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-Project Gutenberg's Was Helmut in Deutschland erlebte, by Gabriele Reuter
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
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-
-Title: Was Helmut in Deutschland erlebte
- Eine Jugendgeschichte
-
-Author: Gabriele Reuter
-
-Illustrator: Rudolf Sievers
-
-Release Date: November 9, 2020 [EBook #63690]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WAS HELMUT IN DEUTSCHLAND ERLEBTE ***
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-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-https://www.pgdp.net (The digitized holdings of the
-Staatsbibliothek zu Berlin are available to all interested
-parties worldwide free of charge for non-commercial use.)
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- Was Helmut
- in Deutschland erlebte
-
-
- Eine Jugendgeschichte
-
- von
-
- Gabriele Reuter
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- Zeichnungen von
-
- _Rudolf Sievers_-Braunschweig
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- [Illustration]
-
- Verlag Friedrich Andreas Perthes A.-G. Gotha
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- +--------+
- |=Z. XI.=|
- +--------+
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- Gesetzliche Schutzformel
- gegen Nachdruck und Übersetzung in den Vereinigten Staaten:
- =Copyright 1917 by Friedrich Andreas Perthes A.-G. Gotha=
-
- Alle Rechte, einschließlich des Übersetzungsrechtes, vorbehalten
-
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-
-
-Inhalt
-
-
- Der Tag der Ankunft 1
-
- Alles wird anders, als Helmut es sich dachte 11
-
- Der Vater zieht ins Feld 20
-
- Kriegswinter 27
-
- Eine Enttäuschung und neue Aussichten 37
-
- Helmut und Frau Ledderhose 42
-
- Die Flüchtlinge und der unheimliche Wald 50
-
- Als Spion verhaftet 61
-
- Der lange Lehmann und Onkel Jakobus 73
-
- Wiedersehen in gefährlicher Zeit 81
-
- Ein toller Ritt 88
-
- Wie Helmut nach Hause kommt 96
-
-
-
-
-Der Tag der Ankunft
-
-
-Majestätisch rauschte der Überseedampfer in den Hafen von Hamburg. Er
-kam von Brasilien und war während der letzten Tage mit schnellster Fahrt
-gelaufen. Auf Deck spielte die Musikkapelle. Hunderte von Passagieren
-drängten sich durcheinander, es gab ein aufgeregtes Hin- und Herlaufen
-auf Gängen und Treppen des gewaltigen Gebäudes. Offiziere und Matrosen im
-Paradeanzug standen bereit, das Vaterland zu grüßen. Heiter glänzte
-die Sommersonne auf dem spiegelnden Metall des Schiffes, seine Wimpel
-flatterten, die mächtige schwarz-weiß-rote Fahne bauschte sich und wallte
-im Seewind.
-
-Rechts und links lagen große und kleine Dampfer. Durch die schmalen
-Wasserstraßen zwischen ihnen flitzten schlanke Motorboote. Über
-schmutzige Bretterstege schleppten berußte Männer vom Ufer ungeheure
-Kohlenlasten und versenkten sie in die schwarzgähnenden Bäuche der
-Seeriesen. Auf ragenden Kranen schwebten Kisten und Ballen hoch in der
-Luft und senkten sich mit leichter Drehung auf die Kais nieder, wo zahllose
-Arbeiter in Lederschurzfellen, Hünen an Kraft der Glieder, Kolli nach
-Kolli auf Wagen verluden und in die großen Speicher beförderten, welche
-den Hafen umgaben. Ein Geruch nach Teer, Öl und Salzwasser schwebte über
-dem eifrigen Arbeitsgetriebe, zwischen dem das Gewimmel der Neugierigen das
-Anlegen des Überseedampfers erwartete.
-
-Helmut Kärns Augen strahlten vor Freude über das stolze Bild. Er griff
-nach seines Vaters Hand und schwenkte sie stürmisch.
-
-»Das ist ja Deutschland, Vater!« rief er in lautem Jubel. »Deutschland!
-Deutschland! Begreifst du's denn, Vater, daß wir wieder da sind! Nach elf
-Jahren! Wie alt war ich denn? Drei Jahre -- drei! Du trugst mich auf
-dem Arm über den Steg, als wir abfuhren. Weißt du noch? Und Mutter
-weinte ... Vater, was tut der Mann dort drüben? Was schreit er wie
-wahnsinnig? Was schwenkt er so die weißen Blätter ...?«
-
-Wilhelm Kärn zog seine Hand aus der des Sohnes, der Ausdruck seines
-kräftigen braunen Gesichtes war tiefernst, seine Augen starrten
-angestrengt hinüber zu dem Zeitungsträger. Mit ihm starrten viele
-Augen, viele gespannte Gesichter hinter Operngläsern. Jetzt drängten die
-Menschen wild nach einer Seite, wo ein kleines Motorboot sich dem Kolosse
-näherte. Mit kühnem Schwung flog ein Paket Blätter hinauf, wurde im Nu
-von Hunderten ergriffen -- -- -- Der Mann im Boot schrie durch die
-hohlen Hände etwas Unverständliches. Eine Sekunde lang legte sich eine
-furchtbare Stille über die wartenden Menschen, über Männer, Frauen,
-Kinder. Dann brach ein wildes Getöse aus, und gellend scholl das eine Wort
-»Krieg« von Mund zu Mund.
-
-Man wartete seit Tagen in banger, atemloser Spannung auf dieses Letzte --
-auf die Entscheidung! Schon hatte man unterwegs durch Funkspruch von
-dem grausen Mord des Thronfolgerpaares von Österreich gehört -- schon
-berichtete der Lotse in Cuxhaven, daß in Deutschland und bei seinen
-Bundesgenossen der Kriegszustand erklärt sei, -- daß man davon rede, die
-Russen hätten bereits die ostpreußische Grenze überschritten, während
-die Verhandlungen zwischen Kaiser und Zaren sich noch in vollem Gange
-befanden. Heiß wogte der Streit der Meinungen an Bord zwischen den
-Männern. Schon begannen die verschiedenen Nationalitäten, die noch vor
-kurzem freundlich miteinander verkehrt hatten, sich abzusondern, verbissen
-und grußlos blickte man aneinander vorüber. Die Brasilianer schlossen in
-der Weise der Südländer Wetten für oder gegen den europäischen
-Krieg, der sie ja nicht viel anging, dem sie zuschauen würden wie einem
-spannenden Theaterspiel. Aber im Grunde seines Herzens hatte es doch
-niemand für möglich gehalten, daß das unerhört Entsetzliche wirklich
-eintreten könne.
-
-Und nun war es doch geschehen. Für viele der deutschen Männer auf dem
-Schiff, die ihr Vaterland seit Jahren nicht gesehen hatten, die ihm beinahe
-fremd geworden waren und nur zu einem heiteren Besuch nach der alten
-Heimat zurückzukehren dachten, bedeutete dieser Augenblick eine ernste
-Schicksalswende. Von allen Seiten wurde Deutschland umdräut -- es schien
-undenkbar, daß es so viel Feinden widerstehen könne! -- In dieser Gefahr
-wachte eine heiße Empfindung von Liebe plötzlich in manchen Herzen auf.
-Man fühlte sich mit einemmal wieder »dazugehörig« -- man fühlte sich
-unter den Seinen!
-
-Zwischen den Eltern, geschoben und gedrängt von der erregten
-Menschenmenge, gelangte Helmut Kärn, er wußte selbst nicht wie, ans Ufer
-auf den Kai. Die Mutter weinte, Ströme von Tränen liefen ihr über das
-Gesicht, die sie nicht abzutrocknen vermochte, denn sie trug verschiedenes
-Gepäck und hielt überdies die kleine Daisy Bauer -- Daisy war die Tochter
-von Kärns bestem Freunde, der eine Engländerin geheiratet hatte -- fest
-an der Hand, damit das Kind ihr in dem Gewühl nicht abhanden komme. Beide
-Eltern waren gestorben, und das verwaiste Mädchen sollte ihrem englischen
-Großvater übergeben werden.
-
-Und während die Menge sich dem Lande zuwälzte, dröhnte ihr von drüben
-her ein machtvoller Gesang entgegen. Er kam aus einer der breiten Straßen,
-die auf den Hafen mündeten. Eine neue Menschenwelle wogte von dort heran,
-in ihrer Mitte ein Trupp Soldaten. Brausend klang das Lied »Deutschland,
-Deutschland über alles« aus Hunderten von Kehlen. Und die Ankommenden
-standen still, zogen Hüte und Mützen, vergaßen, was sie hergeführt
-hatte: Geschäfte und Vergnügen. Viele falteten die Hände, es war wie ein
-erhebender Gottesdienst unter freiem Himmel. Aus Tausenden von Herzen stieg
-das Gelübde: alles zu opfern, Gut und Leben, für des Vaterlandes Rettung.
-
-Helmut hatte mitgesungen so laut er konnte. Als er mit den Eltern endlich
-einen Wagen eroberte und ins Hotel fuhr, mußte ihn die Mutter verschiedene
-Male an der Hand festhalten, sonst wäre er herausgestürzt, so lebhaft
-sprang er auf seinem Sitz umher, um nur nichts von all den Dingen zu
-versäumen, die sich rings begaben. Kaum hatte er im Gasthaus der Mutter
-geholfen das Gepäck abzulegen, als er auch schon seinen Vater bestürmte,
-mit ihm wieder auf die Straße zu kommen, weiter zu schauen, weiter zu
-hören.
-
-»Warte, mein Jung, ich folge dir gleich, du kannst mit mir zum
-brasilianischen Konsulat gehen, damit ich meine Papiere durchsehen lasse.
--- Bleib draußen auf dem Flur, solange ich mit Mutter rede!«
-
-Nach einigen Minuten trat der Vater aus dem Zimmer, ruhig und gelassen, wie
-Helmut ihn nicht anders kannte. Die Mutter saß drinnen auf einem Stuhl,
-das Gesicht in den Händen verborgen. Helmut sprang eilig noch einmal
-hinein, küßte sie und flüsterte ihr ins Ohr: »Mutti -- wir kommen ja
-bald wieder -- fürchte dich doch nicht!«
-
-Sie machte eine kleine Bewegung mit dem Kopf. Helmut hörte seines Vaters
-Ruf und lief dem Voranschreitenden behende nach.
-
-»Vater«, fragte er und seine blauen Augen glänzten, »gehst du auch mit
-in den Krieg? Gelt, du wirst dich stellen?«
-
-»Ich habe gedient, habe meine deutsche Nationalität niemals abgelegt
-in den elf Jahren Farmerlebens. Ich werde meine Pflicht tun«, antwortete
-Wilhelm Kärn, der wuchtige Landmann mit den breiten Schultern, den
-arbeitsgewohnten Händen, die braun und sehnig waren wie die Rinde eines
-Baumes, lächelte und hob die Faust. »Meinst nicht, Bengel, daß wir's
-noch schaffen?«
-
-»Die sollen sich wundern -- die Rußkis und Franzosen«, schrie Helmut.
-»Da wird's Hiebe setzen. Na, Vater, du nimmst mich doch mit? Was?
-Schießen kann ich ja, Kräfte hab' ich genug. Du, das wird fein, wenn wir
-beide zusammen losgehen!«
-
-»Ach, wo denkst du hin -- bist ja viel zu jung. Dich nehmen sie noch lange
-nicht!«
-
-Helmut wurde dunkelrot und biß sich auf die Lippe. »Du, Vater -- du
-machst Spaß -- ich weiß doch, du nimmst mich mit!«
-
-»Werden sehen«, brummte Kärn, der plötzlich ernst wurde. Es ging ihm
-viel Nachdenkliches durch den Kopf. Dies Stück Erde am Rande des
-finsteren Urwalds, das er durch hartnäckigen Fleiß zu einem blühenden,
-einträglichen Besitztum umgeschaffen hatte, war ihm innig ans Herz
-gewachsen. Jeden Fruchtbaum hatte er dort eingesetzt, jedes Rind, jedes
-Pferd großgezogen. Die jungen Pflanzungen waren so manches Mal den
-Heuschreckenschwärmen, den gefräßigen Ameisen zum Opfer gefallen --
-immer wieder hatte er unermüdlich frisch begonnen, bis die Maisfelder,
-die strotzenden Bohnen, der Hanf in prächtigen Kulturen die Mühe lohnten.
-Plötzlich schoß ihm ein brennender Schmerz durch die Brust. Sollte er
-nichts von dem allen wiedersehen? Nicht mehr für die Frau und den Jungen
-schuften dürfen? Und der junge Verwalter drüben? Der war doch auch ein
-Deutscher und heißblütig, draufgängerisch! ... Den würde es, war noch
-irgendeine Möglichkeit, herüberzukommen, weiß Gott nicht halten! Dann
-war die Pflanzung den brasilianischen und schwarzen Arbeitern überlassen.
--- Kam man mit dem Leben davon, hieß es einfach wieder von vorn anfangen.
-Das mußte mancher -- am besten war's, man dachte nicht weiter darüber
-nach.
-
-Der Junge schwatzte munter an seiner Seite und tat tausend Fragen. Außer
-dem prächtigen Rio, das sie auf der Herreise kurz berührt hatten, kannte
-er ja noch keine Stadt. Er schrie laut auf vor Entzücken, als sie an
-die Alster kamen und die flimmernde Wasserfläche mit dem Geflatter der
-grauweißen Möwenscharen, umringt von vornehmen Palästen, sich vor ihnen
-ausbreitete. Die zahllosen Ruderboote lagen in dieser Stunde verlassen
-am Ufer, die Dampfer kehrten leer von Fahrgästen zu ihren Anlegestellen
-zurück. Bei dem eleganten Alsterpavillon staute sich die Menge schwarz
-und dicht. Autos mit Militärpersonen rasten unaufhörlich vorüber. Ein
-Lastauto, beladen mit Packen von Zeitungen, bahnte sich langsamer seinen
-Weg durch die Menge. Aufrecht standen Männer in dem Gefährt und warfen
-die Blätter zu Hunderten unter das Publikum, zugleich schrien sie die
-neusten Nachrichten über die Köpfe der Menschen. Von Hand zu Hand flogen
-die Blätter, es war wie ein Gewirbel weißer Fetzen in der Luft. Irgendwo
-stimmte jemand ein Vaterlandslied an, sofort fielen Tausende ein.
-
-[Illustration]
-
-Mit Mühe mußten Vater und Sohn sich ihren Weg suchen. Niemand hatte
-in dieser Stunde Zeit, ihre Fragen zu beantworten. Und doch redeten die
-fremdesten Menschen miteinander und schüttelten sich die Hände. Helmut
-sah mit Erstaunen, wie zwei alte, würdige Herren sich vor Begeisterung
-singend um den Hals fielen.
-
-Auch auf dem Polizeibureau warteten Hunderte von Menschen. Kärn wollte
-hier erfahren, wo er sich in Berlin zu melden habe, denn, da er aus der
-Mark Brandenburg gebürtig war, hatte er in der Reichshauptstadt gedient
-und mußte sich dort wieder stellen. Alles wickelte sich in Ruhe und
-Ordnung ab. Als der Vater an die Reihe gekommen war, drängte sich Helmut
-neben ihn, richtete sich stramm auf, sah den Beamten mit blitzenden Augen
-an und fragte: »Wo habe ich mich zu stellen? Darf ich mir ein Regiment
-wählen?«
-
-Hinter ihm lachte jemand, und auch um den Schnauzbart des Wachtmeisters
-glitt ein vergnügtes Schmunzeln.
-
-»Welcher Wehrklasse gehören Sie an?« fragte er.
-
-»Wehrklasse -- was ist das?«
-
-»Ja, wenn Sie noch nicht in der Stammrolle eingetragen sind, dann bedaure
-ich! Wie alt sind Sie denn?«
-
-»Bald fünfzehn«, antwortete Helmut etwas unsicherer.
-
-»So, so -- na -- da ist jetzt noch nichts zu wollen -- hoffentlich dauert
-der Krieg nicht so lange, daß Sie auch noch drankommen! Folgender!«
-
-Helmut war entlassen. Sein Vater hatte ruhig auf ihn gewartet.
-
-»In Berlin versuch' ich's doch noch einmal!« trotzte der Knabe.
-
-In der Nacht wurde die Fahrt angetreten. Auf dem Bahnhof herrschte ein
-unbeschreibliches Gedränge. Zu hohen Burgen türmten sich Koffer und
-Kisten. Denn schon kamen die Schiffe von England und den Nordseebädern und
-brachten Fluten von Menschen, die noch nach Hause hasteten.
-
-»Helmut«, sagte der Vater, »wir werden kaum zusammensitzen können. Ich
-will sehen, bei der Mutter zu bleiben. Du sorgst für Daisy und trennst
-dich auf keinen Fall von ihr. Du hast die Verantwortung für das Mädel.
-Hier sind eure Billette und ein paar Schinkenstullen -- denn Gott weiß,
-wann der Zug in Berlin eintrifft.«
-
-Von Sitzen war überhaupt nicht die Rede. Beide Kinder standen, in
-fürchterlicher Enge eingekeilt, die Nacht hindurch im Korridor des
-=D=-Zuges. Die zwölfjährige Daisy begann zu weinen. Helmut tröstete sie
-liebevoll mit der Aussicht, das würde noch ganz anders, wenn die Kosaken
-kämen mit ihren langen Peitschen, mit denen sie die Menschen gleich
-totprügeln könnten. Er versicherte ihr aber zugleich, daß er am
-nächsten Morgen zuerst mal seinen Revolver auspacken würde, er sei doch
-heilfroh, daß er ihn gegen den Willen seiner Mutter mitgenommen habe.
-Und jetzt wollten sie mal ihre Schinkenbrote essen, dann würde ihr gleich
-besser werden, und er brauche sie auch nicht länger zu tragen.
-
-Das war ein leichtsinniges Vorgehen, denn plötzlich blieb der Zug mitten
-in der Nacht an einer kleinen Station liegen und lag dort viele Stunden auf
-einem toten Gleis, trotz alles Schimpfens und Fluchens der Reisenden.
-Lange Züge, angefüllt mit Militär, sausten an ihm vorüber; der Morgen
-dämmerte rosenrot über den grünen Marschen, und sie lagen noch immer
-fest. Daisy konnte sich fast nicht mehr auf den Füßen halten, ihr braunes
-Köpfchen taumelte hin und her. Endlich winkte ihr eine Frau und bot ihr
-einen Platz auf ihren Knien an, damit sie ein wenig schlummern könne.
-Helmut bat einen Herrn, ihm den Platz an der Tür neben dem Abteil
-einzuräumen. »Ich habe die Verantwortung für das Kind«, sagte er stolz,
-obwohl ihm gar nicht stolz zumut war, denn solchen Hunger wie in dieser
-Morgenfrühe, in der verdorbenen Luft des überfüllten Zuges, meinte er
-noch niemals gespürt zu haben.
-
-Erst am Abend des Tages erreichten sie Berlin, eine Strecke, die man zu
-gewöhnlichen Zeiten in vier Stunden zurücklegt. Nichts als einen Schluck
-Wasser hatten sie zur Labe bekommen. Aber alle Leute sagten, das wäre nun
-eben Kriegszustand, und man müsse sich hineinfinden.
-
-
-
-
-Alles wird anders, als Helmut es sich dachte
-
-
-Mit Kuchen und Blumen, mit festreich gedeckter Tafel wurde die ins alte
-Vaterland zurückkehrende Familie von den Großeltern begrüßt. Mutter
-und Tochter lagen sich nach der langen Trennung lachend und weinend in den
-Armen. Der Großvater, ein aufrechter, weißbärtiger Herr, faßte Wilhelm
-Kärns beide Hände, drückte sie und rief: »In dieser Stunde nichts von
-Krieg und Kriegsgeschrei! -- Jetzt wollen wir nur die Freude genießen,
-euch Lieben wiederzuhaben -- was später Schweres getragen werden muß,
-werden wir mit Gottes Hilfe schon durchschaffen!«
-
-Auch das fremde Kind wurde mit der größten Herzlichkeit von den alten
-Leuten aufgenommen. Ja, die Großmutter Ladewig legte Daisy mit einem
-mitleidigen Blick auf ihr Trauerkleidchen oft noch eine besonders
-schöne Frucht, eine kleine Süßigkeit auf den Teller und lächelte ihr
-aufmunternd zu, als wollte sie es dem kleinen Fremdling in ihrem Heim so
-recht behaglich machen.
-
-Helmut hatte nur zu schauen. Der Parkettboden war so blank gewichst, daß
-er mit seinem Ungestüm schon in der ersten halben Stunde der Länge lang
-hinschlug. Und wieviel Bücher der Großvater besaß -- bis zur Decke
-seines Arbeitszimmers hinauf bedeckten sie die Wände! Himmel, mußte der
-alte Herr klug sein! Die weichen Teppiche, die vielen gestickten Kissen,
-die alten vornehmen Nußbaummöbel, die Bilder an den Wänden -- alles
-gefiel ihm wohl -- es war ein behagliches Nest, in dem die Großeltern
-hausten. Helmut fand seine ersten ungeschickten Krikel-Krakel-Zeichnungen
-sorglich gerahmt an der Wand über dem Nähtisch von Großchen, und die
-Ketten, die er aufgezogen hatte -- seine Photographie auf Philli, dem
-kleinen braunen Pferdchen, auf dem er reiten gelernt hatte! Ein ganz
-kleines Helmut-Museum hatte sich Großmama angelegt. Nun betrachtete sie
-ihn immerfort voll Staunen und rief einmal über das andere: »Was ist er
-für ein großer Junge geworden! Ich sehe ihn immer noch vor mir als das
-zierliche Bübchen mit den hellen Locken!«
-
-»Die wurden abgeschnitten, als mal kleine Tierchen drinsaßen«, erklärte
-Helmut gemütlich. »Du, Großmutter, wo ist denn euer Garten? Wir
-haben doch immer auf unsere Briefe geschrieben: Gartenwohnung,
-Charlottenburg-Berlin!«
-
-Nun lachte die Großmama und führte ihn auf ihren Balkon, der voll Blumen
-und Schlinggewächsen stand, ein Kanarienvögelchen in einem goldenen Bauer
-sang zwischen den Geranientöpfen sein fröhliches Liedchen.
-
-»Sieh, das ist mein Privatgärtchen«, erklärte die Großmutter, »hier
-genießen Großvater und ich so manchen schönen Sommerabend!
-
-Dort unten liegt der Hausgarten.«
-
-Tief unten zwischen vier hohen Mauern mit vielen Fenstern sah Helmut aber
-nur zwei grüne Rasenflecke und eine Teppichklopfstange. »Das nennt man
-in Berlin einen Garten?« fragte er verwundert. Er dachte, ihr Garten
-in »Waldecke« sei doch viel schöner gewesen, aber er wollte das nicht
-sagen, um die Großmutter nicht zu kränken.
-
-Man mußte sich nun in der engen Wohnung einschachteln, so gut es eben
-ging. Um im Hotel zu wohnen, wie es Kärne ursprünglich geplant hatte,
-fehlten ihnen jetzt die Mittel. Die Ausrüstung des Vaters kostete viel
-Geld, und die ganze Zukunft war mit einemmal ungewiß geworden.
-
-Jeder mußte Opfer an Behagen bringen, und brachte sie gern. Die Mutter
-teilte mit Daisy Bauer ihr Bett. Helmut schlief auf dem Sofa im Wohnzimmer.
-Meistens träumte er beängstigende Dinge: er riß die schöne Glasschale
-von der Tischdecke, oder die bunte Negerin auf dem Wackelständer stürze
-über ihn und verwandle sich plötzlich in das Tintenfaß, das schreckliche
-Verheerungen auf dem Teppich anrichtete. Auch im Wachen blieben ihm
-die vielen kostbaren Gegenstände unbehaglich, und er zog es vor, seine
-Aufgaben im Flur auf einem kleinen Tisch unter der Gasflamme zu machen.
-Denn in die Schule mußte er auch in Deutschland wieder gehen! Leider!
-Der Vater hatte ihn schon am Tage nach ihrer Ankunft im Realgymnasium
-angemeldet. So wanderte er denn jeden Morgen mit einigem Seufzen und
-Stöhnen neben Daisy durch die lange Schloßstraße den Hallen der
-Wissenschaft zu. Daisy besuchte die Töchterschule. Ihr englischer
-Großvater, dem das Kind zugeführt werden sollte, hatte kaltblütig
-an Frau Kärn telegraphiert: Da sich England mit Deutschland im Kriege
-befinde, denke er nicht mehr daran, die Tochter eines deutschen Mannes in
-sein Haus aufzunehmen.
-
-Da war die mittellose Waise nun völlig auf die Hilfe ihrer deutschen
-Freunde angewiesen!
-
-Sie war immer schon mehr in »Waldecke« als bei ihrem Vater, der sie gern
-unter der mütterlichen Obhut von Frau Kärn wußte.
-
-An Helmuts Seite ritt sie damals auf ihrem kleinen wilden Pferdchen
-zwei Stunden weit durch den Buschwald zur deutschen Schule. Neben dem
-Schulgebäude befand sich ein von Stacheldraht eingefaßter Weideplatz, wo
-die Gäule frei herumliefen. Nach Schluß des Unterrichts fing ein jedes
-Kind sich mit dem Lasso sein Pferdchen wieder ein. Das gab ein ungeheures
-Springen, Geschrei und Gelächter. Helmut half Daisy stets ritterlich,
-zu ihrem Pferdchen zu kommen, und prügelte sich für sie mit den andern
-Jungen, die das zarte Dingelchen wegstoßen wollten. Im Walde schoß
-er kleine, grüne Papageien, sie gaben einen köstlichen Braten zur
-Abendmahlzeit. Einmal hatte Helmut auch mit dem Lasso eine Schlange
-totgeschlagen, die sich steil vor Daisys Pferd in die Höhe gereckt hatte.
-Solche Abenteuer bestanden sie viele miteinander, deshalb hatten sie auch
-immer was zu schwatzen.
-
-Nun wollte Helmut seine Kameradin nicht mehr bei ihrem englischen Namen
-nennen, denn sie war ja richtig seine Schwester. Er übersetzte also
-»Daisy« in »Gänseblume«. Ihr gefiel »Maßliebchen« besser, doch das
-fand er »zuckersüß«. Sie war auch mit der Gänseblume zufrieden, aber
-dafür mußte er ihr versprechen, nicht mehr »Gott strafe England!« zu
-rufen statt »Guten Morgen«, wenn er ins Zimmer trat. Ihre tote Mutter war
-eben doch eine Engländerin gewesen, und wenn auch der englische Großvater
-nichts mehr von ihr wissen wollte, ihr Andenken sollte immer in Ehren
-gehalten werden. Das verlangte die kleine Gänseblume sehr bestimmt, und
-Helmut bemühte sich auch ehrlich, sein Versprechen zu halten.
-
-Nach Schulschluß trafen sich die beiden Kinder an der Straßenecke, wo der
-große blonde Schutzmann Müller stand und aufpaßte, daß alles in Ordnung
-zuging. Da konnten sie sich denn gleich ihr Leid klagen, schlechte Noten
-bekamen sie nämlich beide. Die Urwaldschule war doch ziemlich mangelhaft
-gewesen; es fanden sich bedenkliche Lücken in ihrem Wissen. Das Nachlernen
-war höchst langweilig in dieser Zeit, in der einem der Kopf vollsteckte
-von anderen, viel wichtigeren Dingen.
-
-Herrlich war es, wenn plötzlich während einer öden Mathematikstunde die
-Glocken zu läuten begannen und bei den ersten hallenden Tönen alle Köpfe
-erwartungsvoll in die Höhe fuhren! Das Jubelwort: Ein Sieg -- ein
-neuer Sieg! sprang von Bank zu Bank. Schon hörte man das Geschrei
-der Zeitungsverkäufer. Einer der Knaben wurde hinuntergeschickt, ein
-Extrablatt zu holen. Der Lehrer las laut vor: Lüttich war gefallen --
-Antwerpen war in unseren Länden -- Hindenburg hatte die Russen geschlagen!
-Welche Freudenbotschaften! Man sang ein vaterländisches Lied, der
-Unterricht war zu Ende, und alles durfte nach Haus.
-
-Das Gänseblümchen mußte oft vergebens auf Helmut warten. Der rannte mit
-den Kameraden durch die fahnenbunten Straßen zum Kaiserschloß oder zum
-Bismarckdenkmal, dort wurde wieder gesungen und Hurra geschrien, bis den
-Jungens die Kehlen beinahe platzten. Da gehörte Mann zu Mann, und die
-Mädchen konnten sehen, wo sie blieben.
-
-Eroberte Geschütze wurden eingebracht und mit Girlanden bekränzt auf dem
-weiten Platz vor dem Schloß aufgefahren. Immer waren sie von Jungenscharen
-umlagert, die neugierig in die Eisenrohre hineinschauten und ihre
-Konstruktion untersuchten. Es fanden sich auch schon Verwundete ein, die,
-an Stöcken humpelnd oder den Arm in der Binde tragend, den Knaben die
-gewünschten Erklärungen gaben und viel von eigenen Erlebnissen zu
-erzählen wußten. Mit welcher heißen Bewunderung blickten die Jungen zu
-den Helden auf, die selbst mitgeholfen hatten, die Siege zu erringen, über
-die man daheim jubelte.
-
-Am Sonntag ging's nach Döberitz, dem Truppenübungsplatz, wo der Vater mit
-anderen Landwehrleuten wieder eingeübt wurde. Helmut fand es empörend,
-daß so viele Schlachten schon geschlagen waren, ohne daß der Vater mit
-dabeigewesen. -- Es blieben ja schließlich gar keine Siege mehr für ihn
-übrig.
-
-Er selbst, Helmut, hatte sich in der ersten Zeit noch bei mancher
-Militärbehörde gemeldet. Daß die Kerls hinter den Tischen nicht
-begreifen wollten, wieviel Kraft er besaß, und wie gut er schießen
-konnte! Als ob er nicht für den Schützengraben reif gewesen wäre, besser
-als mancher dünne Primaner, der genommen wurde! Einfach lachhaft!
-
-Wenn er so brav neben der Mutter in der kleinen Gartenwirtschaft in
-Döberitz sitzen mußte und auf den Vater warten, dem sie Wurst und
-Zigarren bringen wollte, so erstickte er beinahe vor Ungeduld. Fein war
-es nur, daß der Vater ihn bisweilen mit in die Baracke nahm, wo die
-Mannschaften schliefen. Der Dunst nach Transtiefeln, nach Staub, Schweiß
-und Männern hatte etwas wild Verlockendes für ihn. Alles mußte er
-untersuchen und wußte bald über die militärische Ausrüstung, die
-Truppenteile, die Dienstregeln gut Bescheid. Unter Wilhelm Kärns Kameraden
-war er ein viel geneckter und gern gesehener Gast.
-
-»Ein strammer Bursche, Kärn«, pflegten sie zu sagen. »Aber den hüte
-man gut, das ist ein Durchgänger!«
-
-»Ja, hüten ...« antwortete Kärn in seiner bedachtsamen Weise, »das
-sagt sich wohl so -- nur --: über vierzehn Tage geht's fort, und dann
-muß er sich allein hüten! Ich fürchte nichts Ernstliches für ihn, -- er
-hat Ehre im Leibe!«
-
-»Na ja schon«, mischte sich der lange Lehmann mit dem dünnen Ziegenbart
-ein, der seines Zeichens Malergeselle war, denn bis zum Meister hatte
-er's nie gebracht, weil er schon mit neunzehn Jahren Frau und Kind besaß.
-»Leichtsinnige Stricke sind die Bengels alle miteinander, und pfiffig! Ick
-hatte mir da noch so ein paar Goldfüchse in den Hosenboden genäht,
-für alle Fälle -- was meinste woll -- hat sie doch mein Karle gleich
-rausgefunden! Wie ich mit den kranken Fuß lag, neilich, un er bei mich
-saß -- un immer so an meine Hose rumfummelte, die übern Stuhl hing, weil
-ick en bißchen döste ... Hält se mich der Bengel so mir nichts, dir
-nichts hin, wie ich uffwache, und sagt: ›Alter,‹ sagt er, ›Gold
-behalten is Vaterlandsverrat!‹ Na -- Vaterlandsverrat -- das is ja nu en
-jroßes Wort. ›Morgen hast'n blauen Lappen dafor‹, sagt er. Was will
-ick machen? Weg is er, und ick konnte nicht hinterher.«
-
-Die Kameraden lachten. »Haste'n denn besehn, den blauen Lappen?« fragte
-einer.
-
-»Wo wer ick nich! Janz neu war er -- aber ick denke man so bei mich: Et is
-doch nischt Reelles! Gold is besser.«
-
-»Hinter dem Gold sind die Bengels her, wie der Deibel hinter der
-armen Seele«, meinte Kärn lachend. »Aus Helmuts Schule haben sie
-fünfzigtausend Mark bei der Bank abgeliefert -- na, es haben noch ein paar
-andere Schulen mitgeholfen zu sammeln.«
-
-»Daß es dabei man immer reell zugehn soll, dat kann ick mir nich
-vorstellen«, sagte Lehmann bedenklich. »En paar Mogeleien wern woll
-unterschlupfen!«
-
-»Na, höre mal, Lehmann«, nahm der =Dr.= Schmidt das Wort, »wofür sind
-denn die Lehrer da? Die verstehen den Jungens schon die Bedeutung der
-Sache klarzumachen, die du vielleicht noch nicht so recht begriffen hast!«
-=Dr.= Schmidt war selber einer, so ein ganz feiner Oberlehrer, mit einem
-winzigen Bärtchen auf der Lippe und immer glatt rasiert, die Nägel
-poliert, der goldene Kneifer fehlte nicht. Der wußte Bescheid über
-alle Dinge zwischen Himmel und Erde. Er ging als ein wandelndes
-Konversationslexikon durch die Kaserne, und wer in der Kompagnie irgend
-etwas erklärt haben wollte, der brauchte bloß Schmidt =IV= zu fragen,
-er bekam ganz gewiß die richtige Antwort. So hielt denn auch jetzt
-Schmidt =IV= -- es gab nämlich fünf des gleichen Namens beim Regiment --
-dem langen Lehmann einen Vortrag, daß in einem geordneten Staatswesen für
-die Banknoten, die im Verkehr umliefen, der gleiche Betrag an Gold in den
-Banken aufbewahrt sein müsse, was man »Deckung« nenne. Deshalb müsse
-jeder gute Bürger sich jetzt aller seiner Goldstücke entledigen, um sie
-zum allgemeinen Besten herzugeben, wie man ja auch sein Blut und seine
-gesunden Glieder für die Heimat hingeben wolle.
-
-»Na ja, dat is ja allens janz scheene«, meinte Lehmann, der gerade
-nicht zu den Idealisten gehörte, »wenn de Kugeln sich abersten vor mich
-fürchten duhn un wollen mir partout nich treffen, denn soll mich's ooch
-recht sind.«
-
-Helmut war mit den anderen Jungen aus seiner Klasse eifrig beim
-Goldsammeln, auch Metall- und Nickelgegenstände trugen sie zusammen und
-Bücher für die Soldaten in den Schützengräben. Da sie meist zu zweien
-und dreien ihre Wanderungen antraten, gewann er bald eine Menge näherer
-Freunde. In den Freistunden scharte sich stets ein dichter Kreis um ihn,
-seinen Geschichten aus Brasilien zuzuhören. Er selbst fühlte sich gar zu
-gerne als Mittelpunkt und war stolz, wenn das Gelächter seiner Zuhörer
-über den Schulhof schallte. Besonders beliebt war die Geschichte von
-dem Anführer der Revolutionäre, der mit seinen Banden eine Zeitlang
-die Gegend von Waldecke unsicher gemacht und alle Pflanzer in Aufregung
-gehalten habe, bis er in der Hafenstadt, in einem Handschuhladen, als er
-sich eben ein Paar rotbrauner Glacés überstreifen ließ, niedergeknallt
-worden war. In der ganzen Tertia war man der Ansicht, die schnellste
-Beendigung des europäischen Krieges würde erreicht werden, wenn man Sir
-Edward Grey mal so in einem Handschuhladen erwischen könne! Dann kam die
-Zeit, in der Helmuts brasilianische Geschichten vergessen wurden vor der
-mächtigen Gegenwart. Der Direx trat in die Klasse und verkündigte
-den Jungen, ihr Klassenlehrer, =Dr.= Gundermann, habe vor Maubeuge den
-Heldentod fürs Vaterland gefunden. An dem gleichen Tage seien vier aus
-der Prima gefallen. Der Krieg war den Knaben plötzlich ganz nahe und
-schrecklich -- der Krieg, den sie fast als eine fortwährende Ursache zu
-allerhand Feiern und Belustigungen zu betrachten sich gewöhnt hatten.
-Immer mehr Schüler gab es unter ihnen, die den Trauerflor am Arm trugen,
-die man außerhalb der Schule neben schwarzverschleierten Frauen gehen sah,
-die sich in dem Geschrei und Gejohle des Schululks still zurückzogen.
-Man sah sie mit scheuen Augen an. Sie hatten schon das Opfer gebracht, das
-jeden aus der Jugend heut oder morgen treffen konnte.
-
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-
-[Illustration: VATER FÄHRT INS FELD]
-
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-Der Vater zieht ins Feld
-
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-Helmut stand neben seinem Vater in der Baracke und half ihm den Tornister
-packen. Er durfte ihm alle die notwendigen Dinge zureichen die Kärn in
-dem engen Raum auf seinem Rücken zu verstauen hatte: Wäsche, Strümpfe,
-Kochgeschirr, Seife, Handtuch, Kamm und Bürste, ein Paar leichte
-Pantoffel, ein Nähzeug, eine kleine Apotheke, einige Konservenbüchsen,
-ein Neues Testament, abgeschabt und zerlesen. »Das hat ein gut Stück
-Welt gesehen«, meinte Kärn nachdenklich, indem er es zu den täglichen
-Gebrauchsgegenständen schob. »Es stammt noch von meinem Vater und hat
-den siebziger Feldzug mitgemacht. Das war wohl ein Kinderspiel gegen das
-Würgen von heute. -- Ja -- Junge -- kann ich dir denn nun die Mutter
-anvertrauen? Willst du ihr immer beistehen, wenn ich nicht wiederkommen
-sollte?«
-
-Helmut nickte, sein Gesicht verzog sich wunderlich. Vater und Sohn sprachen
-leise in der Ecke bei Kärns Bett. Ringsumher gab es ähnliche Szenen.
-Überall wurde noch ein letztes Wort gesagt, denn später auf dem Bahnhof,
-da hatte man doch nicht mehr die Ruhe. Jeder gönnte es auch dem anderen
-und tat nicht, als ob er ihn sähe. »Sei auch immer gut zu Daisy«, fuhr
-Kärn fort. »Was man so von England hört -- wie die da drüben unseren
-Untergang planten ..., da kann man doch nicht mehr daran denken, das
-Mädchen dem Haß auszusetzen, der ihr um ihres deutschen Namens willen
-entgegengebracht werden würde. Das arme Kind --.«
-
-»Sie hat ja uns, Vater«, sagte Helmut, »und uns kennt sie doch viel
-besser als den fremden Großvater!«
-
-»Das meine ich auch, mein Junge. Wir könnten das Mädchen beim
-Flüchtlingsbureau abgeben, weil's doch bei uns jetzt auch knapp zugeht.
-Aber das will mir nicht in den Sinn. Das hielte ich geradewegs für ein
-Unrecht gegen meinen alten Freund. Mutter denkt auch so. Sei nur immer
-recht rücksichtsvoll gegen den Großvater. Er ist ein kränklicher alter
-Herr und arbeitet trotzdem so tapfer in der Flüchtlingshilfe! Da ist er zu
-Haus begreiflicherweise ein bißchen nervös. Und, Helmut, was ich dir noch
-sagen wollte -- der Mensch braucht sich nicht bei jeder Mahlzeit den Bauch
-vollzuschlagen bis zum Platzen. In den ersten Jahren in Brasilien haben
-Mutter und ich oft wochenlang nichts anderes gehabt als süße
-Kartoffeln -- und waren froh und gesund dabei! Sieh mal dort den kleinen
-=Dr.= Schmidt -- du gerechter Strohsack, wie will denn der das Zeug alles
-in seinen Affen kriegen -- und damit noch stürmen ...!«
-
-Der Vater war niemals für lange Ermahnungen, und so viel wie jetzt hatte
-er wohl noch kaum hintereinander zu Helmut gesprochen. Er sah, wie der an
-seinen Tränen würgte, und wollte ihm über die Rührung forthelfen.
-
-Helmut mußte auch gleich vergnügt grinsen, als er über die graue
-Wolldecke des kleinen eleganten Oberlehrers hinblickte, der schon mehrere
-schwergelehrte Bücher geschrieben hatte und nun mit einem ganz verwirrten
-Ausdruck vor all den Büchschen, Döschen, Rasierpinseln, Nagelfeilen und
-Polierern, Salben, Unterstrümpfen, Büchern, Schreibgeräten und Heften
-stand, die noch in den bereits zum Bersten vollen Tornister hinein sollten.
-
-»Herr Doktor«, meinte Kärn gutmütig, »ich rate Ihnen, lassen Sie die
-Geschichte ruhig hier. Im Schützengraben haben Sie ja doch keine Zeit,
-alle die Sachen auch nur auszupacken -- und 's Marschieren wird Ihnen
-ohnehin nicht leicht! Ich sehe die Bücher und die Büchschen schon in den
-Chausseegraben sausen.«
-
-»Ach, lieber Kärn«, seufzte der junge Mann, »vielleicht haben Sie
-recht. Es ist einmal meine Eigentümlichkeit, allzu weitläufig zu sein
-und mich von lieben Angewohnheiten nicht gut trennen zu können. Ich bin ja
-bereit, fürs Vaterland zu sterben -- aber wie ich es fertigbringen soll,
-dem Vaterland zulieb ohne Bücher zu leben -- das weiß ich noch nicht!«
-
-»Das lernt sich im Urwald und im Krieg von selbst«, bemerkte Kärn
-trocken. »Es ist die höchste Zeit, Herr Doktor. Ziehen Sie sich nur die
-Schnürstiefel an, inzwischen wollen wir sehen, was sich noch unterbringen
-läßt. Komm, Helmut, halt mir mal das Ding auf.«
-
-Unter Kärns geschickten Händen konnte noch erstaunlich viel von den
-Heften und den Toilettengegenständen, die Herr =Dr.= Schmidt nicht
-glaubte entbehren zu können, verstaut werden. Ein Paket Bücher über
-griechische Lyrik wurde Helmut zum gelegentlichen Nachsenden übergeben.
-
-Dann hing Kärn seinen Affen mit Mantel, wollener Decke und der Zeltbahn,
-eine ganz gewichtige Last, über die Schulter, stülpte den feldgrauen Helm
-mit dem bunten Strauß von Astern und Herbstrosen auf den braunen
-bärtigen Kopf, zog noch einmal die Uniform straff und langte nach dem
-blumengeschmückten Gewehr. Helmut folgte jeder Bewegung des Vaters mit
-den Augen. Gesprochen wurde nicht mehr. Jedes Wort schien gleichgültig in
-dieser Stunde.
-
-Es war ein köstlicher blauer Oktobertag, als die Mannschaft sich
-sammelte. Über die gelben Stoppelfelder spann sich silbernes Mariengarn,
-türkisblaue Zichorie blühte an den Wegrändern, der Kiefernwald lag
-dunkelgrün hinter den roten Dächern der Ortschaft, und weißstämmige
-Birken wehten mit ihren Goldfahnen über den Häuptern der grauen Krieger.
-Eine herbe Frische war in der Luft, wie sie nur der Herbst kennt. An allen
-Drahtzäunen standen Frauen, Kinder, alte Männer mit Paketen, um ihren
-Angehörigen zum Bahnhof das Geleit zu geben.
-
-Endlich traten die Kolonnen in Gliedern an, es war verblüffend, wie der
-laute, wilde Wirrwarr sich plötzlich sinnvoll ordnete. Die Offiziere
-schwangen sich auf ihre Gäule, der Tambourmajor hob den Stab, schmetternd
-setzten die Trompeten, Zimbeln und Becken ein, die Trommeln wirbelten in
-einer anfeuernden Marschmelodie. Dröhnend klang der Schritt der schweren
-Stiefel, aus Hunderten von Männerkehlen tönte der rauhe Gesang zum
-Sonnenhimmel auf.
-
-Wie war die Heimat doch so wunder-wunderschön! Friedvoll und frei sollst
-du blühen, Heimat, so dachte jeder Offizier, jeder Soldat, und wenn wir
-alle darob verbluten müßten! Kehrt keiner von uns Männern wieder --
-so wachsen aus deutschen Knaben neue Männer auf, um deutsche Ehre und
-deutsches Wesen hochzuhalten in der Welt!
-
-Wilhelm Kärn marschierte als Letzter in einem Seitengliede, so durfte
-Helmut während des Marsches neben ihm traben und seine Hand halten.
-
-Der lange Wagenzug stand grünbekränzt in der Bahnhofshalle, viele
-Wagen trugen mit Kreide komische Inschriften, wie: Hier werden noch
-Kriegserklärungen angenommen, oder: Jeder Stoß ein Franzos', jeder Schuß
-ein Russ' und andere Verse, von den Mannschaften dort hingemalt. Jeder
-eilte zu der ihm angegebenen Wagennummer. Eingekeilt zwischen anderen
-Männergesichtern, schaute das des Vaters zum Fenster hinaus, und weil
-alle Helme und Gewehre mit Blumensträußen geschmückt waren, gab das
-ein lustiges buntes Bild. Der Bahnsteig stand voll von Frauen und Kindern,
-alten Mütterchen und feinen Damen, die alle den Vätern, Söhnen
-und Brüdern ein letztes Lebewohl zurufen wollten. Frau Kärn mit den
-Großeltern und der Gänseblume hatten auf dem Bahnhof gewartet. Der
-Großvater stand streng aufgerichtet, kein Zug seines weißbärtigen
-Gesichtes veränderte sich. Über die Mutter mußte Helmut sich wundern.
-Als der Vater sich in Hamburg stellen wollte, hatte sie so heftig geweint,
-aber nun der Abschied wirklich da war, schaute sie beinahe fröhlich zu ihm
-auf und rief ihm allerlei Scherzworte zu. Ebenso die Großmutter. Ein sehr
-großes, junges, blondes Mädchen in Schwesterntracht lief am Zuge entlang
-und reichte den abziehenden Truppen Becher mit Kaffee hinauf. Auch der
-Vater trank eilig. Sie sprang von Wagen zu Wagen, einer der Soldaten rief
-ihr zu: »Schwester, Sie könnten wir gut beim Sturmangriff brauchen!«
-Alles lachte, auch Helmut, obgleich er nicht sicher war, ob sich das wohl
-schicke in dieser feierlichen Stunde. Doch wurden von allen Seiten Witze
-gemacht und immer wieder die herausgestreckten Hände der Feldgrauen
-geschüttelt. Bis es endlich doch zum allerletztenmal geschah. Mit dem
-brausenden Gesang der Mannschaften: »Deutschland, Deutschland über
-alles« fuhr der Zug aus der donnernden Halle gerade hinein in die
-flammende Abendröte.
-
-
-
-
-Kriegswinter
-
-
-Der Siegesjubel über die herrlichen Erfolge der Armeen war stiller
-geworden. Trotz der ungeheueren Niederlagen der Russen trieb das Zarenreich
-immer neue Menschenhorden aus seinen unermeßlichen Weiten hervor. Trotz
-der Besetzung Belgiens und der Eroberung von Frankreichs schönsten
-Provinzen hatte die Hoffnung auf einen glorreichen Frieden, auf den stolzen
-Einzug der Truppen durch das Brandenburger Tor noch immer keine Aussicht
-auf baldige Erfüllung. Auch bei unseren Feinden kämpften starke Mächte
-für heiligen Besitz. In den Franzosen war ein großer Ernst erwacht. Wie
-nun der Krieg sich gewendet hatte, war es für sie kein Eroberungskrieg
-mehr; es galt jetzt auch hier die Rettung des Vaterlandes vor den Barbaren.
-Denn als Barbaren, als Räuber und Mörder wurden ihnen die Deutschen von
-ihren Zeitungen hingestellt. Prediger und Lehrer scheuten sich nicht, alle
-die Lügen, die in Frankreich über die Deutschen verbreitet wurden, der
-Jugend als Wahrheit zu lehren und auf diese Weise ihre Herzen mit Haß
-zu erfüllen. In Deutschland galt es für unritterlich, die Feinde zu
-beschimpfen, aber das wollte man jenseits der Vogesen und des Kanals
-nicht glauben. Überall an den Fronten stand Tapferkeit gegen Tapferkeit,
-Opfermut gegen Opfermut.
-
-Ein großes Warten auf Erlösung lag über der Welt.
-
-England wollte Deutschland aushungern; kein neutrales Land sollte ihm
-mehr Nahrungsmittel liefern. Damit die innerhalb der deutschen
-Grenzen befindlichen Vorräte ausreichten, begann die Regierung
-Sparsamkeitsmaßregeln einzurichten. Noch nie, seit die Erde bestand, war
-einem Millionenvolk die tägliche Nahrung zugeteilt worden. Es schien eine
-so schwere Aufgabe, wie in der Geschichte von dem Mann, der den Wolf,
-die Ziege und den Kohlkopf in einem Boot über den Fluß bringen sollte.
-Fraßen die Pferde, die Kühe, Schweine und Hühner zuviel Kartoffeln,
-Hafer, Gerste und Weizen, so blieb für die Menschen nicht genug übrig.
-Verbot man, die Tiere mit dem kostbaren Stoff zu füttern, so starben sie,
-und es fehlte den Menschen wieder an Fleisch, Milch, Butter und Eiern. Und
-doch gelang die große Aufgabe, zum Erstaunen der Welt. Zuerst begann man
-einem jeden das tägliche Brot zuzumessen. Es wurden Brotkarten verteilt,
-auf die man es beim Bäcker holen mußte. Waren die vorgeschriebenen
-Abschnitte zu Ende, so gab's nichts weiter. Die Kaiserin und die
-Prinzessinnen erhielten nicht mehr als die ärmste Fabrikarbeiterin.
-
-Manche unter Helmuts Kameraden in der Schule schimpften, obwohl sie noch
-reichlich Käse und Wurst zum Frühstück mitbrachten. Andere kauten tapfer
-ihre trockene Schnitte Kriegsbrot und ließen sich statt Fleisch und Käse
-von ihren Müttern Geld geben, das sie zu Zigarren für die Verwundeten,
-oder für die Väter und Brüder im Feld sparten. Zu den letzteren gehörte
-auch Helmut. Er hätte sich geschämt, Butter zu nehmen, während er sah,
-wie dünn sich die Mutter ihr Brot mit Marmelade strich. Die Leckermäuler,
-die jetzt noch Schokolade und Süßigkeiten lutschten, wurden von den
-übrigen Jungens verhöhnt und verspottet, denn einen Spaß wollte man doch
-von der Entsagung haben.
-
-Frau Kärn fand eine Stelle bei der Brotkommission, wo die Karten verteilt
-wurden. Sie verdiente täglich vier Mark und fünfzig Pfennige. Das gab
-sie der Großmutter für den Haushalt. Da der Weg von ihrem Bureau nach
-Charlottenburg zu weit war, aß sie in der nächsten Mittelstandsküche. In
-allen Stadtteilen gab es solche Küchen, für das Volk, für die Künstler,
-für Beamte und andere bürgerliche Familien. Manche feine reiche Frau,
-die alle Finger voller Brillantringe trug, kochte dort das Essen, putzte
-Möhren, schälte Kartoffeln und achtete es nicht, daß ihre Hände rot und
-hart von der Arbeit wurden. Junge fröhliche Mädchen bedienten die Gäste,
-und auf allen Tischen standen Blumen. Helmut hätte am liebsten immer dort
-gegessen, er fand es viel lustiger als bei den Großeltern.
-
-Überhaupt verlief dieser Winter etwas trübselig für ihn. Er vermißte
-Sonne und Luft und die gewohnte Arbeit in Feld und Garten. Hatte er die
-Pferde in der Koppel zusammengejagt, um ihnen den Stempel aufzubrennen,
-oder war er gewandt wie ein Affe in die Bäume geklettert, um die
-herrlichen Früchte zu ernten, von denen die Jungen hier nicht einmal die
-Namen wußten, ja, da war der Vater zufrieden gewesen und hatte ihn gelobt
-oder nur in sich hineingeschmunzelt. Da draußen hatte er seinen Mann
-gestanden, hier war er nichts als ein dummer, ungeschickter Schuljunge.
-Er sah es täglich, wieviel mehr seine Freunde aus der Tertia wußten
-und konnten als er. Der eine spielte Klavier, der andere die Geige. Karl
-Wilders machte die feinsten elektrischen Experimente, Georg Lange zeichnete
-wie ein Erwachsener und redete mit Pringsheim über die Bilder in den
-Museen, so daß Helmut die Haare zu Berge standen über ihre Klugheit.
-Zu Haus wurde er auch so viel gescholten, wie nie zuvor in seinem Leben.
-Entweder er hatte sich die Füße nicht abgetreten, oder die Türen
-zugeschlagen, oder er kam mit ungewaschenen Händen zu Tisch, was
-die Großmutter durchaus nicht leiden wollte. Er verlor am Ende jedes
-Selbstgefühl und kam sich wie ein rechter Urwaldstölpel vor. Dabei wurde
-er immer unleidlicher. Die hübsche Gänseblume, die der Großmutter brav
-und geschickt zur Hand ging, wurde ihm beständig als Beispiel hingestellt,
-bis er sie am Ende nicht mehr ausstehen konnte. Er sprach nur noch
-das Nötigste mit ihr, ging brummig herum und fühlte sich einsam und
-unverstanden. Der Vater fehlte ihm an allen Ecken und Enden -- niemals
-waren sie früher getrennt gewesen, immer hatten sie zusammen gearbeitet.
-Die Nachrichten von ihm liefen selten und spärlich ein. Er schrieb, sein
-Regiment werde vielleicht nach Polen versetzt, um an den Karpathenkämpfen
-teilzunehmen, und er sei zum Unteroffizier befördert, habe auch das
-Eiserne Kreuz. Das war eine Freude; Helmut erzählte es jedem, der ihm
-begegnete, sogar seinem Freunde, dem Schutzmann Müller an der Ecke der
-Schloßstraße, den er stets um Rat zu fragen pflegte, wenn er nicht
-wußte, welchen Tram er nehmen müsse, oder wie er zu gehen habe, um sich
-in der Riesenstadt nicht zu verlaufen. Dann aber hörten sie wochenlang
-nichts von dem Vater, wußten nicht, ob er noch lebte oder dort in dem
-fremden, verschneiten Gebirge gefallen war.
-
-Bisher war es mild und regnerisch gewesen. Das Ende des Februar brachte mit
-einemmal noch einen großen Schneefall und gleich darauf harte Kälte.
-Alle Türme und Dächer trugen weiße Hauben, die Bäume glitzerten wie
-in Silber eingesponnen und mit weißen Blütenbüschen geschmückt; die
-Straßen waren glatt und schienen von der Sonne mit tausend Funkellichtern
-bestreut, nur die Geleise der Straßenbahnen zogen sich dunkel durch die
-lichte Pracht. Ein ungewohnter, märchenhafter Anblick für Helmut. Die
-Mutter hatte ihm in Brasilien oft vom Schnee erzählen müssen. Einmal, als
-er krank war und vor Fieberhitze glühte, hatte sie ihm die Geschichte von
-der schönen Königin erzählt, die am Fenster saß und nähte, und sie
-wünschte sich ein Kind, so rot wie Blut, so weiß wie Schnee; das solle
-dann Schneewittchen heißen. Helmut hatte die Mutter mit Fragen geplagt,
-wie weiß und wie kalt denn der Schnee sei. Die Affen hatten in den
-Mangobäumen gekreischt, wo sie sich Früchte stahlen; die Mutter hatte
-durchs offene Fenster auf die blütenumrankte Veranda gezeigt, auf deren
-Boden das Mondlicht hell und weiß lag, und hatte gesagt: »Das sieht
-beinahe so aus, als habe es geschneit.« Nun sah er den Schnee in
-Wirklichkeit und schritt lachend durch das Flockengewirbel. Schnell lernte
-er, die Schneebälle formen, und beteiligte sich mit Feuereifer an der
-Schlacht auf dem Schulhof. Als er vor der Haustür mit der Gänseblume
-zusammentraf, sauste der ein wohlgezielter Ball in den Nacken, so daß sie
-laut aufkreischte, ihn aber gleich gewandt zurückgab.
-
-In früheren Jahren hatten sich bei jedem Schneefall sofort Hunderte
-von Schippern eingestellt, um zum Bedauern der Kinder die Straßen der
-Hauptstadt von der verkehrshindernden Decke zu befreien. Die Schipper taten
-jetzt in den Schützengräben ihre Arbeit. Darum wurde von den Lehrern die
-Jugend aufgerufen, ihr Amt zu versehen. Das gab einen Heidenjubel. In der
-einen Straße hackten, schaufelten und schippten die Backfische in ihren
-weißen, roten und blauen Sportjacken unter Aufsicht frischer jugendlicher
-Lehrerinnen, in der nächsten mühten sich die Buben, die sehnigen
-Gestalten der Jugendwehr mit ihren graugrünen Joppen, die schwarz-weiße
-Binde um den Arm; die Pfadfinder mit den seitwärts aufgeschlagenen Hüten
-kommandierten wichtig. Die Kleineren, ebenfalls in allerlei bunten Sweaters
-und Sportjacken, schlugen sich mit dem schweren Gerät herum, das sie,
-weil es für kräftige Männerarme berechnet war, kaum bewältigen konnten.
-Geschrei und Gelächter gab es auf beiden Seiten, und jeder tat seine
-Pflicht nach Kräften, wenn auch oft ein bißchen ungeschickt. Das war
-nun etwas für Helmut. Dergleichen verstand er besser als die Berliner
-Großstadtjugend. Er schwang die Spitzhacke, hieb in das festgefrorene Eis
-des Fahrdammes, daß es nur so eine Art hatte. Bald war er der Anführer
-einer ganzen Schar von Kameraden, die er anstellte, so daß Zug und Ordnung
-in die Sache kam. Im Laufe von zwei Stunden war die Straße glatt und rein,
-der Schnee zwischen Damm und Bürgersteig sauber aufgeschichtet. Strahlend,
-mit leuchtenden Augen und roten Backen kam er nach Haus. Zum erstenmal seit
-langer Zeit schwatzte er wieder lustig mit der Gänseblume und schilderte
-ihr drollig, wie zwei Primaner, solche, die schon Siegelringe und
-Bügelfalten trugen und die Aufsicht hätten führen sollen, sich an
-einen Kohlenwagen gelehnt und in ein wissenschaftliches Gespräch vertieft
-hätten, statt sich um die Kleinen zu kümmern.
-
-»Weißt du«, bemerkte er pfiffig, »sie sagten, sie führten ein
-wissenschaftliches Gespräch -- dabei quatschten sie nur über Mädchen.
-Ich habe es genau gehört!«
-
-Einige Tage später nahm seine Mutter nach dem Abendessen Hut und Mantel.
-
-»Wo willst du denn noch hin, Mutti«, fragte Helmut, »es ist Glatteis und
-ganz gefährlich auf der Straße.«
-
-»Ich möchte in die Kriegsbetstunde in der Gedächtniskirche«, antwortete
-die Mutter, »es wird mir schon nichts geschehen!« »Dann will ich mit
-dir gehen und dich führen«, rief Helmut schnell. Sie nahm sein Anerbieten
-gerne an. Schon auf dem Wege zum Tram bereute er ein wenig seinen schnellen
-ritterlichen Entschluß. Dort in der Kirche gab es gewiß viele Frauen, die
-weinen würden, das war ihm höchst peinlich. In dem Tram stellte er sich
-recht deutlich vor, wie seine Mutter mit gebrochenem Fuß mitten auf dem
-Damm liegen und womöglich noch ein Auto kommen und sie überfahren würde.
-Auf diese Weise überzeugte er sich, daß es von großer Wichtigkeit sei,
-wenn er an ihrer Seite bliebe.
-
-Sie saßen oben auf dem Chor. Helmut blickte auf die goldenen Mosaikwände,
-auf denen im gedämpften Licht des Kronleuchters Engel mit farbigen
-Flügeln, Gestalten von Aposteln und Heiligen erschienen. Solche Pracht
-sah er noch nie. Sie diente zum Rahmen für die Frauen, die das Schiff
-der Kirche in dichtgedrängten Reihen füllten; gar manche trug den langen
-schwarzen Witwenschleier. Doch auch viele Männer waren gekommen, alte und
-junge Feldgraue und hohe Offiziere, die an den Marmorsäulen lehnten, weil
-sie keinen Platz mehr gefunden hatten. Helmut entdeckte auch einige Jungen
-seines Alters -- es waren wohl Konfirmanden -- ihre Gegenwart gab ihm
-gleich ein Gefühl größerer Sicherheit.
-
-Nicht alle Kerzen waren entzündet; ihr Licht schwamm in einer goldigen
-Dämmerung, aus der vom Altar die weißschimmernde Gestalt Christi
-grüßte. Die Orgel begann zu spielen; ihr wundervoller Klang schwebte
-überirdisch zart durch das hohe Gewölbe, Frauenstimmen erhoben sich zu
-einem Psalmengesang von unendlicher Süße, anschwellend zu feierlicher
-Erhabenheit.
-
-Dem Knaben aus der Wildnis, der nur die Farmhäuser der Ansiedler kannte
-und den rauhen, etwas unreinen Gesang der Schulbuben seiner Klasse, ist
-zumut, als solle ihm das Herz zergehen bei der himmlischen Musik. Er neigt
-den Kopf, faltet die Hände und fühlt Gottes Nähe.
-
-Während der Predigt des Pfarrers beginnen seine Gedanken zu schweifen.
-
-Alle diese Menschen um ihn her bitten, wenn sie ihre Häupter neigen,
-um ein teures Leben -- Gott wird ihre Bitten nicht erhören, das ist
-entsetzlich. Eine Angst erfaßt ihn. Vielleicht, wenn er mit der Mutter
-heimkommt, liegt auf dem Tisch der Brief mit dem Amtsstempel, der ihnen
-meldet, daß der Vater gefallen ist.... Ihm gegenüber an der Wand
-hinter dem Altar sieht er das Bild eines hohen strengen Mannes. Gerade
-aufgerichtet stützt er sich auf sein langes Schwert. Gott trägt jetzt
-auch ein Schwert und mäht erbarmungslos die Menschen dahin, Gute und Böse
-miteinander. Und Jesus steht weißschimmernd in der Marmorhütte über dem
-Altar, blickt ernst und gütig und kann nicht helfen.
-
-Mutter und Sohn schritten durch den Schnee und Mondenglanz, der hell über
-den Häusern lag. Sie gingen langsam, die Mutter stützte sich auf Helmuts
-Arm.
-
-»Mutter«, sagte der Junge plötzlich heftig, »glaubst du, daß wir noch
-einmal im Leben nach unserem Waldeck zurückkehren werden? Glaubst du, daß
-wir Vater noch einmal wiedersehen? Oder haben wir alles, alles verloren?«
-
-Frau Kärn bewegte schweigend den Kopf, sie konnte nicht reden. Seit drei
-Wochen hatte sie keine Nachricht mehr von ihrem Manne.
-
-»Der Pfarrer hat ja wieder so schön und tröstend geredet«, begann sie
-nach einer Weile und ihre Stimme klang verzagt. »Aber ich weiß nicht --
-mir waren es nur leere Worte. Ich will ja tapfer und mutig sein, nur -- die
-Kraft ist nicht mehr da. Ich kann auch nicht mehr beten -- nein, wenn ich
-beten will, empört sich mein Herz gegen Gott. Ich sage mir: Wie kann er so
-grausam sein -- wie kann er seine Menschenkinder so peinigen? Er ist kein
-Gott der Güte ...«
-
-Helmut fühlte, daß die Mutter ihm mit ihrem Vertrauen etwas Kostbares
-schenkte. Also auch ihr ging es wie ihm selbst; sie zweifelte, sie schlug
-sich mit vielerlei Gedanken über Gott herum, sie konnte zu keiner Klarheit
-kommen. Wie bleich und müde sah sie aus! Inbrünstig wünschte er, ihr
-etwas sagen zu können, was ihr helfen möchte.
-
-Plötzlich sah er aus der Vergangenheit ein Bild deutlich in seinem
-Gedächtnis auftauchen. »Weißt du noch, Mutter«, rief er lebhaft, »wie
-unsere schöne Bläß -- die mit dem weißen Fleck auf der Stirn, die
-so viel Milch gab, in der Nacht so krank wurde? Sie hatte was Giftiges
-gefressen und lag so aufgetrieben im Stall und brüllte in Todesangst.
-Weißt du noch, wie Vater da das große, scharfgeschliffene Messer holte,
-und wir alle mußten die Kuh halten, und er stieß ihr das Messer in den
-Bauch? Es war doch gräßlich anzusehen.... Aber das böse Gas ging fort
-und unsere Bläß wurde wieder gesund. -- Vielleicht -- ich weiß ja nicht
--- es ist wohl dumm -- ich dachte nur gerade: Vater hatte das Tier doch
-schrecklich lieb und stach so derb zu ...«
-
-Helmut schwieg verlegen, denn er genierte sich, so viel geredet zu haben
-und den Herrgott mit seinem Vater zu vergleichen. Die Mutter drückte
-seinen Arm an sich. Beide fühlten sich befreit und getröstet.
-
-
-
-
-Eine Enttäuschung und neue Aussichten
-
-
-Helmut war mit seiner Mutter in der Dorotheenstraße gewesen, um dort die
-Verlustlisten, die mannshoch die Mauern bedeckten, durchzustudieren. Sie
-hatten sich auch auf dem Bureau erkundigt. Man sagte, solange ihnen noch
-keine Anzeige vom Regiment zugegangen sei, wäre noch kein Grund zur
-Beunruhigung vorhanden. Die neuen Frühlingsoffensiven hätten eingesetzt,
-weiter und weiter dringe unser Heer ins Innere von Rußland ein, da sei
-es denn oft für die Truppen unmöglich, Nachricht bis an die nächste
-Feldpoststelle gelangen zu lassen. Das alles klang sehr verständlich. Aber
-es beruhigte Helmut keineswegs. Er meinte, wenn sein Vater wirklich gesund
-sei, so müsse es ihm auf irgendeinem Wege möglich sein, eine Karte in die
-Heimat gelangen zu lassen. Wahrscheinlich war er verwundet oder krank,
-lag in Fieberphantasien in irgendeinem Lazarett; oder er war gefangen,
-man hatte ihn fern nach Sibirien verschleppt! Alles, was der Junge in
-den Zeitungen an Leiden und Quälereien las, die von Feinden über unsere
-Gefangenen verhängt worden waren, stellte sich mit schrecklichen Bildern
-vor seiner Phantasie ein, raubte ihm den Schlaf und verfolgte ihn auch
-am Tage. Von einem Schulkameraden erfuhr er, es seien Verwundete von
-dem Regiment, bei dem sein Vater stand, in einem Lazarett in Tempelhof
-eingetroffen. Der Kamerad hatte einen Vetter dabei, den er besuchen wollte.
-Helmut schloß sich ihm sofort an. Er hörte unterwegs, das Regiment sei
-in schwere Kämpfe verwickelt und fast aufgerieben worden. Jetzt befinde
-es sich wieder mehr im Norden in Ruhestellung, um sich zu erholen und neu
-aufgefüllt zu werden. Das klang nicht sehr ermutigend.
-
-Die beiden Jungen fuhren wohl eine Stunde lang mit dem Tram durch die
-ungeheure Stadt, vorüber an dem weiten sandigen Platz, wo im Frieden die
-glänzenden Kaiserparaden stattfanden. Der Mitschüler zeigte Helmut die
-einsame große Pappel, unter der der Kaiser mit seinem Stabe zu halten
-pflegte, um die Truppen an sich vorbeimarschieren zu lassen. Doch hatte
-Helmut heute kein Interesse für seine Erzählungen -- er war zu gespannt
-auf die Nachrichten, die er empfangen würde. Endlich kamen sie in die
-Lazarettstadt -- so konnte man sie wohl nennen, diese Gruppen von sauberen
-Häusern zwischen freundlichen Gartenanlagen, in denen schon Hyazinthen
-und Krokus blühten. Die verwundeten und genesenden Krieger wandelten oder
-saßen im Sonnenschein. Das Herz schlug Helmut mächtig, als sie beide
-in den Saal traten, wo die Brandenburger lagen. Zwei lange Reihen weißer
-Betten, mit vielen, vielen Männerköpfen auf den Kissen. Manche trugen
-Verbände um Stirn und Wangen, die Arme in Binden. Zwischen ihnen hin und
-her gehend freundliche junge Schwestern in weißen Häubchen und weißen
-Schürzen, Scherze machend, Kaffeebecher verteilend, hier und da eine
-Handreichung leistend, einem die Kissen höher rückend, einem anderen den
-Becher an die Lippen setzend. Und Blumen, Schalen mit Äpfeln und Orangen
-überall neben den Betten auf den niedlichen Glastischchen.
-
-Helmut hatte geglaubt, in einem Lazarett müsse eine Totenstille herrschen.
-Indessen hallte in dieser Nachmittagsstunde der Saal wider von fröhlichem
-Lachen und Plaudern. Fast neben jedem Bette hatte sich Besuch eingefunden,
-jeder kam mit kleinen Geschenken an für die verwundeten Lieben. Eine Dame
-in Trauer ging durch die Reihen und verteilte Pfannkuchen, eine andere
-Zigaretten. Der Vetter von Helmuts Kameraden war noch ein junges
-Bürschchen, kaum achtzehn Jahre alt, durch einen Schuß ins Knie schwer
-verwundet. Er hatte Fieber, ganz blanke Augen in einem blassen zarten
-Gesicht. Mit scheuer Bewunderung blickten die beiden Knaben auf das Eiserne
-Kreuz, das über seinem Bette hing. Gern gab er Bescheid auf alle Fragen
-Helmuts. -- Ja -- einen Wilhelm Kärn, älteren Landwehrmann -- dritte
-Kompagnie -- freilich -- war denn der nicht....
-
-Er wandte sich an seinen Bettnachbar: »Du, Kamerad, war denn der Kärn
-nicht auch auf dem Verbandplatz, nach der Attacke da bei dem Dorfe, wo wir
-die Kerle, die Russen, rausschmissen?« »Kärn -- Friedrich?« »Nein,
-Wilhelm.« »So, Wilhelm. Kann mich nicht besinnen, mein Kopp is alleweilen
-bißchen dösig ... So'n großer, mit 'nem braunen Vollbart?« »Ja, ja«,
-fiel ihm Helmut heiser vor Aufregung ins Wort. »Is denn der nich gefallen?
-Ich meine, der lange Lehmann hätte gesagt -- den Kärn, den hat's nu
-ooch....« »Ach, bewahre -- was der schwatzt! Ich habe ihn deutlich in
-Erinnerung. Ein freundlicher Mann, ließ mich noch aus seiner Flasche
-trinken. Mich dünkt, es war bei ihm ein Kopfschuß -- er hatte sich's
-Taschentuch umgewickelt, und das war ganz voll Blut.«
-
-Er sah, wie Helmuts Lippen zuckten, wie er grünweiß wurde. »Na, darum
-braucht es noch nicht gefährlich zu sein -- an Blut gewöhnt man sich da
-draußen«, fügte er tröstend hinzu. »Und dann?« drängte Helmut,
-»was wurde dann mit ihm?« »Ja, das kann ich nicht sagen, mich haben
-sie narkotisiert -- weiter weiß ich nichts mehr. -- Da drüben liegt noch
-einer von unseren Leuten, vielleicht fragen Sie den mal?«
-
-Doch dieser Verwundete war von einer anderen Kompagnie und hatte Kärn
-nicht gekannt. Neben ihm saß eine hübsche, blühende Frau, deren
-glänzende Braunaugen mit warmer Teilnahme auf Helmut blickten. »Das ist
-schwer, die Ungewißheit um einen Menschen, den man liebt«, sagte sie
-freundlich. »Ich hab's auch durchgemacht, um den großen dicken Kerl
-hier!« Dabei schlug sie ihrem Manne zärtlich auf die Hand.
-
-»Schweres wird jetzt keinem erspart«, meinte der ernst. »Sieh mal den
-dort drüben« -- er meinte den Vetter von Helmut's Schulfreund -- »das
-ist ein Held. Gestern hat ihm der Arzt eine Menge Knochensplitter aus dem
-Bein genommen. Nicht gemuckt hat er, immerfort gelacht und gespaßt! Nachts
--- da höre ich ihn, wenn er sich vor Schmerzen nicht zu lassen weiß und
-das Kopfkissen vor den Mund preßt, damit sein Wimmern keinen im Schlaf
-stört. Achtzehn Jahre -- aber ein Mann, ein ganzer Mann!«
-
-Helmut saß betäubt von Traurigkeit. Was sollte er jetzt tun? Er hatte
-so fest darauf gebaut, durch die Kameraden eine Nachricht vom Vater zu
-erhalten. Der Verwundete, ein älterer Landwirt, redete mit seiner Frau
-über die Frühjahrsbestellung und wie schwierig es sei, die Leute für die
-dringendsten Arbeiten zu bekommen. Sie habe sich schon um mehr Gefangene
-ans Ministerium gewandt, man habe ihr auch welche versprochen. Ein
-paar Wandervögel hätten sich für die Osterferien angeboten, doch die
-Stadtjungen, so gut sie's auch meinten, seien doch so unbewandert in
-ländlichen Arbeiten und müßten erst mühsam angelernt werden.
-
-»Nehmen Sie mich als Hilfe für die Ferien«, sagte Helmut plötzlich --
-er wußte selbst kaum, was ihn zu dem jähen Entschlusse trieb. Aber er war
-gleich ganz klar und bestimmt. Er versicherte dem Landwirt und seiner Frau,
-daß er Bescheid wisse mit der Arbeit in Stall und Feld. Der Verwundete
-fragte ihn aus; seine Antworten zeigten gute Kenntnisse. »Na, wie wär's,
-Frau?« fragte der Verwundete, »wollen wir's mal mit dem jungen Herrn
-probieren? Aber keiner Arbeit wird sich geschämt -- Mist muß gefahren
-werden und Jauche, das riecht nicht schön, ist aber notwendig.« Helmut
-lachte. »Kenn' ich, kenn' ich! Unsere Maisfelder mußten auch gedüngt
-werden und die Bananenbüsche! Das habe ich immer allein mit unserem Neger
-besorgt!« »Na, denn also los! Wenn's Mutter erlaubt!« »Die wird's
-erlauben -- die ist froh, einen Esser los zu sein.« Es wurde nun noch ein
-kleiner Lohn für Helmut verabredet, volle Beköstigung und Nachtquartier
-solle er im Hause bekommen und am ersten Tage der Ferien antreten.
-
-Helmut stürmte nach Haus. Die neue Aussicht überwog die Enttäuschung.
-Still und brav bei der Bäuerin arbeiten? -- Nein -- da hatte er ganz
-andere Pläne im Sinn! Schweigen -- nur schweigen und sich nicht verraten!
-
-
-
-
-[Illustration: LANDARBEIT IM KRIEGE]
-
-
-
-
-Helmut und Frau Ledderhose
-
-
-Helmut kam gut aus mit Frau Anne Ledderhose. Sie war eine frische lustige
-Frau. Wenn sie des Sonntags zum Kirchgang angekleidet war, sah sie aus wie
-eine feine Dame. Am Alltag trug sie derbe Waschkleider, stand des Morgens
-um drei Uhr vor dem Kuhstall, das Melken zu beaufsichtigen, stapfte
-hochgeschürzt, in Transtiefeln, mit dem alten Lodenmantel ihres Mannes
-angetan, über die aufgeweichten Frühlingsäcker und fuhr den ganzen Tag
-lang unermüdet wie eine Lokomotive unter Volldampf durch Haus und Hof,
-um überall nach dem Rechten zu sehen. Die Mägde, alte und junge, hatten
-mächtigen Respekt vor ihr. Die gefangenen Russen, die zur Männerarbeit
-auf dem Hofe waren, und viel lieber träumend in der Sonne lagen als
-pflügten oder säten, die sperrten Mund und Nase auf, wenn Frau Anne sie
-derb an der Schulter packte und deutsch auf sie einschalt. Verstanden sie
-die Worte auch nicht, den Ton der hellen Stimme begriffen sie ganz gut.
-Willig ließen sich die sechs Mann abends um acht Uhr von ihr in den
-Schuppen einschließen, wo ihr Nachtlager war. »Ich habe doch die
-Verantwortung für die Kerls«, pflegte sie zu sagen, »es soll mir niemand
-nachreden, daß Frau Anne Ledderhose einen hätte entwischen lassen!«
-
-Eines Morgens weigerte sich einer der Gefangenen, zur Arbeit anzutreten.
-Brummig erklärte er, mal ausschlafen zu müssen! »Laßt ihn nur
-schlafen«, sagte Frau Anne und ein kleiner pfiffiger Zug spielte um die
-Winkel ihres roten Mundes. Als die Kameraden mit ihren Näpfen mittags in
-der Küche vor dem großen Kessel antraten, aus dem Frau Anne auszuteilen
-pflegte, sah sie den Langschläfer groß an und schüttelte den Kopf.
-Drauf nahm sie ihn beim Ärmel und führte den Riesenkerl unter allgemeinem
-Gelächter zum Schuppen zurück, wies auf seine Matratze und sagte:
-»Schlafen -- nicht essen! Arbeiten -- gut essen! Verstanden?« -- Na, er
-hatte verstanden, der Rußki. Am nächsten Morgen stand er brav mit den
-andern beim Rübenstecken. --
-
-Sonst wurde nicht geknausert mit dem Essen auf dem wohlhäbigen Bauernhof.
-Von Kriegsnot merkte man im Frühling 1915 noch nichts. In die fett mit
-Leber- oder Blutwurst belegten Butterbrote biß auch Helmut mit Vergnügen.
-
-Die Näpfe der russischen Arbeiter faßten ein Liter zusammengekochtes
-Essen. Aber damit hatten die Fresser oft nicht genug. Es war, als müßten
-sie sich hier für die Not und Entbehrung eines ganzen Lebens schadlos
-halten. Besonders das Faultier, der verschlafene Riese, aß für zwei.
-»Ich möchte nur wissen, wann der mal von selber aufhören würde«, sagte
-Frau Anne lachend, und es reizte sie, den Versuch zu machen. Als es einst
-Kohlrüben mit Schweinefleisch gab, ein Gericht, für das er eine besondere
-Vorliebe hatte, durfte er kommen und sich seinen Napf füllen lassen, so
-oft er wollte. Mit einem spitzbübisch freundlichen Gesicht schwang Frau
-Ledderhose ihre Kelle und fragte immer wieder aufmunternd: »Noch mehr?«
-
-So vertilgte er denn nach und nach fünf Liter Kohlrüben und
-Schweinefleisch mit den dazugehörigen Kartoffeln. Was nur auf dem Hofe
-Beine hatte und einen Mund zum Lachen, kam angelaufen: Mädchen, Kinder,
-der halbblinde Schafhirte und das gichtgekrümmte Mütterchen, die
-Frau Annes Kindermuhme gewesen war, sie alle betrachteten staunend die
-Meisterleistung.
-
-Als die fünf Liter verzehrt waren, klopfte sich der Riese wohlgefällig
-den Bauch, schmunzelte über sein ganzes gutmütiges Gesicht, wischte sich
-mit dem Handrücken das Fett aus den Mundwinkeln und küßte Frau Anne
-ehrfurchtsvoll dankbar den Rocksaum. So spaßige Dinge passierten oft in
-Jarmlitz. Helmut wäre am liebsten ganz und gar dort geblieben. Des Abends
-erzählte er denn auch die Geschichte von dem Neger bei ihnen in Waldecke,
-der sich nichts Schöneres wußte als einen Brei von altem Zeitungspapier,
-das er sich mit Wasser sorgfältig verrührte und mit Wohlgefallen
-verspeiste. Die Kinder brüllten vor Lachen und Frau Anne bog sich.
-Helmut hatte überhaupt ein dankbares Publikum für seine Erzählungen
-aus Brasilien. In den Augen der Ledderhoseschen Kinder war er ein
-anstaunenswerter, fremdländischer Abenteurer, das behagte ihm nicht wenig.
-Als er eines Abends, während sie vor der Haustür saßen, behauptete, auf
-seinem Schulweg im Walde sechs Leoparden begegnet zu sein, von denen er
-vier Stück niedergeknallt habe, so daß die übrigen voller Schrecken
-davongetrabt seien, meinte Frau Anne gemütlich: Es bleibe nichts anderes
-übrig, er müsse durchaus Förster werden! Er könne ja schon beinahe
-aufschneiden wie der alte Jäger am Stammtisch im Adler.
-
-Helmut lachte, aber er wurde doch ein bißchen rot. Frau Ledderhose
-erlaubte sich auch, seine Leistungen zuweilen ungenügend zu finden,
-und ihm das derb zu sagen. Er war zur Hilfe auf dem Hof, mußte Zäune
-ausbessern, den Hühnerstall in Ordnung bringen, mit ihr gemeinsam den
-Garten bestellen. Sie verstand die Leute zur Arbeit anzuhalten, -- keine
-Minute durfte jemand in ihrer Gegenwart müßig bleiben. Auf dem großen
-Hof blitzte alles vor Sauberkeit. Die Kühe in den Ställen lagen auf
-reinlicher Streu, selbst die Gänge zwischen den Schweinetrögen mußten am
-Sonnabend gescheuert werden. Die Wintersaaten standen frischgrün auf den
-Feldern, die Obstbäume waren regelrecht beschnitten und im Garten neben
-Kohl und Rüben der Flor der Sommerblumen auf den Rabatten nicht vergessen.
-Wie im tiefsten Frieden blühte und gedieh hier alles unter der Hut der
-tapferen Frauen, während die Männer draußen an der Front des Vaterlandes
-Ehre verteidigten und mancher schon als ein Held gefallen war.
-
-»Im Winter«, erzählte Frau Anne Helmut, »da war's schlimm mit dem
-Lichtmangel. Kein Petroleum aufzutreiben, von vier Uhr an saßen wir Frauen
-im Finstern und konnten nichts mehr tun! Wir haben Kienspäne angezündet
-und dabei gestrickt, wie zu Urgroßvaters Zeiten!« -- Sie schüttelte
-sich. »So im Dunkeln kriechen die Sorgen eklig an einen heran. Ich habe
-die Tagelöhnersfrauen zu mir geholt, ein ordentliches Feuer im Ofen,
-Kaffee gekocht und Geschichten erzählt! So ging die Zeit, bis wir in die
-Klappe krochen! Jetzt gebe ich das Geld her, das mir einen Pelz schaffen
-sollte, und lasse elektrisches Licht legen zum nächsten Winter! Der Mensch
-muß sich zu helfen wissen.«
-
-Helmut betete Frau Ledderhose an, sie erschien ihm als die schönste und
-klügste Frau, der er jemals begegnet war. Ja, er versuchte sogar ein
-Gedicht an sie zu machen. Das begann:
-
- Frau Anna Ledderhose,
- Du hohe Königin,
- Du liegst mir tief im Herzen,
- Im Herz und auch im Sinn.
-
-Soviel er auch nachgrübelte, die Fortsetzung fiel ihm niemals ein, und so
-blieb es bei diesem einen schönen Verse.
-
-Trotzdem es ihm in Jarmlitz so gut gefiel, vergaß er doch in keinem
-Augenblick den tiefsten Zweck seines Aufenthaltes hier.
-
-»Geldgierig ist der Bengel, da ist schon das Ende von weg«, scherzte Frau
-Anne. »Jeden kleinen Extradienst läßt er sich auch extra zahlen! Sag'
-nur, was willst du eigentlich mit dem vielen Gelde anfangen? Ich hoffe,
-wenn du nach Berlin kommst, gehst du gleich zu Wertheim und kaufst mir ein
-feines Geschenk! Eine echt silberne Handtasche oder Uhrkette erwarte ich
-mindestens!«
-
-Helmut wurde rot und schwieg verlegen. Als die Osterferien zu Ende gingen,
-sorgte Frau Anne für ein tüchtiges Futterpaket, allerlei Gutes für die
-Mutter war auch darin. Die ganze Familie brachte Helmut zur Bahn. Alle
-hatten ihn liebgewonnen, die Kinder hingen rechts und links an seinen Armen
-und konnten sich kaum von ihm trennen.
-
-Am übernächsten Tage empfing Frau Anne Ledderhose einen Brief von Helmut.
-Sie erwartete, er würde ihr seine glückliche Ankunft in Berlin melden,
-doch das Schreiben enthielt nur folgende Worte:
-
- Liebe Frau Ledderhose!
-
- Wenn Sie Ihren Mann in Berlin besuchen, so gehen Sie bitte zu meiner
- Mutter und sprechen ihr Mut ein. Alles wird gut werden. Ich fahre
- nach Rußland, an die Front, um meinen Vater zu suchen. Mit herzlichen
- Grüßen
-
- Ihr
-
- Helmut Kärn.
-
-Frau Anne faßte sich bestürzt mit beiden Händen an den Kopf. Der
-unsinnige Junge! Wie kann er auch so etwas tun! Na -- sie werden ihn schon
-baldigst wieder heimschicken! Jedenfalls muß ich nach Berlin fahren und
-mit der armen Mutter reden! Übrigens -- vielleicht bringt der tolle Kerl
-es fertig, seinen Vorsatz auszuführen. Schneid und Energie genug hat er.
-
-Als Frau Ledderhose bei den Großeltern und Helmuts Mutter eintraf, fand
-sie begreiflicherweise die ganze Familie in größter Aufregung. Helmut
-hatte auch der Mutter von seinen Absichten Nachricht gegeben, aber eben
-diese Absicht brachte ihren Jungen ja in die ernstesten Gefahren.
-
-Der Großvater hatte sich sofort zur Polizei begeben und gefragt, was
-man tun könne, um des Knaben wieder habhaft zu werden. Der Beamte hatte
-lächelnd gemeint, solche Ausreißer gäbe es eine ganze Menge, meistens
-kämen sie nach ein paar Tagen, wenn der Hunger sie plagte, von selbst zu
-den heimatlichen Futternäpfen zurück. Man solle nur ruhig noch ein
-wenig warten, bevor man mit der amtlichen Nachforschung beginne, die doch
-immerhin nicht unerhebliche Kosten verursachen würde. Man wartete also
-ohne viel Hoffnung, denn es lag nicht in Helmuts Charakter, so bald einen
-seit langer Zeit gefaßten Plan aufzugeben. Hungern würde er nicht, denn
-er hatte außer seinem Gehalt von Frau Ledderhose, das noch durch einen
-harten Taler vermehrt worden war, sein zusammengespartes Taschengeld und
-das Weihnachtsgeschenk des Großvaters bei sich. Stehlen würde er
-sich's schon nicht lassen, dazu war er viel zu gewitzigt. Das Zureden der
-lebensfrischen Frau Ledderhose beruhigte Frau Kärn etwas. So viele Mütter
-mußten jetzt ihre Söhne in Gefahr und Tod hinausziehen lassen! Da wollte
-sie an Heldenhaftigkeit gewiß nicht zurückstehen.
-
-Als nach mehreren Tagen Helmut nicht heimkehrte, begann die Polizei
-ihre Nachforschungen. Man sandte Telegramme und Bilder des Jungen an
-verschiedene Bahnhöfe und brachte auch bald in Erfahrung, daß ein junger
-Mensch, auf den die Beschreibung stimmte, am Abend des Tages, an dem Helmut
-von Jarmlitz nach Berlin zurückgekehrt war, ein Billett nach Königsberg
-gelöst hatte. Ein Bahnschaffner wollte ihn auch im Zuge gesehen haben,
-doch das lautete schon viel unbestimmter. Und dann verlor sich seine Spur
-gänzlich.
-
-
-
-
-[Illustration: OST-PREUSSEN]
-
-
-
-
-Die Flüchtlinge und der unheimliche Wald
-
-
-Der Regen rauschte -- so ein rechter, fruchtbarer Frühlingsregen, unter
-dem Saaten und Knospen sprießen, der aber auch die Landstraßen zu Brei
-verwandelt und dem Wanderer feuchtkalt durch alle Kleider dringt. Tief
-hingen die Wolken über der traurig verwüsteten Gegend, in der die Russen
-gehaust hatten. Wie ein zerbrochener Armstumpf ragte der seiner Spitze
-und seiner Glocken beraubte Kirchturm in die graue Luft. Öde starrten die
-leeren Fensterhöhlen aus den brandgeschwärzten Mauern des Schiffes
-der kleinen Kirche. Ringsumher Schutthaufen verbrannter, eingestürzter
-Häuser, in den Gärten Überreste von mutwillig zerbrochenem Hausgerät,
-Fetzen zerschlitzter Federbetten. Nur die steinernen Kamine der Herde
-ragten aus der Verwüstung empor. -- Doch an allen Ecken und Enden waren
-schon Menschen an der Arbeit, um die liebe Heimat wieder zum Wohnsitz
-für die zurückgekehrten Besitzer herzurichten. Es wurde gegraben, Steine
-wurden geschleppt, Balken aufgerichtet. Finster blickten die Männer,
-vergrämt die hageren Frauen. Wieviel sie durch die Besetzung Ostpreußens
-durch die Feinde verloren, das konnten sie erst jetzt überschauen. All
-das schöne Vieh, das irgendwo in den Wäldern verhungert war oder von den
-Russen verzehrt!
-
-[Illustration]
-
-Schwerfällig arbeitete sich durch die zerweichte, schlammige Landstraße
-wieder so ein Planwagen mit heimkehrenden Flüchtlingen heran. Was lag da
-alles beieinander unter dem Regendach. Säcke mit Wäsche und Kleidern,
-eine Kiste mit Saatkartoffeln, das Spinnrad der Mutter, das alte Gesangbuch
-der Großmutter, ein weißes Zicklein, das die Flucht wie den Aufenthalt
-in der Stadt vergnügt überstanden hatte und im Begriff war, sich zu einer
-stattlichen Ziege auszuwachsen. Zwischen ihren geretteten Sachen kauerten
-auf Kissen und Decken die Familienglieder, alt und jung. Endlich fand der
-Vater, der neben den Pferden herschritt, den Platz, auf dem sein Häuschen
-gestanden hatte. Es war nicht so leicht gewesen, denn das Dorf hatte durch
-den Brand und die Beschießung ein völlig verändertes Aussehen bekommen.
-Der Wagen hielt, einer nach dem anderen steckte den Kopf unter der nassen
-Leinewand hervor und begann, im triefenden Regen vom Wagen zu klettern.
-Da fand sich auch einer unter ihnen, der nicht zu der ostpreußischen
-Flüchtlingsfamilie gehörte. Das war Helmut Kärn. Bis hierher an die
-russische Grenze war er ohne viel Beschwerde gelangt.
-
-Zwar hatte es ein paarmal unvorhergesehenen Aufenthalt gegeben, viel
-Militär war an ihm vorübergefahren, aber mit seinem Billett kam er
-sicher nach Königsberg. Schwierig wurde die Sache erst, als Helmut auf die
-Kleinbahnen geriet, die ihre Fahrpläne nicht mehr innehielten, auf denen
-man Zivilpersonen fast gar nicht mehr beförderte. Doch Helmut wußte
-sich immer irgendwie einzuschmuggeln. Bat er einen der Soldaten so recht
-flehentlich, ihn doch mitzunehmen, weil er seinen Vater in einem Lazarett
-an der russischen Grenze suchen müsse, so erlaubten ihm die gutmütigen
-Feldgrauen gewöhnlich, sich zwischen ihnen einzuquetschen, obwohl sie
-meistens schon so eng saßen, wie die Bücklinge in ihren Kisten.
-
-Plötzlich hieß es, für die nächsten Tage sei der Bahnverkehr gänzlich
-gesperrt. Es mußte da oben, wo Hindenburg befehligte, etwas Neues im Werke
-sein! Desto heißer wurde Helmuts Verlangen, in die kriegerische Zone zu
-gelangen.
-
-Er beschloß, zu Fuß weiter zu wandern, zumal er mit Erschrecken sah, wie
-schnell seine Barschaft sich verringerte.
-
-In der Nacht schlief er in der Knechtekammer des Gasthauses in einer
-kleinen Ortschaft. Für das Unterkommen nahm die Wirtin ihm nur 50 Pfennige
-ab und die Flöhe bekam er umsonst -- es waren nicht wenige! Denn auch hier
-hatten die Russen mit ihrem Schmutz gehaust. Von ihrem ersten und zweiten
-Einfall hörte er in der Gaststube, wo er eine Suppe verzehrte. Greuliche
-Geschichten! Es lief ihm kalt über den Rücken, wenn er sich vorstellte,
-daß das alles wirklich geschehen war und nicht nur so in Büchern stand.
-In der Wand der Gaststube steckten noch die Kugeln, und die Wirtin trug
-Trauer, denn ihren Mann hatten die russischen Soldaten auf dem Marktplatz
-erschossen, weil er sich geweigert hatte, ihnen sein gesamtes Eigentum
-auszuliefern. Auf dem Hofe von Frau Ledderhose hatte Helmut gar nicht so
-einen schrecklichen Begriff von ihnen bekommen. -- Da waren sie einfach
-freundliche Menschen gewesen, die ihre Arbeit taten und des Abends vor
-ihrem Schuppen saßen und schöne traurige Lieder sangen. Seltsam doch, wie
-der Krieg die Menschen verändern mußte! Ob sein Vater wohl auch so von
-Grund aus verändert, so wild und grausam geworden war? Einen armen Kerl,
-der über die Zerstörung seines Eigentums verzweifelt war, so einfach
-niederzuknallen -- nein, dessen war sein Vater nicht fähig. Das wußte
-Helmut felsenfest.
-
-Mit solchen Gedanken trottete er im Regen die Landstraße entlang, erfüllt
-von all den neuen Eindrücken. Er begegnete schon mancherlei kriegerischen
-Vorbereitungen. Einmal einer langen Artilleriekolonne mit großmächtigen
-Geschützen, ein anderes Mal einem friedlichen Zug schwarz und weiß
-gefleckter Rinder, die indessen auch einem vaterländischen Zwecke dienten.
-Sie folgten dem Heere nur, um geschlachtet zu werden, dann als Gulasch die
-fahrbaren Feldküchen zu füllen und die Tapferen nach vollbrachter Pflicht
-zu stärken.
-
-Immer Neues gab es zu sehen und zu hören. Helmut wurde das stundenlange
-Wandern nicht leid. Aber endlich wurde er noch naß bis auf die Haut,
-und in seinen Schuhen gluckste das Wasser bei jedem Schritt. Als er am
-Nachmittag den Planwagen mit den heimkehrenden Flüchtlingen überholte,
-war er herzensfroh, als der Kätner ihn gutmütig aufforderte, mit unter
-den Plan zu kriechen. Da war's ganz behaglich, man saß dicht beisammen,
-einer wärmte den anderen, und man kam schneller vorwärts.
-
-Aber dann war's doch schrecklich, das zerstörte Dorf zu sehen und den
-starren Schmerz der Leute, als sie vor dem Trümmerhaufen standen, der
-einst ihr schmuckes Häuschen gewesen.
-
-»Na, nun nicht gejammert, das wird schon alles wieder werden«, sagte der
-Mann endlich und schlug sich bekräftigend mit der Faust in die linke Hand.
-»Das ganze Deutsche Reich wird uns helfen wieder hoch zu kommen, und der
-Kaiser hat's versprochen!« Damit holte er sich vom Wagen einen Spaten und
-fing gleich an aufzuräumen, um sich durch den Schutt den Weg in die
-noch stehengebliebenen Brandmauern zu bahnen. Der Stall war auch ziemlich
-unversehrt. Der ließ sich am ersten zu einem vorläufigen Obdach für
-die Nacht herrichten. Vater und Mutter, die Kinder, darunter ein Sohn
-in Helmuts Alter, alles arbeitete wacker daran, das Ställchen sauber zu
-bekommen. Da hatte man doch wenigstens ein Dach über dem Kopf. Ein paar
-Strohsäcke wurden vom Wagen geholt und die mitgeführten Betten und
-Decken darübergebreitet. Helmut machte sich nützlich, indem er unter
-dem vorspringenden Dach, an einer vor dem Regen geschützten Stelle, aus
-Steinen einen kleinen Herd baute und Feuer anzündete. Das hatte er oft
-auf Jagdausflügen mit dem Vater geübt. Die Frau kochte einen Brei, und
-obschon die ganze Familie aus einer Schüssel aß, schmeckte es doch allen
-prächtig. Der Mann dehnte sich und sagte zufrieden zu seiner Frau: »Was,
-meine trautste Marjell, wieder zu Haus -- is doch besser, als die Füße
-unter fremder Leute Tisch zu stecken!« Und dann schnarchte er auch gleich
-schon friedlich, daß es klang, als arbeite eine große Säge sich durch
-eine gewaltige Eiche. --
-
-Am nächsten Morgen wanderte Helmut weiter, diesmal bei hellem
-Frühlingssonnenschein; der trocknete seine nassen Schuhe schnell. Hinter
-ihm klang der Schlag der Äxte und der Ruf der Zimmerleute aus den Ruinen,
-in denen überall sich fleißige Menschen regten, die einander hilfreich
-waren, um neu aufzubauen, was der Krieg zerstört hatte. Schwer mochte es
-oft sein, in der verwüsteten Gegend seines Lebens Notdurft und Nahrung zu
-finden, mancher mochte bereuen, zu früh im Winter zurückgekehrt zu sein.
-Vor dem nächsten Dorfe traf Helmut auf eine Gruppe Kinder, die eifrig in
-dem Schlamm der aufgewühlten Gartenerde nach Kohlstrünken suchten und die
-halbfaulen, schmutzigen Reste gierig benagten. Er stand still und schaute
-sie an -- so etwas von Hunger, wie sich auf den armen, blassen Gesichtlein
-ausprägte, hatte er sich nie träumen lassen! Barfuß waren sie, mit
-offenen Frostbeulen an den Füßen, und nur ein paar zerrissene Lumpen als
-Kleider am Körper.
-
-Helmut warf seinen Rucksack von der Schulter. Er besaß noch belegte
-Butterstullen, mit denen er sich am Tage zuvor im Gasthof versorgt hatte,
-und einige harte Eier! Er dachte nicht mehr daran, daß dies für heute
-sein Mittagsmahl bilden sollte, sondern kramte die guten Dinge eilig hervor
-und hielt sie den Kindern entgegen.
-
-Die starrten ihn einen Moment lang ganz dumm an, als könnten sie das
-unerwartete Glück gar nicht fassen. Dann stürzten sie sich auf die Gabe,
-Helmut mußte noch energisch wehren, daß sie sich nicht darum prügelten.
-Schon waren Eier, Wurst und Brot in den eifrig kauenden Mündern
-verschwunden. Wahrhaftig, sie bettelten noch um mehr. Er ließ sie in
-seinen Rucksack schauen, um sie zu überzeugen, daß er nichts Eßbares
-mehr bei sich führte.
-
-»Warum seid ihr nicht nach Berlin gekommen? Mein Großvater hätte besser
-für euch gesorgt«, sagte er. »Jeder, der kommt, kriegt Nachtlager und
-Speisemarken für die Volksküche!«
-
-»Vater wollte nicht fort, Mutter hat ihn so gebeten! Er sagte, er wollte
-sterben, wo er gelebt hat«, antwortete das Älteste, ein verständiges
-Mädchen von etwa neun Jahren. »Wir haben uns nur im Walde versteckt,
-solange Russ' hier war, dann kamen wir gleich wieder. Aber kalt im Winter,
-schrecklich kalt!« »Das will ich wohl glauben, ihr armen Würmer«, sagte
-Helmut mitleidig und schenkte jedem noch zehn Pfennige. Sie zeigten ihm die
-Richtung des Weges und warnten ihn, er solle nicht durch den Wald gehen,
-dort hänge noch viel Stacheldraht zwischen den Büschen, und es gäbe dort
-auch tote Pferde, die röchen schlecht.
-
-Am nächsten Tag kam Helmut ins Russische, oder vielmehr in das Gebiet, das
-vordem russisch gewesen, nun aber von unseren Truppen besetzt war. Jetzt
-begann erst die schwere Zeit. Er konnte sich nicht mehr mit den Einwohnern
-verständigen, die ihn mißtrauisch und feindlich betrachteten. Er verirrte
-sich und wußte nicht mehr aus noch ein, dazu knurrte ihm der Magen
-gewaltig, denn er hatte am Abend zuvor in einem furchtbar schmutzigen
-»Krug« am Waldesrand nur ein Glas Bier und ein Stück Brot erhalten.
-Lange Stunden irrte er im Walde umher. Er sah auch so eine arme
-Pferdeleiche im Drahtverhau hängen. Schwärme von Raben kreisten über ihr
-und bedeckten sie fast. Helmut hatte im Tropenwald und auf den Weiden in
-Brasilien oft gefallenes Vieh gesehen und immer auch die Aasvögel über
-ihrer Beute. Aber hier grauste es ihn mehr als je zuvor, er wußte selbst
-nicht warum. Der Gedanke, in diesem Wald übernachten zu müssen, erschien
-ihm plötzlich sehr schreckhaft. Noch in diesem Frühling mußten hier
-Kämpfe stattgefunden haben. Viele Bäume waren schwarzgesengte Stummel.
-Er traf auf tiefe Gräben, die an ihren Rändern zerbrochene
-Konservenbüchsen, Patronenhülsen, Kleiderfetzen aufwiesen zum Zeichen,
-daß sie für Freund oder Feind als Schützengräben gedient hatten. Kreuz
-und quer liefen die zerschossenen und zerrissenen Drahthindernisse durch
-das Unterholz, das sich mit lichtgrünem Blätterwerk zu bekleiden begann.
-Es war so still, als hätten selbst die Vögel vor Schrecken das Singen
-verlernt. Helmut ging schneller und schneller auf einem kräftig betretenen
-Pfad, der denn doch einmal irgendwo auf eine breitere Straße führen
-mußte. Zuletzt lief er und fühlte, wie die Schweißtropfen ihm über die
-Stirn rannen.
-
-Da hielt er mit einemmal auf einer Lichtung inne. Ihr Boden war bedeckt
-mit zarten weißen Anemonen und lila Waldveilchen. Durch die spärlich
-belaubten hohen Buchen, an denen die hellgrünen Blättchen die goldigen
-Knospenhüllen noch nicht völlig abgestreift hatten, schien die Abendsonne
-und tauchte den einsamen Platz in einen sanften, hellen Glanz. Zwischen
-den Blumen lag eine Reihe kleiner Hügel, auf jedem war ein Holzkreuz
-befestigt, und graue Helme hingen über den Kreuzen.
-
-Auf den Zehen trat Helmut näher und las die Inschriften der Kreuze.
-Zuweilen waren es Namen und die Bezeichnung des Dienstgrades, z. B.:
-»Hier ruht in Gott unser guter Hauptmann Freiherr Egon von Falkenberg.«
-Zuweilen nur die kurzen Worte: Hier ruht ein deutscher Soldat. Das Datum
-war bei allen dasselbe.
-
-Helmut nahm seine Mütze ab und faltete die Hände. Friedlich durften sie
-nun schlafen, die toten Helden unter Anemonen und Veilchen, im grünen Arm
-des Waldes!
-
-Weihevolle Andacht und Verehrung erhob Helmut das Herz. Vor diesen Gräbern
-verging die sinnlose Angst, die ihn beim Anblick der Pferdeleiche gepackt
-hatte. Er richtete sich straff auf, seine Augen glänzten wieder hell und
-mutig. Es war, als steige aus dem Erdboden dieses stillen, goldumglänzten
-Waldwinkels eine wunderbare Kraft auf, die er mit tiefem Atemzuge trank,
-die ihn plötzlich mit einer großen Zuversicht begabte, daß er die
-Aufgabe, zu der er ausgezogen, auch erfüllen werde.
-
-Mit scharfen Blicken musterte er den Stand der Sonne, prüfte mit
-emporgehobenem genäßten Finger die Windrichtung, betrachtete eingehend
-die verschiedenen begrasten Pfade, die auf der Lichtung zusammenführten
-und wählte nach kurzem Bedenken den, der am meisten Spuren aufwies, in der
-letzten Zeit von menschlichen Füßen betreten worden zu sein. Der führte
-ihn dann auch nach zwei Stunden strengen Marschierens aus dem Walde heraus
-auf eine breite Landstraße. Hier geriet er in ein mächtiges kriegerisches
-Treiben mitten hinein.
-
-Im Dämmern der Frühlingsnacht zogen graue Truppenmassen singend dahin,
-große Lastautos und Planwagen folgten ihnen, Offiziere auf Pferden ritten
-an den Rändern der Chaussee, ungeheuere eisengraue Geschütze wurden von
-Autos oder von Reihen schwerer Gäule mit furchtbarem Gedröhn und Gerassel
-bewegt, während die Artilleristen, die sie zu bedienen hatten, fluchten
-und schimpften, weil sie nicht schnell genug vorwärtskamen.
-
-Eine Weile schaute Helmut begeistert auf das belebte Nachtbild. Plötzlich
-fühlte er eine ungeheure Müdigkeit seine Glieder lähmen und seine Sinne
-verwirren. Fast wäre er stehend eingeschlafen. Er lief zurück zum Wald,
-kroch in ein Gebüsch, und während das Dröhnen und Rasseln, das Singen
-und der dumpfe Marschtritt der Bataillone fern und ferner verhallte, war er
-schon fest eingeschlafen.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Als Spion verhaftet
-
-
-In der Morgenfrühe erwachte Helmut, schaudernd in der Kühle und dem Tau
-der Frühlingsnacht. Er wärmte sich durch einen Dauerlauf am Rande der
-sonnigen Chaussee, auf der sich schon wieder ein reges kriegerisches
-Treiben entwickelte. Mörderisch hungrig war Helmut inzwischen geworden.
-Öfters mußte er stehenbleiben und sich zusammenkrümmen wie ein Regenwurm
-vor Schmerzen in seinem leeren Magen. Er dachte mit einem gewissen Stolz:
-Eklig ist's ja -- aber Donnerschock -- ich kann das doch eher aushalten wie
-die armen kleinen Mädchen in dem Krautgarten!
-
-Endlich traf Helmut bei einem zerschossenen Gehöft eine Kompagnie, die auf
-dem gepflasterten Hof um eine Gulaschkanone lagerte und sich bei munterem
-Geplauder ihr Frühstück schmecken ließ. Der Duft des dampfenden Kaffees,
-des frischgebackenen Brotes stieg Helmut wie ein berauschender Wohlgeruch
-in die Nase. Er machte sich heran und fragte bescheiden, ob er wohl auch
-einen Bissen und einen Schluck haben könnte. Man forschte, woher er
-käme, denn hier sprach die Landbevölkerung nur Russisch oder Estnisch.
-Offenherzig berichtete er seine Absichten und Pläne. Die Soldaten lachten
-über seine Keckheit, einer holte ihm eine Schale Kaffee, ein anderer
-schenkte ihm ein tüchtiges Stück Kommisbrot. Als sie aufbrachen, zog er
-einfach mit ihnen. Freilich schnauzte ihn der Feldwebel einmal nicht wenig
-an -- er solle machen, daß er heimkäme, er wäre ja noch nicht trocken
-hinter den Ohren und gehöre an Mutters Schürzenband. Der Junge ließ
-sich nicht anfechten und ging einfach zu einer anderen Kompagnie. Überall
-amüsierte man sich über den hellen klugen Bengel. -- Er mußte von
-Brasilien und seinem dortigen Leben erzählen, der Deutsche hört nun
-einmal zu jeder Zeit gern von fremden Ländern und Sitten. Alle seine
-Abenteuer mit Schlangen, durchgehenden Pferden, Indianerüberfällen gab
-Helmut zum besten, und es ging hier wie schon in Jarmlitz und in Berlin
-im Realgymnasium, aus ganz einfachen Erlebnissen waren im Laufe der Zeit
-wildromantische Geschichten geworden, die mit der Wirklichkeit nur noch
-wenig Ähnlichkeit aufwiesen. In den Ruhestunden sang er brasilianische
-Lieder und tanzte komische Negertänze, kurz, Helmut bildete sich schnell
-zum Clown der Truppe aus und empfing von den gutmütigen Feldgrauen als
-Dank für seine Späße reichlich Liebesgaben in Gestalt von Wurstbrocken,
-Zigaretten und Schokolade.
-
-So zog er zwei Tage lang mit der Kompagnie immer tiefer nach Rußland
-hinein, der Gegend zu, wo die großen heißen Kämpfe stattfanden. Er sah
-und hörte viel Neues, und der Mund stand auch nie stille mit Fragen
-nach den Einzelheiten der militärischen Ausbildung, nach Uniformen
-und Einrichtungen, nach der Art der Kämpfe, die dieser und jener schon
-miterlebt hatte. Die Soldaten gaben ihm auch bereitwillig Auskunft.
-Indessen sollte diese Neugier für Helmut höchst unangenehme Folgen haben.
-
-In einer kleinen Ortschaft, wo Nachtquartier gehalten werden sollte,
-drängte sich ein russischer Hausierer zwischen die Soldaten und verkaufte
-Seife, Kerzen, Bleistifte. Besonders begehrt wurden die russischen
-Süßigkeiten, denn die Kehlen wurden trocken bei den langen Märschen. Der
-Hausierer machte ein gutes Geschäft, trotzdem er ein unangenehmer Geselle
-war mit seiner Zudringlichkeit, seinem schmutzigfettigen Pelz und dem
-dummverschmitzten Kalmückengesicht, mit den schiefstehenden Schlitzaugen.
-Helmut ließ sich mit ihm in eine längere Unterhaltung ein. Der Hausierer
-sprach recht gut Deutsch. Außerordentlich spannend erzählte er Helmut,
-wie er schon als Schüler wegen revolutionärer Gesinnung eingekerkert
-und nach Sibirien verbannt worden sei, wie es ihm dann unter schrecklichen
-Gefahren und Entbehrungen gelang zu entfliehen, wie er in England und der
-Schweiz gelebt habe und erst jetzt, nun es von den Deutschen erobert sei,
-den Teil seines Vaterlandes wiedersehen dürfe, in dem er ein glückliches
-Kind gewesen sei.
-
-[Illustration]
-
-So unsympathisch Helmut der Mann auch war, wurde er doch gerührt durch die
-Erzählung all der Leiden, die ihm das Leben schon gebracht hatte. Nur war
-es ihm fatal, daß, während er auf einem kleinen Seitenweg des Städtchens
-zwischen Gärten in der milden Frühlingsdämmerung mit ihm auf und ab
-wandelte, der Russe ihm im Eifer des Erzählens zuweilen zärtlich um die
-Schultern faßte oder ihm liebevoll über den Arm strich. Auch die
-Anrede »Lieber Mensch Sie! Hören Sie doch!« mit der der Hausierer
-sehr freigebig war, schien Helmut etwas allzu vertraulich. Er wäre ihn
-schließlich gern losgeworden, wußte aber nicht, wie er das anstellen
-sollte. Ein Trupp von vier bis fünf Soldaten kam das Sträßchen herunter.
-
-»Da sind sie ja -- die beiden Burschen!« hörte er rufen, »nun mal
-schnell ran, Jungens, jetzt können sie uns nicht entwischen!«
-
-Ehe Helmut noch recht wußte, wie ihm geschah, war er bei der Schulter
-gepackt und bekam, als er sich losreißen wollte, von dem jungen
-Kriegsfreiwilligen, der ihn hielt, eine Ohrfeige, daß ihm die Funken vor
-den Augen tanzten. »So«, sagte dieser böse, »das ist dafür, daß du
-uns so reingelegt hast mit deiner Vergnügtheit, Mensch -- und machst dich
-dabei mit solchem Gesindel gemein! Pfui Teufel!«
-
-»Ja, was ist denn nur los -- erklären Sie mir blos in aller Welt ...?«
-
-Inzwischen waren die übrigen Feldgrauen dem Russen nachgelaufen.
-Beim Anblick der auf sie zukommenden Soldaten, war der die Straße
-hinabgesprungen, so schnell ihn seine Beine trugen. Er kam nicht weit, beim
-Überklettern eines Gartenzaunes faßten sie ihn schon und banden ihm die
-Hände mit festen Hanfstricken auf den Rücken. Helmut geschah das gleiche,
-er mochte sich wehren, um sich schlagen, spucken und beißen soviel er
-konnte. Dabei hörte er aus dem Munde der Soldaten das schreckliche Wort:
-»Widerspenstiges Spionenschwein!« Helmut schrie, schluchzte und beteuerte
-seine Unschuld. Der Kriegsfreiwillige Möller, der bisher sein besonders
-guter Freund gewesen und ihn nun nur finster und verächtlich anschaute,
-sagte streng: »Schick' dich vernünftig in das Unvermeidliche. Der Oberst
-wird schon herausfinden, ob du unschuldig bist oder nicht! Verdächtig war
-den Kameraden dein Hin- und Herlaufen zwischen uns und dein ewiges Gefrage
-nach lauter Dingen, die dich nichts angehen! Ich bin immer für dich
-eingetreten! Und dann macht sich ein deutscher Junge mit so 'nem Lausekerl
-gemein! Pfui Teufel, pfui Teufel! -- Na, jetzt gibt's erst einmal eine
-ordentliche Leibesuntersuchung -- dabei wird sich ja ergeben, ob wir etwas
-Anstößiges finden!«
-
-»Aber ich habe Ihnen doch meinen Paß gezeigt«, stotterte Helmut
-kleinlaut.
-
-»Pässe -- Pässe --!« sagte der junge Kriegsfreiwillige, »das wär'
-nicht der erste Paß, der gefälscht wäre!«
-
-Helmut biß die Zähne aufeinander und reckte sich trotzig. Er wollte nicht
-den Anblick eines feigen Hundes bieten, mochte nun kommen, was da wolle!
-Der Hausierer heulte und winselte wie ein geschlagenes Tier, zwischen den
-Fäusten der zwei alten Landwehrmänner.
-
-Furchtbar schamvoll war es für Helmut, zwischen den Gruppen der lagernden
-Soldaten auf dem Marktplatz hindurchgeführt zu werden. Die Hände auf den
-Rücken gebunden. Alle kannten sie ihn ja doch -- reckten die Köpfe nach
-ihm, flüsterten und tuschelten erregt untereinander. Sie hielten ihn für
-einen Spion, der sein Vaterland verraten wollte -- welch ein unerträglich
-abscheulicher Gedanke!
-
-In einem stattlichen Hause, es mochte so etwas wie das Rathaus sein,
-trennte sich die Gruppe in zwei Teile. Helmut wurde in ein Bureauzimmer
-gebracht, wo er sich völlig entkleiden mußte. Der junge Möller, der
-schon die Gefreitenknöpfe trug, untersuchte seine Jacke, während zwei
-Männer sich mit der Wäsche und seiner Brieftasche befaßten. Jedes
-Zettelchen wurde dreimal umgewendet und durchstudiert. Allmählich begann
-Helmut sich zu fassen. Außer den Briefen seines Vaters, die er immer
-bei sich trug, dem Stundenplan des Gymnasiums, einer Rechnung mit der
-Unterschrift von Frau Anna Ledderhose, die er einmal in Jarmlitz aus
-dem Papierkorb entwendet hatte, und einem Samtband, das sie um den Hals
-getragen, enthielt die Brieftasche nur noch einen Zettel mit ein paar
-feinen Schulwitzen, über die er sich zwar ein bißchen schämte, aber die
-ihn doch unmöglich an den Galgen bringen konnten.
-
-Da plötzlich hörte er einen dumpfen Ausruf des jungen Freiwilligen,
-der sich hinter seinem Rücken mit seiner Jacke zu schaffen machte. Die
-Soldaten traten zusammen -- Helmut fuhr mit dem Kopf herum, und sah wie
-sein Freund aus dem Umschlag des Jackenärmels einige zusammengeknüllte
-Kügelchen von Seidenpapier zum Vorschein brachte.
-
--- »Da haben wir's ja«, murrte er zwischen den Zähnen.
-
-»Das gehört mir nicht!« rief Helmut stürmisch.
-
-»Kann jeder sagen«, wurde ihm geantwortet. Die Männer, mit Ausnahme
-eines stämmigen alten Landwehrmannes, der ihn im Auge behielt, traten am
-Fenster zusammen, glätteten vorsichtig die Papiere, beugten sich dicht
-darüber, einer zog eine Lupe hervor und prüfte sie, schüttelte darauf
-den Kopf, blickte ernst und traurig zu Helmut hinüber und sagte leise:
-»Es ist kein Zweifel möglich. Hätte es doch nie gedacht ... Machte
-solchen netten Eindruck!«
-
-Helmut war zumut, als sollte ihm das Herz zerspringen vor Wut und Zorn.
-Das waren alles seine guten Freunde gewesen -- und hielten ihn solcher
-Schlechtigkeit für fähig! Wollte er sich verteidigen, wollte er zu
-erklären versuchen, was ihm selbst unerklärlich erschien, so hieß es:
-»Halt's Maul! Vor dem Oberst magst du dich rechtfertigen!« Die Soldaten
-verließen ihn, nachdem Möller die geglätteten Seidenpapiere und
-Helmuts Brieftasche sorgfältig zu sich gesteckt hatte. Der schweigsame
-Landwehrmann mit dem zottigen Bart blieb in der Tür stehen. Es wurde
-dunkel in dem öden Bureauzimmer, wo der Staub auf den leeren Regalen und
-Tischen lag. Helmut saß auf einem Stuhl, malte mit dem Finger gedankenlos
-in dem Staub auf dem Tisch, bis er nichts mehr zu sehen vermochte. Er
-begann nachzudenken, wie die Seidenpapierkügelchen wohl in aller Welt in
-seinen Jackenärmel geraten sein mochten. Sie waren doch keine Läuse, daß
-sie kriechen, keine Flöhe, daß sie springen konnten!
-
-Da kam's ihm plötzlich! »Lieber Mensch! lieber Mensch«, hatte der Russe
-gejammert, »hast du Mitleid, bist du edler Mensch!« Und hatte seine
-Schultern umfaßt, hatte seinen Arm gestreichelt! Ihm sicher bei
-dieser Gelegenheit die Kügelchen, die Gott weiß was für gefährliche
-Aufzeichnungen enthalten mochten, in den Jackenärmel geschoben, weil er
-sich irgendwie verraten wußte, oder weil er hoffte, ihn auf diese Weise
-zum Mitschuldigen zu machen! Teufel auch! Das war ja eine scheußliche
-Geschichte! Manche Erzählung von Spionen hatte Helmut in dieser Zeit
-gehört. Weder bei uns noch bei unseren Feinden machte man viel Umstände
-mit den Gesellen! Eine Schlinge um den Hals und an den nächsten Baum
-geknüpft, sobald der Kerl überführt war! War er denn nicht überführt?
-Hatte man nicht Aufzeichnungen bei ihm gefunden? Ein recht freundliches
-Schicksal, das ihn da erwartete....
-
-Ein Frieren ging durch seinen Körper, ein Schwindelgefühl war in seinem
-Kopf. Der Knabe stützte beide Arme auf den Tisch und faßte die Stirn
-mit den Händen. Jetzt galt es, sich zusammennehmen, seine Gedanken klar
-behalten ... Ja -- nun war er im Krieg, und Gefahren drohten von allen
-Seiten! Das hatte er ja zu erleben gewünscht! Von Heldentaten hatte er
-geträumt. Nur nicht so elend schmachvoll zugrunde gehen -- nur das nicht!
-
-Schritte dröhnten auf dem Korridor vorüber, jedesmal schrak Helmut auf
-und dachte, man würde ihn holen. Endlich öffnete sich die Tür, Gefreiter
-Möller trat ein und sagte kurz: »Komm jetzt, der Herr Oberst will dich
-vernehmen!«
-
-Helmut folgte schweigend. Dicht bei ihm ging der Landwehrmann mit dem
-großen Bart. Auf dem Flur, der durch eine trübselige Öllampe erhellt
-wurde, führte man den Hausierer an ihnen vorüber. Den Kopf tief auf die
-Brust hängend, an allen Gliedern schlotternd, hin und her schwankend, ein
-Haufen menschliches Elend, so schlurfte er zwischen zwei Feldgrauen daher.
-
-Der ist erledigt, dachte Helmut mit Grauen und Ekel. So sieht ein Mensch
-aus, der keine Hoffnung mehr hat.
-
--- Nur nicht so armselig vor den Richter treten! Er ballte die Fäuste,
-drückte sich die Nägel tief ins Fleisch, reckte sich mit aller Gewalt
-zurecht.
-
-In einem öden leeren Zimmer saß der Oberst mit vier Offizieren um
-einen Tisch, den Papiere und Karten bedeckten. Mehrere Kerzen in Flaschen
-gesteckt, beleuchteten die braunen energischen Gesichter der Herren. Der
-Oberst winkte Helmut nahe zu sich heran, so daß der Lichtschein hell über
-ihn fiel, während der Raum ringsumher sich im Dunkel verlor. Die blauen
-wie Stahl blitzenden Augen des Regimentskommandeurs blickten scharf auf
-den Jungen, während er Frage nach Frage an ihn richtete. Der neben ihm
-sitzende Offizier hatte Helmuts Brieftasche vor sich ausgebreitet und
-prüfte zuweilen, ob seine Angaben mit den Schriftstücken, die er darin
-gefunden hatte, übereinstimmten.
-
-Vielerlei mußte er den Herren erzählen, und manches schien ihm wenig oder
-nichts mit der Spionensache zu tun zu haben. Indessen mußten die Herren
-ja wohl wissen, warum sie ihn das alles fragten. Von »Waldecke« mußte
-er berichten, wie das Haus dort eingerichtet gewesen sei, wo der Garten
-gelegen, wieviel Pferde und Kühe sein Vater besaß -- dann Einzelheiten
-über die Reise und den Berliner Aufenthalt bei den Großeltern.
-
-Helmut fühlte deutlich, daß es galt die Wahrheit, die reine schlichte
-Wahrheit zu sprechen; denn sein kindisches Protzentum, die phantastischen
-Flunkereien fielen vor den Augen und Ohren dieser ernsten Männer
-jämmerlich in sich zusammen.
-
-Zuweilen hielt er inne und sagte bescheiden: ich muß mich erst besinnen
--- ich kann mich nicht gleich erinnern ..., dann nickte ihm der Oberst
-aufmunternd zu. So wurden seine Angaben im ganzen klar, einfach und
-übersichtlich.
-
-»Du hast also aus Neugier diesen russischen Händler ausgefragt?« sagte
-der Oberst schließlich. »Er hat dir seine Lebensgeschichte erzählt,
-die wahrscheinlich erlogen war, und, wie du angibst, dich dabei umarmt
-und gestreichelt -- nun das klingt ja ganz einleuchtend! Der Kerl war ein
-raffinierter Spion, der uns vielen Schaden zugefügt hat, und dem wir schon
-längst auf der Spur sind.... Er wußte wohl, was für ihn auf dem Spiel
-stand und versuchte sein armseliges Leben durch dich zu retten. -- Ja, in
-solche Gefahren kommt man eben, wenn man sich vorwitzig an Orte begibt,
-wo man nicht hingehört, statt vernünftig in seine Schule zu gehen.
-Hoffentlich bewahrheiten sich deine Angaben -- so lange bis wir Gewißheit
-haben, müssen wir dich noch in Gewahrsam halten.«
-
-Helmut wurde in das Zimmer zurückgeführt, wo er vorher gesessen
-hatte. Die Läden vor den Fenstern waren geschlossen, und eiserne Riegel
-davorgelegt. Auch die Tür wurde verschlossen. Hier hatte er nun die ganze
-lange Nacht zuzubringen. Aber neue Hoffnung stieg in ihm auf -- der Oberst
-hatte zuletzt zwar ernst, doch nicht mehr so finster ausgeschaut wie zu
-Anfang des Verhörs, Helmut hatte sogar zu beobachten geglaubt, wie ein
-flüchtiges Lächeln über sein Gesicht gehuscht war.
-
-Endlich ging dann auch diese lange Nacht zu Ende. Als kleine Sonnenblitze
-sich durch die Spalten in den Holzläden stahlen, drehte sich der
-Schlüssel im Schloß. Gefreiter Möller kam herein, stieß die Läden auf
-und lachte über sein ganzes rosenrotes junges Gesicht.
-
-Fröhlich rief er: »Das Telegramm vom Polizeibureau in Berlin ist da und
-bestätigt deine Angaben über Familie und Herkunft!« Er streckte ihm die
-Hand entgegen. »Nun schlag ein und sei mir nicht böse wegen der Ohrfeige,
-die du in der Hitze des Gefechtes bekommen hast. Denk' es wäre ein
-feindlicher Streifschuß gewesen! Ich kann dir übrigens verraten, daß
-unser Herr Oberst das Telegramm noch mit dem Vermerk »dringlich« versehen
-hatte! Wir wollen dem armen Kerl doch die Stunden der Angst möglichst
-verkürzen, sagte er.«
-
-Helmut hörte kaum auf die freundliche Erklärung.
-
-»Ja -- bin ich denn frei?« fragte er verwirrt.
-
-»Natürlich bist du frei!« Da gab's einen wilden Jubelschrei, Helmut
-tanzte wie toll in dem staubigen Zimmer herum, ergriff zwei Stühle und
-schwenkte sie hoch in der Luft herum, vor Glück.
-
-»Nun laß mal bitte meinen Schädel in Ruhe«, meinte Möller gemütlich.
-»Wasche dir unten am Brunnen Gesicht und Hände -- du siehst aus, als
-hättest du fürs Vaterland ein paar russische Kamine ausgefegt! Aber fix!
-Der Herr Oberst will dich noch sprechen, ehe wir aufbrechen.«
-
-Der Herr Oberst hatte sich sein Frühstück in einen benachbarten Garten
-bringen lassen. Er saß unter einem blühenden Birnbaum im Sonnenschein und
-strich sich behaglich eine Schnitte Brot mit Marmelade. Dabei plauderte er
-mit dem Oberstabsarzt, als Möller und Helmut vor ihm erschienen.
-
-»Na, mein Junge«, begrüßte er diesen freundlich, »heut schaust du ja
-bedeutend frischer aus. Gestern war die Farbe doch etwas gelbgrün. War
-ja auch keine Kleinigkeit! Hast aber Haltung bewahrt! Hat mich gefreut.
-Gefreiter Möller hat dir schon mitgeteilt, daß du frei bist. Schwatz' ein
-anderes Mal in der Kriegszone nicht mit unbekannten Persönlichkeiten. Hier
-unser Herr Oberstabsarzt fährt in einer halben Stunde im Auto nach dem
-Lazarett von L. Dort wolltest du dich doch nach deinem Vater erkundigen.
-Er hat mir versprochen, dich mitzunehmen. Dann geht's aber mit dem ersten
-Verwundetentransport nach Berlin zurück, hörst du wohl! Schlachtenbummler
-deiner Art können wir hier draußen nicht gebrauchen! Sobald du in L.
-eintriffst, schreibst du an deine Frau Mutter, daß sie weiß, wo du
-Strolch geblieben bist! Hier hast du 'ne Feldpostkarte! Möller wird dafür
-sorgen, daß du was in den Magen kriegst. Na Schwarz, was gibt's denn
-Neues?«
-
-Schon standen Ordonnanzen mit Meldungen bereit, ein Adjutant eilte im
-Sturmschritt auf den friedlichen Frühstücksplatz, der schlanke Oberst
-erhob sich, strich das graue Bärtchen und war bereit für tausend neue
-Pflichten.
-
-Eine Stunde später sauste Helmut neben dem Oberstabsarzt durch das leicht
-gewellte Land, seinem Ziel entgegen.
-
-
-
-
-Der lange Lehmann und Onkel Jakobus
-
-
-»Ja, lieber Junge -- da ist denn wohl weiter nichts zu machen«, sagte der
-Oberstabsarzt und legte Helmut die Hand auf die Schulter. »Wir haben uns
-überzeugt, daß dein Vater nicht mehr hier ist!« Helmut biß sich die
-Lippen und würgte an seiner Enttäuschung. »Warum hat Vater nur nie
-geschrieben?« murrte er traurig. »Weißt du, ob er's nicht tat? Bei
-dem schnellen Vorrücken unserer Truppen durch Kurland, bei den schweren
-Kämpfen, die sie in der letzten Zeit zu bestehen hatten -- da vergeht
-den Mannschaften die Lust zum Schreiben. Sie sind auch oft zu weit ab
-vom Feldpostdienst! Es kann immerhin möglich sein, daß dein Vater in
-russische Gefangenschaft geriet ... So ging's mit meinem jüngsten Bruder
--- ein halbes Jahr lang haben wir ihn als tot betrauert -- die Mutter hatte
-schon schwarze Kleidung angelegt -- da kam plötzlich über Schweden eine
-Karte von ihm aus Sibirien.« »Also geh ich eben nach Sibirien«, sagte
-Helmut leise und störrisch. »Das wirst du nicht tun, denn das ist
-unmöglich.« »Warum?« fragte Helmut. »Die Russen werden dich kurzweg
-erschießen, sobald du ihnen in die Hand fällst! In drei bis vier Tagen
-geht ein Verwundetentransport von hier nach Berlin, dem werde ich dich
-mitgeben, wie es der Oberst wünschte. Dem langen Kerl, dem Lehmann, den du
-ja kennst, werde ich dich anvertrauen, damit du nicht wieder auskneifst.«
-Helmut senkte den Kopf und schwieg. Er hatte nicht die Absicht zu
-gehorchen.
-
-Der lange Lehmann, der beim Auszug so sicher geprahlt hatte, daß die
-Kugeln partout und partout keine Lust haben würden, ihn zu treffen -- der
-hatte ihnen doch nicht aus dem Weg gehen können. Das abspringende Stück
-einer Granate war so unbarmherzig gewesen, ihm das rechte Bein abzureißen.
-Er fand sich auch in diesen Verlust mit gutem Humor. »Uf die Jerüster
-werd' ich nu woll nich mehr rumturnen können«, erzählte er Helmut,
-»aber nu werde ick mir uf die hohe Kunst verlejen, un feine Bilderkens
-malen, verstehste -- so mit joldene Rahmens drum rum, wie die da drüben!
-Det jefällt mich ausnehmend.« Er zeigte auf die Ölgemälde, welche die
-mit meergrüner Seide bespannte Wand des Saales schmückten, in dem dieses
-Gespräch stattfand. Der vornehme Raum -- ursprünglich der Tanzsaal eines
-baltischen Schlosses -- diente jetzt als Aufenthaltsort für die genesenden
-Feldgrauen. Der lange Lehmann streckte sich behaglich auf der blumigen
-Seide eines goldenen Lehnsessels an dem Flackerfeuer des Kamins, über
-dem schwebende Engelsfiguren Rosengirlanden um einen mächtigen Spiegel
-schlangen. Die Schwester hatte ein wenig eingeheizt, denn es war kühl an
-diesem Frühlingsabend. Durch die feingeschwungenen Bogenfenster blickte
-man auf eine Marmorterrasse, an deren Rampe weiße Göttinnen in der
-Dämmerung der hohen Parkbäume träumten. Die Schwester in ihrem grauen
-Kleide mit dem weißen Häubchen verteilte aus der nebenan liegenden
-Bibliothek Bücher unter die Gruppen von Soldaten, die den Saal füllten,
-an geschnitzten Tischen schrieben, lasen, Karten spielten oder auf der
-Mundharmonika die Melodien bekannter Volkslieder bliesen. Die wertvollsten
-Stücke aus der kostbaren Einrichtung des alten Edelsitzes waren vom
-Oberstabsarzt in einen verschlossenen Raum gerettet; dort warteten sie der
-Rückkehr ihrer Besitzer. Was hingegen seine Verwundeten brauchen
-konnten, das mußte heran. Zu ihrer Bequemlichkeit und Stärkung war dem
-Oberstabsarzt nichts zu gut -- wären es auch die edelsten Weine aus dem
-Keller oder die gemästeten Enten und Puten vom Hühnerhof -- oder die
-seidenen Daunenkissen der Frau Gräfin!
-
-Helmut glaubte, ein seltsames Märchen zu erleben, als in dem grünen Saal
-der elektrische Kronleuchter entzündet wurde und einer der feldgrauen
-Männer sich an den Flügel setzte, um eine Sonate von Beethoven zu
-spielen. Die Männer, deren Köpfe und Glieder noch weiße Gazeverbände
-trugen, horchten ergriffen auf die herrlichen Harmonien, aus Jubel und
-Klagen, die den Saiten entrauschten. Helmut gegenüber lächelte von der
-Wand das Bildnis eines jungen Mädchens in lichtblauem Gewande mit blonden
-Ringellöckchen an den feinen Schläfen, in den rosigen Händchen hielt sie
-eine weiße Taube. Nie glaubte er etwas Lieblicheres gesehen zu haben als
-dieses baltische Grafentöchterlein. Immer wieder mußte er den Blick zu
-dem süßen Gesicht emporheben. Ob sie noch irgendwo auf Erden zu finden
-sein mochte? Ach nein -- ihr Kleid gehörte einer vergangenen Zeit an --
-gewiß ruhte sie längst in der Ahnengruft am Ende des Parkes hinter dem
-verrosteten Eisengitter ...
-
-Der Soldat am Flügel hatte geendet. Ein dumpfes Grollen wurde in der Ferne
-hörbar, gleich einem aufsteigenden Gewitter, nur regelmäßig klangen die
-langhin rollenden Donner. »Die verdammten Russen fangen schon wieder an zu
-bullern«, sagte der Musikant. »Nein -- das sind unsere«, widersprach ein
-anderer. »Auf jeden Fall wird's woll morjen hier wieder voll werden.«
-
-So geschah es denn auch. Am frühen Morgen ratterten die grauen Autos mit
-den roten Kreuzen in den Hof. Über die weißen Marmortreppen wurde Bahre
-nach Bahre in die Säle getragen. Arme Kerls wurden von Sanitätssoldaten
-herausgehoben, sie schleppten sich, von Staub und Blut bedeckt, kaum noch
-als Menschen kenntlich, zum Verbandsplatz im inneren Hof. Dort waltete der
-Oberstabsarzt mit seinen Assistenten. Die Schwestern, die Pfleger liefen
-hin und her, hatten alle Hände voll zu tun. Dieser Augenblick schien
-Helmut günstig zu einer Flucht. Niemand achtete seiner. Er lief hinaus
-durch das von Militär vollgepfropfte Dorf, die mit blühenden Apfelbäumen
-bestandene Chaussee entlang, auf der ihm immer neue Züge von Verwundeten
-begegneten. Eine namenlose Angst quälte ihn, seit er allen diesen Jammer
-sah. Das war nun wahrhaftig der Krieg -- der grausenvolle Krieg! Aber
-gerade weil ihn das Entsetzen schüttelte, mußte er weiter, mitten hinein!
-Nur keine feige Flucht zurück unter Mutters schützende Flügel.
-
-Nachdem sich Helmut noch zwei Tage lang, begleitet von dem immer gewaltiger
-dröhnenden Krachen der Geschütze, von Etappe zu Etappe durchgebettelt
-und durchgeschmuggelt hatte, traf er in der Morgenfrühe nach einer im
-Chausseegraben verbrachten, höchst ungemütlichen Nacht auf eine Reihe
-von Planwagen. Sie standen am Rande eines Birkenwäldchens. Bärtige
-Infanteristen waren beschäftigt, die Pferde zu füttern und aufzuzäumen.
-Ein helles Feuer flackerte, der Duft frisch aufgebrühten Kaffees stieg
-dem ausgehungerten, frierenden Helmut lieblich in die Nase. Er machte sich
-eiligst herzu. Zerlumpt und schmutzig, mit durchlöcherten Schuhen hatte er
-allmählich völlig das Aussehen eines jungen Vagabunden.
-
-Beim Feuer saß ein seltsamer Mann. Riesengroß, breit und dick hatte
-er sich's im Sonnenschein bequem gemacht, die hohen braunen Stiefel, der
-Uniformrock lagen neben ihm, er saß im wollenen Hemd zu den feldgrauen
-Hosen, Strohschuhe an den Füßen, die Mütze rücküber auf dem blonden
-Schopf. Ein wallender, flammend roter Bart verbarg den unteren Teil des
-Gesichts, eine Hornbrille den oberen Teil, ein spitzes Näschen grüßte
-neckisch zwischen beiden hervor. In das linke Auge hatte er vor die Brille
-noch eine Lupe geklemmt. In seinen schönen weißen Händen hielt der
-wüste Waldmensch ein feines Scherchen und ein Stück schwarzes Papier, an
-dem er ganz versunken schnitzelte. Als die Soldaten den bettelnden Helmut
-vor ihn führten, hob er den Kopf, legte zuerst einmal das Geschnippsel
-zwischen zwei weiße Blätter einer Mappe, auf denen schon mehrere dieser
-phantastischen Gebilde lagen. Dann nahm er die Lupe aus dem Auge und
-betrachtete Helmut durch die Brillengläser mit einem so hellen scharfen
-Blick, daß er meinte, der sonderbare Mann müsse ihm bis ins Herz gucken.
-Er stotterte sein Sprüchlein von dem Vater, den er suchen wolle, und
-verwirrte sich dabei, denn es kam ihm plötzlich vor, er habe das Gesicht
-und den hellen Blick schon irgendwo gesehen. Der Mann schlug sich bei des
-Knaben Bericht laut aufs Knie und lachte. »Wahnsinnig! Ganz wahnsinnig
-schön!« schrie er entzückt: »Verrückter Lausejunge! Gefällt mir --
-gefällt mir sehr! Ich nehme dich mit zur Front! Übrigens kommst du
-mir bekannt vor -- ich habe dich schon gesehen!« »Ich Sie auch --
-in Döberitz«, sagte Helmut. »Aber damals trugen Sie keinen Bart.«
-»Richtig, den hat mir der Krieg wachsen lassen! Der läßt viel wachsen,
-wenn er auch viel zerstört. -- Höchst wunderlicher, unwahrscheinlicher
-Zustand.« Er drehte nachdenklich an seiner Haarsträhne über der Stirn.
-Helmut erinnerte sich jetzt ganz deutlich, gehört zu haben, daß der
-eigentümliche Mann ein bekannter Künstler sei. Wegen seiner großen Güte
-hieß er in der Kompagnie nur der »Onkel Jakobus« statt Unteroffizier
-Sieveking. Ja, hatte ihm denn der Vater nicht geschrieben, daß der ulkige
-»Onkel Jakobus« sich die Füße bei einem Patrouillengang schwer verletzt
-habe und nun Führer der Bagage geworden sei.... Da war er ja aber bei
-Vaters Kompagnie gewesen -- dann konnte er ihm doch Bescheid geben ...!
-Und er konnte es. Die Bagagewagen, die er zu führen hatte, gehörten dem
-Regiment, bei dem Wilhelm Kärn stand, und er hatte den Auftrag, ihm in
-möglichster Eile zu folgen. Das Regiment, so erzählte der Onkel Jakobus
-dem begierig lauschenden Helmut, war bei den Kämpfen zur Eroberung
-Kurlands stark beteiligt gewesen und bei stürmischem Vormarsch Wochen-,
-ja monatelang von jeder Postverbindung abgeschnitten. So erklärte sich nun
-auch Vaters Verstummen. Es war dann in Reservestellung zurückgezogen, um
-neu ausgerüstet zu werden. Aber der Onkel Jakobus hatte in den letzten
-Tagen gehört, man habe Teile davon wieder in die Feuerlinie vorgeschoben.
-Das alles würden sie bald hören.
-
-Inzwischen waren die Wagen angeschirrt worden. Unteroffizier Sieveking fuhr
-in seine Schaftstiefel und seinen Uniformrock. Los ging's. Unterwegs mußte
-ihm Helmut alles erzählen, was er seit seiner Abreise von Berlin erlebt
-hatte. Der geistreiche Künstler, der phantastische Zeichner, für den
-der Krieg immer noch ein ungeheures Erlebnis war, schaltete auch die
-Abenteuerfahrt dieses sehnsüchtigen, zerlumpten Knaben in das Bilderbuch
-merkwürdiger Szenen ein, das er in seiner Erinnerung mit sich trug.
-Er zeichnete seinen Kopf in das Skizzenbuch, in dem auch die schwarzen
-Schnippeleien lagen, die Helmut staunend betrachtete. Seltsame Blüten und
-Ranken, komische Viecher, wie es nirgends auf Erden gab, kuriose Gespenster
-mit den drolligsten Fratzen, Prinzessinnen in merkwürdigen Gewändern
-fanden sich da. »Du kennst doch die Märchen aus »Tausendundeine Nacht?«
-fragte Onkel Jakobus. »Siehst du, das alles hier soll mal fein gedruckt
-und zum Schmuck dieser köstlichen, göttlichschönen Geschichten
-verwandt werden. Das nennt man dann einen Prachtband. Die Frau Geheime
-Kommerzienrätin legt ihn auf die rote Damastdecke in ihrem Salon und
-erzählt allen Besuchern, wieviel er gekostet hat. Nu -- wir haben's ja
-dazu!« »Das Buch sollte lieber nur eine Mark kosten, damit wir Jungens
-es kaufen könnten, wir hätten doch viel mehr Freude daran als die ollen
-dicken Damen!« rief Helmut. »Das sagst du wohl so in deiner kindlichen
-Unschuld«, antwortete Onkel Jakobus in einem weisen Ton und hob den Finger
-belehrend in die Höhe. »Mein Sohn, es ist auf dieser Welt einmal so
-eingerichtet, daß derjenige die schönen Dinge bekommt, der nichts mit
-ihnen anzufangen weiß, und der sich wirklich an ihnen freuen würde, der
-muß sie entbehren! Durch Entbehren aber wird die Seele veredelt!« Nie
-wußte Helmut, ob Herr Sieveking eine Sache ernst oder komisch meinte; er
-machte immer so ulkige Gesichter zu seinen Reden, daß Helmut sich hätte
-totlachen können. Sie wurden beide während der Fahrt recht gute Freunde.
-Einmal faßte sich Helmut ein Herz und fragte den Onkel Jakobus, ob man
-auch ein Maler werden könne, ohne das Malen richtig gelernt zu haben.
-»Zuweilen ein besserer, als wenn man auf einer Schule war«, gab der zur
-Antwort. Helmut erzählte ihm von dem langen Lehmann, der mit seinem einen
-Bein nun nicht mehr auf die Jerüster steigen könnte und lieber »kleene
-Bilderkens« malen wollte. Unteroffizier Sieveking kannte den langen
-Lehmann auch und meinte: »Vielleicht kann er sich zum Holzschneider
-ausbilden lassen, dann kann er für mich arbeiten, d. h. wenn ich wirklich
-einmal unversehrt nach Hause komme und der unsäglich süße Zustand des
-Friedens eintritt!« Er ließ sich Lehmanns Adresse geben und wollte sich
-schon bei seinem nächsten Urlaub mit ihm in Verbindung setzen. Helmut
-freute sich von Herzen, dem armen Kerl am Ende zu einer schönen Zukunft
-verholfen zu haben. Die Zeit an Onkel Jakobus' Seite verging ihm wie im
-Fluge. Schnell kam der Abend, an dem sein freundlicher Beschützer ihn
-einer Patrouille mitgab, um ihn in das Quartier der 3. Kompagnie zu
-führen, wo er denn endlich seinen Vater finden sollte.
-
-
-
-
-Wiedersehen in gefährlicher Zeit
-
-
-Die schweren Geschütze der russischen Flotte sandten von der grauen See
-aus in regelmäßigen Abständen ihre Granaten in den kleinen Badeort mit
-den netten bunten Holzhäuschen, die gespickt voll von deutschem Militär
-lagen. Schon war die Kirche in Trümmer geschossen, das Dach des Bahnhofs
-hing als morsches Sparrenwerk, gleich einer schiefen Mütze über dem
-Gebäude. In den Wartesälen drängten sich die Mannschaften, suchten
-auf Tischen und Stühlen, auf dem schmutzigen Fußboden einigen Schlaf zu
-gewinnen, während Waffen und Tornister in greifbarer Nähe lagen. Es
-war Befehl eingetroffen, den allzu gefährdeten Ort zu räumen und etwas
-westwärts hinter Wald und Düne geschütztere Quartiere zu beziehen.
-
-Im Zimmer des Stationsvorstehers zwischen zerrissenen und verbrannten
-Telegraphen- und Telephonapparaten nahm Feldwebel Kärn die Order
-seines Hauptmanns für den nächsten Morgen entgegen. Der Hauptmann, ein
-wuchtiger, kraftvoller Herr, saß am Tisch vor einer ausgebreiteten
-Karte, auf die auch die beiden jungen Leutnants an seiner Seite aufmerksam
-schauten. »Also, meine Herren«, sagte Hauptmann Breuer, »um 2 Uhr
-diese Nacht gehen wir los! Hier durch den Wald. Vom Feinde haben unsere
-Kundschafter nichts bemerkt. Trotzdem kann in dem Gestrüpp des Unterholzes
-noch mancher versprengte Trupp stecken. Herr von Mansfeld und Feldwebel
-Kärn -- Ihre Aufgabe wird es sein, dafür zu sorgen, daß wir nicht von
-hinten überfallen werden! Also auf alle Fälle: uns den Rücken decken!
-Dazu unterstelle ich Ihnen die Hälfte der dritten Kompagnie. Das
-Bataillon, das ich befehlige, geht zum Sturmangriff durch das flache
-Tälchen hier auf den kleinen Fluß und das Dorf an seinem Ufer los. Das
-Dorf muß morgen abend in unserem Besitz sein. Der Brückenkopf wird von
-den Russen noch ordentlich verteidigt werden -- indessen -- wir wollen uns
-auch nicht lumpen lassen!« Er stand schwerfällig auf -- reckte und
-dehnte die mächtigen Glieder. »N' Abend, meine Herren! Wollen noch ein
-Nickerchen probieren. Na -- was gibt's denn da wieder? Herein!« Man
-hatte geklopft. Die Tür öffnete sich, eine Ordonnanz trat ein, mit dem
-zerlumpten, von Staub und Schmutz bedeckten Helmut. »Vater! Vater!«
-schrie der Junge laut und stürzte auf den Feldwebel zu. Der stand vor
-Verblüffung starr. Als sein Sohn sich ihm um den Hals werfen wollte,
-packte er ihn rauh an der Schulter und schüttelte ihn. »Daß dich der
-Deibel frikassiere, Bengel«, stieß er heiser heraus. »Wo kommst du her?
-Was in aller Welt willst du hier?« Helmut stand tief erschrocken. »Ja,
-Vater -- freust du dich denn nicht? Ich habe dich doch so lange gesucht!
-Wir -- wir dachten, du wärest tot oder gefangen!« Inzwischen hatte
-die Ordonnanz Bericht erstattet und dem Hauptmann einen Brief des
-ihm befreundeten Unteroffiziers Sieveking übergeben, aus dem er die
-Vorgeschichte des überraschenden Auftritts erfuhr. Der Hauptmann schlug
-lachend mit der Faust auf den Tisch, seine kleinen munteren Äugelchen
-blinkten vor Vergnügen. »Also was sagen Sie, meine Herren -- von Berlin
-hat der Junge den Weg hierher gefunden, in den höchsten Norden! Alle
-Achtung vor der Ausdauer! Kindings, Kindings -- da muß ich nur heut nacht
-gleich noch 'ne Karte nach Hause schreiben, wo ich geblieben bin, sonst
-kommen mir meine beiden Jören am Ende auch nachgelaufen! Ja -- aber
-Kärn -- was machen wir nu mit Ihrem Sprößling?« »Zu Befehl, Herr
-Hauptmann«, sagte Kärn mit unsicherer Stimme, »ich bin sehr böse auf
-meinen Sohn. Er soll sofort umkehren und wieder zu seiner Mutter nach
-Hause, wo er hingehört!« Er fuhr sich mit der Hand an die Augen und rieb,
-als wäre ihm da ein Stäubchen hineingeflogen; niemand brauchte zu sehen,
-daß die Augen ihm plötzlich naß geworden waren. Helmut ließ den Kopf
-hängen. Er kam sich mit einemmal ganz dumm und kindisch vor. »Ja«, sagte
-der Hauptmann nachdenklich, »was machen wir nun mit dem Jüngling? Morgen
-früh wird der Ort hier geräumt, die Schiffsgeschütze zielen zu gut ...
-Unsere Leute ziehen nach Süden ab, den Russen nach. Hier kann er also
-nicht bleiben. Es hilft nichts -- wir müssen ihn mitnehmen. Du hast
-Schwein, Kerlchen! Heut nacht gibt's einen Sturmangriff! Da siehst du mehr
-vom Krieg, als dir lieb sein wird. Von Mansfeld«, wandte er sich an
-den jungen schlanken Leutnant an seiner Seite, »falls dem Vater was
-Menschliches passiert, stelle ich den Jungen unter Ihren Schutz -- soweit
-das eben möglich ist. Kärn -- machen Sie kein so finsteres Gesicht,
-Sie sind unschuldig an der Geschichte -- na, und der Junge hat's doch gut
-gemeint. Nochmal n' Abend allerseits!« Hauptmann Breuer nickte Helmut
-und seinem Vater freundlich zu und ging gewichtig auftretend, doch mit
-elastischem Gang, hinaus. Auch die beiden jungen Herren entfernten sich
-und ließen den Vater mit seinem Sohne allein. Für Feldwebel Kärn schien
-Helmut nicht vorhanden zu sein. Er zog hinter einem Schrank ein Kissen
-hervor, aus dem das Roßhaar quoll, und holte eine Wolldecke.
-
-»Da, leg' dich hin und schlaf«, befahl er kurz. »Vater«, schluchzte
-Helmut auf, »warum bist du so böse auf mich! Sag' es doch nur!« »Ich
-habe dir die Mutter anvertraut, du hast mir dein Wort gegeben, für sie zu
-sorgen! Du hast dein Wort gebrochen, um Abenteuern nachzulaufen! Das
-tut ein deutscher Junge nicht! Ich schäme mich für dich! Jetzt muß es
-durchgeschafft werden. Leg' dich hin und schlaf, damit du nachher munter
-bist!« Schweigend folgte Helmut dem Befehl seines Vaters. Wie anders hatte
-er sich das Wiedersehen vorgestellt.... Kärn lag ohne Decke, in seinem
-Mantel, den Kopf der Wand zugekehrt, kein Wort wurde mehr zwischen den
-beiden gewechselt. Endlich mußte der todmüde Helmut doch eingeschlummert
-sein, denn aus tiefem Traum fuhr er auf, als sein Vater, schon in voller
-Sturmausrüstung, ihn weckte, ihm eine Tasse heißen Kaffee und ein Stück
-Brot vorhielt und ihn dann mit hinausnahm in die duftende Frühlingsnacht,
-in der die Kompagnien sich marschbereit formierten. Durch den Wald, der mit
-Unterholz dicht bestanden war, kamen sie ungehindert. Als sie das Gehölz
-durchquert hatten, dehnte sich vor ihnen im fahlen Dämmer eine flache
-Talmulde, an deren Ende die Dächer eines Dorfes, am Flusse hingelagert,
-sichtbar wurden. Dort stand der Feind, der die Ortschaft und den
-Brückenkopf besetzt hielt. Beides sollte ihm entrissen werden. In losen
-Linien schwärmten die Mannschaften aus -- mit großen Sätzen sprangen sie
-vorwärts -- ha -- von drüben knatterten jetzt die Maschinengewehre --
-ins Heidekraut warfen sich die Feldgrauen, sprangen wieder auf -- Dampf
-und Qualm wallte um sie her -- in wilden Sprüngen ging's dem Kugelregen
-entgegen -- ihr wildes Hurra tönte zu der am Waldrand stehenden Kompagnie
-zurück. »Donnerwetter, die finden einen harten Widerstand«, murmelte
-Leutnant Mansfeld, der aufmerksam durch sein Glas dem Kampf folgte. »Was
-meinen Sie, Kärn, ob wir's zwingen?« »Sicher, Herr Leutnant, sicher!
-Dort an der Brücke, da freilich -- nein wahrhaftig, die Unserigen müssen
-zurück -- ah -- eine Finte von unserem Hauptmann, jetzt gehen sie mit
-verdoppelter Wucht los ...« »Vater«, rief Helmut, der neben den
-angestrengt den Kampf beobachtenden Führern der kleinen Schar seine Blicke
-nach allen Seiten schweifen ließ, »Vater, dort um die Waldecke kommt was
--- da bewegt sich's unter den Bäumen!« Sofort wendeten sich die Gläser
-der beiden Männer jener Seite zu. Im selben Augenblick kehrte eine
-Patrouille, die man ausgesandt hatte, in großen Sätzen zurück und
-meldete: »Hinter der Waldecke kommt ein Trupp Kosaken zu Pferd!« »Das
-wird brenzlich!« sagte Mansfeld. »Na wenigstens hat die Warterei ein
-Ende! Maschinengewehr richten! Die Kerle mit einem ordentlichen Hagel
-empfangen«, dröhnte sein Befehl. Prachtvoll in ihren hohen Pelzmützen
-kamen sie daher, die wilden Kerls, auf ihren kleinen Steppenpferden, ritten
-lässig unter den breitästigen Kiefern, den hellen Birken, förmlich
-vergoldet von der aufgehenden Sonne. Da begann das »Tack, tack, tack« der
-Maschinengewehre ... Der Führer bäumte sich auf seinem Pferde hoch empor
-und stürzte zur Seite herunter. Der zweite, der dritte gleichfalls, die
-anderen rissen die Gäule zurück unter die Bäume. Aber nun war's, als
-ob plötzlich der Wald lebendig wurde. Unter Efeu und Weißdorn, zwischen
-Tannen und Birkengestrüpp kroch's hervor von grauem Russenvolk, immer
-mehr, immer mehr in schrecklichen Massen. Nur auf die Ankunft der Kosaken
-hatten sie gewartet, das Häuflein der Deutschen zu überwältigen.
-Von allen Seiten schwirrten die Kugeln wie kleine, schrecklich fein und
-unheilvoll singende Vögelchen. Es gab ein furchtbares Handgemenge dort auf
-dem zerstampften Rasen. Da sah Helmut den Tod in der nächsten Nähe, und
-einen Augenblick faßte eine wahnsinnige wilde Angst sein Herz. Er packte
-seinen Vater am Rock und schrie verzweifelt: »Vater! Verzeih' mir nur
-noch! Verzeih' mir!« Kärn riß den Jungen eine Sekunde lang an sich,
-Helmut fühlte seines Vaters Herz in ruhigen tiefen Tönen schlagen. Das
-gab auch ihm wieder Mut. Er hörte ihn mit dröhnender Stimme seine Befehle
-rufen. Der junge Mansfeld lag blutüberströmt neben ihm am Boden. Und
-dann wußte Helmut nichts mehr, als daß zwei greuliche Kalmückengesichter
-immer näher auf ihn eindrangen. Er wehrte sich wütend gegen harte Arme,
-die nach ihm griffen, erhielt einen Faustschlag auf den Kopf und verlor die
-Besinnung. Ein Schütteln seines Körpers ließ ihn wieder wach werden. Der
-kleine Rest der Deutschen, der bei dem Überfall verschont geblieben, war
-von den Russen gefangen. Leicht hatten sie sich nicht ergeben. Viele Tote
-und Verwundete, Freunde und Feinde lagen unter den Bäumen, andere Deutsche
-verbanden sich notdürftig ihre Wunden. Eng zusammengetrieben, wurden sie
-zwischen einem Trupp berittener Kosaken abgeführt. Durch den schmalen,
-sich lang hinstreckenden Wald, über Sumpf und Heide ging's, immer im Trabe
-nach Osten davon. Wer von den Verwundeten im schnellen Lauf nicht Schritt
-halten konnte, dem sauste die berüchtigte russische Knute um die Beine.
-Endlich nach etwa zwei Stunden machten die Kosaken halt, banden ihre Pferde
-an die Bäume und stellten Wachen aus. Die Gefangenen, achtzig an der
-Zahl, wurden in einen leeren Schuppen genötigt, dessen Tür mit Bohlen
-verschlossen und mit lauten Hammerschlägen vernagelt wurde. Draußen
-hörten sie bald ein Feuer prasseln, der gute Geruch von Speisen drang zu
-den armen hungrigen und erschöpften Feldgrauen. Niemand dachte daran, auch
-ihnen etwas zukommen zu lassen. Unter den Kosaken schien großes Vergnügen
-und mächtige Lust an dem gelungenen Überfall zu herrschen. Die Flaschen
-mit Branntwein kreisten von Mann zu Mann. Sie redeten und schwatzten laut,
-stritten und versöhnten sich, einen hörte man schluchzen wie ein
-kleines trauriges Kind, ein paar andere sangen die schönen schmerzlichen
-Volkslieder der Russen eines hinter dem anderen mit unendlichen Versen. Am
-Ende hörten die gefangenen Deutschen im Schuppen gar nichts mehr, denn
-in großer Erschöpfung durch die Aufregung des wilden Kampfes waren
-die meisten von ihnen auf dem harten Boden der leeren Scheuer fest
-eingeschlafen.
-
-
-
-
-[Illustration: DIE FLUCHT]
-
-
-
-
-Ein toller Ritt
-
-
-Helmut hörte im Halbschlaf neben sich flüstern. Er wachte vollends auf,
-als eine rauhe Hand ihm vorsichtig übers Gesicht fuhr und ihm leise die
-Backe klopfte. Er hielt die liebe Hand fest und fragte leise: »Was gibt's,
-Vater?« »Höre, Junge, Gefreiter Schmidt sagt mir eben, beim Abtasten
-der Mauer sei ihm eine Stelle unter die Finger gekommen, wo Steine locker
-waren; am Ende ließe sich da ein Loch ausbrechen, durch das du dich
-durchzwängen könntest; bist doch gewandt wie 'ne Katze ...« »Ja
-Vater«, flüsterte Helmut atemlos, »und dann?« »Na -- und dann siehst
-du zu, daß du dich bei den besoffenen Kerls durchschleichst ...« »Und
-bringe euch Hilfe von den Unserigen. Ja, Vater! Das tue ich!« »Es geht
-um Tod und Leben, Helmut! Jetzt zeig', ob du wert bist, an der Front
-zu sein!« Helmut stand auf, streckte sich gerade. »Zu Befehl, Herr
-Feldwebel!« sagte er leise lachend. Der Oberlehrer Schmidt nahm ihn bei
-der Hand, führte ihn zu der Öffnung in der Mauer, an der zwei Soldaten
-mit den Händen die Erde aufgruben, um sie ein wenig zu erweitern.
-»Helmut«, flüsterte =Dr.= Schmidt, »ich danke dir auch noch, daß du
-mir das Buch über griechische Dichter und den Faust geschickt hast! Das
-war ein geistiges Labsal in dieser Kriegsarbeit! Sieh jetzt mal, ob du
-durchkommst. Der Alkohol hat seine Arbeit an denen da draußen gründlich
-besorgt!« Helmut legte sich auf den Bauch und steckte den Kopf durch
-die Öffnung. Ein zartes Mondlicht lag über der Heide und ein gewaltiges
-Schnarchen wie von einem vielköpfigen Ungeheuer drang zu den Wipfeln der
-breitästigen Kiefern empor. Nun den Augenblick benutzen und nicht noch
-Abschied nehmen! Helmut zwängte seinen schlanken, sehnigen Knabenkörper
-durch das Loch. Einen Augenblick dachte er steckenzubleiben -- eine
-verdoppelte Anstrengung -- die Jacke riß, ein Stück Ärmel hing fest
--- was tat's -- er stand draußen. Mitten unter den von Schlaf und Trunk
-überwältigten Feinden! Ein ungeheures Triumphgefühl schwoll in der Brust
-des Knaben. Gleich einem Blitz schoß die Erinnerung an ein oft geschautes
-Bild in des Vaters Bibel ihm durch den Kopf: Schlafende Wächter vor dem
-Kerker des Apostels, der von dem Engel bei der Hand geführt, unversehrt
-zwischen ihnen hindurchschritt! Vorsichtig mußte es geschehen ... Ein
-falscher Tritt -- das Erwachen eines der Männer -- und fünf Minuten
-später würde er am nächsten Baum hängen --. Das wußte Helmut genau.
-Er fühlte, wie des Vaters Auge ihm durch die Öffnung der Scheunenmauer
-folgte! Wie eine Katze wand er sich, prüfte mit den nackten Zehen, denn er
-trug die Schuhe unter dem Arm, jedesmal, ehe er den Fuß aufsetzte, ob auch
-kein Zweiglein knacken, ob er nicht eine Hand, einen anderen Fuß berühren
-würde ... Jetzt hatte er den Ring, den die Feinde um ihre Gefangenen
-bildeten, durchschritten ... Da -- regte sich nicht einer? Er duckte sich.
-Ein Grunzen drang aus der Kehle des Kosaken, indem er sich auf die Seite
-warf. Helmut stand, hielt den Atem an -- nein es folgte ein zufriedenes
-Murren -- der Russe schnarchte weiter. Helmut horchte auf. Zur Rechten
-klang das Wiehern und Stampfen der Pferde -- dort mußte er hinüber durch
-den Mondschein.... -- Ob Wachen ausgestellt waren? Er glitt auf den Boden,
-kroch wie eine Schlange durchs Heidekraut. An zwei russischen Soldaten kam
-er vorüber, die kauerten, die Flinten neben sich, die Köpfe auf die Knie
-gesunken, schliefen fest und tief. Doch einer von ihnen schien sich
-zu ermuntern. »Wer da?« fragte er leise, schlaftrunken auf russisch.
-»Kamerad, lieber Mensch«, antwortete Helmut gleichfalls leise auf
-russisch. Die Kenntnisse dieser Worte dankte er dem Aufenthalt bei Frau
-Ledderhose. »Gut, gut«, brummte der Russe. Helmut lag, ohne sich zu
-rühren, lange Zeit still, bis das friedliche Schnarchen wieder einsetzte.
-»Ästesägen«, nannte es der Vater. Nun schlich er sich zu den Gäulen.
-Den nächsten, der an eine Birke gebunden, ihre Rinde hungrig benagte,
-begann er zu streicheln und zu liebkosen. O -- er wußte schon, wie man mit
-dem Pferde umzugehen hat, damit es Vertrauen bekommt und den Freund spürt.
-Jetzt knüpfte er es los, faßte es am Zügel, führte es vorsichtig über
-die Heidelichtung -- Schritt für Schritt, seine Hufe klapperten kaum im
-weichen Moos und Kraut! Dann im Schatten eines einzelnen großen Baumes,
-die Stiefel an und aufgesessen. -- Nun mit Schnalzen und leisen Lockrufen
-den Gaul angetrieben, daß er wie ein Wirbelwind durch das Heidetal stob,
-dem Walde zu! Unter der Deckung der alten Birken fühlte sich Helmut
-sicherer. Aufmerksam begann er nach dem Wege zu spähen, auf dem die Russen
-mit ihren Gefangenen gekommen waren. Gott sei Dank, hier bog die Straße,
-wie ein weißes, mondbeschienenes Band in des Waldes finstere Nacht. Nun
-konnte er nicht mehr fehlen! Vor Freude stieß er einen lauten Juchzer aus
-und ließ den wilden Vogelschrei folgen, mit dem die brasilianischen Hirten
-ihre Gäule anzufeuern pflegen. Das zottige Kosakenpferdchen verstand ihn,
-jagte mit dem deutschen Jungen auf dem Rücken wie der Teufel durch die
-Staubwolken, die seine Hufe aufwühlten. Nach einem scharfen Ritt von
-anderthalb Stunden spürte Helmut einen Brandgeruch, der immer stärker
-wurde. Er war auf der richtigen Fährte. Und nun hatte er auch die
-ausladende Waldecke erreicht, an deren Spitze er die Kosaken zuerst
-erblickt hatte. Jetzt kannte er sich aus. Vor ihm das flache Flußtal,
-jenseits des Wassers schwarze Rauchwolken, hochauflodernde Flammen -- die
-brennende Ortschaft. Zwischen dem Brandherd und dem Flusse wimmelnde
-Massen von Militär ... Ob es Feind oder Freund war, konnte er nicht
-unterscheiden. Jedenfalls mußte er hinüber und sich Gewißheit schaffen.
-Er ritt noch eine Weile am Waldrand entlang -- da waren die Spuren des
-mörderischen Kampfes -- da lagen die Braven, die ihr Leben gelassen, stumm
-im Grase. Der Knabe biß die Zähne zusammen. Nur nicht hinschauen -- erst
-das Ziel erreichen. »Kamerad!« so hörte er eine matte Stimme stöhnen.
-Nun hielt er doch, beugte sich nieder zu dem Flehenden. Es war der junge
-Leutnant Mansfeld.
-
-»Lieber Herr Leutnant, ich reite eilig hinüber und bringe Hilfe! Haben
-Sie nur noch ein bißchen Geduld!«
-
-»Dank -- Dank«, flüsterte der Mund des Helden, und Helmut sauste davon.
-
-Ja -- ja -- es waren deutsche Feldgraue --, im heller werdenden
-Morgenlicht sah er es nun deutlich.
-
-Das war ein frohes Reiten! Durch den flachen Fluß ging's noch mit einer
-letzten Anstrengung -- dann hielt er unter den Seinen.
-
-Man half ihm vom Pferd. Schwindlig, von Staub und Schweiß unkenntlich,
-stand er zwischen den Soldaten, die ihn neugierig umdrängten.
-
-Atemlos fragte er nach dem Hauptmann Breuer, seine Meldung zu machen. Man
-führte ihn schleunigst zu dem Offizier.
-
-Die Ortschaft war genommen, der Russe vertrieben, so hörte Helmut auf dem
-Wege. Zwar hatte der Feind noch einen Angriff vom Walde her versucht, doch
-neu eintreffende Verstärkung aus der Flanke hatten seinen Plan zuschanden
-gemacht.
-
-Hauptmann Breuer hörte staunend auf Helmuts Bericht.
-
-»Na, Junge -- das war ein Meisterstück!« rief er und schüttelte
-vergnügt Helmut die Hand. »Jetzt wollen wir den Kerls mal das Erwachen
-versalzen. Gibt's denn nicht einen näheren Weg zu der Scheune -- ...
-Karte her ... Donnerschock, da sind ja unsere Leute ganz in der Nähe
--- auf der anderen Seite vom Wald sollte das Regiment auf weitere Befehle
-warten.«
-
-»Kerls -- Freiwillige vor! Wer rettet achtzig Kameraden?« Aus dem
-Heidekraut sprang's empor -- die Todmüden, vom harten Kampf des Tages
-Erschöpften reckten sich auf. »Hier, Herr Hauptmann --!« »Melde
-mich, Herr Hauptmann!« »Herr Hauptmann schicken Sie mich!« Drei
-wurden ausgesucht -- der Hauptmann zeigte auf der Karte den Weg durch die
-brennende Ortschaft gerade hindurch, am Flusse entlang war die deutsche
-Stellung in einer Stunde zu erreichen! Statt des wohlverdienten Schlafes
-galt es einen Dauerlauf. Die drei trabten tapfer davon!
-
-Der Hauptmann rieb sich vergnügt die Hände! »So, mein Junge! Oberst von
-Borwitz wird das übrige besorgen! Heut nachmittag werden unsere Leute,
-denke ich, wieder bei uns eintreffen!«
-
-»Herr Hauptmann, eine Bitte habe ich noch -- können Sie nicht ein paar
-Sanitäter nach dem Wald schicken? Dort liegt Herr von Mansfeld verwundet,
-auch noch andere. Ich versprach's ihm ...«
-
-»Gewiß -- gewiß doch! Soll gleich geschehen! Hoffentlich ist der gute
-Junge noch zu retten -- seiner Mutter Einziger.
-
-Na, und nun erst mal ran mit 'nem Schluck Rotwein und Brot und Wurst!
-Weiter haben wir selber nichts!«
-
-Der Hauptmann aber ließ Helmut die besten Teile seines Frühstücks und
-schaute lachend zu, wie es dem schmeckte.
-
-Am Nachmittag, wie Hauptmann Breuer es vorausgesagt, trafen die achtzig
-Befreiten beim Bataillon ein. Es fehlte kein Einziger. Mit einem kräftigen
-Hurra wurden sie von den Kameraden empfangen, Helmut sprang seinem Vater an
-den Hals, jeder Schatten war zwischen ihnen verschwunden.
-
-Gegen Abend traten die Kompagnien am Ufer des Flüßchens zum Appell an.
-Hell schien die warme Frühlingssonne dem Hauptmann Breuer in das gute
-rotbraune Gesicht, als er die ihm anvertrauten Mannschaften musterte.
-Ganz unten in der Reihe stand Helmut in seinen zerlumpten Kleidern, eine
-feldgraue Mütze auf dem Kopf, der Jüngste der Kompagnie.
-
-Der Hauptmann hielt eine Ansprache.
-
-»Leute!« sagte er, »ihr habt alle eure Pflicht ehrlich getan an dem
-heißen Kampftag! Was uns befohlen war, das haben wir geleistet. Aber
-achtzig von euch stünden heut nicht unter uns, wenn dieser junge Zivilist
-hier nicht über die Köpfe der schnarchenden Feinde hinweggestiegen wäre
-und durch einen kühnen Ritt ihnen die Befreiung gebracht hätte! Helmut
-Kärn tritt vor!«
-
-Militärisch stramm folgte der Junge dem Befehl.
-
-»Dir gebührt das Ehrenzeichen der Tapferkeit!«
-
-Der Hauptmann löste das Eiserne Kreuz von seiner eigenen Brust und heftete
-es Helmut an die zerrissene Jacke.
-
-»Trage das Kreuz, den höchsten Schmuck des deutschen Soldaten zur
-Erinnerung an deine mutige Tat! Bleibe durch dein ganzes Leben seiner
-würdig! Ein Hurra unserem jungen Helden!«
-
-»Hurra -- Hurra -- Hurra!« klang es dröhnend aus Hunderten von rauhen
-Männerkehlen zum goldenen Abendhimmel empor.
-
-Helmut stand stumm und zitternd vor Glück, während der Hauptmann seinem
-Vater die Hand schüttelte. Dem rannen die dicken Tränen in den zottigen
-Bart.
-
-Dem Hauptmann Breuer war es immer wohler, wenn die feierlichen Augenblicke
-vorüber waren, und er wieder gemütlich mit seinen Leuten verkehren
-konnte. So nahm er denn, während die Mannschaften abtraten, Helmut am
-Ohrläppchen und schüttelte ihn lachend. »Verfluchter Bengel, jetzt
-geht's aber spornstreichs zurück in die Schule! Auf die Hosen gesetzt
-und gebüffelt! Verstehst du mich? Wehe dir, wenn's nächste Ostern keine
-Versetzung gibt!«
-
-»Wird gemacht«, rief Helmut strahlend. »Nur eine Bitte noch, Herr
-Hauptmann!«
-
-»Na?«
-
-»Daß Vater bald mal Urlaub kriegt!«
-
-»Zugestanden! In acht Tagen ist er bei Muttern!«
-
-
-
-
-Wie Helmut nach Hause kommt
-
-
-Die Fahrgäste der Elektrischen, welche die lange Schloßstraße in
-Charlottenburg hinauffuhr, stießen sich an und machten sich untereinander
-aufmerksam auf einen Jungen, der still in der Ecke saß, und dessen
-tiefgebräuntes Gesicht immerfort glückselig in sich hineinlachte. Zu
-einem neuen Anzug aus gutem kräftigen Stoff und funkelnagelneuen Stiefeln
-trug er eine alte zerbeulte Feldmütze und im Knopfloch seiner Jacke
-prangte schlicht und doch seltsam eindrucksvoll das Eiserne Kreuz.
-
-»Unverschämt, sich das anzuhängen, so'n Grünschnabel«, schimpfte
-ein leberkrank aussehender Herr, »wer weiß, wo er das gestohlen hat. Da
-sollte man doch den Schutzmann aufmerksam machen -- das ist grober Unfug!«
-
-Richtig, als Helmut den Wagen verließ, um das letzte Stück zu seiner
-Mutter Wohnung zu Fuß zu gehen, folgte ihm der grimmige Junggeselle, trat
-an der Straßenecke auf einen Schutzmann zu und flüsterte mit diesem.
-
-Helmut bemerkte es nicht, er war ganz befangen von der Erwartung des nahen
-Wiedersehens mit den Seinen. Die Offiziere von seines Vaters Regiment
-hatten zusammengelegt, ihm die Rückreise bezahlt und ihn in Königsberg
-mit neuen Kleidern ausrüsten lassen. Nur von der alten Feldmütze, die ihm
-die Kameraden des Vaters geschenkt, und die er in dem heiligsten Augenblick
-seines Lebens getragen -- von der konnte er sich nicht trennen.
-
-Erschrocken blickte er sich um, als eine Hand sich auf seine Schulter legte
-und eine bärbeißige Stimme fragte: »Sie, junger Herr, wo haben Sie denn
-das Kreuz da her?«
-
-»Das werde ich Ihnen gleich sagen, Herr Müller«, antwortet Helmut stolz,
-denn der Schutzmann war ja sein alter Freund. Helmut hatte ihn hundertmal
-um Auskunft gefragt, wenn er sich in dem fremden Berlin nicht zurechtfand.
-Immer stand der Schutzmann mit dem blanken Helm über dem friedlichen
-rosenroten Vollmondgesicht an dieser Ecke auf treuer Wacht. Hinter seiner
-bärbeißigen Stimme verbarg er ein freundliches, hilfsbereites Wesen und
-eine unendliche Geduld.
-
-»Ne nu seh einer -- das ist ja der Brasilianer!« rief er jetzt lachend.
-»Du Ausreißer -- ganz Berlin haben wir nach dir durchsucht.... Wo kommst
-du denn nun hergeschneit?«
-
-Helmut zog aus seiner Brusttasche ein Papier und reichte es mit heimlichem
-Schmunzeln der hohen Obrigkeit.
-
-Inzwischen hatte sich ein Kreis von Neugierigen um die beiden versammelt.
-Einige Frauen waren gleich hinter dem grilligen alten Herrn aus dem Wagen
-gestiegen, um zu sehen, wie die Sache mit dieser rätselhaften Person sich
-weiterentwickeln würde. Und da gerade die Schule aus war, strömten die
-Jungen in hellen Haufen herbei.
-
-Der Schutzmann entfaltete weitläufig das Aktenstück, in dem der Oberst
-des Regimentes Helmut Kärn bescheinigte, daß er das Eiserne Kreuz sich
-mit Recht und Ehren erworben habe durch die Rettung von achtzig deutschen
-Soldaten aus Feindeshand und durch seinen dabei bewiesenen Mut. Der
-Schutzmann las aufmerksam von Anfang bis zu Ende und betrachtete genau den
-Stempel des Regiments.
-
-»Na, denn wäre ja woll alles in Ordnung«, sagte er, Helmut das Papier
-zurückgebend, »du bist ja ein Mordskerl! Aber trag' das Papier man lieber
-immer bei dir! So 'ne verwunderliche Sache -- die glaubt sonst kein Mensch
-so 'nem Lausejungen! Meinen Glückwunsch!« Er legte salutierend die Hand
-an den Helm. »Lesen, lesen -- laut lesen!« schrie es rings im Kreis von
-alten und jungen Stimmen. Helmut überfiel plötzlich eine fürchterliche
-Verlegenheit. Es war doch gar nicht leicht, sich zu Haus so richtig als
-Held zu benehmen. Er hielt sein wertvolles Aktenstück fest in der Hand,
-machte sich mit Puffen und Stößen heftig Bahn durch die andrängende
-Jungenschar und rannte davon, so schnell ihn seine Beine trugen. Die
-Schuljungen mit Hallo und Geschrei ihm nach. Wie ein junger Hirsch
-entsprang er den Verfolgern, erreichte schweißtriefend das Haus, in dem
-die Großeltern wohnten und war heilsfroh, als die schwere Eingangstür
-hinter ihm ins Schloß fiel.
-
-Dreimal riß er oben an der Wohnungsklingel, wie es seine Art war, wenn er
-hungrig aus der Schule kam. Drinnen entstand ein Lärm, ein Umstoßen von
-Stühlen, ein Rufen: »Das ist er -- Helmut -- Helmut!«
-
-Die Tür wurde aufgerissen, lachend und weinend küßte ihn seine Mutter.
-
-Hinter ihr zwischen der Gänseblume und der Großmutter erschien noch ein
-anderes blühendes, braunäugiges Gesicht. Dort stand Frau Anna Ledderhose,
-die der Mutter in der schweren Zeit treulich geholfen hatte. Am Kaffeetisch
-bei all den lieben vertrauten Menschen konnte Helmut nun nach Herzenslust
-erzählen und berichten von seinem reichen, ernsten Erleben. Die Mutter
-hielt seine Hand, die sie immer wieder streichelte und drückte. Nachher,
-als sie beide allein waren, gab er ihr das Aktenstück und nahm das
-Ehrenzeichen von seiner Jacke.
-
-»Du, Mutti, verwahre es mir, bis ich erwachsen bin«, sagte er »dann will
-ich's tragen. Jetzt so als ein Wundertier in Berlin herumlaufen und in der
-Schule protzen -- dazu ist mir das Eiserne Kreuz zu heilig.«
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Friedrich Andreas Perthes A.-G. Gotha
-
-
-
-
-[ Hinweise zur Transkription
-
-
-Der Vermerk "Z. XI." auf der Titelseite ist ein Ausfuhrzeichen aus der
-Weltkriegszeit.
-
-Die ganzseitigen Illustrationen "Vater fährt ins Feld" (S. 25),
-"Landarbeit im Kriege" (S. 43), "Ost-Preussen" (S. 55) und "Die
-Flucht" (S. 91) wurden vor den Beginn des jeweiligen Kapitels verschoben,
-um den Lesefluss nicht zu stören.
-
-Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.
-
-Darstellung abweichender Schriftarten: _gesperrt_, =Antiqua=.
-
-Entsprechend der überwiegenden Darstellung im Originalbuch wurde das Komma
-einheitlich hinter das schließende Anführungszeichen gesetzt.
-
-Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden
-Ausnahmen,
-
- Seite 8:
- "«" eingefügt
- (Wie alt sind Sie denn?«)
-
- Seite 15:
- "laß" geändert in "las"
- (Der Lehrer las laut vor)
-
- Seite 17:
- "›" eingefügt
- (›Morgen hast'n blauen Lappen dafor‹)
-
- Seite 17:
- "›" entfernt vor "Weg"
- (Weg is er, und ick konnte nicht hinterher.)
-
- Seite 42:
- "den altem" geändert in "dem alten"
- (mit dem alten Lodenmantel ihres Mannes angetan)
-
- Seite 57:
- "»" eingefügt
- (»Wir haben uns nur im Walde versteckt)
-
- Seite 64:
- "«" eingefügt
- (erklären Sie mir blos in aller Welt~...?«)
-
- Seite 73:
- "«" eingefügt
- (eine Karte von ihm aus Sibirien.«)
-
- Seite 77:
- "." eingefügt
- (laut aufs Knie und lachte.)
-
- Seite 79:
- "»" eingefügt
- (»Siehst du, das alles hier soll mal)
-
- Seite 79:
- "göttlicheschönen" geändert in "göttlichschönen"
- (Schmuck dieser köstlichen, göttlichschönen Geschichten)
-
- Seite 79:
- "»" entfernt vor "Nu"
- (Nu -- wir haben's ja dazu!)
-
- Seite 81:
- "überdem" geändert in "über dem"
- (gleich einer schiefen Mütze über dem Gebäude)
-
- Seite 82:
- "," geändert in "."
- (an der Schulter und schüttelte ihn.)
-
- Seite 83:
- "Herre nentfernten" geändert in "Herren entfernten"
- (Auch die beiden jungen Herren entfernten sich)
-
- Seite 85:
- "Finde" geändert in "Finte"
- (eine Finte von unserem Hauptmann)
-
- Seite 85:
- "«" entfernt hinter "Ende!"
- (wenigstens hat die Warterei ein Ende!)
-
- Seite 88:
- "«" eingefügt
- (bei den besoffenen Kerls durchschleichst ...«)
-
- Seite 93:
- "»" eingefügt
- (»Melde mich, Herr Hauptmann!«)
-
- Seite 93:
- "»" eingefügt
- (»Herr Hauptmann schicken Sie mich!«)
-
- Seite 93:
- "«" eingefügt
- (wieder bei uns eintreffen!«)
-
- Seite 94:
- "«" eingefügt
- (Ich versprach's ihm ...«) ]
-
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Was Helmut in Deutschland erlebte, by
-Gabriele Reuter
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WAS HELMUT IN DEUTSCHLAND ERLEBTE ***
-
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