken, ich aber, ich -- vernichte sie dafür!«
-
-»Ja, ja,« hetzte Lambert, »das mußt du tun ...« Er wechselte wieder
-einen Blick mit Alphonsinka.
-
-»Weißt du, Lambert, sie verehrt Werssiloff ungeheuer: ich habe mich
-soeben davon überzeugt,« lallte ich schon mit schwerer Zunge.
-
-»Das ist gut, daß du sie belauscht hast! Ich hätte niemals gedacht, daß
-du ein so guter Spion sein könntest und überhaupt so gescheit bist!« Er
-wollte mir damit eine Schmeichelei sagen.
-
-»Du lügst, Franzos, ich bin kein Spion, aber gescheit bin ich
-allerdings! Und weißt du, Lambert, sie liebt ihn ja doch!« fuhr ich
-fort, nur von dem Verlangen getrieben, mich auszusprechen: »Aber
-heiraten wird sie ihn nicht, denn Bjoring ist Gardeoffizier, und
-Werssiloff ist -- nur ein großmütiger Mensch und ein Menschheitsfreund,
-und so einer ist nach den Anschauungen ihres Kreises nur eine
-lächerliche Figur und nichts weiter! Oh, sie begreift seine Leidenschaft
-und genießt sie, sie kokettiert mit ihm und lockt ihn an, aber sie
-heiratet ihn nicht! Sie ist ein Weib, eine Schlange! Jedes Weib ist
-Schlange und jede Schlange Weib! Ihn aber muß man davon heilen; man muß
-ihm die Binde von den Augen reißen: er soll erkennen, wie sie ist, dann
-wird er gesund werden. Ich bringe ihn zu dir, Lambert!«
-
-»Ja, das mußt du,« stimmte mir Lambert eifrig bei, und goß mir schon
-wieder das Glas voll.
-
-Er hatte ja nur eine Angst: daß er mich durch Widerspruch erzürnen, und
-daß ich zu trinken aufhören könnte. Das machte ihn so ungeschickt und
-unschlau, daß es mir damals schon auffiel. Und doch hätte ich um keinen
-Preis fortgehen können: ich trank und sprach ununterbrochen, denn ich
-stand ganz unter dem unbezwingbaren Verlangen, mich vollends
-auszusprechen. Als Lambert nach einer neuen Flasche ging, spielte
-Alphonsinka auf der Gitarre irgendein spanisches Lied. Ich hätte beinah
-zu weinen angefangen.
-
-»Lambert, du weißt ja noch nicht alles!« rief ich mit tiefem Gefühl.
-»Diesen Menschen muß man unbedingt retten, weil er jetzt ... in einem
-Zauberbann ist. Wenn sie ihn heiratete, würde er sie am Morgen nach der
-ersten Nacht mit der Peitsche hinausjagen ... das kommt doch vor. Denn
-so eine gewaltsame und wilde Liebe ist wie ein Anfall, wie eine Schlinge
-um den Hals, wie eine Krankheit, doch kaum hat sie ihre Befriedigung
-erreicht, da fällt einem die Binde von den Augen, und es stellt sich
-gleich das entgegengesetzte Gefühl ein: Ekel und Haß, der Wunsch zu
-vernichten, zu zertreten. Kennst du die Geschichte von Abisag[16],
-Lambert, hast du sie gelesen?«
-
-»Nein, ich ... erinnere mich nicht; ist's ein Roman?« stotterte Lambert
-unsicher.
-
-»Ach, du weißt aber auch gar nichts, Lambert! Du bist unglaublich,
-unglaublich unwissend ... aber ich mach mir nichts draus. Mir ist alles
-gleich. Ich weiß, er liebt Mama; er hat ihr Bild geküßt; er würde jene
-am anderen Morgen hinausjagen und zu Mama gehen; aber dann wäre es zu
-spät, und deshalb muß man ihn jetzt retten ...«
-
-Zum Schluß fing ich bitterlich zu weinen an, redete aber immer weiter
-und trank furchtbar viel. Von Lambert war es sehr schlau, daß er kein
-einziges Mal nach dem »Dokument« fragte und wo es sei, und daß ich nun
-auch mit dem Dokument herausrücken, es ihm auf den Tisch legen solle.
-Was wäre natürlicher gewesen, als danach zu fragen, zumal wir doch schon
-beschlossen hatten, gemeinschaftlich zu handeln? Doch wir sprachen nur
-davon, daß es nötig sei, »das« zu tun, aber wo »das« geschehen sollte,
-wann und wie --, davon sprachen wir auch kein Wort! Er stimmte mir in
-allem fast widerspruchslos zu und wechselte dabei heimlich Blicke mit
-Alphonsinka -- das war alles, was er zu tun wagte! Damals konnte ich
-darüber freilich nicht nachdenken, aber ich sah es doch und habe es
-behalten.
-
-Die Szene endete damit, daß ich bei ihm auf dem Diwan, wie ich da saß,
-einschlief. Natürlich in den Kleidern. Ich schlief sehr lange und
-erwachte sehr spät. Ich weiß noch, daß ich, als ich erwachte, eine
-Zeitlang wie betäubt auf dem Diwan liegen blieb und mir Mühe gab, mich
-dessen zu erinnern, was am Abend eigentlich geschehen war; dabei tat
-ich, als ob ich immer noch schlief. Ich bemerkte bald, daß Lambert nicht
-mehr im Zimmer war: er mußte ausgegangen sein. Es war schon zehn Uhr
-morgens; im Ofen prasselte das Feuer, ganz wie damals, nach jener Nacht,
-als ich das erstemal von Lambert in dieses Zimmer gebracht worden war.
-Hinter dem Schirm aber bewachte mich Alphonsinka: das bemerkte ich
-sogleich, weil sie zweimal hinter ihm hervorlugte und mich musterte,
-aber ich schloß jedesmal schnell die Augen und stellte mich schlafend.
-Ich tat es einerseits, weil ich noch ganz wie zerschlagen war, und
-andererseits, weil ich mir meine Lage erst einmal überlegen wollte. Mit
-Entsetzen erkannte ich die ganze Schändlichkeit und Sinnlosigkeit meiner
-nächtlichen Beichte vor Lambert und meiner Verschwörung mit ihm;
-erkannte vor allem die Tragweite meines Fehlers, daß ich ihn überhaupt
-aufgesucht hatte! Aber zum Glück war das Dokument ja noch immer bei
-_mir_, war ja noch immer in meiner Seitentasche eingenäht; ich fühlte
-unwillkürlich mit der Hand danach -- Gott sei Dank, es war da! Also
-brauchte ich jetzt nur aufzustehen und davonzulaufen; mich höchstens vor
-Lambert noch zu schämen -- aber das war er ja gar nicht wert!
-
-Doch ich schämte mich vor mir selbst! Ich war mein eigener Richter, und
--- o Gott, was ging in meiner Seele vor! Ich möchte diese höllische,
-unerträgliche Pein, dieses Gefühl und Bewußtsein der eigenen
-Schmutzigkeit und Gemeinheit nicht beschreiben! Doch ich muß. Ich muß
-auch das aussprechen, weil, wie mir scheint, die Zeit dazu gekommen ist,
-und in meinen Aufzeichnungen nichts verschwiegen werden soll. So mag man
-denn wissen, daß ich _sie_ nicht etwa darum in den Schmutz ziehen und
-beinahe Zeuge dessen sein wollte, wie sie Lambert den Kaufpreis zahlen
-würde (oh, Niedrigkeit!) -- nicht darum, um den wahnsinnigen Werssiloff
-zu retten und ihn Mama zurückzugeben, sondern darum ... weil ich selbst
-in sie verliebt und eifersüchtig war! Eifersüchtig auf wen: auf Bjoring,
-auf Werssiloff? Oder auf alle, die sie auf den Bällen sehen, und mit
-denen sie sprechen könnte, während ich in der Ecke stand und mich meiner
-selbst schämte? ... Oh, welch eine Erbärmlichkeit!
-
-Kurz, ich weiß nicht, auf wen ich eifersüchtig war; aber ich fühlte und
-hatte mich an jenem Abend so sicher überzeugt -- wie ich sicher bin, daß
-zweimal zwei vier ist -- hatte mich überzeugt, daß ich sie verloren, daß
-diese Frau mich von sich stoßen und verlachen werde wegen meines
-Betruges und meiner Schändlichkeit! Sie war ehrlich und aufrichtig, ich
-aber -- ich war ein Spion mit unterschlagenen Dokumenten!
-
-Das alles habe ich seitdem in meinem Herzen geheimgehalten, aber jetzt
-ist die Zeit gekommen, und -- ich ziehe die Summe. Doch wiederum und zum
-letztenmal sei es gesagt: ich habe mich vielleicht um die Hälfte oder
-sogar um fünfundsiebzig Prozent schlechter dargestellt, als ich war! In
-jener Nacht haßte ich sie wie ein Mensch, der außer sich ist, und dann
-wie ein tobender Betrunkener. Ich habe schon gesagt, daß es ein Chaos
-von Gefühlen war, in denen ich mich selbst nicht zurecht fand. Aber
-gleichviel, ausgesprochen mußten sie werden, weil doch ein Teil dieser
-Gefühle immerhin tatsächlich vorhanden war.
-
-Mit unüberwindlichem Widerwillen und mit leidenschaftlichem Entschluß
-alles wieder gutzumachen, sprang ich plötzlich vom Diwan auf; aber kaum
-war ich aufgesprungen, da schoß auch schon Alphonsinka hinter dem Schirm
-hervor. Während ich nach meinem Pelz und meiner Mütze griff, beauftragte
-ich sie, Lambert zu sagen, alles, was ich gestern hier phantasiert und
-zu meinem eigenen Bedauern von einer Dame Häßliches geredet hatte -- sei
-nur ein Scherz von mir gewesen -- ferner: daß Lambert nicht wagen solle,
-jemals noch zu mir zu kommen ... Alles das brachte ich überstürzt
-hervor, auf Französisch, und wahrscheinlich recht unklar. Aber zu meiner
-Verwunderung verstand Alphonsinka alles ausgezeichnet; und was am
-sonderbarsten war -- sie schien sich sogar darüber zu freuen.
-
-»_Oui, oui_,« griff sie das Gesagte auf und nickte dazu, »_c'est une
-honte! Une dame ... Oh, vous êtes généreux, vous! Soyez tranquille, je
-ferai voir raison à Lambert_{[110]} ...«
-
-Ich blieb einen Augenblick in Zweifeln stehen, als ich diesen so
-unerwarteten Umschwung in ihren Gefühlen gewahrte, und danach auf einen
-solchen etwa auch bei Lambert schließen mußte. Ich sagte aber nichts und
-ging schweigend hinaus; in meinem Innern war alles trübe, und ich konnte
-nur mit Mühe denken. Nachher habe ich auch dieses Verhalten begriffen,
-aber dann war es schon zu spät! Oh, was war das für ein teuflisches
-Ränkespiel! Ich will hier die ganze Geschichte im voraus erklären, denn
-sonst könnte der Leser das Weitere unmöglich verstehen.
-
-Schon bei meiner ersten Begegnung mit Lambert -- damals, als ich in
-seiner Wohnung allmählich »aufgetaut« war -- hatte ich ihm wie ein
-rechter Dummkopf anvertraut, daß ich das Dokument eingenäht in der
-Brusttasche trug. Und als ich darauf auf dem Diwan für kurze Zeit
-eingeschlafen war, hatte Lambert sofort die Gelegenheit benutzt, die
-Tasche zu befühlen und sich davon zu überzeugen, daß tatsächlich ein
-Papier in ihr eingenäht war. Auch später hatte er sich einigemal davon
-überzeugen können, daß ich das Papier immer noch bei mir trug; so hatte
-er mich auch während unseres Gesprächs nach dem Mittagessen im
-Tatarischen Restaurant, als wir bei Miljutin Champagner tranken, ein
-paarmal um die Schultern gefaßt. Und als ihm endlich die ganze
-Wichtigkeit dieses Dokumentes aufgegangen war, da war in ihm ein Plan
-gereift, den ich ihm nie und nimmer zugetraut hätte. Wie ein rechter
-Dummkopf hatte ich mir die ganze Zeit eingebildet, er rufe mich nur zu
-dem Zweck zu sich in die Wohnung, um mich ungestört überreden zu können,
-mit ihm zusammen die Sache zu machen. Aber, o weh! -- er hatte es in
-einer ganz anderen Absicht getan. Er hatte mich zu sich locken wollen,
-um mich bis zur Besinnungslosigkeit betrunken zu machen, und, wenn ich
-dann bewußtlos dalag -- mir das Dokument aus der Tasche herauszutrennen.
-Und das hatten sie, er und Alphonsinka, in dieser Nacht denn auch getan.
-Alphonsinka trennte die Tasche auf, und nachdem sie den Brief, _ihren
-Brief_, mein Moskauer Dokument, glücklich hatten, nahmen sie einen
-einfachen Bogen Postpapier von derselben Größe, legten ihn an seine
-Stelle und nähten die Tasche wieder zu, als wäre nichts geschehen, so
-daß ich auch nichts von der Auswechselung bemerken konnte. Alphonsinka
-war es, die die Tasche wieder zunähte. Und so ging ich denn, ging ich
-bis zum Schluß, also noch ganze anderthalb Tage, in dem Glauben umher,
-ich, ich wäre der Besitzer des Dokuments, und Katerina Nikolajewnas
-Schicksal sei immer noch in meiner Hand!
-
-Noch ein letztes Wort: dieser Diebstahl des Dokuments war die Ursache
-des ganzen Unglücks, das nun folgte.
-
-
- II.
-
-Ich stehe vor den letzten vierundzwanzig Stunden der Ereignisse, von
-denen meine Aufzeichnungen handeln, also vor dem Ende des Endes.
-
-Es war, glaube ich, gegen halb elf, als ich angeregt und doch, wie ich
-mich erinnere, seltsam zerstreut, aber mit einem endgültigen Entschluß
-im Herzen, in meine Wohnung gelangte. Ich hatte es nicht eilig, ich
-wußte schon, wie ich handeln würde. Und plötzlich, ich war kaum in unser
-Vorzimmer getreten, begriff ich sofort, daß ein neues Unglück
-hereingebrochen und die Sache noch unvergleichlich verwickelter geworden
-war: der alte Fürst, den sie soeben aus Zarskoje Sselo nach Petersburg
-gebracht hatten, befand sich in unserer Wohnung, und Anna Andrejewna war
-bei ihm!
-
-Sie hatten ihn nicht bei mir untergebracht, sondern in zwei Zimmern der
-Wohnung meiner Wirtsleute, die unmittelbar an mein Zimmer stießen. Es
-waren dort schon am Tage vorher, wie ich später sah, gewisse
-Veränderungen und Verschönerungen vorgenommen worden, übrigens nur ganz
-unwichtige. Mein Wirt war mit seiner Frau in das kleine Zimmer seines
-rechthaberischen pockennarbigen Mieters, von dem schon einmal die Rede
-gewesen ist, übergesiedelt, dieser aber war für die Zeit anderweitig
-untergebracht worden -- wo, weiß ich leider nicht.
-
-Mein Wirt empfing mich und schlüpfte gleich hinter mir in mein Zimmer.
-Er sah nicht so selbstsicher drein wie tags zuvor auf der Treppe, war
-aber in einem sozusagen sehr belebten Zustande und ganz auf der Höhe der
-Umstände. Ich sagte kein Wort zu ihm, trat aber, die Stirn in die Hände
-gepreßt, in die Ecke und stand so vielleicht eine Minute. Er dachte
-zunächst, ich »stellte mich nur so an«, dann aber wurde er doch etwas
-ungeduldig, und schließlich erschrak er.
-
-»Ist Ihnen etwas nicht recht?« fragte er ungewiß. Als er sah, daß ich
-nicht Miene machte, zu antworten, begann er: »Ich hab' nämlich auf Sie
-gewartet, um Sie zuvor zu fragen, ob Sie nicht wünschen, daß diese Tür
-hier aufgemacht werde, damit Sie mit den fürstlichen Gemächern verbunden
-sind ... und nicht über den Korridor zu gehen brauchen?« Er deutete auf
-die verschlossene Seitentür, die zu den Zimmern führte, in denen er
-sonst wohnte, und die jetzt der Fürst einnahm.
-
-»Also hören Sie, Pjotr Ippolitowitsch,« wandte ich mich mit strenger
-Miene an ihn, »ich bitte Sie, so freundlich zu sein, zu Anna Andrejewna
-zu gehen und ihr zu sagen, daß ich sie zu einer sofortigen Unterredung
-zu mir bäte. Sind sie schon lange hier?«
-
-»Ja, wohl schon eine ganze Stunde.«
-
-»Also gehen Sie.«
-
-Er ging und brachte mir die sonderbare Antwort, daß Anna Andrejewna und
-der Fürst Nikolai Iwanowitsch mich mit Ungeduld erwarteten. Das
-bedeutete, daß Anna Andrejewna nicht zu mir kommen wollte. Ich brachte
-meine Kleider in Ordnung, bürstete meinen Rock, in dem ich in der Nacht
-geschlafen hatte, wusch mich, kämmte mich, tat aber alles ohne Hast, und
-ging endlich mit dem Bewußtsein, daß ich die größte Vorsicht beobachten
-mußte, zu dem alten Herrn.
-
-Der Fürst saß auf dem Sofa hinter dem runden Tisch, und Anna Andrejewna
-stand am anderen Ende des Zimmers an einem zweiten mit einem sauberen
-Tischtuch bedeckten Tisch, auf dem die so blank wie noch nie geputzte
-Teemaschine der Wirtsleute stand, und bereitete für ihn den Tee. Ich
-trat mit demselben strengen Gesicht ins Zimmer; der alte Fürst, der das
-sofort bemerkte, fuhr nur so zusammen, und das Lächeln in seinem Gesicht
-verwandelte sich im Nu in einen Ausdruck des Schrecks: aber da konnte
-ich meinem Vorsatz nicht treu bleiben und streckte ihm lachend beide
-Hände entgegen. Der arme Fürst stürzte sich wie erlöst in meine Arme.
-
-Natürlich begriff ich sofort, was für einen Menschen ich vor mir hatte.
-Erstens wurde es mir sonnenklar, daß man aus jenem alten Herrn, der
-sogar noch ganz rüstig und immerhin noch ganz bei Vernunft gewesen war,
-und der doch immer noch einen gewissen, gleichviel was für welchen, aber
-jedenfalls noch einen gewissen Charakter besessen hatte, inzwischen, d.
-h. in der Zeit, solange ich mit ihm nicht mehr zusammengekommen war, so
-etwas wie eine Mumie oder ein ängstliches, mißtrauisches Kind gemacht
-hatte. Ich füge hinzu: er wußte ganz genau, zu welchem Zweck er hierher
-gebracht worden war, es war alles genau so geschehen, wie ich
-vorgreifend schon erzählt habe. Man hatte ihn plötzlich, ohne jede
-Vorbereitung, mit der angeblichen Tatsache des Verrats seiner Tochter
-und ihrer Absicht, ihn in eine Irrenanstalt zu bringen, überrascht,
-erschreckt, niedergeschmettert und um jede Überlegung gebracht. Er hatte
-sich dann entführen lassen, vor Angst kaum dessen sich bewußt, was er
-tat. Man hatte ihm gesagt, der Besitzer der Beweise sei -- ich, ich
-hätte den Schlüssel zur endgültigen Entscheidung in der Hand. Es sei
-hier gleich bemerkt, daß gerade diese »endgültige Entscheidung« und der
-»Schlüssel« ihn am meisten erschreckt hatten. Deshalb hatte er denn auch
-nichts anderes erwartet, als daß ich mit einem Urteilsspruch auf der
-Stirn und einem großen Schriftstück in der Hand bei ihm eintreten werde,
-und um so größer war natürlich seine Freude, als er sah, daß ich
-vorläufig noch wie früher harmlos lachen und von allen möglichen anderen
-Dingen plaudern konnte. Als wir uns umarmten, rollten ihm die hellen
-Tränen über die Wangen. Ich muß gestehen, auch mir wurden die Augen
-feucht: er tat mir auf einmal so leid ... Alphonsinkas kleines Hündchen
-kläffte mich vom Sofa her mit dünnem Stimmchen ganz außer sich an, wagte
-aber trotz aller Aufregung doch nicht, vom Sofa herabzuspringen. Von
-diesem winzigen Hündchen trennte sich der Fürst überhaupt nicht mehr,
-nachdem er es gekauft hatte; es schlief sogar bei ihm.
-
-»_Oh, je disais qu'il a du coeur!_«{[111]} wandte er sich zu Anna
-Andrejewna und wies dabei auf mich.
-
-»Wie Sie sich erholt haben, Fürst, wie frisch und gesund Sie aussehen!«
-sagte ich. Aber ach! -- genau das Gegenteil war der Fall: er sah, wie
-gesagt, eher nach einer Mumie aus. Ich sagte ihm das nur so, um ihm
-etwas Angenehmes zu sagen.
-
-»_N'est-ce pas, n'est-ce pas?_«{[112]} griff er freudig meine Bemerkung
-auf. »Oh, meine Gesundheit hat sich erstaunlich gebessert.«
-
-»Lassen Sie sich bitte nicht stören, trinken Sie nur Ihren Tee, und wenn
-ich auch eine Tasse bekommen könnte, so würde ich Ihnen Gesellschaft
-leisten.«
-
-»Vorzüglich! >Lasset uns trinken und fröhlich sein ...< oder wie die
-Verse da heißen. Anna Andrejewna, geben Sie ihm auch welchen; _il prend
-toujours par les sentiments_{[113]} ... geben Sie uns beiden Tee, meine
-Liebe!«
-
-Anna Andrejewna reichte uns den Tee, plötzlich aber wandte sie sich zu
-mir und begann mit außerordentlicher Feierlichkeit:
-
-»Arkadi Makarowitsch, wir beide, ich und mein Wohltäter, Fürst Nikolai
-Iwanowitsch, haben unsere Zuflucht zu Ihnen genommen. Ich will damit nur
-gesagt haben, daß wir zu Ihnen gekommen sind, zu Ihnen allein, und daß
-wir beide Sie um Ihre Hilfe bitten. Vergessen Sie nicht, daß das
-Schicksal dieses heiligen, dieses edlen und von aller Welt verratenen
-Mannes in Ihren Händen liegt ... Von Ihrem ehrlichen Herzen erwarten wir
-die Entscheidung! ...«
-
-Aber sie konnte nicht zu Ende sprechen; der Fürst erschrak dermaßen, daß
-er am ganzen Leibe zitterte:
-
-»_Après, après, n'est-ce pas? Chère amie!_«{[114]} unterbrach er sie mit
-flehend erhobenen Händen.
-
-Ich kann gar nicht sagen, wie unangenehm ihre Herausforderung auch auf
-mich wirkte. Ich antwortete ihr nichts darauf und begnügte mich mit
-einer kalten und gemessenen Verbeugung; ich setzte mich an den Tisch und
-begann sofort absichtlich von etwas anderem zu sprechen, von
-irgendwelchen Dummheiten; ich lachte und machte Witze ... Der Alte war
-mir augenscheinlich sehr dankbar dafür und geriet alsbald in eine
-gehobene Stimmung. Aber seine Heiterkeit schien doch, obgleich er sich
-ihr mit ganzem Herzen hingab, gewissermaßen unsicher zu sein, und es war
-zu befürchten, daß sie plötzlich einer vollkommenen Niedergeschlagenheit
-weichen werde; das sah man auf den ersten Blick.
-
-»_Cher enfant_, ich habe gehört, du wärest krank gewesen ... Ach,
-pardon! Das war ja ein anderer. Aber von dir habe ich gehört, du
-beschäftigtest dich mit Spiritismus?«
-
-»Nicht gedacht habe ich daran!« lächelte ich.
-
-»Nicht? Aber wer hat mir denn vom Spiritismus gesprochen?«
-
-»Das war vorhin unser Beamter, Pjotr Ippolitowitsch,« erklärte ihm Anna
-Andrejewna, »er ist ein sehr lustiger Mensch und kennt eine Menge
-Anekdoten; soll ich ihn rufen?«
-
-»_Oui, oui, il est charmant_{[115]} ... er kennt eine Menge Anekdoten
-... aber rufen wir ihn lieber nicht. Wir können ihn später rufen, und er
-wird uns alles erzählen, _mais après_.{[116]} Stell dir vor, hier wird
-vorhin der Tisch gedeckt, er aber sagt plötzlich: >Seien Sie unbesorgt,
-er fliegt nicht weg, wir sind keine Spiritisten!< Sag doch, _cher
-enfant_, fliegen denn bei den Spiritisten wirklich die Tische in die
-Luft?«
-
-»Das weiß ich nicht; man sagt allerdings, sie erhöben sich mit allen
-vier Füßen in die Luft.«
-
-»_Mais c'est terrible ce que tu dis_,«{[117]} sagte er und sah mich
-erschrocken an.
-
-»Oh, beunruhigen Sie sich nicht, das ist ja alles Unsinn.«
-
-»Das hab' ich ja auch gesagt. Nastassja Stepanowna Ssolomejeff ... du
-kennst sie ja ... ach nein, du kennst sie nicht ... stelle dir vor, sie
-glaubt auch an den Spiritismus, und stellen Sie sich vor, _chère
-enfant_,«{[118]} wandte er sich an Anna Andrejewna, »ich habe zu ihr
-gesagt: in den Ministerien stehen doch auch Tische, und auf ihnen liegen
-doch je acht Paar Beamtenhände, die ewig Papier beschreiben -- warum
-tanzen denn da nicht die Tische? Stell dir doch nur vor, wie das wäre,
-wenn sie plötzlich zu tanzen anfingen! Eine Revolte der Tische im
-Ministerium der Finanzen oder der Volksaufklärung -- das fehlte uns
-noch!«
-
-»Was für nette Sachen Sie sagen, Fürst, ganz wie früher,« rief ich und
-gab mir Mühe, recht herzlich zu lachen.
-
-»_N'est-ce pas? Je ne parle pas trop, mais je dis bien._«{[119]}
-
-»Ich werde Pjotr Ippolitowitsch herbitten,« sagte Anna Andrejewna und
-erhob sich.
-
-Aus ihrem Gesicht sprach die größte Zufriedenheit: meine
-Liebenswürdigkeit dem Alten gegenüber freute sie. Aber kaum war sie
-hinausgegangen, als das Gesicht des Fürsten sich sofort veränderte. Er
-blickte nach der Tür und nach allen Seiten, beugte sich auf dem Sofa zu
-mir vor und flüsterte mit angstvoller Stimme:
-
-»_Cher ami!_ Oh, wenn ich sie doch beide hier zusammen sehen könnte! Oh,
-_cher enfant_!«
-
-»Beruhigen Sie sich, Fürst ...«
-
-»Ja, ja, aber ... wir werden sie versöhnen, _n'est-ce pas_?{[112]} Ein
-so leerer und kleinlicher Streit zwischen zwei so wertvollen Frauen,
-_n'est-ce pas_? Du bist meine letzte Hoffnung ... Wir werden alles in
-Ordnung bringen ... Aber was ist das hier für eine sonderbare Wohnung,«
-sagte er plötzlich und blickte ängstlich um sich, »und weißt du, dieser
-Wirt ... er hat so ein Gesicht ... Sag' doch: ist er nicht gefährlich?«
-
-»Der Wirt? O nein, inwiefern könnte er denn gefährlich sein?«
-
-»_C'est ça._ Um so besser. _Il semble qu'il est bête, ce gentilhomme.
-Cher enfant_,{[120]} sag' es um Gottes willen nicht Anna Andrejewna, daß
-ich mich hier vor allem fürchte! Ich habe nämlich hier alles sehr schön
-gefunden, vom ersten Schritt an, auch den Wirt habe ich gelobt ... Höre,
-du kennst doch die Geschichte von dem kürzlich ermordeten von Sohn --
-erinnerst du dich?«
-
-»Was ist denn damit?«
-
-»_Rien, rien du tout ... Mais je suis libre ici, n'est-ce pas?_{[121]}
-Was meinst du, hier kann mir doch nichts geschehen ... etwas von der
-Art?«
-
-»Aber ich versichere Sie, mein Lieber ... wie können Sie so etwas nur
-denken!«
-
-»_Mon ami! Mon enfant!_« rief er plötzlich und rang die Hände, ohne
-seine Angst noch zu verbergen. »Wenn du wirklich im Besitz von
-irgendwelchen Dokumenten bist ... wenn du mir wirklich etwas zu sagen
-haben solltest, so sag' es lieber nicht: sag' mir um Gottes willen
-nichts davon ... schweig', so lange du noch irgend kannst ...«
-
-Er wollte sich erheben und mich umarmen, Tränen rollten über sein
-Gesicht; ich kann gar nicht beschreiben, wie mein Herz sich
-zusammenkrampfte: der arme Alte war wie ein schwaches, bedauernswertes,
-erschrockenes Kind, das Zigeuner aus dem Elternhause gestohlen und zu
-fremden Leuten entführt hatten. Doch zu unserer Umarmung kam es nicht:
-die Tür öffnete sich, und Anna Andrejewna erschien, aber nicht mit dem
-Wirt, sondern mit ihrem Bruder, dem Kammerjunker. Diese Überraschung
-betäubte mich förmlich; ich erhob mich und ging zur Tür.
-
-»Arkadi Makarowitsch, erlauben Sie, daß ich Sie bekannt mache ...,«
-sagte Anna Andrejewna mit lauter Stimme, so daß ich gezwungen war,
-stehen zu bleiben.
-
-»Ich kenne Ihren Bruder _nur zu gut_,« sagte ich, indem ich jedes Wort
-langsam aussprach und mit besonderer Betonung der Worte »nur zu gut«.
-
-»Ach, es handelte sich damals um einen unverzeihlichen Irrtum! Und ich
-be--dau--ere ihn so sehr, lieber Andr... Andrei Makarowitsch,« begann
-der junge Mensch, kam mit ganz außerordentlich liebenswürdigem Ausdruck
-auf mich zu und ergriff meine Hand, die ich ihm leider nicht mehr
-entziehen konnte -- »an allem war nur mein Stepan schuld: er hatte Sie
-mir damals so dumm gemeldet, daß ich Sie für einen anderen hielt, -- das
-war in Moskau,« erklärte er seiner Schwester. »Nachher wollte ich Sie
-unbedingt aufsuchen und Ihnen das Mißverständnis erklären, aber da
-erkrankte ich. Bitte, fragen Sie doch meine Schwester, ob es wahr ist.
-_Cher prince, nous devons être amis même par droit de naissance_{[122]}
-...«
-
-Und der unverschämte junge Mann wagte es sogar, den Arm um meine
-Schultern zu legen, was denn doch der Gipfel dieser frechen Familiarität
-war. Ich trat zur Seite und zog es vor, da ich mich verwirrt fühlte,
-ohne ein Wort der Erwiderung hinauszugehen. In meinem Zimmer setzte ich
-mich erregt und in Gedanken auf mein Bett. Die Intrige würgte mich
-geradezu, aber es war mir trotzdem unmöglich, Anna Andrejewna nun
-einfach fallen zu lassen. Ich fühlte plötzlich, daß auch sie mir teuer
-war, und daß sie sich in einer schrecklichen Lage befand.
-
-
- III.
-
-Wie ich es nicht anders erwartet hatte, kam sie selbst in mein Zimmer
-und ließ den Fürsten in der Gesellschaft ihres Bruders, der ihm sofort
-die neuesten Klatschgeschichten aus der Gesellschaft erzählte und damit
-den neugierigen Alten von anderen Gedanken ablenkte. Ich erhob mich
-schweigend von meinem Bett und sah sie fragend an.
-
-»Ich habe Ihnen bereits alles gesagt, Arkadi Makarowitsch,« begann sie
-ohne weiteres, »unser Schicksal ist in Ihren Händen.«
-
-»Aber auch ich habe Ihnen doch gesagt, daß es mir unmöglich ist ... Die
-heiligsten Gefühle verbieten mir, das zu tun, worauf Sie rechnen ...«
-
-»Wirklich? Ist das Ihre ganze Antwort? Nun gut, mag ich zugrunde gehen,
-aber was soll aus ihm werden? Was glauben Sie denn: er wird doch noch
-heute abend den Verstand verlieren!«
-
-»Nein, aber er würde den Verstand verlieren, wenn ich ihm den Brief
-seiner Tochter zeigte, in dem sie einen Juristen fragt, wie man ihren
-Vater entmündigen und für irrsinnig erklären könnte!« rief ich heftig.
-»Das wäre es, was ihn um den Verstand bringen würde! Und außerdem würde
-er sich von diesem Brief niemals überzeugen lassen -- das hat er mir
-bereits selbst gesagt!« Die letzte Bemerkung, er selbst hätte mir das
-gesagt, stimmte zwar nicht ganz, aber diese Verdeutlichung schien mir
-geboten.
-
-»Das hat er Ihnen schon gesagt? Ich habe es mir ja gedacht! In dem Fall
-bin ich verloren; er hat auch bereits geweint und nach Hause verlangt.«
-
-»So sagen Sie mir doch, worin besteht denn Ihr Plan?« fragte ich sie
-rücksichtslos. Sie wurde rot -- wohl aus gekränktem Hochmut -- nahm sich
-aber zusammen und sagte:
-
-»Wenn wir diesen Brief seiner Tochter in der Hand haben, sind wir vor
-der Welt gerechtfertigt. Ich werde dann sofort zum Fürsten W. schicken
-und zu Boris Michailowitsch Pelischtschoff, seinen Jugendfreunden; sie
-sind beide sehr angesehene, einflußreiche Persönlichkeiten, deren Wort
-in der Gesellschaft sehr viel gilt, und ich weiß, daß sie schon vor zwei
-Jahren manche Handlungen seiner mitleidslosen, selbstsüchtigen Tochter
-verurteilt haben. Sie würden natürlich, auf meine Bitte hin, den Vater
-mit der Tochter wieder versöhnen, weil ich selbst darauf bestehen werde;
-aber die Lage der Verhältnisse würde dann eine vollkommen andere sein.
-Außerdem würden dann, wie ich hoffe, auch meine Verwandten, die
-Fanariotoffs, sich entschließen, meine Rechte zu unterstützen. Aber für
-mich kommt es an erster Stelle auf sein Glück an; er soll endlich
-begreifen und wissen, wer ihm wahrhaft ergeben ist. Zweifellos rechne
-ich dabei am meisten auf Ihren Einfluß, Arkadi Makarowitsch: Sie lieben
-ihn doch so ... Und wer liebt ihn denn, außer Ihnen und mir? Er hat in
-den letzten Tagen nur von Ihnen gesprochen: er hat sich nach Ihnen
-geradezu gesehnt, nach seinem >jungen Freund<, wie er Sie nennt ... Und
-es versteht sich von selbst, daß meine Dankbarkeit in meinem ganzen
-Leben Ihnen gegenüber keine Grenzen kennen wird ...«
-
-Damit spielte sie wohl gar auf eine Belohnung an -- in Geld womöglich.
-
-Ich fiel ihr schroff ins Wort:
-
-»Was Sie mir da auch sagen mögen -- ich kann nicht!« erwiderte ich mit
-unerschütterlicher Entschlossenheit. »Ich kann Ihnen nur mit derselben
-Aufrichtigkeit antworten und Ihnen meinen letzten Entschluß kundtun: ich
-werde in der allernächsten Zeit diesen unseligen Brief Katerina
-Nikolajewna selbst einhändigen, aber nur unter der Bedingung, daß sie
-mir ihr Wort gibt, aus dieser ganzen Geschichte keinen Skandal zu machen
-und Ihrem Glück nicht im Wege zu stehen. Das ist alles, was ich tun
-kann.«
-
-»Das ist ausgeschlossen!« sagte sie und wurde über und über rot.
-
-Der bloße Gedanke, daß Katerina Nikolajewna sie _schonen_ könnte,
-empörte sie schon.
-
-»Ich werde meinen Entschluß nicht ändern, Anna Andrejewna.«
-
-»Vielleicht ändern Sie ihn doch.«
-
-»Wenden Sie sich an Lambert.«
-
-»Arkadi Makarowitsch, Sie wissen nicht, welches Unglück Sie durch Ihren
-Eigensinn heraufbeschwören,« sagte sie hart und erbittert.
-
-»Ein Unglück wird es schon geben -- das ist sicher ... mir schwindelt
-der Kopf. Genug: ich habe so beschlossen, und daran ist nicht zu rühren.
-Und bringen Sie um Gottes willen nicht Ihren Bruder zu mir.«
-
-»Aber er will doch gerade gutmachen ...«
-
-»Hier ist nichts gutzumachen nötig! Ich brauche das nicht, ich will
-nicht, ich will nicht!« rief ich und griff mir an den Kopf. (Oh,
-vielleicht bin ich mit ihr doch gar zu hochmütig verfahren!) »Übrigens,
-wo wird der Fürst heute übernachten? Doch nicht etwa hier?«
-
-»Er wird hier übernachten, bei Ihnen und mit Ihnen.«
-
-»Ich ziehe noch heute abend in eine andere Wohnung!«
-
-Und nach diesen erbarmungslosen Worten nahm ich meine Mütze und zog mir
-den Pelz an. Anna Andrejewna betrachtete mich schweigend und kalt. Sie
-tat mir leid, -- oh, es tat mir leid um dieses stolze Mädchen! Aber ich
-lief aus der Wohnung und ließ sie ohne ein Wort zurück, das ihr noch
-hätte Hoffnung geben können.
-
-
- IV.
-
-Ich will mich möglichst kurz fassen. Mein Entschluß war
-unerschütterlich, und ich machte mich sogleich auf den Weg zu Tatjana
-Pawlowna. O weh! Ein großes Unglück wäre verhütet worden, wenn ich sie
-damals zu Hause getroffen hätte; aber es war wie vom Schicksal
-vorgesehen, daß mir an diesem Tage alles mißlang. Ich ging natürlich
-auch zu Mama, erstens um mich nach ihr, der Armen, zu erkundigen, und
-zweitens, weil ich sicher war, Tatjana Pawlowna dort anzutreffen. Aber
-auch bei Mama traf ich sie nicht an: sie war gerade fortgegangen, man
-wußte nicht, wohin; nur Lisa war bei Mama, die krank zu Bett lag. Lisa
-bat mich, nicht hineinzugehen und Mama nicht zu wecken: »Sie hat die
-ganze Nacht nicht geschlafen und sich gequält; Gott sei Dank, daß sie
-wenigstens jetzt eingeschlafen ist.« Ich umarmte Lisa und sagte ihr nur
-in ein paar Worten, daß ich einen großen, schwerwiegenden Entschluß
-gefaßt hätte und ihn sogleich ausführen würde. Sie hörte mich ohne
-besondere Verwunderung an, als hätte ich etwas ganz Gewöhnliches gesagt.
-Oh, sie hatten sich damals schon alle daran gewöhnt, daß ich »große
-Entschlüsse« faßte und sie dann kleinmütig aufgab! Diesmal aber --
-diesmal war es etwas anderes! Ich begab mich zunächst in die
-Kellerwirtschaft am Kanal und setzte mich dort hin, um die Zeit
-abzuwarten, bis ich Tatjana Pawlowna voraussichtlich zu Hause antreffen
-konnte. Übrigens muß ich noch erklären, wozu ich diese Dame gerade jetzt
-so notwendig brauchte.
-
-Ich wollte sie sogleich zu Katerina Nikolajewna schicken, um sie in
-ihre, Tatjana Pawlownas, Wohnung bitten zu lassen und ihr dann in
-Tatjana Pawlownas Gegenwart das Dokument zu übergeben und alles ein für
-allemal zu erklären ... Kurz, ich wollte nur meine Pflicht tun; und ich
-wollte mich zugleich ein für allemal rechtfertigen. Und wenn das
-geschehen war, wollte ich unbedingt und mit aller Dringlichkeit, zu Anna
-Andrejewnas Gunsten sprechen, und dann, wenn möglich, Katerina
-Nikolajewna und Tatjana Pawlowna gleich zu mir führen, oder vielmehr zum
-alten Fürsten, die beiden Feindinnen versöhnen, den Fürsten aus seiner
-Pein erlösen und ... und ... kurz, alle diese Menschen noch heute
-glücklich machen, -- wenigstens diesen kleinen Kreis, so daß dann nur
-noch Werssiloff und Mama übrigblieben. An dem Gelingen meines Vorhabens
-zweifelte ich keinen Augenblick: Katerina Nikolajewna konnte mir in
-ihrer Dankbarkeit für die Rückgabe des Briefes, für die ich von ihr
-nichts verlangen wollte, eine solche Bitte nicht abschlagen. O weh! Ich
-glaubte mich ja immer noch im Besitze dieses unseligen Briefes! Oh, in
-was für einer dummen und unwürdigen Lage ich mich damals befand, ohne es
-selbst zu ahnen!
-
-Es dämmerte bereits, und die Uhr war schon vier, als ich wieder bei
-Tatjana Pawlowna klingelte. Marja, ihre Köchin, antwortete mir auf meine
-Frage in unhöflichem Tone, sie wäre »nicht gekommen«. Ich muß jetzt
-wieder an den eigentümlichen Blick denken, mit dem Marja mich lauernd
-ansah, aber damals konnte ich natürlich noch keinen Verdacht schöpfen.
-Statt dessen stach mich plötzlich ein anderer Gedanke: als ich geärgert
-und ein wenig niedergeschlagen die Treppe wieder hinunterstieg, fiel mir
-der arme alte Fürst ein, der vorhin die Arme nach mir ausgestreckt hatte
--- und ich bereute schmerzlich, daß ich ihn verlassen hatte, vielleicht
-sogar nur aus persönlichen Gründen und gekränktem Ichgefühl. Beunruhigt
-malte ich mir aus, was ihm da alles während meiner Abwesenheit
-zugestoßen sein konnte, und begab mich schleunigst nach Haus. Zu Hause
-war jedoch inzwischen folgendes geschehen:
-
-Anna Andrejewna hatte trotz ihrer Enttäuschung und ihres Zornes den Mut
-noch nicht verloren. Nebenbei bemerkt: sie hatte schon am Morgen nach
-Lambert geschickt und dann noch einmal, und da Lambert beide Male nicht
-zu Hause gewesen war, hatte sie schließlich ihren Bruder ausgeschickt,
-ihn zu suchen. Es war der Armen nach meinem Widerstand eben nichts
-anderes verblieben, als ihre ganze Hoffnung auf Lambert und seinen
-Einfluß auf mich zu setzen. So erwartete sie ihn denn mit Ungeduld und
-wunderte sich nur, daß er, der bis dahin unablässig um sie herum gewesen
-war, sich plötzlich überhaupt nicht mehr sehen ließ. Aber wie hätte sie
-auch ahnen können, daß Lambert als Besitzer des Dokuments bereits ganz
-andere Pläne hatte und sich natürlich mit Absicht nicht mehr sehen ließ
-und sich vor ihr verbarg. In dieser Unruhe und wachsenden Angst war Anna
-Andrejewna kaum fähig gewesen, den alten Fürsten zu zerstreuen. Dabei
-hatte sich seine Aufregung in geradezu beängstigendem Maße gesteigert:
-er stellte seltsame und angstvolle Fragen, begann sogar, sie mißtrauisch
-zu betrachten und weinte ein paarmal. Der junge Werssiloff war nicht
-lange bei ihm geblieben, und Anna Andrejewna hatte dann Pjotr
-Ippolitowitsch zu ihm gebracht, von dessen Unterhaltungskunst sie sich
-viel versprach, aber seine Unterhaltung hatte dem Fürsten nicht nur
-nicht gefallen, sondern zum Schluß sogar seinen Widerwillen erregt.
-Überhaupt begann der Fürst meinen Pjotr Ippolitowitsch mit wachsendem
-Mißtrauen und sonderbarem Verdacht zu beobachten. Mein Wirt aber mußte
-zum Unglück richtig wieder vom Spiritismus sprechen, mußte von
-irgendeinem Schwarzkünstler und dessen haarsträubenden Wunderstückchen
-erzählen, die er selbst gesehen zu haben behauptete: nämlich wie dieser
-angereiste Scharlatan angeblich vor dem gesamten Publikum mehreren
-Menschen die Köpfe abgeschnitten hätte, daß das Blut nur so in Strömen
-geflossen wäre, was alle gesehen hätten: und dann hätte er die Köpfe
-wieder auf die Hälse gesetzt, und sie wären alle wieder angewachsen,
-gleichfalls vor besagtem Publikum, und alles das wäre geschehen im Jahre
-achtzehnhundertundneunundfünfzig. Der Fürst erschrak darüber so und
-geriet dabei, Gott weiß weshalb, in solche Wut, daß Anna Andrejewna sich
-genötigt sah, den Erzähler schleunigst zu entfernen. Zum Glück wurde in
-dem Augenblick das Mittagessen gebracht, das schon tags vorher (durch
-Lamberts und Alphonsinkas Vermittlung) bei einem vorzüglichen
-französischen Koch bestellt worden war, der zufällig stellungslos in der
-Nähe wohnte und gerade eine neue Stellung in einem vornehmen, reichen
-Hause oder in einem Klub suchte. Das Essen und der Champagner, den es
-dazu gab, versetzten den alten Herrn in die beste Laune: er aß mit Genuß
-und scherzte sogar. Nach dem Essen wurde er natürlich müde und
-schläfrig, und da er nach Tisch immer ein wenig zu schlafen pflegte, so
-richtete Anna Andrejewna ihm das Bett her. Vor dem Einschlafen küßte er
-ihr immer noch die Hände, sagte ihr, sie sei sein Paradies, seine
-Hoffnung, seine »Houri«, seine »Goldene Blume« -- kurz, er erging sich
-in den orientalischsten Lobpreisungen. Schließlich schlief er ein, kurz
-bevor ich zurückkehrte.
-
-Anna Andrejewna trat eilig in mein Zimmer, faltete die Hände vor mir und
-sagte, sie beschwöre mich, nicht um ihretwillen, sondern um des Fürsten
-willen, die Wohnung nicht wieder zu verlassen, und wenn er aufwachte, zu
-ihm hinüberzugehen. »Ohne Sie ist er verloren, er kann einen Nervenchok
-bekommen; ich fürchte sogar, daß er es nicht einmal bis zum Abend
-aushält ...« Sie fügte hinzu, sie selbst müsse jetzt unbedingt ausgehen,
-und »es könnte sein«, daß sie nicht vor zwei Stunden zurückkehren werde;
-so müsse sie den Fürsten ganz unter meinen Schutz stellen. Ich gab ihr
-sogleich mit größter Bereitwilligkeit mein Wort, bis zum Abend zu Hause
-zu bleiben, und wenn er aufwachte, mich nach Kräften zu bemühen, ihn zu
-zerstreuen.
-
-»Und ich werde meine Pflicht tun!« sagte sie entschlossen. Sie ging. Ich
-will dem Leser auch gleich mitteilen, weshalb sie ausging: sie wollte
-Lambert suchen: auf ihn setzte sie ihre letzte Hoffnung; außerdem fuhr
-sie zu ihrem Bruder und zu ihren Verwandten, den Fanariotoffs; man kann
-sich also denken, in was für einer Stimmung sie zurückkehren mußte.
-
-Der Fürst erwachte ungefähr nach einer Stunde. Ich hörte sein Stöhnen
-durch die Wand und lief sofort zu ihm: ich fand ihn auf dem Bett
-sitzend, im Schlafrock, aber dermaßen erschreckt durch die Einsamkeit,
-das Licht der einsamen Lampe und das fremde Zimmer, daß er, als ich
-eintrat, zusammenfuhr, aufsprang und aufschrie. Ich trat schnell auf ihn
-zu, und als er mich erkannte, fiel er mir mit Tränen der Freude um den
-Hals.
-
-»Du bist's! _Cher enfant!_ -- Stell dir vor, man sagte mir, du wärest in
-eine andere Wohnung übergesiedelt, hättest Angst bekommen und wärest
-davongelaufen.«
-
-»Wer hat Ihnen das sagen können?«
-
-»Wer? Hm ... vielleicht hab' ich es mir selbst ausgedacht, aber
-vielleicht hat es mir auch wirklich jemand gesagt. Stell' dir vor, ich
-hab' soeben einen Traum gehabt: es kam ein alter Mann mit einem großen
-Bart und einem Heiligenbild zu mir, einem in zwei Stücke gespaltenen
-Heiligenbild, und auf einmal sagte er: >So wird sich auch dein Leben
-spalten!<«
-
-»Ach Gott, Sie haben gewiß von irgend jemand gehört, daß Werssiloff
-gestern das Heiligenbild zerschlagen hat?«
-
-»_N'est-ce pas?_{[112]} Ich glaube auch, daß ich es gehört habe. Ja,
-richtig, ich habe es heute morgen von Darja Onissimowna gehört, als sie
-mein Hündchen und meinen Koffer herbrachte.«
-
-»Nun und da hat Ihnen denn jetzt davon geträumt.«
-
-»_Eh bien_;{[123]} und stell dir vor, dieser alte Mann hat mir immer mit
-dem Finger gedroht. -- Wo ist Anna Andrejewna?«
-
-»Sie wird gleich zurückkehren.«
-
-»Woher? Ist sie denn auch fortgefahren?« fuhr er erschrocken auf.
-
-»Nein, nein, sie wird sofort wieder da sein; sie hat mich gebeten, so
-lange bei Ihnen zu bleiben.«
-
-»_Oui_, zu bleiben. Hm ... Also unser Andrei Petrowitsch ist verrückt
-geworden ... >wie plötzlich doch und unverhofft!< Ich hab's ihm ja immer
-prophezeit, daß er damit enden werde. _Mon ami_, weißt du ...« Er faßte
-mich plötzlich am Rock und zog mich näher zu sich.
-
-»Der Wirt hier,« flüsterte er, »der hat mir vorhin Photographien
-gebracht, ganz abscheuliche Photographien nackter Weiber in
-verschiedenen orientalischen Stellungen, und er hat sie mir durch ein
-Glas gezeigt. Ich, weißt du, ich nahm mich zusammen und sagte, ich fände
-sie sehr schön, aber hat man nicht auch zu jenem Unglücklichen gemeine
-Weiber gebracht, um ihn bequemer betrunken machen zu können? ...«
-
-»Ach, Sie denken schon wieder an Herrn von Sohn![17] Aber ich bitte Sie,
-Fürst! Der Wirt ist ein Dummkopf und weiter nichts!«
-
-»Ein Dummkopf und weiter nichts! _C'est mon opinion! Mon ami_,{[124]}
-wenn du kannst, so rette mich und bring mich fort von hier!« bat er mich
-plötzlich mit flehend erhobenen Händen.
-
-»Fürst, ich werde alles für Sie tun, alles, was nur in meinen Kräften
-steht! Ich bin Ihnen ganz und gar ergeben ... Mein lieber Fürst, haben
-Sie nur noch ein wenig Geduld, und ich werde alles in Ordnung bringen!«
-
-»_N'est-ce pas?_{[112]} Wir nehmen einfach unsere Sachen und laufen
-davon, aber den Koffer lassen wir hier, so zum Schein, weißt du, damit
-er glaubt, wir kämen wieder.«
-
-»Wohin sollen wir laufen? Und Anna Andrejewna?«
-
-»Nein, nein, zusammen mit Anna Andrejewna ... _Oh, mon cher_, in meinem
-Kopf geht alles durcheinander ... Wart mal ... dort in meinem
-Handkoffer, rechts, ist Katjäs Bild -- ich habe es heute morgen heimlich
-hineingesteckt, damit Anna Andrejewna und besonders diese Darja
-Onissimowna es nicht bemerkten -- gib es mir her, um Christi willen,
-aber schnell, damit sie uns nicht überraschen ... Kann man die Tür nicht
-verriegeln?«
-
-In der Tat fand ich in seinem Handkoffer eine Photographie von Katerina
-Nikolajewna in einem ovalen Rahmen. Er nahm sie in die Hand, hielt sie
-ans Licht, und plötzlich rollten Tränen über seine gelben, hageren
-Wangen.
-
-»_C'est un ange, c'est un ange du ciel!_«{[125]} rief er aus. »Mein
-ganzes Leben lang bin ich vor ihr schuldig gewesen ... und jetzt erst!
-_Chère enfant_, ich glaube ihnen nichts, nichts glaube ich ihnen! _Mon
-ami_, sag' mir doch: ist es denn denkbar, daß sie mich ins Irrenhaus
-sperren wollen? _Je dis des choses charmantes et tout le monde
-rit_{[126]} ... und einen solchen Menschen will man plötzlich ins
-Irrenhaus stecken!«
-
-»Aber daran denkt ja kein Mensch!« rief ich aus. »Das ist ein Irrtum!
-Ich kenne ihre Gefühle!«
-
-»Und du kennst auch ihre Gefühle? Das ist gut! _Mon ami_, du hast mich
-von den Toten auferweckt! Wie haben sie mir denn das alles von dir
-vorerzählt? _Mon ami_, rufe Katjä her, sie sollen sich hier beide vor
-mir küssen, und ich werde sie wieder nach Hause bringen, und den Wirt,
-den verjagen wir einfach!«
-
-Er erhob sich, streckte die Hände aus und fiel vor mir nieder:
-
-»_Cher_,« lispelte er in sinnloser Angst und zitterte wie ein
-Espenblatt, »_mon ami_, sage mir die ganze Wahrheit: wohin wird man mich
-jetzt bringen?«
-
-»Mein Gott!« rief ich erschrocken, hob ihn auf und legte ihn aufs Bett.
-»Schließlich werden Sie auch mir nicht mehr glauben, werden denken, daß
-auch ich zur Verschwörung gehöre? Ich werde hier niemandem erlauben,
-Ihnen auch nur ein Haar zu krümmen!«
-
-»_C'est-ça_,{[127]} erlaub du nichts,« lallte er und klammerte sich mit
-beiden Händen an meine Ellbogen, während er immer noch am ganzen Leibe
-zitterte. »Gib mich niemandem! Und belüge mich nicht ... wird man mich
-denn wirklich von hier fortführen? Höre, dieser Wirt -- Ippolit, oder
-wie er da heißt ... ist er nicht der Doktor?«
-
-»Was für ein Doktor?«
-
-»Das hier ... ist das nicht eine Irrenanstalt hier, dieses Zimmer?«
-
-In dem Augenblick öffnete sich plötzlich die Tür, und Anna Andrejewna
-trat herein. Wahrscheinlich hatte sie hinter der Tür gelauscht und in
-der Erregung die Tür etwas zu plötzlich geöffnet -- der Fürst, der schon
-beim leisesten Geräusch zusammenfuhr, schrie zu Tode erschrocken auf und
-warf sich mit dem Gesicht aufs Kissen. Er bekam nun doch so etwas wie
-einen Anfall, der sich in heftigem Schluchzen entlud.
-
-»Sehen Sie, das sind die Folgen Ihrer Taten,« sagte ich zu ihr und wies
-auf den Alten.
-
-»Nein, das sind die Folgen _Ihrer_ Taten!« erwiderte sie scharf und mit
-erhobener Stimme. »Zum letztenmal wende ich mich an Sie, Arkadi
-Makarowitsch: wollen Sie endlich diese teuflische Intrige gegen den
-schutzlosen alten Mann aufdecken und Ihre >sinnlosen und kindischen
-Liebesträume< opfern, um Ihre _leibliche_ Schwester zu retten?«
-
-»Ich werde Sie alle retten, aber nur so, wie ich es Ihnen vorhin gesagt
-habe! Ich werde sofort gehen, und vielleicht schon in einer Stunde wird
-Katerina Nikolajewna hier sein! Ich werde alle versöhnen, und alle
-werden glücklich sein!« rief ich nahezu begeistert.
-
-»Bring sie, bring sie mir her!« rief der Fürst flehend und wie neu
-belebt. »Bringt mich zu ihr! Ich möchte Katjä sehen und sie segnen!«
-rief er mit erhobenen Händen und versuchte vom Bett aufzustehen.
-
-»Sehen Sie,« sagte ich zu Anna Andrejewna und wies auf ihn, »jetzt haben
-Sie gehört, was er sagt: jetzt kann Ihnen auch kein Dokument mehr
-helfen!«
-
-»Das sehe ich, aber das Dokument könnte wenigstens meine Handlungsweise
-vor den Augen der Welt rechtfertigen, so aber -- bin ich an den Pranger
-gestellt! Doch genug; mein Gewissen ist rein. Ich bin von allen
-verlassen, sogar von meinen Verwandten und von meinem leiblichen Bruder,
-den die Möglichkeit eines Mißlingens erschreckt hat ... Doch ich werde
-meine Pflicht erfüllen und bei diesem Unglücklichen bleiben, als seine
-Pflegerin, seine Krankenwärterin!«
-
-Jetzt durfte ich keine Zeit verlieren, und ich lief aus dem Zimmer.
-
-»Ich kehre in einer Stunde zurück, und ich komme nicht allein!« rief ich
-ihnen noch von der Schwelle aus zu.
-
-
- Zwölftes Kapitel.
-
-
- I.
-
-Endlich traf ich Tatjana Pawlowna zu Haus! Ich erzählte ihr so schnell
-wie möglich alles -- alles, was das Dokument betraf, und alles, was dort
-bei mir geschehen war. Wenn sie auch über alle Vorgeschichten
-unterrichtet war und die Sachlage bereits nach zwei Worten hätte
-überschauen können, so nahm mein Bericht doch, glaube ich, an zehn
-Minuten in Anspruch. Nur ich sprach, und ich sagte die ganze Wahrheit
-und schämte mich nicht. Sie saß schweigend, regungslos und steif wie
-eine Stricknadel auf ihrem Stuhl, die Lippen zusammengepreßt, gespannt
-horchend und ohne auch nur einmal ihren Blick von mir zu wenden. Doch
-kaum hatte ich geendet, da sprang sie plötzlich auf -- so überraschend,
-daß ich unwillkürlich gleichfalls aufsprang.
-
-»Ach, du junger Hund! So ist dieser Brief die ganze Zeit in deiner
-Tasche gewesen, und Marja Iwanowna, die Närrin, hat ihn dir noch
-eingenäht! Ach, ihr widerlichen Schurken! Du bist also hergekommen, um
-hier Herzen zu erobern und die vornehme Gesellschaft zu besiegen, dich
-an irgendeinem Gevatter Teufel dafür zu rächen, daß du ein unehelicher
-Sohn bist?«
-
-»Tatjana Pawlowna, unterstehen Sie sich nicht, mich zu schmähen!« rief
-ich heftig. »Vielleicht sind gerade Sie mit Ihrem Schmähen von Anfang an
-die Ursache meiner Erbitterung hier gewesen! Ja, ich bin ein unehelicher
-Sohn und habe mich vielleicht wirklich dafür rächen wollen, daß ich ein
-unehelicher Sohn bin, und vielleicht wirklich an irgendeinem >Gevatter
-Teufel<, weil ja der Teufel selber nicht herausbringen könnte, wen hier
-die Schuld trifft! Aber vergessen Sie nicht, daß ich das Bündnis mit den
-Spitzbuben nicht eingegangen bin und meine Leidenschaften besiegt habe!
-Schweigend werde ich den Brief vor ihr hinlegen und davongehen, ohne auf
-ein Wort von ihr zu warten! -- das werden Sie selbst sehen!«
-
-»Gib her, gib ihn her, leg den Brief sofort hier auf den Tisch! Du -- du
-lügst ja doch nur wieder!«
-
-»Er ist in meiner Tasche eingenäht; Marja Iwanowna hat ihn selbst in den
-alten Rock eingenäht, und als ich mir hier den neuen Rock bestellte,
-habe ich ihn aus dem alten herausgenommen und ihn eigenhändig in den
-neuen eingenäht; hier ist er, fühlen Sie, wenn Sie sich überzeugen
-wollen, ob ich lüge!«
-
-»Gib ihn her, hol ihn heraus!« bestürmte mich Tatjana Pawlowna
-aufgeregt.
-
-»Um keinen Preis! Ich sage Ihnen noch einmal: ich werde ihn in Ihrem
-Beisein vor Katerina Nikolajewna hinlegen und davongehen, ohne auch nur
-ein einziges Wort von ihr zu erwarten; aber sie soll wissen und mit
-eigenen Augen sehen, daß ich ihn freiwillig übergebe, ohne Zwang, und
-ohne Dank zu erwarten.«
-
-»Also wieder eine Rolle spielen? Bist immer noch verschossen, junger
-Hund?«
-
-»Sie können mir soviel Bosheiten an den Kopf werfen, wie Sie wollen: ich
-mag sie ja verdient haben und nehme sie Ihnen nicht übel. Oh, mag ich
-ihr doch als ein kleiner Junge erscheinen, der gegen sie eine
-Verschwörung angezettelt hat, -- aber sie soll wissen, daß ich mich
-selbst besiegt und _ihr_ Glück über alles in der Welt gestellt habe!
-Macht nichts, Tatjana Pawlowna, macht nichts! Ich rufe mir zu: Mut und
-Hoffnung! Und wenn das mein erster Schritt auf dem Schauplatz des Lebens
-gewesen ist, so habe ich ihn doch gut und vornehm abgeschlossen! Und was
-tut es, daß ich sie liebe,« fuhr ich begeistert und mit glänzenden Augen
-fort, »ich schäme mich dessen nicht: Mama ist ein Engel des Himmels, sie
-aber ist -- die Königin der Erde! Werssiloff wird zu Mama zurückkehren.
-Und so brauche ich mich vor _ihr_ meiner Liebe nicht zu schämen; ich
-habe doch gehört, was sie und Werssiloff dort gesprochen haben, ich
-stand hinter der Portiere ... Oh, wir sind alle drei -- >Menschen ein
-und desselben Wahnsinns!< Wissen Sie, wer das gesagt hat: >Menschen ein
-und desselben Wahnsinns<? Das ist ein Ausspruch von ihm, von Andrei
-Petrowitsch! Und wissen Sie auch, daß wir vielleicht mehr sind, denn
-drei? Ja, ich wette, daß Sie die vierte sind! Wollen Sie, daß ich's
-sage? -- Ich wette, daß Sie selbst ihr ganzes Leben lang in Andrei
-Petrowitsch verliebt gewesen sind, und es vielleicht heute noch sind
-...«
-
-Wie gesagt, ich war begeistert und befand mich in einem Glücksrausch,
-aber ich kam nicht dazu, meinen Satz zu Ende zu sprechen: ihre Hand fuhr
-plötzlich mit verblüffender Geschwindigkeit in meine Haare und riß
-meinen Kopf zweimal aus aller Kraft nach vorn herunter ... dann ließ sie
-mich ebenso plötzlich fahren, ging in eine Ecke, kehrte das Gesicht zur
-Wand und verhüllte es mit dem Taschentuch.
-
-»Junger Hund! Wage es nicht, mir das noch einmal zu sagen!« sagte sie
-schluchzend.
-
-Das kam alles so unerwartet, daß ich einfach starr war. Ich stand da und
-sah sie an und wußte nicht, was ich tun sollte.
-
-»Pfui, du Esel! Komm her und gib mir alten Närrin einen Kuß!« sagte sie
-plötzlich weinend und lachend. »Aber daß du mir nie wieder, nie wieder
-davon zu sprechen wagst ... Und dich liebe ich und habe dich mein ganzes
-Leben lang geliebt ... Esel.«
-
-Ich küßte sie. Ich möchte hierzu in Klammern bemerken, daß ich seit der
-Zeit Tatjana Pawlownas bester Freund bin.
-
-»Ach ja! Was fällt mir ein!« rief sie plötzlich und schlug sich vor die
-Stirn. »Was sagtest du da: der alte Fürst sei bei dir in der Wohnung?
-Ja, ist das auch wirklich wahr?«
-
-»Ich versichere es Ihnen!«
-
-»Ach, mein Gott! Ach, mir wird ganz übel, wenn ich daran denke!« rief
-sie und lief im Zimmer herum. »Und sie können ja mit ihm alles machen,
-was sie nur wollen! Ach, daß der Blitz nicht einschlägt in diese
-Dummköpfe! Und schon seit heute früh, sagst du? Da seht doch mal die
-Anna Andrejewna! Da seht ihr jetzt die Nonne! Und diese da, die
-Principessa, die ahnt ja wieder mal noch nichts!«
-
-»Was für eine Principessa?«
-
-»Na, die Königin der Erde, das sogenannte Ideal! Aber was sollen wir
-jetzt tun?«
-
-»Tatjana Pawlowna, hören Sie!« rief ich, endlich wieder bei Besinnung.
-»Wir reden hier Dummheiten und vergessen darüber die Hauptsache: ich bin
-ja gekommen, um Katerina Nikolajewna zu holen, und die warten dort alle
-darauf, daß ich zurückkehre!«
-
-Und hierauf erklärte ich, daß ich ihr das Dokument nur unter einer
-Bedingung ausliefern würde: wofern sie mir verspräche, sich mit Anna
-Andrejewna zu versöhnen und zu dieser Heirat ihre Zustimmung zu geben.
-
-»Vorzüglich!« unterbrach mich Tatjana Pawlowna. »Das hab' ich ihr ja
-auch schon hundertmal gesagt! Er wird ja doch noch vor der Hochzeit
-sterben -- also wird es sowieso nicht zur Heirat kommen, und wenn er ihr
-im Testament Geld hinterlassen will, der Anna, so hat er's ihr doch
-schon ohnedem verschrieben ...«
-
-»Ist es denn Katerina Nikolajewna wirklich nur ums Geld zu tun?«
-
-»Nein, das nicht, aber sie fürchtete immer, das Dokument sei in Annas
-Händen, und ich fürchtete das auch! Deswegen haben wir doch auf sie
-aufgepaßt. Als gute Tochter wollte sie ihrem alten Vater nicht diesen
-Schmerz bereiten. Dem Bjoring aber, dem deutschen Nußknacker, dem war es
-natürlich um das Geld zu tun.«
-
-»Und trotzdem bringt sie es über sich, diesen Bjoring zu heiraten?«
-
-»Ja, was fängst du denn mit so einer Närrin an? Wer eine Närrin ist, ist
-eben eine Närrin. >Ruhe<, sagt sie, werde er ihr geben! >Irgendeinen muß
-man doch heiraten, und zum Heiraten scheint er mir der Geeignetste zu
-sein,< sagt sie. Na, wir werden ja sehen, wie lange er >der Geeignetste<
-sein wird. Die Haare wird sie sich noch raufen, aber dann wird es zu
-spät sein!«
-
-»Ja, warum lassen Sie es denn zu? Sie lieben sie doch, sie haben ihr
-doch ins Gesicht gesagt, daß Sie in sie verliebt sind!«
-
-»Und das bin ich auch! Ich liebe sie mehr als euch alle zusammen, und
-doch bleibe ich dabei, daß sie eine Närrin ist!«
-
-»Also dann laufen Sie jetzt und holen Sie sie her, und wir bringen hier
-alles in Ordnung und fahren dann mit ihr zu ihrem Vater.«
-
-»Aber das geht doch nicht, das geht doch nicht, Dummkopf! Das ist es ja
-eben! Ach, was soll man da tun! Ach, mir wird schlecht, wenn ich daran
-denke!« Sie lief wieder ratlos im Zimmer umher, griff aber schon nach
-ihrem Schal. »Wenn du doch um vier gekommen wärst, jetzt ist es ja schon
-acht Uhr, und sie ist vorhin zu Pelischtschoffs zum Diner gefahren und
-wollte nachher mit ihnen in die Oper.«
-
-»Herrgott, ist es denn nicht möglich, sie in der Oper zu finden ...
-nein, nein, das geht nicht! Aber was wird denn jetzt aus dem Alten
-werden? Er wird ja noch in dieser Nacht sterben!«
-
-»Hör mal: gehe nicht dahin zurück, gehe zu Mama und übernachte dort, und
-morgen früh ...«
-
-»Nein, den Alten lasse ich um keinen Preis allein, möge kommen, was da
-wolle.«
-
-»Ja, du hast recht, laß ihn nicht allein. Und ich, weißt du ... ich
-laufe zu ihr und werde ihr einen Zettel hinterlassen ... ich werde schon
-so schreiben, daß es außer ihr niemand versteht. Ich schreibe ihr, daß
-das Dokument hier ist, und daß sie morgen genau um zehn Uhr früh bei mir
-sein soll -- aber pünktlich um zehn! Sei unbesorgt, sie wird kommen, auf
-mich hört sie schon; und dann bringen wir die ganze Sache auf einmal in
-Ordnung. Du aber laufe zurück und unterhalte den Alten, erheitere ihn so
-gut du nur kannst, und dann bring ihn zu Bett, vielleicht macht er es
-noch bis morgen früh! Und auch der Anna Andrejewna jag keinen Schrecken
-ein, ich hab' sie doch auch lieb; du bist zu ihr ungerecht, weil du da
-vieles nicht verstehst: auch sie ist doch beleidigt, auch ihr ist von
-klein auf Unrecht widerfahren! Ach, alle kommt ihr mir auf den Hals! Und
-vergiß nicht, ihr von mir zu sagen, ich selber hätte ihre ganze Sache in
-die Hand genommen, ich selbst, und von ganzem Herzen, und sie solle ganz
-ruhig sein, ihr Stolz wird nicht verletzt werden ... Wir haben uns ja in
-den letzten Tagen ganz und gar überworfen, mußt du wissen, wir haben uns
-beinah angespien und beschimpft! Na, lauf nur ... Warte, zeig mir noch
-einmal die Tasche ... ist's auch wahr, ist's wahr? Ist es auch wirklich
-wahr, daß du den Brief hast?! Gib ihn mir doch wenigstens zur Nacht, was
-kann dir das denn ausmachen? Laß ihn hier, ich werde ihn dir ja nicht
-auffressen. Vielleicht kommt er dir noch über Nacht abhanden ... oder du
-änderst vielleicht deine Absicht?«
-
-»Um keinen Preis gebe ich ihn her!« rief ich aus. »Da, fühlen können Sie
-ihn meinetwegen noch einmal, hier ist er ... aber ihn dalassen -- um
-keinen Preis!«
-
-»Ja, ein Papier ist drin.« Sie betastete mit den Fingern meine Tasche.
-»Na, schon gut, also lauf jetzt, und ich gehe zu ihr, vielleicht auch
-ins Theater, du hast ganz recht damit! Lauf nur, lauf!«
-
-»Warten Sie, Tatjana Pawlowna, sagen Sie mir noch: was macht Mama?«
-
-»Sie lebt.«
-
-»Und Andrei Petrowitsch?«
-
-Sie winkte mit der Hand ab.
-
-»Er wird schon wieder zur Besinnung kommen!«
-
-Ich lief ermutigt und voller Hoffnung nach Hause, obschon mir nicht
-alles so geglückt war, wie ich es erwartet hatte. Aber o weh, das
-Schicksal hatte anders beschlossen, und mich erwartete etwas ganz
-Unvorhergesehenes -- fürwahr: es gibt doch ein Schicksal und ein
-Verhängnis in der Welt!
-
-
- II.
-
-Schon auf der Treppe vernahm ich einen großen Lärm in unserer Wohnung.
-Die Tür zu ihr war offen. Im Vorzimmer stand ein mir unbekannter
-Bedienter in Livree. Meine Wirtsleute, sowohl Pjotr Ippolitowitsch wie
-seine Frau, standen gleichfalls dort und schienen sehr erschrocken zu
-sein und auf irgend etwas zu warten. Auch die Tür zum Zimmer des Fürsten
-stand offen, und von dort scholl eine wahre Donnerstimme heraus, die ich
-sofort erkannte: es war Bjorings Stimme. Ich hatte noch nicht zwei
-Schritte machen können, als ich plötzlich sah, wie der Fürst, der ganz
-verweint war und zitterte, von Bjoring und Baron R. (demselben, der bei
-Werssiloff als Bjorings Bevollmächtigter erschienen war) aus dem Zimmer
-geleitet wurde. Der alte Fürst schluchzte laut und hielt sich an
-Bjoring, den er immer wieder küßte und umarmte. Jetzt sah ich auch, was
-Bjorings Geschrei zu bedeuten hatte: es galt Anna Andrejewna, die dem
-Fürsten ins Vorzimmer folgen wollte; er drohte ihr, und wenn ich mich
-nicht irre, stampfte er sogar mit dem Fuß -- kurz, der rohe Soldat und
-Deutsche kam in ihm zum Vorschein, ungeachtet seiner ganzen
-Zugehörigkeit zur »höchsten Gesellschaft«. Später hat es sich freilich
-herausgestellt, daß er der Meinung gewesen war, Anna Andrejewna hätte
-sich eines schweren Verbrechens schuldig gemacht und würde ihre Tat noch
-vor Gericht verantworten müssen. Aus Unkenntnis der Sachlage übertrieb
-er das Geschehene, wie das bei vielen Menschen vorzukommen pflegt,
-und deshalb glaubte er, das Recht zu haben, sie mit aller
-Rücksichtslosigkeit zu behandeln. Er hatte noch keine Zeit gehabt, sich
-den Vorfall so recht klarzumachen: man hatte ihn anonym benachrichtigt,
-wie sich später herausstellte (worauf ich noch zurückkommen werde), und
-er war sofort, und zwar in der Gemütsverfassung des wildgewordenen
-Herrenmenschen losgefahren, also in einem Zustande, in dem selbst die
-geistreichsten Leute dieser Rasse wie die Schuster zu einer Keilerei
-bereit sind. Anna Andrejewna hatte dieser Überrumpelung mit der größten
-Würde standgehalten, aber das sah ich nicht mehr. Ich sah nur noch, wie
-Bjoring, der den alten Fürsten hinausgeführt hatte, diesen plötzlich dem
-Baron R. überließ, sich jähzornig nach Anna Andrejewna umwandte und sie,
-wahrscheinlich in Erwiderung auf eine Bemerkung von ihr, wütend
-anschrie:
-
-»Sie sind eine Intrigantin! Sie haben es nur auf sein Geld abgesehen!
-Von nun an sind Sie aus der Gesellschaft ausgestoßen, und Sie werden
-sich vor Gericht zu verantworten haben! ...«
-
-»_Sie_ sind es, der den armen Kranken ausnutzen will und ihn bis zum
-Irrsinn gebracht hat ... und jetzt schreien Sie mich an, weil ich eine
-schutzlose Frau bin und niemand hier ist, der mich verteidigen könnte
-...«
-
-»Ach ja, Sie sind ja seine Braut, seine Braut!« Bjoring lachte boshaft
-und schallend auf.
-
-»Baron, Baron ... _chère enfant, je vous aime_!«{[128]} schluchzte der
-Fürst und streckte die Arme nach Anna Andrejewna aus.
-
-»Kommen Sie, Fürst, kommen Sie, hier war eine ganze Verschwörung gegen
-Sie angezettelt, vielleicht sogar gegen Ihr Leben!« rief Bjoring.
-
-»_Oui, oui, je comprends, j'ai compris au commencement_{[129]} ...«
-
-»Fürst,« unterbrach ihn Anna Andrejewna mit erhobener Stimme, »Sie
-beleidigen mich und lassen es zu, daß man mich beleidigt!«
-
-»Weg da!« schrie Bjoring sie plötzlich an.
-
-Das war zuviel für mich!
-
-»Schurke!« brüllte ich ihn an, außer mir. »Anna Andrejewna, ich
-beschütze Sie!«
-
-Was nun folgte, will und kann ich nicht ausführlich schildern. Es kam zu
-einem schrecklichen und widerlichen Auftritt; ich war plötzlich wie von
-Sinnen. Ich glaube, ich stürzte auf ihn los und schlug ihn, oder
-wenigstens versetzte ich ihm einen tüchtigen Stoß. Er schlug mich
-gleichfalls aus aller Kraft auf den Kopf, so daß ich hinfiel. Als ich zu
-mir kam, lief ich ihnen nach, die Treppe hinunter; ich weiß noch, daß
-mir das Blut aus der Nase floß. Vor der Haustür wartete eine Equipage
-auf sie, und während sie dem Fürsten beim Einsteigen halfen, stürzte ich
-mich, obgleich der Bediente mich zurückstieß, wieder auf Bjoring. Da
-tauchte plötzlich die Polizei auf. Bjoring packte mich am Kragen und
-befahl dem Schutzmann herrisch, mich sofort auf die Wache zu bringen.
-Ich schrie, er müsse mitgenommen werden, das Protokoll wäre sonst
-unvollständig, und man dürfe mich nicht so ohne weiteres und nahezu aus
-meiner Wohnung auf die Wache führen. Da aber das Ganze sich doch auf der
-Straße zutrug und nicht in meiner Wohnung, und da ich schrie, schimpfte
-und mich widersetzte -- hinzu kam noch, daß Bjoring in seiner Uniform
-war -- so bedachte sich der Schutzmann nicht lange und machte Anstalt,
-mich abzuführen. Darüber geriet ich völlig außer mir: ich wehrte mich
-aus allen Kräften, schlug wie rasend um mich, und schlug auch den
-Schutzmann. Auf einmal waren zwei Schutzleute da, und ich wurde nun
-tatsächlich auf die Wache geführt. In meiner Erinnerung habe ich nur
-noch eine blasse Vorstellung davon, wie ich in ein dunstiges,
-vollgerauchtes Zimmer gebracht wurde, in dem sich eine Menge der
-verschiedensten Menschen befanden, die teils saßen, teils standen und
-warteten, teils schrieben; ich schrie auch hier wieder, erhob Einspruch
-und verlangte das Protokoll. Aber jetzt handelte es sich schon nicht
-mehr um ein Protokoll allein, sondern bereits um einen viel verzwicktern
-Fall, da ich Unfug getrieben und mich der Polizeigewalt widersetzt
-hatte. Hinzu kam, daß ich wohl fürchterlich aussah. Irgend jemand schrie
-mich plötzlich drohend an. Der Schutzmann berichtete inzwischen von
-meinem Unfug und von dem Obersten in der Uniform eines Garderegiments
-...
-
-»Ihr Name?« schrie mich jemand an.
-
-»Dolgoruki!« brüllte ich.
-
-»Fürst Dolgoruki?«
-
-Außer mir antwortete ich mit einem unsagbar groben Schimpfwort, und dann
-... dann, erinnere ich mich, wurde ich »zur Ernüchterung« in eine dunkle
-Kammer geschleppt. Oh, ich erhebe nicht Einspruch dagegen. Noch kürzlich
-haben wir ja in den Zeitungen die Beschwerde eines Herrn gelesen, der
-die ganze Nacht in der Haft gesessen hat, sogar gefesselt und
-gleichfalls in der Ernüchterungskammer. Dabei war er, glaub ich, noch
-nicht einmal schuldig -- ich aber war schuldig. Ich warf mich auf die
-Pritsche, auf der bereits zwei schwer Betrunkene schliefen. Mein Kopf
-tat mir weh, in meinen Schläfen hämmerte es, mein Herz klopfte. Ich
-werde dann wohl das Bewußtsein verloren haben, und ich glaube, ich habe
-sogar phantasiert. Ich weiß nur noch, daß ich mitten in der stockdunklen
-Nacht plötzlich wach wurde und mich auf der Pritsche aufsetzte. Mit
-einem Schlage fiel mir alles wieder ein, und ich verstand alles; ich
-stützte die Ellbogen auf die Knie, stützte den Kopf in die Hände und
-versank in tiefes Nachdenken.
-
-Oh, ich will meine Gefühle nicht schildern, und ich habe auch gar keine
-Zeit dazu, aber eins möchte ich doch bemerken: ich habe vielleicht
-innerlich niemals frohere Augenblicke erlebt, als während jenes Sinnens
-in der dunklen Nacht, auf der Pritsche und in der Haft. Das wird dem
-Leser vielleicht unverständlich erscheinen, wie eine Art
-Tintenkleckserschwärmerei oder wie ein Ausdruck übertriebener
-Originalitätshascherei -- und doch war es so, wie ich sage. Es war eine
-jener Stunden, wie sie vielleicht jeder Mensch erlebt, die einem aber
-kaum mehr als einmal im Leben beschieden sind. In einer solchen Stunde
-entscheidet der Mensch über sein Schicksal, setzt sich selbst seine
-Anschauung fest und sagt sich einmal für sein ganzes Leben: »_Dort_
-liegt die Wahrheit, und _den_ Weg mußt du gehen, um zur Wahrheit zu
-kommen.« Ja, diese Augenblicke wurden zum Licht meiner Seele. Ich war
-von dem hochmütigen Baron Bjoring beleidigt worden und erwartete, am
-nächsten Morgen von jener Dame der vornehmen Gesellschaft beleidigt zu
-werden, und ich wußte, daß ich mich nur zu gut an ihnen rächen konnte,
-aber ich beschloß, daß ich mich nicht rächen werde. Ich war
-entschlossen, trotz der großen Versuchung, das Dokument nicht aller Welt
-bekanntzugeben (auch dieser Gedanke war mir ungerufen schon durch den
-Kopf gewirbelt): ich sagte mir nochmals, daß ich morgen diesen Brief vor
-ihr hinlegen und, wenn es sein mußte, statt Dankbarkeit sogar ihr
-spöttisches Lächeln hinnehmen, und trotzdem kein Wort sagen und auf ewig
-von ihr gehen würde ... Übrigens, wozu das hier breittreten! Doch was am
-nächsten Morgen mit mir geschehen, wie man mich verhören, und was man
-schließlich mit mir machen werde -- darüber nachzudenken vergaß ich fast
-ganz. Ich bekreuzte mich mit Inbrunst, legte mich wieder auf die
-Pritsche hin und schlief frohgemut ein wie ein Kind.
-
-Ich erwachte spät, als es schon hell war. Ich sah mich um und sah, daß
-ich allein war. Ich setzte mich auf und begann schweigend zu warten; ich
-wartete lange, vielleicht eine gute Stunde. Es wird ungefähr neun Uhr
-gewesen sein, als auf einmal ein Schutzmann hereintrat, um mich
-vorzuführen. Ich übergehe die Einzelheiten, da sie nebensächlich sind;
-ich habe jetzt nur noch die Hauptsache zu beenden. Ich bemerke bloß, daß
-man zu meiner nicht geringen Verwunderung überraschend höflich mit mir
-umging: ich wurde da irgend etwas gefragt, ich antwortete, und dann
-wurde mir ohne weiteres erlaubt, nach Haus zu gehen. Ich ging schweigend
-hinaus; in ihren Blicken las ich mit Genugtuung ein gewisses Staunen
-über einen Menschen, der sogar in einer solchen Lage seine Würde zu
-bewahren verstanden hatte. Ich würde das nicht erwähnt haben, wenn es
-nicht wirklich auffallend gewesen wäre. Aber wie groß war meine
-Überraschung, als ich am Ausgang plötzlich Tatjana Pawlowna vor mir sah.
-In zwei Worten sei hier nur noch erklärt, weshalb ich damals so schnell
-aus der Haft entlassen wurde.
-
-Früh am Morgen, schon vor acht Uhr, war Tatjana Pawlowna in meiner
-Wohnung erschienen, das heißt, bei Pjotr Ippolitowitsch, -- sie hatte
-sogar eine Droschke genommen -- in der Annahme, den alten Fürsten noch
-anzutreffen, und statt dessen hatte sie auf einmal den Bericht von den
-Geschehnissen am Abend vorher vernommen und, was die Hauptsache war,
-erfahren, daß man mich auf die Polizeiwache geführt hatte. Da war sie
-denn schleunigst zu Katerina Nikolajewna geeilt (die schon am Abend,
-nach ihrer Rückkehr aus dem Theater, ihren Vater zu Hause vorgefunden
-hatte), war zu ihr ins Schlafzimmer gestürzt, hatte sie aufgeweckt, ihr
-Angst und Bange gemacht und meine sofortige Befreiung verlangt. Darauf
-war sie mit einem Brief von ihr zu Bjoring gefahren, hatte von ihm
-sofort ein Schreiben »an den zuständigen Polizeioffizier« erwirkt, in
-dem er, Baron Bjoring, dringend darum ersuchte, mich unverzüglich aus
-der Haft zu entlassen, da ich »infolge eines Mißverständnisses«
-verhaftet worden sei. Mit diesem Schreiben war sie dann auf der
-Polizeiwache erschienen: und selbstverständlich hatte man ihre Bitte
-sofort berücksichtigt.
-
-
- III.
-
-Ich fahre also in der Erzählung der Hauptsache fort.
-
-Tatjana Pawlowna, die mich nun glücklich befreit hatte, setzte mich in
-ihre Droschke und brachte mich zu sich nach Hause. Marja mußte sofort
-Tee machen, während sie selbst mich wusch und meine Kleider säuberte.
-Und dabei sagte sie mir denn, daß Katerina Nikolajewna nicht um zehn
-Uhr, sondern um halb zwölf zu ihr kommen werde, um mich zu treffen. Das
-hörte nun auch Marja. Nach eine paar Minuten brachte sie die Teemaschine
-herein, doch als Tatjana Pawlowna kurz darauf noch einmal nach ihr rief,
-erhielt sie keine Antwort: Marja war, wie sich zeigte, nicht mehr da.
-Das bitte ich nicht zu vergessen. Die Uhr war vielleicht viertel vor
-zehn. Tatjana Pawlowna ärgerte sich zwar darüber, daß sie so ohne zu
-fragen ausgegangen war, sagte sich aber, sie werde wohl nur in den
-nächsten Laden gegangen sein, und im übrigen vergaß sie den ganzen
-Vorfall schon nach einem Augenblick. Wir waren aber auch wirklich mit
-Interessanterem beschäftigt: wir sprachen die ganze Zeit -- und ich
-hatte noch so vieles zu sagen, daß ich dieses Verschwinden der dummen
-Köchin überhaupt nicht beachtete. Ich bitte den Leser auch das nicht zu
-vergessen.
-
-Natürlich war ich noch wie benommen; ich erklärte ihr meine Gefühle,
-aber die Hauptsache war doch, daß wir auf Katerina Nikolajewna warteten,
-und der Gedanke, daß ich ihr in einer Stunde endlich begegnen werde, und
-noch dazu in einem so entscheidenden Augenblick meines Lebens, ließ mich
-erzittern, und mein Herz stand mir still. Schließlich, als ich schon
-zwei Tassen Tee getrunken hatte, stand Tatjana Pawlowna auf, nahm eine
-Schere vom Tisch und sagte:
-
-»So, jetzt gib mir mal die Tasche her, wir müssen den Brief
-heraustrennen -- das können wir doch nicht in ihrer Gegenwart.«
-
-»Ja!« sagte ich und knöpfte meinen Rock auf.
-
-»Das sind mir mal Stiche! Wer hat dir denn das hier zusammengenäht?«
-
-»Ich selbst, Tatjana Pawlowna, ich selbst.«
-
-»Na, das sieht man aber auch! ... So, da haben wir ihn ...«
-
-Sie zog den Brief heraus; die Briefhülle war dieselbe, aber in ihr --
-war ein unbeschriebenes Stück Papier.
-
-»Das ... was ist denn das?« fragte Tatjana Pawlowna und wendete es in
-der Hand. »Was hast du?«
-
-Ich stand blaß da, ohne ein Wort sprechen zu können ... und plötzlich
-sank ich kraftlos auf den Stuhl ... ich war beinahe ohnmächtig.
-
-»Ja, was soll denn das wieder bedeuten!« schrie Tatjana Pawlowna, »wo
-ist denn jetzt der Brief?«
-
-»Lambert!« rief ich und sprang auf und schlug mir vor die Stirn, denn
-ich hatte plötzlich alles begriffen.
-
-Hastig und atemlos erzählte ich ihr von der Nacht bei Lambert und von
-unserer ganzen Verschwörung -- übrigens hatte ich ihr schon am Abend
-vorher von dieser Verschwörung manches mitgeteilt.
-
-»Gestohlen hat er ihn mir, gestohlen!« schrie ich, stampfte mit den
-Füßen und raufte mir das Haar.
-
-»Was nun?« fragte Tatjana Pawlowna ratlos, als sie den Zusammenhang
-begriff. »Wieviel Uhr ist es?«
-
-Es war kurz vor elf.
-
-»Ach, daß die Marja nicht da ist! ... Marja, Marja!«
-
-»Was wünschen gnädiges Fräulein?« erscholl plötzlich Marjas Stimme aus
-der Küche.
-
-»Bist du da? Ja, was machen wir denn jetzt! Ich renne zu ihr hin ...
-Ach, du Tölpel, du Tölpel!«
-
-»Ich laufe zu Lambert!« brüllte ich, »und erwürge ihn, wenn es sein
-muß!«
-
-»Gnädiges Fräulein!« rief plötzlich Marja aus der Küche, »hier ist eine,
-die Sie sprechen will ...«
-
-Noch hatte sie ihren Satz nicht zu Ende gesprochen, als diese »eine« mit
-Heulen und Schreien aus der Küche hereinstürzte. Es war Alphonsinka. Ich
-werde die Szene nicht in allen Einzelheiten wiedergeben; die Szene
-selbst war ein Betrug und eine Komödie, doch ich muß bemerken, daß
-Alphonsinka ihre Rolle großartig spielte. Unter Tränen der Reue und mit
-unmöglichen Gebärden schnatterte sie ihren Vortrag herunter (auf
-Französisch selbstverständlich), gestand, daß sie selbst den Brief aus
-der Tasche getrennt hätte, daß ihn Lambert jetzt besäße, und daß Lambert
-zusammen mit »diesem Räuber,« _cet homme noir_, »_madame la
-générale_«{[130]} zu sich gerufen habe, und sie würden _madame la
-générale_ bestimmt erschießen, jetzt, sogleich, in einer Stunde ... sie,
-Alphonsinka, hätte das alles von ihnen erfahren und plötzlich furchtbare
-Angst bekommen, weil sie in ihren Händen einen Revolver gesehen, »_un
-pistolet_«,{[131]} und deshalb wäre sie zu uns gelaufen, damit wir
-hinkämen, _madame_ retteten, das Unglück verhüteten ... »_et cet homme
-noir_ ...«
-
-Kurz, alles, was sie sagte, erschien uns durchaus glaubwürdig, und die
-Dummheit einiger ihrer Erklärungen erhöhte eigentlich noch die
-Glaubwürdigkeit.
-
-»Was für ein _homme noir_?« schrie Tatjana Pawlowna sie an.
-
-»_Tiens, j'ai oublié son nom ... Un homme affreux ... Tiens,
-Versiloff!_«{[132]}
-
-»Werssiloff! -- das kann nicht sein!« schrie ich auf.
-
-»Doch, das kann schon sein!« kreischte Tatjana Pawlowna. »So erzählen
-Sie doch, meine Beste, aber springen Sie nicht so und fuchteln Sie doch
-nicht so mit den Armen! Was haben die beiden vor? Sprechen Sie doch
-vernünftig, meine Beste: ich kann es doch nicht glauben, daß sie sie
-erschießen wollen?«
-
-Die »Beste« erklärte nun folgendes (_NB._: es war alles Schwindel, ich
-bereite nochmals darauf vor): Werssiloff werde hinter der Tür sitzen,
-und Lambert werde ihr, wenn sie hereinkäme, _cette lettre_{[133]}
-zeigen, und in dem Augenblick werde Werssiloff hervorstürzen, und dann
-... »_Oh, ils feront leur vengeance!_«{[134]} Sie, Alphonsina, habe
-Angst bekommen, weil sie daran beteiligt sei, denn »_cette dame, la
-générale_«{[135]} werde bestimmt kommen, »sofort, sofort,« denn sie
-hätten ihr eine Abschrift des Briefes geschickt, aus der sie ersehen
-könne, daß der Brief wirklich in ihren Händen sei; und deshalb werde sie
-bestimmt kommen. Den Brief habe Lambert geschrieben, und von Werssiloff
-wisse _madame la générale_ noch nichts; Lambert aber habe sich ihr als
-ein Herr vorgestellt, der soeben aus Moskau angekommen wäre, im Auftrage
-einer Moskauer Dame, »_une dame de Moscou_«{[136]} (_NB._: Marja
-Iwanowna!).
-
-»Ach, mir wird schlecht, mir wird schlecht!« rief Tatjana Pawlowna.
-
-»_Sauvez-la, sauvez-la!_«{[137]} schrie und beschwor uns Alphonsinka.
-
-Freilich hatte diese wahnwitzige Nachricht schon auf den ersten Blick
-etwas Unsinniges, aber zum Überlegen blieb uns keine Zeit, und das Ganze
-schien uns doch durchaus glaubwürdig zu sein. Man hätte wohl
-voraussetzen können, und zwar mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit, daß
-Katerina Nikolajewna nach Empfang von Lamberts Brief zuerst zu uns
-kommen werde, zu Tatjana Pawlowna, um die Sache aufzuklären. Aber auch
-das brauchte schließlich nicht unbedingt zu geschehen, und sie konnte ja
-auch direkt zu ihm fahren, und dann -- war sie verloren! Und wenn auch
-kaum anzunehmen war, daß sie so ohne weiteres auf die erste Aufforderung
-hin zu dem ihr ganz unbekannten Lambert eilen werde, so war doch die
-Möglichkeit, daß sie es tat, immerhin nicht ausgeschlossen. Die
-Abschrift mußte sie jedenfalls überzeugen, daß Lambert wirklich im
-Besitz ihres Briefes war, und wenn sie daraufhin zu ihm fuhr -- konnte
-das Unglück doch geschehen! Aber vor allen Dingen durften wir ja keinen
-Augenblick verlieren, und so hatten wir auch keine Zeit, lange zu
-überlegen.
-
-»Und Werssiloff wird sie ermorden! Wenn er sich schon zur Gemeinschaft
-mit Lambert erniedrigt hat, so wird er sie auch ermorden! Das ist nicht
-er, das ist sein Doppelgänger!« rief ich.
-
-»Ach, dieser Doppelgänger!« Tatjana Pawlowna rang die Hände. »Aber jetzt
-müssen wir handeln!« entschloß sie sich plötzlich. »Nimm deine Mütze,
-den Pelz, und vorwärts marsch! Und Sie, meine Beste, führen uns sofort
-zu ihnen hin. Ach, das ist ein weiter Weg! Marja, Marja, wenn Katerina
-Nikolajewna kommen sollte, dann sage ihr, ich käme sofort wieder, sie
-soll sich hinsetzen und auf mich warten, und wenn sie nicht warten will,
-so schließe die Tür zu und halt sie mit Gewalt zurück. Sag ihr, ich
-hätte dir so befohlen! Hundert Rubel bekommst du, Marja, wenn du mir
-diesen Dienst erweist!«
-
-Wir liefen auf die Treppe hinaus. Zweifellos taten wir das
-Vernünftigste, denn die größte Gefahr drohte ihr doch in Lamberts
-Wohnung; und wenn Katerina Nikolajewna vorher zu Tatjana Pawlowna kam,
-so konnte Marja sie einfach zurückhalten. Aber Tatjana Pawlowna änderte,
-als wir schon eine Droschke genommen hatten, doch noch ihren Entschluß.
-
-»Nein, fahr du allein mit ihr hin!« rief sie mir zu und ließ mich mit
-Alphonsinka einsteigen. »Und dort stirb für sie, wenn es sein muß,
-verstanden? Ich werde dir gleich folgen, aber vorher will ich noch
-schnell zu ihr, vielleicht treffe ich sie noch, denn sag' was du willst,
-mir kommt die Sache doch verdächtig vor!«
-
-Und sie fuhr schnell zu Katerina Nikolajewna! Ich aber fuhr mit
-Alphonsinka zu Lambert. Ich trieb den Kutscher zur Eile an, und während
-der Fahrt fragte ich Alphonsinka weiter aus, aber Alphonsinka antwortete
-mir nur noch mit Ausrufen und zu guter Letzt mit Tränen. Doch Gott
-beschützte und rettete uns, als alles nur noch an einem Faden hing. Wir
-hatten kaum ein Viertel des Weges zurückgelegt, als ich plötzlich hinter
-uns schreien hörte: mein Name wurde gerufen. Ich sah mich um --
-Trischatoff jagte uns in einer Droschke nach.
-
-»Wohin?« rief er erschrocken, »und mit ihr, mit Alphonsinka!«
-
-»Trischatoff!« rief ich ihm zu, »Sie haben die Wahrheit gesagt -- das
-Unglück ist da! Ich fahre zu dem Schuft Lambert! Kommen Sie mit, es ist
-dann doch einer mehr!«
-
-»Kehren Sie um, kehren Sie sofort um!« schrie Trischatoff. »Lambert
-betrügt Sie und Alphonsinka betrügt Sie! Der Pockennarbige schickt mich,
-sie sind gar nicht bei Lambert: ich bin Werssiloff und Lambert soeben
-begegnet: sie fuhren zu Tatjana Pawlowna ... jetzt werden sie schon dort
-sein ...«
-
-Ich ließ den Kutscher halten und sprang in Trischatoffs Schlitten
-hinüber. Heute verstehe ich einfach nicht, wie ich mich damals so
-schnell habe entschließen können; aber ich glaubte ihm sofort und
-handelte danach. Alphonsinka kreischte fürchterlich, aber wir ließen sie
-sitzen, wo sie saß, und ich weiß nicht einmal, ob sie uns nachfuhr, oder
-ob sie dort ausstieg, jedenfalls habe ich sie nachher nie wieder
-gesehen.
-
-Im Schlitten teilte mir Trischatoff Hals über Kopf und ganz atemlos mit,
-daß es sich da um gewisse Machenschaften handle, Lambert sei mit dem
-Pockennarbigen anfangs unter einer Decke gewesen, aber im letzten
-Augenblick habe der Pockennarbige sich bedacht und sei von ihm
-abgefallen. Jedenfalls habe er ihn, Trischatoff, selbst zu Tatjana
-Pawlowna geschickt, damit er ihr sage, daß sie Alphonsinka keinen
-Glauben schenken solle. Trischatoff fügte hinzu, weiter wisse er nichts,
-denn der Pockennarbige hätte selbst etwas sehr Wichtiges vorgehabt und
-deshalb nur in aller Eile die notwendigsten Anordnungen geben können.
-»Ich sah Sie fahren,« fuhr Trischatoff fort, »und da bin ich Ihnen
-nachgejagt.« Es war natürlich klar, daß der Pockennarbige alles wußte,
-da er Trischatoff doch geradeswegs zu Tatjana Pawlowna geschickt hatte,
-doch über dieses neue Rätsel dachte ich nicht lange nach.
-
-Damit aber der Leser sich in diesem Wirrwarr zurechtfinde, will ich,
-bevor ich die Katastrophe beschreibe, noch einmal, zum letztenmal,
-vorgreifen und den ganzen Zusammenhang schon jetzt aufdecken.
-
-
- IV.
-
-Nachdem Lambert mir den Brief in jener Nacht entwendet hatte, war er
-gleich mit Werssiloff in Verbindung getreten. Wie es für Werssiloff
-möglich war, sich mit Lambert zu verbünden -- darüber schweige ich
-zunächst; davon später. In der Hauptsache war hier wohl der
-»Doppelgänger« im Spiel! Lambert aber stand nach seinem Bündnis mit
-Werssiloff die schwere Aufgabe bevor, Katerina Nikolajewna auf möglichst
-schlaue Weise zu sich zu locken. Werssiloff war überzeugt, daß sie nicht
-kommen werde. Doch Lambert hatte schon zwei Tage vorher -- noch an jenem
-Abend, als er mir kurz vor meiner Wohnung in den Weg gelaufen war und
-ich ihm erklärt hatte, ich werde ihr den Brief in Tatjana Pawlownas
-Wohnung und in Tatjana Pawlownas Beisein zurückgeben, ohne von ihr etwas
-zu verlangen -- da hatte Lambert ungesäumt, um jederzeit über alles
-unterrichtet zu sein, was in dieser Wohnung vorging, eine Art
-Spionendienst eingerichtet, und zwar hatte er -- Marja bestochen. Er
-hatte ihr zwanzig Rubel gegeben, und dann, einen Tag später, als er
-schon im Besitz des Dokuments war, hatte er ihr alles ausführlich
-auseinandergesetzt, was er von ihr erwartete, und schließlich für ihre
-Dienste zweihundert Rubel versprochen.
-
-Deshalb also war Marja, als sie in der Küche gehört hatte, daß Katerina
-Nikolajewna um halb zwölf zu Tatjana Pawlowna kommen wolle, und daß auch
-ich da sein werde, sogleich aus dem Hause gelaufen, um schnell mit einer
-Droschke zu Lambert zu fahren und ihm diese Nachricht zu überbringen.
-Eben diese Benachrichtigung war der ganze Dienst, den sie Lambert
-verabredetermaßen erweisen sollte. Zufällig hatte Werssiloff sich gerade
-in dem Augenblick bei Lambert befunden, und er war es denn auch gewesen,
-der diesen teuflischen Plan entwarf. Man sagt, Geisteskranke sollen in
-manchen Augenblicken unglaublich schlau sein können.
-
-Der Plan bestand darin: Tatjana Pawlowna und mich kurz vor Katerina
-Nikolajewnas Ankunft, also kurz vor halb zwölf, aus der Wohnung zu
-locken, wenn auch nur auf eine Viertelstunde, und sobald wir das Haus
-verlassen hätten, schnell ihren Beobachtungsposten -- irgendwo in der
-Nähe, von wo aus man die Haustür sehen konnte -- zu verlassen und in die
-Wohnung einzudringen, die Marja ihnen öffnen sollte, und dort Katerina
-Nikolajewna zu erwarten. Alphonsinka aber fiel die Aufgabe zu, uns so
-lange wie möglich festzuhalten, gleichviel mit welchen Mitteln, wie und
-wo es ihr nur möglich war. Katerina Nikolajewna mußte ihrem Versprechen
-gemäß um halb zwölf Uhr dort eintreffen, also reichlich zweimal so früh,
-als wir wieder zurück sein konnten. (Selbstverständlich hatte Katerina
-Nikolajewna von Lambert überhaupt keine Aufforderung erhalten, das hatte
-Alphonsinka uns einfach vorgelogen, und eben diesen Schachzug hatte
-Werssiloff erdacht, -- Alphonsinka aber hatte nur nach seinen Angaben
-die Rolle der erschrockenen Verräterin gespielt, die aus Angst die
-Verschwörung verriet.) Natürlich war es von ihnen ein gewagtes Spiel,
-aber schließlich sagten sie sich wohl ganz richtig: »Gelingt es, so ist
-es gut, gelingt es nicht, so ist immerhin noch nichts verloren, denn das
-Dokument bleibt doch in unseren Händen.« Aber es gelang; und wie hätte
-es auch nicht gelingen sollen; denn wir mußten doch Alphonsinka schon
-aus der einen Erwägung heraus folgen: »Wenn es aber wahr ist -- was
-dann?« Ich sage noch einmal: zum Überlegen hatten wir keine Zeit.
-
-
- V.
-
-Ich lief mit Trischatoff in die Küche, wo wir Marja in der größten Angst
-antrafen. Sie hatte, als Lambert und Werssiloff in die Wohnung getreten
-waren, in Lamberts Hand einen Revolver bemerkt, und das hatte sie so
-furchtbar erschreckt. Das Geld hatte sie zwar genommen, aber der
-Revolver paßte doch ganz und gar nicht zu ihrer Auffassung der Sache.
-Ratlos stand sie da, und als sie nun plötzlich mich erblickte, stürzte
-sie auf mich zu und flüsterte angstvoll:
-
-»Die Generalin ist gekommen, und der Herr hat einen Revolver!«
-
-»Trischatoff, bleiben Sie hier in der Küche,« ordnete ich an, »und wenn
-ich rufe, so kommen Sie mir sofort zu Hilfe, so schnell wie möglich!«
-
-Marja öffnete mir die Tür, und ich schlüpfte in Tatjana Pawlownas
-Schlafzimmer -- in denselben kleinen Raum, wo eigentlich nur ihr Bett
-Platz hatte, und von wo aus ich schon einmal ein Gespräch gegen meinen
-Willen belauscht hatte. Ich setzte mich auf das Bett und fand alsbald
-auch einen Spalt zwischen den Vorhängen, durch den ich in das Wohnzimmer
-sehen konnte.
-
-Aber dort wurde schon laut und erregt gesprochen; ich muß bemerken, daß
-Katerina Nikolajewna vielleicht nur eine Minute nach ihnen die Wohnung
-betreten hatte. Schon in der Küche hatte ich erregte Stimmen vernommen:
-namentlich Lambert sprach in der Aufregung übermäßig laut. Sie saß auf
-dem Diwan, er aber stand vor ihr und schrie wie ein Narr. Heute weiß
-ich, warum er so sinnlos den Kopf verlor: er hatte es furchtbar eilig,
-weil er fürchtete, sie könnten überrascht werden. Später werde ich
-erklären, von welcher Seite er die Überraschung fürchtete. Den Brief
-hielt er in der Hand.
-
-Werssiloff war nicht im Zimmer: er stand bereit, um bei der ersten
-Gefahr ins Zimmer zu stürzen. Ich kann nur den Sinn der Reden
-wiedergeben; ich war damals gar zu aufgeregt, und so habe ich denn von
-dem Gehörten nur das wenigste wörtlich behalten.
-
-»Ich verlange für diesen Brief nur dreißigtausend Rubel, und Sie wundern
-sich noch! Er ist hunderttausend wert, aber ich verlange bloß
-dreißigtausend!« rief Lambert laut und furchtbar erregt.
-
-Katerina Nikolajewna war allerdings sichtlich erschrocken, aber sie sah
-ihn doch mit einem gewissen, schon im voraus verachtenden Staunen an.
-
-»Ich sehe, daß man mir hier gewissermaßen eine Falle gestellt hat, aber
-ich verstehe nicht, was Sie eigentlich wollen,« sagte sie. »Doch wenn
-Sie diesen Brief wirklich ...«
-
-»Hier, sehen Sie, hier ist er! Erkennen Sie ihn? Ich verlange von Ihnen
-einen Wechsel über dreißigtausend Rubel und keine Kopeke weniger!« fiel
-ihr Lambert ins Wort.
-
-»Ich habe kein Geld.«
-
-»Stellen Sie mir einen Wechsel aus -- hier ist Papier. Und dann
-verschaffen Sie sich das Geld, ich werde warten, aber nur eine Woche --
-nicht länger ... Wenn Sie mir das Geld bringen -- gebe ich Ihnen den
-Wechsel zurück, und dann bekommen Sie auch den Brief.«
-
-»Sie erlauben sich mir gegenüber einen sehr sonderbaren Ton. Sie irren
-sich. Dieser Brief wird Ihnen heute noch abgenommen werden, wenn ich
-hingehe und Sie anzeige.«
-
-»Wem? Hahaha! Aber der Skandal, und der alte Fürst, dem wir den Brief
-inzwischen zeigen! Und wo will man ihn mir abnehmen? Dokumente lasse ich
-doch nicht in meiner Wohnung. Und dem alten Fürsten zeige ich den Brief
-durch eine dritte Person. Seien Sie nicht eigensinnig, meine Gnädigste!
-Seien Sie mir vielmehr dankbar, daß ich nur so wenig verlange; ein
-anderer würde an meiner Stelle noch viel mehr verlangen, würde noch eine
-gewisse Gefälligkeit fordern ... Sie können sich denken, was für eine
-... jedenfalls eine, die von keiner hübschen Frau verweigert wird, wenn
-sie ein wenig in die Enge getrieben ist -- eben eine solche Gefälligkeit
-... Hehehe! _Vous êtes belle, vous!_«{[138]}
-
-Katerina Nikolajewna erhob sich ungestüm von ihrem Platz, wurde über und
-über rot und -- spie ihm ins Gesicht. Dann wandte sie sich schnell zur
-Tür. In demselben Augenblick riß Lambert seinen Revolver hervor. Als
-echter Dummkopf hatte er blind an die entscheidende Wirkung des
-Dokuments geglaubt, das heißt, er hatte überhaupt nicht darüber
-nachgedacht, mit wem er es zu tun hatte, da er, wie ich einmal schon
-erwähnt habe, alle Menschen für genau so erbärmliche und niedrige
-Geschöpfe hielt, wie er selbst eines war. So kam es, daß er sie gleich
-mit einer Gemeinheit vor den Kopf stieß, während sie vielleicht sogar
-bereit war, auf eine Erledigung der Angelegenheit durch Geld einzugehen.
-
-»Nicht von der Stelle!« brüllte er sie an, rasend vor Wut, weil sie ihn
-angespien hatte, packte sie an der Schulter und hielt ihr den Revolver
-vor, -- natürlich nur, um sie einzuschüchtern.
-
-Sie schrie auf und sank auf den Diwan. Ich stürzte ins Zimmer, doch im
-selben Augenblick flog auch schon die Tür zum Vorzimmer auf, und
-Werssiloff stand vor uns. (Er hatte dort gestanden und gewartet.) Ich
-hatte ihn kaum erblickt, da hatte er Lambert schon den Revolver
-entrissen und ihm aus aller Kraft mit der Waffe auf den Kopf geschlagen.
-Lambert taumelte und stürzte bewußtlos hin. Aus seiner Kopfwunde strömte
-das Blut auf den Teppich.
-
-Als Katerina Nikolajewna Werssiloff erblickte, wurde sie auf einmal weiß
-wie ein Handtuch; ein paar Augenblicke sah sie ihn starr an, in
-unbeschreiblichem Entsetzen, und plötzlich fiel sie in Ohnmacht. Er
-stürzte auf sie zu. Dieses ganze Erlebnis ist in meiner Erinnerung nur
-noch wie eine flimmernde Reihe von Momentbildern. Ich weiß noch, mit
-welchem Schrecken ich damals sein fast blutrotes Gesicht und die
-blutunterlaufenen Augen sah. Ich glaube, er sah mich wohl, aber er
-erkannte mich nicht. Er erfaßte sie, die Ohnmächtige, und hob sie mit
-einer Kraft, die ich ihm gar nicht zugetraut hätte, wie eine leichte
-Feder auf seine Arme und begann sie sinnlos im Zimmer umherzutragen,
-ganz wie man ein kleines Kind trägt. Das Zimmer war ja nicht groß, er
-aber wanderte aus einer Ecke in die andere, offenbar ohne zu wissen,
-wozu er das tat. In einem dieser Augenblicke wird er wohl tatsächlich
-den Verstand verloren haben. Er starrte sie dabei die ganze Zeit an und
-schien seinen Blick von ihrem Antlitz nicht losreißen zu können. Ich
-lief hinter ihm her, in der größten Angst wegen des Revolvers, den er
-unbewußt in der rechten Hand behalten hatte und dicht neben ihrem Kopf
-hielt. Aber er stieß mich immer wieder zurück, einmal mit dem Fuß,
-einmal mit dem Ellbogen. Ich wollte schon Trischatoff rufen, fürchtete
-jedoch, den Wahnsinnigen dadurch zu reizen. Schließlich zog ich den
-Vorhang zur Seite und bat ihn, sie doch auf das Bett zu legen. Er trat
-an das Bett und legte sie behutsam hin, aber er blieb bei ihr stehen,
-sah ihr mit Spannung ins Gesicht, und plötzlich beugte er sich über sie
-und küßte sie zweimal auf ihre bleichen Lippen. Oh, ich begriff endlich,
-daß dieser Mensch nicht mehr bei Sinnen war! -- Plötzlich holte er mit
-dem Revolver aus, als wolle er sie erschlagen, besann sich aber, drehte
-den Revolver um und richtete ihn auf ihr Gesicht. Im Nu hatte ich seinen
-Arm zurückgerissen und schrie nach Trischatoff. Ich weiß noch, wie wir
-dann beide mit ihm rangen, aber es gelang ihm doch, den Revolver gegen
-sich selbst zu richten und abzudrücken. Er hatte zuerst sie und dann
-sich erschießen wollen. Daran wurde er von uns verhindert, und so
-drückte er die Mündung des Revolvers gegen sein eigenes Herz, aber ich
-konnte noch von unten gegen seine Hand schlagen, und die Kugel drang ihm
-in die Schulter. In dem Augenblick stürzte Tatjana Pawlowna mit einem
-Schrei ins Zimmer: doch da lag er schon bewußtlos auf dem Teppich, fast
-neben Lambert.
-
-
- Dreizehntes Kapitel.
-
-
- I.
-
-Jetzt ist seit dieser Szene schon ein halbes Jahr vergangen; vieles ist
-seitdem geschehen, vieles hat sich ganz verändert, und für mich hat
-schon lange ein neues Leben begonnen ... Aber ich will dem Leser auch
-über den Ausgang Aufschluß geben.
-
-Für mich wenigstens war sowohl damals wie noch lange nachher die
-wichtigste Frage: wie hatte Werssiloff sich mit einem Lambert verbünden
-können, und was für einen Zweck hatte er damit eigentlich verfolgt? Nach
-und nach bin ich zu folgender Erklärung gelangt: ich glaube, oder
-vielmehr ich bin überzeugt, daß Werssiloff in jenen Augenblicken, das
-heißt, an jenem letzten Tage und auch schon am Tage vorher, so gut wie
-überhaupt kein bestimmtes Ziel im Auge gehabt hat, und ich denke, er
-wird überhaupt nicht viel gedacht, sondern nur unter dem Einfluß eines
-Wirbelsturmes von Gefühlen gehandelt haben. Übrigens, daß es bei ihm ein
-wirklicher Wahnsinn gewesen sei, gebe ich in keinem Fall zu, um so
-weniger, als er auch jetzt nicht im geringsten irgendwie wahnsinnig ist.
-Aber den »Doppelgänger« gebe ich unbedingt zu. Was ist nun eigentlich
-ein »Doppelgänger«? Nach dem Buch eines medizinischen Sachverständigen,
-das ich inzwischen gelesen habe, um mir darüber Klarheit zu verschaffen,
-versteht man unter einer Doppelgängeridee nichts anderes, als den ersten
-Grad einer gewissen Geistesstörung, die sogar recht schlimm enden kann.
-Nun, Werssiloff hatte uns ja schon selber, damals in jener Szene bei
-Mama, diese »Spaltung« seiner Gefühle und seines Willens mit
-unheimlicher Aufrichtigkeit erklärt. Aber ich sage es noch einmal: wenn
-jene Szene bei Mama, die Zerschmetterung des Heiligenbildes, auch
-zweifellos unter dem Einfluß des »Doppelgängers« vor sich gegangen war,
-so hat mir seitdem doch die ganze Zeit geschienen, daß seiner Handlung
-sich zugleich eine gewisse schadenfrohe Symbolik beigemischt habe: etwas
-wie ein Haß gegenüber den Erwartungen dieser Frauen, wie eine Wut auf
-ihre Rechte und ihre Richterschaft, -- und da zerschmetterte er denn in
-Gemeinschaft mit seinem Doppelgänger dieses Heiligenbild! Es war, als
-hätte er damit sagen wollen: »Seht, so werden auch eure Erwartungen
-zerschmettert werden!« Kurz, wenn es zum Teil auch der Doppelgänger war,
-so war es zum anderen Teil doch einfach Torheit ... Aber das ist
-schließlich nur meine Auslegung; und mit Sicherheit läßt sich so etwas
-wohl kaum deuten.
-
-Es ist wahr, daß in ihm trotz seiner ganzen Vergötterung Katerina
-Nikolajewnas immer der aufrichtigste und tiefste Zweifel an ihrem
-sittlichen Werte wurzelte. Ich glaube bestimmt, daß er damals hinter der
-Tür nur auf ihre Erniedrigung vor Lambert gewartet hat. Aber wünschte er
-deshalb diese Erniedrigung, selbst wenn er auf sie wartete? Ich
-wiederhole: ich bin überzeugt, daß er nichts wünschte und nicht einmal
-zu denken vermochte. Er wollte nur dabei sein, irgendwo in der Nähe, um
-dann hervorzutreten, ihr etwas zu sagen, vielleicht -- vielleicht sie
-auch zu beleidigen, und vielleicht sie sogar zu töten ... Alles konnte
-damals geschehen; nur wußte er, als er mit Lambert hinkam, noch nichts
-davon, was geschehen werde. Der Revolver gehörte Lambert, er selbst war
-ohne Waffen gekommen. Als er aber ihre stolze Würde sah, da ertrug er
-Lamberts schurkische Drohung nicht, stürzte ins Zimmer, und -- dann
-verlor er den Verstand. Ob er sie wirklich erschießen wollte? Ich
-glaube, auch das wußte er nicht, aber er hätte sie bestimmt erschossen,
-wenn wir seinen Arm nicht weggerissen hätten.
-
-Seine Wunde war nicht tödlich und heilte, aber er lag doch ziemlich
-lange danieder -- natürlich bei Mama. Jetzt ist draußen schon Frühling,
-es ist Mitte Mai, und unsere Fenster stehen offen. Während ich dies
-schreibe, sitzt Mama bei ihm; er streichelt ihre Wangen, streichelt ihr
-Haar und sieht ihr gerührt in die Augen. Oh, das ist nur noch die Hälfte
-des früheren Werssiloff; von Mama trennt er sich überhaupt nicht mehr
-und wird auch nie wieder von ihr gehen. Ja, ihm ward sogar »die Gabe der
-Tränen zuteil«, wie der unvergeßliche Makar Iwanowitsch in seiner
-Erzählung von dem Kaufmann sich ausdrückte. Übrigens glaube ich, daß
-Werssiloff lange leben wird. Uns gegenüber ist er jetzt schlicht und
-aufrichtig wie ein Kind, ohne übrigens sein Maß und seine Zurückhaltung
-zu verlieren und viel Worte zu machen. Sein Verstand und sein ganzer
-sittlicher Aufbau sind ihm unverändert verblieben, nur daß alles, was an
-Idealem in ihm war, jetzt noch stärker hervortritt. Ich sage es gerade
-heraus: ich habe ihn noch nie so geliebt wie jetzt, und es tut mir leid,
-daß ich weder Zeit noch Gelegenheit habe, mehr von ihm zu sprechen.
-Übrigens will ich doch noch ein Erlebnis erzählen, das wir erst kürzlich
-mit ihm hatten (wir haben schon viele gehabt): Zu den großen Fasten war
-er schon vollständig genesen, und in der sechsten Woche sagte er
-plötzlich, er werde diesmal auch das Abendmahl nehmen. Das hatte er
-schon seit vielleicht dreißig Jahren, denke ich, nicht mehr getan. Mama
-war selig; es wurde sofort Fastenkost bereitet, aber natürlich eine
-ziemlich kostspielige und verfeinerte. Ich hörte im Nebenzimmer, wie er
-am Montag und Dienstag die Erlösungshymne vor sich hinsummte und sich an
-der Melodie und den Worten begeisterte. In diesen zwei Tagen sprach er
-ein paarmal sehr schön über Religion; aber schon am Mittwoch hörte das
-Fasten plötzlich auf. Irgend etwas hatte ihn gereizt, ein »komischer
-Widerspruch«, wie er sich lachend ausdrückte. Irgend etwas hatte ihm im
-Äußeren des Geistlichen oder am Gottesdienst nicht gefallen: und kaum
-war er nach Hause gekommen, da sagte er mit einem stillen Lächeln:
-»Meine Freunde, ich liebe Gott sehr, aber -- dazu bin ich unfähig.« Und
-noch an demselben Tage gab es zu Mittag Roastbeef. Aber ich weiß, daß
-Mama auch jetzt sich oft zu ihm setzt und mit leisem und stillem Lächeln
-manchmal von den abstraktesten Dingen mit ihm zu sprechen anfängt: jetzt
-_wagt_ sie es plötzlich -- wie das gekommen ist, weiß ich nicht. Sie
-setzt sich einfach neben ihn hin und spricht zu ihm, meist im
-Flüsterton. Er hört ihr lächelnd zu, streichelt sie, küßt ihre Hände,
-und aus seinem Gesicht leuchtet das vollkommenste Glück. Manchmal hat er
-auch Anfälle, die fast hysterisch sind. Er nimmt dann ihre Photographie,
-dieselbe, die er an jenem Abend küßte, betrachtet sie mit Tränen in den
-Augen, küßt sie, gedenkt vergangener Zeiten, ruft uns alle zu sich, aber
-spricht in solchen Augenblicken wenig ... Katerina Nikolajewna scheint
-er ganz vergessen zu haben; ihren Namen hat er nie wieder ausgesprochen.
-Auch von seiner Trauung mit Mama ist bei uns nicht mehr die Rede
-gewesen. Er sollte für den Sommer ins Ausland gebracht werden; aber
-Tatjana Pawlowna war sehr dagegen, und auch er hatte keine Lust. Den
-Sommer werden sie in einem Landhause in der Nähe von Petersburg
-verbringen. Übrigens leben wir vorläufig alle von Tatjana Pawlownas
-Mitteln. Eins möchte ich noch hinzufügen: es tut mir unsagbar leid, daß
-ich mir in diesen Aufzeichnungen oft erlaubt habe, von diesem Menschen
-unhöflich und von oben herab zu sprechen. Aber ich habe mir während des
-Schreibens mich selbst immer gar zu lebendig so vorgestellt, wie ich in
-dem Augenblick gewesen war, den ich gerade beschrieb. Doch als ich meine
-Aufzeichnungen beendet und die letzte Zeile niedergeschrieben hatte,
-fühlte ich plötzlich, daß ich mich selbst eben durch das nochmalige
-Durchleben der Erlebnisse, indem ich mir alles ins Gedächtnis zurückrief
-und mir vergegenwärtigte, und dann noch niederschrieb -- daß ich mich
-eben dadurch zu einem anderen Menschen erzogen habe. Vieles von dem, was
-ich da geschrieben habe, möchte ich heute widerrufen und besonders den
-Ton mancher Zeilen und Seiten ändern, aber ich streiche nichts aus und
-verbessere nicht ein Wort.
-
-Ich habe schon gesagt, daß er Katerina Nikolajewna überhaupt nicht mehr
-erwähnt hat; ja, ich glaube sogar, daß er vielleicht vollkommen geheilt
-ist. Nur Tatjana Pawlowna und ich sprechen manchmal von Katerina
-Nikolajewna, und auch wir tun es nur heimlich. Sie ist jetzt im
-Auslande; ich habe sie vor ihrer Abreise gesehen und bin mehrere Male
-bei ihr gewesen. Aus dem Auslande habe ich von ihr schon zwei Briefe
-erhalten und auch beantwortet. Doch über den Inhalt unserer Briefe und
-darüber, was wir vor ihrer Abreise, als wir Abschied nahmen, gesprochen
-haben, schweige ich: das ist schon eine ganz andere Geschichte, eine
-ganz _neue_ Geschichte, eine, die sich vielleicht erst in der Zukunft
-verwirklichen wird. Sogar vor Tatjana Pawlowna verschweige ich noch
-manches. Doch -- genug davon. Ich füge nur hinzu, daß Katerina
-Nikolajewna nicht verheiratet ist und mit Pelischtschoffs zusammen
-reist. Ihr Vater ist gestorben, und sie ist eine der reichsten Witwen.
-Augenblicklich weilt sie in Paris. Ihr Bruch mit Bjoring erfolgte
-schnell und ganz von selbst, das heißt, auf eine ganz natürliche Weise.
-Übrigens kann ich ja auch das noch erzählen.
-
-An demselben Morgen, an dem es in Tatjana Pawlownas Wohnung zu jener
-schrecklichen Entladung kam, hatte der Pockennarbige -- derselbe, zu dem
-Trischatoff und sein Freund übergegangen waren -- Bjoring von Lamberts
-Anschlage gegen Katerina Nikolajewna noch rechtzeitig unterrichten
-können. Dazu war es folgendermaßen gekommen: Lambert hatte ihn, den
-Pockennarbigen, anfangs doch zur Teilnahme an dem Unternehmen überredet,
-und als er dann in den Besitz des Dokuments gelangt war, hatte er ihm
-alle Einzelheiten und im letzten Augenblick auch noch den Plan
-mitgeteilt, den Werssiloff entworfen hatte, um Tatjana Pawlowna aus
-ihrer Wohnung zu entfernen. Aber im entscheidenden Augenblick hatte der
-Pockennarbige doch vorgezogen, Lambert im Stiche zu lassen, da er
-vernünftiger war als sie alle und die Möglichkeit eines Totschlages
-voraussah. Doch der Hauptgrund seines Verrats war, daß er sich von
-Bjorings Dankbarkeit mehr versprach, als von dem phantastischen Vorhaben
-des unklugen Lambert, der sich nur zu oft hinreißen ließ, und des vor
-Leidenschaft fast schon wahnsinnigen Werssiloff. Das alles habe ich
-später von Trischatoff erfahren. Übrigens ist mir Lamberts Verhältnis
-zum Pockennarbigen noch immer etwas unverständlich, und ich begreife
-nicht, warum Lambert nicht ohne ihn auskommen konnte. Aber viel
-wichtiger ist für mich die Frage: wozu brauchte Lambert, nachdem er mir
-das Dokument schon entwendet hatte, noch Werssiloff? Die Antwort habe
-ich erst jetzt gefunden. Er brauchte Werssiloff nicht nur deshalb, weil
-dieser die Verhältnisse und Gelegenheiten so gut kannte, sondern
-hauptsächlich deshalb, weil er, Lambert, im Falle eines Fehlschlages die
-ganze Verantwortung auf Werssiloff abwälzen konnte. Und da Werssiloff
-doch kein Geld beanspruchte, so hielt Lambert seine Hilfe durchaus nicht
-für überflüssig. Aber Bjoring kam damals zu spät. Er erschien erst, als
-nach dem Schuß schon eine Stunde vergangen war und Tatjana Pawlownas
-Wohnung bereits ganz anders aussah. Denn: ungefähr fünf Minuten, nachdem
-Werssiloff blutüberströmt hingestürzt war, hatte sich Lambert, den wir
-für tot hielten, wieder aufgerichtet. Er hatte sich verwundert
-umgesehen, plötzlich alles begriffen, war langsam aufgestanden und in
-die Küche hinausgegangen, ohne ein Wort zu sagen; dort hatte er seinen
-Pelz angezogen, und dann war er für immer verschwunden. Das »Dokument«
-hatte er auf dem Tisch liegen lassen. Ich hörte später, er sei nicht
-einmal krank gewesen, sondern habe sich nur eine Zeitlang wie benommen
-gefühlt: der Schlag mit dem Revolver hatte ihn betäubt und etwas Blut
-fließen lassen, ihm aber keine ernstere Verletzung zugefügt. Trischatoff
-war sogleich zum nächsten Arzt gelaufen; aber noch bevor der Arzt
-erschien, kam Werssiloff zu sich. Kurz vorher war auch Katerina
-Nikolajewna aus der Ohnmacht erwacht und von Tatjana Pawlowna bereits in
-ihren Wagen gesetzt worden, in dem diese sie nach Hause brachte. So traf
-denn Bjoring, als er in die Wohnung gelaufen kam, außer mir und dem Arzt
-nur den verwundeten Werssiloff und Mama an, der gleichfalls Trischatoff
-die Nachricht gebracht hatte, und die trotz ihrer Krankheit sogleich
-herbeigeeilt war, natürlich in großer Angst. Bjoring sah uns
-verständnislos an, und als er erfuhr, daß Katerina Nikolajewna die
-Wohnung schon verlassen hatte, begab er sich sofort zu ihr, ohne mit uns
-auch nur ein Wort zu wechseln.
-
-Er sah wie vor den Kopf geschlagen aus; er wird sich wohl gesagt haben,
-daß ein Skandal oder wenigstens ein Gerede jetzt unvermeidlich war. Aber
-zu einem großen Skandal kam es doch nicht, es verbreiteten sich nur
-einige Gerüchte. Den Schuß hatte man zwar nicht vertuschen können, aber
-der Zusammenhang der ganzen Geschichte blieb doch so gut wie unbekannt.
-Die Nachforschungen ergaben nur folgendes: ein gewisser W., ein fast
-fünfzigjähriger Familienvater, hätte einer hochachtbaren Dame, die er
-leidenschaftlich liebte, doch die seine Gefühle gar nicht erwiderte,
-eine Liebeserklärung gemacht, und dann in einem Augenblick der
-Leidenschaft auf sich selbst geschossen. Weiter drang nichts in die
-Öffentlichkeit, und in dieser Gestalt kam der Vorfall denn auch als
-Gerücht in die Zeitungen, nur unter Angabe der Anfangsbuchstaben der
-Namen. Wenigstens hat man, soviel ich weiß, nicht einmal Lambert mit
-irgend einem Verdacht beunruhigt. Aber Bjoring, der die Wahrheit kannte,
-erschrak nichtsdestoweniger. Und gerade damals mußte er, als wäre es vom
-Schicksal gewollt, von Katerina Nikolajewnas Zusammenkunft mit dem in
-sie verliebten Werssiloff erfahren, die zwei Tage vor der Katastrophe
-stattgefunden hatte. Das machte ihn stutzig, und er ließ sich
-unvorsichtigerweise Katerina Nikolajewna gegenüber zu der Bemerkung
-hinreißen, er wundere sich nach alledem nicht mehr, daß ihr so
-eigentümliche Geschichten widerfahren konnten. Katerina Nikolajewna gab
-ihm daraufhin sofort sein Wort zurück, ohne Zorn, aber auch ohne zu
-zögern. Ihre vorgefaßte Meinung, eine Vernunftehe mit diesem Menschen
-würde für sie das Geeignetste sein, war wie Rauch verflogen. Vielleicht
-hatte sie ihn schon lange vorher durchschaut; aber es ist auch möglich,
-daß manche ihrer Anschauungen und Gefühle nach der erlittenen
-Erschütterung plötzlich umschlugen. Doch ich schweige schon, ich
-schweige schon! Im übrigen habe ich nur noch zu bemerken, daß Lambert
-bald darauf nach Moskau verschwand; dort soll er, wie ich gehört habe,
-bei einem ähnlichen Erpressungsversuch der Polizei ins Garn gegangen
-sein.
-
-Trischatoff habe ich schon lange, fast schon seit diesen letzten
-Begebenheiten, aus den Augen verloren, und wie sehr ich mich auch gemüht
-habe, ihn zu finden, es ist mir nicht gelungen. Er verschwand nach dem
-Tode seines Freundes, des »_grand dadais_«: dieser hat sich erschossen.
-
-
- II.
-
-Ich erwähnte auch schon den Tod des alten Fürsten Nikolai Iwanowitsch.
-Der gute und sympathische alte Herr starb bald nach jenen Ereignissen --
-übrigens doch erst einen ganzen Monat später -- er starb in der Nacht,
-in seinem Bett, an einem Gehirnschlag. Ich habe ihn seit dem Tage, den
-er in meiner Wohnung verbrachte, nicht wiedergesehen. Man hat mir von
-ihm nur erzählt, er sei diesen letzten Monat viel vernünftiger gewesen,
-viel beherrschter, er habe sich nicht mehr gefürchtet und habe nicht
-mehr geweint und in dieser ganzen Zeit nicht ein einziges Mal ein Wort
-von Anna Andrejewna gesprochen. Seine ganze Liebe hatte sich seiner
-Tochter zugewandt. Katerina Nikolajewna hat ihm einmal, eine Woche vor
-seinem Tode, den Vorschlag gemacht, mich zu seiner Zerstreuung rufen zu
-lassen, aber das soll ihn geradezu gekränkt haben: diese Tatsache teile
-ich ohne alle Erklärungen mit. Nach seinem Tode zeigte sich, daß sein
-Landbesitz in bester Ordnung war, und außerdem hinterließ er ein sehr
-bedeutendes Barvermögen. Ein Drittel dieses Vermögens wurde, nach einer
-Bestimmung des alten Herrn, unter seine zahllosen Patentöchter verteilt;
-aber sehr sonderbar erschien es allen, daß Anna Andrejewna in seinem
-Testament überhaupt nicht erwähnt war: ihr Name war einfach übergangen.
-Mir ist indessen folgende verbürgte Tatsache bekannt: einige Tage vor
-dem Tode hatte der alte Herr seine Tochter und seine Freunde, Herrn
-Pelischtschoff und den Fürsten W., zu sich gerufen und in ihrer
-Gegenwart Katerina Nikolajewna befohlen, im Falle seines Todes, von dem
-hinterlassenen Vermögen Anna Andrejewna sechzigtausend Rubel
-auszuzahlen. Seinen Willen drückte er klar und einfach aus, ohne jede
-Gefühlsäußerung oder nähere Erklärung. Nach seinem Tode, als die ganzen
-Angelegenheiten geordnet waren, ließ dann Katerina Nikolajewna durch
-ihren Bevollmächtigten Anna Andrejewna benachrichtigen, daß sie die
-sechzigtausend zu jeder Zeit abheben könne; aber Anna Andrejewna lehnte
-trocken und ohne überflüssige Worte das Angebot ab: sie weigerte sich,
-das Geld anzunehmen, trotz aller Versicherungen, daß dieses Vermächtnis
-tatsächlich der letzte Wille des Fürsten gewesen sei. Das Geld liegt
-noch heute da und wartet auf sie, und Katerina Nikolajewna hofft immer
-noch, daß sie ihren Entschluß ändern werde; aber das wird nicht
-geschehen, das weiß ich genau, denn ich bin jetzt einer der nächsten
-Freunde und Bekannten Anna Andrejewnas. Ihre Ablehnung erregte ein
-gewisses Aufsehen, und es ist viel davon gesprochen worden. Ihre Tante,
-Madame Fanariotoff, die wegen jenes Skandals mit dem alten Fürsten sehr
-böse auf sie war, änderte plötzlich nach der Zurückweisung des Geldes
-ihr Verhalten zu Anna Andrejewna und versicherte sie ihrer Hochachtung.
-Ihr Bruder dagegen hat sich mit ihr deswegen endgültig überworfen. Ich
-besuche Anna Andrejewna sehr oft, aber ich will damit nicht sagen, daß
-ich mit ihr sehr vertraulich stünde; die alten Geschichten erwähnen wir
-überhaupt nicht; sie empfängt mich sehr gern bei sich, doch unsere
-Unterhaltung dreht sich fast nur um abstrakte Dinge. Übrigens hat sie
-mir ruhig und sicher erklärt, daß sie unbedingt ins Kloster gehen werde;
-es war das vor nicht langer Zeit, aber ich will es ihr noch nicht
-glauben und halte die Äußerung einer solchen Absicht vorläufig nur für
-ein schmerzliches Wort.
-
-Aber ein schmerzliches, ein wahrhaft schmerzliches Wort habe ich noch
-über meine Schwester Lisa zu sagen. Ja, hier -- hier ist das Leben
-wirklich zum Unglück geworden, und was sind alle meine Mißerfolge im
-Vergleich zu ihrem harten Schicksal! Es fing damit an, daß der Fürst
-Ssergei Petrowitsch nicht genas und, noch bevor seine Sache zur
-Verhandlung kam, im Lazarett starb. Er starb noch vor dem Fürsten
-Nikolai Iwanowitsch. Lisa blieb mit ihrem zukünftigen Kinde allein
-zurück. Sie weinte nicht und war äußerlich ganz ruhig, ja, sie wurde
-sanft und still; die frühere Glut ihres Herzens war plötzlich irgendwo
-in den Tiefen ihres Wesens begraben. Sie half freundlich Mama, pflegte
-den kranken Andrei Petrowitsch, aber sonst war sie schweigsam und sah
-keinen Menschen und keine Sache an. Es war, als wäre ihr alles
-gleichgültig, als ginge sie an allem nur so vorüber. Als es Werssiloff
-allmählich besser ging, begann sie viel zu schlafen. Ich brachte ihr
-Bücher, aber sie las sie nicht. Zu gleicher Zeit magerte sie furchtbar
-ab. Ich wagte nicht, ihr Trost zuzusprechen, obgleich ich oft mit dieser
-Absicht zu ihr kam; aber in ihrer Gegenwart konnte ich die Worte nicht
-finden, um an sie heranzukommen. So ging das weiter, bis der
-Unglücksfall kam: sie fiel von der Treppe, nicht hoch, im ganzen nur
-drei Stufen, aber sie kam vor der Zeit nieder, und ihre Krankheit zog
-sich den ganzen Winter hin. Jetzt hat sie das Bett bereits verlassen,
-aber ihre Gesundheit ist wohl für immer untergraben. Zu uns verhält sie
-sich wie früher, ist schweigsam und vergrübelt; mit Mama hat sie wohl
-ein wenig zu sprechen begonnen. Alle diese Tage hat die Frühlingssonne
-hoch und hell am Himmel gestanden, und ich mußte immer wieder an jenen
-sonnigen Morgen denken, im vergangenen Herbst, als ich mit ihr auf der
-Straße ging, und wie wir beide voll Freude waren und Hoffnung, und voll
-Liebe zueinander. Was ist aus uns geworden? Ich klage nicht; ich darf es
-auch nicht: für mich hat ein neues Leben begonnen; aber sie? Ihre
-Zukunft ist mir ein Rätsel, und ich kann an sie nicht denken, ohne
-tiefen Schmerz zu empfinden.
-
-Aber vor ungefähr drei Wochen gelang es mir doch einmal, sie durch eine
-Mitteilung über Wassin aufzurütteln. Er war aus der Haft entlassen und
-endgültig freigesprochen worden. Man sagt, dieser vernünftige Mensch
-habe die genauesten Erklärungen gegeben und überaus wichtige
-Mitteilungen gemacht, die ihn in den Augen derjenigen, von denen sein
-Schicksal abhing, vollkommen gerechtfertigt hatten. Und selbst sein
-vielbesprochenes Manuskript war, wie sich zeigte, nur eine Übersetzung
-aus dem Französischen, nur Material gewesen, das er ausschließlich für
-sich gesammelt hatte, in der Absicht, später einmal eine Kritik darüber
-zu schreiben, in der Form eines Aufsatzes für eine Zeitschrift. Er hat
-sich jetzt in das Gouvernement H. begeben. Sein Stiefvater Stebelkoff
-sitzt dagegen noch immer in Untersuchungshaft wegen seines Vergehens,
-das, je mehr man der Sache nachgeht, desto verwickelter wird. Lisa hörte
-meine Mitteilungen über Wassin mit einem sonderbaren Lächeln an und
-bemerkte schließlich, daß es ihm auch gar nicht anders hätte ergehen
-können. Aber sie war doch sichtlich befriedigt, -- natürlich nur
-deshalb, weil die Anzeige des verstorbenen Fürsten Ssergei Petrowitsch
-Wassin nicht ernstlich geschadet hatte. Von Dergatschoff und den anderen
-wüßte ich nichts weiter mitzuteilen.
-
-Ich habe meine Aufzeichnungen abgeschlossen. Vielleicht möchte der eine
-oder andere Leser noch wissen: wo denn nun meine »Idee« geblieben sei,
-und was es denn für eine Bewandtnis mit diesem neuen Leben hat, das
-jetzt für mich beginnt, und das ich so geheimnisvoll andeute? Aber
-dieses neue Leben, dieser neue Weg, der sich vor mir aufgetan hat -- ist
-ja eben meine »Idee«, dieselbe, die ich früher hatte, nur in einer so
-anderen Gestalt, daß sie kaum wiederzuerkennen ist. Doch in meine
-»Aufzeichnungen« paßt das schon nicht mehr hinein, eben weil es etwas
-ganz anderes ist. Das alte Leben liegt schon weit hinter mir, und das
-neue beginnt erst kaum. Aber eins muß ich doch unbedingt erwähnen:
-Tatjana Pawlowna, mein aufrichtiger und lieber Freund, redet mir fast
-jeden Tag zu, unbedingt und sobald wie nur möglich die Universität zu
-beziehen: »Nachher, wenn du dein Studium beendet hast, dann kannst du
-dir ja Ideen ausdenken, so viel du willst, jetzt aber lerne erst mal zu
-Ende.« Ich muß gestehen, ich habe über ihren Vorschlag schon des öfteren
-nachgedacht, aber ich weiß wirklich noch nicht, wozu ich mich
-entschließen werde. Unter anderem habe ich eingewendet, ich hätte jetzt
-nicht einmal mehr das Recht zu studieren, da ich arbeiten müsse, um Mama
-und Lisa zu ernähren; aber sie bietet mir die Mittel zum Studium von
-ihrem Gelde an und versichert, es werde für die ganze Zeit meines
-Studiums ausreichen. So entschloß ich mich denn endlich, einen Menschen
-um Rat zu fragen. Ich suchte unter meinen Bekannten und traf dann nach
-sorgfältiger und kritischer Überlegung meine Wahl: sie fiel auf --
-Nikolai Ssemjonowitsch, meinen einstigen Erzieher in Moskau, Marja
-Iwanownas Mann. Ich wählte ihn nicht deshalb, weil ich so sehr eines
-fremden Rates bedurft hätte, sondern weil ich einfach den unbezwingbaren
-Wunsch hatte, die Meinung gerade dieses vollkommen unbeteiligten
-Menschen zu hören, der ein etwas kühler Egoist, jedoch zweifellos ein
-sehr kluger Kopf ist. Ich schickte ihm mein ganzes Manuskript, mit der
-Bitte um Verschwiegenheit, da ich es noch keinem Menschen gezeigt hatte,
-namentlich Tatjana Pawlowna nicht. Mein Manuskript erhielt ich von ihm
-nach zwei Wochen zurück und er schrieb mir dazu einen ziemlich langen
-Brief ... Aus diesem Brief will ich nun einige Auszüge hier anhängen, da
-ich in ihnen eine gewisse allgemeine Anschauung und gleichsam etwas
-Erklärendes finde. Es sind diese Sätze:
-
-
- III.
-
-»... Und niemals hätten Sie, mein unvergeßlicher Arkadi Makarowitsch,
-Ihre zeitweilige Muße nützlicher verwenden können, als Sie es getan
-haben, indem Sie diese Ihre >Aufzeichnungen< schrieben! Sie haben sich
-sozusagen bewußt Rechenschaft gegeben über ihre ersten ungestümen und
-gewagten Schritte ins Leben. Ich bin überzeugt, daß Sie sich durch diese
-Darlegung in der Tat in vieler Hinsicht >zu einem anderen Menschen<
-haben erziehen können, wie Sie sich selbst ausdrücken. Kritische
-Bemerkungen, im eigentlichen Sinne des Wortes, werde ich mir
-selbstredend nicht erlauben, obgleich man sich bei jeder Seite seine
-Gedanken machen kann ... wie zum Beispiel über den Umstand, daß Sie
-dieses >Dokument< so lange und so hartnäckig bei sich behalten haben,
-was mir im höchsten Grade charakteristisch zu sein scheint ... Aber das
-ist von hunderten nur eine Bemerkung, die ich mir hier zu machen
-erlaube. Ich weiß auch sehr zu schätzen, daß Sie mir, und wie es
-scheint, mir allein das >Geheimnis Ihrer Idee< anvertraut haben. Ihre
-Bitte jedoch, mich besonders zu dieser Ihrer >Idee< zu äußern, muß ich
-Ihnen abschlagen; denn erstens würde das über den Rahmen eines Briefes
-hinausgehen, und zweitens -- ich bin noch nicht imstande, darauf zu
-antworten, ich muß alles erst selbst verarbeiten. Ich will nur bemerken,
-daß Ihre >Idee< sich durch Eigenart auszeichnet, während die Jugend von
-heute sich in der Mehrzahl nicht auf selbsterfundene Ideen einstellt,
-sondern auf fertig vorgefundene, von denen es wohl nichts weniger als
-eine große Auswahl gibt, ganz abgesehen davon, daß sie häufig recht
-gefährlich sind. Ihre Idee hat Sie wenigstens zeitweilig vor den Ideen
-der Herren Dergatschoff und Konsorten bewahrt, die fraglos bei weitem
-nicht so originell sind wie Ihre Idee. Und schließlich pflichte ich
-durchaus der hochverehrten Tatjana Pawlowna bei, die ich zwar persönlich
-gekannt, bisher jedoch nicht in dem Maße zu schätzen verstanden habe,
-wie sie es verdient: ihr Wunsch, daß Sie die Universität beziehen, hat
-für Sie das Beste im Auge. Die Wissenschaft und das Leben werden in den
-drei bis vier Jahren die Horizonte Ihrer Gedanken und Bestrebungen
-zweifellos bedeutend erweitern, und sollten Sie nach beendetem Studium
-sich wieder Ihrer >Idee< zuwenden wollen, so wird Ihnen nichts im Wege
-stehen.
-
-Und jetzt erlauben Sie, daß ich Ihnen von mir aus ganz offen und sogar
-ungebeten einige Gedanken und Eindrücke mitteile, die mir während der
-Lektüre Ihrer so offenherzigen Aufzeichnungen in den Sinn gekommen sind
-und mein Herz bewegt haben.
-
-Ja, ich stimme mit Andrei Petrowitsch darin vollkommen überein, daß man
-für Sie und Ihre _einsame_ Jugend in der Tat Angst haben konnte. Und
-solcher Jünglinge wie Sie gibt es unter unserer heranwachsenden Jugend
-nicht wenige, und ihre Fähigkeiten drohen in der Tat immer, sich zum
-Schlechteren zu entwickeln -- sei es zu kriechendem Strebertum oder zum
-heimlichen Verlangen nach Unordnung in Leben und Staat. Aber dieses
-Verlangen nach Unordnung entspringt vielleicht in den meisten Fällen
-einer geheimen Sehnsucht nach Ordnung und >Vornehmheit< (ich gebrauche
-Ihren Ausdruck)! Die Jugend ist schon darum rein, weil sie Jugend ist.
-Vielleicht sind diese so frühen Ausbrüche der Unvernunft eben nur
-Ausbrüche der Sehnsucht nach Ordnung und ein Suchen der Wahrheit; aber,
-ja, wer ist denn schuld daran, daß manche jungen Menschen von heute
-diese Wahrheit und diese Ordnung in so dummen und lächerlichen Utopien
-zu sehen glauben, daß man gar nicht begreift, wie sie auf so etwas
-überhaupt hereinfallen können! Ich will hier gleich bemerken, daß man
-früher, in der Vergangenheit, die unmittelbar hinter uns liegt, im
-Zeitalter der vorigen Generation, diese merkwürdigen jungen Leute gar
-nicht so sehr zu bedauern brauchte, denn damals endeten sie fast immer
-damit, daß sie sich in ihrem weiteren Leben unserer höheren
-Kulturschicht anschlossen und mit ihr zu einem Ganzen verschmolzen. Und
-wenn sie im Anfang ihres Weges auch die ganze Ordnungslosigkeit und
-Zufälligkeit ihrer Existenz erkannten, das Fehlen alles Schönen,
-zum Beispiel in ihrem Familienleben, das Fehlen jeglicher
-Familienüberlieferung und guter vollendeter Lebensformen, so war das ja
-um so besser, denn eben diese Erkenntnis lehrte sie, das Fehlende ganz
-bewußt zu suchen, darum zu ringen und es zu schätzen. Heute verhält es
-sich anders -- eben weil nichts vorhanden ist, an das man sich
-anschließen könnte.
-
-Ich möchte das durch ein Beispiel noch klarer machen. Wenn ich ein
-russischer Romancier wäre und Talent hätte, so würde ich meine Helden
-unbedingt aus dem russischen alten Adel wählen, denn nur an diesem einen
-Stande russischer Kulturmenschen ist es für einen die Wirklichkeit
-darstellenden Dichter möglich, wenigstens den Schein einer schönen
-Ordnung zu zeigen und den schönen Eindruck zu erzielen, der in einem
-Roman zur ästhetischen Wirkung auf den Leser unbedingt erforderlich ist.
-Indem ich das sage, scherze ich durchaus nicht, obgleich ich selbst
-nichts weniger als ein Adliger bin, was Ihnen ja bekannt ist. Schon
-Puschkin hat sich die Stoffe für seine geplanten Romane in den
->Überlieferungen der russischen Familie< angemerkt, und glauben Sie mir,
-in diesen findet sich tatsächlich alles, was es bisher an Schönem bei
-uns überhaupt gegeben hat. Jedenfalls enthalten sie alles, was wir an
-wenigstens einigermaßen Abgeschlossenem hervorgebracht haben. Ich sage
-das nicht deshalb, weil ich etwa von der Richtigkeit und Wahrheit dieser
-Schönheit unbedingt überzeugt wäre; aber es läßt sich doch nicht
-leugnen, daß es in der Kaste unseres Geburtsadels schon abgeschlossene
-Formen für Ehre und Pflicht gegeben hat, die es außer beim Adel in ganz
-Rußland nicht nur nicht in abgeschlossener Form, sondern nicht einmal im
-Anfangszustande gibt. Ich spreche das als ein ruhiger Mensch aus, der
-nach Ruhe strebt.
-
-Ob nun diese Form der >Ehre< an sich gut und diese Auffassung der
->Pflicht< richtig ist -- das ist eine andere Frage; wichtiger ist für
-mich eben die Abgeschlossenheit, die Vollendung der Formen und somit
-wenigstens irgendeine Art von Ordnung, und zwar nicht eine von außen her
-vorgeschriebene, sondern eine aus uns selbst heraus entwickelte. Mein
-Gott, das ist ja für uns eben das wichtigste: gleichviel was für eine
-Ordnung, wenn es nur endlich einmal eine selbstgeschaffene Ordnung ist!
-Und so etwas zu sehen, gab uns Hoffnung und war, man kann wohl sagen,
-eine Erholung fürs Auge: es war doch endlich etwas anderes, war nicht
-ewig dieses Zerstören, nicht ewig umherfliegende Splitter, nicht Schutt
-und Unrat, aus denen bei uns nun schon seit zweihundert Jahren noch
-immer nichts hervorgehen will.
-
-Werfen Sie mir nicht Slawophilismus vor; ich sage das nur so, aus
-Misanthropie, weil mein Herz bedrückt ist! Denn jetzt, seit kurzer Zeit,
-geht bei uns etwas vor, was dem oben geschilderten vollkommen
-entgegengesetzt ist. Es ist nicht mehr der Nachschub von unten, der sich
-an die höhere Menschenschicht anschließt und mit ihr zusammenwächst,
-sondern umgekehrt, von der schönen und feststehenden Schicht bröckeln
-mit fröhlicher Eilfertigkeit Stückchen und Klümpchen ab und scharen sich
-in einen Haufen mit den Vertretern der Unordnung und des Neides. Es ist
-schon längst kein Ausnahmefall, daß die Väter und Familienhäupter alter
-Kulturgeschlechter heute selbst darüber lachen, woran ihre Kinder
-vielleicht noch glauben wollen. Und nicht nur das: sie zeigen ihren
-Kindern sogar mit Vergnügen ihre gierige Freude an dem plötzlichen Recht
-auf Ehrlosigkeit, das dieser ganze Haufen auf einmal irgendwoher
-erhalten zu haben glaubt. Ich rede hier nicht von den wahren
-Fortschrittlern, mein lieber Arkadi Makarowitsch, sondern bloß von jenem
-Gesindel, das so überraschend zahlreich ist, und von dem es heißt:
-_grattez le russe et vous verrez le tartare_.{[139]} Glauben Sie mir,
-wirkliche Freiheitler, wahrhafte und großherzige Menschenfreunde sind
-bei uns durchaus nicht so zahlreich, wie wir hin und wieder geglaubt
-haben.
-
-Aber das ist ja alles Philosophie; kehren wir zu unserem Romancier
-zurück. Seine Lage wäre unter diesen Umständen eine vollkommen
-bestimmte: er könnte in keiner anderen Form als in der historischen
-schreiben, denn in unserer Zeit gibt es keinen schönen Typus mehr, und
-wenn sich auch Reste von ihm erhalten haben, so haben sie doch nach der
-heute herrschenden Ansicht ihre Schönheit schon eingebüßt. Oh, auch in
-der historischen Form läßt sich noch eine Menge sehr gefälliger und
-erfreulicher Einzelheiten schildern! Man kann den Leser sogar so weit
-mit sich fortreißen, daß er das historische Bild noch in der Gegenwart
-für möglich hält.
-
-Aber ein solches Werk, von einem begnadeten Künstler geschrieben, würde
-weniger der russischen Literatur als der russischen Geschichte
-angehören. Es wäre ein künstlerisch vollendetes Bild der russischen Fata
-Morgana, die allerdings so lange Wirklichkeit sein wird, bis man
-dahinterkommt, daß sie eben nur noch eine Fata Morgana ist. Aber der
-heute lebende Enkel der Typen jenes Bildes, das die russische Familie
-der höheren Kulturschicht im Verlauf von drei Menschenaltern und in
-engster Verbindung mit der russischen Geschichte darstellt -- dieser
-Enkel jener Typen könnte in seinem gegenwärtigen Typ, wenn er
-wahrheitsgetreu sein soll, nicht mehr anders dargestellt werden, als in
-einer etwas misanthropischen, einsamen und fraglos traurigen Gestalt. Er
-muß sogar als eine Art Sonderling erscheinen, den der Leser auf den
-ersten Blick als das zu erkennen vermag, was er ist: als einen, der das
-Feld geräumt hat, und dem man es ansieht, daß der Sieg nicht ihm
-verblieben ist. Über ein Kleines -- wird auch dieser Enkel und
-Misanthrop verschwunden sein; neue Gestalten werden auftauchen, uns noch
-unbekannte Gesichter, und eine neue Fata Morgana; aber was werden das
-für Gestalten sein? Wenn sie unschön sind, so ist ein weiterer
-russischer Roman unmöglich. Doch wehe uns! -- wird dann der Roman allein
-unmöglich sein?
-
-Aber wozu so weit vorausgehen, ich komme lieber auf Ihr Manuskript
-zurück. Betrachten Sie zum Beispiel die beiden Familien des Herrn
-Werssiloff (diesmal erlauben Sie mir schon, vollkommen aufrichtig zu
-sein). Da ist er zunächst selbst, Andrei Petrowitsch, -- doch über ihn
-will ich mich nicht weiter äußern. Immerhin gehört er zu den
-Familienhäuptern. Er ist ein Edelmann aus altem, vornehmem Geschlecht
-und gleichzeitig -- ein Pariser Kommunard. Er ist ein echter Dichter und
-liebt Rußland, doch dafür verneint er es auch vollständig. Er ist ohne
-jede Religion, aber er ist beinahe bereit, in den Tod zu gehen -- für
-etwas Unbestimmtes, das er selbst nicht zu nennen vermag, woran er
-jedoch leidenschaftlich glaubt, gleich einer Menge russisch-europäischer
-Zivilisatoren aus der Petersburger Ära der russischen Geschichte. Doch
-genug von ihm selbst! Aber da ist nun seine rechtmäßige Familie: von
-seinem Sohn will ich weiter nicht sprechen: er ist ja dieser Ehre gar
-nicht wert! Wer Augen hat, zu sehen, der weiß schon im voraus, was aus
-solchen Tagedieben bei uns wird, und wohin sie gelegentlich auch andere
-mitziehen. Aber da ist seine Tochter Anna Andrejewna -- wer könnte der
-wohl Charakter absprechen? Eine Persönlichkeit vom Schlage unserer
-berühmten Äbtissin Mitrofania -- doch selbstredend soll damit nicht
-gesagt sein, daß sie auch deren Verbrechen begehen könnte, was von mir
-ungerecht wäre. Wenn Sie, Arkadi Makarowitsch, mir jetzt sagten, diese
-Familie sei eine einzelne Erscheinung -- ich würde froh aufatmen. Aber
-ist nicht umgekehrt der Schluß richtiger, daß schon eine Menge von
-solchen unzweifelhaft altadligen russischen Familien mit unaufhaltsamer
-Gewalt zu _zufälligen_ Familien geworden sind, daß sie sich in Massen
-mit den tatsächlich zufälligen zu gemeinsamer Unordnung und gemeinsamem
-Chaos vermischen? Den Typ einer solchen zufälligen Familie zeigen zum
-Teil auch Sie in Ihren Aufzeichnungen. Ja, Arkadi Makarowitsch, Sie sind
-_ein Glied einer zufälligen Familie_, im Gegensatz zu den bei uns noch
-vor kurzem vorherrschenden Typen aus altem Stamm, die eine so anders
-geartete Kindheit und Jugend hatten, als Sie.
-
-Ich muß bekennen, ich möchte nicht der Schilderer eines Helden aus einer
-zufälligen Familie sein!
-
-Es ist eine undankbare Arbeit, ohne die Möglichkeit schöner Formung.
-Auch sind diese Typen in jedem Falle noch erst in der Bildung begriffen
-und können darum noch gar nicht künstlerisch abgeschlossen sein. Es sind
-wichtige Fehler möglich, Übertreibungen und Verkennungen. Andererseits
-muß manches völlig ungesehen bleiben. Jedenfalls wäre man dabei gar zu
-oft auf ein bloßes Erraten angewiesen. Aber was soll schließlich ein
-Schriftsteller tun, der nicht nur als Historiker schreiben will, und der
-von der Sorge um das Gegenwärtige befallen ist? Es verbleibt ihm nichts
-als -- hin- und herraten und ... sich irren.
-
-Aber solche Aufzeichnungen wie die Ihren könnten, glaube ich, als
-Material für ein späteres Kunstwerk dienen, für ein künftiges Bild einer
-unordentlichen, halb schon vergangenen Epoche. Oh, wenn die Zeit dieser
-brennenden Tagesfrage vergangen sein wird und die Zukunft anbricht, dann
-wird ein künftiger Künstler für die Darstellung selbst der vergangenen
-Unordnung und des Chaos schon schöne Formen finden. Und dann werden
-solche >Aufzeichnungen< wie die Ihren zustatten kommen und als Material
-verwendet werden können -- wenn sie nur aufrichtig sind, mögen sie dabei
-auch noch so chaotisch und zufällig sein ... Es werden sich wenigstens
-einige richtige Züge erhalten, aus denen man wird erraten können, was
-sich in der Seele manch eines Jünglings jener unruhigen Zeit verborgen
-hat -- eine Ermittelung, die nicht ganz unnütz sein dürfte, denn aus den
-Jünglingen wachsen die Generationen ...«
-
-
-
-
- Fußnoten
-
-
-[1] Das Fürstengeschlecht der Dolgoruki ist eines der ältesten
-Fürstenhäuser Rußlands und führt seinen Stammbaum bis auf den Waräger
-Rjurik zurück. Bei der Einzigartigkeit und Popularität des Namens ist
-die Annahme, wer »Dolgoruki« heißt, müsse Fürst sein, nur zu
-verständlich. E. K. R.
-
-[2] Eine Dorfgeschichte von Grigorówitsch die 1847 den Lesern zu
-Bewußtsein brachte, »daß auch die Leibeigenen _Menschen_ sind«. E. K. R.
-
-[3] Roman von Drushinin (1849), in dem der Gatte seiner Frau Pólinka
-deren Liebe zu einem jungen Manne tolerant verzeiht; sie will aber sein
-Opfer nicht annehmen und bleibt ihm treu. Er stirbt alsbald an der
-Schwindsucht. (Die russische Kirche ließ Ehescheidung nicht zu.) E. K.
-R.
-
-[4] Kusnetzki Most -- die größte Kaufstraße in Moskau. E. K. R.
-
-[5] Die familiäre Form von Ssergei oder Sergius. E. K. R.
-
-[6] Nach der Aufhebung der Leibeigenschaft (1861) sollten vom Adel
-gewählte »Friedensvermittler« die Auseinandersetzungen zwischen den
-Gutsbesitzern und den Bauern in die Wege leiten. E. K. R.
-
-[7] Es ist in Rußland Sitte, daß die Eltern von den Kindern mit »Sie«
-angeredet werden, während die Eltern ihre Kinder duzen. E. K. R.
-
-[8] Es gilt bei den Russen als unhöflich, eine bekannte Person nur mit
-dem Familiennamen zu nennen; die höfliche Form, auch in der Anrede, ist
-der Taufname mit dem Patronymikon. E. K. R.
-
-[9] Die beste Kolonialwarenhandlung und die teuerste französische
-Konditorei in Petersburg. E. K. R.
-
-[10] Tschatzki ist der Held der klassischen Komödie Gribojedoffs
-»Verstand schafft Leiden« aus dem ersten Viertel des vorigen
-Jahrhunderts. E. K. R.
-
-[11] Von Peter dem Großen wurde die Einteilung in vierzehn Rangklassen
-eingeführt. E. K. R.
-
-[12] Der Gedanke, bei einer alten Gräfin nachts einzubrechen und sie mit
-der Drohung, sie zu ermorden, zur Mitteilung ihres Geheimnisses zu
-zwingen: mit welchen Karten man im Spiel immer gewinnen kann. E. K. R.
-
-[13] Bezeichnung Puschkins für das Denkmal Peters des Großen. E. K. R.
-
-[14] Vgl. Nachwort S. 528. (Dieses Nachwort fehlt. Einzelheiten in den
-Anmerkungen zur Transkription.) E. K. R.
-
-[15] Der Vorsteher eines oder mehrerer Klöster. E. K. R.
-
-[16] Abisag von Sunem, die von König David nicht berührt wurde und um
-die später Davids Sohn Adonia warb. 1. Buch der Könige, Kap. 1, 2. E. K.
-R.
-
-[17] Ein Herr, der in Petersburg von Dirnen ermordet worden war. E. K.
-R.
-
-
-
-
- Übersetzung französischer Textstellen
-
-
-{[1]} nach Pariser Mode
-
-{[2]} schöne Dame
-
-{[3]} Mein Freund
-
-{[4]} mein Lieber
-
-{[5]} liebes Kind
-
-{[6]} Mein armes Kind!
-
-{[7]} Aha!
-
-{[8]} Ist es nicht so? Liebes Kind
-
-{[9]} Oh, aber ... Ich bin es, der die Frauen kennt!
-
-{[10]} sie sind charmant
-
-{[11]} ich weiß alles, aber ich weiß nichts Vernünftiges
-
-{[12]} Aber was für eine Idee!
-
-{[13]} Liebes Kind, ich liebe Gott
-
-{[14]} ich war dumm
-
-{[15]} Ein Zuhause
-
-{[16]} Und siehe da, eine Weitere!
-
-{[17]} aus dem Unbekannten
-
-{[18]} Diese schändliche Geschichte!
-
-{[19]} Aber ... Sieh mal einer an!
-
-{[20]} Danke der Herr.
-
-{[21]} unbedingt erforderlich
-
-{[22]} Hassliebe
-
-{[23]} Alle Kunstgattungen ... [... sind gut, abgesehen von den
-langweiligen. -- Voltaire]
-
-{[24]} Dieser Touchard
-
-{[25]} Wir kommen immer wieder
-
-{[26]} Mein Freund
-
-{[27]} du verstehst?
-
-{[28]} Übrigens, mein Freund
-
-{[29]} klar und deutlich
-
-{[30]} Man spricht nicht vom Strick [... im Haus des Henkers]
-
-{[31]} Der kleine Spion
-
-{[32]} Sie werden wie ein kleiner König schlafen!
-
-{[33]} mit einem Wort
-
-{[34]} Aber ... das ist so charmant!
-
-{[35]} Mein Kind
-
-{[36]} am Ende ... am Ende laß uns Dank sagen ... und ich segne dich!
-
-{[37]} schlecher Ton
-
-{[38]} Zum Teufel!
-
-{[39]} eines schönen Morgens
-
-{[40]} Pfandleiher
-
-{[41]} Schau mal
-
-{[42]} zu Konto
-
-{[43]} Mein Lieber, laß uns hier abbrechen
-
-{[44]} Aber lass uns hier abbrechen, mein Lieber.
-
-{[45]} Das bedarf keiner Worte.
-
-{[46]} aber
-
-{[47]} Das ist komödienhaft, aber so werden wir vorgehen.
-
-{[48]} Aber lassen wir das.
-
-{[49]} Für deine schönen Augen, mein Cousin!
-
-{[50]} Armes Kind
-
-{[51]} unter uns gesagt
-
-{[52]} sehr gebührend
-
-{[53]} Liebes Kind
-
-{[54]} die lebensnahe Poesie
-
-{[55]} Welche charmante Person ... Die Lieder Salomons .. nein, nicht
-Salomon, es ist David, der eine junge Schönheit in sein Bett holte, um
-sich im Alter zu wärmen. Kurzum David, Salomon
-
-{[56]} Diese junge Schönheit für Davids Alter -- das ist ein ganzes
-Gedicht
-
-{[57]} Bettgeschichte
-
-{[58]} »haben« und »sein«
-
-{[59]} Aber folgen sie ihrer Mutter, ..., dieses Kind hat kein Herz!
-
-{[60]} möbliertes Zimmer
-
-{[61]} Anwesend!
-
-{[62]} Der Unglückliche!
-
-{[63]} meine Mädchen, verstehen Sie? Sie haben doch Geld
-
-{[64]} verstehen Sie? verstehen Sie?
-
-{[65]} Aber Maurice, Sie haben doch gar nicht geschlafen!
-
-{[66]} Halte den Mund, ich schlafe später.
-
-{[67]} Gerettet!
-
-{[68]} Niemals war ein Mensch so grausam wie Bismarck, der Frauen als
-Dreck ansah. Eine Frau, was ist das in unserer Zeit? >Töte sie<, das ist
-das letzte Wort der Académie française.
-
-{[69]} Ach, was hätte es mir schon gebracht, es früher herauszufinden?
-... Und hätte ich nicht soviel gewonnen, wenn ich meine Schande mein
-ganzes Leben versteckt gehalten hätte? Vielleicht gehört es sich für
-eine junge Dame nicht, sich vor einem Herrn so offen zu erklären, aber
-schließlich gestehe ich Ihnen, wenn es mir erlaubt ist, etwas zu
-wünschen, oh, das wäre, daß ich ihm mein Messer in sein Herz stoßen
-wollte, dabei aber wegschauen müßte, aus Angst, daß sein schrecklicher
-Blick mich zittern ließe und meinen Mut erstarren ließe. Er hat diesen
-russischen Priester ermordet, mein Herr, er hat ihm den roten Bart
-ausgerissen, um diesen dann an einen Haarkünstler an der Kusnetzkibrücke
-(frz.: _pont des Maréchaux_) zu verkaufen, gleich neben dem Haus von
-Monsieur Andrieux -- die größten Neuigkeiten, Pariser Waren, Leinen,
-Hemden, das wissen Sie, nicht wahr? Oh Herr, wenn sich Frau, Kinder,
-Schwestern und Freunde freundschaftlich am Tisch versammeln, wenn eine
-lebhafte Glücklichkeit mein Herz umflutet; ich frage Sie, mein Herr:
-Gibt es ein größeres Glück als das, was alle genießen? Aber er lacht,
-mein Herr, dieses schreckliche, unvorstellbare Monster, und wenn es
-nicht die Vermittlung von Monsieur Andrieux gegeben hätte, niemals, oh
-niemals wäre ich ... Aber mein Herr, was ist mit Ihnen?
-
-{[70]} schreckliche und unvorstellbare Monster
-
-{[71]} Wohin gehen Sie, mein Herr?
-
-{[72]} Ja der Herr, Oh ja, ich verstehe! ... Aber es ist nicht weit,
-mein Herr, es ist überhaupt nicht weit, Sie brauchen sich nicht die Mühe
-zu machen, den Mantel anzulegen, es ist in nebenan, mein Herr!
-
-{[73]} Hier entlang, der Herr, es ist hier entlang!
-
-{[74]} Er geht jetzt, er geht! ... Aber er wird mich töten, mein Herr,
-er wird mich töten!
-
-{[75]} die Verleumdung ... irgendetwas bleibt ja immer hängen
-
-{[76]} Entschuldigung, mein Lieber
-
-{[77]} Aber, lassen wir das.
-
-{[78]} Warten sie!
-
-{[79]} der Graf Vallonieff
-
-{[80]} Herr Prinz, haben Sie keine Silberrubel für uns, nicht zwei, nur
-einen, bitte?
-
-{[81]} Wir werden es Ihnen zurückgeben
-
-{[82]} Im Eisenbahnwagen
-
-{[83]} Himmel!
-
-{[84]} Sage, willst du, daß ich dir deinen Kopf einschlage, mein Freund!
-
-{[85]} Mein Freund, dies ist Dolgorowky, ein anderer Freund von mir
-
-{[86]} Siehe da! ... Da ist er!
-
-{[87]} Neinneinnein! sei brav!
-
-{[88]} Fräulein Alphonsine, würden Sie mich küssen?
-
-{[89]} Ah, der kleine Schuft! ... komm mir nicht zu nahe, mach mich
-nicht schmutzig, und Ihr Riesentollpatsche, ich werfe Euch beide zur Tür
-heraus, nur damit Ihr es wisst!
-
-{[90]} Fräulein Alphonsine, haben sie ihren Bologneser verkauft?
-[Hunderasse, richtig auf französisch: »bolonais«]
-
-{[91]} Was ist das, mein bologne?
-
-{[92]} Ach, was ist das für ein Kauderwelsch?
-
-{[93]} Ich spreche wie eine russische Dame auf Mineralwasser
-
-{[94]} der große Tollpatsch
-
-{[95]} Was heißt das, eine russische Dame >auf Mineralwasser<? Und ...
-aber wo ist deine schöne Armbanduhr, die du von Lambert bekommen hast.
-
-{[96]} Wir haben einen Silberrubel, den wir uns von unserem neuen Freund
-geliehen haben.
-
-{[97]} wir werden es Ihnen mit größtem Dank zurückzahlen.
-
-{[98]} Heh, Lambert! Wo ist Lambert, hast du Lambert gesehen?
-
-{[99]} Fünfundzwanzig Rubel!
-
-{[100]} im privatem Zimmer
-
-{[101]} Adieu, mein Prinz
-
-{[102]} Wunderschön
-
-{[103]} Dies berücksichtigt, ändert sich die Frage.
-
-{[104]} Eigentum ist Diebstahl.
-
-{[105]} Ich bin vor allem Gentleman und als Gentleman werde ich sterben!
-
-{[106]} Ich werde sterben als Gentleman.
-
-{[107]} Endlich!
-
-{[108]} Ach! ... und was ist mit Freunden?
-
-{[109]} Aber er ist ein Bär!
-
-{[110]} Ja, ja, ... das ist eine Schande! Eine Dame ... Oh, Sie sind
-wirklich freigiebig. Keine Sorge, ich werde Lambert zur Vernunft bringen
-...
-
-{[111]} Oh, ich habe gesagt, daß er ein Herz hat!
-
-{[112]} Ist es nicht so?
-
-{[113]} er spricht immer die Gefühle an
-
-{[114]} Nachher, nachher, ist es nicht so? Liebe Freundin!
-
-{[115]} Ja, ja, er ist charmant
-
-{[116]} aber später
-
-{[117]} Aber das schrecklich, was du sagst
-
-{[118]} liebes Kind
-
-{[119]} Ist es nicht so? Ich rede nicht viel, aber ich rede gut.
-
-{[120]} So ist es. ... Er scheint dumm zu sein, dieser Gentleman. Liebes
-Kind
-
-{[121]} Nichts, überhaupt nichts ... Aber ich bin frei hier, ist es
-nicht so?
-
-{[122]} Lieber Prinz, wir sollten durch Geburtsrecht Freunde sein
-
-{[123]} Nun
-
-{[124]} So sehe ich das! Mein Freund
-
-{[125]} Sie ist ein Engel, ein Engel aus dem Himmel!
-
-{[126]} Ich sage charmante Sachen und alle lachen
-
-{[127]} So ist es
-
-{[128]} liebes Kind, ich liebe Sie!
-
-{[129]} Ja, ja, ich verstehe, ich habe von Anfang an verstanden
-
-{[130]} dieser schwarze Mann, »Frau Generalin«
-
-{[131]} eine Pistole
-
-{[132]} Ach, ich habe seinen Namen vergessen ... Ein schrecklicher
-Mensch ... Ja, Versiloff!
-
-{[133]} diesen Brief
-
-{[134]} Oh, sie werden Rache nehmen!
-
-{[135]} diese Dame, die Generalin
-
-{[136]} eine Moskauer Dame
-
-{[137]} Rettet sie, rettet sie!
-
-{[138]} Sie sind wirklich schön!
-
-{[139]} Kratze einen Russen ab und du wirst einen Tartaren finden.
-
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-Die »Sämtlichen Werke« erschienen in der hier verwendeten ursprünglichen
-Fassung der Übersetzung von E. K. Rahsin in mehreren Auflagen und
-Ausgaben 1906--1922 im Piper-Verlag. Dieses Buch wurde transkribiert
-nach:
-
- F. M. Dostojewski
- Der Jüngling
- Dünndruck-Ausgabe in einem Bande
- R. Piper & Co. Verlag, München, 1922.
- 12. bis 16. Tausend
-
-Diese Ausgabe in einem Band ist seiten- zeilengenau identisch mit Band 7
-und 8 der »Sämtlichen Werke« von 1922, 12.--16. Tausend. Band 8 beginnt
-mit dem sechsten Kapitel im zweiten Teil.
-
-Die Fußnote [14] auf Seite 151 (zweiter Band) verweist auf ein Nachwort,
-das sich in dieser Ausgabe nicht findet und auch nicht in anderen
-Auflagen (überprüft bis zum 17.--22. Tausend, 1922). Das dort offenbar
-erklärte Wort »Vornehmheit« (russ. [Kyrillisch: blagoobrazie]) war in
-den Auflagen des »Jünglings« von 1915 und 1920 als »Schönheit«
-übersetzt. In der neu durchgesehen Ausgabe von 1957 heißt es hingegen
-»Einsicht«. Im Vorwort (Seite XII) werden sowohl »Vornehmheit« als auch
-»Schönheit« verwendet.
-
-Die Anordnung der Titelinformationen wurde innerhalb der »Sämtlichen
-Werke« vereinheitlicht und entspricht nicht der Anordnung in den
-ursprünglichen Ausgaben. Alle editionsspezifischen Angaben wie Jahr,
-Copyright, Auflage usw. sind aber erhalten und wurden gesammelt direkt
-nach der Titelseite eingefügt.
-
-Fußnoten wurden am Ende des Buches gesammelt.
-
-Die Bearbeiter haben diesem Text Übersetzungen der französischen
-Textstellen in Form von Fußnoten hinzugefügt und der _public domain_ zur
-Verfügung gestellt.
-
-Diese zusätzlichen Fußnoten sind mit { } markiert.
-
-Zu den Anführungszeichen: Gespräche wurden in doppelte Anführungszeichen
-(»«) eingeschlossen. Die Wiedergabe von Äußerungen anderer innerhalb von
-Gesprächen wurde in einfache Anführungszeichen (><) eingeschlossen.
-
-Besonderheiten der Transliteration russischer Begriffe und Namen: Der
-Buchstabe »ä« (oder auch »jä«) steht für den kyrillischen Buchstaben
-»ja«. Die Schreibweise häufig vorkommender russischer Namen wurde
-vereinheitlicht (nicht verwendete Varianten in Klammern):
-
- Iwanoff (Iwanow)
- Katerina (Katherina)
- Nastassja (Naßtaßja)
- Olä (Oljä)
- Onissimowna (Onißimowna)
- Pelischtschoff (Pelischtschtoff)
- Ssaposhkoff (Ssaposchkoff)
- Ssergei (Sergei)
- Ssonjä (Ssonja)
-
-In einem Fall wurden zwei Schreibweisen eines Namens beibehalten, da sie
-sowohl im russischen Original als auch in anderen deutschen Ausgaben so
-vorkommen: Alphonsine und Alphonsina. Alphonsine ist die französische
-Schreibweise und kommt meist in oder im Anschluß zu französischen
-Textstellen vor.
-
-Die abweichende Schreibweise der Namen im Personenverzeichnis wurde
-unverändert übernommen, da sie die Aussprache verdeutlichen soll.
-Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere
-Änderungen, teilweise unter Zuhilfenahme anderer Auflagen oder des
-russischen Originaltextes, sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
-
- [S. I.119]:
- ... mich zum Glück Marja Alexandrowna, der Andronikoff ...
- ... mich zum Glück Marja Iwanowna, der Andronikoff ...
-
- [S. I.241]:
- ... ganze Zeit, diesen ganzen Monat, so oft sie mit mir
- gesprochen ...
- ... ganze Zeit, diesen ganzen Monat, so oft Sie mit mir
- gesprochen ...
-
- [S. I.387]:
- ... einem Menschen wie er. Mir kam auch der Gedanke: Hat ...
- ... einem Menschen wie ihm. Mir kam auch der Gedanke: Hat ...
-
- [S. I.393]:
- ... mit ihren Zehn Geboten anfangen?« ...
- ... mit Ihren Zehn Geboten anfangen?« ...
-
- [S. I.478]:
- ... mir auch nicht die geringste Anstrengung, da ich mich nach ...
- ... mich auch nicht die geringste Anstrengung, da ich mich nach ...
-
- [S. II.292]:
- ... das notwendige. -- Sagen Sie, lieben sie Musik? Ich ...
- ... das notwendige. -- Sagen Sie, lieben Sie Musik? Ich ...
-
- [S. II.329]:
- ... Situation nicht enthalten, Sie auszufragen. ...
- ... Situation nicht enthalten, sie auszufragen. ...
-
- [S. II.366]:
- ... die ihm nichts anging. In diese Sklaverei der ...
- ... die ihn nichts anging. In diese Sklaverei der ...
-
- [S. II.446]:
- ... »Weißt du, Lambert, Sie verehrt Werssiloff ungeheuer: ...
- ... »Weißt du, Lambert, sie verehrt Werssiloff ungeheuer: ...
-
- [S. II.523]:
- ... der >Pflicht< richtig sind -- das ist eine andere ...
- ... der >Pflicht< richtig ist -- das ist eine andere ...
-
- [S. II.525]:
- ... ihr Manuskript zurück. Betrachten Sie zum Beispiel die ...
- ... Ihr Manuskript zurück. Betrachten Sie zum Beispiel die ...
-
-
-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄMTLICHE WERKE 7-8: DER
-JÜNGLING ***
-
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-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
-agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
-electronic works. See paragraph 1.E below.
-
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
-Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
-of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
-works in the collection are in the public domain in the United
-States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
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- United States, you will have to check the laws of the country where
- you are located before using this ebook.
-
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-contain a notice indicating that it is posted with permission of the
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-the United States without paying any fees or charges. If you are
-redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
-Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
-either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
-obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
-trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
-additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
-will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
-posted with the permission of the copyright holder found at the
-beginning of this work.
-
-1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
-
-1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg-tm License.
-
-1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
-any word processing or hypertext form. However, if you provide access
-to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
-other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
-version posted on the official Project Gutenberg-tm web site
-(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
-to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
-of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
-Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
-full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.
-
-1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
-
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