diff options
Diffstat (limited to 'old/63690-0.txt')
| -rw-r--r-- | old/63690-0.txt | 3044 |
1 files changed, 0 insertions, 3044 deletions
diff --git a/old/63690-0.txt b/old/63690-0.txt deleted file mode 100644 index 076502f..0000000 --- a/old/63690-0.txt +++ /dev/null @@ -1,3044 +0,0 @@ -Project Gutenberg's Was Helmut in Deutschland erlebte, by Gabriele Reuter - -This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most -other parts of the world at no cost and with almost no restrictions -whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Was Helmut in Deutschland erlebte - Eine Jugendgeschichte - -Author: Gabriele Reuter - -Illustrator: Rudolf Sievers - -Release Date: November 9, 2020 [EBook #63690] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WAS HELMUT IN DEUTSCHLAND ERLEBTE *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -https://www.pgdp.net (The digitized holdings of the -Staatsbibliothek zu Berlin are available to all interested -parties worldwide free of charge for non-commercial use.) - - - - - - - - - - Was Helmut - in Deutschland erlebte - - - Eine Jugendgeschichte - - von - - Gabriele Reuter - - - Zeichnungen von - - _Rudolf Sievers_-Braunschweig - - [Illustration] - - Verlag Friedrich Andreas Perthes A.-G. Gotha - - +--------+ - |=Z. XI.=| - +--------+ - - - - - Gesetzliche Schutzformel - gegen Nachdruck und Übersetzung in den Vereinigten Staaten: - =Copyright 1917 by Friedrich Andreas Perthes A.-G. Gotha= - - Alle Rechte, einschließlich des Übersetzungsrechtes, vorbehalten - - - - -Inhalt - - - Der Tag der Ankunft 1 - - Alles wird anders, als Helmut es sich dachte 11 - - Der Vater zieht ins Feld 20 - - Kriegswinter 27 - - Eine Enttäuschung und neue Aussichten 37 - - Helmut und Frau Ledderhose 42 - - Die Flüchtlinge und der unheimliche Wald 50 - - Als Spion verhaftet 61 - - Der lange Lehmann und Onkel Jakobus 73 - - Wiedersehen in gefährlicher Zeit 81 - - Ein toller Ritt 88 - - Wie Helmut nach Hause kommt 96 - - - - -Der Tag der Ankunft - - -Majestätisch rauschte der Überseedampfer in den Hafen von Hamburg. Er -kam von Brasilien und war während der letzten Tage mit schnellster Fahrt -gelaufen. Auf Deck spielte die Musikkapelle. Hunderte von Passagieren -drängten sich durcheinander, es gab ein aufgeregtes Hin- und Herlaufen -auf Gängen und Treppen des gewaltigen Gebäudes. Offiziere und Matrosen im -Paradeanzug standen bereit, das Vaterland zu grüßen. Heiter glänzte -die Sommersonne auf dem spiegelnden Metall des Schiffes, seine Wimpel -flatterten, die mächtige schwarz-weiß-rote Fahne bauschte sich und wallte -im Seewind. - -Rechts und links lagen große und kleine Dampfer. Durch die schmalen -Wasserstraßen zwischen ihnen flitzten schlanke Motorboote. Über -schmutzige Bretterstege schleppten berußte Männer vom Ufer ungeheure -Kohlenlasten und versenkten sie in die schwarzgähnenden Bäuche der -Seeriesen. Auf ragenden Kranen schwebten Kisten und Ballen hoch in der -Luft und senkten sich mit leichter Drehung auf die Kais nieder, wo zahllose -Arbeiter in Lederschurzfellen, Hünen an Kraft der Glieder, Kolli nach -Kolli auf Wagen verluden und in die großen Speicher beförderten, welche -den Hafen umgaben. Ein Geruch nach Teer, Öl und Salzwasser schwebte über -dem eifrigen Arbeitsgetriebe, zwischen dem das Gewimmel der Neugierigen das -Anlegen des Überseedampfers erwartete. - -Helmut Kärns Augen strahlten vor Freude über das stolze Bild. Er griff -nach seines Vaters Hand und schwenkte sie stürmisch. - -»Das ist ja Deutschland, Vater!« rief er in lautem Jubel. »Deutschland! -Deutschland! Begreifst du's denn, Vater, daß wir wieder da sind! Nach elf -Jahren! Wie alt war ich denn? Drei Jahre -- drei! Du trugst mich auf -dem Arm über den Steg, als wir abfuhren. Weißt du noch? Und Mutter -weinte ... Vater, was tut der Mann dort drüben? Was schreit er wie -wahnsinnig? Was schwenkt er so die weißen Blätter ...?« - -Wilhelm Kärn zog seine Hand aus der des Sohnes, der Ausdruck seines -kräftigen braunen Gesichtes war tiefernst, seine Augen starrten -angestrengt hinüber zu dem Zeitungsträger. Mit ihm starrten viele -Augen, viele gespannte Gesichter hinter Operngläsern. Jetzt drängten die -Menschen wild nach einer Seite, wo ein kleines Motorboot sich dem Kolosse -näherte. Mit kühnem Schwung flog ein Paket Blätter hinauf, wurde im Nu -von Hunderten ergriffen -- -- -- Der Mann im Boot schrie durch die -hohlen Hände etwas Unverständliches. Eine Sekunde lang legte sich eine -furchtbare Stille über die wartenden Menschen, über Männer, Frauen, -Kinder. Dann brach ein wildes Getöse aus, und gellend scholl das eine Wort -»Krieg« von Mund zu Mund. - -Man wartete seit Tagen in banger, atemloser Spannung auf dieses Letzte -- -auf die Entscheidung! Schon hatte man unterwegs durch Funkspruch von -dem grausen Mord des Thronfolgerpaares von Österreich gehört -- schon -berichtete der Lotse in Cuxhaven, daß in Deutschland und bei seinen -Bundesgenossen der Kriegszustand erklärt sei, -- daß man davon rede, die -Russen hätten bereits die ostpreußische Grenze überschritten, während -die Verhandlungen zwischen Kaiser und Zaren sich noch in vollem Gange -befanden. Heiß wogte der Streit der Meinungen an Bord zwischen den -Männern. Schon begannen die verschiedenen Nationalitäten, die noch vor -kurzem freundlich miteinander verkehrt hatten, sich abzusondern, verbissen -und grußlos blickte man aneinander vorüber. Die Brasilianer schlossen in -der Weise der Südländer Wetten für oder gegen den europäischen -Krieg, der sie ja nicht viel anging, dem sie zuschauen würden wie einem -spannenden Theaterspiel. Aber im Grunde seines Herzens hatte es doch -niemand für möglich gehalten, daß das unerhört Entsetzliche wirklich -eintreten könne. - -Und nun war es doch geschehen. Für viele der deutschen Männer auf dem -Schiff, die ihr Vaterland seit Jahren nicht gesehen hatten, die ihm beinahe -fremd geworden waren und nur zu einem heiteren Besuch nach der alten -Heimat zurückzukehren dachten, bedeutete dieser Augenblick eine ernste -Schicksalswende. Von allen Seiten wurde Deutschland umdräut -- es schien -undenkbar, daß es so viel Feinden widerstehen könne! -- In dieser Gefahr -wachte eine heiße Empfindung von Liebe plötzlich in manchen Herzen auf. -Man fühlte sich mit einemmal wieder »dazugehörig« -- man fühlte sich -unter den Seinen! - -Zwischen den Eltern, geschoben und gedrängt von der erregten -Menschenmenge, gelangte Helmut Kärn, er wußte selbst nicht wie, ans Ufer -auf den Kai. Die Mutter weinte, Ströme von Tränen liefen ihr über das -Gesicht, die sie nicht abzutrocknen vermochte, denn sie trug verschiedenes -Gepäck und hielt überdies die kleine Daisy Bauer -- Daisy war die Tochter -von Kärns bestem Freunde, der eine Engländerin geheiratet hatte -- fest -an der Hand, damit das Kind ihr in dem Gewühl nicht abhanden komme. Beide -Eltern waren gestorben, und das verwaiste Mädchen sollte ihrem englischen -Großvater übergeben werden. - -Und während die Menge sich dem Lande zuwälzte, dröhnte ihr von drüben -her ein machtvoller Gesang entgegen. Er kam aus einer der breiten Straßen, -die auf den Hafen mündeten. Eine neue Menschenwelle wogte von dort heran, -in ihrer Mitte ein Trupp Soldaten. Brausend klang das Lied »Deutschland, -Deutschland über alles« aus Hunderten von Kehlen. Und die Ankommenden -standen still, zogen Hüte und Mützen, vergaßen, was sie hergeführt -hatte: Geschäfte und Vergnügen. Viele falteten die Hände, es war wie ein -erhebender Gottesdienst unter freiem Himmel. Aus Tausenden von Herzen stieg -das Gelübde: alles zu opfern, Gut und Leben, für des Vaterlandes Rettung. - -Helmut hatte mitgesungen so laut er konnte. Als er mit den Eltern endlich -einen Wagen eroberte und ins Hotel fuhr, mußte ihn die Mutter verschiedene -Male an der Hand festhalten, sonst wäre er herausgestürzt, so lebhaft -sprang er auf seinem Sitz umher, um nur nichts von all den Dingen zu -versäumen, die sich rings begaben. Kaum hatte er im Gasthaus der Mutter -geholfen das Gepäck abzulegen, als er auch schon seinen Vater bestürmte, -mit ihm wieder auf die Straße zu kommen, weiter zu schauen, weiter zu -hören. - -»Warte, mein Jung, ich folge dir gleich, du kannst mit mir zum -brasilianischen Konsulat gehen, damit ich meine Papiere durchsehen lasse. --- Bleib draußen auf dem Flur, solange ich mit Mutter rede!« - -Nach einigen Minuten trat der Vater aus dem Zimmer, ruhig und gelassen, wie -Helmut ihn nicht anders kannte. Die Mutter saß drinnen auf einem Stuhl, -das Gesicht in den Händen verborgen. Helmut sprang eilig noch einmal -hinein, küßte sie und flüsterte ihr ins Ohr: »Mutti -- wir kommen ja -bald wieder -- fürchte dich doch nicht!« - -Sie machte eine kleine Bewegung mit dem Kopf. Helmut hörte seines Vaters -Ruf und lief dem Voranschreitenden behende nach. - -»Vater«, fragte er und seine blauen Augen glänzten, »gehst du auch mit -in den Krieg? Gelt, du wirst dich stellen?« - -»Ich habe gedient, habe meine deutsche Nationalität niemals abgelegt -in den elf Jahren Farmerlebens. Ich werde meine Pflicht tun«, antwortete -Wilhelm Kärn, der wuchtige Landmann mit den breiten Schultern, den -arbeitsgewohnten Händen, die braun und sehnig waren wie die Rinde eines -Baumes, lächelte und hob die Faust. »Meinst nicht, Bengel, daß wir's -noch schaffen?« - -»Die sollen sich wundern -- die Rußkis und Franzosen«, schrie Helmut. -»Da wird's Hiebe setzen. Na, Vater, du nimmst mich doch mit? Was? -Schießen kann ich ja, Kräfte hab' ich genug. Du, das wird fein, wenn wir -beide zusammen losgehen!« - -»Ach, wo denkst du hin -- bist ja viel zu jung. Dich nehmen sie noch lange -nicht!« - -Helmut wurde dunkelrot und biß sich auf die Lippe. »Du, Vater -- du -machst Spaß -- ich weiß doch, du nimmst mich mit!« - -»Werden sehen«, brummte Kärn, der plötzlich ernst wurde. Es ging ihm -viel Nachdenkliches durch den Kopf. Dies Stück Erde am Rande des -finsteren Urwalds, das er durch hartnäckigen Fleiß zu einem blühenden, -einträglichen Besitztum umgeschaffen hatte, war ihm innig ans Herz -gewachsen. Jeden Fruchtbaum hatte er dort eingesetzt, jedes Rind, jedes -Pferd großgezogen. Die jungen Pflanzungen waren so manches Mal den -Heuschreckenschwärmen, den gefräßigen Ameisen zum Opfer gefallen -- -immer wieder hatte er unermüdlich frisch begonnen, bis die Maisfelder, -die strotzenden Bohnen, der Hanf in prächtigen Kulturen die Mühe lohnten. -Plötzlich schoß ihm ein brennender Schmerz durch die Brust. Sollte er -nichts von dem allen wiedersehen? Nicht mehr für die Frau und den Jungen -schuften dürfen? Und der junge Verwalter drüben? Der war doch auch ein -Deutscher und heißblütig, draufgängerisch! ... Den würde es, war noch -irgendeine Möglichkeit, herüberzukommen, weiß Gott nicht halten! Dann -war die Pflanzung den brasilianischen und schwarzen Arbeitern überlassen. --- Kam man mit dem Leben davon, hieß es einfach wieder von vorn anfangen. -Das mußte mancher -- am besten war's, man dachte nicht weiter darüber -nach. - -Der Junge schwatzte munter an seiner Seite und tat tausend Fragen. Außer -dem prächtigen Rio, das sie auf der Herreise kurz berührt hatten, kannte -er ja noch keine Stadt. Er schrie laut auf vor Entzücken, als sie an -die Alster kamen und die flimmernde Wasserfläche mit dem Geflatter der -grauweißen Möwenscharen, umringt von vornehmen Palästen, sich vor ihnen -ausbreitete. Die zahllosen Ruderboote lagen in dieser Stunde verlassen -am Ufer, die Dampfer kehrten leer von Fahrgästen zu ihren Anlegestellen -zurück. Bei dem eleganten Alsterpavillon staute sich die Menge schwarz -und dicht. Autos mit Militärpersonen rasten unaufhörlich vorüber. Ein -Lastauto, beladen mit Packen von Zeitungen, bahnte sich langsamer seinen -Weg durch die Menge. Aufrecht standen Männer in dem Gefährt und warfen -die Blätter zu Hunderten unter das Publikum, zugleich schrien sie die -neusten Nachrichten über die Köpfe der Menschen. Von Hand zu Hand flogen -die Blätter, es war wie ein Gewirbel weißer Fetzen in der Luft. Irgendwo -stimmte jemand ein Vaterlandslied an, sofort fielen Tausende ein. - -[Illustration] - -Mit Mühe mußten Vater und Sohn sich ihren Weg suchen. Niemand hatte -in dieser Stunde Zeit, ihre Fragen zu beantworten. Und doch redeten die -fremdesten Menschen miteinander und schüttelten sich die Hände. Helmut -sah mit Erstaunen, wie zwei alte, würdige Herren sich vor Begeisterung -singend um den Hals fielen. - -Auch auf dem Polizeibureau warteten Hunderte von Menschen. Kärn wollte -hier erfahren, wo er sich in Berlin zu melden habe, denn, da er aus der -Mark Brandenburg gebürtig war, hatte er in der Reichshauptstadt gedient -und mußte sich dort wieder stellen. Alles wickelte sich in Ruhe und -Ordnung ab. Als der Vater an die Reihe gekommen war, drängte sich Helmut -neben ihn, richtete sich stramm auf, sah den Beamten mit blitzenden Augen -an und fragte: »Wo habe ich mich zu stellen? Darf ich mir ein Regiment -wählen?« - -Hinter ihm lachte jemand, und auch um den Schnauzbart des Wachtmeisters -glitt ein vergnügtes Schmunzeln. - -»Welcher Wehrklasse gehören Sie an?« fragte er. - -»Wehrklasse -- was ist das?« - -»Ja, wenn Sie noch nicht in der Stammrolle eingetragen sind, dann bedaure -ich! Wie alt sind Sie denn?« - -»Bald fünfzehn«, antwortete Helmut etwas unsicherer. - -»So, so -- na -- da ist jetzt noch nichts zu wollen -- hoffentlich dauert -der Krieg nicht so lange, daß Sie auch noch drankommen! Folgender!« - -Helmut war entlassen. Sein Vater hatte ruhig auf ihn gewartet. - -»In Berlin versuch' ich's doch noch einmal!« trotzte der Knabe. - -In der Nacht wurde die Fahrt angetreten. Auf dem Bahnhof herrschte ein -unbeschreibliches Gedränge. Zu hohen Burgen türmten sich Koffer und -Kisten. Denn schon kamen die Schiffe von England und den Nordseebädern und -brachten Fluten von Menschen, die noch nach Hause hasteten. - -»Helmut«, sagte der Vater, »wir werden kaum zusammensitzen können. Ich -will sehen, bei der Mutter zu bleiben. Du sorgst für Daisy und trennst -dich auf keinen Fall von ihr. Du hast die Verantwortung für das Mädel. -Hier sind eure Billette und ein paar Schinkenstullen -- denn Gott weiß, -wann der Zug in Berlin eintrifft.« - -Von Sitzen war überhaupt nicht die Rede. Beide Kinder standen, in -fürchterlicher Enge eingekeilt, die Nacht hindurch im Korridor des -=D=-Zuges. Die zwölfjährige Daisy begann zu weinen. Helmut tröstete sie -liebevoll mit der Aussicht, das würde noch ganz anders, wenn die Kosaken -kämen mit ihren langen Peitschen, mit denen sie die Menschen gleich -totprügeln könnten. Er versicherte ihr aber zugleich, daß er am -nächsten Morgen zuerst mal seinen Revolver auspacken würde, er sei doch -heilfroh, daß er ihn gegen den Willen seiner Mutter mitgenommen habe. -Und jetzt wollten sie mal ihre Schinkenbrote essen, dann würde ihr gleich -besser werden, und er brauche sie auch nicht länger zu tragen. - -Das war ein leichtsinniges Vorgehen, denn plötzlich blieb der Zug mitten -in der Nacht an einer kleinen Station liegen und lag dort viele Stunden auf -einem toten Gleis, trotz alles Schimpfens und Fluchens der Reisenden. -Lange Züge, angefüllt mit Militär, sausten an ihm vorüber; der Morgen -dämmerte rosenrot über den grünen Marschen, und sie lagen noch immer -fest. Daisy konnte sich fast nicht mehr auf den Füßen halten, ihr braunes -Köpfchen taumelte hin und her. Endlich winkte ihr eine Frau und bot ihr -einen Platz auf ihren Knien an, damit sie ein wenig schlummern könne. -Helmut bat einen Herrn, ihm den Platz an der Tür neben dem Abteil -einzuräumen. »Ich habe die Verantwortung für das Kind«, sagte er stolz, -obwohl ihm gar nicht stolz zumut war, denn solchen Hunger wie in dieser -Morgenfrühe, in der verdorbenen Luft des überfüllten Zuges, meinte er -noch niemals gespürt zu haben. - -Erst am Abend des Tages erreichten sie Berlin, eine Strecke, die man zu -gewöhnlichen Zeiten in vier Stunden zurücklegt. Nichts als einen Schluck -Wasser hatten sie zur Labe bekommen. Aber alle Leute sagten, das wäre nun -eben Kriegszustand, und man müsse sich hineinfinden. - - - - -Alles wird anders, als Helmut es sich dachte - - -Mit Kuchen und Blumen, mit festreich gedeckter Tafel wurde die ins alte -Vaterland zurückkehrende Familie von den Großeltern begrüßt. Mutter -und Tochter lagen sich nach der langen Trennung lachend und weinend in den -Armen. Der Großvater, ein aufrechter, weißbärtiger Herr, faßte Wilhelm -Kärns beide Hände, drückte sie und rief: »In dieser Stunde nichts von -Krieg und Kriegsgeschrei! -- Jetzt wollen wir nur die Freude genießen, -euch Lieben wiederzuhaben -- was später Schweres getragen werden muß, -werden wir mit Gottes Hilfe schon durchschaffen!« - -Auch das fremde Kind wurde mit der größten Herzlichkeit von den alten -Leuten aufgenommen. Ja, die Großmutter Ladewig legte Daisy mit einem -mitleidigen Blick auf ihr Trauerkleidchen oft noch eine besonders -schöne Frucht, eine kleine Süßigkeit auf den Teller und lächelte ihr -aufmunternd zu, als wollte sie es dem kleinen Fremdling in ihrem Heim so -recht behaglich machen. - -Helmut hatte nur zu schauen. Der Parkettboden war so blank gewichst, daß -er mit seinem Ungestüm schon in der ersten halben Stunde der Länge lang -hinschlug. Und wieviel Bücher der Großvater besaß -- bis zur Decke -seines Arbeitszimmers hinauf bedeckten sie die Wände! Himmel, mußte der -alte Herr klug sein! Die weichen Teppiche, die vielen gestickten Kissen, -die alten vornehmen Nußbaummöbel, die Bilder an den Wänden -- alles -gefiel ihm wohl -- es war ein behagliches Nest, in dem die Großeltern -hausten. Helmut fand seine ersten ungeschickten Krikel-Krakel-Zeichnungen -sorglich gerahmt an der Wand über dem Nähtisch von Großchen, und die -Ketten, die er aufgezogen hatte -- seine Photographie auf Philli, dem -kleinen braunen Pferdchen, auf dem er reiten gelernt hatte! Ein ganz -kleines Helmut-Museum hatte sich Großmama angelegt. Nun betrachtete sie -ihn immerfort voll Staunen und rief einmal über das andere: »Was ist er -für ein großer Junge geworden! Ich sehe ihn immer noch vor mir als das -zierliche Bübchen mit den hellen Locken!« - -»Die wurden abgeschnitten, als mal kleine Tierchen drinsaßen«, erklärte -Helmut gemütlich. »Du, Großmutter, wo ist denn euer Garten? Wir -haben doch immer auf unsere Briefe geschrieben: Gartenwohnung, -Charlottenburg-Berlin!« - -Nun lachte die Großmama und führte ihn auf ihren Balkon, der voll Blumen -und Schlinggewächsen stand, ein Kanarienvögelchen in einem goldenen Bauer -sang zwischen den Geranientöpfen sein fröhliches Liedchen. - -»Sieh, das ist mein Privatgärtchen«, erklärte die Großmutter, »hier -genießen Großvater und ich so manchen schönen Sommerabend! - -Dort unten liegt der Hausgarten.« - -Tief unten zwischen vier hohen Mauern mit vielen Fenstern sah Helmut aber -nur zwei grüne Rasenflecke und eine Teppichklopfstange. »Das nennt man -in Berlin einen Garten?« fragte er verwundert. Er dachte, ihr Garten -in »Waldecke« sei doch viel schöner gewesen, aber er wollte das nicht -sagen, um die Großmutter nicht zu kränken. - -Man mußte sich nun in der engen Wohnung einschachteln, so gut es eben -ging. Um im Hotel zu wohnen, wie es Kärne ursprünglich geplant hatte, -fehlten ihnen jetzt die Mittel. Die Ausrüstung des Vaters kostete viel -Geld, und die ganze Zukunft war mit einemmal ungewiß geworden. - -Jeder mußte Opfer an Behagen bringen, und brachte sie gern. Die Mutter -teilte mit Daisy Bauer ihr Bett. Helmut schlief auf dem Sofa im Wohnzimmer. -Meistens träumte er beängstigende Dinge: er riß die schöne Glasschale -von der Tischdecke, oder die bunte Negerin auf dem Wackelständer stürze -über ihn und verwandle sich plötzlich in das Tintenfaß, das schreckliche -Verheerungen auf dem Teppich anrichtete. Auch im Wachen blieben ihm -die vielen kostbaren Gegenstände unbehaglich, und er zog es vor, seine -Aufgaben im Flur auf einem kleinen Tisch unter der Gasflamme zu machen. -Denn in die Schule mußte er auch in Deutschland wieder gehen! Leider! -Der Vater hatte ihn schon am Tage nach ihrer Ankunft im Realgymnasium -angemeldet. So wanderte er denn jeden Morgen mit einigem Seufzen und -Stöhnen neben Daisy durch die lange Schloßstraße den Hallen der -Wissenschaft zu. Daisy besuchte die Töchterschule. Ihr englischer -Großvater, dem das Kind zugeführt werden sollte, hatte kaltblütig -an Frau Kärn telegraphiert: Da sich England mit Deutschland im Kriege -befinde, denke er nicht mehr daran, die Tochter eines deutschen Mannes in -sein Haus aufzunehmen. - -Da war die mittellose Waise nun völlig auf die Hilfe ihrer deutschen -Freunde angewiesen! - -Sie war immer schon mehr in »Waldecke« als bei ihrem Vater, der sie gern -unter der mütterlichen Obhut von Frau Kärn wußte. - -An Helmuts Seite ritt sie damals auf ihrem kleinen wilden Pferdchen -zwei Stunden weit durch den Buschwald zur deutschen Schule. Neben dem -Schulgebäude befand sich ein von Stacheldraht eingefaßter Weideplatz, wo -die Gäule frei herumliefen. Nach Schluß des Unterrichts fing ein jedes -Kind sich mit dem Lasso sein Pferdchen wieder ein. Das gab ein ungeheures -Springen, Geschrei und Gelächter. Helmut half Daisy stets ritterlich, -zu ihrem Pferdchen zu kommen, und prügelte sich für sie mit den andern -Jungen, die das zarte Dingelchen wegstoßen wollten. Im Walde schoß -er kleine, grüne Papageien, sie gaben einen köstlichen Braten zur -Abendmahlzeit. Einmal hatte Helmut auch mit dem Lasso eine Schlange -totgeschlagen, die sich steil vor Daisys Pferd in die Höhe gereckt hatte. -Solche Abenteuer bestanden sie viele miteinander, deshalb hatten sie auch -immer was zu schwatzen. - -Nun wollte Helmut seine Kameradin nicht mehr bei ihrem englischen Namen -nennen, denn sie war ja richtig seine Schwester. Er übersetzte also -»Daisy« in »Gänseblume«. Ihr gefiel »Maßliebchen« besser, doch das -fand er »zuckersüß«. Sie war auch mit der Gänseblume zufrieden, aber -dafür mußte er ihr versprechen, nicht mehr »Gott strafe England!« zu -rufen statt »Guten Morgen«, wenn er ins Zimmer trat. Ihre tote Mutter war -eben doch eine Engländerin gewesen, und wenn auch der englische Großvater -nichts mehr von ihr wissen wollte, ihr Andenken sollte immer in Ehren -gehalten werden. Das verlangte die kleine Gänseblume sehr bestimmt, und -Helmut bemühte sich auch ehrlich, sein Versprechen zu halten. - -Nach Schulschluß trafen sich die beiden Kinder an der Straßenecke, wo der -große blonde Schutzmann Müller stand und aufpaßte, daß alles in Ordnung -zuging. Da konnten sie sich denn gleich ihr Leid klagen, schlechte Noten -bekamen sie nämlich beide. Die Urwaldschule war doch ziemlich mangelhaft -gewesen; es fanden sich bedenkliche Lücken in ihrem Wissen. Das Nachlernen -war höchst langweilig in dieser Zeit, in der einem der Kopf vollsteckte -von anderen, viel wichtigeren Dingen. - -Herrlich war es, wenn plötzlich während einer öden Mathematikstunde die -Glocken zu läuten begannen und bei den ersten hallenden Tönen alle Köpfe -erwartungsvoll in die Höhe fuhren! Das Jubelwort: Ein Sieg -- ein -neuer Sieg! sprang von Bank zu Bank. Schon hörte man das Geschrei -der Zeitungsverkäufer. Einer der Knaben wurde hinuntergeschickt, ein -Extrablatt zu holen. Der Lehrer las laut vor: Lüttich war gefallen -- -Antwerpen war in unseren Länden -- Hindenburg hatte die Russen geschlagen! -Welche Freudenbotschaften! Man sang ein vaterländisches Lied, der -Unterricht war zu Ende, und alles durfte nach Haus. - -Das Gänseblümchen mußte oft vergebens auf Helmut warten. Der rannte mit -den Kameraden durch die fahnenbunten Straßen zum Kaiserschloß oder zum -Bismarckdenkmal, dort wurde wieder gesungen und Hurra geschrien, bis den -Jungens die Kehlen beinahe platzten. Da gehörte Mann zu Mann, und die -Mädchen konnten sehen, wo sie blieben. - -Eroberte Geschütze wurden eingebracht und mit Girlanden bekränzt auf dem -weiten Platz vor dem Schloß aufgefahren. Immer waren sie von Jungenscharen -umlagert, die neugierig in die Eisenrohre hineinschauten und ihre -Konstruktion untersuchten. Es fanden sich auch schon Verwundete ein, die, -an Stöcken humpelnd oder den Arm in der Binde tragend, den Knaben die -gewünschten Erklärungen gaben und viel von eigenen Erlebnissen zu -erzählen wußten. Mit welcher heißen Bewunderung blickten die Jungen zu -den Helden auf, die selbst mitgeholfen hatten, die Siege zu erringen, über -die man daheim jubelte. - -Am Sonntag ging's nach Döberitz, dem Truppenübungsplatz, wo der Vater mit -anderen Landwehrleuten wieder eingeübt wurde. Helmut fand es empörend, -daß so viele Schlachten schon geschlagen waren, ohne daß der Vater mit -dabeigewesen. -- Es blieben ja schließlich gar keine Siege mehr für ihn -übrig. - -Er selbst, Helmut, hatte sich in der ersten Zeit noch bei mancher -Militärbehörde gemeldet. Daß die Kerls hinter den Tischen nicht -begreifen wollten, wieviel Kraft er besaß, und wie gut er schießen -konnte! Als ob er nicht für den Schützengraben reif gewesen wäre, besser -als mancher dünne Primaner, der genommen wurde! Einfach lachhaft! - -Wenn er so brav neben der Mutter in der kleinen Gartenwirtschaft in -Döberitz sitzen mußte und auf den Vater warten, dem sie Wurst und -Zigarren bringen wollte, so erstickte er beinahe vor Ungeduld. Fein war -es nur, daß der Vater ihn bisweilen mit in die Baracke nahm, wo die -Mannschaften schliefen. Der Dunst nach Transtiefeln, nach Staub, Schweiß -und Männern hatte etwas wild Verlockendes für ihn. Alles mußte er -untersuchen und wußte bald über die militärische Ausrüstung, die -Truppenteile, die Dienstregeln gut Bescheid. Unter Wilhelm Kärns Kameraden -war er ein viel geneckter und gern gesehener Gast. - -»Ein strammer Bursche, Kärn«, pflegten sie zu sagen. »Aber den hüte -man gut, das ist ein Durchgänger!« - -»Ja, hüten ...« antwortete Kärn in seiner bedachtsamen Weise, »das -sagt sich wohl so -- nur --: über vierzehn Tage geht's fort, und dann -muß er sich allein hüten! Ich fürchte nichts Ernstliches für ihn, -- er -hat Ehre im Leibe!« - -»Na ja schon«, mischte sich der lange Lehmann mit dem dünnen Ziegenbart -ein, der seines Zeichens Malergeselle war, denn bis zum Meister hatte -er's nie gebracht, weil er schon mit neunzehn Jahren Frau und Kind besaß. -»Leichtsinnige Stricke sind die Bengels alle miteinander, und pfiffig! Ick -hatte mir da noch so ein paar Goldfüchse in den Hosenboden genäht, -für alle Fälle -- was meinste woll -- hat sie doch mein Karle gleich -rausgefunden! Wie ich mit den kranken Fuß lag, neilich, un er bei mich -saß -- un immer so an meine Hose rumfummelte, die übern Stuhl hing, weil -ick en bißchen döste ... Hält se mich der Bengel so mir nichts, dir -nichts hin, wie ich uffwache, und sagt: ›Alter,‹ sagt er, ›Gold -behalten is Vaterlandsverrat!‹ Na -- Vaterlandsverrat -- das is ja nu en -jroßes Wort. ›Morgen hast'n blauen Lappen dafor‹, sagt er. Was will -ick machen? Weg is er, und ick konnte nicht hinterher.« - -Die Kameraden lachten. »Haste'n denn besehn, den blauen Lappen?« fragte -einer. - -»Wo wer ick nich! Janz neu war er -- aber ick denke man so bei mich: Et is -doch nischt Reelles! Gold is besser.« - -»Hinter dem Gold sind die Bengels her, wie der Deibel hinter der -armen Seele«, meinte Kärn lachend. »Aus Helmuts Schule haben sie -fünfzigtausend Mark bei der Bank abgeliefert -- na, es haben noch ein paar -andere Schulen mitgeholfen zu sammeln.« - -»Daß es dabei man immer reell zugehn soll, dat kann ick mir nich -vorstellen«, sagte Lehmann bedenklich. »En paar Mogeleien wern woll -unterschlupfen!« - -»Na, höre mal, Lehmann«, nahm der =Dr.= Schmidt das Wort, »wofür sind -denn die Lehrer da? Die verstehen den Jungens schon die Bedeutung der -Sache klarzumachen, die du vielleicht noch nicht so recht begriffen hast!« -=Dr.= Schmidt war selber einer, so ein ganz feiner Oberlehrer, mit einem -winzigen Bärtchen auf der Lippe und immer glatt rasiert, die Nägel -poliert, der goldene Kneifer fehlte nicht. Der wußte Bescheid über -alle Dinge zwischen Himmel und Erde. Er ging als ein wandelndes -Konversationslexikon durch die Kaserne, und wer in der Kompagnie irgend -etwas erklärt haben wollte, der brauchte bloß Schmidt =IV= zu fragen, -er bekam ganz gewiß die richtige Antwort. So hielt denn auch jetzt -Schmidt =IV= -- es gab nämlich fünf des gleichen Namens beim Regiment -- -dem langen Lehmann einen Vortrag, daß in einem geordneten Staatswesen für -die Banknoten, die im Verkehr umliefen, der gleiche Betrag an Gold in den -Banken aufbewahrt sein müsse, was man »Deckung« nenne. Deshalb müsse -jeder gute Bürger sich jetzt aller seiner Goldstücke entledigen, um sie -zum allgemeinen Besten herzugeben, wie man ja auch sein Blut und seine -gesunden Glieder für die Heimat hingeben wolle. - -»Na ja, dat is ja allens janz scheene«, meinte Lehmann, der gerade -nicht zu den Idealisten gehörte, »wenn de Kugeln sich abersten vor mich -fürchten duhn un wollen mir partout nich treffen, denn soll mich's ooch -recht sind.« - -Helmut war mit den anderen Jungen aus seiner Klasse eifrig beim -Goldsammeln, auch Metall- und Nickelgegenstände trugen sie zusammen und -Bücher für die Soldaten in den Schützengräben. Da sie meist zu zweien -und dreien ihre Wanderungen antraten, gewann er bald eine Menge näherer -Freunde. In den Freistunden scharte sich stets ein dichter Kreis um ihn, -seinen Geschichten aus Brasilien zuzuhören. Er selbst fühlte sich gar zu -gerne als Mittelpunkt und war stolz, wenn das Gelächter seiner Zuhörer -über den Schulhof schallte. Besonders beliebt war die Geschichte von -dem Anführer der Revolutionäre, der mit seinen Banden eine Zeitlang -die Gegend von Waldecke unsicher gemacht und alle Pflanzer in Aufregung -gehalten habe, bis er in der Hafenstadt, in einem Handschuhladen, als er -sich eben ein Paar rotbrauner Glacés überstreifen ließ, niedergeknallt -worden war. In der ganzen Tertia war man der Ansicht, die schnellste -Beendigung des europäischen Krieges würde erreicht werden, wenn man Sir -Edward Grey mal so in einem Handschuhladen erwischen könne! Dann kam die -Zeit, in der Helmuts brasilianische Geschichten vergessen wurden vor der -mächtigen Gegenwart. Der Direx trat in die Klasse und verkündigte -den Jungen, ihr Klassenlehrer, =Dr.= Gundermann, habe vor Maubeuge den -Heldentod fürs Vaterland gefunden. An dem gleichen Tage seien vier aus -der Prima gefallen. Der Krieg war den Knaben plötzlich ganz nahe und -schrecklich -- der Krieg, den sie fast als eine fortwährende Ursache zu -allerhand Feiern und Belustigungen zu betrachten sich gewöhnt hatten. -Immer mehr Schüler gab es unter ihnen, die den Trauerflor am Arm trugen, -die man außerhalb der Schule neben schwarzverschleierten Frauen gehen sah, -die sich in dem Geschrei und Gejohle des Schululks still zurückzogen. -Man sah sie mit scheuen Augen an. Sie hatten schon das Opfer gebracht, das -jeden aus der Jugend heut oder morgen treffen konnte. - - - - -[Illustration: VATER FÄHRT INS FELD] - - - - -Der Vater zieht ins Feld - - -Helmut stand neben seinem Vater in der Baracke und half ihm den Tornister -packen. Er durfte ihm alle die notwendigen Dinge zureichen die Kärn in -dem engen Raum auf seinem Rücken zu verstauen hatte: Wäsche, Strümpfe, -Kochgeschirr, Seife, Handtuch, Kamm und Bürste, ein Paar leichte -Pantoffel, ein Nähzeug, eine kleine Apotheke, einige Konservenbüchsen, -ein Neues Testament, abgeschabt und zerlesen. »Das hat ein gut Stück -Welt gesehen«, meinte Kärn nachdenklich, indem er es zu den täglichen -Gebrauchsgegenständen schob. »Es stammt noch von meinem Vater und hat -den siebziger Feldzug mitgemacht. Das war wohl ein Kinderspiel gegen das -Würgen von heute. -- Ja -- Junge -- kann ich dir denn nun die Mutter -anvertrauen? Willst du ihr immer beistehen, wenn ich nicht wiederkommen -sollte?« - -Helmut nickte, sein Gesicht verzog sich wunderlich. Vater und Sohn sprachen -leise in der Ecke bei Kärns Bett. Ringsumher gab es ähnliche Szenen. -Überall wurde noch ein letztes Wort gesagt, denn später auf dem Bahnhof, -da hatte man doch nicht mehr die Ruhe. Jeder gönnte es auch dem anderen -und tat nicht, als ob er ihn sähe. »Sei auch immer gut zu Daisy«, fuhr -Kärn fort. »Was man so von England hört -- wie die da drüben unseren -Untergang planten ..., da kann man doch nicht mehr daran denken, das -Mädchen dem Haß auszusetzen, der ihr um ihres deutschen Namens willen -entgegengebracht werden würde. Das arme Kind --.« - -»Sie hat ja uns, Vater«, sagte Helmut, »und uns kennt sie doch viel -besser als den fremden Großvater!« - -»Das meine ich auch, mein Junge. Wir könnten das Mädchen beim -Flüchtlingsbureau abgeben, weil's doch bei uns jetzt auch knapp zugeht. -Aber das will mir nicht in den Sinn. Das hielte ich geradewegs für ein -Unrecht gegen meinen alten Freund. Mutter denkt auch so. Sei nur immer -recht rücksichtsvoll gegen den Großvater. Er ist ein kränklicher alter -Herr und arbeitet trotzdem so tapfer in der Flüchtlingshilfe! Da ist er zu -Haus begreiflicherweise ein bißchen nervös. Und, Helmut, was ich dir noch -sagen wollte -- der Mensch braucht sich nicht bei jeder Mahlzeit den Bauch -vollzuschlagen bis zum Platzen. In den ersten Jahren in Brasilien haben -Mutter und ich oft wochenlang nichts anderes gehabt als süße -Kartoffeln -- und waren froh und gesund dabei! Sieh mal dort den kleinen -=Dr.= Schmidt -- du gerechter Strohsack, wie will denn der das Zeug alles -in seinen Affen kriegen -- und damit noch stürmen ...!« - -Der Vater war niemals für lange Ermahnungen, und so viel wie jetzt hatte -er wohl noch kaum hintereinander zu Helmut gesprochen. Er sah, wie der an -seinen Tränen würgte, und wollte ihm über die Rührung forthelfen. - -Helmut mußte auch gleich vergnügt grinsen, als er über die graue -Wolldecke des kleinen eleganten Oberlehrers hinblickte, der schon mehrere -schwergelehrte Bücher geschrieben hatte und nun mit einem ganz verwirrten -Ausdruck vor all den Büchschen, Döschen, Rasierpinseln, Nagelfeilen und -Polierern, Salben, Unterstrümpfen, Büchern, Schreibgeräten und Heften -stand, die noch in den bereits zum Bersten vollen Tornister hinein sollten. - -»Herr Doktor«, meinte Kärn gutmütig, »ich rate Ihnen, lassen Sie die -Geschichte ruhig hier. Im Schützengraben haben Sie ja doch keine Zeit, -alle die Sachen auch nur auszupacken -- und 's Marschieren wird Ihnen -ohnehin nicht leicht! Ich sehe die Bücher und die Büchschen schon in den -Chausseegraben sausen.« - -»Ach, lieber Kärn«, seufzte der junge Mann, »vielleicht haben Sie -recht. Es ist einmal meine Eigentümlichkeit, allzu weitläufig zu sein -und mich von lieben Angewohnheiten nicht gut trennen zu können. Ich bin ja -bereit, fürs Vaterland zu sterben -- aber wie ich es fertigbringen soll, -dem Vaterland zulieb ohne Bücher zu leben -- das weiß ich noch nicht!« - -»Das lernt sich im Urwald und im Krieg von selbst«, bemerkte Kärn -trocken. »Es ist die höchste Zeit, Herr Doktor. Ziehen Sie sich nur die -Schnürstiefel an, inzwischen wollen wir sehen, was sich noch unterbringen -läßt. Komm, Helmut, halt mir mal das Ding auf.« - -Unter Kärns geschickten Händen konnte noch erstaunlich viel von den -Heften und den Toilettengegenständen, die Herr =Dr.= Schmidt nicht -glaubte entbehren zu können, verstaut werden. Ein Paket Bücher über -griechische Lyrik wurde Helmut zum gelegentlichen Nachsenden übergeben. - -Dann hing Kärn seinen Affen mit Mantel, wollener Decke und der Zeltbahn, -eine ganz gewichtige Last, über die Schulter, stülpte den feldgrauen Helm -mit dem bunten Strauß von Astern und Herbstrosen auf den braunen -bärtigen Kopf, zog noch einmal die Uniform straff und langte nach dem -blumengeschmückten Gewehr. Helmut folgte jeder Bewegung des Vaters mit -den Augen. Gesprochen wurde nicht mehr. Jedes Wort schien gleichgültig in -dieser Stunde. - -Es war ein köstlicher blauer Oktobertag, als die Mannschaft sich -sammelte. Über die gelben Stoppelfelder spann sich silbernes Mariengarn, -türkisblaue Zichorie blühte an den Wegrändern, der Kiefernwald lag -dunkelgrün hinter den roten Dächern der Ortschaft, und weißstämmige -Birken wehten mit ihren Goldfahnen über den Häuptern der grauen Krieger. -Eine herbe Frische war in der Luft, wie sie nur der Herbst kennt. An allen -Drahtzäunen standen Frauen, Kinder, alte Männer mit Paketen, um ihren -Angehörigen zum Bahnhof das Geleit zu geben. - -Endlich traten die Kolonnen in Gliedern an, es war verblüffend, wie der -laute, wilde Wirrwarr sich plötzlich sinnvoll ordnete. Die Offiziere -schwangen sich auf ihre Gäule, der Tambourmajor hob den Stab, schmetternd -setzten die Trompeten, Zimbeln und Becken ein, die Trommeln wirbelten in -einer anfeuernden Marschmelodie. Dröhnend klang der Schritt der schweren -Stiefel, aus Hunderten von Männerkehlen tönte der rauhe Gesang zum -Sonnenhimmel auf. - -Wie war die Heimat doch so wunder-wunderschön! Friedvoll und frei sollst -du blühen, Heimat, so dachte jeder Offizier, jeder Soldat, und wenn wir -alle darob verbluten müßten! Kehrt keiner von uns Männern wieder -- -so wachsen aus deutschen Knaben neue Männer auf, um deutsche Ehre und -deutsches Wesen hochzuhalten in der Welt! - -Wilhelm Kärn marschierte als Letzter in einem Seitengliede, so durfte -Helmut während des Marsches neben ihm traben und seine Hand halten. - -Der lange Wagenzug stand grünbekränzt in der Bahnhofshalle, viele -Wagen trugen mit Kreide komische Inschriften, wie: Hier werden noch -Kriegserklärungen angenommen, oder: Jeder Stoß ein Franzos', jeder Schuß -ein Russ' und andere Verse, von den Mannschaften dort hingemalt. Jeder -eilte zu der ihm angegebenen Wagennummer. Eingekeilt zwischen anderen -Männergesichtern, schaute das des Vaters zum Fenster hinaus, und weil -alle Helme und Gewehre mit Blumensträußen geschmückt waren, gab das -ein lustiges buntes Bild. Der Bahnsteig stand voll von Frauen und Kindern, -alten Mütterchen und feinen Damen, die alle den Vätern, Söhnen -und Brüdern ein letztes Lebewohl zurufen wollten. Frau Kärn mit den -Großeltern und der Gänseblume hatten auf dem Bahnhof gewartet. Der -Großvater stand streng aufgerichtet, kein Zug seines weißbärtigen -Gesichtes veränderte sich. Über die Mutter mußte Helmut sich wundern. -Als der Vater sich in Hamburg stellen wollte, hatte sie so heftig geweint, -aber nun der Abschied wirklich da war, schaute sie beinahe fröhlich zu ihm -auf und rief ihm allerlei Scherzworte zu. Ebenso die Großmutter. Ein sehr -großes, junges, blondes Mädchen in Schwesterntracht lief am Zuge entlang -und reichte den abziehenden Truppen Becher mit Kaffee hinauf. Auch der -Vater trank eilig. Sie sprang von Wagen zu Wagen, einer der Soldaten rief -ihr zu: »Schwester, Sie könnten wir gut beim Sturmangriff brauchen!« -Alles lachte, auch Helmut, obgleich er nicht sicher war, ob sich das wohl -schicke in dieser feierlichen Stunde. Doch wurden von allen Seiten Witze -gemacht und immer wieder die herausgestreckten Hände der Feldgrauen -geschüttelt. Bis es endlich doch zum allerletztenmal geschah. Mit dem -brausenden Gesang der Mannschaften: »Deutschland, Deutschland über -alles« fuhr der Zug aus der donnernden Halle gerade hinein in die -flammende Abendröte. - - - - -Kriegswinter - - -Der Siegesjubel über die herrlichen Erfolge der Armeen war stiller -geworden. Trotz der ungeheueren Niederlagen der Russen trieb das Zarenreich -immer neue Menschenhorden aus seinen unermeßlichen Weiten hervor. Trotz -der Besetzung Belgiens und der Eroberung von Frankreichs schönsten -Provinzen hatte die Hoffnung auf einen glorreichen Frieden, auf den stolzen -Einzug der Truppen durch das Brandenburger Tor noch immer keine Aussicht -auf baldige Erfüllung. Auch bei unseren Feinden kämpften starke Mächte -für heiligen Besitz. In den Franzosen war ein großer Ernst erwacht. Wie -nun der Krieg sich gewendet hatte, war es für sie kein Eroberungskrieg -mehr; es galt jetzt auch hier die Rettung des Vaterlandes vor den Barbaren. -Denn als Barbaren, als Räuber und Mörder wurden ihnen die Deutschen von -ihren Zeitungen hingestellt. Prediger und Lehrer scheuten sich nicht, alle -die Lügen, die in Frankreich über die Deutschen verbreitet wurden, der -Jugend als Wahrheit zu lehren und auf diese Weise ihre Herzen mit Haß -zu erfüllen. In Deutschland galt es für unritterlich, die Feinde zu -beschimpfen, aber das wollte man jenseits der Vogesen und des Kanals -nicht glauben. Überall an den Fronten stand Tapferkeit gegen Tapferkeit, -Opfermut gegen Opfermut. - -Ein großes Warten auf Erlösung lag über der Welt. - -England wollte Deutschland aushungern; kein neutrales Land sollte ihm -mehr Nahrungsmittel liefern. Damit die innerhalb der deutschen -Grenzen befindlichen Vorräte ausreichten, begann die Regierung -Sparsamkeitsmaßregeln einzurichten. Noch nie, seit die Erde bestand, war -einem Millionenvolk die tägliche Nahrung zugeteilt worden. Es schien eine -so schwere Aufgabe, wie in der Geschichte von dem Mann, der den Wolf, -die Ziege und den Kohlkopf in einem Boot über den Fluß bringen sollte. -Fraßen die Pferde, die Kühe, Schweine und Hühner zuviel Kartoffeln, -Hafer, Gerste und Weizen, so blieb für die Menschen nicht genug übrig. -Verbot man, die Tiere mit dem kostbaren Stoff zu füttern, so starben sie, -und es fehlte den Menschen wieder an Fleisch, Milch, Butter und Eiern. Und -doch gelang die große Aufgabe, zum Erstaunen der Welt. Zuerst begann man -einem jeden das tägliche Brot zuzumessen. Es wurden Brotkarten verteilt, -auf die man es beim Bäcker holen mußte. Waren die vorgeschriebenen -Abschnitte zu Ende, so gab's nichts weiter. Die Kaiserin und die -Prinzessinnen erhielten nicht mehr als die ärmste Fabrikarbeiterin. - -Manche unter Helmuts Kameraden in der Schule schimpften, obwohl sie noch -reichlich Käse und Wurst zum Frühstück mitbrachten. Andere kauten tapfer -ihre trockene Schnitte Kriegsbrot und ließen sich statt Fleisch und Käse -von ihren Müttern Geld geben, das sie zu Zigarren für die Verwundeten, -oder für die Väter und Brüder im Feld sparten. Zu den letzteren gehörte -auch Helmut. Er hätte sich geschämt, Butter zu nehmen, während er sah, -wie dünn sich die Mutter ihr Brot mit Marmelade strich. Die Leckermäuler, -die jetzt noch Schokolade und Süßigkeiten lutschten, wurden von den -übrigen Jungens verhöhnt und verspottet, denn einen Spaß wollte man doch -von der Entsagung haben. - -Frau Kärn fand eine Stelle bei der Brotkommission, wo die Karten verteilt -wurden. Sie verdiente täglich vier Mark und fünfzig Pfennige. Das gab -sie der Großmutter für den Haushalt. Da der Weg von ihrem Bureau nach -Charlottenburg zu weit war, aß sie in der nächsten Mittelstandsküche. In -allen Stadtteilen gab es solche Küchen, für das Volk, für die Künstler, -für Beamte und andere bürgerliche Familien. Manche feine reiche Frau, -die alle Finger voller Brillantringe trug, kochte dort das Essen, putzte -Möhren, schälte Kartoffeln und achtete es nicht, daß ihre Hände rot und -hart von der Arbeit wurden. Junge fröhliche Mädchen bedienten die Gäste, -und auf allen Tischen standen Blumen. Helmut hätte am liebsten immer dort -gegessen, er fand es viel lustiger als bei den Großeltern. - -Überhaupt verlief dieser Winter etwas trübselig für ihn. Er vermißte -Sonne und Luft und die gewohnte Arbeit in Feld und Garten. Hatte er die -Pferde in der Koppel zusammengejagt, um ihnen den Stempel aufzubrennen, -oder war er gewandt wie ein Affe in die Bäume geklettert, um die -herrlichen Früchte zu ernten, von denen die Jungen hier nicht einmal die -Namen wußten, ja, da war der Vater zufrieden gewesen und hatte ihn gelobt -oder nur in sich hineingeschmunzelt. Da draußen hatte er seinen Mann -gestanden, hier war er nichts als ein dummer, ungeschickter Schuljunge. -Er sah es täglich, wieviel mehr seine Freunde aus der Tertia wußten -und konnten als er. Der eine spielte Klavier, der andere die Geige. Karl -Wilders machte die feinsten elektrischen Experimente, Georg Lange zeichnete -wie ein Erwachsener und redete mit Pringsheim über die Bilder in den -Museen, so daß Helmut die Haare zu Berge standen über ihre Klugheit. -Zu Haus wurde er auch so viel gescholten, wie nie zuvor in seinem Leben. -Entweder er hatte sich die Füße nicht abgetreten, oder die Türen -zugeschlagen, oder er kam mit ungewaschenen Händen zu Tisch, was -die Großmutter durchaus nicht leiden wollte. Er verlor am Ende jedes -Selbstgefühl und kam sich wie ein rechter Urwaldstölpel vor. Dabei wurde -er immer unleidlicher. Die hübsche Gänseblume, die der Großmutter brav -und geschickt zur Hand ging, wurde ihm beständig als Beispiel hingestellt, -bis er sie am Ende nicht mehr ausstehen konnte. Er sprach nur noch -das Nötigste mit ihr, ging brummig herum und fühlte sich einsam und -unverstanden. Der Vater fehlte ihm an allen Ecken und Enden -- niemals -waren sie früher getrennt gewesen, immer hatten sie zusammen gearbeitet. -Die Nachrichten von ihm liefen selten und spärlich ein. Er schrieb, sein -Regiment werde vielleicht nach Polen versetzt, um an den Karpathenkämpfen -teilzunehmen, und er sei zum Unteroffizier befördert, habe auch das -Eiserne Kreuz. Das war eine Freude; Helmut erzählte es jedem, der ihm -begegnete, sogar seinem Freunde, dem Schutzmann Müller an der Ecke der -Schloßstraße, den er stets um Rat zu fragen pflegte, wenn er nicht -wußte, welchen Tram er nehmen müsse, oder wie er zu gehen habe, um sich -in der Riesenstadt nicht zu verlaufen. Dann aber hörten sie wochenlang -nichts von dem Vater, wußten nicht, ob er noch lebte oder dort in dem -fremden, verschneiten Gebirge gefallen war. - -Bisher war es mild und regnerisch gewesen. Das Ende des Februar brachte mit -einemmal noch einen großen Schneefall und gleich darauf harte Kälte. -Alle Türme und Dächer trugen weiße Hauben, die Bäume glitzerten wie -in Silber eingesponnen und mit weißen Blütenbüschen geschmückt; die -Straßen waren glatt und schienen von der Sonne mit tausend Funkellichtern -bestreut, nur die Geleise der Straßenbahnen zogen sich dunkel durch die -lichte Pracht. Ein ungewohnter, märchenhafter Anblick für Helmut. Die -Mutter hatte ihm in Brasilien oft vom Schnee erzählen müssen. Einmal, als -er krank war und vor Fieberhitze glühte, hatte sie ihm die Geschichte von -der schönen Königin erzählt, die am Fenster saß und nähte, und sie -wünschte sich ein Kind, so rot wie Blut, so weiß wie Schnee; das solle -dann Schneewittchen heißen. Helmut hatte die Mutter mit Fragen geplagt, -wie weiß und wie kalt denn der Schnee sei. Die Affen hatten in den -Mangobäumen gekreischt, wo sie sich Früchte stahlen; die Mutter hatte -durchs offene Fenster auf die blütenumrankte Veranda gezeigt, auf deren -Boden das Mondlicht hell und weiß lag, und hatte gesagt: »Das sieht -beinahe so aus, als habe es geschneit.« Nun sah er den Schnee in -Wirklichkeit und schritt lachend durch das Flockengewirbel. Schnell lernte -er, die Schneebälle formen, und beteiligte sich mit Feuereifer an der -Schlacht auf dem Schulhof. Als er vor der Haustür mit der Gänseblume -zusammentraf, sauste der ein wohlgezielter Ball in den Nacken, so daß sie -laut aufkreischte, ihn aber gleich gewandt zurückgab. - -In früheren Jahren hatten sich bei jedem Schneefall sofort Hunderte -von Schippern eingestellt, um zum Bedauern der Kinder die Straßen der -Hauptstadt von der verkehrshindernden Decke zu befreien. Die Schipper taten -jetzt in den Schützengräben ihre Arbeit. Darum wurde von den Lehrern die -Jugend aufgerufen, ihr Amt zu versehen. Das gab einen Heidenjubel. In der -einen Straße hackten, schaufelten und schippten die Backfische in ihren -weißen, roten und blauen Sportjacken unter Aufsicht frischer jugendlicher -Lehrerinnen, in der nächsten mühten sich die Buben, die sehnigen -Gestalten der Jugendwehr mit ihren graugrünen Joppen, die schwarz-weiße -Binde um den Arm; die Pfadfinder mit den seitwärts aufgeschlagenen Hüten -kommandierten wichtig. Die Kleineren, ebenfalls in allerlei bunten Sweaters -und Sportjacken, schlugen sich mit dem schweren Gerät herum, das sie, -weil es für kräftige Männerarme berechnet war, kaum bewältigen konnten. -Geschrei und Gelächter gab es auf beiden Seiten, und jeder tat seine -Pflicht nach Kräften, wenn auch oft ein bißchen ungeschickt. Das war -nun etwas für Helmut. Dergleichen verstand er besser als die Berliner -Großstadtjugend. Er schwang die Spitzhacke, hieb in das festgefrorene Eis -des Fahrdammes, daß es nur so eine Art hatte. Bald war er der Anführer -einer ganzen Schar von Kameraden, die er anstellte, so daß Zug und Ordnung -in die Sache kam. Im Laufe von zwei Stunden war die Straße glatt und rein, -der Schnee zwischen Damm und Bürgersteig sauber aufgeschichtet. Strahlend, -mit leuchtenden Augen und roten Backen kam er nach Haus. Zum erstenmal seit -langer Zeit schwatzte er wieder lustig mit der Gänseblume und schilderte -ihr drollig, wie zwei Primaner, solche, die schon Siegelringe und -Bügelfalten trugen und die Aufsicht hätten führen sollen, sich an -einen Kohlenwagen gelehnt und in ein wissenschaftliches Gespräch vertieft -hätten, statt sich um die Kleinen zu kümmern. - -»Weißt du«, bemerkte er pfiffig, »sie sagten, sie führten ein -wissenschaftliches Gespräch -- dabei quatschten sie nur über Mädchen. -Ich habe es genau gehört!« - -Einige Tage später nahm seine Mutter nach dem Abendessen Hut und Mantel. - -»Wo willst du denn noch hin, Mutti«, fragte Helmut, »es ist Glatteis und -ganz gefährlich auf der Straße.« - -»Ich möchte in die Kriegsbetstunde in der Gedächtniskirche«, antwortete -die Mutter, »es wird mir schon nichts geschehen!« »Dann will ich mit -dir gehen und dich führen«, rief Helmut schnell. Sie nahm sein Anerbieten -gerne an. Schon auf dem Wege zum Tram bereute er ein wenig seinen schnellen -ritterlichen Entschluß. Dort in der Kirche gab es gewiß viele Frauen, die -weinen würden, das war ihm höchst peinlich. In dem Tram stellte er sich -recht deutlich vor, wie seine Mutter mit gebrochenem Fuß mitten auf dem -Damm liegen und womöglich noch ein Auto kommen und sie überfahren würde. -Auf diese Weise überzeugte er sich, daß es von großer Wichtigkeit sei, -wenn er an ihrer Seite bliebe. - -Sie saßen oben auf dem Chor. Helmut blickte auf die goldenen Mosaikwände, -auf denen im gedämpften Licht des Kronleuchters Engel mit farbigen -Flügeln, Gestalten von Aposteln und Heiligen erschienen. Solche Pracht -sah er noch nie. Sie diente zum Rahmen für die Frauen, die das Schiff -der Kirche in dichtgedrängten Reihen füllten; gar manche trug den langen -schwarzen Witwenschleier. Doch auch viele Männer waren gekommen, alte und -junge Feldgraue und hohe Offiziere, die an den Marmorsäulen lehnten, weil -sie keinen Platz mehr gefunden hatten. Helmut entdeckte auch einige Jungen -seines Alters -- es waren wohl Konfirmanden -- ihre Gegenwart gab ihm -gleich ein Gefühl größerer Sicherheit. - -Nicht alle Kerzen waren entzündet; ihr Licht schwamm in einer goldigen -Dämmerung, aus der vom Altar die weißschimmernde Gestalt Christi -grüßte. Die Orgel begann zu spielen; ihr wundervoller Klang schwebte -überirdisch zart durch das hohe Gewölbe, Frauenstimmen erhoben sich zu -einem Psalmengesang von unendlicher Süße, anschwellend zu feierlicher -Erhabenheit. - -Dem Knaben aus der Wildnis, der nur die Farmhäuser der Ansiedler kannte -und den rauhen, etwas unreinen Gesang der Schulbuben seiner Klasse, ist -zumut, als solle ihm das Herz zergehen bei der himmlischen Musik. Er neigt -den Kopf, faltet die Hände und fühlt Gottes Nähe. - -Während der Predigt des Pfarrers beginnen seine Gedanken zu schweifen. - -Alle diese Menschen um ihn her bitten, wenn sie ihre Häupter neigen, -um ein teures Leben -- Gott wird ihre Bitten nicht erhören, das ist -entsetzlich. Eine Angst erfaßt ihn. Vielleicht, wenn er mit der Mutter -heimkommt, liegt auf dem Tisch der Brief mit dem Amtsstempel, der ihnen -meldet, daß der Vater gefallen ist.... Ihm gegenüber an der Wand -hinter dem Altar sieht er das Bild eines hohen strengen Mannes. Gerade -aufgerichtet stützt er sich auf sein langes Schwert. Gott trägt jetzt -auch ein Schwert und mäht erbarmungslos die Menschen dahin, Gute und Böse -miteinander. Und Jesus steht weißschimmernd in der Marmorhütte über dem -Altar, blickt ernst und gütig und kann nicht helfen. - -Mutter und Sohn schritten durch den Schnee und Mondenglanz, der hell über -den Häusern lag. Sie gingen langsam, die Mutter stützte sich auf Helmuts -Arm. - -»Mutter«, sagte der Junge plötzlich heftig, »glaubst du, daß wir noch -einmal im Leben nach unserem Waldeck zurückkehren werden? Glaubst du, daß -wir Vater noch einmal wiedersehen? Oder haben wir alles, alles verloren?« - -Frau Kärn bewegte schweigend den Kopf, sie konnte nicht reden. Seit drei -Wochen hatte sie keine Nachricht mehr von ihrem Manne. - -»Der Pfarrer hat ja wieder so schön und tröstend geredet«, begann sie -nach einer Weile und ihre Stimme klang verzagt. »Aber ich weiß nicht -- -mir waren es nur leere Worte. Ich will ja tapfer und mutig sein, nur -- die -Kraft ist nicht mehr da. Ich kann auch nicht mehr beten -- nein, wenn ich -beten will, empört sich mein Herz gegen Gott. Ich sage mir: Wie kann er so -grausam sein -- wie kann er seine Menschenkinder so peinigen? Er ist kein -Gott der Güte ...« - -Helmut fühlte, daß die Mutter ihm mit ihrem Vertrauen etwas Kostbares -schenkte. Also auch ihr ging es wie ihm selbst; sie zweifelte, sie schlug -sich mit vielerlei Gedanken über Gott herum, sie konnte zu keiner Klarheit -kommen. Wie bleich und müde sah sie aus! Inbrünstig wünschte er, ihr -etwas sagen zu können, was ihr helfen möchte. - -Plötzlich sah er aus der Vergangenheit ein Bild deutlich in seinem -Gedächtnis auftauchen. »Weißt du noch, Mutter«, rief er lebhaft, »wie -unsere schöne Bläß -- die mit dem weißen Fleck auf der Stirn, die -so viel Milch gab, in der Nacht so krank wurde? Sie hatte was Giftiges -gefressen und lag so aufgetrieben im Stall und brüllte in Todesangst. -Weißt du noch, wie Vater da das große, scharfgeschliffene Messer holte, -und wir alle mußten die Kuh halten, und er stieß ihr das Messer in den -Bauch? Es war doch gräßlich anzusehen.... Aber das böse Gas ging fort -und unsere Bläß wurde wieder gesund. -- Vielleicht -- ich weiß ja nicht --- es ist wohl dumm -- ich dachte nur gerade: Vater hatte das Tier doch -schrecklich lieb und stach so derb zu ...« - -Helmut schwieg verlegen, denn er genierte sich, so viel geredet zu haben -und den Herrgott mit seinem Vater zu vergleichen. Die Mutter drückte -seinen Arm an sich. Beide fühlten sich befreit und getröstet. - - - - -Eine Enttäuschung und neue Aussichten - - -Helmut war mit seiner Mutter in der Dorotheenstraße gewesen, um dort die -Verlustlisten, die mannshoch die Mauern bedeckten, durchzustudieren. Sie -hatten sich auch auf dem Bureau erkundigt. Man sagte, solange ihnen noch -keine Anzeige vom Regiment zugegangen sei, wäre noch kein Grund zur -Beunruhigung vorhanden. Die neuen Frühlingsoffensiven hätten eingesetzt, -weiter und weiter dringe unser Heer ins Innere von Rußland ein, da sei -es denn oft für die Truppen unmöglich, Nachricht bis an die nächste -Feldpoststelle gelangen zu lassen. Das alles klang sehr verständlich. Aber -es beruhigte Helmut keineswegs. Er meinte, wenn sein Vater wirklich gesund -sei, so müsse es ihm auf irgendeinem Wege möglich sein, eine Karte in die -Heimat gelangen zu lassen. Wahrscheinlich war er verwundet oder krank, -lag in Fieberphantasien in irgendeinem Lazarett; oder er war gefangen, -man hatte ihn fern nach Sibirien verschleppt! Alles, was der Junge in -den Zeitungen an Leiden und Quälereien las, die von Feinden über unsere -Gefangenen verhängt worden waren, stellte sich mit schrecklichen Bildern -vor seiner Phantasie ein, raubte ihm den Schlaf und verfolgte ihn auch -am Tage. Von einem Schulkameraden erfuhr er, es seien Verwundete von -dem Regiment, bei dem sein Vater stand, in einem Lazarett in Tempelhof -eingetroffen. Der Kamerad hatte einen Vetter dabei, den er besuchen wollte. -Helmut schloß sich ihm sofort an. Er hörte unterwegs, das Regiment sei -in schwere Kämpfe verwickelt und fast aufgerieben worden. Jetzt befinde -es sich wieder mehr im Norden in Ruhestellung, um sich zu erholen und neu -aufgefüllt zu werden. Das klang nicht sehr ermutigend. - -Die beiden Jungen fuhren wohl eine Stunde lang mit dem Tram durch die -ungeheure Stadt, vorüber an dem weiten sandigen Platz, wo im Frieden die -glänzenden Kaiserparaden stattfanden. Der Mitschüler zeigte Helmut die -einsame große Pappel, unter der der Kaiser mit seinem Stabe zu halten -pflegte, um die Truppen an sich vorbeimarschieren zu lassen. Doch hatte -Helmut heute kein Interesse für seine Erzählungen -- er war zu gespannt -auf die Nachrichten, die er empfangen würde. Endlich kamen sie in die -Lazarettstadt -- so konnte man sie wohl nennen, diese Gruppen von sauberen -Häusern zwischen freundlichen Gartenanlagen, in denen schon Hyazinthen -und Krokus blühten. Die verwundeten und genesenden Krieger wandelten oder -saßen im Sonnenschein. Das Herz schlug Helmut mächtig, als sie beide -in den Saal traten, wo die Brandenburger lagen. Zwei lange Reihen weißer -Betten, mit vielen, vielen Männerköpfen auf den Kissen. Manche trugen -Verbände um Stirn und Wangen, die Arme in Binden. Zwischen ihnen hin und -her gehend freundliche junge Schwestern in weißen Häubchen und weißen -Schürzen, Scherze machend, Kaffeebecher verteilend, hier und da eine -Handreichung leistend, einem die Kissen höher rückend, einem anderen den -Becher an die Lippen setzend. Und Blumen, Schalen mit Äpfeln und Orangen -überall neben den Betten auf den niedlichen Glastischchen. - -Helmut hatte geglaubt, in einem Lazarett müsse eine Totenstille herrschen. -Indessen hallte in dieser Nachmittagsstunde der Saal wider von fröhlichem -Lachen und Plaudern. Fast neben jedem Bette hatte sich Besuch eingefunden, -jeder kam mit kleinen Geschenken an für die verwundeten Lieben. Eine Dame -in Trauer ging durch die Reihen und verteilte Pfannkuchen, eine andere -Zigaretten. Der Vetter von Helmuts Kameraden war noch ein junges -Bürschchen, kaum achtzehn Jahre alt, durch einen Schuß ins Knie schwer -verwundet. Er hatte Fieber, ganz blanke Augen in einem blassen zarten -Gesicht. Mit scheuer Bewunderung blickten die beiden Knaben auf das Eiserne -Kreuz, das über seinem Bette hing. Gern gab er Bescheid auf alle Fragen -Helmuts. -- Ja -- einen Wilhelm Kärn, älteren Landwehrmann -- dritte -Kompagnie -- freilich -- war denn der nicht.... - -Er wandte sich an seinen Bettnachbar: »Du, Kamerad, war denn der Kärn -nicht auch auf dem Verbandplatz, nach der Attacke da bei dem Dorfe, wo wir -die Kerle, die Russen, rausschmissen?« »Kärn -- Friedrich?« »Nein, -Wilhelm.« »So, Wilhelm. Kann mich nicht besinnen, mein Kopp is alleweilen -bißchen dösig ... So'n großer, mit 'nem braunen Vollbart?« »Ja, ja«, -fiel ihm Helmut heiser vor Aufregung ins Wort. »Is denn der nich gefallen? -Ich meine, der lange Lehmann hätte gesagt -- den Kärn, den hat's nu -ooch....« »Ach, bewahre -- was der schwatzt! Ich habe ihn deutlich in -Erinnerung. Ein freundlicher Mann, ließ mich noch aus seiner Flasche -trinken. Mich dünkt, es war bei ihm ein Kopfschuß -- er hatte sich's -Taschentuch umgewickelt, und das war ganz voll Blut.« - -Er sah, wie Helmuts Lippen zuckten, wie er grünweiß wurde. »Na, darum -braucht es noch nicht gefährlich zu sein -- an Blut gewöhnt man sich da -draußen«, fügte er tröstend hinzu. »Und dann?« drängte Helmut, -»was wurde dann mit ihm?« »Ja, das kann ich nicht sagen, mich haben -sie narkotisiert -- weiter weiß ich nichts mehr. -- Da drüben liegt noch -einer von unseren Leuten, vielleicht fragen Sie den mal?« - -Doch dieser Verwundete war von einer anderen Kompagnie und hatte Kärn -nicht gekannt. Neben ihm saß eine hübsche, blühende Frau, deren -glänzende Braunaugen mit warmer Teilnahme auf Helmut blickten. »Das ist -schwer, die Ungewißheit um einen Menschen, den man liebt«, sagte sie -freundlich. »Ich hab's auch durchgemacht, um den großen dicken Kerl -hier!« Dabei schlug sie ihrem Manne zärtlich auf die Hand. - -»Schweres wird jetzt keinem erspart«, meinte der ernst. »Sieh mal den -dort drüben« -- er meinte den Vetter von Helmut's Schulfreund -- »das -ist ein Held. Gestern hat ihm der Arzt eine Menge Knochensplitter aus dem -Bein genommen. Nicht gemuckt hat er, immerfort gelacht und gespaßt! Nachts --- da höre ich ihn, wenn er sich vor Schmerzen nicht zu lassen weiß und -das Kopfkissen vor den Mund preßt, damit sein Wimmern keinen im Schlaf -stört. Achtzehn Jahre -- aber ein Mann, ein ganzer Mann!« - -Helmut saß betäubt von Traurigkeit. Was sollte er jetzt tun? Er hatte -so fest darauf gebaut, durch die Kameraden eine Nachricht vom Vater zu -erhalten. Der Verwundete, ein älterer Landwirt, redete mit seiner Frau -über die Frühjahrsbestellung und wie schwierig es sei, die Leute für die -dringendsten Arbeiten zu bekommen. Sie habe sich schon um mehr Gefangene -ans Ministerium gewandt, man habe ihr auch welche versprochen. Ein -paar Wandervögel hätten sich für die Osterferien angeboten, doch die -Stadtjungen, so gut sie's auch meinten, seien doch so unbewandert in -ländlichen Arbeiten und müßten erst mühsam angelernt werden. - -»Nehmen Sie mich als Hilfe für die Ferien«, sagte Helmut plötzlich -- -er wußte selbst kaum, was ihn zu dem jähen Entschlusse trieb. Aber er war -gleich ganz klar und bestimmt. Er versicherte dem Landwirt und seiner Frau, -daß er Bescheid wisse mit der Arbeit in Stall und Feld. Der Verwundete -fragte ihn aus; seine Antworten zeigten gute Kenntnisse. »Na, wie wär's, -Frau?« fragte der Verwundete, »wollen wir's mal mit dem jungen Herrn -probieren? Aber keiner Arbeit wird sich geschämt -- Mist muß gefahren -werden und Jauche, das riecht nicht schön, ist aber notwendig.« Helmut -lachte. »Kenn' ich, kenn' ich! Unsere Maisfelder mußten auch gedüngt -werden und die Bananenbüsche! Das habe ich immer allein mit unserem Neger -besorgt!« »Na, denn also los! Wenn's Mutter erlaubt!« »Die wird's -erlauben -- die ist froh, einen Esser los zu sein.« Es wurde nun noch ein -kleiner Lohn für Helmut verabredet, volle Beköstigung und Nachtquartier -solle er im Hause bekommen und am ersten Tage der Ferien antreten. - -Helmut stürmte nach Haus. Die neue Aussicht überwog die Enttäuschung. -Still und brav bei der Bäuerin arbeiten? -- Nein -- da hatte er ganz -andere Pläne im Sinn! Schweigen -- nur schweigen und sich nicht verraten! - - - - -[Illustration: LANDARBEIT IM KRIEGE] - - - - -Helmut und Frau Ledderhose - - -Helmut kam gut aus mit Frau Anne Ledderhose. Sie war eine frische lustige -Frau. Wenn sie des Sonntags zum Kirchgang angekleidet war, sah sie aus wie -eine feine Dame. Am Alltag trug sie derbe Waschkleider, stand des Morgens -um drei Uhr vor dem Kuhstall, das Melken zu beaufsichtigen, stapfte -hochgeschürzt, in Transtiefeln, mit dem alten Lodenmantel ihres Mannes -angetan, über die aufgeweichten Frühlingsäcker und fuhr den ganzen Tag -lang unermüdet wie eine Lokomotive unter Volldampf durch Haus und Hof, -um überall nach dem Rechten zu sehen. Die Mägde, alte und junge, hatten -mächtigen Respekt vor ihr. Die gefangenen Russen, die zur Männerarbeit -auf dem Hofe waren, und viel lieber träumend in der Sonne lagen als -pflügten oder säten, die sperrten Mund und Nase auf, wenn Frau Anne sie -derb an der Schulter packte und deutsch auf sie einschalt. Verstanden sie -die Worte auch nicht, den Ton der hellen Stimme begriffen sie ganz gut. -Willig ließen sich die sechs Mann abends um acht Uhr von ihr in den -Schuppen einschließen, wo ihr Nachtlager war. »Ich habe doch die -Verantwortung für die Kerls«, pflegte sie zu sagen, »es soll mir niemand -nachreden, daß Frau Anne Ledderhose einen hätte entwischen lassen!« - -Eines Morgens weigerte sich einer der Gefangenen, zur Arbeit anzutreten. -Brummig erklärte er, mal ausschlafen zu müssen! »Laßt ihn nur -schlafen«, sagte Frau Anne und ein kleiner pfiffiger Zug spielte um die -Winkel ihres roten Mundes. Als die Kameraden mit ihren Näpfen mittags in -der Küche vor dem großen Kessel antraten, aus dem Frau Anne auszuteilen -pflegte, sah sie den Langschläfer groß an und schüttelte den Kopf. -Drauf nahm sie ihn beim Ärmel und führte den Riesenkerl unter allgemeinem -Gelächter zum Schuppen zurück, wies auf seine Matratze und sagte: -»Schlafen -- nicht essen! Arbeiten -- gut essen! Verstanden?« -- Na, er -hatte verstanden, der Rußki. Am nächsten Morgen stand er brav mit den -andern beim Rübenstecken. -- - -Sonst wurde nicht geknausert mit dem Essen auf dem wohlhäbigen Bauernhof. -Von Kriegsnot merkte man im Frühling 1915 noch nichts. In die fett mit -Leber- oder Blutwurst belegten Butterbrote biß auch Helmut mit Vergnügen. - -Die Näpfe der russischen Arbeiter faßten ein Liter zusammengekochtes -Essen. Aber damit hatten die Fresser oft nicht genug. Es war, als müßten -sie sich hier für die Not und Entbehrung eines ganzen Lebens schadlos -halten. Besonders das Faultier, der verschlafene Riese, aß für zwei. -»Ich möchte nur wissen, wann der mal von selber aufhören würde«, sagte -Frau Anne lachend, und es reizte sie, den Versuch zu machen. Als es einst -Kohlrüben mit Schweinefleisch gab, ein Gericht, für das er eine besondere -Vorliebe hatte, durfte er kommen und sich seinen Napf füllen lassen, so -oft er wollte. Mit einem spitzbübisch freundlichen Gesicht schwang Frau -Ledderhose ihre Kelle und fragte immer wieder aufmunternd: »Noch mehr?« - -So vertilgte er denn nach und nach fünf Liter Kohlrüben und -Schweinefleisch mit den dazugehörigen Kartoffeln. Was nur auf dem Hofe -Beine hatte und einen Mund zum Lachen, kam angelaufen: Mädchen, Kinder, -der halbblinde Schafhirte und das gichtgekrümmte Mütterchen, die -Frau Annes Kindermuhme gewesen war, sie alle betrachteten staunend die -Meisterleistung. - -Als die fünf Liter verzehrt waren, klopfte sich der Riese wohlgefällig -den Bauch, schmunzelte über sein ganzes gutmütiges Gesicht, wischte sich -mit dem Handrücken das Fett aus den Mundwinkeln und küßte Frau Anne -ehrfurchtsvoll dankbar den Rocksaum. So spaßige Dinge passierten oft in -Jarmlitz. Helmut wäre am liebsten ganz und gar dort geblieben. Des Abends -erzählte er denn auch die Geschichte von dem Neger bei ihnen in Waldecke, -der sich nichts Schöneres wußte als einen Brei von altem Zeitungspapier, -das er sich mit Wasser sorgfältig verrührte und mit Wohlgefallen -verspeiste. Die Kinder brüllten vor Lachen und Frau Anne bog sich. -Helmut hatte überhaupt ein dankbares Publikum für seine Erzählungen -aus Brasilien. In den Augen der Ledderhoseschen Kinder war er ein -anstaunenswerter, fremdländischer Abenteurer, das behagte ihm nicht wenig. -Als er eines Abends, während sie vor der Haustür saßen, behauptete, auf -seinem Schulweg im Walde sechs Leoparden begegnet zu sein, von denen er -vier Stück niedergeknallt habe, so daß die übrigen voller Schrecken -davongetrabt seien, meinte Frau Anne gemütlich: Es bleibe nichts anderes -übrig, er müsse durchaus Förster werden! Er könne ja schon beinahe -aufschneiden wie der alte Jäger am Stammtisch im Adler. - -Helmut lachte, aber er wurde doch ein bißchen rot. Frau Ledderhose -erlaubte sich auch, seine Leistungen zuweilen ungenügend zu finden, -und ihm das derb zu sagen. Er war zur Hilfe auf dem Hof, mußte Zäune -ausbessern, den Hühnerstall in Ordnung bringen, mit ihr gemeinsam den -Garten bestellen. Sie verstand die Leute zur Arbeit anzuhalten, -- keine -Minute durfte jemand in ihrer Gegenwart müßig bleiben. Auf dem großen -Hof blitzte alles vor Sauberkeit. Die Kühe in den Ställen lagen auf -reinlicher Streu, selbst die Gänge zwischen den Schweinetrögen mußten am -Sonnabend gescheuert werden. Die Wintersaaten standen frischgrün auf den -Feldern, die Obstbäume waren regelrecht beschnitten und im Garten neben -Kohl und Rüben der Flor der Sommerblumen auf den Rabatten nicht vergessen. -Wie im tiefsten Frieden blühte und gedieh hier alles unter der Hut der -tapferen Frauen, während die Männer draußen an der Front des Vaterlandes -Ehre verteidigten und mancher schon als ein Held gefallen war. - -»Im Winter«, erzählte Frau Anne Helmut, »da war's schlimm mit dem -Lichtmangel. Kein Petroleum aufzutreiben, von vier Uhr an saßen wir Frauen -im Finstern und konnten nichts mehr tun! Wir haben Kienspäne angezündet -und dabei gestrickt, wie zu Urgroßvaters Zeiten!« -- Sie schüttelte -sich. »So im Dunkeln kriechen die Sorgen eklig an einen heran. Ich habe -die Tagelöhnersfrauen zu mir geholt, ein ordentliches Feuer im Ofen, -Kaffee gekocht und Geschichten erzählt! So ging die Zeit, bis wir in die -Klappe krochen! Jetzt gebe ich das Geld her, das mir einen Pelz schaffen -sollte, und lasse elektrisches Licht legen zum nächsten Winter! Der Mensch -muß sich zu helfen wissen.« - -Helmut betete Frau Ledderhose an, sie erschien ihm als die schönste und -klügste Frau, der er jemals begegnet war. Ja, er versuchte sogar ein -Gedicht an sie zu machen. Das begann: - - Frau Anna Ledderhose, - Du hohe Königin, - Du liegst mir tief im Herzen, - Im Herz und auch im Sinn. - -Soviel er auch nachgrübelte, die Fortsetzung fiel ihm niemals ein, und so -blieb es bei diesem einen schönen Verse. - -Trotzdem es ihm in Jarmlitz so gut gefiel, vergaß er doch in keinem -Augenblick den tiefsten Zweck seines Aufenthaltes hier. - -»Geldgierig ist der Bengel, da ist schon das Ende von weg«, scherzte Frau -Anne. »Jeden kleinen Extradienst läßt er sich auch extra zahlen! Sag' -nur, was willst du eigentlich mit dem vielen Gelde anfangen? Ich hoffe, -wenn du nach Berlin kommst, gehst du gleich zu Wertheim und kaufst mir ein -feines Geschenk! Eine echt silberne Handtasche oder Uhrkette erwarte ich -mindestens!« - -Helmut wurde rot und schwieg verlegen. Als die Osterferien zu Ende gingen, -sorgte Frau Anne für ein tüchtiges Futterpaket, allerlei Gutes für die -Mutter war auch darin. Die ganze Familie brachte Helmut zur Bahn. Alle -hatten ihn liebgewonnen, die Kinder hingen rechts und links an seinen Armen -und konnten sich kaum von ihm trennen. - -Am übernächsten Tage empfing Frau Anne Ledderhose einen Brief von Helmut. -Sie erwartete, er würde ihr seine glückliche Ankunft in Berlin melden, -doch das Schreiben enthielt nur folgende Worte: - - Liebe Frau Ledderhose! - - Wenn Sie Ihren Mann in Berlin besuchen, so gehen Sie bitte zu meiner - Mutter und sprechen ihr Mut ein. Alles wird gut werden. Ich fahre - nach Rußland, an die Front, um meinen Vater zu suchen. Mit herzlichen - Grüßen - - Ihr - - Helmut Kärn. - -Frau Anne faßte sich bestürzt mit beiden Händen an den Kopf. Der -unsinnige Junge! Wie kann er auch so etwas tun! Na -- sie werden ihn schon -baldigst wieder heimschicken! Jedenfalls muß ich nach Berlin fahren und -mit der armen Mutter reden! Übrigens -- vielleicht bringt der tolle Kerl -es fertig, seinen Vorsatz auszuführen. Schneid und Energie genug hat er. - -Als Frau Ledderhose bei den Großeltern und Helmuts Mutter eintraf, fand -sie begreiflicherweise die ganze Familie in größter Aufregung. Helmut -hatte auch der Mutter von seinen Absichten Nachricht gegeben, aber eben -diese Absicht brachte ihren Jungen ja in die ernstesten Gefahren. - -Der Großvater hatte sich sofort zur Polizei begeben und gefragt, was -man tun könne, um des Knaben wieder habhaft zu werden. Der Beamte hatte -lächelnd gemeint, solche Ausreißer gäbe es eine ganze Menge, meistens -kämen sie nach ein paar Tagen, wenn der Hunger sie plagte, von selbst zu -den heimatlichen Futternäpfen zurück. Man solle nur ruhig noch ein -wenig warten, bevor man mit der amtlichen Nachforschung beginne, die doch -immerhin nicht unerhebliche Kosten verursachen würde. Man wartete also -ohne viel Hoffnung, denn es lag nicht in Helmuts Charakter, so bald einen -seit langer Zeit gefaßten Plan aufzugeben. Hungern würde er nicht, denn -er hatte außer seinem Gehalt von Frau Ledderhose, das noch durch einen -harten Taler vermehrt worden war, sein zusammengespartes Taschengeld und -das Weihnachtsgeschenk des Großvaters bei sich. Stehlen würde er -sich's schon nicht lassen, dazu war er viel zu gewitzigt. Das Zureden der -lebensfrischen Frau Ledderhose beruhigte Frau Kärn etwas. So viele Mütter -mußten jetzt ihre Söhne in Gefahr und Tod hinausziehen lassen! Da wollte -sie an Heldenhaftigkeit gewiß nicht zurückstehen. - -Als nach mehreren Tagen Helmut nicht heimkehrte, begann die Polizei -ihre Nachforschungen. Man sandte Telegramme und Bilder des Jungen an -verschiedene Bahnhöfe und brachte auch bald in Erfahrung, daß ein junger -Mensch, auf den die Beschreibung stimmte, am Abend des Tages, an dem Helmut -von Jarmlitz nach Berlin zurückgekehrt war, ein Billett nach Königsberg -gelöst hatte. Ein Bahnschaffner wollte ihn auch im Zuge gesehen haben, -doch das lautete schon viel unbestimmter. Und dann verlor sich seine Spur -gänzlich. - - - - -[Illustration: OST-PREUSSEN] - - - - -Die Flüchtlinge und der unheimliche Wald - - -Der Regen rauschte -- so ein rechter, fruchtbarer Frühlingsregen, unter -dem Saaten und Knospen sprießen, der aber auch die Landstraßen zu Brei -verwandelt und dem Wanderer feuchtkalt durch alle Kleider dringt. Tief -hingen die Wolken über der traurig verwüsteten Gegend, in der die Russen -gehaust hatten. Wie ein zerbrochener Armstumpf ragte der seiner Spitze -und seiner Glocken beraubte Kirchturm in die graue Luft. Öde starrten die -leeren Fensterhöhlen aus den brandgeschwärzten Mauern des Schiffes -der kleinen Kirche. Ringsumher Schutthaufen verbrannter, eingestürzter -Häuser, in den Gärten Überreste von mutwillig zerbrochenem Hausgerät, -Fetzen zerschlitzter Federbetten. Nur die steinernen Kamine der Herde -ragten aus der Verwüstung empor. -- Doch an allen Ecken und Enden waren -schon Menschen an der Arbeit, um die liebe Heimat wieder zum Wohnsitz -für die zurückgekehrten Besitzer herzurichten. Es wurde gegraben, Steine -wurden geschleppt, Balken aufgerichtet. Finster blickten die Männer, -vergrämt die hageren Frauen. Wieviel sie durch die Besetzung Ostpreußens -durch die Feinde verloren, das konnten sie erst jetzt überschauen. All -das schöne Vieh, das irgendwo in den Wäldern verhungert war oder von den -Russen verzehrt! - -[Illustration] - -Schwerfällig arbeitete sich durch die zerweichte, schlammige Landstraße -wieder so ein Planwagen mit heimkehrenden Flüchtlingen heran. Was lag da -alles beieinander unter dem Regendach. Säcke mit Wäsche und Kleidern, -eine Kiste mit Saatkartoffeln, das Spinnrad der Mutter, das alte Gesangbuch -der Großmutter, ein weißes Zicklein, das die Flucht wie den Aufenthalt -in der Stadt vergnügt überstanden hatte und im Begriff war, sich zu einer -stattlichen Ziege auszuwachsen. Zwischen ihren geretteten Sachen kauerten -auf Kissen und Decken die Familienglieder, alt und jung. Endlich fand der -Vater, der neben den Pferden herschritt, den Platz, auf dem sein Häuschen -gestanden hatte. Es war nicht so leicht gewesen, denn das Dorf hatte durch -den Brand und die Beschießung ein völlig verändertes Aussehen bekommen. -Der Wagen hielt, einer nach dem anderen steckte den Kopf unter der nassen -Leinewand hervor und begann, im triefenden Regen vom Wagen zu klettern. -Da fand sich auch einer unter ihnen, der nicht zu der ostpreußischen -Flüchtlingsfamilie gehörte. Das war Helmut Kärn. Bis hierher an die -russische Grenze war er ohne viel Beschwerde gelangt. - -Zwar hatte es ein paarmal unvorhergesehenen Aufenthalt gegeben, viel -Militär war an ihm vorübergefahren, aber mit seinem Billett kam er -sicher nach Königsberg. Schwierig wurde die Sache erst, als Helmut auf die -Kleinbahnen geriet, die ihre Fahrpläne nicht mehr innehielten, auf denen -man Zivilpersonen fast gar nicht mehr beförderte. Doch Helmut wußte -sich immer irgendwie einzuschmuggeln. Bat er einen der Soldaten so recht -flehentlich, ihn doch mitzunehmen, weil er seinen Vater in einem Lazarett -an der russischen Grenze suchen müsse, so erlaubten ihm die gutmütigen -Feldgrauen gewöhnlich, sich zwischen ihnen einzuquetschen, obwohl sie -meistens schon so eng saßen, wie die Bücklinge in ihren Kisten. - -Plötzlich hieß es, für die nächsten Tage sei der Bahnverkehr gänzlich -gesperrt. Es mußte da oben, wo Hindenburg befehligte, etwas Neues im Werke -sein! Desto heißer wurde Helmuts Verlangen, in die kriegerische Zone zu -gelangen. - -Er beschloß, zu Fuß weiter zu wandern, zumal er mit Erschrecken sah, wie -schnell seine Barschaft sich verringerte. - -In der Nacht schlief er in der Knechtekammer des Gasthauses in einer -kleinen Ortschaft. Für das Unterkommen nahm die Wirtin ihm nur 50 Pfennige -ab und die Flöhe bekam er umsonst -- es waren nicht wenige! Denn auch hier -hatten die Russen mit ihrem Schmutz gehaust. Von ihrem ersten und zweiten -Einfall hörte er in der Gaststube, wo er eine Suppe verzehrte. Greuliche -Geschichten! Es lief ihm kalt über den Rücken, wenn er sich vorstellte, -daß das alles wirklich geschehen war und nicht nur so in Büchern stand. -In der Wand der Gaststube steckten noch die Kugeln, und die Wirtin trug -Trauer, denn ihren Mann hatten die russischen Soldaten auf dem Marktplatz -erschossen, weil er sich geweigert hatte, ihnen sein gesamtes Eigentum -auszuliefern. Auf dem Hofe von Frau Ledderhose hatte Helmut gar nicht so -einen schrecklichen Begriff von ihnen bekommen. -- Da waren sie einfach -freundliche Menschen gewesen, die ihre Arbeit taten und des Abends vor -ihrem Schuppen saßen und schöne traurige Lieder sangen. Seltsam doch, wie -der Krieg die Menschen verändern mußte! Ob sein Vater wohl auch so von -Grund aus verändert, so wild und grausam geworden war? Einen armen Kerl, -der über die Zerstörung seines Eigentums verzweifelt war, so einfach -niederzuknallen -- nein, dessen war sein Vater nicht fähig. Das wußte -Helmut felsenfest. - -Mit solchen Gedanken trottete er im Regen die Landstraße entlang, erfüllt -von all den neuen Eindrücken. Er begegnete schon mancherlei kriegerischen -Vorbereitungen. Einmal einer langen Artilleriekolonne mit großmächtigen -Geschützen, ein anderes Mal einem friedlichen Zug schwarz und weiß -gefleckter Rinder, die indessen auch einem vaterländischen Zwecke dienten. -Sie folgten dem Heere nur, um geschlachtet zu werden, dann als Gulasch die -fahrbaren Feldküchen zu füllen und die Tapferen nach vollbrachter Pflicht -zu stärken. - -Immer Neues gab es zu sehen und zu hören. Helmut wurde das stundenlange -Wandern nicht leid. Aber endlich wurde er noch naß bis auf die Haut, -und in seinen Schuhen gluckste das Wasser bei jedem Schritt. Als er am -Nachmittag den Planwagen mit den heimkehrenden Flüchtlingen überholte, -war er herzensfroh, als der Kätner ihn gutmütig aufforderte, mit unter -den Plan zu kriechen. Da war's ganz behaglich, man saß dicht beisammen, -einer wärmte den anderen, und man kam schneller vorwärts. - -Aber dann war's doch schrecklich, das zerstörte Dorf zu sehen und den -starren Schmerz der Leute, als sie vor dem Trümmerhaufen standen, der -einst ihr schmuckes Häuschen gewesen. - -»Na, nun nicht gejammert, das wird schon alles wieder werden«, sagte der -Mann endlich und schlug sich bekräftigend mit der Faust in die linke Hand. -»Das ganze Deutsche Reich wird uns helfen wieder hoch zu kommen, und der -Kaiser hat's versprochen!« Damit holte er sich vom Wagen einen Spaten und -fing gleich an aufzuräumen, um sich durch den Schutt den Weg in die -noch stehengebliebenen Brandmauern zu bahnen. Der Stall war auch ziemlich -unversehrt. Der ließ sich am ersten zu einem vorläufigen Obdach für -die Nacht herrichten. Vater und Mutter, die Kinder, darunter ein Sohn -in Helmuts Alter, alles arbeitete wacker daran, das Ställchen sauber zu -bekommen. Da hatte man doch wenigstens ein Dach über dem Kopf. Ein paar -Strohsäcke wurden vom Wagen geholt und die mitgeführten Betten und -Decken darübergebreitet. Helmut machte sich nützlich, indem er unter -dem vorspringenden Dach, an einer vor dem Regen geschützten Stelle, aus -Steinen einen kleinen Herd baute und Feuer anzündete. Das hatte er oft -auf Jagdausflügen mit dem Vater geübt. Die Frau kochte einen Brei, und -obschon die ganze Familie aus einer Schüssel aß, schmeckte es doch allen -prächtig. Der Mann dehnte sich und sagte zufrieden zu seiner Frau: »Was, -meine trautste Marjell, wieder zu Haus -- is doch besser, als die Füße -unter fremder Leute Tisch zu stecken!« Und dann schnarchte er auch gleich -schon friedlich, daß es klang, als arbeite eine große Säge sich durch -eine gewaltige Eiche. -- - -Am nächsten Morgen wanderte Helmut weiter, diesmal bei hellem -Frühlingssonnenschein; der trocknete seine nassen Schuhe schnell. Hinter -ihm klang der Schlag der Äxte und der Ruf der Zimmerleute aus den Ruinen, -in denen überall sich fleißige Menschen regten, die einander hilfreich -waren, um neu aufzubauen, was der Krieg zerstört hatte. Schwer mochte es -oft sein, in der verwüsteten Gegend seines Lebens Notdurft und Nahrung zu -finden, mancher mochte bereuen, zu früh im Winter zurückgekehrt zu sein. -Vor dem nächsten Dorfe traf Helmut auf eine Gruppe Kinder, die eifrig in -dem Schlamm der aufgewühlten Gartenerde nach Kohlstrünken suchten und die -halbfaulen, schmutzigen Reste gierig benagten. Er stand still und schaute -sie an -- so etwas von Hunger, wie sich auf den armen, blassen Gesichtlein -ausprägte, hatte er sich nie träumen lassen! Barfuß waren sie, mit -offenen Frostbeulen an den Füßen, und nur ein paar zerrissene Lumpen als -Kleider am Körper. - -Helmut warf seinen Rucksack von der Schulter. Er besaß noch belegte -Butterstullen, mit denen er sich am Tage zuvor im Gasthof versorgt hatte, -und einige harte Eier! Er dachte nicht mehr daran, daß dies für heute -sein Mittagsmahl bilden sollte, sondern kramte die guten Dinge eilig hervor -und hielt sie den Kindern entgegen. - -Die starrten ihn einen Moment lang ganz dumm an, als könnten sie das -unerwartete Glück gar nicht fassen. Dann stürzten sie sich auf die Gabe, -Helmut mußte noch energisch wehren, daß sie sich nicht darum prügelten. -Schon waren Eier, Wurst und Brot in den eifrig kauenden Mündern -verschwunden. Wahrhaftig, sie bettelten noch um mehr. Er ließ sie in -seinen Rucksack schauen, um sie zu überzeugen, daß er nichts Eßbares -mehr bei sich führte. - -»Warum seid ihr nicht nach Berlin gekommen? Mein Großvater hätte besser -für euch gesorgt«, sagte er. »Jeder, der kommt, kriegt Nachtlager und -Speisemarken für die Volksküche!« - -»Vater wollte nicht fort, Mutter hat ihn so gebeten! Er sagte, er wollte -sterben, wo er gelebt hat«, antwortete das Älteste, ein verständiges -Mädchen von etwa neun Jahren. »Wir haben uns nur im Walde versteckt, -solange Russ' hier war, dann kamen wir gleich wieder. Aber kalt im Winter, -schrecklich kalt!« »Das will ich wohl glauben, ihr armen Würmer«, sagte -Helmut mitleidig und schenkte jedem noch zehn Pfennige. Sie zeigten ihm die -Richtung des Weges und warnten ihn, er solle nicht durch den Wald gehen, -dort hänge noch viel Stacheldraht zwischen den Büschen, und es gäbe dort -auch tote Pferde, die röchen schlecht. - -Am nächsten Tag kam Helmut ins Russische, oder vielmehr in das Gebiet, das -vordem russisch gewesen, nun aber von unseren Truppen besetzt war. Jetzt -begann erst die schwere Zeit. Er konnte sich nicht mehr mit den Einwohnern -verständigen, die ihn mißtrauisch und feindlich betrachteten. Er verirrte -sich und wußte nicht mehr aus noch ein, dazu knurrte ihm der Magen -gewaltig, denn er hatte am Abend zuvor in einem furchtbar schmutzigen -»Krug« am Waldesrand nur ein Glas Bier und ein Stück Brot erhalten. -Lange Stunden irrte er im Walde umher. Er sah auch so eine arme -Pferdeleiche im Drahtverhau hängen. Schwärme von Raben kreisten über ihr -und bedeckten sie fast. Helmut hatte im Tropenwald und auf den Weiden in -Brasilien oft gefallenes Vieh gesehen und immer auch die Aasvögel über -ihrer Beute. Aber hier grauste es ihn mehr als je zuvor, er wußte selbst -nicht warum. Der Gedanke, in diesem Wald übernachten zu müssen, erschien -ihm plötzlich sehr schreckhaft. Noch in diesem Frühling mußten hier -Kämpfe stattgefunden haben. Viele Bäume waren schwarzgesengte Stummel. -Er traf auf tiefe Gräben, die an ihren Rändern zerbrochene -Konservenbüchsen, Patronenhülsen, Kleiderfetzen aufwiesen zum Zeichen, -daß sie für Freund oder Feind als Schützengräben gedient hatten. Kreuz -und quer liefen die zerschossenen und zerrissenen Drahthindernisse durch -das Unterholz, das sich mit lichtgrünem Blätterwerk zu bekleiden begann. -Es war so still, als hätten selbst die Vögel vor Schrecken das Singen -verlernt. Helmut ging schneller und schneller auf einem kräftig betretenen -Pfad, der denn doch einmal irgendwo auf eine breitere Straße führen -mußte. Zuletzt lief er und fühlte, wie die Schweißtropfen ihm über die -Stirn rannen. - -Da hielt er mit einemmal auf einer Lichtung inne. Ihr Boden war bedeckt -mit zarten weißen Anemonen und lila Waldveilchen. Durch die spärlich -belaubten hohen Buchen, an denen die hellgrünen Blättchen die goldigen -Knospenhüllen noch nicht völlig abgestreift hatten, schien die Abendsonne -und tauchte den einsamen Platz in einen sanften, hellen Glanz. Zwischen -den Blumen lag eine Reihe kleiner Hügel, auf jedem war ein Holzkreuz -befestigt, und graue Helme hingen über den Kreuzen. - -Auf den Zehen trat Helmut näher und las die Inschriften der Kreuze. -Zuweilen waren es Namen und die Bezeichnung des Dienstgrades, z. B.: -»Hier ruht in Gott unser guter Hauptmann Freiherr Egon von Falkenberg.« -Zuweilen nur die kurzen Worte: Hier ruht ein deutscher Soldat. Das Datum -war bei allen dasselbe. - -Helmut nahm seine Mütze ab und faltete die Hände. Friedlich durften sie -nun schlafen, die toten Helden unter Anemonen und Veilchen, im grünen Arm -des Waldes! - -Weihevolle Andacht und Verehrung erhob Helmut das Herz. Vor diesen Gräbern -verging die sinnlose Angst, die ihn beim Anblick der Pferdeleiche gepackt -hatte. Er richtete sich straff auf, seine Augen glänzten wieder hell und -mutig. Es war, als steige aus dem Erdboden dieses stillen, goldumglänzten -Waldwinkels eine wunderbare Kraft auf, die er mit tiefem Atemzuge trank, -die ihn plötzlich mit einer großen Zuversicht begabte, daß er die -Aufgabe, zu der er ausgezogen, auch erfüllen werde. - -Mit scharfen Blicken musterte er den Stand der Sonne, prüfte mit -emporgehobenem genäßten Finger die Windrichtung, betrachtete eingehend -die verschiedenen begrasten Pfade, die auf der Lichtung zusammenführten -und wählte nach kurzem Bedenken den, der am meisten Spuren aufwies, in der -letzten Zeit von menschlichen Füßen betreten worden zu sein. Der führte -ihn dann auch nach zwei Stunden strengen Marschierens aus dem Walde heraus -auf eine breite Landstraße. Hier geriet er in ein mächtiges kriegerisches -Treiben mitten hinein. - -Im Dämmern der Frühlingsnacht zogen graue Truppenmassen singend dahin, -große Lastautos und Planwagen folgten ihnen, Offiziere auf Pferden ritten -an den Rändern der Chaussee, ungeheuere eisengraue Geschütze wurden von -Autos oder von Reihen schwerer Gäule mit furchtbarem Gedröhn und Gerassel -bewegt, während die Artilleristen, die sie zu bedienen hatten, fluchten -und schimpften, weil sie nicht schnell genug vorwärtskamen. - -Eine Weile schaute Helmut begeistert auf das belebte Nachtbild. Plötzlich -fühlte er eine ungeheure Müdigkeit seine Glieder lähmen und seine Sinne -verwirren. Fast wäre er stehend eingeschlafen. Er lief zurück zum Wald, -kroch in ein Gebüsch, und während das Dröhnen und Rasseln, das Singen -und der dumpfe Marschtritt der Bataillone fern und ferner verhallte, war er -schon fest eingeschlafen. - -[Illustration] - - - - -Als Spion verhaftet - - -In der Morgenfrühe erwachte Helmut, schaudernd in der Kühle und dem Tau -der Frühlingsnacht. Er wärmte sich durch einen Dauerlauf am Rande der -sonnigen Chaussee, auf der sich schon wieder ein reges kriegerisches -Treiben entwickelte. Mörderisch hungrig war Helmut inzwischen geworden. -Öfters mußte er stehenbleiben und sich zusammenkrümmen wie ein Regenwurm -vor Schmerzen in seinem leeren Magen. Er dachte mit einem gewissen Stolz: -Eklig ist's ja -- aber Donnerschock -- ich kann das doch eher aushalten wie -die armen kleinen Mädchen in dem Krautgarten! - -Endlich traf Helmut bei einem zerschossenen Gehöft eine Kompagnie, die auf -dem gepflasterten Hof um eine Gulaschkanone lagerte und sich bei munterem -Geplauder ihr Frühstück schmecken ließ. Der Duft des dampfenden Kaffees, -des frischgebackenen Brotes stieg Helmut wie ein berauschender Wohlgeruch -in die Nase. Er machte sich heran und fragte bescheiden, ob er wohl auch -einen Bissen und einen Schluck haben könnte. Man forschte, woher er -käme, denn hier sprach die Landbevölkerung nur Russisch oder Estnisch. -Offenherzig berichtete er seine Absichten und Pläne. Die Soldaten lachten -über seine Keckheit, einer holte ihm eine Schale Kaffee, ein anderer -schenkte ihm ein tüchtiges Stück Kommisbrot. Als sie aufbrachen, zog er -einfach mit ihnen. Freilich schnauzte ihn der Feldwebel einmal nicht wenig -an -- er solle machen, daß er heimkäme, er wäre ja noch nicht trocken -hinter den Ohren und gehöre an Mutters Schürzenband. Der Junge ließ -sich nicht anfechten und ging einfach zu einer anderen Kompagnie. Überall -amüsierte man sich über den hellen klugen Bengel. -- Er mußte von -Brasilien und seinem dortigen Leben erzählen, der Deutsche hört nun -einmal zu jeder Zeit gern von fremden Ländern und Sitten. Alle seine -Abenteuer mit Schlangen, durchgehenden Pferden, Indianerüberfällen gab -Helmut zum besten, und es ging hier wie schon in Jarmlitz und in Berlin -im Realgymnasium, aus ganz einfachen Erlebnissen waren im Laufe der Zeit -wildromantische Geschichten geworden, die mit der Wirklichkeit nur noch -wenig Ähnlichkeit aufwiesen. In den Ruhestunden sang er brasilianische -Lieder und tanzte komische Negertänze, kurz, Helmut bildete sich schnell -zum Clown der Truppe aus und empfing von den gutmütigen Feldgrauen als -Dank für seine Späße reichlich Liebesgaben in Gestalt von Wurstbrocken, -Zigaretten und Schokolade. - -So zog er zwei Tage lang mit der Kompagnie immer tiefer nach Rußland -hinein, der Gegend zu, wo die großen heißen Kämpfe stattfanden. Er sah -und hörte viel Neues, und der Mund stand auch nie stille mit Fragen -nach den Einzelheiten der militärischen Ausbildung, nach Uniformen -und Einrichtungen, nach der Art der Kämpfe, die dieser und jener schon -miterlebt hatte. Die Soldaten gaben ihm auch bereitwillig Auskunft. -Indessen sollte diese Neugier für Helmut höchst unangenehme Folgen haben. - -In einer kleinen Ortschaft, wo Nachtquartier gehalten werden sollte, -drängte sich ein russischer Hausierer zwischen die Soldaten und verkaufte -Seife, Kerzen, Bleistifte. Besonders begehrt wurden die russischen -Süßigkeiten, denn die Kehlen wurden trocken bei den langen Märschen. Der -Hausierer machte ein gutes Geschäft, trotzdem er ein unangenehmer Geselle -war mit seiner Zudringlichkeit, seinem schmutzigfettigen Pelz und dem -dummverschmitzten Kalmückengesicht, mit den schiefstehenden Schlitzaugen. -Helmut ließ sich mit ihm in eine längere Unterhaltung ein. Der Hausierer -sprach recht gut Deutsch. Außerordentlich spannend erzählte er Helmut, -wie er schon als Schüler wegen revolutionärer Gesinnung eingekerkert -und nach Sibirien verbannt worden sei, wie es ihm dann unter schrecklichen -Gefahren und Entbehrungen gelang zu entfliehen, wie er in England und der -Schweiz gelebt habe und erst jetzt, nun es von den Deutschen erobert sei, -den Teil seines Vaterlandes wiedersehen dürfe, in dem er ein glückliches -Kind gewesen sei. - -[Illustration] - -So unsympathisch Helmut der Mann auch war, wurde er doch gerührt durch die -Erzählung all der Leiden, die ihm das Leben schon gebracht hatte. Nur war -es ihm fatal, daß, während er auf einem kleinen Seitenweg des Städtchens -zwischen Gärten in der milden Frühlingsdämmerung mit ihm auf und ab -wandelte, der Russe ihm im Eifer des Erzählens zuweilen zärtlich um die -Schultern faßte oder ihm liebevoll über den Arm strich. Auch die -Anrede »Lieber Mensch Sie! Hören Sie doch!« mit der der Hausierer -sehr freigebig war, schien Helmut etwas allzu vertraulich. Er wäre ihn -schließlich gern losgeworden, wußte aber nicht, wie er das anstellen -sollte. Ein Trupp von vier bis fünf Soldaten kam das Sträßchen herunter. - -»Da sind sie ja -- die beiden Burschen!« hörte er rufen, »nun mal -schnell ran, Jungens, jetzt können sie uns nicht entwischen!« - -Ehe Helmut noch recht wußte, wie ihm geschah, war er bei der Schulter -gepackt und bekam, als er sich losreißen wollte, von dem jungen -Kriegsfreiwilligen, der ihn hielt, eine Ohrfeige, daß ihm die Funken vor -den Augen tanzten. »So«, sagte dieser böse, »das ist dafür, daß du -uns so reingelegt hast mit deiner Vergnügtheit, Mensch -- und machst dich -dabei mit solchem Gesindel gemein! Pfui Teufel!« - -»Ja, was ist denn nur los -- erklären Sie mir blos in aller Welt ...?« - -Inzwischen waren die übrigen Feldgrauen dem Russen nachgelaufen. -Beim Anblick der auf sie zukommenden Soldaten, war der die Straße -hinabgesprungen, so schnell ihn seine Beine trugen. Er kam nicht weit, beim -Überklettern eines Gartenzaunes faßten sie ihn schon und banden ihm die -Hände mit festen Hanfstricken auf den Rücken. Helmut geschah das gleiche, -er mochte sich wehren, um sich schlagen, spucken und beißen soviel er -konnte. Dabei hörte er aus dem Munde der Soldaten das schreckliche Wort: -»Widerspenstiges Spionenschwein!« Helmut schrie, schluchzte und beteuerte -seine Unschuld. Der Kriegsfreiwillige Möller, der bisher sein besonders -guter Freund gewesen und ihn nun nur finster und verächtlich anschaute, -sagte streng: »Schick' dich vernünftig in das Unvermeidliche. Der Oberst -wird schon herausfinden, ob du unschuldig bist oder nicht! Verdächtig war -den Kameraden dein Hin- und Herlaufen zwischen uns und dein ewiges Gefrage -nach lauter Dingen, die dich nichts angehen! Ich bin immer für dich -eingetreten! Und dann macht sich ein deutscher Junge mit so 'nem Lausekerl -gemein! Pfui Teufel, pfui Teufel! -- Na, jetzt gibt's erst einmal eine -ordentliche Leibesuntersuchung -- dabei wird sich ja ergeben, ob wir etwas -Anstößiges finden!« - -»Aber ich habe Ihnen doch meinen Paß gezeigt«, stotterte Helmut -kleinlaut. - -»Pässe -- Pässe --!« sagte der junge Kriegsfreiwillige, »das wär' -nicht der erste Paß, der gefälscht wäre!« - -Helmut biß die Zähne aufeinander und reckte sich trotzig. Er wollte nicht -den Anblick eines feigen Hundes bieten, mochte nun kommen, was da wolle! -Der Hausierer heulte und winselte wie ein geschlagenes Tier, zwischen den -Fäusten der zwei alten Landwehrmänner. - -Furchtbar schamvoll war es für Helmut, zwischen den Gruppen der lagernden -Soldaten auf dem Marktplatz hindurchgeführt zu werden. Die Hände auf den -Rücken gebunden. Alle kannten sie ihn ja doch -- reckten die Köpfe nach -ihm, flüsterten und tuschelten erregt untereinander. Sie hielten ihn für -einen Spion, der sein Vaterland verraten wollte -- welch ein unerträglich -abscheulicher Gedanke! - -In einem stattlichen Hause, es mochte so etwas wie das Rathaus sein, -trennte sich die Gruppe in zwei Teile. Helmut wurde in ein Bureauzimmer -gebracht, wo er sich völlig entkleiden mußte. Der junge Möller, der -schon die Gefreitenknöpfe trug, untersuchte seine Jacke, während zwei -Männer sich mit der Wäsche und seiner Brieftasche befaßten. Jedes -Zettelchen wurde dreimal umgewendet und durchstudiert. Allmählich begann -Helmut sich zu fassen. Außer den Briefen seines Vaters, die er immer -bei sich trug, dem Stundenplan des Gymnasiums, einer Rechnung mit der -Unterschrift von Frau Anna Ledderhose, die er einmal in Jarmlitz aus -dem Papierkorb entwendet hatte, und einem Samtband, das sie um den Hals -getragen, enthielt die Brieftasche nur noch einen Zettel mit ein paar -feinen Schulwitzen, über die er sich zwar ein bißchen schämte, aber die -ihn doch unmöglich an den Galgen bringen konnten. - -Da plötzlich hörte er einen dumpfen Ausruf des jungen Freiwilligen, -der sich hinter seinem Rücken mit seiner Jacke zu schaffen machte. Die -Soldaten traten zusammen -- Helmut fuhr mit dem Kopf herum, und sah wie -sein Freund aus dem Umschlag des Jackenärmels einige zusammengeknüllte -Kügelchen von Seidenpapier zum Vorschein brachte. - --- »Da haben wir's ja«, murrte er zwischen den Zähnen. - -»Das gehört mir nicht!« rief Helmut stürmisch. - -»Kann jeder sagen«, wurde ihm geantwortet. Die Männer, mit Ausnahme -eines stämmigen alten Landwehrmannes, der ihn im Auge behielt, traten am -Fenster zusammen, glätteten vorsichtig die Papiere, beugten sich dicht -darüber, einer zog eine Lupe hervor und prüfte sie, schüttelte darauf -den Kopf, blickte ernst und traurig zu Helmut hinüber und sagte leise: -»Es ist kein Zweifel möglich. Hätte es doch nie gedacht ... Machte -solchen netten Eindruck!« - -Helmut war zumut, als sollte ihm das Herz zerspringen vor Wut und Zorn. -Das waren alles seine guten Freunde gewesen -- und hielten ihn solcher -Schlechtigkeit für fähig! Wollte er sich verteidigen, wollte er zu -erklären versuchen, was ihm selbst unerklärlich erschien, so hieß es: -»Halt's Maul! Vor dem Oberst magst du dich rechtfertigen!« Die Soldaten -verließen ihn, nachdem Möller die geglätteten Seidenpapiere und -Helmuts Brieftasche sorgfältig zu sich gesteckt hatte. Der schweigsame -Landwehrmann mit dem zottigen Bart blieb in der Tür stehen. Es wurde -dunkel in dem öden Bureauzimmer, wo der Staub auf den leeren Regalen und -Tischen lag. Helmut saß auf einem Stuhl, malte mit dem Finger gedankenlos -in dem Staub auf dem Tisch, bis er nichts mehr zu sehen vermochte. Er -begann nachzudenken, wie die Seidenpapierkügelchen wohl in aller Welt in -seinen Jackenärmel geraten sein mochten. Sie waren doch keine Läuse, daß -sie kriechen, keine Flöhe, daß sie springen konnten! - -Da kam's ihm plötzlich! »Lieber Mensch! lieber Mensch«, hatte der Russe -gejammert, »hast du Mitleid, bist du edler Mensch!« Und hatte seine -Schultern umfaßt, hatte seinen Arm gestreichelt! Ihm sicher bei -dieser Gelegenheit die Kügelchen, die Gott weiß was für gefährliche -Aufzeichnungen enthalten mochten, in den Jackenärmel geschoben, weil er -sich irgendwie verraten wußte, oder weil er hoffte, ihn auf diese Weise -zum Mitschuldigen zu machen! Teufel auch! Das war ja eine scheußliche -Geschichte! Manche Erzählung von Spionen hatte Helmut in dieser Zeit -gehört. Weder bei uns noch bei unseren Feinden machte man viel Umstände -mit den Gesellen! Eine Schlinge um den Hals und an den nächsten Baum -geknüpft, sobald der Kerl überführt war! War er denn nicht überführt? -Hatte man nicht Aufzeichnungen bei ihm gefunden? Ein recht freundliches -Schicksal, das ihn da erwartete.... - -Ein Frieren ging durch seinen Körper, ein Schwindelgefühl war in seinem -Kopf. Der Knabe stützte beide Arme auf den Tisch und faßte die Stirn -mit den Händen. Jetzt galt es, sich zusammennehmen, seine Gedanken klar -behalten ... Ja -- nun war er im Krieg, und Gefahren drohten von allen -Seiten! Das hatte er ja zu erleben gewünscht! Von Heldentaten hatte er -geträumt. Nur nicht so elend schmachvoll zugrunde gehen -- nur das nicht! - -Schritte dröhnten auf dem Korridor vorüber, jedesmal schrak Helmut auf -und dachte, man würde ihn holen. Endlich öffnete sich die Tür, Gefreiter -Möller trat ein und sagte kurz: »Komm jetzt, der Herr Oberst will dich -vernehmen!« - -Helmut folgte schweigend. Dicht bei ihm ging der Landwehrmann mit dem -großen Bart. Auf dem Flur, der durch eine trübselige Öllampe erhellt -wurde, führte man den Hausierer an ihnen vorüber. Den Kopf tief auf die -Brust hängend, an allen Gliedern schlotternd, hin und her schwankend, ein -Haufen menschliches Elend, so schlurfte er zwischen zwei Feldgrauen daher. - -Der ist erledigt, dachte Helmut mit Grauen und Ekel. So sieht ein Mensch -aus, der keine Hoffnung mehr hat. - --- Nur nicht so armselig vor den Richter treten! Er ballte die Fäuste, -drückte sich die Nägel tief ins Fleisch, reckte sich mit aller Gewalt -zurecht. - -In einem öden leeren Zimmer saß der Oberst mit vier Offizieren um -einen Tisch, den Papiere und Karten bedeckten. Mehrere Kerzen in Flaschen -gesteckt, beleuchteten die braunen energischen Gesichter der Herren. Der -Oberst winkte Helmut nahe zu sich heran, so daß der Lichtschein hell über -ihn fiel, während der Raum ringsumher sich im Dunkel verlor. Die blauen -wie Stahl blitzenden Augen des Regimentskommandeurs blickten scharf auf -den Jungen, während er Frage nach Frage an ihn richtete. Der neben ihm -sitzende Offizier hatte Helmuts Brieftasche vor sich ausgebreitet und -prüfte zuweilen, ob seine Angaben mit den Schriftstücken, die er darin -gefunden hatte, übereinstimmten. - -Vielerlei mußte er den Herren erzählen, und manches schien ihm wenig oder -nichts mit der Spionensache zu tun zu haben. Indessen mußten die Herren -ja wohl wissen, warum sie ihn das alles fragten. Von »Waldecke« mußte -er berichten, wie das Haus dort eingerichtet gewesen sei, wo der Garten -gelegen, wieviel Pferde und Kühe sein Vater besaß -- dann Einzelheiten -über die Reise und den Berliner Aufenthalt bei den Großeltern. - -Helmut fühlte deutlich, daß es galt die Wahrheit, die reine schlichte -Wahrheit zu sprechen; denn sein kindisches Protzentum, die phantastischen -Flunkereien fielen vor den Augen und Ohren dieser ernsten Männer -jämmerlich in sich zusammen. - -Zuweilen hielt er inne und sagte bescheiden: ich muß mich erst besinnen --- ich kann mich nicht gleich erinnern ..., dann nickte ihm der Oberst -aufmunternd zu. So wurden seine Angaben im ganzen klar, einfach und -übersichtlich. - -»Du hast also aus Neugier diesen russischen Händler ausgefragt?« sagte -der Oberst schließlich. »Er hat dir seine Lebensgeschichte erzählt, -die wahrscheinlich erlogen war, und, wie du angibst, dich dabei umarmt -und gestreichelt -- nun das klingt ja ganz einleuchtend! Der Kerl war ein -raffinierter Spion, der uns vielen Schaden zugefügt hat, und dem wir schon -längst auf der Spur sind.... Er wußte wohl, was für ihn auf dem Spiel -stand und versuchte sein armseliges Leben durch dich zu retten. -- Ja, in -solche Gefahren kommt man eben, wenn man sich vorwitzig an Orte begibt, -wo man nicht hingehört, statt vernünftig in seine Schule zu gehen. -Hoffentlich bewahrheiten sich deine Angaben -- so lange bis wir Gewißheit -haben, müssen wir dich noch in Gewahrsam halten.« - -Helmut wurde in das Zimmer zurückgeführt, wo er vorher gesessen -hatte. Die Läden vor den Fenstern waren geschlossen, und eiserne Riegel -davorgelegt. Auch die Tür wurde verschlossen. Hier hatte er nun die ganze -lange Nacht zuzubringen. Aber neue Hoffnung stieg in ihm auf -- der Oberst -hatte zuletzt zwar ernst, doch nicht mehr so finster ausgeschaut wie zu -Anfang des Verhörs, Helmut hatte sogar zu beobachten geglaubt, wie ein -flüchtiges Lächeln über sein Gesicht gehuscht war. - -Endlich ging dann auch diese lange Nacht zu Ende. Als kleine Sonnenblitze -sich durch die Spalten in den Holzläden stahlen, drehte sich der -Schlüssel im Schloß. Gefreiter Möller kam herein, stieß die Läden auf -und lachte über sein ganzes rosenrotes junges Gesicht. - -Fröhlich rief er: »Das Telegramm vom Polizeibureau in Berlin ist da und -bestätigt deine Angaben über Familie und Herkunft!« Er streckte ihm die -Hand entgegen. »Nun schlag ein und sei mir nicht böse wegen der Ohrfeige, -die du in der Hitze des Gefechtes bekommen hast. Denk' es wäre ein -feindlicher Streifschuß gewesen! Ich kann dir übrigens verraten, daß -unser Herr Oberst das Telegramm noch mit dem Vermerk »dringlich« versehen -hatte! Wir wollen dem armen Kerl doch die Stunden der Angst möglichst -verkürzen, sagte er.« - -Helmut hörte kaum auf die freundliche Erklärung. - -»Ja -- bin ich denn frei?« fragte er verwirrt. - -»Natürlich bist du frei!« Da gab's einen wilden Jubelschrei, Helmut -tanzte wie toll in dem staubigen Zimmer herum, ergriff zwei Stühle und -schwenkte sie hoch in der Luft herum, vor Glück. - -»Nun laß mal bitte meinen Schädel in Ruhe«, meinte Möller gemütlich. -»Wasche dir unten am Brunnen Gesicht und Hände -- du siehst aus, als -hättest du fürs Vaterland ein paar russische Kamine ausgefegt! Aber fix! -Der Herr Oberst will dich noch sprechen, ehe wir aufbrechen.« - -Der Herr Oberst hatte sich sein Frühstück in einen benachbarten Garten -bringen lassen. Er saß unter einem blühenden Birnbaum im Sonnenschein und -strich sich behaglich eine Schnitte Brot mit Marmelade. Dabei plauderte er -mit dem Oberstabsarzt, als Möller und Helmut vor ihm erschienen. - -»Na, mein Junge«, begrüßte er diesen freundlich, »heut schaust du ja -bedeutend frischer aus. Gestern war die Farbe doch etwas gelbgrün. War -ja auch keine Kleinigkeit! Hast aber Haltung bewahrt! Hat mich gefreut. -Gefreiter Möller hat dir schon mitgeteilt, daß du frei bist. Schwatz' ein -anderes Mal in der Kriegszone nicht mit unbekannten Persönlichkeiten. Hier -unser Herr Oberstabsarzt fährt in einer halben Stunde im Auto nach dem -Lazarett von L. Dort wolltest du dich doch nach deinem Vater erkundigen. -Er hat mir versprochen, dich mitzunehmen. Dann geht's aber mit dem ersten -Verwundetentransport nach Berlin zurück, hörst du wohl! Schlachtenbummler -deiner Art können wir hier draußen nicht gebrauchen! Sobald du in L. -eintriffst, schreibst du an deine Frau Mutter, daß sie weiß, wo du -Strolch geblieben bist! Hier hast du 'ne Feldpostkarte! Möller wird dafür -sorgen, daß du was in den Magen kriegst. Na Schwarz, was gibt's denn -Neues?« - -Schon standen Ordonnanzen mit Meldungen bereit, ein Adjutant eilte im -Sturmschritt auf den friedlichen Frühstücksplatz, der schlanke Oberst -erhob sich, strich das graue Bärtchen und war bereit für tausend neue -Pflichten. - -Eine Stunde später sauste Helmut neben dem Oberstabsarzt durch das leicht -gewellte Land, seinem Ziel entgegen. - - - - -Der lange Lehmann und Onkel Jakobus - - -»Ja, lieber Junge -- da ist denn wohl weiter nichts zu machen«, sagte der -Oberstabsarzt und legte Helmut die Hand auf die Schulter. »Wir haben uns -überzeugt, daß dein Vater nicht mehr hier ist!« Helmut biß sich die -Lippen und würgte an seiner Enttäuschung. »Warum hat Vater nur nie -geschrieben?« murrte er traurig. »Weißt du, ob er's nicht tat? Bei -dem schnellen Vorrücken unserer Truppen durch Kurland, bei den schweren -Kämpfen, die sie in der letzten Zeit zu bestehen hatten -- da vergeht -den Mannschaften die Lust zum Schreiben. Sie sind auch oft zu weit ab -vom Feldpostdienst! Es kann immerhin möglich sein, daß dein Vater in -russische Gefangenschaft geriet ... So ging's mit meinem jüngsten Bruder --- ein halbes Jahr lang haben wir ihn als tot betrauert -- die Mutter hatte -schon schwarze Kleidung angelegt -- da kam plötzlich über Schweden eine -Karte von ihm aus Sibirien.« »Also geh ich eben nach Sibirien«, sagte -Helmut leise und störrisch. »Das wirst du nicht tun, denn das ist -unmöglich.« »Warum?« fragte Helmut. »Die Russen werden dich kurzweg -erschießen, sobald du ihnen in die Hand fällst! In drei bis vier Tagen -geht ein Verwundetentransport von hier nach Berlin, dem werde ich dich -mitgeben, wie es der Oberst wünschte. Dem langen Kerl, dem Lehmann, den du -ja kennst, werde ich dich anvertrauen, damit du nicht wieder auskneifst.« -Helmut senkte den Kopf und schwieg. Er hatte nicht die Absicht zu -gehorchen. - -Der lange Lehmann, der beim Auszug so sicher geprahlt hatte, daß die -Kugeln partout und partout keine Lust haben würden, ihn zu treffen -- der -hatte ihnen doch nicht aus dem Weg gehen können. Das abspringende Stück -einer Granate war so unbarmherzig gewesen, ihm das rechte Bein abzureißen. -Er fand sich auch in diesen Verlust mit gutem Humor. »Uf die Jerüster -werd' ich nu woll nich mehr rumturnen können«, erzählte er Helmut, -»aber nu werde ick mir uf die hohe Kunst verlejen, un feine Bilderkens -malen, verstehste -- so mit joldene Rahmens drum rum, wie die da drüben! -Det jefällt mich ausnehmend.« Er zeigte auf die Ölgemälde, welche die -mit meergrüner Seide bespannte Wand des Saales schmückten, in dem dieses -Gespräch stattfand. Der vornehme Raum -- ursprünglich der Tanzsaal eines -baltischen Schlosses -- diente jetzt als Aufenthaltsort für die genesenden -Feldgrauen. Der lange Lehmann streckte sich behaglich auf der blumigen -Seide eines goldenen Lehnsessels an dem Flackerfeuer des Kamins, über -dem schwebende Engelsfiguren Rosengirlanden um einen mächtigen Spiegel -schlangen. Die Schwester hatte ein wenig eingeheizt, denn es war kühl an -diesem Frühlingsabend. Durch die feingeschwungenen Bogenfenster blickte -man auf eine Marmorterrasse, an deren Rampe weiße Göttinnen in der -Dämmerung der hohen Parkbäume träumten. Die Schwester in ihrem grauen -Kleide mit dem weißen Häubchen verteilte aus der nebenan liegenden -Bibliothek Bücher unter die Gruppen von Soldaten, die den Saal füllten, -an geschnitzten Tischen schrieben, lasen, Karten spielten oder auf der -Mundharmonika die Melodien bekannter Volkslieder bliesen. Die wertvollsten -Stücke aus der kostbaren Einrichtung des alten Edelsitzes waren vom -Oberstabsarzt in einen verschlossenen Raum gerettet; dort warteten sie der -Rückkehr ihrer Besitzer. Was hingegen seine Verwundeten brauchen -konnten, das mußte heran. Zu ihrer Bequemlichkeit und Stärkung war dem -Oberstabsarzt nichts zu gut -- wären es auch die edelsten Weine aus dem -Keller oder die gemästeten Enten und Puten vom Hühnerhof -- oder die -seidenen Daunenkissen der Frau Gräfin! - -Helmut glaubte, ein seltsames Märchen zu erleben, als in dem grünen Saal -der elektrische Kronleuchter entzündet wurde und einer der feldgrauen -Männer sich an den Flügel setzte, um eine Sonate von Beethoven zu -spielen. Die Männer, deren Köpfe und Glieder noch weiße Gazeverbände -trugen, horchten ergriffen auf die herrlichen Harmonien, aus Jubel und -Klagen, die den Saiten entrauschten. Helmut gegenüber lächelte von der -Wand das Bildnis eines jungen Mädchens in lichtblauem Gewande mit blonden -Ringellöckchen an den feinen Schläfen, in den rosigen Händchen hielt sie -eine weiße Taube. Nie glaubte er etwas Lieblicheres gesehen zu haben als -dieses baltische Grafentöchterlein. Immer wieder mußte er den Blick zu -dem süßen Gesicht emporheben. Ob sie noch irgendwo auf Erden zu finden -sein mochte? Ach nein -- ihr Kleid gehörte einer vergangenen Zeit an -- -gewiß ruhte sie längst in der Ahnengruft am Ende des Parkes hinter dem -verrosteten Eisengitter ... - -Der Soldat am Flügel hatte geendet. Ein dumpfes Grollen wurde in der Ferne -hörbar, gleich einem aufsteigenden Gewitter, nur regelmäßig klangen die -langhin rollenden Donner. »Die verdammten Russen fangen schon wieder an zu -bullern«, sagte der Musikant. »Nein -- das sind unsere«, widersprach ein -anderer. »Auf jeden Fall wird's woll morjen hier wieder voll werden.« - -So geschah es denn auch. Am frühen Morgen ratterten die grauen Autos mit -den roten Kreuzen in den Hof. Über die weißen Marmortreppen wurde Bahre -nach Bahre in die Säle getragen. Arme Kerls wurden von Sanitätssoldaten -herausgehoben, sie schleppten sich, von Staub und Blut bedeckt, kaum noch -als Menschen kenntlich, zum Verbandsplatz im inneren Hof. Dort waltete der -Oberstabsarzt mit seinen Assistenten. Die Schwestern, die Pfleger liefen -hin und her, hatten alle Hände voll zu tun. Dieser Augenblick schien -Helmut günstig zu einer Flucht. Niemand achtete seiner. Er lief hinaus -durch das von Militär vollgepfropfte Dorf, die mit blühenden Apfelbäumen -bestandene Chaussee entlang, auf der ihm immer neue Züge von Verwundeten -begegneten. Eine namenlose Angst quälte ihn, seit er allen diesen Jammer -sah. Das war nun wahrhaftig der Krieg -- der grausenvolle Krieg! Aber -gerade weil ihn das Entsetzen schüttelte, mußte er weiter, mitten hinein! -Nur keine feige Flucht zurück unter Mutters schützende Flügel. - -Nachdem sich Helmut noch zwei Tage lang, begleitet von dem immer gewaltiger -dröhnenden Krachen der Geschütze, von Etappe zu Etappe durchgebettelt -und durchgeschmuggelt hatte, traf er in der Morgenfrühe nach einer im -Chausseegraben verbrachten, höchst ungemütlichen Nacht auf eine Reihe -von Planwagen. Sie standen am Rande eines Birkenwäldchens. Bärtige -Infanteristen waren beschäftigt, die Pferde zu füttern und aufzuzäumen. -Ein helles Feuer flackerte, der Duft frisch aufgebrühten Kaffees stieg -dem ausgehungerten, frierenden Helmut lieblich in die Nase. Er machte sich -eiligst herzu. Zerlumpt und schmutzig, mit durchlöcherten Schuhen hatte er -allmählich völlig das Aussehen eines jungen Vagabunden. - -Beim Feuer saß ein seltsamer Mann. Riesengroß, breit und dick hatte -er sich's im Sonnenschein bequem gemacht, die hohen braunen Stiefel, der -Uniformrock lagen neben ihm, er saß im wollenen Hemd zu den feldgrauen -Hosen, Strohschuhe an den Füßen, die Mütze rücküber auf dem blonden -Schopf. Ein wallender, flammend roter Bart verbarg den unteren Teil des -Gesichts, eine Hornbrille den oberen Teil, ein spitzes Näschen grüßte -neckisch zwischen beiden hervor. In das linke Auge hatte er vor die Brille -noch eine Lupe geklemmt. In seinen schönen weißen Händen hielt der -wüste Waldmensch ein feines Scherchen und ein Stück schwarzes Papier, an -dem er ganz versunken schnitzelte. Als die Soldaten den bettelnden Helmut -vor ihn führten, hob er den Kopf, legte zuerst einmal das Geschnippsel -zwischen zwei weiße Blätter einer Mappe, auf denen schon mehrere dieser -phantastischen Gebilde lagen. Dann nahm er die Lupe aus dem Auge und -betrachtete Helmut durch die Brillengläser mit einem so hellen scharfen -Blick, daß er meinte, der sonderbare Mann müsse ihm bis ins Herz gucken. -Er stotterte sein Sprüchlein von dem Vater, den er suchen wolle, und -verwirrte sich dabei, denn es kam ihm plötzlich vor, er habe das Gesicht -und den hellen Blick schon irgendwo gesehen. Der Mann schlug sich bei des -Knaben Bericht laut aufs Knie und lachte. »Wahnsinnig! Ganz wahnsinnig -schön!« schrie er entzückt: »Verrückter Lausejunge! Gefällt mir -- -gefällt mir sehr! Ich nehme dich mit zur Front! Übrigens kommst du -mir bekannt vor -- ich habe dich schon gesehen!« »Ich Sie auch -- -in Döberitz«, sagte Helmut. »Aber damals trugen Sie keinen Bart.« -»Richtig, den hat mir der Krieg wachsen lassen! Der läßt viel wachsen, -wenn er auch viel zerstört. -- Höchst wunderlicher, unwahrscheinlicher -Zustand.« Er drehte nachdenklich an seiner Haarsträhne über der Stirn. -Helmut erinnerte sich jetzt ganz deutlich, gehört zu haben, daß der -eigentümliche Mann ein bekannter Künstler sei. Wegen seiner großen Güte -hieß er in der Kompagnie nur der »Onkel Jakobus« statt Unteroffizier -Sieveking. Ja, hatte ihm denn der Vater nicht geschrieben, daß der ulkige -»Onkel Jakobus« sich die Füße bei einem Patrouillengang schwer verletzt -habe und nun Führer der Bagage geworden sei.... Da war er ja aber bei -Vaters Kompagnie gewesen -- dann konnte er ihm doch Bescheid geben ...! -Und er konnte es. Die Bagagewagen, die er zu führen hatte, gehörten dem -Regiment, bei dem Wilhelm Kärn stand, und er hatte den Auftrag, ihm in -möglichster Eile zu folgen. Das Regiment, so erzählte der Onkel Jakobus -dem begierig lauschenden Helmut, war bei den Kämpfen zur Eroberung -Kurlands stark beteiligt gewesen und bei stürmischem Vormarsch Wochen-, -ja monatelang von jeder Postverbindung abgeschnitten. So erklärte sich nun -auch Vaters Verstummen. Es war dann in Reservestellung zurückgezogen, um -neu ausgerüstet zu werden. Aber der Onkel Jakobus hatte in den letzten -Tagen gehört, man habe Teile davon wieder in die Feuerlinie vorgeschoben. -Das alles würden sie bald hören. - -Inzwischen waren die Wagen angeschirrt worden. Unteroffizier Sieveking fuhr -in seine Schaftstiefel und seinen Uniformrock. Los ging's. Unterwegs mußte -ihm Helmut alles erzählen, was er seit seiner Abreise von Berlin erlebt -hatte. Der geistreiche Künstler, der phantastische Zeichner, für den -der Krieg immer noch ein ungeheures Erlebnis war, schaltete auch die -Abenteuerfahrt dieses sehnsüchtigen, zerlumpten Knaben in das Bilderbuch -merkwürdiger Szenen ein, das er in seiner Erinnerung mit sich trug. -Er zeichnete seinen Kopf in das Skizzenbuch, in dem auch die schwarzen -Schnippeleien lagen, die Helmut staunend betrachtete. Seltsame Blüten und -Ranken, komische Viecher, wie es nirgends auf Erden gab, kuriose Gespenster -mit den drolligsten Fratzen, Prinzessinnen in merkwürdigen Gewändern -fanden sich da. »Du kennst doch die Märchen aus »Tausendundeine Nacht?« -fragte Onkel Jakobus. »Siehst du, das alles hier soll mal fein gedruckt -und zum Schmuck dieser köstlichen, göttlichschönen Geschichten -verwandt werden. Das nennt man dann einen Prachtband. Die Frau Geheime -Kommerzienrätin legt ihn auf die rote Damastdecke in ihrem Salon und -erzählt allen Besuchern, wieviel er gekostet hat. Nu -- wir haben's ja -dazu!« »Das Buch sollte lieber nur eine Mark kosten, damit wir Jungens -es kaufen könnten, wir hätten doch viel mehr Freude daran als die ollen -dicken Damen!« rief Helmut. »Das sagst du wohl so in deiner kindlichen -Unschuld«, antwortete Onkel Jakobus in einem weisen Ton und hob den Finger -belehrend in die Höhe. »Mein Sohn, es ist auf dieser Welt einmal so -eingerichtet, daß derjenige die schönen Dinge bekommt, der nichts mit -ihnen anzufangen weiß, und der sich wirklich an ihnen freuen würde, der -muß sie entbehren! Durch Entbehren aber wird die Seele veredelt!« Nie -wußte Helmut, ob Herr Sieveking eine Sache ernst oder komisch meinte; er -machte immer so ulkige Gesichter zu seinen Reden, daß Helmut sich hätte -totlachen können. Sie wurden beide während der Fahrt recht gute Freunde. -Einmal faßte sich Helmut ein Herz und fragte den Onkel Jakobus, ob man -auch ein Maler werden könne, ohne das Malen richtig gelernt zu haben. -»Zuweilen ein besserer, als wenn man auf einer Schule war«, gab der zur -Antwort. Helmut erzählte ihm von dem langen Lehmann, der mit seinem einen -Bein nun nicht mehr auf die Jerüster steigen könnte und lieber »kleene -Bilderkens« malen wollte. Unteroffizier Sieveking kannte den langen -Lehmann auch und meinte: »Vielleicht kann er sich zum Holzschneider -ausbilden lassen, dann kann er für mich arbeiten, d. h. wenn ich wirklich -einmal unversehrt nach Hause komme und der unsäglich süße Zustand des -Friedens eintritt!« Er ließ sich Lehmanns Adresse geben und wollte sich -schon bei seinem nächsten Urlaub mit ihm in Verbindung setzen. Helmut -freute sich von Herzen, dem armen Kerl am Ende zu einer schönen Zukunft -verholfen zu haben. Die Zeit an Onkel Jakobus' Seite verging ihm wie im -Fluge. Schnell kam der Abend, an dem sein freundlicher Beschützer ihn -einer Patrouille mitgab, um ihn in das Quartier der 3. Kompagnie zu -führen, wo er denn endlich seinen Vater finden sollte. - - - - -Wiedersehen in gefährlicher Zeit - - -Die schweren Geschütze der russischen Flotte sandten von der grauen See -aus in regelmäßigen Abständen ihre Granaten in den kleinen Badeort mit -den netten bunten Holzhäuschen, die gespickt voll von deutschem Militär -lagen. Schon war die Kirche in Trümmer geschossen, das Dach des Bahnhofs -hing als morsches Sparrenwerk, gleich einer schiefen Mütze über dem -Gebäude. In den Wartesälen drängten sich die Mannschaften, suchten -auf Tischen und Stühlen, auf dem schmutzigen Fußboden einigen Schlaf zu -gewinnen, während Waffen und Tornister in greifbarer Nähe lagen. Es -war Befehl eingetroffen, den allzu gefährdeten Ort zu räumen und etwas -westwärts hinter Wald und Düne geschütztere Quartiere zu beziehen. - -Im Zimmer des Stationsvorstehers zwischen zerrissenen und verbrannten -Telegraphen- und Telephonapparaten nahm Feldwebel Kärn die Order -seines Hauptmanns für den nächsten Morgen entgegen. Der Hauptmann, ein -wuchtiger, kraftvoller Herr, saß am Tisch vor einer ausgebreiteten -Karte, auf die auch die beiden jungen Leutnants an seiner Seite aufmerksam -schauten. »Also, meine Herren«, sagte Hauptmann Breuer, »um 2 Uhr -diese Nacht gehen wir los! Hier durch den Wald. Vom Feinde haben unsere -Kundschafter nichts bemerkt. Trotzdem kann in dem Gestrüpp des Unterholzes -noch mancher versprengte Trupp stecken. Herr von Mansfeld und Feldwebel -Kärn -- Ihre Aufgabe wird es sein, dafür zu sorgen, daß wir nicht von -hinten überfallen werden! Also auf alle Fälle: uns den Rücken decken! -Dazu unterstelle ich Ihnen die Hälfte der dritten Kompagnie. Das -Bataillon, das ich befehlige, geht zum Sturmangriff durch das flache -Tälchen hier auf den kleinen Fluß und das Dorf an seinem Ufer los. Das -Dorf muß morgen abend in unserem Besitz sein. Der Brückenkopf wird von -den Russen noch ordentlich verteidigt werden -- indessen -- wir wollen uns -auch nicht lumpen lassen!« Er stand schwerfällig auf -- reckte und -dehnte die mächtigen Glieder. »N' Abend, meine Herren! Wollen noch ein -Nickerchen probieren. Na -- was gibt's denn da wieder? Herein!« Man -hatte geklopft. Die Tür öffnete sich, eine Ordonnanz trat ein, mit dem -zerlumpten, von Staub und Schmutz bedeckten Helmut. »Vater! Vater!« -schrie der Junge laut und stürzte auf den Feldwebel zu. Der stand vor -Verblüffung starr. Als sein Sohn sich ihm um den Hals werfen wollte, -packte er ihn rauh an der Schulter und schüttelte ihn. »Daß dich der -Deibel frikassiere, Bengel«, stieß er heiser heraus. »Wo kommst du her? -Was in aller Welt willst du hier?« Helmut stand tief erschrocken. »Ja, -Vater -- freust du dich denn nicht? Ich habe dich doch so lange gesucht! -Wir -- wir dachten, du wärest tot oder gefangen!« Inzwischen hatte -die Ordonnanz Bericht erstattet und dem Hauptmann einen Brief des -ihm befreundeten Unteroffiziers Sieveking übergeben, aus dem er die -Vorgeschichte des überraschenden Auftritts erfuhr. Der Hauptmann schlug -lachend mit der Faust auf den Tisch, seine kleinen munteren Äugelchen -blinkten vor Vergnügen. »Also was sagen Sie, meine Herren -- von Berlin -hat der Junge den Weg hierher gefunden, in den höchsten Norden! Alle -Achtung vor der Ausdauer! Kindings, Kindings -- da muß ich nur heut nacht -gleich noch 'ne Karte nach Hause schreiben, wo ich geblieben bin, sonst -kommen mir meine beiden Jören am Ende auch nachgelaufen! Ja -- aber -Kärn -- was machen wir nu mit Ihrem Sprößling?« »Zu Befehl, Herr -Hauptmann«, sagte Kärn mit unsicherer Stimme, »ich bin sehr böse auf -meinen Sohn. Er soll sofort umkehren und wieder zu seiner Mutter nach -Hause, wo er hingehört!« Er fuhr sich mit der Hand an die Augen und rieb, -als wäre ihm da ein Stäubchen hineingeflogen; niemand brauchte zu sehen, -daß die Augen ihm plötzlich naß geworden waren. Helmut ließ den Kopf -hängen. Er kam sich mit einemmal ganz dumm und kindisch vor. »Ja«, sagte -der Hauptmann nachdenklich, »was machen wir nun mit dem Jüngling? Morgen -früh wird der Ort hier geräumt, die Schiffsgeschütze zielen zu gut ... -Unsere Leute ziehen nach Süden ab, den Russen nach. Hier kann er also -nicht bleiben. Es hilft nichts -- wir müssen ihn mitnehmen. Du hast -Schwein, Kerlchen! Heut nacht gibt's einen Sturmangriff! Da siehst du mehr -vom Krieg, als dir lieb sein wird. Von Mansfeld«, wandte er sich an -den jungen schlanken Leutnant an seiner Seite, »falls dem Vater was -Menschliches passiert, stelle ich den Jungen unter Ihren Schutz -- soweit -das eben möglich ist. Kärn -- machen Sie kein so finsteres Gesicht, -Sie sind unschuldig an der Geschichte -- na, und der Junge hat's doch gut -gemeint. Nochmal n' Abend allerseits!« Hauptmann Breuer nickte Helmut -und seinem Vater freundlich zu und ging gewichtig auftretend, doch mit -elastischem Gang, hinaus. Auch die beiden jungen Herren entfernten sich -und ließen den Vater mit seinem Sohne allein. Für Feldwebel Kärn schien -Helmut nicht vorhanden zu sein. Er zog hinter einem Schrank ein Kissen -hervor, aus dem das Roßhaar quoll, und holte eine Wolldecke. - -»Da, leg' dich hin und schlaf«, befahl er kurz. »Vater«, schluchzte -Helmut auf, »warum bist du so böse auf mich! Sag' es doch nur!« »Ich -habe dir die Mutter anvertraut, du hast mir dein Wort gegeben, für sie zu -sorgen! Du hast dein Wort gebrochen, um Abenteuern nachzulaufen! Das -tut ein deutscher Junge nicht! Ich schäme mich für dich! Jetzt muß es -durchgeschafft werden. Leg' dich hin und schlaf, damit du nachher munter -bist!« Schweigend folgte Helmut dem Befehl seines Vaters. Wie anders hatte -er sich das Wiedersehen vorgestellt.... Kärn lag ohne Decke, in seinem -Mantel, den Kopf der Wand zugekehrt, kein Wort wurde mehr zwischen den -beiden gewechselt. Endlich mußte der todmüde Helmut doch eingeschlummert -sein, denn aus tiefem Traum fuhr er auf, als sein Vater, schon in voller -Sturmausrüstung, ihn weckte, ihm eine Tasse heißen Kaffee und ein Stück -Brot vorhielt und ihn dann mit hinausnahm in die duftende Frühlingsnacht, -in der die Kompagnien sich marschbereit formierten. Durch den Wald, der mit -Unterholz dicht bestanden war, kamen sie ungehindert. Als sie das Gehölz -durchquert hatten, dehnte sich vor ihnen im fahlen Dämmer eine flache -Talmulde, an deren Ende die Dächer eines Dorfes, am Flusse hingelagert, -sichtbar wurden. Dort stand der Feind, der die Ortschaft und den -Brückenkopf besetzt hielt. Beides sollte ihm entrissen werden. In losen -Linien schwärmten die Mannschaften aus -- mit großen Sätzen sprangen sie -vorwärts -- ha -- von drüben knatterten jetzt die Maschinengewehre -- -ins Heidekraut warfen sich die Feldgrauen, sprangen wieder auf -- Dampf -und Qualm wallte um sie her -- in wilden Sprüngen ging's dem Kugelregen -entgegen -- ihr wildes Hurra tönte zu der am Waldrand stehenden Kompagnie -zurück. »Donnerwetter, die finden einen harten Widerstand«, murmelte -Leutnant Mansfeld, der aufmerksam durch sein Glas dem Kampf folgte. »Was -meinen Sie, Kärn, ob wir's zwingen?« »Sicher, Herr Leutnant, sicher! -Dort an der Brücke, da freilich -- nein wahrhaftig, die Unserigen müssen -zurück -- ah -- eine Finte von unserem Hauptmann, jetzt gehen sie mit -verdoppelter Wucht los ...« »Vater«, rief Helmut, der neben den -angestrengt den Kampf beobachtenden Führern der kleinen Schar seine Blicke -nach allen Seiten schweifen ließ, »Vater, dort um die Waldecke kommt was --- da bewegt sich's unter den Bäumen!« Sofort wendeten sich die Gläser -der beiden Männer jener Seite zu. Im selben Augenblick kehrte eine -Patrouille, die man ausgesandt hatte, in großen Sätzen zurück und -meldete: »Hinter der Waldecke kommt ein Trupp Kosaken zu Pferd!« »Das -wird brenzlich!« sagte Mansfeld. »Na wenigstens hat die Warterei ein -Ende! Maschinengewehr richten! Die Kerle mit einem ordentlichen Hagel -empfangen«, dröhnte sein Befehl. Prachtvoll in ihren hohen Pelzmützen -kamen sie daher, die wilden Kerls, auf ihren kleinen Steppenpferden, ritten -lässig unter den breitästigen Kiefern, den hellen Birken, förmlich -vergoldet von der aufgehenden Sonne. Da begann das »Tack, tack, tack« der -Maschinengewehre ... Der Führer bäumte sich auf seinem Pferde hoch empor -und stürzte zur Seite herunter. Der zweite, der dritte gleichfalls, die -anderen rissen die Gäule zurück unter die Bäume. Aber nun war's, als -ob plötzlich der Wald lebendig wurde. Unter Efeu und Weißdorn, zwischen -Tannen und Birkengestrüpp kroch's hervor von grauem Russenvolk, immer -mehr, immer mehr in schrecklichen Massen. Nur auf die Ankunft der Kosaken -hatten sie gewartet, das Häuflein der Deutschen zu überwältigen. -Von allen Seiten schwirrten die Kugeln wie kleine, schrecklich fein und -unheilvoll singende Vögelchen. Es gab ein furchtbares Handgemenge dort auf -dem zerstampften Rasen. Da sah Helmut den Tod in der nächsten Nähe, und -einen Augenblick faßte eine wahnsinnige wilde Angst sein Herz. Er packte -seinen Vater am Rock und schrie verzweifelt: »Vater! Verzeih' mir nur -noch! Verzeih' mir!« Kärn riß den Jungen eine Sekunde lang an sich, -Helmut fühlte seines Vaters Herz in ruhigen tiefen Tönen schlagen. Das -gab auch ihm wieder Mut. Er hörte ihn mit dröhnender Stimme seine Befehle -rufen. Der junge Mansfeld lag blutüberströmt neben ihm am Boden. Und -dann wußte Helmut nichts mehr, als daß zwei greuliche Kalmückengesichter -immer näher auf ihn eindrangen. Er wehrte sich wütend gegen harte Arme, -die nach ihm griffen, erhielt einen Faustschlag auf den Kopf und verlor die -Besinnung. Ein Schütteln seines Körpers ließ ihn wieder wach werden. Der -kleine Rest der Deutschen, der bei dem Überfall verschont geblieben, war -von den Russen gefangen. Leicht hatten sie sich nicht ergeben. Viele Tote -und Verwundete, Freunde und Feinde lagen unter den Bäumen, andere Deutsche -verbanden sich notdürftig ihre Wunden. Eng zusammengetrieben, wurden sie -zwischen einem Trupp berittener Kosaken abgeführt. Durch den schmalen, -sich lang hinstreckenden Wald, über Sumpf und Heide ging's, immer im Trabe -nach Osten davon. Wer von den Verwundeten im schnellen Lauf nicht Schritt -halten konnte, dem sauste die berüchtigte russische Knute um die Beine. -Endlich nach etwa zwei Stunden machten die Kosaken halt, banden ihre Pferde -an die Bäume und stellten Wachen aus. Die Gefangenen, achtzig an der -Zahl, wurden in einen leeren Schuppen genötigt, dessen Tür mit Bohlen -verschlossen und mit lauten Hammerschlägen vernagelt wurde. Draußen -hörten sie bald ein Feuer prasseln, der gute Geruch von Speisen drang zu -den armen hungrigen und erschöpften Feldgrauen. Niemand dachte daran, auch -ihnen etwas zukommen zu lassen. Unter den Kosaken schien großes Vergnügen -und mächtige Lust an dem gelungenen Überfall zu herrschen. Die Flaschen -mit Branntwein kreisten von Mann zu Mann. Sie redeten und schwatzten laut, -stritten und versöhnten sich, einen hörte man schluchzen wie ein -kleines trauriges Kind, ein paar andere sangen die schönen schmerzlichen -Volkslieder der Russen eines hinter dem anderen mit unendlichen Versen. Am -Ende hörten die gefangenen Deutschen im Schuppen gar nichts mehr, denn -in großer Erschöpfung durch die Aufregung des wilden Kampfes waren -die meisten von ihnen auf dem harten Boden der leeren Scheuer fest -eingeschlafen. - - - - -[Illustration: DIE FLUCHT] - - - - -Ein toller Ritt - - -Helmut hörte im Halbschlaf neben sich flüstern. Er wachte vollends auf, -als eine rauhe Hand ihm vorsichtig übers Gesicht fuhr und ihm leise die -Backe klopfte. Er hielt die liebe Hand fest und fragte leise: »Was gibt's, -Vater?« »Höre, Junge, Gefreiter Schmidt sagt mir eben, beim Abtasten -der Mauer sei ihm eine Stelle unter die Finger gekommen, wo Steine locker -waren; am Ende ließe sich da ein Loch ausbrechen, durch das du dich -durchzwängen könntest; bist doch gewandt wie 'ne Katze ...« »Ja -Vater«, flüsterte Helmut atemlos, »und dann?« »Na -- und dann siehst -du zu, daß du dich bei den besoffenen Kerls durchschleichst ...« »Und -bringe euch Hilfe von den Unserigen. Ja, Vater! Das tue ich!« »Es geht -um Tod und Leben, Helmut! Jetzt zeig', ob du wert bist, an der Front -zu sein!« Helmut stand auf, streckte sich gerade. »Zu Befehl, Herr -Feldwebel!« sagte er leise lachend. Der Oberlehrer Schmidt nahm ihn bei -der Hand, führte ihn zu der Öffnung in der Mauer, an der zwei Soldaten -mit den Händen die Erde aufgruben, um sie ein wenig zu erweitern. -»Helmut«, flüsterte =Dr.= Schmidt, »ich danke dir auch noch, daß du -mir das Buch über griechische Dichter und den Faust geschickt hast! Das -war ein geistiges Labsal in dieser Kriegsarbeit! Sieh jetzt mal, ob du -durchkommst. Der Alkohol hat seine Arbeit an denen da draußen gründlich -besorgt!« Helmut legte sich auf den Bauch und steckte den Kopf durch -die Öffnung. Ein zartes Mondlicht lag über der Heide und ein gewaltiges -Schnarchen wie von einem vielköpfigen Ungeheuer drang zu den Wipfeln der -breitästigen Kiefern empor. Nun den Augenblick benutzen und nicht noch -Abschied nehmen! Helmut zwängte seinen schlanken, sehnigen Knabenkörper -durch das Loch. Einen Augenblick dachte er steckenzubleiben -- eine -verdoppelte Anstrengung -- die Jacke riß, ein Stück Ärmel hing fest --- was tat's -- er stand draußen. Mitten unter den von Schlaf und Trunk -überwältigten Feinden! Ein ungeheures Triumphgefühl schwoll in der Brust -des Knaben. Gleich einem Blitz schoß die Erinnerung an ein oft geschautes -Bild in des Vaters Bibel ihm durch den Kopf: Schlafende Wächter vor dem -Kerker des Apostels, der von dem Engel bei der Hand geführt, unversehrt -zwischen ihnen hindurchschritt! Vorsichtig mußte es geschehen ... Ein -falscher Tritt -- das Erwachen eines der Männer -- und fünf Minuten -später würde er am nächsten Baum hängen --. Das wußte Helmut genau. -Er fühlte, wie des Vaters Auge ihm durch die Öffnung der Scheunenmauer -folgte! Wie eine Katze wand er sich, prüfte mit den nackten Zehen, denn er -trug die Schuhe unter dem Arm, jedesmal, ehe er den Fuß aufsetzte, ob auch -kein Zweiglein knacken, ob er nicht eine Hand, einen anderen Fuß berühren -würde ... Jetzt hatte er den Ring, den die Feinde um ihre Gefangenen -bildeten, durchschritten ... Da -- regte sich nicht einer? Er duckte sich. -Ein Grunzen drang aus der Kehle des Kosaken, indem er sich auf die Seite -warf. Helmut stand, hielt den Atem an -- nein es folgte ein zufriedenes -Murren -- der Russe schnarchte weiter. Helmut horchte auf. Zur Rechten -klang das Wiehern und Stampfen der Pferde -- dort mußte er hinüber durch -den Mondschein.... -- Ob Wachen ausgestellt waren? Er glitt auf den Boden, -kroch wie eine Schlange durchs Heidekraut. An zwei russischen Soldaten kam -er vorüber, die kauerten, die Flinten neben sich, die Köpfe auf die Knie -gesunken, schliefen fest und tief. Doch einer von ihnen schien sich -zu ermuntern. »Wer da?« fragte er leise, schlaftrunken auf russisch. -»Kamerad, lieber Mensch«, antwortete Helmut gleichfalls leise auf -russisch. Die Kenntnisse dieser Worte dankte er dem Aufenthalt bei Frau -Ledderhose. »Gut, gut«, brummte der Russe. Helmut lag, ohne sich zu -rühren, lange Zeit still, bis das friedliche Schnarchen wieder einsetzte. -»Ästesägen«, nannte es der Vater. Nun schlich er sich zu den Gäulen. -Den nächsten, der an eine Birke gebunden, ihre Rinde hungrig benagte, -begann er zu streicheln und zu liebkosen. O -- er wußte schon, wie man mit -dem Pferde umzugehen hat, damit es Vertrauen bekommt und den Freund spürt. -Jetzt knüpfte er es los, faßte es am Zügel, führte es vorsichtig über -die Heidelichtung -- Schritt für Schritt, seine Hufe klapperten kaum im -weichen Moos und Kraut! Dann im Schatten eines einzelnen großen Baumes, -die Stiefel an und aufgesessen. -- Nun mit Schnalzen und leisen Lockrufen -den Gaul angetrieben, daß er wie ein Wirbelwind durch das Heidetal stob, -dem Walde zu! Unter der Deckung der alten Birken fühlte sich Helmut -sicherer. Aufmerksam begann er nach dem Wege zu spähen, auf dem die Russen -mit ihren Gefangenen gekommen waren. Gott sei Dank, hier bog die Straße, -wie ein weißes, mondbeschienenes Band in des Waldes finstere Nacht. Nun -konnte er nicht mehr fehlen! Vor Freude stieß er einen lauten Juchzer aus -und ließ den wilden Vogelschrei folgen, mit dem die brasilianischen Hirten -ihre Gäule anzufeuern pflegen. Das zottige Kosakenpferdchen verstand ihn, -jagte mit dem deutschen Jungen auf dem Rücken wie der Teufel durch die -Staubwolken, die seine Hufe aufwühlten. Nach einem scharfen Ritt von -anderthalb Stunden spürte Helmut einen Brandgeruch, der immer stärker -wurde. Er war auf der richtigen Fährte. Und nun hatte er auch die -ausladende Waldecke erreicht, an deren Spitze er die Kosaken zuerst -erblickt hatte. Jetzt kannte er sich aus. Vor ihm das flache Flußtal, -jenseits des Wassers schwarze Rauchwolken, hochauflodernde Flammen -- die -brennende Ortschaft. Zwischen dem Brandherd und dem Flusse wimmelnde -Massen von Militär ... Ob es Feind oder Freund war, konnte er nicht -unterscheiden. Jedenfalls mußte er hinüber und sich Gewißheit schaffen. -Er ritt noch eine Weile am Waldrand entlang -- da waren die Spuren des -mörderischen Kampfes -- da lagen die Braven, die ihr Leben gelassen, stumm -im Grase. Der Knabe biß die Zähne zusammen. Nur nicht hinschauen -- erst -das Ziel erreichen. »Kamerad!« so hörte er eine matte Stimme stöhnen. -Nun hielt er doch, beugte sich nieder zu dem Flehenden. Es war der junge -Leutnant Mansfeld. - -»Lieber Herr Leutnant, ich reite eilig hinüber und bringe Hilfe! Haben -Sie nur noch ein bißchen Geduld!« - -»Dank -- Dank«, flüsterte der Mund des Helden, und Helmut sauste davon. - -Ja -- ja -- es waren deutsche Feldgraue --, im heller werdenden -Morgenlicht sah er es nun deutlich. - -Das war ein frohes Reiten! Durch den flachen Fluß ging's noch mit einer -letzten Anstrengung -- dann hielt er unter den Seinen. - -Man half ihm vom Pferd. Schwindlig, von Staub und Schweiß unkenntlich, -stand er zwischen den Soldaten, die ihn neugierig umdrängten. - -Atemlos fragte er nach dem Hauptmann Breuer, seine Meldung zu machen. Man -führte ihn schleunigst zu dem Offizier. - -Die Ortschaft war genommen, der Russe vertrieben, so hörte Helmut auf dem -Wege. Zwar hatte der Feind noch einen Angriff vom Walde her versucht, doch -neu eintreffende Verstärkung aus der Flanke hatten seinen Plan zuschanden -gemacht. - -Hauptmann Breuer hörte staunend auf Helmuts Bericht. - -»Na, Junge -- das war ein Meisterstück!« rief er und schüttelte -vergnügt Helmut die Hand. »Jetzt wollen wir den Kerls mal das Erwachen -versalzen. Gibt's denn nicht einen näheren Weg zu der Scheune -- ... -Karte her ... Donnerschock, da sind ja unsere Leute ganz in der Nähe --- auf der anderen Seite vom Wald sollte das Regiment auf weitere Befehle -warten.« - -»Kerls -- Freiwillige vor! Wer rettet achtzig Kameraden?« Aus dem -Heidekraut sprang's empor -- die Todmüden, vom harten Kampf des Tages -Erschöpften reckten sich auf. »Hier, Herr Hauptmann --!« »Melde -mich, Herr Hauptmann!« »Herr Hauptmann schicken Sie mich!« Drei -wurden ausgesucht -- der Hauptmann zeigte auf der Karte den Weg durch die -brennende Ortschaft gerade hindurch, am Flusse entlang war die deutsche -Stellung in einer Stunde zu erreichen! Statt des wohlverdienten Schlafes -galt es einen Dauerlauf. Die drei trabten tapfer davon! - -Der Hauptmann rieb sich vergnügt die Hände! »So, mein Junge! Oberst von -Borwitz wird das übrige besorgen! Heut nachmittag werden unsere Leute, -denke ich, wieder bei uns eintreffen!« - -»Herr Hauptmann, eine Bitte habe ich noch -- können Sie nicht ein paar -Sanitäter nach dem Wald schicken? Dort liegt Herr von Mansfeld verwundet, -auch noch andere. Ich versprach's ihm ...« - -»Gewiß -- gewiß doch! Soll gleich geschehen! Hoffentlich ist der gute -Junge noch zu retten -- seiner Mutter Einziger. - -Na, und nun erst mal ran mit 'nem Schluck Rotwein und Brot und Wurst! -Weiter haben wir selber nichts!« - -Der Hauptmann aber ließ Helmut die besten Teile seines Frühstücks und -schaute lachend zu, wie es dem schmeckte. - -Am Nachmittag, wie Hauptmann Breuer es vorausgesagt, trafen die achtzig -Befreiten beim Bataillon ein. Es fehlte kein Einziger. Mit einem kräftigen -Hurra wurden sie von den Kameraden empfangen, Helmut sprang seinem Vater an -den Hals, jeder Schatten war zwischen ihnen verschwunden. - -Gegen Abend traten die Kompagnien am Ufer des Flüßchens zum Appell an. -Hell schien die warme Frühlingssonne dem Hauptmann Breuer in das gute -rotbraune Gesicht, als er die ihm anvertrauten Mannschaften musterte. -Ganz unten in der Reihe stand Helmut in seinen zerlumpten Kleidern, eine -feldgraue Mütze auf dem Kopf, der Jüngste der Kompagnie. - -Der Hauptmann hielt eine Ansprache. - -»Leute!« sagte er, »ihr habt alle eure Pflicht ehrlich getan an dem -heißen Kampftag! Was uns befohlen war, das haben wir geleistet. Aber -achtzig von euch stünden heut nicht unter uns, wenn dieser junge Zivilist -hier nicht über die Köpfe der schnarchenden Feinde hinweggestiegen wäre -und durch einen kühnen Ritt ihnen die Befreiung gebracht hätte! Helmut -Kärn tritt vor!« - -Militärisch stramm folgte der Junge dem Befehl. - -»Dir gebührt das Ehrenzeichen der Tapferkeit!« - -Der Hauptmann löste das Eiserne Kreuz von seiner eigenen Brust und heftete -es Helmut an die zerrissene Jacke. - -»Trage das Kreuz, den höchsten Schmuck des deutschen Soldaten zur -Erinnerung an deine mutige Tat! Bleibe durch dein ganzes Leben seiner -würdig! Ein Hurra unserem jungen Helden!« - -»Hurra -- Hurra -- Hurra!« klang es dröhnend aus Hunderten von rauhen -Männerkehlen zum goldenen Abendhimmel empor. - -Helmut stand stumm und zitternd vor Glück, während der Hauptmann seinem -Vater die Hand schüttelte. Dem rannen die dicken Tränen in den zottigen -Bart. - -Dem Hauptmann Breuer war es immer wohler, wenn die feierlichen Augenblicke -vorüber waren, und er wieder gemütlich mit seinen Leuten verkehren -konnte. So nahm er denn, während die Mannschaften abtraten, Helmut am -Ohrläppchen und schüttelte ihn lachend. »Verfluchter Bengel, jetzt -geht's aber spornstreichs zurück in die Schule! Auf die Hosen gesetzt -und gebüffelt! Verstehst du mich? Wehe dir, wenn's nächste Ostern keine -Versetzung gibt!« - -»Wird gemacht«, rief Helmut strahlend. »Nur eine Bitte noch, Herr -Hauptmann!« - -»Na?« - -»Daß Vater bald mal Urlaub kriegt!« - -»Zugestanden! In acht Tagen ist er bei Muttern!« - - - - -Wie Helmut nach Hause kommt - - -Die Fahrgäste der Elektrischen, welche die lange Schloßstraße in -Charlottenburg hinauffuhr, stießen sich an und machten sich untereinander -aufmerksam auf einen Jungen, der still in der Ecke saß, und dessen -tiefgebräuntes Gesicht immerfort glückselig in sich hineinlachte. Zu -einem neuen Anzug aus gutem kräftigen Stoff und funkelnagelneuen Stiefeln -trug er eine alte zerbeulte Feldmütze und im Knopfloch seiner Jacke -prangte schlicht und doch seltsam eindrucksvoll das Eiserne Kreuz. - -»Unverschämt, sich das anzuhängen, so'n Grünschnabel«, schimpfte -ein leberkrank aussehender Herr, »wer weiß, wo er das gestohlen hat. Da -sollte man doch den Schutzmann aufmerksam machen -- das ist grober Unfug!« - -Richtig, als Helmut den Wagen verließ, um das letzte Stück zu seiner -Mutter Wohnung zu Fuß zu gehen, folgte ihm der grimmige Junggeselle, trat -an der Straßenecke auf einen Schutzmann zu und flüsterte mit diesem. - -Helmut bemerkte es nicht, er war ganz befangen von der Erwartung des nahen -Wiedersehens mit den Seinen. Die Offiziere von seines Vaters Regiment -hatten zusammengelegt, ihm die Rückreise bezahlt und ihn in Königsberg -mit neuen Kleidern ausrüsten lassen. Nur von der alten Feldmütze, die ihm -die Kameraden des Vaters geschenkt, und die er in dem heiligsten Augenblick -seines Lebens getragen -- von der konnte er sich nicht trennen. - -Erschrocken blickte er sich um, als eine Hand sich auf seine Schulter legte -und eine bärbeißige Stimme fragte: »Sie, junger Herr, wo haben Sie denn -das Kreuz da her?« - -»Das werde ich Ihnen gleich sagen, Herr Müller«, antwortet Helmut stolz, -denn der Schutzmann war ja sein alter Freund. Helmut hatte ihn hundertmal -um Auskunft gefragt, wenn er sich in dem fremden Berlin nicht zurechtfand. -Immer stand der Schutzmann mit dem blanken Helm über dem friedlichen -rosenroten Vollmondgesicht an dieser Ecke auf treuer Wacht. Hinter seiner -bärbeißigen Stimme verbarg er ein freundliches, hilfsbereites Wesen und -eine unendliche Geduld. - -»Ne nu seh einer -- das ist ja der Brasilianer!« rief er jetzt lachend. -»Du Ausreißer -- ganz Berlin haben wir nach dir durchsucht.... Wo kommst -du denn nun hergeschneit?« - -Helmut zog aus seiner Brusttasche ein Papier und reichte es mit heimlichem -Schmunzeln der hohen Obrigkeit. - -Inzwischen hatte sich ein Kreis von Neugierigen um die beiden versammelt. -Einige Frauen waren gleich hinter dem grilligen alten Herrn aus dem Wagen -gestiegen, um zu sehen, wie die Sache mit dieser rätselhaften Person sich -weiterentwickeln würde. Und da gerade die Schule aus war, strömten die -Jungen in hellen Haufen herbei. - -Der Schutzmann entfaltete weitläufig das Aktenstück, in dem der Oberst -des Regimentes Helmut Kärn bescheinigte, daß er das Eiserne Kreuz sich -mit Recht und Ehren erworben habe durch die Rettung von achtzig deutschen -Soldaten aus Feindeshand und durch seinen dabei bewiesenen Mut. Der -Schutzmann las aufmerksam von Anfang bis zu Ende und betrachtete genau den -Stempel des Regiments. - -»Na, denn wäre ja woll alles in Ordnung«, sagte er, Helmut das Papier -zurückgebend, »du bist ja ein Mordskerl! Aber trag' das Papier man lieber -immer bei dir! So 'ne verwunderliche Sache -- die glaubt sonst kein Mensch -so 'nem Lausejungen! Meinen Glückwunsch!« Er legte salutierend die Hand -an den Helm. »Lesen, lesen -- laut lesen!« schrie es rings im Kreis von -alten und jungen Stimmen. Helmut überfiel plötzlich eine fürchterliche -Verlegenheit. Es war doch gar nicht leicht, sich zu Haus so richtig als -Held zu benehmen. Er hielt sein wertvolles Aktenstück fest in der Hand, -machte sich mit Puffen und Stößen heftig Bahn durch die andrängende -Jungenschar und rannte davon, so schnell ihn seine Beine trugen. Die -Schuljungen mit Hallo und Geschrei ihm nach. Wie ein junger Hirsch -entsprang er den Verfolgern, erreichte schweißtriefend das Haus, in dem -die Großeltern wohnten und war heilsfroh, als die schwere Eingangstür -hinter ihm ins Schloß fiel. - -Dreimal riß er oben an der Wohnungsklingel, wie es seine Art war, wenn er -hungrig aus der Schule kam. Drinnen entstand ein Lärm, ein Umstoßen von -Stühlen, ein Rufen: »Das ist er -- Helmut -- Helmut!« - -Die Tür wurde aufgerissen, lachend und weinend küßte ihn seine Mutter. - -Hinter ihr zwischen der Gänseblume und der Großmutter erschien noch ein -anderes blühendes, braunäugiges Gesicht. Dort stand Frau Anna Ledderhose, -die der Mutter in der schweren Zeit treulich geholfen hatte. Am Kaffeetisch -bei all den lieben vertrauten Menschen konnte Helmut nun nach Herzenslust -erzählen und berichten von seinem reichen, ernsten Erleben. Die Mutter -hielt seine Hand, die sie immer wieder streichelte und drückte. Nachher, -als sie beide allein waren, gab er ihr das Aktenstück und nahm das -Ehrenzeichen von seiner Jacke. - -»Du, Mutti, verwahre es mir, bis ich erwachsen bin«, sagte er »dann will -ich's tragen. Jetzt so als ein Wundertier in Berlin herumlaufen und in der -Schule protzen -- dazu ist mir das Eiserne Kreuz zu heilig.« - -[Illustration] - - - - -Friedrich Andreas Perthes A.-G. Gotha - - - - -[ Hinweise zur Transkription - - -Der Vermerk "Z. XI." auf der Titelseite ist ein Ausfuhrzeichen aus der -Weltkriegszeit. - -Die ganzseitigen Illustrationen "Vater fährt ins Feld" (S. 25), -"Landarbeit im Kriege" (S. 43), "Ost-Preussen" (S. 55) und "Die -Flucht" (S. 91) wurden vor den Beginn des jeweiligen Kapitels verschoben, -um den Lesefluss nicht zu stören. - -Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. - -Darstellung abweichender Schriftarten: _gesperrt_, =Antiqua=. - -Entsprechend der überwiegenden Darstellung im Originalbuch wurde das Komma -einheitlich hinter das schließende Anführungszeichen gesetzt. - -Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden -Ausnahmen, - - Seite 8: - "«" eingefügt - (Wie alt sind Sie denn?«) - - Seite 15: - "laß" geändert in "las" - (Der Lehrer las laut vor) - - Seite 17: - "›" eingefügt - (›Morgen hast'n blauen Lappen dafor‹) - - Seite 17: - "›" entfernt vor "Weg" - (Weg is er, und ick konnte nicht hinterher.) - - Seite 42: - "den altem" geändert in "dem alten" - (mit dem alten Lodenmantel ihres Mannes angetan) - - Seite 57: - "»" eingefügt - (»Wir haben uns nur im Walde versteckt) - - Seite 64: - "«" eingefügt - (erklären Sie mir blos in aller Welt~...?«) - - Seite 73: - "«" eingefügt - (eine Karte von ihm aus Sibirien.«) - - Seite 77: - "." eingefügt - (laut aufs Knie und lachte.) - - Seite 79: - "»" eingefügt - (»Siehst du, das alles hier soll mal) - - Seite 79: - "göttlicheschönen" geändert in "göttlichschönen" - (Schmuck dieser köstlichen, göttlichschönen Geschichten) - - Seite 79: - "»" entfernt vor "Nu" - (Nu -- wir haben's ja dazu!) - - Seite 81: - "überdem" geändert in "über dem" - (gleich einer schiefen Mütze über dem Gebäude) - - Seite 82: - "," geändert in "." - (an der Schulter und schüttelte ihn.) - - Seite 83: - "Herre nentfernten" geändert in "Herren entfernten" - (Auch die beiden jungen Herren entfernten sich) - - Seite 85: - "Finde" geändert in "Finte" - (eine Finte von unserem Hauptmann) - - Seite 85: - "«" entfernt hinter "Ende!" - (wenigstens hat die Warterei ein Ende!) - - Seite 88: - "«" eingefügt - (bei den besoffenen Kerls durchschleichst ...«) - - Seite 93: - "»" eingefügt - (»Melde mich, Herr Hauptmann!«) - - Seite 93: - "»" eingefügt - (»Herr Hauptmann schicken Sie mich!«) - - Seite 93: - "«" eingefügt - (wieder bei uns eintreffen!«) - - Seite 94: - "«" eingefügt - (Ich versprach's ihm ...«) ] - - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Was Helmut in Deutschland erlebte, by -Gabriele Reuter - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WAS HELMUT IN DEUTSCHLAND ERLEBTE *** - -***** This file should be named 63690-0.txt or 63690-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/3/6/9/63690/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -https://www.pgdp.net (The digitized holdings of the -Staatsbibliothek zu Berlin are available to all interested -parties worldwide free of charge for non-commercial use.) - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, -and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive -specific permission. If you do not charge anything for copies of this -eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook -for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports, -performances and research. They may be modified and printed and given -away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks -not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the -trademark license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or -destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your -possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a -Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound -by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the -person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph -1.E.8. - -1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few -things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works -even without complying with the full terms of this agreement. See -paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project -Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this -agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm -electronic works. See paragraph 1.E below. - -1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the -Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection -of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual -works in the collection are in the public domain in the United -States. If an individual work is unprotected by copyright law in the -United States and you are located in the United States, we do not -claim a right to prevent you from copying, distributing, performing, -displaying or creating derivative works based on the work as long as -all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope -that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting -free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm -works in compliance with the terms of this agreement for keeping the -Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily -comply with the terms of this agreement by keeping this work in the -same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when -you share it without charge with others. - -1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern -what you can do with this work. Copyright laws in most countries are -in a constant state of change. If you are outside the United States, -check the laws of your country in addition to the terms of this -agreement before downloading, copying, displaying, performing, -distributing or creating derivative works based on this work or any -other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no -representations concerning the copyright status of any work in any -country outside the United States. - -1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: - -1.E.1. The following sentence, with active links to, or other -immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear -prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work -on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the -phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, -performed, viewed, copied or distributed: - - This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and - most other parts of the world at no cost and with almost no - restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it - under the terms of the Project Gutenberg License included with this - eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the - United States, you'll have to check the laws of the country where you - are located before using this ebook. - -1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is -derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not -contain a notice indicating that it is posted with permission of the -copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in -the United States without paying any fees or charges. If you are -redistributing or providing access to a work with the phrase "Project -Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply -either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or -obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm -trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted -with the permission of the copyright holder, your use and distribution -must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any -additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms -will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works -posted with the permission of the copyright holder found at the -beginning of this work. - -1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm -License terms from this work, or any files containing a part of this -work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. - -1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this -electronic work, or any part of this electronic work, without -prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with -active links or immediate access to the full terms of the Project -Gutenberg-tm License. - -1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, -compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including -any word processing or hypertext form. However, if you provide access -to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format -other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official -version posted on the official Project Gutenberg-tm web site -(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense -to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means -of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain -Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the -full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1. - -1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, -performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works -unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing -access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works -provided that - -* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from - the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method - you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed - to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has - agreed to donate royalties under this paragraph to the Project - Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid - within 60 days following each date on which you prepare (or are - legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty - payments should be clearly marked as such and sent to the Project - Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in - Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg - Literary Archive Foundation." - -* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies - you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he - does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm - License. You must require such a user to return or destroy all - copies of the works possessed in a physical medium and discontinue - all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm - works. - -* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of - any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the - electronic work is discovered and reported to you within 90 days of - receipt of the work. - -* You comply with all other terms of this agreement for free - distribution of Project Gutenberg-tm works. - -1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project -Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than -are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing -from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The -Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm -trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below. - -1.F. - -1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable -effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread -works not protected by U.S. copyright law in creating the Project -Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm -electronic works, and the medium on which they may be stored, may -contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate -or corrupt data, transcription errors, a copyright or other -intellectual property infringement, a defective or damaged disk or -other medium, a computer virus, or computer codes that damage or -cannot be read by your equipment. - -1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right -of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project -Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project -Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all -liability to you for damages, costs and expenses, including legal -fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT -LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE -PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE -TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE -LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR -INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH -DAMAGE. - -1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a -defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can -receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a -written explanation to the person you received the work from. If you -received the work on a physical medium, you must return the medium -with your written explanation. The person or entity that provided you -with the defective work may elect to provide a replacement copy in -lieu of a refund. If you received the work electronically, the person -or entity providing it to you may choose to give you a second -opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If -the second copy is also defective, you may demand a refund in writing -without further opportunities to fix the problem. - -1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth -in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO -OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT -LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. - -1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied -warranties or the exclusion or limitation of certain types of -damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement -violates the law of the state applicable to this agreement, the -agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or -limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or -unenforceability of any provision of this agreement shall not void the -remaining provisions. - -1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in -accordance with this agreement, and any volunteers associated with the -production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm -electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, -including legal fees, that arise directly or indirectly from any of -the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this -or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or -additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any -Defect you cause. - -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm - -Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at -www.gutenberg.org - - - -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular -state visit www.gutenberg.org/donate - -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. - -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. - -Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. To -donate, please visit: www.gutenberg.org/donate - -Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works. - -Professor Michael S. Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our Web site which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. - |
