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Rahsin - -Contributor: Dmitri Mereschkowski - -Release Date: November 12, 2020 [EBook #63723] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -Produced by: the Online Distributed Proofreading Team at - http://www.pgdp.net. This file was produced from images - generously made available by The Internet Archive. - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄMTLICHE WERKE 7-8: DER -JÜNGLING *** - - F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke - - Unter Mitarbeiterschaft von Dmitri Mereschkowski - herausgegeben von Moeller van den Bruck - - Übertragen von E. K. Rahsin - - - Erste Abteilung: Siebenter und achter Band - - - F. M. Dostojewski - - - - - Der Jüngling - - - Roman - - - R. Piper & Co. Verlag, München - - - Dünndruck-Ausgabe in einem Bande - R. Piper & Co. Verlag, München, 1922 - 12. bis 16. Tausend - Druck: Otto Regel G. m. b. H., Leipzig - - - Copyright 1922 by R. Piper & Co., - Verlag in München. - - - - - Zur Einführung. - Der Jüngling - - -Die »Idee« des Jünglings (des jungen Dolgoruki), dieses bis zur -äußersten Grenze geführte persönliche Prinzip, erinnert an die Idee -Raskolnikoffs, nur kommt der Jüngling der religiösen Erkenntnis und -Rechtfertigung näher als jener. - -Raskolnikoff ist bereits vor dem »Verbrechen« krank von seinen -furchtbaren Gedanken, krank auch von der Einsamkeit und schließlich auch -von der körperlichen Erschöpfung, dem Hunger. »Das kommt daher, daß ich -sehr krank bin,« erklärt er es sich selbst. Und auch die Ermordung der -Alten ist, wenn auch nicht ausschließlich, so doch in bedeutendem Maße --- Krankheit, »Fiebereinflüsterung«. »Der Teufel hat mich dorthin -geschleppt.« »Die Alte ist Unsinn, die Alte ist vielleicht auch ein -Irrtum,« sagt er sich. Nun, selbstverständlich ist sie das oder -wenigstens ein im höchsten Grade mißglückter Versuch, der so gut wie -überhaupt nichts beweist und auch nichts widerlegt. In der Alten hat er -gerade _nicht_ das »Prinzip«, sondern eben nur ein altes Weib -erschlagen. Als er aus dem ihm eigensten Gebiete der Anschauung, der -Theorie, in das ihm fremde Gebiet der Handlung trat, unterwarf er seine -innere Logik der Logik äußerer roher Zufälle. Jetzt leidet er zu sehr -darunter, um frei denken zu können. Er hat es nicht getan, weil er so -denkt, sondern umgekehrt, er denkt so, weil er so getan hat. Wenn seine -abstrakten Gedanken von der lebendigen Leidenschaft auch vertieft und -geschärft worden sind, so hat sie dieselben zu gleicher Zeit doch des -Gleichgewichts, des Maßes und der Klarheit beraubt. - -In der »Idee« des Jünglings ist vielleicht noch mehr Bücherweisheit, -Unerfahrenheit, Jünglingshaftigkeit, sogar ausgesprochen Kindisches, als -in der Idee Raskolnikoffs. Er ist ja auch in der Tat noch ein Jüngling, -fast noch ein Knabe. Jung und grün ist er. Aber die unreife Schale -verbirgt doch nicht die späterhin mögliche, tiefe innere Bedeutung -seiner »Idee« an sich. Auch diese gar zu frühreife Frucht wird einmal -reif werden. Übrigens kann man schon jetzt erkennen, von welch einem -Baume sie stammt. Der Jüngling ist gesunder, ist mehr im Gleichgewicht, -seine Gedanken sind freier, klarer und vor allem _bewußter_ als die -Gedanken Raskolnikoffs. - -Im tätigen Leben, in der Entwicklung des Herzens und Willens ist sein -Ausgangspunkt derselbe, den auch Raskolnikoff, den Puschkins Hermann und -Onegin, Lermontoffs Petschorin -- kurz, alle napoleonischen und -petrischen Helden unserer Literatur haben: _zügellos rebellischer -Aristokratismus, Auflehnung der Persönlichkeit gegen die Gesellschaft_. -»Ja, ich bin ein düsterer Mensch, ich verschließe mich fortwährend. Oft -habe ich Lust, mich von den Menschen ganz und gar abzusondern. -Vielleicht werde ich den Menschen auch Gutes tun, aber zumeist kann ich -nicht den geringsten, einigermaßen einleuchtenden Beweggrund dazu -entdecken ... Ich glaube, schon in meinem zwölften Lebensjahr, also fast -mit dem eigentlichen Erwachen meines Bewußtseins, begann ich, die -Menschen nicht zu lieben.« So beginnt der Jüngling in seinem denkenden -Leben damit, womit Raskolnikoff endigt: bei ihm ist bereits nicht die -geringste Verbindung mit der »Anschauung der Sozialisten« zu finden, mit -dem mathematisch errechenbaren »allgemeinen Nutzen«, und das, was -Raskolnikoff kaum sich selbst zu gestehen wagt -- »ich will auch selbst -leben«, »ich habe nur für mich erschlagen, für mich allein«, -- das -schreckt den Jüngling schon nicht mehr. Er braucht sich nicht zu -beweisen, daß darin nichts »Verbrecherisches« liegt: für ihn hat sich -tatsächlich die Quelle eines neuen »kategorischen Imperativs« in der -Liebe zu sich selbst aufgedeckt, in der uneigennützigen Liebe zu sich -selbst, in der Liebe nicht zu seinem kleinen, nahen, sondern zu seinem -großen, fernen Ich. Und der höchste Gipfel dieser Liebe, der »Wille zur -Macht« -- ist die erste, nicht nur sittliche, sondern fast schon -metaphysische, fast sogar religiöse Grundlage seiner ganzen »Idee«. - -»Ja, mich hat mein ganzes Leben lang nach Macht gedürstet, _nach Macht -und Einsamkeit_.« - -Das Mittel, das er zur Verwirklichung seiner Idee erwählt, ist nicht -mehr rohe äußere Vergewaltigung, nicht anarchistischer Mord, der -schließlich doch nichts beweist, der fruchtlos und, als bewußte Tat zu -einem bestimmten Zweck, unter den Verhältnissen der heutigen -kultivierten Gesellschaft sogar einfach unmöglich ist, -- sondern innere -Vergewaltigung, ein unvergleichlich verfeinerteres und vergeistigteres -Vergewaltigen: Vergewaltigung durch die Macht des Geldes. »Ich brauche -das Geld nicht, oder sagen wir richtiger, ich brauche nicht das Geld und -nicht einmal Macht; ich brauche nur das, was man durch Macht erwirbt, -und was man auf keine Weise ohne Macht erlangen kann; und das ist das -_einsame und ruhige Bewußtsein der Kraft_! Das ist die erschöpfendste -Bezeichnung dessen, was man >Freiheit< nennt, und um die sich die ganze -Welt so abquält! >Freiheit!< Endlich habe ich es hingeschrieben, dieses -große Wort ... Ja, das einsame Bewußtsein der Kraft -- ist berauschend -und wundervoll. Ich habe Kraft, und ich bin ruhig ... Habe ich aber erst -einmal die Macht, so werde ich ihrer überhaupt nicht mehr bedürfen. Ich -versichere, daß ich dann freiwillig und aus eigenem Antriebe überall den -letzten Platz einnehmen werde ... Das Bewußtsein meiner Macht wird mir -genügen -- - - >... denn mir genügt - vollauf das Bewußtsein ...< - -Schon als Kind habe ich den Monolog des >Geizigen Ritters< von Puschkin -auswendig gelernt; als Idee hat Puschkin nichts Höheres geschaffen! Der -Meinung bin ich auch heute noch.« - -Die Idee des persönlichen Prinzips in Raskolnikoff und dem Jüngling ist -durch die Gestalten des Hermann (des Helden in Puschkins »Pique-Dame«) -und des »Geizigen Ritters« mit Puschkin verbunden, und durch Puschkin -- -hier wie überall bei Dostojewski, wie überall in der russischen -Literatur -- mit den tiefsten Wurzeln nicht etwa nur des -westeuropäischen, sondern auch des russischen Volksgeistes. - -»>Ihr Ideal ist niedrig<, wird man mir mit Verachtung vorhalten, >Geld, -Reichtum! Etwas ganz anderes sind doch gemeinnützige Unternehmungen, -menschenfreundliche Taten!< - -Aber wer weiß es denn, wie ich meinen Reichtum verwenden würde? Was ist -dabei Unsittliches und Niedriges, daß diese Millionen aus vielen -jüdischen, schädlichen und schmutzigen Händen in die Hand eines -_nüchternen_ und _standhaften Asketen_, der mit scharfem Blick in die -Welt schaut, zusammenfließen? ... In meinen Träumen habe ich schon mehr -als einmal an jenen zukünftigen Augenblick gedacht, wo mein -_Machtbewußtsein_ übersättigt sein, die >Macht< mir aber immer noch -nicht groß genug erscheinen wird. Dann werde ich -- nicht aus Langeweile -und nicht aus Rührseligkeit oder Überdruß, sondern weil mich nach -_uferlos Größerem verlangen wird_ -- alle meine Millionen den Menschen -hingeben, mag die Gesellschaft meinen ganzen Reichtum verteilen und -verwalten, ich aber -- ich aber tauche wieder hinab und verschwinde -unter den Namenlosen.« Das Bewußtsein, daß Millionen in seinen Händen -waren, und er sie in den Schmutz geworfen hat -- würde ihn wie ein Rabe -in seiner Wüste speisen. »Ja, meine >Idee<,« fährt er fort, »ist die -Festung, in die ich mich jederzeit und unter allen Umständen -zurückziehen und vor allen Menschen verbergen kann, selbst als Bettler. -Das ist nun meine Dichtung! Und wißt, _ich brauche meinen lasterhaften -Willen ganz, -- nur um mir selbst beweisen zu können, daß ich imstande -bin, auf ihn zu verzichten_.« - -Bedurfte nicht ebenso auch Raskolnikoff seines »lasterhaften Willens -_ganz_«? Vergoß er doch nur deshalb das Blut, »um sich selbst zu -beweisen« (»ich mußte so bald als möglich erfahren, ob ich ein -Ungeziefer bin oder ein Mensch«), daß er diesen Willen, dieses »Recht -auf Macht« habe. - -Aber mag auch, ich wiederhole es, die praktische Seite der »Idee« des -Jünglings oder richtiger, seines »Traumes«, kindisch, naiv, sogar -lächerlich sein; mag man in ihr auch noch die ungefestigte Stimme des -fünfzehnjährigen Knaben hören: für uns ist doch nicht die -Verwirklichung, sondern nur die Richtung seiner Gedanken wichtig; -wichtig ist hier nicht die äußere grüne Schale der Frucht, sondern vor -allem gerade die Entstehung jenes Samenkornes, aus dem einst ein neuer -Baum der »Erkenntnis des Guten und Bösen«, und vielleicht auch ein neuer -»Lebensbaum« hervorwachsen wird. - -Und was dabei am bemerkenswertesten ist: die Erwerbung der Macht ist für -ihn nicht Zweck, sondern nur Mittel, ist Weg, vorbereitende »Wüste«, -Heldentat, Prüfung; ist nicht anarchische Zügellosigkeit, sondern die -größte asketische Zügelung des »Fleisches und der Lust«, der größte Sieg -über Fleisch und Lust. Ein »nüchterner und standhafter Asket« soll aus -dieser Prüfung hervorgehen. Er bedarf seines »lasterhaften Willens -_ganz_«, er will nur für sich allein freien Willen, -- für sich, für -sich ganz allein. Aber ist das nun alles, ist das der höchste seiner -Wünsche? Nein, ihn wird »nach uferlos Größerem verlangen«, -- »die Macht -wird ihm immer noch nicht groß genug erscheinen«. - -Und so schenkt er sie den Menschen, verschwendet sie, wirft sie in den -Schmutz, sagt sich los von seinem Willen und geht in eine noch größere -Wüste. Selbstverneinung -- um der Selbstbejahung seiner Persönlichkeit -willen; neue höhere Selbstverneinung -- um neuer, höherer Selbstbejahung -willen; Schritt für Schritt, Stufe nach Stufe auf der unendlichen Leiter -seiner Wünsche, die hinauf zum »unbegrenzten«, letzten Wunsch führt. Es -ist, wenn auch nicht dem Jüngling selbst, so doch uns nur zu klar, daß -jenes Bewußtsein, das ihn in der Wüste wie ein Rabe speisen wird, kein -anderes als ein religiöses Bewußtsein ist, daß hier der Anfang einer -Religion liegt. - -Nun fragt es sich: ist diese Religion derjenigen entgegengesetzt, -welcher der unvermutete Freund und Lehrer des Jünglings angehört, der -rechtmäßige Gatte seiner unrechtmäßigen Mutter, der gewesene Leibeigene -Werssiloffs, der russische Bauer, Gottesgreis und Pilger Makar -Iwanowitsch (das fraglose Vorbild des Staretz Sossima in den »Brüdern -Karamasoff«)? Makar Iwanowitsch errät alles, was in der Seele des -Jünglings vorgeht -- seine Auflehnung, seine Einsamkeit, seinen Haß auf -die Menschen -- und mit wundernehmendem Freisinn verzeiht er ihm alles. -Mit seinem stillen, fast ein wenig verschmitzten Lächeln freut er sich -über den »Jungling«, wie er ihn nennt, und zweifelt keinen Augenblick -daran, daß er, wenn auch auf einem anderen Wege, doch schließlich zu -Gott kommen werde, daß »Gottes Geheimnis« sich früher oder später doch -in diesem sich quälenden Gewissen offenbaren wird: »Und daß die Welt ein -Geheimnis ist, das macht sie ja noch schöner; furchtbar ist es dem -Herzen und wundervoll; und diese Furcht gereicht dem Menschenherzen zur -Freude: >Alles ist in dir, Herr, und auch ich bin in dir, so nimm mich -auf!< Murre nicht, Jungling: um so wundervoller ist es noch, als es ein -Geheimnis ist.« -- »Ich freue mich, daß Sie gekommen sind,« sagt der -Jüngling zum Greis. »Ich habe Sie vielleicht schon lange erwartet. Ich -liebe keinen einzigen von ihnen allen: _sie haben keine Vornehmheit_ -...« Der Greis aber hat sie, das fühlt der Jüngling sofort heraus: hat -eine altertümliche, nicht nur russische, gleichsam byzantinische, an -alte Heiligenbilder gemahnende Schönheit, aber auch eine neue, -zukünftige, vielleicht dieselbe, die der Jüngling sich in dem -»nüchternen und standhaften Asketen« der letzten Macht und Einsamkeit, -der letzten Freiheit, »jenseits von Gut und Böse« vorstellt. - -Das ist der Grund, warum sie sich immer näher treten, sich immer tiefer -gegenseitig verstehen, ganz als glaubten sie schon jetzt an ein und -dasselbe, als hätten sie das gleiche Ziel vor Augen. Und noch kurz vor -dem Tode ruft der Alte seinen »Jungling« zu sich und segnet ihn, als -läge das Zukünftige sichtbar vor ihm: - -»Ich hab' mir vorgenommen, Kinderchen, euch ein paar Wörtchen zu sagen, -es ist nicht viel,« -- fuhr er mit seinem stillen, wundervollen Lächeln, -das ich nie vergessen werde, fort, und plötzlich wandte er sich an mich: - -»Du, Lieber, _eifere für die heilige Kirche, und wenn die Zeit ruft, so -geh auch in den Tod für sie_ -- aber wart doch, erschrick nicht, es ist -ja nicht gleich nötig,« unterbrach er sich lächelnd. »Jetzt denkst du -vielleicht noch nicht daran, später wirst du vielleicht daran denken. -Und dann noch eines: was du auch Gutes zu tun gedenkst, _das tue für -Gott, nicht aber um des Neides willen_. Nun, und das ist auch alles, was -du zu hören brauchst.« Wie es scheint, entscheiden diese »paar Wörtchen« -tatsächlich alles in der Zukunft des Jünglings und vielleicht auch in -der Zukunft Raskolnikoffs: »tue es für Gott, nicht aber um des Neides -willen«. Raskolnikoff tat das, was er tat -- »für sich, für sich -allein«; könnte er hinzufügen »_und für Gott_«, so wäre er gerettet. Das -aber kann er nicht, das wagt er nicht, hinzuzufügen. Gerade Gott hat er -ja vergessen! Er schämt sich und fürchtet sich, an Ihn zu denken. Er hat -nicht nur für sein höheres, fernes, sondern auch für sein niedriges, -nahes Ich »das Blut vergossen«; also doch nicht nur für seinen Gott, wie -dieser Gott auch sein mag, an den er vorläufig noch nicht denkt, dessen -er sich aber einmal wohl erinnern wird, sondern auch »um des Neides -willen«. Nicht große Liebe zu sich selbst, sondern kleiner Neid auf die -Menschen hat ihn ins Verderben gestürzt. Er liebte sich nicht »bis zu -Ende«, nicht bis zu Gott; er liebte sich mit einer ungenügenden, nicht -mit der letzten und äußersten Liebe. Der Jüngling dagegen ist in seiner -Einöde, wo ihn das Bewußtsein der neuen Freiheit »wie ein Rabe speisen« -wird, näher bei Gott. Aber auch in seinem Gedanken an die unsauberen -Rothschildschen Millionen (im Grunde sind sie ja dasselbe wie der rote -Kasten unter dem Bett der alten Wucherin, an den Raskolnikoff denkt, -oder das Kartengeheimnis, das Puschkins Hermann der Pique-Dame entlocken -will), ist noch »Neid«, jedoch bereits weniger versteckter und nicht so -dunkler, nicht so vergifteter und vergiftender Neid wie bei -Raskolnikoff, da der Jüngling offenherziger, kindlicher ist. Dieser -junge Wein wird vielleicht noch gären, lagern und klar werden, und dann -wird der »Jungling« begreifen, was der sonderbare Segen und die -Prophezeiung Makar Iwanowitschs zu bedeuten haben. - -Vorläufig aber erscheint es in der Tat sehr sonderbar: wie? der dem -Geiste, der Idee nach leibhaftige Bruder des Anarchisten und Mörders -Raskolnikoff und aller aufständischen, raubtierhaften, dämonischen -Helden, die nur »für sich allein Willen verlangen«, die ihres -»lasterhaften Willens _ganz_ bedürfen«, -- der wird gesegnet zum Tode -für die »heilige Kirche Christi«, für die soll er eifern? Hat sich der -Greis nicht getäuscht, hat er sich nicht verrechnet? Hat er denn auch -richtig erkannt, »wes Geistes« der Jüngling ist? Übrigens scheint Makar -Iwanowitsch auch diese Zweifel vorauszufühlen. »Wart, erschrick nicht,« -unterbricht er sich mit seinem prophetischen Lächeln, »_jetzt denkst du -vielleicht noch nicht daran, später wirst du vielleicht daran denken_«. -Selbstverständlich denkt der Jüngling vorläufig noch ebensowenig an die -Kirche wie Raskolnikoff. Aber dafür denken späterhin für Raskolnikoff -- -Iwan Karamasoff, und für den Jüngling Aljoscha Karamasoff an die Kirche, -und dieses Nachdenken hat selbst bis zum heutigen Tage noch nicht -aufgehört und wird mit jedem Tage immer tiefer, immer unablässiger und -drängender. Nicht umsonst ist im Jüngling auch schon das neue Gesicht -des »nüchternen und standhaften Asketen«, des Kämpfers oder vielleicht -des Novizen Aljoscha entstanden. Nicht umsonst sucht auch schon dieser -Jüngling nicht nur prometheische, napoleonische, westeuropäische »Macht -und Einsamkeit«, sondern auch russische, autochthone, allerälteste und -allerneueste, zukünftige Schönheit. Und diese Schönheit findet er dann -im Staretz Sossima. Trotz der Träume von den unsauberen Millionen ist -der Jüngling im Herzen rein: er ist fast ein ebenso »Uneigennütziger« -wie Aljoscha Karamasoff; und trotz des Werssiloffschen »bösartigen und -wollüstigen Insekts«, das auch in ihm lebt, ist er ein fast ebenso -unberührter, keuscher Knabe wie Aljoscha; denn auch in diesem ist ein -Werssiloffsches oder Karamasoffsches: »Wir Karamasoffs sind alle so, und -auch in dir, du keuscher Knabe, lebt dieses Insekt und gebiert schon -Stürme in deinem Blut.« Ja, der Jüngling befindet sich auf dem halben -Wege von Raskolnikoff, von Iwan Karamasoff zum »reinen Cherub Aljoscha«. -Auf diesem Wege nun segnet ihn der Greis. Und dieses erste Paar, der -junge Dolgoruki, der gleichfalls Novize sein könnte, und der Greis Makar -Iwanowitsch, ist das Vorbild des zweiten Paares Aljoscha Karamasoff und -Staretz Sossima. - -Nein, Makar Iwanowitsch hat sich nicht geirrt, hat nicht falsch -vorausgesehen: nur vom Gesichtspunkte der ersten Erscheinung des Herrn, -ohne die zweite, die verhießene Wiederkunft, -- d. h. der einen, ersten, -sichtbaren Menschwerdung, ohne die zweite, geheimnisvolle -- also vom -Gesichtspunkte unseres gegenwärtigen, ertötenden, tolstoischen, -buddhistischen Christentums gesehen, scheint es, daß der Greis, der in -seinem Jünger den Fels des persönlichen Prinzips, die uneinnehmbare -Festung der »Einsamkeit und Macht« segnet, damit etwas Christus -Entgegengesetztes, etwas »Antichristliches« gesegnet habe. »Jetzt denkst -du vielleicht noch nicht daran, später wirst du vielleicht daran -denken.« O ja, selbstverständlich wird er später auch noch an vieles -andere denken. »_Vieles noch habe ich euch zu sagen, aber ihr könnet es -jetzt nicht fassen_, wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, kommen -wird, dann wird er euch auch in der Wahrheit unterweisen.« Wie es -scheint, haben Makar Iwanowitsch und der Staretz Sossima es teilweise -bereits »erfaßt«, sind sie teilweise schon »unterwiesen« nicht nur vom -Vater und Sohne, sondern auch vom Geiste der Wahrheit. Man soll die -anderen lieben -- _wie sich selbst_? Aber man soll die anderen nicht für -die anderen lieben, sondern für Gott, _in Gott_: das ist das Gebot -Christi. Doch bevor man die anderen _so_ lieben kann, muß man zuerst -sich selbst nicht für sich selbst, wohl aber für Gott, _in Gott_ lieben, --- sollte das wirklich das Gebot des Antichrist sein? Nein, die anderen -und sich selbst _in Gott_ lieben, ist nicht zweierlei, sondern ist eins. -Mit unendlicher Liebe kann man weder sich selbst noch andere lieben, -- -unendlich kann man nur Unendliches, kann man nur Gott lieben. Unendliche -Liebe zu sich selbst, unendliche Liebe zu anderen ist ein und dieselbe -Liebe zu Gott. Man soll sich anderen hingeben! Aber um sich hinzugeben, -muß man zuerst sich selbst besitzen, sich selbst finden, sich seiner -selbst bemächtigen. Doch wie viele von uns haben sich denn wirklich -gefunden oder sich gar ihrer selbst bemächtigt? Ist die Gabe jener nicht -leichter, als es scheint, die, wenn sie ihren Nächsten alles hingeben, -was sie haben, so gut wie nichts hingeben, da sie so gut wie nichts -haben? Ich soll meine Seele für meinen Bruder hingeben? Aber das heißt -doch, daß ich für meinen Bruder nichts Geringes und nichts Wertloses -hingeben soll, sondern das Größte, das meine Seele nur sein kann. Ich -muß meine Seele nicht nur bis zum Bruder, nein, bis zu Gott muß ich sie -erheben, auf daß meine Gabe Gottes würdig sei, nicht aber ihm etwas -hingeben, was ich selbst nicht brauche, womit ich selbst nichts -anzufangen weiß, -- nicht meine erniedrigte, vernichtete, mir zum -Überdruß gewordene Seele soll ich meinem Gott geben! - -Die »nüchternen, standhaften Asketen« der vergangenen Jahrhunderte, die -besaßen sich in der Tat, die konnten über sich selbst herrschen, die -hatten sich ihrer selbst bemächtigt: wie die Geizigen sammelten sie -sich, entführten sie sich selbst aus der Welt, häuften sie Schätze -geistiger Einsamkeit, Macht, letzter Freiheit auf -- und allein schon -das Bewußtsein dieser Freiheit speiste sie »wie ein Rabe« in der Wüste --- - - »... denn mir genügt - vollauf das Bewußtsein!« - -Auf wolkennahen Gipfeln, in unterirdischen Höhlen lebten sie wie die -Adler, wie die Löwen, wie Raubtiere. Heilige Raubgier, heiliger Geiz war -in ihnen. Nein, die Lehre Christi ist nicht nur die größte -Selbstverneinung, sondern auch die größte Selbstbejahung der -Persönlichkeit, ist nicht nur ewiges Golgatha, ewige Kreuzigung, sondern -auch ewiges Bethlehem, ewige Geburt, Wiedergeburt der Persönlichkeit. -Bis heute haben die Menschen nur die eine Hälfte der Lehre Christi klar -erschaut: die Selbstverneinung; bald wird die Zeit kommen, wo sie -endlich ebenso klar auch die andere Hälfte dieser Lehre erblicken -werden, hinter dem ersten, bereits erschienenen Antlitz des Herrn -- das -zweite, verborgene, hinter dem Antlitz der »Taubeneinfalt« -- das -Antlitz der »Schlangenweisheit«, hinter dem Gesicht der Sklaverei und -Demut -- das Antlitz der Kraft und Größe. Bis jetzt hat dieses zweite -Angesicht entweder erschreckt oder -- in Versuchung gebracht. So -erschrak vor unseren Augen Leo Tolstoi, so ließ Nietzsche sich -verführen: beide hielten sie, von den entgegengesetztesten -Gesichtspunkten aus, das zweite Angesicht Christi für das Angesicht des -Antichrist. »Aber wart doch, erschrick nicht,« unterbricht sich der -Greis mit seinem furchtlosen Lächeln. - -»_Über ein kleines, so werdet ihr mich nicht sehen, und wieder über ein -kleines werdet ihr mich sehen._« Da sprachen etliche von seinen Jüngern -untereinander: Was ist das, was er zu uns sagt: >Über ein kleines, so -werdet ihr mich nicht sehen, und wieder über ein kleines werdet ihr mich -sehen< ... Da sprachen sie: Was ist das, das er sagt, über ein kleines? -Wir wissen nicht, was er redet. Auch seine Jünger ließen sich anfechten, -auch sie erschraken. Und es ist ja wahr: wieviel Rätsel gibt es, wieviel -Anfechtungen! Sind ihrer nicht gar zu viele? Gibt es überhaupt eine -Religion mit größeren Rätseln und Versuchungen? »Anfechtung muß in der -Welt sein, doch wehe dem, durch den sie in die Welt kommt.« -- »Selig, -wer nicht an mir zweifelt.« -- Schwer ist es, nicht an ihm zu zweifeln, -fast ist es sogar unmöglich, besonders in unserer Zeit, da diese -allerrätselhafteste und verführerischeste seiner Prophezeiungen anfängt, -in Erfüllung zu gehen: »Über ein kleines, so werdet ihr mich nicht -sehen«, und »wieder über ein kleines werdet ihr mich sehen«. So ist es -ja in der Tat: _schon_ sehen wir ihn nicht mehr, und »_wieder_« haben -wir ihn _noch_ nicht gesehen. Was ist das, das er zu uns sagt: »wieder?« -Wir wissen nicht, was er redet. Makar Iwanowitsch aber und der Staretz -Sossima und teilweise vielleicht auch Dostojewski selbst -- wissen es -schon: sie haben ihn _schon_ »wieder« gesehen. - - Dmitri Mereschkowski. - - - - - Vorbemerkung - - -Der Roman »Der Jüngling« ist im Jahre 1875 erschienen, steht also in der -Reihenfolge der fünf großen Romane Dostojewskis zwischen den »Dämonen« -und den »Brüdern Karamasoff«. Schon während der Arbeit an diesem Roman -hatte Dostojewski in seinen Aufsätzen, die er in den Jahren 1873--74 -unter dem Titel »Tagebuch eines Schriftstellers« zunächst im »Bürger«, -und vom Jahre 1876 an als selbständige Monatsschrift erscheinen ließ, zu -Tagesfragen Stellung genommen und eine Tätigkeit eröffnet, mit der er -unmittelbar erzieherisch wirkte. Dieselben Ideen, die er seinen Romanen -zugrunde legte, kehrten in diesen Aufsätzen wieder, und umgekehrt finden -wir, daß er sich in seinen Aufsätzen mit einzelnen Ideen seiner Romane -beschäftigte. So kam er auf das Thema des »Jünglings«, insofern es das -Thema der russischen Familie ist, in seinem »Tagebuch eines -Schriftstellers« immer wieder zu sprechen. Es sind Ausführungen, die -sich mit einer Äußerung Dostojewskis am Schluß dieses Romans begegnen, -wo er den Begriff einer »zufälligen Familie« aufstellt. Im Roman selbst -hat er diesen Ausdruck nicht weiter erläutert. Die Tagebuchstellen -handeln von der russischen Familie, als einer zufälligen Familie, -weshalb sie hier mitgeteilt sein mögen: - -»Noch nie hat es in unserem russischen Leben eine Zeit gegeben, in der -die russische Familie so zerrüttet, zersetzt und ungeordnet gewesen ist -wie jetzt. Wo findet man heutzutage noch eine Kindheit und Jugend, die -in einer so einheitlichen, ruhigen und klaren Darstellung wiedergegeben -werden könnte, wie z. B. Graf Leo Tolstoi uns _seine_ Jugendzeit und -sein Elternhaus in der Erzählung >Kindheit und Jugend< und in >Krieg und -Frieden< geschildert hat? Alle diese Werke sind heute nur noch -historische Bilder aus einer längst vergangenen Zeit. Oh, ich will damit -durchaus nicht sagen, daß es schöne Bilder wären, ich wünsche auch -keineswegs ihre Wiederholung in unserer Zeit, nicht davon rede ich. Ich -spreche nur von ihrem Charakter, von der Vollendung, Ausgesprochenheit -und Bestimmtheit ihres Charakters ... Heutzutage gibt es das nicht: Es -gibt keine Bestimmtheit, es gibt keine Klarheit. Die russische Familie -von heute wird immer mehr zu einer _zufälligen Familie_. Ihre alte Form -hat sie verloren, und zwar ganz plötzlich, ohne daß es vorherzusehen -gewesen wäre; die neue Form aber -- ja, da fragt es sich nun: wird -unsere Familie imstande sein, sich eine neue, wünschenswerte, das -russische Herz befriedigende Form zu schaffen? Sagen doch schon manche -und sogar sehr ernste Leute, daß es eine russische >Familie< jetzt -überhaupt nicht mehr gäbe. Natürlich ist damit nur die Familie der -russischen Intelligenz gemeint, d. h. der höheren Kreise, nicht des -Volkes. Aber wie, ist denn im Volk die Familie heute nicht auch eine ->Frage<?« ... »Worin besteht nun diese >Zufälligkeit<, was verstehe ich -darunter? Die >Zufälligkeit< der russischen Familie besteht, meiner -Meinung nach, darin, daß die russischen Väter von heute jede -gemeinschaftliche Idee in ihrem Verhältnis zu ihrer Familie eingebüßt -haben. Es fehlt eine allen Vätern eigene, sie untereinander verbindende -Idee, an die sie selbst glauben, und die sie ihren Kindern als -Glaubensbekenntnis fürs ganze Leben hinterlassen könnten. Wohlgemerkt: -diese Idee, dieser Glaube wäre -- selbst wenn er fehlerhaft ist, so daß -die fähigeren Kinder sich in der Folge von ihm lossagen oder ihn -wenigstens für ihre Kinder umändern müßten -- so wäre doch schon das -bloße Vorhandensein dieses Glaubens oder dieser gemeinsamen, die -Gesellschaft und die Familie verbindenden Idee immerhin der Anfang einer -Ordnung, d. h. einer sittlichen Ordnung, die natürlich der Veränderung, -sagen wir meinetwegen, dem Fortschritt, der Verbesserung unterworfen -wäre -- jedenfalls der Ordnung. Statt dessen kann man heute nur -Folgendes beobachten: erstens, eine ausnahmslose Verneinung des Früheren -(also doch nur etwas Negatives und nichts Positives); zweitens, -Versuche, etwas Positives zu sagen, aber nichts Gemeinsames und -Verbindendes, -- Versuche ohne Erfahrung, ohne Praxis, ja sogar ohne -vollen Glauben an sie auf seiten der Versuchenden selbst. Diese Versuche -können manchmal sogar von einem prachtvollen Grundsatz ausgehen, aber -sie werden nicht durchgehalten, sie bleiben unausgetragen; manchmal sind -sie auch ganz unsinnig, so die Erlaubnis alles dessen, was früher -verboten war, nach dem Grundsatz, daß alles Alte dumm sei. Und -schließlich drittens: schlaffe und faule, egoistische Väter, die nur an -sich und den Augenblick, nicht an die Kinder und deren Zukunft denken. -So ist denn das Endergebnis -- Unordnung, Zerstückelung und eben diese ->_Zufälligkeit_< der russischen Familie, von der ich sprach.« - - E. K. R. - - - - - Verzeichnis der Hauptpersonen - - - _Andreí Petrówitsch Werssíloff_ -- russischer Edelmann. - Andreí Andréjewitsch Werssíloff, Leutnant } seine ehelichen - Anna Andréjewna Werssíloff } Kinder. - _Arkádi Makárowitsch Dolgorúki_, der } seine - Jüngling } unehelichen - Lísa Makárowna Dolgorúki } Kinder. - Frau Ssófja Andréjewna Dolgorúki -- die Mutter der unehelichen - Kinder Werssíloffs. - Makár Iwánowitsch Dolgorúki -- ihr rechtmäßiger Mann, ein - ehemaliger Leibeigener Werssíloffs. - Fürst Nikolaí Iwánowitsch Ssokólski -- ein früherer Freund - Werssíloffs. - Katerína Nikolájewna Achmákoff -- die junge Witwe des Generals - Achmákoff und die einzige Tochter des Fürsten N. I. Ssokólski. - Lydia Achmákoff -- ihre verstorbene Stieftochter. - Tatjána Páwlowna Prútkoff -- eine entfernte Verwandte Werssíloffs. - Fürst Ssergeí Petrówitsch Ssokólski -- genannt »Fürst Sserjósha«, - Leutnant in einem Garderegiment, ein entfernter Verwandter - des alten Fürsten N. I. Ssokólski. - Dárja Oníssimowna -- eine Witwe aus der Provinz. - Ólä -- ihre Tochter. - Andrónikoff -- ehemals ein guter Bekannter Werssíloffs und des - alten Fürsten N. I. Ssokólski. - Márja Iwánowna -- Andronikoffs Nichte, bei der der Jüngling - als Gymnasiast in Moskau in Pension gelebt hat. - Nikolaí Ssemjónowitsch -- ihr Mann. - Jefím Swerjóff } - Dergatschóff } _Bekannte_ - Wássín } _des_ - Stebelkóff } »_Jünglings_« - Tríschátoff u. a. } - - - - - Erster Teil - - - Erstes Kapitel. - - - I. - -Nun habe ich mich doch nicht bezwingen können und mich hingesetzt, um -die Geschichte meiner ersten selbständigen Schritte niederzuschreiben -- -obwohl ich das eigentlich auch unterlassen könnte ... Eines aber weiß -ich genau: meine ganze Lebensgeschichte würde ich niemals schreiben, und -sollte ich auch hundert Jahre alt werden. Da muß man denn doch gar zu -erbärmlich in die eigene Person verliebt sein, um ohne sich vor sich -selbst zu schämen, über sich selbst schreiben zu können. Was mich -diesmal noch entschuldigt, ist ja nur, daß ich nicht aus dem Grunde -schreibe, der alle anderen zum Schreiben veranlaßt, das heißt, ich -schreibe nicht, um vom Leser bewundert zu werden. Wenn es mir trotzdem -in den Sinn gekommen ist, alles wortgetreu aufzuzeichnen, was ich in -diesem letzten Jahr erlebt habe, so ist das aus einem inneren Bedürfnis -heraus geschehen: einen so großen Eindruck haben diese Erlebnisse auf -mich gemacht. Ich will nur die Ereignisse wiedergeben, Beiläufiges aber -nach Möglichkeit übergehen, und vor allem die üblichen literarischen -Verzierungen und Einleitungen vermeiden. Ein Literat schreibt mitunter -ganze dreißig Jahre lang in einem Strich, zu guter Letzt aber weiß er -oft selbst nicht, was er nun eigentlich so lange geschrieben hat. Ich -dagegen bin kein Literat und möchte auch gar keiner sein; ja, ich würde -es geradezu für eine Geschmacklosigkeit halten, das Innerste meiner -Seele und eine schöne Schilderung meiner Gefühle auf ihren -Literaturmarkt zu schleppen. Nur habe ich zu meinem Ärger so eine -Vorahnung, als ob man ganz ohne Gefühlsschilderungen und Betrachtungen -(vielleicht sogar recht abgeschmackte Betrachtungen) doch nicht gut -auskommen könne: dermaßen verderblich wirkt jede literarische Betätigung -auf den Menschen, auch wenn er ausschließlich für sich selbst schreibt. -Nun werden meine Betrachtungen vielleicht sogar sehr trivial erscheinen; -denn es ist leicht möglich, daß andere gerade das völlig wertlos finden, -was man selbst am höchsten schätzt. Aber genug davon. Da habe ich also -doch eine regelrechte Vorrede geschrieben. Weiteres von dieser Art soll -es nun wirklich nicht mehr geben. Jetzt fange ich endgültig meine -Geschichte an, obschon nichts so schwierig ist, wie eine Sache -anzufangen, vielleicht sogar überhaupt etwas in der Welt anzufangen. - - - II. - -Ich beginne, das heißt, ich wollte mit dem neunzehnten September des -vorigen Jahres beginnen, also genau mit dem Tage meiner ersten Begegnung -mit ... - -Aber so ohne weiteres zu sagen, wem ich damals begegnet bin, noch bevor -man das geringste weiß, wäre dumm. Ja, dieser ganze Ton scheint dumm zu -sein. Ich habe mir doch geschworen, alle literarischen Albernheiten zu -vermeiden, und nun habe ich von der ersten Zeile an überhaupt nichts -anderes geschrieben. Außerdem scheint mir jetzt, daß der Wunsch allein, -vernünftig zu schreiben, noch nicht genügt, um es zu können. Ich möchte -auch bemerken, daß in keiner europäischen Sprache das Schreiben so -schwierig ist wie in der russischen. Wenigstens muß ich mir jetzt -gestehen, nachdem ich das soeben Geschriebene überlesen habe, daß ich -viel klüger bin, als das hier Geschriebene vermuten läßt. Woher kommt es -nur, daß bei einem klugen Menschen das von ihm Ausgesprochene so viel -dümmer erscheint als das, was unausgesprochen in ihm zurückbleibt? Diese -Beobachtung habe ich an mir auch in meinem mündlichen Verkehr mit -Menschen des öfteren gemacht und mich deshalb in diesem ganzen -verhängnisvollen letzten Jahr nicht wenig gequält und geärgert. - -Aber wenn ich nun einmal mit dem neunzehnten September beginnen will, -muß ich vorher doch wenigstens kurz erklären, wer ich bin, wo ich gelebt -habe, und wie es am Morgen jenes neunzehnten September in meinem Kopf -ungefähr aussah, damit das Folgende dem möglichen Leser und vielleicht -auch mir selbst verständlicher werde. - - - III. - -Ich bin -- ein Gymnasiast, der sein Abiturium bestanden hat und jetzt -einundzwanzig Jahre zählt. Ich trage den Namen Dolgoruki; denn mein -gesetzmäßiger Vater ist Makar Iwanoff Dolgoruki, ein ehemaliger Hofbauer -des Adelsgeschlechts der Werssiloff. So bin ich denn nach dem Gesetz ein -legitimer Sohn, während ich in Wirklichkeit ein höchst illegitimer bin -und meine uneheliche Herkunft nicht dem geringsten Zweifel unterliegt. -Die Sache verhält sich so: - -Vor zweiundzwanzig Jahren besuchte der Gutsbesitzer Werssiloff (mein -natürlicher Vater) wieder einmal sein Stammgut im Gouvernement Tula. Ich -vermute, daß er damals als fünfundzwanzigjähriger junger Mann noch etwas -recht Unpersönliches war. Es ist gewiß nicht bedeutungslos, daß dieser -Mensch, der auf mich schon in der Kindheit einen so mächtigen Eindruck -gemacht und auf meine ganze innere Entwicklung einen so ungeheuren -Einfluß gehabt hat -- einen Einfluß, der vielleicht in meinem ganzen -Leben weiterwirken wird -- daß dieser Mensch mir auch heute noch in -vielen Dingen ein vollständiges Rätsel ist. Doch davon später. Das läßt -sich nicht gleich so erzählen. Von diesem Menschen wird ja ohnehin in -meinen Aufzeichnungen schon genug die Rede sein. - -Damals, also in seinem fünfundzwanzigsten Lebensjahr, hatte er gerade -seine Frau verloren. Sie war aus vornehmer Familie, aber nicht sehr -reich gewesen, eine geborene Fanariotoff, und hatte ihm einen Sohn und -eine Tochter geschenkt. Leider habe ich nur sehr wenig Näheres über -diese seine erste Frau erfahren können, und selbst dies wenige ist nicht -ganz verbürgt. Auch aus dem Privatleben Werssiloffs ist mir vieles -unbekannt oder wenigstens unerklärlich geblieben, so stolz, unnahbar, -verschlossen und doch wiederum nachlässig war er im Verkehr mit mir, -obschon er sich mitunter geradezu wie mit einer inneren Demut zu mir -verhielt, die mich jedesmal stutzig machte. Einstweilen aber will ich -doch vorausschicken -- gewissermaßen als Charakteristikum --, daß er in -seinem Leben drei Vermögen durchgebracht hat, und sogar recht -bedeutende, so einige viermalhunderttausend Rubel, vielleicht aber noch -viel mehr. Augenblicklich hat er selbstverständlich nichts. - -Auf sein Gut war er damals »Gott weiß warum« gekommen, wenigstens -drückte er sich auf meine Frage hin so aus. Seine kleinen Kinder brachte -er nicht mit, er ließ sie bei Verwandten: so pflegte er sein Leben lang -mit seinen Kindern umzugehen, sowohl mit den ehelichen wie mit den -unehelichen. Das Hofgesinde auf dem Gut war überaus zahlreich, und zu -diesem gehörte auch der Gärtner Makar Iwanoff Dolgoruki. Ich will hier -gleich bemerken, um es ein für allemal abzutun, daß wohl selten jemand -sich zeitlebens dermaßen über seinen Familiennamen geärgert hat, wie ich -mich über den meinigen, von Kindesbeinen an. Das war selbstverständlich -dumm von mir, doch ist es nichtsdestoweniger Tatsache. Jedesmal, wenn -ich z. B. irgendwo eintrat, in eine Schule etwa, oder wenn ich mit -Leuten zusammenkam, denen ich als kleiner Junge oder Halbwüchsling -antworten mußte, ob ich wollte oder nicht, kurz, jeder letzte Schul- -oder Privatlehrer, Gymnasialinspektor oder Pope -- ein jeder, wirklich -ein jeder, der auf die Frage nach meinem Namen gehört hatte, daß ich -Dolgoruki hieß, hielt es für unbedingt notwendig, zu fragen: - -»_Fürst_ Dolgoruki?«[1] - -Und jedesmal mußte ich jedem dieser müßigen Leute erklären: - -»Nein, _einfach_ Dolgoruki.« - -Dieses »einfach« drohte schließlich, mich einfach um meinen Verstand zu -bringen. Übrigens verdient es gewissermaßen als Phänomen erwähnt zu -werden, daß ich mich tatsächlich keines einzigen Menschen entsinne, der -nicht so gefragt hätte, kein einziger machte eine Ausnahme! Viele -interessierte diese Feststellung offenbar überhaupt nicht, es lag ihnen -nichts an der Antwort, und ich begreife wirklich nicht, zu welch einer -Teufelei sie auch nur einen von ihnen hätte interessieren sollen! Aber -sie fragten alle, alle ohne Ausnahme. Und wenn ich dann gesagt hatte, -daß ich _einfach_ Dolgoruki hieße, maß mich der Betreffende gewöhnlich -mit einem stumpfen, dumm-gleichgültigen Blick (der mir nur bestätigte, -daß er selbst nicht wußte, wozu er gefragt hatte) und wandte sich von -mir ab. Am kränkendsten fragten die Schulkameraden. Wie wird überhaupt -ein Neuling von einem Mitschüler gefragt? Bekanntlich ist der verwirrte, -eingeschüchterte Junge an seinem ersten Schultage -- gleichviel in -welcher Schule -- das allgemeine Opfer: ihm wird verschiedenes befohlen, -er wird geneckt und von allen Seiten unter die Lupe genommen. Und da -pflanzt sich denn ein gesunder, dicker Junge breitspurig vor ihm auf und -betrachtet ihn geraume Zeit mit strengem, hochmütigem Blick: der Neuling -steht vor ihm, schweigt, sieht zu Boden oder zur Seite oder sieht ihn -an, wenn er kein Feigling ist, und wartet, was jetzt wohl geschehen -werde. - -»Wie heißt du?« - -»Dolgoruki.« - -»_Fürst_ Dolgoruki?« - -»Nein, einfach Dolgoruki.« - -»Ah so, einfach! -- Esel!« - -Und er hat recht: es gibt nichts Dümmeres, als Dolgoruki zu heißen, wenn -man nicht auch Fürst ist. Und den Fluch dieser Dummheit muß ich ohne -mein Verschulden ewig mit mir herumschleppen. Später, als es mich doch -zu sehr zu ärgern begann, antwortete ich auf die Frage: - -»Bist du 'n Fürst?« - -jedesmal: - -»Nein, ich bin der Sohn eines Hofbauern, eines ehemaligen Leibeigenen.« - -Und als meine Wut ihren Höhepunkt erreicht hatte, antwortete ich auf die -Frage, ob ich Fürst sei, laut und mit fester Stimme: - -»Nein, ich heiße einfach Dolgoruki und bin der uneheliche Sohn meines -früheren Gutsherrn Werssiloff.« - -Das hatte ich mir in der sechsten Klasse des Gymnasiums ausgedacht, und -wenn ich mich auch bald überzeugte, daß es dumm von mir war, so hörte -ich doch nicht so bald auf, diese Dummheit zu begehen. Ich entsinne mich -noch, wie einer meiner Lehrer -- übrigens war er der einzige -- einmal -von mir sagte, daß ich von der »rachsüchtigen sozialen Idee« erfüllt -sei. Im allgemeinen nahm man aber solche Ausfälle meinerseits mit einer -Nachdenklichkeit auf, in der für mich entschieden etwas Verletzendes -lag. Einmal aber sagte mir ein Mitschüler, einer, der nicht auf den Kopf -gefallen war, doch geschah es nur selten, daß wir ein paar Worte -wechselten, mit seltsam ernstem Gesicht, indem er zur Seite blickte: - -»Solche Gefühle machen Ihnen natürlich nur Ehre, und zweifellos werden -Sie auch alle Ursache haben, darauf stolz zu sein; aber an Ihrer Stelle -würde ich mit einer unehelichen Geburt doch nicht gar so sehr prahlen -... Sie dagegen scheinen sich darüber zu freuen, als wären Sie heute -Geburtstagskind.« - -Seitdem »prahlte« ich nicht mehr mit meiner unehelichen Geburt. - -Wie gesagt, es ist tatsächlich sehr schwer, glaubhaft zu schreiben: da -habe ich nun ganze drei Seiten beschrieben, um zu erzählen, wie ich mich -über meinen Familiennamen geärgert habe, während der Leser sicherlich -schon nach der ersten Seite vermutet haben wird, mein Ärger über meinen -Namen sei nichts anderes gewesen, als der Ärger darüber, daß ich nicht -»Fürst«, sondern »einfach« Dolgoruki heiße. Dies nun zu widerlegen und -womöglich eine Art Rechtfertigung zu versuchen, wäre aber doch zu -erniedrigend für mich! - - - IV. - -Unter dem Hofgesinde, das, wie erwähnt, sehr zahlreich war, befand sich -auch ein junges Mädchen, das kaum sein achtzehntes Lebensjahr erreicht -hatte, als der fünfzigjährige Makar Dolgoruki plötzlich die Absicht -äußerte, dieses Mädchen zu heiraten. Die Ehen des Hofgesindes wurden -früher, zur Zeit der Leibeigenschaft, bekanntlich nur mit Erlaubnis der -Gutsherrschaft geschlossen oder sogar einfach auf deren Befehl. Auf dem -Gute Werssiloffs aber lebte damals als einzige Vertreterin der -Herrschaft nur Tantchen -- d. h. sie ist eigentlich niemandes Tante, nur -wird sie, ich weiß selbst nicht weshalb, schon ihr Leben lang von allen -»Tantchen« genannt, nicht etwa als meine Tante, sondern als Tante -überhaupt, was auch von seiten der Familie Werssiloff geschieht, mit der -sie allerdings so etwas wie entfernt verwandt sein soll. Dieses -»Tantchen« heißt sonst Tatjana Pawlowna Prutkoff, und damals besaß sie -noch in demselben Gouvernement und sogar in demselben Bezirk, in dem -Werssiloffs Stammgut lag, fünfunddreißig Leibeigene. Auf dem Gute -Werssiloffs aber, wo sie als Nachbarin und halbwegs Verwandte zu der -Zeit ständig lebte, war sie -- nun, wohl nicht gerade die Verwalterin -(zum Gut gehörten über fünfhundert Leibeigene), aber doch so etwas wie -eine Aufseherin, und diese Aufsicht soll, wie ich gehört habe, -derjenigen eines studierten Oberverwalters in nichts nachgestanden -haben. Übrigens gehen mich ihre landwirtschaftlichen Kenntnisse nichts -an; ich wollte hier nur sagen, daß diese Tatjana Pawlowna -- ohne jede -Schmeichelei -- ein wirklich edeldenkendes und im übrigen originelles -Wesen ist. Nun, und eben diese Tatjana Pawlowna suchte damals den -finsteren Makar Dolgoruki (er soll damals sehr finster gewesen sein) von -den Heiratsgedanken nicht etwa abzubringen, sondern soll ihm aus einem -unbekannten Grunde sogar noch zugeredet haben. Die achtzehnjährige -Ssofja Andrejewna -- meine Mutter -- war schon seit einigen Jahren -Ganzwaise. Ihr verstorbener Vater, der gleichfalls Hofbauer und dem -Makar Dolgoruki in irgendeiner Sache zu Dank verpflichtet gewesen war, -hatte diesen Makar sein Lebtag sehr geachtet und soll deshalb auf dem -Sterbebett, nur eine Viertelstunde vor seinem Tode (so daß man es zur -Not auch als bewußtloses Irrereden hätte auffassen können, ganz -abgesehen davon, daß er als Leibeigener überhaupt nichts zu bestimmen -hatte) den alten Makar Dolgoruki zu sich gerufen und ihm in Gegenwart -des Geistlichen und aller versammelten Gutsbauern laut und bestimmt, auf -seine zwölfjährige Tochter weisend, gesagt haben: - -»Erzieh sie und nimm sie zum Weibe.« - -Das haben alle gehört. Was nun aber den alten Makar Iwanoff betrifft, so -weiß ich nicht, aus welcher Überlegung er sie dann später geheiratet -hat, ich meine, ob mit Vergnügen oder nur aus Pflichtgefühl. Anzunehmen -ist, daß er sich vollkommen gleichmütig dazu verhielt. Er war ein -Mensch, der sich auch damals schon »hervorzutun« verstand. Ich will -damit nicht sagen, daß er etwa sehr belesen oder sehr bibelkundig -gewesen sei, obschon er die ganze Liturgie auswendig kannte und -namentlich die Heiligenlegenden, diese allerdings, ohne sie selbst -gelesen zu haben. Nein, er war auch nicht einmal ein sogenannter -Bauernräsonnör, sondern einfach ein eigensinniger Charakter, ja, -mitunter sogar gewagt eigensinnig: er redete selbstbewußt, urteilte -unwiderruflich, und führte zum Überfluß ein »ehrsames Leben«, wie er -sich selbst ausdrückte. Ja, so war er zu jener Zeit. Natürlich wurde er -von allen geachtet, doch war er nichtsdestoweniger allen unausstehlich. -Das sollte erst später anders werden, als er sein Pilgerleben begann: -dann sah man in ihm nahezu einen Heiligen oder jedenfalls einen großen -Dulder. - -Über den Charakter meiner Mutter läßt sich nicht viel sagen: bis zu -ihrem achtzehnten Jahr hatte Tatjana Pawlowna sie bei sich behalten, -trotz aller Ratschläge des Verwalters, sie doch nach Moskau zu schicken, -um sie dort etwas lernen zu lassen. Tatjana Pawlowna hatte sie statt -dessen selbst in manchem unterrichtet, im Nähen, im Zuschneiden, wie sie -sich als Mädchen zu benehmen habe, und sogar ein wenig im Lesen. -Schreiben konnte meine Mutter nie so recht. Die Heirat mit Makar Iwanoff -war in ihren Augen eine schon längst beschlossene Sache, und überhaupt -fand sie alles, was mit ihr damals geschah, vortrefflich und sogar -besser, als sie es sich zu wünschen gewußt hätte. Zum Altar ging sie mit -der ruhigsten Miene, die man in einem solchen Fall nur haben kann, so -daß selbst Tatjana Pawlowna sie einen Fisch genannt hat. Dies alles hat -mir Tatjana Pawlowna selbst erzählt. - -Als Werssiloff auf sein Gut kam, war sie gerade erst ein halbes Jahr -verheiratet. - - - V. - -Ich muß vorausschicken, daß ich niemals habe erfahren oder auch nur -erraten können, womit es eigentlich zwischen ihm und meiner Mutter -begonnen hat. Ich bin durchaus zu glauben bereit, daß es, wie er mir in -diesem letzten Jahr einmal gestand -- bis über die Stirn errötend, -obgleich er mit der ungezwungensten und »geistvollsten« Miene davon -sprach --, daß es einen Roman zwischen ihnen überhaupt nicht gegeben -habe, sondern alles einfach »_so_« gekommen sei. Das glaube ich ihm -gern, und gerade dieses Wort und dazu noch in diesem Ton gesagt, wie nur -der Russe es zu sagen pflegt, ist ganz vorzüglich und drückt tatsächlich -alles aus. Nur wollte ich trotzdem wissen, was die eigentliche Ursache -oder Veranlassung gewesen ist. Ich für meine Person hasse alle diese -Abscheulichkeiten, habe sie immer gehaßt, und werde sie mein Leben lang -hassen. Es ist also meinerseits keineswegs etwa schamlose Neugier, wenn -ich das ergründen will. Meine Mutter habe ich erst vor einem Jahr kennen -gelernt, bis dahin hatte ich sie so gut wie überhaupt nicht gesehen: -Schon als kleines Kind war ich bei fremden Menschen untergebracht -worden, da Werssiloff es so bequemer hatte -- worauf ich übrigens noch -später zu sprechen kommen werde. Deshalb kann ich auch nicht wissen, wie -sie zu jener Zeit ausgesehen hat. Wenn sie aber gar nicht so schön -gewesen ist, wodurch hat sie dann einen Menschen wie Werssiloff, und -noch dazu den erst fünfundzwanzigjährigen Werssiloff, zu fesseln -vermocht? Das ist die Frage. Und wichtig ist sie für mich nur deshalb, -weil sie an diesem Menschen noch eine ganz andere Seite ahnen läßt. Nur -deshalb frage ich also, und nicht, wie man glauben könnte, aus -jugendlicher Verderbtheit. Er selbst, dieser finstere und verschlossene -Mensch, sagte mir einmal mit seiner ganzen entzückenden Treuherzigkeit, -die er jedesmal weiß der Teufel woher nahm (gleichsam aus der Tasche), -wenn er sah, daß es anders nicht ging -- ja, er selbst sagte mir, er sei -damals noch ein »ganz dummer junger Hund« gewesen, nicht gerade -sentimental, aber »_so_«, nachdem er »Anton Goremyka«[2] und »Polinka -Ssachs«[3] gelesen, zwei literarische Werke, die einen großen, einen -bildenden und bestimmenden Einfluß auf die bei uns damals heranwachsende -Generation gehabt haben. Er fügte noch hinzu, daß er vielleicht sogar -einzig infolge der Lektüre des »Anton Goremyka« auf sein Gut gekommen -sei -- und zwar fügte er es mit vollkommenem Ernst hinzu! Wie also, auf -welche Weise hatte dann dieser »dumme junge Hund« mit meiner Mutter -anzubändeln vermocht? Ich sage mir soeben, daß, wenn ich auch nur einen -einzigen Leser haben sollte, dieser jetzt sicherlich laut über mich -lachen würde, wie über den lächerlichsten, unerfahrenen Jüngling, der -sich noch seine dumme Unschuld bewahrt hat und sich dabei doch -unterfängt, über Dinge zu reden und zu philosophieren, von denen er -überhaupt nichts versteht. Ja, es ist wahr, ich habe noch keinen Begriff -davon, doch sage ich das jetzt nicht aus Stolz; denn ich weiß ganz gut, -wie maßlos dumm eine solche Unkenntnis an einem einundzwanzigjährigen -Tölpel ist. Nur kann ich diesem verehrten Leser sagen, daß er, wenn er -lacht, dann selbst von manchen Dingen keine Ahnung hat, und ich werde -ihm das beweisen! Es ist wahr: von Frauen weiß ich nichts und will ich -auch nichts wissen; denn ich habe mir das Wort gegeben, mein Leben lang -nichts von ihnen wissen zu wollen. Aber so viel weiß ich doch, daß das -eine Weib durch Schönheit berückt, oder wodurch es da sonst zu berücken -versteht, und zwar sofort, in einem Augenblick; eine andere dagegen muß -man erst ein ganzes Jahr lang kennen lernen, um zu begreifen, was in ihr -ist; und um eine solche ausfindig zu machen und sich in sie zu -verlieben, genügt nicht, daß man bloß zu allem bereit ist, sondern man -muß außerdem noch mit etwas ganz Besonderem begabt sein. Davon bin ich -überzeugt, obschon ich nichts weiß, und wenn dies nicht wahr wäre, müßte -man sofort alle Frauen auf die Stufe der Haustiere herabziehen und sie -nur als solche bei sich halten, was manche vielleicht sogar sehr gern -täten. - -Wie ich aus verschiedenen und glaubwürdigen Quellen weiß, ist meine -Mutter keine Schönheit gewesen, -- ihr Bild aus jenen Jahren, das -irgendwo noch existieren soll, habe ich freilich nicht gesehen. -Jedenfalls konnte man sich nicht auf den ersten Blick in sie verlieben. -Zur gewöhnlichen »Zerstreuung« hätte Werssiloff eine andere wählen -können, eine hübschere, und eine solche soll es damals auf seinem Gute -auch gegeben haben, sogar eine unverheiratete: eine gewisse Anfissa -Ssaposhkoff, die im Herrenhause Stubenmädchen war. Und nicht zu -vergessen: er war obendrein noch unter dem Eindruck der Lektüre des -»Anton Goremyka« in die Heimat gekommen, dann aber auf Grund der -Gutsherrenrechte die Heiligkeit der Ehe zu schänden -- und wenn es sich -auch nur um die Ehe seines Leibeigenen handelte --, gleichviel, das -hätte doch vor dem eigenen Gewissen noch um so beschämender sein müssen! -Wie gesagt, von diesem »Anton Goremyka« hat er vor nicht mehr als ein -paar Monaten, also noch nach mehr als zwanzig Jahren, mit vollkommenem -Ernst gesprochen! Aber diesem Anton wurde ja nur das Pferd fortgenommen, -hier dagegen handelte es sich doch um die Frau! Es muß also etwas -Ungewöhnliches geschehen sein, weshalb denn auch Mademoiselle -Ssaposhkoff verspielte (meiner Meinung nach gewann sie). Ich habe im -Laufe des letzten Jahres mehr als einmal etwas aus ihm herauszubringen -versucht, sobald man nur mit ihm reden konnte (denn nicht allemal konnte -man mit ihm reden), doch ist mir dabei zunächst nur aufgefallen, daß er -sich trotz seiner ganzen gesellschaftlichen Sicherheit und der -inzwischen vergangenen zwanzig Jahre stets ungemein geniert fühlte, -sobald ich darauf zu sprechen kam. Aber ich ließ nicht nach. Und so -erreichte ich wenigstens, daß er einmal in jenem gewissen Ton gereizten -Widerwillens, den er sich oft genug mir gegenüber erlaubte, etwas -seltsam vor sich hinbrummte, meine Mutter sei eine von jenen -_Hilflosen_, jenen gleichsam Verteidigungsunfähigen gewesen, in die man -sich nicht, wie man so sagt, verliebe -- im Gegenteil, durchaus nicht ---, sondern die man plötzlich aus irgendeinem Grunde _bemitleide_, -vielleicht wegen ihrer keuschen Bescheidenheit, oder übrigens, wie soll -man's wissen, weshalb? Den Grund könne man niemals genau angeben, -jedenfalls bemitleide man sie nicht nur für einen kurzen Augenblick; man -bemitleide sie und empfinde sofort Zuneigung zu ihnen ... »Mit einem -Wort, lieber Junge, zuweilen ist es so, daß man sich dann nicht mehr -losreißen kann.« -- Das sind seine eigenen Worte. Und wenn es wirklich -das gewesen ist, so bin ich gezwungen, ihn als Fünfundzwanzigjährigen -durchaus nicht für einen so »dummen jungen Hund« zu halten, wie er -selbst zu jener Zeit gewesen zu sein glaubt. Das ist es, was ich zuvor -feststellen wollte. - -Übrigens begann er gleich darauf, d. h. gleich nach diesem Geständnis, -zu versichern, meine Mutter habe ihn »aus _Unterwürfigkeit_« geliebt. Es -fehlte noch, daß er gesagt hätte »aus Leibeigenschaftsgehorsam«! Das hat -er einfach gelogen, nur weil es sich »schick« anhört, -- gegen sein -Gewissen, gegen Ehre und Anstand gelogen! - -Alles das habe ich natürlich gewissermaßen wie zum Lobe meiner Mutter -hier wiedergegeben, und doch habe ich schon gesagt, daß ich sie in ihren -jüngeren Jahren weder gekannt, noch bis jetzt Genaueres über ihr Wesen -als junges Mädchen in Erfahrung gebracht habe. Im Gegenteil, ich kenne -gerade die ganze Unbesiegbarkeit, die ganze Starrheit der kläglichen -Begriffe jener Umgebung, in der sie aufgewachsen war und mit deren -Anschauungen sie alt geworden ist. Und dennoch geschah das Unglück. -Übrigens habe ich ganz vergessen, von der Tatsache zu reden, wie -gewöhnlich, wenn ich mich in Wolken verliere, während doch das -Geschehnis stets ganz zuerst hervorgehoben werden müßte. Also: es begann -bei ihnen unmittelbar mit dem _Unglück_. (Ich hoffe, der Leser wird sich -nicht so weit verstellen, daß er nicht sofort begreift, was ich meine.) -Kurz, es begann gerade so nach Gutsbesitzerart, ungeachtet dessen, daß -es doch so ganz anders begann und Mademoiselle Ssaposhkoff verschmäht -worden war. Hier muß ich aber auch für mich eintreten und bemerken, daß -ich mir nicht im geringsten widerspreche. Denn, mein Gott, wovon hätte -ein Mensch, wie Werssiloff, mit einer Person wie meine Mutter, selbst im -Fall der unbezwingbarsten Liebe reden können? Ich habe von verderbten -Lebemännern gehört, daß manche Männer bisweilen, wenn sie mit einer Frau -zusammenkommen, vollkommen stumm beginnen, was natürlich der Gipfel -aller Abscheulichkeit und allen Ekels ist. Nichtsdestoweniger hätte -Werssiloff -- selbst wenn er gewollt hätte -- wahrscheinlich überhaupt -nicht anders mit meiner Mutter beginnen können. Er konnte ihr doch nicht -»Polinka Ssachs« erklären! Und übrigens wird es ihnen damals wohl nicht -um russische Literatur zu tun gewesen sein. Im Gegenteil, nach seinen -Worten (er ging einmal ganz zufällig etwas mehr aus sich heraus) haben -sie sich in allen Winkeln versteckt, auf Treppen einander erwartet, ja, -wie Bälle sind sie mit roten Gesichtern zurückgeschnellt, wenn jemand -kam, und der »Tyrann und Gutsherr« hat vor jeder letzten Scheuermagd -gezittert, trotz all seiner Rechte, die er als Herr seiner Leibeigenen -besaß. Aber wenn es auch nach Gutsherrenart begonnen hatte, so endete es -doch ganz anders, das heißt ... aber ich sehe schon, im Grunde läßt sich -doch nichts erklären. Es wird sogar nur noch unverständlicher. Allein -schon die Tragweite, die ihre Liebe gewann, ist und bleibt ein Rätsel; -denn die erste Bedingung solcher Menschen wie Werssiloff ist doch: -sofort zu verlassen, sobald das Ziel erreicht ist. Hier aber geschah -etwas ganz anderes. Mit einem netten, flatterhaften Hofmädel zu sündigen -(meine Mutter gehörte nicht zu diesen), war für einen verderbten »jungen -Hund« (und sie waren alle verderbt, alle ohne Ausnahme, sowohl die -Liberalen als die Konservativen) nicht nur möglich und sozusagen -»erlaubt«, sondern sogar unvermeidlich und selbstverständlich, besonders -wenn man noch seine romantische Stellung als junger Witwer und -Müßiggänger in Betracht zieht; sie aber fürs ganze Leben liebzugewinnen --- das war denn doch zuviel! Ich will nicht dafür einstehen, daß er sie -so lange wirklich geliebt hat, jedenfalls aber hat er sie sein Leben -lang überallhin mit sich herumgeschleppt. - -Ich habe zwar oft genug ganz ohne Umschweife und Rücksicht gefragt, was -ich wissen wollte, die wichtigste Frage aber habe ich doch nicht offen -an meine Mutter zu richten gewagt, obwohl wir uns in diesem letzten Jahr -so nahe getreten sind und ich überdies als roher und undankbarer -Grünschnabel lange Zeit der Meinung war, _sie_, meine Eltern, hätten -_mir_ noch ein Unrecht abzubitten. Deshalb war ich auch im Verkehr mit -meiner Mutter zumeist sehr wenig rücksichtsvoll. Diese Hauptfrage, wie -ich sie nennen möchte, bestand in folgendem: wie hatte sie, sie selbst, -nachdem sie schon ein halbes Jahr in der Ehe gelebt, wie hatte sie, die -an die Heiligkeit der Ehe bis zur Ohnmacht glaubte und ihren Makar -Iwanowitsch nicht weniger als irgendeine Gottheit verehrte, wie hatte -sie trotzdem in kaum zwei Wochen eine solche Sünde begehen können? Sie -war doch kein verderbtes Weib! Im Gegenteil, ich kann ruhig behaupten, -daß es eine reinere Seele, als die meiner Mutter, überhaupt nicht gibt. -Wenigstens ist es schwer, sich etwas noch Reineres, als es meine Mutter -bis zum heutigen Tage ist, auch nur vorzustellen. Erklären könnte man -sich ihren Fehltritt höchstens damit, daß sie ihn nicht bei voller -Besinnung getan, -- jedoch nicht in dem Sinne, wie jetzt die Verteidiger -von ihren Klienten, von Mördern und Dieben, vorgeben, sondern wie im -Bann eines mächtigen, überwältigenden Eindrucks, der bei einer gewissen -Harmlosigkeit des Herzens sich verhängnisvoll und tragisch seines Opfers -bemächtigen kann. Vielleicht hatte sie sich sterblich in ... seinen -Rockschnitt verliebt, oder in seinen Scheitel _à la parisien_{[1]} oder -in seine Aussprache des Französischen -- gerade des Französischen, von -dem sie keinen Ton verstand -- oder in ein Lied, das er einmal gesungen? --- jedenfalls in etwas noch nie Gesehenes, noch nie Gehörtes (er war -übrigens eine sehr schöne Erscheinung) -- und verliebte sich dann mit -eins in den dazugehörenden Menschen, so wie er war, zusammen mit allen -Kleiderschnitten und Liedern? Das soll, wie ich gehört habe, mit den -Hofmädchen zur Zeit der Leibeigenschaft bisweilen geschehen sein, und -zwar gerade mit den keuschesten. Ich kann das sehr gut verstehen, und -ein Schuft ist, wer das im Ernst nur mit der Gewohnheit an -Leibeigenschaftsgehorsam erklären wollte! Folglich aber mußte doch -dieser junge Mann so viel unverfälschte, so echte berückende Macht -besessen haben, daß er ein bis dahin so reines und, was noch mehr sagen -will, ein so anders geartetes Geschöpf, das in einer ganz anderen Welt -aufgewachsen war, zu fesseln und in so offenkundiges Verderben zu ziehen -vermochte. Daß es aber »Verderben« war, das hat, hoffe ich, auch meine -Mutter ihr Leben lang gewußt; höchstens damals, als sie ging, wird sie -nicht an das Verderben gedacht haben. Aber so ist es ja gewöhnlich mit -diesen Schutzlosen: sie wissen ganz genau, daß es ihr Verderben ist, und -dennoch gehen sie! - -Nachdem meine Eltern sich aber vergessen, hatten sie sogleich alles -gebeichtet. Er erzählte mir sogar mit sehr viel Scharfsinn, daß er an -der Schulter Makar Iwanowitschs, den er zu sich ins Kabinett hatte rufen -lassen, geschluchzt habe. Sie aber -- sie lag währenddessen einsam -irgendwo dort in ihrer armseligen Bauernhütte ... - - - VI. - -Doch genug der Fragen und peinlichen Einzelheiten! Werssiloff reiste, -nachdem er meine Mutter von Makar Dolgoruki freigekauft hatte, bald -wieder irgendwohin fort, und seitdem hat er sie fast überallhin -mitgenommen, außer in den wenigen Fällen, wenn er ganz plötzlich -aufbrach und dann gewöhnlich längere Zeit wie verschollen blieb. In -solchen Fällen war jedoch sogleich Tantchen zur Stelle, oder vielmehr -Tatjana Pawlowna Prutkoff, die dann meine Mutter ohne weiteres unter -ihre Obhut nahm. So hatten Werssiloff und meine Mutter in Moskau gelebt, -auf verschiedenen anderen Gütern, in verschiedenen anderen Städten, -sogar im Auslande, und schließlich in Petersburg. Doch von diesem Leben -soll noch später die Rede sein, oder auch nicht, -- wozu schließlich? -Ich will nur sagen, daß ein Jahr nach dem Loskauf meiner Mutter von -ihrem rechtmäßigen Manne ich zur Welt kam, darauf, wieder nach einem -Jahr, meine Schwester, und dann nach zehn oder elf Jahren ein -kränklicher Knabe, mein jüngster Bruder, der aber nur wenige Wochen -lebte. Nach der qualvollen Geburt dieses Kindes war auch die Schönheit -meiner Mutter dahin, wenigstens erzählte man mir so; sie begann zu -altern und zu kränkeln. - -Doch ungeachtet des Loskaufs unterließ Makar Iwanowitsch es nie, »seine -Familie« von Zeit zu Zeit über sein Befinden zu unterrichten, gleichviel -ob »Werssiloffs« von Ort zu Ort reisten oder sich irgendwo auf längere -Zeit niedergelassen hatten. So kam es, daß sich allmählich recht -sonderbare Beziehungen zwischen ihnen herausbildeten, ein Verhältnis, -das zum Teil feierlich und nicht ohne gegenseitige Ehrfurcht war. Wenn -man nun das früher übliche Verhalten der Gutsherren zu ihren Leibeigenen -in Betracht zieht, so hätten solche Beziehungen unfehlbar etwas -Lächerliches annehmen müssen, doch hier war das nicht der Fall. Er -schrieb zweimal jährlich, nicht mehr und nicht weniger, und die Briefe -unterschieden sich kaum voneinander. Ich habe sie gelesen: nicht die -geringste persönliche Note ist in ihnen zu entdecken; sie enthalten nach -Möglichkeit nur feierliche Berichte über die gewöhnlichsten Ereignisse -und dann Bezeugungen der unpersönlichsten Gefühle, wenn man sich so -ausdrücken darf. Zu Anfang immer eine Schilderung des eigenen -Gesundheitszustandes, dann Erkundigungen nach der Gesundheit der -Betreffenden, dann Wünsche, daß es ihnen wohlergehen möge, feierliche -Grüße und feierlichst erteilter Segen -- und das war alles. Gerade in -dieser Unpersönlichkeit scheinen Leute von der Bildungsstufe eines Makar -Iwanowitsch die ganze Wohlanständigkeit und höhere Umgangskunst zu -vermuten. »Unserer liebwerten und ehrsamen Ehefrau Ssofja Andrejewna -unsere untertänigste Verbeugung ...« »Unseren liebwerten Kindern meinen -väterlichen, ewig unerschütterlichen Segen.« Die Kinder wurden alle der -Reihe nach aufgezählt, ich als Ältester an der Spitze. Übrigens war -Makar Iwanowitsch doch klug genug, »Se. Hochgeboren, den ehrenwerten -Herrn Andrei Petrowitsch« (so hieß Werssiloff), nie seinen »Wohltäter« -zu nennen, wie es sonst üblich ist, obschon er ihm unentwegt in jedem -Brief seinen untertänigsten Gruß sandte, ihn für sich um seine -Wohlgeneigtheit bat und für ihn wiederum Gottes Segen herflehte. Die -Antwort auf seine Briefe erhielt Makar Iwanowitsch von meiner Mutter -immer postwendend -- Werssiloff beteiligte sich natürlich nie an dieser -Korrespondenz -- und auch ihre Briefe unterschieden sich fast in nichts -voneinander. Makar Iwanowitsch schrieb aus allen Gegenden Rußlands, bald -aus Städten, bald aus Klöstern, in denen er sich mitunter auf lange Zeit -niederließ. Er führte damals bereits ein Pilgerleben. Niemals bat er um -etwas, dafür aber kam er alle drei Jahre einmal unfehlbar »nach Haus« -und erschien dann regelmäßig bei meiner Mutter, die, wie es sich immer -so traf, ihre eigene Wohnung hatte, getrennt von derjenigen Werssiloffs. -Darauf werde ich übrigens noch später zu sprechen kommen, hier aber will -ich nur bemerken, daß Makar Iwanowitsch es sich dann nicht etwa im -Gastzimmer auf den Sofas bequem machte, sondern bescheidentlich mit -einer Schlafstelle irgendwo hinter einem Bettschirm fürliebnahm. Er -blieb auch nicht lange, gewöhnlich nur fünf Tage, höchstens eine Woche. -Ich habe bisher ganz vergessen zu sagen, daß sein Familienname Dolgoruki -ihm unendlich gefiel und er ihn ungeheuer achtete. Natürlich war das nur -eine lächerliche Dummheit von ihm. Am dümmsten aber war, daß er ihm -gerade deshalb so gefiel, weil es Fürsten dieses Namens gibt. Gott weiß, -wie er zu dieser verdrehten Auffassung gekommen sein mag! - -Wenn ich gesagt habe, daß die ganze »Familie« stets beisammen war, so -war sie das, versteht sich, nur mit Ausnahme meiner Person. Ich war wie -ein Überflüssiger aus dem Nest geworfen: fast schon seit meiner Geburt -hatte man mich bei fremden Menschen untergebracht. Doch lag dieser -Handlungsweise keinerlei besondere Absicht zugrunde, es hatte sich eben -ganz von selbst so gemacht. Als meine Mutter mich geboren hatte, war sie -noch jung und hübsch, und daher brauchte er sie; ein kleiner Schreihals -aber wäre sehr hinderlich gewesen, besonders noch auf Reisen. So ist es -denn gekommen, daß ich meine Mutter vor meiner Übersiedlung nach -Petersburg, also bis zu meinem zwanzigsten Lebensjahr, nur zwei- oder -dreimal ganz flüchtig gesehen habe. Das war freilich nicht auf die -Gefühle meiner Mutter zurückzuführen, sondern auf den Hochmut -Werssiloffs den Menschen gegenüber. - - - VII. - -Jetzt von etwas ganz anderem. - -Einen Monat vorher, d. h. einen Monat vor jenem neunzehnten September, -beschloß ich damals in Moskau, mich endgültig von ihnen allen loszusagen -und hinfort nur noch meiner Idee zu leben, d. h. restlos in ihr -aufzugehen. Ich sage und schreibe es auch so hin: »restlos in ihr -aufzugehen«; denn dieser Ausdruck deckt sich am besten mit meinem -Hauptgedanken -- eben mit der Idee, für die allein ich auf Erden leben -will. Was das für eine »Idee« ist, das werde ich später noch ausführlich -erklären. In der jahrelangen verträumten und verschwärmten Einsamkeit -meines Moskauer Lebens hatte sie sich langsam entwickelt, dann aber, in -der sechsten Klasse des Gymnasiums, hatte sie fast plötzlich von mir -vollständig Besitz ergriffen und mich dann vielleicht keinen einzigen -Augenblick mehr verlassen. Es war seitdem, als habe diese Idee mein -ganzes Leben verschlungen. Auch vorher schon hatte ich mehr in Träumen -als in der Wirklichkeit gelebt, ja eigentlich hatte ich schon von -Kindheit an mein Leben in einer Traumwelt zugebracht, in einer Traumwelt -von jener bewußten Art. Doch mit der Entstehung dieser größten und alles -übrige in mir verschlingenden Idee wurden auch meine Träume bestimmter, -gewannen sie feste Umrisse und feste Gestalt: aus kindisch dummen -Phantastereien wurden fast über Nacht vernünftige Zukunftspläne. Die -Schule hatte das Träumen nicht verhindert, so konnte sie auch meiner -»Idee« nichts anhaben. Übrigens will ich hier doch bemerken, daß ich das -Gymnasium im letzten Jahr als schlechter Schüler beendete, während ich -bis dahin immer einer der ersten gewesen war, und schuld daran war -natürlich nichts anderes als diese Idee, infolge eines (vielleicht -falschen) Schlusses, den ich aus ihr gezogen hatte. So war denn nicht -das Gymnasium ein Hindernis für die Idee, sondern umgekehrt, die Idee -ein Hindernis für das Gymnasium. Und ebenso verhinderte sie das weitere -Studium, ich meine den Besuch einer Universität. Nach dem Abiturium -beabsichtigte ich, nicht nur unverzüglich mit allen Verwandten zu -brechen, sondern falls nötig auch mit der ganzen Welt -- und das, -obschon ich damals erst zwanzig Jahre alt war. So schrieb ich nach -Petersburg, daß man mich hinfort in Ruhe lassen, kein Geld mehr zu -meinem Unterhalt senden, und mich, wenn möglich, vollständig vergessen -solle (letzteres, versteht sich, falls man sich meiner überhaupt noch -erinnerte). Und zum Schluß erklärte ich unumwunden, die Universität »um -keinen Preis« besuchen zu wollen. Sah ich mich doch damals vor ein -unvermeidliches Dilemma gestellt: entweder verzichtete ich auf die -Universität und die Weiterbildung, oder ich schob die Umsetzung der Idee -in die Tat noch auf ganze vier Jahre hinaus. Furchtlos und ohne zu -zögern entschied ich mich für die Idee und gab das Studium auf, zumal -ich alles schon mathematisch berechnet hatte und vom Erfolg überzeugt -war. - -Auf meinen Brief erhielt ich eine Antwort von Werssiloff, meinem -natürlichen Vater, den ich bis dahin bloß einmal, und auch da nur einen -Augenblick lang gesehen hatte (und doch hatte er, so kurz der Augenblick -auch war, einen mächtigen, ja bestrickenden Eindruck auf mich gemacht). -Er antwortete auf meinen Brief, der übrigens gar nicht an ihn gerichtet -gewesen war, mit einem eigenhändigen Schreiben, in dem er mich nach -Petersburg zu kommen aufforderte und mir daselbst eine private -Anstellung versprach. - -Eine solche Aufforderung von diesem verschlossenen, stolzen Menschen, -der sich so hochmütig und nachlässig zu mir verhalten und sich bis -dahin, nachdem er mich gezeugt und dann unbekümmert unter fremden Leuten -meinem Schicksal überlassen hatte, der mich nicht nur nicht kannte, -sondern sein Verhalten zu mir nicht einmal bereute (vielleicht aber, wer -kann's wissen, hatte er von meinem ganzen Dasein kaum mehr als eine -dunkle und jedenfalls ungenaue Vorstellung; denn, wie es sich später -herausstellte, hatte nicht er für meinen Unterhalt in Moskau gezahlt, -sondern auch das war von anderer Seite geschehen), -- ja, die -Aufforderung dieses Menschen, sage ich, der sich so plötzlich meiner -erinnerte und mich eines eigenhändigen Schreibens würdigte, -- diese -Aufforderung verführte mich und entschied mein Schicksal. Unter anderem -gefiel mir sein Brief (eine einzige Seite kleinen Formats) auch deshalb, -weil er in ihm mit keinem Wort vom Studium sprach: weder bat er mich, -meinen Entschluß zu ändern, noch machte er mir deshalb einen Vorwurf, -- -kurz, er kam mir mit keiner einzigen der in solchen Fällen üblichen -elterlichen Redensarten. Und eben das gefiel mir, obschon es, genau -genommen, gerade kein hübscher Zug von ihm war, da dieses Verhalten noch -deutlicher seine Gleichgültigkeit mir gegenüber bewies. Ich entschloß -mich aber auch noch aus dem Grunde zur Fahrt, weil dieser »Abstecher« -meiner Idee und ihrer Ausführung schließlich nichts anhaben konnte. »Ich -kann mir ja die Geschichte dort mal ansehen,« philosophierte ich, -»jedenfalls aber bleibe ich nur für einige Zeit bei ihnen, vielleicht -nur für die allerkürzeste. Sollte ich jedoch sehen, daß dieser Schritt, -so bedingt und klein er auch ist, mich dennoch von meinem Hauptziel -ablenken könnte, so breche ich unverzüglich mit allen, soviel ihrer dort -sind, lasse alles liegen und ziehe mich sofort zurück in mein Gehäuse. -Ja, gerade in mein >Gehäuse<! Ich verkrieche mich in ihm wie eine -Schnecke, verstecke mich wie eine Schildkröte in ihrer Schale.« Dieser -Vergleich gefiel mir sehr. »Ich werde nicht allein sein,« fuhr ich in -Gedanken fort, während ich die letzten Tage in Moskau wie in einem -Rausch umherging, »jetzt werde ich niemals mehr allein sein, wie bisher -alle die langen entsetzlichen Jahre. Jetzt habe ich meine Idee, von der -ich nie mehr lassen werde, selbst dann nicht, wenn sie mir dort auch -alle, Gott weiß wie sehr, gefallen, mich vielleicht relativ sogar -glücklich machen sollten, und ich womöglich ganze zehn Jahre bei ihnen -verbliebe!« Eben diese Überzeugung aber war es, die in meine Pläne und -Ziele einen Zwiespalt brachte und mich die ganze Zeit über in Petersburg -unfrei machte (denn ich weiß wirklich nicht, ob ich in Petersburg auch -nur einen einzigen Tag erlebt habe, an dem ich nicht an meine Idee -gedacht und nicht den nächsten Tag als meinen letzten Termin festgesetzt -hätte, um mit allen zu brechen und fortzugehen). Und dieser Zwiespalt -war, glaube ich, die Hauptursache oder zum mindesten eine von den -Hauptursachen, warum ich im Laufe dieses Jahres so viele -Unvorsichtigkeiten, so viele Häßlichkeiten, ja sogar Niedrigkeiten und, -versteht sich, auch unzählige Dummheiten begangen habe. - -Natürlich, wie hätte es anders sein sollen: ich bekam plötzlich einen -Vater, etwas, was ich bis dahin noch nie besessen! Dieses Geschenk -berauschte mich, der Gedanke daran verdrängte während der -Reisevorbereitungen und der Fahrt fast alle anderen Gedanken. Das heißt, -daß er mein »Vater« war, bedeutete für mich eigentlich noch nicht einmal -so viel; denn ich bin kein Freund von Zärtlichkeiten; aber dieser Mensch -hatte mich nicht kennen wollen und sich so ohne jede Achtung zu mir -verhalten, während ich mich von Kindheit an mit allen Fibern, allen -Gedanken und Träumen gleichsam an ihn festgesogen hatte (wenn man sich -im übertragenen Sinne so ausdrücken darf). Jeder meiner Träume hatte, so -weit ich zurückdenken kann, mit ihm in Zusammenhang gestanden, sich -gewöhnlich nur mit ihm beschäftigt, oder war wenigstens im Endergebnis -auf ihn hinausgelaufen. Ich weiß nicht, liebte ich ihn, oder haßte ich -ihn? -- ich weiß nur, daß alle meine Zukunftspläne und Träume nur um ihn -kreisten, er war der Mittelpunkt des ganzen Lebens, das noch vor mir -lag, -- und das hatte sich ganz von selbst so gemacht, das war mit -meiner Entwicklung Schritt für Schritt mitgegangen. - -Zu meinem Entschluß, der Aufforderung nach Petersburg Folge zu leisten, -trug auch noch ein mächtiger Umstand bei, der durch einen gewissen -verlockenden Reiz vielleicht sogar zum ausschlaggebenden für mich wurde. -Das war etwas, was mein Herz schon ganze drei Monate vor meiner Abreise -aus Moskau (als von Petersburg noch gar keine Rede war) schneller hatte -schlagen lassen: es zog mich in jenen unbekannten Ozean namentlich -deshalb so mächtig hinein, weil ich sogleich als Herrscher und Herr -sogar über fremde Schicksale -- und noch wessen Schicksale! -- dort -auftreten konnte. Aber es waren nur großmütige und nicht despotische -Gefühle, die in mir kochten, -- das sei hier vorausgeschickt, damit man -aus meinen Worten keine falschen Schlüsse ziehe. Dachte doch Werssiloff -gewiß nichts anderes von mir (d. h. wenn er mich überhaupt dessen -würdigte, sich über mich ein paar Gedanken zu machen), daß da nun ein -kleiner Knabe angereist kommen werde, ein Gymnasiast, ein grüner -Jüngling, der beim Anblick dieser ihm neuen Welt die Augen vor -Verwunderung weiß Gott wie weit aufreißen werde. Ich aber kannte -indessen schon sein größtes Geheimnis und hatte ein Dokument in Händen, -für das er (jetzt weiß ich es und kann es mit der größten Sicherheit -behaupten) damals, gerade damals, mehrere Jahre seines Lebens hingegeben -haben würde, wenn ich ihm nur für diesen Preis das Dokument ausgeliefert -hätte. Übrigens sehe ich soeben, daß ich hier in Rätseln rede, während -doch in erster Linie Tatsachen vonnöten sind. Ohne Tatsachen lassen sich -Gefühle nicht beschreiben, wenigstens nicht so, daß ein anderer sie -nachfühlen könnte. Zudem wird von diesen meinen Empfindungen noch genug -die Rede sein -- habe ich doch nur deshalb zu schreiben angefangen, um -auch mir selbst Klarheit zu verschaffen. So aber, so ohne Anhaltspunkte -zu schreiben -- da gleicht das Geschriebene Fiebertraumgesichten oder -Wolken. - - - VIII. - -Doch um endlich zu jenem neunzehnten September zu kommen, will ich -vorher nur noch kurz erwähnen, daß ich sie alle, d. h. Werssiloff, meine -Mutter und meine Schwester (letztere sah ich, nebenbei bemerkt, zum -erstenmal im Leben) in den bedrängtesten Verhältnissen, fast gänzlich -mittellos oder sogar buchstäblich vor der Bettelarmut antraf. Ich hatte -davon schon in Moskau gehört, aber das, was ich dann vorfand, hatte ich -doch nicht erwartet. Schon von Kindheit an war ich gewöhnt, diesen -Menschen, diesen meinen »zukünftigen Vater« mir geradezu in einem -Glorienschein vorzustellen; ich konnte ihn mir überhaupt nicht anders -denken, als überall auf dem ersten Platz. Werssiloff hatte mit meiner -Mutter bis dahin noch niemals zusammen in einer Wohnung gelebt, sondern -für sie immer eine andere gemietet, und das hatte er natürlich nur -getan, um jenen erbärmlichen »Anstand«, was diese Kreise so nennen, in -den Augen der Welt zu wahren. Jetzt aber lebten sie alle zusammen in -einem hölzernen Gartenhaus, oder richtiger, in einem Flügel eines -Mietwohnhauses in einer kleinen Querstraße im Stadtteil »Ssemjonowski -Polk«. Von ihren Sachen war fast alles schon versetzt, so daß ich meiner -Mutter, natürlich ohne Werssiloffs Wissen, meine heimlichen sechzig -Rubel gab. Ja, mein »heimliches« Geld; denn niemand wußte es, daß ich es -mir von meinem Taschengelde -- ich bekam in jedem Monat fünf Rubel -- im -Laufe von zwei Jahren zusammengespart hatte. Angefangen zu sparen hatte -ich gleich am ersten Tage meiner »Idee«, und deshalb durfte Werssiloff -kein Wort von diesem Gelde erfahren. Davor zitterte ich. - -Doch diese Hilfe war nur wie ein Tropfen auf einen heißen Stein. Meine -Mutter arbeitete und meine Schwester gleichfalls -- sie stickten für -Geld. Werssiloff dagegen tat nichts, war launisch wie ein verzogenes -Kind, und ließ sich durch nichts abhalten, sein früheres Leben mit all -den vielen kostspieligen Gewohnheiten weiterzuführen. Nichts war ihm -recht, namentlich bei Tisch, wo er an jeder Speise herummäkelte, und -überhaupt war sein ganzes Verhalten zu den anderen geradezu despotisch. -Aber meine Mutter, meine Schwester, Tatjana Pawlowna und die ganze -Familie des seligen Andronikoff (eines etwa drei Monate vor meiner -Ankunft verstorbenen Bürochefs, der nebenbei auch Werssiloffs Vermögen -verwaltet hatte), auch diese ganze Familie, die aus lauter Frauenzimmern -älterer Jahrgänge bestand, kurz: alle diese Frauen verhielten sich zu -ihm in nahezu andachtsvoller Ehrfurcht und dienten ihm wie einem Götzen. -Ich hätte so etwas gar nicht für möglich gehalten. Vor neun Jahren war -er eine unvergleichlich elegantere, auffallendere Erscheinung gewesen. -In meiner Erinnerung hatte ich ihn, wie ich bereits erwähnt habe, -förmlich in einem Glorienschein gesehen, weshalb ich denn auch nicht -begriff, wie er in so kurzer Zeit -- in ungefähr neun Jahren -- so -merklich hatte altern und sich äußerlich verändern können. Es machte -mich geradezu traurig, und er tat mir leid, und ich schämte mich fast -für ihn. Sein Anblick war mir einer der schwersten ersten Eindrücke nach -meiner Ankunft. Übrigens machte er deshalb noch längst nicht den -Eindruck eines alten Mannes: er war ja auch erst fünfundvierzig; und als -ich mich aufmerksamer in ihn hineinsah, fand ich in seinen Gesichtszügen -sogar etwas noch weit Auffallenderes, Fesselnderes, als es seine frühere -Schönheit, deren ich mich noch so gut entsann, gehabt hatte. Es war -weniger Glanz, weniger äußere Schönheit, ja sogar weniger Vornehmheit in -ihm, aber das Leben hatte doch etwas weitaus Interessanteres in dieses -Gesicht hineingezeichnet, als es jene ganze frühere Schönheit jemals -gewesen war. - -Indessen bildete die Armut nur einen zehnten oder zwanzigsten Teil von -allem Widerwärtigen, das ihm in letzter Zeit zugestoßen war, das wußte -ich. Außer der Armut gab es da etwas noch weit Ernsteres, -- ganz -abgesehen davon, daß er immer noch Aussicht hatte, den Erbschaftsprozeß, -den er schon seit einem Jahr gegen den Fürsten Ssokolski führte, zu -gewinnen und somit schon in nächster Zeit in den Besitz eines Gutes im -Werte von über siebzigtausend Rubel zu gelangen. Ich habe bereits -erwähnt, daß dieser Werssiloff schon ganze drei Erbschaften in seinem -Leben durchgebracht hatte, und da sollte ihn nun wieder eine -herausreißen! Die Sache mußte in den nächsten Tagen zur Verhandlung -kommen. Daraufhin war ich auch nach Petersburg gerufen worden -- in der -Hoffnung, daß auch dieses Vermögen ihnen zufallen werde. -Nichtsdestoweniger hielt es schwer, irgendwo Geld aufzutreiben, da die -bloße Hoffnung auf den günstigen Ausgang des Rechtsstreites für -Geldleiher eine zu unsichere Bürgschaft war, und so mußte man eben -geduldig ausharren. - -Aber Werssiloff suchte auch niemanden auf, obschon er zuweilen auf den -ganzen Tag fortging. Er war schon seit länger als einem Jahr aus der -Gesellschaft »ausgestoßen«. Die Vorgeschichte dieser Ausstoßung war mir -trotz meiner größten Bemühungen in der Hauptsache leider völlig -unaufgeklärt geblieben, obgleich ich damals schon einen ganzen Monat -nach der Ursache geforscht hatte. War Werssiloff schuldig oder -unschuldig -- das allein wollte ich wissen, und deshalb war ich nach -Petersburg gekommen! Alle hatten sich von ihm abgewandt, unter anderen -auch alle einflußreichen Aristokraten, mit denen zu verkehren und in -Beziehung zu bleiben er eigentlich immer vorzüglich verstanden hatte. -Und die Ursache dieser allgemeinen Abwendung war das Gerücht von seinem -»feigen« und, was in den Augen der »Gesellschaft« noch weit schlimmer -ist, »skandalösen« Verhalten in einer Sache, die vor einem Jahre in -Deutschland sich zugetragen haben sollte. Ja, man sprach sogar von einer -Ohrfeige, die er eben damals nahezu öffentlich bekommen habe, und zwar -von einem der Fürsten Ssokolski, und auf die er nicht mit einer -Forderung geantwortet hatte. Sogar seine Kinder (die ehelichen), sein -Sohn und seine Tochter, hatten sich daraufhin von ihm zurückgezogen und -vermieden es, mit ihm in Berührung zu kommen, was ihnen ja nicht schwer -fiel, da sie nicht bei ihm lebten. Beide waren sie durch die -Fanariotoffs, ihre Verwandten mütterlicherseits, und den alten Fürsten -Ssokolski, Werssiloffs ehemaligen Freund, in den höchsten Kreisen zu -Hause. Übrigens konnte ich in Werssiloff, nachdem ich ihn doch schon -einen ganzen Monat beobachtet hatte, nichts anderes sehen als einen -unglaublich hochmütigen Menschen, der nicht etwa von der Gesellschaft -ausgestoßen worden war, sondern der vielmehr selbst die Gesellschaft -hinausgeworfen hatte -- so unbeirrt und überlegen war sein ganzes -Verhalten. Aber, fragt es sich, hatte er auch das Recht zu diesem -Verhalten? -- das war es, was mich quälte. Ich mußte unbedingt die ganze -Wahrheit in kürzester Zeit erfahren; denn ich war gekommen, -- um diesen -Menschen zu richten. Noch verbarg ich meine Macht vor ihm, aber lange -durfte das nicht mehr währen; denn ich wollte wissen, wofür ich mich zu -entscheiden hatte: ihn anzuerkennen oder mich für immer von ihm -loszusagen. Letzteres wäre mir zu schwer gewesen, und ich litt darunter -... Ich will endlich ein volles Geständnis ablegen: dieser Mensch war -mir teuer! - -Inzwischen lebte ich bei ihnen in ihrer Wohnung, arbeitete und tat mir -Zwang an, um ihnen keine Grobheiten zu sagen. Oder richtiger: sehr oft -bezwang ich mich nicht. Ich lebte schon einen Monat bei ihnen und kam -mit jedem Tage mehr zu der peinlichen Überzeugung, daß ich es -entschieden um keinen Preis fertig brächte, mich mit einer direkten -Frage nach dem tatsächlichen Sachverhalt an ihn selbst zu wenden. Dieser -stolze Mensch stand förmlich wie ein leibhaftiges Rätsel vor mir, und -noch dazu wie eines, das mich aufs tiefste gekränkt hatte und täglich -von neuem kränkte. Er war ja sogar sehr nett zu mir, scherzte und -unterhielt sich ganz unbefangen, mir aber wäre Streit und Widerspruch -lieber gewesen als diese scherzhafte Behandlung seinerseits. Alle meine -Gespräche mit ihm hatten stets etwas Zweideutiges, d. h. es lag in -seinem Ton immer ein leiser, seltsamer Unterton wie von ganz feinem -Spott. Er hatte mich von Anfang an, kaum daß ich aus Moskau eingetroffen -war, gewissermaßen nicht ernst genommen. Warum aber und wozu er mich das -überhaupt merken ließ, konnte ich mir nicht erklären. Allerdings -erreichte er damit, daß er für mich ein Rätsel blieb und ich ihn nicht -zu durchschauen vermochte; nur wollte ich mich deshalb noch längst nicht -so weit erniedrigen, ihn zu bitten, in ernstem Tone mit mir zu reden. -Überdies lag auch etwas geradezu wunderbar Unwiderstehliches in seiner -ganzen Art und Weise, ein Etwas, womit ich nichts anzufangen wußte, d. -h. wie ich mich dem gegenüber verhalten sollte. Kurz, er ging mit mir um -wie mit dem grünsten Jüngling, was ich bald kaum noch zu ertragen -vermochte, obschon ich im voraus gewußt hatte, daß es so und nicht -anders sein würde. Infolgedessen hörte auch ich auf, ernst mit ihm zu -sprechen; ich wollte abwarten, wie lange das noch so weitergehen und was -dann kommen werde. Ja, eigentlich hörte ich sogar ganz auf zu sprechen. -Ich erwartete jemand, und erst nach dessen Eintreffen in Petersburg -konnte ich die Wahrheit zu erfahren hoffen. Jedenfalls bereitete ich -mich schon auf den endgültigen Bruch mit ihnen vor und richtete mich -bereits danach ein. Meine Mutter tat mir leid; aber ... »entweder er -oder ich« -- das war es, was ich ihr und meiner Schwester als Letztes -vorschlagen wollte. Sogar den Tag, an dem dies geschehen sollte, hatte -ich schon im voraus bestimmt. Vorläufig aber versah ich meine -Obliegenheiten in jener privaten Anstellung, die man mir verschafft -hatte. - - - Zweites Kapitel. - - - I. - -An diesem neunzehnten September sollte ich mein erstes Gehalt für den -ersten Monat Dienst in meiner Petersburger »privaten« Anstellung -erhalten. Wegen dieser Anstellung hatte man mich überhaupt nicht -gefragt, sondern mich einfach hingeschickt, wenn ich nicht irre, sogar -schon am Tage meiner Ankunft. Das war beinahe eine Roheit von ihnen, und -es wäre eigentlich meine Pflicht gewesen, dagegen zu protestieren. Es -handelte sich um eine Anstellung im Hause des alten Fürsten Ssokolski. -Doch so schon am ersten Tage zu protestieren, -- wäre gleichbedeutend -gewesen mit einem sofortigen Bruch, der mich zwar durchaus nicht -abschreckte, doch hätte er mich von der Verfolgung meines Zieles -abgelenkt, und somit wäre der Zweck meiner Reise vorläufig oder auch auf -längere Zeit, wenn nicht gar für immer ein problematischer geblieben. -Deshalb nahm ich denn die Stelle an, ohne dazu ein Wort zu sagen, um auf -diese Weise meine Würde durch Schweigen zu wahren. Zur Erklärung will -ich hier gleich bemerken, daß dieser alte Fürst Ssokolski, ein reicher -Mann und Geheimrat, mit jenen Moskauer Fürsten Ssokolski, die schon seit -mehreren Generationen verarmt sind und gegen die Werssiloff damals -gerade seinen Prozeß führte, nicht einmal entfernt verwandt ist. Sie -haben nur zufällig denselben Namen. Nichtsdestoweniger interessierte -sich der alte Fürst sehr für sie, und namentlich der ältere von den zwei -Brüdern und der älteste ihres Geschlechts -- ein junger Offizier -- galt -geradezu für seinen Liebling. Werssiloff hatte auf diesen alten Fürsten -vor noch gar nicht so langer Zeit mächtigen Einfluß gehabt und war sein -Freund gewesen -- ein etwas sonderbarer Freund; denn wie ich bemerkte, -fürchtete ihn der arme Fürst nicht nur zu jener Zeit, als ich in seinen -Dienst trat, sondern offenbar schon von jeher, seitdem er überhaupt mit -ihm befreundet war. Übrigens hatten sie sich lange nicht mehr gesehen: -das ehrlose Verhalten, das man Werssiloff zum Vorwurf machte, ging -nämlich unmittelbar die Familie des alten Fürsten an. Doch da griff -Tatjana Pawlowna in die Angelegenheit ein, und durch ihre Vermittlung -wurde ich dann bei dem alten Fürsten untergebracht, der einen »jungen -Mann« in seinem Kabinett, also so etwas wie einen Privatsekretär zu -haben wünschte. Bei der Gelegenheit zeigte sich, daß es sein größter -Wunsch war, Werssiloff irgendwie einen Dienst zu erweisen, also -gewissermaßen den ersten Schritt zur Versöhnung zu tun, und Werssiloff -_erlaubte_ es ihm, d. h. er ließ es ruhig geschehen. Dieses Arrangement -traf der Fürst in Abwesenheit seiner Tochter, der Witwe eines Generals, -die diesen Schritt ganz entschieden nicht zugelassen hätte. Doch davon -später; hier will ich nur bemerken, daß mich gerade dieses seltsame -Verhalten des Fürsten zu Werssiloff stutzig machte, und zwar in dem -Sinne, daß es mir zugunsten Werssiloffs zu sprechen schien: ich sagte -mir, wenn das Haupt der beleidigten Familie Werssiloff immer noch -achtet, so können doch die Gerüchte von jener angeblichen Gemeinheit -nicht auf Wahrheit beruhen oder zum mindesten doch nicht ganz dem -Vorgefallenen entsprechen. Dieses rätselhafte Verhalten des Fürsten war -denn zum Teil auch der Grund, weshalb ich mich nicht gegen das Ansinnen -auflehnte: ich hoffte, vielleicht auf diesem Wege hinter das Geheimnis -kommen zu können. - -Diese Tatjana Pawlowna, das »Tantchen«, von dem ich bereits gesprochen -habe, spielte zu jener Zeit in ihrem Petersburger Bekanntenkreise eine -sehr bedeutsame Rolle. Ich hatte ihre Existenz fast schon ganz vergessen -und hätte natürlich nie im Leben vermutet oder für möglich gehalten, daß -sie eine so einflußreiche Persönlichkeit sein könnte. Ich hatte sie bis -dahin drei- oder viermal gesehen, und jedesmal war sie dann Gott weiß -woher wie auf jemandes Befehl erschienen, jedesmal, wenn ich wieder -irgendwo untergebracht werden sollte -- sowohl als ich in jene elende -Pension des Monsieur Touchard kam, wie auch zweieinhalb Jahre später bei -meinem Eintritt ins Gymnasium: da erschien sie wieder in Moskau, um mich -bei dem unvergeßlichen Nikolai Ssemjonowitsch unterzubringen. Wenn sie -kam, blieb sie den ganzen Tag bei mir, revidierte meine Wäsche, meine -Kleider, fuhr mit mir nach dem Kusnetzki,[4] kaufte mir alle Sachen, die -ich nötig hatte, kurz, sie versah mich mit allem, bis zum letzten -Löschblatt und Federmesser. Bei der Gelegenheit schalt sie mich die -ganze Zeit ununterbrochen, machte mir Vorwürfe, examinierte mich und -nannte mir fortwährend andere Knaben als Muster aller Tugenden, obwohl -ich doch diese ihre jungen Anverwandten, die alle viel besser sein -sollten als ich, gar nicht kannte, und dabei puffte und kniff sie mich -bei jeder Gelegenheit -- wirklich, ich lüge nicht -- und mitunter sogar -so stark, daß es ordentlich weh tat. Und war ich dann eingekleidet, -untergebracht und versorgt, dann verschwand sie wieder spurlos für -mehrere Jahre. Ähnlich geschah es auch diesmal: kaum war ich angekommen, -da tauchte sie schon auf, um mich sogleich wieder irgendwo -»unterzubringen«. Sie ist ein hageres Persönchen mit einer spitzen, -kleinen Vogelnase und scharfen, kleinen Vogelaugen. Werssiloff diente -sie wie eine Sklavin, und erwies ihm eine Ehrerbietung, als wäre er der -Papst, doch tat sie es aus Überzeugung. Aber zu meiner größten -Verwunderung bemerkte ich bald, daß sie entschieden von allen und -überall sehr geachtet wurde, und alle Welt mit ihr bekannt war. Der alte -Fürst Ssokolski begegnete ihr mit geradezu auffallender Hochachtung, und -dasselbe ließ sich von seinem ganzen Hause sagen, wie auch von -Werssiloffs stolzen legitimen Kindern und deren Verwandten, den -Fanariotoffs, -- und dabei lebte sie von Näharbeit und der Reinigung -kostbarer Spitzen und von Stickereien, die sie im Auftrage von -verschiedenen Geschäften anfertigte. Ich aber geriet mit ihr schon bei -den ersten Worten in Streit, da sie es sich einfallen ließ, mich wie -früher als kleinen Schulbengel zu behandeln. Und seitdem gab es jeden -Tag Streit zwischen uns, was jedoch nicht hinderte, daß wir uns -bisweilen auch verständig unterhielten, und ich muß gestehen, gegen Ende -des Monats fand ich schon Gefallen an ihr: weil sie ein so selbständiger -Charakter war. Doch das habe ich ihr, versteht sich, nicht verraten. - -Ich begriff natürlich sofort, daß man mich zu diesem kranken alten -Fürsten nur zu dem Zweck schickte, damit er Unterhaltung und Zerstreuung -habe, und daß darin mein ganzer Dienst bestehen sollte. Das war aber -doch eine Erniedrigung, und ich bereitete mich denn auch dementsprechend -auf das Weitere vor: um nötigenfalls sogleich Maßregeln ergreifen zu -können. Doch dieser alte Sonderling machte auf mich einen ganz anderen -Eindruck, als ich erwartet hatte, ich empfand förmlich so etwas wie -Mitleid mit ihm, und gegen Ende des Monats hatte ich mich bereits ganz -eigentümlich an ihn angeschlossen. Wenigstens gab ich meine anfängliche -Absicht auf, ihm, sobald er den geringsten Anlaß dazu böte, gründlich -die Wahrheit zu sagen und dann kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Er war -übrigens noch nicht über sechzig. Doch ich muß jetzt etwas -zurückgreifen. - -Etwa anderthalb Jahre, bevor ich ihn kennen lernte, hatte er einen -Anfall gehabt, d. h. er war irgendwohin gereist und unterwegs, wie es -hieß, »unzurechnungsfähig« geworden; und dieser Umstand hatte einen -kleinen Skandal zur Folge gehabt, über den in der Petersburger -Gesellschaft viel geredet worden war. Wie es in solchen Fällen üblich -ist, hatten seine Nächsten ihn schleunigst ins Ausland geschickt, aber -schon nach fünf Monaten war er wieder in Petersburg erschienen, und zwar -vollkommen gesund. Trotzdem hatte er den Abschied genommen. Werssiloff -beteuerte allerdings (und geradezu mit Leidenschaft), daß von einer -Geistesstörung bei ihm überhaupt nicht habe die Rede sein können, es sei -nichts als eine Nervenattacke gewesen. Den Eifer aber, mit dem er seine -Behauptung verteidigte, merkte ich mir einstweilen. Übrigens muß ich -sagen, daß ich eigentlich seine Ansicht teilte. Der alte Herr erschien -mir zuweilen nur etwas jugendlich leichtsinnig, was in seinen Jahren -vielleicht nicht mehr ganz statthaft war, und eben dies hatte man ihm -vor jenem Anfall nicht nachsagen können. Wie ich hörte, soll er früher -irgendwo in einer Behörde als Rat oder Geheimrat keine geringe Rolle -gespielt und einmal bei einem ihm zuteil gewordenen Auftrag sich ganz -besonders hervorgetan haben. Doch inwiefern er sich so besonders zum Rat -hatte eignen können, vermochte ich trotz redlicher Mühe mir nicht zu -erklären, obschon ich ihn damals bereits seit einem ganzen Monat kannte. -Man wollte an ihm die Beobachtung gemacht haben (ich selbst habe sie -freilich nicht gemacht), daß nach jenem »Anfall« eine besondere Neigung -zum Heiraten sich in ihm entwickelt habe, und angeblich sei er im Laufe -dieser anderthalb Jahre bereits mehrmals im Begriff gewesen, das -Vorhaben auch auszuführen. Und darüber, hieß es, sei man in der -Gesellschaft gut unterrichtet, und besonders einzelne Damen -interessierten sich deshalb sehr für ihn. Da nun aber die tatsächliche -Ausführung dieses Vorhabens keineswegs den Interessen gewisser Personen -aus der Umgebung des Fürsten entsprach, so wurde er von dieser Seite mit -Argusaugen bewacht. Seine eigene Familie war klein: seine Frau hatte er -schon vor zwanzig Jahren verloren, und so war ihm nur seine einzige -Tochter geblieben, eben jene Generalswitwe, die jetzt täglich aus Moskau -zurückerwartet wurde, eine noch ganz junge Frau, vor deren -Charakterfestigkeit der alte Fürst zweifellos Angst hatte. Um so -zahlreicher war aber die Verwandtschaft seiner verstorbenen Frau, deren -ganze Sippe sich vornehmlich durch Armut auszeichnete. Und außer diesen -Verwandten hatte er noch unzählige Pflegesöhne und Pflegetöchter, die -alle schon viel Gutes von ihm erfahren hatten und nun fest darauf -rechneten, in seinem Testament noch mit einem Sümmchen bedacht zu -werden, weshalb sie denn auch der Generalin getreulich halfen, den alten -Herrn zu überwachen. Übrigens hatte er schon von Jugend auf eine -seltsame Eigenheit, von der ich nicht weiß, ob ich sie lächerlich nennen -soll oder nicht: er liebte es, arme Mädchen zu verheiraten. Er -verheiratete sie schon seit mehr als fünfundzwanzig Jahren -- gleichviel -ob es entfernte Verwandte von ihm oder Stieftöchter irgendwelcher -Vettern seiner Frau oder auch nur deren Tauftöchter waren. Ja, sogar die -Tochter seines Portiers hat er verheiratet. Zuerst nahm er sie als -kleine Mädchen in sein Haus, erzog sie mit Hilfe von Gouvernanten und -Französinnen, dann steckte er sie in die besten Institute, und zuletzt -verheiratete er sie und gab ihnen noch eine Mitgift. Und alle diese -drängten sich nun fortwährend an ihn heran. Die Pflegetöchter bekamen in -der Ehe natürlich wieder Töchter, und diese erhoben wiederum Ansprüche, -gleichfalls als Pflegetöchter von ihm erzogen und verheiratet zu werden; -überall mußte er Taufpate sein, alle diese Menschen kamen dann an seinem -Namenstage, um ihm zu gratulieren, und alles das war ihm äußerst -angenehm. - -Als ich bei ihm meine Stellung antrat, merkte ich sofort, daß sich in -dem alten Herrn eine quälende Überzeugung eingenistet hatte -- und es -war unmöglich, das nicht zu bemerken -- die Überzeugung, daß alle sich -jetzt anders zu ihm verhielten als früher, d. h. als er noch gesund -gewesen war, oder richtiger: als ihn noch niemand für krank oder -geistesgestört gehalten hatte. Diese Empfindung den Menschen gegenüber -verließ ihn selbst in der lustigsten Gesellschaft nicht. So war er -argwöhnisch geworden und glaubte in aller Augen ein gewisses Etwas zu -lesen. Der Gedanke, daß alle ihn für nicht mehr ganz »normal« hielten, -quälte ihn sichtlich; selbst mich beobachtete er oft genug mit -merklichem Mißtrauen. Und hätte er von einem Menschen erfahren, daß -dieser jenes Gerücht von seinem Geisteszustand verbreite oder bestätige, --- ich glaube, er wäre trotz all seiner Gutmütigkeit fähig gewesen, ihn -bis in den Tod für seinen größten Feind zu halten (ein Umstand, der von -großem Einfluß sein sollte). Diese Beobachtung war schon am ersten Tage -der Grund, weshalb ich ihn nicht meinem Vorsatz gemäß kränkte; ja, es -freute mich sogar, wenn es mir gelang, ihn zu erheitern oder auch nur zu -zerstreuen. Ich glaube nicht, daß dieses Geständnis einen Schatten auf -meine Ehre werfen kann. - -Sein Vermögen hatte er zum größten Teil in Aktien angelegt. Er war, und -zwar erst nach seiner Krankheit, Teilhaber einer großen -Aktiengesellschaft geworden, übrigens einer sehr soliden. Das -Unternehmen wurde allerdings von anderen geleitet, doch wollte auch er -überall dabei sein; er interessierte sich sehr für alle Beschlüsse, -besuchte die Versammlungen der Aktionäre, wurde in den Ausschuß gewählt, -wohnte den Beratungen bei, hielt lange Reden, widerlegte, befürwortete, -regte die Geister auf, und tat das alles offenbar mit Vergnügen. Reden -zu halten, das liebte er sehr: da konnte er doch allen seinen gesunden -Verstand und noch einiges mehr beweisen. Und überhaupt wurde es für ihn -geradezu zum Bedürfnis, selbst in ganz belanglose Privatgespräche die -tiefsinnigsten Dinge einzuflechten, mitunter auch ein Bonmot, und dieses -Bedürfnis finde ich schließlich nur zu erklärlich. - -In seinem Hause war unten im ersten Stock eine Art Büro eingerichtet, in -dem ein Beamter die Bücher führte, als Sekretär alles Schriftliche -erledigte und außerdem noch das Haus verwaltete. Dieser Beamte, der -nebenbei auch noch im Staatsdienst einen Posten bekleidete, hätte für -die zu leistende Arbeit vollkommen genügt; auf besonderen Wunsch des -Fürsten aber wurde ich noch hinzugenommen, angeblich als Gehilfe für den -»mit Arbeit überhäuften« Beamten; doch schon am ersten Tage mußte ich in -das Kabinett des Fürsten übersiedeln, und oft hatte ich nicht einmal, -wie sonst meistens, eine Scheinarbeit vor mir, weder Bücher noch -Papiere. - -Ich schreibe jetzt wie einer, der schon längst aus dem Rausch erwacht -ist, und in vieler Hinsicht fast sogar wie ein ganz objektiver -Beobachter; wie aber soll ich jetzt meine Qual beschreiben, diese -unruhige Qual jener Tage, die sich in meinem Herzen eingenistet hatte -(gerade jetzt steht sie wieder wie lebendig vor mir, und ich empfinde -sie wie damals!), -- und wie meine Aufregung, die zu einem so unklaren, -leidenschaftlich gespannten Zustande geworden war, daß ich nachts nicht -mehr schlafen konnte vor lauter Ungeduld und Erwartung und bangen -Rätseln, die ich selbst vor mir aufgetürmt hatte? - - - II. - -Geld zu fordern -- ist immer eine höchst widerwärtige Sache, und wenn es -auch ein Gehalt ist, es bleibt doch unangenehm; und um so mehr ist es -das, wenn man dabei noch irgendwo in den verborgensten Falten seines -Gewissens verspürt, daß man es eigentlich nicht ganz verdient hat. -Indessen hatte ich am Abend vorher gehört, wie meine Mutter und meine -Schwester heimlich flüsterten (damit Werssiloff nichts davon erführe; -denn man wollte ihn »nicht betrüben«) und wie beschlossen wurde, ein -Heiligenbild, das der Mutter aus irgendeinem Grunde ganz besonders teuer -war, zu versetzen. Ich sollte für meine »Arbeitsleistung« monatlich -fünfzig Rubel erhalten, hatte aber keine Ahnung, wer sie mir denn nun -auszahlen würde; davon hatte mir noch niemand etwas gesagt. Vor etwa -drei Tagen hatte ich unten den Beamten bei der Arbeit angetroffen und -mich bei ihm erkundigt, wer hier die Gagen auszahlte. Er hatte mich aber -darauf nur mit dem Lächeln eines verwunderten Menschen angesehen (er war -mir nicht gerade gewogen) und gefragt: - -»Bekommen Sie denn ein Gehalt?« - -Ich dachte mir, er würde nach meiner Bejahung hinzufügen: »Aber wofür -denn das?« Doch er versetzte nur trocken, er wisse nichts, und beugte -sich wieder über sein sauber liniiertes Hauptbuch, in das er aus -verschiedenen Papieren Zahlen eintrug. - -Es war ihm übrigens nicht unbekannt, daß ich immerhin etwas leistete. -Vor zwei Wochen hatte ich vier Tage über einer Arbeit gesessen, die er -mir noch selbst zugewiesen: es galt einen Entwurf abzuschreiben, wie er -sagte, doch stellte sich heraus, daß ich fast alles von neuem verfassen -mußte. Dabei handelte es sich um einen ganzen Stoß »Gedanken« des -Fürsten, die er in nächster Zeit dem Komitee der Aktionäre unterbreiten -wollte. Dieses Material mußte zu einem zusammenhängenden Ganzen -verarbeitet und der Stil hier und da etwas gefeilt werden. Nachher saßen -wir, der Fürst und ich, noch einen ganzen Tag über diesem Manuskript, -und er stritt mit mir äußerst lebhaft, wenn unsere Meinungen -auseinandergingen, doch schien meine Arbeit trotzdem zu seiner vollen -Zufriedenheit ausgefallen zu sein. Nur weiß ich nicht, ob er die Schrift -dann auch wirklich eingereicht hat oder nicht. Von den zwei oder drei -Geschäftsbriefen, die ich auf seine Bitte geschrieben habe, will ich -weiter gar nicht reden. - -Es war mir aber noch aus einem weniger allgemeinen Grunde peinlich, um -mein Monatsgehalt zu bitten: ich hatte nämlich schon beschlossen, diese -Anstellung aufzugeben, infolge der Vorahnung, daß ich mich ohnehin und -wohl schon in kürzester Zeit zwingender Umstände halber würde entfernen -müssen. Als ich an jenem Morgen aufstand und mich in meinem Dachstübchen -ankleidete, fühlte ich, wie mein Herz zu klopfen begann, und dieselbe -Aufregung empfand ich, obschon ich im Grunde auf alles pfiff, als ich -das Haus des Fürsten betrat. An jenem Morgen sollte endlich jene Frau -hier eintreffen, von deren Erscheinen ich die Aufklärung aller Rätsel -erwartete, alles dessen, was mich quälte! Und diese Frau -- das war die -Tochter des Fürsten, die jung verwitwete Generalin Achmakoff (ich habe -von ihr bereits gesprochen), die mit Werssiloff unversöhnlich verfeindet -war. Da habe ich nun diesen Namen endlich hingeschrieben! Sie selbst -hatte ich damals natürlich noch nie gesehen und konnte es mir auch gar -nicht vorstellen, wie ich mit ihr sprechen und ob es überhaupt dazu -kommen würde. Aber ich hatte doch die Empfindung (und vielleicht auch -allen Grund dazu), daß mit ihrer Ankunft jenes Dunkel sich aufklären -werde, welches Werssiloff vor meinen Augen immer noch verhüllte. Ich -konnte mich nicht beherrschen und ruhig bleiben: es ärgerte mich -furchtbar, daß ich mich schon vom ersten Schritt an so kleinmütig und -täppisch fühlte; ich war gespannt neugierig und doch angewidert -- alles -zusammen. So hatte ich zu gleicher Zeit drei verschiedene Empfindungen. -Oh, ich habe diesen ganzen Tag gut im Gedächtnis behalten! - -Mein Fürst ahnte inzwischen noch nichts von der voraussichtlichen -Rückkehr seiner Tochter und erwartete sie nicht früher als erst in einer -Woche. Ich aber war am Abend vorher ganz zufällig in das Geheimnis -eingeweiht worden: Tatjana Pawlowna hatte von der Generalin einen Brief -erhalten und meiner Mutter in flüsternd geführtem Gespräch die Nachricht -mitgeteilt. Sie flüsterten allerdings nur ganz leise, und Tatjana -Pawlowna drückte sich auch noch ziemlich indirekt aus, doch ich erriet -bald, um was es sich handelte. Natürlich habe ich ihr Gespräch nicht -absichtlich belauscht: ich _mußte_ einfach aufmerksamer hinhören, als -ich sah, wie meine Mutter bei der Nachricht von der Rückkehr dieser Frau -erschrak, und wie groß ihre Erregung war. Werssiloff war gerade nicht zu -Hause. - -Dem alten Fürsten wollte ich nichts davon sagen; denn -- wie hätte ich -es in diesem ganzen Monat nicht merken sollen, daß er sich vor ihrer -Heimkehr förmlich fürchtete. Ja, er hatte sogar nur wenige Tage vorher -gesprächsweise verlauten lassen -- natürlich nur ganz entfernt und -selbst etwas zaghaft --, daß er für mich fürchte, wenn sie zurückkehre, -d. h. in dem Sinne, daß es dann um meinetwillen Szenen geben werde. Doch -übrigens muß ich hier einschalten, daß er als Familienoberhaupt trotz -allem seine Selbständigkeit zu wahren und seinen Willen durchzusetzen -wußte, so vor allen Dingen, was die Verfügung über seine Gelder betraf. -Anfangs hielt ich ihn für nichts anderes, als ein richtiges altes Weib; -dann aber mußte ich meine Auffassung dahin ändern, daß er, wenn er auch -ein Weib sein mochte, zum mindesten noch einen gewissen Eigensinn besaß, -wenn man es nicht wirkliche Männlichkeit nennen wollte. Es gab -Augenblicke, wo mit seinem scheinbar so ängstlichen und nachgiebigen -Charakter nicht das geringste anzufangen war. Später hat mir Werssiloff -seinen Charakter eingehender erklärt. Soeben fällt mir eine Tatsache -ein, die hier erwähnt sei: Der Fürst und ich hatten bis dahin noch -niemals von der Generalin gesprochen, und es war, als hätten wir das -beide vermieden: ich vermied es absichtlich, er aber vermied wiederum, -von Werssiloff zu sprechen. Schon damals erriet ich, daß ich entschieden -keine Antwort von ihm erhalten würde, wenn ich die eine oder andere von -den kitzlichen Fragen, die mich so sehr interessierten, direkt an ihn -richten wollte. - -Wenn nun jemand wissen will, wovon wir den ganzen Monat miteinander -geredet hatten, so muß ich sagen: von allem möglichen, meistens aber -waren es doch etwas eigentümliche Themata, die wir erörterten. Ganz -besonders gefiel mir an ihm die Offenherzigkeit, mit der er zu mir -sprach. Oft betrachtete ich ihn ganz verwundert und fragte mich: »Ja, -aber -- wie ist er denn Geheimrat geworden? Der paßte doch noch -vorzüglich in unser Gymnasium, aber höchstens in die vierte Klasse, und -gäbe dort einen famosen Schulkameraden ab!« Auch über sein Gesicht habe -ich mich oft genug gewundert: es war dem Anscheine nach das Gesicht -eines vollkommen ernsten Menschen (und sogar hübsch zu nennen), schmal -und hager; dichtes graues, etwas welliges Haar, ein offener Blick; auch -seine Gestalt war hager und von gutem Wuchs. Aber dieses Gesicht hatte -eine gewisse unangenehme, fast sogar unschickliche Eigenschaft: es -konnte sich ganz plötzlich, wie mit einem Schlage aus einem ungewöhnlich -ernsten in ein etwas schon gar zu vergnügtes verwandeln, so daß man ihn, -wenn man diese Verwandlung zum erstenmal sah, vor Überraschung ganz -verdutzt anstarrte. Ich sprach auch einmal zu Werssiloff von dieser -meiner Beobachtung, und wie ich bemerkte, horchte er interessiert auf. -Ich glaube, er hatte von mir nicht erwartet, daß ich solche -Beobachtungen machen könnte. Als Antwort darauf bemerkte er nur -leichthin, diese Erscheinung sei erst nach der Krankheit des Fürsten bei -ihm aufgetreten, eigentlich erst in der allerletzten Zeit. - -Vornehmlich drehten sich unsere Gespräche um zwei abstrakte Gegenstände: -um Gott und sein Dasein, d. h. um seine Existenz oder Nichtexistenz, und -dann -- um die Frauen. Der Fürst war sehr religiös und gefühlvoll. In -seinem Kabinett hing ein riesiges Heiligenbild, vor dem das ewige -Lämpchen brannte. Aber bisweilen kam es vor -- daß er plötzlich der -Anfechtung unterlag: dann zweifelte er am Dasein Gottes und sprach -wunderliche Dinge, womit er mich zum Widerspruch herausforderte. Dieses -Thema war mir, im allgemeinen gesprochen, zwar ziemlich gleichgültig, -aber wir gerieten doch jedesmal sehr in Hitze, und das sogar wirklich -aufrichtig. Überhaupt kann ich sagen, daß ich auch heute noch mit -Vergnügen an jene Gespräche zurückdenke. - -Aber am liebsten plauderte er doch von Frauen. Zu seinem Leidwesen -konnte ich nur, erstens schon aus Abneigung gegen solche Gespräche, auf -diesem Gebiet kein unterhaltender Partner sein. Das schien ihn oft fast -zu betrüben. - -An jenem denkwürdigen Morgen des neunzehnten September begann er -zufällig, kaum daß ich eingetreten war, wieder von den Frauen zu reden. -Er war bei selten guter Laune, was mich ein wenig wunderte, da ich ihn -am Abend vorher in der traurigsten Stimmung verlassen hatte. Indessen -mußte unbedingt noch am Vormittag die bewußte Geldangelegenheit erledigt -werden -- unbedingt noch vor der Ankunft einer gewissen Person. Ich -ahnte, daß man uns bestimmt unterbrechen werde (klopfte doch mein Herz -nicht umsonst schon seit dem Morgen!), -- und dann würde ich mich -vielleicht nicht mehr entschließen können, auf das Geld zu sprechen zu -kommen. Als nun der Fürst von etwas so ganz anderem begann und ich nicht -mit meiner Frage herauszurücken verstand, da ärgerte ich mich natürlich -über meine Dummheit, und die Folge davon war, daß ich über eine etwas zu -weitgehende scherzhafte Frage seinerseits fast in Wut geriet und mit -meinen Anschauungen über die Frauen ganz plötzlich und nahezu jähzornig -herausplatzte. Ich ärgerte mich in der Tat. Doch mit meiner zornigen -Auslassung erreichte ich nur, daß ich ihn amüsierte und er noch -interessierter bei diesem Thema verharrte. - - - III. - -»... mit einem Wort, ich liebe die Frauen nicht, weil sie roh sind, weil -sie ungeschickt sind, weil sie unselbständig sind, und weil sie -unanständige Kleider tragen!« schloß ich nicht gerade logisch meine -lange Tirade. - -»Hab' Erbarmen! Hab' Erbarmen!« fiel er mir unsäglich erheitert ins -Wort, was mich noch mehr erboste. - -Ich pflege nur in Kleinigkeiten nachgiebig zu sein, in wichtigen Fragen -dagegen gebe ich nie nach. In Kleinigkeiten, oder wenn es sich z. B. um -irgendwelche gesellschaftlichen Anforderungen handelt, kann man Gott -weiß was alles mit mir machen -- und diesen Zug werde ich ewig an mir -verwünschen. Zuweilen bin ich einfach aus geradezu stinkender -Gutmütigkeit bereit, selbst dem erstbesten Geck beizustimmen, einzig, -weil mich seine Höflichkeit gefangen nimmt, oder ich lasse mich mit -einem Dummkopf in einen Streit ein, was noch unverzeihlicher ist. Doch -das kommt nur daher, daß ich keine Ausdauer habe und im Winkel -aufgewachsen bin, und ich ärgere mich dann jedesmal weidlich über mich -selbst, aber am nächsten Tage geschieht dasselbe. Und das ist auch der -Grund, warum man mich bisweilen fast für einen Sechzehnjährigen gehalten -hat. Doch anstatt mir nun Ausdauer und bessere Umgangsformen -anzugewöhnen, ziehe ich es auch jetzt noch vor, mich noch mehr in meinen -Winkel zu verkriechen, und das meinetwegen sogar auf die -menschenfeindlichste Weise. »Nun gut, dann bin ich ungeschickt! Ich -gehe, und -- lebt wohl!« -- d. h. ihr geht mich nichts an. Das sage ich -jetzt vollkommen im Ernst und ein für allemal. Übrigens schreibe ich es -diesmal nicht etwa nur anläßlich dieses Zwischenfalles mit dem Fürsten, -und auch nicht einmal anläßlich jenes Gesprächs. »Ich rede nicht, um Sie -zu erheitern!« schrie ich ihn beinahe an. »Ich habe nur meine -Überzeugung ausgesprochen!« - -»Aber inwiefern sind denn die Frauen roh und weshalb unanständig -gekleidet? Das ist mir neu!« - -»Doch! Sie sind roh! -- gehen Sie ins Theater, gehen Sie auf die -Promenade und sehen Sie einmal zu: jeder Herr weiß, wo rechts und wo -links ist, sie begegnen sich und gehen aneinander vorüber, er biegt nach -rechts aus, und ich biege nach rechts aus. Die Frau dagegen, das heißt, -die Dame -- ich rede von den Damen -- die rennt schnurstracks auf einen -los, ohne einen auch nur zu bemerken, ganz, als wäre man unbedingt -verpflichtet, zur Seite zu treten und ihr den Weg freizugeben. Ich bin -ja gern bereit, ihr, als einem schwächeren Geschöpf, den Weg -freizugeben, warum aber tut sie, als wäre es ihr Vorrecht, warum ist sie -so fest überzeugt, daß ich es tun _muß_ -- das ist es, was mich kränkt! -Ich habe immer ausgespien, wenn ich so einer begegnet bin. Und -dann schreien sie noch, sie seien erniedrigt und verlangen -Gleichberechtigung! Wo ist hier Gleichberechtigung, wenn sie mich unter -die Füße tritt oder mir Sand in den Mund wirbelt!« - -»Sand?!« - -»Ja! Denn sie sind unanständig gekleidet -- das kann nur einem Lebemann -nicht auffallen. Werden doch bei Gerichtsverhandlungen die Türen -geschlossen, wenn es sich um Unanständigkeiten handelt, warum erlaubt -man sie dann auf der Straße, wo doch noch mehr Menschen zugegen sind? -Sie binden sich öffentlich Seidenrüsche unter den Rock, um _belle -femme_{[2]} zu sein, -- öffentlich! Ich kann es doch unmöglich nicht -bemerken, ein Jüngling wird es doch ebenso bemerken, und ein Kind, ein -kaum erwachender Knabe gleichfalls! Das ist einfach schändlich! Alte -Lüstlinge mögen sich daran ergötzen und ihnen mit heraushängender Zunge -nachlaufen, aber es gibt doch eine reine Jugend, die man schonen muß ... -Bleibt also nichts übrig, als auszuspeien. Da geht sie auf dem Boulevard -und wirbelt mit ihrer zwei Meter langen Schleppe den Staub auf! -- danke -fürs Vergnügen, dann hinter ihr zu gehen! Also lauf entweder voraus oder -spring zur Seite; denn sonst fegt sie einem mit ihrer Schleppe fünf -Pfund Sand in Ohren, Mund und Nase. Und zudem ist es noch Seide, was sie -so drei Werst weit auf den Straßensteinen nachschleift, nur weil es mal -Mode ist, während ihr Mann sich als Beamter in seiner Kanzlei auf nicht -mehr als fünfhundert Rubel jährlich steht. Sehen Sie, da sitzen die -Sporteln! Ich habe immer ausgespien, wenn ich solch einer begegnet bin, -ganz öffentlich ausgespien und geschimpft.« - -Ich gebe dieses Gespräch jetzt allerdings mit Humor und zugleich mit -meiner derzeitigen Charakteristik wieder, doch selbstverständlich bin -ich auch heute noch ganz derselben Meinung. - -»Und es ist immer noch gut abgegangen?« fragte der Fürst neugierig. - -»Ich speie einfach aus und gehe fort. Natürlich hört sie es, zuckt aber -mit keiner Miene und segelt majestätisch weiter, ohne auch nur den Kopf -nach mir umzuwenden. Geantwortet haben sie mir nur ein einziges Mal, -zwei auf dem Boulevard, beide mit meterlangen Schwänzen. Ich beschimpfte -sie, doch versteht sich: nicht mit groben Worten, aber so ... ich -bemerkte nur eben hörbar, daß solche Schwänze eine Unverschämtheit -seien.« - -»Du drücktest dich wirklich so aus?« - -»Ja. Erstens treten sie alle gesellschaftlichen Formen mit Füßen und -zweitens -- sie wirbeln Staub auf, der Boulevard aber ist für alle da: -ich gehe, ein anderer geht, ein Dritter, Vierter, Fedor, Iwan, -gleichviel wer. Und das äußerte ich eben. Überhaupt ... ich liebe die -weibliche Gangart nicht, besonders von hinten gesehen. Das äußerte ich -gleichfalls, aber nur andeutungsweise.« - -»_Mon ami_,{[3]} du kannst dich noch in eine ernste Geschichte -verwickeln, wenn du es so toll treibst! Denk nur, sie hätten dich doch -vor den Friedensrichter schleppen können!« - -»_Gar_ nichts hätten sie können! Was hatte ich ihnen denn getan? Es geht -ein Mensch neben ihnen einher und redet mit sich selbst. Jeder Mensch -hat das Recht, seine Überzeugung in die Luft zu äußern. Ich sprach ja -ganz abstrakt, wandte mich überhaupt nicht an sie. Sie fingen selbst an; -und sie schimpften sogar viel gröber als ich: ein Grünschnabel sei ich, -und ohne Essen müsse man mich lassen, ein Nihilist sei ich, und sie -würden mich einem Polizeioffizier übergeben, und ich verfolgte sie nur -deshalb, weil sie allein und schutzlose, schwache Frauen seien, wären -sie dagegen in Begleitung eines Mannes, so würde ich mich sofort -kleinlaut aus dem Staube machen. Hierauf riet ich ihnen kaltblütig, mich -gefälligst nicht zu attackieren; um ihnen jedoch zu beweisen, daß ich -ihre Männer nicht fürchte und selbst eine Herausforderung anzunehmen -bereit sei, würde ich ihnen auf zwanzig Schritt bis zu ihrem Hause -folgen und mich dort aufstellen, um ihre Männer zu erwarten. Und so tat -ich's auch.« - -»Tatsächlich?« - -»Es war natürlich eine Dummheit, aber ich war gereizt. Und so schleppten -sie mich denn gute drei Werst in der Hitze bis in die äußerste Vorstadt, -traten in ein einstöckiges hölzernes Wohnhaus -- das übrigens, ich muß -gestehen, ganz anständig aussah: durch die Fenster sah man drinnen viele -Blumen, zwei Kanarienvögel, drei Schoßhündchen -- Spitze, glaube ich -- -und eingerahmte Stahlstiche an den Wänden. Ich stand eine gute halbe -Stunde mitten auf der Straße vor dem Hause. Dreimal lugten sie heimlich -durch die Gardinen, um nach mir zu sehen, dann ließen sie alle -Fenstervorhänge herab. Endlich trat aus der Hofpforte ein schon -bejahrter Beamter heraus. Seinem Aussehen nach zu urteilen, hatte er -geschlafen und war von ihnen erst geweckt worden. Er erschien nicht -gerade im Schlafrock, aber doch in etwas sehr Häuslichem. Vor dem -Pförtchen blieb er stehen, kreuzte die Hände auf dem Rücken und fing an, -mich zu betrachten; ich ihn gleichfalls. Mitunter wandte er den Blick -von mir ab, sah mich dann aber wieder von neuem an. Und plötzlich begann -er mir zuzulächeln. Da drehte ich mich um und ging fort.« - -»Mein Freund, das ist ja fast etwas _à la_ Schiller! Ich habe mich immer -gewundert, -- du bist ein so rotwangiger Junge, du strotzt ja geradezu -vor Gesundheit -- und dabei eine solche, man muß sagen, Abneigung gegen -Frauen! Wie ist es möglich, daß die Frau in deinem Alter nicht einen -gewissen Eindruck auf dich macht? Mir, _mon cher_,{[4]} hat mein -Erzieher, als ich erst elf Jahre alt war, schon gesagt, daß ich denn -doch gar zu interessiert die nackten Statuen im Sommergarten -betrachtete.« - -»Sie würden es furchtbar gern sehen, daß ich zu irgendeiner hiesigen -Josephine ginge und Ihnen dann Bericht erstattete! Sie täuschen sich -aber in mir. Ich habe schon mit dreizehn Jahren ein nacktes Weib -gesehen; seitdem sind sie mir ekelhaft.« - -»Im Ernst? Aber, _cher enfant_,{[5]} ein schönes, frisches Weib duftet -wie ein Apfel, was kann denn da ekelhaft sein?« - -»Ich hatte in meiner ersten elenden Pension, bei Touchard, noch bevor -ich ins Gymnasium kam, einen Kameraden, Lambert mit Namen. Er prügelte -mich täglich; denn er war drei Jahre älter als ich, und ich bediente ihn -und zog ihm die Stiefel aus. Als er konfirmiert wurde, kam der Abbé -Rigaud zu ihm gefahren, um ihm zur ersten Kommunion zu gratulieren, und -beide fielen unter Tränen einander um den Hals, Abbé Rigaud jedoch -begann ihn krampfhaft an seine Brust zu drücken, und zwar mit -verschiedenen Gesten. Ich weinte gleichfalls und beneidete ihn sehr. Als -sein Vater starb, trat er aus, und zwei Jahre lang sah ich ihn hierauf -nicht wieder; nach zwei Jahren aber begegnete ich ihm einmal auf der -Straße. Er sagte mir, er werde zu mir kommen. Damals war ich schon -Gymnasiast und lebte bei Nikolai Ssemjonowitsch. Er kam auch richtig -schon am nächsten Morgen, zeigte mir fünfhundert Rubel und sagte, ich -solle mitkommen. Wenn er mich vor zwei Jahren auch geprügelt hatte, so -hatte er mich doch nötig, und das nicht nur zum Stiefelausziehen, -sondern in erster Linie, um mir sein Herz ausschütten zu können. Von dem -Gelde sagte er, er habe es an demselben Morgen aus der Schatulle seiner -Mutter entwendet -- er hätte sich einen passenden Schlüssel verschafft ---; denn das ganze Geld seines Vaters gehöre gesetzlich ihm, und sie -habe kein Recht, es ihm vorzuenthalten; gestern sei der Abbé Rigaud zu -ihm gekommen, um ihn zu ermahnen; er sei eingetreten, habe sich vor ihm -aufgestellt, habe angefangen zu weinen, vor Entsetzen die Hände zu -ringen und zum Himmel zu erheben, -- >ich aber zog das Messer und sagte, -daß ich ihn erstechen oder erdrosseln werde,< erzählte er. (Übrigens -schnarrte er abscheulich, erdrosseln sprach er zum Beispiel ->erdchosseln< aus.) Wir fuhren nach dem Kusnetzki. Unterwegs teilte er -mir mit, daß seine Mutter mit diesem Abbé Rigaud ein Verhältnis habe, er -habe es bemerkt, pfeife aber darauf, und ferner, daß alles, was sie da -von der Kommunion redeten, Unsinn sei. Er sagte noch vieles andere, ich -aber fühlte mich sehr unbehaglich. Auf dem Kusnetzki machte er auch -seine Einkäufe: er kaufte ein doppelläufiges Gewehr, eine Jagdtasche, -fertige Patronen, eine Reitpeitsche und nachher noch ein Pfund Konfekt. -Dann fuhren wir weiter, um außerhalb der Stadt zu schießen. Unterwegs -begegneten wir einem Vogelhändler mit vielen Vogelbauern und Vögeln. Von -dem kaufte Lambert einen Kanarienvogel. Im nächsten Wäldchen gab er den -Vogel frei, da ja Vögel nach langer Haft im Bauer bekanntlich nicht weit -fliegen können, und dann schoß er nach ihm, traf ihn aber nicht. Er -schoß zum erstenmal in seinem Leben, ein Gewehr aber hatte er sich schon -längst kaufen wollen, auch als er noch bei Touchard war, und wir hatten -uns oft ausgemalt, wie wir es kaufen würden. Er schien vor Erregung ganz -außer sich zu sein. Sein Haar war pechschwarz, sein Gesicht weiß und -rosig, wie eine Maske, die Nase lang und gebogen, wie sie die Franzosen -gewöhnlich haben; dazu weiße Zähne, schwarze Augen. Schließlich band er -den Kanarienvogel mit einem Faden an einen Ast und schoß dann auf drei -Zentimeter Entfernung aus beiden Läufen zugleich, und der Vogel zerstob -in hundert Federchen. Darauf kehrten wir in die Stadt zurück, fuhren in -ein Hotel, mieteten ein Zimmer und begannen zu essen und Champagner zu -trinken. Eine Dame trat ein ... Ich entsinne mich noch, daß ich sehr -erstaunt war über ihr elegantes, kostbares Kleid, -- sie trug eine -grünseidene Toilette. Da sah ich denn alles das ... wovon ich Ihnen -erzählte ... Darauf, als wir uns wieder an den Champagner machten, fing -er an sich über sie lustig zu machen und sie zu beschimpfen. Sie saß -ganz nackt da; er hatte ihr alle Kleidungsstücke fortgenommen, und als -sie gleichfalls zu schimpfen begann und ihre Sachen zurückverlangte, da -fing er an sie mit seiner Reitpeitsche aus allen Kräften zu peitschen, -und ich weiß noch, er traf gerade ihre nackten Schultern. Ich sprang auf -und packte ihn an den Haaren, und mit einem einzigen Ruck warf ich ihn -zu Boden. Er aber hatte schon eine Gabel erfaßt, und die stieß er mir in -den Schenkel. Da stürzten auf das Geschrei hin Leute ins Zimmer, und es -gelang mir, fortzulaufen. Seitdem ist es mir ekelhaft, an Nacktheit zu -denken. Und doch war sie eine Schönheit, ich versichere Ihnen ...« - -Das Gesicht des Fürsten hatte sich während meiner Erzählung aus einem -lächelnden nach und nach in ein sehr trauriges verwandelt. - -»_Mon pauvre enfant!_{[6]} Ich bin immer überzeugt gewesen, daß es in -deiner Kindheit sehr viele unglückliche Tage gegeben hat.« - -»Oh, bitte, beunruhigen Sie sich deshalb nicht.« - -»Aber du bist allein gewesen, du hast es mir selbst gesagt ... und -dieser Lambert -- du hast es so lebendig zu schildern gewußt: dieser -Kanarienvogel, diese Konfirmation mit Tränen, an der Brust liegen ... -und dann, es vergeht kaum ein Jahr, und er spricht von seiner Mutter mit -dem Abbé ... Oh, _mon cher_, diese Kinderfrage ist in unserer Zeit -geradezu grauenvoll geworden! Solange sie noch in den ersten Jahren mit -ihren blonden Lockenköpfchen vor einem einhertrippeln und uns mit ihrem -hellen Lachen und ihren hellen Augen so unschuldig ansehen -- sind sie -wie Gottes Engelchen, wie reizende Vöglein, dann aber ... dann wäre es -oft besser, sie würden überhaupt nicht heranwachsen.« - -»Wie sentimental Sie geworden sind, Fürst! Man könnte fast glauben, daß -Sie selbst noch kleine Kinder haben. Sie haben aber doch keine Kinder -und werden sie auch nie mehr haben.« - -»_Tiens!_«{[7]} Im Nu veränderte sich sein ganzes Gesicht. »Da sagte mir -gerade Alexandra Petrowna -- vor drei Tagen, hehehe! -- Alexandra -Petrowna Ssinitzkaja -- du mußt sie vor einiger Zeit noch hier gesehen -haben --, denk dir, ja, vor drei Tagen plötzlich sagt sie mir, auf meine -scherzhafte Bemerkung, daß ich, falls ich jetzt heiraten sollte, -wenigstens insofern ruhig sein könnte, als ich keinen Kindersegen mehr -zu fürchten hätte, -- und darauf plötzlich sagt sie mir, und noch dazu -mit einer solchen Schadenfreude: >Im Gegenteil, gerade Sie werden Kinder -haben: gerade solche, wie Sie, haben sie _unfehlbar_! Sogar schon vom -ersten Jahre an, das werden Sie sehen!< Hehehe ... Und alle glaubten sie -plötzlich, ich würde mich unfehlbar noch verheiraten. Aber wenn es auch -boshaft gesagt war, so war es doch, das mußt du zugeben, immerhin ganz -witzig.« - -»Witzig, ja, und -- beleidigend.« - -»Nun, _cher enfant_, nicht ein jeder kann uns beleidigen. Was ich am -meisten an den Leuten schätze, ist der Esprit. Leider scheint mir aber, -daß er heutzutage allen immer mehr abhanden kommt. Was aber da so eine -Alexandra Petrowna sagt -- zählt denn das überhaupt?« - -»Wie, wie sagten Sie?« -- griff ich schnell den Gedanken auf, »>nicht -ein jeder kann uns< ... das ist richtig! Nicht ein jeder ist es wert, -von uns soweit beachtet zu werden -- ein vorzüglicher Grundsatz! Und -gerade ich kann ihn brauchen! Den werde ich mir merken. Sie, Fürst, Sie -sagen mitunter ganz vorzügliche Sachen!« - -Sein ganzes Gesicht erhellte sich sofort, und er schmunzelte sogar. - -»_N'est-ce pas? Cher enfant_,{[8]} der echte Esprit verschwindet je -weiter desto mehr. _Eh, mais ... C'est moi qui connaît les femmes!_{[9]} -Glaub' mir, das Leben eines jeden Weibes, was sie da auch reden mag, ist --- ein ewiges Suchen, wem sie sich unterordnen könnte, ist gewissermaßen -eine Sehnsucht nach Unterwerfung. Und das -- merk' es dir -- gilt von -allen, ohne jede Ausnahme.« - -»Da haben Sie recht, das ist vorzüglich gesagt, ausgezeichnet!« ganz -entzückt rief ich es aus. Zu jeder anderen Zeit hätten wir uns sogleich -philosophischen Betrachtungen über dieses Thema hingegeben und hätten -wohl eine Stunde darüber geredet; plötzlich aber war es mir, als steche -mich etwas, und ich errötete bis über die Ohren: mir kam der Gedanke, -daß ich, indem ich sein Bonmot lobte, mich vielleicht des Geldes wegen -gut mit ihm stellen wollte, oder wenigstens, daß er das unbedingt denken -werde, wenn ich ihn nun um das Geld bäte. Ich erwähne dies hier nicht -ohne Absicht. - -»Fürst, ich bitte Sie sehr, mir sogleich die fünfzig Rubel, die Sie mir -für diesen Monat schulden, auszahlen zu wollen,« platzte ich plötzlich -wie eine Bombe los, und in einem so gereizten Tone, daß es fast an -Grobheit grenzte. - -Ich weiß noch (da ich mich dieses Vormittags noch bis in die kleinsten -Einzelheiten entsinne), daß sich damals eine in ihrer krassen Realität -geradezu widerwärtige Szene abspielte. Zuerst verstand er mich überhaupt -nicht, er sah mich an und begriff nicht, von was für einem Gelde ich -sprach. Natürlich hatte er es sich nicht träumen lassen, daß ich auf ein -monatliches Gehalt Ansprüche erheben könnte -- wofür auch? Freilich -begann er mir dann, als er endlich erraten hatte, um was es sich -handelte, sogleich zu versichern, daß er es unverzeihlicherweise ganz -vergessen habe und zog sogleich sein Portefeuille hervor. Er beeilte -sich so, daß er in der Verwirrung gar nicht die richtige Tasche finden -konnte, und er wurde sogar rot im Gesicht. Da erhob ich mich und sagte -schroff, ich könne das Geld nicht annehmen, man habe mir offenbar -irrtümlicherweise von dem Gehalt gesprochen, oder vielleicht auch, damit -ich mich nicht weigere, auf den Vorschlag einzugehen; doch begriffe ich -jetzt sehr wohl, daß durchaus kein Grund vorliege, mich zu honorieren, -da jedes Honorar Dienst voraussetzte, hier aber von einem solchen nicht -die Rede sein könne. Der Fürst erschrak und begann zu versichern, daß -ich ihm unendlich viel Dienste erwiesen hätte und ihm fernerhin noch -viel größere erweisen könne, fünfzig Rubel dagegen eine so nichtssagende -Summe seien, daß er mir noch einen Zuschuß geben werde, ja, das sei -sogar seine Pflicht und Schuldigkeit, zumal er es mit Tatjana Pawlowna -so abgemacht habe, doch habe er unverzeihlicherweise nicht daran -gedacht, daß jetzt ein Monat um sei. Mir stieg das Blut ins Gesicht, und -ich erklärte ihm unumwunden, meine Ehre verbiete mir, für unanständige -Unterhaltung ein Gehalt zu beziehen; ich sei nicht engagiert, um ihn zu -zerstreuen, sondern um zu arbeiten, wenn es aber hier keine Arbeit gäbe, -so müsse ich gehen, usw. usw. - -Ich hätte es nicht für möglich gehalten, daß ein Mensch so erschrecken -kann, wie er nach diesen meinen Worten erschrak. Es endete aber damit, -daß ich aufhörte, ihm zu widersprechen, und mir doch die fünfzig Rubel -aufdrängen ließ. Noch jetzt erröte ich vor Scham, wenn ich daran denke, -daß ich das Geld tatsächlich annahm! Es pflegt ja so ziemlich alles in -der Welt mit einer Gemeinheit zu enden, doch das Gemeinste an dieser -Sache war, daß es ihm beinahe wirklich gelang, mir zu beweisen, daß ich -das Honorar unanfechtbar verdient hätte. Und ich war dumm genug, es ihm -zu glauben! -- jedenfalls aber war es mir ganz unmöglich, bei der -Weigerung zu bleiben und das Geld nicht anzunehmen. - -»_Cher, cher enfant!_« rief er darauf nahezu gerührt aus und umarmte und -küßte mich (ich muß gestehen, daß ich selbst, weiß der Teufel weshalb, -fast dem Weinen nahe war, obschon ich mich im Augenblick wieder -zusammennahm. Soeben fühle ich, daß mir auch jetzt, während ich dies -schreibe, das Blut wieder ins Gesicht gestiegen ist) -- »mein lieber -Freund, du stehst mir jetzt so nah, so nah wie ein Verwandter, du bist -mir in diesem Monat zu einem Stück von meinem eigenen Herzen geworden! -In der >Gesellschaft< ist nur >Gesellschaft< und nichts weiter. Meine -Tochter Katerina Nikolajewna ist eine entzückende Frau, und ich bin -stolz auf sie, aber sie hat mich oft, mein Lieber, sehr, sehr oft -gekränkt ... Nun, diese Mädelchen aber -- _elles sont charmantes_{[10]} --- und deren Mütter, die mich an meinem Namenstage besuchen --, die -bringen mir doch immer nur ihre Kanevasquadrate her, selbst aber -verstehen sie nichts zu sagen. Ich habe schon für mindestens sechzig -Sofakissen solche Kanevasstickereien von ihnen erhalten, lauter Hunde -und Hirsche. Ich liebe sie ja auch sehr, aber zu dir fühle ich mich wie -zu einem Verwandten hingezogen, -- nicht wie zu einem Sohne, sondern -eher wie zu einem Bruder, und am meisten liebe ich an dir deine -Entgegnungen: du bist literarisch gebildet, du hast viel gelesen, du -bist begeisterungsfähig ...« - -»Ich habe nichts gelesen und bin keineswegs literarisch gebildet. Früher -habe ich gelesen, was mir in die Hände kam, in den letzten zwei Jahren -aber habe ich nichts gelesen und werde es auch überhaupt nicht mehr -tun.« - -»Warum nicht?« - -»Ich habe andere Ziele.« - -»_Cher_ ... es wäre schade, wenn du dir am Ende des Lebens sagen müßtest -wie ich: _je sais tout, mais je ne sais rien de bon_.{[11]} Ich weiß -entschieden nicht, wozu ich in der Welt gelebt habe! Aber ... ich bin -dir so dankbar ... und ich wollte sogar ...« - -Er brach seltsam ab, wurde ganz schlaff und matt und versank in -Nachdenken. Nach jeder Erschütterung (und solche Erschütterungen konnten -jeden Augenblick durch den geringfügigsten Anlaß hervorgerufen werden) -machte er gewöhnlich den Eindruck, als sei er eine Zeitlang nicht recht -bei voller Vernunft und unfähig, sich zusammenzunehmen, körperlich -ebensowenig wie geistig. Übrigens dauerte dieser Zustand nie lange an, -so daß er schließlich nichts schadete. - -Wir saßen so reichlich über eine Minute stillschweigend einander -gegenüber. Seine Unterlippe, die sehr voll war, hing schlaff herab ... -Am meisten wunderte es mich, daß er so plötzlich auf seine Tochter zu -sprechen gekommen war, und noch dazu mit einer solchen Offenheit. Ich -schrieb das natürlich seiner augenblicklichen Verwirrung zu. - -»_Cher enfant_, du nimmst es mir doch nicht übel, daß ich du zu dir -sage, nicht wahr?« fuhr er plötzlich aus seiner Versunkenheit auf. - -»Nicht im geringsten. Ja anfangs, das erstemal, da fühlte ich mich, -offengestanden, allerdings etwas verletzt und wollte Sie gleichfalls -duzen, sah aber noch rechtzeitig die Dummheit ein; denn Sie duzen mich -doch nicht, um mich zu erniedrigen?« - -Er hörte nicht mehr darauf, was ich sagte, und schien auch seine Frage -schon vergessen zu haben. - -»Nun, und was macht dein Vater?« fragte er plötzlich, indem er -gedankenverloren zu mir aufsah. - -Ich fuhr am ganzen Körper zusammen. Er hatte Werssiloff als meinen -_Vater_ bezeichnet, was er sich bis dahin noch nie mir gegenüber erlaubt -hatte, und dann: daß er überhaupt im Gespräch mit mir auf Werssiloff zu -sprechen kam! - -»Sitzt ohne Geld und ist schlecht gelaunt,« antwortete ich kurz, doch -innerlich verging ich vor Neugier. - -»Hm, ja, was das Geld betrifft! Heute entscheidet sich doch ihr -Rechtsstreit vor dem Bezirksgericht -- ich erwarte den Fürsten -Sserjosha.[5] Wer weiß, welch eine Nachricht er bringen wird. Er wollte -sogleich zu mir kommen. Davon hängt für sie alles ab. Hier handelt es -sich um sechzig- oder achtzigtausend Rubel. Natürlich habe ich Andrei -Petrowitsch (d. h. Werssiloff) von jeher das Beste gewünscht, und ich -glaube, das Vermögen wird auch ihm zugesprochen werden, und die Fürsten -gehen dann leer aus. Gesetz ist Gesetz!« - -»Heute vor dem Bezirksgericht?« rief ich, aufs höchste überrascht. - -Der Gedanke, daß Werssiloff mir auch _das_ nicht mitgeteilt, nicht für -mitteilenswert gehalten hatte, frappierte mich außerordentlich. »Dann -hat er es wohl auch der Mutter nicht gesagt, vielleicht überhaupt keinem -Menschen,« dachte ich mir sogleich, -- »da sieht man den Charakter!« - -»Aber ist denn Fürst Ssergei Ssokolski in Petersburg?« fragte ich, -plötzlich selbst ganz betroffen bei dieser Vorstellung. - -»Seit gestern. Direkt aus Berlin eingetroffen, einzig wegen dieser -Gerichtsverhandlung.« - -Das war gleichfalls eine für mich sehr bedeutsame Mitteilung. Und dieser -Mensch, der _ihn_ geohrfeigt hatte, sollte heute herkommen! - -»Na, und was macht er sonst,« fuhr der alte Fürst, dessen Gesicht sich -plötzlich wieder veränderte, lächelnd fort, »verkündet Gott wie früher -und ... na ja, stellt wieder den Mädelchen nach, den noch nicht flügge -gewordenen? Hehe ... Da fällt mir soeben ein amüsantes Histörchen ein, -hehe ...« - -»Wer verkündet ... was? wann?« - -»Andrei Petrowitsch natürlich. Was glaubst du wohl, er rückte uns doch -damals so auf den Leib, daß wir gar keine Seelenruhe mehr vor ihm -hatten. Was eßt ihr, an was denkt ihr, -- das heißt, es fehlte faktisch -nicht mehr viel, so wäre es schließlich noch so weit gekommen. Er wollte -uns bange machen, bekehren. >Wenn du religiös bist, warum wirst du dann -nicht Mönch?< Nein wirklich, fast war es das, was er von uns verlangte. -_Mais quelle idée!_{[12]} Wenn es im Grunde vielleicht auch richtig sein -mag, so, fragt es sich -- ist es nicht doch zu viel verlangt? Namentlich -mich liebte er mit dem Jüngsten Gericht zu schrecken, mich ganz -besonders.« - -»Davon habe ich nichts bemerkt, und ich lebe doch schon über einen Monat -mit ihm zusammen,« versetzte ich, mit größtem Interesse aufhorchend. Es -ärgerte mich weidlich, daß er sich noch nicht erholt hatte und so -zusammenhanglos vor sich hinredete. - -»Er spricht jetzt bloß nicht davon, aber glaube mir, es ist so, wie ich -dir sage. Er ist ein geistreicher Mensch, zweifellos auch von -umfassender Bildung und tiefem Wissen, nur fragt es sich, ob sein Wissen -auch wirklich gerade das richtige Wissen ist. Das war damals alles nach -seinem dreijährigen Aufenthalt im Auslande. Ich gestehe, er hat mich -tief erschüttert ... und überhaupt uns alle ... _Cher enfant, j'aime le -bon Dieu_{[13]} ... Ich glaube an ihn, ich glaube soviel ich kann, aber --- damals geriet ich doch entschieden außer mir. Nun ja, schön, nehmen -wir an, daß es von mir leichtfertig war, mich hinter diesem -Verteidigungsmittel zu verschanzen, aber ich wählte mit Absicht gerade -dieses; denn ich war gereizt, ich ärgerte mich, -- und übrigens war der -Kern meiner Entgegnung, das Wesentliche, genau so ernst, wie seit dem -Anfang der Welt: >Wenn das höchste Wesen< -- das war meine Entgegnung ---, >wenn das höchste Wesen _persönlich_ existiert, und nicht da in -Gestalt irgendeines Geistes in der Schöpfung ausgegossen ist, etwa wie -eine Flüssigkeit oder so ungefähr (denn das ist ja noch schwerer zu -begreifen), so frage ich: wo lebt es dann eigentlich? Mein Freund, -_c'était bête_,{[14]} natürlich, aber im Grunde laufen doch alle -Entgegnungen nur auf diese eine Frage hinaus. _Un domicile_{[15]} -- das -ist ein wichtiger Punkt.< Er ärgerte sich furchtbar. Er trat dort zum -Katholizismus über.« - -»Davon habe ich gleichfalls gehört. Selbstverständlich ist das nur -dummes Geschwätz.« - -»Ich versichere dir bei allem, was heilig ist, es war so. Betrachte ihn -nur aufmerksamer ... Übrigens -- du sagst, er habe sich verändert. Nun, -aber damals -- wie hat er uns da alle gehetzt und gequält! Wirst du's -mir glauben, er hielt sich doch, als ob er ein Heiliger wäre und sein -Leib nach dem Tode nicht verwesen würde. Seine Gebeine also Reliquien! -Er verlangte von uns Rechenschaft über unser Leben, ich schwöre es dir! -Reliquien! _En voilà une autre!_{[16]} Nun gut, ich will ja nichts -sagen, wenn es irgend so ein Mönch oder Einsiedler ist, -- ein Mensch -aber, der hier unter uns im Frack einhergeht ..., und auch alles übrige -wie es sich gehört ... und plötzlich -- heilige Gebeine! ... Ein -seltsamer Wunsch für einen Gentleman, und, offengestanden, auch ein -recht sonderbarer Geschmack. Das heißt, ich will ja nichts dagegen -sagen; das gehört natürlich alles zur Geschichte der Heiligkeiten, und -was kann denn schließlich nicht vorkommen ... Und überdies ist das alles -_de l'inconnu_,{[17]} aber für einen Menschen, der in der Gesellschaft -lebt, ist so etwas doch einfach unschicklich, sogar direkt unstatthaft, -meiner Meinung nach. Wenn das zum Beispiel mit mir geschehen sollte, -oder sagen wir, wenn man es mir anböte, so würde ich es, mein Wort -darauf, doch lieber ablehnen. Wie, heute speise ich im Klub, und dann -plötzlich -- erscheine ich verklärt! ... Aber ich würde mich doch -einfach lächerlich machen! Das habe ich ihm damals auch alles -auseinandergesetzt ... Er trug damals nach Art der Büßer Ketten auf dem -Leibe.« - -Mir stieg vor Zorn das Blut ins Gesicht. - -»Haben Sie die selbst gesehen?« - -»Selbst habe ich sie nicht gesehen, aber man hat mir ...« - -»Dann erkläre ich Ihnen, daß das nichts als Lüge ist, die gemeine -Verleumdung seiner Feinde, oder richtiger, seines größten und -unmenschlichsten Feindes; denn im Grunde hat er ja überhaupt nur einen -einzigen Feind, und dieser ist -- Ihre Tochter!« - -Jetzt war er es, dem Zornesröte ins Gesicht stieg. - -»_Mon cher_, ich bitte dich und wünsche, daß der Name meiner Tochter -hinfort nie mehr vor meinen Ohren mit dieser schändlichen Geschichte in -Verbindung gebracht werde.« - -Ich erhob mich. Er war empört; sein Kinn zitterte. - -»_Cette histoire infâme!_{[18]} ... Ich habe nicht an sie geglaubt, -niemals würde ich an sie glauben, aber ... wenn man mir von allen Seiten -sagt: glaube daran, glaube, so ...« - -Da trat der Diener ins Zimmer und meldete unerwarteten Besuch. Ich -setzte mich wieder auf meinen Platz. - - - IV. - -Ins Zimmer traten zwei junge Damen: die eine war die Stieftochter eines -Vetters der verstorbenen Frau des Fürsten, oder etwas ähnliches, die von -ihm erzogen worden war, und der er bereits eine Mitgift ausgesetzt -hatte, obschon sie (dies sei wegen des Folgenden bemerkt) auch selbst -nicht arm war. - -Die andere war -- Anna Andrejewna, Werssiloffs legitime Tochter, die -drei Jahre älter war als ich. Sie lebte mit ihrem Bruder bei den -Fanariotoffs, und ich hatte sie bis dahin nur ein einzigesmal ganz -flüchtig auf der Straße gesehen. Mit ihrem Bruder dagegen war ich in -Moskau bereits einmal zusammengekommen, allerdings auch nur flüchtig. -(Vielleicht werde ich noch bei Gelegenheit auf diese Begegnung in Moskau -zu sprechen kommen, obwohl sie es eigentlich nicht wert ist.) Diese Anna -Andrejewna war schon von Kindheit an der ganz besondere Liebling des -alten Fürsten gewesen (seine Freundschaft mit Werssiloff datierte ja -schon seit undenklichen Zeiten). Ich war durch die zuletzt zwischen uns -gefallenen Worte so verwirrt, daß ich, als sie eintraten, nicht einmal -aufstand, während der Fürst sich sogleich erhob und ihnen entgegenging. -Dann aber war es zu spät, -- ich schämte mich, noch »nachträglich« -aufzustehen, und so blieb ich sitzen. Ich war hauptsächlich deshalb so -verwirrt, weil der Fürst mich vor ein paar Augenblicken so angefahren -hatte, daß ich nicht wußte, ob ich fortgehen oder bleiben sollte. Doch -der Alte hatte seiner Gewohnheit gemäß schon wieder alles vergessen und -schien durch den Anblick der jungen Damen förmlich neu belebt zu sein: -sein ganzes Mienenspiel veränderte sich im Nu, und er raunte mir noch, -während jene bereits eintraten, mit einem vielsagenden Augenzwinkern -unbemerkt zu: - -»Betrachte die Olympia, aber aufmerksam, aufmerksam, werde dir später -erzählen ...« - -Ich betrachtete sie denn auch wirklich ziemlich aufmerksam, konnte aber -nichts Besonderes an ihr entdecken: ein nicht sehr großes Mädchen, -rundlich und mit auffallend roten Wangen. Das Gesicht war eigentlich -ganz sympathisch, eines von jenen, die den Materialisten gefallen. -Vielleicht lag in ihm auch ein Ausdruck von Güte, jedoch -- mit -Vorbehalt. Durch besondere Intelligenz konnte sie sich entschieden nicht -auszeichnen -- ich meine Intelligenz im höheren Sinne --; denn -Schlauheit verrieten ihre Augen sogar in hohem Maße. Alter -- höchstens -neunzehn. Mit einem Wort, nichts Besonderes. Bei uns im Gymnasium hätte -man gesagt: ein Kissen. (Wenn ich jetzt alles so ausführlich beschreibe, -so geschieht das einzig im Hinblick auf das Folgende.) - -Übrigens dient auch alles andere, was ich bisher scheinbar mit ganz -überflüssiger Ausführlichkeit wiedergegeben habe, nur zur Erläuterung -des Weiteren. Somit ist denn nichts überflüssig; ich habe es nicht -verstanden, Einzelheiten zu übergehen, doch wen sie langweilen, der -braucht sie ja nicht zu lesen. - -Eine ganz andere Erscheinung war dagegen Werssiloffs Tochter. Groß, -schlank, mit einem länglichen, auffallend bleichen Gesicht; dazu -dunkles, fast schwarzes wundervolles Haar; und ebenso dunkle Augen, -dunkel und groß, mit einem tiefen Blick; schmale, blaßrosa Lippen, ein -frischer Mund. Das erste Weib, das mich durch seinen Gang nicht -angeekelt hat, -- freilich war sie, wie gesagt, sehr schlank, fast sogar -mager. Ihr Gesichtsausdruck sprach nicht gerade von Güte, aber es lag in -ihm Vornehmheit und Würde. Zweiundzwanzig Jahre alt. Doch sonderbar: -fast kein einziger Zug im Gesicht, der eine Ähnlichkeit mit Werssiloff -gehabt hätte, indessen aber, wie durch ein Wunder, lag eine ungeheure -Ähnlichkeit mit ihm im ganzen Gesichtsausdruck. Ich weiß nicht, ob ich -sie schön nennen soll. Es kommt auf den Geschmack an. Gekleidet waren -sie beide so schlicht, daß es sich nicht lohnt, die Kleider näher zu -beschreiben. Ich war darauf gefaßt, daß die Werssilowa mich sogleich -beleidigen werde, sei es mit einem Blick, einem Achselzucken oder -gleichviel wie, und ich bereitete mich schon darauf vor. Hatte doch ihr -Bruder in Moskau auch schon bei unserer ersten Begegnung die Gelegenheit -wahrgenommen, mich zu beleidigen! Sie konnte zwar nicht wissen, daß ich -es war, sie hatte mich noch niemals gesehen, aber natürlich hatte sie -schon gehört, daß ich zum Fürsten kam. Es erregte eben alles, was der -Fürst tat oder unterließ, in der ganzen Schar seiner Verwandten, die ja -alle auf ihn »hofften«, von vornherein das größte Interesse, weshalb -denn auch die geringfügigsten Dinge zu wahren Ereignissen aufgebauscht -wurden, -- um wievielmehr mußte das nun noch mit seiner plötzlichen -Neigung zu mir der Fall sein. Ich wußte bereits, daß der Fürst sich für -das Schicksal Anna Andrejewnas ausnehmend interessierte und ihr einen -Gatten verschaffen wollte. Nur war es unvergleichlich schwerer, für die -Werssilowa einen Liebhaber zu finden als für jene, die auf Kanevas -stickten. - -Doch siehe da, es kam ganz anders und wider alle Erwartung: Nachdem die -Werssilowa dem Fürsten die Hand gereicht und ein paar scherzhafte, wenn -auch konventionelle Worte mit ihm gewechselt hatte, sah sie plötzlich -gespannt nach mir hin. Ich sah sie gleichfalls an, und plötzlich nickte -sie mir mit einem Lächeln zu. Das hätte freilich nicht viel zu bedeuten -gehabt, sie grüßte eben, wie man es immer tut, wenn man in ein Zimmer -tritt, in dem ein fremder Gast des Hausherrn anwesend ist. Aber ihr -Lächeln -- nein, dieses Lächeln war so gütig, daß es augenscheinlich nur -vorbedacht sein konnte. Und ich erinnere mich noch, ich hatte dabei eine -ungewöhnlich angenehme Empfindung. - -»Und das ... dies ist -- mein junger und lieber Freund Arkadi -Andrejewitsch Dol...« begann der Fürst, der ihren Gruß bemerkt hatte, -während ich immer noch saß, -- und plötzlich stockte er mitten im Satz: -vielleicht besann er sich darauf, wen er da vorstellte -- im Grunde doch -den Bruder der Schwester. Das »Kissen« grüßte daraufhin gleichfalls, ich -aber ärgerte mich plötzlich höchst dummerweise und sprang auf, -- es war -eine Anwandlung falschen, sinnlosen Stolzes, natürlich nur aus -Eigenliebe. - -»Entschuldigen Sie, Fürst, ich heiße nicht Arkadi Andrejewitsch, sondern -Arkadi Makarowitsch,« versetzte ich schroff, ohne daran zu denken, daß -ich den jungen Damen zuvor eine Verbeugung schuldig war. Hol' der Teufel -diesen peinlichen Zwischenfall! - -»_Mais ... Tiens!_«{[19]} Der Fürst besann sich sogleich und tippte sich -mit dem Finger vor die Stirn. - -»Wo haben Sie die Schule besucht?« ertönte da in meiner Nähe eine -kindlich dumme Frage in kindlich langsamer Sprechweise: das »Kissen« war -näher zu mir getreten. - -»In Moskau, im Gymnasium.« - -»Ah! Ich habe davon gehört. Wie, wird dort gut unterrichtet?« - -»Sehr gut.« - -Ich stand immer noch und antwortete wie ein Soldat, der rapportieren -muß. - -Die Fragen dieses Fräuleins waren wohl nichts weniger als geistreich, -aber immerhin hatte sie die Geistesgegenwart, meinen dummen Ausfall -durch irgendeine Frage vergessen zu machen und dem Fürsten aus seiner -Verlegenheit zu helfen. Übrigens hörte dieser schon mit einem heiteren -Lächeln dem geheimnisvollen und munteren Geflüster der Werssilowa zu, -das augenscheinlich nicht mich zum Gegenstande hatte. Ich frage mich: -Weshalb nahm es dieses Mädchen, das mir doch völlig fremd war, ungebeten -auf sich, meinen dummen Ausfall gutzumachen? Und überdies war es ganz -unmöglich, sich vorzustellen, daß sie sich nur so, nur zufällig an mich -wandte: die Absicht war zu deutlich. Sie sah mich gar zu interessiert -an, ganz als hätte sie gewünscht, von mir ebenso betrachtet zu werden, -so interessiert wie nur möglich. Das habe ich mir natürlich erst nachher -gesagt und mich auch nicht getäuscht. - -»Wie, schon heute?« rief plötzlich der Fürst ganz erschrocken aus. - -»Haben Sie es denn nicht gewußt?« fragte die Werssilowa verwundert. -»Olympia! Der Fürst hat es gar nicht gewußt, daß Katerina Nikolajewna -heute ankommt! Aber wir sind doch deshalb hergekommen, weil wir dachten, -sie sei schon mit dem Frühzuge eingetroffen und schon längst zu Haus. -Statt dessen trafen wir sie gerade erst bei der Vorfahrt, als wir -ausstiegen: sie kam direkt von der Bahn und sagte uns, wir sollten nur -zu Ihnen gehen, sie werde sogleich nachkommen ... Aber da ist sie ja -schon!« - -Eine Tür tat sich auf und -- _jene Frau erschien_! - -Ich kannte bereits ihr Gesicht. Im Kabinett des Fürsten hing ein -wundervolles Porträt von ihr, und den ganzen Monat hatte ich es Zug für -Zug studiert. Während ihrer Anwesenheit verbrachte ich höchstens drei -Minuten im Kabinett und wandte die ganze Zeit keinen Blick von ihrem -Gesicht. Doch wenn ich das Porträt nicht gekannt und jemand mich nach -jenen drei Minuten gefragt hätte: wie sieht sie aus? -- ich hätte ihm -nichts antworten können; denn ich wußte es nicht, es war da alles in mir -zu einem Chaos geworden. - -Ich entsinne mich, wenn ich an diese drei Minuten zurückdenke, nur noch -einer tatsächlich wunderschönen Frau, die der Fürst mehrmals küßte und -bekreuzte, und die sich dann plötzlich -- ganz offen und unverhohlen, -kaum daß sie eingetreten war -- mir zuwandte und mich anstarrte. Ich -hörte noch ganz deutlich, wie der Fürst, der offenbar auf mich gewiesen -hatte, etwas von seinem neuen Sekretär mit einem unsicheren, halben -Lachen äußerte, und zum Schluß meinen Familiennamen nannte. Sie warf -eigentümlich den Kopf in den Nacken, blickte mich häßlich an und -lächelte dann so beleidigend, daß ich plötzlich vortrat, zum Fürsten -schritt und zitternd, wohl nur halb verständlich, die Worte durch die -Zähne hervorstieß: - -»Jetzt ... ich habe anderes zu tun ... für mich. Ich gehe.« - -Und ich kehrte ihnen den Rücken und ging. Niemand sagte mir ein Wort, -nicht einmal der Fürst. Aller Augen sahen mich nur unverwandt an. Später -sagte mir der Fürst, ich wäre so erbleicht, daß ihm »einfach angst und -bange« geworden sei. - -Das war nun freilich ganz überflüssig! - - - Drittes Kapitel. - - - I. - -Er hatte wirklich nichts zu befürchten: meiner höheren Erwägung erschien -das Augenblickliche klein und nebensächlich, und ein mächtiges Gefühl -entschädigte mich für alles andere. Ich empfand nichts als Genugtuung, -ich war entzückt, war förmlich begeistert, als ich sie verließ; und als -ich auf die Straße hinaustrat, hätte ich am liebsten gesungen. Es war -aber auch gerade ein herrlicher Morgen, so richtig zu meiner Stimmung -passend: Sonne, viele Menschen, Lärm, Bewegung, Frohsinn, Gedränge. -- -Wie, hatte mich denn diese Frau wirklich nicht beleidigt? Von wem hätte -ich mir sonst einen solchen Blick und ein so gemeines Lächeln gefallen -lassen, ohne sofort zu protestieren? -- und wenn mein Protest auch noch -so albern ausgefallen wäre -- gleichviel! Und nicht zu vergessen: sie -war ja doch gerade mit der Absicht heimgekehrt, mich sobald als möglich -zu beleidigen, obgleich sie mich noch nie gesehen hatte! In ihren Augen -war ich der »heimliche Abgesandte Werssiloffs«, und damals, wie auch -noch lange nachher, war sie fest überzeugt, daß Werssiloff ihr ganzes -Schicksal in Händen hielt, d. h. daß er die Möglichkeit hätte, sie, -sobald er nur wollte, ins Elend zu stürzen. Kurz, sie glaubte ihn im -Besitze eines gewissen Dokuments oder vermutete wenigstens stark, daß er -es besaß. So war denn ihr Kampf gegen Werssiloff ein Kampf auf Leben und -Tod. Und siehe da -- ich war nicht beleidigt! Ihr Benehmen war eine -Beleidigung gewesen, ich aber hatte die Beleidigung nicht empfunden. Ja, -und nicht nur das! Ich war sogar unbändig froh, als wäre mir eine große -Freude widerfahren! Ich war gekommen, um sie zu hassen, und nun fühlte -ich, wie ich sie schon zu lieben begann. - -»Ich weiß nicht, ob eine Spinne die Fliege hassen kann, auf die sie es -abgesehen und die sie schon so gut wie umsponnen hat? Süße, kleine -Fliege! Ich glaube, man liebt sein Opfer; wenigstens kann man es lieben. -Da liebe ich doch jetzt meinen Feind: Zum Beispiel gefällt es mir -furchtbar, daß sie so schön ist. Es gefällt mir ungeheuer, meine -Gnädigste, daß Sie so hochmütig und stolz sind: wären Sie bescheidener, -würde ich nicht dieses Vergnügen auskosten, oder wenigstens kein so -großes. Sie haben mich gewissermaßen angespien mit Ihrem Blick, ich aber -triumphiere. Und wenn Sie mir tatsächlich ins Gesicht gespien hätten, so -würde ich mich vielleicht wirklich nicht einmal darüber geärgert haben; -denn Sie sind -- mein Opfer, _mein_ Opfer und nicht _seins_. Wie -bezaubernd dieser Gedanke ist! Rein, das Bewußtsein der eigenen -_geheimen_ Macht ist unvergleichlich angenehmer als offenkundige -Überlegenheit und Herrschaft. Wenn ich ein hundertfacher Millionär wäre, -ich glaube, da würde es mir die größte Wonne bereiten, in ganz schäbigen -Kleidern zu gehen, damit man mich für einen ganz armen Kauz halte, -womöglich für einen, der nahe daran ist, um Almosen zu bitten: denn -- ->mir genügte das Bewußtsein< ...« - -So ungefähr könnte ich meine damaligen Gedanken ausdrücken, wie -überhaupt meine Freude und vieles von dem, was ich empfand. Ich will nur -noch bemerken, daß hier in dem soeben Geschriebenen alles viel -oberflächlicher klingt: in Wirklichkeit war ich tiefer und schamhafter. -Vielleicht bin ich auch jetzt im Grunde meines Wesens schamhafter als in -meinen Worten und Taten. Das gebe Gott! - -Vielleicht war es sehr falsch von mir, daß ich überhaupt angefangen -habe, alles dies niederzuschreiben: es bleibt doch so unendlich viel -mehr in einem zurück als das, was man in Worten auszudrücken vermag. -Jeder Gedanke, selbst der unbedeutendste, ist, solange er in uns bleibt, -immer tiefer, als in Worten ausgedrückt: ausgesprochen erscheint er auch -uns selbst lächerlicher und gleichsam -- ehrloser. Werssiloff sagte mir -einmal, nur bei schlechten Menschen sei es umgekehrt. Die lügen eben -nur, da haben sie es leicht. Ich dagegen mühe mich, die ganze Wahrheit -zu schreiben -- das aber ist furchtbar schwer! - - - II. - -An diesem neunzehnten September entschloß ich mich außerdem noch zu -einem »Schritt«. - -Seit meiner Ankunft in Petersburg hatte ich zum erstenmal Geld in der -Tasche; denn meine in zwei Jahren zusammengesparten sechzig Rubel hatte -ich, wie bereits erwähnt, sogleich meiner Mutter gegeben; ein paar Tage -zuvor aber hatte ich mir fest vorgenommen, an dem Tage, an dem ich mein -Monatsgehalt erhielt, einen »Versuch« zu machen, wie ich ihn schon seit -langem beabsichtigte. Und gerade am Abend vorher hatte ich im -Inseratenteil einer Zeitung etwas gefunden, auf alle Fälle -ausgeschnitten und zu mir gesteckt: es war das eine »Bekanntmachung vom -St. Petersburger Bezirksgericht« usw., daß am 19. September cr. um 12 -Uhr vormittags im Kasaner Viertel, in der und der Gegend, im Hause -Nummer soundso die gerichtliche Versteigerung des Mobiliars einer -gewissen Frau Lebrecht stattfinden werde, und daß die Taxationsliste der -betreffenden Gegenstände, und natürlich auch diese selbst, am Tage der -Versteigerung dem Publikum zur Orientierung und Besichtigung in besagtem -Hause bereitgestellt sein würden usw. - -Es war kurz nach ein Uhr. Ich eilte zu Fuß nach dem Kasaner Viertel. -Schon seit drei Jahren benutzte ich keine Droschke mehr, -- ich hatte -mir das so geschworen (anderenfalls hätte ich mir auch nicht diese -sechzig Rubel ersparen können). Ich war noch nie zu einer Auktion -gegangen, ich hatte mir das noch nicht _erlaubt_; und obschon mein -erster Schritt auf diesem Gebiet nur ein _Versuch_ sein sollte, so hatte -ich mir doch von vornherein eines fest vorgenommen: nicht eher wollte -ich mir diesen Versuch gestatten, als bis ich das Gymnasium beendet, mit -allen gebrochen und mich in mein Gehäuse verkrochen hätte, also erst -dann, wenn ich vollkommen frei sein würde. Freilich war ich nun noch -längst nicht in meinem Gehäuse und auch noch weit davon entfernt, frei -zu sein. Aber der Schritt sollte ja auch nur als Versuch in Frage -kommen, als Probe, nur so, um zu sehen, wie es ist, fast nur, um meine -Zukunftsträume danach gestalten zu können; dann aber wollte ich, -vielleicht lange Zeit hindurch, nichts Derartiges mehr unternehmen, -vielleicht sogar bis zu dem Zeitpunkt, wo ich damit ernstlich begänne. -Für alle anderen war dies nur eine kleine, nichtssagende Auktion, für -mich aber -- der erste Balken des Schiffes, auf dem ich wie Kolumbus -ausfahren wollte, um Amerika zu entdecken. Das waren ungefähr die -Gefühle, die ich damals hatte. - -Ich fand das Haus, ging, wie in der Notiz angegeben war, über den Hof -und betrat die Wohnung der Frau Lebrecht. Diese Wohnung bestand aus -einem Vorraum und vier nicht großen, niedrigen Zimmern. Im ersten Zimmer -befanden sich viele Menschen, vielleicht ganze dreißig an der Zahl; aber -nur die Hälfte von ihnen mochte sich aus Käufern zusammensetzen -- die -anderen waren augenscheinlich nur aus Neugier gekommen oder als -Liebhaber jeglicher Versammlungen oder auch als heimlich Beauftragte der -Frau Lebrecht. Es waren da außer Krämern und Juden, die es auf die -Goldsachen abgesehen hatten, auch einige »sauber« gekleidete Leute. -Sogar die Physiognomien einzelner von ihnen haben sich meinem Gedächtnis -eingeprägt. Im nächsten Zimmer rechts, dessen Tür offen stand, hatte man -gerade zwischen die Türpfosten einen Tisch gestellt, so daß er den -Eingang zu jenem Zimmer versperrte; dort aber befanden sich alle die -unter den Hammer gekommenen Sachen, die verauktioniert werden sollten. -Links lag ein anderes Zimmer, dessen Tür geschlossen war, doch von Zeit -zu Zeit ein klein wenig geöffnet wurde, und dann sah man, daß jemand -verstohlen durch den Spalt lauerte -- wahrscheinlich jemand von den -zahlreichen Sprößlingen der Frau Lebrecht, die sich an dem Tage -natürlich in einer recht beschämenden Lage befanden. Hinter dem Tisch in -der Tür saß, das Gesicht dem Publikum zugewandt, der Gerichtsvollzieher, -der die Sachen zu versteigern hatte. Als ich eintrat, war ungefähr die -Hälfte schon verkauft. Ich drängte mich sogleich bis dicht an den Tisch -heran. Es wurden gerade zwei Bronzeleuchter ausgeboten. Ich sah mich -nach den anderen Sachen um. - -Dabei drängten sich mir sogleich Zweifel auf: was konnte ich hier -überhaupt kaufen? Was finge ich zum Beispiel mit diesem Paar -Bronzeleuchter an, wo brächte ich sie jetzt unter, und könnte ich denn -so überhaupt jemals zum Ziel gelangen? Wird denn die Sache auch wirklich -so gemacht, und wird meine Berechnung auch wirklich richtig sein? War es -nicht schließlich eine ganz kindische Berechnung? Und während mir diese -Gedanken durch den Kopf fuhren, stand ich und wartete, -- etwa wie man -am Spieltisch wartet, wenn man noch nicht gesetzt hat, obschon man mit -der Absicht, unbedingt zu spielen, an den Tisch getreten ist und gerade -noch denkt: »Wenn ich will, setze ich, wenn ich will, gehe ich fort -- -ganz wie ich will.« Das Herz pocht dann noch nicht, aber es ist, als -verlangsame sich sein Schlagen, und hin und wieder erbebt es nur so -eigenartig, -- eine Empfindung, die nicht ohne Reiz ist. Aber die -Unentschlossenheit fängt bald an, einem lästig zu werden, und dann wird -man plötzlich gleichsam blind und taub und streckt die Hand aus und -nimmt eine Karte, aber alles ganz wie mechanisch, fast sogar wie gegen -den eigenen Willen, als führte ein Fremder unsere Hand; und plötzlich -ist es geschehen! -- Da hat man gleich eine ganz andere Empfindung, die -geradezu ungeheuer ist. Ich rede hier nicht von Auktionen, sondern nur -von mir, -- wer könnte denn sonst auf einer Auktion Herzklopfen -bekommen? - -Es waren da Leute, die sich sehr ereiferten, andere wiederum, die -schwiegen und warteten, und wieder andere, die dies oder jenes kauften -und es nachher bereuten. Doch kann ich nicht sagen, daß sie mir leid -taten: ein Herr zum Beispiel, der sich verhört hatte und eine Milchkanne -aus Neusilber für eine silberne kaufte und statt etwa zwei Rubel ganze -fünf Rubel zahlen mußte, erweckte nicht das geringste Mitleid in mir, im -Gegenteil, dieser Zwischenfall erheiterte mich sogar. Der -Gerichtsvollzieher brachte übrigens auch nach Möglichkeit Abwechslung in -die Versteigerung: nach den Leuchtern kamen Ohrringe zum Ausbot, nach -den Ohrringen ein Sofakissen, dann eine Schatulle, -- wahrscheinlich, um -das Interesse wachzuerhalten, oder vielleicht auch, um den verschiedenen -Wünschen der Kauflustigen nachzukommen. Ich hielt es nicht zehn Minuten -aus, wandte mich zuerst dem Kissen zu, darauf der Schatulle, aber im -entscheidenden Moment bot ich dann doch nicht mit: diese Gegenstände -erschienen mir ganz unmöglich. Da hielt der Gerichtsvollzieher ein Album -in der Hand. - -»Ein Album, in einem roten Saffianeinband, gebraucht, mit Aquarell- und -Tuschzeichnungen, in einem Futteral mit geschnitzter Elfenbeineinlage -und mit silbernem Schloß -- zwei Rubel!« - -Ich trat näher: ein elegantes Ding, aber die Elfenbeinschnitzerei war an -einer Stelle schon etwas schadhaft. Nur ich allein war nähergetreten, -die anderen schwiegen. Konkurrenten gab es also nicht. Ich hätte ja das -Schloß öffnen und das Album herausnehmen können, um es zu betrachten, -ließ es aber bleiben -- »gleichviel,« dachte ich, »das ist ja egal«. - -»Zwei Rubel fünf Kopeken,« sagte ich mit vor Aufregung unsicherer -Stimme. - -Niemand bot mehr. So fiel es mir zu. Ich holte sogleich mein Geld -hervor, bezahlte, nahm das Album und zog mich in einen Winkel des -Zimmers zurück. Dort erst nahm ich es aus dem Futteral, um es schnell, -fast fieberhaft zu durchblättern: das war nun, abgesehen von dem -Futteral, das wertloseste Ding der Welt, -- ein Stammbuch von der Größe -eines Bogen Postpapiers kleinen Formats, ein dünnes Büchlein mit -abgenutztem Goldschnitt, -- genau von der Art, wie sie in früheren -Jahren bei jungen Mädchen, die ein Institut besuchten, so überaus -beliebt waren. Mit Tusche und Wasserfarben waren da Tempel auf Bergen -gemalt, Amoretten, ein Teich, auf dem Schwäne schwammen, und dazu -natürlich Gedichte. - - »... Vor mir liegt eine weite Reise, - Weshalb ich Abschied nehmen muß, - Drum send' ich Dir auf diese Weise - Hiermit noch einen letzten Gruß.« - -(Da hab' ich richtig noch eines von ihnen behalten!) Ich gestand mir, -daß ich »hereingefallen« war: wenn es etwas gab, was kein Mensch -brauchen konnte, so war das dieses alte Album. - -»Tut nichts,« schloß ich schnell meinen Gedankengang, »die erste Karte -verspielt man immer; das hat sogar eine gute Vorbedeutung.« - -Ich war entschieden vergnügt. - -»Ach, da bin ich zu spät gekommen! Sie haben es? Sie haben es -erstanden?« hörte ich plötzlich neben mir die Stimme eines Herrn, der -sehr stattlich aussah und gut gekleidet war. Er war gerade erst -eingetreten. - -»Zu spät gekommen! Schade, sehr schade! -- Für wieviel, wenn ich fragen -darf?« - -»Für zwei Rubel fünf Kopeken.« - -»Ach, wie schade! -- Würden Sie es mir nicht abtreten?« - -»Gehen wir hinaus,« flüsterte ich ihm zu, während mein Herzschlag -stockte. - -Wir gingen hinaus auf die Treppe. - -»Ich trete es Ihnen für zehn Rubel ab,« sagte ich, mit einem Gefühl von -Kälte im Rücken. - -»Zehn Rubel! Ich bitte Sie, was fällt Ihnen ein!« - -»Wie Sie wollen.« - -Er sah mich mit aufgerissenen Augen an und maß mich von oben bis unten: -ich war gut gekleidet und glich wohl nicht im entferntesten einem Juden -oder Trödler. - -»Aber ich bitt' Sie! -- Das ist doch ein altes, lumpiges Album, das zu -nichts mehr zu gebrauchen ist, auch das Futteral ist ja nichts mehr wert --- wer wird denn so etwas noch kaufen?« - -»Sie wollen es doch.« - -»Aber doch nur aus einem besonderen Grunde! -- Ich erfuhr es erst -gestern, -- und solcher, die das kaufen wollen, gibt es doch außer mir -keinen einzigen! Was fällt Ihnen ein!« - -»Ich hätte fünfundzwanzig Rubel fordern sollen; aber da Sie dann -vielleicht doch zurückgetreten wären, so habe ich, um das Wagnis nicht -zu übertreiben, nur zehn gefordert. Davon lasse ich keine Kopeke ab.« - -Ich kehrte ihm den Rücken und ging. - -»So nehmen Sie vier Rubel!« rief er mir nach und holte mich mit -schnellen Schritten ein, -- ich war schon auf dem Hof. »Nun, -meinetwegen: fünf!« - -Ich schwieg und ging weiter. - -»Nun denn -- da haben Sie!« Er nahm zehn Rubel aus seinem Portemonnaie, -ich gab ihm das Album. - -»Aber Sie müssen doch zugeben, daß das nicht ehrlich ist! Zwei Rubel und -zehn -- was?« - -»Weshalb nicht ehrlich? Einfach Markt!« - -»Was ist denn hier für ein Markt!« (Er wurde wütend.) - -»Wo Nachfrage ist, ist auch Markt. Hätten Sie sich nicht eingefunden, -- -keine vierzig Kopeken hätt' ich dafür bekommen.« - -Ich sagte es zwar ganz ernst, aber innerlich lachte ich, -- lachte nicht -gerade vor Entzücken, sondern -- ja, ich weiß es eigentlich selbst -nicht, weshalb ich lachte, jedenfalls aber geriet ich dabei etwas außer -Atem. - -»Hören Sie,« wandte ich mich leise an ihn -- ich konnte es nicht -zurückhalten, was sich mir auf die Lippen drängte, und ich sagte es ganz -freundschaftlich zu ihm und hatte ihn dabei sogar furchtbar lieb -- -»hören Sie, als James Rothschild, der Verstorbene -- der Pariser, Sie -wissen doch, der eintausendsiebenhundert Millionen Francs hinterlassen -hat« (er nickte mit dem Kopf), »als also dieser James Rothschild -- -damals war er noch jung -- zufällig ein paar Stunden früher als alle -anderen von der Ermordung des Herzogs von Berry erfuhr und davon -ungesäumt gewissen Leuten Mitteilung machte, verdiente er allein dadurch -in wenigen Minuten ein paar Millionen -- sehen Sie, so machen es solche -Leute!« - -»Ja, sind _Sie_ denn Rothschild?« schrie er mich wütend an, als hätte er -es mit einem Narren zu tun. - -Ich ließ ihn stehen und ging fort. Ein einziger Schachzug -- und ich -hatte sieben Rubel fünfundneunzig Kopeken verdient! Gut, sagen wir: es -war ein Zufall, ein kindisches Spiel, ich gebe es zu, aber immerhin -stimmte dieser »Zufall« mit meiner Berechnung überein, und da war es nur -natürlich, daß er einen ungeheuer tiefen Eindruck auf mich machte ... -Übrigens, wozu Gefühle beschreiben? Den Zehnrubelschein hatte ich in -meiner Westentasche, ich steckte zwei Finger hinein, um ihn zu befühlen --- und so ging ich weiter, ohne die Hand herauszuziehen. Als ich etwa -hundert Schritte gegangen war, zog ich den Schein hervor, um ihn zu -betrachten: ich besah ihn von allen Seiten und hätte ihn am liebsten -geküßt. Da rollte eine Equipage vor das Haus, an dem ich gerade -vorübergehen wollte. Der Portier öffnete die Tür, und aus dem Hause trat -eine Dame, elegant, jung, schön, in Seide und Samt gekleidet, mit einer -fast meterlangen Schleppe -- und sie ging an mir vorüber zur Equipage. -Plötzlich entglitt ihrer Hand ein entzückendes kleines Ledertäschchen -und fiel hin, ohne daß sie es bemerkte: sie stieg ein. Der Diener bückte -sich, um das Ding aufzuheben, doch schon war ich hinzugesprungen, hob es -auf und reichte es der Dame, indem ich den Hut lüftete. (Ich trug einen -Zylinder und war als selbständiger junger Mann gut gekleidet.) Die Dame -sagte zurückhaltend, doch mit dem liebenswürdigsten Lächeln: »_Merci -m'sieu._«{[20]} Die Equipage rollte davon. Ich küßte meinen -Zehnrubelschein. - - - III. - -Ich mußte an jenem Tage noch unbedingt einen früheren Schulkameraden von -mir aufsuchen, einen gewissen Jefim Swerjoff, der schon früher aus dem -Gymnasium in Moskau ausgetreten war, um in Petersburg eine höhere -Fachschule zu besuchen. Er selbst ist weiter keiner Erwähnung wert, und -eigentlich war ich mit ihm auch nichts weniger als befreundet, doch -hatte ich ihn trotzdem schon im ersten Monat in Petersburg aufgesucht: -er konnte mir (infolge von Umständen, die gleichfalls nicht der Rede -wert sind) die Adresse eines gewissen Menschen mitteilen, der mich sehr -interessierte, und der bald aus Wilna zurückkehren sollte. Dieser Mensch -hieß Krafft. Swerjoff hatte mir vor einiger Zeit mitgeteilt, daß er ihn -gerade an jenem Tage oder spätestens am folgenden zurückerwartete. Ich -mußte mich nach einem ganz anderen Stadtteil begeben, nach der -»Petersburger Seite«, doch legte ich auch diese Strecke wieder zu Fuß -zurück und wurde nicht einmal müde. Ich traf ihn (Swerjoff war mit mir -in einem Alter, erst neunzehn geworden) auf dem Hof des Hauses seiner -Tante, bei der er damals wohnte. Er hatte gerade zu Mittag gegessen und -leistete sich das Vergnügen, im Hof auf Stelzen herumzugehen. Er sagte -mir sogleich, daß Krafft schon tags zuvor angekommen und in seiner -früheren Wohnung auf der Petersburger Seite abgestiegen sei und mich -gleichfalls sobald als möglich zu sehen wünsche, da er mir etwas -Wichtiges mitzuteilen habe. - -»Er muß bald wieder irgendwohin verreisen,« fügte Jefim noch hinzu. - -Da es für mich unter diesen Umständen und noch aus besonderen Gründen -von größter Wichtigkeit war, Krafft zu sprechen, so bat ich Jefim, mich -sogleich zu ihm zu führen, zumal dessen Wohnung nur ein paar Schritte -von dort entfernt war. Doch Jefim erklärte mir darauf, daß er Krafft -schon vor einer Stunde getroffen habe: er sei zu Dergatschoff gegangen -und werde dort wohl sitzengeblieben sein. - -»Gehen wir doch einfach zu Dergatschoff, warum willst du immer nicht? -- -Hast du Angst?« - -In der Tat, Krafft konnte bei Dergatschoff lange sitzenbleiben, und wo -sollte ich auf ihn warten? Zu Dergatschoff zu gehen, davor fürchtete ich -mich zwar nicht, aber es widerstrebte mir, obwohl es schon das drittemal -war, daß Jefim mich hinschleppen wollte. Und dabei hatte er schon -jedesmal dieses »hast du Angst?« mit einem Lächeln angehängt, das mich -für feig hielt. Nein, es geschah meinerseits nicht aus Feigheit, das sei -vorausgeschickt, doch wenn ich ungern hinging, so hatte das einen ganz -anderen Grund. Diesmal aber entschloß ich mich doch, mich hinführen zu -lassen. Es war übrigens gleichfalls nicht weit zu gehen. Unterwegs -fragte ich Jefim, ob er immer noch die Absicht habe, nach Amerika -loszuziehen. - -»Vielleicht schiebe ich es auch noch ein bißchen auf,« erwiderte er mit -leichtem Lachen. - -Ich hatte ihn nicht sonderlich gern oder, wenn ich ganz aufrichtig sein -soll, ich mochte ihn eigentlich gar nicht. Er war für meinen Geschmack -gar zu blond, sein Gesicht schon gar zu weiß und rosig, geradezu -unpassend zart, als wäre er noch ein Säugling, und dabei war er sogar -länger als ich, doch konnte man ihn höchstens für einen Siebzehnjährigen -halten. Eine ernste Unterhaltung mit ihm war ganz unmöglich. - -»Wer ist denn da alles? Trifft man dort wirklich immer eine ganze -Versammlung?« erkundigte ich mich wissenschaftshalber. - -»Warum hast du denn immer Angst?« fragte er wieder höhnisch. - -»Scher' dich zum Teufel!« sagte ich ärgerlich. - -»Durchaus keine Versammlung. Es kommen nur Bekannte hin, lauter -Gesinnungsgenossen, sei beruhigt.« - -»Was, zum Teufel, geht das mich an, ob sie Gesinnungsgenossen sind oder -nicht! Aber werde auch ich dort Gesinnungsgenosse sein? Woher wissen -diese Leute, ob sie mir vertrauen können?« - -»_Ich_ bringe dich hin, das genügt. Sie haben aber auch schon von dir -gehört. Und Krafft kann ihnen ja auch Auskunft über dich geben.« - -»Hör' mal, wird Wassin dort sein?« - -»Das weiß ich nicht.« - -»Wenn er da ist, so stoß mich an, sobald wir eintreten, so mit dem -Ellenbogen, und zeig ihn mir heimlich, damit ich weiß, welcher es ist. -Gleich beim Eintreten, hörst du?« - -Von diesem Wassin hatte ich schon viel gehört und interessierte mich -schon lange für ihn. - -Dergatschoff wohnte in einem kleinen Nebengebäude auf dem Hof eines -großen Hauses, das einer Kaufmannsfrau gehörte, doch dafür bewohnte er -das Häuschen ganz allein. Es waren dort nur drei Wohnzimmer, und an -allen vier Fenstern waren die Stores herabgelassen. Er war Techniker und -hatte in Petersburg eine Anstellung, doch wie ich gehört hatte, war ihm -eine sehr vorteilhafte Anstellung in der Provinz angeboten worden, und -zwar sollte er schon in nächster Zeit Petersburg verlassen. - -Kaum waren wir in das kleine Vorzimmer getreten, da hörten wir schon -laute Stimmen: man schien heftig zu streiten, und jemand rief: »_Quae -medicamenta non sanant -- ferrum sanat, quae ferrum non sanat -- ignis -sanat!_« - -Ich fühlte mich allerdings etwas beunruhigt. Natürlich war ich nicht an -Gesellschaft gewöhnt, gleichviel an welch eine. Im Gymnasium hatte ich -mit meinen Mitschülern zwar auf du und du gestanden, doch kann ich nicht -sagen, daß ich auch nur mit einem von ihnen wirklich Freundschaft -geschlossen hätte. Ich hatte mir einen Winkel geschaffen und in diesem -Winkel gelebt. Doch nicht das war es, was mich verwirrte: Für alle Fälle -nahm ich mir aber fest vor, mich nicht auf einen Meinungsstreit -einzulassen und überhaupt nur das Notwendigste zu sprechen, so daß man -aus meinen Worten nicht die geringsten Schlüsse auf mich ziehen konnte; -vor allen Dingen aber wollte ich mich nicht in ihren Streit hineinziehen -lassen. - -Im ersten Zimmer, das wirklich schon etwas gar zu klein war, waren -sieben Herren anwesend und drei Damen. Dergatschoff war ein Mann von -fünfundzwanzig Jahren und verheiratet. Die Schwester der Frau und noch -eine Verwandte von ihr lebten gleichfalls bei ihnen. Das Zimmer war nur -einfach möbliert, doch ausreichend, und es war sogar sehr sauber. An der -einen Wand hing ein Porträt, eine ganz billige Lithographie, und in -einer Ecke ein Heiligenbild ohne metallene Bekleidung, doch mit einem -brennenden Lämpchen davor. Dergatschoff kam mir entgegen, drückte mir -die Hand und bat mich, Platz zu nehmen. - -»Setzen Sie sich, wir sind hier ganz unter uns.« - -»Seien Sie so freundlich,« forderte mich sogleich auch eine recht nett -aussehende, doch sehr bescheiden gekleidete junge Frau auf, worauf sie -nach einem freundlichen Gruß das Zimmer verließ. - -Das war Dergatschoffs Frau, die offenbar auch ihre Meinung geäußert -hatte und nun fortging, um ihr Kind zu stillen. So blieben nur noch zwei -Damen im Zimmer: eine sehr kleine, von etwa zwanzig Jahren, in einem -schwarzen einfachen Kleide und gleichfalls nicht häßlich, und die andere -von etwa dreißig Jahren, eine hagere Person mit stechenden Augen. Sie -saßen ganz still und hörten aufmerksam zu, beteiligten sich aber nicht -am Gespräch. - -Die Herren standen fast alle, nur Krafft und Wassin saßen, und dann als -Dritter auch ich. Auf diese beiden hatte mich Jefim sogleich aufmerksam -gemacht; denn auch Krafft sah ich zum erstenmal. Ich stand gleich wieder -auf und trat auf ihn zu. Sein Gesicht werde ich nie vergessen: keine -Spur von besonderer Schönheit, aber es lag in ihm ein Ausdruck von -unendlicher Milde und von fast schon gar zu großem Zartgefühl, obgleich -sich dabei doch in allem persönliche Würde bemerkbar machte. Er mochte -ungefähr sechsundzwanzig Jahre alt sein, war ziemlich mager, über -mittelgroß, blond, mit einem ernsten, doch weichen Gesicht. In allem an -ihm war gleichsam eine große Stille. Indessen -- so sonderbar das sein -mag -- ich hätte mein vielleicht sehr nichtssagendes Gesicht doch nicht -gegen sein Gesicht, das mir so anziehend erschien, eingetauscht. Es lag -etwas in seinem Gesicht, was ich in meinem Gesicht nicht hätte haben -wollen, etwas denn doch schon gar zu Ruhiges im ethischen Sinne, etwas -von der Art eines heimlichen, sich selbst unbewußten Stolzes. Übrigens -habe ich damals gewiß noch nicht so eingehend urteilen können: es -scheint mir wohl nur jetzt so, als hätte ich das alles schon bei der -ersten Begegnung herausgefühlt, jetzt, nach dem Geschehnis. - -»Es freut mich sehr, daß Sie gekommen sind,« sagte Krafft zu mir. »Ich -habe einen Brief, der Sie angeht. Wir können noch eine Weile -hierbleiben, dann kommen Sie mit zu mir.« - -Dergatschoff war mittelgroß von Wuchs, breitschulterig, kräftig, brünett -und trug einen großen Bart. Aus seinen Augen sprach einsichtsvoller -Verstand und Scharfblick, doch vor allem Zurückhaltung, die förmlich wie -eine gewisse unablässige Vorsicht anmutete. Obschon er größtenteils -schwieg, war er derjenige, der die ganze Unterhaltung leitete. Wassins -äußere Erscheinung machte auf mich keinen gerade überraschenden -Eindruck, was mich eigentlich ein wenig wunderte, da ich von ihm schon -als von einem ungeheuer klugen Menschen hatte reden hören: er war blond, -hatte große hellgraue Augen, ein sehr offenes Gesicht, in dem -gleichzeitig ein Ausdruck von etwas vielleicht gar zu großer -Charakterfestigkeit lag. Man merkte es ihm an, daß er wenig mitteilsam -war, aber seine Augen verrieten Klugheit; sie waren sogar klüger als die -Dergatschoffs und auch tiefer, -- er hatte die klügsten Augen von allen -Anwesenden. Doch übrigens -- vielleicht übertreibe ich hier etwas. Von -den übrigen sind mir nur noch zwei im Gedächtnis geblieben: ein langer -brünetter Mensch mit einem dunklen Backenbart, etwa siebenundzwanzig -Jahre alt, der Lehrer oder etwas Ähnliches war; und dann noch ein junger -Bursche, ungefähr in meinem Alter, in einer russischen Bluse, mit -faltigem Gesicht, einer von den Schweigsamen, die mit großem Interesse -zuzuhören verstehen. Später stellte sich auch heraus, daß er ein -Bauernsohn war. - -»Nein, das ist nicht so aufzufassen,« begann der Lehrer mit dem -schwarzen Backenbart, der sich von allen am meisten ereiferte, indem er -offenbar die Diskussion, die durch uns unterbrochen worden war, wieder -aufnahm. »Von den mathematischen Beweisen will ich weiter nicht reden, -aber diese Idee, an die zu glauben ich auch ohne mathematische Beweise -gern bereit bin ...« - -»Warte mal, Tichomiroff,« unterbrach ihn Dergatschoff mit ruhig-lauter -Stimme, »die Eingetretenen wissen noch gar nicht, wovon die Rede ist. -Wir streiten hier über eine Ansicht,« wandte er sich plötzlich an mich -ganz allein (und ich muß gestehen, wenn er mich als Neuling examinieren -und zum Sprechen bringen wollte, so war das sehr geschickt von ihm -angefangen; ich fühlte dies denn auch sogleich heraus und wappnete mich) --- »über eine Ansicht dieses Herrn Krafft, dessen Charakter und -Anschauungen wir alle schon kennen, ebenso wie seine Gewissenhaftigkeit, -mit der er prüft, bevor er urteilt. Er ist nun infolge eines ganz -gewöhnlichen Faktums zu einem so ungewöhnlichen Schluß gekommen, daß er -uns alle damit in Erstaunen gesetzt hat. Er hat, wie gesagt, aus dem von -ihm gesammelten Material den Schluß gezogen, daß das russische Volk ein -Volk zweiten Ranges sei ...« - -»Dritten Ranges!« rief jemand dazwischen. - -»... ein Volk zweiten Ranges, das bestimmt ist, nur als Material für -eine edlere Rasse zu dienen, nicht aber eine selbständige Rolle in den -Geschicken der Menschheit zu spielen. Und in Erwägung dieses vielleicht -auch ganz richtigen Schlusses ist Herr Krafft zu der weiteren Folgerung -gelangt, daß durch eben diese Idee oder Erkenntnis jeder fernere -Tatendrang in uns Russen paralysiert werden müsse, also mit anderen -Worten, uns allen müßten die Hände einfach herabsinken ...« - -»Erlaub', Dergatschoff, das ist nicht so aufzufassen,« unterbrach ihn -ungeduldig wieder jener mit dem Backenbart -- Tichomiroff hieß er (und -Dergatschoff überließ ihm auch sogleich das Wort). »In Anbetracht -dessen, daß Krafft ernsthafte Studien gemacht, seine Schlüsse auf Grund -physiologischen Wissens gezogen hat, weshalb er sie auch für -mathematisch richtig anerkennt, und so vielleicht ganze zwei Jahre -Studium seiner Idee geopfert hat (die ich mit der größten Ruhe auch _a -priori_ als bewiesen angenommen hätte) -- in Anbetracht dessen, sage -ich, das heißt also, wenn man in Betracht zieht, wie sehr ihn diese -Sache aufgeregt und wie ernst er sie genommen hat, müssen wir sie als -ein Phänomen auffassen, das von uns als solches untersucht werden will. -Es ergibt sich nämlich aus dem Ganzen eine Frage, die Krafft nicht -verstehen kann, und eben das ist es, womit man sich beschäftigen muß, -also mit Kraffts Unfähigkeit, sie zu verstehen; denn eben diese seine -Unfähigkeit ist das Phänomen. Jetzt heißt es: entscheiden, ob dieses -Phänomen in die Klinik gehört, als ein Fall, der in seiner Art einzig -dasteht, oder ob es nur der Ausdruck einer Eigenschaft ist, die sich -normalerweise auch bei anderen vorfinden kann. Das festzustellen dürfte -schon im Hinblick auf die allgemeine Sache von Interesse sein. Was dabei -Rußland betrifft, so glaube ich ihm gern, was er sagt, ja, ich kann -sogar gestehen, daß es mich beinahe freut; denn wenn alle sich diese -Auffassung zu eigen machten, würde sie uns die Hände entfesseln und -viele von ihrem patriotischen Vorurteil befreien ...« - -»Ich habe nicht aus Patriotismus gesprochen,« bemerkte Krafft müde, -gleichsam schwerfällig und mit Widerwillen. - -Alle diese Debatten waren ihm, glaube ich, sehr unangenehm. - -»Aus Patriotismus oder nicht, das kommt hier nicht in Frage,« brummte -Wassin vor sich hin, womit er zum erstenmal sein Schweigen brach. - -»Aber inwiefern, bitte mir das zu sagen, inwiefern kann denn Kraffts -Vernunftschluß einen abhalten, für die Sache der Allmenschheit zu -wirken?« schrie der Lehrer (nur er allein ereiferte sich so, alle -anderen sprachen ruhig). »Mag Rußland zur Zweitrangigkeit verurteilt -sein, man kann doch auch nicht nur für Rußland allein arbeiten! Und -überdies, wie kann Krafft ein Patriot sein, wenn er schon aufgehört hat, -an Rußland zu glauben?« - -»Zudem ist er ja auch noch ein Deutscher,« ertönte wieder die Stimme, -die schon einmal dazwischengerufen hatte. - -»Ich bin -- Russe,« sagte Krafft. - -»Nein, das gehört nicht zur Sache, wenigstens nicht direkt,« bemerkte -Dergatschoff zu dem gewandt, der die Zwischenbemerkung gemacht hatte. - -»Treten Sie aus der Enge Ihrer Idee heraus,« fuhr Tichomiroff fort, ohne -auf irgendwelche Zwischenrufe zu achten, »wenn Rußland nur das Material -für edlere Völker ist, ja warum soll es dann nicht als Material dazu -dienen? Das ist doch, meiner Meinung nach, eine immer noch ganz -ansehnliche Rolle. Weshalb also soll man sich nicht, im Hinblick auf die -Erweiterung der Aufgabe, mit dieser Idee zufrieden geben? Die Menschheit -steht am Vorabend ihrer Wiedergeburt, die schon begonnen hat. Die -Aufgabe, die vor uns liegt und unserer harrt, können nur Blinde nicht -erkennen. So laßt doch Rußland Rußland sein, wenn ihr den Glauben daran -verloren habt, und arbeitet für das Zukünftige, -- für das zukünftige, -uns noch unbekannte Volk, das aus der ganzen Menschheit hervorgehen -wird, ohne Unterschied der Rassen. Sowieso wäre Rußland einmal doch -gestorben; selbst die begabtesten Völker leben im ganzen nur anderthalb, -höchstens zwei Jahrtausende; ist es da nicht ganz gleich, ob es nun -zweitausend oder zweihundert Jahre sind? Die Römer haben nicht einmal -anderthalb Jahrtausende als geschlossenes Volk gelebt und haben sich -dann gleichfalls in Material verwandelt. Römer gibt es schon lange nicht -mehr, aber sie haben eine Idee hinterlassen, und diese ist als Element -späterhin in die Geschicke der Menschheit übergegangen. Wie kann man -also einem Menschen sagen, daß es nichts zu tun gebe? Ich, für meine -Person, kann mir ein Leben, in dem es nichts zu tun gibt, in dem -Schaffen keinen Sinn hätte, überhaupt nicht vorstellen! So arbeitet für -die Menschheit, und wegen des übrigen macht euch keine Sorgen. Arbeit -aber gibt es so viel, daß das Leben nicht ausreicht, wenn man sich nur -mal aufmerksam umschaut!« - -»Man muß nach dem Gesetz der Natur und der Wahrheit leben,« sagte hinter -der Tür Frau Dergatschoff. Die Tür war nicht ganz geschlossen, und durch -den Spalt sah man sie stehen, das Kind an der Brust, die sie bedeckt -hatte, und mit brennendem Anteil lauschend. - -Krafft hörte mit einem halben Lächeln zu, schließlich sagte er mit einem -etwas müden, gequälten Ausdruck, doch übrigens mit tiefer -Aufrichtigkeit: - -»Ich verstehe nicht, wie man, wenn man unter dem Einfluß eines -herrschenden Gedankens steht, dem sich unser Verstand und Herz -vollkommen unterworfen haben, dann noch für etwas anderes, das außerhalb -dieses Gedankens liegt, leben kann.« - -»Aber wenn man Ihnen doch logisch und mathematisch beweist, daß Ihr -Vernunftschluß falsch ist, daß der ganze Gedanke falsch ist, daß Sie -nicht das geringste Recht haben, sich von der allgemeinen nutzbringenden -Tätigkeit auszuschließen, nur weil Rußland vorherbestimmtermaßen -zweitrangig ist! Wenn man Sie darauf hinweist, daß an Stelle des alten -engen Horizonts die Unendlichkeit sich vor Ihnen auftut, daß an Stelle -der engen Idee des Patriotismus ...« - -»Ach!« fiel ihm Krafft mit einer müden Handbewegung ins Wort, »ich sagte -Ihnen doch schon, daß Patriotismus hiermit nichts zu tun hat.« - -»Hier liegt augenscheinlich ein Mißverständnis vor,« mischte sich -plötzlich Wassin ein. »Der Irrtum besteht darin, daß Krafft nicht nur -einen logischen Schluß verficht, sondern einen Schluß, der für ihn -sozusagen zu einem Gefühl geworden ist. Nicht alle Naturen sind von -gleicher Art; bei vielen verwandelt sich ein logischer Schluß -tatsächlich in das stärkste Gefühl, das ihr ganzes Wesen ergreift und -beherrscht, und dies Gefühl zu bannen oder zu verändern, ist nicht -leicht. Um einen solchen Menschen zu heilen, müßte man eben dieses -Gefühl ändern, was nur möglich ist, wenn man es durch ein gleichstarkes -anderes Gefühl ersetzen kann. Das ist unter allen Umständen schwer, in -vielen Fällen aber einfach unmöglich.« - -»Falsch!« rief wieder der Lehrer, »der logische Schluß hebt schon an und -für sich alle Vorurteile auf. Eine vernünftige Überzeugung gebiert -dasselbe Gefühl, das heißt, nicht gerade dasselbe, sondern ein -gleichwertiges, gleichstarkes. Der Gedanke geht aus dem Gefühl hervor, -und sobald er vom Menschen Besitz ergriffen hat, erzeugt er seinerseits -ein neues Gefühl!« - -»Die Menschen sind sehr verschieden: einige ändern ihre Gefühle leicht, -andere schwer,« entgegnete Wassin ablenkend, als wolle er den Streit -nicht fortsetzen; mich aber hatte seine Auffassung schon förmlich -begeistert. - -»So ist's, geradeso wie Sie es sagen!« wandte ich mich plötzlich an ihn, -indem ich mit einemmal das Schweigen brach und zu sprechen begann, als -hätte ich nie einen Vorsatz gefaßt. »Sie haben recht, man muß das eine -Gefühl durch ein anderes ersetzen, um das erste überwinden zu können. In -Moskau lebte, es sind jetzt vier Jahre her, ein General ... Sehen Sie, -meine Herren, ich habe ihn zwar nicht gekannt, aber ... Vielleicht hat -er auch so als Mensch gar keine besondere Beachtung verdient ... Und -außerdem kann einem der ganze Vorfall, genau genommen, als ein Beispiel -von Unverstand erscheinen, aber ... Übrigens, sehen Sie, er verlor ein -Kind oder vielmehr zwei, zwei kleine Mädchen, beide starben kurz -nacheinander, beide am Scharlach ... Und was glauben Sie, das hat ihn so -erschüttert, daß er sich nicht mehr aufzuraffen vermochte, er grämte -sich und grämte sich, und sah bald so aus, daß man ihn nicht ansehen -konnte, -- und es endete damit, daß er starb, nach Verlauf kaum eines -halben Jahres. Daß er wirklich nur deshalb gestorben ist, das ist -Tatsache! Wodurch, fragt es sich nun, hätte man ihn wieder aufrichten -können? Antwort: durch ein gleichstarkes Gefühl! Man hätte also diese -beiden kleinen Mädchen herausgraben und ihm lebendig wiedergeben müssen --- das war's, das heißt, nur bildlich gesprochen. Und da das nicht -anging, starb er eben. Indessen aber -- was hätte man ihm da nicht alles -für wunderschöne Schlüsse vorhalten können: daß das Leben vergänglich -ist, und daß wir alle einmal sterben müssen, ja man hätte ihm sogar aus -dem Kalender die Statistik vorlesen können, wieviel Kinder jährlich am -Scharlach sterben, und so weiter ... Er war General außer Dienst ...« - -Ich stockte, fast außer Atem, und sah mich im Kreise um. - -»Aber das ist doch etwas ganz anderes,« sagte irgend jemand. - -»Die von Ihnen angeführte Tatsache entspricht zwar nicht ganz dem in -Frage stehenden Fall, aber sie hat doch Ähnlichkeit mit ihm und erklärt -die Sache anschaulicher,« sagte Wassin, sich zu mir wendend. - - - IV. - -Hier muß ich nun bekennen, weshalb mich Wassins Argument von der Idee, -die zum Gefühl wird, so begeisterte, und gleichzeitig will ich etwas -gestehen, dessen ich mich höllisch schämen muß. - -Ja, ich hatte wirklich Angst gehabt, zu Dergatschoff zu gehen, wenn auch -nicht aus dem Grunde, den Jefim annahm. Ich hatte Angst und hatte mich -schon in Moskau vor ihnen gefürchtet. Ich wußte, daß sie (das heißt, ob -es nun gerade diese oder andere waren, bleibt sich gleich, ich meine nur -Leute von ihrer Art) -- daß sie Dialektiker waren und mir womöglich -meine »Idee« in Trümmer schlagen konnten. Zwar glaubte ich fest an mich -selbst, und daß ich ihnen meine Idee mit keiner Silbe verraten würde; -aber schließlich könnten sie mir (das heißt wieder, sie oder -ihresgleichen) irgend etwas sagen, was vielleicht ohne ihr Wissen einen -solchen Eindruck auf mich machte, daß ich dann selbst und ohne fremden -Beistand meine Illusionen über meine Idee zerstörte; und eine solche -Ernüchterung war jederzeit möglich, auch wenn ich, getreu meinem -Vorsatz, kein Wort über meine Idee verlauten ließ. In meiner »Idee« gab -es Fragen, auf die ich noch keine Antwort gefunden hatte, aber ich -wollte nicht, daß ein anderer für mich das Beantworten übernahm. In den -letzten zwei Jahren hatte ich sogar das Bücherlesen aufgegeben, weil ich -fürchtete, auf eine Stelle zu stoßen, die nicht zugunsten meiner Idee -sprach und mich vielleicht wankend machen konnte. Und da hatte nun -Wassin mit einem Satz das ganze Problem gelöst und mich beruhigt, -- ich -meine, im _höheren_ Sinne beruhigt. In der Tat, was hatte ich denn -gefürchtet, und was konnten sie mir mit ihrer ganzen Dialektik -schließlich anhaben? Ich war dort vielleicht der einzige unter ihnen -allen, der überhaupt begriff, was Wassin mit dieser »Idee, die zum -Gefühl wird«, oder sagen wir, mit dem »Ideegefühl«, gemeint hatte. Es -genügt noch nicht, daß man die uns beherrschende Idee widerlegt, man muß -einen Ersatz für sie bieten, muß sie gegen etwas ebenso Großes -eintauschen können; anderenfalls widerlege ich in meinem Herzen, da ich -um keinen Preis meine Gefühle hergeben will, alles, was sie dort an -Widerlegungen vorbringen, selbst wenn ich dabei meine Logik -vergewaltigen muß. Was aber konnten sie mir als Ersatz anbieten? Deshalb -hätte ich mutiger sein können, ja, es wäre sogar meine erste Pflicht -gewesen, männlicher zu sein. So fühlte ich mich, während mich Wassins -Idee begeisterte, tief innerlich doch beschämt und kam mir vor wie ein -unmündiges Kind. - -Und dann hatte ich mich noch aus einem anderen Grunde zu schämen. Nicht -der erbärmliche Wunsch, mich mit meinem Verstande hervorzutun, hatte -mich zum Sprechen veranlaßt, sondern vielmehr das Verlangen, mich ihnen -an den Hals zu werfen. Dieses Verlangen, mich anderen »an den Hals zu -werfen«, damit sie mich für gut und klug und Gott weiß was noch alles -hielten (kurz, irgend so eine Schweinerei), halte ich für das -Schmählichste und Ekelhafteste, dessen ich mich zu schämen habe. Ich -hatte es schon lange geahnt, oder richtiger, mich selbst dieses -Verlangens verdächtigt, und ich wußte auch damals schon, daß der Keim -desselben in jenem »Winkelleben«, das ich solange geführt habe -- was -ich übrigens gar nicht bereue -- zu suchen war. Ich wußte, daß ich unter -Menschen verschlossener sein mußte. Aber nach jedem mich beschämenden -Ausfall meinerseits konnte ich mich immer noch damit trösten, daß meine -»Idee« mir doch als mein unangetastetes geheimstes Eigentum verblieb, -daß ich sie nicht preisgegeben, nicht verraten hatte. Mit Bangen -versuchte ich zuweilen, mir vorzustellen, wie das wäre, wenn ich einmal -einem anderen Menschen meine Idee schon verraten hätte: dann würde ich -plötzlich nichts Eigenes mehr haben, dann würde ich plötzlich ganz so -sein wie alle anderen, würde mich durch nichts mehr von ihnen -unterscheiden und würde vielleicht auch die ganze Idee alsdann aufgeben. -Deshalb hütete ich sie wie mein Kleinod und wußte mich mit ihr nur in -der Einsamkeit sicher, und deshalb -- deshalb zitterte ich davor, daß -ich zum Reden und Schwatzen gebracht werden könnte. Und da hatte ich nun -bei Dergatschoff, also schon bei der ersten Versuchung, nicht -standzuhalten vermocht! Verraten hatte ich meine Idee freilich nicht, -aber geschwatzt hatte ich doch in geradezu schmählicher Weise. Und das -Ergebnis davon war natürlich eine beschämende Schlappe. Scheußliche -Erinnerung! Nein, ich darf nicht mit Menschen zusammen leben. Das ist -auch heute noch meine Meinung, und die werde ich nicht ändern; ich sage -das für vierzig Jahre im voraus. Meine Idee ist gleichbedeutend mit -einem Leben im Winkel. Meine Idee ist eins mit -- Einsamkeit. - - - V. - -Kaum hatte Wassin mir beigepflichtet, da erfaßte mich auch schon das -unbezwingliche Verlangen, zu sprechen. - -»Meiner Meinung nach hat jeder Mensch das Recht, seine Gefühle zu haben -... wenn sie auf seiner Überzeugung beruhen ... und -- ohne daß jemand -ihm ihretwegen Vorwürfe machen dürfte,« wandte ich mich an Wassin. Ich -sprach es zwar ganz verwegen aus, aber es war mir doch, als sei nicht -ich es, der da sprach, und als bewege sich eine fremde Zunge in meinem -Munde. - -»Meinen Sie?« fragte sogleich mit gedehnter Ironie dieselbe Stimme, die -Dergatschoff unterbrochen und Krafft gesagt hatte, er sei ein Deutscher. -Da ich ihn für ein ganz nichtswürdiges Subjekt hielt, wandte ich mich an -den Lehrer, als hätte er gefragt. - -»Es ist meine Überzeugung, daß ich niemanden richten darf,« sagte ich, -zitternd vor innerer Erregung; denn ich fühlte schon, daß meine -Zurückhaltung nur noch von kürzester Dauer sein konnte. - -»Weshalb denn so bescheiden?« ertönte wieder die Stimme des -Nichtswürdigen. - -»Jeder hat seine Idee,« sagte ich, immer noch zum Lehrer gewandt, den -ich scharf ins Auge faßte, während dieser ruhig schwieg und mich mit -einem Lächeln betrachtete. - -»Und Ihre wäre?« fragte wieder der Nichtswürdige. - -»Das zu erzählen würde zu viel Zeit kosten ... Aber zum Teil besteht -meine Idee gerade darin, daß man mich in Ruh' lassen soll. Solange ich -noch zwei Rubel in der Tasche habe, will ich von keinem anderen abhängig -sein (beunruhigen Sie sich nicht, ich kenne die Erwiderungen), und -solange will ich auch nichts tun, -- nicht einmal für jene gepriesene -zukünftige Menschheit, für die zu arbeiten Sie Herrn Krafft -aufforderten. Persönliche Freiheit, das heißt, ich rede nur von meiner -eigenen, ist für mich die erste Bedingung, alles andere geht mich nichts -an.« - -Mein Fehler war nur der, daß ich mich ärgerte. - -»Sie predigen also die Ruhe einer satten Kuh?« - -»Meinetwegen. Eine Kuh beleidigt nicht. Ich bin keinem Menschen etwas -schuldig, ich zahle dem Staat oder der Gesellschaft in Form von Steuern -die Entschädigung dafür, daß man mich nicht bestiehlt, nicht verprügelt, -nicht totschlägt, mehr aber darf niemand von mir verlangen. Vielleicht -bin ich für mich persönlich auch anderer Meinung und will der Menschheit -dienen, und werde es auch wirklich, und das vielleicht noch zehnmal -mehr, als diese Prediger allesamt. Ich will aber in erster Linie, daß -niemand von mir das zu _fordern_ sich unterstehen darf, wie vor ein paar -Augenblicken von Herrn Krafft. Es soll mein freier Wille sein, ob ich -was tue oder nicht, und daß ich, wenn ich nicht will, nicht einen Finger -zu rühren brauche. Aber herumzulaufen und vor lauter Liebe zur -Menschheit allen um den Hals zu fallen und vor Rührung in Tränen zu -zerfließen -- das ist jetzt nur so Mode. Ja, warum soll ich denn -unbedingt meinen Nächsten lieben oder da Ihre zukünftige Menschheit, die -ich nie sehen werde, die von mir nichts wissen wird und die, wenn an sie -die Reihe kommt, ebenfalls spurlos vergehen wird, ohne irgendwelche -sichtbare Erinnerung zu hinterlassen (die Zeit spielt hierbei gar keine -Rolle), wenn die Erde sich zuletzt in einen Eisblock verwandelt und im -luftleeren Raum mit einer unendlichen Anzahl ganz genau solcher -Eisblöcke herumfliegen wird, das heißt also, wenn etwas dermaßen -Sinnloses geschieht, wie man sich Sinnloseres gar nicht mehr vorstellen -kann. Da haben Sie Ihre ganze Lehre! So sagen Sie mir doch, warum soll -ich denn unbedingt edel sein, und noch dazu, wenn doch alles nur eine -Minute dauert?« - -»Bah!« ließ sich wieder die Stimme vernehmen. - -Ich hatte das alles nervös und geärgert hervorgestoßen, als hätte ich -alle Stricke mit einem Ruck zerrissen. Ich fühlte und wußte, daß ich, -bildlich gesprochen, in eine Grube fiel, aber ich hielt mich nicht -zurück, im Gegenteil, ich drängte mich vorwärts, ich überstürzte mich, -denn ich fürchtete, unterbrochen zu werden. Ich fühlte es ja selbst nur -zu gut, daß ich alles das wie durch ein Sieb aus mir herausschüttete, -ohne Zusammenhang, ohne darauf zu achten, daß ich vom Hundertsten ins -Tausendste geriet, aber es drängte mich, und ich beeilte mich, sie zu -überzeugen, sie alle zu besiegen. Das war so wichtig für mich! Ich hatte -mich drei Jahre lang vorbereitet! Eines war aber dabei doch -bemerkenswert: sie verstummten plötzlich alle, ja, sie erwiderten so gut -wie nichts, sondern hörten nur zu. Ich fuhr fort, und wieder wandte ich -mich an den Lehrer. - -»Ja. Ein äußerst kluger Mensch hat einmal unter anderem gesagt, daß -nichts schwerer sei, als auf die Frage zu antworten: >Warum soll ich -unbedingt edel sein?< Sehen Sie, es gibt drei Arten Schufte in der Welt: -erstens die naiven Schufte -- das sind die, die überzeugt sind, daß ihre -Schuftigkeit der höchste Edelmut sei; zweitens die verschämten Schufte --- das sind die, die sich der eigenen Schuftigkeit zwar schämen, dabei -aber doch bei ihrer Schuftigkeit unbedingt verharren. Und schließlich -einfach Schufte, sagen wir: _echte_ Schufte oder Vollblutschufte. -Erlauben Sie: ich hatte einen Schulkameraden, einen gewissen Lambert, -der sagte mir mal, als er erst sechzehnjährig war, daß er, sobald er mit -seiner Mündigkeit sein Erbe erhalte, als größtes Vergnügen sich die -Wonne leisten werde, Hunde mit Brot und Fleisch zu füttern, wenn die -Kinder der Armen Hungers sterben; und wenn sie nichts hätten, womit sie -ihre Öfen heizen könnten, werde er einen ganzen Holzhof kaufen, das Holz -auf freiem Felde aufstapeln und das Feld heizen, den Armen aber werde er -kein Scheit geben. Das waren seine Gefühle! Nun sagen Sie mir, bitte, -was ich einem solchen _echten_ Schuft auf die Frage, warum er denn -unbedingt edel sein müsse, antworten könnte? Und das noch dazu jetzt, in -unserer Zeit, in der Sie doch alles so entstellt haben, daß man -überhaupt nicht mehr weiß, woran man sich halten soll, denn etwas -Schlimmeres als das, was jetzt ist, hat es noch nie gegeben. Ja, meine -Herren, ich kann wohl sagen, daß in unserer Gesellschaft heute nichts -weniger als Klarheit herrscht. Sie leugnen doch Gott, Sie leugnen den -Tatendrang, -- ja, was für eine taube, blinde, stumpfe Macht kann mich -dann dazu bewegen, _so_ zu handeln, wenn es für mich _anders_ -vorteilhafter ist? Sie sagen: ein vernünftiges Verhältnis zur Menschheit -sei auch für mich am vorteilhaftesten. Aber wenn mir nun diese -Vernünftigkeit als Unvernunft erscheint, alle diese Kasernen und -Phalansterien? So hol' sie doch der Teufel, was gehen sie mich an, sie, -wie die ganze Zukunft überhaupt, wenn ich im ganzen nur ein einziges Mal -auf der Welt lebe! Erlauben Sie mir, selbst besser zu wissen, was für -mich am vorteilhaftesten ist, -- so hat man auch mehr davon. Was geht es -mich an, was nach tausend Jahren mit dieser Ihrer Menschheit sein wird, -wenn mir für das, was Sie >vernünftiges Verhältnis zur Menschheit< -nennen, nach Ihrem Kodex weder Liebe, noch ein Jenseits, noch die -Anerkennung, daß ich eine große Tat vollbracht, zuteil wird? Nein, ich -danke, wenn das so ist. Da werde ich doch lieber in der -rücksichtslosesten Weise nur für mich leben, und die übrigen mag -meinetwegen der Teufel holen!« - -»Ein prachtvoller Wunsch!« - -»Übrigens bin ich jederzeit bereit, mit von der Partie zu sein.« - -»Noch besser!« (Immer dieselbe Stimme.) - -Die anderen schwiegen nach wie vor und musterten mich mehr oder weniger -unverhohlen; doch schon glaubte ich, irgendwoher ein Kichern zu -vernehmen, allerdings leise noch, aber sie grinsten mir alle ganz offen -ins Gesicht. Nur Wassin und Krafft taten es nicht. Jener mit dem -schwarzen Backenbart lächelte gleichfalls; dabei sah er mich die ganze -Zeit unausgesetzt an und hörte aufmerksam zu. - -»Meine Herren,« fuhr ich fort, und ich zitterte schon am ganzen Körper, -»glauben Sie nicht, daß ich Ihnen meine Idee preisgeben werde, das tue -ich um nichts in der Welt. Aber ich werde Sie dafür von Ihrem -Standpunkte aus fragen -- glauben Sie nicht, ich fragte von meinem -eigenen aus, denn ich liebe die Menschheit vielleicht tausendmal mehr, -als Sie alle zusammengenommen! So sagen Sie mir doch -- und Sie müssen -mir jetzt Rede stehen, Sie sind verpflichtet, mir zu antworten, weil Sie -lachen, -- sagen Sie: Wodurch wollen Sie mich gewinnen, wodurch mich -verlocken, daß ich mich Ihnen anschließe? Sagen Sie doch, womit Sie mir -beweisen wollen, daß es bei Ihnen besser sein werde? Was werden Sie denn -in Ihrer Kaserne mit dem Protest meiner Persönlichkeit anfangen? Ich -habe, meine Herren, schon lange den Wunsch gehabt, mit Ihnen einmal -zusammenzukommen. Sie werden dort in Ihrer Zukunft Kasernenbauten, -gemeinsame Wohnungen, _stricte nécessaire_,{[21]} Atheismus und -gemeinsame Frauen ohne Kinder haben, -- das ist doch Ihr Finale, ich -weiß es ja schon. Und für ein solches Leben, für dies bißchen -Durchschnittsvorteil, den mir Ihre Vernünftigkeit sicherstellt, für -einen satten Magen und ein warmes Zimmer -- dafür fordern Sie von mir -als Preis meine ganze Persönlichkeit! Erlauben Sie: nehmen wir an, ein -anderer nimmt mir dort meine Frau fort: wollen Sie mir dann auch meine -Persönlichkeit so weit nehmen, daß ich dem Gegner nicht den Schädel -einschlagen darf? Sie werden mir jetzt darauf erwidern, ich würde dort -schon ganz von selbst um so viel vernünftiger werden, daß ich unter -diesen Umständen gar nicht mehr ein solches Verlangen verspüren könnte. -Aber was wird denn die Frau zu einem so vernünftigen Manne sagen, wenn -sie auch nur ein Atom von Selbstachtung hat? Das ist doch -widernatürlich! Schämen sollten Sie sich!« - -»Sie sind wohl, was Frauen betrifft -- Spezialist?« ertönte geradezu -schadenfroh wieder die Stimme des Nichtswürdigen. - -Einen Moment war ich im Begriff, mich auf ihn zu stürzen und meine -Fäuste zu gebrauchen. Er war klein von Wuchs, rothaarig, mit -Sommersprossen ... Übrigens zum Teufel mit seinem ganzen Äußeren! - -»Beruhigen Sie sich, ich habe noch nie ein Weib gekannt,« versetzte ich -schneidend, indem ich mich zum erstenmal an ihn wandte. - -»Ein kostbares Bekenntnis, nur hätte es im Hinblick auf die anwesenden -Damen etwas rücksichtsvoller ausfallen können!« - -Doch da gerieten plötzlich alle in Bewegung: man griff nach den Hüten -und brach auf -- natürlich nicht meinetwegen, sondern einfach, weil es -für sie alle an der Zeit war. Aber das Beschämende, das in ihrem -schweigenden Verhalten zu mir lag, empfand ich bis zur Pein. Ich sprang -natürlich sofort auf, um mich gleichfalls zu verabschieden. - -»Erlauben Sie einstweilen, daß ich mich nach Ihrem Namen erkundige; Sie -haben mich die ganze Zeit angesehen,« sagte da der Lehrer, indem er mit -dem gemeinsten Lächeln auf mich zutrat. - -»Dolgoruki.« - -»Fürst Dolgoruki?« - -»Nein, einfach Dolgoruki, gesetzlich der Sohn des ehemaligen Leibeigenen -Makar Dolgoruki, und in Wirklichkeit der uneheliche Sohn meines früheren -Gutsherrn Werssiloff. -- Beunruhigen Sie sich nicht, meine Herren: ich -sagte das durchaus nicht, damit Sie mir gleich um den Hals fallen und -wir alle vor lauter Rührung wie die Kälber zu heulen anfangen!« - -Schallendes, ungeniertestes Gelächter war die Antwort, so daß der im -Nebenzimmer eingeschlafene Säugling aufwachte und mit schwachem -Stimmchen zu schreien begann. Ich bebte vor Wut. Alle drückten sie -Dergatschoff die Hand und entfernten sich, ohne mich überhaupt noch zu -beachten. - -»Gehen wir,« sagte Krafft, und er berührte mich am Arm. Ich trat auf -Dergatschoff zu und drückte ihm aus aller Kraft die Hand und schüttelte -sie außerdem noch ein paarmal gleichfalls aus aller Kraft. - -»Entschuldigen Sie, daß Kudrjumoff (so hieß der Rothaarige) Sie die -ganze Zeit gekränkt hat,« sagte Dergatschoff zu mir. - -Ich folgte Krafft, der schon hinaustrat. Ich schämte mich nicht im -geringsten. - - - VI. - -Selbstverständlich ist zwischen dem Menschen, der ich damals war, und -dem, der ich jetzt bin, ein unermeßlicher Unterschied. - -Als ich hinaustrat, fuhr ich noch fort, >mich nicht im geringsten zu -schämen<, und holte auf der Treppe Wassin ein, während ich Krafft, der -mich im Augenblick weniger interessierte, vorausgehen ließ. Und als wäre -nichts vorgefallen, fragte ich Wassin mit der unbefangensten Miene der -Welt: - -»Ich glaube, Sie kennen meinen Vater, ich meine Werssiloff?« - -»Ich bin eigentlich nicht gerade bekannt mit ihm,« antwortete mir Wassin -sogleich mit größter Bereitwilligkeit (und ohne die geringste Spur von -jener kränkenden, ganz besonderen Höflichkeit, die sonst zartfühlende -Leute an den Tag zu legen pflegen, wenn sie mit einem, der sich gerade -blamiert hat, sprechen müssen) »-- aber ich kenne ihn immerhin ein -wenig: ich bin mit ihm zusammengekommen und habe ihn reden hören.« - -»Nun, dann kennen Sie ihn natürlich, denn _Sie_ -- sind eben _Sie_! Was -halten Sie von ihm? Verzeihen Sie meine vorschnelle Frage, aber ich muß -es wissen. Gerade wie _Sie_ über ihn denken, gerade _Ihre_ Meinung ist -für mich von größter Wichtigkeit.« - -»Sie fragen etwas viel auf einmal. Ich glaube, dieser Mensch ist fähig, -ungeheure Anforderungen an sich selbst zu stellen und sie vielleicht -auch zu erfüllen, -- nur ist er ein Mensch, der keinem Rechenschaft -gibt.« - -»Das ist richtig, das ist sehr richtig, er ist wirklich ein sehr stolzer -Mensch! Aber ist er auch ein reiner Mensch? Hören Sie, was halten Sie -von seinem Katholizismus? Übrigens, ich vergaß, Sie wissen vielleicht -noch nichts davon ...« - -Wenn ich nicht so erregt gewesen wäre, hätte ich ihn wohl nicht so -überrumpelt mit meinen Fragen, wenigstens ihn nicht so blindlings mit -ihnen angerannt, zumal ich doch nur durch andere von ihm gehört, aber -noch nie persönlich mit ihm gesprochen hatte. Es wunderte mich nur, daß -Wassin meine Verrücktheit gar nicht zu bemerken schien. - -»Ich habe allerdings davon gehört, nur weiß ich nicht, wieviel daran -Wahres ist,« antwortete er ebenso ruhig und in ganz demselben Ton, wie -er vorher gesprochen hatte. - -»Nichts! Kein Wort! -- glauben Sie mir. Das ist einfach eine -Verleumdung! Hielten Sie es denn wirklich für möglich, daß er an Gott -glauben könnte?« - -»Er ist ... ein sehr stolzer Mensch, wie Sie soeben selbst sagten, viele -aber von diesen sehr Stolzen lieben es, an einen Gott zu glauben, -besonders diejenigen, die für die übrigen Menschen eine gewisse -Verachtung empfinden. Viele starke Menschen haben, wie mir scheint, -geradezu ein natürliches Bedürfnis, jemand oder etwas zu finden, vor dem -sie sich beugen können. Für einen starken Menschen ist es oft sehr -schwer, seine eigene Stärke zu ertragen.« - -»Hören Sie, das ist, glaube ich, eine grandiose Wahrheit!« rief ich -wieder ganz begeistert aus, »nur begreife ich nicht ...« - -»Der Grund ist hier doch ziemlich klar: sie wählen Gott, um sich nicht -vor Menschen zu beugen; -- natürlich ohne selbst zu ahnen, was sie -innerlich dazu bewegt. Vor Gott sich zu beugen, ist für ihren Stolz -nicht so erniedrigend. Man kann wohl sagen, daß aus ihrer Mitte die -inbrünstigsten Gläubigen hervorgehen -- oder richtiger: solche, die den -inbrünstigsten Wunsch haben, zu glauben, und diesen Wunsch schon für den -Glauben selbst halten. Gerade von diesen sind viele zum Schluß -enttäuscht. Was Herrn Werssiloff betrifft, so denke ich, daß zu seinen -Charakterzügen auch eine ungewöhnliche Aufrichtigkeit gehört. Und -überhaupt hat er mein Interesse erweckt.« - -»Wassin, Sie ahnen gar nicht, was für eine Freude Sie mir damit machen, -daß Sie sich in dieser Weise über ihn äußern!« rief ich. »Ich wundere -mich nicht über Ihren Verstand und Ihre Urteilskraft, ich wundere mich -vielmehr darüber, wie Sie, der Sie doch als Mensch so rein sind und so -unermeßlich hoch über mir stehen, -- wie Sie jetzt hier so mit mir gehen -und so einfach und freundlich mit mir sprechen können, ganz als wäre -nichts passiert!« - -Wassin lächelte. - -»Sie äußern sich doch wohl etwas zu überschwenglich über mich. Passiert -ist dort nur das, daß Sie gar zu sehr abstrakte Gespräche lieben. Sie -haben wahrscheinlich bis heute sehr lange geschwiegen.« - -»Ich habe drei Jahre geschwiegen, ich habe mich drei Jahre lang -vorbereitet zu sprechen ... Als Dummkopf konnte ich Ihnen natürlich -nicht erscheinen, dazu sind Sie selbst viel zu klug -- obschon man sich -schwerlich noch dümmer benehmen kann, als ich es vorhin tat. Dafür aber -haben Sie mich für einen Schuft halten müssen!« - -»Für einen Schuft?« - -»Ja, zweifellos! Sagen Sie, verachten Sie mich denn nicht im stillen -wegen meiner Mitteilung, daß ich Werssiloffs unehelicher Sohn bin ... -und wegen meiner Prahlerei, daß ich nach dem Gesetz der Sohn eines -Leibeigenen bin?« - -»Sie quälen sich selbst zu viel. Wenn Sie finden, daß es nicht gut war, -so brauchen Sie es einfach ein nächstes Mal nicht wieder zu tun. Sie -haben noch fünfzig Jahre vor sich.« - -»Oh, ich weiß! -- ich weiß, daß ich unter Menschen sehr schweigsam sein -muß. Das schmählichste von allen Lastern ist -- sich anderen an den Hals -zu werfen. Das habe ich denen dort soeben erst gesagt, und da werfe ich -mich hier schon wieder Ihnen an den Hals! Aber es ist doch ein -Unterschied, es ist doch einer, nicht? Wenn Sie aber diesen Unterschied -begreifen, wenn Sie fähig sind, ihn zu begreifen, so werde ich diese -Stunde segnen!« - -Wassin lächelte wieder. - -»Besuchen Sie mich, wenn Sie Lust haben,« sagte er. »Ich habe jetzt zwar -eine Arbeit vor und bin sehr beschäftigt, aber Sie werden mir trotzdem -eine Freude machen, wenn Sie kommen.« - -»Als ich Sie vorhin sah, glaubte ich aus Ihrem Gesicht zu ersehen, daß -Sie ein übermäßig charakterfester und unmitteilsamer Mensch sind.« - -»Das ist vielleicht sehr richtig. Ich habe Ihre Schwester Lisaweta -Makarowna im vorigen Jahr in Luga kennen gelernt ... Krafft ist -stehengeblieben und wartet auf Sie, wie's scheint. Er muß hier von -meinem Wege abbiegen.« - -Ich drückte Wassin kräftig die Hand und holte mit schnellen Schritten -Krafft ein, der die ganze Zeit, während ich mit Wassin sprach, außer -Hörweite uns vorangegangen war. Schweigend gingen wir bis zu seiner -Wohnung. Ich wollte und konnte noch nicht mit ihm sprechen. Im Charakter -Kraffts war aber einer der hervortretendsten Züge ungeheures Zartgefühl. - - - Viertes Kapitel. - - - I. - -Krafft hatte früher irgendwo eine Stellung gehabt, war aber gleichzeitig -dem verstorbenen Andronikoff bei der Führung verschiedener -Privatgeschäfte, mit denen sich dieser beständig noch neben seiner -Amtstätigkeit befaßt hatte, behilflich gewesen (natürlich gegen eine -materielle Entschädigung). Für mich war es nun von besonderer -Wichtigkeit, daß Krafft, eben als ehemaliger Mitarbeiter Andronikoffs, -in vieles von dem, was mich so sehr interessierte, eingeweiht sein -konnte. Außerdem hatte mir Marja Iwanowna gesagt -- die Frau Nikolai -Ssemjonowitschs, bei dem ich als Gymnasiast lange Jahre gelebt habe, und -die als leibliche Nichte und Pflegetochter Andronikoffs dessen Liebling -gewesen war --, daß Krafft sogar »beauftragt« sei, mir etwas zu -übergeben. Deshalb hatte ich denn auch den ganzen Monat mit Spannung auf -ihn gewartet. - -Er lebte in einer kleinen Wohnung von zwei Zimmern, wohnte dort ganz -allein, und jetzt, nach der Rückkehr von der Reise, sogar ohne -Bedienung. Sein Koffer war zwar schon aufgeschlossen, doch noch nicht -ausgepackt; ein Teil der Sachen lag auf den Stühlen umher, und auf dem -Tisch vor dem Sofa lagen ein Reisesack, ein Necessaire, ein Revolver und -noch verschiedenes andere. Als wir eintraten, war Krafft tief in -Gedanken versunken und schien mich ganz vergessen zu haben; ja, -vielleicht war es ihm überhaupt nicht zum Bewußtsein gekommen, daß ich -unterwegs nicht mit ihm gesprochen hatte. Er begann sogleich irgend -etwas zu suchen, doch als er dabei zufällig in den Spiegel sah, blieb er -stehen und betrachtete sich eine ganze Weile aufmerksam. Das fiel mir -zwar als sonderbar auf (und später habe ich mich alles dessen nur zu gut -erinnert), aber in jenem Augenblick war ich sehr niedergeschlagen und -verwirrt. Ich hatte nicht die Kraft, meine Gedanken zu konzentrieren. -Plötzlich wollte ich kurz entschlossen fortgehen und »die ganze Sache -für immer aufgeben«. Ja, und was war denn das alles, genau genommen? War -es nicht eine ganz unnützerweise mir von mir selbst eingeredete Sorge? -Der Gedanke war zum Verzweifeln, daß ich hier einzig aus Sentimentalität -eine Menge Energie auf wertlose Kleinigkeiten verschwendete, während -eine so große Aufgabe, wie ich sie vor mir sah, meiner ganzen Energie -restlos bedurfte. Indessen aber hatte sich meine Unfähigkeit zu einer -ernsten Sache, wie mir schien, durch das, was bei Dergatschoff geschehen -war, schon selbst ein glänzendes Zeugnis ausgestellt. - -»Sagen Sie, Krafft, werden Sie jemals wieder zu diesen da ... hingehen?« -fragte ich ihn plötzlich. Er wandte sich langsam zu mir und sah mich an, -als verstünde er mich nicht recht. Ich setzte mich auf einen Stuhl. - -»Verzeihen Sie ihnen!« sagte er da auf einmal. - -Ich hielt das im ersten Augenblick natürlich für Spott; doch wie ich ihn -prüfend ansah, gewahrte ich in seinem Gesicht einen Ausdruck so -seltsamer und erstaunlicher Treuherzigkeit, daß es mich selber -wundernahm, wie er mich denn so im Ernst hatte bitten können, ihnen zu -»verzeihen«. Er nahm einen Stuhl und setzte sich neben mich. - -»Ich weiß es selbst, daß ich vielleicht nur ein Konglomerat aller -Ehrgeize bin und nichts weiter,« begann ich, »aber um Verzeihung bitte -ich nicht.« - -»Und es ist ja auch niemand da, den Sie bitten könnten,« sagte er ernst -und leise. Er sprach die ganze Zeit leise und sehr langsam. - -»Mag ich auch tausendmal vor mir selber schuldig sein ... Ich liebe es, -mich vor mir schuldig zu fühlen ... Krafft, verzeihen Sie, daß ich Ihnen -nicht die Wahrheit sage! -- Sagen Sie, gehören Sie denn wirklich auch zu -diesem Kreise? Das war es, was ich Sie fragen wollte.« - -»Die dort sind nicht dümmer als andere und nicht klüger; sie sind -- -geisteskranke Menschen wie alle.« - -»Sind denn alle geisteskrank?« Ich wandte mich zu ihm und sah ihn mit -unwillkürlicher Neugier an. - -»Von den besseren sind jetzt alle geisteskrank. _In jubilo_ gelebt wird -nur von der geistigen Mittelmäßigkeit und Unbegabtheit ... Übrigens, -wozu davon reden, es lohnt ja nicht.« - -Während er sprach, schaute er vor sich in die Luft, jedoch ohne etwas zu -sehen, begann seine Sätze und brach sie wieder ab. Was mir ganz -besonders auffiel, war eine gewisse wehmütige Mutlosigkeit in seiner -Stimme. - -»Sollte auch Wassin zu ihnen gehören? In Wassin steckt Verstand, Wassin -hat eine sittliche Idee!« rief ich. - -»Sittliche Ideen gibt es jetzt überhaupt nicht; plötzlich erwies es -sich, daß keine einzige vorhanden war, und die Hauptsache, es ist, als -hätte es auch früher nie welche gegeben.« - -»Wie, auch früher nicht?« - -»Lassen wir dies lieber,« sagte er sichtlich ermüdet. - -Sein trauriger Ernst ging mir nahe. Ich schämte mich meiner Selbstsucht -und versuchte, auf seinen Ton einzugehen. - -»Unsere Zeit,« begann er selbst wieder nach einer Weile, dabei immer -noch vor sich in die Luft starrend, »unsere Zeit ist das Zeitalter der -goldenen Mittelmäßigkeit und der Gefühlsstumpfheit, der größten Vorliebe -für Unwissenheit und Faulheit, ist das Zeitalter der Unfähigkeit zur Tat -und des Verlangens, alles fertig vorzufinden. Kein Mensch denkt nach; -selten bringt es jemand bis zu einer eigenen Idee.« - -Er schwieg eine Weile, dann fuhr er fort: - -»Jetzt fällen sie in Rußland die Wälder, erschöpfen den Boden, -verwandeln das Land in eine Steppe und bereiten es für die Kalmücken -vor. Sollte aber ein Mensch noch Hoffnung haben und einen jungen Baum -pflanzen -- da würden sie ihn einfach auslachen: >Wirst du denn noch bis -zur Nutznießung leben?< Die aber, die das Gute wollen, die verbringen -ihr Leben in Debatten über das, was nach tausend Jahren sein wird. Jede -festigende Idee fehlt den Menschen. Alle sind wie auf einer Bahnstation, -und es ist, als müßten sie morgen schon hinaus aus Rußland, alle leben, -als dächten sie: wenn's nur für uns noch langt!« - -»Erlauben Sie, Krafft, Sie sagten: die das Gute wollen, die dächten nur -daran, was nach tausend Jahren sein wird. Nun, aber Ihr Verzweifeln ... -an Rußlands Schicksal ... ist das -- ist das nicht eine Sorge von -derselben Art?« - -»Das -- das ist die erste und wichtigste Frage, die es für uns heute -überhaupt gibt!« stieß er gereizt hervor und erhob sich schnell. - -»Ach so! Da hätte ich es fast vergessen!« sagte er plötzlich, wie sich -besinnend und mit ganz anderer Stimme, und dabei sah er mich wie selbst -überrascht und gleichsam zweifelnd an. »Ich habe Sie wegen einer -bestimmten Angelegenheit zu mir gebeten, und statt dessen ... Ich bitte -Sie tausendmal um Entschuldigung.« - -Es war, als wäre er aus einem Traum erwacht und deshalb etwas verwirrt. -Er entnahm seinem Portefeuille, das auf dem Tisch lag, einen Brief und -übergab ihn mir. - -»Dies hier sollte ich Ihnen einhändigen. Dieser Brief hat die Bedeutung -eines Dokuments, das von einer gewissen Wichtigkeit ist,« begann er, -sichtlich mit konzentrierter Aufmerksamkeit und sehr sachlich. Lange -nachher habe ich ihn noch in der Erinnerung bewundern müssen wegen -dieser seiner Fähigkeit, sich mit so aufrichtiger Teilnahme (und das -noch in diesen Stunden!) einer fremden Angelegenheit widmen, so ruhig -und gewissenhaft und unbeirrt den Sachverhalt klarlegen zu können. - -»Es ist das ein Brief von eben jenem Stolbejeff, nach dessen Tode es -wegen seiner Nachlassenschaft zwischen Werssiloff und den Fürsten -Ssokolski zum Prozeß gekommen ist. Die Sache ist noch nicht entschieden, -aber aller Voraussicht nach wird das Gericht die Erbschaft Werssiloff -zusprechen; für ihn spricht jedenfalls das Gesetz. In diesem Brief aber, -einem Privatbrief, der vor zwei Jahren geschrieben ist, spricht der -verstorbene Stolbejeff seinen Willen in betreff des Vermächtnisses aus, -oder richtiger gesagt, seinen Wunsch, und das eher zugunsten der Fürsten -als zugunsten Werssiloffs. Wenigstens erhalten die Punkte, auf die sich -die Fürsten bei der Anfechtung des Testaments berufen, durch diesen -Brief eine starke Stütze. Werssiloffs Gegner würden deshalb viel für -dieses Dokument geben, obschon dasselbe, wie gesagt, noch längst nicht -von entscheidender Bedeutung ist. Alexei Nikanorowitsch Andronikoff, der -sich mit Werssiloffs Angelegenheiten befaßte, bewahrte diesen Brief bei -sich auf, und erst kurz vor seinem Tode gab er ihn mir mit der Bitte, -ihn bei mir >aufzubewahren<, -- vielleicht fürchtete er für seine -Papiere, da er seinen Tod wohl voraussah. Übrigens will ich mich nicht -in Mutmaßungen über seine Beweggründe zu dieser Handlungsweise ergehen, -aber -- ich muß gestehen, daß ich mich nach seinem Tode in einer -peinigenden Ungewißheit befand: ich wußte nicht, was ich mit diesem -Dokument anfangen sollte, besonders da die gerichtliche Entscheidung in -diesem Prozeß schon so nahe bevorstand. Aus dieser schwierigen Situation -befreite mich zum Glück Marja Iwanowna, der Andronikoff bei seinen -Lebzeiten, wie mir scheint, vieles anvertraut hat. Sie schrieb mir -- -ungefähr vor drei Wochen -- mit aller Bestimmtheit, ich solle den Brief -gerade _Ihnen_ übergeben, das würde >_wahrscheinlich_< (dies ist ihr -Ausdruck) auch mit dem Wunsch des verstorbenen Andronikoff -übereinstimmen. So, und nun habe ich das Dokument Ihnen eingehändigt, -und es freut mich sehr, daß ich das endlich habe tun können.« - -»Hören Sie mal,« sagte ich, noch ganz bestürzt durch diese unerwartete -Neuigkeit, »aber was soll ich denn jetzt mit diesem Brief anfangen? Wie -soll ich handeln?« - -»Das hängt nun schon von Ihrem Ermessen ab; ganz wie Sie wollen.« - -»Unmöglich, ich bin doch entsetzlich gebunden, das müssen Sie doch -selbst zugeben! Werssiloff hat so auf diese Erbschaft gewartet ... und -wissen Sie, ohne diese Hilfe ist er einfach verloren -- und da existiert -nun plötzlich dieses Dokument!« - -»Es existiert nur hier, in diesem Zimmer.« - -»Ist das wirklich so?« Ich sah ihn scharf an. - -»Wenn Sie in diesem Fall nicht selber wissen, wie Sie handeln sollen, -was kann ich Ihnen dann noch raten?« - -»Aber dem Fürsten Ssokolski kann ich den Brief doch auch nicht geben: -damit würde ich alle Hoffnungen Werssiloffs zerstören, und überdies -würde ich dann geradezu als Verräter vor ihm dastehen ... Andererseits, -wenn ich den Brief Werssiloff gebe, so stürze ich Unschuldige in die -größte Armut, und ihn selbst brächte ich in eine Zwangslage, aus der es -keinen anderen Ausweg gibt, als -- entweder auf die Erbschaft verzichten -oder Diebstahl begehen.« - -»Sie überschätzen die Bedeutung des Briefes gar zu sehr.« - -»Sagen Sie mir eines: hat dieser Brief als Dokument einen endgültig -entscheidenden Charakter?« - -»Nein, den hat er nicht. Ich bin kein großer Jurist, aber der Anwalt der -Gegenpartei würde natürlich wissen, wie er sich dieses Dokuments zu -bedienen hätte, und selbstverständlich würde er den größtmöglichen -Nutzen aus ihm herausschlagen; aber Andronikoff behauptete positiv, daß -dieser Brief, wenn er vorgezeigt werden sollte, doch von keiner großen -juridischen Bedeutung wäre, so daß Werssiloff dennoch den Prozeß -gewinnen könnte. Die Bedeutung dieses Dokuments ist also, wenn man will, -eher unter dem Gesichtswinkel einer Gewissenssache aufzufassen ...« - -»Ja, aber gerade das ist doch das wichtigste,« unterbrach ich ihn, »eben -deshalb käme Werssiloff in eine rettungslose Lage!« - -»Er kann ja das Dokument auch vernichten, und dann wäre er, im -Gegenteil, von aller Gefahr befreit.« - -»Haben Sie besondere Gründe, eine solche Handlungsweise von ihm zu -erwarten, Krafft? Das ist es, was ich wissen will: deshalb bin ich auch -hier bei Ihnen!« - -»Ich glaube, an seiner Stelle würde ein jeder so handeln.« - -»Und Sie -- Sie auch?« - -»Mir fallen keine Erbschaften zu, daher kann ich es von mir nicht -sagen.« - -»Nun gut,« sagte ich und steckte den Brief in die Tasche. »Diese Sache -mag vorläufig abgetan sein. Aber jetzt hören Sie mich an, Krafft. Marja -Iwanowna, die mir übrigens -- ich versichere Sie -- vieles anvertraut -hat, sagte mir, nur Sie, Sie allein könnten mir die Wahrheit darüber -sagen, was sich vor anderthalb Jahren in Ems zwischen Werssiloff und den -Achmakoffs zugetragen hat. Ich habe auf Sie gewartet wie auf die Sonne, -die mir alles erhellen werde. Sie kennen meine Lage nicht. Ich bitte, -ich beschwöre Sie, Krafft, sagen Sie mir die ganze Wahrheit! Ich will, -ich muß wissen, was für ein Mensch er ist, und jetzt -- gerade jetzt ist -das für mich mehr als je von allergrößter Wichtigkeit.« - -»Es wundert mich, daß Marja Iwanowna Ihnen nicht selbst alles gesagt -hat; sie konnte doch alles vom verstorbenen Andronikoff erfahren, und -natürlich hat sie das auch, weshalb sie vielleicht mehr weiß als ich.« - -»Ja, aber Andronikoff habe in dieser Sache selbst nicht ganz klar -gesehen, sagte sie mir. Wie mir scheint, kann überhaupt kein Mensch -diese verworrene Geschichte entwirren! Da würde selbst der Teufel mit -den Beinen im Garn stecken bleiben! Von Ihnen aber weiß ich, daß Sie -damals gleichfalls in Ems waren ...« - -»Nicht die ganze Zeit. Erst zum Schluß. Doch was ich weiß, kann ich -Ihnen ja erzählen, nur fragt es sich, ob ich Sie damit zufriedenstellen -werde?« - - - II. - -Ich will das, was er mir damals erzählte, nicht wortgetreu wiedergeben, -sondern beschränke mich auf eine gekürzte Darstellung des Sachverhalts, -soweit ihm dieser bekannt war. - -Vor anderthalb Jahren war Werssiloff mit der Familie Achmakoff, die er -durch den alten Fürsten Ssokolski kennen gelernt hatte (alle hielten -sich zu der Zeit in Bad Ems auf), sehr befreundet gewesen und hatte -namentlich auf den General Achmakoff einen großen Eindruck gemacht. Der -General war noch kein alter Mann, hatte aber in den drei Jahren seiner -Ehe bereits die ganze große Mitgift seiner zweiten Frau, der Tochter des -alten Fürsten Ssokolski, Katerina Nikolajewna, am Kartentisch verspielt, -und infolge seines zügellosen Lebens schon einen Schlaganfall gehabt. -Von diesem Schlaganfall erholte er sich im Auslande, in Ems aber lebte -er wegen seiner Tochter, des einzigen Kindes aus seiner ersten Ehe. Es -war das ein kränkliches Mädchen von siebzehn Jahren, brustleidend, und -wie man erzählt, soll sie sehr schön gewesen sein, zugleich aber auch -ungeheuer phantastisch. Eine Mitgift besaß sie nicht, doch man hoffte -auch in der Beziehung, wie überhaupt, auf den alten Fürsten. Von -Katerina Nikolajewna heißt es allgemein, daß sie eine gute Stiefmutter -gewesen sei. Aber das junge Mädchen hing aus irgendeinem Grunde mit -rührender Liebe an Werssiloff. Er predigte damals »etwas -Leidenschaftliches«, wie Krafft sich ausdrückte, irgendein neues Leben, -und war »im höheren Sinne religiös gestimmt«, nach einem seltsamen und -vielleicht sogar spöttischen Ausdruck Andronikoffs, der mir auch von -anderer Seite wiedergegeben worden ist. Merkwürdig bleibt aber trotzdem, -daß ihn bald alle nicht mehr mochten. Ja, der General begann ihn sogar -zu fürchten. Krafft stellte auch das Gerücht durchaus nicht in Abrede, -wonach es Werssiloff gelungen sei, den kranken General mittelbar auf den -Gedanken zu bringen, daß Katerina Nikolajewna gegen den jungen Fürsten -Ssokolski, der damals schon Ems verlassen und sich nach Paris begeben -hatte, nicht gleichgültig sei. Gesagt habe er ihm das nicht offen und -unmißverständlich, sondern »nach seiner Art«, mit mehr allgemein -gehaltenen Betrachtungen, Andeutungen und in ihrer Wirkung fein -berechneten indirekten Bemerkungen, »in welcher Kunst er ja ein großer -Meister ist«, wie Krafft sich ausdrückte. Überhaupt muß ich sagen, daß -Krafft ihn eher für einen Betrüger und geborenen Intriganten hielt und -halten wollte, als für einen wirklich von etwas Höherem erfüllten oder -auch nur originellen Menschen. Ich hatte allerdings schon in Moskau -gehört, daß Werssiloff anfangs einen ungeheueren Einfluß auf Katerina -Nikolajewna gehabt, später sich aber mit ihr verfeindet habe. Wie es -dazu gekommen und was hierbei mit im Spiel gewesen war, konnte ich nun -leider auch von Krafft nicht erfahren. Er bestätigte nur, was ich schon -wußte: daß beide nach ihrer großen Freundschaft die größten Feinde -geworden waren. Dann aber war etwas sehr Sonderbares geschehen: die -kranke Stieftochter der Katerina Iwanowna hatte sich augenscheinlich in -Werssiloff verliebt; vielleicht war sie durch irgend etwas an ihm -bestrickt worden, oder seine Worte hatten sie begeistert, oder -- ja, -ich weiß nicht, wie das zu erklären wäre. Jedenfalls aber hat Werssiloff -eine Zeitlang jeden Tag bei dem jungen Mädchen verbracht. Es endete -damit, daß das Mädchen eines Tages dem Vater erklärte, Werssiloff -heiraten zu wollen. Diese Tatsache haben mir alle bestätigt, sowohl -Krafft wie Andronikoff und Marja Iwanowna; und sogar der verschwiegenen -Tatjana Pawlowna ist einmal in meiner Gegenwart unbedachterweise eine -diesbezügliche Bemerkung entschlüpft. Desgleichen sagten alle -übereinstimmend aus, daß Werssiloff die Ehe mit dem jungen Mädchen nicht -nur gewünscht, sondern auf diesem Wunsch sogar unbedingt bestanden habe, -und das Einverständnis dieser beiden so ungleichartigen Geschöpfe, des -älteren Mannes und des kindlichen Mädchens, somit ein beiderseitiges -gewesen sei. Aber den Vater erschreckte dieser Gedanke; er hatte, -seitdem seine einst heiße Liebe zu Katerina Nikolajewna zu erkalten -begann, seine Tochter fast zu vergöttern angefangen, besonders nach -seinem Schlaganfall. Doch als erbittertste Gegnerin einer solchen Ehe -war Katerina Nikolajewna selbst aufgetreten. Es kam zu unzähligen, meist -heimlichen und höchst unerquicklichen Familienszenen, zu Streit und -Kränkungen und -- nun, mit einem Wort, zu verschiedenen Gemeinheiten. -Der Vater begann schließlich nachzugeben, als er die Hartnäckigkeit -seiner verliebten und, wie Krafft sich ausdrückte, »von Werssiloff -fanatisierten« Tochter sah. Aber Katerina Nikolajewna blieb bei ihrem -Widerstand, und das sogar mit unerbittlichem Haß. Was nun weiter -geschehen ist oder geschehen sein soll, ist eine Verwicklung, die -niemand ganz verstehen kann. Ich kann nur wiedergeben, wie Krafft das -Ganze auf Grund der ihm bekannten Tatsachen zu deuten versuchte, nur ist -seine Auslegung bloß eine von vielen. - -Er meinte, Werssiloff habe dem jungen Mädchen _auf seine Art_ fein und -glaubwürdig einzuflüstern verstanden, daß Katerina Nikolajewna nur -deshalb so sehr gegen diese Heirat sei, weil sie sich selbst in ihn -verliebt habe und ihn schon seit langer Zeit mit ihrer Eifersucht quäle, -ihn verfolge, intrigiere, ihm sogar schon ihre Liebe gestanden habe und -ihn jetzt aus Haß, weil er eine andere liebgewonnen, womöglich -umzubringen fähig sei, -- kurz, eine häßliche Einflüsterung von ungefähr -dieser Art. Noch viel häßlicher war aber die Vermutung, er habe das auch -dem General, dem Gatten der »ungetreuen« Frau, »zu verstehen gegeben«, -und gleichzeitig auf den Verkehr der Generalin mit dem jungen Fürsten -Ssokolski zur Ablenkung der Aufmerksamkeit hingewiesen. Natürlich wurde -nun das Familienleben der Achmakoffs zur Hölle. Von anderer Seite hatte -ich aber gehört, daß Katerina Nikolajewna ihre Stieftochter innig -geliebt habe und über diese Verleumdung geradezu verzweifelt gewesen -sei, ganz abgesehen von der Pein des Zusammenseins mit ihrem kranken -Mann. Aber es gibt noch eine Variante, der zu meinem Leidwesen auch -Krafft am meisten Glauben schenkte, und die -- auch ich am -glaubwürdigsten fand (von allen diesen Sachen hatte ich schon früher -gehört). Es wurde nämlich behauptet (Katerina Nikolajewna soll es -Andronikoff selbst gesagt haben), daß, im Gegenteil, Werssiloff schon -früher, das heißt noch bevor das junge Mädchen sich in ihn verliebt -hatte, Katerina Nikolajewna seine Liebe angetragen habe; sie aber, die -früher sein guter Freund und zeitweilig sogar seine glühende Freundin -gewesen war, obschon sie ihm beständig nicht ganz getraut und immer -widersprochen hatte, soll diese Liebeserklärung Werssiloffs mit -Widerwillen vernommen und ihn mit Hohn zurückgewiesen haben. Und nach -seinem unverblümten Vorschlag, nach dem bald zu erwartenden zweiten -Schlaganfall und Tode ihres Gatten ihn, Werssiloff, zu heiraten, habe -sie ihm dann in aller Form die Tür gewiesen. So war es denn nur zu -erklärlich, daß Katerina Nikolajewna einen ganz besonderen Abscheu gegen -Werssiloff empfand, als sie dann sah, wie er sich kurz darauf ganz -unverhohlen um die Hand ihrer Stieftochter bewarb. Marja Iwanowna, die -mir das alles in Moskau erzählte, glaubte selbst sowohl an diese wie an -jene Variante, d. h. an beide zugleich: sie behauptete sogar -ausdrücklich, daß beides sehr wohl gleichzeitig habe geschehen können, -das wäre wie _la haine dans l'amour_,{[22]} wie gekränkter Liebesstolz -beiderseits usw. usw., mit einem Wort, es lief schließlich auf eine an -Romane erinnernde allerfeinste Gefühlsverwirrung hinaus, wie sie jedes -ernsten und gesund denkenden Menschen unwürdig ist, und der zum Überfluß -noch persönliche Gemeinheit beigemischt war. Doch übrigens braucht das, -was Marja Iwanowna sagt, noch nicht maßgebend zu sein; ist sie doch von -Kindesbeinen an mit Romanen vollgespickt, und noch jetzt liest sie Tag -und Nacht Romane, trotz ihres an sich prächtigen Charakters. Kurz, das -Endergebnis des Ganzen war, daß man Werssiloffs unzweifelhafte -Niederträchtigkeit sah, -- dazu ein Gewebe von Lüge und Intrige, etwas -Dunkles und Häßliches, um so mehr, als es tatsächlich tragisch endete: -das arme verliebte junge Mädchen vergiftete sich, und zwar, wie man -erzählt, mit Phosphorstreichhölzern. Nur habe ich bis heute noch nicht -festzustellen vermocht, ob dieses Gerücht auf Wahrheit beruht; -jedenfalls hat man dasselbe nach Kräften zu vertuschen gesucht. Tatsache -ist aber, daß das Mädchen im ganzen zwei Wochen lang krank war und dann -starb. So ist die Auslegung mit den Streichhölzern immerhin zweifelhaft -geblieben, aber Krafft glaubte dennoch bedingungslos an diese -Todesursache. Bald darauf starb auch der General, wie man sagt, infolge -der durch den Tod der geliebten Tochter verursachten schmerzlichen -Erschütterung, die einen zweiten Schlaganfall hervorrief. Übrigens starb -er doch erst drei Monate nach ihrem Tode. Inzwischen aber war der junge -Fürst Ssokolski aus Paris nach Ems zurückgekehrt und hatte Werssiloff -öffentlich im Kurpark eine Ohrfeige gegeben, war aber von diesem -daraufhin nicht gefordert worden; im Gegenteil, Werssiloff war schon am -nächsten Tage wieder auf der Promenade erschienen, als wäre nicht das -Geringste vorgefallen. Da hatten sich denn alle von ihm abgewandt, was -man später in Petersburg gleichfalls tat. Die wenigen, mit denen -Werssiloff einen Verkehr noch fortsetzte, gehörten einem ganz anderen -Kreise an. In der Gesellschaft wurde er einstimmig verurteilt, obschon -kaum jemand näheres über den wahren Sachverhalt wußte: man hatte im -Grunde nur von dem romantischen Tode des jungen Mädchens und von der -Ohrfeige gehört. Vollständige Kenntnis von der Sachlage, d. h. soweit -das möglich war, hatten nur zwei oder drei Personen; am meisten wußte -der verstorbene Andronikoff, da er schon jahrelang zu den Achmakoffs in -geschäftlichen Beziehungen gestanden hatte, und besonders in einer -gewissen Angelegenheit Katerina Nikolajewnas Ratgeber gewesen war. Doch -von allen diesen ihm anvertrauten Geheimnissen erfuhr selbst seine -Familie nicht das geringste, nur Krafft und Marja Iwanowna teilte er -einiges mit, und auch das nur, weil er sich dazu gezwungen sah. - -»Die Hauptsache ist hier nun ein gewisses Dokument,« schloß Krafft seine -Mitteilungen, »vor dem Frau Achmakoff große Angst hat.« - -Und er teilte mir folgendes mit: - -Die Generalin Achmakoff hatte die Unvorsichtigkeit begangen, als ihr -Vater, der alte Fürst Ssokolski, sich im Auslande von seinem Anfall -schon zu erholen begann, einen sie selbst höchst kompromittierenden -Brief an Andronikoff zu schreiben. Wie verlautet, soll der alte Fürst -damals während seiner Genesung tatsächlich wie von einer -Verschwendungssucht befallen gewesen sein und das Geld fast zum Fenster -hinausgeworfen haben; so hatte er dort im Auslande verschiedene -unnötige, doch teure Sachen zu kaufen angefangen, Gemälde, Vasen, hatte -größere Summen zu Gott weiß welchen Unternehmungen und sogar zum Besten -verschiedener dortiger Anstalten gestiftet, und von einem russischen -Lebemann und Verschwender hätte er beinahe unbesehen für eine -Riesensumme ein gänzlich heruntergewirtschaftetes und mit Schulden -belastetes Gut gekauft; und schließlich soll er sich wirklich mit dem -Gedanken an eine neue Heirat getragen haben. Angesichts dieser -beängstigenden Aussichten hatte dann seine Tochter, die verwitwete -Generalin Achmakoff, die während seiner Krankheit treu bei ihm aushielt, -besagten Brief an Andronikoff geschrieben und ihm als Juristen und -»alten Freunde« einfach die Frage vorgelegt, »ob und wie es gesetzlich -möglich wäre, den Fürsten unter Vormundschaft zu stellen oder ihn -gerichtlich für rechtsunfähig zu erklären, und falls das anginge, welche -Schritte man dann zu tun hätte, damit kein Skandal entstünde und niemand -ihr irgendwelche Vorwürfe machen könne; doch müßten bei alledem die -Gefühle des Vaters geschont werden usw.« Andronikoff soll ihr davon -abgeraten und die Gründe auseinandergesetzt haben, und als dann der -Fürst wieder ganz gesund und vernünftig geworden war, da konnte von -dieser Idee natürlich nicht mehr die Rede sein. Jener Brief aber -verblieb im Besitz Andronikoffs. Da starb aber Andronikoff plötzlich; -Katerina Nikolajewna fiel sofort wieder der Brief ein, und sie sagte -sich: wenn er sich noch unter den Papieren des Verstorbenen befände und -vielleicht auf Umwegen in die Hände ihres alten Vaters gelangte, so -würde dieser sie zweifellos auf ewig verstoßen, ihr die ganze Erbschaft -entziehen und ihr auch bei Lebzeiten keine Kopeke mehr geben. Der -Gedanke, seine einzige Tochter zweifle an seinem Verstande und habe ihn -für wahnsinnig erklären lassen wollen, hätte dieses Lamm zweifellos zu -einem reißenden Tier gemacht. Sie aber war als Witwe dank der -Spielleidenschaft ihres Mannes vollständig mittellos zurückgeblieben und -war einzig auf ihren Vater angewiesen; von ihm hoffte sie, und mit -Recht, nochmals eine nicht geringere Mitgift zu erhalten als das -erstemal. - -Von dem weiteren Schicksal jenes Briefes wußte Krafft nichts Näheres, -bemerkte aber, Andronikoff habe »Papiere von irgendeiner Bedeutung -niemals zerrissen« und sei außerdem nicht nur ein Mann mit einem »weiten -Blick«, sondern auch einer mit einem »weiten Gewissen« gewesen. (Ich -wunderte mich über ein so rücksichtsloses Urteil von seiten Kraffts, der -doch den verstorbenen Andronikoff sehr geliebt und geachtet hatte.) Aber -obschon Krafft nichts genau wußte, war er persönlich überzeugt, daß das -verfängliche Schriftstück in den Besitz Werssiloffs geraten sei, infolge -der nahen Bekanntschaft Werssiloffs mit der Witwe und den Töchtern -Andronikoffs; es war bereits bekannt, daß diese auf Anordnung des -Verstorbenen alle von ihm hinterlassenen Papiere Werssiloff eingehändigt -hatten. Auch wußte Krafft, daß Katerina Nikolajewna die Vermutung, der -Brief befinde sich in Werssiloffs Händen, bereits bekannt war, und daß -gerade diese Möglichkeit sie am meisten ängstigte, da sie befürchtete, -Werssiloff werde mit dem Brief alsbald zum alten Fürsten gehen. Er wußte -ferner, daß sie nach ihrer Rückkehr aus dem Auslande schon in Petersburg -nach dem Brief geforscht hatte, auch schon bei Andronikoffs gewesen war -und ihn auch jetzt noch suchte, immer in der Hoffnung, der Brief befinde -sich vielleicht doch nicht im Besitze Werssiloffs, und daß sie -ausschließlich dieses Briefes wegen nach Moskau gereist war, um dort -Marja Iwanowna anzuflehen, die Papiere zu durchsuchen, die von ihr -aufbewahrt wurden. Vom Dasein Marja Iwanownas und deren Beziehungen zum -verstorbenen Andronikoff hatte sie erst kurz zuvor in Petersburg zum -erstenmal gehört. - -»Und Sie glauben, daß sie den Brief bei Marja Iwanowna nicht gefunden -hat?« fragte ich ausdrücklich und mit einem Hintergedanken. - -»Wenn Marja Iwanowna nicht einmal Ihnen gegenüber etwas vom Brief hat -verlauten lassen, dann hat sie ihn vielleicht auch nicht.« - -»Und folglich nehmen Sie an, der Brief befinde sich bei Werssiloff?« - -»Wahrscheinlich -- ja. Übrigens ... ich weiß nicht, alles ist möglich,« -sagte er langsam und sichtlich abgespannt. - -Ich gab es auf, ihn weiter auszufragen. Wozu schließlich? Das -Hauptsächliche war mir jetzt klar: trotz dieser ganzen unwürdigen -Verwirrung hatte sich alles von mir erst nur Befürchtete -- bestätigt. - -»Das Ganze ist wie ein Fiebertraum,« sagte ich in tiefer Traurigkeit und -griff nach meinem Hut. - -»Ihnen ist dieser Mensch wohl sehr teuer?« fragte mich Krafft mit -sichtlicher und großer Teilnahme -- sie sprach aus seinen Augen, aus -seinem ganzen Gesicht in diesem Augenblick. - -»Mir hat schon eine Vorahnung gesagt, daß ich von Ihnen doch nicht alles -erfahren würde,« bemerkte ich. »So bleibt mir nur noch die Hoffnung auf -die Achmakoff selbst. Eigentlich habe ich ja auch nur auf sie gehofft. -Vielleicht gehe ich zu ihr, vielleicht auch nicht.« - -Krafft sah mich etwas befremdet an. - -»Leben Sie wohl, Krafft! Wozu sich Leuten aufdrängen, die einen nicht -haben wollen? Da ist es doch besser, mit allen zu brechen, meinen Sie -nicht?« - -»Und dann wohin?« fragte er eigentümlich hart, und indem er zu Boden -sah. - -»Zu sich selbst, zu sich selbst! Alle Bande zerreißen und fortgehen zu -sich selbst!« - -»Nach Amerika?« - -»Ach, Amerika! -- nein, zu mir selbst, zu mir allein! Sehen Sie, darin -besteht >meine Idee<!« sagte ich begeistert. - -Er sah mich seltsam forschend an. - -»Und Sie haben einen solchen Ort, wohin Sie >zu sich selbst< gehen -können?« - -»Den habe ich. Auf Wiedersehen, Krafft. Ich danke Ihnen, und verzeihen -Sie mir die Belästigung! Ich würde an Ihrer Stelle, wenn ich selbst ein -solches Rußland im Kopfe hätte, alle zum Teufel jagen: packt euch, -intrigiert, zankt euch dort so viel ihr wollt -- was geht das mich an.« - -»Bleiben Sie noch etwas bei mir,« sagte er plötzlich, als er mich schon -bis zur Tür begleitet hatte. - -Ich wunderte mich ein wenig, kehrte aber zurück und ließ mich nieder. -Krafft setzte sich mir gegenüber. Wir tauschten gegenseitig ein gewisses -wortloses Lächeln -- alles das sehe ich noch so deutlich, als geschehe -es wieder vor meinen Augen. Ich erinnere mich noch gut, daß ich mich ein -wenig über ihn wunderte. - -»Mir gefällt an Ihnen besonders, daß Sie ein so höflicher Mensch sind,« -sagte ich unvermittelt. - -»Ja?« - -»Ich sage das deshalb, weil ich selbst nur selten höflich zu sein -verstehe, obgleich ich es gern verstehen wollte ... Übrigens, vielleicht -ist es sogar besser, daß die Menschen einen kränken; wenigstens befreien -sie einen auf die Weise von dem Unglück, sie lieben zu müssen.« - -»Welche Stunde des Tages lieben Sie am meisten?« fragte er plötzlich, -offenbar ohne mich gehört zu haben. - -»Welche Stunde? Ich weiß nicht. Den Sonnenuntergang liebe ich nicht.« - -»So?« Er sagte das mit einem ganz eigentümlichen Interesse, versank aber -sogleich wieder in Gedanken. - -»Sie wollen wieder verreisen?« - -»Ja ... ich verreise.« - -»Bald?« - -»Ja, bald.« - -»Ist denn wirklich zu einer Reise nach Wilna ein Revolver nötig?« fragte -ich ohne den geringsten Hintergedanken, eigentlich sogar ohne überhaupt -etwas zu denken. Ich fragte einfach so, weil mein Blick auf den Revolver -fiel, und ich nicht recht wußte, wovon ich sprechen sollte. - -Er blickte sich um und sah den Revolver unverwandt an. - -»Nein, den pflege ich nur so, aus Gewohnheit ...« - -»Wenn ich einen Revolver besäße, so würde ich ihn irgendwo hinter Schloß -und Riegel verbergen. Wissen Sie, es steckt doch, bei Gott, eine -Versuchung in dem Ding! Ich selbst glaube vielleicht nicht einmal an die -Selbstmordepidemie, aber wenn einem so ein Ding immer in die Augen -funkelt -- wahrhaftig, es gibt Minuten, wo es tatsächlich verführen -könnte.« - -»Sprechen Sie nicht davon,« sagte er und stand plötzlich auf. - -»Ich rede ja nicht von mir,« fügte ich hinzu, mich gleichfalls erhebend, -»ich würde das Ding nie gebrauchen. Mir könnten Sie meinetwegen ganze -drei Menschenleben geben -- auch die wären für mich noch zu wenig.« - -»Leben Sie!« kam es plötzlich gleichsam impulsiv über seine Lippen. - -Er lächelte zerstreut und -- sonderbar -- er ging geradeswegs ins -Vorzimmer zur Eingangstür, mich auf diese Weise einfach hinausführend, -doch tat er das, versteht sich, ohne sich dessen bewußt zu sein. - -»Ich wünsche Ihnen vollen Erfolg, Krafft,« sagte ich zum Abschied, auf -die Treppe hinaustretend. - -»Soll mir recht sein,« antwortete er mit fester Stimme. - -»Auf Wiedersehen!« - -»Auch das soll mir recht sein!« - -Ich erinnere mich noch seines letzten Blickes auf mich. - - - III. - -Das war also der Mensch, um den mein Herz so viele Jahre lang geklopft -hatte! Und was hatte ich denn von Krafft erwartet, was hätten denn das -für neue Aufklärungen sein sollen? - -Als ich aus seiner Wohnung auf die Straße trat, verspürte ich großen -Hunger; es wurde schon Abend, und ich hatte noch nicht zu Mittag -gegessen. Ich trat deshalb auf dem großen Prospekt der »Petersburger -Seite« in ein kleines Wirtshaus, mit dem Vorsatz, nur zwanzig oder -höchstens fünfundzwanzig Kopeken auszugeben -- mehr hätte ich mir damals -um keinen Preis erlaubt. Ich bestellte eine Portion Suppe, und als ich -sie gegessen hatte, setzte ich mich ans Fenster, um hinauszusehen; es -waren viel Menschen im Lokal und es roch nach verbranntem Fett, alten -Servietten und Tabak. Widerlich war es. Über meinem Kopf hing ein -Vogelbauer, und eine stimmlose Nachtigall pickte trübsinnig und -nachdenklich mit dem Schnabel auf den Boden ihres Käfigs. Im anstoßenden -Billardzimmer wurde gelärmt, ich aber saß und grübelte. Der -Sonnenuntergang (warum hatte Krafft sich darüber gewundert, daß ich die -Stunde des Sonnenuntergangs nicht liebe?) rief in mir ganz neue und -unerwartete Empfindungen hervor, die gar nicht am Platz waren. So -glaubte ich die ganze Zeit den stillen Blick meiner Mutter vor mir zu -sehen, ihre lieben Augen, die mich nun schon einen ganzen Monat so -schüchtern ansahen, als wolle die Liebe selbst mich auskundschaften. In -der letzten Zeit war ich zu Hause sehr grob gewesen, namentlich in -meinem Verhalten zu ihr; ich wollte gegen Werssiloff grob sein, doch da -ich es gegen ihn nicht zu sein wagte, quälte ich infolge meines -schändlichen Charakters statt seiner die Mutter. Ich hatte sie sogar -gänzlich eingeschüchtert; oft sah sie mich mit einem so flehenden Blick -an, wenn Werssiloff eintrat, in der Angst vor einem Ausfall meinerseits -... Sehr sonderbar war es, daß mir dort in diesem widerwärtigen -Speisehaus zum erstenmal zum Bewußtsein kam, daß sie wie eine Fremde -immer »Sie« zu mir sagte, während Werssiloff mich duzte. Freilich hatte -ich mich auch früher schon darüber gewundert und mir dabei manches -gedacht, was für sie nicht gerade schmeichelhaft war, hier aber fiel mir -das irgendwie noch besonders auf, und ich bedachte es tiefer -- und -lauter ähnliche Gedanken kamen mir einer nach dem anderen unaufhaltsam -in den Sinn. Ich saß dort lange auf meinem Platz, bis zur dunkelsten -Dämmerung. Ich dachte auch an meine Schwester ... - -Eine verhängnisvolle Stunde. Ich stand vor der Entscheidung. Es galt, -einen Entschluß zu fassen, um jeden Preis! Oder war ich denn wirklich -unfähig, einen Entschluß zu fassen? Was war denn Schweres dabei, mit -allen zu brechen, zumal hier niemand sich etwas aus mir machte? Meine -Mutter, meine Schwester? Aber die wollte ich doch sowieso in keinem Fall -verlassen -- wie die Sache sich auch wenden mochte. - -Es ist wahr: das Eintreten dieses Menschen in mein Leben, d. h. sein -Erscheinen auf einen Augenblick, noch in meiner ersten Kindheit, war der -schicksalsvolle Anstoß gewesen, der mein Bewußtsein geweckt hatte und -bis zu dem meine Erinnerung jetzt zurückreicht. Hätte er damals nicht -meinen Weg gekreuzt, mein Verstand, meine ganze Denkart, ja, mein ganzes -Schicksal wären heute anders, sogar ungeachtet meines mir vom Schicksal -bestimmten Charakters, dem ich doch unter keinen Umständen entronnen -wäre. - -Und nun erweist sich, daß dieser Mensch -- nur eine von mir geschaffene -Phantasiegestalt war, ein Traum meiner Kinderjahre. Ich selbst hatte ihn -mir so ausgedacht, in Wirklichkeit aber sah ich jetzt einen ganz anderen -Menschen, der tief unter meinem Phantasiegebilde stand. Ich war zu einem -reinen Menschen gekommen, nicht aber zu diesem. Und warum hatte ich mich -in ihn verliebt, so auf ewig in ihn verliebt, in jenem kurzen -Augenblick, als ich ihn da einmal in meiner Kindheit sah? Dieses »auf -ewig« mußte verschwinden. Ich werde vielleicht einmal, wenn ich Platz -dafür finde, diese unsere erste Begegnung erzählen: es ist die -nichtigste Geschichte, aus der sich nichts ergibt. Bei mir aber ergab -sich daraus eine ganze Pyramide. Ich begann diese Pyramide noch unter -der Kinderdecke zu bauen, als ich vor dem Einschlafen weinen konnte und -träumen -- wovon? -- das weiß ich selbst nicht. Weinen, weil ich -verlassen war? Weil man mich quälte? Doch gequält hat man mich nur -wenig, im ganzen nur zwei Jahre lang, in der Pension Touchard, in der -ich damals untergebracht wurde, als er wieder verreiste. Späterhin hat -mich niemand mehr gequält; im Gegenteil, ich war es, der stolz auf seine -Kameraden herabsah. Und ich kann sie auch nicht ausstehen, diese sich -selbst bedauernden Waisenkinder! Es gibt nichts Widerlicheres, als wenn -Waisen oder unehelich Geborene, alle diese Ausgestoßenen und überhaupt -dieses ganze Pack, mit dem ich auch nicht das geringste Mitleid habe, -sich plötzlich feierlich vor dem Publikum erhebt und kläglich und -moralisch loszuheulen beginnt: »Seht, wie man sich an uns vergangen -hat!« Ich würde diese Waisen am liebsten durchprügeln, denn keiner von -diesem ganzen widerlichen Auswurf begreift, daß es von zehnmal mehr -Anstand zeugt, wenn er schweigt und nicht heult und zum Klagen sich -nicht _herabläßt_. Läßt du dich aber dazu herab, so hast du, »Sohn der -Liebe«, dein Schicksal mit Recht verdient. Das ist meine Auffassung der -Sache! - -Aber nicht das ist lächerlich, daß ich als Kind unter meinem Deckchen so -träumte, wohl aber, daß ich auch nach Petersburg wiederum wegen dieses -von mir erdachten Menschen gekommen war, und über dem Gedanken an ihn -meine Hauptziele fast vergessen hatte. Ich war gekommen, um ihm zu -helfen, die Verleumdung zu vernichten, seine Feinde zu zerschmettern. -Jenes Dokument, von dem Krafft gesprochen hatte, der Brief dieser Frau -an Andronikoff, den sie jetzt so angstvoll suchte, da er ihr Schicksal -zerstören, sie zur Bettlerin machen konnte, und den sie in Werssiloffs -Händen wähnte -- jener Brief war nicht bei Werssiloff, sondern bei mir, -stak eingenäht in meiner Seitentasche! Ich selbst hatte ihn dort -eingenäht, und kein Mensch in der ganzen Welt ahnte etwas davon. Daß die -romantische Marja Iwanowna dieses ihr »zum Aufbewahren« eingehändigte -Dokument gerade mir und keinem anderen zu übergeben für nötig befunden -hatte, war ihr freier Wille gewesen, auf Grund ihrer besonderen -Auffassung der Sache, die zu erklären ich nicht verpflichtet bin, -vielleicht jedoch gelegentlich erzählen werde. Aber so unverhofft -bewaffnet, hatte ich dem geheimen Wunsch, nach Petersburg zu reisen, -nicht mehr widerstehen können. Meine Voraussetzung war damals, versteht -sich, daß ich diesem Menschen nicht anders als heimlich, ohne selbst -hervorzutreten oder mich zu ereifern, helfen würde, ohne auf seinen -Beifall, noch auf seine Umarmungen zu rechnen. Und niemals, niemals -hätte ich mich dazu _herabgelassen_, ihm wegen irgend etwas einen -Vorwurf zu machen! War es denn seine Schuld, daß ich mich in ihn -verliebt und aus ihm ein phantastisches Ideal geschaffen hatte? Ja, -vielleicht liebte ich ihn überhaupt nicht. Sein origineller Verstand, -sein interessanter Charakter, seine geheimnisvollen Intrigen und -Abenteuer, und der Umstand, daß meine Mutter bei ihm wohnte -- alles -das, scheint es, hätte mich nicht mehr aufhalten können; es genügte ja -schon, daß meine phantastische Puppe zerschlagen war und ich ihn so, wie -er wirklich war, gar nicht lieben konnte. Also, was hielt mich denn -fest, an welcher Stelle war ich denn eingesunken? -- das war die Frage. -Und als Endergebnis stellte sich heraus, daß nur ich hier der Dumme war -und sonst niemand. - -Doch da ich von anderen Ehrlichkeit verlange, werde auch ich ehrlich -sein: ich muß gestehen, daß jener in meiner Tasche eingenähte Brief -nicht nur den leidenschaftlichen Wunsch, Werssiloff zu Hilfe zu eilen, -in mir erweckt hatte. Das ist mir heute nur zu klar, aber auch damals -errötete ich schon bei dem Gedanken an den anderen Grund. Ich träumte -von einer Frau, einer stolzen Aristokratin, der ich Aug in Aug -gegenüberstehen werde; sie wird mich verachten, über mich lachen, wie -vielleicht über eine Maus, -- und nicht einmal ahnen, daß ich Herr über -ihr Schicksal bin. Dieser Gedanke hatte mich schon in Moskau berauscht, -und besonders noch während der Reise im Waggon, als ich nach Petersburg -fuhr. Das habe ich übrigens schon einmal gestanden. Ja, ich haßte diese -Frau, und doch liebte ich sie schon, liebte sie als mein Opfer, und das -ist wahr, es verhielt sich wirklich so. Nur war's gleichzeitig so -kindisch, daß ich es nicht einmal von einem solchen, wie ich damals war, -erwartet hätte. Ich gebe meine damaligen Gefühle wieder, d. h. was mir -dort im Speisehaus durch den Kopf ging, als ich auf dem Platz unter der -Nachtigall saß und den Entschluß faßte, noch an demselben Abend mit -ihnen allen unwiderruflich zu brechen. Der Gedanke an meine Begegnung -mit dieser Frau trieb mir plötzlich heiße Schamröte ins Gesicht. Diese -schmachvolle Begegnung! Ein erbärmlicher und dummer Eindruck, der -- was -das schlimmste war -- vielleicht am deutlichsten meine Unfähigkeit zur -Ausführung einer Tat bewies? Oder nein, er bewies nur -- so dachte ich -damals --, daß ich nicht einmal den unschlauesten Verlockungen zu -widerstehen die Kraft habe, obschon ich noch vor einer kleinen Weile zu -Krafft gesagt hatte, ich besäße ein Eigenstes, eine eigene Idee, und -würde, selbst wenn ich drei Menschenleben erhielte, doch immer noch -nicht genug haben. Mit Stolz hatte ich das gesagt. Daß ich mich nun von -meiner »Idee« hatte ablenken und in Werssiloffs Angelegenheiten -hineinziehen lassen -- das hätte man noch mit irgend etwas entschuldigen -können; daß ich aber wie ein überraschter Hase auf diese und jene Seite -hin- und hersprang und mich schon von jeder Nebensächlichkeit fangen -ließ, daran war nichts anderes als meine Dummheit schuld. Wer plagte -mich, zu Dergatschoff zu gehen, und dort mit meinen Dummheiten -herauszuplatzen, obschon ich doch schon längst wußte, daß ich nichts -klar und vernünftig zu erzählen verstehe und das Vorteilhafteste für -mich Schweigen ist? Und irgend so ein Wassin muß dann die Sache -richtigstellen durch die Erklärung, mir ständen noch »fünfzig Jahre -Leben bevor«, und folglich sei für mich »kein Grund vorhanden, betrübt -zu sein«. Seine Einwendung ist stichhaltig, ist vorzüglich, das gebe ich -zu, und macht seinem unbestreitbaren Verstande Ehre; sie ist schon -deshalb vorzüglich, weil sie die einfachste ist, das Einfachste aber -wird immer erst zuletzt begriffen, wenn man es schon mit allem anderen -versucht hat, was umständlicher oder dümmer ist. Doch diese Erklärung -sagte mir nichts Neues, die kannte ich bereits, noch bevor Wassin sie -aussprach; diesen Gedanken hatte ich schon gute drei Jahre vorher -empfunden; ja, und nicht nur das, in ihm liegt sogar ein ganzer Teil -meiner »Idee«. -- Das waren damals so meine Gedanken dort im Wirtshause. - -Ich hatte ein widerwärtiges Gefühl, als ich, müde vom Gehen und vom -Denken, gegen acht Uhr abends im Stadtteil Ssemjonowski Polk anlangte. -Es war schon ganz dunkel geworden, und das Wetter hatte sich verändert: -es war trocken, aber ein widerwärtiger Petersburger Wind hatte sich -erhoben, blies mir schneidend scharf in den Rücken und wirbelte Staub -und Sand auf. Wie viele verdrießliche Gesichter unter den kleinen -Leuten, die von der Arbeit und aus den Geschäften hastend heimeilen in -ihre Winkel! Ein jeder hat seine eigene trübe Sorge im Gesicht, und in -der ganzen Menge war vielleicht kein einziger gemeinsamer, alle -vereinender Gedanke! Krafft hatte recht: ein jeder lebte für sich. Ein -kleiner Knabe begegnete mir, der war so klein, daß es mich befremdete, -ihn um diese Stunde allein auf der Straße zu sehen; er hatte sich -offenbar verirrt; ein Weib blieb einen Augenblick stehen, um ihn -anzuhören, aber sie verstand ihn nicht, schüttelte den Kopf und ließ ihn -allein in der Dunkelheit stehen. Ich ging auf ihn zu, er aber erschrak -plötzlich vor mir und lief weiter. Kurz vor unserem Hause beschloß ich, -niemals zu Wassin zu gehen. Als ich die Treppe hinaufstieg, hatte ich -den heißen Wunsch, Mutter und Schwester allein zu Hause anzutreffen, -ohne Werssiloff, um vor seinem Kommen noch etwas Liebes meiner Mutter -sagen zu können, oder wenigstens meiner lieben Schwester, zu der ich in -diesem ganzen Monat fast noch kein einziges besonderes Wort gesagt -hatte. Und so traf es sich auch, er war nicht zu Hause ... - - - IV. - -Übrigens: da ich in meinen »Aufzeichnungen« nunmehr diese »neue Person« -(nämlich Werssiloff) persönlich auftreten lassen muß, will ich zunächst -wenigstens in aller Kürze seinen Lebenslauf angeben, der freilich an -sich ziemlich belanglos ist. Ich tue das nur, damit dem Leser alles noch -verständlicher werde, und will es an dieser Stelle tun, weil ich nicht -voraussehe, wo ich diese Angaben weiterhin einflechten könnte. - -Er hat studiert, ist aber dann in ein Garde-Kavallerieregiment -eingetreten; hat die Fanariotoff geheiratet und seinen Abschied -genommen. Er reiste ins Ausland und, zurückgekehrt, lebte er in Moskau -im Verkehr mit der ganzen lebenslustigen Gesellschaft. Nach dem Tode -seiner Frau kam er auf sein Gut; die Folge davon war die Episode mit -meiner Mutter. Dann lebte er lange irgendwo im Süden. Während des -Krimkrieges trat er wieder in den Militärdienst, kam aber mit seinem -Regiment nicht in die Krim und ist überhaupt nicht im Feuer gewesen. -Nach dem Friedensschluß nahm er wieder den Abschied, reiste ins Ausland -und nahm sogar meine Mutter mit, doch in Königsberg ließ er sie zurück. -Die Arme erzählte manchmal kopfschüttelnd und mit wahrem Grauen, wie sie -dort ein volles halbes Jahr ganz allein und verlassen mit ihrem -Töchterchen gelebt hatte, der Sprache unkundig, wie im Walde verloren, -und zuletzt noch ohne Geld. Dann war Tatjana Pawlowna gekommen und hatte -sie nach Rußland zurückgebracht, irgendwohin aufs Land, im Nischni -Nowgorodschen Gouvernement. Werssiloff trat nach seiner Rückkehr den -Posten eines Friedensvermittlers beim Zivilgericht an[6] und wie man -erzählt, soll er sich in seinem Amt glänzend bewährt haben und jeder -Aufgabe gewachsen gewesen sein. Bald aber gab er diesen Posten auf und -begann in Petersburg als Jurist sich mit der Führung verschiedener -Zivilklagen zu beschäftigen. Andronikoff hat seine Fähigkeiten immer -hoch eingeschätzt und ihn sehr geachtet, nur was seinen Charakter -anbetrifft, soll er geäußert haben, daß er den nicht verstehen könne. -Doch auch diese Beschäftigung gab Werssiloff bald auf und reiste wieder -ins Ausland, diesmal auf lange Zeit -- er blieb dort mehrere Jahre. Und -in eben dieser Zeit begannen seine bald sehr nahen Beziehungen zum alten -Fürsten Ssokolski. Im Laufe dieses ganzen angegebenen Lebensabschnitts -haben sich seine pekuniären Verhältnisse zwei- oder dreimal vollständig -verändert: bald war er gänzlich mittellos und stand dem Nichts -gegenüber, bald fiel ihm wieder ein Vermögen zu, und er war von neuem -auf der Höhe. - -Übrigens will ich mich jetzt, wo ich mit meinen Aufzeichnungen bis zu -dieser Stelle gekommen bin, endlich einmal entschließen, »meine Idee« -auseinanderzusetzen. Ich werde sie zum erstenmal seit ihrer Entstehung -in mir so gut ich kann in Worten auszudrücken versuchen. Ich entschließe -mich, sie sozusagen »dem Leser« mitzuteilen, und tue das gleichfalls nur -deshalb, damit im folgenden manches klarer sei. Das muß ich um so mehr, -als es nicht nur für den sogenannten Leser nötig wäre, sondern weil auch -ich, der Verfasser, der das Wiederzugebende doch selbst erlebt hat, mich -in den schwierigen Erklärungen mancher Schritte schon zu verwickeln -beginne. Deshalb möchte ich vorher alles klarlegen, was mich zu diesem -oder jenem veranlaßt, bewogen oder gezwungen hat. Infolge meiner -Ungeschicktheit im Schreiben und meines anfänglichen Vorsatzes, alles -außerhalb der Ereignisse Liegende zu übergehen, bin ich wieder in den -Stil der Romanschreiber verfallen, den ich anfangs selbst verspottet -habe. Jetzt, wo ich wie durch eine Tür in meinen Petersburger Roman mit -allen meinen schmählichen Erlebnissen einzutreten im Begriff bin, -erscheint mir diese Erklärung meiner Idee als Einleitung unbedingt -notwendig. Doch eigentlich hat mich bisher nicht nur der Widerwille -gegen den Stil der Literaten diese Einleitung zu unterlassen bestimmt, -sondern auch das Wesen der Sache, d. h. die Schwierigkeit ihrer -Wiedergabe. Selbst jetzt, wo schon alles Vergangene überwunden ist, -erscheint mir die Aufgabe, diese »Idee« zu erklären, schier -unausführbar. Hinzu kommt nun noch, daß ich sie doch fraglos in ihrer -damaligen Form wiedergeben muß, d. h. wie sie in mir entstanden ist, und -wie sie damals von mir gedacht wurde, und nicht, wie ich sie heute -denke; das aber macht die Sache noch schwieriger. Manches läßt sich ja -fast überhaupt nicht wiedergeben. Gerade die einfachsten, die klarsten -Ideen -- gerade die sind meist schwerer zu verstehen. Hätte Kolumbus vor -der Entdeckung Amerikas seine Idee anderen zu erzählen angefangen, so -würde man ihn, davon bin ich überzeugt, furchtbar lange nicht verstanden -haben. Und man hat ihn ja auch nicht verstanden. Ich erwähne das nur als -Beispiel, denke aber durchaus nicht daran, mich mit Kolumbus zu -vergleichen; wenn jemand zu dieser Folgerung kommen sollte, so schäme er -sich, und das ist alles, was ich sage. - - - Fünftes Kapitel. - - - I. - -Meine Idee ist -- ein Rothschild zu werden. Ich fordere den Leser auf, -ernst und ruhig zu bleiben. - -Ich wiederhole: Meine Idee ist -- ein Rothschild zu werden, ebenso reich -zu werden wie Rothschild; also nicht nur einfach reich, sondern geradeso -reich wie Rothschild. Wozu, weshalb, welches Ziel ich dabei verfolge -- -davon später. Zunächst werde ich nur beweisen, daß ich mein Ziel mit -mathematischer Sicherheit erreichen muß. Die Sache ist sehr einfach, das -ganze Geheimnis liegt in zwei Worten, und die lauten: _Fleiß_ und -_Ausdauer_. - -»Kennen wir,« wird man mir sagen, »das ist nichts Neues: jeder Vater in -Deutschland predigt das seinen Kindern, indessen ist Ihr Rothschild« (d. -h. der verstorbene James Rothschild, der Pariser -- von dem allein -spreche ich) »immer nur ein einziger geblieben. Väter aber gibt es zu -Millionen.« - -Auf diesen Einwand würde ich antworten: - -»Sie behaupten, das hätten Sie schon gehört, dabei haben Sie aber noch -nichts gehört. Allerdings, in einem haben Sie recht: wenn ich gesagt -habe, die Sache sei >sehr einfach<, so habe ich vergessen hinzuzufügen, -daß sie gleichzeitig die schwerste von allen ist. Alle Religionen und -Sittenlehren in der Welt lassen sich schließlich in den einen Satz -zusammenfassen: >Liebe die Tugend und fliehe das Laster<. Was könnte -anscheinend einfacher sein? Nun, dann führen Sie doch etwas Tugendhaftes -aus und überwinden Sie wenigstens ein einziges Ihrer Laster, versuchen -Sie es doch einmal -- nun? -- Und so ist es auch hiermit.« - -Sehen Sie, deshalb ist, obgleich Ihre unzähligen Väter diese zwei -wunderbaren Worte, die das ganze Geheimnis enthalten, schon seit -unzähligen Jahrhunderten ihren Kindern wiederholen, James Rothschild -dennoch ein einzelner geblieben. Daraus folgt, daß anscheinend dasselbe -doch nicht ganz dasselbe ist, und die Väter einen ganz anderen Gedanken -predigen. - -Freilich reden die Väter von Fleiß und Ausdauer, nur ist zur Erreichung -meines Zieles mit einem Fleiß und einer Ausdauer, wie die Väter sie -lehren, nicht gedient. - -Allein das Wort »Vater« (ich rede nicht nur von den deutschen Vätern), -die Tatsache, daß er Kinder, daß er eine Familie hat und wie alle -anderen lebt, daß er Ausgaben hat wie alle und Pflichten wie alle -- -sagt uns schon, daß man ein Rothschild auf diese Weise nicht werden -kann, sondern nur ein Durchschnittsmensch wird. Ich aber verstehe doch -nur zu gut, daß ich, wenn ich ein Rothschild werde oder auch nur ein -Rothschild werden will, jedoch nicht im Sinne der Väter, sondern im -Ernst und in der Wirklichkeit --, daß ich schon dadurch sofort aus der -Gesellschaft ausscheide. - -Vor ein paar Jahren las ich in der Zeitung von einem Bettler, der auf -einem Wolgadampfer gestorben war. Alle hatten ihn dort gekannt, so lange -bettelte er schon. Nach seinem Tode fand man in seinen zerlumpten -Kleidern an dreitausend Rubel eingenäht. Und vor kurzem las ich wieder -von einem Bettler, der einer adligen Familie entstammte, doch in -Wirtshäusern und Kneipen gebettelt hatte. Er wurde verhaftet, und man -fand bei ihm an fünftausend Rubel. Hieraus ergeben sich ohne weiteres -zwei Schlüsse; der erste ist: durch Fleiß im Sammeln und Sparen -- wenn -auch nur von Kopeken -- bringt man schließlich große Summen zusammen -(die Zeit spielt hierbei natürlich eine Rolle). Und der zweite ist: -selbst die unschlaueste Erwerbsart, wenn man sie nur mit Ausdauer -betreibt, d. h. ununterbrochen, hat einen mathematisch sicheren Erfolg. - -Indessen gibt es sogar sehr viele achtbare, kluge und enthaltsame -Menschen, die (soviel sie sich auch mühen) weder drei- noch fünftausend -Rubel ersparen können und doch mächtig gern Geld ersparen wollen. Woher -kommt das? Die Antwort ist klar: weil kein einziger von ihnen, trotz -seines ganzen Wollens, so stark _will_, daß er zum Beispiel, wenn es -nicht anders ginge, selbst Bettler zu werden bereit wäre; und weil kein -einziger charakterfest genug ist, um nicht die ersten Kopeken für ein -überflüssiges Stück Brot für sich oder seine Familie wieder zu -verausgaben. Bei dieser Erwerbsart aber, ich meine, beim Betteln, darf -man sich nur von Wasser und Brot nähren und muß sich alles versagen, -wenn man von den Almosen ein Vermögen ersparen will; wenigstens denke -ich mir das so. Und bestimmt werden auch die erwähnten zwei Bettler nur -so zu ihrem Kapital gekommen sein, also indem sie sich ausschließlich -von Brot nährten und unter freiem Himmel lebten. Zweifellos haben sie -nicht die Absicht gehabt, Rothschilds zu werden; sie waren nur typische -Sparer wie Harpagon oder Gogols Pljuschkin. Aber auch bei bewußtem -Sparen, und selbst bei einem Erwerb in anderer Art, ist, wenn man ein -Rothschild werden will, zur Durchführung nicht weniger heißes Wollen -erforderlich und nicht geringere Willenskraft, als diese beiden Bettler -sie gehabt haben. Ein predigender Vater wird solche Kraft nicht -aufbringen. Die Kräfte dieser Welt sind sehr verschieden, besonders die -Kräfte des Willens. Es gibt eine Temperatur, bei der Wasser zu kochen -anfängt, und einen Hitzegrad, bei dem Eisen in Rotglut gerät. - -Hier ist es dasselbe, wie ins Kloster gehen, dasselbe, wie Erfüllung -strengster Asketengelübde. Hier handelt es sich um ein Gefühl, nicht um -eine Idee. Warum? Wozu? Ist das denn sittlich, und ist es nicht -ungeheuerlich, sein Leben lang im Bettlerkittel zu gehen und Schwarzbrot -zu essen, wenn man soviel Geld bei sich trägt? Von diesen Fragen reden -wir später, jetzt zuerst von der Möglichkeit der Erreichung des Zieles. - -Als ich mir »meine Idee« ausgedacht hatte (und sie ist ja nichts anderes -als eben Rotglut), begann ich mich sofort daraufhin zu prüfen, ob ich -einer solchen Askese fähig wäre. Ich nahm mir also vor, einen ganzen -Monat nur Wasser und Brot zu genießen, und zwar täglich nur zwei und ein -halbes Pfund Schwarzbrot. Um die Prüfung durchführen zu können, mußte -ich den klugen und so feinfühligen Nikolai Ssemjonowitsch und die mir so -wohlwollende Marja Iwanowna betrügen. Doch trotz ihrer Betrübnis und -seiner Verwunderung bestand ich auf meinem Wunsch, ganz allein in meinem -Zimmer zu essen. Das geschah denn auch, bloß aß ich nichts von dem, was -mir ins Zimmer gebracht wurde, sondern goß die Suppe aus dem Fenster in -die Nesseln oder anderswohin, und das Fleisch warf ich dem Hofhund zu -oder wickelte es in Papier und trug es in der Tasche hinaus, und ähnlich -beseitigte ich alles übrige. Da mir aber mit den Speisen viel weniger -Brot als zweieinhalb Pfund auf mein Zimmer geschickt wurde, so kaufte -ich heimlich noch Brot hinzu. Ich hielt diese Kost einen ganzen Monat -aus, verdarb mir dabei nur ein wenig den Magen; im zweiten Monat -erlaubte ich mir noch eine Portion Suppe und morgens und abends noch je -ein Glas Tee -- und ich kann versichern, ich habe das ganze Jahr -körperlich in bester Gesundheit und geistig -- wie in einem Rausch und -in fortwährender heimlicher Begeisterung gelebt. Um die Speisen tat es -mir nicht nur nicht leid, sondern ich fühlte mich als Sieger einfach -erhaben über alles und lebte in Seligkeit. Als das Jahr zu Ende war und -ich mich überzeugt hatte, daß ich jedes Fasten aushalten konnte, begann -ich wieder wie alle zu essen und speiste wieder mit ihnen zusammen. Aber -diese einseitige Prüfung genügte mir nicht, und ich ersann eine neue. -Außer dem Pensionsgeld, das man Nikolai Ssemjonowitsch für mich zahlte, -erhielt ich noch in jedem Monat fünf Rubel als Taschengeld. Und so -beschloß ich denn, von diesen fünf Rubeln nur die Hälfte auszugeben. Das -war eine sehr schwere Prüfung, aber nach guten zwei Jahren hatte ich, -als ich nach Petersburg reiste, außer dem Reisegeld noch siebzig Rubel -in der Tasche -- und die hatte ich mir ausschließlich von jenem -Monatsgeld erspart. Das Ergebnis dieser beiden Versuche war für mich von -ungeheurer Bedeutung: ich hatte mir die Gewißheit verschafft, daß ich -stark genug zu wollen vermag, um mein Ziel zu erreichen, und das war, -ich wiederhole es, die Hauptsache bei meiner ganzen Idee, alles übrige --- sind Kleinigkeiten. - - - II. - -Aber betrachten wir auch die Kleinigkeiten. - -Ich habe nun meine ersten zwei Versuche beschrieben; in Petersburg -machte ich, wie ich schon erzählt habe, den dritten Versuch -- ich ging -auf eine Auktion und gewann mit einem Schlage sieben Rubel -fünfundneunzig Kopeken. Versteht sich, das war kein ernster Versuch, -sondern nur ein Spiel, ein Vergnügen: ich hatte Lust, einen Augenblick -aus der Zukunft zu stehlen und im voraus auszukosten, wie ich so in -künftigen Jahren gehen und mein Vorhaben ausführen würde. Den wirklichen -Anfang der Umsetzung meiner Idee in die Tat hatte ich von vornherein, d. -h. schon in Moskau, bis zu dem Zeitpunkt hinausgeschoben, wo ich als -Mensch einmal vollkommen frei dastehen werde; ich sah ein, daß ich zum -Beispiel wenigstens das Gymnasium vorher beenden mußte. (Die Universität -hatte ich, wie schon erwähnt, bereits geopfert.) Natürlich reiste ich -mit einem geheimen Grimm nach Petersburg: kaum hatte ich das Gymnasium -beendet und war nun ein freier Mensch geworden, da sah ich plötzlich, -daß Werssiloffs Angelegenheiten mich vom Beginn der Ausführung meines -Vorhabens auf unbestimmte Zeit ablenkten! Aber trotzdem habe ich mich -nicht im entferntesten wegen der Erreichung meines Zieles beunruhigt -gefühlt. - -Es ist wahr, noch fehlte mir die praktische Erfahrung; aber in den drei -Jahren hatte ich schon alles bedacht, und so konnte mich kein Zweifel -mehr beunruhigen. Wohl tausendmal hatte ich es mir ausgemalt, wie ich -anfangen würde: plötzlich befinde ich mich, wie vom Himmel gefallen, in -einer von unseren zwei Hauptstädten (ich hatte mir gerade für den Anfang -unsere Hauptstädte erwählt, und zwar gab ich aus einer gewissen Erwägung -Petersburg den Vorzug). Ich bin also wie vom Himmel herabgefallen und -vollständig frei, hänge von keinem ab, bin gesund und habe in der Tasche -ein heimliches Vermögen von hundert Rubeln -- mein Anlagekapital. Ohne -hundert Rubel kann man nicht gut anfangen; denn so würde die erste -Periode des geringen Erwerbes gar zu lange dauern. Außer den hundert -Rubeln besaß ich noch, wie sich erwiesen hatte, Mut, Ausdauer, Fähigkeit -zu vollständiger Einsamkeit und zur folgerechten Geheimhaltung eines -Geheimnisses. Ja, gerade die bedingungslose Einsamkeit war die -Hauptsache; ich habe tatsächlich bis zuletzt keinerlei Beziehungen oder -Verbindungen mit anderen Menschen gemocht, und im allgemeinen stand es -für mich unumstößlich fest, daß ich die Ausführung meiner Idee ganz -allein anfangen würde: das war mein _sine qua non_. Es fällt mir schwer, -Menschen zu ertragen; ich werde innerlich unruhig, und die Unruhe würde -die Verfolgung meines Zieles beeinträchtigen. Und überhaupt ist es -bisher in meinem Leben immer so gewesen: wenn ich mir vorstellte oder -träumte, wie ich mich im Verkehr mit den Menschen halten würde, verlief -alles immer sehr gut und klug, kaum aber trat an die Stelle des Traumes -oder der Vorstellung die Wirklichkeit -- so benahm ich mich immer -furchtbar dumm. Ich gestehe das mit aufrichtigem Unwillen; immer habe -ich mich selbst durch meine Worte zu erkennen gegeben und übereilt -gesprochen, und deshalb hatte ich beschlossen, mich von den Menschen -abzusondern. Nur so konnte ich mir Unabhängigkeit, Seelenruhe und -ungestörte Verfolgung meines Zieles sichern. - -In Petersburg sind die Preise für Lebensmittel bekanntlich sehr hoch, -aber dessenungeachtet hatte ich ein für allemal beschlossen, nicht mehr -als fünfzehn Kopeken täglich fürs Essen auszugeben, und ich wußte im -voraus, daß ich meinen Vorsatz durchführen würde. Diese Frage der -Ernährung habe ich lange und eingehend erwogen. So zum Beispiel nahm ich -mir vor, zwei Tage lang nichts als Brot mit Salz zu essen, um dann am -dritten Tage für die in zwei Tagen ersparten Kopeken um so viel mehr zu -essen; denn mir schien diese Verteilung zuträglicher für die Gesundheit, -als ein ewig gleichmäßiges Fasten bei einer Tagesration für die -geringste Summe. Ferner bedurfte ich eines Winkels, buchstäblich nur -eines Winkels, d. h. ich brauchte einen Ort, wo ich in der Nacht -schlafen konnte und bei gar zu unfreundlichem Wetter auch am Tage Schutz -fand. Zu leben beabsichtigte ich eigentlich nur auf der Straße und war -bereit, im Notfall auch in den Nachtasylen für Obdachlose zu schlafen, -wo man, abgesehen vom Nachtlager, noch ein Stück Brot und ein Glas Tee -erhält. Oh, ich würde es schon verstehen, mein Geld so zu verstecken, -daß es mir weder von Winkelnachbarn noch im Nachtasyl gestohlen werden -könnte, nicht einmal ahnen würden sie, daß ich welches besitze. »Was, -_mir_ könnte man es stehlen? Ach, Freund, ich muß mich ja selbst nur in -acht nehmen, daß nicht ich einem anderen was stehle!« -- hörte ich -einmal auf der Straße im Vorübergehen einen Galgenstrick mit Humor zum -anderen sagen. Was mich betrifft, so würde ich es ihm nur in Vorsicht -und Schlauheit gleichtun, aber zu stehlen, nein, zu stehlen beabsichtige -ich nicht. Ja, ich habe sogar schon in Moskau, und vielleicht schon am -ersten Tage meiner »Idee«, beschlossen, weder Pfandleiher noch Wucherer -zu werden: dazu sind die Juden da und auch diejenigen Russen, die weder -Verstand noch Charakter haben. Pfänder und Prozente -- das ist so was -für die ordinären! - -In betreff der Kleidung hatte ich mir vorgenommen, immer zwei Anzüge zu -besitzen, einen Alltagsanzug und einen guten. Wenn ich sie mir einmal -angeschafft hätte, würde ich sie lange tragen, das wußte ich. -Zweieinhalb Jahre lang habe ich mich vorsätzlich darin geübt, wie man -seine Kleider tragen muß, damit sie nicht schnell abnutzen, und habe bei -der Gelegenheit ein Geheimnis entdeckt: soll ein Kleidungsstück immer -wie neu aussehen, so muß man es möglichst oft bürsten, womöglich fünf- -bis sechsmal am Tage. Tuch fürchtet die Bürste nicht, wohl aber Staub -und Schmutz. Staub besteht, unter dem Mikroskop betrachtet, aus Steinen, -die Bürstenhaare aber sind, selbst die härtesten, immerhin etwas der -Wolle Ähnliches. Ebenso habe ich meine Stiefel zu tragen gelernt: das -Geheimnis besteht darin, daß man ganz gerade und mit der ganzen Sohle -auftritt; denn vor allem gilt es ein Schieftreten der Stiefel zu -vermeiden. In vierzehn Tagen hat man das heraus, und dann geht's von -selbst, ohne daß man daran zu denken braucht. So trägt man Stiefel im -Durchschnitt um ein Drittel der Zeit länger. -- Ergebnis zweijährigen -Versuchs. - -Hierauf befaßte ich mich schon mit der eigentlichen Aufgabe. - -Ich ging von der Erwägung aus: ich habe hundert Rubel. In Petersburg -finden so viel Auktionen und Ausverkäufe statt, gibt es so viel kleine -Buden auf dem Trödelmarkt und so viel kauflustige Menschen, daß es -unmöglich ist, eine Sache, die man für soundsoviel gekauft hat, nicht -etwas teurer verkaufen zu können. An einem Album habe ich mit einem -Anlagekapital von zwei Rubel und fünf Kopeken jene sieben Rubel und -fünfundneunzig Kopeken verdient. Diesen ungeheuren Gewinn erhielt ich -ohne jedes Wagnis meinerseits: ich sah dem Käufer an den Augen an, daß -er dieses alte Album unbedingt erstehen wollte. Natürlich gebe ich zu, -daß dieser Fall nur ein Zufall war, aber gerade solche Fälle suche ich -ja, nur deshalb habe ich doch beschlossen, auf der Straße zu leben! Nun -gut, mögen sie noch so selten sein, gleichviel, mein Grundsatz bleibt: -nichts aufs Ungewisse hin zu wagen, und zweitens: unbedingt an jedem -Tage wenigstens etwas mehr als das Minimum zu verdienen, d. h. was ich -für meinen Unterhalt täglich ausgeben muß, damit an keinem Tage die -Vermehrung des Kapitals stillstehe. - -Man wird mir sagen: »Das sind alles nur Träume! Sie kennen die Straße -noch nicht, man wird Sie schon beim ersten Schritt übers Ohr hauen, und -ohne daß Sie es merken.« Aber ich habe Willen und Charakter, und die -Wissenschaft der Straße ist wie jede andere Wissenschaft und läßt sich -mit Fleiß, Ausdauer, Aufmerksamkeit und Fähigkeiten ohne weiteres -erwerben. Auf dem Gymnasium war ich bis zur letzten Klasse einer der -ersten Schüler und ein sehr guter Mathematiker. Und wie kann man nur die -bloße »Erfahrung« und Straßenwissenschaft so götzenbildhaft überschätzen -und, wo sie fehlen, ein sicheres Mißlingen prophezeien! Das pflegen aber -immer nur diejenigen zu tun, die selbst niemals einen Versuch, -gleichviel in welcher Sache, gemacht haben, die nie etwas Neues -angefangen, sondern immer auf dem Fertigen frierend gesessen haben. -»_Einer_ hat sich die Nase verbrannt, _folglich_ wird jeder andere sie -sich auch verbrennen.« Nein, ich nicht. Ich habe Charakter, und wenn ich -will, kann ich alles erlernen. Wäre es denn überhaupt möglich, daß man -es bei ununterbrochener Aufmerksamkeit, Berechnung und Überlegung, bei -unermüdlicher und ununterbrochener Tätigkeit und Lauferei -- schließlich -nicht zu dem Wissen brächte, wie man täglich zwanzig Kopeken verdienen -kann? Sehr wichtig ist, daß man sich nicht auf den größtmöglichen Gewinn -versteift, sondern immer ruhig bleibt. Späterhin, wenn ich das eine und -andere Tausend schon verdient habe, würde ich selbstverständlich und -ganz unwillkürlich den kleinen Handel und Wiederverkauf auf der Straße -aufgeben und mich mit Besserem befassen. Allerdings sind mir jetzt die -Börse, die Aktien- und Bankgeschäfte und ähnliches noch wenig bekannt. -Aber dafür weiß ich so genau, wie ich fünf Finger an jeder Hand habe, -daß ich alle diese Börsen- und Bankiergeschäfte mit der Zeit erlernen -und mich wie kein anderer in ihnen auskennen werde, und daß dieses -Wissen sich bei mir fast von selbst einstellen wird, einfach weil die -Dinge dazu führen. Als ob Gott weiß was für eine salomonische Weisheit -dazu erforderlich wäre! Wenn man nur Charakter hat -- Verständnis, -Geschicklichkeit, Wissen kommen dann von selbst. Und wenn nur das -»Wollen« nicht aufhört! - -Die Hauptsache bleibt: nichts aufs Spiel setzen, und das kann man nur, -wenn man Charakter hat. Noch kürzlich hatte ich hier in Petersburg eine -Zeichnungsliste auf Eisenbahnaktien; wer damals subskribieren konnte, -hat viel verdient. Eine Zeitlang stiegen die Aktien. Da gibt es dann -immer Leute, die zu spät kommen, und wenn ich, nehmen wir an, -subskribiert hätte, würde mir doch der eine oder andere den Vorschlag -gemacht haben, ihm die Aktien für eine Prämie von soundsoviel Prozent -abzutreten. Nun, und ich hätte dann unbedingt verkauft, ohne lange auf -weiteres Steigen der Papiere zu warten. Natürlich hätte man mich -ausgelacht, weil man mir nach einiger Zeit vielleicht zehnmal mehr -bieten würde. Das wäre ja möglich, aber mein kleinerer Gewinn ist schon -deshalb vorteilhafter, weil ich ihn bereits in der Tasche habe, der -erhoffte große Gewinn aber noch irgendwo in der Luft hängt. Man wird mir -hierauf zu bedenken geben, daß man auf diese Weise doch nicht viel -verdienen könne. Entschuldigen Sie, darin irren Sie sich, und darin -besteht auch der große Irrtum aller unserer großen verkrachten -Spekulanten. So hören Sie denn die Wahrheit: Fleiß und Ausdauer im -Verdienen und vor allem im Sparen machen mehr aus als zufällige große -Gewinne, selbst wenn diese hundert Prozent und darüber einbringen! - -Als John Law zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts in Paris erschien, -um ein im Prinzip geniales Projekt durchzuführen (das freilich nachher -fürchterlich enttäuschte), geriet ganz Paris in Aufregung. Man riß sich -förmlich um Laws Aktien, das Gedränge war unbeschreiblich. Und in das -Haus, in dem die Aktien ausgegeben wurden, strömte aus ganz Paris das -Geld zusammen. Aber das Haus konnte so viel Menschen nicht fassen, das -Publikum mußte schon auf der Straße bleiben, und dort drängte sich alles -durcheinander, Arme, Reiche, Vornehme, Geringe, Kinder und Greise, -Bourgeoisie und Noblesse, Gräfinnen, Marquisen und Dirnen -- alles wurde -zu einer einzigen, nur von einem Gedanken besessenen Masse, als wären -alle von einem tollen Hunde gebissen. Alle Standesvorurteile, Rang, -Stolz, Ehre und guter Name -- alles wurde unter die Füße getreten; alles -wurde geopfert (sogar von Frauen), nur um ein paar Aktien zu erhalten. -Die Subskription mußte schließlich auf der Straße stattfinden, doch man -hatte keinen Tisch, auf dem man hätte schreiben können. Da machte man -einem Buckligen den Vorschlag, seinen Buckel als Schreibtisch benutzen -zu lassen. Der willigte ein -- man kann sich denken, wieviel er sich -dafür von jedem Subskribenten zahlen ließ! Nun, es dauerte nicht lange, -und alle waren bankerott, das ganze Unternehmen, die ganze Idee ging zum -Teufel und die Aktien waren wieder wertlose Papierstücke. Wer hatte nun -gewonnen? Nur der Bucklige, eben weil er statt der Aktien die baren -Louisdors genommen hatte. Nun, und dieser Bucklige bin unter ähnlichen -Umständen -- ich. Habe ich doch genug Willenskraft gehabt, nicht zu -essen und kopekenweise mir zweiundsiebzig Rubel zusammenzusparen; sie -wird wohl auch ausreichen, um dem Wirbel einer alle erfassenden Gier zu -widerstehen und das geringe, aber sichere Geld dem großen, aber -ungewissen vorzuziehen. Nur in Kleinigkeiten bin ich kleinlich, im -großen -- nie. Wenn zu einer Sache nur ein wenig Geduld erforderlich -war, hat meine Willenskraft oft nicht ausgereicht, sogar nachdem ich mir -meine Idee schon ausgedacht hatte; zu einer großen Geduld aber -- wird -sie immer ausreichen. Wenn meine Mutter mir morgens, bevor ich zum -Fürsten ging, einen Kaffee vorsetzte, der nur noch lauwarm war, ärgerte -ich mich und wurde grob, und dabei war ich derselbe Mensch, der einen -ganzen Monat nur von Wasser und Brot gelebt hatte. - -Mit einem Wort: auf diese Weise nicht Geld zu erwerben oder nicht -erlernen zu können, wie man Geld erwirbt, wäre unnatürlich. Und ebenso -unnatürlich wäre es, bei ununterbrochenem und gleichmäßigem Erwerb, bei -unermüdlicher Aufmerksamkeit und klarem Verstande, Mäßigkeit, -Sparsamkeit und ständig wachsender Energie -- nicht Millionär zu werden. -Wodurch hat denn der Bettler sein Geld erworben, wenn nicht durch den -Fanatismus seines Charakters und seine Ausdauer? Stehe ich diesem -Bettler nach? »Und schließlich, mag ich auch nichts erreichen, mag meine -Berechnung falsch sein, mag ich Schiffbruch leiden und untergehen, -gleichviel! -- ich gehe. Ich gehe, weil ich es so will!« Das sagte ich -mir noch in Moskau. - -Man wird mir sagen, in alledem sei nichts von einer »Idee« und das Ganze -überhaupt nichts Neues. Ich aber sage, und jetzt zum letztenmal, daß -hierin unendlich viel Idee und unendlich viel Neues ist. - -Oh, ich habe es ja schon geahnt, wie trivial alle Einwände sein würden, -und wie trivial ich selbst erscheinen muß, wenn ich meine »Idee« -auseinandersetze: was habe ich denn ausgesprochen? Nicht einmal den -hundertsten Teil. Ich fühle doch, daß es so nur kleinlich, plump, -oberflächlich und gleichsam viel zu kindisch für meine Jahre ausgedrückt -ist. - - - III. - -Ich habe jetzt noch die Fragen »Warum« und »Wozu« und »Ist das sittlich -oder nicht« zu beantworten -- da ich eine Antwort versprochen habe. - -Es tut mir leid, daß ich den Leser enttäuschen muß; es tut mir leid und -es freut mich zugleich. Möge man doch erfahren, daß nicht der geringste -»Rachedurst« in meine »Idee« hineinspielte, nichts Byronisches, -- weder -Racheschwüre, noch Waisenklagen oder Tränen wegen der illegitimen -Geburt, nichts, gar nichts von dieser Art. Kurzum, eine romantisch -veranlagte Dame würde, falls sie meine Aufzeichnungen lesen sollte, sehr -enttäuscht sein und geknickt die Nase hängen lassen. Der ganze Zweck -meiner »Idee« ist -- Einsamkeit. - -»Aber Einsamkeit kann man doch auch so haben, ohne alle Großtuerei und -Rednerei, daß man zuvor ein Rothschild werden müsse. Wozu ist da -Rothschild nötig?« - -»Weil ich außer der Einsamkeit noch Macht brauche.« - -Zunächst eine Vorbemerkung: die Aufrichtigkeit meines Bekenntnisses wird -den Leser vielleicht entsetzen, und es ist möglich, daß er sich in -seiner Einfalt fragt: wie kann er das nur gestehen, ohne zu erröten? -Meine Antwort ist: ich schreibe nicht, um das Geschriebene drucken zu -lassen; einen Leser aber werde ich, wenn überhaupt, dann wohl erst nach -zehn Jahren haben, wenn das eine schon so weit vergangen sein wird, das -andere sich schon so weit zu erkennen gegeben hat, daß zum Erröten keine -Veranlassung mehr vorhanden ist. Wenn ich aber in meinen Aufzeichnungen -manchmal gleichsam zu einem »Leser« spreche wie zu einem Kritiker, so -ergibt sich das ganz von selbst. Mein Leser ist eine Phantasiegestalt. - -Nein, nicht meine außereheliche Geburt, mit der man mich bei Touchard so -oft geneckt hat, nicht die traurigen Jahre meiner Kindheit, nicht -Rachelust und nicht das Protestgefühl mit seinem »Recht« haben meine -»Idee« erzeugt; getan hat das einzig -- mein Charakter. Ich glaube, -schon in meinem zwölften Lebensjahr, also fast mit dem eigentlichen -Erwachen meines Bewußtseins, begann ich, die Menschen nicht zu lieben. -Das heißt nicht gerade, nicht zu lieben, aber so, sie wurden mir, ich -möchte sagen, schwer. Es hat mich oft traurig gemacht, und zwar gerade -in meinen reinsten Stunden, daß ich nicht einmal den mir am nächsten -stehenden Menschen alles zu sagen vermochte, auch ihnen gegenüber nicht -alles aussprechen konnte, oder richtiger, eigentlich nicht aussprechen -wollte, d. h. daß ich mich aus irgendeinem Grunde zurückhielt, und daß -ich mißtrauisch war, finster und verschlossen. Und wiederum ist mir fast -schon in der Kindheit ein Charakterzug an mir aufgefallen: daß ich gar -zu oft andere beschuldigte oder wenigstens geneigt war, andere zu -beschuldigen; aber meinem Gedanken in dieser Richtung folgte auf dem Fuß -ein anderer Gedanke, der für mich zu schwer zu ertragen war, der -Gedanke: »Bin ich nicht selbst der Schuldige?« Und wie oft habe ich mich -dann selbst grundlos beschuldigt! Und um solchen Fragen aus dem Wege -gehen zu können, sehnte ich mich nach Einsamkeit und suchte sie. -Außerdem habe ich in der Gesellschaft der Menschen nichts finden können, -trotz allem Suchen, und ich habe gesucht; wenigstens alle meine -Altersgenossen, alle Schulkameraden erwiesen sich stets als geistig -unter mir stehend; ich erinnere mich keiner einzigen Ausnahme. - -Ja, ich bin ein düsterer Mensch, ich verschließe mich fortwährend. Oft -habe ich Lust, mich von den Menschen ganz und gar abzusondern. -Vielleicht werde ich den Menschen auch Gutes tun, aber zumeist kann ich -nicht den geringsten, einigermaßen einleuchtenden Beweggrund dazu -entdecken. Auch sind sie keineswegs so herrlich, daß es sich lohnte, -sich sonderlich um sie zu kümmern. Warum treten sie nicht gerade und -offen an mich heran, und warum bin ich verpflichtet, als erster zu ihnen -zu gehen? Diese Fragen sind mir immer wieder durch den Kopf gegangen. -Ich bin ein dankbares Geschöpf, das haben mir wohl schon hundert von mir -begangene Dummheiten bewiesen. Einem offenen Menschen würde ich sofort -mit Offenheit antworten und ihn liebgewinnen. So habe ich es ja auch -getan; aber alle haben sie mich dann sogleich betrogen und sich selbst -wieder vor mir verschlossen, sogar mit Hohn über mich. Der offenste von -allen war Lambert, der mich als Junge so gehauen hat; aber auch dieser -war bloß ein offener Schuft und Lump; und die Offenheit war bei diesem -schließlich nur ein Ausdruck seiner Dummheit. Mit solchen Anschauungen -kam ich damals nach Petersburg. - -Als ich an jenem denkwürdigen Tage die Wohnung Dergatschoffs verließ -(übrigens, Gott weiß weshalb es mich dahin gezogen hatte!), schloß ich -mich Wassin an, und in einer Anwandlung von Begeisterung überschüttete -ich ihn mit meinem Interesse. Und was geschah darauf? Noch an demselben -Abend fühlte ich, daß ich ihn bereits viel weniger liebte. Warum? Ja, -eben darum, weil ich durch meinen ihm überschwenglich gezollten Beifall -mich selbst vor ihm erniedrigt hatte. Indessen sollte man meinen, es -hätte gerade das Entgegengesetzte geschehen müssen: ein Mensch, der so -weit gerecht und großmütig ist, daß er einem anderen in einer Weise -Anerkennung zollt, die ihn selbst erniedrigt, -- ein solcher Mensch -steht doch an Menschenwürde eigentlich beinahe höher als jeder andere. -Nun, und -- ich sah das ein; aber trotzdem liebte ich Wassin weniger, -sogar sehr viel weniger. Ich habe absichtlich ein dem Leser schon -bekanntes Beispiel genommen. Selbst an Krafft dachte ich mit einem -herben oder sogar bitteren Gefühl zurück, weil er mir ins Vorzimmer -vorausgegangen war und mich auf diese Weise verabschiedet hatte: dieses -Gefühl hatte ich die ganze Zeit bis zum nächsten Tage, bis ich plötzlich -etwas erfuhr, das mir alles an ihm erklärte und jeden Grund zum Ärger -aufhob. Aber schon in den untersten Klassen des Gymnasiums fühlte ich -mich gekränkt, wenn einer meiner Mitschüler mich übertraf, sei es in -einer Wissenschaft oder an Schlagfertigkeit und Witz, oder sei es, daß -er mir an körperlicher Kraft überlegen war, -- dann stellte ich sofort -jeden Umgang mit ihm ein und sprach nicht einmal mehr mit ihm. Ich kann -nicht sagen, daß ich ihn gehaßt oder ihm Mißerfolg gewünscht hätte; -nein, das nicht; ich wandte mich nur von ihm ab, denn so ist nun einmal -mein Charakter. - -Ja, mich hat mein ganzes Leben lang nach Macht gedürstet, nach Macht und -Einsamkeit. Ich träumte davon schon in so jungen Jahren, daß entschieden -ein jeder mich ausgelacht haben würde, wenn er meine geheimen Gedanken -erfahren hätte. Deshalb habe ich die Heimlichkeit so liebgewonnen. Ja, -ich träumte mit aller Kraft und allen Sinnen, träumte, daß mir keine -Zeit bliebe, mich mit anderen Menschen zu unterhalten; daraus folgerte -man, daß ich menschenscheu sei, und aus meiner Zerstreutheit zog man -noch dümmere Schlüsse auf meine Lebenskraft -- aber meine roten Wangen -bewiesen das Gegenteil. - -Besonders glücklich war ich, wenn ich schon im Bett lag und die Decke -über die Schulter gezogen hatte, und nun ganz allein, in der größten -Einsamkeit, ohne Menschengetriebe um mich herum, ohne einen Laut von -ihnen zu hören, mein Leben nach eigenem Wunsch in der Phantasie -umzugestalten begann. So verbrachte ich die Zeit, bis meine Idee in mir -auftauchte, in der glühendsten Träumerei; durch die Idee aber wurden -alle Träume, die bis dahin dumm gewesen waren, mit einemmal vernünftig -und gingen aus der träumerischen Form des Romans in die denkende Form -der Wirklichkeit über. - -Alles floß zusammen und strebte nur zu dem einen Ziel. Meine Träume -waren übrigens auch früher schon gar nicht so dumm gewesen, obgleich es -der Themata zu Tausenden gab. Aber unter ihnen gab es Lieblingsträume -... Übrigens, es geht doch nicht an, sie hier alle zu erzählen. Macht! -Ich bin überzeugt, daß sehr viele es sehr lächerlich finden würden, wenn -sie erführen, daß so ein »Nichts« wie ich es gerade auf Macht abgesehen -hatte. Aber ich werde sie durch ein weiteres Geständnis noch mehr in -Erstaunen setzen: ich habe mich vielleicht schon von meinen ersten -Träumen an, das heißt, so gut wie seit meiner frühesten Kindheit, mir -selbst nie anders vorzustellen vermocht, als immer und unter allen -Umständen auf dem ersten Platz. Und ich füge ein zweites seltsames -Geständnis hinzu: vielleicht setzt sich das noch heute fort. Hierzu -bemerke ich, daß ich nicht um Verzeihung zu bitten beabsichtige. - -Und darauf beruht ja meine Idee, gerade darin liegt auch ihre Macht, daß -das Geld -- der einzige Weg ist, der selbst den Letzten auf den _ersten -Platz_ bringt. Vielleicht bin ich nicht einmal der Letzte; aber ich weiß -zum Beispiel -- der Spiegel sagt es mir --, daß mein Äußeres mir -schadet, weil mein Gesicht gewöhnlich ist. Wenn ich aber so reich wie -Rothschild bin -- wer wird dann noch nach meinem Gesicht fragen, und -werden dann nicht Tausende von Frauen, sobald ich nur pfeife, mit all -ihren Schönheiten zu mir angeflogen kommen? Ich bin sogar überzeugt, daß -sie selbst, und zwar vollkommen aufrichtig, mich schließlich für einen -schönen Mann halten werden. Ferner: ich bin vielleicht klug. Aber mag -ich auch noch so klug sein und eine noch so hohe Stirn haben, es kann -sich doch in jeder Gesellschaft einer finden, der noch klüger ist und -eine noch höhere Stirn hat -- und ich bin verloren. Aber wenn ich nun -ein Rothschild bin -- wird dann dieser Klügere noch etwas neben mir -bedeuten? Man wird ihn doch nicht einmal zu Wort kommen lassen neben -mir! Ich bin vielleicht geistreich; aber da befindet sich plötzlich ein -Talleyrand neben mir, ein Piron -- und ich bin in den Schatten gestellt; -bin ich aber ein Rothschild -- wo bleibt dann Piron, ja selbst -Talleyrand? Geld ist natürlich eine despotische Macht, zu gleicher Zeit -aber bedeutet es die größte Gleichstellung, und darin liegt seine -hauptsächliche Macht. Geld macht alle Ungleichheiten gleich. Das habe -ich alles schon in Moskau eingesehen. - -Man wird in diesem meinem Gedanken selbstverständlich nichts als einen -Ausdruck von Gemeinheit und Herrschsucht sehen, hinter dem das Gelüst -des Niedrigen steht, über die Hohen und Geistigen zu triumphieren. Ich -gebe zu, daß dieser Gedanke verwegen ist (und deshalb süß). Aber mag er, -mag er es sein: Sie denken gewiß, ich wolle Macht, nur um triumphieren, -bedrücken und mich rächen zu können? Das ist es ja, daß unbedingt so und -nicht anders die Dutzendgemeinheit handeln würde. Und nicht nur diese; -ich bin überzeugt, daß Tausende von Talenten und klugen Leuten, die sich -so hochstehend und geistig dünken, wenn man ihnen plötzlich die -Rothschildschen Millionen aufladen würde, dem Reichtum nicht gewachsen -wären, und wie die Ordinärsten verfahren und am allermeisten die anderen -bedrücken würden. Meine Idee ist eine ganz andere. Ich fürchte das Geld -nicht; mich wird es nicht bedrücken und auch nicht veranlassen, andere -zu bedrücken. - -Ich brauche das Geld nicht, oder sagen wir richtiger, ich brauche nicht -das Geld, und nicht einmal die Macht; ich brauche nur das, was man durch -Macht erwirbt und was man auf keine Weise ohne Macht erlangen kann; und -das ist das einsame und ruhige Bewußtsein der Kraft! Das ist die -erschöpfendste Bezeichnung dessen, was man »Freiheit« nennt, und um die -sich die ganze Welt so abquält! »Freiheit!« Endlich habe ich es -hingeschrieben, dieses große Wort ... Ja, das einsame Bewußtsein der -Kraft -- ist berauschend und wundervoll. Ich habe die Kraft, und ich bin -ruhig. Jupiter hat Blitz und Donner in der Hand: und er ist ruhig. Hört -man's denn häufig, daß er den Donner grollen läßt? Ein Dummer könnte -glauben, er schlafe. Aber setzt an die Stelle Jupiters irgendeinen -Literaten oder ein dummes Bauernweib -- und das Donnern wird kein Ende -nehmen! - -Habe ich aber erst einmal die Macht, philosophierte ich, so werde ich -ihrer überhaupt nicht mehr bedürfen. Ich versichere, daß ich dann -freiwillig und aus eigenem Antriebe überall den letzten Platz einnehmen -werde. Wäre ich Rothschild, so würde ich in einem alten Mantel und mit -einem Regenschirm gehen. Was mache ich mir daraus, daß man mich auf der -Straße stößt, daß ich schnell über das schmutzige Pflaster springen muß, -um nicht überfahren zu werden! Das Bewußtsein, daß ich es bin, -Rothschild selbst, würde mich in solchen Augenblicken erheitern und -belustigen. Ich weiß, daß ich den ersten Koch der Welt und ein Essen wie -keiner haben kann, doch es genügt mir, das zu wissen. Ich würde ein -Stück Brot und Schinken essen und würde satt sein durch mein Bewußtsein. -Dieser Ansicht bin ich auch heute noch. - -Ich werde mich nicht zu den Aristokraten drängen, wohl aber werden sie -sich zu mir drängen; nicht ich werde den Weibern nachlaufen, sondern sie -mir, und werden mir alles anbieten, was ein Weib nur anzubieten hat. Die -»billigen« werden des Geldes wegen kommen, und die klugen wird das -neugierige Interesse für den eigenartigen, stolzen, verschlossenen und -zu allem sich gleichmütig verhaltenden Menschen anlocken. Ich werde -sowohl zu diesen wie zu jenen freundlich sein und ihnen vielleicht Geld -geben; von ihnen nehmen aber werde ich nichts. Interesse gebiert -Leidenschaft, vielleicht werde ich auch Leidenschaft erwecken. Aber ich -versichere, sie werden vergeblich gekommen sein und nichts mitnehmen, -als höchstens Geschenke. Und das wird mich für sie doppelt interessant -machen. - - »... denn mir genügt - Vollauf das Bewußtsein ...« - -Sonderbar ist, daß ich mich in dieses Bild (das übrigens richtig ist) -schon als Siebzehnjähriger verliebt habe. - -Bedrücken und quälen will ich und werde ich keinen; aber ich würde -wissen, daß, wenn ich einen bestimmten Menschen, etwa meinen Feind, -verderben wollte, niemand mich daran hindern könnte, alle vielmehr -diensteifrig mir helfen würden, und wiederum würde mir dieses Bewußtsein -genügen. Nicht einmal rächen würde ich mich. Es hat mich immer -gewundert, daß James Rothschild den Titel »Baron« angenommen hat! Warum -das und wozu, wenn er doch schon über allen stand? »Oh, mag mich doch -dieser aufgeblasene General beleidigen,« würde ich denken, wenn wir, -sagen wir, beide auf einer Poststation auf Pferde warten; »wenn er -wüßte, wer ich bin, würde er selbst meine Postpferde anschirren helfen -und mir beim Einsteigen in meinen bescheidenen Wagen behilflich sein. -War doch einmal in den Zeitungen davon die Rede, daß ein ausländischer -Graf oder Baron in einem Wiener Eisenbahnzug einem dortigen Bankier vor -dem ganzen Publikum die Pantoffeln angezogen hatte, und dieser war -gemein genug gewesen, das geschehen zu lassen. Oh, mag doch, mag diese -unheimliche Schönheit (gerade >unheimliche< Schönheit, es gibt solche!) --- diese Tochter der stolzen und bewundernswerten Aristokratin, mit der -ich zufällig auf einem Schiffsdeck oder sonstwo zusammentreffe, mich mit -ungehaltenem Blick messen und, hochmütig die Nase hebend, mit Verachtung -sich darüber wundern, wie dieser geringe, abscheuliche Mensch mit dem -Buch oder der Zeitung in der Hand es wagen durfte, sich auf den ersten -Platz zu setzen, und noch dazu neben sie! Doch wenn sie nur wüßte, wer -neben ihr sitzt! Und sie wird es erfahren, -- erfahren und sich selbst -neben mich setzen, ergeben, schüchtern, freundlich, und wird meinen -Blick suchen und sich über mein Lächeln freuen ...« Ich habe hier mit -Absicht diese frühesten Träume wiedergegeben, damit der Gedanke greller -hervortrete und dann verständlicher werde; aber diese Bilder sind blaß -und vielleicht trivial. Nur die Wirklichkeit rechtfertigt alles. - -Man wird sagen, so zu leben, wäre dumm: warum nicht in einem Palais -wohnen, nicht ein großes Haus machen, nicht Gesellschaft bei sich -versammeln, warum nicht Einfluß haben, und warum nicht heiraten? Aber -was würde dann aus dem Rothschild werden, aus dem reichsten Menschen der -Welt? Er würde zu dem werden, was alle sind. Der ganze Reiz der »Idee«, -ihre ganze sittliche Kraft würde dahin sein. Schon als Kind habe ich den -Monolog des »Geizigen Ritters« von Puschkin auswendig gelernt; als Idee -hat Puschkin nichts Höheres geschaffen! Der Meinung bin ich auch heute -noch. - -»Aber Ihr Ideal ist niedrig,« wird man mir mit Verachtung vorhalten, -»Geld, Reichtum! Etwas ganz anderes sind doch gemeinnützige -Unternehmungen, menschenfreundliche Taten!« - -Aber wer weiß es denn, wie ich meinen Reichtum anwenden würde? Was ist -dabei Unsittliches und Niedriges, daß aus vielen jüdischen, schädlichen -und schmutzigen Händen diese Millionen in die Hand eines nüchternen und -standhaften Asketen, der mit scharfem Blick in die Welt schaut, -zusammenfließen? Überhaupt, alle diese Zukunftsträume, alle diese -Prophezeiungen -- das wirkt jetzt noch wie ein Roman, und ich habe sie -vielleicht ganz umsonst niedergeschrieben; wäre lieber alles in meinem -Schädel geblieben! Ich weiß auch, daß niemand diese Zeilen lesen wird; -doch wenn jemand sie lesen sollte, wird er dann glauben, daß ich den -Rothschildschen Millionen vielleicht doch nicht gewachsen bin? Nicht -deshalb, weil sie mich etwa bedrücken würden, sondern im -entgegengesetzten Sinne!? In meinen Träumen habe ich schon mehr als -einmal an jenen Augenblick gedacht, wo mein Macht_bewußtsein_ -übersättigt sein, die »Macht« mir aber immer noch nicht groß genug -erscheinen wird. Dann werde ich -- nicht aus Langeweile und nicht aus -Rührseligkeit oder Überdruß, sondern weil mich nach uferlos Größerem -verlangen wird -- dann werde ich alle meine Millionen den Menschen -hingeben, mag die Gesellschaft meinen ganzen Reichtum verteilen und -verwalten, ich aber -- ich aber tauche wieder hinab und verschwinde -unter den Namenlosen! Vielleicht ende ich dann auch so auf einem -Zwischendeck, wie jener Bettler auf dem Wolgadampfer, bloß mit dem -Unterschied, daß man in meinem Lumpenkittel nichts eingenäht finden -wird. Allein das Bewußtsein, daß Millionen in meiner Hand waren und ich -sie in den Schmutz geworfen habe wie Spreu, würde mich wie ein Rabe -speisen in meiner Wüste. Ich denke auch jetzt noch genau so. Ja, meine -»Idee« ist die Festung, in die ich mich jederzeit und unter allen -Umständen zurückziehen und vor allen Menschen verbergen kann, selbst als -Bettler. Das ist nun meine Dichtung! Und wißt, ich brauche meinen -lasterhaften Willen _ganz_, nur um _mir selbst_ beweisen zu können, daß -ich imstande bin, auf ihn zu verzichten. - -Man wird mir hierauf zweifellos vorhalten, das sei doch Phantasterei, in -Wirklichkeit würde ich die Millionen nie aus den Fingern lassen und mich -nie und nimmer in einen solchen Bettler verwandeln. Möglich, daß ich sie -nicht aus den Fingern lasse; ich habe doch nur das Ideal meiner Idee -aufgezeichnet. Aber ich füge noch hinzu, und im Ernst: wenn mein -Reichtum bis zu der Ziffer eines Rothschildschen angewachsen ist, so -könnte es in der Tat damit enden, daß ich ihn den Menschen hinwerfe. -(Übrigens vor Erreichung der Rothschildschen Ziffer, d. h. der Ziffer -des größten persönlichen Reichtums, wäre es schwer, das auszuführen.) -Und nicht die Hälfte würde ich hingeben; denn dabei käme doch nur eine -Banalität heraus: ich würde nur um die Hälfte ärmer werden und nichts -weiter; sondern gerade alles, alles bis aufs letzte, weil ich, wenn ich -dann freiwillig zum Bettler geworden bin, mit einem Schlage doppelt so -reich sein würde wie Rothschild! Wenn man das nicht begreift, ist es -nicht meine Schuld; erklären werde ich es nicht. - -»Das ist Fakirtum, poetische Träumerei der Niedrigkeit und -Kraftlosigkeit!« urteilen die Menschen, »das ist der Triumph der -Talentlosigkeit und Mittelmäßigkeit.« Gut, ich gebe zu, es mag zum Teil -auch der Triumph der Talentlosigkeit und Mittelmäßigkeit sein, aber wohl -kaum der Kraftlosigkeit. Es gefiel mir ungeheuer, mir gerade ein -talentloses und mittelmäßiges Geschöpf vorzustellen, das vor der ganzen -Welt steht und lächelnd zu ihr sagt: »Ihr seid die Galilei und -Kopernikus, die Karl der Große und Napoleon, ihr seid die Puschkin und -Shakespeare, seid Feldmarschälle und Hofmarschälle, und hier bin ich -- -die Unbegabtheit und Rechtlosigkeit selbst, und bin doch höher als ihr; -denn ihr selbst habt euch mir unterworfen!« Diese Phantasie habe ich, -das muß ich gestehen, so weit und schrankenlos fortgesetzt, daß ich -sogar die Bildung ablehnte. Es schien mir, es müsse noch schöner sein, -wenn dieser Mensch sogar maßlos ungebildet wäre. Diese Übertreibung des -Gedankens blieb auch nicht ohne Einfluß auf meine Schulzeugnisse in der -letzten Klasse des Gymnasiums; ich hörte einfach auf zu lernen, und zwar -aus Fanatismus: die Verwirklichung des Ideals von einem Menschen ohne -Bildung erschien mir großartiger. Inzwischen habe ich aber meine Ansicht -in dieser Frage geändert und halte Bildung nicht mehr für störend. - -Meine Herren, sollte denn die Selbständigkeit im Denken, und wäre es -auch nur die geringste, wirklich so schwer für Sie sein? Selig ist, wer -ein Schönheitsideal hat, und mag es auch nur ein fehlerhaftes sein! Aber -an meines glaube ich. Ich habe es nur nicht richtig dargestellt, habe es -ungeschickt und schülerhaft wiedergegeben. Nach zehn Jahren würde ich es -selbstverständlich besser können. Aber diese Darstellung hier werde ich -mir doch zur Erinnerung aufbewahren. - - - IV. - -Ich habe nun die Auseinandersetzung meiner »Idee« beendet. Wenn ich sie -oberflächlich, unverständlich ausgedrückt habe, so bin ich daran schuld -und nicht die Idee. Ich habe schon gesagt, daß die einfachsten Ideen am -schwersten zu verstehen sind; jetzt kann ich noch hinzufügen, daß sie -auch am schwersten zu erklären sind, und bei der vorliegenden war dies -um so mehr der Fall, als ich meine »Idee« in ihrer früheren Gestalt zu -erklären hatte. Aber auch für Ideen ist die Regel von den umgekehrten -Gesetzen zutreffend: niedrige, billige Ideen werden ungewöhnlich schnell -begriffen, und unbedingt von der ganzen Masse, von der Straße sozusagen; -und nicht nur das: man hält sie sofort für die größten und genialsten, -jedoch -- nur am Tage ihres Bekanntwerdens. Das Billige ist nicht -dauerhaft. Schnelles Begriffenwerden ist nur das Anzeichen der -Trivialität des zu Begreifenden. Die Idee Bismarcks ist in einem -Augenblick genial geworden, und Bismarck selbst zum Genie; aber gerade -diese Schnelligkeit ist verdächtig: warten wir ab, was in zehn Jahren -von seiner Idee übrig sein wird und vielleicht auch vom Herrn Kanzler -selbst. Diese im höchsten Grade nicht zur Sache gehörende Bemerkung habe -ich natürlich nicht zum Vergleich eingeflochten, sondern gleichfalls nur -zur Erinnerung für mich. (Dies zur Erklärung für einen schon gar zu -naiven Leser.) - -Jetzt aber will ich noch zwei kleine Erlebnisse erzählen, um damit -endgültig mit meiner »Idee« abzuschließen, und zwar so, daß ich später -nichts mehr hinzuzufügen noch zu erklären habe, was mich in der -Erzählung nur aufhalten würde. - -Einmal im Sommer, es war im Juli, zwei Monate vor meiner Abreise nach -Petersburg, als ich schon ganz frei geworden war, bat mich Marja -Iwanowna, nach dem »Troïtzki Possad« zu einem alten dort wohnenden -Fräulein hinauszufahren und einen Auftrag auszurichten -- etwas ganz -Nebensächliches, was der Erwähnung nicht wert ist. Auf der Rückfahrt, -noch an demselben Tage, bemerkte ich im Waggon einen widerlich häßlichen -jungen Mann, der nicht schlecht, aber unsauber gekleidet war, ein -finniges Gesicht hatte und die schmutzig braune Hautfarbe, die manchen -Brünetten eigen ist. Er zeichnete sich dadurch aus, daß er auf jeder -Station und Haltestelle ausstieg und Schnaps trank. Als die Reise sich -ihrem Ende näherte, hatte sich um ihn ein vergnügter Kreis gebildet, -übrigens eine recht lumpige Gesellschaft. Besonders entzückt war ein -schon etwas betrunkener Kaufmann von dieser Fähigkeit des jungen -Menschen, ununterbrochen zu trinken und dennoch nüchtern zu bleiben. Und -sehr zufrieden schien damit auch ein junger Bursche zu sein, der -furchtbar dumm und furchtbar viel sprach, nach deutscher Art gekleidet -war und einen sehr schlechten Geruch verbreitete, -- ein Kellner, wie -ich später erfuhr. Dieser Kellner hatte sich mit dem brünetten jungen -Mann alsbald angefreundet, und jedesmal, wenn der Zug hielt, bewog er -ihn zum Aufstehen, indem er sagte: »Es ist Zeit für'n Schnäpschen!« -- -und dann stiegen sie beide, eng umschlungen, aus. Der junge Mann, der -soviel Alkohol schadlos zu sich nehmen konnte, sprach im allgemeinen -kaum ein Wort, aber die Gesellschaft um ihn herum wurde immer lauter und -zahlreicher; er hörte nur allen zu und verzog fortwährend seinen -speichligen Mund zu einem Grinsen; von Zeit zu Zeit aber ließ er, und -zwar immer ganz unerwartet, einen sonderbaren Laut hören, der ungefähr -wie »Türlürlü!« klang, und dazu legte er regelmäßig mit einer höchst -karikaturhaft wirkenden Armbewegung den Zeigefinger an die Nase. Das -machte dem Kaufmann und dem Kellner, wie auch der übrigen Gesellschaft, -großen Spaß, und sie lachten äußerst laut und ungezwungen. Es ist -unbegreiflich, über was alles die Menschen mitunter lachen können. Auch -ich gesellte mich schließlich zu ihnen, und ich weiß nicht, warum dieser -junge Mann auch mir gewissermaßen gefiel; vielleicht, weil er die -allgemeingültigen, fast zu Gesetzen gewordenen Anstandsformen so -unbekümmert außer acht ließ. Kurz, ich erkannte in ihm nicht den Esel, -der er war; und wir begannen uns noch im Waggon zu duzen. Beim -Aussteigen sagte er mir, er werde am Abend, gegen neun Uhr, auf den -Twerskoi Boulevard kommen. Er war, wie sich herausstellte, ein -ehemaliger Student. Ich kam auf den Boulevard, und er veranlaßte mich -zur Teilnahme an folgendem Stückchen: Wir gingen beide über alle -Boulevards, und sobald wir zu späterer Stunde ein alleingehendes Mädchen -oder eine junge Frau entdeckten, eine von den anständigen, und in deren -Nähe sich nicht viele andere Fußgänger befanden, so gesellten wir uns -schnell zu ihr. Ohne sie anzureden, gingen wir neben ihr in gleichem -Schritt weiter, er auf der einen, ich auf der anderen Seite, und -begannen mit der ruhigsten Miene, als bemerkten wir sie überhaupt nicht, -das allerunanständigste Gespräch. Wir nannten die Dinge mit ihren -richtigen Namen, taten es mit dem gleichmütigsten Gesicht, als gehöre es -sich so, und ergingen uns dann bei der Schilderung verschiedener -Scheußlichkeiten und Schweinereien in solchen Finessen, wie sie die -schmutzigste Phantasie selbst des schmutzigsten Wollüstlings sich nicht -hätte ausdenken können. (Ich hatte natürlich alle diese Kenntnisse schon -in den Schulen erworben, sogar schon vor dem Eintritt ins Gymnasium, -aber doch nur die Worte, nicht die Sache selbst begriffen.) Das Mädchen -erschrak entsetzlich und ging so schnell sie nur konnte, aber auch wir -beschleunigten unseren Gang und -- sprachen weiter. Unser Opfer konnte -natürlich nichts tun, schreien hätte ihr wenig geholfen: sie hatte keine -Zeugen, und überhaupt -- es wäre doch peinlich gewesen. Dieses Vergnügen -setzten wir acht Tage lang fort. Ich verstehe nicht, wie mir das hat -gefallen können! Es gefiel mir ja auch gar nicht, aber ... anfangs -erschien es mir originell, gleichsam aus den alltäglichen, zu Schablonen -gewordenen Äußerungsformen heraustretend; und außerdem konnte ich die -Weiber nicht ausstehen. Einmal erzählte ich dem Studenten, daß Jean -Jacques Rousseau in seinen »Beichten« gesteht, er habe als Jüngling mit -Vorliebe gewisse, stets bedeckte Körperteile zu entblößen und heimlich -hinter Ecken hervorzustecken geliebt, um dann auf vorübergehende Frauen -zu warten. Als Antwort pfiff mir der Student wieder nur sein »Türlürlü!« -Ich merkte schon, daß er schrecklich unwissend war und sich für -erstaunlich wenige Dinge interessierte. Es war in ihm auch keine Spur -von einer verborgenen Idee, wie ich sie in ihm zu finden vermutet hatte. -Anstatt der anfangs vermuteten Originalität, fand ich in ihm nur -erdrückende Eintönigkeit. Ich mochte ihn nicht, und dieses Gefühl nahm -immer noch zu. Schließlich endete alles ganz plötzlich und auf eine -völlig unvorhergesehene Weise: wir hatten uns wieder einmal, als es -schon ganz dunkel war, einem noch sehr jungen, vielleicht erst -sechzehnjährigen Mädchen angeschlossen, das schnell und furchtsam über -den Boulevard ging; sie war sehr sauber und bescheiden gekleidet, lebte -wohl von ihrer Hände Arbeit und eilte nach Hause, vielleicht zu einer -alten Mutter, einer armen, kinderreichen Witwe, -- übrigens wozu die -Möglichkeiten ausmalen! Das Mädchen ging mit gesenktem Kopf eilig -zwischen uns weiter, so schnell sie nur konnte, und hielt krampfhaft den -Schleier fest, als wolle sie sich mit ihm die Ohren zuhalten, und so -eilte sie furchtsam und zitternd vor uns her, aber plötzlich blieb sie -stehen, schlug den Schleier von ihrem, soweit ich mich erinnere, gar -nicht häßlichen, aber mageren Gesichtchen zurück und fuhr uns empört mit -blitzenden Augen an: - -»Ach, wie gemein Sie sind!« - -Vielleicht war sie nahe daran, in Tränen auszubrechen; aber es kam -anders: sie holte aus und gab dem Studenten mit ihrer kleinen mageren -Hand eine Ohrfeige, wie geschickter und gewandter vielleicht noch nie -eine gegeben worden ist. Es klatschte nur so! Er wollte losschimpfen und -sich auf sie stürzen, aber ich hielt ihn zurück, und das Mädchen konnte -sich retten. Zwischen uns aber kam es sofort zum Streit: ich sagte ihm -alles ins Gesicht, was sich an Wut in mir angesammelt hatte, sagte ihm, -daß er nur ein erbärmlicher Wicht, die Unbegabtheit und Gewöhnlichkeit -in Person sei und niemals auch nur den Schatten einer eigenen Idee -gehabt habe. Und er beschimpfte wiederum mich ... (ich hatte ihm einmal -etwas von meiner außerehelichen Geburt gesagt), dann spien wir aus, und -seitdem habe ich ihn nie wieder gesehen. An jenem Abend war ich sehr -ungehalten, am anderen Tage war ich es weniger, am dritten -- hatte ich -den ganzen Vorfall schon vergessen. Und sonderbar, wenn später auch -dieses junge Mädchen zuweilen in meiner Erinnerung auftauchte, so -geschah das doch immer nur zufällig und flüchtig. Erst nach meiner -Ankunft in Petersburg, ungefähr in der dritten Woche, fiel mir auf -einmal dieses ganze Erlebnis ein -- es fiel mir ein, und ich schämte -mich so entsetzlich, daß mir buchstäblich Tränen der Scham in die Augen -traten und über die Wangen rollten. Ich quälte mich den ganzen Abend, -die ganze Nacht, und auch jetzt noch quält es mich. Ich konnte lange -nicht begreifen, wie es mir möglich gewesen war, damals so tief und -schmachvoll zu sinken, und vor allem: diesen Fall zu vergessen, mich -nicht seiner zu schämen, nicht Reue zu empfinden! Erst jetzt habe ich -erraten, woran das lag: meine »Idee« war schuld daran! Ich will mich -kurz fassen und unmittelbar den Schluß ziehen: Hat man etwas -Feststehendes, Starkes, was einen unausgesetzt und tief beschäftigt, so -ist man dadurch gleichsam der ganzen äußeren Welt entrückt, man lebt bei -sich wie in einer Einsiedelei, und alle äußeren Geschehnisse gleiten an -einem vorüber, fast ohne dieses innere Wesentliche auch nur zu streifen. -So können sich oft Eindrücke fast ganz verflüchtigen, oder man empfindet -sie falsch, jedenfalls nicht so, wie man es in normalem Zustande müßte. -Und dabei hat man, was das schlimmste ist, immer gleich eine Ausrede zur -Hand. Wie oft habe ich in dieser Zeit meine Mutter gequält, wie -schändlich meine Schwester sich selbst überlassen. »Ach, ich habe ja -meine >Idee<, alles andere ist Nebensache« -- so ungefähr könnte ich das -in Worten ausdrücken, womit ich mich gefühlsmäßig über alles -hinwegsetzte. Man beleidigte mich, und sogar empfindlich, und ich ging -beleidigt davon und sagte mir dann nur: »Nun ja, ich bin niedrig, aber -ich habe immerhin meine >Idee<, und davon wissen meine Beleidiger -nichts.« Die »Idee« tröstete mich in der Erniedrigung und Schande; aber -auch alle meine Gemeinheiten versteckten sich gleichsam hinter der Idee; -sie machte mir alles gewissermaßen leichter; aber sie hüllte auch alles -um mich herum wie in einen Nebel. Doch eine so unklare Auffassung der -Ereignisse und Dinge kann natürlich auch der Idee selbst schaden, ganz -abgesehen von allem anderen. - -Und jetzt will ich noch das zweite Erlebnis erzählen. - -Es war im letzten Frühling in Moskau. Marja Iwanowna feierte am ersten -April wie gewöhnlich ihren Namenstag. Zum Abend waren Gäste eingeladen, -jedoch nur wenige. Da kommt plötzlich Agrafena atemlos ins Zimmer -gestürzt und sagt, im Flur vor der Küche schreie ein kleines -ausgesetztes Kind, sie wisse nicht, was sie tun solle. Diese Nachricht -regte alle auf, alle erhoben sich, gingen hinaus und sahen tatsächlich -in einem Korb aus Birkenrinde ein drei oder vier Wochen altes kleines -quiekendes Mädchen liegen. Ich nahm den Korb und trug ihn in die Küche, -wo ich sogleich einen am Korb befestigten zusammengefalteten Zettel -bemerkte. Auf diesem Papier stand geschrieben: »Liebe Wohltäter, erweist -wohlwollende Hilfe dem armen Arina getauften Mädchen, und wir werden mit -ihr zusammen zeitlebens unsere Tränen zum Throne des Höchsten -emporsenden, wünschen Euch auch Glück zum Namensfeste. Euch unbekannte -Menschen.« Da geschah es denn, daß der von mir so sehr geachtete Nikolai -Ssemjonowitsch mich zum erstenmal enttäuschte und betrübte: er machte -ein sehr ernstes Gesicht und erklärte, das kleine Mädchen müsse sofort -ins Findelhaus geschickt werden. Das machte mich ganz traurig. Sie -lebten sehr sparsam, hatten aber keine Kinder, worüber Nikolai -Ssemjonowitsch immer sehr froh war. Vorsichtig schob ich meine Hände -unter die Ärmchen der kleinen Arina und hob sie aus dem Korb; aus den -Decken kam ein säuerlicher und scharfer Geruch, wie er lange nicht -gebadeten Säuglingen eigen ist. Ich stritt mich zunächst mit Nikolai -Ssemjonowitsch wegen des Findelhauses und erklärte dann plötzlich, daß -ich das Mädchen auf meine Kosten erziehen lassen würde. Er widersprach -mir mit einer gewissen Strenge, trotz seiner sonstigen Weichherzigkeit, -und obschon er mit einem Scherz den Streit beilegte, gab er seine -Absicht in betreff des Findelhauses doch nicht auf. Es kam aber anders, -und ich setzte meinen Willen durch; auf unserem Hof lebte in einem -Nebengebäude ein armer Tischler, ein schon älterer Mann und großer -Trunkenbold, dessen Frau, ein noch junges und sehr gesundes Weib, gerade -ihren Säugling verloren hatte, ihr einziges Kindchen nach achtjähriger -kinderloser Ehe. Dieses Kind war gleichfalls ein Mädchen gewesen und zum -Glück zufällig auch Arina getauft worden. Ich sage »zum Glück«; denn als -wir noch wegen des Findelhauses stritten, war diese Tischlersfrau, die -von der Überraschung gehört hatte, nur aus Neugier herbeigelaufen, als -sie aber hörte, die Kleine hieße Arina, da hatte sie Mitleid mit dem -Kindchen. Die Milch war bei ihr noch nicht vergangen, und so entblößte -sie die Brust und stillte das Kind. Ich machte mich nun gleich an sie -heran und bat und beredete sie eindringlich, das Kind zu sich zu nehmen, -und ich versprach, ihr monatlich dafür zu zahlen. Sie befürchtete, der -Mann würde es ihr nicht erlauben, nahm aber das Kind doch für die Nacht -zu sich. Am nächsten Morgen gab der Mann seine Einwilligung, -vorausgesetzt, daß man acht Rubel monatlich zahlte, was ich denn auch -unverzüglich tat, indem ich ihm acht Rubel für den ersten Monat -einhändigte. Er vertrank das Geld ohne zu säumen. Nikolai -Ssemjonowitsch, der zu meinem Vorhaben immer noch sonderbar lächelte, -willigte ein, die Bürgschaft dafür zu übernehmen, daß die acht Rubel in -jedem Monat von mir gezahlt werden würden. Ich wollte nun Nikolai -Ssemjonowitsch meine sechzig Rubel einhändigen, damit er eine Sicherheit -habe, aber er nahm sie nicht. Übrigens wußte er, daß ich Geld besaß, und -vertraute mir. Durch dieses taktvolle Verhalten seinerseits war denn -auch unser kurzer Streit beigelegt. Marja Iwanowna sagte nichts, aber -sie wunderte sich, daß ich eine solche Sorge auf mich nahm. Ich habe das -Zartgefühl dieser Menschen immer ganz besonders geschätzt; in diesem -Fall erlaubten sie sich nicht den geringsten Scherz über mich, sondern -faßten die ganze Sache genau so ernst auf, wie sie war. Ich lief jeden -Tag zu Darja Rodiwonowna, sogar dreimal täglich, und nach einer Woche -schenkte ich ihr persönlich und heimlich, damit ihr Mann es nicht -erführe, noch drei Rubel. Für weitere drei Rubel kaufte ich ein Deckchen -und Windeln. Aber am zehnten Tage erkrankte die kleine Rina. Ich holte -sofort den Arzt, er verschrieb etwas, und wir blieben die ganze Nacht -bei dem Kinde und quälten das arme Dingelchen mit seiner abscheulichen -Medizin, aber schon am Morgen sagte er, es sei hoffnungslos, und auf -meine Bitten -- übrigens waren es, glaube ich, Vorwürfe -- erwiderte er -nur mit edler Friedfertigkeit: »Ich bin kein Gott.« Die Zunge, die -Lippen, der ganze Mund des kleinen Mädchens waren wie mit einem leichten -weißen Ausschlag bedeckt, und am Abend starb die Kleine, die großen -schwarzen Augen auf mich gerichtet, als könne sie schon alles verstehen. -Ich begreife nicht, wie es mir nicht in den Sinn gekommen ist, die -kleine Tote photographieren zu lassen! Und wird man es glauben, ich habe -an diesem Abend nicht nur geweint, sondern einfach geheult, was ich mir -früher niemals erlaubt hatte. Marja Iwanowna war noch genötigt, mich zu -trösten, und das geschah alles wieder ohne den geringsten Spott. Der -Tischler fertigte eigenhändig den kleinen Sarg an, Marja Iwanowna -schmückte ihn mit Rüschen und legte ein hübsches kleines Kissen hinein, -und ich kaufte Blumen, die ich über das Kindchen streute, und so trug -man meine arme kleine Blume fort, die ich, wird man es glauben, bis zum -heutigen Tage nicht vergessen kann. Bald darauf aber veranlaßte mich -dieser ganze unvorhergesehene Zwischenfall zu recht ernsthaftem -Nachdenken. Freilich, Rinotschka war mir nicht sehr teuer zu stehen -gekommen: alles zusammen -- auch der Sarg und die Beerdigung, der Arzt -und die Blumen und die Zahlung an Darja Rodiwonowna -- machte dreißig -Rubel aus. Dieses Geld holte ich bei der Abreise durch Ersparungen von -den vierzig Rubeln, die Werssiloff mir zur Reise geschickt hatte, und -durch den Verkauf einiger alter Sachen vor der Abreise wieder ein, so -daß mein »Kapital« auf derselben Höhe blieb. »Aber,« sagte ich mir, -»wenn ich mich oft so ablenken lasse, dann werde ich nicht weit kommen.« -Aus der Geschichte mit dem Studenten ging hervor, daß eine »Idee« von -einem so weit Besitz ergreifen kann, daß man sich über äußere Eindrücke -gar nicht mehr klar wird oder sogar die ganze tägliche Wirklichkeit -unbemerkt an einem vorüberzieht; und aus der Geschichte mit Rinotschka -ging das Gegenteil hervor: daß keine »Idee« von einem (oder wenigstens -von mir) so weit Besitz zu ergreifen vermag, daß sie mich davon abhalten -könnte, plötzlich vor irgendeiner erschütternden Tatsache -stehenzubleiben und auf einmal alles das zu opfern, was ich schon in -jahrelanger Arbeit für die »Idee« getan hatte. Zwei entgegengesetzte -Folgerungen, und nichtsdestoweniger waren sie beide richtig. - - - Sechstes Kapitel. - - - I. - -Meine Hoffnung ging doch nicht ganz in Erfüllung: ich traf sie nicht -allein an; Werssiloff war allerdings nicht da, aber dafür saß bei meiner -Mutter Tatjana Pawlowna -- immerhin ein fremder Mensch. Meine großmütige -Stimmung ward deshalb im Nu um die Hälfte weniger großmütig. Es ist -merkwürdig, wie schnell sich in solchen Fällen meine Stimmung verändert: -ein Sandkörnchen oder Härchen genügt schon, um das Gute zu verscheuchen -und das Böse an seine Stelle treten zu lassen. Meine schlechten -Eindrücke aber sind zu meinem Bedauern nicht so schnell zu verscheuchen, -obschon ich keineswegs nachtragend bin. Als ich eintrat, schien mir im -Augenblick, daß meine Mutter ihre anscheinend recht lebhafte -Unterhaltung mit Tatjana Pawlowna schnell und hastig abbrach. Meine -Schwester war erst kurz vor mir von ihrer Arbeit zurückgekehrt und war -noch in ihrem Stübchen. - -Die Wohnung bestand aus drei Zimmern. Das eine davon, das mittlere, in -dem sich gewöhnlich alle aufhielten, unser Wohn- und Empfangszimmer -zugleich, war ein ziemlich großer Raum und sah beinahe anständig aus. In -ihm waren wenigstens Polstermöbel, rote Sofas, übrigens mit recht -abgenutztem Bezug (Werssiloff duldete keine Überzüge), dazu einige -Teppiche, ein paar Tische und überflüssige Tischchen. Rechts von diesem -Raum lag Werssiloffs Zimmer; das war eng und schmal und hatte nur ein -Fenster. Dort stand ein kläglicher Schreibtisch, auf dem etliche -ungelesene Bücher und vergessene Papiere lagen, und vor dem Tisch stand -ein nicht minder kläglicher Polstersessel mit einer zerbrochenen und -infolgedessen schief hervorstehenden Feder, über die Werssiloff oft -genug seufzte und schimpfte. In demselben Kabinett wurde für ihn abends -auf einem weichen, aber gleichfalls verschlissenen Diwan ein Lager -zurechtgemacht. Er haßte dieses sogenannte Kabinett und tat, glaube ich, -nie etwas in ihm, sondern zog es vor, stundenlang müßig im Wohnzimmer zu -sitzen. Links vom Wohnzimmer lag ein genau so großes Zimmer wie das -Kabinett, dort schliefen meine Mutter und meine Schwester. Ins -Wohnzimmer trat man aus einem Korridor, an dessen Ende eine Tür in die -Küche führte, wo die Köchin Lukerja ihr Wesen trieb. Wenn diese Lukerja -kochte oder briet, so ließ sie erbarmungslos den Geruch von verbranntem -Fett durch die ganze Wohnung ziehen. Es gab Augenblicke, wo Werssiloff -einzig wegen dieses Küchengeruchs sein ganzes Leben verwünschte und sein -Schicksal verfluchte, und in diesem einen Punkte konnte ich ihm -vollkommen nachfühlen. Auch ich haßte diese Gerüche, obschon sie nicht -bis in mein Zimmer drangen. Ich wohnte oben unter dem Dach im -Giebelstübchen, wohin ich auf einer kleinen, überaus steilen und -knarrenden Treppe hinaufstieg. An Sehenswürdigkeiten gab es bei mir dort -nur ein halbrundes Fenster und eine entsetzlich niedrige Decke. Auf dem -mit Wachstuch überzogenen Diwan machte mir Lukerja abends mit Bettlaken -und einem Kopfkissen ein Nachtlager zurecht, und sonst waren an Möbeln -nur noch zwei Sachen da: ein einfacher Tisch aus ungestrichenen Brettern -und ein Stuhl mit geflochtenem und schon durchlöchertem Sitz. - -Übrigens waren bei uns immerhin noch etliche Überbleibsel eines -ehemaligen Komforts: im Wohnzimmer z. B. stand eine sogar sehr schöne -Porzellanlampe; an einer Wand hing eine vorzügliche große Gravüre der -Dresdener Madonna, und an der anderen Wand, ihr gegenüber, eine teure -Photographie der berühmten Bronzetür des Florentiner Baptisteriums. In -demselben Zimmer hing ferner in einer Ecke ein großer Heiligenschrein -mit altertümlichen Heiligenbildern, ein Familienerbstück, und eines von -ihnen (das Bild aller Heiligen) hatte eine reiche silbervergoldete -Bekleidung (die einmal versetzt werden sollte) und ein Muttergottesbild -eine Bekleidung aus perlenbesticktem Samt. Vor den Heiligenbildern hing -ein Lämpchen, das am Vorabend jedes Feiertages angezündet wurde. -Werssiloff verhielt sich zu den Heiligenbildern, im Sinne ihrer -Bedeutung, scheinbar ganz gleichgültig, zog nur zuweilen die Stirne -kraus, wenn das Lämpchen brannte und beklagte sich, indem er sich -merklich bezwang, nur wie beiläufig, über den von der vergoldeten -Bekleidung zurückgeworfenen Lichtschein, der ihn angeblich blende, was -für seine Augen schädlich sei, aber immerhin verhinderte er meine Mutter -nicht, das Lämpchen anzuzünden. - -Ich trat gewöhnlich schweigend und mit finsterem Gesicht ins Zimmer, sah -keinen an, sondern irgendwohin in eine Ecke, und zuweilen grüßte ich -nicht einmal, wenn ich nach Hause kam. Ich war sonst immer früher -heimgekehrt als diesmal, und das Mittagessen hatte man mir immer nach -oben gebracht. Als ich aber nun eintrat, sagte ich plötzlich: »Guten -Abend, Mama,« was ich früher nie getan hatte, aber auch diesmal brachte -ich es aus einem gewissen Schamgefühl heraus nicht fertig, sie dabei -anzusehen, und ich setzte mich am anderen Ende des Zimmers hin. Ich war -sehr müde, aber daran dachte ich nicht. - -»Dieser Flegel fährt ja immer noch fort, wie ein Tölpel hier -einzutreten,« fiel Tatjana Pawlowna sogleich gehässig über mich her. - -Schimpfworte hatte sie sich auch früher erlaubt, und das war zwischen -ihr und mir eigentlich schon zur Gewohnheit geworden. - -»Guten Abend ...« antwortete meine Mutter unsicher, als habe mein Gruß -sie ganz verlegen gemacht. - -»Das Essen ist längst fertig,« fügte sie fast verwirrt hinzu, »wenn nur -die Suppe nicht kalt geworden ist, aber die Koteletts werde ich gleich -...« - -Und sie wollte schon eilig aufstehen, um in die Küche zu gehen, und -vielleicht zum erstenmal in diesem ganzen Monat schämte ich mich -plötzlich, daß sie so eilfertig aufsprang, um mich zu bedienen, wie ich -das bis dahin selbst von ihr verlangt hatte. - -»Nein, danke sehr, Mama, ich habe schon gegessen. Wenn ich nicht störe, -werde ich mich hier etwas ausruhen.« - -»Ach ... ja, gewiß! ... Warum denn nicht ... bleiben Sie nur ...« - -»Seien Sie unbesorgt, Mama, ich werde gegen Andrei Petrowitsch nicht -mehr ausfallend sein,« sagte ich plötzlich. - -»Ach Gott, welch eine Großmut von ihm!« rief Tatjana Pawlowna wieder -gehässig aus. »Aber Täubchen, Ssonjä, sagst du denn wirklich immer noch ->Sie< zu ihm? Wer ist er denn, daß er so geehrt werden muß, und dazu -noch von seiner leiblichen Mutter! Und sieh doch einer, da bist du noch -ganz verlegen geworden vor ihm, pfui!« - -»Es wäre mir selbst viel angenehmer, Mama, wenn Sie mich duzen -würden.«[7] - -»Ach ... nun, gut, gut, dann werde ich ...« beeilte sich meine Mutter, -allen Wünschen nachzukommen. »Ich ... ich habe ja auch nicht immer >Sie< -gesagt ... aber von jetzt ab werde ich es nicht mehr tun, ich werde -wissen, wie ...« - -Sie errötete vor Verlegenheit. Ihr Gesicht hatte entschieden etwas -überaus Anziehendes ... Es war ein treuherziges, durchaus nicht -gewöhnliches Gesicht, ein wenig bleich, vielleicht blutarm. Ihre Wangen -waren sehr mager, sogar eingefallen, und auf der Stirn bildeten sich -schon viele Runzeln, aber um die Augen herum hatte sie noch gar keine -Runzeln, und diese Augen, die recht groß und offen waren, leuchteten -immer in einem stillen, beruhigenden Licht, das mich schon vom ersten -Tage an zu ihr hingezogen hatte. Es war mir auch lieb, daß in ihrem -Gesicht gar nichts Trauriges oder Bedrücktes lag, im Gegenteil, ihr -Gesichtsausdruck wäre sogar ein froher gewesen, wenn sie sich nicht so -oft aufgeregt hätte, mitunter sogar ganz ohne Ursache. Sie erschrak -nicht selten und erhob sich plötzlich von ihrem Platz in ganz grundloser -Furcht, oder sie lauschte ängstlich auf jedes Wort, wenn man über etwas -Neues sprach, bis sie sich überzeugte, daß sich deshalb nichts -veränderte und alles beim alten blieb -- dieses »beim alten bleiben« war -für sie gleichbedeutend mit der Überzeugung, daß alles gut war. Wenn -sich nur nichts veränderte, wenn nur nichts Neues geschah, und mochte es -auch etwas noch so Gutes sein! ... Man hätte glauben können, sie sei als -Kind einmal mit der Androhung von etwas »Neuem« entsetzlich -eingeschüchtert worden. Außer ihren Augen gefiel mir auch noch das Oval -ihres länglichen Gesichtes, und ich vermute, wenn ihre Backenknochen nur -um ein Härchen weniger breit gewesen wären, hätte man sie nicht nur in -der Jugend, sondern auch jetzt noch hübsch nennen können. Sie war noch -nicht über neununddreißig, aber in ihrem dunkelblonden Haar glänzten -schon viele silberne Fäden. - -Tatjana Pawlowna blickte sie mit entschiedenem Unwillen an. - -»Diesen Bengel siezen! Und so vor ihm zu zittern! Sei doch nicht -lächerlich, Ssofja! Kannst mich nur ärgern, wenn du so bist, damit du's -weißt!« - -»Ach, Tatjana Pawlowna, warum sind Sie denn jetzt so zu ihm! Aber Sie -scherzen wohl nur, -- nicht?« fragte meine Mutter, da sie im Gesicht -Tatjana Pawlownas so etwas wie ein Lächeln bemerkte. - -Tatjana Pawlownas Schelten konnte man in der Tat manchmal nicht ernst -nehmen, diesmal jedoch lächelte sie (d. h. wenn sie es wirklich tat) -natürlich nur über meine Mutter; denn sie liebte deren Güte über alles -und hatte zweifellos schon bemerkt, wie glücklich die Gute in diesem -Augenblick über meine Friedfertigkeit war. - -»Es kann mir natürlich nicht gleichgültig sein, daß Sie so über mich -herfallen, Tatjana Pawlowna, und noch dazu gerade jetzt, nachdem ich -beim Eintreten >Guten Abend, Mama< gesagt habe, was ich früher nicht -getan habe,« bemerkte ich schließlich, da mir das notwendig erschien. - -»Das ist mir mal schön!« brauste sie sofort auf, »denkt euch nur, er -hält das für 'ne Heldentat! Soll man dir nicht noch kniend dafür danken, -daß du einmal im Leben höflich gewesen bist? Und was ist denn das für -eine Höflichkeit! Warum siehst du denn in den Winkel, wenn du -eintrittst? Als ob ich nicht wüßte, wie du zu ihr bist und sie -behandelst! Hättest auch mir >Guten Tag< sagen können, hab' deine -Windeln gewickelt, bin deine Patin!« - -Selbstverständlich verschmähte ich jeden Rechtfertigungsversuch. In -diesem Augenblick trat meine Schwester ins Zimmer, und ich wandte mich -schnell an sie: - -»Lisa, ich habe heute Wassin gesehen, und er erkundigte sich nach dir. -Du bist mit ihm bekannt?« - -»Ja, von Luga her, im vorigen Jahr,« antwortete sie mir ganz schlicht, -setzte sich neben mich und sah mich freundlich an. - -Ich weiß nicht, weshalb ich eigentlich erwartet hatte, daß sie sofort -erröten würde, wenn ich ihr das von Wassin erzählte. Meine Schwester war -blond, hellblond, ihre Haarfarbe hatte sie weder von der Mutter, noch -vom Vater; aber ihre Augen, das Oval des Gesichts hatte sie fast ganz -von der Mutter. Ihre Nase war sehr gerade, nicht groß und regelmäßig; -und dann noch eine kleine Besonderheit: leichte kleine Sommersprossen im -Gesicht, von denen bei der Mutter keine Spur vorhanden war. -Werssiloffsches hatte sie nur wenig, es sei denn die Schlankheit der -Gestalt, den hohen Wuchs und im Gang eine gewisse anmutige Schönheit. -Mit mir verband sie nicht die geringste Ähnlichkeit -- wir waren wie -zwei entgegengesetzte Pole. - -»Ich habe drei Monate in Luga mit ihnen verkehrt,« fügte Lisa nach einer -Weile hinzu. - -»Du meinst doch Wassin allein? -- warum sagst du dann >mit ihnen<, Lisa? -Mit ihm, sagt man, -- >mit ihnen< sagen Bediente von ihrer Herrschaft. -Verzeih, Schwester, daß ich dich verbessere, aber es tut mir weh, daß -man deine Bildung, wie es scheint, vernachlässigt hat.« - -»Und von dir ist es schändlich, in Gegenwart deiner Mutter solche -Bemerkungen zu machen!« donnerte mich Tatjana Pawlowna sofort an. -»Außerdem faselst du -- nichts ist vernachlässigt worden!« - -»Es ist mir gar nicht eingefallen, meiner Mutter einen Vorwurf zu -machen!« verteidigte ich mich schroff. »Damit Sie es wissen, Mama, ich -betrachte Lisa als Ihr zweites Ich: Sie haben aus ihr, was Güte und -Charakter betrifft, etwas ebenso Entzückendes gemacht, wie Sie es -sicherlich selbst waren und auch jetzt sind und ewig sein werden ... Ich -rede nur von der äußeren Politur, von allen diesen gesellschaftlichen -Dummheiten, die nun einmal notwendig sind. Ich bin nur darüber -ungehalten, daß Werssiloff dich auf diesen Fehler bestimmt nicht -aufmerksam gemacht hätte, Lisa, -- dermaßen hochmütig und gleichgültig -verhält er sich zu uns. Das ist es, was mich ärgert!« - -»Selbst ist er wie ein Bärenjunges, und dabei will er anderen Politur -beibringen! Und unterstehen Sie sich nicht, mein Gnädigster, hinfort -noch in Gegenwart Ihrer Mutter statt Andrei Petrowitsch nur >Werssiloff< -zu sagen,[8] desgleichen nicht in meiner Gegenwart, -- das dulde ich -nicht!« Tatjana Pawlownas Augen blitzten. - -»Mama, ich habe heute mein Monatsgehalt erhalten, fünfzig Rubel; hier, -bitte, nehmen Sie sie.« - -Ich trat zu ihr und gab ihr das Geld; sie war sofort wieder erschrocken -und aufgeregt. - -»Ach, ich weiß nicht, ob ich es annehmen soll!« sagte sie ängstlich, als -fürchte sie sich, das Geld zu berühren. - -Ich verstand sie nicht. - -»Aber ich bitte Sie, Mama, wenn Sie beide mich als Sohn und Bruder -betrachten, so ...« - -»Ach, ich fühle mich schuldig vor dir ... ich würde dir etwas gestehen, -aber ich wage nicht ...« - -Sie sagte es mit einem schüchternen und bittenden Lächeln. Ich verstand -sie wieder nicht und unterbrach sie: - -»Übrigens, ist es Ihnen bekannt, Mama, daß heute der Prozeß Andrei -Petrowitschs mit den Ssokolskis seinen Abschluß gefunden hat?« - -»Ach, ich weiß!« rief sie erschrocken aus und legte vor Schreck die -Handflächen zusammen (ihre gewöhnliche Gebärde). - -»Heute?« Tatjana Pawlowna zuckte am ganzen Körper zusammen. »Aber das -kann doch nicht sein, er hätte es sonst gesagt! Hat er es dir gesagt?« -wandte sie sich an meine Mutter. - -»Ach nein, daß es heute sei, das hat er nicht gesagt. Aber ich habe -schon die ganze Woche solche Angst gehabt. Meinetwegen kann er ihn -verlieren, ich würde ein Gebet sprechen, wenn es nur überstanden wär' -und alles wieder beim alten bliebe, ach wirklich!« - -»So hat er es nicht einmal Ihnen gesagt, Mama!« rief ich aus. »Da sieht -man, was für ein Mensch das ist! Da haben wir gleich ein Beispiel seines -Hochmuts und seiner Gleichgültigkeit, -- was habe ich soeben noch -gesagt?« - -»Aber wie, womit hat es denn geendet, wie hat man entschieden? Wer hat -dir das überhaupt gesagt?« stieß Tatjana Pawlowna erregt hervor und -stürzte sich auf mich. »So sprich doch endlich!« - -»Da kommt er ja selbst! Vielleicht wird er was erzählen,« sagte ich, da -ich seine Schritte im Korridor hörte, und setzte mich schnell neben -Lisa. - -»Bruder, um Gottes willen, schone Mama und sei gegen Andrei Petrowitsch -nachsichtig,« flüsterte mir die Schwester zu. - -»Das werde ich, das werde ich, mit diesem Vorsatz bin ich ja heute -zurückgekehrt,« sagte ich und drückte ihr die Hand. - -Sie sah mich sehr mißtrauisch an, -- und hatte recht. - - - II. - -Er trat ein, sehr zufrieden mit sich, so zufrieden, daß er nicht einmal -für nötig befand, seine gehobene Stimmung zu verbergen. Überhaupt hatte -er sich gerade in der letzten Zeit vor uns nicht den geringsten Zwang -angetan, und das nicht nur in bezug auf seine schlechten, sondern auch -in bezug auf seine lächerlichen Seiten, die doch wohl ein jeder etwas -ängstlich verbirgt; und dabei wußte er ganz genau, daß wir alles, auch -den geringsten Zug, verstanden. Auch sein Äußeres hatte er in diesem -letzten Jahr, nach der Behauptung Tatjana Pawlownas, sehr viel weniger -gepflegt, das heißt, er war immer gut angezogen, aber seine Kleider -waren nicht mehr ganz neu und nicht gesucht elegant. Allerdings muß ich -zugeben, daß er, um den Verhältnissen Rechnung zu tragen, schließlich -seine Wäsche ganze zwei Tage trug, und nicht mehr nur einen Tag, was -meine Mutter sogar sehr betrübte; denn das wurde für ein großes Opfer -gehalten, und die ganze Schar der ihm ergebenen Frauen sah darin -schlechterdings eine Heldentat. Er trug schwarze, breitkrämpige weiche -Hüte. Wenn er in der Tür seinen Hut abnahm, erhob sich auf seinem Kopf -ein ganzer Busch von dichtem, aber schon stark ergrautem Haar. Ich -liebte es, dieses Aufwogen der Haare zu beobachten, wenn er seinen Hut -abnahm. - -»Guten Tag; alle beisammen, wie ich sehe, und sogar er ist dabei. Ich -hörte seine Stimme schon auf dem Flur; hat sich wohl über mich beklagt, -vermutlich.« - -Es war unter anderem eines der sichersten Anzeichen guter Laune bei ihm, -wenn er über mich scherzte. Ich erwiderte natürlich nichts. Lukerja kam -und brachte ein großes Paket, das sie auf den Tisch legte. - -»Gewonnen, Tatjana Pawlowna! Der Prozeß ist gewonnen, und zu appellieren -werden die Fürsten sich natürlich nicht entschließen. Die Sache ist mir -zugefallen! Ich habe auch gleich einen gefunden, der mir tausend Rubel -geliehen hat. Ssofja, lege die Arbeit fort, verdirb dir nicht die Augen. -Lisa, du kommst von der Arbeit?« - -»Ja, Papa,« antwortete Lisa freundlich. Sie nannte ihn Vater; ich hätte -das unter keiner Bedingung getan. - -»Müde?« - -»Allerdings.« - -»Laß die Arbeit, morgen gehst du nicht hin und überhaupt nicht wieder.« - -»Papa, das geht auf keinen Fall.« - -»Ich bitte dich darum ... Ich kann es nicht ausstehen, wenn Frauen -arbeiten, Tatjana Pawlowna.« - -»Aber wie ginge es denn ohne Arbeit? Und dazu noch Frauen -- und nicht -arbeiten ...!« - -»Ich weiß, ich weiß, das ist ja alles sehr schön und richtig, und ich -bin im voraus mit allem einverstanden; aber -- ich spreche hauptsächlich -von den Handarbeiten. Können Sie sich denken, das ist bei mir, ich -glaube, ein krankhaftes Vorurteil, das, sagen wir, auf einem -unnatürlichen Kindheitseindruck beruht. In meinen dunklen Erinnerungen -aus meinem fünften, sechsten Lebensjahr sehe ich am häufigsten, und -natürlich mit Widerwillen, rings um einen runden Tisch ein Konklave von -klugen Frauen mit strengen, harten Gesichtern, dazu Scheren, Stoff, -Schnittmuster und Modeblätter. Alle überlegen und geben ihre Meinung ab, -schütteln wichtig und langsam die Köpfe und messen und berechnen und -schicken sich an, den Stoff zuzuschneiden. Alle diese freundlichen -Wesen, die immer so liebreich zu mir waren -- sind auf einmal unnahbar -geworden; will ich unartig werden, so schickt man mich sofort hinaus. -Selbst meine alte Kinderfrau, die mich an der Hand hält, hat dann weder -Sinn noch Verständnis für mein Schreien und Zerren, sie ist nur noch -Auge und Ohr, als sänge da ein Paradiesvogel. Sehen Sie, diese Strenge -der klugen Frauen, und diese ihre ernste Wichtigtuerei mit dem -Zuschneiden -- alles das ist mir, ich weiß nicht, weshalb, sogar jetzt -noch eine qualvolle Vorstellung. Sie, Tatjana Pawlowna, Sie haben eine -große Vorliebe für das Zuschneiden, aber -- so aristokratisch das auch -sein mag -- ich liebe doch mehr eine Frau, die überhaupt nicht arbeitet. -Beziehe das nur nicht auf dich, Ssofja ...! Aber wie solltest du! Die -Frau ist auch ohne dem eine große Macht. Das weißt du übrigens auch -selbst, Ssofja. Wie denken Sie darüber, Arkadi Makarowitsch, Sie lehnen -sich gewiß dagegen auf?« - -»Nein, durchaus nicht,« erwiderte ich. »Besonders gut ist der Ausspruch ->die Frau ist eine große Macht<. Doch ich verstehe nicht, warum Sie das -mit der Arbeit in Verbindung bringen? Daß man nicht anders kann und -arbeiten muß, wenn man kein Geld hat, wissen Sie selbst.« - -»Aber jetzt ist genug gearbeitet worden,« wandte er sich an meine -Mutter, die nur so strahlte (als er mich anredete, war sie -zusammengezuckt); »wenigstens in der nächsten Zeit will ich keine -Handarbeiten sehen, ich bitte um meinetwillen. Du, Arkadi, du bist doch -als Jüngling unserer Zeit sicherlich ein wenig Sozialist; nun, dann -wirst du's mir glauben, mein Freund, daß der Müßiggang von keinem so -geliebt wird, wie von dem ewig arbeitenden Volk!« - -»Das Ausruhen vielleicht, aber nicht der Müßiggang.« - -»Nein, gerade der Müßiggang, das vollkommene Nichtstun; das ist das -Ideal. Ich habe einen ewigen Arbeiter gekannt, allerdings war er kein -Mann aus dem Volk ... Er war sogar ein ziemlich entwickelter Mensch und -konnte manches begreifen. Nun, und dieser Mensch träumte in seinem -ganzen Leben, vielleicht sogar jeden Tag, mit Wonne und Rührung von -nichts anderem, als von vollständigem Müßiggang; er erhob sozusagen sein -Ideal zum Absolutum -- und das war: in schrankenlosester Unabhängigkeit, -in ewiger Freiheit und in müßiger Beschaulichkeit zu leben. Und davon -träumte er, bis er unter der Arbeit zusammenbrach; zu helfen war ihm -nicht mehr -- er starb im Krankenhaus. Ich bin wirklich mitunter zu der -Annahme geneigt, daß die Vorstellung vom Genuß der Arbeit von -Müßiggängern erfunden worden ist, versteht sich, von den tugendhaften -unter ihnen. Das ist so eine von den >Genfer Ideen< aus dem letzten -Viertel des vorigen Jahrhunderts. Tatjana Pawlowna, vor drei Tagen -schnitt ich aus der Zeitung eine Anzeige aus, hier ist sie« (er zog ein -Stückchen Papier aus der Westentasche), »eine von den unzähligen -Anzeigen der studierenden Jugend, die die alten Sprachen beherrscht und -in der Mathematik unterrichtet und zu allem bereit ist, zu jedem -Unterricht >auswärts<, zum Leben in Dachkammern und -- kurz, zu allem. -Also hören Sie: >Lehrerin übernimmt Vorbereitung für alle Lehranstalten< --- wohlgemerkt: für alle -- >und gibt Arithmetikstunden< -- nur eine -Zeile, aber sie ist klassisch! Man sollte meinen, wenn sie >für alle -Lehranstalten vorbereitet<, so muß sie doch auch in der Arithmetik -unterrichten. Nein, sie erwähnt die Arithmetik noch ausdrücklich. Das -- -das ist schon der richtiger Hunger, das ist schon die höchste Not. -Rührend ist hier gerade diese Unkenntnis: offenbar hat sie sich niemals -zur Lehrerin ausgebildet, und es ist kaum anzunehmen, daß sie wirklich -in einem Fach gut zu unterrichten versteht. Aber das ist doch der letzte -Strohhalm, und so opfert sie ihren letzten Rubel für die Anzeige in der -Zeitung und macht bekannt, daß sie in allen Fächern vorbereitet und -außerdem noch Unterricht in der Arithmetik erteilt. _Per tutto mondo e -in altri siti._« - -»Ach, Andrei Petrowitsch, der müßte man helfen!« rief Tatjana Pawlowna -aus. »Wo wohnt sie denn?« - -»Ach, solcher gibt es viele!« Er steckte die Anzeige wieder in die -Tasche. »Dieses Paket dort auf dem Tisch, -- da habe ich euch -verschiedenes mitgebracht, -- für dich, Lisa, und für Sie, Tatjana -Pawlowna; Ssofja und ich, wir lieben keine Süßigkeiten. Und vielleicht -auch für dich, junger Mann. Ich habe selbst alles bei Jelissejeff und -Ballet[9] eingekauft. Wir haben schon gar zu lange >am Hungertuch -genagt<, wie Lukerja sagt.« (_NB._ Niemand von uns hat jemals -gehungert.) »Dort sind Weintrauben, Konfekt, Duchessebirnen und eine -Erdbeertorte, und sogar einen vorzüglichen Likör habe ich genommen; auch -Nüsse. Sonderbar, daß ich auch jetzt noch, ganz wie als Kind, Nüsse -liebe, und wissen Sie, Tatjana Pawlowna, gerade die einfachste Sorte -liebe ich am meisten. Lisa hat dieselbe Vorliebe; sie kann wie ein -Eichhörnchen Nüsse knacken. Es gibt aber auch nichts Schöneres, Tatjana -Pawlowna, als sich manchmal, ganz unversehens, so unter anderen -Kindheitserinnerungen, auf Augenblicke im Walde zu denken, unter Knick -und Busch, und an einem Zweig sieht man Nüsse sitzen, und die holt man -sich ... Die Tage sind fast schon herbstlich, aber klar, manchmal ist es -schon ziemlich frisch, und man versteckt sich im Dickicht, streift durch -den Wald, es riecht nach Blättern ... Ich sehe etwas Sympathisches in -Ihrem Blick, Arkadi Makarowitsch?« - -»Die ersten Jahre meiner Kindheit habe auch ich auf dem Lande verlebt.« - -»Wie, du hast doch, glaube ich, in Moskau gelebt ... wenn ich mich nicht -irre?« - -»Er war nur damals bei Andronikoffs in Moskau, als Sie hinkamen, bis -dahin aber hatte er bei Ihrer verstorbenen Tante Warwara Stepanowna auf -dem Lande gelebt,« sagte Tatjana Pawlowna schnell. - -»Ssofja, hier ist Geld, lege es weg. In den nächsten Tagen versprach man -mir, fünftausend auszuzahlen.« - -»So haben die Fürsten gar keine Hoffnung mehr?« fragte Tatjana Pawlowna. - -»Ganz und gar keine, Tatjana Pawlowna.« - -»Ich habe immer mit Ihnen gefühlt, Andrei Petrowitsch, und mit allen -Ihren Angehörigen, und bin eine Freundin Ihres Hauses, aber wenn mir die -Fürsten auch fremd sind, sie tun mir, weiß Gott, doch leid. Nehmen Sie -mir das nicht übel, Andrei Petrowitsch.« - -»Ich habe nicht die Absicht, mit ihnen zu teilen, Tatjana Pawlowna.« - -»Sie kennen natürlich meine Meinung, Andrei Petrowitsch. Die Fürsten -hätten den Prozeß nicht angestrengt, wenn Sie gleich am Anfang eine -Teilung vorgeschlagen hätten; jetzt ist es natürlich zu spät. Aber ich -kann ja darüber nicht urteilen ... Ich meinte nur, weil der Verstorbene -sie in seinem Testament doch bestimmt nicht übergangen hätte.« - -»Nicht nur nicht übergangen, sondern er hätte ihnen bestimmt alles -vermacht, übergangen aber hätte er nur mich allein, wenn er die Sache -richtig anzufangen und das Testament, wie es sich gehört, aufzusetzen -verstanden hätte. So aber, wie es ist, spricht das Gesetz für mich, und -damit Punktum. Teilen will und werde ich nicht, Tatjana Pawlowna, und -somit ist die Sache erledigt.« - -Er sagte das sogar mit einer gewissen Erbitterung, die er sich sonst -selten anmerken ließ. Tatjana Pawlowna verstummte. Meine Mutter schlug -ersichtlich bedrückt die Augen nieder. Werssiloff wußte, daß sie Tatjana -Pawlowna innerlich beistimmte. - -»Hier spricht die Emser Ohrfeige mit,« sagte ich mir, »der Brief in -meiner Tasche, den Krafft mir übergeben hat, würde eine traurige Rolle -spielen, wenn er jetzt noch in seine Hände gelangte.« Und plötzlich -fühlte ich, daß alles dies mir noch im Halse saß, und dieser Gedanke, in -Verbindung mit allem übrigen, wirkte auf mich unwillkürlich aufreizend. - -»Arkadi, ich würde es gern sehen, daß du dich etwas besser kleidetest, -mein Freund. Du bist gewiß nicht schlecht angezogen, aber für die -Zukunft könnte ich dir einen guten französischen Schneider empfehlen, -der sehr gewissenhaft arbeitet und auch Geschmack hat.« - -»Ich bitte Sie, mir nie wieder derartige Vorschläge zu machen,« fuhr ich -wütend auf. - -»Warum das?« - -»Ich sehe darin zwar nichts Erniedrigendes, aber wir stehen keineswegs -in solchem Einvernehmen, im Gegenteil, sogar ganz im Gegenteil, und ich -werde in den nächsten Tagen, werde schon morgen nicht mehr zum Fürsten -gehen, weil ich da nichts zu tun habe, und von einer Tätigkeit bei ihm -überhaupt nicht die Rede sein kann.« - -»Aber daß du hingehst, daß du bei ihm sitzt -- das soll ja eben deine -ganze Tätigkeit bei ihm sein.« - -»Diese Auslegung ist erniedrigend.« - -»Das sehe ich nicht ein; doch übrigens, wenn du so empfindlich dafür -bist, dann brauchst du ja bloß kein Gehalt von ihm anzunehmen; gehe nur -so hin. Du würdest ihn sonst furchtbar kränken, er hängt bereits an dir, -sei überzeugt ... Übrigens, wie du willst ...« - -Es war ihm offenbar unangenehm. - -»Sie sagen, ich brauchte kein Gehalt von ihm anzunehmen, und dabei habe -ich, dank Ihrer Güte, heute schon eine Gemeinheit begangen: Sie haben -mir nichts gesagt, und da habe ich heute mein Monatsgehalt verlangt.« - -»So hast du schon deine Vorkehrungen getroffen. Und ich dachte, offen -gestanden, du würdest es nicht fertig bringen, um Geld zu bitten. Wie -geschickt jetzt alle sind! Heutzutage gibt es keine Jugend mehr, Tatjana -Pawlowna.« - -Er ärgerte sich fürchterlich; aber auch ich war wütend. - -»Ich mußte doch endlich hier mit Ihnen abrechnen ... Sie selbst haben -mich dazu gezwungen, -- jetzt weiß ich nicht, wie ich mich verhalten -soll ...« - -»Apropos, Ssofja, gib Arkadi sofort seine sechzig Rubel zurück; du aber, -mein Freund, nimm mir die Eile der Abrechnung nicht übel. Ich errate -schon aus deinem Gesicht, daß du etwas zu unternehmen beabsichtigst, und -so benötigst du wohl ... eines Betriebskapitals ... oder -- etwas von -der Art.« - -»Ich weiß nicht, was aus meinem Gesicht zu erraten ist, aber ich hätte -es von Mama wirklich nicht erwartet, daß sie Ihnen von diesem Gelde -erzählen würde, da ich sie doch so gebeten habe, es nicht zu tun,« sagte -ich, und sah meine Mutter mit funkelnden Augen an. Ich kann gar nicht -sagen, wie gekränkt ich war. - -»Arkascha, Täubchen, verzeih' mir um Gotteswillen, ich konnte wirklich -nicht anders, ich konnte es nicht verheimlichen ...« - -»Mein Freund, beschwere dich nicht darüber, daß sie mir deine -Geheimnisse mitgeteilt hat,« wandte er sich an mich, »und zudem hat sie -es nur mit guter Absicht getan, -- einfach, die Mutter war stolz auf das -Verhalten des Sohnes zu ihr. Aber sei versichert, ich hatte es auch -ohnedem erraten, daß du ein Kapitalist bist. Alle deine Geheimnisse sind -auf deinem ehrlichen Gesicht geschrieben. Er hat seine >eigene Idee<, -Tatjana Pawlowna, wie ich Ihnen schon sagte.« - -»Lassen wir mein ehrliches Gesicht in Ruh,« fuhr ich fort zu zetern, -»ich weiß, Sie können die Menschen durchschauen, was jedoch nicht -hindert, daß Sie in manchen Fällen nicht weiter sehen, als die eigene -Nase reicht. Übrigens habe ich mich oft gewundert über Ihren Scharfsinn. -Nun ja, ich habe eine >eigene Idee<. Daß Sie sich gerade so ausdrückten, -war natürlich nur ein Zufall, aber ich fürchte mich nicht, das -einzugestehen: ja, ich habe eine >Idee<. Ich fürchte mich nicht und -schäme mich nicht.« - -»Vor allem, schäme dich nicht.« - -»Aber trotzdem werde ich sie Ihnen niemals mitteilen.« - -»Das heißt, wirst dich nicht dazu herablassen. Nicht nötig, mein Freund, -mir ist auch so schon das Wesentliche deiner Idee bekannt. Jedenfalls -ist es das: - - >Einsam zieh' ich mich zurück - In die Wüste ...< - -Tatjana Pawlowna! Meine Vermutung ist -- er will ... ein Rothschild -werden, oder etwas ähnliches, und sich in seine einsame Größe -zurückziehen. Selbstredend wird er dann uns und Ihnen großmütig eine -Pension aussetzen oder mir vielleicht auch nicht, -- aber jedenfalls -haben wir ihn dann am längsten gesehen. Er ist bei uns wie der junge -Neumond: kaum ist er aufgegangen, da geht er schon wieder unter.« - -Ich war innerlich zusammengezuckt. Natürlich war das alles Zufall: er -wußte nichts und meinte etwas ganz anderes, wenn er auch ausgerechnet -Rothschild genannt hatte; aber wie konnte er meine Gefühle so zutreffend -feststellen: die Lust, mit ihnen allen zu brechen und mich zu entfernen? -Er hatte schon alles erraten und wollte die Tragik der Sache mit seinem -Zynismus im voraus beschmutzen. Daß er sich aber dabei fürchterlich -ärgerte, darüber konnte kein Zweifel bestehen. - -»Mama! Verzeihen Sie meinen Ausfall, der war um so überflüssiger, als -man vor Andrei Petrowitsch doch nichts verbergen kann,« rief ich, mich -zum Lachen zwingend, und bemüht, das Ganze wenigstens für einen -Augenblick als Scherz hinzustellen. - -»Das war das beste, mein Lieber, daß du zu lachen begannst. Es ist -schwer, sich vorzustellen, wie unendlich viel jeder Mensch dadurch -gewinnt, sogar äußerlich. Ich sage das im Ernst. Wissen Sie, Tatjana -Pawlowna, er sieht immer so aus, als habe er etwas dermaßen Wichtiges im -Sinn, daß er sogar selbst förmlich beschämt ist von dieser Wichtigkeit.« - -»Ich möchte Sie im Ernst gebeten haben, etwas zartfühlender zu sein, -Andrei Petrowitsch.« - -»Du hast recht, mein Freund; aber einmal muß man es doch aussprechen, -damit später nie wieder daran gerührt werde. Du bist aus Moskau -hergekommen, um hier sogleich zu rebellieren -- das ist vorläufig alles, -was uns von den Gründen deiner Herreise bekannt ist. Davon aber, daß du -gekommen bist, um uns mit irgend etwas in Erstaunen zu setzen -- davon -werde ich selbstredend nichts weiter erwähnen. Ferner gefällt es dir, -hier uns einen ganzen Monat lang anzuschreien; indessen bist du doch -allem Anscheine nach ein kluger Mensch, und als solcher könntest du das -Anschreien eigentlich denen überlassen, die sich schon auf keine andere -Weise an den Menschen für die eigene Nichtigkeit rächen können. Du -verschließt dich immer, während dein ehrliches Aussehen und deine -frischen Wangen offenkundig beweisen, daß du jedem mit vollkommener -Unschuld in die Augen sehen könntest. Er ist ein Hypochonder, Tatjana -Pawlowna, nur verstehe ich nicht, warum sie heutzutage alle Hypochonder -sind?« - -»Wenn Sie nicht einmal wußten, wo ich aufgewachsen bin, wie sollten Sie -dann wissen, warum ein Mensch zum Hypochonder wird?« - -»Da haben wir des Rätsels Lösung: Du bist gekränkt, weil ich vergessen -konnte, wo du aufgewachsen bist!« - -»Durchaus nicht, schreiben Sie mir keine Dummheiten zu. Mama, Andrei -Petrowitsch hat soeben mein Lachen gelobt; nun denn -- lassen Sie uns -einmal alle lachen! Wozu so still sitzen! Wenn Sie wollen, so werde ich -Ihnen aus meinem Leben Geschichten erzählen? -- zumal Andrei Petrowitsch -doch nichts von meinen Erlebnissen weiß.« - -Viel hatte sich in mir angesammelt. Und ich glaubte, daß wir nie wieder -so wie jetzt beisammensitzen würden, und daß ich, wenn ich aus diesem -Hause hinausgegangen wäre, nie wieder dasselbe betreten würde, -- -deshalb, am Vorabend alles dessen, konnte ich mich nicht bezwingen. Er -selbst hatte mich zu diesem Schlußakt herausgefordert. - -»Das wäre natürlich allerliebst, wenn es nur auch wirklich lustig wird,« -bemerkte er und sah mich forschend mit durchdringendem Blick an. »Du -bist ein wenig grob geworden, mein Freund, dort, wo du aufgewachsen -bist, doch bist du immerhin noch ziemlich anständig. Er ist heute sehr -nett, Tatjana Pawlowna, und von Ihnen ist es sehr vernünftig, daß Sie -endlich mein Paket aufmachen.« - -Aber Tatjana Pawlowna machte ein finsteres Gesicht; nach seinen Worten -wandte sie sich nicht einmal nach ihm um und fuhr wortlos in ihrer -Beschäftigung fort, die von ihm mitgebrachten Früchte und Süßigkeiten -auf die ihr gereichten Teller zu legen. Meine Mutter saß gleichfalls mit -unsicheren Gefühlen da, ohne etwas verstehen zu können, aber sie fühlte -und ahnte, daß es zwischen uns nicht gut enden werde. Meine Schwester -berührte mich noch einmal am Arm. - - - III. - -»Ich will euch allen nur erzählen,« begann ich, anscheinend mit der -größten Harmlosigkeit, »wie einmal ein Vater zum erstenmal mit seinem -lieben Sohn zusammentraf; geschehen ist das eben dort, >wo du -aufgewachsen bist< ...« - -»Mein Freund, wird das nicht ... langweilig? Du weißt: _tous les genres -..._«{[23]} - -»Seien Sie unbesorgt, Andrei Petrowitsch, machen Sie ein heiteres -Gesicht, ich beabsichtige durchaus nicht das, was Sie vermuten. Ich will -ja nur, daß alle lachen.« - -»So möge Gott dich hören, mein Lieber. Ich weiß, daß du uns alle liebst -und ... uns nicht den Abend wirst verderben wollen,« sagte er, aber der -Ton war nicht echt, und er sprach es undeutlich und nachlässig aus. - -»Das haben Sie wohl auch wieder aus meinem Gesicht erraten, daß ich Sie -liebe?« - -»Ja, zum Teil auch aus dem Gesicht.« - -»Nun, ich aber habe aus Tatjana Pawlownas Gesicht schon längst erraten, -daß sie in mich verliebt ist. Ach, sehen Sie mich nicht so wild an, -Tatjana Pawlowna, lachen Sie lieber! Lachen wir!« - -Da wandte sie sich plötzlich schnell nach mir um und sah mich -durchbohrend an, mehrere Sekunden lang. - -»Nimm dich in acht!« drohte sie mir plötzlich mit dem Finger, aber so -ernst, daß sich das gar nicht auf meinen dummen Scherz beziehen konnte, -sondern wie eine Warnung in einer anderen Hinsicht klang, und ihr Blick -schien zu fragen: »Läßt du dir einfallen, schon anzufangen?« - -»Andrei Petrowitsch, so erinnern Sie sich wirklich nicht, wie wir uns -zum erstenmal im Leben begegnet sind?« - -»Bei Gott, ich hab's vergessen, mein Freund, und fühle mich von Herzen -schuldig. Ich entsinne mich bloß, daß es vor sehr langer Zeit gewesen -sein muß und irgendwo ...« - -»Und, Mama, erinnern Sie sich auch nicht, wie Sie einmal dort auf dem -Lande waren, wo ich aufwuchs, ich glaube, als ich ungefähr sechs oder -sieben Jahre alt war? Ich will nur wissen, sind Sie wirklich einmal dort -auf dem Gut gewesen, oder scheint es mir nur nach einem Traum, daß ich -Sie dort zum erstenmal gesehen habe? Das wollte ich Sie schon lange -fragen, aber ich schob es immer hinaus, doch jetzt ist es Zeit dazu.« - -»Selbstverständlich, Arkaschenka, selbstverständlich! Ich bin doch ganze -dreimal bei Warwara Stepanowna zu Besuch gewesen. Das erstemal kam ich, -als du erst ein Jahr alt warst, das zweitemal, als du vier wurdest, und -als ich das drittemal kam, da warst du schon sechs.« - -»Nun also, das wollte ich Sie schon den ganzen Monat fragen.« - -Meine Mutter errötete lebhaft unter der Flut von Erinnerungen, die auf -sie einstürmten, und sie fragte mich innig: - -»So kannst du dich wirklich meiner noch aus der Zeit erinnern, -Arkaschenka?« - -»Ich erinnere mich an nichts und weiß nichts, nur ein Etwas ist von -Ihrem Antlitz für mein ganzes Leben in meinem Herzen geblieben, und -außerdem noch das Wissen, daß Sie meine Mutter sind. Das ganze Gut der -Warwara Stepanowna sehe ich jetzt nur noch wie im Traum vor mir, sogar -meine Wärterin habe ich vergessen. Und dieser Warwara Stepanowna -entsinne ich mich auch nur verschwindend wenig, und dieses wenigen nur -deshalb, weil sie beständig wegen Zahnweh eine verbundene Backe hatte. -Ich erinnere mich noch der großen Bäume vor dem Hause, ich glaube, es -waren Linden, und wie heller Sonnenschein in den offenen Fenstern stand, -dazu ein Blumenbeet, ein Gartenweg ... Und Sie, Mama, habe ich nur in -dem einen Augenblick im Gedächtnis, als ich dort in der Kirche einmal -zum Abendmahl gebracht wurde, und Sie hoben mich auf, damit ich die -Hostie empfinge und den Kelch küßte; es war im Sommer, und eine Taube -flog oben unter der Kuppel durch die Kirche, zu einem Fenster herein, -zum anderen hinaus ...« - -»Herrgott! So war es wirklich!« rief meine Mutter aus und schlug die -Hände zusammen --, »und dieses Täubchen sehe ich doch noch wie heute! -Gerade vor dem Kelch fuhrst du auf und riefst: >eine Taube, eine -Taube<!« - -»Ihr Gesicht, oder nur etwas von ihm, vielleicht nur der Ausdruck, hatte -sich meinem Gedächtnis so tief eingeprägt, daß ich Sie fünf Jahre später -in Moskau sofort wiedererkannte, obgleich mir niemand gesagt hatte, Sie -seien meine Mutter. Andrei Petrowitsch aber habe ich zum erstenmal -gesehen, als ich von Andronikoffs fortgenommen wurde, nachdem ich bei -ihnen fast fünf Jahre lang still und munter gelebt hatte. Ihrer -Dienstwohnung erinnere ich mich noch bis in alle Einzelheiten, und -ebenso aller dieser Damen und jungen Mädchen, die hier alle so alt -geworden sind, und das ganze Haus und Andronikoff selbst sehe ich noch -vor mir, wie er den ganzen Proviant, Wild, Fische und Spanferkel in -Paketen immer selbst aus der Stadt mitbrachte und bei Tisch selbst die -Suppe uns vorschöpfte, an Stelle der Frau, die immer so vornehm tat, und -wie die ganze Tischgesellschaft darüber lachte, er selbst am meisten. -Die Damen brachten mir dort Französisch bei, aber am meisten liebte ich -die Fabeln von Kryloff, von denen ich bald eine ganze Menge auswendig -konnte, und jeden Tag deklamierte ich eine Fabel Andronikoff vor, wozu -ich jedesmal einfach in sein kleines Arbeitszimmer ging, unbekümmert -darum, ob er zu tun hatte oder nicht. Nun, und so eine Fabel hat denn -auch meine Bekanntschaft mit Ihnen, Andrei Petrowitsch, eines Tages -vermittelt. Ich sehe, Sie fangen an, sich zu erinnern.« - -»Ein wenig, mein Lieber, eben daß du mir damals etwas erzähltest oder -aufsagtest ... war es eine Fabel oder etwas aus >Verstand schafft -Leiden<, wenn ich mich nicht irre? Was du übrigens für ein Gedächtnis -hast!« - -»Gedächtnis! Das fehlte noch! Hat doch mein Gedächtnis nur an dieses -eine mein Leben lang gedacht!« - -»Gut, gut, mein Lieber, du belebst mich förmlich mit deiner Erzählung.« - -Er lächelte sogar, und nach ihm lächelten sogleich auch meine Mutter und -meine Schwester. Das Vertrauen kehrte zurück; bloß Tatjana Pawlowna, die -die Früchte und Süßigkeiten auf den Tisch gestellt und sich wieder -hingesetzt hatte, sah mich immer noch mit bösen Blicken an. - -»Es begann damit,« fuhr ich fort, »daß eines schönen Morgens die -Freundin meiner Kindheit, Tatjana Pawlowna, bei uns erschien, wie -gewöhnlich unvorhergesehen plötzlich, so etwa wie es im Theater zu -geschehen pflegt. Sie kam, um mich abzuholen, und dann fuhr ich mit ihr -im Wagen zu einem schönen Herrenhause und kam in eine prunkvolle -Wohnung. Sie, Andrei Petrowitsch, waren damals bei der Fanariotowa -abgestiegen, in dem Hause, das sie von Ihnen einmal gekauft hatte; sie -selbst war damals im Auslande. Ich hatte bis dahin immer nur Blusen -getragen, jetzt aber wurde ich auf einmal in einen hübschen dunkelblauen -Anzug und in die feinste Wäsche gesteckt. Tatjana Pawlowna nestelte den -ganzen Tag an mir herum und kaufte viele Sachen für mich; ich aber -strich den ganzen Tag durch alle Zimmer und betrachtete mich in allen -Spiegeln. So kam es, daß ich am nächsten Morgen, als ich meine -Streifzüge natürlich wieder aufnahm, so gegen zehn Uhr, ahnungslos in -Ihr Kabinett geriet. Ich hatte Sie schon am Tage vorher bei meiner -Ankunft gesehen, aber nur ganz flüchtig auf der Treppe. Sie kamen die -Treppe herunter, um sich in den Wagen zu setzen und irgendwohin zu -fahren. Sie waren damals allein nach Moskau gekommen, nach sehr langer -Abwesenheit, und nur auf kurze Zeit, weshalb sich denn alle um Sie -rissen und Sie zu Hause kaum zu sehen waren. Als Sie Tatjana Pawlowna -und mich auf der Treppe erblickten, sagten Sie nur gedehnt: >Ah!< und -blieben nicht einmal stehen.« - -»Er schildert alles mit besonderer Liebe,« bemerkte Werssiloff zu -Tatjana Pawlowna, doch diese wandte sich ab und sagte nichts. - -»Ich sehe Sie so, wie Sie damals waren, jung und schön, noch wie -leibhaftig vor mir. Sie haben in diesen neun Jahren wirklich erstaunlich -zu altern und sich ins Unvorteilhafte zu verändern verstanden, verzeihen -Sie mir schon diese Aufrichtigkeit. Übrigens waren Sie auch damals -bereits siebenunddreißig, aber ich konnte mich gar nicht sattsehen an -Ihnen; was hatten Sie für wundervolles dunkles Haar, und in dem glänzte -noch kein einziger Silberfaden. Ihr Schnurrbart und der kurze -Backenbart, wie er damals mit den hohen Halsbinden Mode war -- die waren -einfach wie von einem Juwelier gemacht --, anders kann ich es nicht -ausdrücken. Ihr Gesicht war von einer matten Blässe, nicht kränklich -blaß, wie jetzt, sondern so wie das Gesicht Ihrer Tochter Anna -Andrejewna, die ich heute kennen zu lernen die Ehre hatte; dazu feurige -dunkle Augen und prachtvolle Zähne -- die fielen mir besonders auf, als -Sie lachten. Und als ich eintrat und Sie mich betrachteten, begannen Sie -zu lächeln; ich konnte damals noch nicht viel unterscheiden, und von -Ihrem Lächeln wurde mir nur froh zumut. Sie trugen an diesem Morgen -einen dunkelblauen Sammetrock, eine solferino-farbene Halsbinde und ein -kostbares Hemd mit Alençonspitzen, und Sie standen vor dem Spiegel und -deklamierten den letzten Monolog Tschatzkis,[10] und besonders seinen -letzten Schrei: >Den Wagen mir, den Wagen<!« - -»Ach, bei Gott,« griff Werssiloff lebhaft die Erinnerung auf, -»tatsächlich, er hat recht! Ich hatte damals trotz der kurzen Zeit die -Rolle Tschatzkis in der Liebhaberaufführung bei Alexandra Petrowna -Witowtoff zu spielen übernommen, da Schilenko plötzlich erkrankt war!« - -»Hatten Sie das wirklich vergessen?« fragte Tatjana Pawlowna lachend. - -»Er hat mich daran erinnert! Ja, offen gestanden, diese paar Tage damals -in Moskau waren vielleicht die schönste Zeit meines ganzen Lebens! Wir -waren noch alle so jung ... und alle so glühend erwartungsvoll. Ich traf -damals in Moskau ganz unvermutet so viel ... Aber erzähle weiter, mein -Lieber; das hast du diesmal sehr gut gemacht, daß du mir so ausführlich -alles ins Gedächtnis zurückriefst ...« - -»Ich stand, sah Sie an und hörte zu, und plötzlich rief ich entzückt: ->Ach, wie fein! Der richtige Tschatzki!< Da drehten Sie sich überrascht -nach mir um und fragten: >Ja, kennst du denn schon Tschatzki?< -- und -dann setzten Sie sich aufs Sofa und machten sich in der besten Stimmung -an Ihren Kaffee, -- ich hätte Sie einfach abküssen mögen! Und da -erzählte ich Ihnen denn, daß bei Andronikoffs von allen sehr viel -gelesen wurde und die jungen Damen viele Gedichte auswendig konnten und -aus dem Lustspiel >Verstand schafft Leiden< so unter sich ganze Szenen -spielten, und daß in der vorigen Woche an den Abenden Turgenjeffs ->Aufzeichnungen eines Jägers< vorgelesen worden waren, und daß ich am -meisten Kryloffs Fabeln liebte und auswendig hersagen konnte. Und da -sagten Sie, ich solle doch eine aufsagen, und ich begann mit dem ->Wählerischen Mädchen<: - ->Ein Mädchen, jung an Jahren, wünschte sich einst einen Freier ...<« - -»Ja, richtig, richtig, jetzt entsinne ich mich!« rief Werssiloff -lebhaft. »Aber, mein Freund, jetzt sehe ich auch dich wieder deutlich -vor mir: du warst damals ein so netter Junge, sogar ein gewandter Junge, -und ich schwöre dir, du hast gleichfalls viel verloren in diesen neun -Jahren.« - -Nun begannen schon alle, selbst Tatjana Pawlowna, zu lachen. Man sah, -daß Andrei Petrowitsch zu scherzen beliebte und mir für meine boshafte -Bemerkung über sein gealtertes Aussehen mit derselben Münze heimzahlte. -Alle waren erheitert; aber er hatte es auch in einem unnachahmlichen -Tone gesagt. - -»Je weiter ich die Fabel vortrug, desto mehr lächelten Sie, aber ich kam -noch nicht einmal bis zur Hälfte, da unterbrachen Sie mich, klingelten -und sagten dem Diener, sie ließen Tatjana Pawlowna zu sich bitten. Die -kam denn auch unverzüglich und mit so frohem Gesicht herbeigeeilt, daß -ich, der ich sie tags zuvor gesehen hatte, sie kaum wiedererkannte. In -ihrer Gegenwart begann ich noch einmal das >Wählerische Mädchen< und -beendete den Vortrag glänzend. Sogar Tatjana Pawlowna lächelte, und Sie, -Andrei Petrowitsch, Sie riefen sogar >bravo!< vor Entzücken, und darauf -äußerten Sie lebhaft, es hätte Sie nicht gewundert, wenn ein gescheiter -Junge in meinen Jahren eine Fabel, wie vielleicht die von der Grille und -der Ameise, gut vorgetragen hätte, aber diese Fabel sei doch mit einer -solchen nicht zu vergleichen! - - >Ein Mädchen, jung an Jahren, wünschte sich einst einen Freier -- - Dran war nichts ungeheuer!< - --- hören Sie doch nur, wie er das sagt: >Dran war nichts ungeheuer!< -- -Mit einem Wort, Sie waren ganz begeistert. Und dann sprachen Sie -plötzlich Französisch mit Tatjana Pawlowna, deren Gesicht sich gleich -wieder verfinsterte, und sie widersprach Ihnen und sogar immer eifriger. -Aber da es nun doch einmal unmöglich ist, Andrei Petrowitsch etwas zu -versagen, wenn er plötzlich was will, so nahm denn Tatjana Pawlowna mich -schließlich an der Hand und führte mich schnell in ihr Zimmer; dort -wusch man mir von neuem Gesicht und Hände, mir wurde nochmals neue -Wäsche angezogen, ich wurde mit Pomade und Wohlgerüchen bearbeitet, und -zu guter Letzt wurden mir sogar Locken gedreht. Und gegen Abend zog sich -Tatjana Pawlowna selbst recht festlich an und putzte sich so heraus, wie -ich es von ihr gar nicht erwartet hätte, und dann fuhren wir im Wagen. -Ich kam zum erstenmal im Leben in ein Theater, es war eine -Liebhaberaufführung bei Witowtoffs: Lichtgeflimmer, Kronleuchter, Damen, -Militärpersonen, Generäle, junge Mädchen, der Vorhang, die Stuhlreihen, --- nichts Ähnliches hatte ich je zuvor gesehen! Tatjana Pawlowna setzte -sich auf das bescheidenste Plätzchen in einer der hintersten Reihen, und -mich setzte sie neben sich. Es waren da natürlich auch noch andere -Kinder in meinem Alter, aber ich beachtete sie nicht, ich wartete nur -mit klopfendem Herzen auf die Vorstellung. Als Sie, Andrei Petrowitsch, -auf der Bühne erschienen, war ich bis zu Tränen begeistert, -- warum, -weshalb -- das begreife ich selbst nicht. Warum vor lauter Begeisterung -gerade Tränen? -- das ist es, was mich stets befremdet hat, wann immer -ich in den folgenden neun Jahren daran zurückgedacht habe! Damals aber -verfolgte ich mit atemloser Spannung die Komödie. Ich begriff natürlich -nur, daß _sie ihn_ betrog und verschmähte, daß dumme Menschen über _ihn_ -lachten, Menschen, die nicht einmal seine Schuhsohle wert waren. Und als -Tschatzki auf dem Ball seine Gedanken aussprach, begriff ich, daß er -erniedrigt und gekränkt wurde, daß er allen diesen erbärmlichen Leuten -die Wahrheit sagte, er selbst aber war groß, groß! Natürlich trug meine -Vorbereitung bei Andronikoffs viel zu meinem Verständnis der Sache bei, -aber nicht minder auch Ihr Spiel, Andrei Petrowitsch! Ich war zum -erstenmal im Theater! Und in der Schlußszene, wo Tschatzki nach seinem -Wagen ruft: >Den Wagen mir, den Wagen!< (und Sie riefen das großartig!) --- da sprang ich vom Stuhle auf, und zusammen mit dem ganzen Saal, der -wie rasend applaudierte, klatschte ich aus aller Kraft in die Hände und -schrie bravo! bravo! so laut ich nur konnte. Und ich weiß noch genau, -wie mich in demselben Augenblick gleichsam eine Stecknadel stach -- ->unterhalb des Kreuzes<, wo mich Tatjana Pawlowna wütend kniff; aber ich -beachtete das nicht einmal! Natürlich brachte sie mich gleich nach -Schluß der Vorstellung wieder nach Haus. >Du kannst doch nicht noch zum -Tanz bleiben, nur deinetwegen muß auch ich auf alles verzichten!< -- -diesen Vorwurf bekam ich von Ihnen, Tatjana Pawlowna, während der ganzen -Heimfahrt immer wieder zu hören. Die Nacht verbrachte ich in -Fieberträumen, und am folgenden Morgen stand ich schon um zehn Uhr vor -der Tür Ihres Kabinetts, aber die war verschlossen, und bei Ihnen saßen -Leute, und Sie sprachen mit ihnen über Geschäftliches, und dann fuhren -Sie fort und kehrten erst spät in der Nacht zurück, -- so sah ich Sie -denn nicht mehr! Was ich Ihnen damals sagen wollte, habe ich jetzt -vergessen, aber ich werde es wohl auch damals nicht genau gewußt haben; -ich hatte nur den glühenden Wunsch, Sie so bald als möglich -wiederzusehen. Und am zweiten Morgen hatten Sie schon vor acht Uhr das -Haus verlassen und sich nach Sserpuchoff begeben. Sie hatten kurz vorher -Ihr Gut im Tulaschen Gouvernement verkauft, um mit Ihren Gläubigern -abrechnen zu können, aber es war Ihnen doch noch ein ganz erkleckliches -Sümmchen verblieben, und das war auch der Grund, weshalb Sie sich damals -wieder einmal in Moskau sehen ließen, was Sie bis dahin wegen der -Gläubiger wohlweislich vermieden hatten. Aber da war nun dieser eine -Grobian in Sserpuchoff, der einzige von allen Gläubigern, der sich nicht -mit der Hälfte der Summe, die Sie ihm schuldeten, zufrieden geben -wollte! Tatjana Pawlowna antwortete mir nicht einmal auf meine Fragen. ->Danach hast du nicht zu fragen,< sagte sie barsch, >übermorgen bringe -ich dich in die Pension. Mach dich bereit, bring deine Hefte und Bücher -in Ordnung und gewöhne dich beizeiten daran, deinen Koffer selbst zu -packen. Dir steht es nicht zu, mit Adelsgewohnheiten aufzuwachsen. Merke -Er sich das, mein Herr!< -- und dies nicht und das nicht und jenes -nicht, -- gepredigt haben Sie mir in diesen drei Tagen wahrlich nicht -wenig, Tatjana Pawlowna! Es endete damit, daß Sie mich in die Pension -Touchard brachten, mich, den Schuld- und Ahnungslosen, der nur in Sie -verliebt war, Andrei Petrowitsch. Nun ja, diese ganze Begegnung mit -Ihnen mag als dummer Zufall erscheinen, aber werden Sie es mir glauben, -ich wollte doch später, so nach einem halben Jahr, von Touchard zu Ihnen -fliehen!« - -»Du hast vorzüglich erzählt und mir alles so lebendig vergegenwärtigt,« -bemerkte Werssiloff langsam und markant, »aber am auffallendsten war in -deiner Erzählung der Reichtum an gewissen Einzelheiten, zum Beispiel was -meine Schulden betrifft. Ganz abgesehen von der Taktlosigkeit der -Erwähnung dieser Einzelheiten, verstehe ich nicht, wie du sie hast -erfahren können?« - -»Die Einzelheiten? Wie erfahren? Aber ich sagte Ihnen doch, ich habe in -diesen ganzen neun Jahren meines Lebens nichts anderes getan, als -Einzelheiten über Sie zu erfahren gesucht.« - -»Ein sonderbares Geständnis und ein sonderbarer Zeitvertreib, fürwahr!« - -Er bewegte sich, halb liegend im Sessel, und gähnte kaum merklich -- ob -mit Absicht oder unwillkürlich, das weiß ich nicht. - -»Soll ich fortfahren und erzählen, wie ich von Touchard zu Ihnen fliehen -wollte?« - -»Verbieten Sie es ihm, Andrei Petrowitsch, werfen Sie ihn hinaus!« fuhr -Tatjana Pawlowna auf. - -»Das geht nicht an, Tatjana Pawlowna,« erwiderte Werssiloff -eindringlich. »Arkadi hat offenbar etwas im Sinn, und deshalb muß man -ihn unbedingt alles aussprechen lassen. Nun, und so mag er es denn tun. -Er wird es erzählen, und dann ist er es los, für ihn aber ist das ja die -Hauptsache, daß er es los wird. Also fang nur an, mein Lieber, mit -deiner neuen Geschichte, das heißt, ich sage nur so, neu; sei unbesorgt, -für mich ist sie das nicht, ich kenne ihr Ende.« - - - IV. - -»Meine Flucht, oder vielmehr, wie ich zu Ihnen fliehen wollte, war sehr -einfach. Tatjana Pawlowna, erinnern Sie sich noch, daß Sie etwa zwei -Wochen nach meinem Eintritt in diese Pension von Touchard einen Brief -erhielten? Mir hat später Marja Iwanowna diesen Brief gezeigt, die ihn -gleichfalls in den Papieren des verstorbenen Andronikoff gefunden hatte. -Touchard war plötzlich auf den Gedanken gekommen, daß er für mich zu -wenig Pensionsgeld verlangt hätte, und so erklärte er Ihnen in seinem -Brief mit Stolz und Würde, in seiner Pension würden nur Fürsten- und -Senatorensöhne erzogen, und da es dem Ansehen seiner Pension zweifellos -schade, einen Zögling von solcher Herkunft unter den anderen zu zählen, -müsse er für mich eine Zulage verlangen.« - -»_Mon cher_, du könntest ...« - -»Oh, es ist nichts weiter, nichts weiter,« fiel ich ihm schnell ins -Wort, »ich will nur noch ein wenig von Touchard erzählen. Sie, Tatjana -Pawlowna, antworteten ihm schon aus der Provinz, erst nach vierzehn -Tagen, und wiesen ihn mit seinem Anliegen kategorisch ab. Ich weiß noch, -wie er mit puterrotem Kopf in unser Klassenzimmer kam. Er war ein sehr -kleiner und dicker Franzose, ungefähr fünfundvierzig Jahre alt und -tatsächlich geborener Pariser -- natürlich ehemaliger Schuster oder so -was gutes, aber er lebte schon seit undenklichen Zeiten in Moskau als -Lehrer der französischen Sprache an einem Kroninstitut, und deshalb -hatte er auch Rang und Titel, auf die er ungemein stolz war. Im Grunde -war er ein vollständig ungebildeter Mensch. Pensionäre hatte er im -ganzen nur sechs, und einer von diesen war allerdings der Neffe eines -Moskauer Senators. Wir lebten bei ihm, als gehörten wir alle zu einer -Familie, und standen mehr unter der Aufsicht seiner Frau, einer sehr -feinen Dame, der Tochter eines russischen Beamten. In den ersten zwei -Wochen hatte ich mich ungeheuer wichtig gemacht vor den Kameraden, -sowohl mit meinem blauen Anzug, wie mit meinem Papa Andrei Petrowitsch, -und ihre Fragen, warum ich denn nicht auch so wie Sie, Werssiloff, hieß, -sondern Dolgoruki, vermochten mich nicht im geringsten zu verwirren, -einfach weil ich selbst nicht wußte, warum das so war.« - -»Andrei Petrowitsch!« rief Tatjana Pawlowna beinahe drohend, wie um -Einhalt zu gebieten. Meine Mutter dagegen hörte mir mit Spannung zu, -ohne einen Blick von mir zu wenden, und ersichtlich wollte sie, daß ich -weiter erzählte. - -»_Ce Touchard_{[24]} ... in der Tat, ich entsinne mich jetzt, er war so -ein kleiner, unruhiger Mensch,« sagte Werssiloff langsam und mit -zusammengebissenen Zähnen, »aber er wurde mir damals von bester Seite -empfohlen ...« - -»_Ce Touchard_ kam wütend mit dem Brief in der Hand herein und trat an -unseren großen Eichentisch, an dem wir alle gerade lernten, packte mich -an der Schulter, riß mich vom Stuhl in die Höhe und befahl mir, meine -Hefte zu nehmen. - ->Dein Platz ist nicht hier, sondern dort!< schrie er mich an und wies -auf ein unglaublich kleines Zimmerchen links vom Vorraum, wo nur ein -einfacher Tisch, ein Strohstuhl und ein mit Wachstuch bezogener Diwan -standen -- genau wie bei mir jetzt hier im Mansardenzimmer. Ich war -erstaunt und erschrocken und tat ganz befangen, was er mir befohlen -hatte, -- so grob war noch kein Mensch zu mir gewesen. Nach einer halben -Stunde, als Touchard das Klassenzimmer wieder verlassen hatte, begann -ich zu den Kameraden hinüber zu schauen, und auch sie sahen mich an, und -wir lachten; natürlich lachten sie über mich, aber ich erriet das nicht -und glaubte harmlos, wir lachten, weil wir lustig wären. Da kam Touchard -hereingestürzt, packte mich am Schopf, und nun wurde ich gezaust. - ->Wie darfst du es wagen, mit vornehmen Kindern umzugehen, du bist -niedriger Herkunft und kaum mehr als ein Lakai!< - -Und er schlug mich schmerzhaft auf meine frische Backe, und da er am -Schlagen Gefallen fand, schlug er mich noch einmal und dann noch zum -drittenmal. Ich weinte laut auf und war schrecklich verblüfft. Eine -ganze Stunde saß ich, das Gesicht in den Händen vergraben, und -schluchzte, schluchzte. Es war etwas geschehen, was ich auf keine Weise -verstehen, was ich überhaupt nicht fassen konnte. Und ich begreife auch -heute noch nicht, wie dieser als Mensch keineswegs bösartige Touchard, -der sich sogar über die Aufhebung der Leibeigenschaft in Rußland freute --- er, der Ausländer -- wie dieser Mensch einen dummen kleinen Jungen so -schlagen konnte. Übrigens war ich nur erstaunt, nicht beleidigt; ich -verstand damals noch nicht, Beleidigungen als solche zu empfinden. Ich -glaubte, ich sei unartig gewesen: wenn ich mich jedoch besserte und -artig wäre, so würde man mir verzeihen, und wir würden dann wieder alle -fröhlich sein und auf dem Hof zusammen spielen und ein Leben führen, wie -es nicht schöner denkbar ist!« - -»Mein Freund, wenn ich nur geahnt hätte ...« sagte Werssiloff langsam -und mit dem nachlässigen Lächeln eines etwas ermüdeten Menschen, »aber -wer hätte das denken können, daß dieser Touchard ein solcher Spitzbube -wäre! Übrigens gebe ich die Hoffnung noch immer nicht auf, daß du dich -doch noch mit ganzer Kraft aufraffst und uns alles das schließlich -verzeihst, und wir dann wieder ein Leben führen können, wie es nicht -schöner denkbar ist.« - -Er gähnte tatsächlich. - -»Aber ich beschuldige doch keinen Menschen, das fällt mir ja gar nicht -ein, und ich klage auch gar nicht über Touchard, ich versichere Ihnen!« -rief ich laut, aber innerlich doch etwas verwirrt durch seine Bemerkung. -»Und er schlug mich ja im ganzen auch nur zwei Monate lang. Ich weiß -noch, ich wollte ihn immer durch irgend etwas entwaffnen, ich stürzte zu -ihm, um seine Hände zu küssen, und ich küßte sie, und ich weinte, -weinte. Die Kameraden lachten über mich und verachteten mich, da -Touchard mich nun wie seinen Diener zu behandeln begann, sich die -Kleider von mir reichen ließ, wenn er sich anzog, und ähnliches. Hierbei -kam mir mein Bedientenblut instinktiv zustatten; ich gab mir die größte -Mühe, ihm alles recht zu machen, und ich war nicht im geringsten -beleidigt, da ich noch nichts von alledem begriff. Wirklich, ich wundere -mich bis zum heutigen Tage, daß ich damals noch so dumm war und nicht -einmal erriet, warum ich geringer war als die anderen alle. Freilich -hatten mir meine Mitschüler schon damals vieles erklärt; das war eine -gute Schule. Touchard aber zog es bald vor, mich mit dem Knie von hinten -zu stoßen, statt mich zu ohrfeigen, und so nach einem halben Jahr war er -manchmal sogar freundlich zu mir, aber wenigstens einmal im Monat mußte -er mich doch noch schlagen, zur Erinnerung, damit ich mich nicht -vergäße. Bald durfte ich auch wieder mit den anderen zusammensitzen oder -spielen, aber in den ganzen zweieinhalb Jahren hat Touchard keinen -Augenblick den Unterschied in unserer sozialen Stellung außer acht -gelassen oder vergessen, und wenn er auch nicht mehr beständig -Dienstleistungen von mir verlangte, so konnte er es doch nicht ganz -unterlassen, wie ich vermute, eben um mich an den Unterschied zu -erinnern ... - -Meine Flucht, -- das heißt, nein, es blieb ja beim Versuch, und den -machte ich erst im fünften, sechsten Monat nach diesen zwei ersten -Monaten. Ich bin eigentlich immer sehr schwerfällig im Entschließen -gewesen. Sobald ich im Bett lag und mich zugedeckt hatte, begann ich an -Sie zu denken, Andrei Petrowitsch, nur an Sie. Ich weiß es selbst nicht, -wie sich das so machte. Und sogar im Traum sind Sie mir erschienen. Aber -ich träumte auch wachend, und dann mit Leidenschaft und nur davon, wie -Sie plötzlich eintreten und ich Ihnen entgegenstürze, und wie Sie mich -von hier fortbringen zu sich, in jenes Kabinett, und dann fahren wir -wieder ins Theater, nun, und so weiter. Die Hauptsache war, daß wir uns -dann nie wieder trennen -- das war das wichtigste und schönste! Wenn ich -dann am Morgen aufstehen mußte, begannen gleich wieder der Spott und die -Verachtung der Mitschüler. Einer von ihnen begann mich einfach zu -prügeln und zwang mich, ihm die Stiefel zu reichen; er verspottete mich -mit den schändlichsten Schimpfnamen und bemühte sich nach Möglichkeit, -meine Herkunft zu erläutern, zur Belustigung aller Zuhörer. Und wenn zum -Schluß noch Touchard selbst erschien, dann begann in meiner Seele etwas -Unerträgliches. Ich fühlte, daß man mir hier niemals verzeihen werde -- -oh, ich begann damals schon allmählich zu begreifen, _was_ man mir nicht -verzieh und worin mein Vergehen bestand! Und so kam ich auf den -Gedanken, zu entfliehen. Ganze zwei Monate träumte ich davon mit Bangen, -endlich entschloß ich mich. Es war schon September. Ich wartete auf den -Sonnabend, wenn alle Mitschüler zum Sonntag nach Hause fuhren, und -inzwischen machte ich mir heimlich aus den notwendigsten Sachen ein -Bündelchen; an Geld besaß ich nur zwei Rubel. Ich wollte bis zum -Einbruch der Dunkelheit warten -- >dann schleiche ich die Treppe -hinunter,< dachte ich, >und schlüpfe hinaus, und dann gehe ich!< -- -Wohin? Ich wußte, daß Andronikoff schon nach Petersburg versetzt war, -und so beschloß ich, das Haus der Fanariotowa auf dem Arbat aufzusuchen. ->Die Nacht über gehe ich herum oder sitze irgendwo, und am Morgen gehe -ich dann auf den Hof des Hauses und frage dort: wo ist jetzt Andrei -Petrowitsch? Und wenn er nicht in Moskau ist, wohin ist er dann -gefahren, in welcher Stadt und in welchem Reich lebt er jetzt? Und das -wird man mir dann doch bestimmt sagen. Und dann gehe ich fort und frage -an einem anderen Ort wieder irgend jemand: an welchem Schlagbaum muß ich -vorübergehen, wenn ich in die und die Stadt will? Nun, und dann werde -ich aus der Stadt hinausgehen und immer weiter und weiter gehen. Und ich -werde immer gehen und gehen, nächtigen werde ich am Wege unter Büschen, -und essen werde ich nur Brot, und wenn ich für zwei Rubel Brot kaufe, so -wird das für sehr lange ausreichen.< So dachte ich mir das alles. Aber -am Sonnabend konnte ich meine Absicht nicht ausführen, ich mußte bis zum -Sonntag warten, und da traf es sich, daß gerade an diesem Sonntag Herr -und Frau Touchard irgendwohin zu Besuch fuhren; im ganzen Hause blieben -nur die Magd Agafja und ich zurück. Ich wartete mit einer furchtbaren -Sehnsucht auf die Nacht; ich weiß noch: ich saß im Gastzimmer am Fenster -und sah hinaus auf die staubige Straße mit den kleinen hölzernen Häusern -und den seltenen Fußgängern. Touchard wohnte in einer abgelegenen Gegend -am Rande der Stadt, und aus den Fenstern sah man einen Schlagbaum; ->sollte es nicht dieser sein?< dachte ich flüchtig. Die Sonne ging so -rot unter, der Himmel war so kalt, und ein scharfer Wind wirbelte den -Staub auf, ganz wie heute. Endlich wurde es dunkel, ganz dunkel. Ich -stellte mich vor das Heiligenbild und begann zu beten, aber nur schnell, -schnell, ich hatte keine Zeit zu verlieren; ich nahm mein Bündelchen und -schlich auf den Fußspitzen über die knarrenden Treppenstufen hinab, in -großer Furcht, Agafja könnte mich in der Küche hören. Der Schlüssel der -Haustür stak im Schloß, ich machte auf und plötzlich -- dunkle, dunkle -Nacht stand schwarz vor mir, wie eine unendliche Fremde voller Gefahren, -und der Wind riß mir nur so die Mütze vom Kopf. Ich trat hinaus; von der -anderen Straßenseite erscholl das heisere Geschimpf und Gegröhl eines -vorübertorkelnden Betrunkenen. Ich stand und sah, und dann kehrte ich -still wieder um, trat wieder ein, schlich still nach oben, kleidete mich -aus, stellte mein Bündelchen fort und legte mich hin, grub das Gesicht -ins Kissen, ohne Tränen, ohne Gedanken, und von dieser Minute an hab' -ich zu denken begonnen, Andrei Petrowitsch! Gerade von dieser selben -Minute an, wo ich erkannte, daß ich nicht nur ein Lakai, sondern zum -Überfluß auch noch ein Feigling war, -- da erst begann meine wirkliche, -meine richtige Entwicklung!« - -»Und jetzt, von dieser Minute an, habe auch ich dich für alle Zeiten und -ganz und gar erkannt!« rief plötzlich Tatjana Pawlowna aufspringend und -so unerwartet, daß ich ganz überrascht war. »Ja, du warst nicht nur -damals ein Lakai, du bist es auch heute noch, weil du eine Lakaienseele -hast! Was hätte es damals Andrei Petrowitsch ausgemacht, dich bei einem -Schuster in die Lehre zu geben? Er hätte dir damit sogar eine Wohltat -erwiesen, hätte er dich ein Handwerk lernen lassen! Wer hätte von ihm -mehr für dich erwarten oder gar verlangen dürfen? Dein Vater, Makar -Iwanowitsch, hat nicht nur darum gebeten, sondern geradezu gefordert, -daß man euch, seine Kinder, nicht aus der unteren Klasse heraushebe. -Aber nein, du schätzt das nicht, daß er dich bis zur Universität -gebracht hat und du durch ihn Vorrechte bekommen hast. Schulbuben haben -ihn geneckt, ei, seht doch mal an, und da hat er sich denn geschworen, -sich an der Menschheit zu rächen! Solch ein Plebejer!« - -Ich muß gestehen, ich war verblüfft. Ich erhob mich und stand und sah -sie an, ohne zu wissen, was ich darauf erwidern sollte. - -»Nein, wirklich, Tatjana Pawlowna hat mir etwas Neues gesagt,« wandte -ich mich entschlossen und mit fester Stimme an Werssiloff, »ich bin -wirklich so weit >Lakai<, daß ich mich auf keine Weise nur damit -zufrieden geben kann, daß Werssiloff mich nicht zu einem Schuster in die -Lehre gegeben hat; sogar die >Vorrechte< des höheren Standes, die ich -ihm verdanke, da er mich hat unterrichten lassen, haben mich nicht -gerührt. Nein -- gebt mir den ganzen Werssiloff, gebt mir den Vater ... -das habe ich verlangt -- wie sollt' ich denn da nicht ein Lakai sein? -Mama, es liegt mir schon acht Jahre auf dem Gewissen, wie ich Sie -damals, als Sie allein zu Touchard kamen, um mich zu besuchen, -- wie -ich Sie damals empfing. Aber jetzt habe ich keine Zeit, auch das noch zu -erzählen, und Tatjana Pawlowna würde es ja auch nicht zulassen. Also -morgen, Mama, _wir_ sehen uns vielleicht noch einmal. Tatjana Pawlowna! -Was würden Sie dazu sagen, wenn ich sogar in einem so hohen Maße ein ->Lakai< wäre, daß ich nicht einmal das billigen könnte, daß ein Mann, -der eine Ehefrau hat, noch eine zweite heiratet? Das aber ist doch in -Ems von Andrei Petrowitsch nahezu versucht worden! Mama, wenn Sie nicht -bei einem Mann bleiben wollen, der morgen vielleicht eine andere -heiratet, so erinnern Sie sich daran, daß Sie einen Sohn haben, der -Ihnen jetzt verspricht, ewig ein ehrerbietiger Sohn zu sein, -- denken -Sie daran und kommen Sie zu mir, aber nur unter der Bedingung: entweder -er oder ich, -- wollen Sie? Ich verlange ja nicht sofort eine Antwort; -ich weiß, daß man auf solche Fragen nicht im Augenblick antworten kann -...« - -Ich konnte nicht zu Ende sprechen, da ich viel zu erregt war und den -Faden verlor. Meine Mutter erbleichte, und die Stimme schien ihr zu -versagen: sie konnte kein Wort hervorbringen. Tatjana Pawlowna sprach -sehr laut und sehr viel, so daß ich gar nicht verstand, was sie sagte, -und zwei-, dreimal stieß sie mich mit der Faust an die Schulter. Ich -weiß nur noch, daß sie schrie, meine Worte seien »erfunden, in einer -kleinlichen Seele erklügelt, mit den Fingern herausgebohrt«. Werssiloff -saß unbeweglich da und war sehr ernst, er lächelte nicht. Ich ging zu -mir nach oben. Das letzte, was mich aus dem Zimmer begleitete, war der -vorwurfsvolle Blick meiner Schwester; sie sah mir nach und schüttelte -ernst den Kopf. - - - Siebentes Kapitel. - - - I. - -Ich gebe alle diese Szenen wieder, ohne mich selbst dabei zu schonen, um -mir alles deutlich zu vergegenwärtigen und die Eindrücke richtig -wiederherzustellen. Als ich oben in meinem Zimmer angelangt war, wußte -ich überhaupt nicht, ob ich mich schämen oder ob ich stolz sein sollte, -wie einer, der seine Pflicht getan hat. Wäre ich nur ein wenig -erfahrener gewesen, so hätte ich gewußt, daß selbst der geringste -Zweifel in solchem Fall den Ausschlag zuungunsten des Zweiflers gibt. -Aber ein Umstand verwirrte mich endgültig: daß ich dabei so froh war, -ich weiß nicht worüber, aber ich war furchtbar froh, obwohl ich -zweifelte und einsah, daß ich unten schlecht abgeschnitten hatte. Ja -selbst daß Tatjana Pawlowna mich so boshaft beschimpft hatte, erschien -mir nur komisch und unterhaltend und ärgerte mich nicht im geringsten. -Wahrscheinlich wirkte das alles nur deshalb so, weil ich immerhin die -Kette zerrissen hatte und mich nun zum erstenmal vollkommen frei fühlte. -Ich fühlte auch, daß ich meine Stellung zu ihnen verdorben hatte: jetzt -war ich mir noch viel mehr im unklaren darüber, was ich mit dem von -Krafft erhaltenen Brief, der die Erbschaft betraf, anfangen sollte. Wenn -ich ihn jetzt noch übergab, würde man entschieden glauben, ich wollte -mich an Werssiloff rächen. Aber schon unten, während dieser ganzen -Auseinandersetzungen, hatte ich bereits bei mir beschlossen, diese -Erbschaftsfrage mit dem Brief von einem Dritten entscheiden zu lassen, -und zwar von Wassin, an den ich mich wie an einen Schiedsrichter wenden -wollte, oder wenn er es ablehnte, dann von jemand anders -- ich wußte -schon, von wem. Ich sagte mir: nur einmal, nur zu diesem Zweck, werde -ich zu Wassin gehen, dann aber -- dann verschwinde ich für alle auf -lange Zeit, auf mehrere Monate, und für Wassin noch ganz besonders. Nur -meine Mutter und meine Schwester werde ich vielleicht manchmal sehen. -Das war alles ziemlich wirr in mir; ich fühlte, daß ich etwas getan -hatte, aber nicht so, wie es hätte sein sollen, und -- und ich war -trotzdem zufrieden. Ich wiederhole: ich war dennoch froh über irgend -etwas. - -Für diesen Abend nahm ich mir vor, früher schlafen zu gehen, da ich am -nächsten Tage weite Wege zu machen hatte. Zunächst mußte ich mir ein -Zimmer mieten und umziehen, und dann faßte ich noch verschiedene -Entschlüsse, die ich, so oder so, gleich ausführen wollte. Aber dieser -denkwürdige Abend sollte nicht ohne eine seltsame Überraschung enden: -Werssiloff verstand es, mich noch in höchstes Erstaunen zu setzen. Er -war noch nie in mein Stübchen gekommen, und nun plötzlich, ich hatte -noch keine Stunde bei mir oben gesessen, hörte ich seine Schritte auf -der Treppe: er rief mir zu, ich sollte ihm leuchten. Ich ging mit der -Kerze zur Tür und half ihm, auf der kleinen Treppe heraufzusteigen, -indem ich ihm die Hand nach unten entgegenstreckte, die er auch ergriff. - -»Merci, mein Freund, bisher bin ich noch nie hier heraufgeklettert, -nicht einmal, als ich die Wohnung mietete. Ich ahnte, was hier ungefähr -sein konnte, aber ... einen solchen Hundestall habe ich doch nicht -vermutet.« Er war in der Mitte meines Stübchens stehengeblieben und -schaute sich neugierig um. »Aber das ist ja ein Sarg, ein richtiger -Sarg!« - -Das Stübchen hatte allerdings eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Inneren -eines Sarges, und ich wunderte mich, wie richtig er das sofort -herausgefunden und ausgedrückt hatte. Es war ein schmaler, länglicher -Raum; in Schulterhöhe neigte sich die Wand in stumpfem Winkel nach vorn, -in der Schrägheit des Giebeldaches, und stieß oben wieder in stumpfem -Winkel mit der Decke zusammen, die ich mit der Handfläche berühren -konnte. Werssiloff hielt sich anfangs unwillkürlich gebückt, als fürchte -er, unversehens mit dem Kopf anzustoßen; aber schließlich sah er, daß -nichts zu befürchten war, und setzte sich ziemlich ruhig auf meinen -Diwan, auf dem schon mein Nachtlager hergerichtet war. Ich setzte mich -nicht und betrachtete ihn mit der größten Verwunderung. - -»Deine Mutter sagte soeben, sie hätte nicht gewußt, ob sie das Geld von -dir annehmen sollte, das du ihr vorhin für Beköstigung und Wohnung -angeboten hast. Nun, im Hinblick auf diesen Sarg darf man das Geld nicht -nur nicht annehmen, sondern ganz im Gegenteil, dir müßte von uns noch -zugezahlt werden! Ich bin hier noch nie gewesen und ... kann mir nicht -denken, daß es überhaupt möglich ist, hier zu leben.« - -»Ich habe mich daran gewöhnt. Daß ich aber Sie jetzt bei mir sehe, daran -kann ich mich auf keine Weise gewöhnen -- nach alledem, was sich unten -zugetragen hat.« - -»Nun ja, du warst unten beträchtlich grob, aber ... ich habe gleichfalls -meine besonderen Zwecke, die ich dir auch erklären werde, obschon in -meinem Kommen, nebenbei bemerkt, nichts Außergewöhnliches liegt. Selbst -das, was sich unten zugetragen hat, auch das ist alles nur in der -Ordnung der Dinge; aber erkläre mir, ich bitte dich, nur das eine: war -das, was du uns dort unten erzähltest, und wozu du uns so feierlich und -großartig vorbereitet hast -- war das nun wirklich alles, was du uns -eröffnen oder mitteilen wolltest, hattest du weiter nichts zu sagen?« - -»Das war alles. Das heißt, nehmen wir an, daß es alles war.« - -»Dann war es etwas wenig, mein Freund, ich muß gestehen, nach deinem -Anfang, und wie du uns alle zum Lachen gereizt hast, und als ich dann -noch sah, wie sehr es dich drängte, zu erzählen -- da erwartete ich -Größeres.« - -»Sollte Ihnen das nicht ganz gleich sein?« - -»Ich spreche im Grunde ja nur aus dem Maßgefühl heraus; das war dieses -große Vorspiel nicht wert, da war das Maßverhältnis gestört. Einen -ganzen Monat hast du geschwiegen, dich gesammelt, und plötzlich -- ist -nichts dahinter.« - -»Ich wollte vieles erzählen, aber ich schäme mich schon, daß ich dies -wenige erzählt habe. Es läßt sich nicht alles erzählen, so in Worten -ausdrücken, manches wird am besten nie erzählt. Ich aber habe doch genug -gesagt, und dennoch haben Sie nichts verstanden.« - -»Ah, auch du leidest also manchmal darunter, daß ein Gedanke sich nicht -in Worte hineinzwängen läßt! Das ist ein edler Schmerz, mein Freund, und -wird nur Auserwählten gegeben; ein Dummkopf ist immer zufrieden mit dem, -was er gesagt hat, und außerdem sagt er immer mehr als nötig ist; viel -Lärm um nichts.« - -»Wie zum Beispiel ich vorhin; auch ich sagte mehr als nötig war; ich -verlangte den >ganzen Werssiloff< -- das ist viel mehr als nötig ist; -ich brauche Werssiloff überhaupt nicht.« - -»Mein Freund, du willst, wie ich sehe, das wieder einholen, was du unten -verloren hast. Du scheinst zu bereuen, und da bereuen bei uns nichts -anderes heißt, als sofort wieder einen anderen angreifen, so möchtest du -mich diesmal gut treffen und nicht wieder vorbeischlagen. Ich bin zu -früh gekommen, du bist noch nicht abgekühlt, und zudem fällt es dir sehr -schwer, Kritik zu ertragen. Aber so setze dich doch, um Gotteswillen, -- -ich bin gekommen, um dir etwas mitzuteilen. So, danke. Aus dem, was du -unten von dem Fortgehen deiner Mutter sagtest, geht nur zu klar hervor, -daß es unter allen Umständen am besten ist, wenn wir uns trennen. Ich -bin nun zu dir gekommen, um dich zu bitten, das nach Möglichkeit weniger -schroff und ohne einen Skandal zu tun, damit es deine Mutter nicht noch -mehr betrübt und erschreckt. Schon daß ich selbst zu dir ging, hat ihr -Hoffnung gemacht: sie glaubt, wir würden uns noch versöhnen, und dann -werde wieder alles beim alten bleiben. Und ich glaube, wenn wir jetzt -hier oben ein- oder zweimal etwas lauter lachen würden, so würden wir -ihrem schüchternen Herzen die größte Freude bereiten. Mögen es auch nur -schlichte Herzen sein, aber sie lieben doch so innig und ungekünstelt, -weshalb sollte man da nicht etwas gut zu ihnen sein, wenn sich -Gelegenheit dazu bietet? Das wäre das eine. Und dann zweitens: Warum -sollen wir denn mit Rachedurst, mit Zähneknirschen und grimmigen -Schwüren auseinandergehen? Zweifellos haben wir nicht die geringste -Veranlassung, uns gegenseitig um den Hals zu fallen, aber man kann sich -doch auch trennen und sich dabei gegenseitig achten, nicht wahr?« - -»Das ist alles -- Unsinn! Ich verspreche, ohne Skandal das Haus zu -verlassen -- und das genügt. Sie sagen, Sie bemühten sich um meiner -Mutter willen? Und mir will es scheinen, daß die Ruhe der Mutter hiermit -nichts zu tun hat und Sie nur so reden.« - -»Du glaubst mir nicht?« - -»Sie sprechen mit mir entschieden wie mit einem kleinen Kinde!« - -»Mein Freund, ich bin ja bereit, dich tausendmal um Verzeihung zu -bitten, für all das, was du mir da vorwirfst, für alle diese Jahre -deiner Kindheit und so weiter, aber, _cher enfant_, was käme denn dabei -heraus? Du bist so klug, daß du es wohl selbst nicht wünschen wirst, -dich in einer so dummen Lage zu befinden. Ich will noch nicht einmal -davon reden, daß ich den Charakter deiner Vorwürfe sogar bis jetzt noch -nicht verstehe. In der Tat, was machst du mir nun eigentlich zum -Vorwurf? Daß du nicht als ein Werssiloff geboren bist? Oder nicht? Bah! -Du lachst verächtlich und wehrst mit der Hand ab, also ist es nicht -das?« - -»Versichere Sie, nein. Und ich kann auch keine besondere Ehre darin -finden, Werssiloff zu heißen.« - -»Lassen wir die Ehre beiseite; zudem mußte ja deine Antwort unbedingt -demokratisch sein; aber wenn es nicht das ist, was ist es dann?« - -»Tatjana Pawlowna hat vorhin alles gesagt, was mir klargemacht werden -mußte, da ich von selbst niemals darauf verfallen wäre: Sie haben mich -nicht zu einem Schuster in die Lehre gegeben, folglich muß ich noch -dankbar sein. Ich verstehe nur nicht, warum ich undankbar bin, sogar -jetzt noch, sogar nachdem man mich aufgeklärt hat. Spricht da nicht am -Ende Ihr stolzes Blut, Andrei Petrowitsch?« - -»Wahrscheinlich nicht. Und außerdem wirst du zugeben müssen, daß alle -deine Ausfälle unten, statt mich zu treffen, wie du es wolltest, nur -deine Mutter getroffen und gepeinigt haben. Indessen sollte man meinen, -nicht dir stünde es zu, sie zu richten. Und worin besteht denn ihre -Schuld vor dir? Und vielleicht erklärst du mir auch, mein Freund, aus -welchem Grunde und zu welchem Zweck du in der Schule und auf dem -Gymnasium und überall, und sogar dem ersten besten, dem du vorgestellt -wurdest, wie ich gehört habe, von deiner illegitimen Geburt erzählt -hast? Man sagte mir, du hättest das mit einer besonderen Vorliebe getan. -Und dabei ist das ein Nonsens und eine häßliche Verleumdung; denn du -bist legitim geboren als Sohn Makar Iwanowitsch Dolgorukis, eines -ehrenwerten und sowohl durch Verstand als Charakter ausgezeichneten -Menschen. Wenn du aber eine höhere Bildung erhalten hast, so verdankst -du das allerdings deinem ehemaligen Gutsherrn Werssiloff, doch was hat -das mit deiner Herkunft zu tun? Indem du aber selbst von deiner -illegitimen Herkunft erzählst, was selbstverständlich an sich schon eine -Verleumdung ist, hast du das Geheimnis deiner Mutter preisgegeben und, -aus einer Art von falschem Stolz, deine Mutter vor den Richterstuhl -jedes ersten besten Lumpen gezogen. Mein Freund, das ist sehr unfein, um -so mehr, als deine Mutter persönlich an nichts schuld ist: sie ist das -reinste Wesen, das ich kenne, und wenn sie nicht den Namen Werssiloff -trägt, so liegt das nur daran, daß sie bis auf den heutigen Tag mit -einem anderen verheiratet ist.« - -»Genug, ich bin mit Ihnen vollkommen einverstanden und halte Sie für so -klug, daß ich hoffe, Sie werden mir nicht gar zu lange den Kopf waschen. -Sie lieben ja so sehr das Maßhalten; und schließlich muß es doch für -alles ein Maß geben, selbst für Ihre plötzliche Liebe zu meiner Mutter. -Aber ich würde Ihnen folgenden Vorschlag machen: da Sie sich nun einmal -entschlossen haben, bei mir vorzusprechen und eine viertel oder eine -halbe Stunde hier zu sitzen (ich weiß noch immer nicht, wozu eigentlich, -aber nehmen wir an, es sei zur Beruhigung meiner Mutter) -- und da Sie -außerdem so bereitwillig mit mir sprechen, ungeachtet dessen, was unten -vorgefallen ist, so erzählen Sie mir lieber von meinem Vater -- eben von -diesem Makar Iwanoff, dem Pilger. Gerade von Ihnen würde ich gern -Näheres über ihn hören, ich habe Sie sogar früher schon immer nach ihm -fragen wollen. Und dann möchte ich, daß Sie mir noch etwas beantworten, -gerade jetzt, bevor wir uns trennen, vielleicht auf lange. Das ist: -Haben Sie denn wirklich in diesen ganzen zwanzig Jahren nicht so weit -auf die Vorurteile meiner Mutter einzuwirken vermocht, und ebenso auf -meine Schwester -- gerade Sie, mit Ihrem ganzen bildenden Einfluß --, -daß meine Mutter wenigstens aus der Finsternis ihrer früheren -bäuerlichen Umgebung herausgekommen wäre? Oh, ich spreche nicht von -ihrer Reinheit! Sittlich hat sie auch so immer weit über Ihnen -gestanden, verzeihen Sie, aber sie ist doch nur eine unendlich viel -höherstehende -- Tote. Nur Werssiloff lebt, alle übrigen um ihn herum -und alles mit ihm Verbundene vegetiert nur unter der einen Bedingung, -die Ehre zu haben, ihn mit den eigenen Kräften, den eigenen Lebenssäften -ernähren zu dürfen. Aber auch meine Mutter muß doch einmal lebendig -gewesen sein? In irgend etwas an ihr haben Sie sich doch verliebt? Auch -sie ist doch einmal ein Weib gewesen!« - -»Mein Freund, vielleicht ist sie das nie gewesen,« antwortete er mir, -indem er sogleich wieder in seine anfängliche Manier verfiel, -- in -diese Manier mit mir zu sprechen, die mich so ärgerte, und die ich noch -so gut im Gedächtnis habe! Das heißt, anscheinend ist er die -Aufrichtigkeit selbst, sieht man aber näher zu -- so ist an ihm alles -nur tiefster Spott, so daß ich aus seinem Gesicht manchmal gar nicht -klug werden konnte. »Ist das nie gewesen! Die russische Frau -- ist -niemals Weib.« - -»Ach, und die Polin, die Französin, die ist es etwa? Oder die -Italienerin, die leidenschaftliche Italienerin, die so einen -zivilisierten Russen der höheren Stände, von der Art eines Werssiloff, -zu bezaubern versteht?« - -»Nun sag' einer,« rief er lachend aus, »hätte ich ahnen können, daß ich -hier auf einen Slawophilen stoßen würde!« - -Ich erinnere mich Wort für Wort unseres Gesprächs: Er begann sogar mit -großer Bereitwilligkeit und sichtlichem Vergnügen zu erzählen. Es war -mir nur zu klar, daß er durchaus nicht deshalb zu mir gekommen war, um -sich mit mir zu unterhalten, und ebensowenig deshalb, um meine Mutter zu -beruhigen, sondern unbedingt aus ganz anderen Gründen. - - - II. - -»Wir haben, deine Mutter und ich, diese ganzen zwanzig Jahre vollkommen -schweigend verlebt,« begann er sein Geplauder (im höchsten Grade gemacht -und unnatürlich), »und alles, was zwischen uns geschehen ist, ist -schweigend geschehen. Der Charakter unseres ganzen zwanzigjährigen -Zusammenlebens war -- Schweigen. Ich glaube, wir sind auch nicht ein -einziges Mal in Streit geraten. Allerdings war ich oft verreist ... und -habe sie allein gelassen, aber es hat doch immer damit geendet, daß ich -wieder zu ihr zurückgekehrt bin. _Nous revenons toujours_,{[25]} und das -ist, das ist nun einmal die wesentliche Eigenschaft der Männer; es ist -das bei ihnen eine Folge ihrer Großmut. Wenn die Ehe von den Frauen -allein abhinge -- keine einzige Ehe hätte Bestand. Deine Mutter ... -Demut, Nachgiebigkeit, Geduld, Unterwürfigkeit, und zu gleicher Zeit -Festigkeit, Kraft, wirkliche Kraft -- das ist der Charakter deiner -Mutter. Merke dir, sie ist die beste von allen Frauen, die mir in meinem -Leben begegnet sind. Und daß in ihr Kraft ist, kann ich bezeugen: ich -habe gesehen, wie diese Kraft sie genährt hat. Wenn es sich um ... ich -will nicht sagen >Überzeugungen< handelt -- denn zu regelrechten -Überzeugungen fehlen die Voraussetzungen -- aber um das, was von ihnen -für Überzeugung gehalten wird, und was folglich ihrer Ansicht nach -heilig ist, da lassen sie sich womöglich foltern. Nun, und ich -- sag' -dir doch selbst: sehe ich aus wie ein Folterknecht? Sieh, deshalb habe -ich es denn auch vorgezogen, fast zu allem zu schweigen, und das nicht -nur deshalb, weil das leichter ist; und offengestanden, ich bereue es -nicht. Auf diese Weise hat sich alles ganz von selbst auf einer breiten -und humanen Basis abgespielt, so daß ich mir selbst gar kein Verdienst -zuschreibe. Ich möchte hier nur nebenbei bemerken, daß ich aus einem -unbestimmten Grunde den Verdacht habe, daß sie niemals an meine -Humanität geglaubt und darum immer gezittert hat; aber trotz des -Zitterns hat sie sich doch nicht der Kultur gebeugt. Diese Leute -verstehen das irgendwie auf ihre Art, wir aber begreifen da irgend etwas -nicht, und überhaupt verstehen sie besser als wir, sich im Leben -einzurichten. Sie können sogar in Lagen, die für sie die unnatürlichsten -sind, die ihrer ganzen Art vollständig widersprechen -- doch weiterleben -und sogar vollkommen sie selbst bleiben. Wir verstehen das nicht so.« - -»Wer sind diese >sie<? Ich verstehe Sie nicht ganz.« - -»Ich meine das Volk, mein Freund, ich rede vom Volk. Es hat diese große -lebendige Kraft und seine historische Basis sowohl sittlich als -politisch bewiesen. Doch um wieder auf unser Gespräch zurückzukommen, -will ich von deiner Mutter noch sagen, daß sie ja nicht immer schweigt, -manchmal sagt sie auch etwas, aber aus dem, was sie sagt und wie sie es -sagt, ersiehst du ohne weiteres, daß dein ganzes Reden nur -Zeitverschwendung gewesen ist, selbst wenn du sie fünf Jahre lang -allmählich vorbereitet hast. Zudem sind es die überraschendsten -Entgegnungen. Und merke dir wiederum, ich sage von ihr durchaus nicht, -daß sie dumm sei; im Gegenteil, sie hat in ihrer Art Verstand, und sogar -einen sehr bemerkenswerten. Übrigens, an den Verstand wirst du -vielleicht nicht glauben ...« - -»Warum nicht? Ich glaube nur daran nicht, daß Sie selbst an ihren -Verstand glauben, das heißt, wirklich und ohne sich zu verstellen.« - -»Ja? Du hältst mich für ein solches Chamäleon? Mein Freund, ich erlaube -dir etwas zu viel ... wie einem verwöhnten Sohne ... aber mag es denn -diesmal dabei bleiben.« - -»Erzählen Sie mir von meinem Vater, wenn Sie können, die Wahrheit.« - -»Von Makar Iwanowitsch? Makar Iwanowitsch war, wie du weißt, ein -Gutsbauer, den sozusagen nach einem gewissen Ruhm verlangte ...« - -»Ich wette, daß Sie ihn in diesem Augenblick um irgend etwas beneiden!« - -»Im Gegenteil, mein Freund, im Gegenteil, vielleicht freut es mich sehr, -dich in einer so scharfsinnigen Geistesverfassung zu sehen. Ich schwöre -dir, ich bin gerade jetzt in einer sogar im höchsten Grade bußfertigen -Stimmung, und gerade jetzt, in diesem Augenblick, empfinde ich -vielleicht zum tausendsten Mal machtlose Reue ob alledem, was vor -zwanzig Jahren geschehen ist. Gott könnte es bezeugen, wie sehr das -damals vom Zufall abhing und fast aus Versehen geschehen ist ... nun, -und dann, so weit es in meinen Kräften lag, >human< verlaufen ist; -wenigstens wie ich mir damals eine Heldentat der >Humanität< vorstellte. -Oh, wir brannten damals alle vor Verlangen, Gutes zu tun, der Hebung der -Gesamtheit alle unsere Kräfte zu widmen, der höheren Idee zu dienen; wir -verurteilten die Rangeinteilung,[11] unsere ererbten Vorrechte, die -Güterwirtschaft und sogar das Leihamt, wenigstens einige von uns ... Auf -mein Ehrenwort! Wir waren nicht viele, aber wir sprachen gut, und ich -versichere dich, zuweilen wurde von uns sogar gut gehandelt.« - -»Sie meinen, als Sie an seiner Schulter weinten?« - -»Mein Freund, ich bin mit dir in allem im voraus einverstanden; übrigens -hast du das mit der Schulter von mir selbst gehört, somit gebrauchst du -mein Vertrauen und meine Aufrichtigkeit, um sie gegen mich zu wenden. -Aber du wirst zugeben müssen, daß dieses mit der Schulter tatsächlich -gar nicht so übel war, wie es auf den ersten Blick scheint, besonders -noch für die damalige Zeit. Wir fingen doch damals erst an. Ich spielte -dabei natürlich Theater, aber ich wußte damals doch noch nicht, daß ich -dabei Theater spielte. Sollte es zum Beispiel dir noch nie passiert -sein, daß du in praktischen Fällen ein wenig Theater gespielt hast?« - -»Ich habe mich vorhin unten wohl zuviel vom Gefühl bestimmen lassen, und -als ich nach oben kam, schämte ich mich nicht wenig bei dem Gedanken, -daß Sie von mir denken könnten, ich hätte Theater gespielt. Es ist wahr, -daß man in manchen Fällen, obschon man alles aufrichtig empfindet, sich -äußerlich doch verstellt; vorhin aber, unten, das schwöre ich, war alles -natürlich.« - -»Eben das ist es; du hast es sehr treffend ausgedrückt: obschon man -alles aufrichtig empfindet, gibt man sich äußerlich doch nicht -natürlich. Nun, und genau so war es auch mit mir: obschon ich mich -verstellte, schluchzte ich doch vollkommen aufrichtig. Ich will nicht -bestreiten, daß Makar Iwanowitsch diese Schultergeschichte als eine -Vergrößerung des Hohnes hätte betrachten können, wenn er scharfsinniger -gewesen wäre, aber seine Ehrlichkeit ließ damals keinen Scharfblick zu. -Ich weiß nur nicht, ob ich ihm damals auch leid tat oder nicht; wie ich -mich erinnere, wollte ich ihm damals sehr gern leid tun.« - -»Wissen Sie,« unterbrach ich ihn, »auch jetzt, während Sie das sagen, -spotten Sie nur. Und überhaupt die ganze Zeit, diesen ganzen Monat, so -oft Sie mit mir gesprochen haben, haben Sie nur gespottet. Warum haben -Sie das immer getan, wenn Sie mit mir sprachen?« - -»Glaubst du?« erwiderte er sanft. »Du bist sehr mißtrauisch; übrigens, -wenn ich auch spotte, so doch nicht über dich oder wenigstens nicht über -dich allein, also beruhige dich. Aber jetzt spotte ich nicht, und damals --- kurz, ich tat damals alles, was ich konnte, und glaube mir, nicht zu -meinem Vorteil. Wir, das heißt, wir alle von damals, verstanden nicht im -geringsten, im Gegensatz zum Volk, zu unserem Vorteil zu handeln: im -Gegenteil, wir schadeten uns immer selbst soviel wie möglich, und ich -vermute, eben das wurde von uns damals für eine Art von >größerem -eigenem Vorteil< gehalten, versteht sich, im höheren Sinne des Wortes. -Die jetzige Generation der Pioniere ist unvergleichlich mehr, als wir es -waren, auf ihren Vorteil bedacht. Ich hatte damals, noch vor der Sünde, -Makar Iwanowitsch alles mit großer Offenheit erklärt. Jetzt gebe ich zu, -daß vieles von dem gar nicht zu erklären nötig gewesen wäre, und noch -weniger mit solcher Offenheit: das wäre, ganz abgesehen von der -Humanität, sogar rücksichtsvoller gewesen; aber versuch einmal, wenn du -gerade so recht ins Tanzen gekommen bist, dich plötzlich zu bezwingen -und nicht noch einen Tanzschritt zu machen! Doch, wer weiß, vielleicht -sind die Forderungen des Schönen und Erhabenen in der Wirklichkeit -gerade von dieser Art, darüber bin ich mir in meinem ganzen Leben nicht -klar geworden. Übrigens ist das ein zu tiefes Thema für unsere -oberflächliche Unterhaltung, aber du kannst mir glauben, daß ich noch -jetzt manchmal vor Scham vergehe, wenn ich daran zurückdenke. Ich bot -ihm damals dreitausend Rubel an, und ich weiß noch, er schwieg die ganze -Zeit, und nur ich allein sprach. Kannst du dir denken, es schien mir -damals, daß er mich fürchtete, das heißt, als Leibeigener mein -Herrenrecht, und ich weiß noch, daß ich mich aus allen Kräften bemühte, -sein Mißtrauen zu verscheuchen; ich redete ihm zu, er solle doch frank -und frei alle seine Wünsche aussprechen, und sogar Kritik üben soviel er -wolle, er hätte nichts zu befürchten. Ich gab ihm mein Wort darauf, daß -ich, wenn er auf meinen Vorschlag eingehen wollte -- d. h. dreitausend -Rubel als Entschädigung, dazu den Freibrief (für ihn und seine Frau, -versteht sich), und die Reise wohin er wollte (ohne Frau, versteht sich) ---, wenn er also darauf eingehen wollte, daß ich ihm dann sofort den -Freibrief geben, ja womöglich seine Frau zu ihm zurückschicken und sie -beide noch beschenken würde. Und sie brauchten nicht von mir -fortzuziehen, sondern ich selbst würde von ihnen ganz allein fortziehen, -gleich auf drei Jahre und nach Italien. _Mon ami_,{[26]} sei versichert, -ich hätte damals nicht die Mademoiselle Ssaposhkoff mitgenommen: ich war -sehr aufrichtig, als ich ihm das sagte. Aber was geschah? -- Dieser -Makar begriff natürlich nur zu gut, daß ich das Versprochene auch -ausführen würde, aber er fuhr fort, zu schweigen, und nur, als ich schon -zum drittenmal wieder damit anfangen wollte, wich er zurück, drehte sich -um und verließ das Zimmer -- sogar in einer so unzeremoniellen Weise, -daß ich selbst damals, ich versichere dich, geradezu verwundert war. Ich -sah mich darauf zufällig im Spiegel, nur mit einem Blick, und kann nicht -vergessen, wie ich aussah. Überhaupt, wenn solche Leute nichts sagen -- -das ist das schlimmste, er aber war ein finsterer Charakter, und ich muß -gestehen, als ich ihn zu mir ins Kabinett rufen ließ, da hatte ich nicht -nur kein Zutrauen zu ihm, sondern fürchtete ihn sogar heftig: in diesem -Milieu gibt es Charaktere, und sogar sehr viele, die sozusagen die -Personifizierung der unglaublichsten Unberechenbarkeit sind, und vor so -was fürchtet man sich mehr als vor Schlägen. _Sic!_ Und wieviel ich -riskierte, wieviel ich riskierte! Nun wie, wenn er auf dem Gut, im -ganzen Bezirk, zu schreien und zu heulen angefangen hätte, dieser -ländliche Uria, -- was wäre dann wohl aus mir geworden, aus dem jungen -König David, was hätte ich da tun können? Deshalb schob ich denn auch -zuerst die Dreitausend vor, das geschah instinktiv, aber ich hatte mich -zum Glück getäuscht: dieser Makar Iwanowitsch war etwas ganz anderes -...« - -»Sagen Sie, war die Sünde schon geschehen? Sie sagten soeben, Sie hätten -ihn noch vor der Sünde rufen lassen.« - -»Das heißt, sieh mal, das ist so zu verstehen ...« - -»Also, sie war geschehen. Sie sagten, Sie hätten sich in ihm getäuscht, -er wäre etwas ganz anderes gewesen; was war er denn anderes?« - -»Ja, was er eigentlich war, das weiß ich bis zum heutigen Tage noch -nicht. Jedenfalls etwas anderes, und weißt du, sogar etwas sehr -Anständiges; das schließe ich daraus, daß ich mich zu guter Letzt noch -dreimal mehr vor ihm schämte. Schon am nächsten Tage willigte er ein, -das Gut zu verlassen, natürlich ohne viel Worte, und ohne auch nur eine -einzige der von mir versprochenen Belohnungen zu vergessen.« - -»Nahm er das Geld?« - -»Und wie! Und kannst du dir denken, mein Freund, in diesem Punkt hat er -mich sogar sehr in Erstaunen gesetzt. Die dreitausend Rubel hatte ich -damals selbstverständlich nicht in der Tasche, aber ich verschaffte mir -siebenhundert und gab ihm diese so fürs erste; und er? -- Er verlangte -von mir, um der übrigen zweitausenddreihundert Rubel sicher zu sein, -eine Schuldverschreibung in dieser Höhe mit der Bürgschaft eines -Kaufmanns. Und nach Verlauf von zwei Jahren ließ er dieses Geld auf -Grund der Schuldverschreibung bereits gerichtlich eintreiben, und sogar -mit den Prozenten, was mich wieder sehr wunderte, um so mehr, als er -damals buchstäblich für ein Gotteshaus als Pilger Gaben sammelte. Und -seit der Zeit, nun sind es schon zwanzig Jahre, pilgert er immer noch. -Ich begreife nicht, wozu ein Pilger soviel eigenes Geld braucht ... Geld -ist eine so weltliche Sache ... Ich hatte es ihm in dem Augenblick -natürlich aufrichtig angeboten und, sagen wir, in der ersten Hitze, dann -aber, nachdem schon soviel Augenblicke darüber vergangen waren, konnte -ich mich doch besinnen ... und ich rechnete eigentlich darauf, daß er -wenigstens Nachsicht mit mir haben würde ... oder sozusagen mit _uns_, -mit mir und ihr, daß er wenigstens warten würde. Indessen, nicht einmal -gewartet hat er.« - -(Ich muß hier ein notwendiges Notabene einfügen: wenn Herr Werssiloff -inzwischen gestorben wäre und meine Mutter ihn überlebt hätte, so wäre -sie im Alter buchstäblich ohne eine Kopeke zurückgeblieben, falls Makar -Iwanowitsch damals nicht diese dreitausend Rubel gesichert hätte, die -sich durch die Zinsen nun schon längst verdoppelt haben, und die er ihr -nach seinem Tode im vorigen Jahr unangetastet hinterlassen hat. Also -hatte er sogar schon damals Werssiloff durchschaut.) - -»Sie sagten einmal, Makar Iwanowitsch hätte Sie mehrmals besucht und -wäre dann immer in der Wohnung bei Mama abgestiegen?« - -»Ja, mein Freund; und ich muß sagen, ich habe anfangs große Angst gehabt -vor diesen Besuchen. In diesen zwanzig Jahren ist er im ganzen sechs- -oder siebenmal bei uns gewesen, und die ersten Male habe ich mich, wenn -ich zu Hause war, ihm nicht gezeigt. Ich konnte zunächst nicht -verstehen, was diese Besuche zu bedeuten hatten, und warum er überhaupt -kam. Dann aber, nach einigen Erwägungen, erschien mir das durchaus nicht -so dumm von ihm. Und später einmal, da wurde ich zufällig neugierig und -ging zu ihm, um ihn mir anzusehen, und ich muß sagen, ich gewann einen -überaus eigenartigen Eindruck. Das war bei seinem dritten oder vierten -Besuch, eben damals, als ich Friedensvermittler war und mich, versteht -sich, mit Eifer daranmachte, Rußland kennen zu lernen. Und ich habe von -ihm sogar außerordentlich viel Neues gehört. Außerdem fand ich in ihm -gerade das, was ich unter keinen Umständen in ihm zu finden erwartet -hätte: eine gewisse Seelengröße, eine Ausgeglichenheit des Charakters, -und was am erstaunlichsten war, eine fast heitere Stimmung. Nicht die -geringste Anspielung auf _jenes_ (_tu comprends?_{[27]}). Dazu besaß er -im höchsten Grade die Fähigkeit, sachlich und gut und sogar schön zu -sprechen, ich meine, ohne diese ihre dumme bäuerische Tiefsinnigkeit, -- -die ich, unter uns gesagt, trotz meiner ganzen demokratischen Denkart, -nicht ausstehen kann, -- und ohne alle diese gezwungenen Russizismen, -mit denen bei uns in Romanen und auf der Bühne alle >echten Russen< ihre -Rede durchsetzen zu müssen glauben. Dabei sprach er sehr wenig von -Religion, wenn man nicht selbst darauf zu sprechen kam, aber er erzählte -in ihrer Art entzückende Geschichten von den Klöstern und aus dem -Klosterleben, wenn man sich dafür interessierte. Aber das -Hervortretendste war -- seine Ehrerbietung, diese bescheidene -Ehrerbietung, eben diese Ehrerbietung, die zur höheren Gleichheit -notwendig ist, ja, ohne die man, meiner Meinung nach, auch gar keine -Überlegenheit im Verkehr mit anderen Menschen erlangen kann. Gerade -durch das Fehlen selbst der geringsten Überhebung wird der höchste -Anstand erreicht, und man sieht einen Menschen vor sich, der sich selbst -ohne jeden Zweifel achtet, und zwar gerade so, wie er ist, in seiner -Stellung, gleichviel, welch eine Stellung das ist, und welch ein -Schicksal er hat. Diese Fähigkeit, sich selbst gerade in seiner Stellung -zu achten, findet man äußerst selten auf Erden, mindestens ebenso selten -wie wirkliche persönliche Würde ... Das wirst du selbst sehen, wenn du -älter bist. Aber am meisten hat mich an ihm doch das überrascht, und -nicht zu Anfang, sondern erst später,« fügte Werssiloff hinzu, »daß -dieser Makar so auffallend wohlgestaltet und, glaube mir, -außergewöhnlich hübsch ist. Wenn er auch alt ist, so ist er doch - - >gebräunt von der Sonne, - hoch und stark ...< - -dazu schlicht und voll Würde; ich habe mich sogar über meine arme Ssofja -gewundert, wie sie mich _damals_ ihm hat vorziehen können. Damals war er -fünfzig, aber doch noch ein ganzer Mann, und ich im Vergleich zu ihm so -ein unbeständiger Mensch. Übrigens, ich entsinne mich, er war bereits -sehr stark ergraut, und so wird er wohl schon gewesen sein, als er sie -heiratete ... Vielleicht hat das sie beeinflußt.« - -Dieser Werssiloff hatte eine dumme Gewohnheit, die zum höheren Ton -gehört: hatte er einmal (wenn es nicht anders ging) einige sehr -gescheite und gute Sachen gesagt, so schloß er plötzlich absichtlich mit -irgendeiner Dummheit, wie in diesem Fall mit der Vermutung, die grauen -Haare Makar Iwanowitschs wären vielleicht von entscheidendem Einfluß auf -meine Mutter gewesen. Das tat er mit Absicht und wahrscheinlich, ohne -selbst zu wissen, warum, aus dummer, gesellschaftlicher Gewohnheit. -Hörte man ihn, konnte man glauben, er rede sehr ernst, innerlich aber -war es bei ihm nur Spott, und er verstellte sich. - - - III. - -Ich begreife nicht, warum mich damals plötzlich eine so ungeheure -Erbitterung erfaßte. Überhaupt denke ich mit einem großen Mißbehagen an -einzelne meiner Ausfälle in jenen Augenblicken zurück; ich erhob mich -plötzlich vom Stuhl. - -»Wissen Sie was,« sagte ich, »auf meine Frage erklärten Sie mir, Sie -wären hauptsächlich deshalb gekommen, um meine Mutter glauben zu machen, -wir hätten uns versöhnt. Zeit ist nun zu dem Zweck genug vergangen; -vielleicht haben Sie die Güte, mich jetzt wieder allein zu lassen.« - -Er wurde etwas rot und erhob sich. - -»Mein Lieber, du bist recht unhöflich gegen mich. Übrigens, wie du -willst, auf Wiedersehen. Zwingen kann man dich nicht, liebenswürdig zu -sein. Ich erlaube mir nur noch eine Frage: Hast du wirklich die Absicht, -nicht mehr zum Fürsten zu gehen?« - -»Aha! Wußte ich doch, daß Sie zu einem besonderen Zweck gekommen sind -...« - -»Das heißt, du hast mich im Verdacht, daß ich gekommen bin, um dich zu -veranlassen, beim Fürsten zu bleiben, weil ich davon irgendeinen Vorteil -für mich erwarte? Aber, mein Freund, dann bist du ja vielleicht auch der -Ansicht, ich hätte schon damals irgendeinen Vorteil für mich im Auge -gehabt, als ich dich aus Moskau herrief? Wie mißtrauisch du bist! Im -Gegenteil, ich wünsche dir in allem das Beste. Und gerade jetzt, wo -meine Verhältnisse sich so sehr gebessert haben, wäre es mir lieb, wenn -du wenigstens manchmal deiner Mutter und mir erlauben würdest, dir zu -helfen.« - -»Ich liebe Sie nicht, Werssiloff.« - -»Sogar >Werssiloff<. Übrigens, ich bedauere es sehr, daß es mir nicht -möglich war, dir diesen Namen zu geben; denn im Grunde besteht doch nur -darin meine ganze Schuld, wenn schon einmal eine Schuld besteht, nicht -wahr? Aber wie gesagt, ich konnte doch keine verheiratete Frau heiraten, -das siehst du doch ein.« - -»Deshalb wollten Sie dann wohl auch eine Unverheiratete heiraten.« - -Es zuckte in seinem Gesicht. - -»Du sprichst von Ems. Höre mal, Arkadi, du hast dir schon unten -denselben Ausfall erlaubt und dabei mit dem Finger auf mich gewiesen, in -Gegenwart deiner Mutter. Ich sage dir, gerade hierin bist du im größten -Irrtum befangen. Von der Geschichte mit der verstorbenen Lydia Achmakoff -weißt du so gut wie nichts. Du weißt auch nicht, wie weit deine Mutter -selbst an dieser Geschichte beteiligt gewesen ist, ja, ungeachtet -dessen, daß sie damals nicht bei mir war. Und wenn ich jemals in einer -Frau die Güte selbst gesehen habe, so war es damals, und diese Frau war -deine Mutter. Doch genug davon; das ist vorläufig noch ein Geheimnis, du -aber sprichst nur anderen nach, ohne selbst zu wissen, was du sprichst.« - -»Der Fürst hat mir gerade heute gesagt, Sie wären ein Liebhaber noch -nicht flügge gewordener Mädchen.« - -»Das hat der Fürst gesagt?« - -»Ja, und wenn Sie wollen, sage ich Ihnen ganz genau, weshalb Sie jetzt -zu mir gekommen sind? Ich habe die ganze Zeit gesessen und mich gefragt: -welchen geheimen Zweck könnte dieser Besuch wohl haben? -- und jetzt -endlich habe ich es, glaube ich, erraten.« - -Er war schon im Begriff, das Zimmer zu verlassen, blieb aber stehen, -wandte mir sein Gesicht zu und wartete. - -»Vorhin ist mir die Bemerkung entschlüpft, der Brief Touchards an -Tatjana Pawlowna sei in Moskau von Marja Iwanowna unter den Papieren des -verstorbenen Andronikoff gefunden worden. Ich sah, wie in dem Augenblick -plötzlich etwas in Ihrem Gesicht zuckte, und erst jetzt, als es wieder -so in Ihrem Gesicht zuckte, habe ich erraten, warum: Ihnen kam damals -der Gedanke, wenn schon ein Brief aus den Händen Andronikoffs in die -Hände Marja Iwanownas übergegangen ist, weshalb könnte dann nicht noch -ein zweiter Brief denselben Weg gegangen sein, was? Ist das nicht so?« - -»Und ich, ich hätte nun, indem ich zu dir kam, dich dazu bringen wollen, -daß dir wieder eine Bemerkung entschlüpfe?« - -»Darüber werden Sie selbst Bescheid wissen.« - -Er wurde sehr bleich. - -»Darauf bist du nicht von selbst verfallen; hier merke ich den Einfluß -einer Frau, und wieviel Haß schon in deinen Worten ist -- in deiner -rohen Vermutung!« - -»Einer Frau? Und gerade heute habe ich diese Frau gesehen! Vielleicht -wollen Sie nur deshalb, daß ich beim Fürsten bleibe, um ihr -nachspionieren zu können?« - -»Jedenfalls sehe ich, daß du es auf deinem neuen Wege noch weit bringen -wirst. Ist _das_ nicht am Ende auch >deine Idee<? Fahre nur so fort, -mein Freund, du hast zweifellos Anlagen zum Detektiv. Ist einem ein -Talent gegeben, so muß man es ausbilden.« - -Er hielt inne, um Atem zu schöpfen. - -»Nehmen Sie sich in acht, Werssiloff, machen Sie mich nicht zu Ihrem -Feinde!« - -»Mein Freund, seine letzten Gedanken spricht in solchen Fällen niemand -aus, sondern behält sie für sich. Und nun, ich bitte dich, leuchte mir. -Du bist zwar mein Feind, aber doch wohl nicht in solchem Maße, daß du -mir einen Genickbruch wünschtest. _Tiens, mon ami_,{[28]} stelle dir -vor,« fuhr er fort, indem er die Treppe hinabstieg, »ich habe dich -diesen ganzen Monat für einen gutmütigen Jungen gehalten. Du möchtest so -gern leben, du lechzt so nach Leben, daß dir, wie es scheint, selbst -wenn man dir drei Menschenleben gäbe, sogar diese drei nicht genügen -würden, auch die wären für dich noch zu wenig: das steht auf deinem -Gesicht geschrieben; nun, und solche Leute sind meistens gutmütig. Und -da sieh nun, wie ich mich getäuscht habe!« - - - IV. - -Ich kann gar nicht sagen, wie mein Herz sich zusammenkrampfte, als ich -allein zurückblieb: es war mir, als hätte ich mir von meinem eigenen -lebendigen Leibe plötzlich und unvermutet ein Stück Fleisch -abgeschnitten! Was mich auf einmal so erbittert, und weshalb ich ihn so -beleidigt hatte -- so gewaltsam und absichtlich -- das könnte ich auch -jetzt nicht sagen, und damals hätte ich es natürlich auch nicht gekonnt. -Und wie er erbleicht war! Wie aber, wenn dieses Erbleichen vielleicht -nur der Ausdruck des aufrichtigsten und reinsten Gefühls und des -tiefsten Schmerzes war und nicht des Zornes und des Beleidigtseins? Es -hatte mir immer geschienen, daß da Minuten gewesen waren, in denen er -mich sehr liebhatte. Warum, warum soll ich jetzt nicht daran glauben, um -so mehr, als jetzt doch schon so vieles seine Erklärung gefunden hat? - -Aber wütend geworden war ich und hinausgewiesen hatte ich ihn vielleicht -wirklich nur infolge des plötzlichen Verdachtes, er könnte zu mir -gekommen sein, um von mir zu erfahren, ob sich nicht noch andere Briefe -unter den Papieren Andronikoffs bei Marja Iwanowna gefunden hatten. Daß -er diese Briefe oder wenigstens einen dieser Briefe suchen mußte und -tatsächlich suchte, das wußte ich. Aber wer kann es wissen, vielleicht -täuschte ich mich gerade damals ungeheuer? Und wer weiß, ob ich ihn -nicht selbst durch eben diesen Irrtum auf den Gedanken brachte, daß -Marja Iwanowna möglicherweise das Gesuchte besäße? - -Und schließlich noch eine Sonderbarkeit: wieder hatte er einen meiner -Gedanken ausgesprochen (von den drei Leben), denselben, den ich bei -Krafft geäußert hatte, und wiederum buchstäblich mit meinen Worten. Die -Übereinstimmung der Worte war natürlich ein Zufall, aber immerhin, wie -gut mußte er doch das Wesen meiner Natur kennen: welch ein Scharfblick, -welch ein Ahnungsvermögen! Aber, wenn er das eine so gut verstand, warum -verstand er dann das andere so gar nicht? Und sollte er sich denn -wirklich nicht verstellt haben, und wirklich nicht fähig gewesen sein, -zu erraten, daß ich nicht den Werssiloffschen Adel brauchte, daß es -nicht meine Geburt war, die ich ihm nicht verzeihen konnte, sondern daß -ich nur ihn brauchte, mich nur nach ihm mein ganzes Leben lang gesehnt -habe, daß ich den ganzen Werssiloff, den ganzen Menschen, den Vater -brauchte, und daß dieser Gedanke schon in mein Blut übergegangen war? -Sollte ein so feiner Mensch wirklich so stumpf und roh sein können? Und -wenn nicht, -- ja, warum ärgerte er mich dann so, warum verstellte er -sich? - - - Achtes Kapitel. - - - I. - -Am nächsten Morgen bemühte ich mich, möglichst früh aufzustehen. -Gewöhnlich stand man bei uns um acht Uhr auf, das heißt ich, meine -Mutter und meine Schwester; Werssiloff pflegte sich und blieb bis halb -zehn im Bett. Pünktlich um halb neun brachte mir meine Mutter immer den -Kaffee, diesmal aber beschloß ich, das Haus schon vorher, schon um acht -Uhr zu verlassen. Ich hatte mir bereits am Abend einen ganzen Plan für -diesen Tag zurechtgelegt. Dabei hatte ich aber schon gefühlt, daß, trotz -meiner ganzen leidenschaftlichen Entschlossenheit, unverzüglich mit der -Verwirklichung meiner Idee zu beginnen, gerade in den wichtigsten -Punkten dieses Planes noch unendlich viel Unsicheres und Unbestimmtes -war. Deshalb hatte ich denn auch fast die ganze Nacht wie im Halbschlaf -verbracht, hatte unzählige Träume gehabt, und war überhaupt nicht so, -wie es sich gehört, eingeschlafen. Dennoch stand ich am nächsten Morgen -munterer und frischer auf als je. Gerade jetzt wollte ich eine Begegnung -mit meiner Mutter unbedingt vermeiden. Ich konnte mit ihr nach allem -Vorgefallenen doch über nichts anderes sprechen als über das bewußte -Thema, und ich fürchtete, irgendein neuer, unerwarteter Eindruck würde -mich vielleicht von meinem Vorsatz ablenken können. - -Der Morgen war kalt, und über allem lag ein feuchter, milchiger Nebel. -Ich weiß nicht weshalb, aber der frühe, geschäftige Petersburger Morgen -gefällt mir immer, trotz seines garstigen Aussehens, und dieses ganze, -an sein Tagewerk eilende, auf sein Ich bedachte und stets -gedankenversunkene Menschenvolk hat für mich morgens um acht Uhr etwas -besonders Anziehendes. Namentlich liebe ich es, unterwegs, eilend, -entweder selbst jemand nach irgend etwas zu fragen oder von anderen -gefragt zu werden: die Frage wie die Antwort sind immer kurz, klar, -vernünftig, und werden gewechselt, fast ohne daß man stehenbleibt, und -immer nahezu freundschaftlich. Die Bereitwilligkeit, zu antworten, ist -in den Morgenstunden größer als zu jeder anderen Tageszeit. Mitten am -Tage ist der Petersburger weniger mitteilsam; und gegen Abend wird er es -noch weniger; sobald ihm dann etwas nicht recht ist, kann er einen sogar -anfahren oder verhöhnen; früh am Morgen aber, noch vor der Arbeit, in -den nüchternsten und ernstesten Tagesstunden ist er ganz anders. Das -habe ich beobachtet. - -Ich ging wieder über die Newa nach der »Petersburger Seite«. Da ich -jedoch gegen zwölf Uhr unbedingt bei Wassin sein mußte, der in der Stadt -an der Fontanka wohnte (um diese Zeit war er am ehesten zu Hause -anzutreffen), so beeilte ich mich sehr und hielt mich nirgends auf, -obgleich ich ein großes Verlangen hatte, irgendwo einen Morgenkaffee zu -trinken. Zudem mußte ich auch Jefim Swerjoff unbedingt noch zu Hause -antreffen; ich begab mich wieder zu ihm und wäre in der Tat beinahe zu -spät gekommen; er war mit seinem Kaffee fast schon fertig und hatte -einen Gang vor. - -»Was bringt dich schon wieder zu mir?« begrüßte er mich, ohne sich zu -erheben. - -»Das werde ich dir gleich erklären.« - -Jeder frühe Morgen, der Petersburger einbegriffen, übt auf die Natur des -Menschen eine ernüchternde Wirkung aus. Mancher feurige nächtliche -Gedankentraum ist im Licht und in der Kälte des Morgens plötzlich -erloschen und wie Rauch verschwunden. Ich selbst habe schon an manchem -Morgen meiner noch in der letzten Dunkelheit geträumten Phantasien, und -mitunter sogar auch begangenen Taten, mit Selbstvorwürfen und Scham -gedacht. Übrigens will ich hier noch erwähnen, da ich nun einmal darauf -zu sprechen gekommen bin, daß ich den Petersburger Morgen, den -anscheinend prosaischsten auf dem ganzen Erdball, nahezu für den -phantastischsten der Welt halte. Das ist meine persönliche Auffassung -oder richtiger, mein persönlicher Eindruck, aber ich stehe für ihn ein. -An einem solchen modrigen, feuchten und nebligen Petersburger Morgen muß -sich, wie mir scheint, der wilde Gedanke eines Puschkinschen Hermann aus -der »Pique-Dame« (eine kolossale Figur, ein ungewöhnlicher, vollkommen -Petersburger Typus -- ein Typus aus der Petersburger Periode unserer -Geschichte!) -- noch mehr festigen und erstarken.[12] In diesem Nebel -ist mir hundertmal die sonderbare, zudringliche, durch nichts zu -verscheuchende Vorstellung gekommen: »Wie, wenn dieser Nebel verfliegt -und in die Höhe steigt, -- wird dann nicht mit ihm zusammen auch diese -ganze modrige, sumpfige Stadt emporsteigen und wie Rauch verfliegen? -- -und was zurückbleibt ist dann nur der frühere finnische Sumpf, und -mitten in ihm, meinetwegen als Schmuck, der Eherne Reiter[13] auf dem -heißschnaubenden überjagten Pferde.« Aber ich sehe, ich kann meine -Eindrücke nicht so wiedergeben, wie ich möchte. Schließlich ist das -alles doch nur Phantasie oder gar Poesie und folglich Unsinn; -nichtsdestoweniger habe ich oft vor der vollständig sinnlosen Frage -gestanden, und immer wieder steht sie noch vor mir auf: »Da hasten und -eilen sie nun alle und mühen sich ab, aber wer weiß, vielleicht ist das -alles nur ein Traum von irgend jemand, und es gibt hier nicht einen -einzigen leibhaftigen, wirklichen Menschen, nicht eine einzige wirkliche -Handlung? Irgend jemand, dessen Traum dies alles ist, wird plötzlich -aufwachen -- und alles wird dann jäh verschwunden sein.« Doch ich habe -mich fortreißen lassen. - -Eines schicke ich voraus: Es gibt in jedem Menschenleben Einfälle, die -scheinbar so exzentrisch sind, daß man sie auf den ersten Blick -unbedingt für Wahnsinn halten kann. Mit einem solchen Einfall kam ich an -diesem Morgen zu Jefim -- zu Jefim, weil ich in Petersburg keinen -Menschen kannte, an den ich mich mit diesem besonderen Anliegen hätte -wenden können. Dabei war gerade Jefim ein Mensch, zu dem ich, wenn ich -die Wahl gehabt hätte, wohl zuletzt mit einem solchen Anliegen gegangen -wäre. Als ich mich ihm gegenüber hingesetzt hatte, schien es mir selbst, -daß ich, ein verkörperter Fiebertraum, der verkörperten goldenen -Mittelmäßigkeit und Prosa gegenübersäße. Aber auf meiner Seite war die -Idee und das richtige Gefühl, auf seiner -- nur der praktische Schluß, -daß man es so nicht machen könne. Mit einem Wort, ich erklärte ihm kurz -und bündig, daß ich in Petersburg außer ihm keinen einzigen Bekannten -hätte, den ich in einer außergewöhnlichen Ehrenangelegenheit als meinen -Sekundanten eine Forderung überbringen lassen könnte; er aber wäre mein -ehemaliger Schulkamerad und hätte deshalb nicht das Recht, meinen -Auftrag abzulehnen: fordern wollte ich den Gardeleutnant Fürsten Ssergei -Ssokolski, weil er vor mehr als einem Jahr in Ems meinem Vater, -Werssiloff, einen Schlag ins Gesicht versetzt hatte. Ich muß bemerken, -daß Jefim meine Familienverhältnisse ganz genau kannte, ebenso mein -Verhältnis zu Werssiloff und beinahe alles, was ich selbst von -Werssiloff wußte, und was ich ihm zu verschiedenen Zeiten selbst erzählt -hatte, natürlich mit Ausnahme der Geheimnisse. Er saß und hörte zu, wie -gewöhnlich verdrossen, wie ein Spatz im Vogelbauer, ernst, schweigend, -aufgeblasen, mit seinem borstigen weißblonden Haar. Doch schon nach -meinen ersten Worten erschien ein unbewegliches spöttisches Lächeln auf -seinen Lippen. Dieses Lächeln war um so unangenehmer, als es ein ganz -unbeabsichtigtes und unwillkürliches war; man sah es ihm an, daß er sich -wirklich und wahrhaftig in diesem Augenblick sowohl an Verstand als an -Charakter mir weit überlegen fühlte. Auch hatte ich noch den Verdacht, -daß er mich wegen der Szene bei Dergatschoff verachtete; das konnte -nicht anders sein: Jefim ist die Menge, Jefim ist die Gasse, und die -beugt sich immer nur vor dem Erfolge. - -»Und Werssiloff weiß nichts davon?« fragte er. - -»Selbstverständlich nicht.« - -»Aber was hast du denn für ein Recht, dich in seine Angelegenheiten -einzumischen? Das erstens. Und zweitens, was gedenkst du damit zu -bezwecken?« - -Ich kannte die Einwände und erklärte ihm sogleich, daß mein Vorhaben gar -nicht so dumm wäre, wie er annehme. »Erstens würde diesem unverschämten -Fürsten bewiesen werden, daß es auch in unserem Stande noch Menschen -gibt, die einen Begriff von Ehre haben, und zweitens wird Werssiloff -beschämt und erhält eine Lehre. Und drittens, und dies ist die -Hauptsache: selbst wenn Werssiloff damit recht gehabt haben sollte -- -vielleicht aus irgendwelchen Überzeugungen --, daß er ihn nicht forderte -und die Beleidigung ertrug, so wird er wenigstens sehen, daß es einen -Menschen gibt, der die ihm, Werssiloff, zugefügte Beleidigung so stark -zu empfinden vermag, wie eine ihm selbst zugefügte, und der bereit ist, -für ihn, Werssiloff, sogar das Leben einzusetzen ... obgleich er sich -von ihm auf ewig getrennt hat.« - -»Wart', schrei nicht so, Tante liebt das nicht. Aber sag', mit diesem -selben Fürsten Ssokolski führt doch Werssiloff augenblicklich einen -Prozeß wegen einer Erbschaft? In dem Fall wäre das nun ein ganz neues -und originelles Verfahren, einen Prozeß zu gewinnen -- indem man den -Gegner einfach fordert und im Duell über den Haufen schießt.« - -Hierauf erklärte ich ihm _en toutes lettres_,{[29]} daß er einfach ein -Dummkopf und ein eingebildeter Patron sei, und sein spöttisches Lächeln -nur seine Selbstzufriedenheit und Gewöhnlichkeit beweise. Er glaube -wohl, die Verwickelung der Sache durch den Erbschaftsstreit wäre mir -nicht von Anfang an klar gewesen, und dieser Gedanke hätte nur seinen -gedankenreichen Schädel eines Besuchs für würdig gehalten. Darauf setzte -ich ihm auseinander, daß der Prozeß schon von Werssiloff gewonnen sei; -ferner, gar nicht von diesem _einen_ Fürsten Ssokolski, sondern von -_den_ Fürsten Ssokolski angestrengt worden war, so daß, falls der eine -im Duell fiele, deshalb noch nicht alle Gegner Werssiloffs beseitigt -wären. Ungeachtet dessen würde man mit der Forderung so lange warten -müssen, bis die Berufungsfrist verstrichen wäre (obschon die Fürsten -gewiß nicht Berufung einlegen würden), eben um des Anstands willen. Nach -Ablauf der Frist aber sollte dann das Duell stattfinden, und jetzt wäre -ich nur deshalb zu ihm gekommen, um mich zu versichern, ob ich auf ihn -als Sekundanten rechnen könne, und falls nicht, dann hätte ich bis dahin -wenigstens noch Zeit, mich nach einem anderen umzusehen. So, und deshalb -wäre ich jetzt zu ihm gekommen. - -»Nun, so komm dann, wenn du mich brauchst, was läufst du denn umsonst -die zehn Werst ab.« - -Er erhob sich und nahm seine Mütze. - -»Und dann wirst du es tun?« - -»Nein, selbstverständlich nicht.« - -»Warum nicht?« - -»Ja, schon allein deshalb nicht, weil du dann bis zum Ablauf der -Berufungsfrist jeden Tag zu mir laufen wirst, wenn ich jetzt einwillige. -Außerdem ist das Ganze doch barer Unsinn und nichts weiter. Wozu soll -ich mir deinetwegen meine Karriere verpfuschen? Und wenn mich der Fürst -auf einmal fragt: >Wer schickt Sie zu mir?< -- >Dolgoruki.< -- >Aber was -hat Dolgoruki mit Werssiloff zu schaffen?< -- Soll ich ihm dann deinen -ganzen Stammbaum erklären, was? Er wird mir doch ins Gesicht lachen!« - -»Dann schlag' ihm in die Fratze!« - -»Leicht gesagt!« - -»Du wagst es nicht? Du bist doch so groß und warst der Stärkste auf dem -Gymnasium.« - -»Natürlich wage ich es nicht. Und der Fürst wird allein schon aus dem -Grunde die Forderung nicht annehmen, weil man sich nur mit -seinesgleichen schlägt.« - -»Bitte, ich bin gleichfalls ein Gentleman, meiner Bildung nach, und ich -habe Rechte, folglich bin ich seinesgleichen ... Im Gegenteil, eher -könnte ich von ihm sagen, daß er unter mir steht.« - -»Nein, du bist ein Kleiner.« - -»Wieso ein Kleiner?« - -»So, eben weil du klein bist; wir sind beide noch Kleine, er aber ist -ein Großer.« - -»Dummkopf! Nach dem Gesetz kann ich schon seit einem Jahr heiraten.« - -»Na, dann heirate! Trotzdem bist du jetzt noch ein Bengel: du wächst ja -noch!« - -Ich begriff natürlich, daß er sich über mich lustig machen wollte. Diese -ganze dumme Geschichte hätte ich ohne Zweifel gar nicht erst zu erzählen -brauchen, und es wäre sogar besser, wenn sie unerzählt geblieben wäre; -hinzu kommt, daß sie in ihrer Kleinlichkeit und Überflüssigkeit -widerlich ist, was jedoch nicht hinderte, daß sie ziemlich ernste Folgen -hatte. - -Um mich aber noch mehr zu bestrafen, werde ich sie ganz erzählen. Als -ich begriffen hatte, daß Jefim sich über mich lustig machte, stieß ich -ihn mit der rechten Hand an die Schulter oder richtiger, mit der rechten -Faust. Da erfaßte er mich an beiden Schultern, drehte mich um, mit dem -Gesicht zur Tür, und -- bewies mir durch die Tat, daß er auf dem -Gymnasium wirklich der Stärkste von uns allen gewesen war. - - - II. - -Der Leser wird natürlich denken, daß ich Jefim in der schrecklichsten -Stimmung verlassen habe, aber er irrt sich. Ich begriff nur zu gut, daß -sich hier bloß ein Schuljungenstreich abgespielt hatte, der Ernst der -Sache aber deshalb doch unangetastet blieb. Meinen Kaffee trank ich erst -auf dem Wassili Ostrow, nachdem ich auf der Petersburger Seite -absichtlich an dem Wirtshaus mit der Nachtigall vorübergegangen war: -dieses Wirtshaus und die Nachtigall waren mir jetzt doppelt verhaßt. -Sonderbar: ich kann sogar Orte und Sachen hassen, als ob es Menschen -wären. Aber ich habe in Petersburg auch einige glückliche Orte, ich -meine solche, wo ich einmal aus irgendeinem Grunde glücklich gewesen -bin; diese Orte meide ich vorläufig: ich will sie erst später, wenn ich -schon ganz einsam sein werde, wieder aufsuchen, um dann dort trauern und -mich den Erinnerungen hingeben zu können. Während ich meinen Kaffee -trank, ließ ich Jefim und seinem gesunden Menschenverstand volle -Gerechtigkeit widerfahren. Ja, er war praktischer als ich, aber doch -wohl nicht realer. Ein Realismus, der mit der Spitze der eigenen Nase -endet, ist gefährlicher als die unvernünftigste Phantasterei, weil er -blind ist. Aber wenn ich Jefim auch Gerechtigkeit widerfahren ließ (er -wird wahrscheinlich in derselben Zeit gedacht haben, ich ginge auf der -Straße und schimpfte über ihn), so gab ich doch deshalb noch keinen Deut -von meinen Überzeugungen auf, wie ich auch bis auf den heutigen Tag noch -nichts aufgebe. Ich habe genug solcher Leute gesehen, die nach dem -ersten Guß kalten Wassers nicht nur ihr Vorhaben aufgeben, sondern sogar -ihre Idee, und womöglich noch selbst über das lachen, was sie vor einer -Stunde für heilig gehalten haben; oh, mit welch einer Leichtigkeit sie -das machen! Mochte Jefim sogar auch im wesentlichen der Sache recht -gehabt haben, und mochte ich auch dümmer als dumm gewesen sein und -erklügelt gehandelt haben, so lag doch der ganzen Sache in ihrer -tiefsten Tiefe ein Punkt zugrunde, auf dem fußend auch ich im Recht war: -inwiefern ich aber im Recht war, werden solche Leute nie verstehen -können. - -Um zwölf Uhr langte ich bei Wassin an, der in der Nähe der -Ssemjonoffbrücke an der Fontanka wohnte, traf ihn aber nicht zu Haus. -Seine Beschäftigung hatte Wassin auf dem Wassili Ostrow, nach Hause aber -kam er immer zu genau festgesetzten Stunden, mittags fast regelmäßig um -zwölf. Und da es außerdem noch irgendein Feiertag war, hatte ich mit -Bestimmtheit darauf gerechnet, ihn zu Hause zu treffen; so aber blieb -mir nun nichts anderes übrig, als auf ihn zu warten, wozu ich mich denn -auch entschloß, obgleich ich zum erstenmal in seiner Wohnung war. - -Während ich wartete, dachte ich mir ungefähr folgendes: Die Sache mit -dem Brief, der die Erbschaft betrifft, ist eine Gewissenssache, und wenn -ich nun Wassin zum Richter wähle, beweise ich ihm damit, wie sehr ich -ihn verehre und schätze, was ihm natürlich nur angenehm sein kann. -Selbstverständlich machte mir dieser Brief ernstlich Sorge, und ich war -wirklich überzeugt, daß die Entscheidung eines unbeteiligten Dritten -erforderlich wäre; aber trotzdem glaube ich, daß ich mich auch ohne -fremde Hilfe aus der Schwierigkeit hätte herausziehen können. Und was -die Hauptsache ist, ich wußte das schon damals, als ich dort saß und -wartete; ich brauchte ja nur den Brief an Werssiloff abzugeben, und dann -konnte er tun, was er selbst für richtig hielt. Sich selbst aber die -Rolle eines höheren Richters in einer solchen Angelegenheit anzumaßen, -war sogar nichts weniger als richtig. Wenn ich mich dagegen auf die -Weise ausschaltete, daß ich den Brief Werssiloff in die Hand gab, und -zwar schweigend, so stellte ich mich eben dadurch auf einen Standpunkt, -auf dem ich Werssiloff unbedingt überlegen war; denn indem ich dadurch -gleichzeitig auf alle Vorteile dieser Erbschaft verzichtete (mittelbar -wäre natürlich auch mir, als dem Sohne Werssiloffs, von diesem Gelde -manches zugute gekommen, wenn auch nicht gleich, so doch später) -- -erhielt ich das Recht, über Werssiloffs künftige Handlungsweise von -einem höheren sittlichen Standpunkt aus zu urteilen. Und wenn Werssiloff -den Brief vernichtete, konnte man mir doch noch nicht den Vorwurf -machen, daß ich die Fürsten ruiniert hätte, da das Dokument rechtlich -nicht von entscheidender Bedeutung war. Das alles bedachte ich und -machte ich mir klar, während ich in Wassins Zimmer wartete; und da kam -mir plötzlich der Verdacht, ich könnte zu Wassin gekommen sein, nicht -weil mich so sehr nach seinem Rat verlangt hatte, sondern einzig zu dem -Zweck, damit er bei der Gelegenheit sähe, was für ein edler und -uneigennütziger Mensch ich sei, und somit, um mich für meine gestrige -Selbsterniedrigung gerade dadurch an ihm zu rächen. - -Über diese Erkenntnis ärgerte ich mich sehr; nichtsdestoweniger blieb -ich sitzen und ging nicht fort, obgleich ich genau wußte, daß mein Ärger -mit jeden fünf Minuten nur größer werden würde. - -Zunächst begann mir Wassins Zimmer schrecklich zu mißfallen. »Zeige mir -dein Zimmer, und ich sage dir, was für einen Charakter du hast,« -- -wirklich, man könnte das Sprichwort auch so auslegen. Wassin bewohnte -ein möbliertes Zimmer bei augenscheinlich armen Leuten, die außer ihm -noch andere Mieter hatten, und wohl nur vom Zimmervermieten lebten. Ich -kenne diese schmalen, kaum möblierten Zimmerchen, die den anmaßenden -Wunsch haben, komfortabel auszusehen; da steht unfehlbar ein -gepolsterter Diwan vom Trödelmarkt, den von der Stelle zu rücken, stets -etwas gefährlich ist, ein Waschtisch und ein eisernes Bett hinter einem -Schirm. Wassin war offenbar der beste und zuverlässigste Mieter; so -einen »besten« hat unbedingt jede Vermieterin, und für diesen tut sie -auch ihrerseits ihr Bestes: sein Zimmer wird bedeutend sorgfältiger -aufgeräumt und gesäubert, über dem Diwan wird irgendeine Lithographie an -die Wand gehängt, und unter den Tisch ein schwindsüchtiger kleiner -Teppich gebreitet. Menschen, die diesen muffigen Komfort und vor allem -diese dienstbeflissene Ergebenheit der Wirtin mögen, sind selbst -verdächtig. Ich war überzeugt, daß der Ruf, der beste Mieter zu sein, -Wassin schmeichelte. Ich weiß nicht, aus welchem Grunde mich der Anblick -dieser beiden mit Büchern beladenen Tische schließlich immer mehr zu -ärgern begann. Die Bücher, die Papiere, das Tintenfaß -- alles befand -sich in der widerwärtigsten Ordnung, deren Ideal mit der Weltanschauung -der deutschen Wirtin und ihres Stubenmädchens wohl übereinstimmen mußte. -Bücher waren genug da und nicht nur Broschüren und Zeitschriften, -sondern richtige Bücher, -- und offenbar las er sie sogar und setzte -sich dazu sicherlich mit einer sehr wichtigen und gewissenhaften Miene -an den Tisch. Ich weiß nicht, mir ist es lieber, wenn die Bücher -unordentlich umherliegen, wenigstens wird dann die geistige Arbeit nicht -zu einer Art Ritus. Dieser Wassin war sicherlich äußerst höflich gegen -seinen Besuch, aber wahrscheinlich sagte dabei jede seiner Bewegungen: -»Nun gut, ich sitze mit dir jetzt ein bis anderthalb Stündchen, dann -aber, wenn du gegangen bist, dann werde ich mich wieder an die Arbeit -machen.« Sicherlich konnte man mit ihm eine sehr interessante -Unterhaltung führen und viel Neues von ihm hören, aber -- »nun ja, ich -unterhalte mich jetzt mit dir und interessiere dich sehr, aber wenn du -gegangen bist, dann mache ich mich an das für mich Interessantere ...« -Und dennoch ging ich nicht fort, sondern blieb sitzen. Davon jedoch, daß -ich seines Rates überhaupt nicht mehr bedurfte, hatte ich mich schon -endgültig überzeugt. - -Ich saß vielleicht schon eine Stunde oder sogar noch länger, und saß auf -einem der beiden Rohrstühle, die am Fenster standen. Es ärgerte mich -auch, daß ich durch das Warten soviel Zeit verlor, und dabei mußte ich -noch vor dem Abend ein Zimmer mieten. Ich wollte schon ein Buch nehmen, -um mich nicht zu langweilen, unterließ es aber: der bloße Gedanke, mich -zu zerstreuen oder abzulenken, machte alles doppelt widerlich. Über eine -Stunde hatte die auffallende Stille im Hause gedauert, da vernahm ich -auf einmal ein leises Flüstern irgendwo in der Nähe, dort hinter der -Tür, die durch den Diwan verstellt war. Unwillkürlich horchte ich auf -und hörte, wie das Geflüster immer eifriger und vernehmbarer wurde. Es -sprachen zwei Stimmen, Frauenstimmen, aber die Worte waren nicht zu -unterscheiden; und doch begann ich aus Langeweile zuzuhören. Jedenfalls -sprachen sie mit Eifer und Leidenschaft, und es handelte sich offenbar -nicht um Schnittmuster: sie schienen sich zu beraten oder zu streiten, -oder die eine Stimme bat und beschwor, und die andere hörte nicht darauf -und widersprach. Die Sprechenden waren wohl zwei von den anderen -Zimmermietern. Bald wurde es mir langweilig, und mein Ohr gewöhnte sich -daran, so daß ich das Geflüster zwar noch vernahm, aber fast gar nicht -mehr daran dachte; -- bis mich plötzlich etwas aufschreckte: es war, als -wäre jemand vom Stuhl herabgesprungen, auf beide Füße zugleich -- oder -vielleicht vom Stuhl aufgesprungen -- mit den Füßen gestampft hätte, -- -dann ein Stöhnen und plötzlich ein Schrei, sogar nicht nur ein Schrei, -sondern ein tierisches, wutbebendes Aufschreien oder Aufkreischen, dem -es ganz gleichgültig war, ob Fremde es hörten oder nicht. Ich stürzte -zur Tür und machte sie auf. Im selben Augenblick ging noch eine andere -Tür auf, am Ende des Korridors -- die Tür der Wirtin, wie ich später -erfuhr -- und zwei neugierige Köpfe schauten heraus. Der Schrei war -übrigens sofort verstummt, doch plötzlich wurde die Tür neben mir -aufgestoßen, die Tür der Nachbarinnen, und ein, wie mir schien, junges -Frauenzimmer riß sich los und lief schnell die Treppe hinunter. Eine -andere, eine ältere Frau, wollte sie zurückhalten, vermochte es aber -nicht und rief nur angstvoll hinter ihr her: - -»Olä, Olä, wohin? Ach Gott!« - -Da gewahrte sie aber unsere offenen Türen und zog schnell ihre Tür -wieder zu, und nur durch einen kleinen Spalt horchte sie noch hinaus, -bis Oläs schnelle Schritte auf der Treppe nicht mehr zu hören waren. Ich -kehrte zu meinem Fenster zurück. Alles wurde still. Für mich war es ein -bedeutungsloser, vielleicht sogar komischer Zwischenfall, und ich dachte -bald nicht mehr an ihn. - -Ungefähr eine Viertelstunde später erscholl auf dem Korridor, -unmittelbar vor Wassins Tür, eine laute und muntere Männerstimme. Jemand -drückte auf die Klinke und öffnete die Tür so weit, daß ich auf dem -Korridor einen hochgewachsenen Herrn erkennen konnte, der -augenscheinlich auch mich bereits erblickt hatte und mich sogar schon -betrachtete, jedoch noch nicht eintrat und fortfuhr, die Klinke in der -Hand, sich über den ganzen Korridor hin mit der Wirtin zu unterhalten. -Die Wirtin antwortete ihm mit dünnem, lustigem Stimmchen, und schon aus -diesem freundlichen Ton konnte man erraten, daß der Herr ihr längst -bekannt war und von ihr geachtet und geschätzt wurde, sowohl als solider -Gast wie als lustiger Herr. Der lustige Herr sprach fast schreiend und -machte seine Witzchen ganz laut, die sich übrigens nur darauf bezogen, -daß er Wassin wieder nicht zu Hause traf, ihn auch sonst niemals finden -konnte, das sei ihm wohl schon als besonderes Pech in die Wiege gelegt, -und nun wolle er wieder einmal warten -- und das alles schien die Wirtin -für ungeheuer witzig und geistreich zu halten. Endlich trat der Herr ins -Zimmer, wobei er die Tür schwungvoll so weit aufriß, wie sein Arm es -zuließ. Es war ein gut gekleideter Herr, der augenscheinlich bei einem -besseren Schneider arbeiten ließ und wie man sagt, »herrschaftlich« -angezogen war, indessen hatte er aber nichts weniger als etwas -»Herrschaftliches« an sich, und das sogar trotz des anscheinend großen -Wunsches, es zu haben. Er war nicht gerade das, was man harmlos -»ungezwungen« nennt, sondern war gewissermaßen von einer natürlichen -Frechheit, also immerhin weniger verletzend frech, als es einer ist, der -sich vor dem Spiegel darin geübt hat. Seine dunkelblonden, nur ein wenig -ergrauten Haare, seine dunklen Augenbrauen, sein großer Bart und seine -großen Augen verliehen ihm nicht nur nichts Charakteristisches, sondern -gaben ihm gleichsam ein noch mehr allgemeines Aussehen, etwas allen -anderen Ähnelndes. Solch ein Mensch kann lachen und ist gern bereit zu -lachen, aber aus irgendeinem Grunde wird man nie lustig in seiner -Gesellschaft. Sein Gesichtsausdruck wechselt beständig, geht -blitzschnell vom lachenden in einen wichtigen über und vom wichtigen in -einen lustig scherzhaften oder verschlagen zuzwinkernden, aber alle -diese Veränderungen sind immer irgendwie grundlos und sprunghaft ... -Übrigens, es hat keinen Sinn, ihn im voraus zu charakterisieren. Ich -habe ihn später viel besser und näher kennen gelernt, und deshalb -zeichne ich seinen Charakter jetzt unwillkürlich viel genauer, als ich -ihn damals nach seinem Eintritt ins Zimmer beurteilen konnte. Aber -selbst jetzt würde es mir schwer fallen, etwas Bestimmtes über ihn -auszusagen; denn bei diesen Menschen ist das Hauptmerkmal eben diese -ihre Unabgeschlossenheit, Sprunghaftigkeit und Unbestimmtheit. - -Er hatte sich noch nicht hingesetzt, als mir plötzlich der Gedanke kam, -das könnte Wassins Stiefvater sein, ein gewisser Herr Stebelkoff, von -dem ich irgend etwas gehört hatte, aber nur so flüchtig, daß ich mich -nicht mehr erinnern konnte, was es eigentlich gewesen war: nur dessen -entsann ich mich noch, daß man jedenfalls nichts Gutes gesagt hatte, -sogar im Gegenteil. Wassin war, das wußte ich, früh verwaist und hatte -lange unter seiner Vormundschaft gestanden, sich jedoch schon längst von -seinem Einfluß befreit, und sowohl ihre Ziele wie ihre Interessen waren -jetzt ganz verschieden, und überhaupt lebten sie in jeder Beziehung -getrennt. Ferner hatte ich von dem damals Gehörten noch behalten, daß -dieser Stebelkoff ein gewisses Kapital besaß und so eine Art von -Spekulant war und überhaupt ein unruhiger, leichtsinniger Mensch, -- mit -einem Wort, ich hatte schon manches Nähere über ihn gehört, doch das -Gehörte wieder vergessen. Er maß mich mit einem Blick, übrigens ohne -mich zu grüßen, stellte seinen Zylinderhut auf den Tisch vor dem Diwan, -schob den Tisch mit dem Fuß herrisch zur Seite und setzte sich nicht -etwa, sondern warf sich geradezu auf den Diwan, auf den ich mich nicht -zu setzen gewagt hatte, so daß das Möbel förmlich ächzte und knackte, -spreizte die Beine und begann wohlgefällig die Spitze seines rechten -Lackstiefels zu betrachten, indem er sie hob und senkte. -Selbstverständlich wandte er sich sogleich wieder mir zu und musterte -mich mit seinen großen, etwas unbeweglichen Augen. - -»Treffe ihn nicht!« nickte er mir flüchtig zu. - -Ich schwieg. - -»Keine Pünktlichkeit! Hat seine eigene Auffassung. Von der -Petersburger?« - -»Sie ... wollen sagen, daß Sie von der Petersburger Seite gekommen -sind?« fragte ich ihn. - -»Nein, das frage ich Sie.« - -»Ich ... ja, ich bin von der Petersburger Seite gekommen, aber woher -wissen Sie das?« - -»Woher? Hm! ...« - -Er zwinkerte mir zu, würdigte mich aber keiner Erklärung. - -»Das heißt, ich wohne nicht auf der Petersburger Seite, aber ich war -heute dort und bin dann hergekommen.« - -Er fuhr fort, schweigend zu lächeln, mit einem gewissermaßen bedeutsamen -Lächeln, das mir furchtbar mißfiel. In diesem Zuzwinkern lag etwas -ungeheuer Dummes. - -»Bei Herrn Dergatschoff?« fragte er schließlich. Ich riß die Augen auf. - -»Was ist bei Dergatschoff?« fragte ich. - -Er sah mich triumphierend an. - -»Ich kenne ihn ja gar nicht.« - -»Hm! ...« - -»Wie Sie wollen,« versetzte ich. - -Er wurde mir widerlich. - -»Hm! ... tja. Nein, erlauben Sie: Sie kaufen in einem Laden eine Sache, -in einem zweiten Laden nebenan kauft ein anderer Käufer eine andere -Sache, was für eine glauben Sie wohl? Einfach Geld vom Kaufmann, der -Wucherer genannt wird ... denn Geld ist ebenfalls eine Sache, und der -Wucherer ist ebenfalls ein Kaufmann ... Sie folgen?« - -»Ich ... nun ja, ich folge.« - -»Ein dritter Käufer geht vorüber und sagt, auf einen der beiden Läden -deutend: >Der ist gediegen,< und auf den anderen Laden deutend, sagt er: ->Der ist nicht gediegen.< Was kann ich daraus in bezug auf diesen Käufer -schließen?« - -»Wie soll ich das wissen?« - -»Nein, erlauben Sie. Noch ein Beispiel, -- von guten Beispielen lebt der -Mensch. Ich gehe auf dem Newski und bemerke, daß auf dem anderen -Trottoir ein Herr einhergeht, dessen Charakter ich gern ergründen würde. -Wir gehen, ein jeder auf seiner Straßenseite, bis zur Ecke der Morskaja, -und gerade dort, wo das Englische Magazin ist, bemerken wir einen -dritten Fußgänger, der soeben von einer Droschke überfahren worden ist. -Jetzt merken Sie auf: es geht ein vierter Herr vorüber, der den -Charakter von uns allen dreien ergründen will, einschließlich den des -Überfahrenen, im Sinne seiner praktischen Bedeutung und Gediegenheit ... -Sie folgen?« - -»Verzeihung, nur mit Mühe.« - -»Vortrefflich; so habe ich es mir auch gedacht. Ich ändere jetzt das -Thema. Gesetzt, ich bin in einem deutschen Bad, Mineralquellen, Sie -verstehen, wie ich sie mehrfach schon besucht habe. Namen -- Nebensache. -Ich promeniere, trinke, sehe Engländer. Mit einem Engländer ist, Sie -wissen, schwer Bekanntschaft zu machen; aber da, 's vergehen zwei -Monate, hab' meine Kur beendet, da sind wir alle in den Bergen, steigen -in Gesellschaft mit eisenbeschlagenen Stöcken auf einen Berg hinauf, auf -diesen oder jenen, -- Name Nebensache. An der Biegung, das heißt, an -einer Etappe, und zwar gerade dort, wo die Mönche den Chartreux brauen --- merken Sie sich das -- treffe ich einen Einheimischen, der einsam -steht und schweigend schaut. Ich will über seine Gediegenheit zu einem -Schluß kommen: was meinen Sie, könnte ich mich zu dem Zweck an die -Engländerschar wenden, mit der ich gehe, einzig aus dem Grunde, weil ich -im Kurort sie nicht anzureden verstanden habe?« - -»Wie soll ich das wissen. Entschuldigen Sie, es fällt mir sehr schwer, -Ihnen zu folgen.« - -»Schwer?« - -»Ja, Sie ermüden mich.« - -»Hm.« Er zwinkerte mir zu und machte mit der Hand eine Bewegung, die -wahrscheinlich Triumph und Sieg bedeuten sollte; darauf zog er äußerst -ehrbar und ruhig eine Zeitung, die er offenbar soeben erst gekauft -hatte, aus der Tasche, entfaltete sie und begann auf der letzten Seite -zu lesen, allem Anscheine nach mit der Absicht, mich vollkommen in Ruh -zu lassen. Vielleicht fünf Minuten lang sah er mich nicht an. - -»Die Brestograjewschen sind doch nicht gefallen! Sie sind doch -gestiegen, sie steigen noch! Kenne viele, die gleichzeitig gefallen -sind.« - -Er sah mich mit ganzer Seele an. - -»Ich verstehe vorläufig noch sehr wenig von der Börse,« versetzte ich. - -»Verdammen es?« - -»Was?« - -»Das Geld.« - -»Nein, das nicht, aber ... aber mir scheint, zuerst muß man eine Idee -haben, dann erst kann man sich um Geld kümmern.« - -»Das heißt, erlauben Sie! Nehmen wir einen Menschen, der, sagen wir, ein -gewisses eigenes Kapital hat ...« - -»Zuerst eine höhere Idee, dann das Geld; ohne höhere Idee wird die -Gesellschaft mit ihrem Geld zugrunde gehen.« - -Ich begreife nicht, weshalb ich mich zu ereifern begann. Er sah mich ein -wenig stumpf an, als könne er sich nicht zurechtfinden, aber auf einmal -verbreiterte sich sein ganzes Gesicht zu einem überaus heiteren und -schlauen Lächeln. - -»Aber Werssiloff, was? Der hat's doch gekriegt, hat's gekriegt! Gestern, -das Urteil, was?« - -Da sah ich plötzlich zu meiner größten Überraschung, daß er schon längst -wußte, wer ich war, und vielleicht sogar noch sehr viel mehr wußte. Ich -begreife nur nicht, warum ich plötzlich errötete und ihn dumm ansah, -ohne den Blick von ihm abzuwenden. Er triumphierte ersichtlich und sah -mich heiter an, ganz, als hätte er mich auf eine überschlaue Weise -gefangen und überführt. - -»Nein,« sagte er und zog beide Augenbrauen in die Höhe, »mich müssen Sie -nach Herrn Werssiloff fragen, mich! Was habe ich Ihnen soeben in betreff -der Gediegenheit gesagt? Vor anderthalb Jahren hätte er dank diesem -Kinde ein brillantes Geschäft machen können -- tja, aber er verspielte -die Sache, das war's!« - -»Dank welch einem Kinde?« - -»Dem Säugling, den er jetzt anderweitig aufziehen läßt, nun ist das für -ihn aussichtslos ... denn ...« - -»Was für ein Säugling? Was heißt das?« - -»Sein Kind natürlich, sein eigenes, von Mademoiselle Lydia Achmakoff ... ->Ein schönes Mädchen, hat mich geliebt ...< Die Phosphorstreichhölzer -- -hm?« - -»Welch ein Unsinn! Blödsinn! Er hat niemals ein Kind von der Achmakoff -gehabt!« - -»Oho! Wo war ich denn? Ich bin doch auch Arzt und Geburtshelfer, bitte -sehr. Mein Name ist Stebelkoff -- nicht gehört? Tja, hab' freilich auch -damals schon nicht mehr praktiziert, aber einen praktischen Rat in einer -praktischen Sache geben, das konnte ich sehr wohl.« - -»Sie ... sind Geburtshelfer ... haben bei der Achmakoff ein Kind -empfangen?« - -»Nein, empfangen hab' ich bei ihr nichts. Dort, in der Vorstadt von Ems, -lebte ein Doktor Grantz, mit einer großen Familie belastet, anderthalb -Taler wurden ihm gezahlt. So, -- Taxe dort bei den Ärzten. Und niemand -kannte ihn. Der tat es denn statt meiner ... Ich aber hatte ihn -empfohlen, damit es im Dunkel der Unbekanntheit bliebe. Sie folgen? Ich -habe nur einen praktischen Rat gegeben auf eine Frage Werssiloffs, -wollte sagen Andrei Petrowitschs, tja, auf eine se--ehr diskrete Frage, --- unter vier Augen. Geheimnis! Aber Andrei Petrowitsch wollte zwei -Hasen.« - -Ich hörte ihm mit der größten Verwunderung zu. - -»>Wer zwei Hasen jagt, fängt keinen,< sagt ein volkliches oder richtiger -bäuerliches Sprichwort. Ich aber sage so: Ausnahmen, die sich -unausgesetzt wiederholen, werden zur allgemeinen Regel. Er jagte noch -einem zweiten Hasen nach oder sachlich: einer zweiten Dame -- und das -Ergebnis war gleich Null. Hat man schon mal was in der Hand, so soll man -das festhalten. Wo schnell gehandelt werden muß, dort zögert er. -Werssiloff, -- tja, das ist ein >Weiberprophet<, -- so hat ihn damals -der junge Fürst Ssokolski mal in meiner Gegenwart nett bezeichnet. Nein, -kommen Sie zu mir! Wenn Sie über Werssiloff viel erfahren wollen, dann -müssen Sie zu mir kommen, zu mir!« - -Er weidete sich mit sichtlichem Wohlgefallen an meinem Anblick, wie ich -so dasaß, vor lauter Verwunderung mit offenem Munde. Noch niemals hatte -ich auch nur das geringste von diesem Säugling gehört. Da, in demselben -Augenblick, wurde plötzlich bei den Nachbarinnen die Tür krachend -zugeschlagen, und wir hörten ein paar schnelle Schritte. - -»Werssiloff wohnt im Ssemjonowschen Stadtteil, Moshaiskaja, Nummer -dreizehn, Haus Litwinoff, ich war selbst auf dem Adreßbureau!« rief laut -eine erregte Frauenstimme; jedes Wort konnten wir hören. Stebelkoff zog -aufhorchend die Brauen in die Höhe und hob den Finger hoch. - -»Wir reden von ihm hier, und da ist er auch schon dort! ... Da haben wir -die Ausnahmen, die sich unausgesetzt wiederholen! _Quand on parle d'une -corde_{[30]} ...« Er hopste förmlich auf seinem Platz und rückte näher -zur Tür, worauf er fast begierig zu lauschen begann. Auch ich war maßlos -überrascht. Ich überlegte, daß diese Worte wohl dasselbe junge -Frauenzimmer gerufen hatte, das vorhin so erregt aus dem Nebenzimmer -hinausgelaufen war. Aber was hatte Werssiloff hiermit zu tun? Plötzlich -erscholl wieder dasselbe Gekreisch wie vorhin, der Schrei eines vor Wut -wie ein Tier aufheulenden Menschen, dem man irgend etwas nicht gibt oder -den man von etwas zurückhalten will. Dieser Ausbruch unterschied sich -nur dadurch vom vorigen, daß er länger andauerte. Man hörte einen Kampf, -abgerissene Worte, ein schnelles: »Ich will nicht, ich will nicht, geben -Sie es ihm wieder, Mamachen, geben Sie es ihm sofort zurück, sofort!« -- -oder so ungefähr -- ich erinnere mich nicht mehr genau. Darauf lief -wieder jemand, ganz wie vorher, eilig zur Tür und riß sie auf. Beide -Nachbarinnen stürzten auf den Korridor hinaus, und wieder schien die -eine von ihnen die andere zurückhalten zu wollen. Stebelkoff, der schon -längst vom Diwan aufgesprungen war und mit Wonne gelauscht hatte, schoß -nur so zur Tür und sprang ganz ungeniert auch auf den Korridor hinaus, -gerade auf die Nachbarinnen zu. Natürlich lief ich gleichfalls zur Tür. -Doch sein Erscheinen hatte auf die Frauen wie ein Guß kalten Wassers -gewirkt: sie waren sogleich wieder in ihrem Zimmer verschwunden und -hatten im Nu ihre Tür mit lautem Krach zugeschlagen. Stebelkoff wollte -ihnen nacheilen, blieb aber vor der Tür stehen, erhob den Zeigefinger, -lächelte und erwog; diesmal bemerkte ich in seinem Lächeln etwas -unendlich Gemeines, Dunkles und boshaft Unheilverkündendes. Da erblickte -er die Wirtin, die wieder ihren Kopf heraussteckte, und schlüpfte auf -den Fußspitzen geschwind zu ihr hin; nachdem er dann wohl ganze zwei -Minuten mit ihr getuschelt und von ihr sicherlich Näheres erfahren -hatte, kehrte er würdevoll und entschlossen ins Zimmer zurück, nahm -seinen Zylinderhut vom Tisch, warf einen Blick in den Spiegel, fuhr sich -mit der Hand durchs Haar, damit es höher stehe, und begab sich voll -selbstbewußter Würde, ohne mich auch nur mit einem Blick zu streifen, zu -den Nachbarinnen. Einen Moment horchte er, das Ohr an der Tür, und dabei -zwinkerte er siegesgewiß der Wirtin zu, die ihm mit dem Finger drohte -und den Kopf dazu wiegte, als wollte sie sagen: »Ach, Sie Schlingel, Sie -Schlingel!« Endlich richtete er sich entschlossen auf, machte ein -möglichst teilnehmendes, ernstes Gesicht, ja, er ließ sogar wie vor -lauter Teilnahme den Kopf hängen und klopfte mit dem Fingerknöchel an -die Tür. - -»Wer ist da?« fragte eine Stimme. - -»Gestatten Sie mir, in einer höchst wichtigen Angelegenheit mit Ihnen -Rücksprache zu nehmen?« fragte Stebelkoff laut und würdevoll. - -Man zögerte, aber schließlich öffnete man doch, zunächst nur ein wenig, -nur zu einem Viertel; doch Stebelkoff ergriff schnell die Klinke und -ließ die Tür nicht wieder schließen. Es begann ein Gespräch. Stebelkoff -sprach laut und versuchte sogleich, einzutreten; ich erinnere mich nicht -mehr wörtlich des Gesprächs, aber jedenfalls sprach er von Werssiloff, -sagte, er könne alles erklären, mitteilen -- »nein, mich müssen Sie -fragen«, und »nein, ich bin es, an den Sie sich wenden müssen«, und so -weiter in dieser Art. So kam es denn, daß man ihn sehr bald eintreten -ließ. Ich kehrte zum Diwan zurück und wollte ihr Gespräch verfolgen, -konnte aber wenig verstehen; ich hörte nur, daß Werssiloffs Name oft -genannt wurde. Aus dem Tonfall der Stimme Stebelkoffs erriet ich, daß er -das Gespräch schon beherrschte und nicht mehr einschmeichelnd sprach, -sondern überlegen und großmäulig, in der Art, wie er kurz zuvor mit mir -gesprochen hatte: »Sie folgen?«, »jetzt merken Sie auf« und so weiter. -Dennoch schien er mit den Damen ausnehmend liebenswürdig zu sein. Schon -zweimal hatte er laut aufgelacht, wahrscheinlich ganz zur unrechten -Zeit; denn außer seiner Stimme waren auch die Stimmen der beiden Frauen -zu hören, von denen die seine manchmal sogar übertönt wurde, und die -klangen keineswegs froh, besonders die Stimme der jüngeren, die vorher -geschrien hatte: sie sprach viel, nervös, schnell, -- offenbar beklagte -sie sich oder klagte jemand an; es war, als heische sie Gerechtigkeit -und einen unparteiischen Richter. Aber Stebelkoff ließ nicht nach, er -erhob seine Stimme mehr und mehr und lachte immer häufiger. Menschen von -seiner Art verstehen nicht, anderen zuzuhören. Ich verließ bald wieder -den Platz auf dem Diwan; denn ich schämte mich, so zu lauschen, und ich -setzte mich wieder auf meinen Rohrstuhl am Fenster. Ich war überzeugt, -daß Wassin diesen Herrn überhaupt nicht achtete, mir jedoch, falls ich -dieselbe Ansicht äußern sollte, mit ernster Würde und belehrend -auseinandersetzen würde, daß dieser Mensch einer von den gegenwärtigen -Geschäftsmännern sei, »ein Mann der praktischen Erfahrung«, den man -nicht von unseren »allgemeinen und abstrakten Gesichtspunkten« aus -beurteilen dürfe. In jenem Augenblick fühlte ich mich übrigens, wie ich -mich erinnere, moralisch wie zerschlagen, mein Herz klopfte heftig, und -zweifellos erwartete ich irgend etwas. Es vergingen vielleicht zehn -Minuten, da, plötzlich -- mitten in einer lauten Lachsalve Stebelkoffs --- sprang wieder jemand plötzlich vom Stuhl auf, beide Frauen schrien -und sprachen erregt, auch Stebelkoff schien aufgesprungen zu sein, -- -aber er sprach schon in einem anderen Ton, der so klang, als wolle er -sich rechtfertigen oder sie beschwören, ihn zu Ende sprechen zu lassen -... Doch dazu kam es nicht. Ich hörte den zornigen Schrei: »Hinaus! Sie -sind ein Elender, ein schamloser Lump!« Es war klar, daß ihm die Tür -gewiesen wurde. Ich öffnete unsere Tür gerade in dem Augenblick, als er -von den Nachbarinnen heraussprang, und zwar wie mir schien, buchstäblich -von ihnen hinausgestoßen wurde. Wie er mich erblickte, schrie er -plötzlich los, auf mich weisend: - -»Hier, sehen Sie, hier ist Werssiloffs Sohn! Wenn Sie mir nicht glauben, -so bitte, hier, dies ist sein Sohn, sein leiblicher Sohn! Bitte sehr!« -Und er packte mich an der Schulter. »Dieser hier ist sein Sohn, sein -leiblicher Sohn! Tja!« wiederholte er immer wieder und zerrte mich zu -den Damen, übrigens ohne etwas zur näheren Erklärung hinzuzufügen. - -Die Junge stand im Korridor, die Ältere einen Schritt hinter ihr in der -Tür. Ich weiß nur noch, daß dieses arme Mädchen nicht häßlich war, -vielleicht zwanzig Jahre alt, aber mager und kränklich sah sie aus. Sie -hatte rötliches Haar und im Gesicht eine gewisse Ähnlichkeit mit meiner -Schwester: gerade dieser Umstand fiel mir auf. Nur habe ich Lisa niemals -so außer sich vor Empörung gesehen, und sie hätte natürlich auch nie so -außer sich geraten können wie dieses junge Mädchen, das ich vor mir sah: -ihre Lippen waren weiß, ihre hellgrauen Augen sprühten, und ihr ganzer -Körper bebte vor Zorn. Ich weiß noch, ich fühlte mich in einer äußerst -dummen und erniedrigenden Lage, zumal ich nichts zu sagen wußte, und das -alles dank diesem gemeinen Stebelkoff! - -»Was geht das mich an, wessen Sohn er ist! Wenn er mit Ihnen zusammen -ist, so ist er ein Lump. Wenn Sie Werssiloffs Sohn sind,« wandte sie -sich plötzlich an mich, »so sagen Sie Ihrem Vater, daß er ein -Nichtswürdiger ist, ein ehrloser, schamloser Mensch, daß ich sein Geld -nicht brauche ... Da haben Sie es, da, und da! -- Nehmen Sie es und -bringen Sie es ihm sofort zurück!« Sie hatte blitzschnell ein paar -Banknoten aus der Tasche gezogen und wollte sie mir zuwerfen, aber die -Ältere (das war ihre Mutter, wie sich später herausstellte) ergriff ihre -Hand und hielt sie fest: - -»Olä, aber vielleicht ist das gar nicht wahr, vielleicht ist das gar -nicht sein Sohn!« - -Olä sah sie flüchtig an, besann sich, maß mich dann mit einem -verachtungsvollen Blick und wandte sich zurück ins Zimmer, doch bevor -sie die Tür zuschlug, schrie sie Stebelkoff noch einmal wütend an: - -»Hinaus!« - -Und sie stampfte sogar mit dem Fuß auf. Dann schlug sie die Tür zu und -schloß sie ab. Stebelkoff, der mich immer noch an der Schulter -festhielt, erhob wieder den Zeigefinger, und während ein nachdenkliches -Lächeln seinen Mund langsam in die Breite zog, richtete er seinen -fragenden Blick auf mich und sah mich starr an. - -»Ich finde Ihre Handlungsweise lächerlich und schändlich!« sagte ich -wütend mit gedämpfter Stimme. - -Er hörte nicht darauf, obgleich er keinen Blick von mir wandte. - -»Das müßte man un--ter--suchen!« sagte er nachdenklich. - -»Aber wie durften Sie mich so vorschieben? Wer sind diese? Was ist das -für ein Frauenzimmer? Sie packen mich an der Schulter und schieben mich -vor -- was soll das bedeuten!« - -»I, Teufel! Irgend so eine ihrer Unschuld Beraubte ... >die oft sich -wiederholende Ausnahme< -- Sie folgen?« Und er stemmte seinen Finger -gegen meine Brust. - -»Zum Teufel!« Mit einem Klapps stieß ich seinen Finger fort. - -Doch plötzlich und ganz unerwartet begann er zu lachen, lautlos, lange, -belustigt. Schließlich setzte er seinen Hut auf, und mit schnell -verändertem und schon wieder finsterem Gesicht bemerkte er, die Stirn -runzelnd: - -»Und die Wirtin müßte man instruieren ... man muß sie aus der Wohnung -jagen, -- unbedingt, und so schnell als möglich, sonst werden sie hier -noch ... Sie werden sehen! Behalten Sie meine Worte, Sie werden schon -sehen! I, Teufel!« fluchte er plötzlich wieder erheitert. »Sie werden -doch noch auf Grischa warten?« - -»Nein, ich warte nicht mehr,« sagte ich entschlossen. - -»Na, egal ...« - -Und ohne noch einen Ton hinzuzufügen, wandte er sich um, ging hinaus und -stieg die Treppe hinunter. Der Wirtin, die augenscheinlich auf eine -Erklärung oder Neuigkeit wartete, schenkte er nicht einmal einen Blick. -Ich nahm gleichfalls meinen Hut, bat die Wirtin, Wassin zu melden, daß -ich, Dolgoruki, auf ihn gewartet hätte und lief die Treppe hinunter. - - - III. - -Ich hatte nur Zeit verloren. Als ich auf der Straße war, machte ich mich -sofort auf die Wohnungssuche; aber ich war zerstreut, ging mehrere -Stunden lang durch die Straßen, sah mir wohl fünf oder sechs möblierte -Zimmer an, doch bin ich überzeugt, daß ich an zwanzig anderen -vorübergegangen bin, ohne sie zu bemerken. Ich hätte mir nie gedacht, -daß es so schwer sein könnte, eine Wohnung zu finden, und das -vergrößerte meinen Ärger beträchtlich. Alle Zimmer waren wie das von -Wassin bewohnte, sogar bedeutend schlechter, und die Miete riesig hoch, -das heißt, im Vergleich zu meiner Berechnung. Ich hatte mir eigentlich -nur einen Winkel gedacht, so groß, daß man sich gerade nur einmal -umdrehen konnte in ihm, und als ich das äußerte, gab man mir mit -Verachtung zu verstehen, dann müßte ich »Winkelvermieter« aufsuchen und -nicht zu ihnen kommen. Außerdem waren überall noch viele andere -sonderbare Zimmermieter, neben denen ich mich, allein schon wegen ihres -Äußeren, niemals hätte einleben können -- sogar zugezahlt hätte ich, um -nicht neben ihnen wohnen zu müssen. Da waren so sonderbare Herren ohne -Röcke, nur in Westen und Hemdsärmeln, mit zerzausten Bärten und freien -Manieren, und die sehr neugierig zu sein schienen. In einem unglaublich -kleinen Zimmerchen saßen ihrer ganze zehn beim Kartenspiel mit Bier, und -nebenan sollte ich mieten. An anderen Stellen gab ich selbst auf die -Fragen der Zimmervermieter so unüberlegte Antworten, daß man mich -verwundert ansah, und in einer Wohnung kam es geradezu zu einem Skandal. -Übrigens, wozu alle diese Nichtigkeiten beschreiben; ich wollte ja nur -sagen, daß ich schrecklich müde wurde und schließlich, als es schon zu -dämmern begann, in einer Garküche irgend etwas aß. Ich hatte mich jetzt -endgültig entschlossen, sogleich hinzugehen und den Brief, der sich auf -die Erbschaft bezog, Werssiloff selbst zu übergeben (ohne alle -Erklärungen), ferner aus meinem Giebelzimmer meinen Koffer und meine -Reisetasche zu nehmen und für die Nacht meinetwegen in ein Gasthaus zu -gehen. Ich erinnerte mich, daß es am Ende des Obuchoffprospektes, am -Triumphtor, Herbergen gab, wo man sogar ein ganzes Zimmer für dreißig -Kopeken bekommen konnte; für diese eine Nacht wollte ich noch soviel -opfern, nur um nicht mehr bei Werssiloff zu übernachten. Doch wie ich -nun schon am Technologischen Institut vorüberging, kam es mir auf einmal -in den Sinn, bei Tatjana Pawlowna, die dort gegenüber dem Institut -wohnte, vorzusprechen. Der eigentliche Vorwand, sie aufzusuchen, war für -mich dieser Brief wegen der Erbschaft, aber mein unbezwingbares -Verlangen, mit ihr zusammenzukommen, hatte natürlich andere Gründe, die -ich übrigens auch jetzt noch nicht ganz zu erklären vermag: es saß da so -ein Wirrwarr in meinem Kopf, von einem »Säugling, den er heimlich -aufziehen läßt«, von »Ausnahmen, die zur allgemeinen Regel werden« ... -War es nun, daß ich mit einem Menschen darüber sprechen oder vor ihr -wichtigtun oder mit jemandem handgemein werden oder womöglich weinen -wollte -- ich weiß es nicht, und jedenfalls stieg ich zu Tatjana -Pawlowna hinauf. Ich war schon früher bei ihr gewesen, aber nur ein -einziges Mal, kurz nach meiner Ankunft aus Moskau, und zwar mit einem -Auftrag von meiner Mutter; ich weiß noch, nachdem ich ihn ausgerichtet -hatte, war ich sogleich wieder fortgegangen, sogar ohne mich gesetzt zu -haben, wozu sie mich, nebenbei bemerkt, auch nicht einmal aufgefordert -hatte. - -Ich klingelte; ihre Köchin öffnete mir sogleich und ließ mich schweigend -eintreten. Diese Nebensächlichkeiten muß ich hier erwähnen; denn sonst -würde man vielleicht nicht verstehen, wie es zu diesem verrückten -Zusammentreffen kommen konnte, das einen so ungeheuren Einfluß auf alles -Folgende haben sollte. Zunächst ein paar Worte über diese Köchin. Das -war eine Finnländerin mit einer aufgestülpten Nase, eine böse Person, -die, wie ich vermute, ihre Herrin Tatjana Pawlowna regelrecht haßte, -während diese sich nicht von ihr trennen konnte und mit einer -Leidenschaft an ihr hing, wie sonst alte Jungfern an alten feuchtnasigen -Möpsen oder ewig schlafenden Katzen zu hängen pflegen. Die Finnländerin -war entweder wütend und infolgedessen frech, oder sie schmollte nach -einem Streit und sprach dann wochenlang keine Silbe, um auf diese Weise -ihre Herrin zu bestrafen. Vermutlich hatte sie damals wieder so einen -Schweigetag; denn auf meine Frage, ob das gnädige Fräulein zu Hause sei, -antwortete sie mir keinen Ton und kehrte schweigend in ihre Küche -zurück. Selbstverständlich nahm ich nun ohne weiteres an, Tatjana -Pawlowna wäre zu Hause, und ich begab mich ins Zimmer; es war aber -niemand da, und ich blieb stehen in der Erwartung, sie werde gleich aus -dem Schlafzimmer heraustreten; wie hätte denn sonst die Köchin mich -eintreten lassen können? Ich setzte mich nicht und wartete wohl zwei -oder drei Minuten; es war schon stark dämmerig, und Tatjana Pawlownas -dunkle kleine Wohnung machte durch den überall hängenden Kattun einen -noch beengenderen Eindruck auf mich. Zur Erklärung meiner späteren -Zwangslage muß ich auch über diese schändliche Wohnung noch ein paar -Worte sagen. Tatjana Pawlowna hätte sich mit ihrem eigensinnigen und -herrschsüchtigen Charakter und ihren alten gutsherrschaftlichen -Angewohnheiten niemals als Aftermieterin in einem möblierten Zimmer -einleben können, und deshalb hatte sie diese Parodie auf eine Wohnung -gemietet, nur um allein und von keinem abhängig als ihr eigener Herr zu -leben. Diese zwei Zimmerchen waren buchstäblich wie zwei kleine -Kanarienvogelbauer, eins ans andere gedrückt, eins kleiner als das -andere, dazu im dritten Stock, und die Fenster gingen auf den Hof -hinaus. Wenn man eintrat, kam man zunächst in einen schmalen kleinen -Korridor von ungefähr einem Meter Breite; links davon waren die -erwähnten Kanarienvogelbauer, und geradeaus, am Ende des Korridors, war -die Tür zur winzigen Küche. Die anderthalb Kubikfaden Luft, die ein -Mensch für zwölf Stunden braucht, waren in diesen zwei Zimmerchen -vielleicht noch enthalten, mehr aber wohl kaum. Sie waren schändlich -niedrig, und was das dümmste war, -- alles, Fenster, Türen, Möbel, alles -war mit Kattun behangen und bezogen, allerdings mit sehr schönem -französischem Kattun; und durch die Festons über Fenstern und Türen, die -das Zimmer zum Teil noch dunkler machten, gemahnte es fast an das Innere -eines Reisewagens. In dem ersten Zimmer, wo ich wartete, konnte man sich -noch umdrehen, obgleich es mit Möbeln vollgepackt war, und übrigens mit -gar nicht so schlechten Möbeln: da gab es verschiedene Tischchen mit -eingelegter Arbeit und Bronzebeschlägen, eigentümliche Schatullen und -einen eleganten und sogar kostbaren Toilettentisch. Aber das folgende -Zimmerchen, aus dem sie, nach meiner Annahme, jeden Augenblick -heraustreten mußte, ihr Schlafzimmer, das vom ersten Zimmer durch einen -Vorhang ganz abgeschlossen war, bestand, wie ich später sah, tatsächlich -nur aus einem Bett. Alle diese Einzelheiten sind notwendig, damit man -die Dummheit, die ich beging, begreifen könne. Also ich wartete und -zweifelte an nichts, als plötzlich im Korridor die Türschelle ertönte. -Ich hörte, wie die Köchin mit langsamen Schritten, ohne sich zu beeilen, -über den Korridor ging und jemand genau so wie mich vorhin, schweigend -eintreten ließ. Die Eintretenden waren zwei Damen, die beide laut -sprachen, und wie groß war meine Verwunderung, als ich die Stimme -Tatjana Pawlownas erkannte, und die andere -- die andere war die Stimme -gerade jener Frau, der zu begegnen ich am allerwenigsten vorbereitet -war, und das noch dazu unter diesen Umständen! Ein Irrtum war -ausgeschlossen: ich erkannte sie sofort, diese klangvolle, metallische -Stimme, die ich erst vor einem Tage gehört hatte, freilich nur drei -Minuten lang, aber ihr Klang war in meiner Seele geblieben. Ja, es war -die »Frau von gestern«! Was sollte ich tun? Ich stelle diese Frage nicht -an den Leser, sondern vergegenwärtige mir nur den damaligen Augenblick, -aber ich bin auch jetzt nicht imstande, zu erklären, wie es kam, daß ich -plötzlich hinter den Vorhang stürzte und mich in Tatjana Pawlownas -Schlafzimmer befand. Kurz, ich versteckte mich und war kaum in -Sicherheit, als sie schon eintraten. Warum ich ihnen nicht entgegenging -und mich versteckte -- das weiß ich nicht; es geschah alles ganz wie von -selbst und ohne jede Überlegung. - -Fast im selben Augenblick, als ich hinter den Vorhang sprang und auf das -Bett stieß, bemerkte ich auch die Tür, die aus diesem Schlafzimmer in -die Küche führte und begriff, daß es somit noch einen Ausweg und eine -Rettung gab und ich die Wohnung ganz verlassen konnte. Aber -- o -Entsetzen! -- die Tür war verschlossen, und der Schlüssel stak nicht im -Schloß. Verzweifelt sank ich aufs Bett; es kam mir auf einmal zu -Bewußtsein, daß ich nun die Frauen belauschen würde, und schon aus den -ersten Sätzen, ja sogar schon aus dem Ton der ersten Worte erriet ich, -daß sie ein geheimnisvolles und bedenkliches Gespräch führten. Oh, -natürlich, ein ehrlicher und vornehmer Mensch muß in solchem Fall -aufstehen, hervortreten und laut sagen: »Ich bin hier, bitte einen -Augenblick zu warten!« -- und, ungeachtet seiner lächerlichen Lage, -vorüber- und hinausgehen. Ich aber stand nicht auf und ging nicht -hinaus: ich hatte nicht den Mut dazu, erbärmlicherweise wagte ich es -nicht zu tun. - -»Aber liebste Katerina Nikolajewna, Sie betrüben mich wirklich!« -beschwor Tatjana Pawlowna. »So beruhigen Sie sich doch endlich ein für -allemal, das paßt ja auch gar nicht zu Ihrem Charakter. Überall, wo Sie -sind, ist Freude, und jetzt auf einmal ... Aber wenigstens mir, denke -ich, werden Sie doch noch trauen, Sie wissen doch, wie sehr ich Ihnen -ergeben bin. Ihnen doch wirklich nicht weniger als Andrei Petrowitsch, -dem ich ewig ergeben sein werde, woraus ich vor keinem Menschen ein -Geheimnis mache ... Nun, so glauben Sie mir doch, ich schwöre Ihnen bei -meiner Ehre, dieses Dokument ist nicht bei ihm, und vielleicht hat es -überhaupt niemand. Und solche Ränke zu schmieden, dazu ist er doch -wahrhaftig nicht fähig! Es ist eine Sünde von Ihnen, ihn solcher Sachen -auch nur zu verdächtigen. Sie haben sich beide diese Feindschaft nur -selbst eingebrockt ...« - -»Der Brief, dieses unselige Dokument, existiert unbedingt, und er ist zu -allem fähig. Und gestern, wie ich eintrete, ist das erste, was ich sehe --- _ce petit espion_,{[31]} den er dem Fürsten aufgedrängt hat!« - -»Ach Unsinn, _ce petit espion_! Erstens ist er durchaus kein Spion; denn -ich, ich selbst habe darauf bestanden, ihn zum Fürsten zu schicken, -sonst wäre er in Moskau übergeschnappt oder verhungert, -- so wurde es -uns von dort aus gemeldet; aber vor allem ist dieser rohe Bengel einfach -nur ein kleiner Narr, wie sollte der zu spionieren verstehen!« - -»Ja, das wäre möglich, aber das hindert ihn vielleicht nicht, ein -kleiner Schuft zu werden. Ich war gestern nur zu empört, sonst wäre ich -gestorben vor Lachen: er erbleichte, stürzte vor, verbeugte sich, sprach -Französisch -- und in Moskau hatte mir Marja Iwanowna Wunderdinge von -ihm erzählt, sie versicherte geradezu, er sei ein Genie. Daß aber dieser -unselige Brief noch wohlbehalten existiert und sich irgendwo in den -gefährlichsten Händen befindet -- das habe ich aus dem Gesicht dieser -Marja Iwanowna erraten.« - -»Aber Liebste, mein Täubchen, Sie! Haben Sie mir denn nicht selbst -gesagt, daß sie nichts hat!« - -»Das ist es ja, daß sie ihn hat! Sie lügt ja nur, und Sie ahnen nicht, -was das für eine geschickte Lügnerin ist! Vor meiner Reise nach Moskau -konnte ich immer noch hoffen, daß vielleicht gar keine Papiere -übriggeblieben seien, jetzt aber, jetzt ...« - -»Ach, aber Liebste, im Gegenteil, diese Marja Iwanowna soll doch ein so -gutes und vernünftiges Geschöpf sein, der Verstorbene hat sie von allen -seinen Nichten am meisten geschätzt. Es ist ja wahr, ich selbst kenne -sie nicht so genau, aber -- ach, hätten Sie sie doch bestrickt, meine -Schönheit! Was macht Ihnen denn das aus, das können Sie doch so leicht, -ich bin doch schon eine alte Jungfer -- und Sie wissen doch, wie ich in -Sie verliebt bin, ich werde Sie gleich küssen! ... Ach, das wäre für Sie -doch eine Kleinigkeit gewesen, diese Marja Iwanowna zu bestricken!« - -»Ich habe es ja versucht, liebe Tatjana Pawlowna, sie war auch ganz -entzückt, aber sie ist doch gar zu schlau ... Nein, das ist schon ein -ganzer Charakter, und ein besonderer noch dazu, ein Moskauer ... Und -können Sie sich denken, sie hat mir doch geraten, mich hier an einen -gewissen Krafft zu wenden, den ehemaligen Gehilfen und Mitarbeiter -Andronikoffs: sie meinte, vielleicht wisse dieser etwas Näheres. Von -diesem Herrn Krafft hatte ich schon eine gewisse Vorstellung, ich habe -ihn früher einmal flüchtig gesehen, aber wie sie mir dieses von Krafft -sagte, da erst kam ich endgültig zu der Überzeugung, daß sie nicht etwa -bloß etwas weiß, sondern daß sie lügt und über alles ganz genau -unterrichtet ist.« - -»Aber weshalb denn, weshalb? Ja, es ist wahr, man könnte sich bei Krafft -erkundigen. Dieser Deutsche ist kein Schwätzer und, ich erinnere mich, -er ist sogar ein peinlich ehrlicher Mensch -- nein, wirklich, man müßte -ihn ausfragen! Bloß ist er jetzt, glaube ich, nicht in Petersburg ...« - -»Ach, er ist doch schon gestern zurückgekehrt, und ich war ja soeben bei -ihm! Deshalb bin ich doch in solcher Aufregung zu Ihnen gekommen -- -meine Hände und Füße zittern mir noch -- weil ich Sie bitten wollte, -mein Engel, da Sie doch alle Menschen kennen: könnte man nicht irgendwie -Näheres über den Verbleib seiner Papiere erfahren; denn er wird doch -bestimmt welche hinterlassen haben, aber in wessen Hände kommen die nun -wieder? Womöglich in die gefährlichsten! Deshalb bin ich zu Ihnen -geeilt, um Sie um Ihren Rat zu fragen.« - -»Ja, aber von welchen Papieren reden Sie?« fragte Tatjana Pawlowna etwas -verwundert. »Sie sagen doch, daß Sie soeben selbst bei Krafft waren.« - -»Ach gewiß, ich war bei ihm, gerade eben, aber er hat sich doch -erschossen! Schon gestern abend!« - -Ich sprang vom Bett auf. Ich hatte ruhig zuhören können, wie man mich -einen Spion und Idiot nannte, und je weiter sie sprachen, um so -unmöglicher war es mir erschienen, nun noch hervorzutreten. Das erschien -mir ganz undenkbar! Mir war nichts anderes übriggeblieben als das eine --- und das hatte ich denn auch im Herzen beschlossen: regungslos so -lange zu sitzen, bis Tatjana Pawlowna ihren Gast hinausgeleitet hätte -- -(wenn sie nicht vorher zu meinem Unglück ins Schlafzimmer kam), und -dann, sobald die Achmakoff fortgegangen war -- dann mochte es zwischen -Tatjana Pawlowna und mir meinetwegen zu einer Schlacht kommen! ... Aber -wie ich nun plötzlich von Kraffts Selbstmord hörte, war ich -unwillkürlich aufgesprungen -- es hatte mich wie ein Krampf gepackt. -Ohne zu denken, ohne zu überlegen, ohne mich zu fragen, was ich tat, -schritt ich, hob ich den Vorhang und stand vor ihnen. Es war gerade noch -hell genug, um mich zu erkennen, wie ich bleich und zitternd hervortrat -... Sie schrien beide auf. Wie hätten sie auch nicht aufschreien sollen! - -»Krafft?« stammelte ich und starrte die Achmakoff an. »Erschossen? -Gestern? Bei Sonnenuntergang?« - -»Wo warst du? Woher kommst du?« kreischte Tatjana Pawlowna auf und -krallte sich buchstäblich in meine Schulter. »Du hast spioniert? Du hast -uns belauscht!« - -»Was habe ich Ihnen gesagt! ...« Katerina Nikolajewna erhob sich vom -Sofa und wies auf mich. - -Ich geriet außer mir. - -»Blödsinn, Lüge!« fiel ich ihr wütend ins Wort, »Sie haben mich soeben -einen Spion genannt, o Gott! Lohnt es sich denn zu spionieren, ja lohnt -es sich überhaupt, zu leben neben solchen wie Sie! Ein hochherziger -Mensch endet durch Selbstmord, Krafft hat sich erschossen -- wegen der -Idee, wegen Hekuba ... Übrigens, was wissen Sie von Hekuba! ... Und hier --- lebe nun einer mitten unter Ihren Intrigen und Lügen und bewege sich -zwischen Ihren Minen und Fallgruben ... Ich habe genug davon!« - -»Ohrfeigen Sie ihn! Ohrfeigen Sie ihn!« schrie Tatjana Pawlowna, und da -Katerina Nikolajewna mich zwar ansah, ohne einen Blick von mir zu wenden -(ich erinnere mich noch jedes kleinsten Nebenumstandes), sich jedoch -nicht von der Stelle rührte, so hätte Tatjana Pawlowna im nächsten -Augenblick bestimmt selbst mir die Ohrfeige gegeben, weshalb ich -unwillkürlich den Arm hob, um mein Gesicht zu schützen; aus dieser einen -Bewegung aber schloß sie, daß ich selbst schlagen wollte. - -»So, schlag nur, schlag nur!« rief sie empört, »zeig' nur, daß du von -Geburt ein Knecht bist! Du bist ja stärker als Frauen, also genier' dich -nicht!« - -»Jetzt hab' ich aber genug von Ihren Verleumdungen, schweigen Sie!« fuhr -ich wütend auf. »Niemals habe ich meine Hand gegen eine Frau erhoben! -Sie sind einfach schamlos, Tatjana Pawlowna! Ich weiß, Sie haben mich -immer verachtet. Oh, mit den Menschen muß man umgehen, ohne sie zu -achten! Sie lachen, Katerina Nikolajewna -- wahrscheinlich über meine -Gestalt. Ja, Gott hat mir keine solche Gestalt gegeben, wie Ihre -Adjutanten sie haben. Und doch fühle ich mich vor Ihnen nicht -erniedrigt, sondern im Gegenteil, erhoben ... oder gleichviel, wie man -das ausdrücken muß. Ich weiß nur, daß es nicht meine Schuld war! Ich bin -ganz ahnungslos hier eingetreten, Tatjana Pawlowna. An der ganzen Sache -ist nur Ihre Köchin schuld, oder richtiger, Ihre Vorliebe für diese -Person: warum hat sie mir auf meine Frage nichts geantwortet und mich -hier eintreten lassen? Und nachher, das müssen Sie sich doch selbst -sagen, so aus dem Schlafzimmer einer Frau herauszutreten, das -- das -erschien mir so monströs, daß ich mich entschloß, lieber Ihre -Schmähungen hinzunehmen, als mich nun noch zu zeigen ... Sie lachen -wieder, Katerina Nikolajewna?« - -»Hinaus! Hinaus mit dir! pack' dich von hier!« schrie Tatjana Pawlowna, -und sie wollte mich beinahe schon hinausstoßen. »Achten Sie nicht auf -sein Geschwätz, Katerina Nikolajewna: ich sagte Ihnen ja, man hat uns -doch schon von dort geschrieben, daß er verrückt ist!« - -»Verrückt? Von dort geschrieben? Wer hätte das wohl tun können und -woher? Gleichviel, es ist genug, Katerina Nikolajewna! Ich schwöre Ihnen -bei allem, was mir heilig ist, daß dieses Gespräch und was ich hier -gehört habe, unter uns bleiben wird ... Es war nicht meine Schuld, daß -ich Ihre Geheimnisse erfahren habe; um so weniger, als ich morgen meine -Stellung bei Ihrem Vater aufgebe, so daß Sie wegen des Dokuments, das -Sie suchen, beruhigt sein können!« - -»Was heißt das? ... Von was für einem Dokument sprechen Sie?« fragte -Katerina Nikolajewna bestürzt, und sie erbleichte sogar, oder vielleicht -schien es mir nur so. Ich begriff, daß ich schon zu viel gesagt hatte. - -Ich ging schnell hinaus; ihre Blicke verfolgten mich stumm, und es lag -in ihnen eine maßlose Verwunderung. Ja, ich hatte ihnen ein Rätsel -aufgegeben ... - - - Neuntes Kapitel. - - - I. - -Ich eilte nach Hause und -- sonderbar -- ich war sehr zufrieden mit mir. -Natürlich spricht man nicht so mit Frauen, und noch dazu mit solchen -Frauen, oder nein: mit einer solchen Frau; denn Tatjana Pawlowna zählte -für mich nicht mit. Vielleicht darf man einer Frau von dieser Art -niemals ins Gesicht sagen, daß man auf ihre Intrigen einfach pfeift, ich -aber hatte es gesagt und war gerade damit sehr zufrieden. Abgesehen von -allem anderen, war ich wenigstens überzeugt, daß ich mit diesem Ton -alles Lächerliche, das in meiner Situation lag, ausgelöscht hatte. Aber -ich hatte keine Zeit, mich lange bei diesen Gedanken aufzuhalten: Krafft -beschäftigte mich mehr als alles andere. Nicht, daß der Gedanke an ihn -mich so furchtbar gequält hätte, aber immerhin war ich aufs tiefste -erschüttert, war es sogar in solchem Maße, daß selbst die allgemein -menschliche Empfindung einer gewissen Genugtuung bei fremdem Unglück -- -ich meine, wenn jemand sich ein Bein bricht oder seine Ehre einbüßt oder -ein geliebtes Wesen verliert oder etwas Ähnliches ihm widerfährt --, daß -sogar diese Empfindung einer niedrigen Genugtuung einer ganz anderen und -vollständig ungeteilten Empfindung Platz gemacht hatte, und zwar dem -Leid: einem Bedauern des Toten. Das heißt, ob es gerade ein Bedauern -war, das weiß ich nicht, aber jedenfalls war es ein überaus starkes und -gutes Gefühl. Und damit war ich gleichfalls zufrieden. Es ist -erstaunlich, wie viele nebensächliche Gedanken in einem auftauchen -können, gerade wenn man durch irgendeine furchtbare Nachricht ganz -erschüttert ist, die, wie man eigentlich meinen sollte, alle anderen -Gefühle ersticken und alle nebensächlichen Gedanken verscheuchen müßte, -besonders die kleinlichen -- aber gerade diese sind dann die -zudringlichsten. Ich erinnere mich noch, wie allmählich ein ziemlich -fühlbares nervöses Zittern meinen Körper ergriff und mehrere Minuten -andauerte und sich sogar in der ganzen Zeit fortsetzte, während der ich -zu Hause war und die Sache mit Werssiloff erledigte. - -Diese Erledigung fand unter seltsamen und außergewöhnlichen Umständen -statt. Ich habe bereits erwähnt, daß wir in einem besonderen Hause auf -dem Hof wohnten, und unsere Wohnung trug die Nummer dreizehn. Noch bevor -ich auf den Hof trat, hörte ich in der Nähe eine weibliche Stimme laut, -ungeduldig und gereizt fragen: »Wo ist hier die Wohnung Nummer -dreizehn?« Ich bemerkte eine Frauengestalt, die die Tür eines kleinen -Ladens gleich neben der Pforte geöffnet hatte; aber man schien ihr -nichts zu antworten, oder vielleicht sagte man ihr sogar eine -Ungezogenheit, und sie stieg empört und böse die kleine Ladentreppe -wieder herunter. »Wo ist denn hier der Hausknecht?« rief sie erregt und -stampfte vor Ungeduld mit dem Fuß auf. Ich hatte diese Stimme sofort -wiedererkannt. - -»Ich gehe in die Wohnung Nummer dreizehn,« sagte ich, auf sie zutretend, -»wen suchen Sie?« - -»Ich suche hier schon eine ganze Stunde den Hausknecht, ich habe alle -gefragt, bin alle Treppen hinaufgestiegen.« - -»Die Wohnung ist auf dem Hof. Erkennen Sie mich nicht wieder?« - -Sie hatte mich schon erkannt. - -»Sie suchen Werssiloff, Sie haben mit ihm abzurechnen, und ich auch,« -fuhr ich fort. »Ich bin gekommen, um für immer Abschied zu nehmen. Gehen -wir.« - -»Sie sind sein Sohn?« - -»Das hat damit nichts zu tun. Übrigens, allerdings, ich bin sein Sohn, -obgleich ich Dolgoruki heiße, ich bin ein Unehelicher. Dieser Herr hat -eine Menge unehelicher Kinder. Wenn Gewissen und Ehre es verlangen, -verläßt selbst der leibliche Sohn das Elternhaus. Das steht schon in der -Bibel. Außerdem ist ihm jetzt eine Erbschaft zugefallen, ich will sie -aber nicht mit ihm teilen, und so gehe ich, um von meiner Hände Arbeit -zu leben. Wenn es nötig ist, opfert ein hochherziger Mensch sogar sein -Leben. Krafft hat sich erschossen, Krafft! -- und einzig um einer Idee -willen! Können Sie sich das vorstellen, er war noch ein junger Mann und -berechtigte zu großen Hoffnungen ... Hier, bitte hier! Wir wohnen in -einem besonderen Haus. Schon die Bibel spricht davon, daß die Kinder -ihre Väter verlassen und ihr eigenes Nest begründen ... Wenn die Idee -einen treibt ... wenn man eine Idee hat! Die Idee ist die Hauptsache, -die Idee ist alles ...« - -So und ähnlich sprach ich die ganze Zeit zu ihr, während wir zu unserer -Wohnung schritten. Der Leser wird wohl bemerken, daß ich mich nicht -gerade schone, und wo es nötig ist, mich selbst an den Pranger stelle: -ich will lernen, die Wahrheit zu sagen. Werssiloff war zu Hause. Ich -trat ein, ohne den Mantel abzulegen; sie gleichfalls. Sie war furchtbar -ärmlich gekleidet: über einem dunklen Kleidchen hing irgendein -Zeugstück, das einen Kragen oder eine Mantille vorstellen sollte, und -auf dem Kopf hatte sie ein altes, abgenutztes Matrosenhütchen, das ihr -sehr schlecht zu Gesicht stand. Als wir eintraten, saß meine Mutter mit -einer Handarbeit auf ihrem gewohnten Platz, und meine Schwester trat aus -ihrem Zimmer, um zu sehen, wer da käme, und blieb in der Tür stehen. -Werssiloff tat wie gewöhnlich nichts; als wir eintraten, erhob er sich -und sah mich mit einem strengen, fragenden Blick an. - -»Ich habe hiermit nichts zu schaffen,« beeilte ich mich zu versichern -und stellte mich abseits am Fenster auf. »Ich traf diese Dame soeben -unten an der Hofpforte; sie suchte Sie, und niemand konnte ihr den Weg -hierher zeigen. Ich aber bin jetzt in einer eigenen Angelegenheit -gekommen, die zu erklären ich nach der Dame das Vergnügen haben werde -...« - -Werssiloff fuhr aber trotzdem fort, mich neugierig anzusehen. - -»Erlauben Sie,« begann das junge Mädchen ungeduldig. - -Werssiloff wandte sich ihr zu. - -»Ich habe lange darüber nachgedacht, aus welchem Grunde es Ihnen -eingefallen sein könnte, dieses Geld gestern bei mir zu lassen ... Ich -... mit einem Wort ... Da, nehmen Sie Ihr Geld!« rief sie wieder empört, -außer sich, wie ich sie schon schreien gehört hatte, und sie schleuderte -das Päckchen Banknoten auf den Tisch. »Ich habe Ihre Wohnung im -Adreßbureau aufsuchen müssen, sonst hätte ich es Ihnen früher -zurückgebracht. Hören Sie, Sie!« wandte sie sich plötzlich an meine -Mutter, die auf einmal erbleichte; »ich will Sie nicht kränken, Sie -sehen ehrlich aus, und vielleicht ist das sogar Ihre Tochter. Ich weiß -nicht, ob Sie seine Frau sind oder wer sonst, aber Sie sollen es -erfahren, daß dieser Herr Zeitungsanzeigen ausschneidet, solche, in -denen Gouvernanten und Lehrerinnen für ihr letztes Geld Stunden suchen, -und dann geht er zu diesen Unglücklichen und sucht sie ehrlos zu machen, -indem er sie mit Geld ins Unglück zieht. Ich verstehe nicht, wie ich -gestern das Geld von ihm annehmen konnte, -- er sah so ehrlich aus! ... -Schweigen Sie, kein Wort! Sie sind ein Lump, mein Herr! Und selbst wenn -Sie mit ehrlicher Absicht gekommen sein sollten, so will ich doch Ihr -Almosen nicht. Kein Wort! Schweigen Sie! Oh, wie mich das freut, daß ich -Sie jetzt vor Ihren Frauen habe entlarven können! Seien Sie verflucht!« - -Sie lief schnell hinaus, nur auf der Schwelle blieb sie noch eine -Sekunde lang stehen und rief noch höhnisch zurück: »Sie sollen ja, sagt -man, eine Erbschaft gemacht haben!« Und sie verschwand wie ein Schatten. -Ich erinnere nochmals daran: sie war außer sich, sie glich einer -Rasenden. Werssiloff war tief bestürzt: er stand wie in Gedanken -versunken und als überlege er: auf einmal wandte er sich hastig zu mir. - -»Du kennst sie überhaupt nicht?« - -»Ich habe vorhin zufällig gesehen und gehört, wie sie auf dem Korridor -bei Wassin außer sich geriet, schrie und Sie verfluchte; gesprochen aber -habe ich dort nicht mit ihr und weiß auch sonst nichts, und jetzt traf -ich sie hier unten vor der Hofpforte. Das wird wohl dieselbe Lehrerin -sein, von der Sie gestern sprachen, die Unterricht >auch in der -Arithmetik< erteilt?« - -»Ja, dieselbe. Einmal im Leben wollte ich etwas Gutes tun, und ... Doch -übrigens, was hast du?« - -»Hier, diesen Brief,« erwiderte ich kurz. »Eine Erklärung halte ich für -überflüssig: er kommt von Krafft, der ihn vom verstorbenen Andronikoff -erhalten hat. Aus dem Inhalt werden Sie alles ersehen. Ich füge nur -hinzu, daß jetzt kein Mensch auf der ganzen Welt von diesem Brief etwas -weiß, außer mir; denn Krafft, der mir diesen Brief gestern übergab, hat -sich gleich nach meinem Fortgehen erschossen.« - -Während ich das atemlos und eilig sagte, nahm er den Brief, hielt ihn -unschlüssig in der linken Hand und beobachtete mich aufmerksam. Als ich -den Selbstmord Kraffts erwähnte, sah ich ihn scharf an, um zu sehen, -welchen Eindruck diese Nachricht auf ihn machte. Und was sah ich? -- sie -machte überhaupt keinen Eindruck auf ihn: nicht einmal seine Augenbrauen -zuckten! Als er bemerkte, daß ich innehielt, zog er seine Lorgnette -hervor, die ihn nie verließ und an einem schwarzen Bande hing, hielt den -Brief näher zum Licht, sah nach der Unterschrift und begann ihn -aufmerksam zu lesen. Ich kann gar nicht sagen, wie sehr diese hochmütige -Gefühllosigkeit mich verletzte. Er mußte Krafft sehr gut gekannt haben, -und es war doch wirklich keine so gewöhnliche Nachricht! Und schließlich -war es nur natürlich, daß ich mit ihr gern einen großen Eindruck gemacht -hätte. Ich wartete vielleicht noch eine halbe Minute, aber da der Brief, -wie ich wußte, lang war, wandte ich mich um und ging hinaus. Mein Koffer -war schon längst gepackt, es blieben mir nur noch ein paar Sachen zu -einem Bündel zusammenzuschnüren. Ich dachte an meine Mutter, und daß ich -nun so fortgegangen war, ohne an sie auch nur heranzutreten. Nach zehn -Minuten, als ich schon ganz fertig war und gerade fortgehen wollte, um -mir eine Droschke zu holen, trat meine Schwester in mein Zimmer. - -»Hier, Mama schickt dir deine sechzig Rubel und läßt dich nochmals -bitten, ihr zu verzeihen, daß sie Andrei Petrowitsch davon gesagt hat. -Und dann noch zwanzig Rubel. Du hast gestern fünfzig Rubel für deinen -Unterhalt gegeben; aber Mama sagt, mehr als dreißig könne man von dir -auf keinen Fall nehmen; denn mehr ist für dich nicht ausgegeben worden, -und den Rest von zwanzig Rubeln schickt sie dir zurück.« - -»Nun gut, und besten Dank, wenn es sich wirklich so verhält. Leb wohl, -Lisa, ich fahre jetzt!« - -»Wohin fährst du jetzt?« - -»Vorläufig in eine Herberge, nur um nicht in diesem Hause zu -übernachten. Sage Mama, daß ich sie liebe.« - -»Sie weiß es. Und sie weiß, daß du auch Andrei Petrowitsch liebst. -Schämst du dich nicht, daß du diese Unglückliche hergeführt hast!« - -»Ich schwöre dir, ich habe sie nicht hergeführt, -- ich traf sie hier -vor der Hofpforte!« - -»Nein, du hast sie hergeführt.« - -»Ich versichere dir ...« - -»Denke nach, frage dich ehrlich, und du wirst einsehen, daß du sie dazu -veranlaßt hast.« - -»Ich war nur sehr froh, daß Werssiloff beschämt wurde. Stell dir vor, er -hat von Lydia Achmakoff ein Kind, einen Säugling ... übrigens, wozu sage -ich dir das.« - -»Er? Ein kleines Kind? Aber das ist doch nicht _sein_ Kind! Wo hast du -diese Unwahrheit gehört?« - -»Ach, was weißt du davon.« - -»Ich soll nichts davon wissen? Aber ich habe doch in Luga dieses Kind -selbst gepflegt! Höre, Bruder: ich sehe schon längst, daß du überhaupt -noch nichts weißt, und dabei beleidigst du Andrei Petrowitsch, und ... -Mama gleichfalls.« - -»Wenn er recht hat, so bin ich im Unrecht, und das wäre alles, euch aber -liebe ich deshalb nicht weniger. Warum bist du so rot geworden, -Schwester? So, und jetzt wirst du noch röter! Nun gut, aber trotzdem -werde ich diesen Fürstenbengel für die Ohrfeige, die er Werssiloff in -Ems gegeben hat, zum Duell fordern. Und wenn Werssiloff in der -Geschichte mit der Achmakoff untadelig war, dann erst recht.« - -»Bruder, besinne dich, was fällt dir ein!« - -»Gut, daß der Prozeß jetzt beendet ist ... Da sieh, jetzt bist du auf -einmal ganz bleich geworden.« - -»Ach, aber der Fürst wird sich ja mit dir gar nicht duellieren,« sagte -Lisa, noch im Schreck mit einem bleichen Lächeln. - -»Dann werde ich ihn öffentlich beleidigen! ... Was hast du nur, Lisa?« - -Sie war so erbleicht, daß sie nicht mehr stehen konnte und auf den Diwan -sank. - -»Lisa!« hörten wir unten die Mutter rufen. - -Sie nahm sich zusammen und erhob sich; sie lächelte mir freundlich zu. - -»Bruder, laß diese Dummheiten, oder warte so lange, bis du manches -erfahren hast; du weißt noch so schrecklich wenig.« - -»Ich werde es nicht vergessen, Lisa, daß du erbleicht bist, als du -hörtest, daß ich mich duellieren werde.« - -»Ja, ja, vergiß auch das nicht!« rief sie lächelnd mir noch einmal zum -Abschied zu und verließ mich. - -Ich holte mir eine Droschke und schaffte mit Hilfe des Kutschers meine -Sachen aus der Wohnung. Niemand zeigte sich oder hielt mich zurück. Ich -ging nicht zum Abschied zu meiner Mutter, um nicht Werssiloff zu -begegnen. Als ich schon in der Droschke saß, kam mir auf einmal ein -Gedanke: - -»Zur Ssemjonoffbrücke, an die Fontanka,« befahl ich dem Kutscher und -fuhr wieder zu Wassin. - - - II. - -Es war mir plötzlich eingefallen, daß Wassin von Kraffts Selbstmord doch -bestimmt schon unterrichtet sein mußte und vielleicht sogar hundertmal -mehr erfahren hatte als ich; und so war es auch. Wassin erklärte sich -sogleich bereit, mir alles Nähere mitzuteilen, was er denn auch tat, -übrigens ohne große Erregung. Ich schloß daraus, daß er wohl sehr -abgespannt wäre, und so verhielt es sich, wie sich herausstellte, -tatsächlich. Schon früh am Morgen hatte man ihn benachrichtigt, und er -war dann selbst hingegangen. Krafft hatte sich mit dem Revolver -erschossen (mit demselben, den ich früher schon erwähnt habe), gegen -Abend, als es schon dunkelte, was aus seinen Aufzeichnungen hervorging. -Den letzten Satz hat er kurz vor dem Schuß geschrieben: er bemerkt, daß -er fast in vollkommener Dunkelheit schreibe und das Geschriebene selbst -kaum sehen könne; die Kerze aber wolle er nicht anzünden, weil sonst -nachher leicht ein Brand entstehen könne. »Und sie jetzt noch anzünden, -um sie vor dem Schuß wieder auszulöschen, ganz wie mein Leben, das will -ich nicht« -- hatte er fast auf der letzten Zeile noch seltsam -hinzugefügt. Diese Aufzeichnungen vor dem Tode waren von ihm einen Tag -vorher angefangen worden, gleich nach seiner Rückkehr nach Petersburg -und noch vor seinem Besuch bei Dergatschoff; nachdem ich von ihm -fortgegangen war, hatte er in jeder Viertelstunde etwas geschrieben und -die letzten drei oder vier Bemerkungen nach jeden fünf Minuten. Ich -sprach meine Verwunderung darüber aus, daß Wassin von diesen -Aufzeichnungen (man hatte sie ihm zu lesen gegeben) keine Abschrift -gemacht hatte, was er doch um so mehr hätte tun können, als das Ganze, -wie er mir sagte, nicht mehr als ein Bogen mit zumeist nur kurzen -Bemerkungen gewesen war. »Wenn Sie doch wenigstens die letzte Seite -abgeschrieben hätten!« äußerte ich mit Bedauern. Wassin erwiderte darauf -mit einem Lächeln, er habe es auch so behalten, und überdies wären die -Bemerkungen ohne jedes System, wären einfach Bemerkungen über alles -mögliche gewesen, was einem so in den Sinn kommt. Ich wollte ihm schon -auseinandersetzen, daß gerade solche Gedanken in diesem Fall, also kurz -vor dem Selbstmorde, wertvoll zu erfahren wären, unterließ es aber und -bat ihn nur, mir wenigstens das zu sagen, was er vom Gelesenen behalten -hatte, und er besann sich denn auch auf ein paar Aussprüche, wie zum -Beispiel auf einen, den Krafft eine Stunde vor dem Schuß geschrieben -hatte: daß »ihn fröstele«, daß er, »um sich zu erwärmen, einen Schluck -Wein habe trinken wollen, aber der Gedanke, daß das einen größeren -Bluterguß verursachen könnte, habe ihn davon abgehalten«. -- »Und alles -ungefähr von dieser Art,« schloß Wassin seinen Bericht. - -»Und das nennen Sie belanglos!« rief ich aus. - -»Wann hätte ich das so genannt? Ich habe nur keine Abschrift gemacht. -Aber wenn es auch nicht belanglos ist, so ist dieses Tagebuch doch etwas -ziemlich Alltägliches oder besser gesagt, etwas ganz Natürliches, -nämlich so, wie es in diesem Fall anders nicht hätte sein können ...« - -»Aber es sind doch die letzten Gedanken, die letzten Gedanken!« - -»Die letzten Gedanken sind bisweilen ungeheuer nichtssagend. In genau so -einem Tagebuch beklagt sich ein ähnlicher Selbstmörder darüber, daß in -einer so bedeutungsvollen Stunde ihm auch nicht ein einziger >höherer -Gedanke< komme, sondern lauter kleinliche und leere Gedanken ihn -heimsuchten.« - -»Und das, daß ihn fröstele, auch das soll ein leerer Gedanke sein?« - -»Das heißt, meinen Sie buchstäblich das Frösteln und den Bluterguß? Es -ist doch eine bekannte Tatsache, daß sehr viele von denen, die fähig -sind, an ihren bevorstehenden Tod zu denken, gleichviel, ob es ein -freiwilliger ist oder nicht, sehr häufig um das schöne Aussehen ihrer -Leiche besorgt sind. So wird wohl auch Krafft bei dem Gedanken an einen -reichlichen Bluterguß ein gewisses Unbehagen empfunden haben.« - -»Ich weiß nicht, ob das eine bekannte Tatsache ist, ... und wie das -überhaupt ist,« stotterte ich, »aber ich wundere mich, daß Sie das so -natürlich finden, und doch -- wie lange ist es denn her, daß Krafft -unter uns saß, mit uns sprach, sich ereiferte? Sollte er Ihnen denn -wirklich nicht einmal leid tun?« - -»Oh, selbstverständlich tut er mir leid, aber das ist doch etwas ganz -anderes. Jedenfalls hat Krafft seinen Tod selbst als logische Folgerung -hingestellt. Es erweist sich, daß alles, was gestern bei Dergatschoff -über ihn gesagt wurde, sehr richtig war: er hat ein dickes Heft -hinterlassen, und das ist voll von gelehrten Schlüssen darüber, daß die -Russen -- eine zweitrangige Menschenrasse seien, Schlüsse auf Grund der -Phrenologie, der Kraniologie und sogar der Mathematik, und daß es sich -folglich für einen Russen überhaupt nicht zu leben lohne. Vielleicht ist -hierbei das am meisten Charakteristische, daß man daraus jeden -beliebigen logischen Schluß ziehen kann; daß man sich aber infolge des -Schlusses erschießt, das kommt natürlich nicht immer vor.« - -»Wenigstens muß man seinem Charakter Anerkennung zollen.« - -»Vielleicht, und dann nicht nur diesem,« bemerkte Wassin ausweichend, so -daß es mir nicht klar war, ob er damit eine Dummheit oder eine Schwäche -der Vernunft meinte. Mich reizte das alles sehr. - -»Sie haben gestern selbst von Gefühlen gesprochen, Wassin.« - -»Ich verneine sie auch jetzt nicht; aber angesichts der vollbrachten Tat -erscheint in ihr etwas so grob fehlerhaft, daß ein strenger Blick auf -die Sache unwillkürlich selbst das Mitleid irgendwie verdrängt.« - -»Wissen Sie was: ich habe es schon vorhin aus Ihren Augen erraten, daß -Sie Krafft tadeln würden, und um diesen Tadel nicht zu hören, nahm ich -mir vor, Sie nicht nach Ihrer Meinung zu fragen. Aber Sie haben sie von -selbst ausgesprochen, und jetzt bin ich gegen meinen Willen gezwungen, -Ihnen recht zu geben; aber dabei bin ich doch unzufrieden mit Ihnen! Es -tut mir leid um Krafft.« - -»Wir sind etwas weit abgekommen ...« - -»Ja, allerdings,« unterbrach ich ihn, »aber es bleibt uns doch -wenigstens der eine Trost, den in solchen Fällen die am Leben -gebliebenen Richter immer ruhig so für sich sagen können: >Da hat sich -nun ein Mensch erschossen, der gewiß Mitleid und Nachsicht verdient, -aber schließlich sind wir doch am Leben geblieben, und folglich ist zu -großer Trauer eigentlich kein Grund vorhanden.<« - -»Ja, versteht sich, wenn man von diesem Standpunkt aus ... Ach so, Sie -haben das, glaube ich, nur aus Ironie gesagt! Aber es ist sehr richtig. -Ich trinke um diese Zeit immer meinen Tee und werde ihn gleich -bestellen, -- Sie werden mir doch wohl Gesellschaft leisten.« - -Er ging hinaus, und im Vorübergehen maß er mit den Augen meinen Koffer -und mein Bündel. - -Ich hatte allerdings etwas recht Boshaftes sagen wollen, um Krafft zu -rächen, und ich hatte es gesagt so gut ich es verstand; merkwürdig war -aber, daß er meinen Ausspruch, daß solche Menschen wie _wir_ doch am -Leben geblieben sind, im ersten Augenblick für Ernst genommen hatte. -Aber wie dem auch sein mochte, immerhin hatte er in allem mehr recht als -ich, sogar was die Gefühle betraf. Ich gestand mir das ohne jedes -Mißvergnügen ein, fühlte aber sehr deutlich, daß ich ihn nicht liebte. - -Als man den Tee gebracht hatte, sagte ich ihm, daß ich ihn für diese -eine Nacht um seine Gastfreundschaft bäte, aber wenn es nicht ginge, daß -ich hier übernachtete, so sollte er es mir unumwunden sagen, dann würde -ich eben in eine Herberge gehen. Darauf setzte ich ihm in aller Kürze -meine Gründe auseinander und sagte ihm geradezu und einfach, daß ich -mich mit Werssiloff endgültig überworfen hätte; die Einzelheiten -überging ich. Wassin hörte mich aufmerksam an, jedoch ohne sich im -geringsten zu wundern oder aufzuregen. Überhaupt antwortete er nur auf -meine Fragen, aber er tat es bereitwillig und ließ es auch an -Ausführlichkeit nicht fehlen. Von dem Brief aber, mit dem ich am -Vormittag zu ihm gekommen war, um ihn um Rat zu fragen, schwieg ich ganz -und sagte nur, ich hätte ihm einen Besuch machen wollen. Da ich -Werssiloff mein Wort gegeben hatte, daß jetzt außer mir niemand von -diesem Brief etwas wüßte, glaubte ich nicht mehr das Recht zu haben, von -diesem Brief jemandem, wem es auch sei, etwas zu sagen. Und aus -irgendeinem Grunde widerstand es mir auf einmal sehr, Wassin von manchem -Mitteilung zu machen. Von manchen Dingen, aber nicht von allen; so -erzählte ich ihm von den Szenen auf dem Korridor und im Nebenzimmer bei -seinen Nachbarinnen, und wie sich dann noch die letzte Szene in der -Wohnung Werssiloffs abgespielt hatte, und es gelang mir, ihn zu -interessieren: er hörte sehr aufmerksam zu, besonders als ich von -Stebelkoff erzählte. Wie Stebelkoff mich über Dergatschoff hatte -ausfragen wollen, mußte ich ihm zweimal erzählen, und er wurde sogar -ganz nachdenklich; zum Schluß lachte er übrigens einmal kurz auf. In -diesem Augenblick schien es mir plötzlich, daß Wassin durch nichts und -niemand jemals in eine für ihn schwierige Situation gebracht werden -könnte; und ich weiß noch, der erste Gedanke daran kam mir in einer für -Wassin äußerst schmeichelhaften Form. - -»Überhaupt konnte ich vieles von dem, was Herr Stebelkoff mir sagte, -nicht ganz verstehen,« schloß ich meinen Bericht, »er hat eine etwas -irreführende Ausdrucksweise ... und es ist irgend so was Leichtsinniges -in ihm ...« - -Wassin machte sogleich ein ernstes Gesicht. - -»Ihm fehlt allerdings die Gabe des Wortes, aber er hat schon über -manches auf den ersten Blick sehr richtige Bemerkungen gemacht, und -überhaupt sind Leute, wie er, mehr Männer der Tat, mehr Geschäftsleute, -als Männer des abstrakten Denkens; unter diesem Gesichtswinkel muß man -sie denn auch betrachten und beurteilen ...« - -Das sagte er genau so, wie ich es mir von ihm gedacht hatte. - -»Er hat übrigens bei Ihren Nachbarinnen arg geschürt, Gott weiß, womit -es noch hätte enden können.« - -Von diesen Nachbarinnen wußte Wassin mir nur zu berichten, daß sie erst -seit etwa drei Wochen in diesem Zimmer wohnten und irgendwoher aus der -Provinz gekommen waren; ihr Zimmer sei das kleinste und wie aus allem zu -ersehen wäre, müßten sie sehr arm sein; jetzt säßen sie hier und -warteten auf irgend etwas. Er wußte nicht, daß die Junge in den -Zeitungen Beschäftigung als Lehrerin gesucht hatte, hatte aber von -Werssiloffs Besuch bei ihnen schon gehört; Werssiloff war während seiner -Abwesenheit dagewesen, aber die Wirtin hatte ihm davon erzählt. Die -Nachbarinnen lebten, wie er sagte, geradezu ängstlich zurückgezogen und -schienen sogar vor der Wirtin Angst zu haben. In den letzten Tagen war -auch ihm schließlich aufgefallen, daß bei ihnen vielleicht nicht alles -stimmte, aber zu solchen Szenen, wie ich sie an diesem Tage miterlebt -hatte, war es in seiner Anwesenheit noch nie gekommen. Dieses Gespräch -über die Nachbarinnen erwähne ich wegen des Folgenden. Im Nebenzimmer -herrschte währenddessen Totenstille. Mit besonderem Interesse vernahm -Wassin, daß Stebelkoff es für unbedingt notwendig gehalten hatte, mit -der Wirtin wegen der Nachbarinnen zu sprechen, und daß er zweimal gesagt -hatte: »Sie werden es schon sehen, denken Sie an meine Worte!« - -»Und Sie werden auch wirklich sehen, daß ihm das nicht grundlos in den -Kopf gekommen ist,« sagte Wassin. »In solchen Sachen hat er einen -erstaunlich scharfen Blick.« - -»Ja, wie, muß man denn Ihrer Meinung nach der Wirtin raten, die Frauen -aus dem Hause zu jagen?« - -»Nein, ich meinte das nicht in dem Sinne, sondern man müsse achtgeben, -daß bei ihnen nicht irgendeine Geschichte passiert ... Übrigens, alle -solche Geschichten pflegen, ob nun so oder so, doch immer auf eine Weise -zu enden ... Sprechen wir nicht davon.« - -Was Werssiloffs Besuch bei den Nachbarinnen betraf, weigerte er sich mit -aller Entschiedenheit, irgendein Urteil darüber auszusprechen. - -»Alles ist möglich; der Mensch hat plötzlich Geld in der Tasche gefühlt -... Übrigens, es ist aber auch wahrscheinlich, daß er einfach Arme -beschenkt hat; das -- würde seiner Tradition entsprechen und dem, was -man sich von ihm erzählt, und vielleicht auch seinen Neigungen.« - -Ich erzählte, was Stebelkoff von einem »Säugling« geschwätzt hatte. - -»In diesem Fall irrt sich Stebelkoff ganz und gar,« sagte Wassin, als -ich zu Ende erzählt hatte, mit besonderem Ernst und Nachdruck (und das -merkte ich mir). »Stebelkoff,« fuhr er fort, »verläßt sich zuweilen gar -zu sehr auf seine praktische gesunde Vernunft und macht deshalb seine -Folgerung entsprechend seiner Logik, die oft allerdings recht -scharfsinnig ist; indessen kann die Wirklichkeit ein viel -phantastischeres und ungewöhnlicheres Kolorit haben, je nachdem von -welcher Art die handelnden Personen sind. So ist es auch in diesem Fall: -er kennt die Sache nur zum Teil und hat nun logisch den Schluß gezogen, -daß es Werssiloffs Kind sei; und doch ist es nicht Werssiloffs Kind.« - -Ich drang mit Bitten in ihn und erfuhr zu meiner großen Verwunderung: -das Kind stammte vom Fürsten Ssergei Ssokolski. Lydia Achmakoff hatte -manchmal, ob nun infolge ihrer Krankheit oder einfach aus phantastischer -Charakteranlage, wie eine Wahnsinnige gehandelt. So hatte sie sich noch -vor ihrer Schwärmerei für Werssiloff in den Fürsten verliebt, und der -Fürst hatte »kein Bedenken getragen, ihre Liebe anzunehmen«, wie Wassin -sich ausdrückte. Das Verhältnis dauerte nur allerkürzeste Zeit: es war -zwischen ihnen sehr bald zum Zerwürfnis gekommen, und Lydia hatte den -Fürsten von sich gestoßen, »worüber dieser, glaube ich, sehr froh war,« -sagte Wassin. - -»Sie war ein sehr eigenartiges Mädchen,« fuhr er fort, »und mitunter -vielleicht nicht ganz zurechnungsfähig. Jedenfalls hatte der Fürst, als -er nach Paris abreiste, keine Ahnung davon, in welchem Zustande er sein -Opfer zurückließ, ja, er hat das sogar bis zum Schluß, bis zu seiner -Rückkehr, nicht gewußt.« -- Werssiloff, der inzwischen der Freund der -jungen Dame geworden war, hatte ihr nun die Heirat mit ihm angeboten, -eben wegen des erwähnten Umstandes (von dem, wie es scheint, auch ihre -Eltern fast bis zuletzt nichts geahnt haben). Das in ihn verliebte junge -Mädchen war bezaubert durch ihn und sah in dem Antrag Werssiloffs, nach -Wassins Äußerung, »nicht nur die Selbstaufopferung seinerseits«, die sie -übrigens auch zu schätzen wußte. »Übrigens, natürlich, er wird schon -verstanden haben, die Sache richtig zu machen,« meinte Wassin. Das Kind -(ein Mädchen) war einen Monat oder sechs Wochen zu früh zur Welt -gekommen und irgendwo in Deutschland zum Aufziehen untergebracht worden; -später aber hatte Werssiloff das Kind nach Rußland bringen lassen, und -jetzt war es vielleicht sogar in Petersburg. - -»Und die Phosphorstreichhölzer?« fragte ich. - -»Davon weiß ich nichts,« schloß Wassin. »Lydia Achmakoff starb zwei -Wochen nach der Geburt des Kindes: was da geschehen ist, weiß ich nicht. -Der Fürst, der damals gerade aus Paris zurückgekehrt war, erfuhr nur, -daß sie ein Kind zur Welt gebracht hatte, und da hat er, wie es scheint, -zuerst nicht glauben wollen, daß es von ihm wäre ... Überhaupt wird -diese Geschichte von allen Seiten so geheim gehalten, sogar jetzt noch.« - -»Aber was ist das für ein Mensch, dieser Fürst!« rief ich empört. »Was -ist das für ein Verhalten zu einem kranken Mädchen!« - -»Sie war damals noch nicht so krank ... Außerdem hat sie ihn ja selbst -von sich gestoßen ... Allerdings hat er seinen Abschied vielleicht etwas -zu bereitwillig angenommen.« - -»Sie verteidigen noch einen solchen Schurken?« - -»Nein, ich nenne ihn nur nicht einen Schurken. Hierbei ist noch vieles -andere mit im Spiel, außer wirklicher Schurkerei. Überhaupt war das ein -ziemlich alltäglicher Fall.« - -»Sagen Sie, Wassin, Sie waren mit ihm doch gut bekannt? Ich würde mich -gern auf Ihr Urteil verlassen, gerade jetzt und wegen eines Umstandes, -der mich nicht wenig angeht.« - -Aber hierauf antwortete mir Wassin merklich zurückhaltend. Den Fürsten -kannte er, aber unter welchen Umständen er seine Bekanntschaft gemacht -hatte -- verschwieg er, und offenbar mit Absicht. Er meinte nur, der -Fürst verdiene wegen seines Charakters eine gewisse Nachsicht. »Er hat -viele gute Eigenschaften, und es ist in ihm ehrliches Wollen ... und er -ist auch sehr eindrucksfähig, aber er hat weder genügend gesunde -Vernunft, noch wirkliche Willenskraft, um seine Wünsche zu beherrschen. -Eigentlich ist er ganz ungebildet; eine Menge von Ideen und -Erscheinungen sind für ihn nicht faßbar, indessen sind es gerade diese, -die ihn faszinieren. Und dann behauptet er, was er für seine Überzeugung -hält, und wird Ihnen aufdringlich beweisen wollen, daß er recht habe, -zum Beispiel so: >Ich bin ein Fürst und stamme von Rjurik ab; aber warum -soll ich nicht Schustergeselle werden, wenn ich mir mein Brot verdienen -muß und zu keinem anderen Erwerb fähig bin? Auf meinem Schild wird -stehen: »Schuster Fürst Soundso« -- und es wird sogar vornehm sein.< Und -er wird es nicht nur sagen, er geht hin und tut es auch wirklich, -- das -ist die Hauptsache,« fügte Wassin hinzu. »Indessen handelt es sich -hierbei nicht um Überzeugungskraft, sondern einzig um leichtsinnigste -Eindrucksfähigkeit. Dafür stellt sich dann später unfehlbar die Reue -ein, und dann verfällt er immer in irgendein entgegengesetztes Extrem; -und darin besteht sein ganzes Leben. In unserer Zeit sind viele auf -diese Art in Ungelegenheiten geraten,« bemerkte Wassin, »eben dadurch, -daß sie in unserer Zeit geboren sind.« - -Ich wurde unwillkürlich nachdenklich. - -»Ist es wahr, daß er von seinem Regiment gezwungen worden ist, den -Dienst zu quittieren?« erkundigte ich mich. - -»Ich weiß nicht, inwieweit er dazu gezwungen worden ist, aber er hat das -Regiment allerdings wegen Unannehmlichkeiten verlassen. Ist es Ihnen -bekannt, daß er im vorigen Herbst, als er schon den Abschied erhalten -hatte, zwei oder drei Monate in Luga verbracht hat?« - -»Ich ... ich weiß, daß Sie damals in Luga waren.« - -»Ja, eine Zeitlang auch ich. Der Fürst war auch mit Lisaweta Makarowna -bekannt.« - -»Ja? Das wußte ich nicht. Ich muß gestehen, ich habe mit meiner -Schwester noch so wenig gesprochen ... Aber wie, -- ist er denn im Hause -meiner Mutter empfangen worden?« fragte ich bestürzt. - -»O nein; er war ja nur entfernt bekannt, durch ein drittes Haus.« - -»Ja, richtig, was war es doch, was meine Schwester mir von diesem Kinde -sagte? War denn auch dieses Kind in Luga?« - -»Eine Zeitlang.« - -»Und wo ist es jetzt?« - -»Unbedingt in Petersburg.« - -»Nein, nie im Leben werde ich glauben,« rief ich maßlos aufgebracht, -»daß meine Mutter an dieser Geschichte mit der Lydia auch nur im -geringsten beteiligt gewesen ist!« - -»Die Rolle Werssiloffs in dieser ganzen Geschichte hat, wenn man von -allen diesen Intrigen absieht, die zu erklären ich nicht versuchen will, -eigentlich nichts besonders Tadelnswertes,« bemerkte Wassin mit einem -nachsichtigen Lächeln. Ich glaube, es wurde ihm schwer, mit mir zu -sprechen, aber er ließ es sich nicht merken. - -»Nie, nie werde ich es glauben, daß eine Frau ihren Mann einer anderen -Frau abtreten könnte!« rief ich wieder erregt, »niemals werde ich das -glauben! ... Ich schwöre Ihnen, meine Mutter kann in dieser Geschichte -nie und nimmer eine Rolle gespielt haben!« - -»Allein, es scheint doch, daß sie nicht widersprochen hat?« - -»Ich hätte an ihrer Stelle schon aus Stolz nicht widersprochen!« - -»Ich, meinerseits, muß es vollständig ablehnen, über eine solche Sache -zu urteilen,« äußerte sich Wassin dazu. - -Es war wirklich möglich, daß Wassin, trotz all seinem unstreitigen -Verstande, von den Frauen vielleicht überhaupt nichts verstand, so daß -ein ganzer Kreis von Ideen und Erscheinungen für ihn fremd blieb. Ich -verstummte. Wassin war zeitweilig in einer Aktiengesellschaft -angestellt, und ich wußte, daß er gewöhnlich noch Arbeit nach Hause -mitnahm. Auf meine beharrlichen Fragen gestand er endlich, daß er auch -jetzt eine Arbeit hatte -- irgendwelche Rechnungen zu prüfen --, und ich -bat ihn dringend, sich durch mich nicht davon abhalten zu lassen. Das -war ihm, glaube ich, sehr angenehm; aber noch bevor er sich an die -Arbeit setzte, machte er für mich auf dem Diwan ein Nachtlager zurecht. -Zuerst wollte er mir sein Bett abtreten, doch als ich darauf nicht -einging, war er, glaube ich, auch damit sehr zufrieden. Von der Wirtin -verschaffte er sich ein Kissen und eine Decke. Wassin war ungemein artig -und freundlich, aber es war mir doch gewissermaßen peinlich, zu sehen, -wie er sich so um meinetwillen bemühte. Es war mir viel angenehmer -zumute gewesen, als ich einmal, etwa drei Wochen vorher, bei Jefim auf -der Petersburger Seite zufällig übernachtet hatte. Auch er hatte ein -Lager für mich bereitet, gleichfalls auf einem Diwan in seinem Zimmer, --- und zwar heimlich, damit die Tante nichts davon hörte, denn er -fürchtete, sie könnte böse werden, wenn sie erführe, daß seine Freunde -bei ihm übernachteten. Wir hatten während des Herrichtens nicht wenig -gelacht: das Bettlaken wurde durch ein Hemd ersetzt, und das fehlende -Kissen durch einen zusammengelegten Mantel. Ich weiß noch, als das Werk -beendet war, schlug Jefim mit liebevollem Stolz auf die Sprungfedern der -Polsterung, schnippte vor Vergnügen mit den Fingern und sagte: - -»_Vous dormirez comme un petit roi!_«{[32]} - -Und seine dumme Lustigkeit und dazu diese französische Phrase, die zu -ihm paßte wie ein Sattel auf eine Kuh, waren so komisch gewesen, daß ich -mich damals bei diesem närrischen Kauz mit Vergnügen und ganz vorzüglich -ausgeschlafen hatte. Bei Wassin dagegen war ich erst froh, als er -endlich, mit dem Rücken zu mir, an seiner Arbeit saß. Ich streckte mich -auf dem Diwan aus und dachte, während ich auf seinen Rücken sah, lange -und über vieles nach. - - - III. - -Und ich hatte wahrlich auch Stoff zum Nachdenken. In mir war Unklarheit -und Unruhe und doch keine greifbare, zwingende Veranlassung dazu; -einzelne Empfindungen traten sehr deutlich hervor, aber keine einzige -von ihnen riß mich ganz mit sich fort, da ihrer so viele waren. Alles -tauchte nur flüchtig auf, ohne Zusammenhang und Reihenfolge, und ich -hatte auch selbst gar keine Lust, bei irgend etwas zu verweilen oder -Ordnung in die Reihenfolge zu bringen. Sogar der Gedanke an Krafft trat -unmerklich zurück und -- immer mehr in den Hintergrund. Am meisten -beschäftigte und erregte mich meine eigene Lage: daß ich nun schon mit -ihnen »gebrochen« hatte, daß mein Koffer bei mir war, und ich nicht mehr -zu Hause schlief, und jetzt bereits das Neue begonnen hatte, ganz als -hätte ich mit allen meinen Absichten und Vorbereitungen bisher nur im -Scherz gespielt, und als hätte erst jetzt, und vor allem ganz plötzlich -und unerwartet, die »Umsetzung in die Tat, in die ernste Wirklichkeit« -begonnen. Aber diese Vorstellung gab mir Mut, und so unklar und unruhig -ich mich innerlich aus vielen Gründen auch fühlte, sie machte mich sogar -heiter. Aber ... aber es waren da auch noch andere Empfindungen; und -eine von diesen wollte sich aus allen anderen ganz besonders -hervordrängen und sich meiner Seele bemächtigen. Und sonderbar, auch -diese Empfindung ermunterte mich: sie rief mich gleichsam zu etwas -ungemein Lustigem. Und doch hatte sie mit einer Angst angefangen: ich -fürchtete, und schon lange, schon seit dem Augenblick des Geschehens, -daß ich in der Hitze und Überrumpelung der Achmakoff zuviel von dem -Dokument gesagt hatte. »Ja, ich habe zuviel gesagt,« dachte ich, »und -nun werden sie womöglich etwas erraten ... fatal! Natürlich werden sie -mir keine Ruhe mehr lassen, wenn sie Verdacht geschöpft haben, aber ... -meinetwegen! Übrigens, sie werden mich nicht einmal finden -- ich -verstecke mich, ganz einfach! Was aber dann, wenn sie wirklich anfangen -mich zu verfolgen ...« Und ich begann mich bis in alle Einzelheiten und -mit wachsendem Vergnügen zu erinnern, wie ich vor Katerina Nikolajewna -gestanden hatte, und wie ihre furchtlosen, nur maßlos verwunderten Augen -mich unverwandt angesehen hatten. Und auch als ich hinausgegangen war, -hatte ich sie in derselben Verwunderung zurückgelassen, erinnerte ich -mich. »Ihre Augen sind aber doch nicht ganz dunkel ... nur die Wimpern -sind ganz schwarz, deshalb erscheinen auch die Augen so dunkel ...« - -Und auf einmal, ich weiß noch, wurde mir die Erinnerung unendlich -widerlich ... und ärgerlich und ekelhaft wurden mir sowohl die beiden -Frauen wie ich mir selbst. Ich warf mir da irgend etwas vor und bemühte -mich, an anderes zu denken. »Warum ist in mir nicht die geringste -Empörung über Werssiloff wegen der Geschichte mit der Nachbarin?« ging -es mir plötzlich durch den Sinn. Ich war natürlich fest überzeugt, daß -er ein Liebeserlebnis gesucht und sie nur deshalb aufgesucht hatte, aber -das empörte mich eigentlich gar nicht. Es schien mir sogar, daß man ihn -sich überhaupt nicht anders denken könne, und wenn es mich auch freute, -daß er bloßgestellt worden war, so verurteilte ich ihn doch nicht. Das -war nicht wichtig für mich; wichtig war aber für mich, daß er mich so -böse angesehen hatte, als ich mit dieser Nachbarin eingetreten war, daß -er mich so angesehen hatte wie noch nie zuvor. »Also endlich hat auch er -mich _ernst_ genommen!« dachte ich mit stockendem Herzschlag. Oh, wenn -ich ihn nicht so geliebt hätte, sein Haß hätte mich nicht so gefreut! - -Endlich kam der Schlaf über mich, und ich schlief fest ein. Ich sah nur -noch wie im Traum, halb schon schlafend, wie Wassin nach Beendigung -seiner Arbeit alles ordentlich forträumte und, nach einem prüfenden -Blick auf meinen Diwan, sich auszukleiden begann und das Licht löschte. -Es war nach Mitternacht. - - - IV. - -Fast genau zwei Stunden später fuhr ich wirr aus dem Schlaf auf und kam, -auf meinem Sofa sitzend, erschrocken zu mir. Hinter der Tür, im Zimmer -der Nachbarinnen, ertönten schreckliche Schreie, dazwischen -verzweifeltes Weinen und Heulen. Unsere Zimmertür stand offen, und auf -dem Korridor, der schon erhellt war, schrien und liefen Leute. Ich -wollte schon Wassin anrufen, erriet aber, daß er nicht mehr im Bett war. -Ich wußte nicht, wo die Streichholzschachtel lag, so tastete ich nach -meinen Sachen und begann mich in der Dunkelheit schnell anzukleiden. Im -Nebenzimmer waren die Wirtin und wohl auch die anderen Zimmermieter -schon zusammengelaufen. Übrigens war es nur eine Stimme, die so schrie -und weinte, eben die der älteren Nachbarin, während die junge Stimme, -die ich am Tage gehört und nur zu gut behalten hatte, -- gänzlich -schwieg; ich erinnere mich noch, daß mir dies gleich als merkwürdig -auffiel. Ich hatte noch nicht Zeit gehabt, mich ganz anzuziehen, als -Wassin eilig eintrat; im Nu fand er mit gewohnter Hand die Streichhölzer -und machte Licht im Zimmer. Er hatte über seiner Wäsche nur seinen -Schlafrock an, die Füße staken in Pantoffeln, und er machte sich -sogleich ans Ankleiden. - -»Was ist geschehen?« fragte ich ihn bestürzt. - -»Eine höchst unangenehme und widerwärtige Sache!« versetzte er fast -wütend. »Diese junge Nachbarin, von der Sie mir erzählten, hat sich in -ihrem Zimmer erhängt.« - -Ich schrie auf. Ich vermag gar nicht wiederzugeben, was ich empfand! Wir -eilten auf den Korridor hinaus. Ich muß gestehen, ich wagte nicht, in -ihr Zimmer einzutreten, und so sah ich die Unglückliche erst später, als -man sie schon aus der Schlinge genommen hatte, und auch dann, aufrichtig -gesagt, nur aus einiger Entfernung, wie sie da lag, mit einem Laken -zugedeckt, unter dem nur die zwei schmalen Sohlen ihrer Schuhe -hervorsahen. So habe ich ihr denn aus irgendeinem Grunde überhaupt nicht -ins Gesicht gesehen. Ihre Mutter war in einer furchtbaren Verfassung; -die Wirtin, die übrigens gar nicht so sehr erschrocken zu sein schien, -war bei ihr. Desgleichen waren alle übrigen Mieter zugegen und drängten -sich da herum. Es waren nicht viele: ein älterer Seemann, der immer sehr -brummig war und zu befehlen liebte, sich jetzt aber ganz still verhielt, -und ein altes Ehepaar aus dem Tulaschen, ganz ehrenwerte Leute aus dem -Beamtenstande. Ich will den Verlauf dieser Nacht, alle diese Laufereien -und später auch die offiziellen Besuche, nicht weiter beschreiben; bis -zum Morgengrauen zitterte ich buchstäblich die ganze Zeit und hielt es -für meine Pflicht, mich nicht hinzulegen, obgleich ich nichts zu tun -hatte und auch nichts tat. Eigentlich sahen alle sehr munter aus, ja -sogar irgendwie besonders aufgeweckt. Wassin fuhr irgendwohin. Die -Wirtin zeigte sich als ganz achtbare Frau, jedenfalls war sie besser, -als ich erwartet hatte. Ich erklärte ihr (und das rechne ich mir zur -Ehre an), daß man die Mutter jetzt nicht bei der Leiche der Tochter so -allein lassen könne, und daß sie die Arme wenigstens bis zum nächsten -Tage in ihrem Zimmer bei sich aufnehmen müsse. Sie war dazu gleich -bereit, und wie sehr sich die Mutter auch wehrte und sich schluchzend -weigerte, die Leiche zu verlassen, zu guter Letzt gelang es doch, sie -zur Wirtin hinüberzuführen, die sogleich ihr Teemaschinchen aufstellen -ließ. Hierauf zogen sich auch die übrigen in ihre Zimmer zurück und -schlossen die Türen, ich aber wollte mich um keinen Preis hinlegen und -saß noch lange bei der Wirtin, die sogar froh war über die Gegenwart -eines dritten Menschen, der außerdem noch manches auf den Vorfall -Bezügliche mitteilen konnte. Der Tee kam uns sehr zustatten, und -überhaupt ist die Teemaschine eine der allernotwendigsten Sachen im -russischen Leben, besonders bei Katastrophen und Unglücksfällen, -namentlich, wenn es plötzliche, schreckliche und ganz außergewöhnliche -sind. Selbst diese verzweifelte Mutter trank schließlich zwei Täßchen, -natürlich erst nach langem Zureden unsererseits und Versuchen, sie -womöglich dazu zu zwingen. Und doch muß ich aufrichtig sagen, daß ich -noch nie einen so grausamen und unmittelbaren Schmerz gesehen habe wie -damals bei dieser Unglücklichen. Nach den ersten Ausbrüchen der -Verzweiflung und Hysterie, begann sie zu sprechen; sie hatte offenbar -das Bedürfnis, zu sprechen, und ich hörte ihr gierig zu. Es gibt -Unglückliche, besonders unter den Frauen, die man in solchen Fällen -unbedingt so viel als möglich sprechen lassen muß. Gibt es doch -tatsächlich Menschen, die vom Kummer schon so zermürbt sind, die ihr -ganzes Leben lang gelitten, die schon so viel und Ungeheuerliches -erduldet haben, und beständig um kleinlicher Dinge willen, daß sie durch -nichts mehr erschüttert werden können, auch nicht durch plötzliche -Katastrophen, und die sogar am Sarge des geliebtesten Wesens keine -einzige der so hart erworbenen Regeln ihres dienstfertigen Umgangs mit -Menschen vergessen. Und ich verurteile sie nicht: hier ist es nicht -niedrige Selbstsucht, nicht Gefühlsroheit; in diesen Herzen findet sich -vielleicht mehr Gold als in denen der anscheinend edelsten Heldinnen, -aber die Gewohnheit der langen Erniedrigung, der Selbsterhaltungstrieb, -die langjährige Einschüchterung und Niedergedrücktheit erweisen sich -schließlich als stärker. Darin hatte die arme Selbstmörderin ihrer -Mutter nicht geglichen. Übrigens war in ihren Gesichtszügen, wenn ich -mich nicht irre, doch eine Ähnlichkeit vorhanden, obgleich die -Verstorbene entschieden gut aussah. Die Mutter war noch keine sehr alte -Frau, erst gegen fünfzig, und ebenso blond wie die Tochter, aber ihre -Augen und Wangen waren eingefallen und ihre Zähne ungleichmäßig, groß -und gelb. Ja, eigentlich war alles an ihr gelblich; die Haut ihres -Gesichts und ihrer Hände erinnerte an Pergament; ihr dunkles billiges -Kleid hatte vor Alter auch schon einen braungelben Farbton, und den -Nagel ihres Zeigefingers der rechten Hand hatte sie, ich weiß nicht -weshalb, sorgfältig und sauber mit gelbem Wachs beklebt. - -Die Erzählung der armen Frau war zum Teil zusammenhanglos. Ich werde sie -wiedergeben, wie ich sie selbst verstanden und soweit ich ihre Worte -behalten habe. - - - V. - -Aus Moskau waren sie gekommen. Sie war schon lange Witwe, »aber doch -Hofrätin«, wie sie sagte; ihr Mann hatte sein Beamtengehalt gehabt und -fast nichts hinterlassen, »außer einer Pension von zweihundert Rubeln. -Aber was sind zweihundert Rubel?« Immerhin hatte sie ihre Tochter -erziehen und das Gymnasium beenden lassen können ... »Und wie sie -gelernt hat, wie gut sie gelernt hat! -- sogar die Silberne Medaille hat -sie nach dem Schlußexamen bekommen ...« (Hier begann sie natürlich -wieder zu weinen.) Ihr verstorbener Mann hatte früher einmal an einen -hiesigen, Petersburger, Kaufmann ein Kapital von viertausend Rubeln -verloren. Da erfuhren sie, daß dieser Kaufmann inzwischen reich geworden -war, -- »und ich habe Dokumente, ich begann mich zu erkundigen, und da -sagte man mir, ich solle einen Prozeß anstrengen, ich würde bestimmt -alles wieder bekommen ... Und so fragte ich denn bei ihm an, und der -Kaufmann schien darauf einzugehen; aber man riet uns doch, selbst -herzureisen. Und so machten wir uns denn auf die Reise. Vor einem Monat -trafen wir hier ein. Aber was haben wir denn für Mittel? So nahmen wir -dieses Zimmerchen, weil es das kleinste von allen ist und in einem -anständigen Hause, das sahen wir doch gleich, und darum war es uns am -meisten zu tun. Wir sind doch unerfahrene Frauen, ein jeder kann uns -beleidigen. Nun, Ihnen bezahlten wir für einen Monat voraus, hier etwas -Geld und dort etwas Geld, für dies und für das, Petersburg ist doch so -teuer, unser Kaufmann aber denkt nicht daran, uns etwas auszuzahlen: ->Kenne Sie nicht und weiß von nichts,< sagt er. Mein Dokument ist aber -nicht ganz so, wie es sein müßte, das sehe ich ja auch selbst ein. Und -da riet man mir denn: Gehen Sie doch zu unserem berühmten Rechtsanwalt; -der ist sogar Professor gewesen, ist nicht so ein gewöhnlicher Advokat, -sondern sozusagen ein bedeutender Jurist, damit er mir dann schon -wirklich sagt, was ich nun tun soll. So nahm ich denn meine letzten -fünfzehn Rubel und trug sie zu ihm hin; er ließ mich denn auch zu sich -hereinbitten, hörte mich aber nicht einmal drei Minuten lang an: >Ich -sehe schon,< sagt er, >ich weiß schon,< sagt er, >wenn der Kaufmann -will,< sagt er, >dann wird er es zurückgeben, wenn er aber nicht will, -dann nicht,< sagt er, >und wenn Sie einen Prozeß anstrengen, können Sie -noch die Kosten tragen. Am besten ist, Sie legen es gütlich bei.< Und er -scherzte noch mit einem Bibelspruch: >Seien Sie willfärtig mit Ihrem -Widersacher, dieweil Sie noch auf dem Wege sind,< sagt er, >denn sonst -kommt man nicht von dannen heraus, bis daß man den letzten Heller -bezahlt hat,< -- und damit geleitet er mich hinaus und lacht noch. Da -waren sie nun, meine fünfzehn Rubel! Ich komme zurück zu meiner Olä, wir -sitzen uns gegenüber, da begann ich denn zu weinen. Sie weint nicht; -sitzt so stolz, ist unwillig. Und immer ist sie so gewesen, von Kindheit -an, schon als ganz kleines Mädchen, niemals hat sie geklagt, niemals -geweint, sie sitzt nur und sieht so streng aus, daß mir ganz bange wird, -sie anzusehen. Und werden Sie es mir glauben: ich habe doch Angst vor -ihr gehabt, wirklich, hab' schon lange Angst vor ihr gehabt, und schon -oft habe ich weinen wollen, hab' es aber nicht gewagt, wenn sie dabei -war. So ging ich denn zum letztenmal zum Kaufmann, weinte mich bei ihm -aus: >Schon gut,< sagt er, hört mich nicht einmal an. Und dabei waren -wir, das muß ich Ihnen nun schon gestehen, wir waren, da wir doch nicht -darauf gerechnet hatten, solange hierbleiben zu müssen, so waren wir -denn schon lange ohne Geld. Da mußte ich denn nach und nach von unseren -Kleidern dies und jenes forttragen: was wir versetzten, davon lebten wir -denn. Alle unsere Sachen hatten wir schon versetzt, bis sie schließlich -ihre letzte Wäsche zusammensuchte und mir abgab; nun hielt ich es nicht -mehr aus und fing bitterlich zu weinen an. Da stampfte sie mit dem Fuß -auf, sprang auf und lief selbst zum Kaufmann. Er ist Witwer; er sprach -mit ihr: >Kommen Sie übermorgen,< sagt er, >um fünf; vielleicht sage ich -Ihnen dann etwas.< Sie kam ganz froh zurück: >Übermorgen wird er mir -Bescheid geben,< sagt sie. Nun, auch ich war froh, aber ins Herz kroch -mir dabei doch so was Kaltes: was wird das nun sein? denk' ich so bei -mir, aber sie zu fragen wag' ich doch nicht. Übermorgen, hatte er -gesagt, sollte sie zu ihm kommen, aber wie sie dann von ihm -zurückkehrte, war sie ganz bleich und zitterte am ganzen Körper und warf -sich aufs Bett -- da erriet ich alles und wagte nichts mehr zu fragen. -Was glauben Sie wohl, er hatte ihr fünfzehn Rubel angeboten, dieser -Räuber, und gesagt: >Und wenn ich volle Unschuld finde, geb' ich vierzig -Rubel und noch was drüber.< Und hatte ihr das so ins Gesicht gesagt, -hatte sich nicht geschämt, das so zu sagen! Da war sie auf ihn -losgestürzt, erzählte sie mir, aber er hatte sie zurückgestoßen und sich -im Nebenzimmer sogar vor ihr eingeschlossen. Und dabei hatten wir, ich -schwöre es Ihnen, nichts mehr zu essen. So brachten wir unsere letzte -warme Jacke hin, sie war mit Hasenfell gefüttert, und verkauften sie, -und dann ging sie und machte in der Zeitung bekannt, daß sie in allen -Fächern unterrichtet, auch in der Arithmetik. >Wenigstens dreißig -Kopeken wird man mir doch zahlen,< sagte sie zu mir. Aber zu guter -Letzt, Mütterchen, hat sie mich wirklich in Schrecken versetzt: kein -Wort hat sie mit mir gesprochen, stundenlang sitzt sie am Fenster und -starrt auf das Dach des Hauses gegenüber, bis sie plötzlich auffährt: ->Meinetwegen Wäsche waschen, meinetwegen Erde graben!< oder so was ruft -sie aus und stampft mit dem Fuß. Und mit keiner Menschenseele sind wir -hier bekannt, kennen keinen, an den wir uns wenden, den wir um Rat -fragen könnten. Was wird nun aus uns werden? denk' ich. Aber mit ihr -darüber zu reden, wag' ich schon gar nicht. Einmal schlief sie ein -bißchen am Tage, und wie sie erwachte, die Augen aufschlug, sah sie mich -an: ich saß auf dem Koffer und sah sie gleichfalls an: da stand sie -schweigend auf, kam zu mir, schlang fest, so fest, ihre Arme um mich, -und da erst konnten wir uns beide nicht mehr beherrschen und brachen in -Tränen aus, und so saßen wir denn und weinten und ließen uns nicht aus -den Armen. Zum erstenmal in ihrem Leben war sie so. Und während wir noch -so beieinander sitzen, kommt Ihre Nastassja herein und sagt: >Da ist -eine Dame, die sich nach Ihnen erkundigt und Sie sprechen will.< Das war -erst vor vier Tagen. Die Dame kommt herein: wir sehen, sie ist so schön -angezogen, spricht zwar Russisch, hat aber so eine deutsche Aussprache: ->Sie haben in der Zeitung bekanntgemacht, daß Sie Stunden geben,< sagt -sie. Da waren wir so froh, baten sie, doch Platz zu nehmen, und sie -lachte so freundlich: >Nicht zu mir,< sagt sie, >aber meine Nichte hat -kleine Kinder; wenn es Ihnen recht ist, bemühen Sie sich vielleicht zu -uns, dann können wir alles besprechen.< Sie gab uns ihre Adresse, bei -der Wosnessenskibrücke wohnte sie, im Hause Nummer soundso, und auch die -Wohnungsnummer nannte sie. Dann ging sie. Oletschka wollte keine Zeit -verlieren, ging noch am selben Tage hin -- nach zwei Stunden kam sie -zurück, außer sich, weint und schlägt um sich wie in Krämpfen. Später -erzählte sie mir: >Ich fragte den Hausknecht nach der Wohnung,< sagte -sie, >die und die Nummer. Der sah mich,< sagte sie, >so merkwürdig an: -»Was wollen Sie denn dort in dieser Wohnung?«< hat er sie so -eigentümlich gefragt, daß sie schon gleich hätte Verdacht schöpfen -können. Sie aber war ja schon immer so stolz und ungeduldig, solche -Fragen und Unhöflichkeiten hat sie nie ertragen. >Dort hinauf,< sagt -schließlich der Hofknecht und weist mit dem Finger nach der Treppe, und -dann hat er sich umgedreht und ist in seine Kammer gegangen. Und können -Sie sich denken: sie geht hinein, erkundigt sich -- da kommen schon von -allen Seiten Frauenzimmer herbeigelaufen! >Bitte, treten Sie näher, -bitte hier, bitte sehr!< -- lauter Frauenzimmer, und sie lachen, -umringen sie, und alle sind geschminkt und aufgeputzt und schamlos, -spielen auf dem Klavier, ziehen sie mit -- >ich wollte fort,< sagte sie, ->wollte hinauslaufen, aber sie hielten mich fest.< Da hatte schreckliche -Angst sie erfaßt, und die Knie hatten ihr gezittert, aber man ließ sie -einfach nicht fort, man beredete sie, man war so freundlich, -Portweinflaschen werden entkorkt, es wird eingeschenkt, angeboten, -genötigt. Da war sie denn aufgesprungen und hatte geschrien, so laut sie -konnte: >Lassen Sie mich, lassen Sie mich!< und da war sie zur Tür -gestürzt, die Tür wird aber von ihnen zugehalten, sie aber schreit und -ruft um Hilfe; da springt plötzlich die herzu, die bei uns gewesen war, -und schlägt meiner Olä zweimal ins Gesicht und stößt sie zur Tür hinaus. ->Du bist es nicht wert, du altes Fell, in einem feinen Hause zu sein!< -schreit sie ihr zu, und eine andere schreit ihr noch auf die Treppe -nach: >Du bist selbst zu uns gekommen, um dich uns aufzudrängen, weil du -nichts zu fressen hast, wir aber hätten eine solche Fratze überhaupt -nicht beachtet!< Diese ganze Nacht war sie wie im Fieber, sie -phantasierte sogar im Schlaf, und am nächsten Morgen brannten ihre -Augen, sie stand auf, ging umher, -- >der Polizei anzeigen,< sagt sie, ->ich bringe sie vor den Richter, vors Gericht!< Ich schweige, denke so -bei mir: und was gewinnst du dadurch, womit beweist du? Sie aber geht -immer noch ruhelos umher, ringt die Hände, die Tränen rollen ihr über -die Wangen, aber die Lippen hat sie zusammengepreßt, unbeweglich. Und -ihr ganzes Gesicht war von Stund' an verfinstert, und so blieb es auch -bis zum Ende. Am dritten Tage wurde ihr leichter, sie schwieg, als hätte -sie sich beruhigt. Und gerade an dem Tage, gegen vier Uhr nachmittags, -suchte uns Herr Werssiloff auf. - -Ich muß wohl offen sagen: ich kann noch immer nicht verstehen, wie das -kam, daß meine Olä, die doch schon so mißtrauisch geworden war, damals -gleich nach seinem ersten Wort ihn anzuhören begann! Was uns beide am -meisten und von vornherein für ihn einnahm, das war, daß er so ernst, ja -sogar streng aussah; und er sprach so ruhig, so sachlich, und dabei ist -er so höflich, -- was sage ich, höflich, -- geradezu ehrerbietig ist er, -und dabei nicht eine Spur von einem Sicheinschmeichelnwollen. Man sieht -sofort, dieser Mensch ist mit reinen Gedanken gekommen. Er sagte: >Ich -habe Ihre Anzeige in der Zeitung gelesen, Sie haben sie aber,< sagt er, ->nicht ganz richtig abgefaßt, und der Fehler könnte leicht zu einem -falschen Urteil über Sie verleiten.< Und er fing an, ihr das zu -erklären, aber ich muß sagen, ich habe nicht alles ganz verstanden -- -von der Arithmetik sagte er da etwas. Nur sehe ich, meine Olä wird -plötzlich ganz rot und ist wieder wie neubelebt, hört ihn aufmerksam an, -spricht mit ihm so bereitwillig (und er muß doch auch ein sehr kluger -Mensch sein!), und was höre ich: sie bedankt sich bei ihm sogar. Er -fragte sie nach allem so sachlich und gewissenhaft, und man merkte -gleich, daß er lange in Moskau gelebt hatte, und es erwies sich, daß er -die Direktrice des ersten Mädchengymnasiums persönlich kannte. ->Stunden,< sagt er, >werde ich Ihnen bestimmt verschaffen, denn ich bin -hier mit vielen bekannt und kann auch viele einflußreiche -Persönlichkeiten darum bitten, und falls Sie eine dauernde Stellung -wünschen, so könnte man auch das im Auge behalten ... vorläufig aber -- -verzeihen Sie,< sagt er, >wenn ich eine offene Frage an Sie richte: -Könnte ich Ihnen nicht jetzt gleich irgendeinen Dienst erweisen? -Betrachten Sie es so,< sagt er, >daß nicht ich Ihnen einen Gefallen -erweise, sondern Sie mir damit ein Vergnügen bereiten, wenn Sie es -zulassen, daß ich Ihnen in irgendeiner Form meine Hilfe anbieten darf. -Fassen Sie es meinetwegen als Darlehen auf,< sagt er, >und sobald Sie -eine Stellung erhalten haben, können Sie das ja in kürzester Zeit mit -mir verrechnen. Sollte ich jemals in eine ähnliche Lage geraten, während -Sie wohlhabend sind, so würde ich mich, glauben Sie mir bei meiner Ehre, -wegen einer solchen Hilfe ohne weiteres an Sie wenden, würde auch meine -Frau und Tochter in solchem Fall zu Ihnen schicken ...< oder so ungefähr -drückte er sich aus, ich habe nicht alle seine Worte behalten, ich weiß -nur, daß mir Tränen in die Augen traten, denn ich sah, daß auch bei -meiner Olä die Lippen bebten vor Dankbarkeit: >Wenn ich es annehme,< -antwortete sie, >so tue ich das nur, weil ich Vertrauen habe zu einem -ehrlichen und humanen Menschen, der mein Vater sein könnte ...< Und so -hübsch sagte sie ihm das, so zurückhaltend und vornehm, so -- >einem -humanen Menschen,< sagte sie. Er erhob sich sofort. >Unbedingt,< sagte -er, >unbedingt werde ich Ihnen Privatstunden und auch eine Anstellung -verschaffen: ich werde unverzüglich das Nötige tun, denn Ihre Zeugnisse -genügen ja vollkommen ...< Ich vergaß vorhin zu sagen, daß er sich -gleich als erstes alle ihre Zeugnisse vom Gymnasium hatte zeigen lassen -und sie durchgesehen hatte, und dann hatte er sie noch selbst in -verschiedenen Fächern examiniert ... Olä sagte noch später zu mir: ->Mamachen, er hat mich doch in allen Fächern examiniert, und wie klug er -ist, Mamachen,< sagt sie, >ich habe noch niemals mit einem so klugen und -gebildeten Menschen gesprochen ...< Und sie strahlt nur so. Das Geld -- -es waren sechzig Rubel -- lag noch auf dem Tisch. >Legen Sie es fort, -Mamachen,< sagt sie, >wenn ich meine Anstellung habe, wird es unsere -erste Pflicht sein, ihm das so bald als möglich zurückzugeben, wir -werden ihm beweisen, daß wir anständig sind; und daß wir Takt haben, das -hat er schon gesehen.< Dann schwieg sie wieder ein Weilchen, ich sehe, -sie sinnt und atmet so tief. >Wissen Sie,< sagt sie plötzlich zu mir, ->wissen Sie, Mamachen, wenn wir taktlos wären, so würden wir seine Hilfe -vielleicht aus Stolz nicht angenommen haben; daß wir sie aber von ihm -angenommen haben, gerade dadurch haben wir ihm unser Zartgefühl -bewiesen, und daß wir ihm unser Vertrauen schenken, als einem -ehrenwerten Manne mit schon ergrauendem Haar, nicht wahr?< Ich verstand -sie nicht gleich und fragte: >Aber warum denn, Olä, warum soll man von -einem edlen und reichen Menschen nicht eine Wohltat annehmen, wenn er -außerdem noch ein Mensch mit einem guten Herzen ist?< Sie runzelte die -Stirn. >Nein, Mamachen,< sagt sie, >das ist es nicht, nicht die Wohltat -war nötig, sondern seine Menschlichkeit< sagt sie, >die ist hier das -Wertvolle. Und das Geld, das hätten wir lieber gar nicht annehmen -sollen, Mamachen: da er doch versprochen hat, mir eine Anstellung zu -verschaffen, so ist auch das schon genug ... wenn wir es auch noch so -nötig hätten.< -- >Ach, Olä,< sag ich, >wir haben es doch wohl mehr als -nur nötig, wie sollen wir denn ohne dem auskommen? -- da mußten wir es -doch schon annehmen,< sag ich, der Gedanke kam mir sogar spaßig vor, und -ich lächelte noch über sie. Ich war so froh innerlich, aber nach einer -Stunde sagt sie mir auf einmal: >Mamachen,< sagt sie, >warten Sie noch -etwas, geben Sie das Geld noch nicht aus,< -- und so bestimmt sagte sie -es. >Warum nicht?< frage ich. -- >Ich will es nicht!< sagt sie kurz, -bricht ab und verstummt. Für den ganzen Abend blieb sie stumm; erst in -der Nacht, so gegen zwei Uhr, wache ich auf und höre, Olä bewegt sich in -ihrem Bett: >Sie schlafen nicht, Mamachen?< -- >Nein,< sag ich, >ich -schlafe nicht.< -- >Wissen Sie,< sagt sie, >er hat mich doch beleidigen -wollen!< -- >Was fällt dir ein,< sag ich, >wie kommst du darauf?< -- ->Bestimmt hat er das gewollt,< sagt sie, >das ist ein gemeiner Mensch, -nicht eine Kopeke dürfen Sie von seinem Gelde ausgeben!< sagt sie. Ich -wollte ihr zureden, fing sogar in meinem Bett zu weinen an -- sie drehte -sich zur Wand: >Seien Sie still,< sagt sie, >lassen Sie mich schlafen!< -Am Morgen sehe ich sie an, sie geht umher, aber sie ist gar nicht -wiederzuerkennen, -- und ich sage Ihnen, glauben Sie mir oder glauben -Sie mir nicht, vor Gottes Gericht kann ich's beschwören: sie war da -nicht mehr ganz bei Sinnen! In derselben Stunde, wo man sie in diesem -unanständigen Hause beleidigt hatte, war ihr Herz irre geworden ... und -auch ihr Verstand. Ich sah sie an diesem Morgen an und wunderte mich -über sie; mir wurde schon ganz angst und bange; und ich denke noch so -bei mir: ich werde ihr heute lieber nicht widersprechen, mit keinem -Wort. >Seine Adresse hat er uns also richtig nicht angegeben,< sagt sie. ->Schäm dich, Olä,< sag ich, >das ist sündhaft von dir: du hast doch -selbst gestern gehört, was er gesagt hat, hast ihn nachher noch selbst -gelobt, warst selbst vor Dankbarkeit dem Weinen nahe ...< Kaum hatte ich -das gesagt -- da schrie sie auf, stampfte mit dem Fuß: >Sie sind eine -Frau mit niedrigen Gefühlen,< sagt sie, >altmodisch sind Sie erzogen,< -sagt sie, >Ihre Auffassungen stammen noch aus der Zeit der -Leibeigenschaft ...!< und was sie da noch alles sagte, plötzlich nimmt -sie ihren Hut, läuft hinaus, ich rufe sie noch zurück, will sie halten, --- was ist mit ihr, denke ich, wohin will sie nun laufen? Sie aber lief -aufs Adreßbureau, dort erfuhr sie, wo Herr Werssiloff wohnt, und kam -zurück: >Heute noch,< sagt sie, >sofort bring ich ihm das Geld zurück -und werfe es ihm ins Gesicht; er hat mich beleidigen wollen, ganz wie -Ssafronoff (so heißt unser Kaufmann); nur hat Ssafronoff mich wie ein -roher Bauer beleidigt, dieser aber wie ein hinterlistiger Jesuit!< Und -da kommt und klopft noch zu unserem Unglück dieser Herr an die Tür. >Ich -höre, es ist hier von Herrn Werssiloff die Rede,< sagt er, >da müssen -Sie _mich_ fragen, ich allein kann Ihnen alles sagen.< Wie sie das hört -und den Namen Werssiloff, da klammert sie sich schon an ihn, wie außer -sich ist sie, und spricht und spricht, daß ich sie nur ansehen und mich -wundern kann: mit keinem hatte sie so gesprochen, so schweigsam war sie -immer gewesen, und nun plötzlich ist sie so, mit diesem ganz fremden -Menschen? Ihre Wangen glühen, ihre Augen blitzen ... Und da sagt er -noch: >Sie haben vollkommen recht, gnädiges Fräulein. Werssiloff,< sagt -er, >ist genau so einer wie die hiesigen Generäle, von denen die -Zeitungen zu berichten wissen. So ein General wirft sich in Gala, steckt -alle seine Orden an und besucht dann alle Gouvernanten, die durch die -Zeitungen Stunden suchen, und so geht er und findet, was er sucht; und -wenn er das nicht findet, dann sitzt er ein Weilchen, redet, verspricht -Gott weiß was alles, und geht wieder, -- nun, und hat sich doch -wenigstens eine kleine Zerstreuung verschafft. Tja!< sagte er. Meine Olä -lachte sogar, aber so böse klang es, dieser Herr aber, was sehe ich, -erfaßt ihre Hand und scheint ihre Hand an sein Herz ziehen zu wollen: ->Mein Fräulein,< sagt er, >auch ich habe mein eigenes Kapital und könnte -es in jedem Augenblick einem schönen Mädchen anbieten, aber es ist -besser,< sagt er, >ich küsse ihr zunächst nur das kleine Händchen ...< -und er zieht, sehe ich, ihre Hand an die Lippen und will sie schon -küssen. Wie aber Olä da aufsprang, und ich nun auch -- und da haben wir -beide ihn einfach hinausgejagt! Kurz vor Abend aber entriß Olä mir das -Geld, lief fort und kam atemlos wieder. >Mamachen,< sagt sie, >ich habe -mich an einem ehrlosen Menschen gerächt!< -- >Ach, Olä, Olä,< sag ich, ->jetzt ist vielleicht auch unser Glück dahin, einen edlen, wohltätigen -Menschen hast du beleidigt!< Und ich mußte weinen vor Unwillen über sie, -ich konnte nicht anders. Da fährt sie auf und schreit: >Ich will nicht,< -schreit sie, >ich will nicht! Und wenn er auch der anständigste Mensch -ist, ich will sein Almosen nicht! Und daß mich jemand bedauert oder -bemitleidet, das ertrag ich nicht, das will ich nicht!< Als ich an -diesem Abend zu Bett ging, dachte ich an nichts. Wie oft habe ich diesen -großen Nagel in unserer Wand betrachtet, der dort von Ihrem Spiegel -stecken geblieben ist, -- aber niemals ist mir so was in den Sinn -gekommen, ich bin überhaupt nicht darauf verfallen, weder gestern noch -früher, niemals hab ich an so etwas auch nur gedacht, nicht mal -befürchtet, und von Olä hätt ich so was schon ganz und gar nicht -erwartet. Ich schlafe gewöhnlich sehr fest, ja ich schnarche sogar, das -Blut dringt mir im Schlaf so zu Kopf, manchmal auch zu Herzen, und dann -schreie ich auf im Schlaf, so daß Olä mich schon oft in der Nacht -geweckt hat: >Wie fest Sie schlafen, Mamachen,< sagt sie, >man kann Sie -ja gar nicht aufwecken, wenn es nötig ist.< -- >Ach, Olä,< sag ich, >ich -weiß ja, daß ich fest schlafe.< Und so fest muß ich denn auch an diesem -Abend eingeschlafen sein, und darauf hat sie wohl nur gewartet, um dann -leise aufzustehen, ohne befürchten zu müssen, daß ich aufwachte. Und -dieser Riemen von unserem Koffer, so ein langer Riemen, der trieb sich -schon den ganzen Monat im Zimmer herum, und noch am Morgen dachte ich: ->Ach, den muß man doch endlich einmal weglegen, damit er nicht ewig so -im Wege liegt.< Und den Stuhl hat sie dann wohl mit dem Fuß umgestoßen, -und damit er keinen Lärm machte, hatte sie ihren Rock an der Seite -untergebreitet. Und ich bin dann wohl erst lange, lange nachher, erst -nach einer Stunde oder noch später, aufgewacht. >Olä!< ruf ich, >Olä!< --- Und gleich ahnte ich etwas, wie ich sie rufe. War es nun, daß ich ihr -Atmen von ihrem Bett her nicht mehr hörte, oder daß ich in der -Dunkelheit doch vielleicht sah, daß ihr Bett leer war, -- ich stand -plötzlich auf und tappte mit der Hand: im Bett ist niemand, und das -Kissen ist kalt. Da sank mir der Mut, ich stehe und rühre mich nicht vom -Fleck, wie leblos, und im Kopf ist mir ganz schwindelig. >Sie ist wohl -aus dem Zimmer gegangen,< denk ich, und ich mach einen Schritt, aber da -seh ich, beim Bett, in der Ecke, neben der Tür -- da ist so etwas, als -stünde sie selbst dort. Ich stehe, schweige, sehe sie an, und es ist -mir, als ob sie aus der Dunkelheit mich gleichfalls ansähe, ohne sich zu -rühren ... >Aber warum ist sie denn,< denk ich, >auf den Stuhl -gestiegen?< -- >Olä,< flüstere ich ganz verzagt, >Olä, hörst du?< -- Und -da war's mir auf einmal, als werde alles in mir erleuchtet, ich schritt, -streckte beide Arme aus, gerade auf sie zu, umfaßte sie, sie aber, sie -schaukelt in meinen Armen, ich greife zu, sie aber schaukelt -- da -begriff ich alles und will doch nichts begreifen ... Schreien will ich, -aber es ist keine Stimme in mir ... Ach, dachte ich! Da fiel ich wie -getroffen zu Boden und schrie ...« - --- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -»Wassin,« sagte ich am Morgen gegen sechs Uhr, »wenn Ihr Stebelkoff -nicht dazwischen gekommen wäre, dann wäre das Unglück vielleicht gar -nicht geschehen.« - -»Wer kann das wissen. Wahrscheinlich wäre es dennoch geschehen. In -diesem Fall kann man nicht so urteilen, hier war auch ohnedies schon -alles reif ... Freilich, dieser Stebelkoff ist bisweilen ...« - -Er sprach den Satz nicht zu Ende und runzelte die Stirn, wie über einen -sehr unangenehmen Gedanken. Gegen sieben Uhr fuhr er wieder fort. Er -hatte es übernommen, alle erforderlichen Schritte zu tun. Schließlich -blieb ich ganz allein. Es war schon hell geworden. Im Kopf hatte ich ein -leichtes Schwindelgefühl. Werssiloff stand mir vor Augen: die Erzählung -dieser Mutter hatte ihn mir in einem ganz anderen Licht gezeigt. Um -besser darüber nachdenken zu können, legte ich mich auf Wassins Bett, so -wie ich war, angekleidet und in Stiefeln -- nur auf einen Augenblick und -ganz ohne die Absicht, zu schlafen --, und auf einmal war ich -eingeschlafen, ich weiß selbst nicht, wie. Ich schlief gute vier -Stunden; niemand weckte mich. - - - Zehntes Kapitel. - - - I. - -Ich erwachte erst gegen halb elf und traute lange meinen Augen nicht: -auf dem Diwan, auf dem ich am Abend eingeschlafen war, saß meine Mutter -und neben ihr -- die unglückliche Mutter der Selbstmörderin. Sie saßen -und hatten sich die Hände gegeben und sprachen flüsternd, -wahrscheinlich, um mich nicht zu wecken, und beide weinten sie. Ich -stand auf vom Bett und eilte auf meine Mutter zu, um sie zu küssen. Ihr -ganzes Gesicht erstrahlte nur so, und sie küßte mich und bekreuzte mich -dreimal mit der rechten Hand. Noch bevor wir ein Wort sagen konnten, -ging die Tür auf, und ins Zimmer traten Werssiloff und Wassin. Meine -Mutter erhob sich sogleich und führte die arme Frau mit sich fort. -Wassin reichte mir die Hand, Werssiloff aber sagte kein Wort zu mir und -setzte sich in einen Lehnstuhl. Er und Mama waren wohl schon seit -einiger Zeit hier. Sein Gesicht sah finster und besorgt aus. - -»Am meisten bedauere ich,« begann er langsam, zu Wassin gewandt, -offenbar ihr Gespräch fortsetzend, »daß ich keine Zeit gehabt habe, das -alles noch gestern abend zu ordnen, so hätte ich dieses ganze -schreckliche Unglück verhütet. Und eigentlich hatte ich sogar Zeit: es -war noch nicht acht. Als sie von uns fortlief, wollte ich ihr auf dem -Fuß hierher folgen, um sie umzustimmen, aber diese unvorhergesehene und -unaufschiebbare Sache, die ich übrigens sehr gut bis heute hätte -aufschieben können ... ja sogar auf eine ganze Woche, -- diese -ärgerliche Sache hat alles verhindert und verdorben. Daß auch alles so -zusammentreffen mußte!« - -»Vielleicht wäre es Ihnen auch nicht mehr gelungen, sie umzustimmen,« -bemerkte Wassin wie nebenbei, »hier hatte sich, glaube ich, ohnehin -schon zu viel Brennstoff angesammelt.« - -»Nein, es wäre mir doch gelungen, es wäre mir bestimmt gelungen! Und mir -kam auch schon der Gedanke, Ssofja Andrejewna zu schicken. Einen -Augenblick dachte ich daran, aber nur einen Augenblick. Gerade Ssofja -Andrejewna hätte sie am besten beruhigen und überzeugen können, und die -Arme wäre am Leben geblieben. Nein, nie wieder werde ich mich mit ... ->guten Taten< vordrängen ... Habe es im ganzen nur einmal im Leben -versucht! Und ich glaubte sogar, ich gehörte noch zur jungen Generation -und verstände noch die Jugend von heute. Aber unsere Generation ist ja -schon alt geworden, fast noch bevor sie reif wurde. Apropos, es gibt -jetzt tatsächlich unendlich viele Zeitgenossen, die sich aus alter -Gewohnheit immer noch zur jungen Generation rechnen, weil sie noch -gestern zu ihr gehörten, und dabei merken sie gar nicht, daß sie ihre -Rolle schon ausgespielt haben.« - -»Hier in diesem Fall war es nur ein Mißverständnis, das ist doch ganz -klar,« bemerkte Wassin vernünftig. »Die Mutter der Toten sagt doch -selbst, daß ihre Tochter nach der rohen Beleidigung im öffentlichen -Hause nicht mehr bei voller Vernunft gewesen sei. Und dann die ganze -Sachlage hier und die erste Beleidigung durch den Kaufmann ... das hätte -alles genau so auch in früherer Zeit vorkommen können und -charakterisiert meiner Meinung nach durchaus nicht nur die heutige -Jugend.« - -»Etwas ungeduldig ist sie schon, die Jugend von heute, abgesehen -natürlich von ihrem geringen Verständnis für die Wirklichkeit, das -allerdings jeder Jugend abgeht, aber der heutigen fehlt es -gewissermaßen besonders ... Sagen Sie, was hat Herr Stebelkoff hier -zusammengeschwatzt?« - -»Herr Stebelkoff ist an allem schuld,« mischte ich mich plötzlich ins -Gespräch. »Wenn er nicht dazwischengekommen wäre, wäre nichts geschehen. -Er hat einfach Öl ins Feuer gegossen.« - -Werssiloff ließ mich zu Ende sprechen, sah mich aber nicht an. Wassin -runzelte die Stirn. - -»Ich mache mir auch noch etwas anderes zum Vorwurf,« fuhr Werssiloff -fort, wieder in seiner langsamen Sprechweise. »Ich glaube, ich habe mir -damals im Gespräch mit ihr eine gewisse Heiterkeit erlaubt, einen -gewissen oberflächlichen, halb scherzhaften Ton -- kurz, ich bin nicht -genügend schroff, trocken und finster gewesen, -- drei Eigenschaften, -die, wie mir scheint, von der heutigen Jugend gleichfalls sehr hoch -geschätzt werden. Mit einem Wort, ich gab ihr Veranlassung, mich für -einen fahrenden Seladon zu halten.« - -»Ganz im Gegenteil,« mischte ich mich wieder lebhaft ein, »ihre Mutter -sagte ausdrücklich, Sie hätten einen vorzüglichen Eindruck gemacht, und -gerade durch Ihren Ernst, ja sogar durch Ihre Strenge und Ihre -Aufrichtigkeit, -- das sind ihre eigenen Worte. Die Verstorbene hat noch -selbst nach Ihrem Fortgehen in diesem Sinne von Ihnen gesprochen und Ihr -Verhalten gerühmt.« - -»J--ja?« fragte Werssiloff lässig und warf endlich einen flüchtigen -Blick auf mich. »Nehmen Sie diesen Zettel an sich, er dürfte als -Beweisstück notwendig sein,« sagte er und reichte Wassin ein kleines -Stückchen Papier. Der nahm es, doch da er bemerkte, daß ich neugierig -hinsah, reichte er es mir zum Durchlesen. Es war ein Zettel, auf dem -zwei ungleichmäßige Zeilen mit einem Bleistift gekritzelt waren, -vielleicht in der Dunkelheit: - - »Mamachen, Sie Liebe, verzeihen Sie mir, daß ich mein Lebensdebüt - abgebrochen habe. Ihre Sie betrübende Olä.« - -»Das wurde erst heute morgen gefunden,« bemerkte Wassin zur Erklärung. - -»Was für ein sonderbarer Abschiedsgruß!« rief ich verwundert aus. - -»Inwiefern sonderbar?« fragte Wassin. - -»Wie kann man nur in einem solchen Augenblick in humoristischen -Ausdrücken schreiben?« - -Wassin sah mich fragend an. - -»Und dazu noch was für ein sonderbarer Humor,« fuhr ich fort, »das ist -ja ein Gymnasiastenausdruck, wie er unter Schulkameraden üblich ist ... -Wie kann man sich nur in einem solchen Augenblick in solch einem -Schreiben an seine unglückliche Mutter so ausdrücken, -- und sie hat -ihre Mutter doch augenscheinlich geliebt -- >daß ich mein Lebensdebüt -abgebrochen habe<!« - -»Ja, warum kann man denn nicht so schreiben?« fragte Wassin, der noch -immer nicht verstand. - -»Humor ist hierin so gut wie überhaupt nicht enthalten,« bemerkte -schließlich Werssiloff. »Dieser Ausdruck ist hier natürlich nicht -angebracht, paßt gar nicht zu dem Ton, und könnte allerdings einem -Gymnasiastenjargon entnommen sein oder einem burschikosen -Kameradschaftston, wie du sagst, oder vielleicht einem Feuilleton; -jedenfalls aber hat die Verstorbene ihn hier auf diesem schrecklichen -Zettel ganz naiv und ernsthaft gebraucht.« - -»Das ist nicht möglich, sie hat das Gymnasium beendet und das -Schlußexamen mit der Silbernen Medaille bestanden.« - -»Die Silberne Medaille spielt in diesem Fall gar keine Rolle. -Heutigentags beenden viele so das Gymnasium.« - -»Das geht wieder auf die heutige Jugend,« sagte Wassin lächelnd. - -»Keineswegs,« widersprach ihm Werssiloff, der sich erhob und seinen Hut -nahm, »wenn die jetzige junge Generation nicht so literarisch ist, so -hat sie dafür zweifellos ... andere Vorzüge,« fügte er mit -ungewöhnlichem Ernst hinzu. »Außerdem sind >viele< nicht >alle<, und -Ihnen zum Beispiel habe ich geringe literarische Bildung doch wahrlich -nicht vorgeworfen, Sie aber sind ja gleichfalls ein junger Mensch.« - -»Aber Wassin hat ja auch nichts Schlechtes im >Lebensdebüt< gefunden!« -konnte ich mich nicht enthalten, zu bemerken. - -Werssiloff reichte Wassin schweigend die Hand; der griff nach seiner -Mütze, um mit ihm zusammen fortzugehen, und rief mir noch zu: »Auf -Wiedersehen!« Werssiloff ging aus dem Zimmer, ohne mich zu beachten. Ich -hatte auch keine Zeit zu verlieren: ich mußte mir unbedingt ein Zimmer -suchen, -- jetzt war das sogar nötiger als je! Mama war nicht mehr bei -der Wirtin, die war fortgegangen und hatte die unglückliche Nachbarin -mitgenommen. Ich fühlte mich seltsam munter, als ich auf die Straße trat -... Eine gewisse ganz neue und große Empfindung erwachte in meiner -Seele. Und dazu kam nun noch, daß mir alles, wie vorherbestimmt, sofort -gelang: ich fand ungemein schnell das Richtige, ein Zimmer, wie es mir -gerade zusagte; doch davon später, zunächst will ich das Wichtige zu -Ende erzählen. - -Es war erst etwas nach eins, als ich zurückkehrte, um meinen Koffer -abzuholen, und ich traf Wassin zu Hause. Als er mich erblickte, rief er -mir froh und herzlich entgegen: - -»Ach, das freut mich, daß Sie kommen und mich noch antreffen, ich wollte -soeben wieder fortgehen! Ich kann Ihnen etwas mitteilen, was Sie wohl -sehr interessieren wird.« - -»Glaub' ich ohne weiteres!« rief ich. - -»Bah! Wie mutig Sie aussehen. Sagen Sie, wußten Sie nichts von einem -gewissen Brief, der von Krafft aufbewahrt worden ist, und den Werssiloff -gestern erhalten hat, und der sich gerade auf die ihm zugefallene -Erbschaft bezieht? In diesem Brief äußert der Erblasser seinen Willen in -einem Sinne, der dem Ergebnis der gestrigen Gerichtsentscheidung gerade -entgegengesetzt ist. Dieser Brief ist aber schon vor langer Zeit -geschrieben. Kurzum, ich weiß nicht genau, was dieser Brief enthält, -aber wissen Sie nichts Näheres?« - -»Allerdings! Krafft hat mich doch vorgestern nur deshalb zu sich -geführt, von ... jenen Herrschaften da, Sie wissen schon, um mir diesen -Brief zu übergeben, und ich übergab ihn gestern Werssiloff.« - -»Ja? So dachte ich es mir. Stellen Sie sich vor, die Sache, von der -Werssiloff hier vorhin sprach, -- daß sie ihn gestern abend verhindert -habe, herzukommen und dieses junge Mädchen umzustimmen, -- diese Sache -war gerade durch diesen Brief dazwischengekommen. Werssiloff hat sich -nämlich sofort nach Empfang dieses Briefes, also noch gestern abend, zum -Rechtsanwalt der Fürsten Ssokolski begeben, ihm diesen Brief -eingehändigt und auf die ganze von ihm gewonnene Erbschaft verzichtet. -Jetzt ist dieser Verzicht schon in der vorschriftsmäßigen rechtsgültigen -Form abgefaßt. Werssiloff schenkt nicht die Erbschaft, sondern erkennt -in diesem Akt das alleinige Anrecht der Fürsten auf die Erbschaft an.« - -Ich stand wie erstarrt, aber ich war entzückt. In Wahrheit war ich ja -vollkommen überzeugt gewesen, daß Werssiloff den Brief vernichten würde, -ja nicht nur das! -- Ich war sogar -- obschon ich zu Krafft gesagt -hatte, daß eine solche Handlungsweise niedrig wäre, und obgleich ich mir -im Wirtshause dasselbe wiederholt hatte, und daß ich »zu einem reinen -Menschen gekommen wäre, nicht aber zu diesem« -- so war ich doch trotz -allem im tiefsten Seelengrunde der Meinung gewesen, daß man anders -überhaupt nicht handeln könnte, als den lästigen Brief einfach aus der -Welt schaffen. Das heißt, ich hatte das für die normalste Tat gehalten. -Und wenn ich dann nachher Werssiloff auch beschuldigt hätte, so hätte -ich das doch nur in einer bestimmten Absicht getan, eben um den Schein, -das heißt, um meine moralische Überlegenheit ihm gegenüber zu bewahren. -Doch als ich jetzt von Werssiloffs Handlungsweise hörte, geriet ich in -vollständiges, aufrichtiges Entzücken, und mit Reue und Scham -verurteilte ich meinen Zynismus und meine Gleichgültigkeit der Tugend -gegenüber und stellte Werssiloff im Augenblick unendlich hoch über mich; -fast wäre ich Wassin um den Hals gefallen. - -»Was für ein Mensch! Was für ein Mensch! Wer hätte an seiner Stelle das -getan?« rief ich wie berauscht. - -»Ich stimme Ihnen bei, sehr viele würden das nicht getan haben ... und -seine Handlungsweise ist zweifellos eine höchst uneigennützige ...« - -»Aber? ... Sprechen Sie es aus, Wassin, Sie haben noch ein Aber?« - -»Ja, natürlich, es ist auch ein Aber dabei. Werssiloffs Handlungsweise -ist meines Erachtens ein wenig übereilt und nicht so ganz geradsinnig,« -meinte Wassin lächelnd. - -»Nicht geradsinnig?« - -»Ja. Es liegt darin gleichsam so ein gewisses >Piedestal<. Wenigstens -hätte man dasselbe tun können, ohne sich selbst so ungeheuer zu -benachteiligen. Immerhin hätte Werssiloff, wenn nicht die Hälfte, so -doch einen Teil der Erbschaft behalten können, sogar bei einer noch so -feinfühligen Auffassung der Sache; um so mehr, als der Brief als -Dokument keine entscheidende Bedeutung hat, und der Prozeß von ihm schon -gewonnen ist. Dieser Ansicht ist auch der Advokat der Gegenpartei; ich -habe soeben mit ihm gesprochen. Die Handlungsweise wäre deshalb nicht -weniger schön gewesen, aber einzig, weil ihn gelüstete seinen Stolz zu -befriedigen, ist es anders geschehen. Vor allem hat Herr Werssiloff sich -hinreißen lassen und -- hat sich unnötigerweise übereilt, denn er sagte -doch vorhin selbst, daß er es womöglich auf eine ganze Woche hätte -hinausschieben können ...« - -»Wissen Sie was, Wassin? Ich kann nicht anders, als Ihnen beistimmen, -aber ... mir ist es _so_ doch lieber, _so_ gefällt es mir besser!« - -»Übrigens, das ist eine Geschmackssache. Sie selbst haben mich -herausgefordert, meine Ansicht zu äußern, sonst hätte ich geschwiegen.« - -»Ja, selbst wenn da auch ein >Piedestal< ist, selbst dann ist es so -besser,« fuhr ich fort, »ein Piedestal ist ja ein Piedestal, aber an -sich ist es doch eine sehr wertvolle Sache. Dieses >Piedestal< ist doch -immer das >_Ideal_<, und schwerlich dürfte es besser sein, daß dieses in -mancher heutigen Menschenseele nicht mehr vorhanden ist: mag ihm sogar -eine kleine Verschrobenheit anhaften, wenn es nur da ist! Und bestimmt -denken Sie auch so, Wassin, mein Teurer, mein lieber Wassin, mein guter, -bester Wassin! Na ja, ich weiß, ich bin natürlich aus dem Konzept -gefallen, aber Sie, Sie verstehen mich doch! Dafür sind Sie Wassin, und --- na, jedenfalls umarme und küsse ich Sie, Wassin!« - -»Vor Freude?« - -»Vor übergroßer Freude; denn dieser Mensch >war tot und ist wieder -lebendig geworden, er war verloren und hat sich wieder gefunden!< -Wassin, ich bin ein nichtsnutziger Bengel und bin Ihrer nicht wert. Und -gerade deshalb gestehe ich, daß ich in manchen Augenblicken ein ganz -anderer bin, viel höher und tiefer. Ich habe Sie dafür, daß ich Sie -vorgestern so ins Gesicht gelobt habe (und das tat ich, weil man mich -erniedrigt und beschämt hatte) -- dafür habe ich Sie diese ganzen zwei -Tage lang gehaßt! Ich gab mir noch am selben Tage das Wort, niemals zu -Ihnen zu gehen, und gestern vormittag kam ich nur aus Bosheit zu Ihnen, -verstehen Sie, nur _aus Bosheit_! Ich saß hier allein auf dem Stuhl und -kritisierte Ihr Zimmer und Sie und jedes Ihrer Bücher und Ihre Wirtin, -und wollte Sie erniedrigen und spottete über Sie.« - -»Aber so was braucht man doch nicht zu sagen ...« - -»Gestern abend schloß ich aus einer Ihrer Bemerkungen, daß Sie die -Frauen nicht verständen, und ich war froh, daß ich diesen Fehler an -Ihnen entdecken konnte. Und vorhin, als Sie das Wort >Lebensdebüt< ganz -richtig fanden, hat mich das wieder furchtbar gefreut, und alles das nur -deshalb, weil ich damals solch ein Lobhudler gewesen war.« - -»Aber das ist doch nur zu verständlich!« rief endlich Wassin (er fuhr -immer noch fort, zu lächeln und schien sich nicht im geringsten über -mich zu wundern). »Das ist doch immer so, und fast bei allen Menschen, -und ist sogar das erste, was geschieht; nur gesteht das kein Mensch ein, -und das braucht man ja auch gar nicht einzugestehen; denn das vergeht, -und jedenfalls entsteht nichts daraus.« - -»Sollte das wirklich bei allen Menschen so sein? Sind alle so? Und Sie -sind, während Sie das sagen, sogar ganz ruhig? Aber mit einer solchen -Anschauung kann man doch nicht leben!« - -»Und Ihre Anschauung ist wohl: - - >Teurer, als uns erhöhender Trug, - Ist mir die Finsternis niederer Wahrheit!<?« - -»Aber das ist doch richtig!« rief ich, »in diesen zwei Versen liegt ja -ein heiliges Axiom!« - -»Ich weiß nicht; ich will mir darüber kein Urteil erlauben, ob diese -zwei Verse das Richtige sagen oder nicht. Wahrscheinlich liegt die -Wahrheit, wie das ja immer der Fall ist, irgendwo in der Mitte: das -heißt, in einem Fall ist es heilige Wahrheit, im anderen aber -- Lüge. -Eines nur weiß ich genau: daß diese Frage noch lange einer der -wichtigsten strittigen Punkte unter den Menschen sein wird. Doch -abgesehen davon, scheint mir, daß Sie jetzt Lust zum Tanzen haben. Na, -nur los: Bewegung ist gesund! -- Mir aber hat man gerade heute so viel -Arbeit aufgepackt ... und da ist es nun über der Unterhaltung mit Ihnen -schon so spät geworden ...« - -»Ich gehe schon, gehe schon, packe mich sofort! Nur noch ein Wort,« rief -ich und hatte schon meinen Koffer erfaßt, »wenn ich mich Ihnen jetzt -wieder >an den Hals geworfen< habe, so habe ich das einzig deshalb -getan, weil Sie, als ich eintrat, mit so aufrichtiger Freude diese -Neuigkeit mir mitteilten und sich darüber >freuten<, daß ich Sie noch zu -Hause antraf, und das alles nach meiner Bemerkung am Morgen bezüglich -des >Debüts<; mit dieser aufrichtigen Freude haben Sie mein >junges -Herz< im Nu wieder Ihnen zugewandt. Na, aber jetzt adieu, leben Sie -wohl, ich werde mich bemühen, möglichst lange Sie nicht wieder zu -besuchen, und ich weiß, daß Ihnen das höchst angenehm sein wird, was ich -schon Ihren Augen ansehe, und uns beiden wird das noch zum Vorteil -gereichen ...« - -Während das so aus mir hervorsprudelte und mir fast der Atem ausging vor -fröhlich sich überstürzendem Geplauder, schleppte ich meinen Koffer aus -dem Zimmer und begab mich dann mit ihm nach meiner neuen Wohnung. Vor -allem gefiel mir furchtbar, daß Werssiloff am Morgen so ersichtlich böse -auf mich gewesen war, daß er mich nicht einmal hatte ansehen, noch mit -mir sprechen wollen. Als ich meinen Koffer in meinem neuen Zimmer -abgestellt hatte, eilte ich sogleich zu meinem alten Fürsten. Ich muß -gestehen, in diesen zwei Tagen war es mir ohne ihn sogar ein wenig -schwer geworden. Und zudem mußte er von Werssiloffs Tat doch sicherlich -schon gehört haben. - - - II. - -Ich hatte es ja gewußt, daß er sich über mein Kommen furchtbar freuen -würde, und, mein Ehrenwort, ich wäre an diesem Tage auch ohne den Fall -Werssiloff zu ihm gegangen. Mich hatte in diesen zwei Tagen nur der -Gedanke geschreckt, daß ich vielleicht irgendwie Katerina Nikolajewna -begegnen könnte; jetzt aber fürchtete ich mich vor nichts mehr. - -Er umarmte mich vor Freude. - -»Was sagen Sie zu Werssiloff! Haben Sie es schon gehört?« war das erste, -womit ich herausplatzte. - -»_Cher enfant_, du mein lieber Freund, das ist so erhaben, das ist so -edel, -- _en un mot_,{[33]} sogar auf Kilian« (so hieß der Beamte unten) -»hat es einen erschütternden Eindruck gemacht! Es ist unvernünftig von -ihm, aber es ist glänzend, ist ein Meisterstück, ist eine Heldentat! Das -Ideal muß man schätzen!« - -»Nicht wahr? Nicht wahr? Darin stimmen wir zwei immer überein.« - -»Du mein Lieber, wir zwei stimmen nicht nur darin, sondern in allem -überein. Wo warst du so lange? Ich wollte unbedingt selbst zu dir -fahren, aber ich wußte nicht, wo ich dich suchen sollte ... denn bei -Werssiloff vorsprechen konnte ich doch nicht ... Obgleich jetzt, nach -alledem ... Weißt du, mein Freund: gerade mit diesen Zügen hat er, wie -mir scheint, die Frauen besiegt, gerade mit diesen Zügen, das steht -außer Frage ...« - -»Apropos, um es nicht zu vergessen, ich habe es mir speziell für Sie -gemerkt. Gestern hat ein nichtswürdiger Narr, der in meiner Gegenwart -auf Werssiloff schimpfte, unter anderem von ihm gesagt, er sei ein ->Weiberprophet<. Wie finden Sie den Ausdruck, gerade den Ausdruck? Ich -merkte ihn mir für Sie ...« - -»Ein >Weiberprophet<! _Mais ... c'est charmant!_{[34]} Haha! Aber das -paßt doch so zu ihm, das heißt, ich wollte sagen, es paßt gar nicht -- -pfui ...! Aber es ist so treffend ... das heißt, es ist durchaus nicht -treffend, aber ...« - -»Tut nichts, tut nichts, Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen, -betrachten Sie es nur als Bonmot.« - -»Als Bonmot ist es prachtvoll, und, weißt du, es hat einen ungeheuer -tiefen Sinn ... Die Idee ist ganz richtig! Das heißt, wirst du es mir -glauben ... Ich werde dir ein ganz kleines Geheimnis mitteilen. Hast du -dir damals hier diese kleine Olympia gemerkt? Wirst du's glauben, ihr -tut das Herz ein wenig weh vor Liebe zu Andrei Petrowitsch, und das -sogar in solchem Maße, daß sie, wie mir scheint, gewisse Absichten ...« - -»Absichten! Hat sie nicht Lust, das hier kennen zu lernen?« rief ich -unwillig und zeigte meine Faust. - -»_Mon cher_, sprich nicht so laut, das ist alles so, wie es ist, und du -hast meinetwegen recht von deinem Standpunkt aus. Apropos, mein Freund, -was geschah mit dir eigentlich das vorige Mal nach Katerina Nikolajewnas -Erscheinen? Du schwanktest ... ich dachte, du fielest um, und wollte -schon zu dir eilen, um dich zu stützen?« - -»Sprechen wir jetzt nicht davon. Ich ... ich war einfach verwirrt, aus -einem bestimmten Grunde ...« - -»Du bist auch jetzt wieder rot geworden.« - -»Und Sie müssen das natürlich gleich breittreten. Sie wissen doch, daß -sie mit Werssiloff verfeindet ist ... na, und so alles das; und so war -ich denn einfach erregt, -- ach, lassen wir das jetzt, reden wir darüber -nächstens einmal!« - -»Gut, gut, lassen wir das, lassen wir das, ich bin ja selbst froh, von -alledem nicht sprechen zu müssen ... Wie dem auch sei, ich habe ihr -großes Unrecht getan, ich habe dir sogar, erinnerst du dich, noch über -sie vorgeklagt ... Vergiß das, mein Freund; sie wird gleichfalls ihre -Meinung über dich ändern, das fühle ich schon voraus, verlaß dich drauf -... Ah, da ist ja der Fürst Sserjosha!« - -Ins Kabinett trat ein junger und hübscher Offizier. Ich sah ihn begierig -an, ich hatte ihn noch nie gesehen. Das heißt, ich sage >hübsch<, wie -das alle von ihm sagten, aber in diesem jungen und hübschen Gesicht lag -etwas, was nicht ganz anziehend war. Ich erwähne das hier als ersten -Eindruck, den ich im ersten Augenblick von ihm empfing, und den ich dann -die ganze Zeit nicht mehr habe vergessen können. Er war mager, -prachtvoll gewachsen, dunkelblond, hatte ein frisches, aber doch etwas -gelbliches Gesicht und einen entschlossenen Blick. Seine schönen dunklen -Augen blickten etwas streng und hart, auch wenn er ganz gelassen war. -Aber gerade sein entschlossener Blick stieß ab, und zwar, weil man aus -irgendeinem Grunde das Gefühl hatte, daß diese Entschlossenheit ihm gar -zu billig zu stehen komme. Übrigens, ich verstehe das nicht auszudrücken -... Freilich, der strenge Ausdruck seines Gesichts konnte sehr schnell -wechseln und sich plötzlich in einen erstaunlich freundlichen, -bescheidenen und zärtlichen verwandeln, und dabei geschah die -Verwandlung ersichtlich mit aller Aufrichtigkeit und Echtheit. Diese -seine Aufrichtigkeit wirkte ungemein anziehend. Und ich erwähne noch -einen Zug: trotz aller Freundlichkeit und Aufrichtigkeit wurde dieses -Gesicht niemals fröhlich, nicht einmal wenn der Fürst aus vollem Herzen -lachte, -- selbst dann fühlte man gleichsam, daß eine wirkliche, helle, -leichte Fröhlichkeit niemals in seinem Herzen war ... Übrigens ist es -außerordentlich schwer, einen Menschen so zu beschreiben. Das verstehe -ich gar nicht. Der alte Fürst beeilte sich sofort, nach seiner dummen -Angewohnheit, uns bekanntzumachen. - -»Dies ist mein junger Freund Arkadi Andrejewitsch (wieder sagte er -Andrejewitsch!) Dolgoruki.« - -Der junge Fürst wandte sich mir sofort mit doppelt höflichem -Gesichtsausdruck zu; man sah aber, daß mein Name ihm völlig unbekannt -war. - -»Es ist ... ein Verwandter Andrei Petrowitschs,« raunte ihm mein -abscheulicher Fürst zu. (Wie sie einen mitunter ärgern können, diese -alten Herren mit ihren Angewohnheiten!) Der junge Fürst erriet nun -sofort, wer ich war. - -»Ach! Ich habe schon früher von Ihnen gehört ...« sagte er schnell. »Ich -hatte das außerordentliche Vergnügen, im vorigen Jahr in Luga Ihr -Fräulein Schwester Lisaweta Makarowna kennen zu lernen ... Auch sie hat -mir von Ihnen erzählt ...« - -Ich wunderte mich: aus seinem Gesicht strahlte entschieden aufrichtige -Freude. - -»Erlauben Sie, Fürst,« sagte ich stockend, während ich meine beiden -Hände auf den Rücken legte, »ich muß Ihnen offen sagen, -- und es freut -mich, daß ich das im Beisein unseres lieben Fürsten sagen kann, -- daß -ich zwar eine Begegnung mit Ihnen sogar gewünscht habe, und noch -kürzlich, gestern noch, aber zu einem ganz anderen Zweck. Ich sage Ihnen -das ganz offen, wie sehr Sie sich darüber auch wundern mögen. Kurz, ich -wollte Sie fordern wegen der Beleidigung, die Sie Werssiloff vor -anderthalb Jahren in Ems zugefügt haben. Und obschon Sie meine Forderung -vielleicht gar nicht angenommen hätten, da ich ja noch ein halber -Gymnasiast und ein noch nicht volljähriger Jüngling bin, so hätte ich -Sie dennoch gefordert, gleichviel wie Sie das aufgefaßt oder sich dazu -verhalten hätten ... und ich gestehe, ich habe auch jetzt noch dieselbe -Absicht.« - -Der alte Fürst äußerte später, es sei mir gelungen, das alles ganz -vorzüglich zu sagen. - -Im Gesicht des jungen Fürsten drückte sich aufrichtige Betrübnis aus. - -»Sie haben mich nur nicht aussprechen lassen,« sagte er eindringlich. -»Wenn ich mich mit herzlicher Freude an Sie gewandt habe, so geschah das -von mir aus infolge meiner gegenwärtigen, meiner jetzigen Gefühle für -Andrei Petrowitsch. Es tut mir leid, daß ich Ihnen nicht gleich alle -inzwischen hinzugekommenen Momente erklären kann, aber ich versichere -Sie bei meiner Ehre, daß ich meine unselige Tat in Ems schon längst aufs -tiefste bereue. Als ich mich jetzt nach Petersburg aufmachte, hatte ich -schon beschlossen, Andrei Petrowitsch jede überhaupt mögliche Genugtuung -zu geben, ich meine, ihn direkt und buchstäblich um Entschuldigung zu -bitten, und das in eben der Form, die er selbst bestimmt. Diese -Veränderung meiner Auffassung haben höhere und mächtigere Einflüsse -verursacht. Daß wir gerade einen Prozeß führten, konnte auf meinen -Entschluß nicht den geringsten Einfluß haben. Doch seine gestrige -Handlung mir gegenüber hat mich, ich muß sagen, bis in die Seele -erschüttert, und sogar jetzt noch, werden Sie es mir glauben, bin ich -- -wie noch nicht zu mir gekommen. Und da muß ich Ihnen nun mitteilen, und -deshalb bin ich auch zum Fürsten gekommen, um ihm von diesem -außergewöhnlichen Umstand Mitteilung zu machen: vor drei Stunden, also -gerade während der Zeit, als er mit unserem Anwalt die Sache gesetzmäßig -erledigte, erschien bei mir ein Bevollmächtigter Andrei Petrowitschs und -überbrachte mir seine Forderung ... eine formelle Forderung wegen des -Vorfalls in Ems ...« - -»Er hat Sie gefordert?« rief ich und fühlte, wie meine Augen aufblitzten -und das Blut mir heiß ins Gesicht schoß. - -»Ja, er hat mich gefordert. Ich nahm die Forderung selbstverständlich -an, beschloß aber, noch bevor das Duell ausgetragen wird, einen Brief an -ihn zu schreiben, in dem ich meine jetzige Ansicht über mein damaliges -Vorgehen erklären und meine ganze Reue wegen dieses entsetzlichen -Irrtums aussprechen wollte ... denn es war nur ein Irrtum, ein -unseliger, verhängnisvoller Irrtum! Ich muß bemerken, daß meine Stellung -im Regiment ein solches Vorgehen meinerseits zu einem Wagnis machte: -durch einen solchen Brief vor dem Austrag fordert man die öffentliche -Meinung heraus ... Sie verstehen? Aber nichtsdestoweniger entschloß ich -mich, bloß kam ich nicht dazu, den Brief abzusenden; denn etwa eine -Stunde nach der Forderung erhielt ich von ihm ein Schreiben, in dem er -mich wegen der Beunruhigung um Entschuldigung bittet: ich möchte die -Forderung vergessen! Und er fügt hinzu, er bereue seine >vorübergehende -Anwandlung von Kleinmut und Selbstsucht< -- das sind seine eigenen -Worte. So hat er mir nun den Schritt mit dem Brief unendlich -erleichtert. Ich habe den Brief noch nicht abgesandt, bin aber gerade -deswegen hergekommen, um mit dem Fürsten über etwas Diesbezügliches zu -sprechen ... Und glauben Sie mir, ich habe unter meinen Gewissensbissen -mehr gelitten, als vielleicht sonst jemand ... Genügen Ihnen diese -Erklärungen wenigstens vorläufig, Arkadi Makarowitsch? Werden Sie mir -die Ehre erweisen, meiner Aufrichtigkeit vollen Glauben zu schenken?« - -Ich war vollständig besiegt; ich sah in ihm eine Offenherzigkeit, an -deren Echtheit nicht zu zweifeln war, und die ich von ihm am -allerwenigsten erwartet hätte. Überhaupt hatte ich nichts Ähnliches -erwartet. Ich murmelte irgend etwas zur Antwort und streckte ihm -plötzlich meine Hände entgegen: er schüttelte sie freudig mit beiden -Händen. Darauf führte er den alten Fürsten ins Nebenzimmer und sprach -dort einige Minuten mit ihm. »Wenn Sie mir ein besonderes Vergnügen -bereiten wollen,« wandte er sich laut und kurz an mich, als er aus dem -Schlafgemach des alten Fürsten wieder heraustrat, »so fahren Sie mit mir -jetzt gleich zu mir, und ich zeige Ihnen den Brief, den ich Andrei -Petrowitsch sende, und gleichzeitig seinen Brief an mich.« - -Ich willigte mit Vergnügen ein. Mein alter Fürst wurde bei unserem -Aufbruch sehr geschäftig und rief mich auch noch auf einen Augenblick in -sein Schlafgemach. - -»_Mon ami_, wie froh ich bin, wie froh ich bin ... Wir reden noch -darüber, über alles, aber später. Jetzt jedoch, sieh, ich habe hier zwei -Briefe in meinem Portefeuille: der eine ist hinzubringen, und da ist -noch persönliche Rücksprache zu nehmen, und der andere ist an die Bank --- und dort ist dasselbe zu tun ...« - -Und damit händigte er mir zwei angeblich wichtige Schreiben ein und tat, -als erfordere der Auftrag große Mühe und Aufmerksamkeit. Ich hatte nur -hinzufahren und persönlich zu übergeben, zu quittieren usw. - -»Ach, Sie Schlauberger!« rief ich lachend und nahm die Briefe, »ich bin -überzeugt, das ist alles nichts von Bedeutung, und was da Mühe machen -soll, möchte ich auch gern wissen, -- aber Sie haben sich diesen Auftrag -einzig für mich ausgedacht, um mich glauben zu machen, ich hätte hier -was zu tun und bekäme das Geld nicht umsonst!« - -»_Mon enfant_,{[35]} ich schwöre dir, du irrst dich: das sind zwei -überaus wichtige und unaufschiebbare Sachen ... _Cher enfant!_« rief er -auf einmal, unendlich gerührt, »du mein lieber Junge!« (Er legte mir -beide Hände aufs Haupt.) »Ich segne dich und dein Los ... seien wir -immer so reinen Herzens, wie du es heute warst ... seien wir gut und -schön, soviel wir nur irgend können ... laß uns alles Schöne lieben ... -in allen seinen verschiedenartigen Formen ... Und -- _enfin ... enfin -rendons grâce ... et je te bénis_!«{[36]} - -Er sprach nicht zu Ende und begann zu schluchzen über meinem Haupte. Ich -muß gestehen, auch mir waren die Tränen nahe; wenigstens umarmte ich -meinen Sonderling herzlich und mit Freuden. Wir küßten uns aufrichtig. - - - III. - -Der Fürst Sserjosha (das heißt, der junge Fürst Ssergei Petrowitsch -Ssokolski, -- ich werde ihn nur Ssergei Petrowitsch nennen) brachte mich -in einem eleganten Gefährt nach seiner Wohnung, und das erste war, daß -ich mich über die Pracht seiner Wohnung wunderte. Nicht Pracht im -üblichen Sinne, aber die Wohnung war wie bei den »allerersten Leuten«, -mit hohen, großen, hellen Räumen (ich sah zwei von ihnen, die Türen zu -den anderen waren geschlossen), und die Möbel -- allerdings nicht in -Gott weiß was für einem Versailles- oder Renaissancestil, aber es waren -doch schöne, komfortable, reiche Möbel in Menge, und im ganzen eine -Einrichtung auf großem Fuß, mit schönen Teppichen, geschnitzter -Holztäfelung und Statuen. Und doch wurde allgemein davon gesprochen, daß -sie so gut wie Bettler seien, fast nichts mehr besäßen. Ich hatte -freilich einmal flüchtig die Bemerkung gehört, daß dieser Fürst überall -den Leuten Sand in die Augen gestreut habe, -- sowohl hier wie in -Moskau, im Regiment und in Paris -- daß er sogar ein Spieler sei und -Schulden habe. Ich hatte einen verknüllten Rock an, an dem zum Überfluß -noch Federstäubchen waren, da ich angekleidet auf Wassins Bett gelegen -hatte, und mein Hemd trug ich schon den vierten Tag. Der Rock war -übrigens noch nicht so schlecht, aber hier beim Fürsten fiel mir wieder -das Angebot Werssiloffs ein, bei seinem Schneider mir Kleider machen zu -lassen. - -»Denken Sie sich, ich habe, dank einer Selbstmörderin, diese ganze Nacht -angekleidet geschlafen,« bemerkte ich aus einer gewissen inneren -Zerstreutheit heraus, und da er sogleich Interesse zeigte, so erzählte -ich ihm kurz den ganzen Fall. Aber sein Brief schien ihn doch mehr zu -beschäftigen. Und mich beunruhigte hauptsächlich, daß er nicht nur nicht -gelächelt, sondern nicht einmal den Schimmer eines Gedankens an ein -Lächeln gezeigt hatte, als ich vorhin so ohne weiteres mit meiner -Absicht, ihn zu fordern, herausgerückt war. Wenn ich auch verstanden -hatte, ihn zum Ernstsein zu zwingen, so war das doch merkwürdig von -einem Menschen dieser Art. Wir setzten uns mitten im Raum einander -gegenüber, an seinen riesigen Schreibtisch, und er gab mir den fertigen, -schon ins reine geschriebenen Brief an Werssiloff zur Durchsicht. Dieses -Dokument enthielt fast dasselbe, was er mir schon bei meinem Fürsten -gesagt hatte; es war ersichtlich mit Leidenschaft geschrieben. Ich wußte -freilich noch nicht, wie ich diese seine augenscheinliche -Offenherzigkeit und seine Bereitwilligkeit zu allem Guten eigentlich -beurteilen sollte, aber ich ließ mich schon besiegen; denn, im Grunde -genommen -- warum sollte ich ihm nicht glauben? Was er als Mensch auch -sein und was man von ihm auch sagen mochte, er konnte doch trotz allem -gute Neigungen haben. Ich las auch Werssiloffs Brief an ihn -- nur -sieben Zeilen -- die Zurücknahme der Forderung. Obschon er in diesem -Brief tatsächlich von »Kleinmut« und »Selbstsucht« geschrieben hatte, so -sprach doch aus dem Ganzen ein gewisser Hochmut ... oder richtiger, in -seiner ganzen Handlungsweise lag eine gewisse Geringschätzung. Ich -sprach das aber nicht aus. - -»Wie fassen Sie diesen Verzicht auf das Duell eigentlich auf?« fragte -ich. »Sie glauben doch wohl nicht, daß er den Mut verloren hat?« - -»Selbstverständlich nicht,« sagte der Fürst lächelnd, aber es war ein -sehr ernstes Lächeln, und überhaupt wurde der Ausdruck seines Gesichts -immer sorgenvoller. »Ich weiß zu genau, daß dieser Mensch mutig ist. -Hier, in diesem Fall ist es natürlich ein Ausdruck seiner besonderen -Auffassung ... seiner persönlichen Ideenrichtung.« - -»Zweifellos ist es das!« fiel ich ihm lebhaft ins Wort. »Ein gewisser -Herr Wassin sagt, in seiner Handlungsweise mit dem Brief des Erblassers -und in dem Verzicht auf die Erbschaft sei ein gewisses Verlangen, sich -auf ein >Piedestal< zu stellen ... Meiner Ansicht nach tut man so etwas -nicht fürs Publikum, sondern die Tat entspricht etwas dem Wesen des -Menschen zugrunde Liegendem, dem Innersten dieses Menschen.« - -»Ich kenne Herrn Wassin sehr gut,« bemerkte der Fürst. - -»Ach, ja, Sie müssen ihn ja in Luga gesehen haben.« - -Wir sahen uns plötzlich an, und ich weiß noch, ich wurde, glaube ich, -etwas rot. Wenigstens brach er das Gespräch sofort ab. Ich dagegen hätte -sehr gern weitergesprochen. Der Gedanke an eine Begegnung, die ich tags -zuvor gehabt hatte, lockte mich, etliche Fragen an ihn zu richten, nur -wußte ich nicht, wie ich anfangen sollte. Und überhaupt war ich -gewissermaßen schlecht aufgelegt. Mich frappierte auch seine -erstaunliche Wohlerzogenheit und Höflichkeit, die Ungezwungenheit seiner -Manieren, -- mit einem Wort, diese ganze glänzende Politur ihres Tones, -die diese Menschen fast schon in der Wiege annehmen. In seinem Russisch -geschriebenen Brief aber fand ich zwei äußerst grobe grammatikalische -Fehler. Übrigens: bei solchen Begegnungen erniedrige ich mich nicht -etwa, sondern werde übertrieben schroff, was bisweilen vielleicht auch -unangebracht ist. Aber in diesem Fall trug dazu auch noch der Gedanke -bei, daß mein Rock nicht gebürstet war, und so überschritt ich erst -recht die Grenze und rückte mit fast familiären Fragen heraus. Es war -mir nicht entgangen, daß der Fürst mich hin und wieder sehr aufmerksam -musterte. - -»Sagen Sie, Fürst,« platzte ich plötzlich mit der Frage heraus, »finden -Sie es in Ihrem Inneren nicht lächerlich, daß ich, der ich noch so ein ->Milchbart< bin, Sie zum Zweikampf fordern wollte, und das noch wegen -einer einem Fremden zugefügten Beleidigung?« - -»Durch die Beleidigung des Vaters kann man sehr wohl sich selbst -beleidigt fühlen. Nein, ich finde es nicht lächerlich.« - -»Mir aber scheint es, daß so etwas furchtbar lächerlich sein muß ... von -manchem Gesichtspunkt aus ... das heißt, versteht sich, nicht von meinem -aus. Um so mehr, als ich Dolgoruki heiße und nicht Werssiloff. Wenn Sie -mir aber nicht die Wahrheit sagen, vielleicht um die Sache zu -beschönigen aus glatter gesellschaftlicher Höflichkeit, so sagen Sie mir -wohl auch in allem übrigen nicht die Wahrheit und betrügen mich?« - -»Nein, ich finde es nicht lächerlich,« wiederholte er ungeheuer ernst. -»Sie können doch das Blut Ihres Vaters nicht -- nicht in sich fühlen -...? Sie sind aber noch zu jung; denn ... ich weiß nicht ... ich glaube, -wer noch nicht volljährig ist, darf sich noch nicht duellieren, oder man -darf seine Forderung nicht annehmen ... so ist die Regel ... Aber -vielleicht gibt es hier schließlich nur einen einzigen ernsten Einwand: -wenn Sie ohne Wissen des Beleidigten, wegen dessen Beleidigung Sie sich -schlagen wollen, den Beleidiger fordern, so äußern Sie damit gleichsam -eine gewisse persönliche Nichtachtung des Betreffenden Ihrerseits, ist -es nicht so?« - -Unser Gespräch wurde von einem Diener unterbrochen, der eintrat und -etwas melden zu wollen schien. Wie der Fürst ihn erblickte, stand er -sofort auf -- er hatte ihn wohl die ganze Zeit schon erwartet -- und -ging schnell auf ihn zu, so daß der Diener die Meldung nur halblaut -machte, und ich natürlich nichts davon hören konnte. - -»Entschuldigen Sie mich, bitte,« wandte sich der Fürst nach mir um, »in -einer Minute bin ich wieder da.« - -Und damit ging er hinaus. Ich blieb allein zurück, ging auf und ab und -dachte nach. Sonderbar, er gefiel mir, und gleichzeitig gefiel er mir -gar nicht. Es war in ihm irgend so etwas, was ich selbst nicht zu -benennen gewußt hätte, aber jedenfalls war es etwas Abstoßendes. »Wenn -er wirklich nicht über mich lacht, so muß er allerdings sehr offenherzig -sein; aber wenn er über mich lachte, so ... würde ich ihn vielleicht für -klüger halten ...« ging es mir etwas seltsam durch den Kopf. - -Ich trat an den Tisch und las noch einmal seinen Brief an Werssiloff. -Die Gedanken beschäftigten mich so, daß ich die Zeit ganz vergaß, und -als ich wieder zu mir kam, da bemerkte ich plötzlich, daß die >eine -Minute< des Fürsten sich schon zweifellos zu einer Viertelstunde -ausgedehnt hatte. Das regte mich ein wenig auf; ich ging noch einmal hin -und her, schließlich nahm ich meinen Hut und beschloß, hinauszugehen, -und falls mir jemand begegnete, den Fürsten rufen zu lassen, und wenn er -käme, mich einfach zu verabschieden unter dem Vorwande, daß ich zu tun -hätte und nicht länger warten könne. Ich dachte, das wäre das -richtigste; denn mich quälte ein wenig der Gedanke, daß er mich, indem -er mich solange allein ließ, etwas nachlässig behandelte. Der Raum hatte -nur zwei Türen, beide waren geschlossen und befanden sich in derselben -Wand. Da ich vergessen hatte, durch welche Tür wir eingetreten waren, -vielleicht aber auch aus Zerstreutheit, öffnete ich die falsche Tür und -sah auf einmal in einem schmalen, langen Zimmer, auf einem Diwan -sitzend, -- meine Schwester Lisa. Außer ihr war niemand im Raum, und sie -wartete wohl auf jemand. Aber noch hatte ich keine Zeit, mich zu -wundern, als ich auf einmal die Stimme des Fürsten hörte, der laut -hinter der anderen Tür mit jemand sprach und ins Kabinett zurückkehrte. -Ich schloß schnell meine Tür, und der eintretende Fürst merkte nichts. -Ich erinnere mich, er begann sich zu entschuldigen und sprach von einer -Anna Fjodorowna ... Ich war aber so verwirrt und betroffen durch das -Gesehene, daß ich fast nichts verstand und nur irgendwie -hervorstotterte, daß ich unbedingt nach Hause müsse, und ich verließ -entschlossen und schnell das Zimmer. Der wohlerzogene Fürst wird mein -Benehmen wohl sehr merkwürdig gefunden haben. Er begleitete mich sogar -bis ins Vorzimmer und sprach die ganze Zeit, ich aber antwortete nichts -und sah ihn nicht einmal an. - - - IV. - -Als ich auf die Straße trat, bog ich nach links und ging weiter, ohne zu -denken, wohin. Meine Gedanken waren alle wie zerrissen und verstreut. -Ich ging langsam, und ich glaube, ich war schon ein gutes Stück -gegangen, wohl über fünfhundert Schritt, als ich plötzlich einen -leichten Schlag auf meiner Schulter fühlte. Ich sah mich um und -erblickte Lisa: sie hatte mich eingeholt und mit dem Sonnenschirm leicht -auf die Schulter geschlagen. Etwas ungeheuer Lustiges und zugleich auch -etwas Schelmisches lag in ihrem strahlenden Blick. - -»Nein, bin ich froh, daß du nach dieser Seite gegangen bist, sonst hätte -ich dich heute nicht mehr erreicht!« Sie war vom schnellen Gehen etwas -außer Atem. - -»Wie du außer Atem bist.« - -»Ich bin so schnell gegangen, fast gelaufen, um dich einzuholen.« - -»Lisa, das warst doch du, die ich vorhin gesehen habe?« - -»Wo?« - -»Beim Fürsten ... beim Fürsten Ssokolski ...« - -»Nein, das war nicht ich, nein, mich hast du nicht gesehen ...« - -Ich schwieg; so gingen wir etwa zehn Schritt. Plötzlich fing Lisa -furchtbar zu lachen an. - -»Ich, ach, natürlich war ich es, ich, ich! Hör mal, du hast mich doch -selbst gesehen, hast mir in die Augen gesehen und ich dir, wie kannst du -nun noch fragen, ob ich es war? Nein, das ist mir mal ein Charakter! Und -weißt du, ich wollte furchtbar lachen, als du mir dort in die Augen -sahst; denn du sahst furchtbar komisch aus!« Und sie lachte unbändig. -Ich fühlte, wie sofort mein ganzer Kummer aus meinem Herzen schwand. - -»Aber wie, sag doch, wie bist du denn hingekommen?« - -»Ich war bei Anna Fjodorowna.« - -»Bei was für einer Anna Fjodorowna?« - -»Bei der Stolbejeff. Als wir in Luga waren, saß ich ganze Tage bei ihr, -sie hat auch Mama bei sich empfangen und ist sogar selbst zu uns -gekommen. Sonst aber hat sie dort fast mit keinem Menschen verkehrt. Mit -Andrei Petrowitsch ist sie entfernt verwandt, und auch mit den Fürsten -Ssokolski ist sie verwandt; sie ist, wenn ich mich nicht irre, eine -Großtante des Fürsten.« - -»So wohnt sie beim Fürsten?« - -»Nein, der Fürst wohnt bei ihr.« - -»Aber wessen Wohnung ist denn das?« - -»Natürlich ihre Wohnung. Sie hat diese Wohnung schon seit einem ganzen -Jahr. Der Fürst ist ja erst vor kurzem angekommen und bei ihr -abgestiegen. Und auch sie ist erst seit vier Tagen in Petersburg.« - -»Nun denn ... weißt du was, Lisa, hol' sie der Henker, ihre Wohnung und -sie selbst ...« - -»Nein, sie ist ein prächtiger Mensch ...« - -»Na, meinetwegen, das kann sie ja sein, aber wir sind selbst prächtige -Menschen! Sieh, was das für ein Tag ist, sieh, wie schön es ist! Und was -du heute für eine Schönheit bist, Lisa! Aber weißt du, du bist doch noch -ein richtiges Kind.« - -»Arkadi, sag, jenes junge Mädchen von gestern ...« - -»Ach, sie tut mir so leid, Lisa, ach Gott, so schrecklich leid!« - -»Ja, wie ist das traurig! Was war das für ein Los! Weißt du, es ist -sogar sündhaft, daß wir hier so fröhlich gehen, während ihre Seele jetzt -irgendwo in der Finsternis schwebt, irgendwo in einer bodenlosen -Finsternis, mit ihrer Sünde und mit dem Unrecht, das man ihr angetan. -Arkadi, wer ist an ihrer Sünde schuld? Wie ist das grauenvoll! Denkst du -auch jemals an diese Finsternis? Ach, wie ich den Tod fürchte, und wie -sündhaft das ist! Ich liebe die Dunkelheit nicht, da ist doch solch eine -Sonne ein ganz anderes Ding! Mama sagt, es sei Sünde, sich zu fürchten -... Arkadi, sag, kennst du Mama gut?« - -»Noch wenig, Lisa, nur wenig.« - -»Wenn du wüßtest, was für ein Wesen sie ist! Du mußt Sie kennen lernen! -Man muß sie erst ganz besonders und in ihrer Art verstehen lernen ...« - -»Aber auch dich habe ich ja bisher nicht gekannt und kenne dich jetzt -doch ganz und gar. In einer Minute habe ich dich verstehen gelernt und -begriffen. Du, Lisa, fürchtest zwar den Tod, aber du bist doch stolz, -unerschrocken, mutig. Bist besser als ich, viel besser als ich! Ich -liebe dich furchtbar, Lisa. Ach, Lisa! Mag, wenn es sein muß, der Tod -kommen, aber bis dahin -- leben, leben! Laß uns um jene Unglückliche -trauern, aber das Leben laß uns dennoch segnen, nicht? Nicht? Ich habe -eine >Idee<, Lisa. Lisa, du weißt doch, daß Werssiloff die Erbschaft -abgelehnt hat? Du kennst meine Seele nicht, Lisa, du weißt nicht, was -dieser Mensch für mich bedeutet hat!« - -»Wie sollte ich das nicht wissen, -- alles weiß ich.« - -»Alles weißt du? Nun ja, dafür bist du eben du! Du bist klug; du bist -klüger als Wassin. Du und Mama -- ihr habt durchdringende Augen, -menschenfreundliche Augen, das heißt, ich meine den Blick, nicht die -Augen, ich rede dummes Zeug ... Ich bin in vieler Hinsicht schlecht, -Lisa.« - -»Dich muß man nur an der Hand nehmen, und das ist alles!« - -»Nimm mich, Lisa. Wie schön es heute ist, dich anzusehen. Ja, weißt du -auch, daß du ganz entzückend aussiehst? Ich habe noch niemals deine -Augen gesehen ... Erst jetzt zum erstenmal ... Wo hast du sie heute -hergenommen, Lisa? Wo gekauft? Wieviel bezahlt? Lisa, ich habe noch nie -einen Freund gehabt, ja, und ich betrachte diese Freundschaftsidee -überhaupt als Unsinn; aber Freundschaft mit dir wäre kein Unsinn ... -Willst du, so laß uns Freunde werden? Du verstehst, was ich sagen will -...?« - -»Sehr gut sogar.« - -»Und weißt du, ohne Abmachungen, ohne Kontrakt, -- laß uns einfach -Freunde sein!« - -»Ja, einfach, ganz einfach, aber nur eine Abmachung: wenn wir uns -irgendeinmal gegenseitig beschuldigen sollten, wenn wir einmal -unzufrieden werden oder sogar böse und schlecht, ja, selbst wenn wir -alles dieses vergessen sollten, -- so wollen wir doch niemals den -heutigen Tag und diese Stunde vergessen! Geben wir uns das Wort darauf! --- Das Wort, daß wir immer dieses Tages gedenken werden, wo wir zwei so -Hand in Hand gingen und lachten und uns so froh zumute war ... Ja? Ja?« - -»Ja, Lisa, ja, und ich schwöre dir das. Aber weißt du, Lisa, mir ist, -als hörte ich dich zum erstenmal ... Lisa, hast du viel gelesen?« - -»Bis jetzt hast du noch nie danach gefragt! Erst gestern zum erstenmal, -als ich mich versprach und mich wie Mama ausdrückte, geruhten Sie, das -zu bemerken, mein hochgeehrter Herr und Philosoph.« - -»Warum hast du denn nicht selbst mit mir zu sprechen angefangen, wenn -ich so ein Dummkopf war?« - -»Ich habe immer darauf gewartet, daß du klüger werden würdest. Ich habe -Sie, mein Herr, von Anfang an durchschaut, und wie ich Sie, Arkadi -Makarowitsch, durchschaut hatte, da dachte ich bei mir: >Er wird schon -zu mir kommen, es wird ja bestimmt damit enden, daß er kommt,< -- nun, -und so nahm ich mir vor, diese Ehre Ihnen zu überlassen, als erster den -Schritt zu tun. >Nein,< dachte ich, >mach du mir erst mal den Hof!<« - -»Ach, du Kokette! Na, Lisa, gestehe mal ehrlich: Hast du in diesem Monat -über mich gelacht oder nicht?« - -»Oh! -- du bist so komisch, du bist furchtbar komisch, Arkadi! Und weißt -du, vielleicht habe ich dich gerade deswegen am meisten geliebt in -diesem Monat, -- weil du solch ein Sonderling bist. Aber du bist in -vielen Dingen auch ein häßlicher Sonderling -- das sage ich dir, damit -du mir nicht zu stolz wirst. Aber weißt du auch, wer noch über dich -gelacht hat? Mama hat über dich gelacht, mit mir zusammen: >So ein -drolliger Kauz,< flüsterte sie mir dann zu, >sieh nur, was für ein -drolliger Kauz!< Du aber sitzt und denkst dabei, wir säßen und zitterten -vor dir.« - -»Lisa, wie denkst du über Werssiloff?« - -»Ich halte sehr viel von ihm; aber weißt du, wir wollen jetzt lieber -nicht über ihn sprechen. Heute brauchen wir nicht über ihn zu sprechen, -nicht wahr?« - -»Ja, du hast recht! Nein, du bist wirklich furchtbar klug, Lisa! Du bist -unbedingt klüger als ich. Warte nur, Lisa, ich mache mit alledem ein -Ende, und vielleicht sage ich dir dann etwas ...« - -»Warum machst du nun ein so finsteres Gesicht?« - -»Nein, ich mache kein finsteres Gesicht, Lisa, das war nur so ... Sieh, -Lisa, ich spreche es lieber offen aus: das ist so eine meiner -Eigenheiten, daß ich es nicht liebe, wenn man manches Empfindliche, was -man so in der Seele hat, mit den Fingern anrührt ... oder sagen wir: -wenn man gewisse Gefühle oft anderen aufdeckt oder sie hervorzieht, -damit alle sie sehen, so ist das doch eine Schande, nicht wahr? Deshalb -ziehe ich es vor, düster zu sein und zu schweigen. Du bist klug, du mußt -das verstehen.« - -»Nicht nur das, ich bin auch selbst so; ich habe dich in allem -verstanden. Weißt du auch, daß auch Mama so ist?« - -»Ach, Lisa! Wenn man nur länger auf Erden leben könnte! Wie? Was sagtest -du?« - -»Nein, ich habe nichts gesagt.« - -»Du siehst mich an?« - -»Ja, und auch du siehst mich an. Ich sehe dich an und liebe dich.« - -Ich begleitete sie fast bis nach Hause und gab ihr meine Adresse. Beim -Abschied küßte ich sie zum erstenmal im Leben. - - - V. - -Und alles wäre gut gewesen, aber nur eines war schlecht: ein schwerer -Gedanke wälzte sich in mir schon seit der Nacht und ging mir nicht aus -dem Sinn. Es war das die Erinnerung, daß ich am Abend vorher, als ich -vor unserer Hofpforte mit jener Unglücklichen zusammengetroffen war, ihr -gesagt hatte, ich ginge aus dem Hause, verließe das Nest; denn von bösen -Menschen müsse man fortgehen und sein eigenes Nest bauen, und Werssiloff -hätte viele außereheliche Kinder. Solche Worte über den Vater vom -leiblichen Sohn gesagt, hatten natürlich ihren ganzen Verdacht gegen -Werssiloff bestätigt, auch den, daß sie von ihm beleidigt worden sei. -Ich hatte Stebelkoff angeklagt, aber vielleicht war vor allen anderen -ich derjenige gewesen, der Öl ins Feuer gegossen hatte. Dieser Gedanke -war schrecklich und ist es noch heute ... Damals aber, an jenem Morgen, -hatte er zwar schon angefangen, mich zu quälen, aber es schien mir doch -noch alles Einbildung zu sein. »Ach, da hatte sich auch ohne mein -Dazutun schon genug angesammelt und aufgehäuft,« wiederholte ich mir -immer wieder. »Ach, tut nichts, es wird schon vorübergehen! Ich werde -mich bessern! Ich werde das irgendwie gutmachen ... durch irgendeine -gute Tat ... Ich habe noch fünfzig Jahre vor mir!« - -Aber der Gedanke quälte doch weiter. - - - - - Zweiter Teil - - - Erstes Kapitel. - - - I. - -Ich überspringe einen Zeitraum von fast zwei Monaten; der Leser braucht -sich aber nicht zu beunruhigen: aus dem Folgenden wird ihm alles klar -werden. Besonders einen Tag, den fünfzehnten November, möchte ich scharf -hervorheben, -- diesen Tag, der mir aus vielen Gründen nur zu gut im -Gedächtnis geblieben ist. Vor allen Dingen hätte mich damals niemand -wiedererkannt, der mich zwei Monate vorher gesehen hatte, wenigstens -nicht mein Äußeres, oder wenn er mich auch wiedererkannt hätte, so hätte -er sich diese Veränderung doch nicht erklären können. Ich war -hyperelegant gekleidet -- das war das erste. Jener »gewissenhafte -Franzose mit eigenem Geschmack«, der mir von Werssiloff einmal empfohlen -worden war, hatte mir nicht nur einen ganzen Anzug gemacht, sondern war -mir schon nicht mehr fein genug: für mich arbeiteten damals ganz andere -Schneider, höhere, erstklassige, und ich habe bei ihnen sogar laufende -Rechnung. Auch in einem hiesigen vornehmen Restaurant habe ich laufende -Rechnung, aber hier wage ich es noch nicht recht, und sobald ich wieder -Geld habe, bezahle ich sofort, obschon ich weiß, daß ein solches -Bezahlen _mauvais ton_{[37]} ist und mich kompromittiert. Auf dem Newski -habe ich einen französischen Friseur, mit dem ich mich sehr gut stehe, -und wenn ich mich von ihm frisieren lasse, erzählt er mir alle möglichen -Geschichten. Um die Wahrheit zu sagen, ich spreche mit ihm, um mich im -Französischen zu üben. Ich beherrsche ja die Sprache, und sogar ganz -gut, aber in großer Gesellschaft habe ich doch noch eine gewisse Scheu -selbst anzufangen; und meine Aussprache ist wohl auch längst nicht -pariserisch. Ich habe Matwei, meinen Fiaker, der mit seinem Traber zu -meinen Diensten steht, wo und wann ich bestimme. Er hat einen -hellbraunen Hengst (Schimmel liebe ich nicht). Manches stimmte auch -nicht ganz: es war der fünfzehnte November, seit drei Tagen hatten wir -schon Winter, mein Pelz aber war alt, ein von Werssiloff längst -abgelegter; hätte ich ihn verkauft, so würde ich etwa fünfundzwanzig -Rubel bekommen haben. »Ich muß mir einen neuen anschaffen,« sagte ich -mir, »aber meine Taschen sind leer, und außerdem muß ich mir noch zu -heute abend um jeden Preis Geld verschaffen, sonst bin ich verloren.« -- -»Unglücklich und verloren« -- das waren damals meine eigenen Worte. O -Niedrigkeit! Wie, woher kamen auf einmal diese Tausende, dieser Traber -und diese vornehmen Restaurants? Wie hatte ich so schnell alles -vergessen und mich so verändern können? O Schmach! Ja, jetzt beginne ich -die Geschichte meiner Schmach und Schande, und nichts im Leben kann für -mich beschämender sein, als es diese Erinnerungen sind! - -Ich sage das als mein eigener Richter, und ich weiß, daß ich schuldig -bin. In diesem Strudel, in den ich damals hineingeraten war, und in dem -ich mich drehte, war ich zwar allein, ohne Führer und Ratgeber, aber ich -schwöre, auch damals schon wußte ich, daß ich gefallen war, und deshalb -bin ich nicht zu entschuldigen. Und dennoch war ich in diesen zwei -Monaten beinah glücklich, -- warum sage ich »beinah«? Ich war gar zu -glücklich! War es sogar in solchem Maße, daß selbst das Bewußtsein -meiner Schmach, das von Zeit zu Zeit in mir aufblitzte (und wie oft!), -und unter dem mein Herz sich zusammenkrampfte, -- daß dieses Bewußtsein -(wird man es glauben?) mich noch mehr berauschte: »Ach nun, fällt man, -dann fällt man; für immer falle ich ja doch nicht, ich komme schon -wieder heraus! Ich habe meinen Stern!« -- Ich ging gleichsam auf einem -schmalen Stege aus Holzstäben und ohne Geländer über einem Abgrund, und -es machte mir Spaß, daß ich so ging; ich sah sogar in den Abgrund hinab. -Es war ein Wagnis, und es war lustig. Aber meine »Idee«? -- Die »Idee«, -die war für später, die Idee wartete; alles, was jetzt war und geschah, -war »nur ein kleiner Seitensprung«: »Warum sich denn nicht ein bißchen -amüsieren?« Das ist ja eben das Schlechte an »meiner Idee«, ich sage es -hier nochmals, daß sie entschieden alle Seitensprünge zuläßt; wäre sie -weniger fest und radikal, so hätte ich vielleicht nicht gewagt, mich -ablenken zu lassen. - -Indessen war ich immer noch der Inhaber meines kleinen möblierten -Mietzimmers, war der Mieter, aber nicht der Bewohner desselben. Dort -lagen mein Koffer, meine Reisetasche und noch andere Sachen, doch meine -Hauptresidenz war beim Fürsten Ssergei Ssokolski. Ich saß bei ihm, ich -schlief bei ihm, und das sogar wochenlang ... Wie es dazu kam, will ich -gleich erklären, zunächst aber will ich noch ein paar Worte über dieses -Zimmerchen sagen. Es war mir schon liebgeworden: hierher war Werssiloff -gekommen, er selbst als erster nach unserem damaligen Zerwürfnis, hier -hatte er damals gesessen, und dann noch viele Male. Ich wiederhole: -diese Zeit war für mich eine furchtbare Schmach, zugleich aber auch ein -riesiges Glück ... Und alles traf sich damals so gut und gelang mir und -lächelte mir! »Und wozu diese ganze frühere Griesgrämigkeit,« fragte ich -mich in manchen seligen Minuten, »wozu diese alten schweren Wunden, -meine einsame und traurige Kindheit, meine dummen Träume unter dem -Kinderdeckchen, meine Schwüre, Pläne und selbst meine >Idee<? Ich habe -das alles in die Luft gebaut und mir ausgedacht, und nun erweist es -sich, daß in der Welt etwas ganz anderes ist. Mir ist jetzt doch so froh -und leicht zumute: ich habe einen Vater -- Werssiloff, ich habe einen -Freund -- Fürst Sserjosha, und ich habe noch ...« doch von diesem noch --- reden wir lieber nicht. Ach, alles geschah im Namen der Liebe, der -Großmut, der Ehre. Dann aber stellte sich heraus, daß alles schändlich, -gemein und ehrlos war. - -Genug. - - - II. - -Das erstemal war er am dritten Tage nach unserem damaligen Zerwürfnis zu -mir gekommen. Ich war nicht zu Hause, und so blieb er und wartete auf -mich. Ich hatte schon diese ganzen drei Tage auf ihn gewartet, aber als -ich in mein Zimmer trat und ihn erblickte, flimmerte es mir vor den -Augen, und mein Herz klopfte so stark, daß ich in der Tür stehen blieb. -Zum Glück saß mein Wirt bei ihm, der sich für verpflichtet gehalten -hatte, sich dem Gast, damit diesem das Warten nicht langweilig werde, -vorzustellen und ihn mit Eifer zu unterhalten. Er war ein kleiner -Beamter, Titularrat, schon in den Vierzigern, sehr pockennarbig, sehr -arm, und hatte eine kranke, schwindsüchtige Frau und ein krankes Kind. -Seinem Charakter nach war er äußerst mitteilsam und friedfertig, -übrigens auch ziemlich taktvoll. Ich freute mich über seine Anwesenheit, -er half wenigstens über den Anfang hinweg; denn was hätte ich sonst zu -Werssiloff sagen sollen? Ich hatte ja gewußt, genau gewußt, diese ganzen -drei Tage gewußt, daß Werssiloff selbst kommen, als erster kommen werde, --- genau so, wie ich das wünschte; denn ich wäre um keinen Preis als -erster zu ihm gegangen, nicht etwa aus Trotz und Verstocktheit, sondern -einzig aus Liebe zu ihm, aus einer gewissen Liebeseifersucht, oder -- -ich weiß nicht, wie ich das ausdrücken soll. Ja, und überhaupt wird der -Leser keinen schönen Redefluß bei mir finden. -- Aber obschon ich ihn -diese ganzen drei Tage erwartet und mir fast ununterbrochen vorgestellt -hatte, wie er, wenn er käme, in mein Zimmer eintreten werde, so hatte -ich mir doch nie im voraus ausdenken können, obschon ich mich krampfhaft -anstrengte, wovon wir beide zu sprechen anfangen würden ... nach allem, -was geschehen war. - -»Ah, da bist du ja,« sagte er und streckte mir freundschaftlich die Hand -entgegen, ohne sich dabei zu erheben. »Setze dich mal zu uns; Pjotr -Ippolitowitsch erzählt eine überaus interessante Geschichte von dem -Großen Stein, der in der Nähe der Pawlowsker Kasernen liegt ... oder -hier irgendwo in der Umgegend ...« - -»Ja, ich kenne den Stein,« sagte ich schnell und setzte mich zu ihnen -auf einen Stuhl. Sie saßen am Tisch. Das ganze Zimmer war genau vier -Quadratmeter groß. Ich holte einmal tief Atem. - -Ein Funken von Zufriedenheit blitzte in Werssiloffs Augen auf; ich -glaube, er hatte mir keine besondere Haltung zugetraut und befürchtet, -ich würde mich Gott weiß wie benehmen. Nun war er beruhigt. - -»Erzählen Sie es lieber nochmals von Anfang an, Pjotr Ippolitowitsch.« --- Sie redeten sich schon mit dem Vor- und Vatersnamen an. - -»Ja, also, was ich sagen wollte, -- das hat sich nämlich noch zu -Nikolais des Ersten Zeiten zugetragen,« wandte sich Pjotr Ippolitowitsch -nervös und mit einer gewissen Pein zu mir, als litte er schon im voraus -unter der Möglichkeit, daß seine Geschichte keinen Eindruck machen -könnte. »Sie kennen doch diesen Stein, -- plötzlich so ein großer Stein -auf der Straße: warum? wozu? -- er stört doch nur, nicht wahr? Majestät -fuhren mehrere Mal den Weg, und jedesmal war dieser Stein da. -Schließlich mißfiel das Majestät, und es ist doch auch wahr: so ein -ganzer Berg, auch noch mitten auf der Straße, er ist doch nur im Wege, -nicht wahr? >Der Stein ist zu beseitigen!< sagt Majestät. Nun, einmal -gesagt, ist zu beseitigen -- Sie verstehen, was das heißt, dieses >ist< -und >zu beseitigen<? Man weiß doch, wie der Selige war. Also: was tun -mit diesem Stein? Alle verloren den Kopf. Da war nämlich die Stadtduma, -und dann hauptsächlich war da, ich weiß nicht mehr wer, nämlich einer -von unseren Aristokraten, damals die erste Persönlichkeit, und dieser -hatte für alles aufzukommen. Und dieser selbe Würdenträger hört sie nun -alle an, die Ratgeber nämlich: fünfzehntausend Rubel werde es kosten, -sagen sie, nicht weniger, und in Silber (denn in der Regierungszeit des -Seligen stand das Metallgeld höher im Wert als das Papiergeld). >Was, -fünfzehntausend, Blödsinn!< sagt der Würdenträger. Die Engländer wollten -nämlich zuerst Schienen legen bis zum Stein und ihn mit Dampfkraft -fortschaffen; aber was hätte das gekostet? Eisenbahnen gab es doch -damals bei uns noch nicht, nur die eine nach Zarskoje Sselo, die ging -schon ...« - -»Ach was, man hätte ihn doch einfach zersägen können,« sagte ich mit -wachsendem Verdruß; ich ärgerte mich und schämte mich vor Werssiloff; er -aber hörte mit sichtlichem Vergnügen zu. Ich begriff, daß auch er über -die Anwesenheit des Wirtes froh war; denn mit mir allein zu sein, wäre -auch ihm peinlich gewesen, und er schämte sich sogar vor mir, das sah -ich; ich weiß noch, ich empfand das fast als rührend von ihm. - -»Jawohl, jawohl, gerade das war's ja auch, worauf man dann verfiel, und -es verfiel darauf von allen nur Monferrand, der nämlich damals gerade -die Isaakskirche baute. >Zersägen und fortführen,< riet er. Jawohl, aber -was wird das kosten?« - -»Nichts kostet das, man zersägt einfach und führt die Stücke fort.« - -»Nein, erlauben Sie, da muß man doch eine Maschine aufstellen, eine -Dampfmaschine, und dann: wohin fortführen? Und dazu solch einen -Riesenstein, fast wie ein Berg? Zehntausend, sagt man, weniger wird es -nicht kosten, zehn- oder zwölftausend.« - -»Hören Sie mal, Pjotr Ippolitowitsch, das ist doch barer Unsinn, das -kann doch nicht so gewesen sein ...« Aber da blinzelte mir Werssiloff -heimlich zu, und in diesem geheimen Zeichen, das er mir gab, lag so viel -feinfühlendes Mitgefühl mit meinem Wirt, ja sogar ein so aufrichtiges -Leiden für ihn, daß mir das ungeheuer gefiel, und ich begann zu lachen. - -»Ja ... ja ...« freute sich mein Wirt, der natürlich nichts bemerkt -hatte und nur fürchtete, wie alle diese Erzähler, daß man ihn durch -Fragen aus dem Text bringen könnte. »Ja, und da kommt nun gerade ein -Kleinbürger des Weges gegangen, ein noch junger Mann, so, wissen Sie, -ein echter Russe, Vollbart und Hemdbluse, und womöglich mit so einem -kleinen Rausch ... oder nein, berauscht war er nicht. Und da steht nun -dieser Kleinbürger und hört zu, wie sie da beraten, nämlich die -Engländer und der Monferrand; und dieser Würdenträger, die Hauptperson, -ist gerade im Wagen angefahren gekommen, hört sie an und ärgert sich: -wie sie sich da so lange beraten und doch nicht Rat zu schaffen wissen! -Und da fällt sein Blick auf diesen Kleinbürger, auf denselben nämlich, -der etwas weiter fort steht, zuhört und so etwas falsch lächelt, das -heißt, nicht falsch, ich habe mich nicht richtig ausgedrückt, aber so, -nämlich sozusagen etwas ... etwas ...« - -»Spöttisch,« half ihm Werssiloff vorsichtig. - -»Spöttisch, ja, das ist das Wort, das heißt, ein wenig spöttisch, -nämlich so mit einem gutmütigen russischen Lächeln, genau so, wissen -Sie. Nun, dem Würdenträger war das natürlich wieder ein Grund zum Ärger, -man weiß ja, wie das ist: >Heda, du, was hältst du hier Maulaffen feil? -Wer bist du?< - ->Ja so,< sagt er, >ich sehe mir das Steinchen an, Euer Gnaden.< Gerade -so sagte er, nämlich zu dem Würdenträger. -- Ja, war das nicht am Ende -Fürst Ssuworoff Italijski selber, das heißt ein Nachkomme des alten -Feldmarschalls ...? Oder nein, das war kein Ssuworoff, -- schade, ich -hab's nämlich vergessen, wer es war, nur war er, wissen Sie, wenn auch -Durchlaucht und was nicht alles, so doch ein echter Russe, so ein -russischer Typus, Patriot, mit einem verstehenden russischen Herzen; na, -er erriet sofort: - ->So, siehst das Steinchen an und lachst dabei -- würdest du etwa den -Stein fortschaffen können? -- Worüber lachst du denn?< - ->Mehr so eigentlich über die Engländer, Euer Gnaden,< sagt er, >die -machen doch einen schon gar zu hohen Preis, weil der russische Beutel -dick ist und sie zu Hause nichts zu essen haben. Wenn Euer Gnaden mir -hundert Rubel aussetzen wollten -- bis morgen abend schaffen wir das -Steinchen aus dem Wege.< - -Nun, können Sie sich einen solchen Vorschlag denken? Die Engländer -hätten ihn vor Wut natürlich gefressen; Monferrand lacht; nur dieser -Würdenträger mit dem russischen Herzen sagt: >Man gebe ihm die hundert -Rubel! Wirst du ihn wirklich fortschaffen können?< - ->Morgen gegen Abend wird er weg sein, Euer Gnaden.< - ->Ja, aber, wie willst du das machen?< - ->Das mag schon, mit Verlaub, wenn Euer Gnaden das nicht übelnehmen, -unser Geheimnis bleiben,< sagt er, und wissen Sie, sagt es so richtig -russisch! Das gefiel dem Würdenträger. >Man gebe ihm alles, was er -verlangt!< Und dabei blieb's. Was glauben Sie wohl, was er nun tat?« - -Mein Wirt machte eine Kunstpause und sah mit gerührtem Blick bald mich, -bald Werssiloff an. - -»Ich weiß es nicht,« sagte Werssiloff lächelnd; ich ärgerte mich. - -»Ja, sehen Sie, er tat das nämlich so,« hub der Wirt nun mit einem -solchen Triumphgefühl an, als hätte er das alles selbst gemacht. »In -kürzester Zeit hatte er sich soundso viele Bauern mit Spaten gedungen, -ganz gewöhnliche, aber so richtige russische Bauern, und mit denen -begann er dicht beim Stein eine Grube zu graben; die ganze Nacht gruben -sie, gruben eine riesige Grube, so groß wie der Stein, sogar noch etwas -größer, und als die fertig war, ließ er allmählich und vorsichtig und -immer mehr die Erde auch unter dem Stein weggraben. Nun, das ist doch -erklärlich, je mehr sie unten weggruben, um so weniger hatte der Stein -Boden unter sich, auf dem er stehen konnte, und um so mehr kam sein -Gleichgewicht ins Wanken; und wie er dann ganz ins Wanken kam, da -stemmten sie sich noch alle Mann von der anderen Seite gegen den Stein, -so, wissen Sie, mit Hurra und auf russische Art: der Stein schaukelte -mal, und -- plumps! fiel er in die Grube! Dann wurde fix zugeschaufelt, -mit einem Rammklotz festgestampft, mit Steinchen festgepflastert -- -alles glatt, und der Stein war weg!« - -»Denken Sie sich!« sagte Werssiloff. - -»Und was da an Menschen zusammenlief! Menschen, mehr als man zählen -kann! Die Engländer, die nämlich schon längst alles erraten hatten, -stehen da, sind wütend. Monferrand kommt angefahren: >Das,< sagt er, ->ist bäurisch gemacht, ist gar zu einfach.< -- Aber das ist doch gerade -der ganze Witz der Sache, daß es so einfach zu machen war, ihr aber, ihr -Schafsköpfe, seid nicht darauf verfallen! Und ich kann Ihnen sagen, -dieser Vorgesetzte, nämlich dieser hohe Würdenträger und Staatsmann, -- -der umarmte ihn einfach und küßte ihn: >Ja, woher kommst du, wer bist -du?< fragt er ihn. -- >Wir sind aus dem Jaroslawschen, Euer Gnaden, sind -unserem Handwerk nach, mit Verlaub zu sagen, eigentlich Schneider, im -Sommer aber kommen wir nach der Hauptstadt, um mit Früchten bißchen -Handel zu treiben, Euer Gnaden.< Nun, die Obrigkeit erfuhr davon, und -ihm wurde eine Medaille umgehängt; und so ging er denn seit der Zeit -immer mit der Medaille am Halse; aber dann hat er sich dem Trunk -ergeben, sagt man. Wissen Sie, ein russischer Mensch, der bändigt sich -ja nicht! Deshalb nämlich werden wir auch bis heute von den Ausländern -ausgesogen, ja ... Ja ... sehen Sie wohl!« - -»Ja, allerdings, die russische Art ...« begann Werssiloff, aber da wurde -mein Wirt von der kranken Frau gerufen, und er mußte zu ihr eilen, -- zu -seinem Glück; denn ich hätte mich nicht mehr lange bezwingen können. -Werssiloff lachte. - -»Mein Lieber, er hat mich ja schon eine ganze Stunde amüsiert, noch -bevor du kamst. Diese Anekdote vom Stein ... die ist doch für ihn die -einzige Möglichkeit, sein patriotisches Empfinden auszudrücken, -- wie -darf man ihn da unterbrechen? Du hast es doch selbst gesehen: er verging -ja förmlich vor Wonne. Und außerdem liegt dieser Stein, wenn ich mich -nicht sehr irre, noch heute dort und ist noch niemals versenkt worden -...« - -»Ach, bei Gott!« rief ich, »das ist allerdings wahr! Aber wie durfte er -dann ...« - -»Was hast du? Du bist ja, wie's scheint, ganz ernstlich aufgebracht? Laß -gut sein. Er hat da etwas verwechselt. Ich habe eine ähnliche Geschichte -von einem Stein schon in meiner Kindheit gehört, nur lag jener Stein -selbstverständlich irgendwo anders. Ich bitte dich: >die Obrigkeit -erfuhr davon<! -- seine ganze Seele sang ja förmlich, als er das sagte. -In diesem traurigen Milieu geht es ja nicht ohne Anekdoten. Sie kennen -eine Unmenge solcher Geschichten, und sie gefallen ihnen ... -Hauptsächlich wegen ihrer eigenen Ungeistigkeit. Sie haben nichts -gelernt, sie wissen nichts Wissenswertes, nun, ein Mensch aber will doch -manchmal auch von etwas anderem reden, als nur vom Kartenspiel oder ewig -fachsimpeln, man will doch auch einmal von etwas allgemein Menschlichem, -Poetischem reden ... Was ist er, dieser Pjotr Ippolitowitsch?« - -»Ein armer Kerl, und sogar ein unglücklicher Mensch.« - -»Nun, siehst du, vielleicht spielt er nicht einmal Karten? Ich sage dir -nochmals, mit der Erzählung solcher Anekdötchen kommt er dem Bedürfnis -seiner Nächstenliebe nach: er wollte doch auch uns glücklich machen. Und -auch seiner Vaterlandsliebe hat er ein Genüge getan. Dann haben sie da -noch eine Anekdote, -- wie die Engländer Sawjaloff eine Million gezahlt -hätten, damit er seine Fabrikate nicht mehr mit seiner Fabrikmarke -versehe.« - -»Ach Gott, ja, diese Anekdote habe ich auch gehört.« - -»Wer hat sie nicht gehört? Und wenn er sie erzählt, weiß er ja ganz -genau, daß du sie schon gehört hast, aber er erzählt sie trotzdem und -macht sich selbst glauben, daß du sie noch nicht gehört hast. Die -Anekdote vom Traum des Schwedenkönigs scheint bei ihnen jetzt schon -veraltet zu sein; in meiner Jugend wurde sie noch mit Wonne erzählt, und -in geheimnisvollem Flüsterton, ganz wie die andere Geschichte, daß zu -Anfang des Jahrhunderts jemand im Senat vor den Senatoren auf den Knien -gelegen habe. Über den Kommandanten Baschutzki gab es gleichfalls viele -Anekdoten, zum Beispiel, wie das Denkmal gestohlen wurde. Besonders -beliebt sind Anekdoten, die sich angeblich bei Hofe zugetragen haben. -Zum Beispiel von Tschernüschoff, dem ehemaligen Premierminister; etwa -wie er, der siebzigjährige Greis, sich äußerlich so herzurichten -verstanden hätte, daß er wie ein Dreißigjähriger aussah, und der selige -Kaiser sich bei den Empfängen jedesmal über ihn wunderte.« - -»Auch diese Geschichte kenne ich.« - -»Wer kennt sie nicht? Alle diese Anekdoten sind der Gipfel geistiger -Unsachlichkeit; aber du mußt wissen, daß dieser Typ des unsachlichen -Menschen viel tiefer sitzt und sogar viel verbreiteter ist, als wir -gemeinhin annehmen. Die Lust zu lügen, um seinen Nächsten glücklich zu -machen, wirst du sogar in unserer besten Gesellschaft antreffen; denn -wir leiden alle an dieser Unenthaltsamkeit unserer Herzen. Nur sind -unsere Geschichten von etwas anderer Art; was aber bei uns zum Beispiel -allein von Amerika alles erzählt wird, und noch dazu von Staatsmännern, -das ist fürchterlich. Ja, ich muß bekennen, daß ich selbst zu diesem -unenthaltsamen Typ gehöre und mein ganzes Leben lang darunter gelitten -habe ...« - -»Die Anekdote von Tschernüschoff habe auch ich schon ein paarmal -erzählt.« - -»Sogar schon selbst erzählt?« - -»Hier ist außer mir noch ein Zimmermieter, ein Beamter, der gleichfalls -Pockennarben hat, ein schon alter Mann, aber er ist ein furchtbarer -Prosaiker, und sobald Pjotr Ippolitowitsch zu erzählen beginnt, fängt er -sofort an ihn zu unterbrechen und aus dem Text zu bringen. Das hat er so -weit gebracht, daß mein Wirt ihn wie ein Sklave bedient und ihm alles zu -Gefallen tut, damit er ihn nur erzählen läßt.« - -»Das ist bereits ein anderer Typ des Unsachlichen und vielleicht sogar -ein widerlicherer als der erste. Der erste -- ist ganz Begeisterung! ->Laß mich nur etwas faseln, und du wirst sehen, wie schön alles sich -abspielt!< Der zweite Typ -- ist ganz Mißgunst und Prosa: >Ich laß dich -nicht faseln, wo geschah das, wann, in welchem Jahre?< -- mit einem -Wort, der zweite Typ ist ein Mensch ohne Herz. Mein Freund, laß den -Menschen immer ein wenig dichten -- es ist eine unschuldige Lust. Laß -ihn sogar viel dichten. Erstens beweist du damit Zartgefühl, und -zweitens wird man dich dafür gleichfalls dichten lassen -- also zwei -Vorteile zugleich. _Que diable!_{[38]} Man muß seinen Nächsten lieben. -Aber für mich ist es Zeit. Du hast dich sehr nett eingerichtet,« -bemerkte er, sich vom Stuhl erhebend. »Ich werde Ssofja Andrejewna und -deiner Schwester erzählen, daß ich bei dir gewesen bin und dich bei -guter Gesundheit angetroffen habe. Auf Wiedersehen, mein Lieber.« - -Wie, war das alles? Aber das war ja gar nicht das, was ich brauchte! Ich -hatte etwas ganz anderes erwartet, natürlich die _Hauptsache_, aber ich -begriff nun und sah ein, daß es anders ja gar nicht möglich war. Ich -nahm das Licht und begleitete ihn auf die Treppe hinaus; auch mein Wirt -eilte diensteifrig herbei und wollte ihn gleichfalls begleiten, aber ich -packte ihn hinter Werssiloffs Rücken am Arm und stieß ihn wütend zurück. -Er sah mich zwar verwundert an, drückte sich aber sogleich. - -»Diese Treppen ...« sagte Werssiloff undeutlich und langsam, -augenscheinlich nur, um etwas zu sagen und somit zu verhüten, daß ich -etwas sagte, wovor er Angst zu haben schien, »... diese Treppen -- ich -bin an so was nicht gewöhnt, und du wohnst im dritten Stock, -- -übrigens, jetzt finde ich schon den Weg ... Bemühe dich nicht, mein -Lieber, du wirst dich noch erkälten.« - -Aber ich ging nicht zurück. Wir waren schon auf der zweiten Treppe. - -»Ich habe diese ganzen drei Tage nur auf Sie gewartet,« entrang es sich -mir plötzlich; wie von selbst; mein Atem stockte. - -»Ich danke dir, mein Lieber.« - -»Ich wußte, daß Sie bestimmt kommen würden.« - -»Und ich wußte, daß du wußtest, daß ich bestimmt kommen würde. Hab Dank, -mein Lieber.« - -Er verstummte. Wir waren fast schon an der Haustür angelangt, und ich -folgte ihm immer noch. Er wollte die Tür öffnen -- ein kurzer Windstoß -löschte mein Licht. Da ergriff ich plötzlich seine Hand; es war -stockdunkel. Er zuckte zusammen, sagte aber nichts und schwieg. Ich -beugte mich plötzlich über seine Hand und küßte sie gierig, küßte sie -mehrmals, küßte sie immer wieder. - -»Mein lieber Junge, ja wofür liebst du mich denn so?« sagte er, aber -schon mit einer ganz anderen Stimme. - -Seine Stimme bebte, etwas ganz Neues klang in ihr, ganz als hätte nicht -er gesprochen. - -Ich wollte irgend etwas erwidern, brachte aber nichts über die Lippen -und lief zurück nach oben. Er aber wartete immer noch und stand auf -demselben Platz; erst als ich schon im dritten Stock angelangt war, -hörte ich, wie unten die Haustür aufging und dann laut zuschlug. An -meinem Wirt, der mir, weiß Gott weshalb, wieder in den Weg lief, -schlüpfte ich schnell vorüber in mein Zimmer, verriegelte die Tür von -innen und warf mich, ohne Licht zu machen, auf mein Bett, grub das -Gesicht ins Kissen und -- weinte, weinte. Zum erstenmal weinte ich -wieder seit der Zeit bei Touchard! Das Schluchzen erschütterte mich mit -solcher Gewalt, und ich war so glücklich ... doch wozu das beschreiben. - -Ich habe das jetzt niedergeschrieben, ohne mich zu schämen; denn -vielleicht war das alles nur gut, trotz der ganzen Ungereimtheit. - - - III. - -Aber er mußte mir dafür schon büßen! Ich wurde ein schrecklicher Despot. -Selbstverständlich ist diese Szene von uns nachher nie erwähnt worden. -Im Gegenteil, wir begegneten uns am dritten Tage, als hätte sich nicht -das geringste zwischen uns zugetragen, -- mehr noch: ich war an dem -Abend nahezu grob, und er war auch von einer gewissen wortkargen -Trockenheit. Das trug sich wieder in meiner Wohnung zu; ich war, ich -weiß nicht weshalb, noch immer nicht zu ihnen gegangen, trotz meines -Verlangens, meine Mutter zu sehen. - -Gesprochen haben wir in dieser ganzen Zeit, das heißt, in diesen ganzen -zwei Monaten, nur von den abstraktesten Dingen. Und darüber muß ich mich -nun eigentlich wundern: wir taten wirklich nichts anderes, als Gespräche -über die abstraktesten Themata führen, natürlich waren es allgemein -menschliche und die für unsere Zeit wichtigsten Themata, aber sie -berührten nicht im entferntesten die dringendsten Fragen unseres -persönlichen Lebens in der konkreten Wirklichkeit. Und dabei gab es in -dieser Wirklichkeit so vieles, was festgesetzt und aufgeklärt werden -mußte, und das tat sogar dringend not, aber gerade darüber schwiegen -wir. Ich sprach sogar mit keinem Wort von meiner Mutter oder Lisa und -... nun, und schließlich auch nicht von mir und meiner ganzen -Geschichte. Geschah das nun aus Schamgefühl oder aus einer gewissen -jugendlichen Dummheit -- das weiß ich nicht. Ich nehme an, daß es -Dummheit war; denn über das Schamgefühl hätte man sich immerhin noch -hinwegsetzen können. Ich spielte ihm gegenüber, wie gesagt, den -Despoten, und manchmal wurde ich sogar unverschämt, wurde es aber -eigentlich gegen meine Absicht: ich weiß nicht, das geschah alles -irgendwie ganz von selbst und unbezwingbar, ich konnte mich nicht -zurückhalten. In seinem Ton dagegen lag nach wie vor ein feiner Spott, -wenn er auch immer überaus freundlich war, trotz aller meiner Ausfälle. -Es wunderte mich auch nicht wenig, daß er selbst lieber zu mir kam, so -daß ich schließlich nur noch sehr selten zu Mama ging, höchstens einmal -in der Woche, nicht öfter, besonders in der allerletzten Zeit, als ich -schon ganz und gar vom Wirbel erfaßt worden war und mich in ihm drehte. -Er kam immer abends, saß bei mir und unterhielt sich mit mir; auch mit -meinem Wirt unterhielt er sich gern, -- das ärgerte mich bei einem -Menschen wie ihm. Mir kam auch der Gedanke: Hat er denn außer mir -wirklich keinen Menschen, zu dem er gehen könnte? Doch ich wußte ganz -genau, daß er noch andere Bekannte hatte und in der letzten Zeit sogar -frühere Beziehungen zu der höheren Gesellschaft, die von ihm vor einem -Jahr abgebrochen worden waren, wieder erneuert hatte; aber ich glaube, -der Verkehr mit ihnen lockte ihn nicht sonderlich; viele Beziehungen -hatte er nur offiziell erneuert, und wie mir schien, kam er lieber zu -mir. Es rührte mich manchmal sehr, daß er, wenn er abends zu mir kam, -fast jedesmal beim Öffnen der Tür gleichsam zagte und in der ersten -Minute mir immer mit einer sonderbaren Unruhe in die Augen sah, als -wollte er fragen: >Störe ich nicht? Sage es nur, und ich gehe.< Ja, er -sprach das manchmal sogar aus. Einmal, zum Beispiel, es war in der -letzten Zeit, kam er, als ich gerade vom Schneider meinen Anzug erhalten -und mich angekleidet hatte, um zum »Fürsten Sserjosha« zu fahren, mit -dem ich mich irgendwohin begeben wollte (wohin -- werde ich später -erklären). Er aber hatte sich schon gesetzt und wahrscheinlich gar nicht -bemerkt, daß ich aufbrechen wollte; bisweilen kam eine sehr sonderbare -Zerstreutheit über ihn. Und zum Unglück begann er gerade von meinem Wirt -zu sprechen; ich brauste auf: - -»Ach, zum Teufel mit ihm, mit diesem Wirt!« - -»Ach so, mein Lieber,« er stand sogleich auf. »Du scheinst ausgehen zu -wollen, und da habe ich dich aufgehalten ... Entschuldige, bitte.« - -Und er beeilte sich, mich zu verlassen. Eben diese Bescheidenheit eines -solchen Menschen, und noch mir gegenüber, eines so unabhängigen -Weltmannes, der soviel Persönliches hatte, erweckte in meinem Herzen mit -einem Schlage wieder meine ganze Zärtlichkeit zu ihm und meinen ganzen -Glauben an ihn. Aber wenn er mich so liebte, warum hielt er mich dann in -dieser Zeit meiner Schmach nicht zurück? Er hätte doch damals nur ein -Wort zu sagen brauchen -- und ich hätte mich vielleicht beherrscht. -Übrigens ... vielleicht auch nicht. Aber er sah doch meine -Modetorheiten, meine Großmannssucht, meinen Schlitten (ich wollte ihn -sogar einmal in meinem Schlitten mitnehmen, aber er lehnte es ab; und -sogar mehr als einmal habe ich ihn aufgefordert, einzusteigen, er hat -aber immer abgelehnt), er sah doch, daß ich mit dem Gelde nur so um mich -warf, -- und kein Wort, kein Wort von ihm, nicht einmal eine neugierige -Frage! Das hat mich die ganze Zeit gewundert, auch heute noch wundert es -mich. Ich aber schämte mich damals natürlich nicht im geringsten vor ihm -und ließ ihn alles sehen, wenn ich auch kein Wort zur Erklärung sagte. -Er fragte nicht, und ich sagte nichts. Das heißt, ein paarmal waren wir -doch nahe daran, auf das Thema der dringenden Angelegenheiten -überzugehen. Einmal fragte ich ihn (das war noch am Anfang, bald nach -seinem Verzicht auf die Erbschaft), wovon und wie er denn jetzt zu leben -gedenke. - -»Irgendwie, mein Freund,« sagte er mit auffallender Ruhe. - -Heute weiß ich, daß selbst Tatjana Pawlownas kleines Kapital von -ungefähr fünftausend Rubel in diesen zwei letzten Jahren zur Hälfte für -Werssiloff verausgabt worden ist. - -Ein anderes Mal kamen wir, ich weiß nicht mehr, wie, auf meine Mutter zu -sprechen; auf einmal sagte er traurig: »Mein Freund, ich habe es Ssofja -Andrejewna oft gesagt, in der ersten Zeit unserer Verbindung, übrigens -nicht nur in der ersten Zeit, auch in der Mitte und am Ende: >Liebste, -ich quäle dich und quäle dich zu Tode, und es tut mir nicht leid, -solange du bei mir bist; aber ich weiß, wenn du nicht mehr bist, werde -ich mich mit Selbstanklagen zu Tode quälen.<« - -An diesem Abend war er, ich weiß noch, ganz besonders offenherzig. - -»Wenn ich noch ein charakterschwacher wertloser Mensch wäre und unter -diesem Bewußtsein litte! Aber das ist es ja nicht, ich weiß doch, daß -ich unendlich stark bin, und wodurch, was glaubst du? -- eben durch -diese unmittelbare Kraft der Verträglichkeit mit allem, was es auch sei, -die allen klugen Russen unserer Generation in so hohem Maße eigen ist. -Mich kannst du durch nichts zerstören, durch nichts vertilgen, durch -nichts in Erstaunen setzen. Ich habe ein so zähes Leben wie ein Hofhund. -Ich kann auf die allerbequemste Weise zwei entgegengesetzte Gefühle zu -gleicher Zeit empfinden -- und das, versteht sich, doch nicht aus -eigenem Willen. Aber nichtsdestoweniger weiß ich, daß das ehrlos ist, -vor allem deshalb, weil es gar zu einsichtsvoll ist. Ich habe fast bis -zum fünfzigsten Jahr gelebt, und noch immer weiß ich weder, noch ahne -ich, ob es nun gut oder ob es schlecht ist, daß ich solange gelebt habe. -Natürlich, ich liebe das Leben, und das ergibt sich ja ganz von selbst -aus der Sache; aber für einen Menschen, wie ich, ist das Leben lieben -- -unwürdig. In der letzten Zeit hat etwas Neues begonnen, und Menschen wie -Krafft leben sich nicht ein, sondern schießen sich tot. Aber es ist doch -klar, daß die vom Typus Krafft dumm sind; nun, wir aber sind klug, -- -folglich läßt sich auch hier auf keine Weise eine Parallele ziehen, und -die Frage bleibt trotz alledem offen. Und sollte denn die Erde wirklich -nur für solche da sein wie wir? Wahrscheinlich: ja; aber dieser Gedanke -ist doch schon gar zu trostlos. Und übrigens ... und übrigens bleibt die -Frage doch offen.« - -Er sagte das traurig, und dennoch wußte ich nicht, ob es aufrichtig war -oder nicht. Es blieb in ihm immer noch ein gewisses Geheimnis, das er um -keinen Preis aufdecken wollte. - - - IV. - -Ich überschüttete ihn damals mit Fragen, ich stürzte mich auf ihn wie -ein Hungriger auf Brot. Er antwortete mir immer bereitwillig und -offenherzig, aber im Grunde waren es nur ganz allgemein gehaltene -Aphorismen, so daß schließlich doch nichts aus ihm herauszubekommen war. -Dabei hatten mich alle diese Fragen schon mein Leben lang beunruhigt, -und ich sage offen, ich hatte die Entscheidung dieser Fragen schon in -Moskau bis auf weiteres aufgeschoben, eben bis zu unserem Wiedersehen in -Petersburg. Ich habe ihm das einmal sogar gesagt, und er begann nicht -über mich zu lachen, im Gegenteil, ich weiß noch, er drückte mir die -Hand. Über die allgemeine Politik und die sozialen Fragen konnte ich -auch so gut wie nichts aus ihm herausbringen, und gerade diese Fragen -beunruhigten mich am meisten, natürlich im Hinblick auf meine »Idee«. -Über Menschen wie Dergatschoff entriß ich ihm einmal die Bemerkung, sie -ständen »unter jeder Kritik«, aber gleich darauf fügte er sonderbar -hinzu, daß er sich »das Recht vorbehielte, seiner eigenen Meinung nicht -die geringste Bedeutung beizulegen«. Darüber, wie die heutigen Staaten -und die heutige Welt enden und wie die soziale Welt sich von neuem -aufbauen werde, schwieg er sich zunächst aus, aber einmal quälte ich -doch so lange, bis er einige Worte darüber äußerte. - -»Ich kann mir denken, daß sich das alles höchst prosaisch abspielen -wird,« sagte er. »Es werden ganz einfach alle Staaten einmal, obgleich -ihre Budgets balancieren und >keine Defizite< vorhanden sind, _un beau -matin_{[39]} endgültig in der wirresten Verwicklung sitzen, und da -werden denn wohl alle ohne Ausnahme nicht mehr bezahlen wollen, damit -alle ohne Ausnahme sich im allgemeinen Bankerott erneuen können. Dem -wird sich das ganze konservative Element der Welt widersetzen, denn eben -dieses wird der Aktionär und Gläubiger sein und den Bankerott nicht -zulassen wollen. Dann wird natürlich sozusagen die allgemeine Oxydation -beginnen; es werden viele Juden kommen, und dann beginnt die jüdische -Herrschaft; und darauf werden alle diejenigen, die niemals Aktien -besessen haben und überhaupt noch nichts besessen haben, also alle -Armen, natürlicherweise den Oxydationsprozeß nicht mitmachen wollen ... -So wird denn der Kampf beginnen, und nach siebenundsiebzig Niederlagen -werden die Armen die Aktionäre vernichten, ihnen die Aktien wegnehmen -und sich auf ihre Plätze setzen, wiederum als Aktionäre, versteht sich. -Vielleicht werden sie auch was Neues sagen, vielleicht aber auch nicht. -Wahrscheinlicher ist, daß sie gleichfalls bankerottieren werden. Weiter, -mein Freund, vermag ich mir nichts mehr vorzustellen von den zukünftigen -Ereignissen, die das Antlitz dieser Welt verändern werden. Übrigens, -schlage in der Apokalypse nach ...« - -»Ja, ist denn das wirklich alles so materialistisch? Wird denn die -jetzige Welt wirklich einzig an den Finanzen zugrunde gehen?« - -»Oh, ich habe doch, versteht sich, nur ein Eckchen des Gesamtbildes -genommen, aber auch dieses Eckchen ist mit dem Ganzen sozusagen durch -unzerreißbare Bande verbunden.« - -»Ja, aber, was soll man denn tun?« - -»Ach, Gott, beeile dich doch nicht so: das wird ja alles nicht so bald -geschehen. Im allgemeinen aber ist nichts zu tun das allerbeste, -- -wenigstens hat man dann sein ruhiges Gewissen und kann sich sagen, daß -man sich an nichts beteiligt hat.« - -»Nein, genug, sprechen Sie zur Sache. Ich will wissen, was ich -tatsächlich tun soll, und wie ich leben soll?« - -»Was du tun sollst, mein Lieber? Sei ehrlich, lüge nie, trachte nicht -nach deines Nächsten Haus, mit einem Wort: Lies die Zehn Gebote -- da -ist alles das auf ewig niedergeschrieben.« - -»Hören Sie auf, hören Sie auf, das ist ja alles so alt, und zudem sind -es bloß Worte, hier aber bedarf es einer Tat!« - -»Nun, wenn dich die Langeweile schon gar zu sehr drückt, dann bemühe -dich, irgend jemand oder irgend etwas liebzugewinnen oder einfach nur -dein Herz an irgend etwas zu hängen.« - -»Sie spotten ja nur! Und dann, was soll ich ganz allein mit Ihren Zehn -Geboten anfangen?« - -»Erfülle sie nur, trotz all deiner Fragen und Zweifel, und du wirst ein -großer Mensch sein.« - -»Von dem niemand was weiß.« - -»Es gibt nichts Geheimes, was nicht offenbar würde.« - -»Sie spotten ja tatsächlich!« - -»Nun, wenn du es dir schon so sehr zu Herzen nimmst, so ist es das -beste, du bemühst dich, möglichst schnell dich zu spezialisieren, -beschäftigst dich mit Häuserbau oder mit der Jurisprudenz, und dann, -wenn du deine wirkliche und ernste Arbeit hast, wirst du dich beruhigen -und das Unwichtige vergessen.« - -Ich schwieg; was konnte man aus solchen Reden entnehmen? Und doch regten -mich diese Fragen nach jedem solchen Gespräch noch mehr auf als früher. -Außerdem sah ich doch deutlich, daß in ihm immer gleichsam ein gewisses -Geheimnis blieb, und gerade das war es, was mich immer mehr und immer -stärker zu ihm hin zog. - -»Hören Sie,« unterbrach ich ihn einmal, »ich habe immer den Verdacht, -daß Sie alles das nur so sagen, aus Erbitterung und Leid, im geheimen -aber, so für sich, sind gerade Sie ein Fanatiker irgendeiner höheren -Idee, nur verheimlichen Sie das, oder Sie schämen sich, es -einzugestehen.« - -»Ich danke dir, mein Lieber.« - -»Hören Sie, es gibt nichts Höheres, als nützlich zu sein. Sagen Sie mir, -wodurch kann ich im gegebenen Augenblick am allernützlichsten sein? Ich -weiß, daß es Ihnen nicht möglich ist, das zu entscheiden; aber ich will -nur Ihre Meinung wissen: Sagen Sie sie, und was Sie sagen, das werde ich -tun, das schwöre ich Ihnen! Also: Was wäre zum Beispiel ein großer -Gedanke?« - -»Nun, Steine in Brot zu verwandeln, -- da hast du einen großen -Gedanken.« - -»Ist das der größte? Nein, wahrhaftig, Sie haben mir einen ganzen Weg -gezeigt! Sagen Sie: ist das wirklich der größte?« - -»Ein sehr großer, mein Freund, ein sehr großer, aber nicht der größte; -ein großer, aber ein zweitrangiger, nur im gegebenen Moment ist er groß: -hat der Mensch sich sattgegessen, so denkt er nicht mehr daran; im -Gegenteil, er wird sofort sagen: >So, nun habe ich mich sattgegessen, -und was soll ich jetzt tun?< Die Frage bleibt ewig offen.« - -»Sie sprachen einmal von >Genfer Ideen<; ich habe Sie damals nicht -verstanden; was sind das für >Genfer Ideen<?« - -»Die Genfer Ideen -- das ist die Tugend ohne Christus, mein Freund, also -die heutigen Ideen, oder richtiger, die Idee der ganzen heutigen -Zivilisation. Mit einem Wort, das ist eine dieser langen Geschichten, -über die zu sprechen sehr langweilig ist, und es wird viel besser sein, -wenn wir beide von etwas anderem sprechen, oder noch besser, wenn wir -von anderem schweigen.« - -»Natürlich, wenn Sie nur schweigen können, das ist für Sie immer die -Hauptsache!« - -»Mein Freund, vergiß nicht, schweigen ist gut, ungefährlich und schön.« - -»Schön?« - -»Versteht sich. Das Schweigen ist immer schön, und der Schweigende ist -immer schöner als der Redende.« - -»Freilich ist so reden, wie Sie mit mir reden, ebensogut wie schweigen. -Zum Teufel mit solch einer Schönheit, und vor allem, zum Teufel mit -solch einem Vorteil!« - -»Mein Lieber,« sagte er da auf einmal zu mir, und er änderte ein wenig -seinen Ton, ja, er sprach sogar mit einem gewissen Gefühl und mit -besonderem Nachdruck: »Mein Lieber, ich will dich durchaus nicht zu -irgendeiner bourgeoisen Tugendhaftigkeit verführen und von deinen -Idealen fortlocken; ich predige dir nicht: >Glück ist besser als -Heldentum<; im Gegenteil, Heldentum steht höher als jedes Glück, und -allein die Fähigkeit dazu ist an sich schon ein Glück. So brauchen wir -nun darüber keine Worte mehr zu verlieren. Eben deshalb achte ich dich -ja auch, weil du in unserer Oxydationszeit fähig gewesen bist, in deiner -Seele dir irgendeine >eigene Idee< zu schaffen (rege dich nicht auf, ich -habe mir das sogar sehr gemerkt). Aber man muß doch auch ans rechte Maß -denken; denn dich verlangt jetzt nach einem auffallenden Leben: -womöglich etwas anzuzünden oder zu zerschmettern, über ganz Rußland dich -zu erheben, wie eine Gewitterwolke vorüberzuziehen und alle in Angst und -Entzücken zurückzulassen, selbst aber irgendwo in den Vereinigten -Staaten von Nordamerika zu verschwinden. Sicherlich ist jetzt etwas -Ähnliches in deiner Seele, und deshalb halte ich es auch für notwendig, -dich zu warnen, denn ich habe dich aufrichtig liebgewonnen, mein Junge.« - -Und was konnte ich selbst hieraus entnehmen? Hieraus sprach nur Unruhe -um mich, um mein materielles Schicksal; der Vater verriet sich mit -prosaischen, wenn auch guten Gefühlen; aber war es denn das, was ich -angesichts der Ideen brauchte, für die jeder ehrliche Vater seinen Sohn -selbst in den Tod schicken muß, wie der alte Horatius seine Söhne für -die Idee Roms? - -Ich kam ihm auch oft mit Fragen wegen der Religion, aber hier stieß ich -auf den dichtesten Nebel. Auf meine Frage: »Was soll ich in diesem Sinne -tun?« antwortete er mir auf die dümmste Weise, als wäre ich ein kleines -Kind: »Man muß an Gott glauben, mein Lieber.« - -»Aber wenn ich an alles das nun einmal nicht glaube?« rief ich gereizt. - -»Nun, das ist vortrefflich, mein Lieber.« - -»Wieso vortrefflich?« - -»Es ist das beste Zeichen, mein Freund; sogar das zuverlässigste, denn -unser russischer Atheist -- wenn er nur auch wirklich Atheist ist und -ein wenig Verstand besitzt -- ist der beste Mensch in der ganzen Welt, -und ist immer geneigt, Gott freundlich zu behandeln, eben weil er -unbedingt gut ist, und gut ist er, weil er maßlos zufrieden damit ist, -daß er -- Atheist ist. Unsere Atheisten sind ehrenwerte Leute und sind -in höchstem Maße zuverlässig, sind, vielleicht, die Stützen des -Vaterlandes ...« - -Das war natürlich etwas, aber ich wollte was anderes; nur einmal sprach -er sich deutlicher mir gegenüber aus, aber doch so sonderbar, daß er -mich durch diese Worte am meisten in Erstaunen setzte, besonders, da ich -von seinem angeblichen Katholizismus und seinen Büßerketten gehört -hatte. - -»Mein Lieber,« sagte er damals zu mir, es war nicht in meinem Zimmer, -sondern auf der Straße, und nach einem langen Gespräch; ich begleitete -ihn. »Mein Freund, die Menschen so zu lieben, wie sie sind, ist -unmöglich. Und doch soll man es nun einmal. Deshalb verbeiße deine -Gefühle, wenn du ihnen Gutes tun willst, halte dir die Nase zu und -schließe die Augen (letzteres ist unbedingt erforderlich). Ertrage von -ihnen Böses, nach Möglichkeit ohne dich über sie zu ärgern, >eingedenk -dessen, daß auch du ein Mensch bist<. Versteht sich, du bist -verpflichtet, streng mit ihnen zu sein, wenn du auch nur ein wenig -klüger sein mußt als der Durchschnitt. Die Menschen sind ihrer Natur -nach niedrig und am ehesten bereit, aus Furcht zu lieben; gehe du auf -eine solche Liebe nicht ein und höre nicht auf, zu verachten. Irgendwo -im Koran gebietet Allah dem Propheten, auf die >Verstockten< wie auf -Mäuse herabzusehen, ihnen Gutes zu tun und an ihnen vorüberzugehen. -- -Ein wenig stolz, aber richtig. Verstehe es, sie sogar dann zu verachten, -wenn sie gut sind; denn gerade dann sind sie am häufigsten schlecht. Oh, -mein Lieber, wenn ich das sage, urteile ich nach mir selbst! Wer auch -nur ein wenig -- nicht dumm ist, kann nicht leben, ohne sich selbst zu -verachten, ob er nun ehrenhaft ist oder nicht, das ist ganz einerlei. -Seinen Nächsten lieben und ihn nicht verachten, -- ist unmöglich. Meiner -Ansicht nach ist der Mensch mit der physischen Unmöglichkeit geschaffen, -seinen Nächsten zu lieben. Es muß da ein Irrtum in den Ausdrücken sein, -und zwar schon von Anfang an, und unter der >Liebe zur Menschheit< kann -man nur Liebe zu derjenigen Menschheit verstehen, die du dir selbst in -deiner Seele erschaffst (mit anderen Worten: dich selbst hast du -erschaffen, und folglich ist es Liebe zu dir selbst), -- und die es -deshalb niemals in der Wirklichkeit geben wird.« - -»Niemals geben wird?« - -»Mein Freund, ich gebe zu, daß das ein wenig dumm wäre, aber das ist -nicht meine Schuld; und da man bei der Erschaffung der Welt mich nicht -gefragt hat, so behalte ich mir das Recht vor, in der Beziehung meine -eigene Meinung zu haben.« - -»Ja, aber -- wie kann man Sie dann noch einen Christen nennen,« rief ich -aus, »einen Mönch mit Büßerketten, einen Propheten? Das verstehe ich -nicht!« - -»Wer nennt mich denn so?« - -Ich erzählte es ihm; er hörte mich sehr aufmerksam an, aber das Gespräch -brach er ab. - -Leider kann ich mich nicht mehr erinnern, aus welchem Anlaß es damals zu -diesem mir noch so gut erinnerlichen Gespräch zwischen uns kam; aber ich -weiß noch, daß er beinahe in Zorn geriet, was bei ihm sonst fast nie -geschah. Er sprach leidenschaftlich und ohne Spott, ganz, als spräche er -nicht zu mir. Aber wiederum glaubte ich ihm nicht: er konnte doch nicht -mit einem Menschen, wie ich, von diesen Dingen ernsthaft reden! - - - Zweites Kapitel. - - - I. - -An diesem Morgen des fünfzehnten November traf ich ihn beim »Fürsten -Sserjosha«. Ich war es auch gewesen, der ihn und den Fürsten wieder -zusammengeführt hatte; aber ganz abgesehen von mir, hatten sie ja genug -Berührungspunkte (alle diese früheren Geschichten im Auslande usw.). -Außerdem hatte der Fürst ihm sein Wort gegeben, von der Erbschaft -wenigstens ein Drittel an ihn abzutreten, was mindestens zwanzigtausend -Rubel ausgemacht hätte. Ich weiß noch, mich wunderte es damals sehr, daß -er nur ein Drittel und nicht die ganze Hälfte abtreten wollte; aber ich -schwieg. Dieses Versprechen hatte der Fürst ganz aus eigenem Antriebe -gegeben; Werssiloff hatte ihn mit keiner Silbe dazu veranlaßt, hatte nie -auch nur ein Wort darüber fallen lassen; der Fürst war selbst damit -hervorgetreten, Werssiloff aber hatte nur schweigend zugehört und auch -nachher kein einziges Mal etwas darüber geäußert oder erwähnt, hatte -auch mit keiner Miene gezeigt, daß er sich dieses Versprechens überhaupt -erinnerte. Ich will hier gleich bemerken, daß der Fürst von Werssiloff -in der ersten Zeit ganz bezaubert war, besonders von seinen Reden, die -ihn geradezu begeisterten, und in dem Sinne hatte er sich auch mir -gegenüber oftmals geäußert. Wenn wir beide allein waren, hatte er -manchmal ganz verzweifelt über sich ausgerufen, er sei »so ungebildet, -so unwissend, und auf einem so falschen Wege ...!« Oh, damals waren wir -noch so befreundet ...! Auch Werssiloff gegenüber bemühte ich mich -immer, nur die guten Seiten des Fürsten hervorzuheben, und ich -verteidigte oder leugnete sogar seine Fehler, obgleich ich sie selbst -sah; aber Werssiloff schwieg dazu oder lächelte. - -»Nun ja, mag er auch seine Fehler haben, aber jedenfalls hat er ebenso -viele Vorzüge, wie er Fehler hat!« rief ich einmal, als ich mit -Werssiloff allein war. - -»Gott, wie du ihm schmeichelst,« lachte er. - -»Wieso? Inwiefern schmeichle ich ihm?« Ich verstand ihn zuerst nicht. - -»Ebenso viele Vorzüge! Herrgott, da müssen doch seine Gebeine Reliquien -werden, wenn er ebenso viele Vorzüge wie Fehler hat!« - -Aber natürlich, das war kein Urteil. Und überhaupt schien er es damals -gewissermaßen vermeiden zu wollen, von dem Fürsten zu sprechen, wie -überhaupt von allem Gegenwärtigen und Dringenden; aber vom Fürsten -besonders. Ich hatte schon damals den Verdacht, daß er beim Fürsten auch -ohne mich vorsprach, und daß sie besondere Beziehungen hatten, aber ich -ließ das zu. Ich wurde auch darüber nicht eifersüchtig, daß er mit ihm -gleichsam ernster sprach als mit mir, sagen wir, positiver, und weniger -Spott beimischte: ich war damals so glücklich, daß mir das sogar gefiel. -Und ich entschuldigte es noch damit, daß der Fürst ja ein wenig -beschränkt war und deshalb es nicht liebte, wenn man sich ungenau -ausdrückte, und manche Feinheiten verstand er sogar überhaupt nicht. -Aber siehe da, in der letzten Zeit hatte er angefangen, sich -gewissermaßen zu emanzipieren. Seine Gefühle Werssiloff gegenüber -begannen sich sogar zu verändern, was der feinfühlige Werssiloff -natürlich sofort merkte. Ich muß noch erwähnen, daß der Fürst in -derselben Zeit auch sein Verhalten zu mir änderte und sogar recht -merklich; es waren nur gewisse tote Formen von unserer anfänglich fast -glühenden Freundschaft übriggeblieben. Aber ich fuhr doch fort, nach wie -vor zu ihm zu gehen. Übrigens, wie hätte ich nicht mehr zu ihm gehen -sollen, nachdem ich nun einmal in alles das mit hineingezogen worden -war! Oh, wie unschlau ich damals war! Und kann denn wirklich nur eine -einzige Herzensdummheit einen Menschen zu einer solchen Einfalt und -Erniedrigung führen? Ich nahm Geld von ihm und dachte, das hätte nichts -auf sich, das müßte so sein. Übrigens, nein: ich wußte auch damals -schon, daß es so nicht sein mußte, aber -- ich dachte einfach nicht -darüber nach. Nicht des Geldes wegen ging ich zu ihm, obschon ich das -Geld furchtbar nötig hatte. Ich wußte, daß ich nicht des Geldes wegen -ging, aber ich begriff, daß ich jeden Tag bei ihm erschien und mir Geld -holte. Aber ich war im Strudel, und abgesehen von alledem, war etwas, -- -sang etwas ganz anderes in meiner Seele! - -Als ich an jenem Morgen eintrat, ungefähr um elf Uhr, fand ich -Werssiloff bei ihm und hörte noch, wie er gerade einen längeren Satz zu -Ende sprach; der Fürst hörte zu und schritt im Zimmer auf und ab; -Werssiloff saß. Der Fürst schien etwas erregt zu sein. Werssiloff regte -ihn fast immer auf. Der Fürst war ein überaus empfänglicher Mensch, war -es sogar bis zu einer Naivität, die mich in manchen Fällen veranlaßte, -auf ihn herabzusehen. Aber ich wiederhole, in den letzten Tagen war in -ihm ein gewisser boshafter Hohn zum Ausdruck gekommen. Er blieb stehen, -als er mich erblickte, und in seinem Gesicht verzog sich etwas. Ich -wußte im geheimen, wie ich mir diesen Schatten an diesem Morgen zu -erklären hatte, aber ich hatte doch nicht erwartet, daß sein Gesicht -sich in solchem Maße verändern werde. Es war mir bekannt, daß er eine -Menge Unannehmlichkeiten hatte, aber das Abscheuliche war, daß ich nur -den zehnten Teil dieser Unannehmlichkeiten kannte, -- alles übrige war -für mich damals ein Geheimnis, von dem ich nicht das mindeste ahnte. Das -war um so abscheulicher und um so dümmer, als ich ihn oft großartig zu -trösten versuchte, ihm Ratschläge gab und sogar hochmütig lächelte über -seine Schwäche, »wegen solcher Lappalien« außer sich zu geraten. Er aber -schwieg dazu, und es ist unmöglich, daß er mich in den Augenblicken -nicht furchtbar gehaßt hat; ich befand mich in einer gar zu falschen -Stellung ihm gegenüber, hatte aber selbst nicht einmal eine Ahnung -davon. Oh, ich rufe Gott zum Zeugen an, daß ich von der Hauptsache -wirklich keine Ahnung hatte! - -Er streckte mir jedoch höflich die Hand entgegen. Werssiloff nickte mir -zu, ohne sich unterbrechen zu lassen. Ich warf mich auf den Diwan. -- -Was war das überhaupt für ein Ton, den ich mir erlaubte, was waren das -für Manieren! Seine Bekannten behandelte ich, als wären sie meine -Bekannten ... Oh, wenn es doch eine Möglichkeit gäbe, alles das jetzt -von neuem zu machen, wie anders würde ich mich jetzt zu benehmen -verstehen! - -Noch zwei Worte, damit ich es später nicht zu erwähnen vergesse: der -Fürst wohnte damals immer noch in derselben Wohnung, die jetzt fast ganz -von ihm eingenommen wurde; die Stolbejeff, der die Wohnung gehörte, -hatte nur einen Monat in Petersburg verbracht und war dann wieder -irgendwohin gereist. - - - II. - -Sie sprachen über den Adel. Ich muß vorausschicken, daß diese Idee den -Fürsten manchmal sehr aufregte, trotz seiner ganzen anscheinend -fortschrittlichen Gesinnung. Ja, ich vermute sogar, daß vieles Schlechte -in seinem Leben durch diese Idee veranlaßt oder ausschließlich um -ihretwillen von ihm begangen worden war: da er so viel auf seine -Fürstlichkeit gab, hatte er in seinem ganzen Leben aus falschem Stolz -mit dem Gelde um sich geworfen und sich auf diese Weise, da er ja ganz -arm war, in Schulden gestürzt. Werssiloff hatte ihm schon mehrmals zu -verstehen gegeben, daß der Adel nicht darin liege, und hatte -gleichzeitig versucht, ihm eine höhere Auffassung vom Adel nahezulegen; -doch der Fürst schien es schließlich übelzunehmen, daß man ihn belehren -wollte. Offenbar hatte ihr Gespräch auch an diesem Morgen davon -gehandelt, aber den Anfang hatte ich nun versäumt. Werssiloffs Worte -schienen mir zunächst sehr reaktionär, später aber söhnte er mich wieder -aus. - -»Das Wort Ehre -- bedeutet Pflicht,« sagte er (ich gebe nur den Sinn -seiner Rede wieder, -- seine Worte aber nur soweit ich mich ihrer -erinnere). - -»Wenn in einem Staat ein bevorzugter Stand herrscht, so ist das Land -stark. Der bevorzugte Stand hat immer seinen bestimmten Ehrbegriff und -seine bestimmte Beobachtung der Ehrgesetze, die meinetwegen auch -unrichtig sein kann, aber sie dient doch fast immer als Bindemittel und -macht das Land stark; sittlich ist sie von großem Nutzen, doch noch mehr -ist sie es politisch ... Aber die Sklaven leiden darunter, das heißt -alle, die nicht zum bevorzugten Stande gehören. Damit sie nicht leiden, -versucht man die Rechte auszugleichen. Das hat man bei uns auch getan, -und das ist sehr schön. Nur hat bisher, wie die Erfahrung lehrt, überall -(das heißt, natürlich nur in Europa) die Ausgleichung der Rechte ein -gewisses Sinken des Ehrgefühls zur Folge gehabt und folglich auch des -Pflichtgefühls. Der Egoismus ist an die Stelle der früheren -zusammenhaltenden Idee getreten, und alles ist zu persönlicher Freiheit -auseinandergefallen. Die Freigewordenen, die ohne vereinenden, -festigenden Gedanken blieben, haben nun jede höhere, ideelle Verbindung -mit der Zeit in solchem Maße eingebüßt, daß sie zu guter Letzt sogar die -von ihnen erlangte persönliche Freiheit gemeinsam zu verteidigen -aufgehört haben. Aber der russische Adelstyp hat dem europäischen -niemals geglichen. Unser Adel könnte selbst jetzt, nach Verlust seiner -Vorrechte, der höchste Stand bleiben, als Hüter der Ehre, des Lichts, -der Wissenschaft und der höheren Idee, und, was die Hauptsache ist, ohne -sich als besondere Kaste abzuschließen, was der Tod der Idee wäre. Im -Gegenteil, die Tür zu diesem Stande steht bei uns schon lange offen, -jetzt aber dürfte es an der Zeit sein, sie endgültig und vollends -aufzumachen. Möge jede große Tat der Ehre, der Wissenschaft, des Mutes -bei uns einem jeden das Recht geben, sich den Menschen des höheren -Standes anzuschließen. Auf diese Weise würde sich der höhere Stand ganz -von selbst in eine Versammlung der Besten verwandeln, und zwar im -buchstäblichen und wahren Sinne, und nicht im früheren Sinne einer -privilegierten Kaste. In dieser neuen, oder sagen wir richtiger -erneuerten Gestalt könnte sich der Stand erhalten.« - -Der Fürst verzog den Mund zu einem halb höhnischen Lächeln, das seine -Zähne sehen ließ. - -»Was wird denn das noch für ein Adel sein? Sie projektieren ja da -irgendeine Freimaurerloge, nicht aber einen Adel.« - -Ich erwähne nochmals: der Fürst war furchtbar ungebildet. Ich nahm vor -Ärger über ihn auf meinem Diwan eine andere Stellung ein, obschon ich -Werssiloff nicht ganz beistimmte. Werssiloff begriff nur zu gut, daß der -Fürst sich getroffen fühlte und -- ihm die Zähne zeigte. - -»Ich weiß nicht, in welchem Sinne Sie das von der Freimaurerei gesagt -haben,« erwiderte er; »doch übrigens, wenn selbst ein russischer Fürst -sich von einer solchen Idee lossagt, so ist selbstredend ihre Zeit noch -nicht gekommen. Die Idee der Ehre und der Aufklärung als Bekenntnis -eines jeden, der in diesen Stand eintreten will, der niemals -abgeschlossen und beständig erneuert wird -- ist natürlich eine Utopie, -aber weshalb denn eine Unmöglichkeit? Wenn dieser Gedanke auch nur in -wenigen Köpfen lebt, so ist er doch noch nicht ausgelöscht, so brennt -und leuchtet er noch, und sei es auch nur wie ein feuriger Punkt in der -Finsternis.« - -»Sie gebrauchen immer Worte wie: >der große Gedanke<, >die -zusammenhaltende Idee<, und ähnliche. Ich würde gern wissen, was Sie -darunter verstehen, zum Beispiel unter dem >großen Gedanken<?« - -»Ich weiß wirklich nicht, was ich Ihnen darauf antworten soll, mein -lieber Fürst,« erwiderte Werssiloff mit feinem Lächeln. »Das beste ist -wohl, ich gestehe Ihnen, daß ich selbst nichts darauf zu antworten weiß. -Der große Gedanke -- das ist meistens ein Gefühl, das manchmal gar zu -lange unausgesprochen bleibt und noch immer nicht seinen Ausdruck -findet. Ich weiß nur, daß es immer dasjenige gewesen ist, woraus das -lebendige Leben zu strömen pflegt, ich meine nicht das intellektuelle -und nicht das erdichtete, sondern im Gegenteil, das wirkliche, niemals -langweilige und heitere Leben; so ist denn die höhere Idee, der es -entströmt, entschieden unentbehrlich, -- zum allgemeinen Ärger, versteht -sich.« - -»Warum zum Ärger?« - -»Weil mit Ideen zu leben, langweilig ist, ohne Ideen dagegen immer -heiter.« - -Der Fürst schluckte die Pille. - -»Und was ist denn dieses lebendige Leben Ihrer Meinung nach?« (Er -ärgerte sich sichtlich.) - -»Auch das weiß ich nicht, Fürst; ich weiß nur, daß es etwas unglaublich -Einfaches sein muß, das Alltäglichste und Unverborgenste, etwas -Tagtägliches und Allstündliches, etwas dermaßen Gewöhnliches, daß wir -einfach nicht glauben können, dieses Einfache könnte es sein, und -deshalb gehen wir schon so viele Jahrtausende an ihm vorüber, ohne es zu -bemerken und zu erkennen.« - -»Ich wollte nur sagen, daß Ihre Idee vom Adel gleichzeitig eine -Verneinung des Adels ist,« sagte der Fürst. - -»Nun, wenn Sie es denn durchaus wollen, so -- hat es einen Adel bei uns -vielleicht niemals gegeben.« - -»Was Sie da sagen ist alles sehr dunkel und unklar. Ich denke, wenn man -schon spricht, muß man seinen Gedanken auch erklären ...« - -Der Fürst runzelte die Stirn und blickte flüchtig nach der Kaminuhr. -Werssiloff erhob sich und nahm seinen Hut. - -»Erklären!« sagte er, »nein, lieber nicht; und überdies ist es meine -Leidenschaft -- zu sprechen, ohne zu erklären. In der Tat, so ist es. -Und dann noch eine Eigenheit: Geschieht es einmal, daß ich einen -Gedanken, an den ich selbst glaube, zu erklären anfange, so ist es -bisher immer geschehen, daß ich zum Schluß der Erklärung an das Erklärte -selbst zu glauben aufhöre; dem fürchte ich mich auch heute auszusetzen. -Auf Wiedersehen, teurer Fürst; bei Ihnen rede ich immer unverzeihlich -viel.« - -Er ging hinaus; der Fürst gab ihm höflich das Geleit, ich aber fühlte -mich gekränkt. - -»Warum schauen Sie denn so finster drein?« fuhr er mich plötzlich -geradezu an und ging, ohne mich anzusehen, zu seinem Schreibtisch. - -»Wenn ich finster dreinschaue,« begann ich mit einem Zittern in der -Stimme, »so tue ich es deshalb, weil ich finde, daß Ihr Ton mir und -sogar Werssiloff gegenüber sich so sonderbar verändert hat, weshalb ich -... Allerdings, Werssiloff begann vielleicht etwas zu reaktionär, aber -dann hat er das doch wieder gutgemacht und ... in seinen Worten lag ein -tiefer Sinn, aber Sie haben das vielleicht gar nicht verstanden und ...« - -»Ich will einfach nicht, daß man sich unterfängt, mich zu belehren, und -mich für einen Schuljungen hält!« schnitt er mir fast wütend das Wort -ab. - -»Fürst, solche Ausdrücke ...« - -»Keine Theaterposen -- wenn ich bitten darf. Ich weiß, daß das, was ich -tue, eine Gemeinheit ist, daß ich ein Verschwender bin, ein Spieler, -vielleicht ein Dieb ... ja, ein Dieb; denn ich verspiele das Geld meiner -Familie, aber ich wünsche nicht, daß andere sich als meine Richter vor -mich hinsetzen. Das will ich nicht, und das lasse ich nicht zu. Ich bin -mein eigener Richter. Und wozu diese Zweideutigkeiten? Wenn er mir etwas -sagen wollte, so hätte er es einfach und geradezu aussprechen sollen, -nicht aber so einen nebligen Unsinn prophezeien. Aber, um mir das zu -sagen, muß man das Recht dazu haben, muß man selbst anständig sein ...« - -»Erstens habe ich den Anfang Ihrer Unterhaltung nicht gehört und weiß -daher nicht, wovon Sie gesprochen haben; zweitens aber, inwiefern ist -denn Werssiloff nicht anständig? -- Gestatten Sie, daß ich Sie das -frage.« - -»Genug davon, ich bitte Sie, genug davon. Sie baten mich gestern um -dreihundert Rubel, -- hier sind sie ...« Er legte das Geld vor mir auf -den Tisch, setzte sich selbst in seinen Lehnstuhl, lehnte sich nervös -zurück und schlug ein Bein über das andere. Ich blieb verwirrt stehen. - -»Ich weiß nicht ...« murmelte ich, »ich habe Sie wohl gebeten ... und -ich habe das Geld augenblicklich zwar sehr nötig, aber im Hinblick auf -diesen Ton ...« - -»Lassen Sie den Ton. Wenn ich mich etwa scharf ausgedrückt habe, so -entschuldigen Sie mich. Ich versichere Ihnen, ich habe an anderes zu -denken. Hören Sie mich an: Ich habe einen Brief aus Moskau erhalten; -mein Bruder Ssascha, der kleine Junge, Sie wissen, ist vor vier Tagen -gestorben. Mein Vater ist, wie Sie gleichfalls wissen, nun schon seit -zwei Jahren gelähmt, und jetzt geht es ihm, wie man mir schreibt, viel -schlechter, er kann überhaupt nicht mehr sprechen und erkennt keinen -mehr. Sie haben sich dort alle so über die Erbschaft gefreut und wollen -ihn nun gern ins Ausland bringen; der Arzt aber schreibt mir, daß er -kaum noch zwei Wochen leben könne. So bleiben von uns nur noch meine -Mutter, meine Schwester und ich, also eigentlich so gut wie nur ich ... -Nun, sagen wir, ich, ich allein ... Diese Erbschaft ... diese Erbschaft --- oh, vielleicht wäre es besser gewesen, ich hätte nichts bekommen! -Aber was ich Ihnen eigentlich sagen wollte: ich habe von dieser -Erbschaft mindestens zwanzigtausend Rubel Andrei Petrowitsch versprochen -... Und dabei ... können Sie sich denken, diese Formalitäten halten alle -so auf, ich habe da noch nichts machen können. Ich bin sogar ... das -heißt, wir ... das heißt, mein Vater ist sogar noch nicht einmal -offiziell bestätigt, er hat den Besitz noch nicht angetreten. Und dabei -habe ich in diesen letzten drei Wochen soviel Geld verloren, und dieser -Schuft Stebelkoff nimmt solche Prozente ... Ich habe Ihnen jetzt fast -mein letztes Geld gegeben ...« - -»Oh, Fürst, wenn es so ist ...« - -»Ich sage es nicht deshalb, nicht deshalb. Stebelkoff wird mir heute -sicher welches bringen, und das wird für den Augenblick reichen, aber -der Teufel werde aus ihm klug, aus diesem Stebelkoff! Ich habe ihn -beschworen, mir zehntausend zu verschaffen, damit ich wenigstens -Werssiloff zehntausend abgeben kann. Mein Versprechen, ihm ein Drittel -abzutreten, quält mich, foltert mich! Ich habe mein Wort gegeben und muß -es halten. Und ich schwöre Ihnen, ich brenne darauf, mich wenigstens -nach dieser Seite hin von meinen Verpflichtungen befreien zu können. Sie -sind schwer, niederdrückend, unerträglich! Diese mich bedrückende -Verbindung ... Ich kann Andrei Petrowitsch nicht ansehen, weil ich ihm -nicht offen in die Augen sehen kann ... weshalb mißbraucht er das?« - -»Was mißbraucht er, Fürst?« Ich blieb erstaunt vor ihm stehen. »Hat er -denn jemals Ihnen gegenüber auch nur eine Andeutung gemacht?« - -»O nein, und ich weiß das zu würdigen, aber ich selbst mache mir -Andeutungen. Und schließlich, ich werde immer tiefer und tiefer -hineingezogen ... Dieser Stebelkoff ...« - -»Hören Sie, Fürst, beruhigen Sie sich doch, ich bitte Sie; ich sehe -schon, je mehr Sie reden, um so mehr regen Sie sich auf, und dabei ist -vielleicht das alles doch nur Einbildung. Ich habe mich ja auch -hineinziehen lassen und unverzeihlich, niederträchtig! -- aber ich weiß -doch, daß es nur vorübergehendes Unglück ist ... und wenn ich nur eine -gewisse Summe zurückgewinne, dann ... Sagen Sie, mit diesen dreihundert -schulde ich Ihnen jetzt zweitausendfünfhundert Rubel, nicht wahr?« - -»Ich habe sie von Ihnen, denke ich, noch nie zurückverlangt,« sagte der -Fürst plötzlich mit einem höhnischen Lächeln, das wieder seine Zähne -sehen ließ. - -»Sie sagen, zehntausend brauchten Sie für Werssiloff. Wenn ich von Ihnen -jetzt borge, so tue ich das selbstverständlich auf Rechnung der -Werssiloffschen Zwanzigtausend; anders lasse ich es nicht zu. Aber ... -aber ich werde es Ihnen ja bestimmt schon vorher selbst wiedergeben ... -Oder denken Sie womöglich, Werssiloff käme zu Ihnen des Geldes wegen?« - -»Mir wäre es leichter, wenn er des Geldes wegen käme,« sagte der Fürst -rätselhaft. - -»Sie sprachen von einer Sie >bedrückenden Verbindung< ... Wenn Sie damit -Ihren Verkehr mit Werssiloff und mir meinten, so ist das, bei Gott, eine -Beleidigung. Und dann, Sie sagen: Warum ist er nicht selbst so, wie er -andere zu sein lehrt -- das ist doch Ihre Logik! Aber erstens ist das -nicht Logik, erlauben Sie schon, daß ich Ihnen das sage; denn selbst -wenn er auch nicht so wäre, könnte er doch nicht anders, als die -Wahrheit verkünden ... Und schließlich, was ist das für ein Wort, ->verkünden<? Sie sagen, er sei ein >Prophet<. Sagen Sie, haben Sie ihn -in Deutschland einen >Weiberprophet< genannt?« - -»Nein, nicht ich.« - -»Stebelkoff sagte mir, Sie hätten es getan.« - -»Dann hat er gelogen. Ich bin kein Meister im Erfinden von Spitznamen. -Aber wenn jemand Ehre predigt, so muß er selbst ehrenhaft sein -- das -ist meine Logik, und wenn sie falsch ist, so ist mir das gleichgültig. -Ich will, daß es so sei, und es muß so sein. Und keiner, keiner darf es -wagen, in mein Haus zu kommen, um mich zu verurteilen und mich für einen -dummen Jungen zu halten! Genug, hören Sie auf!« rief er heftig und -winkte mir ungeduldig mit der Hand ab, damit ich nicht mehr spräche ... - -»Ah, endlich!« - -Die Tür hatte sich geöffnet und Stebelkoff erschien. - - - III. - -Der war nun unverändert der alte: ebenso stutzerhaft gekleidet, ebenso -selbstzufrieden, sah einem ebenso albern in die Augen, bildete sich -ebenso ein, daß er jeden überliste, und war überhaupt sehr eingenommen -von sich. Nur sein Blick war diesmal beim Eintreten etwas anders: es lag -in ihm gleichsam eine Vorsicht und ein eigentümliches Spähen, als hätte -er aus unseren Gesichtern etwas erraten wollen. Aber er beruhigte sich -sofort, und das selbstbewußte Lächeln erschien wieder auf seinen Lippen, -jenes unverschämt nachsichtige Lächeln, das mir so unsäglich widerlich -war. - -Ich wußte schon längst, daß er den Fürsten furchtbar quälte. Er war -schon ein- oder zweimal während meiner Anwesenheit zum Fürsten gekommen. -Ich ... ich hatte in diesem letzten Monat auch schon einmal mit ihm zu -tun gehabt, aber diesmal wunderte ich mich ein wenig -- aus einem -besonderen Grunde -- über sein Erscheinen beim Fürsten. - -»Warten Sie!« sagte der Fürst zu ihm und begann, ohne ihn überhaupt zu -begrüßen, und indem er uns den Rücken zuwandte, aus seinem Schreibtisch -Papiere und Rechnungen herauszunehmen. Was mich betrifft, so fühlte ich -mich durch die letzten Worte des Fürsten entschieden beleidigt; seine -Anspielung auf Werssiloffs Unehrenhaftigkeit war so deutlich gewesen -(und so unbegreiflich), daß ich die Sache nicht ohne radikale Erklärung -auf sich beruhen lassen konnte. Aber in Stebelkoffs Gegenwart war ein -Zur-Rede-Stellen nicht möglich. Ich warf mich wieder in meine Diwanecke -und schlug ein Buch auf, das auf dem Tisch lag. - -»Was! Bjelinski, zweiter Teil! Das ist doch! -- Sie wollen sich wohl -bilden?« rief ich dem Fürsten zu, aber es klang, glaube ich, recht -gezwungen. - -Er war sehr beschäftigt und beeilte sich sichtlich, aber auf meine Worte -hin drehte er sich plötzlich nach mir um: - -»Ich bitte Sie, lassen Sie das Buch liegen,« sagte er scharf. - -Das ging nun doch schon über die Grenze! -- und das noch dazu in -Stebelkoffs Gegenwart! Und Stebelkoff mußte natürlich gleich schlau und -boshaft schmunzeln, und dazu deutete er mir heimlich mit dem Kopf und -einem zwinkernden Auge auf den Fürsten. Ich kehrte diesem Dummkopf den -Rücken. - -»Ärgern Sie sich nicht, Fürst; ich trete Sie der Hauptperson ab und -ziehe mich vorläufig zurück ...« - -Ich hatte beschlossen, mich harmlos ungezwungen zu geben. - -»Wie, was? -- ich soll die Hauptperson sein?« griff Stebelkoff sofort -lebhaft auf und wies vergnügt mit dem Finger auf sich selbst. - -»Ja, gerade Sie; Sie allein sind die Hauptperson, wie überhaupt der -erste Mann in allem, und das wissen Sie ja selbst ganz genau!« - -»Tja, nein, erlauben Sie mal! In der Welt gibt es immer noch einen -zweiten Mann. Und dieser zweite Mann -- der bin ich! Also der zweite. Es -gibt einen ersten Mann, und es gibt einen zweiten Mann. Der erste Mann -tut, und der zweite Mann nimmt. Folglich ist der zweite Mann der erste -Mann, und der erste Mann ist der zweite Mann. Ist es so oder nicht?« - -»Möglich, daß es so ist, nur verstehe ich Sie wie gewöhnlich nicht -ganz.« - -»Erlauben Sie! In Frankreich war die Revolution, und alle wurden -geköpft. Da kam Napoleon und steckte alles ein. Die Revolution, das war -sozusagen der erste Mann, und Napoleon war der zweite Mann. Tja, aber -zum Schluß, da war die Sache umgekehrt, wie es sich erwies: da war -Napoleon der erste Mann und die Revolution der zweite Mann. Ist es so -oder nicht?« - -Nebenbei bemerkt: daß er mir gerade mit der Französischen Revolution als -Beispiel kam, darin erblickte ich wieder eine von seinen kleinen -schlauen Anspielungen, die mich diesmal sehr amüsierte. Da er nun einmal -irgendwie erfahren hatte, daß ich bei Dergatschoff gewesen war, so nahm -er ohne weiteres an, ich sei Revolutionär, und verblieb in diesem -Glauben, und jedesmal, wenn er mit mir zusammentraf, hielt er es für -notwendig, von etwas Derartigem zu sprechen. - -»Kommen Sie,« sagte der Fürst. - -Sie gingen zusammen ins Nebenzimmer. Ich blieb allein zurück und -beschloß nun endgültig, die dreihundert Rubel dem Fürsten zurückzugeben, -sobald Stebelkoff ihn verlassen hätte. Ich hatte dieses Geld furchtbar -nötig, aber ich war trotzdem entschlossen, es nicht anzunehmen. - -Im Nebenzimmer war es etwa zehn Minuten lang ganz still, auf einmal aber -fingen sie laut zu sprechen an. Sie sprachen erregt und beide zugleich, -und plötzlich schrie der Fürst Stebelkoff an, wie in maßloser -Gereiztheit oder womöglich in wahrer Wut. Er konnte manchmal sehr heftig -sein, und sogar ich hatte ihm schon manches verzeihen müssen. In dem -Augenblick kam der Diener, um einen Besuch anzumelden; ich wies ihn ins -Nebenzimmer, und kaum war er dort eingetreten, da wurde es still. Der -Fürst trat schnell und mit besorgtem Gesichtsausdruck, aber doch -lächelnd, aus dem Zimmer, der Diener verschwand, und nach einer halben -Minute erschien der Besuch. - -Es war das ein sehr wichtiger Gast, ein Herr mit Achselschnüren und -anderen bedeutsamen militärischen Abzeichen, dabei erst etwa dreißig -Jahre alt. Er war von vornehmem und gewissermaßen strengem Äußeren. Ich -muß bemerken, daß Fürst Sserjosha, d. h. Fürst Ssergei Petrowitsch, von -der höchsten Petersburger Gesellschaft doch immer noch nicht ganz -aufgenommen worden war, trotz seines lebhaften Wunsches, von ihr -aufgenommen zu werden (von diesem Wunsch wußte ich), und deshalb mußte -dieser Besuch für ihn von besonderer Wichtigkeit sein. Ich wußte auch, -daß es ihm erst kurz zuvor und nach großen Bemühungen seinerseits -gelungen war, die Bekanntschaft mit diesem Aristokraten anzuknüpfen; er -machte ihm nun seinen Gegenbesuch, doch zum Unglück des Fürsten kam er -zu einer sehr ungelegenen Zeit. Ich sah, mit was für einer Qual und mit -welch einem gleichsam verlorenen Blick der Fürst sich einen Moment nach -Stebelkoff umsah; aber Stebelkoff hielt den Blick aus, als wäre er der -anständigste Mensch, und er dachte nicht daran, sich unbemerkt -zurückzuziehen, sondern setzte sich frech und wohlgemut auf den Diwan -und begann mit der Hand seine Haare aufzuwühlen, wahrscheinlich zum -Zeichen seiner Unabhängigkeit. Ja, er setzte sogar eine gewisse wichtige -Miene auf, -- mit einem Wort, er war entschieden unmöglich. Was mich -betrifft, so verstand ich natürlich auch damals schon, mich zu benehmen, -und hätte selbstverständlich keinen durch die Bekanntschaft mit mir -kompromittiert; aber wie groß war meine Verwunderung, als ich denselben -verlorenen, hilflosen und bösen Blick des Fürsten auch mich streifen -sah: er schämte sich also nicht nur Stebelkoffs, sondern auch meiner, -und stellte mich somit auf ein und dieselbe Stufe mit Stebelkoff. Dieser -Gedanke empörte mich; ich setzte mich deshalb noch ungenierter auf -meinen Diwan und blätterte in meinem Buch mit einer Miene, als gingen -sie mich überhaupt nichts an. Stebelkoff dagegen machte große Augen, -beugte sich vor und hörte ihrem Gespräch aufmerksam zu, wahrscheinlich -im Glauben, das wäre höflich und liebenswürdig zugleich. Der Besuch warf -ab und zu einen Blick auf Stebelkoff; und auf mich übrigens auch. - -Sie sprachen von Familienneuigkeiten; dieser Herr hatte einmal die -Mutter des Fürsten gekannt, die aus einer alten vornehmen Familie -stammte. Soviel ich beurteilen konnte, war dieser Herr, trotz der -Freundlichkeit und scheinbaren Offenherzigkeit seines Tones, sehr -pedantisch und von sich in solchem Maße eingenommen, daß er mit seiner -Visite wohl jedem Sterblichen eine große Ehre zu erweisen wähnte. Wäre -der Fürst allein gewesen, das heißt, ohne uns, so hätte er sich, davon -bin ich überzeugt, viel sicherer und gewandter gezeigt; so aber sprach -eine gewisse Unsicherheit und Nervosität aus seinem Lächeln, das -vielleicht etwas zu liebenswürdig war, und außerdem war er von einer -sonderbaren Zerstreutheit. - -Sie saßen noch keine fünf Minuten, als der Diener wieder einen Besuch -meldete, und wie zum Verhängnis war es wieder ein kompromittierender -Bekannter des Fürsten. Diesen kannte ich gut, d. h. ich hatte schon viel -von ihm gehört, ich selbst aber war ihm völlig unbekannt. Es war das ein -noch sehr junger Mann, übrigens doch schon dreiundzwanzigjährig, -vorzüglich angezogen, aus guter Familie und ein sehr hübscher Junge, -aber leider -- gehörte er zur schlechten Gesellschaft. Vor einem Jahr -war er noch Offizier in einem der vornehmsten Gardekavallerie-Regimenter -gewesen, hatte aber dann aus zwingenden Gründen seinen Abschied nehmen -müssen, und diese Gründe waren allen bekannt. Seine Verwandten mußten -sogar in den Zeitungen bekanntmachen, daß sie für seine Schulden nicht -hafteten, er aber führte sein Verschwenderleben unbehindert fort, -verschaffte sich Geld zu zehn Prozent monatlich, spielte fürchterlich, -wo er nur spielen konnte, und ruinierte sich für eine bekannte kleine -Französin. - -Vor einer Woche hatte er wieder Glück gehabt und an einem einzigen Abend -an die zwölftausend Rubel gewonnen, so war er jetzt wieder obenauf. Mit -dem Fürsten stand er auf freundschaftlichem Fuß: sie spielten oft -gemeinschaftlich; aber der Fürst zuckte zusammen, als er ihn erblickte, -ich sah das von meinem Platze aus. Dieser junge Mann benahm sich überall -so, als wäre er bei sich zu Hause, sprach laut und lustig, sprach alles -aus, was ihm in den Kopf kam, genierte sich nie und wäre natürlich auch -im Traum nicht darauf verfallen, daß unser Fürst sich vor dem hohen Gast -seiner übrigen Bekannten schämte. - -Er trat ein, unterbrach ihre Unterhaltung und begann sogleich, noch -bevor er sich gesetzt hatte, von dem gestrigen Spielabend zu erzählen. - -»Sie waren, glaub ich, gleichfalls da,« wandte er sich schon nach dem -dritten Satz an den würdevollen Besuch, den er augenscheinlich für einen -Herrn aus ihrem Spielerkreise hielt, aber er bemerkte sofort seinen -Irrtum und rief: »Ach, entschuldigen Sie, ich hielt Sie im Augenblick -für einen der Herren von gestern!« - -»Alexei Wladimirowitsch Darsan, -- Ippolit Alexandrowitsch -Naschtschokin,« beeilte sich der Fürst vorzustellen. Diesen jungen Mann -konnte man immerhin vorstellen: er entstammte einer bekannten, vornehmen -Familie; uns aber hatte er nicht vorgestellt, und wir saßen immer noch -auf unseren Plätzen und rührten uns nicht. Ich wollte nicht einmal den -Kopf zu ihnen wenden; Stebelkoff aber hatte seit dem Erscheinen des -jungen Mannes fröhlich zu lächeln und zu schmunzeln angefangen und sah -ganz danach aus, als wollte er sich nun gleichfalls am Gespräch -beteiligen. Mich begann das alles schließlich zu amüsieren. - -»Ich habe Sie im vorigen Jahr oft bei der Gräfin Werigin gesehen,« sagte -Darsan. - -»Ja, ich entsinne mich Ihrer, aber Sie waren damals, wenn ich mich nicht -sehr irre, Offizier,« erwiderte Naschtschokin freundlich. - -»Ja, ich war Offizier, aber dank ... Ah, da ist ja Stebelkoff? Wie kommt -denn der hierher? Ja, schauen Sie mal, eben dank diesen gerissenen -Leutchen bin ich nicht mehr Offizier,« -- und er wies ungeniert und -lachend auf Stebelkoff. - -Stebelkoff lachte sogleich mit und sogar sehr vergnügt -- er schien den -Hinweis auf sich für eine Liebenswürdigkeit zu halten. Der Fürst wurde -rot und wandte sich schnell mit irgendeiner Frage an Naschtschokin; -Darsan trat zu Stebelkoff und begann mit ihm sehr lebhaft, aber doch -flüsternd zu sprechen. - -»Wenn ich mich nicht irre, sind Sie im Auslande mit Katerina Nikolajewna -Achmakoff sehr gut bekannt gewesen?« fragte Naschtschokin den Fürsten. - -»Oh, ja, ich habe sie gekannt ...« - -»Es scheint, daß es bald eine Neuigkeit geben wird. Man spricht davon, -daß sie den Baron Bjoring heiraten werde.« - -»Ja, das ist wahr!« rief Darsan herüber. - -»Sie ... wissen das genau?« fragte der Fürst Naschtschokin mit -sichtlicher Erregung, und in seiner Frage lag gespannte Erwartung. - -»Ich habe so gehört; aber ich glaube, es wird schon allgemein davon -gesprochen; genau weiß ich es allerdings nicht.« - -»Oh, doch, das steht fest!« sagte Darsan und trat wieder zu ihnen. -»Dubassoff sagte es mir gestern; er ist immer der erste, der solche -Neuigkeiten weiß. Aber auch Sie, Fürst, müßten das eigentlich schon -wissen.« - -Naschtschokin ließ Darsan zu Ende sprechen und wandte sich dann wieder -an den Fürsten: - -»Sie hat sich in der letzten Zeit selten in der Gesellschaft sehen -lassen.« - -»Im letzten Monat war ihr Vater krank,« bemerkte der Fürst eigentümlich -trocken. - -»Aber sie ist doch, glaub ich, eine Dame mit Erlebnissen?« platzte -Darsan unbedacht heraus. - -Ich hob den Kopf und richtete mich auf. - -»Ich habe die Ehre, Katerina Nikolajewna persönlich zu kennen und halte -es für meine Pflicht, zu versichern, daß alle skandalösen Gerüchte -nichts als Lüge und schändlicher Klatsch sind ... und von denen -erfunden, die ... ihr den Hof gemacht, jedoch nichts erreicht haben.« - -Nachdem ich so dumm abgebrochen hatte, sah ich sie alle mit glühendem -Gesicht und gerade aufgerichtet immer noch an. Alle hatten sich nach mir -umgewandt -- da begann Stebelkoff zu kichern, und auch der anfangs -verdutzte Darsan lächelte auf einmal. - -»Arkadi Makarowitsch Dolgoruki,« stellte der Fürst mich vor. - -»Ach, glauben Sie mir, _Fürst_,« wandte sich Darsan unbefangen und -gutmütig an mich, »das war ja gar nicht meine Meinung; wenn es solche -Gerüchte gibt, so habe nicht ich sie verbreitet.« - -»Oh, ich sagte es ja auch gar nicht zu Ihnen!« versetzte ich schnell, -aber schon lachte Stebelkoff unverzeihlich, und zwar, wie sich später -herausstellte, nur darüber, daß Darsan mich für einen _Fürsten_ -Dolgoruki gehalten hatte. Mein verwünschter Name mußte mir auch hier -wieder alles verpfuschen! Selbst jetzt erröte ich noch bei dem Gedanken, -daß ich damals, natürlich aus Schamgefühl, den dummen Irrtum nicht -aufzuklären wagte und ihm nicht sagte, daß ich _einfach_ Dolgoruki -hieße. Ich habe das damals zum erstenmal in meinem Leben unterlassen. -Darsan sah verwundert bald mich, bald den lachenden Stebelkoff an. - -»Ach, richtig! Wer war denn dieses hübsche Mädel, dem ich vorhin auf -Ihrer Treppe begegnet bin, schlank, blond?« fragte er auf einmal den -Fürsten. - -»Wirklich, ich weiß nicht ... wie soll ich es wissen ...« Der Fürst war -plötzlich rot geworden. - -»Wer denn sonst?« lachte Darsan. - -»Übrigens, das ... das könnte ...« begann der Fürst eigentümlich -unsicher und stockend. - -»Das ... Tja, das war doch sein Schwesterchen, eben Lisaweta Makarowna!« -sagte plötzlich Stebelkoff, mit dem Finger auf mich weisend. »Ich bin -ihr ja vorhin auch begegnet ...« - -»Ach, ja, in der Tat!« fiel ihm der Fürst ins Wort, und sein Gesicht sah -plötzlich ernst und streng aus. »Das wird allerdings Lisaweta Makarowna -gewesen sein. Sie ist sehr befreundet mit Anna Fjodorowna Stolbejeff, -bei der ich hier wohne. Wahrscheinlich hat sie heute Darja Onissimowna -besucht, der Anna Fjodorowna für die Zeit ihrer Abwesenheit die ganze -Führung des Haushalts anvertraut hat ...« - -Und so war es auch. Diese Darja Onissimowna war die Mutter der armen Olä -und war von Tatjana Pawlowna schließlich bei der Stolbejeff -untergebracht worden. Ich wußte, daß Lisa die Stolbejeff früher besucht -hatte und nun auch manchmal bei der armen Darja Onissimowna gewesen war, -die wir alle sehr liebgewonnen hatten; aber in diesem unseligen -Augenblick, nach dieser übrigens sehr sachlichen Erklärung des Fürsten -und diesem dummen Ausfall Stebelkoffs, oder vielleicht auch nur deshalb, -weil man mich mit dem Titel »Fürst« angeredet hatte -- oder war es -vielleicht alles zusammen --, kurz, ich wurde auf einmal feuerrot. Zum -Glück erhob sich gerade Naschtschokin, um aufzubrechen; er reichte auch -Darsan die Hand. In dem Augenblick, wo Stebelkoff und ich allein blieben --- Darsan stand mit dem Rücken zu uns in der Tür -- begann Stebelkoff -mir sofort lebhaft zuzuzwinkern und mit dem Kopf auf Darsan zu weisen; -ich zeigte Stebelkoff die Faust. - -Eine Minute später brach auch Darsan auf, nachdem er mit dem Fürsten -noch die Verabredung getroffen hatte, am nächsten Tage an einem -bestimmten Ort zusammenzutreffen -- natürlich in einem Lokal, wo -gespielt wurde. Beim Hinausgehen rief er noch Stebelkoff irgend etwas zu -und machte vor mir eine leichte Verbeugung. Kaum war er hinausgegangen, -da sprang Stebelkoff auf, blieb mitten im Zimmer stehen und hob den -Finger vor sich in die Höhe: - -»Dieses Knäblein hat in der vorigen Woche folgenden Streich gespielt: -hat einen Wechsel gegeben, einen Wechsel mit gefälschter Unterschrift, -hat den Namen Awerianoff selbst geschrieben! Und der Wechsel existiert -nun noch in dieser Form und ist noch nicht eingelöst! Kriminalsache! -Achttausend Rubel!« - -»Und dieser Wechsel ist bestimmt in Ihren Händen!« Ich sah ihn mit -wilder Wut an. - -»Ich habe eine Bank, ich habe einen _Mont de piété_,{[40]} keinen -Wechsel. Haben Sie schon gehört, was das ist, der _Mont de piété_ in -Paris? Das Brot und die Vorsehung der Armen! Tja! Wie gesagt, einen -_Mont de piété_ ...« - -Der Fürst unterbrach ihn grob und zornig: - -»Was wollen Sie hier noch? Was hatten Sie hier zu sitzen?« - -»Tja ...« Stebelkoffs Augen blinzelten, »aber das? Geht das denn nicht?« - -»Nein, nein, nein!« schrie ihn der Fürst an und stampfte mit dem Fuß. -»Ich habe Ihnen doch gesagt ...!« - -»Tja, nun, wenn es so ist ... dann ist es so. Dann ist es eben anders -...« - -Er drehte sich hastig um und ging mit plötzlich gesenktem Kopf und -krummem Rücken schnell hinaus. Als er schon in der Tür war, rief ihm der -Fürst noch zornig nach: - -»Und damit Sie es wissen, mein Herr, ich habe nicht die geringste Furcht -vor Ihnen!« - -Er war sehr gereizt, wollte sich setzen, warf aber einen Blick auf mich -und setzte sich nicht. Sein Blick hatte gleichsam auch mir gesagt: »Und -auch du, was hast du hier noch zu suchen?« - -»Ich, Fürst ...« wollte ich anfangen, aber er fiel mir ins Wort: - -»Ich habe wirklich keine Zeit, Arkadi Makarowitsch, ich muß sogleich -ausfahren.« - -»Nur einen Augenblick, Fürst, es ist etwas für mich sehr Wichtiges; und -vor allem, bitte, nehmen Sie Ihre dreihundert Rubel zurück.« - -»Was soll das nun wieder bedeuten?« - -Er war auf und ab gegangen, jetzt blieb er stehen. - -»Das soll bedeuten, daß ich nach allem, was vorgefallen ist ... und was -Sie von Werssiloff gesagt haben -- daß er unehrenhaft wäre --, und -schließlich Ihr Ton die ganze Zeit heute ... Mit einem Wort, ich kann es -wirklich nicht annehmen.« - -»Sie haben es aber doch schon einen ganzen Monat _annehmen können_.« - -Er setzte sich plötzlich hin. Ich stand am Tisch und blätterte mit der -einen Hand in dem Buch von Bjelinski, in der anderen hielt ich meinen -Hut. - -»Es waren andere Gefühle, Fürst ... Und schließlich, ich hätte es nie -bis zu dieser Summe kommen lassen ... Aber dieses Spiel ... Mit einem -Wort, ich kann nicht!« - -»Sie haben sich heute einfach durch nichts Besonderes ausgezeichnet, und -deshalb sind Sie wütend; ich möchte Sie bitten, das Buch liegen zu -lassen.« - -»Was heißt das: >sich durch nichts Großartiges ausgezeichnet<? Und dann, -Sie haben mich vor Ihren Gästen fast auf eine Stufe mit Stebelkoff -gestellt.« - -»Ah, das ist also des Rätsels Lösung!« lächelte er gehässig. »Und -außerdem wurden Sie verlegen, weil Darsan Sie für einen Fürsten hielt.« - -Er lachte böse. Ich fuhr auf. - -»Ich verstehe Sie nicht ... Ihren Fürstentitel würde ich auch umsonst -nicht annehmen!« - -»Ich kenne Ihren Charakter. Wie lächerlich Sie sich als Verteidiger der -Achmakoff aufspielten ... Lassen Sie das Buch liegen!« - -»Was soll denn das heißen?« Auch ich wurde wütend. - -»Lassen Sie das Buch liegen!« brüllte er mich auf einmal an und richtete -sich wild in seinem Sessel auf, fast wie im Begriff, sich auf mich zu -stürzen. - -»Das geht denn doch über alle Grenzen,« sagte ich und ging schnell aus -dem Zimmer. Aber noch hatte ich den Saal nicht ganz durchschritten, als -er mich schon von der Tür seines Kabinetts zurückrief: - -»Arkadi Makarowitsch, kommen Sie zurück! Kommen Sie zurück! Zu--rück, -sage ich! Zum ...!« - -Ich achtete nicht darauf und ging weiter. Da holte er mich mit schnellen -Schritten ein, ergriff mich am Arm und zog mich zurück ins Kabinett. Ich -widersetzte mich nicht. - -»Nehmen Sie!« sagte er, bleich vor Erregung, und hielt mir die -dreihundert Rubel hin, die ich auf den Tisch gelegt hatte. »Sie müssen -sie nehmen, unbedingt ... sonst sind wir ... Sie müssen! Unbedingt!« - -»Fürst, wie kann ich denn?« - -»Nun, ich werde Sie um Verzeihung bitten, wollen Sie? Also, verzeihen -Sie mir ...!« - -»Fürst, ich habe Sie immer geliebt, und wenn Sie mich auch ...« - -»Ja, ich auch: nehmen Sie ...« - -Ich nahm das Geld. Seine Lippen bebten. - -»Ich verstehe ja, Fürst, daß dieser Schuft Sie in Wut versetzt hat ... -aber ich nehme es nur dann, Fürst, wenn wir uns küssen, wie nach unseren -früheren kleinen Zerwürfnissen ...« - -Ich zitterte, als ich das sagte. - -»Was für Zärtlichkeiten!« murmelte der Fürst mit einem verwirrten -Lächeln, beugte sich aber herab und küßte mich. - -Ich fuhr zusammen: in seinem Gesicht sah ich, während er mich küßte, -entschieden einen Ausdruck des Ekels. - -»Hat er Ihnen wenigstens Geld gebracht?« fragte ich. - -»Ach, das ist egal.« - -»Ich frage nur Ihretwegen, ich ...« - -»Ja, ja, er hat mir welches gebracht ...« - -»Fürst, wir waren Freunde ... und schließlich, Werssiloff ...« - -»Ja, ja, schon gut!« - -»Nein, hören Sie, ich weiß wirklich nicht, diese dreihundert ...« - -Ich hielt sie in der Hand. - -»Nehmen Sie sie, so nehmen Sie sie doch!« drängte er und lächelte -wieder, aber in seinem Lächeln war etwas Böses. - -Ich nahm sie. - - - Drittes Kapitel. - - - I. - -Ich nahm das Geld, weil ich ihn liebte. Wer mir das nicht glauben will, -dem kann ich sagen, daß ich wenigstens in dem Augenblick, als ich dieses -Geld von ihm nahm, fest überzeugt war, daß ich mir, wenn ich nur wollte, -auch aus einer anderen Quelle und mit Leichtigkeit Geld verschaffen -könnte. Und folglich hatte ich das Geld nicht genommen, weil mich die -Not dazu zwang, sondern um ihn nicht zu kränken. Ja, leider, so dachte -ich damals! Aber ich fühlte mich doch sehr bedrückt, als ich ihn -verließ: die außerordentliche Veränderung in seinem Verhalten zu mir an -diesem Vormittag hatte mich zu sehr überrascht. Einen solchen Ton hatte -er sich mir gegenüber noch nie erlaubt, und sein Verhalten zu Werssiloff -war ja schon eine richtige Auflehnung gewesen. Stebelkoff hatte ihn -natürlich mit irgend etwas geärgert, aber das hatte ja schon vor -Stebelkoffs Erscheinen angefangen. Und wie gesagt, eine Veränderung in -seinem Verhalten zu mir war schon die ganzen letzten Tage zu bemerken -gewesen, aber doch nicht so, doch nicht in dem Maße -- und das war das -Auffallende. - -Vielleicht hatte ihn auch die dumme Nachricht von diesem -Flügeladjutanten Baron Bjoring aufgebracht ... Mich hatte sie ja -gleichfalls aufgeregt, aber ... Das war es eben, daß ich damals etwas -ganz anderes im Sinn und strahlend vor Augen hatte, weshalb ich so -vieles leichtsinnig außeracht ließ: ich beeilte mich förmlich, es -außeracht zu lassen, zu übersehen, ich verscheuchte alles Dunkle und -wandte mich immer nur diesem einen vor mir Strahlenden zu ... - -Es war noch nicht ein Uhr. Vom Fürsten fuhr ich mit meinem Schlitten -- -wird man es mir glauben, zu wem? -- geradeswegs zu Stebelkoff! Dieser -Stebelkoff hatte mich vorhin nicht so sehr durch sein Erscheinen beim -Fürsten in Erstaunen versetzt (da der Fürst auf das von ihm versprochene -Geld gewartet hatte), als dadurch, daß er zwar nach seiner dummen -Angewohnheit mir zugeblinzelt, jedoch mit keiner Miene darauf angespielt -hatte, was zwischen uns einzig einer Erklärung bedurfte. Ich hatte -nämlich am Abend vorher durch die Stadtpost einen Brief von ihm -erhalten, der für mich ziemlich rätselhaft war: er bat mich, gerade -heute gegen zwei Uhr bei ihm vorzusprechen, er hätte mir »Dinge -mitzuteilen, die ich wohl nicht erwartete«. Und nun hatte er beim -Fürsten mit keiner Miene angedeutet, daß er von seinem Brief an mich -etwas wußte. Was mochten das für Geheimnisse sein, die es zwischen -Stebelkoff und mir überhaupt geben konnte? Schon dieser Gedanke an sich -war lächerlich; aber nach allem, was sich da zugetragen hatte, war ich -nun auf der Fahrt zu ihm sogar ein wenig aufgeregt. Ich hatte mich -allerdings schon einmal an ihn gewandt, als ich dringend Geld brauchte --- das war vor etwa zwei Wochen gewesen --, und er wollte es mir auch -geben, aber es war doch nicht dazu gekommen, und ich selbst hatte auf -das Geld verzichtet: er hatte gleich wieder etwas Unverständliches zu -schwatzen angefangen, und da war in mir der Verdacht aufgestiegen, daß -er mir etwas vorschlagen, mir besondere Bedingungen stellen wollte; da -ich ihn aber jedesmal, wenn ich mit ihm beim Fürsten zusammengekommen -war, sehr von oben herab behandelt hatte, so hatte ich stolz jeden -Gedanken an besondere Bedingungen zurückgewiesen und war fortgegangen, -obschon er mir noch bis zur Haustür nachgelaufen war. Das Geld hatte ich -mir dann vom Fürsten geborgt. - -Stebelkoffs Wohnung lag ganz abgesondert, er lebte völlig für sich und -wohnte wie ein wohlhabender Mann: es waren vier schöne Zimmer mit guten -Möbeln, dazu hatte er männliche und weibliche Bedienung und noch eine -Wirtschafterin, die übrigens eine ziemlich bejahrte Person war. Zornig -trat ich bei ihm ein. - -»Hören Sie mal, mein Bester,« begann ich schon in der Tür, »was hat, -erstens mal, dieser Brief an mich zu bedeuten? Ich verbitte mir Briefe -von Ihnen an meine Adresse. Und warum haben Sie mir nicht vorhin beim -Fürsten erklärt, was Sie von mir wollen? Sie konnten doch dort mit mir -sprechen!« - -»Aber warum haben Sie denn dort gleichfalls geschwiegen und nicht selbst -gefragt?« Ein höchst selbstzufriedenes Lächeln zog seinen Mund in die -Breite. - -»Weil nicht ich Sie brauche, sondern Sie mich!« rief ich und war auf -einmal wütend. - -»Aber warum sind Sie dann zu mir gekommen, wenn es so ist?« Er hopste -fast auf seinem Stuhl vor lauter Vergnügen. Ich drehte mich sofort um -und wollte gehen, aber er hielt mich an der Schulter fest. - -»Nein, nein, ich hab' ja nur gescherzt. Die Sache ist wichtig. Sie -werden sehen!« - -Ich setzte mich. Ich muß gestehen, ich war doch neugierig geworden. Wir -saßen an seinem großen Schreibtisch einander gegenüber. Er lächelte -verschmitzt und wollte schon wieder seinen Finger in die Höhe heben. - -»Bitte, diesmal ohne Ihre Schlauheiten und Fingerturnerei, und vor allen -Dingen lassen Sie Ihre Allegorien beiseite und sprechen Sie sachlich, -sonst gehe ich sofort!« rief ich wieder wütend. - -»Sie ... sind stolz!« sagte er mit einem gewissen dummen Vorwurf, indem -er sich in seinem Lehnstuhl zu mir vorbeugte und alle seine Falten auf -der Stirn in die Höhe zog. - -»Anders geht es mit Ihnen nicht.« - -»Sie ... haben heute vom Fürsten Geld genommen, dreihundert Rubel; ich -habe auch Geld. Mein Geld ist besser.« - -»Woher wissen Sie, daß der Fürst mir Geld geliehen hat?« fragte ich -maßlos verwundert, »sollte er es Ihnen wirklich selbst gesagt haben?« - -»Er selbst hat es mir gesagt; regen Sie sich nicht auf, es war nur so, -nur beiläufig, es entschlüpfte ihm unbedachterweise, da von Geld die -Rede war, nicht mit Absicht. Er hat es mir gesagt. Aber Sie hätten es -von ihm nicht zu nehmen brauchen. Ist es so oder nicht?« - -»Aber Sie erpressen ja, wie ich gehört habe, unmenschliche Prozente.« - -»Ich habe einen _Mont de piété_, ich erpresse nichts. Ich helfe nur -Freunden, anderen gebe ich nichts. Für die anderen ist der _Mont de -piété_ da ...« - -Dieser sein _Mont de piété_ war eine ganz gewöhnliche Pfandleihe, aber -nicht auf seinen Namen; sie befand sich auch in einer anderen Wohnung, -und das Geschäft blühte. - -»Aber Freunden gebe ich große Summen.« - -»Wie, ist denn der Fürst auch so ein Freund von Ihnen?« - -»Das ... ist er; aber ... er redet Unsinn. Und er darf nicht Unsinn -reden.« - -»Ist er denn so in Ihren Händen? Schuldet er Ihnen viel?« - -»Er ... schuldet mir viel.« - -»Er wird Ihnen alles bezahlen; er hat die Erbschaft ...« - -»Das -- ist nicht seine Erbschaft. Er ist mir Geld schuldig und ist mir -noch anderes schuldig. Die Erbschaft langt nicht. Ich gebe Ihnen ohne -Prozente.« - -»Gleichfalls als Ihrem >Freunde<? Womit habe ich denn das verdient?« -fragte ich auflachend. - -»Sie werden es noch verdienen.« - -Wieder beugte er sich mit dem ganzen Oberkörper zu mir vor und hob den -Finger. - -»Stebelkoff! Ohne Finger, sonst gehe ich!« - -»Hören Sie ... er könnte doch Anna Andrejewna Werssiloff heiraten!« Und -er kniff sein linkes Auge teuflisch listig zusammen. - -»Wissen Sie, Stebelkoff, Ihre Geschichten nehmen einen dermaßen -skandalösen Charakter an ... Wie dürfen Sie es wagen, den Namen Anna -Andrejewnas überhaupt auszusprechen?« - -»Ärgern Sie sich nicht.« - -»Es kostet mich wirklich Überwindung, Sie anzuhören, und ich tue es nur, -weil ich hier eine Machenschaft wittere und wissen will ... Aber mir -kann auch die Geduld reißen, Stebelkoff!« - -»Ärgern Sie sich nicht, und seien Sie nicht so stolz. Haben Sie nur ein -wenig Geduld, und hören Sie mich an. Dann können Sie wieder stolz sein. -Das mit Anna Andrejewna wissen Sie doch? Daß der Fürst sie heiraten -könnte ... das wissen Sie doch?« - -»Ich habe natürlich davon gehört und weiß alles; aber ich habe mit dem -Fürsten niemals darüber gesprochen. Ich weiß nur, daß diese Idee vom -alten Fürsten Ssokolski stammt, der jetzt krank ist; aber ich habe -niemals darüber gesprochen und habe damit auch nichts zu schaffen. Ich -sage Ihnen das alles einzig zur Erklärung der Sachlage ... Und nun -gestatten Sie die Frage, erstens: wozu _Sie_ denn eigentlich davon mit -mir zu sprechen angefangen haben? Und zweitens: hat denn der Fürst -wirklich _mit Ihnen_ über diese Dinge gesprochen?« - -»Nicht er mit mir; er will mit mir nicht darüber sprechen, aber ich -spreche mit ihm, und er will mich bloß nicht anhören. Vorhin bei ihm, da -schrie er mich ja deshalb an.« - -»Das fehlte noch, daß er es nicht getan hätte! Ich kann ihm nur -zustimmen.« - -»Der Alte, der alte Fürst Ssokolski, wird Anna Andrejewna eine große -Mitgift geben; sie hat's verstanden, ihm zu gefallen. Dann wird mir der -Bräutigam, der junge Fürst Ssokolski, mein ganzes Geld wiedergeben. Wird -mir auch die andere Schuld, außer der Geldschuld, wiedergeben. Das wird -er sicher! Jetzt aber hat er nichts, wovon er es mir zurückzahlen -könnte.« - -»Aber was soll ich denn, wozu brauchen Sie denn mich dabei?« - -»Zu der Hauptsache! Sie sind bekannt, Sie sind dort überall bekannt. Sie -können alles erfahren.« - -»Zum Teufel ... was erfahren?« - -»Ob der Fürst will, ob Anna Andrejewna will, ob der alte Fürst will! Das -müßten Sie alles genau erfahren.« - -»Und Sie unterstehen sich, mir vorzuschlagen, Ihr Spion zu sein, und das --- für Geld!« Empört sprang ich auf. - -»Seien Sie nicht so stolz, seien Sie nicht so stolz! Warten Sie nur noch -ein wenig mit dem Stolzsein, nur noch fünf Minuten!« - -Er zwang mich wieder zum Sitzen. Meiner Empörung und meinen Ausrufen maß -er offenbar nicht die geringste Bedeutung bei; aber ich beschloß, ihn zu -Ende anzuhören. - -»Ich muß es bald erfahren, so bald als möglich, und muß es genau wissen; -denn ... denn vielleicht wird es bald zu spät sein. Haben Sie nicht -bemerkt, wie unangenehm ihm die Neuigkeit war, die der Offizier von dem -Baron und der verwitweten Achmakoff, der Katerina Nikolajewna, -erzählte?« - -Entschieden erniedrigte ich mich dadurch, daß ich ihn anhörte, aber -meine Neugier war so groß, daß ich mich nicht loszureißen vermochte. - -»Hören Sie ... Sie nichtsnutziger Mensch!« sagte ich entschlossen. »Wenn -ich noch hier sitze und Sie anhöre und Sie sogar von diesen mir -nahestehenden Menschen sprechen lasse ... und Ihnen sogar noch antworte, -so geschieht das keineswegs deshalb, weil ich Ihnen etwa das Recht dazu -zugestehe. Ich sehe einfach, daß es sich hier um eine Gemeinheit handelt -... Und dann, was für Hoffnungen kann der Fürst auf Katerina Nikolajewna -haben?« - -»Gar keine, aber er ärgert sich.« - -»Das ist nicht wahr!« - -»Er ärgert sich. Er hat da schon verspielt, hat ein Paroli verloren. -Jetzt ist ihm nur noch Anna Andrejewna geblieben. Ich gebe Ihnen -zweitausend Rubel ... ohne Wechsel und ohne Zinsen.« - -Nachdem er das gesagt hatte, lehnte er sich entschlossen und wichtig -zurück und sah mich mit aufgerissenen Augen an. Ich riß auch meine Augen -auf und sah ihn an. - -»Sie tragen Anzüge von einem Schneider aus der Großen Millionnajastraße; -Geld braucht man, Geld, und mein Geld ist besser als seines. Ich gebe -Ihnen mehr als zweitausend ...« - -»Aber wofür? Wofür denn, zum Teufel?« - -Ich stampfte mit dem Fuß auf. Er beugte sich wieder vor zu mir und sagte -mit besonderer Betonung: - -»Damit Sie nicht stören.« - -»Ich kümmere mich sowieso nicht darum,« rief ich. - -»Ich weiß, daß Sie schweigen; das ist gut.« - -»Ihr Gutheißen können Sie für sich behalten, ich brauche es nicht. Ich -würde diese Verbindung selbst sehr wünschen, aber ich halte das nicht -für meine Sache, und mich da hineinzumischen, wäre nicht anständig.« - -»Sehen Sie, sehen Sie, tja, das ist es ja: nicht anständig!« Er erhob -den Finger zum Zeichen der Bedeutsamkeit des Wortes. - -»Was -- sehen Sie? Was soll ich da sehen?« - -»Tja, das wäre unanständig ... Hehe!« Er begann zu lachen. »Ich -verstehe, verstehe, das wäre von Ihnen unanständig, aber ... werden Sie -auch nicht stören?« Er zwinkerte mir wieder zu. - -Aber in diesem Zuzwinkern lag etwas so maßlos Freches, sogar -Spöttisches, Niedriges! Es war, als hätte er in mir irgendeine -Niedrigkeit vorausgesetzt und auf eben diese Niedrigkeit gerechnet ... -Das war klar; aber ich konnte auf keine Weise erraten, um was es sich -dabei handelte. - -»Anna Andrejewna ist -- doch auch Ihre Schwester,« sagte er schließlich -eindringlich. - -»Ich verbiete Ihnen, davon zu sprechen! Und überhaupt dürfen Sie es -nicht wagen, Anna Andrejewna zu nennen!« - -»Tun Sie nicht so stolz, gedulden Sie sich noch eine Minute! Also hören -Sie: er wird das Geld bekommen und alle sicherstellen,« sagte er mit -besonderer Betonung. »Sie folgen? Ich sage: alle -- verstehen Sie? -- -_alle_!« - -»So glauben Sie, ich würde dann Geld von ihm nehmen?« - -»Jetzt nehmen Sie es doch?« - -»Ich nehme mein eigenes.« - -»Wieso Ihr eigenes?« - -»Dieses Geld ... gehört Werssiloff; er schuldet Werssiloff -zwanzigtausend.« - -»So doch nur Werssiloff und nicht Ihnen.« - -»Werssiloff ist mein Vater.« - -»Nein, Sie heißen Dolgoruki und nicht Werssiloff.« - -»Das bleibt sich gleich!« -- So glaubte ich damals die Sache wirklich -noch erklären und rechtfertigen zu können! Ich wußte, daß es sich nicht -gleichblieb; denn so dumm war ich schließlich doch nicht, aber ich -dachte wiederum aus »Taktgefühl« so. - -»Genug!« rief ich. »Ich werde aus Ihrem Gefasel überhaupt nicht klug. -Und wie haben Sie mich wegen solchen leeren Geschwätzes noch extra -herzubitten gewagt?« - -»Ja, wie ... verstehen Sie denn _wirklich_ nicht? Sie ..., verstellen -Sie sich bloß, oder?« fragte Stebelkoff langsam und sah mich -durchdringend mit einem seltsam ungläubigen Lächeln an. - -»Bei Gott, ich verstehe kein Wort!« - -»Ich sage Ihnen: er wird _alle_ sicherstellen, _alle_, wenn Sie nur -nicht dazwischenfahren und ihm abraten ...« - -»Sie müssen wahrhaftig übergeschnappt sein! Was reiten Sie denn ewig auf -diesen >allen< herum? Meinen Sie etwa Werssiloff, daß er den -sicherstellen soll?« - -»Sie sind nicht der einzige, und Werssiloff ist nicht der einzige ... da -sind auch noch andere. Und Anna Andrejewna ist ebenso Ihre Schwester wie -... _Lisaweta Makarowna_!« - -Ich sah ihn mit aufgerissenen Augen an. Auf einmal sah ich in seinem -widerlichen Blick einen Ausdruck wie von Mitleid mit mir: - -»Sie verstehen also nicht, so ist es auch besser! Das ist gut, sehr gut, -daß Sie nicht verstehen. Das ist lobenswert ... wenn Sie wirklich nicht -verstehen.« - -Jetzt wurde ich aber wütend. - -»Hol' Sie der Teufel mit Ihrem Gefasel, Sie übergeschnappter Mensch!« -fuhr ich auf und griff nach meinem Hut. - -»Das ist kein Gefasel! Wie ist's? Wissen Sie, Sie werden wiederkommen.« - -»Nein,« schnitt ich ab, schon in der Tür. - -»Sie werden kommen, und dann -- dann gibt es eine andere Unterredung. -Dann kommt die Hauptunterredung. Zweitausend, vergessen Sie das nicht!« - - - II. - -Er hatte einen so schmutzigen und verworrenen Eindruck auf mich gemacht, -daß ich, als ich aus seiner Wohnung trat, mir sogar Mühe gab, nicht mehr -an ihn zu denken und einfach ausspie. Der Gedanke, daß der Fürst mit ihm -von mir und von diesem Gelde hatte sprechen können, stach mich plötzlich -wie eine Nadel. »Ich werde gewinnen und es ihm heute noch zurückgeben,« -sagte ich mir entschlossen. - -Aber so dumm Stebelkoff und so verworren seine Rede auch war, ich hatte -in ihm doch den ausgesprochen gemeinen Menschen in seinem ganzen Glanze -erkannt und sofort erraten, daß er, was die Hauptsache war, an einer -Intrige spann. Nur hatte ich damals keine Zeit, gleichviel welchen -Intrigen nachzuspüren, und das war auch der Hauptgrund meiner damaligen -unglaublichen Blindheit! Unruhig sah ich auf meine Uhr, aber es war noch -nicht zwei; also konnte ich noch einen Besuch machen; denn sonst wäre -ich bis drei Uhr vor Aufregung umgekommen. So fuhr ich denn zu Anna -Andrejewna Werssiloff, meiner Halbschwester. Mit ihr war ich schon -längst gut bekannt geworden, und zwar bei meinem alten Fürsten während -seines Krankseins. Ich hatte ihn nun schon drei oder vier Tage nicht -gesehen, und das quälte ein wenig mein Gewissen; aber eben Anna -Andrejewna hatte mich bei ihm vertreten: der alte Fürst hing schon sehr -an ihr, ja, seine Zuneigung zu ihr war so groß, daß er sie mir gegenüber -sogar seinen Schutzengel genannt hatte. Übrigens ging der Plan, sie mit -dem jungen Fürsten Ssergei Petrowitsch Ssokolski zu verheiraten, -tatsächlich von meinem lieben alten Herrn aus, und er hatte ihn mir -schon mehr als einmal mitgeteilt, natürlich immer als Geheimnis. -Gelegentlich hatte ich das auch Werssiloff erzählt, da es mir nicht -entgangen war, daß ihn von allen die nächste Gegenwart betreffenden -Dingen, gegen die er so gleichgültig war, nur das eigentümlich zu -interessieren schien, was ich ihm von meinen Begegnungen mit Anna -Andrejewna mitteilte. Als Antwort hatte Werssiloff damals nur kurz und -wie beiläufig so was gemurmelt, daß Anna Andrejewna doch zu klug sei, um -in einer so delikaten Sache des Rates anderer zu bedürfen. -Selbstverständlich hatte Stebelkoff recht, wenn er annahm, daß der alte -Fürst ihr, wenn sie heiratete, eine Mitgift geben würde, aber wie durfte -er es wagen, auf ihre Mitgift zu rechnen? Fürst Sserjosha hatte ihm -vorhin nachgerufen, er fürchte sich nicht vor ihm: sollte ihm Stebelkoff -im Nebenzimmer da nicht wirklich von Anna Andrejewna gesprochen haben? -Da konnte ich mir denken, daß auch ich an seiner Stelle empört gewesen -wäre. - -Anna Andrejewna hatte ich in der letzten Zeit sogar ziemlich oft -besucht. Aber jedesmal war mir dabei etwas Merkwürdiges aufgefallen: sie -hatte immer selbst bestimmt, wann ich zu ihr kommen sollte, und -selbstverständlich erwartete sie mich, aber wenn ich dann erschien, tat -sie immer ganz überrascht, als wäre ich ganz unerwartet gekommen; dieser -Zug an ihr war mir zwar als sonderbar aufgefallen, aber ich war ihr -dennoch zugetan. Sie lebte bei der alten Frau Fanariotoff, ihrer -Großmutter, natürlich als deren Pflegetochter (Werssiloff kümmerte sich -ja nicht um seine Kinder und sorgte auch nicht für ihren Unterhalt), -aber sie spielte im Hause ihrer Pflegemutter keineswegs die Rolle, in -der sonst mittellose Pflegetöchter im Hause vornehmer Damen geschildert -werden, wie zum Beispiel in Puschkins »Piquedame« die arme Pflegetochter -der tyrannischen alten Gräfin. Anna Andrejewna erinnerte eher selbst an -diese alte Gräfin. Sie lebte in diesem Hause ganz für sich, freilich im -selben Stockwerk und in derselben Wohnung wie die Fanariotoffs, aber -doch in zwei ganz abgesonderten Zimmern, so daß ich zum Beispiel beim -Kommen und Gehen noch nie einem von den Fanariotoffs begegnet war. Sie -konnte bei sich empfangen, wen sie wollte und ihre Zeit ganz nach -eigenem Belieben verbringen. Allerdings war sie ja auch schon -dreiundzwanzig. Im letzten Jahr hatte sie in der Gesellschaft so gut wie -nichts mehr mitgemacht, obschon ihre Großmutter mit Ausgaben für sie gar -nicht geizte, da sie, wie ich schon damals gehört hatte, ihre Enkelin -sehr liebte. Mir aber hatte gerade das an Anna Andrejewna von Anfang an -gefallen, daß ich sie immer in so schlichten Kleidern sah und immer bei -einer Beschäftigung antraf, sei es mit einem Buch oder mit einer -Handarbeit. Ihr Äußeres hatte etwas Klösterliches, fast Nonnenhaftes, -und auch das gefiel mir. Sie war nicht sehr gesprächig, aber was sie -sprach, hatte immer eine gewisse Bedeutung, und sie verstand vorzüglich, -anderen zuzuhören, was ich niemals verstanden habe. Wenn ich ihr sagte, -daß sie mich sehr an Werssiloff erinnerte, obgleich sie keinen einzigen -gemeinsamen Zug hatten, wurde sie immer ein wenig rot. Sie errötete -überhaupt oft und immer sehr schnell, aber es war meist nur ein ganz -leises Erröten, und diese Eigentümlichkeit ihres Gesichts war mir bald -sehr lieb geworden. Wenn ich mit ihr sprach, nannte ich Werssiloff nie -mit dem Familiennamen, sondern stets »Andrei Petrowitsch«, und das war -ganz von selbst so gekommen. Ich hatte es sogar sehr gut gemerkt, daß -man sich bei den Fanariotoffs Werssiloffs etwas zu schämen schien; -übrigens hatte ich das einzig aus Anna Andrejewnas Verhalten -geschlossen, und eigentlich weiß ich auch nicht, ob man das mit dem Wort -»sich schämen« ausdrücken kann; aber etwas Ähnliches mochte es immerhin -sein. Ich hatte bei ihr manchmal auch vom Fürsten Ssergei Petrowitsch zu -sprechen angefangen, und sie hatte mir immer sehr aufmerksam zugehört, -ja, wie mir schien, hatten diese Mitteilungen sie sogar sehr -interessiert; aber es war immer irgendwie ganz von selbst so gekommen, -daß ich sie aus eigenem Antriebe erzählte, ohne von ihr aufgefordert zu -werden. Sie fragte einen nie aus. Von der Möglichkeit einer Heirat -zwischen ihnen hatte ich niemals zu sprechen gewagt, obschon ich es -oftmals gewollt hatte, denn zum Teil gefiel mir dieses Projekt sogar -ganz gut. Aber in ihrem Zimmer wagte ich von sehr vielem nicht mehr zu -sprechen, und doch fühlte ich mich sehr wohl in ihrem Zimmer. Unter -anderem gefiel mir an ihr auch sehr, daß sie so gebildet war und viel -gelesen hatte, sogar wissenschaftliche Bücher; sie hatte viel mehr -gelesen als ich. - -Das erstemal hatte sie selbst mich aufgefordert, sie zu besuchen. Auch -damals schon begriff ich, daß sie vielleicht darauf rechnete, manches -durch mich zu erfahren. Oh, damals konnten viele vieles durch mich -erfahren, und sie verstanden es großartig, mich auszuhorchen! »Aber was -tut das,« dachte ich, »schließlich empfängt sie mich bei sich doch nicht -nur deshalb.« Mit einem Wort, es freute mich noch, daß ich ihr nützlich -sein konnte, und ... und wenn ich bei ihr war, hatte ich immer die -Empfindung, daß es meine Schwester war, die hier neben mir saß, obgleich -ich mit ihr noch kein einziges Mal über unsere Verwandtschaft gesprochen -hatte -- mit keinem Wort, nicht einmal mit einer Andeutung war zwischen -uns davon die Rede gewesen, ganz als hätte eine solche Verwandtschaft -überhaupt nicht bestanden. Wenn ich bei ihr saß, erschien es mir einfach -undenkbar, davon zu sprechen, und wirklich, wenn ich sie so ansah, kam -mir manchmal sogar der unsinnige Gedanke in den Kopf: daß sie von -unserer Verwandtschaft vielleicht überhaupt nichts wußte; -- denn so war -ihre Haltung mir gegenüber. - - - III. - -Ich trat in ihr Zimmer und traf Lisa bei ihr an. Das überraschte mich -so, daß ich ganz betroffen war. Ich wußte, daß sie sich früher schon -gesehen hatten, und das war bei jenem bewußten »Säugling« geschehen. Von -diesem phantastischen Einfall der stolzen und schamhaften Anna -Andrejewna, dieses Kind des jungen Fürsten Ssokolski und der Lydia -Achmakoff sehen zu wollen, und ihrer Begegnung dort mit Lisa werde ich -vielleicht später bei Gelegenheit erzählen; aber ich hatte doch nicht -erwartet, daß Anna Andrejewna jemals Lisa zu sich einladen würde. Das -überraschte mich angenehm. Natürlich ließ ich mir nichts anmerken, -begrüßte Anna Andrejewna, drückte Lisa heiß die Hand und setzte mich -neben sie hin. Sie waren mit einer _ernsten_ Sache beschäftigt: auf dem -Tisch und auf ihren Knien lag ein teures Gesellschaftskleid Anna -Andrejewnas, das leider schon alt war, das heißt, ein Kleid, das sie -schon dreimal angehabt hatte, und das sie nun irgendwie ändern wollte. -Lisa aber war eine große »Meisterin« in solchen Sachen und hatte viel -Geschmack, und so fand denn jetzt eine feierliche Beratung der »klugen -Frauen« statt. Mir fiel Werssiloff ein, und ich mußte lachen; aber ich -war ja auch so schon in strahlender Stimmung. - -»Sie sind heute recht lustig, das ist sehr angenehm,« sagte Anna -Andrejewna, und wie gewöhnlich sprach sie jedes Wort gedehnt und vornehm -aus. Sie hatte eine tiefe, wohltönende Altstimme, sprach immer ruhig und -nicht laut und hielt dann gewöhnlich ihre langen Wimpern gesenkt, -während ein kaum merkliches Lächeln über ihr bleiches Antlitz huschte. - -»Lisa weiß, wie unangenehm ich sein kann, wenn ich nicht lustig bin,« -erwiderte ich heiter. - -»Vielleicht weiß auch Anna Andrejewna etwas davon,« neckte Lisa -schelmisch. Die Liebe! Wenn ich auch nur geahnt hätte, was damals in -ihrer Seele vorging! - -»Was tun Sie jetzt?« fragte mich Anna Andrejewna. (Ich muß bemerken, daß -sie selbst mich gebeten hatte, sie an diesem Tage zu besuchen.) - -»Ich sitze jetzt hier und frage mich: Warum ist es mir immer angenehmer, -Sie bei einem Buch anzutreffen als bei einer Handarbeit? Nein, wirklich, -so eine Handarbeit paßt nicht zu Ihnen. In der Beziehung stimme ich ganz -mit Andrei Petrowitsch überein.« - -»Haben Sie sich noch immer nicht entschlossen, die Universität zu -besuchen?« - -»Ich bin Ihnen zu dankbar, daß Sie unsere Gespräche nicht vergessen: das -beweist mir, daß Sie mitunter auch an mich denken, aber ... wegen der -Universität habe ich noch keinen Vorsatz gefaßt, und außerdem habe ich -meine besonderen Absichten.« - -»Das heißt: er hat ein besonderes Geheimnis,« bemerkte Lisa. - -»Laß die Scherze, Lisa. Ein kluger Mensch hat mir vor ein paar Tagen -gesagt, daß wir in unserer ganzen progressiven Bewegung der letzten -zwanzig Jahre vor allem bewiesen hätten, daß wir schauerlich ungebildet -sind. Das war natürlich auch von unseren Studierten gesagt.« - -»Ach, das ist bestimmt ein Ausspruch von Papa. Du zitierst furchtbar oft -seine Aussprüche,« bemerkte Lisa. - -»Lisa, du sagst das wirklich so, als trautest du mir überhaupt keinen -eigenen Verstand zu!« - -»In unserer heutigen Zeit kann es nur von Nutzen sein, wenn man auf die -Worte kluger Menschen achtet und sie behält,« trat Anna Andrejewna ein -wenig für mich ein. - -»Sehr richtig, Anna Andrejewna,« stimmte ich ihr eifrig bei. »Wer über -die gegenwärtige Phase Rußlands nicht nachdenkt, ist kein Staatsbürger! -Ich betrachte Rußland vielleicht von einem sonderbaren Standpunkte aus: -Wir haben das Tatarenjoch ertragen und dann die zweihundertjährige -Sklaverei der Leibeigenschaft, und das, versteht sich, nur deshalb, weil -das eine wie das andere nach unserem Geschmack war. Jetzt ist uns die -Freiheit gegeben, und wir müssen die Freiheit ertragen: werden wir auch -das verstehen? Wird es sich erweisen, daß auch die Freiheit zu ertragen, -nach unserem Geschmack ist? Das ist die Frage!« - -Lisa warf einen schnellen Blick auf Anna Andrejewna, und die schlug -sogleich die Augen nieder und begann neben sich irgend etwas zu suchen; -ich sah, daß Lisa sich krampfhaft zusammennahm, aber auf einmal trafen -sich doch unsere Blicke, und da brach sie plötzlich in Lachen aus; ich -fuhr auf: - -»Lisa, du bist wirklich unbegreiflich!« - -»Verzeih mir!« sagte sie hastig und war schon wieder ernst, ja, fast -sogar traurig. »Weiß Gott, was ich heute im Kopf habe ...« - -Und es war, als zitterten Tränen in ihrer Stimme. Da schämte ich mich -auf einmal: ich nahm ihre Hand und küßte sie von Herzen. - -»Sie sind sehr gut,« bemerkte Anna Andrejewna weich, als sie sah, daß -ich Lisa die Hand küßte. - -»Am meisten freut es mich, Lisa, daß ich dich heute fröhlich angetroffen -habe,« sagte ich. »Werden Sie es mir glauben, Anna Andrejewna: in den -letzten Tagen ist sie mir immer mit einem so sonderbaren Blick begegnet, -und in dem Blick schien immer so eine Frage zu liegen, wie ungefähr: ->Hast du nicht irgend etwas erfahren? Ist alles noch gut abgegangen?< -Wirklich, es war so etwas mit ihr.« - -Anna Andrejewna hob langsam den Blick und sah sie scharf an, Lisa senkte -den Kopf. Ich sah übrigens sehr gut, daß sie viel besser und näher -miteinander bekannt waren, als ich bei meinem Eintritt vorhin vermutet -hatte; dieser Gedanke war mir angenehm. - -»Sie sagten soeben, ich sei gut; Sie glauben nicht, wie sehr ich mich -bei Ihnen zum Besseren verändere, und wie angenehm es mir ist, bei Ihnen -zu sein, Anna Andrejewna,« sagte ich mit aufrichtigem Gefühl. - -»Es freut mich sehr, daß Sie gerade jetzt so sprechen,« entgegnete sie -mir bedeutungsvoll. Ich muß bemerken, daß sie mit mir niemals von meinem -Verschwenderleben und von dem Pfuhl, in den ich geraten war, gesprochen -hatte, obgleich sie, wie ich wußte, nicht nur über alles schon -unterrichtet war, sondern sogar noch selbst bei anderen sich unter der -Hand nach allem erkundigt hatte. So war denn diese Entgegnung jetzt eine -erste Andeutung ihrerseits, und -- mein Herz wandte sich ihr noch mehr -zu. - -»Was macht unser Kranker?« fragte ich. - -»Oh, er fühlt sich viel besser: er geht schon herum, und gestern und -heute ist er spazieren gefahren. Sind Sie denn heute noch nicht bei ihm -gewesen? Er erwartet Sie sehr.« - -»Ja, ich fühle mich schuldig, aber Sie ersetzen mich ja vollständig bei -ihm; er ist mir untreu geworden und hat mich gegen Sie eingetauscht.« - -Sie machte ein sehr ernstes Gesicht, -- mein Scherz war auch wirklich -recht trivial. - -»Ich war heute beim Fürsten Ssergei Petrowitsch,« stotterte ich, »und -ich ... apropos, Lisa, du warst doch vorhin bei Darja Onissimowna?« - -»Ja, ich war dort,« sagte sie auffallend kurz und ohne den Kopf zu -erheben. »Aber du gehst doch, denke ich, jeden Tag zum kranken Fürsten?« -fragte sie ganz unvermittelt und hastig, vielleicht nur, um etwas zu -sagen. - -»Ja, ich gehe allerdings zu ihm, nur komme ich nicht bei ihm an,« -versetzte ich lachend. »Ich trete ins Haus und biege nach links ab.« - -»Der Fürst hat auch schon bemerkt, daß Sie sehr oft bei Katerina -Nikolajewna vorsprechen. Er sprach noch gestern darüber und lachte,« -sagte Anna Andrejewna. - -»Worüber? Worüber hat er gelacht?« - -»Er scherzte nur wie gewöhnlich, Sie kennen ihn doch. Er sagte, im -Gegenteil, daß eine junge und schöne Frau in einem jungen Mann von Ihrem -Alter immer nur die Empfindung des Unwillens und Zornes hervorrufe ...« -Anna Andrejewna begann selbst zu lachen. - -»Wirklich ... Nein, wissen Sie, diese Bemerkung ist sogar erstaunlich -richtig!« rief ich aus. »Bestimmt hat das nicht er gesagt, sondern Sie -haben es ihm gesagt!« - -»Wieso? Nein, das hat er gesagt.« - -»Nun, aber wie, wenn diese schöne Frau dem jungen Mann ihre -Aufmerksamkeit zuwendet, obwohl er noch gar nichts bedeutet, in der Ecke -steht und sich ärgert, weil er noch kein >Erwachsener< ist, und sie ihn -auf einmal der ganzen Schar der sie umgebenden Bewunderer vorzieht -- -was dann?« fragte ich plötzlich herausfordernd und mit der kühnsten -Miene. - -Mein Herz begann zu klopfen. - -»Dann wird es um dich auch auf der Stelle geschehen sein,« sagte Lisa -lachend. - -»Um mich geschehen sein?« rief ich. »Nein, um mich nicht. Ich glaube, -das ist nicht richtig. Wenn eine Frau sich mir in den Weg stellt, so muß -sie mir folgen. Mir stellt man sich nicht ungestraft in den Weg ...« - -Lisa hat mir später gesagt, als wir einmal, lange nachher, auf diese -Unterhaltung zu sprechen kamen, daß ich diesen Satz damals sehr -sonderbar hervorgebracht hätte, sehr ernst und wie plötzlich in Gedanken -versunken, dabei aber »so komisch, daß es ganz unmöglich war, ernst zu -bleiben«. In der Tat fing auch Anna Andrejewna wieder zu lachen an. - -»Lachen Sie nur, lachen Sie nur über mich!« rief ich wie berauscht; denn -dieses ganze Gespräch und die Richtung, in der es sich bewegte, gefielen -mir ungemein. »Wenn Sie es tun, ist es für mich nur ein Vergnügen. Ich -liebe Ihr Lachen, Anna Andrejewna! Sie haben einen eigenen Zug: Sie sind -ernst, und plötzlich lachen Sie, so plötzlich, daß man es noch einen -Augenblick vorher aus Ihrem Gesicht nicht erraten kann. Ich habe in -Moskau eine Dame gekannt, nur dem Ansehen nach -- ich beobachtete sie -unbemerkt: sie war fast ebenso schön wie Sie, aber sie hatte nicht -dieses Lachen, und dieses Gesicht, das sonst ebenso reizvoll war, hatte -deshalb gar nichts Anziehendes; Ihr Gesicht dagegen ist ungeheuer -anziehend ... eben durch diese Eigenschaft ... Das habe ich Ihnen schon -lange einmal sagen wollen.« - -Was ich da von der Dame, die »fast ebenso schön war wie sie«, gesagt -hatte, war nur ein schlauer Schachzug von mir gewesen: ich tat bewußt -ganz unbefangen, als wäre es eine unbeabsichtigte Bemerkung aus -naheliegenden Gründen; denn ich wußte, daß ein unbedacht entschlüpftes -Kompliment von einer Frau höher geschätzt wird als jede noch so fein -gedrechselte Schmeichelei. Und wie sehr Anna Andrejewna auch errötete, -ich wußte doch, daß meine Bemerkung ihr angenehm war. Die Moskauer Dame -aber hatte ich mir einfach ausgedacht, nur um Anna Andrejewna -unauffällig etwas Angenehmes sagen zu können und ihr eine Freude zu -machen. - -»Man könnte wirklich glauben,« sagte sie mit einem gewinnenden Lächeln, -»daß Sie sich in den letzten Tagen unter dem Einfluß irgendeiner schönen -Frau befunden haben.« - -Mir war, als flöge ich irgendwohin ... Ich hatte sogar Lust, ihnen etwas -zu verraten ... aber ich bezwang mich. - -»Und doch ist es noch gar nicht lange her, daß Sie sich über Katerina -Nikolajewna sogar sehr feindlich äußerten.« - -»Wenn ich mich tatsächlich irgendwie schlecht über sie geäußert habe,« -sagte ich mit blitzenden Augen, »so war daran die ungeheuerliche -Verleumdung schuld, daß sie Andrei Petrowitschs Feindin sei; und außer -dieser noch die andere Verleumdung gegen ihn, daß er sie geliebt und ihr -einen Heiratsantrag gemacht habe, und ähnlicher Unsinn. Diese Behauptung -ist ebenso ungeheuerlich, wie die andere Verleumdung gegen sie, daß sie -noch zu Lebzeiten ihres Mannes dem jungen Fürsten Ssergei Petrowitsch -das Versprechen gegeben habe, ihn zu heiraten, wenn sie Witwe werde, und -nun sagt man, sie habe ihr Wort nicht gehalten. Ich weiß aber aus erster -Hand, daß alles dies nicht wahr ist, und das Ganze nur ein Scherz -gewesen ist. Ich weiß das aus erster Hand. Sie hat dort einmal im -Auslande, in einem übermütigen Augenblick, zum Fürsten allerdings gesagt --- natürlich nur im Scherz: >Vielleicht in der Zukunft<; aber das konnte -doch nichts anderes sein als nur ein leichtfertiges Wort! Ich weiß -genau, daß der Fürst einem solchen Versprechen nicht die geringste -Bedeutung beilegen konnte, und er hat auch gar nicht die Absicht -gehabt,« fügte ich schnell hinzu, da mir plötzlich etwas eingefallen -war. »Er hat, glaube ich, ganz andere Absichten,« flocht ich noch schlau -ein. »Vorhin erzählte Naschtschokin bei ihm, daß Katerina Nikolajewna -den Baron Bjoring heiraten werde: glauben Sie mir, er hat bei dieser -Neuigkeit die beste Haltung bewahrt, dessen kann ich Sie versichern.« - -»Naschtschokin war bei ihm?« fragte plötzlich Anna Andrejewna gespannt -und augenscheinlich etwas verwundert. - -»Ja, versteht sich; ich glaube, das ist einer von den anständigen ...« - -»Und Naschtschokin hat mit ihm von dieser Heirat mit Bjoring -gesprochen?« fragte Anna Andrejewna auf einmal sehr interessiert. - -»Nicht von der Heirat, aber so, nur von der Möglichkeit, von dem -Gerücht; er sagte, in der Gesellschaft spräche man davon. Was mich -betrifft, so bin ich überzeugt, daß es eine unsinnige Erfindung ist.« - -Anna Andrejewna dachte nach und beugte sich über ihre Näharbeit. - -»Ich habe den Fürsten Ssergei Petrowitsch sehr gern,« fuhr ich voll -Eifer fort. »Er hat ja natürlich seine Fehler, das läßt sich nicht -bestreiten, und ich habe mit Ihnen darüber schon gesprochen; eben eine -gewisse Einseitigkeit ... aber auch seine Fehler bezeugen nur seine -anständige Gesinnung, das ist sicher. Heute zum Beispiel hätten wir uns -wegen einer Meinungsverschiedenheit beinahe entzweit: er ist der -Ansicht, daß einer, der von Anstand spricht, selbst anständig sein -müsse, sonst wäre alles, was er sagt, Lüge. Nun, sagen Sie doch selbst, -ist denn das logisch? Und dabei beweist das doch nur, was für hohe -Anforderungen er im Herzen an das Ehr- und Pflichtgefühl jedes Menschen -stellt, und an das Gerechtigkeitsgefühl, ist es nicht so ...? Ach, -Herrgott, wieviel Uhr ist es denn?« fuhr ich plötzlich auf, da mein -Blick zufällig auf die Kaminuhr gefallen war. - -»Zehn Minuten vor drei,« sagte Anna Andrejewna ruhig nach einem Blick -auf die Uhr. Während ich vom Fürsten gesprochen hatte, war sie ganz -still gewesen und hatte mir mit gesenktem Blick und einem verschmitzten, -doch lieben Lächeln zugehört: sie wußte, warum ich ihn so lobte. Lisa -hatte den Kopf über ihre Arbeit gebeugt und sich nicht mehr in die -Unterhaltung gemischt. - -Ich sprang auf, als hätte ich mich verbrannt. - -»Sie haben sich verspätet?« - -»Ja ... nein ... übrigens ja, aber ich gehe gleich. Nur noch ein Wort, -Anna Andrejewna,« begann ich erregt, »ich kann nicht anders, ich muß es -Ihnen heute sagen! Ich muß Ihnen gestehen, daß ich schon mehrmals Ihre -Güte gesegnet habe und das Zartgefühl, mit dem Sie mich zu sich -eingeladen haben ... Auf mich ist der Verkehr mit Ihnen von größtem -Einfluß gewesen ... In Ihrem Zimmer werde ich gewissermaßen seelisch -reiner, und ich verlasse Sie als ein besserer Mensch, als ich sonst bin -... Glauben Sie mir. Wenn ich bei Ihnen sitze, kann ich von Schlechtem -nicht nur nicht sprechen, sondern kann nicht einmal schlechte Gedanken -haben; sie verschwinden in Ihrer Gegenwart, und wenn mir hier zufällig -etwas Häßliches einfällt, so schäme ich mich gleich, fühle mich befangen -und erröte im Herzen. Und wissen Sie, es war mir ganz besonders -angenehm, heute meine Schwester bei Ihnen anzutreffen ... das spricht -von soviel herzlichem Entgegenkommen Ihrerseits ... und von einem so -schönen Verhältnis ... Mit einem Wort, sie beweisen dadurch, wenn Sie -mir schon das Eis zu brechen erlauben, so viel _Geschwisterliebe_, daß -ich ...« - -Während ich sprach, hatte sie sich von ihrem Platz erhoben und war immer -mehr errötet; plötzlich aber schien sie zu erschrecken -- gleichsam vor -einer Grenze, die sie nicht überschreiten wollte, zurückzuschrecken -- -und sie unterbrach mich hastig: - -»Glauben Sie mir, ich weiß Ihre Gefühle von ganzem Herzen zu schätzen -... Ich habe Sie auch ohne Worte verstanden ... Und ich habe schon lange -...« - -Sie stockte verwirrt und drückte mir die Hand. Plötzlich zupfte mich -Lisa heimlich am Ärmel. Ich verabschiedete mich und ging hinaus, aber -schon im anderen Zimmer holte Lisa mich ein. - - - IV. - -»Lisa, warum hast du mich am Ärmel gezupft?« fragte ich. - -»Sie ist schlecht, sie ist schlau, sie ist es nicht wert ... Sie stellt -sich mit dir nur so, um dich auszuhorchen,« flüsterte sie mir schnell -und haßerfüllt zu. Ich hatte ihr Gesicht noch nie so gesehen. - -»Lisa, ich bitte dich, wie kommst du darauf? Sie ist ein so prächtiges -Mädchen!« - -»Nun, dann bin _ich_ die Schlechte.« - -»Lisa, was hast du nur?« - -»Ich bin sehr schlecht. Sie ist vielleicht der beste Mensch, und ich bin -der schlechteste. Genug, laß das. Höre: Mama läßt dich um etwas bitten, ->was sie selbst nicht zu sagen wagt<, so drückte sie sich aus. Arkadi, -Liebster! Höre auf mit dem Spielen, Lieber, ich flehe dich an ... Mama -auch ...« - -»Lisa, ich weiß es ja selbst, aber ... ich weiß, es ist eine erbärmliche -Schlappheit, aber ... das sind ja nur Kleinigkeiten und nichts weiter! -Sieh mal, ich bin in Schulden geraten wie ein Esel, und jetzt will ich -nur gewinnen, um aus den Schulden herauszukommen, und ich _kann_ -gewinnen; denn bisher habe ich ganz ohne Berechnung gespielt, einfach -drauflos wie ein Esel, jetzt aber werde ich um jeden Rubel zittern ... -Ich müßte nicht ich sein, wenn ich verlieren sollte! Ich spiele nicht -aus Leidenschaft, das Spiel ist für mich nicht die Hauptsache, sondern -nur eine vorübergehende Nebensache, ich versichere dir! Ich bin viel zu -stark, um nicht aufhören zu können, sobald ich will. Habe ich das Geld -zurückgegeben, so gehöre ich ganz und gar wieder euch, und sage Mama, -daß ich euch dann nie mehr verlassen werde ...« - -»Diese dreihundert Rubel vorhin, was haben die dich gekostet!« - -»Woher weißt du ...?« fragte ich zusammenzuckend. - -»Darja Onissimowna hat vorhin alles gehört ...« - -Da versetzte mir Lisa plötzlich erschrocken einen Stoß und zog mich -hinter eine Portiere, und wir befanden uns in der sogenannten »Laterne«, -einem kleinen runden Erkerzimmer, dessen Wände fast nur aus Fenstern -bestanden. Noch bevor ich richtig zur Besinnung kam, hörte ich eine -bekannte Stimme, Sporenklirren und einen bekannten Schritt. - -»Fürst Sserjosha,« flüsterte ich. - -»Er ...« flüsterte sie. - -»Warum bist du denn so erschrocken?« - -»Nur so; ich will ihm um keinen Preis hier begegnen ...« - -»_Tiens_,{[41]} läuft er dir nicht am Ende nach?« fragte ich lachend. -»Dann würde ich ihm aber den Standpunkt klarlegen! Wohin willst du?« - -»Gehen wir; ich komme mit.« - -»Aber hast du dich denn schon verabschiedet?« - -»Ja; meine Pelzjacke ist im Vorzimmer ...« - -Wir traten hinaus. Auf der Treppe kam mir plötzlich ein Gedanke: - -»Weißt du, Lisa, er ist vielleicht gekommen, um ihr einen Heiratsantrag -zu machen!« - -»N--nein ... er wird ihr keinen Antrag machen ...« sagte sie langsam und -bestimmt, doch mit leiser Stimme. - -»Du weißt nicht, Lisa, wir sind vorhin wohl aneinandergeraten -- da man -es dir doch schon gesagt hat, sollst du es meinetwegen wissen -- aber, -bei Gott, ich liebe ihn aufrichtig und wünsche ihm hier Erfolg ... Wir -haben uns vorhin wieder ausgesöhnt. Wenn man glücklich ist, ist man so -gut ... Sieh mal, er hat eine Menge guter Eigenschaften ... auch -Menschlichkeit ... oder wenigstens gute Ansätze ... und in den Händen -einer so charakterfesten und klugen Frau wie Anna Andrejewna würde sein -Charakter sich ausgleichen, und er könnte glücklich werden. Schade, daß -wir keine Zeit haben ... oder fahren wir ein Stück zusammen, ich könnte -dir dann einiges mitteilen ...« - -»Nein, fahre allein, ich habe einen anderen Weg. Kommst du zum Essen?« - -»Ich komme, ich komme, wie ich versprochen habe. Höre, Lisa: ein -gewisses Scheusal -- kurz, ein ganz gemeines Subjekt, na, einfach ein -gewisser Stebelkoff, wenn du ihn kennst, hat einen schrecklichen Einfluß -auf seine Verhältnisse ... Wechsel und so was ... Na, mit einem Wort, er -hat ihn ganz in der Hand und hat ihn so in die Enge getrieben, und der -Fürst hat sich schon so vor ihm erniedrigen müssen, daß es einfach -keinen anderen Ausweg mehr gibt -- wenigstens können sie beide keinen -anderen finden -- als den einen: daß der Fürst Anna Andrejewna heiratet. -So müßte man sie eigentlich warnen ... übrigens, nein, Unsinn, sie wird -schon alles in Ordnung bringen. Aber was meinst du, wird sie ihm einen -Korb geben?« - -»Adieu, ich habe keine Zeit,« brach Lisa das Gespräch kurz ab, und in -ihrem mich flüchtig streifenden Blick sah ich plötzlich so viel Haß, daß -ich erschrocken ausrief: - -»Aber Lisa, Liebe, was hast du gegen mich?« - -»Nicht gegen dich; gib nur das Spiel auf ...« - -»Ach, wegen des Spiels, -- ja, ich gebe es auf.« - -»Du sagtest soeben: >wenn man glücklich ist<, -- so bist du wohl sehr -glücklich heute?« - -»Maßlos, Lisa, maßlos! Ach Gott, da ist es schon drei und sogar später -...! Leb wohl, Lisa! Lisotschka, Liebste, sag: kann man denn eine Frau -auf sich warten lassen? Ist so was überhaupt möglich?« - -»Meinst du bei einem Stelldichein?« fragte sie, kaum lächelnd, es war -ein seltsam totes, zitterndes Lächeln. - -»Gib mir deine Hand, auf daß sie mir Glück bringe.« - -»Glück? Meine Hand? Um keinen Preis geb' ich sie dir!« - -Und sie entfernte sich schnell. Und so ernst hatte sie das ausgerufen. -Ich sprang in meinen Schlitten. - -Ja, ja, eben dieses »Glück« war ja damals die Hauptursache, weshalb ich -wie ein blinder Maulwurf nichts außer mir selbst begriff und sah! - - - Viertes Kapitel. - - - I. - -Jetzt wird mir das Erzählen zur Pein. Das ist ja alles schon vor langer -Zeit geschehen; aber auch jetzt noch ist für mich alles das wie eine -Fata Morgana. - -Wie konnte eine Frau, wie sie, einem so garstigen Jungen, wie ich damals -war, ein Stelldichein geben? -- Das war die erste Frage! Als ich nach -dem Gespräch mit Lisa in meinem Schlitten zu ihr flog, und mein Herz zu -klopfen begann, dachte ich geradezu, ich wäre verrückt geworden: die -Vorstellung, daß sie mich zu einem _Stelldichein_ aufgefordert hatte, -erschien mir auf einmal so ungereimt, so hirnverbrannt, daß jede -Möglichkeit, daran zu glauben, einfach ausgeschlossen war. Und doch -- -zweifelte ich nicht im geringsten! Es war sogar so: je klarer ich die -Unmöglichkeit erkannte, um so blinder glaubte ich. Daß es schon drei -geschlagen hatte, beunruhigte mich: »Wenn es ein Stelldichein ist, wie -kann ich dann zu spät kommen?« dachte ich. Es gingen mir auch noch -andere dumme Fragen durch den Kopf, wie zum Beispiel: »Was ist für mich -jetzt ratsamer, Kühnheit oder Schüchternheit?« Aber das zog alles nur -flüchtig vorüber; denn das Vorherrschende und die Hauptsache lag doch im -Herzen, und das war etwas, was ich nicht zu benennen vermochte. Am Tage -vorher hatte sie zu mir gesagt: »Morgen werde ich um drei Uhr bei -Tatjana Pawlowna sein,« -- und das war alles gewesen. Aber erstens hatte -sie mich auch bei sich immer allein empfangen, sie hätte mir also in -ihrer Wohnung alles sagen können, was sie nur wollte, und brauchte sich -deshalb nicht zu Tatjana Pawlowna zu begeben; folglich fragte es sich, -wozu sie mich denn nun eigentlich an einen anderen Ort, eben zu Tatjana -Pawlowna, bestellt hatte? Und die zweite Frage: Wird Tatjana Pawlowna zu -Hause sein oder nicht? Wenn es ein Stelldichein sein sollte, so durfte -Tatjana Pawlowna natürlich nicht zu Hause sein. Aber wie hätte sie das -so einrichten können, ohne Tatjana Pawlowna vorher in alles einzuweihen? -Also mußte Tatjana Pawlowna um das Geheimnis wissen? Dieser Gedanke -erschien mir geradezu roh und so ... so unkeusch, ja, fast sogar -schmutzig. - -Und schließlich konnte sie gestern einfach auf den Gedanken gekommen -sein, Tatjana Pawlowna zu besuchen, was sie mir dann ohne jede besondere -Absicht mitgeteilt hatte, ich aber war gerade auf diese einfachste -Deutung gar nicht verfallen. Und sie hatte es auch nur so nebenbei -gesagt, nachlässig, ruhig, und nach einer sehr langweiligen -Unterhaltung; denn ich war an diesem Nachmittag die ganze Zeit völlig -verwirrt gewesen: ich hatte gesessen, unklar gesprochen und nicht -gewußt, was ich sagen sollte, hatte mich furchtbar geärgert und geniert, -sie aber hatte, wie sich herausstellte, irgendwohin fahren wollen und -war daher sichtlich froh, als ich endlich aufbrach. Alle diese -Erwägungen zogen durch meinen Kopf. Zuletzt beschloß ich folgendes: »Ich -werde klingeln, und wenn die Köchin aufmacht, sie einfach fragen, ob -Tatjana Pawlowna zu Haus ist! Ist sie nicht zu Hause, so ist es ein -- ->Stelldichein<.« Aber ich zweifelte nicht daran, ich zweifelte nicht -daran! - -Ich lief die Treppe hinauf, und noch auf der Treppe, vor der Tür ihrer -Wohnung, verschwand plötzlich meine ganze Furcht. »Ach, gleichviel wie -und was,« dachte ich, »wenn's sich nur schnell entscheidet!« Die Köchin -machte mir die Tür auf und brummte mit ihrem widerlichen Phlegma, -Tatjana Pawlowna sei ausgegangen. Ich wollte schon fragen: »Aber ist -nicht sonst jemand hier, wartet nicht jemand auf Tatjana Pawlowna?« -- -aber ich unterließ die Frage, dachte mir: »ich sehe lieber selbst nach,« -sagte der Köchin, ich würde warten, warf meinen Pelz ab und machte die -Tür auf ... - -Katerina Nikolajewna saß am Fenster und »wartete auf Tatjana Pawlowna«. - -»Sie ist nicht da?« fragte sie mich sogleich, anscheinend besorgt und -etwas geärgert, kaum daß sie mich erblickt hatte. - -Und ihre Stimme und ihr Gesichtsausdruck entsprachen so wenig meinen -Erwartungen, daß ich einfach auf der Schwelle stehen blieb und zu -versinken glaubte. - -»Wer ist nicht da?« stammelte ich. - -»Tatjana Pawlowna! Ich bat Sie doch gestern, ihr zu sagen, daß ich um -drei Uhr zu ihr kommen würde.« - -»Ich ... ich habe sie überhaupt nicht gesehen.« - -»Sie haben es vergessen?« - -Ich sank wie erschlagen auf einen Stuhl. Also das war es gewesen! Und -alles war ja so klar, wie sich nun herausstellte, wie zweimal zwei vier -ist, ich aber -- ich glaubte immer noch. - -»Ich kann mich aber gar nicht erinnern, daß Sie mich gebeten hätten, es -ihr zu sagen. Und Sie haben mich ja auch gar nicht darum gebeten: Sie -sagten nur, daß Sie um drei Uhr hier sein werden,« brachte ich -ungeduldig hervor. - -Ich sah sie nicht an. - -»Ach!« rief sie da auf einmal, »wenn Sie es ihr zu sagen vergessen -haben, selbst aber wußten, daß ich hier sein würde, warum sind Sie dann -hergekommen?« - -Ich hob den Kopf: weder Spott noch Zorn sah ich in ihrem Gesicht, -sondern nur ein helles, lustiges Lächeln und eine gewisse auffallende -Schelmerei in ihrem Gesichtsausdruck, -- übrigens hatte sie immer diesen -Ausdruck -- so eine fast kindliche Ausgelassenheit, die förmlich zu -necken schien: »Siehst du, jetzt habe ich dich ganz überführt, was wirst -du nun sagen?« - -Ich wollte nicht antworten und sah wieder zu Boden. Das Schweigen -dauerte wohl eine halbe Minute. - -»Sie kommen von Papa?« fragte sie plötzlich. - -»Ich komme von Anna Andrejewna, beim Fürsten Nikolai Iwanowitsch bin ich -überhaupt nicht gewesen ... Und das wußten Sie,« fügte ich auf einmal -hinzu. - -»Und bei Anna Andrejewna ist mit Ihnen nichts geschehen?« - -»Sie meinen, weil ich wie ein Verrückter aussehe? Nein, ich war schon -vor meinem Besuch bei Anna Andrejewna verrückt.« - -»Und sind bei ihr nicht vernünftig geworden?« - -»Nein, ich bin nicht vernünftig geworden. Ich habe außerdem gehört, daß -Sie Baron Bjoring heiraten werden.« - -»Hat sie Ihnen das gesagt?« forschte sie plötzlich interessiert. - -»Nein, das habe ich ihr erzählt, und gehört habe ich es vorhin, als -Naschtschokin es dem Fürsten Ssergei Petrowitsch erzählte.« - -Ich sah sie noch immer nicht an; ich wagte nicht, den Blick zu ihr zu -erheben; sie ansehen, hieß für mich, in strahlendes Licht, in Freude, in -Glück tauchen, ich aber wollte nicht glücklich sein. Der Stachel des -Unwillens hatte sich in mein Herz gebohrt, und in einem Augenblick faßte -ich einen ungeheuren Entschluß. Und dann begann ich auf einmal zu -sprechen, ich weiß kaum, wovon. Ich sprach atemlos, sprach wirr und -unverständlich, aber ich sah sie schon dreist an. Mein Herz klopfte. Ich -sprach von irgend etwas, was mit der Situation in gar keinem -Zusammenhang stand, vielleicht aber doch nicht ganz ohne Sinn war. Sie -wollte mir anfangs zuhören, wie gewöhnlich mit ihrem nachsichtigen, sich -gleichbleibenden Lächeln, das selten ganz aus ihrem Gesicht verschwand, -doch allmählich trat Erstaunen und schließlich sogar Schreck in ihren -gespannt auf mir ruhenden Blick. Das Lächeln schwand immer noch nicht -ganz, aber auch das Lächeln veränderte sich hin und wieder gleichsam vor -Schreck; da fiel es mir auf, daß sie plötzlich am ganzen Körper -zusammengezuckt war. - -»Was haben Sie?« fragte ich. - -»Ich fürchte mich vor Ihnen,« antwortete sie mir fast aufgeregt. - -»Warum gehen Sie nicht fort? Da Sie doch Tatjana Pawlowna nicht -angetroffen haben und wissen, daß sie nicht so bald kommen wird, so -hätten Sie doch aufstehen und fortgehen müssen.« - -»Ich hatte die Absicht, sie zu erwarten, aber jetzt ... in der Tat ...« -Sie wollte sich erheben. - -»Nein, nein, bleiben Sie,« hielt ich sie zurück, »da sind Sie schon -wieder zusammengezuckt, aber Sie lächeln auch in der Angst ... Sie haben -immer ein Lächeln. Sehen Sie, jetzt lächeln Sie so, daß es ganz deutlich -zu erkennen ist ...« - -»Sie reden wohl im Fieber?« - -»Ja, im Fieber.« - -»Ich fürchte ...« murmelte sie. - -»Was?« - -»Daß Sie -- die Wand einreißen ...« sagte sie wieder lächelnd, aber nun -fürchtete sie sich wirklich. - -»Ich kann Ihr Lächeln nicht ertragen!« - -Und ich begann wieder zu sprechen. Es war mir, als flöge ich, und irgend -etwas stieß mich vorwärts. Noch nie, noch nie hatte ich so zu ihr -gesprochen, immer war ich schüchtern gewesen. Auch jetzt war ich -furchtbar bange, aber ich sprach trotzdem. Ich weiß noch, ich fing von -ihrem Gesicht an: - -»Ich kann Ihr Lächeln nicht mehr ertragen!« rief ich plötzlich aus. -»Warum habe ich Sie mir so anders vorgestellt, noch in Moskau, immer -streng, unnahbar, pompös und mit den falschen Gesellschaftsphrasen der -großen Dame? Ja, schon in Moskau! Wir haben damals viel von Ihnen -gesprochen, Marja Iwanowna und ich, haben immer versucht, uns -vorzustellen, wie Sie aussehen ... Sie kennen doch Marja Iwanowna? Sie -waren ja bei ihr. Und auf der Reise hierher hat mir die ganze Nacht im -Waggon nur von Ihnen geträumt. Und hier habe ich vor Ihrer Ankunft einen -ganzen Monat Ihr Porträt im Kabinett Ihres Vaters betrachtet und doch -nichts erraten. Der Ausdruck Ihres Gesichts ist kindliche Schelmerei und -unendliche Offenherzigkeit -- ja! Ich habe mich die ganze Zeit, seitdem -ich Sie besuche, darüber gewundert. Oh, ich weiß, Sie können auch stolz -sein und einen mit Ihrem Blick einfach vernichten: ich werde es nicht -vergessen, wie Sie mich damals bei Ihrem Vater ansahen, als Sie aus -Moskau zurückkehrten ... Ich sah Sie damals, aber hätte mich draußen -jemand gefragt: Wie sieht sie aus? -- ich hätte nichts zu sagen gewußt. -Nicht einmal Ihre Größe hätte ich anzugeben gewußt. Wie ich Sie damals -erblickte, erblindete ich. Ihr Porträt dort ist Ihnen gar nicht ähnlich: -Sie haben keine dunklen, sondern helle Augen, nur Ihre langen Wimpern -lassen sie dunkel erscheinen. Sie haben eine volle Gestalt, Sie sind von -mittlerer Größe, aber Ihre volle Gestalt ist straff und leicht wie die -eines gesunden Dorfmädchens. Und auch Ihr Gesicht ist ländlich, ist das -Gesicht einer jungen Dorfschönheit, -- nehmen Sie es mir nicht übel; -denn das ist doch gut, ist ja viel besser so, -- ein rundes, frisches, -helles, kühnes, lachendes und ... schüchternes Gesicht! Wirklich -schüchtern. Und das soll das Gesicht Katerina Nikolajewna Achmakoffs -sein? -- Ja, schüchtern und keusch ist es, ich schwöre Ihnen! Ja, mehr -noch als keusch, -- kindlich ist es! Das ist Ihr Gesicht! Ich habe mich -die ganze Zeit darüber gewundert und mich immer gefragt: ist das -wirklich dieselbe Frau? Jetzt weiß ich, daß Sie sehr klug sind, aber -anfangs dachte ich doch, Sie wären geistlos. Sie haben einen heiteren -Verstand, aber ohne alle Raffiniertheiten ... Und was ich an Ihnen noch -besonders liebe, ist, daß dieses Lächeln Sie nie verläßt; dieses Lächeln -ist mein Paradies! Und dann liebe ich noch Ihre Ruhe, Ihre Stille, und -daß Sie die Worte so gleitend aussprechen, so ruhig und fast lässig, -- -gerade diese Lässigkeit liebe ich. Ich glaube, selbst wenn eine Brücke -unter Ihnen einstürzte, Sie würden auch dann noch ruhig und lässig -irgend etwas sagen ... Ich stellte Sie mir als den Gipfel allen Stolzes -und aller Leidenschaften vor, und nun haben Sie zwei Monate mit mir wie -ein Student zu einem Studenten gesprochen. Ich hätte mir nie gedacht, -daß Sie eine solche Stirn haben; sie ist etwas niedrig, wie bei Statuen, -aber weiß und zart wie Marmor unter dem reichen Haar. Sie haben eine -hohe Brust, einen leichten Gang, Sie sind von außergewöhnlicher -Schönheit, und dabei sind Sie eigentlich gar nicht stolz. Das habe ich -ja erst jetzt begriffen, bis heute habe ich es ja immer noch nicht -geglaubt!« - -Sie hatte diese ganze wilde Tirade mit großen offenen Augen angehört, -sie sah, daß ich zitterte. Ein paarmal hatte sie mit einer reizenden -furchtsamen Gebärde ihre kleine behandschuhte Hand erhoben, um mich -aufzuhalten, aber jedesmal hatte sie ihre Hand verwundert und ängstlich -wieder sinken lassen. Ein paarmal war sie sogar zurückgezuckt und -weitergerückt. Zwei- oder dreimal war auch ihr Lächeln wieder -erschienen; einmal wurde sie feuerrot, zum Schluß aber sah sie -entschieden erschrocken aus und wurde immer bleicher. Kaum war ich -verstummt, da streckte sie die Hand aus und sagte halblaut mit -bittender, weicher Stimme: - -»So dürfen Sie nicht sprechen ... so spricht man nicht ...« - -Und plötzlich erhob sie sich von ihrem Platz und griff ohne Hast nach -ihrem Schal und ihrem Zobelmuff. - -»Sie gehen?« rief ich. - -»Ich fürchte mich wirklich vor Ihnen ... Sie mißbrauchen ...« sagte sie -zögernd, und ich glaubte, ein Bedauern und einen Vorwurf herauszuhören. - -»Hören Sie mich an, -- bei Gott, ich werde die Wand nicht einreißen!« - -»Sie haben ja schon angefangen,« konnte sie sich nicht enthalten zu -sagen, und sie lächelte. »Ich weiß nicht einmal, ob Sie mich -hinauslassen werden?« - -Ich glaube, sie befürchtete wirklich, daß ich sie nicht hinauslassen -würde. - -»Ich werde Ihnen selbst die Tür aufmachen, es steht Ihnen frei, zu -gehen. Aber Sie ... Ich habe einen großen Entschluß gefaßt; und wenn Sie -mir Freude schenken wollen, so bleiben Sie noch, setzen Sie sich und -lassen Sie mich Ihnen nur noch zwei Worte sagen. Aber wenn Sie's nicht -wollen, so gehen Sie, ich werde Ihnen selbst die Tür aufmachen!« - -Sie sah mich an und setzte sich. - -»Mit welcher Empörung wäre eine andere fortgegangen, Sie aber sind -geblieben!« rief ich berauscht. - -»Sie haben sich früher nie erlaubt, so mit mir zu sprechen.« - -»Ich habe früher nie meine Schüchternheit überwinden können. Auch als -ich jetzt hier eintrat, wußte ich nicht, was ich sagen sollte. Sie -glauben, ich wäre jetzt nicht schüchtern? Ich bin es. Aber ich habe -einen großen Entschluß gefaßt, und ich fühle, daß ich ihn ausführen -werde. Und als ich diesen Entschluß gefaßt hatte, da verlor ich gleich -meinen Verstand und begann das alles zu sagen ... Hören Sie mich an, nur -zwei Worte: bin ich ein Spion oder nicht? Antworten Sie mir -- das ist -meine Frage!« - -Das Blut schoß ihr ins Gesicht. - -»Nein, antworten Sie noch nicht, Katerina Nikolajewna, hören Sie erst -alles an, und dann sagen Sie mir die ganze Wahrheit.« - -Ich hatte auf einmal alle Schranken zerbrochen und schwebte in der Luft. - - - II. - -»Vor zwei Monaten stand ich hier hinter der Portiere ... Sie wissen ... -und Sie erzählten Tatjana Pawlowna von jenem Brief. Ich stürzte -schließlich hervor, besinnungslos, außer mir, und verriet mein -Geheimnis. Sie begriffen sofort, daß ich etwas wußte ... Sie mußten es -ja begreifen. Sie suchten ein wichtiges Dokument und befürchteten vieles -... Warten Sie, Katerina Nikolajewna, sagen Sie noch nichts. Ich erkläre -Ihnen hiermit, daß Ihr Verdacht nicht unbegründet war: dieses Dokument -existiert ... das heißt, es hat existiert ... ich habe es gesehen; es -war das ein Brief von Ihnen an Andronikoff, nicht wahr?« - -»Sie haben diesen Brief gesehen?« fragte sie hastig in sichtlicher -Verwirrung und Aufregung. »Wo haben Sie ihn gesehen?« - -»Ich ... ich habe ihn ... bei Krafft gesehen; bei dem, der sich -erschossen hat ...« - -»Wirklich? Sie haben den Brief selbst gesehen? Wo ist er jetzt, was ist -mit ihm geschehen?« - -»Krafft hat ihn zerrissen.« - -»In Ihrer Gegenwart? Haben Sie das selbst gesehen?« - -»Ja, in meiner Gegenwart. Er hat ihn zerrissen, wahrscheinlich, um ihn -vor seinem Tode zu vernichten. Ich wußte ja damals noch nicht, daß er -sich erschießen wollte ...« - -»So ist der Brief vernichtet! Gott sei Dank!« sagte sie langsam und -atmete auf und bekreuzte sich. - -Ich hatte sie nicht belogen. Das heißt, ich hatte ihr natürlich eine -Unwahrheit gesagt; denn das Dokument besaß ich, und Krafft hatte es nie -besessen, doch das war nur eine Nebensache; in der Hauptsache aber hatte -ich nicht gelogen; denn in dem Augenblick, als ich sagte, der Brief wäre -zerrissen worden, gab ich mir das Wort, diesen Brief noch an demselben -Abend zu verbrennen. Wäre der Brief in dem Augenblick in meiner Tasche -gewesen, so hätte ich ihn, mein Ehrenwort, hervorgezogen und ihn ihr -übergeben; aber ich hatte ihn nicht bei mir, er war in meiner Wohnung. -Übrigens, vielleicht hätte ich ihn ihr doch nicht gegeben; denn ich -hätte mich sehr geschämt, ihr zu gestehen, daß ich ihn besessen, und so -lange aufbewahrt und gewartet und ihn ihr nicht gegeben hatte. Deshalb -dachte ich denn: ich verbrenne ihn zu Haus, also ist er schon ebensogut -wie vernichtet, und folglich sage ich ja gar keine Unwahrheit! -Jedenfalls war mein Gewissen rein, und das mit Recht. - -»Und da es so ist,« fuhr ich, beinahe in Ekstase, fort, »so sagen Sie -mir jetzt: Haben Sie mich nur deshalb angelockt, weil Sie vermuteten, -ich wüßte etwas von diesem Dokument? Warten Sie noch einen Augenblick, -Katerina Nikolajewna, sagen Sie noch nichts, lassen Sie mich zu Ende -sprechen: ich habe die ganze Zeit, so lange ich mit Ihnen überhaupt -verkehre, geargwöhnt, daß Sie mich nur aus dem Grunde verwöhnten, weil -Sie von mir Näheres über diesen verschwundenen Brief erfahren wollten, -weil Sie mich zu Geständnissen verleiten wollten ... Warten Sie noch -einen Augenblick: ich argwöhnte das, aber ich litt darunter. Ihr -Doppelspiel war für mich unerträglich; denn ich ... denn ich hatte in -Ihnen das edelste Wesen erkannt! Ich sage Ihnen offen, ganz offen: ich -war Ihr Feind, aber ich habe in Ihnen das edelste Wesen erkannt! Alles -in mir war mit einem Schlage besiegt. Aber Ihr Doppelspiel, das heißt, -der Verdacht, Sie könnten nicht aufrichtig sein, hat mich gequält ... -Jetzt muß sich alles entscheiden, alles erklären, jetzt ist die Stunde -gekommen, aber ... nein, warten Sie noch ein wenig, sagen Sie noch -nichts, hören Sie erst, wie ich selbst die Sache ansehe, gerade jetzt, -in diesem Augenblick! Ich sage Ihnen unverhohlen: wenn es auch so war, -ich werde Ihnen deshalb nicht böse sein ... das heißt, ich wollte sagen, -ich werde es Ihnen nicht übelnehmen; denn es wäre ja so natürlich: ich -verstehe es doch! Was ist denn dabei Unnatürliches und Schlechtes? Das -Dokument quält Sie, Sie haben einen im Verdacht, daß er etwas davon weiß -oder alles weiß; da mußten Sie doch, das ist ja selbstverständlich, den -Wunsch haben, von diesem Wissenden etwas zu erfahren, ihn zum Sprechen -zu veranlassen ... Dabei ist doch nichts Schlechtes, wirklich nicht! Ich -sage das ganz aufrichtig! ... Aber es ist doch notwendig, daß Sie mir -jetzt irgend etwas sagen ... daß Sie ein Geständnis ablegen (verzeihen -Sie das Wort)! Ich muß die Wahrheit wissen! Aus einem besonderen Grunde! -So sagen Sie mir jetzt: sind Sie _deshalb_ freundlich zu mir gewesen, um -über das Dokument etwas von mir zu erfahren ... Katerina Nikolajewna?« - -Ich sprach wie ein aus Höhen Herabfallender, und meine Stirn brannte. -Sie hörte mich bereits ohne Aufregung an, im Gegenteil, es lag -Mitempfinden in ihrem Gesicht; aber ihr Blick war schüchtern, als schäme -sie sich. - -»Ja, deshalb,« sagte sie langsam und halblaut. »Verzeihen Sie mir, es -war unrecht von mir,« fügte sie plötzlich hinzu und hob ihre Hände ein -wenig mir entgegen. Das hätte ich nimmer erwartet. Auf alles war ich -gefaßt, alles hätte ich erwartet, nur diese Worte nicht; nicht von ihr, -obgleich ich sie doch schon kannte. - -»Und Sie sagen mir das so: >es war unrecht von mir<! Sagen es so ohne -weiteres und offen, daß es unrecht von Ihnen war?« rief ich aus. - -»Oh, ich habe es schon lange gefühlt, daß ich Ihnen unrecht tat, ich -habe meine Schuld empfunden ... und ich bin sogar froh, daß es jetzt zur -Sprache gekommen ist ...« - -»Schon lange gefühlt? Aber warum haben Sie denn nichts gesagt?« - -»Ja, ich wußte nicht, wie ich es sagen sollte,« sagte sie lächelnd. »Das -heißt, ich hätte es vielleicht auch gewußt,« lächelte sie wieder, »aber -ich schämte mich immer mehr ... denn ich hatte Sie anfangs tatsächlich -nur deshalb >angelockt<, wie Sie sich ausdrückten, dann aber wurde mir -alles das sehr bald zuwider ... und diese ganze Verstellung hatte ich -bald so satt, das können Sie mir glauben!« fügte sie mit bitterem Gefühl -hinzu, »und überhaupt alle diese Suchereien!« - -»Aber warum, warum haben Sie mich dann nicht einfach gefragt, ganz offen -und ehrlich? Sie hätten nur zu sagen gebraucht: >Du weißt doch von -diesem Brief, warum verstellst du dich?< -- und ich hätte Ihnen sofort -alles gesagt, hätte sofort alles gestanden!« - -»Ja, ich ... fürchtete Sie ein wenig. Ich muß gestehen, ich traute Ihnen -nicht ganz. Und es ist doch wahr: wenn ich nicht ganz aufrichtig gewesen -bin, so sind Sie es ja auch nicht gewesen,« schloß sie und lachte leise. - -»Ja, wahrhaftig, ich hatte Ihr Vertrauen nicht verdient!« rief ich -betroffen. »Oh, Sie kennen noch nicht die ganze unermeßliche Tiefe -meines Falles!« - -»Ach, sogar schon unermeßliche Tiefe! Ich erkenne Ihren Stil wieder,« -lächelte sie still. »Dieser Brief,« fuhr sie traurig fort, »war die -häßlichste und leichtsinnigste Tat meines Lebens. Das Bewußtsein dieser -Tat ist mir eine ewige Selbstanklage gewesen. Ich habe unter dem Einfluß -der Umstände und verschiedener Befürchtungen an meinem lieben, -großmütigen Vater gezweifelt. Und da ich wußte, daß dieser Brief ... -bösen Menschen in die Hände fallen konnte ... und da ich allen Grund -hatte, das zu fürchten,« sagte sie erregt, »so zitterte ich bei dem -Gedanken, daß man ihn benutzen, meinem Papa zeigen könnte ... Dieser -Brief hätte auf ihn einen so schrecklichen Eindruck machen können ... -bei seinem Zustande ... bei seiner angegriffenen Gesundheit ... er hätte -aufgehört, mich zu lieben ... Ja,« fuhr sie fort und sah mir hell in die -Augen, da sie in meinem Blick wohl einen flüchtigen Gedanken gelesen -hatte, »ja, ich fürchtete auch für meine Zukunft: ich fürchtete, er -könnte ... unter dem Einfluß seiner Krankheit ... mir seine -Unterstützung entziehen ... Diese Sorge beunruhigte mich gleichfalls, -aber ich habe ihm gewiß auch in dieser Beziehung unrecht getan: er ist -so gut und großmütig, daß er mir bestimmt verziehen hätte. Und das war -alles. Daß ich mich aber Ihnen gegenüber so verhalten habe, das war -nicht richtig von mir,« schloß sie plötzlich wieder verlegen. »Jetzt muß -ich mich vor Ihnen schämen.« - -»Nein, Sie haben keinen Grund, sich vor mir zu schämen!« rief ich. - -»Ich habe, in der Tat, auf ... Ihr heißes Temperament gerechnet ... und -gestehe Ihnen das,« sagte sie leise mit gesenktem Blick. - -»Katerina Nikolajewna! Wer, sagen Sie, wer zwingt Sie, mir dieses -Geständnis zu machen?« rief ich wie trunken. »Sie hätten doch nur -aufzustehen und mir in den gewähltesten Ausdrücken auf die feinste Weise -zu erklären brauchen, wie zweimal zwei vier ist, daß, wenn auch etwas -gewesen ist, eigentlich doch nichts gewesen sei, -- Sie wissen schon: -wie man so in Ihren hohen Kreisen mit der Wahrheit umzugehen pflegt. Ich -bin doch unerfahren und unschlau, ich hätte Ihnen sofort geglaubt, Ihnen -hätte ich alles geglaubt, gleichviel was Sie gesagt hätten! Es hätte -Ihnen doch nichts gekostet, so zu handeln? Sie können sich doch in der -Tat nicht vor mir fürchten? Wie konnten Sie sich freiwillig so vor mir -erniedrigen, vor mir, dem vorwitzigen Jungen, vor so einem traurigen -Jüngling?« - -»Darin wenigstens habe ich mich nicht vor Ihnen erniedrigt,« sagte sie -mit freiem Stolz: sie hatte meine Worte offenbar nicht verstanden. - -»Oh, im Gegenteil, im Gegenteil! Nur das sage ich ja die ganze Zeit -...!« - -»Ach, das war so häßlich und so leichtsinnig von mir!« rief sie und -legte ihre Hand auf die Augen. »Ich habe mich noch gestern so geschämt, -und deshalb war ich auch so mißgestimmt, als Sie bei mir waren ... Es -war ja nur,« fuhr sie auf einmal fort, »weil meine Verhältnisse sich so -gestalteten, daß ich endlich die ganze Wahrheit über den Verbleib dieses -unseligen Briefes erfahren mußte ... ich war ja schon daran, ihn ganz zu -vergessen ... Denn ich habe Sie durchaus nicht nur deshalb bei mir -empfangen,« fügte sie auf einmal hinzu. - -Mein Herz erzitterte. - -»Natürlich nicht,« sagte sie mit einem feinen Lächeln, »natürlich nicht -nur deshalb! Ich ... Sie bemerkten vorhin sehr richtig, Arkadi -Makarowitsch, wir hätten miteinander oft so gesprochen wie ein Student -mit einem Studenten. Sie können mir glauben, daß ich mich in der -Gesellschaft oft sehr langweile; besonders jetzt nach meiner Rückkehr -aus dem Auslande und allen diesen Unglücksfällen in unserer Familie ... -Ich gehe jetzt auch nur selten aus und das nicht nur aus Trägheit. Oft -habe ich Lust, aufs Land zu ziehen. Dort würde ich noch einmal alle -meine Lieblingsbücher lesen, die ich schon so lange nicht mehr in der -Hand gehabt habe, und hier komme ich immer nicht dazu, sie wieder zu -lesen. Ich habe mit Ihnen schon darüber gesprochen. Erinnern Sie sich -noch, Sie lachten darüber, daß ich russische Zeitungen lese und sogar -zwei Zeitungen täglich?« - -»Ich habe nicht gelacht ...« - -»Aber das hat Sie doch auch erregt, und ich habe Ihnen ja schon lange -gestanden: ich bin Russin und liebe Rußland. Wissen Sie noch, wie wir -immer zusammen die >Fakta< lasen, wie Sie sie nannten,« sagte sie -lächelnd. »Sie waren zwar recht oft etwas ... wunderlich, aber Sie -konnten sich manchmal so erregen und begeistern, und dann haben Sie -immer eine treffende Bemerkung gemacht, und immer haben Sie sich gerade -für das interessiert, was mich interessierte. Wenn Sie >Student< sind, -sind Sie wirklich reizend und originell. Aber die anderen Rollen, die, -scheint es, eignen sich weniger für Sie,« meinte sie mit einem -entzückenden schelmischen Lächeln. »Wissen Sie noch, wie wir zuweilen -stundenlang nur Zahlen zusammenrechneten und verglichen, wie wir -zählten, wieviel Schulen es in Rußland gibt, in welcher Richtung sich -bei uns die Aufklärung bewegt. Wir zählten die Morde und Kriminalfälle -und zählten die guten Nachrichten und hielten sie dann gegeneinander ... -wir wollten feststellen, wohin das alles strebte, und was schließlich -aus uns selbst werden würde. Ich habe in Ihnen so viel echte -Aufrichtigkeit gefunden. In der Gesellschaft spricht man mit uns Frauen -niemals so. In der vorigen Woche versuchte ich mit dem Fürsten ...off -über Bismarck zu sprechen, weil dieses Problem mich so interessiert und -ich mir eine Lösung nicht denken konnte. Und stellen Sie sich vor, er -setzte sich neben mich und begann mir alles zu erklären, sogar sehr -eingehend und ausführlich, aber bei alledem doch mit diesem gewissen -Sarkasmus, eben mit dieser für mich unerträglichen Nachsicht, mit der -die >großen Männer< gewöhnlich mit uns Frauen sprechen, wenn wir uns >in -Dinge einmischen, die uns nichts angehen< ... Und wissen Sie noch, wie -wir uns wegen Bismarck einmal fast verzankt hätten? Sie erklärten mir, -auch Sie hätten eine Idee, und die wäre sogar >viel reiner< als die -Bismarcksche,« sagte sie lachend. »Ich bin in meinem Leben nur zwei -Männern begegnet, die mit mir wirklich ganz ernsthaft gesprochen haben: -meinem verstorbenen Mann, der ein sehr, sehr kluger und vornehmer Mensch -war,« sagte sie überzeugt, »und dann noch -- Sie wissen, wem ...« - -»Werssiloff!« rief ich. Ich lauschte fast atemlos auf jedes ihrer Worte. - -»Ja, ich habe es sehr geliebt, ihm zuzuhören, ich sprach mit ihm -schließlich ganz ... vielleicht gar zu aufrichtig, aber gerade dann -glaubte er mir nicht!« - -»Er glaubte Ihnen nicht?« - -»Nein, und auch sonst hat mir ja noch nie jemand geglaubt.« - -»Aber Werssiloff, Werssiloff!« - -»Nicht nur, daß er mir nicht glaubte,« sagte sie mit gesenktem Blick und -einem eigentümlichen Lächeln, »er meinte sogar, in mir wären >alle -Laster< ...« - -»Von denen kein einziges in Ihnen ist!« - -»Doch, auch ich habe welche.« - -»Werssiloff hat Sie nicht geliebt, deshalb hat er Sie auch nicht -verstanden,« rief ich mit blitzenden Augen. In ihrem Gesicht zuckte es -eigen. - -»Lassen Sie das, und reden Sie mir nie wieder von ... diesem Menschen,« -sagte sie erregt und abweisend. »Doch genug; es ist Zeit für mich.« Sie -erhob sich, um aufzubrechen. »Nun, und wie wird es zwischen uns: -verzeihen Sie mir, oder verzeihen Sie mir nicht?« fragte sie und sah mir -hell in die Augen. - -»Ich ... Ihnen ... verzeihen ...! Hören Sie mich, Katerina Nikolajewna, -und seien Sie mir nicht böse: ist es wahr, daß Sie heiraten werden?« - -»Das ist noch gar nicht entschieden,« sagte sie, als hätte irgend etwas -sie erschreckt, und mit einer gewissen Verwirrung. - -»Ist er ein guter Mensch? Verzeihen Sie, verzeihen Sie mir diese Frage!« - -»Ja, ein sehr guter Mensch ...« - -»Antworten Sie mir nicht mehr, würdigen Sie mich keiner Antwort mehr! -Ich weiß doch, daß solche Fragen von mir etwas Unmögliches sind! Ich -wollte ja nur wissen, ob er Ihrer wert ist, aber ich werde das schon -selbst erfahren.« - -»Ach, nein, das geht doch nicht!« sagte sie erschrocken. - -»Nein, nein, ich werde es nicht, ich werde es nicht tun. Ich verzichte -... Aber nur das will ich Ihnen noch sagen: Gott gebe Ihnen jedes Glück, -jedes, das Sie sich selbst wünschen ... dafür, daß auch Sie mir jetzt -soviel Glück gegeben haben, in dieser einen Stunde! Sie haben sich jetzt -auf ewig in mein Herz geprägt. Ich habe einen Schatz erworben: den -Gedanken an Ihre Vollkommenheit. Ich argwöhnte Hinterlist, rohe -Koketterie und war unglücklich ... denn ich konnte diesen Gedanken nicht -mit Ihrem Bilde vereinigen ... In der letzten Zeit habe ich mich Tag und -Nacht damit gequält, doch jetzt ist auf einmal alles klar und licht wie -der Tag! Als ich herkam, dachte ich, ich würde Jesuitismus, Schlauheit -und eine aushorchende Schlange finden, statt dessen fand ich Ehre und -Stolz, fand einen >Studenten<! Sie lachen? Meinetwegen, lachen Sie nur, -das tut nichts, das tut nichts! Sie sind doch eine Heilige, Sie können -nicht über das lachen, was heilig ist ...« - -»O nein, ich lache nur über Ihre schrecklichen Ausdrücke. Was ist das -nun wieder für eine >aushorchende Schlange<?« lachte sie. - -»Ihnen ist heute ein kostbares Wort entschlüpft,« fuhr ich begeistert -fort. »Wie konnten Sie mir so von Angesicht zu Angesicht sagen, Sie -hätten auf mein >heißes Temperament gerechnet<? Nun gut, mögen Sie als -Heilige auch das gestanden haben -- da Sie sich schuldig glaubten und -sich selbst strafen wollten ... obschon von einer Schuld gar nicht die -Rede sein kann; denn wenn da auch etwas gewesen sein sollte, so ist doch -nichts gewesen, da alles, was von Ihnen kommt, heilig ist! -- Aber Sie -hätten doch gerade dieses Wort nicht zu sagen brauchen, nicht diesen -Ausdruck ...! Eine solche geradezu unnatürliche Offenherzigkeit beweist -nur Ihre hohe Keuschheit, Ihre Achtung vor mir, Ihren Glauben an mich,« -rief ich wirr. »Oh, erröten Sie nicht, erröten Sie nicht ...! Und wer, -wer hat Sie so verleumden und sagen können, Sie wären ... eine -leidenschaftliche Frau? Oh, verzeihen Sie mir! -- Ich sehe einen -gequälten Ausdruck in Ihrem Gesicht; verzeihen Sie einem außer sich -geratenen Jüngling seine plumpen Worte! Aber kommt es denn jetzt auf -Worte, auf Ausdrücke an? Stehen Sie denn nicht über allen Ausdrücken -...? Werssiloff hat mir einmal gesagt, Othello hätte nicht deshalb -Desdemona getötet und dann sich selbst, weil er eifersüchtig war, -sondern weil man ihm sein Ideal genommen hatte ... Ich kann das -verstehen, denn mir hat man heute mein Ideal wiedergegeben!« - -»Sie rühmen mich gar zu sehr, ich bin dessen nicht wert,« sagte sie mit -innigem Gefühl. »Wissen Sie noch, was ich Ihnen einmal über Ihre Augen -gesagt habe?« fügte sie, wie um abzulenken, als scherzhafte Frage hinzu. - -»Daß ich nicht Augen hätte, sondern statt der Augen zwei Mikroskope, und -daß ich aus jeder Fliege ein Kamel machte! Nein, diesmal übertreibe ich -nicht ...! Wie, Sie gehen schon?« - -Sie stand mitten im Zimmer, den Muff und ihren Schal in der Hand. - -»Nein, ich warte, bis Sie gegangen sind, ich gehe später. Ich werde noch -zwei Worte an Tatjana Pawlowna schreiben.« - -»Ich gehe gleich, sofort, aber noch einmal: werden Sie glücklich, allein -oder mit dem, den Sie erwählen, das gebe Gott! Ich aber -- ich brauche -nichts weiter als ein Ideal!« - -»Lieber, guter Arkadi Makarowitsch, glauben Sie mir, daß ich Sie ... -Mein Vater sagt von Ihnen immer: >Dieser liebe, dieser gute Junge!< -Glauben Sie mir, ich werde nie vergessen, was Sie mir von dem armen -Jungen, der bei fremden Menschen untergebracht worden war, und von -seinen einsamen Träumen erzählt haben ... Ich verstehe so gut, wie Ihre -Seele sich unter diesen Verhältnissen entwickelt hat ... Aber jetzt,« -fuhr sie mit einem bittenden und verlegenen Lächeln fort, indem sie -meine Hand drückte, »jetzt dürfen wir uns, obschon wir Studenten sind, -doch nicht mehr sehen, wir dürfen nicht mehr wie früher verkehren und, -und ... Sie werden das doch wohl selbst einsehen?« - -»_Nicht_ mehr?« - -»Nein, nicht mehr, lange nicht mehr ... daran bin ich nun schuld ... Ich -sehe, daß das jetzt ganz unmöglich ist ... Wir werden uns wohl treffen, -manchmal, bei Papa ...« - -»Sie fürchten mein >heißes Temperament<, Sie trauen mir nicht?« wollte -ich schon ausrufen; aber da sah ich, wie sehr sie sich auf einmal vor -mir schämte, und die Worte kamen mir nicht über die Lippen. - -»Sagen Sie,« hielt sie mich plötzlich noch einmal auf, als ich schon zur -Tür ging, »haben Sie es selbst gesehen, daß ... dieser Brief zerrissen -worden ist? Kann es nicht ein Irrtum sein? Wissen Sie es genau? Woher -wußten Sie, daß es gerade dieser Brief an Andronikoff war?« - -»Krafft hat mir seinen Inhalt erzählt und ihn mir sogar gezeigt ... -Leben Sie wohl! Wenn ich bei Ihnen war, war ich schüchtern in Ihrer -Gegenwart, aber wenn Sie hinausgingen, wäre ich hingestürzt, um die -Stelle zu küssen, wo Ihr Fuß gestanden hatte ...« kam es plötzlich über -meine Lippen, ich wußte selbst nicht, wie und wozu ich es sagte, und ich -ging, ohne sie anzusehen, schnell aus dem Zimmer. - -Ich fuhr schnurstracks nach Haus; ich war von Entzücken erfüllt. In -meinem Kopf drehte sich alles wie im Wirbelsturm, und mein Herz war -übervoll. Als ich vor dem Hause, in dem meine Mutter wohnte, vorfuhr, -fiel mir plötzlich Lisas Undankbarkeit gegen Anna Andrejewna ein und ihr -hartes ungeheuerliches Wort, das sie vorhin gesagt hatte, und auf einmal -tat mir das Herz um sie alle weh! - -»Wie hart doch ihrer aller Herzen sind! Und Lisa, was mag sie nur -haben?« dachte ich, als ich aus dem Schlitten stieg. - -Ich entließ meinen Schlitten und befahl ihm, um neun Uhr vor meiner -Wohnung auf mich zu warten. - - - Fünftes Kapitel. - - - I. - -Ich kam etwas zu spät, aber sie hatten sich noch nicht zu Tisch gesetzt -und warteten auf mich. Wie ich sah, hatte man noch einige besondere -Gerichte hinzugefügt, vermutlich deshalb, weil ich selten bei ihnen aß: -Sardinen als Vorspeise usw. Aber zu meiner Verwunderung und zu meinem -Bedauern sahen die Meinigen alle gleichsam sorgenvoll und verstimmt aus: -Lisa lächelte kaum, als sie mich erblickte, und Mama war sichtlich -beunruhigt; Werssiloff lächelte zwar, aber ich sah ihm an, daß er sich -dazu zwingen mußte. »Sollten sie sich etwa verzankt haben?« dachte ich -flüchtig. Übrigens ging zu Anfang alles gut: Werssiloff runzelte nur -wegen der Suppe mit Klößchen die Stirn und schnitt ein Gesicht, als -Srasy gereicht wurden. - -»Ich brauche nur zu sagen, daß ich irgendeine Speise nicht vertrage, -dann steht sie unfehlbar am nächsten Tage auf dem Tisch,« sagte er -unwillkürlich geärgert. - -»Aber was soll man sich denn ausdenken, Andrei Petrowitsch? Es fällt -einem doch wirklich nichts Neues ein,« sagte meine Mutter zaghaft. - -»Deine Mutter ist das gerade Gegenteil von einigen unserer Zeitungen, -bei denen alles gut ist, was neu ist,« versuchte Werssiloff etwas -humoristisch und freundschaftlich zu scherzen, aber es mißlang ihm, und -er erschreckte meine Mutter nur noch mehr, die von diesem Vergleich mit -den Zeitungen natürlich nichts begriff und verständnislos von einem zum -anderen sah. - -Da kam Tatjana Pawlowna; sie sagte, sie hätte schon gegessen, und setzte -sich neben Mama auf den Diwan. - -Mir war es nicht gelungen, die Geneigtheit dieser Dame zu erwerben; ja, -sie verhielt sich jetzt noch feindlicher gegen mich und fiel schließlich -wegen jeder Kleinigkeit über mich her. Besonders in der letzten Zeit -hatte sich ihre Unzufriedenheit mit mir sehr gesteigert: meine -stutzerhafte Kleidung konnte sie einfach nicht sehen, und wie Lisa mir -erzählte, war sie beinahe in Ohnmacht gefallen, als es einmal zur -Sprache kam, daß ich mir den Schlitten hielt. Kurz, ich hatte in der -letzten Zeit Begegnungen mit ihr nach Möglichkeit zu vermeiden gesucht. -Damals, nach Werssiloffs Verzicht auf die Erbschaft, vor zwei Monaten, -war ich schleunigst zu ihr gegangen, um mit ihr über Werssiloffs -Handlungsweise zu sprechen, hatte aber bei ihr nicht das geringste -Verständnis gefunden: sie war sogar sehr erbittert gewesen; denn es -gefiel ihr gar nicht, daß alles und nicht nur die Hälfte zurückgegeben -worden war; mich aber hatte sie auf einmal sogar scharf angefahren: - -»Und du bildest dir jetzt wohl ein, er hätte das Geld zurückgegeben und -zum Duell gefordert, einzig um deine Meinung über sich zu verbessern!« - -Und sie hatte es auch wirklich fast erraten: im geheimen hatte ich -tatsächlich etwas Ähnliches gedacht. - -Als sie jetzt eintrat, fühlte ich sofort, daß sie mich unbedingt wieder -angreifen würde; ja, ich war bis zu einem gewissen Grade sogar -überzeugt, daß sie eigentlich nur zu dem Zweck gekommen war, und deshalb -benahm ich mich auf einmal recht ungezwungen und flott; und das kostete -mich auch nicht die geringste Anstrengung, da ich mich nach dem letzten -Erlebnis immer noch in strahlend freudiger Stimmung befand. Ich möchte -hier ein für allemal bemerken, daß Flottheit in meinem ganzen Leben -nicht zu mir gepaßt hat, das heißt, sie paßt nun einmal nicht zu meinem -Gesicht und hat mir bisher auch immer nur Schande gebracht. So geschah -es auch jetzt: im Augenblick legte ich mich selbst hinein. Da es mir -zufällig auffiel, daß Lisa so wortkarg war, bemerkte ich plötzlich, rein -aus Leichtsinn, ohne jede böse Absicht und überhaupt ganz unbedacht: - -»Alle Jubeljahre einmal esse ich hier bei euch, und da mußt du, Lisa, -ausgerechnet heute so trübselig sein!« - -»Ich habe Kopfschmerzen,« erwiderte Lisa. - -»Ach, mein Gott, so hört doch nur!« fuhr Tatjana Pawlowna sogleich auf, -»darf sie denn nicht auch einmal Kopfschmerzen haben? Bloß weil der -hochverehrte Arkadi Makarowitsch zum Essen herüberzukommen geruht hat, -muß sie gleich tanzen und ihn amüsieren!« - -»Sie sind wahrhaftig das Unglück meines Lebens, Tatjana Pawlowna! Nie -wieder werde ich herkommen, wenn Sie hier sind!« Ich schlug in ehrlichem -Ärger mit der Hand auf den Tisch; Mama fuhr zusammen, und Werssiloff sah -mich sonderbar an. Da lachte ich auf und entschuldigte mich. - -»Tatjana Pawlowna, ich nehme mein Wort zurück,« wandte ich mich an sie -und fuhr immer noch fort, den Flotten zu spielen. - -»Nein, nein,« wehrte sie kurz ab, »es ist mir viel schmeichelhafter, -dein Unglück zu sein, als umgekehrt, sei versichert!« - -»Mein Lieber, die kleinen Unglücksfälle des Lebens muß man übersehen -können,« meinte Werssiloff lächelnd, »ohne Unglück lohnt es sich nicht -zu leben.« - -»Wissen Sie, Sie sind mitunter schrecklich konservativ,« rief ich und -lachte nervös. - -»Mein Freund, das ist nebensächlich.« - -»Nein, nicht nebensächlich! Warum sagen Sie einem Esel nicht die -Wahrheit, wenn er ein Esel ist?« - -»Sprichst du nicht gar von dir selbst? Erstens will ich keines Menschen -Richter sein und kann's auch nicht.« - -»Warum wollen Sie nicht, und warum können Sie nicht?« - -»Teils aus Faulheit, teils aus Widerwillen. Eine kluge Frau hat mir -einmal gesagt, ich hätte kein Recht, über andere zu richten, weil ich ->nicht zu leiden verstünde<; um Richter über andere werden zu können, -müsse man sich das Recht zum Richten durch Leid erst verdienen. Ein -wenig hochtrabend, aber in der Anwendung auf mich vielleicht doch -richtig, so daß ich mich sogar bereitwilligst diesem Urteil unterwarf.« - -»Hat Ihnen das wirklich Tatjana Pawlowna gesagt?« fragte ich überrascht. - -»Woher weißt du das?« Werssiloff sah mich mit einiger Verwunderung an. - -»Ich habe es aus Tatjana Pawlownas Gesicht erraten: es zuckte in ihm -etwas, als Sie das sagten.« - -Ich hatte es wirklich ganz zufällig erraten. Später stellte sich heraus, -daß Tatjana Pawlowna diese Worte am Abend vorher in einem hitzigen -Gespräch zu Werssiloff gesagt hatte. Und überhaupt, das sei nochmals -gesagt, warf ich mich ihnen mit meiner Freude und meiner Mitteilsamkeit -sehr zur unrechten Zeit an den Hals: jeder von ihnen hatte sein Leid, -und keines davon war leicht. - -»Nein, das verstehe ich nicht,« sagte ich, »das ist alles so abstrakt; -und überhaupt ist das ein Zug von Ihnen: Sie lieben es furchtbar, -abstrakt zu sprechen, Andrei Petrowitsch; das ist ein egoistischer Zug: -abstrakt zu sprechen lieben nur Egoisten.« - -»Nicht dumm gesagt, aber dränge dich nicht auf.« - -»Nein, erlauben Sie mal,« fuhr ich fort, ihnen auf den Leib zu rücken, -»was heißt das: >das Recht zum Richten sich durch Leid verdienen<? Wer -ehrlich ist, der kann auch Richter sein -- das ist meine Meinung.« - -»In dem Fall wirst du wohl nicht viele Richter zusammenbringen.« - -»Einen kenne ich schon.« - -»Wer ist denn das?« - -»Er sitzt hier und spricht mit mir.« - -Werssiloff lächelte sonderbar, beugte sich zu meinem Ohr, und, indem er -mich an der Schulter faßte, flüsterte er mir zu: »Der belügt dich in -allem.« - -Bis heute verstehe ich noch nicht, was er damals im Sinn hatte, doch -offenbar war er in dem Augenblick innerlich sehr erregt (infolge einer -besonderen Nachricht, wie ich mir später überlegte). Aber dieses Wort: -»Der belügt dich in allem« war so unerwartet und so ernst gesagt und mit -einem so sonderbaren, gar nicht scherzhaften Ausdruck, daß ich -unwillkürlich nervös zusammenzuckte, beinahe erschrak und ihn entsetzt -ansah; aber schon besann sich Werssiloff und lachte auf. - -»Ach nun, Gott sei Dank!« sagte Mama, die es erschreckt hatte, daß er -mir etwas ins Ohr gesagt, »ich, ich dachte schon, weiß Gott ... Du, -Arkascha, sei uns nicht böse; kluge Leute wirst du überall finden, aber -wer würde dich wohl liebhaben, wenn wir nicht da wären?« - -»Das ist eben das Unsittliche an der verwandtschaftlichen Liebe, Mama, -daß sie unverdiente Liebe ist. Liebe muß man verdienen.« - -»Ach, bis du sie dir erst verdienst, das wird lange dauern, hier aber -wirst du schon so und umsonst geliebt.« - -Da mußten alle lachen. - -»Nun, Mama, Sie hatten vielleicht gar nicht die Absicht, zu schießen, -aber den Vogel haben Sie doch getroffen!« rief ich, gleichfalls lachend. - -»Und du hast dir wohl eingebildet, daß du Liebe schon wirklich irgendwie -verdient hättest?« fiel Tatjana Pawlowna wieder über mich her. »Sie -lieben dich hier nicht nur ohne dein Verdienst, sie lieben dich sogar -trotz ihres Ekels vor dir!« - -»Ach nein, so ist es doch nicht!« rief ich lustig. »Wissen Sie -vielleicht, wer mir heute gesagt hat, daß er mich liebt?« - -»Gesagt, indem man sich über dich lustig machte!« fiel mir Tatjana -Pawlowna sofort erbost und geradezu verblüffend schlagfertig ins Wort, -ganz, als hätte sie gerade auf diese Bemerkung von mir nur gewartet. -»Jeder anständige Mensch, und besonders jede Frau, muß ja allein schon -vor deinem seelischen Schmutz Ekel empfinden. Du hast einen Scheitel auf -dem Kopf und die feinste Wäsche an, und deinen Anzug hat ein -französischer Schneider gearbeitet, aber dabei ist das alles doch nur -Schmutz! Wer ist es, der deine Kleider bezahlt, dich ernährt, dir Geld -gibt, um Roulette zu spielen? Besinne dich, von wem du das Geld -anzunehmen dich nicht schämst!« - -Mama wurde vor Scham so rot, wie ich sie noch nie erröten gesehen hatte. -In mir krampfte sich alles zusammen. - -»Wenn ich verschwende, so verschwende ich mein eigenes Geld und bin -keinem Rechenschaft schuldig,« versuchte ich das Gespräch kurz -abzubrechen, wurde aber doch feuerrot. - -»Dein eigenes? Seit wann dein eigenes?« - -»Wenn nicht meines, so ist es doch Andrei Petrowitschs Geld. Er wird es -mir nicht abschlagen ... Ich habe es vom Fürsten genommen, _à -conto_{[42]} des Geldes, das er Andrei Petrowitsch schuldet ...« - -»Mein Freund,« sagte plötzlich Werssiloff in sehr bestimmtem Ton, »von -seinem Gelde gehört mir keine Kopeke.« - -Dieser Satz war nur zu bedeutungsvoll. Ich blieb stumm vor Überraschung. -Oh, wenn ich jetzt an meine damalige paradoxe und sorglose Stimmung -denke, so sage ich mir, daß ich mich in dem Augenblick sicherlich durch -einen »edlen« Impuls oder mit einem schlagfertigen Wort oder sonstwie -herausgerissen hätte, aber da sah ich auf einmal in Lisas finsterem -Gesicht einen bösen, anklagenden Ausdruck, einen ungerechten Vorwurf, -fast Spott, und da war's, als ritte mich der Teufel: - -»Und Sie, mein Fräulein,« wandte ich mich plötzlich an sie, »Sie -scheinen ja neuerdings sehr oft Darja Onissimowna in der Wohnung des -Fürsten zu besuchen? Vielleicht ist es Ihnen gefällig, ihm diese -dreihundert Rubel zu übergeben, da Sie mich dieses Geldes wegen heute -schon so geschunden haben!« - -Ich zog die Dreihundert hervor und hielt sie ihr hin. Wird man es mir -glauben, daß ich diese dummen Worte ganz unbedacht sagte, das heißt, -ohne die geringste Anspielung auf irgend etwas. Und das war ja auch ganz -natürlich; denn ich hatte doch damals noch keine Ahnung davon, worauf -diese Worte eine Anspielung hätten sein können. Ich hatte eigentlich nur -den Wunsch gehabt, sie ein wenig zu sticheln, und zwar mit einer -verhältnismäßig ganz harmlosen Bemerkung, die ungefähr soviel sagen -sollte, wie: »Wenn Sie, mein Fräulein, sich um Dinge kümmern, die Sie -nichts angehen, würde es Ihnen dann nicht auch gefällig sein, mit diesem -Fürsten zusammenzukommen, mit dem jungen Kavalier und Petersburger -Leutnant, und ihm dieses Geld selbst einzuhändigen, da Sie sich ja so -gern in die Angelegenheiten junger Männer einmischen!« Aber wie groß war -meine Bestürzung, als plötzlich meine Mutter aufstand und mir mit dem -Finger drohend erregt zurief: - -»Untersteh dich nicht, untersteh dich nicht!« - -So etwas hätte ich von ihr nie im Leben erwartet! Ich sprang auf, nicht -vor Schreck, sondern wie vor Schmerz, gleichsam mit einer qualvollen -Wunde im Herzen, weil ich plötzlich erriet, daß etwas Schweres geschehen -war. Aber meine Mutter hielt es nicht lange aus: sie bedeckte das -Gesicht mit den Händen und verließ schnell das Zimmer. Lisa ging ihr -nach, ohne auch nur einen Blick auf mich zu werfen. Tatjana Pawlowna sah -mich wohl eine halbe Minute lang schweigend an: - -»Solltest du wirklich dich jetzt herauslügen können?« rief sie -schließlich rätselhaft und sah mich mit größter Verwunderung an, doch -wartete sie meine Antwort nicht ab und eilte ihnen nach. Werssiloff -erhob sich mit feindseligem, fast bösem Gesicht und nahm vom Ecktisch -seinen Hut. - -»Mir scheint, du bist gar nicht so dumm, sondern nur ahnungslos,« sagte -er undeutlich, mit halbem Spott. »Wenn sie kommen, so sage ihnen, daß -sie mit der Torte nicht auf mich warten sollen: ich gehe ein wenig an -die Luft.« - -Ich blieb allein; zunächst fand ich alles nur sonderbar, dann kränkend, -und schließlich wurde es mir ganz klar, daß ich der Schuldige war. -Allerdings wußte ich nicht genau, was ich denn nun verbrochen haben -konnte, aber ich hatte doch ein gewisses Schuldgefühl. Ich saß am -Fenster und wartete. Nach ungefähr zehn Minuten nahm ich gleichfalls -meinen Hut und ging nach oben, in mein ehemaliges Giebelstübchen. Ich -wußte, daß sie dort waren, das heißt Mama und Lisa, und daß Tatjana -Pawlowna sie schon verlassen hatte. Und so fand ich sie auch beide oben -im Stübchen auf meinem Diwan sitzend und flüsternd. Als ich erschien, -verstummten sie sogleich. Zu meinem Erstaunen waren sie mir gar nicht -böse; meine Mutter wenigstens lächelte mir zu. - -»Mama, ich möchte um Verzeihung bitten ...« begann ich. - -»Schon gut, schon gut, tut ja nichts,« unterbrach mich meine Mutter, -»wenn ihr euch nur immer liebhabt und nicht zankt, so wird euch Gott -auch schon Glück geben.« - -»Er wird mich niemals wissentlich kränken, Mama, glauben Sie mir!« sagte -Lisa überzeugt und mit aufrichtigem Gefühl. - -»Wenn nicht diese Tatjana Pawlowna dagewesen wäre, so wäre auch nichts -geschehen,« rief ich geärgert. »So ein schändliches Weibsbild!« - -»Sehen Sie, Mama? Hören Sie?« fragte Lisa, indem sie auf mich wies. - -»Ich werde euch folgendes sagen,« erklärte ich auf einmal, »wenn in der -Welt etwas schlecht ist, so bin ich allein dieses Schlechte, alles -übrige ist einfach wundervoll!« - -»Arkascha, sei nicht böse, Lieber, aber wirklich, wenn du aufhören -wolltest ...« - -»Zu spielen? Ja, ich werde aufhören, Mama: heute gehe ich zum letztenmal -hin, das ist doch selbstverständlich, nachdem Andrei Petrowitsch erklärt -hat, daß er beim Fürsten keine Kopeke zugute habe. Sie glauben mir -nicht, wie sehr ich mich schäme ... Übrigens muß ich mit ihm noch -Rücksprache nehmen ... Mama, Liebe, das vorige Mal habe ich hier ... ein -häßliches Wort gesagt ... Mamachen, das war nicht ernst gemeint: es ist -mein aufrichtiger Wunsch, zu glauben, damals aber lästerte ich nur so; -ich liebe Christus sehr ...« - -Es war das letztemal zwischen uns zu einem Gespräch über dieses Thema -gekommen, und meine Äußerungen hatten meine Mutter sehr betrübt und -erregt. Als sie jetzt meine Entschuldigung hörte, lächelte sie mir zu -wie einem kleinen Kinde: - -»Christus verzeiht alles, Arkascha, verzeiht auch deine Lästerung. -Christus ist aller Vater, Christus bedarf nichts und wird noch in der -tiefsten Finsternis leuchten ...« - -Ich verabschiedete mich von ihnen und ging. Ich dachte über die -Möglichkeit nach, heute noch Werssiloff zu sehen; ich mußte mit ihm -unbedingt sprechen, vorhin aber war das nicht möglich gewesen. Ich -vermutete stark, daß er in meiner Wohnung wartete! Ich ging zu Fuß: es -war warm gewesen, jetzt begann es leicht zu frieren und es war sehr -angenehm zu gehen. - - - II. - -Ich wohnte in der Nähe der Wosnessenskibrücke in einem großen Miethaus, -aber im Hofgebäude. Als ich durch das Hoftor trat, stieß ich auf -Werssiloff, der aus meiner Wohnung kam. - -»Ich bin auf meinem Spaziergang nach alter Gewohnheit bis zu deiner -Wohnung gegangen, habe sogar eine Weile bei Pjotr Ippolitowitsch auf -dich gewartet, aber es wurde mir zu langweilig. Sie zanken sich dort -ewig bei dir, und heute hat sich die kranke Frau sogar ins Bett gelegt -und weint. So bin ich denn wieder gegangen.« - -Ich weiß nicht, weshalb ich mich auf einmal über ihn ärgerte. - -»Sie scheinen ja überhaupt nur zu mir zu gehen und außer mir und Pjotr -Ippolitowitsch in ganz Petersburg keinen Menschen zu kennen?« - -»Mein Freund ... das ist ja so gleichgültig.« - -»Wohin denn jetzt? Gehen wir doch zu mir.« - -»Nein, noch einmal gehe ich nicht zu dir. Wenn du willst, können wir -einen Spaziergang machen, der Abend ist herrlich.« - -»Wenn Sie mit mir nicht von Ihren abstrakten Betrachtungen gesprochen -hätten, sondern menschlich, wenn Sie mir zum Beispiel nur ein Wort -gesagt hätten über dieses verwünschte Spiel, so wäre ich vielleicht -nicht wie ein Esel in alles das hineingeraten,« sagte ich auf einmal. - -»Du bereust also? Das ist gut,« erwiderte er seltsam durch die Zähne. -»Ich habe vorausgesehen, daß das Spiel bei dir nicht zur Hauptsache -werden kann, sondern nur eine zeit--wei--lige Verirrung ist ... Du hast -recht, mein Freund, das Spiel ist eine Schweinerei, und hinzu kommt -noch, daß man verlieren kann.« - -»Und sogar fremdes Geld.« - -»Hast du denn auch fremdes Geld verloren?« - -»Das Geld gehörte Ihnen. Ich nahm es vom Fürsten auf Ihr Guthaben hin. -Das war natürlich eine furchtbare Unverschämtheit und Dummheit von mir -... mit Ihrem Gelde wie mit eigenem umzugehen, aber ich wollte immer das -Verlorene zurückgewinnen.« - -»Ich möchte dich nochmals darauf aufmerksam machen, mein Lieber, daß mir -von seinem Gelde nichts gehört. Ich weiß, daß der junge Mann selbst in -Geldverlegenheit ist, und ich rechne überhaupt nicht auf irgendwelches -Geld von ihm, trotz seines ganzen Versprechens.« - -»Ja, aber, wenn es so ist, dann ist ja meine Lage doppelt so schlimm ... -sie ist einfach lächerlich! Und aus welchem Grunde hat er mir dann das -Geld geliehen, und mit welchem Recht habe ich es überhaupt angenommen?« - -»Das zu beurteilen ist nun wohl deine Sache ... Aber wüßtest du nicht -doch irgendeinen Grund, der vielleicht ein Anlaß für dich gewesen wäre, -von ihm das Geld anzunehmen, was meinst du?« - -»Außer unserer Freundschaft ...« - -»Ja, noch außer der Freundschaft? Gibt es nicht doch irgend etwas, auf -Grund dessen es dir möglich erschienen wäre, das Geld von ihm -anzunehmen? Nun, sagen wir, aus irgendwelchen besonderen Erwägungen?« - -»Aus welchen Erwägungen? Ich verstehe nicht.« - -»Nun, um so besser, daß du es nicht verstehst, und ich kann dir offen -sagen, mein Freund, daß ich immer davon überzeugt gewesen bin. _Brisons -là, mon cher_,{[43]} und versuch einmal, das Spielen aufzugeben.« - -»Hätten Sie mir das doch früher gesagt! Und auch jetzt sagen Sie es nur -so wie beiläufig!« - -»Wenn ich dir das früher gesagt hätte, so hätten wir uns nur verzankt, -und du hättest mich an den Abenden nicht mehr so gern bei dir empfangen. -Und merke dir, mein Lieber, daß alle diese belehrenden guten Ratschläge -im voraus -- nur ein sich Eindrängen in ein fremdes Gewissen sind, und -das noch auf fremde Kosten. Ich habe mich genug in fremde Gewissen -eingedrängt und zu guter Letzt nur Nasenstüber und Spott geerntet. -Übrigens sind die Nasenstüber und der Spott natürlich gleichgültig, aber -die Hauptsache ist, daß man auf diese Weise nichts erreicht: niemand -wird auf dich hören ... und alle werden dich bald nicht mehr mögen.« - -»Es freut mich, daß Sie mit mir endlich einmal nicht von Abstraktem zu -sprechen anfangen. Ich will Sie auch etwas fragen, schon lange wollte -ich das, aber es war mir immer nicht möglich, mit der Frage -herauszurücken. Gut, daß wir jetzt auf der Straße sind. Erinnern Sie -sich noch jenes Abends zu Hause, des letzten Abends, vor zwei Monaten, -wie wir da in meinem Giebelstübchen saßen und ich Sie über Makar -Iwanowitsch ausfragte und über Mama, -- erinnern Sie sich noch, wie -ungeniert ich damals mit Ihnen sprach? Wie konnten Sie es zulassen, daß -so ein Grünschnabel in solchen Ausdrücken von seiner Mutter sprach? Sie -aber, Sie ließen keine Silbe darüber fallen, sogar im Gegenteil, Sie -gaben sich gleichfalls möglichst frei, und damit erlaubten Sie mir noch -mehr Freiheiten.« - -»Mein Freund, du weißt nicht, wie es mich freut, das von dir zu hören -... gerade diese Gefühle ... Ja, ich erinnere mich dieses Abends noch -sehr genau: ich wartete damals in der Tat darauf, Schamröte in dein -Gesicht steigen zu sehen; und wenn ich selbst auf deinen Ton einging, -ja, dich noch herausforderte, so geschah das meinerseits vielleicht nur -zu dem Zweck, um dich bis an die Grenze zu führen ...« - -»Und haben mich dabei nur irregeführt und den reinen Quell in meiner -Seele nur noch mehr getrübt! Ja, ich bin ein trauriger Halbwüchsling und -weiß oft selbst nicht, was gut und was böse ist. Hätten Sie mir damals -nur ein wenig, wenn auch nur andeutungsweise, den Weg gewiesen, so hätte -ich mich schon zurechtgefunden und hätte den richtigen Weg betreten. Sie -aber haben mich damals nur erbost.« - -»_Cher enfant_, ich habe immer geahnt, daß wir zwei, ob nun so oder so, -jedenfalls einmal zusammenkommen würden: diese >Schamröte< ist dir doch -jetzt von selbst ins Gesicht gestiegen, ohne meine Anleitung, und das -ist, glaube mir, für dich selbst besser ... Du hast, mein Lieber, in der -letzten Zeit viel gewonnen ... sollte das wirklich auf deinen Verkehr -mit diesem Fürstlein zurückzuführen sein?« - -»Loben Sie mich nicht, das mag ich nicht. Erwecken Sie in meinem Herzen -nicht den quälenden Verdacht, daß Sie mich aus Jesuitismus loben, zum -Schaden der Wahrheit, nur um mir mehr zu gefallen. In der letzten Zeit -aber ... sehen Sie ... ich habe viel mit Damen verkehrt. Ich bin zum -Beispiel von Anna Andrejewna sehr freundlich aufgenommen worden, wissen -Sie das schon?« - -»Ich weiß es von ihr selbst, mein Freund. Ja, sie ist sehr nett und -klug. _Mais brisons là, mon cher._{[44]} Ich bin heute in einer ganz -sonderbar widerwärtigen Stimmung -- ist es nun Melancholie oder was? Es -muß wohl von der Verdauung herrühren. Nun, was geschah denn noch zu -Hause? Nichts weiter? Du hast dich dort natürlich versöhnt, und zum -Schluß gab es Umarmungen. _Cela va sans dire._{[45]} Manchmal macht es -mich geradezu traurig, zu ihnen zurückzukehren, auch wenn das -Spazierengehen einem noch so widerlich wird. In der Tat, ich mache im -Regen oft noch einen überflüssigen Umweg, nur um die Rückkehr in dieses -Heim nach Möglichkeit hinauszuschieben ... Die Langeweile, die -Langeweile, o Gott!« - -»Mama ...« - -»Deine Mutter -- ist das vollkommenste und herrlichste Wesen, -_mais_{[46]} ... Mit einem Wort, ich bin ihrer wohl nicht wert. -Übrigens, was ist ihnen heute eigentlich widerfahren? In den letzten -Tagen sind sie alle ohne Ausnahme so ... Ich bemühe mich zwar, so etwas -zu ignorieren, aber heute muß ihnen doch etwas begegnet sein ... Ist dir -denn nichts aufgefallen?« - -»Ich weiß von nichts, und ich hätte auch nichts bemerkt, wenn nicht -diese verwünschte Tatjana Pawlowna dazwischengekommen wäre, die -selbstverständlich immer wie ein Hackenbeißer einen anfallen muß! Sie -haben recht: da muß irgend etwas geschehen sein. Vorhin traf ich Lisa -bei Anna Andrejewna, und auch dort war sie schon so eigentümlich ... ich -wunderte mich noch über sie. Sie wissen doch, daß Anna Andrejewna mit -ihr verkehrt?« - -»Ich weiß es, mein Freund. Aber ... wann warst du denn heute bei Anna -Andrejewna, ich meine, um wieviel Uhr? Ich möchte das aus einem -bestimmten Grunde wissen.« - -»Von zwei bis drei. Und können Sie sich denken, als ich sie verließ, kam -der Fürst zu ihr ...« - -Und ich erzählte ihm meinen ganzen Besuch bis in alle Einzelheiten. Er -hörte alles schweigend an; zu der Möglichkeit, daß der Fürst ihr -vielleicht einen Heiratsantrag hatte machen wollen, äußerte er kein -Wort, und zu meinem begeisterten Lob Anna Andrejewnas bemerkte er nur -beiläufig, »ja, sie kann sehr liebenswürdig sein«. - -»Ich habe sie heute auch sehr überrascht, indem ich ihr die letzte -frischgebackene Neuigkeit aus der Gesellschaft mitteilte: daß Katerina -Nikolajewna Achmakoff den Baron Bjoring heiraten wird,« sagte ich auf -einmal, als hätte sich irgend etwas plötzlich in mir losgerissen. - -»Ja? Nun, dieselbe >Neuigkeit< hat sie mir heute schon am Morgen -erzählt, vor zwölf, also schon viel früher, als du sie damit überraschen -konntest.« - -»Was sagen Sie?« Verdutzt blieb ich stehen. »Aber woher hat sie denn das -erfahren können? Übrigens, was fällt mir ein! Selbstverständlich hat sie -das schon früher als ich erfahren können, aber denken Sie sich: sie hat -doch meine Mitteilung wie eine überraschende Neuigkeit angehört ...! -Übrigens ... übrigens, was verlange ich denn? Es lebe die -Weitherzigkeit! Muß man nicht weitherzig alle Charaktere zulassen, ist's -nicht so? Ich, zum Beispiel, hätte sofort alles ausgeplaudert, sie aber -hat es wie in eine Schnupftabaksdose eingeschlossen ... Aber wenn auch, -wenn auch, nichtsdestoweniger ist sie ein herrliches Geschöpf und ein -prachtvoller Charakter!« - -»Oh, zweifellos, ein jeder nach seiner Art! Und was das Originellste -ist: diese prachtvollen Charaktere verstehen einen mitunter auf eine -ganz eigenartige Weise zu überraschen; stelle dir vor: Anna Andrejewna -verblüffte mich heute auf einmal mit der Frage, ob ich Katerina -Nikolajewna Achmakoff liebe oder nicht?« - -»Was für eine verrückte, undenkbare Frage!« rief ich, wieder ganz -verdutzt. Im Moment flimmerte es sogar vor meinen Augen. Noch niemals -hatte ich mit ihm von diesem Thema zu sprechen gewagt, und da begann er -nun selbst ... - -»Womit begründete sie denn ihre Frage?« - -»Mit nichts, mein Freund; die Schnupftabaksdose schloß sich gleich -darauf nur noch fester, und was das Auffallendste ist: sie hat mich das -gefragt, obgleich ich niemals auch nur die Möglichkeit ähnlicher -Gespräche zwischen ihr und mir zugelassen habe, und sie gleichfalls ... -Übrigens, du sagst ja, daß du sie kennst, folglich kannst du dir denken, -wie eine solche Frage zu ihr paßt ... oder weißt du vielleicht etwas zur -Erklärung hierfür?« - -»Ich bin ebenso überrascht wie Sie. Vielleicht war es Neugier von ihr -oder nur ein Scherz?« - -»Oh, im Gegenteil, es war die ernsteste Frage, und eigentlich nicht nur -eine Frage, sondern einfach eine sehr kategorische Anfrage, und zwar -eine aus einem ganz bestimmten Grunde und offenbar zu einem -außergewöhnlichen Zweck. Wirst du nicht bald wieder bei ihr vorsprechen? -Könntest du nicht Näheres erfahren? Ich würde dich sogar darum bitten; -denn, sieh mal ...« - -»Aber auch nur die Möglichkeit, erstens mal, nur die Möglichkeit, -anzunehmen, daß Sie Katerina Nikolajewna lieben könnten! Verzeihen Sie, -aber ich kann es noch immer nicht fassen. Niemals, niemals habe ich mir -erlaubt, über dieses oder ein ähnliches Thema mit Ihnen zu sprechen ...« - -»Und das war sehr vernünftig von dir, mein Lieber.« - -»Ihre früheren Intrigen und Ihre Beziehungen -- dieses Thema ist -zwischen uns, versteht sich, kein passendes Gespräch, und es wäre -taktlos von mir, davon überhaupt anzufangen; aber gerade in der letzten -Zeit, in den letzten Tagen, habe ich mehrmals innerlich ausgerufen: Ach, -wenn Sie diese Frau doch wenigstens irgend einmal geliebt hätten, -wenigstens einen Augenblick! -- Oh, dann hätten Sie sie niemals so -falsch beurteilt, hätten nie einen solchen Fehler begehen können in -Ihrem Urteil über sie! Wie es geendet hat, das weiß ich: ich weiß von -Ihrer gegenseitigen Feindschaft und Ihrem gegenseitigen Abscheu, ich -weiß, ich habe davon gehört, habe alles gehört, schon in Moskau habe ich -davon gehört. Aber daraus geht doch als erstes nur zu klar und deutlich -die Tatsache der gegenseitigen Abneigung, der erbitterten Feindschaft, -also des _Gegenteils_ der Liebe hervor, und da fragt nun Anna -Andrejewna: >Lieben Sie sie?< Sollte sie denn wirklich so schlecht -unterrichtet sein? Das ist doch nicht zu glauben! Sie hat nur gescherzt, -ich versichere Sie, sie hat wirklich nur gescherzt!« - -»Aber, mein Lieber, mich deucht,« -- in seiner Stimme klang plötzlich -etwas Nervöses und Inniges, zum Herzen Dringendes, was bei ihm nur -furchtbar selten vorkam -- »mich deucht, du sprichst ja selbst etwas gar -zu leidenschaftlich von dieser Sache. Du sagtest vorhin, daß du mit -Damen verkehrst ... natürlich, so dich auszufragen, ist mir -gewissermaßen ... gerade über dieses Thema, wie du sagtest ... Aber -steht nicht auch >diese Frau< auf der Liste deiner neuen Bekannten?« - -»Diese Frau ...« meine Stimme zitterte plötzlich, »hören Sie, Andrei -Petrowitsch, hören Sie: diese Frau ist das, was Sie heute beim Fürsten -vom >lebendigen Leben< sagten, -- erinnern Sie sich? Sie sagten, dieses -lebendige Leben ist etwas so Ungekünsteltes und Einfaches, etwas, was so -klar und offen einen ansieht, daß man gerade wegen dieser Klarheit und -Offenheit nicht glauben kann, daß dieses wirklich dasselbe sei, was wir -unser ganzes Leben lang mit solcher Sehnsucht suchen ... Nun, sehen Sie, -und mit einem solchen Blick ist Ihnen eine Frau begegnet, das Ideal -einer Frau, Sie aber haben in diesem Ideal, in dieser Vollkommenheit nur ->alle Laster< zu sehen geglaubt! Da haben Sie's!« - -Der Leser kann daraus wohl ersehen, in welch einem Rausch ich mich -befand. - -»>Alle Laster<! Oho! Diesen Ausspruch kenne ich!« rief Werssiloff. »Aber -wenn es schon so weit gekommen ist, daß man dir diesen Ausspruch -mitgeteilt hat, kann man dir dann nicht schon zu etwas gratulieren? Das -verrät ja eine solche Intimität zwischen euch, daß man dich noch loben -muß wegen deiner Anständigkeit und Verschwiegenheit, zu der nur selten -ein junger Mann in solchem Falle fähig ist ...« - -In seiner Stimme vibrierte ein liebes, freundschaftliches, zärtliches -Lachen ... etwas Ermunterndes, Liebes lag in seinen Worten und auch in -seinem hellen Gesicht, soviel ich in der Dunkelheit erkennen konnte. Er -war erstaunlich belebt. Ich erstrahlte unwillkürlich. - -»Anständigkeit, Verschwiegenheit! O nein, nein!« rief ich errötend und -drückte gleichzeitig krampfhaft seine Hand, die ich auf einmal, ich weiß -nicht wie, erfaßt hatte und nicht mehr losließ. »Nein, unter keinen -Umständen ...! Mit einem Wort, mir ist zu nichts zu gratulieren, und es -kann da auch niemals, niemals etwas geschehen,« sprach ich atemlos -weiter und schwebte schon gleichsam in der Luft, und ich hatte solche -Lust, zu fliegen, und es war mir so angenehm, daß ich flog. »Wissen Sie -... mag es denn einmal sein, nur ein einziges kleines Mal! Sehen Sie, -mein liebster, herrlicher Papa, -- Sie erlauben mir doch, Sie Papa zu -nennen -- sehen Sie, von seinen Beziehungen zu einer Frau darf man nicht -nur nicht als Sohn mit dem Vater, sondern überhaupt mit keinem Dritten -sprechen, selbst wenn diese Beziehungen noch so rein sind! Ja, je reiner -sie sind, um so mehr muß man das Schweigen hüten! Anders wäre es -ekelhaft, wäre roh, kurz, ein Dritter ist unmöglich! Aber wenn nichts, -nichts geschehen ist, nicht das geringste, dann darf man doch sprechen, -dann darf man doch?« - -»Je nachdem, wie das eigene Herz entscheidet.« - -»Warten Sie, zunächst eine unbescheidene, eine sehr unbescheidene Frage: -Sie haben in Ihrem Leben doch auch Frauen gekannt, Sie haben doch -Verhältnisse gehabt ...? Ich spreche nur im allgemeinen, im allgemeinen, -ich meine keine Einzelfälle!« rief ich errötend und rang nach Atem vor -Begeisterung. - -»Nun ja, man hat seine Sünden gehabt.« - -»Also hören Sie, dann erklären Sie mir einen Fall, da Sie doch der -Erfahrenere sind: plötzlich sagt Ihnen eine Dame, von der Sie sich -gerade verabschieden, gleichsam beiläufig, und indem sie selbst zur -Seite sieht: >Morgen werde ich um drei Uhr da und da sein ...< nun, -sagen wir, bei Tatjana Pawlowna,« platzte ich heraus, und nun riß es -mich unwiderstehlich fort. Mein Herz klopfte gewaltig und drohte, nach -jedem Schlage stehenzubleiben; ich mußte sogar im Sprechen innehalten -vor Herzklopfen. Er aber war, das sah ich, ganz Ohr. »Und nun, am -nächsten Tage, bin ich um drei Uhr bei Tatjana Pawlowna, gehe hinauf und -denke so bei mir: wenn die Köchin mir aufmacht -- Sie kennen doch ihre -Köchin? --, so frage ich sie ganz einfach: >Ist Tatjana Pawlowna zu -Hause?< Und wenn die Köchin mir dann sagt, daß Tatjana Pawlowna nicht zu -Hause ist, aber eine Dame sitze da und warte auf sie, -- was muß ich -dann daraus schließen, sagen Sie mir das, wenn Sie ... Mit einem Wort, -wenn Sie ...« - -»Ganz einfach, daß man dich zu einem Rendezvous bestellt hat. Also dann -war es doch das? Und das war heute? Ja?« - -»O nein, nein, nein, gar nichts, gar nichts war heute! Es war, aber es -war nicht das; wenn auch ein Rendezvous, so doch nicht zu dem Zweck, das -schicke ich gleich voraus, um nicht ein Schuft zu sein, es war was, aber -...« - -»Mein Freund, das fängt ja an so interessant zu werden, daß ich den -Vorschlag machen möchte ...« - -»Hab' früher selber Unbemittelten gegeben, mal 'nen Fünfundzwanziger, -mal 'nen Zehner für 'n Schnäpschen. Wie wär's, wenn Sie nun auch mal mit -'n paar Kopeken 'nem armen Leutnant unter die Arme greifen wollten? -- -Bitt' schön, bin mal Leutnant gewesen.« - -Eine hohe Gestalt vertrat uns den Weg, und vielleicht war der -Bittsteller wirklich ein verkommener ehemaliger Leutnant. -Merkwürdigerweise war er aber für sein Gewerbe eigentlich sehr gut -gekleidet, und doch hielt er die Hand hin, um ein Almosen zu empfangen. - - - III. - -Diesen dummen Zwischenfall mit dem erbärmlichen >Leutnant< will ich -nicht unerwähnt lassen, da ich mir Werssiloff heute nicht anders -vorstellen kann, als mit allen geringfügigsten Einzelheiten jener für -mich so verhängnisvollen Stunde. Ja, der >verhängnisvollen<, ich aber -ahnte das nicht einmal! - -»Wenn Sie, mein Herr, uns nicht sofort aus dem Wege gehen, so werde ich -die Polizei rufen,« sagte Werssiloff plötzlich empört und mit lauter -Stimme, indem er vor dem »Leutnant« stehen blieb. Ich hätte niemals -gedacht, daß dieser Philosoph so in Zorn geraten könnte, und das noch -aus einem so geringen Anlaß. Doch darf man nicht vergessen, daß unser -Gespräch an einer Stelle unterbrochen wurde, die sein ganzes Interesse -erregte, was er noch selbst verraten hatte. - -»So haben Sie wirklich nicht einmal 'nen Fünfer bei sich?« gröhlte grob -der »Leutnant«. »Heutzutage hat ja wahrhaftig keine Kanaille mehr 'nen -Fünfer in der Tasche! Knoten! Gauner! Selber im Biberpelz, aber aus -einem lump'gen Fünfer wird eine Staatsfrage gemacht!« - -»Schutzmann!« rief Werssiloff. - -Er brauchte nicht einmal laut zu rufen: in nächster Nähe an der -Straßenecke stand ein Schutzmann, der das Geschimpf des »Leutnants« -gehört hatte. - -»Ich ersuche Sie, Zeuge dieses Vorfalles zu sein, und Sie ersuche ich, -sich auf die Polizeiwache begeben zu wollen,« sagte Werssiloff. - -»Äh, zum ... Na, mir soll's egal sein, beweisen können Sie ja doch -nichts! Vor allem keinen eigenen Verstand!« - -»Lassen Sie ihn nicht laufen, Schutzmann, und begleiten Sie uns,« sagte -Werssiloff herrisch. - -»Was, wollen Sie denn wirklich auf die Wache? Ach, zum Teufel mit ihm, -mit diesem ganzen Kerl!« flüsterte ich ihm zu. - -»Unbedingt, mein Lieber. Diese Zuchtlosigkeit auf unseren Straßen fängt -nachgerade an, einem bis zum Ekel widerlich zu werden, und wenn ein -jeder seine Pflicht täte, so hätten alle den Vorteil davon. _C'est -comique, mais c'est ce que nous ferons._«{[47]} - -Wir gingen; die ersten hundert Schritte war der »Leutnant« sehr empört, -renommierte großartig und zeigte sich sehr mutig; er versicherte, »das -gehe nicht«, wegen eines »einz'gen Fünfers«, usw., usw. Aber schließlich -begann er halblaut mit dem Schutzmann zu unterhandeln. Der Schutzmann, -der ein vernünftiger Mensch und ein Feind von Straßenunruhen zu sein -schien, war offenbar auf seiner Seite, aber doch nur in einem gewissen -Sinne. Auf die Anfrage des »Leutnants« brummte er halblaut zur Antwort, -jetzt wäre schon nichts mehr zu machen, »jetzt ist es schon mal -herausgekommen«, »aber wenn Sie, beispielsweise, sich entschuldigen -wollten, und wenn der Herr die Entschuldigung annehmen würde, ja dann -vielleicht ...« - -»Na, hö--hören Sie, sehr geehrter Herr, na, wohin gehen wir denn jetzt? -Ich frage Sie: wohin streben wir, und was soll hierbei wohl geistreich -sein?« polterte der »Leutnant« los. »Wenn ein durch seine Mißerfolge -unglücklicher Mann seine Entschuldigung zu machen bereit ist ... wenn -Sie schließlich unbedingt seine Selbsterniedrigung wünschen ... Zum -Teufel, wir sind doch nicht im Salon, sondern auf der Straße! Für die -Straße genügt doch wohl diese Entschuldigung ...« - -Werssiloff blieb stehen, und plötzlich lachte er laut auf, so daß ich -schon dachte, er hätte diese ganze Geschichte nur um der Ablenkung -willen und als Ulk angefangen, aber das war es nicht. - -»Ich entschuldige Sie vollkommen, mein Herr >Leutnant<, und ich bin -überzeugt, daß Sie kolossal befähigt sind. Halten Sie sich so auch im -Salon, -- bald wird dieser Ton ja auch in den Salon passen, vorläufig -aber nehmen Sie hier die zwei Zwanziger, für Schnaps und Imbiß. -Entschuldigen Sie, Schutzmann, die Belästigung, ich würde mich auch für -Ihre Mühe erkenntlich zeigen, aber Sie sehen jetzt so stolz aus ... Mein -Lieber,« wandte er sich an mich, »hier in der Nähe ist ein Lokal, -eigentlich eine entsetzliche Kloake, aber man kann dort Tee trinken, und -ich wollte dir den Vorschlag machen, hinzugehen ... hier gleich, gehen -wir.« - -Ich wiederhole, ich hatte ihn noch nie in einer solchen inneren Erregung -gesehen, obschon sein Gesicht heiter war und strahlte; es war mir aber -aufgefallen, daß seine Hände, als er aus dem Portemonnaie das Geld für -den »Leutnant« herausnehmen wollte, so bebten, daß er schließlich mich -bat, das Geld zu nehmen und dem »Leutnant« zu geben; ich kann das nicht -vergessen. - -Er führte mich in eine kleine Kellerwirtschaft am Kanal. Nur wenige -Gäste waren da. Ein kleiner, verstimmter, heiserer Musikautomat erklang, -es roch nach fettigen Servietten; wir setzten uns in eine Ecke. - -»Du weißt es vielleicht nicht? Ich liebe es zuweilen, aus Langerweile, -aus schrecklicher seelischer Langweile ... in solche Kloaken -hineinzugehen. Diese ganze Einrichtung hier, diese mäckernde Arie aus -der >Lucia<, diese Kellner in ihrer fast schon unanständigen russischen -Tracht, dieser Tabakqualm, diese Schreie aus dem Billardzimmer -- das -ist alles dermaßen gemein und prosaisch, daß es fast an das -Phantastische grenzt. Nun, wie war es denn, Lieber? Dieser Marsjünger -hat uns, glaub' ich, an der interessantesten Stelle unterbrochen ... Ah, -da ist schon unser Tee; ich liebe es, hier Tee zu trinken ... Kannst du -dir denken, Pjotr Ippolitowitsch, dein Wirt, begann dort seinem anderen -Zimmermieter, dem Pockennarbigen, zu versichern, daß vom englischen -Parlament im vorigen Jahrhundert eine Kommission von Juristen eingesetzt -worden sei, um den ganzen Prozeß Christi vor dem Hohen Priester und -Pilatus zu revidieren, einzig zu dem Zweck, um zu sehen, wie der Prozeß -nach unseren Gesetzen verlaufen wäre, und deshalb hätte man alles mit -aller Gewissenhaftigkeit und Feierlichkeit, mit Staatsanwälten und -Rechtsanwälten und allem, was dazu gehört, in Szene gesetzt ... nun, und -die Geschworenen hätten sich doch gezwungen gesehen, ihn schuldig zu -sprechen ... Jedenfalls eine Geschichte zum Verwundern! Dieser bornierte -Zimmermieter begann aber zu streiten, ärgerte sich fürchterlich und -erklärte mit großem Krach, daß er am nächsten Tage ausziehen werde ... -Die Wirtin begann zu weinen, weil sie die Miete verlöre ... _Mais -passons._{[48]} In diesen Wirtschaften gibt es zuweilen Nachtigallen. -Kennst du die alte Moskauer Anekdote _à la_ Pjotr Ippolitowitsch? In -einer Moskauer Wirtschaft singt wundervoll eine Nachtigall; ein Kaufmann -kommt herein, einer vom Typ >Steh mir nicht im Wege<. Er hört die -Nachtigall, fragt: >Was kostet der Vogel?< -- >Hundert Rubel.< -- ->Braten und auftragen!< Man briet die Nachtigall und setzte sie ihm vor. ->Schneid mir davon für zehn Kopeken ab.< -- Ich erzählte das einmal -deinem Pjotr Ippolitowitsch, aber er glaubte es mir nicht und war sogar -sehr ungehalten.« - -Er erzählte noch vieles. Ich gebe diese kleinen Geschichten als -Beispiele wieder. Sobald ich nur den Mund auftat, unterbrach er mich -sofort und begann wieder irgend etwas zu erzählen, irgend so einen -eigentümlichen Unsinn, der gar nicht zur Sache gehörte, und dabei sprach -er lebhaft und lustig; er lachte über Gott weiß was alles und lachte -seltsam in sich hinein, was ich an ihm noch nie gesehen hatte. In einem -Zuge trank er sein Glas Tee aus und bestellte ein neues. Jetzt weiß ich, -wie das zu erklären war: er glich damals einem Menschen, der einen für -ihn teuren, interessanten, lange und heiß ersehnten Brief erhalten hat -und nun vor sich hinlegt und absichtlich nicht öffnet, sondern erst -lange befühlt, das Kuvert betrachtet, den Poststempel, dann noch ins -andere Zimmer geht, verschiedene Anordnungen trifft, kurz, der den -spannenden Augenblick hinausschiebt -- da er weiß, daß er ihm doch nicht -entgeht --, um den Genuß noch mehr auszukosten. - -Natürlich erzählte ich ihm alles, alles von Anfang an, und erzählte -vielleicht eine ganze Stunde. Und wie hätte es auch anders sein können: -schon vorher, die ganze Zeit schon hatte ich den Drang gehabt, zu -erzählen. Ich begann mit unserer ersten Begegnung, damals beim alten -Fürsten, gleich nach ihrer Ankunft aus Moskau; dann erzählte ich, wie -das alles nach und nach so gekommen war. Ich überging nichts, und ich -hätte auch nichts übergehen können: er selbst erinnerte mich an alles -und erriet alles, er soufflierte mir förmlich. Bisweilen schien es mir, -daß etwas Phantastisches vor sich gehe, daß er dort irgendwo unsichtbar -gesessen oder hinter einer Tür gestanden haben müsse, jedesmal, so oft -ich in diesen zwei Monaten bei ihr gewesen war: er wußte im voraus jede -meiner Bewegungen und jedes meiner Gefühle. Ich empfand eine unfaßbare -Lust bei dieser Beichte vor ihm; denn ich sah in ihm eine so zarte -Weichheit, eine so tiefe psychologische Feinheit, eine so erstaunliche -Fähigkeit, schon aus einer halben Silbe alles zu erraten. Er hörte zart -zu wie eine Frau. Vor allem verstand er es so zu machen, daß ich mich -überhaupt nicht schämte; manchmal fiel er mir ins Wort, und ich mußte -bei einem Nebenumstande verweilen; oft unterbrach er mich, um nervös zu -wiederholen: »Vergiß nicht die Details, die Hauptsache ist, vergiß nicht -die Details: je kleiner ein Zug ist, um so wichtiger kann er mitunter -sein.« Und so unterbrach er mich mehrere Male. Oh, versteht sich, ich -erzählte anfangs sehr selbstbewußt und sprach sehr von oben herab über -sie, aber bald siegte doch die Wahrheit. Ich erzählte ihm aufrichtig, -daß ich am liebsten die Stelle des Fußbodens geküßt hätte -- wo ihr Fuß -gestanden hatte. Am schönsten, am wunderbarsten war, daß er ohne -weiteres verstand, wie man unter der Angst wegen des Dokuments leiden -und dabei doch das reine und untadelige Wesen sein konnte, als das ich -sie heute vor mir gesehen hatte. Er verstand auch vollkommen die -Bezeichnung »Student«. Aber als ich mich schon dem Ende näherte, -bemerkte ich, daß durch sein gütiges Lächeln von Zeit zu Zeit eine -auffallende Ungeduld, etwas Zerstreutes und Kaltes in seinem Blick -aufblitzte. Als ich auf das bewußte »Dokument« zu sprechen kam, dachte -ich bei mir: »Soll ich ihm die Wahrheit sagen oder soll ich nicht?« -- -und ich sagte sie ihm nicht, trotz meiner ganzen Begeisterung. Das -verzeichne ich hier zur Erinnerung für mein ganzes Leben. Ich erklärte -ihm die Sache ebenso, wie ich sie ihr erklärt hatte: daß der Brief von -Krafft zerrissen und verbrannt worden wäre. In seine Augen trat ein -Brennen, eine sonderbare Falte erschien flüchtig auf seiner Stirn und -gab seinem Gesicht etwas Finsteres. - -»Erinnerst du dich genau, mein Lieber, daß Krafft diesen Brief verbrannt -hat? Täuschest du dich wirklich nicht?« - -»Nein, ich täusche mich nicht,« beteuerte ich. - -»Die Sache ist nur die, daß dieser Brief für sie von gar zu großer -Wichtigkeit ist, und wenn du ihn heute in der Hand hättest, so könntest -du heute noch ...« (Er sprach es aber nicht aus, was ich »könnte«). »Ja, -wie, hast du ihn denn jetzt nicht bei dir?« - -Ich zuckte innerlich zusammen, äußerlich aber ließ ich mir nichts -merken, zuckte nicht einmal mit der Wimper; aber ich konnte es noch -nicht fassen, daß ich wirklich diese Frage gehört hatte. - -»Wie das, bei mir? Ob ich ihn _jetzt_ bei mir habe? Aber wenn Krafft ihn -doch damals verbrannt hat?« - -»Wirklich?« Er sah mich plötzlich an, mit brennendem, starrem Blick, mit -einem Blick, den ich nie vergessen werde. - -Übrigens lächelte er gleich darauf, aber seine ganze Güte, die ganze -Weiblichkeit dieses Gesichtsausdrucks, mit dem er mir bis dahin zugehört -hatte, waren auf einmal verschwunden. In seinem Ausdruck lag etwas -Unbestimmtes und Verwirrtes; er wurde immer zerstreuter. Hätte er sich -damals mehr in der Gewalt gehabt, so, wie er sich bis zu diesem -Augenblick die ganze Zeit in der Gewalt gehabt hatte, so hätte er diese -Frage wegen des Briefes bestimmt nicht gestellt; wenn er es aber tat, so -geschah das wohl nur deshalb, weil er selbst so außer sich war. So -erkläre ich mir das heute, damals aber begriff ich die Veränderung, die -in ihm vorging, kaum oder wenigstens nicht so schnell; ich schwebte ja -immer noch in Wonne, und in meiner Seele klang immer noch Musik. Mein -Erlebnis war zu Ende erzählt; ich sah ihn an. - -»Aber eines ist doch merkwürdig,« sagte er auf einmal, als ich ihm schon -alles bis zum letzten Komma erzählt hatte, »sogar sehr merkwürdig, mein -Freund: du sagst, du hättest dort zwischen drei und vier mit ihr -gesprochen, und Tatjana Pawlowna wäre nicht zu Haus gewesen?« - -»Ich war dort von ungefähr acht Minuten nach drei bis halb fünf.« - -»Nun, denk dir mal, ich war genau um halb vier bei Tatjana Pawlowna, es -war auf die Minute halb vier, und ich sprach mit ihr in der Küche: ich -gehe ja zu ihr oft über die näherliegende Hintertreppe hinauf.« - -»Wie, Sie haben sie in der Küche getroffen?« rief ich, unwillkürlich -zurückfahrend vor Schreck. - -»Ja, und sie erklärte mir, daß sie mich nicht empfangen könne; ich blieb -vielleicht zwei Minuten; denn ich hatte bei ihr nur vorgesprochen, um -sie zum Essen einzuladen.« - -»Vielleicht war sie in dem Augenblick erst zurückgekehrt?« - -»Das weiß ich nicht; übrigens nein, das ist ausgeschlossen: sie war in -ihrem Morgenrock. Und die Uhr war genau halb vier.« - -»Aber ... Hat Tatjana Pawlowna Ihnen nicht gesagt, daß ich da war?« - -»Nein, sie hat mir nicht gesagt, daß du da warst ... Sonst hätte ich es -schon gewußt und dich nicht hier danach gefragt.« - -»Hören Sie, das ist furchtbar wichtig ...« - -»Ja ... je nachdem, von welchem Standpunkt aus man es ansieht. Du bist -sogar erbleicht, mein Lieber. Doch übrigens, was ist denn hierbei -schließlich so wichtig?« - -»Man hat sich über mich wie über einen dummen Jungen lustig gemacht!« - -»Man hat einfach Angst gehabt vor deinem >heißen Temperament<, wie sie -sich selbst ausgedrückt hat -- nun, und da ist Tatjana Pawlowna gebeten -worden, zur Sicherheit zu Hause zu bleiben.« - -»Aber, mein Gott, was ist denn das für ein abgekartetes Spiel gewesen! -Hören Sie, dann hat sie mich doch das alles in Gegenwart einer dritten -Person sagen lassen, in Gegenwart von Tatjana Pawlowna? -- die hat ja -dann alles gehört, was ich ihr vorhin gesagt habe! Aber das ... das ist -ja schrecklich, sich auch nur vorzustellen!« - -»_C'est selon, mon cher._ Und überdies hast du ja selbst vorhin von -Weitherzigkeit den Frauen gegenüber gesprochen und noch ausgerufen: >Es -lebe die Weitherzigkeit, die alles zuläßt!<« - -»Wenn ich Othello wäre und Sie Jago, so hätten Sie nicht besser ... -übrigens, ich lache! Von einem Othello kann ja hier gar nicht die Rede -sein; denn die Verhältnisse sind ja ganz andere. Und wie sollte ich denn -nicht lachen! Mag es doch so gewesen sein! Ich glaube dennoch an das, -was unendlich hoch über mir steht, und gebe mein Ideal nicht auf ...! -Wenn das ein Scherz von ihr war, so verzeihe ich ihr. Ein Scherz mit -einem traurigen Jüngling -- nun gut! Ich habe mich ja auch als nichts -anderes gegeben. Aber der Student -- der Student war doch und ist doch, -trotz allem, trotz allem, in ihrem Herzen; -- denn wenn er schon einmal -in ihrem Herzen, in ihrer Seele war, so ist er es noch und wird es -bleiben! Doch genug davon! Hören Sie, was meinen Sie: soll ich nicht -lieber gleich zu ihr hinfahren, um die ganze Wahrheit zu erfahren?« - -Ich sagte zwar: »Ich lache!« aber mir standen doch Tränen in den Augen. - -»Ja? Fahre nur, mein Freund, wenn du Lust hast.« - -»Mir ist, als hätte ich damit meine Seele beschmutzt, daß ich Ihnen das -alles erzählt habe. Seien Sie mir nicht böse, Liebster, aber über eine -Frau, das sage ich nochmals, über eine Frau kann man einem Dritten -nichts anvertrauen; der andere wird das doch nicht verstehen, was man -ihm anvertraut. Selbst ein Engel würde das nicht verstehen! Wenn du die -Frau achtest -- suche dir keinen Vertrauten! Wenn du dich selbst achtest --- suche dir keinen Vertrauten! Ich achte mich jetzt selbst nicht. Auf -Wiedersehen; ich werde mir das nie verzeihen ...« - -»Höre doch auf, Lieber, du übertreibst ja. Du sagst doch selbst, daß ->nichts geschehen< sei.« - -Wir traten hinaus auf die Straße am Kanal und nahmen Abschied. - -»Wirst du mich denn wirklich nie mit kindlicher Liebe küssen, wie ein -Sohn seinen Vater?« fragte er auf einmal mit einem sonderbaren Beben in -der Stimme. - -Ich küßte ihn glühend. - -»Mein lieber Junge ... Sei immer so reinen Herzens wie heute.« - -Ich hatte ihn noch niemals geküßt, und nie hätte ich mir träumen lassen, -daß er selbst diesen Wunsch haben könnte. - - - Sechstes Kapitel. - - - I. - -»Selbstverständlich hinfahren!« entschied ich, während ich nach Hause -eilte, »und zwar sofort hinfahren! Wahrscheinlich werde ich sie ganz -allein antreffen, aber auch wenn sie nicht allein sein sollte, -gleichviel, man kann sie herausbitten lassen ... Sie wird mich -empfangen; sie wird sich wundern, aber empfangen wird sie mich trotzdem! -Doch wenn sie nicht will? So werde ich darauf bestehen, werde ihr sagen -lassen, daß es dringend nötig ist. Sie wird denken, es handle sich um -das Dokument, und schon deshalb wird sie mich empfangen. Und dann werde -ich von ihr selbst erfahren, wie das mit dieser Tatjana Pawlowna gewesen -ist! Und dann ... Ja, und was dann? Wenn ich ihr unrecht getan habe, so -werde ich es tausendfach gutzumachen suchen; wenn ich aber im Recht bin, -und sie schuldig ist, dann -- dann ist ja sowieso alles aus! Was habe -ich zu verspielen? Nichts! Also hinfahren! hinfahren!« - -Und doch fuhr ich nicht hin; das werde ich niemals vergessen und werde -immer mit Stolz daran zurückdenken. Kein Mensch wird davon erfahren, das -wird mit mir begraben werden; aber es genügt, wenn ich selbst weiß, daß -ich in diesem Augenblick zu einer solchen Haltung fähig war! - -»Es ist eine Versuchung, aber ich lasse sie nicht an mich heran,« sagte -ich mir endlich, nachdem ich mich auf mich selbst besonnen hatte. »Man -hat mich mit einer Tatsache erschrecken, durch eine Tatsache überzeugen -wollen, ich aber lasse mich auch von einer Tatsache nicht überzeugen und -gebe meinen Glauben an ihre Schuldlosigkeit nicht auf! Wozu jetzt -hinfahren? Wessen mich noch vergewissern? Wie kann ich von ihr -verlangen, daß sie an mich auch so hätte glauben sollen, wie ich an sie -glaube? -- daß sie mein >heißes Temperament< nicht hätte fürchten -sollen? Nur deshalb hat sie doch Tatjana Pawlowna zu ihrer Sicherheit in -der Nähe behalten! Ich habe ja ein solches Vertrauen von ihr noch gar -nicht verdient. Mag sie, mag sie auch nicht wissen, daß ich ihr volles -Vertrauen verdiene, daß ich allen >Versuchungen< gewachsen bin und -nichts von alledem glaube, was man ihr Schlechtes nachsagt, -- dafür -weiß ich es, ich, und achte mich deswegen. Ich achte meine eigenen -Gefühle. O ja, sie hat es zugelassen, daß ich das alles in Tatjana -Pawlownas Gegenwart aussprach, sie wußte, daß Tatjana Pawlowna dort saß -und uns belauschte (denn man hört ja doch jedes Wort, wenn man dort -sitzt), sie wußte, daß sie dort über mich lachte, -- das ist gewiß -fürchterlich, oh, fürchterlich ist das! Aber ... aber wenn es für sie -anders gar nicht möglich war? Was hätte sie denn in ihrer Lage tun -sollen? Und wie darf ich sie deswegen anklagen? Auch ich habe sie doch -heute betrogen -- in der Sache mit Krafft und dem Brief --, weil es eben -nicht anders ging ... so habe ich sie ganz gegen meinen Willen und -unvorhergesehenerweise belügen müssen. Mein Gott!« rief ich plötzlich, -mich auf einmal besinnend, und ich errötete heiß vor peinigender Scham, -»und ich selbst, was habe ich soeben selbst getan! -- Habe ich sie nicht -genau so an eine dritte Person verraten, indem ich Werssiloff alles -erzählte? Übrigens, nein, was rede ich! Da ist doch ein Unterschied. Es -war ja jetzt nur von dem Dokument die Rede, ich habe Werssiloff doch -eigentlich nur von dem Dokument erzählt; denn ich hatte ja nichts -anderes zu erzählen und konnte auch nichts zu erzählen haben. Habe ich -nicht gleich vorausgeschickt und ihm als erstes gesagt, daß zwischen uns ->nichts, nichts, gar nichts geschehen ist<? Er ist doch ein Mensch, der -alles versteht ...! Hm! Aber was für einen Haß er gegen diese Frau in -seinem Herzen trägt, selbst heute noch! Was für ein Drama mag sich -damals zwischen ihnen abgespielt haben ...? und aus welchem Grunde? -Natürlich aus Eigenliebe! _Werssiloff ist und kann ja auch zu gar keinem -anderen Gefühl fähig sein, außer zu grenzenloser Eigenliebe!_« - -Dieser letzte Gedanke kam mir damals ganz plötzlich, doch ich beachtete -ihn nicht einmal. Das waren die Gedanken, die mir so durch den Kopf -gingen, und die sich ganz von selbst einer aus dem anderen ergaben. -Dabei war ich vor mir ganz aufrichtig: ich machte mir nichts vor, ich -betrog mich nicht. Und wenn ich damals auf etwas nicht verfiel, so -geschah das nicht aus Jesuitismus, sondern weil mir die Einsicht fehlte. - -Ich langte in ungeheuer belebter Gemütsverfassung in meiner Wohnung an, -wußte jedoch selbst nicht, warum ich mich in einer so frohen Stimmung -befand, obschon alles unklar in mir war. Aber ich getraute mich nicht, -meine Gefühle näher zu untersuchen und gab mir die größte Mühe, an -anderes zu denken. Ich ging sogleich zu meiner Wirtin; zwischen ihr und -ihrem Mann hatte es tatsächlich einen großen Streit gegeben. Sie war -eine hochgradig schwindsüchtige kleine Beamtenfrau, im Grunde vielleicht -ein gutmütiger Mensch, aber wie alle Schwindsüchtigen sehr launenhaft. -Ich begann sofort Frieden zu stiften, ging zu Tscherwjäkoff, -- so hieß -der andere Zimmermieter, der grobe pockennarbige Schafskopf und -selbstgefällige Bankbeamte, den ich nicht ausstehen konnte, mit dem ich -mich aber sonst ganz gut stand, weil ich die Schwäche hatte, mich oft -mit ihm zusammen über Pjotr Ippolitowitsch lustig zu machen. Ich redete -ihm zu, doch nicht auszuziehen, aber ich glaube, er hätte sich sowieso -gar nicht dazu entschlossen. Es endete damit, daß es mir gelang, die -Wirtin vollkommen zu beruhigen und ihr außerdem noch das Kopfkissen -wunderbar zurechtzulegen. »Pjotr Ippolitowitsch hat das niemals so gut -verstanden,« sagte sie schadenfroh. Darauf begab ich mich mit ihren -Senfpflastern in die Küche und bereitete ihr eigenhändig zwei Pflaster. -Der arme Pjotr Ippolitowitsch konnte mir bei alledem nur neidisch -zusehen: ich erlaubte ihm nicht einmal, auch nur mit dem Finger ein -Pflaster anzurühren, und ward für meine Mühe denn auch buchstäblich mit -Tränen der Dankbarkeit von ihr belohnt. Aber auf einmal, ich erinnere -mich dessen noch genau, wurde mir alles so zuwider, und ich wurde mir -bewußt, daß ich gar nicht aus Güte der Kranken geholfen hatte, sondern -aus einem ganz anderen Grunde. - -Ich wartete mit nervöser Ungeduld auf meinen Schlitten: an diesem Abend -wollte ich noch zum letztenmal mein Glück versuchen ... doch ganz -abgesehen davon, empfand ich ein schreckliches Bedürfnis zu spielen: es -war eine unerträgliche Stimmung. Wenn ich diesen Wunsch nicht gehabt -hätte, so hätte ich es nicht ausgehalten und wäre zu ihr gefahren. Der -Schlitten mußte bald kommen, aber plötzlich öffnete sich die Tür, und -ein ganz unerwarteter Besuch trat ein: Darja Onissimowna. Ich runzelte -die Stirn und wunderte mich. Sie kannte meine Wohnung; denn sie war im -Auftrage meiner Mutter schon einmal bei mir gewesen. Ich bat sie, Platz -zu nehmen und sah sie fragend an. Sie sagte kein Wort, sah mir nur in -die Augen und lächelte bedrückt. - -»Sie kommen wohl von Lisa?« fiel es mir plötzlich ein, sie zu fragen. - -»Nein, ich komme nur so.« - -Ich teilte ihr mit, daß ich gleich fortzufahren beabsichtigte, doch sie -antwortete mir, daß sie ja »nur so« zu mir gekommen sei und sofort -wieder gehen werde. Ich weiß nicht, warum sie mir auf einmal leidtat. -Ich muß hier bemerken, daß sie von uns allen, von Mama, und besonders -von Tatjana Pawlowna, viel Anteilnahme erfahren hatte; aber seit sie bei -der Stolbejeff untergebracht war, hatten wir sie fast vergessen, mit -Ausnahme vielleicht von Lisa, die sie von Zeit zu Zeit besuchte. Zum -Teil lag das wohl an ihr selbst; denn sie besaß die Eigenschaft, sich -abzusondern und zurückzuziehen, trotz all ihrer Unterwürfigkeit und -ihres schüchtern schmeichelnden Lächelns. Mir persönlich gefiel dieses -Lächeln nicht; ich glaubte, daß sie ihr Gesicht immer gleichsam -zurechtlegte; ja, ich hatte ihr schon im Herzen den Vorwurf gemacht, daß -sie ihrer Olä eigentlich gar nicht sonderlich nachtrauerte. Diesmal aber -tat sie mir, ich weiß nicht warum, wirklich leid. - -Und siehe da, plötzlich, ohne ein Wort zu sagen, beugte sie sich vor, -senkte den Kopf tief herab, umfaßte mich mit ihren Armen und stützte ihr -Gesicht auf meine Knie. Sie ergriff meine Hand, doch nicht, wie ich -glaubte, um sie zu küssen, sondern sie drückte sie nur an ihre Augen; -und auf einmal brach sie in heiße Tränen aus. Sie erzitterte vor -Schluchzen, doch weinte sie lautlos. Mein Herz krampfte sich zusammen, -obschon ich mich gleichzeitig ärgerte. Doch sie umschlang mich voll -Zutrauen, ohne meinen Ärger zu fürchten, und trotzdem sie mich vorher so -ängstlich und unterwürfig angelächelt hatte. Ich bat sie, sich doch zu -beruhigen. - -»Liebling, ich weiß nicht, was ich mit mir anfangen soll. Sobald die -Dämmerung kommt, kann ich es nicht mehr aushalten. Die Dämmerung zieht -mich jedesmal auf die Straße, in die Dunkelheit. Und immer wegen der -einen Vorstellung. Ich denke dann so bei mir, wenn ich ... wenn ich ... -hinausgehe, werde ich sie plötzlich auf der Straße treffen. Und so gehe -ich, und mir scheint, ich sehe sie schon. Ich weiß ja, es gehen da ganz -andere Leute, aber ich gehe ihnen nach, absichtlich immer nur hinter -ihnen, und denke so bei mir: Da, diese da ... ist die nicht ganz wie -meine Olä? Und so denk ich und denk ich. Und zuletzt werde ich ganz dumm -und taumele nur noch irgendwie weiter ... mir wird ganz übel. Wie eine -Betrunkene taumele ich und stoße die Leute an, manche schimpfen. Ich -behalte schon alles für mich und gehe zu keinem hin. Denn wohin ich auch -gehe, es wird mir nur schlechter. Und jetzt bin ich hier an Ihrem Haus -vorbeigekommen, und da dachte ich so bei mir: >Ich will doch zu ihm -gehen, er ist der beste von allen, und er ist auch damals dabeigewesen.< -Mein Lieber, verzeihen Sie mir unnützem Menschen, -- ich werde ja gleich -wieder gehen, ich gehe schon ...« - -Sie erhob sich plötzlich und beeilte sich sehr, fortzukommen. Ich ging -mit ihr. Als wir hinaustraten, kam mein Schlitten gerade vorgefahren; -ich setzte sie hinein und brachte sie nach Haus, in die Wohnung der -Stolbejeff. - - - II. - -In der letzten Zeit gab ich dem Spielzirkel des Herrn Serschtschikoff -den Vorzug vor allen. Bis dahin hatte ich drei andere Zirkel besucht, -immer zusammen mit dem Fürsten, der mich dort eingeführt hatte. In einem -dieser Zirkel wurde nur ein kniffliches Hasardspiel gespielt, und zwar -mit sehr hohen Einsätzen. Aber dort gefiel es mir nicht: ich sah, daß -man da viel Geld haben mußte, und außerdem versammelten sich dort gar zu -arrogante Leute und die bekannte goldene Jugend der hohen Aristokratie. -Gerade das aber gefiel dem Fürsten; denn er liebte nicht nur das Spiel, -sondern liebte es auch, mit solchen hochgeborenen Tollköpfen zu -verkehren. Ich hatte übrigens bemerkt, daß er sich, wenn er auch mit mir -zusammen hinging, im Laufe des Abends doch möglichst von mir zu -entfernen pflegte, und mich mit keinem aus »seinen Kreisen« bekannt -machte. Allerdings benahm ich mich auch wie ein Wilder, und oft geschah -es, daß ich die Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf mich lenkte. Am -Spieltisch kam ich wohl manchmal mit dem einen oder anderen ins -Gespräch, doch als ich mal in denselben Räumen eines dieser »Herrchen«, -mit dem ich am Abend vorher gesprochen und gelacht, und dem ich sogar -mit Glück zu zwei bestimmten Karten geraten hatte, am anderen Tage -begrüßen wollte, schien er mich einfach überhaupt nicht -wiederzuerkennen. Ja, schlimmer noch: er sah mich mit gemachter -Verwunderung an und schritt lächelnd an mir vorüber. Deshalb ging ich -denn auch nicht mehr hin und besuchte seitdem mit Leidenschaft eine -Kloake -- anders kann ich diese Spielhölle nicht benennen. Es war das -eigentlich ein ziemlich unbedeutender Roulettezirkel in der Wohnung -einer Kokotte, die jedoch selbst niemals im Saal erschien. Dort -herrschte ein sehr freier Ton, obgleich der Zirkel von Offizieren und -reichen Kaufleuten besucht wurde, und es ging alles sehr schmierig zu, -was übrigens manche gerade anzog. Außerdem hatte ich dort häufig Glück -im Spiel. Aber auch diesen Zirkel verließ ich nach einer sehr -widerwärtigen Geschichte, die dort einmal mitten im Spiel angefangen und -mit einer richtigen Prügelei zwischen zwei Spielern geendet hatte. Und -seitdem besuchte ich den Zirkel Serschtschikoffs, in den mich übrigens -gleichfalls der Fürst eingeführt hatte. Serschtschikoff war Rittmeister -außer Diensten. Der Ton in seinem Zirkel war sehr erträglich: -militärisch, peinlich in der Beobachtung alles dessen, was mit -Ehrbegriffen zu tun hatte, kurz und sachlich. Witzbolde und Trinker -wurden nicht geduldet. Außerdem spielte man da nicht zum Spaß! Es wurde -dort nur Roulette gespielt. Vor diesem Abend des fünfzehnten November -war ich erst zweimal dagewesen, doch Serschtschikoff kannte mich, glaube -ich, schon dem Ansehen nach; aber Bekannte hatte ich dort gar keine. -Auch der Fürst und Darsan erschienen an diesem Abend erst um Mitternacht --- sie kamen aus dem Zirkel jener aristokratischen Galgenstricke, den -ich nicht mehr besuchte, und so war ich denn an diesem Abend ein -Unbekannter unter Unbekannten. - -Wenn ich einen Leser hätte, und der Betreffende hätte alles das, was ich -von meinen Erlebnissen bisher erzählt habe, schon gelesen, so brauchte -ich ihm jetzt wohl nicht mehr zu erklären, daß ich für keine einzige Art -von gesellschaftlichem Verkehr geschaffen bin. Ich verstehe überhaupt -nicht mich in Gesellschaft zu benehmen. Wenn ich irgendwo hinkomme, wo -viele Menschen sind, so fühle ich sofort, wie alle Blicke mich -beunruhigen. Ich winde mich förmlich unter diesen Blicken, auch im -Theater und in ähnlichen Versammlungen, und vor allem natürlich in -Privatgesellschaften. In all diesen Spielsälen und Zirkeln habe ich mir -entschieden keine gesellschaftliche Haltung anzueignen verstanden: bald -sitze ich da und mache mir Vorwürfe wegen meiner übertriebenen -Höflichkeit und Weichheit, bald raffe ich mich plötzlich auf und begehe -irgendeine Dummheit. Und doch verstehen selbst die größten Nichtsnutze, -die im Vergleich zu mir einfach Dummköpfe sind, sich überall mit -vorzüglicher Haltung zu bewegen. Das war es, was mich am meisten -kränkte, und war der Grund, weshalb ich meine Kaltblütigkeit immer mehr -verlor. Ich sage es offen: nicht nur jetzt, sondern schon damals wurde -mir diese ganze Gesellschaft und das ganze Spiel, ja selbst das -Gewinnen, wenn ich aufrichtig sein soll, -- zum Ekel, zur Qual. Einfach --- zur Qual. Ich empfand allerdings einen ungeheuren Genuß dabei, aber -für diesen Genuß mußte ich diese ganze Qual in den Kauf nehmen. Alle -diese Leute, das Spiel und ich selbst erschienen mir gemein und -schmutzig. »Sobald ich gewonnen habe, spucke ich auf das alles!« sagte -ich mir jedesmal, wenn ich nach durchspielter Nacht in meiner Wohnung -bei Morgengrauen zu Bett ging. Und was nun das Gewinnen an sich -betrifft, so ist vor allem das eine zu bedenken: daß ich Geld überhaupt -nicht mag. Das heißt, ich will nicht die alten Gemeinplätze wiederholen, -die bei solchen Erklärungen üblich sind: daß ich nur aus Liebe zum -Spiel, aus Leidenschaft, also nur wegen der Aufregung und um des -Wagnisses willen, und nicht aus pekuniären Gründen gespielt hätte. Ich -hatte das Geld schrecklich nötig, und obschon dieser Spielerweg nicht zu -meiner Idee paßte, so hatte ich doch beschlossen, es auf ihm wenigstens -zur Probe zu versuchen. Dabei verwirrte mich aber ein schwerwiegender -Gedanke: »Du hast dich doch schon überzeugt, daß du ein Millionär werden -kannst, daß du den dazu erforderlichen Charakter besitzt, du hast doch -diese Charakterprobe bestanden; so bestehe sie doch auch hier; sollte -man denn zum Roulette wirklich mehr Charakter brauchen als zur -Ausführung deiner Idee?« Das war es, was ich mir immer wieder sagte. Ich -halte bis heute an der Überzeugung fest, daß man beim Hasardspiel, wenn -man nur seine vollkommene Ruhe zu bewahren vermag -- und damit die ganze -Schärfe seines Verstandes und seiner Berechnung --, daß man dann die -Unschlauheit des blinden Zufalls besiegen und im Spiel gewinnen muß. Und -da ich an dieser Überzeugung festhielt, so regte es mich um so mehr auf, -als ich sah, wie mein Charakter immer wieder versagte und ich mich wie -ein ganz kleiner Junge fortreißen ließ: »Ich, der ich dem Hunger -gewachsen gewesen bin, ich sollte nun plötzlich dieser Dummheit nicht -gewachsen sein!« Das reizte mich fürchterlich. Dazu kam nun noch das -Bewußtsein, daß ich, wie gering und lächerlich ich auch erscheinen -mochte, doch diesen Schatz an Kraft in mir trug, der sie einmal alle -zwingen würde, ihre Meinung über mich zu ändern, daß dieses Bewußtsein -schon seit meinen Kinderjahren die einzige Quelle meines Lebens, mein -Licht, mein Stolz, meine Waffe und mein Trost gewesen war; sonst hätte -ich mir vielleicht schon als Knabe das Leben genommen! Und wie sollte -ich darum nicht gegen mich selbst erbittert sein, als ich nun sah, in -was für ein klägliches Geschöpf ich mich am Spieltisch verwandelte? Das -war auch der Grund, warum ich vom Spiel nicht lassen konnte, -- das ist -mir jetzt ganz klar. Doch außer diesen Sorgen quälte mich noch -kleinliche Eigenliebe: daß ich im Spiel verlor, erniedrigte mich auch -vor anderen, vor dem Fürsten, vor Werssiloff, obgleich dieser es nicht -der Mühe für wert hielt, ein Wort darüber zu verlieren, nicht einmal -Tatjana Pawlowna gegenüber -- so schien es mir, so empfand ich es -wenigstens. Und nun zum Schluß noch ein Geständnis: dieses Leben hatte -mich schon verdorben; es fiel mir bereits schwer, auf ein Mittagessen -von sieben Gängen im Restaurant zu verzichten, auf meinen Schlitten, auf -das englische Herrengeschäft, auf die Meinung meines französischen -Coiffeurs, kurz, auf diesen ganzen Luxus. Ich war mir dessen schon -damals bewußt, doch ich wollte mir darüber keine Gedanken machen; jetzt -freilich, wo ich das niederschreibe, erröte ich vor mir selbst. - - - III. - -Ich trat ein und kam in einen Haufen unbekannter Menschen, ließ mich an -der Ecke des Tisches nieder und setzte nur kleine Beträge. So saß ich -zwei Stunden, ohne mich zu rühren. In diesen zwei Stunden war das Spiel -flau und unbelebt. Ich ließ außergewöhnliche Chancen vorbeigehen, und -gab mir Mühe, mich nicht zu erhitzen, sondern durch Kaltblütigkeit und -Sicherheit zu gewinnen. Das Ergebnis war, daß ich in diesen zwei Stunden -schließlich weder verloren noch gewonnen hatte: von dreihundert Rubeln -hatte ich im ganzen vielleicht zehn bis fünfzehn Rubel verspielt. Dieser -klägliche Erfolg ärgerte mich, und außerdem war noch eine widerwärtige -Geschichte dazwischengekommen. Ich wußte, daß man in diesen Spielzirkeln -häufig Diebe trifft, das heißt, nicht Diebe von der Straße, sondern -Diebe unter den Spielern selbst. Ich bin zum Beispiel überzeugt, daß der -bekannte Spieler Aferdoff ein Dieb ist; er spielt sogar eine Rolle in -Petersburg, und ich habe ihn noch vor kurzem in seinem Ponygespann -fahren sehen, aber er ist doch ein Dieb und hat mich bestohlen! Auf -diese Geschichte werde ich später zurückkommen; an dem Abend gab es erst -nur ein Vorspiel dazu. Ich saß, wie gesagt, zwei Stunden an der Ecke des -Tisches, und links neben mir saß die ganze Zeit ein schäbiger kleiner -Stutzer, wenn ich nicht irre, ein Jüdchen; übrigens ist er irgendwo -angestellt, außerdem schriftstellert er und wird sogar gedruckt. Im -letzten Augenblick gewann ich ganz unerwartet noch zwanzig Rubel. Zwei -rote Scheine lagen vor mir auf dem Tisch, und plötzlich sehe ich, wie -dieses Jüdchen die Hand ausstreckt und ruhig den einen der beiden -Scheine nimmt. Ich protestierte natürlich, er aber erklärte mir mit der -unverschämtesten Sicherheit und ohne die Stimme zu erheben, daß es sein -Gewinn sei, er hätte soeben gleichfalls gesetzt und gewonnen; und damit -kehrte er mir den Rücken, als hätte er nicht die Absicht, das Gespräch -mit mir fortzusetzen. Zum Unglück war ich in dem Augenblick in einer -sonderbaren Stimmung: ich hatte gerade einen vorzüglichen Einfall -gehabt, war im Begriff gewesen, aufzustehen, und da ich keine Lust -hatte, mit dem Judenjüngling zu streiten, so schenkte ich ihm einfach -den Roten. Übrigens wäre es auch schwierig gewesen, diesem frechen Diebe -gegenüber noch mein Recht zu behaupten; denn ich hatte den Augenblick -schon verpaßt: das Spiel begann bereits von neuem. Damit hatte ich nun -einen sehr großen Fehler begangen, dessen Folgen sich später zeigen -sollten: drei bis vier Spieler neben uns hatten unseren Wortwechsel -gehört, und als sie sahen, daß ich so leicht nachgab, hielten sie -wahrscheinlich mich für einen solchen Dieb. Es war gerade zwölf Uhr. Ich -ging in das Nebenzimmer, dachte nach, legte mir meinen neuen Plan -zurecht und kehrte wieder zurück. Beim Bankhalter wechselte ich mein -Papiergeld in Halbimperiale um. Ich hatte nun ungefähr vierzig -Halbimperiale in Gold. Ich teilte sie in zehn Häufchen ein und beschloß, -zehnmal hintereinander auf Zero zu setzen, jedesmal vier Halbimperiale. -»Gewinne ich, so ist das mein Glück, verliere ich, -- um so besser; dann -werde ich nie mehr spielen.« Ich muß hier bemerken, daß in den ganzen -zwei Stunden Zero noch kein einziges Mal herausgekommen war, weshalb -niemand mehr auf Zero zu setzen wagte. - -Ich setzte stehend, schweigend, mit gerunzelter Stirn und -zusammengebissenen Zähnen. Nach meinem dritten Satz rief Serschtschikoff -laut: »Zero!« -- an diesem Abend zum erstenmal. Mir wurden vierzig -Halbimperiale in Gold auf den Tisch gezählt. Ich hatte nun von meinen -zehn zurechtgelegten Einsätzen noch sieben, und ich setzte weiter, aber -schon begann sich alles im Kreise um mich zu drehen und zu tanzen. - -»Kommen Sie hierher!« rief ich über den ganzen Tisch hin einem Spieler -zu, der vorhin neben mir gesessen hatte, einem Herrn im Frack, mit -grauem Schnurrbart und kupferrotem Gesicht, der mit unbeschreiblicher -Geduld schon seit einigen Stunden kleine Summen setzte und Einsatz um -Einsatz verlor. »Kommen Sie hierher! Hier ist Glück!« - -»Meinen Sie mich?« fragte vom anderen Ende des Tisches der alte -Schnauzbart mit drohender Verwunderung. - -»Ja, Sie! Dort verspielen Sie ja alles bis aufs Hemd!« - -»Das ist nicht Ihre Sache, und ich bitte Sie, mich gefälligst in Ruhe zu -lassen!« - -Doch ich konnte mich nicht mehr zurückhalten. Mir gegenüber an der -anderen Seite des Tisches saß ein älterer Offizier. Er sah meinen -Goldhaufen an und bemerkte halblaut zu seinem Nachbar: - -»Sonderbar, Zero. Nein, auf Zero zu setzen könnte ich mich nicht -entschließen.« - -»Entschließen Sie sich nur, Herr Oberst!« rief ich ihm zu und setzte von -neuem auf Zero. - -»Ich bitte Sie, auch mich in Ruhe zu lassen und Ihre Ratschläge für sich -zu behalten,« schnitt er mir scharf das Wort ab. »Sie sind hier -auffallend laut,« fügte er noch hinzu. - -»Ich gebe Ihnen ja nur einen guten Rat. Wetten wir, daß jetzt wieder -Zero kommt? Hier -- zehn Goldstücke! Wollen Sie wetten?« - -Und ich schob ihm zehn Halbimperiale hin. - -»Auf zehn Goldstücke wetten? Meinetwegen,« sagte er trocken und streng. -»Ich wette mit Ihnen, daß diesmal nicht Zero kommt.« - -»Zehn Louisdor, Oberst.« - -»Was soll das heißen, Louisdor?« - -»Ich meine zehn Halbimperiale, Oberst, oder, wenn das besser klingt, -zehn Louisdor.« - -»Dann sagen Sie Halbimperiale und lassen Sie Ihre Scherze.« - -Ich hoffte selbstverständlich nicht, die Wette zu gewinnen: -sechsunddreißig Chancen gab es gegen eine, daß Zero nicht herauskam; ich -wettete aber, um mich wichtig zu machen, um die Aufmerksamkeit aller auf -mich zu lenken. Ich fühlte nur zu sehr, daß alle mich hier aus -irgendeinem Grunde nicht mochten, und daß man mich dies mit besonderem -Vergnügen fühlen ließ. Die Roulette drehte sich, und -- wie groß war das -allgemeine Erstaunen, als wieder Zero herauskam! Man schrie fast auf! -Von dem Augenblick an war ich dem Rausch des Gewinners verfallen. Wieder -wurden mir hundertundvierzig Halbimperiale vorgezählt. Serschtschikoff -fragte mich, ob ich nicht einen Teil in Banknoten ausgezahlt haben -wollte, und ich murmelte darauf etwas vollkommen Unverständliches, da -ich buchstäblich nicht mehr ruhig und sachlich sprechen konnte. Mir -schwindelte, und ich empfand ein Schwächegefühl in den Knien. Ich fühlte -plötzlich, daß ich jetzt alles wagen würde; am liebsten hätte ich noch -jemandem eine Wette angeboten oder einige tausend Rubel auf einmal -gesetzt. Mechanisch scharrte ich mit der Hand die Banknoten und das Gold -zusammen, konnte mich aber nicht dazu aufraffen, das Geld zu zählen. In -diesem Augenblick bemerkte ich hinter mir den Fürsten und Darsan: sie -waren soeben aus ihrem Hasardzirkel gekommen und hatten, wie ich später -erfuhr, ihr ganzes Geld verspielt. - -»Ah, Darsan,« rief ich ihm zu, »hier ist Glück! Setzen Sie auf Zero!« - -»Kann nicht, hab' alles verspielt,« antwortete er trocken. Der Fürst tat -einfach, als bemerke und kenne er mich nicht. - -»Hier ist doch Geld!« rief ich und zeigte auf meinen Goldhaufen. -»Wieviel brauchen Sie?« - -»Zum Teufel!« rief Darsan wütend und wurde feuerrot. »Ich habe Sie, -glaub ich, nicht um Ihr Geld gebeten!« - -»Sie werden gerufen,« sagte neben mir Serschtschikoff und zog mich am -Ärmel. - -Ich war von dem Oberst, der in der Wette mit mir zehn Halbimperiale -verloren hatte, schon einigemal und fast grob angerufen worden. - -»Nehmen Sie es gefälligst!« rief er ganz rot vor Zorn. »Ich bin nicht -verpflichtet, auf Sie zu warten, bis Sie das Geld eingesteckt haben ... -Sonst sagen Sie nachher, Sie hätten es nicht bekommen. Hier ist die -Summe. Zählen Sie nach.« - -»Ich glaube Ihnen, ich glaube Ihnen, Oberst, ich glaube Ihnen auch so, -ohne nachzuzählen; ich bitte Sie nur, mich nicht so anzuschreien und -sich nicht so zu ärgern,« sagte ich und strich das Häufchen Gold mit der -Hand zusammen. - -»Mein Herr, bleiben Sie mir gefälligst mit Ihrer Familiarität vom -Halse!« schnauzte mich der Oberst scharf an. »Ich habe mit Ihnen noch -nicht Schweine gehütet!« - -»Sonderbar, daß man solche Menschen überhaupt zuläßt! -- Wer ist das -eigentlich ...? Irgendein Jüngling,« hörte ich halblaut sprechen. - -Aber ich achtete nicht darauf, ich setzte blindlings weiter, jedoch -nicht mehr auf Zero. Ich setzte einen ganzen Packen regenbogenfarbener -Scheine auf die ersten achtzehn Nummern. - -»Fahren wir, Darsan,« hörte ich hinter mir die Stimme des Fürsten. - -»Sie fahren nach Haus?« fragte ich, indem ich mich schnell nach ihnen -umwandte. »Warten Sie auf mich, wir fahren zusammen, ich mache hier -Schluß!« - -Mein Einsatz gewann; das brachte mir wieder eine große Summe. - -»Basta!« rief ich und begann mit zitternden Händen das Gold in meinen -Taschen unterzubringen, ohne es zu zählen. Die Haufen von Banknoten -knitterte ich mit den Fingern irgendwie zusammen, um sie in meine -Seitentasche zu stecken. Plötzlich legte sich die dicke beringte Hand -Aferdoffs, der unmittelbar neben mir saß und auch hohe Einsätze gemacht -hatte, auf drei meiner regenbogenfarbenen Hundertrubelscheine und deckte -sie zu. - -»Erlauben Sie, die gehören nicht Ihnen,« sagte er ernst, langsam und -deutlich, doch mit weicher Stimme. - -Und damit begann jenes Vorspiel, das ein paar Tage später solche Folgen -nach sich ziehen sollte. Heute kann ich bei meiner Ehre schwören, daß -diese drei Banknoten mir gehörten, damals aber wollte es mein Unglück, -daß ich zwar glaubte, sie gehörten mir, aber leider nicht ganz fest -davon überzeugt war: ein leiser Zweifel war doch noch in mir, und für -einen anständigen Menschen bedeutet das alles. Und ich bin ein -anständiger Mensch. Auch wußte ich damals noch nicht, daß Aferdoff ein -Dieb war; ich kannte nicht einmal seinen Namen, und in dem Augenblick -konnte ich wirklich glauben, daß ich mich getäuscht hätte, und diese -drei Banknoten nicht zu denen gehörten, die mir soeben ausgezahlt worden -waren. Ich hatte mein in Haufen liegendes Geld nicht gezählt und nur so -mit den Händen zusammengescharrt. Vor Aferdoff aber hatte die ganze Zeit -gleichfalls Geld gelegen, gerade neben dem meinen, nur mit dem -Unterschied, daß sein Geld geordnet und gezählt war. Doch Aferdoff war -hier bekannt, man hielt ihn für reich und benahm sich ihm gegenüber mit -Ehrerbietung: das beeinflußte nun auch mein Verhalten, und ich -protestierte wieder nicht. Es war ein großer Fehler von mir! Die größte -Schweinerei aber bestand darin, daß ich von Spiel und Gewinn so -berauscht war. - -»Es tut mir sehr leid, daß ich das nicht genau weiß, aber es scheint mir -durchaus mein Geld zu sein,« sagte ich, und meine Lippen zitterten vor -Unwillen. Diese Worte riefen sofort allgemeines Murren hervor. - -»Um so etwas zu behaupten, muß man es _ganz_ genau wissen, Sie aber -sagen ja selbst, daß Sie es _nicht_ genau wissen,« bemerkte Aferdoff in -unerträglich herablassendem Ton. - -»Wer ist das eigentlich? Wie darf er sich so etwas erlauben?« hörte man -rufen. - -»Das passiert ihm nicht zum erstenmal; vorhin hatte er mit Rechberg auch -so eine Geschichte wegen eines Zehnrubelscheins,« ließ sich eine gemeine -Stimme neben mir vernehmen. - -»Schon gut, schon gut!« rief ich, »ich sage ja nichts, nehmen Sie sie -nur! Fürst ... wo sind denn der Fürst und Darsan geblieben? Sind sie -fortgegangen? Meine Herren, haben Sie nicht gesehen, wohin der Fürst und -Darsan gegangen sind?« Und nachdem es mir endlich gelungen war, mein -ganzes Geld in meinen Taschen unterzubringen -- ein paar Goldstücke -behielt ich noch in der Hand --, eilte ich Darsan und dem Fürsten nach. -Der Leser dürfte daraus wohl ersehen, daß ich mich nicht schone und in -diesem Augenblick mit jeder häßlichen Einzelheit selbst zeichne, damit -man verstehe, was daraus folgte. - -Der Fürst und Darsan gingen bereits die Treppe hinunter, ohne mein Rufen -auch nur im geringsten zu beachten. Ich hätte sie beinahe eingeholt, -doch hielt ich mich einen Augenblick beim Portier auf, um ihm, weiß der -Teufel warum, die drei Goldstücke in die Hand zu drücken; er sah mich -nur verwundert an und dankte mir nicht einmal. Aber das war mir -gleichgültig -- und wenn mein Kutscher dagewesen wäre, so hätte ich ihm -sicher eine ganze Hand voll Gold gegeben; ja, ich glaube, ich wollte es -auch schon tun, aber als ich auf die Vorfahrt hinaustrat, fiel mir ein, -daß ich ihn vorhin fortgeschickt hatte. In dem Augenblick fuhr der -Traber des Fürsten vor, und er stieg in den Schlitten. - -»Ich fahre mit, Fürst, ich komme zu Ihnen!« rief ich und schlug die -Schlittendecke zurück, um gleichfalls einzusteigen; doch statt meiner -sprang plötzlich Darsan in den Schlitten, und der Kutscher riß mir die -Decke aus der Hand und deckte die Herren zu. - -»Zum Teufel!« schrie ich außer mir. Es war ja, als hätte ich wie ein -Diener für Darsan die Decke gehalten! - -»Nach Haus!« rief der Fürst dem Kutscher zu. - -»Halt!« brüllte ich und klammerte mich an den Schlitten, doch das Pferd -zog an, und ich fiel in den Schnee. Mir schien, daß sie beide lachten. -Ich sprang auf und nahm den nächsten vorbeifahrenden Schlitten. Ich -trieb den Kutscher zur größten Schnelligkeit an und jagte nach dem Hause -des Fürsten. - - - IV. - -Aber wie zum Trotz kam der Gaul kaum vom Fleck, obgleich ich dem -Kutscher einen ganzen Rubel Trinkgeld versprach, und der Gaul von ihm -für mindestens einen Rubel Peitschenhiebe bekam. Mein Herz drohte -stillezustehen. Ich wollte dem Kutscher etwas sagen, aber ich konnte -noch kein vernünftiges Wort hervorbringen. In diesem Zustande stürzte -ich in das Zimmer des Fürsten, der kurz vor mir angekommen war. Er hatte -Darsan nach Hause gebracht und war allein. Bleich und erregt schritt er -im Kabinett auf und ab. Wie gesagt: er hatte furchtbar viel verloren. Er -sah mich mit einer sonderbar zerstreuten Verwunderung an. - -»Sind Sie schon wieder da?« stieß er unmutig hervor, und sein Gesicht -verfinsterte sich. - -»Ja, -- um mit Ihnen zu einem Ende zu kommen, mein Herr!« sagte ich -atemlos. »Wie konnten Sie sich unterstehen, sich so gegen mich zu -benehmen?« - -Er sah mich fragend an. - -»Wenn Sie die Absicht hatten, mit Darsan zu fahren, so hätten Sie mir -sagen sollen, daß Sie mit ihm fahren wollten. Sie aber gaben nur dem -Kutscher den Befehl, und ich ...« - -»Ach ja, Sie fielen, glaub ich, in den Schnee!« Und er lachte mir ins -Gesicht. - -»Darauf antwortet man mit einer Forderung! Deshalb will ich mit Ihnen -zuerst -- abrechnen.« - -Und ich holte mit zitternden Händen mein Geld hervor und legte es auf -den Diwan, auf ein Marmortischchen, auf ein offenes Buch, legte es in -Haufen hin, handvollweise, in Gold und Banknoten; einige Goldstücke -rollten auf den Teppich. - -»Ach richtig, Sie haben ja gewonnen. Deshalb! Das merkt man an Ihrem -Ton!« - -Noch nie hatte er so unverschämt zu mir gesprochen. Ich fühlte, wie ich -erbleichte. - -»Da ... ich weiß nicht, wieviel das ist ... man müßte es zählen. Ich -schulde Ihnen an dreitausend ... oder wieviel ...? War es mehr oder -weniger?« - -»Ich habe Sie meines Wissens nicht ersucht, mir dieses Geld -zurückzugeben.« - -»Nein, es ist mein eigener Wunsch, und Sie wissen, warum. Hier, dieses -Paket Banknoten enthält tausend Rubel,« fuhr ich fort, und begann mit -zitternden Fingern die Scheine zu zählen, gab es aber auf. »Einerlei, -ich weiß ja doch, daß es tausend Rubel sind. Nun, diese Tausend behalte -ich für mich, das übrige, diesen Haufen da, nehmen Sie, zur Begleichung -meiner Schuld, das heißt, als Teil meiner Schuld: es müssen, denke ich, -an zweitausend sein oder vielleicht auch mehr.« - -»Aber ein Tausend behalten Sie doch für sich?« bemerkte der Fürst mit -höhnischem Lächeln. - -»Brauchen Sie es denn? In dem Falle ... ich wollte ... ich dachte, Sie -wünschten es nicht ... doch, wenn Sie es brauchen, so ...« - -»Nein, ich brauche es nicht, behalten Sie's nur!« Er wandte mir mit -Verachtung den Rücken und begann im Zimmer auf und ab zu schreiten. »Und -der Teufel weiß, wie Sie überhaupt darauf kommen, mir das Geld -zurückzugeben?« Er drehte sich plötzlich wieder zu mir um und sah mich -mit brutaler Herausforderung an. - -»Ich gebe es Ihnen zurück, weil ich Sie zur Rechenschaft ziehen will!« -fuhr ich nun meinerseits wütend auf. - -»Scheren Sie sich zum Teufel mit Ihren großartigen Worten und Gesten!« -schrie er mich plötzlich an und stampfte mit dem Fuß wie außer sich. -»Ich wollte Sie beide schon lange hinauswerfen: Sie und Ihren -Werssiloff!« - -»Sie sind wohl wahnsinnig!« rief ich; denn er sah wirklich danach aus. - -»Sie haben mich fast zu Tode gequält mit Ihren großartigen Phrasen: -jawohl, Phrasen, nichts als Phrasen! Über die Ehre zum Beispiel! Pfui -Teufel! Schon lange wollte ich damit ein Ende machen! Ich freue mich, -ich freue mich, daß endlich der Augenblick gekommen ist. Ich hielt mich -für gebunden und schämte mich, daß ich Sie beide empfangen mußte ... Sie -beide! Aber jetzt halte ich mich durch nichts mehr für gebunden, durch -nichts, durch nichts, haben Sie verstanden?! Ihr Werssiloff hat mich -aufgehetzt, die Achmakoff bloßzustellen. Und nach alledem wagen Sie -noch, Sie und Werssiloff, mir von Ehre zu sprechen! Sie, die selbst -ehrlos sind ... alle beide, alle beide! Haben _Sie_ sich denn etwa -geschämt, von mir Geld anzunehmen?« - -Es wurde mir dunkel vor den Augen. - -»Ich nahm es von Ihnen als Freund,« begann ich furchtbar leise. »Sie -haben es mir doch selbst angeboten, und ich glaubte an Ihre Zuneigung -...« - -»Ich bin nicht >Freund< so eines Menschen wie Sie! Ich habe Ihnen Geld -gegeben, aber doch nicht aus dem Grunde! Sie wissen ja selbst, warum ich -es Ihnen gegeben habe ...« - -»Ich habe es auf Werssiloffs Konto genommen; freilich, das war dumm von -mir, aber ich ...« - -»Sie konnten es nicht auf Werssiloffs Konto nehmen, ohne seine -Erlaubnis, und ich hätte Ihnen sein Geld auch gar nicht ohne seine -Erlaubnis geben dürfen ... Ich habe Ihnen _mein_ Geld gegeben, und das -wußten Sie; Sie wußten das und nahmen das Geld doch, und ich habe diese -ganze verhaßte Komödie in meinem Hause ertragen müssen ...« - -»Was soll ich gewußt haben? Welche Komödie? Wofür haben Sie mir denn das -Geld gegeben?« - -»_Pour vos beaux yeux, mon cousin!_«{[49]} lachte er mir gerade ins -Gesicht. - -»Teufel!« brüllte ich. »Nehmen Sie doch alles, hier! -- Da ist auch -dieses Tausend noch! So, jetzt sind wir quitt, und morgen ...« - -Und ich schleuderte ihm das Paket mit den Hundertrubelscheinen zu, die -ich für mich hatte zurückbehalten wollen. Das Paket traf seine Weste und -fiel zu Boden. Er trat schnell mit drei großen Schritten schnurstracks -und drohend an mich heran. - -»Wagen Sie zu behaupten,« sagte er in tierischer Wut, jede Silbe scharf -hervorstoßend, »daß Sie den ganzen Monat das Geld von mir genommen -hätten, ohne zu wissen, daß Ihre Schwester von mir schwanger ist?« - -»Wie? Was!« schrie ich auf, und plötzlich wurden mir die Füße so -schwach, daß ich kraftlos auf den Diwan sank. Er selbst hat mir später -gesagt, ich sei so weiß geworden wie ein Handtuch. Mein Verstand wurde -irr. Ich weiß noch, wir sahen einander lange schweigend in die Augen, -und ich sah, wie ein Schrecken auf einmal über sein Gesicht lief; er -beugte sich plötzlich vor und faßte mich an den Schultern, um mich zu -halten. Ich sehe noch heute sein erstarrtes Lächeln: es lag Mißtrauen in -ihm und Verwunderung. Ja, er hatte nicht erwartet, daß seine Worte einen -solchen Eindruck auf mich machen würden, da er von meiner Schuld fest -überzeugt war. - -Ich wurde ohnmächtig, aber nur für einen Augenblick; ich kam gleich -wieder zu mir, richtete mich auf, sah ihn an und versuchte, meine -Gedanken zu sammeln -- und plötzlich offenbarte sich mir die ganze -Furchtbarkeit der Wahrheit, und ich erwachte gleichsam aus einem langen -Schlaf! Hätte man mir das früher gesagt und mich gefragt, was ich in dem -Falle täte, ich hätte wahrscheinlich geantwortet, daß ich diesen -Menschen in Stücke zerreißen würde. Doch es geschah etwas ganz anderes, -ganz gegen meinen Willen: ich schlug auf einmal meine Hände vors Gesicht -und brach in Tränen aus. Ich weinte bitterlich. Das geschah so ganz von -selbst. In dem jungen Menschen kam plötzlich das Kind zum Vorschein. -Dieses kleine Kind beherrschte damals noch reichlich die Hälfte meiner -Seele. Ich warf mich auf den Diwan und schluchzte. »Lisa! Lisa! Arme, -unglückliche Lisa!« Da glaubte mir der Fürst auf einmal alles. - -»Mein Gott, wie habe ich Ihnen unrecht getan!« rief er mit tiefem -Schmerz. »Oh, wie niedrig habe ich von Ihnen gedacht in meinem Mißtrauen -... Können Sie mir verzeihen, Arkadi Makarowitsch!« - -Ich sprang plötzlich auf, wollte ihm etwas sagen, trat auch auf ihn zu, -brachte aber kein Wort hervor -- und stürzte aus dem Zimmer, aus dem -Hause. Ich weiß, daß ich zu Fuß heimging, aber ich erinnere mich nicht -mehr, wie ich nach Hause kam. Ich warf mich auf mein Bett, grub mein -Gesicht in das Kissen, und so verharrte ich in der Dunkelheit und -grübelte, grübelte. In solchen Augenblicken denkt man nie vernünftig und -folgerichtig. Mein Verstand und meine Phantasie waren wie abgerissene -Fäden, und ich erinnere mich noch, daß mir Gott weiß was für ganz -nebensächliche Dinge durch den Kopf gingen. Aber Kummer und Leid traten -wieder mit Schmerz und dumpfem Weh in mein Bewußtsein, und ich rang die -Hände und rief: »Lisa, Lisa!« und brach wieder in Tränen aus. Ich weiß -nicht mehr, wie ich einschlief, aber ich schlief fest und süß. - - - Siebentes Kapitel. - - - I. - -Ich erwachte am nächsten Morgen gegen acht Uhr, schloß schnell meine Tür -zu, setzte mich ans Fenster und grübelte vor mich hin. So saß ich fast -ganze zwei Stunden. Die Magd hatte inzwischen schon zweimal an meine Tür -geklopft, doch ich hatte sie fortgeschickt. Schließlich, die Uhr ging -schon auf elf, wurde zum drittenmal an meine Tür geklopft. Ich wollte -schon wütend hinausrufen, man solle mich nicht stören, aber diesmal war -es Lisa. Mit ihr trat auch die Magd herein, die mir meinen Kaffee -brachte und dann den Ofen anzuheizen begann. Sie fortzuschicken war -nicht möglich: die ganze Zeit, während diese saumselige Fjokla das Holz -in den Ofen legte und schließlich das Feuer anblies, ging ich mit großen -Schritten in meinem kleinen Zimmer auf und ab. Ich begann absichtlich -kein Gespräch und gab mir Mühe, Lisa nicht anzusehen. Die Magd -verrichtete ihre Arbeit mit einer unbeschreiblichen Langsamkeit, und -zwar absichtlich, wie das alle Mägde tun, wenn sie bemerken, daß die -Herrschaft etwas besprechen will, was die Dienstboten nicht hören -sollen. Lisa hatte sich auf den Stuhl am Fenster hingesetzt und schien -mich zu beobachten. - -»Dein Kaffee wird kalt,« sagte sie auf einmal. - -Ich sah sie an: nicht die geringste Verlegenheit war in ihrem vollkommen -ruhigen Gesicht, auf den Lippen sogar ein Lächeln. - -»Nein, diese Weiber!« entfuhr es mir unwillkürlich, und ich zuckte die -Achseln. - -Endlich war die Magd mit dem Anheizen des Ofens fertig und wollte nun -auch noch das Zimmer aufräumen, aber jetzt schickte ich sie doch wütend -hinaus und konnte endlich die Tür hinter ihr zuschließen. - -»Warum hast du die Tür wieder verschlossen?« fragte Lisa. - -Ich trat auf sie zu und blieb vor ihr stehen. - -»Lisa, hätte ich das jemals denken können, daß du mich so betrügen -würdest!« rief ich plötzlich aus, ohne überhaupt daran gedacht zu haben, -daß ich so anfangen würde; und diesmal kamen mir nicht Tränen in die -Augen, sondern ein so böses Gefühl stach mir auf einmal ins Herz, daß -ich selbst ganz verwundert darüber war. - -Lisa wurde rot, erwiderte aber nichts; sie fuhr nur fort, mir gerade in -die Augen zu sehen. - -»Warte, Lisa, warte, -- oh, wie war ich dumm! Aber lag es denn an mir? -Alle diese Andeutungen sind doch erst gestern so zusammengetroffen, bis -dahin aber -- wie hätte ich denn etwas erraten können? Etwa daraus, daß -du die Stolbejeff besuchtest und diese ... Darja Onissimowna? Aber ich -habe dich für eine Sonne gehalten, Lisa, und wie hätte mir so was -überhaupt in den Sinn kommen sollen? Weißt du noch, wie ich dich damals, -vor zwei Monaten, dort bei _ihm_ im Nebenzimmer sah, und wie wir dann in -der Sonne gingen und froh waren ... War es -- damals schon? War es -schon?« - -Sie antwortete mit einem bejahenden Nicken. - -»So hast du mich schon damals betrogen! Da war nicht meine Dummheit der -Grund meines Nichtverstehens, Lisa, sondern eher mein Egoismus. Oder -nein: die Ursache war bestimmt nicht meine Dummheit, wohl aber bestimmt -der Egoismus meines Herzens und ... und vielleicht auch mein Glaube an -eine Heiligkeit. Oh, ich habe immer geglaubt, ihr ständet alle hoch über -mir, -- und nun ...! Gestern aber, an diesem einzigen kurzen Tage, hatte -ich ja gar keine Zeit, mir das alles zu erklären, trotz der -verschiedenen Anspielungen ... Es waren ganz andere Dinge, die mich -gestern beschäftigten!« - -Da mußte ich auf einmal an Katerina Nikolajewna denken, und wieder stach -mich etwas wie mit einer Nadel schmerzhaft ins Herz, und ich wurde bis -über die Ohren rot. Natürlich konnte ich in einem solchen Augenblick -nicht gut zu ihr sein. - -»Aber weshalb rechtfertigst du dich? Mir scheint, Arkadi, daß du dich -rechtfertigen willst. So sag mir doch, weswegen denn eigentlich?« fragte -Lisa leise und sanft, aber dennoch mit sehr fester und sicherer Stimme. - -»Weswegen?! Ja, aber was soll ich jetzt tun? -- nehmen wir nur diese -eine Frage! Und du fragst noch >weswegen eigentlich?< Ich weiß nicht, -was ich jetzt tun soll! Ich weiß nicht, wie Brüder in solchen Fällen -vorgehen ... Ich weiß, daß man sie mit der Pistole in der Hand zur -Heirat zwingt ... Ich werde vorgehen, wie ein anständiger Mensch in -solchem Fall vorgehen muß! Aber da weiß ich nun wieder nicht einmal, wie -ein anständiger Mensch unter diesen Umständen vorgehen soll ...! Und -warum ich das nicht weiß? Weil wir -- keine Aristokraten sind, er aber -ist ein Fürst und will seine Karriere in seinem Kreise machen; er wird -uns ja überhaupt nicht anhören! Wir sind ja nicht einmal Geschwister, -sind irgend so welche >Außereheliche<, ohne Familie, Kinder eines -leibeigenen Hofknechtes; seit wann vermählen sich denn Fürsten mit dem -Hofgesinde? Oh, der Ekel! Und zum Überfluß sitzt du da und wunderst dich -noch über mich!« - -»Ich glaube dir, daß du dich quälst,« sagte Lisa und errötete wieder, -»aber du übereilst dich und quälst dich selbst.« - -»Ich übereile mich? Ja, meinst du denn, daß ich mich noch nicht genug -- -verspätet habe? Für dich bin ich wohl noch zu früh dahinter gekommen! -Wie kannst _du_, Lisa, gerade _du_ mir das sagen?« rief ich schließlich -in hellem Zorn. »Und wieviel Schmach ich deshalb erduldet habe! Oh, ich -kann mir denken, wie dieser Fürst mich hat verachten müssen! Mir ist ja -jetzt alles klar! Dieses ganze Bild steht jetzt deutlich vor mir: er hat -wirklich geglaubt, daß ich um sein Verhältnis mit dir wußte, jedoch -absichtlich dazu schwieg oder gar die Nase hochtrug und auf die -Beziehung meiner Schwester zu einem _Fürsten_ noch >stolz< war -- selbst -das hätte er von mir denken können! Und daß ich mir für meine Schwester, -für die Schande meiner Schwester von ihm Geld geben ließ! Das hat ihm -selbstverständlich Ekel eingeflößt, und ich finde es auch durchaus -gerechtfertigt. Jeden Tag den Schuft sehen und empfangen müssen, bloß, -weil er _ihr_ Bruder ist, und der redet ihm dann noch von Ehre vor ...! -das hält kein Herz aus, selbst ein Herz wie seines nicht! Und du hast -das alles zugelassen, du hast mir nicht die Augen geöffnet! Er hat mich -dermaßen verachtet, daß er sogar einem Stebelkoff alles von mir erzählt -hat, und gestern sagte er mir selbst, er hätte mich schon zusammen mit -Werssiloff hinauswerfen wollen. Und dieser Stebelkoff! >Anna Andrejewna -ist doch genau so Ihre Schwester wie Lisaweta Makarowna,< und dann -schreit er mir noch nach: >Mein Geld ist besser!< Und ich, ich lümmele -mich frech auf seinem Diwan, ich behandle seine Bekannten wie ein -Gleichstehender und dränge mich ihnen auf, -- der Teufel hole sie -allesamt! Und du hast das zugelassen! Auch Darsan weiß es wohl schon, -wenigstens nach seinem Ton gestern abend zu urteilen ... Alle, alle -haben es schon gewußt, nur ich nicht ...!« - -»Niemand weiß etwas, er hat es keinem von seinen Bekannten erzählt und -gar nicht erzählen _können_,« unterbrach mich Lisa. »Von diesem -Stebelkoff weiß ich nur, daß er ihn quält, und daß Stebelkoff höchstens -etwas erraten haben kann ... Was aber dich betrifft, so habe ich ihm -mehrmals gesagt, und er hat es mir auch aufs Wort geglaubt, daß du -nichts weißt, nur verstehe ich nicht, warum und wie es gestern zwischen -euch zur Sprache gekommen ist ...« - -»Oh, zum Glück habe ich ihm gestern meine Schuld zurückgezahlt, so habe -ich doch wenigstens diese Qual vom Halse! Lisa, weiß Mama es schon? -Übrigens, was frage ich noch, selbstverständlich weiß sie es! -- -gestern, gestern, wie sie sich da gegen mich erhob ...! Ach, Lisa! Ja, -hältst du dich denn wirklich für vollkommen im Recht, glaubst du denn -wirklich, daß dich nicht die geringste Schuld trifft? Klagst du dich -denn gar nicht an? Ich weiß nicht, wie man heutzutage darüber urteilt, -und welcher Ansicht du bist, ich meine, soweit das mich angeht, deine -Mutter, deinen Bruder, deinen Vater ... Weiß Werssiloff es schon?« - -»Mama hat ihm nichts gesagt, und er fragt nicht; wahrscheinlich will er -nicht fragen.« - -»Er weiß es natürlich, aber er will es nicht wissen, das ist schon so, -das sieht ihm ähnlich! Nun gut, du lachst vielleicht über die Rolle des -Bruders, über den dummen Bruder, wenn er von Pistolen spricht, aber -deine Mutter, deine Mutter! Hast du denn wirklich nicht daran gedacht, -Lisa, daß das für Mama ein Vorwurf ist? Ich habe mich die ganze Nacht -damit gequält. Mamas erster Gedanke muß doch jetzt sein: >Das ist -deshalb geschehen, weil auch ich mich vergessen habe, und wie die -Mutter, so die Tochter!<« - -»Oh, wie gehässig und grausam du das sagst!« rief Lisa, und Tränen -traten ihr in die Augen; sie stand auf und ging schnell zur Tür. - -»Bleib, bleib, Lisa!« rief ich und hielt sie zurück, legte den Arm um -sie, führte sie wieder zu ihrem Platz und setzte mich neben sie, ohne -meinen Arm fortzunehmen. - -»Ich dachte mir schon, als ich herkam, daß alles so kommen würde, und -daß du bestimmt verlangen würdest, ich solle mich selbst anklagen ... -Nun gut, ich klage mich an. Nur aus Stolz habe ich soeben geschwiegen -und nichts gesagt, aber ihr und Mama tut mir viel mehr leid, als ich mir -selber leid tue ...« - -Sie stockte, und plötzlich brach sie in heiße Tränen aus. - -»Laß gut sein, Lisa, weine nicht, das ist nicht nötig, durchaus nicht -nötig. Ich bin nicht dein Richter, Lisa. Aber, Mama, -- sag, weiß sie es -schon lange?« - -»Ich glaube, ja; ich habe es ihr selbst erst vor kurzem gesagt, als -- -_das_ geschah,« sagte sie leise, mit niedergeschlagenen Augen. - -»Und was sagte sie?« - -»Sie sagte: >Trag es!<« sprach Lisa noch leiser vor sich hin. - -»Ach, Lisa, ja, >trag es!< Tu dir nicht irgend etwas an, Gott behüte -dich davor!« - -»Nein, ich werde mir nichts antun,« antwortete sie fest und sah mich -wieder an. »Du kannst ganz ruhig sein,« fügte sie hinzu, »darum handelt -es sich gar nicht.« »Lisa, Liebste, ich sehe nur, daß ich hiervon gar -nichts verstehe, aber dafür ist mir erst jetzt zu Bewußtsein gekommen, -wie ich dich liebe. Nur eins verstehe ich ganz und gar nicht, Lisa: es -ist mir ja sonst alles klar, aber nur das begreife ich nicht, warum du -dich denn in ihn verliebt hast? Wie konntest du dich in so einen -verlieben? Das ist die Frage!« - -»Und wahrscheinlich hast du dich auch mit dieser Frage die ganze Nacht -gequält?« sagte Lisa mit einem stillen Lächeln. - -»Warte, Lisa, nein, das war eine dumme Frage, und du lachst über mich. -Lach nur, aber es ist doch ganz unmöglich, sich nicht darüber zu -wundern: du und _er_ -- ihr seid doch solche Gegensätze! Ich kenne ihn -jetzt, ich habe ihn studiert: er ist finster, mißtrauisch, vielleicht im -Grunde ein guter Mensch, aber dafür ist er im höchsten Grade geneigt, in -allem Schlechtes zu sehen (darin ist er übrigens ganz wie ich!). Er -liebt das Edle und Adlige leidenschaftlich, das gebe ich zu, das sehe -ich, aber ich glaube, er liebt es doch nur von ferne, so als Ideal. Oh, -er ist auch zur Reue bereit, er schwört sein ganzes Leben lang -unaufhörlich, sich zu bessern, und er bereut wirklich aufrichtig, aber -er bessert sich nie; übrigens ist das vielleicht auch ein Zug, den er -mit mir teilt. Er hat tausend Vorurteile und falsche Meinungen -- und -dabei überhaupt keine Meinung. Er sucht eine große Heldentat und gibt -sich dabei mit schmutzigen Kleinigkeiten ab. Verzeih, Lisa, ich bin -übrigens ein Esel: indem ich das sage, kränke ich dich, und ich weiß -das, ich verstehe das ja ...« - -»Das Bild könnte richtig sein,« sagte Lisa lächelnd, »aber du bist jetzt -nur meinetwegen gar zu böse auf ihn, und deshalb ist eigentlich doch -nichts richtig. Er ist dir gegenüber von Anfang an mißtrauisch gewesen, -deshalb hast du ihn überhaupt nicht richtig kennen lernen können; zu mir -aber war er schon in Luga ... Er sieht ja überhaupt nur mich, seitdem er -mich in Luga kennen gelernt hat! Ja, er ist mißtrauisch und krankhaft -- -ohne mich wäre er wahnsinnig geworden ... Und wenn er mich verlassen -sollte, wird er bestimmt wahnsinnig werden oder sich erschießen. Ich -glaube, das hat er jetzt eingesehen und weiß es,« sagte Lisa wie zu sich -selbst und in Gedanken verloren vor sich hin. »Ja, er ist fortwährend -schwach, aber gerade diese Schwachen sind manchmal auch zu einer -außergewöhnlich starken Tat fähig ... Was du da von der Pistole sagtest, -Arkadi, das paßt gar nicht hierher, das ist gar nicht nötig -- ich weiß -selbst ganz genau, was geschehen wird. Nicht ich laufe ihm nach, sondern -er läuft mir nach. Mama weint und sagt: >Wenn du ihn heiratest, wirst du -unglücklich werden, er wird dann aufhören, dich zu lieben.< Das glaube -ich aber nicht; unglücklich werde ich vielleicht werden, aber mich zu -lieben wird er doch nicht aufhören. Das war nicht der Grund, weshalb ich -ihm so lange nicht mein Jawort gegeben habe. Er bittet mich schon zwei -Monate darum, nur habe ich immer nicht eingewilligt; erst heute habe ich -ihm gesagt: _Ja_, ich heirate dich. Arkascha, weißt du, gestern ist er« --- ihre Augen strahlten, und sie schlang auf einmal beide Arme um meinen -Hals --, »gestern ist er zu Anna Andrejewna gefahren und hat ihr ganz -ehrlich und mit aller Offenheit gesagt, daß er sie nicht lieben kann ... -Ja, er hat ihr alles erklärt, und diese Sache ist jetzt für immer -abgetan! Er hat sich ja an diesem Plan auch nie beteiligt, das hat alles -der alte Fürst Nikolai Iwanowitsch ausgeheckt, und diese seine -Quälgeister haben ihn noch obendrein dazu bewegen wollen, dieser -Stebelkoff und noch ein anderer ... Sieh, und dafür habe ich ihm heute -mein Jawort gegeben. Lieber, lieber Arkadi, er bittet dich sehr, zu ihm -zu kommen, und du sollst das nicht übelnehmen, was gestern vorgefallen -ist: er ist heute nicht ganz wohl und wird den ganzen Tag zu Hause -bleiben. Er ist wirklich krank, Arkadi, glaube nicht, daß das eine -Ausrede ist. Er hat mich auch nur deshalb hergeschickt und mich gebeten, -dir zu sagen, daß er >deiner bedarf<, und daß er dir viel zu sagen hat, -hier aber in dieser Wohnung würde das nicht gut gehen. Nun, lebe wohl! -Ach, Arkadi, ich schäme mich, es dir zu sagen, aber auf dem Wege hierher -habe ich solche Angst gehabt, du könntest mich jetzt nicht mehr lieben, -ich bekreuzte mich unterwegs immer wieder, du aber -- du bist so gut, so -lieb! Das werde ich dir nie vergessen! Ich muß jetzt zu Mama. Und du -- -versuch, ihn wenigstens ein bißchen liebzugewinnen, willst du?« - -Ich umfing sie innig und sagte: - -»Lisa, ich glaube, du bist ein starker Charakter. Ja, und ich glaube dir -auch, daß nicht du ihm nachläufst, sondern er dir, aber trotzdem -begreife ich nicht ...« - -»>Warum du dich in ihn verliebt hast -- das ist die Frage!<« fiel mir -Lisa plötzlich ins Wort, mit einem kleinen schelmischen Lachen wie -früher, und dies letzte: »Das ist die Frage!« sagte sie genau so wie -ich, und dabei hob sie auch den Zeigefinger vor die Stirn, ganz so wie -ich es bei diesem Satz zu tun pflege. - -Wir küßten uns zum Abschied, aber als sie hinausgegangen war, krampfte -sich mir doch wieder das Herz zusammen. - - - II. - -Zunächst eine Anmerkung nur für mich: es gab Augenblicke, nachdem Lisa -mich verlassen hatte, in denen mir die überraschendsten Gedanken, und -zwar gleich in ganzen Scharen, in den Kopf kamen, und ich sogar sehr -zufrieden mit ihnen war. »Ja, aber weshalb rege ich mich denn auf,« -dachte ich unter anderem, »was geht das schließlich mich an? So ist es -doch bei allen oder wenigstens ähnlich! Und was hat denn das auf sich, -daß Lisa dies passiert ist? Bin ich etwa verpflichtet, die ->Familienehre< zu retten?« Ich erwähne hier alle diese Einzelheiten, um -zu zeigen, wie wenig ich damals noch in meinen Begriffen von Gut und -Böse gefestigt war. Nur das Gefühl rettete mich: ich wußte, daß Lisa -unglücklich war, daß Mama unglücklich war, ich wußte das, weil ich es -fühlte, wenn ich an sie dachte, -- und deshalb fühlte ich auch, daß -alles das, was da geschehen war, unmöglich gut sein konnte. - -Jetzt muß ich vorausschicken, daß die Ereignisse von diesem Tage an bis -zu der Katastrophe meiner Erkrankung mit solcher Schnelligkeit einander -folgten, daß ich mich nun selbst wundere, wenn ich daran zurückdenke, -wie ich ihnen habe standhalten können und nicht vom Schicksal erdrückt -worden bin. Sie entkräfteten meinen Verstand und selbst meine Gefühle, -und wenn ich zu guter Letzt doch nicht standgehalten und ein Verbrechen -begangen hätte -- (und ich war wirklich schon nahe daran), so ist es -sehr wohl möglich, daß ich von den Geschworenen später freigesprochen -worden wäre. Aber ich will mich bemühen, alles in möglichster Ordnung -wiederzugeben, obschon meine Gedanken damals sehr wenig geordnet waren. -Die Ereignisse stürmten mit solcher Wucht gegen mich an, daß sie meine -Gedanken wie dürres Laub im Herbst durcheinanderwirbelten. Und da ich -ganz aus fremden Gedanken bestand, wo sollte ich da plötzlich eigene -hernehmen, als ich sie auf einmal zu einem selbständigen Entschluß -brauchte? Einen Führer oder Berater hatte ich ja nicht. - -Zum Fürsten beschloß ich erst am Abend zu gehen, um mich mit ihm über -alles auszusprechen; bis dahin aber wollte ich zu Hause bleiben. Es -begann bereits zu dämmern, als die Stadtpost mir wieder einen Brief von -Stebelkoff brachte: es waren nur drei Zeilen mit der dringenden und -»beschwörenden« Bitte, am nächsten Tage um elf Uhr bei ihm -vorzusprechen, »wegen einer Sache von höchster Wichtigkeit, was Sie -selbst einsehen werden«. Ich überlegte und beschloß, je nach den -Umständen zu handeln; denn bis dahin war ja noch viel Zeit. - -Es war inzwischen acht Uhr geworden; ich wäre schon längst zum Fürsten -gegangen, wenn ich nicht die ganze Zeit auf Werssiloff gewartet hätte: -ich hatte das Bedürfnis, ihm vieles zu sagen. Mein Herz brannte. Aber -Werssiloff war nicht gekommen und kam nicht. Bei Mama und bei Lisa -wollte ich mich vorläufig noch nicht zeigen, und eine Ahnung sagte mir, -daß auch Werssiloff diesen ganzen Tag über nicht zu Hause war. -Schließlich machte ich mich auf und ging zu Fuß zum Fürsten, aber -unterwegs kam mir der Gedanke, doch in das Kellerrestaurant am Kanal, -wohin Werssiloff mich gestern geführt hatte, hineinzusehen. Und richtig, -er saß da auf demselben Platz, auf dem er am Abend vorher gesessen -hatte. - -»Ich habe mir schon gedacht, daß du hierherkommen würdest,« sagte er mit -einem eigentümlichen Lächeln und einem sonderbaren Blick auf mich. - -Es war kein gutes Lächeln; es war ein Lächeln, wie ich es in seinem -Gesicht schon lange nicht mehr gesehen hatte. - -Ich setzte mich an den Tisch und erzählte ihm zunächst die Tatsache vom -Fürsten und Lisa, und dann den ganzen Auftritt, zu dem es in der Nacht -zwischen mir und dem Fürsten nach der Roulette gekommen war; ich vergaß -auch nicht, meinen großen Gewinn zu erwähnen. Er hörte sehr aufmerksam -zu und fragte noch einmal nach dem Entschluß des Fürsten, Lisa zu -heiraten. - -»_Pauvre enfant_,{[50]} vielleicht wird sie dadurch nichts gewinnen. -Aber vermutlich wird es nicht dazu kommen ... obschon er fähig wäre ...« - -»Sagen Sie mir wie einem Freunde: Sie haben das doch gewußt, haben es -doch geahnt?« - -»Mein Freund, was konnte ich denn dabei tun? Das alles ist -- eine Sache -des Gefühls und eines fremden Gewissens ..., wenn auch dieses armen -Mädchens. Ich sage dir nochmals: ich habe mich seinerzeit zur Genüge in -fremde Gewissen eingedrängt, -- es ist das die undankbarste -Beschäftigung! Im Unglück werde ich meine Hilfe nicht versagen, soweit -ich helfen kann, und wenn man mir nur sagt, wie. Und du, mein Lieber, du -hast also wirklich die ganze Zeit nichts geahnt?« - -»Wie konnten Sie,« rief ich in plötzlich aufloderndem Zorn, »wie konnten -Sie, wenn Sie auch nur ein Atom von einem Verdacht hatten, ich wüßte um -Lisas Verhältnis mit dem Fürsten, und da Sie doch sahen, daß ich von ihm -Geld annahm, -- wie konnten Sie da noch mit mir sprechen, mit mir -verkehren, mir die Hand reichen, -- mir, den Sie doch für einen Schuft -halten mußten! Denn ich könnte wetten, daß Sie bestimmt vermutet haben, -ich wüßte alles und nähme das Geld vom Fürsten wissentlich für meine -Schwester!« - -»Das war -- wiederum eine Gewissenssache,« sagte er lächelnd. »Und woher -weißt du denn,« fügte er deutlich und mit einem geradezu rätselhaften -Empfinden hinzu, »woher weißt du, ob nicht auch ich, ganz wie du, -gestern, in einem anderen Fall, -- ob nicht auch ich gefürchtet habe, -mein >Ideal< zu verlieren und statt meines heißblütigen und ehrlichen -Jungen einen nichtswürdigen Bengel vor mir zu sehen? In dieser -Befürchtung schob ich den Augenblick hinaus. Warum sollte man in mir -nicht statt Faulheit und Hinterlist etwas Unschuldigeres, nun, -meinetwegen auch Dümmeres, aber doch etwas Edleres voraussetzen dürfen? -_Que diable!_{[38]} Ich bin gar zu oft dumm, auch ohne edleren Grund. -Was wärst du dann noch für mich gewesen, wenn du schon solche Anlagen -gehabt hättest? Durch Zureden bessern wollen ist in solchen Fällen ein -klägliches Verfahren; in meinen Augen würdest du doch jeden Wert -verloren haben, auch wenn du dich gebessert hättest ...« - -»Aber Lisa tut Ihnen doch leid, sie tut Ihnen doch leid?« - -»Sehr leid, mein Lieber. Wie kommst du darauf, mich für so gefühllos zu -halten ...? Im Gegenteil, ich werde mich nach Kräften bemühen ... Nun, -und wie steht es mit _dir_, wie stehen _deine_ Angelegenheiten?« - -»Sprechen Sie nicht davon; ich denke jetzt nicht an _meine_ -Angelegenheiten. Aber sagen Sie, warum zweifeln Sie daran, daß er sie -heiraten wird? Er ist gestern bei Anna Andrejewna gewesen und hat sich -endgültig losgesagt ... von, Sie wissen schon, von diesem dummen Einfall -des alten Fürsten Nikolai Iwanowitsch -- sie zu verkuppeln. Er hat sich -endgültig davon losgesagt.« - -»So? Wann war er denn bei ihr? Und von wem hast du das gehört?« -erkundigte er sich interessiert. - -Ich erzählte ihm alles, was ich wußte. - -»Hm ... Dann ist das ...« sagte er nachdenklich und schien zu überlegen. -»Dann ist das ungefähr eine Stunde früher geschehen ... vor einer -anderen Erklärung. Hm ... nun ja, eine solche Auseinandersetzung -zwischen ihnen kann ja immerhin stattgefunden haben ... obgleich ich -genau weiß, daß in dieser Sache dort niemals, weder von der einen noch -von der anderen Seite, etwas gesagt oder getan worden ist ... Freilich -genügen ja zwei Worte, um das zu erklären. Aber nun höre mal zu,« sagte -er plötzlich mit einem eigentümlichen Lächeln, »ich werde dich mit einer -recht außergewöhnlichen Neuigkeit überraschen: selbst wenn dein junger -Fürst gestern Anna Andrejewna einen Heiratsantrag gemacht hätte -(übrigens hätte ich, da ich die Geschichte mit Lisa ahnte, diese -Verbindung aus allen Kräften zu verhindern gesucht, _entre nous soit -dit_{[51]}), so hätte ihm Anna Andrejewna unter allen Umständen sofort -einen Korb gegeben. Du scheinst Anna Andrejewna sehr gern zu haben, sie -auch sehr zu achten und zu schätzen, wenn ich mich nicht irre? Das ist -sehr nett von dir, und deshalb wirst du dich vermutlich für sie freuen, -wenn ich dir diese Neuigkeit mitteile: sie hat sich verlobt, mein -Lieber. Und soweit ich ihren Charakter kenne, wird es auch zur Heirat -kommen, und ich -- nun, ich gebe ihr natürlich meinen Segen.« - -»Sie wird heiraten? Aber wen denn?« rief ich maßlos erstaunt. - -»Rat mal. Doch ich will dich nicht quälen: sie heiratet den Fürsten -Nikolai Iwanowitsch, deinen lieben alten Herrn.« - -Ich starrte ihn mit großen Augen an. - -»Es ist anzunehmen, daß sie schon lange diese Absicht gehegt hat; und -selbstverständlich wird sie die Sache genial vorbereitet haben,« fuhr er -lässig und langsam, doch nicht ohne Schärfe fort. »Ich denke mir, das -wird so etwa eine Stunde nach dem Besuch des >Fürsten Sserjosha< -geschehen sein. (Der hätte mit seinem Besuch bei ihr auch etwas warten -können!) Sie ist einfach zum alten Fürsten Nikolai Iwanowitsch gegangen -und hat ihm den Antrag gemacht.« - -»Wie das -- >ihm den Antrag gemacht<? Sie wollen wohl sagen: er hat ihr -einen Antrag gemacht?« - -»Wie sollte er! Nein, mein Lieber, sie, sie selbst hat es getan, deshalb -ist er ja auch so selig und entzückt. Wie ich hörte, soll er jetzt -nichts tun als dasitzen und sich immer nur wundern, wie und weshalb er -nicht selbst darauf gekommen ist. Man sagte mir, er sei sogar krank -geworden ... vermutlich auch das vor Seligkeit.« - -»Hören Sie, Sie sagen das so spöttisch ... Ich kann es fast nicht -glauben. Ja, und wie hat sie ihm denn den Antrag machen können? Was hat -sie denn gesagt?« - -»Sei überzeugt, mein Freund, daß ich mich darüber aufrichtig freue,« -sagte er da mit einem plötzlich ganz ernsten Gesicht. »Er ist allerdings -schon alt, aber nach Gesetz und Sitte kann er doch noch heiraten; und -was sie betrifft, -- ja, das ist nun wieder Sache eines fremden -Gewissens, ist das, wovon ich dir schon mehrmals gesprochen habe, mein -Freund. Übrigens ist sie viel zu klug, um nicht ihre eigenen Ansichten -zu haben und um nicht genau zu wissen, was sie tut. Was nun die -Einzelheiten betrifft, nach denen du fragst, und wie sie sich -ausgedrückt hat, -- ja, darüber weiß ich dir nichts zu sagen, mein -Freund. Aber sie wird es fraglos schon verstanden haben, und -wahrscheinlich besser, als wir zwei es jemals uns ausdenken könnten. Das -Beste an der ganzen Sache ist, daß sie nichts von einem Skandal an sich -hat; die Welt wird alles _très comme il faut_{[52]} finden. Natürlich -ist es ja klar, daß sie sich damit eine Stellung in der Gesellschaft -schaffen will, aber sie ist dieser Stellung doch wahrlich auch wert! So -etwas ist in der Gesellschaft ganz gang und gäbe. Und ihren Antrag hat -sie offenbar tadellos und mit der größten Vornehmheit gemacht. Sie ist -der Typ einer strengen Frau, mein Freund, eine >geborene Nonne<, wie du -sie einmal bezeichnet hast; oder auch eine >kühle Jungfrau<, wie ich sie -schon lange nenne. Sie ist doch fast seine Pflegetochter, das weißt du -ja, und sie hat auch seine Güte schon mehr als einmal an sich selbst -erfahren. Sie hat mir bereits vor langer Zeit versichert, daß sie ihn ->so schätze und verehre, so bedauere und so mit ihm sympathisiere<, und -noch alles mögliche von der Art, daß ich zum Teil eigentlich vorbereitet -war. Alles dieses hat mir heute morgen in ihrem Namen und auf ihre Bitte -hin mein Sohn Andrei Andrejewitsch mitgeteilt, ihr Bruder, mit dem du, -glaube ich, nicht bekannt bist. Ich sehe ihn in jedem halben Jahr auch -nur einmal. Er billigt ihren Schritt mit allem schuldigen Respekt.« - -»So ist die Sache schon öffentlich? Weiß Gott, ich bin ganz baff!« - -»Nein, sie ist noch gar nicht öffentlich; wenigstens vorläufig soll sie -noch nicht bekanntgemacht werden ... Ich bin darüber nicht näher -unterrichtet und stehe überhaupt ganz abseits. Aber es ist so, wie ich -dir sagte.« - -»Ja, aber was wird jetzt Katerina Nikolajewna, seine Tochter ... Was -meinen Sie, was wird Bjoring dazu sagen?« - -»Das kann ich nicht wissen ... was eigentlich ihm daran nicht gefallen -könnte. Sei versichert, Anna Andrejewna ist auch in der Beziehung ein im -höchsten Grade korrekter Mensch. Aber ist sie nicht großartig, diese -Anna Andrejewna? Da fragt sie mich gerade noch kurz vorher am Morgen, ob -ich die verwitwete Frau Achmakoff liebe! Erinnerst du dich, ich erzählte -dir das gestern und wunderte mich noch. Das russische Gesetz würde ihr -doch nicht gestatten, den Vater zu heiraten, wenn ich die Tochter -geheiratet hätte! Verstehst du das jetzt?« - -»Ach, in der Tat!« rief ich. »Aber hat denn Anna Andrejewna wirklich im -Ernst glauben können, daß Sie ... den Wunsch haben könnten, Katerina -Nikolajewna zu heiraten?« - -»Offenbar, mein Freund. Übrigens ... übrigens wird es für dich jetzt an -der Zeit sein, deinen Weg dorthin fortzusetzen, wohin du gehen willst. -Ich habe, offen gestanden, die ganze Zeit Kopfschmerzen. Werde die ->Lucia< spielen lassen. Ich liebe die Feierlichkeit der Langweile. Aber -das habe ich dir schon einmal gesagt ... Ich wiederhole mich -unverzeihlich ... Vielleicht werde ich auch irgendwo anders hingehen. -Ich habe dich sehr lieb, mein Lieber, aber jetzt lebe wohl. Wenn ich -Kopfschmerzen habe oder Zahnweh, dann verlangt mich nach Einsamkeit.« - -In seinem Gesicht bemerkte ich einen Ausdruck von innerer Qual; ich -glaube es ihm jetzt, daß ihm damals der Kopf schmerzte, besonders der -Kopf! - -»Also morgen,« sagte ich. - -»Morgen? Wer weiß, was morgen sein wird!« sagte er mit einem verzerrten -Lächeln. - -»Ich komme morgen zu Ihnen, oder Sie kommen zu mir.« - -»Nein, nicht ich werde zu dir kommen, wohl aber wirst du zu mir stürzen -...« - -Aus seinem Gesicht sprach etwas Böses, doch ich dachte nicht weiter an -ihn, -- nach einer solchen Neuigkeit! - - - III. - -Der Fürst war in der Tat nicht wohl und saß allein zu Haus, den Kopf mit -einem nassen Tuch umwunden. Er schien mich mit Ungeduld erwartet zu -haben; ihn quälten nicht nur heftige Kopfschmerzen, sondern vor allem -seelische Schmerzen. Überhaupt muß ich darauf hinweisen, daß ich in der -letzten Zeit vor der Katastrophe fortgesetzt mit Menschen zusammenkam, -die so erregt und unzurechnungsfähig waren, daß man sie alle für mehr -oder weniger wahnsinnig hätte halten können, und ich glaube fast, daß -ich von ihnen gewissermaßen angesteckt wurde. Ich kam mit feindlichen -Gefühlen zu ihm, und ich schämte mich, weil er mich gestern hatte weinen -sehen. Und immerhin hatten Lisa und er mich so geschickt zu betrügen -verstanden, daß ich nun als Dummkopf dastand, was ich doch unmöglich -selbst übersehen konnte. Kurz, als ich bei ihm eintrat, tönten in mir -viele falsche Saiten. Aber alles dieses Falsche und Vorgefaßte fiel sehr -bald von mir ab. Besonders in einer Beziehung muß ich ihm Gerechtigkeit -widerfahren lassen: nachdem er sein Mißtrauen einmal aufgegeben hatte, -gab er sich wirklich mit ganzem Herzen; dann erst sah man seine fast -kindliche Zärtlichkeit und Liebesfähigkeit und ein wahrhaft rührendes -Vertrauen. Er küßte mich unter Tränen und kam sofort auf die Sache -selbst zu sprechen ... Er hatte mich tatsächlich sehr nötig. Seine Worte -und Gedanken waren auffallend wirr. - -Zunächst teilte er mir seinen festen Entschluß mit, Lisa zu heiraten, -und zwar so bald als möglich. - -»Daß sie nicht adlig ist, hat nicht einen Augenblick Bedenken in mir -erweckt,« sagte er zu mir. »Mein Großvater hat im Alter ein Hofmädchen -geheiratet, das bei einem benachbarten Gutsbesitzer, der aus seinen -Leibeigenen ein ganzes Privattheater gebildet hatte, Sängerin gewesen -war. Freilich hat meine Familie gewisse Hoffnungen auf mich gesetzt, -aber die werden sie eben aufgeben müssen, und der Kampf wird schließlich -nicht allzu lange dauern. Ich will mit allem brechen, mit allem -Gegenwärtigen und Gewesenen, ein für allemal! Es muß alles anders -werden, alles muß von neuem beginnen! Ich begreife nicht, warum Ihre -Schwester mich liebgewonnen hat. Aber eines steht fest: ohne sie lebte -ich jetzt gewiß nicht mehr auf dieser Welt. Ich schwöre Ihnen aus -tiefstem Herzen: ich sehe darin einfach eine höhere Fügung in meinem -Leben, daß ich ihr damals in Luga begegnet bin. Ich glaube, sie liebt -mich wegen der >unermeßlichen Tiefe meines Falles< ... können Sie das -verstehen, Arkadi Makarowitsch?« - -»Vollkommen!« sagte ich mit aufrichtiger Überzeugung. Ich saß im -Lehnstuhl vor dem Tisch, er ging im Zimmer auf und ab. - -»Ich muß Ihnen die Geschichte unserer Begegnung ganz erzählen, ohne -etwas zu verschweigen,« fuhr er fort. »Der Anlaß war ein Geheimnis, das -ich mit mir herumtrage, und das ich nur ihr allein mitgeteilt habe, weil -ich nur zu ihr habe Vertrauen fassen können. Außer ihr weiß es bis zum -heutigen Tage kein Mensch. Nach Luga war ich damals mit Verzweiflung im -Herzen gekommen; ich wohnte bei der Stolbejeff, warum, weiß ich selbst -nicht. Ich suchte wohl Einsamkeit. Damals hatte ich gerade mein -Abschiedsgesuch eingereicht und hatte das --sche Regiment verlassen. In -dieses Regiment war ich nach meiner Rückkehr aus dem Auslande -eingetreten, -- nach der Geschichte in Ems mit Andrei Petrowitsch. Ich -hatte damals Geld, verschwendete viel und lebte auf großem Fuß; aber -meine Regimentskameraden mochten mich nicht, obgleich ich mir Mühe gab, -keinem zu nahe zu treten. Ja, ich muß gestehen, mich hat in meinem -ganzen Leben noch niemand gemocht. Im Regiment war auch ein Kornett, ein -gewisser Stepanoff, ein wirklich ganz leerer, nichtssagender und -eigentlich sogar bescheidener Mensch; kurz, ein Mensch, der sich durch -nichts Besonderes auszeichnete. Aber er war zweifellos ein anständiger -Junge. Es wurde ihm bald zur Gewohnheit, mich zu besuchen -- ich machte -keine Umstände mit ihm --, und er saß bei mir schweigsam in der Ecke, -manchmal einen Tag lang, bewahrte aber durchaus Haltung und störte mich -fast nie. Eines Tages erzählte ich ihm eine Geschichte, die gerade -kursierte. Im Erzählen fügte ich aber noch manches Unwahre hinzu, wie -zum Beispiel, daß ich der Tochter unseres Obersten nicht ganz -gleichgültig sei, und daß der Oberst auf mich als Schwiegersohn rechne, -und daher selbstverständlich alles tue, was ich wünschte ... Die -Einzelheiten übergehe ich, -- kurz, es entstand daraus eine sehr -unangenehme Klatschgeschichte. Daran war aber nicht Stepanoff schuld, -sondern mein Bursche, der uns belauscht und später alles weitererzählt -hatte, besonders einen lächerlichen Umstand, der die junge Dame -bloßstellte. Dieser Bursche berief sich später bei seinem Verhör auf -Stepanoff als Zeugen. Stepanoff befand sich da in einer peinlichen Lage; -denn er konnte doch dem Burschen nicht ins Gesicht leugnen, daß er diese -Geschichte tatsächlich von mir gehört hatte. Da aber zwei Drittel der -Geschichte von mir frei erfunden waren, so waren die Offiziere sehr -empört und der Regimentskommandeur sah sich gezwungen, das Offizierkorps -bei sich zu versammeln und eine Untersuchung anzustellen. Und eben da -wurde an Stepanoff jene Frage gestellt: ob er das gehört habe oder -nicht? Und er war gezwungen, die ganze Wahrheit auszusagen. Was aber tat -ich, ich, der Fürst aus tausendjährigem Geschlecht? Ich leugnete es und -sagte Stepanoff ins Gesicht, daß er gelogen habe. Natürlich sagte ich -das nur in dem Sinne, daß er mich >falsch verstanden habe< usw. usw. ... -Ich übergehe wieder die Einzelheiten, aber der Vorteil meiner Lage war -der, daß ich, da Stepanoff mich oft besucht hatte, die Sache so -hinstellen konnte -- und das war schließlich nicht ganz unwahrscheinlich ---, als ob Stepanoff das in einem geheimen Einverständnis mit meinem -Burschen ausgesagt hätte und das Ganze ein abgekartetes Spiel von ihnen -in einer gewissen eigennützigen Absicht gewesen wäre. Stepanoff sah mich -nur schweigend an und zuckte die Achseln. Ich sehe noch seinen Blick und -werde ihn nie vergessen. Darauf wollte er sofort sein Abschiedsgesuch -einreichen, aber was glauben Sie wohl, was geschah? Die Offiziere -machten ihm alle, ohne Ausnahme, einen gemeinsamen Besuch und baten ihn, -nicht den Abschied zu nehmen. Vierzehn Tage später trat ich aus dem -Regiment aus: mich hatte niemand aufgefordert, zu gehen, niemand -hinausgeworfen; ich gab Familienverhältnisse als Grund meines -Abschiedsgesuches an. Damit war die Sache erledigt. Am Anfang machte ich -mir nichts daraus, ärgerte mich sogar noch über die anderen. Ich lebte -in Luga, machte die Bekanntschaft mit Lisaweta Makarowna. Aber es -verging ein Monat, und ich betrachtete meinen Revolver und dachte an den -Tod. Ich sehe immer alles schwarz, Arkadi Makarowitsch. Schließlich -entwarf ich einen Brief an den Regimentskommandeur und an die Kameraden, -in dem ich meine Schuld eingestand und Stepanoff vollkommen -rehabilitierte. Als ich den Brief geschrieben hatte, stellte ich mir die -Frage: soll ich ihn absenden und mich nicht erschießen oder ihn absenden -und mich erschießen? Die Antwort auf die Frage hätte ich allein nie -gefunden. Ein Zufall, ein blinder Zufall, ließ mich nach einem -flüchtigen und sonderbaren Gespräch Lisaweta Makarowna nähertreten. Sie -hatte auch früher schon oft Frau Stolbejeff besucht, wir waren uns -begegnet, hatten uns auch begrüßt, aber selten ein Wort miteinander -gesprochen. Und auf einmal gestand ich ihr alles. Und eben damals war -es, wo sie mir ihre Hand reichte.« - -»Wie beantwortete sie Ihre Frage?« - -»Ich schickte den Brief nicht ab. Sie sagte: wenn ich den Brief -abschickte, so würde ich damit natürlich eine edle Handlung begehen, die -meine Schuld aufhöbe und noch mehr als das; aber ob das nicht über meine -Kraft ginge? Sie war der Meinung, daß so etwas über die Kraft eines -jeden Menschen gehe: die eigene Zukunft zu vernichten und die -Auferstehung zu einem neuen Leben sich selbst unmöglich zu machen. Etwas -anderes wäre es gewesen, wenn Stepanoff unschuldig darunter zu leiden -gehabt hätte, aber die Offiziere hatten ihn doch sowieso schon -vollkommen rehabilitiert. Mit einem Wort, ihre Begründung war paradox; -aber sie hielt mich zurück, und ich unterwarf mich ihr vollständig.« - -»Sie hat jesuitisch, doch wie ein Weib entschieden!« rief ich. »Sie muß -Sie schon damals geliebt haben!« - -»Gerade das hat mich ja zu neuem Leben erweckt. Ich gab mir das Wort, -mich zu ändern, mit dem früheren Leben zu brechen und das Gewesene vor -ihr und vor mir selbst gutzumachen, und -- womit hat das nun geendet! -Damit, daß ich mit Ihnen in die Roulettezirkel fahre und ein Spieler -geworden bin! Ich habe vor der Erbschaft nicht standgehalten, habe -wieder an eine Karriere gedacht, mich von diesen großen Leuten und -eigenen Equipagen und Pferden blenden lassen ... Ich quäle Lisa ... Oh, -die Schmach!« - -Er rieb sich mit der Hand die Stirn und schritt wieder durch das Zimmer. - -»Das russische Schicksal hat uns beide ereilt, Arkadi Makarowitsch: Sie -wissen nicht, was Sie tun sollen, und ich weiß nicht, was ich tun soll. -Gerät der russische Mensch nur ein wenig aus dem durch die Gewohnheit -für ihn zum Gesetz gewordenen Geleise, so hört er gleich auf zu wissen, -was er tun soll. Im Geleise ist alles klar: das Einkommen, der Rang, die -Stellung in der Gesellschaft, die Equipage, die Visiten, der Beruf, die -Frau, -- aber es braucht nur eine Kleinigkeit in die Quere zu kommen, -und -- was bin ich? Ein losgelöstes Blatt, mit dem der Wind spielt. Ich -weiß nicht, was ich zu tun habe! In diesen zwei Monaten habe ich mir die -größte Mühe gegeben, mich im Geleise zu halten; ich liebe das Geleise, -ich fühlte, wie es mich ins Geleise zog. Aber Sie kennen noch nicht die -ganze Größe meines neuen Verrats: ich liebe Lisa, ich liebe sie -aufrichtig, und doch habe ich dabei an die Achmakoff gedacht!« - -»Nicht möglich?« rief ich schmerzlich betroffen. »Übrigens, Fürst, was -sagten Sie mir gestern über Werssiloff: er habe Sie aufgehetzt, Katerina -Nikolajewna bloßzustellen?« - -»Ich habe vielleicht übertrieben. Vielleicht tue ich ihm gerade so -unrecht mit meinem Verdacht, wie ich Ihnen unrecht getan habe. Lassen -wir das. Oder glauben Sie, ich hätte nicht die ganze Zeit, seit meinem -Aufenthalt in Luga, ein hohes Lebensideal im Herzen gehabt? Ich schwöre -Ihnen, ich habe es niemals vergessen, es hat mir immer vorgeschwebt und -hat in meiner Seele noch nichts von seiner Schönheit eingebüßt. Ich habe -den Schwur, den ich Lisaweta Makarowna gegeben habe, den Schwur, ein -neues Leben zu beginnen, niemals vergessen. Andrei Petrowitsch hat mir -gestern, als er hier vom Adel redete, nichts Neues gesagt, das können -Sie mir glauben. Mein Ideal steht mir klar und fest vor Augen: weniger -als hundert Desjätinen Land (denn von der Erbschaft ist mir fast nichts -mehr verblieben); ein vollkommener Bruch mit der Gesellschaft und der -Karriere; ein Landhaus, eine Familie, und ich selbst -- ein Ackerbauer -oder nicht viel mehr als das. Oh, in unserer Familie ist das nichts -Neues: der Bruder meines Vaters hat eigenhändig gepflügt, mein Großvater -gleichfalls. Wir, ein tausendjähriges Fürstengeschlecht, und von so -altem Adel wie die Rohans, -- wir sind Bettler. Aber jedem meiner Kinder -würde ich vor allem ein Gebot hinterlassen: >Vergiß es nie, daß du -- -ein Edelmann bist, daß in deinen Adern das heilige Blut russischer -Fürsten fließt, und schäme dich dessen nicht, daß dein Vater selbst sein -Land gepflügt hat: er hat es _fürstlich_ getan.< Ich würde meinen -Kindern kein Vermögen hinterlassen, außer diesem einen Stück Land, aber -dafür würde ich es für meine Pflicht halten, ihnen eine höhere Bildung -zu geben. Oh, Lisa würde mir schon helfen, und die Kinder, die Arbeit; -oh, wie oft habe ich mit ihr davon geträumt, hier, in diesen Räumen, und -... Und zur selben Zeit habe ich an Katerina Nikolajewna Achmakoff -gedacht, ohne sie zu lieben, und an die Möglichkeit einer reichen, -vornehmen Heirat! Erst als uns Naschtschokin gestern die Nachricht von -ihrer Verlobung mit Bjoring brachte, entschloß ich mich, zu Anna -Andrejewna zu gehen.« - -»Aber Sie sind doch zu ihr gegangen, um ihr gewissermaßen abzusagen. Und -das war doch, denke ich, sehr anständig von Ihnen.« - -»Glauben Sie?« Er blieb vor mir stehen. »Nein, dann kennen Sie meine -Natur noch nicht! Oder ... oder ich verstehe da selbst irgend etwas -nicht; denn es ist, wie es scheint, nicht nur eine Natur in mir. Ich -liebe Sie aufrichtig, Arkadi Makarowitsch, und außerdem habe ich Ihnen -in diesen zwei Monaten so sehr unrecht getan, -- darum möchte ich, daß -Sie, als Lisas Bruder, das alles erfahren. Ich fuhr zu Anna Andrejewna, -um ihr einen Antrag zu machen, nicht aber, um ihr abzusagen.« - -»Ist es möglich? Aber Lisa sagte mir doch ...« - -»Ich habe Lisa belogen.« - -»Sie haben ihr also einen förmlichen Antrag gemacht, und Anna Andrejewna -hat Ihnen einen Korb gegeben? War es so? Sagen Sie, war es so? Die -Einzelheiten sind für mich ungeheuer wichtig, Fürst.« - -»Nein, einen Antrag habe ich ihr nicht gemacht, aber nur darum nicht, -weil ich gar nicht dazu kam. Sie gab mir schon im voraus einen Korb -- -das heißt, nicht buchstäblich, aber sie gab mir mit sehr durchsichtigen -Andeutungen >zartfühlend< zu verstehen, daß diese Idee unmöglich sei.« - -»Dann haben Sie ihr also doch keinen Antrag gemacht, und Ihr Stolz -braucht sich nicht verletzt zu fühlen.« - -»Können Sie das wirklich so auffassen! Und mein eigenes Gewissen? Und -Lisa, die ich betrogen habe und ... die ich somit habe verlassen wollen? -Und das Gelübde, das ich vor mir selbst und meinen Vorfahren abgelegt, -ein neuer Mensch zu werden und die alten Sünden gutzumachen? Ich bitte -Sie, sagen Sie Lisa nichts davon! Dieses eine würde sie mir vielleicht -doch nicht vergeben können! Ich bin seit gestern krank. Im Grunde ist ja -schon jetzt alles zu Ende, und der letzte der Fürsten Ssokolski wird zur -Zwangsarbeit verurteilt werden. Arme Lisa! Ich habe den ganzen Tag auf -Sie gewartet, Arkadi Makarowitsch, um Ihnen, als Lisas Bruder, alles das -zu sagen, was sie nicht weiß. Also hören Sie: Ich bin ein -- -Staatsverbrecher und an der Fälschung der --skschen Eisenbahnaktien -beteiligt.« - -»Was heißt das! Wie, ein ...« Ich war aufgesprungen und sah ihn mit -Entsetzen an. - -Aus seinem Gesicht sprach tiefer, düsterer, hoffnungsloser Schmerz und -das Bewußtsein, dem Verhängnis nicht mehr entrinnen zu können. - -»Setzen Sie sich,« sagte er, und er setzte sich selbst in einen -Lehnstuhl mir gegenüber. »Zunächst die Tatsachen: Vor einem Jahr, also -in demselben Sommer, als ich in Ems war, wo sich damals auch Lydia und -Katerina Nikolajewna aufhielten, und von wo ich mich dann auf zwei -Monate nach Paris begab, ging mir, eben in Paris, natürlich das Geld -aus. Dort hielt sich aber zu der Zeit gerade Stebelkoff auf, den ich -übrigens schon von früher kannte. Er gab mir sofort Geld und versprach, -mir noch mehr zu geben, wenn auch ich ihm einen kleinen Dienst erweisen -wollte: er brauchte einen Künstler, der Zeichner, Graveur, Lithograph -und zugleich Chemiker und Techniker war, und zwar brauchte er ihn zu -einem ganz bestimmten Zweck. Diesen Zweck ließ er sogar ziemlich -deutlich durchblicken. Warum sollte er auch nicht? Er kannte meinen -Charakter: mich belustigte das alles nur. Ich war nämlich, wie er wußte, -noch von der Schulbank her mit einem Herrn bekannt, der jetzt als -russischer Emigrant -- er ist aber nicht Russe -- irgendwo da in Hamburg -lebt. In Rußland soll er schon früher einmal in eine unangenehme -Geschichte wegen gefälschter Wertpapiere verwickelt gewesen sein. Und -gerade auf diesen Menschen rechnete nun Stebelkoff, aber er brauchte -eine Empfehlung an ihn, und wegen dieser Empfehlung wandte er sich an -mich. Ich gab ihm denn auch ein paar Zeilen mit, doch das war für mich -so nebensächlich, daß ich die ganze Geschichte fast sofort vergaß. -Darauf traf ich Stebelkoff noch ein paarmal, und ich erhielt von ihm -damals im ganzen etwa dreitausend Rubel. Aber wie gesagt, die Hauptsache -hatte ich in kürzester Zeit buchstäblich vergessen. Hier habe ich dann -die ganze Zeit Geld von ihm genommen, gegen Wechsel und Pfänder; er gab -sich fast sklavisch als mein ergebenster Diener. Und, gestern höre ich -plötzlich von ihm, daß ich ein -- Staatsverbrecher sein soll!« - -»Wann denn gestern?« - -»Als wir gestern dort im Nebenzimmer aneinandergerieten, kurz bevor -Naschtschokin kam. Er unterstand sich da zum erstenmal, mir ganz -unverfroren von Anna Andrejewna zu sprechen. Ich erhob die Hand, um ihn -zu ohrfeigen, er aber sprang plötzlich auf und erklärte mir, ich dürfe -nicht vergessen, daß ich mit ihm solidarisch sei, sein Helfershelfer und -folglich ein Spitzbube wie er! Wenn er sich auch nicht so ausdrückte, so -war das doch der Sinn seiner Worte.« - -»Welch ein Unsinn! Aber das sind doch Hirngespinste?« - -»Nein, das sind keine Hirngespinste. Er war heute wieder bei mir und -erklärte sich deutlicher. Die Aktien sind schon längst in Umlauf, und es -werden noch neue in Umlauf gesetzt, aber an manchen Stellen scheint man -die Fälschung schon erkannt zu haben. Allerdings habe ich nichts damit -zu schaffen, aber Stebelkoff erklärte mir: >Sie haben mir damals doch -diese Empfehlung gegeben.<« - -»Aber Sie wußten doch nicht, um was es sich handelte, -- oder wußten Sie -es?« - -»Ich wußte es,« sagte der Fürst leise und schlug die Augen nieder. »Das -heißt, sehen Sie, ich wußte es, und wußte es auch wieder nicht. Die -Sache belustigte mich, und ich war bei guter Laune. Gedacht habe ich mir -damals eigentlich überhaupt nichts, um so weniger, als ich die falschen -Aktien doch gar nicht brauchte, und ich auch mit der Fälschung gar -nichts zu tun hatte. Aber die Dreitausend, die er mir damals gab, hat er -mir nicht angerechnet, und ich, ich habe das zugelassen. Übrigens, was -können Sie wissen, vielleicht bin ich auch ein Falschmünzer? Ich mußte -mir das doch selbst sagen, ich bin doch kein Kind, das von nichts weiß. -Und ich wußte es ja auch, aber, wie gesagt, es belustigte mich, und ich -half den Spitzbuben und Zuchthäuslern ... und half ihnen für Geld! -Folglich bin ich doch ein -- Falschmünzer!« - -»Oh, Sie übertreiben! Sie sind ja nicht ganz frei von jeder Schuld, aber -so schuldig sind Sie doch nicht!« - -»Da ist nun noch ein gewisser Shibelski,« erzählte der Fürst weiter, -»ein junger Mensch, so eine Art Jurist oder Schreiber bei einer -Gerichtsbehörde. Der soll an dieser Aktienfälschung auch irgendwie -beteiligt sein. Ich weiß nur, daß er von jenem Herrn in Hamburg einmal -zu mir gekommen ist, aber aus einem ganz anderen, ganz nebensächlichen -Grunde; ja, eigentlich weiß ich selbst nicht, warum; denn von den Aktien -war damals nicht einmal die Rede. Aber jedenfalls hat er zwei Briefe von -mir in Händen, Briefe von nur zwei bis drei Zeilen, und die sind nun -Beweise gegen mich, -- das habe ich heute sehr gut begriffen. Stebelkoff -erklärte mir, daß dieser Shibelski der Sache gefährlich werde: er hätte -da etwas unterschlagen, irgendwelche Gelder, ich glaube Staatsgelder, -und er hätte die Absicht, noch mehr zu unterschlagen und dann ins -Ausland durchzubrennen; aber um seinen Plan ausführen zu können, brauche -er achttausend Rubel, nicht weniger. Mein Teil der Erbschaft würde für -Stebelkoff genügen, aber Stebelkoff sagt, auch Shibelski müsse -befriedigt werden ...! Kurz, ich müßte ihnen meinen Teil der Erbschaft -abtreten und noch zehntausend Rubel dazugeben -- das ist ihre letzte -Forderung. Dann würde ich meine zwei Briefe von ihnen zurückerhalten. -Sie sind natürlich unter einer Decke, das ist klar.« - -»Aber das ist doch ein offenbarer Unsinn! Wenn sie Sie anzeigen, so -liefern sie sich doch selbst aus! Deshalb werden sie das unter keinen -Umständen tun!« - -»Das weiß ich. Aber sie drohen ja auch gar nicht damit, sie sagen nur: ->Wir werden selbstverständlich nichts anzeigen, aber wenn die Sache -aufgedeckt wird, so ...< -- das ist alles, was sie sagen, und ich denke, -das genügt! Doch nicht das ist das Schreckliche! Gleichviel was daraus -wird, und ob ich die Briefe in meiner Tasche habe oder nicht, -- aber -solidarisch zu sein mit diesen Spitzbuben, mein Leben lang ihr -Mitschuldiger zu sein, mein Leben lang! Und mein Vaterland belügen, -meine Kinder belügen, Lisa belügen und mein eigenes Gewissen belügen -...!« - -»Weiß Lisa davon?« - -»Nein, alles weiß sie nicht. Sie würde es in ihrer jetzigen Lage nicht -überleben. Ich trage noch die Uniform meines Regimentes, aber bei jeder -Begegnung mit einem Soldaten meines Regiments, in jedem Augenblick auf -der Straße muß ich mir sagen, daß ich nicht wert bin, sie zu tragen.« - -»Hören Sie,« fuhr ich plötzlich auf, »da sind weiter keine Worte zu -verlieren: die einzige Rettung, die Ihnen verbleibt, ist Ihr alter -Freund, Fürst Nikolai Iwanowitsch. Gehen Sie zu ihm und bitten Sie ihn -um zehntausend Rubel, ohne ihm etwas aufzudecken. Bestellen Sie dann die -beiden Schufte zu sich, rechnen Sie mit ihnen ab, kaufen Sie Ihre Briefe -zurück, und die Sache ist erledigt! Und dann, wenn das aus der Welt -geschafft ist, dann sehen Sie zu, daß Sie zu pflügen anfangen! Zum -Teufel mit der Phantasie, und vertrauen Sie sich dem Leben an!« - -»Daran habe ich schon gedacht,« sagte er entschlossen. »Ich habe es mir -den ganzen Tag überlegt und geschwankt, doch jetzt ist mein Entschluß -gefaßt. Ich habe nur noch auf Sie gewartet; ich werde hinfahren. Wissen -Sie, daß ich noch nie eine Kopeke vom Fürsten Nikolai Iwanowitsch -genommen habe? Er ist sehr gut zu uns, er ... hat sogar bewiesen, daß er -Anteil nimmt an meiner Familie, aber ich, ich persönlich habe nie Geld -von ihm genommen. Doch jetzt habe ich mich entschlossen. Sie müssen -wissen, daß unsere Linie der Fürsten Ssokolski älter ist als die Linie -des Fürsten Nikolai Iwanowitsch; er entstammt der jüngeren Linie, nur -einer Seitenlinie, einem fast anfechtbaren Zweig ... Unsere Vorfahren -lebten in Feindschaft miteinander. Als Peter der Große seine Reformen -einführte, wollte mein Urgroßvater, der auch Peter hieß und zu den -Altgläubigen gehörte, von seinem Glauben nicht lassen und mußte sich in -den Kostromaschen Wäldern verbergen. Dieser Fürst Peter war in zweiter -Ehe mit einer Nichtadeligen verheiratet ... Und eben dadurch kamen jene -anderen Ssokolskis, die Nebenlinie, in die Höhe ... Aber ich ... ja, -wovon sprach ich denn eigentlich?« - -Er war sehr erschöpft und schien selbst nicht mehr zu wissen, was er -sagte. - -»Beruhigen Sie sich, und legen Sie sich jetzt schlafen, das ist das -erste, was Sie tun müssen,« sagte ich, stand auf und nahm meinen Hut. -»Der Fürst Nikolai Iwanowitsch wird es Ihnen nicht abschlagen, besonders -jetzt nicht, im Glück. Sie wissen doch schon das Neueste? Oder noch -nicht? Ich habe etwas Unglaubliches gehört: er werde heiraten! Das soll -freilich noch ein Geheimnis bleiben, aber natürlich nicht vor Ihnen.« - -Und ich erzählte ihm noch schnell, den Hut schon in der Hand, was ich -gehört hatte. Er wußte noch nichts davon. Er erkundigte sich hastig nach -den Einzelheiten, besonders wollte er wissen, wann und wo diese -Verlobung stattgefunden haben sollte, und ob die Nachricht überhaupt -zuverlässig sei. Natürlich verheimlichte ich ihm nicht, daß es gleich -nach seinem Besuch bei Anna Andrejewna geschehen sein mußte. Ich vermag -nicht wiederzugeben, was für einen schmerzlichen Eindruck diese -Nachricht auf ihn machte; sein Gesicht verzerrte sich, ein schiefes -Lächeln verzog seine Lippen; als ich alles erzählt hatte, war er -unheimlich blaß, starrte zu Boden und schien in tiefe Gedanken versunken -zu sein. Da begriff ich, daß seine Eigenliebe durch die gestrige Absage -Anna Andrejewnas furchtbar verletzt war. Vielleicht sah er in seinem -krankhaften Zustande die lächerliche und erniedrigende Rolle, die er -gestern gespielt hatte, in gar zu greller Beleuchtung, diese -Erniedrigung vor der jungen Dame, von deren Einwilligung er die ganze -Zeit über so fest überzeugt gewesen war. Und vielleicht kam ihm auch der -Gedanke, was für eine Ehrlosigkeit er Lisa gegenüber begangen hatte, und -alles das um nichts! Es ist wirklich merkwürdig, wofür diese -Gesellschaftsmenschen einander halten, und auf welcher Basis sie sich -gegenseitig achten! Dieser Fürst mußte sich doch sagen, daß Anna -Andrejewna von seiner Beziehung zu Lisa, die dazu noch ihre Schwester -war, einmal erfahren konnte, wenn sie nicht schon alles wußte, doch -siehe da -- er hatte an ihrem Jawort nicht einmal gezweifelt! - -»Und Sie konnten wirklich glauben,« sagte er auf einmal und sah mich -stolz und hochfahrend an, »daß ich fähig wäre, nach einer solchen -Mitteilung noch zum Fürsten Nikolai Iwanowitsch zu gehen und ihn um Geld -zu bitten! Zu ihm, dem Verlobten dieses Mädchens, das mir soeben einen -Korb gegeben hat -- nein, diese Niedrigkeit, diese Lakaienhaftigkeit! -Nein, jetzt ist alles verloren, und wenn die Hilfe dieses alten Fürsten -noch meine letzte Hoffnung war, so mag auch diese Hoffnung sinken!« - -In meinem Herzen stimmte ich ihm natürlich bei, aber der Wirklichkeit -gegenüber mußte man die Sache doch etwas weitherziger auffassen: war -denn dieser alte Herr noch ein Mann, ein richtiger Verlobter? Mir kamen -noch andere Ideen in den Kopf. Ich hatte ja ohnehin beschlossen, am -nächsten Morgen sofort zum alten Fürsten zu gehen. Ich bemühte mich, den -schlimmen Eindruck meiner Erzählung abzuschwächen und den Armen zu -bereden, sich schlafen zu legen. »Schlafen Sie sich aus, und Sie werden -sehen, Ihre Gedanken werden klarer werden!« Er drückte mir fest die -Hand, aber er küßte mich nicht mehr. Ich gab ihm mein Wort, morgen abend -zu ihm zu kommen, »und dann wollen wir uns aussprechen; es gibt jetzt so -vieles, worüber wir noch sprechen müssen,« sagte ich. Doch als Antwort -auf meine Worte hatte er nur ein fatalistisches Lächeln. - - - Achtes Kapitel. - - - I. - -Diese ganze Nacht träumte mir vom Roulette, vom Spiel, von Gold und von -Berechnungen: ich mühte mich vergeblich, einen Einsatz oder eine -besondere Chance zu berechnen, und dieser Traum quälte mich die ganze -Nacht wie ein Alb. Um die Wahrheit zu sagen: ich hatte auch schon diesen -ganzen Tag, trotz aller mich erschütternden Eindrücke, immer wieder an -meinen großen Gewinn bei Serschtschikoff gedacht. Natürlich hatte ich -diese Gedanken zu verscheuchen gesucht, aber der Eindruck ließ sich nun -einmal nicht ausschalten, und schon bei der bloßen Erinnerung erzitterte -etwas in mir. Ja, dieser Gewinn hatte sich wahrlich in mein Herz -festgebissen. Sollte ich wirklich ein geborener Spieler sein? Eines -wenigstens ist mir ganz klar: daß ich Eigenschaften eines Spielers habe. -Selbst heute noch, wo ich das niederschreibe, liebe ich es, manchmal an -das Spiel zu denken! Es ist schon vorgekommen, daß ich ganze Stunden -damit verbringe, still dazusitzen und mich in Gedanken mit -Spielberechnungen zu beschäftigen, mir vorzustellen, wie das alles vor -sich geht, wie ich setze, und wie mein Einsatz gewinnt. Ja, ich habe gar -viele »Eigenschaften« in mir; ich habe eine unruhvolle Seele. - -Es war gegen zehn Uhr, als ich beschloß, doch zu Stebelkoff zu gehen, -und zwar zu Fuß. Mein Schlitten kam allerdings vorgefahren, aber ich -schickte ihn nach Haus. Während ich meinen Morgenkaffee trank, versuchte -ich, mir alles zu überlegen. Ich fühlte mich eigentlich sehr zufrieden; -und wie mir das zu Bewußtsein kam und ich einen Augenblick nachdachte, -erkannte ich sofort, daß ich hauptsächlich deshalb so zufrieden war, -»weil ich heute im Hause meines alten Fürsten Nikolai Iwanowitsch sein -werde«. Aber dieser Tag war verhängnisvoll in meinem Leben; und -unvorhergesehen, wie er war, begann er auch gleich mit einer -Überraschung. - -Es hatte gerade zehn geschlagen, als plötzlich meine Tür sperrangelweit -aufflog, und ins Zimmer stürzte -- Tatjana Pawlowna. Alles hätte ich -noch erwartet, aber nicht ihr Erscheinen bei mir. Erschrocken sprang ich -auf. Ihr Gesicht war grimmig anzusehen, ihre Bewegungen wild und -aufgeregt, und ich glaube, wenn man sie gefragt hätte, weshalb sie zu -mir geeilt war, hätte sie es vielleicht selbst nicht zu sagen gewußt. -Ich muß hier im voraus bemerken, damit es nicht gar zu unverständlich -ist, daß sie gerade eine ungeheuerliche, sie fast niederschmetternde -Nachricht erhalten hatte und sich noch unter dem ersten erschütternden -Eindruck befand. Und dieses Ereignis war zum Teil durch mich verursacht -worden. Übrigens blieb sie nur eine halbe Minute, oder vielleicht eine -ganze Minute, aber gewiß nicht länger bei mir. - -»Da ist er! Also _so_ bist du!« schrie sie mich an -- ganz krumm stand -sie vor mir, in ihrer Wut. »Du junger Hund! Was hast du angerichtet? -Oder weißt du's etwa nicht? Da sitzt er und trinkt noch Kaffee! Ach du -Klatschbase, du Lästerer, du Windbeutel! Du Liebhaber aus Papier ...! -Solche Lümmel muß man einfach peitschen, mit Ruten peitschen, jawohl, -peitschen! peitschen!« - -»Tatjana Pawlowna, was ist geschehen? Was ist denn los? Mama ...?« - -»Wirst's erfahren!« schrie sie drohend -- und fort war sie, kaum daß ich -sie gesehen hatte. Ich wäre ihr natürlich nachgelaufen, aber ein Gedanke -hielt mich zurück oder nicht einmal ein Gedanke, sondern nur eine dunkle -Unruhe: ich ahnte, daß der »Liebhaber aus Papier« das wichtigste und -bedeutsamste Wort von allen ihren gegen mich geschleuderten Schmähungen -gewesen war; freilich, auf den ganzen Zusammenhang wäre ich nie und -nimmer von selbst gekommen. Aber ich machte mich doch sogleich auf den -Weg, um so schnell als möglich die Sache mit Stebelkoff zu erledigen und -dann zum alten Fürsten zu eilen. »Dort ist der Schlüssel zu allem!« -dachte ich instinktiv. - -Es war mir unbegreiflich, woher Stebelkoff von der heimlichen Verlobung -Anna Andrejewnas bereits gehört haben konnte, aber er wußte schon die -ganze Geschichte und sogar bis in die kleinsten Einzelheiten hinein. Ich -will nicht alle seine Reden und Gebärden wiedergeben, aber er war -entzückt, war ganz zappelig vor Entzücken über diesen »diplomatisch -genialen Coup!«, wie er sich ausdrückte. - -»Nein, das ist mir mal ein Frauenzimmer! Teufel noch eins! Nein, sehen -Sie, das ist mal ein Frauenzimmer!« rief er ein über das andere Mal. -»Die ist uns über! Da sitzen wir nun und sitzen, und 's kommt nichts -dabei raus; sie aber, sie hatte mal Lust, das Wasser aus der Quelle -selbst zu trinken, und da geht sie einfach hin und trinkt, trinkt's auch -wirklich! Das ... das ist eine antike Statue! Das ist ja die antike -Minerva selbst, bloß daß sie herumgeht und moderne Kleider trägt!« - -Ich ersuchte ihn, zur Sache zu kommen. Es handelte sich, wie ich schon -vermutet hatte, nur darum, daß ich dem jungen Fürsten zureden sollte, -zum alten Fürsten Nikolai Iwanowitsch zu fahren und ihn um seine Hilfe -zu bitten. »Sonst wird es ihm, dem Fürsten Ssergei Petrowitsch, doch -furchtbar schlecht ergehen! Das liegt doch jetzt nicht mehr in meiner -Macht! Ist das so oder nicht?« - -Er sah mir wieder in die Augen, aber ich glaube, er vermutete nicht -einmal, daß ich inzwischen etwas erfahren haben konnte, was ich während -unseres Gesprächs vor zwei Tagen noch nicht gewußt hatte. Aber wie hätte -er das auch vermuten sollen, da ich mit keinem Wort, mit keiner -Anspielung verriet, daß ich von den Aktien etwas wußte. Wir sprachen -nicht lange; er begann mir sogleich Geld zu versprechen, und zwar »viel -Geld, sehr viel Geld, wenn Sie nur dazu beitragen, daß der Fürst -hinfährt und ihn bittet! Die Sache drängt, drängt fürchterlich, und das -ist ja eben das Zwingende, daß sie so drängt!« - -Ich hatte keine Lust, ihm zu widersprechen und mich lange mit ihm -abzugeben. Ich sagte daher nur, ich würde es »versuchen«. Doch plötzlich -setzte er mich maßlos in Erstaunen: ich ging bereits zur Tür, als er auf -einmal schmeichelnd seinen Arm um meine Schulter legte und ... die -unverständlichsten Dinge zu reden anfing. - -Ich übergehe die Einzelheiten und gebe nur den Sinn des Gespräches -wieder, um nicht zu ermüden. Der Sinn war kurz gesagt der, daß er das -Ansinnen an mich stellte, ihn mit -- Dergatschoff bekannt zu machen, da -ich, wie er meinte, »dort doch verkehre!« - -Ich verstummte sofort und horchte auf, -- gab mir aber die größte Mühe, -ihn nichts merken zu lassen. Übrigens sagte ich ihm gleich darauf, daß -ich dort keineswegs verkehrte und nur einmal, und auch damals nur -zufällig, bei ihnen gewesen war. - -»Aber wenn Sie schon einmal _zugelassen_ worden sind, dann können Sie -doch wieder hingehen, das ist doch so -- oder nicht?« - -Nun fragte ich ihn ganz offen, aber sehr kaltblütig, weshalb er das denn -wünschte? Und wirklich, ich kann es noch immer nicht verstehen, wie die -Naivität eines offenbar doch gar nicht dummen Menschen, dazu noch eines -»Geschäftsmannes«, wie Wassin ihn bezeichnet hatte, in dieser Sache so -weit gehen konnte! Er erklärte mir nämlich auf meine Frage ohne -weiteres, daß er bei Dergatschoff »etwas Verbotenes, sogar streng -Verbotenes« vermute, und folglich könnte ich, wenn ich dahinterkäme, -einen gewissen Vorteil für mich herausschlagen ... Und er zwinkerte mir -lächelnd mit dem linken Auge zu. - -Ich antwortete ihm darauf so gut wie nichts Bestimmtes, tat aber, als -erwöge ich den Vorschlag, und sagte schließlich, ich würde darüber noch -»nachdenken«. Dann beeilte ich mich, fortzukommen. Die Sache wurde -verwickelter. Ich fuhr schnell zu Wassin, den ich zum Glück zu Hause -traf. - -»Ah, auch Sie!« sagte er rätselhaft, als er mich erblickte. - -Ich schenkte diesem Ausruf weiter keine Beachtung, sondern erzählte ihm -gleich diese letzte Geschichte mit Stebelkoff. Er war sichtlich -verdutzt, doch verlor er deshalb keinen Augenblick seine Kaltblütigkeit. -Er fragte mich eingehend nach den Einzelheiten, und ich mußte ihm alles -ganz ausführlich wiedergeben. - -»Ist es nicht doch möglich, daß Sie ihn falsch verstanden haben?« - -»Nein, ich habe ihn ganz richtig verstanden; denn der Sinn seiner Worte -war überhaupt nicht mißzuverstehen.« - -»Jedenfalls bin ich Ihnen außerordentlich dankbar,« sagte er aufrichtig. -»Ja, in der Tat, wenn alles so war, dann hat er wohl gedacht, Sie würden -einer gewissen Summe nicht widerstehen können.« - -»Zumal er meine Lage sehr gut kennt: ich habe viel gespielt und habe -mich schlecht aufgeführt, Wassin.« - -»Ich habe davon gehört.« - -»Am unverständlichsten ist mir aber,« wagte ich, scheinbar unbefangen -und wie beiläufig, zu bemerken, »daß er von Ihnen doch weiß, daß Sie zu -diesen Leuten gehen.« - -»Er weiß ganz genau,« erwiderte Wassin einfach und selbstverständlich, -»daß ich mit alledem nichts zu tun habe. Und eigentlich sind ja alle -diese jungen Leute doch nur Schwätzer und nichts weiter; übrigens müssen -Sie sich ja selbst noch am besten daran erinnern.« - -Wie mir schien, traute er mir in irgendeiner Beziehung doch nicht ganz. - -»Jedenfalls bin ich Ihnen außerordentlich dankbar,« sagte er noch -einmal. - -»Man spricht davon, daß es Herrn Stebelkoff geschäftlich nicht gerade -gut gehe,« bemerkte ich wieder wie beiläufig, scheinbar ohne jeden -Hintergedanken, »wenigstens habe ich von gewissen Aktien gehört ...« - -»Von was für Aktien?« fragte er, und ich sah, wie er sofort aufhorchte. - -Ich hatte mit Absicht die »gewissen Aktien« erwähnt, aber -selbstverständlich nicht deshalb, um ihm das Geheimnis des Fürsten -mitzuteilen. Ich wollte nur eine Anspielung machen und aus seinem -Gesicht, aus seinen Augen ersehen, ob er von diesen Aktien etwas wußte. -Und ich erreichte meinen Zweck: aus einem unwillkürlichen, wenn auch -kaum merklichen Zucken seines Gesichts erriet ich, daß er auch davon -etwas wußte. Ich antwortete nicht auf seine Frage, was für Aktien das -wären, sondern sprach von anderem weiter; aber auch er ging -merkwürdigerweise auf anderes über. - -»Wie geht es Lisaweta Makarowna?« erkundigte er sich teilnehmend. - -»Gut. Meine Schwester verehrt Sie sehr ...« - -Seine Augen erglänzten vor Freude; ich hatte schon längst bemerkt, daß -Lisa ihm nicht gleichgültig war. - -»Fürst Ssergei Petrowitsch Ssokolski war vor einiger Zeit bei mir,« -teilte er mir auf einmal mit. - -»Wann?« fragte ich erstaunt. - -»Vor vier Tagen.« - -»Nicht gestern?« - -»Nein, gestern nicht.« - -Er sah mich fragend an. - -»Ich werde Ihnen vielleicht später einmal Näheres über diesen Besuch -erzählen, jetzt aber möchte ich Sie nur darauf aufmerksam machen,« sagte -Wassin rätselhaft, »daß er sich, wie mir schien, in einem gewissermaßen -unnormalen Gemüts- und sogar Geisteszustand befand. Übrigens ist noch -jemand bei mir gewesen,« sagte er plötzlich lächelnd, »soeben, kurz -bevor Sie kamen, und auch bei diesem Besuch mußte ich auf einen nicht -ganz normalen Zustand schließen.« - -»War der Fürst soeben hier?« - -»Nein, nicht der Fürst, ich rede jetzt nicht vom Fürsten. Bei mir war -vorhin ... Andrei Petrowitsch Werssiloff und ... Wissen Sie nichts? Ist -mit ihm nicht etwas Besonderes geschehen?« - -»Vielleicht, es wäre möglich, -- aber was ist mit ihm denn hier bei -Ihnen geschehen?« fragte ich gespannt. - -»Eigentlich dürfte ich das nicht sagen ... Wir führen heute eine etwas -sonderbare Unterhaltung, über lauter Geheimnisse,« setzte er mit einem -Lächeln hinzu. »Andrei Petrowitsch hat übrigens Verschwiegenheit von mir -nicht ausdrücklich verlangt. Aber da Sie sein Sohn sind, und ich Ihre -Gefühle für ihn kenne, so dürfte es diesmal sogar geboten sein, Sie -davon in Kenntnis zu setzen. Stellen Sie sich vor, er kam zu mir, um -mich zu fragen, ob ich, wenn er sich in den nächsten Tagen duellieren -müßte, -- ob ich dann sein Sekundant sein würde. Ich habe natürlich -abgelehnt.« - -Ich war maßlos verwundert. Diese Neuigkeit war die beunruhigendste von -allen: es mußte etwas geschehen, ihm etwas widerfahren sein, wovon ich -noch nichts wußte! Und plötzlich, im Augenblick, fiel es mir ein, daß -Werssiloff gestern zu mir gesagt hatte: >Nicht ich werde zu dir kommen, -wohl aber wirst du zu mir stürzen.< Ich fuhr schnell zum alten Fürsten -Nikolai Iwanowitsch und fühlte nun noch mehr voraus, daß dort die Lösung -des Rätsels zu finden war. Wassin dankte mir beim Abschied noch einmal. - - - II. - -Der alte Fürst saß vor dem Kamin, die Füße mit einem Plaid warm -zugedeckt. Er empfing mich mit einem eigentümlich fragenden Blick, ganz, -als wundere er sich über mein Kommen, und doch hatte er fast jeden Tag -nach mir geschickt. Übrigens begrüßte er mich freundlich, aber auf meine -ersten Fragen antwortete er gleichsam mißmutig und merkwürdig zerstreut. -Hin und wieder schien er über irgend etwas nachzudenken, und dann sah er -mich fragend an, ganz als versuche er sich einer Sache zu erinnern, die -er zum Teil vergessen hatte, und die sich zweifellos auf mich bezog. Ich -sagte ihm ganz offen, daß ich schon alles gehört hätte und mich sehr -freute. Ein freundliches und gutes Lächeln erschien sofort auf seinen -Lippen, und er belebte sich förmlich; seine Zurückhaltung und sein -Mißtrauen verschwanden im Nu, als hätte er sie plötzlich ganz vergessen. -Und so war es wohl auch. - -»Du bist mein lieber junger Freund, ich wußte es ja, daß du als erster -kommen würdest. Weißt du, noch gestern dachte ich an dich. Ich fragte -mich: >Wer wird sich darüber freuen? -- Er wird sich freuen!< Nun und -sonst auch niemand mehr; aber das tut ja nichts. Die Menschen haben böse -Zungen, doch das ist belanglos. _Cher enfant_,{[53]} das ist ja alles so -erhaben und so wundervoll ... Aber du kennst sie ja selbst. Von dir hält -Anna Andrejewna sehr viel. Sie -- sie hat das strenge und schöne Gesicht -einer englischen Gravüre. Sie ist wie der schönste englische Stahlstich, -den man sich nur denken kann ... Vor drei Jahren hatte ich eine ganze -Sammlung solcher Stahlstiche ... Ich habe schon von jeher, von jeher -diese Absicht gehabt! Ich wundere mich nur, weshalb ich nicht von selbst -darauf gekommen bin!« - -»Sie haben ja Anna Andrejewna, soviel ich weiß, immer sehr geliebt und -ausgezeichnet.« - -»Mein Freund, wir wollen niemandem schaden. Das Leben mit Freunden, mit -Verwandten, mit denen, die unserem Herzen lieb und teuer sind -- das ist -das Paradies. Alle Menschen sind Dichter ... Das weiß man schon seit den -ältesten Zeiten. Weißt du, wir werden im Sommer zuerst nach Bad Soden -reisen und dann nach Bad Gastein. Aber du bist so lange nicht bei mir -gewesen, wo warst du denn? Ich habe auf dich gewartet. Und nicht wahr, -es ist doch inzwischen so viel geschehen! Schade nur, daß ich nicht -ruhig bin: sobald ich allein bin, werde ich gleich unruhig. Und deshalb -darf ich auch nicht allein bleiben, nicht wahr? Das ist doch klar wie's -Einmaleins. Das habe ich auch sofort eingesehen, schon nach ihren ersten -Worten. Oh, mein Freund, sie hat ja im ganzen nur zwei Worte gesagt, -aber die ... die waren in ihrer Art so was wie die wunderbarste Poesie. -Aber du bist ja ihr Bruder, ja, eigentlich ihr Bruder, nicht wahr? Mein -Lieber, deshalb habe ich dich auch die ganze Zeit so geliebt. Ich -schwöre dir, ich habe das alles vorausgefühlt. Ich habe ihr nur die Hand -geküßt und dann geweint.« - -Er zog sein Taschentuch hervor, als wolle er wieder zu weinen anfangen. -Er war sehr erschüttert, und sein Zustand schien so schlecht zu sein, -wie ich es bis dahin noch nie gesehen hatte. Gewöhnlich oder sogar fast -immer war er frischer und aufgeräumter gewesen. »Ich würde allen -verzeihen, mein Freund,« stammelte er weiter. »Ich habe den Wunsch, -allen zu verzeihen, und ich ärgere mich schon lange über niemand mehr. -Mir bleibt die Liebe zur Kunst, _la poésie dans la vie_,{[54]} Wohltun -den Armen, und _sie_ -- das ist biblische Schönheit. _Quelle charmante -personne_, nicht wahr? _Les chants de Salomon ... non, ce n'est pas -Salomon, c'est David qui mettait une jeune belle dans son lit pour se -chauffer dans sa vieillesse. Enfin David, Salomon_{[55]} -- das dreht -sich alles in meinem Kopf, das reine Chaos. Jedes Ding, _cher enfant_, -kann erhaben und gleichzeitig lächerlich sein. _Cette jeune belle de la -vieillesse de David -- c'est tout un poème_,{[56]} aber bei einem Paul -de Kock wäre daraus irgendeine _scène de bassinoire_{[57]} geworden, und -wir würden alle darüber lachen. Paul de Kock hat weder Maß noch -Geschmack, wenn er auch Talent hat ... Katerina Nikolajewna lächelt ... -Ich sagte ihr, daß wir niemanden stören werden. Wir haben unseren Roman -angefangen, und nun soll man uns ihn beenden lassen. Mag das ein Traum -sein, aber man soll uns diesen Traum nicht nehmen!« - -»Wieso denn ein Traum, Fürst?« - -»Ein Traum? Wieso ein Traum? Nun, meinetwegen kann es auch nur ein Traum -sein, aber man soll mich wenigstens mit diesem Traum sterben lassen.« - -»Oh, Fürst, warum denn sterben? Leben müssen Sie, gerade jetzt leben!« - -»Ja, was habe ich denn anderes gesagt? Ich sage doch die ganze Zeit nur -das. Ich weiß wirklich nicht, weshalb das Leben so kurz ist. Damit es -nicht langweilig werde, natürlich, denn das Leben ist ein Kunstwerk des -Schöpfers selbst, ein Kunstwerk von der vollendeten und untadeligen Form -eines Puschkinschen Gedichts. Kürze ist die erste Bedingung des -Künstlerischen. Aber wenn jemand keine Langeweile fühlt, so könnte man -den doch auch etwas länger leben lassen.« - -»Sagen Sie, Fürst, ist die Verlobung schon offiziell?« - -»Nein, mein Lieber, das ist sie keineswegs! Wir haben das nur so -beschlossen. Es bleibt in der Familie, nur in der Familie, nur in der -Familie. Vorläufig habe ich bloß Katerina Nikolajewna alles mitgeteilt, -da ich mich ihr gegenüber schuldig fühle. Oh, Katerina Nikolajewna ist -ein Engel, ein Engel!« - -»Ja, ja, das ist sie!« - -»Ja? Auch du sagst >ja<? Und ich dachte, daß gerade du ihr Feind seist. -Apropos, da fällt mir ein: sie bat mich doch, dich nicht mehr zu -empfangen. Und stell dir vor: als du hereinkamst, hatte ich das ganz -vergessen.« - -»_Was_ sagen Sie?« Ich sprang auf. »Aber weswegen denn? Wann hat sie das -gesagt?« - -(Meine Ahnung hatte mich also nicht betrogen! Ja, gerade etwas von der -Art hatte ich schon die ganze Zeit geahnt, seit dem überraschenden -Erscheinen Tatjana Pawlownas bei mir!) - -»Gestern, mein Lieber, gestern hat sie es mir gesagt, und ich verstehe -gar nicht, wie du jetzt überhaupt hast hereinkommen können; denn es sind -doch schon Anweisungen gegeben worden. Wie bist du hereingekommen?« - -»Ich bin ganz einfach hereingegangen.« - -»Das ist auch am wahrscheinlichsten. Wenn du dich mit vorsichtiger -Schlauheit hereingestohlen hättest, würde man dich bestimmt aufgehalten -haben, aber da du ganz einfach hereinkamst, haben sie dich -durchgelassen. Die Einfachheit, _mon cher_, ist in Wirklichkeit die -höchste Schlauheit.« - -»Ich verstehe noch immer nicht: also auch Sie hatten beschlossen, mich -nicht mehr zu empfangen?« - -»Nein, mein Freund, ich habe gesagt, daß mich das nichts anginge ... Das -heißt, ich habe zu allem ja gesagt. Glaube mir, mein lieber Junge, ich -habe dich viel zu lieb ... Aber Katerina Nikolajewna hat das gar zu -bestimmt verlangt ... Ah, siehe da!« - -In diesem Augenblick erschien Katerina Nikolajewna in der Tür. Sie war -zum Ausgehen angezogen und kam, um ihrem Vater vor dem Fortgehen einen -Kuß zu geben, wie sie das immer tat. Als sie mich erblickte, stutzte -sie, wurde verlegen, drehte sich schnell um und ging hinaus. - -»_Voilà!_« rief der Fürst erschrocken und furchtbar aufgeregt. - -»Das ist ein Mißverständnis!« rief ich, »das muß ich im Augenblick ... -Ich ... ich komme sofort zurück, Fürst!« - -Und schon eilte ich Katerina Nikolajewna nach. - -Was nun folgte, geschah alles so schnell, daß ich nicht nur keine Zeit -hatte, zu überlegen, wie ich mich verhalten und vorgehen sollte, sondern -daß ich überhaupt nicht zur Besinnung kam. Hätte ich auch nur ein wenig -überlegen und mich vorbereiten können, so würde ich mich -selbstverständlich ganz anders aufgeführt haben. So jedoch verlor ich -wie ein kleiner Junge einfach den Kopf. Ich eilte zunächst zu ihren -Zimmern, aber unterwegs stieß ich auf einen Diener, der mir sagte, daß -Katerina Nikolajewna bereits hinausgegangen sei und sich in den Wagen -setze. Da lief ich Hals über Kopf ins Treppenhaus. Katerina Nikolajewna -hatte ihren Pelz schon umgenommen und stieg die Treppe hinunter, und -neben ihr ging, oder vielmehr, es führte sie ein hochgewachsener -wohlgestalteter Offizier in Uniform, ohne Mantel, den Säbel an der -Seite; ein Diener trug ihm den Mantel nach. Das war Baron Bjoring. Er -war Oberst, etwa fünfunddreißig Jahre alt, der Typ eines eleganten -Offiziers: sehnig, mit einem etwas fast zu länglichen Gesicht, einem -rötlich blonden Schnurrbart und beinahe ebensolchen Wimpern. Sein -Gesicht war zwar gar nicht hübsch, aber es war von scharfem Schnitt und -herausforderndem Ausdruck. Ich beschreibe ihn nur flüchtig, wie ich ihn -in dem Augenblick sah. Bis dahin hatte ich ihn noch niemals gesehen. Ich -eilte ihnen ohne Hut und Pelz nach. Katerina Nikolajewna bemerkte mich -zuerst und flüsterte ihm schnell etwas zu. Er wollte schon den Kopf nach -mir umwenden, gab aber dann nur dem Diener und dem Portier einen Wink. -Der Diener machte schnell einen Schritt auf mich zu -- das war schon an -der Haustür --, doch ich schob ihn zur Seite und lief ihnen nach auf die -Vorfahrt. Bjoring half Katerina Nikolajewna in die Equipage. - -»Katerina Nikolajewna! Katerina Nikolajewna!« rief ich sinnlos (wie ein -Esel! Wie ein Esel! Oh, ich erinnere mich noch so genau, -- ich war ohne -Hut!). - -Bjoring wandte sich wütend halb nach dem Diener um und rief ihm laut -etwas zu, ein oder zwei Worte, ich weiß nicht, was. Ich fühlte nur, wie -mich jemand am Ellenbogen packte. Da zogen die Pferde an, und die -Equipage rollte davon -- ich rief noch einmal und wollte ihr nachlaufen, -doch ich sah nur noch, daß Katerina Nikolajewna zum Fenster -hinausschaute und in großer Unruhe zu sein schien. Aber in meiner Hast, -ihr nachzueilen, stieß ich plötzlich heftig an den Baron, ohne es zu -gewahren, und ich glaube, ich trat ihm auf den Fuß. Er schrie leicht -auf, knirschte mit den Zähnen, faßte mich mit starker Hand an der -Schulter und stieß mich wütend fort, so daß ich gute drei Schritt -zurückflog. In dem Augenblick reichte ihm der Diener den Mantel; er warf -ihn sich um die Schultern, setzte sich in seinen Schlitten und rief im -Fortfahren den Bedienten und dem Portier noch einmal drohend etwas zu, -wobei er auf mich wies. Ich wurde von ihnen ergriffen und festgehalten: -der eine warf mir meinen Pelz um, der andere reichte mir den Hut und -- -ich weiß nicht, was sie noch sagten; ich stand und hörte sie wohl -sprechen, aber ich begriff nichts. Und auf einmal drehte ich ihnen den -Rücken und eilte davon. - - - III. - -Ich lief, ohne zu überlegen, ohne zu denken, ich stieß achtlos die -Menschen an und sah kaum etwas, bis ich schließlich die Wohnung Tatjana -Pawlownas erreichte. Ich verfiel auch nicht einmal darauf, mir unterwegs -eine Droschke zu nehmen. Bjoring hatte mich vor _ihren_ Augen -zurückgestoßen! Nun ja, ich war ihm auf den Fuß getreten, und da mag er -es ganz unwillkürlich getan haben, wie einer, dem jemand auf ein -Hühnerauge tritt (und ich war ihm vielleicht wirklich auf ein Hühnerauge -getreten!) Aber _sie_ hatte es gesehen und hatte auch gesehen, wie die -Diener mich ergriffen, und alles das war vor ihren Augen geschehen, vor -ihren Augen! Als ich zu Tatjana Pawlowna hineinstürzte, konnte ich -zunächst kein Wort hervorbringen. Mein Unterkiefer zitterte wie im -Fieber. Aber ich war ja auch im Fieber, und außerdem weinte ich ... Oh, -man hatte mich so grausam gekränkt. - -»Ah! Na was? Bist hinausgeworfen worden? Das ist recht, das ist recht!« -sagte Tatjana Pawlowna. - -Ich sank stumm auf den Diwan und sah sie an. - -»Aber was ist denn mit ihm?« Sie betrachtete mich prüfend. »Er zittert -ja! -- Da, trink mal etwas Wasser, hier ist Wasser, trink! Und jetzt -sag, was hast du dort noch angerichtet?« - -Ich murmelte etwas davon, daß man mich hinausgeworfen und Bjoring mich -auf der Straße gestoßen hatte. - -»So? Kannst du jetzt schon etwas verstehen oder noch nicht? Dann nimm -mal dies hier, -- ließ und freue dich!« - -Sie nahm einen Brief vom Tisch, gab ihn mir und blieb erwartungsvoll vor -mir stehen. Ich erkannte sofort die Handschrift Werssiloffs: es war ein -Brief von ihm an Katerina Nikolajewna. Ich fuhr zusammen, und im -Augenblick war auch mein Verstand wieder klar, und ich begriff mit aller -Schärfe. Der Inhalt dieses entsetzlichen, schändlichen, verrückten, -räuberischen Briefes war buchstäblich folgender: - - Sehr geehrte Katerina Nikolajewna! - - Obschon ich weiß, wie verderbt Sie Ihrer Natur und Ihrer Anschauung - nach sind, habe ich doch gedacht, daß Sie Ihre Leidenschaften - manchmal etwas zügeln und es wenigstens nicht auf Kinder absehen - würden. Aber Ihre Schamlosigkeit schreckt selbst davor nicht zurück. - Ich teile Ihnen mit, daß das Ihnen bekannte Dokument bestimmt nicht - verbrannt worden ist und sich auch niemals in den Händen des Herrn - Krafft befunden hat, weshalb Sie auf diese Weise nichts erreichen - werden. Verderben Sie deshalb nicht zwecklos einen Jüngling. - Verschonen Sie ihn, er ist noch nicht volljährig, ist fast noch ein - Knabe, ist sowohl geistig wie körperlich noch unentwickelt. Was - hätten Sie an diesem Jungen? Ich aber nehme Anteil an ihm, und - deshalb wage ich, Ihnen das zu schreiben, wenn ich auch nicht auf - einen Erfolg hoffe. Ich habe die Ehre, Ihnen noch mitzuteilen, daß - ich eine Abschrift dieses Briefes gleichzeitig an Baron Bjoring - sende. - - A. Werssiloff. - -Ich erbleichte, als ich das las, dann aber schoß mir das Blut plötzlich -heiß ins Gesicht, und meine Lippen bebten vor Empörung. - -»Das sagt er ja von mir! Das ist das, was ich ihm vorgestern anvertraut -habe!« rief ich, zitternd vor Wut. - -»Das ist's ja, daß du's ihm >anvertraut< hast!« Tatjana Pawlowna riß mir -den Brief aus der Hand. - -»Aber ... ich habe ja gar nicht das ... so was hab ich ihm doch gar -nicht gesagt! O Gott, was muß sie jetzt von mir denken! Aber er ist ja -wahnsinnig! Er ist wirklich wahnsinnig ... Ich habe ihn gestern gesehen. -Wann ist der Brief abgesandt?« - -»Gestern am Tage; am Abend hat sie ihn erhalten, und heute früh brachte -sie ihn mir persönlich.« - -»Ich habe ihn gestern gesehen, er ist wahnsinnig! Das hat Werssiloff -nicht schreiben können, das hat ein Wahnsinniger geschrieben! Wer -schreibt denn so etwas an eine Frau?« - -»Eben solche Verrückte schreiben's in ihrer Wut, wenn sie vor Eifersucht -und Zorn blind und taub werden, und ihr Blut sich in Gift verwandelt ... -Du weißt noch gar nicht, was für einer er ist! Dafür wird man ihn jetzt -so niederschlagen, daß überhaupt nichts mehr von ihm übrigbleibt. Er -steckt ja selber seinen Kopf unter das Richtschwert! Er sollte doch -lieber nachts auf die Nikolaibahnstrecke gehen und seinen Kopf auf die -Schienen legen! Da würde er ihm so hübsch abgeschnitten werden, -- wenn -er ihm nun mal zum Tragen zu schwer geworden ist! Und was hat dich denn -geplagt, ihm das zu erzählen? Wozu mußtest du ihn denn noch aufreizen? -Wolltest dich wohl rühmen vor ihm?« - -»Aber was ist das für ein Haß! Was für ein Haß!« rief ich und schlug mir -mit der Hand vor die Stirn. »Und weshalb, weshalb? Haß gegen eine Frau! -Was hat sie ihm denn getan? Was hat es zwischen ihnen gegeben, daß er -einen solchen Brief überhaupt hat schreiben können?« - -»>Was für ein _Haß_<! Da höre doch einer!« verhöhnte mich Tatjana -Pawlowna mit beißendem Spott. - -Wieder schoß mir das Blut ins Gesicht: es war mir, als hätte ich noch -etwas ganz Neues zu begreifen; ich sah sie fragend an, jede Fiber in mir -war gespannt. - -»Scher dich weg! Geh mir aus den Augen!« kreischte sie auf einmal und -wandte sich schnell von mir ab. »Hab mich genug mit euch allen -abgegeben! Bin es satt! Und wenn ihr auch alle umkommt ...! Nur um deine -Mutter täte es mir noch leid ...« - -Ich eilte von ihr natürlich zu Werssiloff. Nein, war das aber eine -Niedertracht! So eine Niedertracht! - - - IV. - -Werssiloff war nicht allein. Eines muß ich vorausschicken: da er nun -einmal diesen verhängnisvollen Brief an Katerina Nikolajewna und eine -Abschrift desselben tatsächlich an Baron Bjoring abgesandt hatte (und -nur Gott mochte wissen, weshalb), war er selbstverständlich auch auf die -Folgen seiner Handlungsweise gefaßt gewesen und hatte deshalb schon am -Morgen gewisse Vorkehrungen getroffen. So waren auf seinen Wunsch hin -Mama und Lisa (die, wie ich später erfuhr, an diesem Morgen nicht ganz -wohl zurückgekehrt war und sich zu Bett gelegt hatte) nach oben in das -Giebelstübchen, in den sogenannten »Sarg«, übergesiedelt; und die Zimmer -unten, besonders unser »Wohnzimmer«, waren sorgfältig aufgeräumt und -gesäubert worden. Und richtig: um zwei Uhr mittags erschien bei ihm ein -Baron R., ein Oberst, etwa vierzig Jahre alt, gleichfalls deutscher -Abstammung, von hohem Wuchs, hager, doch offenbar von großer -körperlicher Kraft, und auch so rötlich blond wie Bjoring, nur zeigte -sich bei ihm schon der Anfang einer Glatze. Er war einer von diesen -Baronen R., deren es sehr viele in der russischen Armee gibt, die alle -als »Barone« ein übertriebenes Ehrgefühl haben, gar kein Vermögen -besitzen und nur von ihrem Gehalt leben, dabei im Dienst unermüdlich und -vortreffliche Frontoffiziere sind. Sie waren bereits mitten in ihrer -Auseinandersetzung, als ich eintrat, und schienen beide sehr gereizt zu -sein. Wie hätten sie es auch nicht sein sollen! Werssiloff saß auf dem -Sofa hinter dem Tisch, der Baron seitlich in einem Sessel. Werssiloff -war bleich, sprach jedoch sehr beherrscht und jedes Wort scharf durch -die Zähne; der Baron dagegen sprach mit erhobener Stimme und war -sichtlich zu heftigen Bewegungen geneigt, bezwang sich aber noch, wenn -auch nur mit Mühe, blickte streng, hochmütig und sogar mit Verachtung -drein, doch sah man ihm trotzdem eine gewisse Verwunderung an. Als er -mich erblickte, verfinsterte sich sein Gesicht; Werssiloff aber schien -sich über mein Erscheinen fast zu freuen. - -»Guten Tag, mein Lieber. Baron, dieser noch sehr junge Mann ist -derselbe, von dem in meinem Brief die Rede ist, aber ich versichere Sie, -seine Anwesenheit wird uns nicht stören und uns vielleicht sogar -zustatten kommen.« - -Der Baron musterte mich mit Verachtung. - -»Mein Lieber,« fügte Werssiloff hinzu, indem er sich zu mir wandte, »es -freut mich, daß du gekommen bist; du setzt dich vielleicht so lange -dorthin in die Ecke, bis der Baron und ich unsere Auseinandersetzung -beendet haben. Ich bitte dich darum. Beruhigen Sie sich, Baron, er wird -uns nicht stören und nur dort in der Ecke sitzen.« - -Mir war das schließlich einerlei; denn ich hatte meinen Vorsatz schon -gefaßt, und außerdem war ich nicht wenig verwirrt. Ich setzte mich stumm -in die Ecke, so weit wie möglich entfernt, und verharrte dort regungslos -... - -»Ich versichere Ihnen nochmals, Baron,« sagte Werssiloff mit fester -Stimme, »daß ich Katerina Nikolajewna Achmakoff, an die ich diesen -unwürdigen und krankhaften Brief geschrieben habe, nicht nur für das -edelste Wesen, sondern für den Gipfel aller Vollkommenheiten halte!« - -»Eine solche Widerrufung Ihrer eigenen Worte ist aber, wie ich Ihnen -bereits erklärt habe, fast eine Wiederholung derselben,« erwiderte der -Baron ungehalten. »Ihre Worte bezeugen entschieden nicht das, was man -Ehrerbietung nennt.« - -»Und doch kann ich Sie nur ersuchen, meine Worte in ihrem buchstäblichen -Sinne aufzufassen. Ich leide an gewissen Anfällen und ... muß deshalb -auch eine Kur durchmachen. Und in einem solchen Augenblick habe ich -leider ...« - -»Solche Erklärungen kann ich unter keinen Umständen gelten lassen. Ich -mache Sie schon zum ... ja, ich weiß nicht, zum wievielten Male darauf -aufmerksam, daß Sie unentwegt fortfahren, auf Ihrer falschen Auffassung -zu beharren, und das vielleicht sogar absichtlich! Ich habe Sie schon -gleich zu Anfang darauf hingewiesen, daß diese Dame bei Behandlung der -ganzen Frage, das heißt Ihres Schreibens an die Generalin Achmakoff, in -unserer gegenwärtigen Auseinandersetzung ein für allemal ausgeschaltet -werden muß; Sie aber kommen immer wieder darauf zurück. Baron Bjoring -hat mich gebeten und mich beauftragt, ihm in dieser Angelegenheit nur -darüber Klarheit zu verschaffen, was ihn allein und persönlich trifft, -also über Ihre herausfordernde Zusendung einer Kopie jenes Briefes an -ihn und ferner über Ihre Bemerkung, daß Sie zu jeder von ihm gewünschten -Satisfaktion bereit seien.« - -»Aber dieses letztere dürfte doch wohl, denke ich, ohne weiteres klar -sein.« - -»Ich verstehe, das haben Sie schon gesagt. Sie sprechen also nicht -einmal Ihre Entschuldigung aus, sondern bestehen unverändert nur darauf, -daß Sie zu jeder von ihm gewünschten Satisfaktion bereit sind. Aber das -ist doch gar zu wohlfeil! Und deshalb halte ich mich schon jetzt für -berechtigt, in Anbetracht der Wendung, die Sie dieser Auseinandersetzung -hartnäckig zu geben suchen, Ihnen nun auch meinerseits alles, und zwar -rückhaltlos, zu sagen: das heißt, ich bin zu der Überzeugung gekommen, -daß Baron Bjoring unter _kei--nen_ Umständen mit Ihnen etwas zu tun -haben kann ... auf der Grundlage gesellschaftlicher Gleichstellung.« - -»Eine solche Auffassung ist natürlich die vorteilhafteste für Ihren -Freund, den Baron Bjoring, und ich kann Ihnen gestehen, Sie überraschen -mich damit nicht im geringsten: ich war auf so etwas gefaßt.« - -Nebenbei bemerkt: ich hatte schon aus den ersten Worten, ja, schon auf -den ersten Blick erkannt, daß Werssiloff absichtlich auf einen -Zusammenstoß lossteuerte, diesen reizbaren Baron geflissentlich reizte -und herausforderte und seine Geduld vielleicht einer gar zu harten Probe -aussetzte. Der Baron zuckte zusammen, konnte sich aber noch beherrschen. - -»Ich habe gehört, daß Sie witzig sein können, aber Witz ist noch nicht -Verstand.« - -»Eine außerordentlich tiefe Bemerkung, Oberst.« - -»Ich habe Sie nicht um Ihren Beifall gebeten,« fuhr der Baron gereizt -auf, »und bin nicht gekommen, um hier leeres Geschwätz zu führen! Ich -ersuche Sie, mich anzuhören und zu Ende sprechen zu lassen: Baron -Bjoring war sich keineswegs klar darüber, was er von Ihnen nach Ihrem -Brief halten sollte, da ein solches Schreiben zweifellos Ihre Reife für -eine Irrenanstalt bewies. Und selbstverständlich hätte man sofort Mittel -finden können, um Sie ... zu beruhigen. Aber aus gewissen besonderen -Gründen entschloß man sich zur Nachsicht mit Ihnen, und es wurden -Erkundigungen über Sie eingezogen. So stellte es sich heraus, daß Sie -früher allerdings zur guten Gesellschaft gehört haben und Gardeoffizier -gewesen sind, jetzt jedoch in der Gesellschaft nicht mehr empfangen -werden und daß Ihr Ruf heute ein mehr als zweifelhafter ist. Trotzdem -bin ich hergekommen, um mich persönlich zu unterrichten, und da erlauben -Sie sich noch zum Überfluß, leere Worte zu machen und sich damit zu -entschuldigen, daß Sie an Anfällen leiden. Das genügt! Baron Bjoring -kann in diesem Fall sich und seinen Namen nicht so tief erniedrigen, daß -er sich auf diese Geschichte überhaupt einläßt ... Und deshalb, mein -Herr, bin ich ermächtigt, Ihnen zu erklären: Sollten Sie sich noch -einmal so etwas oder auch nur etwas Ähnliches erlauben, so werden -unverzüglich Mittel gefunden werden, Sie zur Ruhe zu bringen, und zwar -schnell und sicher wirkende, davon können Sie überzeugt sein. Wir leben -nicht in einem Urwalde, sondern in einem wohlgeordneten Staat!« - -»Sind Sie wirklich so fest davon überzeugt, mein guter Baron R.?« - -»Zum Teufel!« Der Baron sprang plötzlich auf. »Sie führen mich gar zu -sehr in Versuchung, Ihnen unverzüglich zu beweisen, daß ich keineswegs ->Ihr guter Baron R.< bin!« - -»Ich möchte Sie noch einmal darauf aufmerksam machen,« sagte Werssiloff -und erhob sich gleichfalls, »daß meine Frau und meine Tochter sich hier -in der Nähe befinden ... und deshalb würde ich Sie bitten, nicht so laut -zu sprechen, da Ihr Geschrei von ihnen gehört werden könnte.« - -»Ihre Frau ... Zum Teufel! Wenn ich hier gesessen und mit Ihnen -gesprochen habe, so habe ich das nur getan, um Ihnen einen anderen -Standpunkt in dieser widerlichen Geschichte beizubringen!« fuhr der -Baron laut und zornig fort und dachte nicht daran, seine Stimme zu -dämpfen. »Ich habe aber genug davon!« schrie er wütend. »Sie sind nicht -nur aus dem Kreise anständiger Menschen ausgeschlossen, Sie sind -überdies noch -- ein Maniak, jawohl, sind mit fixen Ideen behaftet, und -als solchen hat man Sie uns auch bezeichnet! Sie sind es nicht wert, daß -man mit Ihnen Nachsicht hat, und ich erkläre Ihnen, heute noch werden -die erforderlichen Schritte getan werden, und man wird Sie an einen Ort -beordern, wo man es schon verstehen wird, Sie wieder zur Vernunft zu -bringen ... und Sie aus der Stadt zu schaffen!« Er verließ das Zimmer -mit großen, schnellen Schritten. Werssiloff geleitete ihn nicht hinaus: -er stand da, sah mich zerstreut an, doch wie es schien, ohne mich zu -sehen; auf einmal lächelte er, schüttelte seine Haare zurück, nahm dann -seinen Hut und ging zur Tür. Ich faßte ihn am Arm. - -»Ach, ja, auch du bist hier? Du ... hast es gehört?« Er war vor mir -stehengeblieben. - -»Wie haben Sie das tun können! Wie haben Sie es so entstellen und mir -diese Schande antun können ...! Und noch dazu mit solcher Arglist!« - -Er sah mich die ganze Zeit unablässig an, aber sein Lächeln trat immer -deutlicher hervor und schien geradezu in ein Lachen übergehen zu wollen. - -»Man hat mir die Schmach angetan ... vor ihren Augen! Vor ihren Augen! -Man hat mich verspottet, und er ... hat mich auf der Straße gestoßen!« -schrie ich außer mir. - -»Wirklich? Ach, du armer Junge, wie ich dich bedauere ... So hat man -dich dort verspottet?« - -»Sie lachen noch, Sie lachen noch über mich! Sie finden es lächerlich!« - -Er riß seinen Arm aus meiner Hand, setzte den Hut auf und verließ -lachend, bereits wirklich lachend, die Wohnung. Wozu sollte ich ihm -nachlaufen, wozu jetzt noch? Ich hatte alles begriffen und -- in einem -Augenblick alles verloren! Auf einmal sah ich meine Mutter in der Tür; -sie war von oben heruntergekommen und blickte sich ängstlich um. - -»Ist er fortgegangen?« - -Ich umfing sie schweigend, und sie drückte sich fest, fest an mich, -schmiegte sich geradezu an mich. - -»Mama, Liebste, können Sie denn wirklich noch bei ihm bleiben? Kommen -Sie gleich mit mir, ich werde Sie verbergen und beschützen, ich werde -für Sie wie ein Sträfling arbeiten, für Sie und für Lisa ... Kommen Sie, -verlassen wir sie alle, alle, und gehen wir fort! Leben wir ganz allein! -Mama, wissen Sie noch, wie Sie mich bei Touchard besuchten und ich Sie -nicht anerkennen wollte?« - -»Ich weiß es noch, Liebling; ich bin mein Leben lang schuldig vor dir; -ich habe dich geboren und dich nicht gekannt.« - -»Daran ist nur er schuld, Mama, er allein ist an allem schuld; er hat -Sie niemals geliebt!« - -»Doch, er hat mich geliebt.« - -»Gehen wir, kommen Sie, Mama!« - -»Wohin soll ich denn von ihm fortgehen, ist er denn glücklich?« - -»Wo ist Lisa?« - -»Sie liegt zu Bett; als sie nach Haus kam, fühlte sie sich nicht wohl -und legte sich hin. Ich habe solche Angst. Ist man denn dort sehr böse -auf ihn? Was werden sie jetzt mit ihm tun? Wohin ist er gegangen? Womit -hat dieser Offizier ihm hier gedroht?« - -»Ach, widerfahren wird ihm ja deshalb doch nichts, beruhigen Sie sich, -Mama; ihm widerfährt nie etwas, und ihm kann auch nichts widerfahren. Er -ist schon einmal so ein Mensch! Da kommt Tatjana Pawlowna, fragen Sie -die, wenn Sie mir nicht glauben, da ist sie!« (Tatjana Pawlowna trat aus -dem Korridor ins Zimmer.) »Auf Wiedersehen, Mama. Ich werde gleich -zurückkommen, und dann werde ich Sie nochmals dasselbe fragen ...« - -Ich eilte hinaus; ich konnte keinen Menschen sehen, wer es auch sein -mochte, nicht nur Tatjana Pawlowna; auch Mama quälte mich. Ich wollte -allein sein, allein! - - - V. - -Aber ich hatte kaum eine Straße durchschritten, als ich schon fühlte, -daß ich nicht mehr gehen konnte, daß ich mich sinn- und zwecklos unter -diesen fremden teilnahmslosen Menschen herumstieß. Doch wo sollte ich -bleiben? Wer brauchte mich, und -- was brauchte ich? Ich schleppte mich -weiter und verfolgte ganz mechanisch den gewohnten Weg zum Fürsten -Ssergei Petrowitsch. Dabei dachte ich aber gar nicht an ihn. Er war -nicht zu Haus. Dem Pjotr (seinem Diener) sagte ich, ich würde im -Kabinett auf ihn warten (was ich schon oft getan hatte). Das Kabinett -war ein großer hoher Raum, in dem sehr viele Möbel standen. Ich suchte -mir den dunkelsten Winkel aus, setzte mich dort auf einen Diwan, stützte -die Ellbogen auf den Tisch und den Kopf in die Hände. Ja, das war die -Frage: »Was brauchte ich jetzt?« Wenn ich damals diese Frage bewußt -hätte formulieren können, so wäre ich doch zu nichts weniger fähig -gewesen, als sie zu beantworten. - -Aber ich konnte weder vernünftig denken noch logische Fragen -formulieren. Ich habe schon einmal gesagt, daß ich zu guter Letzt von -den Ereignissen förmlich erdrückt war. Ich saß dort, und in meinem Kopf -drehte sich alles. In mir war ein Chaos. »Ja, ich habe alles in ihm -übersehen und nichts bemerkt, nichts begriffen,« ging es mir flüchtig -durch den Sinn. »Er hat mir soeben ins Gesicht gelacht; aber er lachte -nicht über mich: er hat ja die ganze Zeit nur an Bjoring gedacht, nicht -an mich. Vorgestern bei Tisch, als ich bei ihnen aß, da wußte er schon -alles und war finster. Er hat meine dumme Beichte in jenem -Kellerrestaurant aufgegriffen und sie auf Kosten der Wahrheit entstellt. -Aber wozu? Er glaubt ja selbst nicht ein halbes Wort von dem, was er in -seinem Brief an sie geschrieben hat. Ihm war es nur darum zu tun, sie zu -beleidigen, sinnlos und grundlos zu beleidigen, ohne selbst zu wissen, -wozu; er hat einfach den ersten besten Vorwand benutzt, und diesen -Vorwand gab ich ihm mit meiner Beichte ... Die Tat eines tollen Hundes! -Will er jetzt etwa Bjoring totschießen? Warum? Sein Herz wird es schon -wissen, warum! Ich aber habe keine Ahnung davon, was in seinem Herzen -vorgeht ... Nein, nein, auch jetzt weiß ich es nicht ...! Sollte er sie -denn wirklich bis zu solcher Leidenschaft lieben? Oder sie so -leidenschaftlich hassen? Ich weiß es nicht; aber weiß er es denn selbst? -Was sagte ich vorhin meiner Mutter, >daß ihm nichts widerfahren kann<, --- was wollte ich damit sagen? Habe ich ihn verloren, oder habe ich ihn -noch nicht verloren?« - -»... Sie hat gesehen, wie ich gestoßen wurde ... Sie hat wohl gelacht! --- oder sollte sie nicht gelacht haben? Ich hätte an ihrer Stelle -gelacht! Der Spion wurde geschlagen, der Spion ...!« - -»Was hat er damit sagen wollen« (das fiel mir ganz plötzlich ein), »was -hat er damit sagen wollen, was er in diesen schändlichen Brief noch -hineingeflochten hat, daß das Dokument, ihr Brief, gar nicht verbrannt -worden ist und noch existiert ...?« - -»Er wird Bjoring nicht totschießen, er sitzt jetzt bestimmt in dem -Kellerrestaurant und hört die >Lucia<. Aber nach der >Lucia< wird er -vielleicht hingehen und Bjoring erschießen. Bjoring hat mich gestoßen, -das ist so gut wie geschlagen; hat er mich wirklich geschlagen? Bjoring -ist sogar zu stolz, Werssiloff zu fordern, wie sollte er da eine -Forderung von mir annehmen? Vielleicht bleibt mir nichts anderes übrig, -als ihn morgen auf der Straße niederzuschießen ...« Diesen letzten -Gedanken ließ ich mir ganz mechanisch durch den Kopf gehen, ohne im -geringsten dabei zu verweilen. - -Hin und wieder war es mir aber, als müsse sogleich die Tür aufgehen und -Katerina Nikolajewna tritt herein und reicht mir die Hand, und da lachen -wir beide ... Oh, mein Student, mein _lieber_ Student! - -So zogen die Bilder und Gedanken an mir vorüber, wie meine Wünsche sie -heraufbeschworen, als es im Zimmer schon dunkel geworden war. - -»Wie lange ist es denn her, daß ich noch vor ihr stand, mich -verabschiedete, und sie reichte mir die Hand und lachte? Wie hat es -geschehen können, daß wir in so kurzer Zeit so entsetzlich weit -auseinandergekommen sind? Sollte ich nicht einfach zu ihr gehen und mich -sofort mit ihr aussprechen, im Augenblick, und ganz einfach alles -erklären, ganz einfach?! Mein Gott, wie ist denn das gekommen, daß so -plötzlich eine ganz neue Welt angefangen hat! Ja, eine neue Welt, eine -ganz, ganz neue Welt ... Lisa und der Fürst, die sind noch aus der alten -... Ich bin doch jetzt hier beim Fürsten. Und Mama, wie hat sie mit ihm -leben können, wenn es so ist! Ich würde es gekonnt haben, ich könnte -alles, aber sie? Was soll jetzt werden?« Und in meinem kranken Hirn sah -ich wie in einem Wirbelwinde die Gestalten Lisas, Anna Andrejewnas, -Stebelkoffs, des Fürsten, Aferdoffs, aller meiner Bekannten, auftauchen -und verschwinden. Meine Gedanken wurden immer formloser und -ungreifbarer: ich war froh, wenn ich einen von ihnen ganz erfassen und -mich an ihn klammern konnte. - -»Ich habe meine >Idee<!« dachte ich auf einmal bewußt. - -»Aber ist es auch so? Habe ich das nicht nur auswendig gelernt? Meine -Idee ist -- Finsternis und Einsamkeit, aber kann ich denn jetzt noch in -die frühere Einsamkeit und Finsternis zurück, ist das für mich jetzt -überhaupt noch möglich? Ach, Gott! -- Da hab ich das >Dokument< doch -noch nicht verbrannt! Ich habe es vorgestern richtig vergessen. Sobald -ich nach Hause komme, verbrenne ich es am Licht, ja, ich zünde einfach -ein Licht an und verbrenne den Brief ... Ich weiß nur nicht, ob es das -ist, woran ich jetzt denke ...« - -Es war schon längst dunkel geworden. Pjotr war einmal gekommen, hatte -mir Licht gebracht und mich gefragt, ob ich zu essen wünschte. Ich hatte -ihn fortgeschickt und nichts bestellt. Inzwischen war vielleicht eine -Stunde vergangen, da kam er wieder und brachte mir Tee. Durstig trank -ich ein ganzes Glas. Ich fragte ihn, wieviel Uhr es sei. Es war halb -neun, und ich wunderte mich nicht einmal, daß ich schon fünf Stunden -gesessen hatte. - -»Ich bin dreimal eingetreten,« berichtete Pjotr, »aber der Herr schienen -zu schlafen.« - -Ich erinnerte mich nicht, ihn gesehen zu haben; und plötzlich erschrak -ich sehr darüber, daß ich »geschlafen« hatte. Ich stand auf und begann -im Zimmer auf und ab zu gehen, um nicht wieder zu »schlafen«. -Schließlich bekam ich heftige Kopfschmerzen. Es hatte gerade zehn -geschlagen, als auf einmal der Fürst eintrat. Ich wunderte mich, daß ich -im Glauben gewesen war, auf ihn zu warten: ich hatte ihn ganz vergessen -und überhaupt nicht mehr an ihn gedacht. - -»Sie sind hier, und ich bin zu Ihnen gefahren, um Sie abzuholen,« sagte -er zu mir. - -Sein Gesicht war finster und streng; keine Spur von einem Lächeln war zu -sehen. Sein Blick war wie ein einziger starrer Gedanke. - -»Ich habe mich den ganzen Tag herumgeplagt, habe alles versucht,« fuhr -er mit reglosem Gesicht fort, »aber alles ist zusammengestürzt, und vor -mir steht das Entsetzen ...« - -(_NB._ Zum alten Fürsten Nikolai Iwanowitsch war er doch nicht -gegangen.) »Ich habe Shibelski gesehen und gesprochen, das ist ein -unmöglicher Mensch. Also: zuerst muß man das Geld haben, dann kann man -weiter sehen. Wenn es aber auch mit dem Gelde nicht gelingt, dann ... -Aber ich habe schon beschlossen, vorläufig _daran_ nicht mehr zu denken. -Verschaffen wir uns heute nur das Geld, das weitere werden wir dann -morgen sehen. Ihr Gewinn von vorgestern ist noch unangerührt. Es fehlten -nur drei Rubel an dreitausend. Nach Abzug Ihrer Schuld bekommen Sie noch -dreihundertundvierzig Rubel zurück. Nehmen Sie die, und dann noch -siebenhundert, damit Sie tausend haben, und ich nehme die übrigen -zweitausend. Und jetzt fahren wir zu Serschtschikoff, setzen uns jeder -an ein anderes Ende des Tisches und versuchen, zehntausend Rubel zu -gewinnen, -- vielleicht gelingt uns etwas; wenn nicht -- dann ... -Übrigens ist das das einzige, was uns noch bleibt.« - -Er sah mich fatalistisch an. - -»Ja! ja!« rief ich plötzlich begeistert, und ich fühlte mich förmlich -erlöst. »Fahren wir zu Serschtschikoff! Ich habe ja nur deshalb auf Sie -gewartet ...« - -In Wirklichkeit hatte ich die ganze Zeit nicht einen Augenblick an das -Roulette gedacht. - -»Aber die Feigheit? Die Erbärmlichkeit dieses Versuchs?« fragte auf -einmal der Fürst. - -»Sie meinen, daß wir's mit dem Spiel versuchen? Aber das ist doch das -einzige!« rief ich. »Geld ist ja alles! Nur wir zwei sind solche -Heilige, Bjoring hat sich doch verkauft, Anna Andrejewna hat sich -verkauft, Werssiloff aber -- haben Sie schon gehört, daß Werssiloff ein -Maniak ist? Ein Maniak! Ein Maniak!« - -»Sind Sie nicht krank, Arkadi Makarowitsch? Sie haben so sonderbare -Augen.« - -»Sagen Sie das etwa, weil Sie ohne mich hinfahren wollen? Nein, ich -bleibe jetzt nicht zurück. Mir hat doch nicht umsonst die ganze Nacht -vom Spiel geträumt! Fahren wir, fahren wir!« rief ich, als hätte ich -damit die Lösung aller Rätsel gefunden. - -»Nun, so fahren wir, wenn Sie auch Fieber haben, dort aber ...« - -Er sprach den Satz nicht zu Ende. Ein schwerer unheimlicher Ausdruck lag -in seinem Gesicht. Wir brachen auf. - -»Wissen Sie auch,« sagte er plötzlich, und blieb in der Tür stehen, »daß -es für mich noch einen anderen Ausweg gibt, außer dem Spiel?« - -»Was für einen denn?« - -»Einen fürstlichen!« - -»Was ...? Was meinen Sie?« - -»Das werden Sie später erfahren. Nur dieses eine lassen Sie sich gesagt -sein: daß ich dieses Auswegs nicht mehr würdig bin, weil es zu spät ist. -Fahren wir, aber behalten Sie meine Worte. Versuchen wir es mit dem -lakaienhaften Ausweg ... Als ob ich nicht wüßte, daß ich bewußt, aus -freiem Willen hinfahre und handle wie ein -- Lakai!« - - - VI. - -Ich fuhr zum Roulette, als läge in ihr allein mein Heil, meine Rettung; -dabei hatte ich doch, wie ich schon sagte, bis zur Ankunft des Fürsten -überhaupt nicht an das Spiel gedacht. Und ich fuhr ja auch gar nicht -hin, um für mich zu spielen, sondern um mit dem Gelde des Fürsten für -den Fürsten zu spielen; deshalb begreife ich nicht, was mich so mächtig -hinzog, aber es zog mich unwiderstehlich hin. Oh, noch niemals waren mir -diese Menschen, diese Gesichter, diese Croupiers, diese ewig gleichen -Ausrufe, dieser ganze widerliche Saal bei Serschtschikoff so ekelhaft -erschienen, so düster, so roh und traurig, wie an diesem Abend! Ich -erinnere mich nur zu gut des Wehs und der Traurigkeit, die in diesen -Stunden am Spieltisch von Zeit zu Zeit mein Herz ergriffen. Aber weshalb -ging ich nicht fort? Weshalb ertrug ich das wie mein Los, wie mein -Verhängnis, wie ein Opfer, das ich auf mich nahm? Ich kann von mir nur -eines sagen: daß ich damals wohl kaum zurechnungsfähig war. Und doch -hatte ich noch nie zuvor so vernünftig gespielt wie an diesem Abend. Ich -war schweigsam und hatte alle meine Gedanken beisammen, war aufmerksam -und furchtbar berechnend; ich konnte geduldig ausharren und geizig sein -und gleichzeitig schnell entschlossen in dem Augenblick, wo es zu -handeln galt. Ich hatte mich wieder in der Nähe des Zero hingesetzt, -also wieder zwischen Serschtschikoff und Aferdoff, der immer an -Serschtschikoffs rechter Seite saß; der Platz zwischen ihnen war mir -verleidet, aber ich wollte es unbedingt wieder mit Zero versuchen, und -die übrigen Plätze in der Nähe von Zero waren alle besetzt. Wir spielten -schon reichlich eine Stunde, als ich auf einmal von meinem Platze aus -sah, wie der Fürst sich mit bleichem Gesicht erhob, zu uns herüberkam -und meinem Platz gegenüber an der anderen Seite des Tisches stehenblieb: -er hatte alles verspielt und sah schweigend meinem Spiel zu, doch -wahrscheinlich ohne etwas davon zu verstehen oder überhaupt noch an das -Spiel zu denken. Ich hatte gerade erst angefangen zu gewinnen, und -Serschtschikoff zahlte mir das gewonnene Geld aus. Plötzlich sah ich, -wie Aferdoff ruhig die Hand ausstreckte und vor meinen Augen mit der -größten Gelassenheit einen meiner Hundertrubelscheine nahm und zu dem -Geldhaufen legte, der vor ihm lag. Ich schrie auf und packte seine Hand. -Das geschah alles so plötzlich, so unerwartet: ich zerriß mit einem Ruck -gleichsam alle meine Ketten; es war, als ob alle Schrecken und -Kränkungen dieses Tages sich plötzlich in diesem einen Augenblick -zusammengeballt hätten mit dieser erneuten Kränkung des Bestohlenwerdens -um hundert Rubel. Es war, als hätte alles, was sich in mir angesammelt -hatte und von mir unterdrückt worden war, nur auf diesen Anstoß -gewartet, um zu explodieren. - -»Der hier ist ein Dieb! Er hat mir soeben einen Hundertrubelschein -gestohlen!« schrie ich und sah mich wild im Kreise um. - -Ich vermag die Aufregung nicht zu beschreiben, die meine Worte -hervorriefen: ein solcher Skandal war hier etwas ganz Neues. Bei -Serschtschikoff führte man sich tadellos auf, sein Spielzirkel war dafür -bekannt. Aber ich war außer mir. Und da hörte man auf einmal, mitten in -dem Lärm und Geschrei, Serschtschikoffs Stimme: - -»Tatsächlich, das Geld ist fort, während es noch vor einem Augenblick -hier lag! Vierhundert Rubel!« - -Da kam nun plötzlich noch diese andere Geschichte hinzu: auch aus der -Bank war Geld verschwunden, ein Päckchen Banknoten von vierhundert -Rubeln. Serschtschikoff wies auf die Stelle, wo das Geld gelegen hatte, -»noch vor einem Augenblick«, und diese Stelle war gerade neben mir, ja, -sie stieß fast an den Platz, wo mein Geld lag, und befand sich somit -viel näher bei mir als bei Aferdoff. - -»Hier ist der Dieb! Das hat er gleichfalls gestohlen, durchsuchen Sie -ihn!« rief ich und wies auf Aferdoff. - -»Das kommt alles nur daher,« übertönte eine mächtige Stimme das ganze -erregte Stimmengewirr, »daß man hier Menschen zuläßt, die keiner kennt. -Leute ohne Empfehlungen! Wer hat ihn eingeführt? Wer ist er überhaupt?« - -»Ein gewisser Dolgoruki.« - -»_Fürst_ Dolgoruki?« - -»Fürst Ssokolski hat ihn eingeführt!« schrie jemand. - -»Hören Sie, Fürst,« schrie ich über den ganzen Tisch ihm zu, »jetzt hält -man hier mich für den Dieb, während ich es bin, der hier bestohlen -worden ist! Sagen Sie ihnen, sagen Sie ihnen doch, wer ich bin!« - -Doch was nun geschah, war das Schrecklichste von allem, was mir an -diesem Tage widerfahren war ... ja, was mir in meinem ganzen Leben -widerfahren ist: der Fürst verleugnete mich. Ich sah, wie er mit den -Achseln zuckte und auf die Fragen, mit denen man ihn von allen Seiten -bestürmte, scharf und deutlich zur Antwort gab: - -»Ich stehe für keinen ein. Ich bitte, mich in Ruhe zu lassen.« - -Währenddessen stand Aferdoff, umgeben von einem ganzen Kreise von -Herren, und verlangte mit lauter Stimme, man solle ihn durchsuchen. Er -drehte schon selbst alle seine Taschen um. Aber auf seine Forderung -wurde ihm beschwichtigend zugerufen: »Nein, nein, nicht nötig, wir -wissen schon, wer der Dieb ist!« Zwei Diener, die man gerufen hatte, -ergriffen mich und hielten meine Arme auf dem Rücken fest. - -»Ich lasse mich nicht durchsuchen, ich erlaube es nicht!« schrie ich -empört und suchte mich loszureißen. - -Aber ich wurde ins Nebenzimmer geschleppt und dort mitten in der mich -umstehenden Menschenschar bis in die letzte Falte durchsucht. Ich schrie -und widersetzte mich aus allen Kräften. - -»Er hat das Geld wohl fortgeworfen, man muß auf dem Teppich suchen,« -meinte schließlich jemand. - -»Wo denn jetzt noch auf dem Teppich suchen?« - -»Vielleicht hat er es noch irgend wohin unter den Tisch werfen können!« - -»Jetzt ist natürlich jede Spur verloren ...« - -Man führte mich hinaus, aber es gelang mir noch, in der Tür mich einmal -zurückzuwenden und in wahnsinnigem Jähzorn über den ganzen Saal hin zu -schreien: - -»Das Roulette ist von der Polizei verboten! Heute noch werde ich Sie -alle anzeigen!« - -Ich wurde nach unten geführt, in meinen Pelz gesteckt, und ... dann -öffnete man vor mir die Haustür. - - - Neuntes Kapitel. - - - I. - -Der Tag hatte mit einer Katastrophe geendet, aber es blieb noch die -Nacht. Was ich von dieser Nacht im Gedächtnis behalten habe, ist -folgendes. - -Ich glaube, es wird kurz nach zwölf gewesen sein, als ich mich so -plötzlich wieder auf der Straße befand. Es war eine klare, stille, -frostige Nacht. Ich lief fast und beeilte mich sehr, aber -- nicht auf -dem Wege nach Hause. - -»Wozu nach Hause? Kann es denn für mich jetzt noch ein Zuhause geben? -Zuhause ... da würde ich morgen aufwachen, um weiterzuleben! Aber ist -denn das für mich jetzt noch möglich? Mein Leben ist zu Ende, jetzt kann -ich doch unter keinen Umständen mehr leben!« Und so irrte ich durch die -Straßen, ohne darauf zu achten, wohin ich ging, ja, ich weiß nicht -einmal, ob ich überhaupt ein Ziel hatte, wohin ich laufen wollte. Mir -war sehr heiß und ich schlug fortwährend meinen schweren Pelz auf. -»Jetzt hat für mich schon nichts mehr einen Zweck,« dachte ich, und so -schien es mir damals wirklich, »gleichviel, was ich noch unternehmen -wollte.« Und sonderbar: alles ringsum, selbst die Luft, die ich atmete, -schien mir auf einmal von einem anderen Planeten zu sein, ganz, als -befände ich mich jetzt auf dem Monde. Alles das -- die Stadt, die -Menschen, die noch vereinzelt gingen, das Trottoir, auf dem ich -dahineilte -- alles das _gehörte schon nicht mehr zu mir_. »Da ist der -Schloßplatz, dort ist die Isaakskirche,« sagte irgend etwas in mir, -»aber jetzt gehen sie mich nichts mehr an.« Alles hatte sich mir -gleichsam entfremdet, alles war auf einmal nicht mehr _mein_. »Ich habe -Mama, ich habe Lisa -- aber was sind mir jetzt noch Lisa und Mama? Alles -ist zu Ende, alles hat mit einem Schlage aufgehört, nur das eine ist und -bleibt, was jetzt für ewig feststeht: daß ich ein -- Dieb bin.« - -»Wie soll ich beweisen, daß ich kein Dieb bin? Ist das jetzt überhaupt -noch möglich? Nach Amerika gehen? Was beweist man damit? Werssiloff wird -der erste sein, der glauben wird, ich hätte gestohlen! Meine >Idee<? Was -für eine >Idee<? Was ist die >Idee< jetzt noch? Auch nach fünfzig, nach -hundert Jahren wird sich immer noch einer finden, der auf mich weist und -sagt: >Der da -- ist ein Dieb. Er hat die Verwirklichung seiner »Idee« -damit begonnen, daß er am Spieltisch Geld stahl< ...« - -War damals Wut in mir? Ich weiß es nicht; vielleicht. Sonderbar, ich -habe immer diesen eigentümlichen Charakterzug gehabt, vielleicht schon -von meiner frühesten Kindheit an: wenn man mir Böses getan, mich -beleidigt, bis zur letzten Demütigung erniedrigt hatte, so war in mir -jedesmal sofort das unwiderstehliche Verlangen erwacht, mich passiv der -Beleidigung zu unterwerfen oder womöglich den Wünschen der Beleidiger -noch entgegenzukommen. »Da seht, ihr habt mich erniedrigt, ich aber -erniedrige mich selbst noch mehr, seht und freut euch!« Touchard schlug -mich und wollte mich fühlen lassen, daß ich ein Bedienter wäre und nicht -wie die anderen ein Senatorensohn, und da nahm ich sofort selbst die -Rolle des Bedienten auf mich. Ich reichte ihm nicht nur die Kleider, -sondern griff noch selber zur Bürste, um auch das letzte Stäubchen von -ihm abzubürsten; und es geschah nicht auf seinen Wunsch oder Befehl hin, -wenn ich im Eifer der Erfüllung meiner Bedientenpflicht ihm sogar -nachlief, um noch ein Federchen von seinem Frack abzubürsten, so daß er -mir schließlich selbst Einhalt gebot: »Schon gut, schon gut, Arkadi, es -genügt.« Oder er kam nach Hause und zog seinen Überrock aus: da nahm ich -den Überrock und bürstete ihn gewissenhaft, legte ihn sorgfältig -zusammen und bedeckte ihn noch mit einem bunten, seidenen Tuch. Ich -wußte, daß die Kameraden mich deshalb verachteten und auslachten, -- oh, -das wußte ich ganz genau, aber auch das war mir recht: »Wenn man einmal -will, daß ich Diener sei, nun gut, dann bin ich Diener. Ihr glaubt, ich -sei ein geborener Knecht -- nun gut, dann bin ich eben ein Knecht!« -Passiven Haß und untergründige Wut habe ich jahrelang mit mir -herumtragen können. Und als ich bei Serschtschikoff wie ein Rasender -schrie, ich würde sie alle anzeigen, das Roulette sei von der Polizei -verboten, -- da kam, ich schwöre es, in diesem Schrei eben nur jener -erwähnte Charakterzug zum Ausdruck: man hatte mich erniedrigt, -durchsucht, für einen Dieb erklärt, moralisch vernichtet, -- »nun, so -hört denn alle, daß ich nicht nur ein Dieb bin, sondern auch ein -Denunziant!« Wenn ich jetzt daran zurück denke, kann ich mir das nur so -erklären; damals aber dachte ich natürlich durchaus nicht an eine -Analyse meiner Gefühle. Ich schrie es einfach in den Saal hinein, ganz -ohne vorgefaßte Absicht, noch eine Sekunde vorher wußte ich nicht, daß -ich das schreien würde: _es_ schrie aus mir, von selbst -- denn es ist -nun einmal ein solcher Zug in meiner Seele. - -Zweifellos begann ich damals, als ich so durch die Straßen irrte, schon -im Fieber zu phantasieren, aber trotzdem erinnere ich mich genau, daß -ich noch bewußt handelte. Allerdings kann ich mit aller Bestimmtheit -versichern, daß ein ganzer Kreis von Gedanken und Folgerungen für mich -damals schon nicht mehr faßbar war; ich fühlte und wußte in den -Augenblicken sogar selbst, daß ich »gewisse Gedanken noch denken kann, -an andere aber schon gar nicht mehr herankomme«. Ebenso konnten manche -meiner Entschlüsse, obschon ich sie mit klarem Bewußtsein faßte, an sich -jeder Logik bar sein. Und nicht nur das: ich weiß noch ganz genau, daß -ich in manchen Augenblicken die Unsinnigkeit eines Entschlusses -vollkommen klar erkennen und doch in demselben Augenblick mit vollem -Bewußtsein die Ausführung dieses Entschlusses beginnen konnte. Ja, ein -Verbrechen drängte sich mir förmlich auf in jener Nacht, und nur ein -Zufall war es, daß es nicht geschah. - -Mir fiel auf einmal eine Bemerkung ein, die Tatjana Pawlowna höhnisch zu -Werssiloffs Verhalten gemacht hatte: er hätte doch an die Nikolaibahn -gehen und seinen Kopf auf die Schienen legen können, da wäre er ihm ohne -weiteres abgeschnitten worden. Dieser Gedanke bemächtigte sich für einen -Augenblick aller meiner Gefühle, aber ich wies ihn sofort und mit einem -jähen Schmerz von mir. »Den Kopf auf die Schienen legen und sterben, und -morgen sagt man von mir: das hat er deshalb getan, weil er gestohlen -hat, aus Scham und Reue hat er das getan, -- nein, um keinen Preis!« Und -in eben diesem Augenblick, das weiß ich noch, kam plötzlich eine -furchtbare Wut über mich. »Nun was?« dachte ich erbost, »rechtfertigen -kann ich mich ja doch auf keine Weise, ein neues Leben anzufangen ist -gleichfalls unmöglich, und deshalb -- sollte ich mich da nicht -dreinfügen, Bedienter, Hund, ein Käfer, den man zertritt, ein -Denunziant, ein richtiger Denunziant werden, und dabei heimlich mich -vorbereiten und dann auf einmal -- alles plötzlich in die Luft sprengen, -alles vernichten, alles und alle, Schuldige und Unschuldige, damit dann -alle auf einmal erfahren, daß das derselbe getan hat, den sie einen Dieb -genannt haben ... und dann natürlich auch mich selbst umbringen!« - -Ich weiß nicht mehr, auf welchem Wege ich in eine Querstraße in der Nähe -des Gardekavallerieboulevards gelangt war. Zu beiden Seiten dieser -Querstraße zogen sich hohe Steinmauern hin, wohl hundert Schritte weit, --- die Mauern von Hinterhöfen. Hinter einer dieser Steinmauern an der -linken Straßenseite gewahrte ich einen riesigen Holzstapel; der Stapel -war lang und hoch, ganz wie auf einem Holzhof, und überragte die Mauer -noch um gute zwei Meter. Ich blieb plötzlich stehen und überlegte. In -meiner Tasche hatte ich Wachszündhölzer in einem kleinen silbernen -Behälter. Ich sage noch einmal: ich war mir vollkommen dessen bewußt, -was ich da überlegte, und erinnere mich noch ganz genau daran, was ich -tun wollte; aber warum ich das tun wollte -- das weiß ich nicht, das -weiß ich wirklich nicht. Ich weiß nur, daß ich dazu plötzlich sehr große -Lust hatte. »Auf die Mauer hinaufzuklettern ist nicht schwer,« überlegte -ich; zwei Schritte von mir war in der Mauer ein Tor, das wohl monatelang -verschlossen blieb. »Wenn man unten auf den Vorsprung tritt,« überlegte -ich weiter, »so kann man mit der einen Hand den oberen Rand des -Torflügels fassen und sich mit Leichtigkeit auf die Mauer -hinaufschwingen, -- und niemand wird es bemerken, ringsum keine -Menschenseele, nichts, nur lautlose Stille! Und dann setze ich mich -rittlings auf die Mauer und stecke das Holz in Brand, und dazu brauche -ich nicht einmal in den Hof hinabzuspringen, ich kann das Holz auch von -der Mauer aus anstecken; denn es stößt ja fast an die Mauer. Bei dieser -Kälte wird es noch besser brennen. Ich brauche nur ein Scheit Birkenholz -zu nehmen ... und selbst das ist nicht einmal nötig: wenn man auf der -Mauer sitzt, braucht man nur mit einer Hand etwas Birkenrinde von einem -Scheit abzureißen, anzuzünden und dann zwischen die Scheite des Stapels -zu stecken, und der Brand wäre da. Ich aber springe dann von der Mauer -herab und gehe fort; ich brauche nicht einmal zu laufen; denn es wird ja -noch lange nichts bemerkt werden.« So überlegte ich mir das alles, und -auf einmal war ich fest entschlossen. Ich empfand ein außerordentliches -Vergnügen und eine große Lust und schickte mich sofort an, -hinaufzuklettern. Ich war ein guter Turner: Turnen war schon auf dem -Gymnasium mein Spezialfach gewesen, aber ich hatte jetzt hohe Galoschen -an, und da war die Sache doch schwieriger, als ich gedacht hatte. Ich -konnte mich freilich an einem kleinen, kaum fühlbaren Vorsprung oben mit -einer Hand festhalten, und ich hob schon die andere Hand, um den -Mauerrand zu fassen, aber da glitt ich auf einmal aus und fiel rücklings -hinunter. Ich nehme an, daß ich mit dem Hinterkopf aufs Trottoir -gefallen bin und wohl eine oder zwei Minuten bewußtlos dagelegen habe. -Als ich wieder zu mir kam, zog ich mechanisch den Pelz fester um mich; -denn ich empfand auf einmal eine unerträgliche Kälte; und nur halb -dessen bewußt, was ich tat, schleppte ich mich zum Tor und setzte mich -dort in der Vertiefung, im Winkel zwischen der Mauer und dem Torflügel, -ganz zusammengekauert hin. Meine Gedanken verwirrten sich, und ich -schlief wohl sehr schnell ein. Wie eines Traumes erinnere ich mich noch, -daß in meinen Ohren auf einmal tiefer, schwerer Glockenklang ertönte und -ich mit Lust auf ihn zu lauschen begann. - - - II. - -Die Glocke schlug alle zwei oder drei Sekunden einmal fest und sicher -an, aber das war keine Alarmglocke, sondern ein seltsam schöner, -schwingender Klang, und schließlich kam er mir so bekannt vor, und da -sagte ich mir auch schon, daß das ja der Glockenklang von der -Nikolaikirche ist, der roten Kirche, fast gegenüber dem Hause von -Touchard, -- der altertümlichen Moskauer Kirche, deren ich mich noch so -gut erinnere, die noch aus der Zeit des Zaren Alexei Michailowitsch -stammt und mit reichem Zierat, vielen Türmen und Säulen geschmückt ist. -Und ich wußte auf einmal, daß die Osterwoche eben vorüber war, und an -den schmächtigen Birken im Gärtchen hinter dem Hause von Touchard schon -junge grüne Blättchen zitterten. Die grelle Vorabendsonne schickte ihre -schrägen Strahlen in unser Klassenzimmer, bei mir aber, in meinem -kleinen Zimmer links vom Vorraum, wohin Touchard mich schon vor einem -Jahr aus dem gemeinsamen Raum der »Grafen- und Senatorenkinder« verbannt -hat, sitzt ein Gast. Ja, ich, der Elternlose, hatte ganz unerwartet -Besuch bekommen, zum erstenmal, seitdem ich bei Touchard war. Ich hatte -diesen Besuch sofort erkannt, schon in der Tür: es war Mama. Und doch -hatte ich sie nur als Dreijähriger gesehen, als sie mich damals in die -Dorfkirche gebracht hatte, wo ich die Taube durch die Kuppel fliegen -sah. Wir saßen zusammen in meinem Zimmerchen, und ich musterte sie -verstohlen. Erst später, viele Jahre nachher, erfuhr ich, daß sie damals --- Werssiloff war ins Ausland gereist und hatte sie allein -zurückgelassen -- daß sie damals mit ihrem eigenen spärlichen Gelde und -aus eigenem Wunsch und Willen nach Moskau gereist war, fast heimlich und -gegen den Willen derer, in deren Obhut er sie zurückgelassen hatte, und -das alles nur, um mich wiederzusehen. Sonderbar war auch, daß sie, -nachdem sie mit Touchard gesprochen hatte und von ihm zu mir geführt -worden war, mir selbst kein Wort davon sagte, daß sie meine Mutter sei. -Sie saß neben mir, und ich weiß noch, es wunderte mich, daß sie so wenig -sprach. Sie hatte ein Bündelchen bei sich und knüpfte es auf: darin -waren sechs Orangen, einige Lebkuchen und zwei gewöhnliche Franzbrote. -Diese Franzbrote beleidigten mich geradezu, und ich bemerkte mit -gekränkter Miene, wir hätten hier eine sehr gute »Kost«, und zum Tee -bekäme ein jeder von uns ein ganzes Franzbrot. - -»Nimm schon vorlieb, Kindchen, ich hab' ja nur so in meiner Einfalt -gedacht: vielleicht gibt man ihnen da in ihrer Schule nicht gut zu -essen. Nimm nun schon vorlieb, Kindchen.« - -»Antonina Wassiljewna (Touchards Frau) wird es auch übelnehmen. Und die -Mitschüler werden über mich lachen ...« - -»Dann willst du sie nicht annehmen? oder vielleicht ißt du sie doch?« - -»Meinetwegen, lassen Sie sie hier ...« - -Aber ich rührte nichts an; die Orangen und Lebkuchen lagen vor mir auf -dem Tischchen, ich aber saß da mit niedergeschlagenen Augen und einer -Miene, die sehr viel persönliche Würde ausdrücken sollte. Wer weiß, -vielleicht wollte ich es vor ihr auch gar nicht verbergen, daß ihr -Besuch mich vor meinen Mitschülern bloßstellte; ich wollte sie das -vielleicht doch ein wenig fühlen lassen, damit sie begriffe, was das -heißt: »Siehst du, du blamierst mich und begreifst das nicht einmal -selbst!« Oh, ich lief schon damals mit der Bürste hinter Touchard her, -um das letzte Stäubchen von seinem Rock zu entfernen! Ich stellte mir -auch vor, wieviel Spott ich, wenn sie erst fortgegangen wäre, von den -anderen Jungen zu ertragen haben würde und vielleicht auch von Touchard -selbst, -- deshalb war nicht das geringste gute Gefühl für sie in meinem -Herzen. Nur heimlich betrachtete ich ihr dunkles, bescheidenes, wohl -auch schon altes Kleid, ihre ziemlich derben, fast verarbeiteten Hände, -ihre ganz einfachen Stiefel und ihr stark abgemagertes Gesicht; auf -ihrer Stirn bildeten sich schon feine Falten; und doch sagte Antonina -Wassiljewna am Abend zu mir, als meine Mutter schon wieder fortgegangen -war: »Ihre _maman_ muß einmal sehr gut ausgesehen haben.« - -So saßen wir in meinem Zimmerchen, als auf einmal Agafja hereinkam und -auf einem Präsentierteller eine Tasse Kaffee brachte. Es war nach dem -Mittag, und Touchards pflegten um diese Zeit in ihrem Wohnzimmer Kaffee -zu trinken. Aber Mama dankte und nahm die Tasse nicht: wie ich später -erfuhr, trank sie damals überhaupt keinen Kaffee, weil sie davon -Herzklopfen bekam. Nun hielten aber Touchards in ihren Herzen schon die -Erlaubnis, daß meine Mutter mich sehen durfte, für eine ungeheure Gnade, -so daß die Tasse Kaffee, die sie noch meiner Mutter schickten, in ihren -Augen schon eine Art Großtat der Menschenliebe war, die ihre -Herzensbildung und europäische Fortgeschrittenheit aufs schlagendste -bewies. Und nun hatte Mama gerade diese Tasse Kaffee abgelehnt! - -Ich wurde zu Touchard gerufen, und er sagte mir, ich solle alle meine -Hefte und Bücher nehmen und sie meiner Mutter zeigen: »Damit sie sieht, -wieviel Kenntnisse Sie in meiner Anstalt erworben haben«. Antonina -Wassiljewna schob schmollend die Lippen vor und sagte gekränkt und -spöttisch: - -»Ihrer _maman_ scheint unser Kaffee nicht zugesagt zu haben.« - -Ich suchte meine Hefte zusammen und ging mit ihnen an allen »Grafen- und -Senatorensöhnen«, die sich im Klassenzimmer zusammendrängten und meine -Mutter und mich betrachteten, vorüber ins kleine Zimmer zu Mama, die -mich erwartete. Und siehe da, ich fand sogar Gefallen daran, Touchards -Befehl mit buchstäblicher Genauigkeit auszuführen. »Dies hier sind -Lektionen aus der französischen Grammatik, dies hier sind Diktate, dies -hier sind Konjugationen der Hilfszeitwörter _avoir_ und _être_,{[58]} -dies hier ist Geographie, Beschreibungen der Hauptstädte Europas und -aller Weltteile« usw. Ich erklärte ihr das alles wohl eine halbe Stunde -lang oder noch länger, erklärte mit eintönigem Kinderstimmchen, den -Blick sittsam gesenkt. Ich wußte, daß Mama von den Wissenschaften keine -Ahnung hatte, vielleicht nicht einmal schreiben konnte, aber gerade -deshalb gefiel ich mir in meiner Rolle. Doch ermüden konnte ich sie -nicht: sie hörte mir die ganze Zeit unverändert zu, ohne mich zu -unterbrechen, und sogar mit ungeheurer Aufmerksamkeit, ja fast -Ehrfurcht, so daß es schließlich mir selbst langweilig wurde und ich -aufhörte; übrigens war ihr Blick traurig, und in ihrem Gesicht lag etwas -Schmerzliches. - -Endlich erhob sie sich, um fortzugehen; da kam aber gerade Touchard -herein und erkundigte sich bei ihr mit lächerlich wichtiger Miene, ob -sie mit den Fortschritten ihres Sohnes zufrieden wäre. Mama wußte nicht, -was sie sagen sollte, stammelte irgend etwas und dankte ihm dann, und -als auch Antonina Wassiljewna herzukam, bat sie sie beide, mich, »den -Waisenknaben« doch nicht zu verlassen, »er ist doch so gut wie verwaist, -seien Sie seine Wohltäter ...« Und mit Tränen in den Augen verneigte sie -sich vor ihnen, vor jedem besonders und mit einer tiefen Verbeugung, -ganz so, wie »einfache« Leute sich verneigen, wenn sie stolze -Herrschaften um irgend etwas bitten. Touchards hatten das offenbar nicht -erwartet; Antonina Wassiljewna war sogar etwas gerührt und änderte wohl -ihre Ansicht über die Ablehnung der Tasse Kaffee. Touchard dagegen -erwiderte mit noch größerer Wichtigkeit und nahezu selbst ergriffen von -so viel »Humanität« seinerseits, daß er »zwischen den Kindern keinen -Unterschied mache, hier seien alle seine Kinder und er ihr Vater, und -ich stände bei ihm fast auf der gleichen Stufe mit Senatoren- und -Grafensöhnen, und das dürfe man nicht unterschätzen« usw. Mama verneigte -sich nur, schien aber verwirrt zu sein; schließlich wandte sie sich an -mich und sagte mit Tränen in den Augen: »Leb wohl, Jungchen!« - -Und sie küßte mich, das heißt, ich erlaubte ihr, mich zu küssen. Sie -hatte sichtlich das Vergnügen, mich immer wieder zu küssen, mich zu -umfassen, an sich zu drücken, aber war es nun, daß sie sich vor den -Menschen schämte, oder daß ein bitteres Gefühl sich ihrer bemächtigte, -oder daß sie erriet, daß ich mich ihrer schämte, -- jedenfalls ging sie, -nachdem sie sich nochmals vor Touchards verneigt hatte, eilig zur Tür. -Ich stand und rührte mich nicht. - -»_Mais suivez donc votre mère_,« sagte Antonina Wassiljewna zu mir, »_il -n'a pas de coeur cet enfant!_«{[59]} - -Touchard zuckte dazu nur mit den Achseln, was natürlich so viel sagte -wie: »Du siehst, ich behandle ihn doch nicht ohne Grund wie einen -Bedienten.« - -Ich folgte gehorsam meiner Mutter; wir traten auf die Treppe hinaus. Ich -wußte, daß sie jetzt alle durch das Fenster uns nachsahen. Mama wandte -sich zur Kirche und bekreuzte und verneigte sich dreimal; ihre Lippen -bebten. Vom Turm kam tiefer, volltönender Glockenklang, schlug sicher an -und summte. Mama wandte sich zu mir zurück, und -- da konnte sie sich -nicht mehr bezwingen: sie legte beide Hände auf meinen Kopf und brach in -Tränen aus und weinte über meinem Haupt. - -»Mamachen, nicht ... schämen Sie sich doch ... Die anderen sehen durch -das Fenster ...« - -Sie fuhr auf und sagte eilig, sich fast überstürzend: - -»Ja, ich geh schon ... Gott ... Gott beschütze dich ... mögen die Engel -dich behüten, die heilige Mutter Gottes und der heilige Nikolai, der -Gottesknecht ... Gott, lieber Gott!« murmelte sie schnell und bekreuzte -mich immer wieder, immer wieder, als könne sie in der Eile mich nicht -genug segnen. »Mein Jungchen, du mein Lieber! Wart, Jungchen ...« - -Sie griff schnell mit der Hand in ihre Kleidertasche und holte ein -blaukariertes Tüchlein hervor, von dem ein Zipfel zu einem Knoten -gebunden war, und sie versuchte eilig, diesen Knoten zu lösen ... es -gelang ihr aber nicht ... - -»Nun, tut nichts, nimm's mit dem Tüchelchen: es ist ganz sauber, sieh, -vielleicht kannst du's brauchen, es sind vier Zwanziger drin, vielleicht -hast du mal ein bißchen Geld nötig, verzeih, Jungchen, mehr hab' ich -gerade selber nicht ... verzeih, Jungchen.« - -Ich nahm das Tüchlein, wollte aber schon bemerken, daß wir von Herrn -Touchard und Antonina Wassiljewna alles bekämen, was wir brauchten und -ich folglich nichts nötig hätte, doch ich unterdrückte diese Bemerkung -und nahm das Tüchlein mit dem Gelde von ihr an. - -Sie bekreuzte mich noch einmal, flüsterte noch einmal ein Gebet, und auf -einmal -- auf einmal verneigte sie sich auch vor mir, ganz wie oben vor -Touchards, -- es war eine tiefe, langsame, lange Verneigung -- nie werde -ich das vergessen! Ich zuckte zusammen und wußte selbst nicht, warum. -Was wollte sie mit dieser Verneigung sagen? Wollte sie vielleicht »ihre -Schuld vor mir bekennen?« wie ich mich später einmal fragte, lange -nachher, -- ich weiß es nicht. Damals aber schämte ich mich deshalb noch -viel mehr; denn »die sehen doch alles durch das Fenster, und Lambert -wird mich noch mehr hauen,« dachte ich. - -Endlich verließ sie mich. Die Orangen und Lebkuchen hatten die Grafen- -und Senatorensöhne schon vor meiner Rückkehr verspeist, und die vier -Zwanziger nahm mir sogleich Lambert weg: für diese achtzig Kopeken -kauften sie in der Konditorei Kuchen und Schokolade und aßen alles -allein auf; mir boten sie nicht einmal etwas an. - -Es verging ein halbes Jahr, und der windige, regnerische Oktober war -gekommen. An meine Mutter dachte ich gar nicht mehr. Oh, damals war -bereits Haß, dumpfer Haß gegen alles in mein Herz gedrungen und hatte es -ganz durchtränkt; zwar bürstete ich noch immer Touchards Kleider, aber -ich haßte ihn schon aus aller Kraft, und mit jedem Tage wurde mein Haß -noch größer. In dieser Zeit machte ich mich einmal an einem trübseligen -Abend daran, ich weiß selbst nicht warum, in meiner Schublade zu kramen, -und da erblickte ich plötzlich in einer Ecke ihr blaukariertes -Batisttüchlein; es lag dort, wie ich es damals hineingeworfen hatte. Ich -zog es hervor und betrachtete es mit einer gewissen Neugier: der eine -Zipfel verriet noch deutlich den Knoten und hatte sogar noch einen -glatten runden Abdruck von der Größe eines Zwanzigers; übrigens legte -ich das Tüchlein wieder an dieselbe Stelle zurück und schob die -Schublade zu. Es war am Abend vor einem Feiertage und die Glocke von der -nahen St. Nikolaikirche läutete zur Messe. Die anderen Zöglinge waren -schon nach dem Mittag nach Haus gefahren, nur Lambert war diesmal -geblieben und blieb auch den ganzen Feiertag über da -- aus irgendeinem -bestimmten Grunde hatte man ihn nicht abgeholt. Zwar schlug er mich noch -wie früher, aber er machte mich damals auch schon in vielen Dingen zu -seinem Vertrauten, und als solchen hatte er mich nötig. Wir sprachen den -ganzen Abend von Pistolen des Systems Lepage, von denen weder er noch -ich jemals eine gesehen hatten, von tscherkessischen Säbeln und wie man -mit ihnen dreinhaut, und dann, wie schön es doch wäre, eine Räuberbande -zu gründen, und zu guter Letzt ging Lambert wieder auf sein -Lieblingsthema über, auf die bewußten schändlichen Geschichten, die ich, -obschon ich mich im geheimen darüber wunderte, doch sehr gern anhörte. -An diesem Abend aber konnte ich sie nicht mehr ertragen, und ich sagte, -ich hätte Kopfschmerzen. Um zehn Uhr gingen wir zu Bett. Ich zog meine -Decke über den Kopf und holte dann unter dem Kissen ihr blaues Tüchlein -hervor: eine Stunde vorher hatte ich es, ich weiß nicht weshalb, wieder -aus der Schublade geholt und, da unsere Betten schon aufgedeckt waren, -unter mein Kopfkissen gesteckt. Ich drückte es gleich an mein Gesicht, -und plötzlich begann ich es zu küssen: »Mama, Mama,« flüsterte ich, und -die Erinnerung preßte mir wie ein Schraubstock die Brust zusammen. Ich -schloß die Augen und sah ihr Gesicht mit den bebenden Lippen, als sie -sich vor der Kirche bekreuzt und nachher über mir das Kreuz geschlagen -hatte, und ich, ich hatte in diesem Augenblick zu ihr sagen können: -»Schämen Sie sich doch ... Die anderen sehen durch das Fenster!« -»Mamachen, liebe Mama, einmal im Leben bist du bei mir gewesen ... -Mamachen, wo bist du jetzt, du liebe, du mein lieber Gast aus der Ferne? -Denkst du jetzt noch an deinen armen Jungen, zu dem du einmal gekommen -bist? ... Zeig dich mir doch noch einmal, erscheine mir wenigstens im -Traum, nur damit ich dir sagen kann, wie ich dich liebe! Ich will dich -nur umfassen und deine blauen Augen küssen, will dir nur sagen, daß ich -mich deiner jetzt gar nicht mehr schäme, daß ich dich auch damals schon -liebte und mein Herz mir weh tat, als ich so dasaß wie ein Bedienter! -Niemals wirst du erfahren, Mama, wie ich dich damals geliebt habe! -Mamachen, wo bist du jetzt? Hörst du mich? Mama, liebe Mama, weißt du -noch, wie das Täubchen dort in der Dorfkirche durch die Kuppel flog?« - -»Zum Teufel ... Was fehlt ihm, daß er einen nicht schlafen läßt!« -brummte Lambert wütend in seinem Bett. »Wart nur, ich werde dich ...!« -Er springt aus dem Bett, kommt zu mir gelaufen und will mir die -Bettdecke wegreißen, ich aber habe mich ganz in sie hineingewickelt und -halte sie krampfhaft fest. - -»Er heult! Was weinst du, Dummkopf? So'n Schaf! Da hast du eins!« -- und -er haut mich, haut mich immer stärker, auf den Rücken, in die Seite, die -Schläge werden immer schmerzhafter und ... und auf einmal schlage ich -die Augen auf ... - -Der Morgen graut schon, auf dem Schnee und an der Mauer blitzen weiße -Eisnadeln ... Ich sitze zusammengekauert, halb noch bewußtlos, halb -erfroren in meinem Pelz, und über mich beugt sich jemand, weckt mich, -schimpft dabei laut und stößt mich mit der Fußspitze schmerzhaft in die -Seite. Ich sehe auf: es ist ein Herr in einem kostbaren Bärenpelz, auf -dem Kopf eine Zobelmütze; er hat schwarze Augen, einen pechschwarzen -gepflegten Backenbart, eine gebogene Nase, blendend weiße Zähne, ein -weißes Gesicht und rote Wangen: fast ein Maskengesicht ... Er beugt sich -ganz nah zu mir herab, und bei jedem Wort fliegt sein Atem in der Kälte -wie Dampf. - -»Erfroren! Teufel! Besoffene Fratze! Steh auf, erfrierst sonst wie ein -Hund, steh auf! Steh auf!« - -»Lambert!« schreie ich. - -»Wer bist du?« - -»Dolgoruki!« - -»Zum Teufel, was für ein Dolgoruki?« - -»_Einfach_ Dolgoruki! ... Bei Touchard ... Der, dem du im Restaurant die -Gabel in den Schenkel gestoßen hast!« - -»Ha--a--a!« ruft er aus und lächelt, sich erinnernd, ein langes, -verwundertes Lächeln (sollte er mich wirklich vergessen haben?) »Ha! -also du bist es, du!« - -Er hilft mir aufstehen, stellt mich auf die Füße; ich kann kaum stehen, -kaum mich bewegen, er führt mich, stützt mich mit dem Arm. Er sieht mir -in die Augen, scheint nachzudenken, um sich zu erinnern und horcht -aufmerksam auf mein Gestammel, und ich stammle ununterbrochen und so -schnell ich kann, und ich bin so froh, so froh, daß ich sprechen kann, -und bin froh, daß es gerade Lambert ist. Erschien er mir nun als mein -»Retter«, oder klammerte ich mich deshalb so an ihn, weil ich ihn in dem -Augenblick für einen Menschen aus einer anderen Welt hielt, -- ich weiß -es nicht, ich dachte nicht darüber nach, -- ich hielt mich an ihm fest, -ohne mir Rechenschaft zu geben, warum und weshalb ich es tat. Ich weiß -auch nicht, was ich sprach, ich erinnere mich keines Wortes, doch es -wird wohl nichts Vernünftiges gewesen sein; denn ich konnte ja kaum ein -Wort verständlich hervorbringen; aber er war ganz Ohr. Irgendwo -erblickte er einen Schlitten, rief den Kutscher an, und wenige Minuten -später saß ich in einem warmen Zimmer. - - - III. - -Jeder Mensch, wer er auch sei, hat unter seinen Erinnerungen sicherlich -eine an ein besonderes Erlebnis, das er für etwas mehr oder weniger -Phantastisches, Außergewöhnliches, wenn nicht gar Wunderbares hält oder -zu halten geneigt ist, gleichviel, ob das nun ein Traum, eine Begegnung, -eine Weissagung oder eine Vorahnung oder sonst etwas von der Art ist. -Ich für mein Teil bin auch heute noch geneigt, mein Zusammentreffen -damals mit Lambert für ein Ereignis von nahezu mystischer Bedeutung zu -halten ... wenigstens was die Umstände und die Folgen des -Zusammentreffens anbelangt. Übrigens war dabei von seiner Seite alles -auf die natürlichste Weise zugegangen: er war ganz einfach von seiner -nächtlichen Beschäftigung (welcher Art dieselbe war, soll später erklärt -werden) halbbetrunken nach Hause gegangen, und als er in dieser -Querstraße beim Tor einen Augenblick stehengeblieben war, hatte er mich -erblickt. In Petersburg hielt er sich erst seit kurzer Zeit auf. - -Das Zimmer, in das er mich gebracht hatte, war ein nicht großes, -spärlich möbliertes Petersburger _Chambre garnie_{[60]} mittlerer Güte. -Das stach insofern von ihm ab, als seine Kleider wirklich gut und teuer -waren. Auf dem Fußboden standen zwei kleine Koffer, die erst zur Hälfte -ausgepackt waren. Eine Ecke des Zimmers war durch einen Schirm -abgeteilt, hinter dem ein Bett stand. - -»Alphonsine!« rief Lambert. - -»_Présente!_«{[61]} antwortete hinter dem Schirm eine plärrende -Frauenstimme mit deutlichem Pariser Akzent, und es dauerte nicht länger -als höchstens zwei Minuten, da hüpfte hinter dem Schirm Mademoiselle -Alphonsine hervor, die gerade aus dem Bett kam und schnell in ein paar -Kleidungsstücke und in eine Morgenjacke geschlüpft war, -- ein -sonderbares Geschöpf, lang und mager wie ein Holzspan, brünett, mit -einer langen Taille, einem langen Gesicht, unruhigen Augen und -eingefallenen Wangen, -- ein furchtbar verlebtes Frauenzimmer! - -»Schnell!« rief Lambert (ich übersetze, er sprach Französisch mit ihr), -»die Leute hier müssen ihre Teemaschine schon aufgestellt haben, -- -schnell heißes Wasser, Rotwein und Zucker, auch ein Glas, aber schnell, -er ist beinah erfroren ... Er ist mein Schulkamerad ... er hat die Nacht -draußen im Schnee zugebracht ...« - -»_Malheureux!_«{[62]} rief sie aus und schlug mit einer theatralischen -Gebärde die Hände zusammen. - -»Still! Wirst du wohl ...!« schrie Lambert sie drohend an, wie einen -Hund; sie unterließ sofort alle weiteren Gebärden und lief hinaus, um -seinem Befehl nachzukommen. - -Er besah und betastete mich, fühlte mir auch den Puls, legte die Hand -auf meine Stirn, an meine Schläfen. - -»Unbegreiflich ist mir,« brummte er, »daß du nicht erfroren bist ... -Allerdings warst du ganz im Pelz, auch dein Kopf war zugedeckt, hocktest -da wie in einer Pelzhöhle ...« - -Das heiße Getränk tat mir gut, ich schluckte gierig und fühlte mich -sogleich wie neubelebt; ich begann auch gleich wieder zu sprechen, -zusammenhanglos stammelnd. Ich saß halb liegend in der Diwanecke und -sprach unaufhörlich, sprach atemlos, aber was ich sprach, dessen -entsinne ich mich wiederum fast gar nicht, und manches habe ich sogar -vollständig vergessen, weshalb in meiner Erinnerung an diese Stunden -große Lücken sind. Wie gesagt: wieviel er von meinem Gerede verstanden -hat, das weiß ich nicht, aber eines ist mir nachher doch ganz klar -geworden: soviel wird er immerhin verstanden haben, daß er in der -Begegnung mit mir sogleich die Möglichkeit eines Vorteils für sich -erspäht hat ... Ich werde später noch darauf zurückkommen, was für eine -Berechnung er damals hat machen können. - -Nach dem heißen Getränk wurde ich nicht nur sehr gesprächig, sondern -zeitweise sogar fröhlich. Ich erinnere mich noch, wie die Sonne auf -einmal ins Zimmer schien, als die Vorhänge weggezogen wurden, wie das -Feuer im Ofen prasselte, nachdem jemand ihn angeheizt hatte -- aber wer -das getan hatte und wann und wie, das weiß ich alles nicht mehr. -Auch erinnere ich mich eines auffallend kleinen schwarzen -Bologneserhündchens, das Mademoiselle Alphonsine im Arm hielt und kokett -an ihr Herz drückte. Dieses Hündchen gefiel mir so ausnehmend, daß ich -sogar zu erzählen aufhörte und mich zweimal vorbeugte, ich glaube, um -das Tierchen zu streicheln, aber das mißfiel Lambert, und auf einen Wink -von ihm zog Alphonsina sich mitsamt dem Hündchen sofort hinter den -Schirm zurück. - -Er selbst war auffallend schweigsam, saß mir gegenüber, hatte sich sogar -stark zu mir vorgebeugt und hörte mir gespannt zu; hin und wieder -erschien langsam ein Lächeln auf seinem Gesicht, und er lächelte lange -und kniff dabei die Augen zusammen, als suche er hinter den Zusammenhang -des Gehörten zu kommen; jedenfalls schien er angestrengt nachzudenken. -Das einzige, wessen ich mich von meiner Erzählung noch ganz klar -erinnere, ist, daß ich mich, als ich ihm von dem »Dokument« erzählte, -auf keine Weise verständlich auszudrücken und die Geschichte -zusammenhängend wiederzugeben vermochte, und daß ich dabei an seinem -Gesicht sah, wie gern er diese wirre Geschichte verstanden hätte, bis er -mich schließlich sogar mit einer Frage unterbrach; das war insofern ein -Wagnis, als ich, sobald ich unterbrochen wurde, von etwas ganz anderem -weitersprach und das früher Erzählte vergaß. Wie lange wir so gesessen -und gesprochen haben, weiß ich nicht und kann ich mir nicht einmal -denken. Plötzlich stand er auf und rief Alphonsine. - -»Er braucht Ruhe; vielleicht wird man auch nach dem Arzt schicken -müssen. Was er verlangt -- das muß alles sofort getan werden, das heißt -... _vous comprenez, ma fille? Vous avez de l'argent_,{[63]} nicht? Da!« - -Er gab ihr einen Zehnrubelschein und flüsterte noch ziemlich lange mit -ihr. Ich hörte nur, wie er zwischendurch immer wieder »_vous comprenez? -vous comprenez?_«{[64]} fragte. Er schien ihr etwas einzuschärfen, -drohte ihr dabei mit dem Finger und runzelte mit strengem Gesicht die -Brauen. - -Ich sah, daß sie furchtbare Angst vor ihm hatte. - -»Ich komme bald wieder, du aber mußt dich jetzt erst ausschlafen,« sagte -er darauf mit einem Lächeln zu mir und nahm seine Mütze. - -»_Mais vous n'avez pas dormi du tout, Maurice!_«{[65]} rief Alphonsine -pathetisch. - -»_Taisez-vous, je dormirai après._«{[66]} - -Damit ging er hinaus. - -»_Sauvée!_«{[67]} flüsterte sie mir zu und deutete mit pathetisch -ausgestrecktem Arm ihm nach. - -»Monsieur, Monsieur!« fuhr sie gleich darauf fort, zu deklamieren und -stellte sich großartig mitten im Zimmer vor mir auf, »_jamais homme ne -fut si cruel, si Bismarck que cet être, qui regarde une femme comme une -saleté de hasard. Une femme, qu'est-ce que c'est que ça dans notre -époque? >Tue la!< voilà le dernier mot de l'Académie française!_«{[68]} - -Ich sah sie erstaunt an; vor meinen Augen verdoppelte sich alles, ich -glaubte schon zwei Alphonsinen vor mir zu sehen ... Plötzlich bemerkte -ich, daß sie weinte: ich fuhr zusammen und wurde mir bewußt, daß sie ja -schon sehr lange zu mir sprach, und ich folglich geschlafen haben mußte, -wenn ich nicht bewußtlos gewesen war. - -»... _Hélas! de quoi m'aurait-il servi de le découvrir plus tôt_,« rief -sie, »_et n'aurais-je pas autant gagné à tenir ma honte cachée toute ma -vie? Peut-être, n'est-il pas honnête à une demoiselle de s'expliquer si -librement devant monsieur, mais enfin je vous avoue que s'il m'était -permis de vouloir quelque chose, oh, ce serait de lui plonger au coeur -mon couteau, mais en détournant les yeux, de peur que son regard -exécrable ne fît trembler mon bras et ne glaçât mon courage! Il a -assassiné ce pope russe, monsieur, il lui arracha sa barbe rousse pour -la vendre à un artiste en cheveux au pont des Maréchaux, tout près de la -Maison de monsieur Andrieux -- hautes nouveautés, articles de Paris, -linge, chemises, vous savez, n'est-ce pas? ... Oh, monsieur, quand -l'amitié rassemble à table épouse, enfants, soeurs, amis, quand une vive -allégresse enflamme mon coeur, je vous demande, monsieur: est-il bonheur -préférable à celui dont tout jouit? Mais il rit, monsieur, ce monstre -exécrable et inconcevable et si ce n'était pas par l'entremise de -monsieur Andrieux, jamais, oh, jamais je ne serais ... Mais quoi, -monsieur, qu'avez vous, monsieur?_«{[69]} - -Sie eilte auf mich zu: ich werde wohl vor Fieber oder Frost gezittert -haben, oder vielleicht war es ein Ohnmachtsanfall. Ich kann gar nicht -sagen, was für einen bedrückenden, krankhaften Eindruck dieses -halbverrückte Geschöpf auf mich machte. Vielleicht glaubte sie, sie -müsse mich zerstreuen -- wenn Lambert ihr das nicht ausdrücklich -befohlen hatte; wenigstens verließ sie mich keinen Augenblick. -Vielleicht war sie einmal beim Theater gewesen; sie deklamierte -entsetzlich, drehte und bewegte sich ohne Unterlaß, und das Sprechen -nahm bei ihr überhaupt kein Ende, während ich schon lange verstummt war. -Soweit ich ihr Geschwätz verstanden habe, war sie auf irgendeine Weise -mit der _Maison de monsieur Andrieux -- hautes nouveautés, articles de -Paris, etc._ eng verknüpft, ja vielleicht war sie sogar aus dieser -_Maison de monsieur Andrieux_ hervorgegangen; nun aber war sie auf ewig -von diesem _monsieur Andrieux_ getrennt worden, und zwar durch dieses -_monstre furieux et inconcevable_,{[70]} und darin bestand nun die -Tragödie ... Sie weinte fürchterlich, aber mir schien, daß sie sich nur -verstellte und eigentlich gar nicht daran dachte, wirklich zu weinen; -manchmal schien es mir, daß sie gleich auseinanderfallen werde wie -ein Skelett. Sie sprach mit einer seltsam gequetschten, -tremolierenden Stimme; das Wort _préférable_ sprach sie zum Beispiel -»_préfér--a--able_« aus, und das _a_ blökte sie wie ein Schaf. Einmal -sah ich, als ich gerade zu mir kam und wieder die Augen aufschlug, daß -sie mitten im Zimmer eine Pirouette machte, aber sie tanzte dabei nicht -etwa, sondern diese Pirouette gehörte auch auf irgendeine Weise zu der -Erzählung und sollte die Sache wohl nur anschaulicher machen. Plötzlich -eilte sie zu dem alten, kleinen, ganz verstimmten Pianino, das an einer -Wand stand, klimperte und begann zu singen. Wahrscheinlich bin ich dann -wieder eingeschlafen oder eine Zeitlang bewußtlos gewesen, aber da -bellte das Bologneserhündchen, und ich erwachte: das Bewußtsein kehrte -mir für kurze Zeit mit voller Klarheit zurück und ließ mich alles -deutlich in hellem, klarem Licht erkennen; ich erschrak und sprang auf. - -»Lambert, ich bin bei Lambert!« dachte ich, griff schnell nach meiner -Mütze und stürzte zu meinem Pelz. - -»_Où allez-vous, monsieur?_«{[71]} rief Alphonsina erschrocken und eilte -zu mir, um mich festzuhalten. - -»Ich will fort, ich will hinaus! Lassen Sie mich, halten Sie mich nicht -fest ...« - -»_Oui, monsieur! Oh oui, je comprends!_« nickte Alphonsina und lief -selbst voraus, um mir die Tür zum Korridor zu öffnen. »_Mais ce n'est -pas loin, monsieur, ce n'est pas loin du tout, ça ne vaut pas la peine -de mettre votre manteau, c'est ici près, monsieur!_«{[72]} rief sie mir -zu. - -Ich bog aber, als ich auf den Korridor trat, schnell nach rechts. - -»_Par ici, monsieur, c'est par ici!_«{[73]} schrie sie aus Leibeskräften -und klammerte sich mit ihren langen knochigen Fingern an meinen Pelz, -und mit der anderen Hand wies sie nach links in den Korridor, -irgendwohin, wohin ich gar nicht wollte. - -Ich riß mich los und lief durch die Tür am Ende des Korridors auf die -Treppe hinaus. - -»_Il s'en va, il s'en va!_« kreischte Alphonsina hinter mir drein und -rannte mir nach. »_Mais il me tuera, monsieur, il me tuera!_«{[74]} - -Aber ich war schon auf der Treppe, und es gelang mir, obgleich sie mir -noch auf die Treppe nachstürzte, die Haustür zu öffnen, mich auf die -Straße zu retten und in den ersten besten Schlitten zu springen. Dem -Kutscher nannte ich Mamas Adresse ... - - - IV. - -Aber das Bewußtsein, das für einen Augenblick hell geworden war, erlosch -sehr schnell wieder. Kaum, kaum erinnere ich mich noch dessen, wie ich -heimfuhr und dann zu Mama hineingeführt wurde, dann aber trat bei mir -schon vollständige Bewußtlosigkeit ein. Am folgenden Tage soll ich, wie -man mir später erzählt hat, auf kurze Zeit wieder zu mir gekommen sein -(übrigens habe auch ich noch einiges von diesem Tage behalten). Ich -erinnere mich, wenn auch nur unklar, daß ich mich in Werssiloffs Zimmer -auf seinem Diwan befand; erinnere mich der Gesichter Werssiloffs, Mamas, -Lisas, erinnere mich sogar noch genau daran, daß Werssiloff mir irgend -etwas von Serschtschikoff und dem Fürsten erzählte, mir immer wieder -einen Brief zeigte, mir zuredete und mich zu beruhigen suchte. Später -haben sie mir erzählt, ich hätte angstvoll nach einem Lambert gefragt -und immer gesagt, ein Hündchen belle. Aber das schwache Licht des -Bewußtseins erlosch bald: am Abend dieses zweiten Tages hatte ich schon -hohes Fieber und phantasierte. Doch ich will nicht den Ereignissen -vorgreifen und zunächst das erzählen, was inzwischen geschehen war, und -wovon ich noch nichts wußte: - -Als ich an jenem Abend Serschtschikoffs Spielzirkel verlassen hatte, und -man dort wieder ruhiger geworden war, hatte Serschtschikoff nach dem -Wiederbeginn des Spiels auf einmal mit lauter Stimme erklärt, es wäre -ein bedauernswerter Irrtum geschehen: die vermißten vierhundert Rubel -hätten sich unter dem anderen Gelde gefunden, und die Rechnung der Bank -stimme mit dem vorhandenen Gelde vollkommen überein. Da war denn der -Fürst, der den Saal noch nicht verlassen hatte, auf Serschtschikoff -zugetreten und hatte von ihm in sehr bestimmtem Tone verlangt, daß er -meine Unschuld sofort vor allen Anwesenden bezeuge und sich außerdem -schriftlich bei mir entschuldige. Serschtschikoff fand diese Forderung -durchaus gerechtfertigt und gab dem Fürsten in Gegenwart aller sein Wort -darauf, daß er am nächsten Tage an mich schreiben, den Sachverhalt -klarlegen und in aller Form seine Entschuldigung aussprechen werde. In -der Tat erhielt Werssiloff, dessen Adresse der Fürst angegeben hatte, am -nächsten Tage von Serschtschikoff einen Brief an mich und außerdem noch -über tausenddreihundert Rubel, die mir gehörten und von mir auf dem -Spieltisch vergessen worden waren. So war denn der peinigende -Zwischenfall im Spielzirkel abgetan: diese freudige Nachricht trug -später, als ich mein Bewußtsein wiedererlangt hatte, unendlich viel zu -meiner Genesung bei. - -Der Fürst aber hatte, nachdem er aus dem Spielzirkel heimgekehrt war, -noch in derselben Nacht zwei Briefe geschrieben: den einen an mich, den -anderen an sein ehemaliges Regiment, bei dem er die Geschichte mit dem -Kornett Stepanoff gehabt hatte. Beide Briefe hatte er am nächsten Morgen -abgeschickt. Darauf hatte er einen Rapport abgefaßt und mit diesem -Rapport in der Hand sich schon am frühen Morgen zu seinem -Regimentskommandeur begeben, um ihm zu melden, daß er ein -Staatsverbrecher sei und sich als Mitbeteiligter an der Fälschung der -und der Aktien dem Gericht stelle und bitte, das Verfahren gegen ihn -einzuleiten. Damit hatte er ihm den Rapport eingehändigt, in dem das -alles schriftlich dargelegt war. Er wurde verhaftet. - -Hier ist der Brief, den er in jener Nacht an mich geschrieben hat: - - Teuerster Arkadi Makarowitsch! - - Da ich es mit einem lakaienhaften »Ausweg« versucht habe, habe ich - somit das Recht verloren, mich auch nur ein wenig mit dem Gedanken - zu trösten, daß auch ich mich schließlich zu einer mutigen Tat habe - entschließen können. Ich bin schuldig vor meinem Vaterlande und dem - ganzen Geschlecht der Fürsten Ssokolski, und als der Letzte des - Geschlechts richte ich mich selbst. Ich verstehe nicht, wie ich mich - an den niedrigen Gedanken der Selbsterhaltung habe klammern und eine - Zeitlang daran denken können, mich mit Geld von ihnen loszukaufen! - Vor meinem Gewissen wäre ich doch ewig ein Verbrecher geblieben. Und - selbst wenn diese Leute mir die kompromittierenden Briefe - zurückgegeben hätten, sie hätten mich doch mein ganzes Leben lang - nicht in Ruh gelassen! Was blieb mir übrig: mit ihnen zu leben, mein - Lebtag an sie gefesselt, mit ihnen unter einer Decke zu sein -- das - war's, was mich erwartete! Dieses Leben konnte ich nicht annehmen - und habe schließlich doch so viel Kraft in mir gefunden oder - vielleicht auch nur Verzweiflung, um so zu handeln, wie ich jetzt - handle. - - Ich habe an meine ehemaligen Regimentskameraden geschrieben und - Stepanoff rehabilitiert. In dieser Handlungsweise liegt keineswegs - eine Sühne und kann auch gar keine liegen: das ist ja nur das - Testament eines Menschen, der morgen ein Toter ist. Nur so ist das - aufzufassen. - - Verzeihen Sie mir, daß ich gestern im Spielsaal nicht für Sie - einstand; es geschah das, weil ich in dem Augenblick Ihrer nicht - sicher war. Jetzt, da ich schon ein toter Mensch bin, kann ich sogar - das eingestehen ... aus jener Welt. - - Arme Lisa! Sie weiß noch nichts von diesem Entschluß; möge sie - selbst entscheiden, ob sie mich verurteilen soll. Ich kann mich - nicht rechtfertigen und finde nicht einmal Worte, um ihr auch nur - das geringste zu erklären. Sie, Arkadi Makarowitsch, sollen auch - noch erfahren, daß ich ihr gestern früh, als sie zum letztenmal bei - mir war, auch meinen Betrug aufgedeckt und ihr gesagt habe, daß ich - zu Anna Andrejewna gefahren war, um dieser einen Antrag zu machen. - Ich konnte das nicht auf meinem Gewissen behalten, nachdem ich - meinen letzten Entschluß schon gefaßt hatte, als ich ihre Liebe zu - mir sah; und so gestand ich es ihr. Sie vergab mir, vergab mir - alles, aber ich glaubte ihr nicht; eine solche Vergebung gibt es - nicht; ich an ihrer Stelle könnte das nicht vergeben. - - Vergessen Sie mich nicht ganz. - - Ihr unglücklicher letzter - - Fürst Ssokolski. - - * * * * * - -Ich lag neun Tage lang bewußtlos. - - - - - Dritter Teil - - - Erstes Kapitel. - - - I. - -Jetzt -- von etwas ganz anderem. - -Ich kündige zwar immer an: »von etwas anderem, etwas anderem«, und doch -rede ich nach wie vor immer nur von mir. Dabei habe ich schon tausendmal -erklärt, daß ich keineswegs mich selbst schildern will: das wollte ich -sogar unbedingt vermeiden, als ich diese Aufzeichnungen begann. Ich -verstehe doch, daß ich dem Leser völlig gleichgültig bin. Ich schildere -andere und wollte ja von Anfang an nur andere schildern, nicht mich, und -wenn nun meine Person doch immer wieder dazwischen kommt -- so ist das -nur ein bedauerliches Mißlingen meiner Absicht, da ich es eben auf keine -Weise vermeiden kann, wie sehr ich es auch möchte. Vor allem ärgert -mich, daß ich, wenn ich meine eigenen Erlebnisse mit solchem Eifer -beschreibe, damit selbst den Anlaß gebe, von mir zu denken, ich wäre -jetzt noch ganz derselbe, der ich damals war. Aber der Leser dürfte sich -erinnern, daß ich schon mehr als einmal ausgerufen habe: »Oh, wenn ich -das Geschehene doch umändern und ganz von neuem anfangen könnte!« So -etwas hätte ich doch nicht ausgerufen, wenn ich inzwischen nicht ein -vollständig anderer Mensch geworden wäre. Das leuchtet wohl ein; und -wenn sich einer nur vorstellen könnte, wie zuwider mir schon alle diese -Entschuldigungen und Vorreden sind, die ich gezwungen bin, alle -Augenblicke einzuflechten, sogar jetzt noch, mitten in meine -Aufzeichnungen hinein! - -Zur Sache! - -Nachdem ich neun Tage lang bewußtlos dagelegen hatte, erwachte ich als -ein Wiedergeborener, doch nicht als ein Gebesserter; übrigens war meine -Wiedergeburt ziemlich dumm und natürlich nicht das, was man im weiteren -Sinne darunter versteht; wenn sie jetzt geschähe, würde sie vielleicht -ganz etwas anderes sein. Meine Idee, das heißt, mein Gefühl, bestand -wiederum (wie ja schon tausendmal vorher) nur darin, daß ich von allen -diesen Menschen fort wollte, diesmal aber unbedingt, und nicht mehr so, -wie früher, da ich mich tausendmal vor die Entscheidung gestellt und -mich doch immer nicht endgültig hatte entscheiden können! Rächen wollte -ich mich an keinem, darauf gebe ich mein Ehrenwort, -- obschon ich von -ihnen allen beleidigt worden war. Ich wollte einfach weggehen von ihnen, -ohne Haß, ohne Verwünschungen; ich wollte eigene Kraft zeigen, wirklich -eigene Kraft, die von keinem von ihnen und niemand in der ganzen Welt -abhing; hatte ich mich doch mit allem in der Welt beinahe schon -ausgesöhnt! Dieser Zukunftstraum war damals nicht ein Gedanke, den ich -erwog, sondern nur eine Empfindung, der ich einfach ausgeliefert war. -Solange ich im Bette lag, wollte ich diese Empfindung nicht einmal zu -formulieren versuchen. Ich lag in Werssiloffs Zimmer, das man zu meiner -Krankenstube gemacht hatte, und erkannte mit Schmerz, wie kraftlos ich -war: da lag ja nur noch ein Strohhälmchen, aber nicht ein Mensch, ein -Strohhälmchen auch dann, wenn ich nicht krank gewesen wäre, -- und oh, -wie mich das kränkte! Doch siehe da, aus der tiefsten Tiefe meines -Wesens erhob sich ein Protest dagegen, und mir verging der Atem vor -einem eigenen Gefühl unendlich gesteigerten Hochmuts und maßloser -Überhebung. Ich kann mich in meinem ganzen Leben keiner Zeit erinnern, -wo ich von so anmaßenden Gefühlen erfüllt gewesen wäre, wie in jenen -ersten Tagen meiner Genesung, d. h. wie gerade damals, als ich wie ein -Strohhälmchen im Bett lag. - -Aber fürs erste schwieg ich und nahm mir sogar vor, vorläufig noch über -nichts nachzudenken. Ich sah ihnen immer nur in die Gesichter und -bemühte mich, aus ihren Gesichtern alles zu erraten, was ich wissen -wollte. Ich sah es ihnen an, daß auch sie mich nicht ausfragen und nicht -neugierig sein wollten, und nach Möglichkeit nur von Nebensächlichem -sprachen. Das gefiel mir, und zu gleicher Zeit erbitterte es mich -wieder; diesen Widerspruch will ich nicht weiter erklären. Lisa sah ich -seltener als Mama, wenn sie auch täglich zu mir hereinkam, gewöhnlich -sogar zweimal am Tage. Aus einzelnen Bruchstücken ihrer Unterhaltung, -die ich dann und wann auffing, und auch aus ihrem ganzen Gebaren schloß -ich, daß Lisa wohl sehr viel zu tun hatte und wegen ihrer eigenen -Angelegenheiten sogar sehr oft und stundenlang nicht zu Hause war: aber -schon in dieser Möglichkeit, daß _sie_ »eigene Angelegenheiten« hatte, -lag für mich gleichsam etwas Kränkendes. Übrigens waren das alles nur -krankhafte, rein physiologische Empfindungen, die zu beschreiben sich -nicht lohnt. Auch Tatjana Pawlowna kam fast täglich zu mir, und obgleich -sie durchaus nicht zärtlich zu mir war und noch nicht einmal besonders -rücksichtsvoll, so schimpfte sie doch nicht wie früher. Gerade das aber -ärgerte mich fürchterlich, weshalb ich ihr schließlich ins Gesicht -sagte: »Sie, Tatjana Pawlowna, Sie sind wahrhaftig, wenn Sie nicht -schimpfen, geradezu sträflich langweilig!« -- »So, dann komme ich -überhaupt nicht mehr zu dir,« versetzte sie kurz und ging. Ich aber war -froh, daß ich wenigstens eine hinausgejagt hatte. - -Besonders quälte ich Mama, und über sie ärgerte ich mich am meisten. Es -stellte sich bei mir ein mächtiger Hunger ein, und ich murrte -fortwährend darüber, daß ich mein Essen zu spät bekäme (dabei bekam ich -es niemals zu spät). Mama wußte nicht, wie sie es mir recht machen -sollte. Einmal brachte sie mir die Suppe und begann, wie sie das -gewöhnlich tat, selbst mich mit dem Löffel zu füttern, ich aber murrte -die ganze Zeit und hatte an allem etwas auszusetzen. Plötzlich ärgerte -ich mich über mich selbst, weil ich so unausstehlich war: »Sie ist -vielleicht der einzige Mensch, den ich wirklich liebe,« sagte ich mir, -»und dabei quäle ich gerade sie!« Aber meine Bosheit ließ deshalb nicht -nach, und auf einmal brach ich vor lauter Wut in Tränen aus, sie aber, -die Arme, dachte wohl, ich weinte vor Rührung und beugte sich über mich -und begann mich zu küssen. Ich biß die Zähne zusammen und hielt es aus, -so gut es ging, aber ich haßte sie in diesem Augenblick wirklich. Und -doch habe ich Mama immer liebgehabt, und auch damals liebte ich sie und -haßte sie gar nicht, es geschah nur das, was immer geschieht: wen man am -meisten liebt, den kränkt man am ehesten. - -Wirklich gehaßt habe ich in jenen ersten Tagen nur den Arzt. Es war das -ein noch junger Mann, der mit aufgeblasener Miene in sehr scharfem Tone -und sogar recht unhöflich zu reden pflegte. Diese Leute tun wahrhaftig -immer so, als hätten sie erst gestern und ganz unerwartet etwas -Besonderes erfahren, was außer ihnen, den Wissenschaftlern, noch niemand -weiß; dabei haben sie aber in Wirklichkeit überhaupt nichts erfahren. -Doch so ist ja der Durchschnitt und die »Gasse« immer. Ich ertrug das -lange genug, aber schließlich riß mir die Geduld, und ich erklärte ihm -in Gegenwart aller, daß er sich ganz umsonst herbemühe, da ich auch ohne -seinen Beistand gesund werden würde; daß er, obgleich er sich den -Anschein eines aufgeklärten Menschen zu geben suche, doch voll von -Vorurteilen sei und nicht einmal das begreife, daß die Medizin allein -noch nie einen Menschen geheilt habe; und ich fügte hinzu, daß er aller -Wahrscheinlichkeit nach vollständig ungebildet wäre, »wie das ja bei uns -jetzt alle diese Techniker und Spezialisten sind, die neuerdings die -Nase so schrecklich hoch tragen«. Der Doktor fühlte sich sehr beleidigt -(damit allein bewies er schon, was für ein Mensch er war), stellte aber -trotzdem seine Besuche nicht ein. Da erklärte ich Werssiloff, daß ich, -wenn der Doktor seine Besuche nicht einstellte, ihm irgend etwas noch -zehnmal Unangenehmeres sagen würde. Werssiloff meinte daraufhin nur, man -könnte sich wohl kaum etwas ausdenken, was auch nur zweimal unangenehmer -wäre als das, was ich schon gesagt hatte, geschweige denn etwas zehnmal -Unangenehmeres. Es freute mich, daß er das bemerkt hatte. - -Nein, was das doch für ein Mensch ist! Ich meine Werssiloff. Er, nur er -allein, war an allem schuld -- und dennoch: nur über ihn allein ärgerte -ich mich damals nicht. Es war nicht nur sein Verhalten zu mir, das mich -bestach. Ich glaube, wir fühlten damals beide, daß wir uns gegenseitig -viele Erklärungen schuldeten ... und daß es gerade deshalb das beste -war, nichts zu erklären. Es ist wirklich ungemein angenehm, in solchen -Lebenslagen auf einen klugen Menschen zu stoßen! Ich habe schon im -zweiten Teil meiner Aufzeichnungen vorgreifend erwähnt, daß er mir sehr -kurz und klar alles von dem Brief des Fürsten an mich, von -Serschtschikoff und meiner Rehabilitierung durch ihn usw., mitgeteilt -hatte. Da ich mir aber vorgenommen hatte, zu schweigen, so stellte ich -an ihn nur ganz trocken zwei, drei kurze Fragen, auf die er mir wiederum -klar und genau antwortete, ohne alle überflüssigen Worte und, was das -beste war, ohne überflüssige Gefühle. Gerade damals fürchtete ich nichts -so sehr, wie überflüssige Gefühle. - -Von Lambert schweige ich, aber der Leser wird natürlich schon erraten -haben, daß ich nur zu oft an ihn dachte. In meinen Fieberdelirien hatte -ich mehrmals von ihm gesprochen; aber als man mir dann sagte, ich hätte -laut phantasiert, erschrak ich und versuchte dahinterzukommen, was sie -denn gehört haben konnten; doch ich gewann sehr bald die Überzeugung, -daß sie von Lambert nichts wußten, auch Werssiloff nicht. Das freute -mich und meine Angst verging. Später jedoch erfuhr ich zu meinem -Erstaunen, daß ich mich darin getäuscht hatte: Lambert war bereits -während meiner Bewußtlosigkeit dagewesen, nur hatte Werssiloff mir dies -verschwiegen, und so konnte ich damals in dem Glauben leben, Lambert -hätte mich schon vollständig vergessen. Nichtsdestoweniger dachte ich -oft an ihn, ja, noch mehr als das: ich dachte nicht nur ganz ohne -Widerwillen an ihn, nicht nur mit einer gewissen Neugier, sondern sogar -mit wirklichem Interesse, als hätte ein Vorgefühl mir gesagt, daß meine -Bekanntschaft mit ihm meinen neuen, im Entstehen begriffenen Plänen -zustatten kommen könnte. Jedenfalls beschloß ich, den Fall Lambert als -erstes zu überdenken, sobald ich mit dem Nachdenken erst einmal anfangen -würde. Übrigens verdient ein Umstand, als sonderbar erwähnt zu werden: -ich hatte vollständig vergessen, wo er wohnte, in welcher Straße sich -das damals zugetragen hatte. Das Zimmer, die Alphonsina, das Hündchen, -den Korridor -- alles das sah ich noch so deutlich vor mir, daß ich es -gleich hätte zeichnen können; aber wo das gewesen war, in welcher -Straße, in welchem Hause -- dessen konnte und konnte ich mich nicht mehr -entsinnen. Und das Sonderbarste dabei war noch, daß mir dies erst am -dritten oder vierten Tage, nachdem ich wieder zu vollem Bewußtsein -gekommen war, auffiel, während ich mich in Gedanken gerade mit Lambert -schon lange und eifrig beschäftigt hatte. - -Also das waren meine ersten Empfindungen nach meinem Erwachen. Ich habe -nur das Nebensächlichste aufgezeichnet und das Wichtigste wahrscheinlich -nicht aufzuzeichnen verstanden. In der Tat, es ist sehr wohl möglich, -daß alles Hauptsächliche sich gerade damals in meinem Herzen geklärt und -formuliert hat; ich habe mich in der Zeit doch nicht nur geärgert und -gebost, etwa weil ich auf meine Suppe warten mußte! Oh, ich weiß noch, -wie traurig ich zeitweise sein konnte und wie oft ich mich damals -quälte, besonders wenn ich lange allein blieb. Die anderen hatten zum -Unglück auch noch herausgefühlt, daß es mir manchmal schwer wurde, mit -ihnen zusammen zu sein, und daß ihre Teilnahme mich nur reizte, und so -ließen sie mich denn immer öfter allein: das war nun eine ganz unnötige -Rücksicht von ihnen, zu der ein vollkommen überflüssiges Feingefühl sie -veranlaßte. - - - II. - -Am vierten Tage nach meinem Erwachen aus der Bewußtlosigkeit lag ich, so -um drei Uhr nachmittags, in meinem Bett, und es war niemand bei mir. Der -Tag war hell und sonnig, und ich wußte: nach vier Uhr, wenn die Sonne -untergeht, wird ein schräger rotgoldener Strahl gerade in die Ecke der -Wand fallen, an der ich lag, und dort einen grellen Lichtfleck bilden. -Ich wußte das von den früheren Tagen her, und der Gedanke, daß das in -einer Stunde unfehlbar eintreten werde, und vor allem, daß ich dies so -genau voraus wußte, wie das Ergebnis von zwei mal zwei -- gerade das -erboste mich bis zur Wut. Ich drehte mich wütend auf die andere Seite -und plötzlich, mitten in der tiefen Stille, hörte ich deutlich die -Worte: »Herr Jesus Christ, unser Herr und Gott, erbarme dich unser!« Die -Worte wurden halblaut gemurmelt, darauf folgte ein schwerer Seufzer aus -tiefster Brust, und dann war wieder alles still. Ich hob schnell den -Kopf. - -Ich hatte auch schon früher, das heißt, schon am Abend vorher, ja sogar -schon vor zwei Tagen eine gewisse andere Stimmung in unseren drei -Zimmern hier unten wahrgenommen. In jenem anderen Zimmer, wo früher Mama -und Lisa geschlafen hatten, schien sich ein fremder Mensch zu befinden. -Schon ein paarmal hatte ich von dort verschiedene Geräusche gehört, -sowohl am Tage wie in der Nacht, aber immer nur für ein paar -Augenblicke, und dann war wieder vollständige Stille eingetreten, wieder -für mehrere Stunden, so daß ich weiter nicht darauf geachtet hatte. -Einmal war mir schon der Gedanke gekommen, Werssiloff wäre dort, da er -bald nach so einem Geräusch bei mir eingetreten war, obgleich ich aus -ihren Gesprächen entnommen hatte, daß Werssiloff für die Zeit meiner -Krankheit irgendwohin in eine andere Wohnung gezogen sein mußte, wo er -wohl auch nächtigte. Von Mama und Lisa wußte ich, daß sie jetzt oben in -meinem ehemaligen »Sarg« schliefen (damit ich mehr Ruhe hätte, wie ich -glaubte), und ich fragte mich noch: »Wie haben sie sich denn da zu -zweien einzurichten vermocht?« Und nun war dort in ihrem früheren Zimmer -plötzlich doch ein Mensch, und dieser Mensch war -- nicht Werssiloff! -Mit einer Leichtigkeit, die ich mir gar nicht zugetraut hätte (da ich -bis dahin gedacht hatte, ich wäre vollkommen kraftlos), setzte ich mich -auf den Bettrand, schob die Füße in die Pantoffeln, zog den grauen, mit -Lammfellchen gefütterten Schlafrock an (den Werssiloff für mich geopfert -hatte), und begab mich durch unser Wohnzimmer nach Mamas früherem -Schlafzimmer. Was ich dort erblickte, war für mich überraschend genug: -gerade das hatte ich am wenigsten erwartet! -- ich blieb wie angewurzelt -auf der Schwelle stehen. - -Dort saß ein alter Mann mit ganz grauem, silbergrauem Haar und einem -großen, furchtbar weißen Bart. Es war klar, daß er schon lange dort saß. -Er saß nicht auf dem Bett, sondern auf Mamas Fußbank und stützte nur den -Rücken an das Bett. Übrigens hielt er sich dermaßen gerade, daß es den -Anschein hatte, als brauchte er überhaupt keine Stütze, wenn man ihm -auch ansah, daß er krank war. Über dem Hemde hatte er einen kurzen, von -außen mit Zeug überzogenen Pelz an, über seine Knie war Mamas großes -Tuch gebreitet und seine Füße staken in Pantoffeln. Man sah sofort, daß -er von hohem Wuchs sein mußte, dazu war er breitschultrig und machte, -trotz seines Krankseins, einen sehr rüstigen Eindruck, obgleich er etwas -bleich und mager war. Er hatte ein längliches Gesicht und dichtes, aber -nicht sehr langes Haar; sein Alter konnte man auf über siebzig Jahre -schätzen. Auf einem Tischchen neben ihm lagen, so daß er sie mit der -Hand erreichen konnte, drei oder vier Bücher und eine silberne Brille. -Ich hatte zwar mit keinem Gedanken daran gedacht, daß ich diesen -Menschen hier treffen könnte, aber ich erriet sofort, wer er war, nur -konnte ich noch immer nicht begreifen, wie er sich in diesen zwei Tagen -so still hatte verhalten können, daß nebenan in meinem Zimmer fast -nichts von ihm zu hören gewesen war. - -Er rührte sich nicht, als er mich erblickte, sondern sah mich nur -unverwandt und schweigend an, genau wie ich ihn ansah, bloß mit dem -Unterschiede, daß in meinen Augen ein maßloses Erstaunen lag, in seinen -dagegen nicht das geringste. Und nicht nur das, denn als er mich in -diesen fünf oder zehn Sekunden des Schweigens bis zum letzten Zuge -betrachtet hatte, lächelte er plötzlich, und dieses Lächeln ging sogar -in ein stilles, unhörbares Lachen über; und wenn dieses Lachen auch -schnell verschwand, so blieb von ihm doch ein heller, froher Schein in -seinem Gesicht zurück, vor allem in seinen Augen, die sehr blau, -strahlend und groß waren, nur daß die Lider vom Alter schwer geworden -oder geschwollen zu sein schienen, und viele kleine Fältchen sie -umgaben. Dieses Lachen wirkte am stärksten auf mich. - -Ich finde, wenn ein Mensch lacht, wird es in der Mehrzahl der Fälle -widerlich, ihn anzusehen. Am häufigsten äußert sich im Lachen der -Menschen etwas Gemeines, etwas, was den Lachenden erniedrigt, wenn auch -der Betreffende von dem Eindruck, den er auf andere macht, selbst fast -nie etwas weiß. Ebensowenig wissen die Menschen, was für ein Gesicht sie -haben, wenn sie schlafen. Mancher Mensch hat auch im Schlaf ein kluges -Gesicht, bei manchen aber, und sogar bei klugen Leuten, wird das Gesicht -im Schlaf furchtbar dumm und deshalb lächerlich. Ich weiß nicht, woher -das kommt; ich will nur sagen, daß der Lachende, ganz wie der -Schlafende, von dem Ausdruck des eigenen Gesichts nichts weiß. Die -übergroße Mehrzahl der Menschen versteht überhaupt nicht, zu lachen. -Übrigens ist da nichts zu »verstehen«: das ist eine Gabe der Natur, die -man sich nicht künstlich aneignen kann. Es sei denn, daß man sich selbst -zu einem ganz anderen Menschen erzieht, sich zum Besseren entwickelt und -die schlechten Neigungen seines Charakters bekämpft: dann könnte sich -wohl auch das Lachen zum Besseren verändern. Manch einer verrät sich -durch sein Lachen vollständig, und man erkennt sofort den ganzen -Menschen. Aber selbst ein kluges Lachen kann mitunter widerlich sein. -Das Lachen verlangt vor allen Dingen Aufrichtigkeit, aber wo findet man -unter den Menschen Aufrichtigkeit? Das Lachen verlangt Arglosigkeit, die -Menschen lachen aber am häufigsten aus Bosheit. Ein aufrichtiges und -argloses Lachen ist Fröhlichkeit, wo aber findet man in den Menschen von -heute Fröhlichkeit, und verstehen sie überhaupt, fröhlich zu sein? -(Diese Bemerkung über die Fröhlichkeit habe ich einmal von Werssiloff -gehört und mir gemerkt). Die Fröhlichkeit des Menschen ist der Zug, der -mehr als alles andere den Menschen verrät. Mancher Charakter ist lange -nicht zu verstehen, aber da braucht der Mensch nur einmal aus ganzem -Herzen zu lachen, und sein Charakter liegt offen vor einem, wie auf der -Handfläche. Nur ein Mensch von höchster und glücklichster geistiger -Ausgeglichenheit versteht es, auf eine Weise fröhlich zu sein, die -ansteckend wirkt, d. h. unwiderstehlich und gutmütig. Ich spreche nicht -von seinem Intellekt, sondern von seinem Charakter, von der ganzen -ausgeglichenen Persönlichkeit. Also, wenn man einen Menschen -durchschauen und seine Seele erkennen will, so beobachte man nicht, wie -er schweigt oder wie er spricht, oder wie er weint, oder gar, wie die -edelsten Ideen sein Gemüt bewegen, sondern man beobachte ihn lieber, -wenn er lacht: hat er ein gutes Lachen, so ist er ein guter Mensch. Und -man achte dabei auch auf alle Nuancen: so darf zum Beispiel das Lachen -eines Menschen einem niemals dumm erscheinen, auch wenn er noch so -fröhlich und gutmütig lacht. Bemerkt man nur eine Spur von Dummheit im -Lachen eines Menschen, so hat dieser Mensch einen beschränkten Verstand, -und mag er auch mit Ideen nur so um sich werfen. Oder wenn das Lachen -eines Menschen nicht dumm ist, der Mensch aber, wenn er lacht, einem aus -irgendeinem Grunde lächerlich erscheint, und wär's auch nur ein wenig, -so hat dieser Mensch keine wirkliche persönliche Würde, oder wenigstens -nicht viel davon. Und schließlich, wenn das Lachen eines Menschen zwar -ansteckend ist, einem aber aus irgendeinem Grunde vulgär erscheint, so -ist auch die ganze Natur dieses Menschen vulgär, und alles Edle und -Erhabene, das man früher an ihm zu bemerken geglaubt hat, ist von ihm -entweder bewußt herausgekehrt, oder unbewußt von anderen angenommen; so -ein Mensch wird sich in der Folge unfehlbar zum Schlechteren verändern, -wird sich dem »Vorteilhaften« zuwenden und sich nur noch mit diesem -beschäftigen, die früheren edlen Regungen aber als Jugendirrungen und -Schwärmereien ohne Bedauern abschütteln. - -Diese lange Abhandlung über das Lachen habe ich mit Absicht hier -eingefügt, und um ihretwillen sogar die Einheitlichkeit meiner Erzählung -zerstört, denn diese Erkenntnis des Lachens halte ich für eine der -wichtigsten, zu denen ich in meinem Leben bisher überhaupt gekommen bin. -Besonders möchte ich sie jenen angehenden Bräuten empfehlen, die fast -schon bereit sind, einem Manne ihr Jawort zu geben, ihn aber doch noch -nachdenklich und mißtrauisch beobachten und den endgültigen Entschluß -immer noch nicht fassen können. Möge man über den Jüngling nicht lachen, -der sich mit Belehrungen in Dinge mischt, von denen er keinen Deut -versteht; dafür weiß er aber, daß das Lachen die sicherste Probe auf -einen Menschen ist. Man beobachte einmal ein Kind: nur Kinder verstehen -es, vollkommen arglos zu lachen -- deshalb sind sie auch so bezaubernd. -Ein weinendes Kind ist mir widerlich, ein lachendes oder fröhliches aber -ist ein Sonnenstrahl aus dem Paradies, ist -- eine Offenbarung aus der -Zukunft, wo die Menschen endlich wieder so rein und arglos sein werden, -wie jetzt nur Kinder sind. Und gerade so etwas Kindliches und ganz -unglaublich Anziehendes sah ich plötzlich in dem flüchtigen Lachen -dieses alten Mannes. Ich ging sogleich auf ihn zu. - - - III. - -»Setz dich, setz dich nieder, deine Füße, denk ich, die werden wohl noch -schwach sein,« forderte er mich freundlich auf, während er auf einen -Platz neben sich zeigte und mir immer noch mit demselben strahlenden -Blick ins Gesicht sah. Ich setzte mich neben ihn und sagte: - -»Ich weiß, wer Sie sind. Sie sind Makar Iwanowitsch.« - -»So, Jungchen. Nu sieh, das ist schön, daß du aufgestanden bist. Du bist -jung, du hast's gut. Der Alte geht zum Grabe, der Junge ins Leben.« - -»Sind Sie denn krank?« - -»Jawohl, Freundchen, die Füße sind es arg; bis zur Tür haben sie mich -noch gebracht, die Füße, aber wie ich mich dann hier niedergesetzt hab', -da sind sie mir alsobald aufgeschwollen. Das ist nun von selbigem -letzten Donnerstag, als die Grade einsetzten« (er wollte damit sagen, -als es zu frieren begann). »Ich hab' sie bislang mit einer Salbe -eingeschmiert, sieh mal: vor drei Jahren hat mir ein Doktor, Lichten -hieß er, Edmund Karlytsch mit Namen, in Moskau diese Salbe verschrieben, -und die hat mir schon etliche Male geholfen, och, wie die mir geholfen -hat! Nun aber, sieh, hilft sie nicht mehr. Und auch in der Brust ist es -mir nicht ganz richtig. Und vom gestrigen Tage an wird mir der Rücken -gleichwie von Hunden gebissen ... Und schlafen kann ich auch nicht mehr -in der Nacht.« - -»Wie kommt es, daß Sie hier gar nicht zu hören sind?« fragte ich. Er sah -mich an und schien nachzudenken. - -»Weck nur die Mutter nicht auf,« sagte er auf einmal besorgt, als wäre -ihm etwas eingefallen. »Sie hat hier die ganze Nacht geschafft, aber so -unhörbar, wie eine Fliege fast, und nun hat sie sich hingelegt, das weiß -ich. Ach, ein kranker Alter hat es schlecht,« seufzte er, »und an was, -fragt man sich, klammert sich das Herz nur so? Aber es hält und hält -sich fest und freut sich immer noch am Licht; und, meiner Treu, wenn es -möglich wär, denkt man so bei sich selber, das ganze Leben noch einmal -von vorn anzufangen, die Seele würde, glaub' ich, auch davor sich nicht -fürchten; obzwar so ein Gedanke vielleicht sündhaft ist.« - -»Warum denn sündhaft?« - -»Ein Traum ist er, dieser Gedanke, ein Greis aber muß mit Würde -hinscheiden von dieser Welt. Denn wiederum, so du dem Tod mit Murren -oder mit Unzufriedenheit entgegengehst, so ist selbiges eine große -Sünde. Nun, aber so du aus geistiger Freude das Leben liebgewonnen hast, -wird Gott es schon verzeihen, auch einem alten Mann, denk ich. Es ist -schwer für den Menschen, bei jeder Sünde zu wissen, was sündhaft ist und -was nicht: darüber liegt ein Geheimnis, das über Menschenverstand geht. -Ein Greis aber muß jederzeit zufrieden sein, und sterben muß er in der -vollen Klarheit seines Verstandes, selig und würdevoll, gesättigt von -seinen Tagen, seiner letzten Stunde entgegenseufzend, und sich freuend --- gleichwie eine Ähre zur Garbe hingeht -- und sein Geheimnis -erfüllend.« - -»Sie sagen schon wieder >Geheimnis<, -- was heißt das: >sein Geheimnis -erfüllend<?« fragte ich und sah mich nach der Tür um. Ich war froh, daß -wir allein waren und daß rings um uns lautlose Stille herrschte. Die -untergehende Sonne schien grell in das Zimmer. Er sprach in etwas -schwülstigen Ausdrücken und unklar, aber mit starker Überzeugung und -sehr angeregt; mein Kommen hatte ihn sichtlich erfreut. Aber es entging -mir nicht, daß er sich zweifellos in einem fieberhaften Zustande befand -und vielleicht sogar sehr hohes Fieber hatte. Auch ich war krank und -fieberte seit dem Augenblick, da ich bei ihm eingetreten war. - -»Was ein Geheimnis ist? Alles ist ein Geheimnis, Freund, in allem ist -ein Geheimnis Gottes. In jedem Baum, in jedem Stäubchen ist dieses selbe -Geheimnis eingeschlossen. Ob ein kleines Vöglein singt, oder ob die -ganze Sternenschar in der Nacht am Himmel funkelt -- alles ist ein und -dasselbe Geheimnis, des sei du gewiß. Doch der Geheimnisse allergrößtes -liegt darinnen, was die Seele des Menschen in jener Welt erwartet. So -ist es fürwahr, Freund!« - -»Ich weiß nicht, in welchem Sinne Sie ... Ich will Sie natürlich nicht -reizen, und Sie können versichert sein, daß ich an Gott glaube ... Aber -alle diese Geheimnisse hat der Menschenverstand schon längst aufgedeckt, -und was noch nicht aufgedeckt ist, das wird noch aufgedeckt werden, das -ist sicher, und vielleicht sogar in kürzester Zeit. Die Botanik weiß -ganz genau, wie der Baum wächst, der Physiologe und der Anatom wissen -sogar, warum der Vogel singt, oder werden es bald wissen, und was die -Sterne betrifft, so sind sie nicht nur alle schon gezählt, sondern auch -jede ihrer Bewegungen ist auf die Sekunde genau ausgerechnet, so daß man -sogar auf tausend Jahre voraussagen kann, in welcher Stunde und Minute -ein Komet erscheinen wird ... Und jetzt weiß man auch schon, woraus -selbst die entferntesten Sterne zusammengesetzt sind. Nehmen Sie ein -Mikroskop -- das ist so ein Vergrößerungsglas, das die Gegenstände -millionenmal größer zeigt -- und betrachten Sie durch dieses Glas einen -Wassertropfen: da werden Sie eine ganz neue Welt entdecken, ein ganzes -Chaos von Lebewesen. Auch das war ein Geheimnis, aber man hat es doch -aufgedeckt.« - -»Wohl, wohl, ich habe davon gehört, Freundchen, habe schon mehrfach -davon reden hören. Da ist nichts drüber zu sagen, das ist eine große und -ruhmvolle Tat. Alles ist dem Menschen durch Gottes Willen gegeben; nicht -umsonst hat Gott ihm den lebendigen Odem eingeblasen, und nicht umsonst -ist sein Gebot: >Lebe und erkenne<.« - -»Nun, das sind -- Gemeinplätze. Aber Sie -- sind Sie denn kein Feind der -Wissenschaft, kein Klerikaler? Das heißt, ich weiß nicht, ob Sie das -verstehen ...« - -»Nein, Freundchen, ich habe von Jugend auf die Wissenschaft geachtet, -und wenn ich auch selber keinen Verstand davon habe, so murre ich doch -nicht dawider; denn ist er nicht mir gegeben, so ist er dafür einem -anderen gegeben. Es ist das vielleicht um so besser; denn man sagt: -einem jeden das seine. Zumal, Freundchen, nicht einem jeden die -Wissenschaft von Nutzen ist. Wir sind doch alle unenthaltsam, ein jeder -will die ganze Welt in Erstaunen setzen, ich aber, wer weiß, würde das -vielleicht noch mehr als alle anderen wollen, wenn ich die Begabung -hätte. Doch wo ich nun ganz ohne Begabung bin und selber nichts weiß, -wie kann ich mich da überheben? Du aber bist jung und gewitzt und dir -ist dies Los zugefallen, du lerne nun auch. Trachte alles zu erkennen, -damit du, so du einem Gottlosen oder einem Streitsüchtigen begegnest, -ihm dann Antwort stehen kannst, und er dich mit rasendem Gerede nicht -taub mache und deine unreifen Gedanken nicht irre führe. So ein Glas -aber habe ich noch ganz kürzlich gesehen.« - -Er holte tief Atem und seufzte. Entschieden hatte ich ihm durch mein -Kommen eine außerordentliche Freude bereitet. Sein Mitteilungsdrang war -jedenfalls krankhaft. Ich kann wohl auch mit Bestimmtheit behaupten, daß -er mich manchmal minutenlang mit ganz unsäglicher Liebe ansah: zärtlich -legte er seine Hand auf meine Hand, streichelte meine Schulter ... -manchmal aber, das muß ich gestehen, schien er mich wiederum ganz zu -vergessen, als wäre ich gar nicht da, und wenn er dabei auch -weiterredete, so sprach er doch gleichsam irgendwohin in die Luft. - -»In dem kleinen einsamen Genadijewschen Kloster,« fuhr er fort, »lebt -ein Mann von großem Verstande. Er ist von vornehmer Herkunft; dem Range -nach ist er Oberstleutnant, und er besitzt großen Reichtum. Als er noch -in der Welt lebte, wollte er sich nicht durch eine Heirat binden; und -nun lebt er schon das zehnte Jahr ganz abgeschlossen von der Welt; denn -er hat sein Herz an den stillen, schweigenden Zufluchtsort gehängt und -seine Gefühle von den eitlen Sorgen der Welt gelöst. Er hält die ganze -Klosterordnung ein, aber zum Mönch will er sich doch nicht scheren -lassen. Und Bücher hat er so viel, wie meine Augen noch nie bei einem -Menschen beisammen gesehen haben, -- er selber sagte mir, es wären -Bücher für gute achttausend Rubel. Pjotr Walerjanytsch heißt er mit -Namen. In vielem hat er mich zu verschiedenen Zeiten unterwiesen, und -ich hab' ihm mit überköstlichem Vergnügen zugehört. Und einmal sage ich -so zu ihm: >Wie geht das zu, Herr, und was ist die Ursache, daß Ihr bei -Eurem so großen Verstande, und wo Ihr schon zehn Jahre im Kloster lebt, -gehorsam alle Vorschriften befolgt und Euer Begehren allgemach abgetötet -habt -- was ist denn die Ursache, daß Ihr nicht das Gelübde ablegt, auf -daß Ihr alsdann noch vollkommener werdet?< Er aber entgegnet mir darauf -und spricht: >Was redest du, Alter, von meinem Verstande; vielleicht ist -es gerade mein Verstand, der mich gefangen hält, denn ich habe ihn nicht -zu zähmen vermocht. Und was redest du von meinem Gehorsam: vielleicht -habe ich schon längst mein Maß verloren. Und was redest du von der -Abtötung meines Begehrens! Auf mein ganzes Geld könnte ich sofort -verzichten, desgleichen auf alle Titel, und die ganze Kavallerie legte -ich dir hier auf den Tisch, aber auf meine Pfeife Tabak kann ich nicht -verzichten, das zehnte Jahr schon kämpfe ich deshalb mit mir, und doch -kann ich nicht davon lassen. Was wäre ich nun nach alledem für ein -Mönch, und was für eine Abtötung meines Begehrens rühmst du an mir?< -Fürwahr, seine Demut nahm mich damals wunder. Und so kam ich denn jüngst -im Sommer, zur Zeit der Petrifasten, wieder nach jenem Kloster -- Gott -führte mich hin -- und da seh ich, in seiner Zelle steht so ein Ding -- -ein Mikroskop, -- das hatte er sich für vieles Geld aus dem Auslande -verschrieben. >Warte, Alter,< sagt er zu mir, >ich werde dir etwas -Erstaunliches zeigen, was du noch nie gesehen hast. Sieh diesen -Wassertropfen, er ist rein wie eine Träne: nun, und jetzt überzeuge -dich, was in ihm alles ist, und du wirst sehen, daß die Mechaniker bald -alle Geheimnisse Gottes aufgedeckt haben werden, kein einziges werden -sie für uns beide noch übriglassen< -- gerade so sagte er, mit selbigen -Worten. Ich aber hatte schon vor fünfunddreißig Jahren durch so ein Ding -gesehen, bei Alexander Wladimirowitsch Malgaßoff, meinem früheren Herrn, -dem Onkel selig von Andrei Petrowitsch, mütterlicherseits, von dem denn -auch später, nach seinem Ableben, das Stammgut an Andrei Petrowitsch -fiel. Das war ein mächtiger Herr, ein hoher General, und eine große -Meute hielt er sich, und ich war unter ihm lange Jahr Pikör damals. Nun, -und da stellte er einmal auch so ein Mikroskop auf, das er mitgebracht -hatte, und er befahl dem ganzen Hofgesinde, Männern und Weibern, alle -sollten sie einer nach dem andern herantreten und durch das Rohr sehen; -und da wurde denn auch alles gezeigt, ein Floh und ein Läuschen und eine -Nadelspitze und ein Härchen und ein Wassertropfen. Ja, das war schon -eine Kurzweil und ein Spaß: da fürchten sie sich vor dem Wunderding, -aber den Herrn, den fürchteten sie auch -- der konnte gewaltig -aufbrausen! Manche wissen gar nicht, wie sie sehen sollen, kneifen die -Augen zusammen, blinzeln bloß und sehen überhaupt nichts; andere zittern -vor Angst und schreien, und der Dorfälteste Ssavin Makaroff hält sich -mit beiden Fäusten die Augen zu und schreit: >Macht mit mir, was ihr -wollt -- ich guck nicht hinein!< Danach gab es viel unnützes Gelächter. -Dem Pjotr Walerjanytsch aber sagte ich nicht, daß ich dazumal so ein -Ding schon gesehen hatte, also dies selbe Wunder schon fünfunddreißig -Jahre zuvor geschaut hatte, denn ich seh' doch, es macht ihm Spaß, mir -das zu zeigen; da tat ich denn mit Fleiß, als wär ich mächtig verwundert -und entsetzt. Er ließ mir Zeit und dann fragte er: >Nun, Alter, was -sagst du jetzt?< Ich aber verneige mich und sage: >Und Gott sprach: Es -werde Licht und es ward Licht,< er aber fragt mich plötzlich: >Ward -nicht am Ende Finsternis?< Und so eigenartig fragte er das, lächelte -nicht mal dabei. Ich wunderte mich noch über ihn, fürwahr, er aber war -danach, ich muß sagen, wie erzürnt und blieb stumm.« - -»Ganz einfach: Ihr Pjotr Walerjanytsch ißt im Kloster zwar Fastenspeisen -und macht die vorschriftsmäßigen Verneigungen wie ein Mönch, aber an -Gott glaubt er nicht, und gerade in einem solchen Augenblick sind Sie -damals zu ihm gekommen -- das ist alles,« sagte ich. »Außerdem ist er -eigentlich recht lächerlich: er wird doch in seinem Leben sicherlich -schon zehnmal so ein Mikroskop gesehen haben, warum verliert er denn -beim elften Male darüber den Verstand? Das wird wohl nur so eine nervöse -Reizbarkeit gewesen sein ... die sich durch das Klosterleben bei ihm -entwickelt hat.« - -»Er ist ein reiner Mensch und von hohem Verstande,« sagte der Alte in -belehrendem Ton, »und ist auch kein Gottloser. Er hat reichen Verstand, -aber sein Herz ist unruhig. Solcher gibt es jetzt viele unter den -Gebildeten und den Gelehrten. Und was ich dir noch sage: solch ein -Mensch straft sich selber. Du aber geh' ihnen aus dem Wege und belästige -sie nicht, doch abends vor dem Schlaf gedenke ihrer in deinem Gebet, -denn solche suchen Gott. Betest du auch vor dem Schlafengehen?« - -»Nein, ich halte das für eine leere Förmlichkeit. Übrigens muß ich Ihnen -gestehen, daß Ihr Pjotr Walerjanytsch mir gefällt: wenigstens ist er -kein leeres Stroh, sondern immerhin ein Mensch, und noch dazu einer, der -sogar eine gewisse Ähnlichkeit mit einem uns beiden nahestehenden -Menschen hat.« - -Der Alte beachtete nur den ersten Satz meiner Antwort. - -»Das ist nicht recht von dir, Freund, daß du nicht betest; beten ist -gut, es macht das Herz froh, zumal vor dem Schlafengehen und nach dem -Erwachen frühmorgens, und auch so du in der Nacht erwachst. Das sage ich -dir. Einmal im Sommer war's, im Julimonat, da pilgerten wir nach dem -Muttergotteskloster zum Kirchenfest. Je näher wir dem Orte kamen, um so -zahlreicher schlossen sich Pilger an, und schließlich waren wir unser -fast an die zweihundert, die alle hinzogen, um die heilkräftigen -Reliquien der beiden großen Wundertäter Aniki und Grigori zu küssen. Wir -übernachteten alle beisammen unter freiem Himmel, und ich erwachte -frühmorgens, als alle noch schliefen und sogar die Sonne noch nicht -hinter dem Walde hervorsah. Ich hob den Kopf, mein Freund, ließ den -Blick ringsum über die Erde schweifen und atmete auf! Eine Schönheit -allüberall, die unaussprechlich ist. Still ist alles, die Luft ist -leicht. Die Gräschen wachsen -- wachset nur, Gottes Gräschen; ein -Vögelchen singt -- sing nur, Gottes Vögelchen; ein Kindchen schreit -einmal leise in den Armen eines Weibes -- Gott sei mit dir, kleines -Menschlein, wachse auf zum Glück, der du geboren bist! Und da war mir, -als hätte ich zum erstenmal in meinem ganzen Leben alles dies in mich -aufgenommen ... Ich legte den Kopf wieder hin, und es schlief sich so -leicht. Schön ist es auf der Welt, Lieber! Ich möchte, wenn's mir besser -geht, im Frühling wieder wandern gehen. Und daß die Welt ein Geheimnis -ist, das macht sie ja noch schöner; furchtbar ist es dem Herzen und -wundervoll; und diese Furcht gereicht dem Menschenherzen zur Freude: ->Alles ist in dir, Gott, und auch ich bin in dir, so nimm mich auf!< -Murre nicht, Jungling: um so schöner ist es noch, als es ein Geheimnis -ist,« fügte er ergriffen hinzu. - -»>Um so schöner ist es noch, als es ein Geheimnis ist< ... Das werde ich -behalten, gerade diese Worte. Sie drücken sich furchtbar ungenau aus, -aber ich verstehe schon ... Es überrascht mich, daß Sie viel mehr wissen -und verstehen, als Sie ausdrücken können; nur reden Sie, wie's scheint, -im Fieber ...,« entfuhr es mir unwillkürlich, als ich in seine -fieberhaft glänzenden Augen und sein bleich gewordenes Gesicht sah. - -Er aber hatte, glaube ich, meine Worte gar nicht gehört. - -»Weißt du auch, Jungling,« begann er wieder, als setze er seine frühere -Rede fort, »weißt du auch, daß auf Erden der Erinnerung an einen -Menschen eine Grenze gesetzt ist? Die Erinnerung an einen Menschen währt -nur hundert Jahre. Hundert Jahre nach seinem Tode können noch seine -Kinder seiner gedenken, oder seine Enkel, die noch sein Antlitz gesehen -haben; wenn sich aber Erinnerung an ihn auch dann noch fortsetzt, so nur -von Mund zu Mund, nur durch Worte und Gedanken, dieweil alle, so sein -Antlitz mit Augen geschaut haben, alsdann schon dahingegangen sind. Und -auf seinem Grabhügel auf dem Friedhof wird Gras wachsen, und der weiße -Grabstein wird morsch werden und zerfallen, und alle Menschen werden ihn -vergessen, desgleichen seine Nachfahren, und über ein kleines wird auch -sein Name vergessen sein, zumal nur wenige Namen im Gedächtnis der -Menschen verbleiben -- nun, und mag es so sein! Möget ihr mich -vergessen, ihr Lieben, ich aber kann euch noch aus dem Grabe heraus -lieben. Ich höre eure fröhlichen Stimmen, Kinderchen, höre eure Schritte -auf den Gräbern eurer Väter am Allerseelentage; lebt jetzt noch in der -Sonne, freuet euch, ich aber werde für euch zu Gott beten, werde im -Traume zu euch kommen ... gleichviel, auch nach dem Tode lebt die Liebe! -...« - -Ich war in genau dem gleichen Fieberzustande wie er; statt nun -hinauszugehen oder ihn zu beruhigen oder ihn womöglich zu überreden, -sich hinzulegen, da er ja wie in Phantasien sprach, ergriff ich -plötzlich seine Hand, und indem ich mich zu ihm hinabbeugte und seine -Hand drückte, flüsterte ich erregt und mit Tränen in der Seele: - -»Ich freue mich, daß Sie gekommen sind. Ich habe vielleicht schon lange -auf Sie gewartet. Ich liebe keinen einzigen von ihnen allen: sie haben -keine Weisheit ... Ich werde ihnen nicht folgen, ich weiß nicht, wohin -ich gehen werde, ich werde mit Ihnen gehen ...« - -Da kam plötzlich Mama herein, -- zum Glück; denn ich weiß nicht, womit -es noch geendet hätte. Sie kam, soeben aus dem Schlaf geschreckt, mit -aufgeregtem Gesicht; in der Hand hatte sie ein Fläschchen und einen -Eßlöffel; als sie uns erblickte, rief sie besorgt aus: - -»Wußt' ich's doch! Da hab' ich ihm die Chinintropfen nicht zur rechten -Zeit gegeben, und nun fiebert er! Ich hab' mich verschlafen, Makar -Iwanowitsch, Liebster!« - -Ich erhob mich und ging hinaus. Sie gab ihm die Tropfen und brachte ihn -ins Bett. Auch ich legte mich wieder in mein Bett, aber ich war sehr -erregt. Eine große Neugier war in mir erwacht, und ich dachte mit allen -Gedanken an diese Begegnung. Was ich damals von ihr erwartete -- ich -weiß es nicht. Natürlich waren meine Gedanken ohne Zusammenhang, und -eigentlich waren es gar keine Gedanken, sondern nur Bruchstücke von -Gedanken. Ich lag mit dem Gesicht zur Wand und plötzlich erblickte ich -in der Ecke den grellen Lichtfleck von der Sonne, an den ich vorher mit -einer solchen Verwünschung gedacht hatte, und ich weiß noch, wie meine -ganze Seele erklang und wie gleichsam ein ganz neues Licht mein Herz -erfüllte. Ich erinnere mich noch gut dieses süßen Augenblicks und will -ihn nie vergessen. Es war ein Augenblick neuer Hoffnung und neuer Kraft -... Ich war ja damals ein Genesender; da kann wohl diese plötzliche -Stimmung eine unvermeidliche Folge meines Nervenzustandes gewesen sein. -Aber an diese selbe lichte Hoffnung glaube ich auch jetzt, -- das ist -es, was ich jetzt hier niederschreiben und mir zu Bewußtsein bringen -wollte. Selbstverständlich wußte ich auch damals schon ganz genau, daß -ich nicht mit Makar Iwanowitsch gehen würde, und daß mir selbst nicht -klar war, worin dieser neue Drang, der mich erfaßt hatte, bestand, aber -ein Wort hatte ich, wenn auch im Fieberdelirium, doch schon -ausgesprochen: »Sie haben keine Vornehmheit!«[14] »Das ist es,« dachte -ich von diesem Augenblick an in meiner Verzückung, »ich suche -Vornehmheit, die aber haben sie nicht, und deshalb verlasse ich sie.« - -Hinter mir hörte ich ein leises Geräusch, ich drehte mich um: an meinem -Bett stand Mama, und sie beugte sich über mich und sah mir mit scheuer -Neugier in die Augen. Auf einmal ergriff ich ihre Hand. - -»Mama, warum haben Sie mir nichts von unserem teuren Gast gesagt?« -fragte ich plötzlich, und fast überraschte es mich selbst, daß ich so -sagte. - -Die ganze Unruhe verschwand im Nu aus ihrem Gesicht und Freude leuchtete -gleichsam in ihm auf, aber sie antwortete mir nichts und sagte nur: - -»Vergiß auch Lisa nicht; du hast Lisa vergessen.« - -Sie sagte das hastig, errötete und wollte schnell weggehen; denn auch -sie hatte eine furchtbare Scheu davor, Gefühle zur Schau zu stellen, -- -in der Beziehung war sie ganz wie ich: scheu und keusch. Und außerdem -wollte sie mit mir natürlich nicht von dem Thema Makar Iwanowitsch -anfangen; es genügte auch das, was wir uns mit den Augen sagen konnten. -Aber gerade ich, der jedes Zurschaustellen von Gefühlen so haßt, gerade -ich hielt sie mit Gewalt an der Hand zurück: ich sah ihr innig in die -Augen, lachte still und zärtlich und streichelte mit der anderen Hand -ihr liebes Gesicht, ihre eingefallenen Wangen. Sie beugte sich zu mir -herab und preßte ihre Stirn auf die meine. - -»Nun, Christus sei mit dir,« sagte sie, plötzlich den Kopf erhebend, und -ihr Gesicht strahlte, »werde gesund! Das vergesse ich dir nicht. Er ist -krank, sehr krank. Sein Leben ist in Gottes Hand ... Ach, was sage ich -da, das kann ja doch nicht sein!« - -Sie ging hinaus. Ihr Leben lang hat sie in Angst und Bangen und in -unermeßlicher Ehrfurcht ihren angetrauten Mann, den Pilger Makar -Iwanowitsch, verehrt, ihn, der ihr großmütig und ein für allemal -verziehen hatte. - - - Zweites Kapitel. - - - I. - -Lisa hatte ich durchaus nicht »vergessen«, darin täuschte sich Mama. Dem -feinen Gefühl der Mutter war es nur nicht entgangen, daß zwischen Bruder -und Schwester gleichsam eine leise Abkühlung einzutreten begann, aber -das hatte nichts mit unserer gegenseitigen Liebe zu tun, sondern -entsprang eher einer gewissen Eifersucht. Ich will dies im Hinblick auf -das Weitere etwas näher erklären. - -In der armen Lisa zeigte sich seit dem Tage der Verhaftung des Fürsten -ein gewisser unzugänglicher Stolz, ja förmlich ein unnahbarer Hochmut, -der auf die Dauer unerträglich wurde; ein jeder im Hause begriff -natürlich den Grund dieser Veränderung und erriet die Wahrheit, d. h. -wie sehr sie litt; und wenn ich mich in der ersten Zeit über ihre Art, -mit uns umzugehen, ärgerte und meinen Ärger auch zeigte, so geschah das -nur infolge meiner kleinlichen Reizbarkeit, die durch die Krankheit noch -zehnmal schlimmer geworden war, -- so denke ich jetzt darüber. Zu lieben -aber hatte ich Lisa deshalb doch nicht aufgehört; im Gegenteil, ich -liebte sie sogar noch mehr, nur wollte ich nicht den ersten Schritt zur -Annäherung machen, obwohl ich wußte, daß auch sie um nichts in der Welt -diesen ersten Schritt tun würde. - -Die Sache war die, daß Lisa seit der Verhaftung des Fürsten, nachdem -alles über ihn bekannt geworden war, sofort sowohl uns wie auch allen -anderen gegenüber eine Haltung annahm, die nicht einmal die Möglichkeit -des Gedankens zulassen wollte, daß man sie bedauern oder den Versuch -machen könnte, sie zu trösten oder den Fürsten zu »entschuldigen«. Im -Gegenteil, sie ging -- da sie es offenbar unter ihrer Würde hielt, -irgend etwas zu erklären oder mit jemandem zu streiten -- wie in einem -beständigen Stolz umher, in einem Stolz auf die Tat ihres unglücklichen -Bräutigams, als ob er die größte Heldentat vollbracht hätte. Sie schien -förmlich in jedem Augenblick uns allen zu sagen (doch wie gesagt, ohne -ein Wort auszusprechen): »Von euch hätte das doch niemand getan, hätte -sich niemand aus Ehr- und Pflichtgefühl selbst angezeigt, von euch hat -doch keiner ein so feines und stolzes Gewissen! Und was seine schlechten -Handlungen betrifft -- wer hat denn keine schlechten Handlungen auf dem -Gewissen? Nur werden sie von allen ängstlich geheimgehalten, dieser -Mensch aber hat es vorgezogen, sich selbst ins Verderben zu stürzen, um -nicht in seinen eigenen Augen ein Unwürdiger zu sein.« Das war ungefähr -der Sinn, den jede ihrer Bewegungen auszudrücken schien. Ich weiß nicht, -aber ich hätte mich an ihrer Stelle wohl genau so verhalten. Auch weiß -ich nicht, ob gerade diese Gedanken in ihrer Seele waren, ich meine, ob -sie bei sich wirklich so dachte; ich vermute stark, daß sie das nicht -tat. Jedenfalls mußte sie doch mit der anderen, klaren Hälfte ihres -Verstandes die ganze Wertlosigkeit ihres »Helden« erkennen; denn wer -würde heute nicht zugeben, daß dieser unglückliche und in seiner Art -sogar großherzige Mensch gleichzeitig ein im höchsten Grade wertloser -Mensch war? Ja, schließlich ließ gerade diese ihre Streitsucht und ihre -Anmaßung uns allen gegenüber, und ihr unausgesetztes Mißtrauen, wir -könnten vielleicht anders über ihn denken, -- gerade das ließ zum Teil -erraten, daß in der Tiefe ihres Herzens sich ein anderes Urteil über -ihren unglücklichen Freund gebildet hatte. Aber ich möchte doch gleich -von mir aus hinzufügen, daß sie, meiner Ansicht nach, zur Hälfte -immerhin im Recht war; gerade ihr war das Schwanken vor einer -endgültigen Schlußfolgerung viel eher zu verzeihen als uns anderen. Ich -selbst gestehe aus ganzer Seele, daß ich auch heute, wo doch alles schon -der Vergangenheit angehört, noch immer nicht weiß, wie und als was ich -diesen Unglücklichen, der uns allen ein solches Rätsel aufgegeben hat, -schließlich beurteilen soll. - -Nichtsdestoweniger machte Lisa das Haus zu einer kleinen Hölle. Sie, die -so stark liebte, litt gewiß sehr, und ihrem Charakter gemäß zog sie es -vor, schweigend zu leiden. Ihr Charakter glich dem meinen, das heißt, er -war selbstherrlich und stolz, und eigentlich habe ich mir immer gedacht, -sowohl damals wie auch jetzt, daß sie den Fürsten aus Herrschsucht -liebte, eben weil er keinen Charakter besaß und sich vom ersten Wort und -von der ersten Stunde an ihr unterworfen hatte. Das geschieht im Herzen -irgendwie ganz von selbst, ohne jede vorhergehende Berechnung; aber eine -solche Liebe eines Starken zu einem Schwachen ist manchmal -unvergleichlich stärker und qualvoller als die Liebe zwischen zwei -Menschen mit gleichen Charakteren, weil der Stärkere ganz unwillkürlich -die Verantwortung für seinen schwachen Freund auf sich nimmt. Wenigstens -denke ich mir das so. Die Unsrigen umgaben Lisa von Anfang an mit der -liebevollsten Sorge, besonders Mama; doch Lisa ließ sich durch nichts -erweichen, verhielt sich völlig stumm zu aller Teilnahme und wies jede -Hilfe zurück. Anfangs sprach sie noch mit Mama, aber mit jedem Tage -wurde sie wortkarger, antwortete immer knapper und sogar immer -schroffer. In der ersten Zeit fragte sie Werssiloff um Rat, bald aber -erkor sie sich zum Ratgeber und Helfer -- Wassin, wie ich zu meiner -Verwunderung später erfuhr ... Sie ging fast jeden Tag zu Wassin, ging -auch aufs Gericht und zu den Vorgesetzten des Fürsten, ging zu den -Advokaten und zum Staatsanwalt; schließlich war sie oft den ganzen Tag -nicht zu Haus. Selbstverständlich besuchte sie täglich, und sogar -zweimal am Tage, den Fürsten, der im Gefängnis saß, in der Abteilung für -Adlige; aber diese Zusammenkünfte waren, wovon ich mich später überzeugt -habe, für Lisa sehr qualvoll. Natürlich, welcher Dritte kann das -Verhältnis zweier Liebenden zueinander ganz genau beurteilen? Aber ich -weiß, daß der Fürst sie dann immer aufs tiefste kränkte; und wodurch? -Ja, sonderbarerweise durch fortwährende Eifersucht. Übrigens, darauf -werde ich später noch zurückkommen; aber eines möchte ich hier doch noch -bemerken: es ist schwer zu sagen, wer von ihnen den anderen mehr quälte. -Es ist nicht ausgeschlossen, daß Lisa, die uns gegenüber auf ihren -Helden so stolz war, sich ihm gegenüber, unter vier Augen, ganz anders -verhielt. Ich vermute das sogar sehr stark -- nach einigen -Anhaltspunkten, auf die ich noch zurückkommen werde. - -So war denn, was meine Gefühle und mein Verhalten zu Lisa betrifft, -alles Äußere, Sichtbare nur eine Vortäuschung, und zwar sowohl von mir -wie von ihr aus; denn im Grunde haben wir uns niemals stärker geliebt -als eben in jener Zeit. Ich muß hier noch bemerken, daß Lisa sich zu -Makar Iwanowitsch, nachdem die erste Verwunderung und das erste -Interesse vergangen waren, aus irgendeinem Grunde fast geringschätzig, -ja sogar hochmütig verhielt. Sie schien ihm absichtlich nicht die -geringste Beachtung zu schenken. - -Als ich mir vorgenommen hatte zu schweigen -- ich habe das bereits -erwähnt --, da war ich natürlich überzeugt gewesen, wie man das in der -Theorie ja immer ist, daß ich meinen Vorsatz auch durchführen würde. Oh, -mit Werssiloff zum Beispiel hätte ich eher von der Zoologie oder von den -römischen Imperatoren gesprochen als von, sagen wir, von -- »_ihr_« oder -etwa von jener wichtigsten Zeile in seinem Brief an sie, wo er ihr -mitteilt, daß das Dokument durchaus nicht vernichtet sei und noch eine -Rolle spielen könne, -- von jener Zeile, an die ich sogleich wieder zu -denken begann, kaum daß ich nach den Fieberdelirien zu Bewußtsein und -zur Besinnung gekommen war. Aber, ach! Schon bei den ersten Schritten in -der Praxis, ja fast sogar schon vor dem ersten Schritt, erkannte ich, -wie schwer und unmöglich es ist, solche Vorsätze zu erfüllen: schon am -folgenden Tage nach meiner ersten Begegnung mit Makar Iwanowitsch wurde -ich durch eine überraschende Neuigkeit furchtbar aufgeregt. - - - II. - -Diese mich furchtbar aufregende Neuigkeit erfuhr ich durch Darja -Onissimowna, die Mutter der verstorbenen Olä, die mich ganz unerwartet -besuchte. Von Mama hatte ich schon gehört, daß Darja Onissimowna bereits -während meiner Krankheit zweimal bei uns gewesen war und große Teilnahme -für mein Befinden gezeigt hatte. Ob nun diese »gute Frau«, wie Mama sie -immer nannte, nur wie früher Mama besucht hatte, oder ob sie -hauptsächlich meinetwegen gekommen war, danach hatte ich nicht gefragt. -Gewöhnlich erzählte mir Mama, wenn sie mir die Suppe brachte und mich -fütterte (als ich noch nicht selbst den Löffel führen konnte), alles, -was im Hause geschehen war, um mich zu zerstreuen: ich aber gab mir -jedesmal hartnäckig den Anschein, als ob mich alle diese Mitteilungen -wenig interessierten; so hatte ich denn auch wegen der Darja Onissimowna -nichts weiter gefragt und einfach geschwiegen. - -Es war gegen elf Uhr; ich wollte gerade aufstehen, um mich in den -Lehnstuhl am Tisch zu setzen, als Darja Onissimowna in mein Zimmer trat. -Da blieb ich absichtlich im Bett. Mama war oben mit irgend etwas -beschäftigt und konnte nicht herunterkommen, und so waren wir denn auf -einmal allein. Sie setzte sich mir gegenüber auf einen Stuhl, lächelte -und sagte kein Wort. Ich sah voraus, was bevorstand: wir würden, wie im -Gesellschaftsspiel, uns gegenseitig im Schweigen zu überbieten suchen; -und überhaupt ärgerte mich ihr Besuch. Ich nickte ihr nicht einmal zu -und sah ihr schweigend gerade in die Augen: aber sie sah mich -gleichfalls unbeweglich an. - -»Sie langweilen sich jetzt wohl in der Wohnung des Fürsten, seitdem Sie -dort allein sind?« fragte ich auf einmal, da ich die Geduld verlor. - -»Nein, ich bin nicht mehr in jener Wohnung. Ich bin jetzt, dank Anna -Andrejewna, bei dem Kindchen.« - -»Bei wessen Kindchen?« - -Sie sah sich nach der Tür um und flüsterte vertraulich geheimnisvoll: - -»Bei Herrn Werssiloffs Kindchen!« - -»Aber dafür sorgt doch Tatjana Pawlowna ...« - -»Ganz recht, ganz recht, auch Tatjana Pawlowna und auch Anna Andrejewna, -beide zusammen, und Lisaweta Makarowna auch, und auch Ihre Mama ... -alle. Alle sorgen sie dafür. Tatjana Pawlowna und Anna Andrejewna sind -jetzt sehr befreundet miteinander.« - -Das war eine Neuigkeit. Sie belebte sich förmlich beim Sprechen. Ich sah -sie an und haßte sie. - -»Sie sind ja seit dem letztenmal, als Sie bei mir waren, recht munter -geworden.« - -»Ach, ja.« - -»Sie scheinen auch zugenommen zu haben?« - -Sie sah mich sonderbar an. - -»Ich habe sie sehr liebgewonnen, sehr.« - -»Wen denn?« - -»Anna Andrejewna doch. Sehr lieb. Sie sind ein so edles Fräulein und so -klug ...« - -»So so. Und wie fühlt sie sich denn jetzt?« - -»Sie sind sehr ruhig, sehr.« - -»Das ist sie ja immer gewesen.« - -»Ganz recht, sie sind immer so.« - -»Wenn Sie mit Klatschgeschichten hergekommen sind,« schrie ich -plötzlich, da ich nicht mehr an mich halten konnte, »so lassen Sie sich -gesagt sein, daß ich mit alledem nichts mehr zu tun haben will, ich habe -beschlossen, alles im Stich zu lassen ... alles und alle, mir ist's -egal, -- ich gehe weg! ...« - -Ich besann mich plötzlich und hielt inne. Es schien mir erniedrigend, -daß ich ihr gewissermaßen meine neuen Pläne mitteilte. Sie aber zeigte -weder Erstaunen noch Erregung, und es folgte wieder Schweigen. Plötzlich -stand sie auf, ging zur Tür und sah ins Nebenzimmer. Als sie sich -überzeugt hatte, daß dort niemand war, kehrte sie ganz ruhig zurück und -setzte sich auf ihren früheren Platz. - -»Das haben Sie gut gemacht!« sagte ich plötzlich lachend. - -»Werden Sie Ihre Wohnung bei dem Beamten behalten?« fragte sie auf -einmal, wobei sie sich ein wenig zu mir vorbeugte und die Stimme senkte, -ganz als wäre das die wichtigste Frage, und als wäre sie nur zu dem -Zweck zu mir gekommen, um darüber etwas zu erfahren. - -»Meine Wohnung? Ich weiß nicht. Vielleicht gebe ich sie auch auf ... Wie -soll ich das wissen?« - -»Ihre Wirtsleute erwarten Sie sehr; jener Beamte ist schon ganz -ungeduldig, auch seine Frau. Herr Werssiloff hat ihnen versichert, Sie -würden bestimmt zu ihnen zurückkehren.« - -»Ja, aber weshalb interessieren Sie sich denn dafür?« - -»Anna Andrejewna wollte das gern wissen; sie waren sehr zufrieden, als -sie erfuhren, daß Sie dort bleiben.« - -»Aber woher weiß sie denn, daß ich in der Wohnung bleibe?« - -Ich wollte noch hinzufügen: »Und was geht das Anna Andrejewna an?« -- -bezwang mich aber und unterließ die Frage aus Stolz, da ich sie nicht -ausfragen wollte! - -»Auch Herr Lambert haben dasselbe bestätigt.« - -»Wa--a--as?« - -»Ja, Herr Lambert haben auch Andrei Petrowitsch bestätigt, Sie würden -bestimmt dort bleiben, und auch Anna Andrejewna haben sie dessen -versichert.« - -Ich war starr vor Schreck. Was hatte das nun wieder zu bedeuten! Lambert -kennt bereits Werssiloff, Lambert war schon bis zu Werssiloff -vorgedrungen, -- Lambert und Anna Andrejewna, er war bis zu Anna -Andrejewna vorgedrungen! Mir wurde ganz heiß, aber ich schwieg. Eine -Flut von Stolz erfüllte mich plötzlich ganz, von Stolz, oder ich weiß -nicht von was. Aber ich sagte mir in dem Augenblick: »Wenn ich jetzt -auch nur ein Wort der Erklärung verlange, so verwickle ich mich wieder -in diese Welt und werde mich nie mehr aus ihr herausreißen können.« Haß -entbrannte in meinem Herzen. Ich nahm mich mit aller Gewalt zusammen und -beschloß zu schweigen; ich lag unbeweglich. Sie schwieg gleichfalls, das -Schweigen dauerte schon minutenlang. - -»Was macht der alte Fürst Nikolai Iwanowitsch?« fragte ich auf einmal, -als hätte ich jede Überlegung verloren. Das heißt, ich fragte ja nur, um -auf ein anderes Thema zu kommen, dabei stellte ich aber aus Versehen die -allerwichtigste Frage, und so kehrte ich wie ein Wahnsinniger wieder in -jene Welt zurück, aus der zu fliehen ich noch vor einem Augenblick so -krampfhaft beschlossen hatte. - -»Der alte Fürst sind in Zarskoje Sselo. Der Fürst waren nicht ganz -gesund, und in der Stadt herrschen jetzt so viele Krankheiten, Influenza -und Fieber; da haben denn alle dem Fürsten geraten, doch nach Zarskoje -in ihr eigenes Haus überzusiedeln, wegen der guten Luft.« - -Ich antwortete nichts. - -»Anna Andrejewna und die Generalin besuchen den Fürsten alle drei Tage -einmal, sie fahren dann auch zusammen hin.« - -Anna Andrejewna und die »Generalin« (das heißt »_sie_«) -- waren -Freundinnen! Sie fuhren zusammen zum alten Fürsten! -- Ich schwieg. - -»Sie sind jetzt beide so befreundet, und Anna Andrejewna äußern sich -dermaßen freundlich über Katerina Nikolajewna ...« - -Ich schwieg immer noch. - -»Und Katerina Nikolajewna haben sich wieder in die Welt begeben, machen -ein Fest nach dem anderen mit und glänzen überall. Man spricht davon, -daß bei Hofe alle Herren in sie verliebt seien ... aber mit Herrn -Bjoring ist es ganz aus, und die Hochzeit wird nicht stattfinden, das -sagen alle ... nachdem jene Geschichte dazwischengekommen ist.« - -Das heißt, nach der Geschichte mit Werssiloffs Brief. - -Ich zitterte nur, sagte aber kein Wort. - -»Anna Andrejewna bedauern so sehr den Fürsten Ssergei Petrowitsch, und -Katerina Nikolajewna tun das gleichfalls, und alle sagen, er werde -freigesprochen werden, jener andere aber, der Stebelkoff, werde -verurteilt werden ...« - -Ich sah sie haßerfüllt an. Sie erhob sich und beugte sich plötzlich über -mich: - -»Anna Andrejewna haben mich ausdrücklich gebeten, mich nach Ihrer -Gesundheit zu erkundigen,« sagte sie ganz leise flüsternd, »und haben -mich beauftragt, Sie recht sehr zu bitten, bei ihr vorzusprechen, sobald -Sie nur auszugehen anfangen. Leben Sie wohl. Werden Sie bald gesund. Ich -werde es ihr so sagen ...« - -Sie ging. Ich setzte mich im Bett auf, kalter Schweiß trat auf meiner -Stirn hervor, aber ich fühlte eigentlich gar keinen Schreck: die für -mich unbegreifliche, ungeheuerliche Nachricht von Lambert und seinen -Machenschaften zum Beispiel hatte mich tatsächlich fast gar nicht -erschreckt, d. h. wenn ich den Eindruck dieser Nachricht mit der -vielleicht ungerechtfertigten Angst verglich, mit der ich während der -Krankheit und der ersten Tage meiner Genesung, ohne mir darüber -Rechenschaft abzulegen, an meine Begegnung mit ihm in jener Nacht -gedacht hatte. Im Gegenteil, in jenen ersten wirren Augenblicken auf dem -Bett, gleich nachdem Darja Onissimowna gegangen war, hielt ich mich bei -dem Gedanken an Lambert überhaupt nicht auf ... mich beschäftigte vor -allem die Nachricht, die _sie_ betraf -- ihr Bruch mit Bjoring, ihr -Glück in der Gesellschaft, ihre Feste und ihr Erfolg. »Sie glänzen -überall,« glaubte ich Darja Onissimownas Stimme noch sagen zu hören. Und -plötzlich fühlte ich, daß ich mich aus diesem Strudel mit meinen Kräften -nicht mehr herausarbeiten konnte, wenn ich es auch noch fertiggebracht -hatte, zu schweigen und Darja Onissimowna nach ihren Wundergeschichten -nicht weiter auszufragen! Ein maßloses Verlangen nach jenem Leben, nach -jenem _anderen_ Leben, erfüllte auf einmal meine ganze Seele und ... und -dann noch eine andere süße Lust, die ich bis zum seligsten Glück und bis -zu quälender Pein empfand. Meine Gedanken aber drehten sich gleichsam im -Kreise, doch ich ließ sie sich drehen. »Da ist nichts zu überlegen!« -sagte mir mein Gefühl. »Mama hat mir auch verschwiegen, daß Lambert hier -gewesen ist,« dachte ich sprunghaft, »das hat Werssiloff ihr gesagt, daß -sie darüber schweigen soll ... Ich sterbe eher, als daß ich Werssiloff -nach Lambert frage!« -- »Werssiloff,« fiel es mir wieder blitzartig ein, -»Werssiloff und Lambert, oh, wieviel Neues sich da bei ihnen zugetragen -hat! Bravo, Werssiloff! Da hat er den Bjoring mit seinem Brief doch -abgeschreckt; er hat sie verleumdet, _la calomnie ... il en reste -toujours quelque chose_,{[75]} und der deutsche Hofmann hat Angst -bekommen vor einem Skandal -- haha, da hat sie ihre Lehre!« -- »Lambert -... sollte Lambert am Ende schon bis zu ihr vorgedrungen sein? Das -fehlte noch! Aber warum sollte sie sich nicht auch mit ihm >abgeben<?« - -Doch dann schleuderte ich auf einmal alle diese unsinnigen Gedanken von -mir und warf mich verzweifelt zurück auf mein Kissen. »Nein, das darf -nicht sein!« rief ich plötzlich entschlossen, sprang aus dem Bett und -zog die Pantoffeln und den Schlafrock an, um mich geradeswegs nach dem -Zimmer Makar Iwanowitschs zu begeben, ganz als wäre dort die Ablenkung -von allen Anfechtungen, die Rettung und Erlösung, der Anker, an dem ich -mich würde halten können. - -Es ist in der Tat möglich, daß ich damals diesen Gedanken mit allen -Kräften meiner Seele fühlte; weshalb wäre ich denn sonst so plötzlich -und gewaltsam aufgesprungen, um mich in dieser Gemütsverfassung zu Makar -Iwanowitsch zu retten? - - - III. - -Doch bei Makar Iwanowitsch traf ich ganz gegen meine Erwartung noch -andere -- Mama und den Doktor. Da ich jedoch aus einem unbekannten -Grunde überzeugt gewesen war, daß ich den Alten wieder so allein -antreffen würde wie tags zuvor, blieb ich vor Überraschung geradezu -verständnislos in der Tür stehen. Aber noch bevor ich dazu kam, ein -geärgertes Gesicht zu machen, erschien auch schon Werssiloff, und ihm -folgte Lisa ... So fanden sich plötzlich alle, Gott weiß weshalb, bei -Makar Iwanowitsch ein, und gerade in einem Augenblick, wo mir das gar -nicht paßte! - -»Ich bin gekommen, um mich nach Ihrem Befinden zu erkundigen,« sagte ich -und ging geradeaus auf Makar Iwanowitsch zu. - -»Danke dir, Lieber, hab' dich erwartet: ich wußte, daß du kommen -würdest! Hab' in der Nacht an dich gedacht.« - -Er blickte mir freundlich in die Augen, und ich sah es ihm an, daß er -mich wohl von allen am meisten liebte. Aber gleichzeitig fiel mir auf, -ganz unwillkürlich, daß sein Gesicht zwar heiter war, seine Krankheit -jedoch im Lauf der Nacht Fortschritte gemacht hatte. Er war soeben vom -Doktor gründlich untersucht worden. Später erfuhr ich, daß dieser Doktor -(derselbe junge Arzt, über den ich mich so geärgert hatte, und der schon -am Tage der Ankunft Makar Iwanowitschs zu Rate gezogen worden war) -- -daß dieser Doktor seinen neuen Patienten sehr gewissenhaft behandelte -und eine -- die medizinischen Ausdrücke habe ich vergessen -- jedenfalls -eine Verschlimmerung verschiedener Krankheiten in ihm festgestellt -hatte. Wie ich auf den ersten Blick bemerkte, stand Makar Iwanowitsch -bereits in dem engsten Freundschaftsverhältnis zu ihm, und in demselben -Augenblick mißfiel mir das auch schon. Übrigens war ich gerade besonders -schlecht aufgelegt. - -»Nun, Alexander Ssemjonowitsch, wie steht es denn heute mit unserem -lieben Kranken?« erkundigte sich Werssiloff beim Doktor. - -Wenn ich nicht so erschüttert und verstimmt gewesen wäre, hätte ich -sogleich mit ungeheurem Interesse Werssiloffs Verhalten zu diesem Greise -beobachtet; ich hatte schon am Abend vorher darüber nachgedacht. Jetzt -überraschte mich vor allem ein ungewöhnlich weicher und sympathischer -Ausdruck in Werssiloffs Gesicht. Es lag etwas unendlich Aufrichtiges -darin. Ich habe, glaube ich, schon einmal irgendwo gesagt, daß -Werssiloffs Gesicht ganz überraschend schön werden konnte, sobald er nur -ein wenig offener und treuherziger wurde. - -»Ja, sehen Sie mal, wir zanken uns beständig,« erwiderte der Doktor. - -»Sie und Makar Iwanowitsch? Nicht möglich! Mit ihm kann man sich nicht -zanken.« - -»Er gehorcht doch nicht: in der Nacht will er nicht schlafen ...« - -»Nun hör' schon auf, Alexander Ssemjonowitsch, hast mich doch schon -genug gescholten,« sagte Makar Iwanowitsch lachend. »Nun, und wie ist es -denn, Väterchen Andrei Petrowitsch, wie hat man denn unser Fräulein -abgeurteilt? -- Sie ist mir hier schon den ganzen Morgen so in Angst und -Bangen und in Unruhe,« fügte er hinzu, indem er auf Mama wies. - -»Ach, Andrei Petrowitsch,« rief Mama tatsächlich sehr beunruhigt, -»erzähl uns nur schneller, quäl uns nicht: wie ist es denn für die Arme -ausgegangen?« - -»Ja, da hat man nun unser Fräulein verurteilt!« - -»Ach Gott!« rief Mama. - -»Beruhige dich, nicht zu sibirischer Zwangsarbeit: bloß zu fünfzehn -Rubel Strafe, alles in allem. Es war ein richtiges Lustspiel!« - -Er setzte sich, und auch der Doktor nahm Platz. Das Gespräch bezog sich -auf Tatjana Pawlowna und auf eine Geschichte, von der ich noch nichts -wußte. Mein Platz war links von Makar Iwanowitsch, und Lisa saß mir -gegenüber, rechts von ihm; sie hatte an diesem Morgen sichtlich einen -besonderen Kummer, mit dem sie zu Mama gekommen war; in ihrem -Gesichtsausdruck lag Unruhe und Gereiztheit. Plötzlich trafen sich -unsere Blicke, und ich dachte bei mir: »Wir haben beide die Schmach -kennen gelernt, ich muß den ersten Schritt zur Annäherung tun.« Mein -Herz wurde plötzlich weich. Doch Werssiloff begann nun, von dem großen -Ereignis dieses Morgens zu erzählen. - -Zwischen Tatjana Pawlowna und ihrer Köchin war es schließlich zu einem -Prozeß gekommen, der an diesem Morgen vor dem Friedensrichter seine -Erledigung gefunden hatte. Der Anlaß war eine ganz lächerliche -Geschichte. Ich habe bereits erwähnt, daß ihre Köchin, die übellaunige -Finnländerin, manchmal, wenn die Bosheit über sie kam, wochenlang -schweigen konnte und ihrer Herrin Tatjana Pawlowna nicht einmal auf -deren Fragen antwortete; desgleichen habe ich schon erwähnt, daß Tatjana -Pawlowna ihr gegenüber von einer unbegreiflichen Schwäche war, sich -vieles von ihr gefallen ließ und sie um keinen Preis endlich und ein für -allemal zum Teufel jagen wollte. Meiner Ansicht nach verdienen alle -diese psychopathischen Launen alter Jungfern und Damen nur die größte -Verachtung und sind es wirklich nicht wert, beachtet zu werden; wenn ich -mich trotzdem entschließe, diese Geschichte hier zu erwähnen, so -geschieht das nur, weil diese Köchin später, im weiteren Verlauf meiner -Geschichte, eine nicht geringe und verhängnisvolle Rolle zu spielen -haben wird. Kurz, eines Tages war Tatjana Pawlowna schließlich die -Geduld gerissen, und sie hatte der eigensinnigen Person, die wieder -schon ein paar Tage lang schwieg, eine Ohrfeige gegeben, was früher noch -nie vorgekommen war. Die Köchin hatte auch auf die Ohrfeige nicht den -leisesten Ton geantwortet, war aber noch an demselben Tage zu einem -Midshipman außer Diensten, namens Ossjotroff, gegangen, der dort -irgendwo an der Hintertreppe in einer elenden Kammer hauste und sich mit -kleinen Verdiensten für Ratschläge, Abfassungen von Eingaben oder -Vertretungen vor Gericht, kümmerlich durchschlug. Und die Folge der -Ohrfeige war, daß Tatjana Pawlowna vor dem Friedensrichter erscheinen -mußte, und Werssiloff als Zeuge vorgeladen wurde. - -Werssiloff erzählte nun den ganzen Hergang der Verhandlung so lustig und -witzig, daß selbst Mama lachen mußte; er ahmte sie alle nach, Tatjana -Pawlowna, den Midshipman und die Köchin. Letztere hatte dem Gericht -gleich zu Anfang erklärt, sie bäte um eine Geldstrafe; »denn wenn das -gnädige Fräulein eingesteckt wird, für wen soll ich dann kochen?« Auf -die Fragen des Richters hatte Tatjana Pawlowna mit gewaltigem Hochmut -geantwortet, ohne sich zu einem Rechtfertigungsversuch überhaupt -herabzulassen, und zum Schluß hatte sie noch gesagt: »Ich habe sie -geschlagen und werde mich nicht abhalten lassen, sie nach Gutdünken -wieder zu schlagen!« wofür sie unverzüglich wegen ungebührlichen -Verhaltens vor Gericht zu einer Strafzahlung von drei Rubeln verurteilt -worden war. Der Midshipman, ein lang aufgeschossener, hagerer junger -Mann, hatte noch eine lange Rede zur Verteidigung seiner Klientin halten -wollen, war aber schmählich aus dem Konzept gekommen und hatte nur den -ganzen Gerichtssaal erheitert. Die Verhandlung war bald erledigt -gewesen, und Tatjana Pawlowna ward verurteilt, ihrer geohrfeigten Marja -fünfzehn Rubel zu zahlen. Sie hatte auch sofort das Portemonnaie -hervorgezogen und das Geld auszahlen wollen, aber da war sogleich der -Midshipman aufgetaucht und hatte die Hand hingehalten, um auch sein Geld -zu empfangen, doch Tatjana Pawlowna hatte seine Hand empört zur Seite -gestoßen und sich zu Marja gewandt, die aber hatte das Geld nicht -annehmen wollen: »Ach, lassen Sie's schon gut sein, gnädiges Fräulein, -das ist doch nicht nötig, es kann ja auf die Rechnung kommen, und mit -diesem hier werd' ich schon selber abrechnen!« -- »Wozu hast du dir -überhaupt so einen langen Galgen genommen!« hatte Tatjana Pawlowna -versetzt, auf den Midshipman weisend, ersichtlich hocherfreut, daß ihre -Marja endlich wieder sprach. »Ach, wahrhaftig, das ist wohl schon ein -Galgen, gnädiges Fräulein,« hatte Marja mit listigem Gesicht -geantwortet, »haben gnädiges Fräulein die Kotelettes heute mit Erbsen -bestellt, ich hörte vorhin nicht recht, in der Eile, aufs Gericht zu -kommen?« -- »Ach nein, mit Kohl, Marja, aber bitte laß sie nicht wieder -anbrennen, wie gestern.« -- »Ach, heute werd ich mir schon besondre Mühe -geben, gnädiges Fräulein; darf ich's Händchen küssen« -- und sie hatte -ihr tatsächlich zum Zeichen der Versöhnung die Hand geküßt. Mit einem -Wort, der ganze Gerichtssaal war aus dem Lachen nicht herausgekommen. - -»Nein, wie sonderbar diese Tatjana Pawlowna doch ist!« sagte Mama -kopfschüttelnd, sehr befriedigt durch den guten Ausgang und durch Andrei -Petrowitschs Wiedergabe, doch sah sie heimlich mit Unruhe zu Lisa -hinüber. - -»Sie ist schon von Kindesbeinen an ein charaktervolles Fräulein -gewesen,« meinte Makar Iwanowitsch lächelnd. - -»Galle und Müßiggang,« versetzte der Doktor. - -»Das soll wohl ich sein, die Charaktervolle von Kindesbeinen an, die -Galle und der Müßiggang?« platzte plötzlich Tatjana Pawlowna ins Zimmer --- aber sie schien sehr zufrieden mit sich. »Na, weißt du, Alexander -Ssemjonowitsch, du als Doktorchen solltest mir lieber nicht solchen -Unsinn reden! Kennst mich von deinem zehnten Lebensjahre an, da möcht' -ich wissen, wann du mich müßig gesehen hast, und was die Galle betrifft, -so bist du es ja selber, der mich schon ein ganzes Jahr lang deshalb -behandelt, und wenn du mich nicht kurieren kannst, so ist das doch nur -für dich eine Blamage. Na, jetzt habt ihr euch aber genug über mich -lustig gemacht; schönen Dank, Andrei Petrowitsch, daß du dir die Mühe -gemacht hast, aufs Gericht zu kommen. Na, und wie geht es denn dir, -Makaruschka, ich bin ja nur gekommen, um zu sehen, wie es hier mit der -Gesundheit steht, mit deiner natürlich nur, nicht mit der Gesundheit -dieses da,« sagte sie und wies dabei auf mich, schlug mir aber -gleichzeitig mit der Hand freundschaftlich auf die Schulter; ich hatte -sie noch nie bei so guter Laune gesehen. »Na, wie steht es denn mit -ihm?« wandte sie sich mit besorgt gerunzelter Stirn an den Doktor. - -»Er will sich nicht ins Bett legen, und dieses Sitzen ermüdet ihn nur.« - -»Ich sitze ja nur so ein bißchen, wenn Menschen da sind,« sagte Makar -Iwanowitsch unsicher, mit fast kindlich bittendem Gesicht. - -»Ja, das haben wir gern, das haben wir gern! -- ich weiß schon: so im -Kreise sitzen, wenn man sich um ihn versammelt hat, und dann zu reden -- -ei freilich, ich kenne doch meinen Makaruschka!« sagte Tatjana Pawlowna. - -»Wart', sei nicht so hurtig,« sagte der Alte wieder lächelnd, indem er -sich zum Doktor wandte, »höre mich erst an und laß mich aussprechen: ich -werd' mich schon hinlegen, Freundchen, aber sieh, unsereins denkt so: ->Legst du dich erst mal hin, dann stehst du vielleicht überhaupt nicht -mehr auf,< -- siehst du jetzt, Freundchen, was bei mir dahintersteckt.« - -»Na ja, wußte ich doch, daß hier irgend so ein Aberglaube mit im Spiel -ist: >leg ich mich hin, so steh ich vielleicht überhaupt nicht mehr -auf,< -- das ist es ja, was Leute aus dem Volk so oft fürchten, weshalb -sie eine Krankheit lieber stehenden Fußes durchmachen, als daß sie ins -Krankenhaus gehen. Sie aber, Makar Iwanowitsch, Sie haben einfach -Sehnsucht bekommen, Sehnsucht nach der Freiheit und der Landstraße -- -darin besteht Ihre ganze Krankheit, Sie sind es nicht mehr gewohnt, -lange an einem Ort zu leben. Sie sind doch ein sogenannter Pilger! Nun, -und das Vagabundieren wird ja in unserem Volk fast schon zur -Leidenschaft. Das habe ich bereits mehr als einmal unter dem Volk -beobachtet. Unser ganzes Volk ist ein Vagabund.« - -»So ist Makar Iwanowitsch deiner Meinung nach ein Vagabund?« griff -Tatjana Pawlowna das Wort auf. - -»Oh, ich sagte das ja nicht in dem Sinne; ich gebrauchte den Ausdruck -nur im weitesten Sinne. Nun, sagen wir, er ist ein religiöser, ein -gottesfürchtiger Vagabund, aber schließlich doch ein Vagabund. Ein -Vagabund im guten, achtbaren Sinne, aber immerhin ein Vagabund ... Ich -sage das vom Standpunkte des Mediziners ...« - -»Ich versichere Sie,« wandte ich mich plötzlich an den Doktor, »eher -sind wir Vagabunden, Sie und ich und wir alle, so viele hier sind, nicht -aber dieser alte Mann, von dem wir alle, Sie einbegriffen, noch lernen -könnten; denn er hat immerhin etwas Feststehendes im Leben, wir aber, -wie wir hier sind, wir haben überhaupt nichts Festes im Leben ... -Übrigens, wie sollten Sie das begreifen können!« - -Ich hatte das wohl in ziemlich scharfem Tone gesagt, aber so war es mir -ganz recht. Eigentlich wußte ich nicht, weshalb ich noch dort saß; ich -war wie nicht bei Sinnen. - -»Was fällt dir nun wieder ein?« fragte Tatjana Pawlowna und sah mich -mißtrauisch an. »Na, wie findest du ihn, Makar Iwanowitsch?« fragte sie -diesen und wies dabei mit dem Finger auf mich. - -»Gott segne ihn, er ist gewitzt,« sagte der Alte mit ernstem Gesicht, -aber bei dem Wort »gewitzt« fingen fast alle zu lachen an. - -Ich konnte mich gerade noch so weit zusammennehmen, daß ich ernst blieb; -am lautesten lachte der Doktor. Dumm war nur, daß ich damals nichts von -ihrer Übereinkunft wußte! Werssiloff, der Doktor und Tatjana Pawlowna -hatten sich nämlich schon vor drei Tagen verabredet, alles aufzubieten, -um Mama von schlimmen Vorahnungen und Befürchtungen für Makar -Iwanowitsch abzulenken; denn sein Zustand war schon viel hoffnungsloser, -als ich damals ahnte. Deshalb also gaben sie sich Mühe, möglichst lustig -zu sein, zu scherzen und zu lachen. Nur der Doktor war dumm und verstand -darum auch keinen Scherz: daraus entstand dann später die ganze -Geschichte. Wenn ich aber um diese Verabredung gewußt hätte, so würde -ich es natürlich nicht dazu gebracht haben, wozu es nun kam. Lisa wußte -auch nichts von der Verabredung. - -Ich saß und hörte nur mit halbem Ohre zu; sie sprachen und lachten, mir -aber gingen die ganze Zeit Darja Onissimowna und ihre Neuigkeiten durch -den Kopf, und es war mir nicht möglich, diese Gedanken zu verscheuchen; -ich glaubte, sie immer noch vor mir zu sehen, wie sie so sitzt und mich -ansieht, sich dann leise erhebt, vorsichtig zur Tür geht und ins andere -Zimmer späht. Auf einmal fingen sie alle laut zu lachen an. Tatjana -Pawlowna hatte, ich weiß nicht, wie das Gespräch darauf gekommen war, -den Doktor einen Gottlosen genannt: »Na, ihr Mediziner, ihr seid doch -alle Gottlose! ...« - -»Makar Iwanowitsch!« rief sofort der Doktor, der auf eine höchst dumme -Weise den Beleidigten spielte, der Gerechtigkeit heischt, »bin ich ein -Gottloser?« - -»Du ein Gottloser? Nein, du bist kein Gottloser,« antwortete der Alte -ehrlich, nachdem er ihn prüfend angesehen hatte. »Nein, Gott sei Dank!« -Er schüttelte den Kopf. »Du bist ein heiterer Mensch.« - -»Und wer heiter ist, der ist schon kein Gottloser?« fragte der Doktor -ironisch. - -»Das ist in seiner Art ein Gedanke,« bemerkte Werssiloff, lachte aber -dabei gar nicht. - -»Das ist sogar ein starker Gedanke!« rief ich unwillkürlich aus, ganz -betroffen durch diesen Gedanken. - -Der Doktor sah fragend von einem zum anderen. - -»Diese Gelehrten, diese Studierten und großen Professoren« -(wahrscheinlich hatten sie vorher von Professoren gesprochen), begann -Makar Iwanowitsch, den Blick ein wenig gesenkt, »vor denen hab' ich -anfänglich gewaltige Angst gehabt: ich hab' mich an sie überhaupt nicht -herangewagt; denn ich hab' nichts also gefürchtet wie den Gottlosen. Ich -dachte bei mir: ich hab' doch nur eine einzige Seele; wenn ich die nun -verderbe, kann ich doch keine andere mehr finden. Nun, mit der Zeit aber -faßte ich Mut: >Was können sie denn in aller Welt sein,< dacht' ich, ->Götter sind sie doch nimmer, sondern Menschen ganz wie unsereiner, -Menschen mit denselben Leidenschaften.< Und groß war auch meine Neugier: ->Ich werde doch erfahren,< dacht' ich bei mir, >was das nun eigentlich -ist, selbige Gottlosigkeit.< Nur ist mir, Freund, nachher selbst diese -Neugier ganz vergangen.« - -Er verstummte, doch man sah ihm an, daß er weitersprechen wollte, immer -mit demselben stillen und ehrwürdigen Lächeln. Es gibt eine Einfalt, die -allen und jedem vertraut und niemals Spott befürchtet. Solche Menschen -sind immer beschränkt; denn sie sind bereit, auch das Wertvollste aus -ihrem Herzen vor jedem ersten besten auszubreiten. Aber bei Makar -Iwanowitsch war es, wie mir schien, etwas ganz anderes, was ihn zu -sprechen veranlaßte, war es nicht die Gedankenlosigkeit der Einfalt: es -kam in ihm gleichsam ein Propagandist zum Vorschein. Mit Genugtuung -hörte ich aus seinem Ton sogar einen leisen Spott heraus, der dem Doktor -und vielleicht auch Werssiloff galt. Was er nun sagte, war offenbar eine -Fortsetzung ihrer früheren Dispute im Laufe der Woche, doch zum Unglück -fiel wieder jenes verhängnisvolle Wort, daß mich schon gestern so -elektrisiert hatte, und das mich nun zu einem Ausfall veranlaßte, den -ich noch heute bedauere. - -»Einen gottlosen Menschen,« fuhr der Alte gesammelt fort, »den würde ich -vielleicht noch heutigentags fürchten; nur ist das so eine Sache, Freund -Alexander Ssemjonowitsch: einem wirklich Gottlosen bin ich in meinem -ganzen Leben noch nicht begegnet. Statt seiner bin ich nur dem Ruhelosen -begegnet -- siehst du, so muß man ihn richtiger nennen. Es sind das die -verschiedensten Leute; kannst dir fürwahr gar nicht ausdenken, was für -Leute das alles sind: große und kleine, dumme und gelehrte, und manche -darunter sind sogar von allereinfachstem Stande, und alle sind sie -ruhelos; denn sie lesen und reden darüber ihr ganzes Leben lang, so sie -sich an der Süße der Bücher gesättigt haben, selber aber verbleiben sie -ewig im Zweifel und können zu keinem Schluß kommen. Manch einer breitet -sich so weit aus, daß er sich selber nicht mehr sieht. Manch einer ist -in seiner Erbitterung härter denn ein Stein, sein Herz aber ist voll von -Träumen. Manch einer wiederum ist gefühllos und leichtsinnig und hat -Genüge, wenn er seinen Spott belachen kann. Manch einer hat aus den -Büchern nur die Blumen herausgepflückt, und auch die nur nach seinem -Gefallen; er selber aber ist unruhig, und es ist in ihm gar kein Gefühl -für das Rechte. Und ich sage wiederum: es ist viel Langeweile. Manch ein -Geringer leidet wohl Not, er weiß nicht einmal, womit er seine -Kinderchen durchbringen soll, da es ihm an Brot gebricht, und er schläft -auf stechendem Stroh, aber sein Herz ist doch heiter und leicht, und -wenn er auch sündigt und unflätig ist, so ist sein Herz ihm dennoch -alleweil leicht. So ein großer Herr dagegen hat zu essen und zu trinken -in Hülle und Fülle und hat Gold in Haufen, in seinem Herzen aber ist -immer dieselbe Schwermut. Manch einer hat alle Wissenschaften studiert --- und doch weicht die Schwermut nicht von ihm. Ich denke so, daß je -mehr Verstand hinzukommt, um so mehr kommt auch Langeweile hinzu. Und -wenn man noch das bedenkt: sie lehren solange die Welt steht, aber was -haben sie denn Gutes gelehrt, daß die Welt davon die schönste und -heiterste und eine von jeglicher Freude erfüllte Wohnung werde? Und ich -sage noch mehr: innere Schönheit haben sie nicht und wollen sie nicht -einmal haben. Alle sind ins Verderben geraten, nur lobt ein jeder sein -Verderben, sich aber der einzigen Wahrheit zuzuwenden, daran denkt er -nicht; ohne Gott aber zu leben ist nur eine Qual. So kommt es, daß wir -das verfluchen, wodurch wir erleuchtet werden, und das selber nicht -einmal ahnen. Ja, und was hat es auch für einen Sinn: so einen Menschen -kann es ja gar nicht geben, der sich nicht vor irgend etwas beugt; ein -solcher Mensch würde sich selber nicht ertragen können; kein Mensch -könnte das. Wenn er Gott verstoßen hat, so beugt er sich vor einem -Götzen -- einem hölzernen oder goldenen oder einem gedanklichen. -Götzendiener sind das alles, aber nicht Gottlose, sieh, so muß man sie -nennen. -- Aber wie sollte es keine Gottlosen geben? Es gibt welche, die -wirklich gottlos sind, nur sind diese viel schrecklicher als jene, -dieweil sie den Namen Gottes im Munde führen. Von solchen hab' ich -mehrfach gehört, aber begegnet bin ich so einem noch nie. Es gibt aber -solche, und ich denke, es muß sie auch geben.« - -»Es gibt solche,« bestätigte plötzlich Werssiloff, »es gibt solche und ->es muß sie auch geben<.« - -»Unbedingt gibt es sie und >muß es sie auch geben<!« brach es -unaufhaltsam und mit Leidenschaft aus mir hervor, ich weiß selbst nicht, -weshalb, aber Werssiloffs Ton riß mich hin, und in dem Ausspruch, >es -muß sie auch geben<, lag ein Gedanke, der mich gefangen nahm. Dieses -Gespräch war für mich wirklich eine Überraschung. Doch da geschah -plötzlich etwas ganz Unvorhergesehenes. - - - IV. - -Es war ein selten klarer Tag. Die Vorhänge im Zimmer Makar Iwanowitschs -waren anfänglich auf Anordnung des Doktors den Tag über nicht aufgezogen -worden; jetzt aber hatte man vor das Fenster einen Vorhang gehängt, der -den oberen Teil des Fensters freiließ, denn der Alte hatte sich bei den -früheren Vorhängen bedrückt gefühlt, da er die Sonne nicht sehen konnte. -Und wie wir nun so saßen, traf es sich, daß ein Sonnenstrahl auf einmal -Makar Iwanowitsch gerade ins Gesicht schien. Im Eifer des Gesprächs -hatte er das zunächst gar nicht bemerkt, jedoch unwillkürlich schon ein -paarmal den Kopf zur Seite gebogen, da der grelle Schein seine schwachen -Augen blendete und reizte. Mama, die neben ihm stand, hatte schon -unruhig nach dem Fenster geblickt; man hätte das Fenster einfach -verhängen müssen, doch um das Gespräch nicht zu unterbrechen, versuchte -sie schließlich, die Bank, auf der Makar Iwanowitsch saß, etwas aus der -Sonne zu rücken, wenn auch nur um eine Handbreit mehr nach rechts. Sie -beugte sich hinab und erfaßte die Bank, konnte sie aber nicht von der -Stelle rücken: die Bank mit Makar Iwanowitsch darauf rührte sich nicht. -Makar Iwanowitsch hatte im Gespräch nur unbewußt ihre Anstrengung -empfunden und unwillkürlich schon ein paarmal versucht, sich zu erheben, -doch seine Füße hatten ihm den Dienst versagt. Mama aber fuhr immer noch -fort, sich zu bücken und zu ziehen, und das war es, was Lisa schließlich -furchtbar ärgerte und aufbrachte. Ich erinnere mich, daß mir schon ein -paar funkelnde, empörte Blicke von ihr aufgefallen waren, nur hatte ich -im Augenblick nicht verstanden, worauf sie sich bezogen, und außerdem -war ich durch das Gespräch ganz und gar in Anspruch genommen. Plötzlich -hören wir, wie sie Makar Iwanowitsch beinahe anschreit: - -»So erheben Sie sich doch ein wenig! Sehen Sie denn nicht, daß es so -über Mamas Kraft geht!« - -Der Alte sah sie mit einem schnellen Blick an, begriff sofort, was sie -meinte, und versuchte eilig, sich zu erheben, doch es gelang ihm nicht: -er kam nur eine Handbreit hoch und fiel wieder zurück. - -»Ich kann nicht, Liebling,« sagte er traurig und sah Lisa gewissermaßen -gehorsam an. - -»Erzählen können Sie ein ganzes Buch, aber sich erheben, das können Sie -nicht?« - -»Lisa!« rief Tatjana Pawlowna. - -Makar Iwanowitsch versuchte noch einmal mit aller Gewalt, sich zu -erheben. - -»Nehmen Sie doch den Krückstock, er liegt ja neben Ihnen, versuchen Sie -es mit dem Stock!« sagte Lisa noch einmal barsch. - -»Ja, wirklich,« sagte der Alte und griff hastig nach seinem Stock. - -»Man muß ihm einfach helfen!« sagte Werssiloff schnell und erhob sich -sofort; auch der Doktor und Tatjana Pawlowna sprangen auf, aber noch -bevor sie ihm helfen konnten, hatte sich Makar Iwanowitsch, der sich aus -aller Kraft auf den Stock stützte, schon von selbst erhoben, und nun -stand er da in freudigem Triumph und blickte uns alle an. - -»Da bin ich doch aufgestanden!« sagte er fast stolz und lachte froh. -»Hab' Dank, Liebe, sieh mal, hast mich klug gemacht; und ich dachte -schon, fürwahr, die Füße gehorchten mir gar nicht mehr ...« - -Aber er stand nicht lange; er hatte noch nicht zu Ende gesprochen, als -plötzlich der Stock, auf den er sich mit der ganzen Schwere seines -Körpers stützte, auf dem Teppich ausglitt, und da die Füße ihn nicht -mehr trugen, stürzte er, dieser große alte Mann, plötzlich mit Wucht zu -Boden. Das war geradezu furchtbar anzusehen. Alle schrien auf und eilten -zu ihm, um ihn aufzuheben, aber zum Glück hatte er sich keinen Schaden -getan: er war nur schwer und mit einem Krach auf beide Knie gestürzt, -hatte aber doch noch die rechte Hand vorstemmen können, und so war er -wenigstens nicht aufs Gesicht gefallen. Er wurde aufgehoben und aufs -Bett gesetzt. Er war sehr bleich geworden, aber nicht vom Schreck, -sondern von der Erschütterung. (Der Doktor hatte bei ihm außer allem -anderen noch ein Herzleiden festgestellt). Mama aber war vor Schreck -außer sich. Doch plötzlich wandte Makar Iwanowitsch, noch ganz bleich -und zitternd und wohl noch nicht recht bei Besinnung, das Gesicht Lisa -zu und sagte mit fast zärtlicher leiser Stimme: - -»Nein, Liebe, sieh, die Füße gehorchen mir doch nicht mehr!« - -Ich kann gar nicht sagen, was für einen Eindruck das damals auf mich -machte! Das Erschütterndste war, daß in den Worten des armen Alten nicht -die geringste Klage, nicht der leiseste Vorwurf lag; im Gegenteil, man -sah sofort, daß er aus Lisas Worten von Anfang an nichts Böses -herausgehört und alles ganz in Ordnung gefunden hatte, d. h. daß er für -sein Verschulden gerade eine solche Zurechtweisung verdient zu haben -glaubte. Alles das wirkte natürlich furchtbar auf Lisa. Als er gefallen -war, war sie wie alle aufgesprungen und stand nun leichenblaß da. -Natürlich litt sie, da sie die Schuld an dem ganzen Unfall trug, doch -als sie diese Worte hörte, wurde sie plötzlich, im Augenblick, feuerrot -vor Scham und Reue. - -»So, jetzt ist es aber genug!« kommandierte auf einmal Tatjana Pawlowna, -»das kommt alles nur von diesem Geschwätz! Es ist Zeit, -auseinanderzugehen; was kann dabei Gutes herauskommen, wenn der Doktor -selbst zu schwätzen anfängt!« - -»Sie haben recht,« stimmte ihr Alexander Ssemjonowitsch freimütig bei, -während er sich noch bei dem Kranken zu schaffen machte. »Es war meine -Schuld, Tatjana Pawlowna, ich hätte es früher sagen sollen, daß er Ruhe -braucht.« - -Aber Tatjana Pawlowna hatte sich schon von ihm abgewandt: sie stand und -sah wohl eine halbe Minute lang schweigend und gespannt Lisa an. - -»Komm her, Lisa, und gib mir einen Kuß, mir alten dummen Person, wenn -du's nur willst,« sagte sie auf einmal ganz unerwartet. - -Und sie küßte Lisa, ich weiß nicht, wofür, aber gerade das war es, was -man tun mußte; ich wäre am liebsten selbst auf Tatjana Pawlowna -zugestürzt und hätte sie dafür geküßt. Sie hatte das einzig Richtige -getan: statt Lisa Vorwürfe zu machen, mußte man das neue, gute Gefühl, -das sich jetzt zweifellos in ihr erhob, mit Freude begrüßen und sie dazu -beglückwünschen. Aber statt das nun auch zu tun, sprang ich plötzlich -auf und sagte laut, mit harter Stimme: - -»Makar Iwanowitsch, Sie haben wieder das Wort >Schönheit< gebraucht, ->innere Schönheit<, und gerade dieses Wort hat mich noch gestern und -alle diese Tage gequält ... und überhaupt hat es mich mein Leben lang -gequält, nur habe ich früher nicht gewußt, was mich quälte. Dieses -Zusammentreffen der Worte halte ich für eine Schicksalsfügung, fast für -ein Wunder. Ich erkläre das in Ihrer Gegenwart ...« - -Aber man fiel mir sogleich ins Wort und ließ mich nicht zu Ende -sprechen. Ich sage nochmals: ich wußte nichts von ihrer Verabredung -wegen Mama und Makar Iwanowitsch; sie aber glaubten von mir natürlich, -nach früheren Erfahrungen, ich wäre zu jedem Skandal von dieser Art -fähig. - -»Schweig! Bringt ihn zum Schweigen!« rief Tatjana Pawlowna gleich ganz -wild vor Wut. Mama erzitterte. Makar Iwanowitsch, der den Schreck der -anderen sah, erschrak gleichfalls. - -»Arkadi, höre auf!« rief Werssiloff streng. - -»Für mich, meine Herrschaften,« rief ich noch lauter, »für mein -Empfinden ist es, Sie alle hier neben diesem reinen Kinde zu sehen (ich -deutete auf Makar Iwanowitsch) -- einfach eine Gemeinheit. Hier ist nur -eine Heilige -- das ist Mama, aber auch sie ...« - -»Sie erschrecken ihn!« sagte der Doktor eindringlich. - -»Ich weiß, daß ich -- ein Feind der ganzen Welt bin,« stotterte ich -(oder so etwas Ähnliches), sah mich im Kreise um und blickte schließlich -herausfordernd Werssiloff an. - -»Arkadi!« rief er wieder, »einmal ist es hier schon zu so einem Auftritt -zwischen uns gekommen. Ich beschwöre dich, beherrsche dich jetzt!« - -Ich kann es nicht wiedergeben, mit was für einem starken Gefühl er das -sagte. Eine außergewöhnliche, aufrichtige, tiefe Trauer sprach aus -seinem Gesicht. Das Erstaunlichste aber war, daß er so aussah wie ein -Mensch, der sich seiner Schuld bewußt ist: ich war der Richter, er -- -der Verbrecher. Das alles gab mir den Rest. - -»Ja!« schrie ich zur Antwort, »genau so einen Auftritt hat es schon -einmal gegeben, als ich Werssiloff begrub und ihn aus meinem Herzen riß -... Doch dann kam seine Auferstehung von den Toten, jetzt aber ... jetzt -folgt kein Morgen mehr! ... Aber Sie alle hier, Sie alle werden noch -sehen, wozu ich fähig bin: Sie lassen sich das ja nicht einmal träumen, -was ich beweisen kann!« - -Und nachdem ich das gesagt hatte, stürzte ich in mein Zimmer. Werssiloff -kam mir eilig nach ... - - - V. - -Ich bekam einen Rückfall; das Fieber stieg beängstigend schnell, und in -der Nacht fing ich wieder zu phantasieren an. Aber es war doch nicht -alles nur Fieberdelirium: es waren auch Träume, unzählige, einer nach -dem anderen, in sinnloser Folge, Träume, von denen ich nur einen Traum -oder nur den Teil eines Traumes für mein ganzes Leben behalten habe. Ich -will ihn ohne alle Erklärungen wiedergeben; dieser Traum war -prophetisch, und ich kann ihn nicht übergehen. - -Ich befand mich plötzlich, mit irgendeiner großen und stolzen Absicht im -Herzen, in einem hohen, großen Zimmer, es war aber nicht bei Tatjana -Pawlowna; ich erinnere mich dieses Zimmers noch sehr genau; das erwähne -ich hier schon vorgreifend. Und obgleich ich allein bin, fühle ich doch -die ganze Zeit mit Unruhe und Pein, daß ich nicht allein bin, und daß -man irgendwo auf mich wartet und irgend etwas von mir erwartet. Irgendwo -hinter einer Tür sitzen Menschen und warten auf das, was ich tun werde. -Ein unerträgliches Gefühl! »Wenn ich doch allein wäre!« denke ich. Und -auf einmal kommt _sie_ herein. Sie sieht mich schüchtern an, sie -fürchtet sich entsetzlich, sie sucht meinen Blick. _Und ich halte das -Dokument in der Hand._ Sie lächelt, um mich zu bestricken, sie will sich -bei mir einschmeicheln; sie tut mir leid, aber schon fange ich an, Ekel -zu empfinden. Auf einmal bedeckt sie ihr Gesicht mit den Händen. Da -werfe ich ihr mit unsäglicher Verachtung das Dokument hin: »Bitten Sie -mich nicht, da haben Sie es, ich brauche nichts von Ihnen! Ich räche -mich für alle mir angetane Schmach durch Verachtung!« Und ich gehe aus -dem Zimmer, ganz erfüllt von maßlosem Stolz. Aber in der Tür, im -Dunkeln, ergreift mich Lambert! »Dummkopf! Dummkopf!« flüstert er mir -aufgebracht zu und hält mich an der Hand zurück, »sie muß in einem -billigen Stadtteil ein Pensionat für adlige junge Mädchen eröffnen« (d. -h. wenn ihr Vater von mir dieses Dokument erhielte -- den unvorsichtigen -Brief seiner Tochter an Andronikoff -- sie enterbte und aus dem Hause -jagte. Ich habe diese Worte Lamberts buchstäblich so niedergeschrieben, -wie er sie in meinem Traum zu mir sagte). - -»Arkadi Makarowitsch sucht >Schönheit<,« höre ich Anna Andrejewnas -Stimme irgendwo in der Nähe sagen, dort auf der Treppe; aber kein Lob, -sondern ein unerträglicher Spott klingt aus ihren Worten. Ich kehre mit -Lambert ins Zimmer zurück. Doch wie _sie_ Lambert erblickt, beginnt sie -zu lachen. Mein erster Eindruck ist ein furchtbarer Schreck, ein -Schreck, daß ich stehen bleibe und mich ihr nicht zu nähern wage. Ich -sehe sie an und kann es nicht glauben; es ist, als hätte sie plötzlich -eine Maske von ihrem Gesicht fallen lassen: es sind dieselben Züge, aber -es ist, als wäre jeder Zug ihres Gesichtes durch unsägliche -Schamlosigkeit entstellt. »Den Preis, Gnädigste, den Preis!« ruft -Lambert und beide lachen sie noch mehr, mein Herz aber will stille -stehen: »Oh, ist denn dieses schamlose Weib -- dieselbe, deren Blick -allein schon alle Tugenden in meinem Herzen weckte?« - -»Sieh, wozu diese Stolzen der hohen Kreise fähig sind -- für Geld!« ruft -Lambert. Aber die Schamlose läßt sich auch durch diese Worte nicht -verwirren; sie lacht gerade darüber, daß ich so erschrocken bin. Oh, sie -ist bereit, den Preis für das Dokument zu zahlen, das sehe ich, und ... -und was ist mit mir? Schon fühle ich weder Mitleid noch Ekel; ich -zittere, wie ich noch niemals gezittert habe ... Ein neues Gefühl -bemächtigt sich meiner, ein unnennbares, das ich noch nie gekannt, und -das so stark ist wie die ganze Welt ... Oh, jetzt bin ich schon nicht -mehr imstande, fortzugehen, oh, um keinen Preis! Und wie es mir gefällt, -daß das so schamlos ist! Ich ergreife ihre Hände, die Berührung ihrer -Hände erschüttert mich qualvoll, und ich nähere meine Lippen den ihren, -diesen schamlosen, roten, vor Lachen zitternden und mich rufenden -Lippen. - -Oh, hinweg mit dieser niedrigen Erinnerung! Dieser verwünschte Traum! -Ich schwöre, daß vor diesem schamlosen Traum in meinem Geiste noch -nichts gelebt hatte, was einem so schändlichen Gedanken auch nur ähnlich -gewesen wäre. Nicht einmal eine unfreiwillige Träumerei von der Art war -bis dahin in mir gewesen (wenn ich auch das »Dokument« in meiner Tasche -eingenäht trug und manchmal mit einem eigenen Lächeln nach dieser Tasche -gefühlt hatte). Wie aber war es denn möglich gewesen, daß alles das -plötzlich in dieser fertigen Form in mir hatte auftauchen können? Das -kam daher, weil die Seele einer Spinne in mir war! Dieser Traum beweist, -daß alles dies in meinem wollüstigen Herzen schon längst gekeimt hatte -und in ihm lag, in meinem _Wunsch_ lag, aber im wachen Zustande hatte -mein Herz sich dessen noch geschämt, und mein Geist hatte noch nicht -gewagt, sich etwas Ähnliches bewußt vorzustellen. Doch im Schlaf und -Traum verriet und zeigte meine Seele, was in meinem Herzen war, zeigte -es in deutlichen Bildern, der Wahrheit getreu und -- in prophetischer -Form. War es denn wirklich _das_ gewesen, was ich ihnen hatte _beweisen_ -wollen, als ich am Morgen aus Makar Iwanowitschs Zimmer gestürzt war? -Doch jetzt genug davon, vorläufig werde ich darauf nicht mehr zu -sprechen kommen! Dieser Traum, den ich damals hatte, ist eines der -sonderbarsten Erlebnisse meines Lebens. - - - Drittes Kapitel. - - - I. - -Nach drei Tagen stand ich am Morgen vom Bett auf, und als ich mich auf -meine Füße stellte, fühlte ich, daß ich mich nun nicht wieder hinlegen -würde. Mein ganzer Mensch empfand bereits die Nähe der völligen -Genesung. Vielleicht ist es nicht der Mühe wert, alle diese kleinen -Einzelheiten aufzuzeichnen, aber mit jenem Morgen begannen damals ein -paar Tage, die, obschon in ihnen nichts Besonderes geschah, doch -unauslöschlich in meinem Gedächtnis geblieben sind, wie etwas -Tröstliches und Ruhiges, und das ist etwas, was in meinen Erinnerungen -nur selten vorkommt. Meinen damaligen Seelenzustand will ich vorläufig -noch nicht ausführlicher schildern; wenn ich dem Leser erzählte, welcher -Art dieser Zustand war, würde er mir gewiß nicht glauben. So mag denn -alles später aus den Tatsachen sich selbst erklären. Fürs erste sage ich -nur dieses Eine: möge der Leser nicht vergessen, daß ich von der »_Seele -einer Spinne_« gesprochen habe. Und diese Seele -- war in einem -Menschen, der im Namen der »Schönheit« allen seinen Anverwandten und der -ganzen Welt den Rücken kehren wollte! Das Verlangen nach Schönheit war -in mir sogar in hohem Maße vorhanden, und es war ein echtes und -wirkliches Verlangen, wie aber und auf welche Weise es sich mit anderen, -Gott weiß was für Wünschen in mir vertrug -- das ist für mich selbst ein -Geheimnis. Und das ist mir auch immer ein Geheimnis gewesen: ich habe -mich wohl schon tausendmal über diese Fähigkeit des Menschen (und wie -mir scheint, besonders des Russen) gewundert, das höchste Ideal neben -der niedrigsten Gemeinheit in seiner Seele hegen zu können, und beides -mit vollkommener Aufrichtigkeit. Die Frage ist jetzt nur, ob das eine -besondere Weitherzigkeit der Natur des russischen Menschen ist, die ihn -noch weit führen wird, oder aber -- einfach menschliche Gemeinheit? - -Doch lassen wir das. Wie dem auch sein möge, jedenfalls trat damals so -etwas wie eine Windstille ein. Ich sagte mir eben, daß ich unbedingt -sobald wie möglich gesund werden mußte, um sobald wie möglich handeln zu -können, und deshalb nahm ich mir vor, hygienisch zu leben und die -Vorschriften des Doktors (gleichviel was für ein Mensch dieser Doktor -war) gewissenhaft zu beobachten; meine stürmischen Pläne aber verschob -ich mit außerordentlicher _Vernünftigkeit_ (eine Frucht der -»Weitherzigkeit«) auf den Tag, da ich zum erstenmal ausgehen würde, d. -h. bis zu meiner völligen Genesung. Auf welche Weise alle meine -friedlichen Eindrücke und das Genießen besagter Windstille sich mit und -neben den qualvoll süßen und erregten Schlägen meines Herzens vertragen -konnten, noch dazu bei dem starken Vorgefühl nah bevorstehender -stürmischer Entscheidungen -- das weiß ich nicht; ich kann alles das -wieder nur der »Weitherzigkeit« zuschreiben. Aber die Unruhe, die ich -noch unlängst verspürt hatte, war nicht mehr in mir; ich hatte alles auf -jenen erwähnten Tag verschoben und zitterte nicht mehr vor dem -Kommenden, wie noch kurz zuvor, sondern fühlte mich wie ein reicher -Mann, der seiner Mittel und seiner Kraft sicher ist. Mein Hochmut und -das Gefühl der Herausforderung dem Schicksal gegenüber, das mich -erwartete, wurden immer größer. Zum Teil kam das wohl von der -fortschreitenden Gesundung und dem schnellen Zustrom neuer Lebenskräfte. -Und gerade an diese Tage der endgültigen und vollständigen Genesung -denke ich jetzt mit wirklichem Vergnügen zurück. - -Oh, man hatte mir schon alles verziehen, d. h. meinen ganzen Ausfall, -und das taten dieselben Menschen, denen ich ins Gesicht gesagt hatte, -sie wären gemein! Das liebe ich an Menschen, das nenne ich den Verstand -des Herzens; wenigstens zog mich das sofort zu ihnen hin, aber natürlich -nur bis zu einem gewissen Grade. Mit Werssiloff zum Beispiel fuhr ich -fort, mich wie früher zu unterhalten, wir sprachen wie zwei gute -Bekannte, aber wiederum nur bis zu einer gewissen Grenze: sobald wir -merkten, daß man etwas mehr aus sich herauszugehen begann (und das -wollte bisweilen geschehen), nahmen wir uns sogleich wieder zusammen, -und es war dann, als schämten wir uns aus irgendeinem Grunde beide ein -wenig. Es gibt Fälle, wo der Sieger nicht umhin kann, sich vor dem -Besiegten zu schämen, gerade deshalb, weil er ihn besiegt hat. Der -Sieger war offenbar -- ich; und so schämte ich mich denn auch. - -An jenem Morgen, als ich nach meinem Rückfall zum erstenmal aufgestanden -war, kam er zu mir ins Zimmer, und da erst teilte er mir ihre -Verabredung mit, die sie alle wegen Mama und Makar Iwanowitsch getroffen -hatten: zum Schluß sagte er mir noch, daß Makar Iwanowitsch sich -allerdings besser fühle, der Doktor aber für nichts einstehe. Natürlich -versprach ich ihm sogleich und von ganzem Herzen, künftighin -vorsichtiger zu sein. Die Art und Weise, wie Werssiloff mir alles dies -mitteilte und darüber sprach, zeigte mir zu meiner Überraschung, daß er -selbst um den alten Mann aufrichtig besorgt war, sogar viel mehr, als -ich von einem Menschen wie er jemals erwartet hätte; ich sah, daß dieser -alte Mann auch ihm selbst aus irgendeinem Grunde besonders teuer war, -und daß er sich nicht nur Mamas wegen um ihn sorgte. Das beschäftigte -mich von nun an auf das lebhafteste, und ich will gleich gestehen, daß -ich an diesem alten Mann vieles nicht bemerkt oder nicht weiter beachtet -oder gar nicht zu schätzen verstanden hätte, wenn Werssiloff nicht -gewesen wäre. So aber hat dieser Alte eine der nachhaltigsten und -eigenartigsten Erinnerungen in meinem Herzen hinterlassen. - -Werssiloff schien anfangs wegen meines Verkehrs mit Makar Iwanowitsch -gewisse Befürchtungen zu hegen, das heißt, er war nicht ganz sicher, ob -er sich auf meine Klugheit und mein Taktgefühl wirklich verlassen könne; -deshalb war er später mehr als zufrieden, als er sah, daß auch ich -manchmal begreife, wie man sich zu einem Menschen von ganz anderen -Anschauungen zu verhalten hat, und daß ich, falls nötig, auch nachgiebig -und duldsam sein kann. Ich gestehe auch ohne zu zögern (und ich glaube, -mir dadurch nichts zu vergeben), daß ich in diesem Mann aus dem Volk in -bezug auf gewisse Gefühle und Ansichten manches für mich ganz Neue -gefunden habe, etwas, was viel klarer und tröstender war als meine -frühere Auffassung dieser Dinge. Nichtsdestoweniger war es ganz -unmöglich, manchmal nicht aus der Haut zu fahren, wenn man auf seine -Vorurteile stieß, an die er mit der allerempörendsten Ruhe und -Unerschütterlichkeit glaubte. Doch daran war natürlich nur seine -Unbildung schuld; seine Seele aber war so beschaffen, daß sie alles -verstehen konnte, und sogar in einer Weise, daß ich noch bei keinem -Menschen ein größeres Verstehen angetroffen habe. - - - II. - -Vor allem war es seine ungeheure Offenherzigkeit und das vollkommene -Fehlen jeglicher Eigenliebe, was einen, wie ich schon früher bemerkt -habe, am meisten zu ihm hinzog; man ahnte sogleich ein Herz, das wohl -kaum jemals sündigte. Er hatte diese »Heiterkeit« des Herzens und -deshalb jene »innere Schönheit«. Das Wort »Heiterkeit« liebte er sehr -und gebrauchte es auch oft. Freilich kam manchmal eine gewisse -krankhafte Verzücktheit über ihn, eine Ergriffenheit bis zur -Krankhaftigkeit, -- zum Teil, wie ich annehme, infolge des Fiebers, das -ihn, streng genommen, die ganze Zeit nicht völlig verließ; aber die -innere Schönheit wurde dadurch nicht gestört. Es gab in ihm auch -Widersprüche: neben einer erstaunlichen Einfalt, die Ironie gewöhnlich -überhaupt nicht wahrnahm (oft zu meinem Ärger), war in ihm gleichzeitig -eine gewisse feine Schlauheit, die am häufigsten bei polemischen -Scharmützeln hervortrat. Polemik liebte er sehr, wenn auch nur Polemik -auf seine Art. Man merkte, daß er viel in Rußland gewandert war, viel -gehört hatte, aber, ich wiederhole, am meisten liebte er das Ergreifende -und alles, was rührend war, und gern erzählte er Geschichten, die ans -Herz griffen. Überhaupt liebte er es sehr, zu erzählen. Ich habe ihn -viel erzählen hören, sowohl von seinen eigenen Wanderungen wie auch -Legenden aus dem Leben der frühesten »Glaubenskämpfer«. Die Legenden -waren mir nicht bekannt, aber ich glaube, er wird beim Erzählen vieles -hinzu- oder umgedichtet haben, zumal er sie größtenteils aus der -mündlichen Überlieferung des einfachen Volkes kannte. Manches klang auch -so unglaubhaft, daß es einfach nicht anzuhören war. Aber trotz allen -augenscheinlich freien Erfindungen oder unzweifelhaften Lügengeschichten -kam immer wieder etwas erstaunlich Ganzes, Abgeschlossenes zum -Vorschein: ein Ausdruck des Volkes und seines Gefühls, und das hatte -fast immer etwas Rührendes ... So ist mir von seinen Erzählungen unter -anderen auch noch eine lange Geschichte im Gedächtnis geblieben: »Die -Legende von der ägyptischen Maria.« Von allen diesen Legenden hatte ich -bis dahin gar keine Vorstellung gehabt. Ich kann ohne weiteres sagen: es -war kaum möglich, sie ohne Tränen anzuhören, und zwar nicht so sehr vor -Rührung, als aus einer ganz eigenartigen Begeisterung: man empfand etwas -Ungewöhnliches und Glühendes, etwas von der Gewalt und Großartigkeit -jener glühenden Wüste, durch die die Löwen streifen, und in der die -Heilige umherirrt. Übrigens will ich diese Geschichte nicht wiedergeben: -ich könnte es auch gar nicht. - -Was mir sonst noch an Makar Iwanowitsch gefiel, waren seine eigenartigen -Ansichten über gewisse noch sehr strittige Fragen aus dem Leben der -Gegenwart. Einmal, zum Beispiel, erzählte er die Geschichte von einem -Soldaten, die sich vor nicht langer Zeit zugetragen, und die er selbst -miterlebt hatte. Es war da ein Soldat nach der Dienstzeit in die Heimat -zurückgekehrt, aber es gefiel ihm nicht mehr, mit den Bauern zu leben, -und er gefiel den Bauern nicht. Der junge Mensch kam auf Abwege, begann -zu trinken und schließlich führte er irgendwo einen Raub aus. Man hatte -zwar keine sicheren Beweise gegen ihn, aber er wurde doch verhaftet und -vors Gericht gebracht. Im Laufe der Verhandlungen war es dann dem -Advokaten fast schon gelungen, die Geschworenen von der Unschuld des -Angeklagten zu überzeugen, es gab eben keine Beweise gegen ihn, und da -ließ sich nichts machen -- als der Angeklagte, der ihm die ganze Zeit -stumm zugehört hatte, plötzlich aufstand und seinen Verteidiger mit den -Worten unterbrach: »Nein, du, halt ein mit dem Reden.« Darauf erzählte -er selbst den ganzen Vorgang und »vergaß auch das letzte Staubkörnchen -nicht«: unter Tränen der Reue legte er ein volles Geständnis ab. Die -Geschworenen zogen sich zur Beratung zurück, kamen dann wieder in den -Gerichtssaal, und ihr Urteil wurde verkündet: »Nein, er ist unschuldig.« -Alle klatschten in die Hände, freuten sich und schrien, der Soldat aber -blieb stehen, wie er stand, rührte sich nicht vom Fleck, als wäre er zur -Säule geworden, und begriff noch immer nichts; auch davon, was der -Vorsitzende ihm zur Ermahnung sagte, bevor er ihn in die Freiheit -entließ, verstand er nichts. So kehrte denn der Soldat in die Freiheit -zurück, aber er konnte es selbst nicht fassen. Er fing an, sich zu -grämen und nachzudenken, aß nicht, trank nicht, sprach mit keinem -Menschen, und am fünften Tage ging er hin und erhängte sich. »Sieh, so -ist es, mit einer Sünde in der Seele zu leben!« schloß Makar -Iwanowitsch. Diese Geschichte war ja an sich nichts Besonderes, solcher -Geschichten findet man heutzutage eine Unmenge in allen Zeitungen; aber -was mir dabei ausnehmend gefiel, war sein Ton, und vor allen Dingen -manche Aussprüche, in denen entschieden ein neuer Gedanke lag. Als er -zum Beispiel von diesem Soldaten erzählte, daß er nach seiner Rückkehr -den Bauern nicht gefallen habe, äußerte er dazu: »Man weiß doch, was ein -Soldat ist: ein Soldat ist ein _verdorbener Bauer_.« Und als er auf den -Verteidiger zu sprechen kam, der den Prozeß beinahe schon gewonnen -hatte, sagte er: »Man weiß doch, was so'n Advokat ist: ein Advokat ist -ein _gemietetes Gewissen_.« Diese beiden Ausdrücke brachte er völlig -ohne Mühe oder tiefsinniges Nachdenken hervor, sie kamen für ihn selbst -ganz unversehens. Dabei lag diesen beiden Ausdrücken eine vollkommen -eigene Auffassung zugrunde, -- wenn auch nicht die des ganzen Volkes, so -doch Makar Iwanowitschs eigene, von keinem anderen entlehnte Anschauung! -Ja, derartige Volksurteile über manche Erscheinungen sind mitunter -wirklich wunderbar in ihrer Ursprünglichkeit und Wahrheit. - -»Aber wie denken Sie, Makar Iwanowitsch, über die Sünde des -Selbstmordes?« fragte ich ihn bei der Gelegenheit. - -»Der Selbstmord ist fürwahr die größte menschliche Sünde,« erwiderte er -und seufzte; »aber Richter darüber ist nur Gott allein, dieweil nur ihm -alles bekannt ist, jegliches Ziel und Maß. Wir aber müssen gewißlich -beten für einen solchen Sünder. Wenn du von solcher Sünde hörst, bete -vor dem Schlafengehen inbrünstig für solchen Sünder; und so du um ihn -auch nur einmal zu Gott aufseufzest, auch wenn du den Sünder gar nicht -gekannt hast, um so eher wird dein Gebet für ihn erhört werden.« - -»Aber was kann mein Gebet ihm noch helfen, wenn er schon verdammt ist?« - -»Was kannst du wissen! Viele, ach viele sind ungläubig und verleiten die -Unwissenden; du aber höre nicht auf sie, denn sie wissen selber nicht, -wohin sie irren. Das Gebet aber für einen Verdammten von einem -lebendigen Menschen wird wahrlich erhört. Oder was glaubst du, wie dem -zumute ist, der niemand hat, der für ihn betet? Deshalb füge, wenn du -vor dem Schlafen dein Gebet sprichst, zum Schluß noch die Worte hinzu: ->Erbarme dich, Herr, auch aller derer, die niemand haben, der für sie -betet.< Dies Gebet ist gewißlich Gott wohlgefällig und wird auch erhört -werden. Und bete auch für alle noch lebenden Sünder: >Herr, sei du -selbst ihr Richter und sei gnädig allen unbußfertigen Sündern,< -- auch -dies ist ein gutes Gebet.« - -Ich versprach ihm, so zu beten, denn ich fühlte, daß ich ihm mit diesem -Versprechen eine große Freude bereiten würde. Und in der Tat sah ich, -wie sein Gesicht vor Freude aufleuchtete. Doch ich will hier gleich -hinzufügen, daß er sich in solchen Fällen niemals hochmütig mir -gegenüber verhielt, nicht wie ein überlegener Greis zu irgendeinem -grünen Jüngling; im Gegenteil, er hörte auch mir, gleichviel worüber ich -sprach, sogar sehr gern zu, und immer mit großem Interesse; wohl in der -Annahme, daß es nicht nutzlos wäre, obschon ich noch ein »Jungling« war, -wie er sich in seiner eigenartigen Redeweise auszudrücken pflegte (er -wußte sehr gut, daß man »Jüngling« sagen mußte und nicht »Jungling«); -aber er sah doch, daß dieser »Jungling« ihm an Bildung weit überlegen -war. Unter anderem liebte er es sehr, von dem Einsiedlerleben zu -sprechen, und er stellte den Einsiedler viel höher als den »Pilgrim«. -Ich widersprach ihm lebhaft und wies immer wieder auf die Ichsucht -dieser Menschen hin, die der Welt einfach den Rücken kehren und an den -Nutzen nicht denken, den sie der Menschheit bringen könnten, einzig um -der ichsüchtigen Idee der eigenen Rettung willen. Zunächst verstand er -mich gar nicht, und ich vermute sogar, daß er mich auch später nicht -verstand; jedenfalls verteidigte er das Einsiedlerleben sehr. »Zu Anfang -tut man sich gewißlich selber leid« (d. h. wenn man Einsiedler wird), -»dann aber wird die Freude mit jedem Tage größer, bis du zu guter Letzt -Gott schaust.« -- Daraufhin malte ich ihm denn ein ganzes Bild aus von -der nützlichen Tätigkeit eines Gelehrten, eines Arztes oder überhaupt -eines Menschenfreundes in der Welt, und versetzte ihn in wahres -Entzücken, denn ich sprach mit Begeisterung; und er stimmte mir auch in -einem fort bei: »So, Lieber, so, Gott segne dich, wahr ist, was du -denkst.« Doch als ich geendet hatte, war er nichtsdestoweniger gar nicht -überzeugt: »Das ist so, wie es ist,« meinte er mit einem tiefen Seufzer, -»aber wie viele gibt es denn solcher, die standhalten und sich nicht -ablenken lassen? Geld ist -- wenn auch kein Gott, so doch eines -Halbgottes gewaltige Versuchung; und dann ist da noch alleweil das -weibliche Geschlecht, dazu die Zweifel und Anfechtungen jedweder Art, -und dazu kommt noch allgemach der Neid. Somit vergessen die Menschen das -Große und geben sich mit dem Kleinen ab. In der Einsamkeit ist das ganz -anders: der Mensch festigt sich in sich selbst und wird stark zu -jeglicher großen Tat. Freund! Und was ist denn in der Welt?« fragte er -plötzlich mit tiefem Gefühl. »Ist das nicht alleweil nur ein Traum? Nimm -mal trocknen Sand und säe ihn auf einen Stein; wenn der gelbe Sand auf -dem Stein dir aufgeht, alsdann wird dein Traum in der Welt in Erfüllung -gehen, -- sieh, so sagt man bei uns. Christus sagt: >Gehe hin und -verteile deine Habe und werde zum Diener aller.< Und so du selbiges -tust, wirst du um unzähligemal reicher sein, als du warst; denn nicht -durch Brot, nicht durch kostbare Kleider, nicht durch Stolz und Neid -wirst du glücklich, sondern durch unermeßlich gesteigerte Liebe. Nicht -geringwertigen Reichtum erwirbst du so, nicht etliche Hunderttausend, -nicht eine Million, sondern erwirbst dir die ganze Welt! Heutzutage -sammeln wir unersättlich und verschwenden mit Unvernunft, dann aber wird -es weder Waisen noch Bettler geben; denn alle werden mein sein, meine -Verwandten, alle werde ich verdient und erworben haben! Heutzutage ist -es nicht selten, daß auch dem Reichsten und Vornehmsten die Zahl seiner -Tage gleichgültig ist und er selber nicht weiß, was für ein Vergnügen er -sich noch ausdenken soll; dann aber werden deine Tage und Stunden sich -vertausendfältigen, dieweil du nicht eine Minute wirst verlieren wollen, -da du jedwede in der Fröhlichkeit deines Herzens empfinden wirst. Dann -wirst du auch nicht nur aus Büchern Weisheit erwerben, sondern wirst -Gott von Angesicht zu Angesicht schauen und die Erde wird heller denn -die Sonne erstrahlen, und es wird keine Trauer und kein Seufzen sein, -sondern ein einziges unschätzbares Paradies ...« - -Diese begeisterten Ausbrüche liebte gerade Werssiloff, wie mir schien, -ganz besonders. An jenem Abend war er auch zugegen. - -»Makar Iwanowitsch!« unterbrach ich ihn auf einmal, und ich war selbst -über alle Maßen begeistert (ich erinnere mich jenes Abends noch gut), -»aber das ist doch Kommunismus, was Sie da predigen, ausgesprochener -Kommunismus!« - -Und da er von der kommunistischen Lehre noch nichts ahnte, ja selbst das -Wort Kommunismus von mir jetzt zum erstenmal hörte, so begann ich -unverzüglich, ihm das Wesentliche dieser Lehre, soweit ich selbst -Bescheid darüber wußte, zu erklären. Nun war aber mein diesbezügliches -Wissen, ehrlich gesagt, ziemlich mangelhaft und eigentlich recht unklar; -ja, ich muß gestehen, daß ich in diesen Dingen auch jetzt noch nicht -viel besser unterrichtet bin; doch was ich wußte, das erklärte ich ihm -mit dem größten Eifer, ohne mich durch irgend etwas einschüchtern zu -lassen. Noch heute denke ich mit Vergnügen an den mächtigen Eindruck, -den ich damit auf den Alten machte. Das war fast schon kein Eindruck -mehr, sondern geradezu eine Erschütterung! Dabei interessierte er sich -ungeheuer für die historischen Einzelheiten: »Wo ist das? Wie? Wer hat's -eingeführt? Wer hat's gesagt?« -- Übrigens habe ich bemerkt, daß das -einfache Volk überhaupt diese Eigenschaft hat: wenn irgend etwas sein -Interesse erweckt, so gibt es sich mit der allgemeinen Idee niemals -zufrieden, sondern verlangt unbedingt die sichersten und genauesten -Angaben aller Einzelheiten. Ich aber war gerade in den Einzelheiten -nicht ganz sicher, und da Werssiloff zugegen war, so schämte ich mich -ein wenig und geriet deshalb noch mehr in Eifer. Es endete damit, daß -Makar Iwanowitsch, der ganz gerührt war, fast zu jedem meiner Worte: -»Ja, ja!« sagte, dabei aber, wie es schien, nicht mehr viel begriff und -wohl auch den Faden verloren hatte. Ich wollte mich darüber fast schon -ärgern, doch da erhob sich Werssiloff und erklärte, es wäre Zeit, -schlafen zu gehen. Wir hatten uns damals wieder alle bei Makar -Iwanowitsch versammelt, und es war in der Tat schon spät geworden. Als -Werssiloff wenige Minuten später noch für einen Augenblick in mein -Zimmer trat, fragte ich ihn sogleich, wie er über Makar Iwanowitsch -denke, und wofür er ihn halte. Werssiloff lächelte heiter. (Aber -durchaus nicht wegen meiner fehlerhaften Angaben über den Kommunismus, --- im Gegenteil, von ihnen sprach er überhaupt nicht.) Ich sage -nochmals: er hatte Makar Iwanowitsch ganz entschieden liebgewonnen. Mir -war schon des öfteren ein ungemein anziehendes Lächeln in seinem Gesicht -aufgefallen, wenn er dem Alten zuhörte -- doch übrigens stand dieses -Lächeln einer Kritik durchaus nicht im Wege. - -»Makar Iwanowitsch ist vor allen Dingen kein Bauer, sondern ein -Hofknecht,« antwortete er mir sehr bereitwillig auf meine Frage, »ein -ehemaliger Hofknecht und Diener, der als Diener und Sohn eines Dieners -geboren ist. In früheren Zeiten nahmen die Hofleute und die Dienerschaft -oft sehr großen Anteil an dem privaten, religiösen und geistigen Leben -ihrer Gutsherrschaft. Merke dir, daß Makar Iwanowitsch sich auch heute -noch aufs lebhafteste für Ereignisse aus dem herrschaftlichen Leben, dem -Leben der höheren Kreise interessiert. Du weißt noch nicht, wie sehr ihn -manche Vorgänge in Rußland, die sich in der letzten Zeit zugetragen -haben, beschäftigen. Und weißt du auch, daß er ein großer Politiker ist? -Du brauchst ihn nicht mit Honig zu bewirten, sondern erzähle ihm nur, -wie und wo Krieg geführt wird, und ob Aussicht vorhanden ist, daß auch -wir bald Krieg führen werden -- das wird ihm lieber sein als der süßeste -Honig. Früher konnte ich ihn mit solchen Gesprächen geradezu selig -machen. Die Wissenschaften verehrt er sehr, und am meisten liebt er die -Astronomie. Bei alledem hat er etwas so Selbständiges in sich -entwickelt, und dieses Selbständige steht so fest, daß du es in keinem -einzigen Fall auch nur um Haaresbreite verrücken kannst. Er hat -Überzeugungen, und die sind sogar ziemlich klar ... und auch aufrichtig. -Trotz seiner vollkommenen Unbildung kann er einen plötzlich mit einer -ganz genauen Kenntnis mancher Begriffe überraschen, mit einer Kenntnis, -die man bei ihm niemals vermutet hätte. Er preist mit Begeisterung das -Einsiedlerleben, er selbst aber würde um keinen Preis Einsiedler oder -Mönch werden, eben weil er ganz und gar >Vagabund< ist, wie Alexander -Ssemjonowitsch ihn so nett benannt hat. Nebenbei: über diesen Alexander -Ssemjonowitsch ärgerst du dich ganz grundlos. Nun, und was wäre denn -sonst noch von Makar Iwanowitsch zu sagen? Es steckt in ihm auch ein -Künstler, er prägt oft eigene Worte, aber er gebraucht freilich -auch Ausdrücke, die nicht seine eigenen sind. Bei logischen -Auseinandersetzungen versagt er wohl ein wenig; bisweilen spricht er -sehr abstrakt. Er hat Anwandlungen von Sentimentalität, aber von einer -durchaus volklichen Sentimentalität, oder richtiger, von jener -volklichen Rührung, die unser Volk so verschwenderisch in sein -religiöses Gefühl hineinlegt. Von seiner Treuherzigkeit und Güte -schweige ich: davon zu sprechen, steht uns beiden nicht an ...« - - - III. - -Um die Charakteristik Makar Iwanowitschs zu beenden, will ich hier -wenigstens eine seiner Erzählungen wiedergeben, gerade eine aus dem -russischen Volksleben. Der Charakter aller dieser Erzählungen war -eigenartig; oder vielleicht ist es richtiger, wenn ich sage, daß sie gar -keinen allgemeinen Charakter hatten: eine allgemeine Moral oder Tendenz -ließ sich aus ihnen nicht heraushören; das einzige, was man von ihnen -sagen könnte, wäre nur, daß sie alle mehr oder weniger ergreifend waren. -Aber es gab auch andere, nicht ergreifende Geschichten; ja einige waren -geradezu lustig und enthielten sogar Spott über manche lockeren Mönche, -so daß er mit dem Erzählen dieser Geschichten seiner Idee unmittelbar -schadete, -- worauf ich ihn auch aufmerksam machte, aber er verstand gar -nicht, was ich damit sagen wollte. Manchmal war es schier unbegreiflich, -was ihn denn eigentlich veranlaßte, _so viel_ zu erzählen; wenigstens -habe ich mich über diese seine Redseligkeit gewundert und sie mir zum -Teil nur durch seine Altersschwäche und seinen krankhaften Zustand -erklären können. - -»Er ist nicht mehr das, was er früher war,« raunte Werssiloff mir einmal -zu, »er war gar nicht so, wie er jetzt ist. Der wird bald sterben, viel -früher, als wir denken, darauf müssen wir gefaßt sein.« - -Ich habe vergessen, zu sagen, daß bei uns in dieser Zeit so etwas wie -»Abende« stattfanden: man versammelte sich bei Makar Iwanowitsch. Außer -Mama, die natürlich nicht von ihm wich, kam gegen Abend immer Werssiloff -zu ihm; desgleichen fand ich mich regelmäßig in seinem Zimmer ein, denn -wo sollte ich mich schließlich sonst aufhalten. In den letzten Tagen kam -auch Lisa; zwar kam sie immer später als alle anderen und sprach fast -nie etwas, aber wenigstens saß sie da. Auch Tatjana Pawlowna fand sich -gewöhnlich ein, und manchmal, allerdings selten, erschien noch der -Doktor. Mit diesem hatte ich mich ganz unversehens ausgesöhnt; es hatte -sich fast von selbst so gemacht: wir vertrugen uns fortan, wenn auch -nicht gerade gut, so doch leidlich, wenigstens kam es meinerseits nicht -mehr zu Ausfällen gegen ihn. Ich erkannte schließlich seine ganze -Harmlosigkeit, und die gefiel mir, ebenso wie seine Anhänglichkeit an -unser Haus, weshalb ich mich denn entschloß, ihm seinen Medizinerhochmut -zu verzeihen. Außerdem brachte ich ihm bei, die Hände zu waschen und die -Nägel zu putzen, wenn ich ihn auch nicht dazu bewegen konnte, saubere -Wäsche zu tragen. Ich setzte ihm sogar klar auseinander und bewies ihm, -daß meine Forderungen nichts mit Geckenhaftigkeit oder mit irgendwelchen -»schönen Künsten« zu tun hatten, sondern daß Sauberkeit einfach zum -Handwerk des Arztes gehöre. Schließlich war auch Lukerja aus ihrer Küche -gekommen und hatte, hinter der Tür stehend, zugehört, wie Makar -Iwanowitsch erzählte; aber einmal hatte Werssiloff sie hereingerufen und -ihr gesagt, sie solle doch einen Stuhl nehmen und sich hier hinsetzen: -mir hatte das gefallen -- doch seitdem kam sie nicht wieder an die Tür. -Eigene Sitten! - -Ich will hier eine seiner Erzählungen einfügen, ohne besondere Wahl; -wenn ich gerade diese bringe, so geschieht das, weil ich sie am besten -behalten habe. Es ist die Geschichte von einem Kaufmann, und ich denke, -solche Fälle gibt es in unseren Städten und Städtchen zu Tausenden, wenn -man nur aufmerksam hinsieht und zu sehen versteht. Wen diese Geschichte -nicht interessiert, der kann sie ja überschlagen, um so mehr, als ich -sie nicht mit meinen, sondern mit seinen Worten wiederzugeben versuchen -will. - - - IV. - -»Jetzt will ich euch erzählen, was für ein Wunder sich einmal bei uns in -der Stadt Afimjewsk zugetragen hat. Es lebte da ein Kaufmann, -Skotoboinikoff hieß er, Maxim Iwanowitsch mit sonstigen Namen, und in -der ganzen Gegend war kein Reicherer denn er. Eine große Kattunfabrik -hatte er sich erbaut, und Arbeiter hielt er etliche hundert; und -eingebildet war er über die Maßen. Man muß schon sagen, daß alles nach -seinem Wink ging, und auch die hohe Obrigkeit war ihm in nichts -entgegen, und der Archimandrit[15] selbst dankte ihm noch für seinen -Glaubenseifer: viel hatte er schon für das Kloster gestiftet, und wenn -es über ihn kam, seufzte er sehr um sein Seelenheil und war um das -zukünftige Leben nicht wenig besorgt. Witwer war er und hatte keine -Kinder; von seiner Frau aber erzählte man, daß er sie schon im ersten -Jahr geprügelt habe; denn schon von Jugend auf habe er seine Fäuste -nicht gern im Zaum gehalten: nur war das alles schon lange vor dieser -Zeit gewesen; von neuem aber wollte er sich durch eine Heirat nicht -binden. Auch das Trinken war eine Schwäche von ihm, und wenn seine Zeit -kam, so lief er in der Betrunkenheit nackend durch die Straßen und -brüllte: es war ja keine vornehme Stadt, aber eine Schande war's doch. -Wenn aber die Zeit vorüber war, wurde er böse, und alles, was er dann -sagte, mußte somit gut sein, und alles, was er befahl, mußte somit -richtig sein. Mit seinen Arbeitern aber rechnete er so ab, wie es ihm -gefiel: nimmt das Rechenbrett, setzt die Brille auf: >Du, Foma, wieviel -hast du zu bekommen?< -- >Hab' seit Weihnachten nichts bekommen, Maxim -Iwanowitsch; neununddreißig Rubel hab' ich zugut.< -- >Hu, wieviel Geld! -Das ist zuviel für dich; so viel bist du alles in allem nicht wert; so -viel Geld paßt gar nicht zu dir: zehn Rubel zieh' ich dir ab, -neunundzwanzig kannst du kriegen.< Und der Mensch steht und schweigt; es -wagte eben keiner, wider ihn zu murren; alle schwiegen sie. - ->Ich weiß schon, wieviel man einem jeden geben kann,< sagte er. >Mit -diesen Leuten kann man ja anders gar nicht umgehen. Das hiesige Volk ist -doch mehr als verderbt; ohne mich würden sie alle Hungers sterben, wie -viele ihrer hier nur sind. Und Diebe sind's auch: was einer sieht, das -stiehlt er schon, 's ist gar keine Männlichkeit in ihnen. Und -schließlich sind's auch Trunkenbolde: zahlst du ihm alles aus, so trägt -er's sofort zum Wirt und bleibt dort, bis er alles versoffen hat, auch -das letzte Fädchen, und nackend verläßt er die Schenke. Und auch -Jämmerlinge sind sie, diese Kerle: da setzt sich denn so einer auf einen -Stein gegenüber der Schenke hin, und dann hebt das Geweine an: »Meine -Mutter hat mich geboren, ach, warum hast du mich Saufbold in die Welt -gesetzt? Hättest du mich Elenden doch bei der Geburt erwürgt!« -- Ist -denn so einer überhaupt ein Mensch? Das ist doch ein Tier, aber kein -Mensch; so einen muß man zuvor aufklären, und dann erst kann man ihm -Geld geben. Oh, ich weiß schon, wann ich ihm welches gebe!< - -Also sprach Maxim Iwanowitsch von den Leuten in Afimjewsk; und wenn er -auch viel Schlechtes sprach, so war doch manches Wahre dabei: die Leute -waren wahrlich schwach, konnten der Versuchung nicht standhalten. - -Es lebte aber in derselben Stadt noch ein anderer Kaufmann, und der -starb. Das war ein noch junger und leichtsinniger Mensch; und der machte -Bankrott und büßte sein ganzes Vermögen ein. Das letzte Jahr zappelte er -noch wie ein Fisch auf dem Sande und versuchte noch immer, sich zu -retten, aber seine Tage waren schon gezählt. Mit Maxim Iwanowitsch hatte -er sich die ganze Zeit nicht gut gestanden und war ihm viel Geld -schuldig. Also kam es, daß er in seiner Sterbestunde Maxim Iwanowitsch -verfluchte. Und er hinterließ eine Witwe in jungen Jahren und fünf -kleine Kinderchen. Schon eine einsame Witfrau ist nach des Mannes Tode -wie eine Schwalbe ohne Nest, -- das ist keine kleine Prüfung! Und nun -noch eine, die mit fünf kleinen Kindern zurückbleibt, für die sie kein -Stückchen Brot hat, um sie zu ernähren: das Letzte, was sie noch besaß, -war ein Holzhaus, und das nahm ihr nun Maxim Iwanowitsch für die Schuld -weg. Da ging sie denn mit ihren Kinderchen zur Kirche, stellte sie alle -eins neben das andere an der Kirchentür auf: das älteste, ein Knabe, war -achtjährig, die anderen waren Mädelchen, eins immer ein Jahr jünger als -das andere, eins kleiner als das andere; das älteste war erst vier -Jährchen alt, das jüngste noch auf dem Arm an der Mutterbrust. Der -Gottesdienst war zu Ende, Maxim Iwanowitsch kam heraus, und wie sie ihn -erblickten, da fielen alle Kinderchen vor ihm auf die Knie, die ganze -Reihe -- so hatte die Mutter ihnen gesagt -- und die Händchen legten sie -bittend zusammen, und als letzte stand sie selbst mit dem fünften -Kindchen auf dem Arm. Und während alle die Leute zusahen, verneigte sie -sich tief vor ihm und bat ihn mit ihren Kinderchen: >Väterchen, Maxim -Iwanowitsch, erbarm' dich der Waisen, nimm ihnen nicht ihr Letztes, wirf -sie nicht aus ihrem Nest!< Und allen, wer dort nur war, wurden die Augen -feucht -- so gut hatte sie den Kinderchen das beigebracht. Sie dachte -wohl: >So vor allen Leuten wird er zu stolz sein, mir meine Bitte -abzuschlagen, und wird das Haus den Waisen zurückgeben.< Doch es kam -anders. Maxim Iwanowitsch blieb stehen: >Du,< sagt er, >du bist eine -junge Witwe und willst nur einen Mann. Nicht wegen der Waisen weinst du, -und von deinem Mann weiß ich wohl, daß er mich noch auf dem Sterbebett -verflucht hat!< Und mit diesen Worten ging er vorbei und gab ihnen das -Haus nicht zurück. >Wozu sich von ihren Dummheiten rühren lassen? -Erweist man ihnen Wohltaten, so schmähen sie einen noch mehr; alles das -ist doch nur eitel, und das Gerede wird davon bloß noch größer.< Und es -gab auch wirklich ein Gerede, wonach er dieser Witwe, als sie noch ein -junges Mädchen war, so an die zehn Jahre zurück, heimlich ein großes -Geld durch Kuppler hatte anbieten lassen (denn schön war sie sehr), und -hatte dabei nicht gedacht, daß selbige Sünde gerade so groß ist, wie -wenn einer ein Gotteshaus zerstört. Aber er hatte damals nichts -erreicht. Und solcher Schändlichkeiten beging er in der Stadt und sogar -im ganzen Umkreise nicht wenig und hatte in dieser Sache wahrlich -jedwedes Maß verloren. - -Die Mutter und ihre Kinder aber weinten laut; er trieb sie aus dem Hause -und tat es nicht nur aus bösem Herzen, sondern -- wie der Mensch so -manchmal selber nicht weiß, was ihn veranlaßt, hartherzig auf seinem -Willen zu bestehen und nicht nachzugeben. Eine Zeitlang halfen ihr gute -Leute, dann suchte sie sich Arbeit. Aber was gibt es denn in so einer -Kleinstadt für Arbeit, außer auf der Fabrik? Hier wusch sie die Dielen -auf, dort jätete sie im Gemüsegarten oder heizte eine Badestube; dabei -das jüngste Kindchen immer auf dem Arm; und die vier anderen spielen -derweil im Hemdchen auf der Straße. Als sie die Kinderchen vor der -Kirchentür niederknien ließ, da hatten sie doch noch alle Schuhchen -angehabt und Kleidchen, gleichviel was für welche, aber es waren doch -immer noch Kaufmannskinder gewesen! Nun aber liefen sie schon barfuß: an -Kinderchen sind doch Kleider wie Zunder, das weiß man ja. Aber was -machen sich denn Kindchen daraus? Wenn nur die Sonne scheint, freuen sie -sich schon; sie ahnen ja das Unheil nicht, ganz wie Vögelchen sind sie, -und ihre Stimmchen klingen wie Glöckchen. Die Witwe aber denkt bei sich: ->Wenn es nun Winter wird, wo lasse ich sie dann? Wenn Gott euch doch -vorher zu sich nähme!< Aber sie brauchte nicht einmal so lange zu -warten. Es gibt dort in der Gegend einen argen Husten, Keuchhusten -nennen sie ihn, und der geht von einem Kinde auf alle anderen über, mit -denen es zusammenkommt. Als erstes starb das jüngste Kindchen, danach -erkrankten auch die anderen, und noch im selben Herbst begrub sie alle -ihre vier Mädchen. Eins davon war auf der Straße überfahren worden. Und -was glaubt ihr wohl? Selbst hatte sie gewünscht, Gott möge die Armen zu -sich nehmen, doch als sie sie begrub, weinte sie laut, denn es tat ihr -doch weh. So ist das Mutterherz! - -Von allen ihren Kinderchen blieb ihr nur noch der älteste Knabe am -Leben, und den hütete sie nun wie ihren Augapfel, so zitterte sie für -ihn. Ein schwächlicher und zarter Knabe war's, von Angesicht lieblich -wie ein Mädchen. Schließlich brachte sie ihn auf die Fabrik zu seinem -Taufpaten, der dort Verwalter war, selbst aber wurde sie bei einem -Beamten Kinderfrau. Da geschah es, daß der Knabe einmal auf den Hof -lief, und plötzlich kommt Maxim Iwanowitsch in seinem Wagen mit zwei -Pferden vorgefahren, und er hatte wieder einmal getrunken; der Knabe -aber springt die Treppe herunter, stolpert und rennt dem Maxim -Iwanowitsch, der gerade aus dem Wagen steigt, mit beiden Fäusten in den -Bauch. Der packt den Knaben wütend an den Haaren und brüllt ihn an: >Wer -bist du? Ruten her! Prügelt ihn! Sofort! Hier vor meinen Augen!< Der -Knabe war zu Tode erschrocken. Man holte Ruten herbei und begann ihn zu -schlagen, Maxim Iwanowitsch aber brüllte: >So schreist du noch? Prügelt -ihn, bis er aufhört zu schreien,< befahl er. Ob man ihn nun viel oder -wenig schlug, wer kann das wissen? Aber er schrie die ganze Zeit, bis er -wie tot liegen blieb. Da hielt man erschrocken inne: der Knabe atmet gar -nicht mehr, liegt ganz bewußtlos da. Später sagte man, sie hätten ihn -nicht einmal stark geschlagen, der Knabe wäre nur gar zu schreckhaft und -zart gewesen. Auch Maxim Iwanowitsch erschrak! >Wem gehört er?< fragte -er; man sagte es ihm. >Hm! Bringt ihn zu seiner Mutter; was hat er hier -auf der Fabrik zu suchen?< Zwei Tage lang schwieg er, dann fragte er -wieder: >Wie steht's denn mit dem Knaben?< Mit diesem aber stand es -schlecht: er lag krank bei der Mutter im Stubenwinkel, und die Mutter -hatte ihre Stelle bei dem Beamten aufgeben müssen, denn der Knabe war -noch dazu an Lungenentzündung erkrankt. >Hm!< sagte Maxim Iwanowitsch, ->und wovon denn eigentlich? Ich wollte nichts sagen, wenn man ihn Gott -weiß wie sehr gedroschen hätte: er sollte doch nur etwas eingeschüchtert -werden. Ich habe noch ganz anders prügeln lassen, und es hat doch noch -niemand deshalb solche Dummheiten gemacht!< Er wartete nun darauf, daß -die Mutter des Knaben ihn verklage, und so schwieg er aus Stolz. Aber -wie durfte sie ihn denn verklagen, das wagte sie ja gar nicht. Da -schickte er ihr von sich aus fünfzehn Rubel und den Arzt; nicht deshalb, -weil er Angst gehabt hätte, sondern nur so, er war nachdenklich -geworden. Dann kam aber wieder seine schlimme Zeit, und er trank drei -Wochen lang. - -Der Winter ging vorüber, und gerade am Ostersonntag, am heiligen -Feiertag, fragt Maxim Iwanowitsch wieder einmal: >Wie geht es denn jenem -Knaben?< Den ganzen Winter über hatte er geschwiegen, nichts gefragt. -Und man sagt ihm: >Der ist gesund geworden, ist bei der Mutter, die -tagsüber wieder für Lohn arbeitet.< Da fuhr Maxim Iwanowitsch noch an -selbigem Tage zu der Witwe, ging aber nicht ins Haus hinein, sondern -ließ sie zum Hofpförtchen rufen; selbst sitzt er im Wagen: >Hör' mich -an, ehrbare Witwe,< sagt er, >ich will deinem Sohn ein wirklicher -Wohltäter werden und ihm alles Gute erweisen: ich nehme ihn zu mir in -mein Haus. Und wenn er mir nur ein wenig gefällt, so verschreibe ich ihm -ein gewisses Kapital; und wenn er mir sehr gut gefällt, so kann ich ihm -auch mein ganzes Vermögen verschreiben und ihn zu meinem Erben und -Nachfolger einsetzen, gleichwie einen leiblichen Sohn; jedoch mit der -Bedingung, daß Ihr selber nicht in mein Haus kommt, außer an hohen -Feiertagen. Wenn Ihr darauf eingeht, so bringt den Knaben morgen früh zu -mir. Es ist Zeit für ihn, mit dem Spielchenspielen aufzuhören.< Und -nachdem er so gesagt hatte, fuhr er davon, die Mutter aber war wie von -Sinnen. Die Leute, die davon hörten, sagten zu ihr: >Dein Sohn wird -heranwachsen und dir selber Vorwürfe machen, daß du ihm solch ein Glück -vorenthalten hast.< Da weinte die Mutter die ganze Nacht über ihren -Sohn, am Morgen aber brachte sie ihn hin. Der Knabe war vor Angst mehr -tot als lebendig. - -Maxim Iwanowitsch ließ ihn wie ein vornehmes Kind ankleiden, nahm für -ihn einen Lehrer ins Haus und setzte ihn unverzüglich hinter die Bücher; -und es kam so weit, daß er ihn nicht mehr aus den Augen ließ, immer war -er bei ihm. Kaum sah der Knabe vom Buch auf, da schrie er ihn schon an: ->Sieh ins Buch! Lern! Ich will aus dir einen Menschen machen.< Der Knabe -aber war kränklich: nach jenem selben Tage, als er damals geprügelt -worden war, hatte er zu husten angefangen. Maxim Iwanowitsch wunderte -sich: >Hat er bei mir nicht ein gutes Leben? Bei der Mutter ist er -barfuß umhergelaufen und hat nur Brotkrusten gekaut, warum ist er denn -jetzt kränklicher als zuvor?< Der Lehrer aber sagt zu ihm: >Jeder -Knabe,< sagt er, >muß auch etwas ausgelassen sein und nicht immer nur -über den Büchern sitzen; ihm tut Bewegung not,< und er erklärte ihm -alles ganz vernünftig. Maxim Iwanowitsch dachte nach. >Du hast recht,< -sagte er. Dieser Lehrer aber, Pjotr Stepanowitsch hieß er, Gott hab' ihn -selig, war eigentlich sozusagen ein behafteter Mensch, und trinken tat -er so viel, daß man sagen kann, es war schon mehr als zuviel, und -deshalb hatte er auch schon lange keine Stelle mehr und lebte in der -Stadt, so gut es ging von milden Gaben und zufälliger Unterstützung, -dabei war er aber von großem Verstande und wußte in allen Wissenschaften -Bescheid. >Mein Platz ist nicht hier,< sagte er selber von sich, >mein -Platz wäre an der Universität, Professor müßt' ich in der Hauptstadt -sein, hier aber bin ich im Schmutz versunken und meine Kleider selbst -haben Abscheu vor mir.< Maxim Iwanowitsch aber setzte sich somit hin und -schreit den Knaben an: >Bewege dich!< -- Der Knabe aber wagt kaum vor -ihm zu atmen. Und es kam so weit, daß der Knabe, sobald er nur seine -Stimme hörte, schon zu zittern anfing. Maxim Iwanowitsch aber wundert -sich immer mehr: >Er ist dies nicht und ist das nicht; ich hab' ihn aus -dem Schmutz gezogen, in teures Tuch gekleidet, er hat die feinsten -Halbstiefelchen an, ein Hemd mit Stickereien, wie einen Generalssohn -halte ich ihn, -- weshalb ist er mir nun nicht zugetan? Weshalb schweigt -er wie so'n kleiner Wolf?< Und wenn man auch schon längst aufgegeben -hatte, sich über Maxim Iwanowitsch noch zu wundern, hiernach fing man -doch wieder an sich über ihn zu wundern: der Mensch war gar nicht mehr -derselbe; er hing an diesem Knaben, daß er ihn nicht mehr aus den Augen -ließ. >Ich will nicht leben, wenn's mir nicht gelingt, diesen Starrsinn -in ihm auszurotten! Sein Vater hat mich noch auf dem Sterbebett -verflucht, nachdem er schon die heiligen Sakramente empfangen hatte, und -diesen Charakter hat er von seinem Vater.< Dabei schlug er ihn nicht ein -einziges Mal mit der Rute (seit jenem selben Tage wagte er es nicht -mehr). Aber der Knabe war nun einmal eingeschüchtert, das war's! Da -bedurfte es gar keiner Rute mehr, er zitterte schon so vor ihm. - -Und dann geschah das Unglück. Er war einmal gerade aus dem Zimmer -gegangen, da sprang der Knabe von den Büchern fort und stieg auf einen -Stuhl: sein Ball war vorher auf ein Eckschränkchen gefallen, und den -wollte er herunterholen, aber sein Ärmel blieb an der Lampe hängen; und -auf einmal fiel die Lampe um, fiel krachend zu Boden und zerschlug in -tausend Stücke, daß es im ganzen Hause zu hören war. Es war eine -kostbare Lampe: sächsisches Porzellan. Und das hörte nun Maxim -Iwanowitsch aus dem dritten Zimmer, und wie er's hörte, brüllte er los. -Der Knabe lief vor Entsetzen davon, ohne zu sehen, wohin, lief auf die -Terrasse hinaus und in den Garten und durch ein kleines Pförtchen -geradeswegs zum Fluß. Dort am Flußufer aber führt eine Straße entlang -mit alten Weidenbäumen -- eine hübsche Stelle. Er lief bis dicht ans -Ufer, die Menschen sahen es, und wie er das Wasser erblickte, fuhr er -zusammen, blieb stehen vor Schreck und stand wie angewurzelt. Das war -gerade an der Stelle, wo die Fähre anlegt. Der Fluß ist dort breit und -reißend. Frachtkähne ziehen vorüber. Auf dem anderen Flußufer sind -Läden, ein großer Platz und eine Kirche mit goldenen glänzenden Kuppeln. -Und da kam gerade die Frau des Obersten Fersing mit ihrem Töchterchen -zur Fähre, -- ein Regiment Infanterie stand in der Stadt. Das kleine -Fräulein war auch erst so ein Kindchen von acht Jahren, in einem weißen -Kleidchen; und es sieht den Knaben an und lacht, und in der Hand hat es -so ein kleines Weidenkörbchen, wie die Bauern sie anfertigen, und in dem -Körbchen ist ein Igel. >Sehen Sie, Mamachen,< sagt sie, >sehen Sie, wie -dieser Knabe meinen Igel ansieht.< -- >Nein,< sagt die Frau Oberst, >er -scheint nur erschrocken zu sein, -- was hat dich denn so erschreckt, -mein Junge?< fragt sie ihn (so wurde das später alles erzählt von denen, -die es gehört hatten). >Wie nett er aussieht, und wie gut er gekleidet -ist, -- wer bist du denn, mein Junge?< fragte sie ihn. Er aber hatte -noch nie einen Igel gesehen; da trat er näher, um das Tierchen zu sehen, -und schon vergaß er alles andere -- man weiß ja, wie Kinder sind! >Was -ist das da,< fragt er, >was ist das, was Sie da haben?< -- >Das ist -unser Igelchen,< sagt das kleine Mädchen, >wir haben ihn vorhin von -einem Bauern gekauft, der hat ihn im Walde gefunden.< -- >Was ist das -für ein Igel?< fragt der Knabe, und schon lacht er und rührt ihn mit dem -Fingerchen an, und der Igel faucht und sträubt seine Stacheln, das -Mädchen aber freut sich über den Knaben. >Wir werden ihn nach Haus -bringen,< sagt sie, >und ihn ganz zahm machen.< -- >Ach,< sagt der -Knabe, >schenken Sie ihn mir, den Igel!< Und er bat so rührend, aber -kaum hatte er das gesagt, da erscholl auf einmal Maxim Iwanowitschs -Stimme vom Gartenpförtchen oben: >Ha! Da bist du! Haltet ihn!< (Er war -so aufgebracht, daß er ihm ohne Mütze vom Hause aus nachgelaufen war.) -Da fiel dem Knaben plötzlich alles wieder ein, er schrie auf und stürzte -zum Wasser, preßte seine beiden kleinen Fäuste an die Brust, sah hinauf -zum Himmel (das hat man gesehen, viele haben es gesehen!) -- und -plötzlich warf er sich in den Fluß! Alles schrie auf, von der Fähre -sprang man ihm nach und versuchte, ihn herauszuziehen, aber die Strömung -trug ihn fort: der Fluß ist reißend. Und als man ihn dann endlich -herausgezogen hatte, war er schon ertrunken -- war tot. Er hatte ja -immer schon eine schwache Brust gehabt, da hatte er das Wasser nicht -vertragen, und wieviel ist denn auch nötig für so einen? Aber soweit die -Menschen dort zurückdenken konnten, entsannen sie sich nicht, daß jemals -ein so kleines Kind sich selbst umgebracht hätte! So eine Sünde! Was -kann denn wohl so eine kleine Seele Gott dem Herrn in jener Welt -antworten? Über diese selbe Sache begann Maxim Iwanowitsch nun -nachzudenken. Und der ganze Mensch veränderte sich so, daß man ihn nicht -wiedererkennen konnte. Er war schon sehr traurig. Er fing wohl zu -trinken an, trank viel, aber dann ließ er es, -- es half nicht. Er fuhr -auch nicht mehr nach der Fabrik und hörte überhaupt nicht mehr darauf, -was man zu ihm sprach. Sagt man ihm etwas -- er schweigt oder winkt nur -mit der Hand ab. So verbrachte er fast zwei Monate und dann begann er -mit sich selber zu sprechen: er ging ganz allein umher und sprach mit -sich. In der Nähe der Stadt brannte das Dörfchen Wasskowo ab, neun -Häuser brannten nieder. Maxim Iwanowitsch fuhr hin, um sich das -anzusehen. Die Abgebrannten umringten ihn, weinten und klagten, -- da -versprach er, ihnen zu helfen und traf auch die Anordnungen. Aber dann -ließ er den Verwalter rufen und widerrief alle Anordnungen: >Es ist -nichts nötig,< sagt er, >es wird ihnen nichts gegeben,< und sagt nicht -einmal, weshalb. >Gott hat mich zum Niedertreten der Menschen bestimmt,< -sagt er, >und wenn ich schon mal ein Ungeheuer sein soll, dann mag es -also sein. Wie der Wind,< sagt er, >hat sich mein Ruf in der Welt -verbreitet.< Schließlich kam der Archimandrit in eigener Person zu ihm -gefahren; der war ein strenger Greis, hatte im Kloster das -gemeinschaftliche Leben eingeführt. >Was ist das mit dir?< fragt er ihn -so ganz streng. >Das ist mit mir,< sagt Maxim Iwanowitsch und schlägt -vor ihm die Bibel auf und zeigt die Stelle: - ->Wer aber ärgert dieser Geringsten einen, die an mich glauben, dem wäre -besser, daß ein Mühlstein an seinen Hals gehängt, und er ersäuft würde -im Meer, da es am tiefsten ist.< (Matth. 18, 6.) - ->Ja,< sagte der Archimandrit, >wenn das auch nicht ganz auf diesen Fall -paßt, so kommt es doch nahe heran. Wehe, wenn ein Mensch sein Maß -verliert -- dann ist er verloren. Und deine Überhebung hat auch keine -Grenzen mehr gekannt.< - -Maxim Iwanowitsch saß da wie erstarrt. Der Archimandrit sah ihn lange -an. - ->Höre mich,< sagt er schließlich, >und merke dir, was ich dir sagen -werde. Es steht geschrieben: »Die Worte des Verzweifelten verweht der -Wind.« Und vergiß nicht, daß auch die Engel Gottes unvollkommen sind, -vollkommen aber und sündlos ist nur unser Herr Jesus Christus, dem die -Engel deshalb auch dienen. Du aber wolltest doch nicht den Tod dieses -Knaben, du warst nur unbesonnen. Und noch eines,< sagt er, >ist mir -wunderlich: du hast doch noch viel größere Schandtaten begangen, hast -doch nicht wenig Menschen ins Verderben gebracht, hast doch nicht wenige -verführt und zugrunde gerichtet -- so gut wie durch Mord? Und sind nicht -alle vier Schwesterchen dieses Knaben fast unter deinen Augen gestorben, -und das hast du doch ruhig geschehen lassen? Weshalb hat dich nun der -Tod dieses einzelnen Knaben auf einmal so erschüttert? Alle anderen hast -du doch nicht nur nicht bedauert, sondern hast, denke ich, nicht einmal -an sie gedacht oder schon längst an sie zu denken vergessen. Weshalb -ängstigt dich nun dieser Knabe so, an dessen Tod du noch nicht einmal so -große Schuld trägst?< - ->Er erscheint mir im Traum,< sagte Maxim Iwanowitsch. - ->Und?< - -Aber Maxim Iwanowitsch sagte nichts weiter, er sitzt und schweigt. Da -wunderte sich der Archimandrit, aber er erfuhr nichts und mußte ihn auch -so verlassen: Da war nichts weiter zu machen. - -Maxim Iwanowitsch aber schickte nach dem Lehrer des Knaben, dem Pjotr -Stepanowitsch; seit jenem Geschehnis damals hatten sie sich nicht mehr -gesehen. - ->Weißt du noch?< fragt er. - ->Ich weiß noch,< sagt jener. - ->Du,< sagte er, >du hast hier für das Wirtshaus mit Ölfarbe Bilder -gepinselt und hast auch von dem Porträt des Bischofs eine Kopie gemacht. -Kannst du mir nun auch mit Ölfarbe ein Bild fertigmalen?< - ->Ich,< sagt er, >ich kann alles; ich,< sagt er, >ich hab' alle Talente -und kann alles!< - ->Also dann mal' du mir ein Bild, so groß wie die ganze Wand, und mal' -mir drauf ganz zuerst den Fluß und das Ufer und die Fähre; und mal' mir -auch alle Menschen, die damals dort waren, auf das Bild. Und daß auch -die Frau Oberst und ihre Tochter auf dem Bilde zu sehen sind, und auch -der Igel. Und das ganze andere Ufer malst du mir auch drauf, damit man -es ganz so sieht, wie es ist: die Kirche und den großen Platz und die -Läden und die Droschken an der Haltestelle, -- alles, wie es ist, malst -du mir auf das Bild, verstanden? Und nun in der Mitte vor dem Fluß, an -der Anlegestelle der Fähre, malst du mir den Knaben, gerade dort, wo er -stand, und unbedingt so, wie er die beiden kleinen Fäuste an sich -drückt, gerade so an beide Brustwarzen. Das vergiß du mir nicht. Und vor -ihm, gerade ihm gegenüber, also über der Kirche auf dem anderen Ufer, -machst du den Himmel auf, und von dort läßt du alle Engel in himmlischem -Licht herabschweben, die ihm entgegenkommen, um ihn aufzunehmen. Kannst -du mir das malen oder ist das zuviel verlangt?< - ->Ich kann alles,< sagt Pjotr Stepanowitsch. - ->Du brauchst nicht zu glauben, daß ich nur so einen Peter wie du dazu -brauche, ich könnte mir auch den allerersten Maler aus Moskau -verschreiben oder aus der Stadt London sogar, wenn ich will, aber du -- -du hast ihn gesehen, du weißt, wie er aussah. Wenn du ihn mir aber nicht -ähnlich malst oder nur wenig ähnlich, so kriegst du nur fünfzig Rubel, -wenn er aber ganz ähnlich ist, so geb' ich dir zweihundert Rubel. Weißt -du noch -- blaue Augen hatte er ... Und das Bild muß so groß sein wie -nur irgend möglich!< - -Die Vorbereitungen wurden getroffen; Pjotr Stepanowitsch machte sich an -die Arbeit, aber auf einmal kommt er wieder zu Maxim Iwanowitsch. - ->Nein,< sagt er, >so geht das nicht.< - ->Warum nicht?< - ->Weil diese Sünde, der Selbstmord, die größte aller Sünden ist. Wie -können ihn nach einer solchen Sünde noch die Engel im Himmel empfangen? -Das geht nicht.< - ->Aber er war doch noch ein Kind, ihm kann's doch noch nicht angerechnet -werden!< sagt Maxim Iwanowitsch. - ->Nein, er war kein Kind mehr! er war schon ein Knabe von acht Jahren, -als dies geschah. Immerhin wird er sich verantworten müssen.< - -Da erschrak Maxim Iwanowitsch noch mehr. - ->Ich aber hab' mir das so ausgedacht,< sagt Pjotr Stepanowitsch, >den -Himmel da so großartig zu öffnen und Engel ihm entgegenfliegen zu lassen --- das ist überflüssig; statt dessen werd' ich vom Himmel nur so einen -hellen Strahl fallen lassen, der ihm sozusagen entgegenkommt: das wäre -dann immerhin etwas.< - -Und so ließen sie denn so einen Strahl fallen. Ich hab' später selber -dies Bild gesehen, und da war auch wirklich der Strahl und der Fluß -- -über die ganze Wand hatte er ihn ausgereckt, ganz blau, und auch der -kleine Knabe war da zu sehen, und er drückte auch richtig beide -Fäustchen so an die Brust, und auch das kleine Fräulein war da und der -Igel -- alles hatte er fertiggebracht. Nur zeigte Maxim Iwanowitsch -damals keinem Menschen das Bild, sondern schloß die Tür seines -Arbeitszimmers zu, und so blieb es vor allen Augen verborgen. In der -Stadt aber war man mächtig neugierig, und alles strömte hin, um das Bild -zu sehen, er aber ließ alle fortjagen. Darüber war dann ein großes -Gerede in der Stadt. Der Pjotr Stepanowitsch aber, der war danach ganz -furchtbar stolz. >Ich,< sagt er, >ich kann alles! Ich,< sagt er, >ich -gehöre nach St. Petersburg an den Kaiserlichen Hof!< Ein guter Mensch -war er, aber überheben tat er sich damals schon gar zu sehr. Und so -ereilte ihn das Schicksal: nachdem er die ganzen zweihundert Rubel -erhalten hatte, betrank er sich gleich und zeigte allen sein Geld und -prahlte unmäßig; und in derselben Nacht, als er ganz betrunken war, -erschlug ihn ein Kleinbürger aus der Stadt, mit dem er zusammen -getrunken hatte, und raubte ihm das Geld; doch kam das alles schon am -nächsten Morgen an den Tag. - -Die Sache aber mit Maxim Iwanowitsch endete so, daß man dort noch -heutigestags davon spricht. Auf einmal kommt Maxim Iwanowitsch wieder -bei jener Witwe angefahren: sie hatte sich ganz am Rande der Stadt in -der Hütte einer Kleinbürgerin eingemietet. Diesmal aber stieg er aus und -ging hinein, trat vor sie hin und verneigte sich tief vor ihr. Sie aber -war seit jenem selben Unglück ganz krank und konnte sich kaum bewegen. ->Mütterchen,< rief er, >ehrsame Witwe, heirate mich Ungeheuer, mach' es -mir wieder möglich, auf Erden zu leben!< Die aber sieht ihn an und ist -ganz starr vor Entsetzen. >Ich will,< sagt er, >daß uns beiden ein Knabe -geboren werde, und wenn uns einer geboren wird, dann hat der Tote uns -verziehen: dir und mir verziehen. So hat er mir im Traum gesagt.< Sie -sieht, der Mensch ist nicht bei voller Vernunft, sieht, daß er außer -sich ist, aber sie konnte doch nicht an sich halten und sagte: - ->Das ist doch alles nur leeres Geschwätz und nichts als Kleinmut,< sagt -sie. >Durch denselben Kleinmut habe ich alle meine Kinderchen verloren. -Ich will Euch nicht einmal vor meinen Augen sehen, -- wie sollte ich da -noch diese ewige Qual auf mich nehmen!< - -Maxim Iwanowitsch fuhr nach Haus, aber von seiner Werbung ließ er nicht -ab. Die ganze Stadt geriet in Aufregung ob solchen Wunders. Maxim -Iwanowitsch schickte nun Brautwerber zu ihr. Aus einem abgelegenen -Bezirk des Gouvernements rief er brieflich zwei Tanten herbei, beide -waren sie Kleinbürgerinnen. Ob es nun gerade Tanten waren oder nicht, -immerhin waren sie mit ihm verwandt, und somit war's immerhin eine Ehre: -die fingen nun an, auf sie einzureden, sie zu umschmeicheln, und wichen -gar nicht mehr von ihrer Seite. Er schickte aber auch andere aus der -Stadt und aus der Kaufmannschaft hin, sogar die Frau des Oberpopen ging -zu ihr, und auch Beamtenfrauen suchten sie auf. Die ganze Stadt redete -auf sie ein, sie aber antwortet sogar mit Verachtung: >Wenn meine armen -Kinder dadurch wieder lebendig würden, aber wozu soll ich das so? Und -was für eine Schuld würde ich mir damit vor meinen Kindern aufladen!< -Maxim Iwanowitsch aber wußte selbst den Archimandriten für sich zu -gewinnen, auch der sprach dann ein Wort für ihn: >Du könntest,< sagt er, ->einen neuen Menschen in ihm erwecken.< Da erschrak sie. Die Menschen -aber wunderten sich und konnten sie nicht verstehen. >Wie ist das nur -möglich, daß sie ein solches Glück zurückweist!< Endlich aber fand er -etwas, womit er sie doch besiegte: >Er ist doch ein Selbstmörder,< sagte -er, >er war nicht mehr ein Kind, und seinem Alter nach könnte man ihn -nach dieser Sünde nicht mehr ohne weiteres zum Heiligen Abendmahl -zulassen, denn ihn trifft doch schon die Verantwortung für seine Tat. -Wenn du mich nun heiratest, so gelobe ich, einzig zum Gedächtnis seiner -Seele eine neue Kirche zu erbauen.< Dem konnte sie nicht widerstehen, -und da willigte sie denn ein. So wurden sie schließlich getraut. - -Und es kam so, daß alle sich mächtig wunderten. Sie lebten vom ersten -Tage an in großer und ungeheuchelter Eintracht und nahmen es mit ihren -Ehepflichten sehr genau und waren wie eine Seele in zwei Leibern. Noch -in demselben Winter wurde sie schwanger, und sie besuchten beide sehr -viele Gotteshäuser, da sie den Zorn Gottes fürchteten. Drei Klöster -suchten sie auf und beteten inbrünstig und hörten die Prophezeiungen. Er -aber ließ getreu seinem Gelöbnis die Kirche erbauen und außerdem noch in -der Stadt ein Kranken- und ein Armenhaus, und für Witwen und Waisen -stiftete er eine große Summe Geldes. Und er entsann sich aller, die er -einmal übervorteilt hatte, und machte es wieder gut. Geld gab er eine -Unmenge aus, so daß schließlich seine Frau und selbst der Archimandrit -ihn davon zurückhielten und sagten: >Nun hast du schon übergenug -gegeben.< Da besann sich Maxim Iwanowitsch ein wenig. >Ich hab' aber dem -Foma,< sagt er, >zu wenig ausgezahlt.< Nun, Foma wurde gerufen, und es -wurde ihm sofort alles ausgezahlt. Dem Foma aber kommen darüber die -Tränen. >Ich,< sagt er, >ich war's ja auch so zufrieden ... Ich bin -schon ohnedem Dank schuldig und werde ewig für Euch zu Gott beten.< So -waren denn alle, wie man sieht, ganz ergriffen dadurch, und es zeigte -sich, daß man die Wahrheit spricht, wenn man sagt: Durch gutes Beispiel -lebt der Mensch. Und die Menschen sind dort ein gutherziges Volk. - -Die Fabrik begann nun die Frau selber zu leiten, und auf eine Weise, daß -man noch heute davon spricht. Zu trinken hörte er wohl nicht auf, aber -die Frau ließ ihn dann nicht aus den Augen, und allmählich versuchte -sie, ihn davon abzubringen. Seine Rede wurde ehrbar und sogar seine -Stimme veränderte sich. Mit allen hatte er jetzt Mitleid, sogar mit -Tieren: einmal sah er aus dem Fenster, wie ein Bauer sein Pferd ganz -unmenschlich schlug, und sofort schickte er hinaus und kaufte von ihm -das Pferd für den doppelten Preis. Und ihm ward auch die Gabe der Tränen -zuteil: sein Herz war leicht zu erweichen und er war schnell gerührt. -Und als ihre Zeit kam, da erhörte der Herr ihre Gebete und schenkte -ihnen einen Sohn; da wurde Maxim Iwanowitsch zum erstenmal seit jener -Zeit wieder heiter; er verteilte viel Geld unter die Armen, erließ viele -Schulden und lud fast die ganze Stadt zur Taufe ein. Und die ganze Stadt -feierte denn auch die Taufe mit, aber am folgenden Morgen kam er aus -seinem Zimmer, finster wie die Nacht. Die Frau sah ihm an, daß etwas mit -ihm geschehen war, und somit brachte sie den Neugeborenen zu ihm. ->Sieh,< sagt sie, >der Knabe hat uns verziehen, er hat unsere Tränen und -Gebete um ihn gehört.< Sie hatten das ganze Jahr kein Wort davon -gesprochen, sondern beide nur im stillen daran gedacht. Maxim -Iwanowitsch aber sah sie düster an. >Warte,< sagt er, >das ganze Jahr -ist er nicht gekommen, heut nacht aber ist er mir wieder im Traum -erschienen.< -- >Da drang das Entsetzen zum erstenmal auch in mein Herz, -nach diesen schrecklichen Worten,< hat sie dann später erzählt. Und -nicht grundlos war ihr Entsetzen gewesen. Kaum hatte Maxim Iwanowitsch -dies ausgesprochen, da geschah etwas mit dem Neugeborenen: er erkrankte -plötzlich. Acht Tage lang war das Kindchen krank; man betete unermüdlich -und rief alle Ärzte herbei, auch aus Moskau kam ein sehr berühmter Arzt, -den sie gerufen hatten, mit der Eisenbahn angefahren. Er besah sich das -Kindchen und wurde böse: >Ich,< sagt er, >bin der allererste Arzt, ganz -Moskau wartet auf mich.< Er verschrieb dann irgendwelche Tropfen und -fuhr eilig wieder zurück. Achthundert Rubel nahm er mit. Das Kindchen -aber starb noch am selben Abend. - -Und was geschah danach? Maxim Iwanowitsch verschrieb seinen ganzen -Besitz seiner lieben Frau, übergab ihr sein ganzes Vermögen und alle -Papiere, ließ auch alles gesetzlich bestätigen; und dann trat er vor sie -hin, verneigte sich vor ihr bis zur Erde und sagte: >Gib mich frei, -meine unschätzbare Gattin, laß mich meine Seele erretten, solange es -noch möglich ist. Und wenn ich auch vergeblich um den Frieden meiner -Seele ringen sollte, zurückkehren werde ich doch nicht mehr. Wohl bin -ich hart und grausam gewesen und habe manchen Menschen schwer -heimgesucht, aber ich glaube dennoch, daß um des Leides und der -Pilgerschaft willen Gott der Herr mir manches erlassen wird, denn es ist -kein kleines Kreuz und kein geringes Leid, alles zu verlassen, woran das -Herz hängt.< Seine Frau aber bat ihn und flehte mit vielen Tränen: >Du -bist der einzige, den ich jetzt auf Erden noch habe, wo bleibe ich, wenn -du mich verläßt? Ich habe,< sagt sie, >in diesem Jahr viel Liebe für -dich in meinem Herzen gefunden!< Und die ganze Stadt redete ihm einen -Monat lang zu und bat ihn im guten und wollte ihn schließlich mit Gewalt -zurückhalten. Er aber hörte nicht darauf, und in einer Nacht ging er -heimlich davon und kehrte nicht mehr zurück. Wie man hört, kämpft er -noch heute auf Pilgerfahrten und in Geduld. Seiner lieben Frau aber -schickt er in jedem Jahr einmal Kunde von sich ...« - - - Viertes Kapitel. - - - I. - -Ich komme jetzt zu der Schlußkatastrophe, deren Erzählung meine -Aufzeichnungen abschließen soll. Doch um weitererzählen zu können, muß -ich zunächst vorgreifen und etwas erklären, wovon ich damals noch nichts -ahnte; erst viel später habe ich davon erfahren und mir das Ganze dann -auch klargemacht, das heißt, als alles schon geschehen war. Diese -vorgreifende Erklärung ist unbedingt erforderlich, denn sonst würde das -Folgende für den Leser gar zu lange unverständlich sein. Deshalb will -ich denn eine ganz einfache und sachliche Darstellung der Zusammenhänge -und Beweggründe gewisser Personen hier einflechten, obgleich ich damit -die sogenannte künstlerische Einheitlichkeit aufhebe, und will so -schreiben, als ob gar nicht ich dies schriebe, also ganz ohne innere -Anteilnahme, ungefähr wie ein kurzer Bericht in der Zeitung geschrieben -wird. - -Die Sache war die, daß mein Schulfreund Lambert durchaus und ohne -weiteres zu jenen ekelhaften kleinen Spitzbuben gehörte, die sich zu -ganzen Banden zusammentun und dann eine Tätigkeit beginnen, die man -neuerdings anstatt Erpressung »Chantage« nennt, und für die man in den -Gesetzbüchern vorläufig noch nach einer Bezeichnung und Strafe sucht. - -Die Bande, in der Lambert mitwirkte, hatte sich in Moskau gebildet und -dort auch schon eine ganze Reihe von Gemeinheiten ausgeführt (in der -Folge ist ihre Tätigkeit zum Teil aufgedeckt worden). Später hörte ich, -daß sie in Moskau längere Zeit einen sehr erfahrenen und keineswegs -dummen Anführer gehabt hatte, einen schon älteren Mann. Ihre -Unternehmungen führte sie je nach den Umständen aus: bald wirkten sie -alle zusammen mit, bald ging nur ein Teil der Bande vor. Außer den -schmutzigsten und ganz unbeschreibbaren Bubenstreichen (von denen, -nebenbei bemerkt, schon manches in die Zeitungen gekommen war) führten -sie auch ziemlich verzwickte und schlaue Unternehmungen aus, natürlich -immer nach den Anordnungen ihres Anführers. Einige dieser Streiche hat -man mir nachher erzählt, doch ich mag mich darüber nicht weiter -verbreiten. Erwähnt sei hier nur, daß ihr Vorgehen im allgemeinen darin -bestand, daß sie irgendwelche Geheimnisse aus dem Privatleben von oft -durchaus ehrenwerten und hochstehenden Leuten auszukundschaften suchten; -war ihnen das gelungen, so erschienen sie bei dem Betreffenden und -drohten mit der Veröffentlichung der Sache (oft ohne überhaupt -irgendwelche Beweise in Händen zu haben), und für ihr Schweigen -forderten sie Geld. Nun gibt es gewiß Dinge, die nicht einmal eine Sünde -und auch kein Verbrechen sind, deren Veröffentlichung aber selbst einen -anständigen und standhaften Menschen erschrecken kann. Diese Bande aber -hatte es hauptsächlich auf Familiengeheimnisse abgesehen. Um zu zeigen, -wie schlau ihr Anführer vorzugehen pflegte, will ich in ein paar Worten -und ohne alle Einzelheiten nur eins von ihren Stückchen als Beispiel -erzählen. In einer durchaus ehrenwerten und angesehenen Familie war es -zu einem nicht nur sündhaften, sondern sogar verbrecherischen Vergehen -gekommen: die Frau eines bekannten und sehr geachteten Mannes hatte mit -einem reichen jungen Offizier ein Liebesverhältnis angefangen. Das hatte -die Bande irgendwie erfahren, und nun ging sie folgendermaßen vor: sie -teilte dem jungen Offizier einfach mit, daß sie den betrogenen Ehemann -benachrichtigen werde. Beweise hatte man zwar nicht, und das wußte der -junge Offizier, aber das verhehlte man ihm auch gar nicht; doch die -ganze Schlauheit ihrer Berechnung lag in diesem Fall eben in der -richtigen Voraussicht, daß der benachrichtigte Gatte auch ohne Beweise -genau so vorgehen würde, wie wenn er die sichersten Beweise in Händen -hielte. Sie verließen sich hierbei auf ihre Kenntnis des Charakters -dieses Menschen und auf ihre Kenntnis seiner Familienverhältnisse. Zu -dieser Bande gehörte nämlich auch ein junger Mensch aus den besten -Kreisen, und das war sehr wichtig für sie; denn ebendieser war es, der -ihnen die Geheimnisse zutrug. Von jenem reichen Offizier erpreßten sie -auf diese Weise eine recht stattliche Summe -- ohne sich dabei der -geringsten Gefahr auszusetzen, da ja ihrem Opfer selbst alles daran -gelegen war, daß die Sache geheim blieb. - -Lambert war an den Streichen dieser Moskauer Bande, wie gesagt, auch -beteiligt gewesen, hatte aber nicht eigentlich zu ihr gehört; doch da er -alsbald Geschmack daran gewonnen hatte, hatte er allmählich auf eigene -Faust dasselbe Treiben begonnen. Eines möchte ich hier gleich bemerken: -sehr befähigt war er zu solchen Unternehmungen nicht. Freilich war er -durchaus nicht dumm und sogar sehr berechnend; aber er war doch zu -unvorsichtig und außerdem zu gutgläubig, oder richtiger gesagt, zu naiv, -das heißt, er kannte weder die Menschen noch die Gesellschaft. Zum -Beispiel schien er die Bedeutung jenes Anführers der Moskauer Bande gar -nicht zu verstehen, schien vielmehr anzunehmen, daß das Gründen und -Leiten einer solcher Bande sehr leicht sei. Und schließlich hielt er -fast alle Menschen für genau solche Schufte, wie er selbst einer war. -Oder wenn er, zum Beispiel, einmal angenommen hatte, der und der Mensch -fürchte sich oder müsse sich aus dem und dem Grunde vor irgend etwas -fürchten, dann zweifelte er überhaupt nicht mehr daran, sondern war -davon gleich und ein für allemal wie von einem Axiom überzeugt. Ich -verstehe vielleicht nicht, mich richtig auszudrücken, aber im weiteren -Verlauf meiner Erzählung wird schon die Wiedergabe meiner Erlebnisse -alles erklären. Jedenfalls war er, meiner Ansicht nach, ein ziemlich -niedrigstehender Mensch, der an gute, edlere Gefühle nicht nur nicht -glaubte, sondern von manchen dieser Gefühle vielleicht überhaupt keine -Vorstellung hatte. - -Nach Petersburg war er gekommen, weil er an Petersburg schon lange als -an ein viel größeres und dankbareres Feld für seine Unternehmungslust -gedacht hatte, und überdies war in Moskau bei irgendeiner Gelegenheit -eine seiner Machenschaften an den Tag gekommen, weshalb dort ein -gewisser Herr nun ihm selbst mit den schlimmsten Absichten -nachzuspionieren angefangen hatte. In Petersburg eingetroffen, war er -sogleich zu einem früheren Spießgesellen in Beziehung getreten, doch -statt der erträumten goldenen Ernte hatte er nur ein sehr mageres, nicht -viel versprechendes Betätigungsfeld und nur »unbedeutende Fälle« -gefunden. Sein Bekanntenkreis vergrößerte sich dann nach und nach, aber -es kam für ihn doch nichts zustande. »Die Leute sind ja hier überhaupt -nichts wert, das sind ja lauter Grünschnäbel,« sagte er später selbst zu -mir. Und da, eines Morgens, stößt er in der fahlen Dämmerung auf einen -Halberfrorenen an einer Hofmauer und kommt durch ihn ohne weiteres auf -die Spur einer, seiner Meinung nach, »glänzenden Sache«! - -Diese »glänzende Sache« erfuhr er eben damals aus meinem -zusammenhangslosen Gestammel, als ich bei ihm sozusagen auftaute. Oh, -ich weiß, ich sprach damals im Fieberdelirium! Aber aus meinen Worten -ging immerhin klar hervor, daß von allen Beleidigungen jenes -verhängnisvollen Tages die Kränkung, die mir durch Bjoring und _sie_ -zuteil geworden war, sich mir am tiefsten ins Herz geprägt hatte: -anderenfalls hätte ich doch nicht nur davon bei Lambert phantasiert, -sondern wohl auch von Serschtschikoff; das aber war nicht geschehen, wie -ich nachher von Lambert selbst erfuhr. Und dabei hatte ich doch an jenem -schrecklichen Morgen in Lambert und Alphonsina geradezu meine Befreier -und Erretter gesehen! Wenn ich später während meiner Genesung, noch im -Bett liegend, zu überlegen gesucht hatte, wieviel Lambert von meinem -Gerede verstanden oder wieviel ich ihm wohl verraten haben konnte, war -mir nicht ein einziges Mal auch nur der Verdacht gekommen, daß es -immerhin so viel sein könnte! Freilich, nach meinen Gewissensbissen zu -urteilen, werde ich selbst damals schon gefühlt haben, daß ich wohl viel -Überflüssiges geschwätzt hatte, aber wie hätte ich ahnen können, daß es -so viel war! Auch hoffte ich, und ich tröstete mich damit, daß ich in -meinem damaligen Zustande wohl kaum ein Wort verständlich ausgesprochen -haben konnte, wessen ich mich noch genau zu erinnern glaubte; doch wie -es sich nachher erwies, war mein Gestammel viel verständlicher gewesen, -als ich angenommen und gehofft hatte. Aber das schlimmste war doch, daß -ich alles dies erst nachträglich und viel später erfuhr, und eben das -wurde mein Verhängnis. - -Aus meinem Gestammel, Gefasel und Überschwang hatte Lambert Folgendes -entnommen, vielmehr erfahren: erstens, fast alle Namen und sogar einige -Adressen; zweitens hatte er sich sofort eine ungefähre Vorstellung von -der Bedeutung und gesellschaftlichen Stellung der betreffenden Personen -machen können (so zum Beispiel von der des alten Fürsten, von _ihr_, -Bjoring, Anna Andrejewna und sogar von Werssiloff); drittens hatte er -erfahren, daß ich beleidigt worden war und mich rächen wollte; und -viertens, das Allerwichtigste: daß es ein geheimes, verborgenes Dokument -gab, einen Brief, der, wenn man ihn dem alten Fürsten zeigte und dieser -aus dem Brief erführe, daß seine Tochter, sein einziges Kind, ihn für -verrückt hielt und schon an einen Juristen wegen seiner Entmündigung -geschrieben hatte, -- daß der alte Fürst über diesen Brief entweder den -Verstand verlieren oder vor lauter Empörung seine Tochter aus dem Hause -jagen und enterben würde, um dann ein Fräulein Werssiloff zu heiraten, -was er schon jetzt unbedingt wollte, doch was man ihm vorläufig noch -nicht erlaubte. Mit einem Wort, Lambert hatte sehr, sehr viel erfahren; -natürlich war manches dunkel für ihn geblieben, aber immerhin hatte er -als gerissener Erpresser die Möglichkeiten sofort überschaut. Nachdem -ich von Alphonsina unvorhergesehenerweise fortgelaufen war, hatte er -sich sofort meine Adresse verschafft (ganz einfach durch das -Adreßbureau) und Nachforschungen angestellt, die ihm die Bestätigung -gebracht hatten, daß es alle die Personen, deren Namen von mir im Fieber -genannt worden waren, tatsächlich gab. Und daraufhin hatte er dann -ungesäumt den ersten Schritt getan. - -Die wichtigsten Tatsachen waren für ihn, daß es da ein gewisses Dokument -gab, daß dieses Dokument sich in meinem Besitz befand, und daß es einen -hohen Wert hatte; an letzterem zweifelte Lambert keinen Augenblick. Nun -möchte ich aber einen Umstand vorläufig verschweigen, da seine spätere -Mitteilung angebrachter sein dürfte; es genügt, wenn ich hier nur -erwähne, daß gerade dieser Umstand Lambert von dem Vorhandensein des -Dokuments und dem großen Wert desselben überzeugt hatte. Ich schicke -voraus, daß es ein verhängnisvoller Umstand war, von dem ich mir nicht -nur damals nichts träumen ließ, sondern auch die ganze Zeit über nicht --- bis zum letzten Augenblick, als plötzlich alles einstürzte und sich -von selbst aufdeckte. Und so war denn, da er sich in der Hauptsache -sicher glaubte, der erste Schritt, den er tat, daß er zu Anna Andrejewna -fuhr. - -Für mich ist es auch heute noch ein Rätsel, wie Lambert es -fertiggebracht hat, sich an eine so unnahbare und vornehme Dame wie Anna -Andrejewna heranzumachen und sich in seiner Rolle sogar zu behaupten! -Freilich hatte er Erkundigungen eingezogen, aber was will das besagen? -Und wenn er auch tadellos angezogen war, wie ein Pariser sprach und -einen französischen Namen trug, so ist es doch nicht gut möglich, daß -Anna Andrejewna nicht sofort den Spitzbuben in ihm erkannt hat! Oder -soll man annehmen, daß sie gerade damals einen Spitzbuben brauchte? -Sollte es sich wirklich so verhalten? - -Die Einzelheiten ihrer ersten Begegnung habe ich niemals erfahren -können, aber ich habe mir später oft genug diese Szene vorzustellen -versucht. Wahrscheinlich hat Lambert sich vom ersten Wort und von der -ersten Gebärde an als meinen Jugendfreund aufgespielt, der für seinen -lieben und einzigen Freund zitterte. Nun, und dann wird er wohl schon -bei diesem ersten Zusammentreffen zu verstehen gegeben haben, daß ich -ein »Dokument« besäße, daß dies ein Geheimnis sei, daß er allein um -dieses Geheimnis wisse, daß ich mich mittels dieses Dokuments an der -Generalin Achmakoff zu rächen beabsichtige usw. Vor allen Dingen wird er -ihr wohl die Bedeutung und den Wert dieses Dokuments klargemacht haben. -Anna Andrejewna aber befand sich gerade damals in einer so verzwickten -Lage, daß sie einfach nicht anders konnte, als sich an eine -Rettungsmöglichkeit klammern. So mußte sie eben diese Neuigkeit -aufmerksam anhören und ... auf diesen Köder anbeißen, wenn sie in ihrem -»Kampf ums Dasein« nicht unterliegen wollte. Man hatte ihr ja gerade -damals den Bräutigam nach Zarskoje Sselo entführt, hatte ihn fast unter -Vormundschaft gestellt, und auch sie selbst stand seitdem gewissermaßen -unter Vormundschaft. Und nun plötzlich so ein Fund! Das war etwas -anderes als heimliches Weibergeschwätz, war nicht bloß Gejammer und -Geklatsch, war nicht Tränen und Klagen, sondern war ein Brief, ein -Schriftstück, war ein tatsächlicher Beweis für die Hinterlist seiner -lieben Tochter und aller derer, die ihr, Anna Andrejewna, den Bräutigam -entreißen wollten: dieser schlagende Beweis würde ihn doch zu der -Einsicht bringen, daß er sich retten mußte, und wäre es durch Flucht! -sich retten zu ihr, zu ihr allein, zu Anna Andrejewna, und sich mit ihr -trauen lassen, womöglich binnen vierundzwanzig Stunden, -- wenn er von -den anderen nicht geholt und in eine Irrenanstalt gesteckt werden -wollte! - -Aber vielleicht ist Lambert auch ganz offen vorgegangen und hat sich -dieser jungen Dame gegenüber überhaupt nicht verstellt, sondern einfach -von vornherein gesagt: »Mademoiselle, Sie müssen sich entscheiden, was -Sie werden wollen: eine alte Jungfer oder eine Fürstin und Millionärin. -Es gibt da ein Dokument, ich werde es dem Jüngling entwenden und Ihnen -ausliefern ... gegen einen Wechsel von Ihnen über dreißigtausend Rubel.« -Ich glaube sogar, daß er wirklich gerade so vorgegangen ist. Oh, er -hielt ja alle für genau solche Schurken, wie er selbst einer war! Ich -sage noch einmal: es war in ihm eine gewisse Schurkennaivität, eine -gewisse Schurkenunschuld ... Aber welcher Art sein Vorgehen auch gewesen -sein mag, es ist immerhin sehr möglich, daß Anna Andrejewna selbst durch -diese Taktik sich nicht einen Augenblick hat verwirren lassen; -wahrscheinlich wird sie es sogar vorzüglich verstanden haben, sich zu -beherrschen und den Erpresser, dessen Redeweise natürlich seinem Gewerbe -entsprach, ruhig bis zu Ende anzuhören -- und alles das aus der -»Vorurteilslosigkeit« ihrer »Weitherzigkeit«. Oh, selbstverständlich -wird sie zu Anfang ein wenig errötet sein, aber sie wird sich dann -schnell zusammengenommen und ihn eben angehört haben. Doch wenn ich mir -diese unnahbare, stolze, wirklich achtunggebietende junge Dame, die noch -dazu so viel Verstand besitzt, Hand in Hand mit Lambert vorstelle, so -... ja, das ist es ja eben, daß sie so viel Verstand besitzt! Der -russische Verstand, besonders einer von solcher Stärke, ist mit Vorliebe -gänzlich vorurteilslos, und nun gar ein weiblicher! und noch unter -solchen Umständen! - -Jetzt fasse ich kurz zusammen: - -An dem Tage und zu der Stunde, als ich nach meiner Krankheit zum -erstenmal das Haus verließ, hatte Lambert bereits zwei Möglichkeiten ins -Auge gefaßt (das weiß ich jetzt ganz genau): die erste Möglichkeit war, -von Anna Andrejewna für das Dokument einen Wechsel über mindestens -dreißigtausend Rubel zu fordern und ihr dann zu helfen, dem alten -Fürsten vor seiner eigenen Tochter und seinem ganzen Anhang angst und -bange zu machen, ihn darauf im richtigen Augenblick zu entführen und sie -schleunigst mit ihm trauen zu lassen -- kurz, etwas von dieser Art. Es -war da schon ein ganzer Plan zusammengestellt; man wartete nur noch auf -meine Hilfe, das heißt, auf das Dokument. - -Lamberts zweiter Plan war: Anna Andrejewna zu verraten und den Brief -nicht an sie, sondern an die Generalin Achmakoff zu verkaufen, wenn das -vorteilhafter wäre. Für diesen Fall rechnete er auch auf Bjoring. Aber -an die Generalin hatte sich Lambert doch noch nicht herangewagt. Er -hatte erst nur spioniert. Auch wartete er noch auf mich. - -Oh, er hatte mich sehr nötig, oder vielmehr nicht mich, sondern das -Dokument. Was aber mich persönlich betrifft, so hatte er in bezug auf -mich auch schon zwei Pläne entworfen. Der erste Plan bestand darin, wenn -es nun einmal anders gar nicht ginge, Halbpart mit mir zu machen, doch -das natürlich nur dann, wenn er meiner in jeder Beziehung sicher sein -konnte. Der zweite Plan aber sagte ihm weit mehr zu und bestand darin, -daß er mich wie einen dummen Jungen betrügen wollte, indem er mir das -Dokument einfach stahl oder mit Gewalt entwendete. Dieser zweite Plan -gefiel ihm ausnehmend, und in seinen Träumen malte er sich gern das -Gelingen desselben aus. Ich bemerke hier nochmals: es gab da so einen -Umstand, der ihn an dem Gelingen dieses zweiten Planes überhaupt nicht -zweifeln ließ, doch, wie gesagt, mitteilen werde ich diesen Umstand erst -später. Jedenfalls erwartete er mich mit krampfhafter Ungeduld: alles -hing für ihn nur von mir und meinem Verhalten ab, jeder Schritt und -jeder Entschluß. - -Aber in einer Beziehung muß ich ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen: -bis zu meiner Genesung hatte er sich doch im Zaum gehalten, trotz seiner -ganzen Ungeduld und einer Veranlagung, die ihn sonst nur schwer eine -Sache abwarten ließ. Er war während meiner Krankheit überhaupt nicht zu -mir gekommen, ausgenommen das eine Mal, als er mit Werssiloff gesprochen -hatte; mich persönlich aber hatte er wohlweislich ganz in Ruhe gelassen, -und bis zu meinem Erscheinen bei ihm war von ihm aus nichts geschehen, -was sein Interesse irgendwie verraten hätte. Über die Möglichkeit aber, -daß ich das Dokument jemandem übergeben oder davon Mitteilung machen -oder es vernichten könnte, war er ganz unbesorgt. Aus meinem Gerede -damals bei ihm hatte er schon ersehen, wieviel mir selbst an der -Geheimhaltung lag, und wie sehr ich fürchtete, daß jemand von diesem -Dokument auf irgendeine Weise etwas erfahren könnte. Daß ich aber von -allen anderen ihn ganz zuerst aufsuchen würde, daran zweifelte er keinen -Augenblick: Darja Onissimowna war ja zum Teil auch auf seine -Veranlassung zu mir gekommen, und er wußte, daß nunmehr schon Neugier -und Angst in mir geweckt waren, und ich die Ungewißheit nicht lange -ertragen würde ... Und außerdem hatte er bereits alle Vorkehrungen -getroffen, ja, es war ihm sogar möglich, genau zu erfahren, an welchem -Tage ich zum erstenmal das Haus verlassen würde, so daß ich ihm doch -nicht entgangen wäre, selbst wenn ich's gewollt hätte. - -Aber wenn schon Lambert ungeduldig auf mich wartete, so wartete Anna -Andrejewna vielleicht noch viel ungeduldiger auf mich. Ich sage ganz -offen: Lambert war teilweise vielleicht im Recht, wenn er sich mehr an -seinen zweiten Plan hielt und sie im Stich zu lassen beabsichtigte, da -sie schließlich selbst die Veranlassung dazu gab. Denn trotz ihres -fraglosen Einverständnisses (ich weiß zwar nicht, in welcher Form sie -übereingekommen waren, aber daß sie es waren, daran zweifle ich keinen -Augenblick) war Anna Andrejewna doch bis zuletzt nicht ganz aufrichtig -gegen ihn. So hatte sie ihm von sich nichts mitgeteilt. Sie hatte ihm -nur andeutungsweise zu verstehen gegeben, daß sie mit seinem Plan und -allen seinen Bedingungen einverstanden war, -- aber eben auch nur -andeutungsweise; sie hatte seinen ganzen Vorschlag sicherlich bis in -alle Einzelheiten angehört und ihr Einverständnis wohl nur durch ihr -Schweigen ausgedrückt. Ich habe die sichersten Beweise für die -Richtigkeit dieser Annahme; und der Grund, weshalb sie sich so verhielt, -war wohl, daß sie _auf mich wartete_. Sie wollte es lieber mit mir zu -tun haben, als mit dem Spitzbuben Lambert -- das steht für mich fest! -Und das kann ich auch verstehen; ihre Rechnung stimmte nur deshalb -nicht, weil Lambert sie schließlich durchschaute. Für ihn aber wäre es -doch gar zu unvorteilhaft gewesen, wenn sie mir hinter seinem Rücken das -Dokument abgenommen und sich mit mir verbündet hätte. Hinzu kam, daß er -damals von dem Gelingen seines zweiten Planes schon mit aller Sicherheit -überzeugt war. Ein anderer hätte an seiner Stelle immer noch ein wenig -gezweifelt und sich gefürchtet, Lambert aber war jung, frech, beseelt -von der ungeduldigsten Erwerbsgier, kannte die Menschen wenig und hielt -sie alle für seinesgleichen; deshalb kam ihm denn auch nicht der -geringste Zweifel, um so weniger als er durch Anna Andrejewnas Verhalten -seine wichtigsten Mutmaßungen bestätigt sah. - -Nun noch eine letzte und wichtigste Frage: Wußte auch Werssiloff schon -irgend etwas, und war er schon damals an irgendwelchen, wenn auch noch -so fernen Plänen Lamberts beteiligt? Nein, nein, nein, _damals_ gewiß -noch nicht, wenn auch das verhängnisvolle Wort vielleicht schon gefallen -war ... Doch genug, genug davon, ich greife zu weit vor. - -Nun, und wie verhielt es sich denn mit mir? Wußte ich damals schon -etwas, und was war es denn, das ich wußte, als ich zum erstenmal das -Haus verließ? Ich ging von der Behauptung aus, daß ich damals noch -nichts gewußt hätte, ich hätte alles dies erst viel später erfahren, -sogar erst dann, als alles schon zu Ende war. Das ist richtig, aber -verhielt es sich denn auch wirklich so? Nein, im Grunde doch wohl nicht; -ich wußte zweifellos schon recht viel; aber woher wußte ich es? Ich -erinnere den Leser an meinen _Traum_! Wenn ich schon so einen Traum -haben konnte, wenn so etwas schon meinem Herzen entspringen und sich -gestalten konnte, so ist das ein Beweis dafür, daß ich schon ungeheuer -viel -- nicht gerade gewußt, aber doch _geahnt_ habe von dem, was ich -weiter oben vorausgreifend bereits erzählt habe, und was ich dann -allerdings erst später, »nachdem alles zu Ende war,« erfuhr. Also von -einem »Wissen« konnte damals noch nicht die Rede sein, aber mein Herz -klopfte vor lauter Ahnungen und böse Geister hatten sich schon meiner -Träume bemächtigt. Und zu einem Menschen wie Lambert zog es mich hin, -obgleich ich genau wußte, was für ein Mensch er war, und obgleich ich -sogar alle seine Absichten vorausahnte! Und weshalb zog es mich denn so -zu ihm hin? Sonderbar: gerade jetzt, in diesem Augenblick, da ich dies -niederschreibe, scheint es mir, als hätte ich schon damals ganz genau -und sogar alle einzelnen Gründe gewußt, weshalb es mich zu ihm zog, -während ich doch gleichzeitig gar nichts wußte. Vielleicht wird der -Leser das verstehen. Jetzt aber -- zur Sache und zu den Ereignissen in -ihrer Reihenfolge. - - - II. - -Es begann damit, daß zwei Tage vor meinem ersten Ausgang Lisa gegen -Abend in großer Erregung nach Hause kam. Sie war aufs tiefste gekränkt -worden; und in der Tat war ihr etwas Unglaubliches widerfahren. - -Ich habe von ihrer Beziehung zu Wassin schon gesprochen. Sie holte sich -von ihm Rat: nicht nur, um uns zu zeigen, daß sie unseres Rates nicht -bedurfte, sondern auch, weil sie Wassin wirklich sehr schätzte. Sie -hatten sich in Luga kennen gelernt, und ich hatte immer die Empfindung -gehabt, daß sie Wassin nicht gleichgültig war. Nun war es ja ganz -natürlich, daß es sie in ihrem Unglück nach einem Menschen mit festem, -ruhigem, immer über den Dingen stehendem Verstande verlangte, wie ihn -Wassin ihrer Meinung nach besaß. Übrigens sind Frauen bekanntlich keine -großen Meister in der richtigen Beurteilung eines männlichen Verstandes, -wenn der betreffende Mensch ihnen gefällt, und mit Vergnügen nehmen sie -Paradoxa als Folgeschlüsse von strengster Logik hin, wenn diese ihren -eigenen Wünschen entgegenkommen. Was Lisa an Wassin besonders gefiel, -war sein Mitgefühl mit ihrem Leid und, wie sie anfangs glaubte, auch -seine Symphathie für den jungen Fürsten. Da sie zudem seine Gefühle für -sie ahnte, war es selbstverständlich, daß sie seine Sympathie für den -Gegner doppelt so hoch schätzte. Der Fürst aber hatte ihre Mitteilung, -daß sie sich von Wassin zuweilen Rat hole, mit großer Unruhe aufgenommen -und war sogleich eifersüchtig geworden. Das kränkte Lisa, weshalb sie -ihre Besuche bei Wassin schon aus Trotz nicht einstellte. Der Fürst -sagte schließlich nichts mehr dazu, wurde jedoch immer finsterer und -mißtrauischer. Lisa aber hat mir später (lange nachher) selbst -gestanden, daß Wassin ihr damals schon sehr bald gar nicht mehr gefallen -habe; er war ruhig, und gerade diese ewig sich gleichbleibende Ruhe, die -ihr anfangs so gefallen hatte, war ihr alsbald recht unangenehm -geworden. Hinzu kam, daß die Ratschläge, die er ihr als ein in -Rechtssachen doch zweifellos erfahrener Mann gab, und die stets sehr -vernünftig schienen, sich leider alle als unausführbar erwiesen, was -doch recht sonderbar war. Sein Urteil über andere Menschen fällte er -manchmal gar zu sehr von oben herab, und ohne sich dessen auch nur im -geringsten vor ihr zu schämen; -- und je länger, um so weniger schämte -er sich vor ihr, was sie seiner wachsenden Gleichgültigkeit gegenüber -ihrem Unglück zuschrieb. Einmal hatte sie ihm dafür gedankt, daß er -gegen mich immer so freundlich war und trotz seines mir weit überlegenen -Verstandes mit mir wie mit seinesgleichen sprach (das heißt, sie hatte -ihm fast meine eigenen Worte gesagt). Seine Antwort war darauf gewesen: - -»Das ist es nicht. Ich tue es einfach aus dem Grunde, weil ich zwischen -ihm und anderen gar keinen Unterschied sehe. Ich halte ihn weder für -dümmer als die Klugen, noch für böser als die Guten. Ich bin gegen alle -Menschen gleich, denn in meinen Augen sind alle Menschen gleich.« - -»Wie, sehen Sie denn wirklich keine Unterschiede?« - -»Oh, natürlich unterscheidet sich ein jeder durch irgend etwas, aber für -mich gibt es keine Unterschiede, weil die Unterschiede der Menschen mich -nichts angehen: für mich sind alle gleich und ist alles gleich, und -deshalb bin ich auch gegen alle Menschen in gleicher Weise freundlich.« - -»Und das langweilt Sie nicht?« - -»Nein; ich bin immer zufrieden mit mir.« - -»Und Sie wünschen sich auch nichts?« - -»Wie sollte ich nicht. Aber ich tue es nicht allzusehr. Ich brauche fast -nichts, nicht einen Rubel mehr, als ich habe. Ob ich in einem goldenen -Kleide gehe oder so wie jetzt -- das ist doch vollkommen gleichgültig: -die goldenen Kleider würden Wassin nicht im geringsten erhöhen. Alles so -was lockt mich nicht: können denn äußere Ehrungen oder ein hoher Rang -meinen Wert ausmachen?« - -Lisa hat mir ehrenwörtlich versichert, daß er ihr buchstäblich so -geantwortet hätte. Übrigens läßt sich so etwas in seiner Wirkung nie -genau beurteilen, dazu muß man immer alle Umstände kennen, unter denen -es gesagt ward. - -Nach und nach war Lisa zu der Überzeugung gekommen, daß er vielleicht -auch über den Fürsten nur deshalb so nachsichtig urteilte, weil »für ihn -alle gleich waren, und es für ihn keine Unterschiede gab,« aber durchaus -nicht aus Sympathie für sie. Doch mit der Zeit begann er merklich, -seinen Gleichmut zu verlieren und sich über den Fürsten nicht nur -tadelnd, sondern sogar mit Verachtung und Spott zu äußern. Das reizte -Lisa sehr, aber Wassin ließ sich durch nichts davon abhalten. Und dabei -drückte er sich immer noch möglichst milde aus, und selbst wenn er ihn -tadelte, geschah es ohne Unwillen: er erklärte ihr dann eben mit -logischer Folgerichtigkeit den ganzen Unwert ihres Helden; aber gerade -in dieser Logik lag ja die Ironie. Schließlich setzte er ihr sogar die -ganze »Torheit« ihrer Liebe auseinander, die eigensinnige Erzwungenheit -dieser Liebe. »Sie haben sich über Ihre eigenen Gefühle getäuscht; -Irrtümer aber, die man einmal als solche erkannt hat, müssen unbedingt -aufgegeben werden.« - -Das hatte er gerade an jenem Tage zu ihr gesagt. Lisa war empört -aufgestanden, um ihn sofort zu verlassen; doch was tat er nun, und womit -schloß dieser vernünftige Mensch? Er schloß damit, daß er mit der -edelsten Miene und sogar mit Gefühl -- ihr seine Hand antrug. Lisa hatte -ihm darauf ins Gesicht gesagt, daß er einfach dumm sei, und war -hinausgegangen. - -Einer Frau vorzuschlagen, einen Unglücklichen aufzugeben, bloß weil -dieser Unglückliche ihrer »nicht wert« sei, und das noch dazu einer -Frau, die von diesem Unglücklichen schwanger ist, -- das ist nun der -Verstand solcher Leute! Ich nenne das ein schreckliches Aufgehen in -Theorie bei vollständiger Unkenntnis des Lebens. Zugrunde liegt eine -grenzenlose Eigenliebe. Lisa erkannte denn auch ganz genau, daß er auf -seine Handlungsweise noch stolz war, und wäre es auch nur deshalb, weil -er um ihren Zustand bereits wußte. Mit Tränen der Empörung war sie zum -Fürsten geeilt -- dieser aber hatte Wassin noch übertrumpft. Man sollte -meinen, ihre Erzählung hätte ihn wirklich überzeugen müssen, daß er zur -Eifersucht jetzt wahrlich keinen Grund mehr hatte; aber gerade diese -Erzählung machte ihn toll. Übrigens sind ja die Eifersüchtigen alle so! -Er machte ihr eine furchtbare Szene und beleidigte sie so unerhört, daß -sie schon entschlossen war, sofort und unwiderruflich mit ihm zu -brechen. - -Dennoch kam sie so weit ruhig nach Haus, daß man ihr nicht viel -anmerkte, aber vor Mama konnte sie es doch nicht verheimlichen. Oh, an -jenem Abend traten sie sich wieder so nah wie früher: das Eis war -gebrochen; beide weinten sich aus, während sie sich fest umschlungen -hielten, und Lisa beruhigte sich anscheinend, doch man sah es ihr an, -daß sie sich sehr bedrückt fühlte. Den Abend verbrachte sie bei Makar -Iwanowitsch ganz still und stumm; immerhin blieb sie im Zimmer und hörte -sehr aufmerksam an, was er sprach. Seit jenem Unfall Makar Iwanowitschs, -damals, beim gewaltsamen Aufstehen, war sie zu ihm ausnehmend freundlich -und dabei doch gewissermaßen schüchtern ehrerbietig, wenn sie auch nach -wie vor einsilbig blieb. - -An diesem Abend nun gab Makar Iwanowitsch dem Gespräch auf einmal eine -andere Wendung, was für uns ganz unerwartet und überraschend kam. Ich -muß bemerken, daß Werssiloff und Alexander Ssemjonowitsch, der Doktor, -schon am Morgen dieses Tages mit sehr sorgenvollen Mienen über seinen -Zustand gesprochen hatten. Desgleichen muß ich bemerken, daß im Hause -seit ein paar Tagen verschiedene Vorbereitungen zu Mamas Geburtstag -getroffen wurden und wir schon viel von dem bevorstehenden Familienfest -sprachen, obwohl bis dahin noch ganze fünf Tage waren. Eben ein solches -Gespräch war es, das in Makar Iwanowitsch alte Erinnerungen wachrief, -und er begann, von Mamas Kindheit zu erzählen und von jener ersten Zeit, -als sie »noch nicht auf den Beinchen stehen konnte«. »Wenn sie mal auf -meinem Arm saß, dann wollte sie um keinen Preis herunter,« erzählte der -Alte, »und ich weiß noch, wie ich sie gehen lehrte. Ich stellte sie drei -Schritt von mir in den Winkel und rief sie, und sie kam dann ganz -unsicher auf mich los und fürchtete sich gar nicht vor mir, sondern -lachte noch, und wenn sie dann bei mir angelangt war, umfaßte sie meine -Knie und hob die Ärmchen zu meinem Hals. Und Märchen hab' ich dir -erzählt, Ssofja Andrejewna; Märchen liebtest du über alles. Ganze zwei -Stunden konnte sie auf meinem Knie sitzen und horchen, und mir die Worte -von den Lippen lesen. In der Stube wunderten sich alle: >Seht doch, wie -sie an dem Makar hängt!< Oder in der Sommerzeit brachte ich dich in den -Wald, suchte dir wohl einen Himbeerstrauch, setzte dich unter ihm hin -und schnitzte dir derweil eine Flöte aus Holz. Und wenn wir dann genug -gegangen waren, trug ich dich auf den Armen nach Hause -- mein Kindchen -schlief schon. Und einmal hast du dich so vor einem Wolf erschreckt, -kamst zu mir gelaufen, zittertest vor Angst, und dabei war da gar kein -Wolf.« - -»Dessen erinnere ich mich noch,« sagte Mama. - -»Erinnerst du dich wirklich noch?« - -»An vieles erinnere ich mich noch. Soweit ich nur zurückdenken kann, -habe ich von Ihnen nur Güte und Liebe erfahren,« sagte sie mit -ergriffener Stimme, und plötzlich wurde sie bis über die Stirn rot. - -Makar Iwanowitsch wartete ein wenig, bevor er weitersprach. - -»Ja, Kinderchen, jetzt werde ich bald von euch gehen. Meine Stunde ist -schon gekommen. Im Alter hab' ich Trost gefunden für allen Kummer; habt -Dank, ihr Lieben.« - -»Aber was reden Sie da, Makar Iwanowitsch, lieber, teurer Mensch,« rief -Werssiloff sichtlich beunruhigt. »Mir hat der Arzt noch vorhin gesagt, -daß Ihr Zustand bedeutend besser sei ...« - -Mama horchte erschrocken auf. - -»Ja, was weiß denn der, dein Alexander Ssemjonowitsch,« sagte Makar -Iwanowitsch lächelnd, »ein lieber Mensch ist er, aber auch nicht mehr. -Laßt gut sein, Freunde, oder glaubt ihr, daß ich mich vor dem Sterben -fürchte? Ich hatte heute nach dem Morgengebet so ein Gefühl im Herzen: -daß ich von hier nicht mehr hinausgehen werde -- so ist es mir gesagt -worden. Nun und so geschehe es denn, der Name des Herrn sei gelobt. Nur -an euch allen will ich mich noch sattsehen. Auch Hiob, der vielfach -Geprüfte, fand Trost, wenn er seine neuen Kindlein sah, doch ob er -darüber auch seine früheren Kinder vergaß und vergessen konnte? -- -Unmöglich ist dies! Nur daß sich im Lauf der Jahre die Trauer mit der -Freude vermischt und sich in ein schmerzloses Seufzen verwandelt! So ist -es auf Erden: jede Seele wird geprüft und wird getröstet. Ich hab' mir -vorgenommen, Kinderchen, euch ein paar Wörtchen zu sagen, es ist nicht -viel,« fuhr er mit seinem stillen, wundervollen Lächeln, das ich nie -vergessen werde, fort, und plötzlich wandte er sich zu mir: »Du, Lieber, -eifere für die heilige Kirche, und wenn die Zeit ruft, so geh auch in -den Tod für sie, -- aber wart' doch, erschrick nicht, es ist das ja -nicht gleich nötig,« unterbrach er sich lächelnd. »Jetzt denkst du -vielleicht noch nicht daran, später wirst du vielleicht daran denken. -Und dann noch eines: was du auch Gutes zu tun gedenkst, das tue für -Gott, nicht aber um des Neides willen. An deinem Werk aber halt fest und -laß es dir nicht durch Kleinmut gleichviel welcher Art entwinden; -schaffe es nicht übereilt, nicht kopflos und unstet. Nun, und das ist -auch alles, was du zu hören brauchst. Es sei denn noch dies, daß du -lernst, täglich und unentwegt zu beten. Ich sage dir das nur so, -vielleicht erinnerst du dich mal daran. Ich wollte wohl auch Euch, -Andrei Petrowitsch, etwas sagen, Herr, aber Gott wird auch ohne mich -Euer Herz finden. Schon lange haben wir nicht mehr davon gesprochen, -seit damals, da dieser Pfeil mein Herz durchbohrte. Jetzt aber, wo ich -von Euch gehe, wollte ich nur daran erinnern ... was Ihr mir damals -verspracht ...« - -Die letzten Worte sagte er so leise, daß sie kaum zu verstehen waren ... - -»Makar Iwanowitsch!« stieß Werssiloff verwirrt und beunruhigt hervor und -erhob sich von seinem Stuhl. - -»Nein, nein, Herr, laßt Euch nicht verwirren, ich hab' ja nur so daran -erinnern wollen ... Die Schuld aber vor Gott trifft in dieser Sache vor -allen anderen mich; denn wenn Ihr auch mein Herr wart, so hätt' ich doch -diese Schwäche nicht zulassen sollen. Deshalb quäle auch du, Ssofja, -dein Herz nicht zu sehr, denn deine ganze Sünde ist -- meine Sünde, in -dir aber war, so denke ich mir, damals wohl nicht viel Verständnis dafür -vorhanden, und vielleicht auch in Euch, Herr, nicht viel mehr als in -ihr,« sagte er lächelnd, und seine Lippen bebten wie vor Schmerz, »und -wenn ich dich damals auch hätte belehren können, als mein Weib, und -sogar mit dem Stocke, und selbiges sogar hätte tun müssen, so tatest du -mir doch leid, als du in Tränen vor mir niederfielst und mir nichts -verheimlichtest ... und mir die Füße küßtest. Nicht um dir Vorwürfe zu -machen, spreche ich davon, sondern nur um Andrei Petrowitsch zu erinnern -... denn Ihr erinnert Euch wohl selber, Herr, Eures Versprechens und -Edelmannswortes ... und die Trauung macht alles gut ... Vor den -Kinderchen sag' ich das, Herr ...« - -Er war außerordentlich erregt und sah Werssiloff an, als erwarte er von -ihm ein zusagendes Wort. Ich wiederhole, das kam alles so unerwartet, -daß ich vor Überraschung ganz regungslos dasaß. Werssiloff war nicht -weniger erregt als Makar Iwanowitsch: er trat schweigend zu Mama und -umschlang sie fest; da ging Mama, gleichfalls schweigend, zu Makar -Iwanowitsch und verneigte sich tief vor ihm. - -Es war eine erschütternde Szene. Im Zimmer befanden sich diesmal nur -wir, nur die Familie. Selbst Tatjana Pawlowna war nicht zugegen. Lisa -hatte sich auf ihrem Stuhl eigentümlich gerade aufgerichtet und hörte -stumm zu; plötzlich stand sie auf und sagte mit fester Stimme zu Makar -Iwanowitsch: - -»Segnen Sie auch mich, Makar Iwanowitsch, in einer großen Qual! Morgen -wird sich mein Schicksal entscheiden ... beten Sie heute für mich!« - -Damit verließ sie das Zimmer. Ich weiß, daß Makar Iwanowitsch ihr ganzes -Unglück schon von Mama erfahren hatte. An diesem Abend sah ich -Werssiloff und Mama zum erstenmal zusammen: bis dahin hatte ich neben -ihm immer nur seine Sklavin gesehen. Ja, ich hatte noch ungeheuer vieles -nicht gewußt und nicht bemerkt an diesem Menschen, den ich bereits -verurteilte; so kehrte ich ganz verwirrt in mein Zimmer zurück. Und ich -muß sagen: gerade zu dieser Zeit hatten sich alle meine Bedenken und -Zweifel gegen ihn verdichtet. Noch nie war er mir so geheimnisvoll und -unverständlich erschienen wie in eben jener Zeit. Aber davon handelt ja -diese ganze Geschichte, die ich hier schreibe. - -»Nun stellt es sich heraus,« dachte ich bei mir, als ich zu Bett ging, -»daß er damals Makar Iwanowitsch sein >Edelmannswort< gegeben hat: daß -er Mama heiraten werde, sobald sie Witwe würde. Das hat er mir -verschwiegen, als er mir damals seine Unterredung mit Makar Iwanowitsch -erzählte.« - -Den ganzen folgenden Tag war Lisa nicht zu Haus, und als sie dann -ziemlich spät heimkehrte, ging sie geradeswegs zu Makar Iwanowitsch. Ich -wollte zunächst nicht hingehen, um sie nicht zu stören, doch als ich -bald darauf bemerkte, daß auch Mama und Werssiloff bei ihnen waren, ging -ich gleichfalls hinein. Lisa saß neben dem Alten und weinte an seiner -Schulter, während er mit traurigem Gesicht stumm ihren Kopf streichelte. - -Werssiloff sagte mir (nachher in meinem Zimmer), daß der Fürst auf -seinem Willen bestand und sich mit Lisa bei der ersten Möglichkeit -trauen lassen wollte, noch vor dem Urteilsspruch des Gerichts. Es fiel -Lisa schwer, einzuwilligen, obschon sie kein Recht mehr hatte, nicht -einzuwilligen. Überdies hatte Makar Iwanowitsch ihr geradezu »befohlen«, -sich trauen zu lassen. Natürlich wäre das später alles ganz von selbst -geschehen, und sie hätte sich ja zweifellos trauen lassen, auch ohne -fremden Befehl und ohne zu schwanken, aber in diesem Augenblick war sie -von dem, den sie liebte, so maßlos gekränkt und durch diese ihre Liebe -sogar in ihren eigenen Augen so erniedrigt, daß es ihr unendlich schwer -fiel, sich zu fügen. Doch außer der Kränkung war da noch ein neuer -Umstand hinzugekommen, von dem ich noch nichts ahnte und auch gar nicht -ahnen konnte. - -»Hast du es schon gehört, daß diese ganze junge Gesellschaft von der -Petersburger Seite verhaftet worden ist?« fragte Werssiloff mich -plötzlich wie beiläufig. - -»Was? Dergatschoff?« rief ich erschrocken. - -»Ja; und Wassin auch.« - -Ich war unendlich betroffen, besonders durch die Nachricht von der -Verhaftung Wassins. - -»Ja aber ist denn Wassin auch in irgend etwas verwickelt? Mein Gott, was -wird jetzt mit ihnen geschehen? Und das ausgerechnet in derselben Zeit, -da Lisa Wassin so anklagt! ... Was glauben Sie, was kann man ihnen -anhaben? Dahinter steckt Stebelkoff! Ich schwöre Ihnen, das ist -Stebelkoffs Werk!« - -»Reden wir nicht davon,« sagte Werssiloff und sah mich sonderbar an -(eben wie man einen Menschen ansieht, der nichts begreift und nichts -errät), »wer weiß es denn, was sie da haben, und wer kann es wissen, was -mit ihnen geschehen wird? Doch das war es nicht, worüber ich mit dir -sprechen wollte: ich hörte, du willst morgen ausgehen. Wirst du da nicht -auch den Fürsten Ssergei Petrowitsch besuchen?« - -»Das ist das erste, was ich vorhabe; wenn es mir auch, offen gestanden, -sehr schwer wird ... Ja wie, wollen Sie ihm durch mich etwas sagen -lassen?« - -»Nein, das nicht. Ich werde ihn selbst sehen. Lisa tut mir leid. Und was -kann ihr Makar Iwanowitsch für Ratschläge geben? Er kennt ja selbst -weder das Leben noch die Menschen. Und dann noch etwas, mein Lieber« (er -hatte lange nicht mehr »mein Lieber« zu mir gesagt), »da sind so ... ein -paar junge Leute ... von denen einer dein früherer Schulfreund Lambert -ist ... Mir scheint, das sind lauter -- große Spitzbuben ... Ich sage -das nur, um dich zu warnen ... Übrigens ist das natürlich deine Sache, -ich habe ja kein Recht ...« - -»Andrei Petrowitsch!« Ich ergriff seine Hand, ohne zu überlegen und -nahezu begeistert, wie das oft mit mir geschieht (es war fast ganz -dunkel im Zimmer). »Andrei Petrowitsch, ich habe geschwiegen, -- Sie -haben es doch gesehen, ich habe die ganze Zeit geschwiegen, und wissen -Sie, weshalb? Um Ihren Geheimnissen auszuweichen. Ich habe bei mir -beschlossen, sie niemals erfahren zu wollen. Ich bin feige und fürchte -mich davor, daß Ihre Geheimnisse Sie ganz aus meinem Herzen reißen -könnten, das aber will ich nicht. Und wenn es so ist, wozu sollten Sie -dann meine Geheimnisse kennen? Kann es denn nicht auch Ihnen ganz gleich -sein, wohin ich gehe? Ist es nicht so?« - -»Du hast recht; aber kein Wort mehr darüber, ich bitte dich!« sagte er -und verließ mein Zimmer. - -So hatten wir uns ganz unerwarteterweise doch ein wenig ausgesprochen. -Aber er hatte meine Erregung vor dem neuen Schritt ins Leben, der mir am -folgenden Tage bevorstand, nur noch verstärkt, so daß ich nachts nicht -schlafen konnte und immer wieder aufwachte. Trotzdem war mir froh -zumute. - - - III. - -Am nächsten Tage verließ ich das Haus, und obgleich es schon zehn Uhr -morgens war, bemühte ich mich, leise aufzutreten, um ungesehen -hinauszukommen, weshalb ich auch niemandem etwas von meinem Fortgehen -sagte und mich nicht verabschiedete; kurz, ich versuchte, heimlich zu -entschlüpfen. Warum ich das tat, weiß ich nicht; aber selbst wenn Mama -mich erblickt und aufgehalten hätte, würde ich ihr mit irgendeiner -Bosheit geantwortet haben. Als ich auf die Straße trat und die kalte -Luft mich berührte, erzitterte ich wie von einer ungeheuer starken -Empfindung, die geradezu tierisch war, und die ich fleischlüstern nennen -möchte. Wozu ging ich aus, wohin ging ich? Das war für mich vollkommen -unbestimmbar und zugleich war ich doch -- fleischlüstern. Und Furcht war -in mir und Seligkeit zugleich. - -»Werde ich mich heute beschmutzen oder werde ich mich nicht -beschmutzen?« fragte ich mich mutig, wenn ich auch nur zu gut wußte, daß -der für heute vorgenommene Schritt von entscheidender Bedeutung und in -meinem ganzen Leben nicht mehr ungeschehen zu machen sein würde. Doch -wozu hier in Rätseln sprechen! - -Ich ging ins Gefängnis zum Fürsten. Schon vor drei Tagen hatte ich von -Tatjana Pawlowna ein Briefchen an den Inspektor erhalten, und dieser war -infolgedessen sehr liebenswürdig zu mir. Ich weiß nicht, ob er auch -sonst ein guter Mensch war, aber das kommt ja hier nicht weiter in -Betracht; jedenfalls gestattete er mir, den Fürsten zu sprechen, und -führte mich sogar in ein Zimmer seiner Amtswohnung, wo er uns -liebenswürdig allein ließ. Das Zimmer war nicht anders, als die Zimmer -der Amtswohnung eines Beamten von diesem Rang gewöhnlich sind -- aber -auch das ist, denke ich, überflüssig hier zu beschreiben. So konnten wir -denn, der Fürst und ich, ungestört unter vier Augen sprechen. Er -erschien in einem halbmilitärischen Hausrock, in reinster Wäsche und -eleganter Halsbinde, gepflegt und frisiert, war aber furchtbar -abgemagert und ganz gelb im Gesicht. Sogar das Weiße seiner Augen war, -wie ich bemerkte, gelblich. Kurz, er sah so verändert aus, daß ich -stehen blieb und ihn ganz betroffen ansah. - -»Wie haben Sie sich verändert!« rief ich unwillkürlich aus. - -»Das macht nichts! Setzen Sie sich, lieber Freund,« sagte er, wies mit -einer fast gezierten Handbewegung auf einen Stuhl und setzte sich mir -gegenüber. »Kommen wir zur Hauptsache: Sehen Sie, mein lieber Alexei -Makarowitsch ...« - -»Arkadi,« verbesserte ich ihn. - -»Was? Ach, schon gut, einerlei ...« sagte er. »Ach so!« -- jetzt erst -wurde er sich seines Irrtums bewußt -- »Entschuldigen Sie, mein Lieber, -kommen wir zur Hauptsache ...« - -Er hatte es furchtbar eilig, auf irgendeine Hauptsache zu sprechen zu -kommen. Der ganze Mensch war nur von einem Gedanken erfüllt, den er -auszudrücken und mir zu erklären suchte. Er sprach viel und schnell, -eindringlich, mit Gefühl und lebhaften Bewegungen, aber ich konnte ihn -beim besten Willen nicht verstehen. - -»Mit einem Wort« (er hatte schon zehnmal vorher den Ausdruck, »mit einem -Wort« gebraucht) -- »mit einem Wort,« schloß er seine Rede, »wenn ich -Sie, Arkadi Makarowitsch, gestern durch Lisa dringend zu mir zu kommen -gebeten habe, so war das vielleicht gar zu beunruhigend, aber da es sich -wirklich um einen außerordentlichen und endgültigen Entschluß handelt, -so müssen wir ...« - -»Erlauben Sie, Fürst,« unterbrach ich ihn, »Sie haben mich gestern rufen -lassen? Lisa hat mir nichts davon gesagt.« - -»Was?« schrie er auf und sah mich ganz starr an vor Verwunderung und -Schreck. - -»Sie hat mir nichts davon gesagt. Gestern abend kam sie so -niedergeschlagen nach Haus, daß sie fast überhaupt kein Wort gesprochen -hat, auch mit mir nicht.« - -Der Fürst sprang vom Stuhl auf. - -»Ist das wirklich wahr, Arkadi Makarowitsch? In dem Falle ...« - -»Was ist denn dabei so Außergewöhnliches, daß Sie sich darüber so -aufregen? Sie wird es einfach vergessen haben oder ...« - -Er setzte sich wieder hin, aber er verblieb wie in einer Erstarrung. Es -war, als wäre er von der Nachricht, daß Lisa mir nichts gesagt hatte, -einfach niedergeschmettert. Plötzlich begann er wieder zu sprechen und -mit den Händen zu fuchteln, aber es war mir wieder sehr schwer, auch nur -etwas davon zu verstehen, was er eigentlich sagen wollte. - -»Passen Sie auf!« sagte er plötzlich, verstummte und hob den Finger in -die Höhe. »Passen Sie auf, das ... das ... das sind, wenn ich mich nicht -irre ... Kniffe! ...« flüsterte er mit dem Lächeln eines Blödsinnigen. -»Und das bedeutet, daß ...« - -»Gar nichts bedeutet das!« unterbrach ich ihn. »Ich begreife nicht, wie -ein so nichtssagender Umstand Sie überhaupt aufregen kann ... Ach, -Fürst, seit der Zeit, seit jener Nacht, erinnern Sie sich noch ...« - -»Seit welcher Nacht?« rief er gereizt und sichtlich geärgert darüber, -daß ich ihn unterbrochen hatte. - -»Bei Serschtschikoff, wo wir uns zum letztenmal sahen, damals, wissen -Sie noch, vor Ihrem Brief an mich. Auch damals waren Sie in einer -furchtbaren Aufregung, aber damals und jetzt -- der Unterschied ist so -groß, daß ich Angst um Sie bekomme ... oder sollten Sie vergessen -haben?« - -»Ach, ja,« sagte er in gesellschaftlich nachlässigem Tone, als erinnere -er sich zufällig, »ach, ja! An dem Abend ... Ich hörte davon ... Aber -wie steht es denn mit Ihrer Gesundheit, und wie fühlen Sie sich jetzt, -nach alledem, Arkadi Makarowitsch? ... Doch kommen wir zur Hauptsache! -Sehen Sie, ich verfolge eigentlich drei Ziele, drei Aufgaben sehe ich -vor mir, und ich ...« - -Er kam wieder auf seine »Hauptsache« zu sprechen. Ich begriff endlich, -daß ich einen Menschen vor mir hatte, dem man zum mindesten ein in Essig -getauchtes Handtuch um den Kopf legen mußte, falls man ihn nicht zur -Ader lassen konnte. Sein ganzes zusammenhangsloses Gerede drehte sich -natürlich um den Prozeß und den voraussichtlichen Ausgang desselben; er -sprach auch davon, daß sein Regimentskommandeur ihn besucht und ihm -dringend von irgend etwas abgeraten hätte, er aber hätte nicht auf ihn -gehört -- dies bezog sich auf ein Schreiben, das von ihm soeben -eingereicht worden war, und das irgend etwas mit dem Staatsanwalt zu tun -hatte; ferner sprach er davon, daß man ihm alle Rechte nehmen und wohl -irgendwohin, nach den nördlichsten Provinzen Rußlands verbannen werde; -er sprach von der Möglichkeit, Kolonist zu werden oder in Taschkent sich -wieder heraufzudienen, und davon, was für Lehren er seinem Sohne (dem -erwarteten Sohne von Lisa) auf den Lebensweg mitgeben wolle -- »dort in -der Einöde bei Archangelsk oder Cholmogory«. »Ich wollte Ihre Meinung -hören, Arkadi Makarowitsch, glauben Sie mir, ich lege so viel Wert auf -das Gefühl ... Wenn Sie wüßten, wenn Sie wüßten, Arkadi Makarowitsch, -mein Lieber, mein Bruder, was Lisa für mich bedeutet, was sie für mich -hier bedeutet hat, jetzt in dieser Zeit!« rief er auf einmal und faßte -sich mit beiden Händen an den Kopf. - -»Ssergei Petrowitsch, wollen Sie sie denn wirklich zugrunde richten und -sie mitnehmen? ... Nach Cholmogory!« entfuhr es mir plötzlich -unvorsichtigerweise. - -Das Schicksal Lisas, die nun ewig an diesen Maniaken gebunden war, kam -mir da plötzlich klar zu Bewußtsein -- zum erstenmal. Er sah mich an, -erhob sich von neuem, tat ein paar Schritte, kehrte aber um und setzte -sich wieder, ohne die Hände, die er an seinen Kopf preßte, sinken zu -lassen. - -»Mir träumt immer von Spinnen!« sagte er plötzlich. - -»Sie sind schrecklich aufgeregt, Fürst; ich rate Ihnen, sich ins Bett zu -legen und den Doktor holen zu lassen.« - -»Nein, erlauben Sie, das kommt später. Ich habe Sie hauptsächlich -deshalb zu mir gebeten, um Ihnen alles über die Trauung mitzuteilen. Die -Trauung, wissen Sie, wird hier in der Kirche stattfinden, ich habe alles -schon besprochen. Die Erlaubnis ist auch schon erteilt, und man redet -mir sogar zu ... Was Lisa betrifft, so ...« - -»Fürst, haben Sie doch Erbarmen mit Lisa,« rief ich -- »quälen Sie sie -doch nicht so mit Ihrer unsinnigen Eifersucht, wenigstens nicht jetzt!« - -»Was!« schrie er auf und sah mich mit hervorquellenden Augen unbeweglich -an, und sein ganzes Gesicht verzerrte sich zu einem breiten, sinnlos -fragenden Lächeln. Ersichtlich hatte das Wort »Eifersucht« einen -schrecklichen Eindruck auf ihn gemacht. - -»Verzeihen Sie, Fürst, das ist mir nur so entschlüpft. Oh, Fürst, ich -habe in der letzten Zeit einen alten Mann kennen gelernt, meinen -namentlichen Vater ... Oh, wenn Sie mit ihm sprechen könnten, Sie würden -bestimmt ruhiger werden ... Auch Lisa schätzt ihn sehr ...« - -»Ach ja, Lisa ... ach so, das ist ihr Vater? Oder ... _pardon, mon -cher_,{[76]} so etwas Ähnliches ... Ich weiß ... sie sagte mir ... ein -alter Mann ... Ich bin überzeugt davon, überzeugt. Ich habe auch einmal -solch einen Alten gekannt ... _Mais, passons._{[77]} Die Hauptsache ist, -daß man, um das ganze innere Wesen der gegenwärtigen Lage sich -klarzumachen, daß man, wie gesagt ...« - -Ich erhob mich, um fortzugehen, denn es schmerzte mich zu sehr, ihn so -zu sehen. - -»Ich verstehe nicht!« sagte er streng und mit anmaßender Miene, als er -sah, daß ich schon aufbrechen wollte. - -»Mir tut es weh, Sie so zu sehen,« sagte ich. - -»Arkadi Makarowitsch, ein Wort, nur noch ein Wort!« Er ergriff mich -plötzlich an den Schultern, aber mit einem ganz anderen Ausdruck im -Gesicht und in den Gebärden, und drückte mich wieder auf den Stuhl. -»Haben Sie schon gehört von diesen, Sie verstehen schon?« ... Er beugte -sich über mich. - -»Ach, ja, Dergatschoff! Das ist sicherlich eine Machenschaft von -Stebelkoff!« rief ich unüberlegt. - -»Ja, Stebelkoff, und ... wissen Sie noch nichts?« - -Er brach plötzlich ab, und wieder sah er mich mit diesen hervortretenden -Augen an und mit diesem krampfhaften, sinnlos fragenden Lächeln, das -langsam immer breiter wurde. Sein Gesicht erblaßte mehr und mehr. Und -plötzlich durchzuckte mich etwas: mir fiel Werssiloffs Blick ein, mit -dem er mir gestern die Verhaftung Wassins mitgeteilt hatte. - -»Oh, ist es denn möglich?« rief ich erschrocken aus. - -»Sehen Sie, Arkadi Makarowitsch, weshalb ich Sie gerufen habe: um Ihnen -zu erklären ... ich wollte ...« flüsterte er hastig. - -»Sie haben Wassin angezeigt?« schrie ich. - -»Nein, sehen Sie, es war da ein Manuskript. Wassin hatte es Lisa am -letzten Tage gegeben ... damit sie es aufbewahre. Sie ließ es mir hier, -da ich es durchlesen wollte, und am nächsten Tage verzankten sie sich -...« - -»_Sie_ sind es, der das Manuskript der Polizei ausgeliefert hat!« - -»Arkadi Makarowitsch, Arkadi Makarowitsch ...« - -»Und da haben Sie,« schrie ich stockend, indem ich aufsprang, »und da -haben Sie, ohne einen Grund, ohne einen Zweck, den unglücklichen Wassin -angezeigt, nur weil er Ihr -- _Nebenbuhler_ ist! Nur aus Eifersucht -haben Sie das Manuskript, _das Lisa anvertraut war_, ausgeliefert! ... -An wen? An den Staatsanwalt?« - -Er kam nicht dazu, mir zu antworten, und er hätte mir auch schwerlich -etwas erwidern können -- er stand vor mir wie ein Götzenbild, immer noch -mit demselben krankhaften Lächeln und demselben starren Blick -- -plötzlich öffnete sich die Tür und Lisa trat herein. Sie fiel fast in -Ohnmacht, als sie uns beide zusammen sah. - -»Du hier. Du bist hier?« rief sie mit verzerrtem Gesicht und ergriff -mich am Arm. »So ... weißt du's schon?« - -Sie ersah aus meinem Gesicht, daß ich es bereits »wußte«. Ich umfing sie -schnell und hielt sie krampfhaft umschlungen! Und erst in diesem -Augenblick überwältigte mich die ganze Erkenntnis, was für ein -unentrinnbarer, hoffnungsloser Kummer für immer über dem Schicksal -dieser ... freiwilligen Märtyrerin lag. - -»Kann man denn jetzt überhaupt mit ihm reden?« rief sie und entwand sich -mir plötzlich. »Wie kann man ihn denn jetzt beunruhigen? Warum bist du -hier? Sieh ihn doch nur an, sieh ihn doch an! Und wie darf man, wie darf -man ihn denn verurteilen?« - -Unendlicher Schmerz und unendliches Mitleid sprachen aus ihrem Gesicht, -als sie das ausrief und auf ihn wies. Er saß im Lehnstuhl, das Gesicht -in den Händen vergraben. Und sie hatte recht: es war ein Mensch im -Fieberdelirium, den man für nichts verantwortlich machen konnte. Noch an -demselben Tage wurde er ins Lazarett gebracht, und am Abend ließ sich -bereits eine schwere Gehirnentzündung feststellen. - - - IV. - -Vom Fürsten, den ich mit Lisa zurückließ, fuhr ich gegen ein Uhr mittags -in meine frühere Wohnung. Ich habe vergessen, zu erwähnen, daß der Tag -feucht und trübe war, mit beginnendem Tauwetter und warmem Wind, der -selbst einem Elefanten auf die Nerven gegangen wäre. Mein Wirt empfing -mich mit unendlicher Freude, sehr viel Worten und lebhaften Gebärden, -was ich gerade in solchen Augenblicken nicht ausstehen kann. Ich -begrüßte ihn trocken und begab mich geradeswegs in mein Zimmer, aber er -folgte mir dorthin, und wenn er mich auch nicht mit Fragen zu belästigen -wagte, so sah ich doch, wie seine Augen vor Neugier glänzten, und dabei -machte er ein Gesicht, als hätte er das größte Recht, neugierig zu sein. -Ich mußte mich schon im eigenen Interesse höflich zu ihm verhalten: -obgleich ich unbedingt von ihm etwas erfahren wollte (und ich wußte, daß -ich es erfahren würde), war es mir doch ekelhaft, sogleich mit dem -Ausfragen zu beginnen. Ich erkundigte mich nach der Gesundheit seiner -Frau, und wir gingen zu ihr hinüber. Sie empfing mich, wenn auch -höflich, so doch sehr wortkarg und anscheinend gelangweilt; das -versöhnte mich einigermaßen; dennoch erfuhr ich an diesem Tage die -wunderlichsten Neuigkeiten. - -Natürlich war Lambert dagewesen; und nachher war er noch zweimal -gekommen, um sich »alle Zimmer anzusehen« -- unter dem Vorwande, eines -mieten zu wollen. Auch Darja Onissimowna war ein paarmal erschienen, -Gott weiß warum; »sie hat sich für alles sehr interessiert,« fügte mein -Wirt hinzu. Aber ich tat ihm nicht den Gefallen, zu fragen, wofür sie -sich denn interessiert hatte. Überhaupt fragte ich ihn nichts: er -erzählte von selbst, und ich tat, als krame ich in meinem Koffer (in dem -sich fast nichts mehr befand). Aber ärgerlich war, daß auch er bald den -Geheimnisvollen zu spielen begann: als er bemerkte, daß ich ihn nicht -ausfragen wollte, fühlte er sich wohl verpflichtet, auch seinerseits -wortkarg zu sein. - -»Das Fräulein war auch da,« bemerkte er so nebenbei und sah mich -sonderbar an. - -»Was für ein Fräulein?« - -»Anna Andrejewna; zweimal war sie hier; mit meiner Frau hat sie -Bekanntschaft geschlossen. Eine sehr angenehme, eine reizende Dame. Eine -solche Bekanntschaft kann man nicht hoch genug einschätzen, Arkadi -Makarowitsch ...« - -Er kam mir noch um zwei Schritte näher, als er das sagte: er wollte gar -zu gern, daß ich ihn verstünde. - -»Wirklich zweimal?« fragte ich erstaunt. - -»Das zweitemal ist sie mit ihrem Bruder gekommen.« - -Wohl mit Lambert! dachte ich unwillkürlich. - -»Nein, nicht mit Herrn Lambert,« sagte er, der sofort meinen Gedanken -erraten hatte, als wäre er mit seinen Augen in meine Seele eingedrungen. -»Sie kam mit ihrem richtigen Bruder, mit dem jungen Herrn Werssiloff. -Kammerjunker ist er, glaub' ich.« - -Ich war bestürzt; er beobachtete mich mit einem sehr schlauen Lächeln. - -»Ach, und dann war da noch jemand und fragte nach Ihnen -- das Fräulein, -die Französin, Fräulein Alphonsine de Verdaigne. Wie schön sie singen -kann, und auch Verse deklamiert sie wunderbar! Sie ist heimlich zum -Fürsten Nikolai Iwanowitsch nach Zarskoje hinausgefahren, um ihm einen -seltenen kleinen Hund zu verkaufen, einen schwarzen, das ganze Tierchen -nicht größer als meine Faust ...« - -Ich bat ihn, mich allein zu lassen, und entschuldigte mich damit, daß -ich Kopfschmerzen hätte. Er kam meinem Wunsch sofort nach, beendete -nicht einmal seinen Satz und war nicht im geringsten beleidigt, ja, fast -mit Befriedigung winkte er geheimnisvoll mit der Hand, als wollte er -sagen: »Verstehe, verstehe schon,« und wenn er das auch nicht aussprach, -so machte er sich doch das Vergnügen, mein Zimmer auf den Fußspitzen zu -verlassen. Es gibt schon Leute auf der Welt, über die man sich ärgern -kann. - -So saß ich allein wohl anderthalb Stunden lang und dachte nach, und doch -dachte ich eigentlich gar nichts, sondern war nur in Gedanken. Ich war -erregt, dabei aber nicht im geringsten verwundert. Ich hatte sogar viel -mehr und noch viel größere Wunder erwartet. »Vielleicht haben sie -inzwischen auch schon welche zustande gebracht,« dachte ich bei mir. Ich -war ja längst, schon zu Hause, fest davon überzeugt gewesen, daß ihre -Maschine bereits aufgezogen und in vollem Gange war. »Nur ich fehle -ihnen noch,« dachte ich wieder bei mir und empfand eine aufregende und -angenehme Selbstzufriedenheit. Daß sie mich mit größter Spannung -erwarteten und in meiner Wohnung etwas ausrichten wollten -- war so klar -wie der Tag. »Ob nicht gar die Trauung des alten Fürsten? Um ihn herum -ist ja ein ganzes Kesseltreiben. Nur fragt es sich, ob ich das zulassen -werde, meine Herren?« schloß ich wieder mit überlegenem -Selbstbewußtsein. - -»Aber wenn ich mich überhaupt darauf einlasse, so werde ich doch sofort -wieder wie ein Strohhalm in den Strudel hineingerissen werden. Bin ich -wenigstens jetzt noch frei, oder bin ich schon nicht mehr frei? Kann ich -heute, wenn ich nach Hause zurückkehre, meiner Mutter noch sagen, wie -ich alle diese Tage gesagt habe: >Ich gehöre nur mir selbst an?<« - -Das war das Grundmotiv meiner Fragen, oder besser gesagt, meines -Herzklopfens, während ich die anderthalb Stunden auf dem Bette saß, die -Ellbogen auf die Knie gestützt, den Kopf in den Händen. Und ich wußte -doch, ich wußte schon damals, daß alle diese Fragen vollkommen belanglos -waren, und daß nur sie es war, die mich zu ihnen hinzog -- nur sie, nur -sie allein. Da habe ich es nun endlich ausgesprochen und schwarz auf -weiß zu Papier gebracht; denn auch jetzt, da ich es hinschreibe, ein -Jahr nachher, weiß ich nicht, welchen Namen ich meinem Gefühl von damals -geben soll! - -Oh, selbstverständlich tat Lisa mir leid, und in meinem Herzen brannte -ein ungeheuchelter Schmerz um sie! Und ich glaube, nur dieses -Schmerzgefühl vermochte wenigstens zeitweise die Fleischlüsternheit (ich -bleibe bei dieser Bezeichnung) in mir zu beruhigen oder zurückzudrängen. -Aber eine grenzenlose Neugier, ein Grauen riß mich fort und dann noch -ein gewisses Gefühl -- ich weiß nicht, was für eins; aber ich weiß -jetzt, und das wußte ich schon damals, daß es kein gutes Gefühl war. -Vielleicht hatte ich das Verlangen, mich _ihr_ zu Füßen zu werfen, -vielleicht aber wollte ich sie allen Qualen ausliefern, um ihr irgend -etwas »schneller, schneller« zu beweisen. Davon konnte mich kein Schmerz -um Lisa und kein Mitleid um meine Schwester zurückhalten. Nun, und wie -hätte ich da noch aufstehen und heimgehen können zu ... Makar -Iwanowitsch? - -»Aber wäre es denn nicht möglich, zu ihnen zu gehen, nur um alles von -ihnen zu erfahren, und sie dann -- auf immer zu verlassen, ohne mich von -irgendwelchen Wundern oder Ungeheuern anfechten zu lassen?« - -Es war drei Uhr, als ich mich endlich aufraffte und mir sagte, daß ich -mich beinahe schon verspätet hatte; ich eilte hinaus, nahm eine Droschke -und fuhr zu Anna Andrejewna. - - - Fünftes Kapitel. - - - I. - -Als man mich Anna Andrejewna meldete, warf sie sofort ihre Näharbeit hin -und kam mir eilig ins erste Zimmer entgegen, -- was früher nie geschehen -war. Sie reichte mir beide Hände und errötete. Schweigend führte sie -mich in ihr Zimmer, setzte sich wieder an ihre Handarbeit und wies auf -einen Stuhl ihr gegenüber. Aber die Arbeit nahm sie nicht wieder auf, -sondern sah mich mit glühender, lebhafter Teilnahme an, ohne ein Wort zu -sagen. - -»Sie haben Darja Onissimowna zur mir geschickt,« begann ich ohne -Umschweife, ein wenig bedrückt durch ihre so auffallend gezeigte -Teilnahme, obgleich diese mir doch auch schmeichelte. - -Da begann sie plötzlich zu sprechen, ohne auf meine Frage einzugehen. - -»Ich habe alles gehört, ich weiß alles. Diese schreckliche Nacht ... Oh, -wie müssen Sie gelitten haben! Ist es denn wahr, wirklich wahr, daß man -Sie besinnungslos, halb erfroren, gefunden hat?« - -»Das hat Ihnen ... Lambert ...« murmelte ich und errötete. - -»Ich habe gleich damals alles durch ihn erfahren; und ich habe auf Sie -gewartet. Oh, ganz erschrocken kam er zu mir, um mir alles zu erzählen. -In Ihrer Wohnung ... dort, wo Sie krank lagen, hat man ihn nicht zu -Ihnen gelassen ... und hat ihn überhaupt sehr sonderbar empfangen ... -Ich weiß zwar nicht genau, wie sich alles zugetragen hat, aber er hat -mir viel von dieser Nacht erzählt: er erzählte mir auch, daß Sie, als -Sie kaum zu sich gekommen waren, sogleich von mir gesprochen haben und -... und von Ihrer Ergebenheit für mich. Ich war zu Tränen gerührt, -Arkadi Makarowitsch, ich weiß nicht einmal, wodurch ich diese Ihre -glühende Anteilnahme verdient habe, und noch in der Lage, in der Sie -sich selbst damals befanden! Sagen Sie, dieser Herr Lambert ist Ihr -Jugendfreund?« - -»Ja, aber bei diesem Wiedersehen ... ich muß gestehen, war ich etwas -unvorsichtig und habe ihm vielleicht etwas zuviel vertraut.« - -»Oh, von dieser schrecklichen Intrige hätte ich auch ohne ihn erfahren! -Ich habe schon längst vorausgesehen, daß diese Menschen Sie so weit -bringen würden. Sagen Sie, ist es wahr, daß Bjoring gewagt hat, seine -Hand gegen Sie zu erheben?« - -Sie tat so, als wäre ich damals nur durch Bjoring und »_sie_« in jene -Verfassung an der Mauer gekommen. Und sie hat recht, dachte ich, aber -ich brauste doch auf: - -»Wenn er gegen mich die Hand erhoben hätte, so wäre er ungezüchtigt -nicht davongekommen, und ich würde jetzt nicht ungerächt so vor Ihnen -sitzen,« erwiderte ich heftig. Ich fühlte, daß sie mich zu irgend etwas -reizen, gegen irgend jemand hetzen wollte (es war mir übrigens klar, -gegen wen); und doch fiel ich darauf herein. - -»Wenn Sie sagen, Sie hätten es vorausgesehen, daß man mich _so weit_ -bringen werde, so war das von seiten Katerina Nikolajewnas -selbstverständlich nur ein Zweifeln an mir ... allerdings ist es wahr, -daß ihr Vertrauen sich etwas zu schnell in dieses Mißtrauen verwandelt -hat ...« - -»Ja, _gar_ zu schnell, das ist es ja eben!« griff Anna Andrejewna mit -überschwänglichem Mitgefühl meine Behauptung auf. »Oh, wenn Sie wüßten, -was sie jetzt dort für Intrigen spinnen! Freilich, Arkadi Makarowitsch, -Ihnen dürfte es schwer fallen, die ganze Peinlichkeit meiner Lage zu -begreifen,« sagte sie errötend und schlug die Augen nieder. »Inzwischen -habe ich -- nach jenem Vormittag, als wir uns zum letztenmal sahen -- -habe ich einen Schritt getan, den nicht ein Jeder so verstehen kann, wie -ihn ein Mensch von Ihrem reinen Verstande und mit Ihrem liebevollen, -unverdorbenen und frischen Herzen zu verstehen vermag. Seien Sie -überzeugt, mein Freund, daß ich Ihre Ergebenheit mir gegenüber zu -schätzen weiß und sie Ihnen mit ewiger Dankbarkeit lohnen werde. Die -Gesellschaft wird natürlich den Stein gegen mich erheben, sie hat es ja -schon getan. Und selbst wenn sie recht hätte, von ihrem niedrigen -Standpunkte aus, wer kann, wer darf selbst in diesem Fall mich -verurteilen? Ich bin seit meiner Kindheit von meinem Vater verlassen; -wir Werssiloffs sind ein altes vornehmes Geschlecht, und doch sind wir -Kinder Heimatlose, und ich esse fremdes Gnadenbrot. Ist es da nicht -natürlich, daß ich mich an den gewandt habe, der mir seit meiner -Kindheit den Vater ersetzt hat, und dessen Güte ich soviel verdanke? -Meine Gefühle für ihn kennt nur Gott, er mag sie richten, doch den -Urteilsspruch der Welt über mich erkenne ich nicht an! Und wenn nun noch -die hinterlistigsten Intrigen gesponnen werden, und die eigene Tochter -ihren vertrauensvollen und großmütigen Vater ins Unglück stürzen will, -ja, darf man dann noch zögern? Nein, und wenn es mich auch meinen Ruf -kostet, ich rette ihn! Ich bin bereit, einfach als Pflegerin bei ihm zu -leben, seine Wärterin, seine Krankenschwester zu sein, doch niemals -werde ich zulassen, daß die kalte und niedrige Berechnung der Welt -triumphiert!« - -Sie sprach in großer Erregung, und obschon diese Erregung zur Hälfte -vielleicht gemacht war, so war sie insofern doch ehrlich, als man aus -allem ersah, wie weit sie schon in diese ganze Sache hineingezogen war. -Oh, ich fühlte es, daß sie log, wenn sie auch ehrlich log (denn man kann -auch ehrlich lügen), und daß sie in diesem Augenblick schlecht handelte; -aber es ist sonderbar, wie das einem so mit den Frauen ergeht: diese -scheinbare Anständigkeit, diese feinen Formen, diese unerreichbare -gesellschaftliche Vornehmheit und stolze Keuschheit -- alles das brachte -mich aus der Fassung, und ich begann, ihr in allem recht zu geben, das -heißt, solange ich bei ihr war; wenigstens konnte ich mich nicht -entschließen, ihr zu widersprechen. Oh, ein Mann befindet sich -entschieden in moralischer Abhängigkeit von der Frau, besonders wenn er -großmütig ist! So eine Frau kann einen großmütigen Mann alles glauben -machen. »Sie und Lambert -- du lieber Gott!« dachte ich und sah sie -ungläubig an. Übrigens, um alles zu sagen: ich bin auch heutigentags -nicht imstande, mir über sie ein Urteil zu bilden: ihre wahren Gefühle -konnte wirklich nur Gott allein kennen, und außerdem ist der Mensch eine -so komplizierte Maschine, daß man in manchen Fällen wirklich nichts von -ihm verstehen kann: und nun gar, wenn dieser Mensch -- eine Frau ist! - -»Anna Andrejewna, was erwarten Sie nun eigentlich von mir?« fragte ich -sie aber doch ziemlich entschlossen. - -»Wieso? Was wollen Sie damit gesagt haben, Arkadi Makarowitsch?« - -»Mir scheint nach allem ... und noch einigen anderen Erwägungen ...« -erklärte ich befangen, »daß Sie nach mir geschickt haben, weil Sie etwas -von mir erwarteten; um was handelt es sich?« - -Sie fing sofort wieder zu sprechen an, ohne jedoch auf meine Frage zu -antworten, und sprach wieder so schnell und lebhaft wie zuvor. - -»Ich kann nicht, ich bin zu stolz, um auf Auseinandersetzungen und -Abmachungen mit unbekannten Personen, wie dieser Herr Lambert, -einzugehen. Ich habe auf Sie gewartet, nicht auf Herrn Lambert. Meine -Lage ist einfach furchtbar, Arkadi Makarowitsch! Ich muß Winkelzüge -machen, weil ich von Spionen dieser Frau umgeben bin, -- und das ist -unerträglich. Ich habe mich fast bis zu Intrigen erniedrigen müssen und -habe auf Sie gewartet wie auf meinen Retter. Man kann es mir nicht -verdenken, daß ich mich unter diesen Umständen nach einem Freunde -umschaue, und wie sollte ich mich nicht glücklich schätzen, daß ich so -einen Freund habe: wer in einer Nacht, da er selbst halb erfroren -aufgefunden wird, noch meinen Namen nennt, der muß mir doch ergeben -sein! Das habe ich mir die ganze Zeit immer wieder gesagt, und deshalb -habe ich auch meine ganze Hoffnung auf Sie gesetzt.« - -Sie sah mir mit ungeduldig fragendem Ausdruck in die Augen. Und siehe -da, mir fehlte wieder der Mut, ihr den Glauben zu nehmen und ihr -geradeaus zu erklären, daß Lambert sie betrogen, und daß ich ihm -durchaus nicht gesagt hatte, ich sei ihr so sehr ergeben, geschweige -denn, daß ich »nur ihren Namen« auf den Lippen gehabt hätte. Mit meinem -Schweigen aber unterstützte ich gewissermaßen Lamberts Lüge. Oh, ich bin -fest davon überzeugt, daß sie dabei nur zu gut wußte, daß Lambert alles -übertrieben und sie einfach belogen hatte, einzig und allein, um einen -Vorwand zu haben, bei ihr zu erscheinen und die Beziehung zu ihr -aufrechtzuerhalten; und wenn sie mir nun so in die Augen sah, als wäre -sie wirklich von dem Gesagten und von meiner Ergebenheit überzeugt, so -wußte sie eben, daß ich es nicht wagen würde, ihrer Annahme zu -widersprechen, einerseits aus Zartgefühl und andererseits infolge meiner -jugendlichen Schüchternheit. Übrigens, ob ich mit dieser Vermutung recht -habe oder nicht -- das weiß ich nicht. Vielleicht bin ich nur -schrecklich verdorben. - -»Mein Bruder wird für mich eintreten,« sagte sie plötzlich erregt, als -sie sah, daß ich keine Antwort geben wollte. - -»Man sagte mir, Sie seien mit ihm in meiner Wohnung gewesen,« stammelte -ich verwirrt. - -»Aber der unglückliche Fürst Nikolai Iwanowitsch kann sich ja -nirgendwohin mehr retten, vor dieser ganzen Intrige, oder richtiger, vor -seiner eigenen Tochter, als in Ihre Wohnung, das heißt, in die Wohnung -seines Freundes; denn er hat doch wohl das Recht, Sie wenigstens für -seinen Freund zu halten! ... Und dann, wenn Sie etwas für ihn tun -wollen, so tun Sie es, wofern in Ihnen soviel Großmut und -- Kühnheit -ist ... und wenn Sie für ihn _wirklich etwas tun können_. Oh, nicht um -meinetwillen, nicht für mich, sondern für ihn, für den unglücklichen -alten Mann, der Sie wirklich aufrichtig liebt, der Sie von ganzem Herzen -wie seinen eigenen Sohn liebt, und der sich auch heute noch nach Ihnen -sehnt! Für mich erwarte ich gar nichts, auch nicht von Ihnen -- hat doch -selbst mein eigener Vater mir einen so hinterlistigen, so boshaften -Streich gespielt!« - -»Ich glaube, Andrei Petrowitsch ...« begann ich. - -»Andrei Petrowitsch,« unterbrach sie mich mit bitterem Hohnlächeln, -»Andrei Petrowitsch hat mir damals auf meine offene Frage ehrenwörtlich -versichert, daß er niemals die geringste Absicht auf Katerina -Nikolajewna gehabt habe, was ich ihm auch glaubte, als ich meinen -Schritt tat; indessen dauerte dieser Verzicht nur so lange, bis er die -erste Nachricht von einem gewissen Herrn Bjoring erfuhr.« - -»Das ist nicht so zu verstehen,« rief ich, »es hat einen Augenblick -gegeben, wo auch ich an seine Liebe zu dieser Frau glaubte -- aber das -ist es nicht ... Ja, und selbst wenn es der Fall gewesen wäre, so kann -er doch jetzt ganz beruhigt sein ... da dieser Herr ja schon -verabschiedet worden ist.« - -»Welcher Herr?« - -»Bjoring.« - -»Wer hat Ihnen denn das gesagt? Vielleicht hat dieser Herr noch niemals -so viel Einfluß gehabt, wie eben jetzt,« lachte sie boshaft; mir schien -sogar, daß sie mich dabei spöttisch und scharf beobachtete. - -»Mir sagte es Darja Onissimowna,« stammelte ich in einer Verwirrung, die -zu verbergen ich nicht imstande war, und die sie nur zu gut bemerkte. - -»Darja Onissimowna ist ja eine sehr nette Person, und natürlich kann ich -ihr nicht verbieten, mich zu lieben, aber sie hat gar keine Mittel, -etwas zu erfahren, was sie nicht zu wissen braucht.« - -Mein Herz krampfte sich zusammen; und wenn sie beabsichtigt hatte, -meinen Unwillen zu entflammen, so war ihr das allerdings gelungen, da es -in mir heiß zu sieden begann, nur war es nicht Unwille über _jene_ Frau, -sondern Unwille über sie, Anna Andrejewna, selbst. Ich erhob mich. - -»Als anständiger Mensch muß ich Sie im voraus darauf aufmerksam machen, -daß Ihre Erwartungen ... in bezug auf mich ... sich als _sehr_ hinfällig -erweisen können ...« - -»Ich erwarte von Ihnen, daß Sie für mich eintreten,« sagte sie und sah -mich fest an, »für mich, die ich von allen verlassen bin ... für Ihre -Schwester, wenn Sie es wollen, Arkadi Makarowitsch.« - -Einen Augenblick noch, und sie hätte zu weinen angefangen. - -»Nun, dann erwarten Sie lieber nichts von mir, weil ich Sie _vielleicht_ -enttäuschen könnte,« stammelte ich in unsäglicher Pein. - -»Wie soll ich Ihre Worte verstehen?« fragte sie mich ganz zaghaft. - -»Einfach, daß ich von ihnen allen fortgehe und -- damit basta!« rief ich -plötzlich voller Wut -- »und das _Dokument_ -- zerreiße ich. Leben Sie -wohl.« - -Ich verbeugte mich vor ihr und ging schweigend hinaus, dabei wagte ich -kaum, sie anzusehen; aber ich war noch nicht die Treppe -hinuntergegangen, als Darja Onissimowna mich einholte und mir ein -zweimal zusammengefaltetes Blatt Briefpapier überreichte. Woher diese -Darja Onissimowna plötzlich kam, und wo sie sich während meiner -Unterredung mit Anna Andrejewna befunden hatte, -- weiß ich nicht. Sie -sagte mir kein Wort, übergab mir nur das Papier und lief wieder zurück. -Ich entfaltete das Blatt: auf ihm stand nichts weiter als Lamberts -Adresse, die offenbar schon vor einiger Zeit geschrieben war. Ich -erinnerte mich plötzlich, daß ich damals, als Darja Onissimowna bei mir -gewesen war, ihr gesagt hatte, ich wüßte nicht, wo Lambert wohne, aber -natürlich in dem Sinne, daß ich die Wohnung auch gar nicht wissen -wollte. Inzwischen aber hatte ich die Adresse Lamberts schon durch Lisa -erhalten, die ich gebeten hatte, sich im Adreßbüro zu erkundigen. Dieser -Schachzug Anna Andrejewnas erschien mir denn doch schon zu -rücksichtslos, ja, sogar zynisch: ungeachtet meiner Weigerung, ihr zu -helfen, schickte sie mich nun einfach zu Lambert. Mir wurde nur zu klar, -daß sie den Inhalt des Dokumentes kannte -- und durch wen hätte sie den -erfahren können, wenn nicht durch Lambert, zu dem sie mich jetzt sandte, -damit es zwischen uns zu einer Vereinbarung käme! - -»Sie halten mich ja alle, ohne Ausnahme, für einen dummen Jungen, der -weder eigenen Willen noch Charakter hat, und mit dem man machen kann, -was man nur will!« dachte ich empört. - - - II. - -Doch ungeachtet meiner ganzen Empörung über Anna Andrejewna begab ich -mich sogleich zu Lambert. Wohin hätte ich auch mit meiner Neugier gehen -sollen? Lambert wohnte, wie sich zeigte, sehr weit: in der »Schiefen -Querstraße«, in der Nähe des Sommergartens, immer noch in jenem -möblierten Zimmer; aber damals, als ich ihm davongelaufen und nach Haus -gefahren war, hatte ich so wenig auf den Weg geachtet, daß ich, als ich -vor vier Tagen seine Adresse durch Lisa erhalten hatte, sehr erstaunt -gewesen war und es kaum hatte glauben wollen, daß er dort wohne. Als ich -die Treppe zum dritten Stock hinaufstieg, bemerkte ich vor der Tür zwei -junge Leute; ich dachte, sie hätten bereits geklingelt und warteten nun -darauf, daß ihnen geöffnet werde. Während ich hinaufstieg, standen sie -beide mit dem Rücken gegen die Tür und musterten mich aufmerksam. »Hier -sind ja mehrere möblierte Zimmer, sie werden wohl einen anderen Mieter -besuchen wollen,« dachte ich stirnrunzelnd; denn es wäre mir sehr -unangenehm gewesen, bei Lambert noch irgend jemand anzutreffen. Ich -bemühte mich, sie nicht anzusehen und streckte die Hand nach der Klingel -aus. - -»_Attendez!_«{[78]} rief mir der eine zu. - -»Ach bitte, warten Sie noch etwas mit dem Klingeln,« sagte mit heller -und freundlich bittender Stimme der andere junge Mann -- er hatte die in -unserer höheren Gesellschaft übliche schleppende Sprechweise. »Wir -werden gleich fertig sein, und dann klingeln wir zusammen, ist es Ihnen -recht?« - -Ich zog meine Hand zurück. Beide waren sie junge Leute von zwanzig bis -zweiundzwanzig Jahren; sie beschäftigten sich dort an der Tür mit etwas -sehr Sonderbarem und ich schaute ihnen mit Verwunderung zu. Derjenige, -der »_attendez_« gerufen hatte, war ein auffallend langer Bursche, mager -und offenbar blutarm, aber sehr muskulös, mit einem für seine Größe viel -zu kleinen Kopf, dessen leicht pockennarbiges, gar nicht so dummes, ja -sogar sympathisches Gesicht einen eigentümlichen, komisch-finsteren -Ausdruck hatte. In seinem Blick lag, ich möchte sagen, etwas übertrieben -Scharfsinniges und eine unnötige Entschlossenheit. Er war sehr schlecht -angezogen: sein alter wattierter Mantel mit dem schäbigen kleinen -Waschbärkragen war viel zu kurz für einen so langen Menschen und -offenbar nicht für ihn gemacht; dazu hatte er schlechte, fast bäurische -Stiefel und auf dem Kopf einen schrecklich struppigen, schon bräunlich -gewordenen Zylinder. Man sah ihm sofort den liederlichen Menschen an: -seine unbehandschuhten Hände waren unsauber, die langen Nägel hatten -Trauerränder. Sein Kamerad dagegen war tadellos gekleidet, soweit man -nach seinem leichten Marderpelz, dem eleganten Hut und den neuen hellen -Handschuhen urteilen konnte, in denen seine schlanken Hände staken; dem -Wuchs nach war er ungefähr von meiner Größe und sein frisches -jugendliches Gesicht hatte einen äußerst sympathischen Ausdruck. - -Der lange Bursche riß sich seine Krawatte vom Halse -- ein vollkommen -verschlissenes und schmieriges Band, das fast schon zur Schnur -zusammengerollt war; und der hübsche Junge zog aus seiner Tasche eine -neue, wohl soeben gekaufte schwarze Krawatte, die er dem Langen -umzubinden versuchte, der gehorsam und mit furchtbar ernstem Gesicht -seinen langen Hals ihm entgegenreckte, während er seinen Mantel von den -Schultern zurückgeschlagen hielt. - -»Nein, das geht doch nicht, wenn das Hemd so schmutzig ist,« sagte der -andere, »so wird der Eindruck um garnichts besser, es sieht sogar noch -schmutziger aus. Ich hab' dir doch gesagt, du sollst dir einen reinen -Kragen umlegen. Wie soll ich das jetzt binden ... Können Sie es -vielleicht?« wandte er sich plötzlich an mich. - -»Was?« fragte ich. - -»Ihm diese Krawatte umbinden? Sehen Sie, man muß sie irgendwie so -umbinden, daß das Hemd nicht zu sehen ist, denn sonst geht der ganze -Effekt zum Teufel, aber wie soll man das machen? Deshalb habe ich ihm -doch die Krawatte soeben gekauft, für einen Rubel.« - -»Das hast du -- für denselben?« fragte der Lange. - -»Ja, für denselben; ich habe jetzt keine Kopeke mehr. Sie können es also -auch nicht? Dann werden wir Alphonsinka bitten müssen.« - -»Zu Lambert?« fragte mich plötzlich scharf der Lange. - -»Allerdings,« antwortete ich ebenso scharf und sah ihm in die Augen. - -»Dolgorowky?« fragte er in demselben Ton und mit derselben Stimme. - -»Nein, nicht Koroffkin,« antwortete ich ebenso energisch; ich hatte ihn -nicht richtig verstanden. - -»Dolgorowky?!« wiederholte der Lange fast schreiend und trat drohend auf -mich zu. Sein Kamerad begann zu lachen. - -»Er sagt Dolgorowky und nicht Koroffkin,« erklärte er mir. »Wissen Sie, -die Franzosen verdrehen im >_Journal des Débats_< so oft die russischen -Namen ...« - -»In der >_Indépendance_<,« knurrte der Lange. - -»Na, egal, dann war's in der >_Indépendance_<. Den Namen des Fürsten -Dolgoruki schreiben sie zum Beispiel >Dolgorowky< -- ich habe es selbst -gelesen, und W--ff schreiben sie immer >_le comte Vallonieff_<.«{[79]} - -»Doboyny!« rief der Lange. - -»Ja, richtig, auch den Namen >Doboyny< haben sie mal angeführt; ich habe -ihn selbst gelesen, und wir haben noch beide darüber gelacht: irgendeine -russische _madame_ Doboyny, die im Auslande wohnt ... aber wozu sie -jetzt alle nennen,« wandte er sich plötzlich an den Langen. - -»Entschuldigen Sie, heißen Sie Dolgoruki?« - -»Ja, -- ich heiße Dolgoruki, aber woher wissen Sie denn das?« - -Der Lange flüsterte dem hübschen Jungen schnell etwas ins Ohr. Der -runzelte die Stirn und machte eine verneinende Handbewegung, doch der -Lange ließ sich nicht abhalten und wandte sich wieder an mich. - -»_Monsieur le prince, vous n'avez pas de rouble d'argent pour nous, pas -deux, mais un seul, voulez-vous?_«{[80]} - -»Pfui, wie frech du bist,« rief der Junge. - -»_Nous vous rendons_,«{[81]} bemerkte der Lange, der die französischen -Worte plump und ungeschickt aussprach. - -»Wissen Sie, er ist ein Zyniker,« erklärte mir der Junge lachend. »Sie -denken vielleicht, er kann kein Französisch? Er spricht wie ein Pariser, -aber jetzt parodiert er nur die Russen, die in der Gesellschaft so -furchtbar gern laut untereinander Französisch sprechen und es dabei gar -nicht können ...« - -»_Dans les wagons_,«{[82]} erläuterte der Lange. - -»Ja, auch in den Waggons; ach, wie langweilig du bist! Das ist doch ganz -gleich. Auch ein Vergnügen, den Dummkopf zu spielen!« - -Ich nahm währenddessen den Rubel heraus und reichte ihn dem Langen. - -»_Nous vous rendons_,« sagte er und steckte den Rubel ein; dann wandte -er sich ruhig zur Tür, und begann, während sein Gesicht dabei vollkommen -unbeweglich und ernst blieb, mit der Spitze seines großen, plumpen -Stiefels gegen die Tür zu hämmern, -- das alles, wie gesagt, ohne die -geringste Erregung ... - -»Ach, du wirst es wieder zu einem Skandal bringen, mit Lambert!« rief -der Junge beunruhigt. »Klingeln Sie dann schon lieber.« - -Ich klingelte, aber der Lange hämmerte unbekümmert weiter mit seinem Fuß -an die Tür. - -»Ah, _sacré_{[83]} ...« hörte man auf einmal die wütende Stimme Lamberts -hinter der Tür, und er öffnete schnell. - -»_Dites donc, voulez-vous que je vous casse la tête, mon ami!_«{[84]} -schrie er den Langen an. - -»_Mon ami, voilà Dolgorowky, l'autre mon ami_,«{[85]} sprach ernst und -feierlich der Lange und sah dem vor Zorn puterroten Lambert starr in die -Augen. Als dieser mich erblickte, veränderte sich sein Gesicht im -Handumdrehen. - -»Ach du bist es, Arkadi! Endlich doch! So bist du jetzt gesund, endlich -wieder gesund?« - -Er ergriff meine beiden Hände und schüttelte sie kräftig; kurz, er war -so aufrichtig erfreut, daß ich mich für den Augenblick sehr angenehm -berührt fühlte und ihn beinahe lieb gewann. - -»Mein erster Weg führt mich zu dir!« - -»Alphonsine!« rief Lambert. Sie sprang im Augenblick hinter dem Schirm -hervor. - -»_Le voilà!_« - -»_C'est lui!_«{[86]} rief Alphonsinka und schlug die Hände zusammen und -breitete sie wieder aus und wollte sich schon auf mich stürzen, um mich -zu umarmen, aber Lambert schützte mich davor. - -»_Nonono! tout beau!_«{[87]} rief er ihr drohend zu, wie einem Hündchen. -»Du, Arkadi, sieh mal, ich habe mich heute verabredet, mit ein paar -Bekannten im tatarischen Restaurant zu Mittag zu speisen. Ich lasse dich -jetzt nicht los, du mußt mit mir hinfahren. Wir speisen zusammen; die -anderen werde ich mir schon vom Halse schaffen -- und dann sprechen wir -uns aus. Komm nur herein, komm! Wir werden gleich aufbrechen, nur einen -Augenblick mußt du warten.« - -Ich trat ein, sah mich im Zimmer um, und versuchte, mir das Erlebte von -damals zu vergegenwärtigen. Lambert kleidete sich schnell hinter dem -Wandschirm um. Der Lange und sein Kamerad waren uns gefolgt, trotz der -Worte, mit denen Lambert sie empfangen hatte. Wir blieben alle stehen. - -»_Mademoiselle Alphonsine, voulez-vous me baiser?_«{[88]} äffte der -Lange. - -»Mademoiselle Alphonsine,« begann auch der Jüngere und näherte sich ihr, -indem er ihr die Krawatte hinhielt, aber sie fuhr wütend auf die beiden -los. - -»_Ah, le petit vilain!_« schrie sie den Jüngeren an, »_ne m'approchez -pas, ne me salissez pas, et vous, le grand dadais, je vous flanque à la -porte tous les deux, savez-vous cela_!«{[89]} - -Doch der Jüngere ließ sich nicht abschrecken, obgleich sie sich mit -solcher Verachtung und solchem Ekel von ihm abwandte, als hätte sie -wirklich gefürchtet, sich an ihm zu beschmutzen (was ich gar nicht -verstehen konnte, denn er sah so nett aus und war -- was ich sah, als er -den Pelz ablegte -- so gut angezogen!) und bat sie trotzdem unentwegt, -seinem langen Kameraden die Krawatte zu binden und ihm vorher einen -reinen Kragen von Lambert umzulegen. Sie aber geriet über dieses -Ansinnen dermaßen in Wut, daß sie ihn womöglich geschlagen haben würde, -wenn Lambert, der hinter dem Wandschirm die Bitte gehört hatte, ihr -nicht zugerufen hätte, sie möge sie nicht aufhalten und tun, was sie -verlangten. »Sonst gehen sie überhaupt nicht mehr weg,« fügte er hinzu. -Da nahm Alphonsinka sofort einen Kragen und band dem Langen die Krawatte -um, und tat es sogar ohne jede Spur von Widerstreben. Der Lange aber -reckte genau wie vorhin auf der Treppe seinen Hals aus, während sie ihm -die Krawatte band. - -»_Mademoiselle Alphonsine, avez-vous vendu votre bologne?_«{[90]} fragte -er. - -»_Qu'est-ce que ça, ma bologne?_«{[91]} - -Der Jüngere erklärte, daß sein Freund mit »_bologne_« ihr -Bologneserhündchen meine. - -»_Tiens, quel est ce baragouin?_«{[92]} - -»_Je parle comme une dame russe sur les eaux minérales_,«{[93]} spottete -_le grand dadais_{[94]} wieder in steifem Französisch, während er immer -noch mit vorgestrecktem Halse stand. - -»_Qu'est-ce que ça, qu'une dame russe >sur les eaux minérales<? Et ... -mais où est donc votre jolie montre que Lambert vous a donnée?_«{[95]} -wandte sie sich plötzlich an den Jüngeren. - -»Was, ist er schon wieder ohne Uhr?« rief Lambert geärgert hinter dem -Schirm. - -»Aufgefressen!« knurrte _le grand dadais_. - -»Ich hab' sie für acht Rubel verkauft: sie war ja nur silbervergoldet -- -und Sie gaben sie aus als rein goldene Uhr. Solche kosten jetzt neu auch -nicht mehr als sechzehn Rubel,« rechtfertigte sich der Jüngere, tat es -jedoch ersichtlich mit großer Unlust. - -»Damit muß endlich einmal ein Ende gemacht werden!« fuhr Lambert -geärgert fort. »Ich kaufe Ihnen, mein junger Freund, nicht zu dem Zweck -Kleider und schöne Sachen, damit Sie sie Ihrem langen Freunde in den -Rachen werfen. Was für eine Krawatte haben Sie ihm da schon wieder -gekauft?« - -»Die kostet nur einen Rubel, und der war nicht von Ihrem Geld. Er hatte -überhaupt keine Krawatte mehr! Einen Hut muß man ihm auch noch kaufen!« - -»Unsinn!« schrie Lambert, jetzt schon wirklich wütend. - -»Ich habe ihm genug gegeben, auch für einen Hut, er aber hat sofort -Austern und Champagner bestellt. Dabei stinkt er und ist ein -Schmutzfink; man kann sich ja nirgendwo mit ihm sehen lassen. Wie soll -ich ihn jetzt ins Restaurant mitnehmen?« - -»Mit 'ner Droschke,« knurrte der _dadais_. »_Nous avons un rouble -d'argent que nous avons prêté chez notre nouvel ami._«{[96]} - -»Gib ihnen nichts, Arkadi!« schrie Lambert wieder. - -»Erlauben Sie, Lambert; ich verlange von Ihnen sofort zehn Rubel,« -forderte plötzlich der Jüngere so wütend, daß er ganz rot im Gesicht -wurde, was ihn noch hübscher machte. »Und wagen Sie es nicht noch -einmal, solche Dummheiten zu sagen, wie jetzt zu Dolgoruki. Ich verlange -von Ihnen zehn Rubel, um Dolgoruki den einen Rubel sogleich zurückgeben -zu können, von dem übrigen Gelde aber kaufe ich sofort einen Hut für -Andrejeff -- das werden Sie sehen.« - -Lambert kam hinter dem Schirm hervor. - -»Hier sind drei gelbe Lappen, drei Rubel, mehr gibt es nicht bis -Dienstag, und wagt es nicht, mir früher zu kommen ... sonst ...« - -_Le grand dadais_ riß ihm das Geld nur so aus der Hand. - -»Dolgorowky, hier ist der Rubel, _nous vous rendons avec beaucoup de -grâce_.{[97]} Petjä, fahren wir!« rief er seinem Kameraden zu, und dann -auf einmal, schwang er die beiden Scheine durch die Luft, sah Lambert -frech ins Gesicht, und schrie aus allen Kräften: »_Ohé, Lambert! Où est -Lambert, as-tu vu Lambert?_«{[98]} - -»Nehmt euch in acht, nehmt euch in acht!« brüllte Lambert in furchtbarer -Wut. - -Ich sah, daß hier etwas vorging, was auf Früheres Bezug hatte, wovon ich -nichts wußte, und ich hörte nicht ohne Verwunderung zu. Aber der Lange -ließ sich durch den Zorn Lamberts nicht im geringsten einschüchtern, im -Gegenteil, er schrie sogar noch lauter: _Ohé, Lambert!_ usw. Mit diesem -Geschrei zogen sie ab. Lambert wollte ihnen nachstürzen, besann sich -aber und kehrte wieder um. - -»Denen werde ich auch bald einen Genickstoß geben! Die kosten mehr als -sie einbringen ... Gehen wir, Arkadi! Ich hab' mich schon verspätet. -Dort erwartet mich noch so einer ... den ich brauche ... Auch so ein -Vieh ... und das sind sie alle! Halunken sind sie, Halunken!« schrie er -wieder und knirschte vor Wut; doch plötzlich besann er sich und nahm -sich zusammen. »Ich freue mich, daß du endlich gekommen bist. -Alphonsine, wohlgemerkt: keinen Schritt aus dem Hause! Gehen wir.« - -Vor der Haustür erwartete ihn eine elegante Mietsdroschke. Wir stiegen -ein; doch selbst unterwegs konnte er seine Wut auf die jungen Leute -nicht meistern und sich beruhigen. Ich wunderte mich, daß er sie so -ernst nahm, und daß sie Lambert so respektlos behandelten, während er -beinahe Angst vor ihnen hatte. Nach den alten, in mir fest -eingewurzelten Eindrücken aus meiner Kindheit glaubte ich noch immer, -daß alle Lambert fürchten müßten; und ich glaube, selbst in dem -Augenblick muß ich, trotz meiner ganzen Unabhängigkeit, Lambert doch -noch gefürchtet haben. - -»Ich sage dir, das ist ein furchtbares Lumpenpack,« fuhr Lambert fort. -»Wirst du's mir glauben, dieser Lange, dieser ekelhafte Kerl, hat mich -noch vor drei Tagen in einer Gesellschaft bloßgestellt. Er stellt sich -vor mir auf und schreit: >_Ohé, Lambert!_< usw. Und das in guter -Gesellschaft! Alle lachen und merken natürlich, daß er es tut, damit ich -ihm Geld gebe -- kannst du dir meine Lage vorstellen! Und ich habe es -ihm geben müssen. Oh, dieses Lumpenpack! Wirst du's mir glauben, er war -Junker in einem Regiment, wurde dann ausgeschlossen, und kannst du dir -vorstellen, er ist ein gebildeter Mensch: er hat seine Erziehung in -einem guten Hause erhalten! Er hat Ideen, er könnte ... Eh, zum Teufel! -Und er ist stark wie Herkules. Er ist mir ja nützlich, doch nicht sehr -... Und hast du gesehen, er wäscht sich nicht einmal die Hände! Ich -empfahl ihn einer Dame, einer alten vornehmen Dame; ich sagte ihr, er -bereue seinen Lebenswandel und wolle sich vor Gewissensbissen umbringen, -er aber kommt zu ihr, setzt sich hin und pfeift. Und der andere, der -Nette -- ist der Sohn eines Generals; die Familie schämt sich seiner, -ich hab' ihn gerettet, hab' ihn dem Gericht entrissen, und so lohnt er -es mir! Hier gibt es keine Menschen! Aber ich werde sie mir schon vom -Halse schaffen und zum Teufel jagen!« - -»Sie wissen meinen Namen; hast du mit ihnen von mir gesprochen?« - -»Ich war mal so dumm. Weißt du, wenn man so bei Tisch zusammensitzt, da -geht einem manches über die Lippen ... Es kommt noch eine furchtbare -Kanaille hin. Der ist schon wirklich eine Kanaille und dabei schlau. -Hier gibt es nur Spitzbuben, hier gibt es keine anständigen Menschen! -Na, wenn ich mit ihnen fertig bin -- dann ... Was ißt du gern? Aber das -ist ja egal, man speist dort immer ausgezeichnet. Beunruhige dich nicht, -ich werde alles bezahlen. Schön, daß du so gut angezogen bist. Ich kann -dir Geld geben. Komm nur immer zu mir. Stell dir vor, ich habe ihnen -hier zu essen und zu trinken gegeben, jeden Tag Fischpasteten und -Delikatessen; die Uhr, die er verkauft hat, ist schon die zweite. Dieser -Knabe, Trischatoff heißt er, -- du hast ja selbst gesehen: sogar -Alphonsinka ekelt sich, ihn anzurühren, und läßt ihn nicht an sich -herankommen -- und plötzlich bestellt er im Restaurant, in Gegenwart von -Offizieren, -- Schnepfen! >Ich will Schnepfen,< sagt er. Ich habe ihm -die Schnepfen damals auch bestellt, aber ich werde mich schon dafür -rächen!« - -»Erinnerst du dich noch, wie wir in Moskau zusammen ins Restaurant -fuhren und du mich dort mit der Gabel stachst, und wie du damals -fünfhundert Rubel hattest?« - -»Ja, ich weiß noch! Eh, Teufel, ich weiß! Aber ich habe dich gern ... -Das kannst du mir glauben. Dich liebt ja sonst kein Mensch, ich aber -hab' dich gern; nur ich allein, vergiß das nicht ... Der da, der dorthin -kommt, der Pockennarbige -- das ist die allerschlauste Kanaille, die mir -je begegnet ist; antworte ihm nichts, wenn er mit dir spricht, und wenn -er dich zu fragen anfängt, so antworte ihm irgendeinen Unsinn, oder -schweige ganz ...« - -Jedenfalls kam er unterwegs infolge seiner Aufregung gar nicht dazu, -mich auszufragen. Ich aber empfand es fast als Beleidigung, daß er -meiner so sicher war und nicht einmal auf die Vermutung kam, ich könnte -ihm mißtrauen; wie mir schien, befand er sich noch in dem dummen -Glauben, er könne mich genau so kommandieren wie in früheren Jahren. -»Und dabei ist er noch so furchtbar ungebildet,« dachte ich bei mir, als -wir ins Restaurant traten. - - - III. - -In diesem Restaurant an der Großen Morskajastraße hatte ich schon früher -verkehrt, in der Zeit meiner Gesunkenheit; darum durchbohrte es mich -förmlich, als ich diese Räume, diese Kellner, die mich musterten und in -mir einen früheren Gast erkannten, wiedersah. Und nicht viel anders -wirkte auf mich der Anblick dieser rätselhaften Freunde Lamberts, in -deren Gesellschaft ich mich plötzlich befand, und zu denen ich schon -untrennbar zu gehören schien; und dazu kam nun noch das dunkle -Vorgefühl, daß ich freiwillig in eine Gemeinheit rannte, die zweifellos -mit einer schlechten Tat enden würde -- wie gesagt, dieses Gefühl, -dieser Eindruck saß in mir und bohrte in mir. Es gab einen Augenblick, -da ich fort, nur fortlaufen wollte; doch der Augenblick verging und ich -blieb. - -Der Pockennarbige, den Lambert aus unbekannten Gründen so fürchtete, -wartete schon auf uns. Das war ein Mann mit dummgeschäftigem -Gesichtsausdruck, ein Typus, den ich schon seit meiner Kindheit geradezu -verabscheute; er mochte fünfundvierzig Jahre alt sein, war von mittlerem -Wuchs, hatte leicht ergrautes Haar und ein widerlich glattrasiertes -Gesicht mit kleinen abgeschnittenen Bartkoteletten, die wie zwei -Würstchen das auffallend flache und böse Gesicht einfaßten. Natürlich -war er langweilig, ernst, wortkarg und, wie es diese Leutchen gewöhnlich -sind, aus irgendeinem Grunde auch noch hochmütig. Er musterte mich sehr -aufmerksam, sagte aber kein Wort. Lambert war so töricht, uns nicht -miteinander bekannt zu machen, obgleich wir uns an denselben Tisch -setzten: folglich konnte mich jener für einen der Erpresser aus Lamberts -Gefolge halten. Mit den beiden jungen Leuten (die fast gleichzeitig mit -uns eingetroffen waren) sprach der Pockennarbige während der ganzen -Mahlzeit auch kein Wort, aber es war offensichtlich, daß er sie sehr gut -kannte. Er sprach ausschließlich mit Lambert, aber das Gespräch wurde -nur im Flüsterton geführt, und eigentlich sprach nur Lambert; der -Pockennarbige begnügte sich mit abgerissenen, wütenden Worten, die wie -Ultimata klangen. Er verhielt sich äußerst hochmütig, böse und -spöttisch, während Lambert sich in großer Erregung befand und sichtlich -in der Absicht auf ihn einsprach, ihn zu irgendeinem Unternehmen zu -überreden. Einmal streckte ich die Hand nach einer Rotweinflasche aus, -doch da griff der Pockennarbige, der bis dahin kein Wort zu mir -gesprochen hatte, schnell nach der Sherryflasche und reichte sie mir. -»Versuchen Sie den,« sagte er dabei. - -Ich erriet sofort, daß er über mich schon unterrichtet war und wohl -nicht nur meinen Namen, sondern auch meine ganze Lebensgeschichte -kannte, und ganz genau wußte, worauf Lambert bei mir rechnete. Der -Gedanke, daß er mich für einen von Lamberts Helfershelfern halten -könnte, empörte mich mächtig. Lamberts Gesicht aber drückte höchste und -dümmste Beunruhigung aus, sobald der andere nur ein Wort zu mir sagte. -Dem Pockennarbigen konnte das natürlich nicht entgehen, und er begann zu -lachen. - -»Lambert hängt entschieden von ihnen allen ab,« dachte ich und haßte ihn -in diesem Augenblick aus ganzer Seele. So waren wir denn während der -ganzen Mahlzeit, wenn wir auch an einem Tisch zusammensaßen, doch in -zwei Gruppen geteilt: am Fenster der Pockennarbige und Lambert einander -gegenüber, und am anderen Ende ich neben dem schmierigen Andrejeff, und -wiederum uns gegenüber der hübsche Trischatoff. Lambert hatte es sehr -eilig mit dem Essen und trieb den Kellner alle Augenblicke zu -schnellerem Servieren an. Als man den Champagner brachte, hob er mir -plötzlich sein Glas entgegen: - -»Auf dein Wohl, stoßen wir an!« unterbrach er sein Gespräch mit dem -Pockennarbigen. - -»Erlauben Sie auch mir, mit Ihnen anzustoßen?« fragte mich der hübsche -Trischatoff und hielt mir sein Glas entgegen. - -Bis zum Champagner war er sehr nachdenklich und schweigsam gewesen. Der -_dadais_ hatte überhaupt nichts gesprochen, nur geschwiegen und viel -gegessen. - -»Mit Vergnügen,« erwiderte ich Trischatoff. - -Wir stießen an und leerten unsere Gläser. - -»Ich werde nicht auf Ihr Wohl trinken,« wandte sich plötzlich auch der -_dadais_ an mich, »nicht weil ich Ihnen etwa den Tod wünsche, sondern -weil ich nicht will, daß Sie hier zu viel trinken«. Er sagte das düster -und nachdrücklich. »Sie haben von drei Gläsern genug. Ich sehe, Sie -betrachten meine ungewaschene Faust?« fuhr er fort und legte die Hand -vor sich auf den Tisch. »Ich wasche sie nicht, und so ungewaschen -vermiete ich sie an Lambert, zum Einschlagen fremder Schädel, in Fällen, -die für Lambert bedenklich sind.« - -Und plötzlich schlug er mit der Faust aus aller Kraft auf den Tisch, daß -sämtliche Teller und Gläser klirrten. Außer unserem Tisch waren in -diesem Zimmer noch vier Tische besetzt, -- von Offizieren und Herren von -tadelloser Haltung. Das Restaurant war gerade in Mode; alle unterbrachen -für den Augenblick ihr Gespräch und sahen in unsere Ecke; ja, ich -glaube, wir hatten schon längst ein gewisses Aufsehen erregt. Lambert -errötete über und über. - -»Ha, fängt er schon wieder an! Ich habe Sie doch gebeten, Nikolai -Ssemjonowitsch, sich anständig aufzuführen,« raunte er in wütendem -Geflüster Andrejeff zu. Der wandte ihm langsam den Blick zu und sah ihn -lässig an. - -»Ich wünsche nicht, daß mein neuer Freund Dolgorowky heute hier zuviel -Wein trinkt,« sagte er. - -Lambert wurde vor Wut noch röter. Der Pockennarbige hörte schweigend, -aber mit sichtlichem Vergnügen zu. Andrejeffs Ausfall schien ihm aus -irgendeinem Grunde zu gefallen. Nur ich allein begriff nicht, warum ich -nicht mehr trinken sollte. - -»Das tut er nur, damit ich ihm noch Geld gebe. Sie bekommen noch sieben -Rubel, verstanden, nach dem Essen -- nur lassen Sie uns erst die -Mahlzeit beenden; blamieren Sie uns nicht,« sagte Lambert halblaut, wenn -auch knirschend vor Wut, zu ihm. - -»Aha!« brummte der _dadais_ siegesbewußt. - -Das entzückte den Pockennarbigen nun ganz und gar, und er fing boshaft -zu kichern an. - -»Höre, du bist schon zu ...« wandte sich Trischatoff beunruhigt und fast -schmerzlich berührt an seinen Freund, offenbar um ihn zurückzuhalten. - -Andrejeff verstummte, aber nicht für lange, denn das entsprach nicht -seiner Absicht. Nicht weit von uns, vielleicht fünf Schritt von unserem -Tisch, speisten zwei Herren, die sich lebhaft unterhielten. Beide waren -in mittleren Jahren, und man sah ihnen sofort eine gewisse übertriebene -Empfindlichkeit an. Der eine war groß und sehr dick, der andere -gleichfalls sehr dick, aber klein. Sie unterhielten sich auf polnisch -über die neuesten Pariser Ereignisse. Der _dadais_ hatte sie schon lange -aufmerksam betrachtet und zu ihnen hinübergehorcht. Der kleinere Pole -erschien ihm offenbar als komische Figur, und er haßte ihn sofort, wie -das bei Leuten, die an der Galle oder Leber leiden, sehr häufig ohne -jeglichen Grund geschieht. Plötzlich sprach der kleine Pole den Namen -des Deputierten Madiér de Montjeáu aus, aber nach der Gewohnheit sehr -vieler Polen sprach er ihn polnisch aus, das heißt, er betonte statt der -letzten, die vorletzte Silbe: also nicht Madiér de Montjeáu, sondern -Mádier de Móntjeau. Das genügte dem _dadais_. Er wandte sich auf seinem -Platz zu den Polen um, reckte sich stolz und sagte plötzlich laut und -deutlich, als richte er eine Frage an sie: - -»Madiér de Montjeáu?« - -Die Polen drehten sich wütend nach ihm um. - -»Was wünschen Sie?« schrie der große Pole ihn laut auf russisch an. - -Der _dadais_ wartete einen Augenblick. - -»Madiér de Montjeáu,« wiederholte er plötzlich noch einmal laut, daß es -über den ganzen Saal hin zu hören war, doch ohne weiter irgendeine -Erklärung abzugeben, genau so dumm, wie er vor der Tür bei Lambert -drohend auf mich zugetreten war und mehrmals den Namen »Dolgorowky« -ausgesprochen hatte. - -Die Polen sprangen auf, Lambert schnellte hinter dem Tisch in die Höhe -und wollte, wie es schien, sich auf Andrejeff stürzen, besann sich aber -und eilte zu den Polen, um sie untertänigst um Entschuldigung zu bitten. - -»Das sind ja Narren, Pane, das sind ja Narren!« rief der kleine Pole mit -Verachtung, vor Zorn dabei rot wie eine Mohrrübe. »Man kann ja bald -nicht mehr herkommen!« Auch sonst entstand Unruhe im Saal, man hörte -murren, hauptsächlich freilich lachen. - -»Kommen Sie ... bitte ... gehen wir!« murmelte Lambert ganz verwirrt, -und hatte ersichtlich nur den einen Wunsch, Andrejeff aus dem Lokal zu -entfernen. Dieser blickte Lambert prüfend an, und erst als er erriet, -daß der ihm nun Geld geben würde, willigte er ein, ihm zu folgen. -Wahrscheinlich war es nicht das erstemal, daß er auf diese schamlose -Manier von Lambert Geld erpreßte. Trischatoff wollte ihnen eilig folgen, -sah dann aber mich an und blieb. - -»Ach, wie ekelhaft!« sagte er und bedeckte die Augen mit seinen feinen -Fingerchen. - -»Tja, ekelhaft ist schon das Wort dafür,« brummte diesmal ganz erbost -der Pockennarbige. - -Lambert kehrte ganz bleich zurück und begann sogleich mit lebhaften -Gesten auf den Pockennarbigen flüsternd einzureden. Dieser befahl dem -Kellner, schnell den Kaffee zu servieren, und hörte Lambert nur -widerwillig zu; er hatte es offenbar eilig, fortzukommen. Und dabei war -der ganze Zwischenfall doch nur ein dummer Jungenstreich gewesen. -Trischatoff kam mit seiner Tasse Kaffee zu mir herüber und setzte sich -neben mich. - -»Ich habe ihn sehr gern,« begann er mit einer solchen Offenherzigkeit, -als hätte er mit mir schon oft darüber gesprochen. »Sie glauben nicht, -wie unglücklich Andrejeff ist. Er hat die ganze Mitgift seiner Schwester -durchgebracht und vertrunken, ja, alles was sie besaßen, hat er in dem -einen Jahr, als er diente, durchgebracht, und ich sehe, wie ihn das -jetzt quält. Daß er sich nicht wäscht -- das geschieht nur aus -Verzweiflung. Und wissen Sie, er hat furchtbar sonderbare Gedanken: -plötzlich behauptet er, daß zwischen einem Schurken und einem ehrlichen -Menschen gar kein Unterschied sei, das sei alles eins und man solle -deshalb nichts tun, überhaupt nichts, weder Gutes noch Böses, oder wenn -man wolle, könne man ja auch Gutes oder Böses tun, am besten aber sei -doch, gar nichts zu tun und einfach herumzuliegen, ohne auch nur einmal -im Monat die Kleider zu wechseln, nur zu essen und zu trinken und -hauptsächlich zu schlafen -- und sonst nichts. Aber glauben Sie mir, das -sagte er doch alles nur so. Und wissen Sie, ich glaube sogar, diesen -ganzen Skandal vorhin, den hat er nur gemacht, um mit Lambert endgültig -zu brechen. Er hat schon gestern davon gesprochen. Werden Sie's glauben: -manchmal nachts, oder wenn er lange allein sitzt, da fängt er zu weinen -an, und wissen Sie, er weint so sonderbar, wie sonst kein Mensch weint; -er schluchzt, schluchzt so schrecklich, und das, wissen Sie, tut noch -weher ... Und dabei ist er doch so groß und so stark, und plötzlich -- -schluchzt er wie ein Kind. Was für ein armer Kerl, nicht wahr? Ich -möchte ihn so gern retten, aber ich bin ja selbst -- ein so schlechter, -verlorener Bengel, wie Sie's gar nicht glauben! Würden Sie mich -empfangen, Dolgoruki, wenn ich einmal zu Ihnen käme?« - -»Oh, kommen Sie nur, ich habe Sie sogar sehr gern.« - -»Weshalb denn? Nun, ich danke Ihnen. Hören Sie mal, trinken wir noch ein -Glas. Übrigens, was fällt mir ein! Nein, trinken Sie lieber nicht. Er -hatte ganz recht, als er Ihnen sagte, daß Sie nicht mehr trinken -dürfen,« unterbrach er sich plötzlich und zwinkerte mir bedeutsam zu. -»Ich aber werde noch ein Glas trinken. Bei mir kommt's nicht darauf an, -ich kann mich ja doch nicht beherrschen, glauben Sie mir. Sie brauchen -mir bloß zu sagen, ich soll nicht mehr in Restaurants dinieren, und ich -bin sofort zu allem bereit, nur um wieder dinieren zu können. Oh, ich -versichere Sie, es ist unser innigster Wunsch, anständige Menschen zu -werden, aber wir schieben's nur immer auf, und darüber >... vergehen die -Jahre, die besten Jahre!< Er aber, ich fürchte sehr -- er erhängt sich -noch mal. Er geht und tut's, ohne einem Menschen ein Wort zu sagen. So -ist er. Heutzutage hängen sich ja alle auf. Wer weiß, vielleicht gibt's -viele solcher, wie wir sind. Ich, zum Beispiel, kann ohne überflüssiges -Geld einfach nicht leben. Mir ist das überflüssige Geld viel wichtiger -als das notwendige. -- Sagen Sie, lieben Sie Musik? Ich liebe sie -furchtbar. Wenn ich zu Ihnen komme, werde ich Ihnen was vorspielen. Ich -spiele sehr gut Klavier. Habe sehr lange Musik studiert. Ernsthaft -studiert. Wenn ich mal eine Oper komponierte, so, wissen Sie, würde ich -den Stoff aus dem >Faust< nehmen. Dieses Thema liebe ich sehr. Ich -komponiere mir immer die Szene im Dom, das heißt, ich komponiere sie nur -so im Kopf. Das Innere eines gotischen Domes, Chöre, Hymnen; Gretchen -tritt ein, und dazu, wissen Sie, -- mittelalterliche Chöre, aus denen -man das ganze fünfzehnte Jahrhundert heraushört. Gretchen in -Verzweiflung, zuerst ein Rezitativ, leise, aber qualvoll, die Chöre -dröhnen düster, streng, teilnahmlos: - - _Dies irae, dies illa!_ - -Und auf einmal -- die Stimme des Teufels, die Arie des Teufels. Er ist -unsichtbar, nur eine Stimme klingt nebenher, klingt mit den Hymnen, -fällt mit ihnen zusammen, löst sich in ihnen auf, und ist dabei doch -etwas ganz anderes -- so irgendwie müßte das gemacht werden. Eine lange, -unendliche Arie für Tenor, unbedingt für Tenor. Sie beginnt leise, -zärtlich: >Wie anders, Gretchen, war dir's, als du noch voll Unschuld -hier zum Altar tratst, ... halb Kinderspiele, halb Gott im Herzen?< Und -die Arie wird immer stärker, immer leidenschaftlicher; die Töne werden -immer höher: Tränen sind in ihnen, Schmerz, unaufhörlicher, -unentrinnbarer Schmerz, und zuletzt die Verzweiflung: >Keine Vergebung -für dich, keine Vergebung!< Gretchen will beten, doch ihrer Brust -entringen sich nur Schreie -- wissen Sie, wenn die Brust sich -zusammenkrampft, vom Schluchzen -- aber die Stimme des Satans verstummt -nicht, immer tiefer bohrt sie sich wie ein Dolch in ihre Seele, immer -höher schwingt sich ihr Ton -- und plötzlich bricht sie ab mit dem -Schrei: >Es ist aus, du bist verdammt!< Gretchen fällt auf die Knie, -ringt die Hände -- und dann beginnt ihr Gebet, ein kurzes Halbrezitativ, -ganz naiv, ganz ohne Künstelei, etwas im höchsten Grade -Mittelalterliches, vier Verse, im ganzen nur vier Verse -- bei Stradella -gibt es so ein Motiv -- und nach dem letzten Ton fällt sie in Ohnmacht! -Allgemeine Verwirrung. Sie wird aufgehoben, hinausgetragen -- und da -setzt auf einmal ein gewaltiger Chor ein. Der müßte wie ein Orkan von -Stimmen sein, ein begeisterter, rauschender Chor, wie eine gewaltige -Hymne von der Art unseres Dorinossima Tschinmi, daß alles bis in die -Grundfesten erbebt, bis schließlich alles in den begeisterten, -jauchzenden Aufschrei >Hosianna!< ausklingt. Wie ein Schrei des ganzen -Weltalls müßte es sein, sie aber wird weiter und weiter getragen, und -dann fällt der Vorhang. Nein, wissen Sie, wenn ich das nur machen -könnte! Nur kann ich jetzt schon gar nichts mehr -- außer träumen. Ich -träume und träume in einem fort; mein ganzes Leben verwandelt sich in -einen Traum, auch nachts. Ach, Dolgoruki, haben Sie den ->Antiquitätenhändler< von Dickens gelesen?« - -»Ja, ich habe ihn gelesen; was ist denn damit?« - -»Erinnern Sie sich ... Warten Sie, ich trinke noch ein Glas -- erinnern -Sie sich noch der einen Stelle ganz zum Schluß, wie die beiden -- der -wahnsinnige Greis und dieses reizende dreizehnjährige Mädchen, seine -Enkelin -- nach ihren Irrfahrten endlich irgendwo ganz hinten in England -ein Unterkommen finden, dort bei einer mittelalterlichen gotischen -Kirche, wo das Mädchen noch ein Amt erhält: den Besuchern die Kirche zu -zeigen ... Und einmal, bei Sonnenuntergang, steht dieses Kind vor dem -Kirchenportal, ganz umflutet von den letzten Sonnenstrahlen, steht und -sieht in den Sonnenuntergang, mit stiller, nachdenklicher Betrachtung in -der erstaunten Kinderseele, als stünde es vor einem Rätsel, denn das -eine wie das andere scheint wie ein Rätsel -- dort die Sonne als ein -Gedanke Gottes, hier der Dom als ein Menschengedanke ... nicht wahr? Oh, -ich kann das nicht so ausdrücken, aber Gott liebt die ersten Gedanken -solcher Kinder ... Und neben ihr, auf den Stufen des Domes, sitzt der -wahnsinnige Alte, ihr Großvater, und sieht sie starr an ... Wissen Sie, -da ist ja gar nichts Besonderes in diesem Dickensschen Bilde, ja, -eigentlich nichts Besonderes, und doch werden Sie es in Ewigkeit nicht -vergessen, und so ist es auch in der Erinnerung von ganz Europa -geblieben -- warum? Weil das Schönheit ist! Das ist Unschuld! Oder ich -weiß selbst nicht, was das ist: aber es ist schön! Ich habe die ganze -Zeit auf dem Gymnasium nur Romane gelesen. Wissen Sie, ich habe eine -Schwester auf dem Gut, die ist nur ein Jahr älter als ich ... Oh, jetzt -ist dort alles schon verkauft, und auch das Gut haben wir nicht mehr! -Ich hab' mit ihr auf der Terrasse gesessen, unter unseren alten Linden, -und hab' mit ihr zusammen diesen Roman gelesen, und die Sonne ging da -auch gerade unter, und plötzlich hörten wir auf, zu lesen, und gaben uns -gegenseitig das Versprechen, von nun an auch so gut zu sein und immer -edel zu handeln -- ich bereitete mich damals gerade für die Universität -vor, und ... Ach, wissen Sie, Dolgoruki, ein jeder hat seine -Erinnerungen! ...« - -Und plötzlich lehnte er seinen hübschen Kopf an meine Schulter und -- -weinte. Er tat mir sehr, sehr leid. Freilich hatte er viel Wein -getrunken, aber er sprach so aufrichtig und brüderlich zu mir und mit so -echtem Gefühl ... - -In diesem Augenblick hörten wir plötzlich von der Straße her Geschrei, -und starke Finger trommelten an unser Fenster (es waren große -Glasscheiben zur Straße hin, im Erdgeschoß, so daß man sie vom Fußsteig -aus erreichen konnte). Das war der vor die Tür gesetzte Andrejeff. - -»_Ohé, Lambert! Où est Lambert! As-tu vu Lambert?_«{[98]} scholl seine -wilde Stimme von draußen. - -»Ah, so ist er noch da! Er ist also noch nicht fortgegangen?« rief mein -Junge und sprang auf. - -»Zahlen!« wandte sich Lambert an den Kellner. Seine Hände zitterten vor -Wut, als er das Geld herausholte, doch siehe da, der Pockennarbige ließ -es nicht zu, daß er auch für ihn bezahlte. - -»Warum denn nicht? Ich habe Sie doch aufgefordert, und Sie haben die -Aufforderung angenommen?« - -»Nein, Sie müssen schon gestatten ...« Der Pockennarbige nahm seine -Börse, berechnete seinen Anteil und bezahlte für sich. - -»Sie beleidigen mich, Ssemjon Ssidorowitsch!« - -»Ich wünsche es aber so,« schnitt ihm Ssemjon Ssidorowitsch das Wort ab, -nahm seinen Hut und verließ, ohne sich von jemandem zu verabschieden, -allein das Lokal. Lambert warf dem Kellner das Geld hin und stürzte ihm -eilig nach, wobei er in seiner Erregung mich ganz vergaß. Trischatoff -und ich folgten als die Letzten. Andrejeff stand wie eine Schildwache -vor der Tür und wartete auf Trischatoff. - -»Du Lump!« konnte sich Lambert nicht enthalten, ihn anzufahren. - -»_No, no!_« brüllte Andrejeff auf ihn los und schlug ihm mit einer -Handbewegung den runden Hut vom Kopf, der über den Fußsteig rollte. -Lambert lief mit erniedrigendem Eifer hinter ihm her, um ihn aufzuheben. - -»_Vingt-cinq roubles!_«{[99]} sagte Andrejeff und zeigte Trischatoff den -Geldschein, den er Lambert vorhin abgeknöpft hatte. - -»So laß doch,« rief Trischatoff geärgert. »Warum benimmst du dich immer -so ... Und wofür hast du ihm ganze fünfundzwanzig abgenommen? Du hattest -doch nur sieben zu bekommen.« - -»Wofür ich sie ihm abgenommen? Er hatte uns doch ein Diner im _chambre -séparée_{[100]} versprochen; mit olympischen Weibern; aber statt der -Weiber hat er uns nur einen Pockennarbigen serviert; und außerdem habe -ich mich nicht satt essen können und habe hier in der Kälte wenigstens -für achtzehn Rubel gefroren. Sieben Rubel hatte ich noch von ihm zu -bekommen -- macht zusammen genau fünfundzwanzig Rubel aus.« - -»Schert euch alle beide zum Teufel!« brüllte Lambert. »Ich werfe euch -beide hinaus und werd' euch schon Mores lehren ...« - -»Lambert, nicht Sie, sondern ich werfe Sie hinaus und werde Sie schon -Mores lehren!« schrie seinerseits Andrejeff. »_Adieu, mon -prince_,{[101]} trinken Sie nicht zuviel Wein! Petjä, komm, marsch! -_Ohé, Lambert! Où est Lambert? As-tu vu Lambert?_«{[98]} gröhlte er noch -zum letztenmal und entfernte sich schon mit seinen langen Schritten. - -»Ich werde also zu Ihnen kommen, darf ich?« flüsterte mir Trischatoff -noch schnell zu und eilte seinem Freunde nach. - -Ich blieb allein mit Lambert. - -»Na ... gehen wir!« sagte Lambert, der mühsam Atem holte und noch ganz -betäubt zu sein schien. - -»Wohin gehen? Mit dir gehe ich nirgendwohin,« beeilte ich mich, ihn -herausfordernd anzuschreien. - -»Wie, du willst nicht mitgehen!« fuhr er erschrocken aus seiner -Betäubung auf. »Ich habe ja nur darauf gewartet, daß wir endlich allein -blieben!« - -»Ja, wohin denn gehen?« Ich muß gestehen, daß mir von den drei Gläsern -Champagner und von zwei Gläsern Sherry der Kopf schon ein wenig benommen -war. - -»Hierherein, siehst du, hierherein!« - -»Da steht doch >Frische Austern< auf dem Plakat. Dort riecht es so -scheußlich ...« - -»Das scheint dir nur, weil du vom Essen kommst, das ist die Miljutinsche -Delikateßhandlung; Austern brauchen wir ja nicht zu essen, aber ich -werde dir Champagner bestellen ...« - -»Ich will nicht! Ich weiß, du willst mich betrunken machen.« - -»Das haben dir diese Schufte eingeredet; aber sie haben sich doch nur -über dich lustig machen wollen. Und du glaubst diesen Schurken!« - -»Nein, Trischatoff ist kein Schurke. Und ich verstehe mich auch selbst -in acht zu nehmen -- verstanden?« - -»Was, du glaubst, einen eigenen Willen zu haben?« - -»Ja, ich habe mehr Charakter als du, denn du bist Sklave jedes ersten -besten. Du hast uns blamiert, wie ein Lakai hast du die Polen um -Entschuldigung gebeten. Du mußt wohl in Restaurants schon oft Prügel -gekriegt haben?« - -»Wir müssen uns doch aussprechen, Dummkopf!« rief er mit jener -verachtenden Ungeduld, die beinahe sagte: »Tu doch nicht, als ob du was -Besseres wärest!« Aber er sagte nur: »Du hast wohl Angst, was? Bist du -mein Freund oder bist du nicht mein Freund?« - -»Ich bin nicht dein Freund und kann es auch gar nicht sein, denn ich -weiß, daß du ein Schuft bist. Doch gehen wir, nur um dir zu zeigen, daß -ich dich nicht fürchte! Puh, wie es hier stinkt! Nach Käse! Was für eine -Schweinerei!« - - - Sechstes Kapitel. - - - I. - -Ich bitte nochmals, nicht zu vergessen, daß mir der Kopf schon ein wenig -benommen war: wäre das nicht der Fall gewesen, so hätte ich wohl anders -gesprochen und gehandelt. In einem Hinterzimmer dieser Miljutinschen -Handlung konnte man Austern essen, und wir setzten uns also dort an ein -Tischchen, das mit einem billigen, unsauberen Tischtuch bedeckt war. -Lambert bestellte Champagner; das Glas mit dem kalten goldfarbenen Weine -stand plötzlich vor mir und blinkte mich verführerisch an; ich aber -ärgerte mich. - -»Sieh, Lambert, hauptsächlich ärgere ich mich, weil du dir einbildest, -mir auch jetzt noch so befehlen zu können, wie bei Touchard, während du -doch hier der Diener aller bist.« - -»Dummkopf! Na, stoßen wir an!« - -»Du hältst es nicht einmal für der Mühe wert, dich vor mir zu -verstellen; wenn du es doch wenigstens verbergen würdest, daß du mich -betrunken machen willst!« - -»Red' keinen Unsinn, du bist ja schon betrunken. Wenn du jetzt noch -etwas trinkst, wirst du nur lustiger werden. Nimm dein Glas, so nimm's -doch!« - -»Was heißt das: >so nimm's doch<? Ich gehe einfach fort und damit -Schluß!« - -Und damit stand ich auf. Er wurde schrecklich wütend. - -»Dir hat Trischatoff von mir was ins Ohr gesetzt! Ich hab' doch gesehen, -wie ihr dort zusammen getuschelt habt. Du bist ein Dummkopf. Alphonsina -ekelt sich, wenn er ihr nur in die Nähe kommt ... Er ist gemein. Ich -werde dir noch erzählen, was er für einer ist ...« - -»Das hast du mir schon gesagt. Bei dir ist jedes dritte Wort Alphonsina; -du bist entsetzlich beschränkt.« - -»Beschränkt?« Er verstand mich nicht. »Sie sind jetzt zum Pockennarbigen -übergegangen. Das ist es! Darum habe ich sie davongejagt. Sie sind -ehrlose Buben. Dieser Pockennarbige ist ein Erzschuft und wird sie noch -ganz anders verderben! Ich aber habe von ihnen immer verlangt, daß sie -sich anständig aufführen.« - -Ich setzte mich wieder, griff ganz mechanisch nach dem Glas und trank -einen Schluck. - -»Ich stehe an Bildung hoch über dir,« sagte ich. - -Er aber war selig, daß ich mich wieder gesetzt hatte, und füllte -sogleich mein Glas bis zum Rande nach. - -»Du scheinst sie ja sehr zu fürchten?« fuhr ich fort, ihn zu kränken -(und sicherlich war ich in diesem Augenblick viel widerlicher als er). -»Andrejeff schlug dir den Hut vom Kopf, und dafür hast du ihm -fünfundzwanzig Rubel gegeben.« - -»Das hab' ich, aber er wird mir schon dafür büßen. Sie verschwören sich -jetzt gegen mich, aber ich werde schon mit ihnen fertig werden ...« - -»Der Pockennarbige scheint dich ja sehr zu beunruhigen. Und weißt du, -ich glaube, ich bin jetzt der einzige, der dir noch verblieben ist. Alle -deine Hoffnungen hast du jetzt auf mich gesetzt, -- ist's nicht so?« - -»Ja, Arkadi, das ist so: Du bist jetzt der einzige Freund, der mir noch -geblieben ist; das hast du gut gesagt!« Er klopfte mir auf die Schulter. - -Was sollte man mit einem so beschränkten Menschen anfangen? Er war ja -geistig vollkommen unentwickelt und faßte meinen Spott als Schmeichelei -auf. - -»Du könntest mir aus einer schlimmen Lage helfen, wenn du ein guter -Freund sein willst, Arkadi,« fuhr er fort und sah mich liebevoll an. - -»Wobei könnte ich dir denn helfen?« - -»Du weißt doch selbst, wobei. Ohne mich würdest du die Sache wie ein -Narr anfassen und alles nur verpfuschen, ich aber würde dir -dreißigtausend Rubel geben; wir würden den Gewinn einfach teilen, und du -weißt doch schon selbst wie und was! Na, und überhaupt: was bist du -jetzt? Du hast doch nichts -- keinen Namen, keine Familie; hier aber -bietet sich dir mit einem Schlage ein ganzes Vermögen; und hast du erst -einmal Geld, so kannst du noch wer weiß was für eine Karriere machen!« - -Ich staunte nur so über die Art seines Vorgehens. Ich hatte zum -mindesten erwartet, daß er mich zu überlisten suchen werde, und nun -begann er mit mir so ohne alle Vorsichtsmaßregeln, als ob ich ein dummer -Junge gewesen wäre! Ich beschloß, ihn anzuhören; ich tat es einerseits -aus Vorurteilslosigkeit und andererseits ... aus schrecklicher Neugier. - -»Sieh, Lambert: du wirst das zwar nicht verstehen, aber ich bin bereit, -dich anzuhören, weil ich vorurteilslos bin,« erklärte ich mit -plötzlicher Entschlossenheit und trank wieder einen Schluck. - -Lambert goß sofort wieder nach. - -»Hör' mich an, Arkadi: wenn so ein Bjoring gewagt hätte, mich in -Gegenwart einer Dame, die ich vergöttere, zu schlagen und zu -beschimpfen, -- ich weiß nicht, was ich mit ihm getan hätte! Du aber -hast den Schimpf eingesteckt, und ich kann dich einfach nur verachten: -Du bist ja doch nur ein Waschlappen!« - -»Wie wagst du, zu behaupten, Bjoring hätte mich geschlagen!« schrie ich -und wurde rot. »Eher habe ich ihn geschlagen, als er mich!« - -»Nein, er hat dich geschlagen, nicht du ihn.« - -»Du lügst; ich bin ihm dabei noch auf den Fuß getreten!« - -»Er aber hat dich mit dem Arm zurückgestoßen und den Dienern befohlen, -dich rauszuschmeißen ... und sie hat im Wagen gesessen und dich -ausgelacht; sie wußte, daß du keinen Vater hast, und daß man dich -ungestraft beleidigen kann.« - -»Ich weiß nicht, Lambert ... wir führen eine Unterhaltung wie zwei dumme -Jungen, daß ich mich rein schäme. Du willst mich aufhetzen und tust es -so plump und offensichtlich, als hättest du einen Sechzehnjährigen vor -dir. Du hast dich mit Anna Andrejewna verabredet!« schrie ich wutbebend -und trank dabei ganz mechanisch wieder einen Schluck. - -»Anna Andrejewna ist eine schlaue Intrigantin! Sie wird noch dich und -mich und die ganze Welt betrügen! Ich habe nur auf dich gewartet, denn -du wirst bei der anderen mehr erreichen als bei dieser.« - -»Bei welcher anderen?« - -»Na, bei Madame Achmakoff. Ich weiß alles. Du hast mir selbst gesagt, -daß sie den Brief, der in deinen Händen ist, fürchtet ...« - -»Was für einen Brief ... du lügst ... hast du sie gesehen?« stammelte -ich verwirrt. - -»Ich habe sie gesehen. Sie ist sehr schön. _Très belle_;{[102]} du hast -einen guten Geschmack.« - -»Ich weiß, daß du sie gesehen hast; aber mit ihr zu sprechen hast du -doch nicht gewagt, und ich will auch nicht, daß du _von_ ihr zu sprechen -wagst!« - -»Du bist noch ein Jüngling, und sie macht sich über dich lustig -- das -ist das Ganze! Wir haben in Moskau einen ähnlichen Fall mit einer -solchen tugendhaften Dame gehabt: ach, wie stolz die war, und wie hoch -sie die Nase trug! Und wie erzitterte sie, als man ihr sagte, wir würden -alles erzählen, und wie gehorsam war sie dann -- und wir nahmen -natürlich das eine wie das andere: Geld und noch -- du kannst dir schon -denken was. Jetzt ist sie in der Gesellschaft wieder die unnahbare große -Dame -- Teufel noch eins, wie hoch oben sie wieder ist, und in was für -einer Equipage sie wieder fährt, und dabei -- wenn du nur gesehen -hättest, in was für einer Spelunke das geschah! Du kennst das Leben noch -nicht, wenn du wüßtest, vor was für Spelunken diese Damen nicht -zurückscheuen ...« - -»Das hab' ich mir gedacht,« murmelte ich unwillkürlich. - -»Verdorben sind sie bis in die Fingerspitzen! Du ahnst es nicht, wozu -sie fähig sind! Alphonsina ist einmal in solch einem reichen Hause -gewesen, -- geekelt hat sie sich einfach davor!« - -»Das habe ich mir gedacht,« entfuhr es mir wieder. - -»Du aber läßt dich schlagen und hast dann noch Mitleid mit ihr ...« - -»Lambert, du bist ein Schurke, du verfluchter Lump!« schrie ich, da mir -plötzlich alles klar wurde, und ich zitterte vor Wut. »Ich hab' das -alles schon im Traum gesehen, du standest mit Anna Andrejewna ... Oh, du -verfluchter Lump! Hast du wirklich geglaubt, daß ich so ein Schurke sein -könnte? Mir hat davon bereits geträumt, weil ich wußte, daß du mir -Ähnliches sagen würdest! Und schließlich, das kann doch nicht alles so -einfach sein, daß du mir so geradeaus und ohne Bedenken davon reden -kannst!« - -»Sieh mal, wie du aufbraust! Te-te-te!« spottete Lambert und lachte -triumphierend. »Nun, Freund Arkaschka, jetzt weiß ich glücklich alles, -was ich wissen wollte. Darum hab' ich auf dich gewartet. Höre mal: du -hast dich also in sie verliebt und möchtest dich an Bjoring rächen -- -sieh, das war es, was ich wissen mußte. Ich hab' mir das auch schon -gedacht, die ganze Zeit, während ich auf dich wartete. _Ceci posé, cela -change la question._{[103]} Um so besser, da sie doch selbst in dich -verliebt ist. Darum heirate sie, ohne zu zögern, das wird das Beste -sein, was du tun kannst. Und was anderes kannst du auch gar nicht tun, -du hast das Richtigste getroffen. Und dann vergiß eines nicht, Arkadi: -daß du einen Freund hast, auf dem du meinetwegen reiten kannst -- und -dieser Freund bin ich. Dieser Freund wird dir helfen und dich mit ihr -verheiraten: und sollte er auch alles aus der Hölle für dich herausholen -müssen, Arkascha! Du aber gibst deinem alten Freunde dann dreißig -Tausender für die Mühe, was? Ich werde dir mächtig helfen, da sei du -unbesorgt. In solchen Geschäften kenne ich mich aus: du bekommst ihre -ganze Mitgift ausgezahlt, bist dann ein reicher Mann und hast eine -glänzende Zukunft vor dir!« - -In meinem Kopf ging zwar schon alles durcheinander, aber ich sah Lambert -doch noch mit Verwunderung an. Er sprach im Ernst, das heißt, nicht, daß -man ihn ernst nehmen konnte, aber jedenfalls schien er doch im Ernst an -die Möglichkeit zu glauben, mich mit ihr verheiraten zu können, und -offenbar nahm er die Idee mit Begeisterung auf. Selbstverständlich -merkte ich sofort, daß er mich fangen wollte, und das noch dazu in einer -so plumpen Art, als hätte er es mit einem dummen Jungen zu tun gehabt; -sicher habe ich das schon damals bemerkt; aber der Gedanke an eine Ehe -mit ihr überwältigte mich dermaßen und nahm mich so schnell gefangen, -daß ich -- obgleich ich mich über Lambert wunderte, weil er von einem so -phantastischen Einfall ernsthaft reden konnte -- daß ich doch -gleichzeitig selber ganz hingerissen an die Möglichkeit glaubte, ohne -aber dabei auch nur für einen Augenblick das Bewußtsein zu verlieren, -daß diese sich nie und nimmer verwirklichen konnte. Ich begreife selbst -nicht, wie sich das alles in mir miteinander vertrug. - -»Ja, aber ist denn das möglich?« stammelte ich. - -»Warum denn nicht? Du zeigst ihr das Dokument -- da wird sie Angst -bekommen und dich heiraten, um nicht ihr ganzes Erbe zu verlieren.« - -Ich beschloß, Lambert in seinen gemeinen Vorschlägen nicht zu -unterbrechen, zumal er sie mir mit einer Harmlosigkeit vorlegte, die -nicht einmal zu ahnen schien, daß ich mich plötzlich dagegen empören -könnte; indessen murmelte ich doch so etwas davon, daß ich sie nicht -zwingen wolle: - -»Aber ich will sie doch um nichts in der Welt mit Gewalt dazu bewegen, -mich zu heiraten, wie kannst du so gemein sein, mir überhaupt solche -Vorschläge zu machen?« - -»Ei, was! sie heiratet dich ja ganz von selbst: du brauchst sie zu -nichts zu zwingen, denn sie wird so erschrocken sein, daß sie von selbst -alles tun wird. Und sie wird allein schon darum wollen, weil doch auch -sie in dich verliebt ist,« schloß Lambert, und sprach plötzlich die -Hauptsache aus. - -»Du lügst! Du willst dich über mich lustig machen! Woher kannst du -wissen, ob sie in mich verliebt ist?« - -»Unbedingt ist sie das! Ich weiß es. Auch Anna Andrejewna ist der -Meinung. Ich sage dir das im Ernst und es ist wahr, daß Anna Andrejewna -daran glaubt. Und dann werde ich dir noch etwas erzählen, wenn du zu mir -kommst, eine Sache, aus der du ersehen kannst, daß sie in dich verliebt -ist. Alphonsina ist in Zarskoje gewesen; sie hat da auch erfahren ...« - -»Was kann sie denn da erfahren haben?« - -»Komm, gehen wir zu mir! Sie wird dir alles selbst erzählen, und du -wirst es gern hören. Bist du denn schlechter als irgendein anderer? Du -bist hübsch, wohlerzogen ...« - -»Ja, ich bin wohlerzogen,« flüsterte ich atemlos. Mein Herz klopfte -mächtig, und natürlich nicht nur vom Wein. - -»Du bist ein hübscher Kerl, du bist immer gut gekleidet.« - -»Ja, ich bin gut gekleidet.« - -»Und du bist ein guter Kerl ...« - -»Ja, ich bin ein guter Kerl.« - -»Warum sollte sie da nicht ja sagen? Bjoring wird sie ohne Geld -selbstverständlich nicht nehmen, du aber kannst sie durch ihren Vater an -den Bettelstab bringen. Das wird sie nicht wenig erschrecken. Und wenn -du sie heiratest, rächst du dich dadurch an Bjoring. Du hast mir doch -selbst in jener Nacht gesagt, als ich dich halb erfroren zu mir brachte, -daß sie in dich verliebt ist.« - -»Hab' ich dir das wirklich gesagt? Nein, so kann ich mich nicht -ausgedrückt haben.« - -»Doch, gerade so!« - -»Vielleicht im Fieber. Dann habe ich dir wohl auch von einem Dokument -etwas gesagt?« - -»Ja, du sagtest, daß du einen Brief besitzest, und ich dachte noch: wie -kann er, wenn er einen solchen Brief in der Hand hat, seinen Vorteil so -aus dem Auge lassen?« - -»Aber das ist ja alles nur Phantasie, und ich bin doch nicht so dumm, so -etwas ernst zu nehmen,« murmelte ich. »Erstens ist da der -Altersunterschied, und zweitens bin ich doch ohne Herkunft.« - -»Na, sie wird dich schon nehmen; sie kann ja gar nicht anders, wo es -sich doch um so viel Geld handelt -- das werde ich ihr schon klarmachen. -Und außerdem liebt sie dich doch. Du weißt ja selbst am besten, wie sehr -der alte Fürst dir zugetan ist; durch seine Protektion kannst du noch -wer weiß was für Verbindungen anknüpfen; und was das betrifft, daß du -keine Vorfahren hast, so ist doch heutigestags so was überhaupt nicht -mehr nötig; wenn du nur erst Geld hast -- dann geht's schon von selbst -höher und höher hinauf, und in zehn Jahren bist du ein Millionär, von -dem ganz Rußland redet, was brauchst du dann noch einen Namen? In -Österreich kannst du dir den Baron kaufen. Und wenn du sie heiratest, so -nimm sie gleich fest in die Hand. Du mußt sie stramm halten. Wenn die -Frau einen Mann liebt, so hat sie es gern, wenn er sie fest in der Faust -hält. Die Frau liebt im Mann den Charakter. Mit dem Brief wirst du sie -so erschrecken, daß sie sofort deinen Charakter zu fühlen bekommt. Und -unwillkürlich wird sie sich dann sagen: >Er ist zwar noch jung, aber er -hat doch Charakter!<« - -Ich saß da wie betäubt. Mit keinem anderen Menschen hätte ich mich zu -einem so dummen Gespräch erniedrigt. Hier aber trieb mich ein geradezu -wollüstiger Drang ... Zudem war Lambert so dumm und gemein, daß man sich -vor ihm eigentlich gar nicht schämen konnte. - -»Nein, weißt du, Lambert,« bemerkte ich plötzlich, »du kannst sagen, was -du willst, aber das meiste davon ist doch Unsinn; ich habe mit dir -überhaupt nur deshalb davon gesprochen, weil wir alte Kameraden sind und -uns voreinander nicht zu schämen brauchen; einem anderen gegenüber hätte -ich mich niemals so weit vergessen. Und, vor allem, woher kannst du -wissen, ob sie mich liebt? Das mit dem Kapital hast du dir sehr schlau -ausgedacht, aber, sieh, Lambert, du kennst diese vornehmen Kreise nicht: -bei ihnen geschieht das alles auf Grund der Überlieferung, sozusagen auf -ererbten Fundamenten, und da würde sie eben, solange sie meine -Fähigkeiten noch nicht kennt und nicht weiß, was ich in meinem Leben zu -erreichen hoffe, doch nicht wollen. Aber ich will dir durchaus nicht -verhehlen, Lambert, daß es da wirklich einen Punkt gibt, der einem -Hoffnung machen könnte. Siehst du, vielleicht würde sie mich auch aus -Dankbarkeit heiraten, weil ich sie dann von dem Haß eines gewissen -Menschen befreien würde; denn sie fürchtet diesen Menschen sehr.« - -»Ach, du meinst deinen Vater? Wie, liebt er sie denn wirklich so -leidenschaftlich?« fuhr Lambert plötzlich lebhaft und mit -außergewöhnlicher Neugier auf. - -»O nein!« rief ich. »Wie schrecklich du doch bist, Lambert, und zu -gleicher Zeit wie dumm! Wie könnte ich sie denn heiraten wollen, wenn -ich wüßte, daß er sie liebt! Wir sind doch immerhin Vater und Sohn -- da -wär's ja eine Schande! Er liebt Mama, nur Mama liebt er, ich habe -gesehen, wie er sie umarmt hat. Ich hab' ja selbst schon einmal -geglaubt, daß er Katerina Nikolajewna liebte, aber jetzt weiß ich's ganz -genau, daß er sie vielleicht früher mal geliebt hat, sie jetzt aber -schon seit langem haßt ... und sich an ihr nur noch rächen will; sie -aber fürchtet sich vor ihm. Ich kann dir nur sagen, Lambert: wenn er -sich rächen will, kann er unheimlich werden! Er ist dann wie wahnsinnig. -Wenn er über sie in Zorn gerät, so ist ihm jedes Mittel recht. Das ist -noch eine Feindschaft von der alten Art: um erhabener Prinzipien willen. -Heutzutage pfeift man auf allgemeine Prinzipien; heutzutage gibt es -keine allgemeinen Prinzipien mehr, sondern nur Einzelfälle. Aber davon -verstehst du ja wieder nichts: du bist, weiß Gott, dumm wie ein Stiebel; -ich erzähle dir hier von Prinzipien, und du hast wahrscheinlich -überhaupt keine Vorstellung davon, was ein Prinzip ist. Du bist wirklich -furchtbar ungebildet. Weißt du noch, wie du mich gehauen hast. Heute bin -ich stärker als du -- weißt du das auch?« - -»Arkaschka, gehen wir zu mir nach Haus! Wir verbringen zusammen den -Abend, trinken noch eine Flasche, und Alphonsina singt uns zur Gitarre -vor.« - -»Nein, ich will nicht. Höre, Lambert, ich habe außerdem meine >Idee<. -Wenn aus all dem anderen nichts wird und ich nicht heirate, so werde ich -nur noch für meine Idee leben; du aber hast keine Idee.« - -»Schon gut, schon gut, das erzählst du mir zu Haus, komm, laß uns -gehen.« - -»Nein, ich gehe nicht mit. Ich will nicht, ich tu's nicht. Ich werde -schon zu dir kommen, aber du bist und bleibst doch ein Schuft. Ich gebe -dir die Dreißigtausend -- meinetwegen; aber ich bin reiner und stehe -höher als du ... Ich sehe doch, daß du mich nur betrügen willst. Und von -ihr zu sprechen oder an sie auch nur zu denken verbiete ich dir jetzt: -sie steht höher als alles in der Welt, und deine Pläne sind von einer -solchen Niedrigkeit, daß man über dich nur staunen kann, Lambert. Ich -möchte heiraten, gewiß -- aber das ist eine Sache für sich; dazu brauche -ich kein Geld, ich verachte dieses Geld. Ich würde ihr Geld auch dann -nicht annehmen, wenn sie es mir selbst auf den Knien anböte ... Aber -heiraten, heiraten -- das ist etwas ganz anderes. Und weißt du, das hast -du ganz gut gesagt, das von dem in der Faust halten. Lieben muß man, -leidenschaftlich lieben, mit der ganzen Großmut, die im Manne liegt, und -deren eine Frau überhaupt nicht fähig ist, und gleichzeitig muß man ein -Despot sein -- das ist richtig. Denn, weißt du, Lambert, die Frauen -lieben den Despotismus. Du, Lambert, kennst die Frauen. Aber in allen -übrigen Dingen bist du doch unglaublich dumm! Und weißt du, Lambert, du -bist ja gar nicht so ein Schuft, wie es den Anschein hat, du bist nur -fürchterlich einfältig. Deshalb habe ich dich auch trotz allem noch -gern. Ach, Lambert, warum bist du so ein Lump? Was könnten wir sonst für -ein Leben zusammen führen! Weißt du, Trischatoff ist ein lieber Kerl -...« - -Diese letzten zusammenhangslosen Sätze stammelte ich, als wir schon auf -der Straße waren. Oh, ich übergehe absichtlich nicht die geringste -Kleinigkeit, damit der Leser sehe, wie leicht ich damals trotz aller -Begeisterung, trotz aller Schwüre und Gelöbnisse -- nach meiner Genesung -und »Wiedergeburt« die Vornehmheit und innere Schönheit zu suchen -- -fallen konnte, und noch dazu in solchen Schmutz! Und ich schwöre: wenn -ich nicht vollkommen und ganz überzeugt wäre, daß ich jetzt schon ein -ganz und gar anderer Mensch bin, ein Mensch, der sich im praktischen -Leben wirklich einen Charakter erworben hat, so würde ich dem Leser um -nichts in der Welt alles dies gestehen. - -Wir traten aus dem Laden; Lambert hatte leicht den Arm um mich gelegt -und stützte mich. Auf einmal sah ich ihn an und bemerkte denselben -entschlossenen furchtbar aufmerksamen und im höchsten Grade nüchternen -Ausdruck in seinem Blick -- wie damals am Morgen, als er mich halb -erstarrt gefunden und mich ebenso umschlungen haltend zur Droschke -geführt und dabei mit genau derselben Aufmerksamkeit auf mein -zusammenhangloses Gestammel gelauscht hatte. Bekanntlich kann bei -Berauschten, die noch nicht vollkommen betrunken und abgefallen sind, -plötzlich und auf Augenblicke gänzliche Ernüchterung eintreten. - -»Um keinen Preis gehe ich jetzt zu dir!« sagte ich entschlossen und -wieder ganz bei Sinnen. Ich sah ihn höhnisch an und suchte ihn mit der -Hand von mir wegzuschieben. - -»Na, komm schon, Alphonsina wird uns Tee machen, komm!« - -Er war natürlich überzeugt, daß ich mich von ihm nicht mehr losreißen -könne, und hielt mich immer noch als sein sicheres Opfer mit Wonne -umarmt: er hatte mich doch auch so nötig, gerade an diesem Abend, und -dazu noch in einem solchen Zustande! Später wird es schon klar werden, -weswegen! - -»Ich will nicht!« wiederholte ich. »He, hierher!« rief ich einen -vorüberfahrenden Droschkenkutscher an, der sofort anhielt, und ich -sprang in den Schlitten. - -»Was! wo willst du hin? Was fällt dir ein!« brüllte Lambert erschrocken -und klammerte sich an meinen Pelz. - -»Wage es nicht, mir nachzufahren!« schrie ich. »Daß du dich nicht -unterstehst!« - -In diesem Augenblick zog das Pferd an, und mein Pelz wurde Lambert aus -der Hand gerissen. - -»Na wart', du wirst schon zu mir kommen!« schrie er mir wütend nach. - -»Wenn's mir paßt -- das hängt von meinem Willen ab!« rief ich zurück, -indem ich mich im Schlitten nach ihm umwandte. - - - II. - -Er folgte mir nicht, freilich nur darum nicht, weil gerade kein zweiter -Schlitten zur Stelle war, und so gelang es mir, ihm zu entkommen. Ich -fuhr aber nur bis zum Heumarkt; dort stieg ich aus und entließ den -Kutscher, denn ich hatte das starke Bedürfnis, zu Fuß zu gehen. Ich -empfand weder Müdigkeit noch Trunkenheit, ich war nur ausnehmend munter. -Es war ein großer Überschuß von Kräften in mir, ich fühlte mich zu jedem -Unternehmen fähig und unzählige angenehme Gedanken gingen mir durch den -Kopf. - -Mein Herz klopfte jäh und hart -- ich hörte jeden Schlag. Und alles -schien mir so schön und alles so leicht. Als ich an der Hauptwache am -Heumarkt vorüberging, hatte ich die größte Lust, zum Posten hinzugehen -und ihn zu umarmen. Es war Tauwetter; der Schnee auf dem Platz sah schon -ganz schwarz aus und stank; aber auch das gefiel mir. - -»Jetzt gehe ich den Obuchoffprospekt hinunter,« dachte ich bei mir, -»dann biege ich links ein und mache einen Umweg über die -Ssemjonoffkaserne, das ist schön; alles ist schön. Den Pelz trage ich -offen ... Warum nimmt ihn mir niemand ab, wo sind denn die Diebe? Auf -dem Heumarkt soll es doch Diebe geben; mögen sie nur kommen, ich -überlasse ihnen vielleicht meinen Pelz. Wozu brauche ich einen Pelz? Ein -Pelz ist Eigentum. _La propriété, c'est le vol._{[104]} Übrigens, was -ist das für'n Unsinn, aber wie schön ist doch alles! Wie gut, daß es -taut. Wozu Kälte? Kälte ist ganz überflüssig. Wieviel Unsinn man mit -sich herumschleppt, aber es ist doch schön. Was habe ich soeben Lambert -von Prinzipien gesagt? Ich sagte, es gäbe keine allgemeinen Prinzipien, -es gäbe nur noch >Einzelfälle<. Das war von mir geschwindelt, war eine -Erzschwindelei! Und mit Absicht, um mich wichtig zu machen. Ein bißchen -peinlich, aber das tut nichts, ich werde es schon wieder gutmachen. -Schämen Sie sich nicht, Arkadi Makarowitsch, quälen Sie sich doch nicht -deswegen! Sie gefallen mir, Arkadi Makarowitsch, Sie gefallen mir sogar -außerordentlich, mein junger Freund. Schade nur, daß Sie ein kleiner -Schuft sind ... und ... und ... Ach!« - -Ich blieb plötzlich stehen, und mein Herz schlug mächtig vor Entzücken. - -»Mein Gott! Was hatte er gesagt? Er sagte, daß sie -- mich liebt! ... -Oh, er ist ein Spitzbube, er hat viel gelogen; er hat das nur gesagt, -damit ich bei ihm übernachte. Oder vielleicht auch nicht. Er sagte doch, -Anna Andrejewna sei derselben Meinung ... Bah! Und Darja Onissimowna -- -ob die nicht manches für ihn ausgekundschaftet hat? Die schnüffelte doch -überall herum. Warum bin ich eigentlich nicht mit ihm gegangen? Ich -hätte dann alles erfahren. Hm! Er hat einen Plan. Ich habe ja alles bis -zur letzten Einzelheit vorausgeahnt. Mein Traum! Ihr Plan ist nicht -schlecht, Herr Lambert, nur ist das barer Unsinn, denn so wird das nicht -sein! Oder vielleicht doch? Vielleicht -- doch! Kann er mich denn -verheiraten? Vielleicht kann er es wirklich. Er ist naiv und gläubig. -Und dazu ist er dumm und frech, wie alle praktischen Leute. Dummheit mit -Frechheit gepaart ist eine große Macht. Geben Sie es mir zu, Arkadi -Makarowitsch, daß Sie sich vor diesem Lambert doch gefürchtet haben! -Wozu braucht er anständige Menschen? Ganz ernsthaft hat er mir gesagt: ->Hier gibt es keinen einzigen anständigen Menschen!< Aber wer bin ich -denn selbst? Doch was rede ich! Als ob Spitzbuben nicht auch anständige -Menschen nötig hätten? Zu Spitzbübereien sind anständige Menschen noch -viel unentbehrlicher als zu sonstwas. Ha, ha! Das haben Sie in Ihrer -großen Unschuld bis heute noch nicht gewußt, Arkadi Makarowitsch. -Herrgott! Und wenn er mich wirklich mit ihr verheiratet!« - -Ich stand plötzlich wieder still. Ich muß hier eine Dummheit eingestehen -(sie liegt ja schon so weit hinter mir!) -- die Dummheit, daß ich schon -lange vorher hatte heiraten wollen -- das heißt, eigentlich habe ich es -ja nie gewollt, und es wäre ja auch niemals geschehen (und auch in -Zukunft wird es nie geschehen, mein Wort darauf!), aber ich habe schon -oft und schon lange vorher davon geträumt -- und wohl abertausendmal und -besonders nachts vor dem Einschlafen im Bett -- wie schön es doch sein -müßte, zu heiraten. Das hatte schon in meinem sechzehnten Jahre -angefangen. Ich hatte auf dem Gymnasium einen Kameraden, einen -Altersgenossen, Lawrowski hieß er; er war ein stiller, hübscher Junge, -der sich übrigens durch nichts weiter auszeichnete. Gesprochen hatte ich -mit ihm fast noch nie. Eines Abends saßen wir zufällig nebeneinander, -und er schien ganz in Gedanken versunken zu sein; plötzlich sagte er zu -mir: »Ach, Dolgoruki, was meinen Sie, wenn man doch jetzt heiraten -könnte? Nein wirklich, wann soll man denn heiraten, wenn nicht jetzt? -Gerade jetzt wäre die beste Zeit dazu, und doch ist es für unsereinen -jetzt ganz unmöglich!« Und so aufrichtig sagte er das. Ich stimmte ihm -sofort von ganzem Herzen bei, denn ich hatte schon selbst von Ähnlichem -zu träumen angefangen. Nachher kamen wir eine Zeitlang täglich zusammen -und sprachen dann heimlich nur von diesem einen, immer nur davon. Dann -aber -- ich weiß nicht, wie es kam -- suchten wir einander nicht mehr -auf und sprachen nicht mehr davon. Seitdem träumte ich allein weiter. -Das ist freilich alles gar nicht der Erwähnung wert, doch -- ich wollte -eben bloß feststellen, wie früh manchmal so etwas anfangen kann ... - -»Es gibt nur einen ernsthaften Einwand,« spann ich meine Gedanken -weiter, während ich meinen Weg fortsetzte, »denn der geringe -Altersunterschied kann selbstverständlich kein Hindernis sein; aber wenn -man bedenkt: sie ist eine solche Aristokratin, und ich heiße -- >einfach -Dolgoruki<! Das ist schrecklich! Hm! Aber könnte Werssiloff nicht, wenn -er Mama heiratet, ein Gesuch einreichen und von der Regierung die -Erlaubnis erwirken, mich zu adoptieren ... sozusagen in Anbetracht -seiner Verdienste ... Er war doch im Staatsdienst, er hat sich doch um -den Staat verdient gemacht ...« Und plötzlich durchzuckte es mich: »O -Teufel, diese Gemeinheit!« - -Fast laut stieß ich es hervor, und ich stand zum drittenmal still -- -diesmal wie von einem Keulenschlage getroffen. Die ganze Qual der -erniedrigenden Erkenntnis, daß ich mir solche Schmach hatte wünschen -können, wie die Änderung meines Namens durch Adoption, dieser Verrat an -meiner ganzen Kindheit -- zerstörte in einem Augenblick meine gehobene -Stimmung, und meine ganze Freude war wie Rauch verflogen. »Nein, das -werde ich keinem Menschen sagen,« dachte ich und errötete heiß, »so tief -habe ich nur sinken können, weil ich ... verliebt und dumm bin ... Nein, -wenn Lambert in einem recht hatte, so war es darin, daß heutzutage, in -unserer Zeit, die Hauptsache der Mensch selbst ist, und dann erst kommt -sein Geld. Das heißt, nicht sein Geld, sondern sein Vermögen. Wenn ich -mich mit solchem Kapital an die Verwirklichung meiner >Idee< mache, so -wird in zehn Jahren ganz Rußland von mir widerhallen, und ich werde mich -an allen rächen können. Und mit ihr viel Umstände machen, hat auch gar -keinen Zweck, darin hat Lambert wieder recht. Sie wird Angst haben und -mich einfach nehmen. Sie wird auf die einfachste und erbärmlichste Weise -einwilligen und mich nehmen. >Du kannst dir nicht vorstellen, nicht -vorstellen kannst du dir, in was für einer Spelunke das geschah.< Diese -Worte Lamberts fielen mir wieder ein. »Und so ist es,« bekräftigte ich, -»Lambert hat recht, hat tausendmal mehr recht als ich und Werssiloff und -alle Idealisten! Er ist ein Realist. Sie wird sehen, daß ich Charakter -habe und wird sich sagen: >Ah, er hat Charakter!< Lambert ist ein -Schuft, und ihm kommt es nur darauf an, mir die dreißigtausend Rubel zu -entreißen, und doch ist er in Wirklichkeit der einzige, der als Freund -zu mir hält. Eine andere Freundschaft gibt es nicht und kann es gar -nicht geben, die haben sich bloß unpraktische Leute ausgedacht. Und -_sie_ erniedrige ich damit durchaus nicht; wodurch erniedrige ich sie -denn? Keineswegs: die Weiber sind alle so! Gibt es denn überhaupt ein -Weib, das ganz ohne Gemeinheit wäre? Deshalb muß es auch den Mann über -sich haben, deshalb ist es als untergeordnetes Wesen geschaffen. Das -Weib ist Laster und Versuchung, der Mann ist Anstand und Großmut. Und so -wird es bleiben für die ganze Ewigkeit. Daß ich aber im Begriff stehe, -das >Dokument< auszunutzen, das besagt noch gar nichts. Das hindert mich -nicht, anständig und großmütig zu sein. Schillersche Idealmenschen gibt -es im wirklichen Leben nicht, die hat man sich nur ausgedacht. Dies -bißchen Niedrigkeit aber -- kann doch schließlich nebensächlich sein, -wenn das Ziel erhaben ist! Das läßt sich später alles wieder abwaschen -und gutmachen. Jetzt ist das nur Großzügigkeit, ist >das Leben<, ist die -Lebensweisheit, -- ja, so nennt man das heutzutage!« - -Oh, ich sage noch einmal: möge man mir verzeihen, daß ich diese -Träumereien der Trunkenheit so eingehend wiedergebe. Was ich hier -schreibe ist natürlich nur ein Auszug und eine Verdeutlichung meiner -Träume von damals, aber es ist mir, als hätte ich diese Gedanken sogar -mit eben diesen Worten gedacht. Ich mußte es wiedergeben, denn ich habe -mich doch zum Schreiben hingesetzt, weil ich über mich selbst ein Urteil -fällen wollte. Und was wäre wohl mehr zu verurteilen als diese Haltung? -Kann denn im Leben etwas ernster sein? Der Wein entschuldigt mich nicht. -_In vino veritas._ - -So vor mich hingrübelnd und ganz versunken in meine Träume, hatte ich -den Weg nach Hause zurückgelegt und war vor Mamas Wohnung angelangt, -ohne es zu gewahren. Ja, ich gewahrte es auch dann noch nicht, als ich -schon eintrat; erst in unserem kleinen Vorzimmer kam ich gleichsam zu -mir, und da fühlte ich plötzlich, daß bei uns etwas Außergewöhnliches -vor sich ging. Ich hörte in den Zimmern laut sprechen und aufschreien, -und Mama weinte. In der Tür hätte mich Lukerja, die aus dem Zimmer Makar -Iwanowitschs kam und in die Küche stürzte, beinahe umgerannt. Ich warf -meinen Pelz ab und begab mich schnell zu Makar Iwanowitsch, da alle dort -beisammen waren. - -Im Zimmer standen Werssiloff und Mama. Mama lag in seinen Armen, und er -hielt sie fest an sein Herz gedrückt. Makar Iwanowitsch saß wie -gewöhnlich auf seiner Bank, aber so sonderbar haltlos, daß Lisa ihn mit -ihrer ganzen Kraft an beiden Schultern festhalten mußte, damit er nicht -umfiele, und doch neigte er sich immer mehr nach vorn und drohte ganz zu -fallen. Ich stürzte näher, erschrak und begriff: der Alte war tot. Er -war soeben gestorben, vielleicht eine Minute vor meinem Eintreten. Vor -zehn Minuten hatte er sich noch so wie immer gefühlt. Nur Lisa war bei -ihm gewesen: sie hatte dagesessen und ihm ihren Kummer erzählt, und er -hatte ihr, genau wie gestern, den Kopf gestreichelt. Auf einmal hatte er -zu zittern begonnen (so erzählte Lisa später), hatte aufstehen, hatte -schreien wollen, und war dann lautlos nach links gesunken. »Herzschlag!« -meinte Werssiloff. Lisa hatte aufgeschrien, daß es durchs ganze Haus -hallte, und da erst waren die anderen herbeigelaufen -- und das alles -eine Minute vor meinem Erscheinen. - -»Arkadi!« rief mir Werssiloff zu, »laufe sofort zu Tatjana Pawlowna. Sie -muß unbedingt zu Hause sein. Bitte sie, sofort herzukommen! Nimm eine -Droschke. Schnell, ich beschwöre dich!« - -Seine Augen blitzten -- ich erinnere mich dessen noch deutlich. Auf -seinem Gesicht bemerkte ich nichts von Mitgefühl oder Tränen, nur Mama, -Lisa und Lukerja weinten. Im Gegenteil -- und ich erinnere mich dessen -nur zu gut --, sein Gesicht hatte den Ausdruck einer außerordentlichen -Angeregtheit, ja, fast möchte ich sagen, Begeisterung. Ich lief zu -Tatjana Pawlowna. - -Der Weg war nicht sehr weit. Ich nahm auch keine Droschke, sondern lief -den ganzen Weg zu Fuß, ohne anzuhalten. In meinem Kopfe war ein wirres -Durcheinander, und auch ich fühlte eine Art Begeisterung. Ich begriff, -daß etwas Entscheidendes geschehen war. Als ich bei Tatjana Pawlowna -klingelte, war meine Betrunkenheit spurlos verschwunden und mit ihr alle -unedlen Gedanken. - -Die Finnländerin öffnete: »Nicht zu Haus!« sagte sie kurz und wollte die -Tür sofort wieder schließen. - -»Was heißt das, nicht zu Haus!« Ich drängte mich mit aller Gewalt ins -Vorzimmer. »Das ist nicht möglich! Makar Iwanowitsch ist gestorben!« - -»Wa--as!« hörte ich sofort Tatjana Pawlownas Stimme hinter der -geschlossenen Zimmertür rufen. - -»Ja, gestorben! Makar Iwanowitsch ist gestorben! Andrei Petrowitsch -bittet Sie, sofort hinzukommen!« - -»Hör, du lügst ...« - -Der Riegel wurde zurückgeschoben, aber die Tür nur ein wenig geöffnet. - -»Was ist geschehen? So erzähl doch!« - -»Ich weiß selbst nicht, ich bin soeben nach Hause gekommen, da war er -schon tot. Andrei Petrowitsch sagt: Herzschlag!« - -»Ich komme sofort, im Augenblick. Lauf', sag', ich komme gleich; mach, -daß du fortkommst, marsch, marsch! Was stehst du denn noch da?« - -Ich hatte aber durch die halbgeöffnete Tür deutlich gesehen, daß jemand -hinter der Portiere, die Tatjana Pawlownas Schlafraum abteilte, -hervorgetreten war und jetzt im Zimmer hinter Tatjana Pawlowna stand. -Unwillkürlich erfaßte ich den Türgriff und ließ Tatjana Pawlowna die Tür -nicht mehr schließen. - -»Arkadi Makarowitsch! Ist es wirklich wahr, daß er gestorben ist?« -ertönte eine mir so gut bekannte, wohlklingende Stimme, die mein ganzes -Innere auf einmal erzittern machte: aus ihrer Frage hörte man, daß etwas -die Sprecherin durchdrungen hatte und ihre Seele erregte. - -»Na, wenn's so ist ...« bemerkte Tatjana Pawlowna und ließ die Tür -offen, »wenn's so ist ... dann seht zu, wie ihr miteinander fertig -werdet. Habt es selbst gewollt!« - -Sie stürzte hinaus, warf sich im Laufen einen Schal und den Pelz um und -lief die Treppe hinunter. Wir blieben allein. Ich warf meinen Pelz ab, -trat ins Zimmer und schloß die Tür hinter mir. Sie stand vor mir wie -damals, bei jenem Stelldichein, mit leuchtenden Augen, und wie damals -streckte sie mir beide Hände entgegen. Da knickten mir die Knie ein, und -ich sank ihr buchstäblich zu Füßen. - - - III. - -Ein Schluchzen saß mir in der Kehle, und Tränen traten mir in die Augen, -ich weiß selbst nicht, weshalb; ich weiß auch nicht, wie es kam, daß ich -dann neben ihr saß; ich weiß nur noch -- und diese Erinnerung ist mir -unsagbar teuer -- daß wir nebeneinander saßen, meine Hand in ihrer Hand -ruhte, und daß wir fieberhaft sprachen: sie fragte mich nach dem Alten -und nach seinen letzten Augenblicken, und ich erzählte ihr von ihm. Man -hätte denken können, ich weinte um Makar Iwanowitsch, während das -durchaus nicht der Fall war; aber ich weiß ja, daß sie mich einer -solchen kindischen Rührseligkeit ganz entschieden nicht für fähig halten -konnte. Damals aber kam mir diese Möglichkeit plötzlich zu Bewußtsein, -und ich schämte mich. Heute bin ich der Meinung, daß ich einzig aus -Begeisterung geweint habe, und ich denke, sie wird das auch sehr gut -verstanden haben, so daß ich wegen dieser Erinnerung ganz ruhig bin. - -Auf einmal kam es mir aber sehr sonderbar vor, daß sie mich so eingehend -über Makar Iwanowitsch ausfragte. - -»Ja, haben Sie ihn denn gekannt?« fragte ich sie verwundert. - -»Oh, ich kenne ihn schon lange. Ich habe ihn nie gesehen, aber er hat -auch in meinem Leben eine Rolle gespielt. Vieles von ihm hat mir -seinerzeit jener Mann erzählt, vor dem ich mich fürchte. Sie wissen, wen -ich meine.« - -»Ich weiß jetzt nur, daß jener Mann Ihnen innerlich viel näher gestanden -hat, als Sie mich haben ahnen lassen,« erwiderte ich, ohne selbst zu -wissen, was ich damit eigentlich sagen wollte, aber ich sagte es -gleichsam vorwurfsvoll und mit gerunzelter Stirn. - -»Sie sagten, er habe Ihre Mutter soeben geküßt und umarmt? Haben Sie das -selbst gesehen?« fragte sie mich hastig weiter -- meine Bemerkung -überhörte sie. - -»Ja, ich habe es mit eigenen Augen gesehen; und glauben Sie mir, es -geschah alles mit der größten Aufrichtigkeit und Innigkeit!« beeilte ich -mich, zu versichern, als ich ihre Freude sah. - -»Gott gebe es!« sagte sie und bekreuzte sich. »Jetzt ist er frei. Dieser -herrliche Alte hatte sein Leben doch in Ketten geschlagen. Jetzt, wo der -Alte tot ist, wird wieder das Pflichtbewußtsein und ... die Würde in ihm -auferstehen, wie es schon einmal geschehen ist. Oh, ich weiß, er ist vor -allen Dingen großmütig und wird dem Herzen Ihrer Mutter den Frieden -geben, denn er liebt sie ja doch mehr als alles auf der Welt, und wird -schließlich auch selbst Ruhe finden, Gott sei Dank -- und es wäre auch -Zeit.« - -»Er ist Ihnen wohl teuer?« - -»Ja, sehr teuer, wenn auch nicht in dem Sinne, in dem er es wünschte und -in dem Sie jetzt fragen,« antwortete sie ernst. - -»Fürchten Sie denn nun für ihn oder für sich?« fragte ich plötzlich. - -»Ach, das sind schwierige Fragen, lassen wir das!« - -»Gut, lassen wir das; selbstverständlich; nur habe ich von alledem -nichts gewußt, vielleicht gar zu viel nicht gewußt. Aber mögen Sie recht -damit haben, daß jetzt alles von neuem anfängt, und wenn einer schon -auferstanden ist, so bin ich es, ich als erster. Ich stehe mit niedrigen -Gedanken vor Ihnen, Katerina Nikolajewna, und vielleicht ist es noch -nicht eine ganze Stunde her, daß ich auch durch die Tat niedrig an Ihnen -gehandelt habe. Aber Sie sollen auch das wissen, daß ich jetzt hier -neben Ihnen sitze und nicht die geringsten Gewissensbisse verspüre. Denn -jetzt ist alles Alte verschwunden und alles, was ist, ist neu. Und jenen -Schuft, der vor einer Stunde eine Gemeinheit gegen Sie plante, kenne ich -einfach nicht und will ich überhaupt nicht mehr kennen!« - -»Kommen Sie zu sich,« sagte sie lächelnd, »Sie scheinen mir ein bißchen -im Fieber zu sprechen.« - -»Und kann man sich denn überhaupt verurteilen, solange man neben Ihnen -sitzt?« fuhr ich fort. »Da mag einer noch so anständig sein, oder mag -auch noch so niedrig sein -- Sie sind doch immer, wie die Sonne, -unerreichbar ... Sagen Sie, wie haben Sie mir jetzt so entgegenkommen -können, nach allem, was geschehen ist? Wenn Sie nur wüßten, was noch vor -einer Stunde geschehen ist, gerade vor einer Stunde! Und was für ein -Traum mir in Erfüllung geht!« - -»Ich glaube, das kann ich mir schon denken,« sagte sie mit einem stillen -Lächeln. »Sie werden sich für irgend etwas an mir haben rächen wollen. -Sie haben sich wohl gar geschworen, mich ins Verderben zu stürzen; und -dabei hätten Sie ganz gewiß einen jeden auf der Stelle totgeschlagen -oder verprügelt, der es gewagt hätte, in Ihrer Gegenwart auch nur ein -schlechtes Wort über mich zu sagen.« - -Oh, sie lächelte und scherzte: aber sie tat es nur aus unermeßlicher -Güte, denn ihre ganze Seele war in dem Augenblick, wie ich später -erriet, so voll von eigener niederdrückender Sorge und von einer so -starken und gewaltigen Empfindung, daß sie wohl nur so mit mir sprechen -und auf meine nichtigen, lästigen Fragen antworten konnte, wie man -vielleicht einem kleinen Kinde auf seine naseweisen unablässigen Fragen -antwortet, damit es Ruhe gibt. Das begriff ich plötzlich, und ich -schämte mich, aber ich konnte mich schon nicht mehr zurückhalten. - -»Nein,« rief ich, ohne mich zu beherrschen, »nein, ich habe den nicht -erschlagen, der schlecht von Ihnen sprach, im Gegenteil, ich hab' ihm -noch beigestimmt!« - -»Oh, um Gottes willen, nicht beichten, nein, erzählen Sie nichts!« Sie -streckte plötzlich die Hand aus, um mich aufzuhalten, und aus ihrem -Gesicht sprach geradezu schmerzliches Mitleid, aber schon war ich -aufgesprungen und stand vor ihr, um ihr alles zu sagen; und wenn ich ihr -damals alles gesagt hätte, so wäre es nicht dazu gekommen, wozu es -später gekommen ist; denn es wäre bestimmt darauf hinausgelaufen, daß -ich ihr alles gebeichtet und das Dokument ihr ausgeliefert hätte. Aber -da begann sie auf einmal zu lachen: - -»Nein, es ist nicht nötig, nichts ist nötig, ich will keine Einzelheiten -hören. Ich kenne schon alle Ihre fürchterlichen Verbrechen: ich wette, -Sie hatten die Absicht, mich zu heiraten oder so etwas Ähnliches, und -haben gerade einen diesbezüglichen Plan geschmiedet, mit einem Ihrer -Freunde oder einem Ihrer früheren Schulkameraden ... Ach, es scheint ja, -daß ich es wirklich erraten habe!« rief sie plötzlich und sah mir ernst -forschend ins Gesicht. - -»Wie ... wie haben Sie das erraten können?« stotterte ich wie ein Narr -vor lauter Betroffenheit. - -»Das war, weiß Gott, nicht schwer. Doch genug, genug davon! Ich verzeihe -Ihnen alles, nur hören Sie auf,« sagte sie abwehrend und jetzt schon mit -sichtlicher Ungeduld. »Ich bin selbst eine Träumerin, und wenn Sie -wüßten, was ich alles in manchen Augenblicken ausdenke, wenn ich's nicht -mehr ertragen kann! Aber genug davon, Sie bringen mich immer von dem ab, -was ich eigentlich sagen wollte. Ich bin sehr froh, daß Tatjana Pawlowna -weggegangen ist: ich hatte schon die ganze Zeit den Wunsch, Sie -wiederzusehen, aber in ihrer Gegenwart hätten wir uns doch nicht so -aussprechen können. Ich glaube, ich trage die Schuld an dem, was Ihnen -damals zugestoßen ist. Ja? Ich bin doch die Schuldige?« - -»Sie die Schuldige? Aber damals habe ich Sie doch an _ihn_ verraten, und --- was haben Sie überhaupt von mir denken müssen! Daran habe ich seitdem -die ganze Zeit gedacht, alle diese Tage, jede Minute hab' ich daran -gedacht und nur dies gefühlt!« (Ich log nicht.) - -»Sie haben sich ganz umsonst gequält, denn ich habe doch schon damals -nur zu gut verstanden, wie das geschehen konnte: es ist Ihnen da in der -Freude ihm gegenüber das Geständnis entschlüpft, daß Sie in mich -verliebt waren, und daß ich ... nun, daß ich Sie angehört hatte. Dafür -sind Sie eben zwanzig Jahre alt. Und Sie lieben ihn doch mehr als die -ganze Welt, Sie suchen in ihm doch einen Freund, ein Ideal? Das habe ich -sehr gut begriffen, aber nur etwas zu spät. O ja, ich war damals selbst -schuld daran: ich hätte Sie unverzüglich zu mir rufen müssen, um Sie zu -beruhigen; aber ich ärgerte mich zu sehr, und so bestimmte ich, daß Sie -im Hause nicht mehr empfangen werden sollten. Und so kam es dann zu -jenem Auftritt an der Vorfahrt und später zu Ihren Erlebnissen in der -Nacht. Und wissen Sie, ich habe genau so wie Sie diese ganze Zeit daran -gedacht, wie ich Sie heimlich treffen könnte, nur wußte ich nicht, wie -ich das einrichten sollte. Und was glauben Sie, was ich dabei am meisten -fürchtete? Daß Sie seiner üblen Nachrede über mich glauben könnten.« - -»Niemals!« rief ich. - -»Ich schätze die Stunden unseres früheren Zusammenseins. Der Jüngling in -Ihnen ist mir immer teuer gewesen, und vielleicht sogar auch diese Ihre -Aufrichtigkeit ... Ich bin ja doch ein ernst veranlagter Charakter. Ich -bin der ernsteste und düsterste Charakter von allen heutigen Frauen, -merken Sie sich das ... hahaha! Aber wir werden uns schon noch -aussprechen können, augenblicklich fühle ich mich nicht recht wohl, ich -bin zu aufgeregt und ... ich glaube fast, ich bekomme eine Nervenkrise -... Gott, jetzt wird er mich doch endlich, endlich in Ruhe leben -lassen!« - -Dieser Ausruf entschlüpfte ihr ganz unbedacht; das begriff ich sofort -und tat deshalb, als hätte ich ihn überhört, aber mein Herz war -erzittert. - -»Er weiß, daß ich ihm verziehen habe!« sagte sie plötzlich vor sich hin, -als wäre sie ganz allein mit sich. - -»Haben Sie ihm denn wirklich jenen Brief verzeihen können? Und woher -kann er denn wissen, daß Sie ihm verziehen haben?« rief ich jetzt doch, -denn ich konnte mich nicht mehr halten. - -»Woher er das wissen kann? Oh, er weiß es,« sagte sie versonnen, wieder -wie zu sich selbst, und als hätte sie mich ganz vergessen. »Er ist jetzt -erwacht. Und wie sollte er denn nicht wissen, daß ich ihm verziehen -habe, da er doch meine ganze Seele auswendig kennt? Er weiß doch, daß -auch ich ein wenig von seiner Art bin.« - -»Sie?« - -»Ja, ich; und das weiß er. Oh, ich bin nicht leidenschaftlich, ich bin -ruhig: aber auch ich möchte, ganz wie er, daß alle Menschen gut wären -... Wegen irgend etwas hat er mich doch geliebt.« - -»Wie hat er dann sagen können, in Ihnen wären alle Laster?« - -»Das hat er nur so gesagt; für sich, im geheimen, weiß er etwas ganz -anderes. Aber nicht wahr, sein Brief war doch unsagbar lächerlich?« - -»Lächerlich?« - -Ich hörte mit gespanntester Aufmerksamkeit zu; sie schien tatsächlich -sehr erregt zu sein und ... sprach vielleicht Dinge aus, die keineswegs -für meine Ohren bestimmt waren; aber ich konnte mich trotz der -peinlichen Situation nicht enthalten, sie auszufragen. - -»O ja, gewiß lächerlich, und wie hätte ich gelacht, wenn ... wenn ich -mich nicht so gefürchtet hätte. Übrigens bin ich durchaus nicht so -furchtsam, glauben Sie das nicht. Aber nach jenem Brief habe ich doch -die ganze Nacht nicht geschlafen; er ist wie mit krankem Blut -geschrieben ... und worauf kann ich mich nach einem solchen Brief noch -verlassen? Ich liebe das Leben, ich fürchte entsetzlich für mein Leben, -darin bin ich wirklich schrecklich kleinmütig ... Ach, hören Sie!« rief -sie auf einmal und wandte sich erregt mir zu, »gehen Sie schnell zu ihm! -Er ist jetzt allein, er kann nicht die ganze Zeit dort bleiben, bestimmt -ist er allein aus dem Hause gegangen: suchen Sie ihn schnell auf, -unbedingt so schnell wie möglich, laufen Sie zu ihm, zeigen Sie ihm, -beweisen Sie ihm, daß Sie sein liebender Sohn, daß Sie der liebe, gute -Junge sind, mein Student, den ich ... Oh, gebe Gott Ihnen Glück! Ich -liebe niemanden, und so ist es auch am besten; aber ich wünsche allen -Glück, allen, und vor allen wünsche ich es ihm, und das soll er wissen -... womöglich jetzt gleich, das wäre mir sogar sehr lieb ...« - -Sie stand auf, in ihren Augen blitzten Tränen, und plötzlich verschwand -sie hinter der Portiere (es waren wohl hysterische Tränen nach dem -Lachen). Ich stand allein da und war erregt und verwirrt. Ich wußte -wirklich nicht, was sie denn in eine solche Erregung versetzt haben -konnte, in eine Erregung, die ich bei ihr gar nicht für möglich gehalten -hätte. Irgend etwas in meinem Herzen krampfte sich gleichsam zusammen. - -Ich wartete fünf Minuten, schließlich zehn Minuten; die tiefe Stille -schreckte mich plötzlich auf, und ich entschloß mich, zur Tür -hinauszuschauen und zu rufen. Auf meinen Ruf erschien die Köchin Marja -und sagte mir im gleichgültigsten Ton, die gnädige Frau hätte sich -längst angezogen und die Wohnung durch die Hintertür verlassen. - - - Siebentes Kapitel. - - - I. - -Das hatte gerade noch gefehlt. Ich griff nach meinem Pelz, warf ihn mir -im Gehen um und eilte mit dem Gedanken hinaus: »Sie hat mich gebeten, zu -ihm zu gehen, aber wo finde ich ihn jetzt?« - -Doch neben allem anderen beschäftigte mich eine Frage, vor der meine -Gedanken betroffen stillhielten: »Weshalb glaubt sie, daß jetzt etwas -anderes eingetreten sei und _er_ sie jetzt in Ruhe lassen werde? -Natürlich deshalb, weil er Mama heiraten wird. Aber was war das: freute -sie sich nun darüber, daß er Mama jetzt heiraten kann, oder war sie, im -Gegenteil, gerade deshalb unglücklich? Und deshalb vielleicht der -hysterische Anfall? Warum kann ich nun diese Frage nicht entscheiden?« - -Ich führe diesen zweiten Gedanken, der mich damals plötzlich -durchzuckte, hier absichtlich wortgetreu an, damit ich ihn nicht -vergesse: er ist zu wichtig. Dieser Abend war wirklich schicksalsschwer, -und unwillkürlich fängt man an eine Vorherbestimmung zu glauben an: noch -war ich keine hundert Schritte auf dem Wege zu Mamas Wohnung gegangen, -als ich plötzlich mit demjenigen zusammenstieß, den ich suchte. Er faßte -mich an der Schulter und hielt mich fest. - -»Du bist's!« rief er erfreut und gleichzeitig wie in größter -Überraschung. »Denke dir, ich war soeben in deiner Wohnung,« sagte er -schnell, »ich suchte dich, ich fragte nach dir -- nur dich allein -brauche ich jetzt von der ganzen Welt! Dein Beamter hat mir da Gott weiß -was alles vorgeredet, aber du warst nicht da, und so ging ich wieder; -und ich vergaß sogar, dir sagen zu lassen, daß du nach deiner Rückkehr -unverzüglich zu mir kommen solltest. Aber wirst du's glauben: ich ging -doch in der felsenfesten Überzeugung fort, das Schicksal könne doch -nicht so blind sein, dich mir _nicht_ entgegenzuführen, gerade jetzt, wo -ich deiner mehr denn je bedarf! Und da bist du auch richtig der erste, -der mir begegnet! Komm, gehen wir zu mir: du bist noch niemals bei mir -gewesen.« - -Mit einem Wort, wir hatten uns gegenseitig gesucht, und jedem von uns -war etwas Ähnliches begegnet. Wir gingen sehr eilig weiter. - -Unterwegs sagte er nur in ein paar Worten, daß Tatjana Pawlowna bei Mama -geblieben sei usw. usw. Er hatte mich untergefaßt und führte mich. Seine -Wohnung lag nicht weit von dort, und wir langten bald an. Ja, ich war -noch niemals bei ihm gewesen. Es war eine Wohnung von nur drei Zimmern, -die er (oder vielmehr Tatjana Pawlowna) wegen jenes »Säuglings« gemietet -hatte. Diese Wohnung stand von Anfang an ganz unter Tatjana Pawlownas -Aufsicht, und dort lebte nun die Wärterin mit dem kleinen Kinde (und -jetzt auch noch Darja Onissimowna); aber eines der Zimmer -- das erste, -in das man unmittelbar aus dem Vorraum trat, ein ziemlich großer und mit -Polstermöbeln recht gut ausgestatteter Raum -- war für Werssiloff als -eine Art Lese- und Arbeitszimmer eingerichtet. In der Tat sah man da auf -dem Schreibtisch, im Schrank und auf den Bücherständern eine ganze Menge -Bücher (die es in Mamas Wohnung fast gar nicht gab), ferner beschriebene -Blätter, Briefe, zu ganzen Päckchen zusammengelegt und verschnürt, -- -kurzum, das Ganze machte den Eindruck eines schon lange bewohnten -Raumes; und ich weiß, daß Werssiloff auch früher schon, wenn auch -ziemlich selten, zeitweilig ganz in diese seine Wohnung übergesiedelt -war und sogar wochenlang dort gewohnt hatte. Das erste, was meine -Aufmerksamkeit auf sich lenkte, war Mamas Bildnis, das in einem schönen -geschnitzten Rahmen aus kostbarem Holz über dem Schreibtisch hing -- -eine Photographie, offenbar eine ausländische Aufnahme, die, nach ihrem -ungewöhnlichen Format zu urteilen, nicht wenig gekostet haben mußte. Ich -hatte von diesem Bildnis nichts gewußt und nie etwas davon gehört; und -was mich noch besonders überraschte, war die für eine Photographie ganz -erstaunliche Ähnlichkeit, gerade die, ich möchte sagen, geistige -Ähnlichkeit. Es war wie ein wirkliches Porträt von Künstlerhand und gar -nicht wie eine mechanische Aufnahme. Als ich ins Zimmer trat, blieb ich -sogleich und ganz überrascht vor diesem Bilde stehen. - -»Nicht wahr? Nicht wahr?« fragte plötzlich Werssiloff dicht hinter mir. - -Er meinte damit: »Nicht wahr, wie ähnlich?« Ich sah mich nach ihm um, -und der Ausdruck seines Gesichts machte mich ganz betroffen. Er war -etwas bleich, aber sein gespannter Blick brannte und strahlte gleichsam -vor Glück und Kraft: einen solchen Ausdruck hatte ich noch niemals an -ihm gesehen. - -»Ich habe gar nicht gewußt, daß Sie Mama so lieben!« sagte ich plötzlich -selbst ganz beglückt. - -Er lächelte glücklich, wenn auch in seinem Lächeln gleichsam ein Leid -lag, oder richtiger, etwas schmerzlich Nachsichtiges, menschlich Höheres -... ich weiß nicht, wie ich das ausdrücken soll; aber mir scheint, daß -hochentwickelte Menschen überhaupt nicht ein triumphierend glückliches -Gesicht haben können. Ohne mir zu antworten, nahm er das Bild mit beiden -Händen von der Wand, hielt es ganz nah vor sein Gesicht, küßte es -plötzlich und hängte es dann vorsichtig wieder auf. - -»Merke dir,« sagte er, »photographische Aufnahmen sind sehr selten -ähnlich, und das ist leicht zu erklären: das Original, das heißt, ein -jeder von uns, ist ja auch im Leben nur äußerst selten sich selber -ähnlich. Das Gesicht eines Menschen zeigt seinen charakteristischsten -Zug eben nur in seltenen Augenblicken. Ein Künstler studiert das -Gesicht, das er malen soll, und erhascht diesen eigentlichen Ausdruck -des Gesichts, er errät sozusagen den Hauptgedanken des Menschen und gibt -ihn im Bilde wieder, auch wenn das Gesicht des Betreffenden diesen -Ausdruck während des Modellsitzens zumeist gar nicht hat. Die -Photographie aber gibt den Menschen genau so wieder, wie er in dem einen -Augenblick aussieht, und da ist es nicht ausgeschlossen, daß zum -Beispiel Napoleon, in einem zufälligen Augenblick photographiert, auf -der Photographie dumm aussehen könnte, und Bismarck -- weichlich. Hier -aber, auf dieser Photographie, hat die Aufnahme Ssonjä zufällig gerade -im Augenblick ihres eigensten Ausdrucks angetroffen: in ihrer -schamhaften, demütigen Liebe und scheuen, schreckhaften Keuschheit. Und -sie war ja damals auch so glücklich, als sie sich endlich überzeugt -hatte, daß es mich wirklich so sehr nach einem Bilde von ihr verlangte. -Diese Aufnahme ist eigentlich vor gar nicht so langer Zeit gemacht, aber -sie sah damals doch noch viel jünger und besser aus; dabei hatte sie -auch damals schon diese eingefallenen Wangen, diese feinen Runzeln auf -der Stirn und diese scheue Schüchternheit im Blick, die bei ihr jetzt -mit den Jahren zu wachsen scheint -- je länger, desto mehr. Wirst du's -mir glauben, Lieber: jetzt kann ich sie mir mit einem anderen Gesicht -gar nicht mehr vorstellen, und doch ist sie einmal jung und reizend -gewesen! Die russischen Frauen altern schnell, ihre Schönheit ist -flüchtig, und das hat seinen Grund wahrlich nicht nur in einer -ethnographischen Besonderheit des Typs, sondern auch darin, daß sie mit -rückhaltloser Hingabe zu lieben verstehen. Die russischen Frauen geben -alles auf einmal hin, wenn sie lieben, -- den Augenblick und ihr ganzes -Leben, die Gegenwart und die Zukunft; sie verstehen nicht, ökonomisch zu -sein, sie sparen und geizen nicht, um des Vorrats willen, und so geht -ihre Schönheit bald für den dahin, den sie lieben. Diese eingefallenen -Wangen -- das ist gleichfalls Schönheit, die für mich hingegeben ist, -für meine kurze Lust. Es freut dich, daß ich deine Mutter geliebt habe, -und du hast vielleicht sogar nicht einmal geglaubt, daß ich sie habe -lieben können? Ja, mein Freund, ich habe sie sehr geliebt, und doch habe -ich ihr nichts als Böses zugefügt ... Hier ist noch ein anderes Bildnis --- sieh dir auch dies einmal an.« - -Er nahm es vom Tisch und reichte es mir. Das war auch eine Photographie, -nur in bedeutend kleinerem Format und in einem schmalen, ovalen -Holzrähmchen -- das Bild eines jungen Mädchens: ein schmales, -schwindsüchtiges, doch trotz alledem schönes Gesicht, versonnen, und -dabei doch bis zur Sonderbarkeit gedankenleer. Es waren die regelmäßigen -Züge eines durch Generationen ausgebildeten Typs; aber sie machten einen -krankhaften Eindruck: man hatte die Empfindung, daß sich plötzlich ein -starrer Gedanke dieses Wesens bemächtigt hatte, der eben dadurch -qualvoll war, daß er über seine Kraft ging. - -»Das ... das ist jenes junge Mädchen, mit dem Sie sich trauen lassen -wollten, und das an der Schwindsucht starb ... _ihre_ Stieftochter?« -sagte ich ein wenig befangen. - -»Ja, mit dem ich mich trauen lassen wollte, das an der Schwindsucht -starb, _ihre_ Stieftochter. Ich wußte, daß du ... alle diese -Klatschgeschichten kennst. Übrigens, außer diesen hättest du auch nichts -erfahren können. Leg' das Bild hin, mein Freund, das war nur eine arme -Irrsinnige und nichts weiter.« - -»Wirklich irrsinnig?« - -»Oder eine Idiotin; übrigens glaube ich, auch eine Irrsinnige. Sie bekam -ein Kind vom Fürsten Ssergei Petrowitsch (infolge ihres Irrsinns, nicht -aus Liebe; das ist eine der schändlichsten Taten des Fürsten). Das Kind -ist jetzt hier, in jenem Zimmer, ich habe es dir schon lange zeigen -wollen. Fürst Ssergei Petrowitsch darf weder herkommen noch das Kind -sehen -- laut unserer Verabredung im Auslande. Ich habe das Kind mit -Einwilligung deiner Mutter zu mir genommen. Und gleichfalls mit -Einwilligung deiner Mutter wollte ich mich damals trauen lassen mit -dieser ... Unglücklichen ...« - -»Ist denn eine solche Einwilligung überhaupt möglich?« fragte ich -erregt. - -»O ja! Sie erlaubte es mir: eine Frau ist nur auf eine Frau -eifersüchtig, diese aber war doch keine Frau.« - -»Wenn sie es auch für alle anderen nicht war, für Mama war sie es! Das -werde ich mein Lebtag nicht glauben, daß Mama nicht eifersüchtig gewesen -sei!« rief ich. - -»Du hast recht. Das erriet ich erst, als alles schon beschlossen war, -das heißt, als sie mir ihre Einwilligung gab. Aber lassen wir das. -Jedenfalls kam es nicht dazu, da Lydia starb, aber vielleicht wäre es -auch so nicht dazu gekommen, wenn sie am Leben geblieben wäre; deine -Mutter aber lasse ich auch jetzt noch nicht zu dem Kinde. Das -- war nur -eine Episode. Mein Lieber, ich habe dich hier schon lange erwartet. -Schon lange habe ich davon geträumt, wie wir hier zusammenkommen würden; -weißt du, wie lange schon? -- Schon seit zwei Jahren.« - -Er sah mich aufrichtig und innig an, mit einer heißen Herzenshingabe. -Ich ergriff seine Hand. - -»Warum haben Sie dann gezögert, warum haben Sie mich nicht schon früher -gerufen? Wenn Sie wüßten, was inzwischen ... und was nicht geschehen -wäre, wenn Sie mich schon früher gerufen hätten! ...« - -In diesem Augenblick wurde die Teemaschine gebracht, und Darja -Onissimowna kam mit dem Kindchen, das ganz fest schlief. - -»Sieh es dir an,« sagte Werssiloff, »ich liebe es und habe es jetzt -bringen lassen, damit du es siehst. So, bringen Sie es nun wieder -hinaus, Darja Onissimowna. Und du setze dich hierher an den Tisch. Ich -werde mir jetzt einbilden, wir zwei hätten ewig so gelebt und jeden -Abend so zusammen verbracht, ohne uns jemals zu trennen. Laß mich dich -ansehen: setze dich so, daß ich dein Gesicht sehen kann. Wie ich es -liebe, dein Gesicht! Wie habe ich mir dein Gesicht vorzustellen -versucht, als ich dich noch aus Moskau erwartete! Du fragst: warum habe -ich dich nicht schon früher gerufen? Warte, das wirst du vielleicht erst -jetzt verstehen.« - -»Hat denn wirklich nur der Tod Makar Iwanowitschs Ihnen jetzt die Zunge -gelöst? Das ist sonderbar.« - -Aber wenn ich das auch sagte, so sah ich ihn doch mit viel Liebe an. Wir -sprachen wie zwei Freunde, wie Freunde im höchsten und vollsten Sinn des -Wortes. Er hatte mich hierher geführt, um mir irgend etwas zu erklären, -zu erzählen, um etwas zu rechtfertigen; und dabei war schon alles, noch -bevor er ein Wort gesagt hatte, erklärt und gerechtfertigt. Gleichviel, -was ich von ihm jetzt noch gehört hätte -- das Ergebnis war schon -erreicht, und das wußten wir beide mit einem Glücksgefühl, und so sahen -wir einander auch an. - -»Nicht gerade der Tod dieses alten Mannes,« antwortete er, »nicht dieser -Tod allein; es ist noch etwas anderes, was damit zusammengetroffen ist -... Gott segne diesen Augenblick und unser Leben hinfort und auf lange! -Mein Lieber, laß uns miteinander reden. Ich komme immer wieder vom Thema -ab, ich will von dem einen reden und lasse mich von tausend -nebensächlichen Einzelheiten ablenken. So geht es einem immer, wenn das -Herz voll ist ... Doch reden wir jetzt miteinander; die Zeit ist -gekommen, und ich bin schon lange in dich verliebt, Junge.« - -Er lehnte sich in seinen großen Stuhl zurück und betrachtete mich noch -einmal. - -»Wie sonderbar, wie sonderbar sich das anhört!« wiederholten meine -Lippen, während die Seligkeit über mir zusammenschlug. - -Und da, ich weiß noch, da erschien flüchtig wieder dieser eine seltsame -Zug in seinem Gesicht -- dieser Ausdruck von Trauer und Spott, beides -zugleich, den ich schon so gut kannte. Aber er nahm sich zusammen und -begann dann, gleichsam nach einer gewissen Anstrengung, langsam zu -sprechen. - - - II. - -»Sieh, Arkadi, wenn ich dich früher gerufen hätte, was hätte ich dir da -sagen können? In dieser Frage ist meine ganze Antwort enthalten.« - -»Das heißt, Sie wollen sagen, daß Sie jetzt Mamas Mann und mein Vater -sind, bisher aber ... Sie hätten wohl in betreff meiner sozialen -Stellung nicht gewußt, was Sie mir sagen sollten? War es das?« - -»Nicht nur darüber, mein Lieber, hätte ich nicht gewußt, was ich dir -sagen sollte: da hätte ich noch über manches schweigen müssen. Und -vieles davon ist beinah lächerlich und sogar erniedrigend, weil es fast -wie ein Gauklerstückchen anmutet: in der Tat, wie eine richtige -Jahrmarktszauberei. Nun, sag' doch selbst, wie hätten wir denn einander -früher verstehen können, wenn ich mich selbst erst heute um fünf Uhr -nachmittags zum erstenmal verstanden habe, genau zwei Stunden vor dem -Tode Makar Iwanowitschs. Du siehst mich mit peinlicher Verwunderung an. -Beruhige dich: ich werde dir die Tatsache schon erklären; das aber, was -ich dir sagte, ist vollkommen richtig; mein ganzes Leben ist Wandern und -Zweifeln gewesen, und plötzlich steht, am soundsovielten des Monats um -fünf Uhr nachmittags, des Rätsels Lösung fertig vor dir! Das ist doch -einfach kränkend, nicht wahr? Noch gestern, ja: in der jetzt schon -uralten Vergangenheit, hätte mich das noch tatsächlich gekränkt.« - -Ich hörte ihn wirklich mit fieberhafter Verwunderung an: es trat wieder -deutlich der frühere Werssiloffsche Zug hervor, den ich an diesem Abend -um keinen Preis hätte sehen wollen, nachdem schon solche Worte gefallen -waren. Plötzlich durchzuckte es mich. - -»Mein Gott!« rief ich, »Sie haben etwas von ihr erhalten ... heute um -fünf Uhr?« - -Er sah mich scharf an, sichtlich überrascht durch meinen Ausruf und -vielleicht auch durch den Ausdruck: »von _ihr_«. - -»Du wirst alles erfahren,« sagte er mit einem sinnenden Lächeln, »und -natürlich werde ich dir das, was du wissen mußt, nicht verhehlen, denn -zu dem Zweck habe ich dich doch hergeführt; aber jetzt wollen wir das -vorläufig noch etwas hinausschieben. Sieh mal, mein Freund, ich habe -schon lange gewußt, daß es bei uns Kinder gibt, die bereits in der -frühesten Kindheit über ihre Familie nachdenken, weil die Unschönheit -ihrer Väter und ihrer Umgebung sie kränkt. Solche früh nachdenkenden -Kinder habe ich schon unter meinen Mitschülern bemerkt, und damals -glaubte ich, das käme alles daher, weil sie gar zu früh den Neid kennen -lernen. Später freilich sagte ich mir, daß ich selbst eines von diesen -nachdenkenden Kindern war, doch ... verzeihe, mein Lieber, ich bin heute -erstaunlich zerstreut. Ich wollte damit nur sagen, wie sehr ich fast -diese ganze Zeit über für dich hier gefürchtet habe. Ich habe dich mir -immer als eines jener jungen Wesen vorgestellt, die sich ihrer -Begabtheit schon bewußt sind und sich von den anderen absondern und -lieber einsam sein wollen. Auch ich habe, ganz wie du, Kameraden nie -gemocht. Schwer haben es diese jungen Geschöpfe, die ganz ihren eigenen -Kräften und Träumen überlassen sind, und dabei von einem -leidenschaftlichen, gar zu frühen und fast rachsüchtigen Schönheitsdurst -besessen sind, -- ja: gerade von einem >rachsüchtigen< Schönheitsdurst. -Doch genug davon, Lieber: ich bin wieder abgeschweift ... Noch bevor ich -dich zu lieben anfing, versuchte ich schon, dich mit deinen einsamen, -menschenscheuen Träumen mir vorzustellen ... Aber genug davon, wie -gesagt. Ja, wovon wollte ich eigentlich sprechen? Übrigens mußte auch -dies einmal gesagt werden. Früher aber -- was hätte ich dir früher sagen -können? Jetzt sehe ich deinen Blick, der auf mir ruht, und ich weiß: es -ist mein _Sohn_, der mich ansieht; ich aber hätte doch selbst gestern -noch nicht geglaubt, daß ich jemals so wie heute mit meinem Jungen -zusammensitzen und mit ihm reden würde.« - -Er war in der Tat sehr zerstreut und dabei durch irgend etwas gleichsam -erschüttert. - -»Jetzt brauche ich nicht mehr zu träumen und mir Illusionen zu bauen, -_Sie_ genügen mir vollkommen! Ich werde von nun an Ihnen folgen!« sagte -ich und gab ihm meine ganze Seele hin. - -»Mir folgen? Aber mein Wandern hat ja gerade aufgehört, gerade heute: du -kommst zu spät, mein Lieber. Der heutige Tag ist das Finale des letzten -Aktes; der Vorhang fällt. Dieser letzte Akt hat lange gedauert. Er -begann schon vor sehr langer Zeit -- damals, als ich zum letztenmal ins -Ausland flüchtete. Ich warf damals alles hinter mich; und du sollst -wissen, mein Lieber, daß ich damals auch meine Verbindung mit deiner -Mutter löste und ihr das auch mitteilte. Das mußt du doch einmal -erfahren. Ich erklärte ihr damals, daß ich für immer fortginge, sie -würde mich niemals wiedersehen. Das schlimmste war aber, daß ich sogar -vergaß, sie mit Geld zu versorgen. An dich dachte ich damals überhaupt -nicht. Ich fuhr mit der Absicht fort, ganz in Europa zu bleiben, mein -Lieber, und nie wieder nach Rußland zurückzukehren. Ich wanderte aus.« - -»Zu Alexander Herzen? Um sich an seiner Propaganda im Auslande zu -beteiligen? Sie haben doch gewiß Ihr ganzes Leben lang an irgendeiner -Verschwörung teilgenommen?« rief ich, ohne mich zurückzuhalten. - -»Nein, mein Freund, ich habe mich nie an einer Verschwörung beteiligt. -Bei dir aber leuchteten sogar die Augen auf, -- ich liebe deine -impulsiven Ausrufe, mein Lieber. Nein, ich reiste damals einfach aus -plötzlicher Schwermut ins Ausland. Es war das die Schwermut des -russischen Edelmanns, -- ich weiß es wirklich nicht besser auszudrücken. -Die aristokratische Schwermut -- und nichts weiter.« - -»Wegen der Aufhebung der Leibeigenschaft ... der Bauernbefreiung?« stieß -ich in atemloser Spannung hervor. - -»Wegen der Leibeigenschaft? Du meinst, ich hätte die alte -Leibeigenschaft herbeigewünscht? Hätte die Befreiung des Volkes nicht -ertragen? O nein, mein Freund, gerade wir waren doch die Befreier. Ich -wanderte aus ohne jeden Groll. Ich hatte doch bis dahin als -Friedensrichter aus allen Kräften für das Gute zu wirken gesucht, hatte -es ganz uneigennützig getan, und wenn ich auswanderte, geschah es nicht -deshalb, weil ich für meinen Liberalismus wenig Dank sah. Wir haben ja -damals alle nichts bekommen, das heißt, alle diejenigen, die von meiner -Art waren. Ausgewandert bin ich eher mit selbstbewußtem Stolz als mit -irgend so einem Bedauern, und nichts, das kannst du mir glauben, lag mir -ferner, als der Gedanke, für mich könnte jetzt die Zeit gekommen sein, -mein Leben als bescheidener Schuster zu beschließen. _Je suis -gentilhomme avant tout et je mourrai gentilhomme!_{[105]} Aber trotzdem -war ich traurig gestimmt. Wir sind unser vielleicht tausend in Rußland, --- ja, in der Tat, vielleicht nicht mehr als nur tausend Menschen; aber -das genügt ja vollkommen, damit die Idee nicht stirbt. Wir sind die -Träger einer Idee, mein Lieber! ... Mein Freund, ich sage dir das in der -sonderbaren Hoffnung, daß du diese ganze Phantasterei verstehen wirst. -Ich habe dich aus einer Laune meines Herzens zu mir gebracht: ich habe -schon lange davon geträumt, wie ich dir manches sagen werde ... dir, -gerade dir. Doch übrigens ... übrigens ...« - -»Nein, sagen Sie es!« rief ich. »Ich sehe wieder Aufrichtigkeit in Ihrem -Gesicht ... Und sind Sie dann dank Europa wieder auferstanden? Und was -war denn eigentlich Ihre >aristokratische Schwermut<? Verzeihen Sie, -Liebster, ich verstehe noch nicht ganz.« - -»Ob ich dank Europa auferstanden bin? Aber ich fuhr doch damals hin, um -Europa zu beerdigen!« - -»Beerdigen?« wiederholte ich verwundert. - -Er lächelte. - -»Freund Arkadi, meine Seele ist jetzt müde geworden, und mein Geist hat -sich aufgelehnt. Niemals werde ich meine ersten Augenblicke damals in -Europa vergessen. Ich hatte auch früher schon in Europa gelebt, damals -aber war es eine besondere Zeit, und noch nie war ich in einer so -trostlosen Trauer und ... mit solcher Liebe nach Europa gereist, wie in -jener Zeit. Ich will dir einen von meinen ersten Eindrücken damals -erzählen, einen Traum, den ich damals hatte, einen richtigen Traum ... -Das war noch in Deutschland. Ich war aus Dresden abgereist und in der -Zerstreutheit an der Station vorübergefahren, wo ich hätte umsteigen -müssen, und so kam ich auf eine andere Bahnlinie. Natürlich wurde ich -gleich auf der nächsten Station abgesetzt; es war drei Uhr nachmittags, -ein heller, schöner Tag. Ich befand mich plötzlich in einem kleinen -deutschen Städtchen. Man nannte mir ein Gasthaus. Ich mußte warten: der -nächste Zug ging erst um elf Uhr nachts. Ich war sogar sehr zufrieden -mit diesem Zwischenfall, denn ich hatte ja keine Eile, irgendwohin zu -kommen. Ich wanderte, mein Freund, ich wanderte. Das Gasthaus war alt -und klein, lag aber ganz im Grünen und war von Blumenbeeten umgeben, wie -das in Deutschland üblich ist. Man gab mir ein enges Zimmerchen, und da -ich die ganze letzte Nacht auf der Reise nicht geschlafen hatte, legte -ich mich nach dem Mittagessen hin und schlief ein. Es war vielleicht -vier Uhr. - -»Und da hatte ich denn einen wunderlichen Traum, der um so -überraschender war, als mir noch nie etwas Ähnliches geträumt hatte. In -der Dresdener Galerie hängt ein Bild von Claude Lorrain, das im Katalog -als >Acis und Galathea< angegeben ist -- ich habe es immer >Das goldene -Zeitalter< genannt, weshalb, weiß ich selbst nicht. Ich hatte es auch -früher schon gesehen, und jetzt, auf der Durchreise vor drei Tagen, war -es mir wieder aufgefallen. Dieses Bild sah ich nun im Traum, aber nicht -als Bild, sondern als Wirklichkeit. Übrigens weiß ich selbst nicht -recht, was mir da eigentlich träumte ... Ich sah jedenfalls -- ganz wie -es auf jenem Bilde zu sehen ist -- ein Eckchen des Griechischen -Archipels, und auch die Zeit war gleichsam um dreitausend Jahre -zurückversetzt; ich sah blaue, schmeichelnde Wellen, Inseln und Klippen, -ein blühendes Gestade, eine wunderbare Ferne, und dazu die untergehende -rufende Sonne -- es ist mit Worten gar nicht wiederzugeben! In diesem -Bilde hat die europäische Menschheit die Erinnerung an ihre Wiege -festgehalten, und der Gedanke daran erfüllte auch meine Seele wie mit -Heimatliebe. Hier war einmal das irdische Paradies der Menschheit: die -Götter stiegen vom Himmel herab und gingen mit den Menschen -Verwandtschaft ein ... Oh, dort lebten schöne Menschen! Glücklich und -schuldlos erwachten sie und schlummerten sie ein, die Wiesen und Haine -waren erfüllt von ihren Liedern und ihrem Jauchzen; der große Überschuß -an frischen Kräften strömte in Liebe und reiner Freude aus. Die Sonne -umgab sie mit Wärme und Licht und freute sich an ihren schönen Kindern -... Welch ein wunderbarer Traum, welch eine erhabene Irrung der -Menschheit! Das goldene Zeitalter ist von allen Illusionen, die die -Menschheit jemals gehabt hat, die allerunwahrscheinlichste, und doch -haben die Menschen für sie ihr Leben und alle ihre Kräfte hingegeben, -für sie sind Propheten getötet worden und gestorben, und ohne sie können -die Menschen nicht leben, ja, nicht einmal sterben! Und diese ganze -Empfindung durchlebte ich gleichsam in meinem Traum; die Klippen und das -Meer und die schrägen Strahlen der Abendsonne -- alles das glaubte ich -noch zu sehen, als ich erwachte und die Augen aufschlug, die mir -buchstäblich von Tränen feucht waren. Ich weiß noch, wie froh mir zumut -war. Die Empfindung eines mir bis dahin noch ganz unbekannten Glücks -erfüllte mein Herz bis zum Schmerz: das war die Liebe zur ganzen -Menschheit ... Es war schon Abend geworden; durch das Fenster meines -kleinen Zimmers, durch die Blumen, die auf dem Fensterbrett standen, -fielen die letzten grellen Abendsonnenstrahlen und überfluteten mich mit -gelbem Licht. Und da, mein Freund, da wurde -- die untergehende Sonne -des ersten Tages der europäischen Menschheit, die ich in meinem Traum -gesehen hatte, für mich, als ich erwachte, sogleich zur untergehenden -Sonne des letzten Tages der europäischen Menschheit! Damals war es -einem, als zöge durch die Luft Europas Sterbeglockenklang. Ich rede -nicht nur vom Kriege und dem Brand der Tuilerien; ich wußte auch -ohnedem, daß alles vergehen wird, das ganze Antlitz der europäischen -Alten Welt -- früher oder später: aber als russischer Europäer konnte -ich das nicht zulassen. Ja, die Kommunarden hatten damals gerade die -Tuilerien in Brand gesteckt ... Oh, du brauchst dich nicht aufzuregen, -ich weiß, daß es >logisch< war, und begreife nur zu gut die -Unabwendbarkeit einer Idee, die im Fluß ist; doch als Träger des höheren -russischen Kulturgedankens konnte ich das nicht anerkennen, denn der -höhere russische Gedanke ist -- die Versöhnung aller Ideen. Und wer -hätte damals einen solchen Gedanken verstehen können, wer in der ganzen -Welt? Ich war allein. Ich spreche nicht von mir persönlich -- ich -spreche vom russischen Gedanken. Dort war Kampf und Logik; dort war der -Franzose nur Franzose und nichts weiter, und der Deutsche nur -Deutscher und nichts weiter, und das waren sie mit noch größerer -Ausschließlichkeit und Anspannung, als sie es je zuvor im Lauf ihrer -geschichtlichen Entwicklung gewesen sind; folglich hat der Franzose -seinem Frankreich und der Deutsche Deutschland niemals so großen Abbruch -getan, wie eben in jener Zeit! Damals gab es in ganz Deutschland nicht -einen einzigen Europäer! Nur ich allein konnte allen diesen Pariser -Petroleumgießern ins Gesicht sagen, daß ihre Zerstörung der Tuilerien -- -ein Fehler war; und nur ich allein konnte, umgeben von allen diesen nach -Rache schreienden Konservativen, diesen Konservativen ins Gesicht sagen, -daß die Einäscherung der Tuilerien zwar ein Verbrechen, aber dennoch -vollkommen logisch war. Und das alles, mein Junge, weil ich allein, als -Russe, damals in ganz Europa der _einzige Europäer_ war. Ich spreche -wiederum nicht von mir, sondern von dem russischen Gedanken im -allgemeinen. Ich wanderte umher, mein Freund, ich wanderte und wußte -genau, daß ich schweigen und weiter wandern mußte. Aber es war mir doch -traurig zumute. Ich, mein Junge, ich kann nicht -- meinen Adel nicht -achten. Du lachst darüber, scheint es?« - -»Nein, ich lache nicht,« sagte ich ergriffen, »ich lache durchaus nicht. -Ihre Vision des goldenen Zeitalters hat mein Herz erschüttert, und seien -Sie überzeugt, ich fange schon an, Sie zu verstehen. Doch am meisten -freue ich mich darüber, daß Sie sich selbst so achten. Ich beeile mich, -Ihnen das zu sagen. Das hatte ich von Ihnen gar nicht erwartet!« - -»Ich habe dir schon gesagt, mein Freund, daß ich deine Ausrufe sehr -liebe,« sagte er mit einem Lächeln über meinen naiven Ausruf, erhob sich -von seinem Platz und begann, wohl ohne sich dessen bewußt zu sein, im -Zimmer auf und ab zu schreiten. Ich erhob mich gleichfalls. Er fuhr in -seinen seltsamen Bekenntnissen fort, und er sprach tief durchdrungen von -seinem Gedanken: - - - III. - -»Ja, mein Junge, ich sage es dir nochmals, ich kann nicht anders als -meinen Adel achten. Bei uns in Rußland hat sich im Laufe von -Jahrhunderten ein gewisser höherer Kulturtyp herausgebildet, den man -bisher überhaupt nicht gekannt hat, und den es sonst in der ganzen Welt -nicht gibt: der Typ des universalen Leidens um alle. Es ist das ein -ausschließlich russischer Typ, und da er sich in der höheren -Kulturschicht des russischen Volkes entwickelt hat, so habe ich ganz von -selbst die Ehre, ihm anzugehören. In seiner Hut ist die Zukunft -Rußlands. Unser sind vielleicht im ganzen nur tausend Menschen -- -vielleicht mehr, vielleicht weniger -- aber ganz Rußland hat vorläufig -nur zu dem Zweck gelebt, um dieses Tausend hervorzubringen. Man wird -sagen, das sei wenig; man wird mit Entrüstung einwenden, daß also alle -unsere Jahrhunderte und soviel Millionen Menschen für dies geringe -Ergebnis, für ein einziges Tausend Menschen hingegeben und verschwendet -sein sollen! Doch -- meiner Überzeugung nach ist das gar nicht so -wenig.« - -Ich hörte ihm mit größter Spannung zu. Aus ihm sprach seine Überzeugung, -und ich sah auf einmal die Richtung seines ganzen Lebens. Was er von den -»tausend Menschen« sagte, zeichnete ihn selbst so plastisch! Ich fühlte -auch, daß eine von außen gekommene Erschütterung den Anstoß zu seiner -Mitteilsamkeit mir gegenüber gegeben hatte. Während er mir alle diese -glühenden Reden hielt -- liebte er mich; doch der Grund, weshalb er -plötzlich zu mir zu sprechen anfing, und warum es ihn so verlangte, -gerade mit mir zu sprechen, blieb mir noch immer unerklärlich. - -»Ich wanderte aus,« fuhr er fort, »und was ich auch hinter mir ließ, es -tat mir um nichts leid. Was nur in meinen Kräften gelegen hat, habe ich -in den Dienst Rußlands gestellt, damals, als ich hier wirken konnte; und -als ich Rußland verließ, fuhr ich fort, ihm zu dienen, nur mit dem -Unterschied, daß ich meine Idee erweiterte. Aber indem ich Rußland auf -_diese_ Weise diente, leistete ich ihm einen viel größeren Dienst, als -wenn ich nur Russe und nichts weiter gewesen wäre, so wie damals der -Franzose nur Franzose und der Deutsche nur Deutscher war. In Europa kann -man das vorläufig noch nicht verstehen. Europa hat die vornehmen Typen -des Franzosen, des Engländers, des Deutschen geschaffen, aber von seinem -zukünftigen Menschen weiß es fast noch nichts. Und ich glaube, es will -auch noch nichts von ihm wissen. Das ist auch ganz verständlich: sie -sind nicht frei, wir aber sind frei. Nur ich allein in Europa, nur ich -mit meiner russischen Schwermut, war damals frei ...« - -»Merke dir etwas Eigentümliches, mein Freund: jeder Franzose kann nicht -nur seinem Frankreich, sondern auch der ganzen Menschheit einzig unter -der Bedingung dienen, daß er so viel wie nur irgend möglich Franzose -bleibt; und ebenso ist es mit dem Engländer und dem Deutschen. Nur der -Russe allein hat sogar schon in unserer Zeit, also schon viel früher als -die endgültige Summe gezogen wird, bereits diese Gabe erhalten, eben -dann am meisten Russe zu sein, wenn er am meisten Europäer ist. Und das -ist der wesentlichste nationale Unterschied zwischen uns und allen -anderen: in der Beziehung sind wir etwas ganz Einzigartiges! Mit einem -Franzosen bin ich Franzose, mit einem Deutschen ein Deutscher, mit einem -alten Griechen ein Grieche, und eben dadurch diene ich gleichzeitig -Rußland am allermeisten, denn ich vertrete somit Rußlands Hauptgedanken. -Ich bin ein Pionier dieses Gedankens! Damals wanderte ich aus, aber -verließ ich denn deshalb Rußland? Nein, ich diente ihm weiter. Und mag -ich in Europa auch nichts getan haben, mag ich auch nur ausgewandert -sein, um dort umherzuwandern (und ich wußte ja schon im voraus, daß ich -nichts anderes tun würde), aber auch das war schon genug, daß ich mit -dem russischen Gedanken und mit meinem Bewußtsein hinfuhr. Ich brachte -meine russische Schwermut dorthin. Oh, es war nicht das Blut, das damals -vergossen wurde, was mich erschreckte, und nicht einmal die Zerstörung -der Tuilerien, sondern alles, was darauf folgen muß. Jenen Völkern ist -bestimmt, noch lange gegen einander zu kämpfen, denn sie sind noch gar -zu ausschließlich Deutsche und gar zu ausschließlich Franzosen, und sie -haben ihre Aufgaben in diesen Rollen noch nicht erfüllt. Und so lange -tut es mir eben leid um die Zerstörung. Für den Russen ist Europa genau -so teuer wie Rußland: jeder Stein Europas ist mir lieb und wert. Europa -ist genau so unser Vaterland gewesen wie Rußland. Oh, noch mehr! Niemand -kann Rußland glühender lieben, als ich es liebe, und doch habe ich mir -nie einen Vorwurf deshalb gemacht, daß Venedig, Rom, Paris, die Schätze -ihrer Kunst und Wissenschaft, daß ihre ganze Geschichte mir lieber ist -als die Rußlands. Oh, diese alten fremden Steine, diese Wunder der alten -Gotteswelt, diese Bruchstücke heiliger Wunder sind uns teuer, uns -Russen; und sie sind uns sogar teurer als den Völkern selbst, denen sie -jetzt gehören! Sie haben dort jetzt andere Gedanken und andere Gefühle, -die alten Steine haben für sie den Wert verloren ... Der Konservative -kämpft dort nur noch um seine Existenz, und auch der Petroleur zerstört -die Tuilerien nur, weil es ihm um das Recht auf seinen Anteil zu tun -ist. Nur Rußland lebt nicht für sich, sondern für eine Idee, und du -wirst mir zugeben, mein Freund, daß es doch eine bedeutsame Tatsache -ist, daß Rußland fast schon ein ganzes Jahrhundert entschieden nicht für -sich, sondern nur für Europa lebt! Und die anderen? Oh, ihnen sind noch -schreckliche Qualen bestimmt, bevor sie das Reich Gottes erlangen -werden.« - -Ich muß gestehen, ich hörte ihm in nicht geringer Verwirrung zu; selbst -der Ton seiner Rede erschreckte mich, doch seine Gedanken machten -nichtsdestoweniger den größten Eindruck auf mich. Ich fürchtete fast -krankhaft, Unwahres von ihm zu hören. Plötzlich bemerkte ich mit -strenger Stimme: - -»Sie sagten soeben >das Reich Gottes<. Ich habe gehört, Sie hätten dort -im Auslande Gott verkündet und nach Büßerart Ketten getragen?« - -»Meine Ketten lassen wir beiseite,« sagte er lächelnd, »das ist etwas -ganz anderes. >Verkündet< habe ich damals noch nichts, aber um ihren -Gott hat es mich geschmerzt -- das ist wahr. Sie verkündeten damals den -Atheismus ... wenn es auch nur ein Häuflein von ihnen tat, aber die Zahl -ist ja unwichtig; es waren nur die ersten Vorläufer, aber die Tat war -doch der erste _ausgeführte_ Schritt -- das ist das Wichtige! Hier war -es wieder ihre Logik; aber in der Logik liegt doch immer Schwermut. Ich -war von anderer Kultur, und mein Herz ließ das nicht zu. Diese -Undankbarkeit, mit der sie sich von der Idee trennten, dieses Auspfeifen -und mit Schmutz bewerfen waren mir unerträglich. Die Schusterhaftigkeit -des Vorgangs widerte mich an. Übrigens haftet der Wirklichkeit immer -etwas von Schusterhaftigkeit an, selbst wenn sie aus einem noch so -reinen Streben zum Ideal hervorgeht. Ich hätte das natürlich wissen -müssen, aber ich war nun einmal ein anderer Typus Mensch: ich war frei -in der Wahl, sie waren es nicht, und ich weinte, weinte an ihrer Statt, -weinte um die alte Idee, und -- vielleicht weinte ich sogar wirkliche -Tränen, ohne Beschönigung sei's gesagt.« - -»Haben Sie so stark an Gott geglaubt?« fragte ich mißtrauisch. - -»Mein Freund, diese Frage war -- vielleicht überflüssig. Nehmen wir an, -ich hätte nicht so ganz geglaubt, aber auch dann hätte ich doch nicht -umhin gekonnt, um die Idee zu trauern. So konnte ich auch nicht umhin, -mir bisweilen vorzustellen, wie der Mensch ohne Gott leben würde, und -unter welchen Umständen das wohl jemals möglich wäre. Mein Herz hat mir -immer gesagt, daß es unmöglich ist; aber eine gewisse Zeitlang wird es -vielleicht doch möglich sein ... Für mich gibt es sogar überhaupt keinen -Zweifel daran, daß diese Zeit einmal kommen wird; aber da habe ich mir -immer ein anderes Bild vorgestellt ...« - -»Was für eines?« - -Er hatte freilich zu Anfang schon selbst gesagt, daß er glücklich sei, -und gewiß lag in seinen Worten viel Begeisterung: danach beurteile ich -denn auch das meiste von dem, was ihm damals über die Lippen kam. -Selbstverständlich kann ich mich nicht entschließen, alles hier schwarz -auf weiß wiederzugeben, was wir damals sprachen, da ich diesen Menschen -achte; aber ein paar Striche dieses wunderlichen Bildes, dessen -Skizzierung ich ihm schließlich noch entlockte, möchte ich hier doch -wiederzugeben versuchen. Vor allem hatten mich diese angeblich von ihm -getragenen Ketten immer schon und die ganze Zeit vorher gequält, und da -ich darüber endlich Klarheit haben wollte, ließ ich nicht davon ab: -einige phantastische und sehr seltsame Ideen, die er damals aussprach, -haben sich für ewig in mein Herz geprägt. - -»Ich versuche mir vorzustellen, mein Lieber,« begann er nachdenklich und -mit einem eigenen Lächeln, »wie es sein wird, wenn der Kampf schon -beendet und der Streit beigelegt ist. Nach den Flüchen und -Verwünschungen, nach dem Auspfeifen und mit Schmutz bewerfen ist endlich -eine Stille eingetreten, und die Menschen sind _allein_ geblieben, wie -sie es gewünscht hatten: die große frühere Idee hat sie verlassen; die -große Quelle der Kraft, die sie bislang genährt und gewärmt hatte, ist -versiegt, ist untergegangen, ganz wie die mächtige rufende Sonne auf dem -Bilde von Claude Lorrain, nur daß hier damit gleichsam der letzte Tag -der Menschheit anbrach. Und die Menschen begriffen auf einmal, daß sie -ganz allein geblieben waren, und da empfanden sie plötzlich eine große -Verwaistheit. Mein lieber Junge, ich habe mir die Menschen niemals -undankbar und verdummt vorzustellen vermocht. Ich bin überzeugt, diese -verwaisten Menschen würden sich sogleich enger und liebevoller -zueinander drängen; sie würden sich an den Händen fassen und begreifen, -daß sie jetzt ganz allein alles füreinander sind! Die große Idee der -Unsterblichkeit wäre verschwunden, und man müßte sie durch eine andere -ersetzen; und der ganze riesige Überschuß der früheren Liebe zu dem, der -ja die Unsterblichkeit war, würde sich in allen Menschen der Natur, der -Welt, jedem Atom des Seienden zuwenden. Und sie würden die Erde und das -Leben unsagbar liebgewinnen -- um so mehr, je mehr sie ihre eigene -Vergänglichkeit und Endlichkeit erkennen würden, und lieben würden sie -bereits mit einer ganz besonderen, einer ganz neuen Liebe, nicht mehr -mit der früheren alten Liebe. In der Natur würden sie Erscheinungen und -Geheimnisse entdecken, von denen sie sich früher nicht einmal haben -träumen lassen, denn sie würden die Natur mit neuen Augen sehen, wie ein -Liebender die Geliebte sieht. Sie würden nach diesem Erwachen sich -beeilen, einander zu küssen, sie würden sich beeilen, zu lieben, in dem -Bewußtsein, daß ihre Tage kurz sind, daß ihr Leben auf Erden alles ist, -was ihnen verbleibt. Sie würden füreinander arbeiten, und ein jeder -würde alles, was er hat, mit allen teilen, und schon das allein würde -ihn glücklich machen. Jedes Kind würde wissen und fühlen, daß jeder -Mensch auf Erden ihm Vater und Mutter ist. >Und sollte auch morgen mein -letzter Tag sein,< würde ein jeder denken, wenn er die sinkende Sonne -sieht, >was hat das zu sagen; ich sterbe, aber alle die anderen bleiben, -und nach ihnen ihre Kinder<. Und dieser Gedanke, daß die anderen bleiben -und sich gegenseitig immer so lieben werden, und ein jeder sich um jeden -sorgen wird, dieser Gedanke würde die frühere Hoffnung auf ein -Wiedersehen nach dem Tode ersetzen. Oh, sie würden sich beeilen und -nicht ablassen, zu lieben, um die große Trauer in ihren Herzen zu -löschen. Für sich selbst wären sie stolz und kühn, doch wenn es sich um -andere handelt, zaghaft und ängstlich; ein jeder würde um das Leben und -das Glück jedes anderen bangen. Sie würden zärtlich zueinander sein und -würden sich dessen nicht schämen, wie jetzt, und würden einander -liebkosen wie Kinder. Sie würden einander mit tiefem und denkendem Blick -ansehen, und in ihrem Blick würde Liebe und Trauer liegen ... - -»Mein Lieber,« unterbrach er sich plötzlich mit einem Lächeln, »das sind -ja alles nur Vorstellungen der Einbildung, und noch dazu die -unwahrscheinlichsten; aber ich habe sie mir schon gar zu oft -vorgestellt, weil ich ohne sie nicht sein konnte, und so habe ich mein -Leben lang daran gedacht. Ich spreche nicht von meinem Glauben: mein -Glaube ist groß, ich bin Deist, philosophischer Deist, wie es alle von -unserem Tausend, glaube ich, sind; aber ... aber merkwürdigerweise habe -ich diese Vorstellung immer mit einer Vision abgeschlossen, ähnlich der -Heineschen von Christus auf dem Meere. Ich konnte nicht umhin, ihn mir -schließlich unter den verwaisten Menschen vorzustellen, wie er zu ihnen -kommt, ihnen die Hände entgegenstreckt und sagt: >Wie konntet ihr mich -vergessen?< Und da fällt es gleichsam wie Schuppen von den Augen aller, -und es ertönt die große begeisterte Hymne der neuen und letzten -Auferstehung ... - -»Lassen wir das, mein Freund; und auch meine >Ketten< -- es war nichts -damit; du brauchst dich ihretwegen nicht zu beunruhigen. Und noch eins: -du weißt, daß ich im Sprechen schamhaft und nüchtern bin, und wenn ich -jetzt etwas mehr aus mir herausgegangen bin, so geschah das ... aus -verschiedenen Gefühlen und weil du es warst; zu einem anderen würde ich -niemals davon gesprochen haben. Das sage ich dir zu deiner Beruhigung.« - -Ich war nahezu erschüttert: von der Unaufrichtigkeit, die zu hören ich -gefürchtet hatte, war keine Spur zu entdecken gewesen, und mit -besonderer Freude erfüllte mich die endlich einmal sichere Erkenntnis, -daß er wirklich gelitten und sich gequält und zweifellos viel geliebt -hatte, -- das aber war für mich das Teuerste. Ganz entzückt teilte ich -ihm denn auch sofort meinen Eindruck mit. - -»Aber wissen Sie,« fügte ich plötzlich hinzu, »mir scheint doch, Sie -müssen damals trotz Ihres ganzen Schmerzes unendlich glücklich gewesen -sein?« - -Er lachte heiter auf. - -»Du bist heute besonders scharfsinnig in deinen Bemerkungen,« sagte er. -»Nun ja, ich war glücklich, und wie hätte ich auch mit einem solchen -Schmerz unglücklich sein können? Es gibt nichts Freieres und -Glücklicheres als einen russisch-europäischen Herumstreicher, einen von -unserem Tausend. Das sage ich aber keineswegs im Scherz, darin liegt -vielmehr sehr viel Ernstes. Ja, meinen Schmerz hätte ich doch gegen kein -anderes Glück eingetauscht. In diesem Sinne bin ich immer glücklich -gewesen, mein Lieber, in meinem ganzen Leben. Und vor Glück begann ich -damals, deine Mutter zu lieben, zum erstenmal in meinem Leben.« - -»Wie das: zum erstenmal in Ihrem Leben?« - -»Ja, wie ich sagte. Wie ich so mit meinem Schmerz und meiner -unbestimmten Sehnsucht umherstreifte, begann ich sie auf einmal zu -lieben, wie ich sie noch nie geliebt hatte, und da ließ ich sie sofort -kommen.« - -»Oh, erzählen Sie mir auch davon, erzählen Sie mir von Mama!« - -»Zu dem Zweck habe ich dich ja zu mir gebracht, und weißt du,« sagte er -lächelnd, »ich fürchtete schon, daß du mir alles, was ich deiner Mutter -zugefügt habe, um einer Beziehung zu Alexander Herzen oder um -irgendeiner erbärmlichen Verschwörung willen verziehen hättest ...« - - - Achtes Kapitel. - - - I. - -Da wir damals den ganzen Abend sprachen und bis tief in die Nacht hinein -zusammensaßen, so will ich nicht unsere ganze Unterhaltung wiedergeben, -sondern nur noch das, was mich damals endlich über einen rätselhaften -Punkt in seinem Leben aufklärte. - -Ich möchte mit der Versicherung beginnen, daß ich an seiner Liebe zu -Mama nicht zweifle; wenn er sie damals verlassen und vor der Abreise -seine Verbindung mit ihr gelöst hatte, so hatte er das wohl nur getan, -weil er sich zu langweilen begann, oder aus irgendeinem ähnlichen -Grunde, was einem jeden von uns in der Welt widerfahren kann, und was im -einzelnen immer schwer zu erklären ist. Im Auslande hatte er dann -plötzlich, allerdings erst nach längerer Zeit, Mama in ihrer Abwesenheit -wieder zu lieben angefangen, das heißt, in der Erinnerung, und da hatte -er sie sogleich zu sich gerufen. Man wird vielleicht sagen: »Eine -Laune!« Ich aber sage etwas anderes: meiner Überzeugung nach lag hierin -alles, was es im Menschenleben nur Ernstes gibt, ungeachtet der ganzen -Müßiggängerei und daraus folgenden Langweile, deren teilweise Mitwirkung -ich meinetwegen zugeben will. Aber ich schwöre, daß ich seinen -europäischen Schmerz ohne zu zögern nicht nur so hoch wie eine beliebige -neuzeitlich praktische Betätigung etwa im Eisenbahnbau anschlage, -sondern noch unvergleichlich höher. Seine Liebe zur Menschheit erkenne -ich als das aufrichtigste und tiefste Gefühl ohne jede Vorgaukelei an, -und seine Liebe zu Mama als etwas vollkommen Unanfechtbares, wenn auch -vielleicht ein wenig Phantastisches. Im Auslande, in seinem »Schmerz und -Glück«, und ich füge hinzu: in seiner strengsten mönchischen Einsamkeit -(diesen besonderen Aufschluß erhielt ich erst später durch Tatjana -Pawlowna) erinnerte er sich auf einmal an Mama -- erinnerte sich gerade -ihrer »eingefallenen Wangen«, und da ließ er sie gleich kommen. - -»Mein Freund,« entfuhr es ihm unvorsichtigerweise, »ich erkannte -plötzlich, daß meine Idee, wenn ich ihr in dieser Weise diente, mich als -sittlich bewußtes Wesen durchaus nicht von der Pflicht befreite, in -meinem Leben wenigstens einen Menschen praktisch glücklich zu machen.« - -»War wirklich ein solcher Buchgedanke der ganze Anlaß?« fragte ich -verwundert. - -»Das ist kein Buchgedanke. Oder übrigens -- meinetwegen. Trotzdem traf -da alles zusammen: ich liebte deine Mutter doch wirklich und aufrichtig, -nicht mit abstrakter Liebe. Hätte ich sie nicht so geliebt, dann hätte -ich sie doch nicht kommen lassen, sondern hätte den ersten besten, -irgendeinen Deutschen oder eine Deutsche >glücklich gemacht<, da ich -mich nun einmal von dieser Pflicht überzeugt hatte. Aber die Pflicht, -unbedingt wenigstens einen Menschen in seinem Leben glücklich zu machen, -und zwar praktisch, das heißt, in Wirklichkeit, würde ich für jeden -entwickelten Menschen einfach zum Gebot erheben; ganz wie ich im -Hinblick auf die Entwaldung Rußlands jeden Bauern gesetzlich zwingen -würde, in seinem Leben wenigstens einen Baum zu pflanzen. Übrigens, ein -Baum wäre zu wenig, man könnte eigentlich verlangen, daß er in jedem -Jahr einen Baum pflanze. Ein höher entwickelter Mensch, der eine höhere -Idee verfolgt, läßt sich bisweilen von der Wirklichkeit vollkommen -ablenken, wird lächerlich, eigensinnig und kalt, ja, ich kann sogar -sagen -- dumm, und das nicht nur im praktischen Leben, sondern zu guter -Letzt sogar auch in seinen Theorien. So würde die Pflicht, sich -praktisch im Leben zu betätigen und wenigstens einen Menschen praktisch -zu beglücken, alles gutmachen und den Wohltäter selbst erfrischen und -beleben. Als Theorie hört sich das sehr lächerlich an; doch wenn sich -das praktisch durchsetzen und zum allgemeinen Brauch werden würde, so -wäre das ganz und gar nicht lächerlich. Ich habe das an mir selbst -erfahren: kaum hatte ich diese Idee von dem neuen Gebot zu entwickeln -begonnen -- und anfangs tat ich das natürlich nur halb im Scherz -- als -ich plötzlich auch die ganze Größe der in mir verborgenen Liebe zu -deiner Mutter zu erkennen anfing. Bis dahin hatte ich überhaupt nicht -begriffen, daß ich sie liebte. Solange ich mit ihr gelebt hatte, war sie -für mich nur zu meinem Vergnügen dagewesen, solange sie noch hübsch war, -und nachher hatte ich sie mit meinen Launen gequält. Erst in Deutschland -begriff ich, daß ich sie liebte. Es begann mit der Erinnerung an ihre -eingefallenen Wangen, an die ich niemals ohne Schmerz habe denken, und -die ich manchmal nicht einmal ohne Schmerz habe sehen können -- einen -buchstäblichen, wirklichen Schmerz. Es gibt schmerzhafte Erinnerungen, -mein Lieber, die uns wirklichen, körperlichen Schmerz verursachen; fast -jeder Mensch hat solche Erinnerungen, nur vergessen die Menschen sie -gewöhnlich. Aber dann geschieht es bisweilen, daß sie ihnen plötzlich -wieder einfallen, wenn es auch nur irgendein kleiner Zug ist, der ihnen -einfällt, und dann können sie die Erinnerung nicht mehr abschütteln. So -begann ich damals, tausend verschiedene Einzelheiten aus meinem Leben -mit Ssonjä mir ins Gedächtnis zurückzurufen; bald kamen sie von selbst, -und schließlich stürmten sie in Massen auf mich ein und hätten mich fast -totgequält, während ich auf Ssonjä wartete. Ganz besonders quälte mich -die Erinnerung an ihre ewige Unterwürfigkeit mir gegenüber, und daran, -wie sie sich beständig für tief unter mir stehend gehalten hatte, in -jeder Beziehung, stell dir vor, sogar körperlich. Sie schämte sich und -wurde glühend rot, wenn ich auf ihre Hände oder Finger sah, die ja gar -nicht aristokratisch sind. Und nicht nur ihrer Finger schämte sie sich, --- sie schämte sich ihres ganzen Äußeren, ungeachtet dessen, daß ich -doch ihre Schönheit liebte. Sie war mir gegenüber schon immer von einer -Schamhaftigkeit gewesen, die ich geradezu unverständlich fand, doch das -Schlimme war, daß aus dieser Schamhaftigkeit immer eine Art Angst -hervorsah. Sie hielt sich, wenigstens vor mir, für etwas ganz Wertloses -oder fast Unanständiges. Glaube mir, ich habe in der ersten Zeit -manchmal gedacht, sie halte mich immer noch für ihren Gutsherrn und -fürchte mich, aber das war es nicht, der Grund war ein ganz anderer. Und -dabei war sie, ich schwöre dir, mehr als jeder andere fähig, meine -Mängel zu erkennen; überhaupt bin ich in meinem Leben keiner Frau -begegnet, die ein so feinfühliges und verstehendes Herz gehabt hätte wie -sie. Oh, wie war sie unglücklich, wenn ich in der ersten Zeit, als sie -noch so hübsch aussah, von ihr verlangte, sie solle sich schmücken. Da -war es nicht nur ihre Eigenliebe, sondern noch irgendein anderes Gefühl, -das sich dadurch gekränkt fühlte: sie begriff, daß sie niemals eine Dame -sein konnte und in einem ihr fremden Kleide immer nur lächerlich -aussehen werde. Sie aber, als Frau, wollte nicht lächerlich sein in -ihren Kleidern, denn sie fühlte wohl, daß jede Frau _ihre_ Kleidung hat, -was Tausende und Hunderttausende von Frauen nie begreifen, die sich -immer nur nach der Mode kleiden wollen. Sie fürchtete sich vor meinem -spöttischen Blick -- das war's! Aber besonders schmerzlich war mir die -Erinnerung an ihren tief verwunderten Blick, den ich in der Zeit unseres -Zusammenlebens so oft auf mir hatte ruhen fühlen: in diesem Blick hatte -immer ein vollkommenes Sichbewußtsein ihres Geschicks und der sie -erwartenden Zukunft gelegen, so daß es mir selber unter diesem Blick -schwer ums Herz geworden war, obgleich ich mich damals in Gespräche mit -ihr nicht eingelassen und alles dies, ich muß gestehen, gewissermaßen -von oben herab behandelt hatte. Sie war doch nicht immer so scheu und -ängstlich wie jetzt; und auch jetzt kommt es ja noch bisweilen vor, daß -sie plötzlich fröhlich wird, und die Fröhlichkeit sie so verjüngt, daß -sie wie eine Zwanzigjährige aussieht; in ihrer Jugend aber liebte sie es -sehr, zu scherzen und zu lachen, natürlich nur unter ihresgleichen -- so -mit den Mädchen und dem ganzen Frauenvolk, das sich in unseren -Gutshäusern einzunisten pflegt ... und wie sie zusammenfuhr, wenn ich -sie beim Lachen überraschte, wie sie dann rot wurde, wie scheu sie mich -ansah! Einmal, das war vor meiner Abreise ins Ausland, das heißt, kurz -bevor ich die Ehe mit ihr löste, kam ich in ihr Zimmer und traf sie ganz -allein an: sie saß ohne Arbeit an ihrem Tischchen, die Arme aufgestützt -und tief in Gedanken. Es kam fast nie vor, daß sie so ohne Arbeit saß. -Damals war ich schon lange nicht mehr zärtlich zu ihr gewesen. Es gelang -mir, mich ganz leise ihr zu nähern, und auf einmal umfaßte und küßte ich -sie ... Sie sprang auf -- oh, nie werde ich diese Seligkeit vergessen, -dieses Glück in ihrem Gesicht, doch plötzlich wich das alles einem -heißen Erröten, und ihre Augen sprühten. Weißt du, was ich in diesem -sprühenden Blick las? >Du hast mir ein Almosen gegeben -- als ob ich's -nicht wüßte!< Sie brach in hysterisches Weinen aus, ich hätte sie -erschreckt, sagte sie; aber ich wurde sogar damals nachdenklich. Und -überhaupt -- alle diese Erinnerungen sind etwas sehr Schweres, mein -Freund. Das ist ähnlich wie mit gewissen _schmerzhaften_ Szenen in den -Dichtungen der großen Künstler, an die man sein Leben lang mit einem -Schmerzempfinden denkt, -- zum Beispiel der letzte Monolog Othellos bei -Shakespeare, oder wie Puschkins Eugen Onégin vor Tatjana kniet, oder in -den Misérables von Victor Hugo die Begegnung des entsprungenen -Sträflings mit dem kleinen Mädchen in der kalten Nacht am Brunnen; das -durchbohrt einem einmal das Herz, und die Wunde vernarbt nie wieder. Oh, -wie sehnsüchtig wartete ich damals auf Ssonjä, ich konnte es nicht -erwarten, sie in meine Arme zu schließen! In fiebernder Ungeduld träumte -ich von einem ganz neuen Leben; ich träumte davon, wie ich mit -liebevoller Geduld diese beständige Angst vor mir in ihrer Seele -zerstören, ihr ihren eigenen Wert klarmachen und ihr auseinandersetzen -würde, worin sie sogar über mir stand! Oh, ich wußte auch damals schon -und nur zu gut, daß ich deine Mutter immer dann zu lieben anfing, wenn -wir getrennt waren, und daß ich immer kühl zu ihr wurde, wenn ich mit -ihr wieder zusammenkam; aber damals war es nicht das, damals war es -etwas ganz anderes.« - -Ich wunderte mich. »Und _sie_?« fuhr es mir durch den Kopf. - -Ich fragte vorsichtig: »Und wie trafen Sie denn damals mit Mama -zusammen?« - -»Damals? Ja, zu diesem Zusammentreffen kam es damals gar nicht. Sie kam -nur bis Königsberg und blieb dort, ich aber war am Rhein. Ich fuhr ihr -nicht entgegen, sondern schrieb ihr, sie solle dort bleiben und warten. -Wir sahen uns erst viel später, oh, erst nach langer Zeit, als ich zu -ihr reiste, um von ihr die Einwilligung zu jener Heirat zu erbitten ...« - - - II. - -Von unserem weiteren Gespräch will ich nur das wiedergeben, was ich von -ihm damals an Tatsachen erfuhr, und wie ich mir den Sachverhalt später -selbst klargemacht habe. Er erzählte mir das alles ziemlich sprunghaft. -Überhaupt wurde seine Art, zu erzählen, unvergleichlich wirrer, -unklarer, als er auf diesen Punkt zu sprechen kam. - -Er war damals plötzlich Katerina Nikolajewna begegnet, ganz unerwartet, -gerade in der Zeit, als er Mama erwartete und im Augenblick seiner -größten Sehnsucht nach ihr. Sie hielten sich damals alle in einem Kurort -am Rhein auf und tranken da irgendeinen Brunnen. Katerina Nikolajewnas -Mann war schon von den Ärzten aufgegeben worden, oder wenigstens hatten -sie erkannt, daß sie ihm nicht mehr helfen konnten. Schon bei der ersten -Begegnung hatte sie einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht, hatte ihn -durch irgend etwas förmlich bezaubert. Das war ein Fatum! Sonderbar: -jetzt, wo ich unser Gespräch niederschreibe und mir alles wieder -vergegenwärtige, kann ich mich nicht erinnern, daß er damals auch nur -einmal das Wort »Liebe« gebraucht hätte oder den Ausdruck, er sei -»verliebt« gewesen. Doch des Wortes »Fatum« erinnere ich mich noch sehr -gut. - -Ja, das war allerdings Fatum. Er hatte es _nicht gewollt_, er »hatte -nicht lieben wollen«. Ich weiß nicht, ob ich das verständlich werde -wiedergeben können; jedenfalls empörte sich alles in ihm allein schon -gegen die Tatsache, daß so etwas mit ihm hatte geschehen können. Alles, -was an Freiheit in ihm gewesen war, war durch diese Begegnung wie mit -einem Schlage vernichtet, und der Mensch fühlte sich an eine Frau -gefesselt, die ihn nichts anging. In diese Sklaverei der Leidenschaft -war er gegen seinen Willen geraten. Ich sage jetzt ohne weiteres: -Katerina Nikolajewna ist ein sehr seltener Typus einer Weltdame -- ein -Typus, den es in diesen Kreisen vielleicht so gut wie überhaupt nicht -gibt. Es ist das der Typus einer im höchsten Grade einfachen und -aufrichtigen Frau. Ich habe gehört, das heißt, ich weiß genau, daß sie -eben dadurch in der Gesellschaft unwiderstehlich wirkte, wenn sie in ihr -erschien (es war aber schon oft vorgekommen, daß sie sich auf längere -Zeit von allem Verkehr zurückzog). Werssiloff hatte damals bei der -ersten Begegnung selbstverständlich nicht geglaubt, daß sie so wäre, -sondern hatte gerade das Gegenteil vermutet, daß sie eine Heuchlerin und -Jesuitin sei. Ich möchte hier gleich ihr Urteil über ihn wiedergeben: -sie beteuerte, er habe von ihr auch gar nicht anders denken können, -»denn ein Idealist, der auf die Wirklichkeit stößt, ist immer eher als -alle anderen geneigt, jede Schändlichkeit vorauszusetzen«. Ich weiß -nicht, ob das auf die Idealisten im allgemeinen zutrifft, aber auf ihn -traf es durchaus zu. Hier werde ich meinetwegen auch noch meine Ansicht -anführen, zu der ich schon damals kam, als ich noch dort saß und ihm -zuhörte. Ich dachte bei mir, er werde meine Mutter wohl mehr mit einer -allgemein menschlichen Liebe geliebt haben als mit der Liebe, mit der -man sonst Frauen liebt; und als er dann einer Frau begegnete, die in ihm -eine solche Liebe erweckte, da lehnte er sich gleich gegen diese Liebe -auf -- wahrscheinlich, weil er daran nicht gewöhnt war. Übrigens ist es -möglich, daß diese Auffassung falsch ist, -- ihm gegenüber habe ich sie -natürlich nicht geäußert; es wäre taktlos gewesen. Und außerdem war er -in einer solchen Verfassung, daß er wirklich der Schonung bedurfte: er -war sehr erregt, und an manchen Stellen seiner Erzählung verstummte er -plötzlich und schwieg mehrere Minuten lang, während er mit bösem Gesicht -im Zimmer auf und ab ging. - -Sie hatte damals sein Geheimnis bald erraten. Oh, vielleicht hatte sie -mit ihm sogar absichtlich kokettiert: in solchen Fällen sind ja selbst -die reinsten Frauen gewissenlos, das ist nun mal ihr unbezwingbarer -Instinkt. Es endete zwischen ihnen mit einem erbitterten Zerwürfnis: er -wollte sie, glaube ich, erschießen; jedenfalls hatte er sie in Angst und -Schrecken versetzt, und vielleicht hätte er sie auch umgebracht, »aber -alles verwandelte sich in Haß«. Und dann kam für ihn eine sonderbare -Zeit: er stellte sich auf einmal die Aufgabe, sich durch strengste Zucht -zu quälen, »durch dieselbe Zucht, die die Mönche anwenden. Man bezwingt -allmählich und durch methodische Übung seinen Willen, man fängt mit den -lächerlichsten und nichtigsten Dingen an und endet damit, daß man seinen -Willen vollkommen beherrscht, und eben dadurch vollkommen frei wird,« -sagte er. Er fügte hinzu, bei den Mönchen sei das eine ernste Sache, da -tausendjährige Übung die Zucht zur Wissenschaft erhoben habe. Aber das -merkwürdigste war, daß er sich diese Idee von der Zucht nicht etwa -deshalb in den Kopf gesetzt hatte, um sich von Katerina Nikolajewna -losreißen zu können, sondern in der vollkommenen Überzeugung, daß er -nicht nur sie zu lieben aufgehört habe, sondern sie bereits aufrichtig -hasse. An diesen seinen Haß glaubte er so fest, daß er plötzlich sogar -auf den Gedanken kam, sich in ihre Stieftochter zu verlieben und die -arme, vom Fürsten Ssergei Petrowitsch Betrogene zu heiraten. An seiner -neuen Liebe zweifelte er überhaupt nicht mehr, und die arme Idiotin -verliebte sich so grenzenlos in ihn, daß er ihr durch diese Liebe in den -letzten Monaten ihres Lebens das größte Glück bescherte. Warum er aber -damals statt auf den Gedanken an sie, nicht auf den Gedanken an Mama -gekommen war, die ihn immer noch in Königsberg erwartete -- ist für mich -unverständlich geblieben. Ja, gerade Mama hatte er auf einmal -vollständig vergessen, hatte ihr nicht einmal Geld zum Leben geschickt, -und erst Tatjana Pawlowna hatte die Arme aus Königsberg abgeholt und -dadurch gerettet; aber plötzlich war er dann doch zu Mama gefahren, um -von ihr die Erlaubnis zu erbitten, jenes junge Mädchen zu heiraten, -unter dem Vorwande, »daß eine solche Braut doch keine Frau sei«. Oh, -vielleicht ist dies alles nur das Bild eines »abstrakten Menschen«, wie -Katerina Nikolajewna ihn später einmal genannt hat; aber wie kommt es -denn, daß diese abstrakten Menschen (wenn es wahr ist, daß sie abstrakt -sind) zugleich fähig sind, auf eine so konkrete Weise, so wirklich und -unabstrakt sich zu quälen und tragisch zu werden? Übrigens, damals, an -jenem Abend, dachte ich ein wenig anders, und mich erschütterte ein -Gedanke: - -»Sie haben Ihre Entwicklung, Ihre ganze wissende Seele durch -lebenslängliches Leid und ewigen Kampf erworben -- sie aber hat ihre -ganze Vollkommenheit umsonst bekommen. Das ist eine Ungleichheit ... In -der Beziehung sind die Frauen wirklich empörend!« Ich sagte das durchaus -nicht, um mich ihm angenehm zu machen, sondern heftig und sogar mit -Unwillen. - -»Vollkommenheit? Ihre Vollkommenheit? Aber von einer solchen kann doch -bei ihr überhaupt nicht die Rede sein!« sagte er plötzlich, fast -verwundert über meine Worte. »Das ist doch eine ganz gewöhnliche Frau, -sogar eine ganz wertlose Frau ... Aber sie ist eben verpflichtet, alle -Vollkommenheiten zu haben!« - -»Warum verpflichtet?« - -»Weil sie, wenn sie eine solche Macht besitzt, einfach verpflichtet ist, -auch alle Vollkommenheiten zu besitzen!« rief er zornig. - -»Das Bedauerlichste ist, daß Sie auch jetzt noch so gequält sind!« -entschlüpfte es mir plötzlich ganz ungewollt. - -»Jetzt? Gequält?« wiederholte er zum zweitenmal meine Worte, während er -wie verständnislos vor mir stehen blieb. - -Und da erschien auf einmal ein stilles, langsames Lächeln in seinem tief -nachdenklichen Gesicht, und er legte die Hand auf die Stirn, als -versuche er etwas zusammenzureimen. Und dann, nachdem er wieder wie zu -sich gekommen war, nahm er vom Schreibtisch einen geöffneten Brief und -warf ihn mir hin: - -»Da, lies! Du mußt unbedingt alles erfahren ... warum hast du mich so -lange in diesem alten Gewäsch herumwühlen lassen? ... Ich habe damit nur -mein Herz besudelt und mich erbittert! ...« - -Ich vermag mein Erstaunen gar nicht zu beschreiben: es war ein Brief von -_ihr_. Sie hatte ihn an demselben Tage geschrieben, und er hatte ihn -gegen fünf Uhr nachmittags erhalten. Während ich las, zitterte ich vor -Aufregung. Der Brief war nicht lang, aber mit einer solchen -Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit geschrieben, daß ich sie leibhaftig vor -mir zu sehen und ihre Stimme zu hören glaubte. Sie gestand ihm mit aller -Offenheit (und das war fast rührend) ihre ganze Angst vor ihm, und -beschwor ihn, sie doch endlich »in Ruhe zu lassen«. Zum Schluß teilte -sie ihm mit, es stehe jetzt fest, daß sie Bjoring heiraten werde. Vor -diesem Brief hatte sie noch nie an ihn geschrieben. - -Und nun will ich wiedergeben, was ich von seinen Erklärungen verstanden -habe: - -Nachdem er diesen Brief gelesen, nachmittags um fünf Uhr, hatte er -plötzlich eine ganz unerwartete Empfindung in sich verspürt: zum -erstenmal in diesen verhängnisvollen zwei Jahren hatte er nicht den -geringsten Haß gegen sie und nicht die geringste Erschütterung -empfunden, etwa von der Art, wie er noch kurz vorher bei der bloßen -Nachricht von ihrer Verlobung mit Bjoring »wahnsinnig geworden war«. »Im -Gegenteil, ich habe ihr von ganzem Herzen meinen Segen geschickt,« sagte -er mit tiefem Gefühl zu mir. Mit Entzücken vernahm ich diese Worte. Also -war alle Leidenschaft und Qual in ihm mit einem Schlage ganz von selbst -verschwunden, wie ein Traum, wie ein Sinnenrausch, der ihn zwei Jahre -lang im Bann gehalten. Noch hatte er es sich selbst nicht geglaubt, als -er zu Mama geeilt war -- und siehe da: er trat in dem Augenblick bei ihr -ein, als sie endlich _frei_ wurde und der Alte, der sie ihm gestern -gewissermaßen übergeben hatte, starb. Eben dieses Zusammentreffen hatte -ihn so erschüttert. Und nur wenig später hatte er schon mich aufgesucht --- daß er unter diesen Umständen doch sogleich an mich gedacht hat, -werde ich ihm nie vergessen. - -Auch die letzten Stunden jenes Abends werde ich nie vergessen. Dieser -Mensch hatte sich ganz und gar verwandelt. Wir saßen bis tief in die -Nacht zusammen. Welchen Eindruck diese ganze »Mitteilung« auf mich -machte, werde ich später erzählen, hier will ich nur noch ein paar -abschließende Worte über ihn sagen. Wenn ich jetzt nachdenke, begreife -ich, womit er mich damals am meisten bezaubert hat: das war seine -gewisse Demut vor mir und seine so echte Aufrichtigkeit, mir, dem halben -Knaben, gegenüber! »Es war wie eine Benommenheit,« rief er aus, »aber -auch die segne ich jetzt! Ohne diese Blindheit hätte ich vielleicht -niemals in meinem Herzen die restlose und für ewig einzige Besitzerin -meines Herzens gefunden, meine Märtyrerin -- deine Mutter.« Diese -begeisterten Worte, die unaufhaltsam aus ihm hervorbrachen, verzeichne -ich hier besonders im Hinblick auf das Weitere. Damals aber ergriff und -besiegte er damit mein Herz. - -Ich weiß noch, wir wurden zu guter Letzt sehr heiter. Er ließ Champagner -bringen, und wir stießen auf Mamas Wohl und auf die »Zukunft« an. Oh, er -war so voll Leben und so begierig, zu leben! Aber nicht vom Wein wurden -wir auf einmal so lustig: wir tranken ja im ganzen nur zwei Glas. Ich -weiß nicht, weshalb es geschah, aber wir lachten zum Schluß fast -unaufhörlich. Wir sprachen schon von ganz anderen, ganz nebensächlichen -Dingen; er erzählte mir alle möglichen Geschichtchen und ich ihm -gleichfalls. Und unser Lachen wie unsere Geschichten waren weder boshaft -noch weiß Gott wie lustig, aber sie steigerten doch noch unsere -Heiterkeit. Er wollte mich noch immer nicht fortlassen: »Bleib noch, -bleib noch ein wenig!« sagte er immer wieder, und ich blieb. Später aber -kam er mit und begleitete mich ein Stück Weges; die Nacht war -wundervoll, es fror ein wenig. - -»Sagen Sie: haben Sie _ihr_ schon geantwortet?« fragte ich plötzlich -ganz unbedacht, als ich ihm an der Straßenecke zum letztenmal die Hand -drückte. - -»Nein, noch nicht, aber das ist ja gleichgültig. Komme morgen zu mir, -komm' früher ... Ja und noch eines: gib dich nicht mit Lambert ab und -das >Dokument< zerreiße, je früher, desto besser. Leb wohl!« - -Und damit ging er plötzlich davon; ich blieb auf demselben Fleck stehen -und war so betroffen, daß ich mich nicht entschließen konnte, ihn -zurückzuhalten oder ihm nachzugehen. Der Ausdruck >das _Dokument_< -machte mich besonders stutzig: von wem konnte er gerade diese -Bezeichnung gehört haben, wenn nicht von Lambert? Ich kehrte in großer -Verwirrung heim. »Und ist denn das überhaupt möglich,« fuhr es mir -plötzlich durch den Kopf, »daß so ein zweijähriger Zauber auf einmal -wirklich ganz verschwinden kann, wie ein Traum, wie ein Spuk, wie -irgendeine Vision?« - - - Neuntes Kapitel. - - - I. - -Am nächsten Morgen erwachte ich viel frischer und gutherziger. Ich -machte mir sogar Vorwürfe -- und zwar ganz unwillkürlich und aufrichtig --- weil ich, wie ich mich erinnerte, manche Stellen seiner »Beichte« -nicht sehr ernst genommen und gleichsam mit einer gewissen Überlegenheit -angehört hatte. Wenn auch ein Teil seiner Beichte etwas unklar und wirr -gewesen war, so mußte ich mir doch sagen, daß er sich nach dem -erschütternden Erlebnis wohl nicht gerade mit einer gutausgearbeiteten -Rede auf den Weg gemacht hatte, um mich zu suchen und zu sich zu führen. -Er hatte mir nur eine große Ehre erwiesen, als er sich in einem solchen -Augenblick an mich als an seinen einzigen Freund wandte, und das werde -ich ihm nie vergessen! Im Gegenteil, seine Beichte war eigentlich -rührend gewesen, mag man auch wegen dieses Ausdrucks über mich lachen, -und wenn manchmal etwas Zynisches oder sogar etwas gleichsam -Lächerliches durchschimmerte, so war ich doch vorurteilslos genug, um -auch den Realismus zu verstehen und seine Berechtigung anzuerkennen -- -übrigens ohne mir durch ihn das Ideal trüben zu lassen. Die Hauptsache -war, daß ich diesen Menschen jetzt endlich verstand: und teilweise -bedauerte ich sogar, und es ärgerte mich fast ein wenig, daß alles, wie -sich nun herausstellte, so einfach gewesen war: in meinem Herzen hatte -ich diesen Menschen immer so unendlich hochgestellt, hatte ihn bis in -die Wolken erhoben, und sein Schicksal war von mir stets mit etwas -unbedingt Geheimnisvollem umwoben worden, weshalb ich denn auch -unwillkürlich und bis zuletzt gewünscht hatte, daß dieses Geheimfach nur -auf eine möglichst verzwickte Weise zu öffnen sein möge. Übrigens lag -auch in seiner Begegnung mit _ihr_ und in seiner ganzen zweijährigen -Qual viel Verzwicktes: »er wollte kein Fatum, er wollte Freiheit; er -wollte nicht die Sklaverei des Fatums, denn als Sklave des Fatums war er -gezwungen, Mama, die in Königsberg auf ihn wartete, so zu kränken ...« -Hinzu kam, daß ich diesen Menschen unter allen Umständen für einen -Propheten hielt: in seinem Herzen trug er das goldene Zeitalter, und er -kannte die Zukunft des Atheismus; doch da kam die Begegnung mit ihr und -zerbrach und entstellte alles! Oh, ich wurde ihr nicht untreu, aber ich -nahm doch für ihn Partei. »Mama, zum Beispiel,« sagte ich mir damals, -»hätte sein Schicksal in nichts behindert, nicht einmal, wenn er sie -geheiratet hätte!« Das begriff ich; das war etwas ganz anderes, als die -Begegnung mit _jener_. Freilich hätte ihm auch Mama nicht die Ruhe -gegeben, aber das wäre schließlich um so besser gewesen: solche Menschen -wie er muß man anders beurteilen, und mag ihr Leben auch ewig so bleiben --- dabei ist weiter nichts Schlimmes; im Gegenteil, es wäre schlimm, -wenn sie sich beruhigten oder den Durchschnittsmenschen anglichen. -Seine Hochschätzung des Adels und seine Worte: »_Je mourrai -gentilhomme_«{[106]} beirrten mich nicht im geringsten: ich begriff, was -das für ein _gentilhomme_ war: das war ein Typus, der alles hingibt und -zum Propheten wird, zum Verkünder des Weltbürgertums und des höchsten -russischen Gedankens -- der »Vereinigung aller Ideen«. Und selbst wenn -das alles ein Unsinn war, ich meine diese »Vereinigung aller Ideen« -(denn sie ist natürlich undenkbar), so lag doch schon darin ein Gutes, -daß er sein Leben lang eine Idee verehrt hat und nicht das dumme goldene -Kalb. O Gott! -- und ich, ich selbst, habe ich denn, als ich meine -»Idee« mir ausdachte, etwa an das goldene Kalb gedacht, brauchte ich -denn damals Geld? Nein; ich schwöre, ich brauchte nur eine Idee! Ich -schwöre, daß ich nicht einen Stuhl, nicht ein Sofa mit Samt überziehen -ließe und auch als Besitzer von hundert Millionen nur meinen Teller -Suppe mit Rindfleisch essen würde, wie ich es heute tue! - -Ich kleidete mich an und beeilte mich dabei; denn es zog mich mächtig zu -ihm hin. Ich muß hier bemerken, daß ich auch wegen seiner gestrigen -Erwähnung des »Dokuments« mindestens fünfmal ruhiger war als am Abend -vorher. Erstens hoffte ich, mich mit ihm aussprechen zu können; und -zweitens, was war denn schließlich dabei, daß Lambert sich auch an ihn -herangemacht und über irgend etwas mit ihm gesprochen hatte? -- Aber der -Hauptgrund meiner Freude lag doch in einem außergewöhnlichen Gefühl: es -war der Gedanke, daß er »_sie_ nicht mehr liebte«. Daran glaubte ich mit -aller Gewalt, und ich hatte eine Empfindung, als hätte jemand gleichsam -einen unheimlich schweren Stein von meinem Herzen gewälzt. Ich erinnere -mich auch noch einer ganz flüchtig in mir auftauchenden Erkenntnis: eben -der Unglaublichkeit und Sinnlosigkeit seines letzten rasenden -Wutausbruchs bei der Nachricht von ihrer Verlobung mit Bjoring und der -Absendung jenes beleidigenden Briefes an sie -- eben diese äußerste -Heftigkeit des Ausbruchs konnte ein Anzeichen und ein Vorläufer der -vollkommenen Veränderung seiner Gefühle und seiner baldigen Rückkehr zur -Vernunft gewesen sein: vielleicht wie bei einer Krankheit, dachte ich -bei mir, einer Krankheit, in deren Verlauf er einmal unbedingt zu diesem -entgegengesetzten Punkt hatte gelangen müssen -- also eine ärztlich -vorauszusehende Übergangserscheinung und nichts weiter! Dieser Gedanke -machte mich glücklich. - -»Und mag _sie_ doch selbst ihr Schicksal bestimmen, mag sie doch ihren -Bjoring heiraten, soviel sie will, wenn nur er, mein Vater, mein Freund, -wenn nur er sie nicht mehr liebt!« rief es in mir. Übrigens lag hier ein -gewisses Geheimnis meinen Gefühlen zugrunde, doch besagte Gefühle will -ich in diesen meinen Aufzeichnungen nicht weiter auseinandersetzen. - -Das dürfte genügen. Und nun will ich den ganzen folgenden Schrecken, -dies ganze Zusammenwirken der Tatsachen ohne alle weiteren Betrachtungen -wiedergeben. - - - II. - -Um zehn Uhr, als ich mich gerade anschickte, fortzugehen -- zu ihm -natürlich -- erschien Darja Onissimowna. Ich fragte sie erfreut, ob sie -von ihm komme, und ärgerte mich, als ich hörte, daß sie nicht von ihm, -sondern von Anna Andrejewna kam, und daß sie, Darja Onissimowna, »die -Wohnung schon in aller Frühe verlassen« hatte. - -»Welche Wohnung?« - -»Dieselbe, in der Sie gestern waren. Diese Wohnung ist jetzt auf meinen -Namen gemietet, für das Kind, und bezahlt wird sie von Tatjana Pawlowna -...« - -»Ach, was geht das mich an!« unterbrach ich sie geärgert. »Aber ist er -wenigstens jetzt zu Hause? Werde ich ihn antreffen?« - -Doch zu meiner Verwunderung hörte ich von ihr, daß er noch vor ihr die -Wohnung verlassen habe; sie hatte sie schon »in aller Frühe« verlassen, -er aber noch etwas früher. - -»Nun, dann wird er doch jetzt wieder zurückgekehrt sein?« - -»Nein, er ist sicherlich nicht zurückgekehrt und wird vielleicht -überhaupt nicht mehr zurückkehren,« sagte sie und sah mich mit demselben -scharfen und lauernden Blick an, ohne ihn von mir abzuwenden, ganz wie -damals, als ich krank zu Bett lag, bei ihrem bereits geschilderten -Besuch. Es reizte mich, daß dahinter wieder allerhand Geheimnisse und -Dummheiten zu stecken schienen, und daß diese Leute offenbar ohne -Verschwörungen und Winkelzüge gar nicht auskommen konnten. - -»Weshalb sagen Sie: er wird sicherlich nicht zurückkehren? Was meinen -Sie damit? Er wird einfach zu Mama gegangen sein -- das ist das Ganze!« - -»Ich ... weiß n--nicht.« - -»Ja, wozu haben Sie sich denn hierherbemüht?« - -Sie sagte mir schnell, daß sie soeben von Anna Andrejewna käme, die mich -zu sich bitten lasse und mich erwarte: ich möchte unbedingt _sofort_ -kommen, »denn sonst könnte es zu spät werden«. Dieses neue rätselhafte -Wörtchen »zu spät« steigerte meine Gereiztheit ganz beträchtlich. - -»Warum zu spät? Ich will aber nicht kommen und komme auch nicht! Ich -erlaube es nicht, daß man so einfach über mich verfügt. Den Lambert soll -sie zum Teufel jagen, sagen Sie ihr das. Und wenn sie ihn zu mir -schickt, so fliegt er die Treppe hinunter -- das sagen sie ihr -gleichfalls, und zwar wörtlich!« - -Darja Onissimowna erschrak nicht wenig. - -»Ach, nein doch!« bat sie und trat einen Schritt auf mich zu, die -Handflächen flehend gegeneinander gelegt, »tun Sie das nicht so -übereilt! Es handelt sich hier um eine so wichtige Angelegenheit, auch -für Sie selbst ist sie außerordentlich wichtig und für Anna Andrejewna, -und auch für Andrei Petrowitsch, wie für Ihre Mutter -- für alle, alle -... Ach, bitte, gehen Sie doch gleich zu ihr, denn sie kann unmöglich -länger warten ... ich schwöre es Ihnen bei meiner Ehre ... und dann -entschließen Sie sich schon selbst ...« - -Ich sah sie erstaunt und mit einem gewissen Unbehagen an. - -»Unsinn, daraus wird nichts, ich komme nicht!« rief ich eigensinnig und -nicht ohne Schadenfreude. »Jetzt fängt eine neue Methode an! Aber wie -sollten Sie das begreifen! Leben Sie wohl, Darja Onissimowna, ich werde -absichtlich nicht hingehen, und ich frage Sie jetzt absichtlich nicht -aus. Sie wollen mich nur verwirren und von meinem Wege abbringen. Ich -aber habe gar keine Lust, mich mit Ihren Rätseln abzugeben. Behalten Sie -Ihre Geheimnisse für sich!« - -Da sie nicht fortging und noch immer dastand, nahm ich meinen Pelz und -meine Mütze, ließ sie einfach mitten im Zimmer stehen und ging hinaus. -In meinem Zimmer befanden sich weder Briefe noch Papiere, und ich hatte -auch früher mein Zimmer fast nie zugeschlossen, wenn ich aus dem Hause -ging. Aber ich war noch nicht bis zur Haustür gekommen, als mein Wirt -Pjotr Ippolitowitsch ohne Mütze und in der Hausjoppe mir die Treppe -hinunter nachgelaufen kam. - -»Arkadi Makarowitsch! Arkadi Makarowitsch!« - -»Was wollen Sie von mir?« - -»Werden Sie denn gar keine Anordnungen treffen, bevor Sie gehen?« - -»Nein.« - -Er sah mich wißbegierig, aber mit ersichtlicher Unruhe an. - -»In betreff Ihres Zimmers, meine ich?« - -»Was ist denn mit dem Zimmer? Ich habe Ihnen das Geld doch richtig zum -Termin geschickt?« - -»Ach nein, ich rede nicht vom Gelde,« sagte er mit breitem Lächeln, und -sein Blick kroch mir wieder in die Augen. - -»Ja, was haben Sie denn alle?« schrie ich schließlich in wahrer Wut. -»Was wollen Sie denn eigentlich?« - -Er zögerte einige Sekunden, als erwarte er noch immer etwas von mir. - -»Na, dann werden Sie Ihre Anordnungen wohl später treffen ... wenn Sie -jetzt nicht bei Laune sind,« murmelte er schließlich, und sein Lächeln -wurde noch breiter. »Also, gehen Sie nur, auch ich muß jetzt fort und in -meine Kanzlei.« - -Er lief die Treppe wieder hinauf. Freilich konnte die Szene einem schon -zu denken geben. - -Ich übergehe absichtlich nicht den kleinsten Zug von dem ganzen -kleinlichen Wirrwarr meiner Geschichte an dieser Stelle und zu dieser -Zeit, weil jede Einzelheit sich später als zum Ganzen gehörend erweisen -soll. Doch davon wird sich der Leser noch überzeugen! Daß die Menschen -mich damals wirklich verwirrten -- das ist Tatsache. Wenn ich so erregt -und gereizt war, so war ich das nur, weil ich aus ihren Worten wieder -jenen Ton der Geheimniskrämerei und Ränkespinnerei vernahm, der mir so -verhaßt war, zumal er mich an die früheren Geschichten erinnerte. Doch -ich fahre fort. - -Werssiloff traf ich nicht zu Hause, er war tatsächlich bei Tagesanbruch -fortgegangen. »Natürlich zu Mama,« sagte ich mir in eigensinniger -Überzeugung. Ich wollte die Kinderwärterin, die ein dummes Weib zu sein -schien, nicht weiter ausfragen, doch außer ihr und dem Kinde war niemand -in der Wohnung. So eilte ich denn zu Mama, und ich muß gestehen: ich -fühlte mich so beunruhigt, daß ich auf halbem Wege eine Droschke nahm. -Ich kam hin und erfuhr, daß er bei _Mama seit gestern abend nicht mehr -gewesen war_. Nur Tatjana Pawlowna und Lisa saßen bei ihr. Kaum war ich -eingetreten, da begann Lisa sich auch schon zum Ausgehen anzukleiden. - -Sie saßen alle oben in meinem »Sarge«. In unserem Wohnzimmer unten war -Makar Iwanowitsch aufgebahrt; neben ihm las ein alter Mann langsam die -Psalmen. Ich habe schon gesagt, daß ich mich von jetzt ab ausschließlich -auf die Wiedergabe der Hauptsachen beschränken und Nebensachen tunlichst -übergehen will, hier aber möchte ich doch nicht unerwähnt lassen, daß -der Sarg, den man für ihn hatte anfertigen lassen, und der bereits im -Zimmer stand, durchaus nicht anspruchslos war: er war zwar schwarz, doch -mit Samt bezogen, und auch die Sargdecke war aus teurem Stoff -- ein -Luxus, der durchaus nicht zu der Persönlichkeit und den Anschauungen des -Alten paßte; aber Mama und Tatjana Pawlowna hatten sich zusammengetan -und hartnäckig darauf bestanden. - -Selbstverständlich hatte ich nicht erwartet, sie in fröhlicher Stimmung -anzutreffen; aber dieser so sonderbar drückende Kummer, diese Sorge und -Unruhe, die ich in ihren Augen las, machten mich betroffen, und ich -begriff sofort, daß »wahrscheinlich nicht der Tote allein« die Ursache -war. Ich wiederhole: ich erinnere mich alles dessen noch ganz genau. - -Trotz alledem umarmte ich Mama zärtlich und fragte sogleich nach _ihm_. -In Mamas Augen trat blitzschnell eine erregte Neugier. Ich erzählte -kurz, daß wir gestern den Abend bis tief in die Nacht zusammen verbracht -hätten, daß er aber heute schon ganz früh von Hause gegangen sei, -obgleich er mich gestern beim Abschied aufgefordert hatte, heute so früh -als möglich zu ihm zu kommen. Mama antwortete mir nichts darauf, und -Tatjana Pawlowna benutzte einen unbewachten Augenblick, um mir mit dem -Finger zu drohen. - -»Auf Wiedersehen, Arkadi,« sagte Lisa plötzlich und verließ schnell das -Zimmer. Ich lief ihr natürlich nach und erreichte sie noch an der Tür. - -»Ich wußte, daß du mir nachkommen würdest,« flüsterte sie hastig. - -»Lisa, was ist hier geschehen?« - -»Das weiß ich selbst nicht, aber wahrscheinlich vieles. Vermutlich ist -es die Entscheidung der >ewigen Geschichte<. Er ist nicht gekommen, sie -aber müssen irgendeine Nachricht bekommen haben, die ihn betrifft. Dir -werden sie davon wahrscheinlich nichts sagen, aber auch du sei still und -frage sie nicht, wenn du klug sein willst. Mama ist jedenfalls ganz -niedergeschmettert. Ich habe sie auch nichts gefragt. Leb wohl!« - -Sie öffnete die Tür. - -»Warte, Lisa, sag' doch, wie steht es denn mit dir selbst?« rief ich ihr -nach und folgte ihr auf den Flur hinaus. Ihre schrecklich -niedergeschlagene und geradezu verzweifelte Miene tat mir weh. Sie -machte nicht nur ein böses, sondern fast erbittertes Gesicht, lächelte -grausam und zuckte mit der Achsel. - -»Wenn er nur stürbe -- ich würde Gott danken!« sagte sie wegwerfend von -der Treppe aus und ging. - -Sie meinte den Fürsten Ssergei Petrowitsch, der damals bewußtlos in -hohem Fieber lag. Ich kehrte ebenso bekümmert wie aufgeregt zurück. - -»Die ewige Geschichte! Was ist das für eine >ewige Geschichte<?« fragte -ich mich mit einem Gefühl der Herausforderung: und da hatte ich auf -einmal die größte Lust, ihnen wenigstens einen Teil meiner Eindrücke von -seiner nächtlichen Beichte oder womöglich die Beichte selbst -mitzuteilen. »Sie denken jetzt sicher irgend etwas Schlechtes von ihm -- -so mögen sie denn alles erfahren!« ging es mir durch den Sinn. - -Ich weiß noch, daß es mir gelang, meine Erzählung sehr geschickt -anzufangen. Auf ihren Gesichtern erschien sofort unendliche Neugier. -Tatjana Pawlowna verwandte keinen Blick von mir. Mama dagegen war -zurückhaltender; sie war sehr ernst, aber ein stilles, verschönerndes, -wenn auch seltsam hoffnungsloses Lächeln schimmerte auf ihrem Gesicht -und verließ es während meiner ganzen Erzählung nicht einen Augenblick. -Ich hielt mich bei der Wiedergabe natürlich nur an das Geistige, -obgleich ich wußte, daß sie mich kaum verstehen würden. Zu meinem -Erstaunen fiel mir Tatjana Pawlowna gar nicht ins Wort, bestand nicht -einmal auf genauer Wiedergabe aller Einzelheiten und hakte auch nicht -überall ein, wie sie es sonst immer tat, wenn ich etwas erzählte. Sie -preßte nur hin und wieder die Lippen aufeinander und kniff die Augen -zusammen, wie um lebhafter denken zu können und das Gesagte schneller zu -erfassen. Zeitweise kam es mir sogar vor, als verstünden sie doch alles --- aber das war ja fast unmöglich! Ich erzählte auch von seinen -Anschauungen, hauptsächlich aber von seiner gestrigen Begeisterung, von -seiner Begeisterung für Mama, von seiner Liebe zu ihr, wie er ihr Bild -geküßt hatte ... Als ich das erzählte, tauschten sie schweigend einen -schnellen Blick aus, Mama wurde feuerrot, aber sie blieben beide stumm. -Und dann ... ja, den wichtigsten Punkt konnte ich in _Mamas Gegenwart_ -leider nicht berühren: ich meine seine Begegnung mit _ihr_ und alles -weitere, und vor allem nicht ihren gestrigen Brief an ihn und seine -sittliche »Auferstehung« auf diesen Brief hin -- das war ja eben die -Hauptsache, so daß alle seine Gefühle, wie er sie gestern geäußert, und -durch die ich gerade Mama eine Freude hatte machen wollen, für sie -unverständlich bleiben mußten, was freilich nicht meine Schuld war, denn -alles, was sich erzählen ließ, erzählte ich sehr schön. Ich schloß -eigentlich in großer Verwirrung. Sie unterbrachen ihr Schweigen auch -jetzt nicht, und mir wurde in ihrer Gesellschaft recht peinlich zumute. - -»Wahrscheinlich wird er jetzt wieder zu Hause sein, oder er sitzt -vielleicht bei mir und wartet auf mich,« sagte ich und erhob mich, um zu -gehen. - -»Geh nur, geh!« bestärkte mich Tatjana Pawlowna mit der ihr eigenen -Nachdrücklichkeit. - -»Bist du unten gewesen?« fragte mich halb flüsternd Mama beim Abschied. - -»Natürlich war ich unten, ich habe an seinem Lager gekniet und für ihn -gebetet. Was für ein ruhiges verklärtes Gesicht er hat, Mama! Ich danke -Ihnen auch, Mama, daß Sie an seinem Sarge nicht gespart haben. Zuerst -befremdete es mich wohl, aber dann dachte ich mir gleich, daß ich es -selbst ganz ebenso gemacht hätte.« - -»Kommst du morgen in die Kirche?« fragte sie, und ihre Lippen bebten. - -»Was für eine Frage, Mama!« rief ich ganz verwundert. -»Selbstverständlich komme ich, auch heute zur Seelenmesse komme ich; und -... außerdem ist ja morgen Ihr Geburtstag, Mama, meine liebe Mama! ... -Hätte er doch nur noch drei Tage länger gelebt! Dann hätte er ihn noch -mit uns gefeiert!« - -Ich ging hinaus, in einem schmerzlichen Staunen: wie konnte sie nur so -eine Frage stellen -- ob ich in die Kirche käme oder nicht? Ja, wenn sie -das schon von mir glaubten, was würden sie dann wohl erst von ihm -denken? - -Ich wußte im voraus, daß Tatjana Pawlowna mir nachlaufen würde und -erwartete sie daher absichtlich an der Haustür; sie aber stieß mich, als -sie mich erreichte, mit der Hand zur Treppe hinaus und schloß dann die -Tür hinter sich zu. - -»Tatjana Pawlowna, was soll das bedeuten, daß Sie Andrei Petrowitsch -offenbar weder heute noch morgen erwarten? Ich bin ganz erschrocken ...« - -»Halt' deinen Mund. Große Wichtigkeit, daß du erschrocken bist! Sag' -jetzt: was hast du da alles für dich behalten, als du von seinem -gestrigen Gefasel erzähltest?« - -Ich hielt es nicht für nötig, ihr das vorhin Verschwiegene zu -verheimlichen, und ich erzählte fast gereizt, über Werssiloff gereizt, -von Katerina Nikolajewnas gestrigem Brief, von der Wirkung desselben auf -ihn und von seiner Auferstehung zu einem neuen Leben. - -Mit Verwunderung sah ich, daß meine Mitteilung von dem Brief sie nicht -im geringsten in Erstaunen setzte. Da begriff ich, daß sie von diesem -Brief schon wußte. - -»Das ist doch alles Schwindel!« - -»Nein, das ist kein Schwindel.« - -»Sieh mal an!« sagte sie mit gehässigem Lächeln vor sich hin und wurde -nachdenklich. »>Auferstehung!< Das sieht ihm ähnlich! Ist es wahr, daß -er ihr Bild geküßt hat?« - -»Es ist wahr, Tatjana Pawlowna.« - -»Hat er es wirklich aufrichtig geküßt, hat er sich nicht bloß so -angestellt?« - -»Angestellt? Hat er denn das jemals getan? Schämen Sie sich, Tatjana -Pawlowna! Wie roh Sie sind! -- wie es nur ein Weib sein kann!« - -Ich hatte mich hinreißen lassen, aber sie schien mich überhaupt nicht zu -hören. Sie stand da und überlegte, ungeachtet der grimmigen Kälte im -Treppenflur. Mich fror schon im Pelz, und sie war nur im Kleide. - -»Ich würde dir einen Auftrag geben, schade nur, daß du zu dumm dazu -bist,« sagte sie ärgerlich und verächtlich zugleich. »Höre, geh mal zu -Anna Andrejewna und sieh mal nach, was da bei ihr eigentlich gemacht -wird ... Oder nein, geh nicht; ein Tölpel bleibt doch überall ein -Tölpel! Marsch, was stehst du hier noch wie ein Holzklotz?« - -»Nein, jetzt werde ich erst recht nicht zu Anna Andrejewna gehen! Anna -Andrejewna hat auch schon selbst nach mir geschickt.« - -»Selbst geschickt? Die Darja Onissimowna natürlich?« wandte sie sich -hastig wieder nach mir um; sie war schon im Begriff gewesen, fortzugehen -und hatte die Tür bereits geöffnet, -- jetzt schloß sie sie wieder. - -»Um nichts in der Welt gehe ich zu Anna Andrejewna!« wiederholte ich -boshaft und mit wahrer Genugtuung; »ich gehe schon deshalb nicht hin, -weil Sie mich soeben einen Tölpel nannten, und dabei war ich noch nie so -scharfsinnig wie heute. Alle Ihre Verschwörungen durchschaue ich jetzt, -aber zu Anna Andrejewna gehe ich nun erst recht nicht!« - -»Das habe ich ja gewußt!« rief sie plötzlich aus, doch nicht als -Erwiderung auf meine Worte, sondern wie in einer Fortsetzung ihrer -eigenen Gedanken. »Jetzt wird man sie also völlig umstellen und sie in -der Schlinge erdrosseln!« - -»Wen? Anna Andrejewna?« - -»Dummkopf!« - -»Von wem sprechen Sie denn sonst? Doch nicht etwa von Katerina -Nikolajewna? Was für eine Schlinge?« Ich erschrak furchtbar. Eine -dunkle, unheimliche Ahnung stieg in mir auf. Tatjana Pawlowna sah mich -durchdringend an. - -»Und du, was stehst du denn da?« fragte sie plötzlich. »Oder bist auch -du etwa mit im Spiel? Ich hab' ja auch von dir so etwas munkeln hören -- -nimm dich in acht!« - -»Hören Sie mich an, Tatjana Pawlowna: ich werde Ihnen ein großes -Geheimnis anvertrauen, nicht jetzt, jetzt habe ich keine Zeit dazu, aber -morgen und unter vier Augen, aber dafür müssen Sie mir jetzt sofort die -ganze Wahrheit sagen: was meinten Sie mit dieser Mörderschlinge? ... -Schnell, Tatjana Pawlowna, ich zittere am ganzen Körper! ...« - -»Was geht mich dein Zittern an. Aber was für ein Geheimnis willst du mir -denn da mitteilen? Solltest du wirklich noch irgend etwas wissen?« sie -durchbohrte mich förmlich mit ihrem Blick. »Du hast ihr doch damals -selbst geschworen, daß der Brief von Krafft verbrannt worden sei.« - -»Tatjana Pawlowna, ich sage Ihnen noch einmal, quälen Sie mich nicht!« -fuhr ich meinerseits fort, ohne auf ihre Frage zu antworten. Ich war -außer mir. »Begreifen Sie doch, Tatjana Pawlowna: dadurch, daß Sie mir -jetzt etwas verheimlichen, kann noch ein viel schlimmeres Unglück -geschehen ... er hat mir doch gestern selbst gesagt, daß er sich jetzt -für auferstanden betrachte!« - -»Ach, scher dich zum Teufel, Narr! Bist ja selber wie ein Spatz verliebt --- Vater und Sohn in ein und dasselbe Objekt! Pfui, ekelhaftes Pack!« - -Sie verschwand und schlug wütend die Tür hinter sich zu. Empört über den -nackten, schamlosen Zynismus ihrer letzten Worte -- einen Zynismus, zu -dem nur eine Frau fähig ist -- ging ich beleidigt davon. Doch ich will -nicht meine Gefühle beschreiben. Das habe ich ja schon einmal erklärt. -Ich will jetzt nur die Tatsachen wiedergeben, die alles Weitere -entscheiden. Natürlich fragte ich beim Vorübergehen an Werssiloffs -Wohnung wieder, ob er zu Hause sei und erfuhr abermals von der Wärterin, -daß er sich inzwischen nicht habe sehen lassen. - -»Wird er denn überhaupt nicht mehr herkommen?« fragte ich. - -»Weiß Gott!« sagte sie. - - - III. - -Tatsachen, Tatsachen! ... Aber wird der Leser sie unerklärt überhaupt -verstehen können? Ich weiß noch, wie diese Tatsachen mich damals -bedrückten und mich nicht einmal nachdenken ließen, so daß mein Verstand -am Ende des Tages vollständig verwirrt war. Darum will ich hier mit ein -paar Worten vorgreifen. - -Meine ganze Qual bestand in der Frage: Wenn es wahr ist, daß er _sie_ -seit gestern nicht mehr liebt, wo kann er sich dann heute aufhalten? -Antwort: am ehesten bei mir, dem er gestern alles gesagt hat; dann -- -bei Mama, deren Bild er gestern geküßt hat. Statt dessen war er schon -»in aller Frühe« aus dem Hause gegangen und irgendwohin verschwunden, -und Darja Onissimowna hatte sogar davon phantasiert, daß er vielleicht -überhaupt nicht zurückkehren werde. Und nicht genug damit: Lisa spricht -auf einmal von einer »Entscheidung der ewigen Geschichte« und sagt, Mama -hätte irgendwelche Nachrichten von ihm, und zwar die letzten; außerdem -sind sie über Katerina Nikolajewnas Brief vollkommen unterrichtet (das -hatte ich sehr wohl bemerkt) und wollen trotzdem an seine »Auferstehung« -zu neuem Leben nicht glauben, wenn sie mir auch mit Spannung zuhörten. -Mama fühlt sich wie vernichtet, und Tatjana Pawlowna verhöhnt den -Ausdruck »Auferstehung«. Wenn das aber so ist, dann muß in ihm über -Nacht wieder eine Wandlung vorgegangen sein, eine neue Krisis -- und das -nach der ganzen Begeisterung, dem ganzen Glück, dem ganzen Pathos von -gestern! Also ist seine »Auferstehung« wie eine Seifenblase zerplatzt, -und er treibt sich vielleicht wieder genau so herum, in derselben Wut -wie damals, als er die Nachricht von ihrer Verlobung mit Bjoring -erhalten hatte! Es fragt sich nur, was aus Mama, aus mir, aus uns allen -werden wird ... und schließlich auch: was aus _ihr_ werden wird? Was -kann Tatjana Pawlowna mit der »Schlinge« gemeint haben, als sie mich zu -Anna Andrejewna schicken wollte? Und wer soll »erdrosselt« werden? -Jedenfalls steht die »Schlinge« mit Anna Andrejewna in Zusammenhang, das -ist klar. Warum aber mit Anna Andrejewna? Ich gehe sofort zu Anna -Andrejewna! Ich habe ja nur aus Trotz gesagt, daß ich nicht hingehen -werde, -- ich gehe. Aber was sagte Tatjana Pawlowna doch noch von dem -Brief, den Krafft verbrannt hätte? Und hat nicht auch er gestern zu mir -gesagt: »das Dokument zerreiße«? - -Das waren so meine Gedanken, war das, was mich gleichfalls wie eine -»Schlinge« würgte. Doch im Grunde brauchte ich ja nur _ihn_, nur _ihn_ -suchte ich. Ich hätte sofort alles gutgemacht, das fühlte ich; wir -hätten einander in zwei Worten verstanden! Ich hätte seine Hände in -meine genommen und sie gedrückt, ich hätte in meinem Herzen heiße Worte -für ihn gefunden -- davon war ich überzeugt. »Oh, ich würde den Wahnsinn -schon überwinden!« dachte ich. Aber wo war er nur, wo war er? ... Und -da, gerade in einem solchen Augenblick, in solcher Erregung, mußte mir -Lambert in den Weg laufen! Ein paar Schritte von meiner Wohnung entfernt -begegnete er mir plötzlich. Er rief mich hoch erfreut mit lauter Stimme -an und faßte mich sogleich unter den Arm. - -»Dreimal war ich schon bei dir ... _Enfin!_{[107]} Komm, wir wollen -frühstücken!« - -»Halt! Du warst bei mir, sagst du? Ist Andrei Petrowitsch da gewesen?« - -»Nein, bei dir ist niemand. Ach, pfeif auf sie alle! Du Dummkopf hast -dich gestern geärgert. Du warst betrunken. Aber jetzt kann ich dir etwas -Wichtiges mitteilen: ich habe heute ausgezeichnete Nachrichten über die -Sache bekommen, von der wir gestern sprachen ...« - -»Lambert,« unterbrach ich ihn hastig und außer Atem und kam -unwillkürlich ein wenig ins Deklamieren -- »wenn ich hier mit dir stehen -geblieben bin, so tue ich es nur, weil ich dir sagen will, daß ich -meinen Verkehr mit dir jetzt für immer abbreche. Ich habe dir das schon -gestern gesagt, aber du scheinst es nicht verstehen zu wollen. Du bist -kindisch und dumm, bist albern, wie nur ein Franzose albern sein kann. -Du scheinst zu glauben, daß wir immer noch bei Touchard sind, und daß -ich noch ebenso unerfahren sei wie damals ... Aber ich bin nicht mehr so -dumm ... Ich war gestern betrunken, aber nicht etwa vom Wein, sondern -weil ich sowieso schon aufgeregt war; und wenn ich deinem Geschwätz -zustimmte, so habe ich das nur aus Schlauheit getan, um deine geheimen -Gedanken aus dir herauszulocken. Ich habe dir eine Grube gegraben, und -du hast dich gefreut und mich für den Dummen gehalten und alles -ausgeplaudert. Weißt du, ich und -- sie heiraten, das ist schon als Idee -ein Blödsinn, den dir kein Sextaner glaubt! Und du bildest dir ein, ich -hätte so etwas ernst nehmen können? Und du hast das im Ernst für möglich -gehalten! Das hast du ja nur tun können, weil du die höhere Gesellschaft -nicht kennst und nicht weißt, welche Anschauungen in diesen Kreisen -herrschen. In der vornehmen Gesellschaft ist das ganz unmöglich, daß -eine Dame einfach hingeht und heiratet ... Und jetzt werde ich dir klar -und deutlich sagen, was du eigentlich willst: du willst mich einfach zu -dir locken, um mich betrunken zu machen, damit ich dir das Dokument -herausgebe und mit dir zusammen eine Gemeinheit gegen Katerina -Nikolajewna begehe. Du irrst dich aber gewaltig! Ich werde niemals zu -dir kommen, und wisse, das Dokument wird sich, wenn nicht morgen, so -doch übermorgen in _ihren_ Händen befinden, denn das Dokument gehört -_ihr_ und ist von _ihr_ geschrieben worden, und ich selbst werde es ihr, -ihr persönlich übergeben, und wenn du noch mehr wissen willst, so kann -ich dir sagen, daß es bei Tatjana Pawlowna, die mit ihr gut bekannt ist, -geschehen wird, in Tatjana Pawlownas Wohnung; und in Gegenwart von -Tatjana Pawlowna werde ich ihr das Dokument übergeben und nichts von ihr -verlangen. Und jetzt pack dich, verschwinde für mich auf ewig, denn -sonst ... sonst, Lambert, könnte ich weniger höflich mit dir umgehen -...« - -Ich zitterte am ganzen Körper. Es ist eine der schändlichsten -Angewohnheiten, die ein Mensch im Leben haben kann, und zwar eine, die -immer nur schädlich wirkt, wenn man sich in Szene setzen will. Welcher -Teufel hatte mich geritten, mich so vor ihm zu ereifern, daß ich, der -ich immer heftiger auf ihn einredete und die Stimme immer mehr erhob, -plötzlich so in Eifer geriet, daß ich ihm die durchaus unnötige -Einzelheit unter die Nase hielt, ich würde ihr das Dokument in Tatjana -Pawlownas Gegenwart und in deren Wohnung ausliefern! Aber mich überkam -damals die Lust, ihn zu verblüffen! Als ich so offen von dem Dokument -gesprochen und plötzlich seinen dummen Schreck gesehen hatte, überkam -mich der Wunsch, ihn mit der genauen Angabe von Einzelheiten vollends zu -zerschmettern. Und eben dieses weibische prahlerische Geschwätz wurde -später zur Ursache schrecklichen Unglücks, denn mein Hinweis auf Tatjana -Pawlowna und ihre Wohnung setzte sich sofort in seinem Kopf fest, wie es -bei Spitzbuben und bei in kleinen Dingen gerissenen Menschen zu -geschehen pflegt; zu höheren und wichtigeren Dingen ist er unfähig und -begreift von ihnen nichts, aber für Kleinigkeiten hat er einen feinen -Instinkt. Ja, hätte ich von Tatjana Pawlowna geschwiegen, so wäre großes -Unglück vermieden worden. Im ersten Augenblick verlor er gänzlich die -Fassung. - -»Hör nur,« murmelte er, »Alphonsina ... Alphonsina wird dir vorsingen -... Alphonsina war bei _ihr_: ich besitze einen Brief ... ein Papier ... -so gut wie ein Brief, worin die Achmakowa über dich spricht ... der -Pockennarbige hat ihn mir verschafft, du weißt doch: der Pockennarbige --- und du wirst schon sehen, du wirst schon sehen, komm nur mit!« - -»Du lügst, zeig mir den Brief!« - -»Er ist zu Haus, Alphonsina hat ihn, komm!« - -Selbstverständlich log er und fabelte mir etwas vor, aus Angst, daß ich -ihm davon laufen könnte. Ich ließ ihn denn auch mitten auf der Straße -stehen, und als er mir nachfolgen wollte, machte ich halt und drohte ihm -mit der Faust. Er hatte sich's aber schon anders überlegt und -- ließ -mich gehen: in seinem Kopf war vielleicht schon ein neuer Plan -aufgetaucht. - -Für mich war der Überraschungen und Begegnungen noch kein Ende ... Und -wenn ich mich heute dieses ganzen unglücklichen Tages erinnere, so -scheint es mir, daß alle diese Zufälle sich gegenseitig verschworen -hatten und sich nun aus irgendeinem verfluchten Füllhorn über meinem -Haupte ausschütteten. Kaum hatte ich die Tür zu meiner Wohnung geöffnet, -als ich schon im Vorzimmer mit einem jungen Manne zusammenstieß: er -hatte ein längliches, blasses Gesicht, war von hohem Wuchs, von -hochmütigem und »elegantem« Äußeren und in einen kostbaren Pelz -gekleidet. Auf seiner Nase saß ein Kneifer, den er aber sofort fallen -ließ, als er mich erblickte, wie es schien, aus Höflichkeit; während er -mit der Hand den Zylinder lüftete, sagte er, ohne übrigens stehen zu -bleiben, mit einem weltmännischen und liebenswürdigen Lächeln: »_Ah, -bonsoir_,« zu mir und ging an mir vorüber, die Treppe hinunter. Wir -beide erkannten einander sofort, obgleich ich ihn nur flüchtig ein -einziges Mal gesehen hatte: in Moskau. Es war Anna Andrejewnas Bruder, -der Kammerjunker, Werssiloffs Sohn, der junge Werssiloff, also ein -Bruder von mir. Ihn geleitete meine Wirtin (der Wirt war noch nicht aus -dem Büro zurückgekehrt). Als er draußen war, stürzte ich mich auf sie: - -»Was hat er hier zu suchen? Ist er in meinem Zimmer gewesen?« - -»Er ist durchaus nicht in Ihrem Zimmer gewesen. Er war bei mir ...« -sagte sie kurz und trocken und kehrte mir den Rücken. - -»Nein, so geht das nicht!« schrie ich. »Antworten Sie gefälligst: was -hat er hier gewollt?« - -»Ach, du lieber Gott! Ich müßte Ihnen dann immer erzählen, warum die -Leute zu mir kommen! Wir können, glaube ich, doch auch unsere Geschäfte -haben! Der junge Mann wollte vielleicht Geld bei mir aufnehmen, oder -eine Adresse erfahren ... Ich kann es ihm ja schon das vorige Mal -versprochen haben ...« - -»Wieso, das vorige Mal?« - -»Ach, du lieber Gott! Er ist doch nicht zum erstenmal hier!« - -Sie zog die Tür hinter sich zu. Ich begriff vor allem, daß sich hier der -Ton verändert hatte: man fing an, unhöflich gegen mich zu werden. Klar -war mir, daß hier wieder ein Geheimnis steckte: die Geheimnisse häuften -sich mit jedem Schritt, mit jeder Stunde. Das erstemal war der junge -Werssiloff mit seiner Schwester Anna Andrejewna dagewesen, damals, als -ich krank daniederlag: dessen erinnerte ich mich sehr wohl, ebenso der -sonderbaren Andeutung, die Anna Andrejewna gestern mir gegenüber machte: -daß der alte Fürst in meiner Wohnung absteigen werde ... Aber das alles -war so sinnlos und unwahrscheinlich, daß ich mir dabei überhaupt nichts -vorstellen konnte. Ich faßte mich an die Stirn, ich setzte mich nicht -einmal hin, um auszuruhen, lief vielmehr gleich zu Anna Andrejewna. Doch -fand ich sie nicht zu Haus und erhielt vom Portier nur die Auskunft, sie -wäre nach Zarskoje gefahren und werde vielleicht morgen ungefähr um -dieselbe Zeit wieder da sein. - -Sie war also nach Zarskoje gefahren, selbstverständlich zum alten -Fürsten ... und ihr Bruder besieht sich mittlerweile meine Wohnung! -»Nein, das soll nicht geschehen!« sagte ich knirschend vor mich hin, -»und wenn dort tatsächlich eine Mörderschlinge gelegt wird, so werde ich -es sein, der die >arme Frau< verteidigt!« - -Von Anna Andrejewna kehrte ich nicht nach Haus zurück. In meinem wirren -und heißen Kopf tauchte auf einmal die Erinnerung an das -Kellerrestaurant am Kanal auf, das Andrei Petrowitsch in seinen düsteren -Stunden wohl aufsuchte. Ich freute mich ordentlich, daß ich darauf -verfallen war und eilte sofort hin. Es war bereits vier Uhr, und es -dunkelte. In dem Keller teilte man mir mit, er sei allerdings dagewesen, -hätte sich aber nur kurz aufgehalten und sei dann gegangen -- vielleicht -käme er wieder, fügte man hinzu. Ich beschloß, ihn, wenn möglich, zu -erwarten und bestellte mir ein Mittagessen: so verblieb mir wenigstens -die Hoffnung. - -Ich aß das Mittagessen, aß sogar noch mehr, nur um das Recht zu haben, -mich länger in dem Keller aufzuhalten, und habe, glaube ich, vier ganze -Stunden so dagesessen. Ich will meine Schwermut und meine Ungeduld nicht -beschreiben: in meinem Innern bebte alles. Diese Drehorgel, diese Gäste, --- diese ganze traurige Umgebung prägte sich für immer in mein Herz! Ich -kann und will meine Gedanken nicht schildern, die durch meinen Kopf -wirbelten gleich einer Wolke von trockenen Blättern im Herbst, in die -ein Windstoß gefahren ist. Es war wirklich so ähnlich mit mir, und ich -muß gestehen, daß ich zeitweise fühlte, wie mich die gesunde Vernunft zu -verlassen drohte. Was mich geradezu bis zum körperlichen Schmerz -peinigte (selbstverständlich nur nebenbei, als Begleiterscheinung meiner -sonstigen Pein), -- das war eine Erinnerung -- böse und aufdringlich wie -eine giftige Herbstfliege, die man zunächst gar nicht bemerkt, und die -doch die ganze Zeit um einen kreist, einen stört und plötzlich -schmerzhaft sticht. Es war das die Erinnerung an ein Erlebnis, von dem -ich noch keinem Menschen auf Erden ein Wort erzählt habe, das ich aber -jetzt erzählen will, weil es doch einmal erzählt werden muß. - - - IV. - -Als in Moskau schon beschlossen worden war, daß ich nach Petersburg -gehen sollte, ließ man mich durch Nikolai Ssemjonowitsch wissen, daß ich -noch auf das Eintreffen meines Reisegeldes warten müsse. Von wem dieses -Geld mir gesandt werden würde, danach erkundigte ich mich nicht weiter; -ich nahm als selbstverständlich an, daß Werssiloff es schicken werde, -und da ich damals Tag und Nacht mit klopfendem Herzen und stolzen Plänen -nur von meinem Wiedersehen mit Werssiloff träumte, so hörte ich ganz -auf, vor anderen von ihm zu sprechen; selbst mit Marja Iwanowna sprach -ich nicht mehr von ihm. Im übrigen sei daran erinnert, daß ich auch mit -meinem ersparten Gelde sehr wohl hätte reisen können; trotzdem beschloß -ich, zu warten; unter anderem nahm ich an, das Geld werde mit der Post -kommen. - -Da kam eines Tages Nikolai Ssemjonowitsch nach Hause und teilte mir mit -(ganz kurz und ohne alle Weitschweifigkeiten, wie das so seine Art war), -daß ich mich am nächsten Morgen um elf Uhr in die Fleischerstraße, in -das Haus und die Wohnung des Fürsten W--ski begeben solle: dort werde -mir der aus Petersburg eingetroffene Kammerjunker Werssiloff, Andrei -Petrowitschs Sohn, der bei dem Fürsten W--ski, seinem Freunde vom Lyzeum -her, abgestiegen war, das Reisegeld übergeben. Man sollte meinen, nichts -hätte einfacher und selbstverständlicher sein können: Andrei Petrowitsch -hatte das Geld eben seinem Sohn übergeben, statt es durch die Post zu -schicken; trotzdem erschreckte und bedrückte mich diese Mitteilung in -ganz unnatürlicher Weise. Werssiloff wollte mich mit seinem Sohn, meinem -Bruder, zusammenführen -- nur so vermochte ich mir die Absichten und -Gefühle desjenigen zu deuten, an den ich unablässig dachte. Und da erhob -sich gleich eine unendlich schwere Frage in mir: wie würde und wie -sollte ich mich bei dieser ganz unvorhergesehenen Begegnung benehmen, -und mußte nicht meiner persönlichen Würde dadurch irgendwie Abbruch -getan werden? - -Am nächsten Morgen erschien ich pünktlich um elf Uhr in der Wohnung des -Fürsten W--ski; es war eine Junggesellenwohnung, aber, wie ich auf den -ersten Blick erkannte, eine auf großem Fuß eingerichtete, mit Dienern in -Livree. Ich blieb im Vorzimmer stehen. Aus den inneren Räumen vernahm -ich lautes Sprechen und Lachen: es waren offenbar noch andere Gäste beim -Fürsten, außer dem besagten Kammerjunker. Ich beauftragte den Diener, -mich zu melden, und tat es, glaub ich, in ziemlich hochmütiger Weise: -wenigstens sah er mich, bevor er hinging, etwas sonderbar an, und wie -mir schien, nicht ganz so ehrerbietig, wie es ein Diener tun mußte. Zu -meiner Verwunderung brauchte er ziemlich viel Zeit, um mich zu melden, -mindestens fünf Minuten. Währenddessen setzte sich das Lachen und -Sprechen ununterbrochen fort. - -Ich wartete natürlich stehend, denn ich wußte sehr gut, daß es sich für -mich »als Herrn« nicht anders schickte, und daß es unmöglich war, mich -dort im Vorzimmer, wo die Diener waren, nieder zu setzen. So -unaufgefordert aber wollte ich um keinen Preis in den Saal treten, aus -Stolz wollte ich es nicht, vielleicht aus übertrieben empfindlichem -Stolz: aber gerade so mußte es sein. Zu meinem Erstaunen wagten dagegen -die beiden im Vorzimmer zurückgebliebenen Diener, sich in meiner -Gegenwart hinzusetzen. Ich wendete mich ab und tat als bemerkte ich es -nicht, aber ich fühlte doch, wie ich am ganzen Leibe zu zittern begann; -plötzlich kehrte ich mich um, trat entschlossen auf einen der Diener zu -und _befahl_ ihm, »sofort« hineinzugehen und mich nochmals zu melden. -Der Diener sah mich trotz meines strengen Blicks und meiner sichtlichen -Erregtheit nur träge an, stand nicht einmal auf, und statt seiner -antwortete mir der andere: - -»Sie sind schon gemeldet, beruhigen Sie sich.« - -Da war ich denn im Augenblick entschlossen, höchstens eine Minute noch -zu warten, oder womöglich noch weniger, und dann -- _unbedingt wieder -fortzugehen_. Ich möchte hier noch hervorheben, daß ich sehr anständig -gekleidet war: mein Anzug und mein Paletot waren jedenfalls neu und -meine Wäsche ganz frisch, wofür Marja Iwanowna gerade vor diesem Besuch -noch besonders gesorgt hatte. Was aber die Bedienten betrifft, so habe -ich erst viel später, erst in Petersburg, mit aller _Gewißheit_ -erfahren, daß ihnen von dem Diener des jungen Werssiloff, den dieser aus -Petersburg mitgebracht hatte, schon am Abend vorher gesagt worden war, -um elf Uhr werde »irgend so ein unehelicher Bruder, ein armer Student« -zum Herrn kommen. Das weiß ich jetzt, wie gesagt, ganz genau. - -Die Minute verging. Es ist ein sonderbares Gefühl, wenn man einen -Entschluß fassen will und sich doch nicht entschließen kann. »Soll ich -gehen oder noch warten, soll ich, oder soll ich nicht?« fragte ich mich -in jeder Sekunde, während ich in fieberhafter Spannung verharrte. Da -erschien plötzlich der Diener, der hineingegangen war, mich zu melden. -In seiner Hand, zwischen den Fingern, flatterten vier rote Geldscheine, -vierzig Rubel. - -»Hier, empfangen Sie gefälligst vierzig Rubel!« - -Ich fuhr auf. Das war eine Beleidigung! Ich hatte die ganze Nacht nur -von dieser Begegnung der zwei Brüder geträumt, die doch sicherlich von -Werssiloff herbeigeführt war; die ganze Nacht hatte ich fieberhaft -überlegt, wie ich mich verhalten müßte, um mir nichts zu vergeben, und -vor allem um den ganzen Ideenkreis, den ich in meiner Einsamkeit schon -ausgebrütet hatte, und auf den ich in jedem Kreise, auch in dem -höchsten, stolz sein konnte, nicht zu erniedrigen!? Ich stellte mir vor, -wie vornehm und stolz ich sein würde, ohne doch eine stille Trauer zu -verbergen; vielleicht würde auch Fürst W--ski zugegen sein, und so wäre -ich ohne weiteres in jene Kreise eingeführt -- oh, ich schone mich -nicht, aber mag es, mag es so sein: gerade mit solcher Ausführlichkeit -muß man das aufzeichnen! Und plötzlich werden mir vierzig Rubel vom -Diener gebracht, ins Vorzimmer, nachdem man mich zehn Minuten hatte -warten lassen, dazu noch so offen in der Hand des Dieners, aus dessen -Bedientenfingern ich es entgegennehmen soll, nicht einmal auf einem -Tablett, nicht einmal in einem Kuvert! - -Ich schrie den Bedienten so an, daß er zusammenfuhr und zurückwich; ich -befahl ihm, das Geld sofort zurückzutragen: der Herr müsse es mir -»persönlich bringen«! Allerdings, meine Forderung war nicht ganz klar -und für diesen Bedienten natürlich unverständlich! Aber ich hatte ihn -doch so angeschrien, daß er unwillkürlich gehorchte und nochmals -hineinging. Außerdem schien man auch drinnen mein Geschrei gehört zu -haben -- das Sprechen und Lachen verstummte jedenfalls plötzlich. - -Im nächsten Augenblick hörte ich Schritte, gelassene, würdevolle, -langsame und weiche Schritte in Hausschuhen, und in der Tür des -Vorzimmers erschien die hohe Gestalt eines hübschen, hochmütigen jungen -Mannes (damals war er mir noch blasser und hagerer erschienen als bei -dieser Begegnung). Er kam nicht einmal bis zur Schwelle, sondern blieb -etwa zwei Schritte vor der offenen Tür stehen. Er war in einem -prächtigen rotseidenen Schlafrock und in Morgenschuhen, und auf der Nase -hatte er einen Kneifer. Er sagte kein Wort, hob nur ein wenig den Kopf -und begann mich durch diesen Kneifer zu mustern. Ich trat wie ein -wütendes Tier einen Schritt auf ihn zu, blieb herausfordernd stehen und -sah ihn an, ohne mit der Wimper zu zucken. Aber er betrachtete mich -nicht lange, vielleicht nur zehn Sekunden; plötzlich erschien auf seinen -Lippen ein kaum merkliches und dabei doch beißend spöttisches Lächeln, -das um so verletzender wirkte, als es fast nicht zu bemerken war: er -drehte sich schweigend um und kehrte wieder in die anderen Räume zurück, -genau so ruhig und gelassen -- und ohne Eile, wie er gekommen war. Oh, -diese Beleidiger lernen schon als Kinder, wie man beleidigt; das wird -ihnen schon zu Hause von ihren Müttern beigebracht! Natürlich verwirrte -mich das Ganze ... Ach, warum habe ich mich damals auch verwirren -lassen! - -Einen Augenblick später erschien wieder jener Bediente mit denselben -vier roten Geldscheinen in der Hand: - -»Nehmen Sie gefälligst; das wird Ihnen aus Petersburg geschickt; aber -empfangen kann Sie der Herr jetzt nicht -- vielleicht ein anderes Mal, -wenn der Herr mehr Zeit haben.« - -Ich fühlte, daß er diese letzten Worte aus seinem eigenen Kopf -hinzugefügt hatte. Aber meine Verwirrung dauerte noch an. Ich nahm das -Geld und ging zur Tür; nur, weil ich so verwirrt und kopflos war, nahm -ich das Geld, nahm es ganz mechanisch, denn sonst hätte ich es -selbstverständlich nicht genommen. Da erlaubte sich aber der Bediente, -natürlich um sich an mir zu rächen, eine echt bedientenhafte Frechheit: -er riß vor mir die Tür auf, und indem er sie weit offen hielt, sagte er -wichtig und bedeutsam, als ich an ihm vorüberging: - -»Bitte sehr!« - -»Hund!« brüllte ich ihn an und holte schon aus, ließ aber die Hand -sinken, »und auch dein Herr ist ein Lump! Melde ihm das sofort!« fügte -ich hinzu und trat hinaus auf die Treppe. - -»Wie dürfen Sie das! Wenn ich das dem Herrn melde, so könnten Sie sofort -mit einem Zettel auf die Polizei gebracht werden. Und mit Ohrfeigen -drohen, das dürfen Sie erst recht nicht ...« - -Ich stieg die Treppe hinunter. Es war eine breite Paradetreppe: von oben -konnte man mich die ganze Zeit sehen, solange ich auf dem roten Läufer -hinunterstieg. Alle drei Bedienten standen denn auch richtig oben am -Geländer und sahen mir nach. Ich hatte schweigend meinen Weg -fortgesetzt: ein Streit mit Bedienten war doch unmöglich! Ich ging die -ganze Treppe ohne Hast hinunter, ja, ich glaube, ich verlangsamte noch -meinen Schritt. - -Oh, mag es auch Philosophen geben (und Schande über sie!), die nun sagen -werden, das wäre alles nicht der Rede wert, wäre eine Belanglosigkeit -und nichts als eitler Ärger eines Milchbartes gewesen -- mögen sie nur! -Aber für mich ist dieses Erlebnis eine Wunde -- eine Wunde, die bis -heute noch nicht vernarbt ist, sogar bis zum gegenwärtigen Augenblick -noch nicht, obgleich jetzt schon alles hinter mir liegt und sogar schon -gerächt ist. Oh, ich schwöre, ich bin nicht nachtragend und nicht -rachsüchtig. Allerdings habe ich noch immer, und sogar bis zur -Krankhaftigkeit, den Wunsch, mich zu rächen, aber ich schwöre: nur durch -Großmut mich zu rächen. Ich will ja nur mit Großmut heimzahlen, aber mit -der Bedingung, daß der andere das fühlt, daß er es begreift -- dann bin -ich ja schon gerächt! Nun, und da ich einmal darauf zu sprechen gekommen -bin, möchte ich gleich hinzufügen: ich bin tatsächlich nicht -rachsüchtig, aber ich bin nachtragend, wenn ich auch großmütig bin -- -ich weiß nicht, ob das bei anderen auch so ist? Damals aber, oh, damals -war ich mit den großmütigsten Gefühlen hingegangen, und wenn sie -vielleicht lächerlich waren -- nun gut, dann waren sie es eben: lieber -lächerliche, aber großmütige Gefühle, als nicht lächerliche, doch -gemeine, alltägliche, mittelmäßige! - -Von dieser Begegnung mit meinem »Bruder« habe ich keinem Menschen etwas -erzählt, nicht einmal Marja Iwanowna, und in Petersburg nicht einmal -meiner Schwester Lisa. Diese Begegnung war eine schmachvoll erhaltene -Ohrfeige. Und nun begegnet mir plötzlich dieser selbe Herr in einem -Augenblick, wo ich am allerwenigsten ihm zu begegnen erwartet hätte; er -lächelt, hebt den Hut und sagt vollkommen freundschaftlich: »_Bonsoir!_« -zu mir. Das war natürlich Grund genug für mich, nachzudenken ... Aber -- -die Wunde hatte sich wieder geöffnet! - - - V. - -Als ich so reichlich vier Stunden im Restaurant gesessen hatte, stürzte -ich wie in einem plötzlichen Anfall hinaus, natürlich zu Werssiloff und -fand ihn, versteht sich, nicht zu Haus -- er war überhaupt nicht -dagewesen; die Wärterin langweilte sich und bat mich auf einmal, ich -solle ihr Darja Onissimowna schicken; oh, das fehlte noch! Ich lief zu -Mamas Wohnung, ging aber nicht hinein, sondern rief Lukerja auf den Flur -hinaus; von ihr erfuhr ich, daß er nicht bei ihr gewesen, und daß auch -Lisa nicht zu Hause war. Ich bemerkte, daß Lukerja mich irgend etwas -fragen wollte, mir vielleicht sogar einen Auftrag geben wollte -- auch -das noch! Es blieb noch die letzte Hoffnung, daß er vielleicht bei mir -war; aber ich glaubte schon nicht mehr daran. - -Ich habe schon gesagt, daß ich nachgerade meine gesunde Vernunft zu -verlieren glaubte! Und da treffe ich plötzlich in meinem Zimmer -Alphonsina mit meinem Wirt. Sie verließen es in eben dem Augenblick -- -Pjotr Ippolitowitsch mit dem Licht in der Hand. - -»Was bedeutet denn das!« brüllte ich ganz sinnlos den Wirt an. »Wie -dürfen Sie diese Gaunerin in mein Zimmer führen?« - -»_Tiens!_« rief Alphonsina -- »_et les amis_?«{[108]} - -»Hinaus!« brüllte ich. - -»_Mais c'est un ours!_«{[109]} rief sie und spielte die Erschrockene, -entschlüpfte auf den Korridor und war bald im Zimmer der Wirtin -verschwunden. Pjotr Ippolitowitsch, immer noch mit dem Licht in der -Hand, trat mit strenger Miene auf mich zu: - -»Erlauben Sie mir die Bemerkung, Arkadi Makarowitsch, daß Sie sich -unnötigerweise so aufregen; wie sehr wir Sie auch hochschätzen ... so -ist doch Mamsell Alphonsina keine Gaunerin, sondern das Gegenteil, sie -ist hier zu Gast, und zwar nicht bei Ihnen, sondern bei meiner Frau, mit -der sie schon seit einiger Zeit Freundschaft geschlossen hat.« - -»Aber wie wagten Sie es denn, sie in mein Zimmer zu lassen?« rief ich -noch einmal und faßte mich an den Kopf, der plötzlich zu schmerzen -anfing. - -»Oh ganz zufällig. Ich ging hinein, um das Fenster zu schließen, das ich -der frischen Luft wegen geöffnet hatte; und da ich gerade mit Alphonsina -Karlowna in einem Gespräch begriffen war, so folgte sie mir und trat -mitten im Gespräch mit mir zusammen ins Zimmer ein.« - -»Das ist nicht wahr, Alphonsinka ist eine Spionin und Lambert ein Spion! -Vielleicht sind Sie selbst -- auch ein Spion! Alphonsinka hat bei mir -etwas stehlen wollen.« - -»Darüber mögen Sie denken, wie Sie wollen. Heute sagen Sie dies, morgen -sagen Sie das. Meine Wohnung habe ich für eine Zeitlang vermietet und -ziehe selbst mit meiner Frau für die Zeit in die Kammer, und so ist -Alphonsina Karlowna hier ganz eben so eine Mieterin wie Sie auch.« - -»Sie haben die Wohnung an Lambert vermietet?« rief ich erschrocken. - -»Nein, nicht an Lambert,« lächelte er mit dem langgezogenen Lächeln von -heute morgen, in dem mir der Zweifel von vorhin nicht zu liegen schien; -vielmehr sprach sich jetzt eine Sicherheit in ihm aus. »Ich denke, Sie -werden das selbst zu wissen geruhen, an wen ich sie vermietet habe, und -Sie geben sich ganz vergeblich den Anschein, als ob Sie es nicht wüßten, -und tun so, als ob Sie wütend wären. Gute Nacht!« - -»Ja, ja, lassen Sie mich, lassen Sie mich in Ruh!« winkte ich mit beiden -Händen ab, und fast in Tränen, so daß er mich plötzlich verwundert -ansah; er ging aber doch hinaus. Ich schob den Riegel vor die Tür, warf -mich auf mein Bett und preßte das Gesicht in die Kissen. So verging der -erste schreckliche Tag, von diesen drei letzten verhängnisvollen Tagen, -mit deren Ereignissen meine Aufzeichnungen schließen. - - - Zehntes Kapitel. - - - I. - -Ich sehe mich wieder gezwungen, dem Verlauf der Ereignisse vorzugreifen -und dem Leser wenigstens einiges im voraus zu erklären, da sich hier in -die logische Entwicklung meiner Geschichte so viele Zufälligkeiten -hineinmischten, daß man sich ohne vorhergegangene Erläuterung derselben -kaum zurechtfinden kann. Es handelte sich hier um eben jene »Schlinge«, -von der Tatjana Pawlowna ein Wort hatte fallen lassen. Diese Schlinge -bestand darin, daß Anna Andrejewna sich schließlich zu dem gewagtesten -Schritt entschlossen hatte, den man sich in ihrer Lage überhaupt -ausdenken kann. Sie war in der Tat ein Charakter -- das muß man ihr -lassen! Der alte Fürst war allerdings unter dem Vorwande, daß sein -Gesundheitszustand es erfordere, noch rechtzeitig nach Zarskoje Sselo in -Sicherheit gebracht worden, so daß die Kunde von seiner bevorstehenden -Heirat mit Anna Andrejewna nicht leicht in die Öffentlichkeit dringen, -vielmehr vorläufig vertuscht oder sozusagen im Keime erstickt werden -konnte. Nur war damit schließlich noch nicht viel erreicht, denn dieser -schwache alte Mann, mit dem man sonst alles machen konnte, hätte um -nichts in der Welt eingewilligt, von seiner Absicht zurückzutreten, und -Anna Andrejewna, die ihm den Heiratsantrag gemacht hatte, treulos sitzen -zu lassen. In solchen Dingen war er viel zu sehr Ritter, um unritterlich -zu handeln, weshalb denn auch zu gewärtigen war, daß er früher oder -später plötzlich und mit unbeugsamem Willen zur Ausführung seiner -Absicht schritt, was gerade bei solchen schwachen Charakteren sehr, sehr -leicht geschieht, denn es gibt bei ihnen eine gewisse Grenze, an die man -sie nicht heranführen darf. Hinzu kam, daß er die ganze Peinlichkeit der -Lage, in der Anna Andrejewna sich befand, vollkommen erkannte, und sich -auch darüber durchaus klar war, daß die Gesellschaft häßlich über sie -reden, spotten und sie, die er so grenzenlos verehrte, schließlich sogar -in einen üblen Ruf bringen konnte. Was ihn vorläufig noch beruhigte und -zurückhielt, war nur, daß seine Tochter Katerina Nikolajewna ihm -gegenüber sich nie erlaubt hatte, weder mit einem Wort noch mit einer -Anspielung über Anna Andrejewna etwas Schlechtes zu sagen oder sich auch -nur im geringsten gegen seine Heiratsabsichten zu äußern. Im Gegenteil, -sie war zu der Braut ihres Vaters sogar von einer großen Herzlichkeit -und Aufmerksamkeit. So befand sich denn Anna Andrejewna in einer äußerst -peinlichen Lage, denn mit ihrem feinen weiblichen Spürsinn hatte sie -natürlich sofort erraten, daß sie mit der geringsten absprechenden -Bemerkung über Katerina Nikolajewna -- die der Fürst gleichfalls -anbetete, und jetzt sogar noch mehr als je zuvor, eben weil sie so -gutherzig und achtungsvoll ihre Zustimmung zu seiner Heirat gegeben -hatte -- daß sie damit nur seine väterlich zärtlichen Gefühle verletzen -und gegen sich selbst nur Mißtrauen, vielleicht sogar seinen Unwillen -erwecken werde. Das also war nun der Kampf: die beiden Gegnerinnen -schienen miteinander in Taktgefühl und Nachsicht zu wetteifern, und der -alte Fürst wußte schließlich schon gar nicht, über welche von beiden er -sich mehr wundern sollte, bis er am Ende nach der Art aller schwachen, -doch gutherzigen Leute darunter zu leiden begann und die Schuld an allem -sich allein zuschrieb. Seine Selbstquälerei soll ihn fast krank gemacht -haben, seine Nerven gerieten dadurch noch mehr aus dem Gleichgewicht, -und das Ergebnis war, wie man versichert, daß er in Zarskoje, statt sich -zu erholen, bald nahe daran gewesen war, das Bett hüten zu müssen. - -Hier möchte ich, gewissermaßen in Klammern, etwas erwähnen, was ich erst -viel später erfahren habe: wie verlautete, hatte Bjoring Katerina -Nikolajewna ganz offen den Vorschlag gemacht, ihren Vater ins Ausland zu -bringen, ihn durch irgendeine Vorspiegelung dazu zu überreden, und dabei -in der Gesellschaft vertraulich die Erklärung zu verbreiten, daß er vor -Altersschwäche nicht mehr zurechnungsfähig sei, und sich dies im -Auslande durch ein ärztliches Zeugnis bestätigen zu lassen. Doch -Katerina Nikolajewna habe das nicht gewollt -- wenigstens wurde das -nachher behauptet. Sie habe vielmehr diesen Vorschlag mit Unwillen -zurückgewiesen. Freilich ist es nur ein Gerücht, aber ich schenke ihm -doch vollen Glauben. - -Und da, ausgerechnet in dem Augenblick, als Anna Andrejewnas Spiel -rettungslos verloren schien, erfährt sie nun plötzlich durch Lambert, -daß es einen Brief gibt, in dem die Tochter einen Juristen um Rat fragt, -wie sie ihren Vater offiziell für irrsinnig erklären lassen könnte! -- -Ihr nachtragender und stolzer Charakter mußte dadurch selbstverständlich -im höchsten Grade gereizt werden. Und wenn sie sich ihrer früheren -Gespräche mit mir erinnerte und sich eine Menge geringfügiger Umstände -vergegenwärtigte, so konnte sie an der Richtigkeit der Mitteilung wohl -nicht mehr zweifeln. Da reifte denn in diesem willensstarken, -unbeugsamen Frauenherzen unwiderstehlich der Plan zu einem -entscheidenden Schlage. Dieser Plan lief darauf hinaus, dem Fürsten ohne -jede Vorbereitung und Ohrenbläserei plötzlich alles zu sagen: ihn mit -der Mitteilung zu erschrecken und zu erschüttern, daß ihm unfehlbar das -Irrenhaus bevorstehe, und falls er sich sträuben oder unwillig werden -oder gar das Mitgeteilte nicht glauben sollte -- dann einfach den Brief -seiner Tochter vor seinen Augen auszubreiten und damit den _Beweis_ zu -erbringen; denn »wenn schon einmal die Absicht bestanden hat, ihn für -irrsinnig zu erklären, so ist dazu jetzt doch noch viel mehr Grund -vorhanden, wo es gilt, die Heirat zu verhindern«. Und dann wollte sie -den erschrockenen, gebrochenen alten Herrn unverzüglich aus Zarskoje -nach Petersburg bringen, und hier -- _geradeswegs in meine Wohnung_! - -Das war ein ungeheures Wagnis, aber sie glaubte, sich ohne weiteres auf -ihre Macht verlassen zu können. Jetzt will ich auf einen Augenblick von -meiner Erzählung abweichen und, wenn ich damit auch wieder vorgreife, -schon im voraus darauf aufmerksam machen, daß sie sich in der Wirkung -der Enthüllung auf den alten Fürsten nicht verrechnet hatte; ja, die -Wirkung überstieg sogar noch alle ihre Erwartungen. Die Mitteilung von -diesem Brief seiner Tochter an den Juristen Andronikoff erschütterte den -Fürsten tatsächlich noch viel, viel mehr, als sie und wir alle für -möglich gehalten hätten. Ich hatte bis dahin noch keine Ahnung davon -gehabt, daß dem alten Fürsten schon früher einmal von diesem Brief etwas -zu Ohren gekommen war, doch hatte er nach Art aller schwachen und -zaghaften Leute dem Gerücht keinen Glauben geschenkt und es sich aus -allen Kräften vom Leibe gehalten, um sich seine Ruhe zu sichern, ja -schließlich hatte er sich selbst wegen seiner unvornehmen -Leichtgläubigkeit Vorwürfe gemacht. Ich will noch gleich erwähnen, daß -die Tatsache des Vorhandenseins jenes Briefes auch auf Katerina -Nikolajewna unvergleichlich stärker wirkte, als ich erwartet hatte ... -Mit einem Wort, dieses Schriftstück war von weit größerer Wichtigkeit, -als ich, der ich es in der Tasche trug, damals ahnte. Doch ich greife -gar zu weit vor. - -Aber warum, wird man fragen, warum hatte sie dazu gerade meine Wohnung -ausersehen? Warum wollte sie den Fürsten in unsere billigen Wohnräume -bringen und ihn womöglich durch die Ärmlichkeit unserer Umgebung -erschrecken? Wenn es nun einmal nicht anging, ihn in sein eigenes Haus -zu führen (da man dort alles vereiteln konnte), weshalb brachte sie ihn -dann nicht in eine andere »hochelegante« Wohnung, wie Lambert ihr -anriet? Ja, eben hierin lag das ganze Wagnis ihres gewiß -außergewöhnlichen Planes. - -Die Hauptsache war für sie: dem Fürsten sofort nach seiner Ankunft das -Dokument vorzuweisen. Nun hatte ich das Dokument bisher um keinen Preis -ausliefern wollen. Da aber keine Zeit zu verlieren war, so entschloß -sich Anna Andrejewna, im Vertrauen auf ihre Macht, die Sache ohne -Dokument anzufangen, und den Fürsten geradeswegs zu mir zu bringen -- -warum? Ja, eben darum, weil sie mit diesem Schritt auch mich zu fangen, -oder, wie das Sprichwort sagt, mit einem Stein zwei Sperlinge zu treffen -hoffte. Sie rechnete und hoffte, mit einer solchen Überraschung und -Erschütterung mich am ehesten überrumpeln zu können: ich würde, wie sie -meinte, wenn ich den alten Fürsten plötzlich bei mir sähe, wenn ich -seine Angst und Hilflosigkeit vor Augen hätte und ihren gemeinsamen -Bitten ausgesetzt wäre, schließlich doch nicht widerstehen können und -das Dokument vorweisen! Ich muß zugeben: ihre Berechnung war schlau und -klug, war in den Schlüssen durchaus psychologisch, und noch mehr als -das, denn beinahe hätte sie auch ihr Ziel erreicht ... Was aber den -Alten betraf, so hatte sie ihn einzig damit zur Fahrt nach Petersburg -bewegen können, daß sie ihm einfach erklärte, sie werde ihn _zu mir_ -bringen, ganz wie er ihr auch nur auf diese Erklärung hin Glauben -geschenkt hatte, und dann sogar auf ihr bloßes Wort hin. Das habe ich -alles erst später erfahren. Allein schon die Mitteilung, daß jenes -Dokument sich in meinem Besitz befände, hatte in seinem schwachen Herzen -den letzten Zweifel an der Richtigkeit der Mitteilung zerstört -- so -groß war seine Liebe und sein Vertrauen zu mir! - -Ich muß noch bemerken, daß Anna Andrejewna selbst keinen Augenblick -daran zweifelte, daß ich das Dokument noch besäße und nicht aus der Hand -gegeben hätte. Ihr Irrtum bestand nur darin, daß sie meinen Charakter -falsch beurteilte und zynisch auf meine Unschuld, meine Gutherzigkeit -und sogar auf meine Sentimentalität rechnete; andererseits war sie der -Meinung, daß ich, falls ich den Brief zum Beispiel Katerina Nikolajewna -auszuliefern entschlossen wäre, das nur unter gewissen besonderen -Umständen tun würde: eben diesen Umständen wollte sie durch eine -Überrumpelung, einen ganz unerwarteten Schachzug und entscheidenden -Schlag zuvorkommen. - -Und schließlich hatte Lambert sie in alledem noch bestärkt. Ich habe -schon einmal erwähnt, daß Lambert sich zu jener Zeit in einer äußerst -kritischen Lage befand: er, der Anna Andrejewna zu hintergehen -beabsichtigte, wollte mich mit allen Mitteln von ihr weglocken, damit -ich, halbpart mit ihm, das Dokument an Katerina Nikolajewna verkaufte, -was er aus gewissen Gründen für vorteilhafter hielt. Doch da ich das -Dokument bis zum letzten Augenblick und um keinen Preis herausgab, so -war er schließlich bereit, im äußersten Fall Anna Andrejewna behilflich -zu sein, da er sonst Gefahr lief, ganz umgangen zu werden, und deshalb -drängte er sich ihr mit seiner Dienstbeflissenheit bis zur letzten -Stunde geradezu gewaltsam auf, und erbot sich sogar, wie ich genau weiß, -einen Priester zur Stelle zu schaffen, der sie ohne weiteres trauen -würde ... Doch Anna Andrejewna ersuchte ihn daraufhin nur mit einem -verächtlichen Lächeln, ihr nicht mit solchen Vorschlägen zu kommen. -Lambert erschien ihr viel zu ungeschickt und erweckte in ihr nur -Abscheu; aber aus Vorsicht lehnte sie seine Dienste nicht ab, die unter -anderem darin bestanden, daß er für sie spionierte. Übrigens -- da ich -auf Spionage zu sprechen gekommen bin -- ich weiß auch heute noch nicht, -ob mein Wirt Pjotr Ippolitowitsch für seine Dienste irgend etwas von -ihnen erhielt, oder ob er einfach aus Vergnügen an der Verschwörung in -ihr Lager übergegangen war; jedenfalls spionierte auch er mir nach, und -seine Frau gleichfalls -- das weiß ich genau. - -Der Leser wird jetzt verstehen, daß ich, obschon ich zum Teil darauf -vorbereitet worden war, mir doch nicht hatte träumen lassen, am nächsten -oder übernächsten Tage den alten Fürsten in meiner Wohnung und unter -solchen Umständen wiederzusehen. Wie hätte ich auch ein solches Wagnis -von Anna Andrejewna erwarten sollen! Reden kann man ja vieles und -andeuten noch mehr, aber einen solchen Entschluß fassen und diesen -Entschluß auch wirklich ausführen -- nein, das muß ich sagen, dazu -gehört Charakter! - - - II. - -Ich fahre fort. - -Am nächsten Morgen erwachte ich spät, nachdem ich ungewöhnlich fest und -traumlos geschlafen hatte, was mich eigentlich wunderte; und so fühlte -ich mich denn beim Aufstehen geistig wieder ausnehmend frisch und mutig, -ganz als wäre der gestrige Tag gar nicht gewesen. Bei Mama wollte ich -zunächst nicht vorsprechen, sondern mich geradeswegs in die -Friedhofskirche begeben, um von dort nach der Trauerfeier mit Mama nach -Hause zu fahren und dann den ganzen Tag bei ihr zu bleiben. Ich war fest -überzeugt, daß ich ihn heute bei Mama treffen würde, früher oder später, -aber jedenfalls ganz bestimmt! - -Alphonsinka und mein Wirt hatten das Haus schon längst verlassen. Meine -Wirtin wollte ich nach nichts fragen, und überhaupt nahm ich mir vor, -alle Beziehungen zu ihnen abzubrechen und sogar sobald wie möglich -auszuziehen; deshalb verriegelte ich auch wieder meine Tür, als man mir -meinen Kaffee gebracht hatte. Doch plötzlich klopfte es: zu meinem -Erstaunen war es nicht jemand von meinen Hausgenossen, sondern -Trischatoff. Ich öffnete ihm sogleich und bat ihn erfreut, doch -hereinzutreten, aber das wollte er nicht. - -»Nein, besten Dank, ich will Ihnen nur zwei Worte von hier aus sagen ... -das heißt, ich muß doch wohl über die Schwelle treten, denn es ist -vielleicht besser, leise zu sprechen. Aber hinsetzen werde ich mich -nicht. Sie wundern sich über meinen scheußlichen Mantel: ja, Lambert hat -mir den Pelz weggenommen ...« - -Er hatte in der Tat einen ganz alten, abgetragenen Mantel an, der für -ihn viel zu lang war. Er stand mit einem eigentümlich düsteren und -traurigen Gesicht vor mir, die Hände in den Taschen und den Hut auf dem -Kopf. - -»Ich setze mich nicht, ich setze mich nicht. Hören Sie, Dolgoruki, ich -weiß nichts Näheres, aber ich weiß, daß Lambert irgend etwas gegen Sie -plant, etwas, was bald und ganz bestimmt ausgeführt werden wird -- das -ist sicher. Also nehmen Sie sich in acht! Der Pockennarbige hat -unvorsichtigerweise mir gegenüber so was ausgeplaudert -- Sie erinnern -sich doch noch des Pockennarbigen? Er hat mir freilich nicht gesagt, um -was es sich handelt, daher kann ich Ihnen auch nichts Bestimmteres -sagen. Ich bin nur gekommen, um Sie zu warnen. Leben Sie wohl!« - -»Aber so setzen Sie sich doch, lieber Trischatoff! Ich habe zwar nicht -viel Zeit, aber ich freue mich so, daß Sie gekommen sind ...« rief ich. - -»Nein, nein, ich setze mich nicht; aber daß Sie sich über mein Kommen -freuen, das werde ich nicht vergessen. Ach, Dolgoruki, wozu sich vor -anderen maskieren: ich habe mich doch bewußt und freiwillig zu jeder -Schändlichkeit bereit erklärt, und sogar zu einer solchen Gemeinheit, -daß ich mich schäme, sie vor Ihnen auch nur auszusprechen. Wir sind -jetzt zu dem Pockennarbigen übergegangen ... Leben Sie wohl! Ich bin es -nicht wert, bei Ihnen zu sitzen.« - -»Aber was reden Sie da, Trischatoff, lieber ...« - -»Nein, sehen Sie, Dolgoruki: ich bin vor allen Menschen dreist und frech -und werde jetzt ein Schlemmerleben anfangen. Bald werde ich einen noch -besseren Pelz tragen als früher und nur mit Trabern fahren. Aber bei -alledem werde ich im geheimen wissen, daß ich mich bei Ihnen doch nicht -hingesetzt habe, weil ich mich noch selbst zu verdammen vermag und weiß, -daß ich für Sie zu gemein bin! Diese Erinnerung wird mir noch angenehm -sein, wenn ich ehrlos schlemme. Nun leben Sie wohl, leben Sie wohl! Auch -die Hand gebe ich Ihnen nicht: nimmt doch selbst eine Alphonsinka nicht -mehr meine Hand! Und bitte, kommen Sie mir nicht nach und suchen Sie -mich nicht auf -- vergessen Sie nicht unsere Abmachung.« - -Damit drehte sich der sonderbare Junge um und ging. Ich hatte im -Augenblick wirklich keine Zeit, aber ich nahm mir vor, ihn unbedingt -aufzusuchen, sobald ich nur alle die Konflikte beigelegt hätte, in denen -ich mich befand ... - -Von diesem Vormittag will ich sonst nichts weiter erzählen, obschon sich -noch vieles erzählen ließe. Werssiloff war nicht zur Beerdigung -erschienen, und ich glaube, man konnte schon aus den Mienen der anderen -schließen, daß er auch gar nicht erwartet wurde. Mama betete andächtig -und gab sich ganz dem Gebet hin. Am Grabe waren von ihnen nur Tatjana -Pawlowna und Lisa. Aber ich wollte ja davon nichts weiter berichten. -Nach der Beerdigung fuhren wir alle nach Haus und setzten uns zu Tisch, -und wieder schloß ich aus ihren Mienen, daß man ihn auch zu Tisch nicht -erwartete. Als wir nach dem Essen aufstanden, ging ich auf Mama zu, -umarmte sie herzlich und gratulierte ihr zum Geburtstage; Lisa tat dann -dasselbe. - -»Höre, Arkadi,« flüsterte mir Lisa heimlich zu, »sie erwarten ihn.« - -»Das merke ich, Lisa, das sieht man ihnen an.« - -»Er wird auch bestimmt kommen.« - -Sie müssen zuverlässige Nachricht haben, dachte ich bei mir und fragte -nicht weiter. Wenn ich auch meine Gefühle nicht beschreiben will, so muß -ich doch sagen, daß dieses neue Rätsel, trotz meines ganzen frischen -Mutes, sich wie ein Stein auf mein Herz wälzte. Wir setzten uns im -Wohnzimmer alle zu Mama um den runden Tisch. Oh, wie wohl es mir damals -tat, bei ihr zu sein und sie anzusehen! Sie bat mich plötzlich, etwas -aus der Bibel vorzulesen. Ich las ein Kapitel aus dem Evangelium Lucä. -Sie weinte nicht und war auch nicht einmal sehr traurig, aber ihr -Gesicht war mir noch nie so -- hellsichtig und bewußt erschienen. In -ihrem stillen Blick leuchtete eine Idee, aber ich konnte es ihr nicht im -geringsten ansehen, daß sie mit Bangen etwas erwartete. Das Gespräch -spann sich fast von selbst weiter: wir sprachen von dem Verstorbenen, -und Tatjana Pawlowna erzählte aus ihrer Erinnerung vieles von ihm, was -ich früher nicht gewußt hatte. Und überhaupt, wenn man das aufzeichnen -wollte, so fände sich viel Bemerkenswertes! Auch Tatjana Pawlowna schien -ihr gewohntes Wesen ganz verändert zu haben: sie war sehr freundlich und -vor allen Dingen gleichfalls sehr ruhig, wenn sie auch viel sprach, um -Mama zu zerstreuen. Aber eines kleinen Zwischenfalles erinnere ich mich -noch gut: Mama saß auf dem Sofa, und auf einem runden Tischchen links -vom Sofa lag ein Heiligenbild -- es schien mit Absicht dorthin gelegt zu -sein. Es war ein altertümliches Bild auf einer Holztafel und ohne -metallene Verkleidung, außer den silbernen Heiligenscheinen über den -Häuptern der beiden Heiligen, die dargestellt waren. Dieses Heiligenbild -hatte Makar Iwanowitsch gehört, das wußte ich; und ich wußte auch, daß -der Verstorbene sich nie von diesem Bilde getrennt und es für -wundertätig gehalten hatte. Tatjana Pawlowna sah schon wieder zu dem -Bilde hinüber. - -»Hör mal, Ssofja,« sagte sie plötzlich, das Gespräch unterbrechend, -»sollte man nicht das Heiligenbild, statt es so liegen zu lassen, lieber -auf dem Tisch aufstellen -- man kann es ja stützen -- und ein Lämpchen -davor anzünden?« - -»Nein, es ist besser so, wie es jetzt ist,« sagte Mama. - -»Übrigens, du hast recht. So würde es sich gar zu feierlich ausnehmen -...« - -Ich begriff damals nicht, um was es sich handelte. Erst später erfuhr -ich, daß dieses Heiligenbild von Makar Iwanowitsch schon vor langer Zeit -Werssiloff mündlich vermacht worden war; und Mama wollte es ihm jetzt -übergeben. Es war inzwischen schon fünf Uhr geworden; wir unterhielten -uns ruhig weiter, als ich plötzlich in Mamas Gesicht ein schreckhaftes -Zucken bemerkte; sie nahm schnell eine geradere Haltung an und begann zu -lauschen, während Tatjana Pawlowna, ohne etwas zu bemerken, -weitersprach. Ich sah mich unwillkürlich nach der Tür um, und kurz -darauf erblickte ich in ihr -- Andrei Petrowitsch. Er mußte durch die -Hintertür und den Korridor gekommen sein. Von uns allen hatte nur Mama -seinen leisen Schritt gehört. Die jetzt folgende wahnsinnige Szene werde -ich mit aller Ausführlichkeit wiedergeben, jedes Wort und jede Bewegung -will ich festzuhalten versuchen. Es war übrigens nur ein kurzer -Auftritt. - -Zunächst fiel mir in seinem Gesicht nicht die geringste Veränderung auf. -Gekleidet war er wie immer, das heißt, beinahe überelegant. In der Hand -hatte er einen nicht großen, aber offenbar recht teuren Strauß frischer -Blumen. Er trat näher und überreichte ihn mit einem Lächeln Mama; die -sah ihn erschrocken und verständnislos an, nahm aber den Strauß, und -plötzlich stieg eine leichte Röte in ihre blassen Wangen, und ihre Augen -erstrahlten vor Freude. - -»Ich wußte es, daß du es so auffassen würdest, Ssonjä,« sagte er. - -Da wir bei seinem Eintritt alle aufgestanden waren, nahm er sich, als er -an den Tisch trat, Lisas Stuhl, die links neben Mama gesessen hatte, und -ohne zu bemerken, daß er einen fremden Platz einnahm, setzte er sich -dort hin. So kam er neben dem Tischchen zu sitzen, auf dem das -Heiligenbild lag. - -»Guten Tag allerseits. Ssonjä, ich wollte dir heute unbedingt diesen -Blumenstrauß bringen, an deinem Geburtstag, deshalb bin ich auch nicht -zur Beerdigung gekommen, weil ich mit diesem Strauß nicht zu einem Toten -kommen konnte. Aber du hast mich ja zur Beerdigung auch gar nicht -erwartet, ich weiß es. Und der Alte wird sich über diese Blumen nicht -ärgern, er hat uns doch selbst noch Freude vermacht, ist es nicht so? -Ich denke, er ist hier irgendwo im Zimmer.« - -Mama sah ihn befremdet an. Tatjana Pawlownas Gesicht verzerrte sich für -einen Augenblick. - -»Wer soll hier im Zimmer sein?« fragte sie. - -»Der Verstorbene. Lassen wir das. Sie wissen doch, daß ein Mensch, der -an alle diese Wunder nicht vollkommen glaubt, immer am ehesten zu -Vorurteilen geneigt ist ... Doch ich werde lieber von den Blumen -sprechen -- ich verstehe nicht, wie ich den Strauß heil und ganz -hergebracht habe. Unterwegs hat mich mindestens dreimal die Lust -angewandelt, ihn in den Schnee zu schleudern und mit dem Fuß zu -zertreten.« - -Mama zuckte zusammen. - -»Ich hatte die größte Lust dazu. Hab' Mitleid mit mir, Ssonjä, und mit -meinem armen Kopf. Die Lust dazu hatte ich, weil er so schön war. Gibt -es ein schöneres Ding auf der Welt als solche Blumen? Ich trage sie, und -ringsum ist Schnee und Kälte. Unsere Kälte und Blumen -- was für ein -Gegensatz! Übrigens, das war es nicht, was ich sagen wollte: ich hatte -einfach Lust, den Strauß zu zerdrücken, zu vernichten, weil er so schön -war. Ssonjä, ich werde jetzt wieder verschwinden, aber ich werde sehr -bald zurückkehren, denn ich glaube, ich werde -- mich zu -- fürchten -anfangen. Und wenn ich Furcht bekomme -- wer wird mich dann von meiner -Angst erlösen, wo finde ich dann einen Engel wie Ssonjä? ... Was ist das -da für ein Heiligenbild? Ach so, das vom Verstorbenen, ich erinnere -mich. Es war sein Erbstück, vom Großvater; er hat sich ja sein Lebtag -nicht von ihm getrennt, ich weiß, ich erinnere mich; er hat es mir -vermacht, ich erinnere mich noch sehr gut ... ich glaube, es ist ein -Bild von den Altgläubigen ... laßt doch mal sehen.« - -Er nahm das Heiligenbild in die Hand, hielt es näher zum Licht und -prüfte es aufmerksam, doch schon nach wenigen Sekunden legte er es auf -den Tisch vor sich hin. Ich wunderte mich, denn alle diese sonderbaren -Worte sagte er so unvermittelt, daß ich eigentlich noch nichts begreifen -konnte. Ich weiß nur noch, daß ein krankhafter Schreck mein Herz -ergriff. Mamas anfänglicher Schrecken dagegen wurde zu einem -Nichtverstehenkönnen und dann zu Mitleid; sie sah in ihm vor allem den -unglücklichen Menschen -- war es doch auch früher schon vorgekommen, daß -er fast ebenso sonderbar gesprochen hatte wie jetzt. Lisa wurde auf -einmal sehr bleich und nickte mir mit einem seltsamen Blick auf ihn zu. -Doch mehr noch als wir alle schien Tatjana Pawlowna erschrocken zu sein. - -»Aber was haben Sie denn, bester Andrei Petrowitsch?« fragte sie -vorsichtig. - -»Wirklich, ich weiß es selbst nicht, liebe Tatjana Pawlowna, was mit mir -ist. Erschrecken Sie nur nicht, ich weiß noch, daß Sie Tatjana Pawlowna -sind, und daß Sie lieb und gut sind. Ich bin ja ... einstweilen ... nur -für einen Augenblick hergekommen; ich wollte Ssonjä etwas Gutes sagen -und suche vergeblich nach so einem Wort, wenn auch mein Herz voll ist -von Worten, die ich nicht auszusprechen verstehe; wirklich, es sind -lauter so sonderbare Worte. Wissen Sie, mir ist so, als ob ich mich -gleichsam spaltete,« sagte er und sah uns alle mit einem furchtbar -ernsten Gesicht und mit aufrichtigem Mitteilsamkeitsbedürfnis an. -»Wirklich, ich spalte mich geistig und habe eine schreckliche Angst -davor. Es ist, als stünde neben mir mein Doppelgänger; man ist selbst -noch klug und vernünftig, jener andere aber neben einem will unbedingt -irgendeine Sinnlosigkeit begehen; manchmal sogar etwas sehr Lustiges; -und plötzlich wird man gewahr, daß man selbst derjenige ist, der dieses -Lustige begehen will. Man will es Gott weiß weshalb, man will es, ohne -es zu wollen, man sträubt sich aus allen Kräften dagegen und will es -doch mit aller Gewalt. Ich habe einen Arzt gekannt, der bei der -Beerdigung seines Vaters in der Kirche plötzlich zu pfeifen anfing. -Glaubt mir, ich hatte Angst, heute zur Beerdigung zu kommen, weil sich -meiner die Überzeugung bemächtigt hatte, ich weiß nicht, aus welchem -Grunde, daß auch ich in der Kirche zu pfeifen oder zu lachen anfangen -würde, ganz wie jener unglückliche Arzt, der traurig genug endete ... -Ich weiß wirklich nicht, weshalb mir heute immer wieder dieser Arzt -einfällt; so oft, daß ich von ihm gar nicht mehr loskommen kann. Weißt -du, Ssonjä, da habe ich wieder dieses Heiligenbild genommen« (er hielt -es schon und wendete es in den Händen hin und her), »und weißt du, ich -habe jetzt, gerade in diesem Augenblick, in dieser Sekunde die größte -Lust, es an den Ofen zu schleudern, an jene Ecke da. Ich bin überzeugt, -daß es sich auf einen Hieb in zwei Teile spalten wird, gerade in zwei -- -nicht mehr und nicht weniger!« - -Das sonderbarste war dabei, daß er das ohne eine Spur von Verstellung -und ganz ohne Herausforderung sagte; er sprach ganz wie gewöhnlich; aber -um so schrecklicher wirkte es; und ich glaube, er hatte in der Tat -furchtbare Angst vor irgend etwas; ich bemerkte plötzlich, daß seine -Hände ein wenig zitterten. - -»Andrei Petrowitsch!« schrie Mama auf und schlug die Hände zusammen. - -»Laß, laß das Bild, Andrei Petrowitsch, laß es, leg es hin!« rief -Tatjana Pawlowna, die schon aufgesprungen war. »Kleide dich aus und leg -dich ins Bett. Arkadi, zum Arzt!« - -»Aber ... warum regt ihr euch denn auf?« fragte er leise und sah uns -alle der Reihe nach forschend an. Dann stützte er plötzlich beide -Ellbogen auf den Tisch und preßte die Stirn in die Hände. - -»Ich ängstige euch, aber ich habe eine Bitte, meine Freunde: unterhaltet -mich ein wenig, setzt euch wieder hin und beruhigt euch alle -- -wenigstens auf einen Augenblick! Ssonjä, ich bin ja nicht deshalb -gekommen, um das zu sagen; ich kam allerdings, um etwas mitzuteilen, -aber etwas ganz anderes. Leb wohl, Ssonjä, ich gehe wieder auf die -Wanderschaft, wie ich schon mehrmals von dir gegangen bin ... Nun und -natürlich werde ich einmal wieder zu dir zurückkehren -- in diesem Sinne -bist du ja mein Schicksal. Zu wem sollte ich denn auch sonst gehen, wenn -alles zu Ende ist? Glaube mir, Ssonjä, ich bin jetzt zu dir gekommen, -wie zu einem Engel und durchaus nicht wie zu einem Feinde: was wärest du -mir denn für ein Feind, ja, was für ein Feind? Glaube auch nicht, daß -ich gekommen bin, um dieses Heiligenbild zu zerschlagen, aber weißt du, -Ssonjä, ich habe doch Lust, es zu zerschlagen ...« - -Als Tatjana Pawlowna vorhin ausgerufen hatte: »Laß das Bild, leg es -hin!« -- da hatte sie es ihm entwunden und in ihrer Hand behalten. -Plötzlich aber, bei seinem letzten Wort, sprang er auf, entriß es ihr im -Augenblick, holte jähzornig aus und schleuderte es aus aller Kraft an -die Ecke des Kachelofens. Das Heiligenbild zersprang in genau zwei -Stücke ... Da wandte er sich hastig zu uns, sein bleiches Gesicht wurde -rot, fast purpurrot, und jeder Nerv seines Gesichts bebte und zuckte. - -»Faß es nicht als Sinnbild auf, Ssonjä, ich habe nicht Makars -Vermächtnis zerschlagen, sondern nur so ... um zu zerschlagen ... Zu dir -werde ich ja doch zurückkehren, -- als zu meinem letzten Engel! oder -übrigens -- faß es meinetwegen auch als Sinnbild auf; denn das war es -doch nun einmal, unbedingt! ...« - -Und plötzlich ging er schnell aus dem Zimmer und verließ das Haus -- -wieder durch die andere Tür (sein Pelz und seine Mütze waren an jenem -Ende des Korridors geblieben). Ich will nicht ausführlich schildern, was -mit Mama geschah: zu Tode erschrocken und mit erhobenen Händen stand sie -wie erstarrt da, bis sie -- jäh zu sich kam und ihm nachrief: - -»Andrei Petrowitsch, so laß uns doch wenigstens Abschied nehmen, -Liebster!« - -»Er wird schon kommen, Ssofja, er wird schon kommen! Sei unbesorgt!« -schrie Tatjana Pawlowna in einem furchtbaren Haßanfall, zitternd vor -Empörung, vor geradezu tierischer Wut. »Du hast doch gehört, er -versprach ja wiederzukommen! Laß nur den Narren noch zum letzten Male -spazieren gehen! Wenn er dann alt wird -- wer wird ihn als Gichtlahmen -dann noch pflegen außer dir, seiner alten Pflegerin? So hat er's ja -selber erklärt, hat sich ja nicht mal geschämt ...« - -Lisa war ohnmächtig geworden. - -Ich selbst wollte ihm nachlaufen. - -Aber dann eilte ich zu Mama, umfaßte sie und hielt sie in meinen Armen. - -Lukerja kam herbeigelaufen und brachte ein Glas Wasser für Lisa. - -Mama kam bald wieder zu sich, sank auf das Sofa, bedeckte das Gesicht -mit den Händen und weinte. - -»Aber ... ja aber ... so lauf ihm doch nach!« rief plötzlich Tatjana -Pawlowna laut, wie wenn sie jetzt erst zur Besinnung käme. »So lauf -doch, hol ihn ein, lauf, geh ihm nicht von der Seite, so geh doch, lauf, -lauf ihm nach!« und sie suchte mich mit Gewalt von Mama loszureißen. -»Ach, dann laufe ich doch selber!« - -»Arkascha, ja, ach, lauf ihm schnell nach!« rief plötzlich auch Mama. - -Da lief ich denn Hals über Kopf hinaus, gleichfalls durch die Küchentür -und über den Hof; aber er war schon nicht mehr zu sehen. In der Ferne -sah ich auf den Fußsteigen schwarze Gestalten gehen; ich lief ihnen nach -und sah im Vorüberlaufen jedem ins Gesicht. So lief ich bis zur -Straßenkreuzung. - -»Über Irrsinnige ärgert man sich doch nicht,« dachte ich flüchtig, -»Tatjana Pawlowna aber wurde doch vor Ärger so wild auf ihn, -- folglich -ist er gar nicht irrsinnig ...« - -Ich hatte das Gefühl, daß seine Tat dennoch ein _Sinnbild_ gewesen war, -und daß er unbedingt mit irgend etwas ein Ende habe machen wollen, ein -Ende, wie mit diesem Heiligenbilde, und zwar so, daß wir es sähen, wir, -Mama und Alle. Aber auch der »Doppelgänger« war sicherlich neben ihm -gewesen; daran war gewiß nicht zu zweifeln ... - - - III. - -Er war aber nirgendwo zu sehen, und ich wußte nicht, wo ich ihn suchen -sollte: daß er geradeswegs in seine Wohnung gegangen wäre, war kaum -anzunehmen. Plötzlich kam mir ein Gedanke, und ich lief schnurstracks zu -Anna Andrejewna. - -Anna Andrejewna war schon zurückgekehrt, und ich wurde sogleich zu ihr -gebeten. Ich nahm mich nach Möglichkeit zusammen, während ich -hineinging. Ohne mich zu setzen, erzählte ich ihr, was vorgefallen war, -also das von dem »Doppelgänger«. Niemals werde ich ihr jene gespannte, -aber mitleidslos ruhige und selbstsichere Neugier, mit der sie mich -gleichfalls stehend anhörte, vergessen oder gar verzeihen. - -»Wo kann er jetzt sein? Vielleicht wissen Sie es?« schloß ich schroff. -»Tatjana Pawlowna hat mich gestern zu Ihnen geschickt ...« - -»Ich ließ Sie schon gestern zu mir bitten. Gestern war er in Zarskoje -Sselo und war auch bei mir. Jetzt aber« (sie sah nach der Uhr), »da es -schon sieben ist ... wird er bestimmt bei sich zu Hause sein.« - -»Ich sehe, daß Sie alles wissen -- also sagen Sie, sagen Sie mir auch -alles!« rief ich. - -»Ich weiß vieles, aber nicht alles. Ihnen brauche ich wohl nichts zu -verheimlichen ...« Sie maß mich mit einem sonderbaren Blick, dabei -lächelnd und gleichsam erwägend. »Gestern früh hat er Katerina -Nikolajewna, als Antwort auf ihren Brief, in aller Form einen -Heiratsantrag gemacht.« - -»Das -- ist nicht möglich!« Ich starrte sie an. - -»Der Brief ging durch meine Hände; ich selbst habe ihr den Brief -uneröffnet übergeben. Diesmal hat er >ritterlich< gehandelt und mir -nichts verheimlicht.« - -»Anna Andrejewna, ich verstehe kein Wort!« - -»Es ist allerdings schwer zu verstehen ... diese Handlungsweise erinnert -an einen Spieler, der sein letztes Goldstück auf den Tisch wirft und -dabei schon den Revolver schußbereit in der Tasche hält -- so ungefähr -ist auch sein Heiratsantrag aufzufassen. Von zehn Möglichkeiten sprechen -neun dafür, daß sie seinen Antrag nicht annimmt; aber auf diese eine -zehnte Möglichkeit rechnet er doch noch, und ich muß sagen, das ist -sogar sehr -- interessant! Meiner Ansicht nach ... übrigens ... übrigens -kann hier auch wieder so eine Anwandlung mitgespielt haben, eben jener ->Doppelgänger<, wie Sie das soeben so treffend ausgedrückt haben ...« - -»Und Sie lachen noch? Und wie soll ich glauben, daß Sie den Brief -übergeben haben? Sie sind doch -- die Braut ihres Vaters? Foltern Sie -mich nicht, Anna Andrejewna!« - -»Er bat mich, mein Schicksal seinem Glück zu opfern, oder vielmehr -gebeten hat er darum gerade nicht: es wurde ziemlich schweigsam abgetan, -ich las das alles nur in seinen Augen. Mein Gott, wozu sich darüber -wundern: ist er denn nicht nach Königsberg gereist, um sich von Ihrer -Mutter die Zustimmung zu seiner Heirat mit Madame Achmakoffs -Stieftochter zu holen? Das sieht dem doch wieder sehr ähnlich, daß er -mich gestern zu seiner Vertrauten und Abgesandten erkor.« - -Sie war ein wenig bleich. Aber ihr Sarkasmus war nur ein Mittel, um ihre -Ruhe zu bewahren. Oh, ich verzieh ihr damals viel, als ich so nach und -nach das Ganze erfaßte. Eine Minute lang überlegte ich; sie schwieg und -wartete. - -»Wissen Sie,« sagte ich plötzlich lachend, »Sie haben den Brief ja nur -deshalb überbracht, weil er für Sie nicht die geringste Gefahr -bedeutete, denn zu dieser Heirat wird es doch nie und nimmer kommen! -Aber er? Und schließlich auch sie? Selbstverständlich wird sie ihn mit -seinem Antrag abweisen, und dann ... was wird dann geschehen? Wo ist er -jetzt, Anna Andrejewna?« rief ich, »jetzt ist jede Minute wertvoll, jede -Minute kann ein Unglück geschehen!« - -»Er ist jetzt bei sich in seiner Wohnung, wie ich Ihnen schon sagte. In -seinem gestrigen Brief an Katerina Nikolajewna, den ich überbrachte, bat -er sie _auf jeden Fall_, also unabhängig von ihrer Antwort, um eine -Zusammenkunft in seiner Wohnung heute um sieben Uhr abends. Sie hat -zugesagt.« - -»Sie in seiner Wohnung? Wie ist das möglich?« - -»Warum denn nicht? Die Wohnung gehört ja Darja Onissimowna; da können -sie sich doch sehr gut als ihre Gäste bei ihr treffen ...« - -»Aber sie fürchtet sich vor ihm ... er kann sie umbringen!« - -Anna Andrejewna lächelte nur. - -»Katerina Nikolajewna hat trotz ihrer ganzen Furcht vor ihm, die auch -ich an ihr bemerkt habe, doch immer eine gewisse Ehrfurcht und -Bewunderung für die Vornehmheit seiner Grundsätze und für seinen idealen -Verstand gehegt. Sie hat jetzt zugesagt, um ihm ihr Vertrauen zu -beweisen, und um der Sache ein für allemal ein Ende zu machen. In seinem -Brief aber hat er ihr feierlich sein Ehrenwort gegeben, daß sie nichts -zu fürchten hätte ... Ich entsinne mich nicht mehr genau der Ausdrücke, -aber jedenfalls hat sie ihm darauf mit ihrem Vertrauen geantwortet ... -und da es doch das letztemal sein soll ... jedenfalls beruhte ihre -Antwort auf den edelsten Gefühlen. Es war da beiderseits ein gewisser -ritterlich heroischer Wettstreit, wenn Sie wollen.« - -»Aber der Doppelgänger, sein Doppelgänger!« rief ich, »er ist doch -wahnsinnig geworden!« - -»Als Katerina Nikolajewna gestern in diese Zusammenkunft einwilligte, -hat sie mit der Möglichkeit eines solchen Zwischenfalles wahrscheinlich -nicht gerechnet,« meinte Anna Andrejewna. - -Ich drehte mich plötzlich um und lief aus dem Zimmer -- zu ihm, zu ihm, -selbstverständlich! Aber aus dem Vorsaal kehrte ich noch einmal auf eine -Sekunde zu ihr zurück. - -»Das ist es wohl gerade, was Sie brauchen, daß er sie totschlägt!« rief -ich ihr ins Gesicht und rannte aus dem Hause. - -Obgleich ich am ganzen Körper wie im Fieber zitterte, betrat ich die -Wohnung leise und behutsam, durch die Küchentür, und bat flüsternd, -Darja Onissimowna zu mir herauszurufen -- aber da kam sie schon in die -Küche und sah mich wortlos mit gespannt forschendem Blick an. - -»Er ... er ist nicht zu Hause.« - -Aber ich flüsterte ihr schnell und ohne Umschweife zu, daß ich alles -wisse, Anna Andrejewna hätte mir alles gesagt, und ich käme geraden -Weges von ihr. - -»Darja Onissimowna, wo sind sie?« - -»Sie sind im Saal, dort, wo Sie vorgestern saßen, am Tisch ...« - -»Darja Onissimowna, lassen Sie mich hinein!« - -»Aber wie kann ich denn das!« - -»Nicht dorthin, aber in das Nebenzimmer. Darja Onissimowna, das ist -vielleicht Anna Andrejewnas Wunsch ... Sonst hätte sie mir doch nicht -gesagt, daß sie hier sind. Sie werden mich ja nicht sehen ... und Anna -Andrejewna will es ja selbst ...« - -»Aber wenn sie es nicht will?« Darja Onissimownas Blick wich nicht von -mir und sog sich förmlich hinein in meine Augen. - -»Darja Onissimowna, ich werde Ihre Olä nie vergessen ... lassen Sie mich -hinein!« - -Da fingen ihre Lippen und ihr Kinn plötzlich zu zittern an. - -»Liebling, dann um Oläs willen ... für dein gutes Herz ... Aber verlaß -nicht Anna Andrejewna, Liebling! Wirst du sie nicht verlassen, was? -Wirst du sie nicht verlassen?« - -»Nein, nein, ich werde sie nicht verlassen!« - -»Dann gib mir noch dein heiliges Ehrenwort, daß du nicht zu ihnen -hineinrennen und auch nicht losschreien wirst, wenn ich dich hinführe?« - -»Mein Ehrenwort, Darja Onissimowna!« - -Sie faßte mich am Rock, führte mich leise in ein dunkles Zimmer, das an -jenes stieß, in dem sie saßen, führte mich unhörbar auf dem weichen -Teppich zur Tür, schob mich dicht an den zugezogenen Vorhang, den sie -vorsichtig ein wenig zur Seite bog, und zeigte mir die beiden. - -Ich blieb da, sie schlich zurück. Selbstverständlich blieb ich. Ich war -mir vollkommen bewußt, daß ich horchte, daß ich ein fremdes Geheimnis -belauschte, aber ich blieb. Wie sollte ich denn nicht bleiben! Und der -Doppelgänger? Hatte er doch schon vor meinen Augen das Heiligenbild -zertrümmert! - - - IV. - -Sie saßen sich gegenüber, an demselben Tisch, an dem wir am Abend vorher -auf seine »Auferstehung« getrunken hatten. Ich konnte ihre Gesichter -deutlich sehen. Sie war in einem schlichten schwarzen Kleide, schön und -anscheinend so ruhig wie immer. Er sprach, und sie hörte ihm mit größter -und zuvorkommender Aufmerksamkeit zu. Vielleicht konnte man ihr doch -eine gewisse Ängstlichkeit ansehen. Er aber war ungemein angeregt. Was -ich vernahm, war mir zunächst vollkommen unklar, da ich den Anfang des -Gesprächs nicht gehört hatte. Auf einmal fragte sie: - -»Und ich war die Ursache?« - -»Nein, die Ursache war ich,« erwiderte er, »Sie sind nur -- unschuldig -schuldig. Sie wissen doch, daß man unschuldig schuldig sein kann? Es ist -das die allerunverzeihlichste Schuld und zieht fast immer Strafe nach -sich,« flocht er in sonderbar lachendem Tone ein. »Ich habe mir doch -eine Weile lang tatsächlich eingebildet, ich hätte Sie ganz vergessen -und lachte nur noch über meine törichte Leidenschaft ... aber das wissen -Sie ja. Und was geht mich dieser Mensch an, den Sie da heiraten wollen? -Ich habe Ihnen gestern einen Antrag gemacht, verzeihen Sie mir das, es -war eine Sinnlosigkeit, und doch wüßte ich sie durch nichts zu ersetzen -... Was hätte ich denn tun können außer dieser Sinnlosigkeit? Ich wüßte -nichts ...« - -Er lachte ein verlorenes Lachen nach diesen Worten. Auf einmal sah er -sie an. Bis dahin hatte er beim Sprechen immer zur Seite gesehen. Wenn -ich an ihrer Stelle gewesen wäre -- dieses Lachen hätte mich erschreckt, -das fühlte ich. Dann stand er plötzlich auf. - -»Sagen Sie, wie haben Sie darauf eingehen können, hierherzukommen?« -fragte er auf einmal, als wäre ihm die Hauptsache plötzlich wieder -eingefallen. »Diese Aufforderung meinerseits und mein ganzer Brief -- -war eine vollkommene Sinnlosigkeit ... Warten Sie, ich kann mir -schließlich selbst denken, wie es zu erklären ist, daß Sie einwilligten, -zu kommen, aber ... zu welchem Zweck Sie gekommen sind -- das ist die -Frage! Oder sollten Sie wirklich nur aus Furcht gekommen sein?« - -»Ich bin gekommen, um Sie zu sehen,« sagte sie, während sie ihn mit -schüchterner Vorsicht wie wartend ansah. - -Beide schwiegen vielleicht eine halbe Minute lang. Werssiloff nahm -wieder seinen Platz auf seinem Stuhl ein und begann mit verhaltener, -aber ergriffener, fast bebender Stimme: - -»Ich habe Sie so unendlich lange nicht gesehen, Katerina Nikolajewna, so -lange nicht, daß ich fast schon für unmöglich gehalten habe, jemals -wieder bei Ihnen sitzen, Ihr Gesicht sehen, Ihre Stimme hören zu können -... Zwei Jahre haben wir uns nicht gesehen, zwei Jahre nicht gesprochen. -Daß ich Sie noch einmal sprechen würde, hätte ich gar nicht mehr -gedacht. Nun, gut, was vergangen ist -- ist vergangen, und was ist -- -das wird morgen verschwunden sein, wie Rauch, -- nun gut! Ich bin damit -einverstanden, denn ich wüßte wieder nicht, wie es sich anders machen -ließe, aber gehen Sie jetzt nicht so fort, seien Sie nicht umsonst -gekommen,« stieß er plötzlich fast flehend hervor. »Wenn Sie schon ein -Almosen geben, wenn Sie schon gekommen sind -- so seien Sie wenigstens -nicht umsonst gekommen, antworten Sie mir nur auf eine Frage!« - -»Auf welche Frage?« - -»Wir werden uns ja nie mehr sehen -- und was macht es Ihnen denn aus? -Sagen Sie mir die Wahrheit, nur einmal für alle Ewigkeit, antworten Sie -auf eine Frage, die kluge Leute niemals stellen: Haben Sie mich -wenigstens einmal geliebt, oder habe ich ... mich getäuscht?« - -Sie wurde feuerrot. - -»Ich habe Sie geliebt,« sagte sie. - -»Das hatte ich erwartet, daß Sie so antworten würden, -- oh, du -Aufrichtige, du Innige, du Ehrliche!« - -»Und jetzt?« fuhr er fort. - -»Jetzt liebe ich Sie nicht.« - -»Und lachen?« - -»Nein, ich lächelte jetzt nur unwillkürlich, weil ich im voraus wußte, -daß Sie fragen würden: >Und jetzt?< Ich lächelte, weil man immer -unwillkürlich lächelt, wenn etwas gesagt wird, worauf man schon gefaßt -war ...« - -Mir wurde ganz sonderbar zumute: ich hatte sie noch nie so auf der Hut, -so vorsichtig, ja fast sogar schüchtern und zugleich so verwirrt -gesehen. Er umspannte sie mit seinem Blick. - -»Ich weiß, daß Sie mich nicht lieben ... und -- lieben Sie mich wirklich -nicht?« - -»Vielleicht -- wirklich nicht. Nein, ich liebe Sie nicht,« fügte sie -plötzlich fest hinzu, diesmal ohne zu lächeln und ohne zu erröten. »Ich -habe Sie geliebt, ja, aber nicht lange. Ich habe damals sehr bald -aufgehört, Sie zu lieben.« - -»Ich weiß, ich weiß, Sie erkannten, daß es nicht das war, was Sie -brauchen, aber ... was ist es denn, was Sie brauchen? Erklären Sie mir -das noch einmal ...« - -»Habe ich es Ihnen denn schon einmal erklärt? Was ich brauche? Ja ich -- -bin doch eine ganz gewöhnliche Frau; ich bin eine ruhige Frau, ich liebe -... ich liebe heitere Menschen.« - -»Heitere?« - -»Da sehen Sie, wie ich mit Ihnen nicht einmal zu sprechen verstehe. Ich -glaube, wenn Sie mich weniger liebten, dann würde ich Sie lieben,« sagte -sie wieder mit einem schüchternen Lächeln. - -In ihrer Antwort lag die vollkommenste Aufrichtigkeit, -- sollte sie -wirklich nicht gewußt haben, daß ihre Antwort die endgültigste Formel -für ihr Verhältnis war, eine Formel, die alles erklärte und entschied? -Oh, wie er das hätte verstehen müssen! Aber er sah sie an und lächelte -sonderbar. - -»Ist Bjoring ... ein heiterer Mensch?« fuhr er fort zu fragen. - -»Oh, er braucht Sie nicht im geringsten zu beunruhigen,« antwortete sie -mit einer gewissen Hast. »Ich heirate ihn nur deshalb, weil ein Leben -mit ihm für mich am ruhigsten sein wird. Meine Seele behalte ich dann -für mich.« - -»Sie sollen ja, wie man hört, wieder Geschmack an der Gesellschaft, an -der glänzenden Welt finden?« - -»Nicht an der Gesellschaft. Ich weiß, daß in unserer Gesellschaft -dieselbe Unordnung ist wie überall; aber ihre Formen sind wenigstens -äußerlich gefällig, und deshalb ist es, wenn man schon ein Leben lebt, -das nur ein Vorübergehen ist, doch besser, in ihr zu leben als sonstwo.« - -»Ich höre neuerdings oft das Wort >Unordnung< gebrauchen. Sie sind -damals wohl auch vor meiner Unordnung zurückgeschreckt, vor meinen -Fesseln, meinen Ideen, meinen Torheiten?« - -»Nein, das war doch nicht -- ganz so ...« - -»Sondern? Ich beschwöre Sie, sagen Sie alles ganz offen.« - -»Nun gut, ich werde es Ihnen ganz offen sagen, weil ich Sie für so -unendlich klug halte: mir ... mir ist an Ihnen immer irgend etwas -lächerlich erschienen.« - -Kaum hatte sie das gesagt, als sie plötzlich rot wurde, ganz als hätte -sie selbst gemerkt, daß sie eine ungeheure Unvorsichtigkeit begangen -hatte. - -»Sehen Sie, für das, was Sie mir jetzt gesagt haben, kann ich Ihnen viel -verzeihen,« antwortete er sonderbar. - -»Ich habe noch nicht zu Ende gesprochen,« beeilte sie sich, hinzuzufügen -und errötete dabei noch mehr. »Ich wollte vielmehr sagen, daß ich die -Lächerliche bin ... schon deshalb, weil ich wie eine Törin mit Ihnen -spreche.« - -»Nein, Sie sind nicht lächerlich, Sie sind nur -- eine verderbte -Weltdame!« sagte er erbleichend und unheimlich. »Auch ich habe vorhin -nicht zu Ende gesprochen, als ich Sie fragte, zu welchem Zweck Sie -gekommen sind. Wollen Sie, daß ich es jetzt ausspreche? Es gibt einen -Brief, ein Dokument, und das macht Sie erzittern, denn Sie wissen, daß -Ihr Vater, wenn dieser Brief in seine Hände käme, Sie schon bei -Lebzeiten verstoßen und in seinem Testament enterben könnte. Sie -fürchten sich vor dieser Möglichkeit, und sind ... dieses Briefes wegen -gekommen,« sagte er, am ganzen Leibe bebend und fast zähneklappernd. - -Sie hörte ihn mit schmerzlichem und traurig bangem Gesichtsausdruck an. - -»Ich weiß, daß Sie mir eine Menge Unannehmlichkeiten bereiten können,« -sagte sie, seine Worte gleichsam zurückweisend, »aber ich bin weniger -deshalb gekommen, um Sie zu bitten, mich in Ruhe zu lassen, als ... um -Sie selbst wiederzusehen. Ich habe sogar schon lange gewünscht, von mir -aus gewünscht, Sie zu sehen. Aber ich habe Sie unverändert als den -wiedergefunden, der Sie früher waren,« fügte sie plötzlich hinzu, wie -fortgerissen von einem bestimmten und ausschlaggebenden Gedanken und -sogar wie von einem sonderbaren plötzlichen Gefühl. - -»Und Sie hatten einen anderen zu finden gehofft? Und das -- nach meinem -Brief, in dem ich Ihnen von Ihrer Verderbtheit geschrieben hatte? Sagen -Sie: sind Sie ganz ohne Furcht hierhergekommen?« - -»Ich bin gekommen, weil ich Sie früher geliebt habe; und ich bitte Sie: -drohen Sie mir nicht, bitte nicht, und mit nichts, wenigstens so lange -nicht, wie wir jetzt beisammen sind, -- erinnern Sie mich nicht an meine -häßlichen Gedanken und Gefühle. Wenn Sie mit mir von etwas anderem -sprechen könnten, wäre ich sehr froh. Mit den Drohungen kommen Sie -meinetwegen später, hier aber lassen Sie uns von anderem sprechen ... -Ich bin wirklich nur gekommen, um Sie einen Augenblick zu sehen und zu -hören. Nun, und wenn Sie das nicht können, so töten Sie mich -meinetwegen, aber -- drohen Sie mir nicht und peinigen Sie sich nicht -selbst vor meinen Augen!« schloß sie und sah ihn in einer sonderbaren -Erwartung an, ganz als hätte sie wirklich geglaubt, er könne sie töten. - -Er erhob sich wieder von seinem Stuhl, sah sie mit heißem Blick an und -sagte fest: - -»Es wird Ihnen hier nicht das Geringste widerfahren.« - -»Ach ja, Ihr Ehrenwort!« sagte sie lächelnd. - -»Nein, nicht nur deshalb, weil ich Ihnen im Brief mein Ehrenwort gegeben -habe, sondern weil ich ... die ganze Nacht an Sie denken will und werde -...« - -»Um sich selbst zu quälen?« - -»Wenn ich allein bin, stelle ich mir immer -- Sie vor. Immer! Ich tue -nichts anderes als mit Ihnen sprechen! Ich ziehe mich in meine Höhlen, -in meine Schlupfwinkel zurück -- und sofort erscheinen Sie vor meinen -Augen! Aber Sie lachen immer über mich, ganz wie jetzt ...« - -Er sagte das wie außer sich. - -»Niemals, niemals habe ich über Sie gelacht!« rief sie erschüttert und -wie in tiefstem Mitleiden, das im Ausdruck ihres Antlitzes deutlich -sichtbar wurde. »Wenn ich gekommen bin, so habe ich doch alles getan, um -es so zu machen, daß es für Sie unter keinen Umständen kränkend sein -könnte,« sagte sie plötzlich. »Ich bin hergekommen, um Ihnen zu sagen, -daß ich Sie beinahe liebe ... Verzeihen Sie, ich habe mich vielleicht -nicht so ausgedrückt,« fügte sie schnell hinzu. - -Er begann zu lachen. - -»Warum verstehen Sie nicht, sich zu verstellen? Warum sind Sie -- eine -solche Einfalt, warum sind Sie nicht so wie alle ... Wie kann man denn -einem Menschen, dem man einen Korb gibt, sagen: >Beinahe liebe ich -Sie<?« - -»Ich habe mich nur nicht auszudrücken verstanden,« beeilte sie sich zu -erklären. »Ich habe das nicht so sagen wollen; das kommt nur daher, weil -ich mich in Ihrer Gegenwart immer befangen fühle und dann nicht zu -sprechen verstehe; das ist schon von unserer ersten Begegnung an so -gewesen. Aber wenn meine Worte auch nicht ganz richtig gewählt waren -- -daß ich Sie >beinahe liebe< -- so ist es dem Sinne nach doch beinahe so, --- nur deswegen habe ich es überhaupt auszudrücken versucht. Ich liebe -Sie mit so einer ... eben mit so einer _allgemeinen_ Liebe, mit der man -alle liebt, und die einzugestehen man sich niemals schämt ...« - -Er hörte sie schweigend an, ohne seinen brennenden Blick auch nur einmal -von ihr abzuwenden. - -»Ich beleidige Sie natürlich,« fuhr er außer sich fort. »Es muß in der -Tat das sein, was man Leidenschaft nennt ... Ich weiß nur, daß es mit -mir aus ist, wenn Sie bei mir sind, und ohne Sie gleichfalls! Aber -gleichviel ob ich ohne Sie oder mit Ihnen bin, wo Sie auch sein mögen -- -Sie sind immer bei mir. Ich weiß, daß ich Sie auch sehr hassen kann, -mehr noch als lieben. Übrigens, ich denke schon lange über nichts mehr -nach -- mir ist alles gleich. Es tut mir nur leid, daß ich eine solche -Frau zu lieben angefangen habe wie Sie ...« - -Seine Stimme versagte; er fuhr atemlos fort. - -»Was haben Sie? Sie finden es wohl ungezogen, daß ich so spreche?« Er -lächelte, doch sein Gesicht war bleich. »Ich glaube, ich könnte, wenn -Sie nur dadurch zu erringen wären, dreißig Jahre lang als Säulenheiliger -auf einem Fuße stehen! ... Ich sehe, ich tue Ihnen leid, Ihr Gesicht -sagt: >Ich würde dich ja lieben, wenn ich könnte, aber ich kann nicht< -... Ist es nicht so? Tut nichts, ich habe keinen Stolz mehr. Ich bin -bereit, wie ein Bettler jedes Almosen von Ihnen anzunehmen -- hören Sie: -jedes! ... Was kann denn auch ein Bettler für einen Stolz haben?« - -Sie erhob sich und trat an ihn heran. - -»Mein Freund!« sagte sie mit unaussprechlichem Gefühl in ihrem Gesicht -und berührte mit der Hand seine Schulter. »Ich kann solche Worte nicht -hören! Ich werde mein lebelang an Sie denken als an einen mir teuren, -einen wertvollen Menschen, als an das größte Menschenherz, das schlägt, -als an etwas Heiliges, das ich achten und lieben kann. Andrei -Petrowitsch, verstehen Sie mich recht: aus irgendeinem Grunde bin ich -doch heute hergekommen, Sie lieber, mir sowohl damals wie auch jetzt -lieber Mensch! Ich werde nie vergessen, wie Sie bei unseren ersten -Begegnungen meinen Verstand erschüttert und mich aufgerüttelt haben. -Lassen Sie uns als Freunde scheiden, und Sie werden für mich mein ganzes -Leben lang der ernsteste und teuerste Gedanke sein.« - -»>Scheiden wir, und dann werde ich Sie lieben; ich werde Sie lieben -- -nur scheiden wir.< Hören Sie,« sagte er, und sein Gesicht war bleich, -»schenken Sie mir noch ein Almosen: lieben Sie mich nicht, leben Sie -nicht mit mir, wir wollen uns nie sehen, aber wenn Sie mich rufen, werde -ich Ihr Sklave sein, und werde sofort verschwinden, wenn Sie mich nicht -sehen und hören wollen, nur ... _nur heiraten Sie keinen anderen_!« - -Mein Herz krampfte sich bis zur Pein zusammen, als ich diese Worte -hörte. Diese naiv erniedrigende Bitte klang so mitleiderregend, traf so -tief ins Innerste, weil sie so nackt und unmöglich war. Ja, in der Tat, -er bat um ein Almosen! Konnte er denn wirklich glauben, daß sie darauf -eingehen werde? Er erniedrigte sich bis zum Versuch! Er bat -versuchsweise! Diese tiefste Stufe der Mutlosigkeit war das -Unerträgliche! Jeder Zug ihres Gesichts verzerrte sich plötzlich vor -Schmerz; aber noch bevor sie ein Wort sagen konnte, kam er schon zur -Besinnung. - -»Ich werde Sie _vernichten_!« sagte er plötzlich mit einer sonderbaren, -entstellten Stimme, die gar nicht wie seine Stimme war. - -Aber auch sie antwortete ihm sonderbar und gleichfalls wie mit einer -fremden, unerwarteten Stimme. - -»Und wenn ich Ihnen dies Almosen schenkte,« sagte sie entschlossen, »so -würden Sie sich ja noch viel schlimmer an mir rächen, als Sie jetzt -drohen, denn Sie würden es nie vergessen, daß Sie als so ein Bettler vor -mir gestanden haben ... Ich kann Drohungen von Ihnen nicht anhören!« -schloß sie fast mit Unwillen und sah ihn herausfordernd an. - -»>Drohungen von Ihnen<, das heißt: von so einem Bettler! Es war nur ein -Scherz von mir,« sagte er leise und lächelte. »Ich werde Ihnen nichts -antun, fürchten Sie sich nicht, gehen Sie ... und was jenes Dokument -betrifft, so werde ich alles tun, um es Ihnen zu verschaffen, ich werde -es Ihnen zusenden -- nur gehen Sie jetzt, gehen Sie! Ich habe Ihnen -einen törichten Brief geschrieben, Sie aber haben auf den törichten -Brief geantwortet und sind gekommen -- wir sind quitt. Nicht hier -- -dort ist der Ausgang,« sagte er und wies auf die richtige Tür (sie -wollte durch das Zimmer gehen, in dem ich hinter der Portiere stand). - -»Verzeihen Sie mir, wenn Sie können,« sagte sie, in der Tür stehen -bleibend. - -»Wie aber, wenn wir uns später einmal ganz als gute Freunde begegnen und -auch an diese Szene mit hellem Lachen zurückdenken werden?« fragte er -auf einmal, aber jeder Zug in seinem Gesicht bebte wie bei einem -Menschen, der von einem Krampf befallen ist. - -»Oh, gebe Gott!« rief sie aus und drückte die Hände an die Brust, aber -gleichzeitig sah sie ihm doch ängstlich forschend ins Gesicht, und als -erriete sie, was er sagen wollte. - -»Gehen Sie. Wir haben jetzt beide nicht allzuviel Vernunft, aber Sie ... -Oh, Sie sind ein Mensch von meinem Schlage! Ich habe Ihnen einen -wahnsinnigen Brief geschrieben, und Sie sind auf diesen Brief hin zu mir -gekommen, um mir zu sagen, daß Sie mich >beinahe lieben<. Nein, Sie und -ich, wir sind beide -- Menschen ein und desselben Wahnsinns! Seien Sie -immer so wahnsinnig, ändern Sie sich nicht, und wir werden einander noch -als Freunde begegnen -- das prophezeie ich Ihnen, und gebe Ihnen mein -Wort darauf!« - -»Und sehen Sie, dann werde ich Sie unfehlbar lieben, das fühle ich schon -jetzt!« Die Frau in ihr konnte sich nicht bezwingen, warf ihm noch von -der Schwelle her als letztes diese Worte zu. - -Sie ging hinaus. Ich schlich sofort unhörbar in die Küche und eilte, -fast ohne auf Darja Onissimowna, die mich dort erwartete, einen Blick zu -werfen, über die Küchentreppe und den Hof auf die Straße. Aber ich sah -nur noch, wie sie in eine Droschke stieg, die vor der Haustür auf sie -gewartet hatte. Ich lief die Straße hinunter. - - - Elftes Kapitel. - - - I. - -Ich lief zu Lambert. Oh, wie sehr ich auch wünschte, meinen Handlungen -an diesem Abend und in dieser Nacht ein logisches Aussehen zu geben und -auch nur den geringsten vernünftigen Sinn in ihnen zu entdecken, so bin -ich doch selbst heute noch außerstande, obgleich ich jetzt alles -überschauen kann, sie in einem klaren und richtigen Zusammenhang zu -schildern. Es war da ein Gefühl, oder richtiger, ein ganzes Chaos von -Gefühlen, in dem ein Sich-Verirren unvermeidlich blieb. Freilich gab es -unter diesen Gefühlen eines, das vorherrschte, eines, das mich unsäglich -bedrückte und alle anderen Gefühle gleichsam tyrannisierte, doch ... -soll ich es bekennen? Zumal ich noch nicht einmal ganz sicher bin ... - -Als ich zu Lambert ins Zimmer stürzte, war ich selbstverständlich außer -mir. Ich jagte sogar ihm und Alphonsinka einen Schrecken ein. Es ist mir -übrigens immer aufgefallen, daß selbst die liederlichsten und -verkommensten Franzosen den Hang haben, in ihrer häuslichen -Lebensführung an einer gewissen Art von bourgeoiser Ordnung zäh und -kleinlich festzuhalten, -- an einer Ordnung, die überaus prosaisch, -alltäglich, zeremoniell und ein für allemal anerkannt ist. Aber Lambert -begriff doch sehr bald, daß etwas geschehen war, und freute sich riesig, -daß er mich endlich bei sich, das heißt, endlich in der Falle hatte. Das -war ja sein Traum, sein sehnlichster Wunsch in allen diesen Tagen -gewesen, denn ohne mich konnte er ja doch nichts machen! Und siehe da: -nachdem er seine ganze Hoffnung fast schon aufgegeben hatte -- erschien -ich plötzlich bei ihm, ich selbst, und dazu noch in einer Verfassung, in -der er mich gerade brauchte. - -»Lambert, gib Wein her!« rief ich: »Trinken wir, laß uns fröhlich sein! -Alphonsina, wo ist Ihre Gitarre?« - -Die Szene, die hierauf folgte, will ich nicht weiter beschreiben -- sie -ist nebensächlich. Er hörte mir gespannt zu. Ich machte ihm offen und -als Erster den Vorschlag zu einer Verschwörung. - -»Vor allen Dingen müssen wir Katerina Nikolajewna durch einen Brief -zwingen, zu uns zu kommen ...« - -»Das kann man,« stimmte mir Lambert zu, der auf jedes meiner Worte -achtete. - -»Zweitens müssen wir ihr zur Sicherheit mit diesem Brief eine Abschrift -des >Dokuments< schicken, damit sie sich selbst davon überzeugen kann, -daß man sie nicht betrügen will.« - -»Ja, das muß man, das muß man!« pflichtete Lambert mir sogleich eifrig -bei, während er mit Alphonsina ununterbrochen Blicke wechselte. - -»Und drittens mußt du, Lambert, sie von dir aus herbitten, angeblich im -Auftrage eines Unbekannten, der gerade aus Moskau angekommen sei; ich -hätte dann die Aufgabe, Werssiloff mitzubringen.« - -»Ja, auch Werssiloff könnte noch dabei sein,« bestätigte Lambert wieder. - -»Nicht könnte, sondern er muß, und zwar unbedingt!« rief ich. »Um -seinetwillen soll doch das Ganze überhaupt gemacht werden!« erklärte ich -und trank Schluck auf Schluck aus meinem Glase. (Wir tranken alle drei, -aber ich glaube, ich trank die ganze Flasche Champagner allein aus: sie -aber taten nur so, als tränken sie gleichfalls.) »Werssiloff und ich -werden im Nebenzimmer sitzen (Lambert, wir müssen uns noch ein -Nebenzimmer verschaffen!), und wenn sie dann auf alles eingegangen ist --- auf den Kaufpreis in Geld und auch auf den _anderen_ Kaufpreis, denn -die Weiber sind doch alle ehrlos -- dann erscheine ich mit Werssiloff, -und wir überführen sie ihrer Schändlichkeit. Und dann wird Werssiloff, -wenn er selbst gesehen hat, wie gemein sie ist, mit einem Schlage von -seinem Wahn geheilt sein und sie hinauswerfen! Und Bjoring muß auch noch -dabei sein, damit auch er es sieht!« fügte ich außer mir hinzu. - -»Nein, Bjoring ist überflüssig,« bemerkte Lambert. - -»Nein, der muß auch unbedingt, unbedingt dabei sein!« ereiferte ich mich -wieder. - -»Du begreifst ja nichts, Lambert, weil du dumm bist! Versteh doch, es -soll ja gerade zu einem Skandal in diesen ihren höheren Kreisen kommen --- damit rächen wir uns an diesen Kreisen und an ihr, sie soll nur ihre -Strafe empfangen! Lambert, sie wird dir einen Wechsel geben ... Ich -brauche das Geld nicht -- ich spucke aufs Geld, du aber kannst dich -bücken und es aufheben, wenn du magst, und mit meinem Speichel in die -Tasche stecken, ich aber, ich -- vernichte sie dafür!« - -»Ja, ja,« hetzte Lambert, »das mußt du tun ...« Er wechselte wieder -einen Blick mit Alphonsinka. - -»Weißt du, Lambert, sie verehrt Werssiloff ungeheuer: ich habe mich -soeben davon überzeugt,« lallte ich schon mit schwerer Zunge. - -»Das ist gut, daß du sie belauscht hast! Ich hätte niemals gedacht, daß -du ein so guter Spion sein könntest und überhaupt so gescheit bist!« Er -wollte mir damit eine Schmeichelei sagen. - -»Du lügst, Franzos, ich bin kein Spion, aber gescheit bin ich -allerdings! Und weißt du, Lambert, sie liebt ihn ja doch!« fuhr ich -fort, nur von dem Verlangen getrieben, mich auszusprechen: »Aber -heiraten wird sie ihn nicht, denn Bjoring ist Gardeoffizier, und -Werssiloff ist -- nur ein großmütiger Mensch und ein Menschheitsfreund, -und so einer ist nach den Anschauungen ihres Kreises nur eine -lächerliche Figur und nichts weiter! Oh, sie begreift seine Leidenschaft -und genießt sie, sie kokettiert mit ihm und lockt ihn an, aber sie -heiratet ihn nicht! Sie ist ein Weib, eine Schlange! Jedes Weib ist -Schlange und jede Schlange Weib! Ihn aber muß man davon heilen; man muß -ihm die Binde von den Augen reißen: er soll erkennen, wie sie ist, dann -wird er gesund werden. Ich bringe ihn zu dir, Lambert!« - -»Ja, das mußt du,« stimmte mir Lambert eifrig bei, und goß mir schon -wieder das Glas voll. - -Er hatte ja nur eine Angst: daß er mich durch Widerspruch erzürnen, und -daß ich zu trinken aufhören könnte. Das machte ihn so ungeschickt und -unschlau, daß es mir damals schon auffiel. Und doch hätte ich um keinen -Preis fortgehen können: ich trank und sprach ununterbrochen, denn ich -stand ganz unter dem unbezwingbaren Verlangen, mich vollends -auszusprechen. Als Lambert nach einer neuen Flasche ging, spielte -Alphonsinka auf der Gitarre irgendein spanisches Lied. Ich hätte beinah -zu weinen angefangen. - -»Lambert, du weißt ja noch nicht alles!« rief ich mit tiefem Gefühl. -»Diesen Menschen muß man unbedingt retten, weil er jetzt ... in einem -Zauberbann ist. Wenn sie ihn heiratete, würde er sie am Morgen nach der -ersten Nacht mit der Peitsche hinausjagen ... das kommt doch vor. Denn -so eine gewaltsame und wilde Liebe ist wie ein Anfall, wie eine Schlinge -um den Hals, wie eine Krankheit, doch kaum hat sie ihre Befriedigung -erreicht, da fällt einem die Binde von den Augen, und es stellt sich -gleich das entgegengesetzte Gefühl ein: Ekel und Haß, der Wunsch zu -vernichten, zu zertreten. Kennst du die Geschichte von Abisag[16], -Lambert, hast du sie gelesen?« - -»Nein, ich ... erinnere mich nicht; ist's ein Roman?« stotterte Lambert -unsicher. - -»Ach, du weißt aber auch gar nichts, Lambert! Du bist unglaublich, -unglaublich unwissend ... aber ich mach mir nichts draus. Mir ist alles -gleich. Ich weiß, er liebt Mama; er hat ihr Bild geküßt; er würde jene -am anderen Morgen hinausjagen und zu Mama gehen; aber dann wäre es zu -spät, und deshalb muß man ihn jetzt retten ...« - -Zum Schluß fing ich bitterlich zu weinen an, redete aber immer weiter -und trank furchtbar viel. Von Lambert war es sehr schlau, daß er kein -einziges Mal nach dem »Dokument« fragte und wo es sei, und daß ich nun -auch mit dem Dokument herausrücken, es ihm auf den Tisch legen solle. -Was wäre natürlicher gewesen, als danach zu fragen, zumal wir doch schon -beschlossen hatten, gemeinschaftlich zu handeln? Doch wir sprachen nur -davon, daß es nötig sei, »das« zu tun, aber wo »das« geschehen sollte, -wann und wie --, davon sprachen wir auch kein Wort! Er stimmte mir in -allem fast widerspruchslos zu und wechselte dabei heimlich Blicke mit -Alphonsinka -- das war alles, was er zu tun wagte! Damals konnte ich -darüber freilich nicht nachdenken, aber ich sah es doch und habe es -behalten. - -Die Szene endete damit, daß ich bei ihm auf dem Diwan, wie ich da saß, -einschlief. Natürlich in den Kleidern. Ich schlief sehr lange und -erwachte sehr spät. Ich weiß noch, daß ich, als ich erwachte, eine -Zeitlang wie betäubt auf dem Diwan liegen blieb und mir Mühe gab, mich -dessen zu erinnern, was am Abend eigentlich geschehen war; dabei tat -ich, als ob ich immer noch schlief. Ich bemerkte bald, daß Lambert nicht -mehr im Zimmer war: er mußte ausgegangen sein. Es war schon zehn Uhr -morgens; im Ofen prasselte das Feuer, ganz wie damals, nach jener Nacht, -als ich das erstemal von Lambert in dieses Zimmer gebracht worden war. -Hinter dem Schirm aber bewachte mich Alphonsinka: das bemerkte ich -sogleich, weil sie zweimal hinter ihm hervorlugte und mich musterte, -aber ich schloß jedesmal schnell die Augen und stellte mich schlafend. -Ich tat es einerseits, weil ich noch ganz wie zerschlagen war, und -andererseits, weil ich mir meine Lage erst einmal überlegen wollte. Mit -Entsetzen erkannte ich die ganze Schändlichkeit und Sinnlosigkeit meiner -nächtlichen Beichte vor Lambert und meiner Verschwörung mit ihm; -erkannte vor allem die Tragweite meines Fehlers, daß ich ihn überhaupt -aufgesucht hatte! Aber zum Glück war das Dokument ja noch immer bei -_mir_, war ja noch immer in meiner Seitentasche eingenäht; ich fühlte -unwillkürlich mit der Hand danach -- Gott sei Dank, es war da! Also -brauchte ich jetzt nur aufzustehen und davonzulaufen; mich höchstens vor -Lambert noch zu schämen -- aber das war er ja gar nicht wert! - -Doch ich schämte mich vor mir selbst! Ich war mein eigener Richter, und --- o Gott, was ging in meiner Seele vor! Ich möchte diese höllische, -unerträgliche Pein, dieses Gefühl und Bewußtsein der eigenen -Schmutzigkeit und Gemeinheit nicht beschreiben! Doch ich muß. Ich muß -auch das aussprechen, weil, wie mir scheint, die Zeit dazu gekommen ist, -und in meinen Aufzeichnungen nichts verschwiegen werden soll. So mag man -denn wissen, daß ich _sie_ nicht etwa darum in den Schmutz ziehen und -beinahe Zeuge dessen sein wollte, wie sie Lambert den Kaufpreis zahlen -würde (oh, Niedrigkeit!) -- nicht darum, um den wahnsinnigen Werssiloff -zu retten und ihn Mama zurückzugeben, sondern darum ... weil ich selbst -in sie verliebt und eifersüchtig war! Eifersüchtig auf wen: auf Bjoring, -auf Werssiloff? Oder auf alle, die sie auf den Bällen sehen, und mit -denen sie sprechen könnte, während ich in der Ecke stand und mich meiner -selbst schämte? ... Oh, welch eine Erbärmlichkeit! - -Kurz, ich weiß nicht, auf wen ich eifersüchtig war; aber ich fühlte und -hatte mich an jenem Abend so sicher überzeugt -- wie ich sicher bin, daß -zweimal zwei vier ist -- hatte mich überzeugt, daß ich sie verloren, daß -diese Frau mich von sich stoßen und verlachen werde wegen meines -Betruges und meiner Schändlichkeit! Sie war ehrlich und aufrichtig, ich -aber -- ich war ein Spion mit unterschlagenen Dokumenten! - -Das alles habe ich seitdem in meinem Herzen geheimgehalten, aber jetzt -ist die Zeit gekommen, und -- ich ziehe die Summe. Doch wiederum und zum -letztenmal sei es gesagt: ich habe mich vielleicht um die Hälfte oder -sogar um fünfundsiebzig Prozent schlechter dargestellt, als ich war! In -jener Nacht haßte ich sie wie ein Mensch, der außer sich ist, und dann -wie ein tobender Betrunkener. Ich habe schon gesagt, daß es ein Chaos -von Gefühlen war, in denen ich mich selbst nicht zurecht fand. Aber -gleichviel, ausgesprochen mußten sie werden, weil doch ein Teil dieser -Gefühle immerhin tatsächlich vorhanden war. - -Mit unüberwindlichem Widerwillen und mit leidenschaftlichem Entschluß -alles wieder gutzumachen, sprang ich plötzlich vom Diwan auf; aber kaum -war ich aufgesprungen, da schoß auch schon Alphonsinka hinter dem Schirm -hervor. Während ich nach meinem Pelz und meiner Mütze griff, beauftragte -ich sie, Lambert zu sagen, alles, was ich gestern hier phantasiert und -zu meinem eigenen Bedauern von einer Dame Häßliches geredet hatte -- sei -nur ein Scherz von mir gewesen -- ferner: daß Lambert nicht wagen solle, -jemals noch zu mir zu kommen ... Alles das brachte ich überstürzt -hervor, auf Französisch, und wahrscheinlich recht unklar. Aber zu meiner -Verwunderung verstand Alphonsinka alles ausgezeichnet; und was am -sonderbarsten war -- sie schien sich sogar darüber zu freuen. - -»_Oui, oui_,« griff sie das Gesagte auf und nickte dazu, »_c'est une -honte! Une dame ... Oh, vous êtes généreux, vous! Soyez tranquille, je -ferai voir raison à Lambert_{[110]} ...« - -Ich blieb einen Augenblick in Zweifeln stehen, als ich diesen so -unerwarteten Umschwung in ihren Gefühlen gewahrte, und danach auf einen -solchen etwa auch bei Lambert schließen mußte. Ich sagte aber nichts und -ging schweigend hinaus; in meinem Innern war alles trübe, und ich konnte -nur mit Mühe denken. Nachher habe ich auch dieses Verhalten begriffen, -aber dann war es schon zu spät! Oh, was war das für ein teuflisches -Ränkespiel! Ich will hier die ganze Geschichte im voraus erklären, denn -sonst könnte der Leser das Weitere unmöglich verstehen. - -Schon bei meiner ersten Begegnung mit Lambert -- damals, als ich in -seiner Wohnung allmählich »aufgetaut« war -- hatte ich ihm wie ein -rechter Dummkopf anvertraut, daß ich das Dokument eingenäht in der -Brusttasche trug. Und als ich darauf auf dem Diwan für kurze Zeit -eingeschlafen war, hatte Lambert sofort die Gelegenheit benutzt, die -Tasche zu befühlen und sich davon zu überzeugen, daß tatsächlich ein -Papier in ihr eingenäht war. Auch später hatte er sich einigemal davon -überzeugen können, daß ich das Papier immer noch bei mir trug; so hatte -er mich auch während unseres Gesprächs nach dem Mittagessen im -Tatarischen Restaurant, als wir bei Miljutin Champagner tranken, ein -paarmal um die Schultern gefaßt. Und als ihm endlich die ganze -Wichtigkeit dieses Dokumentes aufgegangen war, da war in ihm ein Plan -gereift, den ich ihm nie und nimmer zugetraut hätte. Wie ein rechter -Dummkopf hatte ich mir die ganze Zeit eingebildet, er rufe mich nur zu -dem Zweck zu sich in die Wohnung, um mich ungestört überreden zu können, -mit ihm zusammen die Sache zu machen. Aber, o weh! -- er hatte es in -einer ganz anderen Absicht getan. Er hatte mich zu sich locken wollen, -um mich bis zur Besinnungslosigkeit betrunken zu machen, und, wenn ich -dann bewußtlos dalag -- mir das Dokument aus der Tasche herauszutrennen. -Und das hatten sie, er und Alphonsinka, in dieser Nacht denn auch getan. -Alphonsinka trennte die Tasche auf, und nachdem sie den Brief, _ihren -Brief_, mein Moskauer Dokument, glücklich hatten, nahmen sie einen -einfachen Bogen Postpapier von derselben Größe, legten ihn an seine -Stelle und nähten die Tasche wieder zu, als wäre nichts geschehen, so -daß ich auch nichts von der Auswechselung bemerken konnte. Alphonsinka -war es, die die Tasche wieder zunähte. Und so ging ich denn, ging ich -bis zum Schluß, also noch ganze anderthalb Tage, in dem Glauben umher, -ich, ich wäre der Besitzer des Dokuments, und Katerina Nikolajewnas -Schicksal sei immer noch in meiner Hand! - -Noch ein letztes Wort: dieser Diebstahl des Dokuments war die Ursache -des ganzen Unglücks, das nun folgte. - - - II. - -Ich stehe vor den letzten vierundzwanzig Stunden der Ereignisse, von -denen meine Aufzeichnungen handeln, also vor dem Ende des Endes. - -Es war, glaube ich, gegen halb elf, als ich angeregt und doch, wie ich -mich erinnere, seltsam zerstreut, aber mit einem endgültigen Entschluß -im Herzen, in meine Wohnung gelangte. Ich hatte es nicht eilig, ich -wußte schon, wie ich handeln würde. Und plötzlich, ich war kaum in unser -Vorzimmer getreten, begriff ich sofort, daß ein neues Unglück -hereingebrochen und die Sache noch unvergleichlich verwickelter geworden -war: der alte Fürst, den sie soeben aus Zarskoje Sselo nach Petersburg -gebracht hatten, befand sich in unserer Wohnung, und Anna Andrejewna war -bei ihm! - -Sie hatten ihn nicht bei mir untergebracht, sondern in zwei Zimmern der -Wohnung meiner Wirtsleute, die unmittelbar an mein Zimmer stießen. Es -waren dort schon am Tage vorher, wie ich später sah, gewisse -Veränderungen und Verschönerungen vorgenommen worden, übrigens nur ganz -unwichtige. Mein Wirt war mit seiner Frau in das kleine Zimmer seines -rechthaberischen pockennarbigen Mieters, von dem schon einmal die Rede -gewesen ist, übergesiedelt, dieser aber war für die Zeit anderweitig -untergebracht worden -- wo, weiß ich leider nicht. - -Mein Wirt empfing mich und schlüpfte gleich hinter mir in mein Zimmer. -Er sah nicht so selbstsicher drein wie tags zuvor auf der Treppe, war -aber in einem sozusagen sehr belebten Zustande und ganz auf der Höhe der -Umstände. Ich sagte kein Wort zu ihm, trat aber, die Stirn in die Hände -gepreßt, in die Ecke und stand so vielleicht eine Minute. Er dachte -zunächst, ich »stellte mich nur so an«, dann aber wurde er doch etwas -ungeduldig, und schließlich erschrak er. - -»Ist Ihnen etwas nicht recht?« fragte er ungewiß. Als er sah, daß ich -nicht Miene machte, zu antworten, begann er: »Ich hab' nämlich auf Sie -gewartet, um Sie zuvor zu fragen, ob Sie nicht wünschen, daß diese Tür -hier aufgemacht werde, damit Sie mit den fürstlichen Gemächern verbunden -sind ... und nicht über den Korridor zu gehen brauchen?« Er deutete auf -die verschlossene Seitentür, die zu den Zimmern führte, in denen er -sonst wohnte, und die jetzt der Fürst einnahm. - -»Also hören Sie, Pjotr Ippolitowitsch,« wandte ich mich mit strenger -Miene an ihn, »ich bitte Sie, so freundlich zu sein, zu Anna Andrejewna -zu gehen und ihr zu sagen, daß ich sie zu einer sofortigen Unterredung -zu mir bäte. Sind sie schon lange hier?« - -»Ja, wohl schon eine ganze Stunde.« - -»Also gehen Sie.« - -Er ging und brachte mir die sonderbare Antwort, daß Anna Andrejewna und -der Fürst Nikolai Iwanowitsch mich mit Ungeduld erwarteten. Das -bedeutete, daß Anna Andrejewna nicht zu mir kommen wollte. Ich brachte -meine Kleider in Ordnung, bürstete meinen Rock, in dem ich in der Nacht -geschlafen hatte, wusch mich, kämmte mich, tat aber alles ohne Hast, und -ging endlich mit dem Bewußtsein, daß ich die größte Vorsicht beobachten -mußte, zu dem alten Herrn. - -Der Fürst saß auf dem Sofa hinter dem runden Tisch, und Anna Andrejewna -stand am anderen Ende des Zimmers an einem zweiten mit einem sauberen -Tischtuch bedeckten Tisch, auf dem die so blank wie noch nie geputzte -Teemaschine der Wirtsleute stand, und bereitete für ihn den Tee. Ich -trat mit demselben strengen Gesicht ins Zimmer; der alte Fürst, der das -sofort bemerkte, fuhr nur so zusammen, und das Lächeln in seinem Gesicht -verwandelte sich im Nu in einen Ausdruck des Schrecks: aber da konnte -ich meinem Vorsatz nicht treu bleiben und streckte ihm lachend beide -Hände entgegen. Der arme Fürst stürzte sich wie erlöst in meine Arme. - -Natürlich begriff ich sofort, was für einen Menschen ich vor mir hatte. -Erstens wurde es mir sonnenklar, daß man aus jenem alten Herrn, der -sogar noch ganz rüstig und immerhin noch ganz bei Vernunft gewesen war, -und der doch immer noch einen gewissen, gleichviel was für welchen, aber -jedenfalls noch einen gewissen Charakter besessen hatte, inzwischen, d. -h. in der Zeit, solange ich mit ihm nicht mehr zusammengekommen war, so -etwas wie eine Mumie oder ein ängstliches, mißtrauisches Kind gemacht -hatte. Ich füge hinzu: er wußte ganz genau, zu welchem Zweck er hierher -gebracht worden war, es war alles genau so geschehen, wie ich -vorgreifend schon erzählt habe. Man hatte ihn plötzlich, ohne jede -Vorbereitung, mit der angeblichen Tatsache des Verrats seiner Tochter -und ihrer Absicht, ihn in eine Irrenanstalt zu bringen, überrascht, -erschreckt, niedergeschmettert und um jede Überlegung gebracht. Er hatte -sich dann entführen lassen, vor Angst kaum dessen sich bewußt, was er -tat. Man hatte ihm gesagt, der Besitzer der Beweise sei -- ich, ich -hätte den Schlüssel zur endgültigen Entscheidung in der Hand. Es sei -hier gleich bemerkt, daß gerade diese »endgültige Entscheidung« und der -»Schlüssel« ihn am meisten erschreckt hatten. Deshalb hatte er denn auch -nichts anderes erwartet, als daß ich mit einem Urteilsspruch auf der -Stirn und einem großen Schriftstück in der Hand bei ihm eintreten werde, -und um so größer war natürlich seine Freude, als er sah, daß ich -vorläufig noch wie früher harmlos lachen und von allen möglichen anderen -Dingen plaudern konnte. Als wir uns umarmten, rollten ihm die hellen -Tränen über die Wangen. Ich muß gestehen, auch mir wurden die Augen -feucht: er tat mir auf einmal so leid ... Alphonsinkas kleines Hündchen -kläffte mich vom Sofa her mit dünnem Stimmchen ganz außer sich an, wagte -aber trotz aller Aufregung doch nicht, vom Sofa herabzuspringen. Von -diesem winzigen Hündchen trennte sich der Fürst überhaupt nicht mehr, -nachdem er es gekauft hatte; es schlief sogar bei ihm. - -»_Oh, je disais qu'il a du coeur!_«{[111]} wandte er sich zu Anna -Andrejewna und wies dabei auf mich. - -»Wie Sie sich erholt haben, Fürst, wie frisch und gesund Sie aussehen!« -sagte ich. Aber ach! -- genau das Gegenteil war der Fall: er sah, wie -gesagt, eher nach einer Mumie aus. Ich sagte ihm das nur so, um ihm -etwas Angenehmes zu sagen. - -»_N'est-ce pas, n'est-ce pas?_«{[112]} griff er freudig meine Bemerkung -auf. »Oh, meine Gesundheit hat sich erstaunlich gebessert.« - -»Lassen Sie sich bitte nicht stören, trinken Sie nur Ihren Tee, und wenn -ich auch eine Tasse bekommen könnte, so würde ich Ihnen Gesellschaft -leisten.« - -»Vorzüglich! >Lasset uns trinken und fröhlich sein ...< oder wie die -Verse da heißen. Anna Andrejewna, geben Sie ihm auch welchen; _il prend -toujours par les sentiments_{[113]} ... geben Sie uns beiden Tee, meine -Liebe!« - -Anna Andrejewna reichte uns den Tee, plötzlich aber wandte sie sich zu -mir und begann mit außerordentlicher Feierlichkeit: - -»Arkadi Makarowitsch, wir beide, ich und mein Wohltäter, Fürst Nikolai -Iwanowitsch, haben unsere Zuflucht zu Ihnen genommen. Ich will damit nur -gesagt haben, daß wir zu Ihnen gekommen sind, zu Ihnen allein, und daß -wir beide Sie um Ihre Hilfe bitten. Vergessen Sie nicht, daß das -Schicksal dieses heiligen, dieses edlen und von aller Welt verratenen -Mannes in Ihren Händen liegt ... Von Ihrem ehrlichen Herzen erwarten wir -die Entscheidung! ...« - -Aber sie konnte nicht zu Ende sprechen; der Fürst erschrak dermaßen, daß -er am ganzen Leibe zitterte: - -»_Après, après, n'est-ce pas? Chère amie!_«{[114]} unterbrach er sie mit -flehend erhobenen Händen. - -Ich kann gar nicht sagen, wie unangenehm ihre Herausforderung auch auf -mich wirkte. Ich antwortete ihr nichts darauf und begnügte mich mit -einer kalten und gemessenen Verbeugung; ich setzte mich an den Tisch und -begann sofort absichtlich von etwas anderem zu sprechen, von -irgendwelchen Dummheiten; ich lachte und machte Witze ... Der Alte war -mir augenscheinlich sehr dankbar dafür und geriet alsbald in eine -gehobene Stimmung. Aber seine Heiterkeit schien doch, obgleich er sich -ihr mit ganzem Herzen hingab, gewissermaßen unsicher zu sein, und es war -zu befürchten, daß sie plötzlich einer vollkommenen Niedergeschlagenheit -weichen werde; das sah man auf den ersten Blick. - -»_Cher enfant_, ich habe gehört, du wärest krank gewesen ... Ach, -pardon! Das war ja ein anderer. Aber von dir habe ich gehört, du -beschäftigtest dich mit Spiritismus?« - -»Nicht gedacht habe ich daran!« lächelte ich. - -»Nicht? Aber wer hat mir denn vom Spiritismus gesprochen?« - -»Das war vorhin unser Beamter, Pjotr Ippolitowitsch,« erklärte ihm Anna -Andrejewna, »er ist ein sehr lustiger Mensch und kennt eine Menge -Anekdoten; soll ich ihn rufen?« - -»_Oui, oui, il est charmant_{[115]} ... er kennt eine Menge Anekdoten -... aber rufen wir ihn lieber nicht. Wir können ihn später rufen, und er -wird uns alles erzählen, _mais après_.{[116]} Stell dir vor, hier wird -vorhin der Tisch gedeckt, er aber sagt plötzlich: >Seien Sie unbesorgt, -er fliegt nicht weg, wir sind keine Spiritisten!< Sag doch, _cher -enfant_, fliegen denn bei den Spiritisten wirklich die Tische in die -Luft?« - -»Das weiß ich nicht; man sagt allerdings, sie erhöben sich mit allen -vier Füßen in die Luft.« - -»_Mais c'est terrible ce que tu dis_,«{[117]} sagte er und sah mich -erschrocken an. - -»Oh, beunruhigen Sie sich nicht, das ist ja alles Unsinn.« - -»Das hab' ich ja auch gesagt. Nastassja Stepanowna Ssolomejeff ... du -kennst sie ja ... ach nein, du kennst sie nicht ... stelle dir vor, sie -glaubt auch an den Spiritismus, und stellen Sie sich vor, _chère -enfant_,«{[118]} wandte er sich an Anna Andrejewna, »ich habe zu ihr -gesagt: in den Ministerien stehen doch auch Tische, und auf ihnen liegen -doch je acht Paar Beamtenhände, die ewig Papier beschreiben -- warum -tanzen denn da nicht die Tische? Stell dir doch nur vor, wie das wäre, -wenn sie plötzlich zu tanzen anfingen! Eine Revolte der Tische im -Ministerium der Finanzen oder der Volksaufklärung -- das fehlte uns -noch!« - -»Was für nette Sachen Sie sagen, Fürst, ganz wie früher,« rief ich und -gab mir Mühe, recht herzlich zu lachen. - -»_N'est-ce pas? Je ne parle pas trop, mais je dis bien._«{[119]} - -»Ich werde Pjotr Ippolitowitsch herbitten,« sagte Anna Andrejewna und -erhob sich. - -Aus ihrem Gesicht sprach die größte Zufriedenheit: meine -Liebenswürdigkeit dem Alten gegenüber freute sie. Aber kaum war sie -hinausgegangen, als das Gesicht des Fürsten sich sofort veränderte. Er -blickte nach der Tür und nach allen Seiten, beugte sich auf dem Sofa zu -mir vor und flüsterte mit angstvoller Stimme: - -»_Cher ami!_ Oh, wenn ich sie doch beide hier zusammen sehen könnte! Oh, -_cher enfant_!« - -»Beruhigen Sie sich, Fürst ...« - -»Ja, ja, aber ... wir werden sie versöhnen, _n'est-ce pas_?{[112]} Ein -so leerer und kleinlicher Streit zwischen zwei so wertvollen Frauen, -_n'est-ce pas_? Du bist meine letzte Hoffnung ... Wir werden alles in -Ordnung bringen ... Aber was ist das hier für eine sonderbare Wohnung,« -sagte er plötzlich und blickte ängstlich um sich, »und weißt du, dieser -Wirt ... er hat so ein Gesicht ... Sag' doch: ist er nicht gefährlich?« - -»Der Wirt? O nein, inwiefern könnte er denn gefährlich sein?« - -»_C'est ça._ Um so besser. _Il semble qu'il est bête, ce gentilhomme. -Cher enfant_,{[120]} sag' es um Gottes willen nicht Anna Andrejewna, daß -ich mich hier vor allem fürchte! Ich habe nämlich hier alles sehr schön -gefunden, vom ersten Schritt an, auch den Wirt habe ich gelobt ... Höre, -du kennst doch die Geschichte von dem kürzlich ermordeten von Sohn -- -erinnerst du dich?« - -»Was ist denn damit?« - -»_Rien, rien du tout ... Mais je suis libre ici, n'est-ce pas?_{[121]} -Was meinst du, hier kann mir doch nichts geschehen ... etwas von der -Art?« - -»Aber ich versichere Sie, mein Lieber ... wie können Sie so etwas nur -denken!« - -»_Mon ami! Mon enfant!_« rief er plötzlich und rang die Hände, ohne -seine Angst noch zu verbergen. »Wenn du wirklich im Besitz von -irgendwelchen Dokumenten bist ... wenn du mir wirklich etwas zu sagen -haben solltest, so sag' es lieber nicht: sag' mir um Gottes willen -nichts davon ... schweig', so lange du noch irgend kannst ...« - -Er wollte sich erheben und mich umarmen, Tränen rollten über sein -Gesicht; ich kann gar nicht beschreiben, wie mein Herz sich -zusammenkrampfte: der arme Alte war wie ein schwaches, bedauernswertes, -erschrockenes Kind, das Zigeuner aus dem Elternhause gestohlen und zu -fremden Leuten entführt hatten. Doch zu unserer Umarmung kam es nicht: -die Tür öffnete sich, und Anna Andrejewna erschien, aber nicht mit dem -Wirt, sondern mit ihrem Bruder, dem Kammerjunker. Diese Überraschung -betäubte mich förmlich; ich erhob mich und ging zur Tür. - -»Arkadi Makarowitsch, erlauben Sie, daß ich Sie bekannt mache ...,« -sagte Anna Andrejewna mit lauter Stimme, so daß ich gezwungen war, -stehen zu bleiben. - -»Ich kenne Ihren Bruder _nur zu gut_,« sagte ich, indem ich jedes Wort -langsam aussprach und mit besonderer Betonung der Worte »nur zu gut«. - -»Ach, es handelte sich damals um einen unverzeihlichen Irrtum! Und ich -be--dau--ere ihn so sehr, lieber Andr... Andrei Makarowitsch,« begann -der junge Mensch, kam mit ganz außerordentlich liebenswürdigem Ausdruck -auf mich zu und ergriff meine Hand, die ich ihm leider nicht mehr -entziehen konnte -- »an allem war nur mein Stepan schuld: er hatte Sie -mir damals so dumm gemeldet, daß ich Sie für einen anderen hielt, -- das -war in Moskau,« erklärte er seiner Schwester. »Nachher wollte ich Sie -unbedingt aufsuchen und Ihnen das Mißverständnis erklären, aber da -erkrankte ich. Bitte, fragen Sie doch meine Schwester, ob es wahr ist. -_Cher prince, nous devons être amis même par droit de naissance_{[122]} -...« - -Und der unverschämte junge Mann wagte es sogar, den Arm um meine -Schultern zu legen, was denn doch der Gipfel dieser frechen Familiarität -war. Ich trat zur Seite und zog es vor, da ich mich verwirrt fühlte, -ohne ein Wort der Erwiderung hinauszugehen. In meinem Zimmer setzte ich -mich erregt und in Gedanken auf mein Bett. Die Intrige würgte mich -geradezu, aber es war mir trotzdem unmöglich, Anna Andrejewna nun -einfach fallen zu lassen. Ich fühlte plötzlich, daß auch sie mir teuer -war, und daß sie sich in einer schrecklichen Lage befand. - - - III. - -Wie ich es nicht anders erwartet hatte, kam sie selbst in mein Zimmer -und ließ den Fürsten in der Gesellschaft ihres Bruders, der ihm sofort -die neuesten Klatschgeschichten aus der Gesellschaft erzählte und damit -den neugierigen Alten von anderen Gedanken ablenkte. Ich erhob mich -schweigend von meinem Bett und sah sie fragend an. - -»Ich habe Ihnen bereits alles gesagt, Arkadi Makarowitsch,« begann sie -ohne weiteres, »unser Schicksal ist in Ihren Händen.« - -»Aber auch ich habe Ihnen doch gesagt, daß es mir unmöglich ist ... Die -heiligsten Gefühle verbieten mir, das zu tun, worauf Sie rechnen ...« - -»Wirklich? Ist das Ihre ganze Antwort? Nun gut, mag ich zugrunde gehen, -aber was soll aus ihm werden? Was glauben Sie denn: er wird doch noch -heute abend den Verstand verlieren!« - -»Nein, aber er würde den Verstand verlieren, wenn ich ihm den Brief -seiner Tochter zeigte, in dem sie einen Juristen fragt, wie man ihren -Vater entmündigen und für irrsinnig erklären könnte!« rief ich heftig. -»Das wäre es, was ihn um den Verstand bringen würde! Und außerdem würde -er sich von diesem Brief niemals überzeugen lassen -- das hat er mir -bereits selbst gesagt!« Die letzte Bemerkung, er selbst hätte mir das -gesagt, stimmte zwar nicht ganz, aber diese Verdeutlichung schien mir -geboten. - -»Das hat er Ihnen schon gesagt? Ich habe es mir ja gedacht! In dem Fall -bin ich verloren; er hat auch bereits geweint und nach Hause verlangt.« - -»So sagen Sie mir doch, worin besteht denn Ihr Plan?« fragte ich sie -rücksichtslos. Sie wurde rot -- wohl aus gekränktem Hochmut -- nahm sich -aber zusammen und sagte: - -»Wenn wir diesen Brief seiner Tochter in der Hand haben, sind wir vor -der Welt gerechtfertigt. Ich werde dann sofort zum Fürsten W. schicken -und zu Boris Michailowitsch Pelischtschoff, seinen Jugendfreunden; sie -sind beide sehr angesehene, einflußreiche Persönlichkeiten, deren Wort -in der Gesellschaft sehr viel gilt, und ich weiß, daß sie schon vor zwei -Jahren manche Handlungen seiner mitleidslosen, selbstsüchtigen Tochter -verurteilt haben. Sie würden natürlich, auf meine Bitte hin, den Vater -mit der Tochter wieder versöhnen, weil ich selbst darauf bestehen werde; -aber die Lage der Verhältnisse würde dann eine vollkommen andere sein. -Außerdem würden dann, wie ich hoffe, auch meine Verwandten, die -Fanariotoffs, sich entschließen, meine Rechte zu unterstützen. Aber für -mich kommt es an erster Stelle auf sein Glück an; er soll endlich -begreifen und wissen, wer ihm wahrhaft ergeben ist. Zweifellos rechne -ich dabei am meisten auf Ihren Einfluß, Arkadi Makarowitsch: Sie lieben -ihn doch so ... Und wer liebt ihn denn, außer Ihnen und mir? Er hat in -den letzten Tagen nur von Ihnen gesprochen: er hat sich nach Ihnen -geradezu gesehnt, nach seinem >jungen Freund<, wie er Sie nennt ... Und -es versteht sich von selbst, daß meine Dankbarkeit in meinem ganzen -Leben Ihnen gegenüber keine Grenzen kennen wird ...« - -Damit spielte sie wohl gar auf eine Belohnung an -- in Geld womöglich. - -Ich fiel ihr schroff ins Wort: - -»Was Sie mir da auch sagen mögen -- ich kann nicht!« erwiderte ich mit -unerschütterlicher Entschlossenheit. »Ich kann Ihnen nur mit derselben -Aufrichtigkeit antworten und Ihnen meinen letzten Entschluß kundtun: ich -werde in der allernächsten Zeit diesen unseligen Brief Katerina -Nikolajewna selbst einhändigen, aber nur unter der Bedingung, daß sie -mir ihr Wort gibt, aus dieser ganzen Geschichte keinen Skandal zu machen -und Ihrem Glück nicht im Wege zu stehen. Das ist alles, was ich tun -kann.« - -»Das ist ausgeschlossen!« sagte sie und wurde über und über rot. - -Der bloße Gedanke, daß Katerina Nikolajewna sie _schonen_ könnte, -empörte sie schon. - -»Ich werde meinen Entschluß nicht ändern, Anna Andrejewna.« - -»Vielleicht ändern Sie ihn doch.« - -»Wenden Sie sich an Lambert.« - -»Arkadi Makarowitsch, Sie wissen nicht, welches Unglück Sie durch Ihren -Eigensinn heraufbeschwören,« sagte sie hart und erbittert. - -»Ein Unglück wird es schon geben -- das ist sicher ... mir schwindelt -der Kopf. Genug: ich habe so beschlossen, und daran ist nicht zu rühren. -Und bringen Sie um Gottes willen nicht Ihren Bruder zu mir.« - -»Aber er will doch gerade gutmachen ...« - -»Hier ist nichts gutzumachen nötig! Ich brauche das nicht, ich will -nicht, ich will nicht!« rief ich und griff mir an den Kopf. (Oh, -vielleicht bin ich mit ihr doch gar zu hochmütig verfahren!) »Übrigens, -wo wird der Fürst heute übernachten? Doch nicht etwa hier?« - -»Er wird hier übernachten, bei Ihnen und mit Ihnen.« - -»Ich ziehe noch heute abend in eine andere Wohnung!« - -Und nach diesen erbarmungslosen Worten nahm ich meine Mütze und zog mir -den Pelz an. Anna Andrejewna betrachtete mich schweigend und kalt. Sie -tat mir leid, -- oh, es tat mir leid um dieses stolze Mädchen! Aber ich -lief aus der Wohnung und ließ sie ohne ein Wort zurück, das ihr noch -hätte Hoffnung geben können. - - - IV. - -Ich will mich möglichst kurz fassen. Mein Entschluß war -unerschütterlich, und ich machte mich sogleich auf den Weg zu Tatjana -Pawlowna. O weh! Ein großes Unglück wäre verhütet worden, wenn ich sie -damals zu Hause getroffen hätte; aber es war wie vom Schicksal -vorgesehen, daß mir an diesem Tage alles mißlang. Ich ging natürlich -auch zu Mama, erstens um mich nach ihr, der Armen, zu erkundigen, und -zweitens, weil ich sicher war, Tatjana Pawlowna dort anzutreffen. Aber -auch bei Mama traf ich sie nicht an: sie war gerade fortgegangen, man -wußte nicht, wohin; nur Lisa war bei Mama, die krank zu Bett lag. Lisa -bat mich, nicht hineinzugehen und Mama nicht zu wecken: »Sie hat die -ganze Nacht nicht geschlafen und sich gequält; Gott sei Dank, daß sie -wenigstens jetzt eingeschlafen ist.« Ich umarmte Lisa und sagte ihr nur -in ein paar Worten, daß ich einen großen, schwerwiegenden Entschluß -gefaßt hätte und ihn sogleich ausführen würde. Sie hörte mich ohne -besondere Verwunderung an, als hätte ich etwas ganz Gewöhnliches gesagt. -Oh, sie hatten sich damals schon alle daran gewöhnt, daß ich »große -Entschlüsse« faßte und sie dann kleinmütig aufgab! Diesmal aber -- -diesmal war es etwas anderes! Ich begab mich zunächst in die -Kellerwirtschaft am Kanal und setzte mich dort hin, um die Zeit -abzuwarten, bis ich Tatjana Pawlowna voraussichtlich zu Hause antreffen -konnte. Übrigens muß ich noch erklären, wozu ich diese Dame gerade jetzt -so notwendig brauchte. - -Ich wollte sie sogleich zu Katerina Nikolajewna schicken, um sie in -ihre, Tatjana Pawlownas, Wohnung bitten zu lassen und ihr dann in -Tatjana Pawlownas Gegenwart das Dokument zu übergeben und alles ein für -allemal zu erklären ... Kurz, ich wollte nur meine Pflicht tun; und ich -wollte mich zugleich ein für allemal rechtfertigen. Und wenn das -geschehen war, wollte ich unbedingt und mit aller Dringlichkeit, zu Anna -Andrejewnas Gunsten sprechen, und dann, wenn möglich, Katerina -Nikolajewna und Tatjana Pawlowna gleich zu mir führen, oder vielmehr zum -alten Fürsten, die beiden Feindinnen versöhnen, den Fürsten aus seiner -Pein erlösen und ... und ... kurz, alle diese Menschen noch heute -glücklich machen, -- wenigstens diesen kleinen Kreis, so daß dann nur -noch Werssiloff und Mama übrigblieben. An dem Gelingen meines Vorhabens -zweifelte ich keinen Augenblick: Katerina Nikolajewna konnte mir in -ihrer Dankbarkeit für die Rückgabe des Briefes, für die ich von ihr -nichts verlangen wollte, eine solche Bitte nicht abschlagen. O weh! Ich -glaubte mich ja immer noch im Besitze dieses unseligen Briefes! Oh, in -was für einer dummen und unwürdigen Lage ich mich damals befand, ohne es -selbst zu ahnen! - -Es dämmerte bereits, und die Uhr war schon vier, als ich wieder bei -Tatjana Pawlowna klingelte. Marja, ihre Köchin, antwortete mir auf meine -Frage in unhöflichem Tone, sie wäre »nicht gekommen«. Ich muß jetzt -wieder an den eigentümlichen Blick denken, mit dem Marja mich lauernd -ansah, aber damals konnte ich natürlich noch keinen Verdacht schöpfen. -Statt dessen stach mich plötzlich ein anderer Gedanke: als ich geärgert -und ein wenig niedergeschlagen die Treppe wieder hinunterstieg, fiel mir -der arme alte Fürst ein, der vorhin die Arme nach mir ausgestreckt hatte --- und ich bereute schmerzlich, daß ich ihn verlassen hatte, vielleicht -sogar nur aus persönlichen Gründen und gekränktem Ichgefühl. Beunruhigt -malte ich mir aus, was ihm da alles während meiner Abwesenheit -zugestoßen sein konnte, und begab mich schleunigst nach Haus. Zu Hause -war jedoch inzwischen folgendes geschehen: - -Anna Andrejewna hatte trotz ihrer Enttäuschung und ihres Zornes den Mut -noch nicht verloren. Nebenbei bemerkt: sie hatte schon am Morgen nach -Lambert geschickt und dann noch einmal, und da Lambert beide Male nicht -zu Hause gewesen war, hatte sie schließlich ihren Bruder ausgeschickt, -ihn zu suchen. Es war der Armen nach meinem Widerstand eben nichts -anderes verblieben, als ihre ganze Hoffnung auf Lambert und seinen -Einfluß auf mich zu setzen. So erwartete sie ihn denn mit Ungeduld und -wunderte sich nur, daß er, der bis dahin unablässig um sie herum gewesen -war, sich plötzlich überhaupt nicht mehr sehen ließ. Aber wie hätte sie -auch ahnen können, daß Lambert als Besitzer des Dokuments bereits ganz -andere Pläne hatte und sich natürlich mit Absicht nicht mehr sehen ließ -und sich vor ihr verbarg. In dieser Unruhe und wachsenden Angst war Anna -Andrejewna kaum fähig gewesen, den alten Fürsten zu zerstreuen. Dabei -hatte sich seine Aufregung in geradezu beängstigendem Maße gesteigert: -er stellte seltsame und angstvolle Fragen, begann sogar, sie mißtrauisch -zu betrachten und weinte ein paarmal. Der junge Werssiloff war nicht -lange bei ihm geblieben, und Anna Andrejewna hatte dann Pjotr -Ippolitowitsch zu ihm gebracht, von dessen Unterhaltungskunst sie sich -viel versprach, aber seine Unterhaltung hatte dem Fürsten nicht nur -nicht gefallen, sondern zum Schluß sogar seinen Widerwillen erregt. -Überhaupt begann der Fürst meinen Pjotr Ippolitowitsch mit wachsendem -Mißtrauen und sonderbarem Verdacht zu beobachten. Mein Wirt aber mußte -zum Unglück richtig wieder vom Spiritismus sprechen, mußte von -irgendeinem Schwarzkünstler und dessen haarsträubenden Wunderstückchen -erzählen, die er selbst gesehen zu haben behauptete: nämlich wie dieser -angereiste Scharlatan angeblich vor dem gesamten Publikum mehreren -Menschen die Köpfe abgeschnitten hätte, daß das Blut nur so in Strömen -geflossen wäre, was alle gesehen hätten: und dann hätte er die Köpfe -wieder auf die Hälse gesetzt, und sie wären alle wieder angewachsen, -gleichfalls vor besagtem Publikum, und alles das wäre geschehen im Jahre -achtzehnhundertundneunundfünfzig. Der Fürst erschrak darüber so und -geriet dabei, Gott weiß weshalb, in solche Wut, daß Anna Andrejewna sich -genötigt sah, den Erzähler schleunigst zu entfernen. Zum Glück wurde in -dem Augenblick das Mittagessen gebracht, das schon tags vorher (durch -Lamberts und Alphonsinkas Vermittlung) bei einem vorzüglichen -französischen Koch bestellt worden war, der zufällig stellungslos in der -Nähe wohnte und gerade eine neue Stellung in einem vornehmen, reichen -Hause oder in einem Klub suchte. Das Essen und der Champagner, den es -dazu gab, versetzten den alten Herrn in die beste Laune: er aß mit Genuß -und scherzte sogar. Nach dem Essen wurde er natürlich müde und -schläfrig, und da er nach Tisch immer ein wenig zu schlafen pflegte, so -richtete Anna Andrejewna ihm das Bett her. Vor dem Einschlafen küßte er -ihr immer noch die Hände, sagte ihr, sie sei sein Paradies, seine -Hoffnung, seine »Houri«, seine »Goldene Blume« -- kurz, er erging sich -in den orientalischsten Lobpreisungen. Schließlich schlief er ein, kurz -bevor ich zurückkehrte. - -Anna Andrejewna trat eilig in mein Zimmer, faltete die Hände vor mir und -sagte, sie beschwöre mich, nicht um ihretwillen, sondern um des Fürsten -willen, die Wohnung nicht wieder zu verlassen, und wenn er aufwachte, zu -ihm hinüberzugehen. »Ohne Sie ist er verloren, er kann einen Nervenchok -bekommen; ich fürchte sogar, daß er es nicht einmal bis zum Abend -aushält ...« Sie fügte hinzu, sie selbst müsse jetzt unbedingt ausgehen, -und »es könnte sein«, daß sie nicht vor zwei Stunden zurückkehren werde; -so müsse sie den Fürsten ganz unter meinen Schutz stellen. Ich gab ihr -sogleich mit größter Bereitwilligkeit mein Wort, bis zum Abend zu Hause -zu bleiben, und wenn er aufwachte, mich nach Kräften zu bemühen, ihn zu -zerstreuen. - -»Und ich werde meine Pflicht tun!« sagte sie entschlossen. Sie ging. Ich -will dem Leser auch gleich mitteilen, weshalb sie ausging: sie wollte -Lambert suchen: auf ihn setzte sie ihre letzte Hoffnung; außerdem fuhr -sie zu ihrem Bruder und zu ihren Verwandten, den Fanariotoffs; man kann -sich also denken, in was für einer Stimmung sie zurückkehren mußte. - -Der Fürst erwachte ungefähr nach einer Stunde. Ich hörte sein Stöhnen -durch die Wand und lief sofort zu ihm: ich fand ihn auf dem Bett -sitzend, im Schlafrock, aber dermaßen erschreckt durch die Einsamkeit, -das Licht der einsamen Lampe und das fremde Zimmer, daß er, als ich -eintrat, zusammenfuhr, aufsprang und aufschrie. Ich trat schnell auf ihn -zu, und als er mich erkannte, fiel er mir mit Tränen der Freude um den -Hals. - -»Du bist's! _Cher enfant!_ -- Stell dir vor, man sagte mir, du wärest in -eine andere Wohnung übergesiedelt, hättest Angst bekommen und wärest -davongelaufen.« - -»Wer hat Ihnen das sagen können?« - -»Wer? Hm ... vielleicht hab' ich es mir selbst ausgedacht, aber -vielleicht hat es mir auch wirklich jemand gesagt. Stell' dir vor, ich -hab' soeben einen Traum gehabt: es kam ein alter Mann mit einem großen -Bart und einem Heiligenbild zu mir, einem in zwei Stücke gespaltenen -Heiligenbild, und auf einmal sagte er: >So wird sich auch dein Leben -spalten!<« - -»Ach Gott, Sie haben gewiß von irgend jemand gehört, daß Werssiloff -gestern das Heiligenbild zerschlagen hat?« - -»_N'est-ce pas?_{[112]} Ich glaube auch, daß ich es gehört habe. Ja, -richtig, ich habe es heute morgen von Darja Onissimowna gehört, als sie -mein Hündchen und meinen Koffer herbrachte.« - -»Nun und da hat Ihnen denn jetzt davon geträumt.« - -»_Eh bien_;{[123]} und stell dir vor, dieser alte Mann hat mir immer mit -dem Finger gedroht. -- Wo ist Anna Andrejewna?« - -»Sie wird gleich zurückkehren.« - -»Woher? Ist sie denn auch fortgefahren?« fuhr er erschrocken auf. - -»Nein, nein, sie wird sofort wieder da sein; sie hat mich gebeten, so -lange bei Ihnen zu bleiben.« - -»_Oui_, zu bleiben. Hm ... Also unser Andrei Petrowitsch ist verrückt -geworden ... >wie plötzlich doch und unverhofft!< Ich hab's ihm ja immer -prophezeit, daß er damit enden werde. _Mon ami_, weißt du ...« Er faßte -mich plötzlich am Rock und zog mich näher zu sich. - -»Der Wirt hier,« flüsterte er, »der hat mir vorhin Photographien -gebracht, ganz abscheuliche Photographien nackter Weiber in -verschiedenen orientalischen Stellungen, und er hat sie mir durch ein -Glas gezeigt. Ich, weißt du, ich nahm mich zusammen und sagte, ich fände -sie sehr schön, aber hat man nicht auch zu jenem Unglücklichen gemeine -Weiber gebracht, um ihn bequemer betrunken machen zu können? ...« - -»Ach, Sie denken schon wieder an Herrn von Sohn![17] Aber ich bitte Sie, -Fürst! Der Wirt ist ein Dummkopf und weiter nichts!« - -»Ein Dummkopf und weiter nichts! _C'est mon opinion! Mon ami_,{[124]} -wenn du kannst, so rette mich und bring mich fort von hier!« bat er mich -plötzlich mit flehend erhobenen Händen. - -»Fürst, ich werde alles für Sie tun, alles, was nur in meinen Kräften -steht! Ich bin Ihnen ganz und gar ergeben ... Mein lieber Fürst, haben -Sie nur noch ein wenig Geduld, und ich werde alles in Ordnung bringen!« - -»_N'est-ce pas?_{[112]} Wir nehmen einfach unsere Sachen und laufen -davon, aber den Koffer lassen wir hier, so zum Schein, weißt du, damit -er glaubt, wir kämen wieder.« - -»Wohin sollen wir laufen? Und Anna Andrejewna?« - -»Nein, nein, zusammen mit Anna Andrejewna ... _Oh, mon cher_, in meinem -Kopf geht alles durcheinander ... Wart mal ... dort in meinem -Handkoffer, rechts, ist Katjäs Bild -- ich habe es heute morgen heimlich -hineingesteckt, damit Anna Andrejewna und besonders diese Darja -Onissimowna es nicht bemerkten -- gib es mir her, um Christi willen, -aber schnell, damit sie uns nicht überraschen ... Kann man die Tür nicht -verriegeln?« - -In der Tat fand ich in seinem Handkoffer eine Photographie von Katerina -Nikolajewna in einem ovalen Rahmen. Er nahm sie in die Hand, hielt sie -ans Licht, und plötzlich rollten Tränen über seine gelben, hageren -Wangen. - -»_C'est un ange, c'est un ange du ciel!_«{[125]} rief er aus. »Mein -ganzes Leben lang bin ich vor ihr schuldig gewesen ... und jetzt erst! -_Chère enfant_, ich glaube ihnen nichts, nichts glaube ich ihnen! _Mon -ami_, sag' mir doch: ist es denn denkbar, daß sie mich ins Irrenhaus -sperren wollen? _Je dis des choses charmantes et tout le monde -rit_{[126]} ... und einen solchen Menschen will man plötzlich ins -Irrenhaus stecken!« - -»Aber daran denkt ja kein Mensch!« rief ich aus. »Das ist ein Irrtum! -Ich kenne ihre Gefühle!« - -»Und du kennst auch ihre Gefühle? Das ist gut! _Mon ami_, du hast mich -von den Toten auferweckt! Wie haben sie mir denn das alles von dir -vorerzählt? _Mon ami_, rufe Katjä her, sie sollen sich hier beide vor -mir küssen, und ich werde sie wieder nach Hause bringen, und den Wirt, -den verjagen wir einfach!« - -Er erhob sich, streckte die Hände aus und fiel vor mir nieder: - -»_Cher_,« lispelte er in sinnloser Angst und zitterte wie ein -Espenblatt, »_mon ami_, sage mir die ganze Wahrheit: wohin wird man mich -jetzt bringen?« - -»Mein Gott!« rief ich erschrocken, hob ihn auf und legte ihn aufs Bett. -»Schließlich werden Sie auch mir nicht mehr glauben, werden denken, daß -auch ich zur Verschwörung gehöre? Ich werde hier niemandem erlauben, -Ihnen auch nur ein Haar zu krümmen!« - -»_C'est-ça_,{[127]} erlaub du nichts,« lallte er und klammerte sich mit -beiden Händen an meine Ellbogen, während er immer noch am ganzen Leibe -zitterte. »Gib mich niemandem! Und belüge mich nicht ... wird man mich -denn wirklich von hier fortführen? Höre, dieser Wirt -- Ippolit, oder -wie er da heißt ... ist er nicht der Doktor?« - -»Was für ein Doktor?« - -»Das hier ... ist das nicht eine Irrenanstalt hier, dieses Zimmer?« - -In dem Augenblick öffnete sich plötzlich die Tür, und Anna Andrejewna -trat herein. Wahrscheinlich hatte sie hinter der Tür gelauscht und in -der Erregung die Tür etwas zu plötzlich geöffnet -- der Fürst, der schon -beim leisesten Geräusch zusammenfuhr, schrie zu Tode erschrocken auf und -warf sich mit dem Gesicht aufs Kissen. Er bekam nun doch so etwas wie -einen Anfall, der sich in heftigem Schluchzen entlud. - -»Sehen Sie, das sind die Folgen Ihrer Taten,« sagte ich zu ihr und wies -auf den Alten. - -»Nein, das sind die Folgen _Ihrer_ Taten!« erwiderte sie scharf und mit -erhobener Stimme. »Zum letztenmal wende ich mich an Sie, Arkadi -Makarowitsch: wollen Sie endlich diese teuflische Intrige gegen den -schutzlosen alten Mann aufdecken und Ihre >sinnlosen und kindischen -Liebesträume< opfern, um Ihre _leibliche_ Schwester zu retten?« - -»Ich werde Sie alle retten, aber nur so, wie ich es Ihnen vorhin gesagt -habe! Ich werde sofort gehen, und vielleicht schon in einer Stunde wird -Katerina Nikolajewna hier sein! Ich werde alle versöhnen, und alle -werden glücklich sein!« rief ich nahezu begeistert. - -»Bring sie, bring sie mir her!« rief der Fürst flehend und wie neu -belebt. »Bringt mich zu ihr! Ich möchte Katjä sehen und sie segnen!« -rief er mit erhobenen Händen und versuchte vom Bett aufzustehen. - -»Sehen Sie,« sagte ich zu Anna Andrejewna und wies auf ihn, »jetzt haben -Sie gehört, was er sagt: jetzt kann Ihnen auch kein Dokument mehr -helfen!« - -»Das sehe ich, aber das Dokument könnte wenigstens meine Handlungsweise -vor den Augen der Welt rechtfertigen, so aber -- bin ich an den Pranger -gestellt! Doch genug; mein Gewissen ist rein. Ich bin von allen -verlassen, sogar von meinen Verwandten und von meinem leiblichen Bruder, -den die Möglichkeit eines Mißlingens erschreckt hat ... Doch ich werde -meine Pflicht erfüllen und bei diesem Unglücklichen bleiben, als seine -Pflegerin, seine Krankenwärterin!« - -Jetzt durfte ich keine Zeit verlieren, und ich lief aus dem Zimmer. - -»Ich kehre in einer Stunde zurück, und ich komme nicht allein!« rief ich -ihnen noch von der Schwelle aus zu. - - - Zwölftes Kapitel. - - - I. - -Endlich traf ich Tatjana Pawlowna zu Haus! Ich erzählte ihr so schnell -wie möglich alles -- alles, was das Dokument betraf, und alles, was dort -bei mir geschehen war. Wenn sie auch über alle Vorgeschichten -unterrichtet war und die Sachlage bereits nach zwei Worten hätte -überschauen können, so nahm mein Bericht doch, glaube ich, an zehn -Minuten in Anspruch. Nur ich sprach, und ich sagte die ganze Wahrheit -und schämte mich nicht. Sie saß schweigend, regungslos und steif wie -eine Stricknadel auf ihrem Stuhl, die Lippen zusammengepreßt, gespannt -horchend und ohne auch nur einmal ihren Blick von mir zu wenden. Doch -kaum hatte ich geendet, da sprang sie plötzlich auf -- so überraschend, -daß ich unwillkürlich gleichfalls aufsprang. - -»Ach, du junger Hund! So ist dieser Brief die ganze Zeit in deiner -Tasche gewesen, und Marja Iwanowna, die Närrin, hat ihn dir noch -eingenäht! Ach, ihr widerlichen Schurken! Du bist also hergekommen, um -hier Herzen zu erobern und die vornehme Gesellschaft zu besiegen, dich -an irgendeinem Gevatter Teufel dafür zu rächen, daß du ein unehelicher -Sohn bist?« - -»Tatjana Pawlowna, unterstehen Sie sich nicht, mich zu schmähen!« rief -ich heftig. »Vielleicht sind gerade Sie mit Ihrem Schmähen von Anfang an -die Ursache meiner Erbitterung hier gewesen! Ja, ich bin ein unehelicher -Sohn und habe mich vielleicht wirklich dafür rächen wollen, daß ich ein -unehelicher Sohn bin, und vielleicht wirklich an irgendeinem >Gevatter -Teufel<, weil ja der Teufel selber nicht herausbringen könnte, wen hier -die Schuld trifft! Aber vergessen Sie nicht, daß ich das Bündnis mit den -Spitzbuben nicht eingegangen bin und meine Leidenschaften besiegt habe! -Schweigend werde ich den Brief vor ihr hinlegen und davongehen, ohne auf -ein Wort von ihr zu warten! -- das werden Sie selbst sehen!« - -»Gib her, gib ihn her, leg den Brief sofort hier auf den Tisch! Du -- du -lügst ja doch nur wieder!« - -»Er ist in meiner Tasche eingenäht; Marja Iwanowna hat ihn selbst in den -alten Rock eingenäht, und als ich mir hier den neuen Rock bestellte, -habe ich ihn aus dem alten herausgenommen und ihn eigenhändig in den -neuen eingenäht; hier ist er, fühlen Sie, wenn Sie sich überzeugen -wollen, ob ich lüge!« - -»Gib ihn her, hol ihn heraus!« bestürmte mich Tatjana Pawlowna -aufgeregt. - -»Um keinen Preis! Ich sage Ihnen noch einmal: ich werde ihn in Ihrem -Beisein vor Katerina Nikolajewna hinlegen und davongehen, ohne auch nur -ein einziges Wort von ihr zu erwarten; aber sie soll wissen und mit -eigenen Augen sehen, daß ich ihn freiwillig übergebe, ohne Zwang, und -ohne Dank zu erwarten.« - -»Also wieder eine Rolle spielen? Bist immer noch verschossen, junger -Hund?« - -»Sie können mir soviel Bosheiten an den Kopf werfen, wie Sie wollen: ich -mag sie ja verdient haben und nehme sie Ihnen nicht übel. Oh, mag ich -ihr doch als ein kleiner Junge erscheinen, der gegen sie eine -Verschwörung angezettelt hat, -- aber sie soll wissen, daß ich mich -selbst besiegt und _ihr_ Glück über alles in der Welt gestellt habe! -Macht nichts, Tatjana Pawlowna, macht nichts! Ich rufe mir zu: Mut und -Hoffnung! Und wenn das mein erster Schritt auf dem Schauplatz des Lebens -gewesen ist, so habe ich ihn doch gut und vornehm abgeschlossen! Und was -tut es, daß ich sie liebe,« fuhr ich begeistert und mit glänzenden Augen -fort, »ich schäme mich dessen nicht: Mama ist ein Engel des Himmels, sie -aber ist -- die Königin der Erde! Werssiloff wird zu Mama zurückkehren. -Und so brauche ich mich vor _ihr_ meiner Liebe nicht zu schämen; ich -habe doch gehört, was sie und Werssiloff dort gesprochen haben, ich -stand hinter der Portiere ... Oh, wir sind alle drei -- >Menschen ein -und desselben Wahnsinns!< Wissen Sie, wer das gesagt hat: >Menschen ein -und desselben Wahnsinns<? Das ist ein Ausspruch von ihm, von Andrei -Petrowitsch! Und wissen Sie auch, daß wir vielleicht mehr sind, denn -drei? Ja, ich wette, daß Sie die vierte sind! Wollen Sie, daß ich's -sage? -- Ich wette, daß Sie selbst ihr ganzes Leben lang in Andrei -Petrowitsch verliebt gewesen sind, und es vielleicht heute noch sind -...« - -Wie gesagt, ich war begeistert und befand mich in einem Glücksrausch, -aber ich kam nicht dazu, meinen Satz zu Ende zu sprechen: ihre Hand fuhr -plötzlich mit verblüffender Geschwindigkeit in meine Haare und riß -meinen Kopf zweimal aus aller Kraft nach vorn herunter ... dann ließ sie -mich ebenso plötzlich fahren, ging in eine Ecke, kehrte das Gesicht zur -Wand und verhüllte es mit dem Taschentuch. - -»Junger Hund! Wage es nicht, mir das noch einmal zu sagen!« sagte sie -schluchzend. - -Das kam alles so unerwartet, daß ich einfach starr war. Ich stand da und -sah sie an und wußte nicht, was ich tun sollte. - -»Pfui, du Esel! Komm her und gib mir alten Närrin einen Kuß!« sagte sie -plötzlich weinend und lachend. »Aber daß du mir nie wieder, nie wieder -davon zu sprechen wagst ... Und dich liebe ich und habe dich mein ganzes -Leben lang geliebt ... Esel.« - -Ich küßte sie. Ich möchte hierzu in Klammern bemerken, daß ich seit der -Zeit Tatjana Pawlownas bester Freund bin. - -»Ach ja! Was fällt mir ein!« rief sie plötzlich und schlug sich vor die -Stirn. »Was sagtest du da: der alte Fürst sei bei dir in der Wohnung? -Ja, ist das auch wirklich wahr?« - -»Ich versichere es Ihnen!« - -»Ach, mein Gott! Ach, mir wird ganz übel, wenn ich daran denke!« rief -sie und lief im Zimmer herum. »Und sie können ja mit ihm alles machen, -was sie nur wollen! Ach, daß der Blitz nicht einschlägt in diese -Dummköpfe! Und schon seit heute früh, sagst du? Da seht doch mal die -Anna Andrejewna! Da seht ihr jetzt die Nonne! Und diese da, die -Principessa, die ahnt ja wieder mal noch nichts!« - -»Was für eine Principessa?« - -»Na, die Königin der Erde, das sogenannte Ideal! Aber was sollen wir -jetzt tun?« - -»Tatjana Pawlowna, hören Sie!« rief ich, endlich wieder bei Besinnung. -»Wir reden hier Dummheiten und vergessen darüber die Hauptsache: ich bin -ja gekommen, um Katerina Nikolajewna zu holen, und die warten dort alle -darauf, daß ich zurückkehre!« - -Und hierauf erklärte ich, daß ich ihr das Dokument nur unter einer -Bedingung ausliefern würde: wofern sie mir verspräche, sich mit Anna -Andrejewna zu versöhnen und zu dieser Heirat ihre Zustimmung zu geben. - -»Vorzüglich!« unterbrach mich Tatjana Pawlowna. »Das hab' ich ihr ja -auch schon hundertmal gesagt! Er wird ja doch noch vor der Hochzeit -sterben -- also wird es sowieso nicht zur Heirat kommen, und wenn er ihr -im Testament Geld hinterlassen will, der Anna, so hat er's ihr doch -schon ohnedem verschrieben ...« - -»Ist es denn Katerina Nikolajewna wirklich nur ums Geld zu tun?« - -»Nein, das nicht, aber sie fürchtete immer, das Dokument sei in Annas -Händen, und ich fürchtete das auch! Deswegen haben wir doch auf sie -aufgepaßt. Als gute Tochter wollte sie ihrem alten Vater nicht diesen -Schmerz bereiten. Dem Bjoring aber, dem deutschen Nußknacker, dem war es -natürlich um das Geld zu tun.« - -»Und trotzdem bringt sie es über sich, diesen Bjoring zu heiraten?« - -»Ja, was fängst du denn mit so einer Närrin an? Wer eine Närrin ist, ist -eben eine Närrin. >Ruhe<, sagt sie, werde er ihr geben! >Irgendeinen muß -man doch heiraten, und zum Heiraten scheint er mir der Geeignetste zu -sein,< sagt sie. Na, wir werden ja sehen, wie lange er >der Geeignetste< -sein wird. Die Haare wird sie sich noch raufen, aber dann wird es zu -spät sein!« - -»Ja, warum lassen Sie es denn zu? Sie lieben sie doch, sie haben ihr -doch ins Gesicht gesagt, daß Sie in sie verliebt sind!« - -»Und das bin ich auch! Ich liebe sie mehr als euch alle zusammen, und -doch bleibe ich dabei, daß sie eine Närrin ist!« - -»Also dann laufen Sie jetzt und holen Sie sie her, und wir bringen hier -alles in Ordnung und fahren dann mit ihr zu ihrem Vater.« - -»Aber das geht doch nicht, das geht doch nicht, Dummkopf! Das ist es ja -eben! Ach, was soll man da tun! Ach, mir wird schlecht, wenn ich daran -denke!« Sie lief wieder ratlos im Zimmer umher, griff aber schon nach -ihrem Schal. »Wenn du doch um vier gekommen wärst, jetzt ist es ja schon -acht Uhr, und sie ist vorhin zu Pelischtschoffs zum Diner gefahren und -wollte nachher mit ihnen in die Oper.« - -»Herrgott, ist es denn nicht möglich, sie in der Oper zu finden ... -nein, nein, das geht nicht! Aber was wird denn jetzt aus dem Alten -werden? Er wird ja noch in dieser Nacht sterben!« - -»Hör mal: gehe nicht dahin zurück, gehe zu Mama und übernachte dort, und -morgen früh ...« - -»Nein, den Alten lasse ich um keinen Preis allein, möge kommen, was da -wolle.« - -»Ja, du hast recht, laß ihn nicht allein. Und ich, weißt du ... ich -laufe zu ihr und werde ihr einen Zettel hinterlassen ... ich werde schon -so schreiben, daß es außer ihr niemand versteht. Ich schreibe ihr, daß -das Dokument hier ist, und daß sie morgen genau um zehn Uhr früh bei mir -sein soll -- aber pünktlich um zehn! Sei unbesorgt, sie wird kommen, auf -mich hört sie schon; und dann bringen wir die ganze Sache auf einmal in -Ordnung. Du aber laufe zurück und unterhalte den Alten, erheitere ihn so -gut du nur kannst, und dann bring ihn zu Bett, vielleicht macht er es -noch bis morgen früh! Und auch der Anna Andrejewna jag keinen Schrecken -ein, ich hab' sie doch auch lieb; du bist zu ihr ungerecht, weil du da -vieles nicht verstehst: auch sie ist doch beleidigt, auch ihr ist von -klein auf Unrecht widerfahren! Ach, alle kommt ihr mir auf den Hals! Und -vergiß nicht, ihr von mir zu sagen, ich selber hätte ihre ganze Sache in -die Hand genommen, ich selbst, und von ganzem Herzen, und sie solle ganz -ruhig sein, ihr Stolz wird nicht verletzt werden ... Wir haben uns ja in -den letzten Tagen ganz und gar überworfen, mußt du wissen, wir haben uns -beinah angespien und beschimpft! Na, lauf nur ... Warte, zeig mir noch -einmal die Tasche ... ist's auch wahr, ist's wahr? Ist es auch wirklich -wahr, daß du den Brief hast?! Gib ihn mir doch wenigstens zur Nacht, was -kann dir das denn ausmachen? Laß ihn hier, ich werde ihn dir ja nicht -auffressen. Vielleicht kommt er dir noch über Nacht abhanden ... oder du -änderst vielleicht deine Absicht?« - -»Um keinen Preis gebe ich ihn her!« rief ich aus. »Da, fühlen können Sie -ihn meinetwegen noch einmal, hier ist er ... aber ihn dalassen -- um -keinen Preis!« - -»Ja, ein Papier ist drin.« Sie betastete mit den Fingern meine Tasche. -»Na, schon gut, also lauf jetzt, und ich gehe zu ihr, vielleicht auch -ins Theater, du hast ganz recht damit! Lauf nur, lauf!« - -»Warten Sie, Tatjana Pawlowna, sagen Sie mir noch: was macht Mama?« - -»Sie lebt.« - -»Und Andrei Petrowitsch?« - -Sie winkte mit der Hand ab. - -»Er wird schon wieder zur Besinnung kommen!« - -Ich lief ermutigt und voller Hoffnung nach Hause, obschon mir nicht -alles so geglückt war, wie ich es erwartet hatte. Aber o weh, das -Schicksal hatte anders beschlossen, und mich erwartete etwas ganz -Unvorhergesehenes -- fürwahr: es gibt doch ein Schicksal und ein -Verhängnis in der Welt! - - - II. - -Schon auf der Treppe vernahm ich einen großen Lärm in unserer Wohnung. -Die Tür zu ihr war offen. Im Vorzimmer stand ein mir unbekannter -Bedienter in Livree. Meine Wirtsleute, sowohl Pjotr Ippolitowitsch wie -seine Frau, standen gleichfalls dort und schienen sehr erschrocken zu -sein und auf irgend etwas zu warten. Auch die Tür zum Zimmer des Fürsten -stand offen, und von dort scholl eine wahre Donnerstimme heraus, die ich -sofort erkannte: es war Bjorings Stimme. Ich hatte noch nicht zwei -Schritte machen können, als ich plötzlich sah, wie der Fürst, der ganz -verweint war und zitterte, von Bjoring und Baron R. (demselben, der bei -Werssiloff als Bjorings Bevollmächtigter erschienen war) aus dem Zimmer -geleitet wurde. Der alte Fürst schluchzte laut und hielt sich an -Bjoring, den er immer wieder küßte und umarmte. Jetzt sah ich auch, was -Bjorings Geschrei zu bedeuten hatte: es galt Anna Andrejewna, die dem -Fürsten ins Vorzimmer folgen wollte; er drohte ihr, und wenn ich mich -nicht irre, stampfte er sogar mit dem Fuß -- kurz, der rohe Soldat und -Deutsche kam in ihm zum Vorschein, ungeachtet seiner ganzen -Zugehörigkeit zur »höchsten Gesellschaft«. Später hat es sich freilich -herausgestellt, daß er der Meinung gewesen war, Anna Andrejewna hätte -sich eines schweren Verbrechens schuldig gemacht und würde ihre Tat noch -vor Gericht verantworten müssen. Aus Unkenntnis der Sachlage übertrieb -er das Geschehene, wie das bei vielen Menschen vorzukommen pflegt, -und deshalb glaubte er, das Recht zu haben, sie mit aller -Rücksichtslosigkeit zu behandeln. Er hatte noch keine Zeit gehabt, sich -den Vorfall so recht klarzumachen: man hatte ihn anonym benachrichtigt, -wie sich später herausstellte (worauf ich noch zurückkommen werde), und -er war sofort, und zwar in der Gemütsverfassung des wildgewordenen -Herrenmenschen losgefahren, also in einem Zustande, in dem selbst die -geistreichsten Leute dieser Rasse wie die Schuster zu einer Keilerei -bereit sind. Anna Andrejewna hatte dieser Überrumpelung mit der größten -Würde standgehalten, aber das sah ich nicht mehr. Ich sah nur noch, wie -Bjoring, der den alten Fürsten hinausgeführt hatte, diesen plötzlich dem -Baron R. überließ, sich jähzornig nach Anna Andrejewna umwandte und sie, -wahrscheinlich in Erwiderung auf eine Bemerkung von ihr, wütend -anschrie: - -»Sie sind eine Intrigantin! Sie haben es nur auf sein Geld abgesehen! -Von nun an sind Sie aus der Gesellschaft ausgestoßen, und Sie werden -sich vor Gericht zu verantworten haben! ...« - -»_Sie_ sind es, der den armen Kranken ausnutzen will und ihn bis zum -Irrsinn gebracht hat ... und jetzt schreien Sie mich an, weil ich eine -schutzlose Frau bin und niemand hier ist, der mich verteidigen könnte -...« - -»Ach ja, Sie sind ja seine Braut, seine Braut!« Bjoring lachte boshaft -und schallend auf. - -»Baron, Baron ... _chère enfant, je vous aime_!«{[128]} schluchzte der -Fürst und streckte die Arme nach Anna Andrejewna aus. - -»Kommen Sie, Fürst, kommen Sie, hier war eine ganze Verschwörung gegen -Sie angezettelt, vielleicht sogar gegen Ihr Leben!« rief Bjoring. - -»_Oui, oui, je comprends, j'ai compris au commencement_{[129]} ...« - -»Fürst,« unterbrach ihn Anna Andrejewna mit erhobener Stimme, »Sie -beleidigen mich und lassen es zu, daß man mich beleidigt!« - -»Weg da!« schrie Bjoring sie plötzlich an. - -Das war zuviel für mich! - -»Schurke!« brüllte ich ihn an, außer mir. »Anna Andrejewna, ich -beschütze Sie!« - -Was nun folgte, will und kann ich nicht ausführlich schildern. Es kam zu -einem schrecklichen und widerlichen Auftritt; ich war plötzlich wie von -Sinnen. Ich glaube, ich stürzte auf ihn los und schlug ihn, oder -wenigstens versetzte ich ihm einen tüchtigen Stoß. Er schlug mich -gleichfalls aus aller Kraft auf den Kopf, so daß ich hinfiel. Als ich zu -mir kam, lief ich ihnen nach, die Treppe hinunter; ich weiß noch, daß -mir das Blut aus der Nase floß. Vor der Haustür wartete eine Equipage -auf sie, und während sie dem Fürsten beim Einsteigen halfen, stürzte ich -mich, obgleich der Bediente mich zurückstieß, wieder auf Bjoring. Da -tauchte plötzlich die Polizei auf. Bjoring packte mich am Kragen und -befahl dem Schutzmann herrisch, mich sofort auf die Wache zu bringen. -Ich schrie, er müsse mitgenommen werden, das Protokoll wäre sonst -unvollständig, und man dürfe mich nicht so ohne weiteres und nahezu aus -meiner Wohnung auf die Wache führen. Da aber das Ganze sich doch auf der -Straße zutrug und nicht in meiner Wohnung, und da ich schrie, schimpfte -und mich widersetzte -- hinzu kam noch, daß Bjoring in seiner Uniform -war -- so bedachte sich der Schutzmann nicht lange und machte Anstalt, -mich abzuführen. Darüber geriet ich völlig außer mir: ich wehrte mich -aus allen Kräften, schlug wie rasend um mich, und schlug auch den -Schutzmann. Auf einmal waren zwei Schutzleute da, und ich wurde nun -tatsächlich auf die Wache geführt. In meiner Erinnerung habe ich nur -noch eine blasse Vorstellung davon, wie ich in ein dunstiges, -vollgerauchtes Zimmer gebracht wurde, in dem sich eine Menge der -verschiedensten Menschen befanden, die teils saßen, teils standen und -warteten, teils schrieben; ich schrie auch hier wieder, erhob Einspruch -und verlangte das Protokoll. Aber jetzt handelte es sich schon nicht -mehr um ein Protokoll allein, sondern bereits um einen viel verzwicktern -Fall, da ich Unfug getrieben und mich der Polizeigewalt widersetzt -hatte. Hinzu kam, daß ich wohl fürchterlich aussah. Irgend jemand schrie -mich plötzlich drohend an. Der Schutzmann berichtete inzwischen von -meinem Unfug und von dem Obersten in der Uniform eines Garderegiments -... - -»Ihr Name?« schrie mich jemand an. - -»Dolgoruki!« brüllte ich. - -»Fürst Dolgoruki?« - -Außer mir antwortete ich mit einem unsagbar groben Schimpfwort, und dann -... dann, erinnere ich mich, wurde ich »zur Ernüchterung« in eine dunkle -Kammer geschleppt. Oh, ich erhebe nicht Einspruch dagegen. Noch kürzlich -haben wir ja in den Zeitungen die Beschwerde eines Herrn gelesen, der -die ganze Nacht in der Haft gesessen hat, sogar gefesselt und -gleichfalls in der Ernüchterungskammer. Dabei war er, glaub ich, noch -nicht einmal schuldig -- ich aber war schuldig. Ich warf mich auf die -Pritsche, auf der bereits zwei schwer Betrunkene schliefen. Mein Kopf -tat mir weh, in meinen Schläfen hämmerte es, mein Herz klopfte. Ich -werde dann wohl das Bewußtsein verloren haben, und ich glaube, ich habe -sogar phantasiert. Ich weiß nur noch, daß ich mitten in der stockdunklen -Nacht plötzlich wach wurde und mich auf der Pritsche aufsetzte. Mit -einem Schlage fiel mir alles wieder ein, und ich verstand alles; ich -stützte die Ellbogen auf die Knie, stützte den Kopf in die Hände und -versank in tiefes Nachdenken. - -Oh, ich will meine Gefühle nicht schildern, und ich habe auch gar keine -Zeit dazu, aber eins möchte ich doch bemerken: ich habe vielleicht -innerlich niemals frohere Augenblicke erlebt, als während jenes Sinnens -in der dunklen Nacht, auf der Pritsche und in der Haft. Das wird dem -Leser vielleicht unverständlich erscheinen, wie eine Art -Tintenkleckserschwärmerei oder wie ein Ausdruck übertriebener -Originalitätshascherei -- und doch war es so, wie ich sage. Es war eine -jener Stunden, wie sie vielleicht jeder Mensch erlebt, die einem aber -kaum mehr als einmal im Leben beschieden sind. In einer solchen Stunde -entscheidet der Mensch über sein Schicksal, setzt sich selbst seine -Anschauung fest und sagt sich einmal für sein ganzes Leben: »_Dort_ -liegt die Wahrheit, und _den_ Weg mußt du gehen, um zur Wahrheit zu -kommen.« Ja, diese Augenblicke wurden zum Licht meiner Seele. Ich war -von dem hochmütigen Baron Bjoring beleidigt worden und erwartete, am -nächsten Morgen von jener Dame der vornehmen Gesellschaft beleidigt zu -werden, und ich wußte, daß ich mich nur zu gut an ihnen rächen konnte, -aber ich beschloß, daß ich mich nicht rächen werde. Ich war -entschlossen, trotz der großen Versuchung, das Dokument nicht aller Welt -bekanntzugeben (auch dieser Gedanke war mir ungerufen schon durch den -Kopf gewirbelt): ich sagte mir nochmals, daß ich morgen diesen Brief vor -ihr hinlegen und, wenn es sein mußte, statt Dankbarkeit sogar ihr -spöttisches Lächeln hinnehmen, und trotzdem kein Wort sagen und auf ewig -von ihr gehen würde ... Übrigens, wozu das hier breittreten! Doch was am -nächsten Morgen mit mir geschehen, wie man mich verhören, und was man -schließlich mit mir machen werde -- darüber nachzudenken vergaß ich fast -ganz. Ich bekreuzte mich mit Inbrunst, legte mich wieder auf die -Pritsche hin und schlief frohgemut ein wie ein Kind. - -Ich erwachte spät, als es schon hell war. Ich sah mich um und sah, daß -ich allein war. Ich setzte mich auf und begann schweigend zu warten; ich -wartete lange, vielleicht eine gute Stunde. Es wird ungefähr neun Uhr -gewesen sein, als auf einmal ein Schutzmann hereintrat, um mich -vorzuführen. Ich übergehe die Einzelheiten, da sie nebensächlich sind; -ich habe jetzt nur noch die Hauptsache zu beenden. Ich bemerke bloß, daß -man zu meiner nicht geringen Verwunderung überraschend höflich mit mir -umging: ich wurde da irgend etwas gefragt, ich antwortete, und dann -wurde mir ohne weiteres erlaubt, nach Haus zu gehen. Ich ging schweigend -hinaus; in ihren Blicken las ich mit Genugtuung ein gewisses Staunen -über einen Menschen, der sogar in einer solchen Lage seine Würde zu -bewahren verstanden hatte. Ich würde das nicht erwähnt haben, wenn es -nicht wirklich auffallend gewesen wäre. Aber wie groß war meine -Überraschung, als ich am Ausgang plötzlich Tatjana Pawlowna vor mir sah. -In zwei Worten sei hier nur noch erklärt, weshalb ich damals so schnell -aus der Haft entlassen wurde. - -Früh am Morgen, schon vor acht Uhr, war Tatjana Pawlowna in meiner -Wohnung erschienen, das heißt, bei Pjotr Ippolitowitsch, -- sie hatte -sogar eine Droschke genommen -- in der Annahme, den alten Fürsten noch -anzutreffen, und statt dessen hatte sie auf einmal den Bericht von den -Geschehnissen am Abend vorher vernommen und, was die Hauptsache war, -erfahren, daß man mich auf die Polizeiwache geführt hatte. Da war sie -denn schleunigst zu Katerina Nikolajewna geeilt (die schon am Abend, -nach ihrer Rückkehr aus dem Theater, ihren Vater zu Hause vorgefunden -hatte), war zu ihr ins Schlafzimmer gestürzt, hatte sie aufgeweckt, ihr -Angst und Bange gemacht und meine sofortige Befreiung verlangt. Darauf -war sie mit einem Brief von ihr zu Bjoring gefahren, hatte von ihm -sofort ein Schreiben »an den zuständigen Polizeioffizier« erwirkt, in -dem er, Baron Bjoring, dringend darum ersuchte, mich unverzüglich aus -der Haft zu entlassen, da ich »infolge eines Mißverständnisses« -verhaftet worden sei. Mit diesem Schreiben war sie dann auf der -Polizeiwache erschienen: und selbstverständlich hatte man ihre Bitte -sofort berücksichtigt. - - - III. - -Ich fahre also in der Erzählung der Hauptsache fort. - -Tatjana Pawlowna, die mich nun glücklich befreit hatte, setzte mich in -ihre Droschke und brachte mich zu sich nach Hause. Marja mußte sofort -Tee machen, während sie selbst mich wusch und meine Kleider säuberte. -Und dabei sagte sie mir denn, daß Katerina Nikolajewna nicht um zehn -Uhr, sondern um halb zwölf zu ihr kommen werde, um mich zu treffen. Das -hörte nun auch Marja. Nach eine paar Minuten brachte sie die Teemaschine -herein, doch als Tatjana Pawlowna kurz darauf noch einmal nach ihr rief, -erhielt sie keine Antwort: Marja war, wie sich zeigte, nicht mehr da. -Das bitte ich nicht zu vergessen. Die Uhr war vielleicht viertel vor -zehn. Tatjana Pawlowna ärgerte sich zwar darüber, daß sie so ohne zu -fragen ausgegangen war, sagte sich aber, sie werde wohl nur in den -nächsten Laden gegangen sein, und im übrigen vergaß sie den ganzen -Vorfall schon nach einem Augenblick. Wir waren aber auch wirklich mit -Interessanterem beschäftigt: wir sprachen die ganze Zeit -- und ich -hatte noch so vieles zu sagen, daß ich dieses Verschwinden der dummen -Köchin überhaupt nicht beachtete. Ich bitte den Leser auch das nicht zu -vergessen. - -Natürlich war ich noch wie benommen; ich erklärte ihr meine Gefühle, -aber die Hauptsache war doch, daß wir auf Katerina Nikolajewna warteten, -und der Gedanke, daß ich ihr in einer Stunde endlich begegnen werde, und -noch dazu in einem so entscheidenden Augenblick meines Lebens, ließ mich -erzittern, und mein Herz stand mir still. Schließlich, als ich schon -zwei Tassen Tee getrunken hatte, stand Tatjana Pawlowna auf, nahm eine -Schere vom Tisch und sagte: - -»So, jetzt gib mir mal die Tasche her, wir müssen den Brief -heraustrennen -- das können wir doch nicht in ihrer Gegenwart.« - -»Ja!« sagte ich und knöpfte meinen Rock auf. - -»Das sind mir mal Stiche! Wer hat dir denn das hier zusammengenäht?« - -»Ich selbst, Tatjana Pawlowna, ich selbst.« - -»Na, das sieht man aber auch! ... So, da haben wir ihn ...« - -Sie zog den Brief heraus; die Briefhülle war dieselbe, aber in ihr -- -war ein unbeschriebenes Stück Papier. - -»Das ... was ist denn das?« fragte Tatjana Pawlowna und wendete es in -der Hand. »Was hast du?« - -Ich stand blaß da, ohne ein Wort sprechen zu können ... und plötzlich -sank ich kraftlos auf den Stuhl ... ich war beinahe ohnmächtig. - -»Ja, was soll denn das wieder bedeuten!« schrie Tatjana Pawlowna, »wo -ist denn jetzt der Brief?« - -»Lambert!« rief ich und sprang auf und schlug mir vor die Stirn, denn -ich hatte plötzlich alles begriffen. - -Hastig und atemlos erzählte ich ihr von der Nacht bei Lambert und von -unserer ganzen Verschwörung -- übrigens hatte ich ihr schon am Abend -vorher von dieser Verschwörung manches mitgeteilt. - -»Gestohlen hat er ihn mir, gestohlen!« schrie ich, stampfte mit den -Füßen und raufte mir das Haar. - -»Was nun?« fragte Tatjana Pawlowna ratlos, als sie den Zusammenhang -begriff. »Wieviel Uhr ist es?« - -Es war kurz vor elf. - -»Ach, daß die Marja nicht da ist! ... Marja, Marja!« - -»Was wünschen gnädiges Fräulein?« erscholl plötzlich Marjas Stimme aus -der Küche. - -»Bist du da? Ja, was machen wir denn jetzt! Ich renne zu ihr hin ... -Ach, du Tölpel, du Tölpel!« - -»Ich laufe zu Lambert!« brüllte ich, »und erwürge ihn, wenn es sein -muß!« - -»Gnädiges Fräulein!« rief plötzlich Marja aus der Küche, »hier ist eine, -die Sie sprechen will ...« - -Noch hatte sie ihren Satz nicht zu Ende gesprochen, als diese »eine« mit -Heulen und Schreien aus der Küche hereinstürzte. Es war Alphonsinka. Ich -werde die Szene nicht in allen Einzelheiten wiedergeben; die Szene -selbst war ein Betrug und eine Komödie, doch ich muß bemerken, daß -Alphonsinka ihre Rolle großartig spielte. Unter Tränen der Reue und mit -unmöglichen Gebärden schnatterte sie ihren Vortrag herunter (auf -Französisch selbstverständlich), gestand, daß sie selbst den Brief aus -der Tasche getrennt hätte, daß ihn Lambert jetzt besäße, und daß Lambert -zusammen mit »diesem Räuber,« _cet homme noir_, »_madame la -générale_«{[130]} zu sich gerufen habe, und sie würden _madame la -générale_ bestimmt erschießen, jetzt, sogleich, in einer Stunde ... sie, -Alphonsinka, hätte das alles von ihnen erfahren und plötzlich furchtbare -Angst bekommen, weil sie in ihren Händen einen Revolver gesehen, »_un -pistolet_«,{[131]} und deshalb wäre sie zu uns gelaufen, damit wir -hinkämen, _madame_ retteten, das Unglück verhüteten ... »_et cet homme -noir_ ...« - -Kurz, alles, was sie sagte, erschien uns durchaus glaubwürdig, und die -Dummheit einiger ihrer Erklärungen erhöhte eigentlich noch die -Glaubwürdigkeit. - -»Was für ein _homme noir_?« schrie Tatjana Pawlowna sie an. - -»_Tiens, j'ai oublié son nom ... Un homme affreux ... Tiens, -Versiloff!_«{[132]} - -»Werssiloff! -- das kann nicht sein!« schrie ich auf. - -»Doch, das kann schon sein!« kreischte Tatjana Pawlowna. »So erzählen -Sie doch, meine Beste, aber springen Sie nicht so und fuchteln Sie doch -nicht so mit den Armen! Was haben die beiden vor? Sprechen Sie doch -vernünftig, meine Beste: ich kann es doch nicht glauben, daß sie sie -erschießen wollen?« - -Die »Beste« erklärte nun folgendes (_NB._: es war alles Schwindel, ich -bereite nochmals darauf vor): Werssiloff werde hinter der Tür sitzen, -und Lambert werde ihr, wenn sie hereinkäme, _cette lettre_{[133]} -zeigen, und in dem Augenblick werde Werssiloff hervorstürzen, und dann -... »_Oh, ils feront leur vengeance!_«{[134]} Sie, Alphonsina, habe -Angst bekommen, weil sie daran beteiligt sei, denn »_cette dame, la -générale_«{[135]} werde bestimmt kommen, »sofort, sofort,« denn sie -hätten ihr eine Abschrift des Briefes geschickt, aus der sie ersehen -könne, daß der Brief wirklich in ihren Händen sei; und deshalb werde sie -bestimmt kommen. Den Brief habe Lambert geschrieben, und von Werssiloff -wisse _madame la générale_ noch nichts; Lambert aber habe sich ihr als -ein Herr vorgestellt, der soeben aus Moskau angekommen wäre, im Auftrage -einer Moskauer Dame, »_une dame de Moscou_«{[136]} (_NB._: Marja -Iwanowna!). - -»Ach, mir wird schlecht, mir wird schlecht!« rief Tatjana Pawlowna. - -»_Sauvez-la, sauvez-la!_«{[137]} schrie und beschwor uns Alphonsinka. - -Freilich hatte diese wahnwitzige Nachricht schon auf den ersten Blick -etwas Unsinniges, aber zum Überlegen blieb uns keine Zeit, und das Ganze -schien uns doch durchaus glaubwürdig zu sein. Man hätte wohl -voraussetzen können, und zwar mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit, daß -Katerina Nikolajewna nach Empfang von Lamberts Brief zuerst zu uns -kommen werde, zu Tatjana Pawlowna, um die Sache aufzuklären. Aber auch -das brauchte schließlich nicht unbedingt zu geschehen, und sie konnte ja -auch direkt zu ihm fahren, und dann -- war sie verloren! Und wenn auch -kaum anzunehmen war, daß sie so ohne weiteres auf die erste Aufforderung -hin zu dem ihr ganz unbekannten Lambert eilen werde, so war doch die -Möglichkeit, daß sie es tat, immerhin nicht ausgeschlossen. Die -Abschrift mußte sie jedenfalls überzeugen, daß Lambert wirklich im -Besitz ihres Briefes war, und wenn sie daraufhin zu ihm fuhr -- konnte -das Unglück doch geschehen! Aber vor allen Dingen durften wir ja keinen -Augenblick verlieren, und so hatten wir auch keine Zeit, lange zu -überlegen. - -»Und Werssiloff wird sie ermorden! Wenn er sich schon zur Gemeinschaft -mit Lambert erniedrigt hat, so wird er sie auch ermorden! Das ist nicht -er, das ist sein Doppelgänger!« rief ich. - -»Ach, dieser Doppelgänger!« Tatjana Pawlowna rang die Hände. »Aber jetzt -müssen wir handeln!« entschloß sie sich plötzlich. »Nimm deine Mütze, -den Pelz, und vorwärts marsch! Und Sie, meine Beste, führen uns sofort -zu ihnen hin. Ach, das ist ein weiter Weg! Marja, Marja, wenn Katerina -Nikolajewna kommen sollte, dann sage ihr, ich käme sofort wieder, sie -soll sich hinsetzen und auf mich warten, und wenn sie nicht warten will, -so schließe die Tür zu und halt sie mit Gewalt zurück. Sag ihr, ich -hätte dir so befohlen! Hundert Rubel bekommst du, Marja, wenn du mir -diesen Dienst erweist!« - -Wir liefen auf die Treppe hinaus. Zweifellos taten wir das -Vernünftigste, denn die größte Gefahr drohte ihr doch in Lamberts -Wohnung; und wenn Katerina Nikolajewna vorher zu Tatjana Pawlowna kam, -so konnte Marja sie einfach zurückhalten. Aber Tatjana Pawlowna änderte, -als wir schon eine Droschke genommen hatten, doch noch ihren Entschluß. - -»Nein, fahr du allein mit ihr hin!« rief sie mir zu und ließ mich mit -Alphonsinka einsteigen. »Und dort stirb für sie, wenn es sein muß, -verstanden? Ich werde dir gleich folgen, aber vorher will ich noch -schnell zu ihr, vielleicht treffe ich sie noch, denn sag' was du willst, -mir kommt die Sache doch verdächtig vor!« - -Und sie fuhr schnell zu Katerina Nikolajewna! Ich aber fuhr mit -Alphonsinka zu Lambert. Ich trieb den Kutscher zur Eile an, und während -der Fahrt fragte ich Alphonsinka weiter aus, aber Alphonsinka antwortete -mir nur noch mit Ausrufen und zu guter Letzt mit Tränen. Doch Gott -beschützte und rettete uns, als alles nur noch an einem Faden hing. Wir -hatten kaum ein Viertel des Weges zurückgelegt, als ich plötzlich hinter -uns schreien hörte: mein Name wurde gerufen. Ich sah mich um -- -Trischatoff jagte uns in einer Droschke nach. - -»Wohin?« rief er erschrocken, »und mit ihr, mit Alphonsinka!« - -»Trischatoff!« rief ich ihm zu, »Sie haben die Wahrheit gesagt -- das -Unglück ist da! Ich fahre zu dem Schuft Lambert! Kommen Sie mit, es ist -dann doch einer mehr!« - -»Kehren Sie um, kehren Sie sofort um!« schrie Trischatoff. »Lambert -betrügt Sie und Alphonsinka betrügt Sie! Der Pockennarbige schickt mich, -sie sind gar nicht bei Lambert: ich bin Werssiloff und Lambert soeben -begegnet: sie fuhren zu Tatjana Pawlowna ... jetzt werden sie schon dort -sein ...« - -Ich ließ den Kutscher halten und sprang in Trischatoffs Schlitten -hinüber. Heute verstehe ich einfach nicht, wie ich mich damals so -schnell habe entschließen können; aber ich glaubte ihm sofort und -handelte danach. Alphonsinka kreischte fürchterlich, aber wir ließen sie -sitzen, wo sie saß, und ich weiß nicht einmal, ob sie uns nachfuhr, oder -ob sie dort ausstieg, jedenfalls habe ich sie nachher nie wieder -gesehen. - -Im Schlitten teilte mir Trischatoff Hals über Kopf und ganz atemlos mit, -daß es sich da um gewisse Machenschaften handle, Lambert sei mit dem -Pockennarbigen anfangs unter einer Decke gewesen, aber im letzten -Augenblick habe der Pockennarbige sich bedacht und sei von ihm -abgefallen. Jedenfalls habe er ihn, Trischatoff, selbst zu Tatjana -Pawlowna geschickt, damit er ihr sage, daß sie Alphonsinka keinen -Glauben schenken solle. Trischatoff fügte hinzu, weiter wisse er nichts, -denn der Pockennarbige hätte selbst etwas sehr Wichtiges vorgehabt und -deshalb nur in aller Eile die notwendigsten Anordnungen geben können. -»Ich sah Sie fahren,« fuhr Trischatoff fort, »und da bin ich Ihnen -nachgejagt.« Es war natürlich klar, daß der Pockennarbige alles wußte, -da er Trischatoff doch geradeswegs zu Tatjana Pawlowna geschickt hatte, -doch über dieses neue Rätsel dachte ich nicht lange nach. - -Damit aber der Leser sich in diesem Wirrwarr zurechtfinde, will ich, -bevor ich die Katastrophe beschreibe, noch einmal, zum letztenmal, -vorgreifen und den ganzen Zusammenhang schon jetzt aufdecken. - - - IV. - -Nachdem Lambert mir den Brief in jener Nacht entwendet hatte, war er -gleich mit Werssiloff in Verbindung getreten. Wie es für Werssiloff -möglich war, sich mit Lambert zu verbünden -- darüber schweige ich -zunächst; davon später. In der Hauptsache war hier wohl der -»Doppelgänger« im Spiel! Lambert aber stand nach seinem Bündnis mit -Werssiloff die schwere Aufgabe bevor, Katerina Nikolajewna auf möglichst -schlaue Weise zu sich zu locken. Werssiloff war überzeugt, daß sie nicht -kommen werde. Doch Lambert hatte schon zwei Tage vorher -- noch an jenem -Abend, als er mir kurz vor meiner Wohnung in den Weg gelaufen war und -ich ihm erklärt hatte, ich werde ihr den Brief in Tatjana Pawlownas -Wohnung und in Tatjana Pawlownas Beisein zurückgeben, ohne von ihr etwas -zu verlangen -- da hatte Lambert ungesäumt, um jederzeit über alles -unterrichtet zu sein, was in dieser Wohnung vorging, eine Art -Spionendienst eingerichtet, und zwar hatte er -- Marja bestochen. Er -hatte ihr zwanzig Rubel gegeben, und dann, einen Tag später, als er -schon im Besitz des Dokuments war, hatte er ihr alles ausführlich -auseinandergesetzt, was er von ihr erwartete, und schließlich für ihre -Dienste zweihundert Rubel versprochen. - -Deshalb also war Marja, als sie in der Küche gehört hatte, daß Katerina -Nikolajewna um halb zwölf zu Tatjana Pawlowna kommen wolle, und daß auch -ich da sein werde, sogleich aus dem Hause gelaufen, um schnell mit einer -Droschke zu Lambert zu fahren und ihm diese Nachricht zu überbringen. -Eben diese Benachrichtigung war der ganze Dienst, den sie Lambert -verabredetermaßen erweisen sollte. Zufällig hatte Werssiloff sich gerade -in dem Augenblick bei Lambert befunden, und er war es denn auch gewesen, -der diesen teuflischen Plan entwarf. Man sagt, Geisteskranke sollen in -manchen Augenblicken unglaublich schlau sein können. - -Der Plan bestand darin: Tatjana Pawlowna und mich kurz vor Katerina -Nikolajewnas Ankunft, also kurz vor halb zwölf, aus der Wohnung zu -locken, wenn auch nur auf eine Viertelstunde, und sobald wir das Haus -verlassen hätten, schnell ihren Beobachtungsposten -- irgendwo in der -Nähe, von wo aus man die Haustür sehen konnte -- zu verlassen und in die -Wohnung einzudringen, die Marja ihnen öffnen sollte, und dort Katerina -Nikolajewna zu erwarten. Alphonsinka aber fiel die Aufgabe zu, uns so -lange wie möglich festzuhalten, gleichviel mit welchen Mitteln, wie und -wo es ihr nur möglich war. Katerina Nikolajewna mußte ihrem Versprechen -gemäß um halb zwölf Uhr dort eintreffen, also reichlich zweimal so früh, -als wir wieder zurück sein konnten. (Selbstverständlich hatte Katerina -Nikolajewna von Lambert überhaupt keine Aufforderung erhalten, das hatte -Alphonsinka uns einfach vorgelogen, und eben diesen Schachzug hatte -Werssiloff erdacht, -- Alphonsinka aber hatte nur nach seinen Angaben -die Rolle der erschrockenen Verräterin gespielt, die aus Angst die -Verschwörung verriet.) Natürlich war es von ihnen ein gewagtes Spiel, -aber schließlich sagten sie sich wohl ganz richtig: »Gelingt es, so ist -es gut, gelingt es nicht, so ist immerhin noch nichts verloren, denn das -Dokument bleibt doch in unseren Händen.« Aber es gelang; und wie hätte -es auch nicht gelingen sollen; denn wir mußten doch Alphonsinka schon -aus der einen Erwägung heraus folgen: »Wenn es aber wahr ist -- was -dann?« Ich sage noch einmal: zum Überlegen hatten wir keine Zeit. - - - V. - -Ich lief mit Trischatoff in die Küche, wo wir Marja in der größten Angst -antrafen. Sie hatte, als Lambert und Werssiloff in die Wohnung getreten -waren, in Lamberts Hand einen Revolver bemerkt, und das hatte sie so -furchtbar erschreckt. Das Geld hatte sie zwar genommen, aber der -Revolver paßte doch ganz und gar nicht zu ihrer Auffassung der Sache. -Ratlos stand sie da, und als sie nun plötzlich mich erblickte, stürzte -sie auf mich zu und flüsterte angstvoll: - -»Die Generalin ist gekommen, und der Herr hat einen Revolver!« - -»Trischatoff, bleiben Sie hier in der Küche,« ordnete ich an, »und wenn -ich rufe, so kommen Sie mir sofort zu Hilfe, so schnell wie möglich!« - -Marja öffnete mir die Tür, und ich schlüpfte in Tatjana Pawlownas -Schlafzimmer -- in denselben kleinen Raum, wo eigentlich nur ihr Bett -Platz hatte, und von wo aus ich schon einmal ein Gespräch gegen meinen -Willen belauscht hatte. Ich setzte mich auf das Bett und fand alsbald -auch einen Spalt zwischen den Vorhängen, durch den ich in das Wohnzimmer -sehen konnte. - -Aber dort wurde schon laut und erregt gesprochen; ich muß bemerken, daß -Katerina Nikolajewna vielleicht nur eine Minute nach ihnen die Wohnung -betreten hatte. Schon in der Küche hatte ich erregte Stimmen vernommen: -namentlich Lambert sprach in der Aufregung übermäßig laut. Sie saß auf -dem Diwan, er aber stand vor ihr und schrie wie ein Narr. Heute weiß -ich, warum er so sinnlos den Kopf verlor: er hatte es furchtbar eilig, -weil er fürchtete, sie könnten überrascht werden. Später werde ich -erklären, von welcher Seite er die Überraschung fürchtete. Den Brief -hielt er in der Hand. - -Werssiloff war nicht im Zimmer: er stand bereit, um bei der ersten -Gefahr ins Zimmer zu stürzen. Ich kann nur den Sinn der Reden -wiedergeben; ich war damals gar zu aufgeregt, und so habe ich denn von -dem Gehörten nur das wenigste wörtlich behalten. - -»Ich verlange für diesen Brief nur dreißigtausend Rubel, und Sie wundern -sich noch! Er ist hunderttausend wert, aber ich verlange bloß -dreißigtausend!« rief Lambert laut und furchtbar erregt. - -Katerina Nikolajewna war allerdings sichtlich erschrocken, aber sie sah -ihn doch mit einem gewissen, schon im voraus verachtenden Staunen an. - -»Ich sehe, daß man mir hier gewissermaßen eine Falle gestellt hat, aber -ich verstehe nicht, was Sie eigentlich wollen,« sagte sie. »Doch wenn -Sie diesen Brief wirklich ...« - -»Hier, sehen Sie, hier ist er! Erkennen Sie ihn? Ich verlange von Ihnen -einen Wechsel über dreißigtausend Rubel und keine Kopeke weniger!« fiel -ihr Lambert ins Wort. - -»Ich habe kein Geld.« - -»Stellen Sie mir einen Wechsel aus -- hier ist Papier. Und dann -verschaffen Sie sich das Geld, ich werde warten, aber nur eine Woche -- -nicht länger ... Wenn Sie mir das Geld bringen -- gebe ich Ihnen den -Wechsel zurück, und dann bekommen Sie auch den Brief.« - -»Sie erlauben sich mir gegenüber einen sehr sonderbaren Ton. Sie irren -sich. Dieser Brief wird Ihnen heute noch abgenommen werden, wenn ich -hingehe und Sie anzeige.« - -»Wem? Hahaha! Aber der Skandal, und der alte Fürst, dem wir den Brief -inzwischen zeigen! Und wo will man ihn mir abnehmen? Dokumente lasse ich -doch nicht in meiner Wohnung. Und dem alten Fürsten zeige ich den Brief -durch eine dritte Person. Seien Sie nicht eigensinnig, meine Gnädigste! -Seien Sie mir vielmehr dankbar, daß ich nur so wenig verlange; ein -anderer würde an meiner Stelle noch viel mehr verlangen, würde noch eine -gewisse Gefälligkeit fordern ... Sie können sich denken, was für eine -... jedenfalls eine, die von keiner hübschen Frau verweigert wird, wenn -sie ein wenig in die Enge getrieben ist -- eben eine solche Gefälligkeit -... Hehehe! _Vous êtes belle, vous!_«{[138]} - -Katerina Nikolajewna erhob sich ungestüm von ihrem Platz, wurde über und -über rot und -- spie ihm ins Gesicht. Dann wandte sie sich schnell zur -Tür. In demselben Augenblick riß Lambert seinen Revolver hervor. Als -echter Dummkopf hatte er blind an die entscheidende Wirkung des -Dokuments geglaubt, das heißt, er hatte überhaupt nicht darüber -nachgedacht, mit wem er es zu tun hatte, da er, wie ich einmal schon -erwähnt habe, alle Menschen für genau so erbärmliche und niedrige -Geschöpfe hielt, wie er selbst eines war. So kam es, daß er sie gleich -mit einer Gemeinheit vor den Kopf stieß, während sie vielleicht sogar -bereit war, auf eine Erledigung der Angelegenheit durch Geld einzugehen. - -»Nicht von der Stelle!« brüllte er sie an, rasend vor Wut, weil sie ihn -angespien hatte, packte sie an der Schulter und hielt ihr den Revolver -vor, -- natürlich nur, um sie einzuschüchtern. - -Sie schrie auf und sank auf den Diwan. Ich stürzte ins Zimmer, doch im -selben Augenblick flog auch schon die Tür zum Vorzimmer auf, und -Werssiloff stand vor uns. (Er hatte dort gestanden und gewartet.) Ich -hatte ihn kaum erblickt, da hatte er Lambert schon den Revolver -entrissen und ihm aus aller Kraft mit der Waffe auf den Kopf geschlagen. -Lambert taumelte und stürzte bewußtlos hin. Aus seiner Kopfwunde strömte -das Blut auf den Teppich. - -Als Katerina Nikolajewna Werssiloff erblickte, wurde sie auf einmal weiß -wie ein Handtuch; ein paar Augenblicke sah sie ihn starr an, in -unbeschreiblichem Entsetzen, und plötzlich fiel sie in Ohnmacht. Er -stürzte auf sie zu. Dieses ganze Erlebnis ist in meiner Erinnerung nur -noch wie eine flimmernde Reihe von Momentbildern. Ich weiß noch, mit -welchem Schrecken ich damals sein fast blutrotes Gesicht und die -blutunterlaufenen Augen sah. Ich glaube, er sah mich wohl, aber er -erkannte mich nicht. Er erfaßte sie, die Ohnmächtige, und hob sie mit -einer Kraft, die ich ihm gar nicht zugetraut hätte, wie eine leichte -Feder auf seine Arme und begann sie sinnlos im Zimmer umherzutragen, -ganz wie man ein kleines Kind trägt. Das Zimmer war ja nicht groß, er -aber wanderte aus einer Ecke in die andere, offenbar ohne zu wissen, -wozu er das tat. In einem dieser Augenblicke wird er wohl tatsächlich -den Verstand verloren haben. Er starrte sie dabei die ganze Zeit an und -schien seinen Blick von ihrem Antlitz nicht losreißen zu können. Ich -lief hinter ihm her, in der größten Angst wegen des Revolvers, den er -unbewußt in der rechten Hand behalten hatte und dicht neben ihrem Kopf -hielt. Aber er stieß mich immer wieder zurück, einmal mit dem Fuß, -einmal mit dem Ellbogen. Ich wollte schon Trischatoff rufen, fürchtete -jedoch, den Wahnsinnigen dadurch zu reizen. Schließlich zog ich den -Vorhang zur Seite und bat ihn, sie doch auf das Bett zu legen. Er trat -an das Bett und legte sie behutsam hin, aber er blieb bei ihr stehen, -sah ihr mit Spannung ins Gesicht, und plötzlich beugte er sich über sie -und küßte sie zweimal auf ihre bleichen Lippen. Oh, ich begriff endlich, -daß dieser Mensch nicht mehr bei Sinnen war! -- Plötzlich holte er mit -dem Revolver aus, als wolle er sie erschlagen, besann sich aber, drehte -den Revolver um und richtete ihn auf ihr Gesicht. Im Nu hatte ich seinen -Arm zurückgerissen und schrie nach Trischatoff. Ich weiß noch, wie wir -dann beide mit ihm rangen, aber es gelang ihm doch, den Revolver gegen -sich selbst zu richten und abzudrücken. Er hatte zuerst sie und dann -sich erschießen wollen. Daran wurde er von uns verhindert, und so -drückte er die Mündung des Revolvers gegen sein eigenes Herz, aber ich -konnte noch von unten gegen seine Hand schlagen, und die Kugel drang ihm -in die Schulter. In dem Augenblick stürzte Tatjana Pawlowna mit einem -Schrei ins Zimmer: doch da lag er schon bewußtlos auf dem Teppich, fast -neben Lambert. - - - Dreizehntes Kapitel. - - - I. - -Jetzt ist seit dieser Szene schon ein halbes Jahr vergangen; vieles ist -seitdem geschehen, vieles hat sich ganz verändert, und für mich hat -schon lange ein neues Leben begonnen ... Aber ich will dem Leser auch -über den Ausgang Aufschluß geben. - -Für mich wenigstens war sowohl damals wie noch lange nachher die -wichtigste Frage: wie hatte Werssiloff sich mit einem Lambert verbünden -können, und was für einen Zweck hatte er damit eigentlich verfolgt? Nach -und nach bin ich zu folgender Erklärung gelangt: ich glaube, oder -vielmehr ich bin überzeugt, daß Werssiloff in jenen Augenblicken, das -heißt, an jenem letzten Tage und auch schon am Tage vorher, so gut wie -überhaupt kein bestimmtes Ziel im Auge gehabt hat, und ich denke, er -wird überhaupt nicht viel gedacht, sondern nur unter dem Einfluß eines -Wirbelsturmes von Gefühlen gehandelt haben. Übrigens, daß es bei ihm ein -wirklicher Wahnsinn gewesen sei, gebe ich in keinem Fall zu, um so -weniger, als er auch jetzt nicht im geringsten irgendwie wahnsinnig ist. -Aber den »Doppelgänger« gebe ich unbedingt zu. Was ist nun eigentlich -ein »Doppelgänger«? Nach dem Buch eines medizinischen Sachverständigen, -das ich inzwischen gelesen habe, um mir darüber Klarheit zu verschaffen, -versteht man unter einer Doppelgängeridee nichts anderes, als den ersten -Grad einer gewissen Geistesstörung, die sogar recht schlimm enden kann. -Nun, Werssiloff hatte uns ja schon selber, damals in jener Szene bei -Mama, diese »Spaltung« seiner Gefühle und seines Willens mit -unheimlicher Aufrichtigkeit erklärt. Aber ich sage es noch einmal: wenn -jene Szene bei Mama, die Zerschmetterung des Heiligenbildes, auch -zweifellos unter dem Einfluß des »Doppelgängers« vor sich gegangen war, -so hat mir seitdem doch die ganze Zeit geschienen, daß seiner Handlung -sich zugleich eine gewisse schadenfrohe Symbolik beigemischt habe: etwas -wie ein Haß gegenüber den Erwartungen dieser Frauen, wie eine Wut auf -ihre Rechte und ihre Richterschaft, -- und da zerschmetterte er denn in -Gemeinschaft mit seinem Doppelgänger dieses Heiligenbild! Es war, als -hätte er damit sagen wollen: »Seht, so werden auch eure Erwartungen -zerschmettert werden!« Kurz, wenn es zum Teil auch der Doppelgänger war, -so war es zum anderen Teil doch einfach Torheit ... Aber das ist -schließlich nur meine Auslegung; und mit Sicherheit läßt sich so etwas -wohl kaum deuten. - -Es ist wahr, daß in ihm trotz seiner ganzen Vergötterung Katerina -Nikolajewnas immer der aufrichtigste und tiefste Zweifel an ihrem -sittlichen Werte wurzelte. Ich glaube bestimmt, daß er damals hinter der -Tür nur auf ihre Erniedrigung vor Lambert gewartet hat. Aber wünschte er -deshalb diese Erniedrigung, selbst wenn er auf sie wartete? Ich -wiederhole: ich bin überzeugt, daß er nichts wünschte und nicht einmal -zu denken vermochte. Er wollte nur dabei sein, irgendwo in der Nähe, um -dann hervorzutreten, ihr etwas zu sagen, vielleicht -- vielleicht sie -auch zu beleidigen, und vielleicht sie sogar zu töten ... Alles konnte -damals geschehen; nur wußte er, als er mit Lambert hinkam, noch nichts -davon, was geschehen werde. Der Revolver gehörte Lambert, er selbst war -ohne Waffen gekommen. Als er aber ihre stolze Würde sah, da ertrug er -Lamberts schurkische Drohung nicht, stürzte ins Zimmer, und -- dann -verlor er den Verstand. Ob er sie wirklich erschießen wollte? Ich -glaube, auch das wußte er nicht, aber er hätte sie bestimmt erschossen, -wenn wir seinen Arm nicht weggerissen hätten. - -Seine Wunde war nicht tödlich und heilte, aber er lag doch ziemlich -lange danieder -- natürlich bei Mama. Jetzt ist draußen schon Frühling, -es ist Mitte Mai, und unsere Fenster stehen offen. Während ich dies -schreibe, sitzt Mama bei ihm; er streichelt ihre Wangen, streichelt ihr -Haar und sieht ihr gerührt in die Augen. Oh, das ist nur noch die Hälfte -des früheren Werssiloff; von Mama trennt er sich überhaupt nicht mehr -und wird auch nie wieder von ihr gehen. Ja, ihm ward sogar »die Gabe der -Tränen zuteil«, wie der unvergeßliche Makar Iwanowitsch in seiner -Erzählung von dem Kaufmann sich ausdrückte. Übrigens glaube ich, daß -Werssiloff lange leben wird. Uns gegenüber ist er jetzt schlicht und -aufrichtig wie ein Kind, ohne übrigens sein Maß und seine Zurückhaltung -zu verlieren und viel Worte zu machen. Sein Verstand und sein ganzer -sittlicher Aufbau sind ihm unverändert verblieben, nur daß alles, was an -Idealem in ihm war, jetzt noch stärker hervortritt. Ich sage es gerade -heraus: ich habe ihn noch nie so geliebt wie jetzt, und es tut mir leid, -daß ich weder Zeit noch Gelegenheit habe, mehr von ihm zu sprechen. -Übrigens will ich doch noch ein Erlebnis erzählen, das wir erst kürzlich -mit ihm hatten (wir haben schon viele gehabt): Zu den großen Fasten war -er schon vollständig genesen, und in der sechsten Woche sagte er -plötzlich, er werde diesmal auch das Abendmahl nehmen. Das hatte er -schon seit vielleicht dreißig Jahren, denke ich, nicht mehr getan. Mama -war selig; es wurde sofort Fastenkost bereitet, aber natürlich eine -ziemlich kostspielige und verfeinerte. Ich hörte im Nebenzimmer, wie er -am Montag und Dienstag die Erlösungshymne vor sich hinsummte und sich an -der Melodie und den Worten begeisterte. In diesen zwei Tagen sprach er -ein paarmal sehr schön über Religion; aber schon am Mittwoch hörte das -Fasten plötzlich auf. Irgend etwas hatte ihn gereizt, ein »komischer -Widerspruch«, wie er sich lachend ausdrückte. Irgend etwas hatte ihm im -Äußeren des Geistlichen oder am Gottesdienst nicht gefallen: und kaum -war er nach Hause gekommen, da sagte er mit einem stillen Lächeln: -»Meine Freunde, ich liebe Gott sehr, aber -- dazu bin ich unfähig.« Und -noch an demselben Tage gab es zu Mittag Roastbeef. Aber ich weiß, daß -Mama auch jetzt sich oft zu ihm setzt und mit leisem und stillem Lächeln -manchmal von den abstraktesten Dingen mit ihm zu sprechen anfängt: jetzt -_wagt_ sie es plötzlich -- wie das gekommen ist, weiß ich nicht. Sie -setzt sich einfach neben ihn hin und spricht zu ihm, meist im -Flüsterton. Er hört ihr lächelnd zu, streichelt sie, küßt ihre Hände, -und aus seinem Gesicht leuchtet das vollkommenste Glück. Manchmal hat er -auch Anfälle, die fast hysterisch sind. Er nimmt dann ihre Photographie, -dieselbe, die er an jenem Abend küßte, betrachtet sie mit Tränen in den -Augen, küßt sie, gedenkt vergangener Zeiten, ruft uns alle zu sich, aber -spricht in solchen Augenblicken wenig ... Katerina Nikolajewna scheint -er ganz vergessen zu haben; ihren Namen hat er nie wieder ausgesprochen. -Auch von seiner Trauung mit Mama ist bei uns nicht mehr die Rede -gewesen. Er sollte für den Sommer ins Ausland gebracht werden; aber -Tatjana Pawlowna war sehr dagegen, und auch er hatte keine Lust. Den -Sommer werden sie in einem Landhause in der Nähe von Petersburg -verbringen. Übrigens leben wir vorläufig alle von Tatjana Pawlownas -Mitteln. Eins möchte ich noch hinzufügen: es tut mir unsagbar leid, daß -ich mir in diesen Aufzeichnungen oft erlaubt habe, von diesem Menschen -unhöflich und von oben herab zu sprechen. Aber ich habe mir während des -Schreibens mich selbst immer gar zu lebendig so vorgestellt, wie ich in -dem Augenblick gewesen war, den ich gerade beschrieb. Doch als ich meine -Aufzeichnungen beendet und die letzte Zeile niedergeschrieben hatte, -fühlte ich plötzlich, daß ich mich selbst eben durch das nochmalige -Durchleben der Erlebnisse, indem ich mir alles ins Gedächtnis zurückrief -und mir vergegenwärtigte, und dann noch niederschrieb -- daß ich mich -eben dadurch zu einem anderen Menschen erzogen habe. Vieles von dem, was -ich da geschrieben habe, möchte ich heute widerrufen und besonders den -Ton mancher Zeilen und Seiten ändern, aber ich streiche nichts aus und -verbessere nicht ein Wort. - -Ich habe schon gesagt, daß er Katerina Nikolajewna überhaupt nicht mehr -erwähnt hat; ja, ich glaube sogar, daß er vielleicht vollkommen geheilt -ist. Nur Tatjana Pawlowna und ich sprechen manchmal von Katerina -Nikolajewna, und auch wir tun es nur heimlich. Sie ist jetzt im -Auslande; ich habe sie vor ihrer Abreise gesehen und bin mehrere Male -bei ihr gewesen. Aus dem Auslande habe ich von ihr schon zwei Briefe -erhalten und auch beantwortet. Doch über den Inhalt unserer Briefe und -darüber, was wir vor ihrer Abreise, als wir Abschied nahmen, gesprochen -haben, schweige ich: das ist schon eine ganz andere Geschichte, eine -ganz _neue_ Geschichte, eine, die sich vielleicht erst in der Zukunft -verwirklichen wird. Sogar vor Tatjana Pawlowna verschweige ich noch -manches. Doch -- genug davon. Ich füge nur hinzu, daß Katerina -Nikolajewna nicht verheiratet ist und mit Pelischtschoffs zusammen -reist. Ihr Vater ist gestorben, und sie ist eine der reichsten Witwen. -Augenblicklich weilt sie in Paris. Ihr Bruch mit Bjoring erfolgte -schnell und ganz von selbst, das heißt, auf eine ganz natürliche Weise. -Übrigens kann ich ja auch das noch erzählen. - -An demselben Morgen, an dem es in Tatjana Pawlownas Wohnung zu jener -schrecklichen Entladung kam, hatte der Pockennarbige -- derselbe, zu dem -Trischatoff und sein Freund übergegangen waren -- Bjoring von Lamberts -Anschlage gegen Katerina Nikolajewna noch rechtzeitig unterrichten -können. Dazu war es folgendermaßen gekommen: Lambert hatte ihn, den -Pockennarbigen, anfangs doch zur Teilnahme an dem Unternehmen überredet, -und als er dann in den Besitz des Dokuments gelangt war, hatte er ihm -alle Einzelheiten und im letzten Augenblick auch noch den Plan -mitgeteilt, den Werssiloff entworfen hatte, um Tatjana Pawlowna aus -ihrer Wohnung zu entfernen. Aber im entscheidenden Augenblick hatte der -Pockennarbige doch vorgezogen, Lambert im Stiche zu lassen, da er -vernünftiger war als sie alle und die Möglichkeit eines Totschlages -voraussah. Doch der Hauptgrund seines Verrats war, daß er sich von -Bjorings Dankbarkeit mehr versprach, als von dem phantastischen Vorhaben -des unklugen Lambert, der sich nur zu oft hinreißen ließ, und des vor -Leidenschaft fast schon wahnsinnigen Werssiloff. Das alles habe ich -später von Trischatoff erfahren. Übrigens ist mir Lamberts Verhältnis -zum Pockennarbigen noch immer etwas unverständlich, und ich begreife -nicht, warum Lambert nicht ohne ihn auskommen konnte. Aber viel -wichtiger ist für mich die Frage: wozu brauchte Lambert, nachdem er mir -das Dokument schon entwendet hatte, noch Werssiloff? Die Antwort habe -ich erst jetzt gefunden. Er brauchte Werssiloff nicht nur deshalb, weil -dieser die Verhältnisse und Gelegenheiten so gut kannte, sondern -hauptsächlich deshalb, weil er, Lambert, im Falle eines Fehlschlages die -ganze Verantwortung auf Werssiloff abwälzen konnte. Und da Werssiloff -doch kein Geld beanspruchte, so hielt Lambert seine Hilfe durchaus nicht -für überflüssig. Aber Bjoring kam damals zu spät. Er erschien erst, als -nach dem Schuß schon eine Stunde vergangen war und Tatjana Pawlownas -Wohnung bereits ganz anders aussah. Denn: ungefähr fünf Minuten, nachdem -Werssiloff blutüberströmt hingestürzt war, hatte sich Lambert, den wir -für tot hielten, wieder aufgerichtet. Er hatte sich verwundert -umgesehen, plötzlich alles begriffen, war langsam aufgestanden und in -die Küche hinausgegangen, ohne ein Wort zu sagen; dort hatte er seinen -Pelz angezogen, und dann war er für immer verschwunden. Das »Dokument« -hatte er auf dem Tisch liegen lassen. Ich hörte später, er sei nicht -einmal krank gewesen, sondern habe sich nur eine Zeitlang wie benommen -gefühlt: der Schlag mit dem Revolver hatte ihn betäubt und etwas Blut -fließen lassen, ihm aber keine ernstere Verletzung zugefügt. Trischatoff -war sogleich zum nächsten Arzt gelaufen; aber noch bevor der Arzt -erschien, kam Werssiloff zu sich. Kurz vorher war auch Katerina -Nikolajewna aus der Ohnmacht erwacht und von Tatjana Pawlowna bereits in -ihren Wagen gesetzt worden, in dem diese sie nach Hause brachte. So traf -denn Bjoring, als er in die Wohnung gelaufen kam, außer mir und dem Arzt -nur den verwundeten Werssiloff und Mama an, der gleichfalls Trischatoff -die Nachricht gebracht hatte, und die trotz ihrer Krankheit sogleich -herbeigeeilt war, natürlich in großer Angst. Bjoring sah uns -verständnislos an, und als er erfuhr, daß Katerina Nikolajewna die -Wohnung schon verlassen hatte, begab er sich sofort zu ihr, ohne mit uns -auch nur ein Wort zu wechseln. - -Er sah wie vor den Kopf geschlagen aus; er wird sich wohl gesagt haben, -daß ein Skandal oder wenigstens ein Gerede jetzt unvermeidlich war. Aber -zu einem großen Skandal kam es doch nicht, es verbreiteten sich nur -einige Gerüchte. Den Schuß hatte man zwar nicht vertuschen können, aber -der Zusammenhang der ganzen Geschichte blieb doch so gut wie unbekannt. -Die Nachforschungen ergaben nur folgendes: ein gewisser W., ein fast -fünfzigjähriger Familienvater, hätte einer hochachtbaren Dame, die er -leidenschaftlich liebte, doch die seine Gefühle gar nicht erwiderte, -eine Liebeserklärung gemacht, und dann in einem Augenblick der -Leidenschaft auf sich selbst geschossen. Weiter drang nichts in die -Öffentlichkeit, und in dieser Gestalt kam der Vorfall denn auch als -Gerücht in die Zeitungen, nur unter Angabe der Anfangsbuchstaben der -Namen. Wenigstens hat man, soviel ich weiß, nicht einmal Lambert mit -irgend einem Verdacht beunruhigt. Aber Bjoring, der die Wahrheit kannte, -erschrak nichtsdestoweniger. Und gerade damals mußte er, als wäre es vom -Schicksal gewollt, von Katerina Nikolajewnas Zusammenkunft mit dem in -sie verliebten Werssiloff erfahren, die zwei Tage vor der Katastrophe -stattgefunden hatte. Das machte ihn stutzig, und er ließ sich -unvorsichtigerweise Katerina Nikolajewna gegenüber zu der Bemerkung -hinreißen, er wundere sich nach alledem nicht mehr, daß ihr so -eigentümliche Geschichten widerfahren konnten. Katerina Nikolajewna gab -ihm daraufhin sofort sein Wort zurück, ohne Zorn, aber auch ohne zu -zögern. Ihre vorgefaßte Meinung, eine Vernunftehe mit diesem Menschen -würde für sie das Geeignetste sein, war wie Rauch verflogen. Vielleicht -hatte sie ihn schon lange vorher durchschaut; aber es ist auch möglich, -daß manche ihrer Anschauungen und Gefühle nach der erlittenen -Erschütterung plötzlich umschlugen. Doch ich schweige schon, ich -schweige schon! Im übrigen habe ich nur noch zu bemerken, daß Lambert -bald darauf nach Moskau verschwand; dort soll er, wie ich gehört habe, -bei einem ähnlichen Erpressungsversuch der Polizei ins Garn gegangen -sein. - -Trischatoff habe ich schon lange, fast schon seit diesen letzten -Begebenheiten, aus den Augen verloren, und wie sehr ich mich auch gemüht -habe, ihn zu finden, es ist mir nicht gelungen. Er verschwand nach dem -Tode seines Freundes, des »_grand dadais_«: dieser hat sich erschossen. - - - II. - -Ich erwähnte auch schon den Tod des alten Fürsten Nikolai Iwanowitsch. -Der gute und sympathische alte Herr starb bald nach jenen Ereignissen -- -übrigens doch erst einen ganzen Monat später -- er starb in der Nacht, -in seinem Bett, an einem Gehirnschlag. Ich habe ihn seit dem Tage, den -er in meiner Wohnung verbrachte, nicht wiedergesehen. Man hat mir von -ihm nur erzählt, er sei diesen letzten Monat viel vernünftiger gewesen, -viel beherrschter, er habe sich nicht mehr gefürchtet und habe nicht -mehr geweint und in dieser ganzen Zeit nicht ein einziges Mal ein Wort -von Anna Andrejewna gesprochen. Seine ganze Liebe hatte sich seiner -Tochter zugewandt. Katerina Nikolajewna hat ihm einmal, eine Woche vor -seinem Tode, den Vorschlag gemacht, mich zu seiner Zerstreuung rufen zu -lassen, aber das soll ihn geradezu gekränkt haben: diese Tatsache teile -ich ohne alle Erklärungen mit. Nach seinem Tode zeigte sich, daß sein -Landbesitz in bester Ordnung war, und außerdem hinterließ er ein sehr -bedeutendes Barvermögen. Ein Drittel dieses Vermögens wurde, nach einer -Bestimmung des alten Herrn, unter seine zahllosen Patentöchter verteilt; -aber sehr sonderbar erschien es allen, daß Anna Andrejewna in seinem -Testament überhaupt nicht erwähnt war: ihr Name war einfach übergangen. -Mir ist indessen folgende verbürgte Tatsache bekannt: einige Tage vor -dem Tode hatte der alte Herr seine Tochter und seine Freunde, Herrn -Pelischtschoff und den Fürsten W., zu sich gerufen und in ihrer -Gegenwart Katerina Nikolajewna befohlen, im Falle seines Todes, von dem -hinterlassenen Vermögen Anna Andrejewna sechzigtausend Rubel -auszuzahlen. Seinen Willen drückte er klar und einfach aus, ohne jede -Gefühlsäußerung oder nähere Erklärung. Nach seinem Tode, als die ganzen -Angelegenheiten geordnet waren, ließ dann Katerina Nikolajewna durch -ihren Bevollmächtigten Anna Andrejewna benachrichtigen, daß sie die -sechzigtausend zu jeder Zeit abheben könne; aber Anna Andrejewna lehnte -trocken und ohne überflüssige Worte das Angebot ab: sie weigerte sich, -das Geld anzunehmen, trotz aller Versicherungen, daß dieses Vermächtnis -tatsächlich der letzte Wille des Fürsten gewesen sei. Das Geld liegt -noch heute da und wartet auf sie, und Katerina Nikolajewna hofft immer -noch, daß sie ihren Entschluß ändern werde; aber das wird nicht -geschehen, das weiß ich genau, denn ich bin jetzt einer der nächsten -Freunde und Bekannten Anna Andrejewnas. Ihre Ablehnung erregte ein -gewisses Aufsehen, und es ist viel davon gesprochen worden. Ihre Tante, -Madame Fanariotoff, die wegen jenes Skandals mit dem alten Fürsten sehr -böse auf sie war, änderte plötzlich nach der Zurückweisung des Geldes -ihr Verhalten zu Anna Andrejewna und versicherte sie ihrer Hochachtung. -Ihr Bruder dagegen hat sich mit ihr deswegen endgültig überworfen. Ich -besuche Anna Andrejewna sehr oft, aber ich will damit nicht sagen, daß -ich mit ihr sehr vertraulich stünde; die alten Geschichten erwähnen wir -überhaupt nicht; sie empfängt mich sehr gern bei sich, doch unsere -Unterhaltung dreht sich fast nur um abstrakte Dinge. Übrigens hat sie -mir ruhig und sicher erklärt, daß sie unbedingt ins Kloster gehen werde; -es war das vor nicht langer Zeit, aber ich will es ihr noch nicht -glauben und halte die Äußerung einer solchen Absicht vorläufig nur für -ein schmerzliches Wort. - -Aber ein schmerzliches, ein wahrhaft schmerzliches Wort habe ich noch -über meine Schwester Lisa zu sagen. Ja, hier -- hier ist das Leben -wirklich zum Unglück geworden, und was sind alle meine Mißerfolge im -Vergleich zu ihrem harten Schicksal! Es fing damit an, daß der Fürst -Ssergei Petrowitsch nicht genas und, noch bevor seine Sache zur -Verhandlung kam, im Lazarett starb. Er starb noch vor dem Fürsten -Nikolai Iwanowitsch. Lisa blieb mit ihrem zukünftigen Kinde allein -zurück. Sie weinte nicht und war äußerlich ganz ruhig, ja, sie wurde -sanft und still; die frühere Glut ihres Herzens war plötzlich irgendwo -in den Tiefen ihres Wesens begraben. Sie half freundlich Mama, pflegte -den kranken Andrei Petrowitsch, aber sonst war sie schweigsam und sah -keinen Menschen und keine Sache an. Es war, als wäre ihr alles -gleichgültig, als ginge sie an allem nur so vorüber. Als es Werssiloff -allmählich besser ging, begann sie viel zu schlafen. Ich brachte ihr -Bücher, aber sie las sie nicht. Zu gleicher Zeit magerte sie furchtbar -ab. Ich wagte nicht, ihr Trost zuzusprechen, obgleich ich oft mit dieser -Absicht zu ihr kam; aber in ihrer Gegenwart konnte ich die Worte nicht -finden, um an sie heranzukommen. So ging das weiter, bis der -Unglücksfall kam: sie fiel von der Treppe, nicht hoch, im ganzen nur -drei Stufen, aber sie kam vor der Zeit nieder, und ihre Krankheit zog -sich den ganzen Winter hin. Jetzt hat sie das Bett bereits verlassen, -aber ihre Gesundheit ist wohl für immer untergraben. Zu uns verhält sie -sich wie früher, ist schweigsam und vergrübelt; mit Mama hat sie wohl -ein wenig zu sprechen begonnen. Alle diese Tage hat die Frühlingssonne -hoch und hell am Himmel gestanden, und ich mußte immer wieder an jenen -sonnigen Morgen denken, im vergangenen Herbst, als ich mit ihr auf der -Straße ging, und wie wir beide voll Freude waren und Hoffnung, und voll -Liebe zueinander. Was ist aus uns geworden? Ich klage nicht; ich darf es -auch nicht: für mich hat ein neues Leben begonnen; aber sie? Ihre -Zukunft ist mir ein Rätsel, und ich kann an sie nicht denken, ohne -tiefen Schmerz zu empfinden. - -Aber vor ungefähr drei Wochen gelang es mir doch einmal, sie durch eine -Mitteilung über Wassin aufzurütteln. Er war aus der Haft entlassen und -endgültig freigesprochen worden. Man sagt, dieser vernünftige Mensch -habe die genauesten Erklärungen gegeben und überaus wichtige -Mitteilungen gemacht, die ihn in den Augen derjenigen, von denen sein -Schicksal abhing, vollkommen gerechtfertigt hatten. Und selbst sein -vielbesprochenes Manuskript war, wie sich zeigte, nur eine Übersetzung -aus dem Französischen, nur Material gewesen, das er ausschließlich für -sich gesammelt hatte, in der Absicht, später einmal eine Kritik darüber -zu schreiben, in der Form eines Aufsatzes für eine Zeitschrift. Er hat -sich jetzt in das Gouvernement H. begeben. Sein Stiefvater Stebelkoff -sitzt dagegen noch immer in Untersuchungshaft wegen seines Vergehens, -das, je mehr man der Sache nachgeht, desto verwickelter wird. Lisa hörte -meine Mitteilungen über Wassin mit einem sonderbaren Lächeln an und -bemerkte schließlich, daß es ihm auch gar nicht anders hätte ergehen -können. Aber sie war doch sichtlich befriedigt, -- natürlich nur -deshalb, weil die Anzeige des verstorbenen Fürsten Ssergei Petrowitsch -Wassin nicht ernstlich geschadet hatte. Von Dergatschoff und den anderen -wüßte ich nichts weiter mitzuteilen. - -Ich habe meine Aufzeichnungen abgeschlossen. Vielleicht möchte der eine -oder andere Leser noch wissen: wo denn nun meine »Idee« geblieben sei, -und was es denn für eine Bewandtnis mit diesem neuen Leben hat, das -jetzt für mich beginnt, und das ich so geheimnisvoll andeute? Aber -dieses neue Leben, dieser neue Weg, der sich vor mir aufgetan hat -- ist -ja eben meine »Idee«, dieselbe, die ich früher hatte, nur in einer so -anderen Gestalt, daß sie kaum wiederzuerkennen ist. Doch in meine -»Aufzeichnungen« paßt das schon nicht mehr hinein, eben weil es etwas -ganz anderes ist. Das alte Leben liegt schon weit hinter mir, und das -neue beginnt erst kaum. Aber eins muß ich doch unbedingt erwähnen: -Tatjana Pawlowna, mein aufrichtiger und lieber Freund, redet mir fast -jeden Tag zu, unbedingt und sobald wie nur möglich die Universität zu -beziehen: »Nachher, wenn du dein Studium beendet hast, dann kannst du -dir ja Ideen ausdenken, so viel du willst, jetzt aber lerne erst mal zu -Ende.« Ich muß gestehen, ich habe über ihren Vorschlag schon des öfteren -nachgedacht, aber ich weiß wirklich noch nicht, wozu ich mich -entschließen werde. Unter anderem habe ich eingewendet, ich hätte jetzt -nicht einmal mehr das Recht zu studieren, da ich arbeiten müsse, um Mama -und Lisa zu ernähren; aber sie bietet mir die Mittel zum Studium von -ihrem Gelde an und versichert, es werde für die ganze Zeit meines -Studiums ausreichen. So entschloß ich mich denn endlich, einen Menschen -um Rat zu fragen. Ich suchte unter meinen Bekannten und traf dann nach -sorgfältiger und kritischer Überlegung meine Wahl: sie fiel auf -- -Nikolai Ssemjonowitsch, meinen einstigen Erzieher in Moskau, Marja -Iwanownas Mann. Ich wählte ihn nicht deshalb, weil ich so sehr eines -fremden Rates bedurft hätte, sondern weil ich einfach den unbezwingbaren -Wunsch hatte, die Meinung gerade dieses vollkommen unbeteiligten -Menschen zu hören, der ein etwas kühler Egoist, jedoch zweifellos ein -sehr kluger Kopf ist. Ich schickte ihm mein ganzes Manuskript, mit der -Bitte um Verschwiegenheit, da ich es noch keinem Menschen gezeigt hatte, -namentlich Tatjana Pawlowna nicht. Mein Manuskript erhielt ich von ihm -nach zwei Wochen zurück und er schrieb mir dazu einen ziemlich langen -Brief ... Aus diesem Brief will ich nun einige Auszüge hier anhängen, da -ich in ihnen eine gewisse allgemeine Anschauung und gleichsam etwas -Erklärendes finde. Es sind diese Sätze: - - - III. - -»... Und niemals hätten Sie, mein unvergeßlicher Arkadi Makarowitsch, -Ihre zeitweilige Muße nützlicher verwenden können, als Sie es getan -haben, indem Sie diese Ihre >Aufzeichnungen< schrieben! Sie haben sich -sozusagen bewußt Rechenschaft gegeben über ihre ersten ungestümen und -gewagten Schritte ins Leben. Ich bin überzeugt, daß Sie sich durch diese -Darlegung in der Tat in vieler Hinsicht >zu einem anderen Menschen< -haben erziehen können, wie Sie sich selbst ausdrücken. Kritische -Bemerkungen, im eigentlichen Sinne des Wortes, werde ich mir -selbstredend nicht erlauben, obgleich man sich bei jeder Seite seine -Gedanken machen kann ... wie zum Beispiel über den Umstand, daß Sie -dieses >Dokument< so lange und so hartnäckig bei sich behalten haben, -was mir im höchsten Grade charakteristisch zu sein scheint ... Aber das -ist von hunderten nur eine Bemerkung, die ich mir hier zu machen -erlaube. Ich weiß auch sehr zu schätzen, daß Sie mir, und wie es -scheint, mir allein das >Geheimnis Ihrer Idee< anvertraut haben. Ihre -Bitte jedoch, mich besonders zu dieser Ihrer >Idee< zu äußern, muß ich -Ihnen abschlagen; denn erstens würde das über den Rahmen eines Briefes -hinausgehen, und zweitens -- ich bin noch nicht imstande, darauf zu -antworten, ich muß alles erst selbst verarbeiten. Ich will nur bemerken, -daß Ihre >Idee< sich durch Eigenart auszeichnet, während die Jugend von -heute sich in der Mehrzahl nicht auf selbsterfundene Ideen einstellt, -sondern auf fertig vorgefundene, von denen es wohl nichts weniger als -eine große Auswahl gibt, ganz abgesehen davon, daß sie häufig recht -gefährlich sind. Ihre Idee hat Sie wenigstens zeitweilig vor den Ideen -der Herren Dergatschoff und Konsorten bewahrt, die fraglos bei weitem -nicht so originell sind wie Ihre Idee. Und schließlich pflichte ich -durchaus der hochverehrten Tatjana Pawlowna bei, die ich zwar persönlich -gekannt, bisher jedoch nicht in dem Maße zu schätzen verstanden habe, -wie sie es verdient: ihr Wunsch, daß Sie die Universität beziehen, hat -für Sie das Beste im Auge. Die Wissenschaft und das Leben werden in den -drei bis vier Jahren die Horizonte Ihrer Gedanken und Bestrebungen -zweifellos bedeutend erweitern, und sollten Sie nach beendetem Studium -sich wieder Ihrer >Idee< zuwenden wollen, so wird Ihnen nichts im Wege -stehen. - -Und jetzt erlauben Sie, daß ich Ihnen von mir aus ganz offen und sogar -ungebeten einige Gedanken und Eindrücke mitteile, die mir während der -Lektüre Ihrer so offenherzigen Aufzeichnungen in den Sinn gekommen sind -und mein Herz bewegt haben. - -Ja, ich stimme mit Andrei Petrowitsch darin vollkommen überein, daß man -für Sie und Ihre _einsame_ Jugend in der Tat Angst haben konnte. Und -solcher Jünglinge wie Sie gibt es unter unserer heranwachsenden Jugend -nicht wenige, und ihre Fähigkeiten drohen in der Tat immer, sich zum -Schlechteren zu entwickeln -- sei es zu kriechendem Strebertum oder zum -heimlichen Verlangen nach Unordnung in Leben und Staat. Aber dieses -Verlangen nach Unordnung entspringt vielleicht in den meisten Fällen -einer geheimen Sehnsucht nach Ordnung und >Vornehmheit< (ich gebrauche -Ihren Ausdruck)! Die Jugend ist schon darum rein, weil sie Jugend ist. -Vielleicht sind diese so frühen Ausbrüche der Unvernunft eben nur -Ausbrüche der Sehnsucht nach Ordnung und ein Suchen der Wahrheit; aber, -ja, wer ist denn schuld daran, daß manche jungen Menschen von heute -diese Wahrheit und diese Ordnung in so dummen und lächerlichen Utopien -zu sehen glauben, daß man gar nicht begreift, wie sie auf so etwas -überhaupt hereinfallen können! Ich will hier gleich bemerken, daß man -früher, in der Vergangenheit, die unmittelbar hinter uns liegt, im -Zeitalter der vorigen Generation, diese merkwürdigen jungen Leute gar -nicht so sehr zu bedauern brauchte, denn damals endeten sie fast immer -damit, daß sie sich in ihrem weiteren Leben unserer höheren -Kulturschicht anschlossen und mit ihr zu einem Ganzen verschmolzen. Und -wenn sie im Anfang ihres Weges auch die ganze Ordnungslosigkeit und -Zufälligkeit ihrer Existenz erkannten, das Fehlen alles Schönen, -zum Beispiel in ihrem Familienleben, das Fehlen jeglicher -Familienüberlieferung und guter vollendeter Lebensformen, so war das ja -um so besser, denn eben diese Erkenntnis lehrte sie, das Fehlende ganz -bewußt zu suchen, darum zu ringen und es zu schätzen. Heute verhält es -sich anders -- eben weil nichts vorhanden ist, an das man sich -anschließen könnte. - -Ich möchte das durch ein Beispiel noch klarer machen. Wenn ich ein -russischer Romancier wäre und Talent hätte, so würde ich meine Helden -unbedingt aus dem russischen alten Adel wählen, denn nur an diesem einen -Stande russischer Kulturmenschen ist es für einen die Wirklichkeit -darstellenden Dichter möglich, wenigstens den Schein einer schönen -Ordnung zu zeigen und den schönen Eindruck zu erzielen, der in einem -Roman zur ästhetischen Wirkung auf den Leser unbedingt erforderlich ist. -Indem ich das sage, scherze ich durchaus nicht, obgleich ich selbst -nichts weniger als ein Adliger bin, was Ihnen ja bekannt ist. Schon -Puschkin hat sich die Stoffe für seine geplanten Romane in den ->Überlieferungen der russischen Familie< angemerkt, und glauben Sie mir, -in diesen findet sich tatsächlich alles, was es bisher an Schönem bei -uns überhaupt gegeben hat. Jedenfalls enthalten sie alles, was wir an -wenigstens einigermaßen Abgeschlossenem hervorgebracht haben. Ich sage -das nicht deshalb, weil ich etwa von der Richtigkeit und Wahrheit dieser -Schönheit unbedingt überzeugt wäre; aber es läßt sich doch nicht -leugnen, daß es in der Kaste unseres Geburtsadels schon abgeschlossene -Formen für Ehre und Pflicht gegeben hat, die es außer beim Adel in ganz -Rußland nicht nur nicht in abgeschlossener Form, sondern nicht einmal im -Anfangszustande gibt. Ich spreche das als ein ruhiger Mensch aus, der -nach Ruhe strebt. - -Ob nun diese Form der >Ehre< an sich gut und diese Auffassung der ->Pflicht< richtig ist -- das ist eine andere Frage; wichtiger ist für -mich eben die Abgeschlossenheit, die Vollendung der Formen und somit -wenigstens irgendeine Art von Ordnung, und zwar nicht eine von außen her -vorgeschriebene, sondern eine aus uns selbst heraus entwickelte. Mein -Gott, das ist ja für uns eben das wichtigste: gleichviel was für eine -Ordnung, wenn es nur endlich einmal eine selbstgeschaffene Ordnung ist! -Und so etwas zu sehen, gab uns Hoffnung und war, man kann wohl sagen, -eine Erholung fürs Auge: es war doch endlich etwas anderes, war nicht -ewig dieses Zerstören, nicht ewig umherfliegende Splitter, nicht Schutt -und Unrat, aus denen bei uns nun schon seit zweihundert Jahren noch -immer nichts hervorgehen will. - -Werfen Sie mir nicht Slawophilismus vor; ich sage das nur so, aus -Misanthropie, weil mein Herz bedrückt ist! Denn jetzt, seit kurzer Zeit, -geht bei uns etwas vor, was dem oben geschilderten vollkommen -entgegengesetzt ist. Es ist nicht mehr der Nachschub von unten, der sich -an die höhere Menschenschicht anschließt und mit ihr zusammenwächst, -sondern umgekehrt, von der schönen und feststehenden Schicht bröckeln -mit fröhlicher Eilfertigkeit Stückchen und Klümpchen ab und scharen sich -in einen Haufen mit den Vertretern der Unordnung und des Neides. Es ist -schon längst kein Ausnahmefall, daß die Väter und Familienhäupter alter -Kulturgeschlechter heute selbst darüber lachen, woran ihre Kinder -vielleicht noch glauben wollen. Und nicht nur das: sie zeigen ihren -Kindern sogar mit Vergnügen ihre gierige Freude an dem plötzlichen Recht -auf Ehrlosigkeit, das dieser ganze Haufen auf einmal irgendwoher -erhalten zu haben glaubt. Ich rede hier nicht von den wahren -Fortschrittlern, mein lieber Arkadi Makarowitsch, sondern bloß von jenem -Gesindel, das so überraschend zahlreich ist, und von dem es heißt: -_grattez le russe et vous verrez le tartare_.{[139]} Glauben Sie mir, -wirkliche Freiheitler, wahrhafte und großherzige Menschenfreunde sind -bei uns durchaus nicht so zahlreich, wie wir hin und wieder geglaubt -haben. - -Aber das ist ja alles Philosophie; kehren wir zu unserem Romancier -zurück. Seine Lage wäre unter diesen Umständen eine vollkommen -bestimmte: er könnte in keiner anderen Form als in der historischen -schreiben, denn in unserer Zeit gibt es keinen schönen Typus mehr, und -wenn sich auch Reste von ihm erhalten haben, so haben sie doch nach der -heute herrschenden Ansicht ihre Schönheit schon eingebüßt. Oh, auch in -der historischen Form läßt sich noch eine Menge sehr gefälliger und -erfreulicher Einzelheiten schildern! Man kann den Leser sogar so weit -mit sich fortreißen, daß er das historische Bild noch in der Gegenwart -für möglich hält. - -Aber ein solches Werk, von einem begnadeten Künstler geschrieben, würde -weniger der russischen Literatur als der russischen Geschichte -angehören. Es wäre ein künstlerisch vollendetes Bild der russischen Fata -Morgana, die allerdings so lange Wirklichkeit sein wird, bis man -dahinterkommt, daß sie eben nur noch eine Fata Morgana ist. Aber der -heute lebende Enkel der Typen jenes Bildes, das die russische Familie -der höheren Kulturschicht im Verlauf von drei Menschenaltern und in -engster Verbindung mit der russischen Geschichte darstellt -- dieser -Enkel jener Typen könnte in seinem gegenwärtigen Typ, wenn er -wahrheitsgetreu sein soll, nicht mehr anders dargestellt werden, als in -einer etwas misanthropischen, einsamen und fraglos traurigen Gestalt. Er -muß sogar als eine Art Sonderling erscheinen, den der Leser auf den -ersten Blick als das zu erkennen vermag, was er ist: als einen, der das -Feld geräumt hat, und dem man es ansieht, daß der Sieg nicht ihm -verblieben ist. Über ein Kleines -- wird auch dieser Enkel und -Misanthrop verschwunden sein; neue Gestalten werden auftauchen, uns noch -unbekannte Gesichter, und eine neue Fata Morgana; aber was werden das -für Gestalten sein? Wenn sie unschön sind, so ist ein weiterer -russischer Roman unmöglich. Doch wehe uns! -- wird dann der Roman allein -unmöglich sein? - -Aber wozu so weit vorausgehen, ich komme lieber auf Ihr Manuskript -zurück. Betrachten Sie zum Beispiel die beiden Familien des Herrn -Werssiloff (diesmal erlauben Sie mir schon, vollkommen aufrichtig zu -sein). Da ist er zunächst selbst, Andrei Petrowitsch, -- doch über ihn -will ich mich nicht weiter äußern. Immerhin gehört er zu den -Familienhäuptern. Er ist ein Edelmann aus altem, vornehmem Geschlecht -und gleichzeitig -- ein Pariser Kommunard. Er ist ein echter Dichter und -liebt Rußland, doch dafür verneint er es auch vollständig. Er ist ohne -jede Religion, aber er ist beinahe bereit, in den Tod zu gehen -- für -etwas Unbestimmtes, das er selbst nicht zu nennen vermag, woran er -jedoch leidenschaftlich glaubt, gleich einer Menge russisch-europäischer -Zivilisatoren aus der Petersburger Ära der russischen Geschichte. Doch -genug von ihm selbst! Aber da ist nun seine rechtmäßige Familie: von -seinem Sohn will ich weiter nicht sprechen: er ist ja dieser Ehre gar -nicht wert! Wer Augen hat, zu sehen, der weiß schon im voraus, was aus -solchen Tagedieben bei uns wird, und wohin sie gelegentlich auch andere -mitziehen. Aber da ist seine Tochter Anna Andrejewna -- wer könnte der -wohl Charakter absprechen? Eine Persönlichkeit vom Schlage unserer -berühmten Äbtissin Mitrofania -- doch selbstredend soll damit nicht -gesagt sein, daß sie auch deren Verbrechen begehen könnte, was von mir -ungerecht wäre. Wenn Sie, Arkadi Makarowitsch, mir jetzt sagten, diese -Familie sei eine einzelne Erscheinung -- ich würde froh aufatmen. Aber -ist nicht umgekehrt der Schluß richtiger, daß schon eine Menge von -solchen unzweifelhaft altadligen russischen Familien mit unaufhaltsamer -Gewalt zu _zufälligen_ Familien geworden sind, daß sie sich in Massen -mit den tatsächlich zufälligen zu gemeinsamer Unordnung und gemeinsamem -Chaos vermischen? Den Typ einer solchen zufälligen Familie zeigen zum -Teil auch Sie in Ihren Aufzeichnungen. Ja, Arkadi Makarowitsch, Sie sind -_ein Glied einer zufälligen Familie_, im Gegensatz zu den bei uns noch -vor kurzem vorherrschenden Typen aus altem Stamm, die eine so anders -geartete Kindheit und Jugend hatten, als Sie. - -Ich muß bekennen, ich möchte nicht der Schilderer eines Helden aus einer -zufälligen Familie sein! - -Es ist eine undankbare Arbeit, ohne die Möglichkeit schöner Formung. -Auch sind diese Typen in jedem Falle noch erst in der Bildung begriffen -und können darum noch gar nicht künstlerisch abgeschlossen sein. Es sind -wichtige Fehler möglich, Übertreibungen und Verkennungen. Andererseits -muß manches völlig ungesehen bleiben. Jedenfalls wäre man dabei gar zu -oft auf ein bloßes Erraten angewiesen. Aber was soll schließlich ein -Schriftsteller tun, der nicht nur als Historiker schreiben will, und der -von der Sorge um das Gegenwärtige befallen ist? Es verbleibt ihm nichts -als -- hin- und herraten und ... sich irren. - -Aber solche Aufzeichnungen wie die Ihren könnten, glaube ich, als -Material für ein späteres Kunstwerk dienen, für ein künftiges Bild einer -unordentlichen, halb schon vergangenen Epoche. Oh, wenn die Zeit dieser -brennenden Tagesfrage vergangen sein wird und die Zukunft anbricht, dann -wird ein künftiger Künstler für die Darstellung selbst der vergangenen -Unordnung und des Chaos schon schöne Formen finden. Und dann werden -solche >Aufzeichnungen< wie die Ihren zustatten kommen und als Material -verwendet werden können -- wenn sie nur aufrichtig sind, mögen sie dabei -auch noch so chaotisch und zufällig sein ... Es werden sich wenigstens -einige richtige Züge erhalten, aus denen man wird erraten können, was -sich in der Seele manch eines Jünglings jener unruhigen Zeit verborgen -hat -- eine Ermittelung, die nicht ganz unnütz sein dürfte, denn aus den -Jünglingen wachsen die Generationen ...« - - - - - Fußnoten - - -[1] Das Fürstengeschlecht der Dolgoruki ist eines der ältesten -Fürstenhäuser Rußlands und führt seinen Stammbaum bis auf den Waräger -Rjurik zurück. Bei der Einzigartigkeit und Popularität des Namens ist -die Annahme, wer »Dolgoruki« heißt, müsse Fürst sein, nur zu -verständlich. E. K. R. - -[2] Eine Dorfgeschichte von Grigorówitsch die 1847 den Lesern zu -Bewußtsein brachte, »daß auch die Leibeigenen _Menschen_ sind«. E. K. R. - -[3] Roman von Drushinin (1849), in dem der Gatte seiner Frau Pólinka -deren Liebe zu einem jungen Manne tolerant verzeiht; sie will aber sein -Opfer nicht annehmen und bleibt ihm treu. Er stirbt alsbald an der -Schwindsucht. (Die russische Kirche ließ Ehescheidung nicht zu.) E. K. -R. - -[4] Kusnetzki Most -- die größte Kaufstraße in Moskau. E. K. R. - -[5] Die familiäre Form von Ssergei oder Sergius. E. K. R. - -[6] Nach der Aufhebung der Leibeigenschaft (1861) sollten vom Adel -gewählte »Friedensvermittler« die Auseinandersetzungen zwischen den -Gutsbesitzern und den Bauern in die Wege leiten. E. K. R. - -[7] Es ist in Rußland Sitte, daß die Eltern von den Kindern mit »Sie« -angeredet werden, während die Eltern ihre Kinder duzen. E. K. R. - -[8] Es gilt bei den Russen als unhöflich, eine bekannte Person nur mit -dem Familiennamen zu nennen; die höfliche Form, auch in der Anrede, ist -der Taufname mit dem Patronymikon. E. K. R. - -[9] Die beste Kolonialwarenhandlung und die teuerste französische -Konditorei in Petersburg. E. K. R. - -[10] Tschatzki ist der Held der klassischen Komödie Gribojedoffs -»Verstand schafft Leiden« aus dem ersten Viertel des vorigen -Jahrhunderts. E. K. R. - -[11] Von Peter dem Großen wurde die Einteilung in vierzehn Rangklassen -eingeführt. E. K. R. - -[12] Der Gedanke, bei einer alten Gräfin nachts einzubrechen und sie mit -der Drohung, sie zu ermorden, zur Mitteilung ihres Geheimnisses zu -zwingen: mit welchen Karten man im Spiel immer gewinnen kann. E. K. R. - -[13] Bezeichnung Puschkins für das Denkmal Peters des Großen. E. K. R. - -[14] Vgl. Nachwort S. 528. (Dieses Nachwort fehlt. Einzelheiten in den -Anmerkungen zur Transkription.) E. K. R. - -[15] Der Vorsteher eines oder mehrerer Klöster. E. K. R. - -[16] Abisag von Sunem, die von König David nicht berührt wurde und um -die später Davids Sohn Adonia warb. 1. Buch der Könige, Kap. 1, 2. E. K. -R. - -[17] Ein Herr, der in Petersburg von Dirnen ermordet worden war. E. K. -R. - - - - - Übersetzung französischer Textstellen - - -{[1]} nach Pariser Mode - -{[2]} schöne Dame - -{[3]} Mein Freund - -{[4]} mein Lieber - -{[5]} liebes Kind - -{[6]} Mein armes Kind! - -{[7]} Aha! - -{[8]} Ist es nicht so? Liebes Kind - -{[9]} Oh, aber ... Ich bin es, der die Frauen kennt! - -{[10]} sie sind charmant - -{[11]} ich weiß alles, aber ich weiß nichts Vernünftiges - -{[12]} Aber was für eine Idee! - -{[13]} Liebes Kind, ich liebe Gott - -{[14]} ich war dumm - -{[15]} Ein Zuhause - -{[16]} Und siehe da, eine Weitere! - -{[17]} aus dem Unbekannten - -{[18]} Diese schändliche Geschichte! - -{[19]} Aber ... Sieh mal einer an! - -{[20]} Danke der Herr. - -{[21]} unbedingt erforderlich - -{[22]} Hassliebe - -{[23]} Alle Kunstgattungen ... [... sind gut, abgesehen von den -langweiligen. -- Voltaire] - -{[24]} Dieser Touchard - -{[25]} Wir kommen immer wieder - -{[26]} Mein Freund - -{[27]} du verstehst? - -{[28]} Übrigens, mein Freund - -{[29]} klar und deutlich - -{[30]} Man spricht nicht vom Strick [... im Haus des Henkers] - -{[31]} Der kleine Spion - -{[32]} Sie werden wie ein kleiner König schlafen! - -{[33]} mit einem Wort - -{[34]} Aber ... das ist so charmant! - -{[35]} Mein Kind - -{[36]} am Ende ... am Ende laß uns Dank sagen ... und ich segne dich! - -{[37]} schlecher Ton - -{[38]} Zum Teufel! - -{[39]} eines schönen Morgens - -{[40]} Pfandleiher - -{[41]} Schau mal - -{[42]} zu Konto - -{[43]} Mein Lieber, laß uns hier abbrechen - -{[44]} Aber lass uns hier abbrechen, mein Lieber. - -{[45]} Das bedarf keiner Worte. - -{[46]} aber - -{[47]} Das ist komödienhaft, aber so werden wir vorgehen. - -{[48]} Aber lassen wir das. - -{[49]} Für deine schönen Augen, mein Cousin! - -{[50]} Armes Kind - -{[51]} unter uns gesagt - -{[52]} sehr gebührend - -{[53]} Liebes Kind - -{[54]} die lebensnahe Poesie - -{[55]} Welche charmante Person ... Die Lieder Salomons .. nein, nicht -Salomon, es ist David, der eine junge Schönheit in sein Bett holte, um -sich im Alter zu wärmen. Kurzum David, Salomon - -{[56]} Diese junge Schönheit für Davids Alter -- das ist ein ganzes -Gedicht - -{[57]} Bettgeschichte - -{[58]} »haben« und »sein« - -{[59]} Aber folgen sie ihrer Mutter, ..., dieses Kind hat kein Herz! - -{[60]} möbliertes Zimmer - -{[61]} Anwesend! - -{[62]} Der Unglückliche! - -{[63]} meine Mädchen, verstehen Sie? Sie haben doch Geld - -{[64]} verstehen Sie? verstehen Sie? - -{[65]} Aber Maurice, Sie haben doch gar nicht geschlafen! - -{[66]} Halte den Mund, ich schlafe später. - -{[67]} Gerettet! - -{[68]} Niemals war ein Mensch so grausam wie Bismarck, der Frauen als -Dreck ansah. Eine Frau, was ist das in unserer Zeit? >Töte sie<, das ist -das letzte Wort der Académie française. - -{[69]} Ach, was hätte es mir schon gebracht, es früher herauszufinden? -... Und hätte ich nicht soviel gewonnen, wenn ich meine Schande mein -ganzes Leben versteckt gehalten hätte? Vielleicht gehört es sich für -eine junge Dame nicht, sich vor einem Herrn so offen zu erklären, aber -schließlich gestehe ich Ihnen, wenn es mir erlaubt ist, etwas zu -wünschen, oh, das wäre, daß ich ihm mein Messer in sein Herz stoßen -wollte, dabei aber wegschauen müßte, aus Angst, daß sein schrecklicher -Blick mich zittern ließe und meinen Mut erstarren ließe. Er hat diesen -russischen Priester ermordet, mein Herr, er hat ihm den roten Bart -ausgerissen, um diesen dann an einen Haarkünstler an der Kusnetzkibrücke -(frz.: _pont des Maréchaux_) zu verkaufen, gleich neben dem Haus von -Monsieur Andrieux -- die größten Neuigkeiten, Pariser Waren, Leinen, -Hemden, das wissen Sie, nicht wahr? Oh Herr, wenn sich Frau, Kinder, -Schwestern und Freunde freundschaftlich am Tisch versammeln, wenn eine -lebhafte Glücklichkeit mein Herz umflutet; ich frage Sie, mein Herr: -Gibt es ein größeres Glück als das, was alle genießen? Aber er lacht, -mein Herr, dieses schreckliche, unvorstellbare Monster, und wenn es -nicht die Vermittlung von Monsieur Andrieux gegeben hätte, niemals, oh -niemals wäre ich ... Aber mein Herr, was ist mit Ihnen? - -{[70]} schreckliche und unvorstellbare Monster - -{[71]} Wohin gehen Sie, mein Herr? - -{[72]} Ja der Herr, Oh ja, ich verstehe! ... Aber es ist nicht weit, -mein Herr, es ist überhaupt nicht weit, Sie brauchen sich nicht die Mühe -zu machen, den Mantel anzulegen, es ist in nebenan, mein Herr! - -{[73]} Hier entlang, der Herr, es ist hier entlang! - -{[74]} Er geht jetzt, er geht! ... Aber er wird mich töten, mein Herr, -er wird mich töten! - -{[75]} die Verleumdung ... irgendetwas bleibt ja immer hängen - -{[76]} Entschuldigung, mein Lieber - -{[77]} Aber, lassen wir das. - -{[78]} Warten sie! - -{[79]} der Graf Vallonieff - -{[80]} Herr Prinz, haben Sie keine Silberrubel für uns, nicht zwei, nur -einen, bitte? - -{[81]} Wir werden es Ihnen zurückgeben - -{[82]} Im Eisenbahnwagen - -{[83]} Himmel! - -{[84]} Sage, willst du, daß ich dir deinen Kopf einschlage, mein Freund! - -{[85]} Mein Freund, dies ist Dolgorowky, ein anderer Freund von mir - -{[86]} Siehe da! ... Da ist er! - -{[87]} Neinneinnein! sei brav! - -{[88]} Fräulein Alphonsine, würden Sie mich küssen? - -{[89]} Ah, der kleine Schuft! ... komm mir nicht zu nahe, mach mich -nicht schmutzig, und Ihr Riesentollpatsche, ich werfe Euch beide zur Tür -heraus, nur damit Ihr es wisst! - -{[90]} Fräulein Alphonsine, haben sie ihren Bologneser verkauft? -[Hunderasse, richtig auf französisch: »bolonais«] - -{[91]} Was ist das, mein bologne? - -{[92]} Ach, was ist das für ein Kauderwelsch? - -{[93]} Ich spreche wie eine russische Dame auf Mineralwasser - -{[94]} der große Tollpatsch - -{[95]} Was heißt das, eine russische Dame >auf Mineralwasser<? Und ... -aber wo ist deine schöne Armbanduhr, die du von Lambert bekommen hast. - -{[96]} Wir haben einen Silberrubel, den wir uns von unserem neuen Freund -geliehen haben. - -{[97]} wir werden es Ihnen mit größtem Dank zurückzahlen. - -{[98]} Heh, Lambert! Wo ist Lambert, hast du Lambert gesehen? - -{[99]} Fünfundzwanzig Rubel! - -{[100]} im privatem Zimmer - -{[101]} Adieu, mein Prinz - -{[102]} Wunderschön - -{[103]} Dies berücksichtigt, ändert sich die Frage. - -{[104]} Eigentum ist Diebstahl. - -{[105]} Ich bin vor allem Gentleman und als Gentleman werde ich sterben! - -{[106]} Ich werde sterben als Gentleman. - -{[107]} Endlich! - -{[108]} Ach! ... und was ist mit Freunden? - -{[109]} Aber er ist ein Bär! - -{[110]} Ja, ja, ... das ist eine Schande! Eine Dame ... Oh, Sie sind -wirklich freigiebig. Keine Sorge, ich werde Lambert zur Vernunft bringen -... - -{[111]} Oh, ich habe gesagt, daß er ein Herz hat! - -{[112]} Ist es nicht so? - -{[113]} er spricht immer die Gefühle an - -{[114]} Nachher, nachher, ist es nicht so? Liebe Freundin! - -{[115]} Ja, ja, er ist charmant - -{[116]} aber später - -{[117]} Aber das schrecklich, was du sagst - -{[118]} liebes Kind - -{[119]} Ist es nicht so? Ich rede nicht viel, aber ich rede gut. - -{[120]} So ist es. ... Er scheint dumm zu sein, dieser Gentleman. Liebes -Kind - -{[121]} Nichts, überhaupt nichts ... Aber ich bin frei hier, ist es -nicht so? - -{[122]} Lieber Prinz, wir sollten durch Geburtsrecht Freunde sein - -{[123]} Nun - -{[124]} So sehe ich das! Mein Freund - -{[125]} Sie ist ein Engel, ein Engel aus dem Himmel! - -{[126]} Ich sage charmante Sachen und alle lachen - -{[127]} So ist es - -{[128]} liebes Kind, ich liebe Sie! - -{[129]} Ja, ja, ich verstehe, ich habe von Anfang an verstanden - -{[130]} dieser schwarze Mann, »Frau Generalin« - -{[131]} eine Pistole - -{[132]} Ach, ich habe seinen Namen vergessen ... Ein schrecklicher -Mensch ... Ja, Versiloff! - -{[133]} diesen Brief - -{[134]} Oh, sie werden Rache nehmen! - -{[135]} diese Dame, die Generalin - -{[136]} eine Moskauer Dame - -{[137]} Rettet sie, rettet sie! - -{[138]} Sie sind wirklich schön! - -{[139]} Kratze einen Russen ab und du wirst einen Tartaren finden. - - - Anmerkungen zur Transkription - -Die »Sämtlichen Werke« erschienen in der hier verwendeten ursprünglichen -Fassung der Übersetzung von E. K. Rahsin in mehreren Auflagen und -Ausgaben 1906--1922 im Piper-Verlag. Dieses Buch wurde transkribiert -nach: - - F. M. Dostojewski - Der Jüngling - Dünndruck-Ausgabe in einem Bande - R. Piper & Co. Verlag, München, 1922. - 12. bis 16. Tausend - -Diese Ausgabe in einem Band ist seiten- zeilengenau identisch mit Band 7 -und 8 der »Sämtlichen Werke« von 1922, 12.--16. Tausend. Band 8 beginnt -mit dem sechsten Kapitel im zweiten Teil. - -Die Fußnote [14] auf Seite 151 (zweiter Band) verweist auf ein Nachwort, -das sich in dieser Ausgabe nicht findet und auch nicht in anderen -Auflagen (überprüft bis zum 17.--22. Tausend, 1922). Das dort offenbar -erklärte Wort »Vornehmheit« (russ. [Kyrillisch: blagoobrazie]) war in -den Auflagen des »Jünglings« von 1915 und 1920 als »Schönheit« -übersetzt. In der neu durchgesehen Ausgabe von 1957 heißt es hingegen -»Einsicht«. Im Vorwort (Seite XII) werden sowohl »Vornehmheit« als auch -»Schönheit« verwendet. - -Die Anordnung der Titelinformationen wurde innerhalb der »Sämtlichen -Werke« vereinheitlicht und entspricht nicht der Anordnung in den -ursprünglichen Ausgaben. Alle editionsspezifischen Angaben wie Jahr, -Copyright, Auflage usw. sind aber erhalten und wurden gesammelt direkt -nach der Titelseite eingefügt. - -Fußnoten wurden am Ende des Buches gesammelt. - -Die Bearbeiter haben diesem Text Übersetzungen der französischen -Textstellen in Form von Fußnoten hinzugefügt und der _public domain_ zur -Verfügung gestellt. - -Diese zusätzlichen Fußnoten sind mit { } markiert. - -Zu den Anführungszeichen: Gespräche wurden in doppelte Anführungszeichen -(»«) eingeschlossen. Die Wiedergabe von Äußerungen anderer innerhalb von -Gesprächen wurde in einfache Anführungszeichen (><) eingeschlossen. - -Besonderheiten der Transliteration russischer Begriffe und Namen: Der -Buchstabe »ä« (oder auch »jä«) steht für den kyrillischen Buchstaben -»ja«. Die Schreibweise häufig vorkommender russischer Namen wurde -vereinheitlicht (nicht verwendete Varianten in Klammern): - - Iwanoff (Iwanow) - Katerina (Katherina) - Nastassja (Naßtaßja) - Olä (Oljä) - Onissimowna (Onißimowna) - Pelischtschoff (Pelischtschtoff) - Ssaposhkoff (Ssaposchkoff) - Ssergei (Sergei) - Ssonjä (Ssonja) - -In einem Fall wurden zwei Schreibweisen eines Namens beibehalten, da sie -sowohl im russischen Original als auch in anderen deutschen Ausgaben so -vorkommen: Alphonsine und Alphonsina. Alphonsine ist die französische -Schreibweise und kommt meist in oder im Anschluß zu französischen -Textstellen vor. - -Die abweichende Schreibweise der Namen im Personenverzeichnis wurde -unverändert übernommen, da sie die Aussprache verdeutlichen soll. -Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere -Änderungen, teilweise unter Zuhilfenahme anderer Auflagen oder des -russischen Originaltextes, sind hier aufgeführt (vorher/nachher): - - [S. I.119]: - ... mich zum Glück Marja Alexandrowna, der Andronikoff ... - ... mich zum Glück Marja Iwanowna, der Andronikoff ... - - [S. I.241]: - ... ganze Zeit, diesen ganzen Monat, so oft sie mit mir - gesprochen ... - ... ganze Zeit, diesen ganzen Monat, so oft Sie mit mir - gesprochen ... - - [S. I.387]: - ... einem Menschen wie er. Mir kam auch der Gedanke: Hat ... - ... einem Menschen wie ihm. Mir kam auch der Gedanke: Hat ... - - [S. I.393]: - ... mit ihren Zehn Geboten anfangen?« ... - ... mit Ihren Zehn Geboten anfangen?« ... - - [S. I.478]: - ... mir auch nicht die geringste Anstrengung, da ich mich nach ... - ... mich auch nicht die geringste Anstrengung, da ich mich nach ... - - [S. II.292]: - ... das notwendige. -- Sagen Sie, lieben sie Musik? Ich ... - ... das notwendige. -- Sagen Sie, lieben Sie Musik? Ich ... - - [S. II.329]: - ... Situation nicht enthalten, Sie auszufragen. ... - ... Situation nicht enthalten, sie auszufragen. ... - - [S. II.366]: - ... die ihm nichts anging. In diese Sklaverei der ... - ... die ihn nichts anging. In diese Sklaverei der ... - - [S. II.446]: - ... »Weißt du, Lambert, Sie verehrt Werssiloff ungeheuer: ... - ... »Weißt du, Lambert, sie verehrt Werssiloff ungeheuer: ... - - [S. II.523]: - ... der >Pflicht< richtig sind -- das ist eine andere ... - ... der >Pflicht< richtig ist -- das ist eine andere ... - - [S. II.525]: - ... ihr Manuskript zurück. Betrachten Sie zum Beispiel die ... - ... Ihr Manuskript zurück. Betrachten Sie zum Beispiel die ... - - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄMTLICHE WERKE 7-8: DER -JÜNGLING *** - -***** This file should be named 63723-0.txt or 63723-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/3/7/2/63723/ - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. 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